deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oitmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rücgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Aponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 ßücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: F— Pf 1 W 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Bibliothek deutſcher Briginalromant. Siebenzehnter Jahrgang. Siebenter Band. 6 E h ve H. Wien. H. Markgraf& Comp. 1862. Ehrr. Roman in ſechs Büchern von Julius Mühlfeld. Nicht trotz auf Väter Ehre, die eign'e nur iſt Dein, Der Spanner kann den Bogen nur nennen Sein, 4 Was frommt der Werth Dir, welcher nicht mehr verweilet? Mit eig'ner Fluth der Kraftſtrom durch's Meer hineilet. 3 Fritjofsſage.) Zweiter Theil. ₰63 e⸗ H. Markgraf& Comp. 1862. — — * — Inhalt. Erſtes Capitel. Fluth und Rückfluth Zweites Capitel. Glück und Ehre. Drittes Capitel. Ein Abend bei Silbermann Viertes Capitel. Brot und Ehre Fünftes Capitel. Im Dunkel der Nocht. Sechſtes Capitel. Ein Mädchenherz. Siebentes Capitel. Franzöſiſch und Deutſch Achtes Capitel. Der Reconvalescent 6 Ehre —— ———— Erſtes Capitel. Fluth und Rückfluth. Die Uhr ſchlug zehn Uhr Morgens und eine ungeduldige Bewegung der Signora verlieh Marien's Fingern Flügel, während ſie die letzten Kunſtgriffe der wundervollen Friſur mit vielem Geſchicke beſorgte. Es war eine ſchlimme Stunde für Marie, wenn ſie die Toilette der Signora beſorgen mußte und dieſe war in ſchlechter Laune. Dann konnte ſie vergeblich alle Runſt und die ganze Geſchicklichkeit ihrer zarten Finger aufbieten, dann konnte ſie noch ſo ſchnell das prachtvolle ſchwarze Haar der Signora, welches in faſt nicht zu bewältigender Fülle iyre hohe Stirn ein⸗ rahmte, in dieſe wundervolle Friſur geſtalten, welche die Signora ſo gerne trug;— dann war Alles um⸗ ſonſt. Die gereizte Stimmung mußte einen Ableiter finden, und ihr ſcharfes Ange fand ihn ſicher bei der Toilette. Bald war dieſes, bald das verſehen, bald Ehre. U. 1 ſteckte Marie das Haar zu hoch, bald zu tief,— bald auch war das ganze Arrangement abſcheulich und ward mit einem ſchnellen Griff zertrümmert, ſo daß die üppigen Haarwellen auf's Neue herniederfloſſen bis auf den Fußboden.— Geduldig begann dann Marie ihre Arbeit von Neuem, und ſuchte durch verdoppelte Sorgfalt das Gewitter zu zerſtreuen, das drohend durch die dunkeln Wimpern blickte und nur eines Anſtoßes bedurfte, um mit füdländiſcher Gluth und Wuth hervorzubrechen. Marie klagte nie, erwiderte nie etwas auf die Beſchuldigungen und Zornausbrüche der Herrin. Sie ließ es toben und blitzen und donnern, ſo viel es eben wollte, und je duldſamer und ſchweigender ſie blieb, um ſo ſchneller ging auch der Gewitter⸗Stoff zu Ende und trat die alte Ruhe wieder ein. 1 Auch heute hatte es gedonnert und heblitzt, auch heute ſtanden auf Mariems Stirn dicke Schweiß⸗ tropfen als ſie nun endlich die letzte Flechte des reichen Haarſchmucks befeſtigte und hochathmend die letzte Spie⸗ gelprüfung der Signora abwartete. Doch ging dieſe ausnehmend ſchnell vorüber, denn die Gedanken der Signora waren bereits nicht mehr bei der Toilette. Das Gewitter ſchwebte fort und fort drohend auf der marmorweißen Stirn und blitzte zu⸗ 8 weilen aus den dunkeln Brauen hervor;— doch hatte die Signora eben Anderes zu denken, denn ſie ließ ohne weitere Bemerkung theilnahmlos ihre Haustoilette voll⸗ enden und ließ ſich dann gedankenvoll auf den ſchwellen⸗ den Divan nieder. Sie hatte geſtern Abend vergeblich auf Harder ge⸗ wartet. Er wußte, daß ſie allein war, ſtets allein des Abends, um ſo mehr, da jetzt in der Reiſezeit viele ihrer Verehrer die Reſidenz verlaſſen hatten. Vor eini⸗ gen Tagen hatten auch die Ferien der Oper begonnen, welche die Signora ſtets in der Reſidenz verlebte, einge⸗ ſchloſſen in ihr möglichſt gekühltes Boudoir— ſtatt wie die meiſten ihrer Colleginnen die Zeit mit Reiſen zu zer⸗ ſtreuen.„Wohin ſoll ich reiſen?“ frug ſie wohl, wenn man ihr rieth, deßgleichen zu thun,—„nach Norden mag ich nicht, es iſt hier ſchon ſchrecklich genug, und ich habe einen Abſcheu gegen Alles, was Eisbär heißt, oder mit ihm zuſammen hängt, und in Italien, dem einzigen Lande, wohin ich reiſen möchte, iſt die Hitze jetzt wo möglich noch größer, die hier ſchon unerträglich genug iſt. Nach Italien muß man reiſen, wenn man hier ſagt, es iſt Winter, dann iſt es ſchön in ſeinen herrlichen Ge⸗ ſilden!“— Da im Winter aber ihr Engagement ſie feſ⸗ ſelte, kam ſie dann auch nicht in das Land ihrer Sehn⸗ ſucht und ihre einzige Erholung in dieſen heißen Ta⸗ 1* 4 gen war eine Spazierfahrt gegen Abend. Hans von Harder war dabei ihr ſteter Begleiter und nur ungern hatte ſie ihm geſtern Urlaub gegeben, da er die Ein⸗ ladung bei Welling nicht ablehnen konnte. Aber ſie hatte ihn ſicher am Abende noch er⸗ wartet. Er wußte, daß ſie bis ſpät in die Nacht mun⸗ ter war, da ihr dann, nach der abendlichen Kühle am wohlſten war;— er wüßte auch, daß er ihr will⸗ kommen ſei, ſelbſt wenn die übliche Beſuchsſtunde längſt vorüber— und dennoch war er nicht gekommen, hatte er ihr nicht einmal einen guten Nachtgruß gebracht, nach ſo vielen Stunden des Entbehrens!— Die Signora hatte gewacht, bis ſchon die erſten Lichtſtrahlen den neuen Morgen kündeten— Hans war nicht gekommen; ſie hatte ſich geärgert wie ein verzogenes Kind, zur Abwechslung auch einmal Thränen des Unmuths geweint, und endlich ſich nie⸗ dergelegt, aufgeregt durch Erwartung und Langweile und der bitterſten Empfindungen voll. Aber ſie konnte nicht ſchlafen.— Wie ſie ſich auch mühete, der Schlummer wollte ihr nicht nahen; — und immer dreiſter und lacheuder blickte ihr der Morgen durch das Fenſter. Mit einem Heere quälen⸗ der Gedanken, welche unaufhaltſam durch ihren Kopf ſchwirrten, immer auf's Neue den nahenden Schlum⸗ 5 mer verſcheuchend, überfiel ſie eine unerträgliche Hitze — eine erſtickende Gluth, die ſich niederſenkte auf ihre Bruſt, wie die glühenden Wellen eines Dampfbades, ſchwer und beängſtigend— ſo daß ſie endlich wie ge⸗ foltert aufſprang, das Fenſter aufriß und hinauslehnte in die kühlende Morgenluft. Alles war ſtill rings umher. In dieſer Straße regte ſich um dieſe Stunde noch nichts, während in anderen Stadttheilen die gedrückte Armuth vielleicht ſchon wieder zur neuen Tageslaſt eilte— und die Sängerin trank mit vollen Zügen von der erquicken⸗ den Morgenluft. Lange lehnte ſie da am Fenſter, und während ihr Auge hinausſtarrte in die Straße, ohne ſie zu ſehen, flog eine reiche Schaar Gedanken an ihr vor⸗ über.— Wo mochte er ſein, wo geweſen ſein, daß er ſie geſtern Abend nicht noch aufgeſucht, wie er es ſtets gethan hatte, auch wenn er einmal in Geſellſchaft ge⸗ gangen war ohne ſie?— War er ſo lange bei Wel⸗ ling geweſen,— ſo außergewöhnlich lange, und was hatte ihn dort gefeſſelt?— War dieſe Tochter viel⸗ leicht eine Zauberin, die ſchnell ihre Feſſeln um den geſchlungen,— der doch ihr gehörte, ihr, der Signora Corrado, und den ſie ſich nicht wollte entreißen laſſen, nun und nimmermehr und von Niemandem?— Sie hatte ſchon zu viel verloren, hatte ſchon zweimal den Schmerz gefühlt, und die unendliche Seelenqual des Wortes Verlaſſenſein durchkoſten müſſen.— Hans durfte ihr nicht verloren gehen— ſie wollte es nicht, um keinen Preis!— Ihn mußte ſie erhalten, und wenn zehn Arme ſich nach ihm ſehnten:— er war der Ihre und er ſollte und mußte es bleiben— um jeden Preis! Sie war vom Fenſter zurückgetreten und ging hoch aufgerichtet im Zimmer auf und nieder. Ihre Aufre⸗ gung ſtieg von Minute zu Minute und das leiden⸗ ſchaftliche Blut pulſirte fieberhaft durch die Adern. Wohin, wie weit hatte ſie ſich verirrt! O Ma⸗ rie Corrado, wo ſind Deine Schwüre geblieben,— wo bleibt Deine Rache! Feindſchaft den Männern, dem Schlangengeſchlecht, auf Leben und Tod; Gift ihnen unter der Maske der Liebe— doch niemals mehr ein Herz! So hatteſt Du geſchworen, als Armand Dich verließ, und Du elend und verzweifelt unter der Laſt des Schmerzes und der Schande in der Veranda ſaßeſt,— wo Du früher mit ihm gekoſet!— Marie Corrado, wo ſind Deine Schwüre, die Du wiederholt hatteſt, als Brandach Dich verlaſſen— und Du den hübſchen blonden Jungen, den er Dir zugeführt, als Spielwerk Deiner Coquetterie gebrauchen wollteſt!— Marie Corrado, jetzt kannſt Du den Schlummer nicht finden, auf Deinen ſeidenen Pfühlen, weil Du ihn ein paar Stunden lang nicht geſehen haſt;— und weil er einmal nicht kam, da Du ihn erhoffteſt, bangt Dein Herz in Angſt und Aufregung, das Spielzeug zu ver⸗ lieren, ohne das Du nicht mehr leben kannſt? O Ma⸗ rie Corrado, wo ſind Deine Schwüre?— Denke an Italien und an Armand!— Ja ſie gedachte ſeiner! Weiter und weiter flogen ihre Gedanken, zurück bis in die duftigen Thäler ihrer Heimat. Da ſah ſie ihn wieder, ihn, den ſie einſt über Alles geliebt, an deſſen Seite ſie ſich im Paradieſe ge⸗ träumt, und in deſſen dunklen Augen voll Leidenſchaft und Gluth ſie den Himmel geſehen hatte. Sie ſah ihn wieder in ſeiner zärtlichen Liebe zu ihren Füßen liegend, lebte, fühlte ſie alle noch einmal durch, die Stunden in der ſchattigen Veranda— den ganzen goldenen Liebes⸗ traum— ſah ſich luſtberauſcht in ſeinen Armen— ver⸗ laſſen dann— unglücklich, elend, mit Schande bedeckt: dem Wahnſinne nahe!— Sah ſich dann am Sterbe⸗ bette des alten blinden Vaters, den ſie vernachläſſigt hatte um ſeinetwillen,— durchlebte ſie noch einmal auch die ſchwerſte Stunde ihres Lebens— und ſank dann ächzend auf den ſammtenen Divan nieder. Jo, ſie gedachte Sein!— Doch nicht in Liebe— nicht mild und verſöhnlich:— eine Hölle tobte in ihrer — — 8 Bruſt, und Haß, unauslöſchlichen Haß ſchwor ſie ihm von Reuem in jedem Augenblick, wo ſie Sein gedachte! Von Neuem trieb es ſie empor von ihrem Ruheplatze, von Neuem eilte ſie hochathmend im Zimmer auf und nieder, und ihre Lippen ſprudelten Zorn und Berwün⸗ ſchungen und riefen den Fluch des Himmels hernieder auf den Räuber ihres Lebensglückes.— Deutſche mögen vergeben, mögen deſſen noch in Liebe gedenken können, der ſie unglücklich gemacht hat, weil ſie ja doch einmal glückliche Stunden mit ihm verlebten— weil er ſie— weil ſie ſich geliebt haben— ehe er ſie verließ; Deutſche mögen auf den noch den Segen des Himmets herab⸗ rufen und, ſich ſelber reſignirend und in ihr Unglück zurückziehend, beten können„wenn nur Er wenigſtens ½ glücklich iſt!“— die Italienerin aber kennt die Ver⸗ gebung nicht. Ihr Gebet iſt Fluch, ihr Sehnen Rache— und von den Heiligen flehet ſie Erfüllung derſelben her⸗ ab, wie ſie die Gnade von ihnen erhofft. Hochaufgerichtet, mit blitzenden Augen, ſtand die, Signora da im leichten Nachtgewande; ihre Lippen flü⸗ ſterten düſtere, unheilvolle Worte und ihre Augen blickten empor zum Bilde der Gebenedeiten, und fleheten zur Gottesmutter um Erfüllung ihrer Rache! Ein neues Bild aus der Heimat drängte ſich her⸗ auf. Zwei Augen, dunkel und ſchön, lachten ſie an mit ——— kindlich lieblicher Freude!— Verflucht— Hölle und Satan über die ganze Brut!— Sie haßte Alles, was ſie an ihn erinnerte— ſie wollte nichts wiſſen, nichts ſehen mehr:— und Hans, Hans kam noch im⸗ mer nicht!„Hans, rette mich vor mir ſelber“— flü⸗ ſterte ſie angſtvoll— aber es war ja kaum Morgen— Hans lag wohl noch im tiefſten Schlummer und träumte von Eugenien's reizendem Bilde:— Hans kam nicht, konnte noch nicht kommen, und die Signora weinte Thränen des Zorns und der Angſt in die Kiſſen ihres Divans.— Da lag ſie lange, ausgeſtreckt und regungslos, und nur das öftere Beben, das convulſifiſch die ganze Geſtalt durchflog, zeugte von ihrem Leben. Der Morgen brach an, Marie trat in dus Ge⸗ mach der Herrin und war nicht wenig erſtaunt, ſie ſchon aufgeſtanden zu finden. Noch immer ruhte die Signora und verbarg ihr Antlitz in den Kiſſen. Doch hatte ſie das Mädchen wohl kommen hören, und als ſie nun ſich erhob und nach der Dienerin hinblickte, waren ihre Züge zwar kalt und ru⸗ hig, doch auf der Stirn und um die Augen ſchweb⸗ ten wohl bekannte Gewitterwolken, die Marie erbeben machten. Der Morgen verging, der Signora einziger Ge⸗ —— ——— ———— ——— —— — 0 danke war Hans— und ſie ließ um 9 Uhr Toilette ma⸗ chen, da er um zehn zu kommen pflegte, und dann bis zur Parade blieb. Die qualvolle Stunde war vorüber, die Signora prangte in einem reizenden Hauscoſtüme und nach flüchtiger Spiegelprüfung ließ ſie ſich erwar⸗ tungsvoll auf den Divan nieder,— während Marie hochaufathmend das Gemach verließ. Nnn mußte er bald kommen, und im Sonnenſcheine ſeiner zärtlichen Liebe ſollten alle ihre Befürchtungen entfliehen. Endlich ſchlug die Glocke zehnmal, und die Stunde war da, wo er kommen mußte. Wie däuchten ihr heute nur die Schläge der Uhr ſo langſam und feierlich, daß ſie betroffen aufſah, als ob ſie die warnende und ſtrafende Stimme des Gerich⸗ tes höre!— Was waren es nur für böſe Geiſter, die heute raſtlos ſie umſchwebten, und ſie ängſtigten in ih⸗ ren eigenen Gedanken?— Aber Hans mußte ja kommen, er war ſicher ſchon auf dem Wege nach ihrem Hotel;— nur wenige Mi⸗ nuten noch und ſie fand in ſeiner Liebe den Sonnenſchein des Glückes wieder, vor dem alle Nachtgeſpenſter zurück⸗ ſinken mußten in ihr dunkles Element. Die Minuten vergingen und mehrere noch und immer noch hörte die Signora den elaſtiſchen Schritt nicht auf den Stiegen, welchen ſie unter Tauſenden her⸗ 11 auserkaunt hätte mit dem Scharfblick der Liebe; noch immer kam Hans nicht und raſtlos rückte der unbarm⸗ herzige Zeiger weiter, raſtlos flog die Zeit dahin, mit jeder neuen Minute die Qual der Signora erneuernd. Vergebens verſuchte ſie zu leſen, vergebens am Pianoforte durch Geſang ſich zu zerſtreuen, er mußte ja endlich doch kommen— er konnte ſie ja doch nicht ver⸗ laſſen haben!— Die Unruhe trieb ſie immer von Neuem zur Uhr zurück, zu deren geheimnißvollen Zeigern ſie aufblickte mit Furcht und Entſetzen, in ſchwebender Pein. Und er kam noch immer nicht. Langſam ging die Signora im Gemache auf und nieder, den quälendſten Vorſtellungen Raum gebend.— Da hob die Uhr von Nenem aus und eilf ſilberhelle Schläge erzitterten langſam und feierlich die Luft. Als ob ſie ein Geſpenſt ſähe, ſtarrte die Signora zu dem Zifferblatte hin,— mit weit vorgeſtreckten Ar⸗ men das Schreckliche abzuwehren verſuchend:— umſonſt, die Stunde war um, und nun konnte er nicht mehr kommen. „Verlaſſen!“— ſtöhnte ſie,„verlaſſen!“ ſchrie ſie mit der Kraft der Verzweiflung.— Hoch auf wogten die Wellen des Blutes, die Bruſt erſtickte unter der Macht der fluthenden Empfindungen:— und ſinnlos ſtürzte ſie auf den Boden nieder. Marie, welche im Vorzimmer den Angſtſchrei ver⸗ nommen hatte, eilte herbei, trug mit Anfwand aller Kräfte die Signora zum Divan hin, löſte die Gewänder uud ſuchte mit ſtärkenden Eſſenzen das ſtockende Leben neu zu wecken. Nach vielen Bemühungen gelang dieſes endlich; die Signora ſchlug die Augen auf und ihr Blick eilte unſtät im Gemache umher. Endlich ſchien ſie ſich zu be⸗ ſinnen, die erſchreckende Bleiche ihrer Züge ward mit glühender Röthe übergoſſen, und heftig winkte ſie der Zofe, ſie allein zu laſſen⸗ „Aber bedürfen auch Signora—“ Ein ungeduldiges Zeichen unterbrach die ſchüch⸗ terne Frage und Marie mußte gehorchen. „Verlaſſen!“— murmelte die Italienerin und die⸗ ſes Wort trieb ſie wieder vom Ruheplatze empor. „Verlaſſen!“ knirſchte ſie, und alle ihre Schwäche war verſchwunden;— verlaſſen! doch warum und um weſſentwillen?— Welling— der Name Welling— und die Tochter wollten ihr nicht aus dem Sinne und was ſie geſtern Abend bereits bangend geahnt hatte, ſchien ihr jetzt immer mehr zur Gewißheit zu werden. „Und es ſoll doch nicht ſein!“ flüſterte ſie grimmig, „es ſei denn ein Kampf auf Leben und Tod! Hütet Euch, Ihr Deutſchen— ein Kampf mit der Italienerin!“— 13 „Aber ich ſage Ihnen ja, gnädiger Herr, Signora Corrado befinden ſich unwohl und können unmöglich Be⸗ ſuch empfangen,“ ſagte jetzt draußen die Zofe laut. „Und ich muß ſie ſprechen, hörſt Du, ich muß“— erwiderte eine Stimme leiſe, nur ihr verſtändlich, und fuhr dann laut fort: „Um ſo mehr drängt es mich die Signora zu ſehen, um mein herzlichſtes Mitgefühl zu verſichern und mich ſelber zu überzeugen, daß das Unwohlſein der verehrten Dame nicht von Bedeutung iſt.“ „Was wollen Sie von ihr?— Nein, ich dulde es nicht!“ erwiderte die Zofe leiſe und gereizt— und fuhr dann laut fort:„es iſt unmöglich, gnädiger Herr, ich werde der Signora den Ausdruck Ihrer Geſinnungen überbringen— doch jede fremde Störung würde ſchäd⸗ lich ſein.“ „Nicht doch, Marie“, ertönte in dieſem Augen⸗ blicke die klangvolle Stimme der Signora, welche beim erſten Tone dieſer fremden Rede erſchreckend aufgeſchaut hatte, dann aber ſchnell ſich faſſend zur Thür geeilt war, in der ſie ſo eben ſtrahlend und ſchön, wie immer, erſchien.„Nicht doch, Marie“, ſagte ſie mit einem reizenden Lächeln,„für Herrn von Brandach bin ich immer zu Hauſe— Du weißt ja doch, daß er zu 14 meinen beſten Freunden gehört, wenn auch zu den ſel⸗ tenen— nicht wahr, Joachim?“ Und ihm mit unnachahmlicher Grazie den Arm reichend, ließ ſie ſich von ihm in das Zimmer zurück und zu dem Divan hin geleiten, in deſſen ſchwellenden Sammet vielleicht noch die Thränen und Seufzer der Signora ſich bargen. Keine Spur von Schwäche war mehr an ihr zu bemerken; heiter, geiſtreich und neckend wie immer unterhielt ſie ſich mit Joachim in alter Weiſe, der alle Kunſt und Kraft anſtrengen mußte, dieſem un⸗ erwarteten Empfange gegenüber die Faſſung zu be⸗ wahren. Aber bald, bald hatte er ſich geſammelt, machte ſich zum Herrn der Situation und leitete ſein Geſpräch dem Punkte zu, der der Zweck ſeines Kommens war. Brondach war Früh bei Harder geweſen, hatte bei dieſem eine ungeheure moraliſche Revolution vor⸗ gefunden, und aus unzuſammenhängenden Worten nur ſo viel entziffern können, daß Welling's Tochter und die Jungfrau aus dem Harze eine und dieſelbe Perſon ſeien. Was ſonſt noch vorgefallen und was in Hans' Innerem tobte, welche Gefühle und Leidenſchaften, die mit Entſagen und Leiden und großen Entſchlüſſen — 15 kämpften, was die natürliche Folge ſein mußte, wenn dieſe moraliſche Revolution den Sieg erfocht, erkannte ein ſo welterfahrener Prakticus wie Brandach ſofort, und zog auch daraus ſofort alle Conſequenzen, wohin und wie viel und in wiefern dieſer Sicg auch auf ihn und ſeine gemüthliche Ungeſtörtheit einwirken müßte. Sollte er darum die Signora aufgeopfert haben, um ſich auch nicht einmal für ein volles Jahr Ruhe ſchaffen zu können? Nichts da, nichts!—„Adieu, Hans, Du biſt heute noch nicht genießbar“, fügte er laut hinzu, und ſich entfernend, lachte er heimlich,„Dir muß ich einen Doctor ſchicken!“ 4 Unten traf er den Doctor Jeannbt, einen nicht mehr ganz jungen, aber ſehr lebensluſtigen und an⸗ ſcheinend reichen Franzoſen, der ſich faſt ſtets auf Reiſen befand und als Wüſtling von Profeſſion das Leben und ſeine Genüſſe auf das Sorgfältigſte auszu⸗ nützen ſtrebte. Dieſer war ſeit einigen Tagen der vertrauteſte Umgang und Geſellſchafter Brandach's; zwei ſchöne Seelen hatten ſich an einander geſchloſſen und genoſſen mit einander, was nur immer zu genießen war. „Wohin, Doctor?“ rief Brandach dem Eilenden nach, als er aus Harder's Wohnung trat. 16 „Ah, monchér Baron de Brandach— bon jour!“ „Wohin eilen Sie denn ſchon ſo früh, Doctor, und ſo allein!“ „Ich kommen aus Ihr Appartement, wo ich Sie nicht gefunden.“ „Und wohin nun?“ Dr. Jeannot neigte ſich dichter zu dem Officier hin, und flüſterte ihm, eigenthümlich lächelnd, ein Wort zu, bei dem dieſer überraſcht emporſah.. „Ah, Doctor, ſind Sie des Teufels— jetzt? „Und weßhalb nicht? Kommen Sie, Baron, kom⸗ men Sie, wix gehen zuſammen!“ „Meinelkwegen, aber treten Sie unterdeſſen in dieſes Café, ich habe noch ein Geſchäft, und hole Sie nach einer Viertelſtunde hier ab.“ „Bon, ich werde Sie erwarten.“ Brandach aber war weiter in das Hotel Corrado gegangen, wo wir ihn mit dieſer im Geſpräch ver⸗ ließen. „Alſo ſie iſt ſchön, dieſe Eugenie von Welling?“ „Wie ein Engel, Signora; ich glaube, daß ſich Hans ſehr gut wird amüſirt haben, doch der hat Ihnen das wohl bereits ſelber erzählt. Und was das Beſt iſt“, fuhr er fort, da die Signora nichts erwiderte, * 4 1 17 3 „er hat in ihr eine alte Bekanntſchaft, eine roman⸗ tiſche Jugendliebe aus dem Harz wiedergefunden, da wird denn das Glück wohl unendlich groß geweſen ſein, ſo groß, daß Hans heute Morgens noch gar nicht genießbar war.“ „Wie“, fuhr die Signora auf, und ihr Auge verrieth einen Augenblick lang was in dem Innern vorging,„wie, dieſe Eugenie von Welling iſt die kleine Harzfee? Das iſt ja allerliebſt“, ſetzte ſie, ſich beherr⸗ ſchend und lächelnd hinzu,„und ich kann mir lebhaft denken, wie glücklich Ihr Freund da iſt. Denn er hat auch mir öfters von dieſer romantiſchen Begegnung erzählt, und wie glücklich er in den hen Stunden mit ihr geweſen ſei.“ „Doch, Herr von Brandach, wollen Sie ſchon aufbrechen?“ „Ich muß, Signora; habe ich doch nun dem Drange meines Herzens Genüge gethan, und mich, herausreißend aus den fatalen Geſchäften, endlich ein⸗ mal wieder zu Ihren Füßen geſeſſen, Ihre holde Stimme gehört, in Ihr einzig ſchönes Auge geblickt, und mich überzeugt, daß Signora wohl und mir nicht ungewogen ſind. Darf ich die Hoffnung mitnehmen, daß es auch ferner ſo ſein wird?“ rief er ſchmeichelnd, ſich tief herniederbengend auf die dargereichte Händ. Ehre. U. 18 „Sicher, gewiß, Signor— Marie Corrado wird immer Ihre Freundin ſein!“ Hätte Brandach dieſen Blick voll Haß und Zorn geſehen, den ihm die Signora ſandte und der ſchnell aufleuchtete und verſchwand wie Blitzesfunkeln; viel⸗ leicht hätte der ſeine ſtolze Ruhe erſchüttert, vielleicht aber auch ahnte er ihn und blickte deßhalb eben nicht empor. Die Zofe empfing ihn mit leiſen Verweiſen im Vorzimmer. Ihre Eiferſucht ſah in dieſem Beſuche bei der Signora nichts Gutes, und Brandach eilte, daß er hinab auf die Straße und nach dem Caffeehauſe kam, wo ihn erwartete.. Als Bralbach das Zimmer verlaſſen, ſtand die Signora noch einen Augenblick lang regungslos da; ihre erkünſtelte Ruhe und Heiterkeit verſchwanden, und glühende Zornes⸗ und Schameswogen tobten in ihr. „Ho, ho!“ rief ſie endlich hohnlachend,„iſt es bereits ſo weit mit mir gekommen, daß die Raben ſchon Leichenduft wittern und mit Leichenbittermienen herbeikrächzen! Ho ho, Herr von Brandach, noch ſind wir nicht ſo weit, und mögen zehn Harzjungfern da ſein, dieſes thörichte Herz zu umſtricken— auch Marie Corrado iſt da, und es gilt dann einen Kampf auf 19 Leben und Tod!“ Und ganz Bewegung, ganz Energie klingelte ſie nach ihrer Zofe.—————— „Eh hien Baron!“ rief der harrende Franzoſe Brandach entgegen,„Ihr Geſchäft dauern viel lange!“ „Ja, beſter Doctor, entſchuldigen Sie, es ließ ſich nicht eher abwickeln, und ich muß Sie ſogar bitten, noch einige Augenblicke in meiner Geſellſchaft hier zu weilen, doch denke ich, es ſoll nicht lange währen, und dann ſtehe ich Ihnen und Ihrem halsbrechenden Sinne Pour aventures ganz und gar zu Dienſten.“ „Bon, mein lieber Baron, ick warten werde.“ Brandach ließ Champagner konggen, doch hatten ſie kaum die Flaſchen entkorkt, als Wagen don⸗ nernd und im vollen Trabe vorüberführ. Brandach blickte auf und nickte lächelnd und beruhigt. „Wer ſein bie Dame, Baron?“ frug der Franzoſe, welcher den Blicken Brandach's gefolgt war. „Unſere Primadonna, Signora Corrado, erwiderte Brandach gleichgültig,„eine ſehr brillante Sängerin, die Sie, wenn Sie unſere Operferien abwarten, auch noch ſchätzen lernen können.“ „Nous verrons, es ſeien nicht übel hier, viel⸗ leicht—“ „Doch, Doctor, ich glaube wir gehen, unſer Avanture erwartet uns.“ 2* 15 — „Bon, ick ſeien bereit. Allons, Baron!“—— Hans von Harder kehrte eben ſo verſtimmt von der Parade zurück als er hingegangen war, und ſein Burſche, welcher ſolche Launen an ſeinem immer hei⸗ teren und guten Herrn Lieutenant gar nicht kannte, dlickte ihm erſtaunt und kopfſchüttelnd nach, als er durch das Vorzimmer ging und in ſeinem Zimmer verſchwand. Doch öffnete ſich die Thür ſofort noch einmal, und ein ſtrenges„Franz, ich bin für Niemand zu Hauſe!“ drang daraus hervor. „Klapp!“ ſagte Franz erſtaunt, als die Thür ſich wieder ℳ„nun ſind wir klug, d. h. gerade noch eben ſo ſehr als vorher! Nun möchte ich doch nur in aller Welt wiſſen, was meinem Lieutenant in die Krone gefahren ſein mag, ſo etwas habe ich ja noch nicht an ihm erlebt, ſo lange ich ſeine Uniform bürſte. Auf der Parade kann's nicht geweſen ſein, denn es war ja vorher ſchon— iſt eigentlich ſchon ſeit geſtern Abend, wo er ſo verdammt aufgeregt nach Hauſe kam. Ich möchte wohl wiſſen, ob die Katz' etwa d'ran ſchuld iſt, die hochnaſige Signora!“ Während Franz im Vorzimmer ſeine betrachten⸗ den Monologe anſtellte, ging Hans von Harder auf⸗ geregt in ſeinem Zimmer auf und nieder. Noch immer 21 glaubte er den ernſten Blick zu fühlen, welchen ihm der alte Welling auf der Parade zugeſandt, und der ihm Blut und Scham in das Geſicht getrieben hatte. Er, der erklärte Galan der Primadonna— ſie das unſchuldige liebe Kind, welches ſo eben aus faſt länd⸗ lichen Verhältniſſen naiv und arglos in die Reſidenz zurückkehrte! Nein, er durfte ſie nicht wieder ſehen, er war nicht würdig an ihrer freundlichen Herzlichkeit ſich zu ſonnen, er mußte ſich freiwillig von ihr verbannen und das reizende Weſen meiden, dem doch ſein ganzs Herz gehörte und immer gehört te. Und dann, würden nicht die Eltern ſie gewarthihr ihn gezeigt haben in ſeiner wahren Geſtalt, den Liebhaber der Sängerin? Nein, nein, er durfte ſie nicht wieder ſehen. mußte erſt durch lange Buße und Entfagung, durch ein neues Leben zeigen, daß er dieſes Engels würdig würe. Und doch, ſo gonz allein ſein ſollen, Alles ver⸗ lieren auf einmal!— Kraſtlos ſank er auf einen Seſ⸗ ſel nieder und wehrte nicht länger den Seufzern, die ſich aus der gequälten Bruſt hervordrängten, gleich⸗ ſam ein Eche gebend von den Kämpfen, die da drinnen tobten. So war es nun ſeit geſtern Abend bereits ge⸗ gangen. Hans hatte ebenſalls keine Ruhe, keinen Schlum⸗ —,.—— 22 mer finden können, und ſeine Gedanken hatten ſich immer nur um das eine Schreckbild gedreht: Du darfſt ſie nicht mehr ſehen. Beide nicht mehr ſehen, um ihrer, der Einzigen, wieder würdig zu werden. Sein Kopf war wüſt, die Gedanken ſchienen das Gehirn zu verbrennen, und, gemartert, gefoltert, barg er ſeine Stiru in beide Hände, den Kopf zuſammen⸗ haltend, der zu zerſpringen drohte. So ſaß er da, Alles um ſich her vergeſſend, und doch auch nicht mehr fähig, einen Gedanken zu faſſen. Er fühlte nur einen dumpfen Schmerz in Kopf und Bruſt, und des Geſchehenen lag wie ein Alp auf i Er hörte nicht den Wagen, der unten vor dem Hauſe auffuhr, er hörte nicht den leiſen Schritt, der die Stiegen herauf und in das Vorzimmer ſchwebte; er ſah nicht die zornig gebieteriſche Bewegung, mit dem dieſe hohe, ſtolze Frau ſeinen Burſchen zurückwies, als er, dem Befehle nach, Niemand wollte eintreten laſſen; er hörte es auch nicht, wie ſich leiſe die Thür öffnete und ein Weib hereintrat, heiter und lächelnd, in üppigſter Schönheit— hörte es nicht, wie ſie ſchön und ſtrahlend zu ihm ſchwebte, und dann, ihren Arm um ihn legend, leiſe flüſterte:„Mein Geliebter!“ Ein Ausruf des Schreckens und Eutzückens zugleich 23 drang von Harder's Lippen, und aufſpringend ſchloß er ſie in ſeine Arme und ſuchte ihre Lippen, in ihren Küſſen ſich berauſchend. Sein Auge ruhte entzückt auf der herrlichen Geſtalt, die ihm nie ſo ſchön und ſtrahlend e war als heute, und ganz ſelig in ihrem Anſchauen, flogen alle die düſteren Geiſter davon, die ihn vorher gequält hatten. Verſchwunden waren alle Zweiſel und Serupeln—„mag der Teufel einem ſo liebereizenden Weibe widerſtehen, liebe ich, ſie allein und ewig!“ Wn auf ihre Lippen drückte er das Siegel dieſes Gelöbniſſes, während die ſeinen leiſe flüſterten„o Maria!“ „Mein Freund,“ erwiderte ſuug, und ihr Auge ſpendete glühenden Dank, der ihn mit immer neuen F umwand,„Du biſt erſtaunt, hier zu ſehen? 3 ſiehſt Du, wie ich Dich liebe. Ich fand heute das Wetter ſo reizend, ich beſchloß, ſe jetzt etwas ſpazieren zu fahren, und weil Du geſtern mich nicht be⸗ gleiten konnteſt, ſo wollte ich mich heute doppelt ent⸗ ſchädigen, ließ hier vorbei fahren, anhalten, und da bin ich nun, um Dich zu holen.“ „Himmliſches Weib!“ „Schmeichler, eile Dich!“ 24 „Wer könnte Dir widerſtehen— ich werde gleich mein Pferd ſatteln laſſen!“ „Und darauf ſoll ich warten, hier in Deinem Zim⸗ mer? Nein, mein Freund, laß nur Dein Pferd, Du ſteigſt mit mir in den Wagen!“ „Aber, Marie!“ „Still, ſtill, Hans— Du wirſt nicht opponiren!“ Und heiter lachend zog ſie ihn mit ſich.— Er hob ſie in den Wagen, ſtieg ebenfalls ein, und ſie flogen da⸗ hin mitten durch die Reihen der Promenirenden. Die Signora athmete auf, und mit einem Son⸗ nenſtrahle ihrer Augen den glücklichen Hans grüßend, — flüſterte ſie triumphirend:„Geſiegt!“ Der Aer im Gegenſatze zu den früheren nicht allzu heiß, da die Sonne eine zwar lichte, doch feſte Wolkenſchichte nicht ganz durchdringen konnte— dadurch wurde die gewöhnlich herrſchende Sonnengluth zu einer milden Sommerwärme gedämpft, die unwi⸗ derſtehlich in das Freie hinauslockte. Deßhalb gab es auch heute eine ungewöhnliche Bewegung auf der Pro⸗ menade. Die ganze elegante Welt ſchien zu Wagen, zu Pferde, wie zu Fuß in Bewegung zu ſein, und Harder konnte der Signora, wie der Welt, keinen ſchlagenderen Beweis ſeiner unveränderlichen Liebe ge⸗ 25 ben, als er es that, da er mit ihr in einem Wagen durch dieſes Gewühle fuhr. Die Signora war aber auch ſo glücklich, ſo hei⸗ ter und liebenswürdig, daß Hans alle Bedenken ſchwan⸗ den und er ſich vollſtändig wieder ihr zu Eigen, ganz dem Zauber hingab, der ſie heute, wie faſt noch nie, verklärte. Gerade heute, wo er ſie hatte verlaſſen wollen, erkannte er ſo recht den Reiz dieſes unvergleichlichen Weibes. Eine tiefe Reue beſchlich ihn, daß er dieſe glänzenden Augen hatte verdunkeln, dieſes glückliche Herz hatte betrüben wollen; im Herzen bat er ihr ſeine böſen Vorfätze ab, von Re und Treue gelobend, und ganz glücklich, ganz ſekig in ihrem An⸗ ſchauen, ergriff er ihre Hand und fragte bittend: „Kannſt Du mir vergeben, Marie?“ Sie lachte hell auf.„Was fällt Dir ein, mein Freund?— Was hätte ich Dir zu vergeben?“ „Marie, daß ich geſtern Dich allein ließ, Dir nicht, wie ſonſt, gute Nacht ſagte.“ „Mein Gott, die Sache iſt ja abgemacht!— Ich weiß ja, daß Du Beſuch machen mußteſt,— und es dem alten Bär nicht abſchlagen konnteſt, ſein lieb⸗ liches Töchterlein kennen zu lernen. Glaubſt Du denn, ich bin ſo egoiſtiſch, daß ich Dich allein behal⸗ 26 ten, immer nur allein genießen will, oder denkſt Du, ich bin beſorgt, und vertraue Deinem Herzen ſo we⸗ nig, daß ich Bange trüge, wenn Du eine junge ſchöne Majorstochter kennen lernſt?“ „Aber, Marie—“ „Ach, mein Freund, laß' doch dieſe Grillen— ich vertraue Dir und Deiner Liebe, weiß, wie Du mir tren biſt,— und dafür, daß Du mich geſtern Abend allein gelaſſen haſt, ſollſt Du heute Abend allein ſein— da ich für heute Abend eine Einla⸗ dung angenommen „Das iſt grauſam, Marie— zwei Abende hin⸗ ter einander? Rein, das kann nicht Dein Ernſt ſein.“ „Es iſt wahr, Hans, und wäre, wenn ich auch dieſe Einladung hätte abſchlagen können, was aber nicht der Fall iſt,— doch nur Revange.“ „Du biſt, wie alle Italienerinnen— Rache egeht Euch noch über die Liebe.“ „Do haſt Du recht, ſie ſtehen ſich ntſten gleich.— Doch ſieh' da, die prächtige Caroſſe!— Ah, ſeh' ich recht, das iſt der reiche Silbermann mit ſeiner unvergleichlichen Ophelia!—— Warum grü⸗ ßeſt Du dieſe Leute ſo freundlich?“— „Ach Gott, ich kenne den Vater— ich war öfters im Comptoir— denn er iſt der Geſchäfts⸗ 27 träger meines Vaters— und ich habe ihn immer ſo coulant gefunden.“ „Das iſt göttlich— und da willſt Du ihn Dir durch Deine freiherrlichen Grüße auch für die Zu⸗ kunft wohlgewogen erhalten?— Nun behaupte mir noch jemals Einer, Du ſeieſt nicht ein geborner Di⸗ plomat.“ 2 „Du biſt entzückend, Marie“— und er ergriff ihre Hand, ſich niederbeugend, um ſie zärtlich an ſeine Lippen zu preſſen. Als er aufſah, fuhren ſie gerade an Welling's Wohnung vorüber, und ſein Blick begegnete dem ern⸗ ſten Auge des alten Majors, der am offenen Fenſter ſtand und dieſer Scene zugeſchaut hatte. Hans fühlte wie glühendes Roth ſeine Züge übergoß. Wenn ſie nun hinter dem Vater geſtanden, wenn ſie ihn in dieſer Situation überraſcht hätte? — Wie kamen ſie aber auch heute nur hieher, an einen Ort, den die Signora noch nie zur Promenade gewählt hatte?— Es war ein verdammter Zufall — ein ganz verdammter,— der ihn immer mehr in Calamitöten verwickelte. Ob Zufall oder nicht, darnach hätte er die Sig⸗ nora fragen müſſen, die ſpöttiſch lächelnd neben ihm ſaß, und jeder Bewegung in ſeinen Zügen— jedem ſeiner Gedanken gefolgt war.— Ihr Plan war gut angelegt geweſen und in allen Stücken trefflich ge⸗ lungen. Sie hatte nicht nur geſiegt, nein, auch den Feinden ſich als Siegerin gezeigt;— und nun konn⸗ ten ſie nach Hauſe fahren. Und mit neuer Liebenswürdigkeit ſich zu Hans wendend, verſcheuchte ſie bald die Wolke, welche dieſe Begegnung auf ſeine Stirn gerufen hatte. Der glück⸗ liche Leichtſinn brach glücklich wieder heraus— gab ſich ſorglos dem Glücke und Genuſſe des Augenblickes hin— und als ihn die Signora einlud, bei ihr zu diniren und am Nachmittage ſchon ſich für den Abend zu entſchädigen,— ſtieg ſeine Seligkeit auf das Höchſte. Eiligſt gab er dem Kutſcher das Zeichen zum Umkehren und wiederum flog der Wagen mitten durch die Menge der Promenirenden, dem Hotel der Sig⸗ nora zu, welches Hans erſt wieder verließ, als es für ſie die höchſte Zeit zur Abendtoilette war. „Wie konnte ich dieſes Weib aufgeben wollen?“ — flüſterte er beim Nachhauſegehen, durch die fenri⸗ gen Südweine der Signora ſehr afficirt, die leicht, aber berauſchend, den angenehmſten Zuſtand der Er⸗ regtheit hervorriefen—„nun und nimmermehr gebe ich ſie auf— und ſollte ich darum mit Allen in 29 Colliſion kommen;— ſelbſt mit der Ehre des—— nein, nein,—— doch, was plage ich mich mit Grillen! Noch lebt mein Vater, Gott wolle ihm noch lange Leben ſchenken, und bevor ich der Repräſentant der Hausehre werde, fließt noch mancher Tropfen in das Weltmeer,— kann ich in ihren Armen noch manche Stunde des Glücks genießen.— Und dann, iſt es denn etwas ſo Ungeheueres— ſie, eine große Künſtlerin?— Haben nicht Prinzen ſchon ſich mit ſolchen vermält, dem Adel des Geiſtes huldigend?— Kommt Zeit, kommt Rath,— wer wollte ſich mit Grillen plagen, ſo lang ihm noch das Leben lacht!“ Und leichten Schrittes wandte er ſich dem Wege nach Silbermann zu. Er fühlte das Bedürfniß, der Signora ſein geſtriges Unrecht mit einem recht koſt⸗ baren Geſchenke zu verſüßen, und dazu mußte er vor Allem Geld haben, viel Geld!— Was war ihm das Geld, da er ſeinen Irrthum überwunden und ſeine Liebe wieder hatte?— O, ſie ſollte mit ihm zufrieden ſein, wenn ſonſt ſich Silber⸗ mann coulant zeigte.—— Als am Abend Brandach, dicht in den Mantel gehüllt, in das Hotel Corrado kam und leiſe im Stübchen der hübſchen Zofe verſchwand— war ſeine erſte Frage:„War Harder hier?“ 30 „Den ganzen Nachmittag. Doch, nun ſprich, was ſuchteſt Du denn bei der Signora— das hat mich den ganzen Tag gequält!“ „Geduld, Geduld mein Kind, Du ſollſt Alles erfahren, laß' mich nur erſt ablegen.“ Er lachte innerlich vergnügt— war er doch nun wieder ſicher— und die Signora hatte auch ihm in die Hände gearbeitet, ohne eine Ahnung davon zu haben. Zweites Capitel. Glück und Ehre. Im Salon des Herrn Silbermann herrſchte heute eine lebhafte Bewegung. Diener in reich gallo⸗ nirten Livreen eilten geſchäftig hin und her, Decora⸗ teure ordneten mit wichtiger Miene ihre Arrangements, Blumen wurden gebracht, in Empfang genommen und in die Arrangements vertheilt,— die reich verzierten Luſtres wurden in Stand geſetzt und Alles erſchien des Zauberſchlages gewärtig, der mit einem Meere von Licht zugleich Leben und Glanz in all dieſe Pracht bringen ſollte. Doch noch war es nicht ſo weit. Noch war die Sonne nicht ganz am Firmamente verſchwunden, noch herrſchte der Tag, und erſt wenn dieſer vorüber war, konnte die Herrſchaft des Salons zu ihrem Rechte ge⸗ langen. Voch dämpfte deßhalb ein faſt unheimliches Däm⸗ 32 merlicht die reichen Arrangements und nur wenige helle Lichtſtreifen konnten ſich durch die dichtgeſchloſſenen Fen⸗ ſterläden Bahn brechen. Der Tag war abgeſchloſſen mit ſeinem Lichte. Dafür herrſchte aber auch eine angenehme und erfri⸗ ſchende Kühle in dieſem Salon, und lud zum Eintreten ein, anſtatt daß, wie es gewöhnlich in ſolchen Räumen der Fall iſt, die erſtickendſte Hitze zurückſchreckte. Auch in den Räumen, die für das materielle Wohl der erwarteten Gäſte ſorgen ſollten, war nicht weniger Bewegung, und in Küche und Keller herrſchte ein Leben und Treiben, als ob es gälte, einen Fürſten wür⸗ dig zu begrüßen. O, Herr Silbermann, der reiche— der große Silbermann, verſtund es wohl ſeine Gäſte zu feſſeln, und er ſcheute kein Opfer, den Cirkel ſeiner Tochter ſo glänzend und belebt als möglich zu machen. Die Millionen, welche er in ſeinem Comptvire mühſam zuſammengeſcharrt, und zu deren Vermehrung eine ganze Schwadron junger Zöglinge Iſraels hinter ihren Pulten arbeitete, während über ihren Häuptern die Feſtanſtalten tobten;— dieſe Millionen, für wen hatte er ſie geſammelt, als für ſeine Tochter,— und der reiche Silbermann, der um Kleinigkeiten knauſerte und ſich mühete,— trotz ſeines Alters ſich perſönlich 33 mühete, wenn eini je Procente zu verdienen waren, ach⸗ tete Tauſende nicht, galt es damit ſeiner Tochter eine Freude zu bereiten, ſeiner angebeteten Ophelia. „Ich habe ihr Millionen geſammelt, und habe gelebt dabei arm und elend wie ein Hund, bin gekrochen und demüthig geweſen, als ein armer Mauſchel, der von der Gnade der groſen Herren verdienen muß ſein paar Procentchen! Ich habe Millionen geſammelt und gelebt dabei wie ein Hund— meine Ophelia ſoll dafür als Millionärin leben, ſoll Alles haben was ſie will. Das ſoll der Lohn ſein für alle meine Mühe, daß ich mein Kind glücklich ſehe.“ So pflegte ſich Herr Silbermann oft ſelber zu ſagen, wenn er die großen Monatsrechnungen ſeiner Tochter und die Koſtenbeträge für ihre Soireen empfing, und mit ſeinem koſtbaren Golde bezahlte;— ſo pflegte er ſich zu ſagen, wenn er wieder einmal ein Wechſelchen einſchloß von einem der jungen Officiere, der zwar nicht ſehr ſicher war, den aber Ophelia in ihrem Cirkel gern empfing, und nicht gern vermiſſen würde. Alles für ſeine Tochter,„aus Liebe zu ihr,“ ſagte er aber auch, wenn er einer armen Fliege, die ſich in ſeinem Netze gefangen hatte, den Hals zuſchnürte und Tauſende lächelnd in ſeine Chatouille ſchob, während der Andere arm und nackt hinzog und nicht wußte, wohin Ehre. 1. 3 34 er ſein Haupt legen ſollte für die Nacht, und ſeine Familie mit ihm. Das war ſo Geſchäftsgang, und Herr Silbermann kannte ſein Geſchäft, und hatte nie Mitleid darin gekannt. Er hielt dies nur für natürliche Conſequenzen, und würde verwundert genug aufgeſchaut haben, hätte ihm Jemand geſagt, daß an ſeinen Millionen die Thränen und Flüche der Hunderte kleben, aus deren Schweiß er ſie zuſammen⸗ geſetzt, wenn ſie durch raſtloſes Vorwärtsſtreben über ihre Kräfte hinaus, oder durch mißglückte Speculatio⸗ nen in ſeine Hände gefallen waren. Herr Silbermann pflegte dann zu nehmen, ſo lange noch ein Pfennig zu nehmen blieb, allein war denn das ein Unrecht?— Er war ja Geſchäftsmann und machte Geſchäfte für ſeinen Vortheil. Daß dieſer der Nachtheil Anderer ſein mußte, war natürlich, und Herr Silber⸗ mann hatte ſich noch niemals Serupeln darüber gemacht, wenn ein Familienvater hinauszog von Hab und Gut, kahl und nackt, und das Beſitzthum ihm zugeſchlagen wurde, ihm, dem großen Silbermann, und er durch ge⸗ ſchickte Manipulationen, durch Parcelirung u. ſ. w. das Doppelte des Werthes herausſpekulirte. Das war Geſchäftsgang, und Herr Silbermann machte Geſchäfte, damit ſeine Ophelia reich ſei und 35 glicklich;— ſo reich und glücklich wie keine der Töchter Iſraels in der ganzen Reſidenz. Herr Silbermann war ein ehrlicher Mann, aber ein großes Genie, und wie ſeine Glaubensgenoſſen ehrfurchts⸗ voll flüſterten: Der große Silbermann!— Was kümmerte ſie's, daß die Chriſten, die dummen Chriſten, die ſich nur von den Juden helfen und hinhel⸗ fen laſſen und ſich doch ſo klug, ſo ſtolz und erhaben dünken über den verachteten Mauſchel, daß dieſe ſtolzen Chriſten den großen Banguier, einen Wucherer— der größten Einen— nannten, zu dem nur die Noth ſie trieb, die ſie dann aber auch nun ſo ſicherer in ſeine Netze jagte, und bei dem höchſtens die Officiere lucriren te die feiner Tochter geſielen und ihre Cirkel beſuch⸗ ten?— 2 Was kümmerte das den reichen Mann? Was ver⸗ ſtanden die Chriſten vom Geſchäft? Für ſeine Tochter that Herr Silbermann Alles und jeder ihrer leiſeſten Wünſche waren Befehle, welche voll⸗ führt werden mußten mit aller der Gewiſſenhaftigkeit und Macht, welche Millionen verleihen. Er ſelber, der alte, vielbeſchäftigte Mann, eilte umher und wachte über Alles, prüfte ſelber alle Arrangements des Feſtes, ob ſie guch ſo getroffen ſeien, wie ſeine Tochter ſie liebte, und b ſie dem Namen ſeines Hauſes Ehre machten. 36 Aber während in demſelben Alles in größter Rüh⸗ rigkeit ſich bewegte, um den Glanz des Abends würdig vorzubereiten, ſaß oben die gefeierte Königin des Feſtes in ihrem einſamen Prunkgemach und die düſtere Wolke, welche ihre Stirn umflorte, zeigte deutlich genug, daß es keine freundlichen und angenehmen Bilder ſeien, welche die Gedanken ihr vorführten. Sie ſch en es gar nicht zu bemerken, daß der Abend nahete und noch nicht einen Blick hatte ſie auf alle die Gewänder geworfen, die heute ihre Geſtalt umhüllen und ihre Schönheit noch mehr hervorheben ſollten. Noch nicht einen Blick hatte ſie all' dieſer Pracht gewidmet, und als endlich ihr Auge darauf fiel, da zuckte es wie innerer Schmerz, mit bitterſter Verachtung ge⸗ paart, durch ihre Züge, und ſchnell ſich abwendend, ließ ſie ſich tiefer in die Kiſſen des Ruheſitzes zurückſinken. Dieſe Geſtelt, welche dazu geſchaffen ſchien, zu herrſchen; dieſe Züge, ſo wunderbar ſchön und im rein⸗ ſten vrientaliſchen Style gebildet, ſahen erſchreckend aus in dieſem Zuſtande nachdenklichen Schmerzes, der ſogar nicht paſſen wollte für die ſchöne und glückliche Tochter des reichen Silbermann!— Das fand auch ihr alter Vater, der ſo eben dort drüben freudeſtrahlend in der Thüre erſchienen war, um ſeiner Tochter mitzutheilen, 37 wie Alles ſchön, ausgezeichnet ſchön, wahrhaſt nobel und ſeiner Ophelia würdig ſei. Der glückliche Ausdruck verſchwand aus ſeinen Zü⸗ gen und machte einer ängſtlichen Beſorgniß Platz, die um ſo drückender war, da er recht wohl die Urſache von Ophelia's Verſtimmung ahnte, und doch immer noch nicht ſagen konnte, daß das Geſchäft beendet und glück⸗ lich abgeſchloſſen ſei, welches er ihr zu machen verſpro⸗ chen hatte. Der reiche, ſtrenge Mann, der Hunderte durch ſich im Elende geſehen, und unbewegt geblieben war bei dem Jammer zu Grunde gerichteter Familien, kann den Zug von Unzufriedenheit in dem Angeſichte ſeiner Tochter nicht ertragen, und ſie hätte Tanſende jetzt von ihm for⸗ dern können— Tauſende, die er ſo mühſam errungen hatte, und an denen mancher Seufzer, manche Thräne klebte— er hätte ſie hingegeben für ein einziges Lächeln ſeines Kindes! Aber Ophelia lächelte nicht. Sie ſah ihn gar nicht einmal, ſondern blickte noch immer trübe auf die eine Stelle, während Gedanken und Sorgen ſie durchkreuzten und immer dichtere Schatten um ihre Stirne hüllten. „Ophelia, mein gutes Kind,“ begann endlich der Alte, und näherte ſich ſeiner Tochter,„es iſt alles Nö⸗ thige zum Feſte beſorgt, die Anſtalten ſind ſuperbe;— 38 ausgezeichnet, fein und nobel iſt Alles, was kommt auf den Tiſch beim reichen Silbermann!“ Ophelia hob kangſam den Blick empor und das ſtarre Auge, vor dem der alte Vater faſt erſchreckte, feſt auf ihn richtend, frug ſie mit eiſig kalter Stimme: „Wer war das, der heute bei Herrn von Harder im Wagen ſaß, Vater?“ „Aber, meine Tochter, wie kömmſt Du—“ „Vater, keine Ausflüchte.— Ich habe geſehen, habe die Blicke geſehen, die er für ſie hatte, die ſich ſo ſtolz brüſtete neben ihm— während ich, die Gebieterin von Millionen, mich verzehre in Sehnſucht und gerech⸗ tem Zorne— ohne meinen Wunſch erfüllt zu ſehen.— Was ſollen mir Deine Millionen, Vater? Ich mag ſie nicht, wenn ich nicht dadurch glücklich werden kann— ich verachte ſie, wenn Du, als ihr Beſitzer, nicht einmal ſo viel Macht haſt, ihn mir in meine Soircen zu zwingen!“ „Aber, mein Kind, meine Ophelia—“ „Schweig, Vater— ich mag nichts mehr hören von Deinen gewöhnlichen Troſtgründen. Du haſt Dich Großes vermeſſen, als Du mir ihn verſpracheſt— jetzt halte Dein Wort— willſt Du mich nicht unglücklich ſehen. Ich würde leben können ohne ihn, würde mich zwingen können, ihn zu vergeſſen, wenn er nicht mehr da 39 wäre— verſchwände— aber ich kann ihn nicht neben einer Andern ſehen, kann es nicht ertragen, da überſehen zu werden, wo ich liebe. Es war Signora Corrado, welche mit ihm fuhr— nicht wahr, mein Vater?“ „Ja, mein Kind, es war die berühmte Signora.“ „Ich dachte es wohl“— erwiderte Ophelia ruhig und mit einem ſpöttiſchen Lächeln, welches ſich ſeltſam ausnahm unter den glühenden Augen—„doch hätte ich noch nicht Gelegenheit, dieſe Prinzeſſin anders zu ſehen — als in ihrem Flitterreiche.“— „Meine Tochter, die Stunde der Geſellſchaft naht— Deine Toilette—“ „Ich weiß, ich weiß,— doch Vater, ich frage Dich nun zum letzten Male, wirſt Du mir Harder kön⸗ nen in meinen Cirkel ſchaffen— wirſt Du ihn zwingen können, in unſerem Hauſe zu verkehren?—“ „Sicher, meine Tochter, gib mir nur Zeit, nur noch eppes Zeit, mein Kind, und er ſoll liegen Dir zu Füßen, wie alle die übrigen jungen Officiere, die leider nicht können erringen die Gnade, ſich ſonnen zu dürfen in Deineh freundlichen Blicken, meine Ophelia—“ „Schweige von dieſen Narren,— die ſpeichel⸗ leckeriſch—“ „Mein Gott, meine Tochter!— Ja ja, meine Ophelia, Du ſollſt, Du mußt ihn haben,— Dein 40 alter Vater kennt ja keine Gedanken mehr, als nur das Glück von ſeinem Kinde, und was ſein Kind will, das ſoll und muß geſchehen.“ Ophelia lächelte ſonderbar und der Ausdruck ihrer Züge mit den funkelnden Augen hatte etwas Dämoni⸗ ſches.„Gut, Vater, ich nehme Dein Wort,— aber bald, ich bitte Dich bald— bald muß⸗ ich ſeine Erfüllung ſehen,— ſoll ich nicht meiner Leidenſchaft für ihn zum Opfer fallen, oder ihn als Opfer fallen laſſen. Bald muß ich ihn ſehen, oder er ſoll kennen lernen, was es heißt, Ophelia Silbermann, die Tochter des Millionärs verſchmäht zu haben.—“ „Aber meine Tochter—“ „Schweige Vater,— ich weiß, was ich will!— Thue Du jetzt Dein Beſtes— ſonſt thue ich es— und hat er dann nicht wollen kennen lernen die Tochter des Millionärs, die ihn liebt, ſo ſoll er kennen lernen die Tochter Abraham Silbermann's, die ihn haßt!“— Sie wandte ſich haſtig um und blickte durch das Fenſter auf die Straße hinaus. Doch fuhr ſie erſchrocken zurück, denn ihr Auge fiel auf Hans von Harder, der mit ſchnellen Schritten die Straße herunter kam und in ihres Vaters Haus trat. Sich umwendend, ſagte ſie: „Jetzt, mein Vater, ſieh was Du thun kannſt,— verſuche noch einmal Du die Macht der Millionen— 41¹ ehe ich ihre Macht prüfe;— geh, mein Vater, ich will jetzt Toilette machen— und Herr von Harder iſt ſo eben in das Haus getreten und wird Dich im Comptoir erwarten.“— Herr Silbermann ging kopfſchüttelnd hinaus. Er hatte bei jedem der öfteren Beſuche Harder's im Comp⸗ toire, bei jeder neuen Gefälligkeit, welche er ihm be⸗ wieſen, dieſen immer wieder zum Beſuche eingeladen; Harder hatte auch immer zugeſagt, ſich erfreut gefühlt“ in die Familie des langjährigen Geſchäftsfreundes ſeines Vaters eingeführt zu werden— war aber nie gekom⸗ men. Und welche Summen hatte Herr Silbertnann ſchon geopfert! Nur die grenzenloſe Liebe zu ſeiner Tochter und die ſtille Hoffnung, daß eine endliche Ver⸗ heiratung der Beiden doch noch Alles ausgleichen würde, konnte den vorſichtigen Geſchäftsmann beſtimmen, die neuen Anforderungen des verliebten Officiers zu erfül⸗ len. Er wußte, was er wagte, denn er kannte die Ver⸗ hältniſſe des Freiherrn genau, von denen Hans noch immer keine Ahnung hatte.— Daß er bei dieſem Wiſſen doch noch Geld hergab, geſchah nur aus Liebe zu ſeiner Ophelia, denn er mußte es anſehen, als ob er ſchon ijetzt dieſe Summen ſeinem zukünftigen Schwiegerſohne als Taſchengeld bewillige. Daß er ſie nie zurückgezahlt erhalten konnte, wenn nicht ein außerordentlicher Glücks⸗ 42 fall die Harder's überſchütte, wußte er ganz genau— und Hans verbrauchte die Lockſpeiſe, die ihn endlich in das Netz des Juden ziehen ſollte, für Geſchenke und Vergnügungen, welche die Liebe ihn ließ, um Signora Corrado zu erfrenen. Er liebte ſie ja ſo ſehr, die ſchöne Singetin„ und ſein ganzes Streben lief darauf hinaus, ſie zu erfreuen. Was er ſah, und wovon er ahnen konnte, Laß es ſie erfreuen möchte, mußte ſein Eigen werden, ward zu ihren Füßen niedergelegt, und ein Liebesblick der Ueber⸗ raſchten für ſeine Aufmerkſamkeiten war ſein ſchönſter Lohn. Die ſtolze Sängerin, die nie ein Geſchenk ange⸗ nommen hatte, und noch täglich ſelbſt alle Bemühungen des Prinzen aver beharrlich zurückwies, der, bezaubert von ihrer Schönheit, und ſie in ihrer Kunſt bewundernd, ihr e nen prächtigen Brillantenſchmuck von ungeheurem Werthe hatte verehren wollen— dieſelbe ſtolze Signora nahm von Hans die Geſchenke ſeiner Liebe und erfreute ſich an dem einfach ſten ſelbſt von ganzem Herzen. Sie war ja reich genug, um alles Fremde zu ent⸗ behren; ſie war zu ſtolz, um die dargebrachten Huldi⸗ 7 gungen anzunehmen, die ja doch nur freundlichen, lä⸗ chelnden Dank— theilnehmende Blicke und andere Gunſtbezeugungen bedingen ſollten, und nur bei Hans 43 machte ſie eine Ausnahme. Er liebte ſie, er brachte ihr in den Geſchenken einen verkörperten Ausdruck ſeiner Liebe, wußte auf jedes Einzelne, und war es das Kleinſte ſelbſt, ſo ſinnig den Stempel der Lebe zu drücken, daß es eine Kränkung geweſen ſein würde, ihn zurückzuwei⸗ ſen, wie die Anderen, denen nur die Eitelkeit gekränkt ward, und das mit Recht.— Deßhalb nahm die Sig⸗ nora Harder's Geſchenke an, und hatte ſie ſelbſt ſchon mit Arbeiten von ihrer eigenen Hand erwidert. Auch heute, nachdem Hans ſie verlaſſen hatte, drängte es ihn, durch ein recht erfreuliches Geſchenk ſeine Untreue wieder gut zu machen, und die Spalte gänzlich zu verlöſchen, welche ſein ſchwankender Sinn eröffnet hatte. Er wußte, daß ſie für eine Rolle, in der ſie beim Beginn der Opernſaiſon floriren wollte, ein Diadem wünſche, ähnlich dem der Gräſin Eichenhorſt, die es als Andenken an einen ruſſiſchen Fürſten von dieſem verehrt erhalten hatte, der ſie wie ſeine Tochter liebte. Die Signora hatte den Schmuck geſehen, ſchwärmte dafür, und Hans, der recht gut wußte, wo ein ganz ähnliches Biadem zu haben ſei, hatte nur bis jetzt den Preis gefürchtet und wehmüthig auf ſeine leere Kaſſe geblickt, wenn er daran gedacht hatte, den heimlichen Wunſch der Signora zu erfüllen. 44 Silbermann war allerdings da, aber Silbermann konnte etmüden, wenn er zu oft in Anſpruch genommen wurde,— deßhalb war der erſehnte Ankauf noch immer unterblieben. Aber heute, heute ſollte ſie ihn haben, heute follte ſie ihren geheimen Wunſch erfüllt ſehen, und erkennen, wie er ſie liebe, treu und leidenſchaftlich,— ſie allein.— Es war allerdings Hans von Harder, der in das Haus Silbermann's getreten war, und dieſer, der, aus dem Zimmer ſeiner Tochter kommend, die Treppe herunter ſtieg, murmelte mürriſch:„Warum ſie ſich hat capricirt und gerade auf den Herrn von Harder! Es ſind eine Menge Officiere in ihrem Salon, wilche güben eine beſſere Partie, als der kleine arrogante Freiherr;— warum wählt ſie nicht einen von dieſen, die fie möchten anbeten und vergöttern?— Warum hat ſie ſich capri⸗ eirt auf den Harder?— Will ſie durchaus haben ſein Schloß, das ſie doch nie geſehen hat und das gar nicht einmal iſt ſo ſchön und ſo werthvoll, als ſie zu denken ſcheint? Da könnte auch Rath werden, ohne daß wir uns müßten mühen, einzufangen den jungen Strudel⸗ kopf und ihn zu machen zum Gemale der Ophelia, die 3 ſich wählen könnte, beim Gotte meiner Väter, den reich⸗ ſten Mann der ganzen Reſidenz.“ Schon auf der Mitte der Treppe kam dem brummenden Alten ein Commis * 45 entgegen mit der Nachricht, daß Herr von Harder ihn zu ſprechen wünſche. Dieſe Meldung gab den alten Silbermann der Gegenwart zurück. Sofort glätteten ſich ſeine Züge, und mit ſeinem ſtereotypen Lächeln, das wir noch von der Promenade her an ihm kennen, trat er mit vielen Ver⸗ bengungen dem jungen Officier entgegen. „Freut mich ſehr, Herr Baron, daß Sie beehren einmal wieder den alten Silbermann.— Was machen der Herr Vater und die gnädige Frau Mama?— Alles wohl und wohlauf?“ „So viel ich weiß, ja, mein liebſter Herr Silber⸗ mann. In Hardersberg ſcheint Alles wohlb halten und auf dem Damme zu ſein“, erwiderte Hans auf das Verbindlichſte, denn heute galt es, dem Alten ein be⸗ deutendes Stück Geld abzulocken. „Und IhremFräulein Tochter, derreizenden Ophelia, geht es doch hoffentlich auch recht wohl. Wenn es nicht ſchon zu ſpät wäre, würde ich mich glücklich ſchätzen, ihr ſelber meine Verehrung zu bezeugen.“ „Nein, ganz und gar nicht, mein theuerſter Herr Baron, Ophelia würde entzückt ſein.— Wenn ich darf bitten, ſo bleiben Sie heute Abend, es iſt große Geſell⸗ ſchaft bei der Ophelia und ſie ſelber eben bei der Toilette. Bleiben Sie, beehren Sie uns heute einmal, Herr Baron, — 46 ich werde mich fühlen ſehr geehrt und die Ophelia wird ſein ſehr erfreut, den Herrn Baron in ihrem Salon zu, begrüßen. Hat ſie gewünſcht doch längſt ſchon, daß der Herr Baron mal möchten beſuchen ihre Soiree.“ „Sehr verbunden, Herr Silbermann, ich nehme Ihre Einladung mit vielem Vergnügen an und werde heute Abend pünktlich hier ſein, auf Ehre! Ich darf mir de Gelegenheit nicht länger entgehen laſſen, die ſchönſte und geiſtreichſte Dame der ganzen Reſidenz kennen zu lernen.“ Herr Silbermann ſtrahlte förmlich Glück und Be⸗ friedigung. Ein Lob ſeiner Tochter war des alten Man⸗ nes höchſtes Glück, und als er ſchmunzelnd und lächelnd mit einer Verbeugung über die andere fragte, ob der Herr Baron hätten fonſt noch Befehle für ſeinen gehor⸗ ſamen Diener, da ſah Hans, daß er bei dem Stadium angelangt ſei, mit ſeinem Wunſche herausrücken zu können. „Nun denn, ich brauche Geld, Herr Silbermann.“ „Geld; ſchön, mein Herr Baron, der alte Silber⸗ mann ſteht Ihnen zu Befehl. Für Sie, der Sie verherrlichen 6 wollen den Cirkel meiner Tochter, hat der alte Silber⸗ mann immer Geld;— ja wahrhaftig immer Geld. „Wie viel brauchen Sie, Herr Baron?“ „Es iſt etwas viel heute, alter guter Freund—“ Herr Silbermann ſtrahlte vor Vergnügen. . 47 „Fünfhundert Thaler, aber werden Sie mir auch nicht böſe werden?“ „Wie heißt— böſe?“ rief Silbermann lachend! „Sie ſind der beſte Menſch, den die Erde trägt, Herr Baron! Ich habe Sie lieb wie meinen eigenen Sohn, und wollte geben Tauſende darum, wenn Sie wären mein Sohn. Sie ſollen haben das Geld, ſollen es haben ſo⸗ gleich— und dann bleiben Sie hier zur Soiree meiner Tochter und unterhalten ſich mit der Ophelia.“ Und eilig trat er an ſein Bureau, das Geld hervor⸗ zunehmen, während Hans an eines der Pulte trat, ein Wechſelblanquet ergriff und mit Routine die Formel aus⸗ zufüllen begann. „Fünfhundert T F von Harder.“ Wie oft z6 er dieſen Vamen ſchon un⸗ ter ſolche ſchmale Enden Papier geſetzt, die ſtets in der unerſättlichen Chatouille des Banquiers verſchwanden und ſich da anhäuften zu einer Unheil drohenden Batterie, deren Ladungen ſicherer treffen als die gezogenen Kano⸗ nen des franzöſiſchen Weltbeglückers. Hans dachte daran, als er heutt mit elegantem Zuge ſeinen alten ſtolzen Namen unter den Wechſel ſchrieb. Hans dachte auch an ſeinen Vater, wenn dieſtn einmal alle dieſe ezeen präſentirt werden würden und er murrend und zürnend hineingreifen müßte in die alte 48 Familienkaſſe, die Schulden des leichtſinnigen Herrn Sohnes zu bezahlen. Hans dachte an das Alles, und ihm bangte wohl vor dieſem Augenblicke, daß er den Wechſel hätte zerreißen und hinwegeilen mögen von dem Orte, an den er ſchon durch ſo viele Bande gefeſſelt war, die einſt alle ſein alter Vater kummervoll würde löſen müſſen. Doch, da war Herr Silbermann bereits mit den lockenden Scheinen, da ſah er im Geiſte das leuchtende Diadem— und die liebeſtrahlende Signora, auf deren ſtolzen Haupte es ſich funkelnd wiegte— und die Sor⸗ gen und Scrupel des leichtſinigen Sohnes ſanken wie Nebelſchleier hernieder, dem Tage mit ſeiner Sonne Platz machend, die Glück und Liebe über ihn ausſtrahlte. Noch war ja die Stunde der Entdeckung nicht gekommen, und noch Vieles und Herrliches gab es ja zu genießen, bevor ſie hereinbrechen durfte mit ihren düſteren Schatten. Fort mit Sorge und Scrupel! Nnr einmal lacht die Jugend, und in der Jugend lacht uns Liebe und Luſt. Haus von Harde? nahm die lockenden Scheine und gab dafür das Papier mit ſeiner Unterſchrift, das Herr Silbermann zu ſeinen Brüdern in die Chatouille ſchloß. „Sie ſehen ja den Wechſel gar nicht einmal an, Herr Silbermann, und ich kann ja ganz andere Dinge 3 Thür k 49 darauf geſchrieben haben, als ſie erwarten,“ bemerite Harder ſcherzend. „Wo heißt?“ ſchrie Silbermann und wiederum ſtrahlte ſein glorreichſtes Lächeln.„Sind Sie doch der Herr Baron von Harder. Gott meiner Väter, er ſoll mich bewahren, zuzutrauen derſelben eine Unehrlichkeit, nur wie ein Haar ſo breit. „Aber wo heißt— der Herr Baron haben mir doch verſprochen zu bleiben bei uns dieſen Abend,— zu verherrlichen den Circle meiner Tochter:— der Herr Baron werden doch nicht gehen wollen“— „Ja, mein liebſter Herr Silbermann, ich bin heute Abend in der Soiree von Fräulein Ophelia, der Sie mich immer zu Gnaden empfehlen wollen.— Auf Ehre, ich bin pünktlich da, beſter S lbermann, aber jetzt muß ich erſt noch ein Geſchäft beſorgen.— Auf Wieder⸗ ſchen!“ Und leicht und elegant flog der ſchöne Officier da⸗ hin, dem bewußten Juwelierladen zu, welcher das be⸗ wußte Kleinod barg. Er hatte große Eile, es in ſeinem Beſitze zu ſehen, als ob er fürchtete, daß ihm ein Ande⸗ rer zuvorkommen und ihm es entreißen möchte. Herr Silbermann aber flog wie ein Jüngling die Stufen empor, und mit erſchreckender Eile an Ophelia's klopfend, rief er ſchon außen:„Er kommt, Ophe⸗ Ehre. II. 4 50 lia— ich habe ihn gefangen!— Dein Vater hat ihn gefangen! Ophelia— er kommt heute Abend!“ Die Thüre flog auf und Ophelia ließ ihren Vater eintreten, obgleich ihre Toilette noch nicht beendet war, und dem Kammermädchen winkend, blieb ſie mit dem Freudeſtrahlenden allein. „Wer kommt, mein Vater?“— „Was Du thuſt fragen wunderlich, meine Toch⸗ ter?— Wer wird kommen?— Wer weiter wird kom⸗ men, als wen Du haſt gewünſcht— der Herr von Har⸗ der, Dein zukünftiger Gemal.“ Ophelia zuckte jäh zuſammen. Eine glühende Röthe übergoß ihre Züge bis auf die Schultern hernie⸗ der, und bebend die Hand ihres Vaters ergreifend, frug ſie athemlos:„Sprich, ſprich, hat er ſich erklärt, ohne noch mich zu kennen?— Hat er um meine Hand ge⸗ worben, ohne mir vorgeſtellt zu ſein?— Das wäre ſchreckich.— Oder haſt Du vielleicht gar— nein, nein, das wäre ja entſetzlicher noch als entſetzlich.“— 33 „Was haſt Du, was willſt Du, was iſt Dir?— Glaubſt Du, daß Dein alter Vater iſt geworden zum Narren und bietet ſein einziges, ſein ſchönes, angebetetes Kind einem Officier an, der nichts hat, als ſeinen Na⸗ men und eine Freiherrnkrone, welcher Plunder heut zu Tage ſchon wird fortgeworfen ſo viel, daß ein ehrliche 51 Mann ſich kaum darnach bückt?— Glaubſt Du, ich ſei geworden zum Narren, daß Du Dich ſo echauffireſt um eine fixe Idee?— Hat er dochgebeten ſelber darum, Dir heute vorgeſtellt zu werden und war Deines Lobes voll. Habe ich ihm geſagt, meine Tochter hat heute Abend ihre Soiree, beſuchen ſie uns da, und Ophelia wird ſein erfreut ſie zu ſehen.— Hat er ſich gefreut und geſchworen auf ſeine Ehre, daß er würde kommen — und nun ſage ſelber, meine Tochter, ob er es hat recht gemacht, der alte Silbermann?“— Ophelia athmete auf. „Gott ſei Dank!“ flüſterte ſie erleichtert und Sil⸗ bemann fuhr ſogleich fort: „Was ſoll man denken nun von dieſem Beneh⸗ men? Was ſoll man denken, meine Tochter?— Er hat erkannt ſein einziges Heil und hat eingeſehen, daß ihm an der Hand der ſchönen Ophelia Silbermann Alles erwartet, nach dem des Mannes Herz ſich ſehnet: Liebe, Reichthum, Glück! „Er hat es erkannt, und hat es mir geſagt, daß meine Ophelia ſei die ſchönſte Dame der ganzen Re⸗ ſidenz— und ehe vergehen der Wochen viere, wird er ſie begehren zur Frau, um ſie zu führen auf das alte Schloß ſeiner Ahnen. Glaube Deinem alten Vater, der hat kennen gelernt die Welt und die Geſchäfte. Er wird 4* 52 kommen und erbitten Deine Hand und er ſoll ſie haben, wenn er auch nichts hat, als ſeinen Namen und ſeinen Freiherrnhut.“ „Aber Vater, wird ſich ſeine Ehre— die Heirat mit der Jüdin—“ „Wo heißt, was willſt Du ſagen da für dummes Zeug, meine Tochter?— Wo heißt Ehre?— Ehre iſt Plunder, wie Name und Freiherrnhut,— wenn nicht das Geld ihren Glanz verleiht! Er führt Dich ein in das Schloß ſeiner Ahnen, und Deine Millionen ſtützen die alten Gemäuer, bewahren ſie vor dem Ruine und werden ihnen geben eine neue Politur. Das iſt Ehre. Im Aeußeren liegt ſie, was man ſehen kann,— alles Andere iſt Chimäre! Was gibt die Zetztwelt für das Innere? Heut zu Tage kann man beim beſten Bewußt⸗ ſein Hungers ſterben, das weiß der Freiherr in ſeinem Schloſſe eben ſo gut, als der Jude an der Börſe.“ Ophelia wandte ſich ab. Dieſe Anſchauung däuchte ihr fürchterlich. „Du willſt Deine Toilette vollenden, meine Toch⸗ ter?— Thue das, ich ſtöre nicht mehr. Schmücke Dich, mein ſchönes Kind, thue auch den neuen Schmuck an, den ich Dir habe kommen laſſen von unſerem Agenten in Paris.“— Damit eilte er hinaus und Ophelia blieb allein. 53 Unbeweglich ſtand ſie da und ſtarrte vor ſich nieder. Hier war es mit ihrem Verſtande zu Ende. Sie beſaß zu viel Weiblichkeit, um dieſen Berechnungen ihres Va⸗ ters folgen und ihre Ausführung theilen zu können;— und doch war die Leidenſchaft, die Begierde, ihn den Ih⸗ ren zu nennen— um jeden Preis— zu groß, als daß ſie hätte ihnen entgegentreten, und dem Spiele ein Ende machen ſollen, deſſen Unwürdigkeit und Entwürdigung für ſich ſelber ſie recht wohl erkannte. Weiblichkeit und Begierde, edler Stolz und begeh⸗ rende Leidenſchaft, kämpften in ihr, hatten ihr alle ihre frühere Energie und ſtarke Conſequenz geraubt.—„Wäre ich nur keine Jüdin“— flüſterte ſie ahnungsvoll,— „doch ſo gibt es keine andere Möglichkeit, ihn zu be⸗ ſitzen!“— und dem Schwanken des Charakters ſich fügend, beſchloß ſie der Dinge zu warten, die da kommen wür⸗ den, ohne ſelber thätig einzugreifen, in dieſes Spiel um Glück und Ehre. Drittes Capitel. Ein Abend bei Silbermann. Die prächtigen Luſtres waren angezündet und ver⸗ breiteten, von all' dem Glanze des Salons unterſtützt, der am Tage ſo todt und kalt geſchienen hatte und der nun unter dem Einfluſſe des Lichtes Leben gewann, und das Leben des Lichtes erhöhte, eine feenhafte Helle, die den Glanz des Tages zu übertrefſen ſchien. Er war aber auch prächtig der Silbermann'ſche Sa⸗ lon, ganz der Millionen ſeines Beſitzers würdig, und Alles, was die Prachtliebe des Alten und der Kunſtſinn und Geſchmack Ophelia's vermocht hatten, ſtrahlte darin zur Freude ihrer Gäſte. Die Thüren zu den Nebenzimmern waren geöffnet und dieſe ebenfalls, wenn auch nicht ſo ſtrahlend, erhellt. Hier war es, wo den materiellen Genüſſen gehuldigt wurde, wo die Damen ein einſames Plätzchen und kühlende Erfriſchungen fanden, und auf den reizenden kleinen Otto⸗ 55 manen, die, halb in erfriſchendes Grün verſteckt, einladend winkten, Zeit fanden, die ungewohnte Fülle von Geiſt zu verdauen, welche im Salon geboten ward. Dabei wurden ſie von den jungen Officieren unterſtützt, die es längſt ſchon vorgezogen hatten, mit den Damen eine leichte Con⸗ verfation zu führen, in der ſie ihren oft ſo faden Mutter⸗ witz mit noch viel faderen Galanterien miſchen könnten, als daß ſie in dem Salon aushielten, wo für ſie eine ſo geiſtige Schwüle herrſchte. In dieſe kleinen Zimmer zogen ſich auch die älteren Herren zurück, um, die Thüren zum Eldorado und Mu⸗ ſentempel hinter ſich abſperrend, mit dem alten Silber⸗ mann ein Spielchen zu machen. Denn dieſe alten Herren in Geſchäften ergraut und mit ganzer Seele den Werth des Geſchäfts begreifend, ließen zwar die liebe Jugend ſchwärmen, romantiſiren und ſich in geiſtigen Genüſſen berauſchen, wenn ſie ihnen dafür nur einen freien Rück⸗ tritt ließ, ſie verſchonte mit dem Geiſte in allen Far⸗ ben und Dimenſionen und ihnen im traulichen Nebenge⸗ mache ihren Spieltiſch gönnte. Da war auch endlich das Speiſezimmer,— größer als die übrigen, in welchem ſich, nach allſeitigem geiſtigen Genuſſe im Salon, im Neben⸗ oder Spielzimmer— alle Anweſenden wieder vereinigten, um die Trefflichkeit 56 der Silbermann'ſchen Küchen und Kellerleiſtungen zu be⸗ wundern. Wie bemerkt, war heute Abend eine größere Feſt⸗ lichkeit als bei den gewöhnlichen Wochencirkeln, eine Art Haupt⸗Soiree, wie ſie Fräulein Ophelia alle vier bis ſechs Wochen zu wünſchen pflegte, um ihre Gäſte an ihren Salon zu feſſeln. Doch arrangirte ſie dieſelben ohne ſtrenge Norm in der Zeit und ohne vorherige Ankündi⸗ gung, um eben auch ihren kleinen Cirkeln Friſche und Leben zu erhalten. So ein größeres Feſt bei Silbermann gewährte die vielfachſten und feinſten Genüſſe, und um kei⸗ nes zu verſäumen, beſuchte man auch die kleinen Abende regelmäßiger, als es ſonſt zu geſchehen pflegt, und vewun⸗ derte die Klugheit der ſchönen Wirthin, die au, ſo ge⸗ ſchickte Weiſe ihre Gäſte zu feſſeln verſtand. Hier fanden Alle ihren Genuß und überall war es ſo berechnet, daß ſich Jeder nach ſeinen Eigenthümlichkei⸗ ten vergnügen konnte. Den Künſtlern war es vergönnt, einzutreten in eine Welt des Glanzes, wo ſchöne Augen ihnen leuchteten und die Feſtespracht ihrer Phantaſie neue Schwingen lieh; wo ſie vortragen von dem was ſie geſchaffen, oder ihre Vir⸗ tuoſität auf einem der vielſeitigen Inſtrumente beweiſen. konnten, die zur beliebigen Auswahl bereit ſtanden. So konnten ſie wenigſtens einen kurzen Rauſch des Beifalls 57 ſich erwerben, wen man auch in der Welt nicht geneigt war, ihnen denſelben zu zollen. Denn wann hätte ſolch' ein Publikum nicht applau⸗ dirt, ſobald der Künſtler geendet hatte— und neue wich⸗ tigere Genüſſe ihnen duftend winkten?— Hier fand der Gourmand am Büffet vorerſt, auf dem alle ſeine Genüſſe prangten und an der Tafel end⸗ lich in dem exquſiten Feſtmahlen, vollſtändiges Genügen. De ruheliebende Alte dehnte ſich behaglich an ſei⸗ nem Spielplätzchen, an denen Herr Sibermann ebenfalls als„Einer von unſere Leut“ nie verfehlte, für kaltge⸗ ſtellten Champagner zu ſorgen. Hier endlich ouch fanden die Herren Officiere Ge⸗ nüge, welche Abwechſelung lieben, und Freuden genie⸗ ßend, ſtets beſtrebt ſind, den Damen zu gefallen und vor ſchönen Augen Triumphe zu erringen. Die Luſtres brannten in blendender Pracht und ſpiegelten ſich vielmals wieder in den hohen Gläſern, die, vom Boden bis zur Decke reichend und wechſelſeitig ſich ergänzend, den Salon unendlich weit erſcheinen ließen. Die Gäſte waren meiſt verſammelt und während die Herren noch lebhaft redend im Salon ſich ergingen, oder in Gruppen plaudernd umherſtanden, theilweis auch wohl um eben aukommende Damen beſchäftigt waren, nach ihrem Wohlſein ſich erkundigten, und ſie zu beſonders 58 vortheilhaften Plätzen führten,— arrangirten ſich die Damen bereits um ihre ſchöne Wirthin, deren romanti⸗ ſche Neigung ſie theilten, oder zu theilen ſchienen. Ophelia war als große Kunſtliebhaberin und als Kennerin bekannt. Ihr Wort entſchied in vielen ſtreitigen Punkten, ihr Geld half oftmals nach, wo ihr Urtheil ſich nicht recht erhalten wollte, und Dichter, wie Muſiker und Maler ſonnten ſich in ihrem Beifalle und widmeten ihr ihre Werke. So hatte ſie eine große Menge ſolcher Kunſtſchätze angeſammelt, und ihre Bibliothek, ihre Gemäldegallerie, wie die reiche Muſikalienſammlung, deren Umfang faſt täglich ſtieg, zeigten meiſt Produkte ihrer Freunde und Schützlinge, mit denen ſie prunkte, wie mit aller ihrer Pracht, ohne ſich eigentlich mehr als oberflächlich zu in⸗ tereſſiren. Den meiſten übrigen Damen, welche die immer ge⸗ nußreiche Freundſchaft Ophelia's ſchätzten und in ihren Cirkeln ſich um ſie ſchaarten, während ihre Männer oder Väter in die erquickenderen Nebenzimmer flüchteten, ging es ſicher eben ſo, und ſo paßte denn eigentlich dieſe ganze Geſellſchaft des Scheines ſo recht zu einander. Denn auch die Künſtler mit den langen Mähnen, dem unordentlichen genial liederlichen Ausſehen und den blaſirten Geſichtern waren meiſt nur Ritter vom Schein, 59 ſolche Repräſentanten der Kunſt, die ausgeſtellt ſind, um die Kenntniß von der Exiſtenz derſelben in dieſen Kreiſen nicht ganz und gar verloren gehen zu laſſen, während die wirklichen Vertreter der Künſte im ſtillen Studirſtüb⸗ chen ſitzen und beim trüben Scheine der Lampe, oft nur mit Schwarzbrot und Waſſer ſich ſättigend, dem Genins folgen und ſeinen Eingebungen lauſchen. Es geht in der Kunſt wie im übrigen Leben. Der Schimmer ſiegt und überſtrahlt die Wirklichkeit; der Stern wird überſehen, wenn Meteore flackernd ſtreichen, und während der Charlatan Alles hat, was er nicht ver⸗ dient, Glück, Ehre und Wohlleben, ſchleppt das redlich ſtrebende Talent ein elendes Daſein vorwärts in drücken⸗ der Miſeré.— Noch immer wogte das Treiben im Salon auf und nieder. Man konnte heute gar nicht zur Ruhe kommen, und Fräulein Ophelia ſäumke noch immer mit der wichti⸗ gen Eröffnung, um welche die Herren Minneborg und Flemmandi ſie gebeten hatten und um deren Erfüllung die ſchmachtenden Blicke des Letzteren ſehnſüchtig baten. Doch Ophelia ſchien heute dieſe Sprache nicht zu verſtehen. Sie, die ſonſt ſo gern bereit war, ihren Schütz⸗ lingen auch den leiſeſten Wunſch zu erfüllen, hatte heute nicht Auge und Ohr für die ſprechenden Blicke der Sehn⸗ ſucht und unterhielt ſich noch immer mit ihrer Freundin, 60 der ſchönen Roſabella, einer der glühendſten Nacheife⸗ rinnen Ophelia's in Kunſtliebe und Kunſtenthuſiasmus; — wobei ſie jedoch noch Zeit genug behielt, die Thüre feſt im Auge zu halten, durch welche die ankommenden Gäſte eintreten mußten. Es mußte heute ungewöhnlich warm im Salon ſein, trotzdem alle Anweſenden ſeine erfriſchende Kühle prie⸗ ſen, denn Ophelia fühlte ſich ſo erhitzt, ſo beengt, daß ſie endlich an Roſabella's Arme eine Promenade durch den Salon unternahm und durch eine Thür verſchwand, die in den Garten führte. Nach einem längeren Spaziergange in demſelben kehrten ſie in den Salon zurück. Ophelia überflog mit einem ſchnellen Blicke die Anweſenden— neuangekom⸗ mene Gäſte eilten ſie zu begrüßen— doch als ſie immer noch nicht entdeckte, was ihre ſpähenden Blicke ſuchten, kehrte ſie zu ihrem Platze zurück, entſchloſſen, das Zeichen zum Anfange zu geben. Er war noch immer nicht gekommen. Zetzt erhob ſich Ophelia von Neuem und eine tiefe Stille trat ein, als ihre ſchöne klangvolle Stimme um einen Angenblick Aufmerkſamkeit bat. „Meine verehrten Gäſte“ fuhr ſie dann fort— „es gereicht mir zum beſonderen Vergnügen, Ihnen mit⸗ theilen zu können, daß die Herren Meinneborg und Flem⸗ 61 mandi ſich freundlichſt bereit erklärt haben, uns heute Abend mit dem Vortrage ihrer neueſten Schöpfungen zu erfreuen. Um nun unſere geehrten Kunftfreunde nicht län⸗ ger mit Vorreden zu ermüden, erlaube ich mir die Bitte, daß die Herren mit ihren Vorträgen gütigſt beginnen wollen.“— Ophelia ließ ſich erwartungsvoll nieder,— noch einmal Geräuſch und Bewegung im Salon, während Alles zu bequemen Plätzen eilte— dann tiefe Stille. Ein Diener hatte auf Ophelia's Wink unterdeſſen den Flügel geöffnet, trotz der blendenden Helle, zwei Lichter auf ſilbernen Leuchten darauf geſtellt, und nun nahete Herr Flemmandi, das Notenheft in der Hand, die vollen Hagre mit kühnem Schwunge zurſck wer⸗ fend, die Augen voll Begeiſterung und die Finger voll brillanten— Zeugen und Zeichen ſe nes unſterblichen Ruhmes und der Ehren, welche man ihm ſchon bewie⸗ ſen hatte. Mit einer tiefen Verbeugung nahm er an dem prächtigen Inſtrumente Platz, ſtellte ſeine Compoſition zurecht, bat einen ſeiner weniger begünſtigten Collegen mit gnädigem Winke ihm die Blätter umzuwenden und gleich darauf brauſten die Töne durch den Saldn— an das Ohr der athemlos lauſchenden Menge. Es war eine glänzende Phantaſie caprice,„Morgen⸗ 62 gedanken eines Bären“ benannt, die in den ſchwierigſten Läufen und Paſſagen eine ſolche Fülle von Gedanken offenbarte, daß alle Anweſenden entzückt waren und nach dem glänzenden Schluſſe, der in den entgegengeſetzten Endoctaven des Inſtrumentes ſein glorreiches Zi lfand, lohnte den Künſtler ein donnernder Applaus, während nur die Officiere ſehr ernſtlich den Bären bewunderten, in deſſen zottigem Haupte alle dieſe„famoſen“ Gedan⸗ ken entſtanden ſein ſollten. Die Phantaſie war beendet, Herr Flemmandi ver⸗ beugte ſich bii jedem einzelnen Bravo ſo oft als möglich und zog ſich endlich beſcheiden in eine Fenſterniſche zu⸗ rück, während im Salon das Leben und die Bewegung neu aufathmeten. Aber nicht lange. Denn ſchon nahete Herr Minne⸗ borg, eine kleine ſchmachtende Figur mit waſſerblauen Augen und hellblonden Locken, die ſich genial um ſeine Stirn kräuſelten. Auch ſeine Hände, welche kaum unter den ſpitzen geſtickten Manchetten hervorſahen, waren mit funkelnden Ruhmeszeichen geſchmückt, deren Streiflichter auf das blendendweiße Hefichen fielen, das Herr Minne⸗ borg in der Hand hielt. Mit einer flüchtigen Verbeugung ließ er ſich an dem kleinen Marmortiſchchen nieder, das mit zwei Ker⸗ 63 zen geziert war, und entfaltete, mit leichtem Hüſteln um Ruhe bittend, ſein Manuſcript. Dann erhob er ſich wieder, und nach einem ſchmach⸗ tenden Blicke auf Ophelia, den dieſe durch ein Lächeln erwiderte, ſprach er mit etwas flüſternder Stimme: „Geehrte Anweſende! Daß nach unſern großen Meiſtern Göthe und Schiller, die unſere liebenswürdigſten Kri⸗ tiker wie Julin⸗Smith und Andere als den allein gil⸗ tigen und zuläſſigen Maßſtab in der Literatur anneh⸗ men, in dieſe ſelber ein Verfall,— eine hinſiechende Fäulniß möchte ich es nennen,— gekommeniſt, welche den gerechteſten Befürchtungen Raum gibt,— iſt den kunſt⸗ liebenden Zuhörern zu gut bekannt, als daß ich darüber mich weiter noch ergehen müßte. Daß Kunſt— Kunſt und Leben— Leben iſt, hat man, wie es ſcheint, ganz vergeſſen und möchte das Leben zur Kunſt geſtalten und in der Kunſt das Leben geben. „Wie thöricht!„Kunſt iſt Kunſt, und Leben— Leben!“— Die gewichtige Pauſe geſtattete einigen halblauten Bravos Raum, worauf der Dichter, ſich verbeugend, fort⸗ fuhr: „Und ſo muß es bleiben, ſoll nicht die Kunſt, das erhabendſte edelſte Geſchenk der Gottheit, untergehen im Alltäglichen und Gewöhnlichen und end ich nichts mehr bleiben, als eine Erinnerung, der wir gedenken wie an ein Märchen ſchönerer Tage.— „Nein, meine Verehrten, die Kunſt darf nicht unter⸗ gehen im Gewöhnlichen und Alltäglichen, deßhalb muß ihrem Verfalle geſtenert und eine neue Aera heraufbe⸗ ſchworen werden durch Werke, welche die Konſt als die Kunſt betrachten, welche Jdeale ſucht, Idealem anſtrebt und das Leben— Leben ſein läßt mit dem die wahre Kunſt Nichts zu ſchaffen hat. Wir müſſen aber auch Neues, Originelles, Ueberraſchendes ſchaffen,— das im Staude iſt, das geſunkene Intereſſe neu zu wecken und durch ſpannende Originalität die Kunſtfreunde zu feſſeln. Ich habe den Verſuch gewagt und bringe ihn hier, um ihr Urtheil über mich ergehen zu laſſen. Es iſt mein erſter Verſuch, uns herauszuarbeiten aus dem Verfall und der Fäulniß;— urtheilen Sie alſo nicht zu ſtreng!“— Eine neue Verbeugung mit Pauſe— und gerade jetzt öffnet ſich die Thür. Minneborg, der gefürchtet hatte, den gelehrten und gefürchteten Profeſſor Adolf Rabe mit ſeiner geiſtreichen Gattin hier zu finden, und leichter gea thmet, als ſie nicht erſchienen waren— blickte beſorgt um,— doch es war nur ein Officier, der eintrat — und er fuhr ſorglos fort, während Jener ſich der Dame vom Hauſe näherte: „Es iſt die erſte von einer Sammlung Erzählun⸗ gen, welche ich unter dem Titel:„Georginen, Perlen aus dem Luft⸗ und Waſſerreiche“, hoffentlich recht bald werde erſcheinen laſſen können, und die ich im Voraus den geehrten Anweſenden als einen Verſuch empfehle, die Kunſt emporzureißen aus ihrem Verfalle. „Der Titel der Erzählung, für welche ich Ihre geehrte Aufmerkſamkeit erbitte, iſt:„Die Reiſe in das Zauberlaud“ und ſpielt dieſelbe— ich bemerkte Ihnen vorher ſchon, daß wir verſuchen müſſen, Originelles zu ſchaffen,— außer in den fünf Erdtheilen eben noch in jenem wunderbaren unentdeckten Zauberlande, deſſen Schilderung die Phantaſie des Künſtlers erfordert und ihn emporreißt aus dem gewöhnlichen und materiellen Leben.“— Nach dieſen Worten verbeugte ſich Herr Minne⸗ borg noch einmal, ließ ſich dann nieder, und begann ſeine Lectüre.— Bei dem ſchon erwähnten Eintritte des jungen Officiers flog ein leiſes„endlich“ von Ophelia's Rp⸗ pen, und als er ihr nun nahete und ihre Augen die⸗ ſen ſchönen braunen begegneten, deren Glanz Signora Corrado gern mit dem Himmel Italiens verglich, ſo herrlich ſtrahlten ſie,— nur eben nicht blau— da preßte ſie einen Augenblick lang die Hand auf das Shre. n. 5 66 klopfende Herz und erhob ſich, den Ankommenden zu begrüßen. Hans von Harder war durch die impoſante Er⸗ ſcheinung Ophelia's überraſcht. Er hatte gefürchtet, eine jener Jüdinnen zu finden, die ſo oft durch geſchwä⸗ tzige Schöngeiſtigkeit dem Manne die Minuten ver⸗ gällen können— und nun ſah er ſich einem Weſen gegenüber von ausgezeichneter Schönheit und von einer Haltung, die einer Königin würde Ehre gemacht haben. Der orientaliſche Schnitt des Geſichts gab den Zügen etwas Energiſches, Kühnes, und als ſie ihn einlud, ſich neben ihr niederzulaſſen und während der ſehr geiſtvollen Lectüre des Herrn Minneborg eine leiſe Unterhaltung mit ihm führte, ward er überraſcht durch den Geiſt und die Sicherheit ihres Urtheils, die ihn an Signora Corrado erinnerten. Endlich hatte Herr Minneborg geendet, ſchlug unter den Beifallzeichen der Zuhörer, die den Schluß unendlich erwünſcht fanden, ſein Manuſcript zuſam⸗ men, und zog ſich in die Fenſterniſche zurück, aus der nun Herr Flemmandi wieder hervortrat und noch in einer Piece die Virtuoſität ſeiner unendlich langen Fin⸗ ger glänzen ließ. Wiederum ranſchender Schlußaccord, Bravo— und die Kunſt ging auf in das eben. 67 Nun wurde es lebendiger und, wie fich Man⸗ cher wohl heimlich geſtand, intereſſanter. Die Neben⸗ zimmer flogen auf, eine geöffnete Flügelthür zeigte den Weg in den feſtlich erleuchteten Garten und die Gäſte⸗ ſchaar zog wie ein Bienenſchwarm umher, durchkreuzt von eifrigen Dienern, welche überall Erfriſchungen boten und ſie nach allen Grotten und Alleen trugen. Ophelia hatte Harder's Arm genommen und, an dem glücklich lächelnden Silbermann vorüber, ſchwebten ſie in den Garten,— da es im Salon doch nun wirk⸗ lich etwas warm ward. „Ich bin überraſcht, mein Fräulein,“ ſagte Haus, hier mitten in unſerer ſtaubigen Reſidenz einen ſolchen Feenpalaſt zu finden, deſſen ſchönſter Schmuck ſich gnä⸗ dig zu den armen Sterblichen neigt.“ Ein Kuß auf die zarte Fingerſpitze Ophelia's gab dieſer Commentar genug zu der Galanterie und ſie er⸗ widerte neckend:„Ei, ei, Herr von Harder, Sie haben wohl zu viel in die Spiegel des Salons geſchaut, und das Zauberland des Herrn Minneborg damit in Ver⸗ bindung gebracht.— Bitte, ſehen Sie ſich um im friſchen Grün und erkennen Sie, wie wir Alle, fern von Feen und Zauberern, nur arme Sterbliche ſind, denen das Licht ein etwas glanzvolleres Aeußeres lieh.“— „Nein, nein“— rief Hans lachend,„laſſen Sie 5* 68 mir die Illuſion, ich weile ſo gern im Reiche des Zau⸗ bers und lauſche den Worten ſeiner Feen und Verkündi⸗ gerinnen, deren ſchönſte mich der Ehre würdigt, als armer blinder Sterblicher eingeführt zu werden in das Reich, in welchem Alles Glück und Liebe iſt!“— Ophelia erbebte. Jetzt, wo er an ihrer Seite war, ſchwiegen alle Wünſche des Herzens und ein Zagn über⸗ fiel ſie, welches ſie umſonſt unter Scherzen zu verdecken ſuchte. Ihr bangte das Geſpräch in dieſer Weiſe fortzu⸗ ſetzen, und mit einem Sprunge ſich der Situation ent⸗ reißend, ſagte ſie: „Mein Vater hat es oft bedauert, daß Sie nicht früher ſchon uns mit Ihrer Gegenwart beehrten— Sie haben wohl immer ſehr viele Geſchäfte und konnten un⸗ ſeren Einladungen nicht folgen?“— „Leider ja“, entgegnete er halb verlegen,„meine Geſchäfte waren bis jetzt ſehr dringend.— Das Leben des Soldaten iſt nicht ſo arbeitlos, als man gewöhnlich zu glauben ſcheint— und die Studien, wie die Uebun⸗ gen, rauben beſonders dem jungen Officier viele Zeit.“ So hatte ſich— und Hans fühlte es wohl,— Ophelia durch eine Wendung ſchnell zum Herrn der Si⸗ tuation gemacht,— ohne doch etwas mehr gewagt zu aben, als eine einfache Frage, die der aufmerkſamen 9 69 Wirthin Pflicht iſt, will ſie einen Goſt zum Wiederkom⸗ men gewinnen. Nur das Bewußtſein, daß Beide recht wohl die wahre Antwort kannten, ohne daß ſie doch Einer ber üh⸗ ren durfte,— gab Ophelia die nöthige Sicherheit und brachte Harder von der ſeinigen ab, die vielleicht m ehr hätte wagen dürfen— als Ophelia jetzt noch ertragen zu können meinte. So iſt die geſellſchaftliche Unterhaltung meiſt ein Verſteckeſpielen unter einander, und während Alle den Stempel der Treue und Aufrichtigkeit an der Stirn tragen, glanbt doch Keiner den Worten des Anderen— und gewöhlich nicht ohne Grund. Die Promenirenden verloren ſich in den Salon zu⸗ rück, und auch Hans von Harder führte Ophelia wieder in denſelben, wo die Gefeierte ſofort von einem Kreiſe Verehrer umringt ward. Hans zog ſich deßhalb zurück und fiel nun dem Herrn Silbermann in die Hände, der eben den Spielt ſch verlaſſen hatte, um ſich ſeinen Gä⸗ ſten im Salon zu zeigen. „Mein theuerſter Baron, Sie machen mich glück⸗ lich, daß Sie haben gehalten Ihr Wort. Und wie ſich die Ophelia freute, Sie kennen zu lernen; ich habe es ihr angeſehen, dem guten Kinde, daß ſie war entzückt, Sie kommen zu ſehen. „ 70 „Wirklich, Herr Silbermann?— Sie zeigen mir zu viel Ehre— und Fräulein Ophelia, dieſe geiſtreiche und hochgelehrte Dame, wird ſich ſicher in der Unterhaltung mit jenen gelehrten Herren, welche ſie jetzt umlagern, viel heimiſcher fühlen, als in der mit einem einfältigen Officiere, der eben nichts verſteht als ſein Metier.“ „Bewahre Gott, daß Ophelia ſollte ſein ſo unge⸗ recht, und die vortrefflichen Eigenſchaften des Herrn Ba⸗ ron überſehen gegenüber den Herren von der Kunſt. Doch das Geſpräch da drüben ſcheint ja ziemlich laut zu werden — hören wir doch einmal, was die Herren wieder Neues entdeckt haben.“ In dieſem Augenblicke ſagte Ophelia, ſich freund⸗ lich gegen die Herren Minneborg und Flemmandi neigend: „Ich, und ſicher alle meine geehrten Gäſte mit mir, ſind Ihnen zum lebhafteſten Danke verpflichtet für den Genuß, den Sie uns ſo freundlich bereitet haben, und möchten nur wünſchen, daß er uns noch recht oft zu Theil werde.“ Mit tauſend Verbeugungen für die geſpendete An⸗ erkennung dankend, und nach allen Seiten ſich neigend, wo ſich mehr oder minder laute Zuſtimmung hören ließ, erwiderte Herr Minneborg tief gerührt: „Es gereicht uns und wird uns ſtets zum größten Vergnügen gereichen, vor einem ſo liebenswürdigen und 7 71 kunſtfinnigen Zuhörerkreiſe unſere ſchwachen Leiſtungen zu produciren. Möchte es uns nur immer vergönnt ſein, uns ein wenig den Beifall unſerer Intereſſenten zu er⸗ werben. Wir lieben die Kunſt, wir leben der Kunſt und der Beifall unſerer ſi und Leſer iſt unſere Ehre!“ „Sehr ſchön geſagt,“ meinte Herr Silbermann zu Harder, der lächelnd neben ihm ſtand; finden Sie nicht mein lieber Herr Baron, daß ſich die Ophelia hat um⸗ geben mit einer recht geiſtvollen Geſellſchaft?“ „Sicher ja, und ich kann mir wohl denken, daß ſich Fräulein Ophelia in dieſem Zirkel am wohlſten fühlen muß, dem ſie durch ihren Geiſt ja ſelber ange⸗ hört. Sicher wird auch wohl nur einer der berühmteſten Künſtler einſt ſie ſeine Gattin nennen dürfen?“ „Aha!—“ dachte Silbermann heimlich und ant⸗ wortete daher mit ernſter Miene: „Daran glaube ich nicht ſo feſt, mein Herr Baron;— ſo ſehr auch die Ophelia liebt die Kunſt und ehrt die Künſtler, ich glaube nicht, daß ſie wird wählen einen da⸗ von zum Manne. Die beſten und liebenswürdigſten von ihnen haben ſich vergeblich bemüht und bemühen ſich noch vergeblich ihre Gunſt anders zu gewinnen als eben in Anbetracht ihrer Kunſtleiſtungen. 4 „Ah— dann könnte alſo ein glücklicher Sterblicher, ſelbſt wenn er nicht den Pegaſus tummelte, ſelbſt wenn 72 er ſogar wohl Officier wäre, Hoffnung hegen, die Krone der Reſidenz Sein nennen zu dürfen?“ Silbermann's Herz hüpfte vor Freude. Dieſe Fra⸗ gen, was anders konnten ſie ausdrücken, als ein lebhaf⸗ tes Intereſſe und eigene Wünſche! Ach, Herr Silbermann hatte ſich nicht getänſcht, und Herr von Harder ging gerabewegs auf das Ziel los, an welchem er ihn zu haben wünſchte. Er erwiderte deßhalb diplomatiſch: „Darüber, Herr Baron, kann nur die Ophelia allein entſcheiden. Ophelia iſt eine der beſten Partien der Reſi⸗ denz. Ich gebe meinem Kinde ſofort eine Million mit — und werde nie verſuchen ihrer Neigung Zwang an⸗ zulegen. Wer die Gunſt meiner Tochter beſitzt, wird auch mir willkommen ſein, mag er nun Officier, Künſt⸗ ler oder ſonſt ein Mann ſein, wenn er nur iſt ehren⸗ werth.“ Hätte Hans von Harder nur eine Ahnung davon gehabt, was man hier von ihm wünſche, dieſe bezeichnen⸗ den Andeutungen hätten ihm Alles ſagen müſſen— ſo aber ließ er ſie unbeachtet vorübergehen und erwi⸗ derte nur in geſellſchaftlichem Tone: „Sehr recht und wahr, Herr Silbermann. Ich be⸗ neide den, der einſt der Glückliche ſein wird.“— Herr Silbermann horchte auf, ſinnend, geſpannt, was er noch ſagen würde;— ſein Herz klopfte erwar⸗ 73 tungsvoll— da eben ſchwebte Ophelia herbei, um ihren Vater an die Tafel zu erinnern, und Hans wandte ſich wieder in den Salon. „Warum mußteſt Du uns ſtören, Ophelia, warum, mein Kind, konnteſt Du nicht noch warten fünf Minuten und er hätte ſich erklärt!“ „So ſchnell,“ flüſterte ſie dagegen,„ſo ſchnell— o Vater, das kann nicht gut werden.“ „Wo heißt nicht werden gut. Biſt du nun zaghaft, nun der Wurf iſt gelungen, und haſt nicht den Muth anzunehmen, was Du erſt haſt ſo ſtürmiſch begehrt, daß mir haben gemacht die Sorgen darüber graue Haare?“ „Nein, nein, mein Vater, ich habe Muth; aber nicht heute, heute noch nicht, es iſt zu ſchnell.“ „Der junge Herr ſcheint aber zu haben Eile!— Na laſſen, wir laufen die Dinge wie ſie wollen laufen. Du weißt jetzt was Du haſt zu erwarten und kannſt Dich darnach arrangiren.“ In dieſem Augenblicke wurden die Flügelthüren geöffnet, welche zum Speiſezimmer führten; eine einla⸗ dende Muſik drang daraus hervor und man ſührte die Damen zu Tiſch.. Aber ſo ſehr auch die Herren Minneborg und Flemmandi ſich an Eile überboten, Fräulein Ophelia's Arm zu erlangen— ſie erhielten ihn Beide nicht, denn 74 ſchon ſchritt ſie am Arme Harder's lächelnd an ihnen vorüber. Ein ausgeſuchtes Mahl mit den feurigſten Weinen erquickte die Gäſte und verſetzte ſie in die angenehmſte Stimmung. Hans von Harder trank auf das Wohl ſeiner ſchönen Nachbarin, ſonſt aber ward ihr Wunſch erfüllt, er ſprach nur gleichgültige Dinge mit ihr, da er ja an nichts we⸗ niger dachte, als an eine Verbindung mit der Jüdin, nnd über die Pläne des alten Silbermann herzlich ge⸗ lacht haben würde hätte ſeine Unbefangenheit ſie nur geahnt. Nach der Tafel begann für die junge Welt der Ball, während die alten Herren theils bei den unverſie⸗ genden Flaſchen ſitzen blieben, theils zu den Spieltiſchen zurückkehrten. Hans aber empfahl ſich bald, denn Mitternacht war nahe und er wollte noch einen Beſuch bei Signora Cor⸗ „rado machen. „Nun, meine T S frug Herr Silbermann am Schluſſe des Feſtes,„hat ſich Herr von Harder erklärt gegen Dich?“ „Nein, wir haben von den gleichgültigſten Dingen, aber kein Wort von Liebe geſprochen, und es war gut 75 ſo. Es wäre zu ſchnell geweſen und Herr von Harder beſitzt den Tact eines Edelmanns.“ Der Vater neigte beſtätigend ſein Haupt und fügte wichtig noch hinzu: „Ich weiß was ich weiß, und was ich habe ſon⸗ dirt in ſeinem Herzen! „Er wird wiederkommen, denn er iſt anſtändig und wird erſt reden mit dem Vater.— Hätteſt Du uns uur nicht geſtört hente Abend, ſo wären wir bereits im Kla⸗ ren.“— Viertes Capitel. Brot unz Ehre. Gegenüber dem Hotel der Signora Corrado lag ein ebenfalls hohes, aber ungleich weniger ſtattliches Haus, eines jener Gebäude, wie man ſie oft in den be⸗ lebteſten Straßen der Reſidenz findet, mit Miethsleuten vollgeſtopft bis unter das Dach hinauf. Im Parterre und den untern Stockwerken wohnten einige höhere und weniger hohe Beamte, um ſo höher im Hauſe, je tiefer im Range.— Auch eine vielgenannte und berühmte Schriftſtellerin hatte ihre Fabrit hier aufgeſchlagen, ohne wohl nur eine Ahnung davon zu haben, daß oben im Dachſtocke auch noch Leute wohnten, und unter ihnen auch ein Schriftſteller, der in dem engen Dachſtübchen, zwiſchen den kahlen Wänden und auf dem ſchmuckloſen Holzſtuhle ſitzend, wonnetrunken und beſeligt mit dem Genius rang, während ſie unten in prächtigen Gemä⸗ chern auf ſammtenen Divans ruhte, und mit ihrem Zau⸗ berſchlüſſel hineinſtieg in die lederbeſchlagenen Folianten, aus denen ſie Weisheit ſchöpfte— wie die Biene den Honig aus den Blumenkelchen ſaugt— um ihn dann friſch aufgekocht und mit gefälligem Lächeln zu prä⸗ ſentiren. Der Beifall der Leſer entſcheidet, und dieſe ver⸗ ſchlangen die Werke der berühmten Frau.— Konnte ſie mehr verlangen, als ſolche Ehre?— Was kümmerte es ſie, daß ſie ſelber recht ih erkannte, wie wenig Ge⸗ halt in ihren Schriften ſei, was kümmerte ſie die Stimme der Preſſe, die Zetter ſchrie ob ſolchen Verfalls der Literatur? Die Leſer verſchlangen ihre Schriften, und jubelten ihren dramatiſchen Kunſtwerken entgegen; die Verleger und Bühnendirektoren riſſen ſich darum— die Schrift⸗ ſtellerin verdiente enorme Summen;— was kümmerte ſie da die innere Stimme, die Stimme ihres eigenen beſſern Selbſt, welches angſtvoll aufſchrie, ſich ſo ver⸗ ſtümmelt und ſeine Fähigkeiten ſo mißbraucht zu ſehen! Was kümmerte ſie da die Stimme aller Beſſerdenkenden, die entrüſtet ſchalten über ſolch' elendes Handwerk. Das große Publicum harrte aus bei ihr, weinte mit ihr, lachte mit ihr und verſchlang ihre Werke! Sollte ſie dieſe Ehre hingeben aus purer Gewiſſen⸗ haftigkeit? Sollte ſie zurückkehren zum langſamen, ge⸗ 78 diegenen Arbeiten und gewiſſenhaft haushalten mit ihrem Talente, ſtatt das Unkraut auf demſelben in glänzender Ueppigkeit wuchern zu laſſen? Narrheit, ſolche Serupeln! Wer ſollte ihr die Summen erſetzen, die ſie dabei verlöre, wer ihr die Ehre, welche das Leihbibliotheks⸗Publicum ihr zollte, wenn ſie ihm gehöriges Futter gab? Nein, ihre Ehre ging ihr über Alles, und ihre Ehre lag in der Hand der Leſer. Fort, vorwärts, dem Ziele entgegen; je mehr Werke, um ſo mehr Ehre— und um ſo mehr Geld! Es war Abend, und faſt das ganze Haus lag wie todt und ausgeſtorben da. Die berühmte Schriftſtellerin machte eine Reiſe, um Geiſt und Phantaſie neu anzure⸗ gen und zu neuen unſterblichen Werken zu befruchten, und die Beamten benutzten entweder die eingetretenen Ferien ebenfalls zu Reiſen, oder waren ausgeflogen, um in der kühlen Abendluft die Hitze des Tages überwinden und in heiteren Geſellſchaften ſich zu erfreuen. Nur in den Dach⸗ ſtübchen oben brannte Licht, und dieſes gab das einzige Lebenszeichen in dem ganzen großen Hauſe. Fünf Treppen, von denen die letzte die am meiſten ſteile und ſchmale war, führten hinauf in die beſcheidene Wohnung, die klein und niedrig, mit ihren etwas ſchiefen Wänden kein einladendes Aſyl bot. Und doch fühlte ſich 79 X Jeder behaglich und wohlig angemuthet, wer hinein trat in das ärmliche Zimmer und darinen Alles ſo nett und ſo wohnlich und bei aller Einfachheit und Aermlichkeit doch ſo reinlich und einladend fand, durchduftet von dem ordnenden Walten einer treuen Hausfrau. Dort ſitzt ſie am Fenſter, die alte, ehrwürdige Ma⸗ trone, und ihr edles ſinnendes Antlitz blickte aufmerkſam auf das Spinnrad nieder, welches ihr Fuß mit leiſem Tritte bewegt und auf%½ ſie emſig die feinen Fäden ſpinnt. Dieſes Antlitz zeigte eine wunderbare Ruhe und Freudigkeit, die ganz zu dem häuslich frommen Stübchen paßte. Aus den Augen ſtrahlt die reinſte Herzensgüte und wenn ſie, wie jetzt, das Haupt erhebt und aufblickt undman beim Scheine des Lämpchens ganz und voll in das klare Angeſicht ſchaut, dann glaubt man das einer ſchwergeprüf⸗ ten Dulderin, einer Heiligen zu ſehen,— wie jene ge⸗ weſen waren, von denen die alten Legenden ſo rührende Geſchichten erzählen und die in farbenreichen Bildern an den Wänden des Dachſtübchens umherhängen. Unter dem weißen, ſorgfältig gefaltenen Häubchen der Matrone drangen altersgebleichte Locken in noch im⸗ mer reicher Fülle hervor, und die Züge waren von jenen Linien und Furchen durchzogen, die die Kämpfe der Lei⸗ den und Sorgen, die Kummer und Noth auf ihrem Kampf⸗ 80 platze zurücklaſſen, und die nie mehr weichen, ſondern tie⸗ fer und ſichtbarer werden, je länger die Jahre darüber hinſtreichen. Auch Mutter Roſen hatte der Stürme manchen er⸗ lebt, und ihre Spuren waren unvertilgbar eingegraben in Stirn und Wangen. Aber die Heiterkeit und die ſtille Freude, die jetzt aus den Zügen und den ſanften blauen Au⸗ gen ſtrahlten, bezeugten, daß ſie längſt überwunden habe, und daß nach den ſchweren Wettertagen die Ruhe in die geängſtigte Seele zurückgekehrt ſei. Sie war als Siege⸗ rin hervorgegangen aus den Kämpfen des Lebens, war ihnen nicht unterlegen, und trug die Spuren jener Zeit des Kampfes und der Sorge, wie Krieger ihre Wunden als Ehrenzeichen. Mutter Roſen arbeitete unermüdlich. Sie hatte vor Kurzem erſt einen neuen Rocken aufgeſteckt und eine fri⸗ ſche Spindel dazu, und geſchäftig trat der Fuß das Räd⸗ chen, daß es ſchnurrend flog, und wunderbar ſchnell dreh⸗ ten die feinen Finger, die nie eine ſchwere Arbeit gethan zu haben ſchienen, den feinen Faden und ließen ihn auf⸗ laufen auf die ſchwirrende Spindel. Was dachte ſie wohl, die greiſe Matrone, als ihr klares Auge ſo unverwandt der Arbeit folgte? Womit beſchüftgten ſich wohl die Gedanken, während die Finger unausgeſetzt das Fädchen drehten?— Flogen ſie zurück 81 in die Vergangenheit, die auch dahingerollt war, wie der Faden auf die Spindel, und alle ihre Sorgen, Leiden und Freuden mit ſich begraben hatte im Bette der Zeit?— dachte ſie an die Zukunft, welche ihr nachfolgen würde in gleicher nie zu hemmender Eile— und die auch ſie end⸗ lich dahin führen würde zu jenem Bette— wo ewige Ruhe iſt?— dachte ſie an die Zukunft, was ſie ihr noch bringen, was ſie ihrem Sohne bereiten würde, dem ein⸗ zigen geliebten Weſen, ½ nahe ſtand,— dem letz⸗ ten von den wenigen Verwandten, die ihr treu geblieben waren, als das Glück und das äußere Wohlleben ihr un⸗ treu wurden und ſie hinausſtießen in die Hallen der Ar⸗ muth, der Sorge, der Entbehrung— ja der Schande? — Ihrem Sohne, der gearbeitet und ehrlich gerungen hatte, und dem doch überall ein Geſpenſt entgegentrat, das nie zu verſöhnen, nie zu beſchwichtigen war, das nie ihm Ruhe gönnte,— und wenn es einmal zu ſchlum⸗ mern ſchien und er einem feſten Glücke für ſich und ſeine Mutter anſtrebte und ſein Ziel nahe— ganz nahe vor ſich ſah— blutig und höhnend ſich von Neuem aus dem Boden erhob, ſein Brandmal ihm ins Geſicht ſchleuderte, daß Alle flohen, die ihn ſahen und ſein gehofftes Glück in Trümmer ſank— und er verzweifelnd neben ihm darnieder. So war es immer geweſen.— Und wie ſehr Jo⸗ Ehr'e 1. 6 hannes— ſo hieß der Sohn— auch rang und ſich mü⸗ hete, durch ernſtes Streben ſein Verhängniß zu verſöh⸗ nen;— es war ihm noch nicht gelungen— und ſchuld⸗ los trug er die Folgen einer fremden Schuld— des ein⸗ zigen Erbes von dem, den er ſo ſehr geliebt, ſo hoch⸗ geachtet hatte als den beſten und liebevollſten der Väter. Die Sünde der Väter ſoll gerochen werden an den Kindern,— Johannes fühlte die furchtbare Bedeutung dieſes Fluches, den alle und Treue, den ſelbſt die Liebe nicht verſöhnen Und ſeine Mutter fühlte mit ihm. Sie hatte doppelt gelitten: für den ſchuldigen Vater und den ſchuldloſen Sohn;— um ihn, der ſeine Schuld bezahlt mit dem ge⸗ wöhnlichen Attribute der Schande, freiwilligem Tode und um ihn, der zurückbleiben mußte, und über dem Grabe des Vaters, mit ſeinem verpönten Namen belaſtet, nun ein Leben beginnen ſollte. Entſetzliches Erbtheil— die Schande des Vaters! Schreckliches Brandmal, das ihn ausſtoßt aus der Geſellſchaft Derer, die ſich rein dünken und das Recht zu haben meinen, den ſchwer Geſchlage⸗ nen tiefer noch zu beugen! Mag er auch ein Muſter an Tugend und Redlichkeit ſein, mag er immerhin leuchten im Lichte eines tadelloſen Wandels— das Brandmal weicht nicht, die Schande bleibt;— denn der Fluch muß erfüllt werden bis in das ſechſte und das ſiebente Glied. —,— ——— Das Mutterherz hatte den eigenen Schmerz über⸗ wunden, und nur die tiefen Furchen in Wangen und Stirn deuteten noch ſein einſtiges Daſein an. Mit dem eigenen Schmerze hatte ſie wacker gekämpft, und an den Glauben an Gott und ſeine Heiligen ſich lehnend, war ſie Siegerin geblieben unter allen Schickſalsſchlägen; aber der Schmerz und Gram, die Sorge um den Sohn, der ſchon faſt ermüdete, die Kette dieſes belaſteten Daſeins zu ſchleppen, welches ja niemals Blumen für ihn trieb,— verließen die Mälrone keinen Augenblick, wa⸗ ren auch heute der Inhalt ihrer Gedanken, als ſie emſig ihr Rädchen drehete. Immer mehr ſchwand die Klarheit aus ihren Zü⸗ gen und machte trüben Wolken Platz. Immer langſamer ging das Rädchen, je weiter der Blick ihrer Seele drang. — Die Gedanken ſchienen ſie zu ermüden, denn auch die Finger dreheten langſamer den feinen Faden und ruheten endlich ganz. Wie hatte es ſich ſeit vier Jahren geändert! Da⸗ mals war ſie die Gattin eines allgemein geachteten Beam⸗ ten in der Provinz, reich und glücklich— am glücklich⸗ ſten durch den Beſitz des Mannes und eines einzigen Kindes, die ſie über Alles liebte, denen ſie die ganze Sorge eines liebenden Frauenherzens weihete. Sie machten ein Haus, denn Rath Roſen liebte die 6* Repräſentation in ſeinem Hauſe, und ſeine Gattin mußte auf ſeinen Wunſch öfters Geſellſchaften geben— that es auch um ſo licber, da ſie ſah, wie glücklich er ſich dabei fühlte, und wie wohl ihm der geſellige Verkehr that, der das einzige Zerſtreuungsmittel in der kleinen Stadt bildete. In den letzten Jahren wurde ſh dieſen Vergnügungen noch größer, und die liebende Frau, welche wußte, daß ſie ver d genug ſeien, dieſen Auf⸗ wand zu beſtreiten, ließ ihn gern gewähren, um der Freude willen, welche er dabei zeigte, wenn auch manchmal die Rechnung nicht ganz mit ihren Wünſchen zuſammen⸗ ſtimmte. Es war wiederum einmal Geſellſchaftsabend— das Abſchiedsfeſt ihres Sohnes, der zur Univerſität gehen ſollte, und eine große Anzahl Gäſte waren verſammelt, die heiter planderten und des freundlichen Wirthes war⸗ teten, der eben durch eine wichtige Depeſche noch einmal in ſein Arbeitszimmer gerufen worden war. Frau Rath Roſen verſprach ſeine baldige Rückkehr; — Luſt und Frende dauerten fort,— bis das dumpſe Krachen eines Schuſſes das ganze Haus erzittern machte, und alle Geſichter erbleichten bei dieſem ungewohnten und erſchreckenden Eindringen hier mitten in das Reich der Freude. ſeine Freude an — Der Tag brach endlich an und mit ihm ein wirres Leben im Hauſe. Aerzte und Gerichtsperſonen kamen, die Leiche zu unterſuchen und die Papiere und Effecten zu verſiegeln; das ganze Haus, in dem man ſonſt nur Fa⸗ milienglück, Frieden und Heiterkeit zu ſehen gewohnt war, glich einem wüſten Chaos, in dem angſtvoll ſchaudernde BGeſtalten bleich umherſchlichen. Alles dieſes ſtörte die Witwe nicht in ihrem ver⸗ ſchloſſenen Gemache,— und Niemand auch wagte ſie in ihrem Schmerze zu beläſtigen, bis endlich gegen Mittag die Thüre ſich öffnete und ſie ſelber heraustrat, in tiefſte Trauer gehüllt. Der Schmerz hatte fürchterlich in ihr gewüthet, ihr dunkles Haar zeigte graue Spuren aus einer einzigen Nacht— und die Züge waren durchfurcht — wenn jetzt auch ruhig. Sie drückte ſtumm ihren weinenden Sohn an die Bruſt und dann traten ſie Beide zur Leiche des Vaters, der ſie als Bettler zurückließ, mit dem Erbtheil der Schande. Alles Gut des Rath Roſen ward mit Beſchag be⸗ legt,— doch noch ehe ſie dazu kamen, es meiſtbietend feil zu bieten, hatten die Witwe und Johannes die Stadt be⸗ reits verlaſſen, in der ſie ſo Schreckliches erlebt und in der ſie nichts mehr zu hoffen hatten, als beleidigendes Mitleid und kränkende Verachtung. Frau Roſen begleitete ihren Sohn nach der Reſi⸗ denz, und ihre wenigen eigenen Erſparniſſe, ſo wie der Erlös aus ihren Schmuckſachen ſollten dem Sohne die Mittel zum Studium geben. In den erſten Jahren ging Alles gut.— Johannes ſtudirte, Frau Roſen lebte in einer kleinen Wohnung, und die feine Arbeit, welche ſie für eine Modehandlung anfertigte, hinderte ſie, viel über ihr Schickſal nachzugrü⸗ beln,— deſſen Getächtrit an ihrem Inneren nagte. Sie waren ſehr glücklich mit einander, Mutter und Sohn, und Jedes bemühte ſich, dem Andern jene Schre⸗ ckensnacht mit ihren Folgen vergeſſen zu machen, und keine Sorge bedrohte ſie. Da kam aus ihrer früheren Heimat ein Jugendgeſpiele Johannes zum Beſuche der Univerſität,— knüpſte die alte Freundſchaft wieder an, beſuchte auch Frau Roſen, von der er freundlich empfan⸗ gen ward, und dieſe hegte keine Sorge um die Nähe dieſes Mitwiſſenden. Johannes war gut, treu und liebreich, im Gefühl unendlich fein beſaitet und leicht verletzbar, der Freund dagegen muthwillig und keck— gereizt, wohl auch bösar⸗ tig und rachſüchtig.— Man weiß wie leicht im Studentenleben die Fäden des Friedens reißen, wie oft ein unbedachtes Wort als Eh⸗ renverletzung gilt, die nur das Blut des Beleidigers abwa⸗ ſchen kann.— Johannes ſah ſich bei einem Gelage vom Freunde ſo beleidigt, der im kecken Uebermuth die Worte nicht wog.— Die Dazwiſchenkunft der Comilitonen verſchlimmerte nur den Streit und alle Sühneverſuche waren vergeblich. Wenige Tage ſpäter gingen die beiden Gegner auf einander los, und ein Hieb, den Johannes dem Beleidiger in den Arm gab, ſtellte ſeine Ehre wie⸗ der her. Jetzt nun eilte er zu ihm und war ſorgſam um ihn beſchäftigt, daß der Verband gut und ſicher angelegt und dem Leidenden nicht unnöthige Schmerzen verurſachtwür⸗ den. Treu und dem Zuge der Freundſchaft folgend, wich er nicht von ſeiner Seite— doch nur ein Blick des Haſſes aus den grauen Augen war der Dank für ſeine Bemühungen. Der frühere Freund war ihm zum unver⸗ ſöhnlichen Gegner geworden,— ward an ihn zum Ver⸗ räther— und bald ſah ſich der Sohn des Betrügers und Selbſtmörders gemieden und verachtet von ſämmtlichen Comilitonen. Das ertrug Johannes empfindlicher und tieffühlen⸗ der Sinn nicht lange, und wenige Tage ſpäter verließ er, durch eine ieleitiget⸗ Aeußerung gekränkt, das Colleg, um die Univerſität nicht wieder zu betreten. Es war ſo kurze Zeit vor dem Ende ſeiner Stu⸗ dien, von dem ſeine arme Mutter Verbeſſerung ihrer Lage gehofft hatte,— und doch fehlten nun auch die Mit⸗ tel, um Johannes auf einer anderen Univerſität ſein Studium beenden zu laſſen. Wieder einmal brach die mühſam errungene Faſſung der Mutter zuſammen, die die Zeit des Leidens ſchnell zur Matrone gemacht hatte, und wenn ſie auch ihrem Sohne keinen Vorwurf machte, ja ſein Handeln vom Standpunkte der Ehre aus— nur billigen konnte— und den ſollte und durfte ihr Sohn nie verlaſſen— ſo weinte ſie doch heimlich viele Thrä⸗ nen und ängſtigte ſich um die Zukunft, deren Schleier ihr als düſtere Wetterwolken erſchienen. Ihre Augen waren ermattet vom Weinen und der ſeinen Arbeit, ſie mußte zu einer gröberen und weniger einträglichen Arbeit ſchreiten, bis ſie endlich zum Spin⸗ nen gelangte— und ihr feiner Faden war bald eben ſo geſucht, als früher ihre Stickerei. Aber der Verdienſt da⸗ für war nicht hoch genug, um ſich und ihren Sohn vor Mangel zu ſchützen— und wann durfte denn Johannes auf eigenen Verdienſt rechnen, nun, da er ausgeſtoßen aus der Gemeinſchaft ſeiner früheren Comilitonen, auch das Studium ganz aufgegeben hatte?— Er hatte ein ſchönes poetiſches Talent, welches in der Jugend ſchon, als das Glück noch mit ihnen war, manche reizende Blüthe getrieben, und auch während der Studienjahre ſich zuweilen hatte blicken laſſen. Die Zeit 91 der Noth rief es mit ganzer Kraft hervor, und Johan⸗ nes klammerte ſich an dasſelbe, als an einen letzten Hoff⸗ nungsanker.— Unſere Meiſter, Schiller und Göthe, ſchwebten ihm als Ideale vor, Heine's und Geibel's gefeierte Lyrik rief ihn zum Nachſtreben auf— und wie die Tage hinfloſſen, floſſen auch die Strophen nieder auf das Papier und ſammelten ſich endlich zu einem Bande an, in den er all' ſein Denken und Empfinden niedergelegt hatte, in reizen⸗ den Farbenſchmuck gekleidet. Der Blick auf ſeine großen Meiſter ſpornte ihn immer von Neuem an und gab ſeinem Streben die Zähig⸗ keit und Ausdauer, welche dem Dichter, dem deutſchen vor Allem, nicht fehlen darf. Und warum ſollte es ihm denn nicht gelingen, hinan⸗ zuſtreben zu Denen, die wie ſtrahlende Sonnen ihn jetzt noch blendeten mit ihrem Glanze?— Warum ſollte es ihm denn nicht gelingen, zu erreichen, was ſie erreicht hatten durch redliches Streben?— Hatte er nicht auch Talent, war er nicht auch ein Mann, bereit den Kampf mit dem Genius zu wagen und ihm die Krone der Un⸗ ſterblichkeit zu entringen?— Warum ſollte ihm das nicht gelingen?— Es mußte ja— er war ja noch jung, ſein Herz hatte noch nicht aufgehört zu hoffen, und ein einziger Sonnenblick dünkte ihn noch der Verkündiger eines ganzen ſchönen Tages. Er rang und ſtrebte, die Stunden des Schaffens boten ihm reinſte Seligkeit— und jetzt war ſein Werk vollendet. Die Zeit der lyriſchen Poeſie blühte gerade im wun⸗ derbaren Glanze. Auf allen Damentiſchen fand man jene neuerfundenen Miniaturausgaben in ihren prächtigen Einbänden.— Geibel's Gedichte und Heine's„Buch der Lieder“ voran— und je mehr davon erſchien, um ſo mehr ward gekauft. Es war eben eine Modekrankheit, wie wir ſie oft erleben, in der Literatur ſowohl als in den Kleidermagazinen, und Jeder, wer nur reimen konnte, war heute willkommen auf dem großen Markte. Deßhalb durfte auch Johannes Roſen um ſo eher auf Erfüllung ſeines ſehnlichen Wunſches hoffen,— und heute in der Abendſtunde war er zu Herrn Dankbar hin⸗ gegangen, welcher ſchon eine ganze Muſterkarte dieſer Literatur in den prachtvollſten Einbänden verlegt hatte. Er war noch nicht zurückgekehrt und ſeine alte Mut⸗ ter ſchaute beſorgt von ihrem Spinnrade auf, auf jeden Schritt lauſchend, der in der Nähe erklang. Jetzt ließ ſie das⸗Rad ruhen und horchte auf. Ja, es war ein Schritt im Hauſe,— das mußte er endlich ſein— denn er war ja ſchon zwei Stunden fort und auch ſie bangte dem Erfolge entgegen, wie er,— dem Erfolge, welcher vielleicht ihrer trüben Lage mit einem Schlage 93 ein Ende machen konnte. Aber ſie vermochte nicht zu hoffen.„Die Sünde der Väter ſoll heimgeſucht werden an den Kindern“— flüſterte eine Stimme in ihr— und angſtvoller noch lauſchte ſie auf die nahenden Schritte. — Da ſchlug eine Thüre im Mittelſtocke, die Schritte verklangen; es mußte einer der unteren Miether geweſen ſein, der von ſeinem Spaziergange zurückkehrte. Wo blieb ihr Sohn?—„Die Sünde der Väter wird heimgeſucht an den Kindern“— tönte es erſchre⸗ ckend von Neuem in ihr Ohr— ſie konnte den Gedanken nicht verjagen— und mit ſorgenvollem Antlitze ſtand ſie auf, zog den Vorhang zurück, der ihren Betaltar verhüllte und kniete andachtsvoll vor dieſem nieder. Ihre angſterfüllte Seele richtete ſich empor an dem Kreuze des Erlöſers, das ihre Lippen mit Inbrunſt küß⸗ ten, und ihre Augen ruheten flehend auf dem ſchmerzen⸗ reichen Antlitze der Gebenedeiten, die, das Schwert im Herzen, ja auch um den Sohn klagt, den ſie am Kreuze mußte ſterben ſehen. „O Maria hilf, um Deines Sohnes willen, hilf meinem Kinde gnädig!“ bat ſie inbrünſtig— und ihre ganze Seele war mit ihrem Gebete.— Lange ruhte ſie ſo im worteſtillen Beten und ſtärkte ihr Herz im Glauben und Vertrauen.— Sie hörte nicht den leiſen Schritt auf der Treppe, ſah nicht das bleiche 94 Antlitz, welches da an der Thür erſchien und ſich beim Anblicke der Betenden eben ſo leiſe wieder zurückzog. Es war Johannes, der zurückgekommen war, und ſeine kalte Ruhe wie ſeine bleichen Züge verkündigten nicht den glücklichen Dichter. Leiſe ſetzte er ſich im Vor⸗ ſaale nieder und ſein Auge irrte hinüber nach dem Hotel Corrado, wo nur ein einziges verhülltes Fenſter Licht zeigte. Er kannte es wohl dieſes Fenſter, hinter dem ſie weilte, die ihm das Liebſte nach der Mutter war,— der alle ſeine glühenden Dythriamben voll Liebe und Liebes⸗ ſehnſucht geweiht waren. Da, hinter jenem Fenſter, wohnte die kleine Marie, die Zofe der Signora Corrado, und ihr liebliches Weſen mit den treuen, deutſchen blauen Augen hatte den jungen Dichter mehr gefeſſelt, als die ſtolze Geſtalt der Sängerin, die auch wohl zuweilen am offenen Fenſter ſichtbar ward. Er liebte die kleine Marie, obgleich er ihr es noch nie geſagt, ja noch nicht einmal mit ihr geſprochen hatte. Denn Johannes konnte es nicht mit ſeiner Rechtlichkeit vereinen, um ein Mädchen zu werben, der er nichts zu bieten hatte, als hoffnungsloſe Armuth und eine düſtere Zukunft.— Würde er als Dichter anerkannt, ging ſein geträumtes Ideal in Erfüllung, dann, ja dann— doch bis dahin ſtilles Entſagen— Er hatte ſie lieb wie ſeine Augenſterne und konnte ſtundenlang harren, bis ſie am 95 Fenſter erſchien, ihr Blick dem ſeinigen begegnete.— Sie ſah ihn immer ſo freundlich an, dankte lächelnd ſeinem Gruße, erröthete bei ſeinem Anſchauen ſo hold, daß er ſeit Monaten ſchon an ihre Liebe glaubte, ze ſie ihr jemals Siiet ohne nur gewagt zu haben mit einem Wort ihr ſein Geheimniß zu verrathen. Sie hatt ſeit einigen Tagen ſo leidend ausgeſehen, hatte ſo traurig zu ihm herübergeſchaut, daß auch ſein Herz ſchwer gſ war, und als er nun jetzt ihr Fen⸗ ſter mit dem matten Lichtſcheine ſah, da war ſchnel das eigene Leid vergeſſen und ſinnend dachte er nach, was ihr wohl könnte zugeſtoßen ſein, wie ihr zu helfen wäre— und ob er ihr wohl würde helfen können.— Er— ein bitteres Lächeln umflog ſeine Lippen,— er— einem Andern helfen!— Da hörte er das leiſe Huſten der Mutter, vernahm ihren Schit und gleich darauf das Schnurren des Räd⸗ chens. Nun erhob auch er ſich wieder und trat in das Zimmer.— Schweigend ein Paketchen aus der Taſche ziehend, trat er zu der Mutter hin. Allein die Stimme verſagte ihm.— Aller Schmerz und alle Bitterkeit, die er bis jetzt männlich in der Bruſt verſchloſſen hatte, ſtie⸗ gen ihm nach dem Herzen, und wortlos das Paket auf den Tiſch legend, ſank er ſelber auf ſeinen Arbeitsſtuhl, und barg das bleiche Antlitz in den zitternden Händen.— 96 Mit trauervollem Blicke ſchaute die Mutter ihm zu. Ihr feinfühlender Sinn verſtand die ganze Größe ſeines Schmerzes;— ſie hatte auch ohne Worte begriffen, was ihm geſchehen war und leiſe flüſterten ihre Lippen:„Ar⸗ mer Johannes!“ Ein Zug voll Bitterkeit ſchlängelte ſich um des Sohnes Lippen, der den mütterlichen Seufzer gehört hatte. Er hob den müden Blick empor und ſagte eiſig: „Mehr als arm, Mutter,— verflucht und verdammt iſt er, und das Verhängniß verläßt ihn auf keinem Schritte!“— „Mein Sohn——“ „Was willſt Du?“— fuhr er heftiger fort;— „haben wir noch nicht genug gelitten, haben wir nicht das Schwerſte ertragen müſſen; haben wir nicht Alles verloren und den ehrlichen Namen obenein?— Haſt Du, an ein ſorgenloſes, glückliches Leben gewöhnt, nicht Mangel leiden müſſen, und ſo lange Deine armen Augen mit ätzender Arbeit vergiftet, bis ſie ver⸗ dorben waren und Dir kaum das Spinnen noch geſtatten? — Und mir, der ich thatkräftig bin und Muth habe, das Leben zu tragen und für uns Beide zu erringen, was uns die Schuld des Vaters entzog;— mir ſolgt dieſer Fluch wie ein unheilvolles Geſpenſt, vernichtet alle meine Hoffnungen und verdammt mich zum Schwer⸗ ſten— Dich darben ſehen zu müſſen,— während mir Kraft genug innewohnt, uns eine ſorgenfreie Exiſtenz zu gründen, wenn das Verhängniß von mir laſſen wollte!— „Da ſoll ich ſchweigen und gläubig aufſchauen— wenn ſich der Fluch an meine Ferſen feſſelt, und mit mir die edelſte Mutter verfolgt?— „Nein, das vermag ich nicht, und ich wünſche mir den Tod, um nur dieſem Leben zu entgehen, welches nichts als eine Kette von Demüthigungen und Vernich⸗ tungsſchlägen für mich iſt.“— „Mein Sohn!“ rief die Mutter entſetzt,— er aber unterbrach ſie auf's Neue: „Solches Leben ertrage wer Luſt hat, und wer es vermag. Fluch dieſem Geſchicke, das den Unſchuldigen verfolgt, um fremder Schuld willen; Fluch den armſe⸗ ligen Creaturen, die hinter der Verachtung unſchuldig Geſchmäheter die eigene Erbärmlichkeit verſtecken wollen. „Wo iſt da Gerechtigkeit in dieſer Welt, wo der Sohn nicht ſorgen kann für ſeine alte Mutter, weil der Vater ein Verbrecher war?— Wo iſt die geprieſene Liebe und vorſehende Gnade Eures Gottes, wenn ſie ſtrebende Herzen verzweifeln und unſchuldige Witwen und Waiſen umkommen läßt in Mangel und Elend!— Ehre. II. 7 ———— — mitten unter einer Chriſtenheerde, die ſich Jünger der Liebe nennen?—“ „Halt ein, Vermeſſener!“ tönte aber jetzt die Stimme der Mutter dazwiſchen, die ſich entſetzt von ihrem Sitze erhoben hatte. Ihr Antlitz leuchtete in edler Ver⸗ klärung und die ſchwachen Augen hatten all' den alten Glanz wieder gewonnen, und ruhten ſtrafend auf dem Sohne, der dieſen Blick nicht zu ertragen vermochte. „Halt ein, Vermeſſener!“— rief ſie noch einmal, „hat der Schmerz denn Deine Sinne verwirrt, daß Du Dich erkühnſt zu ſolchen Läſterungen?— Möge Gott Deine Worte nicht hören, mein Sohn, und möge er ſie Deinem Schmerze vergeben. Er iſt es, der die Geſchicke abwägt in unendlicher Weisheit, und wir arme, ſchwache, ſündige Menſchen, wodurch hätten wir denn nur den ge⸗ ringſten Theil der Liebe und Güte verdient, die ſeine Gnade alle Tage über uns neu werden läßt?— Nein, mein Sohn, ſo darfſt und ſo ſollſt Du nicht ſprechen! Noch haſt Du an keinem Tage Noth gelitten, biſt noch nie mit Hunger zu Bette gegangen und wirſt es auch wohl ſpäter nicht nöthig haben. Gott und die Heiligen wiſſen, was jede Schulter tragen kann, und alles Leid und die Trübſal, die ſie uns ſenden, dienen uns nur zur Heiligung und Löſung der Schlacken von dem allein Wahren, das Zeit und Erde überdauert. Lehne Dich an, 99 mein Sohn, an die Heiligen, traue dem Blute des Er⸗ löſers, der auch für Dich den Opfertod geſtorben iſt, und ſchaue in das ſchmerzdurchfurchte Antlitz der Gebenedei⸗ ten, die rein und heilig, wie das Licht der Sonne, doch den bitterſten Kelch trinken mußte bis zur Neige und da⸗ für erhöhet ward bis auf den Thron der Himmelsköni⸗ gin, wo ihr nun die Macht gegeben iſt, zu ſegnen und zu begnadigen für alle Ewigkeit.— Lehne Dich an die Heiligen, mein Sohn, glaube und vertraue ihnen, und ihre Fürbitte wird die Laſt Deines Kreuzes mil⸗ dern, wenn Du zu erliegen fürchteſt. Es fällt kein Haar ohne den Willen der himmliſchen Heerſchaaren, und Gottes Liebe iſt am größten, wenn ſie uns blö⸗ den Menſchen am fernſten ſcheint. „Läſtere auch nicht Deinen Vater. Was er auch gethan hat, und welche Folgen wir davon tragen müſſen;— wir dürfen nur der großen Liebe und Güte gedenken, die uns beglückte, ſo lange er bei uns weilte und die wir ihm jetzt mit einem weniger glücklichen Leben nicht hoch genug bezahlen können. Wie er auch menſchlich gefehlt haben mag den herrſchenden Geſetzen gegenüber,— wären wir nicht geweſen, er hätte es nicht gethan! Um unſeretwillen iſt geſchehen, was geſchehen iſt; aus Liebe zu uns, die er durch Mittheilung ſeiner Verluſte nicht beküm⸗ 75 100 mern wollte, deren Freude und Wohlleben zu ſtören er in ſeiner Liebe zu ſchwach war, hat er ſein Haupt mit dem Male der Schande bedeckt,— hat er gefehlt — ohne wieder gut machen zu können, wie er ſicher wohl zuerſt gewollt hat, bis ihn die Verlegenheit von Schritt zu Schritt getrieben und endlich in den Tod geſtürzt hat. Ihm, mein Sohn, wird viel vergeben werden, denn er hat viel geliebt— und wir können nur Segen für ihn haben, da er unſerem Danke ent⸗ flohen iſt. Keinen Vorwurf alſo mehr, Johannes, ge⸗ gen Deinen Vater, und muthig vorwärts— Gottes und der Heiligen Hand leitet redlichen Willen und„ läßt ernſtes Streben niemals untergehen.“— „O Mutter, wer doch Deinen Glauben hätte und Deine Zuverſicht!“— „Wehe dem, mein Sohn, wer ſie nicht hat! Er ſteht wie ein ſchwankendes Rohr im Strome der Welt und des Lebens, und ſeine irdiſche Urzulänglichkeit, die nicht die Kraft hat, ſich anzulehnen an Gott und die heiligen Nothhelfer, läßt ihn verſinken und untergehen unter den Wogen des Unglaubens und des Zweifels. „Deßhatb, mein Sohn, ſind die Proſtanten zu be⸗ klagen, zu denen ja auch Dein armer Vater gehörte.— ie haben ſichtlos geriſſen von den Heiligen und ſtehen einſam da im Leben, nnr der Güte und Allmacht — 101 Gottes vertrauend. Kommen nun einmal Wolken in ihre Lebensbahn, ſinkt einmal die Sonne des Glückes und macht dem Schatten des Leides Platz— ſo ver⸗ zweifeln ſie an Allem und wiſſen keinen Anhalt in ihrem Unglück. Die Heiligen haben ſie verſchmäht, ihre Hülfe für überflüſfig erklärt und nun, da ſie Gottes Weisheit wandeln läßt auf trüber Bahn— irren ſie rath⸗ und hülflos umher, ſtraucheln und fallen, und verlieren auch den letzten Anhalt— ihren Gott. „Wir dürfen die Proteſtanten nicht haſſen, mein Sohn— denn ſie ſind Menſchen und Chriſten, wie wir, und beten mit uns zu einem Gotte; aber Mitleid, Mit⸗ leid müſſen wir für ſie hegen, daß ſie ſo arm ſind an Glauben und die Heiligen verſtoßen, die unſere Mittler und Fürbitter ſind am Throne des Ewigen.“ Johannes ſchwieg und ging im Zimmer auf und nieder. Er konnte der Mutter Glauben nicht bekämpfen, denn wie hätte er dieſe Freudigkeit ſtören, dieſe Zuver⸗ ſicht beugen mögen; aber er konnte ihr auch nicht nach⸗ ſtreben, konnte ſich nicht auf ihren Standpunkt erheben, der ſie erhaben machte über die Schläge des Schickſals. In ſeinem Herzen wohnte der Zweifel, dieſe Schlange im Paradieſe des Glaubens, welche am liebſten ja die Tugend zu ködern und ſie wegzulocken ſucht vom Pfade des Glaubens. Er konnte keine Freudigkeit und keine Zuverſicht gewinnen. Am Pidiſchen hängend, richtete er irdiſch und ward durch Irdiſches geſchlagen.— „Nun, Johannes—“ begann endlich die Mutter wieder,—„wie war es denn mit Deinen Gedichten?— Herr Dankbar iſt auf Deine Vorſchläge nicht ein⸗ gegangen?“—** „Die Schuld des Vaters ſoll heimgeſucht werden an den Kindern, haſt Du das Wort vergeſſen, Mutter?“— erwiderte er düſter.„Es hat mich von der Univer ſität vertrieben, es hat mir die Hoffnung geraubt eine An⸗ ſtellung zu erlangen, und raubt mir auch die Ansſicht, ein Dichter zu werden und mit dem Ertrage meines Talentes Dein Alter verſüßen zu dürfen.“— „Erzähle—“ warf die Mutter ein, als er nun ſchwieg. „Herr Dankbar empfing mich ſehr artig und ward es noch mehr, als ich itm ſagte, ich hätte ein Bändchen Gedichte, welche ich ihm zum Verlage bringen wollte. Gedichte— Mutter— ſind nämlich jetzt eine ſehr ge⸗ ſuchte Waare, und da die Dichter ja noch nicht im Miſtbeete gezogen werden, ſo können die Verleger nicht genug davon erhalten. Herr Dankbar nöthigte mich in ſein Wohnzimmer, ließ mich niederſetzen und bat mich, ihm Einiges vorzuleſen. Zuerſt wählte ich ernſte Sachen, die in Bildern ſchöne Lebensregeln bergen, und dann Stoffe, 102 „ 103* die faſt alle aus Deinem gläubigen Gemüthe entſtanden und nur durch mich in Form des Gedichts gebracht wor⸗ den ſind. Dann las ich ihm Genrebilder und Balladen vor und ſchloß endlich mit jenem Sonettenkranze, den ich„an Marie“ überſchrieben habe. Herr Dankbar ſchien ſehr befriedigt, ſprach nun über Druck und Ausſtattung, über die Art und Zeit des Erſcheinens, und ich war be⸗ reits mit meinen Hoffnungen himmelhoch geſtiegen, ſah meine Gedichte bereits im goldenen Rahmen prangen und im Schaufenſter glänzen, ſah uns bereits die Früchte der Arbeit genießen und nach einem langen, trüben Da⸗ ſein endlich einmal wieder einen Sonnenblick des Glückes. — Da verſtummte plötzlich das Klavier im Nebenzimmer, Stimmen wurden laut und gleich darauf traten Herrn Dankbar's Kinder mit ihrem Muſiklehrer in das Zimmer. „Ich habe die Ehre, Ihnen hier einen jungen, aber hoffnungsvollen Dichter, Herrn Roſen, vorzuſtellen, ſagte Herr Dankbar verbindlich und deutete auf mich und auf mein Manuſeript.— Da ſlog ein häßliches Lächeln über die Züge des Muſiklehrers, und mich mit einem Haſſes⸗ blitze ſeiner grauen Angen treffend, frug er hämiſch:— Wollen Sie das verlegen, Herr Dankbar?— „Sicher ja, mir ſagen die Poeſien ſehr zu, und ich hoſfe Herr Roſen wird, durch den Erfolg geſpornt, mir bald noch Beſſeres bringen.— —— —— „ 104 „Wieder flog das häßliche Lächeln über die Züge des Muſiklehrers und noch ſchärfer als das erſte Mal fragte er:— Kennen Sie denn auch den Herrn Roſen, Herr Dankbar?— „Mich überlief es ſiedend heiß, und ich ſtarrte entſetzt bald zu dem Einen, bald zu dem Andern hinüber, ſo daß ſelbſt Herr Dankbar verlegen ward und verwundert fragte: Aber was haben Sie denn, ich bitte, erklären Sie ſich näher!— „Ich habe nichts zu ſagen, Herr Dankbar, aber warnen wollte ich Sie, um des Renommes Ihrerſelbſt und Ihrer Firma willen, nichts von dem Sohne eines Staatsverbrechers zu verlegen, der als entlarvter Be⸗ trüger durch Selbſtmord geſtorben iſt.— „Herr Dankbar erbleichte.— Iſt das wahr? frug er mich faſt ängſtlich,— ſind Sie vielleicht gar der Sohn des berüchtigten Rath Roſen in C...7—— „Ich konnte nicht antworten, aber der Lehrer that es für mich— undmit einer Zungenfertigkeit und Dialectik, die ich in aufgeregten Augenblicken ſtets an dieſem Menſchen bewunderte, die er aber leider faſt nie zu guten und lautern Zwecken benutzte,— entwickelte er dem Herrn Dankbar ein Bild der Gefahr, in der er geſchwebt hätte, durch meine Schändlichkeit,— wie er es nannte,— den arglos Vertrauenden ſo zu täuſchen, daß uns Beiden 105 die Haare zu Berge ſtanden, und ich mein Manuſcript und meinen Hut ergriff und athemlos entfloh, um nur dieſer Fluth von Schmähungen und Beſchuldigungen zu entgehen, welche der Menſch auf mein und meines armen Vaters Haupt lud. Hinter mir her noch hörte ich ſeine ſcharfe läſternde Stimme, und entfloh wie ein gehetztes Wild.— „Da bin ich nun, hoffnungslos und geſchlagen.— Auch der letzte Halt und Anker iſt gebrochen, und ich weiß keine Hülfe mehr für uns— keine Rettung vor der Verzweiflung, die mit ihrem Wahnſinne mich ſchon erpackte als ich geächtet und geſchmäht aus dem eleganten Hauſe des Herrn Dankbar ſtürzte— um meiner Schande zu entfliehen. „Muß ich Dir auch ſagen, wer mir dieſes neue Leid gethan hat?— nuß ich Dir den Namen deſſen noch nennen, der mein Verhängniß zu ſein ſcheint und mich immer von Neuem auf und in das Elend hinein jagt, wenn ich den Hafen der Ruhe zu erreichen glaube?“ „Bamberg?— nicht wahr, mein Sohn?“ „Er war der Schändliche. Er ſcheint vom Studium abgegangen und Muſiklehrer geworden zu ſein. O Mutter, der Haß dieſes Menſchen iſt ſchrecklich. Warum habe ich ihn auch damals gereizt, warum trug ich nicht ſeine Beleidigung, ſtatt ſie mit ſeinem Blute qbzuwaſchen, 106 da ich ja doch einmal beſtimmt bin, die Schande durch das Leben zu ſchleppen?— „Konnte ich, durfte ich mich beklagen?— Ich der Geſchändete, wenner mich beleidigte, deſſen Name rein und lauter iſt— mag auch ſein Herz noch ſo boshaft ſein?— Dann wäre Alles gut geweſen! Ich hätte jetzt das Studium vollendet, wäre verſorgt und ohne Noth, — und Du, meine arme gute Mutter, wäreſt glücklich und brauchteſt nicht zu darben.“— »Nein, dann wäre nicht Alles gut, mein Sohn. Verkenne doch Deine Mutter nicht. Das eigene Bewußt⸗ ſein recht gethan und ſo gehandelt zu haben, wie es die Ehre fordert, muß unſer Richter ſein. „Mag die Welt uns auch verdammen, wenn uns das Bewußtſein nur freiſpricht; mögen wir Mangel leiden und darben müſſen— beſſer dieſes mit Ehren, als im Glücke leben und ſich ſelber verachten müſſen. Glaubſt Du, daß ich ſo egoiſtiſch ſei, und um meinetwil⸗ len wünſche, Du hätteſt die Beleidigung ertragen, ſie mit durch das Leben genommen, die Dir der Bube hin⸗ geworfen hatte?— Verachten hätte ich Dich müſſen, wenn Du's gethan! „Du haſt recht gehandelt, haſt Deine Ehre rein ge⸗ halten, und ſind wir auch arm undverachtet vor der Welt; — ——— 107 — das thut nichts, iſt der Uebel größtes nicht, wenn wir nur uns ſelber achten dürfen.“ „O Mutter, was iſt es doch ſo etwas Schönes um ſeinen guten Namen. Wie glücklich wären wir, könnten wir den Schimpf abwaſchen vom Namen Roſen, den die Schuld des unglücklichen Vaters darauf geworfen!“ „Verzage nicht, Johannes,— es wird beſſer wer⸗ den, und Gott wird helfen.“— „Wenn wir verhungert ſind, vielleicht?“— „Johannes!“ „Glaubſt Du, ich weiß es nicht, daß der Vorſchuß, den ich mir von Herrn Dankbar verſprach, unſere letzte Hoffnung war, und daß wir morgen uns nicht einmal Brot kaufen können, weil unſere Kaſſe leer iſt? Glaubſt Du, ich weiß das nicht?— „Und ſoll doch nicht verzweifeln, doch nicht den Glau⸗ ben verlieren an die geprieſene Fürſehung, wenn ich die beſte Mutter ſoll hungern ſehen? Entſetzlicher Gedanke! Gott und die Heiligen ſchützt mich, haltet den Wahnſinn von mir ab, ſonſt iſt ja Alles aus!“ Und ganz gebrochen, überwältigt von ſeinem Elende, ſank gr zuſammen. „Was redeſt Du da wieder, mein Sohn?— Noch hungern wir nicht und auch für morgen und mehrere Tage noch iſt geſorgt. Der Kaufmann hat mir heute den 108 rückſtändigen Betrag für das Garn geſandt, und hat es beſſer bezahlt als ich zu hoffen wagte.— Wir werden alſo nicht hungern.“ Johannes ſah auf. Er entgegnete nichts, aber um ſeine Lippen zuckte ein ſo ſchmerzlicher, ſo verzweiflungs⸗ voller Zug, daß die Mutter im Innerſten der Seele erſchrak und den Sohn zärtlich zu ſeinem Arbeitstiſche leitete. „Arbeite, mein Sohn“, bat ſie liebevoll,„denn ich glaube, Du wirſt Deine Arbeit doch noch gebrauchen, bald gebrauchen. Laß mich nur ſorgen, und ſorge Du, daß ſie recht gut und ehrenvoll für Dich wird. Arbeite, Johannes, prüfe noch einmal Alles und dann gib mir Dein Manuſcript.“ Er blickte ſie zweifelnd an, blickte zärtlich in die ſchönen treuen Augen, die noch immer ſo liebreich lächel⸗ ten,— doch wehrte er ihr nicht, ſondern ſetzte ſich willig am Arbeitstiſche nieder, und die glückliche Dichternatur hatte bald Alles um ſich her vergeſſen. Die Mutter ließ befriedigt ihr Rädchen wieder ſchnurren und freuete ſich an dem begeiſterten Ausſehen des Sohnes, der, mit dem Genins verkehrend und leife flüſternd mit den lieblichen Geiſtern der Poeſie, glücklich war, ſo glücklich, wie ihn das Leben niemals machen wollte. 109 O ſchön und wahr! Das iſt des deutſchen Dich⸗ ters Geſchick. Sein Glück wohnt in fernen Räumen, die nichts Irdiſches haben und nur den Geiſt umfaſſen. Er ſchwingt ſich hinauf in die Geſilde, wo Alles Liebe und Poeſie iſt; in ihrem berauſchenden Dufte ſchafft er ſeine Werke und iſt glücklich, ſelig in einer Wonne, wie ſie die Sterblichen auf Erden niemals kennen lernen. Sein Reich iſt nicht von dieſer Welt, und abgelöſt vom Irdiſchen, frei und leicht ſchwebt er in den blauen Aetherdüften, glücklich im Schaffen, ſelig in den Um⸗ armungen des Genius. Dort wohnt des dentſchen Dichters Glück. Dahin verfolgt ihn nicht der Kampf zwiſchen Brot und Ehre, da ſchweigt die Miſers der Erde, die hier den Geiſt feſſelt und drückt und ihn hinabziehen möchte in das ge⸗ wöhnliche Einerlei eines geiſt⸗ und inhaltloſen Daſeins. Auf Erden kennt er nur die Miſers— das iſt der Fluch ſeines Geſchickes! Darum ſtört ihn nicht, o ſtört ihn nicht, wenn ſein Geiſt die Flügel hebt und ſich auf⸗ i auf den Fittichen der Poeſie,— auf zu ſeinem ücke! ————— Fünftes Capitel. Im Dunkel der Nacht. „Aber Marie, ich begreife Dich heute nicht. Sind wir denn nicht glücklich mit einander, habe ich denn nicht in jeder Minute die ſelbe Aufmerkſamkeit für Dich, als damals, wo ich Dich kennen lernte?— Was willſt Du nur und warum quälſt Du mich mit Deinen Anforde⸗ rungen, die ich jetzt noch nicht erfüllen kann und darf.“ „Du kannſt und darfſt noch nicht?— Allmächtiger Gott, Du mußt aber, Du haſt es mir verſprochen.“— „Und ich werde auch Wort halten, ſobald es die Verhältniſſe geſtatten. Jetzt aber kann ich es noch nicht. Meine Eltern würden nie einwilligen, und wollte ich ih⸗ nen trotzen, würden ſie mich enterben— und Du hät⸗ teſt einen Bettler zum Manne. Sei doch vernünftig, Marie, ich liebe Dich ja, das weißt Du, und werde Dich nie verlaſſen. Aber quäle mich nicht jetzt und mache uns nicht Beiden unnütz das Leben ſauer. —,—— 111 „Wüßte ich nur, was Dir dieſe Grillen in den Kopf geſetzt hat!— Iſt es vielleicht noch immer mein Beſuch bei der Signora, der Dir im Kopfe ſpukt?— Ich ſagte Dir ja doch, daß er um meines Freundes willen geſchah; iſt Dir denn das nicht genug?— Marie, Mädchen, ſo weine nicht, ſei doch vernünftig, Kind!“— Aber Marie hörte nicht mehr auf ſeine Worte, ihre Thränen floßen immer reichlicher, ihr Schluchzen ward immer ſtärker, und tonlos frug ſie wieder: „Du kannſt und darfſt mich nicht zu Deinem Weibe machen, wie Du mir verſprochen haſt?— „O mein Gott, mein Gott, ſchütze mich vor der Schmach!— Er kann und darf nicht, und doch muß es ſein,— in vier Wochen iſt es vielleicht ſchon zu ſpät.“— „Was iſt Dir, Marie? Um Gotteswillen, liebes Kind, ſo rede doch,— was iſt denn geſchehen? Du weißt ja doch, daß ich Dir treu bin, daß ich Dich liebe und am glücklichſten mich in Deiner Nähe fühle, warum denn dieſe Anſtalten, dieſe Eile?— Genügt Dir ſchon meine Liebe, genüge ich Dir nicht mehr, daß es Dich ſo ſehr drängt, Frau von Brandach zu werden? Iſt Dir Alles ſchon gleichgültig außer Dir ſelbſt, daß es Dir gleich iſt, ob ich mit meinen Eltern in Unannehmlich⸗ keiten gerathe oder nicht?“— „Ja, Joachim, das iſt der Fluch, daß ich Deine * Liebe erhörte und meinen Blick hinaufwarf auf den rei⸗ chen Sohn des Herrn von Brandach!— Warum war ich ſo ſchwach und blieb nicht bei meiner Weigerung Dich bei mir zu ſehen,— warum gab ich dem Herzen nach?“ „Um glücklich zu ſein, mein Engel! Oder wäreſt Du es nicht geweſen in den Stunden unſerer ſchönen Liebe?— Und iſt es meine Schuld, wenn Du Dir ein⸗ bildeſt, es nicht noch immer zu ſein?“— Ein reizendes Lächeln überflog Marien's Züge, und ihren Arm um den Geliebten ſchlingend, flüſterte ſie: „Fa glücklich war ich, unmäßig glücklich, viel zu ſehr, als daß nicht nun der Schmerz kommen müßte, mit allen ſeinen Bitterkeiten! Du kannſt und darfſt mich noch nicht zu Deinem Weibe machen?“ fuhr ſie dann wieder in neuer Angſt fort und von Neuem ſtrömten ihre Thrä⸗ nen.—„O Ioachim, ich werde ſterben, denn der Tod iſt die Barmherzigkeit— er iſt der rechte Rettungshort vor Schmach und Schande.— Aber nein, nein— ich will, ich darf noch nichk ſterben, ich bin ja noch ſo jung und will noch glücklich ſein! Nein, mein Joachim, Du mußt mich zu Deinem Weibe machen, Du mußt es!— Sieh, ich will es ja nicht in eitler Anmaßung, mir liegt ja nicht daran, Deine Frau zu werden, ehe Du es ſel⸗ ber wünſcheſt, um reich zu ſein— ich bin ja zufrieden, wenn ich nur Dich beſitze! Ich liebe ja nur Dich, und 113 werde nie etwas Anderes lieben, nie etwas thun, was Dich mit Deinen Eltern entzweien und Dir Kummer machen würde, aber zu Deiner Frau mußt Du mich ma⸗ chen, heute oder morgen,— offen oder heimlich:— es muß ſein, Jvachim,— denn Dein Kind muß einen Na⸗ men haben, wenn es geboren wird!“ Hoch erglühend begrub ſie ihr Antlitz in den Kiſſen. Brandach war erbleicht. Marie Mutter,— er hatte es nicht geahnt,— hatte in unbegreiflicher Kurzſichtig⸗ keit aus ihren Reden nicht dieſen Sinn gefunden, dem Worte zu geben, dem armen Mädchen unendlich ſchwer ward,— und ſchon ſobald!— Was ſollte er da thun, wie ſich aus dieſer Affaire ziehen, ohne öffentlichen Scandal zu erregen— und noch dazu der Signora gegenüber. Er wußte es wohl, daß ſie ſeine Feindin geworden war, ſeit jener Stunde, wo er ſie verlaſſen hatte; er wußte es wohl, daß ſie nie vergäbe, und daß die Verfüh⸗ rung ihrer Zofe ihr ein willkommenes Mittel ſein würde, ihm einen Eelat zu machen, der ſeinen Wiederhall fände an allen Mauern Harderbergs und Brandhofs.— Denn ſie wußte ja, was Marie natürlich nicht ahnte, daß er der Bräutigam Anna's von Harder ſei. Er begriff das Alles ganz genan, und doch, was ſollte er thun mit dem weinenden Mädchen, wie ſie beſchwichtigen und vertrö⸗ Ehre. 1I. 8. 114 ſten? Geld half bei dieſer Unſchulb nicht, die nur ihn geliebt hatte um ſeiner ſelber willen, die nie einen andern Gedanken gehabt hatte, als Liebe,— und das eben hatte ihn ja ſo feſt und ſo lange an ſie gefeſſelt!— hr Geld bieten, hieß die Sache gleich zur Spitze treiben;— er durfte es nicht wagen, und mußte ſie im Irrthum laſſen und auf ſeinem Eheverſprechen verharren. Doch wie ſollte er das weinende Mädchen be⸗ ſchwichtigen, die außer ſich ſchien,— um, Zeit gewin⸗ nend, ſich vorſichtig aus der Affaire zu ziehen?— Seine Lage war ſehr kritiſch, und ihm bangte ror der Rache der Italienerin, deren Vendetta er freilich nicht gehört hatte, deſſen Exiſtenz er aber ſo genau wußte, wie daß er lebe. Er kannte die Signora.— Entdecte ſich Marie in ihrer Verzweiflung ihr— dann war Alles verloren, und ihre Rache bereitete ihm eine Scene, die ihn nicht nur in der Reſidenz bloßſtellte, wo man ſo ſeinen grünen Adel gern über die Achſel anſah, ſondern auch in der Heimat, und den Har⸗ der's gegenüber. Doch was beginnen mit dem weinen⸗ den Mädchen?— O, hätte er doch nur einmal umgeſchaut nach der Portiere, hätte er doch einmal nur den Kopf gewandt nach dem leiſen Geräuſche, welches mehrere Male daſelbſt ſich erhob,— wie würde er erſchrocken ſein vor dem Ausdruck des Triumphes, der da aus zwei dunkeln Au⸗ gen durch die Falte der Portière blitzte! Die Signora hatte ſich in der Geſellſchaft nicht recht gefallen, war zeitiger aufgebrochen, als ſie ihren Wagen beſtellt hatte, und war in Begleitung e nes der Gäſte zu Fuß nach ihrem Hotel zurückgekehrt. Niemand hatte ihren leiſen ſchwebenden Schritt vernommen, als ſie die Stiege hinauf und in ihre Gemächer ſtieg. Da ſie die Zofe ihrer nicht wartend fand, glaubte ſie dieſelbe wäre eingeſchlafen, und trat in ihr Schlafzimmer, wel⸗ ches von dem Zimmer der Zofe nur durch eine Portière getrennt war. Hier hörte ſie Stimmen, trat leiſe zur Portière und ſah überraſcht das eigenthümliche Bild vor ſich, das wir ſchon beleuchteten. Da war Herr von Brandach in unendlicher Verle⸗ genheit, und die weinende Zofe, die ihr Unglück beklagte und auf Vermälung drang, damit ihr und ſein Kind nicht namenlos geboren werde.— Die Signorn hatte Alles gehört, und ein wilder Zorn erwachte in ihr— neben dem herzlichſten Mitleid mit dem armen getäuſchten Kinde. Sie hatte er verlaſſen, um ihre Zofe zu berücken, und in ihrem eigenen Hauſe die Netze der Verführung außzuſtellen,— während in Hardersberg die lieblichſte Braut ſeiner harrte!— Schändlich, niederträchtig. Und hätte ſie es jemals 116 ihm vergeben können, daß er ſie ſelber betrogen und ver⸗ laſſen hatte,— hier konnte ſie nie vergeben; hier mußte ſie ſtrafen und rächen.— „Marie!“ unterbrach endlich Brandach die lange Pauſe,„faſſe Dich, mein gutes Kind, komme her und ruhe aus an meiner Bruſt, dann werden die böſen Gei⸗ ſter Dich verlaſſen, und es wird Alles gut werden!“ „Wenn die böſen Geiſter ausgetrieben ſind, kann Alles noch gut werden— allerdings!“ tönte da die Stimme der Signora ſchneidend dazwiſchen, die ſoeben eingetreten war, und nun mit flammenden Blicken mitten im Zimmer ſtand. Brandach erbleichte, und Marie ſtürzte ſich weinend zu ihren Füßen, ihre Knie mit beiden Armen um⸗ faſſend. „O, Signora,“ bat ſie unter Thränen,„verzeihen Sie mir! Schelten Sie, zürnen Sie, daß ich ſo pflicht⸗ vergeſſen war und ſo bitter fehlte, aber nur verachten Sie mich nicht! Meine Reue iſt grenzenlos, und ich bin unglücklich über alle Maßen!“ „Ruhig, mein armes Mädchen, ich glaube gern, daß Du ſchuldlos biſt, und ich werde Dich nicht ver⸗ ſtoßen. Jetzt aber laß mich einige Worte mit dieſem Herrn da ſprechen, die, wenn ſie Dir auch wehe thun, doch Dich heilen werden und Dich über Alles aufklären follen, 117 was Du in Deiner Unſchuld wohl kaum ahnen magſt.“ Und ſich zu Brandach wendend, fuhr ſie eiſig ſtrenge fort: „Herr von Brandach, ich finde Sie hier zu ſehr ungewöhnlicher Stunde und in noch ungewöhnlicheren Verhältniſſen;— weiß Fräulein von Harder, Ihre Braut, von denſelben und billigt ſie dieſelben?“— „Seine Braut?—“ rief hier Marie dazwiſchen und ihre Stimme klang wie der Angſtſchrei einer gequäl⸗ ten Seele. Fräulein von Harder ſeine Braut!“ wieder⸗ holte die Signora uner bittlich und durchbohrte Brandach mit ihren Blicken. „H mein Gott, mein Gott, erbarme Dich Deiner ärmſten Magd!—“ jammerte Marie und fiel weinend auf den Fußboden nieder. „Was ſoll dieſe Seene, Signora?— Machen Sie ein Ende und laſſen Sie mich das arme Eind beruhigen, die ſich in Angſt verzehrt!“ „Mit Ihren Lügen?— Ja?— Seer, erbärm⸗ licher Henchter!— Nein, jetzt ſoll die Heuchelei ein Ende nehmen! Sie haben dieſes Kind lange genng be⸗ trogen; mit ſüßen Schmeichelworten und hölliſchen Verführungskünſten das reine Herz beſtrickt, die Unſchuld gemordet und die Unglückliche der Schande entgegenge 118 jagt. Jetzt ſoll ſie Wahrheit haben, ſoll erfahren, daß Sie ein Elender, ein gewöhnlicher Wüſtling und Verführer.“ „Signora— genug jetzt, ſonſt vergeſſe ich, daß Sie ein Weib S „Ruhig, Elender— Mörder der Unſchuld, erbärm⸗ licher Verführer— ruhig! ſage ich und hören Sie! Oder können Sie meine Beſchuldigungen widerlegen, ſind Sie etwa nicht das, was dieſe Namen bezeichnen? Soll ich Sie ganz entlarven?— Die Heuchelei hat jetzt ein Ende— und Sie er⸗ klären entweder Ihre Verlobung mit Fräulein von Har⸗ der gelöſt, verloben ſich ſofort mit dieſem unglücklichen Mädchen und geben ſchriftlich das Verſprechen, Marie binnen vier Wochen offen oder heimlich zu Ihrer recht⸗ mäßigen Frau zu erheben, oder aber Sie geſtehen ein, daß Sie eben nichts weiter waren, als was Sie wirklich ſind, ein Verführer und gewöhnlicher Wüſtling.— Und dann ſehen Sie Marie nicht wieder.“ „Weib!“ ſchäumte Brandach—„mache mich nicht raſend und gib Raum.“— Mit eiſigem Lächeln trat die Signora vor die Thür, und einen kleinen Dolch aus dem Bnuſen ziehend, erklärte ſie mit kaltem Lachen:„Sie vergeſſen, daß ich eine Italienerin bin Nicht eher überſchreiten Sie dieſe Schwelle, bis Sie mit Marie im Reinen ſind. Ihr Bräutigam 119 entweder, oder ihr Verführer! Erklären Sie, hatten Sie die Abſicht das Mädchen jemals zu Ihrer Fraun zu ma⸗ chen?“ „Zum Teufel, nein, da haſt Du's Weib, nun gib Raub!“ „Elender!“ rief die Signora verächtlich und trat zur Seite, Brandach aber eilte hinaus, ohne auch nur noch einen Blick auf das weinende Mädchen zu werfen, welches das Opfer ſeiner Begierden geworden war. „Sie denken noch an mich, Herr von Brandach, rief ihm die Signora ſpöttiſch nach—„vergeſſen Sie das— Vendetta— nicht und grüßen Sie Ihre Braut von mir!“ „Teufel von einem Weibe!“ gab Brandach wüthend zurück, doch hörte es die Signora nicht mehr. Sie war bereits in das Zimmer zurückgetreten und beſchäftigte ſich eifrig um das unglückliche Mädchen, dem ihr von Natur weiches und gutes Herz das innigſte Mitleid weihte, erinnerte ſie doch dieſe Stunde an eine nicht minder ſchreck⸗ liche aus ihrem eigenen Leben!— Die Uhr ſchlug eben Mitternacht, als Brandach wie raſend die Stiege hinunter und hinaus auf die Straße ſtürzte. Dabei rannte er gegen einen Officier, der eben in das Haus eintreten wollte und ſah ſich ſofort von dem⸗ ſelben angehalten. „Gebt Platz!— zum Teufel!“ ſchnaubte Brandach ihn an. „Wie— Du Brandach?“ „Du Harder— guten Abend und gib Raum, ich habe Eile.“ „Zun Teufel, nein, was ſuchſt Du um Mitternacht im Hotel Corrado?— Erſt ſteh' Rede, nicht eher von der Stelle!“— „Knabe“— knirſchte Brandach immer wüthender werdend—„reize mich nicht, ſonſt dürfteſt Du es be⸗ reuen!“ „Kuabe!— darüber ſprechen wir ſpäter, jetzt aber ſtehe Rede, was ſuchteſt Du um Mitternacht im Hotet Corrado?— oder“— ein ſehr verſtändliches Klirren des Degens ergänzte das Weitere. Unſinniger, kümmere Dich um Dich ſelber und miſche Dich nicht in die An⸗ gelegenheiten anderer Leute!— Zum letzten Male gib Raum!“ „Steh' Rede!“ tönte es erbittert zurück, und wie auf Commando flogen auf beiden Seiten die Degen, ein kurzes Kreuzen der Klingen, die unheimlich düſter durch die Fin⸗ ſterniß blitzten:— Ein ſchwerer Fall und ſchnell davon⸗ eilende Schritte. Als der Fliehende die Straße hinter ſich hatte und eiligſt um die Ecke bog, athmete er hoch auf und 121 ging nun iin ruhigen Schritte weiter. Die Nacht machte ihr Recht der Ruhe geltend.— Alles war todt und finſter und nur hinter wenigen Fenſtern ſchimmerte noch Licht, matt und flackernd, als ob es ſich ebenfalls nach Ruhe ſehne und ſich gewaltſam anſtrengen müſſe, zu ſolcher Stunde noch die Angem offen zu halten. Brandach ward ruhiger inmitten dieſer Ruhe, ſeine Aufregung und Eile legte ſich immer mehr, und ganz unbefangen wandte er ſich um, als er plötzlich ſeinen Namen nennen hörte. „Ah voila mon cher baron, täuſchte ich mich alſo doch nicht, da ich Sie zu erkennen glanbte!— So ſpät noch auf der Straße?“ „Wie Sie ſehen, Doctor— und Sie doch auch, wie es ſcheint?“ „Allerdings, doch im Begriffe, mich irgendwo häus⸗ lich niederzulaſſen.“ „Aha, ich verſtehe, famoſer Gedanke, Doctor, ich begleite Sie, doch wohin, wo hält man Bank?“ „Sansſouci, das findet ſich Baron, kommen Sie nur!— Er ſchob ſeinen Arm in den Brandach's und Beide ſchritten einem viel beſuchten Capwein, Etabliſſeu zu. „Wo ſteckten Sie dieſen Abend, Baron? Ich habe Sie vergeblich geſucht an allen Orten!“ ————— „Teufel, Doctor, wir ſind heute Abend unauge⸗ nehme Choſen paſſirt.“ „Helas!— Quest ce que c'est cela baron?“ Schlage die Hölle in die ganze Wirthſchaft und hole ſie Alle mit einander, die Signora an der Spitze!“ „Die Signora?— Signora Corrado?“ „Dieſelbe!“ „Was iſt— was gibt's mit ihr?“ „Ich ſagte Ihnen doch von der Amour mit ihrer Kammerkatze?“ „Ja, ja wohl— ich erinnere—“ „Das Frauenzimmer fühlt ſich Mutter, iſt ſenti⸗ mental und aufrühreriſch geworden, und bereitete mir heute Abends eine Scene, in die die Signora als Knall— bombe und deus ex Machina hineinregnete.“ „Nun— und— iſt ſie eiferſüchtig?“ „Bah, wenn es weiter nichts wäre! Ich habe ſie vor einem Jahre aufgegeben, um Harder's willen, den ſie ja ſeitdem gänzlich in ihrem Netze hält. Das verzeiht ſie mir natürlich nie, und ich las in ihren Augen den wilden Triumph befriedigter Rachelnſt, als ſie heute Abend wie eine zürnende Tugendgöttin und Schützerin der keuſchen Unſchuld vor mir ſtand.“ „Aha— ha ha ha— kann mir denken und nun?“ „Na, ſie wird ſchon dafür ſorgen, daß der Scherz —ꝛ — — 123 meinen Alten und meiner Braut in die Ohren klingt, und das wird mich verteufelt compromittiren. Ich achte Anna von Harder ſehr hoch, denn ſie iſt ein ſo ausge⸗ zeichnetes Mädchen, daß ich mich vielleicht in ſie verlie⸗ ben würde, wenn ſie nicht eben meine Frau werden ſollte.“— „Nun— und?“ „Na, das iſt die Geſchichte!— Sie wird in Ha⸗ dersberg und Brandshof glänzend auspoſaunt werden— und es wird eine endloſe Reihe von Verwickelungen ge⸗ ben, bei denen ich um ſo mehr den Kürzeren ziehen muß, da, wie ich glaube, das Mädchen noch dazu aus dortiger Gegend gebürtig iſt.“ „Nun— und?“ „Na, damit noch nicht genug! Als ich wüthend hinwegſtürze, aus dem Hotel der Corrado hinaus, treffe ich auf Harder, der mich aufhält, Erklärungen fordert, was ich um Mitternacht noch in dieſem Hauſe ſuche, und mit dem ich mich zuletzt ſchlagen muß, um nur fort zu kommen!“ „Helas— und— nun?“ „Nun, er fiel nieder und ich machte mich davon, ehe Leute kamen. Getroffen habe ich ihn, wohin weiß ich nicht, hatte auch nicht Zeit es zu unterſuchen, da ich mich nicht mit den Waffen in der Hand mitten in der F„ 124 Reſidenz wollte arretiren laſſen, und der Säbelſpectakel ſicher die ganze Nachbarſchaft allarmirt hatte.“ „Nun— und?“ „Es war übrigens vor dem Hotel Corrado, da wird ihm ſchon die beſte Pflege werden; hat er ja doch für die Ehre dieſer Dame die Klinge geführt. Ich ſcheere mich nicht darum— und Harder verräth mich nicht, darauf kenne ich ihn. Wenn's die Italienerin nicht merkt und herausrechnet, er verräth's nicht.“ „Und nun?“ „Nichts weiter, die Geſchichte geht vorüber, Har⸗ der, der hoffentlich nur leicht geſtreift iſt, wird vernünf⸗ tig werden, und mich ärgert nur das Feuer, welches die Corrado bei unſeren Alten anſchüren wird.“ „Das ſoll ſie nicht!“ „Nicht?“ „Sicher nein, ich bürge Ihnen dafür, Baron!“ „Sie, Doctor, Sie ſprechen in Räthſeln!— erklä⸗ ren Sie ſich!“ „Nein,“ ſchüttelte der Doctor ernſthaft mit dem Kopfe,„das müſſen Ihnen bleiben ein Räthſel, Baron. Fragen Sie mich nicht weiter darnach, aber ich werde Ihnen einen Brief ſchreiben an die Sognora, den ſenden Sie ihr morgen Früh und ſie ſchweigt; ich bürge dafür.“ 125 „Sind Sie ein Hexenmeiſter, Doctor?“ „Vielleicht ein Stückchen davon, Baron, man lernt das mit der Zeit, wenn man in der halben Welt herum⸗ gekommen iſt. Sie ſollen morgen eine Probe davon ſehen.“ „Halt, Doctor, hier ſind wir!“ „Ah, ſehr ſchön!“ Und ſie traten ein in das Local, in deſſen inneren Räumen es noch ziemlich lebhaft hergiug. Es war eine große Geſellſchaft junger Lente verſammelt, Officiere, Beamte, ja auch Studenten, welche hier einen Spielelub hatten, und kaum war man des franzöſiſchen Doctors anſichtig, als auch ſchon zehn Stimmen laut wurden, ihn herbei zu rufen. „Geduld, meine Herren— Geduld, nur einen Augenblick, ich habe nur zehn Worte zu ſchreiben, dann ſtehe ich zu Dienſten.— Kellner, Schreibzeug! Gleich, meine Herren, ſogleich!“ Und ſchnell, beweglich, verbindlich lächelnd wie immer, ſetzte er ſich zum Schreiben nieder, während Brandach ſchon am Tiſche Platz genommen hatte, und mit ganzer Seele beim Pointiren war. „Rouge!— noir!“ tönte es einförmig durch das Local. Es ward gewonnen und verloren, und die Gold⸗ ſtücke rollten hinüber und herüber. 126 Dazwiſchen tönte das Kritzeln der Feder des Doc⸗ tors faſt unheimlich. In ſolchem Locale herrſcht nur das Götzenbild des Spieles, welches alle guten Geiſter aus⸗ treibt, und nie eine andere Leidenſchaft neben ſich duldet, als nur ſich ſelber. Weinend ſteht die Ehre draußen vor der Thüre, deun ſie ſelbſt muß fliehen vor der mächtigſten und verderblich⸗ ſten der Leidenſchaften— in der Spielhölle herrſcht nur die Hölle. Der Doctor ſchrieb und lächelte immer weiter. Dann legte er die Feder nieder und überlas noch einmal was er geſchrieben hatte, bevor er das Billet faltete. „So,“ lächelte er,„das wird helfen, dieſem Mitel⸗ chen widerſteht ſie nicht!— Es gibt doch nichts Ange⸗ uehmeres und Bequemeres auf der Welt, als wenn man die Ehre der Frauensleute in ſeiner Hand hat. So ſchmiegſam und gefügſam ſie Einem gegenüber ſind, ſo viel Angſt haben ſie vor der öffentlichen Blamage. Und das nennen ſie ihre Ehre bewahren! Schein und Flitter Alles— wer ſoll da noch achten können?“ Das Billet war geſiegelt und adreſſirt, und immer behäbig, immer lächelnd trat er zu Brandach hin, der ſchon tief in das Spiel vertieft war, und die Nähe des Franzoſen kaum bemerkte. „Hier, Baron,“ rief ihm dieſer zu,„hier haben 127 Sie das bewußte Zaubermittel— das wird helfen!— Xla bonheur!— das zieht— es iſt kräftige Doſis! „Danke, danke, Doctor! Doch, ſpielen Sie nicht?“ Und ohne eine Antwort zu hören oder auch nux zu erwarten, verſank er wieder in ſeine Karten! „Und nun,“ murmelte der behäbige Franzoſe,„nun zu unſerm Kunſtſtückchen, und der Teufel ſteh' mir bei, daß ſie eben ſo ergiebig werden, als beim letzten Male!“ Während auf der ganzen Nachbarſchaft längſt ſchon der Schleier der Ruhe lagerte, und kein Lämpchen mehr ein waches Leben andeutete, brannte in dem Dachſtüb⸗ chen, das Mutter Roſen mit ihrem Sohne bewohnte, noch immer Licht, und verſchiedene Perſonen kamen und verließen das Haus. Auf dem Bette des Schriftſtellers ruhte eine bleiche, lebloſe Geſtalt, um die mehrere Aerzte ſorgſam bemüht waren, während Johannes bleich und verſtört daneben ſtand, den Herren leuchtend, und die Mutter in der Küche ſich bemühte, die Anforderungen der Aerzte zu er⸗ füllen, und weiche Leinen hervorſuchte, die aus der Zeit ihres Glückes ſtammten und mit ihrer vergehenden Pracht auch an die Vergänglichkeit desſelben ſchmerzlich mahnten. Zitternd reichte ſie den Aerzten das Nöthige dar, und ihr Ange haftete mitleidvoll auf den Zügen des Kranken, die, wenn auch ſchmerzentſtellt und todtenbleich, doch von wunderbarer Schönheit waren. Das weiche Herz der armen Frau brach faft bei dem Anblicke des Unglücklichen— und der entſetzliche Gedanke, wenn du deinen Sohn einmal ſollteſt ſo lie⸗ gen ſehen— wenn er in jenem Duell mit Bamberg ſo wäre nach Hauſe gebracht und leblos— blutend auf das Lager gelegt worden— preßte ihr Thränen aus. Wei⸗ nend eilte ſie aus dem Schlafzimmer in ihr Stübchen zurück, und da man ihrer Hilfe nicht mehr bedurfte, ſank ſie betend vor dem Hausaltare nieder und flehte zur Mutter der Gnaden, daß ſie ihre Liebesblicke auf den armen Leidenden ſenke, der gewiß auch eine Mutter be⸗ ſaß, die weinend ſich ſorgen würde um den verwundeten Liebling. Bald kamen auch die Aerzte und Johannes in das Zimmer zurück und erklärten, daß für jetzt Alles gethan ſei, was geſchehen könne. Der alte Hofrath Henneberg, deſſen Freundlichkeit ſprichwörtlich geworden war, wie ſeine Kunſt, trat zu der immer noch weinenden Witwe und ſagte ihr freundlich: „Sorgen Sie nicht, Madame, die Wunde iſt ge⸗ führlich, aber nicht tödtlich, und bei ſorgſamer Pflege wird der Kranke ſich, wenn auch etwas langſam, wieder 129 erholen. Transport iſt in keinem Falle zuläſſig— und verbiete ich ihn ſelbſt bis in das nächſte Haus. Sie wer⸗ den ſicher die Pflege des Kranken nicht zurückweiſen, denn ſie iſt ja Chriſtenpflicht, und der Verwundete— es iſt der Lieutenant Harder— wird Ihnen für Ihre Mühe 35 Unbequemlichkeiten erkenntlich ſein „O Gott, Herr Srſtaß, wer fh darnach bei einem ſolchen Falle!— Sagen Sie mir lieber, was ich thun ſoll, um den Leidenden Linderung zu verſchaffen, bis Sie wieder kommen.“ „Nichts, liebe Frau, es iſt Alles geſchehen, was ge⸗ ſchehen konute. Die Beſinnungsloſigkeit des Kranken wird ſich mit der Zeit in einen Schlummer der Erſchö⸗ pfung verwandeln— und ehe er daraus erwacht, bin ich wieder hier. Der Kranke bedarf nur der Ruhe und darf durchaus nicht geſtört werden. Ruhe, nur Ruhe, Ma⸗ dame, ſorgen ſie nur für Ruhe!“ Damit ging der alte, freundliche Mann mit den übrigen Aerzten von dannen. Frau Roſen und ihr Sohn aber ſetzten ſich wieder um ihre Lampe nieder. Von Neuem begann das Spinnrad ſein emſiges Schnurren, denn von Schlummer konute nach dieſen Vorfällen nicht die Rede ſein— doch mochte Johaue auch nicht zu ſeiner Arbeit zurückkehren. Die ſoeben ſtattgehabten Vorfülle waren ſo plötzlich Ehre II. 9 130 über ihn gekommen, hatten ſo plötzlich auf ſein leicht er⸗ regbares Gemüth gewirkt, daß er weder an Schlummer denken, noch auch ſeinen Geiſt zu ernſter Arbeit ſam⸗ meln konnte. Immer ſtand der bleiche Kranke vor ihm, welchen er recht wohl als den jungen Officier erkannt hatte, der ſo häufig bei der ſtolzen Signora war. Der Verwundete hatte ſie ſo oft in der Nähe geſehen, das kleine Kammer⸗ zofchen, ohne ſie wohl jemals zu beachten, während Jo⸗ hannes gerne Jahre ſeines Lebens dahin gegeben hätte für ein Wort von ihren Lippen, für eine einzige Stunde an ihrer Seite. Er hatte ſich niedergeſetzt und ſtarrte gedankenvoll in das flackernde Flämmchen der Oellampe, deren Kni⸗ ſtern mit dem Schuurren des Rädchens und dem einför⸗ migen Tiktak der Wanduhr das einzige Geräuſch war, welches man im Zimmer vernahm. Johannes hatte, nachdem wir ihn im vorigen Ca⸗ pitel verließen, noch lange eifrig gearbeitet, um den Auftrag ſeiner Mutter zu erfüllen, hatte noch einmal genau und ſorgfültig ſein Manuſeript geprüft und einige Abänderungen getroffen, immer dabei das Urtheil der Mutter zu Rathe ziehend, die unermüdlich mit ihm wachte, und ihr Rädchen drehte. Da hatten ſie unten auf der Straße Wortwechſel— gleich darauf Säbelgeklirr— 131 einen dumpfen Fall und enteilende Schritte vernommen, und Johannes war auf die Straße geeilt, wo Alles ſtill und dunkel war wie im Grabe. Johannes konnte nichts erkennen und machte ſich eben bereit, erſt Licht zu holen, da drang ein leiſes eu nen an ſein Ohr leitete ihn zu dem Verwunde⸗ ten. Dieſer war beſinnungslos oder eben verſchieden. Der Körper lag ſchwer und machtlos in ſeinen Ar⸗ men, als er ihn vom Boden emporhob, und es war nur ein Glück, daß eben ein Wächter des Weges kam, den er ſofort anrief und mit ſeiner Hülfe den Ver⸗ wundeten in ſein Dachſtübchen hinauf trug. Frau Roſen war ſehr erſchrocken über den un⸗ vermutheten Anblick eines todten, blutüberſtrömten Kör⸗ pers— eine entſetzliche Erinnerung feſſelte ſie regungs⸗ los an ihren Platz, während die beiden Männer den Leichnam auf Johannes Bett legten und der Wächter davon eilte, um Aerzte zur Hülfe zu rufen. So viel ſie bei dem ſtrömenden Blute erkennen konnten, war es ein junger Officier, der, am Kopfe tief verwundet,— wohl gar ſchon todt oder ſterbend war.— Er regte und bewegte ſich nicht; kein Athem⸗ zug ward hörbar, und Frau Roſen und Johannes lebten angſtvolle Minuten, bis endlich die Aerzte her⸗ bei eilten und die Wunde unterſuchten und verbanden. 132 Todt war der Unglückliche nicht, auch die Wunde nicht tödtlich, wie der Hofrath ihnen tröſtend ver⸗ ſichert hatte, und nur die Aufregung hinderte Frau Roſen und ihren Sohn den Reſt der Nacht im Schlum⸗ mer zu verbringen.— „Wir pflegen doch den Armen, bis er wieder geſund iſt?“— unterbrach endlich Johannes das Schweigen. „Zweifelſt Du daran, mein Sohn?— Einen Unglücklichen von der Thür weiſen, heißt den Segen des Himmels hinaustreiben;— und hier konnte es gar Mord ſein!“ „Du haſt Recht!— Ein Dyuell bei Nacht, wo ein Gegner den andern nicht ſieht, wo nur der blinde Zufall entſcheiden muß, und rettet oder tödtet— ſieht das nicht überhaupt auch einem Meuchelmorde ähn⸗ lich?“— „Wollen wu es auch nicht ſo hart beurtheilen, mein Sohn, ſo iſt doch jeder Streich, der bei einem Duelle fällt, nicht auf den Gegner nur, ſondern auch auf andere Herzen gerichtet, die demſelben in Liebe nahe ſtehen:— meiſt auf ein armes Mutterherz, das ſich in Qual und Angſt verzehrt um den gelieb⸗ ten Sohn. Wenn nun hier das Urtheil des Arztes nicht eintreffen, und dieſer junge Mann ſterben ſollte, 1 133 wer weiß, ob da nicht auch ein Mutterherz darüber bräche?—— „Und nun, welche Veranlaſſung vielleicht?— Viel⸗ leicht um einer Thorheit, um einer Amour willen, wie man das bei den Officieren ſo oft findet!— „Ich kenne den jungen Mann nicht— der Hof⸗ rath nannte ihn von Harder, weiß auch nicht, ob er aus der Reſidenz iſt, und ob ſeine Eltern hier woh⸗ nen;— iſt er Dir vielleicht bekannt, mein Sohn?“— „So viel ich weiß, iſt er aus einer nördlichen Provirz, und verkehrt viel bei der Signora Corrado. Man konnte ihn täglich zu ihr gehen ſehen.“ „Bei der Corrado! Nun ſiehſt Du, und vor Ihrem Hotel iſt das Unglück geſchehen! Ich ſagte es ja, irgend eine Thorheit, eine tolle Eiferſucht wird das Duell veranlaßt haben, das einer armen Mutter viel⸗ leicht das Herz bricht!— Die Söhne ſind es gewohnt rückſichtslos mit Mutterherzen umzugehen!“ Das Rad flog grollend weiter und Johannes ſchwieg. Unwillkürlich kam die Erinnerung an ſein eigenes Duell über ihn, das auch vielleicht einem Mut⸗ terherzen wehe gethan und Angſt und Sorge verur⸗ ſacht hatte, das ober doch auch ſeine Mutter ſelbſt als unvermeidlich erklärt hatte, wenn ſeine Ehre nicht 134 einen Flecken behalten ſollte für alle Zeiten, der wirk⸗ lich an ihm haftete und an ſeinem eigenen Handeln. Das Duell hat dieſelben Motive für und gegen ſich wie der große Krieg— die Völkerduelle. Beide ſind vielleicht überflüſſig und Verbrechen an der Menſchheit— und doch warum können ſie nicht ver⸗ mieden werden?— Mord ſind ſie beide, und mögen ſie fürſtlich privilegirt ſein oder nicht,— ob wohl das Weltgericht einſt darnach fragen mag?— Solche und ähnliche Gedanken beſchäftigten Jo⸗ hannes Geiſt, und ſein Kopf ſank tiefer und tiefer auf den Tiſch nieder, bis endlich die Natur doch ſiegte, der Schlummer über ihn kam und allein ſeinen Zwei⸗ feln ein Ende machte. Da der Fremde auf Johannes Bett ruhte, ließ ihn Frau Roſen ruhig am Tiſche ſchlummern; ihr Rädchen aber ſchnurrte unermüdlich weiter, bis der Morgenſonnenſtrahl in das Dachſtübchen drang und mit ſeinem Kuſſe den Sohn erweckte. Der Morgen graute kaum, da tönte ſchon die Glocke im Vorzimmer der Signora, und Marie, welche ebenfalls die ganze Nacht durchwacht und angſt- und reuevoll durchweint hatte, fand den Wächter an der Thür, der ihr die Mittheilung machte, daß der Offi⸗ cier, welcher häuſfig im Hauſe verkehre, um Mitter⸗ 135 nacht blutend auf der Straße gefunden und in dem Nachbargebäude, hoch oben in das Dachſtübchen quar⸗ tiert worden ſei. „Heiliger Gott, er hat ſich ermordet! Und ich bin ſeine Mörderin!“— ſchrie Marie verzweiflungs⸗ voll, und ſtürzte weinend in das Schlafzimmer der Signora, um dieſe zu erwecken und ihr die ſchreckliche Mittheilung zu machen. „Brandach ermordet!“— frug dieſe erſtaunt, „armes Kind, ſollſt Du auch das noch erleiden?— Doch ſelber ermordet hat ſich der nicht— der muß ermordet worden ſein. Gehe, armes Mädchen, und er⸗ kundige Dich drüben, die alte Witwe ſcheint eine ſtille und gutmüthige Frau zu ſein, welche ihm gewiß die beſte Pflege geben wird. Gehe, Marie,— weine nicht um ihn, Du haſt gelitten genug um ſeinetwillen und denke nicht mehr an ihn, der Dich betrogen hat, ſon⸗ dern an Dich und Deine Geſundheit.“— Marie ging. Doch floſſen ihre Thränen unauf⸗ hörlich und wünſchten Segen herab auf das Haupt der Signora, die ihr ſchon während der Nacht ſo lieb⸗ reich zugeſprochen und ihr Schutz und Hülſe unter allen Umſtänden zugeſichert hatte. Die Signora blieb in löbhafter Unruhe zurück. Auch ſie war durch das Ereigniß betroffen worden, das ihre Pläne plötzlich vernichtete und ihren Arm lähmte. 5 „Willſt Du ſelber rächen, gerechter Gott und lähmſt den Arm der Staubgebornen durch Dein Straf⸗ gericht?— Willſt Du meine Rache nicht?“— Da kam Marie athemlos zurück und ihr Thrä⸗ nen überſtrömtes Antlitz weiſſagte Unheil und Ver⸗ derben. „Um Gotteswillen, Signora“, rief ſie ſchmerz⸗ voll,„es iſt ja nicht Brandach, es iſt Herr von Har⸗ der, der ſchwer verwundet bei der Frau Roſen liegt, vor unſerm Hauſe iſt er um Mitternacht ermordet gefunden worden;— um Mitternacht, als Brandach weggegangen war.“— Ein einziger Ruf des Entſetzens tönte von den Lippen der Signora— einen Augenblick nur war ſie gelähmt von der Gewalt dieſes Streiches— dann aber ſprang ſie empor, einer Löwin gleichend, die ihre Kinder bedroht ſieht, und ihre Angen blitzten in Angſt und Schrecken. „Uinglückliche, was ſagſt Du da?“— fuhr ſie die Zofe an, und eilte verwirrt und ſuchend durch das Zimmer. „Die Wahrheit, Signora,“ klagte das Mädchen. „Mein Ueberwurſ,— wo iſt mein Ueberwurf, Marie?— Mein Gott, willſt Du mich denn mit Blindheit ſchlagen, daß ich nicht zu ihm eilen, ihn nicht mehr finden ſoll?“— Marie eilte mit dem Ueberwurf herbei und Alles vergeſſend, das leichte Morgengewand nur nothdürftig mit dem Ueberwurf verhüllend, flog die Signora die Stufen hinab, in das Nachbarhaus und ſtand gleich darauf cihemn s und hocherg iihend in dem Dachſtübchen der Witwe. Das Unglück ſtürzt die Schranken der Convenienz. Auch hier war ki Verſtändigung, kein Fragen und Antworten nöthig. Die Witwe las in den angſterfüllten Zügen der Signora, was ſien wollte, was ſie erfragen wollte und wie ſehr ſie litte, und flüſterte beruhigend: „Er lebt, Signora! und nur Ruhe— unbegrenzte Ruhe iſ ihm nöthig, wenn Alles noch gut werden ſoll. H du en Sie mich ihn ſehen, laſſen Sie mich an ſeinem Lager ſitzen, ihn bewachen und pſlegen, ihn ſchirmen vor den Geiſtern der retihe und des Fiebers. Ruhen Sie, liebe Frau, und überlaſſen Sie mir die Anſtren⸗ gungen, welche Ihr Alter nicht mehr ohne Schaden ertra⸗ gen kann. Ich will ihn hüten, wie mein Ae und nicht von ſeinem Lager weichen, bis er, zum Bewußtſein Sen mich wieder erkennt und im Arme der Liebe ſich wohlgeborgen ſieht.— Führen Sie mich zu ihm, ich bitte, ich beſchwöre Sie darum!“ „Daß darf ich nicht thun, Signora.— Ich ſelber habe das Zimmer des Kranken nicht wieder betreten, ſeitdem der Hofrath fort ging und mir es ſtreng ver⸗ bot;— ich werde es auch ſelber nicht thun und von Niemanden dulden, bis dieſer zurückkehrt und mir die Erlaubniß dazu gibt.“ „Ich will ihn aber ſicher nicht ſtören! Sehen Sie, mein Schritt iſt leicht und ſchwebend— unhörbar faſt, — das iſt eine Bühneneroberung,“ lächelte ſie bitter, „er wird mich nicht hören und ich werde ruhig werden, wenn ich ihn geſehen habe, und geſehen, daß er lebt. Liebe Frau, haben Sie denn niemals geliebt, daß Sie ſo hart ſein wollen, und mich gehen heißen, bevor ich ihn geſehen habe?“ Sie ſah wundervoll aus in ihrem Schmerze und es hätte ein härteres Herz dazu gehört, ihr länger zu ver⸗ weigern, als das der Frau Roſen. „Wer kann der Liebe widerſtehen—“ ſagte Sie theilnahmsvoll,„möge die heilige Mutter der Schmerzen uns verzeihen, wenn wir ſündigen um der Liebe willen.“ Und leiſe die Thür öffnend, ließ ſie die Signora eintreten, die leicht und unhörbar wie ein Zephir an das Lager ſchwebte.— Da lag er bleich und entſtellt, das ———— 439 Haupt mit dem Verbande halb umwunden, die Augen geſchloſſen und die Lippen im beängſtigenden Blau ſpielend. So ſchön hatte ſie ihn nie gefunden als heute in ſeinem Leiden, und nur mit Mühe hielt ſie ſich zurück, die zuckenden Lippen zu küſſen, aus denen hervor jetzt wie⸗ der ein leichter Athem quoll. Sie ſtand unbeweglich, kaum athemholend da und blickte auf den Schlummernden nieder, ſchon frendig be⸗ wegt, daß die Erſtarrung des Todes gewichen war und dem Leben wieder Platz gemacht hatte. Endlich wandte ſie ſich zu Fran Roſen zurück, die an der Thür die Vorgänge überwachte, und mit köſt— lichem Lächeln ihre Hand ergreifend, flüſterte ſie: „Er lebt und wir wollen ihn pflegen, bis er wieder geſund und friſch iſt, wie vordem. Gott und der Jung⸗ frau Dank, daß ſie ihn mir erhalten haben!“ Ohne Jahannes' Gegenwart zu beachten, der ruhig bei der Arbeit ſaß, ſank ſie tiefbewegt vor dem kleinen Betaltare der Frau Roſen nieder und hob den danker⸗ füllten Blick empor zum Bilde der Gebenedeiten. Fran Roſen hatte indeß die Thür wieder geſchloſſen, und wartete ſchweigend ab, bis die Signora ſich wieder zu ihr wandte. „Und wo iſt es geſchehen?— Haben Sie nicht 140 eine Ahuung, wer es gethan hat, welche verruchte Hand den edlen Jüngling aigeialen S „Keine Ahnung, Signora!— Wir hörten zuerſt Wortwechſel zwiſchen zwei Perſonen, dann das Klingen der Säbel— einen ſchweren Fall und enteilende Schritte. Als mein Sohn hinunter kam, fand er nur den Ver⸗ wundeten und bereits beſinnungslos.“ „Und um welche Stunde geſchah dieſes?“ „Gleich nach M itternacht, die Uhr hatte kaum ausgeſchlagen.“ „Um dieſelbe Zeit ſtürzte er davon!— O, es iſt kein Zweifel, er iſt es geweſen, der Schändliche, der Verruchte! Nicht genug, daß er meine arme Marte un⸗ glücklich gemacht hat, ermordet er auch noch den Freund! Verführer und B euchelmörder!— Schöne Titel für den Herrn von Br ſiee die ich ihm bezahlen werde!— Sorgen Sie nicht, der Sich ſoll meiner Rache und ſeiner Strafe nicht entgehen! Leben Sie jetzt ubht — ich kehre balb F und mich nach dem Kranken. Was Sie gebrauchen, laſſen Sie nur aus meinem Hotel holen, verfügen Sie über Alles, was ich beſitze— wenn er nur gerettet und dech wird!“ Und glühend in edlem Zorne und doch frendig be⸗ wegt, daß er lebe— eilte ſie hinaus. Als ſich Fran Roſen nach ihrem Sohne unwandte, 141 erſchrak ſie vor dem Ausdruck ſeiner Züge, in denen Schmerz und Trotz, Standhaftigkeit und Verzweiflung mit einander rangen und ein trauriges Bild der Zerſtö⸗ rung boten. Er hatte die Worte der Signora gehört!— „Armes Kind,“— flüſterte ſie zürtlich und legte liebe⸗ voll die Arme um ſeinen nu—„armes Kind, Deine Ideale fallen zuſammen, wie Tannäpfel, die der Nord⸗ wind anweht;— armer Johannes, ich beklage Dich tief, wie nur ein Mutterherz es kann.“ „O Mutter,— Mutter, könnte ich doch ſterben— ich habe ſie ja ſo ſehr geli ebt! Eher hitt ich an der S ſet als an ihrer deinheit, eher hätte ich daß Gott mich verließe, ehe ich gefürchtet hätte, ſie werde meine treue L Liebe, die ſen harren konnte um einen Blick aus ihren Angen zu erhaſchen— ſo bit⸗ ter täuſchen.— O Mutter, laß mich ſterben, ich habe genug gelebt und genug gelitten!“—— „Armes Kind, faſſe Dich und verdamme ſie nicht, die Du ja nie geſprochen haſt, pie 2 Dir nie geſagt hat, daß ſie Dich liebe, wenn ſie auch wohl Deinen Bucen zuwei⸗ len ftehnvſit begegnete, ih der Du deßhalb auch ke nen Vorwurf machen kanſt, eit n ſie der Liebe eines hn⸗ digen ſich hingegeben hat. Faſſe Dich und vergiß ſie, die auch unglücklich ſein wird, urun ſie ſo bitter ſich getäuſcht ſieht, denn es gibt Kreuze für jede Schultern, und Jeder „ 142 muß das ſeine zu tragen ſuchen mit Ergebung und Gott⸗ vertrauen.“— Johannes ſeufzte tief. Die Mutter war ſchon ſo alt und hatte wohl den Schmerz der Jugend ver⸗ geſſen, wenn treue Liebe ſich getäuſcht ſieht. Seufzend ſchwieg er, denn wieder fehlte ihm der Glauben, der die Mutter ſiegreich erhob über die Wechſelfülle des trügeri⸗ ſchen Lebensgeſchickes.— „Er lebt, Marie,— und er wird geſunden!“— rief die Signora beim Eintritt der Zofe zu.„Aber rächen will ich ihn, rächen an den Schurken, der Dich betrogen und ihn ermordet hat. Heute noch, ſogleich werde ich Euch rächen und ihm ſein unverdientes Glück zerſtören, we er das Eure freventlich vernichtet hat! Er ſoll die Schweſter wenigſtens nicht auch noch elend machen.“— „Hier dieſer Brief ward abgegeben, Signora!“— ief dieſe entſetzt, als ſie geleſen hatte, —„hat dieſer Brandach denn die Hölle im Bunde, daß ſie ihre Ungehener ausſpeit, um meinen Arm zu lähmen!? „Signora! „Sie werden ſchweigen über das, was Sie geſtern Abend mit Herrn von Brandach verhandelt haben. Das erſte Wort, welches durch Sie davon verlautete, würde auch mich zum Reden zwingen! Ehre dann für Ehre! Armand.“ Sechſtes Capitel. Ein Mädchenherz. Die Nacht mit ihren dunkeln Bildern war einem reizenden Morgen gewichen, deſſen Friſche die Bewohner der Reſidenz für die Hitze des Tages und die Bängniſſe der Sommernacht zu entſchädigen ſuchte. In den Hunds⸗ tagen iſt ſelbſt die Nacht keine Erholungsſtunde.— Die Schwüle des Tages herrſcht fort, beängſtigender noch im Dunkel der Nacht, oder beim bleichen Schimmer des Mon⸗ des— und nur der Morgen bringt Friſche. Die Mor⸗ genluft fegt die Schwüle und beengenden Dünſte hinweg, um der erwachenden Sonne den Weg zu bereiten, und ihr ein neues Feld glühender Wirkſamkeit zu öffnen. Mit den Morgenwinden wehete aber auch ſchon die Nachricht hinaus von dem nächtlichen Duelle und drang in das ahnungsloſe Haus des Major von Welling. 8Se ſaßen zuſammen im Familienzimmer. Der Caffee dampfte auf dem Tiſche und der Major wettei⸗ ——————————————————— 144 ferte mit ihm, indem er blaue Wolken aus ſeiner Mor⸗ genpfeife trieb. Seit zwei Tagen herrſchte in dieſer Familie eine eigenthümliche Verſtimmung. Ein Jeder war in ſich und mit ſich ſelber verſtimmt, und die Urſache des Ganzen war der Beſuch Harder's, welcher Allen zu Beobachtungen und un angenehmen Entdeckungen Anlaß gegeben hatte. Der Major, ein ſonſt nicht allzu ſtrenger Sitten⸗ richter, hatte ſeine Jugend in einer bedeutungsvollen Zeit verlebt, und er ſo wenig als der alte Freiherr von Har⸗ der hatten damals viel an leichtfertige Liebeleien denken können. Das Vaterland und die Liebe zu demſelben hatte ihre ganze Seele in Anſpruch genommen, all' ihr Sehnen und Wünſchen ausgefüllt, alle ihre Thatkraft und ihren Jugendmuth gefordert,— und Welling hatte deßhalb auch bei Anderen und bei der jüngeren Generation leicht⸗ ſerlige Verhältniſſe nie recht leiden mögen. Hans von Harder's Leidenſchaft für die ſchöne Corrado war oft Geſprächsthema zwiſchen ihm und ſeiner Frau geweſen, und auch Hans hatte manchen derben Scherz, manche Necke⸗ rei von ihm vernehmen müſſen, welche ſtets in der War⸗ nung oder Mahnung ſchloſſen, ſich nicht zu weit zu ver⸗ geſſen und durch das Feuer der Leidenſchaft die Ehre an⸗ greifen zu laſſen. Zu weiteren Schritten hatte Welling fich nicht berechtigt geglanbt. Er hielt dafür, daß ſich der N Mann ſelber ſein Schickfal ſchaffen, daß er ihn allein durchkämpfen müſſe den Kampf des Lebens— und un⸗ tergehen in demſelben kannte wohl kein Harder, kein Zweig aus jenem großen und edlen Geſchlechte, deſſen Ahnen hinaufreichten in das graueſte Mittelalter. Da war Eugenie zurückgekommen und begrüßte in Hans einen alten Bekannten auf eine Weiſe, die dem Va⸗ ter Beſorgniß machte, und deren Beurtheilung ſeinerſeits durch Harder's Verlegenheit den Stempel der Gewißheit erhielt. Der alte Krieger war doch nicht unbefangen ge⸗ nug, um nicht aus dem Weſen ſeines Kindes die Nei⸗ gung zu ahnen, welche der auffallend ſchöne junge Mann ihr ſchon beim erſten Anblick eingeflößt hatte, und wenn er das nun Alles erwägend, den Gedanken und Ideen über die Zukunft ſeines Kindes freien Lauf ließ,— reizte Harder's Verhältniß zu der Sängerin ſeinen hellen Zorn. Es hätte keine paſſendere Verbindung gegeben, als Hans und Engenie— Harder's und Welling's— und nun war ſie unmöglich. Denn nun und nimmermehr hätte der alte Krieger von echtem Schrot und Korn, dem ein gu⸗ tes Stück wahre Ehre in der Bruſt ſaß, es geduldet und zugegeben, daß ſolch' ein leichtfertiger Patron ans den Armen einer Primadonna zu ſeinem Kinde eile, und daß dieſes unſchuldige, reine Weſen die Stelle einnehme, welche die üppige Sängerin ſchon vorher beſeſſen hatte. Ehre. I. 10 146 Zum erſten Male flammte ſein Zorn hoch auf ge⸗ gen das anſtößige Verhältniß,— und kaum hatte Har⸗ der, der aus dem erſten Ausſehen des Alten und aus ſeinen Augen das nahende Gewitter ahnte, ſich vor dem Ausbruche desſelben zurückgezogen, da ſtürmte es auch bereits los und machte ſich in derben Worten Luft. Seine frühere lieberale Anſicht war den perſönli⸗ chen Verhältniſſen ſchnell gewichen und ſein voller Zorn wandte ſich gegen die ſchöne Sängerin. Auch heute Morgens hatte er das Thema wieder an⸗ geſchlagen und rief heftig:„Hole der Teufel ihn, mit ſammt dem italieniſchen Weibsbilde! Es iſt Alles Ottern⸗ gezücht, was aus dem Wel'ſchen kommt; für Deutſche iſt noch nie etwas Gutes von dort abgefallen. Kommt das Weibsbild hierher, trillert den empfindſamen Weibern die Ohren voll, verführt ihre Gatten und ſchleppt alle jun⸗ gen Männer an ihrem Narrenſeile. Daß Dich!— da ſollte ich doch mal nur für einen Tag die Macht haben, o, wie wollte ich Auskehr machen, und zwar nicht auf die feinſte Weiſe! Mit der Fuchtel ließ ich das Weibſtück über die Grenze prügeln!“ „Aber Rüdiger, mein Gott, warum denn ſo heftig, — Du malſt zu ſchwarz“— bat die Majorin mit einem verſtändnißvollen Blicke auf Eugenie, deren Bleiche wahr⸗ haft entſetzend mit dem ſchwarzen Trauergewande con⸗ 147 traſtirte, und deren Augen nur mit äußerſter Anſtren⸗ gung die quellenden Thränen zurückdrängten. Aber der Major achtete nicht darauf, oder wollte es nicht beachten. Sein rauher Soldatenſinn ſchlug ihm eine Radicalcur vor, und er mengte dem armen Kinde eine echt militäriſche Medicin. „Zu hart?— Biſt Du toll, Hermine? Wie kann man mit ſolchem Weibe zu hart verfahren, die unſere Töchter um die beſten Partien des Landes bringt? Oder möchteſt Du vielleicht einem Manne, der endlich überſät⸗ tigt aus den Armen ſolches Weibes zurückkehrt, nachher Dein reines, unſchuldiges Kind zum Weibe geben? Ein ſolcher Menſch iſt zuſchlecht nachher für jedes ehrliche Mäd⸗ chen, und dieſe müßte ſich ſchämen, einen Funken Liebe für ihn zu hegen, nachdem er in den Armen folches Wei⸗ bes geſchwelgt hat.“— Die Majorin ſchwieg ſenfzend. Sie wußte wohl, daß jeder Entgegnung oder Beſchwichtigung nur einen neuen Sturm hervorrufen würde, und ſie ſah nur zu gut, wie entſetzlich Eugenie unter den Worten des ſtrengen alten Kriegers litt. Sie gerade hatte niemals Harder's Verhältniß verzeihen mögen, hatte ſogar lebhaft gegen ſeine Einladung proteſtirt, und doch konnte ſie jetzt nicht ſo hart urtheilen, als der alte Mann, der, weil er eine blitzartig aufgetauchte Idee, die ihm ſchnell Lieblingsidee 10* 148 geworden war, unausführbar und mit ſeinen Ehrean⸗ ſchauungen und ſtrengen Geſetzen unvereinbar geworden ſah— nun im vollen Zorne aufbrauſte. Was er im Geheimen verziehen und ignorirt haben würde, als geheimes Laſter vornehm überſehen hätte— das baute öffentlich ſeinen Wünſchen einen unüberſteig⸗ baren Damm von Hinderniſſen entgegen. Denn an die Wirklichkeit des idealen Verhältniſſes hatte er natürlich Luſt zu glauben— und wem konnte man es in der Zeit eigent⸗ lich verdenken?— „Den Schein gewahrt“— war die Parole des al⸗ ten Adels und iſt auch die des neuen. Freimüthige Offen⸗ heit betrachtete man als Oſtentation und hielt und hält ſie für den gefährlichſten Feind der Ehre— die geheimes Laſter— und wäre es das gemeinſte— wann es nur geheim bleibt, natürlich nicht berührt. Der alte Soldat war von dieſem Vorurtheile ſo we⸗ nig frei, als ſeine Gattin,— ja Harder war ſelber nicht frei davon, und nicht die Ueberzengung, ſondern die Ge⸗ walt der Leidenſchaft hieß ihn der Liebe folgen und an der Seite der Sängerin das erſte Geſetz ſeines Hauſes vergeſſen. Frau von Welling hatte Harder's Verhältniß ſtets mit Unwillen zugeſehen. Sie betrachtete es auch noch heute ſo, ohne doch in den wilden Zorn ihres Mannes 149 einzuſtimmen, den die Unmöglichkeit, ſeine ſchöne Verbin⸗ dungsidee ausführen zu können, aufbrachte wie eine ver⸗ lorene Schlacht. ⸗ Nur Eugenie ſagte nichts dazu. Sie war die Ein⸗ zige, welche Harder entſchuldigte. Sie ſchwieg zu den har⸗ ten Worten des Vaters, und blickte todtenbleich und fle⸗ hend auf die jugendliche Mutter hinüber, in der ſie eine Verbündete und Verſtändniß für ihre Gefühle zu finden hoffte. Als ſie aber auch da nur Abneigung und Ver⸗ dammung bemerkte, zog ſie ſich ſchweigend in ſich ſelber zurück, nun ihrerſeits alle Entſchuldigungsgründe aufſu⸗ chend für den, den ſie liebte. Die Enthüllungen des Vaters über Harder vor den Augen der unſchuldigen und vertrauensvollen Tochter hatten in dieſer ſchnell weibliche Klugheit und Verſtänd⸗ niß geweckt und hatten ihr die Unbefangenheit und Nai⸗ vität des Kindes genommen. Eugenie war in wenigen Stunden zur Jungfrau gereift, hatte ſich ſelber begriffen, und der Ausſpruch des Majors, daß ſie Harder nie be⸗ ſitzen dürfe— woran ihre Kinderſeele gar noch nicht ge⸗ dacht,— hatte ihr mit jäher Schnelle erſt enthüllt, was ſie für ihn fühle. Die Knospe war geſprungen, die ſo lange hold und ſtill im Buſen gekeimt, die entſtanden im fernen Harzge⸗ 150. birge und unbewußt gewachſen und geſchwellt worden war durch den beſeligenden Than der Erinnerung. Die Stunde der Gefahr hatte die Knospe gereift und geſprengt und aus dem ahnungsloſen Wonneſchauer beſeligender Erinnerung war die ſelbſt bewußte, ſich er⸗ kennende Liebe entſprungen und forderte ihr Recht. Gefehr verbindet und ſtärkt; Gefahr macht klug und läßt den Schleier ſinken, den ahnungsloſes Behagen uns um die Seele hüllt. So hatte des Vaters Radical⸗ cur das Uebel gerade erſt hervorgerufen, dem ſie begeg⸗ nen und das ſie heilen ſollte. Eugenie liebte. Sie fühlte die Wahrheit bis in das Innerſte des Herzens ſchauern, und die erſten Stunden ihres Zuſammenſeins mit Harder im Parke zu Ballen⸗ ſtädt erſchienen vor ihrem Herzen in Glorie der Verklä⸗ rung.— Erinnerung verſchönt, Erinnerung verklärt ja Alles, was uns lieb war, und ſchöner noch als die Stun⸗ den des Erlebens es bieten konnten, malt die Erinnerung. Da fallen alle Flecken, und alles Kleinliche und Nichtige entflieht vor dem Sonnenglanze deſſen, das uns einſt beglückte.— Konnte Hans von Harder, mußte er für ſie auf immer verloren ſein, wie ded Vater ſagte? Er, der ſie doch ſo ſehr geliebt hatte, dem ſie die ſchönſte Stunde ih⸗ res jungen Lebens dankte?— Zetzt, wo ſie ſelber zum 151 — Bewußtſein deſſen gekommen war, was ſie bewegt hatte und heute mehr und heftiger bewegte als je, lernte ſie auch ſeine Gefühle, ſein damaliges Entzücken und Wonne⸗ ſchauern verſtehen, ahnte, daß er ſie damals ſchon ge⸗ liebt habe, wie ſie ihn heute liebte, heiß und innig. Konnte er ſie da— konnte er dieſes Gefühl ver⸗ geſſen haben?— Konnte die Liebe— ſeine Liebe ge⸗ ſtorben ſein in dem einen Jahre, während ſie die ihrige bewußtlos gehegt und gepflegt hatte im Heiligſten des Her⸗ zens, ohne ſie nur zu verſtehen? Unmöglich!— die Liebe ſtirbt nicht, die Liebe lernt niemals das Vergeſſen, wenn ſie echt war; irren kann ſie, aber nicht verloren gehen. Und Hans hatte ſie geliebt. Heute erſt hatte ſie ihn ganz begriffen, lernte ſie Alles verſtehen, was er ihr damals geſagt hatte, und was ſie als ſchöne Erinnerung aufbewahrt im Heiligſten des Herzens. Hans hatte ſie geliebt:— er mußte ſie alſo noch lieben, und war ihr nicht verloren. Liebte ſie ihn doch auch, fühlte ſie doch, daß ſie nicht würde leben können, als mit ihm,— und die Liebe gab ihr Muth und Kraft, wenn auch heimlich erſt und innerlich nur, zum erſten Male einen eigenen Willen zu hegen, den ihn zu lieben und ſeine Liebe zu erhören. „ Mochte er auch geirrt haben, in der Zeit, da er ſie 152 nicht geſehen,— mochte er, nachdem er ſie ſo plötzlich wieder verloren hatte, ohne ihre Spur zu finden und eine Ahnung zu haben, weßhalb ſie ihm verloren ſei— mochte er immer geirrt haben in dieſer Zeit, und ſein eigenes Herz nicht verſtanden und in der Liebe eines andern ſchönen Weibes Stillung ſeiner Sehnſucht und Befriedigung der Gefühle geſucht haben, die heiß und kühn ihm im jungen Herzen loderten;— was kümmerte ſie das? Jetzt aber war ſie da, jetzt mußte der Irrthum vor ſeiner Seele und ſeinem Herzen ſchwinden, und das Ge⸗ fühl der wahren, der erſten Liebe ihn zurückleiten zu ihr, — die ja auch ihn liebte und⸗ bereit war, ihn liebend wieder aufzunehmen an dem treuen Herzen, welches ſein Bild rein und ſchön bewahrt hatte bis auf den heutigen Tag.— Und was war es denn geweſen, das vorgeſtern ſo beängſtigend ihn umfangen hatte?— War dieſe Verle⸗ genheit nicht ſchon das Zeichen der ſich zurechtfindenden Gefühle, die Beſchämung über ſeine Verirrung, welche ſein Herz erkannt und verſtanden hatte, ſobald er ſie wieder ſah?— Und war denn das nicht wieder der ſicherſte Beweis, daß er nur verirrt geweſen, und daß bei ihrem Anblicke auch die Liebe wieder erwacht war, wie damals, als ſie am Schwanenteiche 153 in Ballenſtädt mit einander ſcherzten von Wolkenkönigs Töchterlein, wie damals, als der erſte Kuß heilig und glühend auf ihren Lippen brannte?— Es gehörte nicht viel Scharfſinn dazu, dieſes Alles klar einzuſehen und die junge Philoſophin war heute ſo urplötzlich eine Gelehrte in Herzensſachen geworden, daß es ihr gar nicht ſchwer ſiel, die wichtigen Ergebniſſe ihrer Suien ſämmtlich günſtig für ſich auszulegen und im edlen Selbſtvertrauen ſich ſelber zu betrügen. Sie war noch ſo jung und in ihrem Herzen hatten Arg und Verſtell ung noch nicht Poſto faſſen können. Rein und wahr, wie ſie ſelber ſich kannte, ſah ſie auch Alles außer ſich,— und 6 Handſtreich des Vaters ge⸗ gen Harder hatte ſeine beabſichtigte Wirkung nicht nur verfehlt, ſondern ſogar ſich gegen ihn ſelber als Wuff gekehrt. Eugenie war zum Bewußtſein gekommen, und wenn auch ihre feſtgeſchloſſenen Lippen keine Sylbe von dem verriethen, was ihr Herz bewegte, von den Fragen und Schlüſſen, die da aufgeworfen und entſchieden wurden vor dem geheimen Forum der Liebe,— war ſie doch heimlich feſt entſchloſſen, ohne Beirrung ihrem Herzen zu folgen 3n durchaus nicht auf den rauhen Zorn des Va⸗ ters zu achten. Der iſt ein alter ſige ſelber ſehr weiſe, und verſteht die Ingend zicht mehr und 154 ihre Herzen. Das Herz iſt der einzige gerechte und un⸗ parteiiſche Richter, und ich werde nur ihm folgen, um Hans nicht das Herz zu brechen.— Mit dieſem heroiſchen Schluſſe brach die junge Philoſophin ihre Betrachtungen ab und blickte verwun⸗ dert auf, wie aus tiefen Träumen erwachend. Auch die Eltern hatten wohl ſtill ihren Gedanken weiter nachgehangen; der Mojor ſcheinbar nur mit ſei⸗ nen Tabakwolken und einem Zeitungsb atte, die Ma⸗ jorin mit ihrer reichvergoldeten Taſſe beſchäftigt. Eugenien's Aufblicken erweckte auch ſie, und der Major, der eine ihm bewegende Geſchichte nicht ſo leicht überwinden konnte, ſetzte die Pfeife ab und blickte nach⸗ denklich durch das Fenſter.„ „Schade“— murmelte er,„ſchade um dieſen Jungen. Er iſt ein prächtiger Kerl, wie alle Harder's— aber er hat in ſeinem Weſen und Thun eine fatale Aehn⸗ lichkeit mit dem—— ſchade, ſchade.“— Man konnte nicht ganz ſicher ſein, ob dieſes„ſchade“ dem möglichen Verlorengehen Harder's— oder den ge⸗ ſcheiterten Projecten des Majors galt; es blieb auch nicht Zeit darüber nachzudenken, denn eben trat eine Ordonnanz ein und meldete dem Major, daß der Lieute⸗ nant don Harder mitten in der Nacht verwundet anf der Straße gefunden worden ſei,— * ———— 155 „Himmel Donnerwetter,— Kreuz Element— das ſind mir ſaubere Geſchichten. Das hat nur noch ge⸗ fehlt! Bomben und Granaten, weiß er nichts Näheres darüber?— Iſt nicht bekannt geworden, ob ein Duell ſtattgefunden hat oder ob es ein nächtlicher Anfall ge⸗ weſen iſt?“— „Es iſt darüber nichts bekannt, Herr Major. Der Herr Lieutenant iſt mit dem Degen in der Hand gefun⸗ den worden,— doch mitten in der ſtockfinſtern Straße iſt ein Duell wohl kaum möglich.“ „Himmel Donnerwetter was ſind mir das für Ge⸗ ſchichten!— Raub und Mord mitten in der Reſidenz! — Wo iſt denn der Spectakel geſchehen, in welcher Lum⸗ penſpelunke?“— „In einer der vornehmſten und nächtlich ſtillſten Straßen, Herr Major, in der Mitte der S— ſtraße— gerade vor dem Hotel der Signora Corrado.“ „Kreuz Donnerwetter! Da hat man die Beſcheerung — wo liegt der Lieutenant?“— „Gegenüber bei einer Witwe Roſen, deren Sohn den nächtlichen Lärm gehört und den Verwundeten in ſeine Wohnung getragen hat.“ „Hat man keine Ahnung, wer die Thäter geweſen? Hat der junge Menſch Niemanden davon geſehen?“— „Niemanden! das Dunkel der Nacht hat ihre 156 Flucht begünſtigt, und der Herr Lieutenant iſt noch im⸗ mer ohne Bewußtſein.“ „Es iſt gut,— ich werde meine Anordnungen treffen. Für jetzt ſoll der Verwundete bleiben, wo er iſt, und man ſoll ſich gänzlich nach den Befehlen des Arztes richten!“ Als die Ordonnanz das Zimmer verlaſſen hatte, und der Major zu ſeinem Platze zurückkehrte, war auch Eu⸗ genie verſchwunden. Bei dem Worte Corrado war ihren Lippen ein leiſer Schrei entflohen, dann hatte ſie ſtill das Zimmer verlaſſen und ſchloß das ihrige hinter ſich ab. Die Majorin ließ ſie gehen. Sie war ja ſelber uoch jung und verſtand vielleicht die ſchwärmeriſchen Ge⸗ fühle des jungen Mädchens. Ihr Blick folgte der Ent⸗ eilenden hinaus,— ein inniger Blick voll liebevoller Theilnahme— und in ihrem Innern frug ſie ſich,„wird ſie mir vertrauen?“— Wird ſie ſich anſchließen an die fremde Mutter, und in ihr Herz ihren Kummer und Schmerz ergieſſen, an ihrer Bruſt weinen und Troſt ſuchen für den Schmerz, den nur das Herz des Weibes mitfühlen und verſtehen kann?“— Der Major ſchwieg eine lange Weile und machte ſeinem Unmuthe durch immer ſchwerere, kurz hervorge⸗ ſtoßene Rauch wolken Luft. Daß dieſer Spectakel einen 157 Ofſicier,— einen ſeiner Officiere getroffen hatte, war ihm höchſt fatal und dünkte ihn auf das Unange⸗ nehmſte compromittirend. Es konnte mit ſeinem unglück⸗ lichen Zuſammentreffen, daß es in der Nacht geſchehen war und vor dem Hauſe einer Dame, als deren Lieb⸗ haber der Officier bekannt— und vielfach beneidet ward — zu den unangenehmſten Erörterungen Aulaß geben, die der Major dem jungen Harder wohl als gerechte Strafe gegönnt hätte, wären ſie eben denkbar geweſen, ohne auch die militäriſche Ehre im Allgemeinen zu ver⸗ letzen und einen Flecken auf die Uniform zu werfen, de⸗ ren ſpiegelnde Reinheit der Stolz jedes echten Solda⸗ ten iſt. „Kreuz— Himmel— Element!“— brach er endlich unwirſch los, die Pfeife heftig aus dem Munde reißend,—„was das für gottverdammte Streiche ſind! — Sieht es doch gerade aus, als ob dieſer Harder es darauf anlegen wollte, Alles mit Füßen zu treten, was mir lieb und heilig iſt! Achtet der Menſch die Uniform ſeines Monarchen ſo wenig, daß er ſich in nächtige Prü⸗ geleien einläßt und dabei in die Pfanne gehauen wird! — Kreuz— Schock ſchwere Noth“— fluchte er weiter und maß mit langen Schritten das Gemach„und das Alles um dieſe verdammte Weiberwirthſchaſt! Holte doch 158 ſah— „Aber Rüdiger⸗— ſiel ſeine Frau be ſchwichti⸗ gend ein,„thue dem Armen doch nicht Unrecht in Dei⸗ nem Zorne. Man kann noch gar nicht wiſſen, ob Har⸗ der wirklich ſchuldig iſt, und dann glaube ich, iſt der un⸗ glückliche Leichtſinnige jetzt, wo er ſchwer vent dan⸗ niederliegt, nur zu beklagen und unſeres innigſten gefühls werth.“—. „Den Teufel iſt er werth!— Nun werde Du at noch wo möglich ſein Lnna, um mich n zu — Du ſollteſt im Gegentheil Dich nach de ngen M anne umſehen— fuhr ſeine Frau unbeirrt li chelnd fort,— ich glaube, Du wirſt recht bald gehen müſſen, liche Rüdiger, und Dich umſehen, auch Alles für die Pflege Harder's gethan iſt. Du biſt das Deinem alten Freunde Curt und der edlen Gertrud wohl als Freundesdienſt ſchuldig. Hans iſt Harder's ein⸗ ziger Sohn, und ihr Schmerz würde grenzenlos ſein, ſollte er ſterben— und Du, mein Freund, würdeſt Dir nachher immer Vorwürfe machen, wenn Du Dich nicht um ihn bekümmert und Dich überzeugt hätteſt, daß Al⸗ les geſchehen war, was geſchehen konnte, um ihn zu retten.— 159 Der Major war aufmerkſam geworden, und hörte ſtehenbleibend und nachdenklich zu. „Ja, wahrhaftig, Hermine, Du haſt wieder Recht, wie immer!“ rief er dann plötzlich lebhaft aus,„ich muß ſchnell ſehen, was der arme Junge macht. Bomben und Granaten! Der alte Curt und ich haßen in man⸗ chem Kugelregen treu bei einander geſtanden und ſo etwas verkettet für die ganze Lebenszeit. Wen wir in ſol⸗ chen Augenblicken als Freund neben uns geſehen haben, von dem reißt uns die Macht der Zeit nicht los: Freund⸗ ſchaften geſchloſſen und bewahrt in der Stunde der Ge⸗ fahr, beim Kanonendonner und Schlachtengebrüll, ſind für die Ewigkeit geſchmiedet, und nun ſollte ich mich nicht um ſeinen Sohn kümmern, um ſeinen einzigen Sohn— jetzt, da er verwundet iſt und hülflos darnieder liegt!— „Zum Teufel, das wäre ja ſchändlich, und der alte Welling, der mit Ehren ein Sechziger geworden iſt, will nicht mit grauen Haaren noch ein Lump an ſeinem Freunde werden!— Das war recht von Dir, Hermine, — daß Du mich da aufgerüttelt haſt— ich hätte es mir im Leben nicht vergeben können.—— Nun aber ſchnell in die Uniform, ich muß ſehen, was Hans macht; — hoffentlich iſt die Geſchichte nicht gefährlich!— Ach Herr Jeſus, mein alter guter Curt,— der darf gar 160 nicht erfahren— gar nichts erfahren davon,— ich werde an Vaterſtelle für den Jungen ſorgen.“— Die Majorin unterſtützte bereitwillig den Alten in ſeiner eiligen Uniformirung und nach wenigen Minuten war er zum Ausgehen bereit. „Na adieu, Hermine— ich komme bald wieder, und bringe zute Nachricht!— Teufel, ja, da hätte ich beinah' etwas vergeſſen!— Ich habe uns nämlich geſtern bereits zu heute zwei Tiſchgäſte gebeten. Wir ſind im⸗ mer ſo einſam und müſſen doch nun auch nachgerade ſorgen, daß Eugenie in der großen Welt bekannt werde.“ „Das iſt ſchön, Rüdiger“— unterbrach ihn ſeine Frau, aber wer ſind ſie denn, die Du eingeladen haſt!“ „Lieutenant Brandach und ein nicht mehr ganz junger Franzoſe, Dr. Jeannot, ein ganz prächtiger Kerl.“— „Ein Franzoſe— und den haſt Du eingeladen?“ — frug ſeine Frau verwundert, denn ſo etwas war ihm ſeit dem Pariſer Frieden noch nicht paſſirt, ob⸗ gleich ſich oft und viele Franzoſen in der großen Ge⸗ ſellſchaft der Reſidenz bewegt und auch wohl Einfüh⸗ rung in die Familie des Majors gewünſcht hatten. Ja, ja,— Du biſt mit Recht verwundert, aber man darf ja doch die Nation und ihre Rädelsſührer nicht im einzelnen Individunm ſtrafen wollen, das . — — 61 noch dazu nicht einmal Soldat, ſondern eben irgend Doctor iſt. Ueberdies iſt er ein ſehr unterhaltender, lebhafter und ganz prächtiger Kerl, der Euch Weibs⸗ leuten beſſer zuſagen wird, als ich alter Knaſt, der nichts verſteht als Schlachten und Krieg, und Blut und Mord.“— „Rüdiger“— erwiderte ſie ernſt,—„ich bin die Frau eines Kriegers von Leipzig und Waterloo, und Du weißt ich mag ſolche Reden nicht hören. Jetzt iſt mir der Franzos ſchon zuwider, ehe ich ihn nur geſehen habe.“ „Na— na, es war ſo ſchlimm nicht gemeint und Du wirſt Deinen Haß auch nicht ſo ernſtlich meinen! — Eine Soldatenfrau muß Scherz verſtehen können, und ich denke, das Zuwider wird ſich wohl legen, wenn Du mit ihm ſprichſt. Ein prächtiger Kerl, der mich ſehr für ſich eingenommen hat. Ich traf ihn geſtern mit Brandach zuſammen im Café, habe mich einige Stunden prächtig mit ihm unterhalten und die Beiden endlich zu Tiſche geladen. Du biſt doch nicht böſe, Hermine, daß ich da ſo auf eigene Fanſt ge⸗ handelt habe?“— „Böſe?— Ich freue mich, lieber Mann, daß Du ſo gute Unterhaltung gefunden haſt, und werde Ehre. H. 11 auch meines Theils für einen guten Tiſch ſorgen. Aber nun gehe, und ſieh nach Harder.“— „Ja, ja, lebe wohl, Hermine;— ich ſage Dir, dieſer Dr. Jeannot wäre ein prächtiger Mann für Eugenie, da es doch Harder nun einmal nicht wer⸗ den kann. Nicht mehr ganz jung, aber verſtändig und gediegen!“— Damit war er hinaus und die Majorin ſah ihm kopfſchüttelnd nach. Es war ihr nicht ganz recht, daß ihr Mann die Fremden ſo ohne Weiteres zu Tiſche eingeladen hatte, denn ſie hatte Brandach nie leiden mögen, weil ihr unbefangenes, aber feines Gefühl in ihm die Chamäleonsnatur ahnte, und ſeitdem ſie von einer Freundin einige Züge aus ſeinem wüſten Leben vernommen hatte, war ihre Abneigung nur noch ſtär⸗ ker— weil gerechtfertigter geworden. Den Dr. Jeannot kannte ſie gar nicht, aber die Freundſchaft Brandach's empfahl ihn ihr ebenfalls ſehr wenig, und ſie fühlte ſich unbehaglich, dieſe beiden Leute ſo im engſten Familiencirkel empfangen zu ſollen. Doch, was ließ ſich dagegen thun?— Sie wußte nur zu gut, daß der Major durch ein lebensluſtiges joviales Aeußere, durch freie geſellſchaftliche Formen und eine lebhafte Unterhaltungsgabe, beſonders wenn ſie ſich auf den ihn zuſagenden Feldern zu bewegen 163 wußte, leicht beſtochen werden konnte. Da aber die Ein⸗ ladung einmal geſchehen und nicht mehr rückgängig zu machen war, beſchloß ſie wenigſtens auf ihrer Hut zu ſein und nöthigenfalls jedes tiefere Eindringen der bei⸗ den Gäſte in den Familiencirkel entſchieden zu ver⸗ hindern.. Ihre erprobte Tactik, dem Major gegenüber, ver⸗ ſprach ihr darin den beſten Erfolg, und ſie eilte nun, um zu Eugenie zu gehen, deren Herz der harte Schlag— die Nachricht von Harder's Unglück— ſo unvorbereitet und in einem Augenblicke getroffen hatte, wo ſchon die ſtrengen Worte des Vaters ſeine feinſten Fäden tief ver⸗ wundet haben mußten.— So war es wirklich. Kaum war Eugenie in ihrem Zimmer angelangt, als ſie wie vernichtet zuſammen⸗ brach und weinend di Arme zum Himmel emporhob, der ſo viel Schmerz und Unglück auf ihr armes Herz herabſandte. Er verwundet— leidend,— ſterbend vielleicht ſchon,— fern von ihr, und ſie war gebunden, durfte nicht einmal hineilen und mit ihrer Liebe ſeine Schmer⸗ zen lindern. Ein entſetzliches Gefühl der Qual und Ohnmacht, der armſeligſten Hülfloſigkeit kam über ſie— ſie weinte und rang und flehete zum Himmel— um Geneſung 11* 164 für ihn!— Sie dachte nicht an ſich,— gar nicht an das Glück, das einſt ſeine icte ihr hätte bereiten können: nur er, ſein Leiden, ſein Schmerz ſtanden vor ihrer Serle, für ſein Glück flehete ſie in dem reinſten DOpfermuthe wahrer Liebe. Sie liebte ihn, das waro ihrem Bewußtſein im⸗ mer klarer. Er war ihr das Ein und Alles; in ihm nur Glück und Licht, ohne ihn Nacht und Tod im Leben. Er durfte nicht ſterben, durfte nicht vergehen wie eine junge Eiche, die der Sturm geknickt hatte: nein er mußte leben, ſollte leben und glücklich ſein! Wenn ſie ihn auch niemals beſtben, niemals an ſeinem Herzen ruhen durfte, was fragle ſie nach ihrem Glücke— wenn er nur glücklich war, dann S auch ſie nicht unglücklich ſein. Leben, nur leben ſollte er! Er durfte, er konnte nicht ſterben, denn ſo grauſam konnte ja kein Gott ſein, deſſen erſtes Geſetz iſt Liebe und Liebe gebietet! Er konnte, er durfte nicht ſterben und leidenſchaftlich rang ſie die Hände zum Himmel, flehend und betend um Ge⸗ neſung, um Sonnenlicht und Leben für ihn.— Da ward an der Thür gellopft, und ihre Mutter begehrte Einlaß. Ja, ſie war gut und hatte ihr in den wenigen Tagen ſo viele Liebe gezeigt;— ihr allein durfte und wollte ſie vertrauen— und ſchnell ſich emporraffend, eilte ſie zu öffnen. Die Mojorin ſah mit tiefem Kummer auf das leidende Kind, das in den dunkeln Trauerkleidern ſelber einer Leiche ähnelte. Die ſchönen Haare waren in Un⸗ ordnung und hingen halbaufgelöſt anf den Nacken her⸗ nieder, die Züge tödtlich bleich und in höchſter Erregung zuweilen ſchmerzlich zuckend. Aus den dunkeln Augen ſtrahlte ein unheimlicher fieberiſcher Glanz, in quel⸗ lendem Naße ſich ſpiegelnd,— und mit dem Aus⸗ rufe„0 Mutter, theure Mutter hülf Du mir, verſtoß nur Du mich nicht!“ lag das bebende Kind in den Ar⸗ men der theilnahmsvollen Frau. „Was iſt Dir, Eugenie, theures Mädchen, beru⸗ hige Dich, mein gutes Kind!“— „O Mutter, er wird ſterben, ſterben unter Schmer⸗ zen und Qualen— und ich muß hier ſein, darf nicht zu ihm, den ich liebe, ſeit ich ihn geſehen, und deſſen Glück alle meine Wünſche und mein Sehnen gehören.“ „Sterben— o nein, Eugenie! Man ſtirbt nicht ſo ſchnell, und Herr von Harder iſt nicht lebensgefähr⸗ lich verwundtt.“— „Gott ſei gedankt!— O Du gute Mutter, Du biſt ein Engel an Güte und Liebe— wie danke ich Dir! — Lewiß, er wird nicht ſterben?— 166 „Aber der Soldat ſagte ja doch, daß er noch im⸗ mer beſinnungslos und wie todt ſei.“— „Es iſt mir unterdeß bereits beruhigende Nach⸗ richt geworden, liebes Kind,“— ſagte die Majorin, die ſich eine kleine Nothlüge erlauben zu dürfen glaubte,— und jetzt iſt Dein Vater ſelber gegangen, um ſich nach ihn umzuſehen und Alles anzuordnen, daß ſeine Pflege eine gute und heilſame ſei.“— „Der Vater?— Alſo iſt er ihm nicht mehr ſo böſe?— O der gute Vater, er thut ſehr recht daran, denn Hans iſt ſo lieb und ſo gut,— ſein Irren iſt ja menſchlich, und die wahre Liebe wiid ihn heilen.“— Die Majorin blickte erſtaunt auf dieſes Kind, das in ſeinem Herzen ſo plötzlich zur Jungfrau ge⸗ reift war. Ihr weibliches Gefühl ahnte wie groß die Liebe ſein müſſe, die ſolche Wunder bewirke, und ein ſorgendes Bangen überkam ſie, wenn ſie bedachte, für wen dieſe holde Flamme glühe, für wen dieſes zarte Kind mit dem Engelsherzen litte, und auf wen es hoffe. Auch ſie konnte Harder nicht vertrauen, zitterte bei dem Gedanken, das unſchuldige Kind für ihn in Liebe glühen zu ſehen,— und doch, durfte ſie hier verneinen, durfte ſie das gequälte Herz noch tiefer bengen, die angegriffenen Fäden noch mehr verletzen? — Eugenie lag, einer geknickten Lilie gleich, in ihren 167 Armen; Angſt und Qual belebten allein ihre Züge und auf ihrer Stirn thronte der Tod in erſchreckender Bleiche,— durfte ſie hier mit rauher Hand eine Hoff⸗ nung umſtoßen, welche der letzte Halt dieſes gemar⸗ terten Herzens war?— Nein, nein— der Zeit mag es vorbehalten ſein, das arme Kind von allen Irrthümern zu heilen; jetzt aber war Hülfe, ſtärkende Arznei nöthig und die konnte allein die Erfüllung ihrer Hoffnung geben. Das Un⸗ glück war einmal geſchehen. Eugenie hatte Harder wie⸗ dergeſehen, die alten Gefühle waren neu erſtanden und über ſich ſelber zum Bewußtſein gelangt,— und die verfehlte Tactik des kriegeriſchen Vaters hatten das Feuer zur höchſten Lohe geſchürt, in welches die Un⸗ glücksnachricht wie Oel des Verderbens träufelte. Es war einmal geſchehen. Die Liebe war er⸗ wacht, und jeder Widerſpruch konnte den zarten See⸗ lenorganismus knicken, dem ſeit dem Tode der gelieb⸗ ten Tante die Kindeshülle abgeſtreift worden war, und den ſeitdem ſo Vieles und Ergreifendes be⸗ ſtürmt hatte. Beruhigend ſagte deßhalb die Majorin:„Ge⸗ wiß, Eugenie, wird noch Alles gut werden! Beruhige Du Dich nur, mein gutes Kind, denn auch ich glaube ſicher, daß das Unglück, welches Harder betroffen hat, 108 für ihn Arzt und Arzenei zugleich ſein und daß er ſich geläutert von ſeinem Schme zenslager erheben wird. Dann iſt ja noch nichts verloren, dann kann und wird noch Alles ſich zum Beſten wenden.“ „Das gebe Gott! ach, Du liebe Mutter, wie danke ich Dir!“— rief Eugenie, deren düſteren Seelenſchleier ein erſter Sonnenblick durchdrang, welcher ſeinen Widerſchein auch in den bleichen Zügen fand,—„Du liebe Mutter, nicht wahr, auch Du hältſt Harder nicht für ſo ſchlecht und verderbt, als ihn der Vater ſchil⸗ derte?—— „Nicht wahr, er bringt nicht Schande, und iſt nicht der Abſchaum der Schlechtigkeit?“— „Nein, Engenie, auch ich urtheile nicht ſo ſtreng, als der Vater, wenn ich auch ſeine Meinung anhöre und ſie nicht anfechten möchte in ihren Grundſätzen die ſeiner eiſernen Jugendzeit angehören. Dein Vater urtheilt als Soldat, vom Standpunkte des Soldaten und über den Soldaten, der nichts kennen ſoll als ſeine Pflicht und ſeine Ehre, für den es nichts gibt als Anerkennung bei Vorzügen und Strafe für jed Fehler, der Soldat kennt die Nachſicht nicht, und ni das Vergeben. Der Vater urtheilt als Mann von ſen und iſt dabei in ſeinem Recht; wir urtheil Frauen und ſind dabei in unſerem Rechte, denn unſer Schönſtes, Höchſtes iſt ja das Verzeihen!— „O Du gute Mutter, Du liebe, liebe Freundin! Du haſt Troſt und Balſam für das kranke Herz, und Deine Worte gaben mir das Leben wieder. Es muß ſo ſein, es muß ſo kommen, muß gut werden! Ohne ihn bin ich nichts, durch und mit ihm werde ich Alles ſein! Sein Sinn iſt gut und edel, ſen Herz trefflich, o es hat ſich mir enthüllt in heiliger Stunde erſter Liebe, und mag es immer auch im Irrthum gewandelt und in fal⸗ ſche Sphären ſich verirrt haben— ſchlecht kann es dar⸗ um nicht geworden ſein! denn ein gutes Herz iſt eine Gottesgabe, deren Keim im Ewigen liegt, und unſterb⸗ lich iſt wie Gott ſelber. Irrthum und Fehler können es umnachten, es irreführen im Labytinthe des bewegten Lebens, doch der Grundſtein bleibt, und dem liebenden und geliebten Weibe bleibt es vorbehalten, über die Trümmer eines trügeriſchen Scheinſeins hinaus, das Gebänude inniger Liebe, reinen Glückes und wahrer Ehre zu erbauen!“ Das Werk war gelungen. Die Majorin hatte dem armen Kinde die Hoffnung und mit ihr die Geſundheit wiedergegeben. Wie nach dem erguickenden Gewitterregen ſich ringsum in der Natur Alles nen geſtärkt erholt, und alle Creaturen nen aufathmen über dem dampfenden 170 Boden und ihre Häupter dem friſchen Sonnenlichte ent⸗ gegenweken, ſo richtete ſich auch Eugenie auf, eine beſe⸗ ligende Hoffnung im Herzen und die feine Röthe jungen Wohlſeins auf den zarten Wangen. Liebend ſchloß ſie ſich an die verſtändige und theil⸗ nahmsvolle Mutter an, die heute ſich für immer das Herz des Kindes gewonnen hatte, und fand ſelbſt Aufmerk⸗ ſamkeit für die Mittheilung, daß heute Gäſte zu Tiſche kommen würden, und daß es nöthig ſei, angemeſſene Toi⸗ lette zu machen. Das geknickte Herz hatte ſich wieder emporgerichtet, und ſein Ziel feſt im Auge, bereit im Nothfalle ſelbſt mit dem Leben einen Kampf zu wagen, ſchaute Eugenie wieder frei und muthig um ſich. Siebeutes Capitel. Franzöſiſch und Deutſch. Die Mittagsſtunde nahete und Dr. Jeannot hatte ſich nach der am Spieltiſche durchwachten Nacht ſo eben erhoben und war eifrig beſchäftigt, Toilette zu machen. Mit franzöſiſcher Sorgfalt bewegte er ſich vor dem Spie⸗ gel, um mit gewandter Hand alle Spuren des Lebens und Verlebtſeins zu verdecken, die ſeinen beabſichtigten Eroberungen hätten gefährlich werden können. Er war ſehr guter Laune heute und hatte gleich beim Auſſtehen den reichen Gewinn der letzten Nacht überſchaut, der alle ſeine Erwartungen übertraf. Heute nun wollte er einem neuen Genuſſe entgegen gehen, und ſeine Begierde brannte, das ihm ſo verlockend geſchilderte Töchterlein des alten Majors von Welling kennen zu lernen.„Diable!“ rief er da plötzlich, mit ge⸗ woandter Hand ein graues Haar aus ſeiner Vorderlocke reißend,„die Zeichen der Zeit melden ſich mit verteufel⸗ 8 ter Eile!— Warum bleibt man nicht ewig jung, um immer neu und jung genießen zu können?— „Dieſe Cravatte ſitzt doch infam ſchlecht!— Wie wohl die ſchöne Corrado geguckt haben mag, als ſie heute WMorgens mein freundliches Erinnerungszeichen empfan⸗ gen hat!— Ja ja, die Todten ſtehen zuweilen ſeltfam ſchnell auf!— Nein, das iſt nicht zu ertragen, ich muß wahrhaftig eine andere umbinden!— Und dennoch war es vielleicht unklug ſie zu reizen! Sie ſchweigtöffentlich und agirt im Geheim, und zwar gegen mich, der ich ihr am gefährlichſten werden kann. Sie hat viele Verehrer und kann mein Renomme untergraben, ehe ich's denk— und auf dieſe Weiſe dürfte ich hier bald fertig ſein. „Der geſtrige Spielabend hat mir auch Feinde ge⸗ macht, und ich glaube, es wird klug gethan ſein, wenn ich bald meine Schritte weiterſetze.— So, das paßt eher, ſo werde ich wohlgefallen,— wahrhaftig, eine gute Toi⸗ lette macht zehn Jahre jünger!— „Abher erſt dieſe Blume noch, die mir da ſo verführe⸗ riſch am Wege lacht, da darf ich nicht hartherzig vorüber⸗ gehen. Dieſes kleine Majorstöchterchen ſoll meine letzte und ſchönſte Eroberung hier werden,— habe ich ſie ge⸗ pflückt, dann packe ich eiligſt und verſchwinde, damit ich nicht etwa noch mit dem alten Haudegen von anno 15 in Berührung komme. Hoffentlich geht es ſchnell,— bin ja 173 gewohnt, mit Cäſar zu ſagen, veui, vidi vici,— und das Kind, welches da vom Dorfe kommt, wahrſcheinlich mit der reizendſten Dummheit ausgeſtat et, wird hoffent⸗ lich nicht viele Schwierigkeiten machen.— Ha, und der alte Narr von Vater, der alte Eisbär, ladet mich ſelbſt in das Haus, zur Liebchenſchau, um bei einem guten Diner das Schlachtfeld zu recognosciren! Was dieſe Deutſchen ſind simple,— c'est inespressible!—— „So, nun wären wir bereit in den Kampf zu gehen und zu ſiegen!— Ich glaube, ich kann mit mir zufrieden ſein und dieſes neueſte parfum à Paris wird ein gutes Lockmittel werden, ein Lockmittel, das die deutſchen Män⸗ ner, die ſich immer auf ihre würdige Peeſönlichkeit ver⸗ laſſen, viel zu wenig anwenden. Für ein gutes Parfum ſind die Weiber alle empfänglich, und es wirkt oft mehr Wunder, als ein ganzer Complex von Geiſt und Wiſſen, mit dem die Nation der Philoſophen den Weibern gegen⸗ über ſo gern zu glänzen ſucht.— „Nur für die Sinne etwas,— und das iſt für uns ſehr gut,— ſonſt könnten wir Bonvivants leicht in Ver⸗ legenheit kommen; Geiſt ſteht nicht im Courszettel der Neuzeit, wird deßhalb auch nicht pouſſirt. 5 „Wer fragt nach Geiſt? Klug muß man ſein, klug vorwärts dringen, weiter auf dei Bahn des Sieges, ehe 174 das Alter kommt, das leidige Vorwärts, ehe man uns entlarvt und die Preiſe herabſetzt. „Es gibt nichts Unangenehmeres als dieſes grad⸗ weiſe Fallen in der öffentlichen Meinung,— Schritt für Schritt wie ein gutes Barometer.— Nein, lieber beim erſten Zeichen des Temperatuwechſels ſpurlos werden — dem Franzmanne ſteht ja die ganze Welt offen, und von jeher hat er, mit der gehörigen Unverſchämtheit und Frechheit im Bunde, glücklich auf fremde Dummheit ſpekulirt.— „Es iſt die Wahrheit, ſie ſind doch meiſt rechte Dummköpfe, die guten—— ah bon jour cher baron! Pünktlich wie immer, nun auch ich bin bereit. Was gibt's für Nachrichten?“— „Gut, Alles gut, lieber Doctor!“ entgegnete Bran⸗ dach auf das Heiterteſte,—„die Sach macht ſich char⸗ mant.“— „Eh bien— und Baron Harder? „Lebt, wie ich eben in Erfahrung gebracht habe, und iſt bei Bewußtſein. Die Wunde iſt tief und unange⸗ nehm, aber nicht lebensgefährlich und in einigen Wochen wird er wieder wohlauf ſein, noch dazu bei ſo guter Pflege.“— „Eh bien— welche Pflege?“— R „ 175 „Signora Corrado weicht nicht von ſeinem Bette, und das iſt ſehr gut für mich und meine Hoffnungen.“ „Ah, die Signora! Doch wird er nicht plaudern, wer ihm den Liebesdienſt gethan hat?“ „Das iſt ja eben, was ich meine. Er kann den wah⸗ ren Sachverhalt nicht erzählen ohne die Sängerin zu compromittiren und ihren Ruf der Reſidenz preiszugeben. Da ſie nun an ſeinem Lager treue Wache hält, wird dies natürlich nicht geſchehen, und ſo wird die ganze Geſchichte zu einem Mordanfalle geſtempelt werden, deſſen Thäter nie entdeckt wird. Wenn nun auch wirklich die Signora den Braten gemerkt hat, ſo kann mir das nur um ſo angenehmer ſein, da ihr wiederum die Hände zur Rache gebunden ſind, die ſie mir ſo großmüthig zugeſchworen hat. Später werden wir uns ſchon verſtändigen, mein künftiger Schwager und ich, denn ich glaube, daß er ſo⸗ wohl, als mein Herr Schwiegerpapa, Urſache haben, ih⸗ ren neuen Verwandten nicht vor den Kopf zu ſtoßen.“ „Prächtig— ercellent.“— „So geht Alles gut, wenn die Signora in dem an⸗ deren Punkte ſchweigt.“ „Hat ſie erhalten meinen Brief?“— „Gleich heute Morgens.“. „Dann— ſie wird ſchweigen! parole d'honneur! ſie wird und muß ſchweigen. Es war eine ſehr gute Pille, 6 2 B 176 das wirkſamſte Stopfmittel, ontre la manir de cette femme— de se purger.“ „Hahaha— Sie ſind ein Teufelst erl, Doctor.“ „Glauben Sie, daß ich meinen Doctor auf der Straße Zefunden habe?“— „Das ſcheint allerdings nicht ſo!“ „Ich kenne die Weiber und weiß was ihnen gut iſt— und ich ſage Ihnen, Baron, daß das Mittel hülft und die Signora ſich eher die Zunge abbeißt, ehe ſie plaudert ein Wort nach Brandshof oder Hardersberg.“ „Danke, danke, Doctor, ich bleibe Ihnen ſtets ver⸗ pflichtet für dieſen Liebesdienſt.— Doch wir müſſen ge⸗ hen und eilen, denn der Major iſt pünktlich wie der Glockenſchlag, und ich bin Officier!“—— Schlag ein Uhr traten die beiden Gäſte in Wel⸗ ling's Haus, faſt mit dieſem zugleich, der nach der Pa⸗ rade noch einen Beſuch bei Harder gemacht hatte. Die Majorin empfing die beiden Herren freundlich, doch gemeſſen. Eugenie war noch nicht ſichtbar und nur des Majors Humor, der ſofort beim Franzoſen einen Partner ſuchte, hob das Steife und Sezwu der erſten Viertelſtunde. Da trat Engenie ein, grüßte die Serren und ließ ſich der Geſellſchaft etwas fern an einem Fenſter nieder, 177 während ihr Vater mit unermüblicher Redſeligkeit die beiden Gäſte um ſich beſchäftigte. „Apropos Hermine,“ rief er, plötzlich ſich beſinnend dazwiſchen,„ich bin bei Harder geweſen, zweimal ſogar, und ich glaube, es ſteht Alles gut, wenigſtens den Um⸗ ſtänden angemeſſen. Der alte Hofrath Henneberg war da und ſagte mir, die göttliche Fürſehung müſſe den Streich wunderbar— dicht an den edelſten Organen vorbeige⸗ leitet haben, ohne ſie zu verletzen. Er hat die Wunde zuerſt für tödtlich gehalten, doch nun ſich überzeugt, daß es nicht der Fall, und daß bei ſorgfältiger Pflege keine Lebensgefahr vorhanden iſt. Ein paar Wochen Kranken⸗ lager und Ruhe werden uns den jungen Mann wieder herſtellen— und hoffentlich ihn verſtändiger und ver⸗ nünftiger machen,— obgleich das bei den getroffenen Anſtalten und unter den herrſchenden Umſtänden ſchwer zu hoffen iſt.“— „War er denn bei Bewußtſein als Du dort warſt, lieber Rüdiger?“— fragte die Majorin. „Ja wohl, er war eben aus einem tiefen Schlum⸗ mer erwacht, erkannte uns Alle, ohne jedoch ſich der ge⸗ ſchehenen Vorfälle nur im Geringſten erinnern und die Urſache ſeiner Verwundung begreifen zu können. Eine Gehirnerſchütterung, meinte der Hofrath, deren Folgen ebenfalls die Zeit heilen muß.“— Ehre. U. 12 „Und befand er ſich ſonſt wohl und ohne viele Schmerzen?“— „Ja, das kann man wohl nun nicht ſagen. Als ich eben wieder dort war, ſtellte ſich Fieber ein, und der Hof⸗ rath läßt Eisumſchläge machen, um einer Gehirnentzün⸗ dung vorzubengen.“ „Der arme Menſch— hat er denn auch gute Pflege, und wird die Frau Roſen auch recht ſorgſam über ihn wachen?— Denn bei einer ſolchen Krankheit kann oft die geringſte Kleinigkeit über Leben und Tod entſchei⸗ den.“— „O, unbeſorgt, Hermine! Frau Roſen iſt eine treff⸗ liche, liebevolle und fromme Matrone, die mich ſehr für ſich eingenommen hat. Ihr Sohn, der mir ſo ein Seri⸗ blifar zu ſein ſcheint, obg leich er einen recht guten Sol⸗ daten abgeben könnte, iſt in den Harder förmlich verliebt und leitet die Eisumſchläge mit einer Präciſion, die einem Soldaten Ehre machen würde, und mich wieder bedauern ließ, daß ich ihn nicht in meinem Regimente habe.“ „Ach Rüdiger, Deine Wünſche möchten mit der Zeit noch die ganze Welt in Uniformen ſtecken,“ fiel die Ma⸗ jorin lachend ein. „Gott bewahre mich— Ihr Frauen gehört ja doch ein Stückchen zur Welt, und Euch möcht ich nicht!“— „Warum nicht, ich glaube ſicher, wir würden ganz tüchtige und muthige Soldaten abgeben.“ „Hahaha— da könnte man eigene Frauen⸗Com⸗ pagnien aus Euch bilden, und ſie Schnatter⸗Compag⸗ nien nennen! Hahaha, den Spectakel möcht ich hören, wenn wir ſo eine Compagnie Weiber hätten.— Was meinen Sie, Doctor, müßte das nicht ganz artig ſein?“ Die beiden Gäſte, welche bis jetzt ſchweigend, aber beide mit Intereſſe— der Erzählung des Majors zuge⸗ hört haben, wußten auf dieſen derben Ausfall nicht zu erwidern, bls ſie das heitere Lachen der Majorin bemerk⸗ ten, de an ſolche Scherze ihres Mannes gewöhnt und auch viel zu klug war, irgend eine Empfindlichkeit durch⸗ blicken zu laſſen. Sie kannte ſeine rauhe kernige Manier, und er war ihr dabei immer noch tauſendmal lieber als zehn Brandach's und franzöſiſche Doctors, deren ge⸗ zwungenes Lachen und unausgeſetztes Schielen nach Eu⸗ genie, die ſich nicht vom Fenſter rührte, und anſchei⸗ nend ſehr wichtige Dinge auf der Straße beobachten mußte— der Majorin durchaus nicht behagen wollten. „Der Franzoſe hat einen Baſiliskenblick, nur gut, daß Eugenie ganz andere Dinge im Kopfe hat als auf ihn zu achten“— dachte ſie heimlich, während ſie laut ſagte:„Es iſt mir ſehr erfreulich, daß Herrn von Har⸗ ders Zuſtand ein befriedigender iſt, denn die armen El⸗ 12* 180 tern würden unendlich viel Sorge gehabt haben, während ſie nun gar nichts zu erfahren brauchen. „Hardersberg iſt weit von hier— und Herr von Harder kann es ihnen ja ſpäter einmal ſelber erzählen, wie nahe er dem Tode geweſen iſt. Wenn man den Be⸗ drohten wieder geſund und friſch vor ſich ſieht, klingen ſolche Geſchichten ganz erbaulich— hat er übrigens nichts über die Urſache des Unglücks geſagt, ob ein Duell ſtattgefunden oder was ſonſt?“— „Nichts!— Er wußte ſelber nichts, auch gar nichts mehr davon, und bis jetzt iſt noch keine Spur von dem Urheber entdeckt worden. Uebrigens hätte ich faſt zu be⸗ merken vergeſſen, daß wir wegen der Pflege außer aller Sorge ſein können. Signora Corrado wacht als ſchützen⸗ der Engel über ihren Liebhaber und wich nicht von ſei⸗ nem Lager, trotz des Hofraths und meiner Gegen⸗ w „Die Signora?“ frug die Majorin erſtaunt,„das iſt ſehr hübſch von ihr und hebt in meinen Augen ihren Werth bedeutend.“—— „Sie darf ihn pflegen“— flüſterte Eugenie heim⸗ lich am Fenſter,„und ich, ich muß fern bleiben, die Sorge und Angſt im Herzen und darf ihn nicht einmal ſehen.“— Anf die Worte der Majorin folgte eine Pauſe, da 181 ihr Niemand widerlegen und doch auch Niemand ein Wort der Zuſtimmung ſagen wollte. „Ach was“— polterte endlich der Major heraus, „ich hätte es lieber geſehen, ihn in der Pflege der Frau Roſen allein zu finden, dann wäre Hoffnung dageweſen, daß er vernünftiger würde und einem Verhältniſſe ent⸗ ſagte, welches ſeine Ehre auf eine arge Spitze ſtellt. Was meinen Sie, meine Herren, ich glaube Harder wäre toll genug, das Frauenzimmer zu heiraten?“— „Allerdings,“ erwiderte Dr. Jeannot ausweichend, „dieſes offene Verhältniß des Herrn von Harder ſt nie zu billigen, und gibt bei ſeinem Range und Stande einen argen Anſtoß. „Er ſollte und müßte doch die Pflichten ſ ines Stau⸗ des, ſeine Cavalierehre und die Ehre ſeines Hauſes mehr wahrnehmen— da ſo ein öffentliches Verhältniß immer das Urtheil der Welt nicht nur erweckt, ſondern es gera⸗ dezu herausfordert, während er doch nie daran denken kann, ihm durch Heirat dieſer Perſon einen beruhigen⸗ den Abſchluß zu geben. Denn dazu halte ich Herrn von Harder für zu ſehr Baron und Sohn ſeiner Ahnen.“ „Sie, Herr Doctor, entgegnete die Majorin mit leiſem Spott, Sie würden alſo nur die Oeffentlichkeit des Verhältniſſes verwerfen, weil es das Urtheil der Welt herausfordert?“ 182 Im ſelbigen Augenblicke aber ſiel ihr Blick auf Eugenie, die noch immer am Fenſter ſaß, und ſie bemerkte ſchmerzvoll die Qual des armen Kindes. Sie hatte ihrer im Augenblick ganz vergeſſen, und bereuete bitter, das Geſpräch überhaupt bis zu ihrer letzten Bemerkung haben wachſen zu laſſen. Da kam ihr ein Diener zu Hülfe, der zu Tiſch einlud. Brandach bot der Majorin den Arm, Dr. Jeannot der ſchüchternen Eugenie, und der Major ging lachend am Schluß und deckte den Nachtrab. Bei Tiſch entſpann ſich ſchnell eines jener Tagesge⸗ ſpräche, welches ſich ſtundenlang um nichts zu drehen vermag und die Speiſen würzen ſoll— und in denen der Franzmann Meiſter war. Mit unerſchöpflichem Humor, mit allem Aufge⸗ bot von Liebenswürdigkeit und Galanterie wandte er ſich bald zur Majorin, bald zur Eugenie, ging dann wieder auf eine Bemerkung des Majors ein, um ſofort zu den Damen zurückzuflattern. Ein ſchillender Schmetterling, ließ er ſeinen lebhaften Geiſt in allen Farben ſpielen, und die Unterhaltung ward bald eine ſo heitere, daß ſelbſt Eugenie aus ihrer Einſilbigkeit herausgeriſſen ward und, vom Wein angeregt, ihre ganze frühere Leb⸗ haftigkeit und Naivität zurückerhielt, welche einſt im Parke zu Ballenſtädt Hans von Harder ſo ſehr entzückt hatte. Die Bleiche ihrer Wangen machte einem ſanften Colorit Platz, der Mund lächelte lieblich und ſchel⸗ miſch wie früher, und von den dunkeln Augen wich der Schleier, der ſie in letzterer Zeit ſtets nebelartig um⸗ ſchattet hielt. Auch die Majorin gab ſich mit ihrem heitern Na⸗ turell ganz dem Eindrucke der Unterhaltung hin— lachte und ſcherzte, wie man es lange nicht von ihr vernom⸗ men hatte— ohne doch aber die Vorſicht aufzugeben, die ſie dem Franzoſen gegenüber für nothwendig hielt. Sie bemerkte ſeine glühenden Blicke, ſeine galante Annäherung an Eugenie;— bemerkte aber auch, wie wenig dieſe darauf Rückſicht nahm, wie ſie mit liebens⸗ würdigſter Freiheit allen ſeinen Angriffen auswich und, ſeine glühenden Aeußerungen in Scherz verwandelnd, ihn mit Neckereien ſchlug. Die Liebe zu Harder lebte auch jetzt, wo ſie nur heiter ſchien, zu feſt in dem Herzen des jungen Mädchens— und dieſer Umſtand, welcher der Majorin heute Morgens gefährlich und unerwünſcht geſchienen hatte für das Glück Eugenien's, beruhigte ſie jetzt wegen der galanten Verſuche des franzöſiſchen Doctors. Denn je mehr ſie ihn beobachtete, um ſo weniger konnte ſie ihm trauen. Glatt und geſchmeidig, erſchien 184 er ihr glitzernd wie eine Schlange, verführungsluſtig— und verderbenbringend wie dieſe. Der Major aber, der mit unendlicher Freude die lebhafte Unterhaltung ſah, lebte im ſiebenten Himmel. Er konnte ſich ſelber nur immer recht wohl und glück⸗ lich fühlen, wenn er auch ſeine Frau heiter ſah— die ſchöne, junge und lebensluſtige Frau, welche die Feſſeln eines alten Eisbären tragen mußte, pflegte er felber oft zu ſagen, und ihr— und jetzt auch Eugenie Vergnügen zu mächen, war ſeine erſte Aufgabe, die er nie vergaß. Und nun hatte er es heute ſo gut getrofſen, und ſah ſie Alle ſo heiter und angeregt, wie es ſeit langer Zeit in ſeinem Hauſe nicht mehr geweſen war. Er achtete weder auf die heimlichen Galanterien des Franzoſen, der ſich durchaus in der Gunſt Euge⸗ nien's feſtſetzen wollte, noch auf die beobachtenden Blicke ſeiner Frau, die ſorgfältig das Terrain überwachte;— er ſah und achtete nur auf die lebhafte Unterhaltung, deren Faden bei dem Doctor nie abriß und wie ein ſprudeln⸗ der Quell murmelnd und hüpfend daherrauſchte— immer heiter und gefällig, immer witzreich und mit Ge⸗ danken ſchnell von Gegenſtand zu Gegenſtand ſpringend. „Es iſt doch ein Teufelskerl, der Doctor!“ rief er, bei einem neuen Witzworte desſelben lachend,„wahrhaf⸗ 185 tig, man kommt nicht aus dem Humor bei Ihnen— ein Teufelskerl, Doctor.“ „Das ſind die Franzoſen immer geweſen, Herr Major. Es iſt und bleibt die große Nation, und hat ſich im fremden Lande beſonders immer als ſolche bewieſen.“ Der Wein und die durch des Majors Worte ge⸗ ſchmeichelte Eitelkeit riß ihn zu dieſer Nationalhymne fort, welche am Tiſche eines deutſchen Soldaten ein ſehr ſchlechtes Echo fand. Der Major ſaß einen Augenblick da, als hätte er ihn nicht recht verſtanden, dann aber zogen ſich ſeine dicken Brauen dicht zuſammen, ſeine Lippen öff⸗ neten ſich zu einem wilden Lachen und mit vernichten⸗ dem Hohne rief er mit ſeiner Commandoſtimme: „Das muß wahr bleiben, Doctor! Groß zeigte ſich die große Nation immer. Ich ſelber habe ſie an den Tagen bei Leipzig und Waterloo bewundert, wie ſie laufen konnte, die große Nation! Ja, ſie war groß an dieſen Tagen. Bei Roßbach bin ich leider nicht dabei geweſen, da ſoll ſie ſich auch in hellem Glanze gezeigt haben. A la bonheur— allen Reſpect vor der großen Nation!“ Dieſe höhniſchen Worte trafen wie Blitzſchläge unter die heitere Tiſchgeſellſchaft, und Dr. Jeannot be⸗ merkte mit Schrecken, was er angerichtet und wie er 186 mit einem Male die ganze Gunſt des alten Deutſchen auf das Spiel geſetzt hatte. Sein Blut kochte auf in Zorn und Scham, der höhnenden Beleidigung gegen⸗ über, doch aber ein Blick auf Eugenie gab ihm ſchnell ſeine Faſſung zurück und bewog ihn die ganze Sache als einen Scherz zu betrachten und in das Gebiet des Scherzes zu ziehen. Er wollte es jetzt nicht mit dem Major verderben, und mit einem funkelnden Blicke auf Eugenie, die ſein werden ſollte und mußte, flüſterte er:„Das will ich Dir an ihr gedenken, Du alter nordiſcher Bär.“ Laut aber lachte er:„Ja, man muß in allen Dingen ſich zur Meiſterſchaft üben“— und ſprang mit der ihm eigenen Gewandtheit auf ein anderes Unter⸗ haltungsthema über, welches ſo unverfänglich als mög⸗ lich war.— Doch wollte es nicht gelingen, die alte Stimmung zurückzurufen, welche die harten Worte des Majors verſcheucht hatten, und ſo ſehr dieſer ſich auch ſelber bemühete, in den alten Ton zurückzukehren, war es ihm doch nicht möglich, und zwiſchen den düſtern Brauen guckte und zuckte noch immer das Gewitter, deſſen Nahen leichter als ſein Schwinden zu beſchwören war.— Dr. Armand Jeaunot bemerkte das mit größtem 5 187 Mißvergnügen und ärgerte ſich nicht wenig über den dummen Streich, zu dem ihn ſeine Eitelkeit fortge⸗ riſſen hatte. Es hatte ſich Alles ſo gut angelaſſen. Der Major hatte ihn wie einen guten alten Freund des Hauſes behandelt, bis er ſelber blind in das Vertrauen hinein⸗ geſchlagen hatte, wie ein thörichter Knabe in ein Wes⸗ penneſt— und nun ſtand das Mißtrauen vor ihm, wenn es ſich auch zu lächeln bemühte, und er ſah recht wohl, daß es lange währen würde, ehe er bei dem Alten wieder auf dem einmal verlorenen Stand⸗ punkte anlangte.. So ſind dieſe alten Braren. Offen, ohne Arg und Falſch geben ſie ſich den ihnen nahenden Ein⸗ drücken hin,— voll deutſchen Edelſinnes Alles wie ſich ſelber achtend, treu, dentſch und ehrlich. Sie fragen nicht nach Namen und Legitimation: ein ehrlich' Geſicht und ein biederes Wort genügen ihren beſchei⸗ denen Anſprüchen und freundlich neigen ſie ſich hin, vertrauend und Vertrauen gewährend. Weckt aber einmal ihr Mißtrauen, feſſelt ſie eiumal nur los die Leidenſchaften einer kernigen und überfluthenden Kraft— ſchlagt einmal ihrem blinden Glauben in das Geſicht und ihr habt ihn für immer verloren. Keiner Kunſt und Ueberredungsgabe 188. wird es gelingen, ihr ſchwerverletztes Vertrauen wieder herzuſtellen. Die alte, unbefangene Heiterkeit kehrte nicht an den Tiſch zurück und Brandach und Jeannot ſowohl, als auch der Major waren froh, als die Majorin einen Spaziergang in den Ga ten vorſchlug. Des Majors Haus hatte noch den in der Reſi⸗ denz immer ſeltener werdenden Vorzug, einen Garten neben ſich zu haben, den der Major als ſein Stecken⸗ pferd und ſeinen liebſten Erholungsort mit aller Sorge pflegte. Was Kunſt und Sorgfalt in dem nicht ſehr großen Raume auszuführen vermocht hatten, um dem Garten Reiz und doch auch Schatten zu verleihen, war geſchehen, und neu aufathmend, ſogen die Ein⸗ tretenden den Duft der Blumenbeete. Dr. Jeannot führte Eugenie voran, die Majorin folgte mit ihrem Manne und Brandach, und jetzt, unter dem Schatten des Grüns, die Bruſt geſchwellt vom hol⸗ den Blüthendufte, verſuchte Jeannot noch einmal allen Aufwand von Galanterie und Liebenswürdigkeit, um dem Herzen Eugenien's näher zu gelangen. Seine Blicke ſchienen die ſchöne Geſtalt verſchlingen zu wollen und leuchteten ſo düſter und flammend, als wollten ſie eindringen und ſich tief vergraben in das Herz des reizenden Mädchens, 189* Aber Eugenie hatte gar zu wenig Sinn für ſeine Aufmerkſamkeiten. Sie war freundlich, ſcherzte und lachte auch wieder mit ihm, ohne doch auf ſeine flammenden Blicke zu achten, und ſeinen zärtlichen Worten einen andern Sinn zu leihen, als den des Scherzes. Die Uebrigen hatten ſich bereits in der großen ſchattigen Laube niedergelaſſen, nach welcher die Majorin den Caffee befohlen hatte; nur Jeannot promenirte noch mit Eugenie in einem ſchattigen Wege, den auf beiden Seiten blühendes Strauchwerk ſchützte, und die Gelegen⸗ heit war zu günſtig, noch einen Hauptſturm zu wagen, — ſie kam auch wohl ſo leicht nicht wieder— als daß ſie Jeannot hätte unbenützt vorüber gehen laſſen dürfen. Immer glühender und verzehrender wurden ſeine Blicke, ſeine Worte ſprachen von ſeinen Gefühlen, die hoch empor rauſchten wie wilde Meereswellen, und die doch nur eines Blickes von ihr— aus ihren himmli⸗ ſchen Augen bedurften, um ſich zärtlich und gehorſam zu ihren Füßen zu ſchmiegen, wie ein treuer Hund vor dem Blick der geliebten Herrin. Eugenie lachte und zum erſten Male begegnete ihr ſchelmiſches Auge dem düſter glühenden des Franzoſen Heftig bewegt griff dieſer nach ihrer Hand, und riß ſie ſtürmiſch an die glühenden Lippen. Seine Eitelkeit und Siegesgewißheit ließ ihm Alles 190 hoffen; er fürchtete nicht mehr ihren Widerſtand und glaubte in ihrem Blicke Gewährung und Verſtänbniß ſeiner Gefühle geleſen zu haben. Schon hoffte er ſich feinem Ziele nahe und preßte die kleine Hand mit hin⸗ reißender Gluth, als ihm dieſelbe unſanft entriſſen wurde und Eugenie, ſich von ſeinem Arme losmachend, ſehr kühl bemerkte:„Es iſt wohl Zeit, daß wir zur Geſell⸗ ſchaft zurückkehren.“— Stolz und mit erhobenem Haupte ſchritt ſie ihm ſchnell voran,— und er folgte knirſchend und ſchalt innerlich über die übertriebene Prüderie der deutſchen Mädchen— während ſeine Lippen ſchon wieder lächelten und er der Majorin einen ſo ſcherzhaften Willkommen ent⸗ gegen rief, daß Alle ſich erheitert zu ihm wandten und der frühere Vorfall gänzlich vergeſſen ſchien. Nur Eugenie blieb kaltund ſtumm, und ſo ſehr ſich auch Jeannot bemühete, ihr mit ſchmeichelnder Galanterie zu nahen— ihre Blicke wieſen ihn ſtolz zurück und auch nicht ein Wort mhr vermochte all' ſeine Kunſt ihr zu entlocken.— So kam die Zeit zum Aufbrechen. Aeußerlich heiter und verbindlich, innen voll Wuth über ſeine 2 iederlage, empfahl ſich Jeannot mit Brandach, und verſprach auf des Majors dringendes Erſuchen, ſich bald eimal wie⸗ der die Freiheit zu nehmen.———— Die Majorin lud ihn nicht ein und Eugenien's Blick ſtreifte ihn ſo ſtolz und kalt, daß ein weniger unter⸗ nehmender und weniger hartnäckiger Verführer ſchwerlich noch einen Verſuch gewagt hätte, die ſtolze Feſtung zu erſtürmen.. Er aber beſchloß wieder zu kommen. Sein Muth war noch nicht erſchöpft und ſeine Eitelkeit ſpiegelte ſich in den lockendſten Hoffnungen.— Er ſagte Brandach ſcherzend Adien und ging direct nach ſeiner Wohnung, um weiter über das Abenteuer nachzudenken, deſſen glück⸗ liche Beendigung ſeine Ehre gebieteriſch forderte. So wenig auch der erſte Sturm ſeine Erwartungen befriedigt hatte, gab er doch weder Abſicht noch Hoffnung auf, zum Ziele zu gelangen— ja ſie wurzelte ſich nur um ſo feſter in feiner leidenſchaftlichen Begierde, die für das Gewöhnliche längſt abgeſtumpft war und gerade das Pikante liebte. Jetzt galt es nicht nur mehr das ſchöne Mädchen zu beſiegen; jetzt galt es die Ehre der großen Nation zu retten und den Alten zu ſtrafen für ſeine Frevelworte gegen dieſelbe.— In ſeinem Zimmer angekommen, ward er von einem reizenden Knaben bewillkommnet, der ihm heiter und liebevoll entgegen ſprang.. „Vater, das iſt fchön, daß Du kommſt.“ Herr Ber⸗ ger mußte ausgehen, deßhalb hat er mich zu Dir gebracht, 192 und ich habe mich allein ſchon gelangweilt. Nicht wahr, Du fährſt mit mir ſpazieren, hinaus wo die vielen geputzten Leute ſind? Ach bitte, bitte, lieber Vater!“— Konnte der Vater der Bitte des reizenden Kindes widerſtehen, deſſen ideal ſchöner Kopf mit dem dunkeln Lockenrahmen und den Augen, die ihn an die genuß⸗ reichſten Stunden ſeiner Jugend erinnerten, flehend zu ihm aufſah?— Er konnte es nicht, und die Purpurlippen des ſchönen Knaben küſſend, ſagte er liebevoll: „Du ſollſt ſpazieren fahren, mein Hugo, mein ſchöner herziger Knabe! Ja, Du ſollſt mit mirfahrenund ſollſt alle die geputzten Leute ſehen,— ſollſt Alles ſehen und Alles bekommen was Du willſt.“— Und eilig befahl er einen Wagen, ordnete mit eigenen Händen die Toilette des Kindes und wenige WMinuten ſpäter fuhr der gewiſſenloſeſte und frechſte Ver⸗ führer, der grauſamſte Spieler mit Menſchenherzen wie mit fremdem Gelde und Glücke— durch die vielbeſuchte Promenade. Sein Auge ſah nichts als ſein Kind, ſein Herz fühlte nichts als Liebe zu ihm und in ſeinen düſtern Augen blitzte jetzt der Strahl innigſter Zärtlichk⸗it eines Vaters für ſein Kind. Achtes Capitel. Der Reconvalescent. Mehrere Wochen waren ſeit den letzt dargeſiellten Vorfüllen vergangen, und die Wunde Hans von Harder's war unter der treuen Pflege, welche Frau Roſen und ihr Sohn ſowohl, als auch Signora Corrado ihm wid⸗ meten, glücklich und zur Zufriedenheit des alten Hofraths geheilt. Hans von Harder befand ſich ganz wohl und eine erklärbare Schwäche abgerechne, welche ihm noch für längere Zeit Ruhe und äußerſte Schonung anbefahl, war er geſund und hoffnungsfreudig, wie vor den Tagen ſeiner Krankheit. Nur das Gedächtniß ſchien etwas gelitten zu haben, denn ſo ſehr auch der alte Hofrath und Major von Wel⸗ ling in ihn drangen, ſich auf die Urſache des Unglücks und den verborgenen Thäter zu beſinnen— Hans war jede Erinnerung an den verhängnißvollen Abend entſchwun⸗ Ehre U. 13 194 den, und ſo ſehr er ſich auch mühete, ſeine Gedanken über diefen Punkt zu ſammeln— es wollte ihm nicht gelin⸗ gen, und die Sache blieb zu des Majors größtem Ver⸗ druſſe ohne Aufklärung. Niemand kannte, Niemand ahnte den Thäter; Nie⸗ mand außer der Signora Corrado! Ihr feiner weiblicher ESinn hatte aus dem Zuſammentreffen das Richtige com⸗ binirt und ihrem Scharfſinne war auch das Motiv des Streites nicht unbekannt geblieben. Deßhalb hatte ſie beſchloſſen, bei ihrem erſten Allein⸗ ſein mit dem Geliebten dieſen Gegenſtand zu berühren. Sie allein durchſchaute auch ihn, erkannte, daß er den Jugendfreund ſchonen wollte wie ihre Ehre:— ſie allein glaubte nicht an die Schwäche ſeines Gedächtniſſes, ſon⸗ dern ahnte die wahren Motive ſeines Schweigens.— Aber ſie durfte nicht ſchweigen, ſie konnte es nicht ertra⸗ gen, daß er durch ſein Schweigen auch ihr gegenüber ihre Ehre ſchonen wollte. Sie durfte nicht ſchweigen und ihm verheimlichen wollen, daß um Mitternacht ein frem⸗ der Mann ſich aus ihrem Hotel entfernt hatte; dem Ge⸗ liebten gegenüber ſchweigen, hieße hier Eingeſtändniß einer Schuld— und bei ihrem erſten Alleinſein mit dem Geneſenden, der liebevoll auf die treue Pflegerin blickte, ſagte ſie: „Wir ſind jetzt allein, Hans, und mir gegenüber 195 wolle einmal die Schwäche Deines herrlichen Gedächt⸗ niſſes vergeſſen. Nicht wahr, es war Brandach, mit dem Du Doh ſchlugſt und der Dich verwundet hat?“ „Warum ſchließeſt Du das, Marie?— Weßhalb willſt Du ihn gerade anklagen?— Weiß ich doch ſelber nicht mehr, wer es geweſen und was überhaupt geſchehen iſt, und mag es auch nicht wiſſen.— Wie ſollte auch Brandach um dieſe Stunde gerade hierher gekommen ſin „Weil er um dieſe Stunde, gerade um dieſe Stunde aus meinem Hotel ging.“— Die Signora bemerkte wohl den ſtrengen, fragen⸗ den Blick ihres Geliebten, der ihr am deutlichſten ſagte, daß ſie auf dem richtigen Wege ſei, und ſchnell fuhr ſie fort: „Als ich an jenem Abend,— Du warſt ja wohl bei Silbermann, ich bei der Fiorelli— etwas zeitiger, als ich vorher den Wagen beſtellt hatte, aus der Geſell⸗ ſchaft zurückkehrte, und in mein Schlafzimmer trat, hörte ich im Nebenzimmer zwei Perſonen ſprechen. Klagen, Vorwürfe und Auffordern zum Abſchluſſe einer verſpro⸗ chenen Ehe— wechſelten mit Beſchwichtigungen und heißen Thränen. Doch genug— es waren meine Zofe Marie und Lieutenant von Brandach, der das arme 13* 196 Kind verführt hat, und ſtatt die verſprochene Ehe ein⸗ gehen zu wollen, ſie nun mit leeren Brocken tröſtete. „Natürlich, der edle junge Mann iſt ja Bräutigam Deiner Schweſter, und Du kannſt Dich des liebenswür⸗ digen Schwagers freuen.— Nachdem ich im Nebenge⸗ mache gehört hatte, warum es ſich handelte, trat ich in das Zimmer, und ſtellte dem beſtürzten Herrn die Alter⸗ native, ſich als Marien's Bräutigam zu erklären, oder augenblicklich zu gehen. Der Ehrloſe ging— und wenige Minuten ſpäter muß unten das Unglück geſchehen ſein.“ Die Signora ſchwieg und blickte den Geliebten an, deſſen bleiches Angeſicht ein leichter Freudenſchimmer verklärte. Seine glanzvollen Augen ruheten zärtlich auf den ſchönen Zügen der Geliebten, und im Geiſte bat er ihr den unwürdigen Verdacht ab, den ſeine Eiferſucht gualvoll genährt hatte. Die Signora las dies Alles aus ſeinen Augen und lächelnd frug ſie:„Habe ich recht?“— „Du haſt recht, Marie!“ erwiderte er nachdenklich. „Es iſt, wie Du vermuthet haſt.“ Doch bitte ich Dich, ſchweige darüber.— Niemand außer uns ſoll davon er⸗ fahren; Niemand das Recht haben, auf den Bräutigam meiner Schweſter einen Stein zu werfen. Laß es auch bei uns vergeſſen ſein, wie ich es der Welt gegenüber vergeſſen habe!“ 197 Die Signora hatte es ihm verſprochen, aber innen tobten ihr Zorn und ihre Rachſucht weiter. „Er iſt es, der mich beleidigt,— Marie ver⸗ führt und ihn, meinen einzigen Freund, beinah' ermor⸗ det hat“— rief ſie in ohnmächtiger Wuth— und ich kann mich nicht rächen, kann ſie nicht rächen! Elen⸗ des Geſpenſt meiner Jugend, gra ſames Verhängniß — und doch darf ich ihn nicht reizen— muß ſchwei⸗ gen und dulden,— denn Hugo iſt verſchwunden, iſt trotz aller Vorſicht und Mühe aus den Armen der treuen Wächterin geraubt:— und kann nirgends an⸗ ders als in ſeinen Händen ſein. O dieſes ſchweigende Dulden, wie iſt es qualvoll und entſetzlich; wie zehrt es ätzend und vernichtend an Leib und Se⸗le, wenn man zum Schweigen verdammt iſt, und im Herzen wie auf den Lippen doch glüht und brennt der ein⸗ zige Gedanke— vendetta!“—— Hans von Harder fühlte ſich wieder wohl und frei, und ſchon ſeit einigen Tagen hatte ihm der Hof⸗ rath erlaubt, erſt kurze und dann immer längere Zeit aus dem Bette zu ſein, und heute— heute endlich ſollte er den erſten Ausgang wagen und auch das Dachſtübchen der Witwe Roſen mit ſeiner eigenen Wohnung vertauſchen. Hans war ſehr früh aufgeſtanden, hatte einen 198 Brief an ſeine Eltern geſchrieben, denen man erſt vor Kurzem eine Krankheit des Sohnes gemeldet hatte, die jedoch nichts zu bedeuten habe— und hatte denen mit freudigem Herzen ſeine völlige Geneſung ange⸗ zeigt. Der Sommer neigte ſich ſeinem Ende zu, die Blätter fürbten ſich bereits und auch die Oper ſollte morgen wieder beginnen. Wie freute ſich Hans auf die neuen Grüße des Lebens, wie freuete er ſich, nun end⸗ lich das enge Dachkämmerchen wieder mit ſeiner elegan⸗ ten Wohnung, das Bett, an das ihn ſein Leiden ſo lange gefeſſelt hatte, wieder mit der freien Natur, dem friſchen, vollkräftigen Leben vertanſchen zu dürfen. Und heute, heute endlich war der Tag gekom⸗ men, an den der erſte Schritt in das neue Leben gethan, zum erſten Male wieder die ſreie Luft in die Bruſt ge⸗ athmet und die Spannkraft der Sehnen geübt wer⸗ den ſollte. Wie geſagt, Hans hatte in der freudigſten Stim⸗ mung an ſeine Etern geſchri ben und hatte dann ſei⸗ nen jungen Wirth und Pfleger gebeten, ihm die kleine Dichtung vorzuleſen, deren Entſtehen er während ſeines Krankenlagers intereſſevoll beobachtet und gleichſam überwacht hatte. Johannes hatte den ſchönen jungen Officier mit 199 aufopfernder Liebe gepflegt, ſich ſelber uen einen Augenblick Schlummer gegönnt, und mit der ignora die Wachen an ſeinem Lager getheilt. S erfüllte er auch heute gern den Wunſch des Genefenden, deſſen lebensfriſches Lächeln und heiteres, muthvolles Darein⸗ ſchauen auch in ſeinem Herzen einen glänzenden Wie⸗ derſchein hervorrief. Sie hatten ſich Beide liebgewon⸗ nen in der Zeit des Krankenlagers. Johannes hatte durch Erzählungen und Vorleſen manche einſame Nachtſtunde des Kranken verkürzt, wenn dieſer ſchmerzgeplagt vergeblich zu ſchlafen ver⸗ ſuchte, und Harder kannte längſt ſchon die Geſchichte Johannes, deſſen ſchönes Talent unter dem Fluche einer Erbfünde verſchmachten ſollte.— Es war ein Epos in ſechs Geſängen, welches Johannes gedichtet hatte, und das in kräftigen, ſchwung⸗ vollen Strophen die Macht der Liebe verherrlichte. Viel⸗ leicht hatte das Unglück und die Schmach Marien's,— des Mädchens, welches er liebte, dem er längſt verzie⸗ hen— und das er nicht vergeſſen konnte,— die fühl⸗ bar Linien des Leides und Grames in ſeine Züge gegraben hatten, ihm den Stoff zu ſeiner Dichtung ge⸗ geben, vielleicht auch war dieſelbe ein Troſtlied, für ſich ſelber geſchrieben, und auch er wäre wohl bereit geweſen, mit ſeinem Helden zu handeln, zu ſiegen oder 200 zu ſterbeh für ſeine Liebe—— vielleicht—— doch ſo viel iſt ſicher, daß der junge Dichter unendlich viel auf gab, und daß ſie einen noch hö⸗ hern Werth für ihn haben mußte, als den, ſeine Schö⸗ pfung zu ſein. Wenn er deſſen ungeachtet doch bereit war, ſie An⸗ deren mitzutheilen, ja, wenn es möglich wäre, ſie durch den Druck zu veröffentlichen,— ſo mochte wohl der alte Fluch daran Schuld ſein, der dem Dichter kein Ei⸗ genthum und nichts für ſich allein gönnt. Johannes hatte geleſen— und durch ſein Werk das Intereſſe ſeines Zuhörers gewonnen. Hans von Harder beſaß weniger äſthetiſche Bildung als natür⸗ lichen Takt für das Schöne, und er hatte recht wohl den friſchen, urſprünglichen Ton der Dichtung, wie ihre kunſtvolle und wahrhaft ſchöne Anlage verſtanden. „Dieſe Dichtung muß ſiegen“— rief er lebhaft, glauben Sie mir, Johannes! Sobald dieſes Epos be⸗ kannt wird, werden Sie über Ihre Gegner glänzend triumphiren. Verſtehe ich auch ſelber herzlich wenig von Eurer Kunſt, ſo weiß ich doch recht wohl zu beurtheilen, was ſchön und edel iſt,— und Ihre Dichtung hat mir gefallen.“ „Ja“— erwiderte Johannes mit trübem Lächeln, dem die Anerkennung des von ihm geliebten jungen Man⸗ 201 nes ſehr wohl that, ſie möchte wohl ſiegen ki ich nicht ſelber ſchon beſiegt wäre. Mit w Werke mit gerichtet,— ſie vergaßen Herr von Harder, und ſeinen Verrath.“— „Ah— das Donnerwetter, den ſchurkiſchen Cla⸗ vierhelden!— an den habe ich freilich nicht gedacht!— Na, Johannes, wenn der mir einmal in den Weg kömmt, dem will ich ſeine Schurkerei gedenken“ „Solche Creaturen haben für mich etwas Eutſetz⸗ liches, etwas Schlangenartiges, und ein Begegnen mit ihnen erweckt in mir dieſelben Antipathien, wie wenn ich zufällig mit gewiſſen Reptilien in Berührung komme. — Doch da kömmt eben Prinz Kaver hierher, der hofft gewiß die Signora ſchon zu finden. Gott— da kömmt mir ein Gedanke, der Ihrem Uebel ſchnell abhel⸗ fen könnte. Laſſen Sie mich einmal, Johannes, und Sie ſollen ſehen, ich ſetze mir ſelber zum Abſchiede noch ein Denkmal in Ihrer Dichterbrüſt.“— Prinz Kaver trat ein und ſeine dunkeln Augen, die faſt zu feurig über der gebogenen Naſe blitzten, deren ſtolzen Bau ein fanfter Zug um den Mund milderte, flogen mit einem Blitze über das kleine Gemach, welches er während der Krankheit Harders ſchon öfters beſucht hatte— zuerſt nur, um die Signora zu ſehen, die nicht von dem Lager des Leidenden wich— endlich aber auch 202 eſſe für den Kranken ſelber. Dieſe beiden Män⸗ im gewöhnlichen Leben wohl niemals einan⸗ nmen wären, ſo oft ſie ſich auch draußen n Welt begegnen mochten, bei Luſtbarkeiten oder im Salon der Corrado,— hatten im Krankenzim⸗ mer manches Intereſſante an einander entdeckt. Der Prinz wollte dem ſchönen Kranken, we cher ſo verführe⸗ riſch leidend darniederlag— mit aufrichtigem Mitleide wohl Und unterhielt ſich gern mit ihm über mannigfache Intereſſen, zu deren Nachgedanken der Kranke viel Zeit hatte. Prinz Taver war ein Schöngeiſt, was bei der herr⸗ ſchenden Intereſſeloſigkeit des Hofes für Alles, was au⸗ ßer dem Theater und den er verſchiedenen Muſeen lag, nicht ohne Bedeutuug war, denn Prinz Taver war auch reich! Er beſaß Bildung und Geſchmack und die Coriphäen der Kunſt ſammelten ſich um ihn, als ihren einzigen Protector in dieſen Kreiſen. Der Hof ließ ihn gern gewähren, da er ſelber da⸗ durch der Verpflichtung enthoben ward, ſich um Dinge zu bekümmern, die für ihn jedenfalls ſehr langweilig waren— und dem Prinzen Taver machten ſie ja Ver⸗ gnügen. Man ließ ihm dieſes Vergnügen ſehr gern, weil man es unendlich bequem fand, ja der Herrſcher er⸗ 203 kundigte ſich ſogar zuweilen ſelber gnadenvoll nach einem oder dem anderen von des Prinzen Proteges und bat ihn, ſortzufahren in der Unterſtützung des Guten und Schönen, zu deſſen Pflege die geplagten Herrſcher oft niht Zeit hätten. Von ſchöner Geſtalt, ausdrucksvollen Zügen, kunſtliebend und mit einem trefflichen Herzen begabt, reich und, als naher Anverwandter des Herrſch herhau ſes, bei Hofe geſchätzt und angeſehen:— das war Prinz Kaver, der ſoeben in das Dachſtübch en der Witwe Roſen trat, und mit ſeinem Feuerauge die Signora ſuchte. Als er den Reconvalescenten friſch und munter am Fenſter erblickte, flog ein freundliches Lächeln um ſeine Lippen und freudig rief er:„Willkommen, Baron! Nehmen Sie meinen Glückwunſch und möchten Sie noch einmal für ein halbes Jahrhundert aecordirt haben!“ „Danke, danke, mein Prinz,— auch ich bin heute frohbewegt, wie ich es ſeit Jahren nicht mehr gekannt habe. Es, iſt ein eigen beglückendes Gefühl— wieder geſund und dem Leben neu gegeben,— ja gleichſam neu geboren zu ſein, und ich könnte heute in dieſer Stim⸗ mung alle meine Feinde an das Herz drücken und Ver⸗ ſöhnung mit ihnen feiern.“ „Donnerwetter, Baron, in ſo gnädiger Stimmung! * 204 was haben dann erſt Ihre Freunde zu erwarten;— nun, ich hoffe, daß ich nicht ganz leer ausgehen werde.“ „Bewahre mich Gott, Durchlaucht, daß ich Ihre Güte ſo ſchlecht belohnen ſollte“,— lachte Harder,„und damit Sie den Beweis haben, wie ich ſchon vor Ihrem Eintreten gerade an Sie dachte und mich geiſtig mit Ih⸗ nen beſchäftigt habe,— nehmen Sie dieſe Blätter! Ich überreiche ſie Euer Durchlaucht gütigem Herzen und bitte im Namen des beſcheidenen Dichters, daß Euer Durch⸗ laucht dieſelben annehmen und unter der Aegide Ihres hohen Schutzes ihnen den Ausflug in die Welt geſtatten wollen.“— „Hahoha— das iſt wirklich originell!— Sind Sie auf dem Krankenlager Dichter geworden, Baron?“ „Nein, das doch nicht ganz, aber dieſe Verſe ſind an meinem Krankenlager gedichtet worden, und ich habe deßhalb gleichſam eine Art Eigenthumsrecht an den⸗ ſelben.“— „Das iſt göttlich! Und wer iſt denn der Dichter?“ „Mein treuer Pfleger!“— erwiderte Hans und zeigte auf den hocherröthenden Johannes, der ſich be⸗ ſcheiden in die Ecke des Zimmers zurückgezogen hatte. Die e Feueraugen des Prinzen ruheten einen Augen⸗ blick lang auf dem intelligenten Geſichte des jungen 205 Dichters, dann griff er nach dem Manuſcripte und be⸗ gann darin zu blättern. Vald jedoch wurde er aufmerkſamer, las bedäch⸗ tig— und ſein forſchendes Auge flog öfters wie fra⸗ gend zu dem jungen Sin hinüber, der zagend auf einen Ausſpruch des erlauchten Kenners wartete.— „Haben Sie ſchon etwas drucken laſſen, oder ſind dieſes Ihre erſten Poeſien?“— frug er endlich gütig. „Es ſind nicht die erſten, Durchlaucht, doch iſt bis jetzt auch noch nichts gedruckt worden.“ „Das nnt 6 mir denken, denn ein ſolches Ta⸗ lent in der Reſidenz hätte mir nicht unbekanut bleiben können!“— S der Prinz und ſchickte ſich an, ſeine Lection fortzuſetzen. „Erlauben Sie, Durchlaucht“— unterbrach ihn da Harder,„mein langes Krankenlager in dieſem Hauſe hat mich zum Schickſalsvertrauten des jungen Mannes gemacht. Er hatte früher ſchon ein Bändchen Gedichte zum Drucke bereitet, und begab ſich damit zu Herrn Dankbar, der auch ſofort ihren Werth erkannte und ſie zu verlegen beſchloß.“— „Nun— und, wo ſiud ſie denn geblieben? S „Da kam ein Clavierlehrer dazwiſchen, der den Kindern des Herrn Dankbar Unterricht ertheilte und machte dieſen darauf aufmerkſam, daß meines jungen 4 206 Freundes Vater, welcher Rath in einer Provinzial⸗ ſtadt war, ſich einer geſetzwidrigen Handlung ſchuldig gemacht habe— und, Durchlaucht, nach dem alten Worte, daß die Sünden der Väter der Fluch der Kinder ſind, wies Herr Dankbar den jungen Mann mit ſeinen Gedichten von ſich und verlegte ſie nicht.“ „Ah!“— rief der Prinz und ſein Auge leuch⸗ tete ſo liebevoll wie ſelten,—„armer junger Mann, ſo thöricht ſind nun aber einmal die Menſchen, und am meiſten ſind es die, welche dem Hofe in irgend einer Weiſe nahe ſtehen.— Jetzt erſt verſtehe ich aber auch Sie, Baron, und Ihre Abſicht, und Sie ſolleu ſich nicht in mir getäuſcht haben.“— Er reichte Harder die Hand, und drückte ihm die ſeine mit einem freundlichen Blicke des Verſtänd⸗ niſſes. Die edle Seele des Prinzen hatte die ſchöne Abſicht der Bitte erkannt und gewürdigt, und dem guten Herzen gegenüber neigte er ſich ihm im Geiſt noch näher hin als früher— wenn auch kein Wort weiter darüber gewechſelt wurde. Der Prinz faltete die Blätter zuſammen, und den gütigen Blick auf den hocherfreuten Roſen rich⸗ tend, frug er: „Ich darf ſie doch einmal mitnehmen?— Sie ſollen bald von mir hören!—— Apropos, es iſt 25 ſcherzhaft, das iſt heute bereits die zweite Dedication, welche mir zugedacht wird,“— fuhr er heiter fort: „Hente ſchon in aller Frühe wurde mir das vo⸗ luminöſe Schreiben eines anderen Dichters überbracht, eines Salondichters unſerer Reſidenz— nun ein Schreiben, welches allein ſchon einen netten Octav⸗ band gefüllt hätte und das nichts enthielt, als die Bitte, mir ein Werk zueignen zu dürfen, das dazu beſtimmt ſei, der morſch und faul gewordenen Litera⸗ tur wieder auf die Füße zu helfen. Dann folgte ein weiterer Erguß über die Art und Weiſe, wie das geſchehen müſſe, und endlich eine genaue Scizzirung einer der mir zugedachten Novellen oder Poeſien, mei⸗ netwegen— die Fahrt in's Zauberreich— welche, wie er mir ſchrieb, in allen fünf Erdtheilen und endlich auch im Zanberlande ſpielen ſoll. Es war der radi⸗ calſte Unſinn, der mir jemals vorgekommen iſt, die reine Tollhäuslerei, und ich habe dem begeiſterten Dichter ſeinen Brief und die mir zugedachte Ehre mit beſtem Danke zurückgeſchickt.“ Harder lachte herzlich und frug:„War es nicht ein Herr Minneborg?“— „Richtig, lieber Baron, Minneborg unterſchrieb ſich das Monſtrum mit abgezirkelter Perlenſchrift,— kennen Sie ihn denn?“— 4 „ „Ich habe ihn vor meiner Krankheit bei einer Soiree geſehen, zu der mich der alte Silbermann preßte. — Richlig, es war an demſelben Abend, wo ich ver⸗ wundet ward, und da hatte ich das unſchätzbare Glück eben genannte Erzählung ſammt der pomphaſten literar⸗ hiſtoriſchen Einleitung vortragen zu hören.“— „Na Baron, ichbant⸗ Ihnen für Ihr Geſchenk,— leben Sie wohl, beſſern Sie ſich immer mehr, ich denke, wir werden uns wohl öfter ſehen— und Se, Herr Ro⸗ ſen werden von mir hören!“— Sich dicht zu Harder hinneigend, flüſterte er leiſe; „Zehn Minneborg's für einen Solchen!— Adieu, Ba⸗ ron! In der Thür traf er mit Welling zuſammen, der eben kam, um ſich nach ſeinem Lieutenant umzuſehen. Mit freundlichem Gruße ging Prinz Taver an ihm vorü⸗ ber, den Johannes ehrfurchtsvoll geleitete,— während Welling in das Zimmer trat. Auch er fand den Zuſtand des Rekonvalescenten ſehr befriedigend, unterhielt ſich einige Minuten lang mit ihm, freute ſich, daß er heute ſeinen erſten Ausflug ma⸗ chen wolle und ging— ohne jedoch, wie zu erwarten ge⸗ weſen wäre— Harder zu Beſuche bei ſich einzuladen. Welling ging nach Hauſe, wo Dr. Jeannot bereits ſeiner wartete, um mit ihm einen k — Spazierritt zu machen 209 Denn dieſer war unterdeß der tägliche Hausfreund beim Major geworden, ſosſehr die Majorin auch im Stillen dagegen geſtrebt hatte, und ſuchte ſich mit der ganzen Macht ſeiner einſchmeichelnden Manieren Eugenien im⸗ mer mehr zu nähern. Der Major konnte bald ſeine Ge⸗ ſellſchaft nicht mehr entbehren, mußte jede freie Stunde mit dem Doctor zubringen, wenn ſie ihm genußreich ſein ſollte, und bis ſpät Abends weilte dieſer im Hauſe— um von da— nach der Spielhölle zu ſchlüpfen. Mit ſyſtematiſcher Klugheit hatte er ſich dem alten Major bald unentbehrlich gemacht. Dieſer pries den Doe⸗ tor als den charmanteſten Kerl, welchen es geben könne — und immer mehr bildete ſich in ihm die Idee einer Heirat desſelben mit Eugenie aus. Die Majorin fühlte ſich durch das immer tiefere Eindringen des Fremdlings in ihr trauteres Familienle⸗ ben unangenehm berührt, ohne jedoch den geſchmeidigen, und von ihrem Gemale geſchützten Eindringling wehren zu können. Wie eine Schlange, ſo ſchlau und gewandt, wand er ſich durch die ſchwierigſten Situationen, überall galant, überall gefällig und hülfreich, noch ehe ein Anderer Zeit gefunden hatte, den etwaigen Mangel zu entdecken. So kam es, daß die Majorin, ſo ſehr ſie ſich durch die ſtete Nähe des Mannes beläſtigt fühlte, dem ſie nun Ehre. U. 14 A 210 einmal nicht vertrauen konnte, und wenn er auch ſo auf⸗ merkſam war— doch nie einen Grund zur Klage gegen ihn fand, ſondern i im Gegentheil durch ſeine aufmerkſame Galanterie ihm ſtets zum Danke verpflichtet ward. Cutſchieben aber widerſprach die Mi jorin dem Hei⸗ ratsplane ihres Mannes— ſo tnihlert ſogar, daß der alte Winn ganz verwundert und verſtimmt ward, über ſolche thörichte Autipathie gegen einen Mann, dem er ſo befreundet ſei, und der mit ſo vieler Aufopferung darnach ſtrebe, einem alten Manne Unterhaltung und Heiterkeit zu bereiten. Er hielt die Partie wirklich für Eugenien's Glück, da Jeannot reich und unabhängig wäre— und dachte zugleich daran, wie er als ſein Schwiegerſohn ganz und gar an ihn gefeſſelt ſein und ihm für den Reſt ſeines Lebens Geſellſchaft leiſten würde. Die Majorin ſchwieg dann und beharrte auf ihrer Anſicht; doch die ſchöne Harmonie ihrer Ehe war geſtört, und Welling, der ſich ſonſt am wohlſten und glücklichſten gefühlt hatte, wenn er, in ſeinem Lehnſtuhl verſunken und ſeine Pfeife rauchend, neben ſeiner jungen Frau ſitzen und mit ihr ſiet konnte, fühlte ſich jetzt nur noch in der Nähe des Doctors behagiich— ritt— ging— und trank 3 ihm— und ward, wie er ſelber ſagte, noch ein⸗ mal jung an ſeiner Seite.— Während deſſen ſchloſſen 211 ſich die Majorin und Eugenie immer näher an einander und verbanden ſich treu, den Heiratsgelüſten des Fran⸗ zoſen einen kräftigen Damm entgegen zu ſetzen. Eugenie war kalt und ſtolz in ſeiner Gegenwart. Nie kam ein freundliches Wort über ihre Lippen, wenn er in der Nähe war, nie beachtete ſie eine ſeiner zarten Huldigungen. Arm in Arm mit der Mutter, beobachtete ſie zum größten Verdruſſe des Alten eine ſo entſchiedene Defenſive, daß Jeannot in der ganzen Zeit, während Harder krank lag, auch nicht einen Schritt vorwärts ge⸗ angt war. Eher noch unterhielten ſich die Damen mit Bran⸗ dach, der auch öfters in das Haus kam, und welcher der Majorin lange nicht ſo verhaßt war, als der Franzoſe, obgleich ſie ihn beſſer kannte und durchſchaute, als jenen, und ſich ſelber vor ihm auch wie Eugenien hütete. Um ſo höher war Hans von Harder in Gunſt ge⸗ ſtiegen. Mit der Liebe miſchte ſich in Eugenien's Herzen beſorgtes Mitleid mit dem Kragken, und die Nachrichten vom Krankenbette, welche der Major faſt täglich nach Hauſe brachte, waren das Einzige, wonach ſie ſchmach⸗ tete,— ſo ſehr auch der Alte ſie mit ſcharfen Bemer⸗ kungen würzte und über den liebenden Engel ſpottete, welcher zu Häupten des Kranken wache— um die 14* 212 thörichte, unwürdige Liebe zu dem Ehrvergeſſenen im Herzen Eugenien's gänzlich zu erſticken. Wiederum aber verfehlte er ſeinen Zweck gänzlich, und dieſe bedauerte nur, nicht an Stelle der Corrado ſein zu können, und ſegnete das Weib, die den Geliebten pflegte.— So ſtand es im Hauſe des Majors, und als er heute, von ſeinem Beſuche zurückkehrend, von der Beſſe⸗ rung Harder's erzählte, und daß er heute ſeinen erſten Ausgang machen wolle, da zuckte es freudig durch Euge⸗ nien's Züge und ein leuchtender Blick flog zur Majorin hinüber, den dieſe mit einem eben ſo verſtändnißvollen erwiderte. Welling achtete nicht darauf, da er ſich bereits mit Jeannot unterhielt und nur noch auf ſein Pferd wartete, Un mit dieſem auszureiten— Nachdem der Major ihn verlaſſen hatte, blieb Hans von Harder mit Johannes allein und ſah lächelnd in das erwartungsvolle Geſicht des jungen Dichters, über welches von Zeit zu Zeit eine fliegende Röthe ſich ergoß. „Herr Baron“— ſagte er endlich,„ich danke Ihnen, denn ich glaube, Sie haben in dieſer Stunde mein Glück gemacht.“— „Nicht ich, mein lieber Freund, aber Prinz Kaver wird es machen, und Sie und Ihre arme Mutter wer⸗ 213 den endlich einmal wieder nicht nur beſſere, ſondern auch freudigere Tage ſehen.“ „Was meinen Sie denn, Herr Baron, was wird der Prinz mit den Gedichten machen?“— „Leſen wird er ſi ſicher erſt, und Ihnen dann ſchreiben, wie er ſie gefunden hat und daß er die Wid⸗ mung derſelben annehmen will, und auf das Schriftſtück hin, das glauben Sie mir, weiſet kein Verleger in der ganzen Reſidenz den Verlag zurück.—— Ah, guten Morgen, meine reizende Freundin!“ rief er lachend dann der Signora Corrado entgegen, welche mit Frau Roſen zugleich in das Zimmer trat und freudig das Wohlſein des Geliebten ſah. Sie hatte drüben gewartet, bis die alte Frau von ihrem Ausgange zurückkehrte und war ihr auf dem Fuße gefolgt. „Heute alſo, mein theurer Hans, wirſt Du von dieſem trauten Stübchen Abſchied nehmen, das für uns, mitten unter den Krankheitsſchmerzen, doch ein Tempel ſtillen und reinen Glückes geworden iſt? O, Frau Roſen, wir bleiben Ihnen ewige Schuldner für Ihre gaſtliche und freundliche Aufnahme, wie für die Pflege, die Sie und Ihr Herr Sohn meinem Freunde gewidmet haben.“ Frau Roſen int e lächelnd hinweg, und mit ihren immer noch ſchönen Augen, e leider ſo ſchwach gewor⸗ den waren, nach dem Marienbilde zeigend, welches den 214. kleinen Hausaltar ſchmückte, erwiderte ſie:„Nicht mir danken Sie, denn was ich that, war Chriſtenpflicht; Ihr die Ehre, der Heiligen, welche über Sie gewacht und Sie gerettet hat.“ Ihre Worte klangen ſo freudig und gläubig, daß ſelbſt Hans ſein Lächeln unterdrückte, die Signora aber blickte innig hinüber zu dem lieblichen Bilde der Gnaden⸗ mutter, die, ob ſie ſelber auch das Schwert im Herzen trug und unter den tiefſten Mutterſchmerzen litt, doch nur zu ſegnen verſtand. Hans nahm nun Abſchied,— dankte noch einmal der Mutter wie dem Sohne— verſprach bald und oft wiederzukehren— und ging dann mit der Signora hinweg. Auf ihren Zügen lag ein ſtolzes Entzücken, als ſie, den Geliebten ſtützend, ihn hinüber führen konnte in ihre ſtattliche Wohnung und ihn zum erſten Male wie⸗ der in den glänzenden Räumen willkommen hieß. „Willkommen, mein Geliebter!“ rief ſie freudig, willkommen tauſendmal, und möge nie wieder ein ſol⸗ cher Unfall uns betrüben.“— „Ich danke Dir, Marie, und werde Dir ewig danken für Deine Liebe und Treue, die ſich in den ſchweren Stunden ſo herrlich bewährt hat. Nur noch kurze Zeit Geduld und als mein Weib will ich Dir Himmel und 215 Paradies auf Erden ſchon bereiten. Dann verläßt Du die Bühne, und wir leben abwechſelnd auf Hardersberg und in Italien nur unſerm Glücke.“ „Wenn man uns Hardersberg nicht verſchließt,“ fügte die Signora hinzu, und eine Wolke flog über ihre Stirn. „Fürchte nichts, Marie, meine Eltern lieben mich, und wollen mein Glück.“— „Wenn es ſich mit der Ehre des Hauſes verträgt! Blut und Leben für die Ehre des Hauſes von Harder! ſo heißt ja wohl Eure ſtolze Deviſe,— o Hans⸗ ich kann nichts Gutes hoffen.“ Eine bange Ahnung ſchlich bei dieſen ernſten Worten über Hans, und es däuchte ihm, die Zeit ſeines Glückes doch nicht ſo ganz nahe und kampflos, wie er zuweilen träumte. Die Signora hatte die wunde Stelle berührt— die Ehre des Hauſes— und würde er ſich ihr nicht fügen müſſen, durfte er es wagen, die nieder⸗ geborene Künſtlerin einführen zu wollen in das Schloß der Harder's, unter die Reihe ſeiner Ahnen?— Sie, die nichts hatte, als den Ruhm und den Adel der Kunſt,— die nichts wußte von Ahnen und namen⸗ los, wappenlos,— keine Geborne war?—— Und doch ſollte es ſein, doch mußte es ſein! Auf dem Kran⸗ kenlager hatte er ſich ganz ihr zu Eigen gegeben und war 216 feſt entſchloſſen, den Kampf für ſeine Liebe zu wagen,— den Kampf mit der Welt, ſeinen Eltern und ſeinem Hauſe. Sein Wille war feſt und die Zeit ſollte Rath bringen!— Er hielt die Sie nicht für unwürdig, einzuz ieen ei das Schloß ſeiner Väter, denn kein Vor⸗ wurf, kein Makel haftet an ihr— als der ihrer Künſt⸗ lerſchaft, den aber erkannte er nicht an. Ja, hätte ein Makel an ihrer Ehre, an der Reinheit ihres Namens und Weſens gehaftet,— nie hätte er den Gedanken ge⸗ hegt, ſie zu ſeinem Weibe zu machen,— aber ſo ſollte ſie Sein werden, und die Liebe ſollte über die Url und ihre argen Vorurtheile triumphiren. „Sieh da!“ rief jetzt die Signora,„hier ſteht der Schmuck, den Du mir an jenem verhängnißvollen Abende bringen wollteſt!— Ich habe ihn 2 nicht aus ſeinem Etui genommen, aber morgen, morgen, wenn die Oper wieder beginut, und Du, geneſen, zum erſten Male wie⸗ der ſie beſuchen kannſt, will ich ihn in meiner neuen Rolle tragen— Dir zur Ehre, und zur Feier Deiner Ge⸗ neſug. Nun war es im Dachſtübchen der Frau Roſen plötzlich wieder einſam und ſtill geworden wie früher, und ſie rückte ihr Spinnrad wieder zurecht, während Johannes ſich um Schreibtiſche niederſetzte. Doch ſuchte er heute vergeblich ſeine Gedanken zu ſammeln u ſie der Arbeit zuzuwenden, denn immer auf's Neue wieder flogen ſie dem Vorfalle mit dem Prinzen Xaver zu und ergingen ſich in Hoffnungen und Befürchtungen für ſeine Dichtung. Es war unmöglich, er konnte nicht arbeiten. Auf ſeinen Wangen brannte glühendes Roth der Aufregung und Erwartung, und die Mutter ſah ihm lächelnd zu, wie er gedankenvoll im Zimmer— ohne Ruhe und Raſt.„Das Dachſtübchen iſt Dir wohl zu enge geworden, mein Sohn, ſeitdem der Prinz ſo freund⸗ lich mit Dir geſprochen und Deine Hoffnungen ſo hoch geſpannt hat?“— heu ſie endlich mit leiſem Spott und lachte ihn aus, als ſie ſein verlegenes Geſicht er⸗ blickte. Gleich darauf e erwiderte er ebenfalls lachend: „Du tcnſt noch gar nicht wiſſen, was der Prinz für Pläne mit mir vor und wenn er mich zu ſei⸗ nem Hofpoeten ernennt, dann gebe ich Dir Deinen Spott zurück.“— Doch indem er das ſagte, flog die alte Wolke der Verſtimmung über ſeine Züge,— und leiſe klagend flüſterte er: „Thörichte Söſnun— Glück 6 mich,— den Sohn des Geächteten Als ob der Fluch ſobald ſich wendete, als ob ein Prinz ihn wegblaſen könnte, wie einen Staubſtech, der den Glunz ſeines Sternes verdun⸗ 218 kelt! Nein, nein— keine Illuſionen und thörichte Hoff⸗ nungen;— mein Theil iſt der Fluch— mein Erbe die Schande!“——— Die Mutter ſah ſchmerzvoll die Wolke auf der Stirn des Sohnes und errieth mit mütterlicher Zärtlich⸗ keit den Grund derſelben. Und durfte ſie ihm denn zür⸗ nen deßhalb, durfte ſie ihn tadeln, daß er ſeufzte unter der Laſt des Fluches, der ſein ganzes Daſein drückte und ihn ehrlos erklärte für alle Zeiten— zur Sühne für fremde Schuld?— Da rollte unten eine Caroſſe vor die Thür, und Herr Dankbar, der elegante Buchhändler, ſchwang ſich leicht heraus und verſchwand im Hauſe. Johannes ſah es und bemerkte bitter:„Da iſt nun die Profeſſorin geſtern kaum von ihrer Reiſe zurückge⸗ tehrt, und ſchon flattert auch Herr Dankbar wie ein Geier herbei, um ſich die Ausbeute derſelben nicht ent⸗ gehen zu laſſen. Ihr ſinkt er faſt zu Füßen, um für ſchweres Geld einen neuen Roman der Gefeierten zu erlangen, mich aber weiſet er von der Thür— mit Schmach und Schande!“—— Diesmal aber hatte ſich Johannes doch geirrt, Herr Dankbar ging an dem eleganten Gemache der Pro⸗ feſſorin vorüber und keuchte höher hinauf— immer hö⸗ her hinauf— bis zu dem Dachwerk, bis er vor der Thür 219 der Frau Roſen ſtand, und, von dem Steigen ſchwer er⸗ ſchöpft, hoch aufathmete. Dann klopfte er an und trat ein. Ja, Johannes irrte ſich nicht, es war wirklich Herr Dankbar, der da eben elegant durch die Thür ſchritt, und Herr Dankbar ſchien ſich auch nicht in das Dachſtübchen verirrt zu ha⸗ ben, denn als er Johanues bemerkte, lächelte er ſo ver⸗ bindlich, als es ihm nur immer möglich war, und be⸗ grüßte ihn mit großer Freundlichkeit. Er ſchien die Sceue von früher ganz vergeſſen zu haben, und vergeſſen die Schmach und die Demüthigung der Rolle, welche Joh annes ihm damals gegenüber hatte ſpielen müſſen, ihm, dem nur ſpeculativen Geſchäftsmanne, der ein Ta⸗ lent verſtößt, um ſeines Namens willen,— wie ihm, dem ſchurkiſchen Clavierlehrer, deſſen Herz in ſchändlicher Schadenfrende triumphirte. Wie geſagt, Herr Dankbar ſchien das Alles ver⸗ geſſen zu haben, denn in ſeinem Geſichte ſah man nichts als reine Seligkeit und liebevolle Theilnahme,— und Johannes Hand ergreifend, rief er mit warmem Drucke: „Sie glauben nicht, mein junger Freund, wie glücklich es mich macht, Ihnen freudige Nachricht bringen zu können. Se. Durchlaucht Prinz aver haben mir Ihre neue Dichtung mitgetheilt, und ich bin entzückt ge⸗ weſen von der Macht der Poeſie, die wie ein ſtrahlen⸗ 220 der Quell uns daraus entgegenquillt. Se. Durchlaucht waren ganz hingeriſſen, wollen auch die Widmung der Dichtung huldreichſt annehmen und— haben mir das Manuſcript gleich überlaſſen. Es befindet ſich ſchon in der Druckerei; und ich habe Alles für die ſauberſte und eleganteſte Ausſtattung angeordnet. Sie ſollen ſehen, wir präſentiren der ſchönen Welt eine Miniaturausgabe — ein Prachtwerkchen, verſichere ich Sie— welches Ihnen Ehre machen ſoll.“ „Aber Herr Dankbar“— unterbrach ihn Johannes ganz erſtaunt, und wie von einem Traume befangen. „Bitt ſchön, bitt' ſchön, lieber Herr Roſen, laſſen Sie mich nur machen, Sie ſollen mit mir zufrieden ſein. Ich bin gekommen, Ihnen das mitzutheilen, und Ihnen einen Gruß von Seiner Durchlaucht zu bringen, wie auch zugleich mich mit Ihnen über die Bedingungen zu einigen.“— 3 „Aber, mein werther Herr Dankbar,“— unterbrach ihn Johannes wieder, den die Fluth der Ereigniſſe wie ein betäubendes Sturzbad überwallte. „Bitt ſchön, bitt ſchön, Sie ſollen mit mir zufrie⸗ den ſein,— es iſt ein Erſtling zwar, aber es iſt ſchön, und ich glaube, Sie werden wohl mit hundert Thaler zufrieden ſein. Sind Sie's? ja?“— „Aber Herr Dankbar—“ 221 „Keine Sorge, mein lieber junger Freund,— ich habe ſchon Alles vorgeſehen und Contract und Geld in der Taſche. Hier ſind hundert Thaler, bitte unterzeichnen Sie— nur Ihren Namen, dann iſt Alles in Ordnung, und Sie erhalten in vierzehn Tagen Ihre Dichtung ſau⸗ ber, fein und Ihrer und des hohen Protectors, wie mei⸗ ner Firma würdig ausgeſtattet.“ Johannes ſah wohl, daß mit dieſem Geſchäfts⸗ manne keine Erörterungen möglich ſeien— vielleicht wollte er ſie auch unmöglich machen; er unterſchrieb deßhalb, und Herr Dankbar tänzelte nach einem neuen letzten Händedrucke leicht und elegant wieder hinaus und hinab— von dem überraſchten Dichter geleitet. In dem Augenblicke wo Herr Dankbar in den Wa⸗ gen ſtieg und mit einem Gruße an Johannes davon fuhr, trat Hans von Harder aus dem Hotel Corrado, um ſeine Beſuche zu machen. Mit einem Blicke auf Herrn Dankbar und den freudig erregten Johannes errieth er Alles und grüßte den Letzteren mit einem ermuthigenden Lächeln, dann ging er langſam weiter und dankte im Herzen dem Prinzen, der ſich ſeines Schützlings ſo kräf⸗ tig angenommen hatte. Johannes aber kehrte ganz betäubt nach oben zurück. Vor ſeiner aufgeregten Seele bewegten ſich tauſend Hoff⸗ nungen und Spiegelbilder einer ſchönen, glänzenden 222 Zukunft wie lockende Traumgeſtalten, und ſelber träu⸗ mend, ſah er gar nicht, daß ihm der Briefträger auf der Treppe begegnete, der eben von oben kam, ſah nichts, gar nichts von dem, was ihn umgab, ſondern ſchwankte nach ſeinem Dachſtübchen, wo noch immer der neue glän⸗ zende Caſſenſchein auf ſeinem Schreibtiſche lag. Doch er lag nicht mehr allein. Ein kleines Paket, in graue Leinwand genäht, auf dem mit kräftigen Buchſtaben das Wort Werth 50 Rth. ſtand, lag daneben und Johannes richtete fragend ſein Auge nach der Mutter hin, die an⸗ dächtig betend vor dem Muttergottesbilde kniete. Ihr ſchönes Auge war feſt auf die Mutter der Gnaden ge⸗ richtet; das edle Matronengeſicht ſtrahlte in einer nie gekannten Verklärung, und als ſie ſich endlich erhob und frendig zu ihrem Sohne ſich wandte, rief ſie laut: „Danke der Heiligen, mein Sohn, denn das Glück giſt eingekehrt in unſer ärmliches Stübchen, und Du, mein Kind, ſollſt nun den Lohn empfangen für alle Schmach und Entbehrung, die Du ſeit Jahren haſt ertragen müſſen.“ Und mit einem ſchnellen Griffe ſchnitt ſie das Paketchen auf, zog ein Buch daraus hervor, das in ele⸗ gantem Miniaturband gebunden war, und reichte es ihrem Sohne hin. Johannes ſchlug es erwartungsvoll auf, warf einen 223 Blick nur auf das Titelblatt und ſank mit lautem Auf⸗ ſchrei in den Lehnſtuhl ſeiner Mutter. Dei Brief entfiel ſeinen zitternden Händen, Thränen ſtrömten ihm aus den Augen und auf ſeinen Wangen wechſelten tödtliche Bläſſe und höchſte Gluth mit fieber⸗ hafter Schnelle. Es war zu viel für ihn, zu viel auf einmal, und nur langſam konnte er ſich wieder erholen und blickte mit naſſen Augen auf zu ſeiner Mutter, die unter Thränen lächelnd vor ihm ſtand und ihn anſchauete mit dem Aus⸗ drucke des höchſten und reinſten Glückes. Zögernd faßte er nach der Stirn— ob auch das Alles wohl ein Traum geweſen;— dann griff er noch einmal nach dem Buche, ſah noch einmal auf den Titel und ein Freudenruf ertönte von ſeinen Lippen. Ja, ja, es war Alles Wahrheit, er hatte nicht ge⸗ träumt,— und keine trügeriſche Fata Morgana hatte ihn geneckt. Da ſtand es ja mit großen, ſchön verzierten Schriftzügen und lachte ihm entgegen wie ein verklärtes Bild ſeiner Selbſt:„Gedichte von Johannes Roſen.“ Begierig fing er an zu leſen, ob ſie's auch ſeien, die da gedruckt ſtanden;— ob ſie's auch ſeien, die Ge⸗ fühle und das Empfinden, die in den ſchönſten heiligſten Stunden des Lebens aus Herz und Seele ihm entſprun⸗ gen waren, und je mehr er las und je weiter er kam, 224 und in den gedruckten Blättern ſich ſelber erkannte und ſein heiligſtes Empfinden— um ſo höher glänzten ſeine Augen, verklärte ſich ſein ganzes Sein.— Das Mittel der Mutter hatte geholfen. Nachdem ihr gohannes, auf ihren Wunſch, vor einigen Wochen das von Herrn Dankbar verſchmähte Mannſcript übergeben, ſie es an ihren einzigen Bruderzin Dresden gefandt, der zugleich der Einzige war, welcher die unglückliche Witwe in ihrem Elend nicht verlaſſen hatte— hatte ihm das Schickſal ihres Sohnes mitgetheilt und um ſeine Bemühung für das Werk desſelben gebeten. Ein Dresdener Verleger hatte gern den Verlag übernommen, und heute nun ſandte der Onkel ein ge⸗ drucktes Exemplar der Gedichte nebſt fünfzig Thaler Honorar. Die Nacht des Mißgeſchicks und der Schande ſank giir tiefer hinab in das Meer der Zeit und der Pergſſenheit. Hell und ermuthigend lachte den beiden Jeprüften die Sonne einer neuen ſchönen Lebenshoff⸗ nung entgegen— und nur der Gedanke an Marie, das arme verführte— und doch ſo ſtill und heißgeliebte Mädchen,— das vielleicht jetzt in ihrer ſchwerſten Stunde ſeufzte, während ſich über ſein Haupt der Segen des Himmels ergoß, trübte Johannes Freude. Frau Roſen bemerkte die Wolke an ſeinem Glücks⸗ — „ VN * himmel, und mit dem Inſtinct des Mutterherzens ihren Grund errathend, führte ſie ihren Sohn vor das Bild⸗ niß der Gnadenmutter: „Danke ihr!“ rief ſie feierlich,„ſie hat geholfen; vertraue ihr, ſie wird auch weiter helfen und endlich Alles gut machen, was heute Deine Seele noch bedrückt!“ Unterdeſſen ging Hans von Harder langſam durch die Straßen. Langſam, vorſichtig, um jede Erſchütterung zu vermeiden. Deßhalb durfte er auch nicht reiten oder fahren— und ſeine Seele ſog mit Entzücken die freie Luft. Er fühlte ſich ſo leicht, ſo frei, wie neugeboren, und ging es auch nur langſam,— langſam— leiſe— vorſichtig— ſo lebte er doch wieder, war doch wieder im Leben, und brauchte nicht mehr gefeſſelt und reglos wie eine Maſchine auf dem Lager zu lieren und immer nur hinzuſtarren auf das eine Fenſter, das ihm immer nur, wochenlang, nichts als das eine Stückchen Himmel gezeigt hatte, blau oder bewölkt, wie es das Wetter mit ſich brachte. Er lebte, bewegte ſich wieder in freier Luft — und bald, ja bald mußte er in der Freiheit ganz geſunden. 6. Endlich langte er vor Silbermann's Hauſe an. Ophelia hatte ihn kommen ſehen, hatte ſchon einen Strahl ſeines dunkeln Auges empfangen, das heute ſo freude⸗ Ehre. D. 15 „„ glänzend blickte, und ſie ſandte ihm einen Diener ent⸗ gegen, daß er ihn ſtützen möge auf den Treppenſtiegen. Freudig bewillkommnete ſie ihn ſelber, wünſchte ihm mit bewegter Stimme Glück zu ſeiner Geneſung und konnte nicht müde werden, ihn anzuſchauen, der ihr nie ſo ſchön und reizend erſchienen war, als heute, wo die Bleiche der Schwäche und Krankheit noch Sitz hielt auf den zarten Zügen. Die halbe Hilfloſigkeit, die den Ge⸗ neſenden noch Tage lang anhängt, kleidete ihn reizend, und die ſtolze Ophelia ſelber war unermüdlich beſorgt, ihm beizuſtehen und ſeinen Sitz in der weichſten Ecke des Divans ſo bequem als möglich zu arranziren. Unermüd⸗ lich forſchte ſie, ob wohl noch ein Kiſſen als Stütze nöthig ſei, und die dankenden Blicke des Reconvalescenten, der noch in Gewohnheit war hilfsbedürftig zu ſein und, durch den Weg wirklich ermüdet, Alles geduldig über ſich ergehen ließ, färbten ihre Wangen mit einem ſeltenen Roth des Glückes und der Frende. Hans bemerkte es erſtaunt, und zum erſten Male kam ihm eine Ahnung, daß die ſtolze Tochter Silber⸗ manu's ihn lieben könne. Jetzt erinnerte er ſich aller Kleinigkeiten und Einzelheiten aus ſeinem Verkehr mit Silbermann, und einzelne Worte und Andeutungen, die er früher als bloße Maximen des Geld⸗ und Geſchäfts⸗ mannes achtlos belächelt hatte, gewannen ihm Bedeutung, — — 227 und ziemlich klar tauchte ihm die Gewißheit auf, daß ihn Silbermann als Schwiegerſohn wünſche, und daß Ophelia ihn liebe!— Da fielen ihm auch ſeine Wechſel, ſeine Schulden bei Silbermann ein, ſo wie der Umſtand, daß dieſer ſtets ſo bereitwillig und coulant gegen ihn geweſen!— Sollte das vielleicht nur eine Falle ſein, ihn zu fangen; waren vielleicht die Wechſelchen beſtimmt, einſt der Kaufpreis für ihn ſelbſt zu werden?— Silbermann war ein Jude, dem Geld Alles und der Alles für Geld zu haben gewohnt war;— doch Thorheit, die Wechſel wurden bezahlt, und er war quitt mit dem Juden. Zürnte dann auch der Vater, ſo ging ihm doch die Ehre über Alles, und er würde gern die paar tauſend Thaler bezahlen, hatte er doch dann den Sohn rein und adelig wieder, und die Heirat mit der Corrado, dieſem herrlichen und reichen Weibe, brachte Alles wieder ein. Thorheit über ſo etwas zu grübeln, als ob der Iude einen Freiherrn mit ein paar tauſend Thalern kau⸗ fen könnte!— Hans ahnte nicht wie ſchwer es ſeinem Vater werden würde, ja daß ihm es vollkommen unmög⸗ lich wäre, jetzt dieſe paar tauſend Thaler zu brſchaffen; er ahnte nicht, daß dieſe paar tauſend Thaler, wenn ſie heute verlangt würden, ſeine Familie in Schande und 228 Hardersberg in Concurs und unter den Hammer des Auctionators bringen würden! Während er hier ſaß und geneſend ſich mit der ſchönen Ophelia unterhielt, von deren Vater er heute wieder eine Anleihe erheben wollte, ahnte er nicht, wie ſein Vater auf Hardersberg ſich unter ſchweren Sorgen wand und faſt erlag unter der Laſt des Geſchickes,— ahnte er nicht, wie die Eltern litten mit der Schweſter, und wie die Sorge und der Kummer um das Hinſinken des äußern Glanzes, der ihr Haus Jahrhunderte lang verklärt hatte, ihre grauen Haare völlig bleichten und ihnen die letzten Lebenstage verbitterten!— Ophelia war unendlich liebenswürdig. Sie ſaß neben Hans auf dem Divan und blickte ihn an mit ihren ſchwarzen Augen, in denen ein ganzes Meer von Hoff⸗ nungen und füßen Verheißungen ſchwamm, und in ihrem Innern zitterte die bange Frage:— ob er ſie wohl liebte?— Sein Auge ruhte ſanft und theilnehmend auf ihr, und ein Lächeln, das ihn bei ſeiner Schwüche reizend kleidete, dankte ihr für die Bemühungen, ihn zu erheitern. Endlich kam auch Herr Silbermann mit ſeiner bekannten Stereotype auf den Lippen und drückte empha⸗ tiſch ſeine Freude aus, den lieben Gaſt geneſen wieder zu ſehen. Hans durfte ſich nicht erheben, nicht ſeine Be⸗ quemlichkeit ſtören, ſondern Herr Silbermann rückte ſeinen Stuhl neben ihn, und Hans mußte nun wie⸗ der das Märchen von ſeiner Gedächtnißloſigkeit erzäh⸗ len, und wie er ſich durchaus auch nicht mehr des Geringſten von dem erinnern könne, was an jenem Abende noch mit ihm geſchehen ſei, nachdem er die Ge⸗ ſellſchaft verkaſſen habe. „Schade, ſchade,“ erwiderte Herr Silbermann mit bedächtiger Miene,„ſollte man doch unterſuchen ſolche Sache, bis auf den tiefſten Grund, und ſtrafen einen Mann, der gethan hat ſo gottvergeſſenes Werk. Würden wir doch geſtürzt ſein alle in tiefſte Trauer, hätte der Menſch Sie getödtet, Herr Baron, während wir heute ſind freudig und glücklich, Sie wieder bei uns zu ſehen geſund und munter. Nicht wahr, Ophelia?“ Ophelia ſtimmte erröthend bei, und als Herr Sil⸗ bermann den Daukesblick erhaſchte, den Hans in dieſem Augenblicke ſeiner Tochter ſandte, da war er hochbeglückt und glaubte ſich dem Ziele ſeiner Wünſche nahe— Ophelia bereits im Vorhofe ihres erſehnten Glückes. Ophelia eilte davon, um für den lieben Gaſt einige Erfriſchungen ſelber zu beſorgen, und unterdeß machte Hans ſein Geſchäft mit dem Vater ab. Dieſer, der Alles in Ordnung, ſich und ſeine Tochter am Ziele der Wünſche glaubte, gab mit Freuden ein neues Anlehen her⸗ 230 ſtrich faſt achtlos den Wechſel ein und eilte ſchnell auf dus Gebiet der Unterhaltung zurück, ehe noch Ophelia wieder in das Zimmer trat. Hans durfte noch lange nicht fort, ſondern mußte erſt noch von den ausgeſuchteſten Erfriſchungen und den feinſten Stärkungsweinen genießen, mußte verſprechen bald, recht bald und ganz geneſen wiederzukehren, und durfte dann endlich gehen, um auch bei Welling ſeinen Beſuch machen zu können. Vater Silbermann und Ophelia begleiteten ihn glückwünſchend bis auf die Straße.— Hans ging wirklich zu Welling, trotzdem ihn der Major nicht eingeladen hatte, und ward von den Damen auf das Freudigſte begrüßt. „Mein Mann reitet mit Herrn Dr. Jeannot ſpazieren, und Herr von Brandach iſt ihnen eben auch nachgefolgt— Sie aber, Herr von Harder, als Recon⸗ valescent, ſollen uns willkommen ſein— ſagte ihm die Majorin herzlich.„Wir freuen uns ſehr, Sie geſund wieder zu ſehen, nachdem Sie uns Allen einen ſo hefti⸗ gen Schreck eingejagt haben, und wir Tage lang für Ihr Leben bangen mußten.“ Eugenie war zurückhaltend, aber aus ihren Augen leuchtete helle Frende, und dieſer Ausdruck entging Har⸗ der nicht. Ihr gegenüber fühlte er ſich ſchuldig, da er —— ihre Liebe geweckt hatte im Parke zu Ballenſtädt, ohne ſie nilrrdern zu können;— und doch durfte es ihm angerechnet werden, daß dieſe ſeine Jugendliebe einer andern gewichen war, während ſie in Eugenien's Herzen lebendig fortlebte?— Konnte er ſeinem Herzen befehlen, heute noch zu lieben, wo er einſt geliebr?— Er konnte es nicht, und hatte es ihm neulich ſo geſchienen, als er zum erſten Male ſie wieder ſah, heute ſah er es auch Eugenie ge⸗ genüber ein, daß die Signora Königin in ſeinem Herzen ſei, daß ihr jeder Schlag desſelben, jeder Tropfen ſeines Blutes gehöre, und daß er ſterben werde, ſollte er ihr entſagen.— Aber dennoch fühlte er ſich unbehaglich dieſem hol⸗ den Kinde gegenüber, aus deſſen ſonſt ſo ſchelmiſchen Augen jetzt eine ſchwermuthsvolle Sehnſucht leuchtete, und den ſchnellen Aufbruch mit ſeiner noch immer ſicht⸗ baren Schwäche— und dem erſten Ausgange entſchul⸗ digend, empfahl er ſich dankend und verbindlich,— mit der Abſicht, nicht wiederzukehren und durch ſeinen An⸗ blick Eugenien's Ruhe nicht wieder zu ſtören. Seine Liebe war geſtorben im Rauſche der Leiden⸗ ſchaft für die ſchöne Italienerin, die nichts gemein hatte mit der heiligreinen Himmelsflamme, wolche bei Euge⸗ nien's erſtem Anblicke in ſeiner Bauſt erwacht war, und 4 „ die er doch nun für die wahre beglückende Liebe hielt, während er die Gefühle für Eugenie als Jugendthorheit belächelte. Hatte er auch, als er Sie wieder ſah, noch einmal geſchwankt Puiſchen ihr und der Signora— ſeine Krankheit und die Pflege der Letzteren, die ihm ihre ganze Leidenſchaft für ihn ſo recht enthüllte, hatten für ſie entſchieden, und ſo unbeſchränkt beherrſchte ſie ſein Herz, daß er entſchloſſen war, ſie, aller Welt zum Trotze, zu ſeiner Frau zu wählen. „Eugenie iſt noch ſo jung,“ ſagte er, ſich ſelber be⸗ ruhigend,„ſie wird vergeſſen lernen, wenn ſie mich nicht ſieht. Möge ſie recht glücklich werden— recht glücklich — wie ſie es verdient!“ Ende des zweiten Bandes. Druc von F. Fridich. ——— ſ 6 ſſſſſ i 6 8 9 10 11 14 18 1 . 3 .