Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und frauzöſiſcher Li 6duard Ottmann in Gießen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih un eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und b der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Pteee welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für chenlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mf.— bf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Sek.— Pf. 3 „„ 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſe Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Gewalt der erſten Liebe. Roman von Heinrich Muͤller, Verfaſſer des Pfarrhauſes zu Liebenthal, der Corſarenbeute, u. a. m. Zweiter Theil. 6 Quedlinburg und Leipzig, bei Gottfried Bſe 182 2. Die Gewalt der erſten Liebe. zweiter Theil. Die Wänchen ſchliefen noch beibe, ats die Madame Berthes in ihr Schlafzimmer trat, ſie ermunterte und ſagte:„Raſch aufgeſtanden, der heitere Morgen verkuͤn⸗ det einen ſchoͤnen Tag! Wir reiſen nach Weimar und bleiben dort, ſo lange es uns gefaͤllt.“ Dieſe Nachricht war Marien ſehr erwuͤnſcht, aber Brigitte ſagte, nicht ohne eine geheime Abſicht:„Ich waͤre lieber nach Weſigreußen gefahren, um meine El⸗ tern zu beſuchen.“— Sie zweifelte nicht, daß Willing ſeinen Onkel daſelbſt beſuchen und daß ſie dort Gelegenheit finden werde, ihn zu ſehen und zu ſprechen. Die Tante errieth es wohl, wohin die Comteſſe mit dem Wunſche zielte und erwiederte;„Wenn 6 wir von Weimar zuruͤck kommen, koͤnnen wir ja nach Weſtgreußen reiſen. Wenn Zwei wollen, muß der Dritte nicht wider⸗ ſtreben...“ Kurz, nach einer Stunde reiſete die Tante mit den Maͤdchen ab und hatte ihrer Schweſter den Auftrag gegeben, ſie in Weimar zu benachrichtigen, wenn ein Herr von Willing Erfurt verlaſſen haͤtte. Waͤhrend des Abendeſſens auf dem Boll bei dem Commandeur, ſtand Willing neben ſeinem Freunde Erlach und mehre⸗ ren Andern. Ein wunderſchönes Maͤd⸗ chengeſicht fiel ihm in die Augen und er konnte ſeine Blicke nicht von demſelben wegwenden. Leiſe ſprach er Erlachen ins Ohr:„Wer iſt da oben das ſchoͤne Wi chen mit dem rothen Fleide?.— Es ſaßen Brigitte und Marie in Kleidern neben einander.— Frlach warf ei⸗ nen fluͤchtigen Blick dahin und erwiederte: „Es iſt eine Graͤfin von Weſterberg.“ Er nannte juſt ſie darum, weil ſie, nach ſei⸗ nem Geſchmack, viel reizender war, als die neben ihr ſitzende Marie.„Wo hält ——— 7 ſie ſich auf, wo wohnen ihre Eltern?“ fragte Willing weiter.—„So,“ antwor⸗ tete Erlach laͤchelnd,„gefallt Dir die Com⸗ teſſe? Eine ſolche Braut, die eine Mit⸗ gift von funfzigtauſend Thalern erhält, wie dieſe, die wuͤnſchte ich Dir wohl. Sie haͤlt ſich bei einer Madame Berthes auf, die ſie mit hundert Augen bewacht. Ihr Vater iſt der Graf Weſterberg in Weſt⸗ greußen.“—„Und wer iſt das andere Maädchen?“—„Eine Amtmannstochter aus demſelben Dorfe.“—„Doch nicht die Neubergen?“ fragte Willing.—„Ja, ja, dieſelbe,“ antwortete Erlach.„Ein fin⸗ ſteres Ding, das die Miene ſelten zum Lächeln verzieht und die Augen mit Erroͤ⸗ then niederſchlagt, wenn man mit ihr ſpre⸗ chen will. Ich erſpare ihr die innere Angſt und rede lieber gar nicht mit ihr.“ Als Willing nach Tiſche ſich der ver⸗ meinten Graͤfin nahen wollte, um ſich an ihren Reizen zu weiden, die er aus Ver⸗ wechſelung mit Marien dafür hielt, war ſie aus dem Saale, zu ſeinem großen Ver⸗ 8 bruß, verſchwunden. So wenig tanzluſtig er war, er haͤtte ſie zu einem Tanze auf⸗ gefordert und wuͤrde dann vielleicht Irrthum entdeckt haben. Da er nach Mitternacht mit ſeinem Freunde in der Wohnung deſſelben ange⸗ kommen war, ſagte er:„Morgen beſuche ich die Madame Berthes, die mit mir ver⸗ wandt iſt, und dann ruͤcke ich der ſchoͤnen Graͤfin näher. Man hat mir die Ohren von Mariens Reizen ganz warm geplau⸗ dert, aber neben dieſer Gräfin werden ſie ſehr unſcheinbar.“ Die beiden Herren verließen die Bet⸗ ten ſehr ſpaͤt. Erlach zog ſeinen Freund mit nach der Parade hin und ſagte zu ihm, als er von dem Beſuch der Madame Ber⸗ thet nicht zu ſprechen aufhoͤrte:„Du kannſt ja nach Tiſche zu ihr gehen und einen lie⸗ beſuͤßen Abend bei ihr verleben, wenn ſie artig genug iſt, Dich zum Abendbrodt zu bitten. Aber ich fuͤrchte, ſie wird Dich mit ihren Complimenten, wie manchen An⸗ dern, bald aus ihrer Naͤhe entfernen, denn 9 darin ſoll ſie eine außerordentlich kuͤnſt⸗ liche Uebung haben. Wenn Du auch ihr Vetter biſt, das beruͤckſichtigt ſie nicht und das um ſo weniger, weil Du kein haͤßli⸗ cher Vetter biſt. Sie kennt die Maͤdchen, die ſich von einem ſchönen Juͤnglinge leicht hinreißen laſſen und— Funken fangen. Uebrigens gieb Dir keine vergebliche Muͤhe. Ein Graf hat einen hoͤhern Stolz, als ein Ebelmann und man möchte Dir Hinder⸗ niſſe entgegenſtellen, die nicht zu beſeitigen ſind. Waͤrſt Du ein reicher Junker und haͤtteſt in Deiner Jugend einen hohen Rang, dann wuͤrde man leichter Ja ſagen. Waͤre ich an Deiner Stelle, die Madame Berthes beſuchte ich gar nicht. Ich ſeh's kommen, daß Du mit einer Portion uͤbler Laune zuruͤckkehrſt.“ Willing ging mit zur Parade; aber er blieb dabei, nach Tiſche ſeine Verwand⸗ tin zu beſuchen. Die Geſellſchaft bei Ti⸗ ſche war munter und fröhlich. Willing erhielt ſeinen Platz bei der Frau von Bir⸗ kenfeld, die ihre ganze Unterhaltungsgabe 10 und ihre artigen Manieren aufbot, um Willing an ſich zu ziehen. Er lernte in ihr eine ſehr kluge, weltkundige Frau ken⸗ nen, die ſich ihm in liebenswuͤrdiger Nai⸗ vitaͤt zeigte. Wohl hatte ſie von Erlach erfahren, daß der Capitain ein anſehnli⸗ ches Vermogen beſaß. An wohlhabende Maänner mußte ſie ihre Toͤchter zu verhei⸗ rathen ſuchen, da ſie mit ihrem Gemahl großen Aufwand machte und mehr Schul⸗ den hatte, als ſie bezahlen konnte. Die ſchöne Anna ſaß Willing gegen⸗ uͤber, neben ihrer Schweſter, zwar nicht an ihrem gewoͤhnlichen Platze, aber ſie folgte der Anordnung ihrer weiſern Mut⸗ ter. Veranlaſſung zum Reden gab ihr die Mutter genug und ſie wurde von derſel⸗ ben, nicht ohne Gruͤnde, vorzugsweiſe vor Louiſen, beſonders artig behandelt. Sie war ein unverſtelltes, ungeziertes, recht liebenswuͤrdiges Maͤdchen von ſieben⸗ zehn Jahren und bluͤhte wie ein aufbre⸗ chende Roſe. Sie wuͤrde gewiß Willin⸗ gen in einem hoͤhern Grade gefallen haben, 11 wenn er nicht das Bild der Marie, was er fuͤr das der Gräfin hielt, in ſeiner Seele getragen hätte. Das Andenken an ihre Schoͤnheit wies den Reizen Annens einen viel niedern Rang an. Als das Geſpraͤch bei Tiſche auf Bri⸗ gitten kam ſagte der Herr von Birkenfeld: „Wir wollen die Madame Berthes mit ih⸗ ren Pflegetoͤchtern herbitten laſſen.“ Er befahl dies dem Bedienten. Sobald der Menſch aus der Thuͤr ging, folgte ihm die Frau von Birkenfeld nach und befahl ihm, nicht zur Madame Berthes zu gehen. Daß ſie die beiden Maͤdchen juſt heute nicht bei ſich zu ſehen wuͤnſchte, dazu hatte ſie muͤtterliche Gruͤnde. Willing ſollte in dem Netze ihrer Lochter gefangen werden und ſie entfernte alles, was ihn zerſtreuen und ſeine Aufmerkſamkeit auf einen andern Gegenſtand lenken konnte. Nach Tiſche erſuhr ſie zu ihrer groͤßten Freude, daß die Madame Berthes mit den beiden Maͤdchen verreiſet ſey. Sie ließ Willingen dahin gehen, ohne daß ſie ihn 12 „ von ſeiner vergeblichen Mühe im vyraus benachrichtigte. Leiſe ſagte ſie zu Er⸗ lach:„Begleiten Sie Ihren Freund und kommen Sie mit ihm wieder zu uns. Er iſt ein ſehr angenehmer und unterhaltender Mann.“ In der Wohnung der Madame Ber⸗ thes hoͤrten ſie, daß dieſe heute verreiſet ſey, wohin, das konnte ihnen Niemand ſagen. Willing glaubte ſie gewiß in Weſt⸗ greußen zu finden und an demſelben Tage, ohne die Eltern der Amtmann Neuberg zu beſuchen und ohne daß er ſich von Er⸗ lach überreden ließ, laͤnger in Erfurt zu bleiben, eilte er nach Weſtgreußen, wo er um Mitternacht ankam. Die Frau von Birkenfeld, als ſie von ſeiner Abreiſe hoͤrte, ſagte zu Erlach:„Ihr Freund ſcheint mir ein Streichvogel zu ſeyn, der an keinem Orte lange ruhig bleibt„„ Gs war ihr faſt unangenehm, daß ſie ſo viele Artig⸗ keiten an ihn verſchwendet hatte, beſonders da ſie erfuhr, daß er von Weſtgreußen —— 13 nach ſeiner Garniſon zuruͤckreiſen und Erfurt nicht wieder beruͤhren werde. Seine Seele war voll von den Ge⸗ danken an das ſchoͤne Maͤdchen und ein Wunder war's, daß er in der unbekannten Gegend dennoch den rechten Weg fand. Das große Thor des Amthofes war ver⸗ ſchloſſen. Er klopfte mit aller Gewalt an und hoͤrte inwendig ein lautes Hundege⸗ bell. Die großen Packer waren der Sicher⸗ heit wegen von den Ketten losgelaſſen und ſtreiften frei umher. Endlich hoͤrte er eine Menſchenſtimme, die ihn fragte: „Wer da?“ Es war der Waͤchter.— „Laßt mich ein,“ bat Willing,„der Amt⸗ mann iſt mein Onkel, ich habe mich ver⸗ ſpätet und will ihn befuchen.“ Der Nacht⸗ wächter erwiederte:„Sie muͤſſen ſich ge⸗ dulden, der Verwalter muß erſt geweckt werden, dieſer hat allein den Schluͤſſel zum Aufſchließen.“ Als ſich der Verwalter ermuntert hatte, ging er zuvor zu ſeinem Heyrn, weckte ihn und ſagte:„Es iſt ein Mann zu Pferde 14 vor dem Thore, der eingelaſſen zu wer⸗ den wuͤnſcht, welcher zum Wächter ſagte: Sie waͤren ſein Onkel, er wolle Sie be⸗ ſuchen.“—„Wie koͤmmt der ſo ſpaͤt,“ ſprach der Amtmann,„laſſen Sie ihn her⸗ ein!“ Zu Auguſten aber ſagte er:„Stehe nur auf, das iſt kein Anderer, als der Stiefſohn meines Bruders. Seinen juͤn⸗ gern Sohn laͤßt er gewiß nicht die Reiſe von Hamburg hieher machen. Wollen doch ſehen, ob er der vorzugliche Juͤngling iſt, wie ihn der Bruder und die Schwiegerin geſchildert hat... Der Amtmann war kaum mit dem noͤthigſten Anzuge fertig, als er den ver⸗ meinten Willing mit dem Verwalter in der Nebenſtube reden hörte. Er ſagte:„Hatte ich nicht unterwegs ein kleines Ungluͤck er⸗ lebt, das mir einigen Aufenthalt verur⸗ ſachte, ſo wäre ich hier zur rechten Zeit an⸗ gekommen. Von Greußen hieher habe ich mich gewaltig verirrt. Es geht mir ſehr nahe, daß ich dieſe Störung anrichte; aber wenn man ſeinen liebſten Verwandten ſo ———— nahe iſt, kehrt man ungern in einem Gaſt⸗ ho e Der Amtmann erſchien mit ſeiner Gat⸗ tin zugleich in der Wohnſtube und Willing trat ihnen einige Schritte entgegen und ſagte:„Beſter Onkel und Tante, verzei⸗ hen Sie nur meiner Unart, daß ich Sie ſo in der Nacht im Schlafe ſtoͤre. Sie kennen mich nicht von Angeſicht, ich bin Willing und Ihr Bruder iſt mir der theuer⸗ ſte, liebſte Vater.“— Der Amtmann um⸗ armte den Juͤngling, deſſen Geſtalt er mit Vergnuͤgen betrachtet hatte und ſagter „Endlich wird unſer Wunſch erfuͤllt, Sie kennen zu lernen! Wie viel Ruͤhmliches weiß mein Bruder von Ihnen zu erzählen! Wie ſtolz iſt er, einen ſolchen Sohn zu haben! Seyn Sie uns freundlich und herz⸗ lich willkommen.“—„Den Sohn Ihres Bruders nennen Sie Du, er bittet darum, er glaubt dieſer Auszeichnung nicht unwür⸗ dig zu ſeyn. Gewiß, Sie und die Tante ſind mir, naͤchſt meinen Eltern, die ſchatz⸗ barſten Verwandten, die ich habe! „ 16 Er wollte e Amtmannsfrau die Hand kuſſen, ſie ließ es nicht zu und kuͤßte ihm dagegen den Mund. Es ſpann ſich ein Geſpraͤch an, das einige Stunden fortwaͤhrte. Die Freunde, welche ſich zum erſten Mal ſahen, konnten ſich gar nicht von einander trennen. Der Amtmann hatte ſo viel zu fragen und Wil⸗ ling wußte ihm befriedigende Antworten zu geben. Sehr auffallend aber war's den Eheleuten, daß die Tante verreiſet war und Niemand Beſcheid geben konnte, wohin und wenn ſie wieder kaͤme.„Ich haͤtte es ſehr gern geſehen, wenn Du meine Marie kennen lernteſt,“ ſagte der Amt⸗ mann,„ſie hat ſo oft von Dir reden hoͤren, und wuͤrde ſich gefreut haben, Dich ſelbſt zu ſehen.“—„Auf einem Ball ſah ich ſie,“ erwiederte Willing,„die Madame Berthes und die Graͤſin Weſterberg. Ich vermied alles Aufſehen in der großen Geſell⸗ ſchaft, ſonſt waͤre ich zu ihr gegangen.“ —„Auf einem Ball, auf einem Ball?“ ſagte der n verwundernd. J— 8 — Geht denn die Tante mit den jungen Maͤdchen auf Balle? Wo war denn der Ball?“—„Bei dem Commandeur von Birkenfeld.“—„Der ſollte, ſtatt zu tractiren und tanzen zu laſſen,“ ſprach der Amtmann,„lieber ſeine Schulden bezahlen. Aber den vornehmen Herren macht das in der Regel wenig aus, ob ſie ein Dutzend Glaͤubiger mehr oder weniger betrugen, und mancher Tropf bezahlt die Ehre mit dem Verluſte ſeines Capitals, einen ange⸗ ſehenen Herrn in ſeinem Schuldnerregiſter zu haben. Vielleicht hat man Dir die rechten Perſonen nicht genannt. Die Tante mit den jungen Maͤdchen auf dem Ball? Ich kann mir's nicht denken. Von den Da⸗ men, die ſo auf den Ballen umherziehen, halte ich nicht recht viel. Es giebt da gar zu viele Gelegenheit zur Verführung. Manches ſchoͤne Kind hat da wohl ſeine Ruhe, ſeine Unſchuld und Sittſamkeit ver⸗ tanzt, abgerechnet, daß in dem wilden Umherſpringen, wie's jetzt getrieben wird, die Geſundheit oft einen ſolchen Stoß er⸗ II. 2 18 haͤlt, daß ſie fuͤrs ganze Leben, wenn es nicht bald mit der Auszehrung endet, ſchwankt. Das beſte Maͤdchen, wenn es erſt etliche Bälle beſucht hat, wird auch ei⸗ tel und putzt ſich fuͤr Andere. Und welch eine koſtbare Zeit geht mit den Vorberei⸗ tungen zum Ball und dem Ueberwinden der Nachwehen verloren! Hat das Mäd⸗ chen erſt Geſchmack an ſolchen Tanzgeſell⸗ ſchaften gewonnen, ſo macht es ſich un⸗ tauglich fuͤr das ernſte Leben. Haſt Du Marien auch tanzen ſehen?“—„Nicht Einmal,“ ſagte Willing. „Nun,“ fing die Tante an,„wir muͤſſen Anſtalten treffen, daß Willing Marien kennen lernt. Heute noch ſchicken wir nach Erfurt und laden die Tante ein, mit den Kindern hieher zu kommen. Die Graͤfin wuͤnſcht Brigitten auch zu ſehen.“ — In der Hoffnung, dieſe Brigitte ken⸗ nen zu lernen, ſagte Willing:„Wie koͤnnte ich Weſtgreußen verlaſſen, ohne Marien geſehen zu haben. O, wie lieben meine Eltern und Geſchwiſter das herrliche Kind!“ ———— ————— Nach einem kurzen Schlaſe kam an Morgen auch das Geſpräch auf Carln. Willing ſagte, daß er von ihm einen Brief an den Pfarrer abzugeben hätte.— Neu⸗ gierig fragte der Amt.⸗ann:„Wie kamſt Du zu dem Briefe? Stehſt Du iit Carln in Correſpondenz?“—„Das nicht,“ ſprach Willing,„ich war in Berlin und habe ihn beſucht, oder vielmehr, ich ließ ihn zu mir bitten.“—„Wie gefällt Dir der junge Menſch?“ fragte der Amtmann. —„Nur eine kurze Zeit ſah ich ihn,“ ant⸗ wortete Willing,„aber da hat er einen tiefen, vortheilhaften Eindruck auf mich ge⸗ macht. Die Natur hat ſeinen Koͤrper ſchoͤn gebildet, es redet aus ihm ein heller Geiſt und, wie ich glaube, auch ein ſeht liebevolles Herz.“—„Ja,“ ſagte Neu⸗ berg,„er iſt ein vorzüglicher junger Bur⸗ ſche und hat alle Anlagen; ein tuͤchtiger Mann zu werden. Aber ſonderbar finde ich's doch, daß er ſich von ſeiner albernen Grille nicht losmachen kann. Hat er ſich daruber gegen Dich nicht geaͤußert?“— WMühen und Anſtrengungen, nicht uberwal⸗ 20 „Onkel, welche alberne Grille meinen Sie denn?—„Je, daß er ſich ſo in das Netz der Liebe gegen Marien verwickelt hat, daß er immer tiefer hinein geräth. Aus einer unſchuldigen Kinderſpielerei macht er einen ſolchen Ernſt. Heirathen kann er meine Tochter doch nicht. Was ſoll ſie mit einem Doctor! Sprach er nicht mit Dir von ihr?“ „Gar Vieles,“ erwiederte Willing, „und ich glaube nicht, daß ſich ſeine Nei⸗ gung gegen Marien je abkuhlt. Aber ich dächte, dieſe Treue, die unerſchutterliche* Anhaͤnglichkeit verdiente keinen Tadel. Es fragt ſich nur, wie Marie gegen ihn ge⸗ ſtimmt iſt.“—„So,“ antwortete Neu⸗ berg,„daß ſie mit ihm faſelt. Um ſie ihm zu entwöhnen, mußte ich ſie ja nach Erfurt ſchicken, wo ſie nun von der Liebe, auf Bällen, curirt werden ſoll. Wie haͤtte ich ſonſt mein Kind. in andere Haͤnde ge⸗ geben! Was ſagt er denn?“—„Daß er ſeine Neigung zu Marien, bei allen tigen kann. Der Gedanke, ſie zu ſehen, macht ſein hoͤchſtes Gluͤck aus.“—„War er denn noch krank, als Du ihn ſaheſt?“ —„Voͤllig geſund; aber es ſind auch heute fuͤnf Wochen, als ich Berlin verließ.“ —„Das Gluͤck, Marien zu ſehen,“ ant⸗ wortete der Amtmann,„wird ihm nicht werden. Und kann ich im Herbſte, wo er herkommen will, ſie nicht anders vor ſei⸗ nem Anblicke ſichern, ſo ſchicke ich ſie nach Hamburg zu Deinen Eltern. Dort mag ſie bleiben, bis er wieder auf dem Ruͤck⸗ wege nach Berlin iſt. Herzlich gut muß ich dem jungen Menſchen ſeyn; aber ſeine fatale Liebelei, die zu nichts, vielleicht gar zu Unannehmlichkeiten fuͤhrt, kann ich nicht leiden. Habe ich doch noch nie von einer ſolchen Thorheit gehoͤrt! Waͤre der Burſche fuͤnf und zwanzig Jahr alt, haͤtte er ein Landgut oder eine Pachtung, ſo wäre die Sache anders.“—„Aber, lieber Onkel,“ ſagte Willing,„es iſt doch ſeine Schuld nicht, daß er noch nicht ſo alt iſt, daß er kein eignes Gut hat, oder Paͤchter iſt! Es 22 iſt ſo leicht nicht, eine Neigung aus dem Herzen herauszureißen, die in ihm feſtge⸗ wurzelt iſt, wenn man auch den beſten Willen dazu hat und mit allen Kraͤften dawider kämpft. Und waͤre es denn ein Ungluͤck fuͤr Sie, was Marien als das hoͤchſte Gluͤck erſcheint, wenn Ihre Tochter einſt mit einem geſchickten Arzt verbunden wird? Ihm kann kein Feld verhogeln, die menſchlichen Ausſchweifungen und der gebrechliche Koͤrper, die heftigen Leiden⸗ ſchaften, die die Geſundbeit antaſten, wei⸗ ſen ihm ein großes und ſicheres Einkom⸗ men an. Hat er vor der Welt weniger Ehre, als ein Oekonom?“—„Wie Du da redeſt, lieber Willing! In meiner Lage wuͤrdeſt Du gewiß anders ſprechen.“ In aller Fruͤhe ging Willing mit dem Amtmann zum Prediger, um ihm den Brief zu übergeben und ihm zu ſagen, daß er Carln in Berlin geſprochen hätte.— „Auf dieſen Brief habe ich laͤngſt gewar⸗ tet,“ ſagte der Pfarrer.„Mein Sohn iſt, ſeit Sie ihn ſahen, todtkrank geweſen, 23 Gottlob, jetzt iſt er wieder geſund. In dem letzten Schreiben gedenkt er noch ruͤhmlich Ihrer, kann es aber nicht begrei⸗ fen, wo Sie mit ſeinem Briefe geblieben ſind.“ Die Predigerfrau erforſchte beſonders von Willing Alles, was ſie von ihrem Sohne irgend nur erfahren konnte. Er ermuͤdete nicht, der liebevollen Mutter Al⸗ les zu erzaͤhlen, was er von Carln wußte. Er bat auch den Pfarrer, in den Brief, den er an ſeinen Sohn ſchriebe, einige Zei⸗ len mit einzulegen. Dieſe Menſchen ge⸗ wannen ſich bald ſehr lieb und Willing ſagte beſonders auf dem Ruͤckwege nach dem Amte:„Dieſe Familie zeichnet ſich durch eine offene Guͤte, durch feine Sit⸗ tenbildung ganz vorzuglich aus. Der Sohn mußte gut werden, da er von Ju⸗ gend an ſolche Beiſpiele vor Augen hatte.“ Es war dem Graf und der Graͤfin die Ankunft des Herrn von Willing gemeldet und letztere war, während er mit dem Amtmann bei dem Pfarrer ſich aufhielt, zu 24 dem Siegel der Verſchwiegenheit, den Inhalt des Briefes mitzutheilen, den ſie von der Madame Berthes durch einen Eilboten empfangen hatte. Nun war Auguſten das Räthſel geloͤſet, weshalb die Tante Erfurt verließ und es Niemanden geſagt hatte, wohin ſie reiſen werde und wie lange ſie ausbleiben wolle.„Mein Mann,“ ſagte ſie,„weiß Alles, und er iſt ſehr neugierig, den Juͤngling kennen zu lernen, der auf das Herz ſeiner Tochter einen ſolchen Ein⸗ druck gemacht hat, ſo voruͤbergehend und flüͤchtig dieſer auch ſeyn mag. Ihr ſeyd heute Mittag bei uns zu Tiſche gebeten und Dein Mann wird uns die Einladung nicht abſchlagen. Sage, wie findeſt Du Willing.“—„Er iſt wirklich ein liebens⸗ wuͤrdiger Juͤngling, voller Geiſt und Leben und von einer nicht gewöhnlichen Sitten⸗ bildung,“ ſagte Auguſte.„Ich weiß es nicht, ob ich ſeine Seele oder ſeinen Kör⸗ per ſchoͤner nennen ſoll. Wenn er Brigit⸗ ten gefiel, ſo iſt ihr das gar ſehr zu ver⸗ Auguſten gegangen, um derſelben, unter 1 — 25 zeihen. Indeß, wenn Du es nicht willſt, werden ſich die Folgen dieſes erſten Wohl⸗ gefallens leicht vereiteln laſſen. Die vor⸗ ſichtige Tante handelt ſehr klug.“— „Mein Mann,“ ſagte die Gräfin,„lächelte, als ich ihm den Brief vorlas und ſpracht „Es ware doch ein eigenes Zuſammentref⸗ fen, wenn wir mit den Neubergs ver⸗ wandt würden! Iſt Willing ein güter, unbeſcholtener Menſch, und haben die jun⸗ gen Leute eine edle Neigung fuͤr einander, ſo will ich dem Amtmann das Beiſpiel ge⸗ ben, daß man gegen ſeine Kinder am rech⸗ ten Orte nachgebend ſeyn muß.“ Er iſt faſt neugierig Willing zu ſehen und kann die Zeit kaum abwarten, ehe Ihr zu uns zu Tiſche kommt.“ Die Frauen hatten ſehr lange mit ein⸗ ander geſprochen und fuͤr ihr Mutterherz ſo Wichtiges, daß der Amtmann mit Wil⸗ ling in die Stube trat, als die Graͤfin bei Auguſten noch auf dem Sopha ſaß. Der Amtmann ſagte nach einer Verbeugung: „Hier, lieber Willing, ſiehſt Du unſere Frau Graͤfin, deren Tochter Du auf dem Bal geſehen haſt.“—„So, haben Sie meine Brigitte geſehen? Geſprochen?“— „Nur geſehen,“ erwiederte Willing.„Ich glaubte ſie am folgenden Tage auch zu ſprechen; aber die Madame Berthes war mit ihr und Marien verreiſet, ohne daß ich erfahren konnte, wohin.“ Die Graͤfin war, wie gefeſſelt, und konnte nicht gehen. Willing wußte ſie mit ſeltener Unterhaltungsgabe in ein Geſpräch zu verwickeln, das ſie nicht abbrechen konnte. Endlich ließ ſie der Graf abru⸗ fen. Im Weggehen ſagte ſie mit gar freundlicher Miene:„Ich wiederhole die Bitte meines Mannes, daß Sie heute Mittag bei uns eſſen, der Herr Pfarrer iſt mit ſeiner Familie auch da.“ Willing hatte es in der großen Welt längſt gelernt, wie man die Kunſt uͤbt, ohne der Wahrheit und Tugend etwas zu vergeben, um durch Beſcheidenheit und Ar⸗ tigkeit und beſonders dadurch den Beifall der Damen zu gewinnen, daß man ihnen Gele⸗ 27 genheit giebt, ſich in einem vortheilhaften Lichte zu zeigen. Er wußte es, wie bereit ſie ſind, die Gefaͤlligkeit zu belohnen, welche ihnen kein Hinderniß in den Weg legt, um in einem angenehmen Lichte zu erſchei⸗ nen. Wirklich bot er, aus wichtigen Gruͤnden, Alles auf, um die Mutter der reizenden Brigitte in eine Stimmung zu ſetzen, die ihm guͤnſtig war und ihm die Bahn zu dem vorgeſteckten Ziete ebnen und erleichtern konnte. Ja, er kannte die Macht des Weibes uber das männliche Gemuͤth, die zwar unſcheinbar und verbor⸗ gen wirkt, aber ihre Zwecke deſto ſicherer und unfehlbar erreicht. Bedurfte er bei dem Graf einer Fuͤrſprecherin, wo fand er eine kraͤftigere und nachdruͤcklichere, als eben in der Graͤfin?“ Von ſeiner Tante erfuhr er's durch verbluͤmtes Fragen, deſſen Sinn weder ihr Scharfſinn, noch ihr Glaube errieth, daß Brigitte ein einfaches, unbefangenes Land⸗ maͤdchen ſey, das mit keinem Juͤnglinge in irgend einem Verhältniſſe ſtehe; aber er erfuhr es auch, und zwar zu ſeinem größten Schreck, daß es der Graf ſehr ernſtlich wuͤnſche, daß ſie ſich mit einem Vetter, einem jungen Graf von Weſter⸗ berg, der auf der Academie war, verheira⸗ then moͤchte. Er war der Vormund des Juͤnglings, welcher, außer vielen Geiſtes⸗ vorzugen, ein liebenswuͤrdiger, ſchöner und reicher junger Mann war. Es iſt nicht ſelten und aus ganz na⸗ türlichen Gründen der Fall, daß wir denen gefallen, die uns gefielen. Gebildete Men⸗ ſchen beruͤhren ſich, beſonders wenn ſie mit einander die erſte Bekanntſchaft machen, nie unſanft, es findet unter ihnen gleich⸗ ſam ein Wettkampf Statt und Jeder legt es darauf an, den Andern durch ein wei⸗ ches, ſanftes und gewinnendes Weſen zu uͤbertreffen. Man tritt, bei dem Bewußt⸗ ſeyn der uͤberwiegendſten Vorzuͤge, die man in Wahrheit oder in der Einbildung vor Andern hat und zu haben wähnt, gern in den Schatten zuruͤck, damit ihr deſto heller leuchte. Shehe— 29 Die Graͤſin hatte den Capitain nur etliche Stunden geſehen und geſprochen, und ſie war in ſich entſchieden, daß er ein gar vorzuͤglicher Juͤngling ſey. Sie fand es ſehr verzeihlich, wenn ſchon der Anblick ſeines Aeußern hinreichte, Brigitten fuͤr ihn geneigt zu ſtimmen. So viel ſah ſie leicht ein, daß ſie mit ihm nicht in naͤhere Beruhrung treten durfte, wenn ſie nicht ganz von ihm bezaubert werden ſollte. Fuͤr ein Ungluck pielt ſie die Verbindung ihrer Tochter mit Willing auch nicht und ſie fuͤrchtete auch nicht, daß ihr Gatte, der im Punkte der Verheirathung ganz anders wie andere Grafen, humaner, verſtaͤndiger dachte, den jungen Leuten unuͤberſteigliche Hinderniſſe in den Weg legen werde. Sein Plan mit ſeinem Muͤndel, dem Graf von Weſterberg, ſtand noch auf ſchwachen Fuͤßen, und war ein Wunſch ohne die Ge⸗ wißheit, daß er erfullt werden wuͤrde. Die Gräfin erklaͤrte ſich im Innern gern bereit für die beiden jungen Leute, wenn es un⸗ ter ihnen zu einer ernſten Liebe kaͤme, 30 mit ihrer Kraft zu wirken, ſo weit dieſe reichte. „Du bleibſt zu lange aus,“ ſagte der Graf, als ſeine Gattin in's Zimmer trat. „Wenn Gaͤſte geladen ſind, ſo hat die Hausfrau immet Noͤthiges zu beſchicken. Es iſt ja bald Eſſenszeit“— Sie laͤcheite und erwiederte:„Stille nur, lieber An⸗ ton, es ſoll an nichts fehlen Du wirſt heute an dem Capitain einen jungen Mann kennen lernen, der Dir ſehr gefällt. Bei einem ſchoͤnen körperlichen Aeußern veſitzt er geſellige Bildung, viel Verſtand und, wie ich glauben muß, auch Herzens⸗ gute.“—„Was ihr Frauen doch auf den erſten Blick auf Einmal findet,“ ſagte der Graf.„Nur gut, daß Du nicht achtzehn Jahr alt biſt, ſonſt moͤchte ich mit einem Nebenbuhler in einen harten Kampf gera⸗ then. Werde ich den Wundermann heute Nittag ſehen?“—„Neubergs bringen ihn mit.“— Die Gräſin verljeß das Zim⸗ mer, um die nöthigen Befehle zur Be⸗ ſetzung der Tafel zu geben. ti e— ———— 31 Auch Willing, als die Graͤfin ſeinen Onkel verlaſſen hatte, brach in Lobeserhe⸗ bungen gegen die treffliche Frau aus. Die Predigerfamilie kam zuerſt auf dem Schloſſe an. Der Graf ſagte:„Sie haben heute Vormittag einen Beſuch ge⸗ habt. Wie finden Sie den Capitain Wil⸗ ling. Meine Frau, die ihn bei dem Amt⸗ mann ſah, macht viel Ruͤhmens von ihm. Wie gefällt er Ihnen?“—„Ich glaube,“ erwiederte der Pfarrer,„wenn dem Scheine zu trauen iſt, daß man das Lob uͤber den Herrn von Willing nicht leicht uͤbertreiben kann. Er zeigt in ſeinem Weſen unge⸗ meine Liebenswuͤrdigkeit, viel Verſtand und Gefuͤhl. Nicht viele junge Leute kenne ich, die ihm in der feinen Sittenbildung gleichkommen. Er muß in ſeiner frühern Jugend ausgezeichnete Lehrer und Erzie⸗ her gehabt haben. Ganz von ſelbſt koͤmmt ſo etwas nicht.“ Das urtheil des Predigers beſtärkte ihn noch mehr in dem Glauben, daß das Lob, was ſeine Gattin dem Capitain ſpen⸗ 32 dete, ein wohlverdientes war. Schon oͤf⸗ ter hatte er die Erfahrung gemacht, wie ſcharf und richtig der Blick ſeiner Gattin war, wenn es auf die Beſtimmung des Werthes eines Menſchen ankam. In vie⸗ len Faͤllen wo er noch zweifelte, entſchied ſie mii Gewißheit und die Folge es, daß ſie Recht hatte. „Wenn der Capitain ein ſolcher Mann iſt,“ ſagte der Graf in ſich,„und es köͤmmt zur Liebe zwiſchen ihm und deiner Tochter, ſo willſt du ihnen ohne Weigern deine Zuſtimmung geben. Reichthuͤmer und Titel, ohne Tugend und Verſtand, lei⸗ ſten nur eine ſehr unſichere Buͤrgſchaft, daß eine Ehe eine gluͤckliche wird, oder eigent⸗ lich, ſie wird es nie.“ Die Amtmannsfrau benutzte die Seit wo Willing aus der Stube war, um ſei⸗ nen Anzug zu beſorgen, und ſagte zu ihrem Gatten:„Die Gräfin hat mir's anver⸗ traut, warum die Tante mit Brigitten und Marien verreiſet iſt, ohne daß man weiß, wohin. Brigitte ſah Willingen auf dem „ Ball und ſcheint ihn liebgewonnen zu ha⸗ ben. Sie ſollte ihn nicht wieder ſehen.“ —„Nun, was waͤre es denn fuͤr ein Un⸗ gluͤck, wenn eine Graͤfin einen Edelmann heirathete,“ ſagte der Amtmann.—„Aber,“ ſiel ihm ſeine Gattin ins Wort,„hat denn die Tante nicht abermals kluͤglich und ver⸗ ſtändig gehandelt? Wußte ſie's denn, wie die Eltern denken? Scheint man Brigit⸗ ten nicht fuͤr den jungen Weſterberg be⸗ ſtimmt zu haben?“—„Glaube nur, Au⸗ guſte, die Sache iſt noch in weitem Felde. Der junge Menſch ſieht andere Maͤdchen, er verliebt ſich in eins und das iſt ſeine Braut. Willing denkt nicht daran, Bri⸗ gitten zu heirathen. Er hat ſie ja nur fluͤchtig geſehen. Wirklich iſt er ein fuͤr⸗ trefflicher Menſch und von meinem ehr⸗ lichen Bruder weiß ich's, daß er die Tu⸗ gend nicht bloß, wie einen Rock auf dem Leibe, ſo im Aeußern traͤgt. Verſtellung und Luge iſt nicht bei ihm, ſondern Alles reine Wahrheit. Wenn mein kuͤnftiger Schwiegerſohn kein Oekonom ſeyn kann, M. 3 34 da unſere Marie uͤberdies fuͤr eine Land⸗ wirkhin recht ſchulmaͤßig verdorben wird und ſich kuͤnftig nur in der Stadt wohl fuͤhlen kann, ſo moͤchte ich's wohl, daß ein Juͤngling mit Willings Charakter ihr einſt. die Hand boͤte. Aus der Kindergeſchichte mit Carln kann und ſoll nichts werden. Ehe der zu Ehren und Brodt koͤmmt, iſt Mariens Bluͤthe vorbei. Wie waͤre es denn, wenn wir Willingen ſagten, daß er einen Pfeil in das Herz der jungen Graͤ⸗ ihm, wenigſtens nur kurz vor ſeiner Ab⸗ reiſe, und nicht eher verrathen. Nur mir vertraute die Graͤfin das Geheimniß an. Wenn Du Deine Gruͤnde haben kannſt, es ihm zu entdecken, welche allerdings wichtige ſeyn konnen, ſo verpflichte ihn zu⸗ gleich zur heiligſten Verſchwiegenheit.“ Der Aufenthalt des Capitains, ſowohl in dem Schloſſe des Grafen als in Weſt⸗ greußen uͤberhaupt, diente dazu, ihn Allen werth und ſchaͤtzbar zu machen. Der Graf, um ihn naͤher kennen zu lernen, ſin gedruͤckt hat?“—„Das darfſt Du 4 35 machte mit ihm allein einige Parthien in der Nachbarſchaft, wo er ſich in demſelben vortheilhaften Lichte zeigte. Kein innerer Flecken ließ ſich an ihm errathen. Er war der angenehmſte und unterhaltendſte Geſellſchafter. Hätte er ſeinen Urlaub ver⸗ längern und in Weſtgreußen bleiben koͤn⸗ nen, der Graf wuͤrde Brigitten mit der Tante und Marien von Erfurt haben ho⸗ len laſſen. Willing ſagte davon, daß er ſie auf dem Ball ſah und ließ es nicht un⸗ bemerkt, daß ſie ihm in ihrem rothen Kleide wie eine aufbrechende Roſe erſchie⸗ men wäre. Da er von allen Seiten ſo ſehr gebeten wurde, gab er das Verſpre⸗ chen, im Herbſte wieder nach Weſtgreußen zu kommen, wenn der Graf mit ſeiner Gattin von Berlin zuruͤckgekehrt ſey. Viel wurde zwiſchen Willing, ſeinem Onkel und ſeiner Tante von dem fuͤrtreff⸗ lichen Graf geſprochen und Willing konnte ſeines Lobes gar kein Ende finden. Am Abend vor der Abreiſe, als er von dem Graf und ſeiner Gattin Abſchied genom⸗ 36 men hatte, wo ihm Erſterer, da er ein Jagdliebhaber war, zum Andenken eine koſtbare Doppelflinte ſchickte, ſaß er mit dem Amtmann und deſſen Gattin auf dem Sopha und bedauerte es ſehr, daß er ſeine Urlaubszeit nicht hier, unter den herrlichen Menſchen, wo man den Werth des Lebens eigentlich empfinden lerne, zugebracht hätte. Auch dem Pfarrer und ſeiner Familie zollte er das gebuͤhrende Lob.„Gewiß,“ ſagte er,„wird mich im Herbſte mein Herz dringen, Wort zu halten und wieder nach Weſtgreußen zu kommen, da ich von allen Seiten dazu die Erlaubniß habe.“— „Erfuͤlle Dein Verſprechen ja,“ bat Au⸗ guſte,„damit Du Marien und ſie Dich kennen lernt.“—„Vielleicht iſt Willing an der Bekanntſchaft Br gittens mehr ge⸗ legen,“ ſagte der Amtmann,„als an der unſerer Tochter.“—„Woher glauben Sie das, lieber Onkel?“ fragte Willing.— „Weil Du ſo viel von Brigittens Schoͤn⸗ heit geredet haſt, und es nicht einmal er⸗ waͤhnteſt, daß Marie auch nicht häßlich iſt. „ 37 Der Geſchmack iſt, zum Gluͤck fuͤr das ſchoͤne Geſchlecht, verſchieden; ehrlich aber geredet, meine Tochter halte ich fuͤr huͤb⸗ ſcher. Wie waͤr's, lieber Willing, wenn Du Brigitten auch gefallen hätteſt? Wenn Du Dein vaͤterliches Erbgut mit ihrer Mitgift anwendeteſt und Dir ein Landgut kaufteſt? Die Oekonomie ſollteſt Du bald bei mir erlernen. Den Militairdienſt ver⸗ ließeſt Du und wuͤrdeſt ein Gutsbeſitzer. Meinſt Du, daß die Soldaten nur im Staate Ehre haben? Ihr Herren bildet euch das ein.“—„Onkel, wenn Sie von meiner Seite an eine Verbindung mit ei⸗ ner Graͤfin glauben, ſo irren Sie entwe⸗ der, oder treiben Scherz mit mir.“— „Nun, ſage mir, ob Dir Brigitte gefallen hat, ſo will ich Dir, wenn Du mir die heiligſte Verſchwiegenheit gelobſt, ein Ge⸗ heimniß offenbaren.“ Willing ſah den Amtmanm forſchend an, uͤberlegte ein Weilchen und ſagte dann:„Warum ſoll ich mich verſtellen, warum ſoll ich tügen? Sie ſtand in nicht 38 weiter Ferne von mir, mein Auge ſiel auf ſie und ſie hat einen unausloͤſchlichen Ein⸗ druck auf mich gemacht. Ich gelobe Ih⸗ nen Verſchwiegenheit, nun aber halten Sie auch Ihr Verſprechen und entdecken Sie mir das Geheimniß.“ „Die Graͤfin hat es mir auf die Seele gebunden und ich that Unrecht, daß ich's meinem Gatten verrieth,“ ſagte die Amtmaͤnnin,„welcher glaubt, er muͤſſe es Dir verrathen. Beſter Willing, halte es ja in Dir verborgen. Du weißt, wie ich die Gräſin ehre und wie mir an ihrem Zutrauen und an ihrer Achtung Alles liegt.“—„Tante, bei Gott, ich ſchweige,“ ſagte der Juͤngling mit ernſter, feierlicher Miene. „Die Tante in Erfurt,“ fing der Amtmann an,„iſt Dir aus wichtigen Gruͤnden aus dem Wege gereiſet. Bri⸗ gitte konnte derſelben ihre Neigung, die ſich bei Deinem erſten Erblicken ihres Her⸗ zens bemächtigte, nicht verbergen. In dem, wie ſie ſich nahm, lag das Geſtaͤnd⸗ — 39 niß ihrer Liebe zu Dir. Wundern kannſt Du Dich daruͤber nicht, wenn Du es be⸗ greifſt, wie raſch und ſchnell der Pfeil der Liebe ins Herz faͤhrt, tiefer hineindringt, und ſich oft nicht wieder herausziehen laͤßt. Eine lange Bekanntſchaft mit einem Ge⸗ genſtande gehoͤrt nicht dazu, um ihn uͤber Alles lieb zu gewinnen, es bedarf dazu oft eines Augenblicks nur. Viele recht gluͤck⸗ liche Ehen kenne ich, die im Nu beſtimmt wurden, und die meine iſt ein Beiſpiel da⸗ von. Wer ſich verſtellen kann, den lernt man doch nicht kennen und die Leidenſchaft macht uns fur ſichtbare Fehler blind.“— „Liebt mich Brigitte, wie ich ſie liebe, ſo... Aber der freundliche Graf wird mein Feind werden, wenn ich's wage, um ſeine Tochter zu werben,“ ſagte Willing.„H, welch ein Geheimniß haben Sie mir ent⸗ deckt! Es entzuͤckt und beunruhigt mich!“ —„Das ſoll und muß es nicht,“ ſagte der Amtmann,„da Du weder hoffen, noch verzweifeln darfſt. Du koͤmmſt im Herbſt nach Weſtgreußen und da laͤßt ſich Alles 40 ordnen. An meiner Frau und der Graͤfin haſt Du die beſten Fuͤrſprecherinnen bei dem Graf, wenn Du ihrer ja bedarfſt.“ In Willings Herzen herrſchte die groͤßte Unruhe. Den groͤßten Theil der Nacht brachte er ſchlaflos hin. Er ent⸗ warf Plaͤne, um Brigitten ſeine Liebe zu erkennen zu geben und— ſie zerſtoben wieder. Daß er im Herbſt wieder nach Weſtgreußen kaͤme, das ſollte ſie erfahren, er bat am Morgen ſeine Tante darum, daß ſie ihr das ſagte, und, mehr als das. Als er ſich von ſeinen Freunden getrennt hatte, ging er mit ſich zu Rathe, ob er nicht den Umweg uͤber Erfurt naͤhme und dort die Tante, mit ihren Pflegetoͤchtern, überraſchte. Es trat ihm kein Hinderniß in den Weg und ſo ritt er, von Gedanken und Gefuͤhlen beſtuͤrmt, auf Erfurt zu. Aber der Zweck ſeiner Reiſe blieb unerreicht. Er gab in dem Hauſe der Madame Ber⸗ thes einen Brief ab, in dem er ſich ſchmerzlich beklagte, daß ihm das Gluͤck nicht geworden ware, ihre Bekanntſchaft 4I zu machen und ihre liebenswurdigen Pfle⸗ getoͤchter kennen zu lernen, uͤber deren Vorzüglichkeit in der weiten Umgegend nur eine Stimme ſey. Im Herbſt werde er nach Erfurt und auch nach Weſtgreußen kommen, da er von dem herrlichen Graf und ſeiner eben ſo fuͤrtrefflichen Gemahlin dahin eingeladen ſey. S Sobald Madame Berthes von der Ab⸗ reiſe Willings Nachricht erhielt und daß er nicht mehr in Weſtgreußen war, kehrte ſie mit den beiden Pflegetochtern nach Erfurt zuruͤck. Hier fand ſie einen Brief von dem Capitain, deſſen Inholt ſie um ſo mehr in Erſtaunen ſetzte, als ſie der Graͤfin gemel⸗ det hatte, wie vorſichtig Brigitte bewacht werden muͤſſe, wenn ſich zwiſchen ihr und Willing kein Verhältniß anſpinnen ſollte, das von ernſten Folgen ſeyn konnte. um ihrer Sache gewiß zu werden, ſagte ſie zu den Mädchen, denen ſie den Brief ver⸗ heimlichte:„Gewiß habt Ihr Beide Ver⸗ langen, Eure Eltern zu ſehen, die Tage ſind ſchoͤn, ich dächte, wir reiſeten dahin 42 und vblieben dort ſo lange, als es uns ge⸗ fäͤllt...“ Brigitte freute ſich am lebhaf⸗ teſten uͤber dieſe Nachricht, weil ſie ihre Herzensangelegenheit der Mutter mitthei⸗ len und ſich Raths von ihr erholen wollte. Sie glaubte es auch gewiß, daß Willing in Weſtgreußen geweſen ſey und daß ſie von ihm Mehreres erfahren werde. Ma⸗ rie wäre dagegen lieber in Erfurt geblie⸗ ben. Sie fühlte es im voraus, daß ſie noch nicht ſtark genug war, den vielerlei Erinnerungen an ihre Jugendtage und an Carl zu widerſtehen, die dort lebendiger in ihr erwachten; aber ſie ſchwieg und fuͤgte ſich in den Willen der Tante. Mit Freude und Liebe wurden die theuren Gaͤſte in Weſtgreußen empfan⸗ gen. Die Tante mußte fich doch ſehr wundern, daß man, ohne Ruͤckſicht auf Brigitten zu nehmen, ſo lautruͤhmend von Willing ſprach. Sie fragte die Graͤ⸗ fin leiſe ins Ohr:„Haben Sie denn mei⸗ nen Brief nicht empfangen?“ Und die Graͤfin erwiederte:„Allerdings; aber was kann — * es ſchaden, einen Jüngling zu loben, der ſich uns Allen ſo achtungswerth gemacht hat. Mein Mann haͤlt es fuͤr kein Un⸗ gluͤck, wenn ſeine Tochter den trefflichen Menſchen liebt.“ Es wurde viel von ihm geſprochen und Brigitte bedauerte es gar ſehr, daß ſie ſeine Bekanntſchaft nicht machte.. Die Sache hatte eine ſehr guͤnſtige Wendung für ihre Liebe genommen. Der Amtmann und ſeine Gattin hatten dem Graf und der Grafin aufrichtig das Ge⸗ ſtaͤndniß Willings anvertraut, daß der Anblick der jungen Gräfin einen Eindruck auf ihn gemacht haͤtte, der bis ins Mark ſeiner Seele gedrungen waͤre. Er wuͤnſche nichts mehr, als ſie einmal in der Naͤhe zu ſehen und mit ihr zu reden. Alles, was er von ihrem Charakter gehoͤrt habe, haͤtte nur dazu gedient, ihn in dem Glau⸗ ben zu beſtaͤrken, daß in einem ſo ſchö⸗ nen Korper auch eine eben ſo ſchoͤne Seele wohnen muͤſſe. Ob er es gleich nicht wage, ſelbſt wenn ſie ihm nicht abgeneigt wäre, — 44 bei den Eltern um ihre Hand zu bitten, ſo werde ſich ihr Bild, was ſich ihm ſo feſt eingedruckt hätte, aus ſeiner Seele nie verlieren. Der Anblick keines Maͤdchens habe ihn ſo fortgeriſſen und bezaubert. Die Hoffnung, ſie im Herbſte in Weſt⸗ greußen zu ſehen, werde ihm jede Stunde verſuͤßen, wenn ſie die Sehnſucht nach ihr ſie ihm verbittern wolle. In einer geheimen unterredung, die Brigitte mit der Mutter hatte, ſagte ſte's ihr offen und unverholen, daß ſie ſich ſelbſt ein Raͤthſel ſey und es nicht begrei⸗ ſen koͤnne, wie der bloße Anblick eines Jünglings ſie ſo hätte ruͤhren koͤnnen. Sein Bild ſchwebe ihr, nach allen ſeinen Zugen, vor Augen. Sie beunruhige ſich in ihrem Innern nicht, aber gewiſſen un⸗ beſtimmten Hoffnungen, die ſie ſeitdem nicht ausloͤſchen koͤnne, gebe ſie ſich doch in freudigen Ahnungen hin... Die wei⸗ ſere Mutter rieth ihrer vct ernſtlich, auch die Macht dieſer Hoffnüngen zu ſchwaͤchen, da ſie doch nicht wiſſe, ob Wil⸗ 8 — ling Gegenliebe fuͤr ſie empfaͤnde. Der Vater könne ja auch ganz andere Abſich⸗ ten mit ihr haben und es ſey die erſte Pflicht eines Kindes, in den wichtigſten Angelegenheiten Feines Lebens, ſich nach dem weiſen und guͤtigen Willen der Eltern zu fuͤgen.—„Mutter,“ ſagte ſie, und eine Thräne ſchimmerte ihr im Auge,„Kum⸗ mer werde ich meinem Vater nicht machen, und wenn es ſeyn muß, kann ich ihm die liebſten Neigungen aufopfern. Was ich auf den Wegen der Guͤte und Liebe nicht erreichen kann, das werde ich ihm nie ab⸗ trotzen. Du ſollſt nie eine undankbare Tochter in mir finden.“—„Stille, ſtille nur, meine theuerſte Brigitte,“ ſagte die Mutter, geruͤhrt uber die Aeußerungen des guten Kindes,„wir ſtehen Deinem Gluͤcke nicht durch Eigenſinn im Wege. Ueberlaß Dein Schickſal der hoͤhern Macht, die es weiſe und väterlich lenkt. Was Dein Be⸗ ſtes iſt, das und nicht Anderes muß Dir werden.“ Nicht ſo ruhig und ergebend war ihre 46 Freundin Marie. Am erſten Morgen eilte ſie zu dem Pfarrer. Außer ſich vor Schmerz war ſie, als ſie erfuhr, daß Carl bis zum Sterben krank geweſen ſey. Wie pries ſie Gott fur ſeine Geneſung!„Ma⸗ riechen,“ ſagte der Pfarrer, im Innerſten der Seele geruͤhrt,„denke nicht mehr an Carln, ſo iſt's beſſer fuͤr Dich und ihn. Ihr ſeyd nun keine Kinder mehr, und Euer Verhaͤltniß hat ſich geaͤndert. Gott yat Euch getrennt und Ihr ſollt in der Welt verſchiedene Wege gehen. Bedenke wohl, was Du Deinen Eltern ſchuldig biſt. Der ſchwerſte Gehorſam, den Du ihnen leiſteſt, iſt der herrlichſte und ruͤhmlichſte. Das eben iſt die edelſte Tugend, welche die Reigungen des Herzens beſiegen kann.“ —„Das waͤre Tugend,“ erwiederte ſie, „wenn ich Carln nicht mehr liebte? Lehr⸗ ten Sie's mich nicht, daß der Chriſt auch ſeine Feinde lieben muß? Carl hat mich nie beleidigt. Geht der Gehorſam, den Sie von mir fordern, nicht uber meine Kraͤfte? Nein, nein, die Suͤnde kann und 47 werde ich nie begehen, daß ich Carln mehr als mich ſelbſt, mehr als die ganze Welt liebe. Ware das Unrecht, Gott hätte mir dieſe Neigung nicht ſo unausrottbar in die Seele gepflanzt. Wer ſie herausreißen will, der wird mein ganzes Weſen vertil⸗ gen. Der Verſtand muß da ſchweigen, wo nur das Herz der Schiedsrichter ſeyn kann. Sind wir verdammt, im Leben verſchiedene Wege zu gehen, ſo wird doch Niemand unſere liebenden Gemuͤther tren⸗ nen koͤnnen. Unglaublich ſchmerzt mich's, daß, mein Vater es iſt, der mir das Hin⸗ derniß in den Weg legt, ihn nicht mit of⸗ fenem Gemuͤthe lieben zu duͤrfen. Gehor⸗ chen muß ich ihm, aber ich kann's nicht anders, wie eine Sclavin, mit widerſpen⸗ ſtigem Herzen. Man beweiſe mir's erſt, daß es ein Verbrechen iſt, Carln zu lieben, und ich will es verabſcheuen, aber ſo, als ob ich ein willenloſes Weſen waͤre, kann ich's nicht.“ Sie kam mit rothgeweinten Augen in dem Hauſe ihrer Eitern an, und als der 48 Vater fragte, warum ſie geweint hätte, ſagte ſie:„Der Herr Pfarrer hat mir die Krankheitsgeſchichte Carls erzahlt. Ich konnte mich nicht bis zur Untheilnahme abſtumpfen. Aber mir das zu verſchwei⸗ gen, als ob es mich nicht intereſſirte, wie es ihm geht, ob er auf dem Wege zum Grabe iſt, oder nicht? O, er iſt meinem Herzen noch immer werther, als es meine Lippe zu ſagen wagt! Man kann ſchwei⸗ gen, aber ſeine Gefuhle nicht verſtummen machen, wenn ſie laut im Innern reden.“ 6 Die Tante nahm das Wort und ſag⸗ te:„Fäͤllſt Du wieder in Deine uble Lau⸗ ne2 Sahen es Deine Eltern nicht voraus, daß Dich die Nachricht von Carls Krank⸗ heit betruben wuͤrde? Sag es ſelbſt, was nutzt ſie Dir nun? Verkennſt Du ihre Güte, die Dir den Schmerz, die Angſt erſparen wollte? Werde nicht ungerecht und undankbar...“ Marie ſchwieg. Mit be⸗ truͤbter, mißmuthiger Miene ging der Amt⸗ mann aus der Thür, warf Marien, ohne ein Wort zu reden, einen bedeutungsvollen . Blick zu und kam erſt am ſpaͤten Abend zuruͤck. Mit dem Pfarrer hatte er ein ernſtes Geſprach und es waͤre unter ihnen zur Spaltung gekommen, wenn der Geiſt⸗ liche ſich nicht beherrſchte. Er verzieh ei⸗ nem Vater, der voller Mißmuth war, daß die Tochter ſich nicht in eine Form druͤcken ließ, wie ſie ſeine Willkuͤhr wollte. Nach und nach ſohnte ſich die Tochter mit ihrem Schickſale aus und hatte in Weſtgreußen heitere Stunden. Lieber war ſie doch im Pfarrhauſe, als auf dem Schloſſe. Schweſterlich umarmte ſie auch die Schweſtern Carls, als Brigitten. Dieſe war heitern Gemuͤths, lebte in ſeli⸗ gen Hoffnungen und Marie hoͤrte nicht auf zu trauern. Abwechſelnd, den Som⸗ mer über, war ſie mit der Tante bald in Erfurt, bald in Weſtgreußen, Brigitte aber blieb bei ihren Eltern. Kein Wort wurde im Elternhauſe von Carln geſprochen und auf mehrere Briefe, die ſie an ihn ſchickte, erhielt ſie keine Antwort. Bis zum Herbſt währten dieſe Veränderungen, dann aber, ſonder Gleichen anrichtets! als der Graf von Berlin kam, hörten ſie plotzlich auf und Märie wurde in eine an⸗ dere, fuͤr ſie nicht erwünſchte⸗dage hinge⸗ ſchleudert. Doch wir muͤſſen den Faden der Geſchichte ohne Unterbrechung, der Ordnung nach, die uns der Gang derſel⸗ ven gebietet, fortſpinnen. In welchen Taͤuſchungen aber waren Willing und Brigitte befangen! Mit kei⸗ nem Gedanken dachte man daran, daß Marie der Gegenſtand ſeiner Liebe ſey⸗ Ein Irrthum war's, der eine Verwirrung „ Willing Zlaubte es mi t ungezweifel⸗ ter Gewißheit, es ſey keine andere, als die junge Gräfin, die er auf dem Ball, den der Commandeur gab, ſo reizend, ſo bezaubernd und idealiſch fand! Sie ſtand neben Morien, hatte ſich eben ſo wie dieſe angezogen, war mit ihr von einer Groͤße und faſt von demſelben Wuchſe. Wie leicht alſo konnte dieſe Verwechſelung ge⸗ ſchehen, wenn ſein Freund Erlach ihm nicht noch andere Kennzeichen angab, wo⸗ 51 durch er in den Stand geſetzt wurde, mit beſtimmter Gewißheit die Eine von der Andern zu unterſcheiden. Aber Willing, als er das ſchoͤne Maͤdchen erblickte, und es ihn entzuckte, dachte nicht dakan, ſich gegen einen groben Irrthum zu verwahren, er war nur Gefuͤhl und Empfindung. Er⸗ lach, der voll von ſeiner Louiſe war, hätte ſich auch nicht in weitlaͤufigere Demon⸗ ſtrationen eingelaſſen, die juſt hier am un⸗ rechten Orte geweſen waͤren. Daß aber Brigitte ſich zu Willing, ſogar mit heftiger Neigung, hingezogen fuhlte, das iſt dem jungen, unerfahrnen feurigen Mädchen wohl zu verzeihen. Ge⸗ rathem wir doch im hohen Alter noch, wenn uns Schönes, Großes, Erhabenes begeg⸗ net, in Entzuͤcken, Staunen und Bewun⸗ derung, welches doch Alles durch ſinnliche Eindruͤcke gewirkt wird. Man denke ſich ein unverdorbenes, im Innern gebildetes, mit der großen Welt unbekanntes Land⸗ maͤdchen, und romanhaft wird man es nicht finden, daß es beim erſten Anſchauen 52 des Gegenſtandes ſogleich Neigung fuͤr ihn fuhlte und ihn mit unbeſchreiblichem Wohl⸗ gefallen betrachtete. Entſcheidet nicht uͤber⸗ haupt die erſte Bekanntſchaft mit einer Perſon, die bloß darin beſteht, daß wir ſie ſehen, ſprechen hoͤren, in den meiſten Faͤllen, ob wir uns ihr nahen, in Verbin⸗ dung mit ihr treten, oder uns von ihr entfernen und von ihr getrennt bleiben? Ein Ungluͤck war es auch uͤberhaupt nicht, daß die junge Graͤfin dieſen Willing von allen den Juͤnglingen, die ſie je geſe⸗ hen hatte, in ihrem Gemuͤthe auszeichnete, ſo, daß es der Madame Berthes merklich wurde. Dieſe kluge und erfahrne Frau wuͤrde gewiß die rechten Mittel angewandt haben, um dem Funken, der in Brigietens Herz gefallen war, zu ſteuern, daß er nicht zu einer Flamme wurde, und die Graͤfin waͤre bald ſelbſt zu der Erkenntniß gekommen, daß ihre Liebe zu einem Juͤng⸗ linge, von dem ſie keinen Beweis von Ge⸗ genliebe aufweiſen konnteſ, dem ſie ihr In⸗ neres doch nicht entdecken durfte, von dem 53 ſie's nicht wußte, ob er nicht ſchon eine erwaͤhlte Braut hatte, weiter nichts als eine Jugendthorheit war, von der man ſich losmachen muß. Aber daß die Mutter all⸗ zu ſchonend gegen die Tochter war; daß ſie von Seiten ihrer Eltern uͤberhaupt keinen Widerſtand fand; daß man bisweilen we⸗ nigſtens, in ihrer Gegenwart, uͤber Wil⸗ ling die guͤnſtigſten Urtheile fallte; daß man von ihm, wie von einem Freund und Verwandten ſprach, deſſen Beſuch man im Herbſte erwarte, auf deſſen Erſcheinung man ſich freue, das war es eben, was Brigitten in dem ſuͤßen Glauben beſtärkte, daß eine unzertrennliche Verbindung mit ihm keine Unmöglichkeit ſey. Sie aͤußerte es ſogar unverholen, daß ſie mit wahrer Freude dem Augenblicke entgegen ſehe, wo in Weſtgreußen ein Juͤngling wieder er⸗ ſcheinen werde, den die Eltern ſo ruͤhmten, und es ſey ihr Wunſch, ſeine n machen. De Madame Berthes wunderte ſich nicht mehr uͤber die Unvorſichtigkeit der 54 Eltern Brigittens, daß ſie die Neigung in dem Herzen ihrer Tochter naͤhrten, als ſie on der Graͤfin ſelbſt hoͤrte, man werde dem Gluͤcke derſelben, wenn man es als ein wahres erkannt haͤtte, kein Hinderniß in den Weg legen. Der Graf hatte bereits miehrere Briefe in den Haͤnden, die alle in dem Urtheile ubereinſtimmten, daß Willing nicht allein ein Juͤngling von der beſten Gemüthsart, ohne Tadel und Fehl ſey, ſondern daß er auch als ein braver, tuͤch⸗ ttiger Offizier die Liebe und Achtung ſeiner Vorgeſetzten und Kameraden genieße. Das Eine nur, was Brigitten noch beunruhigte, war die Ungewißheit in der ſie lebte, ob auch Willing die zaͤrtliche Neigung mit ihr theilte, die in ihre Seele ſich immer tiefer grub. Schmerz⸗ haft war's ihr, wenn ſie's denken mußte, daß ſie vergebens wuͤnſche und hoffe, daß ſie ihre hoͤchſte Wonne vielleicht an einen leeren, ſuͤßen Traum knuͤpfe, der leicht zerrinnen koͤnne. Die Vorſtellung, welche keinesweges aus der Luft gegriffen war, 6 55 erhielt bisweilen in ihr eine ſolche Stärke, ein ſolches uebergewicht, daß ie einen ver⸗ borgenen Schmerz nicht voͤllig beherrſchen konnte. Sie that ſich weniger Zwang an, wenn ſie bei der Mutter und mit ihr al⸗ ein war. Einſt ſagte ſie ſogar, indem ihr die Thraͤnen von den Wangen rollten: „Mutter, bin ich nicht eine Närrin, daß ich der Liebe zu Willing länger anhange? Waͤre es fuͤr meine Ruhe nicht beſſer, daß ich nicht mehr an ihn dächte? Das nehme ich mir ſo oft vor, aber eine unſichtbare Macht zieht mich immer wieder zu ihm hin. Wenn ſein Bild mir dann wieder erſcheint, ſo viſt mir's, als ob ich nach langer Trennung einen Freund ſähe, von dem ich zu lange geſchieden war. Wie glücklich wurde mich's machen, wenn er's nur durch das leiſeſte Zeichen verriethe, daß er mir nicht abgeneigt iſt! Sagte er denn weiter nichts von mir, als daß er mich auf dem Ball geſehen hätte? Kein Woͤrtchen, wenn es für mich ein günſti⸗ ges iſt, darfſt Du mir vſ es 56 ein Balſamtropfen, der meine Furcht und Beſorgniß mildert.“ Die Grafin hatte ſich's feſt vorgenom⸗ men, bis zu einer gewiſſen Zeit Brigitten das offene Geſtaͤndniß verſchwiegen zu halten, welches der Juͤngling ſeinen An⸗ verwondten that; aber eine Mutter iſt ſchwach, wenn ſie die leidende Tochter ſieht und ſie vermag es über ſich nicht, ihr die Beruhigung und den Troſt vorzuenthalten, mit dem ſie verſehen iſt.„Wenn Du mir Verſchwiegenheit gelobſt, wenn Du heite⸗ ren Gemuͤths werden und es mit mehr Ruhe abwarten willſt, welch eine Wen⸗ dung Dein Schickſal nimmt,“ ſagte ſie zu ihrer Tochter, die die Mutter nach dieſer Vorrede mit großen neugierigen Augen anblickte,„ſo will ich Dir ein Gebeimniß entdecken, was Du, nach dem Willen Deines Vaters, erſt im Herbſte erfahren ſollteſt. Willing liebt Dich auch, er hat. es ſeinen Verwandten hier geſtanden, und wenn er im Herbſt wieder koͤmmt, will er die Entſcheidung ſeines Geſchicks zu erfah⸗ 57 ren ſuchen. Es iſt ihm nicht unbekannt e geblieben, daß Du ihn liebſt. Vor Freude und Dank konnte Bri⸗ gitte kein Wort reden, Thraͤnen des Entzu⸗ ckens traten ihr in die Augen, ſie umarmte ihre Mutter mit gewaltiger Heftigkeit. . Endlich ſagte ſie mit einem Seufzer:„Erſt im Herbſt will er kommen? Erſt dann 3 werde ich ihn ſehen? Ach! wie werde ich die Stunden bis zu ſeinem Wiederſehen zaͤhlen!“—„Maͤdchen,“ ſagte die Mut⸗ ter,„haͤtte ich durch die Entdeckung des Geheimniſſes, was mir das zaͤrtlichſte Mit⸗ leid gegen Dich abpreßte, Dein Uebel nur aͤrger gemacht? Warum verſchwieg ich's nicht! Du weißt nun, was Du mit hei⸗ ßem Verlangen zu wiſſen wuͤnſcheſt und biſt noch nicht zufrieden? Willſt Du in ei⸗ nem Tage, in einer Stunde Alles beſitzen⸗ 9 wonach Du Dich ſehnſt? Brigitte, ſey nicht ungenuͤgſam, vereitele mir den Zweck nicht, den ich erreichen wollte!— „Ach! liebe, liebe Mutter,“ erwiederte ſie, „es loderte in mir auf, verzeih, ich will — 4 4 — mir Gewalt anthun, Du ſollſt mich bald ruhiger ſehen„. Sie wurde es, wenn man den Schein fuͤr Wahrheit achten durfte. Waͤhrend Brigitte in Furcht und Hoff⸗ nung lebte und die Herbſtzeit herbei wuͤnſchte, war auch Willing in ſeiner Garniſon nicht mehr der gemuͤthsfrohe Juͤngling. Oft dachte er an das reizende Maͤdchen, und die Moͤglichkeit mit dem⸗ ſelben verbunden zu werden, entzuͤckte ihn, ſo wie ihn der Gedanke, daß ſein Traum⸗ geſpinnſte leicht zerriſſen werden könnte, ihn beunruhigte. Auch an den Graf hatte er ein Dankſchreiben ergehen laſſen und erhielt von demſelben eine recht freund⸗ ſchaftliche, guͤtige Antwort. Nochmals wurde er auch ſchriftlich eingeladen, ja im Herbſt nach Weſtgreußen zu kommen. Der Graf ſetzte hinzu:„Ich werde Ihnen ausdruͤcklich meine Ruͤckkehr von Berlin melden, damit Sie mich hier finden.“ Von dem Onkel erhielt er die Nachricht, daß Brigitte jetzt bei ihren Eltern ſey und daß ſich nichts ereignet habe, welches ſeinen Hoffnungen und Wuͤnſchen entgegen ſey⸗ Mit Gewißheit durfe er aber nicht auf ſie bauen, da der Graf den Punkt der Ver⸗ heirathung ſeiner Tochter mit irgend ei⸗ nem Juͤnglinge, auch mit keiner Sylbe beruͤhrt habe.„Meine Marie,“ ſetzte der Amtmann hinzu,„bedauert es gar ſehr, daß ihr die Gelegenheit genommen wurde, Deine Bekanntſchaft zu machen. Sie freut ſich im voraus, Dich im Herbſte zu ſehen. Vielleicht kannſt Du auch ein gu⸗ tes Theil dazu beitragen, daß ſie von ih⸗ rer Krankheit, die noch von ihrer Kindheit herruͤhrt, nämlich ihrer phantaſtiſchen Liebe gegen einen Schulknaben, geheilt wird.“ Ehe Villing ſo viel Zeit hatte, ſei⸗ nen Eltern ein Reiſejournal zu überſen⸗ den, in dem er ihnen das Wichtigſte meldete, was ihm unterwegs begegnet war, empfingen ſie einen Brief von dem Amtmann. Er enthielt groͤßtentheils eine Lobeserhebung des fuͤrtrefflichen Juͤnglings. Aber Neuberg ſchrieb auch an ſeinen Bru⸗ ber:„Venn es nun kein Oekonom ſeyn kann, der meine Lochter gluͤcklich machen wird, da ſie in der Stadt fuͤr das Land⸗ leben ganz unbrauchbar geworden iſt, ſo waͤre es Dein Sohn, dem ich ſie mit vol⸗ lem Vertrauen zur Gattin gaͤbe. Reichten ſeine Einnahmen zum ſtandesmäßigen Le⸗ ben nicht hin, ſo wuͤrde es mir auf eine ganz anſehnliche Zulage auch nicht ankom⸗ men. Wozu noch viel ſparen, da ich nur ein Kind und ein anſehnliches Kapital habe, ſo daß ich, ſtatt Paͤchter zu ſeyn, mir wohl ein Gut kaufen könnte. Aber aus dem Plane kann, aus einem ſehr wichtigen Grunde, wenn auch Alles fuͤr ihn ſtimmte, nichts werden. Dein Sohn hat ſich in die junge Graͤſin Brigitte ver⸗ liebt und ſie in ihn. Du kennſt das bluͤ⸗ hende, herrliche, ſchuldloſe Mädchen. Ge⸗ wiß wäreſt Du mit einer ſolchen Schwie⸗ gertochter zufrieden, wenn ſie es werden könnte. Denke Dir, die jungen Leute ſe⸗ hen ſich in Erfurt auf einem Ball, weiter nicht, gar nicht, und es entzuͤndet 9 in 61 ihrem Herzen das Feuer einer Liebe, was nicht zu löſchen iſt. Der Graf weiß Alles, und ſagte dazu weder Ja noch Nein; aber Deinen Sohn hat er doch zum Herbſt hie⸗ her geladen, juſt, wenn Brigitte hier iſt. Doch wozu ſchreibe ich ſo viel von einer Neuigkeit, die Dir Dein Sohn gewiß ſchon gemeldet hat ꝛc.“ Da der Kaufmann Neuberg und ſeine Gattin die ſchoͤne, liebenswuͤrdige Brigitte genau kannten, ſo wuͤnſchten ſie ihrem ge⸗ liebten Sohne Gluͤck zu der Verbindung mit ihr und waren uͤber die Nachricht des Bruders hoch erfreut. Sie fuͤrchteten auch nicht, daß der Graf wider dieſe Verhei⸗ rathung ſeyn werde, da Willing einen un⸗ tadelhaften Ruf hatte, ein geachteter Offi⸗ zier war und ein anſehnliches Vermögen beſaß. Feſt wurde es von ihnen Beiden beſchloſſen, im Herbſt nach Weſtgreußen zu reiſen, mit Willing daſelbſt einzutref⸗ fen, um, wenn ſich Alles ſo nach Wunſch fuge, einem frohen Verlobungsfeſte beizu⸗ wohnen. Sie glaubten auch, wenn es 62 deſſen bebuͤrfe, ein Woͤrtchen zum Beſten ihres Sohnes reden zu können. Daß aber Willing nicht ſchrieb, fiel ihnen ſehr auf. Er ſchwieg zu lange. Sie fürchteten gar, daß er krank ſeyn moͤchte. Es ſollte ein Eilbote an ihn abgefertigt werden, als am Vorabend mit der Poſt ein dicker, dicker Brief ankam, der das mehrere Bo⸗ gen lange Reiſejournal enthielt. Im Ein⸗ gange des Briefes entſchuldigte ſich der Juͤngling, daß er vieler Geſchäfte wegen und auch darum nicht fruͤher haͤtte ſchrei⸗ ben konnen, weil er ſeinen geliebten El⸗ tern ein recht vollſtaͤndiges, ſchriftliches Ganze, wahr und mit ſeinem Innerſten ubereinſtimmend, habe uͤberſenden wollen. Er bat um Verzeihung, daß er ihre Leſt⸗ geduld auf eine ſchwere Ake haͤtte. Neuberg ging mit ſeiner Gattin in ein Seitencabinet, das ſie verſc foſſen, um völlig ungeſtört den langen Brief zu le⸗ ſen und ſich über die wichrigſten Punkte deſſelben zu beſprechen. Bei der Ueber⸗ ſchrift des Kapitels Berlin ſprach er von Carln und Marien alſo: „Ich habe den jungen Menſchen ken⸗ nen gelernt und kann nur das gunſtigſte Urtheil über ihn faͤllen. Er hat eine ſchoͤne Koͤrpergeſtalt, ein offenes, herrliches Ge⸗ ſicht und ein Ange, aus dem ein heller Verſtand und eine wahrhaft fromme Her⸗ zensgute redet. Sein ganzes Weſen iſt Unſchuld und Liebe. Es herrſcht in ihm eine gewaltige Kraft des Gemuͤths, die ihn zerſtören wird, wenn er den hoͤchſten weck ſeines Lebens, der kein anderer iſt 6 der, mit Marien einſt unzertrennlich zu leben, nicht erreicht. Schon Jahre iſt er von ihr geſchieden, aber das Andenken an ſie hat ſich ſo friſch in ſeiner Seele erhal⸗ ten, als ob er ſte in dem vergangenen Au⸗ genblicke geſehen haͤtte. Durch ſeine ver⸗ ſchoͤnernde Phantaſie iſt ſie ihm zu einem himniliſchen Weſen geworden. Nicht zuͤrnt er den Menſchen, die ihrh alle Gelegen⸗ heit nehmen, die Verbindung mit ihr durch ſichtbare Seichen zu unterpalten und ſagte 64 * mit wahrhaft frommer Miene:„Sie wiſ⸗ ſen nicht, was ſie thun!“ Er glaubt, ſeine Liebe zu dem Maͤdchen ſtehe unter einem göttlichen Schutze und die Menſchen ver⸗ moͤchten ſie nicht zu zerſtören. Mit dem groͤßten Enthuſiasmus ſprach er von ihr, ſeine Wangen gluͤhten, ſeine Augen fun⸗ kelten. Er fuͤhrt, ſo weit ich's erfahren konnte, das unbeſcholtenſte Leben. Der Onkel geht mit ſeiner Grille zu weit, daß er Marien nicht mit Carln verbunden wiſ⸗ ſen will. Die Tante meinte dagegen: er werde ſich gewiß geneigter zeigen, wenn Carl erſt zu Ehren gekommen waͤre und ein Amt habe. Von einer langen Liebelei ſey er nur ein abgeſagter Feind. Sie hat den Juͤngling in ihr Perz geſchloſſen und liebt ihn wie den eigenen Sohn. Bei ſeinen ſeltenen Talenten iſt er der beſchei⸗ denſte, ſanfteſte Menſch⸗ in wildes Feuer kann er nur gerathen, wenn ſich ihm der fernſte Anſchein zeigt, Marien zu verlie⸗ ren.“ „In Erfurt wollte ich die Tante Ber⸗ thes beſuchen; aber ich fand ſie nicht in ihrem Hauſe, ſie war verreiſet und zwar abſichtlich, weil ſie mich vermied. Mit meinem Erlach war ich eines Abenbs auf einem Ball, wo auch die Tante mit Ma⸗ rien und Brigitten war. Dieſe Brigitte machte einen unbeſchreiblichen Eindruck auf mich. Sie verrieth es ihrer Aufſeherin, daß auch mein Anblick ſie bewegt haͤtte. Damit die erwachte Liebe in dem Herzen des Maͤdchens nicht tiefer einwurzeln ſollte, wich mir die Tante, welche wohl vermu⸗ thete, daß ich ſie mit meinem Beſuche nicht verſchonen werde, aus. Sie war vorſichtig, ſie mußte es ſeyn und ich ver⸗ zeihe ihr das.“ „Seit ich den Graf und ſeine Gattin kennen gelernt habe, die mich zu einem Herbſtbeſuch nach Weſtgreußen eingeladen haben, ſeit ich's weiß, daß ſie mich ſchätzen und lieben, zweifele ich nicht mehr aͤngſt⸗ lich, daß eine Verbindung mit mir und dieſer Brigitte möglich iſt. Ihr habt ja ſo viel Gutes und Schönes von dem lie⸗ 66 ben Kinde geredet, daß Ihr mir die Zu⸗ ſtimmung zu meinem höchſten Gluͤcke nicht verſagen werdet.“— Als Neuberg dieſe Stelle des Briefs geleſen hatte, entfuhr ſeiner Gattin, ſo recht aus der Tieſe des Herzens, ein Ach! Sie ſetzte hinzu:„Ach! meine arme Ag⸗ nes! Sie liebte Wilhelmen mehr, als eine Schweſter! Sie trug ſich mit ſuͤßen Hoffnungen, daß der Stiefbruder ſie zu ſeiner Gattin waͤhlen wuͤrde! Wenn ſie erfährt, daß er ihr Brigitten vorzieht, wie wird ſie das niederſchlagen! Und den Glauben an ſeine Liebe hat er ihr einge⸗ flößt, da er ſie immer der jungern Schwe⸗ ſter vorzog.“—„Tadle mir meinen Wil⸗ helm nicht,“ ſagte Neuberg,„er hat nicht unrecht gehandelt. Konnte er, als Stief⸗ bruder, die Gränzen ſeiner Neigung zu ihr ſo genau abmeſſen? Hat er ihr ein Verſprechen gegeben? Läßt ſich auch eine Neigung, die nicht im Herzen entſpringt und durch ein geliebtes Weſen genährt wird, erzwingen? Uebrigens bin ich der Meinung, daß er noch viele Berge zu erſteigen hat, die er nicht ſieht, ehe er zum Ziele kömmt. Aber wie verſchieden der Geſchmack iſt! Ich haͤtte Marien doch vorgezogen! Nun iſt mein Plan auch ver⸗ eitelt! Sie, ſo dachte ich, ſollte er zu ſei⸗ ner Gattin wählen! Das ware das ſchoͤnſte Paar geworden. Meinen Bruder haͤtte ich beredet, ihm das Jawort zu ge⸗ ben.“ Die Madame Neuberg war auf ein⸗ mal verſtimmt, ſie ſtand auf und wollte von dem Briefe nichts mehr hoͤren. „Spare das weitere Leſen auf,“ bat ſie, „bis ich wieder ruhiger werde. Wie fan⸗ gen wir's an, um Agnes mehr und mehr von Wilhelm abzulenken und ſie zu be⸗ ſchwichtigen?“—„Für's Erſte,“ ſagte Neuberg,„ſagen wir ihr gar nichts.“ Neuberg verſchloß den Brief und als die Toͤchter nach dem Inhalte deſſelben fragten, gab man ihnen nur im Allgemei⸗ nen eine Antwort. Bald ſchrieb er auch an Willing und tieth ihm, dem Glauben 68 ſich nicht preis zu geben, daß der Graf ihm ſo leicht ſeine Tochter geben werde. Begreifen koͤnne er's aber nicht, daß er Brigitten ſchöner als Marien gefunden haͤtte. Im Herbſte wollten ſie ſich in Weſtgreußen zuſammentreffen, er habe dies dem Bruder geſchrieben. Vielleicht kaͤme er gegen die Zeit nach Hamburg, und ſie machten dann die Reiſe gemeinſchaftlich. Willing ließ ſich von einem geſchic⸗ ten Maler malen. Nicht ohne eine beſon⸗ dere Abſicht wollte er das Gemaͤlde nach Weſtgreußen ſchicken, und dem Onkel und der Tante damit zugleich ein angenehmes Geſchenk machen. Er wußte es, daß die Tante mit den beiden Toͤchtern in Weſt⸗ greußen lebte und den Sommer über dort bleiben wuͤrde, darum wollte er ſich der geliebten Brigitte im Bilde vergegenwaͤr⸗ tigen, wenn er's nach ſeiner wirklichen Per⸗ ſon nicht konnte, um ihrem Andenken an ihn zu Huͤlfe kommen und es in friſcher, ungeſchwächter Kraft zu erhalten Durfte er auch dem enideckten Geheimniß der ——— 69 Tante trauen, daß er Brigitten nicht gleichgultig ſey, daß ſie Neigung gegen ihn empfand, ſo that er ihr einen Gefal⸗ len und machte ihr Freude, wenn er ihr die Gelegenheit verſchaffte, den im Bilde zu ſchauen, den ſie in der Wirklichkeit, beim erſten Erblicken, ſo lieb gewonnen hatte. Willing hatte diesmal wieder ſehr richtig gerechnet und er erreichte ſeinen Zweck in einem ſo hohen Grade, als er 3 ſelbſt nicht gedacht hatte. In dem Briefe, den er an ſeinen On⸗ kel mit dem Gemaͤlde ſchickte, waren auch die Worte niedergeſchrieben:„Daß ich mich aus Eitelkeit nicht malen ließ, wer⸗ den Sie mir glauben, da ich an mir die kleinſte gute Eigenſchaft, die ich mir ſelbſt erwarb, hoͤher achte, als das Geſicht, das Gott mir gab, und waͤre es noch ſo ſchoͤn. Aber es war fuͤr mein Herz innigſtes Be⸗ durfniß, Ihnen zu beweiſen, wie gern ich in Weſtgreußen bin. Da ich das nach der wirklichen Perſon nicht kann, ſo ſoll es wenigſtens im Bilde geſchehen, das ich 70 eben deshalb, wenn das vernuͤnftig waͤre, beneiden mochte. Und gewiß, da ich zu feſt von Ihrem Wohlwollen uͤberzeugt bin, denke ich auch, daß Ihnen dies Geſchenk, da ich kein anderes zu geben hatte, ein kleines Vergnuͤgen macht. Menſchen, die man liebt, hat man gern im Bilde um ſich, wenn ſie durch ihr Verhältniß von uns geſchieden ſind; man ſteht davor, denkt ſie ſich in der Wirklichkeit, ſpricht im Geiſte und fuͤhlt im Herzen mit ihnen. Hätte ich das Gemaͤlde von Brigitten hier, oft, oft wuͤrde ich vor ihm, wie vor einem Beiligenbilde ſtehen und es anbeten. Ach, die Zeit bis zum Herbſte, wo ich ſie ſehen und ſprechen werde, iſt doch viel zu lang noch Als der Brief und das Bild in Weſt⸗ gꝛ eußen ankamen, war die gräfliche Fa⸗ milie bei dem Amtmann zum Abendbrodt. Das wohlverwahrte Gemälde mit dem Rahmen fiel dem Amtmann ein und ehe er die Addreſſe las, ſagte er:„Was mag darin ſeyn? Marie, oͤffne die —— — ——— S—— — 71 gene Wachsleinewand.“— Sie nahm ein Meſſer und zerſchnitt den Bindfaden, um ihre und die allgemeine Neügſerde deſto eher zu befriedigen. Der Amtmann, wel⸗ cher zuſah, ſagte lächelnd zu dem Mäd⸗ chen:„Ei, ei, Du wirſt eine ſchlechte Wirthin werden! Den ſchönen, ſtarken Bindfaden ſo in kleine Stuͤckchen zu zer⸗ ſchneiden! Der konnte zu Sodbändern Sſh werden.“ Brigitte ſtand neben ihr. Jetzt lag das Gemaͤlde klar und zum Sehen vor ih⸗ ren Blicken, und ſie ſprach:„Wer mag das ſeyn, ich kenne ihn nicht!“— In demſelben Augenblicke rief Brigitte laüt und mit innerm Entzucken aus:„Das iſt kein Anderer, als Willing!“—„Ja⸗ jo,“ riefen Alle zugleich,„er iſt's, er iſt's, und mit ſprechender Aehnlichkeit getrof⸗ fen!“— Es wurde an die Wand gehängt und Alle ſtanden in näher Entfernung von demſelben, botrachteten es und ſtellten Vergleichungen an.—„Nur freundlicher ſah er aus ſagte der Graf,„als er bei uns war. In dieſem Auge liegt nicht ſein heiterer Geiſt, ſondern mehr Ernſt und Schwermuth ſogar.“—„Das iſt wohl moͤglich,“ ſagte die Gräfin. Sie ſtieß ihren Gatten leiſe an und warf dann einen vielſagenden Blick auf Brigitten hin, der ihm dieſen Ernſt und dieſe Schwer⸗ muth leicht erklaͤrte.— Der Amtmann ſprach:„Der herrliche Menſch! Welche Freude macht er mir! Wenn er nur ſelbſt hier wäre!“— Marie betrachtete das Bild nicht ohne die innerſte Theilnahme und indem ſie es mit Carln verglich, kam es ihr ganz ſo vor, als ob es Aehnlichkeit mit ihm hätte. Willings Zuge kamen ihr nur mannlicher, ſtaͤrker, und die Carls ju⸗ gendlicher und viel, viel zarter und ſanfter vor.„Sieht er wirklich ſo aus und iſt er getroffen,“ ſagte ſie,„ſo iſt er ein ſchö⸗ ner Mann.“—„Ein ſo ſchoͤner,“ antwor⸗ tete die Mutter,„wie ich ihn noch nie ge⸗ ſehen habe. Vielleicht finde ich das auch nur, weil mir zugleich die Vorſtellung ſei⸗ nes guͤtigen, herzlichen, wohlmeinenden 73 Weſens vor der Seele ſieht. Noch ſchöner wuͤrde uns ſein innerer Menſch erſcheinen, wenn der ſich malen ließe.“—„Die ſchoͤnſte Lobrede haſt Du Willingen gehal⸗ ten und ich glaube, daß Du ihm nicht ſchmeichelteſt,“ ſagte Neuberg. Alle ſprachen, nur Brigitte war in ſtummes Nachdenken verſunken. Entzuͤcken und Schmerz wechſelte in ihrem Herzen ab. Thränen draͤngten ſich in ihre Augen. Sie verließ das Zimmer und die Mutter folgte ihr nach.„Was iſt Dir?“ fragte die Gräfin, als ſie ihre Tochter auf dem Wege nach dem Schloſſe eingeholt hatte. „Wir freuen uns Alle und Du betrubſt Dich!“—„Mutter,“ erwiederte ſie, „giebt es nicht auch eine Freude, die aus unſern Thränen ſpricht? Allzu lebendig hat das Bild in mir das Andenken an Wil⸗ ling geweckt. Von neuem habe ich's em⸗ pfunden, welch eine Macht mich zu ihm hinzieht. Keine Sylbe habe ich mit ihm gewechſelt. Ich weiß weiter nichts von ihm, als daß er ein ſchoͤner und edler 74 Jüngling iß. Werde ich ihm gefallen? Rirb ſeine Liebe gegen mich nicht ſinken, wenn er mich in der Naͤhe kennen lernt? Dieſe Fragen quälen mich. Wer kann mir eine beſtimmte Antwort darauf geben? Viel zu lange muß ich noch in dieſer pein⸗ lichen Ungewißheit ſchweben. O, wenn er doch früher nach Weſtgreußen kaͤme!“ Alles bot die Mutter auf, die Tochter möglichſt zu beruhigen und führte ſie, nach Verlauf einer kleinen Stunde, in die Ge⸗ ſellſchaft zuruͤck. Da man die urſache ih⸗ res Weggehens wohl ahnete, fragte ſie bei ihrer Wiedererſcheinung kein Menſch darnach. In ihrer Abweſenheit ſagte Ma⸗ rie:„Nur einmal ſah Brigitte meinen Andebendten Willing, und der Anblick ſeines Bildes ergreiſt ſie ſo gewaltig und ich, die ich von Jugend auf mit Carln, wie mit einem Bruder lebte, ſoll ihn ver⸗ geſſen! Fodert man von mir nicht zu viel, nicht Unnatürliches und Unmög⸗ liches?“— Niemand gab ihr eine Ant⸗ ott und ſie ſchwieg auch. 75 Während die Grafin mit ihrer Toch⸗ ter entfernt waren, las der Amtmann den. Brief Willings laut vor. Dem Graf that es in der Seele wohl, daß der Jüngling mit ſolcher Achtung und Liebe an ihn dachte. „Aber,“ ſprach er,„nicht wahr, lieber Amtmann, wir bitten ihn, nicht eher uns zu beſuchen, bis ich mit meiner Gattin von Berlin zuruͤck bin.“—„Ja, Herr Graf, es bleibt dabei, nicht eher. Ich bitte dann meinen Bruder, daß er mit ſeiner Familie auch hieher koͤmmt.“— Die Stelle des Briefs, wo Willing von Brigitten geſchrieben hatte, ließ der vor⸗ ſichtige Amtmann den Graf allein leſen. — Darauf ſagte er:„Er iſt ein Schwär⸗ mer, wie wir's Alle geweſen ſind!“ Die Tante machte zu dem Allen, was um ſie vorging, große Augen, und ob ſie gleich wenig ſprach, dachte ſie deſto mehr. Wie viel kann ſich in der kurzen Zeit än⸗ dern, ſagte ſie in ſich ſelbſt, was die Plane dieſer guten Menſchen vereitelt! Die Hoffnung ſpinnt uns ſo ſchöne Ge⸗ 76 ſonderbar fängt die Liebe dieſer jungen Leute an, ein Wunder waͤr's, wenn ſie zum Ziele käme. Sie haben ſich beim Lichtſchein auf einem Balle geſehen, und nun wollen ſie ſich heirathen! Iſt das kein Stoff zu einem Roman, wie ihn un⸗ ſere Romandichter noch nicht phantaſtiſcher geſchrieben haben? Brigitten ſchmeckte das Abendbrobt nicht, ſie war in einer exaltirten Seelen⸗ ſtimmung. Wenn die Stubenthur ſich oͤff⸗ nete, ſah ſie raſch dahin, weil ſie glaubte, das lebendige Original wuͤrde dem todten Bilde nachkommen. Ueberhaupt konnte ſie s doch nicht begreifen, wie Willing, der ein Mann und frei war, wenn er die Sehnſucht empfand, die ſie beherrſchte, ſich ſo lange von Weſtgreußen entfernt halten konnte! Wäre ſie in ſeiner Stelle gewe⸗ ſen, heute Abend noch waͤre ſie zu ihm hingeflogen. Sehr einſylbig war ſie, und nur in ihrem Innern beſchaͤftigt. Man that, als ob man das nicht bemerkte und webe, welche die Wuktichkeit zereißt. 3u bleiben und den Verſuch zu mache ſich Marie ohne behrden würde. Nun halte ihrer Bilderkammer und Bri Bilde, als der Vater auf's 77 forderte ſie auch nicht zum Sprechen auf. Sehr lieb war es ihr, daß ſie bei Tiſche juſt einen ſolchen Platz erhielt, wo das Gemaͤlde vor ihr zum Anblicken hing. DOefter, als ſie's ſelbſt dachte, ſah ſie da⸗ hin und kein Verbot ſtorte ſie in dieſem Seelenvergnügen. Daß der Graf und die Graͤfin früher wie gewöhnlich den Amtmann verließen, weil ſie morgen in aller Frühe nach Erfurt reiſen wollten, um die Hitze des Tages zu vermeiden, das war Brigitten ſehr lieb. Sie ſehnte ſich aus der ſtoͤrenden Geſell⸗ ſchaft hinweg, um un Traumereien zu vertiefen. tete die Graͤfin, um ihre chen, die Tante daß ſie mitſuhr, um eine Weile dort zu n, wie ſie in Weſtgreußen ge⸗ en die beiden Maädchen das Reich allein. Marie ſaß in gitte vor dem Feld geritten 78 war. In allen Richtungen betrachtete ſie den gemalten Willing und es kam in ihr — zu dem feſten Urtheil, daß er im wirk⸗ lichen Leben noch ſchoͤner ſey. Als ſie's Beide wohl ein paar Stunden ſo getrie⸗ ben hatten, gingen ſie nach dem Schloß⸗ garten und ihr Geſpraͤch betraf nuͤr ihre Liebe. Die Tante kam nicht wieder mit dem Graf von Erfurt zuruͤck, und nach einer Woche ſehnte ſich Marie ſo ſehr nach ihr, daß der Amtmann, zwar mit verbiſſenem Unwillen, ſie durch ſeine Gattin ihr wieder zuführen ließ. Zu Auguſten ſagte er? „Ein gluͤcklicher Gatte bin ich und ein reicher Mann dazu; aber ein ungluͤcklicher, armer Vater. Hat die Tante uns nicht das Herz des Kindes geraubt? Daß es ſo kommen wuͤrde, ſagte ich voraus. Sollte es dem Maͤdchen nicht am beſten bei ſeinen Eltern gefallen? Aber die länd⸗ liche Einſamkeit iſt ihm zuwider, nur in dem Geraͤuſch der Stadt und in ihren Zer⸗ ſtreuungen findet Marie ihr Vergnügen. 79 6 Wie kalt erwiedert ſie die Beweiſe meiner 5 Vaterliebe!“— Mit betrubter Miene ant⸗ wortete Auguſte:„Es ſchmerzt mich gar ſehr, daß Du an die Liebe Deines Kindes nicht glaubſt. Keinen Werth haͤtte Marie in meinen Augen, wenn ſie den Vater nicht liebte! Aber ſie fuͤhlt ſich in Deiner . Nähe ängſtlich, da ſie es weiß, wie ſehr Du ihrer Liebe gegen Carln entgegen biſt, und ſie kann davon keinen Grund finden, der Dich vollig rechtfertigt. Sie moͤchte Dir ſo gern ganz zu Willen ſeyn und ihr Herz laßt es doch nicht zu. Dieſer Streit, in dem ſie mit ſich ſelber kaͤmpft, dieſes Bewußtſeyn, daß Du mit ihr nicht völlig zufrieden biſt, quaͤlt ſie und halt ſie von Dir in einer peinlichen Entfernung. Kannſt Du Dich denn gar nicht mit dem Gedanken ausſoͤhnen, daß Carl, wenn er ein hraver Mann wird, von Dir Marien zur Gattin erhaͤlt? Kannſt Du ihr nicht zu Willen ſeyn?“—„So, ſo,“ antwor⸗ tete er,„wenn die Eltern thun, was Kinder wollen, iſ's ihnen Recht. Sol ich —. 80 eine Liebe erkaufen, die ihrem Herzen na⸗ tuͤrlich ſeyn muͤßte? Iſt denn in unſerer jetzigen Welt nichts, als verkehrte Ord⸗ nung? Muͤſſen ſich die Eitern nach den Kindern richten? Wo das geſchehen iſt, iſt auch Kindiſches an den Tag gekommen. Bei der alten Ordnung will ich unerſchuͤt⸗ terlich bleiben, mag daraus entſtehen, was da will.“ In dieſer verdrießlichen Stimmung war Neuberg, als Marie reiſefertig in die Stube trat und ſagte:„Mutter, der Wa⸗ gen iſt vorgefahren.“ Sie umarmte den Vater und bat ihn, daß er ſie bald in Er⸗ furt beſuchen ſolle.—„Der Herbſt iſt ja nicht mehr zu fern,“ erwiederte er, „dann koͤmmſt Du zu mir, und wenn Du es aushalten kannſt, bleibſt Du hier. Es iſt nicht gut, wenn ein Kind an die Ab⸗ fahrt aus dem Vaterhauſe erinnert. Weſt⸗ greußen iſt mir ſo lieb, weil meine ver⸗ ſtorbenen Eltern hier ruhen, und Du gehſt von Deinen lebenden Eltern und biſt lie⸗ ber in Erfurt. Hier wurdeſt Du geboren, 81 hier ſtand Deine Wiege, hieher gehoͤrſt Du und in keinen fremden Boden. in Marie weinte und ſagte ſchluchzend:„Va⸗ ter, wenn Du es willſt, ſo bleibe ich hier!“ Und Auguſte, ihre Mutter ſagte zu ihm: „Warum druͤckſt Du ihr bei der Abreiſe den Pfeil ins Herz! Willſt Du ſie nicht reiſen laſſen, ſo darfſt Du ja nur befehlen und ſie muß hier bleiben...“—„Reiſe, reiſe nur,“ ſprach Neuberg,„und erkenne aus dem Geſagten eine Liebe, die immer in Deiner Naͤhe ſeyn moͤchte. Kehre mit heiterm Geſicht in meine Arme zuruͤck. Kommende Woche beſuche ich Dich. Wei⸗ ne nicht. Ein gutes Kind wiegt des Va⸗ ters Worte nicht.“ Er umarmte ſie, fuͤhrte ſie an der Hand in den Wagen, wuͤnſchte ihr mit heiterer Miene ein Lebewohl; aber ſein Herz blutete.„Der fatale Junge in Berlin,“ ſagte er in ſich,„richtet alles Unheil an„ Und, wie wird's im Herbſt werden, wenn er herkoͤmmt!“ So lauge Marie noch in Weſigreußen war, konnte Brigitte, unter dem Vor⸗ n. 6 — 82 wande, ſie zu beſuchen, immer nach dem Amthauſe hinkommen, um das Bild zu ſe⸗ hen, welches ſie auch regelmaͤßig taͤglich that. Oft zoͤgerte ihr die Zeit viel zu lange, ehe ſie den Gang antreten konnte. Jetzt aber, wo Marie nicht mehr hier war, ſiel dieſer Vorwand weg. Sie fuͤhlte ſich ſo ungluͤcklich, da ſie das Gemaͤlde hoͤchſt ſelten ſah, wie eine Geliebte, die von ih⸗ rem Geliebten getrennt iſt. Alles, alles glaubte ſie verloren zu haben, was zwi⸗ ſchen ihr und Willing eine naͤhere Verbin⸗ dung unterhielt. Sie wußte es endlich bei der Mutter dahin zu bringen, daß das Bild auf das Schloß gebracht und in dem Zimmer des Grafen aufgehaͤngt wurde. „Brigitte, Brigitte,“ ſagte der Graf einſt, „zu feſt ſchließeſt Du Dich durch unſichtbare Bande an dieſen Willing an und weißt es doch noch nicht, ob er Dir das in der Wirklichkeit ſeyn wird, wie er Dir im Bilde erſcheint. Dein ganzes Gluͤck machſt Du von den Augenblicken abhaͤngig, wo Du ihn ſahſt! Iſt es denn ſo ausgemacht. 83 daß er in Dir das in Weſtareußen findet, was er auf dem Ball in Dir fand? Wie leicht doch in einem Madchenberzen der Funke zur Flamme auflodert! Ob ſie Dich wohlthaͤtig erwaͤrmen oder verzehren wird, auch das iſt Dir nicht gewiß. Mißtraue Deinem Schickſal, es kömmi im Leben Vieles anders, als man es erwartet. Oft halten wir eine Taͤuſchung der Sinne fuͤr eine Wahrheit, die uns entzuͤckt, aber ſie loͤſt ſich in eine ſchmerzhafte Wirklichkeit auf. Beſchraͤnke Deine Hoffnungen, maͤ⸗ ßige Deine Wuͤnſche, nur ſo erhaͤltſt Du bei Allem, was Dir begegnet, eine innere Ruhe Brigitte uͤberzeugte ſich wohl, daß der Vater Recht haͤtte, aber ſie hatte nur nicht die Kraft, ſeinen Rath zu befol⸗ gen, ſeiner Warnung Gehoͤr zu geben, das Herz, das widerſtrebende Herz war es, was ſie immer wieder in das Gleis ihrer Phantaſien, ihrer Liebe zuruͤckzog. Recht peinlich war es ihr, daß der Herbſt durchaus abgewartet werden mußte, ehe man Willing zu dem verſprochenen Beſuche nach Weſtgreußen einlud. Bloß des Bil⸗ des wegen war ſie zuruͤckgeblieben, ſonſt biu⸗ ſie Marien gern nach Erfurt begleitet. Neuberg ſchrieb in einem Briefe an Wining in Bezug auf das Gemalde fol⸗ gende Worte:„So lange als das Bild auf dem Amthauſe hing, ſtellte die Graͤfin Brigitte regelmäßige Wallfahrten aus dem Schloſſe nach demſelben taͤglich an. Ma⸗ rie wußte es, und wir Alle, daß der Be⸗ ſuch nicht ihr, ſondern dem Bilde galt. Es iſt unbeſchreiblich, wie man ſo lieben kann, als dieſe Brigitte! Ich glaube, es giebt kein Mannsherz, das es dem Frauen⸗ herz in der Liebe gleich thun kann. So geliebt zu werden, das muß Dich Kannſt Du ihr Gefuͤhl erwiedern? Faſt zweifle ich nicht, daß es im Herbſt, wenn Du hieher kömmſt, auch zur Verlobung kömmt. Aus einem Umſtande muß ich's ſogar mit foſt unbezweifelter Gewißheit ſchließen. So lieb mir Dein Bild war, ich habe es, Brigittens wegen, dem Graf überlaſſen müſſen und es hängt, zu ihrem Wuͤrde der Vater ſo guͤtig gegen ſeine Tochter ſeyn, wenn er nicht mit ihr ein⸗ verſtanden waͤre? Mit mir ſpricht er uͤber die Liebe Brigittens zu Dir keine Sylbe und ich frage ihn auch nicht darnach. Als er Dein Bild abholen ließ, ſchrieb er» nur:„Leihen Sie mir's ſo lange, bis Willing ſelber kömmt, dann werde ich ei⸗ nen Maler aus Berlin kommen laſſen und den Capitain bitten, daß er ſich fuͤr mich malen laͤßt. Er iſt mir wie ein theures Glied der Familie, von dem man gern den Schatten hat, wenn es uns in der Wirk⸗ lichkeit entzogen iſt...„Deine Eltern ſind von mir auch eingeladen, im Herbſt hieher zu kommen.“ Im Pfarrhauſe herrſchte eine große Freude, die aber der Hausvater durch ſeine Weisheit maͤßigte. Der Graf war mit ſeiner Familie nach Berlin gereiſet und gab dem Pfarrer, ſeinem verehrten Freun⸗ de, das gewiſſe Verſprechen, daß er die beiden Jünglinge nach Weſtgreußen mit⸗ beliebigen Anſchouen, in ſeinem Zimmer. bringe. Er nahm zwei Wagen zu der Reiſe. In vierzehn Tagen, ſo hoffte man, war der geliebte Sohn in den Armen der Seinen. Auch der aͤlteſte Sohn des Pfar⸗ rers, welcher das Baufach ſtudirte, war gebeten, die Zeit uber, wo Carl hier waͤre, in Weſtgreußen zu verweilen. Höͤchſt gluͤck⸗ lich war der Vater im Geiſte, ſeine zer⸗ ſtreuten verſammelten Kinder um ſich zu ſe⸗ hen. Die beiden juͤngſten Kinder kannten ihre aͤltern Bruͤder gar nicht. Der Pfar⸗ rer war, bei einer maßigen Einnahme, mit ſieben Kindern geſegnet und die beiden aͤlteſten Toͤchter vertraten bei den kleinen Geſchwiſtern Mutterſtelle.„So iſt es recht,“ ſagte der Vater zu ihnen,„es wird Euch fuͤr die Folge ſehr wohl thun, wenn Ihr. unter der Aufſicht Eurer lieben Mutter, die wichtigen Pflichten Eurer kunftigen Beſtimmung fruͤhzeitig lernet und Euch gewoͤhnt, im haͤuslichen Leben den Himmel zu ſinden, der uns anders⸗ wo nicht ſo klar und herrlich lacht.“ Wenn ſeine Gattin von dem Ent⸗ 37 zuͤcken ſprach, mit dem ſie ihre Soͤhne, be⸗ ſonders Carln, ihren Liebling, umarmen und ſie an ihr Herz druͤcken wollte; wenn die aͤltern Schweſtern die Wonnen nicht groß genug ſchildern konnten, ihre erwach⸗ ſenen Bruͤder zu ſehen, da ſprach der Pfarrer:„Ich freue mich, als freute ich mich nicht. Rechnet nicht mit unfehlbarer Gewißheit auf ein Gluͤck, was uns ſo leicht geraubt und geſchmaͤlert werden kann. Die groͤßten Freuden werden uns oft ganz vereitelt und ſelten genießen wir ſie rein und ohne bittern Beiſatz. Carl wird hier nicht ganz froh und heiter ſeyn, wenn er Marien nicht findet, denn dieſe, ſo habe ich gehört, ſoll dann ſogar von Erfurt ent⸗ fernt werden. Der Amtmann iſt ein kern⸗ guter Menſch; aber daß er ſo aͤngſtlich wacht, damit Carl mit ſeiner Tochter auch nicht in die leiſeſte Beruͤhrung koͤmmt, das moͤchte ich ſehr uͤbel nehmen, wenn ich ihm zurnen koͤnnte. Nichts, gar nichts wird er ausrichten, wenn der liebe Gott die Verbindung dieſer Kinder beſchloſſen 4 hat, um ſie zu hintertreiben. Will er ſie bei ſeinem Leben nicht, ſo darf ja der Himmel im Tode ihm nur die Augen zu⸗ ſchließen, und ſie geht vor ſich⸗ Ach, und wie vieles kömmt in dieſer Welt zu Stande, was wir nie achten, nie glaub⸗ ten! Was Neuberg aus freiem Willen und aus Zwang nicht thun will, das wird er zu einer andern Zeit zugeben muͤſſen, und vielleicht gar darum bitten. Damit will ich auch meinen Carl troͤſten, wenn er traurig iſt.“ Im Pfarrhauſe ging Ken eine neue Schöpfung vor, um den lieben Ga⸗ ſten auch durch Aeußeres zu beweiſen, wie man ihre Erſcheinung ehrte. Reinlichkeit herrſchte immer in demſelben und zwar in einem ſo hohen Grade, daß der Pfarrer oft daruͤber ſchmollte, wenn er in ſeiner Ruhe geſtohrt wurde. Oft war er bei der Ruͤckkehr ſogar verdrießlich, wenn man ſeine Studirſtube geſcheuert und Manches, um die Ordnung herzuſtellen, auf eine an⸗ dere Stelle gelegt und Papierchen, die er * — 89 mit Gebanken beſchrieb, ſo verkramt hatte, daß er ſie nicht wiederfinden konnte. Die Predigerfrau war in Greußen geweſen und hatte, außer vielen andern Sachen, ihrem Gatten einen neuen Schlafpelz mitgebracht, da der alte ſchon zu ſehr verbraucht war, den er an dem Abend anziehen ſollte, wenn die Soͤhne ankaͤmen. Stubenthuͤren, Schraͤnke wurden neu angeſtrichen, die Gardinen gewaſchen und nach der neueſten Mode auſgeſteckt, Sopha und Stuͤhle mit Moͤbelkattun uͤberzogen und die Fremden⸗ ſtube ſogar gemalt.„Ihr macht es ja ſo ſchoͤn, wie in dem gräflichen Schloſſe,“ ſagte er lächelnd.„Es ſieht hier bei dem armen Pfarrer, wie bei einem Edelmann aus. Wenn nur die Gäſte erſt hier ſind, fuͤr die die Herrlichkeit bereitet iſt! Sie werden glauben, daß uns die Thorheit der Putzſucht im Alter noch befallen hat.“ Der Pfarrer, um ſich der Gegenwalt ſeiner Soͤhne ſo recht allein und ungeſtoͤrt zu freuen, wollte ſogar in der Zeit ihres— Hierſeyns ſeinen Schülern, die er zu ge⸗ wiſſen Tagsſtunden unterrichtete, Ferien geben. Dieſer Unterricht machte ihm ſelbſt die groͤßte Freude und diente ihm zur an⸗ genehmſten Unterhaltung. Jetichen, eine Tochter aus einer geehrten Familie, in der der Pfarrer, wie im eigenen Hauſe, ſich frei und gluͤcklich füͤhlte, kam aus dem benachbarten Klingen täglich zu ihm gefah⸗ ren, um Theit an den Lehrſtunden zu neh⸗ men. Ihre herrliche Großmutter und ihre mit der zaͤrtlichſten Sorgfalt fuͤr ihre Bil⸗ dung ſtrebenden Eltern, hatten ſie dem Pfarrer vertrauungsvoll hingegeben. Sie war ein gemuthsfrohes, unbefangenes, weichmuͤthiges Kind, mit vorzuͤglichen An⸗ lagen und reiner, liebevoller Herzensguͤte. Zu der kleinen Schule gehörte ferner An⸗ dreas, eines gemeinen Mannes Sohn, ge⸗ hegt und gepflegt von Jugend an von dem geſchickten, freundlichen Schullehrer des Orts, der ihm als Voter galt. Dieſer Knabe hatte ein recht redliches Gemuͤth, eine entſchiedene Gefaͤlligkeitsliebe, kindliche Beſcheidenheit und ſtille Ruhe in ſeinem * —————— ——— 91 Weſen. Seine Geiſtesgaben waren nicht hervorleuchtende, aber an leichter Faſſungs⸗ kraft, richtiger Beurtheilung und Lernluſt fehlte es ihm nie. Permann war der zweite Schuͤler, ein gar zu ehrlicher, wohl⸗ meinender, biederer, hoͤchſt gefaͤlliger Knabe, mit einem vorzuͤglichen Gedaͤchtniß, aber noch nicht zum Denken gewoͤhnt. Wie leicht konnte er einem Scherze verzeihen, wenn er oft auch beleidigend war. Mit zarter Innigkeit hing er an dem Lehrer, wie an ſeinem fuͤrtrefflichen Vater, der in der Nachbarſchaft wohnte und bei ſeinen Reiſen oͤfter freundlich bei dem Pfarrer einſprach. Der dritte und kleinſte Nnabe war Carl. Die Natur hatte ihn durch be⸗ ſondere Verſtandesanlagen, durch Guͤte des Charakters und körperliche Bildung ausge⸗ zeichnet. Ernſt und Freundlichkeit glaͤnzte aus ſeinen großen Augen. Er gab alle Hoffnung, einſt ein tiefer und ſcharfer Denker zu werden. Unſchuld und Natur war der Schmuck ſeines Weſens. Dieſe Schule, die noch durch drei Kinder des Pfarrers vergrößert wurde, war ihm der heilige, freundliche Ort, wo er ſich wie in ſeinem Elemente fuͤhlte, wo er manche Sorge vergaß und wo er taͤglich die Fruͤchte ſeiner zweckmaͤßigen Bemuhungen erndtete. Aber, ſo groß war ſeine Freude über den Aufenthalt ſeiner Soͤhne in Weſt⸗ greußen, daß er dieſe Schule, ſo lange ſie hier wären, ausfallen laſſen wollte, und — das wollte bei ihm viel und Alles ſa⸗ gen. Der Graf war mit ſeiner Familie des Nachmittags in Berlin angekommen. Er hatte ſich in dem vornehmſten Gaſthofe der Stadt kaum von ſeiner Reiſe erholt, als er ſich nach der Wohnung des Doctors er⸗ kundigte und ſogleich ſeinen Kammerdiener mit einem Lohnlaquai dahin ſchickte, um Carl zu ſich laden zu laſſen. Alle freuten ſich in gleichem Grade, einen Juͤngling zu ſehen, von dem alle Zeugniſſe auf's ruͤhm⸗ lichſte ſprachen. Der Graf wollte es durch ihn von dem Doctor erbitten laſſen, 93 daß er alle Abende mit ſeinem Freunde Auguſt im Gaſthofe bei ihm eſſen duͤrfe. Als Carl den Kammerdiener des Grafen ſah und erkannte, wurde er von der Freude ſo uͤberwaͤltigt, daß er ihm jn die Arme fiel und ihn kuͤßte.„Der Graf iſt hier!“ rief er mithlauter Stimme und voll Entzuͤcken aus,„nun iſt's mit meiner Reiſe nach Weſtgreußen gewiß!“— Au⸗ guſt ſtand neben ihm voll Verwunderung. Er umarmte ihn mit feuriger Bruderliebe und ſprach:„Auguſt, freue Dich mit mir, ich kann meines Gluͤcks kein Ende finden!“— Auch der Doctor mit ſeiner Gattin kam auf den Hausflur, als ſie den Jubel hoͤrten. Carl jauchzte ihnen entge⸗ gen:„Der Graf iſt hier!“ Der Kammerdiener konnte erſt gar nicht zu Worte kommen, er freute ſich im Innern mit dem gluͤcklichen Juͤnglinge und ſagte dann:„Der Herr Graf ſind mit ihrer Familie hier und laſſen Sie zu ſich bitten. Sie bitten zugleich den Herrn Doctor, daß es Ihnen erlaubt werde.“— „ich gehe mit Ihnen!“—„Nein, mein lieber Carl,“ ſagte die Tante,„ſo geht's nicht, Du mußt Dich anders ankleiden.“ „Mein Freund, mein Wohlthaͤter,“ ſagte Carl,„ſieht nicht auf den Rock.“— „Aber ich bitte Dich darum,“ ſagte die Tante, und Cärl gehorchte augenblicklich. Als der Kammerdiener den Gaſthof genannt hatte, entfernte er ſich und brachte ſeinem Herrn die Nachricht:„Der junge Menſch war eigentlich vor Freude außer ſich, als er von Ihrer Ankunft hoͤrte. Er waͤre ſogleich mit mir gekommen, wenn die „Ich komme,“ ſiel ihm Carl ins Wort, Doctorfrau ihn nicht bat, ſich anders an⸗ zukleiden. Er ſagte ihr ins Geſicht: mein Freund und Wohlthäter ſieht nicht auf den Rock.“— Geruͤhrt ſagte der Graf:„Der liebe, herrliche Junge!“ Wie Vieles hatte die Tante noch an ſeinem Anzuge zu beſſern! Er mußte ſo⸗ gar ein feineres Oberhemde anziehen, was er in der Freude ganz vergaß. Der Graf und ſeine Familie, Marie, ſeine Eltern und Geſchwiſter, ſchwebten ſeinen trunke⸗ nen Blicken wie himmliſche Geſtalten voruͤber, er war uͤber die Wirklichkeit er⸗ haben und wandelte mit ſeinen Phan⸗ taſien in dem Lichte der Seligen. Sein Gang nach dem Gaſthofe war ein Huͤpfen und Springen, um und neben ſich ſah er die Menſchen nicht. Faſt athemlos kam er vor demſelben an.„Hier bin ich, Herr Graf,“ rief er freudig aus, als er in das Zimmer deſſelben trat,„und kann vor Freude nicht ſprechen! Erlauben Sie, daß ich mich erhole. Dank, Dank ſey das erſte Wort, was ich in Ihrer Gegenwart ausſpreche. Sie nehmen meinem Vater Ausgaben fuͤr mich ab, die er nicht be⸗ ſtreiten könnte! Aber Ihrer Guͤte ſtrebe Der edle Graf u ich auch mit der ganzen Kraft, die mir Gott gegeben hat, wuͤrdig zu werden.“— marmte den Juͤngling und ſprach mit bewegter Stimme:„Danke nicht, lieber Cart, Wohlthun leicht un das als Verdienſt a dem Reichen wird das d ich rechne mir nur n, daß ich mein Geld 96 zu den beſten Zwecken verwende. Sey frohen Muthes, an Mitteln, Deine Stu⸗ dien ohne Nahrungsſorgen fortzuſetzen, foll es Dir nicht fehlen. Aber, wie groß, wie ſchoͤn biſt Du geworden! Waͤrſt Du mir auf der Straße begegnet, ich haͤtte Dich nicht gekannt.“—„Der Körper waͤchſt, ohne unſer Zuthun, von ſelbſt fort,“ ſagte er,„aher recht ſaure Muͤhe koſtet es, wenn der Geiſt in der Jugend gleichen Schritt mit ihm halten ſoll. Ein kleiner Geiſt und ein großer Koͤrper iſt ein veraͤchtliches Ding.“ Carls edle Geſtalt und den maͤnnlichen Ton ſeiner Stimme. Freundliches ſagte ſie ihm und meldete ihm das Wohlbefin⸗ den ſeiner Eltern. Auch Brigitte ſah ihn mit Staunen und innerm Wohlgefallen an und ſie fand, daß ſelbſt das Ideal alles † Schoͤnen, was ſie in der Bruſt trug, Wil⸗ ling, nur ſchoͤner ſey als Carl. Herzliche, freundliche Geſpraͤche wurden gefuͤhrt und 6 Carl konnte ſich bald als ein Glied der † Auch die Graͤfin wunderte ſich uͤber Dir?“— 97 Familie betrachten. Nach Marien aber wagte er nicht zu fragen und von ihr wurde keine Sylbe geſprochen. Um dar⸗ auf aus der Ferne hinzuleiten und zu er⸗ fahren, ob Willing Wort gehalten hätte, ſagte er:„Haben Sie nicht einen Capi⸗ tain Willing kennen gelernt? Er beſuchte mich hier, und reiſete nach Weſtgreußen. Ich gab ihm einen Brief an meinen Vater mit, den er, wegen ſeines Aufenthalts un⸗ terwegs, zwar ſelbſt, aber ſehr ſpaͤt abge⸗ geben hat.“— Ein freudiger Schreck fuhr durch Brigittens Glieder, als ſie den Na⸗ men Willing nennen hoͤrte.—„Was ur⸗ theilſt Du von dieſem Willing,“ fragte der Graf.—„Nur das Beſte,“ antwortete Carl,„wenn die erſte und kurze Bekannt⸗ ſchaft ein ſolches Urtheil als guͤltig er⸗ laubt. Er zeigte Kopf und Herz. Un⸗ glaublich habe ich ihn liebgewonnen. Er gab mir ein theures Verſprechen und ich moͤchte wohl wiſſen, ob er Wort gehalten hat—„Welches Verſprechen gab er „Mir Marien nicht zu rau⸗ II. 98 ben.“—„Da hat er Wort gehalten,“ ſagte der Graf, und lächelte nach Brigit⸗ ten hin. Jetzt nun hatte das Kapitel von Marien angehoben und Carl freute ſich unendlich, aus dem Munde dieſer Familie die zuverlaͤſſigſten Nachrichten von ihr zu erhalten. Der Graf fing alſo an:„Recht beſorgt ſind Deine herrlichen Eltern, daß Du, nach einer kurzen Freude, die uͤbrige Zeit Deines Aufenthalts bei ihnen ver⸗ trauern wirſt, und vor dieſem Schmerze fuͤrchten ſie ſich ſehr. Marien findeſt Du dort nicht, auch in Erfurt iſt ſie nicht mehr. Der Amtmann Neuberg will es nicht, daß ſie Dich ſehen ſoll. Gegen Dich ſelbſt hat er nichts, recht herzlich liebt er Dich, aber es iſt ihm unleidlich, daß Du mit liebender Zärtlichkeit an ſei⸗ ner Tochter haͤngſt. Die Jugendpoſſe, ſagte er neulich, hat Carl lange genug ge⸗ ſpielt, endlich koͤnnte er aufhoͤren. Will er mich durch ſein, fuͤr ſein Alter unpaſ⸗ ſendes Betragen zwingen, ihm einſt meine 99 Tochter zur Gattin zu geben? Das kann er nicht, er ſoll es nicht. Weiß er's denn gewiß, da meine Marie in ihm den ſpie⸗ lenden Knaben nur liebt, ob ſie ihn auch zum Gatten wählen wird? um ſeiner thörichten Scbwaͤrmerei nicht neue Nah⸗ rung zu geben, werde ich ſie, während ſei⸗ nes Hierſeyns, ſo weit von Weſtgreußen entfernen, daß ihm die Luſt vergehen ſoll, ihr eine Viſite zu machen.“ „Ach! Du lieber Gott,“ ſagte Carl, eine Thrane ſtand ihm im Auge und er blickte himmelwaͤrts,„die reinſte, kindliche Liebe, wie ſie tiefer und froͤmmer kein Menſchenherz empfinden kann, die nennt man eine thoͤrichte Schwaͤrmerei? Vater dieſer Tochter, der Du ſie aus meiner Naͤhe entfernſt, als ob mein Hauch ihr toͤdtlich waͤre, wie ich, haſt Du nie geliebt, ſonſt waͤrſt Du gegen mich ſo unbarmher⸗ zig nicht! Aber gegen den Strom kann 8 ich nicht ſchwimmen und muß es mir ge⸗ fallen laſſen, wie's der Herr Amtmann mit mir macht, Moͤge er's nur nie bereuen muͤſſen, daß er den Geſetzen der Natur, der Neigung des Gemuͤths und der Liebe, die ſo innig mit meiner Seele verbunden iſt, wie ihr Leben ſelbſt, Trotz bot... Nein, nein, Herr Graf, ich werde durch eine vergebliche Trauer die Freude meiner Eltern, waͤhrend meines Aufenthalts bei ihnen, nicht ſchmaͤlern. Ich muß mich be⸗ herrſchen, da ich's weiß, welche heiligen Pflichten ein dankbarer Sohn gegen ſeine geliebten Eltern zu erfullen hat. Alſo, Marien werde ich nicht ſehen! Sie hat vor mir, wie vor einem Feinde, fluchten muͤſſen! Mit welchem Herzen ſie mir aus dem Wege geht, das moͤchte ich wohl wiſ⸗ ſen. Nur mit freudiger Erinnerung kann ſie an mich denken, beleidigt habe ich ſie nie!“—„Daß ſie mit Freuden an Dich denkt, das glaube ich ſelbſt, wir erinnern uns ja im Alter immer noch gern an un⸗ ſere Jugendgeſpielen, ob ſie Dich aber ſo leidenſchaftlich, ſo einzig, ſo feſt liebt, wie Du ſie, das bezweifele ich und Du wirſt es ihr nicht übel anrechnen. In jedem 101 Falle rathe ich Dir— Du weſßt, wie gut ich's mit Dir meine— laß es Dein gan⸗ zes Bemuͤhen ſeyn, Dich aus dem Netze loszuwinden, in das Du Dich verwickelt haſt. Phantaſten ſind's, die vielleicht nie verwirklicht werden, die Deine Jugend truͤ⸗ ben, die Dein Leben mit einer ſchweren Buͤrde belaſten, die Du Dir aufgeladen haſt und welche Du ohne einen vernuͤnf⸗ tigen Zweck traͤgſt. Wie Vieles muß der Menſch aufopfern lernen, wenn er ſich zu⸗ frieden ſtellen, fuͤr ſeinen Beruf tuͤchtig machen und die unvermeidlichen Leiden durch ſelbſtgeſchaffene und erkuͤnſtelte nicht vermehren will! Bereite Dich vor, viel⸗ leicht in kurzer Zeit Marien zu verlieren und verarge es ihr nicht, wenn ſie an der Hand ihres Gatten ſich gluͤcklich fuͤhlt. Sey nicht grauſam gegen Dich, betruͤbe Deinen herrlichen Vater nicht und mache auch mir die Freude, Dich heiter und froh zu wiſſen.“—„Herr Graf,“ erwiederte er,„was meine Kraft zulaͤßt, werde ich uber mich zu gewinnen ſuchen, mehr aber 102 kann ein Gott nicht von⸗mir fordern, der mir das Maaß derſelben zugemeſſen hat.“ Es wurde nun von andern Gegenſtän⸗ den geſprochen. Cart lobte den Doctor und ſeine Gattin, beſonders den gutmuͤthi⸗ gen, ſehr gebildeten Auguſt, der ſeine Wonne, ſeine Stutze ſey. Der Graf ſagte: „So lange ich in Berlin bin, ſollt Ihr Beide die Abende bei mir zubringen. Morgen beſuche ich Deine Freunde ſelbſt und will den Herrn Doctor um dieſe Er⸗ laubniß bitten.“ Der Graf hielt Wort. Mit zuvor⸗ kommender Achtung wurde er mit ſeiner Gattin empfangen und waͤhrend ſeines Aufenthalts in Ber lernten ſich die bei⸗ den Familien genauer rennen und gegen⸗ ſeitig ſchaͤtzen und lieben. Der Doctor ruͤhmte das vorzugliche Geiſtestalent Carls und ſeine muſterhafte Auffuͤhrung. Die Gattin des Doctors aber wußte ſeinen kindlichen Sinn, ſein reines Gemuͤth, ſeine Tugend nicht genug zu loben. Auch über ſeine Liebe zu Marien wurde geſprochen 103 und der Doctor fand, daß er, in der La⸗ ge ihres Vaters, nicht anders handeln wuͤrde. Man duͤrfe der ungewiſſen Zukunft, in der in einem Juͤnglingsherzen und wenn es auch das beſte wäre, ſonderbare, unge⸗ glaubte Veraͤnderungen vorgehen könnten, das Schickſal einer Tochter nicht anvertrau⸗ en. Vielleicht geſchaͤhe Carln mit dem Nachgeben Neubergs ſelbſt kein guter Dienſt. Es ſey nicht gleichguͤltig, ob er, wenn er die maͤnnlichen Jahre erreicht haͤtte, ſich mit Marien aus Pflicht, um ein gegebenes Wort zu halten, oder aus zaͤrtlicher Nei⸗ gung, verbaͤnde. Man habe der Beiſpiele, wo die lodernde Flamme einer jugendlichen Liebe erloſchen ſey. Anders aber dachte die Gattin über, ejen Punkt und war nicht ſeiner Meinung.„Ein ſolches Herz, wie das unſeres Carls,“ ſagte ſie,„iſt ein unveraͤnderliches, in dem die einmal einge⸗ wurzelte Liebe durch die Zeit nicht geſchwäͤcht werden kann. So hart wie der Amtmann koͤnnte ich nicht ſeyn. Er denkt das Gluͤck ſeiner Tochter zu bauen, aber er kann es auch zertruͤmmern. Iſt er es nicht, der uͤber die Jugend zweier Menſchen die Wolken des Grams verbreitet? Warum ſollen ſie ſich nicht ſehen? Wird dieſe Tren⸗ nung, in der er ſie von einander hält, ſtatt ihre Neigung zu ſchwaͤchen, ſie nicht noch mehr verſtärken? Bei aller Vorſicht und Wochſamkeit, die nicht unterbleiben durfte, konnte man ſie, wie unbemerkt, mit einan⸗ der umgehen laſſen und es einer hoͤhern Hand anheim ſtellen, wie ſie ſie fuͤhrte. Von ohngefaͤhr iſt dieſe Liebe nicht, ſoll ſie fortbeſtehen oder untergehen, das iſt Gottes Sache, und der Menſch kennt ſeine Ohnmacht nicht, der ſie hemmen will.“ Carl und Auguſt genoſſen mit der graͤflichen Familie alle die ſchoͤnen Vergnu⸗ gungen, welche die Hauptſtadt darbietet. Er wurde heiterer. Zu den Studien hat⸗ ten die Juͤnglinge keine Luſt mehr, da der Termin ihrer Ahreiſe näher ruͤckte. Aus langer und alter Bekanntſchaft ſchloß ſich Brigitte recht ſchweſterlich an ihn an. Von ihr erfuhr er's, wie Marie ihn noch * * uebe und wie kein Gebot ſie zwingen könne, einem Andern ihre Hand zu geben, und ihr theilte er ſein Herz ganz mit, daß kei⸗ ne Gewalt ihn von ihr losreißen könne. Brigitte ſagte:„Bleibt nur beharrlich und treu, und wenn ſich vor Euch Hinderniſſe, wie himmelhohe Berge aufthuͤrmen, Ihr werdet ſie uͤberſteigen und endlich zum Ziele kommen.„Er ſchrieb einen langen Brief an Marien und ſie gab ihm das Verſpre⸗ chen, ihr denſelben zu uͤberreichen. Da er's nun gewiß wußte, welchen Rang er in Mariens Herzen behauptete, wie un⸗ vermindert ihre Liebe zu ihm in ihr fort⸗ gluhte, fühlte er ſich getroͤſtet, wurde fro⸗ her und nahm ſich's feſt vor, in Weſtgreu⸗ ßen recht vergnuͤgt zu ſeyn. Der Stern ſeiner Wonne keuchtete, zwar in weiter Ferne, aber ihn hob die ſuͤße Hoffnung, demſelben naͤher zu kommen. Im Beſitze ſeines Gluͤcks war er noch nicht; aber es konnte ihm nicht geraubt werden. Brigitte war ſo voll von ihrem Wil⸗ ling, daß ſie Carin aufrichtig erzaͤhlte, was 106 ſie von ihm glaubte, wußte, gegen ihn em⸗ pfand und von ihm hoffte. Er mußte ihr haarklein erzaͤhlen, was er mit ihm gere⸗ det hatte, ihr ſeine Mienen, Augen, ſeine Kleidung ꝛc. beſchreiben und er that das Alles mit der groͤßten Gefälligkeit. Ihr glaubte er einen großen Dank ſchuldig zu ſiyn und war gern erboͤtig, dieſelbe Ge⸗ ſchichte, wenn er bei ihr allein war, ſo oft ſie's verlange zu wiederholen. Fruͤdzeitig ſchrieb der Graf an den Amtmann Neuberg, wie es muͤndlich ver⸗ abredet war, und bat, daß er ihm die noͤthigen Pferde auf eine Tagreiſe von Weſtgreußen entgegen ſchickte. Er erſuchte ihn zugleich, den Tag der Ankunft dem Herrn Pforrer bekannt zu machen, wo er ſeinen Sohn und deſſen Freund ſehen wer⸗ de.„Carl,“ ſchrieb der Graf,„iſt ein vollig ausgewachſener Jüngling. Seine Geſtalt iſt groß und edel und ſein Geſicht einneh⸗ mend, wie ſein ganzes Weſen. Einen ſchoͤnern und liebenswürdigern jungen Menſchen ſah ich nie. Man iſt von Ach⸗ 107 tung und Liebe gegen ihn voll. Wollen Sie's nicht, daß Marie ihn ſehen ſoll, ſo treffen Sie die noͤthigen Anſtalten, um ſie zu entfernen. In Ihrer Stelle waͤre ich ungewiß, was ich thun ſollte. Vielleicht kommen Sie auf andere Gedanken, wenn Sie Carln ſelbſt ſehen. Er wird und muß Ihr Herz gewinnen. Es iſt ihm unbegreif⸗ lich, daß Sie Marien ihm verbergen und ſie vor ihm gleichſam in Sicherheit ſtellen, als ob er auf ihr Verderben ausginge; aber dennoch zuͤrnt ſein Herz Ihnen nicht und er, der keiner Luͤge und Verſtellung fähig iſt, ſagte: ein Vater kann min ſei⸗ nem Kinde thun, was er fuͤr gut findet und darf deshalb Keinem Rechenſchaft ab⸗ legen ꝛc.“ Am letzten Abend war die graͤfliche Familie zu dem Doctor gebeten, bei dem man eine große Geſellſchaft und mehrere ausgezeichnete Gelehrte fand. Recht herz⸗ lich ſchied der Graf von dem Doctor, der ihm das Verſprechen geben mußte, ihn im kommenden Fruͤhjahr zu beſuchen. „Wer weiß,“ ſagte der Graf,„ob ich nicht den naͤchſten Winter in Berlin lebe. Meiner Gattin hat es hier vorzuͤglich ge⸗ fallen. Wir beſuchten uns dann oft.“ Ehe der Morgen graute, fuhr man aus dem Brandenburger Thore. Hell er⸗ leuchtet vom Mondlicht ſtrahlte die herrliche Victoria von oben herab, als ob ſie dem unuberwindlichen Preußenheere Ruhm ſpräche und ſagte:„Ein Despot und Er⸗ oberer entriß mich dem geliebten Vater⸗ lande, mit Gott haben mich ſeine tapfern Söhne wieder frei gemacht.“ Brigitte hatte nur Augen fuͤr das eiſerne Kreuz und ſie ſagte zur Mutter:„Willing trägt auf ſeiner Bruſt auch das eiſerne Kreuz.“— „Gott weiß,“ ſagte der Graf lächelnd⸗ „wie voll Deine Seele von dieſem Villing iſt! Allenthalben, ſogar vor dem Bran⸗ denburger Thore, findeſt Du Gegenſtände, die Dich an ihn erinnern. Noch eine Woche gedulde Dich und Du wirſt ihn ſehen.“ In dem zweiten Wagen ſaßen Carl, 109 Auguſt mit den beiden jungen Grafen und man hoͤrte es, daß ſie laut ſprachen und lachten. Die Reiſe wurde ohne Unfall zu⸗ ruͤckgelegt und am Abend des vierten Ta⸗ ges fand der Graf an dem bezeichneten Orte die beſtellten Pferde. Im Pfarrhauſe herrſchte eine recht le⸗ bendige Freude. Schon ſeit zwei Tagen war der aͤltere Sohn angekommen, der ſei⸗ nem von Berlin kommenden Bruder mit Entzuͤcken entgegen ſah. Alle Kinder des Pfarrers liebten ſich mit unbeſchreiblicher Zaͤrtlichkeit. Nie duldeten es die Eltern, daß ein langer Zwiſt ſie entzweite und ſie ſelbſt waren ihnen ja das Vorbild der Ei⸗ nigkeit und einer herzlichen Zuneigung. „Im Vaterhauſe,“ ſprach der Vater,„muß die himmliſche Bluthe der Liebe, die dem Kindesherzen von der hoͤchſten Liebe einge⸗ pflanzt iſt, volle Nahrung erhalten, wenn ſie wachſen und gedeihen und die unver⸗ gaͤnglichen Fruchte fur's Leben tragen ſoll. BGeſchieht ihr aber auch da Abbruch und verkruͤppelt ſie, dann iſt dem ungluͤcklichen Menſchen die heilige Quelle, aus der er Wonnen fuͤr ſich und Andere ſchoͤpft, fur immer verſtopft, die Tugend wird ihm ſchwer und leicht betritt er die Laſterbahn und ſchreitet auf ihr vorwaͤrts.“ Es war etwa vier Uhr Nachmittags, als man ahnete, daß Carl mit dem Graf nun bald ankommen koͤnne. Niemand patte im Hauſe mehr Ruhe, ſelbſt die klei⸗ nen Kinder wollten fort und dem Bruder Carl entgegen gehen. Feſtlich wie am Sonntage gekleidet, zogen ſie Alle aus dem Dorfe und alle Voruͤbergehende laſen ih⸗ nen das innere Entzucken aus dem Ge⸗ ſichte. Die Bewohner des Ortes, die den Pfarrer geſehen hatten, der ſonſt immer eine ernſte Miene machte, ſagten in ihren Haͤuſern:„Dem Herrn Pfarrer muß ein ſehr großes Glück bevorſtehen, er gruͤßte ungewöhnlich freundlich und hell und klar war ſein Angeſicht, wie der blaue Himmel, wenn die Sterne daran glänzen.“ Langſam ging man weiter, nur mit der Freude beſchäftigt, den lieben Sohn, „ III den theuern Bruder, zu umarmen, indeß drei der kleinern Kinder, Hand in Hand, ſprechend und lachend; ſo voraus geeilt waren, daß ihnen Stiüſtehn geboten wer⸗ den mußte. Ein Jeder nannte von ihnen das Liebſte, was ihm der liebe Bruder mitbringen werde. Getaͤuſcht wurden ſie in ihren Hoffnungen auch nicht, denn der guͤtige Graf hatte ihm Geld mit den Wor⸗ ten gegeben:„Deine kleinern Geſchwiſter erwarten nicht Dich allein, ſondern von Dir auch ein kleines Geſchenk von Berlin. Mache Dir ſelbſt das groͤßte Vergnügen und kaufe ihnen, was Du fuͤr ſie fuͤr gut findeſt.“— Wohl hatte der edle Graf Recht, der auch das Kleinſte nicht vergaß, was Andern Freude machen kann, daß fuͤr ein liebendes Herz im Geben eine wahre Wonne liegt. Die Predigerfamilie hatte, etwa eine halbe Stunde von Weſtgreußen, eine An⸗ hoͤhe erreicht, von der man eine Stunde weit den Weg ſehen konnte, auf dem der Graf kommen mußte, und hier wurde Halt gemacht. * Fernrohr die Gegend und wurde den Arlt⸗ mann gewahr, der in weiter Ferne auf ſeinem Pferde nach Weſtgreußen zuruͤckritt. „Wie ganz anders mag es in dem Herzen dieſes Mannes ausſehen,“ ſagte er,„als in den unſern. Er iſt gewiß duͤſter ge⸗ ſtimmt und wir ſind in der Hoffnung ſo ſelig. Wie bedaure ich ihn, daß er ſich mit ſelbſtgeſchaffenem Kummer quält! Trau⸗ rig ſah er ſeiner ſcheidenden Tochter nach und wir freuen uns uber den ankommen⸗ den Sohn. Iſt es nicht die Schuld der Menſchen, daß ſie an Wonnen immer mehr verarmen, da Gott ſie an freudigen Ge⸗ nüſſen reich machen will? Unſer Inneres giebt der Außenwelt die Farben, die ſie tragen, und macht es, ob ſie uns an⸗ * lachen oder anweinen ſoll.“ Zwei Stunden waren ſchon verfloſſen und man ſah keinen Wagen auf der Heer⸗ ſtraße, der ſich Weſtgreußen nahete. Die kleinern Kinder wurden unruhig und klag⸗ Er uͤberſchaute durch ein ten uͤber Hunger. F„Die Sache wird mir 113 ſelbſt bedenklich,“ ſprach der Pfarrer. „Nach der Rechnung des Amtmanns muͤßte der Graf ſchon hier ſeyn. Ein Un⸗ glüͤck kann uns auf der weiten Reiſe leicht begegnen, das uns wider Willen aufhalt und die Ankunft verſpaͤtet. Und wir wiſ⸗ ſen es doch nicht gewiß, ob Carl und Au⸗ guſt kommen.“—„Ja, ja,“ rief die al⸗ teſte Tochter,„ſie kommen, ſie kommen! Dieſſeit Greußen ſehe ich eine Staub⸗ wolke.—„Madchen, mache uns nicht vergeblich einen freudigen Schreck,“ fprach der Pfarrer.— Alle riefen:„Wir ſehen eine Staubwolke!“— Raſch ſah der Pfarrer durchs Fernglas, ſeine Hand zit⸗ terte und nach einer Weile rief er aus, da er erſt ſeiner Sache gewiß ſeyn wollte: „Ja, es ſind die beiden Wagen des Gra⸗ fen! Wenn nur Carl mit darin ſitzt!“ Nun aber war auch kein Halten mehr. Die Kinder liefen vom Berge hinab, lang⸗ ſamer folgten ihnen die Eltern nach. Die aͤltern Geſchwiſter nahmen die jungern bei der Hand und ſo ging's vorwarts.„Lauft 114 nicht ſo,“ rief ihnen der Pfarrer nach, „daß wir mitkommen!“— Seiner Gattin huͤpfte vor unendlich freudigem Gefuhl das Herz in der Bruſt. Die Wagen nahten, man ſah weiße Schnupftuͤcher aus denſelben in der Luft flattern.„Carl iſt dabei,“ ſagte der Pfar⸗ rer,„das ſind die Freudezeichen ſeiner Er⸗ ſcheinung!“— Und als die Wagen nun da waren und man den Jubel in denſelben und das Rufen hoͤrte, da ſprang ein Juͤngling aus dem hintern Wagen, groß und ſchlank und kam in vollem Laufen auf„ den Pfarrer zu.„Wäre das unſer Carl?“ ſagte er zu ſeiner Gattin, die kein Wort ſprechen konnte.„Nein, ſo groß iſt er nicht geworden!“— Er kam naͤher, er wurde erkannt und war es wirklich. Als er ſeine Eltern und Geſchwiſter umarmte, ſtuͤrzten ihm die hellen Thraͤnen uͤber die Wangen und das Gefuͤhl war ſo gewaltig in ihm, daß er nur die Worte:„Vater, Mutter,“ ausſtoßen konnte. Die Freude war unbeſchreiblich Im Vorbeifahren rief 115 der Graf:„Ich ſtoͤre Sie nicht, morgen ſehen wir uns!“ Unterdeß war auch Auguſt in dem frohen Kreiſe angekon nen und wurde recht freundlich bewillkommt. Starr hatte die Mutter ihre Augen auf Carl gerichtet und konnte ihre Blicke gar nicht von ihm weg⸗ wenden. Er war ſo groß, ſo ſchoͤn ge⸗ worden. Die Roſen der Geſundheit bluͤh⸗ ten auf ſeinen Wangen. Sie fuͤhlte ſich gluͤcklich, einen ſolchen Sohn zu haben und war ſtolz darauf, ſeine Mutter zu ſeyn. An ſeinem Arm ging ſie nach Weſt⸗ greußen zuruͤck und unterbrach ihr Kuͤſſen und Druͤcken durch allerlei Fragen, die ſie an ihn that und die er mit innerer Wonne und freundlicher Miene beantwortete. Wenn die kleinern Kinder ſie ſtoͤren woll⸗ ten, oder ſich an Carln hingen, da ſagte ſie:„Lauft nur vorauf, laßt mich jetzt mit dem lieben Bruder allein, zu Hauſe wird er mit euch reden und ſpielen.“— Der Pfarrer, ſein aͤlterer Sohn und zwei von den Toͤchtern waren um Auguſt, der 116 ihnen auf Befragen erzählte, wie gütig und liebevoll der Graf und ſeine Familie gegen Carl und ihn geweſen wäre; auch, wie oft ſeine Eltern die gräfliche Familie beſucht hätten. 1Als der erſte Freuderauſch voruͤber war und die Gemuͤther nuͤchterner geworden waren, entſtand ein allgemeines Geſpraͤch. Einer hatte ſein Wohlgefallen an dem An⸗ dern und Jeder that ſein Moͤglichſtes, um zut Heiterkeit des Ganzen ſein Scherflein beizutragen. Als ſie endlich in der Pfarr⸗ wohnung ankamen, fand man ſchon Carls Koffer, den der Graf, mit gutem Vorbe⸗ dacht, ſogleich dahin geſchickt hatte. Carl. ſchloß ihn auf und beſchenkte, wie ein Weihnachtsmann, alle Glieder der Fami⸗ lie. Dem Vater hatte er eine ſchoͤne Pfeife gekauft. Lächelnd nahm ſie der Vater aus ſeiner Hand, gab ihm einen Kuß und ſagte:„Du verkehrſt die Ord⸗ nung der Dinge! Du beſchenkſt uns, ſtatt wir Dich beſchenken muͤßten! Woher haſt Du dazu das viele Geld?“—„Juſt zu —,— —,— — dieſem Zwecke gab mir's der Graf,“ ſagte Carl.—„H! daß doch alle Reiche das Herz dieſes Grafen haͤtten,“ ſprach der Pfarrer,„und mit ihrem Gelde Andern Freude machten!“ Unter den Kleinen zeiecht uͤber die ſchoͤnen Spielſachen und das Zuckerwerk, was Carl mitgebracht hatte, ein freudiges Getuͤmmel. Die Mutter gebot, Auguſts wegen, Ruhe; aber der Pfarrer ſagte: „Laß ſie, ſie haben heute einen Feſttag! Kinder koͤnnen ſich im Stillen nicht freuen, es muß alles bei ihnen laut hergehen. Sie werden ſchon wieder ruhig werden.“ „Aber,“ ſprach Carl laͤchelnd, und ſah die Mutter an,„welch ein Putz, welch eine Pracht in dem Pfarrhauſe! So herr⸗ lich war's nie! Da hat der liebe Vater wohl recht geſeufzt!“— Verſtohlen blinkte die Mutter ihm zu, daß er ſchweigen ſollte, damit Auguſt nicht denken moͤchte, es ſey ſonſt unreinlich im Pfarrhauſe und es werde in demſelben nur gewaſchen und ge⸗ putzt, wie's in vielen Wohnungen der Fall iſt, wenn man Gaͤſte Freier erwartet. Carl verſtand ſie und um ſie ruhig zu machen, ſagte er:„Ich wundere mich nur uͤber die gemalte Fremdenſtube, die ein rechter Meiſter, gewiß aus Erfurt, ge⸗ malt hat.“—„Ja, ja, Deine Mutter,“ ſagte der Pfarrer ſcherzend,„die hätte Al⸗ les umkehren laſſen, wenn ich nicht. ſteuerte, bloß Dir zu Ehren. Es war ihr, als ob man mehr als einen König zu beherber⸗ gen hoffte.“ Der Graf kam zwar an dem Abend nicht ins Pfarrhaus; aber er ließ den El⸗ tern Gluͤck zur Ankunft des Sohnes wün⸗ ſchen und fuͤr den folgenden Mittag die ganze Familie auf's Schloß laden. Die Rede fiel auch auf Marien, und daß dieſe mit der Madame Berthes verreiſet ſey, wohin, das halte der Amtmann geheim. —„Der Amtmann thue,“ ſagte Carl weh⸗ muͤthig,„was er einſt verantworten kann. Faſt moͤchte ich ihn ungerecht gegen mich nennen. Es glaubt indeß ein Jeder recht zu handeln und an Grunden fehlt's Kei⸗ 119 nem, ſich zu rechtfertigen. Beſuchen will ich ihn doch. Aber darum bitte ich, redet nicht von Marien, verſucht es nicht, mich zu troͤſten. Ich weiß es, wie ich in die⸗ ſem Punkte ſtehe. Soll ich ſie nie wieder ſehen, und hat es Gott beſchloſſen, mich auf Erden von ihr zu trennen, ſo giebt es ja eine andere Welt, wo die durch Liebe mit einander verwandten Geiſter in ſeliger Gemeinſchaft leben. Ohne Aufenthalt gehe ich auf dem Wege meiner Beſtimmung fort und Alles, was Gott giebt und wie er's giebt, nehme ich mit dem Vertrauen aus ſeiner Hand, daß es mir gut iſt. Warum ſollte er mich durch beſondere Lei⸗ den auszeichnen, und thut er's, wohlan, ſein Wille geſchehe, er iſt heilig und gut! So lange ich hier bin, will ich mich ſo recht mit voller Seele des Gluͤcks freuen, bei meinen lieben Eltern zu ſeyn. Ach! ich habe es erfahren, wie leicht es geſche⸗ hen kann, daß die durch den Tod getrennt werden koͤnnen, die ſich ſo herzlich lieben.“ — Geruͤhrt umarmte der Vater ſeinen 26 Sohn und ſagte:„Dieſe aͤcht chriſtliche Geſinnung bewahre, ſie wird Dich im größten Schmerze aufrecht erhalten.“— Die Mutter weinte vor Wehmuth und Liebe uͤber den herrlichen Sohn, der alſo ſprach. Schon Vormittag ging Carl allein zum Graf. Er fand ihn in ſeinem Wohn⸗ zimmer.„Kennſt Du dies Bild?“ fragte der Graf, indem er auf Willing zeigte.— „Ja, ich kenne es,“ erwiederte er.— „Das iſt Brigittens Götzenbild,“ ſagte der Graf.„Sie zittert vor Angſt, daß es der Amtmann zuruͤckfordert. Indeß wird ſie ſich wohl troͤſten, wenn das Original erſt erſcheint.“—„Herr Graf, mir faͤhrt ein Gedanke durch den Kopf. Wie waͤre es, wenn ich Brigitten eine Copie machte? Ich unterſtehe mich's, ſie treu zu liefern. Vier Wochen bleibe ich hier und da finden ſich Stunden genug zu der Arbeit.“ Dies Anerbieten nahm der Graf gern an. Ohne Wiſſen Brigittens ſollte die Copie gemalt werden. Man brauchte alſo ———— 121 den Vorwand, daß der Amtmann es nach Erfurt geſchickt haͤtte, um es fuͤr ſeinen Bruder copiren zu laſſen.„Aber, Carl,“ ſagte der Graf,„Du machſt Dir zu viele Muͤhe!“— Er antwortete:„Brigitten Freude zu machen, das iſt mein groͤßtes Vergnuͤgen. Und, Herr Graf, wann werde ich Gelegenheit haben, die Guͤte zu vergel⸗ ten, die Sie mir erweiſen? Nie, nie! Ewig muß ich Ihr Schuldner bleiben.“— „Ruhig, lieber Sohn, Du weißt's, wie ich bin. Gott und das eigene Herz giebt fuͤr jede gute That den beſten Lohn.“— Als Carl wegging, ſagte der Graf:„Ihr kommt doch Mittag Alle? Auch die klei⸗ nen Kinder bleiben nicht weg. Auguſt, Deinem Freunde, muͤſſen wir auf dem Lande auch manche Zerſtreuung machen. Es iſt Dir doch nicht unangenehm, daß Amtmanns auch hier ſind?“—„Wie ſollte es das,“ antwortete Carl,„eben gehe ich zu ihm, um ihm meine Ankunft zu melden.“—„Recht ſo, lieber Sohn,“ ſprach der Graf,„man muß auch denen, ——— 6 S 122 bei welchen wir in dem Verdachte ſtehen, als ob wir uns von ihnen beleidigt fuͤhl⸗ ten, dieſen Verdacht nehmen. Wir zwin⸗ gen ſie damit zur Achtung gegen uns. Du weißt's auch nicht, wie Dir ſeine Freundſchaft und Liebe noch dienen kann und Dir ſelbſt ſchadeteſt Du, wenn Du ihn von Dir entfernteſt. Wir irren und fehlen als Menſchen alle, und dies lehre uns, daß wir mit Geduld und Schonung einander tragen. Manches abgerechnet, iſt Neuberg ein herrlicher Menſch.“— „Das glaube ich auch, Herr Graf, darum gehe ich zu ihm, um ihm zu beweiſen, daß ich ihn ehre, ob er auch gegen mich hart zu handeln ſcheint.“—„Guter, lieber Juͤngling,“ ſprach der Graf,„Dein Herz wird ihn endlich uͤberwinden!“ Nicht ganz ruhig war es in Carls Innern auf dem Wege nach dem Amthauſe. Widerwillen und Abneigung fuͤhlte er nicht; aber ängſtliche Aufwallungen, die er nicht unterdruͤcken konnte. Wenn Neu⸗ berg bei deinem Anblick nur nicht in Hitze 123 geraͤth, dachte er, und dir beleidigende Worte ſagt! Wenn er dein Herz nur nicht angreift und dich von ſich weiſet! Das wuͤrdeſt du ſchwer ertragen. Aber, faſſe deine ganze Staͤrke zuſammen, du mußt, du mußt es. Dein Gewiſſen iſt rein von jeder Schuld. Kann dir die Liebe zum Verbrechen gerechnet werden? Daß Carl angekommen war, hatte ihm der Pfarrer melden laſſen, aber Neu⸗ berg konnte es uͤber ſein redliches, aber auch uͤber ſein empfindliches Herz nicht ge⸗ winnen, nach dem Pfarrhauſe hinzugehen und ſeine Mitfreude bezeugen. Seine Gattin ware gern hingegangen, aber eine gewiſſe Schonung die ſie dem Gatten ſchuldig zu ſeyn glaubte und daß ſie ihn durch groͤßere Theilnahme nicht beſchaͤmen wollte, hielt ſie zuruͤck. Es wurde von dem Juͤnglinge geſprochen und der Amt⸗ mann glaubte es nicht, daß er ihn beſu⸗ chen werde. Dies waͤre ihm das liebſte geweſen. Wider die Neigung des jungen Menſchen hatte er ſich offen erklärt, und * — wie weh ihm das that und wie gekraͤnkt er ſich dadurch fuͤhlte, das war leicht zu erachten. Setzte er ſich ganz in die Lage deſſelben, ſo konnte er ihm kein freundli⸗ ches Geſicht machen und ſeiner Jugend traute er die geuͤbte Tugend noch nicht zu, die großmuͤthig genug und mit edelm Sinn auch dem Widerſacher verzeiht. Nie kam ihm daher eine Einladung ungelegener, als die des Grafen, da er zugleich erfuhr, daß die ganze Prediger⸗ familie auf dem Schloſſe ſeyn werde. Er nahm es dem Graf ſogar uͤbel, daß er ſein Verhaͤltniß in dem er zu Carln ſtand, im geringſten nicht beruͤckſichtigte. Konnte es nicht zu einem Wortwechſel kommen, bei dem der Graf die Parthie Carls nahm, und er dadurch an der Liebe und Werih⸗ ſchaͤtzung des Grafen verlor? Um dies Al⸗ les zu vermeiden, wollte er zum Graf ge⸗ hen und ſein Außenbleiben entſchuldigen. Seine Gattin aber ſagte:„Was iſt dies anders, als eine feindliche Erklaͤrung ge⸗ gen den jungen Menſchen, und da ihn der 125 Graf ſo ſehr liebt, wird er Dir das nicht uͤbel nehmen?„Er ſchwankte und war un⸗ gewiß, was er thun ſollte, als ſich die Thuͤr aufthat und Carl herein trat. Dieſe Erſcheinung uͤberraſchte den Amtmann un⸗ gemein und ſetzte ihn in eine nicht geringe Verlegenheit. Es fehlte ihm faſt an Wor⸗ ten, um zu ſprechen. Carl machte eine freundliche, aber ſchuchterne Miene und ſagte:„Einem Manne, der mir in fruͤhern Jahren ſo viel Gutes erwies, kann ich bei meiner An⸗ kunft nicht lange fern bleiben..“ Jetzt war das Laͤcheln aus ſeinem Geſichte ver⸗ ſchwunden und ein truͤber Ernſt uͤberzog daſſelbe.—„Seyn Sie willkommen,“ ſagte der Amtmann und reichte ihm die Hand.„Ich freue mich Ihres Wohlſeyns. Uebrigens erinnere ich mich des Guten nicht, was ich Ihnen erwieſen haͤtte. Ge⸗ wiß, es bedarf der Erwaͤhnung nicht.“ S „Herr Amtmann,“ ſagte Carl,„Sie ti⸗ tuliren mich Sie, ich aber bin nicht mehr geworden, als ich fruͤher war. Es waͤre 3 126 mir erwuͤnſchter geweſen, wenn Sie mich mit einem herzlichen Du empfangen haͤtten; aber ich kann Sie nicht zwingen, thun Sie, was Ihnen das Gemuͤth eingiebt. Uebrigens darf ich's wohl betheuern, daß, was Achtung, Vertrauen und Liebe betrifft, in den Jahren meiner Abweſenheit von hier, keine Veraͤnderung in mir Wegan gen iſt.“ Der Amtmann ging in dieſe Materie nicht ein, fing von gleichgultigen Dingen an zu reden und fragte endlich:„Wann reiſen Sie wieder von hier ab?“—„Dieſe Frage verdroß Carln und er gab ihm dar⸗ auf folgende Antwort:„Fuͤr manche Men⸗ ſchen zu früh, fuͤr andere zu ſpaͤt, man weiß es ja nicht, wie man's allen Leuten recht machen ſoll.“ Auguſte hatte ſchweigend und mit ge⸗ heimem Wohlgefallen den Jungling betrach⸗ tet. Sie war ſehr froh, daß ihn Marie nicht ſah. Als ſie fuͤrchtete, ihr Gatte werde die letzte Antwort uͤbel nehmen, die er ihm gab, nahm ſie das Wort und ſagte „ 127 mit recht freundlicher Gebehrde:„Wie be⸗ ſorgt war ich fuͤr Dich, als ich von Dei⸗ ner Krankheit hoͤrte, aber Du haſt Dich recht erholt und keine Spur derſelben iſt an Dir mehr ſichtbar. Wie groß und ſtark biſt Du geworden. Deine Bocken ſind ja ſo roth, als waͤren ſie mit Pur⸗ pur uͤberzogen! Heute ſoll mir's Deine Mutter erzaͤhlen, wie ſie ſich uͤber Deine Ankunft gefreuet hat.“— Carl war im Innern geruͤhrt, als er die Frau ſo ſpre⸗ chen hoͤrte und ſagte:„O! Ihre Rede klingt mir wie ſuͤße Laute aus der frohen Welt meiner Kindheit heruͤber. Sie ſind mir geblieben, was Sie mir einſt waren, die Zeit hat Ihr Wohlwollen gegen mich nicht geſchmälert. Moͤchten Sie in mein Herz ſehen, wie dankbar, wie ſo voll Ach⸗ tung und Vertrauen es gegen Sie noch iſt. Wenn jetzt ſich ſo Manches anders geſtaltet hat, als es damals war, wo meine Hand Marien führte, ſo iſt doch Alles, Alles in mir unverändert geblieben und ſo wird es bleiben, ſo lange ich mei⸗ 128 ner ſelbſt bewußt bin. Leben Sie wohl, Herr Amtmann! Bin ich Ihnen fremd ge⸗ worden, ſo ſind Sie es mir doch nicht gewor⸗ den. Frömme, gute Menſchen, wozu ich Sie rechne fortlieben, das iſt ein Schatz, der uns herrliche Freuden giebt, und daß er ſich nicht vermindere, dafuͤr ſorgt mein Herz. Die Zeit wird ſchon kommen, wo Sie mir wieder naͤher treten, mich aber finden Sie immer bereit, Ihnen dankbar die Hand zu druͤcken.“ Der Amtmann war verlegen, faſt be⸗ ſchaͤmt und ſagte:„Wenn dieſe Rede Dir aus dem Herzen kömmt, Carl, ſo ehre ich Deine Tugend. Du machſt mir durch Dein offenes Weſen Muth, wichtige An⸗ gelegenheiten mit Dir abzuhandeln und dazu wird ſich, wenn wir allein ſind, waͤh⸗ rend Deines Hierſeyns ſchön die Zeit fin⸗ den. Ich freue mich, Dich und Deine Eltern heute Nittag bei dem Graf zu ſe⸗ hen.. Der Amtmann umarmte Carln ſogar. 3 Nachtig waͤhnte Carl dem Ziele ſei⸗ 129 ner Wuͤnſche naͤher geruͤckt zu ſeyn und mit freudeſtrahlendem Blicke kam er im Pfarrhauſe an und erzaͤhlte, welch ein erwuͤnſchtes Ende ſeine Unterhaltung mit dem Amtmann genommen hätte.„Sohn, Sohn, traue dem Sonnenblicke nicht,“ ſagte der erſahrne, wohlbedächtige Vater, eine Wolke beſchleiert ihn und es wird dann oft finſterer, als es vorher war. Baue nicht Hoffnungen auf einen ſchwan⸗ kenden Boden, ſie ſtuͤrzen zuſammen, ehe Du es ahneſt. Welch ein Wunder waͤre es, wenn der Amtmann ſeine Geſinnung auf Einmal geaͤndert haͤtte, ich kann dar⸗ an nicht glauben! Aber wie inconſequent handeiſt Du! Du wollteſt ja von Marien nicht reden? Meines Beduͤnkens wäre es weiſe, auch nicht mehr an ſie zu den⸗ ken. Da iſt das Gemalde von dem Graf angekommen. Wozu hat er das ge⸗ ſchickt?“—„Vater,“ ſagte er,„ich will es fuͤr Brigitten copiren. Das ſoll ihr aber noch ein Geheimniß bleiben.“— „Willſt Du auch HOel ins Feuer gießen n. helfen,“ ſprach der Vater,„das man lie⸗ ber loͤſchen ſollte? Wie ſchwach iſt der verſtäͤndige Graf in Hinſicht der Liebe ſei⸗ ner Tochter! Ich fuͤrchte viel fuͤr ſeine Ruhe. Wenn nur die Verlobung erſt ge⸗ weſen waäre! Willing, wenn Alles einen regelmaͤßigen Gang geht, muß nach Weſt⸗ greußen kommen, wenn Du noch hier biſt. Wenn er nur nicht wegbleibt!“ An einem Sonntage nach der Kirche war's, wo der Amtmann Carln allein zu ſich bitten ließ. Er hatte ihn öfter in Ge⸗ ſellſchaften geſehen und traulich mit ihMm 1 geredet.„Gewiß,“ ſprach der Pfarrer zu ſeinem Sohne,„will er Wichtiges mit Dir verhandeln, was auf Deine Liebe zu Marien Bezug hat. Behaupte eine wur⸗ 5 dige Ruhe und vergiß keinen Augenblick, daß er der Vater des Maͤdchens iſt, an dem Du mit leidenſchaftlicher Beharrlich⸗ keit haͤngſt. Bringe mich mit dem wackern Neuberg nicht in Zwieſpalt. Durch eine beleidigende Empfindlichkeit, die Du ihm zeigſt, giebſt Du ihm Waffen in die Hend — — 131 die er bei ſeiner Tochter wiber Dich ge⸗ brauchen kann; verlierſt Du aber Deine Foſſung nicht und yaͤltſt Du Dich in den Schranken der Beſcheidenheit, ſo wird er Dich ehren muͤſſen. Gehe und komme oh⸗ ne Reue uͤber begangenes Uärecht zuruͤck.“ Carl fand den Amtmann allein. Die Gattin deſſelben w. abſichtlich zur Graäfin gegangen„Setze Dich neben mich,“ ſagte er zu dem Juͤnglinge,„hoͤre mich ruhig an und gieb mir dann eine wahre, unver⸗ ſtellte Antwort.“ Neuberg fing alſo an:„Als Marie noch ein Kind war, hat ſie Dich wie einen Bruder, und Du haſt ſie wie eine Schwe⸗ ſter geliebt. An Eurer Liebe ſahen wir unſere Freude. Mit den zunehmenden Jahren kam auch die Zeit, wo dieſes Ver⸗ hältniß nicht fortbeſtehen durfte. Dein Vater brachte Dich nach Berlin. Aber anſtatt, daß dieſe kindliche Liebe in die Graͤnzen der Freundſchaft bei Dir hätte zuruͤcktreten muͤſſen, iſt ſie zu einer gewal⸗ tigen Neigung zu meiner Tochter geworden. 132 Ob ich ſie billige oder nicht, daruber ver⸗ liere ich kein Wort; aber bei der Liebe, die ich zu Dir hege, bin ich Dir das of⸗ fene Geſtaͤndniß ſchuldig, daß es mit den Abſichten, die ich mit meiner Tochter habe, durchaus nicht uͤbereinſtimmt, ſie Dir zur Gattin zu geben. Du biſt noch ein Schuͤler, ſie iſt eine erwachſene Jungfrau, wohin kann nicht ein Verhältniß fuͤhren, das auf keinem feſten Grunde ruht? Stoͤre Dein eigenes Lebensgluͤck durch leere Phan⸗ taſien nicht, die nie verwirklicht werden koͤnnen, und mache Dich von dem Gedan⸗ den los, je mit ihr verbunden zu werden. Es kömmt jetzt auf mich an und ſie iſt die erklaͤrte Braut eines geachteten jungen Mannes. An ihrer Willigkeit, dem väter⸗ lichen Rathe zu folgen, darf ich nicht zweifeln. Nicht aus Zwang, aus Neigung wird ſie wählen. Warum willſt Du Dich mit leeren Hoffnungen länger taͤuſchen?. Bekaͤmpfe Deine Neigung. Willſt Du das?“— „Im Eingange Ihres Geſprächs haben 133 Sie mich zur Wahrheit und Redlichkeit verpflichtet, dieſe bin ich Ihnen, ich bin ſie mir ſchuldig. Wenn ich luͤgen und mich verſtellen könnte, ſo waͤre es mir ja eine leichte Sache, Ja und Nein zu ſagen, ganz ſo, wie Sie's wuͤnſchen; beſchmeicheln koͤnnte ich Sie auch, Ihnen ein falſches Vertrauen einfloͤßen, Sie ſicher machen und dann beruͤcken, das Lauer abſehen, und von der Gelegenheit beliebigen Ge⸗ brauch machen. Aber, darauf verlaſſen Sie ſich, wie ich rede, ſo empfinde ich in meinem tiefſten Gemuͤthe. Koͤnnen Sie aber die Wahrheit nicht hoͤren, ohne in Hitze zu gerathen, diente ſie dazu, Sie gegen mich und meinen Vater in eine feindliche Stimmung zu ſetzen, fuͤrchten Sie ſelbſt, daß ſie Ihnen einen mißver⸗ gnuͤgten Augenblick macht; ſo legen Sie mir Stillſchweigen auf. Es kann Ihnen ja gleich viel gelten, da Sie der Vater Ihrer Tochter ſind, uͤber die ſie eine un⸗ umſchränkte Gewalt haben, was ein un⸗ bedeutender Menſch, ein Schuͤler, Liebes 134 oder Geboſſiges fuͤr oder gegen Sie im Sinne trägt. Was will der Ohnmaͤchtige unternehmen, der vag der Güte Alles er⸗ warten muß und mit nachdruͤcklicher Kraft Nichts zu erzwingen vermag! Pruͤfen Sie ſich, ſoll ich reden oder ſchweigen?“ Was er von der Rede Carls zu er⸗ warten hatte, das ahnete der Amtmann im voraus und er ſagte:„Ich finde Dich anders, als ich's glaubte, laß uns dieſen Punkt weiter nicht beruͤhren. Es giebt andere Gegenſtaͤnde, uͤber die wir uns un⸗ terhalten koͤnnen.“—„Herr Amtmann,“ erwiederte Corl,„Ihre vorhergegangenen Eroͤffnungen ſind nicht von der Art, daß ſie meine Seele in einer ruhigen Stim⸗ mung ließen, die ſo leicht von einem Ex⸗ trem zum andern uͤberſpringen kann. Ich muß mich ſammeln und werde Sie zu ei⸗ ner andern Zeit beſuchen.“ Carl ſtand auf, der Amtmann ließ ihn gehen und— wie er das zu thun pflegte— er kuͤßte ihn diesmal nicht und hatte ein ernſtes, faſt zorniges Geſicht. 135 Als er ungeglaubt fruͤher im Vaterhauſe an⸗ kam, ſagte der Pfarrer:„Entweder Eure Unterredung hat ein gutes, oder ein boͤſes Ende genommen. Der Juͤngling ſagte ihm den Gang, den das Geſpraͤch nahm und der Vater mußte das Benehmen ſei⸗ nes Sohnes billigen. Nur das Eine be⸗ unruhigte ihn, daß der Amtmann von der nahen Verheirathung ſeiner Tochter ſprach⸗ Die Mutter ſagte:„Das halte fuͤr weiter nichts, als ein erſonnenes Schreckmittel. Koͤnnte ſich Marie auch ſo leicht dazu ent⸗ ſchließen, was ich mir gar nicht einbilden kann, einem Andern die Hand zu geben, ſo war ſie der Liebe, die Du fuͤr ſie em⸗ pfindeſt, nicht faͤhig und Du wirſt Dich uͤber ihren Verluſt hinwegſetzen koͤnnen.“ —„Ach, ach!“ ſagte der Pfarrer,„man gebraucht ja Arzneimittel, um von koͤrper⸗ lichen Uebein frei zu werden, willſt Du denn nichts thun, lieber Sohn, Dein ei⸗ gener Arzt nicht werden, um Dich von der Krankheit Deiner Seele zu heilen? Die Liebe, die die Krone unſerer Freuden ſeyn ſoll, peinigt Dich mit allen Qualen und Du laͤſſeſt ſie frei walten, ohne ihr Ein⸗ halt zu thun? Wie zerſtörſt Du das Gluͤck Deiner Jugend,⸗ das Du im vollen Maaße genießen koͤnnteſt! Du ſchwimmſt wider den Strom und entreißeſt Du Dich ihm nicht bald, ſo wirſt Du in ſeinen Wel⸗ len untergeyen. Kannſt Du den Sinn Neubergs aͤndern? Darfſt Du's ihm ver⸗ denken, wenn er andere Abſichten mit ſei⸗ ner Tochter hat? Eile dem Schickfale nicht vor, ſuche ihm nicht abzuzwingen, was es Dir jetzt nicht, vielleicht zu einer andern und zur rechten Zeit, gewähren will. Ware ich Neuberg, mit einem Schuͤ⸗ ler verlobte ich meine Tochter auch nicht. Vielleicht fuͤhrt er eine ganz andere Sprache, wenn Du als geſchickter Arzt, als ein geehrter Mann, ihn um die Hand Mariens bitteſt.“ Um ſich zu zerſtreuen, arbeitete 6urt mehrere Tage unabläͤſſig an dem Gemaͤlde für Brigitten. Er uͤberreichte es ihr ſelbſt. Es war dem Original, nach dem er ge⸗ — 137 zeichnet hatte, voͤllig aͤhnlich. Sie nahm es mit Entzuͤcken aus ſeiner Hand und war in ihren Dankbezeugungen unerſchoͤpf⸗ lich. Im Garten, wohin ſie mit ihm al⸗ lein ging, ſagte ſie:„Marie ſoll's er⸗ fahren, wie Du ſie liebſt und— keine Welt ſoll ſie Dir rauben. Sobald ich von ihr die Antwort auf Deinen Brief erhalte, ſende ich ihn Dir zu. Haſt Du mehrere Briefe an ſie, ich beſorge ſie alle.“ Die Zeit der Ferien war verſtrichen. Carl nahm Abſchied von ſeinen Freunden, auch von dem Amtmann und ſeiner Gat⸗ tin, und eilte mit ſeinem Freunde nach Ber⸗ lin zuruͤck, um ſeine Siudien, als künfti⸗ ger Arzt, anzufangen. Der Graf uͤber⸗ reichte ihm mit ſeiner gewohnten, menſchen⸗ freundlichen Guͤte ein anſehnliches Geld⸗ geſchenk und ſagte:„Schreibe nur, wenn die Boͤrſe leer zu werden droht, fuͤr Dich habe ich immer Vorrath. Aber, wenn Du geſund bleiben willſt, mußt Du Dich we⸗ gen Marien nicht ſo aͤngſtigen.“ Marie war in Hamburg, die Tante —— ——————— hatte ſie dahin begleitet. In Erfurt hielt ſie der Amtmann gegen Carls leidenſchaft⸗ liche Andringlichkeit nicht ſicher. Sie ließ ſich die Reiſe dahin auch ohne Strauben geſallen, da ſie den Grund nicht ahnete, weshalb man ſie ſo weit von Weſigreußen entfernte. Alle ihre Anverwandten kamen ihr mit der herzlichſten Freude entgegen. Wie im Triumph wurde ſie in das Haus gefuͤhrt und ſie mußte uͤber die Pracht und den Reichthum ſtaunen, der ihr von allen Sei⸗ en entgegen glaͤnzte. Nach den erſten Freudenbezeugungen bat die Madame Neu⸗ berg die Tante und Marien, ihr in ein entlegenes Zimmer nachzufolgen, weil ſie ihnen einige Fragen zur Beantwortung vorlegen wolle. Sie folgten ihr. Als ſie mit ihnen allein war, ſagte ſie:„Ich muß euch ein Geheimniß entdecken, was mich ſehr beunruhigt und was noch ver⸗ ſchwiegen werden muß. Willing liebt die Graͤfin Brigitte, und nach ſeinen Briefen zu urtheilen, wird ſie und keine Andere 139 ſeine Gattin. Gegen dieſe Verheirathung koͤnnen wir keinen Widerſpruch erheben. Aber in dem bruͤderlichen Umgange, in dem meine Aanes mit ihm lebte, ſo oft er uns zur Urlaubszeit hier beſuchte, hat ſich in ihrem Herzen eine andere, als die ſchwe⸗ ſterliche Neigung, angeſponnen. Sie liebt ihren Bruder mit eier Zaͤrtlichkeit, wie ſeine Geliebte. Sie hat mir das geſtan⸗ den. Immer kann ich's noch nicht uͤber mich gewinnen, ihr dieſen ſuͤßen Wahn zu rauben und mit unendlſchen Schmerzen ſie zu verwunden. Sie weiß alſo noch keine Sylbe davon, daß Willing eine Braut hat. Gelegentlich ſoll ſie das er⸗ fahren. Ich bitte euch, kein Wort von dem Verhaͤltniß zu verlauten, in dem Wil⸗ ling mit Brigitten ſteht. Gelobe Du mir, Marie, die heiligſte Verſchwiegenheit.“— Sie gingen nach dem Geſellſchaftszimmer zuruͤck. Das große, volkreiche, ſehenswerthe Hamburg bot Marien ungemein Merkwün⸗ diges dar und Agnes und Louiſe machten ſich's zur Pflicht, ſte auf's angenehmſte zu zerſtreuen. Beide kannten ihre Liebe und den Sinn ihres Vaters, der ſie nicht bil⸗ ligte. Man ging in Eeſellſchaften, hatte Gaͤſte im Hauſe, machte Spazierfahrten in die umliegende Gegend, beſuchte das Schauſpiel und nahm an allen Vergnü⸗ gungen Theil. Dies Leben gefiel ſelbſt Tante, es erinnerte ſie an ihr erſtes Jahr in Frankfurt und Marie wurde ſehr heiter geſtimmt. Mit großer Freude erzaͤhlte Agnes, daß der Vater an Willing geſchrieben haͤtte, ſie habe den Brief an ihn geſehen, als ihn der Bediente nach der Poſt trug.„Du wirſt meinen Bruder kennen lernen,“ ſagte ſie zu Marien,„den Du in Erfurt nur flchtig ſahſt und ihm gewiß Deine Ach⸗ tung nicht verſagen. Wie guͤtig, wie ſo voll Liebe iſt ſein ganzes Gemuͤth! Ge⸗ wiß hat ihn der Vater hieher beordert, daß Du ihn vor Deiner Ruͤckreiſe nach Weſt⸗ greußen ſiehſt. Wie gluͤcklich bin ich im⸗ mer, wenn er hier iſt!“— Stiller, ruhi⸗ 1 41 ger als Agnes, war Louiſe, ihre jüngere Schweſter. Ein junger Kaufmann, Benner, war ihr erklaͤrter Brautigam und im Früh⸗ jahr ſollte ſie mit ihm verbunden werden. Das Gemuͤth dieſer Louiſe zog Marien mehr an und ſie mußte vorſichtig ſeyn, um Agnes ihre Vorliebe nicht zu verrathen, die ſie gegen ihre Schweſter empfand. Unter den Briefen, die an einem Nachmittage von der Poſt kamen, war auch einer an Marien, den der Bediente, welchem das nicht verboten war, ihr uͤber⸗ reichte, als ſie mit Louiſen allein im Gar⸗ ten auf⸗ und niederging.„Von Brigit⸗ ten, von Brigitten,“ rief Marie aus, als ſie die Aufſchrift las.— Zum großen Gluͤck war Agnes nicht zugegen und Ma⸗ rie dachte an die Bitte der Tante, daß das Geheimniß der Liebe zwiſchen der Graͤfin und Willing Niemandem verrathen werden ſollte. Sie faßte Louiſen bei der Hand und bat ſie inſtaͤndig, ja nicht der Tante und es keinem Menſchen zu ſagen daß ſie dieſen Brief erhalten habe.„ai 142 mich,“ ſprach ſie,„ein Weiſchen allein, daß ich den Brief ungeſtoͤrt leſe, gewiß enthält er Wichtiges von Carln.“— Louiſe blieb zuruͤck, Marie entfernte ſich und— erbrach den Brief. Sie kannte die Hand nicht, die dieſen Brief geſchrieben hatte. Die Ueberſchrift deſſelben war:„Meine ewig geliebte Ma⸗ rie!“ Ein freudiger Schreck fuhr ihr durch alle Glieder, ihr Herz ſchlug laut, ſie ahnete, ihre Hand zitterte, die Buch⸗ ſtaben floſſen vor ihren Augen in einander, ſie konnte nicht leſen. Sie blaͤtterte um, las die Unterſchrift und die Worte:„Dein Carl.“ Sie konnte ſich kaum halten. Im erſten Augenblicke war ſie einer Ohnmacht nahe. Nach drittehalb Jahren war dies die erſte Zeile, die ſie von ſeiner Hand er⸗ hielt, und in der ganzen Zeit hatte ſie keine Sylbe mit ihm geſprochen. Was konnte dieſer Brief enthalten, ſo ſprach's in ihr, kundigte er ihr Gutes oder Boͤſes an? Ihre Gedanken verwirrten ſich im⸗ mer mehr. Sollte ſie anfangen zu leſen „ 163 oder nicht, ſie wußte es ſelbſt nicht. Um ihr Schickſal zu erfahren, da ſie die peini⸗ gendſte Ungewißheit nicht laͤnger aushalten konnte, fing ſie alſo zu leſen an: „Wahrlich, indem ich mich niederſetze, um an Dich einen Brief zu ſchreiben, von dem ich's glaube, daß er nicht wie die andern verloren geht, die ich an Dich ge⸗ ſchrieben habe, wandelt mich ein ſo ſchmerzhaftes und zugleich ein ſo unbe⸗ ſchreiblich entzuͤckendes Gefuͤhl an, fuͤr das ich in keiner Sprache Worte finden kann. Mit friſchen, ſchoͤnen Farben ſteht vor mei⸗ nem Herzen das Gemalde unſeres Jugend⸗ lebens, alle Scenen deſſelben, ſo klar und einzig, ſo ſchuldlos und fromm, wie es vielleicht ſelten gelebt wird. Gott weiß es, daß ich Dich, ſeit wir von einander geriſſen wurden, treu in meinem Herzen„ bewahrte, daß es in der Zeit keinen Au⸗ genblick gab, wo meine Liebe zu Dir an Stätke und Innigkeit verlor, ja, mit dem zunehmenden Lichte meines Geiſtes entwik⸗ kelte und verſchoͤnte ſich die Liebe zu Dir immer mehr, und ſo iſt ſie das herrſchende Gefuhl meiner Seele geworden, das mit ihr durch alle Ewigkeiten fortbeſtehen wird. Haſt Du von dem Gemälde nichts gehoͤrt, welches Dich darſtellt, was ich hier in Berlin malte, von dem Alle ſagen, Du biſt ganz getroffen? Dies beweiſe Dir, wie gegenwaͤrtig mir jeder Zug Deines Geſichtes iſt. So habe ich Dich viermal gemalt. Hier erſcheinſt Du noch als Kind; aber Du biſt nun eine Jungfrau geworden. Viele Deiner Worte, Deiner kindlichen Liebesbezeugungen, Deiner Her⸗ zensbetheuerungen, die Du mir machteſt, wiederhole ich ſo oft, und das iſt mir die liebſte Unterhaltung.“ „Von Brigitten weiß ich's, daß Deine liebende Neigung gegen mich zwar einen andern Charakter angenommen hat, daß ſie ernſter, beſtimmter geworden iſt; aber ich weiß es auch, daß ſie mit jugendlicher Kraft in Dir foriglüht und keinen Ab⸗ bruch erlitten hat. Marie, was waͤre mir das Leben noch, wenn ich nicht mehr an 145 Deine ungeſchwächte Liebe zu mir glauben duͤrfte! Sie iſt mir ſo heilig, ſo theuer, daß ich ſie in meinem Gebete zu Gott nie vergeſſe und ihn anflehe, ſie in Deiner Bruſt mir zu bewahren. Weil ſie unter meine erſten Tugenden gehoͤrt, darum kann ich ſie fuͤr kein Unrecht halten. Unbegreif⸗ lich iſt's mir, daß Dein guter Vater ſo dagegen eifert. Es iſt wahrlich keine Suͤnde, daß Du mich liebſt, es iſt kein Vergehen gegen Deinen Vater, daß Du mit unwandelbarer Reigung an mir fort⸗ haͤltſt. Glaube nicht, daß ich Dir eine Kin⸗ despflicht verleiden will, wenn ich, dem Willen Deines Vaters entgegen, um Deine ewige Liebe bitte. Ueber die Gefuͤhle des Herzens kann nur Gott gebieten, und for⸗ dert ein menſchlicher Vater Unnatuͤrliches, Unmoͤgliches, dann uͤberſchreitet er die Schranken ſeiner Rechte, die ihm uͤber das Kind zuſtehen. Zur Freiheit im edeln Sinn iſt der Menſch geboren und Niemand, wer es auch ſey, darf ihn zum Sclaven machen wollen. Liebe, ehre Deinen Vater, er verdient es durch ſeine Tugend und vergieb ihm den Wahn, wenn er glaubt, daß Du Dein Herz in jede Form druͤcken kannſt. Eins, nur eins liebt der Menſch hienieden am hoͤchſten, es hat Licht und Waͤrme, alles andere empfaͤngt von ihm ſein Licht und ſeine Waͤrme.“ „Bleibſt Du in der Liebe ſo ſtand⸗ haft, wie ich's bleibe, ſo wird uns kein Menſch trennen. Spaͤter wird man es uns noch danken, daß wir mit dieſer In⸗ nigkeit an einander hielten ꝛc.“ „Brigitte iſt in der Einbildung die gluͤcklichſte Braut auf Erden. Moͤge ſich das glaͤnzende Geſtirn der Liebe, was ihr ſo ploͤtzlich aufgegangen iſt, mit keiner Wolke uͤberziehen! Sie wuͤrde im hoͤch⸗ ſten Grade leiden, wenn ihre glaͤnzenden Hoffnungen untergingen. Wahrlich, ſie iſt ein herrliches Geſchoͤpf, ſo liebreich, ſo theilnehmend. Sie wurde nicht muͤde, ſo oft ich ſie darum bat, mir von Dir zu er⸗ zhlen. Oefter durch ſie wirſt Du Brieſe von mir erhalten und Deine Briefe an 147 mich, uͤberſende ihr.— Haſt Du den Herrn von Willing nicht geſehen? Er hat mich in Berlin beſucht und ſcheint mir ein vorzuͤglicher Juͤngling zu ſeyn. Ich zweifele nicht, daß Brigitte mit ihm gluͤck⸗ lich wird, und ſie verdient es, daß ſie es in einem hohen Grade werde.“ „Ach, meine Marie, wann ſehen wir uns wieder? Leb wohl, liebe mich, ewig Dein Carl.“ Den Brief von Brigitten las ſie nur fluͤchtig durch und freudetrunken kam ſie wieder zu Louiſen.„Von wem war der Brief?“ fragte Louiſe.„Er muß Dir ſehr wichtig ſeyn. Dein Geſicht iſt pur⸗ purroth und auf Deinen Wangen ſtehen noch helle Thraͤnen.“—„Von meinem Carl,“ erwiederte Marie. Als der Bediente ſeinem Herrn die Briefe von der Poſt uberreichte, fragte die⸗ ſer:„Sind ſte das alle? Ich etwartete heute mehrere.“—„Nur einer fehlt,“ ant⸗ wortete der Menſch,„und dieſen gab ich 148 der Mamſell Neuberg.“—„Welcher?“— „Mamſell Marien,“ antwortete er.— „Das iſt gewiß ein Brief von dem Amt⸗ mann,“ ſagte Madame Berthes,„wollen hoͤren, was er ſchreibt.“— Sie gingen Alle zugleich in den Garten.—„Haſt Du von Deinen Eltern einen Brief empfan⸗ gen?“ fragte ſie.—„Nein,“ erwiederte Marie, gab den Brief der Tante hin und ſagte:„Leſen Sie ihn ſelbſt.“—„Mein Gott,“ rief dieſe aus, als ſie die Unter⸗ ſchrift geleſen hatte,„Du haſt vor dem jungen Menſchen ſo keine Ruhe und nun verfolgt er Dich ſogar mit Briefen?“— „Tante,“ ſagte ſie wehmuͤthig,„es iſt ſeit beinahe drei Jahren der erſte, den ich von ihm erhielt, wie kann man das mit Briefen verſolgen nennen. Nicht be⸗ unruhigt, wohl aber beruhigt hat mich Carls Brief, aus ihm erſehe ich's klar, daß er ſo geblieben iſt, wie ich mir ihn dachte. Kein Geheimniß wollte ich dar⸗ aus machen, ich hätte es gekonnt, denn in demſeiben Couvert lag auch ein Brief von ——— 149 Brigitten. Hier iſt er, aber ich bitte, ge⸗ hen Sie vorſichtig damit um, ſein Inhalt koͤnnte ſonſt Schaden anrichten. Haͤtte ich doch nur eine Seele, die ſich mit mir uͤber den Brief von Carln freute!“— Louiſe ſagte:„Marie, ich will mich mit Dir freuen!“— Als die Tante den Brief laut vorge⸗ leſen hatte, ſtimmten Alle in dem Urtheile uͤberein, daß Carl ein herrlicher Jungling ſey, der ſich aber von ſeiner Neigung zu weit fuͤhren laſſe und kein Verhaͤltniß be⸗ ruͤckſichtige.—„Eben das iſt die hoͤchſte, treuſte, innigſte Liebe,“ ſagte Marie,„die ich ihm ruͤhmlich anrechne, ſie erhebt ſich uͤber das kleinliche Menſchliche und fuͤhlt ſich in hoͤhern Regionen, wohin alltägliche Seelen nicht reichen, ſelig und frei.“— „Schwaͤrmerin,“ ſagte die Tante,„wohin verirrſt Du Dich mit Deinen Gedanken! Laͤhme die Fluͤgel Deiner Phantaſie und bleibe fuͤr's Erſte an der Erde, für die Du geſchaffen biſt, erſuͤlle die Pflichten, die ſie von Dir fordert. Nicht eine feurige 150 Juͤnglingsleidenſchaft erhebt zum Himmel, ſondern eine Tugend, die aufopfern, uͤber⸗ winden, ſich ſelbſt beherrſchen kann, und dieſer kann ſich der junge Guͤnther noch nicht ruͤhmen und Du eben ſo wenig. Du maleſt mit verſchoͤnernden Farben, aber Wahrheit fehlt Deinen Gemaͤlden. Ver⸗ giß nicht, daß die Pflichten des Kindes gegen die Eltern den erſten Rang behaup⸗ ten.“—„Tante, welche Pflicht gegen die Eltern haͤtte ich verletzt?“ ſagte Marie wehmuͤthig.„Iſt es denn eine Suͤnde, daß ich dieſen Carl liebe? Soll ich wankelmuͤ⸗ thig, ihm untreu werden, wäre das eine Tugend? Kann denn meine Liebe zu ihm mit der Erfuͤllung anderer Pflichten gar nicht beſtehen?“ Agnes kam mit jubelnder Freude ge⸗ laufen und machte damit dem Geſpraͤch ein Ende, indem ſie verkuͤndete:„Es iſt ein Koffer von der Poſt angekommen! Wilhelm laͤßt ſagen, daß er bald nachfol⸗ gen wird, Er iſt hier, ach, er iſt hier!“ —„Wer iſt dieſer Wilhelm,“ fragte die 15r Tante.— Die Madame Neuberg antwor⸗ tete:„Willing, mein Stiefſohn... Das Mädchen blieb nicht bei der Ge⸗ ſelſchaft, die ihr viel zu langſam ging, ſie eilte voraus, und als man ins Haus trat, fand man ſie erwartungsvoll in der Thuͤr ſtehen. Herr Neuberg ſagte:„Ag⸗ nes, komm doch in die Stube. Wer weiß, wann der koͤmmt. Du kannſt ihm doch nicht auf der Straße in die Arme fliegen⸗ Auch mit der Freude muß man es nicht ubertreiben..“ Sie ſfolgte dem Vater in die Stube nach, nahm aber die Stelle am Fenſter ein, wo ſie die Straße ent⸗ lang ſehen konnte. Die Neugierde der Madame Berthes war hochgeſpannt und auch ſie freute ſich, einen Juͤngling kennen zu lernen, von dem ſie das Ruͤhmlichſte gehoͤrt hatte, deſſen bloßer Anblick einen ſo tiefen, unverloͤſch⸗ baren Eindruck auf Brigitten gemacht hatte. Auch Marie fuͤhlte fuͤr ihn ein hohes In⸗ tereſſe. Eben hatte ſie ja in dem Briefe ihres Carls, deſſen Wort ihr fuͤr heilige 3 . Wahrheit galt, ein ſo guͤnſtiges Urtheil geleſen, das ſie, eben weil es aus dieſer Quelle kam, noch mehr fuͤr ihn einnahm. „Da koͤmmt er, da kömmt er!“ rief Agnes plötzlich aus. Sie riß das Fenſter auf, nannte laut ſeinen Namen und— wollte zur Thur hinausſturzen. Der Va⸗ ter hielt ſie mit ſeinen Vorſtellungen und die Mutter am Arme zuruͤck.„Mein Gott, welch eine Heftigkeit,“ ſagte die Madame Neuberg,„bekaämpfe Dich, ſolch ein Un⸗ geſtuͤm wird Dich toͤdten!„ Neuberg umarmte ſeinen Sohn auf dem Hausflur und ſprach, als er ihn umarmt hatte: „Wir haben Fremde im Hauſe, Du wirſt ſehr uberraſcht werden! Bereite Dich p Willings Seele wurde es Freude und Entzuͤcken. Er fragte nicht, wer die Fremden waͤren und ſchritt auf die Stubenthuͤr zu. Sie that ſich auf und Alle, die in derſelben waren, hatten ihre Blicke nach ihr gerichtet. Als er einen Schritt in die Stube gethan hatte, und rund unther die Geſichter ſah, entfärbte 153 ſich ploͤtzlich die Farbe ſeiner Wangen. Sein Auge blieb auf Marien geheftet, ſei⸗ ne Sprache war verſtummt, Alle betrach⸗ teten ihn verwunderungsvoll und Niemand wußte ihn in dieſer ſeiner Stellung zu deuten. Staunen, Verwunderung, Ent⸗ zuͤcken, Verlegenheit, Alles, was unſerm Geſichte ein ungewoͤhnliches, außerordent⸗ liches Anſehen giebt, ſprach aus ſeinen Au⸗ gen, redete von ſeiner Stirn, verkuͤndete die Bewegung ſeiner Lippen. Ehe Einer in der Geſellſchaft ſprach, that er einige Schritte auf Marien zu, ſtand dann wie⸗ der ſtill, und ſagte mit bewegter Stimmet „Nein, dies Gluͤck konnte ich mir nicht traͤumen! Sie ſind es, mein Geiſt, mein Herz truͤgt mich nicht! Sie ſind die Grä⸗ fin von Weſterberg! In dem Hauſe mei⸗ nes Vaters muß ich Sie finden! Gott, wie iſt mir!“ Der Vater nahte ſich ihm, ergriff ſei⸗ ne Hand, ſah ihm ſtarr ins S und ſagte:„Wilhelm, Du irrſt. Die Du für die Gräfin Weſterberg hältſt, iſt fuͤhlte ſich heftig erſchuͤttert, es lag klar 134 Brubers Tochter, Marie, Marie iſt's!“— „Nicht Marie,“ antwortete Willing mit ernſter Miene,„die Graͤfin, die ich uͤber Alles liebe, iſt's! Zu tief hat ſich meiner Seele ihr Bild eingedruͤckt! Vater, um Gotteswillen bitte ich Sie, treiben Sie keinen Scherz mit mir! In dieſem Augen⸗ blicke haͤngt mein ganzes Leben an einem ſeidenen Faden und Sie koͤnnen ihn leicht zerreißen.“—„Wahrlich, Wilhelm, ich ſcherze nicht. Marie, bei der Warhrheit beſchwoͤre ich Dich, betheure es meinem Sohne, daß Du die Graͤfin nicht biſt und ſage ihm, wer Du biſt.“— Marie vor ihrer Seele, daß Willing ſie auf dem Ball mit Brigitten verwechſelt hatte. Mit aͤngſtlicher Miene und zitternder Stimme ſagte ſie:„Ich bin nicht Brigitte, ich bin Marie!“ Die Bewegung und Unruhe, die aus ihrem ganzen Weſen ſprach, konnte Willing noch nicht uͤberzeugen. Er waͤhnte, daß man irgend eine Abſicht habe, wes⸗ halb ſie ſich ſogleich nicht zu erkennen ge⸗ 135 ben ſollte. Jetzt ſagte er im feierlichen Tone, indem er den Blick zum Himmel erhob und ihn wieder auf Marien richtete: „Bei dem lebendigen Gott beſchwoͤre ich Sie, daß Sie mir die Wahrheit ſagen, ob Sie Brigitte oder Marie ſind.“—„Bei demſelben Gott betheure ich's Ihnen,“ antwortete Marie,„daß ich Ihre Verwandte⸗ daß ich die Tochter des Amtmanns Neu⸗ berg bin.“ Mit den Worten:o„Ich Un⸗ glͤcklicher, daß ich mich ſo taͤuſchen ließ, welchen Schmerz werde ich anrichten!“ verließ er das Zimmer. Seine Eltern folgten ihm nach. Sie fanden ihn auf dem Zimmer, das er immer bewohnte, wenn er in Hamburg war, wie einen Leb⸗ loſen, der ſeiner Sinne beraubt iſt, hinge⸗ ſtreckt. „Wilhelm, Wilhelm ermanne Dich!“ ſagte der Vater zu ihm, indem er ihm trau⸗ lich uber die Wangen ſtrich.„Du läſſeſt der Leidenſchaft zu viel Gewalt uͤber Dich! So ſah ich Dich noch nie! Dieſes Auf⸗ der heftigſten Gefuͤhle kann tödt⸗ lich werden. Wie kann Dich ein Irrthum ſo aus aller Faſſung bringen, wenn es ei⸗ ner geweſen iſt! Brigitte iſt nicht minder ſchoͤn und die Vorſtellung, ſie hier zu fin⸗ den, die Du bis zur Gewißheit erhobſt, hat Dich nur betrogen. Wer wird ſo an der aͤußern Huͤlle hangen, in der nicht im⸗ mer die beſſere Seele verborgen iſt, und wenn jene auch die ſchoͤnſte waͤre.“—„O, ich Ungluͤcklicher!“ ſeufzte Willing.„Wenn ich auch den fuͤrchterlichen Schlag des ſchrecklichen Betrugs, der je erdacht wer⸗ den kann, uͤberwinde, was ſoll nun aus Brigitten werden! Darf ich ſie betrugen? Wird ſie mir's verzeihen, daß ich ihr aus Mitleid meine Hand reiche? Darf ich ihr ein Herz anbieten, in der die Liebe, nicht fuͤr ſie, nur fuͤr Marien loderte? Ach, und wie liebt ſie mich! War's nicht ein Au⸗ genblick, in dem ſie mich anſchaute, der 5 die Glut der zärtlichſten Neigung in mir anzundete? Soll ſie mich für einen Betrk⸗ ger halten? Und ihre herrlichen Eltern, was muͤſſen dieſe von mir denken, wie 157 werden ſie mich berachten! Koͤnnen ſie mei⸗ nen Betheurungen glauben, wenn ich ih⸗ nen den Irrthum entdecke? Werden ſie mich entſchuldigen? Gott, wie wird ſich dieſer Knoten loͤſen! Kommende Woche ſchon erwartet man mich in Weſtgreußen. Kann ich mich verſtellen? Soll ich eine Liebe heucheln, die meinem Herzen fremd iſt? Ziehe ich ſie durch eine Verbindung nicht mit mir ins Verderben? Und wenn ſie's je erfahrt, daß ich Marien fuͤr die Graͤfin Weſterberg hielt und ihr hinterher meine Hand gab, wird dies ihre Liebe nicht in Abneigung gegen mich verwan⸗ deln? Redet, rathet, ich irre mit meinen Gedanken in einem Labyrinthe umher, aus dem ich nicht heraus finden kann.“ Ein groͤßerer Sturm, als der war, der in Willing tobte, ſollte in ihm losbre⸗ chen, als die Thuͤr aufflog und Agnes mit funkelnden Augen und feuerrother Wange hereintrat und ſprach:„Treuloſ er, haſt Du mich ſo getäuſcht? Die Strafe iſt der bö⸗ ſen That auf dem Fuße gefolgt! Nannteſt ————— 158 Du mich nicht Deine Agnes? Druͤckteſt Du mich nicht an Dein Herz? Schriebſt Du, nicht in allen Briefen, wie Du mich uͤber Alles liebteſt? Haſt Du mir nicht ſelbſt den Diamantring Deiner verſtorbe⸗ nen Mutter auf den Finger geſteckt? Flie⸗ he, Ungluͤcklicher, Dein Anblick empoͤrt mich! Soll ich Dir fluchen, Dir Boͤſes wuͤnſchen, die himmliſche Rache gegen Dich auffordern? Welch einen Dolch haſt Du mir ins Herz gedruͤckt; koͤnnte ich ihn auf Dich hinſchleudern! So ſchoͤn, wie Du, ſind auch die Schlangen, aber ihr giftiger Biß iſt todtlich ℳ „Agnes,“ ſagte Willing in fuͤrchter⸗ tcher Bewegung,„was willſt Du von mir! Wie ein Bruder habe ich Dich geliebt; aber nie gab ich Dir das Verſprechen, mich mit Dir ehelich zu verbinden. Du haſt mich, als meine Schweſter, mehr geliebt, als Du es durfteſt, und als ich's glauben konnte„ um Gottes willen bitte ich, daß Du Dich be⸗ ruhigſt, daß Du nicht auf mich zuͤrneſt, 159 ein böſes Wort von Dir wird mich zu Boden werfen! Ich weiß es, wie Du mich liebſt, darum iſt's ſchrecklich fuͤr mich, Dich ſo leiden zu ſehen.“— Ihr Auge ſpruͤhte Funken, ihre Lippen waren blaß, ein Strom von Thraͤnen, auf die ſie nicht zu achten ſchien, quoll uͤber ihre Wange. „Dein Mitleid mag ich nicht,“ ſagte ſie, „behalte es fuͤr Dich und haſſe mich lie⸗ ber, vernichte mich, wenn Du's kannſt. Sehr ungluͤcklich haſt Du mich gemacht und kein Menſch kann mich uͤberzeugen, daß Du die Abſicht nicht deutlich verrie⸗ theſt, Dich auf ewig mit mir zu verbin⸗ den. Vor Deinem Gewiſſen und vor Gott kannſt Du Dich von aller Schuld nicht rein waſchen!“—„Aber, ich kann es,“ ſagte Willing mit Heftigkeit,„ſo wahr ich an einen gerechten Richter glaube. Und nun, Agnes, quaͤle mich nicht länger, wenn Du mich nicht von hier hinwegſcheu⸗ chen willſt, wenn ich Dich nicht ewig flie⸗ hen ſoll! Wahrlich, in meinem Herzen ſo wenis⸗ als mit dem Munde, habe i6 Pi die Ehe verſprochen, konnte ich's verhuͤten, daß Dich nicht ein Wahn betrog? Gott und Menſchen rufe ich zu Zeugen an, daß ich nie der gegen Dich war, der in der ei⸗ nen Hand fuͤr Dich die Wonne hielt und in der andern das Verderben! Kannſt Du mich nicht mehr lieben, ſo haſſe mich; aber keinen Vorwurf erlaube Dir mehr gegen mich, ich kann ihn nicht ertragen. Ein je⸗ der Menſch muß es am beſten wiſſen, wie es mit ihm ſteht, und— inein Herz ver⸗ dammt mich nicht.“ „Verdammt Dich nicht?“ ſagte ſie mit wildem Geſicht.„Was mag das fuͤr ein Herz ſeyn!“ Mit den Worten:„Ich mag Dich niemals wieder ſehen,“ verließ ſie mit der Mutter zugleich das Zimmer. „Kann der Himmel die härteſten Schläge ſo raſch auf einander folgen laſ⸗ ſen?“ ſagte Willing zum Vater, der ne⸗ ben ihm ſaß.„Gab er mir auch die noͤ⸗ thige Kraft, um ſie auszuhalten? Die Zeit wird es lehren.“—„Das Ganze iſt nicht ſo niederſchlagend,“ ſprach Neuberg 161 im beſaͤnftigenden Tone,„wenn Du es mit ruhigerm Gemuͤthe betrachteſt. Du biſt gewaltig aufgeregt, und da thuͤrmen ſich uns die kleinſten Huͤgel zu unerſteig⸗ lichen Bergen. In Hinſicht Agneſens biſt Du ganz bei uns gerechtfertigt. Das Schickſal hatte Dich in ein ganz eigenes Verhaͤltniß gegen ſie geſtellt. Du warſt ihr Stiefbruder, und als ſolcher haſt Du vielleicht Dein Betragen nicht ſorgſam ge⸗ nug gegen ſie abgemeſſen und Du dachteſt gewiß nicht daran, daß ſie ihm dieſe Deu⸗ tung geben werde. Habe ich doch ſelbſt es nie geglaubt. Aber ein Maͤdchen in ihren Jahren, wo das Gefuͤhl uͤber den Verſtand immer die Oberhand hat, giebt den gleichguͤltigſten Dingen eine andere, ihr beliebige, ſchmeichelnde Deutung, nur nicht die wahre, rechte. Daß ſie Dich liebte, war natuͤrlich, nur verwandelte ſie die achtungsvolle, kindliche Geſchwiſterliebe in eine leidenſchaftliche Neigung. Wer mag die rechte Graͤnzlinie zwiſchen dieſer und jener beſtimmen, wenn ſie ſich nicht I. IT in auffallenden Aeußerungen verraͤth? Sie wird zur Ueberlegung kommen, ihren Schmerz uͤberwinden, Du wirſt ihr verzei⸗ hen; auch aus ihrer zornigen Liebe ſprach ein Herz, das Dich uͤbertrieben und unbe⸗ ſonnen liebte.“ „Aber von unendlich groͤßerm Gewicht, Du haſt es erkannt, Du haſt es von allen Seiten beleuchtet, iſt das Verhaältniß, in welches Du Dich durch einen moͤglichen und verzeihlichen Irrthum mit der Graͤfin Brigitte geſetzt haſt. Laß mich daruͤber einige Worte reden, ſammle, ſo viel als moͤglich iſt, Ruhe, daß Du mir mit Dei⸗ nem Verſtande zuhoͤren kannſt. Eigentlich ſollte es doch wohl das Geſicht nicht ſeyn, nicht die aäußere Huͤlle eines Menſchen, von welchem Geſchlecht er iſt, die uns Liebe, welche, wenn ſie nicht ein gemeines ſinnliches Wohlgefallen ſeyn ſoll, auf Ach⸗ tung gegen ſeine Tugend gegrundet ſeyn muß, einfloͤßt. Wenn nun Brigitte auch Mariens Geſichtszuge nicht hat, ob ſe ich auf eine andere Weiſe ſchoͤn 163 tet iſt, und Dieſem und Jenem mit ihrem „Aeußern mehr gefallen kann, als Marie, ſo ſteht ſie ihr in Hinſicht des innern Ge⸗ halts, der Tugend und Unſchuld, eines zarten, weichen Sinnes gewiß nicht nach. Das kann ich behaupten, ich kenne beide Maͤdchen genau. Ja, ſie iſt milder, nach⸗ gebender, weicher als Marie. Stimmt ſie nicht ſchon mit Dir darin uberein, daß Dein bloßer Anblick ſie begeiſtert hat? Es muß Dich ruͤhren, daß ſie mit dieſer Innigkeit Dir ergeben iſt, daß ſie Dir ſo kindlich vertraut, daß ſie an Deine Tugend glaubt.“. „Und, mein Sohn, vun ich Dir es ſagen, daß die weibliche Schoͤnheit einer Blume gleicht, die oft ſchnell verbluͤht, daß wir uns an ihren Anblick gewoͤhnen und endlich von ihren Reizen, die nur un⸗ ſere Sinne angenehm ruͤhren, nicht mehr bewegt werden? Unſchuld und Tugend das ſind an einem Maͤdchen auf das un⸗ ſere Wahl faͤllt, die ſichern Buͤrgen unſe⸗ es ehelichen Gluͤcks. Und was dieſe . 1 5 164 Schoͤnheit der Seele betrifft, die einer un⸗ endlichen Vervollkommnung faͤhig iſt, da darf ſich Brigitte wohl mit Marien meſ⸗ ſen.“ „Keinen Zwang lege ich Dir auf, nicht fordere ich von Dir, daß Du Dich mit der Graͤfin, auf Unkoſten Deiner Le⸗ bensruhe, verbindeſt, damit waͤre ihr ſelbſt am wenigſten gedient. Sie traͤgt Dir ein volles Herz entgegen und verlangt das Deine als Gegengabe. Muͤßte und wuͤrde ſie's je empfinden, daß es Dir nur auf das Geſicht ankam, was ſie ſich, ſo wie es Dir gefaͤllt, nicht geben kann, wie wuͤrde und koͤnnte ſie Dich dann noch ach⸗ ten und lieben, und wäre damit ihr gan⸗ zes Gluͤck, was ſie von Dir erwartet, nicht zertruͤmmert? Und verzeihen könnteſt Du es Dir nicht, wenn Du die Schuld truͤ⸗ geſt, daß ſich ihr heiterer Tag in eine kummervolle Nacht verwandelt. Aber ich bitte Dich, daß Du mit uns nach Weſt⸗ greußen reiſeſt, daß Du ſie ſiehſt, und ge⸗ faͤllt ſie Dir nicht, ſo darfſt Du's offen 165 ſagen, daß Dich ein Irrthum taͤuſchte. Nur das Wegbleiben darfſt Du Dir nicht geſtatten. Beruhigen wird ſie ſich leichter, wenn Du mit offener Reblichkeit vor ihr erſcheinſt. O! die Gottheit hat ganz an⸗ dere Mittel, als den Reiz der Schoͤnheit, wodurch ſie die herrlichſten Verbindungen ſtiftet. Treffliche Eigenſchaften des Cha⸗ rakters, ein guͤtiges, liebevolles, freund⸗ liches Weſen ſind fur ein edles Herz weit anziehender, als aller Schmuck der aͤuße⸗ ren Geſtalt. Wenn das Wohlgefallen an dieſer mit ihr untergehen muß, da erhebt ſich, wie ein immer heller werdendes und unſer Herz mehr erwärmenderes Licht, die Tugend empor, leuchtet in goͤttlicher Klar⸗ heit und wandelt uns, bis zum Ziele des Lebens, wie ein Engel zur Seite, der im⸗ mer neue Freuden in daſſelbe webt. Handle, wähle, ich glaube es nicht, daß die Wahl Dir ſo ſchwer werden kann.“— „Aber,“ ſagte Willing, welcher ganz dem Rathe ſeines Vaters gewonnen war, nwie, wenn ihr das Geheimniß meiner 65 Taͤuſchung verrathen wuͤrde? Daß ich aus Pflicht und nicht aus Neigung ihr meine Hand bot?“—„Kannſt Du ihr Deine Hand nicht aus Neigung geben, Wilhelm, ſo gieb ſie ihr gar nicht, dann iſt ſie viel beſſer daran. Fuͤr dieſe Art der Pflicht wird ſie Dir keinen Dank wiſſen. Aber das Geheimniß ſoll ihr nie verrathen wer⸗ den, wenn Du es ihr nicht dann ſelbſt verrathen willſt, wenn Du in ihrem Her⸗ zen den Blauben an Deine Liebe uner⸗ ſchuͤtterlich gegruͤndet haſt. Und muß man offenbaren, was ohne guten Zweck iſt, was leicht unvermuthetes Unheil anrichten kann? Das Frauenherz iſt ſehr empfindlich und gewiſſe Beleidigungen, zu denen wir den Grund nicht ſehen, vergißt es oft nie wie⸗ der,“. „Vater,“ ſagte Willing,„ich bin zur Reiſe nach Weſtgreußen entſchloſſen, Dein Rath hat mich dazu beſtimmt, vielleicht kann ich Dir bald herzlich dafür danken. Aber in dem Sturme, den Agnes erhoven hat, kann ich nicht langer bleiben, ich reiſe morgen ſchon.“—„Ja wohl, reiſe Du morgen. Agnes laͤßt ſich beſänftigen. Sie bleibt in Hamburg und in acht Ta⸗ gen folgen wie Dir nach.“—„O, wie ſehr wird mir der Sieg uͤber mein Gefuͤhl erleichtert,“ ſagte Willing,„daß ich Carln in Berlin kennen lernte, daß ich ihm ein heiliges Verſprechen gab, daß mir die Liebe Mariens zu dem Juͤnglinge kein Geheimniß blieb!“—„Wie ſo?“ fragte der Vater.—„Einen ſchweren Kampf yätte ich mit mir ſelber kaͤmpfen muſſen⸗ wenn ich das Mädchen frei von aller Ver⸗ vindung wußte, wenn es mir ſogar klar wurde, daß ſie fuͤr mich die Regungen ei⸗ ner verborgenen Neigung empfand. O! wie gutig iſt der Himmel, der uns die ſchwerſten Verſuchungen erleichtert und uns die Waffen zu unſerer Selbſtuberwin⸗ dung darreicht!“ Willing blieb auf ſeiner Stube, der Vater verließ ihn, um zu ſehen, wie ſich Agnes gebehrdete. Sie ſaß zwiſchen der Mutter und Tante auf dem Sopha und 1656 weinte. Als ſie ihren Vater erblickte, fagte ſie:„Ich werde Wilhelmen verzeihen, nur wuͤnſche ich, ihn, ſo lange ich in dieſer Stimmung bin, nicht zu ſehen. Schuͤtze mich gegen ſeinen Anblick. Ich will an ſeine Tugend glauben lernen und mich zu uͤberzeugen verſuchen, daß ich mich mit falſchen Traͤumen täuſchte. Habt Geduld mit einer Leidenden, deren Herz zerriſſen iſt und blutet. Das groͤßte Gluͤck meines Lebens habe ich verloren, war es auch nur ein eingebildetes, ich aber hielt es fuͤr ein wahres, und vielleicht ſchmerzt der Verluſt des erdichteten noch peinlicher, als der des wirklichen.“—„Liebe Agnes, Du ſollſt ihn nicht eher wieder ſehen,“ ſagte der 5 Vater,„bis Du es ſelbſt verlangſt, er hat Achtung fuͤr Dich, er wird Dich ſchonen, er will Dich vorſaͤtzlich nicht betrüben. Traue es ihm zu, daß er Deinen Schmerz zu wuͤrdigen weiß und daß er viel darum gaͤbe, wenn er fuͤr Dich leiden könnte. Du weißt's am beſten, wie gut er iſt.“ Als Alle ſchliefen, waren Neuberg mit 169 ſeiner Gattin und Willing noch wach und ſprachen uͤber wichtige Gegenſtände. Die Mutter war ganz der Meinung, daß er morgen in aller Fruͤhe nach Weſtgreußen abreiſete. Wenn Agnes es nicht ſelbſt er⸗ riethe, ſo wollte man es ihr auch nicht ſa⸗ gen, wohin er gereiſet ſey⸗„Wir ſehen uns in Weſtgreußen wieder,“ ſagte ſie, „aber Marie muß zuruͤckbleiben und Agnes wird die Bekanntſchaft mit Brigitten nicht fortſetzen wollen, was wir ihrem Gefuͤhl verzeihen muͤſſen, ſie bleibt auch hier.“ Waͤhrend Willing unterwegs ſich mit einander widerſtreitenden Gedanken beſchäf⸗ tigte, und oft nicht wußte, ob er die Reiſe fortſetzen oder nach ſeiner Garniſon zuruͤck⸗ kehren ſollte, um von dort aus ein Abſage⸗ ſchreiben, mit gegruͤndeten Entſchuldigun⸗ gen an den Graf zu ſchicken, fiel auch in Hamburg manches Merkwürdige vor, was der naͤhern Erwaͤhnung nicht unwerth iſt. Agnes wuͤnſchte am Morgen Willing zu ſehen. Sie wollte ihm Abbitte thun, wenn ſie ihn geſtern beleidigte und ihn um „ Verzeihung bitten. In der Racht, die ſie ſchlaflos durchwachte, wurde es ihr klar, daß ſie die Beweiſe ſeiner bruͤderlichen Liebe mißverſtand und ihnen einen Sinn unterlegte, der ihrer Neigung ſchmeichelte. Sie trauerte, als ſie erfuhr, daß er ab⸗ nach Veſtgreußen. Wie koͤnnte er das uͤber ſeine Redlichkeit gewinnen. Er iſt wahr in ſeinem ganzen Weſen und wird ſchen.“ Marien, die mit feſter Treue nur an ihrem Carl hing, war von neuem durch den von ihm erhaltenen Brief in dem Glauben an ſeine unveraͤnderliche Liebe befeſtigt. Es ſchmeichelte nicht einmal ih⸗ rer Eitelkeit, daß ſie der Gegenſtand der Liebe Willings war, und ſie wůnſchte es von ganzer Seele, daß Brigitte ihm ge⸗ fallen moͤge. Die Tante meinte, es ſey ſehr gut, daß Willing zur Erkenntniß ſei⸗ ner Selbſttaͤuſchung in Hamburg und nicht in Weſtgreußen gekommen ſey. Dort gereiſet war, und ſagte:„Doch gewiß nicht kein Mädchen mit einer falſchen Liebe tau⸗ 171 hyaͤtte ſeine Ueberraſchung leicht zu erſchuͤt⸗ ternden Scenen Veranlaſſung geben koͤnnen. Von der Reiſe nach Weſtgreußen wurde auch geredet. Agnes bat ſogleich, daß ſie in Hamburg bleiben duͤrfe. Die Madame Berthes hatte es verſprochen, ihren Auf⸗ enthalt in Hamburg, bis zur Ruͤckkehr Neubergs, zu verlaͤngern, und Marie ließ ſich das gern gefallen. Neuberg wollte ihr Außenbleiben bei ſeinem Bruder mit trifftigen Grunden entſchuldigen.„Agnes,“ ſagte Marie mit freundlicher Liebe zu ihr, „Du rechneſt es mir nicht uͤbel an, daß ich die unſchuldige Veranlaſſung war, die Dir fruͤher einen Wahn entriß, den Du ſpaͤter vielleicht und mit noch groͤßern Schmerzen, doch aufgeben mußteſt. Nun bleibe ich noch eine Weile bei Dir, und unſere Herzen ſollen ſich recht ſchweſterlich mit einander verbinden. Leide ich doch auch, nur auf eine andere Weiſe, wie Du, ob aber empfindlicher, das iſt erſt die Frage. Ich ſcheue mich jetzt ſogar vor Weſtgreußen. Recht ſchwer wurde es mir 172 werden, Brigitten ein Geheimniß zu ver⸗ ſchweigen, was ſie, wenn es zwiſchen ihr und Willing noch zu einer Verbindung koͤmmt, nie erfahren muß. Du wrirſt es ihr nicht entdecken.“—„Nein, ich nie, da ich der Rache nicht faͤhig bin. uUnd wozu ſollte die dienen. Aber, denke an mich, aus der Verbindung zwiſchen Wil⸗ helm und Brigitten kann nie etwas wer⸗ den. Er iſt kein Schmetterling, der von einer Blume zur andern fliegt. Mit Dei⸗ nem Bilde hatte ſich ſeine Liebe verknuͤpft und an ein anderes kann er ſie nicht hef⸗ ten.“—„Ein Verbrechen waͤre es doch nicht, wenn er das nicht thäte. Hat nicht ſo mancher edle Juͤngling ſich die zweite Braut erkohren, wenn ihm die erſte, die er mit ſeelenvoller Zaͤrtlichkeit liebte, durch den Tod entriſſen wurde, oder wenn ſie ihn durch uͤberwieſene Untreue und veran⸗ derliche Laune von ſich ſtieß? Laß Willing handeln wie er will, ſey ihm nicht eine zu ſtrenge Richterin. Fuͤr das eigene Thun iſt Jeder bei ſich ſelbſt verantwortlich. 173 Nachſicht und Guͤte geziemt unſerm Ge⸗ ſchlecht und Dein Herz wird dieſe Tugen⸗ den am wenigſten verleugnen.“ Waͤhrend man ſich in Hamburg zur Abreiſe anſchickte, war Willing ſchon in Weſtgreußen angekommen. Er widerſtrebte in ſeinem Innern und wurde von einer ſtarkern Macht dennoch fortgetrieben. Er zögerte recht abſichtlich, ſo, daß er erſt daſelbſt am ſpäten Abend ankam. Als ihn der Amtmann, indem er in die Thuͤr trat, anſichtig wurde, fiel er ihm mit einem Freudegeſchrei in die Arme und fragter „Nun, kommen die Andern nach?“— „Meinen Sie die Hamburger? Von denen weiß ich nichts.“—„Nun, es iſt nur gut, daß Du hier biſt, mit welcher Sehnſucht biſt Du erwartet worden! Sogleich werde ich dem Graf Deine Ankunft melden, das habe ich ihm verſprechen muͤſſen.“—„On⸗ kel, das muß ich verbitten. Viel zu er⸗ ſchoͤpft bin ich von der Reiſe. Umkleiden kann ich mich nicht. Der Ruhe bedarf ich auch. Erfuͤllen Sie Ihr Wort morgen, 174 morgen.“—„Denke Dir, Carl hat Dein Bild, waͤhrend er hier war, fuͤr Brigitten abgemalt, und das hängt in ihrem Zim⸗ mer.“—„Die Graͤfin iſt ſehr gülig, ſagte Willing mit einer ſo ernſten Miene, die dem Amtmann faſt auffiel.„Wilhelm,“ ſprach der Amtmann,„Du ſcheinſt mir ſo ſinnig, ſo beſorgt, ſo äangſtlich.. Deine Liebe zu der Gräfin iſt doch nicht erkaltet? Das waͤre ja ſchrecklich!“—„Be⸗ denken Sie nur, lieber Onkel,“ nicheli Willing,„ſie hat mich des Abends, bei Lichte, nur in der Ferne geſehen, wenn ich ihr nun bei Tage, in der Nahe, an⸗ ders erſchiene! Das eben iſt's, was mich beſorgt macht, je naͤher ich der Entſchei⸗ dung ſtehe.“—„Das hat nichts zu ſa⸗ 3 gen, mein lieber Sohn, der Anblick Dei⸗ nes Bildes macht ſie entzuckt und der Ma⸗ ler hat fuͤrwahr nicht geſchmeichelt.“ „Wo iſt die Tante?“ fragte Willing. —„Auf dem Schloſſe,“ erwiederte der Amtmann.„Wie wird ſis ſich freuen, wenn ſie Dich hier findet! Man hat ſich ſchon 175 gewundert, daß Du ſo lange zögerſt. Ich hoffe, mein Bruder wird Dir mit ſeiner Familie bald nachkommen.“ S.die hatten etwa eine Stunde ver⸗ plaudert, als die Amtmannin allein vom Schloſſe kam und ſich ſehr freute, Willing zu ſehen. Nach den erſten Begruͤßungen ſagte ſie:„Weiß es der Graf noch nicht, daß Du hier biſt? Er muß es ſogleich er⸗ fahren. Willing ſchuͤtzte die Muͤdigkeit ſeiner Reiſe vor und legte ſich ungewoͤhn⸗ ich fruͤh nieder. Als der Amtnhänn, im Vorſaal des Grafen, von dem Kammerdiener erfahren hyatte, daß der Graf allein in ſeiner Stube ſey, ging er hinein und ſagte:„Herr Graf, ich bringe einé erwuͤnſchte Nachricht. Willing iſt angekommen; aber er fuͤhlte ſich von der Reiſe ſo erſchoͤpft, daß er ſich niederlegen mußte. Morgen wird er Ihnen ſeine Aufwartung machen.“—„Das iſt ſehr gut, lieber Amtmann,“ ſagte der BGraf in froher Bewegung,„daß Willing nicht ſo uͤberraſchend auſs Schloß gekom⸗ 175 men iſt. Es iſt doch eine ganz eigene Sache mit ſeiner und Brigittens Liebe. Je naͤher der Zeitpunkt ſeiner Erſcheinung ruͤckte, deſto reiflicher habe ich daruͤber nach⸗ gedacht. Von einem Ball, wo ſich die jungen Leute Einmal nur ſahen, kein Wort mit einander wechſelten, ſchreibt ſich ihre Bekanntſchaft her, aus der eine ſo feurige Liebe entſtanden iſt. Auf einem Ball er⸗ ſchien uns manches Schoͤne viel ſchoͤner, als wir es zu einer andern Zeit fanden. Welche Verbindungen ſind da nicht ge⸗ knuͤpft worden, oder ſollten geknuͤpft wer⸗ den! Aber jene loͤſeten ſich zum Gluͤck bald wieder auf, ehe die übeln Folgen der ſinn⸗ lichen Uebereilung eintraten, oder dieſe blieben unreife Fruͤchte, die nie zur Voll⸗ kommenheit kamen. Es wäre doch in vie⸗ ler Hinſicht eine fatale Sache, wenn Wil⸗ ling meine Tochter ſo geradezu ſähe, ſie ihm nicht geſiele und das Geſtaͤndniß hin⸗ terher kame, daß er den Bund der Ehe mit ihr nicht ſchließen koͤnne. Ob ein ſol⸗ ches Geſtindniß koͤmmt oder autlt — 177 das läßt ſich nicht vorherſagen. In Hin⸗ ſicht Brigittens bin ich meiner Sache viel gewiſſer, wiewohl es auch etwas anderes iſt, Einem nach ſeinem huͤbſchen Geſichte und ſeiner äußern Geſtalt, als nach ſei⸗ nem Verſtande und Herzen lieben, welches aus ſeinem ganzen Weſen ſpricht. Es iſt daher mein Vorſchlag, daß Sie mir behuͤlf⸗ lich ſind, damit ein Plan, den ich mir gedacht habe, ausgefuͤhrt werde, welcher viele Unannehmlichkeiten beſeitigt und mir mannichfaltigen Verdruß erſpart.“ „Morgen, ehe Willing noch zu mir kommen kann, in aller Fruͤhe, will ich meine Gattin bitten, die nun meinen Plan weiß, daß ſie mit Brigitten, wie es oft geſchieht, einen Spaziergang vor Ihrem Hauſe vorbei macht. Geben Sie Achtung, wenn ſie koͤmmt, ich werde auch dabei ſeyn. Benachrichtigen Sie Willingen von unſerm Kommen, wenn er uns nicht ſelbſt bemerkt, bitten Sie ihn, daß er im Zimmer bleibt, indeß Sie mit Ihrer Gattin, die Sie vor⸗ her ebenfalls von meinem Plane II. 12 178 ten werden, herauskommen. Wir plau⸗ dern dann eine Weile, und ſo hat Willing Gelegenheit, ſie noch einmal und am Ta⸗ ge zu ſehen. Ueberlaſſen Sie's ihm dann ganz, was er thun und nicht thun will. Es waͤre mir doch ſchrecklich, wenn er, durch Umſtaͤnde gezwungen, die er ſelbſt veranlaßte, und nicht aus Neigung und freier Wahl, meine Tochter zu ſeiner Gat⸗ tin naͤhme. Sind Sie nicht meiner Mei⸗ nung auch? Der Imtmann gab ſei⸗ ne Zuſtimmung und verließ den Graf, der nicht ruhigen Gemuͤths war. Willing hatte die Nacht ſchlecht ge⸗ ſchlafen. Furcht und Hoffnung bewegte ſich in ſeinem Herzen. Nicht ſo heiter und geiſtesfroh war ſein Weſen, mehr ernſt und nachdenkend. Auguſte bemerkte das und ſagte:„Du ſieheſt heute Deine Bri⸗ gitte, vielleicht wird Dein hoͤchſter Wunſch fruher als Du es ahneſt erfullt; und ich ſinde Dich anders, als das Erſtemal, wo Du hier warſt, ſo ernſt, faſt verſtimmt. Wer einem Glucke entgegen geht, der hat —.—— frohen Muth und dieſer zeigt ſich auf ſei⸗ ner Stirn und in ſeiner Rede.“—„Liebe Tante,“ erwiederte er,„die Reiſe hat mich ſehr angegriffen, nicht ganz wohl fuͤhle ich mich, und das hat Einfluß auf die Seele. Haben Sie meine Ankunft dem Graf ſchon melden laſſen?“—„Noch nicht,“ ſagte der Amtmann,„dazu iſt's noch zu fruͤh. Ich denke, Du ſollſt ihn uͤberraſchen. Es iſt mir anders eingefallen. Gewoͤhnlich macht der Graf mit ſeiner Gattin und Brigitten eine Mor genpromenade. Oft wird der Gang vor dem Amthauſe vor⸗ uͤber gewaͤhlt. Wie ware es nun, wenn ſich das heute juſt traͤfe und Du faͤheſt, lauſchend hinter dem Fenſter, Brigitten, ohne daß ſie Dich gewahr wuͤrde? Es iſt doch viel gewagt, nach meinem Bedenken, ſich mit einem Maͤdchen verbinden wollen, das man Einmal auf einem Ball ſah. Ihr Herz iſt das beſte und das kann man Nie⸗ manden ſogleich vom Geſichte leſen. Ge⸗ fällt ſie Dir eben ſo, wie ſie Dir beim erſten Erblicken gefiel, ſo magſt Du 180 aus gehen, erſcheint ſie Dir minder ſchoͤn und Deine Neigung kuͤhlt ſich plotzlich ab, ſo bleibſt Du im Zimmer. Was Du aus Liebe und Neigung nicht thun kannſt, das ſollſt Du aus Zwang nicht thun, es koͤnnte das fur Dich und ſie uͤble Folgen haben. Habe ich nicht Recht?“— WVilling war mit dem Rathe ſeines Onkels gar ſehr zu⸗ frieden und fugte ſich gern in ſeinen Wil⸗ len. Er kleidete ſich fertig an und erwar⸗ tete es mit klopfendem Herzen, daß der Graf mit ſeiner Gattin und Tochter kom⸗ men ſollten. Alle Zuͤge des Bildes, wel⸗ ches er, ihren Eltern unbewußt, von Ma⸗ rien in der Seele trug, ſuchte er auch durch die Vorſtellung in ſich zu vertilgen, daß ſie wegen der Verbindung, in der ſie mit Carln ſtand, nie ſeine Gattin werden konnte, und daß ſeine Tugend kein Mittel angewandt hätte, um das Band zu tren⸗ nen, durch das ſie von zarter Kindheit an, an den Juͤngling geknuͤpft wat. Nie uͤrde er's uͤber ſich vermocht haben, das Gluck dieſer Beiden zu zerſtoͤren. 181 Er huͤtete wachſam im Innern des Fenſters den Weg, der vom Schloſſe nach dem Amthauſe fuͤhrte, und fuͤhlte ſich durchaus unfaͤhig, ein zuſammenhangendes Geſpraͤch zu fuͤhren. Seine Seele war ſo geſpannt, ſo zerſtreut, in einer ſo ſonder⸗ baren Stimmung, daß er auf die Fragen, die gethan wurden, oft nur halbe, unpaſ⸗ ſende Antworten gab.—„Mein Gott,“ ſagte der Amtmann,„welche Revolutionen richtet doch die Liebe in einem Menſchen⸗ herzen an! Sie kehrt unſer ganzes Weſen um, und macht uns Andern und uns ſelbſt zum Räthſel! Wie groß iſt ihre Macht, mit der ſie uns zu den Sternen erhebt und in den Abgrund der Erde nieder⸗ ſchlaͤgt! Die Ruhe kehrt erſt dann in unſer Herz zuruͤck, wenn wir von dem tobenden Meere der Zweifel und Ungewißheit in den ſſchern Hafen eingelaufen ſind, wo uns das erkaͤmpfte und Seitete Gut Niemand rauben kann.“ „Sie kommen, ſie kunnh rief jetzt aus. Der Amtmann ans 182 Fenſter, blickte nach dem Schloſſe hin und ſagte:„Ja, ſie ſind's! Es iſt ein guͤnſti⸗ ger Zufall, daß ſie juſt beute hier vorbei, nach der großen Lindenallee gehen. Ich wer⸗ de mit Auguſten hinausgehen, ſie in ein Ge⸗ ſpräch verwickeln, und Dir die Gelegenheit geben, die ſchoͤne Brigitte recht genau be⸗ trachten zu koͤnnen. Thue Du dann, was Dir das Herz oder der Verſtand gebietet.“ Als der Graf mit den Seinen ſo nahe war, daß Willing die Geſtalt deutlich be⸗ urtheilen konnte, ſagte gr:„Ein ſthoͤner, edler Wuchs!„ Der Amtmann ging vor die Thuͤr, der Graf redete ihn an, Auguſte folgte ihm nach und ſie ſtanden vor dem Wirthſchaftshauſe ſtill. Lauſchend hinter dem Fenſter betrachtete Willing die ſchoͤne Brigitte. Er ſah ihr freies Geſicht, ſelbſt den milden Glanz ihrer Augen glaubte er wahrzunehmen, ihre Wangen bluh⸗ ten wie Roſen. Auch ſie iſt ſchoͤn! Auch ſie iſt ein reizendes Maädchen! ſagte es in ihm. Und haͤtte Dich denn nur das Geſicht einer Marie gluͤcklich — 183 machen können? Biſt Du nicht thoͤricht, wie ein unverſtändiges Kind, das nach den Spielſachen zuerſt greift, die mit den glaͤn⸗ zendſten Farben bemalt ſind? Soll der Eindruck der Sinne entſcheiden? Er hoͤrte es deutlich, daß Brigitte mit der Frage an den Amtmann ins Ge⸗ ſpraͤch ſiel:„Haben Sie noch keine Nach⸗ richt von Willing? Er bleibt ſehr lange! Welche Hinderniſſe halten ihn zuruͤck?“ Die Antwort, welche der Amtmann ihr gab, hoͤrte er nicht mehr. Mit fliegenden Schritten ging er aus dem Zimmer, flog die Stufen der Treppe vor dem Amt⸗ hauſe hinab und rief laut:„Graͤfin, hier bin ich!“ Er fiel dem Graf in die Arme. Erſtarrt, ſtaunend ſtand Brigitte da, ſie zitterte, entfaͤrbte ſich und konnte kein Wort erwiedern, als Willing ſie begruͤßte. „Ich dächte,“ ſprach er,„wir gingen in die Stube, ich habe durch meine unerwar⸗ tete Erſcheinung der Graͤfin einen uͤbeln Schreck gemacht.“—„Wohlan,“ ſagte der Graf,„das muͤſſen wir Wil⸗ — — 184 ling fuͤhrte Brigitten ins Zimmer. Sie ließ ſich aufs Sopha nieder und er ſetzte ſich neben ſie.—„Lieber Amtmann,“ ſagte der Graf, der es wohl wußte, wie es gemeint war,„Sie haben es nicht gut ge⸗ macht, daß Sie mir Willings Ankunft nicht meldeten.“—„Er verbot es mir,“ erwie⸗ derte der Amtmann,„und ich war ungewiß, was ich thun oder unterlaſſen ſollte. Der Schreck wird ja von keinen boͤſen Folgen ſeyn.“ Brigitte erholte ſich bald wieder, durch Thraͤnen machte ſich ihr Herz Luft. Sie wagte es kaum, ihren Blick zu Willing zu erheben und ihn anzuſehen. Mit ge⸗ heimem Entzuͤcken war ſein Auge auf die Jungfrau gerichtet, auf deren Geſichte Un⸗ ſchuld, Guͤte, Schuͤchternheit und edle Schaam ſchwebte.„Es thut mir weh,“ ſprach er zu ihr,„daß ich Sie ſo erſchreckte, Sie werden mir verzeihen.“—„Das iſt nicht Ihre Schuld,“ erwiederte ſie,„ſon⸗ dern die meine. Anders, wie ich war, konnte ich nicht ſeyn.“—„Schon lange wur⸗ — 185 den Sie hier erwartet, lieber Willing,“ ſagte die Graͤfin,„und weit Sie uͤber die Zeit ausblieben, die wir Ihnen in Gedan⸗ ken geſetzt hatten, beſorgten wir, es ſey Ihnen eine Krankheit zugeſtoßen.“— „Der Mann im Dienſte,“ ſagte er,„hat einen untergeordneten Willen, der ſich nach dem Befehle ſeiner Obern fuͤgen muß⸗ Durfte ich meinem Herzen folgen, ich waͤre gewiß fruͤher gekommen.“ Willing unterredete ſich mit Brigitten beſonders und uͤberzeugte ſich, daß ſie nicht allein einen gebildeten Verſtand, ſondern auch ein weiches, ſanftes Herz hatte. In ihrer Naͤhe verlor ſich Mariens Bild aus ſeiner Seele und mit maͤchtiger Neigung fuͤhlte er ſich zu ihr hingezogen. „Wenn ich mich in der Seele freue,“ fing der Graf im ernſten, faſt feierlichen* Tone an,„daß meine Lochter die Frau eines edeln Mannes wird, den ich ſchätze und liebe, ſo wird dieſe Verbindung, wenn ich auch auf die erſte Veranlaſſung keine Ruͤckſicht nehme, auf eine Weiſe geſchloſ⸗ 186 ſen, die vom Gewoͤhnlichen abweicht und gar nicht in der Regel iſt. Sie, lieber Willing, haben ſich noch nicht erklart, ob Sie Brigitten zu Ihrer Lebensgefährtin erkohren haben; Brigitte felbſt hat es noch nicht muͤndlich geſtanden, ob ſie, da Sie neben ihr ſitzen, auch Ihren Wunſch reali⸗ ſirt findet, den Sie ihr durch das erſte Erblicken einfloͤßten; und weder ich, noch meine Gattin, als auch Ihre Eltern in Hamburg ſind gefragt, ob wir unſere Zu⸗ ſtimmüng geben. Der wichtigſte Bund im Leben kann doch nicht ohne eine ge⸗ wiſſe aͤußere Form, die dabei nothwendig iſt, und nicht uͤbergangen werden kann, geſchloſſen werden? Sagen Sie mir we⸗ nigſtens, in Gegenwart Ihrer Verwandten, was Sie mir in dieſer Hinſicht ſagen koͤn⸗ nen.“ „Herr Graf,“ erwiederte Willing, „meine Ruͤckkehr nach Weſtgreußen, daͤchte ich, ſagte ſchon Alles; aber ich erklaͤre auch noch muͤndlich, daß meine ungetheilte Liebe nur den hochſten Wunſch hegt, Ihre 157 Tochter gluͤcklich zu machen und daß ſie es durch mich werden mag. Koͤnnten Sie und die Frau Graͤfin mir Ihre Einwilli⸗ gung verſagen? Das habe ich von dem Augenblicke nicht mehr gefuͤrchtet, als mir Ihre Guͤte und Ihre wahrhaft elterliche Geſinnung bekannt war. Meine Eltern ſind hoch erfreut, daß Sie mich eines Gluͤcks wuͤrdigen, was der gluͤcklichſte Zu⸗ fall meines Lebens, den ich ewig preiſen werde, herbeigefuͤhrt hat. Nun aber iſt die Reihe an Ihnen, beſte Graͤfin, frei und ungezwungen das Geſtaͤndniß Ihrer Neigung fuͤr mich zu betheuern.“— Bri⸗ gitte ſchlug die Augen nieder, blickte dann ihre Mutter an und ſprach mit bebender Stimme:„Mutter, Du kennſt mein Herz, Du weißt es auch, daß ich Willing liebe.“ Willing druͤckte zum erſten Zeichen ei⸗ nes Bundes, der zwei fromme, ſich zaͤrtlich liebende Menſchen unzertrennlich verband, einen Kuß auf Brigittens Wange und kuͤßte ihre Hand.—„Gott ſey mit euch,“ milienangelegenheit wurde auch dem Pfar⸗ 188 ſprach der Graf voll Ruͤhrung,„er laſſe es euch im Leben wohl gehen. Eure Freude wird unſere Freude ſeyn! Eine naͤhere Bekanntſchaft lehre euch eine höhere Ach⸗ tung, eine innigere Liebe gegen einander. Gewiß, Willing, wie hoch wir Ihre Tu⸗. gend ehren, das beweiſen wir damit, daß wir Ihnen unſere Tochter anvertraun.“— Willing ſtand auf, umarmte den Graf und die Graͤfin, ſchweigend that Brigitte daſ⸗ ſelbe. Eine feierliche Stille herrſchte, Alle trockneten ſich die Thränen von den Wan⸗ gen.—„Jetzt,“ ſagte der Graf zum Amt⸗ mann und ſeiner Gattin,„wenn es moͤg⸗ lich iſt, ſo werden wir nun, als Ver⸗ wandte, noch enger verbunden. Unſere alte Freundſchaft, die fuͤr's Leben geſchloſ⸗ ſen war, hat einen neuen Zuwachs erhal⸗ ten.“— Auch der Amtmann kußte den Graf und ſeine Gattin und ſo auch die Graͤfin und Brigitte. Die wichtige Fa⸗ rer gemeldet, der mit ſeiner Gattin ſo⸗ gleich auf dem Schloſſe ankam, ſeinen 189 Gluͤckwunſch abzuſtatten. Acht gluͤckliche Tage wurden verlebt, in denen man die Ankunft der Hamburger erwartete, um ein glaͤnzendes Verlobungsfeſt zu feiern. Willing hatte es nicht verſchwiegen, daß . er bei ſeinen Eltern geweſen war und daß ſie ihm das Verſprechen gaben, nach Weſt⸗ greußen zu kommen. Als ſie immer nicht kamen, entſchloß ſich der Graf, einen Ex⸗ preſſen nach Hamburg zu ſchicken, der ſie zur Verlobung einladen ſollte. Zur groͤß⸗ ten Freude Aller kamen ſie an einem Nachmittage an und ein allgemeiner Jubel hob an. Nur der Amtmann konnte ſeines Mißvergnuͤgens nicht Herr werden, als er nach Marien fragte, und ſein Bruder ihm ſagte:„Die bleibt mit der Tante in Hamburg, bis wir zuruͤckkehren. Die Freudenfeſte hier hätten gewiß keine guten Eindruͤcke auf Marien gemacht, die muß⸗ ten wir ihr erſparen. Meine Toͤchter fleh⸗ ten, daß ich ſie ihnen ſobald nicht entreißen ſollte, und ſie ſagte ſelbſt:„In dem Tumult der Freude wäre ich nicht gluͤcklich. Bri⸗ 190 gitten beneide ich ihres Gluͤcks wegen nicht, aber in ihrer Naͤhe wuͤrde ich's um ſo tiefer empfinden, wie ungluͤcklich ich bin.“ Glaube mir's, lieber Bruder,“ ſetzte der Kaufmann Neuberg hinzu,„wenn Du nicht nachgiebſt, Du zerſtörſt die Ruhe Deines Kindes und ſetzeſt ſeine Geſund⸗ heit, vielleicht ſein Leben ſogar, in Ge⸗ fahr.“— Mit ſichtbarem Unwillen ſagte der Amtmann:„Ich laſſe mir von mei⸗ nem Kinde nichts abtrotzen, es entſtehe daraus, was da wolle. Muͤſſen denn El⸗ tern thun, was die unverſtaͤndigen Kinder wollen?“ Die Verlobten lebten gluͤcklich. Im kommenden Fruͤhjahr ſollte ihre Hochzeit gefeiert werden. Willing wollte den Mi⸗ litairdienſt verlaſſen und ſich ein adliches Gut in Klingen kaufen, wozu er ſelbſt 80,000 Thaler baares Vermoͤgen hatte. Der Graf legte noch eine anſehnliche Mit⸗ gift zu.— Schrecklich aber war's dem Amtmann, als, ſtatt der Tante und Marien, ein Brief 191 aus Hamburg kam, der ihn um die Er⸗ lsubniß bat, daß ſie dort bleiben duͤrfe, weil man in der unguͤnſtigen Witterung die weite Reiſe nicht machen koͤnne. Im Fruͤhjahr werde ſie kommen und dann fuͤr immer in Weſtgreußen bleiben.—„Mei⸗ netwegen,“ ſagke der Amtmann recht zor⸗ nig,„mag ſie bleiben, wo ſie will, ihr Herz hat ſie doch ſchon von uns entfernt. Man erkauft die Liebe der Kinder nur da⸗ durch, daß man tanzt, wenn ſie pfeifen. Iſt ſie erſt wieder hier, ſo ſoll ſie hier auch bleiben, und wenn ihr im Vaterhauſe, wie dem Gefangenen im Kerker, zu Mu⸗ the waͤre.“ Der Amtmann hatte fuͤr wining um einen guten Preis das Gut in Klingen gekauft. Der Graf ließ bauen, gab zur wirthſchaftlichen Einrichtung eine bedeu⸗ tende Summe her, und Willing, der mit dem Range eines Majors die Armee ver⸗ ließ, zog auf ſein Schloß. Aber taͤglich war er in Weſtgreußen und öfter, wenn der Graf zurückblieb, erhielt er von der Graͤfin und Brigitten Beſuche. Die Hoch⸗ zeit wurde gefeiert und die jungen Ehe⸗ leute ſchaͤtzten ſich gluͤcklich, in der Naͤhe ihrer Eltern und Freunde zu wohnen. Auch Marie war in Weſtgreußen, aber ſie entzog ſich dem Umgange Brigittens und Willings, der Hamburger Scene wegen, die zwiſchen ihr und dieſem vorfiel, immer mehr. Im Pfarrhauſe war ſie am lieb⸗ ſten und da ſie uͤberhaupt keine Geſell⸗ ſchaften liebte, durfte ihr der Vater die Gaͤnge dahin nicht verbieten. Sie lernte, unter ihrer Mutter Aufſicht, die Wirth⸗ ſchaft, und der Vater, der ſich immer mehr mit ihr ausſoͤhnte, da ſie keine Sylbe von Carln ſprach, freute ſich, daß ſie ſo geleh⸗ rig, ſo thaͤtig war und ſich den ihm ver⸗ haßten Stadtmanieren immer mehr ent⸗ woͤhnte. So verſtrichen vier Jahre, ohne daß Umſtaͤnde eintraten, die der Liebe Carls und Mariens beſonders günſtig geweſen waͤren, ja, es drohte ihnen die Gefahr ei⸗ ner Trennung, die ſie nicht furchteten, an 193 die ſie nicht glaubten. Der Amtmann blieb beharrlich dabei, daß Carl fuͤr Ma⸗ rien kein Mann ſey. Er hatte ſich ein anſehnliches Gut in dem nahe belegenen Eh⸗ rich gekauft, welches er zur Mitgift ſeiner Tochter beſtimmte, daher ſollte ſein Schwie⸗ gerſohn kein anderer, als ein Oekonom ſeyn. Seltener durfte Marie auch in ei⸗ ner Zeit nach dem Pfarrhauſe gehen, wo eine Heirath fuͤr ſie im Werke war. Der Sohn des Oberamtmanns Bertram in Groͤ⸗ ningen hatte es dem Amtmann Neuberg deutlich zu verſtehen gegeben, daß er ernſte Abſichten auf Marien haͤtte. Dieſer junge Menſch hatte ein allgemeines Lob, war ein tuͤchtiger Hekonom, beſaß geſellige Bil⸗ dung und konnte ein bedeutendes Kapital in die Wageſchale legen. Neuberg glaubte, daß ſeine Tochter eben darum, weil ſie oͤf⸗ ter auf der Pfarre war, um ſo feſter an Carln gehalten wuͤrde. Er verbot ihr die zu haͤufigen Beſuche und Marie ſagte: „Vater, willſt Du mir auch dieſes einzige Vergnuͤgen rauben? Sey nicht zu hart I. 1 3 wollte. X Sie werden doch nicht von mir verlangen, 194 mit mir. Willſt Du's abek, ſo bleibe ich weg und— weine.“— Er ſchwieg und war im Herzen verdrießlich, daß Marie nicht von dem Pfarrhauſe wegbleiben Als er den Prediger bat, daß er Ma⸗ rien die Pflicht des kindlichen Gehorſams einſchärfen und ſie ermahnen moͤchte, ſich mehr in der Nähe ihrer einſämen Mutter zu halten und ſie nicht alle Woche mehrere Nachmittage zu verlaſſen, erwiederſe der Pfarrer mit ernſtem Geſicht:„Ich liebe Ihre Tochter, wie mein eigenes Kind und ſehe ſie ſo gern in meiner Nähe. Ich glaube nicht, daß ſie der Ermahnung be⸗ darf, ihren kindlichen Pflichten gehorſam zu ſeyn. Fordern Sie nur nicht zu viel von ihr. Auch das Kind hat Freiheiten und Rechte, welche die Eltern reſpektiren muſſen. Seyn Sie unbeſorgt, wenn ſie im Kreiſe meiner Familie iſt, da kann ſie an ihrer Tugend nichts verlieren. Meine Kinder ſind gut und mein Auge wacht. „ 195 daß ich der trefflichen Marie die Thuͤr weiſe? Womit haͤtte ſie das verſchuldet?“ Seit dieſer Erklaͤrung, die der Pfar⸗ rer dem Amtmann gab, fuͤhlte ſich dieſer in der Naͤhe jenes nicht mehr wohl. Es entſtand zwiſchen den Beiden eine Span⸗ nung, die auch das Zureden des guten Grafen, den das gebrochene, gute Einver⸗ ſtaͤndniß ſehr ſchmerzte, nicht heben konnte. Der Amtmann fuͤhlte ſich beleidigt und wollte nicht nachgeben. Die Folge davon war, daß Marie ſelten und oft nur ver⸗ ſtohlen nach dem Pfarrhauſe gehen durfte.. Die Pfarrtöchter waren haͤufig bei ihr, brachten ihr muͤndliche und ſchriftliche Nachrichten von Carl und erhielten Briefe von ihr an ihn. Aber es that ihrem Her⸗ zen ſehr weh, daß ſich der Vater fuͤr ihre Liebe nicht geneigter ſtimmen ließ, daß er bisweilen ſogar laut auf Carln und die Predigerfamilie zuͤrnte. Oft weinte ſie im Stillen bittere Thraͤnen, ihre Augen waren oͤfter roth und wurden ſogar ſchwach, ohne daß man den wahren Grund davon wußte 196 Als der Vater bitter auf ſie zürnte, daß ſie ſo ohne Ruͤckhalt erklaͤrte, ſie werde dem jungen Bertram und Keinem in der Welt ihre Hand zum ehelichen Bunde ge⸗ ben; als er ſich ſogar einiger harten Aus⸗ druͤcke gegen ſie bediente, eilte ſie in der heftigſten Anwandlung des Schmerzes zum Graf, klagte ihm ihre Noth und bat ihn, ſie gegen die väterliche Ungerechtigkeit zu ſchuͤtzen und dem Vater durch guͤtige Vor⸗ ſtellungen andere und mildere Geſinnun⸗ gen gegen ſie einzufloͤßen. Der Graf, von Mitleid geruͤhrt, nahm, ſo weit er's konnte, Mariens Parthie, aber der Amt⸗ mann ſagte:„Beſter Herr Graf, könnten Sie ſich ſo ganz in meine Stelle verſetzen, gewiß, Sie wuͤrden die Sache ganz an⸗ ders beurtheilen. Warum ſoll ich denn juſt wollen, wie Marie will? Gilt denn ein Vater nichts mehr? Nach meiner be⸗ ſten Ueberzeugung findet ſie ihr Gluͤck auf dem Wege nicht, auf dem ſie's ſuchte, wuͤrde ich nicht eine Suͤnde begehen, wenn ich ſie weiter auf demſelben gehen ließe? V 197 Gegen den jungen Menſchen habe ich nichts, ich laſſe ihm den Ruhm, daß er ſich in aller Hinſicht auszeſchnet, aber iſt es denn ein Verbrechen, das ich begehe, wenn ich ihn zu meinem Schwiegerſohn nicht haben mag? Nimmt man nicht von allen Seiten eine Miene an, es ob es meiner Zuſtimmung nicht beduͤrfte? Be⸗ gegnet man mir nicht mit Trotz und Ei⸗ genſinn? Wer uns ſolche Waffen zeigt, mit dem treten wir in die Schranken und warten es ab, wer den Sieg davon traͤgt. Herr Graf, wenn Sie mich verkennten, das wuͤrde mir ſehr leid thun. An Ihrer Liebe liegt mir Alles. Der Herr Pfarrer zuͤrnt ſo ſchon mit mir und er iſt's, der mich beleidigte. Irren kann ich, fehlenz aber ich glaube doch recht zu handeln. Die Zukunft geſtaltet ſo Vieles, was in der Gegenwart ganz anders erſcheint. Fuͤr die Folgen meiner Handlungsweiſe muß ich ſtehen, welche es auch ſind, es iſt kein boͤſer Sinn, der ſie herbeigefuͤhrt hat.“ 193 Oſft wurde die Laſt des geheimen Kummers fuͤr Marien ſo druͤckend, daß ſie wie eine Tieftrauernde umherging. Selbſt die mitleidende Mutter, die es nicht mehr wagte, ihren Gatten umzuſtimmen, konnte ſie nicht troͤſten. Der Vater erlaubte es aber, dos ſie Wochenlang bei der Tante ſeyn durſt, um ſich zu zerſtreuen und zu erholen. Als die kluge Frau endlich ſah, daß Marie durch alle Mittel von Carln nicht zu entſernen war, ergriff ſie ihre Par⸗ thie, um den Verſtand, die Geſundheit und das Leben Mariens zu erhalten. Sie ſprach mit ihrer Pflegetochter von dem Verhaͤltniß, in dem ſie mit Carln ſtand. Sie hatte ſelbſt an ihn geſchrieben und ihn gebeten, ſeine Briefe an Marien an ſie zu addreſſiren. Die Mutter des Maͤd⸗ chens kannte das Einverſtändniß, in dem ſie mit der Tante ſtand und hatte aus wichtigen Gruͤnden nichts dagegen. Alle troͤſteten ſich mit dem Glauben, daß ir⸗ gend ein wichtiger Umſtand eintreten werde, den man nicht vorausſaͤhe, welcher den „ 199 Vater bewegen, gutwillig oder gezwungen ſeine Einwilligung in die Verbindung der Liebenden zu geben.„Koͤmmt's auf's Aeußerſte,“ ſagte ſogar die Tante,„und will Dein Vater Dich durch Härte von ſich ſtoßen, dann, Marie, fliehe in⸗ meine Arme. Deine Ausſtattung beſorge ich, und Dich habe ich bereits zur Erbis des groͤß⸗ ten Theils meines Vermoͤgens eingeſetzt. Dieſe Erklärung muͤſſe Dich aber nicht zum Trotz gegen Deinen Vater verleiten. Nichts loͤſet und vereitelt das Band der Pflichten, womit Gott und Natur die Tochter an den Vater gekettet hat. Er⸗ hebe Dich nicht zu ſeiner Richterin und bedenke, daß er's auch in ſeiner Wunder⸗ lichkeit herzlich gut mit Dir meint. Je ſchwerer Dir die Liebe zu ihm wird, deſto ſtaͤrker bewahre ſie, deſto edler iſt ſie. Carl koͤnnte Dich nicht mehr lieben, wenn Du Dich feindlich von Deinem Vater los⸗ geſagt haͤtteſt.“ Am aber war es fuͤr Marien, daß ſie immer von Weſigreußen 200 entfernt wurde, wenn Carl zum Beſuch dahin zu ſeinen Eltern kam. Ihr Ge⸗ müth war zu fromm und guͤtig, als daß ſie es mit Trotz und Hartnäckigkeit dem Willen des Vaters zu widerſetzen wagte. Aus Liebe zur Mutter und Tante be⸗ herrſchte ſie ſich ſelbſt und ging zuletzt ge⸗ duldig dahin, wohin der Vater ſie wies. Er rechnete die Zeit, wo Marie mit der Tante im Fruͤhjahr oder im Herbſt, je nachdem Carl jaͤhrlich ſeine Ferien in die⸗ ſer oder jener Jahrzeit im Vaterhauſe ver⸗ lebte, eine Reiſe machte und ſich in einer der entfernten Städte ſo lange aufhalten mußte, ihr als angenehme Zerſtreuung, als Belohnung fuͤr den Fleiß, die Ordnung an, die ſie in haͤuslichen Geſchaͤften be⸗ wies. Aber er mußte es ihr wieder er⸗ lauben, daß ſie nach dem Pfärrhauſe ge⸗ hen durfte, da ſie ſonſt keine Aufheiterung des Gemuͤths in Geſellſchaften hatte und wünſchte. Nur ſelten war ſie ſeit der Zeit bei Brigitten, als dieſe ſich uber ſie recht ſchmerzlich beklagte, daß ſie ſie ſo 201 ganz unbeſucht ließ.„Aber,“ ſprach dieſe mit wahrer Ruͤhrung,„warum ziehſt Du Dich von mir ganz zuruͤck? Nie war ich Deine Feindin, nie habe ich Dich belei⸗ digt. Lebten wir nicht von Jugend an und in Erfurt beſonders, wie zwei Schwe⸗ ſtern mit einander? Dein Umgang iſt mir ſo uͤberaus lieb. Mit Dir theile ich ſo gern meine Freuden, da ich die gluͤcklichſte Gattin und Mutter bin. Und wird es Dir nicht um's Herz leichter werden, wenn Du mir Deinen geheimen Kummer klagen kannſt? Giebt es auf Erden eine Freun⸗ din, die Dir ſo gern die Thraͤnen von den Wangen trocknet und wer weiß, was auf⸗ opferte, um Deinen heißeſten und gerechte⸗ ſten Wunſch zu erfuͤllen? Und wie ehrt und achtet Dich mein theurer Willing!“ — Marie umarmte die ſeelengute, ſie lie⸗ bende Brigitte und ſagte:„Wahrlich, ich achte Dich, wie ich Dich liebe, aber ich betheure es Dir auch, daß ich am liebſten allein bin. Bisweilen gehe ich darum nach dem Pfarrhauſe, weil ich Nachrichten 202 von Carln erhalte und weil ich mich zu ſeinen Eltern und Geſchwiſtern mit unwi⸗ derſtehlicher Gewalt hingezogen fühle. Wir reden dann immer von ihm, von der Vergangenheit und Zukunſt. Der herr⸗ liche Herr Pfarrer richtet mein niederge⸗ beugtes Herz durch die Troſtungen der Religion auf und die erquickende Kraft derſelben iſt fuͤr mein Gemuͤth ſo labend! Ach, Deine Wonnen und Freuden, liebe Brigitte, mag ich durch die Wolken mei⸗ nes Grams auch nicht truben. Der hei⸗ tere Tag Deines Lebens ſteht in zu gro⸗ ßem Widerſpruche mit der Racht, in der ich wandele, daß mir ſein Licht und Glanz faſt weh thut. Ach, wuͤßte ich's mit Ge⸗ wißheit, daß eine Zeit kaͤme, ſo fern ſie mir auch noch liegen moͤchte, wo mich un⸗ zertrennliche Bande mit Carln vereinigten, dann wollte ich muthig bis dahin leiden und kaͤmpfen; aber dies Schwanken, dieſe Hoffnungsloſigkeit iſt es, die mich oft halbe Naͤchte durchweinen laͤßt. Nenne meinen Kummer nicht uͤbertrieben, nur die, oz welche wie ich litt, kann ſeine Große be⸗ urtheilen und mich bemitleiden.“ Der edle, herrliche Willing, der ſich durch die Liebe ſeiner Gattin ſo gluͤcklich fuͤhlte, konnte ſich in Mariens Naͤhe zu einer unbefangenen Freiheit des Gemuͤths nicht erheben. Er dachte dann recht leben⸗ dig an ein ihm verhaßtes Geheimnißs, wenn ſie ſelbſt in Klingen war, das ſie bis jetzt verſchwiegen bewahrte. Der Muth fehlte ihm, ſo oft er ſich's auch vornahm, es Brigitten zu entdecken. Zu oft hatte er es ihr betheuern muͤſſen, daß ſie es war, die ihn auf dem Ball ſogleich bezau⸗ berte. Was mußte ſie von ihm denken, wenn er ihr dieſen Wahn nahm, der ihr ſo ſuß war! Zuvorkommend und herzlich war er gegen Marien, aber bisweilen, wenn das Geſpraͤch auf Erfurt fiel, merkte ſie doch eine gewiſſe Aengſtlichkeit, die aus ſeinen Augen ſprach. Der erſten Bekannt⸗ ſchaft, die er in Hamburg mit ihr machte, gedachte er mit keiner Sylbe mehr. Wie⸗ derholentlich, ſo oft die Tante Neuberg in 204 Weſtgreußen war, wurbe ſie von derſelben flehentlich gebeten, die bewußte Täuſchung ihrer Freundin ja nicht zu verrathen. Es war Marien ſehr aͤngſtlich, durch ihre Gegenwart Willing, der ſie ſehr hoch ſchaͤtzte, einen trüben Augenblick zu ma⸗ chen. Eigentlich ſah er's auch lieber, daß ſie ſo ſelten nach Klingen kam und am liebſten war's ihm, wenn ſie waͤhrend ſeiner Abweſenheit da geweſen war. Als ſie einſt zu dem Pfarrer kam, meldete ihr dieſer, daß Carl ſeine große Reiſe nach London und Paris antreten werde, um ſich beſonders in chirurgiſchen Operationen zu vervollkommnen. Der Graf habe ihm tauſend Thaler zur Beſtrei⸗ tung der Reiſekoſten ausgeſetzt. Nach ſei⸗ ner Ruͤckkehr werde er ſich, fuͤrs Erſte we⸗ nigſtens, als praktiſcher Arzt in Greußen niederlaſſen, um, wie er ſelbſt geſchrieben habe, ſeiner Marie in der Nahe zu ſeyn. Als ich dem Graf fur ſeine große Guͤte, die er Carln erweiſe, danken wollte, ſagte er: „Glauben Sie ja nicht, daß es Carl allein * 20 5 iſt, dem ich gefaͤllig zu werden wuͤnſchez indem ich dem Juͤnglinge, an dem ich ein herzliches Wohlgefallen habe, alle Mittel darreiche, ein geſchickter und der menſchli⸗ chen Geſellſchaft nuͤtzlicher Mann zu wer⸗ den, glaube ich ganz beſonders der lieben, trauernden Marie einen Dienſt zu erwei⸗ ſen. Ihr Vater wird und muß ſich zum Nachgeben erweichen laſſen, wenn Carl, als ein vor der Welt geehrter, ausgezeich⸗ neter Arzt, als ein geachteter und ver⸗ trauter Mann, ihn um die S ſeiner Tochter bitten kann. „Ach! der theure, unvergleichliche Graf,“ rief Marie aus, Gott mag ihm ſeine Guͤte vergelten! Ich kann es nicht; aber ſo ſchwer es mir auch wird, von nun an will ich Brigitten oͤfter beſuchen, ſie wuͤnſcht es gar zu herzlich. Aber Carl reiſet nach Pa⸗ ris und London? Wird ihm kein Unfall begegnen? Wie lange bleibt er weg?“— „Gewiß kaum ein Jahr,“ ſagte die Pre⸗ digerfrau,„und das geht auch hin. Aeng⸗ ſtige Dich itit Du wirſt's erfahren, es 206 geht Alles gut.“—„Wenn ich ihn nur vor ſeiner Abreiſe noch Einmal ſehen koͤnnte! Ach, wie lange ſah ich ihn nicht! Seiner aͤußern Geſtalt nach iſt er mir ganz unkenntlich geworden.“—„Marie, mit ſeinen geſchriebenen Worten zem ich Dir's beweiſen, daß er von Deutſchland nicht eher ſcheiden will, bis er Dich geſehen hat. Vertraue dies Geheimniß Niemanden an, Du wuͤrdeſt Dir ſonſt dieſe Freude ver⸗ eiteln.“—„Aber, wenn er koͤmmt, wird mich mein Vater nicht mit der Tante wie⸗ der entfernen?“—„Mog er das. Den Ort Deines Aufenthalts kann ich erfahren, und ich glaube das kleinſte Unrecht nicht zu begehen, wenn ich ihm denſelben an⸗ deute. Die Tante, die ſo menſchlich iſt, die ſo guͤtig gegen Dich denkt, wird Dei⸗ ner Zuſammenkunft mit ihm kein Hinder⸗ niß in den Weg legen.“—„Das wird ſie nicht; aber wenn ich nach Hamburg mußte? Und, daß es dahin mit der Mut⸗ ter und Tante geht, das muß ſch aus ver⸗ ſchiedenen Aeußerungen meines Vaters 207 glauben.“—„Juſt das waͤre der Ort, der ihm auf dem Wege nach London in rechter Richtung liegt. Er hat es geſchrie⸗ ben, daß er Deinen Onkel Neuberg beſu⸗ chen will„4 Ein Stern der Hoffnung und Freude war Marien aufgegangen und, was ihrem Vater ſelbſt unbegreiflich war, die Stim⸗ mung ihres Gemuͤthes heiterte ſich auf. Die Woche, in der Carl bei ſeinen Eltern ankommen wuͤrde, war dem Amt⸗ mann nicht unbekannt geblieben, der Pfar⸗ rer hatte es ihm ſelbſt geſagt, um unan⸗ genehme, vielleicht erſchuͤtternde Auftritte zu verhuͤten. Carl war ein Juͤngling ge⸗ worden, er kannte ſeinen Werth, er ge⸗ noß die Achtung ausgezeichneter Perſonen, und gewiß vertyug er die Behandlung nicht mehr, die er ſich fruͤher bieten ließ. Wenn ihm Neuberg feindlich in den Weg trat, ſo konnte es leicht geſchehen, daß das raſche Jugendblut ihn zu Uebereilungen fortriß, die fuͤr ihn von nachtheiligen Fol⸗ gen ſeyn konnten, Er ſchaͤtzte ja Marien uͤber Alles, wenn er ſie ſelbſt erblickte, wie ſie jetzt mit allen Reizen einer ſchoͤnen Jungfrau bluhte, wie leicht konnte es ge⸗ ſchehen, daß er mit Gewalt erzwingen wollte, was doch allein nur auf dem We⸗ ge der Guͤte zu gewinnen war. Der Amtmann traf Vorbereitungen zur Reiſe nach Hamburg und außerte ſo⸗ gar, daß er ſeinen Bruder ſelbſt beſuchen wolle, wenn er durch wirthſchaftliche Ab⸗ haltungen nicht daran verhindert wuͤrde. Recht ſehr mußte er ſich uͤber Marien wun⸗ dern, daß ſie diesmal nicht den geringſten Widerſpruch gegen die Reiſe verrieth, im Gegentheil ſchien ſie ſich zu freuen, ihre Freunde und Freundinnen wieder zu ſehen. Die Tante wurde gebeten, die Reiſe mit⸗ zumachen und ſie entſchloß ſich gern dazu. Als endlich der Tag erſchien, wo man Weſtgreußen verließ, blieb der Amtmann zuruͤck und ſeine Gattin, die Tante und Marie, reiſten allein ab. Wie lieb es Marien war, daß der Vater diesmal nicht mitreiſte, das ſuchte ſie ihm zu verbergen. 209 An demſelben Abend kam Carl von Berlin an. Es uberraſchte ihn nicht un⸗ angenehm, daß er Marien nicht fand, ſie hafte es ihm ſelbſt geſchrieben, und es war ſein feſter Vorſatz, ſie vor ſeiner Ue⸗ berfahrt nach England zu ſehen, durch welche Mittel er dies Gluͤck auch erſchwin⸗ gen ſollte; aber geſchrieben hatte er ihr davon keine Sylbe. Insbeſondere des Grafen wegen hatte er ſich mit den Zeugniſſen ſeines Verhal⸗ tens, ſeiner erlangten Kenntniſſe verſehen laſſen, die fuͤr ihn im yoͤchſten Grade ruͤhmlich waren. Der Doctor hatte ihn praktiſch in den verſchiedenen Augenopera⸗ tionen geuͤbt und in dem Teſtimonio, m auch er ihm ertheilte, hieß es ausdr“ Der Herr Guͤnther wird es. urzt zu einem ſehr hohen Grade der Vollkom⸗ menheit bringen, er hat davon unter meiner Aufſicht Proben abgelegt, die von ſeiner ausgezeichneten Geſchicklichkeit zeu⸗ gen. Ueber dieſe Zeugniſſe war der Va⸗ ter vor Freude außer ſich und ſagte:„O! welch ein Wohlthater vieler Ungluͤcklichen kannſt Du werden, wenn Du den Erblin⸗ deten den edelſten Sinn des Geſichts, den ſie verloren, wieder giebſt! Du wirſt mein Alter zum gluͤcklichſten machen!“ Schon am andern Morgen beſuchte er ſeinen Wohlthaͤter, den Graf, der ihm nach einer kurzen Unterredung ſagte:„Carl, Dein Reiſegeld liegt bereit und wenn Du willſt, kannſt Du es in Empfang nehmen.“ —„Hert Graf,“ erwiederte der Juͤngling, von den tiefſten Gefuͤhlen eines nicht ge⸗ woͤhnlichen Danks bewegt,„was habe ich Armer anders, um zu beweiſen, daß ich Ihrer ſeltenen Guͤte nicht unwuͤrdig bin, als mein eigenes Bewußtſryn. Gott weiß es, wie viel ich fuͤr Sie thun und aufop⸗ fern könnte! Es iſt nicht Hochmuth und Stolz, wenn ich Ihnen zum Durchleſen die Zeugniſſe meiner Lehrer uͤberreiche, mich treibt dazu ein edlerer Grund. Wenn ihre Urtheile vielleicht viel zu gün⸗ ſtig ſind, und ich das ſelber fuͤhle, ſo liegt in ihnen fuͤr mich der Sporn, ihrer wer⸗ ther zu werden und das Lob zu verdienen, was ſie fuͤr mich enthalten. Ich begreife es wohl, daß das Ziel der Vollkommenheit, nach dem ich ringe, ein unerreichbares iſt; aber mit der ganzen Kraft meines Weſens ſtrebe ich darnach. Hier ſind die Zeug⸗ niſſe, Herr Graf, wenn Sie ſich die Muͤhe geben wollen, ſie fluͤchtig zu uͤberleſen.“ „Nein, nein lieber Carl, nicht fluch⸗ tig, recht bedaͤchtig und langſam will ich ſie lefen, und wenn Du es mir nicht uͤbel nimmſt, gehe ich nach einem andern Zim⸗ mer und laſſe meine Gattin rufen, damit ſie ein großes Vergnuͤgen mit mir theilt. Wiſſe, ſie liebt Dich, wie ich Dich liebe. Nur bitte ich Dich, danke nicht zu viel. Es bedarf von meiner Seite eine gar zu kleine Kraft, um Dir wohlzuthun, die ich mir eben nicht hoch anrechne. Und wenn dieſe Geſinnung, die mich beherrſcht, wirk⸗ lich eine ruͤhmliche waͤre, ſo danke viel⸗ mehr Deinem guten Vater dafür, er, der herrliche Menſch, hat ſie in mein Herz ge⸗ pflanzt. Wer einen ſolchen Lehrer in ſei⸗ 212 ner Jugend fand, wie er war, wer ein ſolches Beiſpiel vor Augen ſieht, wie das ſeine iſt, und doch nicht gut ſeyn kann, wahrlich, in dem wohnt die yee .— Der Vater ſtand neben dem Graf 8. dieſer faßte geruͤhrt die Hand des Pfar⸗ rets, druckte ſie an ſein Herz und ſprach: „Daß Sie mir bieſe Geſinnung einfloͤßten, die mich menſchlich denken und handeln lͤßt, dafuͤr danke ich Ihnen ewig. Sie vaben mir damit eine Schuld aufgelegt, die ich mit Metall nicht abtragen kann“ Welch ein Graf,“ fagte der Pfarrer, wie es deren gewiß nur wenige giebt! Er iſt Alles und will nichts ſeyn! Aber welch ein Gluͤck fuͤr ihn, daß er Dich, Du lieber Sohn, zum Gegenſtande ſeines Wohlthuns erkohr! Er allein wird Dich ſtärken, ohne Wanken auf dem in Pflicht fortzugehen.“ Nach einer Weile kam die Graͤfin mit dem Graf. Sie gruͤßte den Pfarrer freundlich und herzlich; nach ihrer gewohn⸗ ten Weiſe; aber zu Carln ſagte ſie;„Wel⸗ che Freude machſt Du allen guten Men⸗ ſchen, die Dich kennen, und ganz beſonders dem Gräf! Es iſt ihm die hoͤchſte Luſt, Dir durch alle Rittel den Weg, in Dei⸗ nen Studien weiter zu ſchreiten, zu erleich⸗ tern, die ihm zu Gebote ſtehen, die Haupt⸗ ſache haͤngt freilich von Dir ab. Sey ru⸗ hig in Deinem Gemuͤthe, mein lieber Carl, der Himmel iſt gerecht, er iſt den Frommen guͤnſtig, ob auch Dein Ziel in dunkeler Zukunft liegt, es wird ſchon helle werden und Du wirſt es erreichen. Auf der Bahn, die Du betreten haſt, nahſt Du Dich ihm mit jedem Schritte Sein Blick erheiterte ſich, er verſtand den Sinn der Worte, die die Graͤfin ſprach und ſagte:„Ich vertraue auf Gott, der die Gedanken der Menſchen lenkt, welcher Hoffnungen erfuͤllt, an die wir kaum zu glauben wagen.“ Mit einem großen Lobe, mit der Be⸗ theurung ſeiner ganzen Zufriedenheit, gab der Graf Carln die Zeugniſſe zuruͤck und 214 fagte, als ſein Vater mit ihm ſich empfeh⸗ len wollte:„Reiſe ja nach Klingen, Willing freut ſich außerordentlich auf Deinen Be⸗ ſuch. Zum Amtmann mußt Du heute noch gehen, Ich ſtehe Dir dafuͤr, daß er Dich nicht unfreundlich empfangen wird, Bliebſt Du von ihm weg, ſo wuͤrde er dies als ein Zeichen der Nichtachtung an⸗ ſehen und dadurch wuͤrde er ſich von Dir und Deinem Vater mehr entfernen. Du mußt ihn zwingen, guͤtig gegen Dich zu denken. Was will er wider Dich haben, da Du ihn abſichtlich nie beleidiget haſt.“ —„Herr Graf,“ erwiederte Carl,„wahr⸗ lich, es wird mir diesmal ſchwerer, als je, den Herrn Amtmann zu beſuchen. Er geht furwahr in ſeiner Abneigung gegen mich, die ich für Verachtung halten moͤchte, zu weit. Und ihm verzeihe ich das um ſo weniger, da er die Wiſſenſchaft zu ſchätzen weiß und nicht zu den gewoͤhnlichen De⸗ konomen gehoͤrt, die den Menſchen nur nach Geldgewicht und Kutſche und Pfer⸗ den taxiren. Wahrlich, er geht zu weit in 215 ſeinem Verhalten gegen ſeine Tochter, und wuͤßte ich nicht, welche Mißgeburten der Eigenſinn, die Laune und der thoͤrichte Stolz auf Conſequenz erzeugt, ich muͤßte an ſeinem Herzen oder an ſeinem Ver⸗ ſtande verzweifeln. Wie kann ein Vater gegen ſeine einzige Tochter ſo hart ſeyn! Wie kann er die Einbildung haben, eine Liebe ausrotten zu wollen, deren Wurzeln ins fruhſte Jugendleben einſchlagen, die in iyrer Friſche und Schoͤne fortbluͤht und ihre Nahrung vom Himmel empfaͤngt. Mag er ihr noch zehn Bertrams als Braͤutigams anpreiſen, mit Keinem wird es ihm gelin⸗ gen. Er ſtelle ſie ja nicht auf zu harte Proben, ihr Leben kann brechen, aber ihr Verſprechen, das ſie mir gab, kann ſie nie brechen. Wann wird er auf andere Ge⸗ danken kommen! Iſt ſeine Freundſchaft nur damit zu gewinnen, daß ich mich von Ma⸗ rien losſage, ſo darf er das nie von mir erwarten. Wie ware ich ſolch eines Ver⸗ brechens faͤhig! Wie koͤnnte ich ſo die Ver⸗ achtung der beſſern Menſchen auf mich la⸗ 216 den! Was wuͤrde ich mir bann noch gel⸗ ten?“ Als Carl zum Amtmann kom, nahm er ihn mit kalter Hoͤflichkeit auf und die Viſite war von kurzer Dauer, weil Jeder ſich von einer ſchweren Laſt gedruͤckt fuͤhlte und es wuͤnſchte ſie bald los zu werden. Daß von Marien keine Sylbe und auch von ihrer Abweſenheit kein Wort geſpro⸗ chen wurde, das verſteht ſich von ſelbſt. Aengſtlich machte das feindliche Betragen Neubergs Carln doch, er ſah kein Nittel, ihn auf guͤtigere Geſinnungen zu bri ingen, und konnte Marie, ohne die Zuſtimmung des Vaters, ſeine Gattin werden? Ja, der Amtmann ging ſogar ſo weit, daß er ihm das Bild Mariens, das er vor mehrern Jahren von Berlin fandte, zuruͤckſchickte. Dies mußte man für eine Kriegserklärung, wenigſtens fuͤr ein Zeichen anſehen, daß Neuberg alle Verbindung zwiſchen ſeinem und dem Pfarrhauſe aufgehoben wiſſen wollte. An einem Nachmittage vuh der alte 2r Johann vor der Pfarre vorbeigeführt. Der Greis war einſt der treuſte Bediente des verſtorbenen Grafen von Weſterberg, und der junge Graf gab ihm das Gna⸗ denbrodt. Er war ein frommer Mann und ſeit vielen Jahren ſchon erblindet. Der Pfarrer, der oft lange Geſpräche von der Vergangenheit mit ihm hielt und ihn in ſeiner Truͤbſal tröſtete, war es, der die Geduld und Ergebung, mit der er ſein Schickſal trug, in ihm ſtaͤrkte. Mit Liebe und Verehrung war er dem Manne, ſei⸗ nem eigentlichen Seelſorger, gewogen. Der Graf hielt ſehr viel auf dieſen Jo⸗ hann und ließ ihn oͤfter auf's Schloß kom⸗ men, wo er Speiſe und Wein zu ſeiner Erquickung erhielt. Der redliche Johann, der ihn, als er noch ein Kind war, auf ſeinen Armen trug, den ihm der ſterbende Vater auf ſeinem letzten Lager empfahl, wurde nie, nie vergeſſen. Der Blinde be⸗ tete fuͤr ſeinen Wohlthaͤter, wuͤnſchte ihm des Himmels Segen und war die dank⸗ baſte Seele. 218 „Alter Johann,“ rief ihm der Pfar⸗ rer zu,„wollen Sie nicht ein Weilchen in mein Haus kommen? Diesmal habe ich Wichtiges mit Ihnen zu reden.“ Er folgte willig dem Rufe des Pfarrers, der ihn in ſeine Stube fuͤhrte, indeß der Fuͤhrer vor derſelben im Hauſe blieb.„Mein Sohn hat eine vorzugliche Geſchicklichkeit erlangt,“ ſprach drr Pfarter,„wenn die Krankheit nicht unheilbar iſt, den Blinden das Ge⸗ ſicht wieder zu geben. Wollen Sie ſich die Augen von ihm nicht untenſuchen laſ⸗ ſen? Er wird keine Operation anfangen, wenn er ſich nicht vom Gelingen derſelben im voraus uͤberzeugt.“—„Ach! Du lie⸗ ber Gott,“ ſagte Johann,„der Graf hat ſchon viel an mich gewandt, es mag wohl alle Hoffnung verloren ſeyn. Mit Ihrem Troſte troſte ich mich, daß mir nach dem Tode der Tag wieder aufgeht. Indeß un⸗ terwerfe ich mich jedem Verſuche. Blind zu ſeyn, iſt ein großes Leiden und gluͤck⸗ lich will ich mich preiſen, wenn ich vor 219 meinem Ende auch nur ein Jahr noch ſe⸗ hen kann.“ Carl war mit ſeinen Geſchwiſtern in dem Garten. Der Pfarrer rief ihn zu ſich und ſagte:„Der blinde Johann iſt in der Stube. Unterſuche ſeine Augen doch, ob ihm zu helfen iſt. Welche Freude wuͤrdeſt Du dem Grafen machen, wenn Du dieſem Johann, den er ſo lieb hat, die Kraft zum Sehen wieder geben koͤnn⸗ teſt!“— Carl eilte in die Stube und ſagte nach ſorgfaͤttiger Unterſuchung:„Ja, mein lieber Johann, wenn Sie ſich der Operation unterwerfen wollen, ſo glaube ich, daß ſie mit der Huͤlfe Gottes gelin⸗ gen wird. Seyn Sie verſchwiegen. Wenn Sie wollen, komme ich morgen zu Ihnen, um Ihnen den Staar zu ſtechen.“ —„Ich will es,“ ſagte Jobann. Nach Verlauf von vier Tagen ging der Graf vor dem Hauſe des alten Jo⸗ hann vorbei und, wie er das oft pflegte, zu ihm hinein. Die Fenſter der Stube waren behangen, um das helle Licht abzu⸗ & 220 halten.„Sobann, biſt Du ſo krank?“ fragte der Graf.„Man hat mir nichts da⸗ von geſagt.“—„Ich bin nicht krank,“ etwiederte der Alte.„Herr Graf, ich kann Sie ſehen. Meine Freude hat kein Ziel. Ich hore nicht auf, Gott zu danken und meinen Wohlthaͤter zu preiſen.“— „Und wer iſt Dein Wohlthaͤter?“—„Der Sohn des Pfarrers, Carl,“ erwiederte Jo⸗ 1 Als ſich der Graf ſelbſt uͤberzeugte, daß Johann ſehen konnte, ging er in der Freude ſeines Herzens nach dem hauſe hin und dankte Carln. „Mein ganzes Vermoͤgen,“ ſagte Jo⸗ hann, als er wieder voͤllig ſehen konnte, „beſteht aus tauſend Thaletn. Es iſt kein unerkaubter Heller dabei. Dieſe Summe vermache ich Carln, da ich ſonſt keine Er⸗ ben habe.“— Er that es. Mit dem Graf und der Graͤfin fuhr Carl in einem Wagen nach Klingen, da Willing mit ſeiner Familie von Weimar wieder zuruͤckgekommen war, wo ſie einen 221 Herrn von Einſiedel auf eine ganze Woche beſucht hatten. Die Frau von Einſiedel war mit zwei Kindern zugleich mit Wil⸗ linps angekommen, eine durch koͤrperliche Reize, durch vorzuͤgliche Geiſtesbildung und das liebenswuͤrdigſte Betragen ausge⸗ zeichnete Dame. Sie war die juͤngſte Schweſter von Willings verſtorbener Mut⸗ ter, die er ſeit ſeiner fruͤheſten Kindheit nicht wieder ſah. Die hoͤchſt guͤtige und menſchenfreundliche Frau fand Brigitten bei der erſten Bekanntſchaft, die ſie mit ihr machte, fuͤr ihr Herz ſo anziehend, daß der Umgang mehrerer Jahre unter ih⸗ nen den feſteſten Freundſchaftsbund errich⸗ tet hatte. Sie liebten ſich wie zwei Schweſtern. Schon laͤngſt wuͤnſchte die Frau von Einſiedel, dieſen Herrn Guͤnther kennen zu lernen, aber es war ihr bisher nicht gelungen. Marien achtete ſie ſehr hoch, da ſie mit ſo ruͤhmlicher Beharrlich⸗ keit ſo unerſchutterlich an ihrer Liebe hielt, ohne eine ihrer Kindespflichten gegen den 2 ſonderbaren, eigenſinnigen Vater zu ver⸗ leug en und zu verletzen. Die Erſcheinung des Juͤnglings rich⸗ tete in Klingen eine unbeſchreibliche Freude an. Willing umarmte ihn, als ob er ſein Bruder wäre, mit wahrer Schweſterliebe klopfte ihm Brigite die Backen roth und hieß ihn mit ihrer ſo aufrichtigen Freund⸗ lichkeit recht herzlich willkommen. Sie nahm ihn bei der Hand, praſentirte ihn der Frau von Einſievel, die ſie ihm zuerſt nannte und ſagte dann zu ihr:„Das iſt der Carl, der Liebling meines Vaters und meiner Mutter, der treue Gelſebte Ma⸗ riens, den wir Alle ſo lieb haben, als ob er unſer Bruder wäre.“— Die Frau von Einſiedel ſprach zu ihm:„Es hat mich recht nach Ihrer Bekanntſchaft verlangt. Man wuͤnſcht die Menſchen von Angeſicht zu ſehen, die ſich unter dem Haufen nicht verlieren und ſich durch Talente, Wiſſen⸗ ſchaft, Kunſt und ein ruhmliches Betragen auszeichnen.“„Gnadige Frau,“ erwie⸗ derte er,„wenn ich mich nicht ſelbſt lobe, 223 ſo kann ich mich mit einer Frucht verglei⸗ chen, die im Werden iſt, von der ich glaube, daß ſie nicht zu den ſchlechteſten gehort, wenn ſie zur Reife gekommen ſeyn wird. Die ganze graͤfliche Familie urtheilt uͤber mich allzuguͤnſtig, um mich zu ſpor⸗ nen, daß ich ihres hohen und durch viele Beweiſe bethätigten immer wuͤrdiger werde.“ „Denkt euch meine unausſprechliche Freude, liebe Kinder,“ rief der Graf mit allen Zeichen eines innern Entzuͤckens aus, „mein alter Johann kann wieder ſehen!“ —„Johann?“ fragte Brigitte, mit hoch⸗ erheiterter Miene.„Wer hat ihm gehol⸗ fen?“—„Unſer Carl,“ antwortete der Graf.„Aber der alte Menſch hat ſich auch recht dankbar gegen ihn bewieſen und ihn zum Univerſalerben ſeines Vermoͤgens eingeſetzt.“—„Gott, lieber Carl,“ ſagte Brigitte, und druͤckte ihm dankend die Hand,„wie muß Dich dieſe That er⸗ freuen!“—„Ja wohl,“ antwortete der Jüngling,„und das um ſo mehr, da ich 224 dem Herrn Graf und der Frau Graͤfin damit eine eben ſo große Freude gemacht habe“—„Sind Sie auch ein Augen⸗ arzt?“ fragte die Frau von Einſiedel.— „Das iſt ſeine großte Stärke, wie ſeine ruͤhmlichen Zeugniſſe ausſagen,“ berichtete der Graf.—„Hoͤren Sie, Herr Gün⸗ ther,“ hob die Frau von Einſiedel an, „ich habe eine Tochter von drei Jahren, die ſeit zwei Jahren an bloͤden Augen lei⸗ det und mein Mutterherz aͤngſtigt ſich un⸗ aufhörlich, daß das Uebel aͤrger wird. Das helle Licht iſt ihr oft unerträglich. Die Verſuche mehrerer Aerzte waren bis⸗ her fruchtlos. Wollten Sie das Kind ſe⸗ hen und mir Rath und vielleicht Troſt ge⸗ ben?“—„Sehr gern,“ ſagte Carl, „wenn ich's kann.“ Carl mußte die Nacht in Klingen bleiben. Es wurde ſogleich ein reitender Vote nach Weimar abgeſchickt und ſchon am folgenden Miftage kam der Herr von Einſiedel mit dem Kinde an. Carl prufte ſeine Augenkrankheit genau und ſagte 225 dann:„Nur in ſeltenen Faͤllen iſt der Arzt ſeiner Sache gewiß, daher ſage ich auch nur, ich glaube es, daß dem Kinde geholfen werden kann.“—„Wie lange halten Sie ſich hier noch auf?“ fragte Einſiedel.—„Drei Wochen, vielleicht noch eine Woche laͤnger.“—„Waͤre es zweckmaͤßig,“ fragte die Einſiedel,„daß wir die Cur anfingen? Aber ſeyn Sie ja vorſichtig, damit das Uebel nicht ärger wird.“—„Gnaͤdige Frau,“ erwiederte Carl,„mein Leben verbuͤrge ich, daß ich Ihnen keinen groͤßern Schmerz mache, wenn ich dem lieben Wt auch nicht hel⸗ fen koͤnnte.“ Die Cur wurde angefangen. Täglich beſuchte Carl die Patientin. Die Augen des Kindes ſtaͤrkten ſich immer mehr. Bei ſeiner Abreiſe konnte es das zelle Licht vertragen. Er verordnete die fernere Verfahrungsweiſe einem Weimarſchen Arzt, den man deshalb nach Klingen hatte kom⸗ men laſſen, einem Hausfreunde Einſtedels, und er ſchied mit der Verſicherung von 226 der Frau von Einſiedel, daß ſie ihr Kind als voͤllig hergeſtellt betrachten koͤnne. Länger haͤtte Carl aber auch nicht in Weſtgreußen bleiben koͤnnen. Der Spät⸗ herbſt war vor der Thuͤr und man mußte beſorgen, daß die Ueberfahrt nach Eng⸗ land, wenn nicht gefaͤhrlich, doch langwei⸗ lig wuͤrde. Mit jedem Tage, wo er laͤn⸗ ger blieb, wurde auch ſein Verlangen, Marien zu ſehen, heftiger und beunruhi⸗ gender. Des Einſiedelſchen Kindes wegen hatte er ſich um vierzehn Tage verzogert. „Carl,“ ſagte der Graf beim Abſchiede zu ihm,„Du haſt mir große Dienſte erwie⸗ ſen, wofuͤr ich Dir nicht genug danken kann. Was ich vermag, um den Amt⸗ mann zu einer Deiner Liebe guͤnſtigern Stimmung zu bringen, das geſchieht ge⸗ wiß. Es kann ſich ja waͤhrend Deiner Abweſenheit ſo Manches ereignen, was Dich dem Ziele Deiner Wuͤnſche naͤher fuhrt. Kehre geſund in unſere Arme zu⸗ ruͤck und glaube feſt, daß ich an Deinem S den Kn Theil nehme.“ —,— 227 — Dem Graf ſtanben die Thränen in viu Augen und Carln, der nicht reden konnte, rollten ſie uͤber die Wangen. Carl konnte ſich auch aus dem Grunde nicht entſchließen, perſoͤnlich von dem Amt⸗ mann Abſchied zu nehmen, weil es leicht moͤglich war, daß er ihn nach ſeiner Reiſe⸗ route fragte und er dann Hamburg mit haͤtte nennen muͤſſen. Wie leicht konnte es dann geſchehen, daß Neuberg Anſtalten traf, die es ihm unmoͤglich machten, Ma⸗ rien zu ſehen. Er ſchrieb folgende Zeilen an ihn und bat ſeinen Vater, ſie einige Stunden nach ſeiner Abreiſe entweder dem Amtmann zu uͤberſchicken, oder ſie ihm ſelbſt einzuhaͤndigen: Wahrlich, ich bin mir keiner feind⸗ lichen Handlung gegen Sie bewußt, wes⸗ halb Sie ein Recht haͤtten, mir Ihren Un⸗ willen, Ihre Verachtung, die mich ſehr tief ſchmerzt, zu erkennen zu geben. Das Bild Mariens, was ich Ihnen als einen Beweis meiner Liebe und Achtung uber⸗ ſandte, haben Sie mir zuruͤckgeſchickt, und d 228 ich habe es gern wieder angenommen. Den Sinn, welchen Sie mit dieſem Ver⸗ fahren verbinden, habe ich richtig verſtan⸗ den, und er hat mir das Herz zerriſſen. Es iſt mir unbegreiflich, wie ein ſo edler, gerechter Mann, wofür Sie von der gan⸗ zen Welt und von mir gehalten werden, ſich von der Leidenſchaft ſo irre fuhren laſ⸗ ſen kann. Denken Sie nicht mehr an das väterliche Wohlwollen, mit dem Sie meine Kindheit begluͤckten? Verſcherzt habe ich es nie, warum hat ſich's in dieſe un bieg⸗ ſame Haͤrte verwandelt! Nie werde ich's vergeſſen. Glauben Sie, daß mich dieſe Abgeneigtheit von Marien trennen kann? Ihre Guͤte haͤtte es auch nicht vermocht. Die Liebe, die der Finger Gottes in un⸗ ſere Herzen ſchreibt, kann keine menſchliche Hand verloͤſchen. Wer ſich mit der Na⸗ tur ſelbſt, mit ihren tieſſten, heiligſten Ge⸗ fuͤhlen in einen Kampf einlaͤßt, der wird den Sieg nicht davon tragen. Zuͤrnen Sie mir, wenn Sie Ihren Zorn gegen mich nicht beherrſchen koͤnnen, ſeyn Sie 229 N aber ſchonend gegen Ihre unſchuldige Toch⸗ ter. Wiſſen Sie, daß ich Sie fortlieben werde, wenn Sie mich auch haſſen können, weil ich mich bei dieſem Gefuͤhl beſſer be⸗ finde.— Durch die Guͤte des Herrn Gra⸗ fen iſt es mir moͤglich, eine Reiſe zur Ver⸗ vollkommnung in meiner Kunſt anzutreten. Um Ihnen den Anblick meiner Perſon zu erſparen, nehme ich ſchriftlich Abſchied von Ihnen. So wollte es mein Herz, ſo ge⸗ bot es die Achtung und Liebe, die ich fuͤr Sie hege. Sollten wir uns im Leben nicht wieder ſehen, da uns in kurzer Zeit viel Leid, der Tod ſelbſt begegnen kann, ſo hoffe ich's, daß Sie mir einſt in der beſſern Welt, wo alle menſchlichen Leiden⸗ ſchaften in unſerer Bruſt verſtummt ſind, wo die Liebe nur redet, gewiß, wie Sie es ſonſt thaten, Ihre Hand mit einem Herzen voll Verzeihung und Gute reichen werden. Carl Guͤnther.“ Der Zuͤngling mußte ſeinen Eltern den Brief vorleſen und am Schluſſe deſſel⸗ . 230 ben ſagte der Vater:„Der Brief iſt meines Sohnes wuͤrdig, ſo haͤtte ich ihn auch geſchrieben. Ich will ihn dem Amt⸗ mann uͤberſchicken, und wenn er ihn gele⸗ ſen hat, eine Weile nachher zu ihm gehen, um zu ſehen, wie er auf ſein Gemuͤth ge⸗ wirkt hat. Kann ihn eine ſolche Sprache nicht ruͤhren, ſo iſt es weit mit ihm ge⸗ kommen.“ Der Vater mußte die Mutter troͤſten, als der Sohn ſich von ihr trennte. Sie erlag faſt ihrem Schmerze und ihren Be⸗ ſorgniſſen. Beſonders fuͤrchtete ſie die Ueberfahrt zur See nach England. Als Carl ruhiger in ſeiner Seele war, ſtellte ſich ihm die Freude in den ſchoͤnſten Far⸗ ben dar, ſeine liebe Marie zu ſehen. Er ſann auf die rechte Weiſe, um dieſes ſein hochſtes Gluͤck nicht zu verfehlen. Zur rechten Zeit hatte er auch nach Berlin ge⸗ ſchrieben und Auguſt den Tag ſeiner An⸗ kunft in Hamburg gemeldet, der die Reiſe in einer ähnlichen Abſicht mit ihm machen wollte. Es machte ihm ein großes Ver⸗ * 231 gnuͤgen, dieſen Freund wieder zu ſehen, mit dem er durch alle Bande der Bruder⸗ liebe verbunden war, und die Trennung mehrerer Wochen von ihm, that ihm ſehr wehe. Der Pfarrer hatte den Brief am Abend an den Amtmann abgeſchickt, wo er's gewiß wiſſen konnte, daß er zu Hauſe war. Nach einer Stunde ging er ſeibſt. nach dem Amthauſe und hoͤrte, daß der Graf mit Neubergen in einem lebhaften Geſpraͤch, ſchon vor der Thuͤr, begriffen war. Beide ſchwiegen, als er eintrat. Nach kurzer Begrüßung, wo der Pfarrer dem Amtmann die Verlegenheit deutlich von der Stirn las, ſagte der Graf mit verdrießlicher Miene:„Carl hat einen herrlichen Brief an unſern Freund geſchrie⸗ ben. Er, der von allen Menſchen das Beſte glaubt, iſt zweifelhaft, ob Carl das ſo gemeint hat, als er's niederſchrieb. Können Sie ihm das nicht beweiſen?“— „Wozu ſollte dieſer Beweis dienen,“ ſagte der Pfarrer,„wenn es unſer Neuberg von 232 5 ſelbſt nicht glaubt? Hat er ſich gegen meinen Sohn mit ſeinem Gemuͤthe nicht in ein ſolches Verhaͤltniß geſtellt, daß er keine Wahrheit von ihm erwarten kann? Falſch war mein Sohn nie, verſtellen kann er ſich auch nicht. Was zwang ihn denn zu einer ſo freundlichen Erklaͤrung, die der Herr Amtmann nicht von ihm erwarten konnte! O, es giebt der Seelen viele, die ſich uͤber erlittene Beleidigungen erhe⸗ ben und da mit ihrer Liebe noch hinrei⸗ chen, wo man nur Abneigung und Haß, wie's in der Regel iſt, fuͤrchten muß. Freilich, lieber Amtmann, haben Sie mei⸗ nen Sohn tief gekraͤnkt, daß Sie ihm Mariens Bild zuruͤckſchickten, aber einige Stunden nachher, als er ſich von ſeinem empfindlichen Kummer geſammelt hatte, ſagte er:„Ich bin gewißy der Amtmann handelte ſo ganz wider ſeinen Charakter. Der gereizte Menſch erſcheint uns immer fremd. Die Zeit bringt ja ſo Vieles wie⸗ der in's Gleis, was aus ihm gewichen iſt.“ Es iſt mir nicht gleichguͤltig, lieber 233 Amtmann, wie Sie von meinem Sohne denken; aber, daß er gut, wahr, ohne Ver⸗ ſtellung iſt, das weiß ich⸗ Wuͤrde der Herr Graf, der mehr als gutig gegen ihn iſt, ſich ſeiner ſo annehmen, wenn ör ſei⸗ ner Wohlthaten nicht wuͤrdig waͤre? Jrr⸗ ten wir uns denn nur in dem Charakter des Junglings, weil wir Gutes von ihm denken, und hätten nur Sie Recht, der Sie das Gegentheil glauben? Woher kaͤme denn uns nur der Irrthum? Aber die Leidenſchaft iſt es, die den klaren Spiegel der Seele uns trüͤbt, ſie trägt die Schuld, daß wir die Dinge in einer an⸗ dern, nur nicht in der wahren Geſtalt ſe⸗ hen. Ich weiß auch die Zeit noch, wo Sie ſich meines Sohnes freuten, liegt es in ihr oder in Ihnen, daß Sie mit Un⸗ willen an ihn denken? Aber der Himmel iſt weiſe und guͤtig, der Stern der Wahr⸗ heit, der eine Weile ſich hinter Wolken verbirgt, muß doch wieder ſcheinen, und wohl uns, wehn er unſer begangenes Un⸗ recht nicht beleuchtet, wohl uns, wenn wir 143 nicht Thaten thaten, die keine Reue unge⸗ ſchehen machen kann. Bedenken Sie, daß Ihr Wiberwille gegen meinen Sohn zu⸗ gleich ein Vorwurf fuͤr mich iſt. Aus meiner Schule ging ſeine Herzensbildung hervor, und zur Steuer der Wahrheit muß ich's geſtehen, tadeln kann ich ſie nicht.“ Im Gange des Geſpraͤchs, wo der Amtmann, vielleicht des Grafen wegen, eine mildere Stimmung verrieth, ſagte dieſer zum Pfarrer:„Meinen Sie wohl, daß unſer Carl in ſechs Tagen in Ham⸗ burg ankoͤmmt?“— Der Pfarrer hatte noch nicht geantwortet, als der Amtmann, wie von einem toͤdtlichen Schreck uͤberfal⸗ len, ſeiner ſelbſt unbewußt, mit lauter Stimme ausrief:„Nach Hamburg, nach Hamburg reiſet er? Ich denke nach Pa⸗ ris, und da geht der Weg uͤber Frankfurt und nicht uͤber Hamburg! Iſt das eine angelegte Karte, damit ich verſpielen ſoll?“— Ernſt und finſter beinahe ſagte der Graf:„Sie glauben doch nicht, daß wir Alle ein Complott gegen Sie ſchmie⸗ 235 den? Soll Carl darum den Weg nach London über Frankfurt nehmen, weil Ihre Tochter in Hamburg iſt? Lieber Amt⸗ mann, ich erkläre es Ihnen hiemit dreiſt, Beleidigungen, und wenn ſie von meinem beſten Freunde kommen, laſſe ich mir nicht gefallen.—„HerrPfarrer,“ ſagte der Graf, „kommen Sie mit mir, damit es nicht zu haͤrtern Erklärungen kömmt. Leben Sie wohl, Herr Amtmann.“— Der Graf ließ ſich nicht halten und nahm den Pfarrer an der Hand mit ſich. So mißvergnügt und empfindlich hatte Neuberg den Graf, ſeinen Wohlthaͤter, noch nie geſehen, und es ſchmerzte ihn, daß er, dem Anſchein nach, tief beleidigt von ihm ging. Zum Pfarrer ſagte der Graf auf dem Wege nach dem Schloſſe: „Da alle Guͤte nicht helfen will, muß man derb und ernſt gegen den Mann auf⸗ treten. Lange genug bewieſen wir ihm eine Nachſicht, die das Uebel nur ver⸗ ſchlimmert hat. Carln und Marien ſind wir auch Pflichten ſchuldig. Er erfahre 236 es, wie ſich's in Weſigreußen lebt, wenn mon durch thoͤrichte Launen die Gemüther gegen ſich empoört. Ehe er nicht zu mir kömmt, gehe ich nicht wieder zu ihm.“— Der Pfarrer rieth zum Frieden und der Graf ſagte:„Glauben Sie ja nicht, daß ich im Herzen Feindſchaft gegen Neuber⸗ . gen fuͤhle und ihn meine Rache auf ir⸗ gend eine Weiſe empfinden laſſen will. Ein Menſch, der ſo viele fuͤrtreffliche Ei⸗ genſchaften, wie unſer Neuberg hat, dem muß man eine Schwachheit zu gute hal⸗ ten. Aber er muß es erfahren, daß es uns mit der Mißbilligung deſſelben ein Ernſt iſt. Denken Sie an mich, wenn Umſtaͤnde eintreten, die ihn von dem be⸗ tretenen Wege abfuͤhren, er wird nicht ge⸗ 4 nug thun zu können glauben, um ſein Un⸗— recht wieder gut zu machen. Seyn Sie unbeſorgt, zur Trennung kömmt es unter uns nicht, wir ſind durch alle Bande der Liebe und Achtung an einander geknuͤpft. Eine Freundſchaft, die in der Jugend ge⸗ knuͤpft iſt, die ſich in den ſchwerſten Pro⸗ ben unerſchuͤttert erhielt, laͤßt ſich durch ein rauhes Luͤftchen nicht umwehen.“ Der Pfarrer wollte eben den Graf verlaſſen, als demſelben ein Brief mit hundert Friedrichsd'or eingehändigt wurde. Er kam von Weimar. Herr von Einſie⸗ del ſchrieb:„Da ich weiß, daß es Ihnen Freude macht, dem Herrn Doctor Gün⸗ ther auf eine thaͤtigere Weiſe meine Dank⸗ barkeit fuͤr mein gerettetes Kind zu bezeu⸗ gen, ſo uͤberreichen Sie ihm guͤtigſt dieſe Summe. Sie iſt eine wahre Kleinigkeit, womif der Dienſt, den er unſerm Kinde und ſeinen Eltern leiſtete, nicht belohnt iſt. Ihre Augen ſind voͤllig geſund und in dem ſchmerzloſen Kinde, das nun die Welt mit Freuden anſchauet, entwickelt ſich ein neues Leben. 2— Der Graf ſagte zum Pfarrer:„Hier ſendet Einſiedel unſerm Carl hundert Louisd'or fuͤr ſeine gluͤckliche Cur. Wollen Sie ihm das Geld nicht nachſchicken?“—„Ich nicht, Herr Graf,“ erwiederte der Pfarrer,„da es mir nicht eingehaͤndigt iſt. Was ſoll er auch mit dem vielen Gelde!“—„Lieber Herr Pfar⸗ rer, ein Arzt braucht koſtbare Buͤcher und Inſtrumente, und letztere findet er in Eng⸗ land von vorzüglicher Güte. Wiſſen wir nur erſt, wo er in London wohnt, ſo ſchicke ich ihm das Geld ſogleich nach.“ Nicht lange war der Pfarrer weg, als der Amtmann zu dem Graf kam und mit ernſter Miene ſagte:„Herr Graf, wenn ich in der Hitze ungeziemende Worte ſprach, mit denen ich's nicht boͤſe meinte, ſo wiſſen Sie zu verzeihen. Der junge Menſch— er meinte damit Carln— ver⸗ ſtimmt mein Weſen ſo und verwickelt mich in ſo viele Unannehmlichkeiten, daß ich endlich dem Leben gram werden muß, wenn nicht bald eine Veränderung in dem⸗ ſelben vorgeht. Was habe ich von mei⸗ nein Kinde anders, als Verdruß? Iſt ſie mir vom Himmel zur Freude gegeben? Herr Graf, ich kann keinen Augenblick ru⸗ hig ſeyn, wenn ich nicht weiß, daß Sie mir verziehen haben.“—„Gegen Sie, das wiſſen Sie, kann ich nicht zuͤrnen,“ 3 ₰ ſagte der Graf,„aber Sſunn muß ich, wenn ich denke, wie Sie jetzt ſo ganz ver⸗ ändert ſind. Keine Freude kömmt mehr in Ihr Herz, Sie zuͤrnen mit ſich und mit der Welt, und warum? Weil ein edler, talentvoller Juͤngling Ihre Lochter liebt und weil Marie kein ſo oberflaͤchliches, leichtſinniges Maͤdchen iſt, das jedem Ge⸗ liebten, der ihr zugefuͤhrt wird, die Arme oͤffnet. Wie verkennen Sie die Tugend dieſer jungen Leute! Ach! ſie iſt jetzt ſo ſelten in der Welt, und wie eine koſtbare Perle. Haͤtten Sie nur eine gegründete Ausſtellung gegen Carln, ſo wuͤrde ich mit Ihnen Parthie gegen ihn machen; aber er hat das beſte Gemuͤth, und ich bin's feſt uͤberzeugt, Marie kann nur mit ihm gluͤck⸗ lich werden. Schwimmen Sie nicht ſo wider den Strom, er wird ſie uberwälti⸗ gen und Sie muͤſſen endlich doch nachge⸗ ben. Welche Freuden haben Sie ſich und Andern ſchon geraubt! Was wollen Sie endlich, wenn Carl Marien durch die Kraft des Geſetzes Ihnen abfordern läßt?“— „Meine Tochter enterben,“ ſagte 6 heftig.—„um Ihres Ehrichs willen nimmt Carl ſie nicht. Laſſen Sie ihr nur die Wahl zwiſchen dem Geliebten und allen Schaͤtzen dieſer Erde, und keinen Augenblick wird ſie ungewiß und unent⸗ ſchieden ſeyn, wornach ſie greifen ſoll. Kann ſie mit ihrem Leben nur Carls Le⸗ ben retten, ſie giebt es hin. O! wie koͤn⸗ nen Sie ſich herausnehmen, dieſe beiden Menſchen trennen zu wollen! Es geht nicht anders, als daß Sie ihre Herzen zerreißen und ſie vernichten. Nur bitte ich, damit Sie ſich fernere groͤßere Unan⸗ nehmlichkeiten erſparen, wie Sie ſchon mit dem jungen Bertram hatten, weiſen Sie jja jeden Freier auf der Stelle zuruͤck, und wenn er der Beſitzer aller Domainen im Fuͤrſtenthum Schwarzburg waͤre, der bei Ihnen um Maria' 6 Hand wirbt; ſie wird ſie ihm nicht geben, und, was Sie auch von mir denken moͤgen, das rechne ich ihr ſehr hoch an.“ „Wenn der jung⸗ i ſich nur nicht unbeſcheiden in Hamburg zu meiner Tochter draͤngt,“ ſagte dor Amtmann aͤngſt⸗ lich.„Mein Bruder und meine Gattin, die meinen Sinn kennen, werden ihm doch den Weg zu dem Maädchen verſperren?“ —„Lieber Amtmann,“ ſagte der Graf, „daß Carl Marien gewiß beſucht, das wer⸗ den Sie erfahren, darauf machen Sie ſich gefaßt. Und iſt denn das ein Ungluͤck? Seyn Sie doch billig. Als Sie Ihre Au⸗ guſte ſchon als Braut liebten, hätten Sie auf ein Jahr von Erfurt ſcheiden koͤnnen⸗ ohne ſie zu beſuchen? Was Sie ſich als ein Verbrechen wuͤrden angerechnet haben, das geben Sie wohl gar bei Carln fuͤr ei⸗ ne Tugend aus. Ihr zuruͤckweiſender Arm reicht nicht nach Hamburg, und er wird es alſo auch nicht verhindern konnen, daß Carl Marien beſucht. Oder wollen Sie gar ſelbſt nach Hamburg fliegen, dies ein⸗ gebildete Ungluͤck zu verhuͤten? Carl hat einen großen Vorſprung, Sie holen ihn nicht ein und in Hamburg wird er nicht Tage lang gerweilen, ohne zu Ihrem Bru II. 16 — 242 der zu gehen. Sehen Sie wohl, was ver Himmel kann, um menſchliche Plane zu vereiteln? Wozu hat es Ihnen nun ge⸗ fruchtet, daß Sie Jahre lang Marien gegen Carln, wie gegen ein anſteckendes Krank⸗ heitsgift, ſchuͤtzten? Und, denken Sie an mich, der Himmel hat Mittel und Wege, Sie zu bezwingen, und wenn Sie ewig Rein ſagen wollen, die Stunde ſchlaͤgt, wo Sie Ja ſagen muͤſſen, aus freiem Wil⸗ len und— mit Freuden. Freund, ſraͤu⸗ ben Sie ſich doch nicht laͤnger Der Amtmann ſagte:„Ich verlaſſe mich auf meinen Bruder und meine Gat⸗ tin, dieſe werden es nicht zugeben, daß wider meinen Willen ein Bund erneuert wird, der nie, nie geſchloſſen werden ſoll.“ —„Glauben Sie doch nicht,“ ſagte der Graf,„daß andere Menſchen juſt ſo den⸗ ken, wie ſie, beſonders wenn Sie von an⸗ dern Grundſaͤtzen geleitet werden, wenn ſie andere Anſichten haben, wenn Mitleid, Liebe und Theilnahme ſie beherrſcht. Ver⸗ 6zeihen Sie im voraus Ihi tin und 243 Ihrem Bruder das Nachgeben, bewieſen ſie Haͤrte und Unverzeihlichkeit, ich wuͤrde das ihnen nicht verzeihen.“ Der Amtmann war ſehr uͤbel gelaunt. Der Graf war wirklich beſorgt, daß er ſich auf ſein ſchnellſtes Reitpferd ſetzen⸗ Carln nacheilen, und mit Courierpferden die Reiſe nach Hamburg fortſetzen werde, darum bat er ihn mehr als je, daß er den Abend bei ihm bleiben mußte. Er mußte ſich viel Zwang anthun, um kein läͤſtiger Geſellſchafter zu ſeyn. Auch die Gräfin ſuchte ihn aufzuheitern. Unverfolgt und uneingeholt kam der ubergluͤckliche Carl in Hamburg an. In dem bezeichneten Gaſthofe fand er ſeinen Auguſt, der ihm mit Jubelgeſchrei entge⸗ gen kam. Auf der Straße umarmten ſich die Juͤnglinge recht herzlich. Das Haus des Herrn Neuberg lag gegenuͤber. Marie ſaß mit Agnes am Fenſter und ſah mit geheimem Entzuͤcken der Umarmung zu, in⸗ dem ſie ſagte:„Die muͤſſen einander ſehr lieben und haben ſich gewiß lange nicht 244 geſehen. Wie wuͤrde mir und Carln ſeyn, wenn wir uns erblickten!“.. Carl wandte ihr das Geſicht zu, und ſie ſagte in ſich ſelbſt:„Welch ein ſchoͤner Juͤngling!“ Auguſt eilte mit Carln auf die Stube und ſagte:„Siehe, da wohnt der reiche Kaufmann Neuberg, der Onkel Deiner Marie. Sie iſt mit ihrer Mutter ſelber hier. Zweimal ſah ich ſie vor der Thür. Es iſt ein himmliſches Maͤdchen. Da ſitzt ſie vielleicht am Fenſter.“ Ohne ein Wort zu reden riß Carl das Fenſter auf, er erkannte ſie und rief, wie ein Unſinniger, laut die Straße hin⸗ uͤber:„Marie! Marie! biſt Du's? Ja Du biſt es!“ Als er zum zweiten Male rief, hoͤfte ſie ihren Namen deutlich nen⸗ nen, erſchrak, wurde nengierig, oͤffnete das Fenſter und ſah hinaus.„Marje,“ rief er noch einmal..„Herr Jeſus,“ rief ſie laut, daß er's hoͤren konnte, und daß es Alle hörten, die im Zimmer waren,„da iſt Carl!“—„Mädchen!“ ſagte die Mut⸗ ter,„Du raſeſt! Wie ſoll der nach Ham⸗ 245 burg kommen! Nachreiſen wird er uns doch nicht?“ Ein wunderbares Gefuͤhl, Schreck, Freude, Theilnahme, Staunen hatte ſich Aller, in wunderbarer Miſchung, bemaͤch⸗ tigt. An die rechte, vorſichtige Weiſe, wie man unter den obwaltenden Umſtaͤn⸗ deh jetzt handeln muͤſſe, dachte eigentlich Niemand, ſelbſt Herr Neuberg nicht, der im Zimmer war. Man war der Gewalt der Ereigniſſe in der Zeit preis gegeben, und ließ ſie ungehindert walten. Alle lie⸗ fen an die Fenſter hin und Jeder wollte Carln ſehen. Marie ſah ihn uͤber die Straße laufen und ſchrie laut:„Er kömmt, er kömmt!“ Nun aber vermochte es keine Macht, das Maͤdchen zu halten. Sie eilte aus der Thuͤr, flog die Treppe hinab, fiel in Carls Arme und— Beide waren nicht vermögend, ein Wort zu reden. Sie hiel⸗ ten ſich noch feſt umklammert, als ſaͤmmt⸗ liche Hausgenoſſen um ſie verſammelt ſtanden und keiner der Anweſenden es wagte, durch eine Sylbe die Liebenden in 246 ihren Entzuͤckungen zu ſtoͤren. Als ſie ſich endlich losließen, um einander ins Auge zu ſchauen, da ſagte Carl zuerſt, dem die Thraͤnen uͤber die Wangen rollten:„Gott, wie preiſe ich dich fuͤr dieſen Augenblick, er iſt der ſchoͤnſte, er iſt der ſeligſte mei⸗ nes Lebens! Er gewaͤhrt mir den reich⸗ ſten Erſatz fuͤr die Jahre langen Leiden einer kummervollen Sehnſucht! Menſchen ſchieden uns, der Allmächtige vereint uns wieder!“ Auch Mariens Mutter weinte Lprinen der Ruͤhrung und konnte fuͤr ihre Gefuͤhle keine Worte finden. An einen Vorwurf, den ſie Carln machen wollte, dachte ſie nicht. Neuberg ſagte:„Waͤre mein Bru⸗ der hier, das Herz muͤßte ihm weich wer⸗ den und brechen!“ Marie hatte ſich ent⸗ faͤrbt, ſie blieb ſprachlos und die Mutter ſagte:„Carl, faſſe Du ſie am Arm, wir wollen ſie auf ein Sopha fuͤhren, es iſt ihr nicht wohl. Meine liebe Marie,“ ſagte ſie im guͤtigen Tone einer liebevollen Mut⸗ ter,„ermanne Dich, daß Dir bdie Freude ——— nicht gefaͤhrlich werde. Du haſt ja Dei⸗ 247 nen Carl, er iſt hier!“—„Iſt er da,“ lallte ſie mit bebender Lippe,„traͤume ich auch nicht? Ach! mir iſt wie einer Träu⸗ menden! Meine Sinne ſchwindeln! Ach, mein Carl! Mein Carl!“ Endlich legten ſich die heftigſten Er⸗ ſchuͤtterungen der Gefuͤhle und man kam zur ruhigern Beſinnung. Das Gluͤck, die Wonne der Liebenden war unausſprechlich. Auf Befragen, wie er nach Hamburg ge⸗ kommen ſey, gab Carl nur kurzen Beſcheid und verſchwieg, aus Schonung gegen Ma⸗ rien, ſeine Reiſe nach London. Bald war er wie ein Kind im Hauſe. Er mußte mit ſeinem Freunde Auguſt bei dem Kaufmann Neuberg logiren.„Und wenn mein Bru⸗ der fuͤr's ganze Leben mein Feind wird, daß ich den lieben Carl, erlauben Sie, daß ich Sie ſo nenne, in meinem Hauſe aufnahm, ſo konnte ich's, nach meinem Herzen, nicht anders. Die Zeit wird wol kommen, wo er uns Allen verzeiht, wenn wir nach ſeiner Meinung jetzt gefehlt ha⸗ 243 ben. Einer muß das gut machen, was der Andere boͤſe macht, ſonſt wuͤrde die Welt untergehen. Und nun kein Wort mehr, das uns aͤngſtigen und betruͤben kann, damit wir unſer Beieinanderſeyn in Freuden genießen. Aber, es werde mei⸗ nem Bruder nicht verſchwiegen, daß Carl Marien ſah. Wer eine Sache zu einem Geheimniß macht, die alle Welt wiſſen kann, der iſt damit geſtändig, daß er Un⸗ recht that. So gut es mir gelingen will, ſchildere ich ihm morgen ſchriftlich die Scene, von der wir Zeugen waren, und die Thraͤnen werden ihm auch wohl in die Augen treten, wenn ſein Herz noch das alte iſt, wie ich's kannte.“ Die Madame Berthes, als ſie den Juͤngling nur eine kurze Zeit betrachtet hatte, der durch ſeine ſchoͤne Geſtalt, durch ſein liebevolles, gutmuͤthiges Weſen die Herzen Aller feſſelte, und er ſich ihr ins⸗ beſondere mit der dankbarſten Liebe zu⸗ neigte, ſagte, daß es Alle hören konnten: „An Euch, Ihr lieben, herrlichen Kinder, 249 ſoll ſich meine Seele noch weiden! Ver⸗ traut der allmaͤchtigen Guͤte, ſie wird es weiſe fuͤgen, daß Ihr in unzertrennlicher Verbindung den Weg Eures Lebens gehet. Ibr zieht in mein Haus und ſeht es als das Eure an. Und wenn in Erfurt nie ein Kranker waͤre, der eines Arztes bedürf⸗ te, ſo ſoll's Euch doch nie mangeln. Mein Reichthum iſt der Eure. Ach! wie kann der Amtmann Neuberg, der Carln von Jugend an kennt, noch unentſchloſſen ſeyn, ob er ihm die Hand ſeiner Tochter geben ſoll, oder nicht! Er iſt doch ſo gut, ſo gerecht und wohlmeinend, und laͤßt ſich von einer Grille foppen, die ihn um die ſchoͤnſten Freuden betruͤgt, welche ein Va⸗ terherz haben kann!“ Die Mutter Mariens ſagte:„Ich will mich durchaus zwingen, den Verdruß zu vergeſſen, der mir begegnen wird, wenn ich wieder in Weſtgreußen inkteitit und hier mein Herz der Freude oͤffnen, ſo weit es mir moͤglich iſt. Carl, Du weißt's auch, daß ich Deiner Liebe zu Marien nie 250 entgegen war; aber durfte ich meinen ſo guten, liebevollen Gatten betruͤben, ihn mir abgeneigt machen und Deine Parthie nehmen? Im Innern bleibſt Du mir im⸗ mer der theure Sohn, der Du mir in Deiner Kindheit warſt. Aber ich kann doch nicht ohne eine gewiſſe Aengſtlichkeit an die Zukunft denken. Wenn Dein Va⸗ ter, liebe Marie, bei ſeinem beharrlichen Nein bleibt, was ſoll dann aus Euch Bii⸗ den werden? Und ich fuͤrchte, ich fuͤrche, es geht in ihm keine Veraͤnderung zu Eu⸗ rem Gunſten vor. Koͤnnteſt Du in der Ehe gluͤcklich ſeyn, liebe Tochter, wenn⸗ Du nicht die Liebe und den Segen Dei⸗ nes Vaters mitnähmeſt? Wollteſt Du, lieber Carl, dem Vater ſeine Tochter mit Gewalt abringen, wie dem Feinde die Beute, wenn er ſie Dir nicht freiwillig gaͤbe?“ Mit recht kindlicher Innigkeit ergriff Carl die Hand der Amtmann Neuberg und ſprach:„Sie wollen ja allen Kummer ver⸗ geſſen, der fuͤr Sie freudeſtörend werden gr kann, und doch ſehen Sie ſo beſorgt und aͤngſtlich in die Zukunft hinaus. Die Ge⸗ genwart, in der wir leben, reicht uns ihre Wonnen und der Gedanke an die Zukunft ſoll der Art nicht ſeyn, daß er uns ſie ver⸗ bittert. Es ſind wohl groͤßere Berge uͤber⸗ ſtiegen und geebnet, als die, welche wir vor uns erblicken. Der Nacht folgt der Tag und dem Ungewitter der Sonnenſchein. Däs Beſte muß uns, unter der Regierung des gutigſten Weſens, immer werden, es ſey Leben oder Tod. Ich werde nie Ge⸗ walt anwenden, mir von dem Vater die Tochter zu erzwingen, eine unſichtbare Macht wird fuͤr mich geſchaͤftig ſeyn, und ſie iſt es jetzt ſchon, die Mariens Hand in die meine legt. Was haben Menſchen ſpaͤter freiwillig gethan, wozu ſie fruͤher nichts zwingen konnte! Auf ihrem Gange muß der Menſch die Vorſehung ruhig wandeln laſſen und ihre Schritte nicht be⸗ eilen wollen. Manchen fuͤhrt ſie langſam, wohl gar uͤber Dornen, unter Blitz und Donner zum Ziele, aber er erreicht es ge⸗ wiß. Eben weil ich dieſes feſte Vertrauen zu Gott hade, das mir der Vater in die Seele pflanzte, verzagte ich in meinem ſehnſuchtsvollen Kummer nicht.“ Inniger druͤckte er ſeine Marie an's Herz und ſagte:„Wäre es moͤglich, daß uns der Wille Deines Vaters auf Erden in ſteter Trennung hielte, ſo kann er doch die Liebe unſerer Herzen nicht vertilgen, und dorthin reicht keines Menſchen Macht, wo wir uns ewig lieben...“ Alle waren uͤber die Rede des Juͤnglings geruͤhrt. Mit der höchſten Achtung wurde er behan⸗ delt und Jeder gab ihm das Verſprechen, nach ſeiner möglichſten Kraft fuͤr ſein Gluͤck wirkſam zu ſeyn. Am Morgen des vierten Tages, als Alle in einem Zimmer verſammelt waren, fing Carl alſo zu reden an:„Ich kann den Dank nicht ausſprechen, den ich em⸗ pfinde, wenn ich bedenke, mit welcher Güͤte Sie mich behandelten. In dieſem Grade von Ihnen geliebt zu werden, das durfte ich nicht erwarten. um Marien die 253 Stunden meines Hierſeyns nicht zu trüben, habe ich's ihr verſchwiegen, daß ich ſie in ieſer Minute noch verlaſſen muß. Um mtch in meiner Kunſt zu vervollkommnen, reiſe ich, auf Koſten des guͤtigen, unver⸗ gleichlichen Grafen, nach London und Paris. AAuguſt iſt mein Begleiter. Nach Verlauf eines Jahres kehre ich in mein Vaterland zuruͤck. Und dann, meine Marie—“ die Thraͤnen floſſen ihm von den Wangen, ſeine Stimme zitterte, er ſchloß ſie an ſeine Bruſt—„hat ſich vielleicht die Ge⸗ ſinnung Deines Vaters geändert, da ſo viele Menſchen an der Erfuͤllung unſerer Wuͤnſche arbeiten. Der Wagen, der uns raſcher nach Cuxhaven fahren ſoll, iſt an⸗ geſpannt. Auguſt läßt ſich entſchuldigen, daß er nicht danken und Abſchied nehmen kann, er ſitzt ſchon auf dem Wagen. Eine langſame Trennung vermehrt den Schmerz. Lebe wohl, Marie! Iſt es Gottes Wille, ſo ſehen wir uns wieder— find glück⸗ lich! Er umarmte ſie. Reden konnte eer nicht, als er auch die Andern umarmte 254 und eilte raſch von dannen. Er ſaß in dem Wagen und als er ſich umblickte, ſah er Marien vor der Thuͤr, die ihm die Arme nachſtreckte. Tief erſchuͤttert fuͤhrte ſie die ihr nachgekommene Mutter in das Wohnzimmer zuruͤck und das allgemeine Lob, das man uͤber den Juͤngling aus⸗ ſprach, milderte die Schmerzen ihrer Tren⸗ nung von ihm. Faſt den ganzen Tag wurde nur von dem lieben Carl geredet und das Maͤdchen ließ ſich troͤſten. Nach einigen Tagen kam in Hamburg ein Brief von Weſtgreußen an, in dem der Amtmann Neuberg ſeine Gattin drin⸗* gend bat, ſogleich mit Marien ihre Ruͤck⸗ reiſe anzutreten.„Ich hoffe nicht,“ ſchrieb er,„daß mir Carl den Verdruß gemacht und Mittel angewandt hat, Marien zu ſehen, das wuͤrde mir fuͤr die größte Be⸗ leidigung von ihm gelten. Nie, nie könnte ich mich dann mit ihm verſöhnen! Und wenn er zu ihr zu. dringen wagte, wird man ihn doch zuruͤckzuweiſen kein Beden⸗ ken getragen haben, da man weiß, wie 235 man mich kraͤnkt, wenn man ihm den Zu⸗ tritt verſtattet. Will er mir nicht gefaͤllig ſeyn, ſo habe ich keine Verpflichtung gegen ihn. Seit er dem alten Johann durch eine Operation das Geſicht wieder gegeben und ein Kind des Herrn von Einſiedel von der Augenkrankheit geheilt hat, iſt der Graf, der ihn zum Gegenſtande ſeines Wohlthuns gemacht hat, ganz in ihn ver⸗ narrt, wie eine zu zärtliche Mutter in ihr Lieblingskind. Hätte ich's nur gewußt, daß der junge Menſch uͤber Hamburg nach London reiſete, ich wuͤrde es nicht zugege⸗ ben haben, daß ihr dahin reiſen durftet. 3 Man hat mir gewiß heimlich ein Netz ge⸗ ſelt, in dem ich mich fangen ſollte. Miß⸗ trauiſcher wird mich das gegen die Men⸗ ſchen machen und vorſichtiger. Alles ſcheint ſich gegen mich verſchworen zu haben, um meinen Sinn zu brechen, deſto unerſchut⸗ terlicher werde ich in meinen Grundſaͤtzen beharren. Der Schwächling giebt dem Drucke der Umſtaͤnde nach, ich aber weiß ihm zu widerſtehen, und die Zukunft wird wurden getroffen und unter freundlichen 256 es ausweiſen, daß das Recht auf meiner Seite iſt ꝛ.“ Von dieſem Briefe erfuhr Marie nichts. Man wollte ſie mit dem Inhalte deſſelben nicht betruͤben. Aber Anſtalten zur Abreiſe Segenswuͤnſchen verließ man ſchon am folgenden Morgen die Stadt. Es war ſehr gut, daß der Kaufmann Neuberg an ſeinen Bruder geſchrieben und ihm gemeldet hatte, Carl waͤre in ſeinem Hauſe geweſen und haͤtte Marien geſehen. Das Ruhrende, was vas Schreiben ent⸗ hielt, bewegte das Herz des Amtmanns nicht, er zurnte nur auf die zudringliche Unart Carls und war auf die Nachgiebig⸗ keit ſeiner Gaättin boͤſe. Daß ſie in einem fremden Hauſe nicht gebieten und verbie⸗ ten konnte, damit entſchuldigte er ſie nicht. Aber er war in einer Zeit von mehrern Tagen doch mit dem Ereigniß vertraut ge⸗ 1 worden, das feindlichſte, was ihm begeg⸗ nen konnte und ſein Zorn und Verdruß hatte ſich als an einem We . 257 früher, als er's glaubte, ſeine Gattin mit der Tante und Marien ankamen. Er laͤ⸗ chelte im erſten Augenblick freundlich, bald aber uͤberzogen die Wolken eines finſtern Ernſtes ſeine Stirn. „Siehſt Du wohl, lieber Neuberg,“ ſagte ſeine Gattin,„wie gehorſam wir Dir ſind und wie gern wir zu Dir eil⸗ ten? Alle Arie hielten uns in Hamburg feſt, aber wir riſſen uns aus denſelben los.“—„Dafüͤr danke ich Dir auch,“ er⸗ wiederte er,„aber, aber, was ſoll ich dazu ſagen, daß Du Deine Muttergewalt nicht anwendeteſt, Marien gegen den zudring⸗ lichen Menſchen zu ſchuͤtzen, der in ſeiner thoͤrichten Leidenſchaft auf nichts Ruͤckſicht nimmt! Ware ich da geweſen; ich wuͤrde ihm einen andern Weg gewieſen haben. So hat er denn ſeinen Willen gehabt und mich noch weiter von ſich entfernt.“— Sie erwiederte:„Er war im Hauſe Dei⸗ nes Bruders, ehe ich's ahnete. Durfte ich ihn zuruͤckweiſen? Was konnte er mir antworten? Du kannſt deshalb noch han⸗ 258 veln, wie Du willſt, Sber wenn Du feſ in Deinem Entſchluſſe bleibſt, ſo ſage ich mich von den Folgen deſſelben los. Ein Menſchenleben retten und erhalten oder zerſtören, das gilt nicht gleich viel. Ach, Neuberg, Neuberg, um Gotteswillen bitte ich Dich, aͤndere Deine Geſinnung, wahr⸗ lich, ſie tragt Dir und uns bittere Früchte.“ —„Das will ich abwarten,“ ſagte er, und warf einen zornigen Blick auf die weinende Marie.„Spare Deine Thränen,“ ſagte er im höchſten Verdruß,„bis ſie Dir die Reue, daß Du mich taͤglich kraͤnkteſt, an meinem Sarge auspreßt!“—„Vater,“ rief ſie aus,„das iſt grauſam, das iſt un⸗ gerecht! Stoße mich von Dir, erklaͤre, daß ich Deine Lochter nicht bin. Von Carln kann ich nicht laſſen, es iſt keine Sünde, daß ich ihn liebe, und foll ich ei⸗ nes tauſendfachen Todes ſterben. Wer weiß, ob Du nicht bald an meinem Sarge weinſt. O, ich ungluͤckliches Geſchoͤpf!“ — Sie entfernte ſich mit ſchwankenden Schritten und die Mutter und Tante folg⸗ 259 ten ihr nach. Er blieb allein im Zimmer zuruͤck. Jedes Wort, was Marie ſprach, das er wiederholte, fuhr ihm wie ein Dolchſtich in's Herz. Seit dieſer Zeit ſah Marie den Voter immer mit ſcheuen Bli⸗ cken an und er hatte das volle Vertrauen zu ihrer kindlichen Liebe ganz verloren. Er ſah es nicht ungern, wenn ſie Wochen⸗ lang bei der Tante in Erfurt war, an ih⸗ rem Umgange fand er kein Vergnügen mehr. Sie hatte, zu ihrer großen Freude, einen langen Brief von Carl aus London empfangen. Er hatte mehrere Briefe nach Hamburg geſchickt und der Kaufmann Neuberg ſandte ſie an den Graf und ſeine Eitern. Der Graf ſchickte ihm das Geld von dem Herrn von Einſiedel, welches er groͤßtentheils zum Ankauf der beſten chi⸗ rurgiſchen Inſtrumente verwandte. Nach Verlauf eines halben Jahrs ſchickte er die ruͤhmlichſten Zeugniſſe wegen wichtiger Operationen an ſeinen Vater, der ſie dem Graf zeigte, und ſchrieb zugleich, daß er im Begriff ſey, mit ſeinem Freunde nach Paris zu reiſen, woſelbſt er nicht uͤber ein Vierteljahr bleiben werde, weil er ſich nach ſeinem Vaterlande zuruͤckſehne. In dem Briefe an ſeinem Vater wunderte er ſich ſehr, daß er in langer Zeit keine Nachricht von Marien erhalten hätte. Marie war in Weſtgreußen mit der Tante und— kraͤnkelte. Sie fiel in eine heftige Krankheit, wurde wieder hergeſtellt, aber ſie litt an einer großen Augenſchwaͤche. Alle Mittel, die der Arzt gebrauchte, konn⸗ ten dem Uebel nicht ſteuern, es nahm zu. Marie duldete mit ſtiller, frommer Erge⸗ bung. Vom MWitleid geruͤhrt, nahete ſich ihr der Vater mit herzlicher Liebe wieder. Nicht gleichguͤltig war ſie gegen die Be⸗ weiſe ſeiner Guͤte. Er troͤſtete ſie mit der Hoffnung der Beſſerung, aber ſie ſagte: „Am irdiſchen Leben hange ich nicht mehr, und ſehe mit Ruhe meinem Ende entge⸗ gen, ja, ich wuͤnſche es. Das ſchoͤnſte Ziel meiner Hoffnung auf Erden habe ich verfehlt, dort werde ich's erreichen. Nur 251 jammert es mich, daß mein Tod manche fromme Seele betruͤben wird.“ Ob ſich Marie auch immer mehr und mehr von ihrer Krankheit erholte, ſärker und bluͤhender wurde, ihre Augen waren ſo ſchwach, daß ſie Gedrucktes nicht mehr leſen und an Carln keine geile ſchreiben konnte. Als die Huͤlfe der Aerzte, die auf Augencuren nicht eigentlich ſtudirt hatten, den erwuͤnſchten Erfolg nicht hatte, ſagte der Graf zum Amtmann:„Wollen Sie denn warten, bis Marie blind iſt und ihr kein Menſch das Geſicht wieder geben kann, ehe Sie zu einem geſchickten Augen⸗ arzt Ihre Zuflucht nehmen? Carl hat hier den Staar geſtochen, er hat truͤbe Augen wieder ſehend gemacht, ich bin es feſt überzeugt, daß Marie gegen den Ver⸗ luſt des edelſten Sinnes durch ſeine Kunſt geſichert wird. Vergeſſen Sie gorn und Widerwillen, wenn das Glück Ihres Kin⸗ des auf dem Spiele ſteht. Soll ſie in ihrer Blindheit einſt ſagen, daß ihr Vater nicht Alles that, um—“— Der Amt⸗ mann fiel dem Graf ins Wort und ſagte: „Er wird nicht kommen, er zuͤrnt auf mich“—„Er wird kommen, wenn ich an ihn ſchreibe, er zurnt nicht auf Sie, und wenn er zuͤrnte, wird er das Marien entgelten laſſen?“— Ohne eine beſtimmte Antwort zu geben, entfernte ſich der Amt⸗ mann. Sein Herz war in der nefſten Trauer, aber er konnte zu keinem Ent⸗ ſchluſſe kommen. So verſtrichen noch acht Wochen und Marie mußte endlich erklaͤ⸗ ren, daß die Nacht, die ſie umgebe, immer dunkeler werde. Sie koͤnne die Gegen⸗ ſtände nicht mehr unterſcheiden und die Zuͤge eines Menſchengeſichtes nicht mehr ſehen. Immer war ſie von tröſtenden und witklagenden Freunden umgeben; am mei⸗ ſen aber ſchmerzte es ſie; daß ſie ihren Carl nicht wieder ſehen könne. Der Graf und ſeine Gattin, der Pfarrer, die Tante und Willing mit ſeiner Brigitte waren einſt im Schloſſe, als der Graf den Amtmann Neuberg und ſeine Auguſte recht dringend zu ſich bitten ließ. 263 Marie verließ ihre Wohnſtube nicht. Als der Amtmann mit ſeiner Gattin in der Geſellſchaft erſchien, kam das Geſpraͤch, wie gewöhnlich, auf Marien. Der Graf vot Alles auf, um den Amtmann zu bewe⸗ gen, daß er's zugaͤbe, daß man Carln kommen ließe. Der Pfarrer ſagte:„Mag es mein Sohn auch nicht ſeyn, der die Cur oder die Operation der Ungluͤcklichen ubernimmt, ſo muß ich doch das offene Geſtaͤndniß thun, daß Sie, lieber Amt⸗ mann, einen Augenarzt waͤhlen muͤſſen, der ſein Möglichſtes verſucht, um die Lei⸗ dende zu heilen. Ach⸗ wie ſchmerzt der Anblick eines ſolchen blinden Kindes das Eiternherz! Der innere Gram wird ſein Leben verzehren! Kann ſich Marie einer Welt noch freuen, die ihr wie eine finſtere Nacht erſcheint? Erſt dann beruhigt ſich unſer Herz, wenn wir zur Abwendung ei⸗ nes großern Uebels thaten, was wir konn⸗ ten.“ Die Amtmannin flehete mit Thraͤnen ihren Gatten, daß er nicht länger dagegen —— 26 ½ ſeyn ſolle, doß man Carln kommen ließe. — Mit Heftigkeit ſagte er:„Ich will ſelbſt an ihn ſchreiben, Gott gebe, daß er der rechte Arzt iſt, der meiner armen Ma⸗ rie helfen kann! O, wie hat der Himmel die ſchoͤnſte Hoffnung meines Lebens ſo vereitelt! Warum wird die Unſchuldige ſo ſchwer gepruͤft! Erloſchen iſt der Geiſt in ihrem Angeſicht, ſeit ihre Augen dunkel ſind! Wer kann die Wege der Vorſehung deuten! Sie durchkreuzen ſich immer mehr, je mehr ich ihr Ziel erforſchen will! Ach welche Laſten werden den Sterblichen aufgelegt!“— Als der Amtmann ſchwieg, ſagte der Pfarrer:„Doch keine ſchwerern, als wir tragen koͤnnen. Sie ſind nach unſerer Kraft weiſe abgemeſſen. Aber eben in dem dunkeln Gewoͤlk der Truͤbſal geht der Stern der Freude den Seufzen⸗ den auf, er ſoll ihn erhoffen und nicht zweifelnd zagen. Es muß ja BVoöſes kom⸗ men, damit wir die Macht kennen und an⸗ beten lernen, die es in Gutes verwandelt. Wir muͤſſen erſt erniedrigt werden, ehe 265 wir zu den uchten, herrlichen Höhen kom⸗ men. Auch in der Blindheit der lieben Marie ſehe ich eine Quelle hoͤherer Freu⸗ den, die nur auf dieſe Weiſe verdient und gewonnen werden konnten. Muͤſſen wir nicht ſtaunen uber die Ruhe und Erge⸗ bung der frommen Dulderin? Wie be⸗ währt ſich ihre Tugend⸗ ihr chriſtlicher Sinn! Eine Lochter, die ſo leidet, iſt al⸗ ler Achtung wuͤrdig. Rufen Sie meinen Sohn, wenn ſeine Kunſt nicht hinreichen ſollte, ſo wird er uns den Arzt nennen können, der helfen kann, wenn menſchliche Huͤlfe moͤglich iſt. Aber keinen, keinen Arzt können Sie waͤhlen, der ſich treuer, ſorgſamer ſeiner Patientin annimmt, als ihn. H Du armer Sohn, wie wird Dir's das Herz zerreißen, wenn Du hoͤrſt, daß Marie in Gefohr iſt, blind zu wer⸗ den! Wie wird er ſich ängſtigen, ehe er's weiß, ob ihr zu helfen iſt, oder nicht! Wenn ſie nicht wieder ſehend wuͤrde, wie würde dies Ungluck das Leben meines Sohnes verbittern und— gewiß verkür⸗ , —·ů˖————— 1 266 zen! Alſo, lieber Amtmann, Sie wollen an meinen Sohn ſchreiben, daß er kömmt.“ —„Ja, ja,“ entgegnete er,„heute Abend ſoll es ſchon geſchehen.“ Man fand es ſehr gerathen, daß Ma⸗ rie im voraus von Carls Ankunft benach⸗ richtiget werde und daß ſie's erfuͤhre, wie man ihm die Operation ihrer Augen uͤber⸗ laſſen wolle, wenn ſie ſelbſt nichts dawi⸗ der habe. Alle waren der Meinung, es koͤnne ſelbſt auf ihre Augen den nachthei⸗ ligſten Einfluß haben, wenn ſie durch Carls unerwartete Erſcheinung in einen großen, freudigen Schreck geriethe. Ge⸗ legentlich und nach und nach wollte man ihr das Geheimniß entdecken.—„Alle Aerzte ſind der Meinung,“ fing der Amt⸗ mann an, als er ſchon gehen wollte,„daß Marie ihr Leiden auch durch das viele Weinen verſchuldet hat. Sie hat es ge⸗ ſtanden, daß es Nachte gab, wo ihr Auge in Thraͤnen ſchwamm. Eine eigene Fü⸗ gung des Himmels waͤre es doch, wenn der, welcher die Miturſache ihrer Blind⸗ —— 2 267 heit iſt, im Stande wäre, durch ſeine Kunſt ihr das Sehen wieder zu geben. Haͤtte ich's doch nie geglaubt, daß ich an Carln ſchreiben könnte; aber wozu bewegt uns nicht Vaterliebe und Pflicht!“— Er verließ die Geſellſchaft mit ſeiner Gattin und man hielt ihn nicht zuruͤck. An Carln hatte Niemand von der zu⸗ nehmenden Augenſchwache und von Ma⸗ riens Blindheit ein Wort geſchrieben. Wozu konnte es dienen, daß man ihm eine ſo ſchmerzhafte Nachricht mittheilte! Man glaubte es ganz gewiß, daß er ſogleich Poris verlaſſen hätte und nach Weſtgreu⸗ hen geeilt wäre, wenn er von Mariens Augenkrankheit hoͤrte. Kam er aber wirk⸗ lich an und der Amtmann verſperrte ihm den Zutritt zu ſeiner Tochter, ſo konnten hoͤchſt erſchutternde Stenen entſtehen, wenn er das mit Gewalt erzwingen wollte, was auf dem Wege der Güte nicht zu erlangen war⸗ Als der Pfarrer zu Hauſe kam und einer Gattin erzählte, daß Neuberg on 6 268 Carln ſchreiben werde, damit er die Wir⸗ kung ſeiner Kunſt an Mariens Augen ver⸗ ſuchte, da gerieth ſie in eine große Freude, ihren Sohn bald zu ſehen; aber ſie ſiel ſogleich wieder in eine andere Art von Traurigkeit, als die war, die ſie über die leidende Marie empfand.„Nein, nein,“ rief ſie aus,„Du mußt es verhindern, daß der Amtmann kein Wort von Ma⸗ riens Ungluͤck an unſern Sohn ſchreibt, graͤnzenlos, wie ſeine Liebe zu dem Mäd⸗ chen iſt, ſo groß wuͤrde ſein Schmerz ſeyn. Seine Geſundheit und ſein Leben duͤrfen wir auf ein ſolches Spiel nicht ſetzen! Schreibe Du an ihn und erfinde irgend eine Geſchichte, die ihn ſogleich zuruͤckzu⸗ kommen noͤthigt. Das Wahre muß er nicht erfahren.“ Der Pfarrer gab ſeiner Gattin Recht, ging am fruͤhen Morgen zum Amtmann 4 und theilte ihm ſeine Bedenken mit. Die⸗ 5. ſer, der zehn Briefe zu ſchreiben angefan⸗ gen und noch keinen vollendet hatte, weil er Carln auch ſchonen wollte, war ſehr zu⸗ 269 frieden, daß der Pfarrer ſelbſt an ſeinen Sohn ſchreiben und ihn einladen wollte, nach Weſtgreußen zu kommen. Er fuͤhrte den Pfarrer zu ſeiner Tochter, bei der die Mutter ſaß, die ſich mit ihr unterhielt. Abſichtlich leitete er das Geſpraͤch auf ih⸗ ren Zuſtand und uͤberzeugte ſich von neuem, daß ſie fortgeſetzt mit frommer Faſſung des Gemuͤths ihr Leiden ertrug. Sie ſagte:„Weiß es denn Carl wirklich noch nicht, daß ich blind bin? Man hat wohl gethan, daß man es ihm nicht ſchrieb, ſo bleibt er noch eine Weile vom Schmerze ſrei, den er uͤber mich empfinden wird. Es thut mir doch ſehr weh, wenn ich denke, daß ich ihn im Leben nie wieder ſehen ſoll, wenn mir's auch erlaubt wird, ſeine Stimme zu hören und mit ihm zu reden. Es iſt ein Troſt fuͤr mich, daß ich zu ſeiner Guͤte den Glauben hege, daß er mich meiner Blindheit wegen nicht weni⸗ ger lieben wird. Wann koͤmmt er denn von Paris zuruͤck? Das Jahr, was er ſich zu ſeiner Reiſe geſetzt hatte, iſt nun 270 bald verfloſſen. Es muß ihn doch ſehr befremden, daß ich keine Zeile an ihn ſchreibe und er wird ſich mein Stillſchwei⸗ gen kaum erklären konnen; doch, an mei⸗ ner Treue und Liebe hat er nie gezweifeit. Wie wird er bei ſeiner Ankunft erſchrecken, wenn er hoͤrt, welch eine Verwandlung mit meinen Augen vorgegangen iſt! Sa⸗ gen Sie's ihm ja ſo ſchonend und vorſich⸗ tig, als es geſchehen kann, beſter Herr Pfarrer.“ „Carl wird bald kommen,“ erwiederte der Pfarrer,„und vielleicht kann er mehr thun, als Dich bloß bemitleiden und mit Dir trauern. Iſt Dir's denn noch nicht eingefallen, daß er dem alten Johann das Geſicht wieder gab, und daß er die Toch⸗ tet des Herrn von Einſiedel vor dem Er⸗ blinden bewahrte?“—„Ach,“ erwiederte ſie,„daran habe ich wohl gedacht; aber ich denke; daß mein Uebel der Art iſt, daß mir von demſelben nicht freigeholfen wer⸗ den kann. Wäre Carln das möglich, was die geſchickteſten Aerzte nicht vermochten?“ 271 —„Das kann ich auch nicht wiſfen,“ ſprach der Pfarrer,„aber wollteſt Du's ihm nicht verſtatten, daß er einen Verſuch machen, daß er Deine Augen unterſuchen darf?“—„Mit Freuden will ich das,“ erwiederte ſie,„wenn mein Vater nichts dagegen hat. Ach! wem verdankte ich's in der Welt mehr als ihm, wenn er es waͤre, der mich wieder ſehend machte! Ein viel⸗ leicht langes Leben in Blindheit beſchlie⸗ ßen, das iſt ein Leiden, was ſich die Se⸗ henden nicht zu groß denken können!“— „Meine liebe Marie, ich habe nichts dage⸗ gen,“ ſagte der Amtmann,„daß Cart zu Dir koͤmmt und ſeine Kunſt an Deinen Augen verſucht. Es hat ſich Alles geän⸗ dert und ich lege ihm kein Hinderniß in den Weg, zu Dir zu kommen.“—„Lie⸗ ber Vater,“ ſagte ſie, und ſtreckte ihm die Hand entgegen,„Du biſt jetzt ſehr guͤtig gegen mich! Wie rührend iſt mir oft Dein Mitleid, das Du mir beweiſeſt! Carin in meiner Nähe zu wiſſen, ihn re⸗ den zu horen, welch eine Freude wird das — 2 fuͤr mich ſeyn! Ich werde es dann ganz vergeſſen, daß ich ſo bedauernswerth bin! Aber nicht in Päris muß er's erfahren, ſondern hier, welch eine traurige Verwand⸗ lung mit mir vorgegangen iſt.“ Der Pfarrer ſagte es ihr, daß er heute noch an ſeinen Sohn ſchreiben und ſich in dem Briefe eines Vorwandes bedie⸗ nen wollte, der ihn noͤthigte, ſogleich ſeine Reiſe von Paris nach Weſtgreußen anzu⸗ treten.—„Wann kann er kommen?“ 3 fragte ſie.—„Wenn er durch Hinder⸗ 3 niſſe unterwegs nicht aufgehalten wird,“ 4 ſagte der Pfarrer,„ſo iſt er in vierzehn Tagen hier.“—„Die Zeit iſt kurz,“ ant⸗ wortete ſie,„aber meiner Sehnſucht 965 ihm wird ſie ſehr lange dauern.“ Sogleich ſchrieb der Vater an ſeinen Sohn und ſagte in dem Briefe:„Seit acht Tagen iſt Dein Bruder hier. Er kränkelt und leidet gar ſehr an ſeinen Au⸗ gen. Es iſt unſer Aller Wunſch, daß Du ſogleich Paris verlaſſen mogeſt und zu uns hereilſt, um ein groͤßeres Uebel zu ver⸗ 5 ——— 273 huͤten. Der Graf will Dir gern die Reiſe⸗ koſten geben, wenn Du, nach vollendeter Cur, wieder zuruͤck willſt. An Deine Kin⸗ des⸗ und Bruderpflicht, die Dich hieher ziehet, darf ich Dich nicht erinnern, Du haſt ein Herz voll Liebe und Guͤte. Marie iſt auch hier, und ich kann Dir die Ver⸗ ſicherung geben, ſie verlaͤßt Weſtgreußen nicht, wie ſonſt, wenn Du hier ankoͤmmſt. Mit dem Amtmann ſcheint eine Veraͤnde⸗ rung vorzugehen, die Dir vielleicht nicht unguͤnſtig iſt ꝛc.“ Als Carl dieſen Brief angefangen, und geleſen hatte, ſchied er von ſeinem Freunde, der es fuͤr vortheilhafter fur ſich hielt, noch einen Monat in Paris zu blei⸗ ben. Mit Extrapoſt, ohne einen Aufent⸗ halt, eilte er Weſtgreußen zu. Die Ret⸗ tung ſeines Bruders lag ihm am Herzen und was der Vater von dem Amtmann ſchrieb, war ihm ſehr wichtig. Er hatte ſich ſchon Monate betruͤbt, daß er von Marien auf drei ſeiner Briefe keine Ant⸗ wort erhielt, und troſtete ſich nur damit, I. 18 ———— 274 vaß es ihr unmöglich war, ein Schreiben an ihn abgehen zu laſſen. Waͤhrend ſeiner Reiſe, als Marie die Hoffnung hatte, daß Carl kommen werde, heiterte ſich ihr Gemuͤth ſehr auf und leich⸗ ter wurde ihr die Laſt, die ſie bisher nie⸗ derdrückte. Daß ihre Blindheit und das in ihren Augen erloſchene Licht ſeine Liebe gegen ſie ſchwaͤchen werde, das konnte ſie durchaus nicht glauben, ja, ſie dachte ſo⸗ gar, daß das Mitleid ſeine zärtliche Nei⸗ gung gegen ſie noch vermehren werde. Milder und guͤtiger waren auch die Geſin⸗ nungen des Vaters gegen Carl geworden und er äußerte das in manchen Reden zwar nicht deutlich, aber fuͤr Marien doch begreiflich. Nur überfiel ſie dann eine tiefe Traurigkeit, wenn ſie dachte, daß Carl ihr nicht helfen könne, dann wieder von ihr ſcheiden, und ſie verlaſſen werde. Der Amtmann hingegen ſagte zu ſeiner Gattin:„Ich mußte Euren Bitten nachge⸗ ben, daß der junge Menſch aus Paris kömmt. Vertrauen zu ſeiner Kunſt habe — 275 ich nicht. Wie wird er das ausrichten können, was andern aͤltern und erfahrnen Aerzten nicht gelingen wollte. Wenn ſeine Erſcheinung und ſein Weggehen nur Ma⸗ rien nicht nachtheilig wird, das beſorge ich. Siehſt Du wohl, daß es nicht meine Sache allein, ſondern auch die Sache des Himmels iſt, daß unſere Tochter mit Carln nicht verbunden werden ſollte?“—„Das, lieber Neuberg, ſehe ich durchaus nicht,“ erwiederte Auguſte.„Geſetzt, ſie erhielte das Geſicht nie wieder, und es wäre ihr und Carls Wille, daß ſie ſich ehelich mit einander verbinden wollen, würdeſt Du ſie ihm nicht zur Gattin geben? Mit wem könnte ſie in der Welt glucklicher ſeyn, als mit dieſem Juͤnglinge! Soll ſie allein in der Welt, ohne eine liebende Huͤlſe blei⸗ ben, wenn uns der Tod von ihr ruft? Zweifelſt Du daran, daß Carl ſie nicht mit derſelben Liebe fortliebt, ob ſie auch erblindet iſt? Wie gern wird er in Weſt⸗ greußen bleiben, wenn ſie ſeine Gattin wird. Und muß es nicht unſer Troſt und unſere Freude ſeyn, die Leidende in unſe⸗ rer Naͤhe zu haben, um ihr mänche Be⸗ ſchwerde zu erleichtern?“—„Wie Du da von Dingen redeſt,“ ſagte der Amtmann, „die nie eintreten werden. Soll ich Carln bitten, daß er aus Barmherzigkeit Marien zur Gattin nimmt? Wer verbindet ſich durch die Ehe mit einer blinden Frau! Und das Heirathen wird ihr in ihrer Trübſal nicht einfallen. Es gehoͤrt dazu ein leichtes, freudiges Herz und das ihre iſt beſchwert und vom Kummer niederge⸗ beugt. Was Ihr Frauen fuͤr Phantaſien habt!“ „Nun, ſo will ich einen andern Fall ſetzen,“ ſagte ſie;„wie wuͤrdeſt Du Carln belohnen, wenn er Marien wieder zum Sehen huͤlfe? Mit Geld läßt er ſich ge⸗ wiß nicht abfinden. Wenn er kaͤme und ſagte zu Dir: Ich verbuͤrge mich unter der Bedingung, Ihre Tochter von der ₰ Blindheit zu heilen, daß Sie ſie mir, wenn ſie ſehend iſt, zur Gattin geben. Was wuͤrdeſt Du waͤhlen? Haß ſie lieber 277 blind bliebe, ehe Du Carln Deine Zuſtim⸗ mung gaͤbſt? Koͤnnteſt Du das als Va⸗ ter, duͤrfteſt Du das als Menſch? Ich ſtelle die Moͤglichkeiten vor, damit Du Dich auf dieſelben vorbereiteſt.“—„Auf Moͤglichkeiten der Art brauche ich mich nicht vorzubereiten,“ ſagte er mit ernſter Miene, verließ das Zimmer, um ſich in ſeiner Wirthſchaft zu zerſtreuen. Was ihm ſeine Gattin ſagte, daran hatte er, ſeit man an Carln geſchrieben hatte, täglich gedacht, und ſein Entſchluß, den er Nie⸗ manden offenbarte, war gefaßt. Acht Tage waren verfloſſen und Carl war noch nicht angekommen. Die Zeit floß Marien unerträglich langſam dahin. Man ließ, zu ihrer Unterhaltung, die Tante aus Erfurt kommen, welche nicht von ihrer Seite ging und faſt ohne Unterlaß mit ihr von Carn und ſeiner Ankunft ſprach. Am Vittage des zwoͤlften Tages war es, wo Marie den Schall eines Poſthorns horte⸗ In groͤßter Heftigkeit fuhr ſie auf, und ſagte:„Da koͤmmt Carl, Carl kömmt! Er iſt da!“— Die Tante ſuchte ſie zu beſaͤnftigen, öffnete das Fenſter, und ſagte: „Ein leerer Wagen faͤhrt aus dem Dorfe, es iſt moͤglich, daß Carl in demſelben an⸗ gekommen iſt; aber gewiß iſt es doch nicht. Beruhige Dich doch und ſchade Deiner Ge⸗ ſundheit nicht“.. Sie ließ mit Bitten nicht nach, es mußte der Verwalter zum Pfarter gehen und ſich erkundigen, ob Carl nicht angekommen ſey. Sogleich wollte ſie Beſcheid haben. Der Vater und die Mutter waren bei Marien, und baten ſie, daß ſie ſich durch die gewaltige Unruhe des Gemuths nicht hinrichten ſollte.— „Ach!“ ſagte ſie ſchmerzhaft geruhrt, „haͤtte ich ſehende Augen, ſo würde ich nach dem Pfarrhauſe hinfliegen; aber die arme Blinde kann keinen ſichern Schritt wagen, und haͤngt von dem Willen Ande⸗ ter ab Der Verwalter kam zuruͤck und be⸗ ſtellte Marien muͤndlich:„Der Herr Pfar⸗ rer, der mich kommen ſah, trat mir auf dem Hausflur entgegen, und ſprach, daß 279 ſich Marie noch eine lange Weile gedulden muͤſſe. Man müſſe ihm auf eine ſcho⸗ nende Weiſe erſt ihren Krankheitszuſtand kund thun. Und im erſten Anfalle eines ſchmerzhaften Schreckes wolle man ihn auch nicht auf's Amt gehen laſſen. In etlichen Stunden werde er gewiß kommen. Er befinde ſich nach der beſchwerlichen Riſ ſehr wohl.“ Der Graf erſchien mit ſeiner Gattin, um Marien zu melden, daß Carl ſchon bei ſeinen Eltern ſey, und ſie zu ermah⸗ nen, ſich moͤglichſt ruhig zu verhalten.— „Das will ich auch,“ erwiederte ſie,„wenn ich's nur koͤnnte. Es zuckt mir in allen Nerven und mein Blut huͤpft in den Adern. Wenn er noch zwei Stunden wegbleibt, ſo hoffe ich, daß es ſtiller in mir werden wird. Ach, wie ohnmächtig iſt der Menſch, wenn er ſich ſelbſt beherrſchen ſoll! Wie ſchwach iſt der Verſtand und wie maͤchtig iſt das Herz! Hätte ich nur Augen, koͤnnte ich nur ſehen! Nun, da ich blind bin, darf Carl die Stube meines Vaters betre⸗ 280 ten, ſonſt durfte er's nicht!“ Alle ver⸗ einigten ſich, um den Sturm, der in ihr tebte, zu beſaͤnftigen, und. ganz mißlang es ihnen nicht. in Pfarrhauſe herrſchte ebenfalls eine uͤberſpannte Stimmung der Gemüther. Als Carl aus dem Wagen geſprungen war, und ſeine Eltern und Geſchwiſter umarmt hatte, fragte er ſogleich mit aͤngſt⸗ licher Miene nach ſeinem Bruder, und ſagte:„Ach,“ wenn ich ihm nur helfen kann! Fluͤgel wuͤnſchte ich mir, um fruͤher anzukommen.“— Mit erheiterter Miene ſagte der Pfarrer:„Mit Deinem Bruder ſteht es beſſer. Er genaß ſchnell und konnte geſtern abreiſen, um ſeinen Poſten wieder zu verwalten.“—„Gottlob,“ ſagte Carl,„daß er der menſchlichen Huͤlfe, die oft eine ungewiſſe iſt, nicht bedurfte! Es iſt mir lieb, daß ich hier bin, und nach Paris kehre ich nicht wieder zuruͤck. Marie iß bier.... Erkläre mir doch die Worte die Du mir ſchriebſt, was iſt das fur eine Veraͤnderung, die mit dem Amtmann vor⸗ gegangen iſt. Fuͤr mich guͤnſtig habe ich ſie gedeutet. Loͤſen konnte ich das Räthſel nicht. Er zuͤrnte mir mehr, daß ich Ma⸗ rien in Hamburg beſuchte.“ „Nicht Alles auf einmal,“ ſagte der Pfarrer,„und hoffe nicht immer das Beſte, wenn Du auch das Aergſte nicht fuͤrchten darfſt. Vor Sehnſucht nach Dir kraͤnkelt Marie ſeit einiger Zeit. Sie geht dabei umher und ißt und trinkt. Von dem vie⸗ len Weinen fuͤhlt ſie eine ſolche Schwaͤche in den Augen, daß ſie das helle Licht nicht vertragen kann. Man hat einen Arzt an⸗ genommen, aber das Uebel wird nicht beſ⸗ ſer. Da meinte denn der Antmann, da Du es bewieſen haͤtteſt, daß Du Dich auf Augencuren verſtuͤndeſt, moͤchteſt Du doch, wenn Du hier waͤreſt, zu ihm kommen, und Mariens Augen beſehen. Das habe ich ihm verſprochen und Du erfuͤllſt ſeinen Wunſch, ohne daß ich Dich darum bitte. Aber denke, ſeit mehrern Tagen kann Ma⸗ rie gar nicht mehr ſehen, es iſt Alles Nacht vor ihr.“. Carl ſeufzte und ſagte:„So 282 iſt ſie blind! Mußte das Licht in einem ſolchen Auge verloͤſchen!“—„Stille, viel⸗ leicht kannſt Du helfen! Die Wahrheit wollte ich Dir nicht nach Paris ſchreiben, und die Krankheit Deines Bruders war nur Erdichtung.“—„Ach, Du ungluͤckliche Marie!“ rief er aus, und Thraͤnen liefen ihm uͤber die Wangen. Er woktte ſich nicht halten laſſen, und zu Marien hineilen, indem er ſprach:„Ich muß ſie ſehen, ich will ſie beruhigen! Seit ich ſie ungluͤcklich weiß, iſt ſie mei⸗ nem Herzen theurer geworden! Werde ich ihr helfen koͤnnen, wenn es andere Aerzte nicht vermochten? O, daß ich das bezweifeln muß!“—„Und vielleicht doch,“ ſagte der Pfarrer,„da Du Dich beſon⸗ ders zum Augenarzte gebildet haſt.“— „Eben darum will, muß ich zu ihr hin, um zu erfahren, was meine Kunſt ver⸗ mag! Wuͤrde ich den Amtmann mit mir verſoͤhnen, wenn ſeine Tochter das Geſicht wieder erhielte? O! Du Allbarmherziger, der Du den Menſchen die heilige Kraft 283 verlieheſt, dem Leidenden ſeine Noth zu lindern, und die Nacht des Blinden in Tag zu verwandeln, unterſtuͤtze mich mit Deiner Macht! Inbruͤnſtiger hat Dich kein Sterblicher um Deinen Beiſtand ge⸗ fleht! Vater im Himmel, erhoͤre mich!“ Der Pfarrer ergriff ſeinen Sohn am Arme, als er fort wollte, und ſagte:„Ge⸗ biete Deinem Herzen, und laß den Ver⸗ ſtand reden. Wenn Du unangemeldet kaͤmſt, wenn Deine Ankunft Marien uͤber⸗ raſchte, wie gefaͤhrlich koͤnnte ihr der Schreck werden! Kannſt Du das als Arzt nicht am beſten beurtheilen?“—„Ich werde voraus gehen,“ ſagte die Mutter, „und nach einer Weile folgt Ihr'mir nach, um Marien vorzubereiten.“ Nach vie⸗ lem Zureden ließ ſich der Juͤngling das gefallen. Was die Predigerfrau aber mel⸗ den wollte, das wußte Marie ſchon, und ihr ganzes Weſen war in freudigem Auf⸗ ruhr. Sie mußte Marien alle Worte wie⸗ derholen, die er geſprochen hatte, und ihr ſeine ganze Geſtalt beſchreiben.„Ach!“ 234 ſagte ſie,„darnach frage ich nicht, ob er mich noch im gleichen Grade liebt, ſeit er weiß, daß ich blind bin. Sein Mitleid wird die Liebe in ſeinem Herzen erhoͤhen, und iſt mir's doch, als ob ich ihm fuͤr ſeine Guͤte danken muͤßte. Unſere Seelen begeiſtert eine Neigung, ein Gefuͤhl, und dies hangt nicht vom Koͤrper ab. Glaubt er mir helfen zu koͤnnen? Wenn er's ver⸗ möchte!“—„Ohne Hoffnung iſt er nicht,“ ſagte die Predigerfrau,„und Gott hat er inbruͤnſtig angerufen, daß er's ihm gelin⸗ gen laſſe.“—„Aber,“ ſprach Marie, „warum ſaͤumt er ſo lange, warum koöͤmmt er nicht?“—„Werde Du erſt ruhiger,“ bat der Vater.“—„Und wenn ich das auch werde,“ ſagte ſie,„wenn ich ihn reden hoͤre, ſo wird der Sturm der Freude doch losbrechen.“ Der Graf ging raſch aus der Thuͤr, da er den Pfarrer mit ſeinem Sohne von fern her kommen ſah. Nach einer herzli⸗ chen umarmung ſagte er zu Carln:„Wird Marie es aushalten, wenn ſie Dich reden 1 3 3 * 285 hort?“—„Sie wird es, Herr Graf,“ er⸗ wiederte der Juͤngling,„und, was wir ver⸗ zoͤgern, das muß doch endlich kommen. Auch die laͤngere Sehnſucht mattet ſie ab, und macht ſie ohnmaͤchtiger.“ Marie ſaß auf dem Sopha, ihr zur Rechten die Grafin, und auf ihrer linken Seite Carls Mutter. Eine jede der Frauen hielt eine ihrer Haͤnde. Jetzt oͤffnete ſich die Thuͤr, Carl folgte dem Grafen und ſeinem Vater nach, und Marie rief laut: „Da koͤmmt Carl! Er iſt's! Sieh mich Ungluͤckliche! Armer Carl, ich konnte Dich ſehen, als Du Dich in Hamburg von mei⸗ nem Herzen losriſſeſt⸗ und blind findeſt D mich wieder. Aber, das hat Gott ge⸗ „ und ich bin nicht Schuld an meinem luͤcke. Deine Augen ſollen fuͤr mich en, Deine Hand ſoll mich leiten, wie e mich einſt fuͤhrte, da ich noch ein ſ⸗ ches Kind war.“ Wie verſteinert ſtand er da, ſeine Knie bebten, er konnte kein Wort reden, und trocknete ſich die Thraͤnen ab. Bis auf 3 286 einen Schritt war er vor ſie hingegangen, breitete ſeine beiden Arme aus und ſie ſtand raſch auf, und ſagte:„Du biſt's, ich kenne Deinen Gang.—„Ja, ich bin's, meine beſte Marie,“ antwortete er, umfaßte ſie mit ſeinen Armen,„bekaͤmpfe Deine Freude, damit kein Unfall mich noch mehr betruͤdt...—„Ach!“ ſprach ſie, „ich will Dich nicht betruͤben! Sprich nur, ſprich, daß ich Deine Stimme hoͤre! Sie dringt mir tiefer in's Herz, ſeit ich Dich nicht mehr ſehen kann! Meinetwegen kamſt Du aus Paris, dafuͤr darf ich Dir nicht danken, Dein Herz fuͤhrte Dich zu mir. Wirſt Du mir helfen koͤnnen?“—„Ma⸗ rie,“ erwiederte er,„ſollte ich's nicht ver⸗ moͤgen, ſo kenne ich andere Aerzte, die rufen wir zu Huͤlfe. Was menſchliche Kunſt vermag, das ſoll bei Dir nicht un⸗ verſucht bleiben. O! glaube es mir, auch Deine Blindheit iſt in einer Welt, wo die hoͤchſte Weisheit, die väterliche Güte re⸗ giert, das Werk des Zufalls nicht. Es ſollen durch ſie heilige Zwecke erreicht wer⸗ 287 den, die unſere Kurzſichtigkeit nicht erſah. Nur Geduld, meine beſte Marie, was uns als Uebel erſcheint, muß uns zum Segen dienen.“ Der Juͤngling ließ ſich vom Anfange biä zum Ende den Krankheitszuſtand Ma⸗ riens mit den kleinſten Umſtaͤnden erzaͤhlen und ſagte dann:„Eine Unterſuchung der Augen kann ſchwerlich ſchon uͤber den Er⸗ folg der Cur entſcheiden, nach mehreren Tagen wird ſich's ausweiſen, ob wir hof⸗ fen duͤrfen oder nicht. Da Marie darauf drang, daß er den Zuſtand ihrer Augen unterſuchen ſollte, fand er ſich dazu bereitwillig und ſagte dann:„Wenn meine Haͤnde nicht zitterten, wuͤrde ich die Ope⸗ ration heute noch unternehmen; aber ſo darf ich's nicht wagen. Morgen bin ich vielleicht ruhiger, und dann gehe ich an das wichtige Werk, von deſſen Gelingen mein Alles abhaͤngt. Herr Amtmann, wol⸗ len Sie mir Ihr Kind anvertrauen? Bei Gott ſchwoͤre ich's, daß ich nichts unter⸗ nehme, wozur ich mir die Kraft nicht zu⸗ 288 ttrauen kann. Zerſtören werde ich nichts, worauf ſich die mögliche Rettung noch bauen läßt.“—„Handeln Sie nach Ih⸗ rem Gewiſſen,“ erwiederte der Amtmann, „und fragen Sie Marien.“ Als er dieſe fragen wollte, ſagte ſie:„Carl, ich unter⸗ werfe mich Dir ganz.. Bis in die ſpaͤte Nacht blieben die Freunde zuſammen. Weil Marie am fol⸗ genden Tage nicht voͤllig wohl war, mußte die Operation noch aufgeſchoben werden. Insgeheim aber vertraute es Carl ſeinen Eltern an, daß er, wenn Gott ſeine Hand ſicher fuͤhre, nicht an dem gewuͤnſch⸗ teſten Erfolg zweifele. Seine koſtbaren Inſtrumente ſetzte er in den beſten Stand, und ließ in dem Zimmer Gardinen vor die Fenſter machen, die ſogleich niederge⸗ laſſen werden konnten, wenn die Opera⸗ tion vollbracht ſey. Die Eltern und der Graf mit ſeiner Gattin, der Pfarrer und ſeine Gattin waren dabei zugegen.„Nun im Namen des Gottes,“ ſagte Carl,„als er Marien nach dem Stuhle hinfuͤhrte, auf 289 den ſie ſich niederſetzte, wo er die Opera⸗ tion vornehmen wollte,„der das gute Werk gedeihen laͤßt!“ Der Kopf wurde ihr ge⸗ halten.„Verhalte Dich ruhig, zittere nicht, der Schmerz iſt ohne Bedeutung,“ ſprach er. Allen ſchlug das Herz laut, Alle bebten, Wuͤnſche und Gebete erhoben ſich 5 zu Gott. Carl bat um die groͤßte Stille. Es währte vielleicht nicht uͤber zwei Minu⸗ ten, als er mit der Operation beſchäftigt war. Er trat einen Schritt zuruͤck, wollte die Frage an Marien thun, ob ſie ihn ſähe, als man aus ihrem Munde den freu⸗ digen Schrei hoͤrte:„Herr Jeſus, ich kann ſehen!...“ Carl verbot ihr, noch ein Wort zu reden. Das Inſtrument war ihm aus der Hand gefallen. Er befahl, daß die Gardinen augenblicklich niederge⸗ laſſen werden mußten. Jetzt wurden ihr die Augen verbunden. Carl fuͤhrte ſie auf ein zubereitetes Lager hin, wo ſie ſich nie⸗ derlegen mußte. Sie wurde von einer Ohnmacht befallen, die bald voruͤberging. „Nur ruhig, ruhig, Marie,“ bat Carl fort⸗ II. 19 255 geſetzt,„daß Du Dir nicht ſchadeſt. Du biſt nicht mehr blind, Du kannſt wieder ſehen!“ Er blickte gen Himmel, betete mit gefalteten Haͤnden und ſagte die Worte laut:„Herr, inbruͤnſtiger hat Dir nie ein Herz gedankt, als das meine!“ Alle Anweſende waren erſchuͤttert, ge⸗ rührt, außer ſich vor Entzuͤcken. Mit feier⸗ licher Miene nahte ſich jetzt Carln der Amtmann, und ſprach, indem er den Juͤng⸗ ling umarmte:„Sohn, Dein Lohn iſt meine Tochter, Du biſt mein Schwieger⸗ ſohn, nimm meinen Segen! Du haſt die heiligſten Anſpruͤche an ihre Liebe, an meinen Dank! Nimm Marien hin, ſie ſey Dein, ewig Dein!...“ Mit gedaͤmpf⸗ ter Stimme ſagte Marie:„Vater, koͤnnte ich Dir mit Thraͤnen danken, mit Worten kann ich's nicht! Laß Dir die Hand kuͤſ⸗ ſen! Nun biſt Du mein Vater ganz ganz wieder!.. Ach! Gott, wenn es nur ge⸗ wiß iſt, daß ich wieder ſehen lernel...“ —„Ruhig, ruhig mußt Du Dich verhal⸗ ten,“ ſagte Carl,„wenn die Heilung er⸗ 291 wuͤnſcht von Statten gehen ſoll.“—„For⸗ dere nicht zu viel von einem ſchwachen Mädchen,“ ſagte ſie.„Du giebſt mir durch die Huͤlfe Deiner Kunſt das Geſicht wieder; der Vater erfullt den hoͤchſten Wunſch meines Lebens; herrliche, unver⸗ gleichliche Hoffnungen ziehen meinem Geiſte voruͤher; die Zukunft erſcheint mir wie das ſchönſte Morgenroth, und dabei ſoll ich mich ruhig verhalten? Da muͤßte mein Herz von Stein ſeyn! Meldet der Tante und Brigitten mein Gluͤck.“ „Es iſt hier kein anderer Rath,“ bat Carl,„als daß wir uns Alle aus dem Zimmer entfernen und Marien verlaſſen, die Mutter wird guͤtig bei ihr wachen und wenig mit ihr reden.“— Die Prediger⸗ frau ſagte:„Ich will Mariens Wärterin bis zu ihrer Wiederherſtellung bleiben, da ſich ihre Mutter, der Wirthſchaft wegen, oft von ihr entfernen muß. Marie hat mich lieb und ſieht mich gern bei ſich.“ — Marie reichte ihr die Hand, druckte ſie und ſprach:„So gern, wie eine Mutter.“ Erſt, als man aus dem Zimmer Ma⸗ riens und in eitfer andern Stube war, ge⸗ riethen Alle in eine freudige, uͤbergluͤckliche Bewegung.„Wem ſoll ich mehr danken, ich weiß es fuͤrwahr nicht,“ ſagte der Graf, dem die Thraͤnen in den Augen ſtanden,„dem Amtmann oder Carln.“— 252 „Nicht mir, Herr Graf,“ ſprach Cark, „aber meinem zweiten Vater, der ſich er⸗ weichen ließ, der allen Groll vergeſſen konnte und mſch zu ſeinem Sohne ange⸗ nommen hat, dem ich ewig danken werde! Und, Herr Graf, was ich that, es war das Werk einer erlernten Kunſt, und wer anders reichte ſo mild, ſo gutig die Mit⸗ tel dar, daß ich ſie mit großen Koſten er⸗ lernen konnte? Herrlicher Wohlthäter, das thaten Sie! Die Frucht Ihrer Guͤte, der Lohn Ihres edeln Herzens iſt Mariens Heilung und mein hoͤchſtes Lebensaluck!“ Auguſte umarmte Carin auch und ſprach:„Nun werde ich das Leben wie⸗ der lieb gewinnen, Du. Du haſt ihm ſeine Freuden, die von ihm geſchieden waren, weder gegeben! Wie glücklich wird mein Kind durch Dich werden! Mein lieber, lieber Carl!“ „Ja,“ ſagte der Amtmann,„es iſt Wunderbares mit mir vorgegangen! Mein Inneres iſt umgeſchmolzen und hat eine ondere Geſtalt gewonnen! Wie raſch ſind doch alle Widerſpruche in mir gehoben, wie iſt nun alles Einklang in mir! Mit welch einem dankbarfreudigen Herzen gebe ich nun Carln meine Marie! Einen an⸗ dern Lohn will er nicht. Vergiß meine Grillen, erfahren wirſt Du es, daß ich Dich wie ein Vater lieben kann! Alles, 293 was ich bin und habe, iſt Dein! Ver⸗ traue meinem Herzen! Fromm und edel, ohne Rache und Feindſchaft bliebſt Du⸗ als ich Dir auch unverdient zuͤrnte, Du haſt die ſchoͤnſte Tugendprobe beſtanden.. Herr Pfarrer, welche maͤchtigen Bande verbinden uns nun! Keine Macht kann ſie trennen! Verzeihen Sie, wenn ich auch Ihnen manche truͤbe Stunde machte! Sie wiſſen es, der Menſch kann irren und fehlen; aber er kann ſein Vergehen auch wieder gut machen und dazu bin ich mit voller Seele entſchloſſen.“ Der Pfarrer umarmte den Amtmann und ſprach:„Wir preiſen den Allmaͤchti⸗ gen, er hat Alles wohl gemacht, gelobt ſey der Name des Herrn!“ Carl gab es nicht zu, daß Mariens Ruhe durch die Beſuche ihrer beſten Freunde geſtoͤrt werden durfte, er uͤber⸗ zeugte ſie, wie man Alles vermeiden muͤſſe, was ihr Gemüth zu ſtark bewegte. In der erſten Zeit hielt er ſich nicht laͤnger dei ihr auf, als er es als Arzt fuͤr gut fand. Seine Mutter aber wich Tag und Nacht nicht von ihrer Seite. Der Amt⸗ mann wollte Carln in ſeiner Naͤhe haben, er mußte zu ihm in das Amthaus ziehen und ihr ſteter Umgang befreundete Beide bald mit einander. Neuverg konnte kei⸗ nen halben Tag ohne Carln leben und 294 überzeugte ſich bald, wie redlich, wie gutig, wie dankbar ſein ganzes Gemuͤth war⸗ Die trube Vergangenheit ließ er unberuhrt und Carl hatte ſo viel ſchonendes Zartge⸗ fuhl, daß er mit keiner Sylbe daran erinnerte. Die Kranke, da ſie durchaus ein völ⸗ lig geſundes Madchen war, ſchritt in ihrer Geneſung raſch vorwarts. Es wurde ihr die Binde von den Augen genommen, ſie ging im Zimmer umher, deſſen Fenſter mit grünen Gardinen behangen waren. Wer vermag es, Mariens Gluͤck zu ſchildern! Die Tante, dieſe treue, liebevolle Freun⸗ din, Brigitte, die Pfarrtochter durften ſie nun auch beſuchen. Stundenlang war auch die Graäfin bei ihr. Sie konnte nun das volle Tageslicht, an das ſie Carl ſtu⸗ fenweiſe gewoͤhnte, vertragen. Ihre Au⸗ gen belebten ſich immer mehr und ein milder, freudiger Geiſt ſprach aus denſel⸗ ben. Aber Carl bewachte ſie immer noch, daß kein unangenehmer Zufall ihr zuſtieß. —„Du liebſt ihn jetzt doch mehr als je,“ ſagte der Vater zu ihr,„ſeit er Dein Wohlthaͤter geworden iſt.“—„Nein,“ ſagte ſie,„mehr, als ich ihn von jeher geliebt habe, kann ich ihn nicht lieben; ober Dankbarkeit fuͤhle ich gegen ihn.“— „Und wem that ich den großten Dienſt,“ ſagte Carl,„als mir ſelbſt? O, es bedarf keines Danks!“ 295 Nach Verlauf eines halben Jahrs wurde in Weſtgreußen die Hochzeit des gluͤcklichen Paares gefeiert. Die Hambur⸗ ger waren auch dabei zugegen. Unuͤber⸗ trefflich ſchoͤn war die Traurede, die der Pfarrer hielt. Mit den koſtbarſten Ge⸗ ſchenken wurde das Brautpaar beſchenkt. Am freigebigſten zeigte ſich aber der Herr von Einſiedel. Seine kleine Thereſe, die Carl von ihrer Augenkrankheit geheilt hatte, war wie ein Genius gekleidet und uͤberreichte ihm zwei Diamantringe von hohem Werthe mit den Worten:„Dieſe Ringe ſind Dein. Einen gieb Deiner Braut. Hell, wie dieſe Steine, haſt Du meine truͤben Augen gemacht. Schoͤn, wie ſie, ſey euer Leben!“ „Kinder,“ bat der Amtmann nach der Hochzeit,„bleibt bei uns und zieht nicht weg. Die obern Zimmer des Hauſes rich⸗ tet euch ein, ſo ſchoͤn ihr wollt, die Koſten gebe ich dazu. In unzertrennlicher Ge⸗ meinſchaft muß ich mit euch leben bis an's Ende meiner Tage. Wer Deiner ärztlichen Huͤlfe bedarf, der wird ſie hier auch ſu⸗ 2 chen“—„Lieber Vater,“ erwiederte ihm 6 Carl,„wo ware ich mit meiner Marie lie⸗ ber, als in der Nähe ihrer und meiner Eltern! Wohnt nicht auch der undergleich⸗ liche Graf mit ſeiner Gattin hier? Das Geraͤuſch der großen Welt mit allen ihren 8 * 6bruet bei 6 Vaſſe Zerſtreuungen zieht uns nicht an. Ein ſuͤßes Gluͤck in ruhiger Stille genoſſen, iſt der Himmel auf Erden. Welcher Ort wäre mir und Marien theurer, als dieſes Weſt⸗ greußen! Hier war die Wiege unſerer Liebe, hier wurde ſie durch Deine Guͤte gekroͤnt. Nein, Vater, wir bleiben bei Dir und Friede und Liebe wird uns begluͤcken. Deine dankbaren Kinder ſcheiden nie von Dir.“ In Weſtgreußen war ein herrlicher Menſchenverein. Auch Wllling und Bri⸗ gitte, die Tante von Erfurt gehoͤrte dazu. Vielen Leidenden und Kranken half Cark, der, ſeiner Geſchicklichkeit wegen, bald als ein vorzüglicher Arzt in großen Ruf kam. Fuͤr Arme war er der freigebigſte Wohl⸗ thaͤter. Oft mußte er mehrere Tage von Weſtgreußen entfernt ſeyn, kehrte er aber zuruͤck, da empfing ihn Marie mit der zaͤrt⸗ lichſten Liebe. In dieſem Jahre iſt ſie Mutter von einem Sohne geworden, den ſie um ſo zaͤrtlicher liebt, da er ganz das Geſicht ſeines Vaters hat. 17 3