3 Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6duard Ottmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. SLeih und Keſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sunime hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat; 1 M— Pf. 1 Mr 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung er Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſetbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unv defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſiattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 L— Bibliothek deutſcher Briginalromant. Siebenzehnter Jahrgang. Achter Band. 5 S h e . MI. H. Markgraf& Comp. 1862. Ehrr. 2 Roman in ſechs Büchern von Julius Mühlfeld. — Nicht trotz auf Väter Ehre, die eign'e nur iſt Dein, Der Spanner kann den Bogen nur nennen Sein, Was frommt der Werth Dir, welcher nicht mehr verweilet? Rit eig'ner Fluth der Kraftſtrom durch's Meer hineilet. (Fritjofsſage.) * Dritter Theil. H. Markgraf& Comp. 1862. — Inhalt. 1 Erſtes Capitel. Ein Mutterherz Zweites Capitel. Gewitterdräuen Drittes Capitel. Alte und neue Zeit Viertes Capitel. Des Sommers Todtenfeſt Fünftes Capitel. Im Hölzchen. Sechſtes Capitel. Wetterſchläge. Siebentes Capitel. Mr. Hartmann's winn Achtes Capitel. Das Pianoforte Neuntes Capitel. Die Flucht 3 Die erſten Erfahrungen Ehre. Erſtes Capitel. Ein Mutterherz. Hart am Meeresſtrande gelegen, bemerkt man ein kkleines Dorf von fünfzehn bis zwanzig Hütten, Lehm⸗ haufen mit Stroh gedeckt, die niedrig und gedrückt am Boden umherkriechen und düſter und unfreundlich genug ausſehen mit ihren engen Fenſtern, die meiſt mit thran⸗ gedüngtem Papiere verklebt, wenn es hoch kömmt mit ſchmutzig grünem Glaſe geſchloſſen ſind und durch ver⸗ witterte Holzladen vor Sturm und Wetterſchlag geſchätzt urden, den größten Feinden dieſer ärmlichen Hütten. Vor dieſen ſich möglichſt zu bewahren, hatte man die hütten in eine Art Niederung gebaut. Sie lehnen ihre Rücken an einen Hügel an und fuchen auch durch größt⸗ nöglichſte Niedrigkeit ſich vor ihren Feinden zu behüten. Die überall aufgeſpannten Netze zeigen am deutlichſten, daß man ſich einem Fiſcherdorfe näherte, und hätten es dieſe nicht gethan, ſo verkündete es doch jener eigen⸗ 8 Ehre 1I. 1 thümliche Fiſchgeruch, der für ſchwache Nerven nicht zu empfehlen iſt, ſchon eine Viertelſtunde eher, bevor man in dem Dorfe anlangte. Armuth iſt ſein Wahrzeichen und Elend und Jam⸗ mer die ſteten Begleiter ſeiner Einwohner, deren wetter⸗ gebräunte, kräftige Geſtalten keinen Sturm fürchten und die ſich im wilden Wogengetoſe, in dem ſie Alles um ſich her vergeſſen, die tobenden Elemente ausgenommen, am wohlſten fühlen. Dann ſtehen ſie unerſchüttert an Maſt und Steuer, lenken mit ſicherm Auge ihre gebrech⸗ liche Jolle und das laute„O hai!“ ihrer Schifferkehlen wetteifert mit dem Heulen des Sturmes und dem ge⸗ ſpenſtiſchen Rauſchen der Wogen. Sie fürchten dieſe nicht, wenn ſie düſter und grau, ſchaumgekrönt herbei⸗ rollen, immer auf's Neue ſich überſtürzend; ſie fürchten nicht die wilden Fluthen, die begehrlich ſich emporrecken und lüſtern ziehen und ſchlagen, um Jolle und Mann mit feuchten Armen zu umfangen und ſie hinabzuziehen in ihr unergründliches, feuchtes Reich des Todes! In ſolchen Gefahren zagt der nordiſche Fiſcher nicht. Er iſt ihnen vertraut von Jugend an, und fühlt ſich am wohlſten, wenn er im Kampfe mit den grollenden Elementen ſeine Rieſenkraft meſſen, die Spannkraft ſeiner Arme und ſeinen Muth erproben kann, der im Kampſe mit den kleinen Fiſchen des Meeres, die er erjagen muß, 3 um des Lebens Elend von einem Tage zu dem andern zu friſten, doch gar zu wenig auf die Probe geſtellt werden. Sturm und Wetter— das ſind ſeine Freunde und trauten Genoſſen. Sie begrüßt er wie Tanz und Spiel mit lautem Jubelrufe! Wenn ſie toben, reißt er ſich empor aus ſeinem maſchinenmäßigen Phlegma, das ihn am Lande und beim warmen Sonnenſcheine feſſelt und entnervt. Dann fühlt er die Kraft ſeines Armes ſich neu verjüngen, fühlt die Muskeln ſchwellen wie die Blätter⸗ knospe vor dem Sonnenſtrahle, und inmitten der Ele⸗ mente lernt er ſich fühlen als freier, kräftiger Menſch, der ſeinen Muth und ſeine Macht erproben kann an den rieſengroßen Werken der Schöpfung. So plump, ſo faul und ſchwerfällig ein ſolcher Fiſcher am Lande um⸗ herſteigt, immer in Gefahr in den eigenen Füßen einen Stein des Anſtoßes zu finden, ſo gleichgültig und theil⸗ nahmslos am Lande ſein wettergebräuntes Angeſicht um⸗ her blickt, und ſo ſchläfrig die Augen in ihm:— ebenſo lebendig und gewandt iſt er auf dem Waſſer, wenn die Wellen hochgehen und die Briſe mit dem Schirme des Südweſtens ſpielt. Trotz der ſteifen Oelkleidung iſt er dann flink und gewandt wie die Katze, die nach Beute haſcht; ſein Antlitz leuchtet in Kühnheit und Energie, während die Augen Alles ſehen, Alles beachten— jeder Welle und jeden Windſtoß parirend. 4 Auf dem Meere ein freier Mann, ſelbſtbewußt und thatkräftig, in ſeiner Hütte Sclave des Elends— das iſt das Bild eines Bewohners aus dem Fiſcherdorfe, welches wir vor uns liegen ſahen. In einer der niedrigſten und am meiſten zerfallenen Hütten wohnte dieWitwe Wendt. Schon zu Lebzeiten ihres Mannes, der in früheren Jahren Fiſcher geweſen war wie alle ſeine Nachbarn, und nachher Waldwärter, bis ihn der Tod ereilte, hatte die Armuth und Sorge auch in ihrer Hütte Haus gehalten und mit ihnen von einem Tiſch gegeſſen.— Nachdem die Frau Witwe geworden war, wodurch der Verdienſt ihres Mannes hinwegfiel, und ihre beiden Kinder mit jedem Tage größer und begehrlicher wurden, ohne doch ſelber ſchon verdienen zu können, war die Noth hinter den rohen Lehmwänden oft groß ge⸗ weſen, und oftmals waren die unglücklichen Hüttenbe⸗ wohner unter Thränen auf dem Stroh entſchlummert, weil der Magen ſeine Rechte forderte, und doch kein Stück Brot im Hauſe war, um ſie ihm zu gewähren. Später hatte der alte Krüger, Witwe Wendt einziger Bruder, welcher einige Meilen davon als Gärt⸗ ner auf dem Schloſſe der Generalin von Wettern wohute, den Sohn zu ſich genommen, um ihn zu lehren und zu einem igen Gärtner zu bilden. Die Lochtr aber war nach der Zieſitenz gezogen und in dem mühevollen, aber 5 einträglichen ienſt bei Signora Corrado, D der das hübſche und anſtellige Mädchen gefallen hatte, fand ſie Gelegen⸗ heit, ihre Mutter zu unterſtützen, die nun alt und hin⸗ fällig ward und nicht mehr im Stande war, wie früher die ſchwere Arbeit zu verrichten, nach der ſie meiſt noch Stunden lang gehen mußte, und von welcher ſie erſt zurück⸗ kehrte, wenn es faſt ſchon Nacht war, um noch vor Tagesanbruch wieder aufzubrechen, auf daß ſie keine Arbeitsſtunde und den dafür beſtimmten Lohn verſäume. Durch die Unterſtützungen der Tochter hatten ſich die Verhältniſſe der Alten etwas gebeſſert, ſo daß ſie ſo⸗ gar den harten Strohſack, der ihr im Winter keine Wärme gab, mit einem einfachen Bette und die papiernen Fenſterſcheiben mit ſolchen aus grünem Glas hatte ver⸗ tauſchen können, wenn ſie auch ſonſt der Hütte ihr mehr als ärmliches und hinfälliges Ausſehen nicht nehmen konnte. Ihr Anzug wie das Innere der Hütte waren jetzt ſauber und rein, wie ſie es ſtets geliebt hatte, ohne in früheren Jahren immer Zeit gehabt zu haben, es ſo zu unterhalten. Sie war nen aufgelebt, die alte Mutter Wendt, unter dem Glücke, das ihrem Alter lachte, und täglich ſegnete ſie ihre Kinder, welche Beide ſo gut und brav 6 waren, und der alten Mutter die Laſt des Alters er⸗ leichterten. Nun brauchte ſie nicht mehr Stunden lang nach ſchwerer Arbeit zu laufen und Abends hungernd und er⸗ mattet heimzukehren— wo ihrer doch keine liebende Hand wartete und keine Suppe für ſie gekocht war:— denn ihre Kinder ſorgten für ſie und ſie ſaß zufrieden am Spinnrade und ſpann einen ſoliden Hausfaden, für den ihr der Weber im nächſten Städtchen zwar nicht viel, aber etwas doch bezahlte. So hatte Mutter Wendt in ihren alten Tagen ein Glück gefunden, wie es ihr in der Jugend kaum ge⸗ träumt hatte, und ihr Auge ſchaute ſo friedlich heiter und klar in die Zukunft hinaus, wie noch nie in ihrem Leben. Denn von der Kindheit an hatte ſie nur die Sor⸗ gen und Entbehrungen kennen gelernt, hatte ſtets in Sorge leben müſſen für das Morgen, ohne oft am Heute noch geſättigt zu ſein, und ſo erſchien ihr der Zuſtand ihrer ärmlichen Wohlhabenheit, in den ſie die Liebe ihrer Kinder verſetzt hatte, wie ein Paradies, wie das erſehnte Land der Verheißung, von dem ſie in der alten groß⸗ ſchriftigen Bibel geleſen hatte, die ihr einziges Buch und Familienerbſtück war. So war es geweſen bis vor wenigen Wochen und heute?— 7 Es war ein Herbſttag, aber das Wetter noch ſchön und warm, wie ja meiſt im Norden der Herbſt erſt die ſchönſten Tage bringt. Die Blätter des Wal⸗ des färbten ſich bereits, und der Herbſtſturm hatte ſchon einige Male vernichtend darin gewüthet, heute aber war es ruhig und klar. Die Sonne vergoldete den Wald, warf ihre wärmenden Strahlen über die elenden Hütten und glitzerte millionenfach in den leiſe kräuſelnden Wellen, die aus Gewohnheit in ewiger Bewegung erſchienen und leiſe plätſchernd auf den niedrigen Strand liefen. Mutter Wendt ſaß im Schatten vor ihrer Hütte, deren Thür leicht angelehnt war, und ihr Fuß hielt das Spinnrad in emſiger Bewegung. Schnurrend lief es um ſeine Achſe, und Mutter Wendt mußte ſich ha⸗ ſten, um aus dem klaren Flachsrocken den Faden zu drehen und ihn auflaufen zu laſſen auf die eintönig ſchwirrende Spindel Aber ihr Geſicht hatte hente gar nichts gemein mit Frieden und Heiterkeit, ihre Züge waren bleich und verhärmt, und aus den Augen kollerte eine Thräne nach der andern auf die dunkel gebräunten nackten Arme nieder, die mit Emſigkeit den Faden drehten. Sie hatte das kattunene Hänbchen abgenommen und neben ſich gelegt. Der leiſe Luftzug ſpielte mit 8 ihren erbl ichten Haaren und ſo glich ſie einer trauern⸗ den Parze, die verdammt iſt, unaufhörlich das Le⸗ ben abſpinnen zu müſſen und die dabei ſelber ihr trauriges Geſchick beklagt. Oft hob ein tieſer Seufzer ihre Bruſt— die müden Fnger ließen das Spinnrad ruhen und leiſe ſchlich ſie nach der Hüttenthür, um durch die Spalte zu blicken, worauf ſie trauernd wieder zu ihrem Ro⸗ cken zurückkehrte. Dann waren ihre Züge am ſchmerz⸗ lichſten erregt,— dann floſſen die Thränen ſchwer und perlendick über die gefurchten Wangen hernieder, und das Rad mußte ſchneller und ſchneller ſchwirren, um dem bewegten Gemüthe der alten Spinnerin zu folgen,— bis ſie nach einer Weile wieder aufſtand und ruhelos wieder durch die Spalte blickte. Sie that es nicht gern, und nur langſam und gezwungen ſchlich die ſonſt noch ſo rüſtige Alte die wenigen Schritte bis zur Hüttenthür— aber dennoch mußte ſie immer von Reuem den ſchweren Gang un⸗ ternehmen,— dennoch konnte ſie nicht anders, ſie mußte immer wieder zurückkehren und mit ihrem ſor⸗ genden Blicke das Innere der Hütte überwachen. Seufzand ſchlich ſie eben wieder nach ihrem Rade zurück— und es heftiger drehend, als es die unwil⸗ lig knarrende Maſchine gewohnt war,— flüſterten 5 ihre Lippen heimlich die innigſten Gedanken und ver⸗ riethen den lauſchenden Lüften die Pläne ihrer Seele. „Es geht nicht mehr ſo— das muß ein Ende nehmen,— das arme Kind verzehrt ſich in Gram und Scham— und der Wurm,— der am unſchul⸗ digſten iſt und rein wie ein Paradieſesengel, verkommt bei dieſem ewigen Haſten und Weinen.—— Wenn ſi einmal ſchlafen mag es noch gehen— da erholen ſich Beide und gewinnen neue Kräfte— und ich wünſchte nur, ſie könnten ſo viel ſchlafen als ſie wachen.“— Der Faden war geriſſen bei ihrer inneren Be⸗ wegung und war aufgelaufen auf die halbgefüllte Spindel. Nun ſtand das Rad ſtill und die Alte beugte ſich darüber, mit ihren verwei ten Augen das Ende des Fadens ſuchend, um ihn neu mit dem Flachſe zu verknüpfen. Aber ſie war heute ſo ungeduldig, ſo fieberhaft erregt, daß es ihrem Auge nicht gelingen wollte, das verſteckte Ende zu entdecken— und ein tiefer Seufzer erleichterte ihre Bruſt, als ſie es endlich doch gefun⸗ den, den Faden angelegt hatte,— und das Rädchen auf's Neue ſeinen Lauf begann. „Gott ſegne die edle Frau, die uns wenigſtens 10 nicht verhungern läßt!— Gott ſegne ſie, denn Ma⸗ rie hat es um ſie gar nicht verdient, daß ſie ſo freundlich und liebreich zu ihr iſt, und ſo reich für ſie ſorgt. O, warum mußte ich das erleben?— Hätte ich doch lieber arbeiten wollen— ſo lange noch ein Loth Fleiſch nur auf den Armen mir haftete,— und wenn der Baſ von den Händen ſprang und ich keu⸗ chen mußte unter der ſchreckl ichen Laſt— ehe ich im Wohlleben ſchwelgen und das hätte erleben wollen! O mein Gott, mein Gott, warum mußte ich das erleben!“— Sie preßte die rauhen Hände vor die thränen⸗ ſchweren Augen— das Rad lief weiter— wieder riß der Faden und ſie bemerkte es gar nicht einmal. Das Herz wollte ihr brechen unter dem Leid, das ſie getroffen hatte, und ſchwere, ſchmerzliche Seuf⸗ zer, krampfhaftes Schluchzen verriethen deutlich genug, was in dem zuckenden Herzen der einfachen alten Frau vorging.— Sie war ſo alt geworden in Ehr⸗ barkeit und iie— hatte ihre Findet gezogen mit beſten Kräſten, hatte ſie t zur Frömmigkeit und Tugend— und nun war es doch über ſie gekommen, und hatte ihre grauen Haare ge⸗ bleicht mit Schmerz und Jammer. Oftmals wohl hatte ihr Herz geblutet mit der 11„ Sorge und Noth, und ſie hatte geweint, wenn ſie ſel⸗ ber hungern mußte und hungern ſehen ſelbſt die Kin⸗ der.— Doch hatte ſie damals nie den Muth verlo⸗ ren, nie die Frendigkeit und das Vertrauen, daß es beſſer werden und daß Gott helfen würde, der ja die Lilien auf dem Felde kleidet und die Vögel nährt, die doch nicht arbeiten und nicht ſäen noch ernten dürfen— und ihre Hoffnung hatte ſie auch nie be⸗ trogen.— Durfte ſie aber auch heute, durfte ſie Hülfe hof⸗ fen für die Sünde, Troſt und Gnade für die Schande? Sie knüpfte den geriſſenen Faden auf's Neue,— begann wieder das Rädchen zu drehen und ſaß da, düſter und nachdenklich— wie eine Parze, Gedanken ſpinnend, Gedanken, düſter und traurig wie ihr Ge⸗ ſchick. „Das muß enden— ſie darf nicht vergehen in Leid und Schande, und ihr weiches Herz darf nicht zerbrechen in der nie enden wollenden Qual— die auch meine Kraft verzehrt, mich vor der Zeit in die Grube ſchleudern und mich fortreißen wird von meinem un⸗ glücklichen Kinde. O, mein armes Mädchen, was ſoll⸗ teſt Du beginnen, wenn ich nicht mehr wäre,— und Du allein ſtändeſt mit dem ſiechen Wurm, den Dein Schmerz verkümmert;— allein unter den fremden, 13 Haus, aus dem die klagenden Töne einer Kinderſtimme erſchollen. Auch die Kranke war bereits davon erwacht, hatte ſich auf dem Lager emporgerichtet und nahm das Kind zu ſich, um es an der welken Bruſt zu tränken. Doch die Alte wehrte dieſem Beginnen. „Laß, Mariechen, laß liebe Tochter,“ bat ſie, und alle Sorge und alles Mißve gnügen, die vorher ihre Züge beherrſcht, hatten einer unendlichen Liebe und Beſorgtheit Platz gemacht;„laß, meine liebe Tochter, Du ſchwächſt nur Dich und gibſt auch dem Kinde nichts Geſundes, ſo lange Du ſelber noch im Fieber bleibſt und nicht wieder geſund biſt. Sien, hier habe ich von einer Nachbarin friſche Ziegenmilch beſorgt, ſriſch und nahrhaft, und habe ſie ſchon in die Flaſche gefüllt, die wird dem Kinde gut thun.“ Marie lächelte traurig und dankte nur mit einem Blicke. Die Liebe der Mutter, die ſie, die Schuld⸗ belaſtete, in den ſchwerſten Stunden des Lebens mit einer Sorgfalt gepflegt hatte, wie ſie nur die Mutter, das aufopfernde, ſelbſtvergeſſende Mutterherz hegen kann, wat ihr wohl und drückte ſie doch auch zugleich nieder. Sie fühlte ſich unglücklich, unſäglich elend, und frug tauſendmal den Himmel, warum er ſie nicht zu ſich genommen hätte ſammt dem vaterloſen Kinde, das zum 14 Elende geboren war, klagte ihn an in unſäglichem Schmerze, warum ſie wieder erwachen müſſen aus der todtenähnlichen Ohnmacht, in die ſie die Ge⸗ burt des Kleinen geſtürzt, in der ihr Daſein zwi⸗ ſchen Leben und Tod geſchwebt, an einem Fädchen nur geſchwebt hatte, erwachen müſſen aus derſelben zu einem neuen Elend! Die Alte hatte aber unterdeß das Kind ſchon ergriffen, hatte dasſelbe in eine wärmende Decke ge⸗ hüllt, und war mit ihm und der gefüllten Milchflaſche hinausgeeilt auf ihren Platz vor der Hütte. Die Sonne ſtand noch immer hoch am Himmel, vergoldete noch immer Wald und Feld, ſpielte noch immer mit dem ſanften Wellenſchlage, deſſen Muſik leiſe herübertönte in das Fiſcherdorf, und das Kind trank, trank mit vollen Zügen von der ſüßen Milch, und ſchlug dabei die klaren Augen zu der Großmutter auf, die es liebend im Schooße hielt und ihm mit mütterlicher Sorge die nährende Flaſche reichte. Alle Sorge, alle Unzufriedenheit waren aus den verwitterten Zügen gewichen, und ein Strahl der rein⸗ ſten Liebe, der tief aus dem Herzen drang und hell und freudig aus den Augen blickte, verklärte ſie faſt. Die Alte hatte Alles um ſich her vergeſſen, ſah nicht die Sonne mit ihrem Schein nicht das um⸗ 12 theilnahmsloſen Nachbarn, die genug haben an ihrer eigenen Noth— und Dich umkommen laſſen würden in Elend und Armuth!— „Wie ſollten ſie auch Theilnahme hegen, wie Mitleid beweiſen können,— die Bemitleidenswerthen, die ſelber ſchleppen an der fürchterlichen Kette des Elends,— die ſelber den Hunger beſſer kennen als das Wohlſein— und die Dich noch verachten zu dürfen glauben, weil Du s beſſer fandeſt als ſie— und dann erſt unglücklich wurdeſt.— „So darf es nicht länger gehen— dieſer Zuſtand muß enden— ich muß für Dich ſorgen— denn ich kann alle Tage ſterben— kann in jeder Stunde dem Schmerze erliegen, den Du über mich gebracht haſt!— Deßhalb muß ich Hülfe ſchaffen,— muß den Verräther zwin⸗ gen, Dich wieder zu Ehren zu bringen, und zu ſorgen für Dich und das Kind!— „Mein Bruder— und Tante Frieda! Ja ſie will ich fragen— und zwar morgen ſchon.— Wenn ich einer der Nachbarinnen Geld gebe, dann wacht ſie ſchon bei der Kranken— und Geld haben wir ja noch— ja Gott ſei Dank, Geld haben wir noch— und morgen—“ Diesmal; ſprang ſie ſo heftig auf, daß nicht uur der Faden riß, ſondern das Rad ſelber unfiel, und doch achtete die Alte nicht darauf, ſondern eilte in das 10 geſtürzte Spinnrad, das mit zerriſſenem Faden noch immer am Boden lag, hatte auch nicht das Oeffnen der Thüre gehört, und bemerkte nicht das bleiche junge Weib, welches an dem Pfoſten lehnte und mit Thränen des Dankes zu ihr herüberſchaute. Wie das dem armen Herzen wohl that! War doch Eines da, das ſie nicht verachtete mit ihrem Kinde, war doch Eines da, das ſie noch liebte, ein Herz, das ſie nicht verläugnen wollte in ihrem Unglück, das noch immer treu und liebevoll für ſie ſchlug, und liebevoll auch für das Kind des Vergehens ſorgte. Ein Herz war ihr geblieben, und ſie war noch nicht ganz unglücklich, nicht ganz verlaſſen, denn das Mutterherz verläugnete ſie nicht, das Mutterherz ſchlug noch treu für ſie, und kannte nichts als Liebe und Vergeben! „Mutter, liebe Mutter, wie ſoll ich Deine Güte verge ten?“ frug das bleiche Weib endlich, und ein neuer Thränenſtrom brach aus ihren Augen. Die Alte blickte auf und lächelte, lächelte als ob ſie nie das Unglück gekannt hätten und im ſtolzeſten Glücke lebten. „Mache, daß Du bald geſund wirſt, Marie,“ ſagte ſie dann liebreich,„damit Du für das Kleine ſorgen und ihm eine Mutter ſein kannſt. Reiße Dich 16 heraus aus dem Schmerze, denn wir müſſen vorwärts gehen, damit wir einſt wieder glücklich und zufrieden werden können.“ „Ach, Mutter, damit iſt es für mich aus,“ er⸗ widerte das arme Mädchen, und ihr Lächeln war trübe und hinſterbend, daß der Mutter faſt das Herz brach. „Ich habe Dir nur Kummer und Sorge in das Haus gebracht, und Schande obenein, und werde nie mehr ſo weit kommen, für etwas Anderes ſorgen zu können. Mit der Ehre ſind mir auch der Muth und das Ver⸗ trauen entſchwunden, denn nur die Gerechten dürfen hoffen— die Schuldigen aber müſſen büßen——— büßen ihr ganzes Leben lang, und werden doch nie⸗ mals wieder erringen— niemals, was ſie verloren haben.“ „Armes Kind, was Du Dir für Gedanken machſt! Wie ſollſt Du denn dabei jemals geſund und kräftig werden können, um Deinem Kinde Mutter zu ſein, und ihm auch Den erſetzen zu können, der es verlaſſen hat, noch ehe es geboren wurde. Ich bin keine gelehrte Frau, Marie, und der Herr Pfarrer würde Dir das Unrechte und Sündige Deiner Gedanken viel beſſer aus einander ſetzen lönnen als ich, die ich niemals etwas Anderes gehört habe als eine Predigt, und nur die Bibel geleſen habe, die der einzige Troſt der armen 17 Leute iſt. Aber in der heiligen Schrift, da ſteht es, wie der Heiland Allen vergeben hat, die mühſelig und ſchuldbeladen zu ihm kamen und gläubig aufſchauten zu ſeiner Gnade.“ „Mutter, nein, nein, mir kann Niemand helſen, ſeitdem er mich verlaſſen, dem ich Alles geopfert habe. Ich liebe ihn nicht mehr, ich haſſe ihn auch nicht, ich verachte ihn nur, ſeitdem ich ihn erkannt habe; aber im Herzen da iſt es leer und öde, meines Lebens Sterne ſind erloſchen mit meinem Glauben, und meine Hoffnung iſt gebrochen für immer. Mir hilft nur noch der Tod!“ „Herr, höre ſie nicht, ſie weiß nicht was ſie thut,“ rief die Mutter angſtvoll,„Marie, unglückliches Kind, fürchte doch das Sündige ſolcher Wünſche! denn was Du bis jetzt gefehlt haſt, wird Dir vergeben werden, iſt Dir vergeben ſchon von Jedem, der edel denkt. Das hat Dir ja auch die ſchöne Herrin in der Reſi⸗ denz bereits geſagt, die Dich ſo liebevoll getröſtet und aufgerichtet hat in Deinem Unglück; Deinen Unglauben aber wird man Dir behalten müſſen. Denke an die Samariterin, welcher der Heiland vergab um ihres Glaubens willen; denke an die büßende Magdalena, der viel vergeben wurde, weil ſie ſo viel geliebt. Ich bin ja nur eine einfache Frau, die nichts kennt als Ehre. 1I. 2 * 18 ihr Gotteswort, und aus keiner andern Ouelle je hat ſchöpfen können; aber auch Dein Vergehen war ja das der Liebe, auch Du haſt gefehlt aus Liebe— ſollte nicht auch Dir vergeben werden, wenn Du glaubſt?“ Marie antwortete nicht. Ihre Augen ruhten auf dem Kinde, das ſeine Flaſche glücklich geleert hatte und, nun geſättigt, mit den großen Augen zu der Großmutter aufblickte. Sie fühlte wohl die Wahrheit in den Worten der Mutter, doch konnte ſie noch immer die Bitterkeit des Schmerzes nicht überwinden und die Freudigkeit des Glaubens nicht erringen. Das iſt das Unglück ſo vieler tiefgebeugter Ge⸗ müther, daß ſie das Vertrauen verlieren auf die Gnade deſſen, der von ſich ſelber ſagt,„ich bin die Liebe!“ Daß ſie aus Furcht und Zagen in der Nacht des Vorhofes verweilen, weil ſie kein hochzeitlich' Gewand haben, und ſich ſcheuen mit dem Büßerkittel einzutreten in die heiligen Räume. Und doch ſollen die Reuigen, die Verlorenen, welche da wiederkehren, die am freudigſten Begrüßten ſein, denn dem verlorenen Sohne ward ein Kalb ge⸗ ſchlachtet, als er reuig das Vaterhaus ſuchte, und im Himmel iſt mehr Freude über eine Seele, die verirrt 19 war und ſich zurückgefunden hat, denn über neunund⸗ neunzig Gerechte. Marie nahm das Kind von der Mutter zurück; die freie Luft und das Sprechen hatten ſie angegriffen, und langſam ging ſie wieder in die Hütte. Hier legte ſie das Kind in die ärmliche Wiege nieder, in der auch ſie und ihr Bruder ſchon geruhet hatten, ſank vor ihr nieder und, das bleiche Antlitz in die Kiſſen preſſend, weinte ſie bitterlich. Das geſättigte Kind entſchlief ſchnell und lächelte im Traume, ſo wohlbehaglich fühlte es ſich; der Mutter aber durch⸗ bohrte dieſes Lächeln immer auf's Neue das Herz, und ihre Thränen ſtrömten heftiger über die bleichen Wangen. Draußen hatte die Alte ihr Spinnrad wieder auf⸗ gerichtet, und als es ſich ſchnurrend drehte und der Faden endlos durch die Finger floß, da kamen auch die alten Gedanken wieder, und als die Sonne nun tiefer und tiefer ſank, die goldenen Strahlen ſo ſchräg auf die Wellen ſendend, daß das Meer ein großes Beit voll Feuer ſchien, ſtand ſie auf und ging in die lleine Küche, die an der Hütte lehnte, um für ſich und die Tochter eine Abendſuppe zu kochen. Ihre Lippen aber murmelten:„Es nutzt nichts, 2* 20 ich muß helfen und Rath ſchaffen; ſie verzehrt ſich ſonſt in ihrem Gram, bricht ihr das Herz und das meine, und der arme Wurm kann nachher verhungern. Es hilft nichts, ſie darf nichts ohnen von meiner Abſicht, aber morgen, ehe ſie noch erwacht, gehe ich zur Tante Frieda.“ Zweites Capitel. Gewitterdräuen. Der Freiherr von Harder hatte im letzten Jahre bedentend gealtert. Sein ſtolzer kräftiger Gang, der bis dahin noch immer gern den früheren Blücher'ſchen Huſaren durchblicken ließ, hatte viel von ſeiner Energie verloren, ſeine Haltung war etwas nach vorn gebeugt, wie wenn ſchwere Laſten auf ſeine Schultern drückten, und Haar und Bart waren noch mehr gebleicht. In ſei⸗ nen Zügen hatte die kräftige Energie mit dem Adler⸗ blicke einem finſtern Ernſte Platz gemacht, und die ſcharf gekniffenen Lippen ſchienen die Laſt der Sorgen zurückhalten zu wollen, die oft ſich ihm auf die Zunge drängte. Denn der Freiherr klagte nie, ſelbſt nicht zu ſeiner nächſten Umgebung, und ſeit jener Unterredung mit Frau und Tochter, die Annen's Verlobung vorherging, und in der er ihnen die Lage ſeines Hauſes offenbarte, hatte er nie wieder ein Wort darüber geäußert. 22 Nur ſein Ausſehen und das Hinſchwinden ſeines freien ſtolzen Weſens, das ſtets durch echten Adel im Auftreten und Verkehr imponirt hatte, künveten der be⸗ ſorgten Familie die ſchweren Sorgen, welche auf dem Herzen des Freiherrn laſteten; er ſelber war der Com⸗ mentar ſeiner Verhältniſſe, wenn auch nicht Fremden, doch ſeiner Familie verſtändlich. Der letzte Jahresabſchluß, welchen er wiederum an ſeinem Geburtstage gemacht hatte, als wollte er ſich allemal an dem Tage, der ihn ein Jahr älter machte, auch von dem Verfalle ſeines äußeren Glückes überzen⸗ gen, hatte wiederum ein ungünſtiges Reſultat her⸗ ausgeſtellt. Die Einnahmen hatten wiederum die Ausgaben nicht decken können, die ſich durch häufende Zinsgebüh⸗ ren immer höher ſteigerten. Das Deficit war als neue Schuldenlaſt der alten hinzugefügt worden, und immer höher ſchwollen die Verbindlichkeiten ſeines Hauſes, ſo ſehr auch der Freiherr ſich bemühete, das Gleichgewicht wieder herzuſtellen und ſeine Lage wenigſtens nicht noch mehr zu verſchlimmern. Aber rollt nur erſt der Stein den Berg hinab,— wie ſchwer iſt es da, ihn aufzuhalten! Jeder Schritt vorwärts bedingt zwei zurück, um einen Vortheil zu er⸗ 23 ringen, und Rieſenkräfte können erlahmen an ſolchem fruchtloſen Kampfe. Doch je mehr den Freiherrn die äußeren Verhält⸗ niſſe drängten, je ſchwieriger ſeine Lage ward und je höher ſeine Verbindlichkeiten ſtiegen,— um ſo hartnä⸗ ckiger verſchanzte er ſich hinter dem Stolz ſeines Stan⸗ des. Nie drang ein Wort der Klage über ſeine Lippen, nie vergaß er auch nur auf einen Augenblick die ſtolze Ruhe ſeines Standes— und kein fremdes Auge hätte den ſichtlichen Verfall ſeiner Geſtalt einem andern Grunde zuſchreiben können, als dem Rechte des Alters, das über Kaiſer und Baron— wie über den Bettler mit gleicher Machtvollkommenheit ſchaltet. Das Leben auf Hardersberg nahm ſeinen gewohn⸗ ten Fortgang. Die Familie war gaſtfrei und liebens⸗ würdig wie immer, und jeder Fremde willkommen. Nur hatten die Feſte jetzt gänzlich aufgehört und auch dafür gab es beim Freiherrn einen guten Grund, den alle Nachbarn achten mußten. Anna's ſchwankende Geſundheit ſchien ſich nur auf dem Schloſſe Tante Frieda's wieder erholen zu können. Das zarte Mädchen fröſtelte in den Mauern Harder⸗ bergs, wo jede Minute ſie an die Sorge der theuren Eltern erinnerte,— und ſie hatte deßhalb auf Wunſch ihres Vaters für jetzt ihren Wohnſitz völlig bei Tante 24 Frieda aufgeſchlagen, um ſo mehr, da dieſe alte Dame nur wenn Anna bei ihr war, noch glücklich ſein zu kön⸗ nen ſchien. Jetzt, wo ſie auf dem Stammſchloſſe einſam und allein wohnten, konnte Niemand dem alternden Freiherrenpaare die Veranſtaltung von Feſtlichkeiten zumuthen, von denen ſie nichts hatten als Mühe und Unbequemlichkeiten— Störungen, die dem Alter bei vorgerückten Jahren immer unangenehmer werden. Doch trotz dieſer geſchickten Arrangements und der dadurch erzielten Erſparniſſe wurden die Verhältniſſe nur verwirrter, die Late des Freiherrn immer krieiſcher, und ein e nziger unvorhergeſehener Windſtoß konnte der lauernden Welt die Calamitäten des Freiherrnhauſes enthüllen, und die Ehre desſelben unwiderruflich ge⸗ fährden. Und die Ehre— dieſe äußere Ehre ſeines Hauſes war ja der empfindlichſte Punkt, die tödtliche Stelle des Freiherrn. Sie zu bewahren hatte er durch ſein ganzes Leben gerungen, ihr keinen Flecken anhaften zu laſſen und dem alten Glanze und Rufe ſeines Hauſes kein Dementi zu geben, hatte er mit Mühfal und unſäglichen Beſchwerden gekämpft, hatte er den ganzen Kelch ent⸗ ſchwindenden Glanzes bis zur Neige gekoſtet,— nur um den Schein zu wahren. Noch hielt ſein Name, ſeine unbefleckte Ehre und 25 der Ruf der Harder's— ſeine Verhältniſſe vor dem Bruch; aber er war ruinirt, die letzten Pfeiler des Wohlſtandes zertrümmert, kein Stein von Harderberg mehr ſein Eigenthum— und jeder Windſtoß konnte das ſchwankende Kartenhaus zertrümmern, das ſeine Ehre decken ſollte. Die Freifran ahnte ſorgenvoll das Alles.— Sie ſah in der erſchreckenden Muthloſigkeit ihres Mannes die Beſtätigung ihrer trüben Ahnung— wenn er ſich auch noch ſo feſt hinter Strenge und Kälte zu verſchan⸗ zen ſtrebte. Sie kannte ihn und hatte in mehr als zwan⸗ zigjähriger Ehe ſein Weſen ſtudirt; ſie allein begriff die ungeheure Qual, die ſein Herz zerfleiſchte, und die ſich doch nicht ausſprechen wollte und in thörichtem Stolze und falſcher Ehrliebe keinen Sterblichen zum Zeugen duldete. Eertrud ahnte, begriff Alles. Sie verſtand alle ſeine Handlungen, ohne daß er ihr ein Wort über die Gründe mittheilte— und ſie lilt uit ihm, litt uuſüg⸗ lich um ſeine Qual— unſäglich auch, weil auch ſie das Geſpenſt der Armuth fürchtete,— und ihre eiſernen Amme für ſchrecklicher hielt, als ſelbſt den Tod. Lieber hinab in die Gruſt, in der die Ehre wohl verſchloſſen ruht; lieber todt in der Gruft ihrer Ahnen, unter dem Baldachin äußern Glanzes,— als arm und hülflos das Schloß der Harder's verlaſſen und in die Welt hinabſteigen, wo Arbeit und Mühe als Loſung gilt, in die Welt— mit der ſie nie etwas gemein gehabt hatte, auf die ſie herabgeſchaut aus ihrem ſtolzen Schloſſe, mit Mitleid nur— und ſouveräner Ver⸗ achtung. Das war ja leider auch der Grundſatz der Frei⸗ frau— und ihm emtſagen ſollen, däuchte ihr ſchmäh⸗ licher als der Tod. So zitterten die beiden Alten bei jedem Luftzuge, und ihr Daſein war eine fortgeſetzte Qual, die nur die beſchleunigte Verheiratung Anna's enden konnte. Durfte man aber bei dem leidenden Zuſtande der⸗ ſelben daran denken?— Durften die Eltern, die um ihres Hauſes willen ſchon das ſchwerſte Opfer von ih⸗ rem Kinde verlangt hatten, jetzt auch das Leben desſel⸗ ben auf das Spiel ſetzen?— Und doch die Noth wuchs immer mehr, der Frei⸗ herr verzehrte ſich in innerer Qual— und endlich— endlich überwand er ſich, zu ſprechen. Er hatte eine un⸗ ruhige ſorgenvolle Nacht zugebracht, und die dicken Herbſinebel, die am Morgen das Schloß umſchleierten und es zum düſtern Gefängniß nlachten, aus dem man nicht einmal hinausblicken konnte, um an der freien Na⸗ 27 tur das bange Herz zu ſtärken, hatten ſein bedrücktes Gemüth auch nicht erleichtern können. Mit einem ſchnellen Entſchluſſe ging er deßhalb nach dem Zimmer ſeiner Gattin hinüber, die nicht we⸗ nig erſtaunt war, ihn zu ſo früher und ungewohnter Stunde bei ſich zu ſehen. Ein Blick auf ihn und ſein düſteres Ausſehen ver⸗ rieth ihr Alles, und ſie wappnete ſich mit Muth für ſeine Exöffnungen. Noch immer rangen Stolz und Nothwendigkeit in ſeiner Bruſt; noch immer hätte er gern Alles mit un⸗ durchdringlichem Schleier verhüllt und ſelbſt dem Weibe, die zwanzig Jahre lang ſeine Begleiterin— ſein zweites Selbſt geweſen war, die drohenden Zuſtände vorenthal⸗ ten— doch es durfte nicht ſein. Die mächtigen Ahnun⸗ gen, deren Gewalt der ſtolze Mann ſonſt verächtlich ver⸗ lacht hatte, kamen heute immer wieder über ihn; düſtere Gebilde hatten ihn erſchreckt und umſchwebten ihn noch immer wie drohende Spukgeſtalten. Trotz ſeiner ſtolzen Abgeſchloſſenheit und zur Schau getragenen Aufgeklärt⸗ heit war er im Innern nicht ganz von Aberglauben frei, und hielt ſeine Traumbilder für die Vorboten des nahen⸗ den Sturmes. „Gertrud,“ begann er endlich ſo gepreßt, als wollten die Lippen noch immer den Dienſt verſagen, wir haben ſchon früher von dem unerfreulichen Zu⸗ ſtande unſeres Hauſes geſprochen und leider muß es heute noch einmal geſchehen. Die Wunden von damals ſind drohender und klaffender noch, ja ſie ſind unheil⸗ bar geworden, ohne einen tüchtigen Arzt, und dieſer Arzt muß ſchnell kommen, wenn der Patient ſich nicht ver⸗ bluten ſoll.“— Gertrud neigte ſchweigend das Haupt und ver⸗ ſuchte umſonſt die Thränen zurückzudrängen.„O mein Gott, mein Gott,“ klagte ſie ſchmerzlich, wohin iſt es mit uns gekommen!“— „Verzage nicht, Gertrud, der Arzt muß kommen, er muß ſchleunig kommen, und Alles iſt gerettet. „Noch iſt unſere Ehre glänzend und hell, wie das Wappenſchild unſeres Hauſes, und in unſrer Hand liegt es, daß es nie anders werde. Wenn Anna ſchnell verheiratet wird, ſind wir gerettet, und die Stürme, die uns jetzt bedrohen, ziehen machtlos vorüber.“ „Alſo gibt es keine Rettung mehr, außer dieſem letzten Mittel— keine auf der ganzen Welt, als die Verheiratung des armen kranken Kindes?“— „Keine, Gertrud. Wir ſind ruinirt und ein klei⸗ ner,— der kleinſte unvorhergeſehene Zufall läßt alle Minen ſpringen,— vernichtet die Ehre unſeres Hauſes, ſchändet mich zum Banquerotteur, und jagt uns Alle 29 von Hardersberg— von dem leider ja kein Stein mehr unſer Eigenthum iſt.“— Er hatte ſtreng und hart geſprochen, während die bleichen Lippen feſt auf einander ſaßen wie im Krampfe gekniffen— und wer ihn ſo ſtehen ſah, der hätte ihn für einen Alba halten mögen, ſo finſter war ſein Blick und ſeine Haltung. Niemand, ſelbſt Gertrud nicht, ſollte ſeine Bewegung, ſeine innere Qual fehen, und der Stolz verlieh ihm übermenſchliche Kraft, hart zu ſcheinen, wo doch ſein Herz zu brechen drohete. Er würde kein theilnehmendes Wort, keinen Troſt geduldet, ja er würde ihn zurückgewieſen haben mit einer Härte, die ſein wahres Gefühl nicht kannte, und Gertrud wußte das, und hielt wie er dieſe Charakterverzerrung für wahrhaft adelig. Sie wollte ihm nicht zurückſtehen und mit er⸗ zwungener Ruhe ſagte ſie: „Alles für die Ehre des Hauſes. Thue, was nöthig iſt, ich füge mich der Nothwendigkeit und Anna wird es auch thun— wie wir Alle gewohnt ſind.“ Der Freiherr war zufrieden, drückte einen Kuß auf die Stirn der Gattin und ſagte ſcheinbar gleich⸗ gültig:„Ich fahre noch heur zu Frieda, um Anna zu benachrichtigen, und morgen will ich dann mit Bran⸗ dach ſprechen.— Auf Wiederſehen, Gertrud!“— 8do ſchieden die beiden Gatten mit vollem ge⸗ preßten Herzen, kalt und anſcheinend theilnahmlos von einander, weil ſie ihrem Gefühle nicht den Stolz un⸗ terordnen konnten,— und ſich ſelber nicht geſtehen mochten,— welche Qualen ihre Bruſt verzehrten. Hin war die Zärtlichkeit früherer Jahre, die wie ein lichtes Himmelsband die ganze Familie umſchlun⸗ gen hatte; die Sorgen ſich einander ſelber zu ver⸗ bergen, entfremdete die Herzen und raubte ihnen in der Bedrängniß auch den D oſt getheilten Schmerzes. Der Freiherr brach ſogleich auf. Trübe Ahnungen ängſtigten ſeine Seele fort und fort, und es war, als ob er durch verdoppelte Schnelle dem drohenden Ver⸗ hängniſſe enteilen wollte. Kaum eine Viertelſtunde ſpäter, nachdem er aus dem Gemache ſeiner Gemalin getreten war, trabte er auf ſeinem treuen Thiere bereits die Allee hinunter, während die Freifrau oben am Fenſter des Thurmzimmers ſtand und ihm lange, lange nachſchaute, ſo lange noch eine Spur des Reiters zu entdecken war. Jetzt, allein mit ſich und ihrem Schmerze, ein⸗ geſchloſſen in das einſame Thurmzimmer, wo Niemand ſie ſehen, Niemand lauſchen konnte, fand ſie Thränen der Erleichterung, weinte ſie und klagte über ihr un⸗ ſeliges Geſchick, deſſen Schwere die Schwingen ihrer 31 Seele lähmte und ihr Herz bedrückte wie eine Todes⸗ qual. Dem ſoliden Braunen des Freiherrn ward warm auf dem eiligen Ritte, deſſen Strapazen er ſeit Jahren nicht mehr kennen gelernt hatte, und doch kam er dem Freiherrn nicht ſchnell genug vorwärts, und nicht eher ward er ruhig, als bis ſein Roß aus dem Walde bog, und das alte Schloß Tante Frieda's vor ihm lag. Die Ausſicht von dieſem Punkte war überraſchend ſchön, und dem Freiherrn fiel ſie ſelbſt heute auf, wo ſo viele Sorgen ſein Herz beſchwerten und ſeine Ge⸗ danken in Anſpruch nahmen. Der Boden ſenkte ſich von hier aus ſanft hinab, dem Strande zu, an dem das Schloß ziemlich hart gelegen war, und, da die Nebel längſt verſchwunden und aus dem trüben Mor⸗ gen ein heiter lachender Tag geworden war, blitzte und funkelte es draußen wie ein endloſes Geſchmeide der herrlichſten Brillanten. Die Herbſtſonne ſpielte mit dem leiſen Kräuſeln der Wellen, und ſchaukelte ihre Strahlen auf den feuchten Spitzen, und das alte Schloß ſchien noch einmal ſo alt und ehrwürdig, wenn die lachende Sonne ſeine Zinnen küßte. Wie ein nrolter Ahne inmitten des jungen Lebens, das um ſeine Füße jubelt und ſpielt, ſtand das alte Schloß, und wer es fah, dem drängte ſich wohl die Frage auf, ob es nicht auch bald zur Ruhe gehen und den ewigen Schlaf ſchlafen wolle, mit der Zeit, die es geboren und der es angehört hatte in ſeinem Glanze! Der Freiherr hatte ſein Pferd einen Augenblick angehalten, und auch ihm drängte ſich dieſer Gedanke auf, dem er lange nachſann. Der ſchweißende Braune ließ ſich die Friſt wohl gefallen, und ſtand unbeweglich, anſcheinend eben ſo nachdenklich als ſein Reiter. Plötzlich aber zuckte dieſer auf, zog den Zügel ſtraff, und dahin ging's von Neuem im eiligen Trabe! „Nichts!— Dieſes Glück iſt uns Allen nicht egönnt! Wir ruhten wohl gern mit der alten guten Zeit, aber wir ſollen den Verfall erleben und einſam ſtehen, wie alte Ruinen zwiſchen Trümmern, auf denen junges Unkraut wuchert.— Unkraut, nichts als Unkraut, dieſe Neuerungen; ſie allein ſind unſer Ruin und tragen uns zu Grabe, noch ehe wir geſtorben ſind.“ Ein unendlich bitterer Ansdruck ſpielte um ſeine ſcharfgekniffenen Lippen, und mißmuthig gab er dem Pferde die Sporen, das wenige Minuten ſpäter mit ihm in den Schloßhof flog, wo ihm Anna mit einem Jubelrufe entgegenſtürzte. Sie hatte eben in den Park gehen wollen, als ſie durch das Schloßthor den nahenden Reiter erblickte. 33 Ahnung und Erkennen war ein Augenblick— und die Tochter lag in den Armen des Vaters. „Wo wollteſt Du denn hingehen, mein Töchter⸗ chen?“ frug der Freiherr, als er ſah, daß ihn Anna hinaufbegleiten wollte. „Ich wollte in den Park,“ liebes Väterchen; ach, wie freue ich mich, Dich zu ſehen, und wie wird ſich Tante Frieda freuen. Iſt denn aber auch die Mutter geſund, und ſeid Ihr Alle recht wohl und glücklich auf Hardersberg?“ „So wohl und ſo glücklich,“ erwiderte der Vater mit ſchneidendem Doppelſinn,„daß wir uns recht leb⸗ haft mit Deinem Glücke beſchäftigen. Ich bin recht ſehr erfteut, auch Dich ſo wohl ausſehend zu finden; Du biſt ja bei Tante Frieda neu aufgeblüht, und alle meine Sorgen gehen vorüber. Denn eigentlich hat mich doch auch die Sorge um Deine Geſundheit hergetrieben, da ich immer fürchtete, daß Dir der Aufenthalt hier noch weniger gut bekommen würde als Harderberg, 6 ich dachte deßhalb ſchon an eine neue Heimat für i 4 Anna lächelte ſchmerzlich und dankte dem Vater mit einigen halblauten Worten, von denen ihr Herz nichts wußte. Denn ſie aus Tante Frieda's, aus Ernſt's Nähe rufen, wo ſie ein friedlich ſtilles, wenn auch ent⸗ 3 5 Ehre. M. 34 ſagendes Glück gefunden hatte, ſchien ihr nicht der rechte Weg für ihr Wohlergehen. Doch der Vater durfte davon nichts bemerken! ſie durfte nicht durch Widerſtreben die erſten Minuten des erſehnten Wieder⸗ ſehens trüben, und ſchnell gefaßt erwiderte ſie: „Aber komm doch, Vater, komm zur Tante Frieda! O wie wird die ſich freuen! Tante Frieda iſt in letzter Zeit gar nicht recht geſund geweſen.“. „Schön mein Kind, aber gehe Du nur nach dem Parke, denn ich habe mit Tante Frieda einige Geſchäfte zu beſprechen, die Dich nur langweilen würden. Ich ſuche Dich dafür nachher im Parke auf. Geh', mein Kind!“ Und ſie zärtlich küſſend, wandte er ſich ber Thür zu, und trat in das Schloß. ₰ Anna ſah ihm beſtürzt nach. Eine Angſt über⸗ kam ſie, als ob ihr etwas Schlimmes drohe, und ſie ahnte nicht mit Unrecht, daß ſich die vorgeſchobenen Geſchäfte um ihr Geſchick drehen werden, und daß da oben von ihr und ihrer Zukunft die Rede ſein ſollte. Langſam und gebeugten Hauptes ſchritt ſie dem Parke zu, und ihre Lippen murmelten leiſe: 5 „Armer Ernſt! Er liebt mich ſo tren, ſo ehr⸗ furchtsvoll; ich bin ihm Alles, und darf ihm dochen etwas Anderes ſein, als eine gnädige Herrin! Do was hilft das Klagen, wir ſind nicht dazu beſtimmt, glücklich zu ſein.“ Sie hatte ſich auf ihrem Lieblingsplatze nieder⸗ gelaſſen, der unter Ernſt's Pflege immer lieblicher gedieh, doch die Unruhe jagte ſie bald wieder auf, und planlos irrte ſie im Parke herum, die Rückkehr des Vaters erſehnend. „Was mag er nur haben? Sicher betrifft es mich! Will er mich wegnehmen von Tante Frieda? Sollte gar jetzt ſchon— doch nein, das iſt nicht mög⸗ lich, denn Joachim iſt ja noch in der Reſidenz, und kehrt erſt im nächſten Frühjahre heim, um mich aus meinem Frieden zu reißen. „Wer doch Tante Frieda's Gottvertrauen und ihre Ruhe und Anſchauung der Dinge hätte! Wie Gott will, ſazt ſie ſtets, und iſt immer zufrieden und er⸗ geben. Ich bin es auch, muß es auch ſein, aber ich würde es auch ſein in niedrigen Verhältniſſen, und würde in ihnen und an Ernſt's Seite mich glücklicher ſühlen können. Der Glanz des Adels und Ranges iſt mir nicht Bedürfniß. Ich würde— doch was will denn die Fran, die da ſo ſchüchtern im Parke umher⸗ blict?— Eine Bettlerin ſcheint ſie nicht zu ſein, denn ſie iſt ſo anſtändig gekleidet— ſollte ſie wen ſuchen?“ Es war eine alte Frau mit grauem Haare, auf 3* 36 dem ein kattunenes Häubchen prangte. In ihrem gan⸗ zen Weſen lag etwas Einfaches, Aermliches, und die gutmüthigen Züge weckten Theilnahme und Vertrauen. Sie ließ ihre Augen durch alle Büſche ſchweifen, als ſuche ſie Jemand; da gewahrte ſie plötzlich Anna, welche ihr ſchon eine Weile verwundert zuſah, und trat befangen näher. „Wem ſucht Ihr, liebe Frau?“ rief ihr dieſe bereits freundlich entgegen, und trat nahe zu der Alten heran. „Ach Gott— Sie ſind wohl gar das gnädige Fräulein?“ ſtammelte dieſe, durch Anna's Freundlich⸗ keit in Verlegenheit gebracht. „Ich bin Anna von Harder; ſuchen Sie mich vielleicht, um mir etwas zu ſagen, oder wollen Sie vielleicht die Frau Generalin, meine Tante, ſprechen?“ „Tante Frieda— ach ja— ja die Frau Ge⸗ neralin wollte ich auch aufſuchen, und auch meinen Bruder, den Krieger, und meinen Sohn, den Ernſt, wenn er zu Hauſe iſt; ich wollte mir Rath holen, gnädiges Fräulein.“ „Ach, Sie find unſeres guten Ernſt Mutter? Na das freut mich, Frau Wendt, daß ich Sie kennen lerne. Seien Sie mir willkommen, und Tante Frieda wird Ihnen recht gern ihren Rath geben, wenn ſie's kann.“ Ftau Wendt, denn ſie war es, die ſich wirklich in früher Morgenſtunde aufgemacht hatte, und nun eben im Parke angelangt war, um ihren Bruder zu ſuchen. Frau Wendt berührte ſcheu die dargereichte Hand des Fräuleins und wollte ſie an die Lippen ziehen; Anna duldete das aber nicht, ſondern zog die Alte nach einer Ruhebank hin.. „So, Frau Wendt, nun ſetzen Sie ſich, denn Sie werden müde ſein von dem langen Wege, und meine Tante hat oben Beſuch, da können Sie ſie doch augenblicklich nicht ſprechen. Ruhen Sie ſich erſt bei mir ein wenig aus, und wenn ich den Ernſt erblicke, ſoll er uns einige Früchte bringen, denn hungrig ſind Sie auch wohl geworden?“ Frau Wendt war ganz entſetzt über die Freund⸗ lichkeit des gnädigen Fräuleins, die nach ihrer einfachen Anſicht ſo hoch und erhaben ſtehen mußte; ſie wagte kaum ſich niederzuſetzen und blickte verlegen zu Boden. „Was wollen Sie denn mit Tante Frieda be⸗ ſprechen, Frau Wendt,“ frug Alma darauf mit leicht er⸗ klärlicher Neugierde,„betrifft es den Ernſt,— oder iſt es ein Geheimniß?“— „Ach um Gott, wie könnte ich vor dem gnädigen 38 Fräulein ein Geheimniß haben, wenn Sie ſo freundlich mit uns armen Luten ſind. Nein, den Ernſt betrifft es nicht,— aber— meine arme Marie“— fuhr ſie unter heißen Thränen fort,—„ach, meine arme Marie, die iſt ſo unglücklich!“— „Marie, Ernſt's Schweſter?— Was ſagen Sie da, ich denke, der geht es in der Reſidenz recht gut. Ernſt hat mir davon erzählt, daß ſie bei einer großen Dame Zofe ſei, ihren Namen hatte er nie behalten können,— und daß ſie ihre Mutter ſo ſorgſam unterſtütze. Was iſt's mit Marie?— Sprechen Sie doch, Frau Wendt!“ Die Alte weinte ſchmerzlich und erwirerte unter heißen Thränen:„Ja, ja, ſo war es Alles, o, und wir waren ſo glücklich! ſie dort, Ernſt hier, ich in meinem Hüttchen und Alle gut verſorgt, und nun iſt Alles aus. — Mein armes, armes Kind!— „Aber was iſt denn geſchehen, Frau Wendt?“ „Ach Gott, gnädiges Fräulein,— das kann und darf ich Ihnen nicht erzählen— ich mag Sie nicht ver⸗* letzen mit der That der Schuld— die mein armes Kind ſo elend gemacht hat!“ „So ſprechen Sie doch, Frau Wendt, vielleicht kann ich hülfreich ſein, ſprechen Sie frei, ich kann Alles hören.“— „Marie iſt aus der Reſidenz zurück, und nun liegt 6 3 ſie in meiner armſeligen Hütte mit dem elenden Kinde und wird vom Fieber verzehrt. Reue und Gram haben ihre blühende Geſundheit gänzlich zerſtört, nachdem der Schändliche ſie verlaſſen hat, der ſie zu ſeiner Frau machen wollte, und nachher im Elende ſitzen ließ. Ein Officier war es, der meine arme Marie verführt hat.“ Anna hatte ſich bei der Erzählung der Alten halb abgewandt, doch bei dem letzten Worte zuckte ſie auf und mit angſtvollen Blicken rief ſie ahnungsvoll:„Ein Offi⸗ cier?— Frau Wendt— und meine Großmutter ſoll rathen?— Um Gotteswillen, mein Bruder?— Sprechen Sie, Sie ſehen ja, ich vergehe in Angſt— war es mein Bruder?“— Die Alte, welche ganz in ihren Schmerz verſunken, nur eigentlich für dieſen Sinn hatte, ſah erſtrocken auf, ſah die angſtvollen Blicke des jungen Mädchens, der die Thränen in die Augen drangen und—„nein, nein,“ rief ſie heftig, um Gott, Ihr Herr Bruder, der edle Junker Hans, hätte mein armes Kind nicht unglücklich gemacht.— Ach liebes, gnädiges Fräulein, ſeien Sie nur nicht böſe, daß ich Sie ſo erſchreckt habe, es war ja überhaupt ungeſchickt von mir, Ihnen von der ganzen Sache zu ſagen— wo mir doch nur die Frau Generalin rathen kann, und ich hätte es auch nicht gethan, wenn Sie es nicht ſelber gewollt hätten. Rein, nein, liebes, gnä⸗ 40 di ges Fräulein, Ihr lieber Herr Bruder iſt ja der edelſte und beſte Junker auf der Welt— und ich wollte bei der gnädigen Frau Tante nur fragen, wie ſich Marie ver⸗ halten ſolle dem böſen Manne gegenüber, damit er ſie wenigſtens nicht Hungers ſterben laſſen darf. Er iſt ja reich und vornehm genug, der junge Herr von Brandach!“ Hätte man Anna ein Meduſenhaupt gezeigt, ſie hätte nicht heftiger erſtarren können, als bei dieſem Na⸗ men. Sie war unfühig, ſich zu bewegen und nur die Lippen ſtammelten mühſam fragend: „Joachim von Brandach?“—— „Derſelbe iſt es, gnädiges Fräulein— o Gott, wie hätte ich nur ahnen können, daß Sie ſo erſchrecken und auf den lieben Herrn Junker Hans denken konnten. Ach, liebes, gnädiges Fräulein, zürnen Sie mir nur nicht.“—— Die Worte erſtarben ihr, als ſie jetzt zu Anna auf⸗ ſah. Bleich und ſtarr, die Angen geſchloſſen, war das junge Mädchen zurückgefunken, und die Bruſt wogte krampfhaft auf und nieder. Eine entſetzliche Qual malte ſich in den bleichen Zügen, die ſchmerzvoll zuckend arbei⸗ teten. Die Alte griff angſtvoll nach ihrer Hand und ſuchte die Leidende zu ermuntern. Die Hand war macht⸗ los und ſchwer— das Zucken und der Krampf wiche 41 einer tiefen Ohnmacht, und Anna lag leblos auf dem Ruheſitze. „Zu Hülfe, zu Hülfe!“ rief Frau Wendt nach dem Schloſſe hin und wagte doch die Ohnmächtige nicht zu verlaſſen—„zu Hülfe, zu Hülfe!“ tönte ununterbrochen ihr Jammerruf. In demſelben Augenblicke ward es auch oben im Schloſſe lebendig, wo die Stimme des Freiherrn laut und machtvoll nach ſeinem Pferde rief— und erſt als. dieſer im geſt eckten Galoppe dem Walde zuſprengte,— vernahm man die Angſtrufe der alten Wendt, und eilte, durch all' das Ungewohnte verwirrt, um nachzuſehen, was denn da für ein Unglück paſſirt ſein möge. Drittes Capitel. Alte und neue Zeit. Der Freiherr von Harder eilte, nachdem er ſeine Tochter im Hofe verlaſſen und in den Park geſchickt hatke, die ſteinernen Treppen hinauf nach dem wohlbekannten Zimmer ſeiner Schweſter. Dieſe hatte bereits ſeine Stimme erkannt und die freudigen Worte:„Willkommen, Bruder Curt, wel er Stern führt Dich denn'mal in meine alte Höhle?“ klangen ihm entgegen. Doch waren ſie Beide erſtaunt, als ſie ſich nun an⸗ ſahen und die Veränderungen gewahrten, welche die Zeit an ihnen hervorgebracht hatte. Tante Frieda war recht alt geworden und ſah gar nicht mehr ſo friſch aus, als es ſonſt, trotz ihres Leidens, immer der Fall geweſen war, und dem Freiherrn * Frieda betrachtete ihn mit theilnahmvollem Blicke— dem ſahen alle ſeine Sorgen und Calamitäten aus den tiefen Furchen in Geſicht und Stirn und aus den erbleichten Haaren, die, auch nur ſpärlich noch, das ſonſt ſo ſtolze und ſiegesgewiſſe Haupt des alten Huſaren zierten. „Grüß Dich Gott, Frieda“, ſagte der Freiherr, ihr die Hand reichend, und bemühte ſich zu lächeln,„wir ſind alt geworden, nicht wahr, Alte?— Na, das thut nichts, die Herzen ſind noch jung und ſollen nicht ver⸗ alten, ſo lange das Blut noch rinnt und in den Adern pulſirt. Was thuſt Du denn, liebe Alte, immer noch den ganzen Tag Grillen fangen?“— „Hahaha, wenn ich nur nicht ſelber gefangen wäre, und feſt ſäße, wie die Fliege im Netze, ich wollte Euch noch Allen etwas aufzurathen geben. Da es aber nun einmal ſo iſt, na— muß ich denn ſchon ſtill ſitzen und fange meine Grillen oder auch nicht. Denn ſeitdem Du mir eine ſo liebliche Sorgenſcheuche hergeſchickt haſt, da trauen ſie ſich nicht mehr recht heran— und Anna iſt dadurch die ſchönſte Frende meines Lebensabends ge⸗ worden.“ „Das freut mich herzlich, Frieda, daß Dir die Anna Dein Leiden tapfer ertragen hilft, und es zeugt 44 für das Herz des Mädchens, daß ſie ſo treulich hier in Deinem alten Eulenneſte aushält, welches ſonſt gerade kein lockender Aufenthalt für junge Mädchen iſt.“ „Da haſt Du Recht, Bruder, und wenn ich nicht bleiben müßte, und damals gezwungen ward, mich nun auf einer Scholle— oder vielmehr in dem einen Zim⸗ mer feſtzuketten— ich wäre wahrhaftig noch lange nicht hergegangen. So aber bietet es immer mir noch etwas, was ich anderswo nicht hätte, Ungenirtheit bei meinem Uebel und die Ausſicht auf Park und See. Anna frei⸗ lich bedauere ich oft— und doch iſt man im Alter ſo egviſtiſch, daß ich ſie nicht entbehren und nicht wieder fortziehen laſſen möchte, bis es mit mir einmal zu Ende iſt.— Obgleich ich recht gut weiß, wie wenig es mir ſelber an ihrer Stelle behagen würde, und wie mich am Ende ſelbſt eine alte kranke Tante nicht verhindern würde, bei guter Zeit durchzugehen.“ 2 Der Freiherr lachte, und die Erinnerung an frü⸗ here Tage blitzte frendig in ſeinen Zügen auf „Das glanbe ich ſelber auch, Frieda. Du hatteſt immer ein Stückchen von meinem gleichen Weſen, ritteſt und jagteſt mit uns Knaben um die Wette— mit Ru⸗ dolf glaube ich noch lieber, als mit mir.“ „Rudolf,— ach Eurt, warum berührſt Du den 45 dieſen Punkt unſeres Hauſes, denn ich ſo gern für ewig vergeſſen möchte.“ „Weil ich ewig daran gedenken muß, Frieda,“ er⸗ widerte der Freiherr bitter.„Er iſt die eigentliche Ur⸗ ſache, daß ich heute hier bin, denn ſeine Schuld, die an uns geſtraft wird, wirkt fort bis zur heutigen Stunde und zwingt mich heute, wenn mir auch das Herz dabei brechen möchte, Dir Anna zu nehmen.“ Die Generalin blickte fragend und erſchrocken auf. „Was ſagſt Du?“— frug ſie beinahe heftig. „Anna muß das Opfer vollenden, und ich bin nur froh, daß ſie ſich hier erholt hat, und ich nicht gezwun⸗ gen bin, mein krankes Kind zum Altare zu führen und vielleicht ihr zartes Leben zu gefährden.“ Sprich Dich aus, was iſt geſchehen oder was ſoll's?“— „Wir müſſen Anna verheiraten, bald, ſo ſchnell als möglich, und ſo leid es mir thut, ſie Dir nehmen zu müſſen, denn ich gönne Dir das gute Kind am liebſten, das weißt Du ja,— ſo weißt Du doch auch, daß ich noch andere höhere Intereſſen wahrnehmen muß, denen wir Alle ſtets unſere perſönlichen unterordneten.“ „Gut und Leben für die Ehre des Hauſes von Harder“, murmelte die Generalin tonlos, und über ihre Züge flog eine düſtere Trauer. „Du haſt mich verſtanden, Frieda— ſo iſt es,“ erwiderte der Freiherr und faßte die Hand ſeiner Schwe⸗ ſter; zürne mir deßhalb nicht, Alte, wenn ich Dir Deine Freude zerſtören muß— gern geſchieht es nicht!“ „Den letzten Stern meines alten Lebens“— mur⸗ melte ſie weiter, ohne auf ihren Bruder zu achten;— dann aber plötzlich ſich emporrichtend, zwang ſie ihre Ruhe zurück und frug kalt:„Muß es ſein, Curt?“ „Es muß, Frieda!“— „So nimm ſie hin,— möge ſie glücklich werden, wenn ſie ihre Pflicht erfüllt.“ „Ich hoffe es! Brandach iſt wohl kein böſer Menſch, und ſcheint Anna wirklich zu lieben— wer ſollte ſie auch nicht lieben? Auch Anna zeigte nie Ab⸗ neigung gegen ihn, und Du weißt es ja aus Erfahrung, Frieda, daß die Ehen, wenn ſie auch ohne glühende Liebe geſchloſſen wurden, deßhalb nicht immer unglück⸗ liche werden. Anna erfüllt die Pflicht gegen ihr Haus, ſorgt treulich für die Ehre desſelben, wie ihre Geburt und ihr Stand mit ſeinen Pflichten es fordern; ſie wird auch die Pflicht gegen den Gatten zu erfüllen wiſſen.“ „Anna iſt eine echte Harder— ſie kennt ihre Pflicht und beſitzt auch unſeren Stolz, der der beſte Damm und Schutzpfeiler gegen die Miſerè iſt. Unſer Leben iſt oft ein glänzendes Elend, eine erhabene S 47 verei— aber es muß glänzend und erhaben bleiben, wenn wir uns vor der Annäherung des Volkes behüten und unſeren Stand nicht mit der Zeit zu ihm hinabſin⸗ ken laſſen wollen. Deßhalb billige ich auch die Annähe⸗ rung und Verbindung des alten guten Adels mit den Parvenu's und Geldmenſchen durchaus nicht. Geld iſt nicht Rang, Gold edelt nicht das Blut und adelt nicht — wie denn auch ein reicher Inde noch lange nicht adelig iſt, weil er ein Diplom in der Taſche hat und berechtigt iſt, das Wort„von“ vor ſeinen Namen zu ſetzen. Ein Diplom verleiht den Adelstitel, aber macht nicht„adelig“, und Verbindungen mit ſolchem grünen Holze ſind Zugeſtändniſſe, welche die alten Ritterge⸗ ſchlechter mit der Zeit ruiniren müſſen und die ein Zwit⸗ tergeſchlecht befördern, welches das Volk mit Recht ver⸗ lacht. Wenn Zeder, der Millionen zuſammen gewuchert hat und ſich den Adel kauft, deßhalb uns gleich ſtehen und das Recht haben ſoll, die Augen auf die Töchter unſerer Familien zu richten, und ſich in unſere Mitte zu drängen,— ſo geht es zu Ende mit uns, und— wie wir uns dann ſelber nicht mehr achten können, geben wir uns auch berechtigter Verachtung Preis. Wenn Ze⸗ dem, der für einige Tauſend Thaler ein funkelneues Diplom in der Taſche hat, auf deſſen verziertem Stamm⸗ baume er der erſte und einzige Stammhalter iſt, der 48 Eintritt in unſere Familien erlaubt ſein ſoll, ſo iſt das Achſelzucken jedes Geldmenſchen gerechtfertigt, der, wenn vom Adel die Rede iſt, hochmüthig ſagt:„Das könnte ich auch haben, wenn ich's wollte.“— Das aber muß nicht wahr und ſoll nicht wahr ſein, er kann es nicht haben! Nicht das geſchriebene Diplom, ſondern der Ruhm unſerer Ahnen beſtrahlt unſer Haus und unſern Namen mit berechtigtem Glanze, und dieſer Adel, den uns tapfere Vorfahren durch Jahrhunderte hindurch er⸗ rungen und durch Heldenmuth erworben haben, kann kein Federzug eines Fürſten verleihen, kann kein Jude mit ſeinen Schätzen bezahlen. Arm, und ſeines Mam⸗ mons entblößt, iſt er nichts; wir dagegen ſind, arm oder reich, ſtets gleichberechtigt neben Fürſten und Kö⸗ nigen zu ſtehen, denn unſern Adelsbrief haben Helden mit ihrem Blute geſchrieben und Jahrhunderte haben ihn ſanctionirt.— Deßhalb keine Annäherung an die Parvenu's. Will dieſes grüne Holz nicht mehr zum Volke gehören, zu uns ſoll es nicht gehören, und eine Ver⸗ bindung mit einem ſolchen, der dieſen Unfug befördern hülft, erhölt meine Billigung nie!“ „Du haſt ganz Recht, Frieda, und ich bin mehr mit Dir einverſtanden, als Du vielleicht glaubſt— aber dennoch—“ 49 „Du beabſichtigſt eine Verbindung Anna's mit dem Brandach“— unterbrach ihn die Generalin ſchnell— „und dieſe Verbindung gehört in die Kategorie, die ich meine.“ „Ich kann von meinem Rollſtuhle aus die Zuſtände nicht mehr überſchauen und kann nicht wiſſen, was ge⸗ ſchehen muß und was nicht. Ueberdies biſt Du Familien⸗ haupt, biſt mir für Deine Handlungen nicht verantwort⸗ lich und weißt ſo gut als ich, was Du der Ehre des Hauſes ſchuldig biſt. Du haſt dieſe Verbindung für nöthig erkannt, und ich habe mich nicht nur ohne Widerſpruch der Verlobung gefügt, ſondern Anna ſelbſt in der Befol⸗ gung des väterlichen Willens befeſtigt. Ich füge mich auch heute, wo Du kamſt, mir die nahe Verheiratung anzu⸗ zeigen— billigen aber werde ich ſie deßhalb niemals!“ „Frieda, Du biſt noch immer der alte Feuerkopf, das Alter ſcheint Dich nur noch eiſerner zu ma⸗ en „Ach, Bruder, verſchone mich— und bleib' bei der Sache, wenn Du mir noch etwas ſagen wollteſt.“ „Wie Du willſt. Du haſt mir als Familienhaupt einen Vorwurf gemacht, der Dir, dem älteſten Gliede des Hauſes, wohl zuſteht, und ich werde mich zu rechtfer⸗ tigen verſuchen. Um dieſes zu können, muß ich Dir, ſo muangenehm und ſchmerzlich mir es auch iſt, zuerſt einen Ehre., 4 50 6 Einblick in die Verhältniſſe, des Hauſes von Harder er⸗ öffnen, die in ihrem jetzigen Zuſtande, Dir, wie jedem Anderen, fred ſind, denn ſelbſt Gertrud habe ich ſie erſt heute Morgens mitgetheilt. „Erinnerſt DuDich noch, unter welchen Verhältniſſen ich Hardersberg übernahm?“— „Gut genug, Curt, denn ſo etwas vergißt man im Leben nicht wieder, und wir haben ja damals heimlich genug geweint, daß die Ausſichten für Dich und für uns Alle ſo trübe waren.“ „Schön, ſchön. Du heirateteſt aber hinweg in eine ſorgenloſe Stellung, und mir blieb die Sorge, mich durch die drückenden Verhältniſſe hindurch zu ſchlagen. Ich wollte damals alles Mögliche thun, um die Zuſtände zu verbeſſern, und wahrhaftig, meine Gertrud und ich ſind nicht müſſig geweſen— dieſes Zeugniß können wir uns mit gutem Gewiſſen vor Gott und Menſchen geben. Wir haben gerungen und ehrlich gekämpft für die Ehre und den Glanz des Hauſes, und wir hätten auch vielleicht obgeſiegt, und ſie mit der Zeit wieder hergeſtellt,— da kam die Geſchichte mit Rudolf und zerſtörte nicht nur das mühſam Gewonne wieder, ſondern ſtürzte uns tiefer noch zurück, als wir vorher geſtanden hatten. „Niemand hatte es erfahren wie große Opfe 51 bringen mußte; Dir aber kann ich und muß ich es ſagen, daß ſie unſer Ruin geworden ſind. „Schlechte Jahre, Unglücksfälle mancher Art, und die Nothwendigkeit, ein unſerm Range entſprechendes Haus zu machen, ließen uns von dieſem Schlage nie wieder erholen; wir ſanken im Gegentheil tiefer und immer mehr— und heute gehört von Hardersberg mit Recht kein Stein mehr mir.“— Die Generalin ſtieß einen Schreckensſchrei aus und ſtarrte den Bruder wortlos an, deſſen Antlitz ſo düſter und gefurcht war— wie ein Gewitterhimmel. „Es iſt ſo,— wahrhaftig ſo!“— fuhr er lang⸗ ſam fort,„und der Freiherr von Harder iſt ſo geſtellt, t ein geringer Zufall ihn zum Banquerotte bringen ann.“— „Hör' auf,— hör' auf— es iſt genug“— flehte die Generalin, die das Wort Bangquerott wie ein Dolch⸗ ſtich getroffen hatte. „Nein!“— erwiderte er kal“,„jetzt mußt Du Al⸗ les wiſſen, denn Du haſt meine Handlungen gerichtet, undmußt nun auch den Muth haben, mich zu Ende zu hö⸗ ren. Der Freiherr von Harder iſt alſo ein Bettler, den nur noch ſein Rang und ſein Name vor dem Bettelſtabe ſchützt— er hat aber auch eine Tochter, die verheiratet werden ſoll, und jetzt, Frieda, nenne mir eine Familie aus 4* altem Adel, in die wir ſie verheiraten können und die keine Ausſteuer und kein Heiratsgut verlangt.“ Die Generalin ſann lange nach. Immer düſterer nurden die Wolken auf ihrer Stirn, immer trüber wur⸗ den ihre fonſt ſo ſchönen klaren Augen, und endlich frug ſie leiſe: „Und Brandach?“ Hat für ſeinen einzigen Sohn um Anna gewor⸗ ben, ohne nach etwas Anderem zu fragen.“ „Du haſt ganz recht, er will zwiſchen uns, und be⸗ nutzt die Gelegenheit, ſich in unſere Familie zu drängen und ein altes echtes Reis auf ſein grünes Holz zu pfro⸗ pfen,— aber wir können es ihm nicht wehren! Denn in ſeinen Händen ſind die größten Hypotheken auf Har⸗ dersberg, und ein Wort von ihm bringt mich auf den Bettelſtab. Er iſt reich, der Herr von Brandach, und iſt Anna erſt ſeine Schwiegertochter, ſo iſt unſere Ehre ge⸗ ſichert, und wenn auch Hans rinſt nicht veich wird, ſo ſoll doch kein Flecken die Ehre des Hauſes ſchänden, und das Stammſchloß bleibt in der Familie. Brandach iſt reich, ſehr reich,— und Geld verleiht zwar, wie Du richtig be⸗ merkteſt, nicht den Adel, aber es gibt Macht.“ Der Freiherr ſchwieg und blickte nachdenklich zu der alten Dame hinüber, in deren Zügen ein tiefer Schmerz zu leſen war. Es zuckte und rang in ihr, als wollte ſie ſich losreißen von einem lieben traut en Freunde und hin⸗ übergehen zu einem Fremden, den ſie haßte und dem ſie doch nicht entgehen konnte. Ind war es denn auch nicht ſo?— Anhängerin der alten guten Zeit des Adels; ihre Prin⸗ Sie war eine cipien wurzelten in denen ſeiner Blüthez ſollte ſie ſich jetzt einem neuen ſollte eine Macht. anerkennen, we türlichſte Feindin des alten mit ihm rivaliſirte und 9l Grundpfeiler in den Beding zelten, die arn und Materiellen iſt. Die Ideen ſind untergegangen und mit ihnen wer⸗ den die Mächte zu Ruinen, deren Strebpfeiler in den Idealen wurzelten. Dampfmaſchinen und Eiſenbahnen, Induſtrie und Geld, Börſe und Praktiſchſein— ſind die Sonnen der neuen Zeit, vor der die Wappenſchilder des alten Adels verblaßten, welcher, überflügelt und Zei holt, felber Schattenbilder einſtigen Glan wie die zerfallenen Ruinen ſeiner Ritterbur Die Generalin in der Z ten Schloſſes, das noch dazu war, welche überhaupt noch am eit— und do Prinzipe unterordnen, lche die größte und na⸗ Adels geworden war, da ſie ücklich rivaliſirte, weil ihre ungen der neuen Zeit wur⸗ gen. urückgezogenheit ihres al⸗ in einer Gegend gelegen meiſten den alten Prin⸗ 54 cipien huldigte, und in die jetzt erſt die neue Zeit mit ih⸗ ren neuen Herrſchern langſam einzudringen bemüht war, — bis jetzt noch von den Anforderungen der Gegenwart verſchont geblieben und hatte ſich auf ihrem Gute noch immer in den alten Träumen alten Glanzes gewiegt.— Heute aber pochte die Neuzeit ſtürmiſch an die ver⸗ ſchloſſene Thür, und die Generalin ſaß ſtarr und ſchre⸗ ckensbleich ihren Anforderungen gegenüber. Lange— lange— brütete ſie vor ſich hin, ihr zuckendes Herz begrub vielleicht die von ihren Altären ge⸗ ſtürzten Ideale, aber ſie konnte nicht anders, ſie mußte es endlich doch anerkennen, was ſo mächtig und gebiete⸗ riſch an ſie herantrat, und langſam und ſchmerzlich er⸗ widerte ſie endlich dem harrenden Freiherrn: „Ich muß es wohl einſehen, daß Du Recht haſt, Bru⸗ der. Handle darum wie Du mußt, ich kann Deinen Gründen nichts entgegenſtellen. Gott ſei Dank, daß ich nicht mehr aus meinen alten Mauern herauszugehen brauche, daß ich wie eine Unke im Neſte hier ſitze und um die gute alte Zeit trauern kann. Ich paſſe nicht für die neue Zeit, und ihre Principien können nie die meinigen werden;— da iſt es dann gut, daß ich nichts davon zu ſehen brauche, und ehe ſie ſich hier in meine Wildniß verſteigt, ſchütz mich hoffentlich die Pforte der Ahnengruft vor ihrer Be⸗ rührung, die mir ein Greuel iſt.“ 55 Sie warf ſtolz das Hanpt zurück und blickte in dem düſtern hohen Zimmer umher, das ganz den Charakter des Mittelalters trug, und ein zufriedenes Lächeln um⸗ ſpielte ihre Lippen, als ſie bemerkte, daß hier noch Alles ſo ſei, wie ſie es wollte— huldigend der alten Zeit und dem alten guten Adel, deſſen Wappen ihr aus einem gothiſchen Bogen ſtolz entgegenblickte. Das Geſpräch hatte eine disharmoniſche Stimmung erzeugt. Der Freiherr fühlte ſich der Schweſter gegenüber unbehaglich, deren Grundſätze er von ganzem Herzen theilte, ohne doch ſie aufrecht halten zu können. Lieber einen Zweig, als den ganzen Baum, murmelten ſeine Lip⸗ pen und eben wollte er ſich mit einer neuen Auseinander⸗ ſetzung an ſeine Schweſter wenden, als ein Diener in der Livree der Generalin eintrat. Dieſer war auch ein Stück alte Zeit und paßte mit ſeinem ernſten faltigen Geſichte genau zu dem Schloſſe und dem hohen düſtern Zimmer. Mit tiefer Verbeugung präſentirte er dem Freiherrn einen Brief auf ſilbernem Teller, und ſagte feierlich: „Für Eure Gnaden erpreß aus Hardersberg,“ und zog ſich mit einer neuen Verbeugung geräuſchlos zurück. „Donnerwetter!“ rief der Freiherr heftig, als er ge⸗ leſen hatte, was mag denn da los ſein!“ Haſtig reichte er der Generalin den Brief, riß das Fenſter auf und rief mit Donnerſtimme hinab: 56 „Schnell mein Pferd!“ Tante Frieda las erſchrocken die wenigen Zeilen: „Lieber Curt, kehre ſofort nach Hauſe zurück, es droht ein großes Unglück. Gertrud v. H.“ Dann blickte ſie ängſtlich fragend zu ihrem Bruder auf, der in höchſter Aufregung im Zimmer auf und nieder rannte. Er bemerkte die ſtumme Frage ſeiner Schweſter, und ſagte gepreßt:„Ich weiß es nicht, Frieda, ahne nicht, was geſchehen ſein kann. Leb' wohl, Alte, Du chältſt umgehend Nachricht von uns. Grüße die Anna!“ Damit war er zur Thür hinaus, ging dem eben an⸗. kommenden Pferde entgegen und ſprengte einen Augen⸗ blick ſpäter durch das Thor, dem Walde und Harders⸗ berg zu. Viertes Capitel. Des Sommers Todtenfeſt. Endloſes Rauſchen und Wogen einer unabſehbaren Menſchenmenge. Der Herbſt brachte noch ſo ſchöne warme Tage, zeigte ſich in dieſem Jahre ausnahmsweiſe ſo überaus liebenswürdig, daß er den Leuten in der Reſidenz be⸗ deutend angenehmer erſchien, als der entſchwundene Sommer mit ſeiner afrikaniſchen Sonnengluth und ſeinen undurchdringlichen Staubwolken, vor denen man ſich hinausgeflüchtet hatte in die Sommerwohnungen oder in die Bäder, um dort doch dieſelbe Hitze wieder zu finden, und, ihr entfliehend, gelangweilt in mög⸗ lichſt kühl gehaltenen Zimmern zu wachen oder zu ſchlafen, was man ſchließlich, wenn man zu Hauſe geblieben wäre, da ebenfolls und billiger hätte haben können. Zetzt war man in die Reſidenz zurückgekehrt, die 58 Oper hatte bereits wieder begonnen und die Winter⸗ ſaiſon war in den Salons eingeleitet worden, während draußen nun erſt wahrhaft ſchönes und wahrhaft wohl⸗ thuendes Wetter herrſcht. Aber di Saiſon war ein⸗ mal geſchloſſen, man war wieder eingezogen in deu Winter, und konnte doch den patx ſchönen Tagen zu 3 Liebe, die allerdings verlockend geng waren, nicht noch neue Reiſen und Ausflüge beginnen. Da faßte ein ſpeculativer Wirth die kühne IJdee, dem vorgeſchriebenen Winter und der Oper zum Trotz noch ein letztes großes Sommerfeſt zu veranſtalten, um den Sommer mit allem Glanze zu Grabe zu tragen. Die Idee fand überall Beifall. Doch war Eile von Nöthen, denn mit jedem neuen Tage konnte die außerordentliche Vergünſtigung des Wetters einen grau⸗ ſen Umſchlag nehmen, und niit Nordwind, Schnee⸗ geſtöber und Eiszacken der Speculation und Ver⸗ gnügungsſucht Hohn ſprechen, und dann auch die Concurrenz iſt in der Reſidenz groß. 3 Deßhalb war Alles mit gebieteriſcher Eile be⸗ trieben worden, alle Anſtalten ſo glänzend als möglich getroffen, und heute ſollte das Feſt ſein, und zwar an einem Wochentage, da man bis zum Sonntage dem nicht contrahirten Frieden nicht recht trauen mocht „ 2 59 Das Programm war ein äußerſt reiches: Concert, Tafel, noch einmal Sommerthrater und end ich italie⸗ niſche Nacht mit Brillanterleuchtung und ſolennem Feuerwerk. Endloſes Rauſchen und Wogen ſtröruender Ver⸗ gnügungsluſtiger, die im farbenreichſten Putze herbei⸗ eilten, den Sommer glänzend zu Grabe zu tragen. Die haute volée zu Wagen und zu Pferde, wie der Bürger beſcheiden zu Fuße, eilten reich und freu⸗ dig herbei, und der Himmel begünſtigte das Feſt mit dem herrlichſten Wetter. Die ganze Reſidenz war auf den Füßen, und nicht am Feſtorte nur, nein, auch in allen Straßen und auf allen Promenaden wimmelte es von geputzten Schaaren vergnügungsluſtiger Reſidenzler. Aus der Speculation war ein allgemeines Volks⸗ feſt geworden, und es herrſchte überall eine Luſt und Aufregung, die Niemanden im Hauſe litt. Alles lockte aber auch hinaus! Der Tag war warm, doch nicht heiß, der Himmel heiter und licht⸗ blau; Staub gab es nicht, und das war eine große Seltenheit, denn es hatte am Tage vorher etwas ge⸗ regnet— wer hätte da widerſtehen können? Hans von Harder kam nach Tiſche zu Signora Corrado, die vom Fenſter aus in das lebhafte Straßen⸗ * 60 gewühl hinabſchahte. Sie hatte bereits Toilette gemacht, und Hans ſah ihr die Luſt an⸗ bei dem allgemeinen Jubel auch ein wenig hinaus zu ſtrömen und den letzten Lebensabend des diesjährigen Sommers zu genießen. Die Signora fürchtete nichts mehr, als den deut⸗ ſchen Winter mit ſeiner oft ungebührlichen Strenge und ſeinem wechſelnden Ungemach. Da war ſie unglücklich und lebte eingezogen wie eine lichtſcheue Spinne. Hütte ſie nicht die Oper gebunden, und ihr Con⸗ tract ſie gerade zum Winter an die Reſidenz gefeſſelt ſie würde bei ſeinem Nahen ſtets entflohem ſein, und hätte in den ſonnigen Fluren ihrer ſchönen Hoimat Schutz und Hilfe geſucht vor dem ſtrengen Tirannen. Da dies jedoch nicht anging, ſo hüllte ſie ſich in ihre Pelze und träumte in wohlgeheizten Zimmern, denen jeder Luftzug ſorgfältig fern gehalten werden mußte, von den Oran⸗ 3 genhainen ihrer Heimat. Im Winter fuhr ſie auch faſt nie weiter aus, als nach der Oper, ſonſt lebte ſie nur der Kunſt und pflegte ihr Maler⸗ und Dichtewalent, die ſie im Sommer gewöhnlich Brache liegen ließ.⸗ Aber heute war es noch nicht Winter, heutt lahte noch der Sommer, und der Himmel ſtrahlte im reinſten Blau, wie der des bella Italia. Sollte das die Signora nicht hinausziehen, konnte ſie da ruhig im Zimmer ſitzen, wenn Alles unter ihr 3 61 wogte und ſtrömte, als wäre es nicht Herbſt, ſondern Carneval? Sie hatte bereits Toilette gemacht und ſehnſüchtig auf Hans gewartet, der, als er eintrat, in ihren Augen auch ſofort den Wunſch las, hinauszuſtrömen und mit dem Strome der allgemeinen Freude mitzutreiben. „Willſt Du?“ frug er mit verſtändnißvollem Lächeln. „Ob ich will. Ich habe ſchon längſt auf Dich ge⸗ wartet, um Dich mit meinen Bitten zu beſtürmen. Nun iſt's nur gut, daß auch Du willſt“— erwiderte ſie fröhlich, und ſchon klang die ſilberne Glocke und rief die neue Zofe herbei. 3 „Meinen Wagen, aber recht ſchnell!“ rief ſie unge⸗ duldig und eilte ſelber nach Mantille, Hut und Sonnen⸗ ſchirm. „Du haſt es ja ordentlich eilig, Marie, lockt Dich denn der wilde Strom ſo ſehr?“— frug Hans, erſtaunt über die ungewohnte Beweglichkeit der Signora. „Der Strom auch, ja,— und der Himmel, das Wetter, der ganze Tag lockt mich, und ich möchte ihn gern noch ein paar Stunden lang genießen, bevor ich in die Oper muſt.— Wer die nun wohl heute beſuchen ſoll, wo in allen Straßen Carneval herrſcht, und. 62 Stimmen gar das Gewühl der Menſchen nicht übertönen werden, deren Luſt ja ganz ausgelaſſen iſt.“ „Ich dachte mir Deinen Wunſch wohl und habe darum mein Pferd gleich nachführen laſſen. „Da kommt es eben an, und Dein Wagen wird auch nicht mehr weit ſein. Biſt Du bereit?“— „Ja, ja, komm nur, Hans, wir wollen eilen, denn an ſolchen Tagen läuft die Zeit noch einmal ſo ſchnell als ſonſt.“ Und Hans' Arm ergreifend, ſchritt ſie ſchnell mit ihm hinaus und die Treppe hinunter. 5 Hans von Harder ging kräftig mit ihr. Man merkte ihm von ſeinem Unfalle nichts mehr an, auf deſſen Ur⸗ ſache er ſich zum Leidweſen des Majors von Welling noch immer nicht hotte beſinnen können, und Gang und Haltung hatten die ganze Elaſticität von früher wieder gewonnen. Er hatte ſich ſehr ſchnell erholt,— und wenn auch der alte Hofrath noch immer Schonung und Vorſicht anempfahl, wollte doch Hans nicht viel mehr davon wiſſen, und bemühete ſich ehrlich, nachzuholen, was er auf ſeinem wochenlangen Krankenlager am Leben ver⸗ ſäumt hatte. „Der Signora widmete er eine Zärtlichkeit, wie noch nie, und ſie hatte ſich durch ſeine Pflege auch wohl ein Recht darauf erworben. Er nannte ſie ſeine Braut und hätte es ſchon ihrem Rufe gegenüber für ſeine Pflicht gehalten, ſie zur Freifran von Harder zu erheben, ſelbſt wenn er ſie nicht ſo zärtlich geliebt hätte. Denn jetzt, da ſie ihn ſo treu gepflegt, ſo offen ſich zu ihm bekannt und an ſeinem Schmerzenslager die ſchwerſten Stunden mit ihm getheilt hatte, hätte ihr Ruf auch bei dem Vorurtheilloſeſten leiden müſſen; wenn nicht ein bindendes Verhältniß an das Licht trat. Und es ſollte an das Licht treten, ſobald Hans Urlaub erhielt und nach Hauſe reiſen konnte, um bei ſeinen Eltern die Erlaubniß zu ſeiner Verlobung mit der Sängerin zu erwirken. Wie ihr Verhältniß jetzt ſich geſtaltet hatte, mußte er bald entſcheidende Schritte thun. Denn h er hatte ſich jetzt mehr als Freundſchaſt offen⸗ bart, die man der Künſtlerin wohl zu verzeihen geneigt iſt, und nie hätte Hans es geduldet, daß nur ein Schein von einem begründeten Flecken auf dem engelreinen Rufe der Signora hafte, den er ſelber ſo treu und werth hielt, wie das Licht ſeines Auges. Sie war ihm in ihrem langen Verhältniſſe das liebendſte, aber auch das reinſte Weib geweſen— und er achtete ſie als ſolches über Alles, wie er ſie auch von 64 Anderen geachtet ſehen wollte— und das war jetzt nur noch zu erzwingen, wenn ſie öffentlich ſeine Braut ward. Der Geſellſchaft dagegen war er der heiterſte und vergnügungs uſtigſte Cumpan, der kein Amuſement verſchmähte. Er hatte mit Brandach noch nie ein Wort über den nächtlichen Vorfall gewechſelt, und hielt auch ihm gegenüber das Märchen ſeiner Gedächtnißſchwäche aufrecht, mit dem er den Hofrath und Major, wie die ganze Welt foppte. Mit Dr. Jeannot dolmetſchte er auf das Gefälligſte franzöſiſch, da dieſer es zuweilen liebte, gebrochen deutſch und halb franzöſiſch zu reden, weil ſolcher Dialect intereſſant ſein und intereſſant machen ſoll— obgleich er recht wohl und ganz perfect deutſch ſprechen konnte; und bei Silbermann hatte er bereits eine zweite Soiree beſucht, worüber der alte Banguier ſammt Fräulein Tochter im Freudenhimmel ihrer ſpa⸗ niſchen Luftſchlöſſer eine Stufe höher geſtiegen waren. Mit einem Worte, Hans von Harder lebte— und holte mit gewiſſenhafter Sorgfalt nach, was er auf ſeinem Krankenlager am Leben verſäumt hatte.— Endloſes Ranſchen und Wogen einer unabſeh⸗ baren Menſchenmenge— und ſie mitten darmen zu Wagen und zu Pferde. Sie konnten nur langſam vor⸗ wärts kommen, wenn ſie nicht mit andern Equipagen ca⸗ — 65 ramboliren, oder Menſchen überfahren und überreiten wollten, die ebenfalls doch nur zu dem Zwecke gekom⸗ men waren, der auch ſie hergeführt hatte,— fröhlich zu ſein und den ſchönen Tag zu genießen. Und die Signora war fröhlich und lachte wie ein Kind. Sie liebte von ihrer Heimat her das laute, ſich treibende Menſchengewühl und konnte ſich nicht ſatt ſehen an der bunt geputzten Menge, deren Trachten allerdings mit den einfach reizenden Coſtümen der bella Italia wenig gemein hatten. Aber ſie waren doch fröhlich wie dort, und die Signora liebte die Heiterkeit und hätte ſich gern im⸗ mer unter lachenden Menſchenkindern und fröhlichen Geſichtern bewegt. Eine kleine Abwechſelung, ein plötz⸗ liches Anfbrauſen und tobendes Zorngewühl mit lauten Flüchen, Fauſtſchlägen und blitzenden Meſſern — das ſchnell entſteht und eben ſo ſchnell vergeſſen iſt, wie ein ſüdliches Gewitter, hatte ihrer Gemüth⸗ lichkeit dabei nie Abbruch gethan, denn das gehörte nun einmal zu einem italieniſchen Feſte, und würde ſie auch hier in der nordiſchen Reſidenz mehr ver⸗ wundert als erſchreckt haben. Langſam— endlich, immer langſam, kamen ſie dem eigentlichen Feſtorte näher, von dem aus durch Ehre. H. 5 66 das Menſchen⸗ und Stimmengewühl hindurch, ihnen einzelne Laute der Muſik entgegenſchallten. Aber ſo ſchnell es auch gegangen war mit dem Arrangement des Feſtes, war doch der unternehmende Wirth nicht der einzige Freudenſpender des Tages geblieben. Eine Menge Buden mit allen möglichen Gewerk⸗Panoramen, Zaubercabinette, Circus für athle⸗ tiſch⸗herkuliſch⸗plaſtiſche Darſtellungen, Affentheater, Carouſſeln u. ſ. w. wetteiferten treulich mit ihm fremde Börſen möglichſt ſchnell zu leeren. Hier war die Natur Nebenſache, hier gab es nur Getöſe, Gewühl und die kreiſchenden Stimmen der lockenden Speculanten. Drinnen, im Garten des Wirths, ſchien es zwar ſehr voll zu ſein, aber doch weniger toll herzugehen, und die Signora und Harder ließen Wagen und Pferde in Obhut der Diener zurück, und verſuchten nach dem Garten vorzudringen. Das beim Zudrange ſchnell erhöhte Entrée hatte die Volksmaſſen etwas abgehalten, und man fand im Garten faſt nur die haute volée um weiße Tiſche geſchaart, im Freien, unter Bäumen oder in grünen⸗ den Lauben, und die beiden Neukommenden fanden bald Bekannte, die ihnen bereitwillig Plätze deren ſie jetzt noch nicht bedurften. 67 Sie machten einen Gang durch den Garten und begegneten gleich zuerſt die Räthin Roſen mit ihrem Sohne Johannes, der es ſich nicht hatte nehmen laſſen, ſeine Mutter heute hier herzuführen. Seitdem dem armen Jungen das Glück ſo freundlich gelächelt hatte, war er ganz umgewandelt, und ſein Weſen war durch das geweckte Selbſtbewußtſein und Vertrauen auf ſich und ſeine Kraft ſo vortheilhaft verändert, und alle Blödigkeit und linkiſche Befangenheit ſo gänzlich ver⸗ ſchwunden, daß man Mühe hatte, in dem ſicher auf⸗ tretenden jungen Manne den Johannes aus dem Dach⸗ ſtübchen wieder zu erkennen, welches die Beiden in edler Beſcheidenheit noch immer nicht verlaſſen hatten. Die Protection des Prinzen Taver, deren Kunde Herr Dankbar als ſpeculativer Verleger ſchnell genug in der eleganten Welt verbreitete, hatte dem jungen Dichter ein reges Intereſſe gewonnen, und ſeine in Dresden erſchienenen Gedichte, die Se. Durchlaucht öffentlich als etwas Bedeutendes empfohlen und ſogar Ihrer Majeſtät überreicht hatten, fanden bedeutenden Abſatz. Man erwartete nun mit Sehnſucht die neue noch bedeutendere Dichtung, von deren Schönheiten Herr Dankbar mit vielem Vergnügen erzählte, und deren Druck er mit größter Schnelle betreiben ließ. Das tragiſche Geſchick des jungen Mannes und 5* 68 die edelmüthige Rettung durch den Prinzen waren bald in allen Kreiſen beſprochen worden, und weil die elegante Welt gewöhnlich gern zu Extremen geneigt iſt, ſah ſich der erſt ſo tief Verachtete jetzt von allen Seiten mit Aufmerkſamkeit überhäuft. Er erhielt Ein⸗ ladungen, die er jedoch nur ſelten annahm; überall ward ihm Lob und Protectionszuſicherung, und ſo weit ging der Enthuſiasmus der guten Reſidenzler für den Protegé des Prinzen Taver, daß alle Häuſer der haute volée, in denen Bamberg Muſikunterricht ertheilt hatte, ihn ungnädig entließen, da ſie ſeine Handlungsweiſe gegen den armen Roſen, die Prinz Taver als ſchmäh⸗ üich bezeichnet hatte, von ganzem Herzen verabſcheuten. So konnte Johannes mit ſeinem Schickſalswechſel ſehr zufrieden ſein, und nachdem er Harder und der Signora in flüchtigen Umriſſen davon erzählt hatte, dankte er dieſem noch einmal, da er ihn als den eigent⸗ lichen Begründer ſeines Glückes betrachtete— und ſchon wurden ſie auch durch immer neu andringende Wogen auseinander geriſſen. Ein freundlicher Gruß noch hinüber und herüber, und beide Parteien zogen weiter. Da war eine lange Tafel, faſt ganz mit Officieren beſetzt. Dieſe ſahen das Paar langſam herankommen, ſahen bebte. 69 die heiteren Blicke der Signora, die ſich nun einmal heute ſo wohl und glücklich fühlte, ſahen Alle, wie ſie ſchön war, und beneideten den Glücklichen, an deſſen Arme ſie ſo ſtrahlend und ſtolz einherſchritt, wie es eben nur Künſtlerinnen können, die es gewohnt ſind ein bewunderndes Publikum vor ſich zu ſehen. Der Neid der weniger Begünſtigten rief höhniſche und ſpitzige Bemerkungen auf ihre Lippen, deren Folgen frivoles Lachen und neues Beobachten des Paares waren. Dieſe aber, viel zu unbefangen ſich hier als Stichblatt frivoler Witzeleien zu wähnen, ſahen oder beachteten es gar nicht, ſondern kamen langſam näher und näher, und gingen endlich vorüber. Harder grüßte die meiſt befreundeten Kameraden unbefangen wie immer; die Signora aber warf, da Niemand ſich erhob ſie zu begrüßen, nur einen kurzen gleichgiltigen Blick nach dem Tiſche hinüber, und dieſer wurzelte an dem höhniſchen Lachen eines Einzigen, der nicht Militär war und doch mitten unter den Officieren ſaß. Ein greller Schreck durchzuckte ſie; ſie hatte dieſes ihr unvergeßliche Geſicht erkannt, und Hans wandte ſich erſchrocken um, da ihr Arm in dem ſeinigen er⸗ Doch ſchon hatte die Signora ihre Faſſung wie⸗ der gewonnen, das Lächeln kehrte auf ihre Lippen zurück, und lächelnd auch beruhigte ſie den zärtlich Beſorgten um den Gegenſtand ihres thörichten Erſchreckens. „Es war nichts, Geliebter,“ flüſterte ſie, immer lächelnd,„ich ſah nur Jemand ſchwanken und fürchtete einen Fall;“— in ihrem Innern aber tobte flutende Bewegung, und Flammen der Erregung ſpielten auf ihren Wangen. Was will das Geſpenſt der Vergangenheit, das drohend und höhniſch vor ihr auſſteigt, nachdem ſie es längſt begraben meint, und nur noch die Erinnerung daran und den Rachedurſt im Tiefſten des Herzens verborgen hielt? Hatten die neidiſchen Geſchicke ihr armes Glück bemerkt und beſchworen ſie die Geiſter der Hölle herauf es zu vernichten? Sollte ſie vor dem Hafen noch ſtranden und auf der letzten Stufe noch zurückſinken in die Nacht der Schande, die ſie für immer begraben geglaubt, und die ſie nur noch hatte rächen wollen? Sollte ſie noch immer nicht glücklich werden dürfen, nachdem ſie ſo viel gelitten; ſollte das Verhängniß ihrer Jugend ihr Verhängniß bleiben und ſie zurückreißen dür⸗ fen von den Pforten Eden's? Höhnend das mühſam er⸗ richtete Gebäude ihres Glückes wieder vernichten und . 1 den Schleier von der Vergangenheit hinwegreißen dürfen, um ihre Ehre der Verachtung preiszugeben? Sie waren weiter geſcheitten, aber ſie ſah und hörte nicht mehr,— ſie lächelte nur noch und zwang ſich heiter zu ſcheinen, um Hans nicht auf ihre Erregung aufmerkſam zu machen. Sie gingen weiter und kamen dem Ausgange wie⸗ der nahe, an dem eben neues Gedränge entſtand. Die Officiere hatten ſich erhoben und umringten eine eben ankommende Gruppe, für die ſie eifrig um Plätze und Bequemlichkeit zu ſorgen ſuchten. Hans er⸗ kannte Welling's, bei denen er ſeit ſeinem Geneſungsbe⸗ ſuche nicht wieder geweſen war. Dr. Jeannot, der Hausfreund, der nunmehr feſten Fuß im Hauſe des Majors gewonnen hatte und ſchon allgemein als Verlobter Eugenien's galt, hatte dieſer den Arm geboten, der Major führte ſeine Gemalin, und die Officiere folgten mit ſpöttiſchen Blicken auf das ihnen Paar. Dieſes Begegnen war für Harder ſehr unangenehm, doch ließ es ſich ohne Aufſehen zu erregen nicht mehr vermeiden, und ſie mußten an einander vorübergehen. Wiederum erzitterte der Arm der Signora, als ihr Blick auf das ſpöttiſche Lächeln des Dr. Armand Nannot's fiel,— wiedernm aber faßte ſie ſich, und 72 ſchritt an Harder's Seite ſtolz den Begegnenden vorüber, während dieſer tief und ehrfurchtsvoll grüßte. Harder hatte auch jetzt die lachenden Geſichter der Officiere nicht beachtet, die ihre Blicke keck auf die Sig⸗ nora richteten;— wohl aber hatte dieſe ſie bemerkt, und ſolche Rürſichtsloſigkeit von Leuten, die ſonſt ſchmach⸗ tend zu ihren Füßen gegirrt hatten/ nach einem Blicke, einem Lächeln von ihr haſchend,— ließ auf's Neue ihre Befürchtungen wach werden. Ihr geängſtigtes Mißtrauen ſah im Neide Verrath und fürchtete das Aergſte. Sie kannte Hans— und mußte von Armand's Verrathe Alles fürchten. Er würde dem Stolze ſeiner Familie trotzen und ſie einführen in das Schloß ſeiner Ahnen, wenn ſie auch Alle widerſtrebten,— das wußte ſie, denn er war ein Ehrenmann;— aber auch an ihrer Ehre durfte kein Makel ſein— und deßhalb fürchtete ſie. Die Luſt am Feſte war ihr ſchnell vergangen, und ſie bat um Rückkehr. „Biſt Du ſchon geſättigt, Du kleine Vergnügungs⸗ ſüchtige?“ fragte er neckend. „Ja, ach ja! das Gewühl wird der Zeit uner⸗ träglich und dann glaube ich auch, die Opernſtunde nht und ich muß große Toilette machen.“— Bald hatten ſie Wagen und Pferde erreicht und 73 drängten ſich auf's Neue durch das Gewühl der Straßen, in denen noch immer ein endloſes Rauſchen und Wogen herrſchte. Die guten Reſidenzler konnten des Guten nicht genug bekommen, und Alles, was bis jetzt noch zu Hauſe und gezwungen geweſen war, am Tage dem Vergnügen zu eutſagen, eilte nun um ſo begehrlicher hinaus, um die Brillantbeleuchtung und das Feuerwerk nicht zu ver⸗ 3 paſſen. Hans begleitete die Signora nach Hauſe,— denn in die Oper wollte er nicht gehen, übergab dann ſeinem Diener das Pferd und kehrte noch einmal zu Fuße nach dem Feſtorte zurück. Welling's hatten den Garten ebenfalls bald wieder verlaſſen, und die Officiere ſaßen wieder auf ihrem alten FPlatze, der Franzoſe mitten unter ihnen. f Es waren manche Bekannte von Hans dabei, Sandow, Rauperg, Brandach und Andere, mit denen er meiſt die luſtigen Geſellſchaften theilte, und er ſetzte 5 ſich auch jetzt zu ihnen,— um wie ſie, dem edlen Cham⸗ pagner zu huldigen. Die meiſten waren ſchon etwas erheitert und Dr. Jeannot ſprudelte unaufhörlich witzige Einfälle über den Tiſch und ſprach dabei einen Dialect, der, wenn gebro⸗ chen deutſch⸗franzöſiſch intereſſant iſt, ſehr intereſſant ſein mußte. 74 Auch Hans war ungewöhnlich heiter, und die Un⸗ terhaltung bald ungeheuer en vogue. Die gewöhnlichen Staatsereigniſſe des edlen Officierſtandes— und der konnte während der ihm zugemeſſenen Zeit doch eigentlich recht viel erleben— bildeten den Grundton der Unter⸗ haltung, und beſonders war es Harder's glückliche Liebe, die viele preiſende Zungen fand. Harder war längſt an das Weſen ſeiner Cameraden gewöhnt und ging in ihrem Tone darauf ein. „Ein famoſes Weib bleibt ſie doch— ganz famos,“ docirte Sandow mit unnachahmlichem Pathos. „Auf Ehre! Sandow hat recht, wie immer,“ beſtä⸗ tigte Rauperg, deſſen Anſicht ſtets der Schatten von der ſeines Freundes war. „Und nicht blos ein ſchönes Weib,“— fügte Hans warm werdend hinzu,„ſondern auch ein Engel an Lie⸗ benswürdigkeit und Güte, wie ich es in meiner Krank⸗ heit kennen gelernt habe, und ein Engel an Tugend und Reinheit obenein.“— Ein ſpöttiſches Lachen des Franzoſen unterbrach Harder's Lobrede, und als er ſich verwundert zu dem Lacher hinwandte,— rief dieſer lnſtig:„Ein Engel an Reinheit und Tugend— Signora Corrado!— Ha haha! baron, dien soit pour votre conßance!“ Nicht nur Hans, ſondern auch die übrigen Officiere ——.—.———— ———.— 75 blickten erſtaunt auf den Sprecher, der ſo heftig mit Beleidigungen um ſich warf, welche, wie ſie Alle wußten, Harder niemals ſitzen ließ. Dieſem ſtieg auch bereits der Zorn in's Geſicht und hitzig rief er:„Herr Dr. Rannot, bedenken Sie gefälligſt was Sie ſprechen.“— „Alles bedacht!“ entgegnete dieſer, der noch immer mit ſeinem Lachen kämpfte,„Alles bedacht!“— „Sie beleidigen eine hochgeachtete Dame.“— „Hahaha!“ „Die ich ſpeciell hochachte, Herr Doctor, und ihrer Tugend wegen verehre.“ „Hahaha— Tugend und Reinheit——“ „Zum Teufel, Doctor— nehmen Sie au moment Ihre unſanberen Worte zurück;— Sie beleidigen meine Braut!“—— „So— ſo— das thut mir leid— aber— und wenn ſie Ihre Schweſter— wenn ſie Ihre Frau wäre — was ich geſagt habe, habe ich geſagt.“ „Donnerwetter, Franzos, wagen Sie es nicht län⸗ ger dieſe Dame beſudeln zu wollen!— Sie ſind ein Ehrloſer, ein erbärmlicher Wicht! Da haben Sie auf echt deutſch meine Meinung, und ich denke, Ihre wel⸗ ſchen Ohren werden es wohl verſtanden haben. Sind 76 Sie ein Mann von Ehre, ſo geben Sie mir Ihre Ant⸗ wort mit einer Kugel zurück!“— „Cent miles donneres!— ja ick werden— ich werden Ihnen donner meine Antwort mit ein palle de pistole, und wenn Sie ſeien ſterbend,— ick werden Sie zum Troſte auck mitgeben das Beweiß, daß ick aben geabt recht!“ „Es iſt gut ſo— wir ſind dann vorläufig mit ein⸗ ander fertig! Sandow, Du wirſt wohl aus alter Freund⸗ ſchaft mein Secundant bei dem Handel, veranlaßt und ordneſt das Nöthige und benachrichtigſt mich davon.— Ich werde heute Abend zu Hauſe ſein.— Guten Abend, meine Herren.“— Und ſtolz aufgerichtet, in beſter Haltung, ſchritt er durch den Garten, dem Ausgange zu. Seine Cameraden ſahen ihm freundlich billigend nach, denn ſo ſehr ſie ihn auch in ſeinem Verhältniſſe zur Corrado beneiden moch⸗ ten, fühlten ſie ſich doch als Officiere Alle in ihm beleidigt, und die meiſten hörten kaum noch die letzten ſtolzen Worte des Franzoſen, ſo eilig gingen ſie von dannen. „Ick werden ihn hinſchießen, wie einen Hund! Er iſt um das Vergnügen, das man voi Zeit zu Zeit ab⸗ kühlt, einem Liebhaber eiferſüchtik.“ Als ſein Lachen verklang, ſah er ſich mit Brandach 3 77 und Sandow allein, der das Nöthige mit ihm bereden wollte. Brandach erklärte ſich bereitwillig als Secundant des Franzoſen. Fünftes Capitel. Im Hölzchen. Dem ſchönen Herbſttage war ein kühler Morgen gefolgt, welcher alle Zeichen des Herbſtes zur Schau trug.— Der Himmel war bewölkt, die Luft feucht und an den Grashalmen und Blättern der Bäume hingen dicke Tropfen— man wußte nicht, ob Regen oder Thau. Da fuhr ein Wagen dem Hölzchen zu, in deſſen ver⸗ ſchloſſenem Innern zwei Officiere ſaßen. Es waren Harder und Sandow, welch' Letzterer ſich geſtern Abend noch mit dem Secundanten des Dr. Jeannot geeinigt und darauf Harder mitgetheilt hatte, daß ſie ſich am nächſten Morgen Früh um ſieben Uhr im Hölzchen ſchie⸗ ßen ſollten. Sandow hatte Harder die Hochachtung aller ſeiner Cameraden ausgedrückt, die ihm den beſten Ausgang des Duells und völlige Genugthuung wünſchen ließen. trauen— ſo fordert er ihn und ſtellt ſich der Kugel 79 Die ſiebente Stunde war nahe, und der Wagen, der die Beiden dem blutigen Werke entgegen führte, rollte ſo eben in das Hölzchen ein und hielt gleich dar⸗ auf in der Nähe eines lichten Platzes ſtill. Wenige Mi⸗ nuten ſpäter hörte man auch auf der andern Seite einen Wagen, und die beiden Parteien trafen auf dem Plane zuſammen. Jeannot und Brandach hatten einen Arzt mitge⸗ bracht, der ſich höflich an Harder wandte, und ihm für den Fall, daß er verwundet würde, ſeine ſorgfältigſte Hilfe zuſicherte. Harder dankte ihm und ging ruhig auf und nieder. Jeannot machte es eben ſo, und der Arzt wandte ſich nun an die Secundanten, die mit militäri⸗ ſcher Genauigkeit den Platz abmaßen, die Zeichen ſteck⸗ ten und die Waffen unterſuchten. Kann es etwas Peinlicheres geben, als die Vorbe⸗ reitungen zu einem Duell?— Da wollen ſich Zwei ge⸗ genüber ſtellen und die Wirkung ihres Schuſſes ſoll ent⸗ ſcheiden, wer von Beiden Recht oder Unrecht hatte. Befleckte Ehre fordert Blut! Das ſagt der Ehrenmann, deſſen gediegener Charakter und eiſerner Sinn auch die geringſte Beleidigung nicht ertragen kann, und da er zu anſtändig iſt, den Frechen zu züchtigen, und zu ſtolz, dem Gerichte ſeine Ehre und ihre Reinigung anzuver⸗ 80 eines ihm vielleicht weit überlegenen Gegners gegenüber —er, der in ſeinem Leben kaum ſchon einmal ein Piſtol im Scherze abgedrückt hat. Der Ausgang iſt in den meiſten Fällen vorauszuſehen: der Beleidigte rettet ſeine Ehre durch den eigenen Tod— und läßt vielleicht eine Familie in Elend und Jammer zurück. Befleckte Ehre fordert Blut!— ſagt aber auch der Händelmacher oder der Raufbold, deſſen Renommé alle vier Wochen durch ein glückliches Duell auſgefriſcht werden muß. Seine Kugel fehlt nie, und ſeine Ent⸗ ſchloſſenheit iſt eiſern, denn er kann im ſchlimmſten Falle nur fallen, und dabei verliert er und Niemand etwas. Aber er fällt nicht ſo leicht, denn ſeine Hand iſt feſt und ſein Auge ſicher— und ſeine Routine im Erlegen des edelſten Wildes nennen die Cumpane Bravour. Seine Tollkühnheit überhäuft ihn in ihren Augen mit Ehre und Achtung, während Witwen und Waiſen ihm fluchen, deren Gatten und Väter er erſt muthwillig in Händel verwickelt, zum Duell gezwungen, und dann„ehrlich“ * erſchoſſen hat. Das Dulll iſt nicht zu vermeiden. Es iſt ein Got⸗ tesgericht zwiſchen Ehrenmännern, und wenn es gleich vom allgemeinen Standpunkte nie gebilligt werden kann, ſo kann ſich ihm doch ein Mann von Ehre nicht entzie⸗ hen.— Aber dennoch, könnte man es ihm verdenken, 81 wenn er ſein Leben der Kugel Mordluſtiger verweigerte, die zuweilen ein Duell pour plaisir nothwendig haben, wenn er, an Frau und Kinder gedenkend, ſolche Anfor⸗ derungen zurückwieſe? 3 Würde man es wirklich Feigheit nennen können? Kann überhaupt das Ungefähr eines Piſtolenſchuſſes über die Ehre entſcheiden?— Dieſe Fragen ſchweben lange ſchon unentſchieden in der Wage des Weltgerichts, und man beugt ſich der Nothwendigkeit, die nun einmal das Duell bedingt, und kein Mann verweigert es, wo es die Ehre fordert— oder fordern ſoll. Die Secundanten hatten ihr Geſchäft beendet, den Plan abgeſteckt, die Waffen geprüft und geladen, und machten nun, ihrer Pflicht gemäß, die gewöhnlichen Vermittlungsverſuche, welche natürlich auf beiden Sei⸗ ten ohne Erfolg blieben. „Zur Sache, meine Herren!“ rief Harder mit lauter und ruhiger Stimme, und warf ſeinen Mantel ab; der Franzoſe tändelte auf der andern Seite auf und nieder, trieb dicke Wolken aus ſeiner Cigarette und zuweilen tönten einzelne Klänge eines Chanſon zur an⸗ dern Partei herüber. Der Arzt hatte ſein Beſteck und alle Arten Ver⸗ bandzeug am Boden ausgebreitet, um, wo es nöthig ſein würde, ſofort zur Hand zu ſein. Der Angenblick Ehre. M. 6 82 war da, und die Seeundanten hielten die Waffen bereit, um ſie den Gegnern zu überreichen. „Sandow,“ ſagte da Harder zu ſeinem Secundan⸗ ten mit ſo klarer und ruhiger Stimme, als ob ſie auf dem Exercierplatze und nicht auf einem Felde des Todes ſtänden, das vorausſichtlich nur Einer der beiden Geg⸗ ner lebend verlaſſen durfte—„Sandow, wenn ich falle, findeſt Du in meinem Portefeuille eine Summe in Bank⸗ noten und mehrere Briefe. Ich rechne darauf, daß Du dieſelben richtig beſorgſt,— das Geld kannſt Du mit Poſt an meinen Vater ſenden. Wirſt Du?“— „Soll Alles famos beſorgt werden, auf Ehre! Doch Du ſiehſt mir gar nicht aus, wie fallend, Harder! So rurig und energiſch wie Dich ſah ich noch niemals Einen der blauen Bohne gegenüber treten.“ Da ſchlug es ſieben Uhr. „G'est le temps, messieurs!“— rief der Franzoſe, warf nachläſſig ſeine Cigarre zu Boden und ſtellte ſich an ſeinen Platz, zugleich die Waffe aus der Hand des Secundanten nehmend. Er hatte den erſten Schuß— Die Secundanten traten zurück— Eins— Zwei— Drei— das Piſtol krachte— eine Rauchwolke verſperrte einen Augenblick lang die Ausſicht— und als ſie verflog— ſah man Harder ſtolz und unverletzt dem Gegner gegenüberſtehe 83 Die Kugel war über Harder's Schulter hin in einen Baum geflogen, von dem ſie einige Splitter weggeriſſen hatte.— „Diable!e murmelte erbittert der Franzoſe, und ſein übermüthiges Lächeln erſtarrte. Das hatte er nicht gehofft, oder vielmehr nicht gefürchtet, und nur die Hoffnung, daß der„deutſche Tölpel“ ebenfalls fehlen würde, gab ihm wieder einigen Muth. Wiederum traten die Secundanten zurück, Jeannot warf ſich in eine nach⸗ läſſige Stellung, à la Napoleon, und erwartete lächelnd den Schuß ſeines Gegners. Eins— Zwei— klang wiederum das Zählen des Secundanten— Drei!— Harder's Schuß krachte, ein leiſer Aufſchrei ward gehört, und als der Pulver⸗ dampf verflog, ſah man den Franzoſen in ſeinem Blute liegen. Die Kugel war ihm mitten durch die Bruſt gegan⸗ gen, und der Arzt, welcher ſchnell zur Hand war, machte den hinzuſpringenden Secundanten ein Zei⸗ chen, daß es gleich vorüber ſein werde. Niemand hatte darauf geachtet, daß, als der zweite Schuß fiel, ſich drüben der Wagen Jeannot's geöffnet und ein Knabe vorſichtig ängſtlich herausge⸗ blickt hatte. Als er den Franzoſen am Boden liegen und 84 die Anweſenden um ihn beſchäftigt ſah, eilte er angſt⸗ voll näher und ſtürzte plötzlich bei dem Sterbenden nieder, mit lautem Angſtruf ſeine Hand erfaſſend. „Was machſt Du, Vater, Du bluteſt ja!— Va⸗ ter, ſteh doch auf!— Ach, meine Herren, helfen Sie doch meinem armen Vater, er wird ſo bleich— o mein Gott! helfen Sie doch, er ſtirbt!“ Die Anweſenden ſahen erſtaunt auf den wunder⸗ holden Knaben, deſſen auffallende Schönheit und ſor⸗ gende Angſt ihm ſofort jedes Herz gewannen. Nie⸗ mand, ſelbſt Brandach nicht, hatte ihn bis jetzt bei dem Franzoſen geſehen, und Alle blickten geſpannt zu dem Sterbenden, auf deſſen Lippen ein letztes Lä⸗ cheln ſchwebte. „Leb' wohl, Hugo, grüß' Deine Mutter und ver⸗ giß Deinen Vater nicht!“— Dann ward ſein Lächeln höhniſch und die Freude, mit dem letzten Lebenshauche noch ſchaden und den Gegner demüthigen zu können, leuchtete ihm aus den brechenden Augen. „Sie haben geſiegt, Baron de Harder, empfan⸗ gen Sie nun mein Vermächtniß und mit ihm zu⸗ gleich den verſprochenen Beweis für meine Behaup⸗ ung. Hier haben Sie meinen und der Signora Cor⸗ rado Sohn,— und ich glaube— die ſprechende Aehn⸗ 85 lichkeit macht alle weiteren Beweiſe nutzlos.— Brin⸗ gen Sie den Knaben zu ſeiner Mutter— Ihrer Braut, Baron!“ „Hahaha— verfluchtes Geſchick! wenn Gott ge⸗ recht wäre, läge ich nicht hier und ginge par force zum Teufel. Hahaha!“— Ein letztes höhniſches Lachen drang von ſeinen Lippen,— krampfhaft griffen die Hände nach dem Herzen, dem das Blut in Strömen entfloß; ein letzter Seufzer noch— ein kurzer Kampf und der Sterbende hatte ausgerungen. Bleich und ſtarr lag er da, mit Blut übergoſſen, die blutigen Hände über dem Herzen geballt, und ſeine Lippen hielten ſelbſt im Tode noch das höhnende Lä⸗ cheln feſt, mit dem er aus dem Leben geſchieden war. Dr. Jeannot war todt, und:„Fort, ſchnell fort!“ riefen die Secundanten dem Sieger zu, drängten ihn, den halb Betäubten, zum Wagen und trieben den Kutſcher zur Eile an.„Nach der nächſten Eiſenbahn⸗ ſtation!“ befahl Sandow, und der Wagen flog davon. Die Leiche ward in den andern Wagen gebracht und der Arzt geleitete ſie in eine Klinik.— Bran⸗ dach aber und Sandow gingen langſam nach der Stadt zurück. Brandach führte den ſchönen Knaben an der 86 Hand, der bitterlich weinte und nur mit Mühe zum Mitgehen zu bringen war, da er durchaus bei ſein m Vater bleiben wollte. Da Harder fort war, um ſeine Freiheit in Sicherheit zu bringen, wollte Brandach das Vermächtniß des Todten erfüllen und den ver⸗ waiſten Knaben zu ſeiner Mutter bringen. Sechſtes Capitel. Wetterſchläge. Erſtes Bild. Signora Corrado hatte ſich ſoeben erſt vom Schlummer erhoben und faß im reizendſten Negligée auf dem Divan ihres Boudoirs. Wie die meiſten Künſtlerinnen, liebte auch ſie be⸗ ſonders den Morgenſchlummer und hatte ihm nach der anſtrengenden Oper auch heute gehuldigt. Nun lag ſie wieder auf der Ottomane, blätterte in den neu erſchienenen Journalen und nippte zuweilen von dem aromatiſchen Morgentrank, den ihre Zofe ſoeben ge⸗ bracht hatte. Sie dachte mit Wohlbehagen an den vergange⸗ nen Tag zurück und an das lebenvolle Feſt mit ſei⸗ nen Menſchenwogen, das ihr ſo viel Vergnügen be⸗ 88 reitet hätte, und ſelbſt die drohende Erſcheinung Ar⸗ mand's ſchien ihr heute minder gefährlich, da ſie ihn ja in Welling's Begleitung geſehen hatte. Er konnte ſie nicht compromittiren, ohne ſich ſelber dieſen Da⸗ men gegenüber in Calamität zu bringen, und dann, warum ſollte er es auch wollen?— Hatte er ſie nicht einſt geliebt?— Wer einmal geliebt hat, kann nicht boshaft ſein, und ſich zu rä⸗ chen hatte er ja kein Motiv. So hatte ſie ſich in eine gewiſſe Sicherheit hin⸗ en philoſophirt, und weiltt mit ihren Gedanken wohl⸗ gefällig bei der letzten und größten Freude des ge⸗ ſtrigen Tages, bei ihrem Triumphe in der Oper. Sie hatte in der„weißen Dame“ geſungen, ge⸗ ſungen wie noch nie. Die Spazierfahrt hatte ſie merk⸗ würdig erfriſcht, und ihre Stimme klang rein und voll wie Silberglockenton.— Das trotz des Feſtes zahlreiche Publikum war außer ſich vor Entzücken, Prinz Taver warf ihr einen Lorbeerzweig auf die Bühne, und der Beifall wollte kein Ende finden. So war die Siguora lange nicht mehr begrüßt worden, und ſie bedauerte nur, daß Hans nicht in der Oper geweſen war, um ihren Triumph zu ſehen und zu theilen. Heute noch ſpielte das ſtolze freudige Lächeln um ihre Lippen, mit dem ſie geſtern aus der 89 Oper gefahren war, und ihr Herz ſchwoll höher in Stolz und Eutzücken, wenn ſie des geſtrigen Abends gedachte. Da ſcholl die Glocke draußen. „Gewiß Prinz Kaver ſchon,“ flüſterte ſie leiſe triumphirend,„der mir ſein Compliment machen, und nach meinem Befinden fragen will,“ und eben überlegte ſie noch, ob ſie ihn im Negligée empfangen ſollte oder nicht, als ihre Zofe bereits eintrat und nicht den Prin⸗ zen, ſondern Herrn von Brandach meldete. Die Signora ſtutzte, und ein leiſer Schreck überrie⸗ ſelte ſie.—„Was will der?“ fragte ſie ſich ſelber,„er iſt für mich ein Todtenvogel geworden, der nur noch kommt, wenn es Unglück zu meiden gibt, was mag wie⸗ der paſſirt ſein?“— Sie winkte, daß er willkommen ſei und erhob ſich in eine ſitzende Stellung. Brandach trat ein, an ſeiner Hand einen Knaben führend, bei deſſen Anblick die Signora einen leichten Schrei nicht unterdrücken konnte. Mit einem Blicke ſah ſie, daß Alles verloren war, wenn ſie auch den Thatbeſtand noch nicht ahnte,— und ſie war entſchloſſen, dem Sturme Trotz zu bieten. „Signora,“ begann Brandach feierlich,„ich lomme, um das Vermächtniß eines Sterbenden zu erfüllen. Herr Dr. Jeannot fiel vor einer Stunde von der Kugel des 90 Lieutenant von Harder und bat ſterbend, Ihnen Ihr Kind zu überbringen. Ich erfülle mit Trauer den letzten Auftrag meines ſterbenden Freundes.“ Die Signora war ſprachlos und ſtarrte wie ab⸗ weſend durch das Fenſter, als erwarte ſie vom Himmel her den Blitz, der ſie vernichten ſollte. „Signora, hier iſt Ihr Sohn! Nehmen Sie ſich des vaterloſen Kindes an!“ ſprach Brandach weiter und wollte ſich zurückziehen. „Bleiben Sie!“— ſtieß die Signora kurz und hart heraus, als ſie ſeine Bewegung bemerkte, und deu⸗ tete auf einen Seſſel. Brandach gehorchte, ließ ſich nieder und blickte zu dem ſchönen Weibe hinüber, in deſſen Zügen ſich die ſchwerſten Seelenkämpfe zeichneten. Endlich gelang es ihr ſich zu faſſen und konlos klang ihre Frage:„Warum ſchlug ſich Harder mit Armand?“ „Dr. Jeannot beleidigte geſtern Abend Sie, Sig⸗ nora, in Harder's Gegenwart; Harder nahm die Belei⸗ digung gegen ſeine Braut auf, und heute Morgen, um ſieben Uhr, ſchoſſen ſie ſich. Jeannot fiel von Harders Kugel und ſtarb wenige Minuten ſpäter, während Har⸗ der nicht verletzt ward.“ „Nun, und wo iſt er denn?“ 91 „Natürlich entflohen— halbtodt bei dem An⸗ blicke dieſes ſchönen Knaben;— ich aber erfülle die letzte Bitte des Sterbenden und bringe Ihnen Ihren Sohn!“ Die Signora wankte.—„Ich danke Ihnen, Heir von Brandach, leben Sie wohl!“— ſtammelte ſie kaum hörbar und winkte ihm einen Abſchiedsgruß zu. Als die Thüre ſich hinter ihm ſchloß, brach ſie zuſammen. Ein Strom von Thränen entſtürzte ihren Augen, und ihr Herz drohte zu brechen unter der Qual dieſer Stunde. „Er verachtet mich, da er mich ſchuldig gefunden hat, und ich habe ihn, ich habe Alles verloren. Den Geliebten, die Ehre— und die Welt wird mit Fingern auf mich zeigen und das ſtolze Weib verhöhnen dürfen, die ihre Schuld verbarg!— Doch nein, nein, das ſoll, das darf nie, niemals geſchehen!— Lieber todt als ge⸗ ſchmäht, und nur Flucht allein kann mich noch retten! Fort von hier, wie er! Nach Italien, nach meiner Hei⸗ mat! dort allein wohnt das Glück!“ Und leidenſchaftlich auf den ängſtlich zitternden Knaben zuſtürzend, zog ſie ihn zärtlich in ihre Arme, küßte ſeine ſchönen Augen, die friſchen Kindeslippen, und nannte ihn mit den zärtlichſten Namen. Der Kleine fürchtete ſich vor der fremden Dame, und wollte ihr weinend entflichen, aber ſie hörte nicht 92 auf, ihn zu beruhigen und ihn mit Liebkoſungen zu überhäufen, bis er endlich traulicher ward. Ein Schrei des Entzückens flog von ihren Lippen, als endlich die Scheu des Kleinen wich und er unter Thränen lächelnd zu ihr aufſah. „Du biſt meine Mutter, ſchöne Frau?“ fragte er ungläubig, und doch wie hoffnungsvoll. „Ja, Deine Mutter, mein Hugo, die Dich recht lieben und niemals wieder von ſich laſſen wird. Du ſollſt nun immer bei mir ſein, ſollſt Alles haben, was Du willſt, wenn Du mich nur auch ein wenig lieb haben willſt. Wirſt Du das wollen, mein guter Hugo?“ „Ach ja, Du biſt ja eine ſo ſchöne Dame, und Vater ſagte immer, ſchöne Damen müſſe man lieb ha⸗ ben. Und wenn Du nun meine Mutter ſein willſt, ja dann will ich Dich eben ſo lieb haben, als den Vater. Wenn er nur erſt wieder kommt, der Doctor ſagte er ſei ſehr krank.“ Und die Thränen des Kindes floſſen von Neuem. Die Signora küßte ſie ihm zärtlich von den Augen und zog ihn immer wieder an ihr hochklopfendes Heiz. Ein nie gekanntes, nie geahntes Gefühl, die heiligſte Mutterliebe, erwachte in ihrer Bruſt und erfüllte ſie mit ſeligem Entzücken. Wie ſchön war das Gefühl, ein Kind zu beſitzen, es lieben zu können und von ihm — 2 93 liebt zu werden— und ſie hatte ſo lange ein Kind be⸗ ſeſſen, ohne dieſes beſeligende Gefühl zu ahnen! „Nie, niemals trenne ich mich wieder von Dir, mein Hugo! Du ſollſt mir Erſatz ſein für Alles! Hans iſt fort, als Mörder geflohen, und verachtet mich wohl ietzt, gedenkt meiner in Haß und Zorn, und kann mir wohl nie vergeben!— Freifrau von Harder werde ich alſo niemals werden;— der Tranm iſt aus und meine ſtolze Hoffnung iſt zertrümmert.— Adien denn, kalter Norden! Adieu denn, Hans! und möchteſt Du mir nicht zürnen; ich werde immer liebend Dein gedenken! Adieu auch, heilige Kunſt! der ich die ſchönſten Tage meines Lebens verdanke; Adieu, meine Bewunderer und Freunde, lebt alle wohl! von heute an will ich nur noch Mutter ſein!“ Die Schelle ertönte, und die eintretende Zofe er⸗ hielt Befehl, ſofort zu packen, während die Signora ſich an den Schreibtiſch fetzte, um ihre Verbindlichkeit gegen die Oper zu löſen. Sie nahm alle ihre Garderobe, alle Geſchenke und Zeichen ihrer Triumphe mit, realiſirte ihr großes Ver⸗ mögen in Wechſel auf Trieſt und Venedig, und reiſte ſchon am ſelbigen Abende mit Hugo ab. Die Ausſtattung ihrer Wohnung ſollte verkauft 94 und der Betrag an ihre frühere Zofe Marie Wendt als ein Heiratsgut überſandt werden. Während die Reſidenz der neueſten Scandalge⸗ ſchichte voll war, deren Helden Harder und Signora Corrado waren, und während in den eleganten Räumen der Letzteren Auctionatoren und Handelsjuden ihr ge⸗ räuſchvolles Weſen trieben, flog die Signora mit ihrem Sohne ſehnſuchtsvoll der fernen Heimat zu, und das erſte Lächeln umfpielte ihre Lippen wieder, als ſie ihren Sohn im Wagen emporhob, und, auf die Londſchaft zeigend, jubelnd ausrief:„Sieh da, Hugo, dort liegt Itulien, unſer ſchönes Heimatland!“ Zweites ZBild. Herr Silbermann ſaß im Comptoir vor ſeinem Burean und ordnete Papiere. Sein Angeſicht zeigte heute durchaus nichts von dem gemüthlichen Lächeln, das dieſer Geldmann ſonſt als Stereotype feſthielt, und das alle ſeine Kunden an ihn kannten. Seine grauen Augen blitzten unheimlich, und aus ſeiner Unterlippe, die heute ſchlaff und ganz ohne die gewöhnliche Grazie herabhing, ſchlüpfte öfters das dumpfe Murren verhaltenen Aergers. Endlich kam er mit ſeinem Ordnen zurecht und Züge wurden immer düſterer, und blaſſer Schrecken fürbte ſie endlich ganz aſchgrau. Vater und Banquier. Habe ich gelaſſen mich leiten von dieſer Ophelia, dieſem thörichten Mädchen, und habe verloren mein ſchweres Geld— und nichts dafür, nichts als höchſtens noch ausgelacht zu werden, wenn ich mir notirte die einzelnen Papiere mit ihren Summen. Seine „Gott meiner Väter, bin ich geweſen ein Eſel von 96 mukſe nur mit einer Sylbe. Achttauſend fünfhundert Thaler— au weih— au weih geſchrien, wie ſoll ich des verwinden! Au weih, mein ſchönes Geld.— Bin ich doch geweſen der Vater aller Eſel und habe genährt die Schlange an meinem Buſen und mit meinem Gelde. „Achttauſend fünfhundert Thaler!— Haha, es iſt zum Todtlachen, zum Raſendwerden iſt es— ich bin blamirt, betrogen, und nicht einen Heller kriege ich wie⸗ der zu ſehen von all' dem ſchönen Gelde!“ Wie wahnſinnig rannte er im Comptoir auf und nieder, raufte ſich das Haar, ſchlug mit beiden Fäuſten ſeine Stirn und rannte endlich hinaus, durch das äußere Comptoir, an ſeinen jungen Leuten vorüber und ſtürzte die Treppe hinauf. Wer ihn da geſehen hätte, der hätte den Silber⸗ mann nicht wieder gekannt, den man ſonſt als gewiegten, ewig lächelnden, immer ſichern Geſchäftsmann, als einen Mann, der Millionen commandirt und ſich deſſen be⸗ wußt iſt, zu ſehen gewohnt war. Athemlos ſtürzte er in das Zimmer ſeiner Toch⸗ ter, die eben Toilette machte, und ſich vor dem Ausſehen des Vaters entſetzte. „Unglückskind, Du biſt an Allem Schuld, Du haſt mich mit Deinem Eigenſinn in's Verderben geſtürzt! Rabenkind, Dir zu Liebe habe ich mich geopfert, B 97 ich es hingegeben mein ſauer verdientes Geld, an dem meine Schweißtropfen kleben— damit er es verpraſſen könnte und hinwerfen wie Perlen vor die Säue. O weh, o weh, mein Geld— ſchaff' mir mein Geld wie⸗ der, ungerathene Dirne!— Achttauſend fünfhundert Thaler!— Gott meiner Väter, ich kann's nicht über⸗ leben— ich ſterbe, ich erſticke! Bin ich doch geſchlagen wie Hiob und in Jammer wie Jeremias; könnte ich doch weinen Klagelieder über meinen Ruin, und Du biſt an Allem Schuld, Du haſt mich in's Unglück ge⸗ ſtürzt und gemacht, daß ich verliere mein Geld an die⸗ ſen Menſchen, den Gott verdammen möge und aus⸗ ſchließen von Abraham's Schooße.— Au weih— au weih, mein Geld— mein ſchönes Geld!“ Und wie raſend ſtürzte er im Zimmer auf und nie⸗ der. Ophelia ſtand ihm gegenüber, unbeweglich und bleich. Ein weißes Negligée umhüllte ihre hohe ſchöne Figur, und das ſchreckenbleiche Geſicht, in dem die dunklen Augen vor Erregung blitzten, ward von dem Haarſchleier eingerahmt, der in reicher Fülle aufgelöſt hernieder floß. „Willſt Du mir nun gefüllig erklären, was dieſe Seene bedeuten ſoll?“— frug ſie, als er endlich ſchwieg, mit feſtem kalten Tone,„oder ich ſehe mich genöthigt, mich zurückzuziehen.“ Ehre. U. 7 98 „Scene, eine Scene nennt ſie's, das Rabenkind, wenn ihr alter Vater bald verfällt dem Wahnſinn und beſtrenen möchte ſein Haupt und trauern in Sack und Alſche, weil er hat verloren ſein Geld durch ſein einziges Kind.“ „Beliebe Dich zu erklären!“ rief ſie kalt dazwiſchen. „Willſt Du noch ſein impertinent gegen Deinen alten Vater, der Dich hat erzogen mit Affenliebe und nun hat geerntet die ſchönſten Früchte, daß man hat be⸗ trogen ihn um ſein ſauer verdientes Geld?“ „Erkläre Dich!“— „Haſt Du nicht beſtanden darauf zu heiraten den Baron von Harder, und habe ich nicht gemußt ihm leihen alles Geld, das er hat gebraucht zum Schwelgen und zu Geſchenken für die welſche Sängerin, gegen Wech⸗ ſelche, die zuſammen nicht ſind werth einen Heller?— Achttauſend fünfhundert Thaler, Du Rabenkind, Du biſt Schuld daran, daß ſie hat verloren Dein Vater, und ſtatt zu wählen einen Mann aus Deinem Stande, der Dir gebracht hätte Hunderttauſende, haſt Du gewollt heiraten abſolut einen Baron, der betrogen hat Deinen Vater um ſein ſchönes Geld!“ „Baron von Harder?— Was iſt's mit ihm?“— frug Ophelia athemlos.— Sie fühlte ihr Blut in den 99 Adern ſtocken,„ſo ſprich doch, rede doch, Vater, was iſt's mit dem Baron von Harder?“— „Was iſt's mit ihm— dumme Frage— nichts iſt's mit ihm! Durchgegangen iſt er, hat erſchoſſen einen fremden Menſchen, einen franzöſiſchen Doctor— und fort iſt er, mit Sack und Pack, und ich habe die Wechſel, die werth ſind nicht einen rothen Heller.“ Ein ſchwerer Seufzer rang ſich über Ophelia's Lip⸗ pen, ihre Füße wankten und ganz gebrochen von dieſer Nachricht, die ſie wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf, ſank ſie auf den Divan hin und ſtarrte theilnahmslos vor ſich nieder. „Sollſt mir kommen wieder mit Deinen Thorhei⸗ ten; nichts da— nichts da!— Ich werde wählen Dir einen Mann, der im Stande iſt, die verlorenen Verluſte zu decken, und nicht muckſen, nicht ein Wort ſagen ſollſt Du, ſonſt enterbe ich Dich, ungerathene Tochter, die den eigenen Vater bringt um ſein ſauererworbenes Gut!— O, ich Eſel,— ich Vater aller Eſel,— ich geſchlagener Mann,— au weih, au weih geſchrieen!“—— Ophelia hörte nichts mehr don ſeinen leidenſchaft⸗ lichen Exclamationen, hörte nichts bon ſeinen Drohun⸗ gen, denn ihre Seele war weit ab und flog ihm nach, ihm, den ſie liebte. Sie hatte nichts gehört, als das Wort, er hat einen 7* 106 Franzoſen ermordet und iſt entflohen,— und dieſes eine Wort klang unaufhörlich in ihr Ohr und durchbohrte ihre Seele, daß ſie hätte laut aufſchreien mögen vor innerer Qual. Sie hatte ſo feſt, ſo ſicher darauf gerechnet, ihre Liebe beglückt zu ſehen, ihr ganzes Weſen war gleichſam aufgegangen in der Hoffnung ihn zu beſitzen— und nun war er für ewig ihr verloren— ein Mörder,— geflüch⸗ tet und unglücklich— wie ſie.- Was kümmerte ſie das verlorne Geld, wo es ſich um ihr Glück, um ihr Leben handelte?— War ja doch längſt ſchon ihr Verſtand untèrgegangen im Herzen— und ſie hatte auf nichts mehr gehofft, als auf ein wenig Glück an ſeiner Bruſt. Er fort— war ihr Lebensziel zerſtört. Mochte man ſie nun verhandeln wie eine Waare, mochte man ſie dem zuſchlagen, der den höchſten Preis bot, ſie hatte keine Hoffnung, keinen Wunſch und keinen Willen mehr. Prittes Bild. Major von Welling ſaß, wie gewöhnlich Früh, im Familienzimmer. Der Kaffee war eingenommen worden, der Major rauchte ſeine Morgenpfeife und las die neueſte Zeitung— als ihm das vorgefallene Duell und ſeine Folgen gemeldet wurden. Alle waren heftig erſchrocken, dann aber ward der Major fuchswild,— fluchte und wetterte das Blaue vom Himmel herunter und wußte ſich in ſei⸗ nem Zorne nicht zu faſſen. „Hat denn der Harder den leibhaftigen Satan im Leibe! hat der Bengel denn alle Ehre, alles Pflicht⸗ gefühl vergeſſen!“ „Erſt das Spectakel mit der Schauſpielerin,— dann ein Duell um das Frauenzimmer— ſchießt mir meinen beſten Freund todt— und deſertirt obenein. Himmel Schock Schwerenoth! da ſollen doch zehn WMillionen Bomben und Granaten dazwiſchen fahren 102 in ſolche Teufelswirthſchaft! Habe ich's nicht immer geſagt, ſolch' Frauenungeziefer müßte per Schub aus Stadt und Land geſch hafft werden. Wäre es hier recht⸗ zeitig geſchehen, h höte wer all' den Scandal nicht, der das ganze Sſeurcueps— das ganze Militär ſchän⸗ det!— Der Schlingel, der Ehrvergeſſene, für ſolche Dirne Ehre und Reputation an den Nagel zu hängen, den Fahneneid zu brechen und den alten guten Namen der Harder's für alle Zeiten an den Pranger zu ſtellen.“— „Rüdiger, Rüdiger, was ſprichſt Du da!“ ſiel die Majorin begütigend ein— und winkte der halb⸗ todten Eugenie ſich zu entfernen. Der tobende Major bemerkte ihr Weggehen gar nicht. „Hermine, ich bitte Dich ernſtlich, nimm die Partei dieſes Ehrvergeſſenen nicht mehr! Du weißt, ich mag nicht heftig gegen Dich ſein,— aber hier bitte ich Dich, reize auch Du mich nicht! Der Schlingel hat mich tief verletzt, als Vater und Militär von Ehre, und ich ihn hier— Himmel Schock Schwerenoth! ich wollte ihn—“ „Du zürnſt auf ihn, lieber Mann, der fort iſt, und den ich nicht vertheidigen mag, denn ich S 6 Eure militä riſchen Begriffe zu wenig.“— 3 „Ach, was Begriffe, von Begriffen iſt W 36 103 mehr die Rede, wo man der Ehre mit Fauſtſchlägen zu Leibe geht.“—. „Zu wenig,“— fuhr die Majorin unerſchüttert fort,„ich denke dagegen an die armen Eltern, und be⸗ klage ſie von Herzen, die nun den einzigen Sohn ver⸗ loren haben!“ „Mord und Brand! Der Malefizbengel! An die habe ich noch gar nicht einmal gedacht. Mein armer, ehrenfeſter Curt, wie wird er dieſen Schlag ertragen, der ſeine Nerven zehnmal mehr erſchüttern wird, als der franzöſiſche Kanonendonner bei Leipzig.“— „Und die arme Gertrud, die ihn ſo innig liebte, beklage ich am meiſten.“ „Im Gegentheil, denn eine Frau weiß ſich in ſol⸗ chem Falle eher zu tröſten, als ein Mann von Curts Schlage. Sie achtet die Rückſichten nie beſonders hoch, die dem Manne an das Leben gehen, denn hier heißt es nicht einen Sohn verloren haben, und den letzten Spröß⸗ ling betrauern müſſen,— nein, hier heißt es die Ehre durch einen Unwürdigen beſchimpft ſehen, der der Fahne des Herrſchers entlaufen iſt. Rudolf hat damals böſe gehandelt, doch das blieb unter uns, während dieſer Scandal die ganze Reſidenz und noch mehr, vier Wochen lang als Caffeeklatſchſtoff wird dienen müſſen. Es iſt 104 zum Wetterdreinſchlagen, der Kerl weiß mich an den böſe⸗ ſten Stellen zu packen.“ „Die arme Eugenie wird von dem Schlage auch tief erſchüttert ſein, und ich bitte Dich, Rüdiger, ſchelte nur nicht auf Harder, wenn ſie zugegen iſt, es thut dem armen Kinde weh.“ „Was? hat ſie noch immer dieſe Mucken im Kopfed — Noch immer denkt ſie an den ehrvergeſſenen Schlingel, trotz ſeines Verhältniſſes zu dem Theaterweibe? J, da ſoll ja doch das Wetter hunderttauſendmal dreinſchlagen, — habe ich ihr nicht geſagt, ſie ſoll an den Kerl nicht mehr denken!— Bin ich nicht mehr Herr und Vater hier, daß ſo ein unverſtändiges Mädchen ihren eigenen Kopf haben will?“— „Kopf, und wohl weniger als Herz, lieber Mann.“ „Wiſchewaſche Herz, ſchweigt mir nur damit ſtill! da ſind aber die Frauen eine wie die andere, und alle geborne Intriguantinnen! Wo zwei Frauen zuſammen, da iſt der Mann der Narr, da gibt's auch ein Complot der Herzen und höheren Gefühle!— Was Teufel, und Du Hermine ſollteſt mich doch heute wenigſtens damit nicht reizen.——“ „Eugenie heiratet, wen ich ihr beſtimme, und wenn der Doctor heute um ſie anhält— Potz Kreuz— ja— den hat er ja erſchoſſen!— Mein armer, guter 105 Freund, in dem ich bald einen Sohn zu ſehen hoffte. Das thut mir ſehr leid,— ſehr wehe!— Donnerwetter, hat denn Satan alle ſeine Höllengeiſter gegen mich losge⸗ laſſen!— Hätte ich den ehrvergeſſenen Schlingel hier, — den wollte ich,— na, den wollte ich— ich faßte ihn beim Kragen und wollte ihm mit ſeinem eigenen Officiers⸗ degen den Rücken bläuen, daß der Degen in tauſend Granatenſtücke flöge, den er ſo gewiſſenl os beſchimpft „Willſt Du denn ausgehen, lieber Mann?“ frug die Majorin, die mit Verwunderung ſeine Anſtalten zum Ankleiden ſah. „Ja, ich will ſehen, wo man Jeannot hingebracht hat; vielleicht iſt er nicht todt und der gute Kerl wird uns erhalten. Es wäre Schade, zu Schade um ihn, wenn er wirklich todt wäre.“ Bald darauf ging er mit ſchnellen Schritten durch die Straßen und ſo grimmig, ſo erſchreckend war ſein Ausſehen, daß Untergebene, die ihm begegneten, erſchrocken zur Seite wichen und kerzengerade gerichtet, die Honneurs doppelt ſo ſorgfältig machten, als gewöhnlich. Während aber im Familienzimmer der Majo noch tobte und ſeine Frau ihn vergeblich zu beſchwich — 106 tigen verſuchte, ſaß drüben Eugenie einſam in ihrem Gemache und betrauerte das Ungtück deſſen, den ſie liebte. Keine Thräne netzte ihre Augen, deren Lider wie Feuer brannten, keine Klage kam über ihre Lippen;— nur ein tiefer Seufzer drang zuweilen aus derſchwer athmen⸗ den Bruſt und verrieth die Qual, die ſie durchwühlte. Nein, er konnte nicht ehrlos ſein, und was er auch gethan hatte,— ſein Herz hatte ihn dazu geleitet— und Eugeniens Herz entſchuldigte ihn.„Er hat ſie ja ſo ſehr geliebt, die ſchöne Frau, und ſie hat ihn gepflegt ſo ſorgſam und treu wie einen Bruder!— Durfte er ſie da beſchimpfen laſſen?— Und noch dazu von dem Fran⸗ zoſen, der immer ſo hämiſch und ſo ſchadenfroh ſein konnte, und der ihr immer wie ein böſes Etwas, wie eine Art Dämon erſchienen war.— Nein, nein, er hat ſehr Recht gethan, und nicht verdammt darf er werden, aber beklagen will ich ihn— denn er iſt unglücklich,— und betrauern ſein Glück wie das meine.— „Nun iſt er fort und ihr wie mir verloren! Aber meine Liebe zu ihm lebt und ſoll ihm bleiben, auch über das Unglück hinaus. „Einmal nur habe ich geliebt, liebe ich noch,— und nie, niemals werde ich ihm untreu werden, dem die erſten Schwüre meines Herzens gegolten haben!— Ihm habe 107 ich Liebe geſchworen in heiliger Stunde, und mag er auch untreu werden können, mag er fern ſein, oder ge⸗ ſtorben,— meines Schwurs entbindet mich das nicht, und ſoll es mich auch nicht entbinden. Ich bleibe treu, im Leben und im Tode!“ Viertes Zild. Kaumhatte an jenem Morgen der Freiherr Harders⸗ berg verlaſſen, um zu ſeiner Schweſter zu reiten, als die Nachricht des Schreckens daſelbſt anlangte. Die Freifrau ſank beim Leſen derſelben ohnmächtig zuſammen. Der Brief entfiel ihrer Hand, ward von neugierigen Dienern geleſen, und ehe ſich die arme Mutter noch wieder erholen konnte, wußie bereits das ganze Schloß von dem traurigen Ereigniſſe. Schnell ſchrieb ſie nun die paar Zeilen, welche den Freiherrn bei ſeiner Schweſter trafen, und ſandte einen Expreſſen damit ab. Wenige Stunden ſpäter kam der Freiherr auf Hardersberg wieder an, und erfuhr die Schreckensbot⸗ ſchaft, die ſein Vaterherz auf das Fürchterlichſte er⸗ ſchütterte. Todtenbleich und zitternd ſtund der alte Mann an eine Wand gelehnt, und ſeine Lippen murmelten 3 — — 109 tonlos:„Entehrt!— Nun iſt Alles verloren und mag Alles verkoren ſein!“ Es war, als hätte er mit dieſem Worte ſelber ſein Schickſal beſchworen, denn im ſelben Augenblick überbrachte ein Diener ein Schreiben des Herrn von Brandach. Auf's Nene erbleichte der Freih rr. Ahnte er, daß er ſein Todesurtheil in der Hand hielt, ſah er es den groben, feſten Schriftzügen ſchon an, daß ſie nur neues nheil beſchwören könnten? Langſam entfaltete er das Schreiben; es war, wie er geahnt hatte. Herr von Brandach löſte in Folge der jüngſten Ereigniſſe die Verlobung ſeines Sohnes mit Anna von Harder auf, und kündigte— o bittere Jronie— zu⸗ gleich einige bedeutende Hypotheken. Herr von Brandach war ein ſehr kluger Mann und verſtand ſeinen Vortheil zu wahren. Konnte man es ihm jetzt, wo er eine Familienverbindung mit den Harder's nicht mehr wünſchte, verdenken, wenn er ſein Geld aus dem Schloſſe zog, das er anderweitig ren⸗ tabler verwerthen konnte? Gewiß nicht, es war nur ſehr praktiſch gehandelt, und praktiſch ſein war das Lieblingswort des reich gewordenen Sohnes vom alten Schäfer Brand, 110 Der Freiherr hatte geleſen, und keine Miene ver⸗ zog ſich bei der neuen Schreckensnachricht. Er hatte ſie geahnt, und ſein Entſchluß ſtand bereits felſenfeſt. Schweigend, den Brief in der Rechten, ſchritt er aus dem Zimmer, die weinende Gattin mit ihrem Schmerze allein laſſend. Schweigend, den unheilvollen Brief in der Rechten, zchritt er langſam in ſein Arbeits⸗ zimmer und verſchloß es hinter ſich. Kurze Zeit darauf domnerte ein Schuß durch das Schloß. Die Freifrau ſprang entſetzt empor, und“ ſank von Neuem ohnmächtig zu Boden. Stundenlange Bewußtloſigkeit erſparte ihr die nächſten ſchrecklichen Seenen. Als die Dienerſchaft das Zimmer des Freiherrn. erbrach, fanden ſie ihn in ſeinem Lehnſtuhle ſitzend, gas Herz von einer Kugel durchbohrt— und todt. Sein Antlitz war bleich und ruhig, ſtolz wie im Feben, und ſeine Hand hielt noch immer ſein Todes⸗ urtheil— den Brief des Herrn von Brandach— welcher mit ſeinem Herzblute beſpritzt war. So war er denn todt. Mit demſelben Muthe, der ihn im Leben nie verlaſſen hatte, war er dem Tode ent⸗ gegen getreten, und war geſtorben, weil er den Fall ſei⸗ nes Hauſes nicht überleben konnte. Wie im Leben nichts achtend als die Ehre des Hauſes von Harder, hatte er, — 111 treu ſeiner Deviſe, ſein Herzblut für ſie hingegeben, und ſtieg mit ihr zuſammen hinab in die Gruft ſeiner Ahnen. Ehre war ihm Leben— da ſie todt war, konnte auch er nicht leben, und als man ſie begrub, hatte man auch ihn bereits hinabgetragen in das kühle Gewölbe, deſſen Hei⸗ ligkeit Niemand anzutaſten wagte.—————— Wenige Wochen ſpäter. Bewegtes Leben auf Har⸗ dersberg. Man läuft und rennt, man ſchwatzt und lacht, Thüren werden aufgeriffen und zugeſchlagen, und fremde Geſichter gaffen neugierig in den Räumen umher, in denen ſonſt der Freiherr und ſeine Familie weilte. Die ariſtokratiſche Ruhe iſt aus dem Schloſſe geſchwunden, und wo ſonſt Jeder vorſichtig nur auf den Zehen ging, um die Herrſchaft nicht zu ſtö en, läuft jetzt Alles ple⸗ bejiſch ſtampfend umher, und die hohen Räume hallen von den Schritten wider, die feſt und ſicher ſich auf den ſteinernen Corridoren und Treppen bewegen. Von der freiherrlichen Familie iſt Niemand zu ſehen. Der Freiherr ruht in der Ahnengruft, und die Freifran und Anna haben ſich hinweg geſlüchtet aus dem Hauſe, das nicht mehr ihr Eigenthum ſein ſollte und in das die Gerichte kamen, um die großen Siegel anzu⸗ legen. Sie waren geflüchtet vor der Schande, und be⸗ weinten drüben, im alten Schloß am Meeresſtrande, mit 112 Tante Frieda den Fall ihres Hauſes und ihr entſchwun⸗ denes Glück. 5 Auf Hardersberg ließ ſich heute Niemand von ihnen ſehen. Dagegen ſtrömten Fremde in Menge ab und zu, ſchauten, ſtritten, taxirten, wetteten in den durch Jahr⸗ hunderte geheiligten Räumen, mitten unter den Ahnen⸗ bilderreihen, die ernſt und trauernd aus ihren Rahmen herniederblickten. Immer mehr Fremde kamen an, zu Fuß, zu Pferde und zu Wagen; Gerichtsperſonen traten mit wichtigen Mienen ein, und auch Herr von Brandach und Herr Silbermann wurden jetzt ſichtbar. Herr Silbermann hatte endlich männlich ſeinen Schmerz beſiegt und wollte jetzt wenigſtens ſeine Hypo⸗ theken gut ſichern und wo möglich das Schloß der Har⸗ der's an ſich bringen. In derſelben Abſicht war Herr von Brandach hier, der längſt ſchon nach der Verſchmel⸗ zung des Nachbargutes mit ſeinem eigenen getrachtet hatte. Da es nun keine Heirat thun ſollte, klopfte er auf die volle Taſche, und blickte bereits ſiegesgewiß durch das Fenſter auf die ſchönen Beſitzungen nieder, die nun bald ſein Eigenthum werden ſollten. Herr von Braüdach war ein ſehr praktiſcher Mann, „ eben ſo praktiſch als Herr Silbermann, der mit wohl⸗ gefülligen Blicken die eleganten Räume betrachtete — — 113 Die beiden praktiſchen Leute fanden ſich auch bald zuſammen, wie durch die Anziehungskraft ſchöner Seelen 0 und Einer horchte vorſichtig auf die Worte des Anderen, um ſeine Abſichten zu errathen. „Der iſt ſchwer, ſehr ſchwer, und hat nur einen Sohn“, dachte Herr Silbermann, und frug:„Wollen Ew. Gnaden reflectiren auf das Schloß?“ „Ich habe Hypotheken darauf,“ erwiderte Bran⸗ dach großartig,„da muß man doch ein wenig zum Rechten ſehen. Kommt's nicht zu hoch, kauf' ich's auch wohl. Haben Sie vielleicht auch Abſichten?“ „Ich muß geſtehen, daß ich wollte kaufen das Schloß zu einem Sommerwohnſitz für meine einzige Tochter. Es iſt ein ſchönes, elegantes Gebäude, auch die Gegend bietet manche Reize, und meine Ophelia liebt das.“ Herr von Brandach horchte auf. Da Ohren lieblich, und war wohl eines Einke Bald ſtanden die beiden praktiſchen Väter dichter neben einander, ſprachen und geſticulirten heim ich und leiſe, und wem wollte es wundern, wenn er hört, daß, noch ehe die Verſteigerung begann, die beiden Praktiſchen mit einander im Reinen waren und mit natürlicher Machtvollkommenheit ihre Kinder verlobt hatten? Sie gingen Beide zufrieden mit einem herzlichen Ehre II. 8 ung ſeinen ns werth. 11¹4 Händedrucke aus einander, denn ſie waren einig und alles Nöthige beſprochen. „Das trifft ſich gut,“ dachte Brandach.„Geld iſt doch das einzig Reelle, und der alte Filz hat wohl noch mehr als ich. Joachim darfkeine Schwierigkeiten machen, denn er kennt mich darin.“ „Habe ich doch gemacht a Geſchäftle auf der Auc⸗ tion, noch eh' ſie haben verauctionirt, wie ich habe ge⸗ macht noch niemals a Geſchüſt. Soll mich bewahren Gott, und meinetwegen lange laſſen leben den Herrn von Harder, und will ich doch verſchmerzen gern die acht⸗ tauſend fünfhundert, da ich habe gemacht dieß Geſchäft mit dem Herrn von Brandach. Zweimal hunderttauſend Thaler gibt er mit ſeinem Sohne ſogleich, und die wer⸗ den angelegt in meinem Geſchäft; die Ophelia erhält dagegen von mir Hardersberg mit allem Liegenden und Stehenden— ſag', mein Herz, was begehrſt Du mehr? Die Ophelia muß ſich fügen mit ihren romantiſchen Grillen, muß ſich ihrem Glücke fügen— ſie iſt auch ge⸗ worden ſchon viel vernünftiger, ſeitdem der Herr von Thunichtgut hat geſucht das Weite.“ Was bedarf es mehr? Herr von Brandach und Silbermann trieben das Schloß bis ihre Hypotheken gedeckt waren, dann ward es Silbermann zugeſchlagen. 115 Und im nächſten Frühjahre kam er mit ſeiner Toch⸗ ter herangereiſt, und die Kinder Iſraels hielten Einzug in die Hallen des deutſchen Freiherrnſchloſſes, das ihrem Gelde zur Beute gefallen war. Um eben dieſe Zeit nahm Joachim von Brandach ſeinen Abſchied, und kehrte in die Heimat zurück. Die Nachbarn auf Hardersberg waren ein angenehmer Ver⸗ kehr für Brandshof, und die beiden praktiſ chen Männer verſtanden ſich immer und vollkommen. Joachim fand hier, fern der Reſidenz, Fräulein Ophelia ganz liebenswürdig, und ſelbſt Frau von Bran⸗ dach mochte das kluge Mädchen leiden, die ihre elegiſche Stimmung glücklich abgeſchüttelt hatte und verſtändiger geworden war, und trat ſogar, wenn Ophelia bei ihr war, zuweilen aus ihrer gewöhnlichen Schweigſamkeit. Ivachim und Ophelia ſetzten den praktiſchen Plä⸗ nen der Väter keine Hinderniſſe entgegen, und Ophelia's Taufe und die Verlobung und Hochzeitsfeſte fielen nicht weit aus einander, da Herr Silbermann doch bei allen Feierlichkeiten zugegen ſein, und als praktiſcher Mann und Vater doppelte Reiſe mit dophelten Reiſeſpeſen ver⸗ meiden wollte. Siebentes Capitel. Mr. Hartmann's Pflanzung. Mr. Hartmann's Pflanzung war eine der reich⸗ ſten in der Gegend und erſtreckte ſich ſelbſt über einen weiten Strich noch unentdecktes Land, das ſein Eigenthum war, ohne daß er bis jetzt daran hätte denken können den ewigen Urwald zu lichten und ſeine himmelanſtrebenden Baumſtämme fällen zu laſſen. 8 Die Gegend war noch nicht ſehr bewohnt, denn ſie war weit in das Land hinein gelegen, und kaum eine halbe Tagereiſe von dem Wohnhauſe Mr. Hartmann's entfernt rollten die Wogen des großen Stromes dem nicht allzu fernen Meere zu. Mr. Hartmann's Pflanzung war fruchtbar und wohlbebaut und weit breiteten ſich ihre üppigen Felder vor dem erfreuten Auge ihres Beſitzers. Nahe an zwei hundert Schwarze wohnten in den einſtöckigen Blockhän⸗ ſern, die in angemeſſener Entfernung vom Wohnhauſe 117 erbaut waren, und mit Recht wohl einem freundlichen Dörfchen glichen. Die Neger waren Eigenthum des Pflanzers und arbeiteten für ſeinen Nutzen und Gewinn, doch herrſchte eine gute und friedliche Stimmung unter den ſchwarzen Geſtalten, von denen jede einzelne Familie ihr Häuschen beſaß und oft eben ſo glücklich darin lebte, als ihr Herr in ſeinem ſchönen zweiſtöckigen Hauſe aus Steinen und mit der prächtigſten luſtigen Veranda verziert, die mit ihrem reichverſchlungenen Gewächſesſchmucke einen wahrhaft erfriſchenden Anblick bot. Ruhe, Frieden und eine ſeltene Zufriedenheit herrſchten unter den Selaven des Mr. Hartmann, und er ſah ſich von ihnen geliebt und geſchätzt wie ein Va⸗ ter. Hatten ſie doch, als vor nicht langer Zeit ein frem⸗ der Indianerſtamm uuf ſeiner Wanderung dieſe Gegend durchſtreifte, und aus dem blühenden Ausſehen der Co⸗ lonie auf den Reichthum ſeines Beſitzers, auf die Koſt⸗ barkeiten ſeiner Wohnung und die Fettheit ſeiner Heer⸗ den ſchloß, und ſie zu erobern bereit war— hatten doch da die treuen Neger ſelbſtaufopfern ihre Herrſchaft vor der drohenden Gefahr behütet, ſtatt, wie es ſonſt und an anderen Orten wohl zuweilen geſchehen war, mit den Rothhänten gemeinſchaftliche Sache zu machen und Freiheit und Beute zu erringen. 118 Die Indianer waren in dem Theile des Ur⸗ waldes angekommen, der zu Mr. Hartmann's Beſitzung gehörte und der ein üppiger Jagdgrund war, auf welchem ſtolze Hirſche, kräftige Büffel und anderes gern geſehenes Wild in einladender Muße ſich tummelte, in deſſen himmelanſtrebendem Schutze aber freilich auch der tückiſche Heerdenräuber, der buntgefleckte Jaguar hauſte, und zuweilen hervorbrach, um mit gieriger Mordluſt in den Heerden zu wüthen, wenn nicht Mr. Hartmann's Achtſamkeit und ſeine wohlgezielte Kugel das ſchönge⸗ fleckte Fell des Räubers zur Bente machten. In dieſem Dickichte hielt ſich der Indianerſtamm verſteckt, der aus mehreren hundert Perſonen beſtand, und unter dieſen über hundert tapfere Krieger. Sie kehrten von einem Jagd⸗ und Beutezuge nach ihren Dörfern zurück und rückten nur langſam vor⸗ wärts. Das mannigfache Geräth, welches ſie mit ſich ſchleppten, und die Heerden, die ſie ſorgſam vor ſich trieben, um ſie in ihre fernen Wigwams zu geleiten, bekundeten genug, daß ſie nirgends die Gelegenheit unbenützt gelaſſen hatten, den verhaßten Weißen zu ſchaden und ihre Beſitzungen zu plündern. Der Häuptling, ein noch junger, ſchlanker und phantaſtiſch geſchmückter Krieger, hatte mit triumphi⸗ renden Blicken die Nachricht von der nahe gelegenen 119 reichen Pflanzung vernommen,— ſeine Hand zählte die Scalpe der Blaßgeſichter, welche in reicher Fülle ihm am Gürtel hingen, und ſeine Augen funkelten vor Kampf und Beuteluſt. Das wohlgeformte Haupt mit den leuchtenden Augen und der ſtattlichen Adlernaſe ſchien ſich höher noch zu heben, und auf ſeinem glänzend ſchwarzen Haar, das bis auf den Scalpkopf kurz geſchoren war, nickte eine bunte Federkrone, die mit Muſcheln und Gold⸗ plältchen reich geziert und die ſein ſtolzeſter Schmuck, wie nebſt anderen Zierrathen an Armen, Knöcheln und am Halſe, das Zeichen ſeines hohen Ranges war. Beutelüſtern erwartete er mit den Kriegern ſeines Stammes den Einbruch der Nacht, und als nun, wie ihrer Raubluſt zu Liebe, der Mond ſein bleiches Licht hinter dickem Gewölk verbarg, das dichter und ſchwer vom ewigen Strome her heraufſtieg, drangen ſie leiſe auf dem Kriegspfade vorwärts und eilten der friedlich ſtillen Beſitzung Mr. Hartmann's zu. Wenn ſie aber gehofft hatten, hier Alles ſorglos und im tiefen Schlummer zu finden, wurden ſie bitter genug enttäuſcht. Mr. Hartmann lag krank darnieder, und man hatte ſchon mehrmals den Arzt aus dem fernen Orleans kommen laſſen müſſen, ohne daß ſich der Kranke bis 120 jetzt wieder ganz erholt hätte. Er lag bleich auf dem weichen Lager und rang noch immer mit dem hartnäckig wiederkehrenden klimatiſchen Fieber. Sein Weib, das, um ihn beſorgt, ſich machtlos ängſtigte, konnte kaum im Hausweſen etwas thätig ſein und ſeine Kinder waren zweizarte Mädchen, noch jung undunerfahren:— wer hätte da die nahe Gefahr entdecken, wer den ſchleichenden Gang der ſchlauen und vorſichtigen Rothhäute bemerken ſollen, deren Kundſchafter ſchon am Tage lüſtern die Pflanzung umlauerten?— Niemand von ihnen konnte es, denn Mr. Hart⸗ mann war krank. Aber während er das Lager hüten mußte, wachten ſeine treuen Neger, und ihnen, deren ſcharfe Sinne denen der Indianer ähnlich ſind, war die Nähe der Feinde nicht entgangen. Mr. Hartmann wurde benachrichtigt, und er erhob ſich trotz der Fieberſchauer vom Lager, ſuchte die Waf⸗ fen hervor, die ziemlich zahlreich vorhanden und ſtets im guten Zuſtande gehalten waren, und ward dabei von einem weißen Diener unterſtützt, der nur erſt ſeit kurzer Zeit in der Pflanzung war und den er auf einſamer Landſtraße vor dem Tode der Erſchöpfung und des Hun⸗ gers gerettet hatte— Leiſe und rorſichtig ſchlich der Indianertrupp her⸗ 12¹ bei: eine lange, lange Reihe wilder blutdürſtiger Feinde, deren Augen wie Kohlen leuchteten in wilder Freude und Beuteluſt.— Nun waren ſie heran,— traten berathend zuſam⸗ men, und ihre nackten Geſtalten glitten wie Schatten durch die tropiſche Nacht, ſo daß es dem geübteſten Ange kaum möglich war ihre 5 Formen zu erkennen. Aber die Neger, die imdichten Verſtecke ſie belauer⸗ ten, erkannten ſie doch und ki nur auf das Zei⸗ chen zum Angriffe, um ihre Herrſ chaft und die von Al⸗ len geliebten Kinder vor den grauſamen Feinden zu ſchützen. Mr. Hartmann hatte dem jungen Deutſchen die Leitung der Neger übertragen, während er ſelber wieder mit dem Fieber rang und in wilden Phantaſien die ge⸗ waltſame Aufregung der letzten Stunden büßte.— Der Deutſche aber ſtand mit ſeinen Leuten im Verſtecke kampfbereit und durchbohrte mit ſcharfen Auge die rabenſchwarze Nacht. Endlich ſchien die Berathung der Indianer been⸗ digt, und der Angriff ſollte beginnen. Wild ſchwang der Häuptling den Tomahawk um das. Haupt und ließ den Schlachtruf ertönen, und wie Wölfe heulte ihn d die ganze Bande nach. Da tönte drüben das Commandowort— zwanzig 122 Feuergewehre blitzten auf und zwanzig Kugeln ſchlugen in den nackten Menſchenknäuel, deſſen Entſetzen furchtbar war. Ueberall taumelnde, ſch reiende Geſtalten;— wilde Flucht und Augſtgeheul erfüllten die Ebene und bald war Alles in der finſteren Nacht verſchwunden. Gleich darauf trat der Mond hinter dem Gewölk hervor und beleuchtete das blutige Schauſpiel. In wei⸗ ter Ferne ſahen die Sieger eben noch die flüchtigen Feinde im Dickicht verſchwinden und wanden ſich nun dem Kampfplatze zu. Acht Indianer lagen todt oder ſchwer Boden, denn die nur leicht verwundeten waren mitge⸗ flohen und hatten noch lange ihr lautes Schmerzgeheul zu den Siegern herüberſchallen laſſen. Unter den Todten befand ſich auch der Häuptling. Es hielt noch immer die ſcharfe Waffe in der Hand; ſein Geſicht war wild und trotzig wie im Leben, und die Fe⸗ derkrone auf dem Kopfe ließ ihn noch ſtattlicher und mehr voll Majeſtät erſcheinen. Mr. Hartmann ließ die Todten begraben und die Verwundeten pflegen, auch ſie durch den Arzt unterſu⸗ chen, der am anderen Morgen aus Orleans kam, um nach ſeinem Patienten zu ſehen. Der rauhe, trotzige Me⸗ diciner, der auf ſeinen Reiſen durch Dick und Dünn ein echter Waldmenſch geworden war, rieth zwar, daß es 123- am beſten ſei, den ſchurkiſchen Hunden eine Kugel durch den Kopf zu jagen— doch fügte er ſich murrend Mr. Hartmann's Wunſche. Zwei der Verwundeten wurden geheilt und erhielten von Mr. Hartmann die Weiſung, daß ſie frei und ungefährdet in ihre Wälder zurückkehren köunten. Sie ſielen dankerfüllt vor ihm nieder, die Arme über die Achſeln kreuzend, und gelobten ihm Dank⸗ barkeit und Freundſchaft bis zum Tode für ſich und ihren ganzen Stamm. Mr. Hartmann hatte ſeitdem nichts mehr von ihnen gehört, und mit den angrenzenden Indianerſtäm⸗ men lebte er im tiefſten Frieden; ja ſie kamen ſogar zu⸗ weilen nach ſeiner Beſitzung, um Gefälligkeiten und Ar⸗ zenei für ihre Kranken zu erbitten, die ſie, wenn es auch meiſt nur einfache Hausmittel waren, in ihrer Un⸗ kenntniß und ihrem Aberglauben als beſonders geſegnete Gaben des großen Geiſtes betrachteten, mit denen der weiße Mann von ihm begnadigt worden ſei. Deßhalb hegten ſie auch vor dieſem eine große Ehr⸗ furcht und hüteten ſich wohl, ihn durch Feindſeligkeiten zu reizen, hielten ſein Gut und ſeine Jagdgründe heilig und hatten ſein Haus ſchon mit manchem ſchönen Felle geſchmückt, das die Dankbarkeit geheilter Indianer dem guten Blaßgeſichte weihte Seit jenem verzweifelten Ueberfalle kannte Mr. . 124 Hartmaun's Beſitzung nur den Frieden, und die glän⸗ zende Federkrone des gefallenen Häuptlings allein, welche Mr. Hartmann noch immer als Siegeszeichen aufbe⸗ wahrte, erinnerte die Familie zuweilen an die böſe Nacht, in der das Verderben ſo nahe über ihrem Haupte ge⸗ ſchwebt hatte.— Möge uns der Leſer dieſe Abſchweifung verzeihen, in der wir nur zeigen wollten, wie wenig Mr. Hart⸗ mann's Sclaven— denn ſeine Neger waren auch nichts weiter als Sclaven— den Schreckensbildern glichen, die uns ſo oft gerade aus dieſem Theile Nordamerikas mitgetheilt und mit den grellſten Farben geſchildert wer⸗ den. Die Neger ſind ſelten bösartig, oft ſogar gutmü⸗ thig und dankbar, und nur grauſame und unmenſchliche Behandlung ruft Exceſſe hervor, wie ſie von gefühlvollen Weißen oft mit Entſetzen und Bedauern geleſen werden, die freilich nicht ahnen, wie viele Peitſchenhiebe und Fußſtöße und wie viele andere Qualen, welche die Raf⸗ finerie genialer Sclavenzüchter erfunden hat, dazu ge⸗ hört haben, um die bedauerlichen Vorfälle hervorzurufen. Menſch iſt Menſch— und die Farbe der Haut der Weißen, wie ihre Bildung, ſind Folgen des Zufalls, nicht aber edlerer und vornehmerer Beſtimmung. Fällt dann ſo ein„gebildeter“ Selavenzüchter un⸗ ter der Verzweiflungswuth der gepeinigten„Rohen,“ 125 nun ſo mag ihm ja wohl ſein Recht geſchehen ſein und er iſt viel weniger zu beklagen als der unglückliche Selave, welcher dafür mit Stricken an einen Baum ge⸗ feſſelt ward und unter den unmenſchlichen Peitſchenhie⸗ ben ſeiner Peiniger den Geiſt aufgeben mußte. Wer in dem Unglücklichen, und wäre es auch nur ein armer Schwarzer,— die Ehre des Menſchſeins nicht achtet, tritt ſeine eigene Ehre mit Füßen, und iſt nicht zu bedauern, wenn er das Ende eines Ehrloſen ſindet. Mr. Hartmann's Sclaven aber waren bereit, ihr Leben einzuſetzen für das ihres Herrn, der ihnen Brot und ſorgenfreies Leben bei mäßiger Arbeit gewährte, und der ſich dabei doch beſſer ſtand, als Mancher jener Un⸗ barmherzigen, deren Vögte mit hochgeſchwungener Peitſche und einer zur Reſerve im Gürtel— die ſchwar⸗ zen Menſchen wie Viehheerden zur Arbeit treiben, die Unglücklichen quälen und peitſchen nach Herzensluſt, und ihnen am Abende die Wunden mit ſcharfem Citro⸗ nenſafte waſchen, auf daß ſie ſchmerzvoll, doch ſchneller heilen und die winſelnden Selset ſchneller zu neuen Qualen reif werden. Mr. Hartmann's Selaven gern und freudig, und ihr Aufſeher, eben jener junge Deutſche, der bei dem Indianergefechte ihr Leiter war, ſchritt nicht 126 mit der Peitſche keifend umher, ſondern faßte auf den Mais⸗, Baumwollen⸗ oder Tabaksfeldern ſelber mit an, und ermunterte durch eigenes auch die Schwar⸗ zen zu kräftiger Arbeit. Keiner der wenigen Nachbarn, deren Pflan⸗ zungen überdieß nicht einmal ſo groß und reich waren, hatten ihre Felder ſo ſchnell beſtellt, die Früchte ſo früh geborgen, als Mr. Hartmann, und ſeine Nie⸗ derlaſſung war eine Pflanzſtätte ſchönſten, friedlichſten Glückes. Freilich kannte man auch in ſeinem Dienſte die Peitſche nicht, und ein ernſter Tadel wirkte hier mehr, verbeſſerte ein Verſehen ſchneller, als in anderen Pflan⸗ zungen die unmenſchlichſte Behandlung es vermochte. Wenden wir uns nun zu dem Wohnhauſe und der darin lebenden Familie ſelber. Schon der Bau des noch ziemlich neuen Hauſes verrieth die deutſ ſche Abkunft des Beſitzers, und wenn man hineintrat in das zweiſtöckige ſteinerne Gebäude, lachte dem Beſchauer echt deutſche Gemüthlichkeit daraus entgegen.— Die ganze Einrichtung war von Mr. Hartmann ſelber arrangirt worden, der vor zehn Jah⸗ ren dieſes neue ſteinerne Gebäude an Stelle des frühe⸗ ren kleineren und unwohnlichen Bollwerks geſett hutte 3 und in dem er nun mit ſeiner glücklichen Familie ſelber glücklicher lebte, als er es jemals vordem geweſen war. Mr. Hartmann war eine hohe, kräftige Figur in den beſten Mannesjahren, und ſeine Züge hatten etwas Achtunggebietendes— Adeliges möchte man es nennen, wenn dieſer Ausdruck in den Freiſtaaten Nordamerikas nicht verpönt wäre. Sein Weſen war kurz angebunden, ſtolz, doch gü⸗ tig, und wie ſeine Untergebenen nie eine Annäherung von ihm erfuhren, hatte doch auch Keiner ein hartes oder rauhes Wort von ihm gehört. Sein Ernſt war nicht ſtreng und verletzte nicht; er war nur achtungge⸗ bietend und edel— oft wie von leiſer Trauer un⸗ termiſcht. Doch wie liebte der ernſte Mann ſeine Frau und ſeine Kinder; wie zärtlich war er gegen ſie, die ſein größtes Erdenglück umfaßten, und für die allein er zu leben und zu wirken ſchien! Mr. Hartmann war vor nur achtzehn Jahren als Bettler und Arbeitſuchender auf die Beſitzung des Mr. Warren gekommen und hatte dieſen um ein Stück Brot für den nagenden Hunger, und um Arbeit, es zu verdie⸗ nen, gebeten. Weit und breit war noch Alles Wildniß, und Mr. Warren in ſeinem gutverſchanzten Bollwerke, mit der hohen und feſten Paliſſadenmauer, der einzige 128 Anſiedler in dieſer Gegend, welche noch ein Tummel⸗ platz der verſchiedenen Indianerſtämme war, die ſich als einzig rechtmäßige Eigenthümer des Landes und der fetten Jagdgründe betrachteten. Auch Mr. Warren hatte öfter von ihren Angriffen zu leiden gehabt, und mehr als einmal hatten ſie ſeine ſorgſam gebauten Fel⸗ der verwüſtet, Herden geraubt und weggeführt, und nur di⸗Feſtigkeit ſeiner Paliſſaden, wie die Sicher⸗ heit ſeiner Kugeln, hatten das Wohnhaus und ihn mit der Familie vor dem Verderben geſchützt. Mr. Warren liebte die Deiiſhen als treffliche Ar⸗ beiter, denn er wußte, ſie waren treu und fleißig, und da der Bittende unglücklich und hungernd war, und ohne Hilfe in dieſer Wildniß vielleicht elend umkommen, oder blutdürſtigen Raubthieren, wenn nicht noch blut⸗ gierigeren Indianern in die Hände fallen konnte, die jedes Blaßgeſicht als Räuber und Verdränger ihrer Stämme mit dem Tode verfolgten und triumphirend die erbeuteten Scalpe als Erſatz für den verlornen Beſitz um ihre Gürtel ſchaarten,— ſo gab Mr. Warren dem halb Verhungerten Eſſen und behielt ihn auf ſeiner Be⸗ ſitzung. Vom gewöhnlichen Arbeiter ward er bald Aufſeher der Selaven, und der alte Farmer unterhielt ſich gern mit dem nicht ungebildeten jungen Deutſchen, deſſen edles 129 Weſen und ruhiger Ernſt ihren Eindruck auf ihn nicht verfehlten. Er hatte ihn nie gefragt, was ihn in dieſe Wildniß geführt und ihn fortgetrieben hatte aus den Reihen der Gebildeten, denen er unzweifelhaft einmal an⸗ gehört haben mußte, und Hartmann hatte es ihm auch nie geſagt. Seine Vergangenheit deckte ein dichtes Schwei⸗ gen, aber er war ein ganzer, ein tüchtiger und biederer Mann, der mit Kraft und Geſchick in der Pflanzung han⸗ thierte und einen Aufſchwung in derſelben hervorrief, an dem der phlegmatiſche Warren längſt verzweifelt hatte. Dieſer Erfolg, der den Reichthum und Werth der Pflanzung von Jahr zu Jahr ſteigerte, war für Warren genug, um, als er die Liebe ſeiner einzigen Tochter zu dem ſchönen, ernſten Deutſchen bemerkte, dieſer nicht im Wege zu ſtehen. Als Hartmann ſechs Jahre auf der Pflanzung war, und Leontine unterdeſſen achtzehn Jahre alt geworden, ward er Mr. Warren's Schwiegerſohn und kaum ein Jahr ſpäter, nachdem die trauernden Kinder den alten Mr. Warren in ſeinem Garten begraben hatten, Herr und Beſitzer der Pflanzung. Die Gegend war unterdeſſen auch nicht die alte Wildniß geblieben; es hetten ſich mehrere neue Anfiedler in der Gegend niedergelaſſen, die alle mit Mr. Hartmann gute Freund⸗ und Nachbarſchaft hielten. Ehre. II. 9 130 Bald nach dem Tode ſeines Schwiegervaters erbaute Hartmann an Stelle des alten unbequemen Bollwerks ſein neues ſtattliches Wohnhaus mit kühler Veranda, er⸗ weiterte auch die Sclavenniederlaſſung wie die Pflanzung ſelber, und ſein Wohlſtand war ſeitdem von Jahr zu Jahr geſtiegen. Mr. Hartmann war in der neuen Heimat glücklich geworden, glücklich am Herzen einer geliebten Frau, im Beſitze zweier reizenden Töchter, und ſelten nur überzog ein düſterer Schatten die ſtolze Stirn, wenn ſeine Ge⸗ danken einmal hinüber in die ferne Heimat flogen. Doch, wie geſagt, das war immer ſeltener und ſeltener geſchehen, und da er mit den Seinigen noch niemals von ſeiner Ver⸗ gangenheit geſprochen hatte, ſchien er ſie endlich ſelber mehr und mehr vergeſſen zu haben. Miſſis Hartmann war noch immer eine junge und lebhafte Frau, die den nun ſchon alternden Gatten mit Zärtlichkeit liebte und die Töchter mit ganzer Mutter⸗ luſt umfaßte, welche ſo recht Ebenbilder der Mutter werden wollten und denſelben einfachen und heiteren Sinn zeigten, welcher dieſe wie ein ewiger Sonnenſtrahl ver⸗ klärte und ſie Jedem lieb und angenehm, dem ernſten Gatten aber zur Freude und Wonne ſeines Lebens machte. Es war im Sommer. Die Roſen waren bereits ab⸗ geblüht, wofür die ſchönſten Malven in allen Farben im 62 Garten prangten, und die Obſtbäume verhießen in dieſem Jahre einen reichen Segen. Die Sonne neigte ſich weſtwärts, dem großen Strome zu, und ein köſtliches Gold begann den Horizont zu über⸗ ziehen. Vom fernen Oceane her rauſchte ein leiſer Luft⸗ zug durch die ungeheuren Kronen der tauſendjährigen Bäume und die ganze Gegend bot ein Bild des herrlich⸗ ſten und glücklichſten Friedens. Die Familie Hartmann ſaß in der Veranda und betrachtete mit neuem Staunen das ſchon ſo oft geſe⸗ hene Wunder des Sonnenuntergangs. Ein Verklärungs⸗ ſchimmer ſchien ſich vom Himmel herab auf die ganze Erde zu ergießen und ſtrahlte von jedem Baume, aus jeder Blume, ja aus den Zügen jedes der Bewundern⸗ den wider, die andachtsvoll bald den Weg hinab, bald zu dem ſtrahlenden Urwald hinüber und bald hinaufblick⸗ ten zu den goldgeränderten Wolken, die leicht und luſtig vor dem leiſen Abendwinde hereilten, der ſie zur Ruhe trieb und in den fernen Abendwinkeln auch ſie zum Schlummer ſammelte. Mr. Hartmann hatte vorher in den neueſten Zei⸗ tungen geleſen, und Miſſis mit den beiden Mädchen genäht und geſtrickt. Denn auch die Kinder ſchon gingen trotz ihrer Jugend ſelten müßig. Sie wußten, daß es der Vater nicht gern ſah und ſtanden deshalb nach ihren 9* 132 kindlichen Kräften der Mutter rührig bei, die Bedürf⸗ niſſe des Hauſes zu verſorgen. War dies nun auch mehr Spiel, und verdarben ſie noch mehr, als ſie förderten, ſo freute ſich Mr. Hartmann doch darüber, denn er haßte den Müßiggang peinlich und faſt angſtvoll.— Die Familie war einfach und in die ſchmuckloſeſten Baumwollenſtoffe gekleidet, die auf ihrem Felde gewach⸗ ſen, von ihren Sclaven gewebt und im Hauſe verfertiogt worden waren. Der einfache Pflanzer liebte den Mode⸗ lurus für gewöhnlich nicht, und nur bei Feſtlichkeiten und Beſuchen erſchien er u ſeiner Familie in einer Toi⸗ lette, die von dem Geſchmacke, wie vom Reichthume des Beſitzers zeugte.— Gegenüber dem herrlichen Schauſpiele der Natur waren die fleißigen Hände geſunken, und die Augen wei⸗ deten ſich an dem köſtlichen Bilde, deſſen Erhabenheit um ſo erhabener erſcheint, um ſo ſchöner und Fieſe die Gegenb und Staffage ſind.— Von der Veranda aus überblickte man den chauſſirten und mit Obſtbäumen bepflanzten Weg, der aus der Pflanzung hinaus führte und dem nahenden Fremden ſchon von weitem eine deutſche Anſiedlung verkündete. Mr. Hartmann hatte ſchon mehrmals dieſen Weg hinabgeblickt, ſodann wieder ſich dem Himmel und der 3 133 ſcheidenden Sonne zugewandt, und jedesmal, wenn er bemerkte, wie dieſe tiefer und tiefer ſank und das brennende Gold ſich mit allen Farben ſchattirte, flog ein Schatten der Unruhe und Ungeduld über ſeine klaren Züge, der zwar ſchnell wieder verſchwand, doch nicht ſchnell genug, um dem aufmerkſamen Auge der ſorgenden Liebe zu entgehen, die neben ihm ſaß und in ſeinem An⸗ ſchauen mehr Glück und Wonne fand, als in dem erha⸗ benſten Feſtſpiele der Natur. „Was iſt Dir, lieber Rudolf?“ fragte ſie endlich be⸗ ſorgt,„Du ſcheinſt unzufrieden und unruhig zu ſein;— iſt denn irgend etwas geſchehen, was Dir Beſorgniß macht?“ „Meine Leontine, ich berechnete nur, daß unſere * Leute wohl ſchon zurück ſein könnten, die Sonne iſt ziemlich nieder und nach meiner Rechnung hätte ich ſie wohl ſchon vor einer Stunde erwarten können. Sie mö⸗ gen aber aufgehalten worden oder vielleicht auf unver⸗ muthete Hinderniſſe geſtoßen ſein, denn der Transport ſolcher Inſtrumente erfordert die größte Vorſicht, welche ich ihnen auch anempfohlen habe.“ „Wenn ihnen nur nicht ein Unglück zugeſtoßen iſt, — die Wege ſind nie ganz ſicher und ſtreifende Indianer nähmen wohl ſelbſt ein Inſtrument als Beute, ſo wenig ſie auch damit anzufangen wiſſen würden. Auch bei dem 134 Transporte kann etwas geſchehen ſein,— der Abend bricht herein, und ſie kommen nicht— jetzt fange ich auch an mich zu ängſtigen.“— „Sei ohne Sorge, Leontine, es wird nichts ſein— ein unbedeutender Zufall vielleicht, der die Leute aufhält. Ueberdies iſt Hans bei dem Transporte und auf den kann ich mich verlaſſen.“ „Das iſt wahr, lieber Mann, der iſt in allen Stücken ſo ſorgſam und voll Aufmerkſamkeit, daß man ſich freut, ihn arbeiten zu ſehen. Er iſt ſehr verſtändig.“ „Ich habe es auch noch nie bereut, ihn damals ſei⸗ nem böſen Geſchicke entriſſen zu haben, in dem er vielleicht eine Stunde ſpäter elend umgekommen wäre, wie leider ſo viele von ſeinen und meinen Landsleuten, die ſich durch trügeriſche Gerüchte über Amerika's goldene Berge verlocken ließen, hier das mühelos ſuchen zu wollen, wozu doch gerade bei uns die angeſtrengteſte Arbeit und nie raſtende Thätigkeit gehören. Furcht vor ſolcher treibt die meiſten dieſer Glücksritter aus der Heimat fort, um ſie dem Elende ſicher in die Arme zu jagen.“ Düſtere Wolken— Schatten der Erinnerung viel⸗ leicht— lagerten ſich bei dieſer Reflexion auf ſeiner Stirn und ſeine Frau bemerkte dieſe mit wachſender Un⸗ ruhe. Es war ſo lange Zeit vergangen, ohne daß ſie 135 den Gatten hatten plagen dürfen, und auch heute wollte ſie ihnen keine Macht über ihn vergönnen. „Dabei iſt Hans anſtändig und beſcheiden,“ begann ſie lebhaft wieder,„nie hört man ein böſes Wort von ihm, und die Schwarzen hängen mit wahrer Verehrung an ihrem Aufſeher— was wirklich ein ſeltenes und des⸗ halb um ſo ſprechenderes Zeichen iſt.“ Mr. Hartmann nickte zuſtimmend, war jedoch noch immer nicht wieder ganz bei der Sache, deshalb fuhr ſie eifrig fort: „Und wie er die Kinder liebt, Rudolf! Alles, was er ihnen an den Augen abſehen kann, geſchieht, und ſo zart, ſo beſcheiden weiß er es einzurichten, daß man es unmöglich für eine Zu⸗ oder Aufdringlichkeit halten kann. Mir hat es immer wie der Ausfluß eines guten— aber geprüften Herzens ſcheinen wollen— und das, Rudolf, beſitzen ja wohl Deine Landsleute alle?— Nicht wahr, Du lieber Mann?“— „Ja,“ ſiel hier die kleine neunjährige Gertrud alt⸗ klug ein,„Hans haben wir auch Alle lieb. Neulich erſt hat er uns wieder von dem weiten Lande erzählt, wo es ganz anders iſt als hier bei uns, und mir wird er näch⸗ ſtens ein ſchönes Schloß malen, ſo groß und ſchön, wie man es hier gar nicht ſieht. Ja, lacht nur nicht, heute bringt er ſich die Farben mit, und dann wird er es bunt 136 ½ malen, da ſehen die Bilder noch viel beſſer aus, als mit dem ſchwarzen Bleiſtifte, mit dem er mich ſelber immer abmalt, daß ich mich gleich erkennen kann.“ Die Eltern lachten und das kindliche Geplauder des lieben Mädchens hatte ſchnell den letzten Reſt der trüben Stimmung von Mr. Hartmann's Stirne und aus ſeiner Seele verjagt. Sah er ſich doch beglückt, als den Glücklichſten der Sterblichen, zwiſchen der lieben Frau und den holden Kindern, deren unſchuldige blaue Augen wie Himmelsſterne zu ihm aufſchauten, und die, wenn er nur lachen wollte, heiter und glücklich waren mit ihm. Durfte er da unzufrieden ſein und noch einen Wunſch im Herzen hegen, wo ihm das Schickſal ſchon ſo viel gewährte? Nein, nein! Sinke zurück, düſteres Bild der dü⸗ ſteren Vergangenheit, in Deinen düſteren Rahmen! Die Gegenwart hat Dich überwunden, und helles, ſtrahlen⸗ des Sonnenlicht, reinſtes Glück eines neuen, beſſeren Lebens hat Deine düſtere Herrſchaft verdrängt— ver⸗ drängt für immer! Zurück, düſteres Bild! Sinke hin in das Meer der Vergeſſenheit, dem Du für ewig angehöreſt, und nie mehr mögen Deine dunkeln Erinnerungen emporſteigen, um als Geſpenſter verſchwundenen Daſeins das reine 137 Glück deſſen zu ſtören, der durch Unglück und Qual, mit Jammer und Noth Dein Daſein bezahlt und ſich Deiner Herrſchaft entringend— durch ernſtes Streben empor⸗ geſchwungen hat zum Licht und neuen Leben. Zurück, düſteres Bild! An dem Blicke dieſes Wei⸗ bes, das ihn liebt, an dem Lächeln der unſchuldigen Kinder, die ſein ſind,— ſcheitert deine Macht. Die Liebe hat geſiegt über die Schuld, und was ſie auch ſei, und wie groß ſie auch ſei, ſie ward vergeben, um der Liebe willen!— Achtes Capitel. Das Piauoforte. Durch den ſinkenden Abend bewegte ſich ein ſelt⸗ ſamer Zug. Neben einem niedrigen Wagen, den zwei kräftige Pferde zogen, ſchritten acht wohlbewaffnete Schwarze im dichteſten Theile des ungeheuren Waldes, auf einem mühſam gehegten Wege, der nach Mr. Hartmann's Pflanzung führte. Ihre Augen ruhten ſorgfältig auf der unſicheren Umgebung, und forgfältig hielten ſie die ver⸗ trauten Feuergewehre immer ſchußfertig in der Hand. Sie ſchützten den Wagen und den Kutſcher, der mit der Bewachung und Lenkung der Pferde vollauf beſchäftigt war, während ein junger Deutſcher vorwärts ritt, den Zug anführend und den Weg recognoscirend. Er ließ den feurigen Hengſt im Schritt gehen, auf deſſen ſtolzen Nacken der Lauf der ſchußfertigen Büchſe 139 ruhte, und ſeine Augen flogen prüfend über den Weg und nach beiden Seiten zu den Bäumen hin. Kein noch ſo gering ſcheinender Gegenſtand entging ſeiner geſpannten Aufmerkſamkeit;— er ſprach nicht, blickte auch nicht rück⸗ wärts, ſondern immer nur auf das, was vor ihm lag, und gab nur zuweilen dem neben ihm trabenden Hunde ein Zeichen nach einem Baume oder dichtem Geſtrüppe hin, worauf dieſer in wichtigen Sätzen davonſprang, den verdächtigen Gegenſtand zu unterſuchen— doch nichts Anderes fand und auftrieb, als vielleicht ein unſchuldiges Wild, das bei ſeinem Nahen entſetzt emporfuhr und eiligſt im tiefen Dickicht verſchwand. Darauf achtete aber Pluto gar nicht, ja wandte kaum das Auge zu dem ungefährlichen Flüchtlinge hin. Es war, als fühle er ſich ſelber, daß ſein ſtarker Bau und ſeine Rieſenkräfte für andere, würdigere Zwecke beſtimmt ſeien, als ein unſchuldiges kleines Thier zu zerreißen, das zitterud ſich vor ihm verbarg. Wenn es aber galt den Büffel jagen, oder den blut⸗ dürſtigen Jaguar aus ſeinem Dickicht vertreiben und der ſicheren Büchſe zur Beute liefern, dann war Pluto auf feinem Platze, dann kannte er ſeine Pflicht, und die Augen rollten ihm wie verderbliche Feuerräder im Kopfe. Aber heute kehrte er immer verächtlich von ſeinen Excur⸗ 140 ſionen zurück und verfiel wieder in ſeinen trägen Trab neben dem Pferde her. Endlich wurde der Wald lichter, der Weg beſſer und mehr geebnet, und die Spuren menſchlicher Herr⸗ ſchaft wurden immer mehr ſichtbar. Der Zug hatte den Theil des Waldes betreten, welches zu Mr. Hartmann's Beſitzung gehörte, und durch den der Weg nach dem Schloſſe hin ſorgfültjg geebnet und feſtgemacht worden war. Die Gefahr des Weges war nun ziemlich über⸗ wunden, die Feuergewehre wurden zur Ruhe gebracht, und auch des Fuhrmanns Sorgen verminderten ſich bei dem ebenen und geraden Wege, welcher weder den Pfer⸗ den noch dem Wagen große Schwierigkeiten bot. „Wie iſt's, Zambo,“ fragte jetzt der voranreitende Deutſche den nächſten Schwarzen,„werden wir nach einer halben Stunde in der Pflanzung ſein?“ „Moſſe Hans richtig gerechnet haben,“ erwiderte der Gefragte wichtig,„wir haben nur noch die letzte Biegung, dann iſt der Wald zu Ende und wir kommen in Moſſa Hartmann's Baumwollenpflanzungen. Nach einer halben Stunde wird der Wagen vor der Veranda halten..————— Mr. Hartmann mit ſeiner Familie hatte ſich unter⸗ deſſen aus der Veranda in das Wohnzimmer zurückge⸗ zogen, welches unverkennbar den Stämpel einer deutſchen 141 Gemüthlichkeit trug. Es war von Mr. Hartmann ſelber eingerichtet worden, und ſeine Gattin, die ſich ja nur beſtrebte, Alles zu thun und ſchön zu finden, was dem geliebten Manne zuſagte, hatte ſich bald an die neue, bequeme Einrichtung gewöhnt, und hielt ſie gewiſſenhaft im Sinne der urſprünglichen Anlage aufrecht. Das war ein großer Vorzug dieſer eingebornen Amerikanerin, durch welchen ſie ihrem Manne manche gemüthliche und angenehme Stunde bereitete. Viele andere Frauen würden ſich zwar der eigenmächtigen Einrichtung des Mannes unterworfen haben, der in der fernen Fremde ſein gemüthliches Heimatsland vermißte und nun wenigſtens ſeinen Familienkreis nach deſſen Muſter einrichten wollte;— aber ihr weiblicher Egois⸗ mus, der ſich mit der raffinirteſten Schlauheit paart, würde bald genug ein Stück davon nach dem anderen verſtört und nach ihrem eigenen, in Hausangelegenheiten ſouverainen Sinne eingerichtet haben, ohne daß bei dieſer planmäßigen, allmälig durchdringenden weiblichen Willensmeinung der arme, nicht geſtimmte Mann die Urſache ſeiner Ungemüthlichkeit und Verſtimmung geahnt hätte— die dann ihrerſeits wieder die Frau zu den leb⸗ hafteſten Exclamationen über entſchwundene Liebe, todes Blick u. ſ. w. veranlaßt haben würde, ohne daß ihr dabei eine Ahnung daran gekommen wäre, wie nur ſie ſelber und ihr eigenſinniger Egoismus die Urſache ihres vermeintlichen Unglücks ſei. So— oder ſo ähnlich— geht es in gar vielen Ehen, und die kleinen unbeachteten Diſſonanzen der geiſtigen Fühlnerven, die durch anſcheinend geringfügige Aeußerlichkeiten zuweilen am empfindlichſten gereizt wer⸗ den, ſind oftmals ſchon die Urſache eines verfehlten Eheglücks geworden. Anders war es bei Mr. Hartmann und ſeiner Gattin. Ihr Glück befeſtigte ſich von Jahr zu Jahr mehr, und wuchs mit ihren Kindern, die als beiderſeitiges Eigenthum die Seelen immer inniger verbanden. Miſſis Hartmann war voll aufopfernder Hingabe zu ihrem Gatten, und indem ſie mit vertrauensvoller Weiblichkeit ihre Seele anlehnte an den ſtarken Geiſt des Mannes, ward ſie unwillkürlich Eins mit ihm; ſeine Geſinnungen und Anſichten wurden auch die ihrigen und die reinſte Harmonie der Seelen verklärte ihre Tage. Auch in ſeine Liebe für das Deutſche hatte ſich die brave Frau bald gefunden, und das Wohnzimmer war heute nicht nur noch eben ſo deutſch⸗gemüthlich, wie er es ſelber eingerichtet hatte, ſondern noch vielfach durch ihre Hand verſchönt,— und das weckte in ſeinem Inneren, auch wenn er das Einzelne nicht bemerkte, unwillkürlich eine friedliche, heitere, ja oft wahrhaft glückliche Stim⸗ 143 mung, die ſich in lieblichen Jugenderinnerungen wiegte, wenn er ſo auf ſein Weib und die Kinder niederblickte, die liebreich und traulich um ihm verkehrten, wie man es faſt nur in deutſchen Familien zu finden pflegt. Die Läden an den Fenſtern waren geſchloſſen wor⸗ den, und die Familie ſaß um den großen Tiſch. Allein Mr. Hartmann bemühte ſich vergeblich in ſeinen Zei⸗ tungen weiterzuleſen, denn nun peinigte ihn doch die Unruhe um Leute und Pferde, die ein koſtbares Inſtru⸗ ment hatten vom Flußdampfer abholen ſollen, und die nach ſeiner Rechnung bereits längſt zurück ſein ſollten. „Vater!“ rief da plötzlich die kleine Gertrud, über den neuen glücklichen Gedanken ihr Bilderbuch eiligſt bei Seite ſchiebend,„werde ich auch ſpielen lernen, wie Frieda lernen ſoll? Ich mag auch gern Muſik hören, und Hans ſagt, ich müßte auch ſelber Muſik machen lernen, das lernten in Deutſchland alle jungen Damen — und ich will auch eine Dame werden.“ Der Vater lächelte, ohne des Kindes Berufung auf die Autorität eines ſeiner Arbeiter übel zu nehmen und ſagte liebreich:„Vor der Hand wirſt Du erſt zuſehen, mein Kind, wie Frieda lernt, und wenn Du dann Luſt haſt, werde ich Dir ſpäter auch Unterricht ertheilen.“ „Warum denn nicht gleich, Vater?— Ich bin bei⸗ 144 nah eben ſo groß als Frieda und möchte auch gleich Muſik machen lernen.“ Mr. Hartmann erfreute ſich des kindlichen Eifers ſeines lebhaften Töchterchens und wandte ſich lachend zu ſeiner Frau:„Da werde ich ſchön ankommen mit meinem Unterricht, wenn ich gleich zwiſchen zwei Feuer gerathen ſoll und ſelber auf ſo ſchwachen Füßen ſtehe, daß ich mich kaum noch der Noten und der Taſtennummern erinnern kann. Das wird ein ſehr erbauliches Lehramt werden, wobei am Ende die naſeweiſen Schüler bald genug den Meiſter auslachen werden, weil er nicht weiß, was er lehren ſoll.“ „Gott ſei Dank, ich bin gänzlich incompetent, und miſche mich nicht dazwiſchen!“ rief ſeine Frau dagegen; „nun, ſieh nur zu, wie Du mit den beiden Wiſſensdürſti⸗ gen fertig wirſt.“ „Das wird ſchlimm genug für mich werden, viel ſchlimmer als es beim Leſen und Schreiben ging, wo wir uns im Lehramte gegenſeitig unterſtützen konnten. — Daß ſich auch keine Lehrerin bei uns will engagiren laſſen! dann wären wir aller Noth entledigt, brauchten uns keine Vorwürfe zu machen und behielten die Mäd⸗ chen immer in eigener Obhut, während wir ſo uns ſpäter werden von ihnen trennen und ſie in eine Penſion ſchicken müſſen.— Ich habe der Miß, die ich in Orleans traf, ein wahrhaft glänzendes Anerbieten gemacht, allein ſie fürchtete ſich übermäßig vor der Wildniß, in der wir doch ſo glücklich leben, daß wir uns gar nie daraus fort⸗ wünſchen, und fand ſieſo entſetzlich, daß ſie ſich ſchnellſtens einen Mann nahm, um nur vor der Verſuchung ſicher zu ſein, mir hierher zu folgen.“ „Das liegt beſonders auch an dem wahrhaften Mangel an Hausfrauen, lieber Rudolf, und Du kannſt es der Miſtreß nicht verdenken, wenn ſie eine ſichere Ehe dem Gouvernantendienſte vorgezogen hat. Bei dem Mißverhältniſſe, welches zwiſchen der Anzahl der um⸗ wandernden Männer und Frauen herrſcht, iſt es leicht erklärlich, daß die Frauen rar ſind— und ich rathe Dir ſehr, die Deinige recht varm zu halten, ſonſt—“ ſetzte ſie neckend hinzu, ſich doch gleichzeitig feſt an die Bruſt des Mannes ſchmiegend. Da ward die Thür aufgeriſſen und Gertrud, die vorhin hinausgegangen war, um der alten, halb tauben Magd von dem erwarteten Wunder zu erzählen, auf welchem auch ſie Muſik machen würde— ſtürmte jetzt wieder in das Zimmer mit fliegenden Locken und glühen⸗ den Wangen eifrig auf den Vater zu. „Vater, ſie kommen!“ triumphirte ſie jubelnd. „Pluto iſt ſchon da und man kann ſie ſchon in der Allee ſchen.“ Ehre. III. 10 146 Mr. Hartmann erhob ſich und trat mit ſeiner Frau wieder unter die Veranda. Der Mond ſandte ſein bleiches Licht auf die fried⸗ liche Landſchaft nieder, in der ſich kein Lüftchen regte weit umher. Der Himmel, klar und lichtblau, glich einem unendlich großen Spiegel, und die milde Abendluft war von lieblichem Aroma durchduftet. Als die Gatten aus der Veranda in den Garten traten, langte eben Hans auf ſeinem Pferde an und rief den Herrſchaften einen guten Abend zu. „Guten Abend!“ gab Mr. Hartmann zurück;— „iſt Alles in Ordnung?“ „Alles gut und klar, Herr; der Wagen wird gleich hier ſein.“ „Ihr kommt ſpät, Hans; iſt unterwegs etwas paſſirt?“ „Nichts, Herr, der Dampfer kam ſpät, und der Weg durch den Wald will mit Vorſicht paſſirt ſein, be⸗ ſonders mit einem ſo zartbeſaiteten Inſtrumente.“ „Das iſt richtig, und ich bin zufrieden, daß Alles glücklich abgegangen iſt. Es iſt nur gut, daß Ihr nun gekommen ſeid, denn wir waren ſchon beſorgt um Euch; Amerikas Urwald iſt keine deutſche Poſtſtraße.“ Der Wagen war unterdeſſen angelangt, die Schwar⸗ zen neigten ſich vor ihrem guten Moſſa und begannen 147 ſofort die Hüllen des Inſtrumentes zu löſen, und endlich die Kiſte zu öffnen, welche es vor dem Einfluſſe des Transportes ſichern ſollte. Während deſſen wandte ſich Mr. Hartmann zu Hans und nach einem ſorgſamen Umblick, ob auch Frau und Kinder nicht etwa in der Nähe ſeien, fragte er mit gedämpfter Stimme: „Haſt Du auf dem Dampfer Nachrichten erhalten, wie es in Orleans ausſieht?— Es gehen bedrohliche Gerüchte über dort herrſchende Fieber, und wenn wir auch hier durch Entfernung und geſunde Lage der Pflan⸗ zung vor ihrer Ausbreitung nach unſerer Gegend ſo ziemlich geſichert ſind, ſo kann es uns doch nicht gleich⸗ giltig ſein, was drüben vorgeht— um ſo mehr, da in dieſem Jahre viele, ſehr viele Deutſche eingewandert ſind.“— „Ja, Herr, eingewandert und meiſt ſchon wieder ausgewandert zur längſten Ruhe. Der Conducteur des Danpfſchiffes war auch ein Deutſcher, und ich fragte ihn deswegen, weil auch mir das Wohl oder Wehe meiner Landsleute am Herzen liegt— mehr, als ich früher ahnte, daß es mir jemals paſſiren könnte. Der Zuſtand drüben ſoll entſetzlich ſein. Das Fieber wüthet mit furcht⸗ barer Wuth, und es gibt täglich Hunderte von Todten, die man gar nicht mehr begraben kann, ſondern, kaum 148 erkaltet, in große Gruben wirft und mit einander ver⸗ ſcharrt. Natürlich ſind die ankommenden Fremden, welche meiſt aus Deutſchen beſtehen, die ſich hier ein freund⸗ licheres Geſchick gründen wollten, als es ihnen das Vaterland bot, die erſten und ſchnellſten Opfer, und bezahlen faſt Alle ihre Auswanderungsluſt mit dem Leben. Nur Wenige gelangen lebend wieder aus der Stadt, weil der giftige Stoff ihre gute Natur nicht ſchnell genug überwinden konnte; ſie ſchleppen ihn aber mit ſich in den Urwald hinein, und unter den Mühſelig⸗ keiten der neuen Anſiedl ung, die mit ihrer Zelt⸗ oder lüftigen Blockwohnung und all' den tauſend Uebeln der unwirthlichen Wildniß den Aermſten auch kein Roſen⸗ lager bietet— da wird er ihrer ſicher Herr.— In Drleans ſelber iſt die Seuche noch immer im Steigen und fordert täglich mehr Opfer. Schon ſind weder Aerzte noch Wärter, ja nicht einmal mehr Leute zum Fort⸗ ſchaffen der Todten zu erlangen, weil theils Alles ge⸗ ſtorben iſt, theils entflohen oder auch ſich angſtvoll in den Wohnungen abſchließt. So kommt es, daß unbefan⸗ gene Fußgänger in den Straßen zu Leichenträ gern ge⸗ preßt werden, und in Folge davon meiſt ſelber der Seuche zur Beute fallen. Der Zuſtand ſoll entſetzlich ſein, und auch heute befanden ſich eine Menge Flücht⸗ linge auf dem Schiffe, die ſich oberhalb am Fluſſe an⸗ 149 ſiedeln und nie mehr nach dem verderblichen Orleans zurückkehren wollen.“ „Das ſind ja trübe Bilder,“ erwiderte Mr. Hart⸗ mann nachdenklich,„und es iſt ein Unglück daß man durchaus nicht helfend einſchreiten kann, ohne die eigenen und die Nachbarfamilien, ja die ganze Gegend der An⸗ ſteckung auszuſetzen. Ich gäbe gern einer Anzahl unſerer darf ich es unter ſolchen Umſtänden gar nicht wagen, ohne die ganze Gegend in Gefahr zu bringen.“ „Es würde auch wenig helfen, Herr. Denn wenn ſie einmal die dortige Atmofphäre geſchluckt haben, haben ſie auch den Tod mit eingeſogen, den keine Sorge und Mühe zurückhält.“ „Im nächſten Jahre denke ich dafür meinen Plan doch auszuführen, und hoffe dadurch einigen armen be⸗ thörten Landsleuten zu helfen, die ſich durch glänzende Vorſpiegelungen aus ihrer abhängigen Lage hierher⸗ locken ließen, und dem Elende nun erſt recht in die Arme rannten. Unſere Pflanzung iſt jetzt durchweg und gut bebaut, und ich kann im nächſten Jahre daran denken, noch einen Theil des mir gehörenden Waldes dazu zu ſchlagen und das Land urbar machen zu läſſen. Holz wird jetzt ſo wie ſo ſehr geſucht und hoch bezahlt, und wenn wir den Weg zum Fluſſe an einigen Stellen beſſern 150 laſſen, haben wir einen bequemen Transport. Ich will dann den neu gewonnenen Boden nicht durch Schwarze bebauen laſſen, die ich ja auch erſt kaufen müßte, ſondern unglückliche Landsleute darauf aufnehmen, ihnen Hütten bauen und ſie zur Feldarbeit gegen gutes Tagelohn ver⸗ pflichten. Die Armen werden in Maſſen das Anerbieten annehmen, denn wenn ſie dann hier allerdings auch nichts Anderes erreicht haben, als was ſie in der Heimat ver⸗ ließen— ein Leben als Taglöhner und geplagter Arbei⸗ ter— ſo ſind ſie doch immer vor Tauſenden beneidens⸗ werth, die ein viel elenderes Los getroffen hat. En ſor⸗ genloſes, wenn auch arbeitſames Leben in einer Colbnie, wo für ſie geſorgt und bei Unglücks⸗ und Kraukheits⸗ fällen ihnen Schutz und Hilfe geleiſtet wird, iſt noch immer beneidenswerth gegen das Steineklopfen an der Landſtraße und andere letzte Zufluchtsorte ſolcher Arnien, die eben nichts haben als die Kraft ihrer Ame und feſte Hände zum Zugreifen. Du haſt ja das auch kennen ge⸗ lernt, obgleich Du wohl nicht ganz zu den Letzteren ge⸗ hörſt, und wirſt mir Recht geben, daß eine ſolche Colonie für Viele eine Wohlthat werden dürfte.“ Hans war bei der Erwähnung des Steinklopfen? heftig erröthet und blieb die Antwort ſchuldig, während ſein Blick den Boden ſuchte. Eine tiefe Bewegung kämpfte ner Vergangenheit gefragt, und werde es auch nicht thun, 154 in ihm, und Mr. Hartmann, der dieſes bemerkte, fuhr begütigend fort: „Ich wollte Dich mit meiner Aeußerung nicht ver⸗ letzen, ſondern nur einen Grund mehr für meine Be⸗ hauptung gewinnen. Mir hat es überhaupt ſcheinen wollen, als ob Dich nicht die gewöhnliche Auswande⸗ rungsluſt unſerer Landsleute und die verkockenden Bil⸗ der, die doch höchſt ſelten nur einmal Wirklichkeit wer⸗ den, hierher getrieben hätten; ich habe aber nie nach Dei⸗ wenn Du nicht ſelber das Bedürfniß fühlſt, ſie mir mit⸗ zutheilen.“ Es gibt Vergangenheiten, die am beſten vergeſſen bleiben, wenn man ſie überwunden hat,“ erwiderte Hans ernſt, und wandte ſich zu den Leuten, um beim Auf⸗ ſtellen des Pianoforte Hand anzulegen und das Be⸗ feſtigen der Füße zu beſorgen. Nun aber war es Mr. Hartmann, der ſich durch dieſe letzte Aeußerung eigenthümlich betroffen fühlte und kaum einer augenblicklichen Verlegenheit Herr werden konntr. Kannte dieſer, ſein Diener, vielleicht ſeine eigene Vergangenheit, und wollte ihm mit dieſem Ausſpruche eine Lehre geben? Er ließ den Blick feſt auf dem eifrig Beſchäftigten weilen, allein die unbefangene Ruhe in deſſen Antätze, 152 in die ſich ſogar ein Zug ernſter Schwermuth miſchte, ſchlug ſeinen Verdacht ſchnell nieder. „Er leidet, wie Du, an ſeiner Vergangenheit, und ſein Wort paßt für uns Beide!“ dachte der glückliche Pflanzer, und folgte ſeinem drängenden Töchterchen, das ihn zum Abendeſſen in das Familienzimmer rief. Hans ſtellte mit den Schwarzen unterdeſſen das Inſtrument auf und rückte es an ſeinen beſtimmten Platz. Dann fandte er die Schwarzen in ihre Wohnungen und blieb allein in dem dicht neben der Veranda gelegenen kleinen Salon zurück, in welchem das Inſtrument auf⸗ geſtellt war. Er mußte Mr. Hartmann's Rückkehr er⸗ warten, um die Befehle für den nächſten Morgen zu empfangen. Die ſchmerzliche Bewegung, welche das Geſpräch mit Mr. Hartmann in ihm erzeugt hatte, war noch nicht wieder ganz überwunden, und er ſchritt gedankenvoll in dem hell erleuchteten Gemache auf und nieder. Trübe, ſchmerzlich trübe Bilder ſtiegen in langen Reihen vor ihm auf, und legten ihre düſteren Schatten um ſeine be⸗ drängte Se le. Was war aus ihm, dem deutſchen Freiherrn Hans von Harder geworden? Wie hatte ſich ſeine Laufbahn geſtaltet deren erſte Jahre nur das Lächeln des Glückes, nur den Glanz der Freude und Luſt gekannt hatten? Wohin waren alle ſe'ne Träume von Glück und Liebe, von Ruhm und Ehre in den geheiligten Hallen ſeines Stammſchloſſes und an der Seite der ſo heiß geliebtet Signora? Wohin alle dieſe Träume, wohin dieſe heiße Liebe; was war aus dem ſchönen glänzenden Officier gewor den, der einſt der Liebling der Damen und der ge⸗ feiertſte Cavalier der Reſidenz war? Verſchwunden, zerſtoben Alles— Sein und Schein— vermodert unter dem Drucke der Zeit und der Macht des Erkenntniſſes; er ſelber Tagelöhner auf einer ameri⸗ kaniſchen Pflanzung— halb Arbeitsmann, halb Selaven⸗ vogt.— Er hatte ſeine Träume und die Verirrungen der Jugend ſchwer gebüßt, und doch wollte die Vergangenheit nicht von ihm weichen! Abgewandt ſtand ſie noch immer, verachtungsvoll, deren Liebe er verrathen und der ja doch der innerſte, edelſte Kern ſeines Herzens zu Engenien ge⸗ hört hatte und noch gehörte! Verachtungsvoll blieb ſie ihm abgewandt, und immerfort ſtand ihm ein blutiges Geſpenſt vor Augen und höhnte ihn mit dämoniſchem Lachen in den erſterbenden Zügen. Immer ſah er die brechenden Augen vor ſich, hörie'das Hohnlachen des Sterbenden, ſah das reizende Kind der Signora, und an dieſem Anblicke waren ſeine Jugend und ſein Jugend⸗ muth, waren ſeine Liebe und ſeine Hoffnung geſtorben, und die Prüfungen des Schickſals hatten ihn ſchwer darnieder geſchlagen, ihn zum Aeußerſten und an den Rand des Grabes getrieben. Er ſah heute das Alles wieder, lebte ſie alle noch einmal durch die ſchweren Prüfungen, die das Schickſal ihm beſtimmt hatte, und doch fühlte er: die Schuld war nicht geſühnt, der blutige Schatten des Franzoſen nicht verſöhnt, den er im ſtarren Egoismus engherziger An⸗ ſichten ſeiner Ehre hingemordet hatte.„Vorwärts, vor⸗ wärts!“ rief er ſich ſelber verzweifelnd zu,„das Heil iſt verſcherzt, ich kann nicht mehr glücklich werden, ſondern nur noch meine Pflicht erfüllen. Mir iſt das Leben keine Wohlthat mehr, der Tod wäre es vielleicht, aber ich muß leben, um zu ſühnen, das Daſein ertragen, um einſt beſ⸗ ſer ſterben zu können, als ich vordem gelebt habe. Daß man einſt meinem Andenken nicht fluchen darf, das iſt die einzige Ehre, die ich noch erſtrebe.“— Und mit Henal die finſteren Bilder der genheit in ihr ſtilles Bett zurückjagend, trat er zu dem Inſtrumente hin. Es war ein elegantes, tafelförmiges Fortepiano, in glänzendes Mahagoniholz gekleidet und auf gedrehten Füßen ruhend, von denen jeder eine vergoldete Löwen⸗ klaue hielt. Ein ähnliches Inſtrument hatte auf Harders⸗ berg geſtanden, und auf ihm hatte er mit ſeiner Schwe⸗ * 155 ſter Anna den erſten Unterricht gehabt. Sie hatte es bis zur Virtuoſität gebracht, während ſeine Kunſt immer ſehr für den Dilettantismus zu ſchwärmen ſchien und ihn niemals lange an dem Inſtrumente raſten ließ. Was mochten ſie wohl heute machen in Harders⸗ berg, und mochten ſie wohl ſeiner in Liebe gedenken?— Ja, ja dort liebte man ihn und hatte man ihm vergeben, und wenn er einſt wiederkehren würde, einſt— doch das Einſt lag wohl noch in ungemeſſenen Fernen— dort würde ſeiner Verzeihung und die alte Liebe warten!— Ein ähnliches Inſtrument hatte auch im Salon der Signora geſtanden, und oftmals hatte er auf demſelben den herrlichen Geſang der Signora begleitet. O dieſe Stimme, wie war ſie ſo rein und herrlich geweſen, ſo klangvoll, wie himmliſche Muſik der Sphären. Wie hatte ſie immer ſein Herz berauſcht und ihn himmelhoch ge⸗ hoben mit ihrer bezaubernden Macht— und doch hatte ſie ihn betrogen! Gedankenlos ruhten ſeine Finger auf den Taſten und ſchlugen leiſe Accorde an. Die Töne grüßten ihn wie ſelige Stimmen heilig⸗ ſter Erinnerung, und ſeine Seele antwortete in Tönen. Leiſe und ſchwebend flogen die Finger über die Taſten, und die Melodie einer jener herrlichen Arien, die ſie mit Meiſterſchaft geſungen hatte, quoll aus ihnen hervor. Hans hatte ſich, die Gegenwart, Alles, Alles ver⸗ 156 geſſen und ſchwelgte ſelig in den Wellen der Erinnerung, die leiſe murmelnd und wohlthätig über ihn dahinrauſch⸗ ten, allen Schmerz und alle Laſt ihm von der Seele hin⸗ wegſpülend. Sein Antlitz leuchtete wie in den ſchönſten Stunden ſeiner Liebe; höher und ſeliger quollen die Melodien hervor und drangen hinüber bis zu Mr. Hart⸗ mann und ſeiner Familie, die verwunderungsvoll die ſel⸗ tenen Töne vernahmen. Hans war unendlich ſchön als er da ſpielte. Er war in Amerika kräftiger und männlicher geworden, und auf ſeinem gebräunten Antlitze lag ein ernſter Zug des Nachdenkens, der dem ſchönen Angeſichte noch mehr In⸗ tereſſe verlieh. Er ſpielte weiter und immer weiter. Bald jubelten die Töne himmelan und ſchienen ſich nicht faſſen zu kön⸗ nen vor Glück und Wonne, bald klagten ſeine Melodien und erzählten von ſeinem Schmerze eine ganze Geſchichte der Prüfung und des Leides; bald tönte es tröſtend und mahnend aus den Saiten heraus, und ſeine begeiſterten Züge wurden wieder ernſt und nachdenklich. Er ſah und hörte dabei nichts was um ihn geſchah und hatte es auch nicht bemerkt, daß Mr. Hartmann längſt in das Zimmer getreten war und ihm zuhörte. Dieſer verſtand die Sprache der Töne, und ein unend⸗ liches Mitleid mit dem unglücklichen Jünglinge durch⸗ 157 drang ſeine Bruſt. Dieſes Spiel zeugte von einer mehr als gewöhnlichen Bildung und gab dem Pflanzer die Gewißheit, daß er einen Unglücklichen aus den verzweifelt⸗ ſten Verhältniſſen gerettet hatte. Er fühlte es, daß diſe Melodien ein verfehltes Leben beklagten, verſtund die Kämpfe der Seele, die ſich loszureißen ſtrebte von S Feſſeln der Vergangenheit, um geläutert ein neues Leben zu beginnen, und ſein theilnahmvolles Herz war ſofort bereit, auf dieſes Stre⸗ ben einzugehen und dem Armen ſeinen ſchwierigen Weg zu erleichtern. Fühlte er es ja doch ſelber genug, wie ſchwer eine verfehlte Jugend drückt; den Leidensgefährten unter⸗ ſtützend, wollte er noch ſelber ſühnen, fühnen die Schuld der Jugend, die heute noch dem gereiften Manne ſchwer auf der Seele laſtete. Endlich war das Spiel geendet und Hans blickte gedankenvoll vor ſich nieder, als wollte er erſt Abſchied nehmen von der Erinnerung, bevor er wieder zurückträte in die Gegenwart. Da trat Mr. Hartmann zu ihm hin und ſagte freundlich:„Hans, ich habe Dein⸗Spiel mit angehört und mich daran erfreut; willſt Du der Lehrer meiner Mädchen werden und ihnen Deine Kunſt beizubringen 158 ſuchen? Es ſollte mich freuen, dadurch Deine Stellung verbeſſert und ſie Deiner Bildung angemeſſener zu ſehen?“ Hans erröthete wieder und blickte verlegen nieder. Er erkannte wohl die geheime Abſicht des Pflanzers, und ſchwankte doch ſie anzunehmen, zögerte zuzugreifen, wo man ihm Erleichterung bot. Aber war das nicht vielleicht ein Fingerzeig, konnte nicht das Geſchick ſich ihm neigen?— „Wenn das Wenige, was ich leiſten kann, Ihnen genügt,“ antwortete er gepreßt,„ſo nehme ich die Stel⸗ lung mit Dank an.“ „Nach dem, was ich gehört habe, denke ich, es wird wohl genügen, und die Mädchen, die Ihnen ſchon jetzt anhängen, werden gern bei Zpen lernen. Kommen Sie, Mr. Harring, und eſſen Sie mit uns, die Reiſe wird Sie wohl angegriffen haben, und ich kann Sie gleich meiner Frau als Muſiklehrer der Mädchen vorſtellen.“ Neuutes Capitel. Die Flucht. Während der Freiherr Hans von Harder in der Pflanzung Mr. Hartmann's ſein neues Amtantritt, wolle der Leſer einige Jahre mit uns zurückkehren, um das Schickſal unſeres Helden zu verfolgen, das ihn in dieſe Wildniß getrieben hatte. Hans von Harder erwachte an jenem Duellmorgen aus ſeiner Betäubung, als der Wagen am Bahnhofe hielt und der Kutſcher den Schlag öffnete, um ihn ausſteigen zu laſſen. Die Freunde hatten den Halbbewußtloſen in den Wagen geſchoben, dieſer war davongeflogen, und ſein Rollen hatte den Armen noch mehr betäubt, ſo daß er ſich jetzt verwundert umſchaute und nur mit Mühe ſeine Umgebung erkannte.— Da flog der Strahl des Be⸗ wußtſeins durch ſeine Seele, und mit einem Schlage wußte er Alles was geſchehen war. Der Franzoſe war 160 gefallen— die Signora war ſchuldig— er auf der Flucht und binnen Kurzem verfolgt als Mörder und Deſer⸗ teur!— Sein Geiſt erlag faſt unter dieſem Bewußtſein und faſſungslos ſtarrte er den Kutſcher an, der mit ſtoiſcher Gemüthsruhe neben ihm ſtand und auf ſein Trinkgeld wartete. Das verwöhnte Kind des Glückes hatte noch nie⸗ mals in ſeinem roſigen Leben Energie und Geiſtesſtärke bedurft,— und jetzt, wo ſein Schickſal auf dem Spliele ſtand, wo es galt mit einem Entſchluſſe von dem alten Leben ſcheiden und kühn und energiſch in die Speichen des Schickſalsrades greifen— um ſich ein neues Leben zu gründen, ſtand er faſſungslos und unfähig einen Ent⸗ ſchluß zu faſſen, oder die wirren Gedanken auf den neuen Punkt zu ſammeln, von deſſen Entſcheidung vielleicht ſein ganzes Schickſal abhing. Stumm und rathlos ſtand er vor der Eiſenbahnbar⸗ riere und ſtarrte gedankenlos in das Weite. In ſeinen verſtörten Zügen konnte jeder Unbefangene den Zuſtand der Seele leſen;— es war als hätte das Verbrechen ſein blutiges Maal auf die Stirn des Thäters gedrückt, da⸗ mit ihn Jeder erkennen möge und zur Sühnung treibe. Endlich weckte ihn der Kutſcher, dem das Warten zu lange ward, aus ſeiner Erſtarrung. „Gebe mir der Herr meinen Fuhrlohn, damit ich 161 weiterfahren kann. Wenn übrigens der Herr noch mit dem Zuge fort wollen, müſſen Sie eilen, er geht in zehn Minuten ab. Der nächſte fährt erſt gegen Mittag und bis dahin könnten—“ Ein blutiges Erröthen des Freiherrn und eine hef⸗ tige Handbewegung brachen die Rede des beſorgten Kut⸗ ſch rs ab;— er empfing aus zitternder Hand ein Geld⸗ ſtück und fuhr unbekümmert weiter. Auf Hans aber hatten ſeine Worte einen tiefen Eindruck hervorgebracht. Ja— bis zum nächſten Zuge konnte er— in Haft fein, um auf der Feſtung ſein Duell zu büßen.— Entſetzlicher Gedanke— gefangen— Gefangener — Feſtungsarreſt, ein Freiherr von Harder!— Ud doch, wär' es nicht beſſer die Strafe zu tragen und als Mann von Muth und Ehre dem beleidigten Geſetzte kühn in das Auge zu ſchauen, das ihn freilich verdammen mußte, während ihm dagegen die öffentliche Meinung günſtig blieb, die Achtung ſeiner Cameraden und aller Männer von Ehre ihm nachfolgten auf den Schauplatz ſeiner Strafzeit,— und ihn jubelnd und achtungsvoll wieder empfing, wern er ſie abgebüßt und der Gerechtigkeit genuggethan hatte und frei und ehren⸗ rein in das Leben zurücktrat? Was hatte es denn gethan?— War es denn ein Ehre UI. 11 162 Verbrechen, ſeine Ehre zu ſchützen und den Schimpf des Läſterers mit ſeinem Blute zu vertilgen? Konnte er ſich nicht frei und kühn ſtellen und muthvoll ſagen: ich habe meine Ehre gerächt, und den Schimpf mit dem Blute des Gegners abgewaſchen, hier bin ich nun und ſtelle mich dem Geſetze!“— Ja, das konnte er, und kein Ehrenmann würde ihm ſeine Achtung und ſeine Theilnahme verſagen, wenn er dem verletzten Geſetze ſeinen Zoll bringen mußte. Die Richter ſelbſt würden mit Bedauern ihren Spruch über den muthigen Jüngling fällen, der kühn dem Tode in das Auge geſchaut und ohne Beben die Kugel erwartet hatte, die ihn zerſchmettern ſollte. Sie ſelbſt, die ſtrengen Män⸗ ner der Gerechtigkeit, würden ihn achten, und wenn ſie den ſtrengen Spruch gefällt, ihm theilnahmsvoll die Hand drücken und ſagen:„Fünf Jahre ſind keine Ewigkeit, junger Mann, und unſere Achtung folgt Ihnen nach, wenn wir Sie auch verdammen mußten.“ Er konnte ſich dreiſt ſtellen— muthig ſeinem Ge⸗ ſchicke in das Auge blicken, denn er hatte ja nichts gethan, als für ſeine Ehre geſtanden als Mann, als Officier und Freiherr— und er wollte es. Er wollte hin zum Major von Welliug und ihm ſeinen Degen bringen; er wollte ſich ſelber in Haft ſtel⸗ 163 len, und als Mann von Ehre die blutig gerettete auch weiter vertreten. Und ganz begeiſtert von dieſem Entſchluſſe eille er einer nicht fernen Droſchke zu, um in die Reſidenz zu⸗ rückzufahren. Doch noch ehe er ſie erreichte, kamen die Beden⸗ ken. Fünf Jahre mindeſtens im Feſtungskerker ſchmachten, fern dem Leben, fern der Freiheit,— ohne Hoffnung auf Begnadigung. Ja, ohne Hoffnung auf Begnadigung!2 Denn erſt vor wenigen Wochen war das Geſetz wegen der Duelle neu verſchärft und publizirt worden— ſein Fall war der erſte ſeitdem und an ihm würde man glauben ein Exempel ſtatuiren zu müſſen. Nein, nein— das wäre entſetzlich!— Sein Muth ſank tiefer und tiefer und ſein ehren⸗ voller Entſchluß wankte. Mitten in ſeinem eiligen Gange hielt er zögernd inne und blickte gedankenvoll nach dem Bahnhofe zurück. Dort winkte ihm Freiheit und Leben— und ach, das Leben in der Freiheit war ja ſo ſchön!— Konnte, durfte er ihm entſagen, ſo lange noch ein Aus⸗ weg, eine Ausſicht auf Rettung ihm blieb?— Da läutete die Glocke zum Zuge— ſchrillendes Pfeifen der Locomotive tönte herüber— und:„Nein, nein!“ rief es in ihm,„ich will nicht gefangen, ich kann kein Gefeſſelter ſein! Meine Seele dürſtet nach Freiheit 1 164 und Lebeu; ich bin ja ſo jung noch, habe noch ſo viele Forderungen an das Daſein und mag nicht die ſchönſten Jahre desſelben im einſamen Kerker vertrauern. Nein, nein, noch kann ich gerettet werden!“— Sein Geſchick war entſchieden, und nicht ſein Cha⸗ rakter, nicht die Energie des Willens hatten es be⸗ ſtimmt, ſondern der thieriſche Inſtinct, der die Creatur antreibt die Nacht zu fliehen und ſich der Sonne und dem Lichte zuzuwenden. Schon flog er dem Bahnhofe wieder zu, und Alles Zögern, jedes Bedenken waren glücklich überwunden. In der Ferne winkten Freiheit und Glück— mußte es ihn denn nicht erwarten, wo er ſeinen freiherrlichen Schritt hinlenkte?— Und er hatte die Ferne gewählt. Wenige Minuten ſpäter ſaß er athemlos im Wa⸗ gen— der Zug flog davon und führte den Flüchtling einem neuen Leben entgegen. Konnte, durfte es ihm ein anderes, als ein glück⸗ liches ſein?— Konnte eine Gegend, die ſein Fuß betrat, dem Klange ſeines freiherrlichen Namens widerſtehen, und ihn anders als huldigend empfangen?— Thörichte Beſorgniß. Hatte er nur erſt die Gränzen des Vaterlan⸗ des im Rücken, ſo war er gerettet und glücklich, und tan⸗ ſend lockende Lebens bilder winkten ihm aus dem fernen geſegneten Lande der Freiheit und des Glückes— Nord⸗ amerika. Seine einzige Sorge war jetzt nur das glückliche Entkommen. Er gedachte mit Schrecken an die dämoniſche Gewalt der Telegraphen, deren Schuelligkeit er öf⸗ ters durch ſceizene Proben geprüft hatte, ohne zu ahnen, daß ſie jemals gegen ſeine eigene Sicherheit ſpielen und ihren Rieſenarm geſpenſtiſch nach ihm ausſtrecken dürften Fort und fort flog der Zug von dannen. Gegenden kamen und verſchwanden wie im Traume, und jede Vier⸗ telſtunde brachte ihn mehr als eine Meile der Reſidenz fern.— Aber ſo ſchnell das Dampfroß auch fliegt. ſo raſend es auch mit lü enden Nüſtern d die Lande ſchnaubt— ſchullt doch noch iſt der Telegraph! Dicht neben den Slhienen liefen die weißen Stan⸗ gen mit den Milchglasglöckchen entlang, die den verräthe⸗ riſchen Draht wie ein ungeheures Spinnennetz über das ganze Vaterland leiten. Hans blickte gedankenvoll und beſorgt zu ihm hinauf, der ſich ſchweigſan, wie ein Räth⸗ ſel, an den Weg ſchmiegt und niemals es verräth, welche Blitze eben ihn durchzucken, um in weiter Ferne zum drohenden Worte ſich zu geſtalten. Konnte nicht jetzt, während Hans gedankenvoll zu ihm hinuuſſtret⸗ ſein Steckbrief vorüberfliegen und ihn 166 ſtundenlang zuvor ſchon anmelden, ehe er noch das nächſte Ziel ſeiner Reiſe betrat?— Dämoniſche, geheimnißvolle Gewalt, deren düſtere Macht drohend in ſeinem Hirne ſpukte! O, weshalb konnte er nicht hinaus, und mit ſchnel⸗ lem Griffe den elenden Draht zerreißen, der ihn zu ver⸗ rathen drohte?— Seine Furcht ſtieg von Station zu Station und ſo oft der Wagen geöffnet ward, fürchtete er das martialiſche Amtsgeſicht eines Dieners der Gerechtigkeit zu erblicken, der ihm drohend die Depeſche mit ſeinem Steckbrefe vor die Augen hielt.— Wenn man ihn jetzt erreichte— wenn er nun noch gefangen ward, war er doppelt ſtrafbar— denn nun war er auch Deſerteur. Doch, das ſollte und durfte nie geſchehen; lebend ſollten ſie ihn nicht erreichen.„Lieber den Tod als die Schande,“ flüſterten die bleichen Lippen, während die bleichen Hände den Degen feſter und krampf⸗ haft umfaßten— und doch wurden ſie noch fahler bei dem Worte— bei dem Gedanken„Tod.“ Jetzt däuchte dieſer ihm ſchrecklich, dem er heute Morgens ſo ruhig in das Auge geſchaut hatte; jetzt packte ihn eine verzehrende Angſt bei dem Gedanken an dieſen letzten ſchrecklichen Ausweg. Poch die Telegraphen mußten diesmal ihre Pflicht 167 nur ſchlecht erfüllt haben, oder auch, man beeilte ſich in der Reſidenz ſichtlich nicht, die Nachforſchung und Ver⸗ folgung ernſtlich zu betreiben. Man wollte vielleicht den Spectakel und Scandal vermeiden, einen Officier aus dem älteſten Adel aufgreifen und nach der Reſidenz trans⸗ portiren zu laſſen, da das doch wieder auch einen Schat⸗ ten auf die militäriſche Ehre im Allgemeinen werfen und eine Familie tödtlich compromittiren mußte, die ſeit Jahr⸗ hunderten treue Diener und Stützen des Herrſcherhauſes gezählt hatte. Nirgends zeigte ſich dem zagenden Flüchtlinge ein verdächtiges Zeichen, und er langte ungefährdet in Ham⸗ burg an. Auch hier nahm Niemand Notiz von ihm— ein ſicheres Si⸗ daß man ihm hier nicht nachge⸗ forſcht hatte, denn die Uniform hätte ihn ſofort verra⸗ then müſſen. Sein erſter Gang war nun zu einem Kleiderhänd⸗ ler, in deſſen Locale er die Uniform mit einem einfachen Civilanzuge vertauſchte, dann aber dachte er weiter über ſeinen Plan nach und berechnete— vielleicht zum Male in ſeinem Leben, ſein Vermögen. Der Stand desſelben war kein glänzender, denn ſeine ganze Baarſchaft betrug jetzt nur noch fünfhundert und einige Thaler, die er vor wenigen Tagen erſt bei Silbermamn geholt hatte, um ſich in ſeiner neuen Woh⸗ 168 nung eleganter und würdiger einzurichten. Damit konnte er in Amerika nichts Großes beginnen, doch wares immer⸗ hin eine erſte Hilfe, ein Anhalt, und er beſchloß, von Newyork aus an feinen Vater zu ſchreiben und dieſen um Verzeihung und ſtandesgemäße Equipirung zu bitten. Dem Freiherrn von Harder konnte es ja nirgends fehlen, und er wollte nur erſt das Land ſehen und kennen lernen, bevor er ſich für etwas Beſtimmtes, für einen neuen Lebenszweck entſcheiden mochte. Noch an demſelben Tage miethete er einen Platz auf dem Poſtdampfer, für den er achtzig Thaler zahlte, und am anderen Morgen ſagte er der alten Heimat, in der er ſeine glückliche, roſenfarbene Jugend verlebt hatte, adieu, um in dem fernen Welttheile das Glück zu ſuchen, auf das ſein Stand und Name überall Anſpruch zu haben meinten. Die ſchrägen Strahlen der Herbſtſonne fielen ver⸗ goldend auf Hamburgs Thürme; noch einen letzten Blick ſaudte Hans nach der alten Heimat hinüber, dann wandte er ſich um, und das Auge nach Vorwärts gerichtet, hörte er regungslos die Befehle des Capitäns,— das Klirren der Ankerkette— das Brauſen der Räder, die das Schiff und ihn dem fernen Weſten zutrieben. Zehutes Capitel. Die erſten Erfahrungen. Aber ſchon während der Reiſe ſollte Hans von Har⸗ der Erfahrungen machen, welche die Erwartungen und kühnen Hoffnungen, die er von der neuen Heimat hegte, etwas herabſtimmten und ihn zum ernſten Nachdenken über ſeine Zukunft drängten. Uiter den vielen Paſſagieren des Poſtdampfers be⸗ fand ſich auch der Advocat Mr. Roſt aus New⸗Orleans, ein geborner Deutſcher, der trotz ſeines ſchon vorgerück⸗ ten Alters noch einmal eine Reiſe nach dem deutſchen Vaterlande unternommen hatte, und nun zu ſeiner Fa⸗ milie zurückkehren wollte. Mr. Roſt traf auf dem Decke öfters mit Harder zu⸗ ſammen und unterhielt ſich gern mit dem jungen Manne, deſſen einnehmendes und beſtechendes Aeußere nicht nur auf die Frauen, ſondern auch auf ernſte Männer ſeinen Einfluß übte, und ihm ſchnell Theilnahme gewann. Der 170 ₰ alte Advocat kannte aus langjähriger Erfahrung und durch Reiſen Amerika und ſeine Verhältniſſe gründlich, und erſtaunte nicht wenig, als Harder im Laufe des Ge⸗ ſpräches mit ſeinen freiherrlichen Anſichten und Hoffnungen hervortrat, und mit der dem Adel angebornen Sicherheit auf ein glänzendes Los in der neuen Heimat rechnete, als ob ſolches ihm, dem letzten Sproſſen der Harders, als natürliches Erbe zufallen müſſe. MW Roſt war ein zu erfahrener Weltmann und hatte doch auch zu lange in Deutſchland gelebt, um nicht ſofort die Sprache des dortigen Adels heraus zu erkennen, der mit einer Manier der Berechtigung Vorzüge vor den niedrig Geborenen beanſprucht, die ihm in dem friedlichen Vaterkande und von der paſſiven Duldſamkeit der guten deutſchen Bürger nur zu gefällig zugeſtanden werden. Er erkannte die beſchränkten Anſichten des jungen Man⸗ nes vollkommen, der keine Ahnung von den Zuſtänden und ſtaatlichen Einrichtungen in dem Lande jenſeits des großen Salzwaſſers hatte, von dem er weiter nichts ge⸗ hört, als daß es frei ſei, daß ſeine Völker als große Re⸗ publik ſich ſelber regierten, ohne zu ahnen, daß dieſe Frei⸗ heit beſonders und vor Allem in einer Gleichberechtigung der Menſchen, in einer Berechtigung der Arbeit und des kräftigen Strebens und in der Emancipation von den Vorrechten, Ein⸗ und Uebergriffen des Adels ihre Wur⸗ 171 zeln faſſe, des Adels, den man dort drüben nicht aner⸗ kennt, und von deſſen Walten und Schalten in Deutſch⸗ land man ſich dort wie Märchen erzählt, deren Wirklich⸗ keit im dortigen Boden unmöglich wurzeln kann. Mr. Roſt erkannte das aus den Geſprächen ſeines jungen Reiſegefährten, und es überkam ihn eine lands⸗ männiſche Rührung, eine Art Mitleid mit dem jungen und unerfahrenen Manne, der ſo übel berathen in eine fremde Welt ſtürzte, die ſeine Principien nicht vetſtand und niemals anerkennen würde, und in welcher er, weun ihn nicht bedeutendes Vermögen unabhängig ſtellte, die beſte Ausſicht hatte, in den ihm unbegreiflichen Verhält⸗ niſſen unterzugehen. Mr. Roſt hatte den Plänen Harder's aufmerkſam zugehört und dieſer, der ſelber froh war, einmal über dieſelben ſprechen und die Anſichten eines Mannes dar⸗ über hören zu können, der in dem neuen Welttheile bereits heimiſch geworden war, hatte das ſpöttiſche Lächeln nicht bemerkt, welches zuweilen über die ernſte Züge des Ad⸗ vocaten flog. Dieſer aber war entſchloſſen, ohne weiters das Meſſer an die Wunde zu ſetzen, und den Bethörten ohne Rückhalt auf ſeine Unwiſſenheit und die daraus entſpringenden gränzenloſen Irrthümer, wie auf die Verkehrtheiten ſeiner Anſichten aufmerkſam zu machen. Es war ein alter, rauher, aber herzensguter Kerl und 172 traf mit ſeinen Anſichten den Nagel gewöhnlich auf den Kopf, ohne jedoch viel Abwägen und Federleſens mit feinen Worten zu machen. „Hören Sie mal, Herr,“— begann er, als Harder ſchwieg, etwas rauh und heftig,„ich habe Sie nun ruhig ausreden laſſen, nun laſſen Sie mich aber auch einmal ausreden, denn Ihnen thut es wahrhaftig Noth, daß Ihnen einmal ein vernünftiger Kerl ein Licht anzündet und über Ihre thörichten Hoffnungen reinen Wein ein⸗ ſchenkt. Wie mir Ihre eben dargelegten Anſichten deut⸗ lich genng gezeigt haben, ſind Sie von Adel, und ziehen, wahrſcheinlich auf die Aeſte ihres Stammbaumes geſtützt, als Glücksritter in die weite Welt. Da hätten Sie ſich nun allerdings nach jedem anderen Lande eher, als gerade nach Nordamerika wenden ſollen, wo man für ein Adels⸗Diplom nicht einen halben Dollar gibt. Warum haben Sie ſich denn nicht lieber nach Rußland gewendet, wenn es Ihnen in Deutſchland nicht mehr gefallen wollte? — dahin hätten Sie mit Ihren Anſichten gepaßt, aber niemals nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Wer zu uns hinkommt und zufällig von Adel iſt, legt dieſen gewöhnlich ab, weil man durchaus weiter nichts, als höchſtens Mißeredit durch denſelben hat. Ich kann nicht begreifen, wie Sie ohne Weiteres einem Lande zu⸗ reiſen können, über deſſen Zuſtände Sie ſo unerfahren ſind, als die Aſtronomen über das Land im Monde!“— „Aber, mein Herr—“ „Bitte, laſſen Sie mich nur ausreden, denn hier iſt es Pflicht, die Wahrheit zu ſagen. In Nordamerika gelten Nang und Titel nichts. Der Adel gehört in die Märchenwelt, und nur wer etwas gelernt hat und ſein Fach tüchtig verſteht, kann in der neuen Welt ſein Glück machen. Geſchickte Maſchinenbauer, Uhrmacher— über⸗ haupt Handwerker aller Art; tüchtige Aerzte und auch Rechtsgelehrte, denn Streit gibt's in allen Welttheilen — ſind in Amerika geſucht,— aber geſchickt und tüchtig müſſen ſie Alle ſein und arbeiten müſſen ſie können und wollen, dann werden ſie drüben reuſſiren und ihr Glück machen. Auch Landbebauer, die in das Innere des Lan⸗ des ziehen, ein Stück Urwald fällen und auf dem Platze Hütten bauen und Mais und Vieh züchten, können mit der Zeit reich und wohlhabend werden, wenn ſie nicht unterdeſſen von den Thieren zerriſſen oder von den Rothhäuten ermordet und geplündert worden ſind, und wenn ſie eben tüchtig zuzugreifen verſtehen und ihren Vortheil wahrnehmen mit der aufgehenden Sonne, bis ſie wieder in die Tiefe ſinkt. Arbeiten muß bei uns Jeder und ſich tüchtig regen, wenn er in Amerika fort⸗ kommen will;— über alle Anderen gehen Zeit und Er⸗ 174 eigniſſe ſchonungslos dahin, und tauſende Bethörter und Arbeitsſcheuer, die in Amerika das Schlaraffenland ſuchten, fanden in ihm das Land des Fluches— leben im fürchterlichſten Elende und ſterben endlich wie Hunde an der Landſtraße, ohne nur Mitleid oder Theiluahme zu finden, denn dazu haben die Amerikaner keine Zeit.“ „Sie mögen ein ganz tüchtiger Officier ſein, daran 1 zweifle ich nicht; aber da man in Amerika kein über⸗ flüſſiges Militär als Spielzeug hält, und wir mit allen Mächten im tiefſten Frieden leben, ſo ſind auch die Officiere überflüſſig, und Sie werden einſehen, wie Recht ich habe, von Ihrer Unerfahrenheit zu ſprechen.“ Harder war ſprachlos und ſtarrte den alten Mann ſo verwirrt an, daß in dieſem wieder die Theilnahme über den Zorn ſiegte, welcher vorher über dieſe Dumm⸗ heit in ihm aufgeſtiegen war, und er fuhr milder fort: „Den Plan, in den Vereinigten Staaten als Offi⸗ cier zwfungiren, geben Sie nur unbedingt auf, und ich rathe Ihnen freundſchaftlichſt, Ihren Adel gar nicht merken zu laſſen, da er Ihnen nur Antipathien erwecken, theure Wirthshausrechnungen einbringen und höchſtens Ihren Bemühungen um einen Lebensberuf ſchädlich werden könnte.— Haben Sie denn nicht andere Aus⸗ ſichten, verſtehen Sie nichts weiter als exerciren? Sind Sie nicht Landmann, ſo daß Sie eine kleine Farm kaufen und da Ihr Glück verſuchen können? denn den Urwald erſt zu roden,— dazu ſcheinen Sie mir denn doch auch nicht gemacht zu ſein!“ Harder war bei den letzten Fragen aus ſeiner Er⸗ ſtarrung erwacht, aber er hatte ein ſo unangenehmes und bedrückendes Gefühl, daß er ganz kleinlaut geworden war. Die Ausſichten, welche Mr. Roſt eröffnete, waren allerdings nichts weniger als glänzend und ermuthigend, und doch ſprach ſie der ernſte Mann mit einer Sicher⸗ heit und Ueberzeugung aus, die keinen Zweifel an ihrer Wahrheit aufkommen ließen. Die letzten Worte des Advocaten hoben ſeinen Muth ein wenig wieder, und er erwiderte kleinlaut: „Mit dem Landbau könnte ich es wohl verſuchen, und glanbe auch, daß ich mich auf einer kleinen Farm ganz glücklich fühlen würde. Auch fürchte ich die Arbeit nicht, und würde gern ſelber mit zugreifen, um mir für das Alter ein angenehmes Leben zu bereiten.“ „Na, Glück zu! Herr von Harring, ſo war ja wohl der Name, der in der Schiffsliſte ſtand?“ „Einfach Hans Harring, Mr. Roſt.“ erwiderte Harder mit einem Anfluge erzwungener Laune,„das von haben wir in dem alten Vaterlande zurückgelaſſen.“ „Ein neues wirſt Du ſchwerlich finden,“ murmelte der Alte und ſchüttelte bedenklich ſein graues Haupt, in⸗ 176 dem er langſam und vorſichtig die Kajütentreppe hin⸗ unterſtieg. Hans blieb auf dem Verdecke zurück und ſchaute in die unendliche Wogenmaſſe hinein, die jeden Augenblick ein anderes Bild bot. Die Erklärung des alten Mannes hatte ihn ſchwer betroffen und zum erſten Male ſeit ſeiner Flucht ſtiegen bedenkliche ſichten vor ſeiner Seele empor. Kein Militär in Amerika— it Officiere mit ſchlanken Taillen, ſilbernen Schärpen und blitzenden Epaulettes?— Was mochte das für ein Land ſein, in dem man ohne dieſe Lions der eciviliſirten Welt leben, — und wo man exiſtiren konnte, ohne in jeder Straße einer dieſer ſtolzen Geſtalten mit hoch erhobenem Schnurr⸗ barte zu begegnen, bei deren Annäherung die Hände der gemeinen Cavalcade wie Telegrapheuflügel in die Höhe und an die Mützen fliegen! Was mochte das für ein Land ſein, wo man Alles das entbehren konnte, und wo Alles arbeitete?— Arbeiten— ordinäres, häßliches Wort— wie klang es ſo eigenthümlich von den Lippen des Reichs⸗ freiherrn Hans von Harder auf Hardersberg, teſſen einzige Arbeit bis jetzt in Ausübung der noblen Paſſio⸗ nen beſtanden hatte! Und doch, wenn es nun ſo war, wenn es wirk⸗ lich ſolch' ein fabelhaftes Land gab, und er kam ge⸗ raden Weges hinein— was dann?— Sollte er die blaue Blouſe anziehen und den Pflug leiten, Mais ſäen und Ochſen züchten, und verſtand er das überhaupt, wenn er es auch wirklich ſollte?— Die Sache machte ihm doch ungeheure Serupel,— die Worte des Al⸗ ten hatten den Schleier der Sorgloſigkeit von ſeinen Zukunftsträumen geſtreift, die ihn von früheſter Ju⸗ gend an glücklich umgaukelt hatten,— und er ging auf dem Verdecke umher wie ein entthronter Monarch, der keine Millionen in der engliſchen Bank geſichert hat. Wenn er ſich nun entſchließen wollte eine Farm zu kaufen, würde er denn da mit ſeiner Baarſchaft aus⸗ reichen?— das war eine neue Frage, auf die er keine Antwort hatte,— und dem alten Herrn, welcher in ſeiner Redeweiſe ſo verdammt ungenirt war, ſeine Lage offen darzulegen und ihn zu Rath zu bitten, dazu konnte ſich der Freiherr auch nicht entſchließen. Er erinnerte ſich jedoch, einmal gehört, oder irgendwo ge⸗ leſen zu haben, daß man in Amerika ſehr billig Land kauſe, und das beruhigte ihn wieder etwac.—— Harder hatte in ſeiner großen Ideen⸗ und Ge⸗ dankenaudienz weder auf ſeine Umgebung, noch auf das Wetter geachtet, bis ihm ein heftiger Windſtoß den Hut Ehre II. 12 178 vom Kopfe riß, der glücklicherweiſe auf das Deck und nicht in die Wellen kollerte. „Es gibt einen kleinen Tanz, Herr!“ rief ihm ein Bootsmann lachend zu, während Harder ſeinen Hut wieder in Fagon brachte und verwundert auf die dicken Wolkenberge ſchaute, die auf den Flügeln des Win⸗ des am Horizonte heraufeilten. Ein Sturm mit Gewitter und Regen— das war eine Abwechslung in dieſem Einerlei und erfüllte Hal⸗ der mit lebhaftem Vergnügen. Zwar wollten ſich auch die Sorgen wieder in den Vordergrund drängen, doch der glückliche Leichtſiun der Jugend ſiegte, und mit einem hoffnungsreichen:„Es wird ſich ſchon machen, nur den Muth nicht verlieren!“— beſchwichtigte er die mahnende Stimme und gab ſich ganz und ungetheilt der großartigen Naturerſcheinung hin, die mit toben⸗ der Wuth alle ihre Truppen entfeſſelte.—— Harder, oder Harring wie er ſich jetzt nannte,— um jeder etwaigen Erkennungsſcene vorzubeugen, die der Zufall oft ſo wunderbar zuſammenwürfelt— hatte während der etwas langwierigen Reiſe noch manches ernſte Geſpräch mit dem alten rauhen Advocaten, der ihm trotz ſeiner Derbheit und vielleicht gerade durch dieſelbe, wie durch klares Urtheil und ſeine treffenden Anſchauungen imponirte; und noch manchesmal ward ſein künſtliches Gebäude ſelbſtgefälliger Sicherheit, in dem er ſich ſo gern unſorglos wiegen mochte, unange⸗ nehm erſchüttert. Der alte erfahrene Mann gab ihm die treue⸗ ſten Schilderungen amerikaniſcher Sitten, Zuſtände und des herrſchenden Treibens, bei denen Harder's Muth tiefer und tiefer ſank. Er ſah es gezwungen doch wohl ein, wie wenig er einem ſolchen Staate ſein konnte, deſſen Grundpfeiler in der materiellen und induſtriel⸗ len Kraft der Bewohner ruhten, und alle Ideale von Stand und Adel überwunden oder vielmehr von vorn herein ausgeſchloſſen hatten. Sehnſüchtig flogen ſeine Gedanken nach der heimatlichen Reſidenz zurück, in der er Alles hatte zurücklaſſen müſſen, was er zum Glücke nöthig erachtete,— in der ſeine Principien anerkannt und gewürdiget worden waren,— und die ihm nun für immer verſchloſſen blieb. Dort war er Officier, Mitglied ein Corporation, die man die Stütze des Thrones nannte und als ſolche achtete, die hochaufgerichtet als Berechtigte einher⸗ ſchritt und überall Anerkennung fand;— hier, in dem Lande, dem er entgegenging, ſollte er nichts ſein, als ein Menſch, geboren wie Alle und auf ſich ſelber und ſeine Fähigkeiten angewieſen. Hier kannte man den Nimbus des Adels nicht, der dort den Blödſinn 12* 180 ſelbſt umgab und umſtrahlte, hier herrſchten Geiſt und Kraft, Fähigleit und energiſcher Wille, die dort ein Adelsdiplom bequem erſetzen konnte, wenn ſie eben nicht vorhanden waren. und den Erzählungen und Schilderungen des Mr. Roſt gegenüber, der ihm von dem Fleiße, dem Be⸗ triebſinn, und der Induſtrie der Bewohner dieſes Lan⸗ des und von ihren Schöpfungen mittheilte, deren Größe und Erhabenheit ſein Verſtand in ihrer Vollen⸗ dung nicht einmal zu begreifen vermochte,— fühlte er es wohl, daß dieſe Fähigkeiten in ihm nicht vorhanden ſeien, und daß er in dieſem Lande der Iuduſtrie und Be⸗ triebſamkeit ein ſehr paſſives Mitglied würde ſpielen müſſen. Ihm fehlte der Geiſt— ihm fehlte aber auch die phyſiſche Kraft, um wenigſtens mechaniſch wirken zu können, und ſeine einzige Hoffnung blieb der Landbau, vondem einige ſchwache Jugendreminiscenzen in ihm auf⸗ tauchten, welche er praktiſch verwerthen und ausbilden zu können hoffte. Was war in dieſen wenigen Wochen aus ihm ge⸗ worden, ſeitdem er flüchtig die Reſidenz verlaſſen hatte und mit ihr ſeine angebetele Liebe!— In der Einſam⸗ keit, auf dem weiten Oceane, dachte er ſich oft in das trauliche Boudoir der Signora zurück, fah er ihr wun⸗ dervolles Lächeln, hörte dieſe einzige Stimme, die wie — ſüßer Harfenklang an ſein geiſtiges Ohr ſchlug, und eine quällende Sehnſucht, ein Gefühl der Verlaſſenheit be⸗ mächtigte ſich ſeiner— die ihn faſt zur Verzweiflung trieben. Damit aber erwachte ſein Stolz wieder und wallte heiß und zornig auf! Sie hatte ihn ja betrogen, war ſeiner unwerth— und all der Schimmer von Lieb⸗ lichkeit und Reinheit, der ſie glorreich zu umſtrahlen ſchien, war nichts geweſen als Schein und Kunſtfertigkeit der berühmten DPame vom Theater. Sie war die Geliebte eines Anderen geweſen und hatte doch noch ſeine frei⸗ herrliche Liebe erſtrebt und ſich erkühnen wollen, an ſei⸗ ner Hand einzuſchreiten in das Schloß ſeiner Ahnen! Welche Gefahr für ſein erhabenes Haus, das noch niemals eine Mesalliance, wie viel weniger ein ſolche ge⸗ ſehen hatte! Blutig roth ſtieg ihm die Erinnerung daran in das Geſicht, und heftig auf und nieder ſchreitend wandte er ſich gewaltſam verachtend von dem ſchönen und im⸗ poſanten Bilde des einſt ſo ſehr geliebten Weibes ab.— Und endlich war das Ziel erreicht! Eines Abends ſahen die Reiſenden die ſcheidende Sonne über einen dunkeln Gürtel ſinken, den der Capitän als die Küſte von Nordamerika bezeichnete, und als die Paſſagiere am andern Morgen, froher Erwartung voll, das Verdeck früher als gewöhnlich betraten, warf der Dampfer eben auf der Rhede von New⸗York ſeine Anker aus und das 182 herrlich grünende Land ſchimmerte wie ein verheißendes Eden unter den Strahlen der Morgenſonne. Ein allgemeiner Jubel begrüßte das Feſtland nach ſo langem Schmachten in der Waſſerwüſte, und der Ca⸗ pitän hatte volle Mühe, die ſehnſüchtige Ungeduld der Paſſagiere zu zügeln, die nicht zeitig genug das Land erreichen konnten. Harder war Einer der Ungeduldigſten. Das Land der Erſehnung lag blühend und lachend vor ſeinen ent⸗ zückten Blicken, und alle Sorgen, alle Zweifel ſchwan⸗ den bei dieſem Anblicke aus ſeinem leichtſinnigen Her⸗ zen, das ſich mit leichtem Iugendfeuer dem Eindrucke der Freude und des Genießens hingab. Er fuhr mit ei⸗ ner Menge Paſſagieren, unter denen ſich auch Mr. Roſt befand, an das Land, und der alte Advocat blickte halb zürnend, halb mitleidig auf die ſorgloſe Heiterkeit ſeines jungen Reiſegefährten, deſſen wahrſcheinliches Schickſal er leider ahnen konnte. „Dummer Unverſtand,“— brummte er verdrieß⸗ lich,—„dieſes Adelsvolk iſt doch unverbeſſerlich; ſie bleiben unverſchämt, und wenn ihnen das Meſſer an der Kehle ſitzt No, meinetwegen!“—— Deſſenungeachtet trat er beim Londen freundlich † an Harder heran, der in ſeiner Ungeduld ihn gar nicht 183 geſehen und gänzlich vergeſſen hatte, und bot ihm die Hand zum Abſchiede.— „Na, dann leben Sie wohl, Herr Harring⸗“— ſagte er treuherzig,„ich gehe nun mit dem nächſten Dampfer nach dem Süden. Ich wünſche Ihnen alles Glück,— mehr als Ihr Leichtſinn verdient, der im Grunde genommen doch nur verantwortlich iſt. Es wird wohl manchmal etwas hart hergehen, ehe Sie Ihre Glücksträume verwirklicht ſehen, doch halten Sie nur die Ohren ſteif, guter Wille und energiſche Ausdauer vermögen manchmal mehr, als der beſte Verſtand. Le⸗ ben Sie wohl und ſo glücklich wie es gehen will.“— „Ich danke Ihnen, Mr. Roſt, leben auch Sie wohl, und kommen Sie gut nach Hauſe.“—— Der Alte ging und ſeine Worte waren vergeſſen.— Denn Hans hatte vollauf zu thun, um mit ſeinen Sinnen alles das Neue zu faſſen, von welchem man allerdings in der heimiſchen Reſidenz keinen Begriff ge⸗ habt hatte. Seine Seele war bei dem bunten Treiben dieſer Menſchenmenge, die alle Nationen in den oſt abenteuerlichſten und phantaſtiſchſten Coſtumen vertrat, und das Sprachgewirr machte ihm ein herzliches, nie geahntes Vergnügen. Wie bedauerte er es jetzt, nicht wenigſtens engliſch und franzöſiſch zu verſtehen, wodurch ſein Genuß noch bedeutend erhöht worden wäre!— 184 Hätten nur die Sprachen nicht ſo fabelhaft unanſtändig viel Mühe und ernſtes Streben erfordert, ſo hätte er ſie früher vielleicht doch gelernt— und heute bedauerte er wirklich, daß es nicht geſchehen ſei, und daß er die Mühe geſcheut habe, welche ſich nun in der neuen Hei⸗ mat doch gut belohnt gemacht hätte. Das war das Gie— und in dieſem lauten und vergnügten Treiben dachte und ahnte er noch nicht, wie vieles Nichtgeſchehene er noch beklagem ſollte! Nachdem er ſich eine geraume Zeit in dem bunten Treiben bewegt und mit heiterſter Laune manchen Stoß und Puff der immer geſchäftigen Menge geerntet hatte, begab er ſich nach der Stadt, und da er gehört hatte, daß der„Broad-way“, eine drei engliſche Meilen lange Straße, die ſich mitten durch die Stadt zieht, die Haupt⸗ ſtraße, und der Sitz des Luxus, der haute-volée und der ſchönen Welt New⸗Yorks ſei, beſchloß er, ſich zu⸗ erſt dahin zu wenden, um auf die gemüthlichſte Weiſe in alter Officiersart darin zu bummeln. Und wahrlich, New⸗York bietet dem Auge des Neuankommenden vor Allem ein impoſantes Bild des Lurus und des thätigſten Geſchäftsverkehrs vereinigt, wie man es in Europa wohl nur in London findet. New⸗ York iſt die eigentliche Hauptſtadt von Nordamerika, die Metropole des Handels nach allen Seiten des gro⸗ ßen Staates hin, zu der ſie beſonders durch ihre günſtige Lage emporgehoben wurde. New⸗York, welches vor zwei⸗ hunder Jahren kaum ein Tauſend Einwohner zählte, die keine Ahnung von der wichtigen Bedeutung dieſes Platzes hegten, zählt jetzt weit über eine halbe Million Seelen und hat einen Umfang von mehr als neun Mei⸗ len. Die alten Gebäude und Magazine ſind ſämmtlich durch neue und elegante erſetzt worden, und im„Broad- way,“ der Hauptſtraße der ſchönen Stadt, vereini⸗ gen ſich Handel und Geſchäftswelt mit der eigentlichen huute-volée und machen dieſelbe zum Glanzpunkte, zu einem Sitze des lebhafteſten Verkehrs, wie der Kunſt und Eleganz. Von dieſem„breiten Wege“ hatte Harder erzählen hören, und ihn ſuchte er auch zuerſt auf, um ſogleich einen Totakeindruck von der berühmten Stadt zu gewin⸗ nen, die ihm ſo ganz anders, ſo viel lebendiger und hei⸗ terer erſchien, als eine deutſche Reſidenz. Ueberall ſah er geſchäftig verkehrende Menſchen in allen Farben und Coſtumen, hörte er das lebhafte Kanderwelſch der ver⸗ ſchiedenſten Sprachen, alle Modulationen des Geläch⸗ ters und der Heiterkeit, und er fühlte ſich wie auf einem ungeheuren Maskenfeſte im Carneval, auf dem Keiner ſich um den Anderen kümmert, ſondern Jeder nur dar⸗ nach trachtet, heiter zu ſein und ſich zu amüſiren. 186 Hans ſchlenderte immer fort— doch wie follte er denn aus dieſem ungeheuren Chaos den gerühmten brei⸗ ten Weg finden?— Die Leute rannten alle als ob ſie gehetzt würden, ſo daß es unnütz geweſen wäre ſie anzu⸗ reden, weil doch Niemand darauf geachtet, ja im ſchnel⸗ len Vorüberfliehen die Worte gar nicht einmal gehört haben würde. Doch dort ſaß ja ein Schwarzer auf dem Steine, der mit ſeinen großen Augen die Straße hinabſtarrte, während der entſetzlich große Mund eine ihm angemeſſene Cigarre dampfte und die Hände nachläſſig in den tiefen Taſchen der weiten leinenen Pantalons ruhten, die neben einer eben ſolchen Jacke, nebſt Hemde und buntfarbigem Halstuche, ſeine ganze Bekleidung waren. Auf dem wol⸗ ligen Kopfe thronte ein Strohhut mit farbigem Bande, und die nackten Beine hingen über einander geſchlagen von den Steinſtufen hernieder, die in einen Branntweinladen führten. Der Kerl hatte augenſcheinlich nichts zu thun, ſchien ein koſtbares Stück von einem Neger zu ſein, und da Harder noch niemals mit einem Farbigen geſprochen hatte, beſchloß er ihn anzureden und nach dem Wege zu fragen. Er trat zu ihm hin und ſagte freundlich: „Mein Lieber, ſagen Sie mir doch, wie ich am ſchnellſten nach dem breiten Wege gelange; ich bin hier fremd.“— Der Schwarze blickte auf, nahm die Cigarre aus dem Munde, blickte nieder und lachte, daß hinter den dicken Lippen die ſchönſten weißen Zähne erglänzten,— aber er ſagte nichts, und ſchien den Fremden nunnicht weiter zu beachten. Hans' Intereſſe wuchs bei dieſem beluſtigenden Manöver, und er war entſchloſſen, ſich nicht ſo leicht ab⸗ ſchrecken zu laſſen. Er fragte deshalb etwas lauter. „Wollen Sie mir nicht antworten, guter Freund, ich bin hier fremd und bitte um Angabe des Weges.“ Wieder erfolgte dieſelbe Scene. Die Cigarre ver⸗ ſchwand und machte einem unmäßig breiten Fletſchen Platz, dann kehrte wortlos die alte Ruhe zurück. „Wollen Sie mir nicht antworten?“ frug Harder noch einmal. Jetzt aber ſchien dem Schwarzen die Geduld des paſſiven Schweigens zu vergehen, und wiederum, aber heftiger, ſeine mächtige Hand aus der Taſche hebend und die Cigarre zwiſchen den dicken Fingern reſervirend, er⸗ widerte er kurz und indignirt:„O speak english!“ — machte dann eine halbe Körperwendung auf ſeinem Ruhepunkte, die ihn von dem zudringlichen Fremden ab⸗ kehrte, und verſank wieder in ſeine alte Lage, augenſchein⸗ 188 lich mürriſch genug ob der Störung ſeiner koſtbaren Rh Nun befand ſich aber Harder im Zuſtande des Nicht⸗ verſtehens, doch enträthſelte er ſich das Wort„engliſch“ und es ward ihm klar, daß der Neger die deutſche Sprache ſeines Studiums nicht für würdig gehalten hatte, da es ihm mitderengliſchen gerade ſo ging, under ſchritt verdrieß⸗ lich weiter, durch die ſtrömende Menge hindurch, bis er auf einen langſam und gemüthlich ſchreitenden Mann ſtieß, deſſen ganzes Ausſehen ſofort den Dentſchen ver⸗ rieth. Von dieſem erhielt Harder gern und ausführlich die Beſchreibung des Weges,— underreichte bald die nicht mehr ferne, berühmte Straße. Da ſchritt er denn zwiſchen den impoſanten freund⸗ lichen Häuſern hindurch, die kühn und ſchlank dem Him⸗ mel entgegenſtrebten, und bewunderte ſtaunend die Ele⸗ ganz der Läden und Geſchäftslocale, von der er in der Heimat nur ſchwache Begriffe erhalten hatte. Alles war großartig, elegant und kühn; Alles ſchien Leben und glän⸗ zende Blüte, und die bunte Menge wimmelte geſchäftig dazwiſchen umher, wie ein ungeheures Ameiſenvolk. Hans konnte ſich nicht müde ſehen, nicht genug bewundern, und ſein Wohlgefallen an der neuen Heimat ſtieg mit jeder Stunde.. Er hatte in einem Hotel glänzend dinirt, und hie 189 und da eine Unterhaltung angeknüpft, doch hatte er we⸗ nigſtens darin den Rath Mr. Roſt's befolgt, daß er bei ſeinem angenommenen Namen blieb und ſich nicht als Adeliger ausgab. Er fühlte es gleichſam ſelber, daß in dieſer Sphäre der Adel nicht gedeihen könne, und man hielt ihn für einen der Tauſende ſeiner Landsleute, die mit der Abſicht einwandern, ſich anzuſiedeln. Hans lehnte nach dem Eſſen an einem Fenſter, dampfte eine Cigarre und blickte intereſſevoll auf die vor⸗ beiwogenden Menſchen nieder— als ein ſchon ältlicher Mann zu ihm trat, der ſeinem Geſpräche zugehört und ihn unbemerkt ſchon längſt beobachtet hatte. Ohne erſt von Harder beachtet zu werden, ſetzte er ſich ihm gegenüber und ſagte endlich in gutem Deutſch: „Sie ſcheinen eben erſt angekommen zu ſein, Herr, haben Sie ſchon Ihre Pläne für die Zukunft gemacht, oder kann Ihnen ein vielerfahrener Geſchäftsmann, dem ſchon mancher neu ankommende Landsmann Vertrauen ſchenkte, mit Rath und Vermittlung nützlich ſein?“— Eben flog ein ſtechender Blick aus den grauen Au⸗ gen zu Harder hinüber, allein als dieſer aufſah, blickte er in das gutmüthigſt ehrliche Geſicht, dem man nicht leicht mißtrauen konnte. Dieſer Mann erſchien unſerem Freunde wie ein Schickſalsbote, und er beſchloß ohne Zögern, ihn um ——— —— — 190 Rath zu fragen, der ihm ja keineswegs geführlich werden konnte,— da er ſelber klug genug war, das Gnte von dem Schlechten zu unterſcheiden. „Sie haben Recht geſagt, mein Perr, ich bin erſt angekommen und mit den hieſigen Verhältniſſen noch nicht ganz vertraut. Für Ihren freundlichen Rath würde ich Ihnen um ſo dankbarer ſein, da man ihn in i Fremde nur ſelten findet.“ „Nichts iſt richtiger als dieſes, und Sie können mir unbedingt vertrauen. Ich bin ſelber geborner Deutſcher und liebe meine Landsleute plee ſo daß ich immer bemüht bin, ihnen mit Rath und Vermittlung beizuſte⸗ hen. Es fragt ſich nur, was Sie hier anfangen und welcher Art Betriebe Sie ſich widmen wollen. Faſt möchte es mir erſcheinen, als wäre Ihnen am meiſten mit einer Farm gedient?“ „Ihr Blick iſt ſcharf und— Sie haben wiederum recht geſehen, Herr. Ein kleines Beſitzthum mit weni⸗ gen Dienern würde meinen Wünſchen wirklich am meiſten entſprechen, und es w äremir ſehr erfreulich, wenn Sie zufällig ein ſolches als verkäuflich wüßten.“ „O nicht das allein, lieber Landsmann, Sie ſollen es noch bequemer haben, denn ich ſelber bin mit dem Verkaufe einiger beauftragt und bitte Sie nur, mir nach meinem Comptoir zu folgen, da können 19¹ Sie gleich das Nähere einſehen. Eine kleine Farm vor Allem ſcheint mir wie geſchaffen für Sie, und ich bin ſicher, daß Sie ebenfalls dieſelbe wählen wer⸗ den. Wenn der Beſitzer nicht geſtorben und die Witwe nicht eine ſchwache und kränkliche Frau wäre, und übrigens bemittelt genug, um forgenfrei in der Stadt leben zu kön⸗ nen, ſo wäre dieſe Farm nie verkäuflich geweſen, denn ſie iſt ſo ſchön und voll Annehmlichkeiten, daß ſie kein Be⸗ ſitzer verlaſſen mag.— Ich hoffe, Sie werden ſich davon noch ſelber überzeugen können.“ „Das iſt mir eine ſehr angenehme Nachricht,“ erwiderte Hans ſichtlich erfreut,„und ich zweifle nicht, daß wir uns bei dem Geſchäfte einigen werden. Wo liegt denn die fragliche Beſitzung?“ „Allerdings etwas weit ab von hier, aber in der ſchönſten und fruchtbarſten Gegend Nordamerikas, im Staate Louiſiana, und keine ganze Tagereiſe jenſeits des Miſſiſſippi, auf welchem Sie die Reiſe billig und an⸗ genehm mit dem Dampfer unternehmen können. Die Gegend iſt wunderbar fruchtbar, die Farm von zwei Schwarzen, einem Selaven und einer Seclavin im beſten Stande erhalten, und es kommt nur auf den Beſitzer an, ſie ſpäter noch zu vergrößern, da ein Stück Urwald mit ungehenren Baumſtämmen daran⸗ lehnt, der mit der Zeit gerodet und urbar gemacht — 192 werden kann. Sie gewinnen dann außer dem frucht⸗ baren Boden noch Unmaſſen von Holz, die ſo nahe am Fluſſe verwerthet werden können.“ Dieſe Nachrichten klangen ſehr angenehm, und Harder folgte s un Geſchöftemnne mit eiligem Schritte, deſſen Comptvir ſie bald erreichten. Hier trafen ſie einen anderen ſehr fein uns ſehr gelehrt ausſehenden Herrn mit goldener Brille, der in großen Handlungsbüchern arbeitete und den Harders hel fender Freund von des jungen Landsmanns Wunſche eine Beſitzung zu acquiriren, unterrichtete, und ihn zugleich auf die Farm am Miſ ſſiſſippi aufmerkſam machte, welche für den Herrn wohl die paſſendſte ſ ſein di 3 Der Andere blickte aus ſinen Buche empor, ſchlug in einem Regiſter nach und ſagte mit wichtiger Miene: † „Die kleine Faum iſt allerdings noch zu haben, und obgleich ein Irländer um dieſelbe handelt, iſt Ihnen doch der Verkauf unverwehrt, da uns der Andere noch keine Garantie gegeben hat. Sehen Sie hier— dabei † ſchlug er ine große Karte aus einander— ie liegt die Farm: 150 Acres Land, durchweg und gut ge⸗ baut, ein Blockhaus darauf und zwei kräftige Schwarze für 3000 Per— das iſt ein Spottgeld. Beſinnen Sie ſich nicht lange, denn ich verſichere Sie, Sie machen 2 1 einen guten Kauf— und ich rathe Ihnen als Lands⸗ mann und Freund, da ich bei dieſem Geſchäfte nur ge⸗ füälliger Vermittler bin.“ „Dreitauſend Dollars iſt mir zu hoch, mein Herr, und würde meine Kräfte überſteigen, um ſo mehr, da ich augenblicklich keine bedeutende Summe disponibel habe und erſt eine Herſendung aus Deutſchland erwarten muß.“ „Gut,“ erwiderte der Andere ſehr beſtimmt,„Sie ſollen uns coulant finden. Wir wiſſen, daß deutſche Lands⸗ leute einander nicht betrügen. Sie bewilligen ohne Handel den Kaufpreis von 3000 Dollars, zahlen darauf was Sie disponibel haben, und wir ereditiren Ihnen den Reſt ge⸗ gen ſichere Verſchreibung. Sind Sie damit zufrieden?“ Harder glaubte es ſein zu können; er beſann ſich nicht lange, ſagte zu, und obgleich die beiden Commiſſionäre mit einer Bezahlung von vierhundert Thalern nicht recht zufrieden waren, hielten ſie zu Härder's großer Freude doch Wort; der Contract wurde ausgefertigt, die bedun⸗ gene Summe ausgezahlt, die Verſchreibung von Hans unterzeichnet, und binnen einer Stunde war er von der Regierung beſtätigter Beſitzer einer Farm am Miſſiſſippi, und fühlte ſich in dieſem Bewußtſein froh und glücklich. Vorüber waren nun die Sorgen, die ihm manche unruhige Stunde verurſacht hatten, und nachdem nun Alles ſo glücklich abgegangen und er im Beſitze einer Ehre. MI. 13 194 blühenden Farm war, lachte er der Befürchtungen des alten üngſtlichen Advocaten. Sobald er auf ſeinem Be⸗ ſitzthum angelangt war, wollte er an ſeinen Vater um Geld ſchreiben, dann könnte er ſeine Schulden bezahlen und könnte in ſeiner Einſamkeit, in der es herrliche Jagdgründe geben ſollte, der glücklichſte der Sterblichen werden. Die Nothwendigkeit hatte ihn ſchnell mit der Ausſicht verſöhnt ein Bauer zu werden, das Romantiſche ſeines zukünftigen Farmer⸗ und Jägerlebens lockte ihn, und daß dieſer Geſchmack ſich bald einmal ändern könne, daran dachte er jetzt am allerwenigſten. Amerika war doch nicht ſo ſchlimm, wie er es Mr. Roſt's Schilderungen nach gefürchtet hatte. Doch ſein neuer Freund drängte ihn zur Abreiſe. „Sie müſſen eilen,“ rieth er ſorglich,„um nicht dem Unheil auf Ihrer Farm Eingang zu verſchaffen, was gar zu leicht geſchieht, wenn der Herr fehlt. Noch heute geht ein Dampfer nach dem Süden, da müſſen Sie mit⸗ fahren, und kommen ſo am ſchnellſten in die neue Hei⸗ mat und auf Ihr Eigenthum.“ Harder hätte nun zwar gern New⸗York noch etwas genoſſen, doch das Wahre dieſer Warnung wie ſeine ziemlich leere Caſſe waren zwei Vernunftgründe, die ihn ſchnell zur Annahme des guten Rathes beſtimmten. Sein neuer Freund geleitete ihn noch zum Dampfer und nahm mit den herzlichſten Segenswünſchen und manchem guten Rathe von ihm Abſchied. „Die Deutſchen ſind doch gut,“— dachte Hans als er nun allein war, faſt gerührt,„wie hätte ich daran denken können, hier, im fremden Lande, eine ſo herzliche Theilnahme zu finden!“ Dann fühlte er noch einmal nach ſeinem Kauf⸗ briefe, der wohlverwahrt in der Bruſttaſche ruhte, und ſchlenderte nachläſſig auf dem Verdecke des Dampfers auf und nieder, der einer Arche Noah's voll allerlei Menſchenracen glich. Auch Indianer ſah Hans hier zum erſten Male, die den Dampfer benutzten, um nach dem Süden zu gelangen, und bewunderte ihre edle, ernſte Haltung und die eigenthümlichen Schmuckſachen, die ihre Glieder zieren ſollten. Mit mächtigem Rauſchen griffen unterdeß die Rä⸗ der des Dampfers vorwärts, und wie ein Vogel ge⸗ ſchwind, flog er den ſtolzen Strom hinab.——— In einer der freundlichſten Farmen des Staates Louiſiana, die einem Mr. Stephenſon gehörte, ſaß dieſer mit ſeiner Familie eben beim Mittageſſen, als ein Frem⸗ der die Farm betrat und ſeinen prüfenden Blick wohl⸗ gefällig auf den blühenden Anlagen ruhen ließ. Alles, was er da erblickte, trug den Stämpel der Sorgfalt und Ordnung, und ſehr zufrieden ſchritt der Fremde dem 13* 196 freundlichen Blockhauſe zu, das von tragenden Pfirſich⸗ bäumen ringsumher beſchattet ward. Da ihm Niemand entgegen kam, murmelte er lachend: Man merkt doch, daß noch kein Herr hier iſt, und trat unverzüglich in das offene Haus. Sein Erſtau⸗ nen war jedoch nicht gering, beim Oeffnen des Zimmers eine ganze ſpeiſende Familie vor ſich zu ſehen, deren greiſes Oberhaupt mit fragendem Blicke entgegenkam. „Willkommen, Herr!“ ſagte der alte, ernſte Mann und reichte die Hand,„Sie kommen noch zurecht, um unſer beſcheidenes Mahl zu theilen. Setzen Sie ſich, Herr, und Sie vorlieb.“ Und mit der herkömmlichen Gaſtfreiheit, die keinen Reiſenden ungeſpeiſt von ihrer Thür ſchickt, keinem Fremden ein Nachtlager verſagt— ward ſofort ein Ge⸗ deck für den Fremden aufgelegt und er zum Eſſen ge⸗ nöthigt, zu dem ihn der Weg mit kräftigem Appetite verſorgt hatte. In Ermangelung eines Reitthieres war der Reiſende ſeit Sonnenaufgang gewandert. Als er geſättigt war, mußte er dem Wirthe Be⸗ ſcheid trinken und eine Cigarre anzünden— die Familie verſchwand aus dem Zimmer, und die erwartungsvolle Stellung des alten Herrn zeigte an, daß er bereit ſei, das Anliegen ſeines Gaſtes zu hören. „Nach alledem, was ich geſehen habe,“— begann 16 „ dieſer zögernd,„muß ich annehmen, daß ich trotz der ſ genauen Wegbeſchreibung doch verirrt und nach einer 3 anderen Farm gelangt bin, ſtatt auf die, nach welcher mein Weg mich führen ſollte. Dieſes iſt nicht die früher Stephenſon'ſche Farm?“ „Doch, Herr, ſie iſt es noch,“ erwiderte der alte Herr mit einem ſonderbaren Lächeln,„und ich ſelber bin ₰ 2 John Stephenſon, Beſitzer der der jetzt aber faſt 6 glauben muß, Sie gehören auch zu den armen Betrogenen, die den alten John Stephenſon längſt im Grabe wähnen.“ „Allerdings,“ erwiderte Harder immer mehr ver⸗ legen,„theilte mir der Commiſſionär, welcher mir die Farm verkaufte mit, daß Mr. Stephenſon verſtorben ſei und ſeine kränkelnde Witwe eben nur deshalb die blühende 1 Farm verkaufen wollte. Ich bitte Sie, erklären Sie mir das, denn ich habe dieſe Farm gekauft, mit dem Kauf⸗ briefe in der Taſche, um von derſelben Beſitz zu nehmen.“ 4.„Der wahrſcheinlich eben ſo gefälſcht und eben ſo werthlos iſt, als die ſechs Stücke, welche bereits ſechs„ Vorgänger vor Ihnen brachten, die ebenfalls von meiner Farm Beſitz nehmen wollten.“ „Was ſagen Sie?“ rief Harder heftig und entſetzt, „mein Kaufbrief unecht, werthlos?— Sie irren, mein Herr Stephenſon, oder wer Sie ſonſt ſein mögen; mein Kaufcontract iſt vom Hauſe Thomſon u. Comp. in New⸗ York ausgeſtellt und von der Behörde beſtätigt worden.“ 197 198 „Richtig, alſo jetzt in New⸗York; gerade ſo hießen die Schurken ebenfalls, welche die früheren Contracte ab⸗ geſchloſſen hatten, nur daß ſie theils aus Philadelphia, theils aus Baltimore datirt waren.— Die Beſtätigung der Behörde war aber auf allen nachgemacht und gefälſch.“ „Himmel, was ſagen Sie da!— So wäre ich alſo betrogen!“ rief Harder außer ſich gebracht und kaum im Stande ſeine Faſſung nur einigermaßen zu be⸗ wahren.„Nein, nein, doch— das iſt ja nicht möglich, und ich bin weder dumm noch leichtgläubig genug, mich ſo leichten Kaufs prellen zu laſſen Die Pflanzung ge⸗ hört mir, denn ich habe ſie gekauft, und die Behörde wird mir nöthigenfalls mein Recht verſchaffen, wenn Sie mir es nicht gutwillig zugeſtehen, und mir die Farm ein⸗ räumen wollen, Mr. Stephenſon.“ „Das heißt, die Behörde wird Ihnen beſtätigen, daß Sie betrogen ſind und Ihnen befehlen, meinen Frieden nicht mehr zu beunruhigen— ich kenne das. Ihre ſechs Vorgänger haben gerade ſo geredet, haben auch die Behörden angerufen, und ſind überzeugt worden, daß ſie 5 geprellt waren, und daß die Farm rechtmäßig mir ganz allein gehört. Ich werde ſie auch niemals verkaufen, kann jedoch auch nichts dafür, und nichts dagegen an⸗ ſtellen, wenn ſie gewiſſenloſe Speculanten unter ihren Hammer bringen und unvorſichtige Thoren damit 109 betrügen, die da kaufen ohne nach dem Rechte des Verkäufers zu fragen. Ich bedauere Sie, Herr, aber ich kann Ihnen doch nicht helfen, und Sie können es mir nicht verdenken, daß ich, John Stephenſon, Farmer auf „ dieſer meiner Farm bin und bleibe, allen Ihren unechten Kaufbriefen zum Trotze. Ich kann es Ihnen auch nicht verdenken, wenn Sie die Behörden deshalb befragen und ſich Gewißheit verſchaffen— für jetzt aber ſind Sie mein Gaſt, und es iſt meine Pflicht, Ihnen das Unan⸗ genehme des Vorfalls wenigſtens ſo lange vergeſſen zu machen, als Sie in meinem Hauſe weilen.“ „Sie wollen alſo die Farm nicht räumen?“ rief Harder heftig dagegen,„wollen mich nicht in meinen wohlerworbenen Beſitz treten laſſen?— Sehen Sie hier, da ſteht es: Das Haus, Feld, ein Stück Urwald und zwei Sclaven.“ „Ziemlich genau unterrichtet,“ entgegnete der Alte trocken,„es iſt weiter Keiner vergeſſen, als ich und meine Familie; wir ſind doch aber immer noch die Hauptper⸗ ſonen, und werden ſie auch wohl bleiben müſſen.“ „Sie wollen alſo mein Beſitzthum gutwillig nicht räumen?— Iſt das Ihr letztes Wort, Mr. Stephenſon?“ rief Harder außer ſich, denn vor ſeiner bedrängten Seele ſtand das Schickſal mit der Fackel des Verderbens in den Händen. S 200 „Mein letztes Wort, ich bleibe auf meinem Be⸗ ſitzthume!“ 8.„Dann leben Sie wohl, doch werden Sie bald von mir hören!“ „Bin begierig!“ erwiderte Alte phlegmiatiſch, und blickte kopfſchüttelnd dem Hinwegeilenden nach, der den Weg hinabflog, ie von Furien gepeitſcht. Doch je weiter er kam, um ſo ruhiger ward ſein Schritt, um ſo verzweifelter ſein Ausſehen. Er durfte nicht mehr zweifeln, er war betrogen, betrogen um ſein Letztes, und ſtand nun ganz mittellos und entblößt, mitten in einer furchtbar ſchönen Wildniß— fern der Heimat, fern jeder rettenden Hand. Eine wahnſinnige Angſt packte ihn und ſchüttelte ſeine Glieder. Die ſchrecklichſten Bilder der Zukunft gaukelten vor ihm her und in ſeiner Seele lebte kein Plan und keine Hoffnung mehr. Verzweifelnd an ſeinem Geſchicke, überſchritt er die Grenze der Farm, die er mit ſo freudigem Eigen⸗ thümerbewußtſein betreten hatte; ſein Muth war ge⸗ brochen, ſeine Hoffnung tief gebeugt, und langſam, mit ſchweren Schritten verfolgte er den Weg nach New⸗Orleans.— Ende des dritten Bandes. Druck von Lutſchansky& Spitzer. 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 1