4 Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on* Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und Feſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.* 2 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ——— hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ochentlich 2 Bücher:— Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 M.— Pf. 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Seit der Graf Richard von Douglas ge⸗ ſtorben war und Angus ſein Sohn zum zweiten Male in der Verbannung lebte, da ſchienen ſich feindliche Maͤchte gegen die angeſehene und reiche Familie der Dou⸗ glaſſe verſchworen zu haben, um ihren ehe⸗ maligen Glanz zu verloͤſchen und ihr den Untergang zu bereiten. Das wunderbare Schickſal verhaͤngt uͤber ganze Reiche und einzelne Familien oft raͤthſelhafte, unerforſch⸗ liche Ereigniſſe, die ſie zu den Hoͤhen des Ruhms und der Gewalt emporheben und ſie dann wie'er in die dunkeln Schat⸗ ten der Niedrigkeit und Ohnmacht, entweder ploͤtzlich hinabſtuͤrzen oder langſam ver⸗ ſenken. Daß der junge Graf Angus ſeine 6 — Herrſchbegierde nicht zaͤhmen, ſeinen Feuer⸗ eifer nicht dämpfen konnte, daß er zum Nachgeben zu ſtolz war, und die Geſetze der Vorſicht und Kugheit verſpottete, das war der Grund eines Verderbens, der, durch eine hoͤchſt ſonderbare Verwickelung der Umſtaͤnde, die Unſchuldige, ſeine Schweſter, am haͤrteſten traf. Der Glaube an ein großes Gluͤck taͤuſchte ſie; von allen Sei⸗ ten wurden die glaͤnzendſten Hoffnungen in ihr angefacht, als ſie aber dem Ziele ihrer Wuͤnſche nahe zu ſeyn glaubte, da wollte ſie ein falſcher Verdacht, geheime Rachſucht, ein Ingrimm, der den Verſtand blendet, daß er die Achtung gegen Recht und Billigkeit verleugnet, auf einen flam⸗ menden Holzſtoß hinſchleudern, da wollten die Richter ſie zum Feuertode verurtheilen. Lady Glami, Gräfin von Douglas, war die einzige Tochter des durch hohe 7 N Tugenden ausgezeichneten Richards, Grafen von Douglas. Als er ſtarb, hinterließ er eine Wittwe mit zwei Kindern, Angus und Glami, welche die Erben ſeines faſt fuͤrſt⸗ lichen Vermoͤgens waren. Angus wurde, ſobald der junge Koͤnig Jakob V. die Re⸗ gierung antrat, aus ſeinem Vaterlande zum zweiten Male verwieſen, und verdient hatte er ſich dieſe Beſtrafung zugezogen, da er die Grenzen ſeiner Regentenrechte viel zu weit ausdehnte, mit ubermuͤthiger Gewalt, regierte, dem minderjährigen Koͤnige Trotz und Hohn bot, und ſo in der Perſon des Herrſchers den Adel und die Nation groͤb⸗ lich beleidigte. Selbſt ſeine Freunde wichen von ihm, allein vermochte er ſich nicht zu behaupten, und ſo ging er in einer Reihe bit⸗ terer Unfaͤlle unter, die ſein Hochmuth, die Verachtung aller Warnungen, das unkluge Streben nach immer hoͤhern Wuͤrden her⸗ bei zog. 1 Die alte Graͤfin wurde nicht ſowohl von der Theilnahme an dem Mißgeſchick ihres Sohnes ſchmerzlich geruͤhrt, indem er, nach ihrem Urtheil, der eigene Stifter deſ⸗ ſelben war, als ſie ſich auf's heftigſte uͤber weit groͤßere Verluſte, die ſie erlitten hatte, die ſie noch furchtete, ohne daß ſie ſie ver⸗ hindern konnte, betruͤbte. Die Verachtung ihres Sohnes verbreitete auch uͤber ſie un⸗ gunſtige Schatten. Die Vornehmſten mie⸗ den ihren Umgang, ſie mußte ſich aus den Zirkeln entfernen, wo ſie ſonſt die erſte Rolle ſpielte, und Alle ihr mit Huldigung begegneten. Selbſt die Wittwe Koͤnigin, die ſie fruͤher mit Gnadenbezeugungen uͤber⸗ haͤufte, bekuͤmmerte ſich nicht mehr um ie, und man gab es ihr insgeheim zu ver⸗ ſtehen, daß ſie keine Annäherung ſuchen, den Hof meiden ſolle, wenn ſie ſich nicht einer demüthigenden Krankung ausſetzen wollte. Am meiſten aber wurde ihr Herz durch das 0 Leid ihrer Tochter erſchuͤttert, und das um ſo mehr, weil ſie es war, welche eitle Er⸗ wartungen in der Seele des jungen Mäd⸗ chens anfachte und ſie ſo lange unterhielt, bis die ſchoͤnen Traumbilder ſich in eine niederſchlagende Wirklichkeit verwandelten. Sie ſelbſt war es auch, welche die reichſten und edelſten Juͤnglinge zuruͤckſcheuchte, die um die Hand der Jungfrau werben woll⸗ ten. So alſo betrachtete ſie ſich als die Zer⸗ ſtrerin eines Gluͤcks, was Glami jetzt, ohne daß ſie die Stuͤrme beruͤhrten, die gegen die Familie ſich erhoben, genießen konnte. Keine Klage, kein Vorwurf kam uͤber die Lippe der Tochter, die nicht ohne empfind⸗ liche Schmerzen, aber ſtill und ruhig dul⸗ dete, was ſie nicht verſchuldet hatte. Glami ſtand noch in voller Jugend⸗ bluͤte, wenn auch ein verborgener Kummer, der an ihrem Herzen nagte, das Roth 10 ihrer Wangen gebleicht hatte. Intereſſanter, anziehender war eben dadurch ihr ganzes Geſicht geworden. Der Bau ihres Koͤrpers war hehr und ſchoͤn, und das Ebenmaß ihrer Glieder unvergleichlich. Ihr Anblick bezauberte. Liebenswuͤrdiger war ihr Ge⸗ muth. Seit eine harte Erfahrung ſie be⸗ troffen hatte, und ſie an dem Gelingen eines Plans verzweifeln mußte, der ihr eine glaͤnzende Zukunft verſprach und ſie uͤber Millionen ihres Geſchlechts empor hob, kehrte ſie zu der Einfachheit und Beſchei⸗ denheit, zu dem ſtillen, ſanſten und ruhigen Weſen zuruͤck, das fruͤher die Krone ihrer Tugend war. Wehe that es ihr gar ſehr, daß die Menſchen, die ſich ſonſt vor ihr neigten, die ihr Liebe und Achtung betheuer⸗ ten, ſie nicht beachteten, ſie mit ſchnoͤder Kaͤlte behandelten, als das Geſtirn ihres Gluͤcks, das ihr eine Weile ſchien, unter⸗ gegangen war, und unbegreiflich war's ihr, 4 11 daß ſich Gunſt und Ungunſt nicht nach un⸗ ſerm perſoͤnlichen Werthe, ſondern nach äu⸗ ßern Umſtänden richtet, die nicht in unſerer Gewalt ſtehen, ſondern das Werk jener un⸗ ſichtbaren Macht ſind, welche Thronen bauet und ſie zerſplittert. Daher mied ſie auch den Umgang mit der wandelbaren, leicht beſtechlichen, falſch urtheilenden Welt, ſuchte die Einſamkeit, wo ihre Thraͤnen unverhal⸗ ten floſſen, und ſie durch Klagen und Seufzer die Laſt, welche auf ihrer Bruſt lag, erleichterte. Glami hatte eine fuͤr die damalige Zeit ausgezeichnete Erziehung genoſſen, und in den großen Geſellſchaften ſich jene ge⸗ ſchmeidige, gefallende Sittlichkeit und Ma⸗ nier angeeignet, welche die naturlichen Reize einer ſchoͤnen Geſtalt erhoht und uns den Beifall der Menge erwirbt. Ihr Geiſt und Gemüth war in gleichem Grade gebildet, 12 und wohl beſaß ſie alle Eigenſchaſten, um einem Füͤrſtenthrone zur Zierde zu dienen. Das erkannte die Wittwe Königin ſelbſt und ſie verſtattete und genehmigte den Um⸗ gang ihres Sohnes mit der liebenswuͤrdigen Lady in ſeinem Jünglingsalter, als er noch nicht die Koͤnigskrone trug. Eine zaͤrtliche Neigung gegen ſie hatte ſein Herz gefeſſelt, und bald blieb es ihr nicht ungewiß und unentſchieden, daß er innige, feurige Liebe jüͤr ſie empfand. Als ihr der junge, ſchoͤne, einnehmende Mann mit dieſem Wohlgefal⸗ len huldigte, als er mit den Beweiſen einer Gunſt, wodurch er ſie bei öffentlichen Ge⸗ legenheiten auszeichnete, nicht zuruͤckhielt, da wurde auch in ihrer Bruſt die Flamme der Liebe angefacht, und ſie wuͤnſchte ſich ihn zum Gatten auch dann, wenn er nicht der Erbe eines Thrones war. Es waren die ſeligſten Stunden ihres Lebens, wenn ſie mit Jakob in dem Schloßgarten von Edinburg luſtwandelte; wenn ſie mit ihrer Mutter nach Stirling hin berufen wurde; wenn ſie es wahrnehmen mußte, daß ſeine Sehnſucht, wenn er ſie in mehrern Wochen nicht geſehen hatte, ihrem zaͤrtlichen Verlan⸗ gen nach ihm glich. Aber nur eine kurze Zeit ſollte ſich ihre Phantaſie mit dieſen lachenden Bildern be⸗ ſchaͤftigen, und nicht ſie war die Urſache, weshalb ein ſo ſchrecklicher Wechſel folgte, den ſie nicht geahnet, nicht voraus geſehen hatte. Wahr iſt es, der Graf Angus, ihr Bruder, welcher mehrere Jahre hindurch die Rolle eines Alleinherrſchers von Schott⸗ land ſpielte, fiel dem minderjährigen Kö⸗ nige ſehr hart, beraubte ihn ſeiner Freiheit und hielt ihn in Falkland gefangen, war dies Alles aber die Schuld der Lady Gla⸗ mi? Konnte ſie den ſtolzen Unternehmun⸗ gen ihres Bruders Grenzen ſetzen, was ein 14 ganzes Volk nicht vermochte? Zu keiner der kuͤhnen und verwegenen Thaten, welche die königliche Ehre benachtheillgte und den Glanz des Thrones verdunkelte, hatte ſie ihn angereizt. Sie ſelbſt mißbilligte ſein hartes, uͤbermuͤthiges Betragen, zu dem er durch ſein feindliches Geſchick gezwungen wurde, und zitterte aus natuͤrlicher Schwe⸗ ſterliebe vor ſeinem Sturze, fuͤr ſeine Frei⸗ heit, fuͤr ſein Leben und— ihr Gluͤck. Mit keinem Worte, mit keiner Miene haite ſie dem koͤniglichen Juͤnglinge wehe ge⸗ than. So weit es Sitte, Anſtand und weibliches Zartgefuͤhl es zuließen, ſuchte ſie ihm zu gefallen, um dem, der ihr das Theuerſte geworden war, der ſie ſo aufrich⸗ tig zu lieben ſchien, an deſſen ungetheilte Neigung ſie glaubte, in einem hoͤhern Gra⸗ de zu gefallen. Ruhig und durch die Wonne der Liebe geſtaͤrkt, die ſie in der Gegenwart ſo gluͤcklich machte, von der ſie die ſußeſten Genuͤſſe der ſchoͤnſten Zukunft erwartete, ertrug ſie die Anfeindungen des Neides und verbannte ſich ſelbſt aus den Geſellſchaften, in denen ſie ſonſt angenehme Zerſtreuung und Vergnuͤgen fand. Fuͤr den Geliebten zu leben, an ihn zu denken, ſein Wohlgefallen in immer böhern Graden zu gewinnen, das war das Ziel aller ihrer Beſtrebungen. Vielleicht kam die Haͤrte, mit welcher der Koͤnig, als er den Thron beſtiegen hatte, die ſchoͤne, einſt hoch geliebte Glami behan⸗ delte, nicht aus ſeiner Seele allein; die Zei⸗ chen derſelben traten von der Zeit an an's Licht, wo der Graf Angus als ein Hoch⸗ verräther angeklagt und aus dem Lande fluͤchten mußte, wenn er nicht wie der Laird Home und Forbes auf dem Blutgeruͤſte ſein Leben verlieren wollte. Vielleicht wa⸗ 16 ren es die Feinde des Grafen, die den Koͤnig zu dieſer Feindſchaft und Rache gegen die Familie der Douglaſſe reizten, und ſeine Mutter ſelbſt, damit es zwiſchen ihrem Sohne und der Lady nicht zu einer ernſten Verbindung kaͤme. Die kluge und faſt liſtige Koͤnigin ließ es fruͤher zu, daß die Lady dieſen Rang in dem Herzen ihres Sohnes behauptete, um ihn gegen Aus⸗ ſchweiſungen anderer Art, in welche die vornehme Jugend gar leicht faͤllt, zu be⸗ ſchuͤtzen. Ihr Zweck war erreicht, nun trennte ſie die Geliebte wie ein Spielzeug von ihm, das man ihm nicht laͤnger laſſen wollte. Er ſelbſt glaubte, der Nation den Haß gegen alle Douglaſſe ſchuldig zu ſeyn, wider welche ſich ihr Zorn und Abſcheu zu deutlich ausſprach. In der Ungluͤcksperiode, wo der Graf Angus ſeine letzte Macht aufbot, mit einem 17 Heere Stirling belagerte, um den Koͤnig den Haͤnden ſeiner Feinde zu entreißen, die ihn dort beſchirmten, wo er aber geſchlagen wurde, und ſein Heil in der Flucht ſuchen mußte, war Glami mit ihrer Mutter bis in den Tod betruͤbt. Als dieſer Sturm voruͤber war und die Wogen einer allge⸗ meinen Unruhe ſich gelegt hatten, und der Koͤnig nicht nach ihr fragte, da ahnete die Lady ihr Ungluͤck und erdreiſtete ſich, ohne Wiſſen der Mutter dem Koͤnig durch einen ſichern und verſchwiegenen Boten folgende Zeilen zu uͤberſchicken: „Mag auch mein Bruder ein Schul⸗ diger ſeyn, der die Streiche des Schickſals, die ihn hart genug getroffen haben, verdient hat, er iſt doch mein Bruder, ich kann ihm nicht fluchen und das Mitleid, was ich ge⸗ gegen ihn empfinde, iſt groͤßer als die Ge⸗ rechtigkeit, welche ihn ſeines Betragens 2 — wegen verbammen muß. An ſeiner Hand⸗ lungsweiſe nahm ich nicht den entfernteſten Antheil, ich mißbilligte ſie und werde ihr nie das Wort reden. Föoͤnntet Ihr mich aber haſſen, weil dieſer Angus mein Bru⸗ der iſt, der Euch auf ſchwere Gedulds⸗ proben ſtellte, wahrlich, ſo muͤßte ich den Glauben an eine Guͤte aufgeben, die ich Euch in allen Graden zutraute. Wie wäre es moͤglich, daß ein Herz, in dem nur Liebe fuͤr mich herrſchte, ohne Grund und Ur⸗ ſache mich haſſen könnte! Aber, Ihr fragt nicht nach mir! Bin ich Euch denn ſo plötz⸗ lich aus dem Gedaͤchtniſſe verſchwunden? Macht Euch die Erinnerung an mich keine Freude mehr? Das betheure ich Euch vor dem Gotte, dem Gefuͤhl und Gedanken un⸗ verborgen ſind, daß kein Wechſel der Zeit und des Schickſals Euer Bild in meiner Bruſt verlöſchen kann, auch dann nicht, wenn Ihr mir ſuͤße Hoffnungen und einen 19 Wahn entreißet, der die Krone und Wonne meines Lebens war. Nur verachtet, nur haßt mich nicht, das koͤnnte mich zum Tode fuhren; nur wuͤrdigt mich eines ehrlichen und aufrſchtigen Geſtaͤndniſſes, damit ich weiß, wie ich mit Euch daran bin. Der Zweifel, den ich hege, Euer Schweigen martert mich. Zehn Brieſe habe ich von Euch aufzuweiſen, auswendig ohne Anſtoß kann ich ſie herſagen, ſo oft habe ich ſie geleſen, laßt mich auf den elften, von Eurer Hand geſchriebeif nicht vergebens warten, ſo niederſchlagend ſein Inhait fuͤr mich auch ſeyn mag. Könnt Ihr mein Herz nicht zur Freude erheben, ſo verſagt einer Leidenden, die Euch unausſprechlich liebt, den Troſt nicht. Ewig Eure Glami.“ Die Lady erhielt ein Ruͤckſchreiben 20 von fremder Hand geſchrieben, des In⸗ halts: „Im Auftrage des Koͤnigs ſoll ich Euch melden, daß ihm der Name Douglas verhaßt iſt, und daß er mit Niemanden, wer es auch ſeyn mag, der dieſen Namen fuhrt, in eine Verbindung irgend einer Art treten wird. Ein Jugendwahn hat ihn ge⸗ blendet, daß er ſich zu Euch herabließ, den er ſelbſt bereut. Er hat laͤngſt einer thoͤ⸗ richten Liebe entſagt, die ihn eine Weile mit ſußen Lockungen taͤuſchte. Die zehn Brieſe, deren Ihr erwähnet, fordert er mit Ernſt zu⸗ ruͤck, um ſie den Flammen zu uͤbergeben, da⸗ mit auch ſelbſt der letzte Buchſtabe, der ihn an die Neigung zu Euch erinnert, vertilgt werde. Er gebietet Euch, des Verhältniſſes gegen Euch, in dem er früher mit Euch lebte, in das Liſt und Hochmuth ihn zog, nie öf⸗ fenilich zu gedenken wenn Ihr Euch deshalb 2¹ nicht harte Verweiſe zuziehen wollt. Der Ueberbringer dieſes Briefs iſt beauſtragt, die zehn Briefe zuruͤckzubringen. Zur Freude kann Euch der Koͤnig nicht erhe⸗ ben; aber er betrauert Euch, daß Ihr das Ungluͤck habt, die Schweſter eines Bruders zu ſeyn, der ein ruchloſer und verwerflicher Menſch iſt, welcher den ſchottiſchen Boden, den er nur durch neue Verbrechen beſudeln wuͤrde, nie wieder betreten darf. Im Auf⸗ trage des Koͤnigs der Laird Malcolm.“ Der koͤnigliche Vote uͤberreichte der Lady den Brief, als ſie eben mit ihrer Mutter in den Wagen ſteigen und zum Grafen von Bothwell fahren wollte, deſſen einzige Tochter mit ihrem Bruder verhei⸗ rathet war und mit ihm in der Verban⸗ nung lebte. Ehe ſie die Aufſchrift geſehen hatte, rief ſie aͤngſtlich und zugleich in 22 freudiger Ueberraſchung aus:„Ein Brief vom Koͤnig! Er enthaͤlt die Entſcheidung meines Schickſals. Mutter, er iſt ſehr wichtig. Laßt uns in die Halle zuruͤck gehen, daß ich ihn ungeſtoͤrt leſe.“ Die Mutter fragte:„Haſt Du denn an den Koͤnig geſchrieben? Waͤre dies die Ant⸗ wort? Wehe Dir, wenn Du Dir die De⸗ muͤthigung zu Schulden kommen ließeſt, und ihn um eine Gunſt bateſt, die er Dir nicht freiwillig zugeſteht! Fühle Deinen Werth, eines Douglas Tochter biſt Du! Aber ohne mein Wſſen einen Brief an den Koͤnig zu ſchreiben!“ Es wurde in Glami's Augen trube, ihre Geſichtsfarbe wurde bläſſer, mit einem Seufzer und mit bebender Stimme ſagte ſie, als ſie die Aufſchrift geleſen hatte: „Ach, das hat ſeine Hand nicht geſchrieben! Hält er mich der Muͤhe nicht mehr werth, 23 felbſt an mich zu ſchreiben? Geht er nicht mit dem Geheimniß meiner Liebe ſo ſträflich um, daß er es einem Dritten offenbart? O, ich haͤtte nicht an ihn ſchreiben ſollen! Mehr Gefuͤhl und Guͤte traute ich ihm zu. Ach, wie hat ſein Sinn ſich geaͤndert, ſeit er den Thron beſtieg! Aber leſen muß ich den Brief, und wenn er meine Wunden noch weiter aufreißt!“ Ihre Haͤnde zitterten, in ihren Augen wurde es truͤbe, ſie holte ſchwer Athem, als ſie den Brief las.„Ach, rief ſie aus, „wie tief bin ich zur Erde niedergebeugt, zerbrochen iſt mein ſchoͤnes Gluͤck, ausge⸗ löſcht meine lichte Hoffnung! Aber, wie hart, wie grauſam können die Menſchen ſeyn! Wie wandelbar ſind ſie in ihren Launen, in den Erweiſen ihrer Gunſt wie veraͤnderlich! Nie habe ich ihn gekrankt, und er zuͤrnt auf mich! O, Mutter, laßt mich allein, daß ich Thränen weine, ſie werden meinen Schmerz erleichtern und mir Linderung ſchaffen.“ „Arme, liebe Glami,“ ſagte die Mut⸗ ter, indem ſie ihre Tochter umarmte,„das Schickſa! verſucht uns ſehr hart, aber laß uns nur unſere innere Ruhe behaupten. Wer ſich nicht durch Laſter entehrt hat, der kann freudig und getroſt zum Himmel empor blicken, ſo hart und unerforſchlich auch die Streiche ſind, die auf ihn nieder⸗ fallen. Alles berechtigte mich zu dem Glauben, Du wuͤrdeſt einſt die Krone einer Fönigin tragen. Ach, unſer ungluͤckliche Angus iſt auch an unſerm ungluͤck ſchuld, aber, wir wollen ihm nicht fluchen, ſondern ihm verzeihen. Es hat ſo jeder Menſch ſeinen eigenen Geiſt, den einen führt er wie auf Roſenwegen ſeinem Ziel entgegen, den andern auf Dornen in finſtern Nach⸗ ten und ſtuͤrzt ihn in den Abgrund des Verderbens. So vorſichtig und klug ſich auch ſo Mancher duͤnkt, das Boͤſe, was er leiden, das Ungemach, was er erdulden ſoll, kann er doch nicht abwehren. In unſerer Gewalt nur ſteht es, wie wir uns in den Schmerzen und Unfaͤllen beweiſen, verzagt oder muthig betragen, und wir ſind uber ſie erhaben.“ Ohne daß die Lady eine Sylbe ſchrieb, das war der Rath der Mutter, ſollte ſie die zehn geforderten Briefe dem Koͤnig zu⸗ ſchicken.„Was willſt Du mit dem Plun⸗ der,“ ſagte ſie,„der Dir einen Menſchen von gewohnlichem Schlage bezeichnet, dem alle Haltung des Charakters fehlt, der un⸗ beſtändig iſt, der aus ſich Beliebiges machen läßt, der das Gepräge tragt, wozu die Außenwelt ihn ſtempelt. Zu einer Königin, auf einen Thron hätte er Dich erheben 26 können; aber eine gluͤckliche Gattin waͤrſt Du durch ihn nie geworden. Gieb ihm die Briefe und halte den Boten nicht auf. Wir haben Herburn einen Beſuch verſpro⸗ chen und Wort moͤchte ich gern halten.“ X „Mutter, ich tauge mit meiner zerruͤt⸗ teten Gemüthsſtimmung fuͤr keinen Men⸗ ſchen, fuͤ keine Geſellſchaft, laßt mich hier. Haltet Ihr Wort und reiſet zum Graf, habe ich doch meine liebe Margaretha bei mir, die wird mich troͤſten, wenn ich in meinem Gemuͤthe zu traurig werde. Eine friſche Wunde iſt mir geſchlagen und Ihr wißt es, mir fehlt der leichte Sinn, uͤber das unvermeibliche Widrige hinweg zu ſcherzen.“ Die Graͤfin Douglas reiſete, auf in⸗ ſtaͤndiges Bitten ihrer Tochter, zum Graf Herburn von Bothwell, da ihr dieſe das 27 Verſprechen gab, daß ſie ihr mit Marga⸗ rethen am folgenden Tage nachkommen werde. Margarethen aber gebot die Gra⸗ fin, daß ſie ſelbſt des Nachts nicht von Glami's Seite wich. Was dieſe treue Dienerin verſprach, das hielt ſie heilig. Als Glami mit Margarethen allein war, las ſie ihr den Brief von dem Koͤnig vor und fragte ſie um Rath, ob ſie einige Zeilen darauf erwiedern ſollte oder nicht. Margaretha, die Vorſichtige und Kluge, ant⸗ wortete:„In Angelegenheiten des Herzens iſt es ſchwer, den beſten Rath zu geben. Du biſt groß und verſtaͤndig, thue, was Dein Gefuͤhl gebietet, das entſcheidet oft richtiger und wahrer als der Verſtand, wel⸗ cher ſich in ſeinen Berechnungen irtt. Ich aber ſchriebe nicht. Wozu könnte das Schreiben dienen? Unmoͤglich iſt es, den Koͤnig mit Dir zu verſöhnen. Willſt Du 28 ibn gegen Dich erbittern?— Das Wort Margarethens hatte bei der Lady viel Ge⸗ wicht. Sie widerrieth ihr einſt den Um⸗ gang mit dem koͤniglichen Juͤnglinge, und ihre Prophezeihung, wie er ſich enden wer⸗ de, war puͤnktlich eingetroffen. Aber zu einer Zeit, wo die Flamme der Liebe in Glami's Herzen loberte, wo ſie den Aeuße⸗ rungen Jakobs zweifellos vertraute, konnte ſie gar der erfahrnen Freundin zuͤrnen, welche warnte, welche weiſes Mißtrauen und Entfernung vom Hofe gebot. Als Glami einſt uͤber ihr glaͤnzendes Geſchick jubelte ihre Hoffnungen pries, die Wonne ihrer Zukunft und ihrer Liebe ſchilderte, da ſagte die Alte:„Denke an mich, nicht eine freundliche Hand hat Dich auf den ſchluͤpf⸗ rigen Pfad gefuͤhrt, ſtraucheln wirſt Du, vielleicht ſehr hart fallen, wenn Du nicht auf Deiner Hut biſt und weiter gehſt. Lockend und ſchmeichelnd iſt fuͤr ein junges 8 29 Herz die Verſuchung, werde ſtark im Geiſte, ſie zu uͤberwinden.“ Margaretha konnte und durfte in die⸗ ſer Sprache mit der Lady reden. Sie war die Tochter des Baronet Forbes. Als ihre Eltern fruͤh verſtarben, na hm ſie der Groß⸗ vater Glami's zu ſich, und erzog ſie, wie ein eigenes Kind. Sie war eine veraltete Jungfrau, da ſie ſich in fruͤhern Jahren nicht nach Wunſch und Neigung verheira⸗ then konnte. Sie blieb in der Familie der Douglaſſe und wurde ihrer Jugend wegen, wie ein Glied derſelben betrachtet. Auf ihren Armen hatte ſie die ſchone S ge⸗ tragen, und einen guten und vielleicht den beſſern Theil der Bildung und verdankte die Lady dieſer herrlichen Alten, welche von ihr wie die Mutter geehrt wur⸗ de, der ſie in einem hoͤhern Grade ver⸗ traute. Als die Lady erklaͤrte, ſie koͤnne dem innern Antriebe nicht widerſtehen, ſie muͤſſe das empfangene Schreiben beantworten, ſagte Margaretha:„So thue was Du nicht laſſen kannſt, was aber auch auf Dei⸗ nen Brief erfolgt, dafuͤr mache mich nur nicht verantwortlich.“ Als ſich Margaretha ſchweigend in einen Lehnſtuhl niedergeſetzt hatte, ſchrieb Glami und las ihr dann fol⸗ gende Zeilen vor: „Laird Malcolm! Hier uͤberſende ich Euch in einem verſiegelten Packet die zehn Briefe, die mir bisher ein theures Unter⸗ pfand der Liebe waren. Mit Schmerz gebe ich ſie dem Konig zuruͤck, im harten Tone werden ſie mir abgefordert. Seine Liebe und Achtung habe ich nicht verſcherzt, das troͤſtet mich. Möge es ihm nie ge⸗ reuen, daß er mich ſo fuͤhllos von ſich ſtieß! Er kam mir mit ſeiner zartlichen — 31 Neigung entgegen, ich erwieberte ſie, dies ſcheint er mir uͤbel anzurechnen und begeht damit ein ſchweres Unrecht an mir. Stand⸗ haft und treu bin ich geblieben, und er?— Doch kein Vorwurf ſoll uͤber meine Lippe gehen, es tragt ein jeder Menſch, und ob er auch ein Koͤnig iſt, in ſich den Richter ſeiner Thaten. Der Liebe, der ich mich ganz hingab, will ich nun entſagen lernen, mein Herz beſiegen, und ſollte dieſer Sieg mir ſelbſt das Leben koſten. Ihr aber, Laird, der Vertraute des Koͤnigs, lernt es fuͤr die Zukunſt, ſeine Beſehle in beſſere Worte einkleiden, daß dieſe nicht mehr ver⸗ wunden als jene ſelbſt. Lady Glami von Douglas.“ Die Alte billigte im Allgemeinen den Inhalt des Briefs und die Manier ſeiner Darſtellung; meinte aber doch, daß ſie den Vorwurf, den ſie dem Laird machte, haͤtte * 32 weglaſſen ſollen.„Glami,“ ſo ſetzte ſie hinzu,„Du mußt nur bedenken, daß Deine Familie, die von ihrer Macht und Hoͤhe niedergeſunken iſt, der Freunde und Be⸗ ſchuͤtzer bedarf, und daß nicht ein Malcolm, ſondern ein viel ſchwaͤcherer Feind dazu ge⸗ hoͤrt, um das wankende Gebaͤude ihres Gluͤcks gewaltig zu erſchuͤttern.“— Die Lady erwiederte:„Welcher haͤrtere Verluſt kann mich noch treffen! Was ich geſchrie⸗ ben habe, das will ich nicht vertilgen.“ Als Glami die Briefe, die ſie uͤber⸗ ſchicken mußte, ſah, fing ſie an mehrere durchzuleſen, und heiße Thraͤnen rollten ihr uͤber die Wangen. Auf ein kleines Papier, das ſie mit einlegte, ſchrieb ſie die Worte: »„Ihr alle zeuget fuͤr meine Liebe und Un⸗ ſchuld. Koͤnig, leſet ſie du ch und ſtaunet ſelbſt uͤber die Verwandlung, die mit Euerm Herzen vorgegangen iſt. Auch 33 Koͤnige haben ihren Richter uͤber ſich, der ohne Anſehn der Perſon entſcheidet, und einem Jeden ſein Recht widerfahren läßt. Bei der bitterſten Kraͤnkung, die Ihr mir zufuͤgt, wuͤnſche ich Euch alle Segnungen des Himmels. Lady Glami.“ Margaretha, als ſie ihre geliebte Gla⸗ mi in tiefer Trauer ſah, bot alle Gruͤnde auf, welche zu ihrem Troſte, zu ihrer Be⸗ ruhigung dienten, und ſagte:„Oft muß der Menſch die Guͤte des Himmels mehr preiſen, wenn er ihm ein Gluͤck verſagt und ihn in Kummer verſenkt, als wenn er ſeine Wuͤnſche erfuͤllt, und jeder ſeiner Bitten Gewaͤhrung ſchenkt. Unabhaͤngiger ſoll ſich ein Jeder vom Schickſal machen, ſelbſtſtän⸗ diger werden, ſeinen Frieden, ſein Heil in ſich ſelber aufbauen, es mag ihm ein ſcho⸗ ner Tag ſcheinen, oder außer ihm ein 3. . Wetter alle ſeine Freuden und Hoffnungen niederſchlagen. Der ſteht noch auf ſchwa⸗ chen Fuͤßen, ſo klug und weiſe er ſich auch duͤnkt, der ſich von dem Winde eines jeben Verhängniſſes hin und her bewegen läͤßt. Fuͤr die Freuden des Lebens muß man ein offenes Herz zu behalten ſuchen, es aber auch mit einem Panzer umgeben, durch den die verwundenden Pfeile nicht dringen kön⸗ nen. Wozu ſich kindiſch uͤber Unvermeid⸗ liches kummern, was eine hoͤhere Macht, die ſich keine Geſetze vorſchreiben laͤßt, alſo geordnet hat! In jedem Menſchenleben kömmt die Zeit, auch in dem Deinen wird ſie kommen, wo Du die Stunden ſegnen wirſt, welche die heißeſten und h⸗ hafteſten waren.“ „Was Ihr da ſagt, liebe Margaretha, das mag wahr, weiſe und fuͤrtrefflich ſeyn, aber ſteht es denn in meiner Macht, es als 35 einen Balſam für meine Wunden zu ge⸗ brauchen? Es muß ſich gar Vieles in mir noch umwandeln, ehe ich zu der Hoͤhe kom⸗ me, auf die Ihr mich ſtellen wollt. Jene Weisheit, die Ihr ruͤhmt, iſt gewiß die Frucht ſpaͤterer Jahre, in der Jugend fin⸗ det Ihr ſie nicht. Scharf und unabge⸗ ſtumpft ſind alle meine Sinne, heftig be⸗ wegt ſich Alles. Was mir als Verluſt er⸗ ſcheint, das kann ich noch nicht als Gewinn betrachten. Laßt mich nur noch klagen und ſeufzen, ich rechne auf die Zeit, die die empfindlichſten Schmerzen mildert, und ſie endlich wohl gar in das Grab der Ver⸗ geſſenheit begrabt. Man ſagt mir, es traͤgt ein Jeder die Narben der Schickſalsſchlaͤge an ſich, groͤßere oder kleinere, aber ſie thun nicht mehr wehe.“ Als ſie ſo mit einander redeten, trat unerwartet am ſpaͤten Abend Anna Auley 36 ganz athemlos in's Zimmer. Sie ſchien vom Schreck erſtarrt zu feyn, ihr Geſicht war leichenblaß, und ſie redete ſtotternd dieſe Worte:„Ich muß den Himmel preiſen, daß ich, ohne mein Leben, meine Freiheit und Ehre zu verlieren, glucklich bei Euch angekommen bin. Ich glaube, daß draußen der Wald mit einer Rauberhorde angefuͤllt iſt. Glami, der Hauptanfuͤhrer fragte nach Dir. Erſt, als er ſich üͤberzeugt hatte, daß ich eine Andere ware, ließ er mich ruhig meines Wegs ziehen.“ Voll ängſtlicher Beſorgniß rief Glami aus:„Der Raͤuber fragte nach mir? Haſt Du recht zugeſehen, war es denn ein Rau⸗ ber? Was will man mit mir? Ich ahne Schreckliches! Geht man darauf, aus, mich einzufangen, mich in ein ewiges Gefaͤngniß zu ſperren, mich aus der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft zu entfernen? Niemanden habe ich 3* 5 beleidigt, Keinem Boͤſes gethan! Soll der letzte Sproſſe der Douglaſſe vertilgt wer⸗ den? Lohnt man ſo die Verdienſte mei⸗ nes PVaters um Schottland, daß man ihn in meiner Perſon beleidigt? Da, wo man ſolche Graͤuel veruͤbt, iſt ein Reich am Rande des Verderbens. Aber ich fuͤrchte die Nachſtellung nicht, muthig gehe ich ihr entgegen, Alles, was mein Lebensende be⸗ ſchleunigt, iſt mir willkommenes Ereigniß. Siehſt Du, meine liebe Anna, ſo weit iſt es mit Deiner Glami gekommen, der alle Sonnen des Gluͤcks zu leuchten ſchienen. Wird man mich nun auch ſo bemitleiden, als man mich beneidet hat? Eins faͤllt mir ein, koͤmmt die Gewalt, die man mir an⸗ thun will, nicht vom Koͤnig ſelbſt? Könnte er ſeine Grauſamkeit ſo weit treiben? Waͤre er faͤhig, in dem Grade mich zu haſſen, als er mich einſtens liebte? Himmliſche Maͤchte, was darf man von Menſchen hoffen, 35 was kann, was muß man von ihnen fuͤrchten!“ Glami ſenkte das Haupt nieder, ſie faltete die Haͤnde, ſchwieg war in Gedan⸗ ken verloren und ſagte dann, als ob ſie aus einem ſchweren Traume auffuhr, mit heftiger Rede:„Anna, wie war es, als der Raͤuber Dich anfiel; was fragte er Dich; kannſt Du mir ſeinen Anzug nicht beſchrei⸗ ben?“—„Was ich wußte, das habe ich Dir erzählt, ich war erſchrocken, an allen Sinnen gelaͤhmt, ſonſt weiß ich nichts.“ Die Lady umarmte Annen mit herz⸗ lichem Gefuͤhl, und ſagte:„Du warſt in den Tagen des Gluͤcks meine Freundin ohne Mißgunſt und Scheelſucht, Du maͤßig⸗ teſt nur meine allzukuͤhnen Hoffnungen und Wuͤnſche, aber ich uberhoͤrte Deinen Rath, weiche auch in den ſchweren Stunden nicht 39 von mir, Du ſiehſt, wie einſam und ver⸗ laſſen ich bin, und daß mich Freundeshaͤnde halten muͤſſen, wenn ich nicht den Verſtand verlieren und in meinem Grame unter⸗ gehen ſoll.“ Am Abend noch ertheilte Glami den Befehl, daß Gewaffnete den Wald durch⸗ ſtreifen mußten, ob ſie dort nicht verdaͤch⸗ tiges Geſindel faͤnden, das ſie einfangen ſollten, um dem ſchwarzen Geheimniß auf die Spur zu kommen. Sie fuͤrchtete ſogar einen naͤchtlichen Ueberfall. Am Morgen erſchien Volkoleith, der Jaͤger, in dem Zim⸗ mer und erzaͤhlte:„Mit zehn Geharniſch⸗ ten, die ich befehligte, durchſtrichen wir den Wald nach allen Richtungen. Wir ſahen nichts und hoͤrten nur die kreiſchenden und bellenden Stimmen der Eulen und Uhu's. Schaaren von Raben flogen aus den Wipfeln der Baͤume flatternd empor, die 40 wir von ihren Ruheſitzen verjagten. End⸗ lich wurden wir ein helles Feuer gewahr. Vorſichtig und mit gezogenen Schwerdtern nahten wir uns ihm. Es lagen ſechs Kerls um daſſelbe. Füͤnfe ſchliefen und Einer hielt Wache. Wir nahten uns mit unver⸗ meidlichem Geraͤuſch. Der Waͤchter be⸗ merkte uns fruͤh genug, er weckte ſeine Cameraden, dieſe griffen ſogleich nach den Schwerdtern, und ſtellten ſich zur Wehre.“ „Als ich ſie Raͤuber nannte und fragte, welch ein buͤbiſches Geſchaͤft ſie in dem Walde trieben, erwiederte der Eine:„Nur ſcheltet uns nicht, das moͤchte Euch theuer zu ſtehen kommen. Ehrliche Leute ſind wir, und ſtehen im Dienſte eines wackern Herrn, der uns gut beſoldet. Wenn wir ihm in allen Stuͤcken gehorſam ſind, treiben wir darum ein Geſchaͤft, was Ihr Euch erfrecht, ein bůbiſches zu nennen? Wir hatten 41 Grund und Urſache Euch zu ſtrafen. Glaubt es, wir ſind nur unſerer Sechs, aber Euch Alle fuͤrchten wir nicht, wenn es zum blu⸗ tigen Handgemenge kommen ſollte. Nicht die groͤßere Zahl, ſondern die ſtaͤrkere Macht fuͤhrt zum Siege. Was wollt Ihr nun weiter? Entfernt Euch, wenn wir Euer laͤngeres Zogern nicht fuͤr eine Kriegser⸗ klärung annehmen, und augenblicklich zu⸗ ſchlagen ſollen.“ Volkoleith fuhr alſo fort:„Ihr ſeyd ſehr keck und dreiſt, wie Raͤuber pfle⸗ gen, ſchlagt nur zu, es ſoll Euch ſchlecht bekommen. Aber Ihr habt eine Reiſende angefallen, die nach dem Schloſſe Doven⸗ iale reiſen und Lady Glami beſuchen wollte. Ihr ließet ſie in Frieden ziehen, als Ihr von ihr erfuhret, daß ſie die Lady Douglas nicht ſey., Sie wolltet Ihr gefangen neh⸗ men, ſagt, wer hat Euch zu dieſem Ver⸗ 5 — brechen gedingt?“—„Das eben iſt die Frage,“ ſagte derſelbe, der die erſten Ant⸗ worten gab,„auf die wir nichts erwiedern. Ehrt Ihr die Pflicht nicht, Geheimniſſe, die uns auf die Seele gebunden ſind, ver⸗ ſchweigen zu muͤſſen? Von einem Ver⸗ brechen redet aber nicht, es iſt fuͤrwahr keins, und bedenkt, daß uns Vieles eine Tugend ſcheint, was doch ein Laſter iſt. Wir werden Eurer Ledy nichts Boͤſes zu⸗ fuͤgen; aber mit einem Gewaltſtreiche ſoll ſie einem Sturme enttiſen werden, der ihre Freiheit, vielleicht ihr Leben gar bedroht. Wir ſind entdeckt, Straße, und nach einende iſt von keinem unter uns eine Spur Walhe⸗⸗—„Meine Gefangene ſeyd Ihr,“ ſagte jetzt Volkoleith, „und folgt mir nach Doventale. Zwingt mich nicht, Gewaltmittel anzuwenden.“ Teufliſch und hoͤhniſch lachte der Kerl auf, und ſchrie mir in's Geſicht:„Narr, denkſt 43 Du denn, daß wir Hunde ſind, welche ge⸗ horſam folgen, wenn ihr Herr ruft? Packe Dich mit Deinen Knechten, wenn wir Euch nicht alle erſchlagen und Euch bei einem größern Feuer zu einer Hand voll Aſche verbrennen ſollen.“ „Der Kerl gab ein Zeichen, ſeine Mit⸗ geſellen ſtürzten ſich mit ihm in den Wald, wir konnten ihnen mit unſern Roſſen nicht in das Dickicht nachfolgen, und ſo ſind ſie uns entwiſcht. Als Räuber erſchienen mir die Leute nicht. Gewiß hat es eine ganz andere Bewandtniß mit ihnen, aber welche, das kann ich nicht erklaͤren. In den Wor⸗ ten, Eurer Lady wollen wir nichts Boͤſes zufuͤgen, einem Sturm ſoll ſie mit einem Gewaltſtreiche entriſſen werden, der ihre Freiheit, vielleicht ihr Leben gar bedroht, liegt mir ein Geheimniß verborgen, das ich nicht zu offenbaren vermag.“ 44⁴ 1 Anna Auley wagte es nicht, ohne ſiche⸗ res Geleite ihre Ruͤckreiſe anzutreten. Lady Glami begleitete ſie, von einer ſo großen Zahl Geharniſchter umringt, die jeder Raͤu⸗ berbande Furcht einflößen mußte. Im Walde nahm man keinen feindlichen Men⸗ ſchen wahr. Anna gab der Bitte Glami's nach, und folgte ihr nach Douskirk, dem Schloſſe des Grafen Bothwell, wo ſie ſich mehrere Tage verweilen wollte. Marga⸗ retha blieb zuruͤck, um die Aufſicht im Schloſſe zu fuͤhren. Die Graͤſin Douglas wunderte ſich ſchon ängſtlich, da ihre Tochter nicht in der Stunde erſchien, als ſie's zu kommen ver⸗ ſprochen hatte. Um ſo groͤßer war auch die Freude, als ſie dieſe, und ihr zur Seite die ſeelengute Anna Auley, an der Spitze einer Schaar Gewaffneter, den Schloßhof heraufreiten ſah.„Wozu dies ſtarke Ge⸗ 45 folge,“ ſagte ſie in ihrem Geiſte, aber das Entzuͤcken, die beiden Freundinnen zu um⸗ armen, ließ ſie an die Frage, weshalb ſie ſich von einer Schaar Bewaffneter in fried⸗ lichen Zeiten begleiten ließen, nicht mehr denken. Recht guͤtig und freundlich wurden die Maͤdchen auch von der Graͤfin Bothwell bewillkommt.„Aber,“ ſo ſagte der Graf Hernburn, als ſie Alle in der großen Halle um eine Tafel verſammelt ſaßen,„was ſoll die Schaar der Geharniſchten bedeuten, die Ihr zu Eurer Sicherheit bei Euch habt? Wohnen wir doch in einem fried⸗ lichen Lande, in dem ſeindliche Knechte die Heerſtraßen nicht unſicher machen. Von Raͤubern, die in den Waͤldern von Doven⸗ tale und Douskirk umherſchwaͤrmen, habe ich auch nicht gehoͤrt. Unſer Gebiet halten wir von boͤſem Geſindel rein. Aber das weibliche Geſchlecht iſt furchtſam und ſieht oſt da Gefahr und Geſpenſter, wo jene 46 nicht Statt ſindet und dieſe nicht ſind.“— „Diesmal, lieber Graf, moͤchtet Ihr uns doch nicht einer vergeblichen Furchtſamkeit beſchuldigen koͤnnen. Im Walde von Do⸗ ventale hat ſich eine Begebenheit ereignet, die auch dem muthigſten Manne Vorſicht gebietet, und Tollkühnheit waͤre es, wenn er ſich ſorglos und unbeſchuͤtzt den Haͤnden von Menſchen uͤberlieferte, von denen man nicht weiß, ob ſie Freundliches oder Feind⸗ liches gegen ihn im Schilde führen.“ Als die Lady dieſe Worte geſagt hatte, brannten Alle vor Neugierde, um die Ge⸗ ſchichte ſelbſt zu erfahren, auf die ſie im Eingange ihrer Rede hindeute.„Ich ſelbſt kenne das wunderſame Raͤthſel, was mich ſo ſcheu und angſtlich gemacht hat,“ ſagte ſie,„nur aus Erzaͤhlungen. Anna mag reden, doch ehe ſie anfaͤngt, laßt vorher den Jaͤger Volkoleith kommen, der kann die 47 Geſchichte fortſetzen. Beiden können wir auf's Wort glauben, ſie lieben die Wahr⸗ heit, ein Einverſtaͤndniß kann nicht unter ihnen Statt finden, und ſo viel ich es glaube, kam nie eine Luͤge uͤber ihre Lippen.“ Als der Jaͤger in der Halle angekom⸗ men war, forderte die Lady ihre Freundi auf, daß ſie ihre Begegniſſe erzaͤhlte, und als ſie, zum Staunen aller Anweſenden, ihre Geſchichte geendigt hatte, mußte der Jager bis zum Schluſſe fortfahren. Die Gräfin Douglas ſeufzte und ſagte in der groͤßten Erſchuͤtterung ihres Gemüths:„Will man einer ungluͤck⸗ lichen Mutter auch das theuerſte Kleinod des Lebens von der Seite reißen? Habe ich ſo ſchwer gefehlt, daß ich ſo hart be⸗ ſtraſt werden könnte? Soll denn der Stamm ber Douglaſſe bis auf die Wurzel vertilgt werden? O, waͤre mein Angus hier, niederſchmettern wuͤrde er die Laſter⸗ knechte, die im Namen ihres grauſamen und ungerechten Herrn eine ſo ehrloſe That begehen wollten! Ware ich ein Mann, mit einem Schwerdte wuͤrde ich mich um⸗ guͤrten, die Teufelsbrut niederſchlagen, die ein unverzeihliches Verbrechen vollziehen will; aber was vermag ein Weib gegen Tyrannei und boͤſe Gewalt! Iſt meine Glami noch nicht genug gekraͤnkt; hat man ſie noch nicht tief genug erniedrigt, will man ihr auch Ehre, Freiheit und Leben rauben? Schaͤndliches Land, wo die öͤffent⸗ liche Sicherheit nicht mehr reſpektirt wird; wo ſich Laſterbuben zur Ausubung ſolcher Verbrechen erkaufen laſſen!“ w. Sie umarmte in der hoͤchſten Bewegung des Gemuͤths ihre Tochter und ſagte:„Vereint wollen wir mit einander leben und ſterben! 49 Laß uns das verhaßte Schottland fliehen, hier iſt die Luft fuͤr uns Gift, wir ſind von Feinden umringt, und die Ohnmacht unſerer Freunde kann uns gegen Gewaltthaͤ⸗ tigkeit nicht ſchuͤtzen! Nach England ſliehen wir, und vergeſſen da die Ungerechtigkeiten, die man uns hier zufuͤgt.“ Herburn ſchuttelte den Kopf und ſagte:„Gräfin, Euer Schmerz fuͤhrt Euch zu weit, er macht Euch gegen Schottland ungerecht. Kennt Ihr keine Edeln, die ſich mit Kopf und Herz der Sache der Un⸗ ſchuld annehmen, wenn ſich Rache und Bosheit zun ihrem Untergange verſchwö⸗ ren? Waͤre unſer Vaterland denn wirklich eine Hölle, die nur von Teufeln bewohnt wird? Was ſoll aus Euern Guͤtern und Lehnsleuten werden, wenn Ihr wegzieht? Ich rathe es Euch ernſtlich, daß Ihr die Reiſe nach England aufgebt. Es ſteht 4 nicht ſo mißlich, als Ihr es Euch einbildet. Fürchtet Ihr aber Gefahr fuͤr Eure Tochter, laßt ſie hier, ich will ſie mit meinem Schwerdte vertheidigen, wollt Ihr aber auch das nicht, ſo habt Ihr ja feſte Schloſ⸗ ſer, gewaffnete Mannſchaft, und Hunderten wäre es ja unmöglich, die Doventale be⸗ lagern, es wie ein Vogelneſt wegzunehmen. Wer wird ſich ſogleich der Furcht hingeben, und das Aeußerſte thun, wozu er nur in der größten Bedraͤngniß ſeine Zuflucht nimmt! Stellt fleißig Wachen aus, laßt den Wald taͤglich durchſuchen, und niſtet ſich da eine Rotte ein, die auf Euer Ver⸗ derben ausgeht, ſo laͤhmt ihr auf ewige Zeiten das buͤbiſche Handwerk. Daß es der Kö⸗ nig mit Euch nicht gut meint, das weiß ich gewiß, es iſt ſo ſeine Laune, von der Liebe zum Haſſe uͤberzuſpringen, und an Widerſachern, die ihn nach dem Munde reden und ihn zu Mißgriffen reizen, fehlt 51 es auch nicht. Aber der Plan, Glami zu entfuͤhren, der durch ſechs Gewaffnete aus⸗ gefuͤhrt werden ſollte, die ihr Heil in der Flucht ſuchten, koͤmmt nicht von ihm. Ein Koͤnig hat andere als ſo ſchwache Mittel, die er anwendet, um vorgeſetzte Zwecke zu erreichen. Was kann ihm Glami ſchaden! Darf er ihre Rache fuͤrchten? Vielleicht kommt das Geheimniß an den Tag, mir erſcheint es wie das Kinderſpiel eines Narren, mit dem man es nicht ſo ernſt nehmen, das man vielmehr belaͤcheln muß. Kurz, Ihr bleibt hier. Wie bisher gehe ich Euch mit Rath und That an die Hand, das habe ich im Herzen Euerm verſtorbenen Gatten, meinem unvergeßlichen Richard ge⸗ ſchworen, und bin ich das nicht Euerm Angus, meinem Schwiegerſohne ſchuldig? Verlaßt Euch nur auf mich, ich werde es zu verhuten ſuchen, daß die Habſucht ſich nicht um Eure Guͤter, wie um eine er⸗ 52 oberte Beute theilt. Wer zugreift, der ſoll ſich die Finger verbrennen. Was ſoll Glami in dem fremden Lande, wo ſie fremd iſt, wo ſie kein Herz verſteht, wo die Thaͤ⸗ ler und Gebirge nicht ſind, an denen ſich von Jugend an ihr Auge weidete. Auf dem veroͤdeten Felde unferes Schickſals, das ein feindlicher Sturm verwuͤſtet hat, wachſen enblich Blumen wieder. Die rauhe Gegenwart ſoll der Menſch nicht zu einem Grabe machen, in dem er ſeine Hoffnungen begrabt. Oſt geht das Ungewitter vorher, und der ſtille, ſchöne Tag folgt ihm nach. Kann Glami keine Koͤnigin werden, die eine Krone traͤgt, die oft mit Dornen durchfloch⸗ ten iſt, welche unheilbare Wunden ſtechen, ſo findet ſie vielleicht einen edeln jungen Schotten, durch den ſie gluͤcklich wird und den ſie zluͤcklich macht. Weg aus ihrer Bruſt mit den Traumbildern eines falſchen Gluͤcks, damit ſie den Genuß der beſſern, 53 ſichern Freuden nicht ſtören. Der Koͤnig war nicht der Einzige, der fuͤr Glami's Gemüth paßte. Nehmt ihm den Glanz des Thrones, der ſie blendete, ſtellt die Buͤrde an's Licht, die auf ihn laſtet, und laßt ſie dann ſprechen, ob ſie ſeinen Ver⸗ luſt als den unerſetzlichſten betrauert. Un⸗ ſere Ruhe oder Unruhe, unſere Freude oder unſer Schmerz, haͤngt lediglich von un⸗ ſern Einbildungen ab, und ein weiſer, from⸗ mer Mann iſt ſelbſt im Kerker gluͤcklich.“ — Dieſe Worte des Graſen machten einen großen Eindruck auf die Gemuͤther, und Glami insbeſondere ſtimmte ihnen beifaͤllig zu. Am ſpäten Abend kam Jakob, Both⸗ wells juͤngſter Sohn, von der Jagd, mit ſchwerer Beute beladen. Drei volle Tage hatte er mit ſeinem Jagdgefolge in den Waͤldern umhergeſchwaͤrn. Es uͤberfiel ihn ein freudiger Schreck, als er ſchon auf dem Hofe von ſeinem treuen Cunert erfuhr, 54 daß die Graͤfin mit ihrer Tochter und Anna Auley in der Halle waͤren.„Stille, ſtille,“ ſagte er,„und ſprich kein Wort von meiner Ankunft.“ Er ſchlich ſich auf ſeine Stube, damit er ſeinen Jagdanzug ablegte und ſich beſſer kleidete, ſo, wie er war, wollte er in der Geſellſchaſt, und beſonders vor der Lady nicht erſcheinen. Es war wohl Niemand ſo froh, daß der Graf Angus nach England entflohen war, daß der König die reizende Glami verſtoßen hatte, und daß ſie alle Hoffnungen aufgeben mußte, als eben er. Er durfte ſeine Freude uͤber die Unfaͤlle, welche die Douglaſſe niederbeugten, nicht verrathen, und ſogar ein Mitleid, eine Theilnahme mußte er aͤußern, die ihm nicht natuͤrlich war. Nur den guten Vater hatte er in ſein Herz blicken laſſen, und ihm jedes Ge⸗ fuhl offenbart, das in demſelben herrſchte. 55 Als ſich Angus mit der Schweſter Ja⸗ kobs, Marien, verband, da war es der Fall, daß ſich die Familien der Bothwells und Douglaſſe ofter ſahen. Glami hatte da⸗ mals das vierzehnte Jahr erreicht, und ſie glich einer friſchen Knospe, aus der ſich eine Blume von ſeltener Schoͤnheit ent⸗ wickelt. Sanft, liebenswuͤrdig, naiv und klug war das junge Maͤdchen. Jakob, der das neunzehnte Jahr erreicht hatte, em⸗ pfand die zaͤrtlichſte Neigung fuͤr das Maͤd⸗ chen. Ihrer zarten Jugend konnte er das Geheimniß ſeines Herzens noch nicht an⸗ vertrauen. Alles that er ihr zu Gefallen, ihren Wuͤnſchen kam er zuvor, er ſuchte ſie mit der Macht der Liebe an ſich zu feſſeln. Aber ſie war noch zu unerfahren, als daß ſie in dem Betragen Jakobs etwas anders ent⸗ deckte, als guͤtiges Hinneigen der Erwach⸗ ſenen zu den Kindern. Da er ſchon den Tag, es war an ihrem ſechzehnten Ge⸗ 56 burtstage, beſtimmt hatte, wo er mit dem Geſtändniß ſeiner Liebe gegen ſie hervortre⸗ ten wollte, hoͤrte er, mißbilligend, von ſei— nem Vater, daß die Douglaſſe darauf aus⸗ gingen, Glami mit dem Koͤnige zu vermaͤh⸗ len. Er ſank in tiefen Schmerz und konnte ſeinen Gram nicht uͤberwinden. Einſt faßte er Muth und ſagte zum Grafen Angus: „Ich kenne einen Juͤngling, der Deine Schweſter liebt. Es iſt kein Makel an ihm, reich und vornehm iſt er auch. Wuͤr⸗ de ihm kein Hinderniß im Wege ſtehen, im Fall er um ihre Hand wuͤrbe, wenn ihm ihre Neigung nicht entgegen iſt?“ Angus ſah ihn ernſt an und erwie⸗ derte:„Biſt Du der Juͤngling ſelbſt, der eine Verbindung mit meiner Schweſter er⸗ zielt, ſo muß ich Dich davor, wie vor einem nutzloſen Unternehmen warnen, an das man vergebens Zeit und Kraͤfte verſchwendet. 57 Glami hat gewaͤhlt. Man pflegt das wenige Gute dem Beſſern nicht vorzuziehen. Unſer kuͤnftiger Koͤnig reicht ihr die Hand. Nicht der Glanz des Thrones haͤlt ſie an ihn ge⸗ feſſelt, wenn ihn auch dieſer nicht umgäbe, dennoch wuͤrde ihr Herz ihn lieben.“ Jakob ſchwieg, er merkte es bald, daß Angus die beabſichtigte Verbindung ſeiner Schweſter mit dem Koͤnige zu einer Haupt⸗ ſtutze machte, um ſeine Gewalt als Regent, die ſchon zu wanken anfing, feſt zu gruͤn⸗ den. Es blieb ihm nicht verborgen, daß Glami oͤfter bei Hofe war. Er ſah es mit eigenen Augen, wie ſie ſein Nebenbuhler bei glaͤnzenden Feſten auszeichnete, und ſich mit ihm, einer Jungfrau wegen, in einen Kampf einlaſſen, die ſich durch ſeine Huldigungen gluͤcklich und geehrt fuͤhlte, das ſchien ihm Raſerei zu ſeyn. Seine Hoffnung, je mit ihr verbunden zu werden, wurde immer 58 ſchwaͤcher, aber ſeine Liebe litt keine Ver⸗ minderung. Den Sturz des Angus, die Verweiſung der Grafin Douglas mit ihrer Tochter vom Hofe, feierte er im Herzen wie ein gluͤckliches Ereigniß, das den erſten ſeiner Wuͤnſche beguͤnſtigte. In der erſten Zeit, wo dieſe Unfälle die Familie der Douglaſſe niederſchlug, wo die Gemuther durch ſie auf's heftigſte erſchuttert waren, wo nur Schmerz und Trauer in ihnen wallte, hielt er ſich von Glami fern. Daß ſie jede Erklarung von Liebe kalt und ver⸗ achtend zuruͤckweiſen wuͤrde, das fand er ganz natürlich. Der Sturm mußte ſich erſt in ihr legen, eine friedliche Ruhe mußte eintreten, ſelbſt Abneigung und Widerwillen gegen den König, der ſie ſo undankbar, ſo verwerfend und veraͤchtlich behandelte, bei ihr einkehren, ehe er ſich vorſichtig und be⸗ hutſam ihr entdeckte. Zuerſt wollte er ſie an ſeine frühe Jugenbliebe erinnern, ehe er 59 ihr ſagte, daß dieſe, der feindlichſten Ein⸗ fluſſe ungeachtet, unwandelbar ihre Herr⸗ ſchaft uͤber ihn behauptet hätte. Nicht von ſeinem Vater allein, auch von Andern, die um den Koͤnig waren, hoͤrte er's, daß der Zorn des Koͤnigs gegen Glami und ihre Mutter, viel zu weit, bis zur Ungerechtigkeit ging. Der Name Dou⸗ glas ſollte vertilgt werden, und keine Per⸗ ſon im Lande mehr ſeyn, die ihn fuͤhrte. Er fuͤrchtete nicht ohne Grund, daß man haͤrtere Pruͤfungen uͤber die ſchuldloſe Gla⸗ mi verhaͤngen koͤnne. Sie tiefer gekraͤnkt zu ſehen, das konnte ſeine Liebe nicht ertra⸗ gen, er entwarf alſo den Plan, ſie gegen aͤußere Gewalt in Sicherheit zu ſetzen. Er waͤre vielleicht gelungen, wenn der Anfuͤh⸗ rer der ausgeſchickten Leute, die ſie gefan⸗ gen nehmen ſollten, ihn durch ſeine Unklug⸗ heit nicht vereitelt häͤtte. Ihre Gefangen⸗ 60 nehmung, die ihr Beſtes bezweckte, ihr ſeine Liebe verrieth, ſollte ſie, wie er glaubte, zum Danke und zur Zuneigung bewegen. Wollte ſie dann nicht in Schottland bleiben, ſo dachte er, ihr nach einem andern Lande zu folgen, das ſie zu ihrem kuͤnftigen Aufent⸗ halte wählen wuͤrde. Als J zierlicher un vangekleidet war, nur tter als er ſich ſonſt anzuziehen Bing er hinab in die Halle. Sein Gemüth war in unruhiger Bewegung. Er fuͤrchtete es wohl, daß man ihm von der beabſichtigten Aufgreifung und Entfuͤhrung der Lady erzaͤhlen werde, und daß er ſich durch Mienen und Worte verrathen koͤnne. Seit der Thronbeſteigung des Königs und der traurigen Umwandlung, die mit den Douglaſſen vorgefallen war, hatte er zwar die Graͤfin wieder geſehen, wenige Worte mit ihr gewechſelt, da er ihr 61 abhold war, weil er ſie fuͤr die Hauptſtifte⸗ rin des Verhaͤltniſſes hielt, in dem Glami eine Weile mit dem koͤniglichen Juͤnglinge ſtand, das fuͤr die Letztere ein ſo tragiſches Ende nahm. Bei oͤffentlichen, feſtlichen Gelegenheiten, bei denen der Koͤnig ſelbſt zugegen war, wo ihren Reizen von den Vor⸗ nehmſten gehuldigt wurde, nahte er ſich ihr nicht. Sie redete au Mort mit ihm, und gab es ihm nur dliche Bli⸗ cke zu erkennen, daß ſ mit gunſtigem Gemuͤthe gewogen ſey; aber dieſe Blicke, wie er ſich einbildete, waren ſo verſtohlen, ſo ſchuͤchtern, als ob ſie es aͤngſtlich zu vermeiden ſuchte, daß Niemand hinter das Geheimniß kam. Er war wirklich verlegen, wovon er eigentlich mit Glami reden ſolltez ihr Schickſal wenn ſie ſich deshalb beklagte, konnte er nicht theilnehmend betrauern, er mußte ſich vielmehr Gluͤck dazu wuͤnſchen. In der Stimmung glaubte er ihr Gemuͤth 62 auch nicht, daß er mit ſeiner Neigung gegen ſie hervortreten und ſie ihr verſtaͤndlich machen konnte. Das aber nahm er ſich vor, ſein ganzes Betragen kluͤglich abzu⸗ wiegen, ſeine Worte abzumeſſen, und auf keine Weiſe gegen Zartheit und feinere Sitte zu verſtoßen. Als er in die Halle trat, waren alle Augen auf ihn gerichtet. Die Gräfin Dou⸗ glas verließ ſogleich ihren Sitz, kam ihm entgegen, reichte ihm freundlich die Hand und ſagte:„Es iſt mir doch lieb, daß ich Euch vor meiner nahen Abreiſe wieder ſehe, ich hatte die Hoffnung, dieſe Freude zu haben, faſt aufgegeben. Junge Leute füh⸗ ren ein freies, ungebundenes Leben, wo es ihnen am beſten gefällt, da verweilen ſie am laͤngſten, da iſt ihre Heimath.“— „Iſt es ſo etwa nicht recht, Graͤfin? Wer ledig und nicht an's Haus gefeſſelt iſt, der 63 muß ſeine Jugend genießen. Was habe ich auch daheim, was mir die Langeweile ver⸗ treiben koͤnnte! Die Eltern reden nur von ernſten Dingen, oft klagen ſie wohl gar, und das kann meinem Gemuͤthe nicht be⸗ haglich ſeyn, das ſich nach angenehmer Un⸗ terhaltung ſehnt und ſie ſucht. Bei mei⸗ nem Bruder Heinrich bin ich geweſen, und war Zeuge des gluͤcklichen Vereins, in dem er mit ſeiner Gattin lebt. Wie fröhlich ſpielen um ihn die Kleinen und wie kind⸗ lich weiß er mit ihnen zu ſcherzen! Jakob, ſo ſagte er halb lächelnd und halb ernſt, Dein unſtetes, fluͤchtiges Leben, in dem kein feſter Punkt iſt, kann mir nicht gefallen, es iſt Zeit, daß Du Dir eine andere Weiſe erwählſt.. Bruder, ſo erwiederte ich, haſt Du es fruͤher anders gemacht? Wer lehrte Dich anders ſeyn? Iſt's nicht eine zärtliche Gattin, ſind's nicht die lieblichen Kinder? Frau Grafin, ich glaube, wenn ein 64 Juͤngling heirathet, und wenn ihm vom Himmel eine Gattin beſcheert wird, die Herz gegen Herz mit ihm austauſcht, dann wird das Wohnhaus ihm zur Staͤtte, wo ihMm die ſchoͤnſten Freuden blühen, er vergißt dann die ganze Welt, und iſt im engern Raume der Gluͤcklichſte. Was er fruͤher mit Muͤhe und Aufwand ſuchen mußte, das hat er nun durch eine Einzige gewonnen. Iſt es nicht ſo? Ich glaube nicht, daß ich mich irre.“ Die Graͤfin laͤchelte und ſagte nur die Worte:„Ihr gehoͤrt zu den Wenigen, die einen ſo großen Werth auf den Eheſtand legen, und eine ſo wohlthaͤtige Wirkung von ihm erwarten. Die hoͤchſten Wuͤnſche macht er wahr, wenn ſich gleichgeſtimmte Seelen finden. Seht Ihr das nicht an Angus und Eurer Schweſter? Moͤge jede Eurer Erwartungen Euch gewährt werden 65⁵ das iſt das Hoͤchſte, was ich einem Sohne, meinem beſten Freunde wuͤnſche.“ In weniger Entfernung von der Graͤ⸗ fin ſtand Glami und Anna Auley. Als Jakob ſein Auge auf die Madchen richtete, ſah ihn die Lady fluͤchtig und ſchuͤchtern an, und ſtarrte dann vor ſich nieder. Er konnte nicht ſogleich das Rechte finden, womit er ſie anredete, aber er fühlte doch einen innern Drang, mit ihr zu ſprechen, und ſagte:„Lady, als ich Euch das letzte Mal ſah, es ſind ſeitdem viele Monden verſchwunden, und Wichtiges hat ſich in ihnen ereignet, da bluͤhten alle Roſen auf Euern Wangen, Freude funkelte aus Euern Augen. Mir ſcheint es, die Ereigniſſe der Zeit haben viel zu maͤchtig auf Euch ge⸗ wirkt, Ihr habt ihnen keinen ſtandhaften Muth entgegengeſtellt, Euch nicht uber ſie erhoben und nicht bedacht, daß Unabaͤnder⸗ 5 66 liches, ſo hart es iſt, mit Hoffnung und Geduld ertragen und uͤberwunden werden muß. Könnte ich ſchmeicheln, ſo ſagte ich es nicht, daß Ihr das Bild des geheimen Kummers ſeyd, und daß ſtiller Schmerz aus Euern Augen ſpricht. Erſt in dieſem Augenblicke fuͤhle ich's, daß Un⸗ zartes darin liegt, den Leidenden an ein entſchwundenes Gluck zu erinnern, und daß ihm die Theilnahme, die man ihm bezeugt, leicht verdaͤchtig vorkommen kann. Alle ſeine Wunden wuͤrden geheilt ſeyn, wenn man das Andenken an eine gluͤckliche, ent⸗ ſchwundene Vergangenheit in ihm vertilgen koͤnnte. Beobachtete ich aber dieſe Vorſicht nicht, ſo muͤßt Ihr mir verzeihen. Der Verſtellung bin ich nicht faͤhig, und Euer Anblick ruͤhrte mich.“ Glami ſeufzte hoch auf und ſagte: „Wer die Wahrheit redet, der darf nicht 67 um Verzeihung bitten. Die Erfahrung iſt mir eine geſtrenge Lehrmeiſterin geweſen, und hat den letzten Flecken jugendlicher Eitelkeit aus meinem Herzen verwiſcht. Ja, es iſt wahr, das tauſchende Geſchick ließ mich eine Weile auf Roſen gehen, aber ich ſah das Grab nicht, uͤber das ſie ge⸗ ſtreuet waren, nun folgen die Dornen, und wer weiß, was noch folgen wird. Dem falſchen Gluͤcke gab ich Unerfahrne mich zu leicht hin, das iſt der einzige Fehler, den ich beging, ſonſt aber wuͤßte ich mir keinen vorzuwerfen. Wer nach freudereichen Ta⸗ gen, wo ihm der Himmel aller Wonnen laͤchelte, dann, wenn er in Sturm und Nacht wandeln muß, ein reines Herz zu ſeinem Richter emporheben kann, Jakob, der iſt ſo ungluͤcklich nicht, als es die Menſchen glauben. Glanz und Schimmer, der endlich doch, wie alle Erdenherrlichkeit, ſich im Dunkel des Grabes verliert, um⸗ 68 leuchtet ihn nicht mehr; aber er hat ſich doch mit ſeinem Gewiſſen und mit dem Glauben an eine vergeltende Ewigkeit er⸗ halten, und Beides, wenn er auch menſch⸗ lich erſchuͤttert wird, laͤßt ihn nicht fallen.“ Voll Bewunderung und Entzucken, in Glami eine ſolche Seelengröße, ſolch eine Tugend zu finden, rief Jakob aus:„Lady, Ihr ſeyd ein Engel, erlaubt mir das aͤußere Zeichen einer Verehrung, die ich im In⸗ nerſten empfinde, daß ich Euch die Hand küſſe. WMit liebevoller Heftigkeit er⸗ griff er ihre Hand und druͤckte ſie an ſeine Lippen. Er ſah es, daß ein hohes Roth ihre Wange uͤberlief, und er glaubte, daß in dieſem Augenblicke ein verkläͤrter Engel vor ihm ſtehe. „Wißt Ihr es, Jakob,“ redete die Gräfin ihn an,„wovon Glami ſo blaß iſt? 69 Sie iſt in Angſt und Schreck verſetzt! Sie muß von Menſchen Boͤſes fuͤrchten!“— „Sollte es in Schottland ſo weit gekom⸗ men ſeyn, Graͤfin, daß man die Leiden der Unſchuld grauſam vergroͤßert, daß der Un⸗ gerechtigkeit und Bosheit kein Gefuͤhl, kein Geſetz mehr heilig iſt. Dann iſt es Zeit, den Wanderſtab oder das Schwerdt zu er⸗ greifen, und ein Land zu verlaſſen, wo man größere Guͤter, als das Leben uns iſt, ver⸗ lieren kann. Was muͤßte die Lady von Menſchen Böſes fuͤrchten? Wer ſind die, welche ſie in Angſt und Schreck verſetzten? Es laͤßt ſich mit ihnen unterhandeln. Iſt mit ihnen auf dem Wege der Guͤte nichts auszurichten, ſo gebraucht man gegen ſie die Waffen.“ „Muß ich nicht zittern,“ fing Glami an, „wenn beſoldete Leute im Walde auf mich lauern? Wie ſoll ich die Rede des Oberhauptes 70 der Räuber deuten, welcher ſagte, als der Jaä⸗ ger Volkoleith mit blankem Schwerdte vor ihm ſtand:„Nichts Boͤſes werden wir Eurer Lady zufuͤgen; aber ſie ſoll mit einem Gewaltſtreiche einem Sturme entriſſen wer⸗ den, der ihre Freiheit, ihr Leben gar be⸗ droht“ Wie wollt Ihr dieſes Räthſel er⸗ klären? Soll ich an eine gütige Macht glauben, die mich einer boͤſen Gewalt ent⸗ ziehen will? Ware es nicht rathſam ge⸗ weſen, ich hätte mich den Unbekannten, die nach meiner Perſon trachteten, uberliefert? Kann man auch dabei ruhig ſeyn, wenn von einem Sturme die Rede iſt, der Freiheit und Leben bedroht? Wer keine Waffen hat, um ſich mit ſeinen Feinden in den Kampf zu wagen, der muß an ſeine Rettung den⸗ ken, die Flucht, wodurch er ſeine Sicherheit vor der Gefahr erzielt, iſt keine ſchimpfliche. Nach England ſteht mein Sinn. Wer das wohl ſeyn mag, der eine Leidende, die 71 Niemanden ein Unrecht that, welche gegen Keinen Rachſuͤchtiges im Sinne fuͤhrt, zu Boden treten, und ſie noch unglucklicher machen will, als ſie iſt! Koͤnnt Ihr mir den nicht nennen? Ihr wuͤrdet mich damit von einem peinigenden Zweifel frei machen.“ —„Den mag und will ich Euch nicht nennen, Ladyz wenn Ihr reiflich uͤberlegt⸗ ſo könnt Ihr es ſelbſt; aber wahrlich, be⸗ denkt auch, daß Ihr Freunde habt, die es gut mit Euch meinen, und es der Bosheit nicht verſtatten werden, das arge Spiel der Willkuͤhr mit Euch zu treiben. Glaubt Ihr Euch in Doventale nicht ſicher, ſo bleibt doch hier. Sehr theuer iſt mir mein Leben, denn ich hoffe noch Großes und Herrliches, was mir die Zukunft gewaͤhren ſoll; aber kann ich die Bosheit ſtrafen, die Unſchuld beſchirmen, ſo iſt mir's nicht der hoͤchſte Preis.“ Mit beifaͤlligem Laͤcheln ſagte Glami:„Ihr ſeyd ein edler, wackerer 72 Schotte, und meiner ganzen Achtung werth.“ „Lady,“ ſo fing Jakob an,„Eure Ach⸗ tung iſt mir mehr werth, als der Beiſall aller großen Herren, weil ſie aus reinem, aufrich⸗ tigen Herzen kömmt. Darf ichEuch an jene Zeit erinnern, man nennt ſie den Fruͤhling unſeres Lebens, weil uns da die Blumen der Freude und der Hoffnungen bluͤhen, weil da in uns Alles Geſang iſt, und die Welt uns anlacht! Wißt Ihr es noch, wie wir da Hand in Hand in den Garten von Doven⸗ tale und Dunskirk ſo fröhlich umherſtreiften, ſo ehne jede Sorge, als ob kein Mißge⸗ ſchick uns unſanft beruͤhren werde? lichkeit war Eure Miene, Lußt und Wonne athmete Euer ganzes Weſen. Mit welchem Wohlgefallen konnte ich Euch da betrachten, in welches Entzuͤcken verſetzte mich Euer Anblick. Den großten Dienſt glaubte ich 73 mir ſelbſt zu erweiſen, wenn ich Eure Wuͤnſche erfuͤllte, oder ihnen oft zuvorkam. Ihr danktet mir ſo oft, Ihr ſchienet mit mir ſo einig, ſo zufrieden zu ſeyn, und das war mir ein großer Lohn. Ich ſah es ſelbſt, wie ſich in Euch der Verſtand und das Gefuͤhl, wie ſich die Schönheit, die der innern Vollkommenheit Reiz und Farbe giebt, mehr entwickelte. Laßt mich's ſagen, daß die erſte Nachricht, die ich erhielt, Ihr haͤttet als eine tadelloſe, herrliche Jungfrau die Schwelle des koͤniglichen Pallaſtes be⸗ treten, wie ein Donnerſchlag mich erſchuͤt⸗ terte. Mit prophetiſchem Geiſte ſah ich es, wie theuer Ihr dieſen Umgang mit einem Jüuͤnglinge, der einſt die Krone tragen wuͤrde, bezahlen muͤßtet. Warnen, zuruͤck⸗ ziehen, dem gefaͤhrlichen und vergiftenden Pofleben haͤtte ich Euch entreißen moͤgen. Habt Ihr's denn nicht gemerkt, wenn Ihr bei oͤffentlichen Feſten mich anſahet, wie in meinem Geſichte eine Trauer herrſchte, als ob ich im Innern den Tod meines beſten Freundes beweinte? Aber laßt uns die Zeit, wo ein truͤgeriſches Gluͤck mit Euch ſein falſches Spiel trieb, in's Meer der Ver⸗ geſſenheit werfen, und ihrer nur gedenken, um uns ſchrecken zu laſſen, daß uns ein truͤgeriſcher Wahn nie wieder irre fuͤhre. Laßt uns unſern traulichen, herzlichen Um⸗ gang da wieder anknüpfen, wo ein feind⸗ liches Geſchick ihn abriß. Nie habe ich es Euch als Suͤnde und Unrecht angerechnet, daß Ihr Euch in ein gefaͤhrliches Netz ver⸗ wickeln ließet, das kam von fremden Haͤn⸗ den, der Lockung vermochtet Ihr nicht zu widerſtehen, die Weisheit der Erfahrung, die Vorſicht des Alters konnte Euch dagegen nicht ſchuͤtzen. Vermag ich's, Eure truͤben Stunden zu erheitern, Euch mit den Schickſal wieder auszuſoͤhnen, ſo findet Ihr mich dazu bereit. Ich halte Wort, und 7⁵ gebe Euch meine Hand darauf.“— Glami war in der groͤßten Verlegenheit. Jakob hielt ihr ſeine Hand hin, und ſie konnte nicht anders, ſie mußte einſchlagen. Ihr Herz pochte; ein feuriges Roth faͤrbte ihre Wange; ſie ſprach kein Wort, und ihre zur Erde niedergerichteten Augen waren halb geſchloſſen. Der Graf Herburn, der die Rede ſeines Sohnes richtig deutete, fand, da er mit dem Herzensgeheimniſſe deſſelben vertraut war, in derſelben eine Erklaͤrung ſeiner Liebe gegen die Lady, von der er nicht wußte, ob ſie ſie verſtanden hatte, oder nicht verſtehen wollte. Eigentlich war er mit ſeinem Sohne nicht zufrieden, daß er die Verſtoßene fortliebte. Er hielt eine Verbindung mit ihr fuͤr keine Ehre und hatte ihn davor gewarnt. Auf der andern Seite aber fuͤhlte er Mitleid mit der 6 Jungfrau, die das Opfer einer eiteln Frau war, welche ſich mit der Hoffnung ſchmeichelte, die Mutter einer Koͤnigin zu werden und eines herrſchſuͤchtigen Bruders, welcher durch die Verbindung ſeiner Schwe⸗ ſter mit dem Koͤnige das Ruder der Re⸗ gierung auf immer in den Haͤnden zu be⸗ halten glaubte. Aber die Edeln waren mit den Douglaſſen hoͤchſt unzufrieden, der König haßte ſie, die Verknüpfung mit Glami durch das Eheband konnte den Bothwells Verachtung, Feindſchaft und eine Rache zuziehen, welche in der Verblendung der Leidenſchaft auch die beſtraft, welche auf der Seite geächteter, ſchuldig geglaub⸗ ter Menſchen ſtehen. Es bekuͤmmerte den Graf von Bothwell, daß es ihm noch nicht gelungen war, durch ernſte Vorſtellungen Jakob zu vermoͤgen, daß er den Plan einer Verbindung mit Glami aufgab. Edles und Seltenes fand er in der Beharrlichkeit der 77 Liebe des Junglings, die ſelbſt der Umgang der Lady mit dem koͤniglichen Jünglinge nicht erſchuͤttern konnte; aber dieſe Liebe kam ihm auch wie eine Raſerei vor, die voruͤbergeht und dann in dem Herzen einen Dorn zuruͤcklaͤßt, der immer tiefer eindringt und groͤßere Schmerzen verurſacht. Rie⸗ mand als der Vater kannte dieſe Neigung Jakobs, Keiner ahnete ſie, weil man nach dem gewohnlichen Gange des Lebens nicht an ſie glauben konnte. Als Jakob noch vor Glami ſtand, ſagte der Graf Herburn:„Es giebt noch andere Menſchen, als Dich, die ſich einer Familie mit Rath und Beiſtand annehmen, wenn ein ungerechter Druck ſie niederbeugt. Ein theilnehmendes und edles Gemuͤth verkenne ich nicht; aber bemerklich muß ich es machen, die Ingend verſpricht in einem feurigen Enthuſiasmus oft weit mehr, als ſie halten kann, und es iſt kluͤglich und vorſichtig, wenn man nicht mit Gewißheit auf ihre Worte bauet. Was vermag eine Perſon gegen viele! Nehmt, liebe Gräſin, den Willen meines Sohnes fuͤr die That, wo aber auch dieſe gefordert wird, da rech⸗ net auf mich, ſo weit es mit meinen Verhältniſſen, den Pflichten, die ich dem Staate und dem eigenen Wohl ſchuldig bin, beſteht.“ Dieſe Worte des Vaters verdroſſen Jakob gar ſehr, es lag ihm darin klar die Abneigung deſſelben, daß er mit Glami keine Verbindung anknuͤpfen ſollte, ja, es ging ihm ſogar der Gedanke durch den Kopf, daß er es der Gräfin Douglas ohne Ruͤckhalt ſagen werde, er wuͤnſche und wolle die Vermaͤhlung ſeines Sohnes mit ihrer Tochter nicht. Von bitterm Unwillen er⸗ griffen, in ſeinem Innern hart angetaſtet, verließ er mit einem zornigen Blick die Halle und ſagte, indem er mit funkelnden Augen den Vater anblitzte:„Ich ſchlafe in dieſer Nacht nicht in Dunskirk. Vater, Eure Rede hat mich beleidigt, und in der Ferne will ich den Schmerz uͤberwinden.“ —„So gehe, Hitzkopf, wenn Du nicht bleiben willſt! Soll ſich ein Vater in ſeiner Rede nach dem Sohne richten?“ Als die Thuͤr verſchlaſſen war, ſagte die Graͤfin Douglas:„Ihr ſeyd zu hart mit Eurem Sohne. Warum tadelt Ihr ſein Gutmeinen? Es haͤtte Lob verdient. Wollt Ihr auch ihn von uns entfernen?“ —„Solch Boͤſes glaubt nicht von mir, Graͤfin. Die jungen Leute trauen ſich die Macht zu, den Himmel zu erſtuͤrmen, und man muß jede Gelegenheit benutzen, ſie von ihrem Wahn zu heilen. Wer durch die Erfahrung von der Ohnmacht ſeiner 80 Kräſte uͤberzeugt werden muß, der geht durch eine Schule, in der er oft mehr ein⸗ bußt, als das verlierbare Leben. Jakob iſt wild und auſbrauſend, ſeine Leidenſchaſt muß gedämpft werden. Er weiß ſich nicht auf der Mittelſtraße zu halten, und dahin will ich ihn weiſen. Mag er mir jetzt zurnen, die Zeit wird kommen, wo er es einſieht, daß der Vater ſein beſter Freund iſt. Wir haben es ja erfahren, welche Noth übe d S koͤmmt, die ihren Kindern den nicht brechen, und ſich ihrem Willen unterwerſen. Es iſt beſſer, daß ſie weinen, als daß die Eltern uͤber ſie weinen. Graͤfin, ich dächte doch, Ihr koͤnntet meine Grundſätze am engſen mißbilligen.“ In den letzten Worten lag fuͤr die Graͤſin Douglas ein Verweis, den ſie wohl verſtand. Statt eine Antwort zu geben, ſchuͤttelte ſie mißbilligend den Kopf, als ob ſie ſagen wollte: es iſt nicht menſch⸗ lich, uns an eine Schwaͤche zu erinnern, die wir mit den offenbaren Zeichen der Reue mißbilligen. Sie verließ den Graf und knuͤpfte cin Geſpraͤch mit ſeiner Gattin an. Leiſe redeten die beiden Freundinnen mit einander. Der Graf erfuh res, daß Jakob mit ſeinem Cunert weggeritten war, und Patrik, ſein zweiter Diener ſagte, deß er nach BVerkonlitte, zum Graf Mutray gereiſet ſey. „Der Trotzkopf,“ ſagte Herburn, als er wieder in die Halle trat,„hat ſich in der ſinſtern Nacht aufgemacht, und iſt nach Berkonlitte geritten. Patrik hat mir's ge⸗ meldet. Dort wird er ſeinem Herzen wohl Luſt machen, und den Vater hart und ungerecht verklagen. Kinder reden auch 6 82 von den Eltern Ungerechtes, weil ſie ihren Sinn nicht verſtehen, man muß ſich das gefallen laſſen. Murray iſt ein beſonnener Juͤngling, der kluglich uͤberlegt, er wird meinen Jakob wohl zurecht weiſen und nicht Oel in's Feuer gießen, wie gewiſſe Leute, die ihren Vortheil ſuchen, wenn ſie zwiſchen Eltern und Kindern S . Bei dem Namen Murray fuhr Glami erſchrocken zuſammen. Sie ſtand bald auf, faßte Annen bei der Hand und ging mit ihr auf das ihnen angewieſene Zimmer. Daß Jakob von Bothwell, mit dem ſie einſt ungezwungen und frei umging, wie die Schweſter mit dem Bruder, eine be⸗ ſondere Neigung fuͤr ſie empfand, daß er dieſe in ſeinem Herzen fortbewahrte, als ſie ſich die Geliebte des Koͤnigs und einſt ſeine 23 Gemahlin zu werden duͤnkte, das ahnete ſie nicht. Guͤtig und theilnehmend hatte er ſich eben gegen ſie geaͤußert. Sie hielt dies fuͤr den Ausdruck eines mitleidigen Gemuͤths, daß aber ſeine Liebe ernſter Na⸗ tur waͤre, daß er den Plan hatte, ſich mit ihr ehelich zu verbinden, das glaubte ſie nicht. Ehe ſie noch am koͤniglichen Hofe eingefuͤhrt wurde, neigte ſich ihr Herz zu dem jungen Graf Heinrich von Murray hin. Unterdruͤckt und geſchwaͤcht aber wur⸗ de dieſe Neigung, als der kuͤnftige Erbe eines Thrones ſie ſeiner Huldigung wuͤr⸗ digte. Es traten Stunden ein, wo ſie von Zweifeln befallen wurde, ob ihre zu hohen Hoffnungen in Erfuͤllung gehen wuͤrden, wo das Gewiſſe in ihr ſchwankte, das ſicher Geglaubte ſeine feſte Haltung verlor, und in dieſen erſchien das Bild des geliebten Heinrichs vor ihrer Seele. Oft mußte ſie ſich's göſtehen, daß es thoͤricht ſey, ein 84 kleineres, aber gewiſſes Gluͤck, dem groͤßern und nicht gewiſſen vorzuziehen. Heinrich von Murray war es, der deutlich mit ſeiner Liebeserktärung gegen ſie auch dann noch hervortrat, als ſie wie eine Gefeierte, alle Huldigungen bei Hofe genoß. Er hatte es verſucht, ihr ſein inneres Wohlgefallen beim Tänz durch Händedruͤcken verſtaͤndlich zu machen, die ſie unerwiedert ließ. Einſt ſagte er ſogar leiſe zu ihr:„Lady, wenn Ihr meinen Plan verſtehen, und mein Ge⸗ fuͤhl gegen Euch begreifen wolltet, Ihr flöhet den Hof, wo Euch wahrlich keine Roſen wachſen. Sucht Ihr Ruhe, Frieden und Ehre, Ihr findet ſie nicht in einer Welt, die uͤber Euern Stand erhaben iſt. Ich bin ein Graf, Ihr ſeyd eine Gräfin, ſo paßt ſich's beſſer.“ Eine Antwort konnte ſie ihm nicht geben, er verzieh es ihr, daß ſie ſchwieg, ihm war's genug, ihr ſeine wahre Geſinnung entdeckt zu habeg, 85 Als der Stern ihres ſchimmernden Glanzes untergegangen war, dachte ſie, ſelbſt in ihrer tiefſten Trauer, an Heinrichs Worte, und ſchmerzlich bereute ſie es, daß ſie ihn nicht beachttte. Daßter ſich mun ihr liebend nahen werde, das fiel ihr jetzt nicht mehr ein. Wie wuͤrde der ſtolze Jungling einer Verſtoßenen die Hand geben, von dem es bekannt war, daß er an dem Sturze ihres Bruders den thaͤtigſten Antheil nahm⸗ Mit den Douglaſſen, deß war ſie ge⸗ wiß, ſuchte er keine Gemeinſchaft. Sie war auch in ihrem Innern viel zu zerruttet, als daß eine liebende Neigung in ihr Raum fand. Da ſie mit Anna Auley allein war, ruͤhmte ſie Jakobs edles und menſchen⸗ ſreundliches Benehmen, deſto mehr aber tadelte ſie den Graf Herburn, der deshalb ſeinen ÿhn ſo hart anſuhr.„Fuͤrchtet 86 der Graf,“ ſagte ſie,„daß es zwiſchen Jakob und mir zu einem Liebesverſtaͤndniß kommen koͤnnte, und ſucht er dem vorzu⸗ beugen? Ach, deſſen bedarf es nicht. Ach⸗ ten kann ich dieſen Jakob wohl, aber lie⸗ ben, dazu ließe ich mich nicht zwingen. Zu oft ſah ich ihn in frühern Jahren, zu gewohnt iſt mir ſein Umgang geworden, bei ſeinem Anblicke hat mein Herz eine zu große Ruhe gewonnen, als daß es in eine leidenſchaftliche Aufwallung gerathen koͤnnte, die der zaͤrtlichen, begluͤckenden Liebe nicht fehlen darf. Ehren und werth achten kann die Jungſrau den Jüngling wohl, deſſen reines Gemuͤth ſie kennt, der durch ſeine Tugend ihr Vertrauen erworben hat, aber zur Liebe fuͤr ſie gehoͤrt von ſeiner Seite Anderes, was dieſem Jakob fehlt. Gewiß fiel es ihm wohl ſelber nicht ein, ſich mit mir in ein anderes Verhaͤltniß zu ſetzen, als was fruͤher unter uns beſtend, was 87 mich an Kinderei und unbeſorgtes, heiteres Leben erinnert, und was in ſeiner Seele noch gütig fuͤr mich ſpricht, wofur ich ihm danke. Ach, der gute Jakob gehoͤrt nicht zu den vielen gemeinen Seelen, die uns koſend und ſchmeichelnd umflattern, ſo lange uns das launiſche Gluͤck auf ſeinem Schooße wiegt, er behauptet Freundſchaſt und ſein Wohlmeinen gegen mich fortge⸗ ſetzt, ſeit mir die Krone eines trügeriſchen Glanzes vom Haupte gefallen iſt. Dafür weiß ich ihm einen nicht gewohnlichen Dank.“ „Du ſollſt es ſehen, wenn mich die Neuheit meines Unglücks, das ich erlitten habe, erſt mit weniger geſchaͤrftem Zahne benagt; wenn die Gegenwart in die dun⸗ keln und weniger ſichtbaren Schatten der Vergangenheit tritt; wenn mich der ſchnelle Wechſel der Veranderung nicht mehr ſo 88 ſchreiend mahnt, was ich war, was ich zu werden glaubte, und was ich geworden bin; daß ich auf die Zeit, wo ich in den könig⸗ lichen Zimmern obenan ſaß, als auf eine heilſame Schule zuruͤckblicke, die mich große Erfahrungen gelehrt hat, wie man ſie in einem geſchriebenen Buche nicht findet. Es ſcheint zu unſerer innern Veredlung und Vollendung zu gehoren, daß wir verſucht und hart gepruͤft werden, daß wir ſchwer fallen muͤſſen, um weiſer, ſelbſtſtaͤndiger, fur das wahre Gute entſchloſſener und ihm er⸗ gebener wieder aufzuſtehen. Ja, ich bin ſchon bemuͤht, ſo wenig es mir noch gelin⸗ gen will, den Raum, den ich in der Ein⸗ bildung, wie eine Koͤnigin durchflog, aus meinem Gevächtniſſe zu verwiſchen, das Ganze wie einen Traum zu betrachten, mit dem die Phantaſie uns neckt, wie die Ein⸗ bildung eines Raſenden, die er belacht, wenn die Vernunſt in ſeine zerruttete Seele 89 zurückgekehrt iſt. Den Koͤnig ſelbſt möchte ich doch nicht ganz verdammen. Er war zu wenig klug, erfahren und unbefangen in ſeinem Alter, um ſeine Schritte zu be⸗ rechnen, um ſeiner erwachenden Neigung vernunftig zu gebieten, Entſchluͤſſendes Her⸗ zens mit dem Kopfe ſtandhaft auszufuͤhren. Seine Mutter insbeſondere, die traͤgt die großere Schuld, mißbrauchte das junge, eitle Maͤdchen wie ein Spielwerk, das ſie dem Sohne zur ergötzlichen Unterhaltung eine Weile in die Hände gab. Nur das muß ich ihm gar ſehr verargen, daß er ſo fuͤhl⸗ los und vergeſſen mich von ſich ließ, daß er mich ſogar bedroht. Ach, meine Anng, oft ſind es die Umgebungen des Koͤnigs, die ihn zu Mißgriffen und Haͤrten verleiten, die ſeinen guten Willen ihrer Klugheit, ihrer Liſt, ihrem Eigennutze unterord⸗ nen, die ihn beſchleichen und verfüchren, Geſetze zu befolgen, die er verabſchent, er 90 ſelbſt iſt menſchenfreundlich, gütig. Doch, was rede ich laͤnger von vergangenen Zei⸗ ten, von denen ich lieber ſchweigen ſollte, ich erfuhr es ja, daß ſie mir keine goldenen Früchte trugen, daß ich ſie vielmehr ver⸗ wuͤnſchen muͤßte; aber ſelbſt der Unglöck⸗ liche, der in eine Tiefe hinabgeſunken iſt, wo er die oft ſchneidende Wahrheit hoͤren muß, wo er nur Menſchen ſieht, die ihm mit veraͤchtlichem Kopfſchuͤtteln voruͤber⸗ gehen, ſchauet in ſeinem eiteln Sinne noch gern in die Höhe empor, auf der er einſtens ſtand, wo er nur gebuͤckte Nacken, freund⸗ liche Geſichter ſah, und Schmeichlerreden hoͤrte.“ „Du weißt es, geliebte Anna, der ich kein Geheimniß verſchwieg, daß ich an eine zaͤrtliche Neigung glauben durfte, die ein Heinrich Murray, durch Wort und Haͤnde⸗ druck, mir zu deutlich ankuͤndigte. Damals 9¹ war ich in der Stimmung nicht, daß ich ſie durch das leiſeſte Zeichen erwiedern konnte, mein Gewiſſen, wenn ich es that, haͤtte mich ſelbſt bei mir hart verklagt. Dem Koͤnig war mein ganzes Herz ergeben, und es blieb jedem zaͤrtlichen Gefühl, was ſich nicht auf ihn bezog, verſchloſſen. Aber ſonderbar, ſo ſchmerzvoll ich mich fuͤhle, es zuckte durch mein ganzes inneres Leben, als ich von Jakob den Namen Murray nennen hoͤrte. Aengſtlich wurde ich, ver⸗ legen ſogar, ich mußte mich aus der Halle entfernen. Wie thoͤricht bin ich doch! Was gehe ich dieſem Grafen an? Will mein Gefuͤhl an einem neuen Ungluͤck bauen? Muͤßte ich nicht jede leiſe Regung einer zaͤrtlichen Neigung in mir erſticken? O, es iſt nicht leicht, dem Herzen zu gebieten! Sonderbar, daß ſich neben dem Schmerze harter Erfahrungen, die ich durch⸗ ging, die Liebe unverſehrt erhalten hat, 92 die ich auf eine Weiſe, in einem Grade in meinem Buſen gegen dieſen Heinrich Murroy trage, den ich ſebſt nicht bezeichnen kann. Nenne mich nicht leichtſinnig und flatterhaſt, das binich wahrlich nicht. Die Vorfehung reicht dem Muden, zum weitern Vorwaͤrtsgehen, oft einen Stab, an dem er ſich halten kann, damit er nicht viederſinkt, und dieſen ſoll er nicht von ſich werfen. Was aber meinſt Du dazu?“ Anna Auley erwiederte:„Der Muͤde muß pruͤfen, ob es auch der rechte Stab liſt, der ihm gereicht wird. Iſt es ein muͤr⸗ ber, leicht zerbrechlicher, und er ſtutzt ſich danm auf ihn, ſo wird er um ſo ſicherer, um ſo haͤrter fallen. Mit Deinen Reuße⸗ rungen biſt Du mir raͤthſelhaft, es liegt Wit mir Unbegreifliches, Widerſprechendes dar⸗ in. Indeß beweiſet es mir, daß Dir die Luſt zum Leben noch nicht entſchwunden 93 iſt, es ſpinnen ſich neue Faͤden in Deinem Herzen an, die Dich an demſelben halten. Aber huͤte Dich nur vor Dir ſelbſt, daß Du nicht ein Geſpinnſte webſt, was leicht zerreißt. Kein falſcher Troſt, keine taͤu⸗ ſchende Hoffnung kann uns auf lange Zeit beruhigen, ſie entſchwindet, und ſtuͤrzt uns in eine traurigere Leere. Auf Heinrich Murray baue nicht. Was er der Gehuldig⸗ ten gewaͤhrte, das moͤchte er der Vergeſſenen, der in Schatten Geſtellten, leicht verſagen. Unbeachtete, zuruckgewieſene Liebe iſt ſehr ge⸗ neigt zur Rache. Unwahres und Erlogenes ſpricht oft die Welt, doch Wahres auch, und ſo hoͤrte ich neulich, daß Heinrich die ſchöne Lady Monmouth in der Tanzgeſell⸗ ſchaft in Stirling faſt zu ſeiner einzigen Taͤnzerin waͤhlte. Erſchrecke nicht, ich war dabei ſelbſt zugegen, ich ſah es mit meinen eigenen Augen. Ich denke, es iſt wohlge⸗ meint, und Pflicht ſogar, in Deiner Bruſt 94 fruͤhzeitig einen Wahn zu zerſtoren, ehe er ſich da anſiedelt und Wurzel faßt, als daß man ihn laͤnger wuchern laͤßt.“—„Anna, Du haſt recht gethan, ich muß Dir dafuͤr danken. Siehſt Du, wie der Sinkende auch nach einem duͤnnen Faden greift, an dem er ſich halten will? Siehſt Du, wie die Liebe das Beduͤrfniß unſeres Herzens iſt, ein Balſam, nach dem es verlangt, um den Schmerz ſeiner Wunden zu beſchwichtigen? Ja, eine Thoͤrin war ich, daß ich noch an Murrays Liebe glaubte! Du haſt der Ver⸗ blendeten die Augen geoͤffnet.“ Das Geſpraͤch der Freundinnen wurde unterbrochen, als ſie raſch zur Treppe hin⸗ aufkommen hoͤrten. Ein Diener des Grafen Bothwell oͤffnete die Thur, und mit offenen Armen ging Margaretha Bothwell, die Gattin Heinrich Bothwells, auf die Maͤd⸗ chen zu, druckte erſt Anna Auley, und dann 95 Glami Douglas, unter herzlichen Freudebe⸗ zeugungen, an ihre Bruſt. Wir muͤſſen es voraus bemerken, daß dieſe Margaretha, eine Schweſter Heinrich Murrays und mit dem aͤltern Bruder Jakob Bothwells ver⸗ heirathet war.„Biſt Du's wirklich,“ ſagte Anna zu Margarethen.„In ſpäter, dunkler Nacht konnten wir Deine Erſcheinung in Dunskirk nicht e warten, ſie uͤberraſcht uns, ſie macht uns Freude.“— Sie erwiederte:„Seit ich von meinem Gatten ſechs volle Wochen getrennt leben mußte, und das Schmerzliche der Entfernung mit ihm in gleichem Maße empfand, haben wir's uns Beide zum Ge⸗ ſetz gemacht, keine Nacht an verſchiedenen Orten zu verweilen, und wir halten ein⸗ ander treulich Wort. Behaglich war mir's nicht, die Reiſe hierher anzutreten, da ich es wohl vorausſehen konnte, wenn unſere Roſſe nicht fliegen könnten, daß wir im Finſtern hier ankommen wuͤrden; allein das 06 Unangenehme iſt uͤberſtanden, und zum Lohn daſuͤr muß ich Euch Beide finden. Ich bat meinen Gatten, die Reiſe bis morgen zu verſchieben, aber das konnte er nicht, und ſagte: Es iſt keine Zeit zu ver⸗ lieren, ich muß meinen Vater heute noch ſprechen. Er that geheimnißvoll. Die Neugierde hat er mir abgewoͤhnt, nach ſei⸗ nem Thun und Treiben frage ich nicht mehr. Mir aber ſcheint's, mit den Schrit⸗ ten, welche die Regierung unter dem neuen Koͤnig thut, iſt der Adel nicht zufrieden. So hat nun das Murren her gedauert, ſeit unſer Koͤnig Jakob der IV. bei Flow⸗ den auf dem Schlachtfelde blieb, und wer Recht oder Unrecht hat, das kann eine Frau nicht ſo leicht entſcheiden. Doch, was geht uns der Staat an, das Haus iſt unſer Reich, in welchem wir regieren. Anna, ich habe Dich lange vermißt, wo zogſt Du um⸗ her, daß Du mich nicht einmal beſuchteſt? iiiici 97 Mit Glami iſt es eine andere Sache, die kam nur ſeltener, in Doventale gefiel es ihr beſſer wie auf unſerm weniger praͤch⸗ tigen Birkditle, und in der Zeit, wo ſie von den Wolken der Pracht und Hoheit getragen wurde, gedachte ſie der vorigen Freundinnen nicht mehr.“ Glami ſeufzte und ſagte:„Margaretha, wenn Du zarter fuͤhlteſt, haͤtteſt Du mir den Dorn der Erinnerung an die Vergan⸗ genheit, die ich aus meinem Leben hinweg wunſche, nicht ſo verwundend in's Herz geſtoßen. Du weißt es nicht, wie bitter ich fuͤr jenen Glanz und jene Hoheit buͤße, die mich eine Weile auf Schimmerwolken trug, welche in Nichts zerfloſſen ſind. Aber ob ich meiner vorigen Freundinnen nicht mehr gedachte, deſſen laſſe ich mich nicht beſchuldigen, ich habe ſie unter allen Ver⸗ haͤltniſſen fortgeliebt. Anna kann das 1 98 bezeugen. Wer ſich von ihnen mir nicht fern ſtellte, von dem habe ich mich auch nicht getrennt. Und waͤre es denn ein un⸗ verzeihliches Vergehen, daß ich, in kindiſcher Unbeſonnenheit, einer falſchen Lockung folgte? Ehe Du mich hart richteſt, denke Dich ganz in meine Lage, und frage Dich dann, ob Du Anerbietungen verſchmaͤht hätteſt, wie ſie mir gemacht wurden. Willſt Du mir meine Unerfahrenheit und Jugend nicht verzeihlich anrechnen? Ein jeder Menſch geht im Leben auf Irrwegen, nur verſchie⸗ dene ſind's, und eigentlich kann Keiner den Andern deshalb verdammen. Seyd nicht ſo hart mit mir, ich fuͤhle es ſelbſt, daß ich mehr Mitleid als Verachtung verdiene. Am wenigſten muͤßteſt Du meine Freude uͤber Dein unerwartetes Wiederſehn in Schmerz verwandeln, Du ſiehſt es, ſie iſt der Zeuge, einer treuen und unwandelbaren Liebe.“ 99 „Du biſt doch ſehr empſindlich gewor⸗ den, liebe Glami, daß ein leicht hingeſpro⸗ chenes Wort Dich ſo verſtimmt. Wenn man im traulichen Umgange abwiegen, vor⸗ ſichtig und behutſam ſeyn muß, da hat er ſeinen Reiz verloren. Wollen wir nicht hinabgehen? Die Tafel iſt angerichtet, ich verſprach, Euch mit mir zu fuͤhren, man wartet auf uns.“—„Liebe Margaretha,“ ſagte Anna, und ergriff ihre Hand,„zuͤrne nicht auf Glami, ſie iſt eine ſchwer Ver⸗ wunbete, die ein leiſes Luͤftchen hart be⸗ ruͤhrt, welche man ſchonen muß. Nur mit der Zeit wird ſie von der Krankheit ihrer Seele geneſen. Sie ſteht ſo einſam, ſo verlaſſen da, Du mußt nicht von ihr wei⸗ chen. Verſage ihr keinen Dienſt der Liebe, deſſen ſie bedarf. Du biſt ſo guͤtig, biſt ſo menſchenfreundlich, ſey es auch gegen unſere arme Glami.“ 100 Anna's Worte ruͤhrten Margarethen, ſie gab Glami ihre Hand und ſagte:„Ich betheure es Dir bei der heiligen Wahrheit, daß ich Dir nicht zuͤrnen, am wenigſten, daß ich die Buͤrde, die noch auf Dir liegt, erſchweren will. Vertraue meiner Liebe und der Weisheit des Himmels, die auch das Mißgeſchick fuͤr unſere Seele zu einer wohlthaͤtigen Arzenei macht, wenn wir ſie recht gebrauchen. Aber ſo einſam und ver⸗ laſſen, wie Dich unſere Anna nennt, biſt Du fuͤrwahr nicht. Viele der Edlen be⸗ dauern Dich, wenn ſie auch den Andern abhold ſind, die Dich in eine Falle lockten, aus der Du ohne Verletzung nicht heraus⸗ kommen konnteſt. Mit Deiner Verweiſung vom Hofe, die ſich ſchnell verbreitet hat, wird ſich der Koͤnig keine Freunde machen, ſie gilt ihnen fuͤr einen Beweis, was man ſich von ſeiner Unbeſtändigkeit und Unzu⸗ verlaͤſſigkeit zu verſprechen hat. Weniger 101 auffallend, ſchonender, ſo meint man, konnte er ſich von Dir trennen. Die Schuld der That faͤllt auf ihn allein zuruͤck. Liegt nicht auch darin für Dich ein Troſt? Mein Bruder Heinrich, der geſtern in Birkditle bei uns war, ſtampfte zornig mit dem Fuße auf den Boden, als von dem Koͤnige und Dir die Rede war.„So muß ſelbſt ein Herrſcher,“ ſagte er,„die Toͤchter der Edlen des Landes nicht behandeln. Ging er mit Glami anders um, wie mit einer Magd, die man eines Verbrechens wegen aus dem Hauſe ſtoßt? Für ihre Liebe wird ihr ſo gelohnt? Koͤnnte ich das Unrecht, was ſie litt, ungeſchehen machen; koͤnnte ich zu ihrer Ruhe wirken!“ In heſtiger Bewegung ſprach Glami: „So ſagte Dein Bruder? Das iſt ein guter Bruder! Willſt Du ihm in meinem Namen fuͤr ſeine Theilnahme danken? Ach, 102 es thut dem Herzen unendlich wohl, wenn ſich die beſſern Menſchen, wenn wir ſchuld⸗ los leiden, mit ihren Herzen nicht von uns entfernen, es liegt darin fuͤr uns eine troͤſtende Rechtfertigung und zugleich eine Mißbilligung derer, die uns in ihrer Leiden⸗ ſchaft ohne Urtheil und Recht kraͤnken. Danke Deinem Bruder, Margaretha, ver⸗ giß es nicht!“ Der Graf Herburn war mit ſeinem Sohne nicht in der Halle, als die drei Freundinnen in derſelben erſchienen. Wich⸗ tiges hatten die Maͤnner von Staatsange⸗ legenheiten mit einander zu reden, was die Frauen nicht horen ſollten. Margaretha hatte ihre beiden Kinder bei ſich, einen drei⸗ jaͤhrigen Knaben und ein Maädchen von beinahe zwei Jahren. Freudig kamen die Kinder der Mutter entgegen gelaufen, und ließen ſich nicht laͤnger auf dem Schooße 103 der Großmutter halten, die ihre Unruhe und Sehnſucht nach den Eltern durch Spiel und Scherz zu ſtillen ſuchte. Der Anblick des Knaben ergriff Glami wunderbar, er war gleichſam das verjungte Bild ſeines Onkels Heinrich, und hatte ſeine Augen, ſeine Geſichtszuge, ſein munteres, raſches Weſen. Sie betrachtete ihn mit geſchaͤrften Blicken und innerer Bewegung.„Sieh, Glami, Du haſt ſie lange nicht geſehen⸗ das ſind meine Kinder, ſind die nicht ge⸗ wachſen? Der Junge ſieht meinem Bruder ſo ganz ahnlich, als ob ſie Beide aus einer Form entſtanden waͤren. Mein Heinrich nennt ihn darum auch im Scherz den klei⸗ nen Onkel. In Hinſicht ihres innern We⸗ ſens, ſo weit ein Kind es aͤußern kann, ſind Beide einander voͤllig gleich. Darum liebe ich den Knaben noch mehr, weil ich meinen Bruder liebe.“ 104 Ohne daß Glami eine Sylbe ſagte, nahm ſie den Knaben auf ihre Arme und kuͤßte mit inbruͤnſtiger Heftigkeit ſeine Wange.„Wenn Heinrich dies ſähe,“ ſagte Margaretha Glami leiſe in's Ohr, „er wuͤrde ſich uber Dich freuen, der Junge iſt ſein Liebling.“—„Welchen Heinrich meinſt Du, Margaretha, Zwei fuͤhren die⸗ ſen Namen, die Deinem Herzen theuer ſind, Dein Gatte und Dein Bruder!“— „Meinen Bruder meine ich, Glami.“ Und Glami merkte es, daß ihre Miene laͤchelte. Bei der Tafel und am uͤbrigen Theil des Abends wurde von dem König, ſeiner Regierung, von ſeiner Ungerechtigkeit gegen Glami u. ſ. w. kein Wort geſprochen, deſto mehr aber von dem Graf Angus und ſeiner Gattin, von denen Heinrich vor nicht lan⸗ ger Zeit Briefe erhalten hatte. Er beklagte — 105 ſich nicht uber ſein hartes Schickſal, daß er aus dem Vaterlande verbannt leben mußte, und geſtand es, ohne ſich zu entſchuldigen, daß er ſeine Macht, mit der er herrſchte, zu weit ausgedehnt hätte. Um ſeine Mut⸗ ter und Schweſter aber, welche für ſeine Schuld unter der neuen Regierung wuͤrden büßen muͤſſen, bekummerte er ſich um ſo mehr. Er fuͤrchtete ſogar, daß ſich Men⸗ ſchen finden wuͤrden, die ſich unter allerlei Vorwand in ſeine Beſitzungen theilten, und Niemand werde gegen ſie auftreten, ihre Raͤubereien zu verhindern. Die Hoffnung, daß Zeiten eintreten würden, wo er von ſeiner Strafe freigeſprochen werde, und die beſtrafen koͤnne, welche ſich als ſeine Feinde und Verfolger gezeigt haͤtten, gab er nicht auf. Die Achtung, welche er in London, ſogar an dem Hofe des Königs genoß, ruͤhmte er gar ſehr. Nur die Kraͤnklichkeit ſeiner Gattin betrubte ihn, die ſich nach 106 Schottland, auß ihr reizendes Luſtſchloß Kerburn mit ihren Kindern zuruͤckſehne, und auch ihn nicht verlaſſen wolle. Guͤtig und freundlich, wie immer, ſey ſie gegen ihn, aber er wiſſe es, daß ein innerer Wurm an der Bluͤthe ihrer Geſundheit und der Kraft ihres Lebens nage. So viele Ver⸗ luſte er erlitten haͤtte, er ertrage ſie mit der Standhaftigkeit eines unerſchuͤtterten Ge⸗ muͤths und jener Weisheit und Ruhe, wel⸗ che die wunderbare Macht des Schickſals verehrt, das die Menſchen von der Höhe des Gluͤcks hinabſtuͤrzt, und ſie aus den Tiefen ihres Verderbens erhebt; den Ver⸗ luſt ſeiner unendlich geliebten Marie aber werde er nicht ertragen, ſie zu uͤberleben, dazu habe er keine Kraft. ßern und anhaltendern Unpaßlichkeit habe ſie neulich geſagt:„Haͤtte ich nicht einen Gatten und Kinder, die mich an's Leben feſſelten, es wurde wenig Werth fur mich Bei einer groͤ⸗ — haben. Es erſcheint mir wie ein Einerlei, das mit groͤßerm Kummer und verminderter Freude immer wiederkehrt. Ob uns in ihm nicht ein Ereigniß begegnet, das es mit Nacht uͤberzieht, in die kein erheiternder Strahl mehr dringt, wer mag das wiſſen! Wir wandeln hier wie Blinde, und ſehen den Abgrund nicht, der ſich vor unſern Schritten oͤffnet, in den wir hinabſturzen.“ Jedes dieſer Worte haͤtte ihn geſchmerzt wie ein Dolchſtich in's Herz. Den Hauptinhalt des Briefs theilte der Graf den Seinen mit, tiefer erſchutterte er den Vater als die Mutter. Dieſe konnte ein geheimes Zuͤrnen auf ihre Tochter Ma⸗ rie nicht vergeſſen und ſagte:„Ich bedaure das arme Kind, aber iſt Marie nicht Schuld an ihrem Unglucke? Ihr Alle waret mir zuwider, als ich ihre Verheirathung mit dem Herzog von Albanien wuͤnſchte, Ihr 108 tadeltet mich, grauſam fandet Ihr mich, daß ich der Neigung der Tochter Gewalt anthun wollte. Wer hat nun Recht gehabt? Eine Vervindung, die das Herz allein ſchließt, ohne den Verſtand zu Rathe zu ziehen, kann auch gelingen, aber dann iſt es das Werk des Zufalls. Vermoͤgt Ihr nun die arme, unglüͤckliche Marie zu be⸗ ruhigen? Kann ſie die Liebe gegen den nagenden Kummer ſchuͤtzen?“ Wenn man ein geliebtes Weſen lei⸗ den ſieht, und es ſeiner Noth, ſeinem Grame nicht zu entziehen vermag, da ſchmerzt uns jeder Vorwurf zehnfach, weil wir uns von jeder Schud rein wiſſen, der uns, als wären wir Mitſtifter des Unglucks, gemacht wud. Wir haben das Beſte des Kindes gewollt, konnten wir dafuͤr, wenn es anders kam als wir's glaubten? Der Graf Herburn ſagte zu ſeiner Gattin mit 109 innerm gürnen:„Aber Marie licbte ja den Herzog von Albanien nicht, nur Angus liebte ſie. Meinſt Du denn, daß ſie in allem aͤußern Glanze, wenn ſie ihrem Her⸗ zen Zwang anthun mußte, gluͤcklich geweſen waͤre? Sie wird ſich uͤber das Mißgeſchick erheben lernen, und dann bleibt ihr meine Liebe, die ſich durch alle Schaͤtze nicht er⸗ kauſen läͤßt. Brenne Dich nur nicht un⸗ ſchuldig, und wirf nicht alle Buͤrde auf mich! Sonſt iſt es der Fall, wenn entfernte Kinder leiden, daß der Vater das zerknirſchte Mutterherz, was ſeinen Schmerz nicht ber⸗ gen kann, troͤſten muß, wie anders iſt es doch bei uns! Verleugne doch das weib⸗ liche Gefuͤhl, die zartere Empfindſamkeit nicht, die Deinem Geſchlechte, vorzugsweiſe vor dem unſern, eigen ſeyn ſoll. Pruͤft Du aber die Beweggründe, die Dich trei⸗ ben, daß Marie nicht den Graf Angus, ſondern den Herzog von Albanien heira⸗ 110 then ſollte, ſo wirſt Du Dich derſelben wahrlich nicht ruͤhmen koͤnnen. Wer's am beſten mit Marien meinte, entſcheide der Allgerechte. Selbſt jetzt in ihrem Schmerze giebt ſie dem Herzog um keinen Preis ihre Hand. Das edle Weib, und dafür halte ich meine Tochter, liebt den Gatten, wenn er auch durch ſeine Schuld Freiheit und Leben verlor, darum nicht weniger, wenn ſie auch mit ihm leiden muß, ſie leiſtet ihm den ſchonen Dienſt, daß ſie ihm ſeine Wunden verbindet, die ihm das Schwerdt der Gerechtigkeit ſchlug. So dachte, ſo handelte auch die jetzige Lady Breadalbane, als Home, ihr erſter Gatte, auf dem Blut⸗ geruſte ſein Leben verlor.“ Waͤhrend dieſer Unterredung, welche die Gemuther gar ſehr verſtimmte, war die Graͤfin Douglas, Glami und Anna auf ihrem angewieſenen Zimmer, und hoörten 11¹ nichts davon. Ein Gegenſtand anderer Art lieh da den Stoff zu einem Geſpräche, das bis zur Mitternacht fuͤr Alle mit glei⸗ chem, aber verſchiedenem Intereſſe fortgeſetzt wurde. Die Graͤfin Douglas glaubte es ge⸗ wiß, daß es fuͤr ihre bekuͤmmerte Tochter kein beſſeres Beruhigungsmittel gaͤbe, als wenn Neigung und Liebe fuͤr einen andern Juͤngling in ihr Herz einkehrte. Sie irrte ſich nicht, wenn ſie dachte, daß Jakob von Vothwell der Jüngling ſey, der eine innige Liebe fuͤr Glami in ſeiner Bruſt trug. Es kam nun darauf an, daß ſie ſeine Liebe er⸗ wiederte, und das eben wollte ſie erforſchen. Kam die Verbindung mit den Beiden zu Stande, ſo hatten ihre verwaiſeten Guter einen Herrn und Beſchutzer gefunden, der alle feindlichen und habfuͤchtigen Angriffe auf dieſelben zuruͤckhielt. An ihm hatte fie 112 eine Stutze und Waffe, der ihre Wider⸗ ſacher in den Schranken der Furcht und Ordnung hielt. Glami war dann auch einer Art von Verachtung entnommen, und eine geehrte Frau. Die Bothwells ſtanden in großem Anſehn, und mit den Douglaſſen durch die Bande der Blutsfreundſchaft ver⸗ bunden, konnten ſie ſich ihren geheimen und oͤffentlichen Feinden ſogar furchtbar machen. Sie wuͤnſchte dieſe Verbindung gar ſehr, hatte bei dem Graf Herburn leiſe darauf hingedeutet, und erreichte durch ſie mehrere Zwecke. Sie war dem jungen Graf, weil ſie ihn von Kindheit auf kannte, wegen ſeiner Talente und Eigenſchaften ſehr ge⸗ neigt, und meinte in ihm den beſten Schwiegerſohn zu finden. Der Drang der Neugierde, das Gewiſſe bald zu erſahren, ließ ſie die trube Stimmung, in der Glami war, uͤberſehen, in der das Herz in der Regel nicht geneigt iſt, der Liebe Raum zu 113 geben, die ſich eines ruhigen, heitern Ge⸗ muͤths um ſo leichter bemaͤchtigt. Nach einer Einleitung aus der Ferne, in der ſich die Graͤfin immer mehr dem Hauptpunkte nahte, ſagte ſie:„Gewiß hat Schottland nicht viele Juͤnglinge aufzuwei⸗ ſen, die ſo menſchlich denken, und ſo guͤtig zu handeln maͤchtig ſind, wie dieſer Jakob. Glami, welche Worte hat er Dir geſagt, ich daͤchte, ſie muͤßten Dir in's Mark der Seele gedrungen ſeyn! Wer ſo zu uns redet, dem verſagen wir unſere Achtung, unſern Dank nicht. Nur aus einem reinen, liebevollen Herzen kann eine ſolche Rede kommen. Haſt Du es nicht gemerkt, daß Herburn ſeinen Sohn nicht richtig wuͤr⸗ digte? Er vermag den hohen Charakter des Juͤnglings nicht zu faſſen, er mißverſteht ihn, und zielt dahin, die Flamme einer herrlichen Begeiſterung in ihm auszulöſchen. 8 1¹4 Aber die väterlichen, falſchen Anſichten werden Jakob nicht irre leiten, er wird zum Ziele ſeinen Weg ſtandhaft fortgehen. Mußt Du ihm nicht Deinen Beifall zollen? Haͤltſt Du ihn nicht Deines unbegrenzten Wohlwollens werth?“— Glami erwiederte: „Gern ſtimme ich in das Lob ein, was Ihr ihm zollt; aber das Urtheil des Vaters uͤber ihn moͤchte ich doch nicht ganz ver⸗ werfen. Kennt Ihr auch den rechten Grund, weshalb er ſich mir zum Beſchuͤtzer anpreiſet? Dieſer iſt es, nach dem ich das Rühmliche jeder That abwiege. Der Schlaf uͤberwältigt mich, und ein Schlummer, der den Kranken ſeinen Schmerz vergeſſen macht, iſt ihm als Wohlthat wohl zu ver⸗ gönnen.“—„Willſt Du denn nichts von Jakob boren, ſprichſt Du nicht gern von ihm, Tochter?“—„Warum von ihm allein, Mutter; haͤtten wir denn nicht von Perſonen zu reden, die unſern Herzen 1¹1⁵ naͤher ſind, die Hartes leiden, denen wir ein beſſeres Loos wuͤnſchen, fuͤr die wir beten muͤſſen? Oft denke ich an meinen Bruder, an Marien, und ſrage mich, ob ſie unglucklicher ſind als ich es bin. Ich denke, im Vaterlande leidet ſich's unter ſeinen Bekannten, leichter, als in der Fremde umter Unbekanten, die kein Herz und keine Seele fuͤr uns haben. Die junge Graͤfin Both⸗ well iſt doch ein treffliches Weib, nicht ſo, liebe Anna? Findeſt Du es nicht, daß ihr Sohn dem Graf Heinrich Murray ſo aͤhn⸗ lich ſieht? Jener erſcheint mir als Keim, und dieſer als Bluͤthe und Frucht an dem⸗ ſelben Stamme. Ein kleiner, holder, gar zu lieblicher Knabe!“ Die letzten Worte, welche Glami ſagte, waren:„Wir reiſen doch morgen von hier ab? Ich möchte nicht Zeuge ſeyn, wenn ein Zwiſt zwiſchen dem Graf und dem zuruͤckkehrenden Jakob ent⸗ ſteht. Es koͤmmt mir faſt ſo vor, als ob 116 ich die Urſache der Uneinigkeit zwiſchen Vater und Sohn ware.“— Glami ſchwieg, die Mutter gab ihr keine Antwort. Lange wachte die Lady noch, und Gedanken und Empfindungen lebhafter Art hielten ſie eine lange Weile wach. Eben als Glami in die Halle hinab⸗ gehen wollte, wohin ihr die Mutter mit Annen vorangegangen war, hoͤrte ſie ein lautes, laͤrmendes Getoͤſe, das bald in ein Bruͤllen mehrerer Maͤnnerſtimmen ausartete. Ein heftiger Schreck fuhr ihr durch alle Glieder. Sie glaubte ſchon, daß es auf ihre Perſon abgeſehen ſey; daß von dem König abgeſchickte Bewaffnete nach Duns⸗ kirk gekommen waren, das Schloß uͤber⸗ fallen haͤtten, ſie gefangen nehmen, fort⸗ fuhren wollten, und daß der Graf von Bothwell ſich mit den Befehligten in einen Kampf eingelaſſen haͤtte, um ſie gegen Ge⸗ 1¹7 walt und Unrecht zu ſchuͤtzen. Es hatte ſie eine ſolche Angſt befallen, daß ſie halb ohn⸗ maͤchlig auf der ſteinernen Stufe niederſank, und weder vor- noch ruͤckwaͤrts gehen konnte. Die Veranlaſſung zu dem Kampfe, in dem Mehrere verwundet wurden, war dieſe: Der Jäger der Graͤfin von Douglas, Vol⸗ koleith, ging in den Garten, und ſah da⸗ ſelbſt die huͤbſche Esbeth, des Gärtners Tochter, ein luſtiges, leichtſinniges und Maͤnner liebendes Maͤdchen. Der ſchoͤne Jäger, der ſie zuerſt anredete, gefiel ihr. Sie erdreiſtete ihn mit Mienen und Worten und endlich fing er an, Scherz mit ihr zu treiben.„Waͤre ein ſo ſchoͤnes Maͤdchen in Doventale, wie Du biſt,“ ſagte der Complimentenmacher,„ſo muͤßte es meine Frau werden, wenn mich's haben wollte.“ —„Daß ich hier wohne, und Du dort wohneſt,“ ſagte ſie mit freundlichem Lächeln, 118 wie ein Fiſcher, der einen koſtbaren Fiſch an der Angel gefangen hat,„das kann Dich nicht hindern, mich zur Frau zu neh⸗ men. Aber der verwuͤnſchte Patrik hat mich ſcheu gemacht. Seit er die alberne Suſe gegen mich vertauſcht hat, traue ich den Maͤnnern nicht mehr. Die heiße Liebe iſt bei ihnen wie der Sommer, ſie geht voruͤber, und die Kälte des Winters folgt ihm nach. Gern moͤchte ich ihm einen Streich ſpielen, er hat es verdient. Du mußt mich nicht verrathen, ſo entbecke ich Dir ein Geheimniß. Patrik ſollte mit mehrern Geſellen die Lady Douglas ent⸗ fuͤhren, ſo wollte es Jakob Bothwell; aber der boͤſe Spaß gelang nicht. Die bezahl⸗ ten Buben mußten vor den Doventalern die Flucht ergreifen, wenn ſie nicht mit blutigen Koͤpfen in Dunskirk ankommen wollten. So hat mir's ſeine dumme Suſe erzaͤhlt, welche denkt, daß ich ihre Freundin 419 bin. Verraͤthſt Du mich aber, ſo mache ich es öffentlich bekannt, Du haͤtteſt mir die Ehre rauben wollen.“—„Das ſollſt Du weder in Wahrheit, noch luͤgenhaft ſagen, weil ich nicht Luſt habe, Dir die Ehre zu rauben. Leb wohl, Esbeth, ich weiß nun was ich zu thun habe. Nimm's nicht uͤbel, wenn ich Dir ſage, daß ich meine Ehre zu verlieren glaube, wenn ich mich laͤnger bei Dir aufhalte, und es an⸗ dere Leute ſehen.“ Das Maͤdchen nöthigte ihn, laͤnger zu bleiben, ſchalt ihn einen unartigen Burſchen und ſagte, daß er ſein ihr angethanes Un⸗ recht wieder gut machen muͤſſe. Er be⸗ zahlte das ihm von ihr anvertraute Ge⸗ heimniß mit einem ſchlechten Danke. Im Gehen ſagte er:„Iſt die Sache wahr, ſo bleibt der Lohn nicht aus!““— In der Gartenpforte begegneten ſich Volkoleith und 120 Patrik.„Hoͤre,“ ſagte Volkoleith zu ihm, „fur einen viel beſſern Kerl haͤtte ich den Diener eines Grafen gehalten, als Du wirk⸗ lich biſt. Du biſt ſchlecht und taugſt nichts. Wer ſeines Herrn Befehle erfullt, die dem Geſetz und der Menſchlichkeit zuwider ſind, der iſt ein nichts nutziger, ein dummer oder boshafter Schelm. Schade, daß ich Dich im Walde nicht erkannte. Gewiß, wenn Du dort der Sprecher warſt; haſt Du Deine Stimme verſtellt, und aus einem andern Tone geſprochen.“ „Eigentlich,“ ſagte Patrik, dem die Augen funkelten, und deſſen Geſicht die aufſteigende Wuth immer roͤther faͤrbte, „ſollte ich Dir mit einem Fauſtſchlag das Maul ſtopfen. Redeſt Du doch wie ein Verruͤckter, oder wie ein boshafter Nart, der ohne Grund den Unſchuldigen ver⸗ läſtert. Du beſchimpfſt mich, Du erniedrigſt 121 mich, und glaubſt, daß ich dabei kalt und ruhig bleiben ſoll, wie der Stein unter meinen Fuͤßen. Wer uns Boͤſes in's Ge⸗ ſicht ſagt, der muß es auch heweiſen, ſonſt iſt er ein ſchmaͤhſuͤchtiger Verlaͤumder. Dafuͤr erkenne ich Dich.“—„Du koͤmmſt mir gerade wie ein Miſſethaͤter vor,“ ſagte Volkoleith,„der ſich rein ſchwoͤren will. Das boͤſe Gewiſſen ſitzt Dir auf der Na⸗ ſenſpitze, ich kann es ſehen.“—„Was kannſt Du da ſehen, Deine Dummheit, weiter doch nichts.“—„Hoͤre, Patrik, mit Schimpfen und Grobheit iſt es nicht aus⸗ gemacht, Du ſollſt mir's geſtehen, ob Du unter denen warſt, welche auf Jakob Both⸗ wells Befehl die Lady Glami entfuͤhren wollten.“—„Pah, Du Eſel von Narr,“ donnerte Patrik,„als ob ich ſagen müßte, was Du von mir wiſſen willſt. Da haſt Du einen Schlag, und ſage es allen Leu⸗ ten, Patrik iſt kein Thor, daß er ſich von 12 einem Doventaler ausfragen, und auf die Zähne fuͤhlen laͤßt. Willſt Du mehrere Schlaͤge, ſo ſprich weiter.“ Patrik ſchlug den Jäͤger ſo unbarm⸗ herzig in's Geſicht, daß ihm Funken aus den Augen ſprangen, und daß er eine Weile alle Beſinnung verlor. Kaum aber war er wieder zu ſich ſelbſt gekommen, ſo fiel er ſeinen Beleidiger mit ungeſtuͤmer Wuth an, warf ihn auf den Boden nieder, kniete ihm auf die Bruſt, faßte ihn bei den Haaren, und ſtampfte ihn ſo gewaltig auf den Boden, daß ihm faſt die Sinne ver⸗ gingen. Patrik erhob ein brullendes Geſchrei, als er ſich mit Anſtrengung aller Kraft aus den Klauen dieſes Tygers nicht los⸗ winden konnte, daß es über den ganzen Hof hinſchallte. Dunskirker und Doven⸗ 1²3 taler liefen dahin, woher der Laͤrm kam. „Helft, Bruͤder,“ flehte Patrik, als er ſeine Kameraden ſah,„das Unthier wuͤrgt mich am hellen Tage!“ Kaum hatte er das letzte Wort geſagt, als die Dunskirker ſich ihres Bekannten annahmen, ihn von ſeinem Gegner losriſſen, dieſen mit Fauſtſchlägen uͤberſchuͤtteten, und mit Fluch⸗und Schimpf⸗ worten uͤberhaͤuften. Es half nichts, daß Volkoleith ſchrie:„Patrik hat ausgeſchla⸗ gen,“ ein Jeder wollte Rache an ihm uͤben, daß er ſich, als ein Fremder auf dem Hofe, an dem Leibdiener des jungen Herrn ſo groͤblich vergangen hatte. Die Doventaler blieben nun nicht laͤnger ruhige Zuſchauer, als ſie ſahen, daß es darauf angeſehen war, den Jaͤger todt zu ſchlagen. Mit zornigem Ungeſtuͤm fielen ſie uͤber die Dunskirker her, ob ihre Zahl auch die groͤßere war. So alſo kam es zum Handgemenge, Arme und Beine wurden lahm geſchlagen, und Koͤpfe 124 bluteten. Wer weiß, ob nicht Mehrere das Leben gar eingebuͤßt haͤtten, wenn nicht der Graf Heinrich das Getöſe geßoͤrt, die Käm⸗ pfenden geſehen hatte, hinzugeſprungen waͤre, und den Streitenden Ruhe geboten haͤtte. Als er die Dunskirker weggewieſen hatte, befahl er den Doventalern, vor dem Schloſſe zu erſcheinen, um die Urſache des Streits zu vernehmen, und die Schuldigen zu beſtrafen. Mit zornigem Geſichte ſagte er:„Ihr, Doventaler, ſolltet Euch ſchaͤmen, auf einem fremden Hofe einen ſolchen Laͤrm zu machen! Ihr ſeyd zankſuchtige Leute, und dafuͤr bekannt. Was haben Euch denn unſere Leute gethan? Ihr wer⸗ det hier von meinem Vater verpflegt, und ſtiftet ſolche Unruhe? Das iſt ein ſchöner Dank! Schaͤmt Euch Eurer Unart.“— Als er das letzte Wort geſprochen hatte, trat ein alter Knecht hervor und 125 ſagte:„Scheltet uns nicht zankſuͤchtige Leute, das ſind wir darum nicht, daß wir uns fuͤr Brodt und Futter hier auf der Naſe ſpielen, und Schimpf und Schande anthun laſſen muͤſſen. Die Urſache des Streits kennen wir nicht; aber das wiſſen wir, Eure friedfertigen Dunskirker haͤtten unſern Jaͤger wie einen tollen Hund todt geſchla⸗ gen, wenn wir ihm nicht zu Huͤlfe kamen. Seht, wie ſein Kopf blutet, wie er ſchwankt, und kaum auf beiden Beinen ſtehen kann. Zuſehen ſollten wir, wenn ihm das Lebens⸗ licht ausgeblaſen wurde?“ Ohne Weigern folgten ihm Alle auf ven Schloßplatz nach. Der Graf Herburn ſtand mit ſeiner Gattin und ſeinen Gaͤſten, Glami ausgenommen, vor der Thuͤr. „Nun,“ ſprach er zu den Ankommenden, „Ihr fuͤhrt Krieg auf friedlichem Boden? Was ſoll das bedeuten? Heinrich, nenne 126 mir die Unruheſtifter, daß ſie ihren Lohn empfangen.“—„Sie ſind alle ſtraſwuͤrdig, Vater, wenn ſie ſich nicht rechtfertigen koͤn⸗ nen.“—„Leute,“ ſagte die Graͤfin Dou⸗ glas,„was macht Ihr Euch und mir fuͤr Schande!“—„Fuͤhrt mich in die Halle, laßt mich niederſetzen,“ bat Volkoleith, „ich will den Hergang der Sache erzaͤhlen, ehe ich den Geiſt aufgebe.“ Waͤhrend dies Alles außerhalb des Schloſſes vorging, hatte ſich Glami von der Treppe aufgerafft, und war in die Halle hinabgegangen, wo ſie ſich auf einen Lehnſtuhl niederließ. Mit Furcht und Angſt erwartete ſie die Nachricht von dem Gelaͤrm zu vernehmen, das ſich gelegt hatte. Der Graf Herburn und die Uebrigen traten ein, Volkoleith wurde ihnen von zwei Doven⸗ talern nachgefuͤhrt, die ihn, warum er bat, auf einen Stuhl niederſetzen ließen, ihn zur 127 Seite ſtanden, damit er nicht heraßfallen ſollte. Sein Geſicht war mit Blut uͤber⸗ floſſen, ausgeriſſene Haare lagen auf beiden Schultern, ſeine Miene war leichenblaß, und mit zitternder Stimme und bebenden Lippen ſagte er zu den Umſtehenden alſo: „Standen mir meine Kameraden nicht bei, ſo waͤre ich nicht mehr. Ich beſchuldigte, mit Grund und Recht, Patrik eines Ver⸗ brechens, das er im Walde von Doventale begangen hat, und darum ſchlug er mich in's Geſicht. Ich mußte mich wehren, und wurde ſein uebermann. Er ſchrie laut, wie ein Bär, den die Hunde von allen Seiten gepackt haben. Dunskirker kamen herbei, mißhandelten mich auf's graufamſte, die Doventaler wollten mich nicht morden laſſen, und ſuchten ein ſchaͤndliches Vergehen zu verhuͤten. Scht, ſo kam es zum hitzi⸗ gen Streite, und Gott weiß es, vor deſſen Richterſtuhl ich vielleicht bald ſtehe, daß ich 128 nicht luͤge.“— Verwundert fragte der Graf Herburn:„Patrik häͤtte im Walde von Doventale ein Verbrechen begangen? Wel⸗ ches denn? Das moͤchte ich doch hoͤren!“ —„Die Abſicht, Boͤſes zu thun, Herr Graf, wenn es durch hindernde Umſtaͤnde verhuͤtet wird, iſt eben ſo ſtrafhar wie die That. Iſt der unſchuldig, welcher ſich als Werkzeug mißbrauchen laͤßt, den unerlaub⸗ ten Willen eines Andern zu vollziehen, und wenn der Andere ſelbſt ein Koͤnig waͤre?““—„Volkoleith, ſprich deutlicher,“ ſagte Herburn,„ich verſtehe Dich nicht.“ „Doventaler,“ ſprach der Jäger,„Ihr muͤßt Euch aus der Halle entfernen, ich habe Anderes zu ſagen, was Ihr nicht hoͤ⸗ ren duͤrft.“— Als ſie ſich entfernt hatten, fing er ſo zu reden an:„Das Geheime ſindet faſt immer einen Verraͤther. Patrik hat wohl nicht geglaubt, daß eine verſtoßene . 129 Geliebte es war, die ſeine Mitſchuld auf⸗ deckte. Daß ſie nicht gelogen hat, bewies mir Patriks Ungeſtuͤm, als ich es ihm vor⸗ hielt, er ſey auf Jakobs, Eures Sohnes Befehl, mit andern Dunskirkern in dem Walde vor Doventale geweſen, auf der Lauer wie ein Straßenraͤuber, um ſich der Lady Glami zu bemaͤchtigen, und ſie zu entfuͤhren. Was der junge Herr weiter mit ihr wollte, und aus welcher Urſache er dieſen Gewaltſtreich auszufuͤhren gedachte, darnach moͤgt Ihr ihn ſelber fragen. Wenn die Lady deshalb nicht mit ihm ſelbſt im Einverſtaͤndniß war, ſo nenne ich die That eine ſtraͤfliche, gegen Geſetz, Ordnung und Ehre. Leugnet Patrik aber, ſo ſtelle ich ihm einen Zeugen gegenüber, der ihn der Luͤge zuͤchtigen kann.“ Man kann ſich's leicht denken, welch eine Zerruͤttung und Verwirrung dieſe Aus⸗ 9 130 ſage des Jaͤgers in den Gemuͤthern der Anweſenden anrichtete. Mit Unwillen, als ob ihre Ehre, ihr zartes Gefuhl hart ange⸗ griffen ſey, erklaͤrte Glami mit lauter Stim⸗ me:„Ein Einverſtaͤndniß, das fuͤr mich Entehrendes bezweckte, was zwiſchen Jakob und mir Statt finden ſollte, gab es nie, nie. Eine ſolche Weiſe, mit einem Juͤnglinge in eine nahere Verbindung zu kommen, verabſcheue ich. Entſcheiden mag ich es nicht, was er nach der Entfuͤhrung mit mir machen wollte, weshalb er ſich ſolch eine That erlaubte; aber ich mißbillige ſie als das ſchlechteſte, verwerflichſte Mittel, ob er auch den beſten Zweck dadurch erreichen wollte. Wer den Ruf einer Jungfrau, die ſo ſchon von Vielen verkannt und gemißdeutet wird, ſo wenig achtet, wie könnte ich den achten! Leichtſinn und Unbeſonnenheit entſchuldigt ein Unrecht nicht.“—„Glami, Glami, verurtheile, verdamme Jakob nicht, ehe Du 13¹ ihn gehort haſt,“ ſagte die Graͤfin Douglas. „So ſehr der Schein gegen ihn ſpricht, er kann es doch gut mit Dir gemeint haben.“ „Die Sache iſt ein Mährchen,“ ſagte die Graͤfin von Bothwell,„an das ich aus vielen Gruͤnden nicht glaube. Verſchweigen muß ich ſie, um Niemanden zu beleidigen.“ Mit Naſenrumpfen und ſpottiſcher Miene ſagte ſie:„So iſt mein Sohn nicht, daß er ein ſolches Unternehmen wagte, um ſich der verſtoßenen Geliebten eines Koͤnigs zu bemaͤchtigen!“ „Schweig,“ ſagte der Graf Herburn, „und beleidige die Unſchuld nicht. Siehſt Du nicht Glami's Thraͤnen? Ruͤhren ſie Dich nicht? Ich aber behaupte nichts. Wer kann die Liefen eines Herzens erforſchen, in dem die Leidenſchaft lodert; wer die Schritte berechnen, die ein Juͤngling thut, 132 welchem die Nacht einer zärtlichen Neigung beherrſcht! Wir rathen— und irren uns, Jakob kann uns allein den ſicherſten Auf⸗ ſchluß geben, wenn die Geliebte Patriks nicht aus Rache gelogen hat. Doch, ich laſſe Patrik kommen, er kann uns vielleicht das hellſte Licht geben.“ Es wurde zum Patrik geſchickt, allein der Bote kam mit dem Beſcheid zuruͤck, daß er auf einem Lager ausgeſtreckt liege, und kein Glied ruͤhren könne. Es ſey un⸗ gewißz, ob er die Nacht noch durchleben werde. Sogleich ging der Graf ſel ſt zu ihm, und bat ſeinen Sohn, ihn zu be⸗ gleiten, da er ihm als Zenge dienen ſollte. Dem Graf blutete das Herz, als er den zerſchlagenen, ſchmerzvollen Patrik ſah, der ſo ohnmaͤchtig war, daß er ſein Haupt nicht aufrichten konnte. Georg, ſein alter, 133 grauer Vater, hielt die Hand ſeines Soh⸗ nes in der ſeinen, und ſeine Wange war von Thraͤnen naß.„Die verfluchten Do⸗ ventaler,“ ſagte er, als er den Graf ſah, „wie haben die meinen Sohn zugerichtet! So zerſchlagen kam ich nie aus einem Kampfe! Das ſind Unmenſchen! Mit den Zaͤhnen moͤchte ich ſie zerreißen! Ihr werdet Euern Leuten doch ſo etwas nicht ungeſtraft bieten laſſen, wer moͤchte dann laͤnger, als Knecht und Lehnsmann unter Euch ſtehen! Ein alter Vater ſoll ſeinem einzigen Sohn in's Grab ſehen, fuͤhlt, was das ſuͤr ein großer Schmerz iſt! Wenn Gott ihn mir nahme, ſo muͤßte ich mich tröſten, aber daß er durch Menſchen umkoͤmmt, die ſeine Moͤrder ſind!“ „Alter, von Vergeltung und Rache kann jetzt nicht die Rede ſeyn,“ ſagte der Graf,„davon hernach. Was Ihr nicht 134 ungeſchehen machen könnt, daruͤber muͤßt Ihr Euch troͤſten. Wichtigeres ſoll jetzt zur Sprache kommen.“ Er wandte ſich an den Kranken und ſagte:„Patrik, rede die Wahrheit, Du ſtehſt vor dem Grabe, und nimm auf Gunſt und Ungunſt keine Ruͤckſicht. Sey nicht partheiiſch gegen Wohlthaͤter und Freund, und nicht gehaͤſſig gegen Uebelthäter und Feind. Ich frage Dich: haſt Du zuerſt den Jaͤger Volkoleith in's Geſicht geſchlagen, als Du in der Gartenpforte feindlich mit ihm zuſammenrannteſt?“—„Ja, das habe ich gethan, es thut mir leid, daß er mit dem Leben davon gekommen iſt.“— „Warſt Du auf Befehl Deines Herrn im Doventaler Walde, auf der Lauer, um die Lady Glami zu haſchen und zu entfuͤh⸗ ren?“—„Meinem Herrn mußte ich ge⸗ horchen, das war Recht. Stopft dem 135 Jäger das Maul, daß er nicht plaudert. Haͤtte ich nur ſeinen Hals zwiſchen meinen Zaͤhnen, ich biſſe ihn ab, als ob es eine ſaure Gurke wäre.“—„Aber, was wollte denn Jakob mit der Lady Glami, wenn ſie in ſeiner Gewalt wäte?“—„Ja, das hat er mir nicht geſagt, darum muͤßt Ihr ihn ſelber fragen. Junge Leute haben bis⸗ weilen ſonderbare Grillen, man kann daraus nicht recht klug werden. Geſprochen hat der junge Herr mit mir genug, in der Breite und Laͤnge, über die Lady, aber ich verſtand es nicht, und habe es auch ver⸗ geſſen.“—„Du weißt es gewiß,“ ſagte der Graf,„und willſt Deinen Herrn nicht verrathen.“—„Das will ich auch nicht. Thäte ich's aber, ſo muͤßtet Ihr mich fuͤr einen ſchlechten Kerl halten. Nun laßt mich zufrieden, ich will mich auf die andere Seite legen. Niemand kann zwei Herren dienen, er ſoll es auch nicht, darum erfahrt 136 Ihr nichts mehr von mir, und wenn ich alle Geheimniſſe Eures Sohnes wuͤßte.“ Patrik legte ſich auf die linke Seite, kehrte ſein Geſicht der Wand zu, und be⸗ antwortete keine Frage mehr, die an ihn gethan wurde. Am Ende ſagte er:„Ich habe mit den Lebenden nichts mehr zu ſchaffen, und halte eine Unterredung mit den Todten“ Er verſtummte. „Ja, ja,“ ſagte der Graf Herburn, als er mit ſeinem Sohne Heinrich wieder in der Halle angekommen war,„ſo iſt es, Patrik erhielt von Jakob den Auftrag, die Lady aufzugreifen und ſie zu entfuͤhren. Seine Abſicht war unuͤberlegt, ſtraͤflich ſo⸗ gar, aber ich weiß es gewiß, er hatte dabei den beſten Grund. Boͤſes kann ein Both⸗ well nicht begehen, was Andere entehrt, und ihn unglucklich macht. Geht doch das 137 Gerede, daß alle Douglaſſe dem Hofe ver⸗ haßt ſind, daß man vielleicht Plane einer größern Nache gegen ſie bruͤtet. Wie nun, . 1 wenn Jakob die Lady allen Nachſtellungen † entnehmen und ſie in Sicherheit bringen wollte? Wie, wenn es die fruͤhere Jugend⸗ liebe war, die ihn ſpornte, das Wageſtuͤck zzu unternehmen? Darum können wir ihn nicht verdammen. Er hat es doch ſehr gut gemeint, zurechtgewieſen muß er werbden, F aber harte Vorwuͤrfe verdient er nicht, und 33 eben Glami muß ihm zuerſt verzeihen.“— „Verzeihen will ich wohl,“ ſagte Glami, i8„aber die Gewait, die man mir anthun k wollte, hätte mir ſicher das Leben gekoſtet. e zißi Jakob ſeine Guͤte gegen . nicht treiben, und ich verbitte mir Be⸗ weiſe der Art i ganze Leben.“ 5 18 3 ½ * Lady Glami drang in ihre Mutter daß ſie nach einer Stunde Dunskirk ver⸗ 133 ließen, und mit ihren Gewaffneten den Weg nach Doventale antraten. Anna aber blieb noch bei Margarethen. Man noͤthigte die Graͤfin auch nicht inſtänbig, laͤnger zu bleiben, weil ſonſt auf dem Hofe nochſ Mord und Todſchlag in der Nacht ge⸗ ſchehen konnte, und insbeſondere, weil man fuͤrchtete, es könnte zu einem erſchuͤt⸗. Berkonlitte zuruͤck kaͤme. Der Graf Her⸗ burn hatte ſich's vorgenommen, mit nach⸗ drucksvollem Ernſt gegen ſeinen Sohn auf⸗ zutreten, und es ſtrenge zu verbieten⸗ Wir wiſſen es, daß Jäköb heftigſten Verdruſſe uͤber die beleidigenden 3 Aeußerungen ſeines Vaters, die ihn in der Gegenwart der zehnfach ſchmerzten ——— ½ — 139 in finſterer Nacht fortgeritten war, um in Berkonlitte ſeinem Jugendfreunde Murray ſeine Noth zu klagen, und ihm das ver⸗ ſchwiegene Geheimniß ſeiner Liebe zu der ſchoͤnen Glami zu offenbaren. Daß dieſer ſein gefaͤhrlichſter Nebenbuhler war, ahnete er nicht. Der Morgen fing an zu dam⸗ mern, als er, von einem Gewitterregen durchnaͤßt, vor dem Schloſſe mit ſeinem Diener Cunert ankam, und ſogleich einge⸗ . laſſen wurde, als er ſich kund that, und man ihn erkannte. Die großen Hunde auf dem weitläufigen Hofe erhoben ein gewal⸗ tiges Gebell, als ſie das Knarren des Tho⸗ res hoͤrten. Heinrich Murray verließ fruͤher 7 1** Lager, weil er nach dem Walde eilen wollte, um dort eine große Wolfsjagd an⸗ zuſtellen. Die Beſtien hatten ſeit etlichen 3 Tagen den Schafheerden großen Schaden zugefügt. Das Bellen der Hunde und das Geklapper der Hufeiſen auf dem Seinpflaſter 1 140 lockten Heinrichen an's Fenſter. Als er hin⸗ aus ſah, rief Jakob zu ihm hinauf:„Willſt Du mich haben? Naß aber bin ich bis auf die Seele.“—„Ja wohl, ja wohl, Jakob, Du ſollſt hier wieder trocken werden. Auf dem Lager habe ich in der Nacht vom Re⸗ gen nichts gemerkt. Steig eilig ab.“ Heinrich war es ſelbſt, der halb ange⸗ kleidet die Treppe hinabflog, die Thuͤr ent⸗ riegelte, und ſeinen Gaſt einließ. Den Roſſen wurde ſogleich ein Stall und dem Dieuer ein Quartier angewieſen.„Aber,“ ſagte Heinrich mit Neugierde,„wenn man ſo in einer finſtern Regennacht, ohne einzukeh⸗ ren, weiter reitet, ſo hat das etwas zu be⸗ deuten. Was giebt's? An Neuigkeiten, die uns Freude machen, iſt jetzt in Schottland nicht zu denken. Wenn die Geiſtlichen am Ruder ſitzen, da iſt fuͤr die Weltlichen und den Adel insbeſondere boͤſe Zeit. Sie 144 regieren, unter dem Scheine der Guͤte, mit einem eiſernen Zepter. Ihr Reich ſoll nicht von dieſer Welt ſeyn; aber die Liſt zu herrſchen iſt ihnen wie angeboren. Sprich doch, Jakob.“—„In dieſem Au⸗ genblicke denke ich weder an den Kardinal, noch an ſeine Kleriſei, die an ihm haͤlt, als ob ſie ihm angepicht waͤre. Da ich vor Regenkaͤlte zittere, erſt gieb mir trockene Kleider und Malvaſier, daß ich innerlich und aͤußerlich wieder warm werde, dann will ich weiter ſprechen. Es goß wie aus Schleuchen, aber ich kehrte in keine Her⸗ berge ein. Aber ſo fruͤh ſchon munter? Langenſchlaͤfer, das iſt ſonſt Deine Ge⸗ wohnheit nicht. Wohin willſt Du? Was ſcheuchte Dich vom Lager?“—„Die Woͤlfe, welche unſere Schafe verzehren, wenn wir ihnen die Raubzähne nicht aus⸗ ſchlagen. Heute will ich den ganzen Tag Jagd auf ſie machen. Wenn Dir's Spaß 142 macht, ſo begleiteſt Du mich.“—„Hein⸗ rich, ein Menſch, der die Nacht auf dem Roſſe durchtrabte, und Stunden lang wie in einem Bade ritt, das aus den Wolken auf ihn niederſtroͤmte, iſt am Tage ein ſchlech⸗ ter Jäger, beſonders auf der Wolfsjagd. Koͤnnte ich doch an einer Eiche einſchlafen, und ſtatt ich Woͤlfe erlegen will, moͤchten ſie mich wie ein waffenloſes Schaf ver⸗ zehren. Aber Du bleibſt nicht daheim, bis Mittag ſchlafe ich, und komme Dir dann nach.“ Jakob mußte ſeine naſſe Kleidung ge⸗ gen trockene vertauſchen. Speiſe und Trank wurde ihm ſogleich in Ueberfluß gereicht. Es wurde bald auf dem Schloßhofe mun⸗ ter, und die Leute ſchickten ſich zum Weg⸗ gehen nach der Jagd an. Georg, der erſte Jaͤger, kam und ſagte zu Heinrich:„Wann wollt Ihr, daß die Leute abgehen?“— 143 „Gehe nur nach einer halben Stunde mit ihnen voraus, warte am Brippmoor mit ihnen, wenn ich nicht ſogleich bei Euch ſeyn ſollte. Einen willkommenen Gaſt kann man ſogleich nicht wieder verlaſſen.“ —„Ei, ſieh da, der Graf von Bothwell,“ ſagte der alte Georg,„wollt Ihr denn da⸗ heim bleiben? Ich denke, das Jagen macht Euch Vergnuͤgen. Es waͤre wohl gut, wenn Ihr uns die ſchaͤdlichen Thiere aus⸗ rotten huͤlfet. Werden dieſe nicht vertilgt, ſo konnt Ihr keinen Lamm⸗und Schoͤpſen⸗ braten hier mehr verzehren.“ Jakob ſagte dem Alten einige freundliche Worte, und er ging ſeinem Berufe nach. „Fuͤrwahr,“ ſagte Heinrich jetzt zu ſeinem Freunde,„Du mußt mir wenig Neugierde und viel Untheilnahme zutrauen, daß ich Dich nicht weiter nach der Abſicht Deines Fruͤhbeſuchs frage.“—„Du haſt 144 die Jagd im Kopfe, Du biſt zu zerſtreuet, die Zeit iſt zu kurz, um Dir Alles zu ſagen, was ich auf der Seele habe, und Deinen Rath und Beſcheid darauf zu ver⸗ nehmen. Ich habe es uͤbel getroffen, daß ich ſo fruͤh kam, es waͤre viel beſſer ge⸗ weſen, wenn ich am ſpaͤten Abend hier er⸗ ſchien.“—„Wie viel laͤßt ſich in einer Stunde ſagen, wenn man ſich kurz zu faſſen weiß,“ entgegnete Heinrich,„und ſo lange kann ich noch bei Dir verweilen.“— „Nun wohlan, dann zaͤhme Deine Neu⸗ gierde bis zum Abend, wo Du aus dem Walde koͤmmſt, ich aber fuͤhle mich durch den Malvaſier ſo geſtaͤrkt und munter, daß ich Dich begleiten will.“ Heinrich ließ ſich den Vorſchlag gefal⸗ len. Es wurde auf ſeinen Befehl noch ein Roß fuͤr Jakob vorgefuͤhrt, und ſo rit⸗ ten die Juͤnglinge nach dem Brippmoore, 145 wo ſie die Jäger, Treiber und Hunde fan⸗ den. Unterwegs wurde von verſchiedenen Neuigkeiten geplaudert. Endlich redete Ja⸗ kob auch von der Lady Glami, bedauerte ihr Schickſal, nannte den Koͤnig ungerecht gegen ſie und ſagte:„Ihr fehlt eine mu⸗ thige Kraft, die ſich ihrer annimmt. Wäre nur Angus, ihr Bruder hier, der ließe gewiß den Schimpf nicht ungerochen hingehen. Man haͤtte es dann ſicher auch nicht gewagt, ſie ſo ſchimpflich zu behandeln. Wenn Einer von den Großen niedergeſtoßen iſt, ſo machen ſich's Viele zur Pflicht, um Gunſt zu erſchleichen, mit Fuͤßen auf ihm zu gehen. Die ſchnoͤden Feiglinge weichen aus der Naͤhe des Gemißhandelten, ſo ge⸗ wiß ſie von ſeiner Unſchuld und dem Un⸗ recht, was er leidet, uͤberzeugt ſind, um ſich nicht einer vermeintlichen Gefahr blos zu ſtellen. Die Gewalt hat ſo ſreies Spiel, und kann nach Willkuͤhr ſchalten.“— 10 146 „Je nun,“ entgegnete Murray,„ganz un⸗ ſchuldig moͤchte ich Glami doch auch nicht nennen. Als der königliche Glanz ſie be⸗ ſtrahlte, ſchien ſie ſich doch ſehr gluͤcklich zu duͤnken. Vielleicht wurde an ihr die weib⸗ liche Eitelkeit haͤrter beſtraft, als an irgend einer Jungfrau. Uebrigens hoͤrte ich ſchon manche Stimme, die ſie bedauert, manche, die es laut ſagt, daß man zu hart mit ihr verfuhr. Aber es iſt nicht Feigheit allein, fondern auch gebotene Klugheit, daß man die Beſchluͤſſe des Koͤnigs nicht fuͤr ungerecht damit erkaͤrt, daß man ſich oͤffentlich der Lady annimmt. Dasmoͤchte ich ſelber nicht. Wenn ſie ihm nicht mehr gefiel, warum ſollte er ſich Zwang anthun, und ſie durch eine falſche Neigung taͤuſchen. Ob es ihm je einfiel, ſie zur Koͤnigin zu erheben, das moͤchte ich eher bezweifeln als bejahen. Die, welche es ihr einbildeten, verdienen beſtraft zu werden daß ſie's am Ende ſelber glaubte, 147 wollen wir ihr verzeihen. Von Angus aber rede ich nicht mehr, einer viel größern Zuchtigung, als er in der Verbannung lei⸗ det, halte ich ihn werth. Alle Achtung ge⸗ gen ſein Vaterland verleugnete er, indem er die Perſon des Koͤnigs ſo feindſelig und entehrend in Falkland antaſtete, die Mutter von ihm riß, und ſie in Stirling, als ob ſie eine Miſſethaͤterin waͤre, gefaͤnglich ein⸗ ſperrte. Wenn ihm Alles gelang, wie er's im Sinne hatte, ſo wäre er der Herr von Schottland, und wir mit dem Koͤnig ſeine Sclaven. Daß dem Koͤnig aber der Name Douglas wie ein Fluch klingt, daß er laut ſeinen Abſcheu gegen ihn ausſpricht, das moͤchte ich ihm nicht ganz verdenken. Ja⸗ kob, man muß ſeinen Gefuhlen mißtrauen, ſie geben dem Verſtande oft eine ganz falſche Richtung, verlocken uns bei dem Glauben, wunder wie gerecht und billig wir wären, zur Ungerechtgkeit. Das Be⸗ 149 nicht mißtrauen ſoll. Die Materie iſt mir zu hoch und zu verwickelt, ſie koͤnnte zum Zwiſte unter uns fuͤhren, wenn Jeder ſein Recht behaupten will, darum laß uns lieber von der Wolfsjagd reden.“—„Auch da⸗ von will ich mit Dir reden,“ ſagte Heinrich. — Bei Brippmoor herrſchte viel Zank. Einer der Hundefuͤhrer hatte, als ſich zwei Woͤlfe vor dem Walde blicken ließen, einen großen Hund am Riemen nicht feſtgehalten, er riß ſich los, jagte auf die Beſtien hin, und verfolgte ſie bis in den Wald. Georg ſchlug auf den Kerl los, und wurde mit ihm handgemein. Als Heinrich dazu kam, und die Urſache der Pruͤgelei hoͤrte, ſchlich⸗ tete er den Streit, da er den Grund ge⸗ hoͤrt hatte, alſo: da ſich der Kerl an dem Jäger vergriff, erhielt er vierzig Peitſchen⸗ hiebe, wurde gebunden nach Berkonlitte zu⸗ ruckgefuhrt, wo er eingeſperrt werden ſollte⸗ Am meiſten aber ſchmerzte ihn ſein Lieb⸗ 148 tragen Anderer läßt ſich nur dann richtig beurtheilen, wenn wir uns ganz in ihre Lage verſetzen, wenn wir alle Beweggruͤnde ihrer Handlungsweiſe kennen. Da wir aber dies ſelten thun, und es noch ſeltener vermoͤgen, urtheilen wir uͤber Andere oft wie Blinde von der Farbe.“ Jakob ſtutzte, er wunderte ſich uͤber ſeinen Freund, als er ſo ſprach.„Deine Weisheit, Murray, mag fuͤr eine hoͤhere Welt gehoͤren, fuͤr mich paßt ſie ſich nicht. Wo ich offenbares Unrecht ſehe, da haſſe ich es, und alle Beweggruͤnde koͤnnen es bei mir nicht entſchuldigen. Auf dieſe Weiſe handeln wohl gar die Richter ungerecht, die den Miſſethaͤter zum Tode verurtheilen. Waͤre alſo der Lady Glami Recht geſchehen, und handelten ihre Feinde gegen ſie in der geſetzlichen Ordnung? Das laß mich nicht glauben, wenn ich Deinem redlichen Sinne 150 lingshund, da er fuͤrchtete, die Woͤlfe wuͤr⸗ den ihn zerreißen. Die andern Hunde⸗ fuͤhrer und Treiber aber fanden, daß der junge Graf mit einem ihrer Geſellen zu hart verfuhr, da ſie an die milde Guͤte ſeines Vaters gewöhnt waren. Sie ließen die Hunde los, und ſchwuren in der Wuth, keinen Schritt weiter zu gehen, wenn ſie fuͤrchten muͤßten, um eines unvorſetzlichen Verſehens willen aͤrger wie Thiere behan⸗ delt zu werden. An Bitten und Nachgeben gegen Unterthanen war Heinrich nicht ge⸗ woͤhnt, und meinte auch, das tauge auf keine Weiſe, er drohte alſo, den niederzu⸗ ſchießen, der ſich von der Stelle ruͤhrte, und Miene machte wegzugehen. Sie blie⸗ ben zwar, erklaͤrten aber einſtimmig, daß ſie ſich keinen Schritt dem Walde nahten, ehe der Graf nicht gelobte, ihren Kameraden, dem ſo ſchon Unrecht geſchehen ſey, weiter nicht zu beſtrafen. Der erzuͤrnte und an 15¹ ſeiner Ehre gekraͤnkte Graf ließ die Jäger ſich von den Treibern entfernen und ſagte: „Wollt Ihr nun eure Schuldigkeit thun? Wenn nicht, ſo ſeyd ihr des Todes. Jaͤ⸗ ger, legt auf die Emporer an. Eine Rotte ſolcher Unruheſtifter, die ihren Herrn meiſtern und ihm Geſetze vorſchreiben wollen, iſt verderblicher als alle Woͤlfe. Waͤhlt.“ Da ſie den Ernſt ſahen, warfen ſie ſich dem Graf zu Fuͤßen, thaten Abbitte, und er ver⸗ zieh ihnen mit den Worten:„Meint ihr, daß mein Vater eure Raſerei ungeſtraft ließe? Aber weil ihr zu Kreuze kriecht, ſoll eure Unklugheit vergeſſen ſeyn.“ — Auf dem Wege nach dem Walde machte Heinrich die Bemerkung:„Nichts hat in der Welt größeres Unheil angerichtet, als das ſeige Nachgeben zur unrechten Zeit, was man den Unruheſtiftern erwies. Der ein Herr iſt und Unterthanen hat, muß lieber den Tod wählen, als ihm ein 15⁵2 ſchimpfliches Leben vorziehen, wo er nicht mehr Befehle geben darf, ſondern ſie an⸗ nehmen muß. Die Leute haben mich pro⸗ birt und meinen Ernſt kennen gelernt, ich wette, die boͤſe Luſt, ſich aufzulehnen, iſt ihnen auf immer vergangen. Um einem Kreböuͤbel vorzubeugen und davon zu hei⸗ len, ſind ſchneidende, durchgreifende Mittel nothig. Weichlichkeit und Gelindigkeit macht das Uebel nur aͤrger.“—„Du magſt Recht haben,“ entgegnete Jakob, „diesmal ging's, da kein Brauſekopf dabei war, weil ein Jeder den augenblicklichen Tod fuͤrchtete, und das Leben vorzog; aber wie, wenn ſie insgeſammt uͤber die Jäger her⸗ fielen, oder die Jäger Dir nicht gehorchten? VNein, nein, ſo viel Muth ich mir zutraue, ein ſolches Wageſtuͤck unternaͤhme ich doch nicht, wo Verluſt und Gewinn im voraus nicht zu berechnen iſt. Gegen den Hunde⸗ fuhrer warſt Du zu hitzig, die Leute fuͤhlten 15⁵3 die Ungerechtigkeit, mit der Du ihn behan⸗ delteſt, das empoͤrte ihren Sinn. Haͤtteſt Du Dich mehr beherrſcht, ſo kam es zu dem Auſſtande nicht. In unſerm eigenen Betragen, was wir uns ungern geſtehen, liegt nur zu oft der erſte Grund ſtrafbarer Verbrechen, die Andere begehen. Wir blei⸗ ben von der Zuͤchtigung frei, und verdienen ſie oft in einem hoͤhern Grade als die, welche gezuͤchtigt werden.“ Die philoſophiſche Unterhaltung, die Heinrichen nicht ſonderlich gefiel, weil er ſich's eingeſtändig ſeyn mußte, daß in Ja⸗ kobs Worten fur ihn ein gerechter und ver⸗ dienter Tadel lag, wurde damit unterbro⸗ chen, daß der entlauſene Hund mit blutiger Schnauze aus dem Gebuͤſch in großen Saͤtzen auf ſeinen Herrn zugeſprungen kam, mit dem Schwanze wedelte, freundliche Augen machte, und ſeine Hand mit der 154 Zunge liebkoſete. Jakob ſagte bloß die Worte:„Willſt Du denn den Hund nicht ſtrafen, damit er ſeinem Fuͤhrer nicht wie⸗ der entlaͤuft? Die Furcht ſchrecke ihn, daß er die Leidenſchaft und Begierde, wenn ſie ihn befaͤllt, uͤberwinden lernt. Wie wuͤrde Dir nun ſeyn, wenn Du um eines entlau⸗ fenen Hundes willen, der ſich von ſelbſt eingeſtellt hat, auch nur Einen Menſchen haͤtteſt todtſchießen laſſen?“ Die Jagd war gluͤcklich, und mehrere Woͤlfe, auch zwei Baͤren, wurden erlegt. Heinrich war froh geſtimmt; aber um das Geheimniß zu erfahren, was ihm Jakob verſchwiegen hatte, blieb er nicht bis zur dunkeln Nacht im Walde. Der alte Graf Murray, welcher Cunerten auf dem Hofe ſah, erfuhr es von ihm, daß Jakob mit Heinrich auf der Jagd, und in der regnichten Nacht in Berkonlitte angekommen 1⁵55 ſey, und weil er den Vater und die Söhne liebte, freute er ſich uͤber den Beſuch. Als ſie ankamen und von dem Graf und ſeiner Gattin begruͤßt waren, erzaͤhlte Heinrich den Vorfall mit den Leuten, und verſchwieg auch den Verweis nicht, den ihm Jakob wohlmeinend gegeben hatte. Der alte Graf ſchuttelte den Kopf und ſagte:„Mit Dei⸗ ner ungeſtumen Hitze wirſt Du Dir große Verlegenhlit und Gefahr bereiten. Da lobe ich mir meinen Jakob, der iſt auch nicht ſchlaͤfrig, aber er bleibt Herr ſeiner ſelbſt. Furcht haſt Du den Leuten einge⸗ jagt, aber wo ſie herrſcht, da weicht die Liebe, und dieſe hat in unſern Zeiten ein Herr viel nöthiger als ein Knecht.“ Endlich wurde das unangenehme Er⸗ eigniß vergeſſen, und die Gemuͤther erhielten durch den Malvaſier eine froͤhliche Stim⸗ mung.„Jakob,“ ſo fragte der Graf,„haſt 156 Du keine Nachricht, wie's Deinem Schwa⸗ ger in London geht? Eine Verbannung aus dem Vaterlande, die man ſich ſelber zuzog, muß ſehr ſchwer zu ertragen ſeyn. Deine Schweſter bedaure ich am meiſten, ob ſie auch in dem Bewußtſeyn der Aus⸗ uͤbung einer ſeltenen weiblichen Tugend eine gar herrliche Beruhigung finden muß. Ich möchte es nicht, daß mir ein Menſch einen ſolchen Tugenddienſt erwieſe, wie ſoll man dem Wiedervergeltung erzeigen koͤnnen? Bei den Schritten, die Angus in ſeiner Ver⸗ meſſenheit that, um immer hoͤher zu ſteigen, haͤtte er an ſeine Familie denken muͤſſen. Er leidet ſchuldig und ſie— unſchuldig.“ —„Graf,“ entgegnete Jakob,„von Angus rede ich ungern, am wenigſten aber moͤchte ich ihn verdammen. Ein Jeder iſt ſein beſter Richter; die Graͤfin Douglas dauert mich, und ihre Tochter noch mehr.“— „So, ſo,“ ſagte Heinrich,„ſie trieb es mit 157 ihrer Eitelkeit und dem Vergeſſen ihres Verhaltniſſes doch ſehr weit.“—„Wenn Du ſie ſaͤheſt, wenn Du ſie reden hoͤrteſt, Heinrich, gewiß ſo wuͤrdeſt Du nicht von ihr urtheilen. Ein feindliches Verhaͤngniß riß ſie fort, ſie wurde in ein Gewebe ver⸗ wickelt, ſie war ihrer ſelbſt nicht maͤchtig. Wen hat Glanz und Ehre nicht geblendet! Bliebeſt Du immer unbenebelt?“—„Ja⸗ kob, haſt Du ſie geſehen?“—„Das habe ich. Als ich von Dunskirk am Abend wegritt, war ſie mit ihrer Mutter bei mei⸗ nen Eltern.“—„Und doch bliebſt Du nicht? Was trieb Dich in die Regennacht hin⸗ aus?“„ Jakob beantwortete die Frage nicht. Als die beiden Juͤnglinge auf dem Schlafzimmer waren, bat Heinrich, daß ihm Jakob nun endlich ſein Geheimniß entdecken ſolle, und er redete alſo:„Was ich bisher 158 auch dem Freunde verſchwieg, da es in meinem Herzen bisher zu keiner gewiſſen Entſcheidung kommen konnte, das werde ihm zur Verſchwiegenheit jetzt offenbart. Als Glami vas vierzehnte Jahr erreicht hatte, fiel der Funke der Liebe zu ihr in mein Herz. Ihr Bild trug ich in meiner Bruſt, wie das eines Engels, an dem ſich meine Seele weidete. Mit dem Geſtändniß meiner zaͤrtlichen Gefuͤhle hielt ich damals zuruck, weil ſie noch viei zu jung war, um mich zu begreifen. Ganz weihte ich mich ihrem Dienſte, und ihren mehr aufbluͤhen⸗ den Reizen war meine ganze Huldigung geweiht. Alles andere ſtand mir im Dun⸗ keln, nur ſie war der Stern, der begei⸗ ſternde und entzuͤckende Strahlen in mein Leben warf. Dem Zeitpunkte war ich nahe, wo ich es ihr bekennen wollte, daß ich ſie unaus ſprechlich liebte. Nach ihren Aeuße⸗ rungen gegen mich durfte ich das Er⸗ 15⁵9 wuͤnſche hoffen, und nichts furchten. Da wurde ſie von Menſchen, denen ich dieſe Suͤnde nie verzeihen kann, in einen Kreis gezogen, in dem ſo manche Tugend und Unſchuld unterging. Mein Inneres weinte, ich konnte der Gewalt des Schickſals nicht ſteuern, und mußte es walten laſſen. Meine Neigung ſuchte ich zu beherrſchen, zu ver⸗ nichten, aber meine Kraft war zu ſchwach dazu, ſie erlag und meine Liebe wuchs. So oſt ich ſie ſah, deſto ſchmerzhafter fhlte ich mich verwundet. Standen mir in der Zeit die Mittel zu Gebote, ich haͤtte ſie von den Stricken ihres falſchen Ver⸗ haͤngniſſes frei gemacht. Angus Fall war mein groͤßter Triumph, und Glami's Ver⸗ bannung meine hoͤchſte Freude. Schrecklich aber donnerte es in meiner Seele, als ich erfuhr, der Koͤnig zurne ihr ſtärker als er ſie einſt liebte, und man habe beſchloſſen, an ihr, die nur den Umſtaͤnden nachgab, 160 Rache zu üben. Um ſie der ungerechten Gewalt zu entziehen, ſie gegen Frevel und groͤßeres Leid zu ſchuͤtzen, wollte ich ſie im Doventaler Walde aufgreifen, und ſie ſo lange in Sicherheit bringen laſſen, bei meinem Vater, bei meinem Bruder viel⸗ leicht, bis der Sturm ausgebrauſet ſey, der ſie zerſtören ſollte. Wahrlich, wenn ſie es wollte, nach England oder Frankreich waͤre ich mit ihr geflohen, um ſie vor allen Nachſtellungen in Sicherheit zu ſetzen. Der gewagte Verſuch gelang nicht. Jetzt aber iſt es bei mir feſt beſchloſſen, ihr meine Hand anzubieten, und ihr zu bekennen, daß ich ſie zu einer Zeit ſchon liebte, als ſie es noch nicht ahnete, und daß ich ihr fortgeſetzt ergeben blieb, wo die Herzen gewoͤhnlicher Juͤnglinge von ihr wichen. Nicht fuͤrchte ich, daß ſie mir zuwider iſt. Sollte ſich der Vater meinen Wuͤnſchen abgeneigt erklaͤren, ſo kann ich vielleicht die 161 Mutter gewinnen, und an Nitteln fehlt es dann nicht, ſeine Zuſtimmung zu erſchleichen. Wenn Glami nur vergeſſen kann, daß ein Foͤnig ſie liebte, dann, Heinrich, iſt ſie mein, und habe ich dann in der Welt nichts weiter, als ſie, ſo bin ich doch der gluͤcklichſte Sterbliche. Mein theuerſtes Geheimniß habe ich Dir, dem Freunde, offenbart, was meinſt Du dazu, Du mußt mir rathen.“ Hier ſchwieg Jakob und erwartete eine Antwort. Rit ernſter und faſt finſterer Miene erwiederte Murray:„Wenn das Herz ſo beſtimmt und feſt entſchieden hat, wie es bei Dir der Fall iſt, da kömmt man mit ſeinem Rathe immer zu ſpaͤt, und was man dafür oder dawider ſagt, iſt in den Wind geſprochen. Der Entſchluß ſteht in uns feſt, es kann ihn nichts erſchuͤttern, und von der Meinung eines Andern macht man 1 162 nur dann Gebrauch, wenn ſie mit unſern Wuͤnſchen uͤbereinſtimmt; wer ſich aber da⸗ wider erklaͤrt, in dem erkennen wir einen Gegner, der uns unſer Gluͤck nicht goͤnnt, oder den ein Irrthum blendet, daß er es nicht ſieht. Wir haben uns ihn zwar zum Fuͤhrer erbeten, aber dennoch gehen wir den Weg, der uns zu dem Ziele fuͤhrt, das wir uns geſetzt haben. Iſt es nicht ſo? Darum fordere keinen Rath von mir, er koͤnnte uns nur mit einander in Wider⸗ ſpruch ſetzen, und mehr haͤtte er geſchadet als genutzt.“ „Aber, guter Bruder, ich fordere Deine Meinung. Sie zu hoͤren war der Zweck meines Beſuchs, Du darſſt ſie mir unter keinem Vorwande verweigern, wenn ich in Dir ferner den Freund ehren ſoll. Es iſt Deine Pflicht mir zu rathen, und meine Schuld, wenn Dein Rath weiſe iſt, wenn 163 ich ihn zu meinem Schaden nicht be⸗ folge.“ „Wohlan,“ ſagte Heinrich,„Du willſt es, ſo ſey es. Wer möchte Dir's verargen, daß Du einſt die ſchoͤne Glami, als ſie noch ein zartes Mädchen war, mit aller Inbrunſt des Herzens liebteſt. Das Schoͤ⸗ ne, Liebreizende der unſchuldsvollen Jugend feſſelt die Gemuͤther. Ja, wenn Glami in Doventale blieb, unter der Obhut einer weiſen Mutter, die alles Feindliche von der Lochter fern haͤlt, was ihren Sinn verder⸗ ben, ſie falſche Sitte lehren und ihren Kopf mit den Bildern der Eitelkeit fullen, unheilige Gefühle in ihre Bruſt pflanzen kann, da wuͤrde ſie im unbemerkten Schat⸗ ten fortgeblüht haben, und es haͤtte keine Hand ſie zerſtörend und verfuͤhrend ange⸗ taſtet. Ihr Ungluͤck aber war es, und des⸗ halb iſt ſie zu bemitleiden, daß ſie in die 164 große Welt hinausgeſchleudert wurde, die ſelbſtſuͤchtig ihr Vergnugen ſucht, die nicht der fremden Tugend achtet, und das un⸗ ſchuldsvolle Gemuͤth zu ſich in des Laſters Abgrund herniederzieht. Die Jugend iſt nicht ſtark genug, um aller Lockung, jeder Luſt, die ſchmeichelnd ihr geboten wird, zu widerſtehen. Der Zauberkelch wird ihr ge⸗ reicht, ſie trinkt davon, es ſchmeckt ſo ſuͤß, erſt ſpaͤter wirkt das Gift und erzeugt Scham und bittere Reue. Geſetzt aber auch, daß eine Jungfrau, die von vieler Gefahr bedroht wird, der man von allen Seiten huldigt, die man mit großen Hoff⸗ nungen kirrt, die eine Schoͤne ſo leicht nicht verſchmaͤht, wäre in dem Sturme feſt und ſtandhaft geblieben, und hatte keinen Finger breit und nie der Tugend Pfad verlaſſen, ſo iſt dennoch der Verdacht wider ſie, und ſelbſt dieſen mußte ihre Klugheit und Vorſicht meiden. Jakob, ich ſchwore 165 es Dir, ich könnte mich mit einem Maͤdchen, gegen das ſich in mir das Mißtrauen mit der Liebe paart, nicht in ein eheliches Buͤnd⸗ niß einlaſſen, dies iſt wie ein Pfeil, der immer tiefere Wunden wuͤhlt, und es nie zur Heilung kommen laͤßt. Rein und klar, wie die Sonne, ſo muß ich im Geiſte die Schoͤne anſchauen, die den Brautkranz tra⸗ gen ſoll, welcher ihr Haupt kroͤnt. Hier haſt Du meine Meinung im Allgemeinen, yore nun aber auch die beſondern Worte.“ „Das wirſt Du nicht leugnen können⸗ daß Glami mit dem jugendlichen Jakob im vertrautern Umgange lebte. Duͤnkte ſie ſich doch ſeine Braut, und mit gerechtem Un⸗ willen hat ſie Kuß und Haͤndedruck von ihm ſicher nicht zuruckgewieſen. Eine laͤn⸗ gere Bekanntſchaſt ſchließt endlich auch die Herzen auf, man wird gegenſeitig vertrau⸗ ter, dreiſter. Glami iſt nicht von Eis, ſie 166 hat Gefuͤhl. Der Koͤnig hat ſie verſtoßen, und ſie waͤre nun fuͤr Dich gut genug? Er zuͤrnt ihr jetzt ſogar, wird ſein Zorn nicht auch auf Dich fallen? Kannſt Du ihr je gewaͤhren, was ſie ſich im Glanze ihrer irdiſchen Herrlichkeiten erträͤumte? Ein Theil der Edeln richtet ſie haͤrter vielleicht als ſie es verdient, man uͤberſieht ihre Tu⸗ gend und wendet ſein Auge nur auf Fle⸗ cken, die man an ihr zu finden waͤhnt, wenn es auch wirklich keine ſind. Kurz, es ruht auf ihr eine Art von Verachtung, pruͤſe Dich wohl, ob Du ſtark biſt, ſie mit ihr zu theilen, und ihr Leben nie mit einem Vorwurf zu beſchweren. Wie Angus von Vielen, die Du achten mußt, gehaßt wird, das weißt Du, und Du ſuchſt Dich mit ihm in Blutsverwandtſchaft zu ſetzen? Denke auch an mich, der Glanz der Donglaſſe wird erloͤſchen, man wird ihre Guͤter ein⸗ ziehen, um Angus alier Mittel zu berauben, 167 je eine drohende Stellung gegen den Koͤnig nehmen zu koͤnnen, wenn ihn auch England unterſtutzte. Haſt Du ſo viel Vermoͤgen, um die Beduͤrfniſſe einer Feau zu befriedi⸗ gen, die an Pracht und Aufwand gewöhnt iſt? Gewiß, ſuͤr dieſe Verbindung ſtimmt ſelbſt Dein weiſer, vorſichtiger, Ruhe lie⸗ bender Vater nicht. Was gäbe der darum, wenn Deine Schweſter nicht Angus Gattin waͤre! Iſt Glami's Beſitz ein ſo hoher Preis, daß Du mit Deinen Eltern, vielleicht mit vielen Deiner Freunde in abgeneigten Zwieſpalt geräthſt? Wäre ihre Liebe mehr werth, als die Liebe Deiner Freunde?“ „Da, Jakob, haſt Du eine offene Er⸗ klärung, meinen Rath, Du haſt ihn von mir gefordert, und der Freund war ihn dem Freunde ſchuldig. Vielleicht ſteht ſie mit Deiner Neigung im Widerſpruch, Du zurnſt mir wohl ſogar; aber ich mußte —— ſ. ſ 1 1 ji 1 —— 168 Dir die Wahrheit ohne Schleier, ohne ſüß⸗ lichen Zuſatz zeigen.“ Jakob machte ein ſehr ernſtes Geſicht und erwiederte:„Ja, Du haſt mir die Wahrheit von einer Seite gezeigt, wie man ſie nicht gern ſieht, aber Dein Gutmeinen verkenne ich darum nicht. Wenn ich aber von Glami anders urtheile und von meiner Liebe gegen ſie, wie Du, ſo wirſt Du mir verzeihen. Es traͤgt ein Jeder ſeinen Maß⸗ ſtab in ſich, an dem er den Werth oder Unwerth Anderer mißt, und gewiß weiß es doch Keiner, ob er Recht hat oder ob er irrt. Wo es insbeſondere auf's Gefuͤhl ankoͤmmt, da kann man ſchwer entſcheiden. Es moge unſerer Freundſchaft keinen Ein⸗ trag thun, daß ich mit meinem Gemuͤthe in meiner Lage anders handele. Wir wol⸗ len uns nicht tadeln. Am beſten iſt es, wir vermeiden es, je wieder von der Lady 169 zu reden.“—„Jakob, ich halte Dich beim Wort, Du redeſt von ihr nie mit mir.“ Nicht lange verweilte Jakob mehr in Berkonlitte. Er bat bei ſeiner Abreiſe Heinrich Murray um einen baldigen Be⸗ ſuch, aber dieſer entgegnete:„Jakob, es hat ſich zwiſchen uns eine Scheidewand er⸗ hoben, und ich muß furchten, die wird im⸗ mer hoͤher und ſtarker. Freunde, die in Hauptpunkten, bei denen ihr Herz ſo vor⸗ zuglich intereſſirt iſt, ſo verſchieden und entgegengeſetzt empfinden, entfremden ſich leicht.“ In den Worten lag das Geſtaͤnd⸗ niß ſeiner Liebe zu Glami verbluͤmt, aber Jakob konnte es um ſo weniger entdecken, wenn er das bedachte, was Heinrich von einer Verbinduſg mit ihr ſagte. Murray aber, der ſich von ſeiner Warnung, die er Jakob gab, viel verſprach, haite es erkannt, daß die Liebe deſſelben, die er zut Jung⸗ 17⁰ frau hegte, dieſe uͤberhoͤrte. Er fuͤrchtete an ihm den gefährligſten Nebenbuhler zu haben. Er wie er mit Glami ſtand, und glaubte das Zoͤgern, die Schonung aufgeben zu muͤſſen, die er fruͤher dem verſtimmten Gemuͤthe der Lady ſchuldig zu ſeyn glaubte. Aber, wie ſich ihr nahen, wie ſie erforſchen, ohne daß es Jakob erfuhr? Das war eine Aufgabe, die ſich ſo leicht nicht loͤſen ließ. Das Unrecht, was er gegen einen Freund beging, den er taͤuſchte, ſah er ein und billigte es nicht, aber ſeine Leidenſchaft war zu herrſchend und maͤchtig, als daß er auf das Rechte und Wahre achtete, ihr opferte er Alles, Alles auf, um nur ſein Ziel zu erreichen. Ernſt und finſter, daß Heinrich Mur⸗ ray ſo uͤber Glami urtheilte, daß er ſeine Liebe zu ihr ſo hart tadelte, trat Jakob mit ſeinem treuen Cunert, der ihn zu tröſten 171 ſuchte, die Ruckreiſe an. Es war ſein feſter Entſchluß, mit dem Zebenntniß ſeiner zaͤrt⸗ lichen Neigung geßen Glami nicht zuruͤck⸗ zuhalten, und insbeſondere ſeinen Vater aufzufordern, daß er ihm ſeine Zuſtimmung zu der Verbindung mit ihr gab. Der Graͤfin Douglas, von der er den wenigſten Widerſpruch fuͤrchtete, mußte es erwünſcht ſeyn, daß ihre verwaiſete Familie wieder ein Oberhaupt erhielt, das ſich mit aller Macht den drohenden Stuͤrmen entgegen⸗ ſtellte, die man erhob, um ihr Gluͤck, was noch ein glaͤnzendes war, zu verdunkeln. Als er in die Halle ſeines Vaters trat, fand er außer ihm und ſeiner Mutter auch ſeinen Bruder und deſſen Gattin⸗ Sie ſchienen in ein ernſtes Geſpraͤch ver⸗ ſunken zu ſeyn. Als ihn Herburn anſichtig wurde, fuhr er ihn mit den Worten an: „Trotzkopf, iſt nun Deine boͤſe Laune vor⸗ 172 3 uͤber, daß Du wieder koͤmmſt? Fuͤrwahr, einen Thor muß ich Dich nennen, der un⸗ erlaubte Mittel anwendet, um eigenſuchtige Zwecke zu erreichen. Jene ſind ſtraflich und dieſer taugt nicht. Ungluͤcksſtifter, großes Unheil haſt Du angerichtet. Ein Menſch iſt ſchon todt, und ob der andere noch lebt, das iſt die Frage. Wie willſt Du das verantworten!“—„Nun, nun,“ ſagte Jakob ganz betroffen,„was fuͤr ein Empfang iſt das? Ihr macht eine lange Vorrede, die ich nicht begreſfe, erklaͤrt mir ihre Räthſel. Von Ungluͤcksſtiftern, von Tod, von ſtraͤflichen Mitteln und Zwecken redet Ihr, ſoll ich das auf mich deuten? Vielleicht ſeht Ihr mich fuͤr einen Andern an.“—„Nicht doch,“ erwiederte Herburn, „ich traͤume nicht, ich raſe nicht, ich weiß es recht gut, daß Du der Jakob biſt, den eine laͤppiſche Raſerei unſinnige Streiche begehen ließ.“ Der Graf fuhr alſo fort:„Woſuͤr ſoll man es denn halten, wenn ein junger Menſch ſo thoͤricht und unuͤberlegt handelt, und Auflaurer in einen Wald ſtellt, um eine Jungfrau gefangen nehmen zu laſſen? Wiſſe, die Narren werde ich beſtrafen, welche Dir von meinen Leuten in unbilligen Stucken gehorſamten. Du verdir bſt mir ſie, und machſt Dich zum Oberhaupte ſträflicher Vergehungen, die das obrigkeit⸗ liche Geſetz zuchtigt. Was fuͤr eine Ge⸗ ſinnung ſoll denn das ausſprechen, eine freundliche oder feindliche, daß Du die Lady Douglas wegfuhren laſſen wollteſt? Gab ſie Dir dazu die Erlaubniß, hatteſt Du ein Recht dazu? Was wollteſt Du aus ihr machen, wenn ſie in Deine Gewalt fiel? Wiſſe, Du haſt einen Streit veran⸗ laßt, in dem der ehrliche, a allzugefaͤllige Pa⸗ trik fiet. Ungern verlor ich den Juͤngling, und ſein alter Vater flucht Dir als dem 174 Urheber, der ihn den ſchmerzhafteſten Ver⸗ luſt zuzog. Ob der Jäger Volkoleith noch lebt, das kann man nicht wiſſen. Glami iſt in Zorn gegen Dich entbrannt, daß Du ihr eine Poſſe der Art ſpielen wollteſt, und ſie faͤllte uͤber Dich ein Urtheil, das ſo gerecht als ſchneidend war. Mochteſt Du es nur ſelber gehoͤrt haben, ſo wuͤrde Deine Hoffnung ſchnell zerſtieben, mit ihr den Bund einer zaͤrtlichen Neigung anzu⸗ knupfen. Es ſteht mir Alles zu Gebote, um Dich von der Krankheit junger Narren zu heilen, die mehr Gefuͤhl als Kopf haben. Kurz, allen Umgang mit der Lady unterſage ich Dir auf's ſtrengſte, aus vielen Gruͤnden, und auch aus dem, daß Du die Ehre und Ruhe Deiner Familie nicht auf's Spiel ſetzeſt. Noch bin ich Dein Vater und Dein Herr, meine Befehle mußt Du als heiliges Geſetz reſpektiren, und fehlt Dir dazu der Wille, ſo werde ich mir mit 175 Gewalt Gehorſam zu verſchoffen wiſſen. Wenn Du mir einen ſteifen Nacken ent⸗ gegenſtellſt, ſo werde ich ihn zu beugen wiſſen, ſollte das nicht geſchehen, ſo mag er brechen. Welchen Verdruß machen einem große Kinder, die wie kleine Kinder ohne Vernunft und Ueberlegung handeln! Keine Bitte, keine Entſchuldigung erlaube ich Dir, puͤnktlichen Gehorſam fordere ich.“ Jakobs Gemuͤth war ſehr zerruttet, als er den Vater ſo reden hoͤrte. Er hatte es vernommen, daß die heimliche Entfuͤh⸗ rung der Lady, die er ſelbſt mißbilligte, ent⸗ deckt war. Patriks Tod ſchmerzte ihn gar ſehr. Am tiefſten aber verwundete ihn das, was der Vater von der Abneigung ſagte, welche Glami unverholen offenbart hatte. Er kannte den Vater, der zornig, ſtreng und unerbittlich war, welcher ſich von ſeinen Beſchluͤſſen nichts abdingen ließ. 176 „Habe ich gefehlt,“ ſagte er,„ſo muͤßt Ihr mir verzeihen, ohne Straucheln und Fallen lernte kein Menſch noch gehen. Mit dieſer Haͤrte fahrt mich nicht an, ſie moͤchte Böſes anrichten. Wenn dem Leben das Theuerſte entriſſen wird, ſo ſteht es in keinem Preiſe mehr, man giebt es dem ohne Bedenken zuruͤck, der es uns gab. Daß Patrik in einem Kampfe umkam, thut mir weh, ich habe ihn ſehr geliebt; aber waͤre ich denn fuͤr die Folgen einer Handlung auch verantwortlich, die ich nicht berechnen konnte? Warum verhuͤteten nicht die ſeinen Tod, wenn ſie es vermochten, welche zugegen waren? Konnte ich es in ver Ferne? Hart haͤtte Glami uͤber mich geurtheilt? So urtheilte ſie ungerecht, ich meinte es mit ihr gut. So geht es den beſten Unternehmungen, wenn ſie ſcheitern, haͤlt man ſie fuͤr Poſſen eines narriſchen Kopfes, und wenn ſie gelingen, da hat man's klug gemacht. Aus dem Munde der Lady mochte ich's doch ſelber hoͤren, ob ſie mich wirklich verdammt, ob ſie ſo wider mich eingenommen iſt. In der Regel ver⸗ ſagen wir doch denen unſer Wohlwollen nicht, die uns mit Liebe entgegenkommen, wir ſind ſogar durch unſer Herz dazu ge⸗ zwungen, und eine Sonderbarkeit eigener Art waͤre es doch, wenn das bei Glami der Fall nicht wa. Ich will mich doch ſelbſt davon uͤberzeugen, das wenigſtens darf man mir nicht verwehren. Erklaͤrt ſie es aber ſelbſt, daß ſie mich nicht lieben kann, ſo wird ſie mich wie der beſte Arzt von einer alten Krankheit heilen. Will man mir's auch verbieten, nach Doventale zu reiten, ſo ſperre man mich ein, wie einen Miſſe⸗ thaͤter, in ſo dicke Mauern, die ich nicht zerbrechen kann. Dem Adler muß man die Flugel abhauen, wenn er nicht mehr fliegen ſoll.“ 2 178 „Gehe nur, Jakob, und beſinne Dich zuvor,“ ſagte Heinrich.„Bei dem folg⸗ ſamen Sohne, der ſeines Vaters Verbote ehrt, bedarf es der gewaltſamen Mittel nicht, um ſeinen Gehorſam zu erzwingen.“ — Mit bitterm Lächeln erwiederte Jakob: „Iſt die Leidenſchaſt, die uns im Herzen ſturmt, nicht maͤchtiger, als ein väterliches Verbot? Man kann dies ehren, und ſich dennoch ihm folgſam nicht unterwerfen. Wer ſo ohne Hinderniß und Gefahr in den Hafen der Liebe einlaͤuft, wie Du, dem wird es freilich nicht ſchwer, zum Ge⸗ horſam ſolcher Verbote zu rathen, die ihm den Beſitz des groͤßten Erdenguts verſagen. Waͤre ein Machtſpruch hinreichend, um Dich auf ewig von Deiner Margaretha zu trennen? Wie nun, wenn ich die Lady in demſelben, und vielleicht in einem hoͤhern Grade liebe? Einen Wegweiſer, der mir die Bahn bezeichnet, die ich gehen ſoll, bedarf 179 ich nicht, aber einen Freund, der mir die Hinderniſſe und Kiippen hinwegräumen hilft, die auf derſelben liegen. Stimme den Vater guͤtiger gegen mich, das iſt bruͤ⸗ derlich, und wenn Du das nicht vermagſt, ſo bemitleide mich, denn ich bin ein Un⸗ gluͤcklicher.“ Voll Wehmuth verließ Jakob die Halle, Heinrich ging ihm nach, ſein Herz war geruͤhrt, er bedauerte ſeinen Bruder. Auf ſeinem Zimmer fand er ihn und ſuchte ihn durch gutigen Rath von ſeiner Liebe zur Lady obzulenken. Jakob erwiederte: „Wenn Glami nicht ſelbſt erklaͤrt, daß ihr Herz fuͤr mich keine Neigung empfindet, ſo kann mich keine menſchliche Macht zwingen, nicht weiter nach ihrem Beſitz durch alle Mittel zu trachten, die mir zu Gebote ſtehen. Wird ſie mir's aber auch einge⸗ ſtandig, daß ich nicht der Mann fuͤr ſie 180 bin, um ſie in der ehelichen Verbindung ſo gluͤcklich zu machen, als ich es wuͤnſche, wohlan, dann will ich mich von ihr los⸗ reißen und mich ſelbſt zu vergeſſen ſuchen. Was mir die freie Liebe nicht gewähren kann, das mag ich ihr durch keinen Zwang abringen.“ Heinrich blieb auf Bitten ſeines Va⸗ ters einige Tage laͤnger in Dunskirk, um die Sache von allen Seiten zu beleuchten, und das Gemuͤth ſeines Bruders mehr und mehr von der Liebe abzuziehen, die in ihm fuͤr die Lady flammte. Seine Gattin Margaretha war mit ihren Kindern abge⸗ reiſet, weil ihr der Aufenthalt unter den obwaltenden Umſtaͤnden bei ihren Schwie⸗ gereltern keineswegs erheiternd war; uͤber⸗ dies glaubte ſie auch, daß ſie eine wichtige Pflicht gegen ihren Bruder Heinrich erfullen muͤſſe, wozu ſich in der Abweſenheit des 181 Gatten die ſicherſte Gelegenheit fand. Als ſie auf ihrem Schloſſe angekommen war, ſchickte ſie ſogleich einen Boten nach Ber⸗ konlitte, und ließ ihrem Bruder ſagen, daß er ſich beeilen ſollte, nach Birkditle zu kommen. Am andern Morgen, in aller Früͤhe, kam der Bruder bei der Schweſter an. Sie theilte ihm die Vorfaͤlle und Scenen mit, die ſie in Dunskirk erlebt hatte, von denen ſie ſelbſt Augen⸗und Ohrenzeuge ge⸗ weſen war, und ſagte dann:„Heinrich, Du weißt es auch, wie ich Dich liebe, und wie mir Dein Gluͤck ſo theuer iſt, wie mein eigenes Wohl. Nicht will ich Gla⸗ mi's Tugend und Unſchuld in Schatten ſtellen, ja, ich glaube an ihre unbefleckte Reinheit, an ihr frommes, liebegutes Herz⸗ Wer müßte es nicht eingeſtändig ſeyn, daß ſie ſelbſt jett, wo ein geheimer Kummer 182 ſie nagt, mit dem ganzen Schmucke jung⸗ fraͤulicher Schönheit bluͤht. Daß Du fuͤr ſolch ein Maͤdchen eine zaͤrtliche Neigung empfindeſt, daß Du nach ihrem Beſitze ſtrebſt, das wuͤrde ich nicht mißbilligen koͤn⸗ nen, wenn Eins nicht waͤre. Ja, ich bin es in mir ganz gewiß, ſoll Glami waͤhlen, daß ſie Dich Jakob Bothwell vorzieht. Aber, warum verſchweigſt Du Deinem Freunde die Liebe, welche Du fuͤr Glami empfindeſt? War es nicht redlicher, wenn Du Dich ihm offenbarteſt? Du ſchleichſt im Dunkeln, Du willſt ihn uͤberliſten, ihm gleichſam eine Beute weghaſchen, nein, das iſt nicht edel, es iſt nicht freundſchaftlich, es iſt vielmehr gottlos und ungerecht. Wer nur Gefuͤhl fuͤr Recht und Wahrheit hat, der muß Dein Betragen mißbilligen, und es veraͤchtlich finden. Du kannſt es Dir leicht denken, wie's mich ſchmerzt, daß ſich mein Bruder von der Leidenſchaft ſo 183 * blenden und ſich durch ſie ſo erniedrigen läßt. Die Edelſten muͤſſen ſich zur Rache gegen Dich verbinden, und die Gerechten werden ſich uͤber Deine Beſtrafung fteuen, je härter ſie iſt. Gegen Jakob kannſt Du Dich nicht rechtfertigen. Ich habe es Dir erzaͤhlt, wie man Alles aufbietet, um den Juͤngling zu überzeugen, daß er ſich ohne große Nachtheile mit Glami nicht verbin⸗ den kann, vielleicht hoͤrt er aus ihrem Munde die Erklarung, daß ſie ſich mit ihm nicht verbinden will. Wenn er zuruͤcktritt, wenn er ſelbſt die Neigung niederſchlägt, die noch in ſeinem Innern fuͤr die Lady flammt, und alle Anſprüche an ihre Perſon aufgiebt, dann, mein Bruder, kannſt Du ihm geſtehen, daß ſie das Weſen iſt, wel⸗ ches Du Dir fuͤr den ehelichen Bund er⸗ kohren haſt. Will er Dir dann zuͤrnen, und haſt Du Dich uͤber alle Bedenklichkei⸗ ten erhoben, ſo mag er es. Dem Freunde —— —— 184 biſt Du es nicht ſchuldig, Dein Herz von einem Maͤdchen abzulenken, das ihm die Hand verweigerte. Bis dahin, ſo erſcheint es mir am beſten, ſollteſt Du eine weiſe Ruhe beobachten, und ohne thaͤtiges Wir⸗ ken dem Walten des Schickſals zuſehen, ob es fuͤr Deine Liebe guͤnſtig oder unguͤnſtig entſcheidet. Wer die Vernunſt in ſich lähmt und nur der Stimme der Leiden⸗ ſchaft folgt, der vertraut ſein Gluͤck einer feindlichen Hand an, die es zertruͤmmern wird.“ „Schweſter,“ ſagte Heinrich,„Du for⸗ derſt viel von mir, doch weiſe iſt Dein Rath, und ob ich ihn befolgen kann, das will ich verſuchen. Ich finde es ſelbſt, daß ich nicht redlich gegen Jakob handele, daß ich ihm mein Geheimniß, da er mir das ſeine offenbarte, nicht haͤtte verſchweigen muͤſſen; aber waͤre die Entdeckung deſſelben 185 nicht eine Herausforderung zwiſchen mir und ihm zum Kampf und zur Feindſchaft geweſen? Den fuͤrchtete ich.“—„Wirſt Du ihn vermeiden, wenn er es ſpaͤter er⸗ faͤhrt, daß Du gegen ihn den Falſchen und Hinterliſtigen ſpielteſt? Muß das ſeine Rache nicht noch mehr entflammen? Wahr⸗ lich, ich begreife es nicht, von welch einem Rathgeber Du die Regeln Deines jetzigen Verhaltens annimmſt und ſie befolgſt.“ Es trat jetzt der Zeitpunkt ein, wo Heinrich Murray und Jakob Bothwell ſich oͤfter ſahen; aber der Name Glami wurde von ihnen nicht genannt. An einem Tage, wo Murray zu einer großen Jagd nach Dunskirk geladen war, erzahlte ihm Jakob am Abend folgendes:„Geſtern war der unglucklichſte Tag meines Lebens. Er hat mir mehr geraubt, als mir die Welt er⸗ ſeten kann. Ein ſüßer Wahn hat mich 186 getaͤuſcht, ich weiß es nun, er hat mich be⸗ trogen. Glaubte ich nicht an die Weisheit und Guͤte eines hoͤhern Gefchicks, ich warde mir das Leben genommen haben. Geſtern alſo eilte ich heimlich ohne Wiſſen meines Vaters nach Doventale. Meine Unruhe hatte den hoͤchſten Grad erreicht, alle Martern der Un⸗ gewißheit und Zweifel fuhlte ich, es mußte zur Entſcheidung kommen, und ich naͤhrte in mir eine guͤnſtige Hoffnung Die Graͤfin Douglas wurde aus dem Zimmer gerufen, ein frem⸗ der Mann wuͤnſchte ſie zu ſprechen. Gla⸗ mi ſtand vor mir am Fenſter, ich benutzte die Gelegenheit. Als ich mit ihr allein war, geſtand ich ihr meine Liebe, und ver⸗ ſchwieg es ihr nicht, daß meiner Verbin⸗ dung noch Hinderniſſe im Wege ſtanden, die ich aber leicht zu uͤberwinden glaubte. Als ich die Frage an ſie that, ob ſie den unzertrennlichen Bund der Ehe mit mir ſchließen wolle, erwiederte ſie, indem ſie 187 mich mit großen Augen und mit allen Zeichen der innern Mißbilligung anſah: „Jakob, den Antrag, da Ihr mich kennen muͤßt, haͤtte ich am wenigſten von Euch er⸗ wartet. Ihr wißt es, wie ich im Innern leide, wie kann ein Herz, das ſo verwundet iſt, Euch eine erwuͤnſchte Antwort geben, wie konnt Ihr die erwarten! Zu hart bin ich getaͤuſcht, einem zweiten Juͤnglinge mag ich meine Ruhe nicht anvertrauen. Habt Dank fuͤr Eure Liebe, in der Art, wie Ihr ſie von mir fordert, werdet Ihr ſie nie er⸗ langen. Nur Eins bitte ich Euch, macht keinen Verſuch, meine Neigung zu erzwin⸗ gen, Ihr wuͤrdet auch meine Achtung da⸗ durch verlieren, den, welchen Ihr gemacht habt, mich aufzufangen, er kraͤnkt mich noch. Wie ungluͤcklich waͤre ich durch Euch geworden, und Ihr hattet auf dieſem Wege Euern Zweck nie erreicht! Könnt Ihr den Umgang, wie er bisher unter uns 188 beſtand, ſo nicht fortſetzen, ſo entfernt Euch auf immer von mir. Achtung aber gebiete ich Euch, ich kann ſie von Euch fordern. Siehſt Du, Heinrich, ſo iſt mein Gluͤck durch die Hand, von der ich es erwar⸗ tete, in Scherben zertruͤmmert. Fern will ich mich von Glami halten, aber die Flamme meiner Liebe gegen ſier kann nie erlöſchen. Wenn ich ihr nur zurnen könnte, das wuͤrde meinen heftigern Schmerz lin⸗ dern, aber auch das kann ich nicht,“ Als Jakob ſo ſprach, ging vor Mur⸗ ray's Augen die Sonne einer glaͤnzenden Hoffnung auf, alle Nebel vielfacher Be⸗ denklichkeiten ſenkten ſich nieder. Der Freund hatte keine Anſpruͤche an der ver⸗ meinten Braut, ſie hatte ſie ihm aufgekuͤn⸗ digt, er mußte ſie aufgeben. Murray mußte ſich Zwang anthun, um ſeine ge⸗ yeime Freude zu unterdruͤcken. Er ſagte: 189 „Es ſteht ja unſer ganzes Schickſal unter der Leitung einer unſichtboren Macht, und ſo viele Zweifel wir gegen ihre Guͤte oft hegen, wenn ſie uns nicht auf der Bahn unſerer Wuͤnſche fuͤhrt, die Erfahrung ſpricht doch dafuͤr, an ihrer Hand kommen die Menſchen immer zu einem beſſern Ziele, als ſie ſelbſt erſahen. Dies ſchon muß Dich beruhigen, wenn ein geheimer Gram Dich fuͤr das Ueberlegen nicht unfähig macht. In welchen Krieg und Zwieſpalt waͤreſt Du auch mit den Deinen gerathen, wenn Du unlenkſam und unbeweglich an Deiner Liebe hingeſt! Hat Dir Glami den Ruͤck⸗ ſchritt nicht ſelbſt erleichtert? Boͤſe kannſt Du deshab nicht auf ſie ſeyn, daß ſie Dir das unzweideutige Geſtändniß ablegte. Ein getheiltes Herz haͤtte Dich nie befriedigt. Trifft ſie aber je eine andere Wahl, giebt ſie einem andern Juͤnglinge ihre Hand, die ſie Dir verſagte, wirſt Du dann ihm oder 190 „ ihr zurnen? Sie iſt durch keine Art von Verpflichtung gegen Dich gebunden, und⸗ könnteſt Du's auch Deinem beſten Freunde verargen, wenn er ein Gluͤck erzielt, das Du nie erreichen wirſt?“ „Heinrich,“ entgegnete Jakob,„das ſind Fragen, auf die ich Dir die Antwort ſchuldig bleiben muß. Nur ſo viel kann ich Dir fuͤr jetzt darauf erwiedern: es liegt nur Schmerzhaftes darin, wenn ſie mir einen güngling vorzieht, und ich möchte ihr das verargen, ob ich aber den lieben kann, der ſich in ihrem Beſitze glücklich fühlt, wenn ich ihn auch nicht haſſe, das weiß ich ſelber nicht. Wenigſtens denke ich in dieſem Punkte ſo: das verlorne Gut meines Freundes, wodurch uͤber ſein Leben eine Trauerwolke gezogen wird, konnte mir nie eine Quelle der Freude werden, und ich traue mir ſo viel Zartgefuͤhl zu, mich auf 191 eine ſolche Weiſe mit ihm nie in ein ſo ſchreiendes Mißverhaͤltniß zu ſetzen. So denke ich, könnteſt Du anders denken?“ Murray durfte zum Gluͤck auf die Frage keine Antwort geben, die ihn gewiß in große Verlegenheit geſetzt hätte, da Cunert eintrat, und die Freunde in die Halle hinabrief, da die Tafel angerich⸗ tet ſey, und man ſich niederſetzen wollte. An den heitern und ernſten Geſpraͤchen nahm Murray den wenigſten Antheil, er dachte nur an Glami, ſeine Seele ging mit Planen ſchwanger, wie er zu der Gewißheit kommen koͤnne, daß ſie ihn liebe. Der Graf Herburn und ſein Sohn Heinrich waren in der froͤhlichſten Seelenſtimmung, da es ihnen Jakob ſelbſt geſtanden hatte, daß er auf Glami's Liebe Verzicht leiſten muͤſſe, und ſie boten Alles auf, ſeinen truͤben Sinn aufzuheitern und 192 ihn ruhiger zu ſtimmen. Margaretha war in Dunskirk ſelbſt zugegen, und das Ver⸗ haͤltniß, in welches Glami den jungen Both⸗ well gegen ſich geſtellt hatte, war ihr nicht unbekannt. Sie ahnete es ſogar, daß es die Liebe Glami's zu ihrem Bruder war, welche Jakob eine ſo beſtimmte abſchlägliche Anwort, ohne Zartheit und Schonung zuzog. Glaubte Glami auch nicht, daß Jakob daran ſchuld ſey, daß ſich Murray in die⸗ ſer achtungsvollen Ferne von ihr hielt der ihr einſt redende Beweiſe ſeiner Zärtlichkeit gab, und beabſichtete ſie's nicht, daß er's eben durch Jakob erfahren ſollte, daß dieſer ihm kein Hinderniß zu ihrem Herzen war?“ „Nun, Schweſter,“ ſagte Heinrich Murray, als er ein Stuͤndchen mit ihr allein war,„ich erinnere Dich jetzt nun an die Worte, die Du letzthin zu mir ſagteſt, als von mir und Glami die Rede war, ſie 193 lauten ſo: dem Freunde biſt Du es nicht ſchuldig, Dein Herz von einem Mäbchen abzulenken, das ihm die Hand verweigerte. Glami hat aber Jakob die Hand verwei⸗ gert, nun trete ich der Pflicht der Freund⸗ ſchaft nicht zu nahe, wenn ich meiner Hoff⸗ nung, meiner Liebe gewiß zu werden ſuche. Das groͤßte Hinderniß, das mir im Wege ſtand, hat ſich ſelber hinweggeraumt. Koͤnnte Jakob mir zuͤrnen, daß ich nun zum Beſitze eines Gutes zu gelangen ſtrebe, das ihHm nie gewaͤhrt werden wird, ſo muß ich ſeine Feindſchaft, die aus Neid und Eiferſucht entſpringt, ertragen. Nun aber weiſe Du mir den rechten Weg, auf dem ich ſicher und ohne Anſtoß zur Gewißheit ge⸗ lange, daß Glami mich liebt wie ich ſie liebe. Ja, ſey Du ſelbſt meine Fuͤrſpre⸗ cherin. Dir iſt es leicht, ihr Herz unmerk⸗ lich zu erforſchen. Du ebneſt mir die Bahn dahin. So manchen Liebesdienſt im Leben 13 49 ½ habe ich Dir ſchon zu verdanken, ſetze Deiner Schweſterzaͤrtlichkeit mit dieſem, fuͤr mich hoͤchſten die Krone auf.“ Mit nachdenkendem Ernſt entgegnete Margaretha:„Langſam, langſam, nicht ſo uͤbereilt! Was Du wuͤnſcheſt, das wird im Fiuge, wie mit einem Schlage nicht gewon⸗ nen. Ob Glam's Seele, die Schweres zu betrauern hat ſchon fuͤr Liebe und zaͤrtliche Neigung geſtimmt iſt, das muß ich, wenn ich mich richtig auf die Kenntniß des weib⸗ lichen Gemuͤths verſtehe, ſehr bezweifeln. Sie iſt nicht leichtſinnig, daß ſie von einer Veraͤnderung zur andern uͤbergehen koͤnnte, ohne unſanft beruͤhrt zu werden. Welche das vermag, die beweiſet es wenigſtens, daß ſie eines tiefen, treuen und wahren Gefuͤhls nicht faͤhig iſt. Du mußt viel zu hoch von Dir denken, wenn Du Dir einbilden koͤnn⸗ teſt, Deine Perſon hätte ſolchen zauberiſchen 195 Werth, daß vor ihr alle Bedenklichkeiten verſchwaͤnden. Mir iſt es ſo, als ob ich mich an Jakob verſuͤndigte, wenn ich Dir bei Glami das Wort rede. Meinſt Du, daß unſere Eltern nichts gegen Deine Ver⸗ bindung mit einer Douglas haben? Du weißt, wie vorſichtig und weiſe der Vater zu handeln pflegt, welche Ruͤckſichten er nimmt, und wie es gewiß nicht ſein Wille iſt, dem Koͤnig und den Edeln die offene Erklaͤrung vorzulegen, daß er es mit den Douglaſſen haͤlt. Angus war nie der Mann nach ſeinem Sinne. Das Betragen, Schmeicheln und Kriechen der Gräfin Doug as, als ob ſie dem jungen Koͤnig ihre Tochter anbetteln wollte, miß⸗ billigte er ſehr, und er ſchalt eine Mutter, die die Unſchuld und die Tugend, die Ehre und den guten Ruf eines unerfahrnen Kin⸗ des auf ein ſolches Spiel ſetzte. Glami hat er nie getadelt; aber er ſchwieg von 196 ihr. Glaube nur nicht, daß Dir Fluͤgel angeſetzt ſind, um Dich dem Ziele Deiner Wuͤnſche entgegen zu ſchwingen, ach, ich ſehe hohe Berge, die Du nicht ſo leicht uͤberfliegen wirſt. Was ich aber vermag, ohne mich ſelbſt in Verlegenheiten zu ver⸗ wiceln, das will ich fuͤr Dich thun. Du weißt, wie mein Gatte ſeinen Bruder Ja⸗ kob liebt, und iſt der nicht der treueſten Bruderliebe werth? Wie, wenn mein Heinrich glauben koͤnnte, daß ich Dienſte Dir erwies, die ich Jakob verſagte? Oder, daß ich den groͤßern Theil der Schuld truͤge, daß Glami ſich ſo abſprechend, ſo wenig guͤtig gegen Jakob erklaͤrte! Das wuͤrde er mir nie verzeihen. Er fordert eine hohe Tugend von mir, weil er ihrer ſelbſt faͤhig iſt, und ſie leiſtet. Ueberhaupt ge⸗ faͤllt mir das Geheimnißvolle, das Ver⸗ ſtecken nicht, wer eine gute Sache hat, der kann mit ihr an's Licht treten. Er ſcheint 197 ihr ſelber nicht zu trauen, ſie zu mißbilli⸗ gen, wenn er ſie verbirgt.“ „Margaretha, Du treibſt es mit Dei⸗ nen Bedenklichkeiten zu weit, ich moͤchte Dir deshalb ſaſt zurnen. Kannſt Du mir nicht mit gefälligem, willigem Herzen Gu⸗ tes erweiſen, ſo verlange ich keinen Dienſt. von Dir. Haſt Du es nicht gar erwartet, daß ich Dir eine ſolche Leußerung mache? Vielleicht muß ich Dir's in's Gedaͤchtniß rufen, daß ich ohne Wiſſen der Eltern der getreue und verſchwiegene Brieſtraͤger zwiſchen Dir und Deinem Gatten war, als Du nur zweifelhaft auf die Zuſtimmung des Vaters und der Mutter rechnen konn⸗ teſt. Füͤhre ich denn Boͤſes gegen Jakob im Schilde, daß ich darum nur geheim halte? Waͤre es denn klug und verſtaͤndig, von einer Sache dann ſchon laut zu reden, von der man nicht weiß⸗ wie ſie gerathen 195 wird? Was kannſt Du fuͤr Jakob thun, wenn Du fuͤr mich nichts thun willſt? Wer hat ein groͤßeres Recht, die Beweiſe einer dienſtbereiten Liebe von Dir zu for⸗ dern, er oder ich? Doch ich fordere nichts von Dir, nur bitte ich, mache Dich der Verletzung des Verhaͤltniſſes nicht ſchuldig, in das uns Gott und Natur mit einander geſetzt hat. Nun aber laß uns von unſerer Sache nicht weiter reden, Du weißt wie. über ſie denke.“ Wirklich war Heinrich Murray mit ſeiner Schweſter unzufrieden, daß ſie ſo aͤngſt⸗ lich ſo bedachtſam war, daß ſie nicht den warmen Antheil an ſeinem Gluͤcke und der Gruͤndung deſſelben nahm, als er ihr zu⸗ traute. Seinen innern Mißmuth mußte er bekaͤmpfen, als er wieder in der Geſellſchaft erſchien, in der eine gemiſchte Stimmung herrſchte. Jakob ſchien heiter, aber wie 199 . einer, der mit der Miene lächelt, indeß er ſich im Innern verwundet fuhlt. Ehe ſich Alle von einander trennten, ſagte Marga⸗ retha ihrem Bruder in's Ohr:„Um's Him⸗ mels willen, wenn Dir Dein Leben theuer iſt, bitte ich Dich, unternimm nichts, wo⸗ durch Du Dir die Gewißheit erzwingen willſt, ob Dich Glami liebt oder nicht. Ueberlaß mir die Sorge, fur Dich zu wir⸗ ken. Von mir ſollſt Du es erfahren, wenn und wie Du handeln mukßt. Gieb mir darauf Dein heiliges Verſprechen.“„ Murray gab ſeiner Schweſter die Hand und ſagte:„Dies Verſprechen gebe ich Dir, und ſchwoͤte, daß ich es halten will. So biſt Du meine Schweſter wieder!“ Jetzt muͤſſen wir uns zu andern Er⸗ eigniſſen wenden, die Schottland ſelbſt be⸗ treffen, in welchem ſich zugleich die Faͤden anknupften, welche eine ſchauderhafte Be⸗ 200 gebenheit herbeizogen, die die Lady Glam zunächſt anging, ihr ein allgemeines, aber fuͤr ihr Beſtes unwirkſames Mitleid bereitete. Es ſchien dem Koͤnig und ſeinen Um⸗ gebungen noch nicht genug zu ſeyn, daß der Graf Angus von Douglas des Hoch⸗ verraths angeklagt war, daß er, um die Strafe zu vermeiden aus dem Lande fluͤch⸗ tete und wie ein vetbannter Miſſethaͤter in London lebte; daß es der Graͤfin Douglas verboten war, ſich je dem koͤniglichen Schloſſe zu nahen, und daß man ihre Tochter ſo hart und ruͤckſichtslos verwieſen hatte; man fuhr auch mit allen Zeichen der Rache gegen die hervor, welche mit der Familie der Douglaſſe in irgend einer Ver⸗ bindung geſtanden hatten, oder fortgeſetzt Freundſchaft mit ihr unterhielten. Wenn die angeſehenſten Schotten es allerdings billigten und fuͤr Recht erklaͤrten, daß das 201 Geſetz gegen Angus ſeine ganze ſtrafende Gewalt uͤbte, daß es ſogar verboten wurde, ihm zu ſeiner Unterhaltung Geld nachzu⸗ ſchicken, ſo empoͤrte doch die Haͤrte viele Gemuͤther, mit der man fortgeſetzt gegen ſeine Mutter und Schweſter verfuhr. Es hieß ſogar, ſie ſollten gefaͤnglich eingezogen und vor einem Rathe gerichtet werden. In dem Grade, als die Regierung ſich Unge⸗ rechtigkeiten gegen eine Frau zu erlauben ſchien, die nur in verblendeter Eitelkeit ver⸗ zeihlich gefehlt hatte, und gegen eine Jung⸗ frau, welche durch Lockungen aller Art in die Naͤhe des Konigs hingezogen wurde, denen wohl Keine ihres Geſchlechts widerſtanden haͤtte, verbanden ſich die Gemuͤther zum Schutze derſelben. Durch geheime Kundſchaf⸗ ter erfuhr es der Koͤnig, daß es jetzt in Do⸗ ventale nicht an Beſuchen fehlte, daß ſich ſelbſt die vornehmſten Juͤnglinge dort einfanden, welche den Reizen der ſchoͤnen Glami 202 huldigten und ihr Herz und Arm anboten, um jede Art der Gefahr von ihr abzuwen⸗ den, in die ſie gerathen koͤnne, die man ihr zu bereiten im Sinne haͤtte. Im hoͤch⸗ ſten Grade mißfiel dem Adel die Behand⸗ lung welche ſich die Regierung gegen die Douglaſſe erlaubte, und aus ihr erkannte man, in welchem geringen Grade der Ach⸗ tung die Edeln bei dem Konig ü erhaupt ſtanden, und wie wenig ihm ihre Rechte, ihr Verhaltniß gegen den Thron galt. Die Anhaͤnger und Freunde des Angus wurden auf alle Weiſe zuruͤckgeſetzt, beſchimpft, ihrer Ehrenſtellen beraubt und an den Pranger öffentlicher Verachtung geſtellt. Das eben war es, was Alle die erbitterte, welche mit ihnen in Verbindung ſtanden, die ſich in ihnen beleidigt und geſtraft glaubten. Uebrigens beſtand der Adel jetzt noch keineswegs aus einem feſtverbundenen Gan⸗ 203 zen das mit inniger, feſter Kraſt den Ge⸗ waltſtreichen der Regierung entgegenkämpſfte, um Boͤſes mit Böſem zu vertreiben, noch war ihre Zahl getheilt, und mehr als die Halfte derſelben hielt es mit dem Koͤnig, und glaubten eben dadurch die maͤchtigere Gegenparthei zu bilden. Nicht zu dieſer, ſondern zu den Mißvergnugten gehörte der Graf Murray, Bothwell, der kuͤhne, kluge, heftige und unternehmende Ritter Forbes. Es ſpann ſich unter den Edeln, welche auf der königlichen oder adelichen Seite ſtanden, ein Unfriede, ein Zwiſt an, der hie und da kleine Fehden, perſoͤnliche Feindſchaften er⸗ zeugte, die im Stillen abgemacht wurden, ohne daß die Regierung davon Kenntniß nahm, da vor ihr kein Klaͤger erſchien. Es lag darin dem König und ſſeinen Rathge⸗ vern der augenſcheinliche Beweis, daß man Nachvruͤckliches und Durchgreifendes wagen koͤnne, um den Adel, der ſich gegen den ————————— 204 hron zu mächtig erhoben hatte, in die Grenzen der Unterthanspflicht zu verweiſen. Der Koͤnig, um ſeine Macht noch mehr zu verſtaͤrken, und einen eniſchei⸗ denden Schlag auf ſeine Gegner fallen laſſen zu koͤnnen, der ſie ſicher niederſturzte, knuͤpfte eine Verbindung mit dem Far⸗ dinal Beatoun an, dem Haupte der Geiſt⸗ lichkeit. Es iſt in allen Laͤndern der Fall, und fand insbeſondere damals in Schott⸗ land Statt, wo Unwiſſenheit und Finſterniß auf den Geiſtern lag, wo das Licht der Religion noch nicht in reinem Glanze ſchien, wo der Aberglaube mit ſeinem Zep⸗ ter herrſchte, daß die Geiſtlichen, wenn es ihnen an der rechten Klugheit, an Men⸗ ſchenkenntniß und Erfahrung nicht fehlt, einen gewaltigen, maͤchtigen und unver⸗ weigerlichen Einfluß auf die Seelen haben, daß ſie ſie zu lenken und zu regieren ver⸗ 205 mögen. Was kein politiſches Geſetz, was keine Waffe ausrichten kann, das machen ſie durch das geredete Wort der Religion moͤglich. Sie erſcheinen als die Diener der Gottheit, als die Vermittler zwiſchen Erde und Himmel, als die Abgeordneten des unſichtbaren Weltregierers, in deren Hand Fluch und Segen gelegt iſt, den ſie nach Gutdunken vertheilen koͤnnen. Es hat jede Regierung gewiß einen ſchweren, zweifelhaften Kampf zu beſtehen, die es mit der Geiſtlichkeit aufnimmt, mit der es nicht die große Volksmaſſe allein haͤlt, ſon⸗ dern auch ein großer Theil derer, die man zu den Vornehmen, Maͤchtigen und Ein⸗ flußreichen rechnen kann. Moͤgen die Letz⸗ tern durch Stand und Reichthum, durch eine gewiſſe Sittenabgeſchliffenheit und viel⸗ fache Kenntniſſe uͤber den großen Haufen erhaben ſeyn, in Hinſicht der Religions⸗ meinungen, angeerbter Vorurtheile, der 206 Scheu, lange geglaubtes Heilige nicht ver⸗ letzen zu duͤrfen, es zu beſchuͤtzen und zu beſchirmen, weil es im Dienſte Gottes ſteht, ſtehen ſie mit ihm auf einer Stufe. Der Einfluß, den die Geiſtlichkeit auf die Be⸗ wohner Schottlands hatte, war unverkenn⸗ bar, er haͤtte ſich zum Schrecken derer ſchon offenbart, die ihr feindlich entgegen ſtanden, ihr Wort, ihre Verheißung ſturzte maͤchtige Feinde in den Staub und errang den Sieg dem ſchwaͤchern Arm. Um ihre Ergebenheit, um ihren Beiſtand war alſo der Koͤnig be⸗ muͤht, er mußte es feyn, wenn er gefahr⸗ los ſeinen Plan, dem vielkoͤpfigen Unge⸗ heuer des Adels die Kraft zu rauben, mit der er herrſchſuͤchtig und gebieteriſch gegen ſeine vorigen Koͤnige auftrat. Uebrigens war die Geiſtlichkeit nicht bloß auf die Kirche und gottesdienſtliche Verrichtungen beſchraͤnkt, wie das in andern — 207 Laͤndern der Fall iſt, wo man ihr kein po⸗ litiſches Gewicht zugeſteht, und ſorgſam daruͤber wacht, daß ſie es nicht erhaͤlt oder an ſich zieht ſie hatte hier Bevollmächtigte, mit Sitz und Stimme im Parlament. Die kluͤgſten, gewitzteſten Köpfe wurden dazu aus ihrer Mitte gewaͤhlt, welche mit dem Ver⸗ ſtande und der beredten Zunge oft mehr ausrichten, als die Herren von Adel mit ihren Faͤuſten und Schwerdtern. Ein Be⸗ ſchluß, den die geiſtlichen Mitglieder unter⸗ ſtuͤtzten, trat gemeiniglich in Wirkſamkeit, und der welcher ſie zu Gegnern hatte, ver⸗ hallte wie ein leerer Schall. Wer alſo im Parlamente einen Plan durchſetzen wollte, der mußte dieſe Abgeordneten der Gottheit, welche die Herzen des Volks wie Waſſer⸗ baͤche zu lenken vermochten, auf ſeiner Seite haben. Die ſchottiſche Geiſtlichkeit war auch 203 kein armer Hauſen, deſſen Subſiſtenz von milden Gaben abhaͤngig war, der ſich, um ſein Leben zu friſten, vor dem beguͤterten Adel ſchmiegen und ihm huldigen mußte, ſie beſaß eintraͤgliche Pfruͤnden und Guͤter, die ſie in den Stand ſetzten, ein ſorgenfreies Wohlleben fuͤhren zu können. Dies war eine nicht ſchwache Stuͤtze ihres Anſehens. Da, wo der Diener der Religion faſt bet⸗ teln gehen mußte, wo er fuͤr ſeine Dienſte ſchlecht beſoldet wird, wo die Gottheit ihn gleichſam ſelbſt zur Armuth erniedrigt hat, die man mit Mitleid oder Verachtung anſieht, da hat er in den Augen des gro⸗ ßen Haufens, der im Irdiſchen ſeinen Himmel, ſeine Ehre und ſein Heil ſucht, wenig Gewicht, ſeine Stimme wird uͤber⸗ hoͤrt, er ſcheuet ſich derbe Wahrheit zu ſa⸗ gen, und halt er feſt an ſeiner Pflicht, ſo hat man Mittel genug, ſich auf alle Weiſe an ihm zu raͤchen und ihn ſeine Ohnmacht 209 fuͤhlen zu laſſen. Der Aberglaube der vo⸗ rigen Koͤnige, der Eifer finſterer Zeiten, die Meinung, man thue der Gottheit einen Ge⸗ fallen, und könne ſich die Seligkeit durch Gaben erkaufen, die man der heiligen Schaar ertheile, hatte die Geiſtlichkeit in den Beſitz großer Nationalreichthuͤmer ver⸗ ſetzt. Keine Macht des Adels konnte der Kleriſei, wenn der Koͤnig auf ihrer Seite ſtand, ſchaden; aber ihr Wohl und Wehe lag auch in ſeiner Hand, ihr Fortbeſtehen oder ihr Untergang war an den Thron ge⸗ bunden. Der Papſt bekuͤmmerte ſich um die Geiſtlichkeit Schottlands gar nicht, weil das arme Reich ihm keine goldenen Erndten verſprach, und es blieb dem Mo⸗ narchen uͤberlaſſen, Biſchofthuͤmer und Ab⸗ teien nach Gutduͤnken und Gunſt zu be⸗ ſetzen. Uebrigens forderte es die Klugheit, 14 210 es mit dieſem Theile der Unterthanen des Staats auf keine Weiſe zu verderben, und ſie gegen die Regierung zu erbittern, weil ſie wirkſame, durchgreifende Mittel hatten, Boͤſes, was ihnen widerfuhr, in groͤßerm Maße zu vergelten. Ganz richtig dachte daher der Koͤnig und ſeine Rathgeber, die ſuͤr ſeinen Plan zur Demuͤthigung des ſtol⸗ zen Adels ſtimmten, daß es die Geiſtlichkeit mit ihm halten muͤſſe und daß er die wich⸗ tigſten Dienſte zur Befoͤrderung ſeiner Ab⸗ ſichten von ihr fordern könne. Es herrſchte zwiſchen den Edeln und den geiſtlichen Herren nur ein ſcheinbarer Friede, insge⸗ heim fuͤhrten ſie Krieg wider einander und thaten ſich Abbruch, wo ſich die Gelegenheit vazu zeigte. Es mußte alſo den Geiſtlichen willkommen ſeyn, wenn ihnen das Mittel geboten wurde, ſich an ihren Gegnern zu raͤchen. Der Adel war auf die Geiſtlichen neidiſch, weil ſie im Beſitze reicher Pfrunden 211 waren, die urſpruͤnglich dem Staate gehoͤr⸗ ten, und um ſo mehr auf ſie erbittert, da ſie ihm durch das Uebergewicht des Geiſtes, der Klugheit, Einſicht und Liſt immer den Vorrang ſtreitig machten. Was auch ins⸗ geheim geſchah, um ihr Anſehen bei dem Volke zu ſchwaͤchen, es blieb unwirkſam. Die Geiſtlichkeit dagegen verachtete die Edeln wegen ihrer Unwiſſenheit und ſpot⸗ teten einer Ohnmacht, der es nie gelang, ſie durch die Pfeile der Rache zu verletzen. Der Kardinal Beatoun war das Ober⸗ haupt der Geiſtlichkeit. In einer Unter⸗ redung mit dem Koͤnig, wo er mit ihm allein war und ihm unzweideutige Blicke in das Geheimniß ſeines Plans thun ließ, den Adel von ſeiner Hoͤhe auf die niedri⸗ gern Stuſen der Unterwerfung unter die koͤnigliche Gewalt zu ſtellen, ſagte der Geiſt⸗ liche:„So lange der Adel das Recht der „ 2¹3 ihm ſeine Kraft insgeheim entziehen, daß er endlich in ſeiner Ohnmacht niederſinkt. Nicht Alle aber ſind es, die ſich Mitherr⸗ ſcher duͤnken, es giebt Andere, die den Druck der reichen Maͤchtigen ihres Standes fuͤhlen, der ihnen unertraͤglich iſt, dieſe koͤnnt Ihr leicht gewinnen. Ein jeder Un⸗ terthan ertraͤgt die Buͤrde leichter, die ihWm ſein König auflegt, aber ſchmerzhaſt fuhlt er das Joch, mit dem ihn Leute von ſeiner Geburt und ſeinem Range beknechten. Das kann ich Euch im Namen meiner Bruͤder dreiſt geloben, ſie dienen Euch mit jeder Kraft, und mit der unwiderſtehlichen des Verſtandes und der Zunge, wenn Ihr ſie haben wollt. Hat nicht die Weisheit und die Guͤte Eurer Ahnen ſie an den Thron gewieſen? Nicht umſonſt ſpendeten dieſe große Gaben an die Geiſtlichkeit, ſie wuß⸗ ten es wohl, daß dieſe ihnen unbezahlbare Dienſte leiſten konnten, die auf eine andere — —— 212 Krone mit dem Monarchen theilt, und die⸗ ſer bitten muß, wenn er befehlen ſollte, ſeyd Ihr, verzeiht mir die Haͤrte des Beiwortes, nur ein ohnmächtiger Koͤnig, die Macht der Edeln iſt freier und unbeſchraͤnkter, wie in keinem Reiche, und welchen Mißbrauch ſie damit getrieben, davon ſtellt uns die Ge⸗ ſchichte der Vorzeit Beweiſe auf, die wahr⸗ lich fuͤr einen Mann, der ſich von Gott zum Herrſcher erkohren fuͤhlt, nicht erfreulich ſind. Sie bilden eine Gegenparthei, gegen die Eure Waffen zu ſchwach ſind. Ge⸗ luͤſtet es ihnen, und ſind ſie mit Eurer Regierungsweiſe nicht zufrieden, ſo laſſen ſie Euch bevormundſchaften. Der geringſte Baronet, der zu Mittag und Abend mit den Seinen eine Suppe von Hafermehl ißt, duͤnkt ſich ein kleiner Koͤnig zu ſeyn. Freilich, wolltet Ihr den Rieſen in offener Fehde angreifen, ſo waͤre der Sieg fuͤr Euch mehr als zweifelhaft; aber man muß Weiſe nicht mit Geld zu erkaufen ſind.“ — Der Koͤnig ſah den Kardinal mit freundlicher Gnade an, reichte ihm ſogar die Hand und bat ihn ſehr, ihm bei dem großen Unternehmen, mit dem Lichte ſeiner Erfahrung und Klugheit vorzuleuch⸗ ten, ſein Rathgeber zu ſeyn, und ihm als erſter Miniſter zur Seite zu ſtehen. Der Kardinal verbeugte ſich tief, ruͤhmte das hohe Vertrauen des Koͤnigs was er in ihn ſetzte, weigerte ſich, einen Poſten anzuneh⸗ men, der ihm nur Haß und Neid zuziehen, ihn in gefaͤhrliche Verhaͤltniſſe verwickeln, eine Stoͤrung in der Erfullung der Pflich⸗ ten ſeines Amtes zur Folge haben wuͤrde. Als der Koͤnig ſeinen Antrag wiederholte, ſagte der Kardinal:„Wohlan denn, der Unterthan iſt ſeinem Herrſcher Gehorſam ſchuldig, wenn er auch das Schwerſte von ihm fordert. Die Ehrfurcht gegen Euch, und— erlaubt mir den Ausdruck der 2¹⁵ Wahrheit, die Liebe zu Euch ſoll mir jede Laſt erleichtern. Ich weiß es, welche Opfer ich dem Koͤnige und dem Vaterlande brin⸗ gen muß, Ihr habt mich dazu berufen, und— ich bringe ſie gern.“ Als der Konig ſich im Innern freute⸗ daß er mit dem Kardinal die ganze Geiſt⸗ lichkeit erobert, und in ihr das maͤchtige Mittel gefunden hatte, den Adel zu be⸗ ſchraͤnken, ſeine Rechte zu erweitern, und ſeine Autorität unerſchutterlich zu begruͤn⸗ den, trat ſein Liebling, der Laird Malcolm in's Zimmer.„Der Sieg uͤber den Kar⸗ dinal iſt mir gelungen,“ ſagte er mit freu⸗ diger Bewegung,„und ich werde ihm da⸗ für einen ungemeſſenen, nicht gewöhnlichen Dank zollen. In ihm habe ich den erſten Freund meines Thrones, den Vertheidiger und Beſchuͤtzer meiner Rechte gefunden, und er wird es nicht zugeben, daß eine ſo ver⸗ 216 kehrte Ordnung der Dinge fortbeſteht, nach der der Herrſcher nicht weiß, ob er ſich zu den Koͤnigen oder Unterthanen des Reichs rechnen ſoll. Die Zwitterregierung war visher ſchuld, daß Schottland nie zu einer kraͤftigen Staͤrke kam, in vielen Kriegen uberwunden wurde, und ſich von den ſtol⸗ zen Englaͤndern Geſetze vorſchreiben laſſen mußte Kardinal, Ihr werdet Euch in der Geſchichte dieſes Landes unzerſtorbare Denk⸗ male ſetzen.“ Malcolm, der der Laune des Königs nie widerſprach und ſich geſchmeidig in ſie fuͤgte, gratulirte ihn, daß er an bem Far⸗ dinal eine ſo vorzuͤgliche Eroberung gemacht hatte, und wuͤnſchte dieſem Gluͤck, und nannte ihn einen Wuͤrdigen, der die Ach⸗ tung eines Landes und das Vertrauen ſei⸗ nes Königs verdiene. Ganz anders aber dachte Malcolm im Innern, aber das, 247 wofur der Koͤnig ſtimmte, verwarf er nie. Er gehörte zu den Leuten, die jeder Rock paßt, welche die Farben der Welt anneh⸗ men, in der ſie leben, und mit einem Munde heilig ſprechen und verdammen. Sie leben auch mit denen in Frieden, die ſie mit den Zaͤhnen zermalmen moͤchten und fuhren nur mit ſich ſelbſt unaufhoͤrliche Kriege. Auf ihre aͤußere Ehre halten ſie, aber vor der Schande, die ſie in der Bruſt tragen, errothen ſie nicht. Ihr Gewiſſen iſt ein weiter Sack, in den ſich die ſchlechteſte Waare einpacken laͤßt, und wenn ſie auch das Schlechteſte begehen, vermeiden ſie nur liſtig die Strafe, die Scham ruͤhrt ſie nicht.. Selbſt der ſcharfſehende Kardinal, der oſt mit dem Laird Malcolm zuſammen ge⸗ kommen war, durchſchaute die geheimen Tiefen des Innern dieſes Mannes nicht, der 218 Liſt und Bosheit in ſich herbergte, der bei dem Koͤnig in großem Anſehen ſtand, und den man ſchonend behandeln mußte, wenn er auch mit verwerflicher Geſinnung oͤffent⸗ lich hervortrat. Wenn der Laird gegen die Heiligkeit und Tugend des Prieſters auch keine Achtung hatte, ſo mußte er doch ſeine Einſichten, ſeine unuͤbertroffene Klugheit und jene Liſt ehren, die ſich ohne Schaden und Nachtheil aus gefaͤhrlichen Verwicke⸗ lungen herauszufinden, und Schaͤndliches und Verderbliches von ſich abzuwenden ver⸗ ſteht. Allerdings mußte er fuͤrchten, daß ſeine Gewalt, mit der er auf den Koͤnig wirkte, in dem Grade ſank, als Beatoun in der Meinung des Herrſchers ſtieg, daß er der rechte Mann ſey, durch den er ſein großes Unternehmen gluͤcklich ausſuͤhren werde; aber oͤffentlich durfte er nicht als Feind gegen ihn auftreten, wenn er ſeines Schutzes, der Ehre und Vortheile nicht 219 verluſtig gehen Stie die ihm die des Koͤnigs trug. Malcolm wußte es, daß den Kardinal ein wahrer Prieſterſtolz beherrſchte, den er aber mit dem Gewande der Demuth, der Beſcheidenheit umhuͤllte, dieſem mußte er ſchmeicheln, ihm nie wehe thun, wenn er ihn zum Freunde behalten, und ihn ſelbſt zu einer Stutze des Wohlwollens und Ver⸗ trauens machen wollte, das er bisher bei dem Koͤnige genoß. Sein hoher Rang in der Kirche, ſein Anſehen, in dem er bei der Geiſtlichkeit ſtand, die Ehrfurcht, mit der ihm das Volk huldigte, waren gleichſam ſeine Waffen, mit denen er ſeine maͤchtigſten Gegner niederſchlagen konnte, und ſeine Feindſchaft und Rache war zu fuͤrchten. Die Religion ſelbſt mußte ihm zum Mittel dienen, ſeinen Planen groͤßern Nachdruck zu geben, die Grenzen ſeiner Gewalt ungemeſſen zu 220 erweitern, und ihm ein Anſehen zu ver⸗ leihen, das Niemand anzutaſten wagte. Er war gleichſam der Papſt in Schottland, und wurde von Vielen, die noch in ihren Religionsbegriffen befangen und unwiſſend waren, fuͤr den Mann gehalten, der in einer andern Welt Strafen und Zuͤchtigun⸗ gen auflegen konnte, wohin die Macht menſchlicher Obrigkeit nicht reicht. Als er ſich entfernt hatte, offenbarte der Koͤnig gegen Malcolm ſeine Freude lauter, daß der Kartinal auf ſeine Seite getreten ware, und ſo ſeine Hoffnung ver⸗ ſtaͤrkt haͤtte, daß ſein Unternehmen, den Adel zu demuͤthigen, nicht mißlingen werde. Malcolm ſtoͤrte die Hoffnung und Freude des Koͤnigs durch keine Seitenbemerkung, er brach vielmehr in Lobeserhebungen uͤher den Kardinal aus, ob er es gleich glaubte und wuͤnſchte, daß dieſer den Adel empö⸗ 221 ren, ſich ihm verhaßt machen, und ſtatt die königliche Autoritat zu heben, ſie viel⸗ mehr erniedrigen und ſchwaͤchen werde. Einen Mann auf Unkoſten ſeines Vortheils zu warnen, der auf ſeinen Fall zueilte, das hielt er nicht fuͤr klug, und waͤre der ſein Freund geweſen. Aber, wenn es ins⸗ geheim geſchehen konnte, ſich an die Par⸗ thei der Mißvergnuͤgten anzuſchließen, ohne es mit der Regierung zu verderben, um, wie der Kampf ſich auch ende, keinen Ver⸗ luſt zu leiden, und auf jeden Fall zu ge⸗ winnen, das war jetzt die Aufgabe, die er ſeiner Liſt und Verſchlagenheit machte, um ſie zu loͤſen. Der Laird, welcher bei einem bedeuten⸗ den Aufwande nur ein maͤßiges Vermögen beſaß, hatte ſchon laͤngſt auf Mittel gedacht' um ſeine Einnahmen zu vermehren. Die Guͤter des verhaßten Angus betrachtete er 222 als eine Beute, von der er die groͤßte Hälfte zu haben wuͤnſchte. Damit aber die Schuld ungerechter Habſucht nicht auf ihn fiele, wollte er ſich derſelben mit Zu⸗ ſtimmung des Koͤnigs bemächtigen, und insbeſondere unter dem Vorwande, ſie pflichtmaͤßig zu verwalten, da ſie herrenlos waͤren. Der letzte Grund konnte ihm auch bei den Edeln zur Entſchuldigung dienen, ihm ſogar gut angerechnet werden, die ihn ſonſt einen Raͤuber fremden Eigenthums genannt haben wuͤrden. Es waren in den Douglasſchen Beſitzungen bereits Streitig⸗ keiten und Zwiſte vorgefallen, weil das regierende Oberhaupt fehlte, denen geſteuert werden mußte, wenn ſie nicht andern Lehnsleuten zum boͤſen Beiſpiele dienen und fuͤr die Herren der Unterthanen nach⸗ theilig und gefaͤhrlich werden ſollten. Dies Alles wußte der Koͤnig, aber wie dieſem Unweſen eigentlich abgeholfen werden ſollte, 22³ daran hatte er eigentlich noch nicht gedacht, und der Laird hatte erſt heute die beſte Ge⸗ legenheit gefunden, ihm das rechte Mittel bekannt zu machen. Er las dem Koͤnig den Brief vor, den er von der Lady Glami empfangen hatte, und in dem G'auben, Jakob werde ihn in ſeinem Unwillen nicht in die Hand nehmen um ihn ſelbſt zu leſen, verfälſchte er deſſen Inhalt. Beſonders hob er durch den Ton ſeiner Stimme die Stellen recht grell her⸗ vor:„Moge es dem Koͤnig nie gereuen, daß er mich fuͤhllos von ſich ſtieß! Er kam mir mit zaͤrtlicher Neigung emgegen, ich erwiederte ſie, dies ſcheint er mir uͤbel an⸗ zurechnen, und begeht damit eine ſchwere Ungerechtigkeit an mir. Jeder Menſch, auch ein Koͤnig hat in ſich den Richter ſei⸗ ner Thaten ꝛc“— Heftig, wie der Koͤnig war, gerieth er uͤber dieſe Aeußerungen in j 224 ein lautes Ungeſtum und brach in Drohun⸗ gen und harte Worte gegen die Lady aus. Hätte Malcolm, der den weiſen und guͤ⸗ tigen Rathgeber machte, nicht den Vermitt⸗ ler geſpielt, die Lady wuͤrde eingezogen, vor ein Gericht geſtellt und beſtraft worden ſeyn. Das aber konnte und wollte er nicht verhindern, daß ſich das Gemuͤth des leidenſchaftlichen jungen Mannes gegen die Douglaſſe, namentlich gegen Lady Glami, deren ſchmerzhafte Aeußerungen er durch⸗ aus mißverſtand, nicht mehr erbitterte. Er äußerte ſogar, daß er ſich dann ganz ruhig fuͤhlen werde, wenn kein Douglas mehr im Lande ſey. Ganz in der Ferne fing Malcolm von den Unordnungen an, die ſich auf den Guͤtern der Graͤfin, wo kein Mann regierte, ereignet haͤtten, und machte vegreiſlich, daß ein kleines Uebel zu einem großen Verderben fuͤhren koͤnne, wogegen man das Land ſchuͤtzen muͤßte. Er that 225 ſogar, weil er dazu aufgefordert wurde, den Vorſchlag, einen tuͤchtigen Mann als Auf⸗ ſeher und Verwalter zu beſtellen. Der Koͤnig übertrug dieſen Poſten Malcolm ſelbſt, weil er Keinen kenne, der ſich heſſer dazu paſſe, Keinen, der das Intereſſe des Thrones eif⸗ riger wahrnehme, als ihn. Weigernd, aber mit innerer Zuſtimmung nahm der Laird den Auftrag an und verſprach, ihm nach beſten Kraͤften zu genuͤgen. Er beeilte ſich, den Raub zu benutzen, und durch die Beute ſich zu bereichern. Ob man aber auch Al⸗ les aufbot, um dieſen Gewaltſchritt zu recht⸗ fertigen, er warf nachtheilige Schatten auf den Koͤnig und ſtellte Malcolm in ein ver⸗ haßtes Licht. Die Graͤfin Douglas, hieß es, iſt nicht verruͤckt, daß man ihr einen Vormund beſtellen mußte, die Guͤter gehoͤren ihr, und man darſ ſie nicht einem Andern wie eine Erbſchaft zuwerfen. Malcolm handelt ſchlecht, daß er ſich zum Wertzeug 15 226* einer ungerechten Rache hergiebt, und ver⸗ letzt die Wuͤrde eines Adelichen, die Pflicht, die er ſeinen Standesgenoſſen ſchuldig iſt. Wer wird ihn ſtrafen!— Sein Richter drohte ihm die Strafe ſchon, und der war der kuͤhne, keine Gefahr ſcheuende, das Un⸗ recht verfluchende Ritter Forbes. Wie ſchmerzhaft es aber fuͤr die Graͤ⸗ fin Douglas war, als der Laird Malcolm ihr zum Aufſeher ihrer Guͤter beſtellt wurde, der ſich ihr als einen ſolchen darſtellte, kann man ſich leicht denken. Er ſprach von der Gnade des Koͤnigs, von ſeiner Fuͤrſorge, der nur ihr Beſtes im Auge habe, und ſuchte das Verhaßte ſeines Poſtens durch alle Kuͤnſte der Verſtellung und einer hoͤ⸗ fiſchen Artigkeit zu mildern. Die Graͤfin gab ihm auf ſeine Fragen keine Antwort, und ſchwur ſich's, einen Mann nie wieder zu ſehen, der ſich als erklaͤrter Feind ihrer 22 Familie zeigte. Als der Graf von Both⸗ well und Murray es von der Graͤfin Dou⸗ glas ſelbſt erfuhren, wie man ſie behandele, da ſchleuderte ſie das Ungeſtum des Zorns und der Mißbilligung uͤber die Gränzen der Maßigung hinaus, und ſie ſagten einſtimmig: „So muß man verfahren, um ſich verhaßt zu machen, und alle Geſchoſſe der Rache auf ſich hinzurichten!“ Groͤßeres und allgemeineres Aufſehen unter dem Adel aber machte es, als man erfuhr, daß der Koͤnig dem Kardinal Bea⸗ toun die Zügel der Regierung in die Haͤnde gegeben hatte. Sie kannten den ehrſuch⸗ tigen, ſchlauen, liſtigen Prieſter, ſie wußten es, wie er's mit dem Adel meinte, und ſahen eine Zukunft voraus, wo Schotten gegen Schotten unter den Waffen ſtehen und Bur⸗ gerblut fließen wurde. Auf dem Wege gu⸗ tiger Vermittelung, ſo glaubten ſie, werde 22⁸ der Mann nicht von ſeinem Poſten ſcheiden, der ihm eine zu große Fundgrube aufthat, die Geiſtlichkeit zu bereichern, ihr Anſehen zu vergrößern, und im Gegentheil die Rechte der Edeln mehr und mehr zu beſchraͤnken, ſie in eine unterwuͤrfige Abhaͤngigkeit vom Throne zu ſtellen. Nur mit Gewalt koͤnne man die Uebel verhuͤten, und angeerbte Vorzuͤge in ihrem Fortbeſtehen ſichern. Alles, was die Regierung jetzt unter⸗ nahm und ausfuͤhrte, hatte das unzweideu⸗ tige Anſehen, daß man ſich gegen Feinde ruͤſtete, die man im Lande ſelbſt bekriegen und uͤberwinden wollte. Von dem Adel war noch nichts dagegen unternommen, nur ein allgemeiner Unwille darüber wurde gro⸗ ßer, erbitterter und drohender Edinburg, Stirling und andere feſten Plaͤtze wurden mit hoͤhern Wallen, mit tiefern Graben umgeben. Dicker und hoͤher machte man 229 die Feſtungsmaurrn. Die Magazine ließ man mit allen Waffenarten anfuͤllen. Als man gewiß zu ſeyn glaubte, daß die Edeln gegen die getroffenen Anſtalten nichts ver⸗ moͤchten, trat man mit der Geſinnung, die man bisher verborgen hielt, ohne Schonung und Vorſicht hervor. Der Adel wurde ruͤckſichtslos, kalt und veraͤchtlich behandelt. Mehrere derſelben, die Ehrenſtellen verwalteten, wurden unter nichtigen Vorwaͤnden von denſelben verwie⸗ ſen. Man zog die herbei, von denen man wußte, daß es ihr eigenes Intereſſe war, es mit der koniglichen Parthei zu halten. Mehrere angeſehene Geiſtliche wurden mit anſehnlichen Guͤtern beſchenkt, zu bohen Aemtern erhoben, ſie nur umgaben, wie re⸗ gierende Herren, die Perſon des Königs, und der gemeinſchaftliche Stuͤtzpunkt der⸗ ſelben war der Kardinal, dem der Koͤnig 230 unbedingt vertraute, ohne deſſen Genehmi⸗ gung nichts geſchah und unterblieb. Treuere Diener, als die Geiſtlichen waren, haͤtte der Koͤnig nicht finden koͤnnen, aber ihr eigenes Intereſſe, ihr Haß gegen den Adel nothigte ſie dazu. Um die unter ihnen, welche ſich fuͤr eine Parthei noch nicht entſchieden hatten, und auf die Seite des Koͤnigs noch nicht getreten waren, weil ſie an Welthändeln keinen Antheil nehmen wollten, zur feſten Entſcheidung zu bringen, ließ der Kardinal folgenden Hirtenbrief mit der Verwarnung an ſie ergehen, bei der haͤrteſten Ahndung den Inhalt deſſelben keinem Layen zu verrathen. „Geliebte Bruͤder in Jeſu, un⸗ ſerm Herrn! Es muß Euch Allen kund geworden ſeyn, zu welchen Wuͤrden und Ehrenaͤmtern 231 der König, unſer Herr, die Diener der Religion erhoben hat, und wie Er dadurch zugleich zu erkennen giebt, daß Ihm die Religion ſelbſt, die ſie verkuͤnden und die Gebraͤuche derſelben, die ſie verwalten, ehr⸗ wuͤrdig ſind. Er will die, welche die hei⸗ ligen Sacramente verwalten, die Segen und Fluch uͤber das Land bringen koͤnnen, hoch uͤber die Weltleute ſetzen, ſo ſehr ſie auch durch irdiſchen Glanz, durch vergaͤng⸗ liche Guter, durch Reichthum und Macht auf dieſer Erde ausgezeichnet ſind. Was Ihr aber predigt, Gehorſam der Obrigkeit, dieſer Stellvertreterin Goties auf Erden zu beweiſen, das thut aus Herzensgrund ſelber, und wiſſet, es wird Euch im Himmel ver⸗ golten werden. Der Koͤnig will unſere Einnahmen vergrößern, unſere Guͤter vermeh⸗ ren, und uns aller Sorge fuͤr das Zeitliche uberheben, darum binde ich Euch die Pflicht auf die Seele, Euch in allen Stuͤcken, wo 2 ſich Euch die Gelegenheit dazu varbietet, Ihm dankbar zu beweiſen. Was Seine Ehre, Sein Wohl betrifft, das foͤrdert auf alle Weiſe gegen Freund und Feind. Ent⸗ ſagt jedem Unternehmen, was mit dem Beſten der Regierung ſtreitet, und erwägt, daß der Herrſcher die mit großen Verluſten ſtrafen kann, die ſich's beikommen ließen, gemeinſchaftliche Sache mit ſeinem Gegner zu machen. Der Hochmuth des Adels, ſeine Macht ſoll gedemuͤthigt werden, daß der Koͤnig im Lande alleiniger Herr ſey, ſo wie die Welt nur Einen Gott hat. Die Edeln ſind unſere natuͤrlichen, böſe geſinnten Geg⸗ ner, und ſtaͤnde es in ihrer Gewalt, heute wuͤrden ſie uns, mit dem Stocke in der Hand, aus dem Lande vertreiben. Tretet mit Keinem derſelben in eine Art von Ver⸗ bindung, am wenigſten trauet ihrer Freund⸗ ſchaft, und erkundſchaftet Ihr Nachtheiliges und Gefaͤhrliches, was ſie wider den Koͤnig 233 und Staat unternehmen moͤchten, ſo be⸗ ſchwoͤre ich Euch bei der ewigen Gerechtig⸗ keit, daß Ihr mir ſolches kund thut. Fol⸗ get meinen Ermahnungen, laſſet ſie Euch nicht umſonſt geſagt ſeyn, und nehmet das Verſprechen an, was ich Euch im Namen unſeres Königs und Herrn gebe, daß Er die Wuͤrdigſten unter Euch nach Verdienſt be⸗ lohnen wird. Ich gruͤße Euch mit dem Gruße der Liebe in dem Herrn, der uns zu Dienern ſeiner Kirche erwaͤhlt hat. Edinburg, am Tage aller Heiligen. Kardinal Beatoun.“ Dieſes Rundſchreiben, was in vielen Abſchriften an alle Geiſtlichen des Landes vertheilt wurde, hatte große Wirkung. Den Geiſtlichen wuchs der Muth, ſie ſtellten ſich in ihrer Meinung uͤber den Adel und bil⸗ deten nun wider ihn eine feſt verbundene Gegenparthei. Es fehlte nicht an Schwin⸗ 234 delkoͤpfen, die in ihren Reden öffentliche Ausfaͤlle gegen die Edeln ſich erlaubten, die vom nahen Untergange des Reichs der Satane, und von der Ankunft des Him⸗ melreichs predigten. Mit Verachtung be⸗ gegneten ſie den Vornehmſten, und meinten, daß ſie dazu autoriſirt und der erſte Stand des Reichs waͤren. Die Ablichen, die ſolche Schimpf⸗ und Straſprediger nicht dulden wollten, welche ſie bei den Gemeinen er⸗ niedrigten, jagten ſie ohne weitern Proceß von ihren Stellen weg. Die Herren wur⸗ den zur ſchweren Verantwortung gezogen, die Vertriebenen erhielten andere Stellen, die eintraglicher waren, und jene mußten ſich's gefallen laſſen, daß ihnen neue Prieſter geſetzt wurden, die daſſelbe Unweſen trieben. Michael Kirway, der Prieſter auf des Gra⸗ fen Bothwells Gütern, wurde erſchlagen und nackt im Walde geſunden, nachdem er an einem Sonntage die Adlichen mit dem viel⸗ — ——— — 5 köpfigen Drachen verglichen hatte, denen das Schwerdt der Gerechtigkeit die Koͤpfe bald abhauen werde. Der Graf zeigte ſeine laute Mißbilli⸗ gung uͤber den Mord des Prieſters, und hatte daran nicht den geringſten Antheil. OSefter hatte er ihn gewarnt, nicht Laͤſterre⸗ den auszuſpeien, ſonſt werde er das Schick⸗ ſal ſeiner Mitconſorten leiden. Michael Kirway widerſprach ihm mit tfotziger Rede, und machte es in der Kirche aͤrger. Es erſchien vom König ein Abgeſand⸗ ter in Dunskirk mit dem Befehl, daß der Graf von Bothwell in Edinburg vor einem Gericht erſcheinen, und Rede und Antwort, wegen des erſchlagenen Prieſters geben ſollte. Weil er ſich unſchuldig wußte, fuͤrchtete er ſich davor nicht. Seine beiden Soͤhne, Heinrich und Jakob, begleiteten den 236 Vater. Als ſie mit ihm zugleich in den Gerichtsſaal traten, wo der Koͤnig ſelbſt zugegen war, und der Kardinal die Stelle eines Praͤſidenten vertrat, ſagte dieſer: „Wir haben Euch allein geſordert, dieſe Beiden, wer ſie auch ſeyn moͤgen, bleiben zuruͤck und verlaſſen den Saal. Sie wer⸗ den es nicht auf Gewalt ankommen laſſen.“ —„Geht, meine Soͤhne,“ ſagte der Graf, „da wo die Unſchuld fuͤr den Angeklagten redet, bedarf es keiner Fuͤrſprecher!“ Sie gingen und warfen dem Kardinal zornige Blicke zu. So wahr und gewiß der Graf auch betheuerte, daß er nicht den entfernteſten Antheil an dem Morde des Prieſters habe, daß er den Thäter verwuͤnſche, es wurde ihm als eine Schuld angerechnet, daß das Verbrechen auf ſeinem Gebiete veruͤbt ſey, und ihm angekuͤndigt, daß er nicht eher — 237 aus der Verhaft entlaſſen werde, bis der Miſſethaͤter und Moͤrder entdeckt ſey. Ein gemeiner Mann habe den Mord ſicher nicht vollzogen, er ſey gewiß auf hoͤheres An⸗ ften ſchehen. Seinen Betheurungen 9 9 koͤnne man ohne Beweis keinen Glauben beimeſſen. Der Graf von Bothwell gerieth in Hitze und ſagte:„Wohl waͤre es Recht, daß alle Eure Prieſter aus dem Lande ge⸗ ſteinigt wuͤrden, wenn ſie ſo ſchmähen und läſtern, wie es der Michael Kirway gethan hat., Genug habe ich ihn gewarnt, aber er konnte ſein boͤſes Maul nicht halten. Iſt's doch, Herr Kardinal ſeit Euch der Koͤnig vom Altar weggenommen, wohin Ihr allein gehoͤrt, und an den Thron hingezogen hat, wohin Ihr nicht gehoͤrt, als ob Eure Geiſt⸗ lichen das Privilegium haͤtten, auf die Edeln Pasquille zu machen und ihre Ehre 238 zu ſchaͤnden. Steuert Ihr dem Unweſen nicht, ſo könnt Ihr noch Schreckliches er⸗ leben. Der Adel kann fuͤr ſeine Ehre ſter⸗ ben, aber von Geiſtlichen, die ſich wie Troßbuben auffuͤhren, laͤßt er ſie nicht be⸗ ſchimpfen. Wehe dem Lande wo Geiſt⸗ liche das Ruder der Regierung ſuͤhren! Wißt, ich kann Euch verachten, ſo ein gro⸗ ßer Herr Ihr durch die Gunſt des Koͤnigs auch geworden ſeyd.— Aber Ihr, Koͤnig, gedenkt Ihr denn der Dienſte nicht mehr, die Euch der Adel geleiſtet hat? Bezahlt Ihr mit ſolchem Danke? Wenn wir von Euch weichen, dann erfahrt's, ob die Geiſt⸗ lichkeit Euch ſchuͤtzen kann. Was haben wir verbrochen, daß Ihr uns wie Schuldige mit Hohn und Verachtung behandeln laßt? Wahrlich, Eure Art zu regieren iſt nicht die Weiſe, auf die man des Thrones Stuͤ⸗ tzen feſter bauet. Ein Ungewitter droht dem Lande, und Euch wird's am härteſten 239 treffen Wir haſſen die Werkzeuge, durch die Ihr uns erniedrigen laßt, jagt ſie von Euch weg, verbindet Euch mit uns, und die ſchot ſche Krone wird nie auf Euerm Haupte wa ken. Duldet es auch nicht laͤnger, daß der Laird Malcolm wie ein privilegirter Raͤuber die Douglasſchen Guͤter brand⸗ ſchatzen darf. Wer ein ſchreiendes Unrecht duldet, das er verwehren koͤnnte, der iſt ein Mitſchuldiger. Hier ſtehe ich, die Wahrheit habe ich geſagt, widerrufen werde ich kein Wort, ſo lange ich eine Zunge habe. Macht aus mir was Ihr wollt! Es iſt mancher redliche Mann in den Staub getreten wor⸗ den, indeß gemeine Buben an Herz und Seele zu den hoͤchſten Wuͤrden erhoben wurden. Die Schmach, die mir geſchieht, werden meine Freunde raächen. In einem Lande, wo es ſo hergeht, wie in Schottland jetzt, ſinkt das Leben in ſeinem Preiſe und hat endlich keinen mehr. Bei Flowden, an 240 der Seite Eures Vaters, der vor meinen Augen fiel, verſchonte mich das Geſchoß, fuͤr ihn wagte ich mein Leben, wollt Ihr's mir durch des Nachrichters Hand nehmen laſſen, ſo zögert nicht damit. In der Ge⸗ ſchichte unſeres Landes wird's dann heißen: Unter Jakob V. war eine boͤſe Zeit, der Graf von Bothwell ſtarb auf dem Blut⸗ geruͤſte, weil er, ein unverzagter Schotte, vor dem Koͤnig ſelbſt die Wahrheit nicht verſchweigen konnte.“— Hier ſchwieg Bothwell⸗ Ende des erſten Theils. 2 8 9 10 11 12 13 14 15 16 —