Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceiß und Jeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Taß von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine vem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 M.— Pf 1 W. 5 Pf 2 W. 6—„* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Sänger der Freiheit 1191 Zwölftes Cnpitel. Blücher an der Katzbach 208 Dreizehntes Capitel. Leipzig. 22223 vierzehntes Cnpitel. Befreit 2253 3 Erſte Abtheilung: * . Erstes Capitel. 2 Jena und Auerſtädt. Das Unglück iſt gar oft der beſte Arzt: Es deckt verborg'ne Schäden treulich auf, Und zeigt Dir ſelbſt, wie Du Dich heilen mußt? „Das deutſche Reich hat aufgehört!“ ſagte Napo⸗ — leon in ſeiner Erklärung vom 1. Auguſt 1806 an die ʒ Reichsverſammlung in Regensburg, in welcher er ihr 3 die Stiftung des Rheinbundes mittheilte, und es war als ob das Wort dieſes Mannes ein Orakelſpruch ſei für die ganze Erde; denn da am ſelbigen Tage ſich die Fürſten des Rheinbundes vom deutſchen Reiche losſagten, da die wichtigſten Glieder vom Ganzen ſich trennten, Oeſterreich 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 2 —— 10 zu erſchöpft war, etwas zu vermögen, und Napoleon all⸗ gewaltig: da ſah der edle Franz II. ein, daß er ſeine Verpflichtungen als deutſcher Kaiſer nicht mehr erfüllen könne, und legte die deutſche Kaiſerkrone nieder 8. So war denn das alte tauſendjährige Reich, deſſen Glanz einſt ganz Europa überſtrahlte, und das ſo lange den Stürmen des Schickſals getrotzt hatte, ungeſtürzt durch das Wort eines Mannes, der ſich aus den nie⸗ deren Sphären zum Dietator von halb Europa empor⸗ geſchwungen hatte. Und dieſer Mann, der von ſich ſelber ſagte, daß er mit eiſerner Hand die Zügel der Herrſchaft führe, ſtand faſt allmächtig da und blickte mit Hohn auf die ehrwürdigen Trümmer des zerſchmetterten deutſchen Reiches. Ein einziger Schreckensſchrei ging durch alle deutſche Lande, als dieſe Nachricht ſich verbreitete, dieſe Nachricht von dem Rheinbunde, der ſich unter Napoleon's gnädig⸗ ſter Vormundſchaft aus deutſchen Fürſten gebildet, dieſe Nachricht von der Abdankung des römiſch⸗deutſchen Kaiſers. Ein einziger Schreckensſchrei ging durch alle deut⸗ ſchen Gauen, und fand einen Widerhall in jedem Her⸗ zen, das noch für Deutſchlands Ehre und für Freiheit ) 10. Auguſt 1806. 10 ſchlug. Flugſchriften, welche den Schmerz des deutſchen Volkes über die aufgelöſte Nationalität und die fremde Herrſchaft in glühenden Worten durch das ganze Land verbreiteten, tauchten auf und drohten Napoleon gefähr⸗ licher zu werden, als ein ganzes Heer geharniſchter Krieger. Aber Napoleon, der weder Recht noch Sitte ach⸗ tete, fand auch hier Rath, ſeine Feinde zu unterdrücken. Seine Gensdarmen überfielen in der freien Reichsſtadt Nürnberg den Verleger einiger ſolcher Schriften, den Buchhändler Palm, ſchleppten ihn gefangen nach Brau⸗ nau, wo er vor ein franzöſiſches Kriegsgericht geſtellt und ohne Weiteres erſchoſſen wurde. Und wiederum ging ein einziger Weheſchrei laut und ſchmerzlich durch ganz Deutſchland, und viele deutſche Herzen bluteten bei dieſem Anblick deutſcher Schmach. Die Ermordung Palm's, des deutſchen Mannes Blut ſchrie um Rache an dem Tyrannen; aber wer ſollte es wagen, dieſe Rache zu üben, da ſelbſt Preußen es nicht wagte, da Preußen ruhig zugeſehen hatte, wie Oeſterreich und Rußland bei Auſterlitz beſiegt wurden, ruhig zugeſehen der Stiftung des Rheinbundes, dem Falle des deutſchen Reiches— und noch immer neutral geblieben war, ſelbſt jetzt bei Palm's Ermordung. Nie⸗ mand wagte es, dem Allgewaltigen zu widerſtehen, der 1* . 12 mit ſeinen kampfgeübten Heeren bald hier, bald dort war, und der es nur zu verſtehen ſchien, zu ſiegen, nicht aber zu unterliegen. Durch die unſelige Politik der Herren von Haugwitz und Lombard war Preußen noch immer neutral geblieben und hatte die Niederlage deutſcher Brüder mit⸗ angeſehen, theilnahmlos Deutſchland untergehen laſſen in Schmach und Schande. Die deutſche National⸗Einheit war verloren gegan⸗ gen; Deutſchland, einig ein unbeſiegbares Reich, ward, uneinig, von Napoleon einzeln unterjocht, und jetzt ſtand nur noch Preußen als eine gefahrdrohende Größe da, aber Dank der Politik des Herrn von Haugwitz, es ſtand allein. Oeſterreich war zu ſchwach und hatte auch nicht Luſt, nun ſich mit Preußen zu verbinden, deſſen Charak⸗ ter es nicht vertraute, und der Rheinbund war bereit, für Napoleon in die Schranken zu treten und Preußen zu bekämpfen, Deutſchland gegen Deutſchland. Friedrich Wilhelm III. von Preußen ſah das Alles, wußte nur zu gut, wie gefahrbringend unter ſolchen Umſtänden ein Krieg für ſein Reich werden konnte, und er that redlich Alles, um den Frieden zu erhalten. Deutſchland, einig ein unbeſiegbares Reich, lag un⸗ einig zitternd zu den Füßen Napoleon's, und die Geſchichte beweiſt, wie Dieſer deutſche Uneinigkeit zu benutzen ver⸗ ſtand. Preußen allein konnte ihm jetzt noch ſchaden, alſ 13 mußte man Preußen zum Kriege zwingen, mußte es un⸗ ſchädlich machen, bevor Oeſterreich ſich von den Wunden erholte, die ihm Auſterlitz und der Preßburger Frieden geſchlagen hatten. Friedrich Wilhelm wünſchte den Frieden, aber Na⸗ poleon wollte Krieg, und rückſichtsloſe Verletzungen des neutralen preußiſchen Gebietes machten ihn bald unver⸗ meidlich. Das preußiſche Volk, die Nation Friedrich des Gro⸗ ßen, hatte ſchon längſt das Gebahren der Franzoſen mit Unwillen und Murren angeſehen; jetzt drang Alles auf Krieg. Das Volk rief laut nach Kampf mit Napoleon, das Militair, die Prinzen, die Königin, alle riefen laut um Rache für Preußen, Rache für ganz Deutſchland— nur Friedrich Wilhelm III., der mit bedächtigem Auge Alles überſchaute, wünſchte den Krieg nicht, deſſen Ge⸗ fahr ihm hell in die Augen leuchtete. Aber Napoleon hatte im übermüthigen Stolze die Grenzen des preußiſchen Reiches verletzt, hatte die Ab⸗ teien Eſſen, Werden und Elten durch den Großherzog von Berg beſetzen, die Feſtung Weſel aber dem franzöſi⸗ ſchen Reiche einverleiben laſſen— Preußen mußte jetzt ſeine Ehre ſchützen und zog ſeine Truppen zuſammen. Aber während der Rüſtungen unterhandelte man noch immer, jedoch ohne Hoffnung auf einen glücklichen Erfolg. 14 Der Enthuſiasmus des preußiſchen Volkes bei die⸗ ſen Kriegsausſichten war unbeſchreiblich. „Preußen, die Nation Friedrich des Großen iſt be⸗ rufen, Deutſchlands Ehre zu retten und die Schmach von Auſterlitz abzuwaſchen!“ So rief man, ſo jubelte man, und Viele beeilten ſich auch ein Scherflein mit beizutra⸗ gen zu dem großen Rachewerke, das den Uebermuth Frankreichs brechen und Napoleon herabſtürzen ſollte von dem uſurpirten Throne. Beamte entſagten der Hälfte ihres Gehalts, in den Gotteshäuſern wurden Beiträge geſammelt, einzelne Städte ſandten deren ein, um ſie am Altare des Vater⸗ landes niederzulegen, zur Ehre Preußens, zur Ehre Deutſchlands. Das Heer, die Hauptſtadt, die königliche Familie, die Königin Louiſe ſelber, theilten den allgemeinen Enthu⸗ ſiasmus und waren voll froher Hoffnung auf die gute Sache, auf Preußens Stern und auf das Heer Fried⸗ rich des Großen. Mit Begierde ſah man den Nachrichten vom Heere entgegen; einmal den Krieg begonnen, mußten die Fran⸗ zoſen ein zweites Roßbach erleben, daran zweifelte Nie⸗ mand, und Freude und ungemeſſene Siegeshoffnung füll⸗ ten ſchon jetzt alle Herzen. 15 Aber Friedrich Wilhelm und ſein Cabinet unter⸗ handelten noch immer mit Napoleon und gar zu gern hätte der vorſichtige König den Frieden bewahrt. Was Niemand beachtete oder beachten wollte, das ſchwebte vor den Augen des Königs als ein unheildrohendes Geſpenſt. Man war eingeſchlafen auf den Lorbeeren Fried⸗ rich des Großen, und alle die jungen Offiziere, die jetzt in prahlender Toilette durch Berlin zogen und mit ſieges⸗ gewiſſer Zuverſicht auspoſaunten, daß ſie ſich nur zu zeigen brauchten, um Bonaparte in die Flucht zu jagen, verſtanden wenig oder gar nichts vom Kriegführen, und gerade dieſe Zuverſicht, einem ſo geübten und gefährlichen Feinde gegenüber, war es, die den König ängſtigte. „Wären bei Ulm und Auſterlitz Preußen geweſen, hätte die Sache ganz anders geendet,“ hörte man häufig ſagen;„denn wir Preußen haben Feldherren, die den Krieg verſtehen, und Generale wie Bonaparte finden ſich mehrere im Heere Sr. Majeſtät.“ Dieſer zuverſichtliche Ton riß Alles mit ſich fort, die Hoffnung auf friedliche Ausgleichung ſchwand immer mehr, und endlich ſchrieb der König an Napoleon, daß er bis zum 8. October auf eine beruhigende Nachricht von ihm warten wolle, in der er die Rückgabe der preußiſchen Plätze und Rückzug ſeiner Truppen über den Rhein ver⸗ ſpräche. Als dieſelbe nicht eintraf, erließ der König am 16 9. October ſeine Kriegserklärung gegen Frankreich aus ſeinem Hauptquartier in Erfurt. So war denn nun der Krieg unwiderruflich be⸗ ſchloſſen und ganz Europa blickte erwartungsvoll auf das preußiſche Heer, das ſich dem gefürchteten Feinde ent⸗ gegenſtellte. Dank ſeiner ſchwankenden Politik ſtand Preu⸗ ßen jetzt allein, denn weder Oeſterreich, noch England, noch Rußland hatten rechtes Zutrauen zu ſeiner Geſin⸗ nung, daß ſie ſich mit ihm hätten verbinden ſollen. Dank ſeiner ſchwankenden Politik ſtand Preußen jetzt allein und mußte der Uebermacht Napoleon's erliegen, der aus Frankreich, Holland, Belgien, Italien und ſelbſt aus Deutſchland ungeheure Truppenmaſſen heranzog. Der König Friedrich Wilhelm und Königin Louiſe hatten ſich ſelbſt an die Spitze des Heeres geſtellt, das unter dem Commando des greiſen Herzogs Ferdinand von Braunſcheig ſich langſam und ſchwerfällig der Saale zu bewegte. Dieſer Feldherr aus der Zeit Friedrich des Großen zweifelte ſelber am Erfolge des Unternehmens und ſchwankte zaghaft bei jedem Schritte, den er vor⸗ wärts that. Mit richtigem Blicke überſchaute er das Heer, deſſen ganze Einrichtung und Bewaffnung mehr für die Parade, als das Schlachtfeld berechnet ſchien, deſſen Offiziere mit kühner Siegeshoffnung leider nicht die nöthige Erfahrung 17 verbanden; und während ſie in tollem Rauſche der Schlacht entgegenjubelten, klagte der greiſe Feldherr zu ſeiner Umgebung: „Und mit ſolchen Leuten ſoll ich Krieg führen ge⸗ gen Napoleon? Nein, der größte Dienſt, den ich dem Könige leiſten kaun, iſt, wenn es mir gelingt, ihm den Frieden zu erhalten.“ Es war das Heer Friedrich des Großen, das ge⸗ gen Napoleon zu Felde zog, und noch mancher Krieger befand ſich darunter, der den Schlachtruf des Helden⸗ königs gehört; es war das Heer Friedrich des Großen, aber der Geiſt deſſelben fehlte darin, und wo er mit mächtigem Geiſte geherrſcht und gelenkt hatte, herrſchten jetzt Uneinigkeit, Schwanken, Unentſchloſſenheit und Par⸗ teiſucht. Der Fürſt von Hohenlohe, der zweite, jüngere Feld⸗ herr des preußiſchen Heeres, mochte ſich den Befehlen des Oberfeldherrn nicht unterordnen und verdarb durch Trotz und Widerſpruch Manches, was bei ſtrenger Einigkeit hätte gut gemacht werden können. Selbſt der König ſagte: „Das kann nicht gut gehen; es iſt eine unbeſchreib⸗ liche Confuſion. Die Herren wollen das aber nicht glau⸗ ben und behaupten, ich wäre noch zu jung und verſtände das nicht. Ich wünſche, daß ich Unrecht habe!“ 4 * 18 Napoleon beantwortete das Ultimatum Friedrich Wilhelm's und deſſen Kriegserklärung auf die übermü⸗ thigſte Weiſe: „Man gibt uns,“ ſchrieb er,„ein Rendezvous auf den 8. October, ein Franzoſe läßt nie auf ſich warten. Man ſagt aber, eine ſchöne Königin wolle Zeuge ſein bei den Kämpfen— nun gut, wir wollen artig ſein und ohne Aufenthalt nach Sachſen marſchiren.“ Und auch ſein Heer entflammte er durch eine feurige Anſprache, in der er ihm neuen Ruhm und neue Ehre verhieß. „Sie wollen,“ ſagte er,„daß wir beim Anblick ihrer Armee Deutſchland räumen! die Unſinnigen! Soldaten, es iſt Keiner unter Euch, der auf einem andern Pfade, als dem der Ehre nach Frankreich zurückkehren möchte!“ Und mit der ihm eigenen Eile rückte er dem Feinde entgegen, und während man noch immer in Erfurt rathſchlagte und unentſchloſſen über Vorrücken oder Ste⸗ henbleiben debattirte, flog Napoleon auf einem Wege, wo man ihn am wenigſten erwartet hatte, mit Wunder⸗ ſchnelle heran, nahm zu Hof die preußiſchen Magazine weg, drängte den Grafen Tauenzien zurück und ſchlug den Prinzen Louis Ferdinand bei Saalfeld*), wobei der ²) Den 10. October. 19 heldenmüthige Prinz im heißen Kampfe das Leben verlor. Aber immer noch blieb man im preußiſchen Heere unbeſchreiblich thatlos. Man war durch das plötzliche Erſcheinen Napoleon's wie gelähmt, und anſtatt ſich nun ſchnell aller Vortheile des Terrains, aller Höhen und Päſſe zu verſichern, verſäumte man dies und überließ ſie dem Feinde, um ſich am anderen Tage nach der Unſtrut zurückʒuziehen und da eine vortheilhafte concentrirte Stel⸗ lung einzunehmen. Mit dieſem Entſchluſſe ausgerüſtet begaben ſich die preußiſchen Feldherren ſorglos zur Ruhe, nicht ahnend und unbekümmert, wie viele Truppen Napoleon's ſchon in der Nähe waren. Die Herren hatten ihren Plan gemacht, den ſie am andern Morgen ausführen wollten, bis dahin aber konn⸗ ten ſie ruhig ſchlafen, und Fürſt Hohenlohe ruhte ſo ſorg⸗ los in Cappellendorf, als ob weit und breit keine feindli⸗ che Uniform zu erblicken ſei. Aber während die Preußen ruhten, wachte Napoleon. Schon gegen Abend auf der von den Preußen preis⸗ gegebenen, ſo unendlich wichtigen Höhe, dem Landgrafen⸗ berge angekommen, bemerkte er mit Erſtaunen dieſe gren⸗ zenloſe Fahrläſſigkeit der Preußen und zögerte nicht, ſie zu benutzen. 20 Während die Preußen ruhten, wachte Napoleon, und unter ſeiner Aufſicht wurden die Wege zum Landgrafen⸗ berge geebnet und derſelbe mit Truppen und Artillerie beſetzt. Napoleon ſelber war unermüdlich; überall beauf⸗ ſichtigend und anordnend, leuchtete er ſelber mit einer Fackel den Soldaten, die ſeine Anordnungen ausführ⸗ ten, und ſo ward in einer Nacht das unmöglich Scheinende geleiſtet. Die preußiſchen Vorpoſten hörten das Lärmen im feindlichen Lager, das Rollen der Geſchütze, den Holz⸗ ſchlag in der Tiefe— allein Niemanden fiel es ein, den Fürſten wecken und ihn davon benachrichtigen zu laſſen. So brach der Morgen jenes verhängnißvollen 14. October an. Ein dichter Nebel lag auf der Erde ausge⸗ breitet und es ſchien, als verhülle ſich die Sonne, um die⸗ ſen Tag nicht zu ſehen, an dem der Ruhm des großen Friedrich und mit ihm die ganze preußiſche Monarchie in Trümmer fallen ſollte. Napoleon ſtellte mit dem erſten Morgengrauen ſein Heer in Schlachtordnung und begeiſterte ſeine Truppen durch eine feurige Anrede. „Vorwärts!“ antworteten die tapferen Soldaten und die Schlacht begann. Die Truppen rückten vor, die Kanonen donnerten und weckten endlich den Fürſten von Hohenlohe in Cappel⸗ 21 lendorf aus ſeiner Ruhe. Der glaubte jedoch noch immer an keine Schlacht und hatte noch keine Ahnung, wie bitter ſich bereits die Fahrläſſigkeiten des vorigen Tages, das Preisgeben der wichtigen Anhöhen rächte. Tauenzien, den der erſte Angriff getroffen, ward durch die franzöſiſche Uebermacht zurückgedrängt, und Fürſt Hohenlohe ſah ſich nun genöthigt unter den ungünſtigſten Umſtänden eine große Schlacht anzunehmen. Bald war der Kampf allgemein und an 200.000 Mann und 500 Kanonen auf beiden Seiten verbreiteten überall Tod und Verderben. Bei Vierzehnheiligen leitete der Fürſt ſelber das Treffen und hier zeigte ſich die preußiſche Infanterie noch einmal in ihrem alten Werthe. Wäre Rüchel mit ſeiner Truppenabtheilung, nach dem man geſandt hatte, jetzt auf dem Schlachtfelde eingetroffen, ſo wäre der Sieg für Preußen entſchieden geweſen, aber ſo konnten ſich die Truppen ſelbſt bei der äußerſten Tapferkeit nicht halten. Immer neue Heerhaufen zogen den Franzoſen zur Verſtärkung zu, und Hohenlohe verſuchte es vergebens die Stellung zu halten, bis Rüchel einträfe. Der immer mehr wachfende Feind überflügelte die preußiſche Linie, bald war der Rückzug allgemein und artete ſchnell in wil⸗ de Flucht aus. Da erſchien plötzlich Rüchel mit ſeinen Heerhaufen auf dem Schlachtfelde, und er, der vor weni⸗ gen Stunden die Schlacht zu Gunſten Preußens hätte 22 6 entſcheiden können, ward jetzt in den Strudel wilder Flucht mit fortgeriſſen. Zwar verſuchte Rüchel von Neuem die Schlacht zu halten, er ſelber und ſeine Soldaten kämpften mit Löwen⸗ muthe, doch umſonſt, die Uebermacht war zu groß, und bald befand ſich Alles auf wilder Flucht— die Schlacht bei Jena war verloren. Während dieſes bei Jena vorging, hatte man im Hauptheere bei Auerſtädt ebenſowenig eine Ahnung von der Schlacht bei Jena, als man hier an eine Schlacht bei Auerſtädt dachte. Hier ſollte nach der Meinung des Herzogs von Braunſchweig am Morgen des 14. der Marſch nach der Unſtrut beginnen und Niemand hatte eine Idee von der Nähe franzöſiſcher Heerhaufen. Am Morgen des 14. verließ die Königin, welche bis dahin treulich beim Könige ausgeharrt hatte, das Hauptquartier und trat die Rückreiſe an. Auch hier deckte wie bei Jena ein dichter Nebel die ganze Gegend. Gegen 6 Uhr Morgens begannen die Preußen den Aufbruch von Auerſtädt, die Diviſion Schmettau und Blücher mit ſeiner Reiterabtheilung machten den An⸗ fang und drängten kleine Cavallerie⸗Corps, auf die ſie ſtießen, leicht zurück. Bald jedoch trafen ſie auf ein regel⸗ 23 3 mäßiges und ausgebreitetes Geſchützfeuer, und es ward ihnen zum Schrecken klar, daß ſie es nicht mit einem klei⸗ nen Streifcorps, ſondern mit einer ganzen feindlichen Armee zu thun hatten, die mit rieſiger Geſchwindigkeit bereits die Höhen beſetzte, welche die ſich ſehr ſicher dün⸗ kenden Preußen vernachläſſigt hatten. Es war Davouſt mit ſeinem Armeecorps, auf das die Preußen ſtießen, und die Schlacht war jetzt unver⸗ meidlich. Was man am Tage vorher verſäumt, die Beſetzung der Defileen von Köſen, welche ſich bereits in der Gewalt der Feinde befanden, wollte der Herzog von Braunſchweig jetzt mit Gewalt erzwingen. Er ſtellte ſich ſelber an die Spitze des Heeres und es begann nun um den Beſitz des Dorfes Haſſenhauſen ein hitziges Gefecht. Eroberten die Preußen dieſes Dorf, war der Sieg für ſie entſchieden. Aber alle Anſtrengungen ſcheiterten an der Hartnäckigkeit der franzöſiſchen Truppen, Herzog Ferdinand verlor durch eine Kugel beide Augen und ward bewußtlos aus dem Getümmel gebracht, Graf Schmettau erhielt eine Kugel in's Herz. Durch den Verluſt der Oberfeldherrn war die Ein⸗ heit, der Schlachtplan verloren, und obgleich die Regi⸗ menter löwenmuthig fochten, obgleich die Prinzen und Generale, keine Gefahr ſcheuend, ſie ſelber in den Kampf 24 führten, konnten ſie doch der Uebermacht nicht widerſtehen und wurden überflügelt. Nun ward der Rückzug be⸗ ſchloſſen. Die feindlichen Batterien wütheten fürchterlich in den Reihen der Preußen, und wenn auch nicht in zügel⸗ loſer Flucht, gelangten ſie doch aufgelöſt und ungeordnet in Buttelſtädt an, wo ſie von den traurigen Trümmern der Armee von Jena die Schreckensnachricht von dieſer Schlacht hörten. Die Verwirrung der zwei ſich durchkreu⸗ zenden Trümmerhaufen preußiſcher Heere, die vom Feinde gedrängt und verfolgt wurden, war entſetzlich. Beinahe alle Führer waren gefallen, gefangen oder verſprengt, die Soldaten irrten planlos umher, meiſtens die Waffen von ſich werfend, um ſchneller fliehen zu können. Der König ſelber, der unglücklichſte von Allen, welcher vergeblich in der Schlacht den Tod geſucht hatte, befand ſich mitten unter ihnen und war mehrere Male in höch⸗ ſter Gefahr, gefangen zu werden. Feucht und kalt ſenkte ſich die Herbſtnacht endlich nie⸗ der und vermehrte durch ihre Schrecken noch die Noth der armen Flüchtigen, welche obdachlos, von paniſchem Schrecken gepeiſcht, der preußiſchen Grenze zueilten. Das war das Ende jener ſchönen Hoffnungen, die man auf Preußen, auf die Armee Friedrich des Großen geſetzt hatte. Geſchlagen, zerſprengt— und mit ihr die ganze Monarchie, das Werk des großen Churfürſten und des großen Königs. 25 Preußen war beſiegt und mit ihm der letzte Schutz⸗ pfeiler gegen den Uebermuth Napoleon's gefallen; frei und unbeſchränkt konnte dieſer jetzt in Deutſchland ſchalten und walten, es war Niemand mehr da, ihm Wider⸗ ſtand zu leiſten— Alles, Alles war verloren. Lurites Capitel. Im Bauernhauſe. Was ſchreibeſt Dichter Du? In Gluthbuchſtaben Einſchreib' ich mein und meines Volkes Schande, Das ſeine Freiheit nicht darf denken wollen. Rückert. Der Tag neigte ſich zu Ende und die letzten Strah⸗ len der untergehenden Sonne ſtahlen ſich heimlich zwi⸗ ſchen den grünen Fenſtervorhängen hindurch und warfen ein goldenes Streiflicht auf die einfache Thür des kleinen, ſchon ziemlich dunklen Zimmers im Bauernhauſe. In dieſem, das einfach aber nett und reinlich, ei⸗ nen wohlthuenden Eindruck machte, war Alles ſtill; nur die Schwarzwälder Wanduhr ſchlug einförmig ihren Tact 1860. VIII. Geſangen und Befreit. 2 26 und ruhige Athemzüge verkündeten die Anweſenheit eines Schlafenden. Da ward geräuſchlos die Thür geöffnet, ein Locken⸗ kopf erſchien in der Spalte, lauſchte vorſichtig in das Zimmer, und gleich darauf trat ganz leiſe ein junges Mädchen ein, ſchlich auf den Zehen in den Hintergrund des Zimmers, blickte auf den Schläfer, der da auf einem weichen Ruhebette lag, und nickte beruhigt, als ſie ihn feſtſchlafend erblickte. Dann ging ſie an das Fenſter, ſchob die langen, grünen Vorhänge zurück, nahm aus dem Wandſchranke ihr Arbeitzeng und ſetzte ſich an das Lager des Schla⸗ fenden. Es war ein junges blühendes Mädchen von vielleicht achtzehn Jahren, über deren Geſtalt alle Anmuth, die dieſes Alter verleiht, wie ein holder Zauber ausgegoſſen war. Doch lag über ihre Züge eine ſchmerzliche Trauer, die ſich noch zu vermehren ſchien, wenn ihr Blick auf den Schlafenden fiel. „Noch immer kein Erwachen!“ flüſterte ſie, ſich tief über ihn beugend und ängſtlich jedem Athemzuge lau⸗ ſchend;„der Vater meinte doch, daß er zum Abend er⸗ wachen müßte.“ Doch da die regelmäßigen Athemzüge von ruhigem 27 Schlummer zeugten, nahm ſie ihre Arbeit wieder zur Hand und zupfte Fäden aus einem Stück Leinenzeug. Sie hatte ſchon einen ganzen Haufen davon vor ſich liegen, als endlich der Schläfer ſich regte und zu erwachen ſchien. Schnell ſchüttete das Mädchen die Charpie auf den Tiſch und eilte an das Lager zurück. „Wo bin ich?“ rief jetzt der Erwachte mit ſchwacher Stimme und bewegte den Arm, um ſich emporzurichten, ſank aber mit einem leiſem Aechzen zurück. „Sie ſind wohlgeborgen bei ehrlichen Deutſchen,“ erwiderte das Mädchen freundlich,„aber nun verhalten Sie ſich ruhig und rühren ſich nicht, damit Sie Ihren Wunden nicht ſchaden, die der Vater mit großer Sorg⸗ falt verbunden.“ „Meine Wunden? Bin ich denn verwundet?“ fragte der Kranke erſtaunt, aber dann, wie ſich beſinnend, ſeufzte er tief:„Ach ja, jetzt beſinne ich mich, es war eine Schlacht; der verdammte franzöſiſche Dragoner hatte mir einen Hieb in den Arm gegeben, ich ſpaltete ihm zum Dank den Schädel, da traf mich ſelber ein Hieb an den Kopf. Ja, ja, ich beſinne mich, ich ſank ohnmächtig vom Pferde— doch ſag', holdes Kind, wie komme ich hierher?“ „Sehr einfach, mein Herr Offizier. Als die Schlacht beendet war und der größte Theil der Heere aus der Gegend verſchwunden, eilten alle Bewohner der benach⸗ 2* — 28 barten Dörfer und mit ihnen auch mein Vater auf das Schlachtfeld, um Verwundete aufzuſuchen und ihnen Hülfe zu bringen. Leider gelang es meinem Vater nur Sie zu retten und glücklich in unſerer Hütte zu verber⸗ gen, da alle andern Verwundeten an die Franzoſen aus⸗ geliefert werden mußten und in die Lazarethe gebracht wurden, wo ſie geheilt und dann als Kriegsgefangene nach Frankreich gebracht werden ſollen.“ „An die Franzoſen? Haben denn die Preußen die Schlacht nicht gewonnen?“ Das Mädchen ſchüttelte traurig den ſchönen Locken⸗ kopf und blickte mit naſſen Augen den jungen Krieger an, der mit dem Schmerzensruf:„Verloren! O mein Kopf, mein Kopf!“ ohnmächtig zuſammenſank. Das Mädchen holte ſtärkende Eſſenzen herbei und nach langen Bemühungen ſchlug der junge Mann die Augen wieder auf. „Verloren!“ murmelte er leiſe,„Preußen hat ver⸗ loren— nun iſt es aus mit Deutſchland! Und was iſt aus dem Heere, was iſt aus dem Feldherrn geworden?“ „Alles geflohen, Alles zerſprengt, und die Franzoſen wild hinter drein, haben eine Unmaſſe Gefangene ge⸗ macht.“ „Aber das Heer bei Auerſtädt, das der Herzog ſelber commandirte und bei dem ſich der König befand, 29 was iſt denn aus dem geworden? Hat denn dieſes nicht die Niederlage bei Jena gerächt und die übermüthigen Franzoſen gedemüthigt?“ „Auch das iſt geſchlagen. Ohne daß ein Heer von dem anderen etwas wußte, waren beide von Napoleon angegriffen worden und die Preußen verloren an einem Tage zwei Schlachten.“ „Gerechter Gott, dann iſt ja Alles aus!“ rief der Offizier und wollte ſich ſtürmiſch emporrichten; doch . ihn das Mädchen zurück und empfahl ihm dringend uhe. „Sie dürfen ſich nicht mehr rühren und nicht mehr ſprechen,“ ſagte ſie mit trübem Lächeln,„und müſſen vor Allem jetzt etwas von dieſer Arznei nehmen, die der Va⸗ ter für den Fall Ihres Erwachens hingeſtellt hat.“ „Aber wo iſt denn Dein Vater, holdes Kind, und wer iſt es und wo bin ich eigentlich?“ „Sie ſollen Alles erfahren, doch erſt nehmen Sie dieſe Arznei und dann liegen Sie ganz ruhig und ſpre⸗ chen Sie nicht mehr, damit Sie ſich nicht aufregen und das Wundfieber wiederkehrt.— So, nun iſt's gut, nun liegen Sie ganz ſtill, und ich werde Ihnen erzählen, was ſeit der Schlacht geſchehen iſt.— Als mein Vater aus Jena zurückkehrte, wohin ſie, wie ich ſchon ſagte, die verwun⸗ deten Preußen abliefern mußten, ging er noch einmal 30 über das Schlachtfeld. Da ſah er halb unter einem Pfer⸗ de einen mit Blut bedeckten Offizier liegen, der mit der Rechten noch den Degen feſt umklammert hielt. Der iſt als Tapferer geſtorben, dachte mein Vater, trat näher und faßte den Arm des Todten; da fühlte er, wie der Puls ſich leiſe hob— das Leben war alſo noch nicht entflohen, vielleicht konnte er gerettet werden! Er hob den Armen auf, brachte ihn in eine bequeme Lage, wuſch die Wunden mit Waſſer und legte leichte Verbände um Kopf und Arm, dann eilte er nach Hauſe, holte den Knecht und eine Tragbahre, und ſo brachte man Sie, mitten in der Nacht, unbemerkt in unſer Haus, wo Niemand Sie vermuthet. Der Vater verband Ihre Wunden von Neu⸗ em, ohne daß Sie erwachten, aber der Vater ſah doch, daß Sie noch lebten, und bald wurden Sie auch leben⸗ dig und ein Wundfieber ſchüttelte Sie, vor dem mir jetzt noch graut. Geſtern Abend fielen Sie endlich in ei⸗ nen ruhigen Schlummer, aus dem Sie nun, wie der Vater ganz richtig vorausſagte, heute Abend wieder zum Bewußtſein erwacht ſind. O der Vater iſt gar ſehr ver⸗ ſtändig in der Arzneikunde und er hat Sie gepflegt, als ob Sie ſein eigener Sohn wären. Nein, ſagte er öfter, den ſollen mir die Franzoſen nicht in die Hände bekom⸗ men, den will ich ihren Spürnaſen ſchon aus dem Wege räumen. Es ſind viele Offiziere geblieben und gefangen worden, und wenn der König von Preußen wieder ein Heer ſammelt, werden ihm Offiziere nöthig ſein, da muß ich den unſeren erhalten.“ „Der edle Mann!“ rief hier der Verwundete er⸗ freut,„und wo iſt er, daß ich ihm danken kann?“ „Er iſt heute wieder in Jena, um zu erfahren, wie es mit den Heeren ſteht, und dann auch um Balſam mit⸗ zubringen für Ihre Wunden. Er kommt jedoch wohl heute noch zurück, da er mich und die Mutter in dieſer unru⸗ higen Zeit nicht gern Nachts allein läßt.“ „Und unterdeſſen übernahmſt Du, holdes Kind, die Pflege des armen Verwundeten! O Dank, tauſend Dank, Ihr guten Leute, gebe nur Gott, daß ich Euch einſt ver⸗ gelten kann!“ ſagte der Offizier und drückte mit der ge⸗ ſunden Hand innig die des jungen Mädchens. „Helfen Sie das geknechtete Vaterland befreien!“ rief dieſe glühend,„das iſt der ſchönſte Dank, den Sie uns bieten können!“ Ueberraſcht blickte der Verwundete auf und erſtaunte über die wunderbare Schönheit des Mädchens, das mit flammenden Augen vor ihm ſtand und in deſſen Zügen ſich eine ſchöne Begeiſterung malte. „Freilich liegt jetzt Deutſchland zerſchmettert und geknechtet zu den Füßen des Eroberers; freilich ſcheint es jetzt, als ob für immer Deutſchland aus der Liſte der Staaten geſtrichen und eine Beute des frechen Eindring⸗ 32 lings geworden ſei— doch dem iſt nicht ſo, dem kann, dem darf nicht ſo ſein. Deutſchland darf und wird nie ein fremdes Joch ertragen, und es kommt die Zeit, wo ſeine Jünglinge und Männer zu den Waffen greifen und den Feind verjagen werden aus den deutſchen Hai⸗ nen. Dann, wenn dieſer Tag kommt, dann ſeien auch Sie nicht fern, dann zögern auch Sie nicht, das Schwert von Neuem zu ziehen für deutſche Ehre und deutſche Frei⸗ heit!“ Was war es, was dieſes Mädchen anregte zu ſo begeiſterter Rede? Welcher Geiſt ſprach aus ihr und pro⸗ pPhezeihte mit ſo vieler Sicherheit beſſere Zeiten und ein Ende der Thrannenwirthſchaft? Wer gab dem Kinde dieſe Sicherheit der Behauptung, dieſe freudige Zuverſicht, wel⸗ che wie aufkeimende Morgenröthe ihr ganzes Weſen ver⸗ klärte, daß der kranke Offizier zu ihr aufſchaute wie zu einer Heiligen, wie zu dem Genius Deutſchlands, der gekom⸗ men, die Feſſeln des unglücklichen Landes zu löſen?— Ja, es war der Genius Deutſchlands, der aus dem Kinde ſprach! Die freudige Zuverſicht, daß es einſt beſſer wer⸗ den, daß Deutſchland wieder frei werden würde, lebte noch im Volke fort und ließ es nicht ſich ſelbſt verlieren unter Frankreichs Feſſeln. Mußte es auch jetzt der Gewalt ſich beugen, mußte den übermüthigen Franzmann als Herrn in ſeinen Gauen walten ſehen, ſo war doch die Hoffnung nicht geſtorben, daß es beſſer werden würde; der Genius Deutſchlands wachte, und als die Zeit erfüllet war, da rief er unter lautem Flügelſchlage das Volk zu den Waf⸗ fen— zum Kampfe der Freiheit. Noch immer ſtand das Mädchen mit verzücktem Blick vor dem Bette des Kranken, als ſchaute es in eine beſſere Zukunft; noch immer hielt der Verwundete ihre Hand in der ſeinen und blickte zu ihr auf, wie zu einer Heiligen. In dieſem Augenblicke hatte er es erkannt, ſie war's und keine ſonſt auf Erden, die einſt die Seine mußte werden. Der Retterin, der Pflegerin hatte er ge⸗ dankt von ganzem Herzen und wäre bereit geweſen, mit ſeinem Blute die Schuld zu löſen; der charaktertüchtigen Patriotin, dem deutſchen Mädchen flog ſein Herz entge⸗ gen. Ihr konnte er nicht danken, ſie mußte er lieben, und indem er ſelig zu ihr aufſchaute, ward er der Ihre für Zeit und Ewigkeit! „Mögen Sie recht haben, holdes Kind,“ ſagte er endlich, und auch ſeine Stimme klang froher und freudi⸗ ger,„und glauben Sie ſicher, daß ich einer der Erſten bin im Kampfe der Freiheit. Ja, auch ich glaube, daß Deutſchland noch nicht verloren iſt, und daß es ſich ſchö⸗ ner und herrlicher wieder erheben wird, als es war, ehe Napoleon mit ſeinen Schaaren es überſchwemmte. Das Unglück iſt eine heilſame Arznei, und Deutſchland hat 34 eine gute Doſis davon verſchluckt; möge ſie nur gute Wirkung thun. Und wenn dann die Zeit gekommen iſt, wenn der Ruf erſchallt zur Rettung des Vaterlandes, dann möge nur Deutſchland einig ſein, und es wird ſiegen!“ „Oeſterreich hat bei Auſterlitz, Preußen bei Jena erkennen müſſen, wohin Uneinigkeit führt; hoffentlich wer. den beide nun erkennen, was ihnen vor Allem Noth thut⸗ Oeſterreich wird ſich erholen von ſeinen ſchweren Wun⸗ den, auch Preußen wird ſeine verſprengten Truppen wie⸗ der ſammeln, und Preußens Söhne werden mit Frenden herbei eilen, wenn das Vaterland ruft und ihrer bedarf. Mögen nun dieſe beiden Staaten endlich zuſammenhalten, dann kann noch Alles gut werden! Und auch ich werde nicht fehlen, wenn das Vaterland ruft; ſobald nur meine Wunden geheilt ſind, will ich verſuchen, wieder zu mei⸗ nem Regimente zu gelangen.“ „Nun dafür laſſen Sie nur meinen Vater ſorgen,“ erwiderte das Mädchen,„und bald werden Sie die kran⸗ ken Glieder wieder gebrauchen können! Aber nun bleiben Sie endlich auch hübſch ruhig und ſprechen durchaus kein Wort mehr, ſonſt wird das Fieber wieder beginnen, und der Vater ſchilt, wenn er kommt!—— Himmel, da kommt er ſchon! Schnell noch einmal Arznei und dann nicht mehr gerührt.“. 35 Gleich darauf trat der Vater des jungen Mädchens ein— ein ſchlichter gerader Bauersmann, mit ehrlichen gutmüthigen Zügen. „Grüß Dich Gott, Johanna!“ ſagte er freundlich; „wie geht es unſerem Verwundeten? Ah, ſchon erwacht; na, das iſt ſchön; freut mich, Sie munter und bei Beſinnung zu finden,“ ſagte der Alte herzlich und drückte erfreut die Hand, die ihm der kranke Offizier mit einem unendlich dankbaren Blicke entgegenſtreckte. „Dank, tauſend Dank, mein Lebensretter——* ſtammelte er, allein ſchnell unterbrach ihn der Alte: „Halt, nicht ſprechen! Immer ruhig, ganz ruhig verhal⸗ ten!“ Dann fühlte er noch den Puls des Kranken, nickte beruhigt mit dem Kopfe und verließ das Zimmer, um zu ſeiner Frau in die Wohnſtube zu gehen und einem Abendimbiß nachzufragen. Ein langer Dankesblick des Kranken folgte ihm nach und leiſe murmelte derſelbe:„Deutſche Treue— doch kein Wahn!“ Nach einer Weile kehrte Johanna's Vater in das Krankenzimmer zurück, um den Verband des Verwundeten zu erneuen, und freute ſich über das gute Ausſehen der Wunden und daß er dem Offizier verſprechen zu können 36 glaube, er werde in vierzehn Tagen das Bett verlaſſen dürfen. Nun fragte Johanna nach Nachrichten aus Jena. „Schlecht, ſteht Alles ſehr ſchlecht,“ erwiderte der Alte rauh;„keine Hoffnung mehr für Preußen, keine Hoffnung für das ganze Vaterland. Was das Unglück begonnen, helfen die Feigheit und der allgemeine Schrecken vollenden.“ „Aber Vater,“ ſagte hier Johanna,„Preußen be⸗ ſitzt ja doch in ſeinen Feſtungen noch einen feſten Halt, unter ihrem Schutze können ſich die zerſprengten Truppen wieder ſammeln und dem Siegeszuge Napoleon's viel⸗ leicht noch Einhalt thun.“ „Das iſt es ja eben, was ich meine, was das Un⸗ glück vollendet. Die Feſtungen halten ſich nicht, Alles iſt wie vor den Kopf geſchlagen, und am 16. bereits hat ſich Erfurt übergeben, ohne nur einen Verſuch zur Ver⸗ theidigung zu machen. 14.000 Mann, darunter 6 hohe Generale, und 120 Kanonen fielen den Franzoſen in die Hände. Es iſt eine Schmach zu capituliren, wenn man Mundvorrath und Munition und 120 Kanonen hinter feſten Mauern hat, da hätten ſie manchen Franzmann können kalt machen, der Luſt gehabt, ſich die Feſtung näher zu beſehen, und wie's mit Erfurt ging, wird's überall gehen. O Schmach und Schande! Es iſt Alles verloren!“ 37 Der Offizier hatte mit Entſetzen dieſe neue Unglücks⸗ mähr vernommen; auch er begann jetzt faſt zu zweifeln an Deutſchlands Stern, der tiefer und tiefer ſank, wäh⸗ rend Napoleon, ein glänzender Meteor, immer höher ſtieg, mit ſeinem trügeriſchen Glanze ganz Europa überſtrahlend. Seufzend wandte der Offizier ſein ſchweres Haupt der Wand zu; Johanna aber, das deutſche Mädchen, ver⸗ hüllte ihr Haupt und weinte bitterlich. So waren mehrere Wochen vergangen. Der Novem⸗ ber neigte ſich dem letzten Viertel zu und der Winter be⸗ gann allmälig. Albrecht v. W., der verwundete Offizier, hatte ſich von Tag zu Tag mehr erholt und machte jetzt ſchon, auf den Arm ſeiner liebevollen Pflegerin geſtützt, täglich einen Ausflug in das Freie. Johanna war während ſeiner ganzen Krankheit faſt nicht von ſeinem Bett gewichen, und die Hoffnung auf einſtige Befreiung Deutſchland's, die Beide feſthielten, ob Schlag auf Schlag auch fiel, ſie zu vernichten, hatte ihre Seelen näher zu einander gebracht und es herrſchte zwi⸗ ſchen ihnen ein füßes Einverſtändniß, ein geiſtiger Bund— deſſen Bande in der Liebe zum Vaterlande wurzelten. Der Eindruck jener Stunde, in der ſich ihm Johan⸗ na's edles Herz enthüllte, war in den Tagen ſeiner Krank⸗ heit, wo ſie als guter Engel ſein Lager bewachte, in Al⸗ 38 brecht's Herzen immer mächtiger geworden, und er fühlte, daß er nicht würde leben können vhne ſie, ohne ihre Liebe. Albrecht haßte den Eroberer, der ſein Vaterland knechtete, und Johanna ſchwärmte für Deutſchlands Freiheit. So hatten ſich ihre Seelen immer mehr gefunden, und aus der gleichen Liebe zum Vaterlande entſprang auch bald die Liebe zu einander. Und als ſie wieder einmal begeiſtert für ihr Vaterland ſprach, da ſchlang er entzückt ſeinen geſunden Arm um ſie und der Mund floß über von dem, deſſen das Herz voll war: er ſagte ihr, wie ſehr er ſie liebe und wie er nur glücklich ſein könne durch ſie und mit ihr. Und er küßte ihre Lippen und ihre Augen, und ſie wehrte ihm nicht. Selig ruhte ſie an ſeiner Bruſt und ihn mit ihren Armen umſchlingend, flüſterte ſie: „O ich liebte Dich ja längſt!“ Dann aber richtete ſie ſich plötzlich auf und den Ge⸗ liebten anſchauend, mit einem Blicke, in dem ihre ganze Seele lag, fagte ſie feierlich:„Dein bin ich, Albrecht, Dein allein, doch nur als freie Deutſche kann ich Dir angehö⸗ ren! Wenn das Vaterland frei iſt, bin ich Dein!“ Und überwältigt von dem Augenblicke ſanken ſie nie⸗ der auf die Knie und Hand in Hand ſchwuren ſie: „Treue und Liebe dem Vaterlande bis zum Tode! 39 Haß und Kampf aber der Knechtſchaft und der Tyran⸗ nei!“—— Es waren mehrere Wochen vergangen ſeit der Schlacht bei Jena und ſeit Albrecht in der Bauernhütte weilte, und auch heute machte er, auf den Arm ſeiner Pflegerin ge⸗ ſtützt, einen Ausflug in das Freie. Aber ihre Züge waren traurig und kummervoll und ein herber Schmerz ſpiegelte ſich darin ab. Albrecht hatte Johanna's Hand in der ſeini⸗ gen und ſo gingen ſie, Hand in Hand, ſchweigend neben einander her, tief betrübt über das Schickſal des unglück⸗ lichen Vaterlandes. Nach dem Falle von Erfurt folgte ein Unglück auf das andere, ein Schlag nach dem andern, der die letzten Pfeiler der preußiſchen Monarchie in ihren Grundfeſten erſchütterte. Prinz Eugen, der die Reſerve⸗Armee führte, ward bei Halle geſchlagen, die ganze Armee, trotz der hel⸗ denmüthigſten Vertheidigung durch die Uebermacht ge⸗ ſprengt und in wilde Flucht aufgelöſt, und Fürſt Hohen⸗ lohe mußte ſich mit 16.000 Mann Infanterie, 6 Rei⸗ terregimentern, vielen Fahnen und Kanonen bei Prenzlau dem Feinde gefangen geben, weil es ihm an Munition und Lebensmitteln fehlte, und die Soldaten bereits murr⸗ ten und den Gehorſam verweigerten. Magdeburgs Commandant hatte ihnen, als ſie vor⸗ überzogen, und Munition und Brod aus der reich mit 40 Allem verſehenen Feſtung erbaten, dieſelbe verweigert; die Uebergabe der ganzen Armee war die Folge dieſes engherzigen Handelns, welchem aus dem ganzen Feld⸗ zuge nur eine That würdig als unwürdig zur Seite ge⸗ ſtellt werden kann— die Uebergabe Magdeburgs. Zehn Tage nach der Schlacht bei Jena zogen die Franzoſen in Berlin ein, Spandau übergab ſich an dem⸗ ſelben Tage ohne Schwertſtreich(der Commandant war froh, ſeinen Hühnerhof ungefährdet zu ſehen, was küm⸗ merte ihn die Feſtung), und bald darauf fiel auch Stet⸗ tin, der Schlüſſel zu Pommern und Weſtpreußen, ohne daß nur ein Schuß gefallen wäre. Noch ſchimpflicher war der Fall von Küſtrin, einer der wichtigſten und feſteſten Plätze Preußens, der mitten im Moraſte gelegen und ſchwer zugänglich, ſich am ehe⸗ ſten und längſten hätte vertheidigen können. Der König hatte auf ſeiner Flucht kurze Zeit ſein Hauptquartier in Küſtrin gehabt und bei ſeiner Abreiſe dem Comman⸗ danten die äußerſte Vertheidigung des Platzes an's Herz gelegt, die dieſer auch verſprochen. Kaum rückten je⸗ doch die erſten Franzoſen, circa 1500 Mann ſtark, gegen die Feſtung an, da warf ſich der Herr Commandant auf's Pferd, ritt den Franzoſen entgegen und übergab dieſem Häufchen Leuten ſeine Feſtung, welche im beſten Stande, mit Lebensmitteln und Munition reichlich ver⸗ 41 ſehen war, und von 4000 Mann gutbewaffneten Trup⸗ pen mit 90 Kanonen hätte vertheidigt werden können. Alle dieſe Nachrichten hatten ſich wie Mehlthau um die liebenden Herzen unſerer Freunde gelegt, hatten ſie niedergebeugt und ihr Vertrauen auf Deutſchland, ihren Glauben an ſeinen Genius erſchüttert. Entſetzliche Schmach, wenn Deutſche ſich, durch ein Unglück verwirrt, zu ſo ſinnloſen Handlungen wie die Uebergabe der Feſtungen hinreißen laſſen! Durch dieſe Feigheit ward das Unglück Preußens entſchieden und Napoleon war binnen dreißig Tagen Herr von faſt der ganzen Monarchie. Was halfen alle dieſem gegenüber einzelne Beweiſe der Tapferkeit und des Heldenmuthes, wie die Verthei⸗ digung Blücher's, der ſich mit einer Handvoll Cavallerie gegen drei franzöſiſche Heerhaufen vertheidigte, endlich ſich nach Lübeck zurückzog und erſt gefangen gab, als dieſe Stadt mit Sturm genommen wurde, und er bei Ratkau keine Schiffe fand, ſich mit ſeinem Heere über die See zu retten? Was halfen ſolche einzelne Züge des Helden⸗ muthes, der allgemeinen Feigheit und Entſittlichung ge⸗ genüber? Sie hielten den Gang des Unglücks nicht auf, und es ſchritt weiter, Alles um ſich vernichtend und Ver⸗ derben ſpeiend über Preußens Lande. Die Königsfamilie hatte ſich an die nordöſtliche 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 3 42 Spitze des Reiches geflüchtet, und mit bangem Herzen ſah die edle Louiſe dem furchtbaren Augenblicke entgegen, wo ſie als flüchtige Bettlerin mit ihren Kindern die Schwelle der Heimat übertreten und in Rußland Schutz würde ſu⸗ chen müſſen vor den Verfolgungen des unerſättlichen Siegers. Noch aber war nicht alle Hoffnung aufgegeben wor⸗ den, das Reich zu retten, noch ſtand ja Magdeburg, die ſtärkſte und berühmteſte Feſtung Preußens, die ſich im dreißigjährigen Kriege durch ihre heldenmüthige Verthei⸗ digung unſterblichen Ruhm erworben hatte. Noch ſtand Magdeburg, die letzte Hoffnung des unglücklichen Königspaars, und 24.000 Mann mit 800 Kanonen waren bereit, ſie zu vertheidigen. Außerdem brauchte man auch eine langwierige Belagerung nicht zu fürchten, da ungeheure Vorräthe an Pulver und Pro⸗ viant in den Magazinen aufgehäuft lagen. Und Magdeburg war eine tapfere Feſtung, die dem Feinde nicht freiwillig die Thore öffnete; das hatte ſie im dreißigjährigen Kriege bewieſen, wo ſie nur nach lan⸗ ger Belagerung durch Sturm genommen worden war, und wo die Stürmenden über die Leichen der Vertheidi⸗ ger ſich den Weg in die Stadt erkämpfen mußten. Ueber Alles dieſes ſprachen die beiden Liebenden, denen wir auf ihrem Spaziergange begegneten, und an 43 der Hoffnung auf Magdeburgs heldenmüthige Ausdauer richteten ſich ihre, durch ſo viele ſchlimme Nachrichten gebeugten Herzen ein wenig wieder auf. „Ich wollte, ich wäre ein Mann,“ ſagte Johanna oft,„dann würde ich ausziehen aus dem elterlichen Hauſe und immer fort kämpfen gegen dieſen Napolen, und nim⸗ mer wieder zurückkehren, als bis das Vaterland ganz befreit und leer von franzöſiſchen Soldaten wäre.“ „Du biſt eine Heldenſeele, Johanna, und Johanna dAre ſelber konnte ihr Vaterland nicht glühender lieben, als Du das Deinige; möge es Dir vergönnt ſein, es recht bald befreit zu ſehen!“ erwiderte Albrecht mit einem zärtlichen Händedruck. „Das wolle Gott!“ fügte Johanna hinzu. Sie waren unterdeß in der Nähe des Hauſes an⸗ gelangt und traten mit dem Vater Johanna's zugleich ein, der ſoeben aus Jena zurückkehrte, wo er Geſchäfte gehabt hatte. Seine Züge waren düſter, und im Zimmer angekom⸗ men, warf er ſich unmuthig in ſeinen Lehnſtuhl und ſtarrte trübe vor ſich nieder. Es mußte etwas ſehr Trauriges und Unangenehmes ſein, was den alten freundlichen Mann ſo heftig bewegt hatte, und Johanna und Albrecht wagten nicht ſein Schweigen durch eine Frage zu unterbrechen, doch be⸗ 3* gegneten ſich ihre Blicke mit beſorgtem Ausdrucke und ſchienen einander zu ſagen, wie ſehr ſie Beide vor einem neuen Schreckniß bangten und neue Unglücksbotſchaften fürchteten. Und was war es, was konnte es anders ſein, als eine Nachricht, die das Vaterland berührte, die das arme gequälte Deutſchland mit noch ſchwereren Feſſeln behan⸗ gen zeigte? Sollte der König von Preußen eine neue Schlacht gewagt, und abermals beſiegt worden ſein? Sollte er gar gefangen oder gefallen ſein in derſelben, oder war der allgemein verehrten Königin ein Unglück zugeſtoßen?— So dachte Johanna beim Anblicke des trauernden Vaters, und eine Möglichkeit erſchreckte ſie ſo ſehr als die an⸗ dere— oder ſollte Magdeburg?— Entſetzen faßte ſie bei dieſem Gedanken und zum Geliebten hinblickend, flüſterte ſie bangend:„Sollte Magdeburg—2“ Wie vom Blitze berührt, zuckte der Alte bei dieſem Worte zuſammen, und mühſam das ſchwere Haupt empor⸗ richtend, ſagte er tonlos:„Ja, Magdeburg iſt gefallen! Nun iſt auch meine letzte Hoffnung auf eine beſſere Zu⸗ kunft verſchwunden, und ich bitte Gott, er wolle mich ſterben laſſen, damit ich nicht franzöſich zu werden brauche.“ Dieſer Schlag war um ſo härter, als er unerwar⸗ — 45 tet kam. Stummes Entſetzen hatte Alle erfaßt und ſie vermieden es, einander anzuſehen, um nicht in den Blicken des Andern die eigene Troſtloſigkeit wieder zu finden. „Ja, Magdeburg iſt gefallen,“ fuhr der Alte lang⸗ ſam fort,„gefallen zu Deutſchlands Schande, die ſelbſt der glänzendſte Sieg nicht wieder abwaſchen könnte, wenn für uns die Zeit der Siege auch nicht vorbei wäre. Dieſe Feſtung, die vor Jahrhunderten einem vielmal über⸗ legenen Feinde wochenlang getrotzt, die er nur durch heißen Kampf und Sturm erobern konnte, dieſes ſelbe Magdeburg hat ſich vor wenigen Tagen mit 24.000 Truppen und 800 Kanonen, nebſt ungeheuern Vorräthen an den Marſchall Ney übergeben, der mit kaum 10.000 Mann und gar keinem Belagerungsgeſchütz vor ihre Wille rückte.“ Unmöglich!“ riefen Johanna und Albrecht wie aus einem Munde, und ſtarrten entſetzt den alten ge⸗ beugten Mann an, von dem ſie hätten glauben mögen, daß er im Fieber rede. „Unmöglich— aber doch wahr!“ ſetzte dieſer hinzu; „aber dieſe That ſteht auch einzig da in der Geſchichte aller Zeiten und Völker, und es iſt ganz recht, daß ein Land untergeht, das ſolche Bewohner zählt, wie die Ver⸗ theidiger von Magdeburg. Wollte nur Gott meinen 46 Wunſch erfüllen und mich ſterben laſſen, damit ich nicht mit grauem Haar noch franzöſiſch werden muß.“ „Sterben! Ja, wer jetzt ſterben könnte!“ flüſterte Johanna. Albrecht hatte ſich abgewandt und blickte durch das Fenſter hinaus in das Weite; Johanna aber verhüllte ihr Haupt und weinte bitterlich. Prittes Capitel. Der Flüchtling. Von dieſer Mutter darf das Kind nicht laſſen: Das Vaterland muß unſer Herz umfaſſen, Das iſt das heiligſt größte Erdenbanb. Louiſe Otto. Der Frühling war herangekommen, ohne etwas an der Lage des preußiſchen Staates zu verbeſſern. Napoleon war Herr bis an die Weichſel und der Beſitz des Königs von Preußen beſchränkte ſich nur noch auf einen kleinen Reſt früherer Größe. Zwar hatten die verbündeten Preußen und Ruſſen in einer blutigen Schlacht bei Preußiſch⸗Eylau*) einen 8. Jebruar 1807. 47 halben Sieg erfochten, doch konnte derſelbe zu wenig be⸗ nutzt werden, beide Heere fühlten ſich zu ſehr erſchöpft, um etwas Entſcheidendes zu unternehmen, und man bezog die Winterquartiere, um in langerſehnter Ruhe neue Kräfte und neuen Muth zu neuen Kämpfen zu ſammeln. So war das Frühjahr 1807 erſchienen, und trotz der mannigfaltigen Unterhandlungen und Friedensvorſchläge, beſonders von Seiten Oeſterreichs, war kein Frieden zu Stande gekommen und die Heere bereiteten ſich zu neuen Kämpfen vor. Die Wunden Albrecht's waren unterdeß auch völlig geheilt, die Nachricht von der Schlacht und dem wenn auch zweifelhaften Siege bei Ehlau, der zum erſtenmale den Glauben an Napoleon's Unbeſiegbarkeit zu erſchüt⸗ tern begann, war auch zu ihm gedrungen, hatte auch und Johanna's treues Herz mit neuer Hoffnung er⸗ üllt. „Hörſt Du Deutſchlands Genius rauſchen?“ hatte ſie mit glänzenden Augen gerufen, als der Vater den Sieg bei Eylau verkündete;„glaubet mir, bald wird er mit gewaltigem Schwunge ganz Deutſchland emporrüt⸗ 6 und ehe ein Monat vergeht, iſt Deutſchland wieder vei. Das gute Kind konnte allerdings nicht ahnen, was den verbündeten Preußen und Ruſſen dieſer zweifelhafte 48 Sieg gekoſtet hatte, und es weinte und klagte gar bald wieder, als es vernahm, wie man nach der Schlacht ſich beiderſeitig zurückgezogen habe, um ſich zu erholen und zu ſtärken. Noch war die Zeit nicht gekommen zur Wieder⸗ erhebung Deutſchlands; es nußte noch tiefer ſinken, um für die Freiheit reif zu werden. So war der Frühling herangekommen und nun litt es auch Albrecht nicht länger in der engen Bauernhütte; es trieb ihn hinaus, hinauf nach Norden, wo ſein König bereit ſtand, gegen den Thrannen auf's Neue das Schwert zu ergreifen. Und Johanna, das liebende Mädchen, ſie hielt ihn nicht. Sie erſtickte den heißen Trennungsſchmerz in ihrer Bruſt, denn ſie wußte, daß er recht that, und beſtärkte ihn noch in ſeinem Vorſatze, ob auch ihr lieben⸗ des Herz blutete und ihre Bruſt zu zerſpringen drohte bei dem Gedanken, daß der Geliebte nun hinausziehen und ſeine Bruſt dem Feinde bieten ſollte. Aber Johanna war ein ſtarkes Mädchen; die Liebe zum Vaterlande überwog Alles, und ſtandhaft erwiderte ſie ſeinen Abſchiedskuß, als er nun aufbrach, um hinweg zu ziehen; mit feſter Stimme wiederholte ſie ſein Ab⸗ ſchiedswort: „Auf Wiederſehen, wenn Deutſchland frei iſt!“ Aber als nun Albrecht hinter dem nahen Hügel ver⸗ 49 ſchwand, von dem aus er ihr einen letzten Gruß zugewinkt hatte, da ſank ſie, von Schmerz überwältigt, nieder und betete und rang und weinte und zagte— das liebende Mädchen für den Geliebten. Albrecht aber ſchritt rüſtig fürbaß. S& hatte, um unangefochten und ſicherer durch die Gegend zu reiſen, die ja auch unter franzöſiſcher Herrſchaft ſtand, ſeine Uniform unter einem blauen Kittel verborgen, und ſo zog er als luſtiger Wanderburſche dahin und freute ſich des kommenden Frühlings und am Wiedererwachen der Natur. Albrecht von W. war der jüngſte Sohn einer adeli⸗ gen preußiſchen Familie, doch hatte er ſchon in früheſter Jugend ſeinen Vater verloren, der ihn, da der ältere Bruder ſich den Studien widmete, ſchon als kleines Kind für den Militairſtand beſtimmt hatte. Die Mutter, den Willen des Seligen ehrend, hatte die Erziehung und Bildung des jüngern Sohnes nach militairiſchen Grund⸗ ſätzen einrichten laſſen, ohne jedoch dabei Geiſt und Herz zu vernachläſſigen. So war Albrecht zu einem allſeitig gebildeten jun⸗ gen Manne aufgewachſen, der in ſeiner Garniſon keines⸗ wegs die Freuden der Jugend vernachläſſigte, im Gegen⸗ theil mit leichtem Sinne oft leichtſinnig ſich denſelben ohne doch jemals ein ausſchweifendes Leben zu ühren. 50 Albrecht war gut und hochgewachſen, nicht regel⸗ mäßig ſchön, aber von ſo intereſſanter Geſichtsbildung, daß er überall Aufſehen erregte und Theilnahme erweckte. Sein dunkles Lockenhaar, das in reicher Fülle den Kopf umfloß, ſtand ihm vorzüglich und ſein einnehmendes liebenswürdiges Weſen gewann ihm alle Herzen. Mit ſolchen Vorzügen ausgerüſtet, konnte es ihm an Gunſt der Damen nicht fehlen, doch ließ ihn dieſelbe, vielleicht gerade, weil ſie ihm entgegengebracht ward, kalt und unempfindlich; Alle fanden ihn liebenswürdig und bezaubernd, er war es auch Allen gegenüber, ohne jemals eine Einzelne zu bevorzugen und ein tieferes In⸗ tereſſe für eine von Allen zu empfinden. So fand ihn die Stunde, die ihn in's Feld rief, und leichten Herzens zog er hinaus durch die Thore der Stadt, unbekümmert um die ſchönen Augen, die ihm ſehnſuchtsvoll nachblickten. Was war ſeit jener Stunde Alles geſchehen; wie war das Schickſal über Deutſchland und ihn ſelbſt dahin⸗ gerauſcht und hatte Beide mit ſeinem Flügelſchlage rauh getroffen und darnieder geſchmettert! Auch heute wieder zog er aus in's Feld, doch nicht unter klingendem Spiel, mit flatternden Fahnen, ſondern als ein einfacher ſchlichter Wanderburſch, auch nicht mit leichtem Herzen, ſondern ſchmerzbewegt und ſorgenvoll. 51 Denn heute ließ er ein holdes Lieb zurück, und Preußen, ſein geliebtes Preußen, für das er freudig Gut, Blut und Leben dahinzugeben bereit war, lag blutend und zuckend unter den Füßen des Eroberers, der mit eiſerner Hand faſt ganz Europa knechtete. Aber hindurch leuchtete wieder die Schlacht bei Eylau und die Hoffnung auf eine beſſere Zukunft, und bei dieſem Gedanken ward ſein Herz freier und ſchlug freu⸗ diger; Deutſchland frei und die Geliebte wiederſehen, hing von der einen Bedingung ab, daß Preußen und Rußland ſiegten, und ſeine Schritte beflügelten ſich, damit er vorwärts komme, um mitzuhelfen bei dem großen Werke der Erlöſung. Ja vorwärts, vorwärts! jubelte es in ihm, und rüſtig weiter ſchreitend, ſang er mit lauter Stimme ein munte⸗ res Soldatenlied. Plötzlich hörte er ſich angerufen, und verwundert zur Seite blickend, ſah er in einer grünbewach⸗ ſenen Vertiefung einen anderen Handwerksburſchen liegen, der ſich auch ſogleich erhob und auf ihn zutrat. „Wohin des Weges?“ fragte der Fremde dicht her⸗ angekommen. „Der nächſten Stadt zu!“ erwiderte Albrecht;„wie ſie heißt, weiß ich nicht, iſt mir auch gleichgültig; einem Wanderburſcheu iſt jeder Ort recht.“ „Prächtig, Camerad!“ erwiderte der Andere da 52 können wir zuſammen reiſen, auch ich habe daſſelbe un⸗ beſtimmt Ziel.“ Obgleich Albrecht der Reiſegefährte mit dem röth⸗ lichen Haare und den ſchlauen lauernden Augen nicht ſonderlich gefiel, obgleich ihm überhaupt Reiſegeſellſchaft nicht recht erwünſcht war, konnte er doch den Antrag des Fremden nicht gut zurückweiſen, und ſo gingen ſie denn neben einander her, bald luſtig plaudernd, bald Zeder mit ſich ſelber verkehrend. Der Fremde hatte bald herausgewittert, daß es mit Albrechts Wanderſchaft eine eigene Bewandniß haben müſſe. Derſelbe hatte ſich für einen Schneidergeſellen ausgegeben, ohne zu ahnen, daß der Andere wirklich ei⸗ ner ſei, und dieſer wußte bald genug, daß ſein Gefährte ſo wenig ein Schneider, als er ein Feldmarſchall ſei. Doch was war er und was wollte er? Dieſe Frage beſchäftigte den Fremden mächtig, und bald hatte er auch Gelegenheit zu entdecken, daß ſein Ca⸗ merad eine Uniform trüge, und nach dem erſten Nacht⸗ quartiere wußte er, daß er mit einem preußiſchen Lieute⸗ nant reiſe, deſſen Zweck denn ziemlich klar auf der Hand lag. Auch am zweiten Tage gingen die Beiden mitein⸗ ander, ſprachen viel und mancherlei, doch Alles, was Albrecht über Preußen hörte, war weder Muth erregend, noch Troſt erweckend. So kamen ſie am Abend in einem 53 kleinen Städtchen an; Albrecht legte ſich ſogleich nieder, der Fremde wollte ſogleich nachkommen und ſchlüpfte auch bald in das Zimmer, aber um ſegleich wieder zu ver⸗ ſchwinden. Als Albrecht am anderen Morgen erwachte, fand er ſich allein im Zimmer; doch wenig befremdet, glaubte er, ſein Camerad ſei ſchon munter oder ſchon auf dem Wege, und beſchloß deshalb, auch ſelber tüchtig zuzuſchreiten, um ſobald als möglich ſeinem noch ſo fernen Ziele nahe zu kommen. Albrecht kleidete ſich eilig an, verbarg die Uniform unter dem Kittel und wollte hinabſteigen. Da traten ihm im Vorzimmer franzöſiſche Gens⸗ darmen entgegen, erklärten ihm, daß er ihr Gefangener ſei und ihnen zum Commandanten folgen müſſe. Albrecht erbleichte, er ſah ſich verrathen, und in die Hände ſeiner Feinde gefallen, unfähig gemacht, dem Kö⸗ nige zu nützen und für Deutſchlands Befreiung zu kämpfen. „O Johanna!“ ſeufzte er ſchmerzlich, dann reichte er widerſtandslos ſeine Arme den Häſchern, die eiligſt den blauen Kittel emporſchlugen, und als ſie die preußi⸗ ſche Uniform erkannten, ihn befriedigt davon ſchleppten. Einen einzigen Blick noch warf er in das Zimmer zurück, und dieſer traf das ſchadenfrohe Geſicht ſeines rothhaarigen Cameraden, der eben aus ſeinem Verſtecke 54 hervortrat und mit funkelnden Augen Goldſtücke aus einer Hand in die andere zählte. Jetzt wunderte ſich Albrecht nicht mehr, daß er ge⸗ fangen war. Biertes Capitel. Deutſche Männer. Noch iſt Deutſchland nicht verloren.— Fluch der Memme, die verzagt! Aber tüchtige Piloten Müſſen walten an dem Bord, Müſſen helfen dem Bedrohten Durch ein feſt Commandowort. Alerander Graf v. Würtemberg. Nachdem wir ſeit jenen unheilvollen Schlachten bei Jena und Auerſtädt eine ununterbrochene Reihe von Un⸗ glücksfällen durchlaufen, und paniſchem Schrecken, Muth⸗ loſigkeit, Feigheit und Treuloſigkeit begegnet ſind, thut es wohl, endlich einmal auf eine Schaar zu ſtoßen, in der deutſche Treue noch nicht Wahn geworden war, bei der die alte deutſche Tapferkeit noch herrſchte. Schill, Gneiſenau und Nettelbeck ſind die drei Na⸗ men, deren Züge mit Flammenbuchſtaben in Preußens Geſchichte eingegraben ſind, und die Vertheidigung von 55 Colberg iſt ein würdiges Gegenſtück zu den ſchmachvollen Uebergaben von Küſtrin, Magdeburg und Stettin. Colberg war eine der wenigen Feſtungen, die dem unglücklichen Könige von Preußen die Treue bewahrt, die trotz aller Widerwärtigkeiten und Verkehrtheiten, welche beſonders beim Anfange ſeiner Belagerung auch hier nicht fehlten, gerettet ward— gerettet ward durch die Ta⸗ pferkeit der Garniſon, an deren Spitze noch zur rechten Zeit Gneiſenau geſtellt ward, durch die treue Ausdauer und Aufopferung der Bürger, unter denen ſich Nettelbeck unſterblichen Ruhm erworben hat, und durch den Muth und die Unerſchrockenheit Friedrich's von Schill. Schill ſtand in der unglücklichen Schlacht bei Auer⸗ ſtädt als Lieutenant in dem Dragoner⸗Regiment der Kö⸗ nigin, und focht, obgleich er erſt mit dem Feinde zuſam⸗ mentraf, als der Sieg für Frankreich bereits entſchieden war, doch mit ſolchem Löwenmuthe und unvergleichlicher Tapferkeit, als ob das Schickſal des ganzen Heeres noch durch ſeine Waffenthaten zu lenken wäre. Aber umſonſt war all' ſein rühmliches Beſtreben, auch ſein Regiment ward in die allgemeine Flucht mit fortgeriſſen; Schill ſelber von den Seinigen getrennt, focht ritterlich um Le⸗ ben und Freiheit, inmitten feindlicher Reiter, die von allen Seiten auf ihn einſtürmten, und ward mehrfach ver⸗ wundet. 56 Endlich traf auch ſein Roß der Säbelhieb eines Feindes; wüthend vor Schmerz bäumte es ſich empor und raſte, den Feind durchbrechend, mit ſeinem Reiter davon, der bald bewußtlos herabſank. Hier fanden ihn ſpäter einige Reiter ſeines Regi⸗ ments, bewußtlos, blutend, faſt ohne Leben, verbanden ihn und flüchteten mit ihm. Einem an und für ſich kleinen Umſtande verdankte Schill ſeine Rettung. Als das Regiment der Königin im Jahre 1805 nach Thüringen marſchirte und auf dieſem Wege durch Charlottenburg kam, wurden ſämmtliche Offiziere deſſel⸗ ben von der Königin zur Tafel gezogen. Um daſelbſt geziemend erſcheinen zu können, ließen ſich die Herren neue Hüte aus Berlin kommen, doch erhielt Schill ei⸗ nen, der ihm bedeutend zu weit war, und da man dem Schaden in der Schnelle nicht anders abhelfen konnte, ſo ward der Hut durch eine ſtarke Wattirung paſſend gemacht. Dieſen ſelben Hut trug Schill bei Auerſtädt, und dieſe ſelbe Wattirung hielt die feindlichen Säbelhiebe auf, die ihm ſonſt unfehlbar den Kopf geſpalten hätten. Langſam, ein armer elender Verwundeter, immer von den verfolgenden Feinden beunruhigt und erſchreckt, — 57 floh Schill weiter und kam endlich nach Magdeburg, wo man ſich ſeiner annahm. Als der Verwundete jedoch vernahm, daß man davon ſpreche, Magdeburg zu übergeben, ſchleppte er ſich mit Anſtrengung ſeiner letzten Kräfte weiter, dem Strome der Flüchtigen nach, bis Colberg. Hier ward er freundlich aufgenommen und treulich gepflegt bis zu ſeiner Geneſung. Aber unaufhaltſam vorwärts wälzte ſich auch das ſiegestrunkene Heer der Franzoſen. Stettin fiel in ihre Hände, und von hier aus ſandten ſie einen Parlamentair nach Colberg, der zur Uebergabe der Feſtung aufforderte. Man lehnte natürlich dieſe Aufforderung ab, aber dennoch hatte ſie einen mächtigen Schrecken verbreitet, da man das feindliche Heer gleich hintendrein vermuthete und die Feſtung noch nicht in dem Zuſtande ſich befand, einen ſol⸗ chen Beſuch würdig empfangen zu können. Wer hätte denn jemals geglaubt, daß ein Franzoſe den Fuß in das Herz der preußiſchen Monarchie ſetzen und ihre Feſtungen bedrohen würde?— In dem Glauben an die Unfehlbarkeit der preußiſchen Waffen waren die inneren Feſtungen der Monarchie vernachläſſigt worden und auch Colberg war noch nicht kriegsmäßig gerüſtet. Ja eine Menge Geſchütze, die den Wällen Colbergs ſo nöthig waren, fielen den Franzoſen auf ihrem Kriegszuge nach Stettin in die Hände und ſchleuderten ſpäter, ſtatt 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 4 — 58 von Colbergs Wällen, auf dieſelben ihre verderblichen Kugeln. Glücklicherweiſe erwies ſich die Furcht der Colberger als unbegründet und nun begann man mit Ernſt an die Vertheidigung zu denken. Schill durchſtreifte mit ſeinen Reitern die Gegend, brachte die auswärtigen Magazine in Sicherheit und nahm einige franzöſiſche Offiziere ge⸗ fangen, die die Gegend brandſchatzten. Durch dieſen und andere glückliche Handſtreiche er⸗ warb ſich Schill bald einen Ruf, und eine Menge Frei⸗ willige, die das Aeußerſte für das Vaterland zu wagen bereit waren, ſtrömten ihm zu und thaten unter ſeiner Leitung Wunder der Tapferkeit. Schill war ein ſchöner, kräftiger Mann, und beſaß eine Lebhaftigkeit des Geiſtes, die ihm nie Ruhe und Schonung gönnte, und die ihn auch jetzt, da er kaum von ſeinen Wunden geneſen war, unaufhaltſam hinaustrieb, für ſein Vaterland zu ſtreiten und dem Könige Colberg erhalten zu helfen. Was ein Einzelner, ohne andere Unterſtützung als ſeine eigene Entſchloſſenheit und Kühnheit, zu leiſten ver⸗ mag, hat Schill in der Bildung ſeines Freicorps und durch die Thaten, welche er mit demſelben vollführt hat, genugfam bewieſen. „Ich will mich beſtreben, gut, brav und meinem Könige getreu zu ſein.“ Dieſe Worte waren die Eidesformel, die jeder zum Freicorps Tretende ſchwören mußte; ſie bezeichnet genug⸗ ſam den Geiſt der Schillſchen Truppen und erklärt ihre Thaten, ihren Muth und ihre Ausdauer in Noth und Gefahr und in Beſchwerlichkeiten. Der Geiſt des Führers belebte das ganze Corps, und trotz der Mißgunſt des Commandanten von Colberg, Herrn von Loucadou, der in dem Schill'ſchen Corps einen unnützen Haufen und in des Anführers kühnen Ideen nur ercentriſche Ausſchweifungen ſah, hielt das Corps doch den Feind noch acht Tage von den Wällen Colbergs entfernt, und gab der Bürgerſchaft Zeit, während derſel⸗ ben ſich auf die unwillkommenen Gäſte einzurichten. Schill's Heldenmuth, der in dieſer Zeit des allge⸗ meinen Schreckens um ſo herrlicher ſtrahlte, ſammelte täglich neue Freiwillige unter ſeine Fahnen, die voll Liebe für ihr bedrängtes Vaterland ſeiner Befreiung ihr Leben weihen wollten. Leider fehlte es immer an der nöthigen Ausrüſtung und beſonders an Waffen, da der Herr von Loucadou, der die Schillſchen Bewegungen mit Mißver⸗ gnügen beobachtete, in ſeiner Engherzigkeit ſich nicht zur Lieferung derſelben verſtehen wollte. Doch Schill verzagte nicht; Hinderniſſe, die man 4⁸ 60 ihm entgegenſtellte, mochten ſie auch kleinlich ſein, ſtählten und erhöhten nur noch ſeinen Eifer und die Begeiſterung für ſeine Sache. Hatte ihm Herr von Loucadon auf ſeine Bitte um Unterſtützung ſeiner Unternehmungen durch Waffen und Munition auch geantwortet:„das Kriegfüh⸗ ren außerhalb der Feſtung iſt nicht meine Sache, dieſe aber werde ich innerhalb der Wälle zu vertheidigen wiſſen“— Schill verzagte nicht; wollte ihm Colbergs Comandant nicht helfen, deſſen Feſtung er bis jetzt vor der Nähe der Feinde bewahrt hatte, ſo thaten es vielleicht Andere, und er ſandte einen Boten nach Stralſund, von dem ſchwe⸗ diſchen Commandanten Gewehre zu erbitten, und erließ einen begeiſterten und begeiſternden Aufruf an die ganze Provinz, in dem er die Beſitzenden um Waffen bat. „Wir Alle dienen Einem König, ſtreben nach Einem Zweck; wir Alle ſind Brüder!— Brüder, leiht mir Eure Waffen! Mein und der Meinigen Arm wird für Euch ſtreiten!“ Wie ein Lauffeuer tönten dieſe Worte durch die ganze Provinz, und eine Menge Patrioten eilten herbei und brachten Schill's Truppen, was ſie hatten an Waffen, und baten ſie, damit das Vaterland zu befreien vom ſchmähli⸗ chen Joche. Und auch Stralſunds Commandant ließ nicht vergebens bitten und ſandte den tapferen Waffenbrü⸗ dern, die ja Alle nur einen Feind kannten, dieſen Mann Napoleon, 2000 Feuergewehre. 61 Unterdeſſen rückte der Feind der Feſtung immer nã⸗ her und ſchloß ſie endlich ganz ein. Loucadau ſchickte un⸗ vorſichtigerweiſe einen Reiterhaufen aus der Nähe von Colberg nach Danzig hin, und der Feind, kaum dieſes bemerkend, nutzte ſeinen Vortheil ſo trefflich, daß er bis an die Vorſtädte Colbergs vordrang und die Belagerten zwang, dieſelben niederzubrennen. Noch einmalforderte er die Feſtung, wiewohlvergeblich, zur Ergebung auf; dann begann er mit Bomben und Gra⸗ naten ein ſchreckliches und vernichtendes Spiel. Durch Lou⸗ cadou's Unkenntniß oder Nachläſſigkeit war manche Maß⸗ regel verſäumt worden, durch die der Feind am Einſchlie⸗ ßen der Feſtung hätte gehindert werden können, und hätten nicht die Bürger, unter denen vor allen Nettelbeck glänzte, mit ſo vieler Liebe und Sorgfalt für die möglichſte In⸗ ſtandſetzung aller Vertheidigungsmittel geſorgt, wären die⸗ ſelben wohl noch in einem traurigeren Zuſtande geweſen. Herr von Loucadou war, wie ſo viele der damaligen preußiſchen Anführer, die das Unglück Preußens vollenden halfen, ein Stück aus jener alten Glanzperiode, an deren Vergehen man nicht hatte glauben können und wollen, bis Napoleon, mit dem Schwerte in der Hand, den Beweis blutig geführt. Herr von Loucadou's Berühmtheit ſchrieb ſich auch aus dem Zeitalter Friedrich's des Großen her und ſeine Glanzperiode fiel in den baieriſchen Erb⸗ 62 folgekrieg, in welchem er ein Blockhaus gegen die Oeſterrei⸗ cher vertheidigt hatte. Jetzt nun war er im vorgerückten Alter, langſam, unentſchloſſen und ohne rechte militairiſche Taktik, welche ein ſo wichtiger Poſten einem ſo gefährli⸗ chen Gegner gegenüber nothwendig erheiſchte. Mit dieſen Schwächen verband ſich ein maßloſes Selbſtgefühl und ein Glauben an ſeine Unfehlbarkeit, der an das Fabelhafte ſtreifte. Trotz der vielſeitigen Mängel, welche die Feſtungs⸗ werke und die Bewaffnung derſelben zeigten, hielt er gar keine Anſtrengungen zur Verbeſſerung nöthig, um die Fe⸗ ſtung zu halten oder— wollte er ſie vielleicht gar nicht halten?— Hier nun aber trat ihm die Bürgerſchaft kühn ent⸗ gegen, an ihrer Spitze Nettelbeck, der bravſte der Braven. Dieſer, ein alter Seemann, der ſchon bei den Belagerun⸗ gen Colbergs im ſiebenjährigen Kriege ſich als echter Pa⸗ triot bewieſen und keine Anſtrengung, kein Opfer geſcheut hatte, dem Könige die Stadt erhalten zu helfen, war auch jetzt wieder bereit, das Nämliche zu thun, und die geſammte Bürgerſchaft war es mit ihm. Zwar kränzten bereits Silberlocken Nettelbeck's Stirn und ſiebenzig Jahre laſteten auf ſeinem Scheitel, doch im Herzen da ſah es noch friſch und jugendlich aus und die Zeit hatte weder die Kraft ſeines Geiſtes, noch die Liebe zu König und Vaterland zu beugen vermocht. Während Loucadou wie im Seelenſchlaf lag und ungeſtört die Unwetter heranziehen und drohend ſich ent⸗ falten ließ, während die Mannſchaft träge und dumm, wie er ſelber, thatlos in der Garniſon lag und den Feind mit vollkommener Gemüthsruhe erwartete, unbekümmert, ob der erſte Sturm die Mauern und Wälle Colbergs brechen und dem unerſättlichen Erbfeinde Deutſchlands einen neu⸗ en Pfeiler der hartbedrängten deutſchen und preußiſchen Unabhängigkeit und Freiheit in die Hände liefern würde; während alle dieſe Herren auf unverantwortliche Weiſe ihrem Schlafmützenſyſtem huldigten, rührten ſich Colbergs Bürger und rüſteten ſich zur Vertheidigung ihrer Feſtung, zum Schutze des hartbedrängten heimiſchen Herdes. Fünf Compagnieen, vollſtändig gerüſtet und wohl bewaffnet, traten mit ihren Offizieren auf dem Markte zuſammen, und Nettelbeck ging zum Commandanten und bot ihm im Namen der Bürgerwehr ihre Hilfe und ihren Beiſtand bei der Vertheidigung an. „Wir Alle ſind entſchloſſen, unſerem Könige die Feſtung mit Gut und Blut erhalten zu helfen und mit dem Militair treulich alle Laſten, Mühen und Gefahren zu theilen. Wir ſind Alle wohlgerüſtet und voll guten Muthes; treten Sie nur heraus auf den Markt, muſtern 64 Sie unſere Reihen und weiſen Sie uns die Poſten an, auf die uns die Nothwendigkeit ruft.“ „Donnerwetter, was geht Ihn das an?“ ſchnaubte ihn Major von Niemptſch an, der neben dem Comman⸗ danten ſtand; Herr von Loucadon ſelber aber ſagte mit verächtlichem Lächeln:„Laſſen Sie, Herr Major, möge ſich die Bürgerſchaft immerhin in Parade ſtellen!“ Mit dieſen Worten trat er auf den Markt hinaus, auf welchem die Patrioten in langen Reihen ſeiner Befehle harrten, und nachdem er mit ſpöttiſchem Lächeln lang⸗ ſam ihre Reihen überflogen und an dem, was ihm, dem Militair aus den Zeiten Friedrich's des Großen, ſo lä⸗ cherlich und abgeſchmackt vorkam, ſein Auge geweidet und ſeinen guten Humor geſtärkt hatte, ſagte er lachend: „Macht dem Spiele ein Ende, ihr guten Leutchen, geht in Gottes Namen nach Hauſe, denn was ſoll es mir helfen, daß ich Euch ſehe?“ Wie ein Blitz aus heiterem Himmel ſchlugen dieſe Worte unter die braven Bürger. So alſo lohnte dieſer Mann ihre Hingebung und Treue, und ſtatt als echter Diener ſeines Königs Gott zu danken für dieſe Zeichen des Muthes und des Pa⸗ triotismus, welche in dieſer ſchwerbedrängten Zeit im⸗ mer weniger und ſeltener wurden, ſtatt durch aufmun⸗ ternde Worte den Muth und die Entſchloſſenheit der braven Leute zu erhöhen und Allem, was ſich zur Ver⸗ theidigung des Platzes darbot, freudig die Hand zu rei⸗ chen und Nichts zurückzuweiſen, wo ſo viel auf dem Spiele ſtand— trieb er die braven Leute mit Spott und Hohn von ſich, und ward dadurch ein ärgerer Feind ſei⸗ nes Königs und der Sache, die er vertheidigen ſollte, als die, welche mit immer größerer Macht heranzogen, um Colberg zu erdrücken. Entrüſtet und unmuthvoll gingen die Bürger aus⸗ einander, ſchwer verletzt in ihrem Patriotismus. Doch was wäre der Patriotismus geweſen, der ſich durch den Hohn dieſes aufgeblaſenen Menſchen hätte aus den Schanzen ſchlagen laſſen? Mochte Herr von Loucadon ſie immerhin verachten, ſie blieben ihrem Va⸗ terlande treu und waren bereit, Gut und Blut und Leben freudig dahinzugeben für die Erhaltung ihrer Feſtung. Nettelbeck, der nimmer Müde, hatte in einem langen Leben und auf ſeinen Reiſen ſchöne und reiche Erfahrun⸗ gen geſammelt; er erkannte mit ſicherem Blicke die Män⸗ gel der Vertheidigungswerke, und unbekümmert um Lou⸗ cadou's Spott und Hohn, machte er ihn darauf aufmerk⸗ ſam und bot ihm von Neuem die Hülfe der Bürger zu Befeſtigungsarbeiten an. Aber der Commandant, der im bairiſchen Erbfolge⸗ kriege ein Blockhaus gegen öſterreichiſche Truppen ver⸗ 66 theidigt hatte, ſchlug ein lautes Hohnlachen auf und ſagte verächtlich: „Wieder und immer wieder die Bürgerſchaft! Ich will und brauche die Bürgerſchaft nicht!“ Nettelbeck erſchrak. Mit eigenen Augen hatte er ſich überzeugt, wie traurig es auf den Wällen und in den Verſchanzungen ausſah, wo ſeit dem ſiebenjährigen Kriege nichts mehr war geändert und gebeſſert worden. Vieles war zerfallen und unbrauchbar geworden; die Palliſaden, die man hie und da eingeſchlagen hatte, waren unzureichend und mangelhaft, und die Kanonen la⸗ gen, ſtatt auf Lafetten, auf Klötzen, welche ſich bei der Muſterung als halbverfault erwieſen hatten, unfähig, die Kanonenröhre zu tragen. Alles das hätte können vermieden, alledem abgehol⸗ fen werden, wenn man in der Zeit daran gedacht hätte, es zu thun. „So wollen wir wenigſtens außerhalb der Feſtung arbeiten und die Schanze auf dem Hafenberge wieder her⸗ ſtellen, welche früher gute Dienſte leiſtete, ſagte Nettel⸗ beck zu den Bürgern, und da dieſe freudig bereit waren, ging er von Neuem zum Commandanten und trug ihm dieſes Anliegen vor. „Was außerhalb der Feſtung geſchieht, kümmert mich nicht, die Feſtung innerhalb werde ich zu vertheidigen 67 wiſſen! Draußen mögt ihr meinetwegen ſchanzen wo und ſo viel ihr wollt, das geht mich nichts an.“ So hatten ſie doch endlich Eines erreicht, und mit freudigem Muthe zogen die treuen Schaaren hinaus, um an den Schanzen zu arbeiten. Bürger nicht nur, nein, Alles was Hände rühren konnte und ein patriotiſches Herz im Leibe hatte, zog hinaus, und ſo ſah man Bür⸗ ger, den ſiebzigjährigen Nettelbeck an ihrer Spitze, Ge⸗ ſellen, Lehrjungen, Dienſtmägde und kaum erwachſene Knaben, treulich neben einander arbeiten und einander Muth und Ausdauer zuſprechen beim mühevollen Werke. So war denn jener ſchon bemerkte Zeitpunkt heran⸗ gekommen. Der Feind hatte die Feſtung eingeſchloſſen und Bomben und Granaten begannen ihr verderbliches Spiel. Aber auch jetzt noch nicht einmal handelte Herr von Laucadon mit der gehörigen Energie, und mancher Vor⸗ theil ging verloren, der bei einer energiſchen und umſich⸗ tigen Vertheidigung der Stadt hätte erhalten werden können. Angſtvoll ſahen die Bürger dieſem Treiben zu und erwarteten mit Sehnſucht die Antwort des Königs auf einen von Nettelbeck an ihn gerichteten Brief, in dem derſelbe die ganze Sachlage auseinandergeſetzt und den König um einen anderen Commandanten gebeten hatte. Doch noch immer kam dieſe Antwort mit dem neuen 68 Commandanten nicht, noch immer führte Herr von Lau⸗ cadou mit aller Nachläſſigkeit die Zügel, und immer ge⸗ fahrdrohender ward die Nähe des Feindes, der einen Vortheil nach dem andern errang. Schon hatten mehrere Vorſtädte niedergebrannt werden müſſen, und mit Schmerz hatten die Bürger, hatte der tapfere Schill dieſe ſelbſt⸗ verſchuldete Verwüſtung mitangeſehen, als plötzlich ein neuer Schlag die Feſtung empfindlicher zu treffen, als alle früheren, und ſie gänzlich außer Verbindung mit aus⸗ wärts zu bringen drohte. Es war den Franzoſen gelungen, ſich einer bei der Feſtung gelegenen Saline zu bemächtigen, und nun be⸗ drohten ſie auch die ſogenannte Meikuhle, einen Ort, der den ganzen Hafen beherrſchte und alſo von der höchſten Wichtigkeit war. Alle fühlten das auch und ſahen die Nothwendigkeit ein, dieſen Platz auf das Aeußerſte zu ver⸗ theidigen; nur Herr von Loucadou ſchien es nicht begrei⸗ fen zu können. Schill eilte in der heftigſten Gemüths⸗ bewegung nach ſeiner Wohnung und bat und beſchwor ihn um Truppen, mit denen er dieſen Platz vertheidigen und der Feſtung einen ſo wichtigen Vortheil erhalten könne. „Laſſen Sie mich die Hauptwache und an freiwil⸗ ligen Bürgern mitnehmen, was ich davon zuſammenraffen kann, und ich verſpreche Ihnen, den Platz auf das Aeußer⸗ ſte zu vertheidigen!“ rief Schill in höchſter Bewegung 69 die Hand des Commandanten erfaſſend— umſonſt, dieſer entzog ſie ihm kalt und erwiderte noch kälter und ihm den Rücken wendend:„Auch nicht ein lebendes Weſen, auch nicht einen einzigen Mann ſollen Sie erhalten!“ Das war zu viel!„Dieſer Mann muß wahnſinnig ſein oder ein Verräther,“ ſagte ſich Schill und ſtürmte davon, entſchloſſen, mit verzweifeltem Muthe den Gehor⸗ ſam zu brechen und auf eigene Verantwortung das zu thun, was er für nöthig hielt. Ohne Zögern ließ er in den Straßen Allarm ſchlagen, und zog mit Allem, was in der Eile zuſammen ſtrömte, hinaus nach der Meikuhle, ſie zu vertheidigen. „Sie iſt das Kleinod, welches wir lebend nicht ver⸗ laſſen dürfen! Eilet Brüder, die Feſtung iſt bedroht, wir müſſen das Palladium retten!“ Mit dieſen Worten führte Schill ſeine Truppen in den Kampf. Bald ſtrömten dieſen auch noch andere Abtheilungen des Schill'ſchen Corps zu, und nach einem hitzigen Kampfe ward die Meikuhle erhalten. Um ſie jedoch auch für die Zukunft behaupten zu können, mußte ſie mit bedeutenden Verſchanzungen verſehen werden, und ohne Zögern ließ Schill ſeine Leute damit beginnen. Und was dem Herrn von Loucadou als ein Ding der Unmöglichkeit erſchienen ſein würde, das ſetzten dieſe braven Truppen durch Ausdauer und unermüdete An⸗ 70 ſtrengungen binnen Kurzem in das Werk. Tag und Nacht auf den Füßen, den Tag mit Hacke und Spaten in der Hand, bei Nacht das Gewehr im Arm, ſtanden ſie da, wie Denkſteine deutſcher Ehre, ihren tapferen Führer an der Spitze, und wurden allgemein bewundert und geliebt, außer von Herrn von Loucadon, dem Schill und ſein Corps immer ſchon ein Dorn im Auge, ein Gegenſtand des Neides und der Mißgunſt geweſen war. Denn je höher Schill's Bewunderung unter den Einwohnern und Truppen ſtieg, um ſo tiefer ſank das Anſehen des Herrn von Loucadou, der rath⸗ und thatlos in ſeiner Wohnung ſaß und mit Mißgunſt von dem Sie⸗ ge hörte, welchen Schill erfochten und der vielleicht die Feſtung gerettet hatte. Doch unbekümmert um den Haß des Commandan⸗ ten, feuerte Schill ſeine Leute zu immer neuen Anſtren⸗ gungen an, ſo daß die Verſchanzungen wie Pilze aus der Erde wuchſen. Der Enthuſiasmus der Bürger für Schill und ſein Corps ſtieg mit jedem Tage und man bewies ihm alle möglichen Aufmerkſamkeiten. Täglich wander⸗ ten Schaaren hinaus nach der Meikuhle und brachten den Ermüdeten Nahrungs⸗ und Stärkungsmittel, und im Hauſe des greiſen Nettelbeck, der täglich auf ſeinem klei⸗ nen Pferde hinausritt und die Schill'ſchen Soldaten nicht anders als ſeine lieben Kinder nannte, und auch von 71 ihnen und Schill wie ein treuer Vater empfangen ward, im Hauſe dieſes braven Mannes ſtanden Tag und Nacht Keſſel voll Speiſen auf dem Feuer, die kaum gar ge⸗ kocht, hinaus getragen wurden in die Meikuhle, zu den treuen Vertheidigern Colbergs, den lieben Kindern des alten Nettelbeck. Aber immer wieder ſtand Herr von Loucadou wie ein Hemmſtein da, alle freien Bewegungen hindernd, und deshalb in ſtetem Zerwürfniſſe und Widerſpruche mit Schill, wodurch die beiderſeitige Spannung von Tag zu Tag größer, das Zerwürfniß immer unheilbarer ward. Endlich beſtrafte Loucadou Schill für ſein eigenmächtiges Unternehmen zur Rettung der Meikuhle und andere Wi⸗ derſetzlichkeiten mit mehrtägigem Zimmerarreſt. Ein einziger Wuthſchrei tönte durch ganz Colberg bei dieſer Nachricht, und die Bürger zogen ſchaarenweiſe herbei und verlangten Schill's Freiheit. Immer größer und lauter ward der Tumult, ein offener Aufruhr war im Entſtehen, und Angeſichts dieſes, der von unheilvollen Folgen hätte werden müſſen, ließ der Commandant Schill in Freiheit ſetzen, und dieſer, wie immer nur für das allgemeine Wohl bedacht, kannte, jede Rache ver⸗ ſchmähend, kein wichtigeres Geſchäft, als die aufgereg⸗ ten Bürger zu beruhigen. Der Groll jedoch zwiſchen ihm und dem Comman⸗ 72 danten dauerte fort. Alle ſeine Entwürfe ſcheiterten an deſſen eigenſinnigen Launen, und wohl einſehend, daß bei dieſer Spannung mit dem Commandanten ſein Bleiben Colberg eher zum Nachtheil als Nutzen gereichen müſſe, beſchloß er, dieſe Feſtung zu verlaſſen und ſich mit ſeiner Kavallerie mit den Schweden zu verbinden, die jenſeit der Oder an der Peene ſtanden. Hier hoffte er jetzt ſeinem Vaterlande beſſer nützen zu können und zugleich auch An⸗ erkennung ſeines Strebens zu finden.— Schill ging, und noch immer ſtand Herr von Lou⸗ cadon an der Spitze von Colberg, noch immer zögerte der König einen neuen Commandanten zu ſenden, der Colberg würdiger vertheidigen ſollte. Am 25. April langte das ſchwere Belagerungs⸗ geſchütz im franzöſiſchen Lager an und nun drohte der volle Ernſt des Kampfes. Die Bürger zitterten und ſa⸗ hen angſtvoll dem Sturme entgegen, der unter den jetzi⸗ gen Verhältniſſen kaum glücklich ablaufen konnte. Einen tapferen energiſchen Führer erflehten ſie vom Himmel, der mit ihnen ausharrte unter dem entſetzlichen Spiel der Geſchütze, der ſelber auf den Wällen die Vertheidigung leite und Allen voran leuchte, als ein Vorbild in Tapfer⸗ keit und Ausdauer. Und als ſie ſo baten und flehten, da nahte die Hülfe bereits. Am 26. April langten 700 Mann friſche Trup⸗ 73 pen an, die der König als Vertheidiger der treuen Fe⸗ ſtung ſandte, und drei Tage ſpäter traf auch der neue Commandant, Major von Gneiſenau, ein. Der Hülfeſchrei Nettelbeck's an den König war nicht ungehört verſchollen und noch zur rechten Zeit ward Loucadon, der, wie Nettelbeck ſagte, alles Gute quer⸗ bäumte, bei Seite gejagt. Unendlicher Jubel begrüßte den neuen Commandan⸗ ten bei ſeinem Einzuge in die geängſtigte Feſtung; die Bürger zogen ihm wie einem Retter entgegen, und Nettel⸗ beck, der patrivtiſche Greis, ſank ihm tief gerührt zu Füßen und rief, das ehrwürdige, zeit⸗ und wettergebräunte Antlitz zu ihm emporrichtend: „Ich bitte Sie um Gotteswillen, verlaſſen Sie uns nicht; wir wollen Sie auch nicht verlaſſen, ſo lange wir noch einen warmen Blutstropfen in uns haben! Sollten auch alle unſere Häuſer zu Schutthaufen werden! So denke ich nicht allein; in uns Allen lebt nur ein Sinn und Gedanke, die Stadt ſoll und darf dem Feinde nicht übergeben werden.“ Todtenſtille herrſchte weit umher. Alle Anweſenden blickten auf den ehrwürdigen Greis, deſſen Antlitz leuch⸗ tete in wunderbarer Verklärung; doch als dann Gyneiſe⸗ nau ihn emporhob und ihn in ſeine Arme zog, als der jugendliche Commandant mit lauter Stimme rief:„Meine 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 5 74 Kinder, ich werde Euch nicht verlaſſen, und Gott wird uns helfen!“ da brach der allgemeine Jubel los und der tauſendſtimmige Ruf:„Gott wird uns helfen!“ erfüllte die Lüfte. Aller Noth und Angſt, die Loucadon über die treuen Bürger gebracht, war vergeſſen, ja deſſen ſelber ward nicht mehr gedacht, und er konnte ſich ruhig und un⸗ geſtört zurückziehen und ausſchlafen von der Mühe und Sorge, die ſein Commando ihm gemacht hatte. Major von Gneiſenau war ein junger Mann von einnehmendem Aeußern und voll reiner Herzensgüte, die ihm ſchnell die Liebe und das Vertrauen der Bürger ge⸗ wann. Muthig, umſichtig und entſchloſſen, überſah er ſchnell den Stand der Vertheidigung und ihre vielſeitigen Mängel, denen nach Möglichkeit und ſchnellſtens abzuhel⸗ fen ſeine erſte Sorge war. Gneiſenau wies die Hülfe der Bürger nicht zurück; im Gegentheil, er ſchätzte vor Allem Nettelbeck's geraden practiſchen Sinn, und war Tag und Nacht unermüdlich thätig, überall ſelbſt zur Hand, um Alles ſelbſt zu beaufſich⸗ tigen, ſelbſt zu helfen. Ein ganz anderer Geiſt kam in die geſammte Vertheidigung, und trotz aller Anſtrengungen der Frarzoſen, trotz ihres heftigen Bombardements, gelang * ihnen nicht, Vortheile über die Vertheidiger zu errei⸗ chen.„Einer für Alle und Alle für Einen!“ hieß die Lo⸗ 6 in Colberg, und Bürger und Soldaten, Gneiſenau 75 und Nettelbeck an ihrer Spitze, waren gleich thätig, gleich unermüblich, die Vertheidigung möglichſt nachdrucksvoll zu machen und zugleich die Schrecken der Belagerung in der Stadt zu mildern. Gneiſenau war Tag und Nacht auf den Füßen, kaum daß er ſich einmal eine Stunde der Erholung gönnte, und dann lag er auf einer einfachen Pritſche in der Wachtſtube, jeden Augenblick bereit, hinaus zu eilen auf die Wälle oder hinab in die Stadt und zu befehlen oder zu helfen, wo es Noth that. War eine Stelle vom Feinde hart bedroht, Gneiſenau und Nettelbeck fehlten nie auf derſelben; hatten die verderbenſchwangeren Gra⸗ naten irgendwo in der Stadt gezündet, dieſe beiden Män⸗ ner waren die Erſten, da zu helfen und zu retten. Immer heftiger wurden unterdeß die Angriffe der Feinde und das Bombardement richtete große Verwüſtun⸗ gen in der Stadt an. Aber die Bürger verloren den guten Muth nicht. Sahen ſie auch Hab' und Gut von den leckenden Flam⸗ men verzehren, was war ihnen das gegen ihre Ehre, und ihre Ehre ruhte in dem Geſchicke Colbergs, in ſeiner Erhaltung. Ging ihnen doch ihr Commandant mit dem größten Opfermuthe voran und entflammte ſie Alle zum Nachahmen und zum Ausharren, trotz Noth und Drangſal. 5* 76 „Gott wird uns helfen!“ hatte Gneiſenau bei ſei⸗ nem Einzuge geſagt, und die Bürger glaubten ſeinem Worte und waren bereit, für ihre Ehre und ihr Vater⸗ land auszuharren oder unterzugehen in Gottes Namen! So kam der 1. Juli heran, und mit ſeinem Grauen begann ein Bombardement gegen die Feſtung, gegen das alles frühere wie Kinderſpiel erſchien. Batterien ſchleu⸗ derten Tod und Verderben gegen die Stadt, die Erde dröhnte und man glaubte, der Untergang des Weltalls nahe. Wohin man von den Wällen aus blickte, gähnten den Belagerten geöffnete Höllenrachen entgegen, die un⸗ aufhörlich Feuer und Flammen gegen die Stadt ſpieen und tauſende verderblicher Kugeln in ihre Mitte ſchle⸗ derten. Es war ein entſetzlicher Tag und entſetzlich die Schrecken, die er mit ſich führte. Die Kugeln wütheten fürchterlich in der Feſtung; überall, wohin man kam, ſah man brennende Häuſer, hörte das Krachen der Balken und Gewölbe, das Weinen und Jammergeſchrei der ge⸗ ängſtigten Weiber und Kinder, welche verzweiflungsvoll umhereilten und Schutz ſuchten vor den verderblichen Granaten, die in weiten Bogen herbeiflogen, im Nieder⸗ fallen platzten und laut krachend Unheil um ſich her ver⸗ breiteten, niederriſſen, zündeten, tödteten und verſtüm⸗ melten. 77 Aber auch die Belagerten ſchauten nicht müſſig zu, und ihre Geſchütze beantworteten die feurigen Grüße der Franzoſen auf entſprechende Weiſe. Der Muth der Bür⸗ ger hielt ſich ſtandhaft in der Stunde der Gefahr, und Gneiſenau eilte von einem Walle auf den anderen, von Baſtion zu Baſtion, überall ermuthigend und mit klarem Blicke ſeine Befehle ertheilend. Wer von den Bürgern hätte zagen mögen, da ihr Commandant den Muth nicht verlor? Und ging auch Alles verloren und fraßen die Flammen auch den letzten Dachſparren hinweg— die Ehre, das Palladium ſollte ge⸗ rettet, Colberg erhalten werden. Leider ging an dieſem Tage, als die Mannſchaften durch das heftige Bombardement beſchäftigt waren, durch einen Ueberfall die Meikuhle verloren und mit ihr der wichtige Poſten, der den Hafen beherrſchte. Das war ein harter Schlag, welcher die Belagerten aller Hülfe vom Meere her beraubte und ſie nun ganz auf ſich und ihre eigenen Kräfte beſchränkte. Einen Augenblick lang herrſchte Entſetzen unter den Vertheidigern, als dieſe Schreckens⸗ botſchaft zu ihnen drang; bald aber belehrten ſie die feind⸗ lichen Kugeln, daß hier nicht Zeit ſei zum Klagen und muthlos werden, und die trefflichen Antworten von Col⸗ bergs Wällen bewieſen dem Feinde bald genug, daß er noch lange ſchießen und lange harren könne, bevor die weiße Fahne auf Colbergs Zinnen erſchiene. 78 Der Verluſt der Meikuhle hatte den Muth der Be⸗ lagerten gebeugt aber nicht gebrochen, und das Bewußt⸗ ſein, nun ganz auf ſich ſelber angewieſen zu ſein, ſtärkte den Muth der Verzweiflung.—„Alle für Einen und Ei⸗ ner für Alle; wir ſterben als deutſche Männer!“ lautete die Loſung, und die Geſchütze donnerten ſie hinab in das feindliche Lager, daß die Luft erzitterte und die Sonne faſt verdunkelt ward von den ungeheuren Rauchwolken. Endlich ſank der Tag und die Nacht ſah ein entſetz⸗ liches Schauſpiel. Ununterbrochen flogen die Kugeln in die Stadt, und die Dunkelheit ward erhellt von den Gra⸗ naten und von Bomben, die lichterloh durch die Luft flogen. Die Nacht brachte den Armen keine Ruhe und manches Herz begann zu zagen bei ihren Schrecken. Nettelbeck ſtand bei dem Commandanten auf der Baſtion Preußen, von der aus man den weiteſten Ueberblick über die feindlichen Verſchanzungen hatte. Sein graues Lockenhaar flatterte im Nachtwinde und ſein bleiches Ant⸗ litz, in dem ſich tiefer Ernſt und Muth der Verzweiflung paarten, ſah faſt geſpenſtiſch aus, als er aufmerkſam hinab⸗ blickte auf die unermüdlichen Verderbenſpender. Gnei⸗ ſenau ſah ihn lange, faſt ehrfurchtsvoll an, dann ergriff er plötzlich die Hand des Greiſes und ſagte mit gepreßter Stimme:„Nettelbeck, lebend verlaß ich dieſe Wälle nicht, um den Franzoſen Platz zu machen!“ 79 Nettelbeck wandte ſich um, und den jugendlich ſchö⸗ nen Mann mit einem langen innigen Blicke grüßend, er⸗ widerte er:„Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schre⸗ cken ohne Ende! Lieber ſterben als deutſche Männer, denn leben als Franzoſenknechte! Gott wird uns helfen!“ Und als er das ſagte, da dämmerte im Oſten der erſte Strahl des Morgenrothes auf und lächelte den beiden Männern Muth zu, die da Hand in Hand auf der Ba⸗ ſtion ſtanden und ſchweigend bald auf die nimmer müden Höllenſchlünde nieder, bald zum Himmel emporblickten, von dem ſie Hülfe hofften für Deutſchland und die braven Deutſchen! Die Nacht begann dem Morgen zu weichen, und mit ihm ward auch das Feuern der Feinde wieder hefti⸗ ger und noch verderblicher als am vorhergehenden Tage. Die Feinde ſtrengten alle Kräfte an, und je mehr ſich die Wirkungen ihrer Geſchütze an der unglücklichen Stadt offenbarten, um ſo mehr ſtiegen auch ihr Muth und ihre Anſtrengungen. Ueberall leuchteten Feuerſäulen empor und verwüſteten die Stadt, und die Flammen innen wurden bald mächtige Verbündete der Feinde draußen, deren Wuth ſich von Minute zu Minute ſteigerte. Immer noch ſtanden Gneiſenau und Nettelbeck auf der Baſtion Preußen und leiteten von hier aus die Ver⸗ theidigung; da bemerkte Gneiſenau, wie die Feinde Anſtal⸗ 80 ten machten, die öſtliche Seite des Hafens zu überwälti⸗ gen, und mit Blitzesſchnelle gab er ſeine Befehle, auch die⸗ ſem neuen Sturme zu begegnen. Der wichtigſte, der ent⸗ ſcheidende Augenblick war jetzt nahe, und Gneiſenau blickte flehend zum Himmel und fragte beſorgt den greiſen Net⸗ telbeck:„Wird Gott uns helfen?“ „Er wird uns helfen zu ſiegen oder zu ſterben!“ erwiderte dieſer;„ſiegen oder ſterben— kennen Sie einen dritten Fall?“ „Siegen oder ſterben als deutſche Männer!“ entge⸗ gnete Gneiſenau und ſchaute verwundert hinab in das feindliche Lager, wo plötzlich alle Geſchütze ſchwiegen. Eine faſt unheimliche Stille folgte dem ungeheuren Geſchützes⸗Donner, und die Belagerten ſchauten ſtaunend hinab und begriffen nicht dieſen jähen Wechſel zwiſchen Verderben und tiefen Frieden. Da nahte den Wällen ein feindlicher Parlamentair und an ſeiner Seite ein zweiter Soldat. Doch was war das? Wurden auch die Belager⸗ ten nicht von ihren, durch Anſtrengung ſchwachen Augen getäuſcht? War das wirklich ein preußiſcher Offizier, der da, an der Seite des Feindes, dem Stadtthore zueilte?— Ja, ja, es war ſo, und Alles ſtürzte dem Thore zu, durch das die Beiden eintreten ſollten, und nur Gneiſenau und Nettelbeck blieben auf dem Walle, um die Feinde nicht aus den Augen zu verlieren. 81 Da flogen die Stadtthore auf, der preußiſche Offi⸗ zier ſtürzte in die Arme ſeiner Kameraden und„Friede! Colberg iſt gerettet!“ klang die Freudenbotſchaft aus ſei⸗ nem Munde. Und„Friede! Friede!“ tönte es von Mund zu Mund, und klang auch hinauf auf den Wall, auf dem noch immer die beiden deutſchen Männer ſtanden und athemlos hinablauſchten auf das Geſchrei der Menge. Und„Friede, Friede!“ tönte es immer lauter und mächtiger herauf, und ganz überwältigt ſank Gneiſenau in Nettelbeck's Arme und mit einer Stimme, in der ſeine ganze edle Seele lag, jubelte er aus voller Bruſt:„Frie⸗ de, Colberg iſt gerettet!“ „Gott hat geholfen!“ fügte Nettelbeck hinzu,„gebt unſerm Herrn die Ehre. Amen!“ Fünftes Capitel. Das Ende der Tapfern. Tod, Du ſüßer für das Vaterland! Süßer als der Brautgruß, als das Lallen Auf dem Mutterſchvoß des erſten Kindes, Sei mir willkommen! Klopſtock. Ein einfaches Gemach, klein und nur mit einem Fen⸗ ſter verſehen, welches noch dazu ſo hoch liegt, daß der Ge⸗ 82 fangene, der es bewohnt, wenn er den niedrigen Schemel herbeiholt und ſich darauf ſtellt, kaum hinaus blicken kann in das Freie. Und wohin fällt dann ſein mattes Auge, das in dem düſteren Gefängniſſe geſchwächt worden iſt? Nicht auf grünende Fluren oder Waldungen, nicht hinaus in die ſchöne Freiheit, der ſich jeder Vogel des Waldes freut und die auch der arme Gefangene ſo heiß erſehnt— nein, auf die düſteren Wälle der Feſtung Magde⸗ burg, welche im ewigen Einerlei Winter und Sommer einen gleich traurigen und unerquicklichen Anblick darbieten. Zwei Jahre lang ſaß Albrecht von W. bereits in dieſem Gefängniſſe und verfluchte ſein Schickſal und den ausgearteten Deutſchen, der ihn auf ſeiner Wanderſchaft in die Hände der Franzoſen geliefert hatte. Was war un⸗ terdeß nun geworden aus Deutſchland, was aus Preußens edlem Königspaare? Wie hatte ſich der Kampf gewendet, dem beizuwohnen er die Wanderſchaft durch halb Deutſch⸗ land unternommen, auf der er verrathen, von den Fran⸗ zoſen gefangen und nach Magdeburg gebracht worden war, wo er nun ſeit Jahren den Traum der Freiheit hinter feſten Mauern büßte?— Was war aus[Deutſchland, was aus Preußen geworden?— O es mochte wohl immer noch nicht beſſer ſtehen, als damals, wo er zur Hülfe des Vaterlandes herbeieilen wollte; denn hätten die Preußen 83 geſiegt, ſo hätten ſie Magdeburg nicht in den Händen des Feindes gelaſſen! Vergebens hatte er von Tage zu Tage gehofft, daß ihn eines Morgens der Donner der Geſchütze wecken wür⸗ de, der die Nähe der ſiegenden Preußen verkündigte; ver⸗ gebens hatte er Tag und Nacht gehofft auf das Erlöſungs⸗ zeichen;— Monat auf Monat verging, es wurden Jahre daraus, und noch immer ſaß er in der düſteren Zelle, und an den heiteren Geſprächen, die oft durch die Thüren und aus den Wällen heraus zu ihm herdrangen, erkannte er nur zu deutlich, daß die Franzoſen noch Herren ſeien in der deutſchen Feſtung. Gar zu gern hätte er einmal etwas Näheres über den Stand der Dinge erfahren, aber ſo oft er auch einen ſeiner Kerkermeiſter fragte, Keiner antwortete ihm; ſie ſchienen alle ſtumm zu ſein. Bis endlich heute, heute hatte er erfahren, was ſeit ſeiner Gefangennehmung geſchehen, heute hatte er die düſtere Mähr vernommen, von Preußens neuer Niederlage, von Deutſchlands Knechtſchaft, von dem neugebackenen Königreiche Weſtphalen u. ſ. w. Ein neuer Wärter hatte ihm heute ſeine Ration ge⸗ bracht, und in ihm hatte der Gefangene ſogleich einen Deutſchen erkaunt. Es war einer jener Armen, die in den Dienſt des Königs von Weſtphalen gezwungen worden waren, beſtimmt als Deutſche ſelber die Feſſeln mit feſt⸗ 84 zuhalten, die einer mächtigen Rieſenſchlange gleichend, das deutſche Volk umwanden und bei der geringſten Be⸗ wegung es zu zermalmen drohten. Kaum erkannte Albrecht den Deutſchen, ſo wieder⸗ holte er von Neuem ſeine Frage, und der deutſche Bruder, der ſelber mit Haß und Rache im Herzen das fremde Joch trug, verſagte ihm die Antwort nicht, und nachdem er ſich vorſichtig umgeſchaut hatte, erzählte er ihm ſchnell in kur⸗ zen Zügen, was geſchehen war ſeit der Schlacht bei Eylau. Dieſe Nachrichten waren es, die Albrecht ſo erregten, daß er heftig in ſeinem Kerker auf und niederſchritt und weder auf Zeit noch Stunde achtete. Aber ſie waren es nicht allein. Als der Wärter wieder gekommen, ihm Waſſer zu reichen, hatte er dem deutſchen Bruder von Flucht ge⸗ ſprochen und verſprochen ihn zu befreien. „Muß ich gezwungen, frevelnd gegen Deutſchland dienen, will ich wenigſtens auch etwas Gutes thun in die⸗ ſer Zeit und einen ſeiner Tapferen befreien,“ ſo ſagte der brave Weſtphale und verſprach dem Gefangenen, ihn ab⸗ zuholen, ſobald die Zeit paſſe, er möge ſich nur bereit hal⸗ ten in jeder Nacht, ſchon in der nächſten. Hoffnung auf Freiheit! Wie Klang der Oſterglocken ſchlug dieſe Nachricht an das Ohr des Gefangenen und ſein Herz drohte zu zerſpringen vor freudiger Erregung. „Schon in der nächſten,“ hatte ſein Wächter geſagt. 85 Sein ganzes Weſen war in Aufruhr, unruhig rannte er in ſeiner Zelle auf und nieder, bald in lieblichen Bildern der Freiheit ſich ergehend, bald zum Himmel flehend für das Gelingen des Planes der Befreiung. „Gott, verlaß einen braven Deutſchen nicht ganz!“ flehte ſeine Seele, und je länger er dachte und betete, um ſo feſter ward in ihm die Zuverſicht und der Glaube an das Gelingen. Drohend ſchwebte ihm allerdings das Bild des Freiherrn von Trenck vor, der auch in einer dieſer Zel⸗ len einſt geſchmachtet hatte, und dem ſo oft die verzweifel⸗ ſten Verſuche zur Befreiung mißglückt waren, und aus ei⸗ ner feindlichen Feſtung zu entkommen, war wirklich keine Kleinigkeit. Aber dennoch hoffte er auf gutes Glück, und Johanna's Bild, das nie aus ſeiner Seele geſchwunden, ſchien ihm Muth und Hoffnung zuzulächeln. So kam die Nacht. Kein Schlummer kam in ſeine Augen, bis er gegen Mitternacht leiſe Schritte vernahm. Sein Herz hämmerte in banger Erwartung und die Span⸗ lähmte ihn faſt, daß er ſich nicht regen und bewegen onnte. Die Schritte kamen näher, der Schlüſſel ward leiſe in die Thür geſteckt— ja, ja, kein Zweifel mehr, der Ret⸗ ter nahte, die Stunde der Freiheit war da. Wie jauchzte und jubelte es in der Bruſt des Gefangenen! Rauſchende Freudenmelodien entklangen den Saiten ſeines Herzens— 86 aber nein, er mußte ruhig ſein, Ruhe nur und Beſonnen⸗ heit konnte ihn retten, und als der treue Weſtphale vor ihm ſtand und ihn bat, leiſe zu folgen, da drückte er noch ein⸗ mal die Hand auf das Herz, daß es ſtille werde und ihn nicht durch ſein lautes Hämmern verrathe; dann folgte er leiſe und vorſichtig ſeinem Führer. Die Wachen ſchliefen ſorglos und ungehindert, im⸗ mer ſich in dem Schatten der Wälle haltend, ſchlüpften die beiden Geſtalten durch die düſtere Nacht. Der Weſtphale hatte ſich gute Ortskenntniß verſchafft, und kaum eine halbe Stunde ſpäter ſtanden ſie auf einem der äußerſten Wälle. „Aber was wird nun aus Dir, braver Landsmann,“ ſagte Albrecht leiſe;„wird man Dich nicht für meine Flucht verantwortlich machen?“ „Was meinen Sie,“ erwiderte der Weſtphale;„bin⸗ det mich der Eid, den ich jenem neugebackenen König gelei⸗ ſtet habe?“ „Haſt Du ihn freiwillig geleiſtet und Dich freiwillig in ſeine Dienſte begeben?“ „Freiwillig? Was denken Sie, Herr Offizier; bin ich auch nur ein einfacher, gemeiner Soldat, bin ich doch ein Deutſcher! Gezwungen hat man mich, wie ſo Viele, mit dem Degen in der Hand gezwungen, den Eid zu leiſten.. „Ein gezwungener Eid iſt kein Eid und n nicht!“ erwiderte Albrecht. 87 „Nun gut, dann begleite ich Sie als treuer Knecht, wenn es ſein muß, durch die ganze Welt, nur nicht wie⸗ der zu den Franzoſen.“ Nach dieſen Worten eilten die Beiden den äußerſten Wall hinab und gelangten, alle Beſchwerlichkeiten mit Muth und Ausdauer überwindend, bald in Freiheit, während die Franzoſen im tiefſten Schlummer lagen, ohne nur für nöthig zu erachten, die Wälle ordentlich zu bewachen. Einmal in Freiheit rannten unſere Flüchtlinge un⸗ aufhaltſam weiter. Sie wollten die Nacht hindurch lau⸗ fen, ſo weit ſie kommen konnten, am Morgen aber ſich verbergen, da man wohl von der Feſtung aus Nachfor⸗ ſchungen anſtellen und Anſtalten treffen würde, der Ge⸗ flohenen wieder habhaft zu werden. Es war im Monat Mai, und da die Felder noch leer und weit überſehbar waren, war auch die äußerſte Vorſicht nöthig. Die ganze Nacht hindurch eilten ſie vor⸗ wärts, graute aber der Morgen, ſo verbargen ſie ſich ſcheu in irgend einem Verſteck und verharrten hier bis zum Abenddämmern. Sie hatten ſich in einer Brückenhöhle verborgen und ſich tief in die Ecke gedrückt, ſo daß ſie die Straße, die im weiten Bogen ſich hinzog und dicht bei der Brücke abſchwenkte, weithin überſehen konnten. Noch immer 88 ſtand die Sonne hoch am Himmel, und die armen Flücht⸗ linge ſeufzten in ihrer unbeguemen Stellung und litten entſetzlich durch Mühſeligkeit und Hunger. Am Abend hofften ſie in einer Bauernhütte ein wenig Brod zu er⸗ betteln, aber am Tage da wagten ſie ſich nicht heraus, denn die Gefangentracht des Einen und die Uniform des Andern konnten leicht Aufſehen erregen, und es gab ja leider auch unter den Deutſchen ſo manche freiwillige Franzoſenknechte, die mit Verläugnung aller edlen Ge⸗ fühle den deutſchen Bruder verriethen an den gemein⸗ ſamen Feind. Das hatte Albrecht von W. ſchon einmal erfah⸗ ren, deshalb ertrug er lieber Hunger und Mühſeligkeiten, ehe er ſich hervorwagte und ſich in Gefahr brachte, von Neuem den Franzoſen in die Hände zu fallen. Da erhob ſich plötzlich am Ende der Straße eine dicke Staubwolke, und die beiden Verſteckten erkannten bald einen großen Reiterhaufen, deſſen Blitzen und Fun⸗ keln Militair vermuthen ließ. Die Herzen der Flücht⸗ linge pochten ſtärker und noch feſter drückten ſie ſich in den Bogen der Brücke. In athemloſer Spannung ſahen ſie dem Nahen der Reiter zu, die langſam und ruhig ihre Straße zogen.— Waren es Feinde oder Freunde? Noch konnten ſie es immer nicht erkennen. Daß es Leute ſeien, ausgeſandt, die Flüchtlinge wie⸗ 89 der einzufangen, war nicht wahrſcheinlich, dazu hätte es nicht eines ſolchen Corps bedurft; aber wer war es denn?— Näher und näher kam der Zug. Aber nein, das waren keine franzöſiſche Uniformen, und dieſer Offizier, der jetzt von einigen Anderen gefolgt, im geſtreckten Ga⸗ loppe vorausritt, wie um die Umgegend des nahen Dor⸗ fes zu recognosciren, war das nicht ein Preuße? Athemlos beugte ſich Albrecht vor und immer wei⸗ ter vor, um den ganz Nahekommenden beſſer zu ſehen, dann ſprang er plötzlich mit einem Freudenſchrei aus ſei⸗ nem Verſtecke, das Ufer hinauf und ſtürzte mit dem Rufe: „Schill!“ auf den Offizier zu. „Albrecht!“ erwiderte dieſer, ſich freudig vom Pferde ſchwingend,„Albrecht, Du hier und in dieſem Aufzuge?“ „Als aus Magdeburg entflohener Kriegsgefan⸗ gener!“ „Hurrah! ein neuer Tapferer für die deutſche Sa⸗ che!“ rief Schill freudig ſeinem Gefolge zu.„Nicht wahr, Albrecht, Du trittſt in unſer Freicorps und hilfſt uns, die Sache des Vaterlandes ausfechten?“ „Ich bin der Eure!“ erwiderte Albrecht freudig, „und hier mein Retter aus den Magdeburger Kaſematten mit mir!“ Darauf wurden Pferde für die neuen Ankömmlinge 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 6 90 herbeigebracht, ſie ſtiegen auf und der ganze Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung. Albrecht ritt neben Schill, und dieſer erzählte ihm ſeine bisherigen Thaten und ſeine Pläne, auf die auch wir nun ſchnell einen Blick werfen wollen. Nachdem Schill mit ſeinem Corps Colberg ver⸗ laſſen, hatte er die Abſicht, ſich mit den Schweden zu ver⸗ einigen und ſo von Stralſund aus den Feind anzufallen. Aber die Nachricht vom Waffenſtillſtande zu Schlatkow, den die Schweden mit den Frarzoſen geſchloſſen, ſo wie bald darauf die Nachricht vom Tilſiter Frieden vereitelten dieſe Abſichten und zwangen Schill zur Unthätigkeit. Seine kühnen Thaten und glücklichen Streifzüge hatten ſeinem Namen einen ungeheuren Ruf verliehen, und auch der König ehrte die tapfere Schaar, indem er die Schill'⸗ ſche Truppenabtheilung als eine der erſten in die durch den Frieden wieder gewonnene Hauptſtadt Berlin ein⸗ ziehen ließ. Auch hierher war ſchon der Ruf der Schillſchen Waffenthaten gedrungen und ſein Einzug geſchah unter dem größten Enthuſiasmus des Volkes. Tauſende waren herbeigeeilt, den Helden des Ta⸗ ges zu ſehen, und ungehenrer Jubel und der Ruf:„Es lebe Schill!“ empfing ihn bei ſeinem Erſcheinen. Schill dankte lächelnd nach allen Seiten hin, und ſeine edle 91 kräftige Figur, ſeine in beſter Mannesfriſche ſtehende Schönheit und das ihm eigene freundliche Lächeln er⸗ höhten nur noch den unendlichen Jubel des Volkes. Man ſah das Bild noch übertroffen, das man ſich von dem verehrten Helden entworfen hatte, und je weiter er vordrang, um ſo höher ſtieg der Jubel und die Luſt der Menge, und mit Mühe nur gelang es ihm, ſich endlich in ſein Quartier zu retten. So ging es alle Tage, wann und wo ſich Schill blicken ließ, und zuletzt wagte er ſich faſt gar nicht mehr aus dem Zimmer, um den quälenden Annetiſaneiten und dem ungeheuren Gedränge zu entgehen, das ſich ſtets um ihn ſchaarte, ſobald er die Straße betrat. „Es freut mich, pflegte er oft zu ſeinem Vertrau⸗ ten zu ſagen,„daß man ſich an mir erfreut und mich zu ſehen wünſcht, aber man macht zu viel aus mir.“ Dieſe Beſcheidenheit, ein ſchöner Grundzug ſeines Characters, machte ihn immer beliebter bei Volk und Truppen, und der Enthuſiasmus für ihn war ſo groß, daß man ſich darum riß, einen Schill'ſchen Huſaren in das Quartier zu bekommen. Durch den Tilſiter Frieden hatte Preußen allerdings nun Frieden gewonnen, aber um welchen Preis?— Es hatte dafür ſeine eigene Schande unterzeichnen und hatte nicht allein die Hälfte ſeiner Staaten ganz abtreten müſ⸗ 6* 92 ſen— nein, auch die andere Hälfte war nicht einmal ſein geblieben, denn franzöſiſche Truppen blieben in dem Lan⸗ de und in mehreren Feſtungen, um die pünktliche Ein⸗ treibung der ungeheuren Contributionen zu überwachen. Das war ein Frieden, den man nur hielt, ſo lange man mußte, und auf Schill's Herzen laſtete er wie ein ſchwerer Alp und es blutete bei dem Gedanken an die ungeheure Schmach. Während er nun mit ſeinem Corps in Berlin lag und von allen Seiten die ſchlagendſten Be⸗ weiſe des Enthuſiasmus aus allen Provinzen empfing, erwachte in ihm von Neuem der Gedanke an eine ge⸗ waltſame Befreiung Deutſchlands, an den Sturz der Na⸗ poleoniſchen Herrſchaft. Aufrufe aus verſchiedenen Provinzen, beſonders aus Weſtphalen: nur hinzukommen, Alles würde ihm zuſtrö⸗ men, um die verhaßte Fremdherrſchaft abzuſchütteln, ſowie auch der öftere Mahnruf„Brute dormis?“ der ihm zu⸗ geſandt wurde, beſtärkten ihn immer mehr in ſeinem Pla⸗ ne und reiften denſelben ſeiner Ausführung entgegen. „Kommen Sie ſelber und dringen mit vor, ſo ſind wir des Sieges gewiß! Ihr Name ſchon gilt für eine Gottheit, an die Jeder mit Zuverſicht glaubt,“ rief man Schill aus Weſtphalen zu, und ſo halb gezwungen, be⸗ ſchloß er den Entſcheidungsſchritt. Am 28. April Nachmittags verließ Schill mit ſei⸗ 93 ner Cavallerie, 600 Mann ſtark, Berlin, um, wie er das öfter that, zu manövriren, und erſt eine Meile vor der Stadt ließ er Halt machen und theilte den Truppen ſeinen Plan mit. „Kameraden,“ ſprach er ernſt und feierlich,„die Zeit iſt gekommen, ſich gegen den Thronräuber, der alle Rechte der Menſchheit mit Füßen tritt, zu erheben. Dem preußi⸗ ſchen Königshauſe, Preußen, droht er, wie Spanien ge⸗ ſchehen iſt. Aber es ſoll ihm nicht gelingen, Jedes Bie⸗ derherz ſteht auf; wir ziehen gegen die Feinde. Wer Luſt hat, wieder umzukehren, dem ſteht es frei, unbeſchadet ſeiner Ehre. Ich will keinen gezwungenen Mann!“ Ein einziger Jubelruf antwortete dieſer Rede und Alle ſchworen treu auszuharren unter ſeiner Führung, Glück und Unglück mit ihm zu theilen, mit ihm zu ſiegen oder zu ſterben. Die Schill'ſchen Truppen hielten ſtets die muſter⸗ hafteſte Mannszucht, nicht die geringſte Gewaltthätigkeit ward verübt und ſelbſt jede Kleinigkeit an Nahrungs⸗ mitteln den Leuten bezahlt. Mit dem beſten Muthe zog das Corps weiter, ging bei Wittenberg über die Elbe und zog nach Deſſau. Von Deſſau aus ſandte Schill eine Truppenab⸗ theilung nach Cöthen, deſſen Fürſt napoleoniſch geſinnt 94 war, und ließ die Staatskaſſen, die Silber⸗ und Waffen⸗ kammern ſo wie die Marſtälle ausräumen, jedoch ward den Unterthanen nicht das Geringſte zu Leide gethan. Der Hauptſchlag, auf den Schill rechnete, ſollte der Umſturz des weſtphäliſchen Thrones ſein, und er ſtand mit den Bewegungen in Heſſen, die ein Herr von Dörnberg leitete, in engſter Verbindung. Ein prächtiger Plan war von demſelben entworfen worden: König Jerome ſollte in ſeiner eigenen Hauptſtadt gefangen werden, und dann wollte ſich Dörnberg mit Schill vereinigen und wie Weſtphalen ganz Deutſchland befreien. Der Plan war gut und ſicher, und Schill wartete voll Sehnſucht auf die Nachricht des Gelingens. Neue freudige Hoffnung bewegte ſeine Bruſt und nie hatte er ſo feſt an das Gelingen ſeiner Sendung geglaubt, als jetzt. Und endlich kam der erſehnte Bote und mit ihm zu⸗ gleich zwei andere, die alle ihm wichtige Nachrichten zu überbringen hatten. Schill empfing ſie ſogleich. Der erſte brachte ihm die Nachricht, daß das öſterreichiſche Heer an der Do⸗ nau*) geſchlagen ſei, der andere, daß der Aufſtand in Weſtphalen vor ſeinem Ausbruch an den König verra⸗ .) Gefecht bei Regensburg 23. Ayril 1809. 95 then worden und deshalb mißlungen ſei, und der dritte dieſer Hiobsboten forderte Schill vor ein Kriegsgericht nach Berlin. So waren mit einem Schlage alle Hoffnungen zertrümmert, in einem Augenblicke alle jene ſchönen Träu⸗ me vernichtet, die ſo eben noch ſeine Bruſt bewegt hatten. Erſchüttert wandte Schill ſich ab und ſank ganz vernichtet nieder. Lange brütete er vor ſich hin, alle Folgen jener entſetzlichen Nachrichten abwägend; und als er aufſtand und zu ſeinen Kriegern hinaustrat, hatte er die Ueber⸗ zeugung gewonnen, daß ſeine Bemühungen zur Befreiung Deutſchlands eitel geweſen ſeien. Feſter und immer feſter ſah er im Geiſte die franzöſiſchen Ketten ſich um ſein ge⸗ liebtes Vaterland ſchlingen und ihn ſelbſt mit erdrücken. Aber er verzagte nicht. Mit dem Muthe der Ver⸗ zweiflung beſchloß er ſein Schickſal zu erfüllen; lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende, war ſein Wahlſpruch, und vollkommen ruhig verkündigte er ſeinen Truppen die erhaltenen Nachrichten. „Wir ſind nun ganz auf uns ſelbſt angewieſen,“ ſchloß er ſeine Anſprache,„und können wir das Vater⸗ land nicht befreien, ſo wollen wir wenigſtens dem Feinde Schaden thun, ſo viel wir können, und im ſchlimmſten Falle mit Ehren zu ſterben wiſſen.“ 96 Und wahrlich die Lage des Schillſchen Corps war keine angenehme und erfreuliche. Die Ausſicht auf Verſtärkung und auf Gelder aus Heſſen war durch das Mißlingen des Aufſtandes ver⸗ eitelt; Freiwillige folgten auch nur wenige dem begeiſter⸗ ten Aufrufe, da die Gemüther durch jenes Mißlingen und die Niederlagen der Oeſterreicher entmuthigt, von Neuem und immer feſter an die Unwandelbarkeit des Napoleoniſchen Glücksſternes glaubten, und lieber ihr elen⸗ des Daſein in Knechtſchaft weiterführten, als ſich zu ſo ungewiſſen Unternehmungen verleiten ließen. Hatte doch Preußens König ſelber, aus Rückſicht gegen Napoleon, den er um Alles nicht reizen durfte, wollte er nicht, daß dieſer gewaltige Mann die Krone gänzlich von ſeinem Haupte riß, die Unternehmungen Schills als einen Frevel bezeichnet und ihn ſelber als Deſerteur, gegen den man nicht ſtreng genug verfahren könne! Ob und wie ſehr dem unglücklichen Königspaare das Herz geblutet hat bei dieſem Erlaſſe gegen Schill, das weiß Niemand; aber der Erlaß war da, und das arme geängſtigte Volk hütete ſich wohl, ein Unternehmen zu unterſtützen, das der König ſelber verdammte. Der König von Weſtphalen erklärte den Landeor⸗ ſaren Schill in die Acht und ſetzte einen Preis von 10.000 ———————— Franken auf ſeinen Kopf, wogegen Schill, in Anbetracht der ſchlechten Zeiten, einen eben ſolchen von ſechs Pfenni⸗ gen auf den Kopf des Königs von Weſtphalen ſetzte. Unſchlüſſig ſtand das Schill'ſche Corps nun zwiſchen Elbe und Saale, und Schill ſchwankte, ob er ſich über die Elbe zurückziehen und ſich mit den Oeſterreichern verbin⸗ den, oder ob er vorwärts gehen und auf eigene Hand mit ſeinem Freicorps weiterziehen und weiterkämpfen ſolle. Ein Kriegsrath entſchied für das Letztere.„Wir ha⸗ ben,“ hieß es in demſelben,„ein ungeheures Unterneh⸗ men begonnen; die Augen der Welt ſind auf uns ge⸗ richtet: wir können daher unſere Operationen mit keinem Rückſchritte eröffnen, ohne das Zutrauen des Publicums zu ſchwächen.“ Und ſo zogen ſie denn vorwärts, und hier war es, wo Albrecht von W. auf die todesmuthige Schaar ſtieß, ſchnell entſchloſſen, mit ihr zu ſiegen oder zu ſterben. Das Schillſche Corps ſetzte ſeinen Marſch fort, zog durch die Altmark, ohne die Begeiſterung für ſein Unternehmen zu finden, die es gehofft hatte, eroberte, durch eine treue Schaar, die aus Berlin ihrem Führer nachgefolgt war, verſtärkt, das Städtchen Dömitz, wo⸗ durch es die Handelsverbindung zwiſchen Magdeburg und Hamburg beherrſchte, und warf ſich, da Schill wohl einſah, er könne ſich hier gegen einen ernſtlichen Angriff 98 nicht halten, in die Feſtung Stralſund, deren Ruhm aus dem dreißigjährigen Kriege ſich, wie er hoffte, bewähren ſollte. Durch einen raſchen und heftigen Angriff zerſprengte er die Beſatzung, die ihm entgegengerückt war, und eroberte Stralſund im Sturm. Hier wollte er ſich verſchanzen und feſtſetzen, als in einem unüberwindlichen Hort, und ward er hart bedrängt, ſo blieb ihm immer noch das Meer zur Ueberfahrt nach England, wozu engliſche Schiffe jeden Augenblick bereit waren. Aber ſo lange er noch einen Fuß breit Land im Vaterlande inne hatte, wollte er es nicht verlaſſen, und er ließ ſeine Truppen ſogleich mit neuen Befeſtigungen der Stadt beginnen, um dieſe uneinnehmbar zu machen. So hatten ſich denn Schill's Hoffnungen, die allen Menſchen wie ſich ſelbſt vertrauten und von Allen dieſelbe Aufopferung und Begeiſterung erwarteten, die er ſelber für die Sache der Freiheit hatte, auf die eine letzte be⸗ ſchränkt, Stralſund zu erhalten. Von hier aus dachte er dann zur gelegenen Zeit ſeine Pläne wieder aufzunehmen und von Neuem das Schwert für Deutſchlands Befrei⸗ ung zu ſchwingen. Noch immer glaubte Schill an den Genius Deutſch⸗ lands, und oft, wenn er im vertrauten Geſpräche mit Al⸗ brecht von W. in den Verſchanzungen umherging, äußerte 99 er die Hoffnung, daß es nicht mehr lange dauern würde, bis ſie hinausbrechen könnten und dem Feinde in den Rücken fallen. „Der Genius Deutſchlands iſt betäubt, aber er iſt nicht todt!“ pflegte er dann zu ſchließen, und Albrecht ſtimmte ihm ſchweigend bei und dachte an ſeinen Genins, an Johanna, und fragte ſich, was ſie wohl machen und ob ſie ſeiner wohl gedenken würde. „Sie wird um Deutſchland weinen,“ rief es dann in ihm,„und wird meiner gedenken, als eines tapferen Kämpfers für das Vaterland. Ja, ja, der Genius Deutſch⸗ lands iſt betäubt, aber er kann nicht todt ſein, da ſolcher Engel für ihn betet.“ Man arbeitete rüſtig an den Befeſtigungen Stral⸗ ſunds weiter; noch aber waren ſie lange nicht im Stande, dem Feinde tüchtig zu widerſtehen, als Schill die Nach⸗ richt vom Herannahen eines holländiſchen Armeecorps hörte, das ſich mit einem däniſchen Heerhaufen vereinigt hatte und Stralſund belagern wolle. Schill that noch Alles, was möglich war, um die Feſtung zu kräftigen; als aber am 31. Mai der Feind vor derſelben erſchien, erkannte er wohl, daß noch Vieles zu thun übrig ge⸗ blieben ſei. Doch hoffte und vertraute er auf die Tapferkeit ſeiner Truppen, die ſich ſchon in manchem heißen Strauß bewährt hatte. 100 Die Feinde ließen nicht auf den Angriff warten und drangen von zwei Seiten ungeſtüm heran. Ein hef⸗ tiges Feuer empfing ſie von den Wällen, ward aber von ihnen noch heftiger erwidert. Schill ſelber leitete die Vertheidigung am Triebſeer Thore und hier wie am Frankenthore wurden die Feinde auf das entſchiedenſte zurückgewieſen. Unterdeſſen hatte der däniſche General einen bedeu⸗ tenden Theil ſeiner Streitkräfte dem Knieper Thore gegen⸗ über aufgeſtellt und ließ mit größter Schnelligkeit gegen daſſelbe anrücken und ſtürmen. Zwar wurden ſie von einem lebhaften Feuer aus den zum Schutze der Thore aufgeſtellten Batterien empfan⸗ gen, allein ungeachtet deſſen drangen ſie unaufhaltſam vor⸗ wärts, den Wällen zu. Die Befeſtigungsarbeiten waren hier am wenigſten gediehen, und ſo wurden die Wälle von der Uebermacht des Feindes ſchnell erſtiegen, die Batterien erobert und das Thor überwältigt. Die Beſatzung deſſelben, meiſt neugeworbene rügen⸗ ſche Landwehr, warf die Waffen weg und flüchtete nach dem Hafen; die Schill'ſche Infanterie ward in die Stra⸗ ßen zurückgedrängt, und hier begann nun ein ebenſo hart⸗ näckiger als blutiger Kampf. Schritt für Schritt mußten die Feinde ſich Bahn brechen, jeden Fuß breit Weg, jedes Haus einzeln erobern, 101 und ihre Verluſte waren ungeheuer. Aber immer größere Schaaren, immer neue Feindescolonnen drangen in die Stadt ein, die Schillſche Infanterie ward nach dem Markt zurückgedrängt, wo die Reiterei als Reſerve ſtand. Es kam zu neuem blutigen Gefecht, bei dem die Schillſche Reiterei, durch das enge und ungünſtige Ter⸗ rain im Nachtheil, bald zerſprengt ward. Ein erbittertes und blutiges Handgemenge erfüllte den ganzen Markt. Gleich beim Beginne des Reitergefechts war Albrecht von W. nach dem Triebſeer Thore zu Schill geſprengt, der ahnungslos nichts von all dem Vorgefallenen wußte und noch immer daſelbſt die Vertheidigung leitete. Im vollen Galoppe ſprengten die Beiden nach dem Markte zu⸗ rück und ſahen mit Entſetzen das blutige Handgemenge. Schill's mächtige Stimme ſammelte einen Haufen Reiter um ſich, und mit ihnen ſtürzte er ſich wüthend auf die Feinde. Seine Züge waren todtenbleich, ſeine Augen glühten, und was ſein Degen erreichte, ſank zum Tode getroffen nieder. Aber er mit ſeinen wenigen Getreuen konnte den Kampf nicht mehr wenden, den Gang des Schickſals nicht aufhalten. „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!“ tönte ſeine Parole den Getreuen zu, und 102 von Neuem ſtürzte er ſich auf den Feind, mit hochge⸗ ſchwungenem Degen Alles niederhauend, was er erreichen konnte. Immer vorwärts, vorwärts drängte es ihn in den Feind; er wollte ſterben, mit der Waffe in der Hand, aber noch mancher Feind ſollte mit ihm verderben. Bald war er ſeinen Getreuen weit voraus geeilt, ſtürzte ſich mitten in einen feindlichen Heerhaufen, in wel⸗ chem er den holländiſchen General⸗Lieutnant von Carterel bemerkte, und hieb dieſen mit dem Ruf:„Bereite mir Quartier!“ vom Pferde.— Mit dem Degen um ſich hau⸗ end, wollte er jetzt zurück, da ihm der Menſchenknäuel den Durchgang verſperrte, da traf ihn eine Kugel, und mit todtenbleichem Antlitze, im Sattel ſchwankend, ſprengte er dem Fährthore zu.— „Das iſt Schill!“ tönte es plötzlich ganz in ſeiner Nähe, und von allen Seiten eilten holländiſche Jäger her⸗ bei, ſchoßen nach ihm, holten ihn ein und hieben ihn vom Pferde. Lautlos ſank Schill nieder; das Schwert feſt hal⸗ tend mit der Rechten, die Linke auf das treue Herz gedrückt, verſchied der edelſte Patriot unter den Säbelhieben hollän⸗ diſcher Barbaren. Lange noch währte der Straßenkampf weiter; die Schill ſchen Truppen verkauften ihr Leben theuer und wehrten ſich mit dem Muthe der Verzweiflung. Sie wollten 103 alle als treue Deutſche lieber ſterben als gefangen ſein, und wenige fielen dem Feinde lebendig in die Hände; eine kleine tapfere Schaar aber ſchlug ſich heldenmüthig mitten durch die Feinde hindurch, zum Frankenthore hinaus, und über⸗ lieferte ſich an Preußen. Unter ihr befand ſich Albrecht von W.; ſein treuer Gefährte und Retter aber lag neben ſo vielen anderen Tapfern zu Stralſund und hatte wie ſie den Tod gefun⸗ den im Kampfe für Ehre und Vaterland! Das war das Ende der Tapfern, die geſchworen, das Vaterland zu befreien; todt und verſtümmelt lagen ſie auf dem Boden des geknechteten Deutſchlands— wäh⸗ rend Napoleon's Stern heller und ſtrahlender als je leuch⸗ tete und mit ſeinem Glanze alle jene alten Kronen ver⸗ dunkelte, mit deren Raube er ſich ſelber ſchmückte. 104 Sechstes Capitel. Deutſchlands tiefſte Erniedrigung. Ja, Friede ward, doch ach, um welchen Preis! Uum unſer preisgegeb'nes Vaterland!— Jo, Friede war geworden, doch ach, um welchen Preis!— Ganz Deutſchland, ja halb Europa lag gehor⸗ ſam und zitternd zu den Füßen Napoleon's, und wer noch frei war und unabhängig von ſeinem allmächtigen Willen, der hütete ſich ihn zu reizen. Preußen hatte, nachdem ſeine und die ruſſiſche Armee nach der Schlacht bei Eylau, die ſich günſtig für ſie zu wenden ſchien, bei Friedland eine ſo bittere Erfahrung gemacht, nachdem Rußland ſelber ſich zum Frieden ge⸗ neigt, und Kaiſer Alerander, der kurz zuvor noch dem Kö⸗ nigspaare von Preußen am Sarge des großen Friedrich treues Bündniß und Feindſchaft dem Unterdrücker Deutſchlands geſchworen hatte, ein glühender Freund und Verehrer Napoleon's geworden war— nach alledem hatte ſich Preußen zum Frieden genöthigt geſehen und mußte die Bedingungen annehmen, wie ſie Napoleon's Willkühr zu ſtellen beliebte. Das Schickſal hatte ſich gegen Preußens Herrſcher gewandt, und da er ſeinen treuen und deutſchen Cha⸗ 105 racter nicht verleugnen konnte und wollte, da er kein Schmeichler und Lobredner Napoleon's ward, ſo war es ihm auch beſchieden, das härteſte Geſchick zu ertragen und den ganzen Uebermuth, den ganzen Zorn Napoleon's über ſich ergehen zu laſſen. Vergebens waren die Bitten Alexander's an Napo⸗ leon, ſeinem Verbündeten günſtigere Bedingungen zu ſtellen; Napoleon antwortete ihm heftig:„Wer wollte mich hindern, die Krone ganz von dem Haupte des Kö⸗ nigs von Preußen zu reißen und zu erklären: Das Haus Hohenzollern hat aufgehört zu regieren, wie ich es in Spanien und Neapel gemacht habe! Nur meiner Liebe für Sie dankt der König von Preußen, daß ich ſeinen Thron überhaupt exiſtiren laſſe, er kann ſich alſo nicht beklagen.“ Und ſo gefällig und liebenswürdig ſich Napoleon ſonſt auch gegen den jungen Kaiſer des Nordens zeigte, ſo unerbittlich war er in dieſem Punkte und oftmals pflegte er zu ſagen:„Der König von Preußen wie der König von Neapel haben ſich bei ihren Gemahlinnen für ihr Unglück zu bedanken. Warum hat dieſe Frau ſo lange Krieg gegen mich gepredigt, bis er zu Stande kam und ſie vernichtete?“ Traurig und niedergeſchlagen kehrte Alexander nach ſolchen fruchtloſen Verſuchen zu Friedrich zu⸗ 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 106 rück, deſſen Herz blutete, wenn er die Artikel betrachtete, welche der Friedensvertrag vorſchrieb. Und doch mußte er Frieden machen, der unglück⸗ liche König, der faſt nichts mehr ſein nennen konnte, als die Stadt Memel, in der die Königin mit den Kindern reſidirte; er mußte Frieden machen, denn was wollte er anfangen, ohne Heere, ohne Geld, dem allgebietenden Herrn gegenüber, vor dem die Welt ſich beugte? Wären ſeine Schmerzensſeufzer zu geharniſchten Kriegern und die Thränen der Königin Louiſe zu Gold⸗ ſtücken geworden, ſo hätte er wohl ein Heer gegen Na⸗ poleon führen können, ſtark genug, um dieſen Mann zu beſiegen und ſeinen falſchen Thron zu ſtürzen; aber ſo hatte er keine Hülfsquellen, keine Hoffnungen mehr, und ob auch die Königin ihren Schmuck und ihre Brillanten verkaufte und das erlöſte Geld in den Staatsſchatz gab, ob auch aus den Provinzen einzelne Patrioten dem Königspaare ihre Erſparniſſe darbrachten— dieſe einzel⸗ nen Zeichen konnten wohl das Herz des unglücklichen Monarchen erfreuen und ihm wohl thun, nicht aber ihm die Waffen in die Hand geben, einen Napoleon zu ſtürzen. Friede mußte werden, Friede um jeden Preis. Doch noch einen Verſuch wollte Friedrich Wilhelm machen, dem mächtigen Gegner günſtigere Bedingungen 107 abzuringen, und dieſer letzte Verſuch beſtand in einer Zuſammenkunft Napoleon's mit der Königin Louiſe. Napoleon hatte ſo viel gehört von dieſer ſchönen patriotiſchen Königin, die ein Schutzgeiſt Preußens war in ſeiner ſchwerſten Zeit und eine Mutter ihres Volkes zu jeder Zeit, aber er hatte ſie noch nie geſehen, und ob⸗ gleich er ſie haßte und Spott und Hohn auf ihr reines, edles Haupt häufte, wo und ſo oft er konnte, wünſchte er doch auch im Geheimen, ſie kennen zu lernen, von deren Schönheit und Liebreiz man ſo Außerordentliches erzählte. Und Louiſe? Ihr Herz blutete, als man ihr den Vorſchlag machte, nach Tilſit zu reiſen, zu einer Zuſam⸗ menkunft mit ihrem böſeſten Feinde; ſie glaubte ſterben zu müſſen bei dieſem Gedanken, und ihre ſchönen Augen, die ſo viel ſchon geweint hatten ſeit dem Beginne dieſes unſeligen Krieges, ſtrömten von Neuem von Thränen über. Napoleon hatte die edle Frau ſo ſchwer beleidigt, und begünſtigt durch ſeine Stellung ſo viele Anklagen und Verläumdungen gegen ſie in die Welt geſchleudert, darauf berechnet, ſie in den Augen ihrer Unterthanen herabzuſetzen, und nun ſollte ſie dieſem Manne nahen, als eine Bittende nahen, wo ſie nur verachten konn⸗ te!—— Doch ſo ſchwer auch die Aufgabe war, die Liebe und der Eifer für das Beſte ihres Landes, die Liebe zu 7* 108 Gemahl und Kindern gaben ihr Muth und Kraft, zu ſo vielen ſchweren Opfern, die ſie ſchon gebracht, auch noch das ſchwerſte zu bringen. Sie hoffte durch ihre Fürbitte das Marmorherz Napoleon's zu erweichen, und als Bit⸗ tende für ihr Volk glaubte ſich die Königin nicht zu er⸗ niedrigen. So reiſte ſie von Memel ab nach Tilſit. „Welche Ueberwindung es mich gekoſtet,“ ſagt Loui⸗ ſens Tagebuch,„das weiß mein Gott. Wenn ich gleich den Mann nicht haſſe, ſehe ich ihn doch als den an, der den König und ſein Land unglücklich gemacht hat. Seine Talente bewundere ich, aber ſeinen Character, der offen⸗ bar hinterliſtig und falſch iſt, kann ich nicht lieben.“ Wer hätte geglaubt, daß auch die Stimme dieſer edlen Frau ungehört verhallen, daß ihr ungeheures Opfer nutzlos gebracht werden würde! Und dennoch war es ſo. Napoleon kannte die Groß⸗ muth nicht, und die Königin erlangte nichts von ihm, als höfliche Phraſen und Schmeicheleien, aber kein Ver⸗ ſprechen. Auf Napoleon's übermüthige Frage:„Wie konnten Sie es überhaupt wagen, Krieg mit mir anzufangen?“ antwortete Louiſe mit edlem Stolze:„Sire, dem Ruhme Friedrich's war es erlaubt, uns über unſere Kräfte zu täuſchen, wenn anders wir uns getäuſcht haben.“ 109 Und als ſie ſich nun erhob und Napoleon ſich ver⸗ abſchiedete, da fühlte die Königin klar, daß ſie ſich nicht getäuſcht hatten über ihre Kräfte und daß ſie einſt doch wieder ſiegen würden über dieſen Mann, der nicht ver⸗ diente, in Europa zu herrſchen. Das Opfer war vergeblich gebracht worden; Na⸗ poleon, obgleich erſtaunt und in Verlegenheit geſetzt durch den Liebreiz und die Anmuth der Königin, die, eine Offenbarung des ewig Weiblichen, ihm eben ſo hoheit⸗ voll als milde entgegentrat und ihn durch ihre Art der Unterhaltung bezauberte, hatte ſich doch kein Wort ent⸗ ſchlüpfen laffen, was einem Verſprechen ähnlich geſehen, oder was ihn gebunden hätte. Das Opfer war vergeblich gebracht worden, das erfuhr Louiſe aus einer Mittheilung, die Napolevn dem Grafen Goltz in einer Audienz machte:„Alles, was er der Königin geſagt, ſeien nichts als höfliche Phraſen ge⸗ weſen, die ihn zu nichts verpflichteten, und er ſei ent⸗ ſchloſſen, wie er ſchon früher beſtimmt habe, dem Könige die Elbe als Grenze ſeines Reiches zu geben. Daß er ſo glimpflich verfahre, geſchehe nur aus Rückſichten der Freundſchaft gegen Kaiſer Alexander, der ſich noch immer als Bundesgenoſſe Preußens betrachte; ohne deſſen Für⸗ wort würde Preußens Dynaſtie aufgehört haben zu re⸗ gieren.“ 110 An demſelben Tage noch, als ſie dieſe Worte er⸗ fahren, beſchloß die Königin ihre Abreiſe und nahm Ab⸗ ſchied von Napoleon. Der Kaiſer bot der Königin eine wundervolle Pur⸗ purroſe, und dieſe, zuerſt geneigt, eine ſolche Gabe zu⸗ rückzuweiſen, nahm ſie gleich darauf mit den bedeutungs⸗ vollen Worten:„Nur wenn mit Magdeburg.“ Aber Napoleon, obgleich er wußte, daß der Königin ganzes Herz an dieſer ſchönen Feſtung hing, allen edlen Gefühlen unzugänglich, zog heftig die Roſe zurück, warf ſie zu Boden und erwiederte rauh: „Belieben Ew. Majeſtät zu bedenken, daß ich es bin, der darbietet, und daß Ew. Majeſtät nur anzuneh⸗ men hatten.“ So war auch dieſer letzte Verſuch geſcheitert, und die Königin verließ zwei Tage darauf mit blutendem Herzen Tilſit, nachdem am Tage vorher der Friede da⸗ ſelbſt abgeſchloſſen worden*). Preußen verlor in demſelben die Hälfte ſeines Rei⸗ ches und die andere Hälfte dankte es, wie ihm dabei ge⸗ ſagt ward, nur der Freundſchaft Napoleon's für Alexan⸗ der von Rußland. Der König trug ſein Unglück im ſtummen Schmerze; 111 es konnte ihn beugen, aber niemals ihn ſich ſelber untreu machen, und ſelbſt die Franzoſen bezeugen ihm, daß er dem allmächtigen Herrſcher gegenüber ſtets ein echter deutſcher Mann und Fürſt geweſen ſei. Die Königin aber weinte und ihre Thränen fielen wie feurige Kohlen auf ihr armes gequältes Herz, ſo daß es langſam unter unendlichen Qualen dahinſiegte. Preußen hatte den Frieden annehmen müſſen, nach Napoleon's Willkühr, aber nicht Preußen allein, auch Oeſterreich ſollte dieſe von Neuem empfinden. Die Eroberungen Napoleon's in Spanien, Portu⸗ gal und Italien machten Oeſterreich für ſeine eigene Si⸗ cherheit beſorgt und veranlaßten den Kaiſer zu Rüſtungen und Vervollſtändigungen ſeiner Militairkräfte. Eine Land⸗ wehr ward gebildet und alle Kräfte des Reiches wurden angeſtrengt, den beſchloſſenen Krieg würdig zu führen, einen letzten Verſuch zu machen, dem öſterreichiſchen Staate die verlorenen Provinzen wieder zu gewinnen, Deutſchlands Ruhm und National⸗Ehre wieder herzu⸗ ſtellen. Napoleon's Argwohn ward durch Ausflüchte be⸗ ſchwichtigt, bis plötzlich Mitte April 1809 die Kriegs⸗ erklärung Oeſterreichs erfolgte. Ein großes begeiſtertes Heer führten die kaiſerlichen Prinzen in das Feld, und Alle hofften das Beſte von dieſem Entſcheidungskampfe über Deutſchlands Geſchick. 112 Aber Napoleon, ſchnell und immer gerüſtet, durch die Rheinbundtruppen verſtärkt, warf ſich den öſterrei⸗ chiſchen Heeren entgegen, und die blutigen Tage bei Pfaffenhofen, Landshut, Eggmühl und Regensburg, in denen die öſterreichiſchen Heere von Neuem der Kriegs⸗ kunſt Napoleon's den Sieg überlaſſen mußten, zwangen dieſelben ſich zurückzuziehen; Napoleon verjagte wiederum den Kaiſer aus ſeiner Reſidenz und zog in Wien ein. In den Ebenen bei Aspern und Eßling kam es zu einer großen Schlacht, und hier geſchah das Uner⸗ hörte— Napoleon ward beſiegt.*) Die öſterreichiſche Tapferkeit errang die Uebermacht über Napoleon's ſieg⸗ gewohnte Truppen, aber leider ward der Sieg nicht genug benutzt; Napoleon gewann Zeit ſich zu erholen und Ver⸗ ſtärkungen an ſich zu ziehen, und anderthalb Monate ſpäter gingen in der Schlacht bei Wagram**) alle jene ſchwer errungenen Vortheile wieder verloren; Erzherzog Karl ward nach einem zweitägigen Kampfe total beſiegt, ſein Heer zerſprengt,— das Schickſal des Feldzugs war entſchieden. Zwei Tage nach der Schlacht ward ein Waffenſtill⸗ ſtand und bald darauf zu Schönbrunn ein Friede abge⸗ ſchloſſen, der das Schickſal Oeſterreichs entſchied und es 9) 21. und 22. Mai 1809.**) 5. und 6. Juli 1809. 113 wiederum an Ländern ärmer, an Macht und Kraft ſchwä⸗ cher machte. Nur Tyrol war noch nicht unterworfen und die treuen Tyroler kämpften noch einen verzweifelten Kampf für ihre alten Freiheiten. Tyrol, das durch ſeine Gebirge, deren einſame Pfade nur die Söhne der Berge kennen, einer natürlichen Fe⸗ ſtung gleicht, in der Tauſende der geübteſten Truppen den Tod finden können, ohne nur ein Haar breit Vortheil zu erringen, war von jeher vom öſterreichiſchen Kaiſer⸗ ſtaate in all ſeinen Rechten und Freiheiten geſchützt, und beſonders vom Kaiſer Franz mit vieler Liebe behandelt worden. Dafür hingen aber auch die Tyroler mit ſchwärme⸗ riſcher Treue an ihren Kaiſer Franz, und ein allgemeines Jammergeſchrei ſcholl durch die Berge, als im Jahre 1805 Tyrol von Oeſterreich losgeriſſen und durch Na⸗ poleon's Willkühr an ſeinen Bundesgenoſſen, den König von Baiern gegeben ward. Sie wollten nicht laſſen, die treuen Männer, von ihrem alten Kaiſerhauſe, und Kaiſer Franz ſelber mußte ſie beruhigen und ſie auffordern, ſich dem Unvermeidlichen zu fügen. Als aber der König von Baiern ihre alten Gerecht⸗ ſame angriff, dem Lande gar ſeinen Namen raubte und 114 es Südbaiern nannte, da ſchwollen die Herzen der Tyro⸗ ler in edlem Zorne und muthig ergriffen ſie die Waffen, ihr Recht zu erkämpfen. Zweimal hatten ſie mit kühnem Muthe ihr Land frei gemacht von dem baieriſchen Drucke, zweimal war es Napoleon nur durch gewaltige Uebermacht gelungen, ſie zu unterwerfen; jetzt, da Oeſterreich von Neuem zu den Waffen gegriffen hatte, zögerten auch die treuen Tyroler nicht, und bald hatten ſie zum dritten Male ihre Freiheit erfochten. Andreas Hofer, der tapfere Sandwirth aus dem Paſſeyrthale, der den Aufſtand geleitet, ſchlug in der Hofburg zu Innsbruck ſeinen Wohnſitz auf und leitete hier, mit Bewilligung ſeines geliebten Kaiſers Franz, die Regierung des Landes. Einfach und ſchlicht, doch practiſch, ließ ihn ſein geſunder Menſchenverſtand gewöhnlich das Beſte für die Wohlfahrt des Landes erkennen, und ſeine Hofhaltung war eben ſo einfach, wie in der Heimat auf ſeinem Bauernhofe. Aber Napoleon, zornig über dieſen Bauernübermuth, traf gewaltige Anſtalten zur Unterjochung des Landes. Fünfzigtauſend Mann drangen in Tyrol ein, umgingen im Salachthale die Haufen Speckbacher's, warfen ſie zurück und drangen unaufhaltſam nach der Hauptſtadt vor. 115 Alles dies ging ſo ſchnell, daß der überraſchte Hofer kaum Zeit hatte, ſich nach dem Berge Iſel zurückzuziehen. Doch kam den treuen Männern kein Gedanke der Unter⸗ werfung. Da traf die Nachricht von dem Frieden zu Wien ein, und mit ihr ein Schreiben vom Kaiſer Franz, worin er die treuen Tyroler aufforderte, ſich ruhig zu verhalten und ſich nicht unnütz zu opfern. Doch Hofer wollte nichts von Unterwerfung wiſſen;„Oeſterreich hat uns verlaſſen, ſo müſſen wir uns ſelber helfen!“ ſagte er und wagte den Kampf der Verzweiflung. Die Tyroler wurden beſiegt; Hofer, der ſich nicht von ſeinen Bergen trennen konnte, verſchmähte die Flucht und verbarg ſich in einer Sennhütte, bis er von einem Prieſter verrathen und von Schergen gefangen ward. In Mailand empfing er den Lohn ſeiner Treue aus den Ge⸗ wehren des Siegers; mit einem Hoch auf ſeinen Kaiſer Franz ſank er von Kugeln durchbohrt nieder und beſiegelte mit ſeinem Blute die Knechtſchaft Tyrols. Um dieſes für immer unſchädlich zu machen, theilte es Napolen in zwei Theile, von denen jeder einen ande⸗ ren Herrn erhielt. Dieſe Maßregel ſollte die gänzliche Un⸗ terwerfung des Landes und ſeine Trennung von Oeſter⸗ reich für alle Zeiten ſichern. Jetzt ſtand Napoleon auf dem Gipfel ſeiner Macht; 116 ganz Deutſchland und Italien gehorchte ſeinem allmächti⸗ gen Wort, und die regierenden Herren von Oeſterreich und Preußen ſaßen nur Schattenbildern gleich auf ihren Thronen, jeden Angenblick in Gefahr, durch einen Zorn⸗ blitz des Gewaltigen zerſchmettert zu werden. Napoleon war Herr von halb Europa, und doch war er nicht glücklich und die zärtliche Liebe ſeiner edlen Gemahlin, der Kaiſerin Joſephine, konnte ihn nicht entſchä⸗ digen für den Erben, den ihm das Schickſal verſagte. Er wollte nicht wie Alexander der Große für ſeine Feldherren gekämpft haben— nein, ſein Weltreich ſollte einen Erben ſeines Namens haben; deshalb mußte Jo⸗ ſephine ſeinem Ehrgeize weichen und einer neuen Kaiſerin Platz machen. Sein Auge fiel auf die Erzherzogin Marie Louiſe von Oeſterreich, die Tochter des ſchwergeprüften Kaiſer Franz. Und dieſer, gebeugt durch die Erfahrungen des letzten Krieges und nur beſorgt, ſeinem Lande den Frieden zu erhalten, brachte dem Glücke ſeines Volkes, dem Frie⸗ den deſſelben, das ſchwerſte Opfer, und die Tochter der Cäſaren ward die Gemahlin des übermüthigen Corſen und thronte als Kaiſerin in den Tuilerien. Ein glänzendes Feſt feierte dieſen neuen Triumph Napoleon's und alle gekrönten Häupter ſtanden Vaſallen 117 gleich neben dem Kaiſerpaare.— Napoleon ſtand auf dem Gipfel ſeiner Macht! Die Welt betrachtete er als ſein Eigenthum, die Völ⸗ ker als die Sklaven ſeines Willens, alle Könige und Fürſten als ſeine Vaſallen. Zwar wollte manche bedächtige Alte aus dem unglück⸗ lichen Brande der Schwarzenbergſſchen Villa, in der man zur Feier der Vermählung Napoleon's ein glänzendes Feſt hielt, und wo er ſelber und die Kaiſerin in große Gefahr kamen, dem jungen Kaiſerpaare Unglück prophezeihen, da auch bei der Vermählung Ludwig's XVI. mit der un⸗ glücklichen Marie Antoinette ein ähnliches Ereigniß ge⸗ ſchehen war; doch lachte der Herr der Welt über dieſe böſen Ahnungen und ſpottete ihrer auf dem Gipfel ſeiner Macht. Und während man zu Wien und Paris noch jubelte und Feſte auf Feſte feierte zur Verherrlichung des jungen Kaiſerparrs, brach zu Hohenpieritz in Meklenburg das treueſte Herz, das je in Deutſchland geſchlagen. Königin Louiſe hatte ſo viel geweint und ſo bitter ſich gehärmt über das Unglück und die Schmach Preu⸗ ßens, ſie hatte ſo viel gelitten durch das Elend des Vol⸗ kes und die Beleidigungen Napoleon's, daß ſelbſt die 118 Rückkehr nach Berlin nicht im Stande war, ſie wieder aufzurichten. Im Zuni 1810 reiſte ſie nach ihrer Heimat, um ſich an dem Wiederſehen ihrer Theuren zu erholen, allein auch die zärtlichſte Liebe des Vaters, der Großmutter und Geſchwiſter konnte ihr inneres Leiden nicht beſeitigen, und während ſie heiter ſchien und ſich der Erinnerungen ihrer Kindheit freute, reifte ſie innerlich dem Tode entgegen. Deutſchlands und vor Allem Preußens Schmach und Unglück hatten ihr treues Herz gebrochen; alle Gebete des Volkes, alles Flehen des Königs hielt den Todesengel nicht auf, der dem Lager der Königin immer näher trat. Am 19. Juli 1810 ſtarb die Königin, umgeben von dem Könige und ihren beiden älteſten Söhnen. Der 19. Juli 1810 ward ein Trauertag für alle deutſche Länder; an ihm erloſch ein heller Stern Deutſch⸗ lands und Nacht ward es rings, eine Nacht voll Schmach und Erniedrigung. Das Volk weinte um ſeine treue Mutter, und der König ſuchte Troſt in der Regierung ſeines kleinen Lan⸗ des, deſſen traurige Zuſtände er durch weiſe Anordnungen zu verbeſſern ſtrebte. Er ernannte Herrn von Hardenberg zu ſeinem erſten Berather, und dieſer treffliche Mann that, — ——————— 119 unbekümmert um die Mißdeutungen der Welt, alles Mög⸗ liche, um die traurige Lage des Landes zu verbeſſern, das unter ungeheuren Laſten ſeufzte. Denn obgleich Frie⸗ drich Wilhelm der König deſſelben war, geberdete ſich doch Napoleon wie der Herr und trieb mit unerbitt⸗ licher Strenge die ungeheuren Contributionen ein, die er Preußen aufgelegt hatte. Und das arme erſchöpfte Land mußte ſie erſchwingen, wollte es nicht von Neuem die Gräuel des Krieges in ſeinen Grenzen erdulden, und es durfte nicht einmal murren, wenn Napoleon, über verzögerte Zahlungen ungeduldig, Executionstruppen in's Land ſchick⸗ te, die wieder ungeheure Summen koſteten. Es durfte nicht murren, denn in den Feſtungen Glogau, Magde⸗ burg und Stralſund ſtanden ſtarke Beſatzungen, jeden Augenblick bereit, als hungrige Meute das ganze Land zu überziehen. Sieben Heerſtraßen hatte Napoleon ſich durch die preußiſchen Staaten vorbehalten, auf denen er auf preußiſche Koſten Truppen hindurch ſenden konnte, ſo viel ihm beliebte, und dieſe ſieben vermehrte ſeine Will⸗ kühr bald auf elf. Und doch durfte Friedrich Wilhelm ſich nicht rühren, und obgleich er nie, wie ſo viele andere Fürſten, ein Be⸗ wunderer und Nachäffer Napoleon's ward, ſondern un⸗ beirrt ſeinen eigenen Weg ging, mußte er doch ruhig zu⸗ ſehen der Erniedrigung ſeines Landes, denn Napoleon's 120 Stern leuchtete hell über ganz Europa, und als ihm Marie Louiſe den langerſehnten Erben gebar, der ſchon in der Wiege„König von Rom“ genannt ward, ſtand er auf dem Gipfel der Macht und des Glückes, während Deutſch⸗ land zerriſſen und machtlos zu ſeinen Füßen lag, ein Bild der tiefſten Erniedrigung. Zweite Abtheilung: Hirbentes Capitel. Die Hand des Herrn. Seh't her, der Erde Rationen, Seh't und erkennet Gottes Hand. Rückert. Das Jahr 1812 war herbei gekommen, und noch immer ſtand Napoleon als Herr von halb Europa auf dem Gipfel ſeiner Macht und ſchaute übermüthig hernie⸗ der auf Alle, die ſein Zorn gedemüthigt hatte und auf deren Nacken jetzt ſein ſchwerer Arm lag. „Ich regiere mit eiſerner Hand, doch habe ich einen Handſchuh darübergezogen,“ lautet ein Ausſpruch Na⸗ poleon's, und wahrlich, Deutſchland hat die ganz Schwere 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 122 und Bedeutung dieſes Wortes gefühlt und ſeufzte in der gnädigen Obhut des corſiſchen Tyrannen unter den un⸗ erträglichſten Laſten. Nie hatte man ſo viele Bedrückungen und Steuer⸗ laſten gekannt, als in jenen Jahren über die durch Kriegs⸗ noth und Unglück ſo ſchon meiſt verarmten Deutſchen verhängt wurden. Und dann das Continentalſyſtem, wel⸗ ches alle Einfuhr von Colonialwaaren aus England verbot und dem Volke ſeine gewöhnlichen Bequemlichkei⸗ ten entzog! Aber dieſes traf nicht nur Deutſchland allein, ſondern auch für Rußland, als den befreundeten Staat Frankreichs, hatte Napoleon dieſes drückende Syſtem angeordnet, und Alerander, von Liebe und Begeiſterung zu Napoleon erfüllt, ſich demſelben gefügt. Aber als mit der Zeit Alexander's Enthuſiasmus für den franzöſiſchen Machthaber ſich abkühlte, und ſich durch ſeine Worte und Handlungen in dem ungeſtörten Beſitze ſeiner polniſchen Länder bedroht ſah; als Napo⸗ leon, Rußlands Einſpruch unberückſichtigt laſſend, das Fürſtenthum Oldenburg, deſſen Herrſcher ein naher Ver⸗ wandter des ruſſiſchen Kaiſerhauſes war, dem großen Reiche einverleibte: da hielt ſich Alexander nicht mehr an das Syſtem Napoleon's gebunden und erlaubte für ſeine Staaten die Einfuhr engliſcher Waaren. Stolz zog die brittiſche Flagge wieder durch die 123 Meere und ward in ruſſiſchen Häfen mit Freuden be⸗ grüßt. Stolz wie ſie auf allen Meeren ſich blähte, erhob ſie ſich jetzt auch wieder auf der Oſtſee, und Napoleon ſah mit Erbitterung dieſen Triumph ſeines unbeſiegbaren Feindes.— Aber Rußland, das treuloſe Rußland hatte ſeine freundlichen Beziehungen zu Frankreich verletzt, und das war Napoleon gerade recht, der ſchon längſt auf eine Gelegenheit wartete, den ruſſiſchen Adler in den Staub zu treten und durch Rußlands Beſitz ſeinem Weltenreiche die Krone aufzuſetzen. Napoleon in ſeinem Uebermuthe kannte keine Ge⸗ fahr, kein Wagſtück. Sollte er, deſſen Adler ſich in den Sandwüſten Egyptens ſiegreich erhoben, der vor der Glut der orientaliſchen Sonne nicht zurückgeſchreckt war, jetzt erbeben vor den Eisſteppen Rußlands? Und wie bei ſeinem egyptiſchen Feldzuge, ſo ſchwebte ihm auch bei ſeinem beabſichtigten ruſſiſchen die Vernichtung des eng⸗ liſchen Welthandels vor Augen; was ihm auf dem Wege nach Süden nicht gelungen, wollte er jetzt im Nor⸗ den erzwingen, und das Vordringen durch Rußland nach Perſien und Indien lachte ihm als Lohn für die Beſie⸗ gung des nordiſchen Zarenreiches entgegen. Der Feldzug gegen Rußland war beſchloſſen und der Kriegsruf Napoleon's erſcholl durch alle Staaten und ſammelte Krieger auf Krieger um ſeine ſieggewohnten 8* 124 Adler. Mit einer mächtigen franzöſiſchen Armee verbün⸗ deten ſich Heerſchaaren aus faſt allen Ländern Europas, und auch Preußen und Oeſterreich mußten ſich nach Na⸗ poleon's Willen ihm anſchließen und ihre Schaaren für ihn marſchiren laſſen. Napoleon's Alles berechnender Geiſt hielt ſein Welt⸗ reich nicht für geſichert, nicht für alle Zeiten befeſtigt, ſo lange Rußland auf deſſen Spitze drückte und es die⸗ ſem Reiche frei ſtand, ſeine Armeen bis an die Oder zu ſenden. Kaiſer Alexander war jung und kräftig, muthig und kühn, er überlebte vorausſichtlich Napoleon, und dann wäre es ihm ein Leichtes geweſen, das ungeheure Ge⸗ bäude, an dem Napoleon ſein Lebenlang gebaut hatte, zu zertrümmern und dem Sohne das Erbe des Vaters zu entreißen.— Das aber durfte nicht geſchehen. Ruß⸗ land mußte beſiegt werden, zur Sicherheit Napoleon's und ſeines Reiches, deshalb ließ er ſeinen Kriegsruf erſchallen, und bald ſah der Gewaltige eine halbe Million Krieger um ſich geſchaart, bereit ſeinem Worte zu folgen. Am 22. Juni 1812 überſchritten dieſe Heeres⸗ maſſen den Niemen und betraten den ruſſiſchen Boden. Kein Heer ſtand an der Grenze, den Eindringlingen zu wehren, keinen Menſchen ſahen ſie, der ihnen den Weg hätte verlegen mögen. Oede und verwüſtet war Alles, ſoweit das Auge reichte, und die Bewohner der 125 Dörfer hatten ihre Hütten niedergebrannt, was ſie an Vorräthen nicht hatten mit hinwegführen können, verwüſtet und waren dann mit dem Beſten ihrer Habe zurückge⸗ zogen in das Innere des ungeheuren Landes. Zwar erſchrack Napoleon, als er dieſen Fanatismus ſah, und eine Erinnerung an Spanien beſchlich ihn, doch er vertraute ſeinem Stern und rückte unaufgehalten vorwärts. In Wilna waren ebenfalls alle Vorräthe geräumt, alle Truppen abgezogen, und Napoleon, der ſich ſo ſehr nach einer Schlacht ſehnte, ſah von Neuem einen Marſch durch verwüſtete Steppen vor ſich, der weder Ehre noch Ruhm brachte, ſondern nur ſein Heer ermattete und ſeine Schaaren durch Mühſeligkeiten und Krankheit lich⸗ tete. Barklay de Tolly, der ruſſiſche Feldherr, wich immer weiter in das Land zurück, und als das franzö⸗ ſiſche Heer in der Nähe von Smolensk ankam, hatte es, ohne eine Schlacht geſchlagen und gewonnen zu haben, bereits den dritten Theil ſeiner Macht eingebüßt, und der ganze Landſtrich, den es durchzogen hatte, lag voll Nach⸗ zügler und Kranker. Endlich bei Smolensk ward das ruſſiſche Heer ſichtbar, und Napoleon jubelte der Schlacht entgegen. Auf der anderen Seite des Dniepers ſah man ungeheure Schaaren, deren Waffen im Sonnnenglanze blitzten, und 126 Napoleon rief entzückt:„Endlich hab ich ſie!“ Aber Barklay, wohl wiſſend, das bei einer Schlacht, die das Schickſal des Reiches auf das Spiel ſetzte, alle Bundes⸗ genoſſen mitwirken müßten, hielt die rechte Zeit noch nicht für gekommen, und ſobald die Waffen und Vorräthe aus Smolensk fortgeſchafft waren, zog ſich auch ſein Heer zurück, nur dreißigtauſend Mann vor der Feſtung zurücklaſſend, um den Rückzug zu decken. Wüthend ſah Napoleon ſeine Hoffnung, ſeine ſchönen Erwartungen getäuſcht, und befahl die Stadt zu ſtürmen. Ein furcht⸗ barer Angriff fand ſtatt; allein die Ruſſen hatten ſich deſſelben verſehen und empfingen die Stürmenden mit einem ungeheuren Kugelregen aus allen Batterien. Die Feinde wichen zurück, allein immer neue Schaaren trieb das Machtwort Napoleon's in den Kampf, und die Ruſſen, die Fruchtloſigkeit der Vertheidigung er⸗ kennend, und ſie auch gar nicht mehr für nothwendig hal⸗ tend, ſteckten die Vorſtädte in Brand und zogen ſich hinter die alten feſten Mauern zurück. Napoleon's Heer hatte bereits bedeutende Verluſte erlitten, aber deren ungeachtet ließ er von Neuem angreifen, Breſchbatterien errichten, und ſetzte alle Kräfte in Bewegung, die Stadt zu ſtür⸗ men.— Die Ruſſen unterhielten bis Mitternacht ein kräftiges Feuer gegen die Angreifer, und dieſe glaubten an eine ernſte Vertheidigung und machten ungeheure Anſtal⸗ 127 ten zu einem Hauptſturm. Napoleon ſelber ordnete, lei⸗ tete alle Vorbereitungen, und eben machten ſich die Kern⸗ truppen zu einem fürchterlichen Schlage fertig, da ſtiegen Hunderte von Feuerſäulen in Smolensk auf, das Feuer der Ruſſen verſtummte und bald darauf erſchütterte ein furchtbarer Knall die Nachtluft. Die Franzoſen ſtanden ſprachlos vor dem ent⸗ ſetzlichen Schauſpiele; nur Napoleon ahnte die Wahr⸗ heit und daß er von Neuem betrogen ſei.— Der heran⸗ brechende Morgen gab die Löſung des Räthſels. Die Vertheidiger von Smolensk, benachrichtigt, daß die Armee genug zurückgewichen ſei, um von den nachrückenden Fran⸗ zoſen nicht mehr beunruhigt werden zu können, hatten die Stadt in Brand geſteckt, waren über den Dnieper zu⸗ rückgezogen, die Brücke hinter ſich in die Luft ſprengend. Dumpf grollend hielt Napoleon ſeinen Einzug in die Schutthaufen von Smolensk, aber dennoch glaubte er feſt an das Gelingen ſeines Unternehmens und verſprach mit ſchönen Worten ſeinen Kriegern in Moskau glän⸗ zende Winterquartiere. Wie konnte er hoffen, daß die fanatiſchen Ruſſen, welche ſelbſt Smolensk nicht, ja faſt kein Dorf in ſeine Hände fallen ließen, ihm Moskau unverſehrt überliefern würden, Moskau, die alte Zarenſtadt, und den heiligen Kreml! 128 Napoleon war zu ſehr durch Glück verblendet, daß er das Unheil nicht ahnte, welches ihm drohte, und als ſich ihm nun vor Moskau endlich das ruſſiſche Heer ent⸗ gegenſtellte, da jubelte er laut und glaubte, habe er die Ruſſen nur einmal beſiegt, Herr des Reiches zu ſein und vom Kreml aus Geſetze zu dictiren. Es war der ruſſiſche Feldherr Kutuſow, ein ſieben⸗ zigjähriger, erfahrener und unerſchrockener Greis, der ſich an der Moskwa dem franzöſiſchen Kaiſer entgegenſtellte. Kutuſow war durch einen Erzprieſter als Streiter Gottes geſegnet und das heilige Bildniß unſerer lieben Frauen als ſchützender Talisman um ſeine Bruſt gehängt wor⸗ den. Dadurch ſchien er in den Augen der Ruſſen unbe⸗ ſiegbar, die ſelber durch ihre Popen eingeſegnet und zum Kampfe für das Vaterland geweiht, mit fanatiſchem Muth dem Feinde entgegen gingen, freudig bereit, An⸗ geſichts und zum Schutze der heiligen Zarenſtadt, zu ſiegen oder zu fallen. Aber auch Napoleon's Truppen, die ſchon ſo viel gelitten hatten und ſo tief erſchöpft worden waren durch den ungeheuren Marſch, jubelten laut, als ſie endlich nun den Feind vor ſich ſahen, und ihr Muth hob ſich bei dieſem Anblick. Das franzöſiſche Heer hatte bereits eine Strecke von faſt 300 Werſten zurückgelegt, ohne eine entſcheidende 129 Schlacht geſchlagen zu haben, und die fruchtloſen Märſche durch verwüſtete Gegenden oder kahle Einöden hatten den Muth und die moraliſche Kraft der großen Armee in ihren Grundpfeilern erſchüttert. Krankheiten, durch Witte⸗ rung, anſtrengende Märſche und Mangel erzeugt, wütheten im Heere, und doch hatte man nicht einmal Mittel zur Pflege der Kranken, und die Verwundeten von Smolensk her mußten meiſt elendiglich umkommen, weil kein Leinen vorhanden war zum Verbande und man alte Pergament⸗ ſtücke, die ſich in Archiven fanden, und Papier dazu nehmen mußte. Jetzt aber endlich ſah man die feindliche Armee vor ſich, der Muth der Truppen ſtärkte ſich bei dieſem Anblicke und begeiſtert jubelten ſie dem Kaiſer entgegen, der ihnen die Schlacht verkündigte. So brach der verhängnißvolle Morgen an, kalt und voll Nebel, der bald einem ſtrömenden Regen Platz machte. Trotzdem traf man auf beiden Seiten ungeheure Vorbereitungen zum Kampfe, und als gegen neun Uhr ſich das Wetter aufklärte und die Sonne blutig roth am Fir⸗ mament emporſtieg, da rief Napoleon ſeinen begeiſterten Truppen zu:„Seht da die Sonne von Auſterlitz!“ und unter ungeheurem Jubel der Armee begann die Schlacht. Die Ruſſen ſtanden wie Mauern und ihre Geſchütze ſchleuderten Tod und Verderben in die Reihen der anſtür⸗ 130 menden Franzoſen. Vergeblich ſendete Napaleon Truppen auf Truppen gegen ſie an, vergeblich wurden ſeine tapfern Soldaten ſchaarenweis dem Verderben geopfert, die Ruſſen wichen nicht und kämpften mit einer Ausdauer und Todes⸗ verachtung, die Napoleon noch nie gefunden hatte. Soll er hier Halt machen, Angeſichts Moskaus, des erhabenen Zieles ſeines Strebens? Soll er von hier umkehren und den erſtaunten Völkern berichten, daß er die ruſſiſchen Schanzen bei Borodino nicht habe überwältigen und des⸗ halb ſein Rieſenwerk nicht beenden können?— Nein, nein, das durfte nicht geſchehen!„Der Sieg hängt von Euch ab! Ihr bedürft ſeiner, denn er wird uns Ueberfluß, gute Winterquartiere und ſchnelle Rückkehr in's Vaterland verſchaffen! Soldaten, denket an Auſterlitz, Friedland und Smolensk, und man wird mit Stolz und Bewunderung von Euch ſagen: er war mit in der großen Schlacht, unter den Mauern von Moskau.“ Mit dieſem Zurufe trieb er ſeine Truppen von Neu⸗ em in den Kampf und, unterſtützt von ſchwerer Cavallerie, ſtürmten ſie wieder die große Schanze, von deren Beſitze der Erfolg des Tages abhing. Ein ungeheures Blutvergießen begann, denn die Ruſſen empfingen die Stürmenden mit einem mörderi⸗ ſchen Kartätſchenfeuer und kämpften, Mann gegen Mann, 131 mit einer ſolchen Ausdauer und Zähigkeit, daß die Schlacht einem Schlachten glich. Auf beiden Seiten ward mit Wuth und Erbitterung gefochten, und glaubten die Franzoſen eine Hand breit Land errungen zu haben, und drangen ſie über Hunderte von Gefallenen darauf vor, ſo richteten ſich hinter ihrem Rücken die verwundeten Ruſſen wieder auf und feuerten, obgleich aus tiefen Wunden blutend, ihre Piſtolen auf die Feinde ab, daß dieſelben, von allen Seiten mit dem Tode bedroht, entſetzt zurückſtürzten, um mit neuen ungeheuren Opfern den Platz von Neuem zu erkämpfen. Die Sonne neigte ſich bereits ihrem Untergange zu, und noch immer war der Kampf nicht entſchieden, noch immer waren die Ruſſen Herren der Schanze. Da ſandte Napoleon ſeine Garde in den Kampf und, unterſtützt von den tapferen ſächſiſchen Regimentern, gelang es nach neu⸗ em blutigen Kampfe die erſchöpften Ruſſen aus der Schanze zu vertreiben und ſie zum Rückzuge zu zwingen. In beſter Ordnung, Schritt für Schritt kämpfend, ward derſelbe durch Kutuſow bewerkſtelligt, und die Fran⸗ zoſen wagten nicht, ihn zu beunruhigen. So ward nun Napoleon nach ungeheuren Opfern Herr des Tages, und wie bei Auſterlitz und Friedland konnte er auch an der Moskwa auf dem mit ſechszigtau⸗ ſend Gefallenen bedeckten Schlachtfelde übernachten. 132 Frei und unbehindert war jetzt der Weg nach Mos⸗ kau, und Napoleon zog triumphirend ein in die heilige Stadt, die, einem großen prächtigen Grabe gleich, vor ihm lag, und in den Kreml, den uralten Sitz der Zaren. Was kümmerte es Napoleon, daß kein Menſch auf den weiten Straßen zu ſehen war und alle die prächtigen Paläſte todt und ſchweigend da lagen, ohne Zeichen, daß Lebende in ihnen weilten?— Zwar vermißte ſein Ohr den jubelnden Zuruf der Menge, für ihn eine gewohnte Muſik, doch was kümmerte ihn das? Hatte er doch ſein Ziel erreicht, Moskau erobert, und konnte vom Kreml aus den Frieden dietiren. Das Heer verbreitete ſich nun und ſuchte ſeine Quar⸗ tiere in all den prächtigen leerſtehenden Paläſten, die mit Ueberfluß und Luxus ausgeſtattet, den erſchöpften Solda⸗ ten prächtige Winterquartiere verſprachen. Wie fühlten ſie ſich wohl, nach langem Marſche zum erſten Male wieder ihre Glieder auf bequeme Lager ſtrecken zu können, wie thaten ihnen nach langer Entbeh⸗ rung die kräftigen Speiſen gut, die ſie in Moskaus Kü⸗ chen und Kellern fanden! Das große Ziel war erreicht, Moskau in der Ge⸗ walt Napoleon's und mit ihm das ganze ruſſiſche Reich in ſeiner Hand. Von ſeinem Willen hing es ab, ob er weiter ziehen und alles Land umher ſich unterwerfen, oder 133 ob er vom Kreml aus dem ruſſiſchen Reiche den Frieden vorſchreiben wollte. Napoleon ſtand am erhabenen Ziele ſeiner Wünſche und ſeine Gedanken flogen bereits neuen rieſigen Plänen entgegen, als er endlich, von Anſtrengungen erſchöpft, auf dem kaiſerlichen Lager im Kreml entſchlummerte. Doch die Ruſſen waren weit davon entfernt, den Feind im Beſitze der heiligen Stadt zu laſſen, und während die Franzoſen ſchlummerten und von neuen Siegen und Triumphen träumten, leckten bereits die Flammen um die Dächer des Roſtopſchin ſchen Palaſtes und mehrerer öffentlichen Gebäude. Graf Roſtopſchin, der Gouverneur von Moskau, hatte das Werk der Vernichtung angeregt; er war auch der Erſte, der an ſeinen eigenen Palaſt das Feuer legte und die öffentlichen Gebäude anzünden ließ. Dann ließ er die Gefängniſſe öffnen, und in allen Straßen und Winkeln zogen vermummte Geſtalten um⸗ her, und wohin ſie kamen, da blitzte ein Feuerſtrahl in die Höhe und fand bald Nahrung in den ſchon früher aufgehäuften Brennſtoffen. Lauter Feuerruf ſchreckte die franzöſiſchen Krieger ſammt ihrem Kaiſer aus dem Schlummer, und entſetzt ſahen ſie die Stadt an mehr als hundert Enden brennen. Umſonſt waren alle Verſuche zu retten und zu löſchen; löſchte man hier, ging dort ein neues Feuer auf, und ob 134 man auch alles verdächtige Geſindel aufgreifen und er⸗ ſchießen ließ, es wuchs wieder wie Pilze aus der Erde und ſchürte die Flammen zu immer größerer Wuth. Bald glich Moskau einem einzigen großen Feuer⸗ meere, einem einzigen großen Verderben, dem nicht Wälle von Eiſen und Erz hätten Einhalt thun können.— Na⸗ poleon ſtand ſtarr und bleich an einem großen Fenſter des Kreml und blickte unverwandt hinab in das Flam⸗ menmeer. Seine Lippen waren feſt aufeinander gepreßt, ſeine Züge bleich und kalt wie Marmor, und ſeine Au⸗ gen flammten wie Blitze. Mit brennendem Schmerze fühlte er, dieſem ruſſiſchen Opfermuthe, wie den ent⸗ feſſelten Elementen gegenüber, die Ohnmacht ſeines Ge⸗ nies und ſah ſeinen Willen, dem Millionen gehorchten, gebrochen durch die Macht des Feuers. Zum erſten Male kam ihm hier die Ahnung ſeines Falles, und er ſchaute mit düſterem Blicke in die Zukunft. Dumpf in ſich ver⸗ ſunken, racherfüllt, ohnmächtig ſtand er in ſeiner gan⸗ zen Macht vor dieſem Meere der Vernichtung. Zwei Drittheile der Stadt ſanken durch dieſes Flammenmeer in Trümmer, und Napoleon wollte jetzt Alles aufbieten, einen vortheilhaften Frieden zu ſchließen. Er ſandte den Grafen Lauriſton ab und ließ durch Kutuſow dem Kaiſer Alexander ſeine Friedensvorſchläge überreichen. Aber Ku⸗ tuſow ſah in denſelben nichts als ein Geſtändniß der 135 üblen Lage des Heeres, doch antwortete er freundlich, daß man in Petersburg gewiß gern den Frieden anneh⸗ men würde. Mit dieſer Antwort wiegte er Napoleon in Sicherheit und hielt ihn in Moskau feſt, das kaum noch im Stande war, ſein Heer zu ernähren.— Aber immer noch zögerte Alexander mit der Ant⸗ wort, und Napoleon ſandte von Neuem Boten, auf Ent⸗ ſcheidung zu dringen. Jetzt aber hielt Kutuſow den rech⸗ ten Augenblick für gekommen, und kalt erklärte er dem franzöſiſchen Geſandten, daß die Ruſſen nicht an Frieden dächten, ſondern daß für ſie jetzt erſt der Krieg eigentlich beginnen ſolle.— Dieſe Nachricht ſchmetterte Napoleon's Hoffnungen nieder, und böſer Ahnungen voll, befahl er den Rückzug aus Moskau. Doch ehe die letzten Truppen es verließen, ſteckten ſie auch den Reſt der Stadt noch in Flammen, ſprengten den Kreml in die Luft, und Moskau ging unter und leuchtete, eine ungeheure, furchtbare Feuerſäule, den Ruſſen vor auf der Bahn zur Befrei⸗ ung und zum Siege. Napoleon mußte, da Kutuſow mit einem zahlreichen Heere ihm den Weg nach Petersburg verſperrte, denſel⸗ ben verwüſteten Weg zum Rückzuge wählen, den er ge⸗ kommen war, und ſchon in den erſten Tagen hatte das Heer mit Mangel und Elend zu kämpfen. So kam die einſtmals große Armee wieder auf das Schlachtfeld an 136 der Moskwa, auf dem die große Schanze, welche ſo viel Blut gekoſtet hatte, wie ein ungeheurer Leichenſtein für alle die Tauſenden emporragte.— Napoleon ritt über das Schlachtfeld, und ſeine eiſigen Züge überlief ein Schauder, als er dieſes unendliche Reich der Verwüſtung überblickte und vor jener Schanze hielt, die von ſcheuß⸗ lichen Gerippen dicht überdeckt war. Dreißig Tau⸗ ſend ſeiner tapferſten Krieger hatte hier der blaſſe Tod umarmt; die beſten Söhne ſeines ungeheuren Reiches hatte er vor jener Schanze geopfert, und als ſie endlich ſein geweſen, als er den Sieg bei Borodino errungen, da hatte er triumphirend gerufen:„Der Ruhm dieſes Tages iſt mein, keine Macht der Erde kann ihn mir rauben!“ Von Moskaus rauchenden Trümmern zurückkehrend, vor ſich eine unendliche Steppe, in der Mangel und Elend ſeinem Heere auflauerten, fühlte er heute, daß es ſich jetzt erſt entſchieden, wer die Schlacht gewonnen und wer ſie verloren habe. Der Sieger in vielen unvergeßlichen Schlachten, der große Feldherr Napoleon ſah ein, daß das Glück un⸗ beſtändig und trügeriſch ſei, und in den Leichenhügeln, die wie Hünengräber rings emporragten, erkannte er mit Entſetzen die Gruft ſeines eigenen Glücks und Ruhmes. 137 Die beſten Schaaren waren entweder auf dem Schlachtfelde gefallen oder ein Opfer des Mangels und der Krankheiten geworden, die noch Lebenden fühlten ſich jetzt bereits erſchöpft, und täglich blieben große Schaaren zurück, die den unermüdlich ſchwärmenden Koſacken in die Hände fielen. Wie eine ungeheure Meute umſchwärmten dieſe wilden Krieger, mit den dicken häßlichen Geſichtern, auf ihren kleinen Pferden die Reſte der einſtmals gro⸗ ßen Armee und entführten mit unbeſchreiblicher Kühn⸗ heit eine Unmaſſe Gefangener. Wehe dem Soldaten, der nur wenige Schritte zurückblieb; wie wilde Jäger ſpreng⸗ ten die kleinen Reiter herbei und waren mit ihrer Beute eben ſo ſchnell verſchwunden, als ſie gekommen waren. Auf Smolensk's Trümmern gönnte Napoleon ſei⸗ nen erſchöpften Truppen zwei Raſttage, aber das war zum höchſten Verderben. Das ruſſiſche Heer, an deſſen Spitze der greiſe Kutuſow mit ZJünglingsmuthe befeh⸗ ligte, war ihm zuvorgekommen und zwang die erſchöpften Truppen bei Krasnoi zum Kampf. Die Schlacht ging verloren und nur mit neuen großen Verluſten erkauften die Franzoſen ihren weiteren Rückzug. Ein neuer Verbündeter geſellte ſich zu den Ruſſen, um das Elend der Franzoſen zu vollenden, der Winter. Mit größter Strenge brach er über die öden Steppen 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 9 138 herein und überfiel die mit Mangel und Elend kämpfen⸗ den Schaaren. Zetzt löſte ſich alle Ordnung und Disciplin. Der Trieb nach Selbſterhaltung und Rettung tödtete alle andern Gefühle, und die ganze Armee glich einem gro⸗ ßen Chaos. Ermattet ſanken die Unglücklichen Abends um die ſpärlichen Wachtfeuer nieder, mit einem Stücke halbverfaulten Pferdefleiſche den Heißhunger beſchwich⸗ tigend, und am Morgen ſaßen ſie oft noch ſchaarenweis um die Feuerſtelle, aber erſtarrt, erfroren und todt. Selbſt die wilden Koſacken ſchauderten vor ſolchen Todtenverſammlungen wie vor Geſpenſtern zurück, und eilten weiter, die noch Lebenden zu überfallen. Immer höher und höher ſtieg das Elend, immer gräßlicher ward die Noth, am höchſten aber ſtieg ſie an der Bereſina.— Die Ruſſen drängten unter Tſchitſchagoff und Witt⸗ genſtein von zwei Seiten dieſem Fluße zu, und gelang es Napoleon nicht, ihn zuerſt zu erreichen, ward er mit ſeinem ganzen Heere abgeſchnitten und Untergang oder Gefangenſchaft waren unvermeidlich. Kaum angekommen, begann man aus dem Holze abgebrochener Häuſer eine Brücke zu ſchlagen; allein lange ſpotteten die empörten Wogen der menſchlichen Anſtrengungen, und nur nach unſäglicher Mühe kam die erſte Brücke zu Stande, wäh⸗ 139 rend die zweite, für Cavallerie, Artillerie und Bagage beſtimmt, ſich ebenfalls ihrer Vollendung näherte. Na⸗ poleon mit ſeinen Garden gelangte zuerſt an das jenſeitige ufer und ließ Gensdarmen anſtellen zur Bewachung der Ordnung des Ueberganges. Doch die Truppen, alle Bande des Gehorſams ab⸗ werfend, lachten ſeiner Gensdarmen und ſtürzten in re⸗ gelloſer Unordnung der Brücke zu, nur immer bemüht, ſich vorwärts zu drängen und das jenſeitige An ufer zu erreichen. Da ward vom Menſchen der Menſch nicht mehr geachtet, kein Befehlshaber geſchont, wenn es galt, ſich ſelber einen Schritt vorwärts zu ſchieben, und ſchaarenweis kämpften die Unglücklichen einen letzten Kampf mit den tobenden Fluthen der Bereſina, deren Wogen dumpf unter der Brücke hinrauſchten, und deren Eisſchollen wie die Töne des Gerichts an ihre Pfeiler krachten und ſie zu zerſtören drohten. Fort und fort währte der Uebergang; immer größer ward die Verwirrung, immer verderblicher das Getüm⸗ mel, das ſich, ein unentwirrbarer Knäuel, über die Brücke wälzte. Am jenſeitigen Ufer hielt Napoleon und blickte ſtarr auf den entſetzlichen Vorgang. Er ſah Tauſende in den Fluthen der Bereſina kämpfen und untergehen, ſah die ganze ungeheure Noth und Verzweiflung, und ein dumpfer Schmerz bemächtigte 9* 140 ſich ſeiner, wenn er dieſer ſchönen großen Armee gedachte, die er als ſeinen ganzen Stolz, einer Vaſallenſchaft von mehr als halb Europa gleichend, in dieſes Land und dem Verderben entgegengeführt hatte. Da erfüllte ein unge⸗ heurer Entſetzensſchrei die Luft und gleich darauf vernahm man den Kanonendonner der heranziehenden Ruſſen. Die zweite Brücke war unter der Laſt der Artillerie zuſam⸗ mengebrochen, Alles was ſich auf ihr befand in den to⸗ ſenden Fluthen begrabend, und nun ſtürzten auch Caval⸗ lerie und Artillerie regellos der anderen Brücke zu, mit hoch geſchwungenem Säbel ſich Platz durch die Fußgänger verſchaffend, und Hunderte niederreitend, Hunderte in die Fluthen drängend. Die allgemeine Verzweiflung hatte alle menſchlichen Gefühle gelöſt; Jeder war nur für ſich ſelber, auf ſeine eigene Rettung bedacht, unbekümmert, ob Andere dadurch den Tod fanden. Unterdeſſen kam Wittgenſtein's Armee immer näher, den Reſt der Victorſchen Truppen, die ihn hatten auf⸗ halten ſollen, vor ſich hertreibend, und bald ward ſein verderbliches Geſchützfeuer auf die Brücke gerichtet. Das ſteigerte die Noth und Verzweiflung auf das höchſte, das Gedränge ward immer entſetzlicher und verderblicher, die ruſſiſchen Kugeln wütheten in dem wirren Menſchenknäuel, und die Donner des Geſchützes wurden oft übertönt von — 141 dem Jammer und Klagegeſchrei der Verwundeten und Sterbenden, die in den Wogen, unter den Füßen ihrer Cameraden oder unter den Rädern der Kanonen das Leben aushauchten. Da fing plötzlich, man weiß nicht, ob vielleicht mit Abſicht angeſteckt, die Brücke zu brennen an, bald war das Ganze ein ungeheures, mit Flüchtenden bedecktes Feuermeer, bis endlich Alles in die Fluthen zuſammen⸗ brach und von den Wogen begraben ward. Wer noch am Ufer war, mußte ſich ergeben, und eine ungeheure Beute fiel den Ruſſen in die Hände. Die Geretteten aber zogen weiter, um am anderen Tage*) einen letzten heißen Kampf mit Tſchitſchagoff zu beſtehen. Doch trotz der heldenmüthigſten Anſtrengun⸗ gen der erſchöpften Truppen, trotz der Wunder der Ta⸗ pferkeit, die der Bravſte der Braven, Marſchall Ney mit ſeiner kleinen Schaar vollbrachte, ſiegte doch die Ueber⸗ macht der Ruſſen, und die Franzoſen flohen zerſtreut in die Wälder und unaufhaltſam der Grenze zu. Die Hand des Herrn hatte Napoleon's Uebermuth gedemüthigt, und er, der ſich ſelber faſt ein Gott dünkte, hatte die Macht des Ewigen erkennen müſſen, und ſeine Hand hatte ihn gezüchtigt. Um die Botſchaft ſeines Unglücks ſelber nach *) 28. November 1812. 142 Paris zu bringen und ſich den Thron und die Ruhe in ſeinen Staaten zu erhalten, hatte Napoleon das Heer verlaſſen und fuhr in einem einfachen Schlitten der Grenze zu. Wie ein Gebrandmarkter floh er durch Polen, hinter ſich zurücklaſſend die Leichname von einer halben Million Menſchen, welche ſein unerſättlicher Ehrgeiz dem Verderben geweiht hatte. Tauſende von Flüchen ſchallten dem Enteilenden nach und hefteten ſich wie Furien an ſeine Ferſen. Eine kleine Schaar halberfrorener und verhungerter Soldaten, in der jämmerlichſten Bekleidung, kam über die Grenze und erſchreckte die Bewohner durch ihr ent⸗ ſetzliches Ausſehen. Uniformen waren nicht mehr zu ent⸗ decken, und Strohmatten, Pferdehäute und Pelze wechſel⸗ ten als Bekleidung der Aermſten ab mit Weiberröcken, Teppichen, Prieſtermänteln u. ſ. w. Mit Erſtaunen vernahm die Welt, daß Napoleon einſam und allein in einem Schlitten durch Deutſchland pafſirt ſei, und die Mähr vom Schickſal der großen Ar⸗ mee verbreitete ſich mit Schnelligkeit durch das ganze deutſche Land. Weihnachten war's, als dieſe Zeitung ertönte und in allen deutſchen Herzen die ſchlummernde Hoffnung neu erweckte. Einer ſagte es dem Anderen, und dieſer wieder Anderen, und Jeder freute ſich deſſen, daß die Ausſicht 143 auf einen Umſchwung, die Hoffnung auf Abſchüttelung des Tyrannenjoches vorhanden ſei. Das neue Jahr be⸗ grüßte eine freudige Aufregung unter dem Volke, die mit jedem Tage ſich ſteigerte und beſonders Nahrung erhielt, als man den Uebertritt des General York zu den Ruſſen vernahm. York, der mit ſeinen Truppen den äußerſten linken Flügel der großen Armee bildete, lag vor Riga und be⸗ lagerte daſſelbe, ſich ſchon längſt mit dem franzöſiſchen Oberbefehlshaber Maecdonald im ſchlechteſten Einver⸗ ſtändniſſe befindend. Als aber die Ruſſen den Niemen paſſirten und Macdonald mit ſeiner Reiterei ſich den fliehenden Franzoſen anſchloß, ſah ſich York abgeſchnitten und genöthigt, entweder ſich durchzuſchlagen oder mit dem Feinde zu unterhandeln. York that das Letztere, fiel von Frankreich ab und ſchloß*) mit den Ruſſen einen Ver⸗ trag, durch den er mit ihnen in freundliches Einver⸗ ſtändniß trat. Dieſer Schritt, der Napoleon mit Wuth erfüllte, denn die gut geregelten Preußen hatten den Rückzug decken und die Ruſſen aufhalten ſollen, dieſer Schritt, den auch Friedrich Wilhelm äußerlich laut tadeln mußte, denn noch war ja ſein Land eine Beute franzöſiſcher Beſatzung, die in den ) 30. Dezember 1812. 144 ſtärkſten Feſtungen lag— ward von dem preußiſchen Volke mit Jubel und Enthuſiasmus aufgenommen, und die Hoffnung auf eine Befreiung von dem läſtigen Tyrannenjoche, die Hoffnung auf eine Wiedergeburt Deutſchlands erwachte wieder und weckte Muth und Kraft in deutſcher Bruſt. Die Feuerzeichen von Moskau, die Rußland auf den Weg der Befreiung geleuchtet, hatten nicht umſonſt ihre rothe Lohe gen Himmel geſandt; auch für Deutſch⸗ land hatten ſie das Zeichen gegeben zur Erhebung, auf daß Menſchenhände und Muth und Tapferkeit vollen⸗ deten, was die Hand des Herrn in den ruſſiſchen Step⸗ pen begonnen hatte. Achtes Capitel. Das Volk ſteht auf, der Sturm bricht los! Friſch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen, Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht, Du ſollſt den Stahl in Feindesherzen tauchen; Friſch auf, mein Volk!— Die Flammenzeichen rauchen, Die Saat iſt reif; ihr Schnitter zaudert nicht! Körner. Unruhig ging General York in ſeinem Zimmer auf und nieder. Seine ſonſt ſo klare, freie Stirn war heute 145 umwölkt und der Ausdruck ſchwerer Sorge prägte ſich in ſeinen Zügen aus. 8 Endlich blieb er an e dem Laufe der Wolken nach die Zukunft, welche ihm ſo entziffern, und als wolle e geſonnen ſei, ſein Beginnen zu ſegnen. York hatte den erſten Schritt gethan zum Werke der Befreiung, aber nachdem er ihn gethan, beängſtigten ihn die Folgen, die ſelbſt durch ſeinen Kopf, den er dem König als Opfer geboten, wenn ſein Beginnen ſtrafbar ſei, nicht mehr zurückzukaufen waren. Noch immer war Napoleon eine ungeheure Macht— wer konnte wiſſen, ob nicht ſein Feldherrngenie von Neuem den Sieg errang? Und wenn nun das geſchah, wenn das Unternehmen, zu welchem York den erſten Schritt gethan hatte, mißlang, wenn nicht große Erfolge und ein völliges Gelingen ihn rechtfertigten, ſo traf der Fluch des Unheils die ganze preußiſche Monarchie, und Napoleon, der bei der Nach⸗ richt von York's Abtrünnigkeit beklagte, daß er 1807 Preußen nicht völlig aufgelöſt hatte, würde, gönnte ihm das Schickſal den Sieg, nicht zögern, das preußiſche Kö⸗ nigshaus zu ſtürzen und deſſen Monarchie gänzlich zu zer⸗ trümmern. Solche Gedanken waren es, die York's edlen Geiſt Fenſter ſtehen und blickte als verſuche er aus ihm iele Sorgen machte, zu n Himmel fragen, ob er 146 bewegten, und ſich plötzlich umwendend und den Haupt⸗ mann v. W. anblickend, rief er heftig:„Hauptmann, wir haben Alles auf das Spiel geſetzt, das Begonnene darf nicht mehr mißlingen, ſonſt ſind wir gebrandmarkt und die Nachwelt wird uns verabſcheuen, daß wir die Feſſeln nur ſtärker ſchmiedeten, ſtatt ſie zu löſen. Eilen Sie ſofort nach dem ruſſiſchen Hauptquartiere und be⸗ ſchwören Sie Wittgenſtein, daß er ſeinen Marſch beſchleu⸗ nige und Macdonald mit den Reſten der großen Armee entweder vernichte oder gefangen nehme.“ Hierauf ſetzte York ſeinen Weg durch das Zimmer fort, und der Hauptmann verließ daſſelbe, um ſogleich dieſen Befehl zu erfüllen. Albrecht von W., den wir hier nach langer Tren⸗ nung wiederfinden, war froh erregt über die hochherzige Handlung York's, die eines echten Deutſchen würdig war, und zum erſten Male ſeit langen Jahren ſchlug ſein Herz wieder frei und hoffend bei dem erſten Morgenrothe deutſcher Freiheit. Albrecht von W. hatte ſich, nachdem wir ihn beim ſchmählichen Untergange des Schill'ſchen Corps zum letzten Male begegneten, mit eini⸗ gen anderen tapfern Männern zu den Preußen durch⸗ geſchlagen, hatte dann in unthätiger Ruhe die nächſten Jahre in einer Garniſon verlebt, war unter York mit nach Rußland gezogen, hatte den Hauptmanns⸗Rang er⸗ halten, und ſtand jetzt noch immer in dem braven Corps, deſſen Führer ſich zuerſt gegen Napoleon erklärt hatte. Wie klopfte Albrecht's Herz höher und freudiger, wenn er an Deutſchlands Befreiung dachte, an der er nicht zweifelte, wenn nur das Volk ſich auf einmal er⸗ hob, deſſen Stimmung durch den franzöſiſchen Druck ſo gereizt war, daß es nur eines Funkens bedurfte, um ſie Alle zur höchſten Thatkraft anzuſpornen. Nein, Albrecht von W. konnte nicht zweifeln an dem Gelingen des Be⸗ freiungswerkes, und als er nun im geſtreckten Galoppe dem ruſſiſchen Hauptquartiere zuritt, als das Bild der Vergangenheit vor ihm auftauchte und die Zukunft in den holdeſten Farben ſich ihm vorſpiegelte, rief er laut: „Ja, ja, Johanna, jetzt iſt die Zeit gekommen, meine Schuld zu löſen, und bald hoffe ich, als freier Deutſcher vor Dir zu ſtehen und von Deinen Lippen den Lohn treuer Liebe zu empfangen.“ Im ruſſiſchen Hauptquartiere angekommen, bemerkte v. W., daß Wittgenſtein doch nicht ſo ſchnell vorwärts ging, als ſie Alle geglaubt hatten, daß auch wohl ſein Heer noch nicht ſo ſtark ſei, als angegeben worden war, und unwillkürlich erfaßten auch ihn die Beſorgniſſe, die York's Seele bedrückten. Die Unthätigkeit und Ruhe, jetzt, wo es zu handeln galt, war beängſtigend und erſchreckend, und auch im 148 YBorkſchen Corps war noch nicht Alles ſo, wie es hätte ſein ſollen. Der Napoleoniſche Druck, die eiſerne Hand des Thrannen hatte zu ſchwer auf Allen gelegen, als daß ſie ſo ſchnell ſich hätten erholen und an einen erfolgreichen Befreiungskrieg glauben können. York kam dadurch in die bedrängteſte Lage, er hatte Alles auf das Spiel geſetzt; gewann er nun nicht, war Alles verloren. Seine Getreuen ſchwuren, jedem Deutſchen, der ſich nicht erhöbe für das Werk der Freiheit, Haus und Hof zu verbrennen, damit ſie nicht bei Kalbsbraten und gutem Weine Unabhängigkeit und Freiheit verhöhnen könnten.— Der König, deſſen Staaten noch von franzöſiſchen Truppen beſetzt waren, verdammte York's Unternehmen, wie einſt dasjenige Schill's, als Rebellion und ſprach ſich entſchieden für das Fortbeſtehen ſeines Bündniſſes mit dem Kaiſer Napoleon aus, deſſen Mißgeſchick er tief be⸗ klage und zu deſſen Beiſtande er bereit ſei, von Neuem ein ſtarkes Heer zuſammen zu ziehen und zu ſeiner Ver⸗ fügung zu ſtellen. Der franzöſiſche Geſandte ward mit Hochachtung behandelt und verſicherte ſeinem Kaiſer, daß die Stimmung des preußiſchen Königs eine durchaus für Frankreich günſtige ſei. York und Wittgenſtein rückten unterdeß nach Königs⸗ berg, und hier erfuhr York von den harten Urtheilen des 149 Königs über ſein Unternehmen und von ſeiner Abſetzung. Der edle Mann war entſetzt. „Was für Anſichten hat man in Berlin? Iſt man ſchon ſo tief geſunken, daß man nicht mehr wagt, die Sclavenkette zu zerbrechen, die ſeit mehr als fünf Jahren Preußen drückt? Nein,“ rief York,„dieſem Befehle kann ich nicht gehorchen. Möge mir Gott und mein König verzeihen, daß ich ihn ignorire; mit blutigem Her⸗ zen zerreiße ich die Bande des Gehorſams und führe den Krieg auf eigene Hand weiter. Die Armee, das Volk, auch der König will den Krieg, aber er darf ihn noch nicht wollen, weil ſein Wille gebunden iſt durch franzöſiſche Ge⸗ walt. Nun wohl, die Armee muß den Willen des Königs frei machen, und bald werde ich mit fünfzigtauſend Mann in Berlin ſein, ſie dem Könige zuführen und ſie ſammt meinem Kopfe ihm zu Füßen legen.— Ich handle kühn, aber ich handle als treuer Diener, als wahrer Preuße und ohne alle perſönlichen Rückſichten.“ Mit den Ruſſen ſtand York im beſten Vernehmen und dieſe behandelten auch alle preußiſchen Unterthanen wie alte Freunde und Verbündete. Während Friedrich Wilhelm noch immer Napoleon's treuer Bundesgenoſſe hieß, erklärte ſich Kaiſer Alexander, der ſelber beim Heere angekommen war, als der treueſte Freund des Königs von Preußen, und die Ruſſen betrachteten die nicht 150 anders als ihre Verbündeten und riefen freudig:„Unſer Kaiſer und Euer König ſind die beſten Freunde!“ Alles dieſes konnte den franzöſiſchen Spionen nicht verborgen bleiben, und Napoleon beſchloß, ſich des Königs und ſeiner Familie zu verſichern. Ehe jedoch dieſer Plan ausgeführt ward, hatte ihn der König bereits erfahren, und begab ſich mit der königlichen Familie nach Breslau, um, wie er ſagte, ſelber die Aushebung des Heeres, wel⸗ ches er dem Kaiſer Napoleon zuführen wolle, zu über⸗ wachen. Von Breslau aus erließ der König einen Aufruf an alle preußiſchen Jünglinge, die ſich ſelber bekleiden und beritten machen konnten.„Die gefahrvolle Lage des Staa⸗ tes,“ hieß es,„erfordert die ſchnelle Vermehrung der vor⸗ handenen Truppen, während die Finanzverhältniſſe keinen großen Koſtenaufwand geſtatten. Es ſollen deshalb aus Freiwilligen Jägerſchaaren zu Fuß und zu Pferde geſtiftet und der Armee zuertheilt werden. Bei der Vaterlandsliebe und der treuen Anhänglichkeit an König und Vaterland, welche die Bewohner der preußiſchen Monarchie von jeher, und immer am lebhafteſten in den Zeiten der Gefahr beſeelte, bedarf es wohl nur, dem Durſte nach Thätigkeit eine beſtimmte Richtung anzuweiſen, um durch ſie die Reihen der älteren Vertheidiger des Vaterlandes zu verſtärken und ſie zum Wetteifer mit dieſen anzuſpornen.“ 151 Lützow, Petersdorf und Czarnowsky wurden zur Bildung von Freicorps ermächtigt, und die aus Schill's Freicorps rühmlichſt bekannten Tapferen zögerten nicht, ihren Ruf erſchallen zu laſſen. Der König und ſeine Getreuen hatten ſich nicht in dem Geiſte des preußiſchen Volkes geirrt, und ohne daß nähere Erklärungen über Grund und Zweck der beabſich⸗ tigten Aushebung und über den Feind, den man bekämpfen ſollte, gegeben wurden, die damals noch zu gefährlich geweſen wären, verſtand das Volk doch die Abſicht ſeines Königs und eine ungeheure Begeiſterung gab ſich für die Sache der Freiheit kund. Beſonders die Jugend folgte dem Rufe des Königs, und in wenigen Tagen war die Univerſität zu Berlin faſt ganz geleert, die oberen Klaſ⸗ ſen der Gymnaſien weihten ſich dem Dienſte für das Va⸗ terland, und junge Beamte, Handlungsdiener, Künſtler und Handwerker verließen ihre Stellen, um ſich einreihen zu laſſen in die Jäger⸗Regimenter und mitzufechten den großen Kampf der Freiheit, nach dem ſeit langen Jah⸗ ren jedes deutſche Herz, als nach dem Höchſten des Lebens ſchmachtete. Es gab in Preußen nur eine Trauer, und das war die derjenigen, die zu jung waren oder durch zu gro⸗ ſes Alter verhindert wurden, an dem heiligen Kriege Theil zu nehmen! Jeder Einzelne war freudig bereit, Alles ein⸗ zuſetzen für den Einen Preis, Deutſchlands Befreiung, 152 und aus ganz Preußen eilten endloſe Schaaren herbei, der Stimme ihres rechtmäßigen Herrſchers gehorchend, edel begeiſtert für Recht, Unabhängigkeit, Ehre, Thron, für Freiheit und Selbſtändigkeit des ganzen deutſchen Landes. Wie der Blitz, der in ein Strohdach ſchlägt, daſſelbe im Augenblick entzündet und in ein Feuermeer verwandelt, wie der Orkan die Meere peitſcht und ſie aufregt in ihren verborgenſten Tiefen, daß die Wogen hoch gen Himmel ſpritzen, ſo erregte der Ruf Friedrich Wilhelm's ſein preu⸗ ßiſches Volk, daß es entflammt ward von heiliger Liebe für das angeſtammte Vaterland, daß ſeine Wogen empor⸗ ſchwollen zum Untergange des Thrannen. Alt und Zung, Arm und Reich, Herr und Diener eilten herbei, ſich in die Reihen der Freiwilligen zu ſchaa⸗ ren; hier hörten alle Standesunterſchiede auf und ſelbſt Fürſten und Prinzen ſah man in dieſen Reihen. Wer zu alt und zu ſchwach war, um ſelber zum Schwerte zu grei⸗ fen, der brachte ſeine letzte Habe zur Ausſtattung der Frei⸗ willigen dar— eine allgemeine Begeiſterung hob den preu⸗ ßiſchen Volksgeiſt, Tod drohend für Napolevn. Der Landmann ließ den Pflug, der Handwerker ſein Geräth, der Künſtler ſein Atelier, der Jüngling die Geliebte zu⸗ rück, und Alle ſtrömten den Verſammlungsorten der Frei⸗ willigen zu. Wer nicht ſelber kämpfen konnte, gab Geld, 153 und arme Landleute führten ihr einziges Pferd herbei, um es dem Wohle ihres Vaterlandes zu opfern. Viele brach⸗ ten einen Theil ihres Vermögens, und Hunderte, ja Tau⸗ ſende von Reichsthalern ſammelten ſich auf dem Altare des Vaterlandes, oft den Erlös des theuerſten Familien⸗ andenkens, des liebſten Schmuckes, oft den Erlös des langen ſchönen Haares der Jungfrau bildend. Tauſende von Trauringen wanderten von den Händen der Gatten dem Altare zu, und ſilberne Beſtecke, Girandolen, Thee⸗ maſchinen und Präſentirteller wurden in Menge ein⸗ geſchmolzen und in blinkende Silbermünzen verwandelt. „Schmuck und Gold hat in den Augen der Preu⸗ ßinnen keinen Werth, ſo lange das Vaterland leidet. Da ſchweigt die Stimme der Eitelkeit und wir bringen gern das Liebſte dar, um das Glück zu erkaufen, etwas für das Vaterland thun zu können.“ So riefen einſtimmig die preußiſchen Frauen und Jungfrauen, und dann arbeiteten ſie für das Heer und dachten mit echt weiblicher Sorgfalt an die Ausſtattung der Geſunden und an die Pflege der Verwundeten. Die gewaltigen Thore einer neuen Zeit raſſelten in Preußen dröhnend auf, der Tod hatte ſeinen Stachel, Mühſal und Entbehrung ſeine Schrecken verloren; nichts ward mehr gefürchtet als Verlängerung der deutſchen 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 10 154 Schmach— und nach Freiheit, Freiheit ſehnte ſich, ſtrebte Alles!— Das Volk ſteht auf, der Sturm bricht los; Ver legt noch feig' die Hände in den Schooß? ſangen die Todesbegeiſterten, und wer ſie ſah die herr⸗ lichen Schaaren und den Muth erkannte, und den Geiſt, der ſie beſeelte, der konnte nicht länger zweifeln an dem Gelingen des gerechten Werkes! Am 28. Februar ward das enge Bündniß Preu⸗ ßens und Rußlands zu Kaliſch unterzeichnet, und am 15. März trafen die beiden Herrſcher Alexander und Friedrich Wilhelm zuſammen und beſiegelten durch eine lange Umarmung den Bund ihrer Völker. Der Geiſt der verklärten Louiſe umſchwebte die bei⸗ den Herrſcher und Beide erinnerten ſich tief bewegt die⸗ ſer edelſten deutſchen Frau, deren Herz gebrochen war über Deutſchlands Schmach, lange bevor der Freiheits⸗ morgen tagte. Die beiden Herrſcher zogen vereinigt in Breslau ein und am 17. März erließ der König den be⸗ kannten Aufruf: An mein Volk! An demſelben Tage erſchien ein ähnlicher Aufruf an das Heer, der den Muth deſſelben kräftigte und es er⸗ mahnte zum treuen Ausharren bei der gerechten Sache. „Folgt dem Beiſpiel eurer Vorfahren; ſeid ihrer würdig und eurer Nachkommen eingedenk! 155 „Gewiſſer Lohn wird treffen den, der ſich auszeich⸗ net; tiefe Schande und ſtrenge Strafe den, der ſeine Pflicht vergißt! „Vertrauen auf Gott, Muth und Ausdauer ſei un⸗ ſere Looſung!“ An demſelben gedächtnißreichen 17. März erſchien auch die Verordnung zur Errichtung einer allgemeinen Landwehr und des Landſturmes, und auch dieſe ward mit allgemeiner Liebe vernommen und ausgeführt. An dem⸗ ſelben Tage rückte General York unter unendlichem Ju⸗ bel des Volkes in Berlin ein. Der König hatte ſeine frühere Handlungsweiſe für eines Deutſchen vollkommen würdig, ihn ſelber für ge⸗ rechtfertigt erklärt, und zum Beweiſe ſeines Vertrauens auch die Truppen des Generals von Bülow unter York's Befehle geſtellt. Wie glücklich und frohbewegt fühlte ſich der edle Held, von dem nun, da ſein König ihm ſeine wahre Meinung gezeigt hatte, alle Sorge und Befürch⸗ tung geſchwunden war! Wie drängte es den Edlen, ſich mit den Franzoſen zu meſſen und mit ſeinen Tapferen zu beweiſen, daß ſie wohl das Recht hatten, ſich als die Erſten gegen Frankreich zu erklären! Auch ſeine Trup⸗ pen, unter denen ſich noch immer Albrecht von W. be⸗ fand, theilten die allgemeine Begeiſterung und jubelten 10* 156 dem Entſcheidungskampfe entgegen, der die Feſſeln brechen und der Sonne der Freiheit eine Gaſſe bahnen ſollte. „Jetzt, Johanna,“ dachte Albrecht tauſend Mal, „höre ich die Flügel des deutſchen Genius rauſchen, der ſein wiedererwachtes und ſich ſelbſt wiederfindendes Volk zum heiligen Kampfe weiht!“ Hätte er nur einmal zu ihr gekonnt, einmal ſie ſe⸗ hen, mit ihrem ſchönen begeiſterten Antlitze, wie ſie ne⸗ ben ihrem jetzt gewiß greiſen Vater ſtand und dankvoll hinaufblickte zu dem Herrn der Welten, der ihren heiße⸗ ſten Wunſch erhört, das Gebet ſo vieler Jahre erfüllt hatte!— O dann dachte ſie auch wohl an ihn, den Ge⸗ liebten, und dachte, wo er wohl ſein und was er machen möge und ob er ihrer gedenke! Sie hatten ſeit jener Trennungsſtunde, wo Albrecht als Wanderburſche hinauseilte, um dem Vaterlande ſeine kaum geheilten Arme von Neuem zu bieten, nichts wieder von einander gehört, aber in Albrecht's Herzen war die Liebe zu dem deutſchen Mädchen wach geblieben, ſie hatte ihn in den Jahren der Schmach getröſtet, ſie begeiſterte ihn jetzt zum Kampfe für die Freiheit.— So war denn nun der Krieg beſchloſſen und erklärt, und jetzt wandten ſich die verbündeten Monarchen auch an das übrige Deutſchland, um es zum Beitritte gegen Napolevn aufzufordern.— Doch wenn auch Einzelne 157 herbeieilten, ſich der Sache der Befreiung anzuſchließen, blieb doch Oeſterreich noch neutral, und Sachſen und der Rheinbund waren bereit, für Napoleon in die Schran⸗ ken zu treten. Die Fürſten dieſer Staaten waren durch zu viele Intereſſen an die Sache Napoleon's geknüpft, und ſo blieb es den Preußen und Ruſſen allein über⸗ laſſen, den erſten Sturm zu wagen und die Feſſeln des gefangenen Deutſchlands zu zerbrechen. Nur der Herzog von Meklenburg riß ſich als der erſte vom Rheinbunde los und ſchloß ſich den Verbündeten an. Aber auch Napoleon hatte die ungeheuerſten An⸗ ſtrengungen gemacht, um dem drohenden Feinde würdig zu begegnen. Mit unvergleichlichem Genie hatte er in kurzer Zeit ein Heer hervorgezaubert, das dem der Verbündeten faſt überlegen war, und noch immer ſtrömten aus allen Län⸗ dern des Weſtens und Südens Schaaren muthiger Jüng⸗ linge zu ſeiner Armee, die die Ehre haben wollten, unter den ſieggewohnten Adlern Napleon's zu fechten. Dieſer, faſt eher noch als die Nachricht ſeiner ungeheuren Nieder⸗ lage in Rußland, von dort in Paris eintreffend, hatte einfach ſeine erlittenen Unglücksfälle eingeſtanden und die Hoffnung ausgeſprochen, daß er auf die Hilfsmittel Frank⸗ reichs, auf die Kraft und den Muth der großen Nation 158 baue und von ihr Ausbeſſerung des erlittenen Schadens hoffe. Sein gewaltiger Geiſt umfaßte das ganze Reich, wußte alle Hilfsquellen zu entdecken und flüßig zu machen, und ſeine eigene raſtloſe Thätigkeit ſpornte Alle zur höch⸗ ſten Eile, zu der kräftigſten Anſtrengung an. So hatte Napoleon bald wieder ein neues mächtiges Heer auf den Füßen und auf dem Marſche nach Deutſch⸗ land, und bei den faſt unbegrenzten Hilfsquellen Frank⸗ reichs, die durch die Vaſallenländer unterſtützt wurden, gegenüber dem kleinen, ausgeſaugten und erſchöpften Preu⸗ ßen, gegenüber der weiten Entfernung des ruſſiſchen Rei⸗ ches, welches ſeine Kräfte aus dem tiefſten Innern ziehen mußte, konnte man ſich über Napoleon's frohe Sieges⸗ hoffnung nicht wundern; er träumte von keinem Fehl⸗ ſchlagen ſeines Unternehmens. Preußen, das kleine Preußen, das 1807 ſeine Gnade geſchont, mußte vernichtet, zerſtückelt zu ſeinen Füßen ſich winden, Rußland wollte er in ſeine Steppen zurücktreiben und ſeine Herrſchaft über halb Europa von Neuem befeſti⸗ gen. Mit dieſen Plänen beſchäftigte ſich Napoleon's uner⸗ müdlicher Geiſt, als er auszog, die Empörung gegen ſeine Macht zu erſticken. Sein Unverſtändniß der deutſchen Nation berechtigte ihn zu ſolchen Hoffnungen, deren Er⸗ folge wir bald kennen lernen werden. 159 So ſtanden denn zwei große Heere kampfluſtig gegen⸗ einander, und halb Europa blickte angſt⸗ und erwartungs⸗ voll auf den Ausgang dieſes Kampfes um Leben und Tod, um Sein und Nichtſein. Renntes Capitel. Die Jungfrau. Leb't wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften, Ihr traulich ſtillen Thäler, lebet wohl! Schiller, Jungfrau. Ich will mehr als Hände fallten, Mit den Muth'gen will ich's halten, Die nicht wehrlos ſterben werden! Louiſe Ottv. Es war im März. Die erſten Boten des nahenden Frühlings machten ſich bemerklich und die eiſige Kälte des Winters war einer milderen und angenehmeren Luft ge⸗ wichen. Die Nacht war freundlich und ſternenhell, und das kleine Bauernhaus, in welchem wir früher Albrecht und Johanna begegneten, lag ſtill und friedlich da, und nicht einmal ein Hund rührte ſich in den Hofräumen des Ge⸗ 160 höftes. Nur hinter einem Fenſter war noch Licht, und hier ſaß Johanna und ordnete verſchiedene Kleidungsſtücke. Sie hatte ſich wenig geändert während der langen Zeit, daß wir ihr nicht begegneten, nur daß ihre Züge einen ernſteren und feſteren Charakter angenommen, und daß ihr Haar nicht mehr in langen Locken um ihr Haupt vollte, ſondern in reichen Flechten aufgeſteckt war. Ihre Augen waren dieſelben geblieben und leuchteten heute in eben dem begeiſterten Glanze, wie damals, als ſie an Albrecht's Schmerzenlager von ihren Hoffnungen für Deutſchland ſprach, wie damals, als ſie an des Geliebten Seite kniend, Treue und Liebe dem Vaterlande ſchwur, Haß und Kampf aber der Knechtſchaft und Tyrannei! Sie hatte ihren Schwur gehalten. Nie war ſie ihrem Vaterlande ungetren geworden, nie hatte ſie die Franzoſen als Herrſcher deſſelben anerkannt, nie hatte ſie aufgehört zu hoffen, daß Deutſchland ſich neugeboren erheben und ſeine Feinde zerſchmettern, daß ſein Genius mit gewalti⸗ gem Flügelſchlage ſich emporſchwingen und ſeine Söhne zum Siege führen werde! Sie hatte ihren Schwur gehalten, und als ihr alter Vater, den der Schmerz über ſein geknechtetes Vaterland überwältigt, mit gebrochenem Herzen hinſank, als end⸗ lich der Todesengel ſeine welken Lippen berührte und ſein letztes Wort ein Segen für ſein Kind und für Deutſch⸗ land war, da hatte Johanna tiefbewegt ihren Schwur 161 wiederholt und ſich gelobt, nach ihren Kräften zur Befrei⸗ ung des Vaterlandes beizutragen, wenn die Zeit gekom⸗ men wäre. Und als ſie nun kam, als die Pforten der neuen Zeit vor der ſtaunenden Welt ſich aufthaten und ihr eine neue Hoffnung gezeigt ward, welche ſie längſt geſtorben wähnte, da raffte Johanna Alles zuſammen, was ſie hatte an Gold und Geldeswerth, und ſelbſt der Mutter beſchei⸗ dene Halskette, ein Geſchenk des verſtorbenen Vaters, ward nicht verſchont, ſondern ſollte mitwandern auf den Altar des Vaterlandes. Und die alte Frau widerſtrebte ihrer Tochter nicht. Ihr Sein war ſchlicht und einfach, und ſchon deshalb haßte ſie die franzöſiſche Herrſchaft und gab mit Freuden, was ſie hatte, um die gute alte Zeit wiederkom⸗ men zu ſehen. Zuletzt holte Johanna auch noch die alte ſilberne Sackuhr des Vaters herbei und legte ſie unter ſtrömenden Thränen zu dem Haufen, zog dann den Ring vom Finger, den ihr Albrecht als Verlobungszeichen auf⸗ geſteckt hatte, küßte ihn noch einmal, zum letzten Male, und packte dann Alles haſtig zuſammen, um es hinweg zu ſenden. „Die Sonne wird unſere Uhr ſein,“ ſagte ſie zu der weinenden Mutter,„und meines Albrecht's Liebe wird mich auch ſo wieder erkennen, wenn ich nicht mehr den Ring am Finger trage.“ Doch kehren wir zu Johanna zurück, wo wir ſie 162 in ihrem Stübchen Kleider ordnend ſahen. Sie war auf⸗ geſtanden und an das Fenſter getreten, und blickte lange und ernſt hinaus über die Fluren, die ſich weit vor ihren Augen ausbreiteten.— Der Mond übergoß mit ſeinem ſil⸗ bernen Lichte die ganze Gegend, die unendlich friedlich und freundlich vor ihr lag. Dort in weiter Ferne lag das Schlachtfeld von Jena, von dem einſt ihr alter Vater den verwundeten Offizier mitgebracht, welcher einen ſo großen Einfluß auf ihr Leben ausgeübt hatte. Es war ihr, als regten ſich über dem Schlachtfelde luſtige Geſtalten, und ſie glaubte, es möchten wohl die Geiſter der Gefallenen ſein, die da ſich tummelten und ſich freuten, daß man be⸗ reit ſei, ſie zu rächen und das Kleinod wieder zu gewinnen, für das ihr Blut vergeblich gefloſſen war. Johanna's Va⸗ ter, der Albrecht von dem Schlachtfelde mitheimgebracht hatte, um ihn in ſeiner Hütte zu pflegen und für das Heer des preußiſchen Königs zu erhalten, ſchwebte nun auch unter den Verklärten und blickte wohl jetzt nieder auf ſeine Tochter, die, wenn auch muthig und entſchloſſen, doch mit ſchwerem Herzen am Fenſter ſtand und hinaus⸗ blickte in die ſtille Nacht. Und Albrecht, wo weilte er jetzt?— Seitdem er Abſchied von ihr genommen, ſeitdem ſein Arm ihr vom nahen Hügel den letzten Gruß zu⸗ gewinkt, hatte ſie nichts wieder von ihm vernommen, 163 wußte nicht, ob er das Heer erreicht, ob er in einer Schlacht den Tod für's Vaterland geſtorben, ob er in Rußlands Eisgefilden umgekommen, oder ob er noch un⸗ ter den Lebenden ſei, bereit mitzukämpfen in dem heiligen Streite, dem alle tapferen Herzen entgegenjubelten. „Was war aus Albrecht geworden?“ Dieſe Frage ſtellte ſich Johanna auch jetzt, und ſie warf einen flehenden Blick gen Himmel, als wollte ſie von dem eine Antwort erbitten. Dann holte ſie eine einfache Kreidezeichnung hervor, die ſie ſelber gezeichnet, und die, wenn ſie auch kunſtlos und roh war, doch des Geliebten Züge ſprechend ähnlich darſtellte. Lange blickte ſie auf die theuren Züge, und der Mond leuchtete ihr dazu; ihre Thränen fielen nieder auf das Glas, und das geliebte Bild feſt an ihre Lippen drückend flüſterte ſie:„Ja, Du lebſt, Du mußt leben, mein Geliebter, ich werde Dich noch wiederſehen!“ Da ſchlug es Mitternacht— und es war Zeit. Jo⸗ hanna brachte das Bild an ſeinen Ort zurück, ſchloß das Fenſter und ſetzte ſich am Tiſche nieder. Dann löſte ſie ihr ſchönes langes Haar, welches in reicher Fülle ihr Haupt umfloß, und erfreute ſich noch einmal an dieſem jungfräulichen Schmucke. Wie ein reiches Goldgewebe floß es bis zum Fußboden nieder, und Johanna ſchau⸗ derte, wenn ſie an das Schickſal dieſes ihres liebſten 4 164 Schmuckes dachte, den Albrecht ſo ſehr geliebt hatte. Doch die Zeit drängte. Mit ſchwerem Herzen griff ſie nach der Scheere und in wenigen Augenblicken war ihr der reiche Haarſchmuck zum Opfer gefallen. Leiſe ging ſie dann hinüber in die Kammer ihrer Mutter. Die alte Frau ſchlief ſanft und friedlich, und ein freundliches Lä⸗ cheln verklärte die Züge, die ſelbſt im hohen Alter noch nichts von jener Schönheit eingebüßt hatten, die ihre Wurzel in dem Herzen hat und die der Griffel der Zeit nicht vertilgen kann. Johanna kniete am Bette nieder und betete in⸗ brünſtig. Sie neigte ſich tief vor ihrer Mutter und bat ſie um ihren Segen, und weinte und rang, eine liebende Tochter vor dem Lager der Mutter. Aber endlich ſiegte ſie über ihre Gefühle; einen leiſen innigen Kuß drückte ſie auf die welke Hand der Schlafenden, legte die gol⸗ denen Haare als Andenken auf ihr Bett, und verließ dann, rückwärts gehend, das Zimmer, noch im letzten Augenblicke die theuren Züge grüßend. Eine halbe Stunde ſpäter öffnete ſich die Haus⸗ thüre, und ein ſchlanker junger Mann trat hinaus in das Freie, auf ſeinem Arme ein kleines Päckchen tragend. Langſam ging er den Weg zum Hügel hin, hinter dem die große Heerſtraße lag, und auf demſelben angekommen, blieb er noch einmal ſtehen und blickte, auf ſeinen Stab 165 geſtützt, lange hinab auf das verlaſſene Häuschen und die bekannten Fluren, die es umgaben. Heiße Thränen rannen über die bleichen Wangen des jungen Mannes und gewaltſam mußte er ſich endlich zum Weitergehen emporraffen. „Lebt wohl, lebt wohl, mein geliebtes Vaterhaus und ihr theuren Fluren! Möge Gott euch beſchützen und beſchirmen, und die Mutter, die in euch weilt. Lebt wohl! Mich treibt mein Geſchick von dannen— vielleicht ſehen wir uns einſt noch wieder!“ Und mit kräftigen Schritten ging der Jüngling wei⸗ ter, der preußiſchen Grenze zu. Es war Johanna, die ſich nicht begnügen konnte nur durch Worte und Unterſtützungen mitzuwirken für das Werk der Freiheit, ſondern die auch mitwirken wollte durch die Kraft ihres Armes, und muthig Blut und Le⸗ ben zu opfern bereit war für das ſchönſte Ziel ihres Lebens. Lebte Albrecht noch, ſo wollte ſie nicht hinter ihm zurückbleiben, unthätig zu Hauſe ſitzen und für das Wohl der Freiheit beten— nein, dann wollte ſie neben ihm ſtehen im Kampfe und wie er fechten und ringen für das höchſte Gut. Lebte er aber nicht mehr, hatte ihn der Tod ſchon früher gefunden, ehe das Werk der Befreiung begann, ſo wollte ſie ſtatt ſeiner und für ihn kämpfen, „ und das erfüllen, was der Geliebte nicht mehr hatte thun 166 können. Sie fühlte ſich ſtark und muthig und bebte nicht zurück vor dem Gräuel des Krieges oder dem Tode. Sie kannte keine Furcht, als die vor der Schande, und der Muth der alten Germaninnen lebte in dem deutſchen Mädchen fort. Sie wollte mehr als Hände falten, mit den Muthigen wollte ſie's halten und ſelber thätig ſein bei dem Werke der Freiheit, für ſie ſiegend oder ſterbend. Und ſo zog ſie denn hinaus, ließ Heimat und Mutter zu⸗ rück und Alles was ihr lieb und theuer war, aber im Herzen lebte die Hoffnung auf Deutſchlands Befreiung, für welche mitzuwirken ſie auszog. Dieſe Hoffnung ſtärkte und kräftigte ihren Muth— Deutſchland frei und den Geliebten wiederſehen, waren die Sterne, die ihr ent⸗ gegen lächelten.— Man hatte Johanna geſagt, daß in Breslau ſich die preußiſchen Schaaren ſammelten, dahin richtete ſie ihre Schritte und eilte muthig vorwärts. Ein⸗ mal den Abſchied überwunden, dachte ſie nur noch an das Vaterland, für das ſie handeln wollte; für ihre Mutter und Albrecht betete ſie. Die Stimme des Königs, der ſein Volk zu den Waf⸗ fen gerufen, war nicht ungehört verhallt, und von allen Seiten eilten noch immer Schaaren von Freiwilligen nach Breslau, um ſich in die Regimenter der Vaterlandsver⸗ theidiger aufnehmen zu laſſen. 167 Der Druck Napoleoniſcher Herrſchaft war allgemein zu hart empfunden worden, als daß man nicht mit freu⸗ digem Muthe ſich unter die Fahnen des angeſtammten Königs geſarmelt hätte, um das drückende Joch zu zer⸗ brechen. Es war ein heiliger Krieg, zu dem die Schaaren ſich rüſteten, ein Krieg für das Edelſte und Theuerſte— für Freiheit und Vaterland. Deutſchland, das arme gedrückte Deutſchland ſollte nicht länger mit Sclavenketten behan⸗ gen daſtehen und über ſeine Kinder jammern, welche es dem Fremdlinge hatte anheimfallen laſſen; ſeine Söhne wollten es frei machen und wieder groß, und die Vä⸗ ter ſegneten ihre Kinder, die Pfarrer ihre Gemeindeglie⸗ der zu dieſem Kriege und riefen den Segen des Himmels herab, auf den Kampf für Freiheit und die gerechte Sa⸗ che. Die edelſten Söhne Deutſchlands eilten herbei, Blut und Leben dem Vaterland zu weihen, und die Dichter ließen ihre Lieder erſchallen, daß ſie weit durch alle deut⸗ ſchen Lande klangen und das Volk ermunterten und weckten aus dem Schlafe, in den es franzöſiſche Tyrannei gewiegt hatte. Der Gott, der Eiſen wachſen ließ, Der wollte keine Knechte; D'rum gab er Säbel, Schwert und Spieß Dem Mann in ſeine Rechte; 168 D'rum gab er ihm den kühnen Muth, Den Zorn der freien Rede, Daß er beſtände bis auf's Blut, Bis in den Tod die Fehde! Laßt brauſen, was nur brauſen kann, In hellen lichten Flammen! Ihr Deutſchen alle, Mann für Mann, Zum heil'gen Krieg zuſammen! Und hebt die Herzen himmelan Und himmelan die Hände, Und rufet Alle, Mann für Mann: Die Knechtſchaft hat ein Ende! Laßt wehen, was nur wehen kann, Stanbarten weh'n und Fahnen, Wir wollen heut' uns Mann für Mann Zum Heldentode mahnen. Auf! ſliege hohes Sieg'spanier, Voran den kühnen Reihen! Wir ſiegen oder ſterben hier Den ſüßen Tod der Freien! So ließ Ernſt Moritz Arndt, der unermüdliche Feind der Franzoſenherrſchaft, ſeine Leier ertönen, und ſeine Aufrufe flogen als Weckerſtimmen durch alle Länder Deutſchlands. Major von Lützow kündigte die Gründung einer Freiſchaar an, und von allen Seiten eilten Kampfluſtige herbei, ſich unter ſeine Fahnen zu ſchaaren! Alles war in voller beſter Bewegung, und wer 169 den Geiſt erkannte, der alle dieſe Schaaren leitete, der hoffte auch auf das Gelingen ihres heiligen Werkes. In der Kirche zu Rogau in Schleſien ſammelte ſich in der letzten Hälfte des März eine todesmuthige Schaar des Lätzow'ſchen Freicorps, und die Dorfbe⸗ wohner eilten neugierig herbei, um die muthigen Leute zu ſehen, die da in Gottes Haus traten, um ſich ſegnen zu laſſen für den heiligen Kampf. Da nahte auch ein ſchlichter Fußgänger, auf ſeinen Wanderſtab geſtützt, dem Dorfe, in welchem er einige Stunden zu raſten gedachte, bevor er ſeinen Weg fort⸗ ſetzte. Die Züge des Ankömmlings waren mild und weich, und wenn er auch ermüdet ſchien vom langen Marſche, blitzten doch ſeine Augen ſo hell und muthig, als ob er einer rechten Freude, einer recht fröhlichen Stunde ent⸗ gegenginge. Als der Wanderer den Auflauf am Gotteshauſe bemerkte und die Orgeltöne vernahm, die von daher ſo eben erklangen, ging er auf daſſelbe zu, und trat durch die gaffenden Dorfbewohner hindurch, die dem Fremd⸗ linge eilig Platz machten, in das Innere der Kirche. Eine große Verſammlung Männer füllte dieſelbe, der Pfarrer ſtand im Ornate vor dem Altare, die Orgel erklang, und als der Wanderer weiter hervortrat, ſtimmte man das Lied an: 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 11 170 Wir treten hier in Gottes Haus Mit frommem Muth zuſammen, Uns ruft die Pflicht zum Kampf hinaus, Und alle Herzen flammen. Denn, was uns mahnt zu Sieg und Schlacht, Hat Gott ja ſelber angefacht, Dem Herrn allein die Ehre! Der Herr iſt unſre Zuverſicht, Wie ſchwer der Kampf auch werde; Wir ſtreiten ja für Recht und Fflicht Und für die heil'ge Erde. D'rum retten wir das Vaterland: So that's der Herr durch unſte Hand, Dem Herrn allein die Ehre! Es bricht der freche Uebermuth Der Thrannei zuſammen; Es ſoll der Freiheit heil'ge Gluth In allen Herzen flammen. Drum friſch in Kampfes Ungeſtüm! Gott iſt mit uns und wir mit ihm, Dem Herrn gllein die Ehrel Er weckt uns jetzt mit Siegerluſt Für die gerechte Sache; Er rief es ſelbſt in unſre Bruſt: Auf, deutſches Volk erwache! Und führt uns, wär's auch durch den Tod, Zu ſeiner Freiheit Morgenroth. Dem Herrn allein die Ehre! 171 Geſang und Orgel verſtummten, und der Prediger hielt eine kräftige, allgemein ergreifende Weihrede, die die Anweſenden auf das tiefſte erſchütterte. Todtenſtille herrſchte in dem Raume und man hörte keinen Athem⸗ zug, außer der bewegten Stimme des Predigers, deſſen herzliche Worte mahnend, ermuthigend und Hoffnung erweckend klangen. „Schwöret mir!“ rief er am Schluße,„hier im Hauſe des Herrn und vor ſeinem Altare, für die Sache der Menſchheit, des Vaterlandes und der Religion, weder Gut noch Blut zu ſchonen und freudig zum Siege oder Tode zu gehen!“ „Wir ſchwören es!“ tönte die ernſte Antwort der Verſammelten. Der Fremde hatte ſich während der Rede mehr und mehr den Anderen genähert, und als der Prediger ſie aufforderte zum Schwure, da ſchwur er mit feſter Stim⸗ me mit ihnen und war entſchloſſen, ſich dieſen muthigen Männern anzuſchließen. Jetzt warf ſich der Prediger am Altare nieder und flehte Gott an um Segen für die Käm⸗ pfer der Freiheit. Seine Stimme war hochbewegt und aus vollem Herzen betete er:„Herr hilf! Herr Gott wir laſ⸗ ſen Dich nicht, Du ſegneſt uns denn!“ Und nun forderte er die Männer auf, auf die Schwer⸗ ter der Offiziere den Militaireid zu ſchwören, und es wun⸗ u* 172 derte die Braven gar nicht, daß da der ſchöne junge Frem⸗ de, den ſie erſt jetzt bemerkten, ebenfalls herantrat, den Eid mitleiſtete und ſo Einer der Ihrigen ward. Ihre Herzen waren voll heiliger Begeiſterung, und ſie hätten ſich nicht gewundert, wenn die ganze Welt mit ihnen den Untergang der Tyrannei beſchworen hätte. Freundlich reichten ſie dem Ankömmlinge die Rechte und hießen ihn als den Ihrigen willkommen, dann begann von Neuem die Orgel und das Lied des Glaubens:„Ein⸗ feſte Burg iſt unſer Gott!“ beendete die Feier. Die geweihten Kämpfer verließen nun die Kirche, um nach Breslau aufzubrechen. Es ward für den neuen Ankömmling ein Pferd geholt und unterdeſſen machten ſich die Uebrigen mit ihm bekannt. Seine ſchöne ſchlanke Ge⸗ ſtalt, das gewinnende Aeußere, die zarten weichen Züge, in denen ein hellblaues Auge ſo milde und doch ſo mu⸗ thig blitzte, gewannen ihm ſchnell Freunde, und die ganze Schaar ſchüttelte ihm als Kameraden herzlich die Hand und ſtellte ſich ihm vor. Zuletzt trat auch ein junger Mann heran, deſſen intereſſante Züge dem Fremden ſchon vorher aufgefallen waren. Er mochte kaum zwanzig und einige Jahre alt ſein und der erſte jugendliche Flaum umfloß nur leicht ſein Kinn. Aber ſein Auge blitzte ſo muthig und ausdrucksvoll unter dem dunkeln lockigen Haar, daß man gern geneigt war, ihn für einen echten Mann zu halten. 173 Er bot dem Ankömmlinge freundlich die Rechte zum Will⸗ kommen und fragte ihn dann:„Wie nennt man Dich, mein Bruder?“ Der Fremde grüßte den ſchönen Jüngling mit einem freundlichen Blicke, dann ſagte er:„Nenne mich Johann— und Dich, mein Bruder, wie nenne ich Dich?“ „Nenne mich Freund, mein Waffengefährte, denn Deine Augen ſagen mir, daß ich Dich werde lieben müſſen; willſt Du aber meinen Namen kennen, ſo heiße ich Thev⸗ dor Körner.“ Zehntes Caitel. Lützen und Bautzen. Ahnungsgrauend, todesmuthig Bricht der große Morgen an, Und die Sonne kalt und blutig Leuchtet unfrer blut'gen Bahn. In der nächſten Stunde Schvoße Liegt das Schickſal einer Welt, Und es zittern ſchon die Looſe, Und der ehr'ne Würfel fällt! Körner. Der große Entſcheidungskampf, deſſen Signal die Feuerzeichen Moskaus geweſen waren, nahte heran, und die verbündeten Ruſſen und Preußen auf der einen, Na⸗ 174 poleon auf der anderen Seite machten die unerhörteſten Anſtrengungen, eine möglichſt umfangreiche Macht in das Feld ſtellen zu können. Noch immer, trotz ſeiner entſetzlichen Niederlage in den ruſſiſchen Steppen, war Napoleon eine furchtbare Macht, am furchtbarſten durch ſein ausgezeichnetes Ge⸗ nie und ſeinen eiſernen Willen. Seine Umſicht zeigte ihm ſofort nach ſeiner Rückkehr die Quellen, aus denen er eine neue Armee und ihren Bedarf ſchöpfen konnte, und Tag und Nacht unermüdlich thätig, ruhte er nicht eher, als bis das Wunderwerk vollendet war, ſo daß er mit einem neuen, mächtigen Heere in Deutſchland erſchien, bevor noch die verbündeten Preußen und Ruſſen recht gerüſtet waren. Napoleon kannte den Geiſt und Charakter ſeiner Frarzoſen und hatte durch glühende Rede ſie auf's Neue für ſich und ſeine Adler entflammt. Die Franzoſen jauchz⸗ ten ihm zu, und unter ſeinem allmächtigen Willen ent⸗ ſtand ein Heer, furchtbar genug und glühend begeiſtert, um ſelbſt die hoffnungsvollſten Deutſchen zu erſchrecken und die Erfolge der ruſſiſchen und preußiſchen Unterneh⸗ mungen zweifelhaft und bedenklich zu machen. Dadurch erreichte Napoleon ſchon viel, er ſtärkte das Vertrauen ſeiner Verbündeten auf ſeine Macht und bewahrte ſich vor ihrem Abfalle. 175 Oeſterreich, das ſchwergeprüfte, das ſich unter den Segnungen des Friedens wieder zu erholen anfing, Oeſter⸗ reich, mit deſſen Kaiſer Napoleon in den nächſten ver⸗ wandſchaftlichen Beziehungen ſtand, konnte ſich nicht ent⸗ ſchließen, von Neuem einen zweifelhaften Krieg zu begin⸗ nen; Sachſen, deſſen Herrſcher ein König von Napoleon's Gnaden war, mochte ſich aus Dankbarkeit nicht von ſei⸗ nen Verpflichtungen gegen Frankreichs Kaiſer löſen; der Rheinbund ſtand für Napoleon— und ſo waren Preußen und Rußland allein auf dem Felde der Ehre, nur die Für⸗ ſten von Meklenburg, Anhalt⸗Deſſau und Cöthen hatten ſich mit gegen Napoleon erklärt. Dieſer zog mit der ihm ſtets eigenen Schnelligkeit heran und war bald mit 120.000 Mann bei Erfurt und rückte auf Leipzig zu. Die Rüſtungen der Verbündeten gin⸗ gen nur langſam von Statten, und die große ruſſiſche Armee blieb lange über die feſtgeſetzte Zeit aus, hemmte dadurch die Unternehmungen Blücher's und Wittgenſtein's, und zwang ſie wochenlang an der Elſter ſtill zu liegen, während Napoleon mit ungeheurer Schnelle in Thüringen ſeine Schaaren ſammelte und mit überlegener Macht aus den Saalpäſſen hervorzubrechen drohte. Die mächtigen Eindrücke, welche die Vernichtung der großen Armee gemacht hatte, ſchwanden allmälig durch das kühne und gewaltige Wiedererſcheinen der Napolevniſchen 176 Macht, vor der die ruſſiſche Siegesglorie und die preußi⸗ ſche Erhebung zu verſinken drohten. Aber in dem Heere der Verbündeten herrſchte der vortrefflichſte Geiſt, und die Generale Wittgenſtein, Win⸗ zingerode, Blücher und York brannten vor Begierde, ſich mit dem Feinde zu meſſen. Doch noch immer fehlte die große ruſſiſche Armee und erſt nach dem Tode des greiſen Kutuſow rückte die⸗ ſelbe mit gehöriger Schnelle heran. Mit ihr trafen Kaiſer Alerander und König Friedrich Wilhelm in Dresden ein und wurden mit großem Jubel als Erretter und Befreier begrüßt. Napoleon war aus Thüringen aufgebrochen und eilte mit ſeiner Armee Leipzig zu, um von deſſen Ebenen aus den Feldzug in gewohnter Weiſe mit ganzer Kraft eröffnen zu können. Die Verbündeten ſchwankten, ob ſie ſich hinter die Elbe zurückziehen und ſich vor Napoleon' Uebermacht in feſten Verſchanzungen ſicherſtellen, oder ob ſie den Feind auf der Stelle angreifen ſollten. Die erſte Maßregel hätte vielleicht mehr Sicherheit gewährt, aber das Heer verlangte dringend nach einer Schlacht, und überdies durfte man die öffentliche Mei⸗ nung nicht durch Rückzug verſtimmen, die Truppen nicht entmuthigen— und ſo ward, trotz der franzöſiſchen Ueber⸗ macht, der Angriff beſchloſſen. T77 Napoleon ſollte bei ſeinem Aufmarſche überraſcht, und noch ehe er ſeine ganze Macht auf einem Punkte vereinigt hätte, angegriffen werden. Er ahnte nichts von den Berechnungen der Verbündeten, und während er ſel⸗ ber ſie zu umgehen glaubte, ward er getäuſcht und die Verbündeten waren bereit ſich todesmuthig auf ihn zu ſtürzen. Am 1. Mai verließ Napoleon Weißenfels, um Leip⸗ zig zu gewinnen; er kam an dieſem Tage bis Lützen und Groß⸗ und Klein⸗Görſchen, während die Verbündeten bei Zwenkau und Pegau ſtanden, auf welchen Punkten ſie am andern Morgen über die Elſter ſetzen und den Marſch des franzöſiſchen Heeres unterbrechen wollten. Napoleon, in deſſen Haupte ganz andere Schlachtpläne lebten, ahnte nichts von ihrer Nähe, und bivouakirte mit ſeinen Trup⸗ pen in größter Sicherheit. In dem Lager der Verbündeten herrſchte die un⸗ geheuerſte Aufregung. Endlich war der Vorabend des Tages gekommen, an dem ſich die muthigen Truppen mit dem Feinde meſſen durften, und unruhig, auf das höchſte erregt, lagen ſie in ihren Bivouaks und wagten kein Auge zu ſchließen, aus Furcht, daß der Feind ihnen unterdeß entwiſchen könne und ſie um die Ausſicht be⸗ trogen würden, ſich mit dem gewaltigen Manne meſſen zu dürfen, deſſen Ruhm eine Welt erfüllte, die ſein Geiſt bezwungen hatte.. 178 Es galt die Niederlagen von Auſterlitz und ZJena auszuwetzen und die Ehre der ruſſiſchen und preußiſchen Waffen in offener Feldſchlacht wieder herzuſtellen. Auch im York'ſchen Hauptquartiere war es munter, und der alte Feldherr, der recht wohl die Uebermacht Napoleon's erkannte, war bange vor dem Erfolge des nächſten Tages. Wiederum wie damals, als er auf eigene Fauſt ſich von Napoleon losgeſagt hatte, pochte das Herz des Hel⸗ den ängſtlich und beſorgt, und er äußerte dieſe Beſorg⸗ niß gegen den Hauptmann von W., der lange in ſeiner Nähe geſtanden und die Kämpfe des geliebten Feldherrn beobachtet hatte. Dann ſandte er ihn mit dem Befehle hinweg, noch ein wenig zu recognosciren, und Albrecht trat hinaus in die kühle Nachtluft und ſchritt, dicht in ſeinen Mantel gehüllt, ſchweigend durch die Reihen der Bivouaks, in denen die Soldaten meiſt wachend ſaßen und ſich gegenſeitig begeiſterten durch Erzählungen aus den Siegeszeiten Friedrich des Großen. Es mochte Nie⸗ mand ruhen und ſchlafen in dieſer Nacht, und aller Au⸗ gen richteten ſich nach Oſten, ob immer noch der lichte rothe Streifen nicht erſcheinen wolle, der das Nahen des Tages verkündete. Albrecht freute ſich über die Stim⸗ mung der Truppen, und mit der beſten Hoffnung im Herzen, ſchritt er weiter und immer weiter, an den Vor⸗ poſten vorüber, bis an das Ufer der Elſter, über welche 179 ſie am Morgen vordringen wollten, um den Feind anzu⸗ greifen. Lange blickte er über den Fluß hinaus, doch drü⸗ ben war Alles todt und ſtumm; Napoleon's Lager war viel zu weit entfernt, als daß man ſeine Wachtfener hätte erblicken können. Wenn ein Verräther über die Elſter ſetzte und Na⸗ poleon von der Nähe der Verbündeten Mittheilung machte, konnte ihr ganzer Plan mißlingen, und ſtatt Na⸗ poleon zu überraſchen, konnten ſie ihn mit ſeiner großen Uebermacht in voller Schlachtordnung ihrer wartend fin⸗ den. Beſorgt blickte Albrecht am Ufer des Flußes hinab, ob er irgendwo ein lebendes Weſen gewahre, aber Alles war ſtill und nichts Verdächtiges ließ ſich bemerken. Doch beſchloß er bis gegen Morgen am Ufer zu bleiben, um daſſelbe zu bewachen, und ſchritt heftig auf und nie⸗ der, immer genau die Gegend beobachtend und auf jedes Geräuſch merkend.— So ſtand er denn nun am Vorabend der erſehnten Schlacht und hoffte dem Werke der Befreiung entgegen. Die Zeit war gekommen, von der Johanna einſt ge⸗ weiſſagt; Deutſchlands Genius hatte ſich in Preußens Volk mit mächtigem Flügelſchlage erhoben und war be⸗ reit, die Feſſeln abzuſchütteln, die der Corſe um ſeine Fittige geſchlungen, die ihn ſo lange gefangen gehalten, gedrückt und gequält hatten. Der Vorabend der Freiheit 180 war da, und Albrecht's Herz war ſo voll, ſo bewegt, wie noch nie in ſeinem Leben. Johanna's liebliches Bild ſtieg lebendig vor ſeiner Seele auf; er ſah ſie, mit den wal⸗ lenden Locken und den blitzenden Augen, für die Freiheit ihres Vaterlandes ſchwärmen, ſah, wie ſie klagte über deſſen Knechtſchaft und die Unterdrücker verwünſchte, ſah dann ihr holdes Lächeln, beſtrahlt vom Morgenrothe der kommenden Freiheit, und ihre Liebesgrüße klangen zu ihm herüber als luftige Boten, hoben ſein Herz noch mehr und ſtählten ſeinen Muth.„Für's Vaterland und die Geliebte!“ flüſterte er,„friſch in Tod und Ver⸗ derben!“— Der Morgen graute, und Albrecht kehrte in das Lager zurück, wo er ſchon Alles in voller Bewegung fand. Gegen fünf Uhr rückte man der Elſter zu, ſetzte über dieſelbe und marſchirte nach der Gegend hin, in der man auf Napoleon treffen mußte. Auch dieſer brach früh auf und rückte auf Leipzig zu. Um dieſe Stadt ſtritten ſich die Truppen Lauriſton's mit einer Abtheilung Preu⸗ ßen und Ruſſen unter Kleiſt; die Franzoſen trieben zuletzt mit Uebermacht die Ruſſen und Preußen durch die Stadt. Napoleon erfreute ſich des Sieges der Seinen und blickte durch ſein Fernrohr dem Kampfe zu, als er plötzlich einen furchtbaren Geſchützdonner vernahm und ſich um⸗ wendend, in der Ferne große Heerhaufen gewahrte, die, 181 mit den Truppen Ney's bereits im hellen Kampfe, un⸗ aufhaltſam auf ihn zudrängten. Napoleon hatte keine Ahnung gehabt von der Nähe der Verbündeten, und ſah nun mit Schrecken, daß er von ihnen und über ſie getäuſcht worden ſei. Doch nicht ei⸗ nen Augenblick gerieth der ſieggewohnte Feldherr in Ver⸗ legenheit, nicht einen Augenblick lang verließ ihn ſeine Beſonnenheit und ſein Genie. Mit ruhiger Stimme er⸗ theilte er ſeine Befehle, die Adjutanten flogen, und mitten im Zuge überraſcht, wurden die Truppen in prächtigſter Ordnung herumgeworfen und eine Schlachtordnung for⸗ mirt. Noch immer hielt Ney den Feind auf und leiſtete den heftigſten Widerſtand, doch ward er immer mehr zu⸗ rückgeworfen und die Verbündeten drängten auf der Straße von Lützen vorwärts. Da eilte Napoleon ſelber mit ſeinen Garden dem bedrängten Marſchall zu Hilfe und der Kampf begann auf's Neue mit der furchtbarſten Heftigkeit. Löwenmuthig ſtürmten die jungen preußiſchen Schaaren herbei und wurden von den Franzoſen auf das tapferſte empfangen. Auf beiden Seiten ward mit fanatiſcher Heftigkeit ge⸗ kämpft und ungeheure Verluſte bezahlten jeden Fuß breit Landes, den man erkämpfte oder verlor. Die Truppen hatten ſich auf beiden Seiten wochenlang nach Kampf ge⸗ ſehnt und ſich die Wolluſt ausgemalt, den verhaßten 182 Feind zu vernichten; jetzt handelte es ſich darum, und die Schlacht glich einem wahren Vernichtungskampfe. Hier galt es, ein bedrängtes und lange geknechtetes Vaterland befreien und es ſäubern von ſeinen hochmüthi⸗ gen Bedrückern; dort, eine Schaar Empörer zum Gehorſam gegen Napolevn's Machtwort zurückführen und den be⸗ drohten Ruhm der Napoleoniſchen Adler, den Glanz der großen Nation wieder herſtellen.— Lange währte die Schlacht; die Verbündeten kämpften mit größter Sieges⸗ hoffnung, die Feldherren ſpornten ihre Krieger zur ent⸗ ſchiedenſten Thatkraft an, und obgleich Napoleon immer neue Kräfte entwickelte und bei ſeiner Uebermacht immer friſche Truppen in's Gefecht zog, drangen dennoch die tapferen Preußen und Ruſſen muthig vorwärts. Blücher ſelber führte ſeine Truppen in den Kampf, York drang unaufhaltſam vor und der Prinz von Würtemberg kam dem Feinde von der linken Seite her in die Flanke. Der Kampf ſchien ſich jetzt für die Verbündeten zu ent⸗ ſcheiden, unter ungeheurem Jubel rückten ſie vorwärts— da erſchienen Macdonald's Heerhaufen auf dem Schlacht⸗ felde und auch Bertrand's Truppen hörte man bereits in der Nähe und drohten die Verbündeten zu überflügeln. etzt gaben dieſe es auf, an Sieg zu glauben, nur noch für die Ehre ward gefochten und das Schlachtfeld bis zur Nacht behauptet. Bei der Uebermacht des Feindes 183 ſchien ein neuer Kampf nicht räthlich, und nachdem die Verbündeten auf dem Schlachtfelde übernachtet hatten, zogen ſie ſich nach Meiſſen und Dresden zurück. Das war die erſte Schlacht in dieſem Kampfe und beide Theile rühmten ſich des Sieges und ließen Dank⸗ gebete halten. Die Preußen hatten das Schlachtfeld während der Nacht behauptet, und erſt am Morgen freiwillig und un⸗ beläſtigt den Rückzug angetreten. Aber Napoleon war wenig erfreut und befriedigt durch ſeinen Vortheil, den ſeine Uebermacht ihm errungen hatte. Es war doch immer kein Sieg, den er erfochten hatte, und alle ſeine Bülletins und Couriere, welche die Straßen nach allen Hauptſtädten bis Conſtantinopel hin bedeckten, konnten ihn nicht zu ei⸗ nem Siege machen. Napoleon hatte mit Schrecken erkannt, daß der ihm gegenüberſtehende Feind ein anderer ſei, als wie er ihn bis jetzt in Deutſchland kennen gelernt hatte; mit Erſtau⸗ nen hatte er den Angriff ſelber geſehen, mit einem grö⸗ ßeren aber die Tapferkeit der verbündeten Heere, vor Allem der preußiſchen Jugend. Das war ein anderer Feind, als der von 1806, ein ihm ebenbürtiger, und die ungeheuren Verluſte, welche er erlitten, beſtätigten ihm dies. Er hatte nicht einen Gefangenen, keine Kanone, 184 kein einziges Siegeszeichen erbeutet, während die Verbün⸗ deten 6 Kanonen erobert und 800 Gefangene gemacht hatten; er konnte nicht, wie er das gewohnt war, als Sie⸗ ger auf dem Schlachtfelde ſchlafen, ſondern erſt am ande⸗ ren Morgen, als die Verbündeten ſich zurückzogen, konnte er Beſitz davon nehmen. Hatten auch dieſe ebenfalls keinen Sieg erfochten, ſo hatten ſie doch ihre eigenen Kräfte ken⸗ nen gelernt und Napoleon hatte ſich überzeugt, daß er es mit einem Feinde zu thun habe, bei dem es ſeiner ganzen Kraft und Aufmerkſamkeit bedürfe, um ihm nicht zu un⸗ terliegen. Er hatte bis jetzt die Deutſchen nur als Ueber⸗ wundene geſehen; erſtaunt und erſchrocken lernte er ſie jetzt als Freiheitskämpfer und Patrioten kennen. Albrecht von W. war mitten im heißeſten Feuer geweſen und hatte mit unbeſchreiblicher Freude und Luſt gegen den Erbfeind ſeines Vaterlandes gefochten. Schon hatte er mehrere Gefangene gemacht und ſie entwaffnet in Sicherheit bringen laſſen, als er mit einem Offizier in das Handgemenge kam, dieſen entwaffnete und ſpeben gefangen machte, da traf eine Kugel ſeinen linken Arm. Doch unbekümmert um ſeine Wunde, brachte er erſt ſeinen Gefangenen in Sicherheit, bevor er daran dachte, ſich einen Verband anlegen zu laſſen; und als das endlich geſchehen war, kehrte er ſofort in das Schlachtgewühl zurück, den linken Arm in der Binde 185 und mit dem rechten tapfer kämpfend bis zum nde. Der ruhmvolle Kampf gegen die Uebermacht hatte den Muth der Truppen erhoben, doch beklagte man einen großen Verluſt unter den jugendlichen Kriegern, und viele Hunderte junger Künſtler und Gelehrte, die die Muſen mit dem Schwerte vertanſcht hatten, lagen todt auf dem Schlachtfelde und hatten ihren Muth und ihre Vaterlands⸗ liebe mit dem Leben bezahlt. Auch Scharnhorſt, den edlen Scharnhorſt hatte die tödtliche Kugel getroffen; er ſtarb wenige Wochen nach dieſer Schlacht in Prag, auf der Rückreiſe von Wien, wo er, da er verwundet dem Vaterlande durch ſeinen Arm nicht nützen konnte, den Kaiſer von Oeſterreich beſtim⸗ men ſollte, dem Bündniſſe gegen Napoleon beizutreten. Die Verbündeten hatten ſich nach der Schlacht bei Lützen über die Elbe zurückgezogen, und das unglückliche Sach⸗ ſen, welches, obgleich ſein König noch immer Napoleon's treueſter Freund und Verbündter war, dennoch die Preu⸗ ßen und Ruſſen mit Freuden empfangen und die beiden verbündeten Monarchen in der Hauptſtadt mit Jubel be⸗ grüßt hatte, fiel der Gnade oder Ungnade Napoleon's an⸗ heim. Es mußte die Freundſchaft ſeines Königs mit dem franzöſiſchen Kaiſer theuer bezahlen und ſeufzte unter un⸗ geheuren Laſten, die der Sieger ihm auferlegte. 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 12 186 Blücher, der alte tapfere Reitergeneral hoffte, daß man nun auch wieder vorgehen und Napoleon angreifen möchte. „Der Feind ſteht vorwärts! In Teufels Namen vorwärts! Drauf und dran!“ rief er grimmig im Kriegs⸗ rath,„dann geht's und nicht anders!“ Aber ſein Wort verklang, und die Vorſichtigen, die da zagten und wägten und rechneten und ſchwankten, be⸗ hielten die Oberhand; man behielt den Rückzug bei, jedoch mit dem Entſchluſſe, den Feind anzugreifen, ſobald ſich eine günſtige Gelegenheit böte. Das war nichts für den alten Helden, der ungeduldig nach Schlachten und Siegen dürſtete, und ungehalten ſchimpfte er auf die alte Leier, die immer noch nicht ſchneller gehen und ſich kräftig bewe⸗ gen lernen wollte. Die Verbündeten richteten nun ihren Marſch nach der Lauſitz, von woher ihnen bedeutende Verſtärkungen zueilten. In der Nähe von Bautzen nahmen ſie eine feſte Stellung ein und beſchloſſen, hier die Schlacht anzunehmen. Napoleon ließ nicht auf ſich warten. Er ließ ſeine ſämmtlichen Truppen über die Elbe ſetzen, zog alle Ver⸗ ſtärkungen an ſich, und beide Heere ſtanden ſich ſchlacht⸗ entſchloſſen, voll frohen Muthes und Siegeshoffnung ge⸗ genüber. Wiederum ward Blücher's Plan und Vorſchlag, die 187 Franzoſen anzugreifen und zu ſchlagen, bevor noch Napo⸗ leon ſich mit Ney vereinigen könnte, verworfen; die Ver⸗ einigung fand ſtatt und Napoleon gewann dadurch auch hier wieder bedeutende Uebermacht und eröffnete gegen Mittag*) die Schlacht. Dem kühnen Angriffe ward die tapferſte Vertheidi⸗ gung entgegengeſetzt, aber dennoch errang der Ungeſtüm der Franzoſen bald bedeutende Vortheile, und gerade die Stellungen, welche die Verbündeten für die ſicherſten gehalten hatten, fielen zuerſt in die Hände der Franzoſen. Dieſe, unter den Augen ihres Kaiſers kämpfend, der von einem Hügel aus die ganze Schlacht leitete, fochten wie Löwen, und als der Abend hereinbrach und dem mörderi⸗ ſchen Kampfe ein Ende machte, ſtand nur noch Blücher in ſeiner früheren Stellung; alle übrigen Punkte des Vor⸗ dertreffens befanden ſich in der Gewalt des Feindes. Blücher mit ſeinen tapferen Preußen, auf deſſen Rath zum Angriffe man nicht gehört, hatte ſich auch in der Vertheidigung als echter Held benommen und ſtand, unerſchüttert durch die heftigſten Stürme, am Abende noch feſt auf denſelben Hügeln, auf denen er die Schlacht begon⸗ nen hatte. Doch war dieſer Tag nur das Vorſpiel zur eigent⸗ ) 26. Mai. 12* 188 lichen Schlacht geweſen. Noch ſtanden die Hauptſtellun⸗ gen der Verbündeten unberührt und mit dem frühen Mor⸗ gen begann die Schlacht mit erneuter Heftigkeit. Aber Napoleon's Uebermacht drängte die Verbündeten wieder⸗ um zurück, doch nur langſam, Schritt für Schritt, und die Franzoſen mußten jeden Fußbreit Landes mit unge⸗ heuren Opfern erkaufen. Nichts iſt entſchieden, bald ſcheint ſich der Sieg auf die Seite der Verbündeten, bald auf die der Franzoſen zu neigen.— etzt iſt der eine Flügel Napoleon's in größter Bedrängniß und flehet um Hülfe und Unterſtützung. Doch der Kaiſer ermahnt ihn auszuhal⸗ ten und, die Schlacht und ihren Lauf faſt gar nicht beach⸗ tend, lauſcht er nur immer in die Ferne, und als er nun plötzlich auf der, dem jetzigen Kampſplatze entgegen ge⸗ ſetzten Seite, Kanonendonner vernimmt, überfliegt es wie ein Sonnenſtrahl ſein ehernes Antlitz; er erklärt die Schlacht als gewonnen und ermuntert ſeine Truppen zu neuen Anſtrengungen, um den Sieg zu vollenden. Neh war auf Befehl Napoleon's mit 60.000 Mann friſcher Truppen den Verbündeten in die rechte Flanke und den Rücken gefallen, und gegen dieſe Uebermacht waren die Anſtrengungen der löwenmuthigen Preußen, alle Tapferkeit des Heldengreiſes Blücher vergeblich. Sie wurden zurückgedrängt und Schritt für Schritt theuer verkaufend, verließen ſie langſam die ſo tapfer behaup⸗ 189 teten Hügel. Auch auf den anderen Seiten des Kampfes hatten die Franzoſen neue Vortheile errungen, und die Verbündeten wichen der Uebermacht, ſich langſam zurück⸗ ziehend, ohne indeſſen dem Feinde Vortheile zu ge⸗ währen. Vergeblich griff Napoleon ſelber die Nachhut an, da er behauptete, in ſeinen Generälen läge die Schuld, daß man ſo wenig Vortheile erringe; er wurde zurück⸗ geſchlagen und die Artillerie der Verbündeten that ihm ungeheuren Schaden. So mußte er die Verfolgung auf⸗ geben und hatte, durch ſeine Ueberlegenheit an Trup⸗ pen, einen Sieg errungen, ohne ſich auch nur eines Sie⸗ geszeichens rühmen zu können. Keine Kanone, keine Fahne, keine Gefangenen fielen bei dem geregelten Rückzuge der Verbündeten in ſeine Hände, und die Verluſte des Siegers waren bedeutend ſtärker als die der Beſiegten. Napoleon wüthete. Er hatte noch nie eine ſolche Schlacht geſchlagen, und mit Schrecken erkannt, daß es Krieger ſeien, mit denen er kämpfte, wie er ſie noch nie gefunden. „Wie! Nach einer ſo großen Schlacht kein Reſul⸗ tat, keine Gefangenen! Dieſe Leute werden mir keinen Nagel laſſen!“ rief er zornig, und wiederum überkam ihn eine jener Ahnungen, die ſeit Moskaus Brande ihn öfter 190 beſchlichen, die Ahnung, daß es mit ſeinem Reiche zu Ende gehe, daß ſein Stern im Sinken ſei. Trotz des gewonnenen Sieges war er unzufrieden und mürriſch, wie noch nie nach einer Schlacht. Die Verbündeten ſetzten langſam ihren Rückzug fort; Blücher mit ſeinen Preußen wandte ſich nach Schleſien. Napoleon aber, der ſeine Feinde zu würdigen ver⸗ ſtand und mit Schrecken erkannt hatte, daß er einer ſol⸗ chen Begeiſterung, einem ſolchen herrlichen Muthe auf die Dauer nicht würde widerſtehen können, trug auf einen Waffenſtillſtand an, den er in einen günſtigen Frieden verwandeln zu können hoffte. Die Verbündeten, ebenfalls ſich erſchöpft und das Bedürfniß fühlend, ſich durch neue Verſtärkungen zu kräf⸗ tigen, gingen auf Napoleon's Vorſchlag ein. Der Waf⸗ fenſtillſtand kam zu Stande*) und machte vor der Hand allen großen und kleinen Kämpfen, in denen die Frei⸗ ſchaaren und Parteigänger mit vielem Glücke gefochten hatten, ein Ende. 1 Jun 1813. 191 Elftes Cnpitel. Der Sänger der Freiheit. Vaterland, Du riefſt den Sänger Schwelgend in der Tage Glück. Blutig haſſend Deine Dränger Hielt nicht Lied und Liebe länger Seiner Seele Sturm zurück. Körner. Ein wundervoller Auguſtmorgen fand die todeskühne und von den Franzoſen ſo ſehr gefürchtete Freiſchaar Lützow's in der Nähe von Schwerin, in einem Gehölze gelagert. Kaum hatte der von den muthigen Kriegern ver⸗ wünſchte Waffenſtillſtand ſein Ende erreicht, ſo begann auch die Freiſchaar, die Napoleon in ſeinem Zorne eine Räuberbande nannte, auf's Neue ihre, dem Feinde ſo verderbliche Wirkſamkeit. Sie thaten dem franzöſiſchen Heere durch Wegnah⸗ me der Fvurage und Munition⸗Transporte, durch Auf⸗ fangen ſeiner Couriere und Aufhebung kleiner Corps un⸗ endlichen Schaden, und erbitterten Napoleon, der keine Mittel hatte, ihrer Wirkſamkeit Schranken zu ſetzen, auf das höchſte. Wie der Wind waren die kühnen Jäger bald hier bald dort, ſtets da und bereit, galt es einen Hand⸗ —— 192 ſtreich auszuführen, und verſchwunden, rückte eine größere Truppenabtheilung gegen ſie an. Unermüdlich in der Verfolgung der Franzoſen und ihrer Intereſſen, ſchützten ſie die Deutſchen vor Brandſchatzung und Plünderung einzelner Corps, und wurden überall freudig begrüßt und von den Stellungen und Abſichten der Feinde unterrichtet. Auch heute waren wieder Poſten ausgeſtellt, die nach einem Transport Lebensmittel und Munition aus⸗ ſchauten, von deſſen Ankunſt die wachſame Freiſchaar ge⸗ hört, und unterdeß hatten ſich die Tapferen in einem verſteckten Gehölze gelagert und jubelten in Vorahnung des neuen Kampfes. Getrennt von ihnen lag etwas tiefer im Gehölze, auf weiches Moos gebettet, ein ſchöner Jüngling, die Schreibtafel in der Hand, und mit begeiſterten Blicken emporſchauend in das grüne Blätterdach, durch welches ihm der Himmel im herrlichſten Blau entgegenſchim⸗ merte. Er hatte wohl eben aufgehört zu ſchreiben und ſein Geiſt ſann noch nach über den Gedanken, den er dem Papiere vertraut, denn ſein Auge blickte ſo lebhaft und eine hohe begeiſterte Freude ſtrahlte aus ſeinem ganzen Weſen. Das war Theodor Körner, Deutſchlands begeiſter⸗ ter Freiheitsſänger. Er ſah bleicher aus heute, als damals, wo wir ihn 193 bei der Einſegnung der Freiwilligen in Rogau begegne⸗ ten, denn er war noch nicht lange von einer ſchweren Kopfwunde geneſen, die er in einem Gefechte empfangen und die ihn längere Zeit kampfunfähig gemacht hatte. Vor Kurzem erſt war er, kaum geheilt, wieder zu ſeiner Schaar zurückgekehrt und war von da an als Lützow's Adjutant ſtets in deſſen nächſter Nähe. Jetzt, wo die Kameraden ſich in dem friſchen Gehölze beluſtigten, hatte er ſich zurückgezogen, unter einem Baume in das friſche Grün geworfen und gab ſeinen Gedanken die Freiheit, ſich in glühende Verſe zu verwandeln. Immer lauter und ſtürmiſcher ward die Unterhal⸗ tung ſeiner Freunde, laut ſchallend ertönten ihre Stim⸗ men an ſein Ohr und ihre Lieder tönten zu ihm herüber: Friſch auf, friſch auf, mit raſchem Flug! Frei vor uns liegt die WVelt, Wie auch des Feindes Liſt und Trug Uns rings umgattert hält. Steig' edles Roß und bäume dich, Dort winkt der Eichenkranz! Streich aus, ſtreich aus und trage mich Zum luſt'gen Schwertertanz.— Körner lächelte freudig, als er dieſe Klänge ſeines Liedes hörte; die Schreibtafel, auf der er wiederum ge⸗ ſchrieben hatte, ſank ihm aus der Hand, und des nahen 194 Kampfes gedenkend, ſprang er heftig auf, um zu den Ka⸗ meraden zurückzukehren. Da hörte er von Neuem die Stimmen der Sänger: Die Ehre iſt der Hochzeitgaſt, Das Vaterland die Braut; Ver ſie recht brünſtiglich umfaßt, Den hat der Tod getraut! Körner blieb ſtehen. Die Erinnerung an den Tod und die Braut hatte ihn mächtig ergriffen, er warf ſich wieder auf ſein Lager nieder und ſeine Gedanken flogen nach Wien, wo ſie weilte, die, neben dem Vaterlande, ihm das Höchſte war auf der Welt. Gar ſüß mag ſolch' ein Schlummer ſein In ſolcher Liebesnacht— tönte es weiter. Eine Angſt, ein unnennbares Sehnen faßte ihn. Der Gedanke, die Ahnung des Todes, die ihn in letzter Zeit ſchon auf allen Wegen begleitet hatte, kam auch jetzt über ihn und kämpfte einen harten Streit mit der Liebe zum Leben, in dem die holde Braut ihn mit ſüßem Lä⸗ cheln und glückverheißenden Blicken erwartete. Es war nicht Muthloſigkeit vder Feigheit, die ihn anfocht, die hat Körner nie gekannt, aber es war eine Trauer, von alle dem ſcheiden zu müſſen, was ihm theuer war, die ihn 195 weich ſtimmte und ſein Herz voll Angſt und Sehnſucht ſchwellte. Körner war ſo glücklich, ſo unendlich glücklich geweſen in Wien, wo er an der Seite der Geliebten, die ſein Herz ſich erkoren, ſo ſchöne Stunden verlebt hatte, er hatte das höchſte Glück, den ſchönſten Hochgenuß des Lebens, den ganzen Zauber und Schmelz der Ingend⸗ liebe empfunden; ſie hatte ihn geliebt ſo heiß, ſo innig, und nun ſollte er ſterben, ſterben fern von ihr, ohne noch einmal ſie geſehen zu haben!— Nicht einen Augenblick lang hatte er gezögert, als das Vaterland rief, ſeinem Rufe zu folgen, und ſeine Ge⸗ liebte hatte ihn geſegnet mit dem Segen der Liebe und ihn geweihet zum heiligen Kampfe durch ihren jungfrän⸗ lichen Brautkuß— muthig und begeiſtert war Theodor ausgezogen, um bei dem großen Werke zu helfen, welches Deutſchland befreien und es los machen ſollte von den ſchmählichen Feſſeln, die es ſeit ſieben Jahren umſchlan⸗ gen und gefangen hielten.— Aber heute, als von Neuem die Todesahnung mächtig über ihn kam, kämpfte ſie mit der Lebensluſt einen langen und heftigen Kampf, und heiße Thränen, der Geliebten geweiht, rannen über ſeine bleichen Wangen.— Theodor wähnte ſich allein, und ließ deshalb ſeiner Sehnſucht, ſeinem Schmerze freien Lauf. Er ließ das Herz kämpfen mit dem Muthe und der Be⸗ geiſterung, wußte er doch, daß letztere den Sieg erringen 196 müßten, und daß ſich ſein Schickſal erfüllen werde, möge es fallen wie es wolle.—„Nicht eher wollte er das Schwert aus der Hand legen, nicht eher ſeine Geliebte wiederſehen, bis Deutſchland frei ſei und er als freier Deutſcher ihr ſeine Hand reichen könne!“— So hatte er ihr geſchworen und Sieg oder Tod war ſein Loſungs⸗ wort. Theodor, ſich allein wähnend, hielt ſeinen Schmerz und ſeine Sehnſuchtsthränen nicht zurück; wußte er doch nicht, daß da ganz in ſeiner Nähe einer ſeiner Kameraden hinter einem Baume ſtand und ſeine Klagen hörte, ſeine Kämpfe ſah. Bleich und gebrochen ſtand der Lauſcher da, und jede Klage, jede Thräne ergriff ſein Herz, fand einen Widerhall auch in ſeiner Bruſt, die aus ähnlichen Wun⸗ den blutete. Theodor klagte um ſeine Geliebte und rief ſie mit ſehnſuchtsvollen Namen, und Johanna, das deut⸗ ſche Mädchen, denn ſie war es, die den Freund belauſchte, ſehnte ſich nach Albrecht, dem Geliebten ihrer Jugend, von dem ſie noch immer keine Nachricht erhalten hatte. Seit ſieben Jahren faſt hatte ſie nichts von ihm gehört, und nun hatte ſie die Heimat verlaſſen und in Lützow's muthiger Schaar ſchon manches Scharmützel mitgemacht, ohne je ein Wort über den Geliebten zu vernehmen. Vergebens hatte ſie angefragt bei allen preu⸗ ßiſchen Corps, mit denen ſie in Berührung kamen; Nie⸗ 197 mand kannte ihn, Niemand konnte ihr Nachricht von ihm geben, und da ſie nun, kurz vor dem erwarteten Gefechte, des allgemein verehrten Körner's Schmerz und ſeinen Kampf ſah, da er der Geliebten gedachte, da floßen auch Johanna's Thränen, und ganz gebrochen ſetzte ſie ſich nie⸗ der und weinte. Die luſtigen Lieder der Kameraden klangen fort und fort, und auch Körner hatte ſeinen Kampf zu Ende ge⸗ kämpft. Das Herz war dem Muthe unterlegen, die Ge⸗ liebte hatte ihn von Neuem geſegnet mit dem Kuße der Weihe und ihr Bild war zurückgedrängt in die Tiefen des Herzens; Körner war wieder der muchige Krieger, der begeiſterte Sänger. Und mit leuchtendem Blicke die Schreibtafel wie⸗ der ergreifend, überlas er die ſchon geſchriebenen Zeilen: Du Schwert an meiner Linken, Was ſoll dein heit'res Blinken? Schauſt mich ſo freundlich an, Hab' meine Freude d'ran. Hurrah! Mich trägt ein wack rer Reiter, Drum blink ich auch ſo heiter, Bin freien Mannes Wehr, Das freut dem Schwerte ſehr. Hurrah! Und begeiſtert ſchrieb er mit eiligen Zügen: 198 Ja, gutes Schwert, frei bin ich, Und liebe dich herzinnig, Als wärſt du mir getraut, As eine liebe Braut. Hurrah! Dir hab' ich's ja ergeben, Mein lichtes Eifenleben. Ach, wären wir getraut! Wann holſt du deine Braut? Hurrah! „Wann holſt du deine Braut?“ fragte er ſich ſelber, leiſe lächelnd.„Bald, mein Engel, wenn wir geſiegt haben, oder ich gefallen bin, dann bin ich ganz Dein! Und ſchlägt mein Stündlein im Schlachtenrath, willkommen dann ſe⸗ liger Soldatentod! Mein Mädchen wird mich bewei⸗ nen!“— Immer höher ſtrahlten ſeine dunklen Augen, im⸗ mer lichter und begeiſterter wurden ſeine Züge, und der Griffel flog immer ſchneller über das Papier, dem er ſeine Verſe anvertraute. Athemlos ſtand Johanna in ihrem Verſtecke und ſchaute dem ſchreibenden Dichter zu, der ihr nie ſo ſchön erſchienen war, als in dieſem Augenblicke der Begeiſte⸗ rung. Oft recitirte er ſeine Verſe und jubelte die muthigen laut hinaus in das friſche Grün des Waldes, und Johan⸗ na lauſchte andächtig den kräftigen Klängen des Schwert⸗ liedes, welches der Sänger der Freiheit dichtete. 199 Sie konnte nicht müde werden, ihm zuzuſchauen, und als er nun mit einem Freudenrufe die Schlußſtrophen re⸗ citirte: Drum drückt den liebeheißen Bräutlichen Mund von Eiſen An Eure Lippen feſt. Fluch, wer die Braut verläßt! Hurrah! Nun laßt das Liebchen ſingen, Daß helle Funken ſpringen! Der Hochzeitmorgen graut. Hurrah, du Eiſenbraut! Hurrah! und dann das Taſchenbuch ſchloß und aufſprang, da trat Johanna hervor und ging ihm entgegen. „Bravo, Theodor!“ rief ſie dem Erſtaunten zu;„ich ſchaute Dir zu, als Du dichteteſt, und hörte Deine letzten Verſe; ſie werden mich begeiſtern zum heutigen Kam⸗ pfe und mir Muth machen dem Tode gegenüber! Der Hochzeitmorgen graut; Hurrah, Du Eiſenbraut!“ „Muth brauchen Dir meine Verſe nicht zu machen, Du Tollkopf! Das weiß jeder in Lützow's Freiſchaar, daß Niemand unerſchrockener und todesverachtender iſt dem Feinde und ſeinen Kugeln gegenüber, als Du, Johann;aber dennoch danke ich Dir, mein Kamerad,“ erwiderte Körner 200 herzlich.„O wie freue ich mich, wenn ich ſehe, daß meine Lieder meine Freunde begeiſtern! Hurrah! Hörſt Du: Was glänzt dort im Walde im Sonnenſchein? Hör' näher und näher brauſen. Es zieht ſich herunter in düſtern Reih'n, Und gellende Hörner ſchallen darein, Und erfüllen die Seele mit Grauſen! Und wenn ihr die ſchwarzen Geſellen fragt: Das iſt Lützow's wilde verwegene Jagd. Die Brüder ſingen meine wilde Jagd— komm, laß uns eilen, daß wir mit ihnen fröhlich ſind.“ Da erſcholl plötzlich der Ruf einer Trompete durch den Wald, und die Beiden eilten, den Andern näher zu kommen. Sie fanden Alle bereits in kriegeriſcher Bewegung. Die ausgeſtellten Koſacken hatten die erwarteten Trans⸗ portwagen entdeckt, welche von zwei Compagnien Infante⸗ rie begleitet, langſam und ſorglos des Weges kamen, und Lützow zögerte nicht, dieſelben anzugreifen. Er ſelber ſtellte ſich an die Spitze ſeiner Tapferen und Körner war als Adjutant ihm zur Seite. Während ſie dem Feinde entgegenrückten, las Körner mit lauter Stimme ſein Schwertlied vor, das alle Herzen begeiſterte. Johanna, die ganz in ſeiner Nähe ritt, dankte ihm mit freundlichem Worte, und ſelbſt Lützow wandte ſich zu dem jugendlichen Sänger und wünſchte ihm Glück zu ſei⸗ nem friſchen Muthe. 201 „Nun zeigt ihn auch durch die That!“ rief er dann. „Hurrah! dort ſteht der Feind! D'rauf und dran!“ Und wie eine unheil⸗ und verderbenſchwangere Ge⸗ witterwolke flog Lützow's wilde Jagd in den Feind, der nach kurzem Widerſtande die Flucht ergriff, die Wagen ihrem Schickſale überließ und ſich in das nahe gelegene Gebüſch rettete. Unter lautem Siegesrufe folgten die Lützow'ſchen Jäger, ihnen voran Körner, deſſen kräftiges Pferd, durch den Zuruf des Reiters beflügelt, wie die Windsbraut dahinflog. Aber die Feinde hatten ſich im Gebüſche, das ihnen verdeckte Stellungen bot, wieder auf⸗ geſtellt und empfingen die Stürmenden mit einem dichten Kugelregen. Eine davon traf Körner's Pferd durch den Hals und ging weiter ihm in den Unterleib, daß er bewußt⸗ los zu Boden ſank. Mit lautem Schmerzensrufe ſprangen ſeine Freunde herbei, hoben den Verwundeten auf, trugen ihn hinweg und bereiteten ihm im nahen Hochwald ein bequemes La⸗ ger. Die Kugel hatte nur zu gut getroffen. Sie hatte das Rückgrat verletzt und es blieb wenig Hoffnung, daß hier Hilfe möglich ſei. Trauernd umſtanden ihn ſeine Freun⸗ de, ſtand Johanna neben ihm und ihre zarten Hände ſuch⸗ ten ihm jede Erleichterung zu bereiten. Ein geſchickter Wundarzt bot alle ſeine Kunſt auf, den Verwundeten zu retten; doch umſonſt, er ſah ein, daß menſchliche Hilfe 1860. VIII. Geſangen und Befreit. 13 202 vergeblich, daß der edle, begeiſterte Sänger dem Tode verfallen ſei. Johanna's Auge glühte. Sie hätte weinen mögen, und doch fehlten ihr die Thränen. Da lag er, der vor we⸗ nigen Stunden das herrliche Lied von Kraft und Muth gedichtet, und jetzt zeichnete bereits der Tod ſeine Linien auf dies Antlitz, und das Auge, welches nur ſelten noch aufſchlug, war nahe am Brechen. Der Sänger der Freiheit hatte den Tod gefunden, der ihm in trüber Stunde geahnt. Für ſein Vaterland, das ihm lieber geweſen, als Braut und Dichterruhm, war er geſtorben, und lag jetzt als eine ſchöne Leiche vor ſeinen trauernden Freunden. Keine Spur ſchmerzlicher Empfin⸗ dung entſtellte ſeine Züge, ſchöner und verklärter noch als im Leben leuchteten ſie und ein ſeliges Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Sicher waren ſeine letzten Gedanken bei der Gelieb⸗ ten und die Erinnerung an ſie verklärte ſein Ende. Johanna drückte ihm die Augen zu. Führ' uns!— Fall unſer Lvos Auch tief in Grabes Schvoß: Lob doch und Preis Deinem Namen! Reich, Kraft und Herrlichkeit Sind Dein in Ewigkeit! Führ' uns, Allmächtiger!— Amen. 203 Zwülftes Capitel. Blücher an der Katzbach. O ſchauet, wie ihm leuchten bie Augen ſo klar! O ſchauet, wie ihm wallet ſein ſchneeweißes Haar! So friſch blüht ſein Alter, wie greiſender Wein, D'rum kann er Verwalter des Schlachtfeldes ſein. E. M. Arndt. Eine der ſchönſten und edelſten Geſtalten in dem glorreichen Befreiungskriege, jedenfalls aber die, deren Andenken amtiefſten im Volke wurzelt, iſt General Blücher, der Held im Silberhaar, der greiſe Sieger an der Katz⸗ bach und bei Möckern. Sein Gedächtniß iſt tief in das Volk gedrungen und neben dem alten Frit ſteht im Herzen Aller auch der alte Blücher, der greiſe Marſchall Vor⸗ wärts ohne Furcht und Tadel. Selten beſaß ein Feldherr ſo die allgemeine Liebe, ſo unbegränztes Vertrauen, als Blücher. Der König ehrte ihn, das Heer betete ihn an als ſeinen Vater und treuen Berather und Gefährten in Mühſal und Beſchwerden, als den unerſchrockenſten und kühnſten Anführer im Gefechte, und das Volk hoffte auf ihn, als auf den Erlöſer von der Knechtſchaft der Fran⸗ zoſen. Schon im ſiebenjährigen Kriege hatte Blücher mit⸗ gefochten und ſich bei Kummersdorf und Freiberg durch 13* 204 Tapferkeit hervorgethan; nach dem Hubertsburger Frie⸗ den blieb er als Rittmeiſter beim Heere, wo er ſich durch allerlei tolle Streiche auszeichnete. Aus dieſem Grunde wurde er bei der nächſten Beförderung übergangen und ihm ein anderer Offizier im Avancement vorgezogen. Kaum erfuhr dies Blücher, als er ſich voller Wuth niederſetzte und einen ebenſo lakoniſchen als groben Brief an Friedrich den Großen ſchrieb: „Der von Jägersdorff, der kein anderes Verdienſt hat, als der Sohn des Markgrafen von Schwedt zu ſein, iſt mir vorgezogen; ich bitte Ew. Majeſtät um meinen Abſchied.“ Der König, der nicht gewohnt war, in ſolcher Sprache angeredet zu werden, ließ ihn ſtatt aller Ant⸗ wort in Arreſt ſchicken. Allein wenn er glaubte, Blücher dadurch zu heilen, ſo irrte er; ſobald dieſer frei war, ver⸗ langte er von Neuem ſeinen Abſchied, und der König ant⸗ wortete ihm:„Der Rittmeiſter Blücher iſt aus ſeinem Dienſte entlaſſen und kann ſich zum Teufel ſcheeren.“ Bald darauf verheirathete ſich Blücher und über⸗ nahm das Gut ſeines Schwiegervaters, das er mit Um⸗ ſicht und Glück bewirthſchaftete; die Edelleute ſeines Kreiſes wählten ihn auch zum Landrathe— aber Alles genügte dem unruhigen Geiſte nicht, der Soldat ſteckte in ihm und war nicht herauszubringen. 205 Als der baierſche Erbfolgekrieg begann, wollte Blücher wieder in die Armee treten, allein Friedrich der Große hatte ſeine Grobheit noch nicht vergeſſen und wies ihn ab. Erſt unter Friedrich Wilhelm II. trat Blü⸗ cher als Major wieder ein, machte den Feldzug nach Holland mit und zog dann zur Zeit der franzöſiſchen Re⸗ volution mit nach Frankreich, von deſſen Nation er ſein Lebelang ein abgeſagter Feind war und blieb. Im Jahre 1806 war er bei der Schlacht bei Jena, ſchlug ſich nach derſelben mit einem tapfern Haufen bis Lübeck durch und gab ſich, wie wir früher ſchon erzählt, erſt dann gefangen, als ihm Munition und Proviant fehl⸗ ten und er keine Schiffe fand, um ſich einzuſchiffen. Bald jedoch ward Blücher gegen einen franzöſiſchen General ausgetauſcht, durfte jedoch nicht wieder in das Heer eintreten, da Napoleon, wohl wiſſend, daß Blücher ſofort wieder gegen ihn vperiren würde, den König von Preußen zwang, den gefürchteten Haudegen in den Ruhe⸗ ſtand zu verſetzen. Der mehr als ſechzigjährige Greis weinte bitterlich, als er ſich von ſeiner treuen Klinge trennen ſollte, und er ließ dem Könige ſagen, daß er zwar willig ſeinem Befehle gehorche und ſich auf ſein Landgut zurückziehe; käme aber die Zeit der Noth, wo es gelte, die Feſſeln des Vaterlandes abzuſchütteln, dann würde auch er auf dem Platze ſein, einer der Erſten unter den Erſten. 206 Der Krieger konnte ſich nicht wieder an das einför⸗ mige Landleben gewöhnen; draußen tobte der Kampf, ſein ſchönes Vaterland ſank immer tiefer in Schmach und Schande, der Frieden zu Tilſit machte es zu einem Schat⸗ ten ſeiner früheren Größe, Napoleon und die ihm ver⸗ haßten Franzoſen geberdeten ſich immer übermüthiger als Herren von Deutſchland, die edelſte der Frauen, Königin Louiſe ſank aus Gram um Deutſchland in's Grab— und Blücher mußte unthätig auf ſeinem Landgute ſitzen, konnte und durfte nicht dreinſchlagen, nicht den verhaß⸗ ten Erbfeind Deutſchlands vernichten!— Der Schmerz und Gram hierüber wirkte ſehr nachtheilig auf den Greis und ſchwächte ſeine Geiſteskräfte, ſo daß er zuletzt ganz kränklich ward. So kam das Jahr 1812 heran. Napoleon zog nach Rußland, und die Hand des Herrn vertrieb ihn mit Schrecken aus dieſem Lande und ſchlug ſein Heer mit Vernichtung. Auch in Deutſchland fing es an, ſich zu re⸗ gen, und Blücher, der trotz ſeines Stumpfſinns für Alles, was das Vaterland betraf, ſtets aufmerkſamen Ohres war, klang es wie die Oſterglocken der nahen Frei⸗ heit. Wie auf einen Schlag war bei dem alten Helden die Elaſticität und Lebendigkeit des Geiſtes wieder da; der ſiebzigjährige Greis fühlte ſich voll Jünglings⸗ muth und Iugendkraft, und ſeiner weißen Haare lachend, 207 ſchwang er ſich munter auf das Pferd und regierte ſei⸗ nen Degen wie in den Zugendjahren. Wie er verſprochen, war er einer der Erſten auf dem Platze, in der Nähe ſeines Königs, der den alten tapfern Handegen mit Freu⸗ den willkommen hieß. Das war der jugendliche Greis, der Held im Sil⸗ berhaar, der Vater Blücher, oder Marſchall Vorwärts, wie das Volk ſeinen Liebling nannte, und nach den Schlachten von Lützen und Bautzen fanden wir ihn grollend, daß man nicht ſeinem Rathe gefolgt war und Napoleon angegriffen hatte, ſtatt ſich angreifen zu laſſen, mit ſeiner Armee nach Schleſien ziehend. Da ward am 24. Juni der Waffenſtillſtand geſchloſſen und Blücher fürchtete nicht mit Unrecht, daß ein unrühmlicher Frie⸗ den daraus erwachſen würde. Die Herren Diplomaten waren keine Freunde des Dreinſchlagens und Blücher's kräftiges Syſtem war ihnen zuwider. Sie wollten Alles mit der Feder aus⸗ fechten, und wäre nicht ein beſonderer Umſtand eingetre⸗ ten, ſo hätte Blücher vielleicht mit ſeinen Befürchtungen Recht behalten und dem Willen des Volkes und Heeres zuwider, die nur in Napoleon's gänzlicher Vernichtung, in ſeinem Sturz von dem unrechtmäßigen Throne, Heil ſahen, hätte man mit Napoleon einen Frieden geſchloſſen, der dieſem Macht genug gelaſſen hätte, um zu gelegener 208 Zeit ſeine Eroberungsgelüſte wieder zeigen und befriedi⸗ gen zu können. Die verbündeten Monarchen ſahen ſich, Napoleon's Macht gegenüber, noch immer im Nachtheil, und ſtets mußten ſie fürchten, daß ſeine Uebermacht den entſcheidenden Sieg erringe. Oeſterreich ward als vermittelnde Macht angenom⸗ men, und Graf Metternich reiſte nach Dresden, um mit Napoleon zu unterhandeln. Aber dieſer kränkte den mäch⸗ tigen Staatsmann durch beleidigende Reden, die Ver⸗ mittelungsverſuche ſchlugen dadurch fehl und es ward ein Congreß zu Prag beſchloſſen. Aber auch hier ſtritt man ſich um Kleinigkeiten, bis der Waffenſtillſtand zu Ende ging und die Geſandten der Verbündeten ihre Vollmach⸗ ten für erloſchen erklärten. Der Congreß hatte nichts bezweckt, und obgleich Napolevn nun alle verlangten Zugeſtändniſſe machte, die Schweiz freigeben, den Rheinbund auflöſen, Illyrien an Oeſterreich und an Preußen alle ſeit 1806 geraubten Staaten zurück geben wollte, gingen doch die Geſandten auf nichts mehr ein und Metternich erklärte kalt: „Zetzt ſei es zu ſpät.“ Napoleon's kränkende Worte hatten den ſtolzen Staatsmann verletzt, und dieſem Umſtande dankt es viel⸗ leicht Deutſchland, daß der beabſichtigte Friede nicht zu Stande kam. Der Kampf ſollte von Neuem beginnen, 209 das Schwert entſcheiden, doch ſollten Preußen und Ruß⸗ land nun nicht mehr allein ſtehen. Oeſterreich, für Deutſchlands Vortheile alle Privatverhältniſſe hintan⸗ ſetzend, erklärte ſich für die Sache der Verbündeten und erließ die Kriegserklärung gegen Napoleon*). Zweihunderttauſend Mann tapfere Truppen, wie Preußen und Ruſſen bereit, die Schmach früherer Jahre blutig abzuwaſchen, ſtießen zu den Verbündeten, der Kronprinz von Schweden führte ihnen das tapfere nor⸗ diſche Heer zu, und Napoleon's Lage ward dadurch heftig bedroht. Er mußte das ſelber auch fühlen und immer mehr ſeine trüben Ahnungen beſtätigt ſehen, die ſeit Moskaus Brande ihn öfter überkamen; der ſtolze Kaiſer machte von Neuem Friedensvorſchläge und ſchlug ſogar vor, während daß man ſich ſchlüge noch zu unterhandeln. Aber die verbündeten Preußen, Ruſſen, Oeſterrei⸗ cher und Schweden und vor Allem Napoleon's Erbfeind, England, welches die Verbündeten durch Geld unter⸗ ſtützte, erklärten ſich heftig dagegen, die Völker wollten Untergang der Franzoſenherrſchaft und das Schwert ſollte entſcheiden. Beide Parteien hatten den Waffenſtillſtand trefflich ) 13. Auguſt 1813. 210 benutzt und ſtanden einander auf das beſte gerüſtet und neu geſtärkt gegenüber. Blücher hatte den Oberbefehl über die ſchleſiſche Armee erhalten, und trat das Commando unter der Bedingung an, den Feind anzugreifen, wo er es für nöthig und zweckmäßig halte. Zwar hatten die Diplomaten, die Partei der Vorſichtigen, den greiſen Feldherrn vom Commando auszuſchließen verſucht, da ihnen ſeine derbe und kräftige Kriegführung ein Gräuel war, aber des Königs Achtung und Kaiſer Alexander's Vorliebe für den Helden, ſo wie die Stimme des Kron⸗ prinzen Bernadotte von Schweden, der ihn 1806 als Gegner hatte ſchätzen lernen, ſiegten über die Partei und Blücher ward als Oberfeldherr berufen. Leider herrſchte in ſeinem Lager nicht der rechte Geiſt, welchen er bei ſeinen Kriegern wünſchte; die Ruſſen unter Langeron waren mißvergnügt, daß ein fremder Oberfeldherr ſie befehligen ſolle, und bei den Preußen mangelte Manches an der Ausrüſtung, worüber man un⸗ zufrieden war und klagte. Obendrein hatte ihn die ihm feindliche Partei mit ſchwer zu behandelnden Unterfeld⸗ herren umgeben, mit dem ſtarrſinnigen York und dem reizbaren Sacken; dies vermehrte noch die Verwirrung. Blücher ſah ein, daß ein ordentlicher Sieg nöthig ſei, um den guten Geiſt der Truppen wieder herzuſtellen und„ſo viele Köpfe unter einen Hut zu bringen“. Sein 211 Generalſtabschef und treuer Rathgeber war ſeit des edlen Scharnhorſt's Tode Gneiſenau, der Vertheidiger von Colberg, und beide Männer, den Greis und den jun⸗ gen Mann umſchlang bald ein Band edler Freundſchaft. Gneiſenau, der ruhige, beſonnene und wiſſenſchaftlich ge⸗ bildete Offizier, entwarf die Pläne, die ganz in Blücher's Geiſte waren, und von dieſem neidlos anerkannt und ſtets auf das herrlichſte ausgeführt wurden. Gneiſenau, dem das Commando des preußiſchen Armeecorps beim Nordheere beſtimmt geweſen war, hatte dies ausgeſchla⸗ gen, um an Scharnhorſt's Stelle bei dem alten verehr⸗ ten Helden zu bleiben und wie dieſer als Generalſtabs⸗ chef ſein Helfer und Berather zu werden. Auf ihn konnte Blücher ſicher rechnen. Gneiſenau und das preußiſche Heer waren ihm unbedingt ergeben; nur die Ruſſen und ihre Feldherren widerſtrebten. Blücher und Gneiſenau, dieſe beiden Männer ne⸗ beneinander, waren ein Segen für die Armee, und nicht mit Unrecht ſagt Rückert: „Der Blücher hat die Macht, Der Gneiſenau den Bedacht; Drrum hat's Gott wohl gemacht, Der ſie zuſammen gebracht!“ Am 20. Auguſt war Napoleon mit ſeinen Garden ſelber bei dem Heerestheile angekommen, dem Blücher 212 gegenüber ſtand, um dieſem in Schleſien eine entſchei⸗ dende Niederlage beizubringen und ſich dann mit ganzer Kraft gegen das böhmiſche Hauptheer zu wenden, welches Dresden bedrohte. Mit Napoleon's Erſcheinen begann ſogleich ein neues Leben; er ließ bei Löwenberg eine Brücke über den Bober ſchlagen, ſeine Truppen ſetzten über, und es blieb kein Zweifel, daß er Willens ſei, das ſchleſiſche Heer anzugreifen. Aber Blücher ließ ſich auf keine Schlacht ein, ſondern zog ſich hinter die Katzbach zurück. Es war verabredet zwiſchen den verbündeten Heeren, daß ſie ſich, ſobald Napoleon ein einzelnes Corps mit Ueber⸗ macht bedrohe, zurückziehen wollten, um dem Haupt⸗ heere die Schlacht zu überlaſſen. So geſchah es auch hier, und Napoleon mußte, da er erfuhr, daß Dresden von dem böhmiſchen Hauptheere der Verbündeten ſchwer be⸗ droht ſei, ſich von Blücher abwenden, zog mit ſeinen Truppen über Görlitz ab und ließ nur 75.000 Mann unter Macdonald zurück, mit welchen dieſer Blücher wei⸗ ter nach Schleſien zurückwerfen ſollte. Am 26. Auguſt begann Macdonald den Uebergang über die Katzbach, um Blücher, den er noch in ſeiner Stellung bei Jauer vermeinte, anzugreifen und zu ſchla⸗ gen. Aber Blücher hatte aus dem Stillſtande der fran⸗ zöſiſchen Unternehmungen und aus der Lauigkeit im Vor⸗ 213 rücken geſchloſſen und war durch ſeine Kundſchafter darin beſtätigt worden, daß Napoleon das Heer verlaſſen hatte, und er beſchloß ſofort, ebenfalls die Katzbach wieder zu überſchreiten und den Feind anzugreifen. Erneute Unordnungen in ſeiner Armee, die beſon⸗ ders durch die Widerſetzlichkeiten des ruſſiſchen Generals Langeron herbeigeführt wurden, ließen Blücher eine Schlacht als unumgänglich nothwendig erſcheinen, um das Intereſſe der Truppen zu concentriren. So hatten die beiden Heere ein Ziel, den Ueber⸗ gang über die Katzbach, und rückten einander entgegen, ohne es zu ahnen. Es hatte ſchon an den früheren Tagen Regen gege⸗ ben, heute aber goß es in Strömen, und der ſchon erweichte Lehmboden wurde ſo unhaltbar, daß die Truppen darin faſt verſanken und nur unter unendlichen Mühſeligkeiten vorwärts kommen konnten. Die Katzbach, die als kleiner unbedeutender Strom bei Goldberg aus dem Gebirge bricht und ſich, von ſanften Höhen begleitet, nach der Oder hinwendet, und die wilde Neiſſe, die ſich zwiſchen Goldberg und Liegnitz in die Katz⸗ bach ergießt, ſind ſonſt ganz unweſentliche Flüßchen; heute aber, durch die Regengüſſe und durch das Gebirgswaſſer angeſchwellt, waren ſie zu reißenden Strömen geworden und die wilde Neiſſe machte ihrem Namen alle Ehre. 214 So rückten die beiden Heere einander näher, ohne bei dem trüben Wetter, das kaum die Umſicht von einigen hundert Schritten geſtattete, einander ſehen zu können. Endlich erfuhr Blücher, daß die Franzoſen die Katz⸗ bach bereits überſchritten hätten; doch glaubte er, es ſei dies nur ein Recognoscirungscorps, und ließ ruhig weiter rücken. Bald aber wurden die Meldungen vom Vorrücken des Feindes ſo beſtimmt, daß Blücher den Marſch ſeiner Truppen aufhalten ließ und befahl, ſich zwei Stunden lang in gedeckter Stellung zu halten, bis dahin müſſe es ſich entſchieden haben, ob man den Feind vor ſich habe oder nicht. Bald hatte es ſich entſchieden, und Blücher war er⸗ freut, die Schlacht, die er jenſeit des Waſſers hatte ſuchen wollen, ſchon dieſſeit zu finden. Er änderte ſchnell ſeinen Plan und befahl um zwei Uhr die Schlacht zu beginnen. Bis dahin hatten die Franzoſen die wilde Neiſſe über⸗ ſchritten, und trotz des immer noch ſtrömenden Regens ſollte der Waffentanz beginnen, dem der Heldengreis mit Zünglingsmuthe entgegenjubelte. Er mußte, er mußte heute einen doppelten Sieg erringen; der Sieg über die Franzoſen mußte auch die böſen Feinde in ſeiner Armee unterdrücken, und er konnte deshalb kaum den Beginn des Kampfes erwarten. Auf ſeiner heiteren Stirn thronten edle Ruhe und 215 Vertrauen, ſein freies Auge leuchtete vom kühnen Blitze des echten Heldenfeuers und in ſeinen Zügen malte ſich ein hoher Siegesmuth. Freude ſtrahlend ritt er von einer Schaar ſeiner tapferen Truppen zur anderen, die, wie er ſelber vor Schlachtluſt glühten, und rief ihnen heiter zu: „Nun Kinder, heute gilt's! Heute ſollt ihr beweiſen, ob ihr euer Vaterland und euren König liebt! Dort iſt der Feind— auf, und zeigt euch als wackere Preußen!“ „Hurrah, Vater Blücher!“ war die tauſendſtimmige Antwort, und in demſelben Augenblicke begannen die Ge⸗ ſchütze, vom Taubenberge aus, den Feind mit ihren Kugeln zu begrüßen. „Nun Kinder,“ rief Blücher jetzt,„nun habe ich Franzoſen genug herüber! Nun man vorwärts!“ Und mit dem ſtürmiſchen Rufe:„Es lebe der Kö⸗ nig!“ ſtürzten die tapferen Truppen auf den Feind. Der Angriff der Ruſſen und Preußen geſchah mit Ungeſtüm, doch ward er von glänzender Tapferkeit em⸗ pfangen. Das franzöſiſche Heer ſchlug ſich ausgezeichnet und begrüßte die ungeſtümen Angreifer mit kalter verderbli⸗ cher Ruhe. Seinen Mittelpunkt bildeten Batterien, die auf beiden Seiten durch das Fußvolk gedeckt waren, welches ſich in zwei Vierecken aufgeſtellt hatte, und dieſe ſchleuder⸗ ten den Stürmenden Tod und Verderben entgegen. Aber 216 die Muthigen wichen nicht, und ob auch das Feuer der Batterien ſie ſchaarenweis niederſtreckte, immer neue Schaa⸗ ren drangen wieder vor, bis dicht vor den Feind. Das waren die tapferen Brandenburger, die mit dem Rufe:„Drrauf!“ ihre Gewehre umkehrten und mit den Kolben dreinſchlugen, daß das eine Viereck bald auseinander geſprengt war, während das andere mit den Batterien ſich eiligſt zurückzog. Nun ward der Kampf allgemein und auf beiden Seiten um ſo erbitterter, da man nicht feuern konnte, ſondern nur mit Bayonett und Kolben auf einander los⸗ drang. Blücher ſelber war mitten im Gefecht und ermun⸗ terte ſeine Soldaten durch kräftigen Zuruf überall, wohin er kam. „Höre, Vater Blücher! heute geht es gut!“ riefen ihm die Truppen zu, wenn er vorbei ſprengte, und ſtürzten ſich, durch das freundliche Grüßen des Feldherrn und durch ſeine Antwort:„Kommt noch beſſer! Paßt man auf!“ beglückt, mit Todesverachtung in den Feind. Was kümmerten Blücher heute ſeine ſiebzig Jahre, heute, wo es zu ſiegen galt, um die Ehre des Namens und der Nation zu retten?— „D'rauf und d'ran! Immer vorwärts! Schlagt Alles nieder, und was ſich nicht ergibt, treibt in die Katzbach!“ rief der Held, und die Waſſer, als freuten ſie ſich der ihnen zugedachten Beute, rauſchten höher und gewalti⸗ ger auf, und die dunklen Wogen ſtürzten grollend über⸗ 217 einander, als wollten ſie Alles unter ſich begraben, was ihnen nahe käme. Da ward der eine Flügel der Verbündeten von der franzöſiſchen Reiterei heftig bedrängt, die ſtürmiſch die preußiſche zurückwarf und die Infanterie wie die Batte⸗ rien bedrohte, welche eilig den Rückzug nehmen mußten— das war ein Moment, in welchem der Erfolg der Schlacht auf dem Spiele ſtand und wo der Sieg ſchwankte. Kaum aber bemerkte dies Blücher, ſo war er wieder der kühne Huſar aus ſeiner Jugend, und überall in den vorderen Reihen hatte er bald ſeine Reiter geſammelt und warf ſich an der Spitze derſelben dem Feinde entgegen. Hei, wie flatterte ſein Silberhaar im Winde, als er mit geſchwungenem Säbel ſeinem Reitergeſchwader voran ſprengte und ſein lautes:„Vorwärts!“ erſchallen ließ, welches Alle, die es vernahmen, electriſirte! Sein Angriff warf die Feinde zurück, und bevor ſie Zeit hatten, ſich wieder zu ſammeln, war auch das Fuß⸗ volk mit Verſtärkung vorgerückt, die Ruſſen faßten den Feind in die Flanke und er ward vollſtändig geworfen. Ein Haufen hielt noch Stand und vertheidigte ſeine Stellung auf das tapferſte. Vergeblich hatten die Preußen ſchon mehrmals ihn zu verdrängen geſucht, er ſpottete aller Anſtrengungen, und der Adler erhob ſich kühn und 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 14 218 ſtolz und blickte wie verachtungsvoll auf die Preußen nieder. Da ſtürmten dieſe von Neuem. Ein wüthender An⸗ griff fand Statt und die Bayonette lichteten die Reihen der Feinde. Aber noch immer ſtanden ſie; da ſprang ein Offizier mit dem Degen in der Hand muthig vor, hieb Alles um ſich her nieder, verwundete den Träger der Standarte und riß ihm den Adler aus der Hand, den er eiligſt zu Boden ſinken ließ. Jetzt erſt fühlte er ſeine Wunden und ſank, die Trophäe feſt umſchlungen haltend, nieder, während die Franzoſen, welche ihren Adler gefal⸗ len ſahen, haſtig die Flucht ergriffen. Blücher hatte dieſen Vorfall geſehen, wie denn ſeinem Adlerauge ſelten eine kühne That entging; er merkte ſich das Regiment und ſprengte weiter, den Feind gänzlich zu überwältigen. Die feindliche Reiterei, durch Blücher's Angriff ge⸗ worfen, ſtürzte zurück auf das hinten aufgeſtellte Fußvolk, brachte dieſes in Verwirrung, und Blücher, dies bemerkend, gab ſogleich Befehl zum allgemeinen Vorrücken. Die Feinde konnten ſich nicht wieder ſammeln und eilten in wil⸗ der Flucht der Katzbach und der wilden Neiſſe zu, deren Waſſerwogen immer drohender und gefährlicher rauſchten. Brücken und Stege waren hinweggeriſſen, und die geängſtigten Franzoſen, welche hinter ſich bereits das laute Hurrah! der verfolgenden Preußen vernahmen, ſtürzten 219 verzweiflungsvoll in die Fluthen, von denen ſie meiſt ſo⸗ gleich erfaßt und wüthend hinweggeriſſen wurden. Nur Wenige erreichten, regellos, erſchöpft, durchnäßt und ohne Waffen, das jenſeitige Ufer und wurden meiſt noch gefangen genommen. Alles, was nicht ſein Heil im Waſſer ſuchte, mußte ſich den Siegern ergeben; nur Wenige entkamen, und die Verbündeten hatten einen glänzenden Sieg erfochten, der die Verehrung für Blücher beſonders bei den Ruſſen und Koſacken auf das fabelhafteſte ſteigerte. Langeron, der ſich zuerſt nicht an der Schlacht be⸗ theiligt und ſogar zum Rückzuge angeſchickt hatte, ſchämte ſich, als er von dem Siege vernahm, und machte ſeinen Fehler durch kräftige und glückliche Verfolgung des Fein⸗ des wieder gut. Der Erfolg dieſer Schlacht war ungeheuer und die Preußen nutzten ihren Sieg auf das beſte. Eine lebhafte Verfolgung warf den Feind aus Schleſien und jagte ihm noch viele Trophäen und Gefangene ab. Blücher aber ſuchte das Regiment auf, welches er im Kampfe beobachtet hatte. Der Hauptmann Albrecht von W., derſelbe, welchen Blücher ſo kühn in den Feind drin⸗ gen und die feindliche Standarte nehmen ſah, lag verwun⸗ det darnieder. Blücher verlangte ihn jedoch zu ſehen, ließ ſich zu ihm führen, dankte ihm für ſeine Tapferkeit und 14* 220 ernannte ihn zum Major, indem er die Hoffnung aus⸗ ſprach, ihn recht bald wieder auf dem Schlachtfelde zu ſehen. Albrecht dankte dem edlen Greiſe, der ein zürnen⸗ der Kriegsgott in der Schlacht, außer derſelben in ſeiner gutmüthigen Derbheit ſo liebenswürdig war, und verſprach ihm, er ſolle bald von ihm hören. Die Begeiſterung für Blücher ſtieg von Tage zu Tage, und beſonders waren es die Ruſſen, die jetzt für ihn ſchwärmten, ihn für einen Geweihten des Herrn, für einen Streiter Gottes hielten und in ihrem Aberglau⸗ ben ihn faſt anbeteten. Auch die Feldherren, durch den Erfolg des Tages beſchämt, näherten ſich dem Helden, und dieſer, alles Ver⸗ gangene der Vergeſſenheit übergebend, freute ſich mit ihnen der Gegenwart. Ein Tag hatte alle Mißhelligkeit und Unzufriedenheit gehoben; Jeder diente mit Freuden unter Blücher, und das ſchleſiſche Heer gewann durch dieſen Sieg jene moraliſche Kraft, die es im weitern Verlaufe des Krieges zu ſo kühnen und erfolgreichen Thaten be⸗ fähigte. Aber nicht blos ſein Heer und Schleſien, nein— ganz Deutſchland und die verbündeten Heere und Monar⸗ chen frohlockten über den glänzenden Sieg des alten Haudegen, der ſich ſo ſchön dem bei Großbeeren anreihete, welchen Bülow und der Kronprinz von Schweden über 221 Dudinot und über das Heer, welches Berlin erobern und beſetzen ſollte*), errungen hatten. In Berlin, wo man angſtvoll einen Beſuch der Feinde gefürchtet, und wo man jeden Kanonenſchuß der Schlacht vernahm, ſah man voll böſer Befürchtungen dem Ausgange des Kampfes entgegen, der über das Schickſal der preußiſchen Hauptſtadt entſcheiden ſollte, und unge⸗ heure Freude und ein unermeßlicher Jubel belebte ganz Berlin, als man von dem Siege vernahm. Alles ſtürzte hinaus nach dem Schlachtfelde, die Verwundeten wurden verbunden und ſorgfältig nach der Stadt gebracht; ganze Ladungen Lebensmittel und Erfriſchungen wurden hinaus⸗ geführt, die erſchöpften Truppen zu pflegen, und als dieſe am anderen Tage in Berlin einrückten, fand der Jubel kein Ende. Dieſe beiden Siege waren von unendlicher Wichtig⸗ keit und von den umfaſſendſten Folgen. Ihnen geſellte ſich einige Tage ſpäter noch der Sieg bei Kulm zu, der den Oberfeldherrn der franzöſiſchen Armee Vandamme mit 10.000 Mann zu Gefangenen machte; und dieſen Siegen gegenüber erſchien die Niederlage bei Dresden leicht er⸗ träglich, obgleich ſich hier Napoleon noch einmal in ſeinem ganzen Feldherrnglanze zeigte, freilich ohne ſich beſondere ) 23. Auguſt 1813. 222 Vortheile zu verſchaffen, da die Verbündeten, die ihn an⸗ gegriffen hatten, ſich in beſter Ordnung zurückzogen. Dieſe Niederlage ſchwächte nicht im Geringſten die Vortheile, welche die Verbündeten aus ihren ſchönen Sie⸗ gen zogen, unter denen der an der Katzbach der glänzendſte und folgenreichſte war. Blücher, deſſen Rath man bei Lützen und Bautzen nicht beachtet, hatte ſeinen Gegnern eine glänzende Probe ſeines Huſarenſyſtems gegeben und den Federfuchſern, wie er die Diplomaten nannte, gezeigt, wie man Krieg führen müſſe. Die herrlichſte Anerkennung der verbündeten Monarchen ward ihm zu Theil und er ward, wie er ſelber zu ſeinem treuen Freunde und Gefährten Gnei⸗ ſenau ſagte, nach dieſem Siege alle Tage jünger und thatkräftiger. Gneiſenau, der edle Vertheidiger von Colberg, blickte ſtaunend auf den alten Helden und verehrte ihn, gleich dem ganzen Heere, wie einen Vater. 223 Prrizehntes Capitel. Leipzig. Ihr Völker, jauchzet freudetrunken, Stimmt an: Nun danket Alle Gott; Der Feind iſt in den Staub geſunken, Es ward ſein ſtolzes Heer zum Spott, Der Erd' und Himmel hat erſchüttert, Sein Speer iſt wie ein Halm zerſplittert, Sein Blut färbt Fluth und Auen roth. Dr. Förſter. Die Siege bei Großbeeren, Dennewitz, Kulm und an der Katzbach hatten den Verluſt bei Dresden mehr als vollſtändig ausgeglichen, und Napoleon, der ſo große Hoffnungen auf dieſen ſeinen Sieg geſetzt hatte, ſah ſich alle Vortheile deſſelben aus der Hand gewunden und ſeine Operationslinie auf allen Punkten erſchüttert. Wäh⸗ rend in ſeinem Heere Entmuthigung ſich zeigte und das Vertrauen zu ſeinen Adlern zu wanken begann, kräftigte ſich daſſelbe in den verbündeten Heeren immer mehr und ſtieg beſonders im ſchleſiſchen bis zur Verehrung für Blücher und ſeinem kräftigen Heldenmuth. Der jugend⸗ friſche Geiſt dieſes Greiſes, der ſeiner ſiebzig Jahre ſpottete und ſich zum Züngling im Silberhaar wandelte, riß Alles mit ſich fort, alle Generale beugten ſich willig vor ihm, den ſie bewunderten, und die Truppen hingen — 224 an ihm, wie an ihrem Freund und Vater in guten und in böſen Zeiten. Muth und Eifer für die gemeinſame Sache waren durch die Siege neu gekräftigt, und das Heer mit dem Führer wie der Führer mit dem Heer waren ein Herz und eine Seele geworden, treu verbunden durch gemein⸗ ſame Gefahren, Kampf und Sieg. Blücher gönnte ſeinen Schaaren nach der Schlacht an der Katzbach nur einen Tag zur Siegesfeier, dann rückte er weiter nach Sachſen zu und bezog ein Lager an der Landskron. Er kannte nicht Raſt noch Ruhe, ſo lange Napoleon noch in Deutſchland ſtand, ſo lange er über⸗ haupt noch als Kaiſer exiſtirte. Sein Ziel, das er nie aus den Augen ließ, war Paris, und ſein Geiſt war un⸗ ermüdet thätig, die ſicherſten und kürzeſten Wege dahin zu entdecken. Die verbündeten Monarchen, wohl einſehend, daß die Bewegungen des böhmiſchen Hauptheeres noch zu langſam und ſchwerfällig ſeien, wodurch es kam, daß daſ⸗ ſelbe auch noch gar keine Erfolge errungen hatte, beſchloſſen, das ſchleſiſche Heer unter Blücher ſich mit demſelben ver⸗ en zu laſſen, wohl wiſſend, wie dieſes Greiſes jugend⸗ Thatkraft Alles mit ſich fortreißen würde. So erhielt Blücher und auch das Nordheer, unter dem Kronprinzen von Schweden, Anweiſung, ſich dem 225 böhmiſchen Heere zu nähern; in den Ebenen Sachſens hoffte man eine große Entſcheidungsſchlacht zu ſchlagen. Blücher folgte dem Rufe ſogleich und auch der Kronprinz verſprach den Uebergang über die Elbe zu bewerkſtelligen. Während Sacken mit ſeiner Cavallerie bei Großen⸗ hain die Feinde neckte und beſchäftigte, bog Blücher mit ſeinen Truppen rechts ab, marſchirte bis Jeſſen und ließ ſchnell eine Brücke zum Uebergange herſtellen. Da aber der Kronprinz mit dem Nordheere keine Anſtalten machte, ſeinerſeits ebenfalls den Uebergang zu bewerkſtelligen, und ruhig in ſeinem Lager blieb, wandte ſich General Ber⸗ trand, der dem Nordheere gegenüber ſtand, eiligſt nach Jeſſen hin und bezog dem ſchleſiſchen Heere gegenüber eine feſte verſchanzte Stellung bei Wartenburg, noch ehe Blücher den Uebergang hatte vornehmen können. Doch dieſe gefährliche Nähe ſchreckte Blücher nicht; er ließ ru⸗ hig fortarbeiten und war bereit, nöthigenfalls den Ueber⸗ gang mit bewaffneter Hand zu erzwingen. Zwar verſuchte der Feind während der Nacht den Brückenbau zu hindern, doch vergeblich, er ward bis zum Morgen glücklich beendet. Aber der Uebergang war im⸗ mer ſehr gefahrvoll und durch die Nähe der Feinde auf das höchſte beunruhigt. Doch ließ Blücher ſich ſo leicht nicht von einem einmal gefaßten Entſchluße abbringen; Furcht kannte er nicht, auf ſeine Truppen konnte er ſich 226 verlaſſen, und ſobald die Brücke beendet war, ließ er dem Kronprinzen melden, daß er den Uebergang beginnen würde. „Vorwärts Kinder!“ rief der alte Held;„wir müſ⸗ ſen hinüber und Wartenburg muß erſtürmt werden, ſonſt gehen wir Alle zum Teufel. Die Brücke laß ich hinter uns abbrennen!“ „Hoho, Vater Blücher!“ riefen die Soldaten un⸗ muthig,„ſo brauchſt Du mit uns nicht zu ſprechen, und wenn zehn Brücken daſtehen, wir wiſſen, was unſere Schul⸗ digkeit iſt.“ „Nun ja Kinder,“ rief Blücher freundlich begüti⸗ gend,„es war ja nicht böſe gemeint, wir kennen uns ja! Hurrah! Vorwärts!“ Und unter dem Klange des alten Liedes:„Prinz Eugen“ zogen die muthigen Schaaren, unbekümmert um die Bosheiten der Feinde, dem anderen Ufer zu. Blücher ſelber war einer der Erſten jenſeit der Elbe, ließ die herüber⸗ kommenden Schaaren ſich ſammeln und beſchloß den Feind anzugreifen. „Nun Kinder, friſch drauf!“ rief der Greis mit mächtiger Stimme ſeinen braven Truppen zu, und ein heftiger Sturm auf das verſchanzte Wartenburg begann. Die Franzoſen, die Preußen und den alten Blücher kennend, hatten das bereits von der Natur durch Gräben, Gewäſſer, Gehölz, Dämme und Hecken ſehr günſtig 227 und leicht zu vertheidigende Dorf noch durch viele Bruſt⸗ wehren und Schanzen zu einer unzugänglichen Feſtung gemacht. Stundenlang dauerte der Kampf, ohne daß es den braven Preußen gelang, Vortheile zu erringen; Strö⸗ me Blutes floſſen auf beiden Seiten ohne Erfolg und die Verluſte der Preußen waren beträchtlich. Da griffen dieſe endlich unter lautem Hurrah mit dem Bayonette an und ſo, Mann gegen Mann fechtend, warfen ſie nach hitzigem Kampfe die Franzoſen zurück, drangen in das Dorf und trieben unter lautem Sieges⸗ jubel die Feinde hinaus in unaufhaltſame Flucht. Die Schlacht bei Wartenburg war gewonnen, der Uebergang über die e die Feinde weit in die Flucht getrieben, und nun begann auch der Kronprinz von Schweden mit dem Nordheere langſam den Uebergang. Dieſer Prinz Bernadotte, ein Verwandter des fran⸗ zöſiſchen Kaiſers, Franzoſe und früherer Marſchall Na⸗ poleon's, hatte viel von dieſem großen Geiſte gelernt und war durch ſeine Kriegskunſt, wie durch ſeinen, unter Na⸗ poleon's Adlern errungenen Ruhm, wohl berechtigt, einen ſo großen Theil der verbündeten Armeen, wie die Nord⸗ armee zu befehligen. Doch zeigte er während des ganzen Feldzuges weder die rechte Thatkraft noch die rechte Luſt, überhaupt etwas Entſcheidendes gegen Napoleon zu un⸗ ternehmen. Es genügte ihm, ſich nicht von ihm ſchlagen zu laſſen, aber er machte auch wenig Anſtalt, den Feinden Schaden zu thun. Seine Politik ſchien die Franzoſen möglichſt ſchonen zu wollen, und die langſamen Bewe⸗ gungen, ſeine Verzögerungen, wo es auf Schnelligkeit ankam, hielten auch oft Blücher mit dem ſchleſiſchen Heere in ſeinen Bewegungen auf und ſtimmten den alten Helden zum bitterſten Zorne.„Iſt denn der Schwedenprinz des Teufels und will er uns im Stich laſſen?“ pflegte er oft zu ſagen, doch war er jetzt erfreut, als er hörte, daß das Nordheer ebenfalls den Uebergang über die Elbe begonnen habe. Bei beiden Heere zu einander und wollten vereinigt auf ig zuziehen, wohin r Wort der Monarchen rief. Die Völker drängten na Entſcheidung, die Heere brannten vor Luſt nach einer Hauptſchlacht, um ſich mit dem gefürchteten Feinde ſelber zu meſſen, und auch Napoleon verließ Dresden, in dem er ſich ſo lange gehalten hatte, immer hoffend, einem oder dem anderen der verbündeten Heere einen entſcheidenden Schlag beibringen zu können, um ſich dann ſofort auf das andere zu ſtürzen. Er wandte ſich nach Leipzig. Dresden hatte ihm gedroht ein zweites Moskau zu wer⸗ den, da es bereits anfing an Unterhalt für die ungeheuren Truppenmaſſen zu fehlen und Krankheiten, Krenz⸗ und Querzüge ſein Heer auf das empfindlichſte lichteten. 229 So zog er mit ſeinen geſammten Streitkräften in die Ebenen von Leipzig, noch immer hoffend, einen der Gegner abfangen und allein vernichten zu können. Aber Blücher und das Nordheer wichen ſeinen kunſt⸗ vollen Manövern geſchickt aus, ja, der Kronprinz ließ ſich ſogar durch einen Kunſtgriff Napoleon's ſo täuſchen, daß er, gegen den Willen Blücher's, über die Elbe zurück⸗ gehen wollte. Wäre dieſes geſchehen, ſo würde wahrſchein⸗ lich die Schlacht bei Leipzig einen anderen Ausgang genommen haben, als ſie wirklich fand. Ein unglück⸗ lich⸗glücklicher Zufall verſetzte die Brücke bei Acken in einen Zuſtand, der den Uebergang unmöglich machte. So mußte der Kronprinz nothgedrungen bleiben, und der Be⸗ fehl der Monarchen an ihn und Blücher, ſchleunigſt ihrem Ziele Leipzig zuzueilen, da man am 16. die Schlacht be⸗ ginnen wolle, traf beide Heere noch auf dem dieſſeitigen Ufer. Napoleon's altes kunſtvolles Syſtem, die Feinde einzeln anzugreifen, durch das er ſo oft geſiegt hatte, war von den Verbündeten durchſchaut und vereitelt worden. Während von Böhmen her das Hauptheer unter Schwar⸗ zenberg in mehreren großen Heerſäulen heranrückte, zog auch Blücher von der entgegengeſetzten Seite bereits herbei, und Napoleon ſah ſich am Abende des 15. October faſt der ganzen Armee der verbündeten Mächte gegenüber. 230 Die Truppen derſelben, bemerkend, daß man am Vorabende der Entſcheidung ſtehe, waren voll des beſten Muthes und der freudigſten Hoffnung, die auch in dem Gewinne eines neuen Verbündeten ihren gerechten Grund hatte. Soeben hatte man die Nachricht erhalten, daß der König von Baiern dem Rheinbunde und dem Bündniſſe mit Napoleon entſagt und ſich der guten Sache der Verbündeten angeſchloſſen habe. Der Abend des 15. Oe⸗ tober ſtieg hernieder, und ſoweit das Auge reichte, flamm⸗ ten die Wachtfeuer der beiden Armeen. Ueberall regte ſich ein geſchäftiges Leben und Wirken, ein jeder Einzelne war mit Vorbereitungen für die Schlacht beſchäftigt. Ueberall war Leben und wohl nur Weniger Augen von den Hunderttauſenden, die dem neuen Tage entgegen⸗ ſchauten, ſchloßen ſich in dieſer verhängnißvollen Nacht. Der nächſte Tag ſollte die Entſcheidung bringen über Deutſchlands Geſchick, ſollte ausweiſen, ob Deutſchland frei werden und wieder ledig der Feſſeln, die es Jahre lang gefangen hielten; ob es ſeinen alten Ruhm wieder erringen ſollte, oder ob Napoleon berufen ſei, der Herr von Deutſchland zu bleiben, es von Neuem zu knechten und zu unterdrücken. Hier Siegespalme und Freiheits⸗ baum, dort Seclavenketten und Tyrannenherrſchaft ſchweb⸗ ten Deutſchland vor, und am nächſten Morgen, den dieſe 231 Nacht gebiert, ſoll der Kampf beginnen, der entſcheiden muß, welches von dieſen Zeichen Deutſchland beſtimmt ſei. Was Wunder, daß in dieſer Nacht Tauſende von deutſchen Herzen in Aufregung waren und die Krieger, von dem matten Schimmer der Wachtfeuer beleuchtet, ihre Gebete emporſandten zum ſternenhellen Firmamente, über dem der Ewige wohnt! Sie hatten Alle nur eine Bitte, die bra⸗ ven Deutſchen: Errettung von Napoleon's Herrſchaft, und Sieg, Sieg für den nächſten Tag. Auch zwei uns bekannte und befreundete Perſonen, die ſich für Deutſchlands Glück und Ehre ſchlugen, lagen in dieſer Nacht flehend vor dem Throne des Ewigen und beteten um Gnade und Rettung für das arme Deutſchland, das ſo viel und ſo ſchwer ſchon gelitten hatte in ſieben langen Jahren der Knechtſchaft und der Schmach. „Gib dem Genius Deutſchlands Kraft, daß er mit mächtigem Flügelſchlage die Feinde zerſchmettere!“ betete hier Johanna, dort Albrecht, ohne daß Einer von des Anderen Nähe ahnte. Sie waren Beide im Heere, Beide bereit den Kampf der Entſcheidung mitzukämpfen, vielleicht für das Vaterland den Tod der Tapferen zu ſterben; was Wunder, daß ſie gegenſeitig einander gedachten, die ſich ſo lange nicht geſehen, der Stunden, die ſie glücklich miteinander verlebt, der Scheideſtunde, der langen Trennung, des Kampfes und— nun ſtanden 232 ſie vor dem Ausgange und der Entſcheidung.— Würde die Schlacht gewonnen, und überlebte Albrecht glücklich den Kampf, dann wollte er eiligſt zu ihr fliegen, und an ihrem Herzen, in ihren Armen das höchſte Glück der Liebe im freien Deutſchland empfinden. „Siegen wir,“ dachte Johanna,„ſo muß ich eilen, daß ich heim komme in die ſtille Hütte; denn wenn er noch lebt, dann bleibt er auch nicht mehr lange und kommt, ſein Wort zu löſen und die freie deutſche Jung⸗ frau mit ſeinem Herzen zu beglücken.“ „O Gott, gib uns Sieg!“ baten ſie Beide,„da⸗ mit Deutſchland frei und wir glücklich werden!“ Der Morgen des 16. October dämmerte und die verbündeten Heere machten ſich zum Angriff bereit. Nach acht Uhr ward die Schlacht mit großer Heftigkeit eröff⸗ net und mehr als tauſend Geſchütze begannen zu donnern. Ein furchtbares, nie enden wollendes Getöſe erſchütterte weithin den Boden, und die älteſten Krieger erbebten bei dieſem entſetzlichen, nie erlebten Geſchützdonner. Da hörte man nicht Schießen mehr, nein, nur ein einziges dum⸗ pfes Rollen und Krachen, als ob Himmel und Erde im Vernichtungskampfe lägen, und der Boden dröhnte unter den fürchterlichen Schlägen, als ob er berſten und Alles in ſich verſchlingen wollte. Nur die muthigen Krieger bebten nicht. Der Ge⸗ 233 ſchütdonner war ihre Schlachtfanfare, der Ruf zu Sieg und Ehre, der ſie zu den kräftigſten Anſtrengungen auf⸗ munterte. Die ganze Linie der Verbündeten drang vor, alle Waffen wurden gebraucht. Gewehre knatterten, Bayonette und Säbel blinkten, die Stellungen der Feinde wurden unter lautem Jubelrufe erſtürmt und die Ge⸗ ſchütze donnerten ihre mächtigen Grüße dazwiſchen und ſchmetterten mit ihren Kugeln die Bruſtwehren nieder, die die feindlichen Stellungen deckten. Auf allen Seiten errangen die Verbündeten bedeu⸗ tende Vortheile; kein Heerhaufen konnte ihrer wilden Heftigkeit widerſtehen, und Napoleon ſelber mußte ihrem Anſturme weichen. Die Stellungen der Franzoſen wurden erſtürmt, die von ihnen beſetzten Dörfer erobert, und man zog nun Verſtärkungen an ſich, um die Eroberungen auch behaupten zu können. Aber auch im franzöſiſchen Heere entwickelten ſich jetzt die Truppenmaſſen, die bis dahin im Mittelpunkte geſtanden, und rückten gegen die Verbündeten an. Von Neuem begann ein muthiger Kampf; Napoleon's Trup⸗ pen, die unter dem Adlerauge ihres Heldenkaiſers fochten, deſſen Geſchick in der Wagſchale dieſes Tages lag, machten die unerhörteſten Anſtrengungen und griffen die Verbündeten mit begeiſtertem Muthe und mit einer Aus⸗ dauer an, die endlich, trotz des heldenmüthigſten Wider⸗ 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 15 234 ſtandes, ein Sieg belohnte. Die Dörfer Wachau und Lie⸗ bertwolkwitz wurden von den Franzoſen zurückerobert, die Reiterei unter Mürat durchbrach die ruſſiſche Schlacht⸗ linie und brachte die beiden Monarchen von Rußland und Preußen, welche von einem nahen Hügel aus die Schlacht beobachteten, in die dringendſte Gefahr n gen zu werden. Die Schlacht ſtand herrlich für Napoleon, und in ſeiner Freude ſandte er Siegesboten an den König von Sachſen nach Leipzig, um dieſem den Sieg zu verkünden. Von Leipzigs Thürmen ertönten alsbald die Glocken, den Sieg der franzöſiſchen Thrannei zu feiern, und ihre metal⸗ lenen Klänge miſchten ſich eigenthümlich mit dem Donner der Kanonen, von deſſen mächtiger Erſchütterung während des ganzen Tages die Fenſter gezittert hatten. Doch der Jubel kam zu früh. Die Koſacken der ruſ⸗ ſiſchen Leibgarde, die einzige Bedeckung des ruſſiſchen und preußiſchen Monarchen, warfen die Franzoſen zurück, ero⸗ berten die verlorenen Kanonen wieder und hielten den Feind ſo lange auf, bis Verſtärkungen herbeieilten und die Schlacht wieder zum Stehen brachten. Vergeblich verſuchten die Franzoſen, die verlorenen Vortheile von Neuem zu gewin⸗ nen; die Verbündeten ſchlugen alle Angriffe zurück und Napoleon's Abſicht, das Centrum der verbündeten Armee zu werfen, war mißlungen. 235 Das Schlachtfeld bot bereits einen entſetzenerregen⸗ den Anblick. Fürchterlich hatten die Geſchütze, fürchterlich die Kämpfenden gegeneinander gewüthet und Tauſende lagen verwundet und ſterbend auf dem Plane und erfüll⸗ ten mit ihrem Wehegeſchrei die Luft. Zerriſſene Menſchen⸗ körper, einzelne Glieder, Arme, Beine oder Köpfe lagen in grauſiger Menge umher, und das Herz der Muthigſten bebte bei dieſem Anblicke. Auch der rechte Flügel der Ver⸗ bündeten hielt ſich tapfer und gewährte den ſtürmenden Franzoſen keine Vortheile, jedoch der linke, der Napoleon in den Rücken gehen und ihn von der Stadt abſchneiden ſollte, fand den tapferſten Widerſtand an Poniatowsky's Heldenſchaar, und als der Abend kam, hatten die Ver⸗ bündeten in dieſer ganzen Schlacht viele tauſende Tapfere geopfert, nur um ihre Stellungen zu bewahren, deren Be⸗ hauptung ſie vor einer Niederlage ſchützte. Napoleon's Truppen begrüßten ihren Kaiſer als Sieger und ein unendlicher Jubel herrſchte auf dieſer Seite der franzöſiſchen Armee. Aber was Napoleon hier errungen, hatte er bei Möckern zwiefach verloren. Hier ſtand Blücher, der, obgleich er die Hiobspoſt er⸗ hielt, daß der Kronprinz von Schweden ſtatt, wie verabredet, direct auf Leipzig zu marſchiren, nach Halle gegangen ſei, keinen Augenblick gezögert hatte, die ihm entgegenſtehenden Truppen unter Ney und Marmont anzugreifen. Langeron 15* 236 beſchäftigte Ney, ſo daß dieſer Marmont nicht zu Hülfe eilen konnte, und Letzerem gegenüber ſtand York mit ſeinen tapferen Preußen. Das Haupttreffen auf dieſer Seite war bei Möckern, und von dem Beſitze dieſes Dorfes hing die Entſcheidung des Tages ab. Marmont ſelber führte ſeine Trnppen zum Angriffe, und die Preußen mußten, trotz der heldenmüthigſten Ge⸗ genwehr, das Dorf räumen. Doch nicht lange, und ſie ſtürmten von Neuem heran, gewannen es wieder und verloren es noch einmal, und gewannen es zum dritten⸗ male wieder. Haufenweis ſchichteten ſich die Todten auf der Wahlſtatt, aber immer neue Schaaren drangen vor und erſetzten mit Todesmuth die Gefallenen. York bot alle Kräfte auf und brachte ſeine letzten Reſerven in die Schlachtlinie, um den neuen Angriff Marmont's abzuhal⸗ ten; er ſelber warf ſich an der Spitze ſeiner Reiter den Feinden entgegen, durch perſönlichen Muth und todesver⸗ achtende Unerſchrockenheit ſeine Truppen mit ſich fort⸗ reißend. Eine ungehenre Begeiſterung bemächtigte ſich des ganzen Armeecorps, welches mit gefälltem Bayonette im Sturmſchritt vordrang, und Marmont's 50 Kanonen zum Trotze, die Tod und Verderben in die Reihen der Preu⸗ ßen ſchleuderten, wurden die Franzoſen geworfen, gerie⸗ then in Unordnung und mußten ſich eilig zurückziehen. 237 Es war die Entſcheidungsſchlacht, das wußte jeder Einzelne im Heere der Verbündeten, es war die Schlacht, in der es ſich zeigen ſollte, ob Napoleon's Reich beſtehen, ob die Knechtſchaft Deutſchlands fortdauern ſollte oder nicht. Das wußten auch York und ſeine Braven. Sie wußten, ſie mußten heute ſiegen, und Blücher, ihr Vater Blücher, deſſen Adlerauge die Schlacht überwachte, erwar⸗ tete von ihnen Sieg. Während die böhmiſche Armee ſich kaum vor einer Niederlage hatte ſchützen können, hatte die ſchleſiſche Ar⸗ mee von Neuem grünende Lorbeeren geerndtet, und Blü⸗ cher konnte den, durch die Schlappe bei Wachau verſtimmten Monarchen ſeinen Sieg bei Möckern melden. Die Nacht machte endlich allem Kampfe ein Ende. Viele Tauſende von Wachtfeuern wurden angezündet, viele Dörfer erleuchteten mit ihren Flammen den weiten Plan, und die Truppen lagen erſchöpft in den Feldbivouacs, um zu ruhen und Kraft zu neuem Kampfe zu ſchöpfen. Aber ſchlafen konnten ſie nicht, nach dieſem Tage der Verwü⸗ ſtung und des Verderbens. Tauſende von Verwundeten ſtöhnten auf dem weiten Schlachtplane und ihre Seußzer ſtörten die Ruhe der Erſchöpften; aus den brennenden und zerſtörten Dörfern war das Vieh entflohen und irrte, angſtvoll brüllend, in den nahen Niederungen um⸗ her, dazwiſchen klang noch das Jammern von flüchtenden 238 Weibern und Kindern, deren Obdach in hellen Flammen die Nacht erleuchtete, und zuweilen donnerte ein einzel⸗ ner Kanonenſchuß ſchaurig durch die kühle Octobernacht. Solche Nacht mit ihren Schrecken vergißt man nie in dieſem Leben, und Jahrelang darnach erinnerten ſich, die ſie erlebten, noch mit Entſetzen daran. Auch unſere beiden Freunde ruhten am Wachtfeuer und gedachten ein⸗ ander; und während Johanna's Stimmung ernſt und niedergeſchlagen war— ſie gehörte zu den Kämpfern bei Wachau, war dagegen Albrecht frohen Muthes und hei⸗ ter, denn er hatte unter Blücher's tapferen Schaaren bei Möckern gefochten und geſiegt. Ein ſeliges Hochgefühl ſchwellte ſeine Bruſt, trotz der ihn umgebenden Schrecken; die heutige Schlacht hatte gezeigt, was die Verbündeten zu leiſten im Stande waren, und Albrecht hoffte auf voll⸗ kommenen Sieg. Blutigroth ging am Morgen des 17. October die Sonne auf. Doch ſchien es, als ob ſie ſich abſichtlich in einen dicken Nebelſchleier gehüllt habe, um das entſetzliche Bild dieſes blutigen Schlachtfeldes nicht zu ſehen, auf dem mit dem grauenden Morgen ein herzzerreißendes Leben und Jammern der Verwundeten und Sterbenden begann. Unter entſetzlichen Qualen ſtöhnten die Unglücklichen hülfelos auf dem Boden, nachdem ſie, mit blutenden Wunden und zerſchmetterten Gliedern eine lange kalte 239 Herbſtnacht durchlebt, und wälzten ſich wie wahnſinnig auf dem blutfeuchten Erdboden, um die brennenden Wun⸗ den zu kühlen, und baten und jammerten um Hülfe und Rettung, ja um den Tod.— Doch wer hatte Zeit, ſich um dieſe Tauſende zu kümmern? Kaum die leicht Ver⸗ wundeten, die ſich ſelber noch behelfen konnten, fanden einen nothdürftigen Verband, alle übrigen lagen, Feind und Freund durcheinander und übereinander, und erfüll⸗ ten die Luft mit ihrem Jammergeſchrei. Der 17. October war ein Sonntag und der Kampf ruhte an dieſem Tage. Napoleon griff nicht an, und die Verbündeten konnten einen Tag der Ruhe trefflich be⸗ nützen. Dieſe Unthätigkeit Napoleon's war unbegreiflich. Er, der ſonſt immer in all ſeinen Angriffen und Handlungen ſo ſchnell war, daß man viele ſeiner Siege Ueberrum⸗ pelungen ſeiner Gegner nennen kann, ſah ruhig zu, wie die Verbündeten gegen 100.000 Mann Verſtärkungen an ſich zogen, ihre erlittenen Verluſte ergänzten und ſich zu neuem Kampfe vorbereiteten, während er keine friſchen Truppen mehr erwarten konnte, im Gegentheil durch Deſertion aus deutſchen Regimentern von Stunde zu Stunde mehr verlor. Unbegreiflich blieb die Thatloſigkeit des ſonſt ſo kühnen Feldherrn, und ſie bekundete ein Gefühl der 240 Schwäche, das Napoleon noch nie gezeigt hatte. Und doch war er auch zu ſtolz, das Schlachtfeld zu räumen und den Verbündeten den Sieg zu überlaſſen, welchen er ſchon durch Glockengeläut und Poſaunenſchall in Leipzig hatte verkünden laſſen. Er wich nicht, er blieb in ſeiner Stel⸗ lung auf dem Schlachtfelde und erwartete den neuen An⸗ griff der verbündeten Heere. So ging der 17. October in Unthätigkeit hin, nur daß die Verbündeten ſich ſtärkten und kräftigten zum neuen Kampfe, und daß Blücher die franzöſiſchen Trup⸗ pen an der Parthe bis dicht vor Leipzig trieb und ihnen Kanonen und eine Menge Leute abnahm. Der Hel⸗ dengreis konnte das Ende dieſes Tages nicht in Unthä⸗ tigkeit erwarten, und, während Alle ruhten, wand er neue Lorbeeren um ſeine greiſe Stirn. Den 18. October Morgens gegen 8 Uhr begann der Kampf von Neuem und die Kanonen der Verbündeten donnerten den Franzoſen einen Morgengruß entgegen. Die geſtärkten Truppen ſtürmten wiederum die von den Frarzoſen beſetzten Dörfer, und heute war es Probſtheida, das ſich am hartnäckigſten hielt. Hier leitete Napoleon ſelber die Schlacht, und die Franzoſen, wieder unter den Augen ihres großen Kaiſers kämpfend, angefeuert durch ſeine Nähe und ſein kräftiges Commandowort, leiſteten Uebermenſchliches in der Vertheidigung dieſes Ortes. 241 Vergeblich ſtürmten die Verbündeten mit ihrer ganzen Uebermacht heran und erſetzten die erſchöpft weichenden Truppen immer mit friſchen; Tod und Verderben ſchmet⸗ terten ihnen die feindlichen Geſchütze entgegen und die Franzoſen ſtanden wie Mauern bei den fürchterlichſten Angriffen. Das Blutbad war gräßlich. Hier focht man für die Vervollſtändigung des Sieges, den man faſt errungen glaubte, drüben für die Ehre und den Ruhm des fran⸗ zöſiſchen Heeres, für den Ruhm des Kaiſers, und wenn auch nicht mehr für Sieg, doch mindeſtens für einen ehren⸗ vollen Rückzug. Und trotz der unerhörteſten Anſtrengungen der tapfe⸗ ren Truppen des böhmiſchen Heeres gelang es ihnen nicht, die Franzoſen, unter denen Napoleon ſelber hoch u Roſſe hielt, aus Probſtheida zu vertreiben, bis endlich ie verbündeten Monarchen dem entſetzlichen Schlachten ein Ende machten und ihre Truppen zurück riefen, da ſie ja doch die Schlacht als gewonnen betrachten konnten. Auch Blücher, der ſich mit dem am 17. eingetroffenen Nordheere vereinigt hatte, begann am 18. den Kampf von Neuem, und heute war es das Dorf Schönfeld, um das ſich das hitzige Gefecht drehte. Hier hatten ſich die Franzoſen feſtgeſetzt und verſchanzt, doch Blücher ſah bald ein, daß diefe Stellung genommen werden müſſe, wollte man den Sieg erringen. Er befahl Sacken mit 242 ſeinen braven Ruſſen zum Angriff, allein ſie wurden durch die Tapferkeit des Feindes zurückgeworfen. Da ritt Blü⸗ cher ſelbſt in ihre Reihen. Mit flatterndem Haar und leuchtenden Zügen ſprengte der gewaltige Greis einher, und ſein berühmtes„Vorwärts“ trieb die weichenden Ruſſen von Neuem gegen den Feind. Die Geſchütze unterſtützten die Angreifenden auf das nachdrücklichſte und die Ruſſen ſtürmten mit todesver⸗ achtender Kühnheit. Der Kampf war lang, furchtbar und blutig. Blücher mitten drinnen, mit Jünglingskraft den blinkenden Degen ſchwingend, war überall, wo es Noth that, und ſein mächtiges„Vorwärts“ übertönte den Don⸗ ner der Geſchütze, das Gewühl der Schlacht, hob den Muth der kämpfenden Ruſſen und erſchreckte die Fran⸗ zoſen. Mit Einbruch der Nacht wurden dieſe gänzlich geworfen und die Ruſſen ſtanden unter Haufen von Lei⸗ chen, in Strömen von Blut, auf den rauchenden Trüm⸗ mern des erſtürmten Schönfeld. Der Abend ſenkte ſich ſchwer und düſter nieder, und auf einem Hügel hielten die drei Monarchen von Preu⸗ ßen, Oeſterreich und Rußland, und ſchauten mit ernſtem Blicke in das ungeheure Schlachtgewühl. Sie beſchloſſen ſoeben den Befehl zum Einſtellen des Kampfes zu geben, um am anderen Tage den Entſcheidungskampf zu erneu⸗ ern, da ſprengte Fürſt Schwarzenberg mit verhängten 243 Zügeln heran, und ſeinen Hut gegen die Monarchen ſchwenkend, verkündete er ihnen den gewonnenen Sieg. Dieſe Nachricht machte einen ungeheuren Eindruck. In dieſem Augenblicke fielen die Feſſeln Deutſchlands klirrend zu Boden und die Herzen der Monarchen athme⸗ ten hoch auf, als ſie hörten, daß ſie ihr großes Werk nicht vergebens begonnen hatten, daß dieſe viele Tauſende nicht vergebens gefallen, dieſe Landſtriche nicht umſonſt verwüſtet worden ſeien. Tief ergriffen ſtiegen ſie von den Pferden, entblößten die Häupter und ſanken auf die Knieen nieder, um im heißen Dankgebete den Höchſten zu preiſen für den gewonnenen Sieg, für die Errettung Deutſchlands aus den Feſſeln des Tyrannen. Es war ein heiliger Augenblick. Der Abend däm⸗ merte bereits und unzählige Feuer, brennende Gehöfte und Dörfer färbten den Himmel mit blutigem Schein, und unheimlich donnernd tönten noch immer die Geſchütze, erſcholl noch immer das Getöſe des Kampfes. Napoleon hielt bei Probſtheida auf dem Wind⸗ mühlenberge, von wo aus er faſt während des ganzen Tages die Schlacht geleitet hatte. So lange man bei Leipzig kämpfte, hatte kein Schlummer ſein Auge ge⸗ ſchloſſen, keine Müdigkeit ihn beſchlichen, aber jetzt ver⸗ langte er einen Schemel, ließ ſein Wachtfeuer anzünden und ließ ſich neben demſelben nieder. 3 244 Der große Mann, deſſen Feldherrnblick wohl er⸗ kannte, daß er nicht mehr ſiegen würde, erlag dem Drange der Natur, und inmitten des Kampfgetöſes entſchlummerte er und ſaß da auf dem einfachen gebrechlichen Schemel, bleich und ſchön wie ein antikes Marmorbild, die Hände im Schooße gefaltet. Schweigend ſtanden ſeine Generäle um ihn und blickten auf den ſchlummernden Kaiſer, und manchem von ihnen kam wohl die Ahnung, daß es ein Bild gefallener Größe ſei, das da vor ihnen ſaß. Napoleon's Stern, den Moskaus Gluthen aus ſei⸗ nem Höhepunkte verdrängt, ſank tiefer und tiefer und ſchien hinter dem Windmühlenberge bei Probſtheida gänz⸗ lich zu erlöſchen. Nach kurzem Schlummer erwachte der Kaiſer und blickte erſtaunt auf die düſtern Züge ſeiner Generäle. Sein Blick überflog die Schlacht, und ſein Antlitz ward noch bleicher und kälter, als es ſonſt zu ſein pflegte. Er konnte ſich nicht länger darüber täuſchen: dieſer Tag brach ſeine Herrſchaft über Deutſchland in Trümmer, zerſtörte ſein Weltreich— er hatte eine Schlacht verloren von einer Bedeutung, wie er nie eine gewonnen, und er er⸗ theilte die Befehle zum Rückzuge. Noch während der Nacht verließen die franzöſiſchen Truppen alle die mit ſo großer Aufopferung vertheidigten Poſitionen, die ſie feſtgehalten, nicht mehr um zu ſiegen, 245 ſondern nur um ſich vor dem Untergange zu bewahren, und zogen ſich nach Leipzig zurück. Am Morgen des 19. trafen Geſandte des Kaiſers Napoleon und Königs von Sachſen bei den verbündeten Monarchen ein, die Uebergabe der Stadt gegen freien Abzug verſprechend; allein die Verbündeten wieſen Alles zurück, die Waffen ſollten entſcheiden, und gleich darauf begann der Sturm auf Leipzig. Nach hartnäckigem Kampfe bemächtigten die Ver⸗ bündeten ſich der Thore von Grimma und Halle und drangen in die Stadt ein. Sie wurden von einer leb⸗ haften Vertheidigung empfangen, aus allen Häuſern ſtrömte ihnen ein Kugelregen entgegen und von den Ecken der Straße her ſchmetterten Kartätſchen ganze Reihen der Stürmenden nieder. Ungeheuer noch waren die Verluſte innerhalb der Stadt und jeder Fuß breit Boden mußte durch Ströme Blutes erkauft werden; die Franzoſen wollten nicht weichen. Da erſchütterte ein ungeheurer Knall die Luft, es war als ob die Erde ſich aufthäte, die Beſiegten zu verſchlingen, und wahrlich! ein Abgrund öffnete ſich hinter ihnen, für Alle, die ſich noch in Leipzigs Mauern befanden. Als die Verbündeten in die Stadt ſtrömten, hatte ſich Napoleon zum Könige von Sachſen begeben, Abſchied von dieſem letzten Bundesgenoſſen genommen, und bahnte 246 ſich dann mit vieler Mühe einen Weg nach dem äußeren Ranſtätter Thore, ritt über die Elſterbrücke und befahl die darunter liegenden Flatterminen anzuzünden, ſobald der Feind nahe ſei. Als nun der Wachthabende den Kampf in den Straßen immer ärger toben, immer näher ſich wälzen hörte, folgte er dieſem Befehle— die Brücke flog mit furchtbarem Knall in die Luft viel zu früh für alle die Tauſende, die noch am jenſeitigen Ufer waren und nun ſich abgeſchnitten ſahen. Die Nachricht von dieſem Vorfalle erregte entſetz⸗ liche Verwirrung und Alles wandte ſich zur Flucht. In einem Garten war eine kleine Nothbrücke, allein die brach bald unter der Laſt zuſammen, und wer ſich nicht ergeben wollte, ſtürzte ſich mit Verzweiflungsmuth in die Wellen, um ſich durch Schwimmen zu retten. Nur Wenigen gelang dies, da die ſichern Kugeln der preußiſchen Jäger ſie meiſt erreichten; die Mehrzahl ward gefangen gemacht, die Beute war ungeheuer. Auch Macdonald und Poniatowsky waren noch in⸗ nerhalb der Stadt und kamen nach langer Mühe durch das Gedränge an das Ufer.„Lieber todt als gefangen in Rußlands Händen!“ rief der edle Pole, und Beide ſpreng⸗ ten in die Wogen, welche wild ſich gegen die Feinde aufbäumten. Nur Macdonald gelang es, das Ufer zu erreichen, Poniatowsky's Pferd fiel vom Ufer, an dem es bereits angelangt war, zurück, überſchlug ſich und begrub ſeinen aus vielen Wunden blutenden Reiter in den Wellen. Die Stadt war in den Händen der Verbündeten, Alles, was noch lebte, war zu Gefangenen gemacht wor⸗ den, und nur hie und da vertheidigte ſich noch ein Häuf⸗ lein Franzoſen oder Polen gegen die Uebermacht. Leip⸗ zig bot einen entſetzlichen Anblick. Die Straßen waren dicht gedrängt, voll Verwundete und Leichen, und nur mit Mühe konnte man ſich hindurchwinden. Todte, Verwun⸗ dete, zerbrochene Kanonen, Munitionswagen und Pferde lagen und ſtanden umher, und aus allen Ecken ertönte das Klagegeſchrei der Sterbenden. Gegen Mittag zogen die verbündeten Monarchen in die Stadt ein und ſahen mit trübem Blick das endlos traurige Bild der Verwüſtung, welches auch das feſteſte Herz erſchütterte. Sie wurden von Leipzigs geängſtigten Bewohnern mit Freudenrufen und lautem Jubel empfan⸗ gen und aus allen Fenſtern wehten ihnen Tücher und Fahnen entgegen. Es war eine Schlacht ohne Gleichen gewonnen wor⸗ den, und die Verbündeten beſchloſſen ſie auf das Beſte zu benutzen und den fliehenden Feind nachdrücklich zu verfol⸗ gen. Deutſchland ſollte ganz frei und für alle Zeiten gegen Napoleoniſche Herrſchergelüſte geſchützt werden.— 248 Am Morgen des 19. bot das Schlachtfeld bei Leip⸗ zig einen noch grauſigeren Anblick, als am Morgen des 17. Zu den an dieſem Tage Gefallenen waren wie⸗ derum Tauſende gekommen und ein nie enden wollendes Jammergeſchrei erfüllte die weite, weite Ebene. Niemand hatte Zeit ſich um dieſe Tauſende zu kümmern, und Feinde und Freunde lagen getreulich beiſammen, in gleicher Noth. Man bereitete ſich eben zum Sturme auf Leipzig vor, als ein preußiſcher Offizier über das Schlachtfeld ritt, ſtets bemüht ſein Roß ſo zu lenken, daß es keinen Verwundeten trete, keinen Todten verletze. So kam er nicht allzuſchnell vorwärts. Plötzlich ſchlug der leiſe Ruf „Albrecht“ an ſein Ohr. Wie ein Blitz traf der Klang dieſer Stimme ſein Herz; er blickte gen Himmel, ob ſie vielleicht von daher ihm erſchollen, dieſe Stimme, die dem Weſen angehören mußte, welches ihm das theuerſte war auf der Welt; allein er erblickte nichts, und gleich darauf hörte er wieder⸗ um vom Boden herauf den Namen Albrecht flüſtern. Eilig ſprang er vom Roſſe, blickte um ſich, und da ſah er einen Verwundeten mit todtenbleichem Ant⸗ litze, der ihm zuwinkte und ihn um Hülfe bat. Ja, ja, das war Johanna, das waren ihre lieblich ſchönen Züge, und ganz erfüllt von Glück, nur an das Wiederfinden denkend, warf ſich Albrecht zu ihr nieder, umſchlang ſie 249 mit ſeinen Armen und bedeckte die bleichen Lippen mit unzähligen Küſſen. „Johanna, Du hier? O Du edle Tapfre, haſt ihn ſelbſt mitgefochten den Kampf der Entſcheidung!“ rief er glühend, ſie von Neuem mit Küſſen bedeckend; aber Jo⸗ hanna erwiderte nichts, ihr Körper, den Albrecht noch immer feſt umſchlungen hielt, ward ſo ſchwer und ſteif, die Augen waren geſchloſſen— Johanna lag ohnmächtig in den Armen des Geliebten. Entſetzt ſprang Albrecht auf und mit dem Schreckens⸗ ruf:„Sie ſtirbt, ſie ſtirbt!“ blickte er angſtvoll um ſich, ob er nirgends Hülfe gewahre. Jetzt erſt bemerkte er, was er im erſten Augenblicke des Wiederſehens ganz überſehen hatte, daß Johanna am Fuß verwundet ſei und ſie nicht im Stande geweſen war, ſich zu erheben.— Schrecklich, ſo hilflos zu ſein! Was ſollte er anfangen, wie dem theu⸗ ren Weſen Rettung und Hülfe ſchaffen?— Da ſah er einen einzelnen Mann mit eiligen Schrit⸗ ten über das Schlachtfeld gehen; ſeine Uniform verrieth den Feldarzt, und Albrecht erkannte ſofort den ihm bekann⸗ ten Feldſcheer Karl Braune, welcher in ſeinem Regimente ſtand. Ein Strahl der Hoffnung ſenkte ſich in des Lie⸗ benden gequältes Herz, er rief mit lauter Stimme den Feldſcheer herbei und bat ihn, den verwundeten Kameraden zu verbinden. Braune erkannte die Wunde als eine nicht 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 16 250 ſchwere und gefährliche, aber ſchmerzhafte, und verband ſie mit großer Sorgfalt. Drüben vor Leipzig hörte man den Donner der Ge⸗ ſchütze und das Getöſe des Kampfes, aber Albrecht achtete alles deſſen nicht. Er lebte nur noch für ſie, die verwun⸗ det und beſinnungslos vor ihm lag. Ja, das war daſſelbe Weſen, das ihn einſt in der kleinen Bauernhütte gepflegt hatte, das war dieſelbe Johanna, an deren begeiſterten Liebe zum Vaterlande er ſeine eigene Hoffnung wieder aufgerichtet hatte— und nun lag ſie da, verwundet für das Vaterland, das ſie, ihr zartes Geſchlecht verleugnend, hatte„ befreien helfen. Endlich war der Verband beendet, doch in dem Au⸗ genblicke, wo Karl Braune ſich emporrichtete, dem angſt⸗ voll lauſchenden Offizier dieſes mitzutheilen, riß ihm eine ziellos dahinfliegende Kanonenkugel den Kopf vom Rum⸗ pfe und ſtreckte ihn todt neben dem Mädchen nieder, deren Wunde er ſpeben verbunden hatte. Albrecht dankte ihm gerade für ſeine Freundlichkeit, 3 doch der Arme hörte dieſe Worte nicht mehr, ſo ſchnell 3 überkam ihm das Geſchick. So befand ſich Albrecht wieder allein bei der hilf⸗ loſen Verwundeten und war wieder in Noth, was er anfangen ſolle, wie ihr helfen?— Da ſah er zum Glücke mehrere Wagen mit Ver⸗ wundeten in nicht allzugroßer Ferne, und ohne Zögern — — 6 . 251 lud er die theure Laſt auf die Schultern und flog damit den Wagen zu. Er fühlte keine Laſt und Müdigkeit, eilte mit ſchnellen Schritten dem Ziele zu, und war erſt ruhig, als er das geliebte Weſen auf dem letzten der Fuhrwerke wohl gebettet ſah. Die Wagen fuhren nach Leipzig, welches unterdeſſen von den Verbündeten eingenommen worden war, und hier übergab Albrecht die Geliebte der treuen Pflege einer Verwandten ſeiner Eltern, deren er ſich erinnerte und die er in dieſem Chaos der Verwirrung nur wie durch ein Wunder fand. Er entdeckte ihr das Geſchlecht der Verwundeten und ſein Verhältniß zu ihr, und bat ſie um Schutz und Hülfe. Bald gelang es ihm auch, Johanna zum Leben zu⸗ rückzurufen, ein Wundarzt unterſuchte von Neuem die Wunde und verband ſie, in der beſten Hoffnung auf bal⸗ dige Heilung, und auch Johanna fühlte ſich wohl und ſelig in den Armen ihres Albrecht, den ſie wie aus einem tiefen ſchweren Traume erwachend, ſo plötzlich neben ſich ſah. Den ganzen Tag verbrachten ſie in trauten Geſprä⸗ chen über die gewonnene Schlacht und ihre Folgen, freuten ſſich der Befreiung des geliebten Vaterlandes, und als am Abende das Wundfieber bei Johanna eintrat, überließ Albrecht ſie der Obhut ſeiner treuen Verwandten, die ſich freundlich erbot, die Kranke bis zu ſeiner Rückkehr zu pfle⸗ 16* 252 gen. Er ſelbſt begab ſich zum Heer, welches ohne Zögern dem flüchtenden Löwen folgte, um ihm nicht Zeit zu laſſen, ſich wieder zu erholen. Bierzhntes Capitel. Befreit. Wie nun Deine Freuden winken Nach der Knechtſchaft, nach dem Streit? Vaterland ich möcht' verſinken Hier in Deiner Herrlichkeit. Wo die hohen Eichen ſauſen, Himmelan das Haupt gewandt, Wo die ſtarken Ströme brauſen, Alles das iſt deutſches Land. Mar von Schenkendorſ. Es war Anfang März des Jahres 1814. Die erſten Frühlingsboten nahten und eine mildere ſanftere Luft be⸗ gann die Erde ihrer drückenden Winterfeſſeln allmählig zu entledigen. Die Sonne blickte ſo freundlich und lieblich hernie⸗ der, daß aller Menſchen Herzen unter ihrem Schein er⸗ wachten und man hätte geglaubt, man lebe an einem ſchönen Maitage, hätten nicht die kahlen Bäume, die wie Knochengerippe ihre Arme in die Luft ſtreckten, dieſe An⸗ ſicht Lügen geſtraft. Mittag war kurz vorbei, und im Schloß W. hatte man ſich im Familienzimmer verſammelt, um nach Tiſch ein wenig zu plaudern, neue Zeitungen zu leſen und nach⸗ her den Faffee einzunehmen. Zwei alte Damen ſaßen an den Fenſtern, die eine an einer Stickerei arbeitend, die andere emſig an einem Spinnrade beſchäftigt. Wie in der Arbeit zeigte ſich auch in dem Aeußeren der beiden Frauen ein großer Unterſchied, und, während die eine in einem geſchmackvollen dunkeln, aber modiſchen Anzug gekleidet war, trug die andere die einfache Tracht der Landbewoh⸗ ner. Aber dennoch ſchien eine ſchöne Uebereinſtimmung zwiſchen ihnen zu herrſchen, denn unbekümmert um den jungen Mann, der im Divan lehnte und eifrig in einem Buche las, ſprachen die beiden Damen heiter und gemüth⸗ lich miteinander, und die Züge der feinen, vornehmen Frau wurden immer freundlicher und milder bei den naiven und einfachen Geſprächen der anderen. Endlich legte auch der junge Mann ſein Buch aus der Hand und lauſchte der Unterhaltung, ohne ſich jedoch einzumiſchen, und auch ſeine Züge überflog es wie Son⸗ nenſchein, wenn er die Harmonie der beiden Alten bemerkte. Nach einer Weile kam eine junge ſchöne Frau in das Zimmer, ein Kaffeebrett und einige Zeitungen tragend, welches erſtere ſie auf dem Tiſche niederſetzte. Dann trat ſie leiſe zu dem jungen Manne, wobei wir bemerken, daß ſie mit dem linken Fuße ein wenig hinkt, und ihn zärtlich anſchauend, ſagte ſie liebevoll:„Hier, Albrecht, ſind die 254 Zeitungen, aber erſt komm und laß uns Kaffee trinken, ehe darfſt Du nicht leſen.“ Lächelnd folgte der junge Mann ſeiner Frau, auch die beiden alten Damen eilten zu dem beliebten Getränke herbei und— wir empfehlen uns unterdeß, um einen Blick rückwärts zu werfen auf die Begebenheiten ſeit der Leipziger Schlacht. Als Napoleon Leipzig verließ, ſah er ein, daß vor der Hand ſein Spiel in Deutſchland verloren ſei, und er war nur darauf bedacht, ſoviel als möglich von den Trümmern ſeiner Armee über den Rhein zu retten, um mit friſchen Hilfsquellen, an denen Frankreich unerſchöpf⸗ lich ſchien, und jenſeits des Stromes den Kampf mit größerem Glücke vielleicht zu erneuern. Bei Hanau ſtellte ſich ihm der baierſche General Wrede mit baierſchen und öſterreichiſchen Truppen ent⸗ gegen und verſuchte, hoffend, daß die Verbündeten dem fliehenden Kaiſer dicht auf den Ferſen ſeien, ihn aufzuhal⸗ ten und ſo gänzlich zu vernichten. Aber die Verbündeten waren noch nicht ſo weit und Napoleon warf ſich wie ein verwundeter Löwe auf die Feinde und dunchbrach ſie mit einem furchtbaren Geſchützfeuer und der Tapferkeit ſeiner Truppen. Aber der ſchon geſchwächte Feind hatte hier von Neu⸗ em bedeutende Verluſte erlitten und eine Menge Gefangener verloren. Krankheiten und Noth wütheten ohnedies unter —— —— 255 ſeinen Truppen; Alles, was nicht mit konnte, mußte lie⸗ gen bleiben, und der Weg zum Rheine glich bald dem Rückzuge aus Moskau. Verwundete und Kranke lagen an allen Wegen und kamen elendiglich um, da die erbitterten Dorfbewohner keinen der verhaßten Feinde unterſtützten. Schwärmende Koſacken beunruhigten fortwährend die Weichenden und machten, da man ſich nicht aufhalten konnte, ſie zu ver⸗ treiben, Beute über Beute. Nicht eher hatte Napoleon Ruhe, als bis er den Rhein im Rücken hatte. An dieſem Fluße langten auch bald darauf die Verbündeten an, und da ſie, im Grunde einen Kampf auf Frankreichs Boden fürchtend und ſich ſelber durch den Feldzug erſchöpft fühlend, nicht gern den Rhein überſchreiten wollten, machten ſie Napoleon Frie⸗ densvorſchläge, die dem franzöſiſchen Reiche ſeine angeblich natürlichen Grenzen laſſen ſollten. Aber Napoleon, immer noch hoffend, das Glück noch einmal feſtzuhalten, machte Ausflüchte, hinter denen die Verbündeten neue Tücke ſei⸗ ner Politik vermutheten. So ward der Uebergang über den Rhein beſchloſſen, und Blücher in ſeinem Glauben, nur der gänzliche Sturz Napoleon's könne den Frieden Europas garantiren, und ſchon lange auf den Uebergangs⸗ befehl hoffend, machte ſich eiligſt zum Aufbruch bereit. In der Mitternachtsſtunde des letzten Dezembers ließ er ſein Heer an drei Orten überſetzen, während 256 das Heer Schwarzenberg's von Genf her auf Paris anrückte. Aber der Löwe, in ſeiner Höhle angegriffen, zeigte noch einmal ſeine ganze Kraft. Muthig rückte er den Feinden entgegen und verſuchte wieder das alte Ma⸗ növer, jedes der verbündeten Heere einzeln zu ſchlagen. Bei Brienne fiel er über Blücher her, konnte ihn je⸗ doch nicht überwältigen, ſondern mußte dem alten Mar⸗ ſchall„Vorwärts“ weichen, bei La Rothiere ward er von den Verbündeten geſchlagen, und ſchon gab er Alles verloren und gab ſeinem Geſandten Vollmacht zum Frie⸗ den um jeden Preis, als die Fehler der Verbündeten und ihre Vereinzelung ihm von Neuem Muth machten. Die Gelegenheit benutzend, ſchlug er das ſchleſiſche Heer und das Hauptheer hintereinander, und Siegeshoffnung, neuer Muth bemächtigten ſich ſeiner. Von einem demüthi⸗ genden Frieden war nicht mehr die Rede, mit dem Wieder⸗ erglänzen ſeines Glücksſterns wuchs auch ſchnell ſein Ueber⸗ muth, und in ſeinem Siegesſtolze behauptete Napoleon: er ſei jetzt näher an Wien, als die Verbündeten an Paris. Da rief Schwarzenberg Blücher zur Vereinigung, um eine große Hauptſchlacht zu liefern, und dieſer nie gebengte Held eilte ſo ſchnell und freudig herbei, daß Napoleon ſeinen Augen kaum traute, als er den vor einigen Tagen beſiegten Gegner von Neuem ungebeugt und kampfes⸗ luſtig ſich gegenüber ſah. Doch die beabſichtigte Schlacht unterblieb. Oeſter⸗ —— 8— 257 reichs Kaiſer hatte nicht die Abſicht, ſeinen Schwiegerſohn vom Throne zu ſtürzen, er wollte ihn nur gedemüthigt und in die Grenzen Frankreichs zurückgezwängt ſehen, deshalb dauerten die Friedensverhandlungen fort und Schwarzenberg befahl endlich einen allgemeinen Rückzug. Das war dem alten Blücher aber denn doch zu ſtark. „Komplimentirt ihr und der Teufel nur mit dem!“ rief er wüthend den Unterhändlern mit Napoleon zu;„der hat mehr Redensarten in der Taſche, als eure ganze Schreibergeſellſchaft ihr Lebtag aufbringen kann! Der wird euch ſchon zum Lande hinauscomplimentiren. D'rauf! Das hilft!“ Und ohne ſich um Schwarzenberg und ſeine Befehle zu kümmern, beſchloß der alte Held ohne Zögern auf Paris loszugehen und dieſes zu nehmen. War die Hauptſtadt in ſeiner Gewalt, das Herz des Reichskörpers, würde Napoleon ſchon nachgeben müſſen. Er meldete den Monarchen von Preußen und Rußland ſeinen Entſchluß, und trat ſofort ſeinen kühnen Marſch an. Dieſe, ſelber die Fruchtloſigkeit und Gefähr⸗ lichkeit des bisherigen Syſtems einſehend, billigten den Plan Blücher's, ſtellten ihm noch Unterſtützung an Trup⸗ pen zu Gebote, und bald zeigten ſich auch die Folgen dieſes kühnen Manövers. Napoleon, der die Hauptſtadt bedroht ſah, wandte ſich eiligſt von der ab und Blücher zu. 258 Noch immer hatten unterdeß die Verhandlungen ge⸗ währt. Kaiſer Franz von Oeſterreich hatte ſtets verſucht, Napoleon auf dem Throne zu erhalten, doch die unerhör⸗ ten Anſprüche dieſes Mannes erbitterten endlich die Ver⸗ bündeten auf das höchſte, die Unterhandlungen wurden abgebrochen und ſämmtliche Heere zogen energiſch der Hauptſtadt zu, um durch ihren Fall Napoleon zu ver⸗ nichten. Am 29. März langten die Verbündeten vor Paris an, beſiegten in einer langen und blutigen Schlacht die Vertheidiger deſſelben und drohten nun, vom Montmartre aus die Stadt in Trümmer zu ſchießen. Da ergab ſich Paris und am 31. hielten die Verbündeten ihren Einzug in die Weltſtadt. Der alte Blücher hatte Recht gehabt, wenn er meinte, daß Paris erobert, ſoviel heiße, als Napoleon geſtürzt. Das franzöſiſche Volk, für deſſen Ruhm und Größe Na⸗ poleon gekämpft hatte, empfing die Verbündeten mit Jubel in den Mauern ſeiner Hauptſtadt; Flüche gegen den Tyrannen Napoleon ertönten an allen Orten, man pries die Bourbonen, und ſchon am 1. April entſetzte der Senat Napoleon des Thrones und entband Völker und Heer ihres Eides und des Gehorſams gegen den Kaiſer. Wie im Herbſt ein Blatt am Baume nach dem an⸗ dern hinwelkt und abfällt, langſam erſt, dann ſchneller und immer ſchneller, bis Alles leer und kahl iſt, ſo fielen 259 Napoleon's Freunde von ihm ab, und bald ſtand er faſt ganz allein mit ſeinen getreuen Garden zu Fontainebleau, wo er am 11. April für ſich und ſeine Erben der Krone von Frankreich entſagte und ſich auf die Inſel Elba zurückzog. Die Bourbonen kehrten nach Frankreich zurück, Lud⸗ wig XVIII. beſtieg den Thron und im Pariſer Frieden erhielt das franzöſiſche Reich ſeine Grenzen von 1792 wieder. Die deutſchen Völker, welche für Deutſchlands Macht und Ehre das Schwert ergriffen hatten, murrten zwar gewaltig, daß man Frankreich nicht ſeinen alten Raub, Elſaß und Lothringen wieder entriſſen habe; aber das half nichts, Frankreich blieb mächtig, nach wie vor, und alle die Millionen, die es in den Kriegsjahren aus den Ländern der Verbündeten geſchleppt hatte, wurden nicht wieder zurückgefordert. Die verbündeten Heere kehrten über den Rhein zurück und die Monarchen aller Länder traten in Wien zu einem großen Congreß zuſammen, um die Geſchicke der Staaten Europas zu regeln und vor Allem Deutſchland, welches am meiſten gelitten hatte, am jäm⸗ merlichſten zerriſſen worden war, wieder in politiſche Ordnung zu bringen. Da ſaßen nun dieſe Herren und debattirten und congreſſirten, und darüber hätte es, da man nicht einig werden konnte, faſt einen neuen Krieg gegeben, als eine 260 Schreckensbotſchaft ſie Alle plötzlich wieder vereinigte und ihnen ein großes Ziel, für das ſie Alle ihre Kräfte an⸗ ſpannen mußten, vor Augen hielt. Napoleon war aus Elba nach Frankreich zurückge⸗ kehrt, war von Heer und Volk mit offenen Armen em⸗ pfangen worden, hatte den Kaiſerthron wieder beſtiegen und die Bourbonen waren entflohen. Zetzt machte er den verbündeten Monarchen zu Wien gütliche Vorſchläge, ver⸗ ſprach, nur für Frankreich und dieſer Nation Wohl zu leben und ſich um auswärtige Staaten nicht zu kümmern; aber die Verbündeten trauten dieſem Manne nicht mehr, der ſo oft mit Verſprechen und Verträgen wie mit Feder⸗ bällen geſpielt hatte, und Alle erhoben ſich auf einen Schlag, feſt entſchloſſen, die Waffen nicht aus der Hand zu legen, bis Napoleon wiederum von dem uſurpirten Throne ge⸗ ſtürzt ſei. Von Neuem ließen ſie den Ruf an ihre Trup⸗ pen erſchallen, und bereitwillig eilten dieſe herbei, um den verhaßten Gegner und Ruheſtörer wieder zu vernichten. Nach dem erſten Pariſer Frieden war Albrecht von* W. ſofort nach Leipzig geeilt und fand ſeine geliebte Jo⸗ hanna gänzlich geheilt und geſund, noch immer in der Wohnung ſeiner alten Tante. Ein kaum bemerkliches Hinken war die einzige Erinnerung an die Wunde, welche das muthige Mädchen für ihr Vaterland erhalten hatte. Hier, von ſeiner Tante, erfuhr Albrecht auch von dem Tode ſeines älteren Bruders, der trotz ſeiner Abnei⸗ 261 gung gegen den Soldatenſtand doch dem Rufe des Mon⸗ archen, dem Rufe des Vaterlandes, welches alle wehr⸗ fähigen Männer zu ſeiner Befreiung aufrief, gefolgt war und auf dem weiten Felde bei Leipzig den ehrenvollen Tod für's Vaterland gefunden hatte. Ohne daß Albrecht eine Ahnung davon gehabt, hatte er ſich im böhmiſchen Hauptheere befunden und war bei der Erſtürmung von Probſtheida durch eine Kartätſchenkugel getödtet worden. Durch dieſen Todesfall wurde Albrecht Majoratserbe von W., und ſeine trauernde Mutter rief ſehnſuchtsvoll nach . dem einzigen ihr gebliebenen Sohne, den ſie ſeit faſt acht Jahren nicht geſehen hatte. Albrecht folgte ihrem Rufe und holte bald ſeine ge⸗ liebte Johanna nach, die er ſeiner Mutter als eine treue 1 ʒ Tochter zuführte. Auch Johanna's hochbetagte Mutter mußte mit einziehen in das Schloß, und obgleich ſie nicht wenig weinte, als ſie ihre geliebte Heimat und das Grab ihres Mannes verlaſſen ſollte, ſiegte doch die Liebe zum „ Kinde, und bald fühlte ſie ſich auch glücklich auf Schloß 6 W., wo die Familie ein ſtilles Leben voll gegenſeitiger Liebe führte. 3 Wir ſahen ſie am Anfange dieſes Kapitels, beſtehend aus den beiden Müttern und den Kindern, zuſammen, und 1 verließen ſie am Kaffeetiſche. Nach dem Kaffee griff Albrecht zu den Zeitungen, welche gewöhnlich von den Beſchreibungen der Luſtbarkei⸗ ——— ——— 262 ten und Vergnügungen ſtrotzten, die der Kaiſer von Oeſter⸗ reich ſeinen hohen Gäſten in dem ſchönen Wien bereitete,— aber wer beſchreibt ſeinen Schrecken, als die Zeitung heute ſtatt deſſen die Hiobspoſt von Napoleon's Rückkehr und dem erneueten Ruf der Monarchen:„Zu den Waf⸗ fen!“ an der Spitze trug! Wie ein Blitz ſchlug dieſe Mähr in das ſtille Fa⸗ milienglück, in die Flitterwochen der jungen Ehe, und drohte ſie mit einem Schlage zu zerſchmettern. Die alten Da⸗ men weinten und klagten, Wiederkehr der alten Schreckens⸗ zeiten fürchtend, Johanna erbebte, wenn ſie dachte, daß der geliebte Mann nun wieder hinauseilen würde in das Schlachtengewühl, und ein Entſchluß bildete ſich in ihrem Herzen, ſtolz, muthig, unerſchütterlich. Albrecht aber rief nach kurzem Ueberlegen:„Da hilft kein Zaudern! Schnell die Waffen wieder herbei, die wohl der Roſt noch nicht angegriffen hat; Napoleon darf Deutſchland nicht wieder betreten!“ „Du willſt doch nicht wieder fort, Albrecht!“ rief ſeine Mutter klagend;„mein einziger Sohn, willſt uns und Dein junges Weib verlaſſen?“ ch muß, Mutter,“ erwiderte Albrecht ernſt;„mich ruft die Pflicht auf's Neue zur Vertheidigung des Vater⸗ landes— unwürdig wäre es, wollte ich ihr nicht folgen!“ „Und ich begleite Dich, Albrecht!“ fügte Johanna hinzu;„im vorigen Kriege fochten wir getrennt, im kom⸗ 263 menden wollen wir nebeneinander kämpfen, miteinander ſiegen oder ſterben.“ Umſonſt waren alle Bitten der alten Damen, Al⸗ brecht und Johanna eilten ſchon am folgenden Tage dem Heere zu, das bald darauf in Eilmärſchen nach den Nie⸗ derlanden marſchirte. Auch Napoleon war bereits hier angekommen und ſtand an der Spitze einer begeiſterten Armee dem verbün⸗ deten Heere Blücher's mit ſeinen bewährten Preußen und Wellington's mit einer tapferen engliſchen Schaar gegen⸗ über. Sein erſter Stoß traf Blücher bei Lignh, und hier ward der alte Held nach einem heftigen Gefechte geworfen, ſtürzte ſelber mit dem Pferde und ward nur durch den Muth ſeines Adjutanten, des Grafen Noſtiz, der ſich auf ihn warf und ſo den gefürchteten Helden den Blicken der vorüber jagenden Franzoſen entzog, vor Gefangenſchaft gerettet. Die Preußen, ihren Marſchall„Vorwärts“ ver⸗ miſſend, drängten die Franzoſen wieder zurück; noch ein⸗ mal ſprengten ſie in wilder Eile an Blücher vorüber, und nun ward dieſer unter Jubel von ſeinen Getreuen in Si⸗ cherheit gebracht. Die Schlacht war verloren, aber der Feldherr doch gerettet, wenn auch etwas gequetſcht und verletzt; auf ſeinem Schmerzenslager ſcherzte er mit dem Grafen 264 Noſtiz und verſprach dieſem, er wolle die Scharte ſchon auswetzen. Wo nach einer verlorenen Schlacht ſolcher Muth herrſcht, da iſt noch nichts verloren, und wenn Napolevn meinte, Blücher vernichtet und für das erſte kampfun⸗ fähig gemacht zu haben, und um ſo leichter nun auch mit Wellington fertig zu werden, ſo irrte er gewaltig. Wel⸗ lington bei Quatrebras von Napoleon bereits verdrängt und einen neuen noch heftigeren Angriff vorausſehend, hatte Blücher um Beiſtand und Sendung einiger Regi⸗ menter gebeten. „Ich komme mit der ganzen Armee!“ erwiderte der Alte, und Wellington wußte, auf dieſes Wort durfte er ſich verlaſſen. Bei Waterloo traf ihn Napoleon's Angriff. Welling⸗ ton hatte eine günſtige Stellung eingenommen, aber die Franzoſen bedrängten ihn mit großer Uebermacht und der Kampf ward hitzig und blutig. Napoleon wollte die Stel⸗ lungen der Engländer ſtürmen und trieb ſeine beſten Truppen gegen die feuerſpeienden Batterien. Die Englän⸗ der vertheidigten ſich mit großer Hartnäckigkeit. Immer neue Regimenter trieb das Machtwort Napolevn's in den Kampf und ſchaarenweis wurden die Angreifenden nieder⸗ geſtreckt. So tobte der Kampf während des ganzen Tages; viele Tauſende lagen ſchon mit zerſchmetterten Gliedern vor der Stellung der Engländer, aber auch dieſe ermat⸗ 4 265 teten und Wellington ſah mit Bangen einem neuen An⸗ griffe entgegen, zu dem er die Feinde ſich vorbereiten ſah. Die Sonne ſenkte ſich ſchon, der Abend brach bereits herein, und Blücher kam nicht. Noch hatten die Franzoſen keinen Vortheil gewonnen, und mit bewundernswerther Standhaftigkeit hatten die engliſchen Truppen alle Angriffe der Uebermacht zurück⸗ gewieſen; aber jetzt nahte ein neuer, zu dem Napoleon ſeine berühmte Garde ſandte, und Wellington bangte, als er dieſe herannahen ſah. Seine Truppen waren erſchöpft, die Garde kraftvoll und todesmuthig, der Ausgang kaum zweifelhaft. „Nun möchte ich, es wäre Nacht oder die Preußen kämen!“ ſagte er unruhig und beobachtete beſorgt die un⸗ geheuren Anſtalten der Franzoſen. Napoleon wollte den Sieg, den er nicht mehr für zweifelhaft hielt, noch vor der Nacht erringen, und befahl deshalb einen allgemeinen furchtbaren Angriff. Schweigend ſtanden die ermatteten engliſchen Trup⸗ pen und ſahen die franzöſiſchen Colonnen heranrücken— da blitzte es drüben am Walde hell auf, Kanonendonner rollte dumpf über das Schlachtfeld und Truppenzüge wur⸗ den ſichtbar. „Das iſt der alte Blücher, der hält Wort!“ rief Wellington freudig;„nun, Jungens, haltet euch tapfer, und wir werden ſiegen!“ 1860. VIII. Gefangen und Befreit. 1 Ueber die gebräunten Züge der Inſulaner blitzte es wie Wetterleuchten, und alle Angriffe der Franzoſen, ja ſelbſt der Sturm der alten Garde blieb erfolglos. Napo⸗ leon, der mit Schrecken den nimmergebeugten Heldengreis heranrücken ſah, warf dieſem ſchnell ein Corps entgegen, um ihn aufzuhalten, unterdeß wollte er die Engländer beſiegen um jeden Preis. Aber dieſe, durch des alten Helden Nähe, den ſie Alle liebten und bewunderten, neugeſtärkt, hielten die ver⸗ zweifelten Stürme der Franzoſen muthig aus. Unterdeß erſchienen immer neue preußiſche Heerhaufen auf dem Kampfplatze, warfen die Franzoſen zurück, und Napoleon mußte einſehen, daß er die Schlacht verloren habe. Bald war Alles aufgelöſt in wildeſte Flucht, die Garde ſtarb, da ſie ſich nicht ergeben wollte, und Napoleon, der ver⸗ geblich den Tod im tiefſten Schlachtgewühle geſucht hatte, ward faſt gefangen, und rettete ſich nur mit Mühe auf ein Pferd, in ſeinem Wagen Mantel, Hut, Degen und alle Reiſeeffecten zurücklaſſend. Ungeheure Beute wurde den Verbündeten zu Theil, eine Unmaſſe Gefangene gemacht und die Herrſchaft Napoleon's zum zweiten Male vernichtet. Die Verbünde⸗ ten folgten ihm auf dem Fuße bis Paris, Napoleon ent⸗ ſagte zum zweiten Male der Krone und flüchtete auf ein engliſches Schiff, ſich engliſcher Großmuth anvertrauend. Aber ſchon hatten alle Monarchen ihn als vogelfrei 267 und geächtet erklärt. Er ward als und die Inſel Sanct Helena im ſti Wohnſitz angewieſen. Engliſche Wächter verhüteten wiederholte Fluchtver⸗ fuche, und der Cäſar hatte Zeit, auf dieſem einſamen Felſen den Erinnerungen an ſeine frühere Herrlichkeit und Größe nachzuhängen. Deutſchland war zum zweiten Male befreit von den Herrſchergelüſten des Unerſättlichen; der Monarchen kehrten nach Wien zurück. Napoleon's neue Herrſchaft hatte hundert Tage ge⸗ währt. Gefangener betrachtet llen Weltmeere ihm als Der Herbſt nahte, da ke welche als Sieger mit in Schloß W. zurück, und wurden mit Freuden von ihren Müttern empfangen, welche ſich ſoviel geängſtigt hatten um die geliebten Kinder. Bald war das frühere ſtille, gemüth⸗ und freudevolle Leben wieder hergeſtellt, und es gab wohl keine glücklichere Familie im anzen befreiten Deutſchland, als die auf Schloß W. hrte Albrecht und Johanna, Paris geweſen waren, nach Johanna von W. ſtarb hochbetagt erſt vor Kurzem, 3 beim Beginne der italieniſchen Wirren, nachdem ſie einige 176 Jahre zuvor ihren Albrecht hatte in der Familiengruft zu W. beſtatten laſſen. Sie war munter und kräftig bis kurz vor ihrem Ende und hatte mit keiner Beſchwerde des Alters zu kämpfen, außer daß ſie in den letzten Jahren ſich beim Gehen auf einen Stock ſtützen mußte. Die Wunde von Leipzig hatte doch den Fuß ge⸗ ſchwächt und nöthigte die Matrone ſich zu ſtützen, ſonſt war ſie vollkommen geſund und überſah mit klarem Blicke alle Verhältniſſe. Kurz vor ihrem Tode ſtanden Oeſterreich und Frank⸗ reich einander wieder drohend gegenüber, und ſie fürchtete nicht mit Unrecht vom Neffen die Wiederholung der Tücken des Oheims. Die Sorge um Deutſchland war die einzige, die ihre Todesſtunde trübte, und ſterbend noch ſagte ſie beim Ab⸗ ſchiede von ihren Kindern und Enkeln, die weinend das Lager der geliebten Mutter umſtanden: „Hütet Deutſchland vor Napoleon! Schützt Deutſch⸗ land, auf daß die Schrecken nicht wiederkehren, welche ich erlebt und deren Vertilgung hunderttauſend deutſche Herzen gebrochen hat. Schützt Deutſchland, das uneinig gefangen durch Einigkeit befreit ward; ſeid einig, einig, einig!“ ſſ 12 13 14 15 16 6 3 8 9 10 11