4 Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe en⸗ welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———.——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 7 Zibliothek deutſcher Byeginalromant. Siebenzehnter Jahrgang. Neunter Band.* E h Wien. 3 H. Markgraf& Comp. 1862. re Roman in ſechs Büchern von Julius Mühlfeld. Nicht trotz auf Väter Der Spanner kann d Was frommr der Wert Mit eig'ner Fluth der Shre, die eign'e⸗nur iſt Dein, Bogen nur nennen Sein, r welcher nicht mehr verweilet? traftſtrom durch's Meer hineilet. Fritjofsſage.) 5 ₰ Vierter Theil. 03. Wien. H. Markgraf& Comp. . 1862. S Inhalt. Seite Erſtes Capitel. Die Noth ſteigt. 1 Zweites Capitel. Zwiſchen Leben und Tod 2 Drittes Capitel. Ein Bild in Waſſerfarben 41 Viertes Capitel. Die Ehre der Arbeit„69 Fünftes Capitel. Wiederſehen und Scheiden 97 Sechſtes Capitel. Gefunden und vereint 124 Siebentes Capitel. Neapel„1153 Achtes Capitel⸗ Schluß Per Buchhalter 9 ———— Erſtes Capitel. Die Noth ſteigt. Wenige Tage darauf wanderte eine gebeugte ju⸗ gendliche Geſtalt durch die Straßen von New⸗Orleans, die die mitleidigen Blicke manches Vorübergehenden auf ſich lenkte. Es war Hans von Harder, und die Sorge und Verzweiflung, wie die Angſt vor dem Hungertode, hatten dem armen Verwöhnten ſo arg mitgeſpielt, daß er einem eben vom Fieber erſtandenen ähnlich ſah. Während der tagelangen Wauderung durch die Wildniß, in der ihm nur ſelten Spuren menſch⸗ lichen Daſeins begegnet waxen, hatten die ängſtlichſten Vorſtellungen, die aufreibendſten Ideen einer ſchrecken⸗ vollen Zukunft Zeit gehabt ihn gehörig zu ſchütteln, und mit dem Adel und Wohlleben war auch ſein Muth dahin. Der Piſtole eines Gegners, welcher mit einem Worte ſeine freiherrliche Ehre beleidigte, hatte er ſich Ehre. 1v. ruhig und ohne Zittern gegenüber geſtellt,— denn es galt ja die Ehre,— dem Leben gegenüber aber, das jetzt einen ernſten Chorakter annahm, und ihm ebenfalls kalt und drohend wie ein Piſtolenlauf anſah— dem Leben und ſeiner Sorge gegenüber war er ſchwach und muth⸗ los, und ließ feige die Schwingen hängen, ſtatt den Kampf anzunehmen und muthig für das Daſein zu ſtreiten. Feig und ſchlaff bot er ein Bild des tiefſten Seelen⸗ jammers, und immer von Neuem betrachtete und prüfte er ſeinen Kaufcontract, an deſſen mögliche Echtheit er ſich anklammerte, wie der Ertrinkende nach dem Strohhalme haſcht. Er las und las immer wieder und Thränen der Angſt und Muthloſigkeit näßten oftmals das Papier, wenn er an die Worte und die ſichere Ruhe des Mr. Stephenſon dachte, der wenig genug Luſt zu haben ſchien, ſein Beſitzthum zu verlaſſen. Er war alſo betrogen, ſeines letzten Beſitzes be⸗ raubt und ſchlich als Bettler mit einer Baarſchaft um⸗ her, die ihn teinen Tag mehr vor dem Hunger ſchützen konnte. Er war betrogen— ſchändlich betrogen— ein elender Bettler!— Doch nein— das konnte ja nicht ſein— der Kaufbrief war ſicher echt,— es mußte ſich ausweiſen, er war echt— er durfte ja nicht falſch ſein! 3 — Fort nur, vorwärts zu einem Advocaten, der mußte ihn retten, und ihm zu ſeinem Rechte, zu ſeinem S thum verhelfen!— Dos war bei dem Unglücklichen zur fixen Odee ge⸗ worden. Furcht und Hoffnung raſten um die Wette durch ſein Hirn, und er war wirklich krank, als er nun endlich in New⸗Orleans ankam. Aus ſeinen hohlen Augen glänzte Fieberglück und auf den Wangen blühten Flammenroſen, die jedem Arzte Beſorgniß gemacht hätten. Ueberdieß war ſein Anzug durch die Strapazen der Reiſe mehrfach ruinirt und uunpent gewor⸗ den, doch achtete er deſſen nicht,— ſein Gedanke haftete auf dem einen Punkte— er wollte ſein Recht und ſein Beſitzthum haben. So wankte er durch eine der belebteſten Straßen von Orleans, ſah ſich jedoch vergeblich nach einem deut⸗ ſchen Geſichte um, bei dem er ſich nach einem Advocaten erkundigen könnte. Weiter und weiter trug ihn ſein ſchwankender Fuß,— er redete endlich einen der ihm Begegnenden an, der jedoch kopfſchüttelnd vorüber ging — und Harder wagte den Verſuch nicht zum zweiten Male, Weiter und weiter ſchwankte der Arme, bis ihm das Schickſal einen Deutſchen nigetiſihe den er wotz ſeiner Geſchäftseile anhielt. 1* — 4 „Können Sie mir nicht die Wohlung eines tüchti⸗ gen, wenn möglich deutſchen Advocaten bezeichnen, mein Herr?“ redete er ihn an, dem Fremden gegenüber ſofort alle Gewandtheit europäiſcher Form wieder gewinnend. „Sie ſtehen vor dem Hauſe eines der Tüchtigſten und der ein Deutſcher iſt,— erwiderte der Gefragte freundlich, auf ein elegantes Haus zur Rechten deutend, und war in dem Gedränge der Vorübergehenden ver⸗ ſchwunden, ehe noch Hans ihm danken konnte. Dieſer zog an dem bezeichneten Hauſe die Glocke, worauf die Thür geöffnet ward und ſich ein ſchwarzer Portier in glänzender Livrée zeigte, der auf engliſch nach dem Begehr des Fremden fragte. Harder trat ein und fragte deutſch, ob der Herr Advoeat zu Hauſe und zu ſprechen fei. „Der Herr Doctor ſind in ſeinem Zimmer, ich werde den Herrn melden,“— erwiderte der Schwarze jetzt ebenfalls in geläufigſtem Deutſch und verſchwand geränſchlos hinter einer der etwas tief gelegenen Thüren. Gleich darauf kehrte er zurück, winkte dem Warten⸗ den einzutreten und— Harder ſah ſich ſeinem Reiſege⸗ fährten vom Dampfſchiffe, dem alten Mr. Roſt gegen⸗ über.— Dieſer war nicht wenig erſtaunt über das ſonder⸗ bare Zuſammentreffen, und blickte theilnahmvoll auf 5 das zerrüttete Aeußere des jungen Mannes, deſſen fieber⸗ hafte Erregung jetzt wieder auf das Höchſte ſtieg. Mr. Roſt ahnte dunkel, was hier geſchehen ſein konnte, und griff theilnahmvoll nach dem Papiere, das Harder ihm entgegenreichte. „Prüfen Sie, Mr. Roſt, prüfen Sie, iſt dieſer Kaufcontract mit ſeiner Beſtätigung echt?— Man will mich betrügen, mir mein Eigenthum vorenthalten,“— ſagte er mit bebenden Füßen,—„prüfen Sie, ich bitte Sie, und ſagen Sie mir es, daß kein Menſch mir meine Farm ſtreitig machen kann.“ Seine glühenden Augen hin⸗ gen durchbohrend an Mr. Roſt's Zügen, als wollten ſie den innerſten Gedanken ſeiner Seele ergründen. „Armer Jüngling,“ rief der theilnahmvolle Mann nach kurzer Prüfung,—„es iſt leider ſo. Sie ſind be⸗ trogen, und die Beſtätigung der Behörde iſt gefülſcht. Die fragliche Farm gehört übrigens meinem ulten Freunde Stephenſon, der ſelber noch rüſtig iſt und außerdem zwei Söhne beſitzt, die wohl ſchwerlich die Farm jemals verkaufen werden.“ „Alſo wirklich, doch betrogen!“— ſtammelte Har⸗ der tödtlich erbleichend.— Es war zu viel für ſeine er⸗ ſchöpfte Natur— die Fieberglut entwich, das Auge brach, und der Unglückliche ſank bewußtlos auf dem Teppiche des Zimmers nieder. 6 Die Glocke Mr. Roſt's rief einige Diener herbei, die den Bewußtloſen aufhoben und auf das Kanapee betteten. Mr. Roſt holte Salze und belebende Eſſenzen herbei, und nach vielen Bemühungen gelang es, den Bewußtloſen zum Leben zurückzurufen. Da ſich dieſer vor dem Manne, der ihm ſein trübes Schickſal voraus verkündet hatte, ſeiner Schwäche ſchämte, richtete er ſich kräftig empor und dankte für die freundliche Hilfe bei dem böſen Zufalle, den er der Einwirkung ſeiner langen Fußreiſe zuſchrieb, die er niemals hatte vertragen können. „Alſo wirklich betrogen— und hoffnungslos? fragte er noch einmal leiſe. „Rettungslos, lieber junger Mann, und man kann den Schurken nicht einmal verfolgen, ohne noch Tauſende e zu opfern— und vielleicht, ja wahrſch eiulu ſogar, doch ohne Erfolg. Denn die Leute werden ſen ihren Wohuß itz und auch die Firma geändert hwen, und es iſt nichts ſchwieriger, als in den Ver⸗ einigten Staaten, zuiſchen dieſem maßloſen Verkehre ein Paar ſolcher Individuen habhaft zu werden, die noch dazu ſich ſelber nicht ſicher fühlen und Gründe haben, ſich vorſichtig verborgen zu halten. Nein, das geben Sie nur von vorn herein auf, und betrachten Sie den Verluſt als ein frommes Lehrgeld. Sie haben gleich 7 zu Anfang eine ſehr trübe und theuere Erfahrung ge⸗ macht, und ich will nur wünſchen, daß es die letzte ſein möge.— Kann ich Ihnen als Landsmann viel⸗ leicht in etwas dienlich ſein?“— fragte er freundlich, als er bemerkte, daß Harder gehen wollte. „Nein, ich danke für Ihre Freundlichkeit— ich vanke Ihnen herzlich, Mr. Roſt!“— erwiderte Har⸗ der dumpf, ſteckte das verhängnißvolle Papier wieder in die Taſche und verließ mit einer leichten Verbeugung das Zimmer. Mr. Roſt hatte in ſeinen Zügen den Ausdruck der Verzweiflung geleſen und blickte ihm mitleidig nach. „Wieder Einer von den Tauſenden, die hier den Himmel ſuchen wollen und die Hölle finden: Einer ſo, der Andere ſo— wer ihnen doch helfen könnte!“— Harder rannte wie beſeſſen durch die Straßen, denn jetzt, da er nun die Gewißheit ſeines Ver⸗ luſtes hatte, da er ſein gutes Recht zur Chimäre gewor⸗ den ſah, fühlte er noch einmal die ganze Schwere des Unglücks, und ſein Blick fiel ſchwer und bang auf die dunkle Zukunft, die ſeiner warten mußte. Was ſollte er nun, aller Mittel beraubt, in dem fremden Lande beginnen, deſſen Sprache er nicht ver⸗ ſtand und in der man barbariſch genug, ſeine Offiziers⸗ künſte gar nicht einmal zu ſchätzen wußte? 8 ₰ Arbeiten— dieſes Wort konnte ſein Lerwöhnter Magen noch immer nicht verdauen, und ſchließlich wußte er auch gar nicht einmal, was er arbeiten ſollte, denn er verſtand eben ſo wenig, eine Arbeit zu verrichten, als das Wbeiten ſelber. Sein Beruf war es geweſen, die S Hauſes zu wahren, von der man in ſeinem Sinne in Amerika nichts wußte; nie aber hatte man daran gedacht, ihn darauf hinzuweiſen, wie man auch Brot verdienen könne, wenn man nicht adelig ſei und nicht zu den Auserwählten der Geſellſchaft gehöre. Doch genug davon— ſein Zuſtand gränzte an Verzweiflung, und er zermarterte ſein Gehirn mit Plä⸗ nen aller Art Aber überall kam endlich doch ſeine Un⸗ zulänglichteit zu Tage, und zu Nichts— entſetzlich für ihn ſelber zu keiner Beſchäftigung fand er ſich paſſend. Wo Geiſt gefordert ward, fehlte es ihm an Kenntniſſen, und wo man roher Kraft bedurfte, thätige phyſiſche Anſtrengung muskulöſer Glieder, erweckten ihm ein Blick auf die ſchlanke Taille, die zarten Arme und weißen Hände mehrmals gerechte Beſorgniß. Er war eben nichts, als ein Cavalier; ſein Wiſſen war der Stolz auf Adel und Rang, ſeine Kraft perfeete Ausübung nobler Paſſionen, die aber nur Geld zu koſten pflegen, während er ſich in der Nothwendigkeit be⸗ fand, Geld verdienen zu müſſen. Denn ſchon war ſeine 9 Baarſchaft zu Ende, und er hatte die letzten Cents für ein frugales Eſſen im Gaſthauſe bezahlt. So ſtand er hilflos in der fremden Welt und ſeine Taſchen waren eben ſo leer an Geld als ſein Herz an Muth und Hoffnung. Trübe und gebückt ſchlich er durch die langen Straßen von Orleans und wagte es ſich ſel⸗ ber kaum zu geſtehen, daß ihn der Hunger zu plagen be⸗ ginne und er nichts beſaß um ihn zu ſtillen.— Es konnte ja auch noch gar nicht ſein, denn er hatte vor kaum ſieben Stunden erſt gegeſſen;— wie konnte der klopfende Gaſt ſchon wieder ſeine ungeſtümen Wünſche äußern?— Und ſchon kam der Abend und ſenkte ſeine düſteren Schatten tiefer und tiefer auf die Stadt hernieder. Der Verkehr erſtarb, die Straßen wurben leerer, und aus den Häuſern drang der Lichterglanz auf den nebelfeuchten Abend heraus. Es ward dabei ſtiller und immer ſtiller, und Hans irrte noch immer umher, durch heftiges Lau⸗ ſen den nagenden Hunger bekämpfend, der um ſo höher ſtieg, um ſo begehrlicher laut wurde, je öfter der Unglück⸗ liche den duftigen Zurichtungen zu prächtigen Abendeſſen begegnen mußte. Ihm wäre auch das einfachſte hente zum Lecker⸗ biſſen geworden, und er beneidete den Bettler um ſein trockenes Brot, das dieſer mit Wohlgefallen verzehrte; 10 denn ihm fehlte ja ſelbſt dieſes! Zum erſten Male in ſei⸗ nem Leben fühlte er die Wahrheit des Wortes:„Hun⸗ ger thut weh!“— ohne Hoffnung zu haben den nagen⸗ den Mahner befriedigen zu können. Dumpfe Verzweif⸗ lung bemächtigte ſich ſeiner, und er wünſchte den Tod herbei von ganzem Herzen. Auch an Selbſtmord dachte er— wollte es hinwerfen das armſelige Daſein, deſſen Dornen ihn qualvoll blutig ritzten;— aber woher die Waffen nehmen, um ſich den Tod zu geben? daß er, der deutſche Freiherr, ſich in das Waſſer ſtürzen und erſäu⸗ fen ſollte wie eine Katze— dieſer Gedanke erfüllte ihn ſelbſt heute noch mit Schauder und Entſetzen. Es blieb ihm alſo nichts, als das Leben, und doch ſenkte ſich der kalte Novemberabend immer tiefer, ohne daß ihm eine Ausſicht auf Nachtlager oder Abendeſſen geworden wäre. Sollte er es wagen in eines der vielen Gaſthäuſer einzutreten, und den Wirth um Gotteswillen um ein Stück Brot und ein Streulager zu bitten?— Hans von Harder betteln— betteln?— und doch, Hunger thut weh, und er pochte nach der anſtrengenden Reiſe immer heftiger an und verlangte ungeſtüm ſein gutes Recht.— Schon ſtand er auf der Schwelle— ſchon hob ſich ſein Fuß, um einzutreten und zu betteln— da ſchoß ihm glühend heiß das Blut in die Wangen, und ein verzwei⸗ 11 feltes„Nein, nein, ich vermag es nicht!“ ſtöhnend, floh er ſo eilig von dannen, als ob er ſich ſelber vor dem ſchreck⸗ lichen Gedanken flüchten wollte. Wiederum trugen ihn die müden Füße durch die finſteren Straßen, und die Augen weilten ſehnſüchtig auf jedem Fenſter, hinter dem ein fröhlich eſſender Familien⸗ kreis ſichtbar ward. Wie ſollte das enden,— wie er eine Nacht überdauern, in der die feuchte Erde ſein Pfuhl, und das düſtere regneriſche Himmelsgewölbe ſein Deck⸗ bett werden ſollten?— Solche Stunden ſind Früchte vom Baume der Er⸗ kenntniß, und Harder koſtete ſie in ihrer ganzen Bitter⸗ keit. Zum erſten Male in ſeinem Leben dachte er wi klich ernſt über ſich ſelber nach, erkannte er ſeinen eigenen Un⸗ werth, wenn der Glanz des Namens von ihm abfiel und war entſchloſſen, ein anderes Leben zu beginnen, ſobald er nur überhaupt die Schreckensnacht überdauern würde. Da kam er an einem kleinen ſchmutzigen Laden vorüber, den ein dürftiges Lämpchen ſpärlich erhellte, und er ſah einen Juden in alten Kleidungsſtücken wühlen und ſie mit Waſſer und Bürſte weidlich bear⸗ beiten. Ein Trödler— wie in Europa, und in Har⸗ ders Seele fiel der Anblick wie ein Lichtſtrahl.— Juden, dieſe unheiligen Nothhelfer mangelleidender 12 Chriſtenſeelen, haben ſchon manchem verzagenden Ge⸗ müthe neue Hoffnung geliehen— wenn auch hinter derſelben nur um ſo unvermeidlicher das Verderben lauerte. Harder blieb ſtehen;— er dachte mit Schre⸗ cken an den alten Silbermann und ſeine uneingelöſtten Wechſel— doch ſiegte der Hunger über die Bedenk⸗ lichkeiten, und ſchon befand er ſich auch in dem ärm⸗ lichen Kleiderladen des Juden Ephraim. Der würde nun freilich auf Harder's Wechſel we⸗ nig genug gegeben haben, am wenigſten aber Geld; dem mußte er etwas Solideres anbieten. Aber Harder hatte auch ſeine Erfahrungen in Amerika nicht um⸗ ſonſt gemacht, und ſtatt der Wechſel mit ſeinem zier⸗ lichen Freiherrnnamen reichte er dem Juden ſeinen fun⸗ kelnden Siegelring und bot ihn zum Verkaufe an. „Herr,“ erwiderte Ephraim kläglich,„ich bin keiner von unſere Leut', der kann kaufen Juwelen und Pretioſen; ich bin nur ein ärmſter Sohn Israels, der muß handeln mit alten Röcken, um kläglich zu verdienen ſein Stückchen trockenes Brot!“ „Sie ſollen aber bei dem Handel ein gutes Ge⸗ ſchäft machen, denn ich brauche Geld und muß, da ich hier fremd bin, den Ring verkaufen,“— erwiderte Harder viel zu dringend, als daß der Jude nicht ſo⸗ fort ſeinen Vortheil erkannt und feſtgehalten hätte. 13 „Es iſt ein gefaͤhrliches Geſchäft für einen ar⸗ men Handelsmann, der muß wieder verkaufen den Ring.. Wenn ihn findet bei mir die Polizei, wird man glau⸗ ben, ich habe ihn geſtohlen, denn die Chriſten pflegen immer zu denken Schlimmes von den armen Söhnen Rraels. Doch will ich nehmen auf mir die Gefahr und zahlen dem Herrn drei Dollars, weil der Ring iſt werth bei uns viere.“ „Ephraim, wie haben Sie ſich da verſehen! Zwanzig Thaler iſt der Werth des Ringes, die ich ſelber vor kaum einem Jahre bezahlt habe.“ „Mag ſein, Herr, daß man gibt ſo viel dafür in Ihrem Vaterlande, denn Sie ſcheinen wohl zu ſein auch ein Dentſcher, wie ich ſelber war geweſen früher ein Deutſcher— hier aber iſt das Gold billig und Schmuckſachen ſind nur wenig geſucht. Doch ich kann ja nicht zwingen den Herin mir zu verkaufn den Ring, aber geben kann ich nicht mehr dafür als drei Dollars. Thue ich doch wahrhaftig das Mögliche, und will überhaupt nur machen das riskirte Geſchäft um dem Herin zu ſein gefüllig, der ein Landsmann iſt von mir.“— In dieſem Angenblicke ward die Thür aufgeſtoßen, und es drang ein Haufe ſchlecht ausſehender Geſellen ein, die alte Kleider kaufen wollten und ſich ohne 14 Weiteres neugierig um Harder drängten. Wer in ihrer Höhle gefunden wird, den halten ſie für den Ihrigen und behandeln ihn auch als ihres Gleichen. Mit rohen Scherzen reizten ſie den Juden zum Höherbieten, dräng⸗ ten ſich dicht an Harder heran und betrachteten den Ring mit unheimlich glühenden Augen, die vom Trunke geröthet waren, ſo daß dem armen, verwöhnten Kinde des Standes ängſtlich und unheimlich zu Muthe ward. „Gott meiner Väter!“ kreiſchte indeſſen der Inde gellend dazwiſchen,„kann ich doch geben nicht mehr als drei Dollars, ſoll ich nicht ſelber machen Schaden bei dem Geſchäfte, ſtatt ein kleines Profitje. Will ja doch leben auch der arme Jude, und muß er doch ſchachern und handeln um zu leben.“ „Es iſt gut, geben Sie die drei Dollars her, Ephraim, denn ich habe nicht Zeit noch lange mit Ihnen zu handeln,“ erwiderte Harder angſtvoll und gedrückt, um nur den cordialen Annäherungen der Arbeiter zu entgehen. Ephraim griff ſchmunzelnd nach dem Ringe, und verſchwand im Nebenzimmer, aus welchem er ſofort mit den bedungenen drei Dollars zurückkehrte, die er dem bebenden Harder aufzählte. „Schöne blanke Dingerchen das,“ ſagte einer der Arbeiter, mit häßlichem Lachen auf die funkelnden Silber⸗ 15 ſtücke deutend,„könnten wir auch wohl Gebrauch davon machen;— meinſt Du nicht, Ephraim?“— „Wollen Sie noch einmal anſehen den Rock mit dem grünen Kragen? Es iſt ein prächtiges Stück und wohlfeil,“— erwiderte Ephraim geſchmeidig, während Harder eilig den Laden verließ, und athemlos in das nächſte Gaſthaus trat.— Immer glaubte er noch die unheimlichen Augen des Arbeiters zu erblicken, die mit röthlichem Glanze auf dem Gelde ruhten, glaubte er die Worte zu hören:„Schöne, blanke Dingerchen, könnten wir auch brauchen,“— und er fühlte ſich nicht eher in Sicherheit, als bis er die ſchützende Thür des Gaſtzim⸗ mers hinter ſich geſchloſſen hatte. Er beſtellte ein frugales Abendeſſen, und es war, als ob mit dem Bewußtſein, nun wieder etwas zu beſitzen und ſeinen nagenden Hunger befriedigen zu können, neues Leben ſeine Glieder durchſtrömte und friſche Hoff⸗ nung in dem entmuthigten Herzen aufſtieg. Es mußte ſich ja doch in der großen Stadt ein Ort, eine paſſende Stelle für ihn finden, die ihn vor dem Hun⸗ gertode ſchützte!— Er wollte ſuchen und ſich bemühen ohne müde zu werden, und einige Tageſchützte ihn der Er⸗ lös ſeines Ringes noch vor dem Mangel, den nöthigen⸗ falls auch ſeine goldene Uhr noch von ihm abhalten it⸗ wenn er ſie an Ephraim verkaufte. 16 Mit jedem Biſſen des einfachen Abendeſſens, mit jedem Tropfen des ſiedenden Glühweins— ſog er neuen Muth und neue Hoffnung ein, mit denen auch die alten Thorheiten treulich wiederkehrten— und ſeine geſchäf⸗ tige Phantaſie malte ihm bald eines jener bezaubernden Bilder, in denen der armſelige Schreiberdienſt ſchnöde genug vergeſſen worden war. Wohlgefällig lächelnd ſah er ſich, den ſchönen und eleganten Cavalier, mitten in der noblen Geſellſchaft von New⸗Orleans,— ſah ſich glücklich und geehrt, ſel⸗ ber beglückend durch unwiderſtehliche feine Liebenswürdigkeit und Galanterie.— Und ſollten die Frauenherzen denn hier weniger weich und weniger empfindlich ſein für ſeine Vorzüge, als ſie es in Deutſchland geweſen waren?— Sollte in Amerika, wenn auch die Männer ſchnöde ſün⸗ digten, die Frauen nicht wenigſtens die Mächte anerken⸗ nen, die in Europa's Städten ſiegreich triumphiren?— O, nein! die Weiber ſind überall gleich, und wenn es ihm nur einmal gelungen war, zu der vornehmen Welt hindurch zu dringen, ſo hatte er gewonnen, und das Glück mußte ihm von Neuem lächeln. un das zu erreichen, um ſich die Pforten der Ge⸗ ſellf chaft zu offnen, mußte er aber auch ſeinen Freiherrn wieder hervorholen und mit ihm zu blenden ſuchen. Wer würde dieſem widerſtehen können?— 17 „Wünſchen der Herr ein Zimmer?“ fragte der Wirth, der eben wieder in die Gaſtſtube trat. „Ja, ich bitte darum, denn ich bin ermüdet.“ „Dann wollen Sie nur erſt Ihren Namen in die⸗ ſes Buch zeichnen, das iſt einmal ſo Sitte in meinem Hauſe.“ Hans that es— der Wirth leuchtete ihm nach oben und kehrte dann in das Gaſtzimmer zurück.„Freiherr von Harder“ buchſtabirte er mühſam aus ſeinem Frem⸗ denbuche heraus, und wunderte ſich ob des hier ſo ſelte⸗ nen Titels;„das iſt eine Art Lord,“— ſagte er ſich ſel⸗ ber belehrend,„den muß ich morgen nur doppelte Rech⸗ nung ſchreiben, denn ſo Einer kann es bezahlen. Wie er ſich nur gerade hierher verirrt haben mag? Nu, zu billig ſoll er doch nicht kommen.“ Als ſich Harder auf ſeinem Zimmer entkleidete, da ihm nach demanſtrengenden Tage der Schlummer nöthig war,— vermißte er entſetzt ſeine goldene Uhr nebſt Kette. So viel er auch ſuchte und in ſeinen Kleidern dar⸗ nach wühlte, ſie war nicht zu finden, und alle ſeine ſchö⸗ nen Hoffnungen ſanken bei dieſem neuen ſchmerzlichen Verluſte wieder in Nichts zuſammen. Er mußte ſie in ſeiner Aufregung entweder verlo⸗ ren haben, oder ſie war ihm in Ephraims Laden geſtoh⸗ len worden; für ihn war ſie auf jeden Fall verloren und Ehre W. 2 18 ſchnell ernüchtert, gebachte er mit Entſetzen der Stunde, wo ſeine drei Dollars verzehrt ſein, und er dann wie⸗ derum ganz hilflos und als Bettler in dem fremden Lande ſtehen würde. Der Schlaf ſiegte endlich über alle Angſt und Sor⸗ gen und wiegte den armen Gepeinigten in ein ſtilles Scheinglück Freundliche Träume trugen ihn in ſeine Hei⸗ mat zurück, malten ihm die grüngekrönten Berge des Harzes, führten ihn in ſeine lockenden Thäler und zeig⸗ ten ihm ein Bild— ein Bild, ſo lieblich und ſchön, wie das holde Sonnenlicht, ein Bild, welches einſt ſein Herz mit dem heiligſten Glücke erfüllt und ihm den erſten Lie⸗ ſchmerz bereitet hatte,— und dem er doch untren ge⸗ 1 besſ vorden war, wie der böſe Erdenſohn das ſtille Heiligen⸗ bild verläßt, um in den Armen einer Magdalena ver⸗ derblichen Rauſch zu ſchlürfen.— Als Harder am andern Morgen ſeine Rechnung begehrte, lautete dieſelbe auf den Freiherrn von Harder mit zwei und einen halben Dollar, und der arme Ge⸗ prüfte mußte den erſten Ausfluß ſeiner wiedererwachten Eitelkeit mit beinah ſeiner ganzen Baarſchaft bezahlen. Die Uhr war und blieb verſchwunden, und er verließ das Gaſthaus mit der wachſenden Beſorgniß vor neuen Drangſalen. Doch die Noth verleiht dem Schwachen ſelbſt Kraft und flößt dem Feiglinge eine Art Energie b 1 19 ein.— Harder ging und machte einige Viſiten in ange⸗ ſehenen Häuſern. Da aber lernte er wieder ſo recht klar die Werth⸗ loſigkeit des Adels in den hieſigen Verhältniſſen kennen. Man empfing ihn theils gar nicht, ſich mit dem beliebten „Ausgegangen“ oder mit dringenden Geſchäften entſchul⸗ digend, oder er wurde angenommen und fand willige Ohren, die zum Zeitvertreibe ſeine Erzählung von Miß⸗ geſchicken und Betrogenwerden geduldig zu Ende hörten. Die meiſten von Dieſen beantworteten ſeine Bitte,„um Verwendung wegen einer angemeſſenen Stellung,“ mit den gewöhnlichen flachen Redensarten:„man wolle zu⸗ ſehen— ſich bemühen— und ihm Nochricht ſenden“— ohne nur nach ſeiner Wohnung zu fragen, und Harder hatte ſelber den Geſellſchaftsherrn zu lange geſpielt, um nicht genau zu wiſſen, was auf ſolche Verſprechungen zu folgen pflegt, die in der nächſten Viertelſtunde vergeſſen ſind und anderen unterhaltenden Tagesereigniſſen Platz gönnen. In dieſer Hinſicht fand er es in Amerika gerade ſo, wie es in der verlaſſenen Heimat geweſen war.— Kein Einziger von den vielen, die Harder, ſeinem Vor⸗ ſatze Alles zu verſuchen getreu, durchkoſtete, machte ihm einen ſicheren Vorſchlag, oder gab ihm praktiſchen Rath, was in den hieſigen Verhältniſſen zu thun ſei,— ja ein reicher Kaufmann bot ihm, als er ausgeſprochen hatte, 2* 20 mit dem mitleidigſten Geſichte von der Welt und die Augen auf die Uhr gerichtet, welche die Börſenzeit ver⸗ kündete,— einen Dollar als Unterſtützung an,— um ihn nur los zu werden. Das geſchah denn auch augenblicklich, und nun, nach dieſer Demüthigung hatte Harder Luſt und Muth zu weiteren Verſuchen verloren. Der Abend nahte wieder und todesmüde kehrte der Arme in eine gewöhnliche Kneipe ein,— wo er unter Schiffern und Arbeitern, die Mann an Mann gedrängt am Boden lagen, eine qualvolle Nacht verbrachte. Er konnte trotz ſeiner Müdigkeit nicht einſchlafen, und wälzte ſich ſtöhnend auf dem harten Lager. Rings um ihn her außen tönte das Schnarchen ſeiner Schlafgenoſſen, das wie ein wohlgeübtes Orcheſter in allen Tonarten cele⸗ brirte und ſeine verwöhnten Nerven peinigte;— innen aber fraß und pochte der Wurm der Angſt und Reue und trieb den Angſtſchweiß auf ſeine glühende Stirn. Die dicke Luft drohte ihn zu erſticken— die innere Qual gönnte ihm nicht Ruhe noch Schlaf,— und er er⸗ hob ſich endlich um ein Fenſter zu öffnen, fand jedoch, daß dieſe von außen ebenfalls zugekettet waren, wahr⸗ ſcheinlich aus Vorſicht, um das Ausſteigen nächtiger Gäſte zu verhindern, die Luſt zeigen ſollten, auf ſolche Weiſe die ſchuldige Zeche zu quittiren. 21 Aber die Temperatur wurde unerträglich— die Luft dick und ſchwül, und er glaubte erſticken zu müſſen. Doch auch die Thür fand ſich ſicher verſchloſſen— jeder Ausweg abgeſchnitten— und er mußte wieder auf ſein ſchreckliches Lager zurück, um zwiſchen den eifrig ſchnar⸗ chenden Schlaſgenoſſen den Reſt der langen Nacht zu durchleiden. Das Nachtlager und ein einfaches Frühſtück ver⸗ zehrten den Reſt ſeiner Caſſe und völlig entblößt begann er ſeine Wanderung von Neuem. Bei allen Kaufleuten ſprach er vor, und bat um Beſchäftigung,— allen Ad⸗ vocaten— nur Mr. Roſt nicht— bot er ſeine Schrei⸗ berdienſte an, um überall abgewieſen zu werden. Man hatte Leute genug und fühlte keine Luſt, um des fremden Abenteurers willen Veränderungen vorzunehmen, von dem man ja nicht einmal wußte, wen man bei ſich auf⸗ nahm. In Amerika, wo ſo viel betrogen wird und der Schwindel zur Tagesordnung gehört, gilt auch die Vor⸗ ſicht doppelt. Höfliche Redensarten,— oder kurze Abweiſung waren Alles, was ſeine vielen Gänge ihm eintrugen, und er hatte doch nichts geſcheut, durch keine Mühe ſich abſchrecken laſſen— die höflichſten Bitten nicht geſpart, die oft ihm auf den Lippen zu erſticken drohten;— und 22 der Abend kam und fand ihn doch obdach⸗ und hoff⸗ nungslos. Ein Verzweifelnder rannle er wieder durch die dunkeln Straßen, vom Hunger gepeinigt, vor Kälte ge⸗ ſchüttelt, und ſeine Seele jammerte in tiefſter Noth. Die Nacht ſank tiefer und tiefer— wie ſollte das enden— ſie fand ihn obdachlos im rauhen Herbſtwetter, allen Einflüſſen der Witterung preisgegeben. Da kam ein alter Herr langſam des Weges und ſchritt einem der eleganteſten Hänſer zu, die es in der Straße gab. Sein Ausſehen ſprach von wohlhäbiger Sorgloſigkeit und in den runzelichten Zügen ſchienen Milde und Freundlichkeit zu wohnen. Ein letzter verzweifelter Gedanke packte Harder an, und ehe er ſelber noch wußte, wie ihm geſchah, hatte er den Hut gezogen und ſeine Lippen ſtammelten die Bitte um ein Almoſen. Der alte Herr blickte verwundert auf den ſonderba⸗ ren Bettler, daß es dieſem bis in das Innerſte der Seele drang,— griff dann in die Taſche und warf ihm ſchwei⸗ gend ein Geldſtück in den Hut.— Harder rannte wie be⸗ ſeſſen von dannen und über ſeine bleichen Wangen roll⸗ ten ſchwere Thränen auf den Boden nieder. So war es denn geſchehen, und er ein Bettler ge⸗ worden!— Die Freiherrnkrone hatte ſich in den Staub 23 gebeugt, und der Letzte Harder's bettelte ſich eine Sil⸗ bermünze, um nicht verhungern zu müſſen. Wiederum begab er ſich in eine jener armſeligen Kueipen, in welcher Schiffer und Arbeiter verkehren und oft die ſchauerlichſten Orgien darin feiern. Toben und wildes Lärmen drangen ihm aus dem raucherfüllten Gaſtzimmer entgegen, und es ſchien ein anſtündig gekleide⸗ ter Mann mit Schiffern und Arbeitern im Streite zu ſein. Es war geſpielt worden, der Fremde hatte Bank ge⸗ halten und ſollte falſc geſpielt haben. Nun wollte man ihm das gewonnene Geld nicht laſſen, das er mit Ener⸗ gie vertheidigte, und ſn ſchwebten Stühle und Knittel drohend in der Luft, die fürchterlichen Anzeichen oft tödtlicher Prügeleien. Der Fremde redete mit vieler Schlubheit, und ſuchte die Nächſtſtehenden von ſeinent eht⸗ zu iehe wobei Ländrüce, die blanke Dollrs zurück ließen, treffliche Hilfstruppen waren. Die Tobenden gewannen Einſlhet beruhigten ſich— und ſpielten weiter— um das Verlorene wieder zu gewi nen, und Harder, der unterdeß eingetreten war, ſah dem leidenſchaftlichen Treiben zu und bemerkte bald genug die ſchlauen Manöver des Bankhalters, hinter deſſen Stu er ſtand. Es leuchtete bei dieſer Beobachtung ein eigenthüm⸗ 24 liches Feuer aus ſeinen Augen, als ob ihm eine neue Hoffnung erwacht ſei, und er verwandte keinen Blick von den Karten des Bankhalters, dem die Beobachtung ſichtlich unangenehm ward. „Ihr Spiel gefällt mir,“ flüſterte ihm Harder end⸗ lich zu und lächelte eige thümlich dabei. „Wollen Sie mitſetzen?“ fragte Jener leiſez z „Warum nicht, wenn ich Ihre Karten häte!⸗— „Teufel, was iſt mit meinen „Ruhig— nichts iſt damit, als daß ſie markirt ſind. Ich erkenne genau die Zeichen, aber ſchweigen Sie, und laſſen Sie in Compagnie machen,— denn auch ich habe nichts zu verlieren und möchte gern viel gewinnen.“ Ein Blick auf ſeinen Gewinn und das flotte Spiel, welches ihm immer neue Summen eintrug, ließ den fal⸗ ſchen Spleler erkennen, daß es wohl am gerathenſten ſein würde, dem Ueberläſtigen Conceſſionen zu machen, und er winkte ihm Einverſtändniß zu. „Bleiben Sie ruhig, wir verſtändigen uns nach⸗ her;“— flüſterte er leiſe und ſchob einen neuen Geld⸗ haufeni in ſeine unergründlichen Taſchen.— Mitternacht war längſt vorüber, als die Spieler ſich endlich verloren und der Banthalter mit ſeinem ſchweren Gewinne und ſeinem neuen Gefährten nach oben ſchlich. Der Gauner hoffte die n Perſön⸗ 25 lichkeit Harder's trefflich benutzen zu können, und dieſer war entſchloſſen, auf irgend eine Weiſe ſein Leben zu friſten. Die Welt hatte ihm ehrlich nicht beiſtehen wollen, hatte ihn zum Betteln, bis zur Obdachloſigkeit und an den Rand des Hungertodes getrieben:— wohl denn, er wollte ſich rächen und nun die Welt betrügen! Der Spieler war ein Glücksritter und Speculant und Harder ward ſein Compagnon,— ſpielte falſch wie er, betrog arme Eingewanderte mit ihm, wie er ſelber betrogen worden war,— und ſtürzte ſich dabei in ein rauſchendes Leben des Genuſſes und der ausſchweifend⸗ ſten Schwelgerei. Bei den tobenden Orgien in den Höh⸗ len der Sittenloſigkeit und des Laſters, in denen ſein Compagnon heimiſch war,— und er es bald genug wurde,— erſtickte er die zeitweiligen Aufwallungen ſei⸗ nes beſſern Selbſt und die Scham vor ſeinem eigenen Treiben. Was er heute erwarb, flog morgen ebenſo ſchnell wieder hin, und ging unter in einem Daſein voll Saus und Braus feſſelloſer Leidenſchaften. Ueppige Dirnen lockten dem Trunkenen geſchickt die Gold⸗ und Silber⸗ münzen wieder aus der Taſche, die Betrug und falſches Spiel ihm mit erſchreckendem Glücke hineinzuzaubern pflegten, und ſo oft er ſich auch in nüchternen Stunden, 26 wenn ſein Ehrgefühl einmal wieder den ſchwachen An⸗ lauf nahm, ihn an ſeinen Namen und an ſeine Ehre zu mahnen, reuig entſchloß, nur noch einmal zu gewinnen, um ſich eine Exiſtenz gründen und ſeine früheren Far⸗ mergedanken ausführen zu können:— erwachte er dar⸗ nach am andern Morgen, ſchwer und übellaunig vom ſinnloſen Rauſche, ſo war doch ſeine Börſe wieder leer und ſein reicher Gewinn klapperte in den Taſchen der Wirthe und liederlichen Dirnen, die ſein Geld⸗ und ſeine Jugendkraft ausſaugten. Wenige Wochen hatten genügt, um aus dem fri⸗ ſchen jungen Manne, deſſen Schönheit und Liebenswür⸗ digkeit die Freude ſeiner heimatlichen Reſidenz geweſen war, und in beſſen braunen Augen manche Dame ein Le⸗ bensglück zu leſen glaubte,— einen frühen, zerfallenen und lebensmüden jungen Greis zu machen, der machtlos in den Feſſeln der Leidenſchaft und des Verbrechens ſchmachtete. Der fahle Teint, die energieloſe Geſtalt mit den hohlen Augen, die nur noch zuweilen einmal unheim⸗ lich aufleuchten konnten, wenn die Goldſtücke ihm im Spiele A und in den Zügen ſeines Partners Ent⸗ ſetzen und Verzweiflung keimten:— das ganze müde und apathiſche Weſen erzählte die Geſchichte ſeines wüſten Lebens, welches ihn mit Rieſenſchritten dem Untergange entgegenführte. — * 27 Er ſah das wohl und fühlte es auch zuweilen— allein ſchon herrſchte in ſeinem verkohlten Innern keine Willenskraft, keine ſelbſtſtändige Energie mehr. Nur noch die grenzenloſeſte Gleichgiltigkeit blickte aus den hohlen Augen, die der raffinirteſte Genuß, die höchſte Nervenerſchütterung kaum noch für einige Stunden ver⸗ jagen konnte, um ſie nachher natürlich doppelt erſchöpft zurückkommen zu ſehen. Wie eine wandelnde Leiche ſchritt der Spieler Hans von Harder umher, intereſſelos für Alles. Er ſpielte, weil er Geld bedurfte und ſein Compagnon ihn dazu drängte, er betrog die Eingewanderten aus Ge⸗ wohnheit und achtete doch das, was er gewonnen hatte, nicht höher als die Kieſelſteine, über die ſein Fuß acht⸗ los hinwegſchritt.— Da trat er eines Abends wieder an ſeinen gewöhn⸗ lichen Platz am Spieltiſche, um den ſich die Gelddürſti⸗ gen bereits in Fülle ſchaarten,— um doch immer nur zu verlieren. Ihm gegenüber hatte ſich ein Fremder im einfachen Ueberrocke niedergeſetzt, der ein Goldſtück poin⸗ tirte und verlor. Ruhig wagte er ein neues— verlor wieder— und wieder— beobachtete aber dabei genau und ſcharf Spiel und Karten des Bankhalters. Plötzlich ſprang er empor, riß die Karten an ſich und donnerte dem Erſchrockenen: falſches Spiel! entgegen. 28 „Im Namen des Geſetzes, Herr, Sie ſind Ge⸗ fangener!“ Einen Augenblick ſah Harder nur verſtändnißlos zu dem plötzlichen Angreifer auf— dann erhob er ſich— ein Piſtol blitzte in ſeiner Hand— der Schuß ging los, doch leitete ein wohlgeführter Schlag des Fremden die Kugel von Harder's Haupte ab, und nach der Decke des Zimmers. Auf den Ruf des Fremden drangen von allen Seiten Männer des Geſetzes ein— die Spieler entflohen voll Schrecken, um nicht mit verhaftet zu werden— und Harder ward nach kurzer, verzweifelter Gegenwehr über⸗ wältigt und in das Gefängniß geführt. Das Schickſal hatte ſein Selbſtopfer verſchmäht, er ſollte leben. N Zweites Capitel. Zwiſchen Leben und Tod. Als Harder nach ein und ein halbjähriger Strafzeit aus dem Gefängniſſe entlaſſen wurde, war er ein anderer Menſch geworden und hatte den Leichtſinn der Jugend und deſſen Folgen glücklich überwunden. Die Einſamkeit des Kerkers war ihm zur ernſten Lebensſchule geworden, in der er das Verwerfliche ſeiner Handlungsweiſe, den ganzen Umfang ſeiner Thorheiten— und die Verächtlich⸗ keit der Laſter, ſo recht erkannt hatte, denen er wie ſinnlos gefröhnt— und den letzten Reſt von Ehre und Selbſtachtung leichtſinnig geopfert und hingeworfen hatte. Die Stunden der Einſamkeit und des ſtillen Nach⸗ denkens über ſich ſelber waren ihm im finſtern Kerker zu leuchtenden Sternen geworden, und er verließ ſein Ge⸗ füngniß als ein Mann, dem es darum zu thun iſt, ſich die verſcherzte Achtung vor den Menſchen, und die Ehre für ſich ſelber, die er ſo leichtſinnig auf das Spiel ge⸗ 30 ſetzt und geopfert hatte, wieder zu gewinnen durch ein neues und zweckvolles Leben. Frei geworden ging er ſogleich an die Verwirkli⸗ chung ſeiner gefaßten Vorſätze, und da ſie dieſes Mal nicht die augenblickliche Noth und Verzweiflung erzeugt, ſondern ſelbſtbewußtes und eynſtes endenken den Sieg des beſſeren, edleren Sel ſtj ihm vermtelt hatte, ſo ging die Saat der Kerkerein keit nicht verloren, ſon⸗ dern keimte zu Harder's eigener Freude empor, der ſich trotz ſeines Mangels ſo woh und glücklich fühlte, wie früher niemals mitten im Wehlleben— am wenigſten aber in jenen dunkeln Wochen des Rauſches,— die durch ſeine Haftnahme noch rechtzeitig unterbrochen wor⸗ den waren, ehe ſie ſeine Conſtitution gänzlich und für immer aufreiben und ſein moraliſches Bewußtſein un⸗ widerbringlich vernichten konnten. Es war gerade Frühling geworden, als Harder ſeiner verkürzten Haft entlaſſen wurde, und Tauſende von Fremden ſtrömten wieder dem neuen Welttheile zu, die in fernen weiten Flächen ihr Glück verſuchen woll⸗ ten. Harder war arm, und die wenigen Münzen, welche ihm bei ſeiner Freilaſſung aus mitleidiger Hand gereicht worden waren, waren bald aufgezehrt, und doch wußte er noch nicht, wo er ein Unterkommen, und wo er Ar⸗ beit und Verdienſt finden ſollte. . Denn arbeiten wollte er jetzt und ſein Brot ſelber verdienen, das er ſo lange Jahre lang auf Credit ſeines Namens und Standes gegeſſen hatte. Sein Stolz ſträubte ſich nicht mehr gegen das harte Wort„Arbeit“, die allein ihm Selbſtachiung und die Ehre vor der Welt wieder erringen konnte. Aber noch hatte er keine Beſchäf⸗ tigung fihben können, und der Mangel rückte e an ihn heran. Wenn er nun nur etrimal noch zu den falſchen Kar⸗ ten griff, noch einmelur das Glück verſuchte— ſo konnte er von dem Gehinne die gewünſchte kleine Farm kaufen, und noch recht glücklich werden!— Ind warum ſollte er es denn nicht noch einmal thun, was er früher ſo oft mit Glück verſucht hatte,— da es ja doch zum letzten Male war, und ex nur noch dieſes eine Mal gewinnen wollte, um dann nie mehr eine Karte zu berühren?— Hunderte ſtrömten den Spielhäuſern zu und drängten ſich gut beladen um die grünen Tiſche — nur einmal noch dazwiſchen, nur zwei Stunden Spiel, und er war am Ziele ſeiner beſcheidenen Und dennoch, er that es nicht!— Luſtlos ging er an den geöffneten Höllen vorüber, in denen er früher mit fiebernder Leidenſchaft das Glück verſucht hatte, 32 ad wandte ſich an einen Gärtner, der noch fleißig mit dem Spaten hanthierte, mit der Frage um Arbeit. „Habe Arbeiter genug!“ tönte es mürriſch zurück, und Harder ging ungebeugt weiter, um ferner ſein Glück zu verſuchen. Sollte denn Niemand einen Mann verwenden kön⸗ nen, der ſeine Arme anbot und wirklich arbeiten wollte? — Sollte denn nirgends ſich für ihn ein Plätzchen fin⸗ den, das ihn vor Mangel ſchützen, und vor dem Elende des Hungertodes bewahren könnte?— Er wollte arbeiten und ſchlug energiſch die Stim⸗ men nieder, die nach dem Spielhauſe winkten und flü⸗ ſternd ihm dort Reichthum un Ehre verſprachen: denn er begehrte nicht mehr Ehre um Reichthum, er wollte die Ehre um Achtung ſich erringen— und da er dieſe Klippe glücklich überwand, an der die meiſten ſchwachen Sterblichen zerſchellen, welche einmal die Genüſſe des Reichthums gekoſtet hatten und in ihm geehrt worden waren, ſo war er als gerettet zu betrachten— gerettet für immer. Die Sinnlichkeit iſt der gefährlichſte Feind jedes moraliſchen Aufſchwungs. Sie iſt tief in des Menſchen innerſtes Sein verflochten, ihre Begierden pulſiren in glühend heißen Wellen durch alle Adern, peitſchen das Blut und erregen mit ihrem Wahnſinnskitzel Herz und 6 33 Geiſt bis zur fiebernden Glut. Sie beſiegen, heißt ſich ſelber überwinden— und in ſich ſelber das verneinende Element in Feſſeln ſchlagen, deſſen Puls der glücklichſte Gegner der Moral und Vernunft iſt.— Von dem Gärtner wandte ſich Se zu einem Landmanne und bot dieſem ſeine Dienſte an,— allein ebenfalls vergeblich, und nachdem betrat er eine Fabrik, in welcher man der Hände immer viele bedarf. Freilich war die Arbeit auch ſchwer und mühſam und das hohe rauchgeſchwärzte Getüude glich einem offenen Grabe, deſſen Bewohner dem Leben abgeſtorben ſind;— aber es ſchützte doch ſeine Leute auch vor dem Mangel,— und arbeiten wollte Harder ja, tüchtig arbeiten und zei⸗ gen, daß er nicht nur geboren ſei, um nach einem that⸗ loſen Daſein i zu ſterben. Der Fabrikherr betrachtete ſeine ſchlanken Glieder, welche gegen den robuſten Körperbau ſeiner Arbeiter bedeutend abſtachen, zwar mit einigem Mißtrauen, da er aber an Harder Spuren von Bildung und guten Wil⸗ len zu entdecken glaubte, war er nicht abgeneigt, ihn zu engagiren und führte ihn in den Fthreun Die Waſchinen waren in voller Thätigkeit, und die Arbeiter bedienten die ſtöhnenden ſchwarzen ünge⸗ heuer mit größerer Sorgfalt, als ſie jemals ein Kam⸗ merdiener ſeinen Herrn erzeigte. Kaum aber wurden Ehre. 1v. 3 34 die rüſtigen Arbeitergeſtalten des Neulings anſichtig, und hörten, daß er Einer der Ihrigen werden ſollte, ſo ertönten laute zornige Rufe und„Der falſche Spieler! Hinaus mit dem Betrüger! Hinaus, den dulden wir nicht unter uns!“ ſcholl es hundertfach aus allen Thei⸗ len des weiten Gebändes wieder. Harder erbleichte— er ſchwankte und glaubte vor Scham und Entſetzen zu vergehen. Dann riß er ſich empor und entfloh vor den drohenden Geberden der Ar⸗ beiter— wie vor ſeiner eigenen Schande. 3 Er wagte es nun nicht, noch eine andere Fabrik zu betreten, denn konnten da nicht auch Arbeiter ſein, die ihn in jener ſchmählichſten Periode ſeines Lebens ge⸗ kannt hatten und ſich nun für ihre Verluſte von damals rächen wollten, wie die Anderen?— Zum zweiten Male hätte er dieſe Schande nicht ertragen, und er wankte ſchwer gebrochen in die niedere Kneipe, wo das elendeſte Nachtlager ſeiner harrte. Am andern Morgen begegnete er einem Zuge Arbeiter,— die mit rieſigen Schurzfellen und Häm⸗ mern bewaffnet zur Stadt hinauszogen, und er frug einen Vorübergehenden, wo und was dieſe Leute arbei⸗ teten. „Sie klopfen Steine für den neuen Chauſſeebau, der ja mit ſo großer Eile betrieben werden ſoll, daß ſie nicht Arbeiter genug dazu bekommen können,“ erwiderte der Gefragte. Es überlief Harder zwar ein leiſer Schauder bei dieſer Nachricht, aber dennoch frug er weiter, wo die Arbeiter ſich melden mußten, und achtete gar nicht auf das ſpöttiſche Lächeln des ehrſamen Bürgers, der ſeine Glieder betrachtend, bemerkte: „Na, Sie könnten doch wahrhaftig nicht Steine klopfen, da gehört ein anderer Bruſtkaſten dazu.“— „Man weiß manchmal nicht,“ erwiderte Harder mit erzwungenem Lächeln und ſchritt dem bezeichneten Gebäude zu, in welchem die Arbeiter für den Chauſſee⸗ ban angenommen wurden.— Am andern Morgen ging er, mit Schurzfell und Hammer bewaffnet, neben ſeinen nunmehrigen Collegen zur Stadt hinaus und begann ſein mühevolles Tage⸗ werk.— Das waren ſchwere Wochen, die nun folgten, und der Körper des Schwergeprüften erlag faſt den Anſtren⸗ gungen, wenn auch der Geiſt den Muth und Willen nicht verlor, und ſich jetzt erſt wahrhaft ehrenwerth und adelig fühlte, wo jeder Biſſen des groben, trockenen Brotes, den er genoß, durch mühſeligſte Arbeit errun⸗ gen und ehrlich verdient worden war. Er hatte die Ehre der Arbeit ſchätzen lernen und fühlte ſich glöcklich, trotz 36 ſeines Siechthums, das von Tag zu Tag wuchs, und ihn endlich gar an das Krankenlager feſſelke. Doch wenige Tage nur, und kaum fühlte ſich der Kranke wieder mächtig genug, um die Glieder frei regen zu können, ſo zog er auch ſchon wieder mit hinaus, um ſein Brot ſelber zu verdienen. Es hatte ihm während ſeiner Krankheit an nichts gemangelt, und er war ſorgſam genug gepflegt worden; ja, er ſollte durchaus das Zimmer noch nicht verlaſſen, weil er noch zu ſchwach und elend für die ſchwere Arbeit ſei;— aber Harder konnte es nicht mehr ertragen, un⸗ verdientes Brot,„Gnadenbrot“, zu eſſen,— das er doch früher ſo viele Jahre hindurch in Saus und Braus genoſſen, ja als Recht beanſprucht hatte, ohne jemals darüber nachzudenken. Er zog mit zur Arbeit hinaus und ſchwang den Hammer mit beſter Kraft, bis er ohnmächtig zuſammen⸗ ſank und beſinnungslos liegen blieb. Er hatte ſich doch zu viel zugemuthet; der elende Körper war der Willens⸗ kraft des Geiſtes nicht gewachſen geweſen und den An⸗ ſtrengungen erlegen. Als Harder erwachte, fand er ſich auf einem lang⸗ ſam fahrenden Wagen wieder, und einen Mann neben ſich, der ihm freundlich zuredete und ihr von Nenem Wein zutrinken bot, von dem er dem Bewußtloſen be reits vorher tropfenweis eingeflößt hatte, um die wie⸗ dererwachenden Lebensgeiſter zu ſtärken. Harder war erſtaunt und konnte ſich des Vorgangs nicht mehr entſinnen— dann aber verlangte er zu ſeiner Arbeit zurück, und nur den freundlichen Beſchwichtigun⸗ gen ſeines Retters gelang es, ihn davon abzuhalten. Dieſer, ein Pflanzer, der von ſeinen Geſchäften in Orleans nach ſeiner Beſitzung zurückkehren wollte, hatte im Vorüberfahren den Unglücklichen im Wege liegen ſehen,— ſofort den deutſchen Landsmann in ihm erkannt, und durch das Unglück des Armen, wie durch die edle Bildung ſeiner Züge angezogen, den Be⸗ wußtloſen auf den Wagen gehoben, um ihn mit auf ſeine Beſitzung zu führen. Dem nächſten Arbeiter, an welchem der Wagen vorüber kam, hatte der Fremde den Vorfall mitgetheilt, ihm Hammer und Schurzfell übergeben und dann ſich nur mit den Belebungsverſuchen beſchäftigt, die endlich auch Erfolg hatten. Die beiden Männer vereinigten ſich bald: Harder oder Harring, wie er ſich jetzt wieder naunte, ſollte leichten Dienſt auf Mr. Hartmann's Pflanzung verſehen, und ſich erſt ganz wieder erholen, bevor er an der Feldar⸗ beit Theil nehmen dürfte. Der Fflanzer frug nicht nach ſeinem Herkommen und Stande, und Harder, der deſſen froh war, ſchwieg ebenfalls darüber. Er dankte ſeinem Schützer herzlich, der ihm eine beſſere und freundlichere Zukunft in Aus⸗ ſicht ſtellte, und betrachtete dieſe als die erſte Stufe deſ⸗ ſen, was er ſich durch eigene Kraft und Anſtrengung erworben hatte. Sꝛeine tapfere Selbſtüberwindung hatte treffliche Früchte getragen, und das energiſche Streben, nicht länger das Krankenzimmer zu hüten, als es unbedirgt nothwendig ſei, ſich ſchnell belohnt. Auf der Pflanzung eines deutſchen Landsmannes würde er nicht unglücklich werden, denn esiſt keider ja eine bekannte Thatſache, daß die uneinigen Deutſchen nur dann einig unter ſich ſind, und ſich treu an einander ſchließen, wenn die Noth oder ein gemeinſamer Feind ſie bedroht, oder wenn ſie ſich in fremden Landen zu einander finden. Und Hans hatte ſich in ſeiner Hoffnung nicht ge⸗ täuſcht. Als ſie am andern Abend auf Mr. Hart⸗ — mann's Pflanzung ankamen, wurde ihm die freundlichſte Aufnahme und ſorgende Pflege gewährt,— ſo daß er bald wieder in Geſundheitsfülle blühte und wohler aus⸗ ſehend ward, als je. Die Augen hatten den lacheuden Siegerblick ein⸗ gebüßt, und das ganze Geſicht den Ausdruck der heite⸗ 39 ren Jugendfreundlichkeit verloren— denn ein Gefäng⸗ nißleben iſt ſo ſchnell nicht überwunden— aber dafür herrſchten in dem Angeſichte jetzt edle Männlichkeit und Ruhe, die, mit dem ernſten Zuge des Nachdenkens ge⸗ paart, Vertrauen erweckten. Hans war auf Mr. Hartmann's Beſitzung bald eingewöhnt, und jetzt, wo er den Willen hatte, zu ler⸗ nen und ſich praktiſche Kenntniſſe zu erwerben, begriff er die Grundſätze des herrſchenden Landbaues ſo ſchnell, düß er ſich ſelber darüber verwunderte. Seine Ruhe und Zuverſicht, und die gewiſſenhafte Pünktlichkeit und Sorgfalt, die er bei allen ſeinen Be⸗ ſchäftigungen beobachtete, gewannen ihm bald genug Mr. Hartmann's beſonderes Wohlwollen und Vertrauen und alle wichtigen Angelegenheiten mußten unter ſeiner Lei⸗ tung erledigt werden.— Das ſind Harder's Erlebniſſe von Tage ſei⸗ ner Flucht aus der heimatlichen Reſidenz an, bis zu je⸗ ner Abendſtunde, in welcher ihn Mr. Hartmann als Muſiklehrer ſeiner Töchter mit in das Familienzimmer führte, und wir finden den letzten Sproſſen der Harder's wiederum erfreut über dieſen neuen Erfolg, den eigene Anſtrengung, gewiſſenhafte Thätigkeit und Sorgfalt ihm errungen hatten. Als Muſiklehrer rückte er der Geſellſchaft um einen 40 Grad näher, und er fühlte ſich heute ſtolz in einer Stellung, welche er früher über alle Maßen verachtet hätte, weil ſie die mühſam errungene Frucht eigener Kraft und Anſtrengung war— und er nicht ſie ſeinem Adel und Range verdanken mußte. Nun erſt konnte er beginnen, die eigene Achtung wieder zu gewinnen, und jetzt erſt lernte er fühlen und erkennen, was Ehre war und Ehre gab. Drittes Capitel. Ein Bild in Waſſerfarben⸗ Hans war von Mrs. Hartmann ſehr freundlich aufgenommen worden, und die Kinder jubelten dem lie⸗ ben Lehrer entgegen, von dem ſie ſich nun noch viel mehr Spielwerk verſprechen durften, als früher, wo immer die Arbeit auf ihn gewartet hatte. Die kleine Gertrud vor Allen wollte gleich heute Abend noch Un⸗ terricht haben, und war nur mit Mühe ühd mit dem Bemerken davon abzubringen, daß ihr Lehrer heute durch die Reiſe ſehr ermüdet ſei und ſich erholen müſſe. Das wirkte ſofort. „Erhole Dich denn, Herr Harring, aber nicht wahr, morgen malſt Du mir dann auch das Schloß, welches Du mir verſprochen haſt? Haſt Du denn bunte Farben dazu mitgebracht?—“ „Wie ſollte ich das vergeſſen haben,“— erwiderte Hans lächelnd,—„als ob Gertrud eine ſo unwichtige 42 Perſönlichkeit wäre, deren Gnade man nur ſo verſcherztel Morgen gleich will ich das Schloß malen und recht groß und bunt ſoll es werden, das verſpreche ich feier⸗ lichſt!“ „Und eine Fahne oben auf, nicht wahr?“— „Auch eine Fahne ſoll nicht fehlen.“ „Nun laß aber Herrn Harring endlich auch ein⸗ mal zufrieden, und erlanbe, daß er Thee trinken kann, denn Deine Beſtellungen nehmen wohl ſonſt ſo leicht noch keine Ende;“ fiel Mrs. Hartmann verweiſend ein und Gertrud bezog dieſe Aufforderung zugleich auch auf ſich und ſprach ebenfalls dem halbvergeſſenen Thee wieder zu. „Ich freue mich recht ſehr,“ fuhr Mrs. Hartmann zu Hans gewendet fort, daß mein Mann ſo zufällig Ihr ſchönes Talent entdeckte, denn offen geſtanden zweifle ich daran, ob die Kinder in ſeinem Unterrichte etwas gelernt hätten;— ich bilde mir nämlich feſt ein, er kann ſelber nichts mehr.“ „Kannſt wohl Recht haben, Leontine, und als ich vorhin am Claviere ſtand und Herrn Harring's Spiel hörte und ſah, wie die Finger ſo geſchmeidig und gelenkig über die Taſten hinflogen, fühlte ich ſelber meine Un⸗ zulänglichkeit und bin ſehr froh, daß ich es nun gar nicht zu probieten brauche;“— erwiderte ihr Gatte gut⸗ müthig und lächelte zu den Kindern hinüber, die ſich be⸗ reits wieder um ihren Lehrer ſchaarten. „Die Kinder werden Sie jetzt nur noch lieber gewinnen, nun Sie ihnen mehr Zeit widmen können und ſie ſo viel ſchöne Dinge lehren werden,“— fuhr Hart⸗ mann nach einer Weile fort. „Oder auch, ſie werden Sie nicht mehr lieb ha⸗ ben wollen, wenn ſie bei Ihnen in Zukunft werden lernen ſollen, ſtatt wie bisher nur Spielwerk von Ih⸗ nen zu erhalten;“— fügte die Dame hinzu. „Das glaube ich nicht, Leontine, denn die Mäd⸗ chen lernen gern, und das Clavierſpiel wird ihnen bald Vergnügen machen. Sieh doch nur, wie Gertrud ſchon heute dafür gläht.— Es müſſen übrigens ei⸗ nige gute Schulen mitgekommen ſein, Herr Harring,“ wandte er ſich an dieſen„die ich gleich in Orleans habe beſorgen laſſen; ſie müſſen irgendwo im Inſtru⸗ mente verpackt ſein. Da glaube ich denn ſicher an einen günſtigen Erfolg Ihres Lehramtes; und es iſt ſehr fördernd, daß Sie ſelber eben gut ſpielen, und die Mäbchen daraus hören, was für reizende Melo⸗ dien auf dem Inſtrumente hervorgebracht werden kön⸗ nen Das befördert Luſt und Eifer.“— „Aber, lieber Mann, wir wollen Herrn Har⸗ ring heute Abend nicht länger aufhalten; er iſt er⸗ 4⁴ müdet und morgen iſt ein neuer Tag,“— ſagte Mrs. Hartmann freundlich, da ſie bemerkte, daß es dem Er⸗ müdeten Mühe koſte, die Augen offen zu halten,— und Hans machte auch ſofort von der erhaltenen Er⸗ laubniß Gebrauch. Die Familie wünſchte ihm eine freundliche gute Nacht, und Hans hatte ſeit langer Zeit nicht ſo gut geſchlafen und ſo ſüß geträumt, als heute. Am andern Morgen fand er die Kinder h reits im Muſikzimmer und vollendete nun die Einrich⸗ tung des Inſtrumentes, unter deſſen Decke ſich richtig ein Packet mit einer Pianoforteſchule und einer An⸗ zahl leichter Muſikſtücke vorfand. Es kam dem neuen Lehrer ſelber komiſch vor, nun Lehrer ſein zu ſollen und mit ſeiner Dilettanten⸗ kunſt, die mehr auf das Brilliren berechnet war, als ſich viel um eine Schule zu bekümmern— Lehrer ſpielen zu ſollen und dieſelben Schulmeiſterſtückchen aufzuführen, welche ihn als Knaben und hoffnungs⸗ vollen Gymnaſiaſten oft ſo ſehr empört hatten. Er blätterte gedankenvoll die erſten Seiten der Schule durch, und mit den Erinnerungen des damals Gelernten, was er hier erſchreckend ähnlich wieder fand, um es nun ſelber dociren zu ſollen, tauchten ihm auch Bilder ſeiner glücklichen Jugend und Kna⸗ g 45⁵ benzeit auf, und wie immer beim Gedanken an ver⸗ gangene Tage, überſchlich ihn eine tiefe Wehmuth. Was machten ſie wohl die Theuren in der Hei⸗ mat?— Ob ſie wohl ſeiner oft gedachten und ihm vergeben hatten?— Was hätte er für dieſe Gewiß⸗ heit gegeben, wie würde ſie ſein zagendes Herz beru⸗ higt haben! Nur eine Zeile von meinen Lieben! flehte ſein Herz, nur einen Gruß und die Gewiß⸗ heit, daß ſie dem leichtſinnigen Kinde nicht mehr zür⸗ nen, und alles Andere iſt leicht und gern zu er⸗ tragen. Aber dieſe Zeile traf nicht ein, und auf die drei Briefe, die er bereits in die Heimat geſandt hatte, war keine Antwort gekommen. Die Sorge um die Eltern und ihre Liebe war nun noch ſeine einzige Sorge, und nur die Gewißheit Ihres Wohlſeins und Ihrer Verzeihung mangelten ſeinem beſcheidenen Glücke. — Und ſein Schweſterchen, ob ſie wohl nun ſchon Frau war?— Sicher doch, und Brandach, der nun auch wohl die Jugendthorheiten überwunden hatte und durch treue Liebe ſeine Schweſter glücklich machte— und Tante Frieda! Ach, die gute Tante, der Liebling der ganzen Familie— ob ſie wohl noch lebte und noch immer auf m—— 46 Ihrem Rollſtuhle die alte Heiterkeit und das gläubige Vertrauen bewahrte, die ihren einförmigen Lebensabend wie mit einer Glorie verklärten, und ſie zum Schutz⸗ geiſte der ganzen Gegend machten!— Nein, die konnte nicht geſtorben ſein!— Hatte es ihnen doch früher im⸗ mer ſchon unmöglich ſcheinen wollen, daß einmal das alte Schloß am Strande ohne Tante Frieda beſtehen ſollte— daß die Fiſcher noch ihre Netze werfen, die Ar⸗ beiter in das Feld ziehen und den Segen der Felder ern⸗ ten könnten, wenn nicht Tante Frieda's Auge ſie mehr bewachte, Tante Frieda ihnen ihren immer freundlichen und guten Rath ſpendete.—— 3 „Mache doch, Herr Harring und ſpiele mir einmal etwas vor, und dann will ich ſelber ſpielen,“— bat da die kleine Gertrud bereits zum dritten Male und zupfte den im fernen Heimatlande Weilenden ſehr bezeichnend an dem Aermel. 3 Hans blickte auf, ſah das Kind, den kleinen Mu⸗ ſikſalon und kehrte der Wirklichkeit zurück. Die Bilder der Eltern und das alte freundliche Angeſicht Tante Frieda's nickten ihm einen Abſchiedsgruß zu und waren in dem Nebelſchleier verſchwunden, der als Attribut der Wirklichkeit das Land der Träume forglich wieder um⸗ hüllte. 47 Hans ſetzte ſich am Inſtrumente nieder und ſchon bei den erſten Tönen, die ſeine Hand ihm entlockte, flog der Vorhang wieder empor, und zeigte ihm das prachtvolle Zimmer der Signora. Er ſpielte Meyer⸗ beer's gläuzende Gnadenarie— die er der Signora ſo oft hatte begleiten miſſſen, und er hörte von ihrer glockenreinen Stimme die hertliche Melodie. Aber die Töne erſchienen ihm kalt und leblos,— die Stimme übte die alte Macht nicht mehr auf ihn, und ſo laut und voll, ſo ſchmelz⸗ reich und flehend auch die Bitte erklang: Gnade! Gnade!— Hans empfand den alten Zauber nicht mehr, mit dem ihr Auge ihn gefeſſelt hatte— und unwillkür⸗ lich blickte er in ein zartes lächelndes Antlitz mit den muthwillig lachenden Augen und den blonden Locken, das neben der mehr und mehr erblaſſenden Signora empor⸗ ſtieg— und ihn grüßte mit jenem unnachahmlichen Lächeln, das er nur einmal in ſeinem Leben, im Parke zu Ballenſtadt geſehen hatte. Das Bild der erſten Liebe, der allein wahren, ſiegte triumphirend über die Macht der Leidenſchaft, und wie der ſtoizen Italienerin verlockendes Bild tiefer und tiefer ſank in ſeinem Herzen, um ſo heller ſtrahlten die blauen Augen und blonden Locken der erſten Liebe wie⸗ der— die ihn an das reinſte und ſeelenvollſte Gemüth, an das treueſte Herz voll echter deutſcher Liebe mahnten. 48 Ob auch ſie ihm wohl vergeben, die er ſo bitter gekränkt, ſo ſchmachvoll verrathen hatte?— Konnte ſie, durfte ſie verzeihen?— „Ja! ja!“— rief es im Herzen triumphirend, „ſie liebt ja, und die Liebe kennt das Zürnen nicht; ihr ſchönſtes Recht iſt das Verzeihen!“ Ein voller harmoniſcher Accord Bſchloß die glän⸗ zende Arie, und Gertrud klatſchte fröhlich in die kleinen Hände.— „Nun geh' einmal weg, Herr Harring,“— bat ſie eilfertig dringend,„und laß mich einmal ſpielen.“ Hans willfahrte ihr gern und ſah mit Vergnügen, wie die Kleine gravitätiſch auf dem Stuhle Platz nahm, wie ſie die kleinen Hände ausbreitete und nun mit allen mobilen Fingern einen Accord anſchlug, gegen deſſen vollſtändige Disharmonie ſich nichts Erhebliches einwenden ließ. Hans hielt ſich die Ohren zu und Gertrud arbeitete rüſtig weiter. Ihr kindliches Ohr hörte Töne, viele Töne ſogar, und Töne waren für ſie Muſik. Sie war deshalb nicht wenig ſtolz und eitel auf ihre Kunſt und ſpreizte die kleinen Finger zu immer neuen Anſtrengungen ausein⸗ ander, die ihre unverkennbare Meiſterſchaft beweiſen ſollten.— Wer ſie allerdings in ihrer wichtigen Poſitur de 49 ſitzen ſah, das kluge Köpfchen etwas vorgeneigt, um ihre eigenen Kunſt beſſer belauſchen zu können,— ohne ihr Spiel zu hören, der konnte, der Gravität und Wich⸗ tigkeit nach, mit der ſie die Sache behandelte, ſie wohl für eine kleine Mozartin halten. Hans hielt ihr endlich die Hände feſt und be⸗ merkte ihr, daß ſie jetzt erſt lernen und dann ſpielen wollten. Auch Frieda mußte nun herbei, ſie ſetzten ſich an den Tiſch und Hans nahm die Clavierſchule her⸗ vor, um den Kindern die Noten zu erklären. „Das iſt ja nicht ſpielen!“ rief aber Gertrud nach gar nicht langer Zeit ärgerlich,„das mag ich nicht wiſſen und nicht leruen— ich will auf dem Claviere ſpielen und nicht mit den alten häßlichen Kleckſen im Buche.“ Und kurz entſchloſſen packte ſie auf und eilte dem Inſtrumente zu, deſſen Harmonien die kleinen Hände wiederum auf das geſchickteſte zu vermeiden wußten. Hans ſah der Zürnenden lachend nach, und auch die kleine Frieda, deren mehr entwickelter Verſtand den Zuſammenhang zwiſchen Noten und Inſtrument, und die Nothwendigkeit der erſteren für die kunſtvolle Behandhung des letzteren wohl begriff, freute ſich über den Ungeſtüm der kleinen himmelſtürmenden Schweſter. Ehre. 1v. 4 50 Hans erklärte nun auch dieſer den herrſchenden Zuſammenhang mit vieler Sorgfalt, und Gertrud kehrte murrend zu dem Buche zurück, ohne jedoch be⸗ ſondere Sympathie für die„dicken Kleckſe“ zu ver⸗ rathen.— So ging die Stunde zu Ende und Gertrud eilte, wie von einer drückenden Laſt befreit, um in einigen freien Phantaſien ihren gepreßten Herzen Luft zu machen,— während Hans auf ſein Zimmer ging, das er ſeit heute morgen im Wohnhauſe ſelber bezo⸗ gen hatte,— daſelbſt eine Bleiſtiftszeichnung, Pinſel und Farben vornahm und daran ging, dieſelbe nach alter Knabenweiſe bunt zu malen. Hatte er doch auf dem Gymnaſium und in der Heimat ſo manches Bild geliefert und manchen Dank dafür von der zärt⸗ lichen Mutter eingetauſcht. Die Zeichnung ſtellte ein Schloß auf mächtiger Höhe dar, an deſſen Seite ſich ein kleiner See lehnte, der das Bild des ſtolzen Gebäudes in ſeinem Spiegel auffing;— während ſich im Hintergrunde ein Wald hinter üppigen Saatfeldern ausbreitete. Hans hatte das Bild mit vieler Sorgſalt gezeich⸗ net, und waren es auch nur gewöhnliche Waſſerfarben, mit denen er jetzt ſeine Malereien ausſührte, ſo ſah man doch, daß es mit Liebe und Luſt geſchah, und 51 oftmals flog ein Lächeln über ſeine Züge, und er blickte lange zu dem kühn hervorſpringenden Thurme des Schloſſes hin, auf deſſen Zinne die ſtolze Flagge ſich blähte.— Die Tiſchglocke rief ihn erſt von ſeiner Arbeit hinweg, und als am anderen Morgen die Muſikſtunde vorüber war, und Gertrud die Töne einer Oectave ohne Anſtoß vorwärts und rückwärts auswendig wußte, erhielt ſie das wohlgelungene Bild zur Belohnung. Mitten in ihrer Freude, die wie alle ihre Gefühle ſelten Grenzen fand, traten Mr. Hartmann und ſeine Gattin ein, die ſich nach dem Erfolge der Lehrſtun⸗ den erkundigen wollten. Sie ſahen den ausgelaſſenen Jubel des Kindes, das mit ſeinem Bilde luſtig um⸗ hertanzte, und in lauterer Freude jauchzte und tanzte. Als ſie die Eltern erblickte, ſprang ſie ihnen jubelnd entgegen und zeigte das ſchöne Bild, das Herr Harring ihr geſchenkt habe, weil ſie ſo fleißig geweſen ſei und die ſchwarzen Kleckſe gelernt habe. Mr. Hartmann nahm lächelnd das dargereichte Blatt— hatte jedoch kaum einen Blick darauf ge⸗ worfen, als ſeine dunkeln Wangen erbleichten 1end ſeine Augen aus den Höhlen zu ſpringen drohten. „Ha!“— rief er entſetzt, und hielt ſich die Augen zu, als wollte er ein böſes Geſicht verjagen. 4* caaa————— 52 Gleich darauf aber betrachtete er wiederum das Bild und eine tiefe Rührung malte ſich in den ernſten Zügen. Ja, ja, es iſt's— es muß es ſein— der Thurm— der See der Wald— es iſt keine Täuſchung möglich, und da iſt ja auch das Wappen der Harder's auf der Flagge,“— flüſterte er bewegt. —„O, Herr Harring, welche angenehme Ueber⸗ raſchung haben Sie unwillkürlich mir da bereitet! Wenn Sie ahnen könnten, wie ſehr mich der Anblich dieſes Schloſſes bewegt und erfreut hat! Doch ſind Sie denn in der Gegend Jatzenau bekannt? Rach der treffenden Aehnlichkeit ſelbſt der Details muß man eine genaue Kenntniß der Gegend vorausſetzen?“— „O ja!“— erwiderte Hans verlegen,„ich habe längere Zeit in der Ge end gelebt, und das hübſche Schloß ſchon damals öfters gezeichnet, ſo daß es ſich meiner Erinnerung treu eingeprägt hat.“ „Dann kennen Sie auch wohl die Familie von Harder, die das Schloß bewohnt, und wiſſen wenig⸗ ſtens von ihr?“ „Ich habe ſie öfters geſehen, war auch zuweilen ſelber im Schloſſe.“ „So— ach, erzöhlen Sie, bitte, erzählen Sie 53 mir doch davon;— lebte der Freiherr Kurt von Harder noch und ſeine Gattin Gertrud?“ „Als ich die Gegend verließ, lebten Beide noch im beſten Wohlſein, ebenſo die Frau Generalin Frieda don Wettern, die auf ihrem Schloſſe Borufeld ganz in der Nähe reſidirte, und als Tante Frieda in der ganzen Gegend geehrt war.“ „Ich danke Ihnen, Herr Harring, Sie erfreuen mein Herz unendlich durch dieſe Nachrichten und müſſen mir noch mehr davon erzählen; Alles, was Sie wiſſen. Bitte, kommen Sie mit uns in das Wohnzimmer hinüber.“ Er reichte ſeiner Gattin den Arm, und Hans folgte ihnen; erſtaunt über das eigenthümliche Intereſſe Mr. Hartmann's für ſeine Familie, von dem er ſich keine Erklärung zu geben vermochte. Er wartete ge⸗ ſpannt der Dinge, die nun kommen werden und be⸗ ſchloß, vorſichtig zu ſein und ſein Jucognito zu wahren, bis er den Grund der eigenthümlichen Aufregung er⸗ kannt hatte, die Mr. Hartmann's ganzes Weſen be⸗ herrſchte. Als ſie im Wohnzimmer allein waren, ſagte Mr. Hartmann feierlich:„Um Ihnen, Herr Harring, und auch meiner lieben Frau mein Intereſſe an dieſem Bilde und Ihrer Erzählung zu erklären, muß ich Ihnen 54 eine Mittheilung machen, die ſelbſt meiner Leontine bisher Geheimniß war. Ich bin Rudolf von Harder, der Bruder des jetzigen Freiherrn Kurt, von dem Sie ſagen, daß Sie ihn noch gekannt haben. Wenn Sie die Familie näher kennen gelernt haben, ſind Ihnen vielleicht die Schickſale des Junker; Rudolf nicht ganz fremd geblieben.“ Hans ſtand erſtarrt vor dem Lichte, das plötzlich ſeiner Seele ſich enthüllte. „War es möglich— Mr. Hartmann— großer Gott, ich erkenne Deine Hand— Sie ſind mein ver⸗ ſchollener Oheim Rudolf?“ „Mein Gott— was höre ich— ja, ja, jetzt wird's mir klar— das ſind ja Gertruds Züge, die mir immer ſo bekannt erſchienen!— Hans, Du biſt Gertruds Sohn?“ Hans antwortete nicht, er ſank dem Oheim über⸗ wältigt in die Arme. „Ja, die Wege Gottes ſind unerforſchlich!“ rief dieſer tiefbewegt,„und er führt uns wunderbar nach ſeiner Weiſe. Mein Neffe, mein theurer Neffe, welches Glück bringſt Du meinem Alter? Und hatte denn Dein Vater dem leichtſinnigen Bruder vergeben?— Zürnte er ihm nicht mehr, der mit frevelnder Hand die Ehre des Hauſes angetaſtet hatte und dann der Strafe wie 55 der Schande entfloh— dem Bruder es überlaſſend, Beides zu tilgen?“ „Nie, Onkel Rudolf, kam ein böſes Wort gegen Dich über meines Vaters Lippen und oftmals gedachten Vater und Mutter Deiner in treuer Liebe und frugen ſich trauernd, wo mag er weilen?“ „Er könnte doch einmal ſchreiben,“ pflegte dann meine Mutter zu ſagen, damit wir über ſein Schickſal beruhigt ſein könnten; aber dieſer Wunſch ward ihr nie erfüllt, und es iſt niemals eine Nachricht auf Hardersberg eingetroffen.“ „Niemals ein Brief von mir angelangt?“ frug der Onkel bebend. „Niemals, glaube mir es, auch nur eine Zeile, und doch ward es ſo ſehr erſehnt und hätte meinen Eltern manche trübe Stunde erſpart.“ „Wie mir ſelber auch! Die Ungewißheit um die fernen Verwandten war hier meine einzige Sorge, und doch kam nie eine Antwort auf meine Briefe— bis ich es endlich aufgeben mußte, die ſcheinbar Zürnenden zu verſöhnen. Mein lieber Hans, theurer Neffe, wie gut iſt es, daß Dich das Geſchick in unſer Haus geführt hat; an Leontine und mir ſollſt Du die treueſten, liebendſten Verwandten finden! Nicht wahr, mein gutes Weib?“ Leontine lächelte unter Thränen. Sie ſah endlich 56 die Urſache der geheimen Sorgen ihres Mannes gehoben, durfte endlich hoffen, die Wolken von ſeiner Stirn gänz⸗ lich und für immer verjagt zu ſehen, und eine jubelnde Wonne fühlte ihre Bruſt. „Willkommen bei uns, Vetter Hans!“ rief ſie ihm freudig die Hand reichend,„möge es uns gelingen, uns Ihre Liebe in demſelben Maße zu erringen, wie wir Sie lieb haben.“ Dann ſtand ſie auf, um den beiden Männern Zeit zur gegenſeitigen Mittheilung zu gönnen. Sie fühlte es wohl, daß hier Manches zur Sprache kommen mußte, was nicht für ihr Ohr geeignet ſei, und mit dem ihr ſtets eigenen Tacte ließ ſie die beiden Männer allein. „Dieſes Bild aber nehme ich mir mit,“ rief ſie heiter, Hans Zeichnung ergreifend—„ich werde, wäh⸗ rend Ihr wahrſcheinlich ſehr gelehrt mit einander redet, bei meiner Kochkunſt ebenfalls geſehrte Studien treiben und die Heimat meines Mannes ſtudieren. Wie viel Glück und Freude danken wir Alle dieſem einfachen Bilde in Waſſerfarben!“ Die beiden Männer theilten ſich nun ihre Erlebniſſ —— mit, und Rudolf, der damit begann, war nicht wenig erſtaunt, bei ſeinem Neffen keine Ahnung von dem Grunde ſeiner damaligen Abreiſe aus der Reſidenz und von ſeinem Vergehen daſelbſt zu finden. Mit tiefer Rüh 5 rung erkannte er darin die wahrhaft adelige Geſinnung ſeines Bruders, der in ſeinem Sohne die Liebe und Achtung für den verſchollenen Oheim aufrecht erhalten und durch keine Mittheilung ſeiner Irrthümer und Fehl⸗ tritte geſchmälert hatte. Er ſelber erfüllte nun die Pflicht, und legte dem Neffen ſein ganzes Leben mit ſeinen Irrthümern und Fehltritten dar— aus denen er ſich endlich, nach langer, ſchwerer Prüfungszeit, in dieſes Afyl gerettet und in der Liebe ſeines Weibes, wie im Familienglücke Erſatz, hier Alles gefunden hatte, was ſeine Thorheit und ſein Jugend⸗ leichtſinn ihm verſcherzt hatten. „Nur die Erinnerung an die Heimat,“— ſchloß er ſeine Bekenntniſſe,„und die Sorge, daß deine El⸗ tern, der ehrenhafte Bruder vor Allen, mir noch im⸗ mer zürnen könnte, der ja mit Gut und Blut für die Ehre des Hauſes von Harder einſtand, und Alles ver⸗ geben konnte, nur keinen Verſtoß gegen dieſe— trübte mein Glück. Da aufkeinen meiner Briefe eine Antwort erfolgte, und ich doch kaum annehmen konnte, daß ſie ſämmtlich verloren gegangen ſeien, ſo hat mir das drü⸗ kende Bewußtſein, durch die Vergehen der Jugend mir die Achtung und Liebe meines Hauſes für immer ver⸗ ſcherzt zu haben, bis heute manche ſorgen⸗ und trauervolle Stunde bereitet, und ſo reich auch der Himmel mein Streben ſegnete und mich mit Glücksgütern aller Art erfreute,— ich konnte nichts rein, nichts vollkommen freudig genießen, weil ich mich als Ausgeſtoßener wähnte, und das Bild meiner zürnenden Familie ſich zwiſchen mich und mein Glück drängte. Nun aber, mein lieber Hans, iſt ja auch dieſer letzte Zweifel geſchwun⸗ den, und ich liebe Dich doppelt, als Neffen und Frie⸗ densboten meiner Familie.* Niemand kennt die geheime Qual des Geächteten, wer ſie nicht ſelber durchlebt hat, und die Freude, einen Harder, den Sohn meines Bruders in die Arme ſchließen zu können, macht mich noch einmal jugendlich und verſcheucht die Erinnerung an alle jene Stunden, die wie ſchwere Gewitterwolken an meinem Lebenshim⸗ mel vorübergegangen ſind.—“ Er umarmte den eben ſo freudig bewegten Nef⸗ fen herzlich und an den Drucke des Oheims, der ihn mit kräftigen Armen an ſein klopfendes Herz preßte, erkannte Hans die ganze Freude des ſonſt ſo ruhigen Mannes. Hans erwiderte nun die Mittheilungen des Oheims mit einer eben ſo offenen Darſtellung ſeiner Schickſale, ſeiner Irrthümer und Thorheiten, die ſo manches Aehn⸗ liche mit denen des Onkels zeigten; ſchilderte ihm die Ideen, mit denen er nach Amerika gekommen, die rauhe, 59 aber gutmüthige Zurechtweiſung durch Mr. Roſt, ſeine zahlreichen Enttäuſchungen— ſeinen Pfad des Laſters und Verbrechens— und die endliche Erkenntniß und Läuterung im Gefängniſſe, die ihn zur Chauſſeearbeit — und in das Haus des Oheims geführt hatte. Rudolf umarmte den Neffen von Neuem und ſagte liebevoll:„Auch Dich hat das Leben durch eine ſchwere Schule geführt und über Irrthümer und Müh⸗ ſal zur Erkenntniß der rechten Menſchenbeſtimmung, von der unſer deutſcher Adel leider meiſt keinen Be⸗ griff hat. Du hegteſt dieſelben Vorurtheile und excen⸗ triſchen Ideen, die vordem in meiner Seele wurzel⸗ ten und deren Blütezeit, Gott ſei Dank, doch für im⸗ mer vergangen iſt. Danke deshalb dem Geſchicke, denn es hat Dich mit ſcheinbar ſtrafender Hand zu einem echten und echten Mann gemacht, der ſich ſein Schick⸗ ſal ſelber erſchafft und Nichts von Zufälligkeiten der Geburt und des Vermögens abhängig macht, die der Sturm der Zeiten verwehen kann— und ſo oft auch verweht!— Jetzt biſt Du mein Sohn und Kind meines Hau⸗ ſes und wir wollen vereinigt an Deinen Vater ſchrei⸗ ben, um durch ſeine Verzeihung für Dich und für mich unſer Glück vollſtändig zu machen. Die Zeit wird den Plänen, welche ich hege, feſte Geſtalt und Aus⸗ 66 führung geben, und Du ſollſt mir beiſtehen, auch für Dich ein feſtes und ſicheres Glück zu begründen, daß ich an dem Sohne gut machen, dem Sohne erſetzen kann, was ich dem Vater freventlich entzogen habe.— Jetzt aber laßt uns dem Klange der Tiſchglocke fol⸗ gen— ah, da iſt Leontine ſchon und wird uns ru⸗ fen wollen.“— „Seid Ihr zu Ende?“— fragte dieſe eben durch die Thür. „Zu Ende und klar— und hier bringe ich Dir unſeren Sohn, den ich Deiner treuen Liebe empfehle,“ — erwiderte ihr Gatte freundlich und zog die tiefbe⸗ wegte Frau in ſeine Arme. „Seien Sie uns noch einmal willkommen, lieber Neffe,— ſagte dieſe herzlich,„und möchte Ihnen unſer Haus eine neue freundliche Heimat werden!— Aber nun kommt zu den Kindern, die ſchehenig auf den neuen Vetter freuen, und Gertrud lacht und weint“ in einem Athem vor lauter Entzücken, daß ihr guter Hans nun ihr ordentlicher Vetter ſein ſoll.“ Die glückliche Familie ſetzte ſich zu Tiſche, und ſeit ihrem Hochzeitstage hatten die beiden Gatten kein ſo ſchönes Freudenfeſt gefeiert als heute. Doch das Schickſal hat ſeine Tage, an denen es 1 61 Ereigniß auf Ereigniß zu häufen pflegt. Auch Mr. Hart⸗ mann's Haus ſollte heute noch mehr erleben. Als die Familie glücklich plaudernd in der Veranda ſaß und mit ſeligem Behagen das neue Verwandtenglück genoß, ritt der Poſtreiter heran und gab einen ſchweren und dicken Brief ab.„An Mr. Harring,“— ſagte er gleich⸗ giltig,—„koſtet einen Dollar.“ Mr. Hartmann reichte ihm dieſen, während Hans zitternd nach dem Briefe griff. „Von meiner Mutter!“— rief er freudig und doch zugleich erſchrocken, daß es nicht der Vater ſei, der ihm geſchrieben habe.„O Rudolf, das iſt zu viel Glück auf einmal; ich finde Alles, Alles an Einem Tage wieder. Meine gute, gute Mutter!“ Und er drückte unter Thränen die theuren Schrift⸗ züge an ſeinezgennenden Lippen. Rudolf Pär ernſt geworden. Auch ihn hatte der Ruf„von meiner Mutter!“ betroffen gemacht.— Zürnte der Vater ſo ſehr, daß er dem Sohne keine Zeile ſchrei⸗ ben wollte, oder—— Doch ſchon hatte Hans das Siegel erbrochen und enthüllte einen Brief von ſeiner Mutter, nebſt einer Ein⸗ lage von unbekannter Hand. Ohne die letztere zu beachten, verſchlang Hans die Zeilen von der theuren Mutter⸗ 7 hand, die ihm nun Alles enthüllten, was ſich ſeit ſeiner Flucht begeben hatte. Doch verſchwiegen ſie, daß der Tod des Vaters ein freiwilliger geweſen war, um den Sohn nicht noch tiefer zu beugen, dem dieſe Zeilen Schweres und Bitteres genug eröffnen mußten. Sie ſagten nur, daß der Freiherr geſtorben und in Folge deſſen ihr verſchuldetes Stammgut verkauft und von Siſtnn erſtanden worden ſei, der ſeine Tochter mit Joachim von Brandach verheiratet hatte, damit die beiden ungeheuren Vermögen in einander ſchmolzen. Nebſt Grüßen von Allen theilten ſie ihm dann auch die jetzigen Schickſale von Mutter und Schweſter mit— deren Erzählung wir uns für das folgende Capitel auf⸗ ſparen— und baten ihn, mit Hinweis auf die Einlage, ſeinem Sohnes⸗ und Bruderherzen Geniüge zu thun— dann konnten ſie Alle noch einmal glücktich werden. Hans war tief erſchüttert und weinte bitterlich. Der Tod des geliebten Vaters, deſſen Herz vielleicht im Schmerze über den Sohn und deſſen Schande ge⸗ brochen war, laſtete ſchwer auf ſeiner Bruſt und alle Troſtgründe des ſelber erſchütterten Oheims blieben unzureichend. Das eben noch herrſchende heitere Glück der Familie hatte einer tiefen Trauer Platz gemacht, und * † 63 Gertrud barg das Geſichtchen in ihrem kleinen Schürz⸗ chen und weinte bitterlich, daß der Vater des guten Vetters geſtorben und dieſer nun ſo traurig ſei und weine— und ihr gewiß kein Schloß wieder malen werde. Rudolf faßte ſich zuerſt wieder und am Arme ſeiner Gattin, in deren ſchönen Augen Thränen in⸗ nigſten Mitgefühls glänzten, zu dem trauernden Neffen hintretend, ſagte er feſt: „Sei ein Mann, Hans, und bewahre Deine Schule des Lebens, indem Du das Unabänderliche als Mann erträgſt. Der Tod iſt unſer Aller Erb⸗ theil, und Kurt war nicht mehr jung: er mußte den Attribut des Lebens bezahlen und iſt jetzt glücklich.“ „O Gott— aber ich habe ihn durch meinen Leichtſinn getödtet! Sein ehrenfeſter Charakter konnte keinen Flecken an der Ehre des Hauſes von Harder, keinen Makel an dem reinen Wappenſchilde desſelben ertragen— und der eigene, mißrathene Sohn mußte es ſein, der mit Frevelmuth ſeine Ehre verletzt und ſein edles Herz gebrochen hat!— Ich, ich— ſein Sohn, bin es geweſen und mein Daſein iſt verflucht für alle Zeiten!“— „Nicht ſo, mein Sohn! Dein Vatet hat dem Tode ſeinen Zoll bezahlt, wie wir Alle ihn einſt be⸗ 64 zahlen müſſen, und wenn Du gefehlt haſt, ſo haſt„ Du auch dafür gebüßt durch Mühſal und Beſchwerde. Dein Vater iſt verſöhnt mit Dir geſtorben, denn ſein Herz kannte den Zorn nicht, und er würde ſeinem ärgſten Feinde vergeben haben— vor Allem auf dem Sterbebette, wie viel mehr alſo ſeinem einzigen Sohne, der nichts gethan hat, als daß er dem Leichtſinne der Jugend gefolgt war! Alſo ermanne Dich, Hans, und lies den anderen Brief, der Dir noch wichtige Nach⸗ richten bringen ſoll und dann laß uns überlegen, was geſchehen muß, um die Lage Deiner Mutter und Schweſter auf das Schleunigſte zu verbeſſern. Dem Tode ſeinen Trauerzoll aus aufrichtig treuen Herzen — dem Leben aber Kraft und Willen, ſo will es der, der Beides uns gegeben hat und der uns ſendet und abruft nach ſeiner hohen Weisheit.“— Hans errang gewaltſam ſeine Faſſung wieder und griff nach dem zweiten Schreiben, deſſen Hand⸗ ſchrift er nicht erkennen konnte. Als er es öffnete, fiel wiederum eine Einlage heraus und Hans las folgende Zeilen: „Ihre Frau Mutter ſandte mir durch Herrn Johannes Roſen Ihré Briefe, und da ich Sie ſchä⸗ tzen gelernt hatte, Ihr Schickſal von Anfang an be⸗ klagte und wohl annehmen darf, daß Sie jetzt die * —,——— Irrthümer der Jugend überwunden haben, außerdem auch Ihre Frau Mutter und Baroneß Anna Ihrer bedür⸗ fen, ſo habe ich meinen königlichen Oheim um Ihre Begnadigung gebeten, und die beifolgende Ordre ge⸗ ſtattet Ihnen ungefährdete Rückkehr in Ihre Heimat. Prinz Faver.“ Die Einlage enthielt wirklich ſeine vollſtändig⸗ Begnadigung, und die Hoffnung, in die Heimat und zu den nun doppelt theuren Angehörigen zurückkehren zu dürfen, röthete Hanſens Wangen mit inem freudi⸗ gen Schimmer. „Du mußt zurück,“— entſchied der Oheim nach kurzem Ueberlegen,„und zwar fobald als möglich; jedoch hoffe ich, nicht für immer. Die alte Heimat iſt Dir doch eine fremde geworden, und Du wirſt Dich, nach dem Vorgefallenen, niemals wieder da hei⸗ miſch fühlen können, wo Fremde, Juden— in dem Schloſſe Deiner Väter reſidiren— und wo die Er— innerung an den Grund Deiner Flucht Dir doch alle Tage auf's Neue drückend werden und Dich wie ein Geſpenſt verfolgen würde. Reiſe alſo in die Heimat zurück und hole Gertrud und Anna in die neue Welt herüber, wo ihrer eine neue Heimat wartet, und in der ſie treue, liebende Herzen freudig willkommen hei⸗ ßen. Für Dich legen wir eine neue Farm an und Ehre. IV. 5 66 führen die Pläne aus, welche ich ſchon früher mit Dir beſprochen habe, und die Damen ſind unſerer Aller Gäſte, die wir pflegen und lieben wollen von ganzem Herzen.“— „Ja, Hans, ſo ſoll es ſein,“— fügte Leontine hinzu,„mein Gatte hat das Beſte getroffen, wodurch uns Allen geholfen wird. Denn wir dürfen Sie den Ihrigen nicht vorenthalten und mögen Sie aber auch nicht wieder verlieren, kommen Sie alſo Alle zu uns, in unſeren glücklichen Kreis, der Raum genug für alle Lieben bietet und dadurch immer ſchöner und glücklicher werden wird. Für immer dürfen Sie un⸗ bedingt nicht wieder fort, dagegen legt auch Gertrud ntſchieden Proteſt ein und Frieda bittet ſo innig, ihr das nicht zu Leide zu thun.“— Hans erkannte bewegt die Liebe ſeiner Verwand⸗ ten und ſah ein, wie ſehr ſie mit ihren Vorſchlägen Recht hatten. Er ſelber hätte nicht wieder in die al⸗ ten Verhältniſſe zurückkehren mögen, für die er nicht mehr paßte und die für ihn nicht mehr paſſen konn⸗ ten— und auch Mutter und Schweſter verließen ge⸗ wiß gern einen Schauplatz, der ſo viele traurige Er⸗ innerungen für ſie barg. Er nahm deshalb den Vorſchlag des Oheims an, vorausgeſetzt, daß Mutter und Schweſter einwilligen 67 würden, und ſchon am andern Tage flog ein Brief der Heimat zu, der die baldige Ankunft des erſehnten Soh⸗ nes und Bruders ankündigen ſollte. Die Hoffnung auf baldiges Wiederſehen des Theu⸗ ren gab Hans eine fieberhafte Erregung und hob ſeine Stimmung unwillkürlich, ſo daß ſelbſt der Schmerz um den hingeſchiedenen Vater nicht ſo tief in ihm Wurzel faſſen konnte, als es ſonſt geſchehen ſein würde. Mit fieberhafter Eile betrieb er die Anſtalten zur Reiſe, und die Liebe ſeiner Verwandten that alles Mög⸗ liche, um ihn mit den gehörigen Bequemlichkeiten aus⸗ zurüſten. Hans hatte keine Ruhe mehr. Ueberall winkten ihm die Bilder aus der Heimat. Mutter und Schweſter lächelten ihm ſchmerzlich und doch unendlich liebevoll zu, und neben ihnen ſtand ſtets noch ein blonder Locken⸗ kopf, der ſich treulich an Annas Seite ſchmiegte. Hans erkannte ihn wohl— und er erſchien immer wieder, ſö oft Hans ihn auch verſcheuchen wollte— und wenn er endlich erröthend und verlegen ſich abwandte, lächelten die Lippen ſo ſchelmiſch— und ſie ſchwebte leicht davon. Hans hatte ſie wohl erkannt:— gerade ſo war ſie ihm damals in Ballenſtedt erſchienen, die holde Jungfrau aus dem Harze.— 5* 68 Und endlich waten alle Vorbereitungen beendet, und Hans reiſte ab. Die Verwandten gaben dem Scheiden⸗ den noch ein Stück Weges das Geleit— und durch die friſche Morgenluft klang hoffnungsreich der Abſchieds⸗ gruß: Auf Wiederſehen! * Viertes Capitel. Die Ehre der Arbeit. Wir kehren nach mehrjähriger Abweſenheit in die deutſche Reſidenz zurück, die wir bamals mit dem fliehen⸗ den Hans von Harder verlaſſen haben, und wenden uns demſelben großen Hauſe zu, das dem früheren Hotel gegenüber liegt und in deſſen Dachſtübchen unſer flüchtiger Held einſt treue Pflege ſeiner Wunde fand. Das Dachſtübchen iſt heute wenn nicht noch freundlicher, doch eleganter ausgeſtattet, als damals. Die einfachen, ärmlichen Möbel der Frau Roſen, und der ſchlichte Betſchämel mit dem Cruciſixe und Mutter⸗ gottesbilde darüber, ſind alterthümlichen, ſchweren und eleganten Kabinetsſtücken gewichen, welche ſich hierher — in dieſes niedrige, einfache Gemach verirrt zu haben ſcheinen und unter dem Strahle des glänzenden Sonnen⸗ lichtes, das hier ungehindert auf ihre düſteren Formen füllt, ſich ungemüthlich und gedrückt genug fühlen mögen. 70 Das Zimmer iſt leer und die Thüren nach den bei⸗ den Nebenzimmerchen, die früher die Schlafzimmer der Frau Roſen und ihres Sohnes waren, ſind feſt geſchloſſen. Am Fenſter ſteht ein hoher Rollſtuhl mit dem freiherrlich von Harder'ſchen Wappen an der Lehne— und von den gemalten Wänden blicken die wohlgetroffenen Porträts des Freiherrn Kurt, Tante Frieda's und ihrer Eltern hernieder, die früher in dem hohen und düſtern Gemache Tante Frieda's gehangen— in deſſen ewigen Schatten ſich ihre dunkeln Tinten wohl und heimiſch gefühlt hatten. Scheint es doch überhaupt, als ob die ſtumme Um⸗ gebung der alten kranken Dame hierher übergeſiedelt wäre, denn alle die ſchweren Möbel, welche ſo eigen⸗ thümlich mit dem niedrigen Gemache contraſtiren, ſind ihm entnommen, und der Rollſtuhl mit dem Harderſchen Wappen, der am Fenſter ſteht, iſt derſelbe, auf welchem wir früher Tante Frieda ihr ſtetes Leiden erdulden ſahen. Da öffnete ſich die Thür und eine junge Dame tritt leiſe in das Dachſtübchen— augenſcheinlich zufrieden, dasſelbe noch leer zu finden. Der Tag iſt noch nicht weit vorgerückt, die neunte Morgenſtunde kaum vorüber— und das geſpannte Lauſchen der Ankommenden an einer der Thüren überzeugt ſie, daß drinnen ruhige Athem⸗ züge noch ununterbrochenen Schlummer verkündigen. Dadurch beruhigt, begann die Dame ſich nun ihrer „— 71 Einkäufe zu entledigen und legte endlich auch Hut und Schleier ab. Ein Blick auf die zarten Züge mit den ſanften träumeriſchen Augen überzeugt uns, daß es Anna von S Harder iſt, die wir in einfachſter Bürgerkleidung hier wiederfinden. Die Luft hat ihre zarten Wangen ſanft geröthet, daß ſie mit lieblichem Roſendufte überhaucht erſcheinen, und die ganze Erſcheinung iſt freier, gehobener und blühender als damals, da wir ſie im Garten zu Bornfeld, als Joachim von Brandach's hoffnungsloſe Braut, zum letzten Male ſahen. Viele Stürme und ſchwere Stunden ſind ſeitdem an ihr vorübergeeilt; ſie hat bitteres Leid empfinden müſſen ſeit jenem Tage— Leid, an dem ein kräftiges Weltkind vielleicht gebrochen wäre, wie die ſchlanke Fichte im Ge⸗ witterſturme zuſammenſtürzt— und doch iſt Anna's Auge heute klarer, und ihre Geſundheit augenſcheinlich ſicherer, als an jenem Schreckenstage,— der ſo viel Enttäuſchung und bitterſtes Leid über ſie bringen ſollte. Anna enthüllte unterdeſſen ein Bouquet herrlich duftender Blumen, packte einen Kuchen aus, wie ihn die Mutter gern aß und ſchon auf Hardersberg ſich öfters backen ließ— und überzählte dann mit befriedigtem Blicke eine kleine Summe Geldes, die ſie nachher in den Arbeits⸗ tiſch der Mutter legte. 72 Dann aber kniete ſie vor dem alterthümlichen Schranke nieder und zog die unterſte Schublade auf, die für die Mutter nicht mehr gut erreichbar war— und ihre Augen glänzten bei dem Anblicke des Schatzes, den ſie ſich in ſtillen Stunden der Nacht, wenn Alles um ſie her im Schlummer ruhte, und keine Seele ihr ſtilles Wirken ahnte— mit geſchickter Hand erworben hatte. Es war ein Rückenkiſſen, deſſen Stickerei in den prachtvollſten Farben prangte. Von reizenden Blumen⸗ arabesken umſchlungen, die in geſchmackvollen Farben⸗ ſchattirungen das Auge feſſelten, hob ſich auf blendend⸗ weißem Grunde das Harder'ſche Familienwappen in matter Silberſtickerei. Das Kiſſen frug die Zeichen der ſorgfültigſten und liebevollſten Arbeit— und als es Anna nun auf dem Rollſtuhle der Mutter aufſtellte, daß die eindringenden Sonnenſtrahlen den Glanz der Farben belebten— malte ſie ſich mit heimlichem Entzücken die Ueberraſchung und Freude der Mutter. Dieſe hatte keine Ahnung von der herrlichen Arbeit, ſchien überhaupt ihren Geburtstag ganz und gar vergeſſen zu haben, zu dem das koſtbare Kiſſen als Geſchenk beſtimmt war. Noch ſchlief die Freifrau— und das war gut, denn Anna hatte noch Manches zu beſorgen, um die Arran⸗ gements nach ihrem Wunſche zu vollenden. Als das Kiſſen aufgeſtellt und in das beſte Licht ge⸗ rückt war, wurden Kuchen und Bouquet auf dem Tiſche arrangirt; und das letztere mußte eine einfache große Porzellantaſſe mit breitem Goldrande füllen, die Anna, an Stelle einer zerbrochenen, für die Mutter beſorgt hatte— obgleich ihr das nicht recht gefallen wollte und ſie lieber ein anderes Geſchenk in der Tiefe der Taſſe verborgen und ihr dann den Mittelplatz zwiſchen Bouquet und Kuchen eingeräumt hätte. „Wie ſchade,“— klagte ſie,„ich hätte einen der Krägen zurückbehalten können, der hätte der Mutter ſicher Vergnügen gemacht. Sie waren freilich ſämmtlich beſtellt — und ihre Anzahl noch nicht einmal genügend aber auf einen hätte es doch nicht ankommen können. Schade, daß es zu ſpät iſt!“ Ein Klopfen an der Stubenthür unterbrach ihre Selbſtvorwürfe, und als ſie vorſichtig öffnete, bemerkte ſie, daß es Ernſt Wendt ſei, der, mit einigen Blumen⸗ ſtöcken beladen und von einem Burſchen mit verdecktem Korbe begleitet, um Einlaß bat. Anna erröthete heftig— dann grüßte ſie mit freund⸗ lichem Lächeln den ſchüchternen jungen Mann, der be⸗ ſcheiden und mit geſenkten Blicken vor ihr ſtand. „Sie überraſchen mich ſehr freudig, lieber Ernſt,“ flüſterte ſie ihm zu,—„haben auch Sie alſo an meiner Mutter Geburtstag gedacht?— O, wie danke ich Ihnen „ 74 für dieſe Treue, die in unſerer Lage doppelt wohlthuend iſt.“— Ernſt ſtellte verwirrt die blühenden Blumenſtöcke auf den Tiſch— wundervolle Heliotropen und Roſen, die Lieblingsblumen der Freifrau— und packte nun aus dem Korbe mehrere Bouquets, die aus den ſeltenſten und ſchönſten Blüthen gebunden, das kleine Zimmer augen⸗ blicklich mit mildem Zauberdufte erfüllten. Dann folgtèen mehrere feſtgewundene Guirlanden um die Bilder des Freiherrn und Tante Frieda's, die Ernſt mit geſchickter Hand befeſtigte— während Anna alledem erſtaunt und gerührt zuſah, und es nicht wagte, das treue Liebeswerk zu unterbrechen. „Wie reizend iſt das Alles!“ flüſterte ſie endlich, als Alles vollendet war und Ernſt die Bouquets an dem Rollſtuhle befeſtigt, die Blumenſtöcke aber auf dem Tiſche um Anna's Geſchenke arrangirt hatte—„o Ernſt, wie danke ich Ihnen vom Herzen und wie wird ſich die Mutter freuen, wenn ſie Ihre treue Liebe ſieht, die uns durch alle die Jahre hindurch treu geblieben iſt und immer neue Aufmerkſamkeiten erſinnt, um uns zu erfreuen.“ „Ich folge nur meinem Herzen, gnädiges Fräu⸗ lein, und das wird immer willig dienſthar ſein, wenn es Ihnen eine Freude zu machen gilt,“— erwiderte —————— 75 Ernſt beſcheiden und ſo hoch erröthend, als ob er ſich ſelber auf einer böſen That ertappe. „Ja, Ernſt, das haben Sie immer gethan, und Gott weiß, wie viele Freuden und angenehme Stunden ich Ihnen ſchon ſchulde. Schon als Kind haben Sie mich immer überraſcht— o, ich weiß es wohl noch, wie ich damals erfreut war, meinen Lieblingsplatz in Tante Frieda's Garten in ein kleines Paradies ver⸗ wandelt zu finden, und eine weiche Moosbank, reizende Lieblingsblumen und glatten Weg da, wo ich früher über Steine und Geröll ſteigen mußte, um auf rauhen, nackten Felſen auszuruhen!— ch weiß das Alles noch und habe und werde nichts davon vergeſſen, Ernſt!“— ſagte ſie innig und reichte dem Purpurglühenden die feine Hand— dann aber führte ſie ihn zu dem Roll⸗ ſtuhle hin und zeigte ihm ihre Arbeit, um ſo ſeine Befan⸗ genheit zu verſcheuchen. „Nun urtheilen Sie einmal, Ernſt,“— ſagte ſie ſcherzend,„ob ich meine Sache ordentlich gemacht habe. Sie, als Gärtner, müſſen ja Ihre Lieblinge und ihren Farbenſchmuck kennen?— Stimmt die Farbenmiſchung, oder habe ich ſie verfehlt?“— Ernſt betrachtete das Kiſſen mit offenem Entzücken und ſchien ſeine Blicke nicht von der ſchönen Arbeit trennen zu können, an der jeder Stich von der kindlichen 76 Liebe und Sorge des lieblichen Mädchens zeigte, die ſchon ſeit ſeinen Kinderjahren das Ideal, die Königin ſeines Herzens war, ohne daß er es jemals wagte, den Blick zu ihr zu erheben, die ihm immer, und nicht durch ihre Geburt nur, als ein höheres Weſen erſchienen war. „Nun, Ernſt, wie finden Sie meine Arbeit?“— unterbrach ihn Anna in ſeinem Sinnen,„iſt es mir ge⸗ lungen, die Natur ein wenig zu copiren?“— „Die Natur läßt ſich nicht copiren, und alle ihre lebendigen Werke ſind unnachahmlich in ihrer Herrlich⸗ keit; aber Ihre Arbeit, gnädiges Fräulein, zeigt was die Kunſt vermag, und als Kunſtwerk bewundere ich ſie aufrichtig. Die Farbenmiſchung iſt ausgezeichnet und macht den herrlichſten Effect. Die Frau Baronin wird auch Kunſt und Geſchmack an dieſer Arbeit zu ſchätzen wiſſen, denn ſie war ſelber Meiſterin in der Farben⸗ niſchung.“ „Da haben Sie ganz Recht, das iſt meine Mutter, und deshalb eben hatte ich ſo viel Angſt um dieſe Arbeit. O, wenn Sie die Stickereien geſehen hätten, die meine Mutter einſt für meinen unglücklichen Vater geſtickt hat, Sie würden erſtaunt ſein— und ich werde ſie nie errei⸗ chen.— Aber wollen Sie ſchon gehen, lieber Ernſt, und meine Mutter nicht erwarten, um ihr ſelber Ihren Glückwunſch zu bringen?— Sie wird ſicher bald kom⸗ 77 i und würde herzlich erfreut ſein, Sie hier zu fin⸗ en.“— „Ich bedauere, gnädiges Fräulein— doch ich muß leider gehen, da mich dringende Dienſtarbeiten rufen, von denen ich mich nur mit Mühe für den kurzen Aus⸗ gang losmachen konnte. Ich bitte Sie, der Frau Ba⸗ ronin meine Ergebenheit zu verſichern und ihr meinen Glückwunſch zu Füßen zu legen“— „Herzlichen Dank, im Namen meiner Mutter, lieber Ernſt, und ich bitte Sie, uns recht bald wieder zu beſuchen. Ihr Schwager und Marie werden heute Nachmittag bei uns ſein— könnten Sie nicht ein we⸗ nig mitkommen?— Ich habe Marie ſchon geſtern dar⸗ um gebeten, denn Sie kommen ſo ſelten zu uns und ſicher ſtets nur dann, wenn Sie uns mit neuen Aufmerk⸗ ſamkeiten überraſchen wollen!— Können Sie heute Nachmittag mitkommen, Ernſt?“— „Ich will es verſuchen, gnädiges Fräulein, wenn ich es möglich machen kann, werde ich mir die Freiheit nehmen.“— „Bitte, thun Sie es ja,“— bat ſie noch einmal lächelnd, reichte ihm die Hand und die Thür ſchloß ſich hinter dem Hochaufathmenden, der in ihrer Nähe immer neue Qualen ſog und doch ſie nicht meiden konnte— 78 nicht die Kraft hatte, ſie nicht wieder zu ſehen, die er über Alles, über Alles auf der Welt liebte!— Durfte er es wagen, jetzt an ſie zu denken, wo der Glanz und Standesflitter von ihr abgefallen war, und ſie ſich in den einfachſten bürgerlichen Verhältniſſen glück⸗ licher und freier fühlte, als früher unter dem Zwange des Standes, der ihr gequältes Herz zu den ſchmerz⸗ lichſten Opfern zwang 5— Durfte Ernſt jetzt, in ſeiner neuen Stellung als Obergärtner, mit einem guten und ſicheren Auskom⸗ men, es wagen, dem Mädchen ſeines Herzens auch ſeine Hand zu bieten, um ſein ganzes Leben hindurch immer nur für ſie arbeiten, für ſie ſorgen zu dürfen, deren Bild jedoch keinen Augenblick aus ſeinem Herzen wich? Liebe und Leid, Hoffnung und Bangen kämpften täglich in ſeiner Bruſt, ohne daß er jemals es gewagt hätte, ein Wort von ſeinen heiligſten Gefühlen zu ver⸗ rathen, ohne daß er jemals in ſeinem Schwanken zum Abſchluſſe kam, das alle Tage ſein Herz mit Hoffnung und Furcht bewegte, und Nochts den Schlummer von ihm verjagte. Niemand konnte ſie ſo lieben, konnte ſie ſo treu und hoch halten, als er, das fühlte er wohl. Sie war ſein Ideal, der Engel des Lichts in ſeinem Daſein; ihr Glück ſein Leben— und doch, durfte er es wagen, ihr 54 —— 79* mit ſeinen Wünſchen zu nahen?— Durfte er es wa⸗ gen— und liebte ſie denn auch ihn, konnte ſie ſeine Gefühle erwidern?— Wiederum kämpften heute Bangen und Zagen, Hoffnung und Zweifel in der Bruſt des Liebenden, und wiederum fand er in ſich keine Antwort und doch auch nicht den Muth, ſie durch offene Frage zu erbitten. Halb bewußtlos langte er unter ſeinen Blumen an. Anna aber ſah nach ſeinem Weggehen unter Thrä⸗ nen auf die Zeichen ſeiner Treue nieder. Sie verſtand ler unter dem Entzücken treubewährter Jugendliebe. „Wie gut er iſt, und wie tren. Mit ihm, ja mit ihm könnte ich glücklich werden, und Gott ſei Dank, ich kann es ja noch werden— darf jetzt meinem Herzen folgen, wenn er mich begehren ſollte. Heute bin ich ihm gleich;— das Vorurtheil des Vaters trennt uns nicht mehr, und wenn er konmen ſollte, Herz und Hand von mir zu verlangen, ſo darf ich Sein werden, und darf dem Zuge des Herzens folgen, der mich ſchon auf ihn hinwies, als er noch der arme— brave und thätige Gärtnerburſche war, und ich nichts, als ein hochgebo⸗ renes, ſtandesverpflichtetes Fräulein.“ „Aber wo bleibt nur die Mutter?— Sie ſchläft ja heute außergewöhnlich lange!“ ihn, begriff ſeine Gefühle, und ihr Herz hob ſich ſchnel⸗ ——— — —— 80 Anna ſtand auf, öffnete leiſe die Thür und blickte nach der ſchlummernden Mutter hinüber. Als ſie aber die freundliche Ruhe in den bleichen Zügen der Schlum⸗ mernden bemerkte, und ihr regelmäßig leiſes Athmen hörte, ſchloß ſie die Thür wieder zu und zog ſich zurück. Ein polternder Schritt auf der Treppe lockte ſie in dieſem Augenblicke hinaus, damit der Mutter keine Stö⸗ rung bereitet werde. Es war der Briefträger, der ihr mit den Worten „Aus Amerika, koſtet noch drei Silbergroſchen ſechs Pfenninge“— einen dicken Brief mit vielfach geſtem⸗ peltem, dunkelgelbem Couverte übergab. „Von Hans!“— jubelte Anna und beeilte ſich, das verlangte Porto zu entrichten. „O, welche Freude— und gerade heute, zu Mutter's Geburtstage! Wenn es doch auch recht gute Nachrichten wären, und er bald ſelber kommen könnte! Ach Hans, alter Hans, das haſt Du einmal gut gemacht, uns gerade zum Geburtstage einen Brief zu ſenden,— das iſt das beſte Geſchenk, und nun ſoll auch gleich mein Bougquet Platz machen, und der Brief in Mutters Fſe prangen.“ Aber trotz des eingelaufenen Briefes wagte es Anna nicht, den Schlummer der Mutter zu unterbrechen, 81 die geſtern Abend leidender geweſen war als gewöhnlich, und wohl der Ruhe noch bedürfen mochte. Sie ſetzte ſich an ihren Fenſterplatz, der dem der Mutter gegenüberlag, nahm den Stickrahmen auf und begann mit geſchickter Hand einen jener reizenden Krägen, wie ſie kürzlich Mode geworden waren, und wie ſie Anna mit unübertrefflicher Feinheit anzufertigen verſtund. Dabei flog aber ihr Auge gar oftmals zu dem gelben Briefe hin, deſſen Geheimniß ihr Schweſterherz bewegte, und ihre Gedanken eilten liebevoll nach Amerika's fernen Geſtaden hinüber, wo er weilte, arm und allein— und doch glücklicher als früher. War er doch ein anderer, ein armer Menſch geworden, der den Leichtſinn der Ju⸗ gend— und die verderblichen Vorurtheile des Standes überwunden und, wie ſie— ſchätzen gelernt hatte die eigene bewußte Kraft, die für ſich ſelber ſchafft— und in eigenem Streben, nicht in ererbter Standeshöhe und ihren innigeren Vorzügen ſich achtete;— ſchätzen ge⸗ lernt die Ehre der Arbeit.— In ſeinen erſten Briefen hatte das ſcharfe Schweſter⸗ auge deutlich genug den innern Zwieſpalt des Bruders, dieſes Schwanken zwiſchen verzweifelnder Hoffnungslo⸗ ſigkeit in fremden und ungewöhnlichen Verhältniſſen und zwiſchen der alten deutſchen, bemächtigten Adelszuverſicht erkannt, das ihn vom erſten Streben fernhielt, und ihn, Ehre 1v. 6 82 da er ſelber nicht eingreifen wollte, um ſein Geſchick mit eigenen Kräften zu regeln, ſondern noch immer geneigt ſchien, für den letzten Sprößling des deutſchen Frei⸗ herrnhauſes auf Wunder zu hoffen, als Spielball der Ereigniſſe aus einer Situation in die andere warf. Freilich ahnte ſie dabei nicht, wie wenig der Bru⸗ der auch den Zeitverhältniſſen und ihren Forderungen gewachſen geweſen war, und wie wenig ſeine Kenntniſſe für dieſelben ausreichten, um ihm in der amerikaniſchen Geſellſchaft eine geachtete Stellung zu erringen. Aus ſeinen letzten Briefen hatte ſie dagegen mit Freude gefehen, wie dieſer Zwieſpalt ſich geendet hatte, und der Bruder ſich wohl und glücklich und vor Allem mit ſich ſelber zufrieden zeigte, in einer Stellung ſogar, die adeligen Anſprüchen am wenigſten genügen konnte. Welche Ereigniſſe ſo läuternd auf den vorurtheils⸗ vollen Sinn des Bruders gewirkt hatten, wußte und ahnte ſie ebenfalls nicht, obgleich ſie wohl fühlte, daß ſie groß und erſchütternd geweſen ſein mußten, um ſo ge⸗ waltige Umwandlung zu erzielen. Doch, er hatte ſich ſelber überwunden, den alten Menſchen abgeſtreift und jetzt, das wußte ſie, war er gerettet, und die Verhältniſſe konnten ihn nicht mehr be⸗ ſiegen. Sieger in dem größten und ſchwerſten Kampſe mit angeerbten Vorurtheilen und bequemen Anſchauungen, ——,—— ———— 7— 83 durfte er nicht mehr fürchten, von den kleinen Sorgen des Lebens gebeugt und überwältigt zu werden. Laſſen wir jetzt das junge Mädchen in der lieben Beſchäftigung mit dem fernen Bruder, von dem wir be⸗ reits mehr wiſſen, als ſie nur ahnen kann— und blicken wir auf die letzten Lebensjahre der beiden Damen zurück, deren härteſten Schickſalsſchläge die theuerſten Glieder von ihren Lieben raubten, und ſie hinaus getrieben hatten aus dem Schloſſe ihrer Väter und den gewohnten adeligen Verhältniſſen. Blicken wir ein wenig zurück, während die ſchwer er⸗ mattete Freifrau ſanft in ihren Geburtstag hinein⸗ ſchläft, und die Tochter mit ruhigem, faſt freudigem Gemüthe weit— weit bei dem fernen Bruder weilt, deſſen Trennung von der kränkelnden Mutter und ihr, die größte Sorge des ſanften Mädchens iſt, das den erloſchenen Glanz und Schimmer ihres Hauſes noch nie vermißt hatte. Als die Nachricht von dem Tode des Freiherrn von Harder auf Tante Frieda's einſames Schloß ge⸗ drungen wat, eilte Anna ſofort nach Hardersberg zu⸗ rück und kam verzweiflungsvoll zu der verzweifelnden Mutter.— Der Schlag war entſetzlich für die unglückliche Familie. Die beiden Frauen fahen den geliebten Vater ——— —— 84 todt.— ſich ihrer feſten und natürlichen Stütze be⸗ ranbt, auf die allein ſie immer vertrauensvoll und ſicher gebaut hatten, ſahen Gatten und Vater durch den ſchrecklichſten Tod ihnen entriſſen, bleich und zer⸗ ſchmettert in die düſtere Ahnengruft hinabſteigen— und ſich ſelber, als heimatloſe Bettler, der Armuth und dem Unglücke preisgegeben. Und doch wie gern hätten ſie Alles das getragen! Wie gern hätten ſie arm und kümmerlich in der kleinſten Hütte ſich und ihn mit ihrer Hände Arbeit ernährt, und ihn gehegt und gepflegt in der Aufopfe⸗ rung treueſter Liebe:— wäre er nur bei ihnen ge⸗ blieben und hätte ſie nicht ſo ganz allein gelaſſen in der fremden kalten Welt. Doch er war hingegangen, war geſtorben als unerſchütterlicher Repräſentant der Ehre des Hauſes, der den Tod in Ehren einem Leben voll Banquerott und Schande vorzieht! Standesvorurtheile waren die Quelle des Uebels geweſen, das durch ſein ganzes Leben an ihm zehrte; die Pflicht, den Schein zu retten, hatte ihn immer tiefer in die Herrſchaft des Scheines verpflichtet, bis ſie endlich ihre Stützen verlor und enthüllend— über den Unglücklichen zuſammenbrach. —,— 85⁵ Des Freiherrn Ehre konnte die Entlarvung nicht ertragen, und unter den Trümmern ſeines gefallenen Scheinſeins begrub er ſich ſelber vor der Schande. Sonſt der liebendſte Vater und Gatte, ſtarb er jetzt, wie im Leben noch im Tode die Ehre des Hauſes rückſichtslos im Auge haltend, ohne an ſeine verlaſſene Familie zu denken. Unter ſolchen Verhältniſſen däuchte den beiden Frauen das Leben auf dem Schloſſe ihrer Väter als Höllenqual, und ſie verließen es ſogleich nach der trauervollen Leichenfeier, um ſich vor dem unheimli⸗ chen Walten und Geräuſche der Gerichtsperſonen auf Tante Frieda's einſames Schloß zurückzuziehen, die ſchmerzbewegt, den Unglücklichen eine ſtille Freiſtätte bot. Tante Frieda war durch den Tod ihres Bruders und den Fall ihres Hauſes auf das tiefſte erſchüttert worden. Dieſer entſetzliche Schlag hatte die alte ſtarre Anhängerin der alten Zeit und des alten Adelregimes bis in das innerſte Leben getroffen, und ſie ſaß oft ſtundenlang auf ihrem Rollſtuhle, ohne ein Wort zu ſprechen, dumpf, brütend und im leiſen Stöhnen den fürchterlichen Schmerz verrathend, der ſie durchwühlte. Wochenlang dauerte es, bevor die Reſignation in ihr wieder ſiegte, welche ihr auf ihrem langen Dulderwege immer treu zur Seite geſtanden hatte, 7 86 und bevor ſie wieder ergeben ihr Auge zum Himmel richten konnte, um im feſten, vertrauungsvollen Glauben ſich aufzurichten über das Unglück ihres Hauſes. Aber ihre Kraft war gebrochen, und der Orga⸗ nismus, der ſo lange den Stürmen der Zeit, wie der Krankheit getrotzt hatte, war dem letzten, herbſten Schlage unterlegen;— Tante Frieda konnte ihren Bruder und den Fall ihres Hauſes nicht lange über⸗ leben. Die Freifrau und Anna, die beide ſtill litten und den ungeheuern Verluſt mit tauſend Thränen beklagten, mußten bald an das Bett der kranken Tante eilen, die von Tag zu Tage ſchwächer wurde. „Für uns iſt es aus, Gertrud,“ flüſterte ſie der trauernden Schwägerin zu,„die Neuzeit will uns nicht mehr, und wenn Judendirnen in Freiherrnſchlöſſern wohnen dürfen, dann iſt es beſſer für uns, wir ſchicken uns zur letzten großen Reiſe an. Kurt hat das auch ein⸗ geſehen, und ich folge ihm!“ Die beiden Frauen widmeten ſich der Pflege der allgeliebten Tante mit treueſter Sorgfalt. Sie hatten all ihr Leid und ihren Schmerz zurückgeworfen in dem einen Bemühen, die Tante zu erhalten, doch ver⸗ geblich. Der Todesengel ſchwebte näher und näher, ——— 87 noch einmal begehrte die gute Kranke ihre treuen Diener und Leute zu ſehen, und ſie mußten Alle einen Angenblick in das Sterbezimmer treten, wo Frieda ſie ſegnete, Abſchied von ihnen nahm und ſie ermahnte, dem zukünftigen neuen Herrn, ihrem Neffen, treu und gehorſam zu ſein. Als die Sonne tiefer und tiefer ſank, wurde auch die Kranke immer ſchwächer. Die Freifrau ſaß ihr zu Füßen und blickte ſchmerzvoll in das frieden⸗ reiche Antlitz der Dulderin; Anna kniete neben der Kranken, die ihre Hand zwiſchen den ihrigen hielt. Der Tag neigte ſich zu Ende, und das Licht ſchien in dem hohen düſteren Gemache gänzlich er⸗ ſterben zu wollen. Da richtete ſich Tante Frieda noch einmal empor, legte beide Hände auf Anna's Haupt und ſegnete ſie, reichte noch einmal der ſtillweinenden Gertrud die Rechte und ſank erſchöpft in die Kiſſen zurück. „Lebt wohl und ſeid glücklich in Liebe und Gott⸗ vertrauen!—“ flüſterten die bleichen Lippen, ein ſe⸗ liges Lächeln himmliſchen Friedens ſchwebte verklärend über das milde Angeſicht, und wenige Minuten ſpäter hatte das Herz aufgehört zu ſchlagen. Mit einem Lächeln war ſie hinübergegangen und —— —— 88 ruhte, als heiliges Bild des Friedens und vertrauens⸗ voller Ergebung, vor ihren verwaiſten Lieben. Wiederum hatten dieſe die ſchmerzliche Pflicht, eine geliebte Leiche der Gruft übergeben zu müſſen, dann waren ſie wieder allein, wiederum arm und ob⸗ dachlos, denn Tante Frieda hatte ihren armen Unter⸗ thanen und allen Unglücklichen zu gern und frendig geholfen, um an Sparen denken zu können. So war es nur wenig, was die Sterbende ihren Lieben übergeben konnte; darunter aber befanden ſich die Möbel ihres Zimmers mit dem Rollſtuhle und ihr, ihres Bruders, ſo wie ihrer Eltern Porträts, welche in dieſem Zim⸗ mer hingen. Alles Uebrige mußte im Schloſſe bleiben und ging teſtamentariſch an den Neffen ihres verſtorbenen Gemahls über, deſſen Ankunft die beiden verwaiſten Frauen jedoch nicht abwarten wollten. Sie waren nun wieder heimatlos und ſollten wiederum den Fuß weiter ſetzen, um ſich eine Stelle zu ſuchen, auf der ſie ruhen könnten. Die Freifrau litt fürchterlich, doch klagte und weinte ſie nicht mehr. Schweigend ſaß ſie in dem Rollſtuhle der verſtorbenen Schwägerin und brütete über ihr Geſchick, das ihr Alles entriſſen hatte, außer der Tochter, die unglücklich und verlaſſen war, wie 89 ſie ſelber. Sie litt am ſchwerſten, hatte am meiſten verloren. Gatten, Sohn, Schwägerin und Heimat! — Warum durfte ſie denn nicht ſich zu den Todten betten, warum ſchritt denn an ihr der dunkle Engel theilnahmslos vorüber, und wollte ihr nicht den Frie⸗ den gönnen, der allein ihr blutendes Herz heilen, und ihren Schmerz ſtillen konnte? Nein, ſie mußte leben, ſollte hinaus in die Fremde und heimatlos umherirren, nicht wiſſend, wohin ſie ihr Haupt legen ſollte, wenn die Nacht einbrach, und wo ſie Frieden und Ruhe finden könnte für die ge⸗ beugte Seele, die weinend über ihr Geſchick zuſam⸗ menbrach. Da mußte denn Anna handeln. Das arme ſchwache Mädchen mußte für die Zukunft ſorgen, und der alte Gärtner Krüger und Ernſt waren ihr treu zur Seite, um ihr beizuſtehen. Die beiden Da⸗ men wollten die Ankunft des neuen Schloßherrn nicht auf dem Schloſſe abwarten, ſondern ordneten die we⸗ nigen Sachen zum ſchleunigen Aufbruche. Die Freifran kümmerte ſich um Nichts, hatte keinen Willen mehr, und ſo beſchloß denn Anna ſelbſt⸗ ſtändig, daß ſie nach der Reſidenz überſiedeln und dort in Zukunft leben wollten. In der Reſidenz hatten ſie am wenigſten Beachtung zu befürchten. Dort konnte ————— 90 Anna am leichteſten Arbeit und guten Lohn für ihre Geſchicklichkeit finden, und arbeiten wollte ſie ja, ſich mühen und ſtreben, um der Mutter ein ſorgenloſes Alter zu bereiten. In der Reſidenz konnte ſie auch am erſten Nachricht von dem unglücklichen Bruder erhalten, und es ward deshalb feſt beſchloſſen, die beiden Damen ſollten nach der Reſidenz reiſen, und Ernſt, dem ſein Oheim eine Gärtnerſtelle dort beſorgt hatte, ſie geleiten. Zwei Tage vor der Ankunft des neuen Herrn, den die Nachricht vom Tode Tante Frieda's in wei⸗ ter Ferne erreicht hatte, reiſte Ernſt mit den beiden Damen ab, und ſie gelangten wohlbehalten in der Reſidenz an. Hier trafen ſie bald mit Wellings zuſammen, von denen die alten Freunde mit offener Herzlichkeit aufgenommen wurden, und da gerade um dieſe Zeit Frau Roſen und ihr gefeierter Sohn das kleine nette Dachſtübchen verließen, in welcher Hans einſt krank gelegen und treueſte Pflege gefunden hatte, ſo zogen die beiden Damen daſelbſt ein und ſtellten die alten ehrwürdigen Cabinetſtücke aus Tante Frieda's hohem Schloßgemache in den niedrigen Räumen auf. Die Freunde unterſtützten Anna treulich bei ihren Bemühungen um ihre Handarbeiten, und Ernſt war in 91 ſeinen freien Stunden unermüdlich thätig, für ſein gnä⸗ diges Fräulein zu ſorgen. Als kurze Zeit ſpäter Johannes Roſen Ernſt's Schweſter Marie als glückliche Frau heimführte, die der liebende Dichter bis in ihr mühſames Fiſcherdorf hinauf verfolgt und mit ſeinen Bitten ſo lange beſtürmt hatte, bis das geprüfte Mädchen, das ſich nicht mehr für wür⸗ dig hielt, eines lieben Mannes Weib zu werden, überwäl⸗ tigt an ſeine Bruſt ſank und durch treueſte Liebe den lohnte, der ihr die Untreue und Verderbtheit des vorneh⸗ men Verführers vergeſſen machen wollte;— und als bald daxauf der alte Major von Welling zu ſeinen Vä⸗ tern und vorangegangenen Waffenbrüdern verſammelt ward, ſchloſſen ſich die einzelnen Familien immer näher aneinander und es verging faſt kein Tag, Nachmittag, an dem nicht Roſens und die trauernde Majorin mit ihrer Tochter in s Dachſtübchen hinaufgeſtiegen wären, wo die Freifrau ſie freundlich willkommen hieß und Anna bei der anregenden Unterhaltung immer fleißig, die kunſt⸗ vollſten Arbeiten fertigte. Denn Anna hatte ihren Entſchluß nicht vergeſſen. Sie, wie ihre Mutter, waren zu ſtolz die Unterſtützung des Herrſchers oder ihrer Standesgenoſſen nachzuſuchen; nein, Anna fühlte ſich kräftig genug und war ſtolz darauf, mit eigener Kraft für ſich und die Mutter ſorgen, und 1 92 durch fleißige Arbeit und eigenes Streben der alten Dame die früheren Zeiten vergeſſen zu machen und ihr ein ein⸗ faches, aber zufriedenes Glück zu bereiten. Mit der Sonne war ſie thätig, bis ſie wieder im fernen Abend verſank, und wenn eine Arbeit kunſtreich aus ihrer Hand hervorging, ſtrahlte der reinſte Seelen⸗ adel von ihrer Stirn und verklärte ihr ganzes Weſen. Ihre Seele war frei, wenn auch nur geringe Ver⸗ hältniſſe ſie umgaben, und kein düſteres Schreckbild äng⸗ ſtigte mehr das arme Herz. „Adel liegt nicht in den äußeren Verhältniſſen, er liegt in der Seele; und ſeine äußeren Vorurtheile ſind Gehrechen des Alters, die der Zeit abſterben werden!“ — tönte es ſiegend in ihrer Seele, die nur noch die Sorge um den fernen Bruder bewegte, deſſen Briefe dü⸗ ſter und unheilſchwanger klangen. Da endlich kam jener letzte Brief, den er als Tag⸗ löhner Mr. Hartmann's ſchrieb, und zeigte den beiden Damen, daß auch er die Vorurtheile überwunden, und die Ehre der Arbeit und des eigenen Schaffens erkannt habe! Da erhielten ſie durch Roſen's Bemühungen die Amneſtie vom Prinzen Taver, welche Hans die Rückkehr in ſeine Heimat geſtattete, ünd nun blickten ſie hoffend und hoffnungsvoll in die Zukunft, die ſie nicht dem eiteln Ungefähr anheimſtellten, ſondern mit Gottes Hilfe von 93 ihrer eigenen Kraft und von dem Erfolge ihrer Arbeit abhängig machen wollten. Es waren mehrere Jahre vergangen⸗ ſeitdem ſie in der Reſidenz lebten, und von Tag zu Tag hatte ſich das Glück der befreundeten Familie befeſtigt. Anna's Arbei⸗ ten waren geſucht und hoch bezahlt, und ſie konnte nicht genug von jenen geſticten Krägen liefern, die Niemand ſo fein anfertigen konnte als ſie, und die von allen ele⸗ ganten Damen der Reſidenz begehrt wurden. Aber dennoch hatte ſie auch der Mutter Geburts⸗ tag gedacht und in einſamen Nachtſtunden die wunder⸗ volle Stickerei gefertigt, welche auf dem alten Rollſtuhle Tante Frieda's noch immer die ſchlummernde Freifrau erwartete.„ Und endlich!— endlich hörte Anna, daß die Mut⸗ ter erwacht war und ſich erhoben hatte. Sie ſah eilig nach dem warmen Morgentranke für ſie, überblickte noch einmal ihr Geburtstags⸗Arrangement und ſchon trat auch die Freifrau ein, die nicht wenig erſtaunt umherſah, und ihren milden Blick auf dem reichen Blumenſchmucke ru⸗ hen ließ.. Wos iſt das, Anna, was bedeutet das Alles, mein Kind?“— frug ſie verwundert. „Ja, glaubſt Du denn, lieb' Mütterchen, daß Deine Tochter auch ſo leichtſinnig iſt und Mutter's Geburts⸗ tag vergißt?— Ich gratulire, lieb' Mütterchen, gratulire viel tauſendmal, und weil ich weiter nichts habe, ſo habe ich Dir Blumen geſchenkt, und Ernſt iſt auch ſchon dage⸗ weſen und hat Dir Deine Lieblinge in reicher Fülle ge⸗ bracht. Doch nun komm' nur und trink und iß von Dei⸗ nem Lieblingskuchen, den ich leider nicht ſelber habe ba⸗ cken können, doch erſt ſieh Dir einmal ſir das Kiſſen an, auf dem Du in Zukunft recht weich ruhen ſollſt.“ Die Freifrau blickte gerührt auf alle dieſe Zeichen reinſter Liebe, als ſie aber das Kiſſen ſah und mit Ken⸗ nerauge erkannte, wie viele Nachtſtunden Anna dieſem Kunſtwerke geopfert haben mußte, da ſchlang ſie die Arme um ihr gutes Kind, ſie feſt an das Herz ziehend, flüſterte ſie: „Mein liebes, gute Kind! Wie glücklich machſt Du mich Hätte ich es doch früher nie geahnt, daß auch fern unſerem Schloſſe, in einem engen Dachſtübchen, ſo viel Glück und Frieden blühen könnten, und ſcheint es mir doch heute, als ob ich noch nie ſo glücklich geweſen wäre, als jetzt. Wäre der Vater noch bei uns, wir könnten es von ganzem Herzen ſagen— aber er, und Hans fehlen uns überall. Ohne ſie können wir nirgends ganz glück⸗ lich ſein!—“ Sie ſank erſchöpft in den Rollſtuhl nieder und ihre Augen ſuchten vergeblich die Thränen zu verbergen. t2 4 95 Sie war doch ſehr alt geworden die Freifrau Ger⸗ trud, und ihre zurten Züge erſchienen von faſt durch⸗ ſichtiger Bläſſe. Der Schlag, den der Tod des Gatten ihr gegeben, hatte ſie niemals wieder ganz freigelaſſen; ſie war niemals wieder recht geſund geworden. War ſie auch nicht krank, plagte ſie auch kein Schmerz und kein Leiden,— ſo ſaß doch der Wurm im Herzen und zehrte wie ein Krebsſchaden.— Anna ſah mit Schrecken die Schatten, welche bei der Erinnerung an Nn Vater über das bleiche Antlitz der Mutter lagerten, und um ihre Gedanken abzulenken, hielt ſie ihr den Brief des Bruders ent⸗ egen. 6„Noch ein Geburtstagsgeſchenk, lieb' Mütterchen, von Bruder Hans!“— rief ſie freudig und athmete neu auf, als ſie das glückliche Lächeln ſah, welches wie Morgenröthe über das Angeſicht der Mutter flog. „Gott ſei Dank!“ rief dieſe lebhaft,„das iſt eine große Freude für ein armes Mutterherz!“— Sie hatte den Brief eilig erbrochen und je weiter ihre Blicke flogen, je mehr ihre Augen von den geliebten Zeilen verſchlangen, um ſo heller leuchteten ſie auf, um ſo freudiger lächelten ihre Lippen. „Er kommt, Anna!“ rief ſie, als ſie geendet hatte, „er kommt und iſt ſchon unterweges!“ 96 „O Mutter, wann, wann kommt er?“— „Bald, mein Kind, und glücklich kommt er wieder. Er hat unſeren verſchollenen Onkel Rudolf wieder ge⸗ funden. Jener Mr. Hartmann iſt unſer Rudolf von Harder, der Hans liebgewonnen hat und als ſeinen Sohn hält. Hans ſchreibt nur wenig— Du kannſt es ſelber leſen— und vertröſtet uns auf ſeine baldige An⸗ kunft Anna griff nach dem Briefe— die Freifrau aber hob den Blick nach oben, ugd ihre Seele dankte dem Lenker des Weltalls, deſſen Liebe auch den dunkelſten Pfad erleuchte, und wenn ſie oftmals auch durch Prü⸗ fungen führet und über Dornen und Felsgeſtein unſern Fuß lenket, doch Alles wohl und endlich Alles herrlich doch hinausführet!— Fünftes Capitel. Wiederſehen und Scheiden. Seit dem Geburtstage der Freifrau, welcher der alten Dame eine ſo ſchöne Freude beſcheert hatte, in der ſicheren Hoffnung den einzigen Sohn recht bald wieder in ihre Arme ſchließen zu können, waren acht bange Tage verfloſſen. Anna blickte mit kindlicher Sorge auf die immer mehr ſchwindende Geſtalt der Mutter, deren körperliche Schwüche mit jedem Tage zunahm. Der Geiſt freilich war lebendig und malte geſchäftig die Bilder des Wie⸗ derſehens in den herrlichſten Farben. Der Gedanke an den Sohn beſchäftigte die Leidende bei Tag und bei Nacht; ihre Sehnſucht nach ihm ſtieg von Stunde zu Stunde, da ſie ſich ſchwächer werden fühlte— und es ſchien ihr bange zu ſein, daß er erſt ankommen könnte, wenm es für ſie zu ſpät ſei. Es war ein Sonntagnachmittag. Ehre. W. 7 Die Baronin hatte ſich erſt gegen Mittag erhoben und ſaß nun bleich und abgeſpannt in die Tiefe ihres Rollſtuhls gelehnt. Der Schlummer ſchien ſie nicht geſtärkt zu haben, denn ſie fühlte ſich heute noch ſcwi— cher als am vorigen Tage, und die geängſtigte Tochter beobachtete ſorgenvoll das Ausſehen der Kranken. Gie war allein mit ihr, und die Mutter war heute ſo ſonderbar ſchweigſam. Nicht einmal den Sohn er⸗ wühnte ſie, deſſen Name ſonſt ſtets auf ihren Lippen ſchwebte, und wenn ſie einmal ſprach, ſo ſchien es nur mit Anſtrengung zu geſchehen. Die Stunde rückte weiter— ſie waren noch im⸗ mer allein und doch hatten die Freunde verſprochen, heute Nachmittag zu kommen, um, wie ſie es gewohnt waren, einige Stunden mit einander zu verleben. lnnn fühlte ſich allein ſo geängſtigt, ſo rathlos, — und ſie erſehnte Beſuch, um den Rath und Troſt erfahrener Freunde zu Die Mutter war auch heute gar zu ſonderbar. Ihre Augen ruhten oft wie ſurſchend auf den Zügen der Toch⸗ ter und ſchienen doch weiter, viel weiter zu blicken und in großer Ferne an einen Gegenſtand ſich feſt zu klam⸗ mern. Ihr Geiſt weilte fern, und dieſe Abweſenheit, welche Anna noch niemals an der Mutter bemerkt hatte, ängſtigte ſie von Neuem. 99 „Fühlſt Du Dich wohl, liebe Mutter, oder ſoll ich den Arzt bitten laſſen, daß er heute einmal wieder bei Dir vorſpricht?“— fragte ſie endlich, um nur den beängſtigenden Zuſtand zu unterbrechen. Die Freifran ſchien aus einem ſchweren Traume zu erwachen und blickte die Tochter fragend an. Sie hatte die Frage wohl gehört, doch nicht verſtunden. „Ich frug nur, wie Du Dich befindeſt, liebe Mut⸗ ter, und ob ich vielleicht den Arzt einmal wieder um ei⸗ nen Beſuch bitten laſſen ſoll,“ wiederholte Anna. „Ach nein, nein liebes Kind, was ſoll mir der Arzt?— der kann mir nicht helfen. Ich fühle mich auch wohl, ganz wohl, liebe Anna.— Vielleicht kommt auch heute Hans noch!— Mir däucht, er könnte wohl ſchon hier ſein, wenn er ſich nach der Mutter ſehnte, wie ſie ſich nach ihm. Man ſagt ja, die Sehnſucht leiht Flügel!“— erwiderte die Freifran und ſenkte müde das ſorgenſchwere Haupt, und ihre Stimme klang ſo ſchwach, ſo tonlos, daß ſie wie ein Schwert in Anna's Herz drang. Da endlich hörte ſie Schritte auf der Treppe⸗ und die Freifrau horchte hoch auf. Bei jedem Tone, der ſeit den acht Tagen im Hauſe laut geworden war, hatte ſie gehofft, daß er ihr die Nähe des erſehnten Sohnes verkünden würde, und auch jetzt leuchtete ihr Auge jäh auf, ſchwand plötzlich die Müdigkeit aus ihren Zügen, 7* — 100 und ihr Blick heftete ſich glänzend und hoffnungsvoll auf die Thür. Anna eilte bereits zu öffnen, und ſie athmete er⸗ leichtert auf, als ſie die Majorin von Welling und ihre Tochter erkannte, der Mutter und ihre beſten und er⸗ probteſten Freundinnen. Die Beiden hatten ſich nur wenig verändert. Die Majorin hatte ein wenig gealtert und war im Witwen⸗ kleide noch immer eine junge Frau, und Eugenie ſtand in voller Blüthe der Lieblichkeit. Nachdem ſie den herben Schmerz über den Ver⸗ luſt des Vaters ſchwer überwunden hatte, der kurze Zeit nach dem Tode des Freiherrn von Harder ſeinem alten Waffengefährten folgte, um zur großen Revue zu ge⸗ hen,— hatte ſich Engeniens Jugend auf das Neue anmuthig entfaltet, und ihre Wangen erblühten wie⸗ der eben ſo lieblich, wie damals, als ſie den Jugendge⸗ liebten im Parke zu Ballenſtedt traf. Nur voller und vollkommener war ſie geworden, ſonſt glich ſie noch im⸗ mer dem reizenden, ſchalkhaften Feengebilde, welches damals mit Hans von Harder luſtig ſcherzte— über Wolkenkönigs Töchterlein und Hanſens romantiſche Irr⸗ fahrten am Falkenſteine. Eugenie war hoch gefeiert, und ſchon mancher an⸗ nehmbare Bewerber hatte ſich um die einzige Tochter des 101 alten Hauſes Welling aufmerkſam bemüht. Allein immer vergeblich.— Eugenie war liebenswürdig und heiter ge⸗ gen Jeden, doch ſuchte ſie ernſteren Bewerbungen ent⸗ weder auszuweichen, oder ſie wies ſie ſchonend zurück, weil ſie nur achten, aber nicht lieben könne, und weil ſie nur einſt einem geliebten Manne ihre Hand reichen, oder unverheiratet bleiben würde. Der geliebte Mann ſchien aber noch immer nicht gefunden zu ſein— Eugenie von Welling war noch immer frei. Man mußte ihren Grund achten und allgemein gelten laſſen, denn Eugenie war reich und unabhängig, und es war bald in der Männerwelt bekannt geworden, daß die liebenswürdige und ſchöne Eugenie von Wel⸗ ling ein Herz von Stahl beſitze, und nicht zu lieben vermöge. Darüber floß die Zeit auf Windesflügeln dahin. Eugenie mußte ebenfalls ihre wandelnde Macht erkennen, doch übte ſie keine Wandlung auf ihre Entſchlüſſe aus, und noch immer war der nicht erſchienen, den ſie zu lie⸗ ben vermochte, und mit dem ſie ein Leben lang glücklich zu ſein hoffen durfte. Die Majorin, ihre Stiefmutter und Freundin, ließ ſie gewähren. Sie erkannte wohl, wie wenig Gründe und Vorſtellungen hier nützen würden, und liebte das reizende Mädchen zu mütterlich, um ſie dem ungewiſſen Schickſale an der Seite eines ungeliebten Mannes preis⸗ zugeben. Sie allein ahnte es, daß bereits ein Bild in Eugeniens Herzen unauslöſchlich lebte und herrſchte, und obgleich ſie niemals darüber ſprachen und niemals das Geheimniß des Herzens lüfteten, das, berührt, nur unter neuen Schmerzen zucken würde— wußte ſie doch ganz genau, daß Eugenie dem Iegle ihrer Jugend treu ge⸗ blieben war, und daß Hans von Harder's Bild noch immer in ihrem Herzen lebe, friſch und lebendig wie an jenem Tage, als ſie den unglücklichen Flüchtling beweinte. Die Majorin ahnte das und fühlte, daß Eugenie die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, den Jugendgeliebten einſt geläutert und ihrer würdig wiederkehren zu ſehen — las aber in ihren Augen auch den Entſchluß, auch wenn dieſes nicht geſchähe, und er ihr ewig verloren bleiben ſollte, ihm die gelobte Treue zu bewahren, nie ein anderes Bild auf den Altar des Herzens zu ſtellen, als das ſeine, das da im lichten Farbenſchmucke ihres erſten Begegnens prangte, und niemals eines andern Mannes Weib zu werden. Damals hatte ſie ihn lieben gelernt, und was ſpäter geſchehen war, was die„Kunſt“ der Welt aus ſeiner Jugendunſchuld geformt hatte, kümmerte ſie nicht. — — * 103 Sie liebte en alten Hans, dem ſie Treue gelobt in hei⸗ liger Stunde erſter Liebe, dem ſie treu war ſeit jener Stunde— und ihr Herz liebte nur einmal. Es lebte und ſtarb mit ſeiner Liebe! Und nun ſollte er wiederkehren! Mutter⸗ und Schweſterherz ſchlugen ſehnſuchtsvoll dem lange Entbehrten entgegen, und auch Eugeniens Herz klopfte ſtärker bei dem Gedanken an ihn. Denn nun mußte es ſich ja entſcheiden, ob er ihr auf immer verloren war, oder ob die guten Geiſter in ihm geſiegt hatten, und er wiederkehre mit der treuen Geſinnung ſeiner erſten Liebe. Zagend lenkte ſie täglich den Schritt dem einfachen Dachſtübchen zu, und auch heute hatte ſie all ihren Muth zuſammen nehmen müſſen, als ſie mit der Mutter das Zimmer betrat, in welchem er vielleicht ſchon weilte. Doch ſie hatte vergebens geſorgt, Hans war noch nicht angekommen. Nun kehrten ihr ſchnell Muth und Unbefangenheit wieder, und traulich ſchmiegte ſie ſich an Freundin Anna, die ſie mit Stickerei beſchäftigt fand. Die Majorin hatte ſich bei der Freifrau nieder⸗ gelaſſen, deren leidenden Zuſtand ſie ſofort erkannte, und bemühte ſich, die alte Dame zu unterhalten und mit Nachrichten aus der Reſidenz zu zerſtreuen. Doch dieſe kehrte mit ihren Gedanken immer wieder zu dem Sohne zurück— auf ihn, auf ſeine Ankunft hatten ſie ſich wie krampfhaft fixirt, und es bebte fieberhafte Er⸗ wartung in ihrer Stimme, wenn ſie von ihm ſprach. „Meinen Sie nicht auch, liebe Majorin, daß er ſchon hier ſein könnte?— Man fährt jetzt ſchnell von Amerika herüber, und ich fürchte, daß ihm ein Unglück widerfahren iſt!— O, Gott, meine bangen Ahnungen — wie mich das ängſtigt!— Anna, haſt Du denn heute die Zeitungen nachgeſehen, ob Schiffe angelangt ſind, und ob etwa Unglücksfälle geſchehen ſind?— O, meine Ahnung, meine Ahnung!“ „Ja, liebe Mutter,“ erwiderte Anna, ihre geheime Unterhaltung mit Eugenien unterbrechend,„es ſind mehrere Schiffe aus Amerika glücklich angelangt, und es iſt kein Unglücksfall geſchehen; Du kannſt alſo ganz ruhig ſein.“ „Ruhig— ja, ruhig werde ich ſein, wenn er in meinen Armen ruht. Wie viele Gefahren gibt es nicht, die alle darauf lauern, der harrenden Mutter den einzi⸗ gen Sohn zu rauben. Wer ſchon ſo viel verloren hat, kennt das! Ach, liebſte Majorin, wann wird meine Qual enden?“ „Sie reiben ſich auf, Frau Baronin, und Ihr Sohn wird ſich ängſtigen müſſen, wenn er Sie nicht in dem gehofften Wohlſein findet. Man hört jetzt ſo ſelten R — 105 von Unglücksfüllen, daß Sie ſich ruhig und glücklich den Freuden der Hoffnung überlaſſen ſollten, ſtatt ſo trübe Gedanken zu pflegen!“ bat die Majorin, und in ihren Augen malte ſich theilnahmsvolle Beſorgniß um die auf⸗ geregte Freundin. Die Baronin neigte zuſtimmend das Haupt und verſank in nochdenkliches Schweigen. Das greiſe Haupt ſank, von der Aufregung müde, auf die Bruſt nieder, und die Majorin konnte jetzt ſo recht erkennen, welche Verwüſtungen Zeit und Sorge in den Zügen der alten Dame angerichtet hatten. Es däuchte ihr, als ſchwebte der Todesengel ſchon um das Haupt der Matrone, und hätte mit ſeinem eiſi⸗ gen Kuſſe ſchon einmal die welke Stirne berührt. Viel⸗ leicht hält nur die Hoffnung auf das Wiederſehen des Sohnes noch den Lebensfaden feſt, und wehrt dem ſtummen Gaſte, ſein Werk des Friedens zu vollenden. Die Majorin ſaß der Kranken ſchweigend gegen⸗ über, die wie in einen leichten Halbſchlummer verſunken war, und ſtörte nicht die wohlthätige Ruhe. Die beiden Mädchen plauderten unterdeſſen auf der andern Seite leiſe mit einander, und auch hier war es der Erwartete, um welchen ſich das Geſpräch drehte. Auna ahnte die Gefühle der Freundin für den Bruder, und ihre ſenſitive Seele hatte in Eugenien ſchnell die * 106 gleichgeſtimmte erkannt. Welches holde Glück erwartete den heimkehrenden Bruder!— Doch, würde er auch desſelben würdig ſein? „Ich denke mir ihn groß und ſtark geworden, mit einem urwaldähnlichen Barte und wettergebräunten Zügen,“— ſagte Annazur Freundin,—„und ich muß geſtehen, die Furcht ihn ſo verwildert zu ſehen, machtmir recht bange— mehr für die Mutter, als für mich. Sie wird ihren Hans nicht mehr erkennen können, den ſie zum letzten Male als ſchlanken Officier geſehen hat und in die Ferne ziehen ließ, und ich fürchte, daß ihre ange⸗ griffene Geſundheit unter dieſem Eindrucke noch mehr leiden wird.“— Wenn er nur erſt kommen wollte,“ flüſterte Eugenie dagegen,„denn ich fürchte vielmehr, daß ſich Deine arme Mutter bei dieſer fieberhaften Erwartung völlig aufreibt. Hans hätte gar nicht ſchreiben, ſondern unver⸗ hofft kommen ſollen. Dann hätteſt Du die Mutter vor⸗ bereiten können, und ſie hätte den Sohn mit ihren Armen umfangen, ohne dieſe geiſtige Folterqual ertragen zu müſſen, die mir aufrichtig Sorge macht.“ „Uebrigens fürchte ich die Schrecken des Wiederſe⸗ hens und das Ausſehen Deines Bruders nicht beſonders, denn ich ſtelle mir keine ſolche Abenteurergeſtalt unter 5 —— —— 107 ihm vor. Er wird etwas ſtärker und brauner geworden, ſonſt aber der Alte geblieben ſein.“ „Alſo fürchteſt Du beim Wiederſehen das Aeußere meines Bruders nicht beſonders— ſoll das heißen, daß Du Dich mehr vor ſeinem Innern fürchteſt?“— neckte Anna. „Wie meinſt Du das? frug Engenie befremdet dagegen. „Nun, ich meine,— Du fürchteſt wohl, daß ſein Inneres beſonders verwahrloſt ſein dürfte und einer eul⸗ tivirenden Schere bedürfen möchte?“— „Du örß Dich ſehr. 3 hoffe im Gegentheil, daß Dein Bruder aus dem materialiſtiſchen Amerika ſehr vernünftig und im Geiſt und Charakter gediegen zurück⸗ kehren wird— doch niemals verwildert— weder äußer⸗ lich noch innerlich. So weit vergißt ſich eine gute Er⸗ ziehung nie, mag ſie nun adelig geweſen ſein oder nicht, worauf ich, offen geſtanden, blutwenig Gewicht lege.— Aber, Anna, Deine Nadel hat ja eine falſche Richtung eingeſchlagen!— das kommt von dem Plaudern, nun iſt die ſchöne Arbeit verdorben!“— „Wie ſchade!— Nicht wahr, mein Herz? Aber beruhige Dich nur, meine gute Eugenie, es ſich wohl noch ändern laſſen.— 6 108 Und mit kunſtfertiger Hand begann ſie ſofort den Fehler zu verbeſſern. Da wurden wiederum nahende Schritte laut, die Baronin erwachte und fixirte den erwartungsvollen Blick auf die Thür, die Eugenie zu öffnen eilte. Es waren Roſen's und Ernſt Wendt, die den an⸗ dern Freundeskreis der Familie bildeten und gewöhnlich alle Nachmittag kamen, um ſich nach dem Befinden der Baronin zu erkundigen. Johannes Roſen, deſſen vom Prinzen Faver prote⸗ girte Dichtung bereits gegen zwanzig Auflagen erlebte, und der mit ſpäteren Dichtungen und einem Romane dasſelbe Glück gehabt hatte, das ſeinem Erſtlingswerke unter dem Schutze prinzlicher Gnade lächelte, war ein Liebling der kunſtſinnigen Reſidenzbewohner geworden und befand ſich jetzt in den comfortabelſten und ange⸗ nehmſten Verhältniſſen. Aus dem armen, verzweifelten, mit Sorge und Mangel kämpfenden Jünglinge hatte ſich ein gefeierter Dichter und Liebling der ſchöngeiſtigen Welt entfaltet, und der Name Johannes Roſen lebte auf allen Lippen. Er war bald genöthigt mit ſeiner Mutter das lieb⸗ gewordene Dachzimmer zu verlaſſen, und bezog eine wohl⸗ eingerichtete Paterrewohnung, die von zudringlichen 109 Kunſtjüngern, Organiſten, Verlegern, und Journal⸗Re⸗ dacteuren faſt zu ſehr belagert wurde. Johannes Roſen war der gefeierte Held der Tages⸗ literatur, und jede neue Dichtung aus ſeiner geprieſenen Feder ward mit neuem Enthuſiasmus empfangen und begrüßt. Die Journale der Reſidenz waren ſchon wo⸗ chenlang vor ſeinem Erſcheinen des Ruhmes und Lobes des neuen Werkes voll— um dem jungen und uner⸗ fahrenen Dichter einige Verſe für ihre Spalten abzu⸗ locken. Johannes fühlte ſich glücklich und angenehm bewegt in dieſem Treiben— und doch lebte in ſeinem Herzen ein Gefühl der Nichtbefriedigung, welches er weder un⸗ terdrücken, noch durch Arbeit oder Vergnügen bannen konnte. Das Bild der armen Marie, ſeiner erſten ſtillen Liebe, ſchwebte ſchmerzlich vor ſeiner Seele, und je ſchneller die Zeit floß, je weiter die Friſt wurde, ſeitdem er ſie zum letzten Male geſehen— und je huldvoller ſeine zahl⸗ reichen Verehrerinnen dem jungen Manne lächelten— um ſo heißer wurde ſeine Sehnſucht nach dem unglück⸗ lichen, geliebten Mädchen. Ihr Unglück hatte ſie ihm nur noch werther ge⸗ macht— das arme Opfer bübiſcher Niederträchtigkeit eines adeligen Taugenichts— und inmitten der Triumphe, 8 welche man ihm bereitete, bewahrte er in ſeinem Herzen den Wunſch, das arme getäuſchte Mädchen an ſeiner Hand wieder glücklich zu ſehen. Er entdeckte endlich ſeiner Mutter, und dieſe, der ja das Glück des einzigen Sohnes über Alles ging, rieth ihm, das verlaſſene Mädchen in ihrer Heimat aufzu⸗ ſuchen. „Sie iſt eine Unglückliche,“— ſagte die würdige Frau,„das beklagenswerthe Opfer eines Ehrloſen, wel⸗ ches unſere volle Theilnahme verdient. Findeſt Du das Mädchen, mein Sohn, und willſt Du ſie mir als Toch⸗ ter zuführen, ſo ſoll ſie mir willkommen ſein, und Gott und die heilige Jungfrau mögen Euch ſegnen. Gehe hin, und mache Du als edler Mann wieder gut, was jener Ehrloſe verbrach, und der Schutz der Heiligen wird mit Dir und Deinem Beginnen ſein.“— Johannes fand Marie in dem ärmlichen Fiſcher⸗ dorfe bleich und kraftlos vor der elenden Hütte ſitzend. Die ſonſt ſo blühende Geſtalt war zu einem Schatten ge⸗ worden und tiefe Furchen des Schmerzes umzogen die müden Augen. Sie trug Trauerkleider, und ihr Blick war gedankenvoll auf den Boden geheftet, als Johannes ihr nahte. Plötzliches Aufſchauen— jähes Erſchrecken— lieb⸗ 111 reichen Zuſpruch— heiße Thränen und endliche Beru⸗ higung. Als der Abend mit ſeiner roſigen Glut das weite Meer vergoldete, ſtand ein glückliches Brautpaar weh⸗ muthvoll an einem Kindergrabe, und der junge Mann bemühte ſich vergeblich, die Thränen der Geliebten zu hemmen und die lieben Augen mit ſeinen Küſſen zu be⸗ ruhigen.„ Mutter Wendt hatte ſchluchzend das Brautpaar geſegnet und nun waren ſie hingegangen, um am Grabe von Mariens Kinde Abſchied von der Vergangenheit zu nehmen und ſie für immer zu begr aben.—— Einige Monate ſpäter hatte Johannes ſeine junge Frau nach der Reſidenz und ſeiner Mutter zugeführt. Unter ſeiner Liebe und treuen Sorge lernte ſie die Ver⸗ gangenheit mit ihren bitteren Stunden vergeſſen und er⸗ blühte nun in lieblicher Schönheit. Nun erſt war Jo⸗ hannes vollkommen glücklich. Die Rächin Roſen, welche unter der Sonne des Glückes noch einmal jugendlicher geworden erſchien, war die vertraute Freundin der Baronin von Harder gewor⸗ den. Die beiden Frauen trugen gleich ſchwer an glei⸗ chem Leide, deshalb hatten ſich ihre Seelen ſchnell zu ein⸗ ander gefunden, und der vertrauensvolle kindliche Glaube der Räthin an die Liebe Gottes und der Heiligen, der 112 die Baronin ſo oft an Tante Frieda's herrlichen Dulder⸗ ſinn erinnerte— wirkte wohlthätig auf ihre Stimmung, die beſonders in den erſten Jahren nach ihrem Unglücke oft trübe und ſchmerzvoll niedergebeugt war. Marie Roſen hatte in Anna von Harder und Eu⸗ genie liebevolle Freundinnen gefunden, und das Verhält⸗ niß der Familien hatte ſich mit der Zeit immer mehr und inniger befeſtigt. So waren auch heute Alle zufammengekommen, da die Baronin jetzt mehr als je der treueſten Sorge und Aufmerkſamkeit bedurfte. Die Taſſen kreiſten umher, während Johannes eine neue Dichtung vortrug, um welche die Damen— und veſonders die Baronin— ihn gebeten hatten. Dieſer ſchwache Abglanz des frühern Geſellſchafts⸗ lebens auf Hardersberg ſagte der alten Dame ſehr zu und erheiterte ſichtbar ihre Stimmnng. Anna verfehlte dann auch nicht, Welling's und Roſen's ſo oft als mög⸗ lich in dem traulichen Dachzimmerchen zu verſammeln, wo heitere Tagesgeſpräche, oder Vorträge Roſen's— wenn dieſer mitgekommen war, ſtets angenehme Unter⸗ haltung boten. Die neue Dichtung, welche er heute vorlas, war beſon⸗ ders für Frauen ſehr intereſſevoll, eine Verherrlichung 113 höherer Wirklichkeit— und Taſſen und Handarbeit be⸗ gannen allmälig zu ruhen. Alle lauſchten athemlos den ſchwungvollen Rhyth⸗ men herrlicher Poeſie. Niemand hörte deshalb auf den Schritt, der die Stiegen der Treppe heraufkam und ſich dem Zimmer nahte: Niemand als die alte Baronin, deren Ange feſt auf die geſchloſſene Thür gerichtet war. Ein leiſes Klopfen, die Thür ward geöff⸗ net, und ein einziger Schreckensruf der überraſchten Frauen begrüßte den eintretenden Fremdling. Die Baronin war ohnmächtig geworden— denn das Mutterauge hatte ſofort den Sohn erkannt!— Unter den vereinten Bemühungen der Anweſenden kehrte der alten Dame das Bewußtſein wieder; ſie er⸗ wachte ſelig in den Armen des Erſehnten, deſſen thränen⸗ ſchwerem Auge ein mattes Lächeln und ein unbeſchreib⸗ licher Blick voll Liebe und Freude begegnete. So war er denn da, ſehnlichſt erwartet und doch nun plötzlich, und es dauerte eine Weile, bevor die Anwe⸗ ſenden ihre Ueberraſchung bezwingen und ſein Daſein faſſen konnten. Dann aber begann ein Willkommenheißen und Fra⸗ gen, voll Freude und Herzlichkeit, daß Hans ſich kaum zu retten wußte, und aus den Armen der Mutter zur ehre. W. 8 114 Schweſter und von ihr zu den Frauen und Bekannten flog, die auch ihm ja Alle Altbekannte waren. Nur Eine ſah er nicht, nur Eine fehlte bei dem herz⸗ lichen Wllkommen. Da faßte Anna plötzlich den Bruder bei der Hand und ihn in den ſchon dunkeln Hintergrund des Zimmers ziehend, flüſterte ſie ihm zu:„Hier, Du Sünder, ſag' gu⸗ ten Tag!“ Hans ſtand überraſcht und eine dunkle Glut über⸗ flog die gebräunten Wangen. Er ſah ſich Eugenien gegenüber, die bleich und ge⸗ brochen in der dunkeln Ecke des Sopha's ruhte, auf das ſie ſich bei dem unerwarteten Eintritte Harder's zurück⸗ gezogen hatte. Ihre Ruhe und Sicherheit waren bei ſeinem Anblicke entflohen— hatten einem unbeſchreibli⸗ chen Gefühle von Wonne und Wehe Platz gemacht— und als Hans ihr zu Füßen ſank und flehend flüſterte: „Können Sie mir vergeben, Eugenie?“ legte ſie zutraulich ihre Hände auf ſeine Schultern, und mit leiſem Kuſſes⸗ hauche ſeine Stirn berührend, erwiderte ſie eben ſo leiſe: „Laß die Vrgangenheit mit allen ihren Irrthü⸗ mern und Fehlern ruhen, wie einen böſen Traum. Sie iſt bezahlt und geſühnt mit Ihnen der Sorge und Ent⸗ ſagung! Und nun ſteh' auf, Hans, und laß uns wieder 115 gut Freund ſein und„Du“ ſagen, wie damals— Du weißt doch noch?“ Hans nickte ſtumm und drückte dankbar und be⸗ ſchämt die kleine Hand, welche ſie ihm reichte, an ſeine brennenden Lippen. Sie hatte ihm verziehen— wer konnte nun wider ihn ſein? und bereitwillig entſprach er dem einſtimmigen Drängen um Erzählung ſeiner Schickſale. Er verhehlte nichts,— weder von ſeinem Unglücke noch von ſeinen Fehlern, und die Frauen weihten ſeinen Schilderungen manche Thräne herzlicher Theilnahme. Nur die Baronin blieb ruhig. Sie hatte ſich in den Rollſtuhl zurückgelehnt, bleich und tief erſchöpft, aber während kein Wort über ihre Lippen kam, ruhten die Augen unverwandt und liebevoll auf dem mäunlich ſchönen Angeſichte des Sohnes, und ſchienen dem Erzäh⸗ lenden die Worte von den Lippen abzulauſchen, um ſie aufzunehmen in das treue, liebevolle Mutterherz, das jetzt ſo ruhig und friedlich heiter ſchlug, nachdem der Sohn noch einmal an ihm geruht, noch einmal den Segens⸗ kuß der ſcheidenden Mutter empfangen hatte. Die Varonin fühlte es, wie ihre Kräfte ſichtlich ſchwanden,— ſie ahnte die Nähe des Todes und fühlte ſeinen eiſigen Flügelſchlag in ihrer Nähe, doch ſie ſah 116 ihm ruhig und freudig entgegen und fürchtete kein Schreck⸗ niß mehr in ihm. Sie hatte den Sohn wiedergeſehen— ſollte ungeben⸗ von ihren Kinderi ſterben bürfen— und hatte nun keinen Wunſch mehr, als den, bald, recht bald dem vorangegan⸗ genen Gatten zu folgen und mit ihren Lieben vereint, über die Mühſal der Erde in Seligkeit zu triumphiren.— Hans endete ſeine Mittheilungen mit dem ſo zufäl⸗ ligen Erkennen des Onkels Rudolf, deſſen Liebe väterlich für ihn geſorgt hatte, und ſeiner ungetrübten Rückreiſe nach Europa. Da ihm die Mutter im letzten Briefe die wohlbe⸗ kannte Dachwohnung als ihr Aſyl bezeichnet, ſo hatte er ſich in den bekannten Räumen ſchnell zurecht gefunden. „— Und nun bin ich da,“ ſchloß er,„und bitte herzlich, daß Ihr Alle mir verzeihen möget, was ich im ingendlichen Leichtſinne und durch falſche Anſchauungen geleitet, geirrt und gefehlt hatte“. Er fügte nichts mehr hinzu, verſprach nichts, aber die Zuhörer laſen von ſeiner Stirn und aus den klaren ruhigen Augen, daß ein neuer Menſch mit neuen Lebens⸗ plänen in ihm wohne. Sie drükten dem Wiedergekehr⸗ ten liebevoll die Hand— Eugenie grüßte ihn nur mit einem innigen Blicke. — 117 Der Abend war während Hanſens Mittheilungen herbeigekommen, und die Gäſte brachen auf und ließen die nun wieder vereinigte Familie allein. Die Baronin war in ihrem Rollſtuhle der Schwäche unterlegen und ſchlummerte; Hans und Anna aber wa⸗ ren tief erſchüttert, denn die Schwäche der Mutter ließ den ſchmerzlichſten Verluſt befürchten. Hans führte die Schweſter nach dem Sopha— ſie umſchlang ihn heiß und leidenſchaftlich und lehnte ſich feſt an die Bruſt des Wiedergefundenen, der liebevoll die Locken von ihrer glühenden Stirne ſtrich. So lang er ihnen gefehlt hatte, war ſie ſtark gewe⸗ ſen, und hatte mit männlicher Kraft für Alles geſorgt; nun er aber da war, lehnte ſie ſich an ihn— ein hilfebe⸗ dürftiges Weib. „Mein Bruder!“ flüſterte ſie liebreich und blickte zu ihm auf, der ihr ſo ſtark und herrlich erſchien— faſt wie der Vater einſt—„da wären wir nun wieder bei einander, wie in den ſchönen Kinderjahren, ehe wir das Unglück kennen lernten— ja ſein Daſein nicht einmal ahnten! Und doch, wie Vieles iſt verändert, wie viele Narben ſind geblieben von den Wunden, und wie Vieles iſt verloren, was unerſetzlich bleibt!“ „Veränderung— in Gewinn oder Verluſt— be⸗ dingen die Geſetze der Zeit, die über Menſchenmacht 118 und menſchlicher Vorſicht ſtehen. Und doch, Anna, ſind wir nicht heute glücklicher als damals, wo die Laſt un⸗ natürlicher Verhä tniſſe und Verpflichtungen auf uns Alle drückte, wo eingebildete Feſſeln uns zwängten, uns zu willenloſen Sclaven verbrauchter und unnatürlicher Standesvorurtheile machten und uns nicht nur den Him⸗ mel der Gegenwart, wie auch den der Zukunft, und die Ausſicht auf das ganze Lebensglück verdunkelten?“ „Aber der Vater?“ „Ja, der Vater! Sein Verluſt iſt uns ein uner⸗ ſetzlicher, und doppelt ſchrecklich iſt er für mich, da es mir nicht mehr vergönnt ſein ſollte, ſeine Verzeihung zu erflehen und zu ſeinen Füßen die Fehler meiner Jugend zu bereuen, die ſeine letzten Stunden trüben mußten. O, Anna, dieſer Vorwurf drückt mich am ſchwerſten dar⸗ nieder! Mein Leichlſinn hat ſeine Sorgen vermehrt— meine Schuld war vielleicht ein Nagel zu ſeinem Sarge. Die Ehre des Hauſes war ſein höchſtes Kleinod, und daß ſein einziger Sohn ſie mit Füßen treten und den reinen Ehrenſchild des guten Namens Harder durch ſchmähliche Deſertion beflecken konnte— das durfte er nicht lange überleben!— Ich mußte das wiſſen— und daß ich es nicht bedachte und feige dem Geſetze entfloh, iſt die einzige Schuld meines Lebens, welche ich nie ſühnen kann.— Hätte ich nur noch ſeine Verzeihung erflehen, 119 nur noch den Troſt behalten können, daß ſeine letzte Stunde nicht durch den Gedanken an den ehrloſen Sohn verbittert ward!“ Heiße Reuethränen glänzten in den Augen des jun⸗ gen Mannes, und Anna ſah bewegt, wie tieferſchüttert er war. Seine Selbſtanklage war heiliger Ernſt. Wie würde dieſe Seele erſt le den müſſen, wenn ſie Alles wüßte— und erführe, wie und woran der Vater geſtorben war, und wer ihm den Todeskelch gereicht hatte! Würden nicht alle Früchte der vergangenen Jahre, die den leichtſinnigen Jüngling zum thatkräftigen und ſelbſtbewußten Manne gemacht hatten, welken müſſen un⸗ ter der nie endenden Laſt des ſchweren Schuldbewußtſeins, wenn er jemals erfahren ſollte, wie der Freiherr von Harder mit der Ehre ſeines Hauſes geſtorben war, die die Schuld des Sohnes zertrümmert hatte? „Nein, nein,“ ſagte ſie ſich ſelber,„er darf es nie⸗ mals erfahren und darf auch hier nicht bleiben, wenn nicht Alles verloren werden ſoll. Er paßt nicht mehr für dieſen Boden und ſeine Geſellſchaft, deren Vorur⸗ theile er im Lande der Freiheit und des praktiſchen Ma⸗ terialismus überwunden hat. Er darf hier nicht weilen, wo ihn das Verderben fortwährend umſchwebt.“ Die Kunde von ſeiner Schuld am Tode des Vaters, 120 der nach den Grundſätzen ſeiner Zeit und ſeines Glaubens handelte— würde das Geſpenſt ſeines Le⸗ bens— der Fluch ſeines Daſeins werden, an dem er untergehen müßte mit gelähmten Schwingen. Haus war aufgeſtanden und blickte durch das Fen⸗ ſter auf die Straße hinab. Eine Flut Erinnerungen kam über ihn und vermehrte noch ſeine weiche Stim⸗ mung, die das Gedächtniß an den verſtorbenen Vater erzengt hatte. Da drüben lag das große Haus— früher das Hotel Corrado— und helles, freundliches Licht ſtrahlte ihm heute aus den Fenſtern entgegen, hinter denen er ſo oft glücklich zu den Füßen der Signora geſeſſen und beim gedämpften Scheine der Kryſtalllampe ihrem rei⸗ zenden Lachen und dem Zauber ihrer Glockenſtimme gelauſcht hatte. Das war nun Alles längſt vorbei, und heute be⸗ gleitete dieſe Gedanken keine leidenſchaftliche Regung mehr. Er blickte ruhig zurück auf dieſe große Verirrung ſeines Herzens— und gedachte kaum daran, wo das einſt ſo heiß geliebte Weſen jetzt weilen und wie ſie leben möge. Wie Grabgelüute, traurig und ſchwermuthvoll, klan⸗ gen die Erinnerungen an jene Zeit durch ſeine Seele. Waren es doch auch Gräber, Gräber der Vergangenheit, 121 entſchwundenen Glückes, verblaßter Leidenſchaft— auf die er blickte,— und nur Eine Stimme tönte ſilberhell, freudig und triumphirend dazwiſchen. Eine Glocke dieſes harmoniſchen Geläutes ſchien ſchon die Chorzeit über⸗ wunden zu haben und zauberhaft rein, muth⸗ und leben⸗ erweckend Oſtern zu klingen, Oſtern und Auferſtehung. Aus der Nacht des Grabes, über die Hügel und Trümmer des Irrens und des Fehlens, ſtieg glorieum⸗ ſtrahlt der Engel wahrer Liebe empor, und ſein Lächeln war nicht kalt und ſtreng:— ermuthigend ſtrahlte es dem Reuigen, ſtärkend dem Sieger im ſchwerſten Kampfe, beglückend und hoffnungsreich dem wiederkehrenden Ver⸗ irrten.—— Die leiſe Stimme der Mutter machte den Träumen des Sohnes ein Ende, und er beugte ſich liebevoll zu ihr hernieder. Sie fühlte ſich nach dem leichten Schlummer wohl, doch noch ſchwächer als vorher. Von Minute zu Minute ſchwanden ihre Kräfte, und fie ſah ein, daß die Augenblicke ihres Lebens ge⸗ zählt waren. Auch Anna war herbeigeeilt und lag der Mutter zu Füßen, die mit zärtlichen Blicken an ihren Kindern hing. „Ich will Abſchied nehmen,“— flüſterten die Lip⸗ pen kaum hörbar,„es iſt nun Zeit, daß ich zum Vater 122 gehe, da ich ihm gute Frende bringen kann von ſeinem Sohn.“— „O Mutter, Mutter, welche Gedanken! Du darſſt nicht von uns gehen!“— flehte Anna unter heißen Thrä⸗ nen, obgleich ein Blick auf die Sterbende ihr deutlich genug zeigen mußte, daß Menſchenmacht und Menſchen⸗ bitte vergeblich blieben, wo der Himmel ſchon ſein Amt begonnen hat. Das Antlitz der Baronin ſtrahlte wie in Ver⸗ klärung, und ein ſeliger Friede entſtrömte den lieben Augen, die niemals anders als liebevoll und verſöh⸗ nend geblickt hatten und die im Scheiden noch nur Liebesſtrahlen kannten für die nun bald verwaiſten Kinder. „Ruhig, meine Tochter,“ fuhr ſie leiſe fort,„die Stunde iſt da, und meine Kinder müſſen gefaßt ſein, wenn die Mutter eingehen darf zum langerſehnten Frieden. Meine Wünſche ſind erfüllt, ich habe ihn noch einmal geſehen, den Sohn meines Herzens, und — meine Tochter— bleibt nicht verlaſſen zurück.— Goit ſegne Euch, meine Kinder, ſeid glücklich in Liebe — nur Liebe— kann beglücken. Am Rande des Gra⸗ bes— ſinkt der Schleier— das Vorurtheil wird licht— wir ſehen— was wir waren— Alle— arme Sterbliche!— Stand iſt Vorurtheil— nur in — 123 4 Liebe wohnt das Glück.— Lebt wohl— auf Wie⸗ derſehen— im Licht! Licht!“—————— Wenige Minuten ſpäter knieten die weinenden Geſchwiſter vor der Leiche der Mutter, deren feine Züge noch im Tode den ſeligſten Frieden bekundeten. Hans richtete ſich empor und zog die Schweſter ſtumm an ſeine Bruſt. „O, mein Bruder!“ klagte dieſe ſchmerzvoll. Meine Schweſter, nun ſind wir ganz allein, und Gott gebe mir die Kraft, Dir Vater und Mutter zu erſetzen, Dir Eines und Alles zu werden und Dich ſo glücklich zu machen, als Du es verdienſt!“ Sechſtes Capitel. Gefunden und vereint. WMehr als acht Tage waren ſeit dem Tode der Freifrau von Harder verfloſſen, und Haus war ſoeben von der Trauerreiſe zu ſeiner tiefgebeugten Schweſter zurückgekehrt. Er hatte die Leiche ſeiner Mutter nach Harders⸗ berg geführt und dort in der Ahnengruft beiſetzen laſſen, die darauf verſchloſſen und, wohl für immer, vermauert worden war. Von den jetzigen Beſitzern des Schloſſes, denen das Eintreffen der Leiche angekündigt worden war, hatte Hans keinen geſehen, hatte auch den einzigen Diener, welcher ſich blicken ließ, um dem Anſtande zu genügen, nicht nach ihnen gefragt, ſondern war nach beendigtem Trauerwerke zurückgeeilt, ohne nur einen Blick in das Innere ſeines Ahnenſchloſſes zu werfen, in dem nun fremde Herren reſidirten, und in welches 1²⁵ einzukehren die Mitglieder des Hauſes von Harder nur noch als Leichen das Recht beanſpruchen durften. Hans hatte nicht gefragt und auch nichts über die neue Herrſchaft erfahren. Er wußte nicht einmal, ob dieſelbe überhaupt anweſend geweſen war oder nicht, und es konnte auch nur von geringem Intereſſe für ihn ſein, den jetzt andere Sorgen und Entſchlüſſe beſchäftigten. Die Zukunft, ſeine eigene und die ſeiner Schwe⸗ ſter, nahm alle ſeine Geiſteskräfte in Anſpruch; um ſie möglich freundlich zu geſtalten, war ſein einziger Gedanke. Die ſterbende Mutter hatte ihm die Sorge für die Schweſter übergeben, und es galt jetzt doppelte Vor⸗ ſicht bei ſeinen Lebensplänen, wo nicht ſein Schickſal allein, ſondern auch das der Schweſter von ſeinem Stre⸗ ben abhing. In der Einſamkeit des Eiſenbahnwagens hatte er Muße gehabt, Alles ſorgfältig zu überlegen, alle Für und Wider zu durchdenken und zu prüfen und kaum zu Hauſe angekommen, dachte er auch bereits an das Handeln und beſchloß, die trauernde Schweſter mit ſeinen Vorſchlägen bekannt zu machen und ihre Ent⸗ ſcheidung darüber zu hören. Anna fühlte ſich zu der wichtigen Unterhaltung kräftig genug und ließ ſich erwartungsvoll in dem 126 Rollſtuhle nieder, auf dem Tante Frieda geduldet hatte, und auf dem die Mutter friedlich entſchlafen war. Hans ſaß ihr gegenüber, am Fenſter, und ſtarrte nach dem früheren Hotel Corrado hinüber, wo eben eine ältliche, gutmüthig bligkende Bürgerfrau am Fenſter erſchienen war, der echteſte Conttaſt zur Italienerin — um mit einem weißen Leintuche die erblindeten Fenſterſcheiben zu erhellen. Hans mußte unwillkürlich lächeln. „Sieh da, Anna,“ ſagte er zu ſeiner Schweſter, dort an jenem Fenſter ſtand früher Signora Corrado neben mir, und ließ den dunkel glühenden Blick zum Himmel emporſchweifen,— während jetzt eine dicke behäbige Dame, deren Mann vielleicht früher ein⸗ mal Bäcker war und das große Loos gewann— an demſelben Fenſter blinde Scheiben blänkt.— So ändert ſih Alles, und ſteter Wechſel ſcheint unſer be⸗ ſtimmtes Loos zu ſein. Ich war Jahre lang im fernen Weſten— und wer weiß, wo die Sängerin jetzt weilen mag. Wer gedenkt ihrer noch in dieſer Stadt, die ihr vor einigen Jahren huldigend zu Füßen lag? Es gibt im Aeußerlichen nichts Beſtehendes, und nur die Schätze, welche wir in uns ſelbſt beſitzen, ſind uns ewig und unvergänglich. Deshalb heißt es Thorheit am Aeußeren hängen— und es kommt nicht auf die Scholle au, — — — J*. S ⸗ auf der man lebt, ſondern nur darauf, ob man auf ihr glücklich ſein und es werden kann.— Meinſt Du nicht auch, Anna?“ Dieſe hatte verwundert zugehört und blickte be⸗ fremdet auf das Angeſicht des Bruders, deſſen Züge ängſtliche Erwartung zeigten. „Ich theile Deine Anſicht,“ erwiderte ſie leiſe,„und hegte ſie ſchon in früheren Jahren— wenn auch im anderen Sinne— doch weshalb dieſe Frage?“ „Höre mich an, Anna. Unſere Mutter hat ſelige Ruhe gefunden, und wir ſtehen allein in einem Lande — in einer Stadt, die mir fremd geworden iſt, und in der auch Du wohl Dich noch niemals heimiſch fühlteſt. Meine Vergangenheit und jetzige Mittelloſigkeit ver⸗ ſchließen mir die Pforten der Geſellſchaft— folglich alſo auch Dir. Die Vergangenheit umgibt mich hier mit böſen Geſpenſtern; Alles erinnert und mahnt mich an dieſelbe— und wenn ich hierbliebe und unter die Leute ginge, würden es dieſe noch mehr thun, als die todten Häuſer und Orte. Unſere Eltern ſind geſtorben, wir ſind hier allein und verlaſſen— während uns in Amerika der Oheim als zweiter Vater liebevoll erwartet und bereit iſt, uns ein ſicheres Glick zu gründen. Hier bin ich das alte nutzloſe Glied der Geſellſchaft— während ich drüben gelernt habe, dem ergiebigen Boden ſeine Schätze abzu⸗ ringen. Anna, willſt Du mich nach Amerika begleiten, willſt Du mit mir die neue Welt für die alte wählen, in der wir auf nichts mehr, als auf morſche Trümmer Anſpruch haben?—“ „Und Engenie?“— „Auch auf ſie rechne ich. Eugenie liebt mich heute noch wie vor Jahren, und jetzt erkenne ich es, was für ein Glück es iſt, von ihr geliebt zu werden. Signora Corrado liebte mich im wilden Rauſche entfeſſelter ſüdlicher Leidenſchaft— welche die Zeit kühlt, wie ſie den Rauſch entnüchtert;— Eugenie iſt die Liebe— ſie wurzelt ihr in Herz und Geiſt— im ganzen Weſen. Früher würde ich ſie unglücklich gemacht haben — mein heißes Blut, und meine Leidenſchaften wären ihr Verderben geworden— aber, wenn ſie mir jetzt in die neue Heimat folgt, werde ich nur für ihr Glück leben.— Warum nicht hat Alles erſt ſo kommen ſollen, Alles erſt geſchehen müſſen, was geſchah, um mich Ihrer würdiger zu machen!— Und Eugenie wird mir folgen, weil ſie mich liebt; denn die Liebe iſt nicht an Zeit und Ort gebunden, und wo ſie wohnt, da iſt ihr Vaterland!“ „Du gibſt Dich ſehr ſanguiniſchen Hoffnungen hin, mein Bruder; biſt Du des Erfolges wirklich ge⸗ 129 wiß?— Hat Dir Eugenie ſelber geſagt, daß ſie ſich entſchließen kann, nach alledem, was vorgefallen iſt— nachdem Du ihre kindliche Liebe— verſchmäht und ſie, die Dir in jugendlicher Unſchuld ein Herz entge⸗ genbrachte,— verlaſſen haſt:— daß ſie ſich nach alledem noch entſchließen kann, ihr Geſchick an das Deinige— an ein ſchwankendes Rohr vielleicht— zu binden?— daß ſie dann dem Ausdrucke Deiner Geſinnungen von Neuem arglos vertrauend, Dir über das Meer folgen wird in ein fernes, unbekanntes Land — ohne die Garantie zu haben, daß dieſe Geſinnung nicht einem neuen Wechſel unterworfen iſt?— Glaubſt Du wirklich ſo ganz ſicher, daß Eugenie ſich dem aus⸗ ſetzen wird?“. „Du haſt leider das Recht ſo zu fragen, und ich ſehe recht gut ein, daß eine ſolche Frage nur naturgemäß und vernünftig iſt. Aber ich kann Dir auch erwidern, daß Deine Befürchtungen grundlos ſind.— Und, daß ich das heute mit frendiger Ge⸗ wißheit mir ſelber ſagen kann, und Dir meiner Schwe⸗ ſter, das iſt die ſicherſte Garontie für Eugeniens Glück an meiner Seite. Sollte ſie auch ähnliche Be⸗ fürchtungen gehegt haben, ſo werde ich ihr mit meinem Mannesworte die Echtheit und Treue meiner Geſin⸗ Ehre. 1V. 9 nungen verbürgen, und Eugenie wird mir glauben, denn ſie liebt mich.“ „Aber ſie iſt keine Schwärmerin, und die Majorin, ihre Mutter, eine ſehr praktiſche Frau und Eugeniens beſte Freundin, ohne deren Zuſtimmung ſie nichts zu unternehmen pflegt, am wenigſten wohl eine Handlung, von der ihr ganzes ſpäteres Geſchick abhängt. Daß Eugenie Dich liebt und Dich geliebt hat alle die Johre hindurch, wo Du ihr fern wareſt, glaube ich ebenfalls verſichern zu können, aber eben ſo ſehr, daß ſie nach den gemachten Erfahrungen nie ihr Herz allein wird ſprechen laſſen, ohne den Verſtand zu befragen. Eu⸗ genie würde niemals eine Ehe ſchließen ohne Liebe — aber eben ſo wenig einer Liebe folgen, die ſie dem Unglücke entgegenführte— oder doch keine Garantie für ihr Glück böte. Ob ſie ſolche nun in Deiner, bei ihrem Anblicke neu erwachten Leidenſchaft— die ſchon einmal einer andern gewichen war, finden wird, wage ich nicht zu entſcheiden.“ „Du biſt hart, Anna.“ „Ich ſage Dir nur das, was Dir Eugenie mög⸗ licherweiſe ebenfalls ſagen könnte— und was ich ſelber ſagen würde, wenn es mich beträfe. Ich würde auch zu Eugenien eben ſo ſprechen, wenn ſie meinen Nath begehren ſollte— das geſtehe ich Dir offen zu.“ 131 „Schweſter— meine Schweſter—“ „Und ihre Freundin!— Beide können von mir Wahrheit fordern.“ „Nicht erſt als ich ſie wieder ſah, iſt ihr Bild in mir neu erwacht; nein, ſchon in Amerika— in der Einſamkeit des Gefüngniſſes ſtand es mir läuternd zur Seite— war meine Verirrung der Macht der Wahr⸗ heit gewichen— ward ich mir klar über mich ſelber und fühlte es, daß ich ſie allein geliebt hatte mit der wahren und ewigen Liebe. Das war keine Leidenſchaft, das war Ruhe der Kerkereinſamkeit, die das irrende Herz Erkenntniß lehrte. Alles Andere war Rauſch, Taumel und Trunkenheit. Signora Corrado hatte mich beſtrickt mit den Zauberbanden der Originalität in Schönheit und Weſen und hielt mich feſtgebannt in der Gewalt ihres Blickes, dem ich nicht zu entfliehen ver⸗ mochte. Erſt als ich ſie unwürdig gefunden hatte, und von ihr fern war, brach der Bann, ſchwand der Traum — ward ich geheilt, und die ewig wahre Liebe— die Sehnſucht nach ihr kehrte in meine Bruſt zurück. Seitdem iſt ſie nie mehr daraus entwichen. Es war mir ſelber, als ob ich von einer ſchweren Krankheit geheilt worden ſei. Meine Kraft und mein Muth wuchſen mit jedem Tage und mit ihnen meine Liebe; ſie ward mein Sporn und blieb mein Hoffnungs⸗ 9* 132 ſtern— auch in den traurigſten Verhältniſſen. In Amerika habe ich in der Schule der Leiden den Leicht⸗ ſinn der Jugend überwunden, und mir dafür Beſtändig⸗ keit und Charakterfeſtigkeit errungen, die mich gegen die Gefahren der Leidenſchaften ſchützen werden. Leiden⸗ ſchaften finden für ihren Wucher nur da Boden, wo Mangel an Charakterfeſtigkeit ſie düngt, und ich würde heute furchtlos der Signora gegenüber treten,— da ich mir felber bewußt bin, nicht mehr unter dem Banne der Leidenſchaft zu ſtehen: ihr Zauber würde wirkungslos ſein.“ „Trotz alledem, Hans,— ich kann Dir nicht die beſte Hoffnung mitgeben— kann allerdings auch nicht berechnen, wie Eugenie ſich entſcheiden wird. Sie iſt reich, unabhängig und eine gefeierte Schönheit— wird ſie mit allen dieſen Vorzügen die Reſidenz verlaſſen und einlge Tauſend Meilen weit Dir in kaum urbar gemachte Steppen folgen wollen?“— „Wenn ſie mich liebt— ja!— denn dann ver⸗ traut ſie mir auch.“ „Und wenn ſie nun mir folgen will, wie beant⸗ worteſt Du dann meine erſte Frage?— Wirſt auch Du bereit ſein, die ferne Fremde, in welcher liebende Herzen Dich erwarten, mit dieſer Reſidenz zu ver⸗ tauſchen, die Dir noch niemals eine Heimat gewor⸗ den iſt?“— „Ich, mein Bruder,“ rief ſie lebhaft und um⸗ ſchlang ihn in leidenſchaftlicher Liebe,„ich folge Dir immer, die Schweſter dem Bruder, und will nichts, als bei ihm ſein, im Glück oder im Unglück. Ich habe ja Niemand we iter, als Dich, mein lieber, theurer Pans!“ „So?“— erwiderte dieſer mit erkünſteltem Erſtau⸗ nen,„und was wird denn aus Ernſt, Deinem treuen Verehrer?“— „Ach ſchweige, böſer Menſch— es iſt keine Zeit zum Necken oder Scherzen. 3 „Und keines von beiden will ich auch, Anna; ich ſpreche im Ernſte ſo. Ernſt iſt ſeit vielen Jahren Dein treuer Verehrer. Er liebt Dich— das kann ein Kind erkennen— heute noch eben ſo innig, als da⸗ mals, wo Du bei Tante Frieda ſeine angebetete Kö⸗ nigin ſeh— und ich müßte mich ſchlecht auf Herz enskenntniß verſtehen, wenn Du ſchon damals de Pagen nicht ebenfalls hätteſt leiden mögen.“ Vie Du jetzt d deuſt kann ich freilich nicht wiſ⸗ ſen, doch erinnere ich Dich daran, daß alle St unterſchiede hinwegfallen, ſobald Du Amerika's Boden betrittſt. Dort gilt nur der Mann und nicht der Name. 134 Ernſt iſt ein gediegener und tüchtig gebildeter Mann geworden, der in Amerika ſein Glück machen könnte. Ich ſchätze ihn ſehr hoch und würde ihn frudig als Deinen Gatten willkommen heißen,— wenn es ſo Dein Wille wäre. An ſeiner Hand würde ich Dein Geſchick geſichert glauben.“ „Doch das iſt ja Deine Sache, ſein ſtilles Wer⸗ ben zu erhören oder nicht;— ich will nach meinen eigenen Angelegenheiten ſehen und mir Eugenien ge⸗ winnen!“—— Anna blieb allein und blickte dem Davoneilenden purpurübergoſſen nach. Sie war überraſcht und beſtürzt durch dieſe Wen⸗ dung des Geſpräches,— doch ſchien das Lächeln, was nun um ihre Lippen ſpielte, nicht zu zürnen. Was ſie ſich ſelber nicht zu geſtehen gewagt hatte, — was ſie jahrelang im Innerſten des Herzens ge⸗ tragen, ohne zu wagen nur vor ihren eigenen Augen den Schleier zu lüften— hatte plötzlich der Bruder mit Worten genannt, und nun ſtand ſie ſelber erſtaunt vor dem enthüllten Myſterium, deſſen milder Glanz ihren müden Augen wohlthat. Nachdenklich ließ ſie den Kopf in ihren zarten Händen ruhen, während die Angen wie prüfend in die Ferne irrten, und eine Gedankenreihe, die der eine, erſte angeregt hatte, und die einmal entfeſſelt, üppig Wucher trieb— zog mit verheißenden Bildern an ihr vorüber. Es war Licht geworden in ihr und ihrem Her⸗ zen. Das Bewußtſein, das ſo lange geſchlummert hatte, von Vorurtheilen des Standes und den Fflichten fal⸗ ſcher Ehre darniedergehalten— war erweckt worden, und leiſe flüſterten die Lippen zu ſich ſelber:„Er hat recht— und ich kann doch noch glücklich werden.“— Die Feſſeln jahrelangen Zwanges, deren erſtes Glied in der„Ehre des Hauſes“ gewurzelt, und deren Schwere ſich bei ihrer Verlobung drückend um das Herzensleben geſchloſſen hatte, es einengend und die beſeligendſten Gefühle erſtarrend— waren abgefallen, und hochaufathmend jauchzte die befreite Seele der Zukunft entgegen, aus deren Schleier Hoffnung und Glück ihr zulächelten.—— Mit leichten elaſtiſchen Schritten flog Hans von Harder durch die Straßen der Reſidenz. Ja, das war dieſelbe wieder, in der er vor Jahren, als lebensluſtiger Officier den Becher der Luſt geleert, dieſelben Straßen, in denen damals ſein zierlich lackir⸗ ter Stiefel und ſein Epaullettes geglänzt hatten, dieſel⸗ ben Häuſer, deren weibliche Bewohner damals ſo oft ſeine Aufmerkſamkeit feſſelten. Hatte er doch damals 136 Zeit genug gehabt, ſich mit alledem genügend zu beſchäfti⸗ gen; waren doch damals ſeine Augen nur zu gern bereit geweſen, ſich um das am genaueſten zu bekümmern, was ihn am wenigſten anging. Aber an Alles das dachte er heute durchaus nicht. Jene Zeiten mit ihren Intereſſen waren vorüber, ein neues Leben lag vor ihm, und um für dasſelbe Hülfs⸗ truppen zu ſammeln, war er unterweges. Eugeniens Bild lächelte ihm entgegen— ſie wollte er ſich erringen, ſie allein fehlte noch zu ſeinem Glücke! Die Tage wurden bereits kürzer und Hans mußte eilen, damit Eugenie nicht in Geſellſchaft war, bevor er ihre Wohnung erreichte. Sie war auch glücklich noch zu Hanſe und wartete auf ihre Mutter, welche noch bei der Toilette war. Doch wollten ſie nicht in Geſellſchaft, ſondern zu ſeiner Schwe⸗ ſter Anna gehen, da ſie nicht wiſſen konnten, daß er be⸗ reits zurückgekommen ſei,— und Anna immer des Tro⸗ ſtes ſehr bedürftig geweſen war, während er die Leiche ſeiner Mutter zur Gruft geleitet hatte. Das Alles erfuhr Hans aus den erſten Begrü⸗ ßungsworten, und Engenie ſprach abſichtlich viel und ſchnell, um die Verlegenheit zu verbergen, die über ſie gekommen war, als er ſo plötzlich und unvermuthet ein⸗ trat— und die im Alleinſein mit ihm nicht weichen wollte. Hans beſchloß aber gerade dieſe ſogleich zu benu⸗ tzen und ging, an ihre letzten Worte anknüpfend, mit feſten Schritten auf ſein Ziel los. „Ja, unſere theure Mutter ruht nun beim Va⸗ ter von allem Erdenungemache aus, und wir Kinder ha⸗ ben allein und verwaiſet die Sorge für die Zukunft. Auch Anna's Geſchick liegt mir ob, und ich habe deshalb be⸗ ſchloſſen, der Einladung meines Onkels zu folgen und nach Amerika zurückzukehren. Anna will mich begleiten.“ Er hielt inne und blickte ſie erwartungsvoll an, doch ſie nickte nur einfach, wie billigend, und keine Miene, kein noch ſo leichter Schimmer erhöhter Fär⸗ bung zeigte ein beſonderes Intereſſe an dieſer Nachricht. Eugenie hatte es gelernt, ſich ſelber und ihre Gefühle zu beherrſchen. Hans verlor bei dieſer offenbaren Gleichgiltigkeit faſt die Faſſung. Sollte ſie ihn doch nicht mehr lieben? Sollte es ihr gleichgiltig ſein, wohin und mit wem er ginge?— Doch fuhr er fort: „In Amerika erwartet mich ein thätiges, arbeit⸗ reiches, aber auch beglückendes Leben. In der Colonie meines Oheims herrſcht wahrhaftes Glück, und ich habe in derſelben ſchon die ſchönſten Tage verlebt. Die Ge⸗ 138 gend iſt herrlich. Die üppig grünende Beſitzung lehnt ſich an den himmelanſtrebenden Urwald und kaum eine Tagereiſe entfernt, rollen die majeſtätiſchen Wogen des Miſſiſſippi. Ich zweifle nicht, daß wir dort glücklich, ſehr glücklich ſein werden, und Anna wird vergeſſen lernen die Jahre des Unglücks und den bittern Schmerz unter dem Einfluſſe des wohlthuenden Daſeins, welches ſie umgeben wird. Aber dennoch kann ich noch nicht zu⸗ frieden ſein.— Ich möchte— ich kann nicht mit Anna allein gehen—— Eugenie!“— rief er bewegt zu ihr berantretend,—„Eugenie, kannſt Du mir noch ver⸗ trauen, nach Allem, was geſchehen iſt?— Willſt Du es thun, Eugenie, und meiner Liebe Dich übergebend, mir in die neue Heimat folgen?— Willſt Du mir Ge⸗ legenheit geben, Dir beweiſen zu können, daß ich wirk⸗ lich ein Anderer geworden bin, und mir geſtatten, nur noch für Dich zu leben, und meines Daſeins Ziel nun zu finden, Dich glücklich zu machen? Willſt Du, Eugenie?“ Sie war erbleicht bei dieſer Frage, die über ihre Zukunft Entſcheidung forderte— aber ſie mußte ant⸗ worten— entſcheiden, und prüfend hob ſie ihr Auge zu dem ſeinen empor. Sie ſchaute lange hinein in die brannen Sterne, die heute noch eben ſo lebhaft und ſo lieb glänzten wie damals— nur ruhiger, ſiche er, ver⸗ trauender blickten ſie. 139 Nein, dieſe Augen konnten nicht trügen, ſie ſtrahl⸗ ten nichts als Liebe und Vertrauen, und mit dem ſeligen Worte: „Hans, ich folge Dir— wir wollen es mit ein an⸗ der wagen!“ ſank ſie an ſeine Bruſt. „Gott ſei Dank!“ rief dieſer, ſie innig umſchlin⸗ gend;„Dank, Dank für ſo viel Liebe und Vertrauen— ich werde mich ihrer würdig zeigen!“— „Dazu ſtärke Sie Gott, mein Sohn, und ſegne Euch, meine Kinder, mit ſeinem beſten Segen!“ ſagte die Majorin tiefbewegt, die eben eingetreten und Zeu⸗ gin des Berlöhniſes geworden war. Eugenie warf ſich weinend an die Bruſt der mütter⸗ lichen Freundin, der ſtillen Zeugin ihrer jahrelangen Reſignation— die allein die Gefühle und das jetzige Glück des jungen Mädchen verſtehen konnte. Sie war hocherfreut, daß es nun endlich doch ſo gekommen war, und dachte in ihrer Freude gar nicht an den Verluſt der Tochter, die ihr für immer, und in ein fernes, fremdes Land entführt e ſollte. Die Majorin war zum Ausgehen bereit in das Zimmer getreten und die drei glücklichen Menſchen gin⸗ gen frendig bewegt nach dem lieben Dachſtübchen, wo Anna noch immer letzten Worten ihres Bruders nachſann. 140 „Hier bringe ich Dir einen Bundesgenoſſen zur großen Reiſe!“ jubelte Hans, ihr die Braut entgegen⸗ führend, die ſich glücklich lächelnd an die Bruſt der Freundin ſchmiegte. Die Beiden hatten ſich ohne Worte ja längſt verſtanden, und ihre Seelen feierten in heiliger Freude den Triumph treuer Liebe.— Hans überließ jetzt die Damen ſich ſelber— wohl wiſſend wie ſehr ſie es lieben, nach folchen Stürmen ſich am Herzen fühlender Freundinnen auszuruhen, und unter Entzücken und Thränen das eigene Empfinden in die Bruſt der Anderen zu ſenken. Er ging um noch einen Geſchäftsgang zu beſorgen, der ihm ſelber auf der Seele lag, und deſſen baldige Erledigung Onkel Rudolf dem Neffen dringend anem⸗ pfohlen hatte, als er ihn in den Stand ſetzte, ihn auch ausführen zu können. Und nun, da Eugenie ſein war, wollte Hans auch eilen, die Anſtalten zur Reiſe zu treffen, bevor der Win⸗ ter ſich über Deutſchlands Fluren lagerte. Die Zeit war ſchon bedenklich vorgeſchritten und Herbſtſtürme be⸗ drohten ſchon jetzt jede Reiſe, die für Damen doppelt unangenehm zu werden pflegen. Aber er konnte ſich auch nicht entſchließen, den ganzen Winter hindurch thatlos in Europa zu verweilen, deshalb war Eile nöthig, und 141 Hans überlegte geſchäftig alle Anſtalten für und wider, als er mit leichtem Schritte wieder durch die Straßen eilte. Nach längerer Wanderung trat er in das ſtolze Haus des Banquiers Silbermann, und die erſte Perſon, welche ihm in demſelben entgegenkam, war der alte Sil⸗ bermann ſelber, der aus dem Comptoir trat und die Treppe hinaufſteigen wollte. Doch, wie war dieſer Mann verändert! Hans traute kaum ſeinen Angen und es ſchien ihm beinah un⸗ möglich, daß wenige Jahre an dem wohlthätigen und rüſtigen Manne eine ſolche Verwüſtung hätten vollbrin⸗ gen können. Schlaff und kraftlos erſchien er, wie ein Gerippe mit welken Rurzeln übertüncht. Vorbei war der majeſtätiſche Blick des ſtolzen Auges, das Millionen lenkte— vorbei das ſelbſtbewußte Ausſehen des Geld⸗ fürſten; vorbei und verſchwunden aber auch das ſtereo⸗ type ſüße Lächeln, das ſonſt gefällig um ſeine Lippen ge⸗ ſpielt hatte. Herr Silbermann war ein kraftloſer Greis gewor⸗ den, deſſen ſpärliches graues Haar von ſchweren Sor⸗ gen Zeugniß gab. Er wandte ſich um, als er die Hausthür öffnen hörte, und ein Blick genügte dem alten Geſchäftsmanne noch immer, um ſeinen Mann zu erkennen. „Gott meiner Väter!“ rief er laut und frendig, 142 „ſind Sie's, Herr Baron, oder trügen mich meine Au⸗ gen, die Augen von einem alten, ſchwachen Manne?“— „Ich bin es ſelber, Herr Silbermann,“ erwiderte Hans und reichte dem Greiſe die Hand, die dieſer mit wahrhaft rührendem Lächeln in der ſeinigen drückte. „Danke ich doch Gott, Herr Baron, daß meine Augen haben geſehen noch einmal den Sohn des edlen Freiherrn Curt! Aber kommen Sie, Herr Baron, gehen Sie mit mir vor Allem in das Zimmer der Ophelia, das eben erſt iſt neu decorirt worden für den Empfang meiner Tochter.“ „So?— Erwarten Sie, die gnädige Frau in die⸗ ſen Tagen?“— „Leider— leider muß ich ſie erwarten, Herr Ba⸗ ron,“ erwiderte der Alte klagend, und ließ den jungen Mann in das noch wohlbekannte, elegante Zimmer tre⸗ ten, in welchem noch immer der Luxus des Millionen⸗ beſitzers prangte.—„Ja leider, leider wird ſie kommen, meine arme Tochter. Sie ſehen einen alten, unglücklichen Vater vor ſich, Herr Baron, den der Jammer über das Unglück ſeiner Tochter vor der Zeit zum Greiſe gemacht hat. Meine Thatkraft iſt gebrochen, und ich gehe eben damit um, mein Geſchäft aufzugeben. Seit Wochen ſchon ordne ich dieſe Angelegenheit, und wenn heute Abend wird 143 kommen meine Tochter, wird man mein Comptvir zun letzten Male und für immer ſchließen.“— Der alte Mann ließ ſtin Haupt ſchwer in die Hand ſinken, und zwei bittere Thränen tlien lang⸗ ſam aus ſeinen Augen nieder. „Zum letzten Male und für immer, Herr Baron! — Hatte ich doch vor ein paar Jahren— als wir noch machten mit einander Geſchäfte— nimmermehr daran geglaubt, daß der alte Silbermann würde ſchließen müſſen fein Comptoir, bevor er ſchlöße die Augen— weil er nicht mehr kann vorſtehen einem Geſchäfte, das er hat geſchaffen und groß gemacht. So beugen das Unglück und der Schmerz, Herr Baron!“— Der alte Mann ſah wirklich verzweifelt aus und Hans fühlte tiefes Mitleid mit dem Greiſe, der all' ſein Glück auf Einen Wurf geſetzt hatte, und in der Maſſe des Reichthums allein ſeiner einzigen Tochter Glück ſicher begründet und ſeine Ehre hocherhaben gemeint hatte. Nun war er inmitten ſeiner Schätze ein armer, elender Greis, der die Hoffnung ſeines Lebens geſchei⸗ tert ſieht und klagend auf die einſam treibenden Trüm⸗ mer ſtarrt. „Die gnädige Fran bleibt wohl nun bei Ihnen in der Reſidenz, um den Lebensabend des Vaters durch ihre 144 Liebe zu verſchönern?“— frug Hans, um nur etwas zu ſagen. „Ja, wir werden wieder zuſammen leben, Herr Baron, wie damals, als die Ophelia noch ihre Soi⸗ réen gab, und alle die Künſtler und Dichter bei ihr ſchwärmten. Ach, ſie wird keine Soirée mehr geben, das arme Kind. Seit beinah zwei Jahren lebt ſie nun ſchon als verlaſſene Witwe auf ihrem einſamen Schloſſe — einſam und allein— während der Unmenſch von einem Manne, nachdem er meine Tochter auf das Tiefſte gekränkt hatte, ſeit eben ſo lange hier in der Reſidenz ſchwärmt und ein entſetzlich tolles Leben führt— ohne in dieſer ganzen Zeit die Schwelle ſeines Schwiegerva⸗ ters nur einmal überſchritten zu haben. Da er auch mit ſeinen Eltern zerfallen iſt, zürnen dieſe wieder meiner Tochterund geben ihr das tolle Leben des Sohnes ſchuld.“ „Das iſt es, Herr Baron, was zuns das Herz ge⸗ brochen hat, meiner armen Tochter und mir, und deshalb will ich aufgeben mein Geſchäft, und einander lieb ha⸗ ben, wie es vordem geweſen iſt.“ „Gott meiner Väter, wird es doch werden nie wie⸗ der ſo als damals. Iſt doch die Ophelia nur noch ein Schatten aus jener Zeit, und Kummer und Gram ha⸗ ben ihre Wangen gebleicht. Ihre Geſtalt iſt zerfallen, wie es iſt ergangen mir, ihrem alten Vater, der ja nie⸗ 145⁵ mals hat erſtrebt etwas Anderes, als das Glück ſeines Kindes, und der gearbeitet und gewirkt hat für den ein⸗ zigen Lohn und die einzige Ehre, ſein Kind, ſeine Ophe⸗ lia zu ſehen glücklich und angeſehen in den höchſten Krei⸗ ſen der Ariſtokratie.—— Nun kehrt ſie heute zurück als eine unglücklihe, verlaſſene Frau, in das Haus des ebenſo unglücklichen Vaters und wird leben in einer Stadt mit dem treuloſen Manne, ohne ihn zu ſehen.— — Beklugen Sie uns, Herr Baron— das Unglück iſt geſchritten auch über die Schwelle des Millionärs, und der alte Silbermann möchte trauern in Sack und Aſche — weil ſeine Tochter iſt unglücklich— ſein einziges Glück verlaſſen und elend.“ Der alte Mann mußte ſie auch bezahlen die Schuld des Irrthums, mußte ſie auch durchkoſten die Schule der Leiden und beugte ſein graues Haupt unter die ſtür⸗ zenden Trümmer eines äußeren Scheinglückes, auf deſ⸗ ſen Treffer er ſein Höchſtes geſetzt, in dem er das Heil des Lebens— die Ehre ſeines Hauſes geſucht hatte und das ihn nun verließ und ihn ſammt der geopferten Toch⸗ ter ſchiffbrüchig hinaustrieb auf die ſtürmenden Lebens⸗ wellen. Der Freiherr von Harder— Abraham Silber⸗ mann— beide hatten ſie den Schein für Sein, Schim⸗ mer für Ehre gehalten, und ihn angeſtrebt, rückſichtslos Ehre. 1WV. 10 146 nur ihr Ziel vor Augen— Dieſer hier— der Andere dort! Der Freiherr lag mit zerſchmettertem Herzen in der Gruft ſeiner Ahnen, und ſein Haus war über ſeine Leiche in Trümmer geſtürzt; der Geldmann war zum elenden, verzweifelten Greiſe geworden, der ſeine Kla⸗ gen mit den Lüften miſchte. Hans von Harder bedauerte den Greis von Her⸗ zen und verglich im Geiſte ſein Geſchick mit dem des armen Millionärs. Dieſer ſaß gebeugt und kraftlos vor ihm, muthlos der eben ſo gebengten Tochter entge⸗ genharrend,— während in ſeiner Bruſt auf dem Trüm⸗ merfelde umgeſtürzter Illuſionen neues Leben und üp⸗ piges friſches Grün trieben. Der Alte ſtarrte, inmitten, ſeiner Schätze, trüb' in eine trübe Zukunft, während ſeiner höchſtes Glück und ein neues, ſchöneres Leben in ſchönerem Lande nun an der Seite des geliebteſten We⸗ ſens harrte. Gegenüber dem unglücklichen Greiſe dankte er Gott von Neuem für ſeine liebende Gnade, die ihn ſo wun⸗ derbar, durch Klippen und Stürme, aus dem Irrthume zum Hafen des Friedens und zu einem ſtärkenden, erhe⸗ benden Wirken geführt hatte, der Gedanke an Eugenie mahnte ihn jedoch daran, daß die Braut ſeiner warte und trieb ihn zur Eile— ſo ungern er auch jetzt den 147 Gemüthszuſtand des alten Mannes durch Geſchäfte ſtö⸗ ren mochte. Zögernd ſagte er endlich: „Da Sie heute Abend Ihr Comptoir ſchließen werden, kommt ein alter Schuldner ja gerade noch zur rechten Zeit, um alte Verbindlichkeiten zu löſen. Ich bin hier, Herr Silbermann, um meine Wechſel einzulöſen, die leider viel zu lange in Ihrem Bureau gelegen haben. Doch hoffe ich, Sie wollen das mit den Umſtänden ent⸗ ſchuldigen, die mich Jahrelang fern hielten, und mich durch Entbehrung und Unglück wild genug hindurch⸗ peitſchten. Nehmen Sie die Wechſel hervor, Herr Sil⸗ bermann, und rechnen Sie aus, wie viel meine Ehren⸗ ſchuld beträgt.“ Silbermann blickte erſtaunt auf— bedachte ſich einen Augenblick, und ein Strahl milder Freude zuckte durch ſeine müden Augen. „Die Wechſel ſind eingelöſt, längſt eingelöſt— und der alte Silbermann hat keine Forderung mehr an den Herrn Baron.“ „Eingelöſt?— durch wen denn eingelöſt?— Zch erſtaune.“— „Eingelöſt, Herr Baron, ſchon damals beim Ver⸗ kaufe des Schloſſes. Der alte Silbermann wurde voll⸗ kommen bezahlt, und der Herr Baron wollen laſſen ru⸗ hen die alten Geſchichten aus jener Zeit, an die ich nicht 10* mehr denken kann, ohne daß mir brechen möchte das Herz vor lauter Jammer.“ „Eingelöſt!“— ſtaunte Harder verblüfft, wäh⸗ rend ihn ein neuer Freudenblitz aus Silbermann's Au⸗ gen ſtreifte,—„das iſt ja ſonderbar— und doch mir erfreulich, da die unbezahlte Schuld ſchwer auf meiner Seele laſtete. Ich kann nun um ſo ruhiger ſein, da ſie ſchon längſt erledigt iſt. Ich danke Ihnen, Herr Sil⸗ bermann, und bitte, mich Frau von Brandach zu em⸗ pfehlen. Leben Sie wohl und verſuchen Sie, mit Ihrer Tochter vereint, wieder glücklich zu werden— ich reiſe in ſpäteſtens zwei Wochen nach Amerika zurück. Leben Sie wohl, mein armer Herr Silbermann.“— Sie trennten ſich erſt an der Hausthür. Silber⸗ mann bat um noch einen Beſuch, wenn Ophelia ange⸗ fommen wäre, und Hans lehnte nicht ab— wenn er auch nichts verſprach. Der Greis blickte dem jungen Manne nach, deſſen Schritt ſo elaſtiſch und leicht den Boden berührte, deſ⸗ ſen Geſtalt freudig und hocherhaben erſchien— wie ein Held nach erfochtenem Siege, und ein ſchwerer Seufzer wand ſich aus ſeiner Bruſt. „Er iſt treu wie Gold, tren und ehrlich— ein echter Harder. Gott meiner Väter, hätteſt Du mir be⸗ 149 ſcheeren wollen ihn zum Sohne, meine Haare würden nicht gebleicht ſein vor Sorge und Jammer.“ „Er hätte ſie glücklich gemacht, denn er liebte ſie — und ſie ſelber ſtörte damals ſeine Bitte um ihre Hand. Hätte ich ſie geſehen an ſeiner Hand wie wollte ich heute danken dem Gotte meiner Väter, der uns geführt hat ſo tief in das Elend von Babylon.“— Dann trat er in ſein Comptoir und vernichtete einige Papiere. „So,“— flüſterten ſeine Lippen—„wir haben genug, und er wird es gebrauchen. Er hat ſie geliebt, und er wenigſtens ſoll mich nicht haſſen dürfen.“ Das Unerhörte war geſchehen: Abraham Silber⸗ mann hatte achttauſend und fünfhundert Thaler— verſchenkt.——————————— Hans aber eilte dem Dachſtübchen zu, in dem die Braut ſeiner wartete. Als er in die andere Straße biegen wollte, kam ihm aus derſelben ein hochbepackter Reiſewagen ent⸗ gegen, in dem eine ernſte, bleiche Frau lehnte. Sie ſah ihn nicht, blickte nicht auf und ſchien, in Gedanken verſunken, nichts von der Pracht der Reſidenz zu bemerken, die ſie nun wieder umgab. Hans aber hatte ſie ſofort erkannt, die bleiche Frau, und in den gefurchten Zügen, in der runden und ge⸗ 150 beugten Haltung mit einem Blicke die ganze Geſchichte ihres Unglücks geleſen. Athemlos ſah er der ſonſt ſo ſtolzen und ſchönen Ophelia nach, die der gränzenloſe Leichtfinn eines Mannes geknickt hatte, wie der Nordwind mit ſeinem Hauche die ſchönſten Blüten vernichtet. 6 Die reichſte Erbin der Reſidenz kehrte als tief gebeugte und verlaſſene Frau in das Haus ihres Va⸗ ters zurück, aber aller Troſt des alten Mannes, alle Pracht ihrer Umgebung, all der Glanz ihrer Millionen konnten ihre Thränen nicht ſtillen, und die Roſen ihrer Wangen nicht zurückerkaufen. Hans eilte nun ſeine Wohnung zu erreichen, um in den Armen der Geliebten Schutz zu ſuchen vor den Schreckb ldern einer ſchuldbelaſteten Vergangen⸗ heit. „Meine Eugenie!“ rief er lidenſchaftlich,„Du ſollſt niemals unglücklich, und Dein Glück ſoll mein Lben ſein Ehe noch die vierzehn Tage verfloſſen, waren auch die Reiſeanſtalten beendet. Hans hatte Ernſt Wendt aufgefordert, ſie zu be⸗ gleiten, da in Amerika für ihn eine angenehmere Zu⸗ kunft blühen würde als hier, und Ernſt hatte frendig 7 151 zugeſagt, folgte ſeinem Sterne, nur glücklich, ſein gnädiges Fräulein begleiten zu dürfen. Hans ſetzte ihn feierlich als Reiſecavalier ſeiner Schweſter ein, und Anna ſelber bemühte ſich die Schüchternheit Ernſts zu verbannen, den noch immer die alten eingeimpften Standesvorurtheile feſſelten. Da Eugenie gerne Italien ſehen wollte, bevor ſie Europa für immer Lebewohl ſagte, und Hans er⸗ fahren hatte, daß in ungeführ drei Wochen ein eng⸗ liſcher Dampfer von Neapel nach New⸗Orleans ab⸗ gehen ſollte, mit dem ſie bequem reiſen könnten, ſo wurde beſchloſſen, daß ſie durch Italien reiſen und ſeinem ſchönſten Lande den Abſchiedsgruß au Europa ſenden wollten. Die wenigen Reiſeeffecten wurden nach Neapel voraus geſandt, und einen Tag ſpäter fuhren mehrere Wägen aus der Reſidenz einem nahen, an der Eiſen⸗ bahn gelegenen Dorfe zu. Am Gotteshauſe hielten ſie an und unter Or⸗ gelklang und dem Geſange der Chorknaben traten die Reiſenden in das heilige Gebäude. Hans und Eugenie waren feſtlich geſchmückt. Die Majorin heftete der ernſten Braut die Myrthen⸗ krone in das Haar; der Pfarrer erſchien am Altare, vor dem das Brautpaar niederſank, um unter flehentlichem Gebete der Anweſenden den Segen der Kirche zu em⸗ pfangen. Nach der Feierlichkeit begaben ſich die Fremden, es waren außer den vier Auswanderern die Majorin, und Johannes Roſen mit ſeiner Frau und Mutter, nach dem nahen Gaſthauſe, wo ein kleines Feſtmahl ihrer wartete, und kaum zwei Stunden ſpäter ſtanden ſie draußen, an der Eiſenbahnſtation, dem ſignaliſir⸗ ten Dampfzuge entgegenharrend. Nur zu bald war er da, ertönte ſein gellender Pfiff als Abſchiedszeichen. Eine letzte Umarmung, ein letzter Abſchiedskuß, und die Auswanderer flogen ihrem fernen Ziele ent⸗ gegen. Siebentes Capitel. Neapel. „Siehe Neapel und ſtirb!“ In dieſem Ausſpruche ſpiegelt ſich am beſten die überwältigende Großartigkeit des Eindrucks, den Neapel mit ſeinem zauberhaft ſchönen Landſchaftsbilde, mit ſeinem Himmel, ſeinem Meere und ſeinem Veſuve auf den Beſchauer übt, und den die Macht der Feder nicht zu ſchildern vermag. Wie der ſinnige Menſch wortlos vor dem ſchön⸗ ſten Kunſtwerke ſteht, und durch ſein ſtaunendes Schweigen den Meiſter am beſten ehrt, ſo geht es dem Beſucher Neapels vor dieſem Wundergebilde der ewig ſchöpfungsreichen Natur. Da ſchweigt das Wort und ruht die Feder. Alles dieſes iſt kalt, todt,— Schatten, dem wunderbaren Zauberleben gegenüber, und Frevel ſcheint es, mit dunklem Naſſe auf weißem Lumpenſtoff copiren zu wollen, was in ſolchen Augen⸗ ½ 154 plicken die Seele himmelhoch hebt und mit dem zau⸗ beriſchſten Entzücken füllt. Siehe Neapel und ſtirb! In einem berauſchenden Taumel waren unſere Reiſenden die weite Strecke durcheilt, hatten viel ge⸗ ſehen, von Allem gekoſtet,— von der ehemals ſo mächtigen Lagunenſtadt über die ewige Roma, mit ihren einzigen Kunſtſchätzen und dem unvergleichlichen Kirchenpompe des heiligen Stuhles bis nach Neapel hinab, das Alles übertraf, was ſie bis jetzt geſehen hatten. Unſere Reiſenden ſchwelgten weniger in den tod⸗ ten Denkmalen und Kunſtſchätzen der ewigen Stadt, als an den nimmer welken Brüſten der Natur, die in Neapel ja ihr Meiſterſtück ſchuf und über dieſen Gottesgarten all' ihren Liebreiz ausgegoſſen hat. „Warum können wir hier nicht wohnen, Hans, und unter Neapels Himmel ein Leben der Seligkeit führen?— Denn nur Seligkeit iſt in ſolchem Para⸗ dieſe möglich, wo dann alle menſchlichen Schwächen und Leidenſchaften ſchweigen müſſen, und in dem der Ewige mir näher däucht, als in dem koloſſalen Stein⸗ gewölbe der Kirche Petri.“ „Seligkeit ahnſt Du, liebes Weib, und ſtehſt doch auf einem Boden, unter dem jeden Angenblick das 155 Verderben lauert, und durch ein unſchuldiges Wort heraufbeſchworen werden kann. Die heilige Kirche hat, im Vereine mit ihren treuen Söhnen Jeſu, durch ſchwache Fürſten ſchon übergroßes Unglück über die herrlichſten Reiche, auch über unſer ſchönes Vaterland gebracht, und Neapel ſcheint vor Allem ſo recht der Sammelplatz zu ſein, an dem ſie ihre alte Macht und Herrlichkeit und die alten Reliquien des eiſernen Mittelalters bewähren. So herrlich und glänzend auch die Schale erſcheint, mit der die Natur Neapel er⸗ freute und die die Sinne des Unempfänglichſten ſelbſt mit ihren Reizen beſtrickt, und Herz und Seele er⸗ freut, ſo bitter iſt der Kern des innern Staates und bürgerlichen Lebens in dieſem ſo reich geſegneten Lande. Neben Gift und Dolch, die ein leidenſchaftliches und durch unſinnige Behandlung entartetes Volk tückiſch und mit Wolluſt zum Verderben Anderer ſpielen läßt, lau rn Verrath, Kerker, Folter und Inquiſition mit ihren mittelalterlichen Schrecken. Deshalb ſchlag' Dir den Gedanken aus dem Sinne, hier Hütten bauen zu wollen, denn drüben erwartet uns eine freilich nicht ſo ſchöne, aber angenehme und freie Heimat, in welcher der Geiſt ſich frei regen und der Menſch auch frei ge⸗ nießen kann, was ſich dem Auge bietet. Drüben er⸗ warten uns endlich auch treue, liebende Herzen.“ 156 „Hier liegt der Tod lauernd hinter dem blühend⸗ ſten Leben wie die Natter hinter Roſendüften, und man möchte zitternd nur den Fuß auf den üppigen Boden ſetzen, unter deſſen unterhöhlter Decke vielleicht Tücke und Verderben lauern.“ Hans hatte abſichtlich grell geſchildert, um Eu⸗ genien die Luſt, ſich hier niederlaſſen zu wollen, gänz⸗ lich zu verjagen, welche in der Woche, die ſie noch in Neapel verweilen ſollten, die erſten Ehezwiſte hätte heraufbeſchwören können. Jetzt wandte ſie ſich ſchaudernd ab und hing ſich ängſtlich an den Arm des Gatten. Der Dampfer, mit welchem ſie reiſen wollten, ſollte erſt in acht Tagen auslaufen, und unſere Reiſenden beſchloſſen, unter⸗ deſſen die Umgegend Neapels mit vollen Zügen zu genießen. Sie waren alle Tage unterweges bald zu Fuße, bald zu Wagen, bald auch in der Gondel, und koſte⸗ ten alle bemerkenswerthen Schönheiten der Umgegend. An fünften Tage beſtiegen ſie, von zwei Führern be⸗ leitet, den Veſuv, waren jedoch nur bis zur Mitte des dampfenden Rieſen emporgeſtiegen, als Muth und Ausdauer der beiden Damen erſchöpft waren. Hans und Ernſt wollten mit dem einen der Führer zwar ollein weiterdringen und den Krater er⸗ reichen, während die Damen mit dem Zweiten der Führer nach Neapel zurückkehren ſollten; allein Enge⸗ niens Angſt und Sorge Keß den Gatten nicht hinweg, und die beiden Männer mußten ebenfalls umkehren. Eugenie wollte den kaum errungenen Geliebten nicht den Zufälligkeiten eines ſo bedenklichen Rieſen preisgeben, wie der Veſud mit ſeiner drohenden Rauch⸗ krone war, aus der die beſorgte junge Frau in einer Nacht ſogar helle Flammen hatte emporſteigen und Himmel und Meer mit blutigem Scheine übergießen ſehen. Vulkans grauſe Werkſtatt ſchien ihr kein ſicheres Aſyl für den geliebten Mann, und ſo kehrten ſie Alle nach Neapel zurück, zufrieden mit dem, was ſie geſe⸗ hen hatten, und freuten ſich im Herabſteigen noch der herrlichen Ausſicht, die ihnen der mjeſtätiſche Berg bot. Am ſechſten Tage mußten die nöthig gewordenen Anſtalten zur Abreiſe getroffen werden, da am andern Morgen„the steamer“ ſeine rieſigen Maſchinen in Bewegung ſetzen wollte. Erſt gegen Abend kamen un⸗ ſere Reiſenden zu einem letzten kleinen Ausfluge in die nächſte Umgebung der Stadt. Der Tag hatte das herrlichſte Wetter geboten, und die Promenirenden ſchritten den Golf entlang, 158 wo ihnen eine reizende Ausſicht, mit dem Veſuv im Hintergrunde, geboten ward. Einzelne Villen mit ihren Parkanlagen und Orangenhainen wurden ſorglos betrachtet, und ſie ſchritten unangefochten durch die oft bezaubernden Anlagen, welche Meiſterſtücke der Natur und Kunſt zugleich boten. Ihr letztes Ziel war eine reizende, noch neue Vlla, deren großer und ſorgſam gepflegter Park ſich terraſſenartig dem Meere zuneigte. Hier wollten ſie eine Weile ruhen, die ſchöne Ausſicht genießen, und dann nach der Stadt zurückkehren. Unſere Reiſenden foluten dem abdachenden Wege nach dem Meere zu, da dieſe Partie des Parkes eine ſchöne Ausſicht als Ruhepunkt verſprach, und Ernſt konnte den herrlichen Geſchmack der Anlagen nicht genug rühmen. Sie hatten ſich in ihrer Berechnung nicht ge⸗ täuſcht. Der Weg lief in einen blumengezierten Frei⸗ platz aus, der etwas ſcharf in das Meer hervorſprang, und mit einem grünumrankten Eiſengitter anmuthig eingeſchloſſen war. Kaum zehn Fuß tief hinunter ſpielten die Wellen an die künſtlich erhöhte und befeſtigte Wand des Vor⸗ ſprungs, der einen vollkommen ſchönen Ueberblick 159 den Golf nach vorne, über Neapel zur Rechten und den Veſuv mit ſeiner Umgebung zur Linken bot. Der ziemlich umfangreiche Vorſprung, den dichte Baumanlagen halhkreisartig umſchloſſen, war mit meh⸗ reren verſteckten Lauben geziert, die durch kleine Bos⸗ quets verborgen und vor der Sonnenglut geſchützt wurden, die jedoch die Ausſicht nicht beeinträchtigen durften. Mit vielem Geſchicke waren dieſe reizenden Ruheplätze gerade an die Stellen vertheilt, welche den beſten Ueberblick gewährten. Unſere Reiſenden, die ſchon oftmals die Gaſt⸗ freundlichkeit der Neapolitaner kennen gelernt hatten, nahmen ohne Bedenken in einer der Lauben Platz, und weideten ſich an dem fortwährenden wunderbaren Wechſel des Panoramas, dem jede Aenderung des Lichtes nur neuen Reiz zu leihen ſchien. Sie hatten ſich noch nicht lange niedergelaſſen, als ein Diener eine reiche Auswahl duftender Erfri⸗ ſchungen herbei trug und ſie vor den erſtaunten Frem⸗ den niederſetzte. „Signora ſah Fremde nach der Terraſſe gehen und läßt bitten, auf ihrer Beſitzung eine Erfriſchung nicht zu verſchmähen.“ Nit dieſen Worten war er verſchwunden, und unſere überraſchten Freunde wußten nichts Beſſeres zu 160 thun, als durch Genuß des Gebotenen der Gaftfreund⸗ ſchaft Ehre zu machen. Die Erfriſchungen wurden köſtlich befunden, und Eugenie erinnerte ſich nicht, die Südfrüchte jemals ſo ſchön bereitet gekoſtet zu haben. Sie bemerkte widerholt, daß man doch wohl nirgends beſſer zu leben verſtehe, als in dieſem Gottesgarten— Neapel. „Aber auch nirgends leichter zu ſterben,“— ſetzte Hans ſo ernſt hinzu, daß ſie ſchandernd die eben ergriffene Frucht wieder niederlegte. „Welche Qual,“— ſagte ſie langſam,„im Lande der herrlchſten Genüſſe leben dürfen, und doch nicht ein⸗ mal wagen zu können, ſeine duftigen Früchte ſere zu genießen! Immer in Furcht ſchweben zu müſſen, daß rach⸗ ſüchtige Hände den Tod hineinmiſchten Nein, zi komm', laß uns fortziehen von hier— es iſt nur gut, daß wir morgen ſchon dieſer verführeriſchen Küſte fern ſein werden— ich würde doch keine ruhige Stunde mehr hier verleben können.“ Sie waren aufgeſtanden und gingen einen andern Weg zurück, der, wie ſie ſchließen durften, der Villa ihrer freundlichen Wirthin zuführen mußte. Hans hielt es für eine Pflicht, wenigſtens einen 1Verſuch zu math it Dank ſagen zu können. 161 Bald zeigte ſich auch ein langer Uebergang, der von zwei dichten Wänden aus düſteren Grün eingeengt ward, welche ſich oben beinah in einanderwölbten. Wenn die Sonne ihre ſüdliche Strahlenglut herab⸗ ſandte, mußte dieſer Weg die angenehmſte Kühlung bie⸗ ten— und an ſeinem Ende gewahrten unſere Reiſenden die hellen Farben eines Gebäudes ſchimmern. Ihrem Vorſatze gemäß bogen ſie in dieſes melan⸗ choliſche Gewölbe ein, und gingen ſchweigend dem noch fernen Gebäude zu. Als ſie vielleicht die Mitte des Gan⸗ ges erreicht hatten, bemerkten ſie eine hohe, ſchwarz ge⸗ kleidete Frauengeſtalt, welche von einem ſchlanken Kna⸗ ben geführt ward. Die Fremden zweifelten nicht, in ihr die„Signora“ zu begegnen, und beſchleunigten ihre Schritte, um die langſam— ſehr langſam Wandelnde einzuholen. Sie wandte ſich um, als ſie Schritte in ihrer Nähe hörte, und aus den ſchwarzen Schleiern, die die hohe Geſtalt faſt ganz umwallten, blitzten den Freunden zwei dunkel glühende Augen entgegen, in deren ein düſteres, verſengendes Feuer zu lodern ſchien. Da die Signora über das reiche Haar ebenfalls einen düſteren Schleier gebunden hatte, der ſeine Schatten auf die Züge warf, ſo waren dieſe nicht deutlich zu erkennen. Doch ſchienen ſie zart und ſchön— ſehr ſchön, wenn auch bleich zu ſein, 11 Ehre 1V. 162 und aus den dunkeln Hüllen blickte die vollendet feinſte Lilienhand hervor. Sie erwiderte die Verbeugung der Fremden mit einem ſtummem Neigen des ſtolzen Hauptes, während der ſchöne und reich in Sammet gekleidete Knabe liebevol den Arm um ſie ſchlang, als ob er ſie ſchützen wollte vor der unberufenen Nähe der Eindringlinge. „Signora,“— ſagte Hans ehrerbietig,„geſtatten Sie den durch Ihre Huld erquickten Fremden Ihnen dan⸗ ken zu dürfen.“— Die Dame antwortete nicht. Sie zuckte und ſah empor— wankte— und preßte die feine Hand an die Bruſt— aus der ſich endlich— endlich ein leichter Auf⸗ ſchrei hervorrang. „Harder!“— Dieſen Namen hatten ſie Alle verſtanden. Hans, welcher der wankenden Dame zu Hilfe ge⸗ ſprungen war, ſtand ſprachlos vor ihr und blickte in die entſetzten, bleichen— doch immer nochbezaubernd ſchönen Zügen— für deren Lächeln er einſt Leben und Seligkeit mit Freuden dahingegeben hätte. „Signora!“ ſtammelte er endlich.—— „Welch' wunderbares Zuſammentreffen!— Welche Fügung des Schickſals— heute, da ich im Begriffe bin, Europa zu verlaſſen! Wir ſollen nicht ohne Abſchied für 163 das Leben von einander ſcheiden, Signora— nicht ohne Abſchied und Verſöhnung. Sie neigte ſtumm das Haupt und winkte den Frem⸗ den, ihr in das Haus zu folgen. Dann ſtützte ſie ſich feſt auf den Arm ihres Sohnes und ſchritt mit derſelben ſtol⸗ zen Haltung voran, die Hans damals ſo oft bewundert hatte. Als ſie in der Villa eintraten, war die Signora gefaßt. Sie führte ihre Gäſte in die aromadurchduftete Ve⸗ randa und ſchellte nach Licht. Als dieſes gebracht wurde, fiel ſein Glanz auf das bleiche, aber vollkommen ruhige Antlitz der Dame vom Hauſe, die mit vollendeter Grazie die Honneurs machte. Hans ſtellte ſeine Frau, ſeine Schweſter und ſeine Reiſebegleiterin vor— die Signora hatte für Jeden eine liebenswürdige Anrede. Man hatte ſich niedergelaſſen.— Die Signora war unbefangen und faſt heiter und forderte Hans zu einer Erzählung ſeiner Erlebniſſe auf, ſeitdem er damals die deutſche Reſidenz verlaſſen habe. Der Verfälle aus der Vergangenheit ward mit keiner Silbe gedacht. Hans berichtete in gedrängter Kürze das Wichtigſte ſeiner Erlebniſſe— ſo weit dieſelben für Freunde mit⸗ . 1 164 theilbar waren— erzühlte dann von ſeiner Rückkehr, dem Tode ſeiner Mutter, ſeiner Verheiratung und dem Zweck und Ziel ſeiner jetzigen Reiſe. „Hier ſind wir nun bereits acht Tage,“— ſchloß er,„ohne nur eine Ahnung von Ihrer Anweſenheit, Sig⸗ nora, zu haben. Sie ſind in der ganzen Woche nicht aufgetreten?“— „Wenn ich Ihre Erzählungen mit einigen Worten über meine Lebensweiſe, ſeitdem wir uns nicht geſehen haben, erwidere, wird Ihnen das nicht ſonderbar erſchei⸗ nen, Herr von Harder. Ich habe, als Sie damals aus der Reſidenz abreiſten, dieſelbe ebenfalls und an demſel⸗ ben Tage noch verlaſſen— und habe die Bühne nicht wieder betreten. Ich reiſte mit meinem Sohne zuerſt in meine Heimat Lucca, ſpäter nach Rom und habe mich endlich in dieſe Einſiedelei zurückgezogen, in der ich nur für meinen Sohn und der Erinnerung lebe.—— In düſteren Laubhallen flammt der Altar der Erinnerung am hellſten in ſeinem Kerzenglanze, und ich ſuche meine ein⸗ zige Ruhe noch darin, als ihre Prieſterin das Gedächt⸗ niß an frühere Tage und frühere Thorheiten mit Zeit und Zukunft zu verſöhnen.“ „Die Erinnerung macht weich und verklärt, und die heftigſten Schmerzen ſtimmen ſich harmoniſch in ihrem Mangel, wie im unendlichen Tempel der Natur. Auch 165 ich habe das empfunden, und lebe glücklich im Beſitze meines Kindes und meiner Erinnerungen.“ Die Signora ſchloß mit einem etwas reſignirten Lächeln, aber die Innigkeit, mit der ſie einen Kuß auf die hohe Stirn ihres Sohnes preßte, bezeugte die Wahrheit ihrer Gefühle. „Mögen Sie ſtets glücklich bleiben, Signora,“ er⸗ widerte Hans bewegt,„und mögen Sie ſich an dieſem holden Knaben eine Freude ſpäterer Tage erziehen. Leben Sie wohl, Signora, ich preiſe das Geſchick, welches mich vor meinem Scheiden ſehen läßt, daß es Ihnen wohl⸗ geht. Beten Sie für die armen Auswanderer und weihen Sie ihnen zuweilen eine Stunde am Altare der Erin⸗ nerung.“— „Wir ſcheiden verſöhnt, Herr von Harder?“ „Verſöhnt, Signora Maria!“ „Nun, dann leben Sie wohl,— leben Sie Alle wohl und recht glücklich!“ Sie ſank erſchöpft in ihren Sitz zurück und winkte Hugo, daß er die ſcheidenden Gäſte begleite. Erſt am Ausgange des Parks empfahl ſich der Knabe, mit feinem Anſtande eines Cavaliers, geliebkoſt von den Scheidenden, und von Eugenien mit einem herz⸗ lichen Kuſſe entlaſſen. „Der iſt für Deine gute Mamma!“ flüſterte ſie 166 dem Knaben zu— dieſer drückte dankbar ihre Hand und eilte in den Park zurück. Unſere Freunde ſetzten ſchweigend ihren Weg fort, von dem Eindrucke ergriffen, den die trauernde Sän⸗ gerin bei ihnen hinterlaſſen hatte. Hans war vor Allen tief bewegt. Er hatte alle frühere Täuſchung vergeſſen, die ihn Jahre lang ſo geſchmerzt hatte, und ſchied, aufrichtig verſöhnt, als warmer Freund der ſchönen Büßerin, die ſich ſelber aus der Welt verbannt hatte und der Einſamkeit und ihren Erinnerungen lebte— um die Schuld der Ju⸗ gend zu ſühnen. Der Abend war angebrochen— ein wundervoller Abend in Neapel. Der Himmel glich einem unendlichen Zauber⸗ ſchachte, und das friedliche Meer ſtrahlte wie in Gold getaucht. Ehe ſie die Stadt betraten, warfen unſere Freunde noch einen letzten, langen Blick auf das zauberiſche Wunder zurück, welches ſie heute zum letzten Male in ſeiner Pracht erſchauen ſollten— um auf immer dasL and der Wunder zu verlaſſen. Lange— lange blickten ſie hinaus in die ſtrah⸗ lende Glut, in der ſich der Veſuv mit ſeinen rieſen⸗ haften düſteren Schatten ſcharf und imponirend ab⸗ 167 zeichnete— dann reichten ſie einander die Hände, grüßten ſich mit einem langen, innigen Blicke— und ſchritten ſchweigend weiter. Es war ein Abſchiedsgruß an die Vergangenheit geweſen. In dieſem Augenblicke hatten ſie mit ihr gebrochen und für die Zukunft ſich mit Gruß und Händedruck verbrüdert. Am andern Morgen, in aller Frühe, führte ein Boot unſere Freunde zu„thesteamer,“ deſſen Schlott bereits dicke Rauchwolken in die klare Morgenluft ſpie. Eine Stunde ſpäter lichtete das Schiff die Ankr. Mit dumpfem Geſtöhne begannen die Maſ inen zu arbeiten— die Ruder flogen und ſchaufelten brauſende Waſſermaſſen empor, daß ſie ſchaumbedeckt in ihr Bett zurückſtürzten— und der majeſtätiſche Bau bewegte ſich langſam und ſtolz dem Ausgange des Hafens zu. Eeine kurze Zeit noch zog der Dampfer mit halber Kraft an der Küſte entlang— einer kleinen Land⸗ ſpitze gegenüber wandte er ſeinen Schnabel dem offenen Meere zu und brauſte mit voller Gewalt ſeiner Ma⸗ ſchinen durch die höher rollenden Wogen. Unſere Reiſenden hatten die Landſpitze mit ihrem Eiſengeländer wieder erkannt und verſtanden die Grüße, die eine aufgehißte Flagge zu ihnen herüber winkte. 168 Als der Dampfer der Landſpitze am nächſten war, erſchienen eine ſchwarz gekleidete Dame und ein Knabe an der Brüſtung und wehten mit flatternden Tüchern dem wendenden Schiffe Grüße zu, die von dort lebhaft erwidert wurden. Hans von Harder und Signora Corrado hatten ſich die letzten Grüße geſandt. Achtes Capitel. Schluß. Wir ſind zu Ende;— doch bevor wir von unſern Freunden gänzlich Abſchied nehmen, denen wir Jahre lang durch die bewegteſten Wechſelfälle des Lebens und Geſchickes gefolgt ſind, ſei es uns vergönut, ihnen einen kurzen Beſuch in ihrer neuen Heimat abzuſtatten. Schwankend und unſtät ſind die impoſanten Wogen des atlantiſchen Oceans— urzählige Zufälle lauern auch im fernen Weſten, und drohen dem argloſen Fremd⸗ linge verderbenſchwer— und wir können deshalb nicht eher ſcheiden, als bis wir unſere Freunde ſicher und glücklich in ihren fernen Wigwams geſehen haben. Auf Mr. Hartmann's Pflanzung finden wir Man⸗ ches verändert. Der Urwald ſcheint von ſeiner ſrüheren Grenze weit hinweggerückt zu ſein, und grünendes Acker⸗ land iſt auf dem Boden hervorgezaubert, den früher die 170 impoſanten Stämme des Urwaldes mit ihrem undurch⸗ dringlichen Blätterdache krönten. Kaum eine Viertelſtunde von Mr. Hartmann's Wohnung entfernt erheben ſich eine Anzahl neuer Ge⸗ bäude, von denen einige noch nicht einmal ganz voll⸗ endet ſind. Alle aber ſind mit friſchem Grün und üppigen Blumenranken geziert; bunte Flaggen wehen von den Dächern hernieder, und das Hauptgebäude der Colonie gleicht einem einzigen Blumengarten. Von Mr. Hartmann's Wohnhauſe aus iſt ein ge⸗ rader Weg nach den neuen Anlagen eingerichtet und mit Bäumen bepflanzt, der gerade vor dem Hauptgebände ausmündet. Die neue Anlage iſt Hans Harder's und Ernſts Colonie, und in den kleinen Häuſern wohnen arme deutſche Auswandererfamilien, die durch falſche Vor⸗ ſpiegelungen nach Amerika in das Elend gelockt wurden, und nun hier ein ſicheres Aſyl gefunden haben. Sie bauen, als freie Anſiedler der Colonie, gegen gutes Tagelohn die Felder des Grundherrn. Mr. Hartmann hatte ſeinem Neffen Wort gehalten, der alle dieſe Anlagen und Einrichtungen ſchon vor⸗ bereitet fand, als er und ſein Begleiter an Amerika's 171 Küſte landeten, und unter dem Jubel der Verwandten auf Mr. Hartmann's Beſitzung eintrafen. Mr. Hartmann hatte ſchon vorarbeiten laſſen. Es gewährte ihm eine Genugthuung, dem Neffen vergelten zu können, was er einſt am Bruder verſchuldet hatte, und er hatte ſeine herzliche Freude am Gedeihen der Colonie, die auch ſeinen Lieblingsplan erfüllte, und einer Reihe unglücklicher Landsleute zum ſchützenden Aſyle ward. Kaum waren die Ankömmlinge ein wenig ein⸗ gewohnt geweſen, ſo hatte auch ein eifriges Streben begonnen, welches jetzt bereits die ſchönſten Früchte trug. Der Urwald ſchwand unter gewichtigen Arthieben, und der Pflug wühlte die fruchtbare Erde empor, damit ihr der erſte Same zum Keime anvertraut werden könne, und während die Felder ſich mit Grün ſ chmückten, und der reiche Segen aus dem dankbaren Boden quoll, ent⸗ ſtanden auf der andern Seite die Wohngebäude der Colonie. Die neuen Anſiedler hatten bis jetzt noch in Mr. Hartmann's Wohnhauſe, die Arbeiterfamilien in leichten Blockhäuſern gewohnt, bis nun ihre eigenen Bauten fer⸗ ttig und zum Beziehen bereit waren. Heute lachten ſie Alle im lieblichen Blumenflore „ 172 und ſpiegelten ſich mit ihrem Feſttagsgewande im Son⸗ nenlichte. Weit umher war Alles ſtill und feiertägig, kein Menſch zu ſehen, kein Arbeiter auf den Feldern; die Colonie erſchien in ihrem Feſttagsſchmucke wie aus⸗ geſtorben. Auch Mr. Hartmann's Haus war feſtlich angethan. Flaggen wehten vom Dache hernieder, und Flaggen und Blumen⸗Guirlanden umwanden die Eingangsthür. Endlich ward die Stille durch feierlichen Choral⸗ geſang unterbrochen, der in ernſten Feſtestönen aus dem Hauſe drang, und bald darauf erſchienen weiß gekleidete Kinder mit vollen Blumenkörben, die den Weg nach den neuen Anlagen hin mit ihren Blüthen ſtrenten. Ihnen folgte ein glückliches Brautpaar; Ernſt Wendt und Anna Harder mit der Myrthenkrone im blonden Haare, und eine reiche Anzahl geladener Gäſte und Coloniſten. In der Colonie angelangt, wurde das neuvermählte Paar unter lauten Freudenrufen in ſeine Wohnung ein⸗ geführt. Glückſelig ſank Anna an die ſtarke Bruſt des ge⸗ liebten Mannes, den der Aufenthalt im freien Amerika um alle ſeine Schüchternheit gebracht hatte. Ein muthi⸗ ger Stolz bruch aus den treuen Augen, als er das ſo 173 lange hoffnungslos geliebte Weſen in ſeine Arme ſchloß, das nun ſein war, ſich ſeinem Schutze und ſeinem Herzen allein und für immer anvertraut! Ein heiteres Feſtmahl ſchloß die ſchöne Feier, und der alte Advocat, Mr. Roſt, den Hans aus New⸗Orleans hatte holen laſſen, brachte in ſeiner biederen derben Weiſe das Wohl der glücklichen Verwandten aus, die nun Eine Familie bilden wollten, und auf den Glück⸗ wunſch, daß der heutige ſchöne Tag nur der Vorbote einer langen Reihe ſchöner Jahre ſei, klangen die vollen Gläſer in herrlichſter Harmonie. Unſere Freunde haben es nicht bereut, die alte Hei⸗ mat mit der neuen vertauſcht zu haben, und niemals ſich zurückgeſehnt in das glänzende Treiben der deutſchen Reſidenz. Als einfache Anſiedler, die im Schweiße des Angeſichts ihr Feld bebauen und das tägliche Brot ge⸗ winnen, glücklich im Kreiſe der geliebten Familie, haben ſie erkannt, daß nicht im äußeren Glanze und fruchtloſen Kampfe für den Schein, ſondern im Bewußtſein edler Handlungen und treuer Pflichterfüllung, wie in innerer Ruhe und Zufriedenheit die Keime liegen, aus denen entſprießt die ſchönſte Blume des Lebens, das Glück, und das edelſte Glück des Menſchenherzens, ſeine Ehre. Der Buchhalter. Ein Lebensbild von Guſtav Höcker. Herr Brunner iſt in der wahrhaftigſten Bedeutung des Wortes ein„Buchhalter“ geworden. Wie er ſich als ſolcher ausnahm, werden wir ſpäter ſehen. Jetzt iſt es ein blühender, hoffnungsvoller Jüng⸗ ling, welcher in einem bedeutenden, mit dem Auslande verkehrenden Handelshauſe binnen Kurzem ſeine Lehrzeit zurückgelegt haben wird. Noch iſt er unſchlüſſig, ob er von hier aus ſeine Schritte nach Rtalien, nach Paris oder nach London wenden ſoll. Er hat in allen drei Zungen gründliche Studien gemacht, und glaubt in der Ferne Ehre damit einzulegen. Mit großer Gewiſſenhaftigkeit hat er in der letzten Zeit vermieden, ein Liebesverhältniß anzuknüpfen, weil es die Ehrlichkeit ſeiner Geſinnungen nicht zuließ, daß er, mit Auswanderungsideen umgehend, ein ſchwa⸗ —— p 60 ches Herz an ſich feſſele, um ſich bald darauf von bem weinenden Mädchen loszureißen, und in die graue Ferne hinaus einer glänzenden Zukunft entgegenzueilen. Der edlen Charakterſtärke jedoch, die dieſer Zug verrieth, fehlte noch eine höchſt wichtige, ergänzende Eigenſchaft— die Entſchloſſenheit; denn, wie geſagt, Brunner ſchwankte noch in ſeiner Wahl, ja, dieſe Schwankungen wurden noch vermehrt durch den plötzlich aufbrauſenden Wunſch, Bewohner eines der großen Handelsplätze jenſeits des Oeeans zu werden— als ihn, mitten in dieſen ſchwin⸗ delnden Plänen, das Anerbieten eines Handelshauſes in der Nachbarſchaft überraſchte, das ihn für ſein Comptoir engagiren wollte. Der Gehalt, der geboten wurde, war lockend, und die Firma beſaß, wie Herr Brunner wußte, ausgedehnte Verbindungen in dem geliebten Auslande. Noch ſchwankte er— ſchwankte ſo lange, bis er dem Chef dieſes Hau⸗ ſes ſeinen perſönlichen Beſuch machte, und vor Schreck und Erſtaunen über die Eleganz des Zimmers, worin er empfangen wurde, über die Intelligenz des kleinſtädtiſchen Großhändlers, und vor Allem über die eigene Kleinheit vor der Hand alle ſeine wirren Pläne fallen ließ. Herr Brunner bedurfte nun allerdings der in einer phantaſiereichen Abendſtunde für das ſtädtiſche Tageblatt aufgeſetzten Annonce nicht, in welcher er bei ſeiner Ab⸗ 176 reiſe nach Paris(oder London) allen Freunden und Be⸗ kannten ein herzliches Lebewohl zurief, auch hatte er nicht nöthig, ſich vom Kopf bis zum Fuß zwei Mal(ganz in Schwarz) neu zu kleiden und eine bequeme Reiſemütze zu kaufen, ſondern packte eines Tages ſeine Habſeligkeiten in einen Koffer, machte einige wenige Abſchiedsviſiten, bei denen man überall große Freude darüber äußerte, daß Herr Brunner in der Nähe bliebe, und endlich ſetzte ſich der junge Commis in den Poſtwagen, der ihn nach wenig Stunden in die neue Heimat hineintrug. Mehr als ſechs Jahre ſind vergangen, ſeitdem nun Herr Brunner im Comptoir der Firma T. W. Rauh ar⸗ beitet. Für die jungen Damen der Stadt iſt der junge Mann verloren, noch immer dämmern in ihm Ideen von einer Laufbahn, die in fernen Landen ſeiner wartet, und lieber will er der Liebe, als ſeiner glänzenden Zukunft entſagen. Daher beſchränkt er ſich darauf, den Dam ein angenehmer Geſellſchafter zu ſein, und an dieſen Um⸗ gang hat er ſich ſo gewöhnt, daß er ihn noch nicht aufge⸗ geben hat, als die kleinen Schweſtern der Damen, die er mit dem Kober unter'm Arme noch zur Schule wandern ſah, endlich auch junge Damen geworden ſind. Gar manchen Mitarbeiter der Firma T. W. Rauh hat Herr Brunner ſchon kommen und wieder gehen ſehen; er ſelbſt kommt ſich beinahe wie ein Thorwächter vor. Mit ge⸗ *. 177 ſpanntem Intereſſe hat er den Entwicklungsgang des jungen Alwin, des Sohnes ſeines Principals, verfolgt, von der Zeit an, wo der muntere Knabe in unſchuldiger Selbſtüberhebung allen Leuten einreden wollte, er gehe bereits in die Schule, bis zu den Tagen, wo der Kleine auf ſeinem Schooße ſaß und ſein Wiſſen den Kummer ſtillte, den eine allzu ſchwere Aufgabe dem jugendlichen Gemüthe verurſachte. Und Herr Brunner ſaß noch auf demſelben Schämel und noch vor denſelben Büchern, als Alwin ein hochaufgeſchoſſener, munterer Burſche gewor⸗ den war, und von ihm zärtlich Abſchied nahm, um am andern Morgen in Begleitung des Vaters nach Hamburg zu reiſen, und im Hauſe eines dortigen Geſchäftsfreun⸗ des die Handlung zu erlernen. Unſer Freund, welcher der erklärte Buchhalter der Firma T. W. Rauh iſt, hat endlich auch Geſchmack am Kartenſpiel gefunden, und die Bekanntſchaft dreier Herren gemacht, mit denen er ſich mehrere Abende in der Woche im„Grünen Reiter“ am Scattiſche amüſirt. Die Theegeſellſchaften in der Familie eines Herrn Anders ſind auch anziehend, und auf der andern Seite der Straße, in die das Fenſter, wo ſein Pult ſteht, ausmündet, erhebt ſich ein alterthümliches Gebäude, welches dem Comptoi i⸗ ſten in Angenblicken der Raſt viel Unterhaltung gewährt. Das in die Mauer gemeißelte Wappen über dem mit⸗ Album. 1562.„ 12 178 telſten Fenſter der erſten Etage ſieht einem andern Wap⸗ pen über dem Mittelfenſter der zweiteu Etage verzweifelt ähnlich, und doch gewinnt jedes der Wappen eine andere ausſchließliche Phyſiognomie, wenn man die Einzelhei⸗ ten beider mit einander vergleicht! In ſolchen phantaſtiſchen Betrachtungen ergeht er ſich regelmäßig ſo lange, bis ihm die Augen übergehen⸗ Vor der Hausthüre dieſes merkwürdigen Gebäudes tum⸗ meln ſich zu beſtimmten Tageszeiten ein Hund und eine Katze, und Herrn Brunner erfreut die Beobachtung, daß der überlegene Hund ſich vor der Katze fürchtet. Auch die Fenſter der erſten Etage des alten Gebäudes gewäh⸗ ren viel Unterhaltung. Die Zimmer ſind von einer klei⸗ nen, gemüthlichen Familie bewohnt. Die Tochter, ein kleines, nettes Mädchen, kleidet vor ſeinen Augen ihre Puppen an und aus. Mitunter begegnet ihr ſchwarzes Auge dem Blicke des Buchhalters, dann verſteckt ſie ſich ſchnell hinter die Fenſtergardine, plötzlich erſcheint ihr Kopf wieder, ein herzliches Lachen, das er durch die Fenſterſcheiben hindurch und über die Straße hinweg faſt zu hören meint, fliegt über ihr Ant⸗ litz, ſie nickt mit dem Kopfe, und er nickt wieder. So lange Herr Brunner auch ſchon im Hauſe T. W. Rauh iſt, nie hat er ſich gelangweilt. Seine Un⸗ terhaltung hat ſich natürlich nicht auf die Erſcheinungen » 479 am Nachbarnhauſe beſchränkt, er fand ſie hauptſächlich in ſeinem Wirkungskreiſe ſelbſt. Unter den vielen Leuten, mit welchen er in Angelegenheiten der Firma über die ſchwarze Comptoirtafel hinweg verkehren muß, ſind manche intereſſante Perfönlichkeiten, mit deren geheim⸗ ſten Intereſſen er vertrant geworden; denn Bekanntſchaf⸗ ten zu machen iſt ſeine Leidenſchaft, und hierin beſitzt er wahre Virtuoſität. Ein Fremder tritt herein, der nur gebrochen deutſch ſpricht. Er iſt auf dem Cap der guten Hoffnung zu Hauſe, und erhielt von einem Geſchäftsfreunde ein Em⸗ pfehlungsſchreiben an die gutrenommirte Firma T. W. Rauh. „Wie geht es Ihnen, Herr— äh— 2“ fragt Vrun⸗ ner mit herzlicher Freundlichkeit, und reicht dem Afrikaner die biedere Rechte. DDer Afrikaner ſieht ihn mit großen Augen fragend an und ſchweigt. Den Buchhalter bringt dies beredte Schweigen nicht aus der Faſſung; er reicht ihm einen Stuhl, und unterhält ſich mit ihm auf die vertraulichſte Weiſe, bis Herr Rauh ſelbſt erſcheint. Brunner aber iſt ſeelenver⸗ gnügt, er iſt um eine Bekanntſchaft reicher! Jedes neue Geſicht gehort für immer ſeinem Ge⸗ düchtniſſe an, und ſo bringt jeder S der Buch⸗ 180 halter durch's Fenſter wirft, ein Kopfnicken mit ſich, welches einem vorübergehenden Bekannten auf der Straße gilt. Noch anders bewährt ſich ſeine Gedächtnißkraft; er Bedarf keines Regiſters, um in ſeinem mächtigen Haupt⸗ buche dasjenige Conto zu finden, welches er gerade braucht. Ferdinand Buxbaum et Comp. in Lübeck haben ihr Conto auf Fplio 260 des Hauptbuches. Wenn Herr Brunner die Zahl 260 hört, ſo denkt er an Ferdinand Burbaum et Comp in Lübeck, und dieſe Firma hängt mit jener Nummer unzertrennlich zuſammen. Endlich iſt der Conto des Lübecker Geſchäftsfreundes bis zur letzten Linie vollgeſchrieben; es muß daher transportirt wer⸗ den, und erhält ſeinen neuen Platz auf Folio 389 ange⸗ wieſen. Das iſt ein kleines Ereigniß! Während er das neue Conto mit Rieſenbuchſtaben, und nicht ohne eine gewiſſe Feierlichkeit mit der Firma:„Ferdinand Bur⸗ baum et Comp. in Lübeck“ überſchreibt, geht Herr An⸗ ders am Hauſe vorbei, aus dem Fenſter gegenüber ſchaut ein fremdes Kind, das Herr Brunner bisher noch nie bei der kleinen Nachbarstochter geſehen hat, und beim Weiterſchreiben füllt ein Sonnenſtrahl ſo grell auf das weiße Blatt des Conto's, daß der Buchhalter mitten in dem Worte„Lübeck“ innehalten muß, um das Roule an herabzulaſſen. Dieſe kleinen Begebenheiten, die den Aet 181 des Ueberſchreibens begleiten, bilden mit dem letzteren zu⸗ ſammen ein weſentliches Moment in der Selbſtbiographie des Buchhalters, und ſo oft Herr Brunner von der Sonne geblendet wird, das fremde Kind wiederſieht oder mit Herrn Anders zuſammenkommt— ſo denkt er dabei an Ferdinand Burbaum et Comp. in Lübeck.— Nicht weniger bedeutſam erſcheint ihm auf einem gewiſſen Folio des Hauptbuchs ein großer Waſſerflecken im Pa⸗ piere,— wie eine Brücke oder eine berühmte Eiche auf einer Specialkarte. Plötzlich während des Mittageſſens fällt dem Buchhalter der Waſſerflecken ein, und mehr als einmal hat er ſich ſogar in ſeine Träume eingeſchlichen. So iſt Herrn Brunner's geiſtiges Leben, ſo ſeine Gefühlswelt beſchaffen. Das Gedächtniß des Buchhal⸗ ters erſtreckt ſich auf alle vorkommende Geſchäftsfälle und es kann nicht fehlen, daß er ſeinem Principal höchſt wichtige Die ſte leiſtet, wenn dieſer auch mit der Zeit ſich an das Außerordentliche dieſer Leiſtungen gewöhnt hat. Herrn Brunner's ganze Erſcheinung, wie er während des Nachdenkens mit der ſtählernen Uhr'ette ſpielt; die herabhängenden Beine unter einander zu ſchlingen pflegt; wie er imm perſönlichen Verkehr ſtets den Daumen der rechten Hand in die Weſtentaſche ſteckt und die übrigen Finger lang herunterſpannt; oder wie er nach einer an⸗ ſtrengenden Arbeit die Hände reibt und mit ſtarken * 182 Schritten einige Minuten lang im Comptoir herum⸗ geht— alles dies iſt ſo eng und unzertrennbar mit dem Leben und mit der Bewegung im Comptoir verbunden, wie eine Büſte mit dem Poſtament. Herr T. W. Rauh kann ſich die Geſtalt und die Thätigkeit ſeines Buchhalters in keinen andern Wir⸗ kungskreis verſetzt denken; er zählt ihn mit großer Si⸗ cherheit zu den Seinigen, und wie man ein Bild, das an einem Nagel ſchon hinlänglich befeſtigt iſt, nicht noch durch einen zweiten befeſtigen zu müſſen glaubt, ſo thut auch Herr T. W. Rauh wenig, um ſeinen Buchhalter mit neuen goldenen Feſſeln feſter an ſein Haus zu ketten. Manchmal denkt Herr Brunner über ſeine früheren Pläne nach, und geſteht ſich ſelbſt, daß er ſie nun wirklich aufgegeben hat. In Sachen der Fi ma T. W. Rauh hat er mit Häuſern iu Paris, London und andern Metropolen des Handels correſpondirt, ſeine Handſchrift und ſein gewandter Briefſtyl ſind vielen auswärtigen Comptoiren alte, vertraute Freunde geworden. Wenn er einſt ſchriebe:„Nehmt mich zu Euern Mitarbeiter auf; mit denſelben Kräften, mit denſelben Eigenſchaften, die Euch an mir gefallen, will ich fortan Euerm In⸗ tereſſe dienen“— wohl keiner der ſpeculativen Chefs würde ſich bedanken, dem bekannten Unbekannten mit Zuvorkommenheit die Hand zu bieten. Aber— würde Herr Brunner noch der Alte ſein, wenn er das alte Haus gegenüber mit den drei Wappen nicht mehr ſähe, ſobald er von der Arbeit aufblickt? Würde er noch der Alte ſein, wenn er den vielen bekannten Geſichtern nicht mehr begegnete; wenn er ſfich zum Scatſpiel erſt wieder neue Theilnehmer ſuchen müßte, deren Manieren und Gewohn⸗ heiten er von Neuem zu ſtudieren hätte;— und wenn er gar vor einem fremden, ungewohnten Hauptbuche ſäße, von deſſen 260. und 389. Folio eine ganz andere Firma Beſitz genommen hatte, als Ferdinand Buxbaum & Comp. in Lübeck?— Dieſe neue Welt würde ihn tödten, und er iſt, ſo oft er ſich ſolchen Gedanken hin⸗ gegeben, ſtets ſo erſchüttert, daß er mit verdoppelter Hingebung auf ſeine alte Umgebung blickt, und ſeinen Prinecipal mit flehender Geberde anſehen und fragen möchte:„Nicht wahr, Du ſtößeſt mich nicht von Dir?“ Es iſt abgemacht, es bleibt Alles beim Alten. Nun könnte ſich der Buchhalter wohl umſehen unter den Blu⸗ men des Städtchens, und mehr als eine zarte Hand würde ſich ihm entgegenſtrecken, denn überall weiß man, daß er eine beſcheiden anſtändige Haushaltung auf ſich zu nehmen vermag. Würde aber auch die gute ſilberhaa⸗ rige Alte, in deren Hauſe er ſeit ſo vielen Jahren wohnt, die ihn pflegt wie ihren Sohn, und ihm von allen Men⸗ ſchen in der Welt das Kopfkiſſen am bequemſten zu legen 184 weiß, mit der er den ganzen Sonntag Morgen zu verplaudern pflegt— würde ſie den Augenblick über⸗ leben, wo ſie aus ſeinem Munde hören müßte, daß er nun heiraten und eine andere Wohnung beziehen werde? Und der Eheſtand— würde er ihm einen einzigen Er⸗ ſatz bieten für die Momente, wo er des Morgens auf dem Sopha am Tiſche ſitzt und in die Spiritusflamme ſchaut, welche wie ein flatternder Geiſt um den Bauch der blechernen Kaffeemaſchine tanzt,— für dieſe Augen⸗ blicke des Träumens und der Erinnerungen und für den Genuß endlich— ſelbſtbereiteten Kaffee's? Ehe Herr Brunner des Abends ausgeht, raucht er in ſeinem Zim⸗ mer eine Pfeife Tabak— da muß er allein ſein, und ſchon das Bewußtſein, daß ein menſchliches Weſen den Zimmerraum mit ihm theile, würde ihm die Hälfte dieſes Gennſſes rauben. Dürfte er ſeiner Frau einſt zu⸗ muthen, ihn auf dieſe Stunde zu verlaſſen? All dieſe Gewohnheiten kann er nicht auf Einmal von ſich werfen, eine nach der andern, und nächſtes Jahr ſoll mit einer der „ſüßen Gewohnheiten“ der erſte Verzichtleiſtungs⸗Verſuch gewagt werden.— So iſt es von Jahr zu Jahr ver⸗ ſchoben worden, und endlich hat Herr Brunner gar kei⸗ nen derartigen Vorſatz wieder gefaßt, denn es iſt ihm nun auch zur Gewohnheit geworden, das ſchöne Geſchlecht aus der Ferne zu verehren, und die Damen, denen er 185 den Vorzug gegeben haben gide⸗— ach! ſie haben ſich inzwiſchen alle verhenet i Die Figuren der drei Wappen am Nachb arhauſe ſchmelzen noch immer mit ungezähmtem Uebermuthe zuſammen und gehen ebenſo wieder auseinander; aber der Hund und die Katze ſind geſtorben, und längſt ſchon tummelt ſich ihre Nachkommenſchaft vor der Thür; das kleine Mädchen am Fenſter iſt eine hei⸗ ratsfähige Jungfrau geworden, die jetzt mit ernſter Freundlichkeit mit dem Kopfe nickt, wenn Hrrr Brunner hinaufgrüßt, und F T. W. Rauh iſt ein ganz alter Mann geworden, der oft von der Gicht heim⸗ geſucht wird und eben ſo oft böſe Laune hat. Oben im Kreiſe ſeiner Familie läßt er ſich weniger davon überraſchen, aber unten im Comptoir, mitten auf dem Schauplatze der Geſchäftsſorgen, muß ſich der Funke der Verſtimmung entzünden. Nun, in der That! es kommt dem alten Herrn Rauh jetzt überaus langweilig vor, daß ſich Herr Brunner nach jeder anſtren enden Arbeit die Hände reibt und, wie ein Huſarenoberſt, mit großen Schritten im Comp oir herumgeht. Es iſt nicht fein von Herrn Brunner, daß er, wenn man mit ihm ſpricht, den Daumen der rechten Hand in die Weſtentaſche ſteckt; dazu wird ſeine Handſchrift immer unſicherer, er darf 186 die Conti im Hauptbuche nicht mehr ctaſchten die Buchſtaben ſind wahre Carricaturen, und jetzt geht er, wie verlautet, gar mit der Abſicht um, ſich ſeinen Schämel aufpolſtern zu laſſen! Dieſer Mann wird dem alten Herrn Rauh verdrießlich, er leiſtet nicht mehr das, was er ſonſt geleiſtet hat und bezieht doch noch immer den früheren Gehalt. Herr T. W. Rauh beſchäftigte ſich eben mit der Frage, ob das Geſchäft gegen Herrn Brunner Verbindlichkeiten habe, weil er ihm ſo lange gedient, oder ob Herr Brunner mehr dem Geſchäft verbunden wäre, weil es ihn ſo lange behalten habe, da wurde Herr Rauh in ſeinem lan⸗ gen Selbſtgeſpräch von etwas Unerwartetem unter⸗ brochen: vom eigenen Tode. „Der gute alte Herr hat in der letzten Zeit faſt keinen einzigen frohen Augenblick gehabt, er war immer verdrießlich und fand keine Freude am Leben mehr, nun iſt er geſtorben!“ ſo ſagte Herr Brunner zu ſei⸗ nem Nachbarn, an deſſen Seite er hinter dem Sarge einherging, und ſeit langen Jahren floſſen die Thränen wieder über ſeine Wangen, und gruben ſich eine neue Spur um die ſchon recht hervorſtehenden Spitzen und Ecken. Herr Alwin Rauh iſt der neue Chef des Hauſes. Er wurde aus weiter Ferne geholt und iſt in der Fremde 187 ein tüchtiger Kaufmann geworden. Dieſer große Mann mit dem ſchwarzen Backenbart und dem ſcharf beobach⸗ tenden Blick der Augen iſt derſelbe Alwin, der als kleiner Knabe bei Herrn Brunner Troſt und Rettung ſuchte, wenn er um die Löfung einer Schulaufgabe verzweifeln wollte. Herr Brunner erinnerte ihn lächelnd an jene Zeiten und der junge Herr Rauh ſagte, daß er ſich zwar auf ſein Verhältniß zu ihm nicht mehr beſinnen könnte, er zweifle aber nicht, daß Herr Brunner Herr Brunner ſei Herr Brunner beugte ſich tief auf ſein Hauptbuch herab und nahm ſich vor, ſeinen Chef mit ſolcher Ver⸗ traulichkeit nicht wieder zu beläſtigen. Auch ohne dieſen Grundſatz hätte der alte Buchhalter von früheren Zeiten ſchweigen müſſen, denn es zeigte ſich bald, daß der Herr Rauh jun. überhaupt nicht der Mann war, welcher mit einem ſeiner Diener über etwas Anderes als über Ge⸗ ſchäftsangelegeuheiten ſprach Herr Brunner zieht ſehr höflich ſeinen Hut vor Herrn Alwin Rauh ab und be⸗ nimmt ſich höchſt artig und zuvorkommend gegen ihn, wie dies einem Gebieter gegenüber oft erforderlich iſt. Der junge Herr Rauh wird nicht von der Gicht geplagt, er hat auch keine üble Laune, aber er iſt ſcharf und ſtreng und hat ſchon bemerkt, daß die grüne Augenblende, welche Herr Brunner endlich um ſein dürftiges graues Haar legen muß, ein bedenkliches Zeichen wäre, daß 188 ſeine Augen ſehr ſchwach geworden ſeien. In der That! Brunner iſt alt geworden; er hat nur noch wenig Folien im Gedächtniß, bedarf des Regiſters, um irgend ein Conto aufzuſchlagen. Ferdinand Buxbaum& Comp. in Lübeck exiſtiren ſchon längſt nicht mehr, die Zahlen 260 und 389 und noch viele andere Zahlen haben für Herrn Brunner gar kein Intereſſe mehr, ſelbſt an den Waſſerfleck in einem Blatte des alten ausgeſchrebenen Hauptbuches hat er ſeit langer Zeit nicht mehr gedacht. Ach, auch ſchon längſt iſt der Scattiſch im„Grü⸗ nen Reiter“ aufgehoben, der eine der Spielgenoſſei ſtarb, den andern hat das Schickfal in ein fernes Land getrieben, und dritte hat ein Weib genommen und widmet die Abende ſeiner Familie. Nur der alte Brunner, der alte Buchhalter der Firma T. W. Rauh, ſitzt noch zuweilen Abends in einer Ecke der gemüthlichen Gaſtſtube ganz allein an einem Tiſche und wirft wehmüthige Blicke hinüber nach dem alten Scattiſche, an dem ſich jetzt die neuere Generation amü⸗ ſirt. 4 iſt leer um mich her geworden!“ at er oft vor ſich hin und ſeufzt. Wenn er dann auf dem Nach⸗ auf ſeinen dicken Stock geſtützt, an das Haus ſeines Chefs kommt, bleibt er vor jedem der eiſernen Laden der Comptoirfenſter ſtehen, unterſucht mit ſeinn dürren, zuſammengeſchrumpften Hand, ob auch 189 Alles wohlverwahrt und verſchloſſen ſei, während aus der hell erleuchteten erſten Etage die Töne eines Piano⸗ forte herunterrauſchen und der liebliche Geſang der jun⸗ gen glücklichen Frau Rauh, ſeiner Principalin. Herr Brunner lauſcht eine Weile und geht; gern hätte er noch länger zugehört, aber der Nachtwind weht ihn mit kal⸗ ten Schauern an. Nun ſteht er vor ſeinem Hauſe, aber es kommt keine gute alte Frau mehr aus dem Parterreſtübchen, um dem Miethsmann die Treppe hinauf zu leuchten, und nach traulichem Geplauder ihm eine gute Nacht zu wünſchen. Sie iſt ſchon lange todt, und kalte fremde Leute ſind ſeine Vermiether geworden. Das Comptoirperſonal der Firma T. W. Rauh iſt um einen Mitarbeiter vermehrt worden. Der neue College iſt ein ſtattlicher Herr mit vornehmen Manieren, ignorirt die übrigen Herrn ſo viel als thunlich, ſteht mit Herrn Rauh auf Brüderſchaft, obwohl Beide, dem übri⸗ gen Perſonal gegenüber, ſo wenig wie möglich Gebrauch davon machen, und iſt oft oben zu Tiſche und zu Soi⸗ réen gebeten, wo er den Geſang der jungen Madame Rauh am Pianoforte begleitet. Herrn Brunner iſt von ſeinem Chef der Auftrag geworden, den neuen Collegen in ſeine Pflichten und in alle Geſchäftsverhältniſſe einzuweihen, und dieſe Auf⸗ 190 gabe erfüllt er auf's Redlichſte. Der neue College iſt ſchon ſo weit gekommen, daß der Prinzipal ihn für fä⸗ hig hält, Herrn Brunner einen Theil ſeiner eigenen Ar⸗ beiten abzunehmen. Herr Brunner ſieht ſich in Folge deſſen von mancherlei Berufspflichten befreit, die er ſeit länger als einem Vierteljahrhundert in ſtetem gewohnten Kreislaufe erfüllt hatte. Sein Amt iſt ihm bedeutend er⸗ leichtert und er kann ſich zu den Arbeiten, die ihm nun noch obliegen, Zeit nehmen; der neue College arbeitet ſich immer beſſer und beſſer ein und bald hat er in Al⸗ lem eine noch größere Sicherheit erlangt, als ſie der alte Buchhalter haben kann; er darf noch mehr von ſei⸗ nen Arbeiten dem neuen Collegen übertragen, und im⸗ mer mehr, und endlich hat er nur noch einige wenige Conti des Hauptbuches zu überwachen— es ſind die ſchwächſten unter allen. Tagelang hat er die Feder hin⸗ ter'm Ohr, ohne ſie zu gebrauchen; er ſitzt an ſeinem Pult, ſicht nach den drei alten Wappen hinüber, wen⸗ det das Auge wieder weg und will ſchnell in ſeiner Ar⸗ beit fortfahren, und beſinnt ſich, daß er nichts zu arbei⸗ ten hat. Der neue College hat von allen ſeinen Büchern und auch von dem guten alten Hauptbuch vollſtändig Be⸗ ſitz genommen und Herr Brunner wird von der Lange⸗ weile gemartert. Er liest die Correſpondenzen durch, bis in die Zeiten zurück, wo das kleine Mädchen aus 194 dem Fenſter des Nachbarhauſes noch mit dem Lockenkopfe herübernickte; er ſpitzt den Bleiſtift und bricht die Spitze wieder ab, um ihn von neuem ſpitzen zu können; er geht und wäſcht ſich allſtündlich die Hände, und wenn die Fülle dieſer kleinen Thätigkeiten erſchöpft iſt, flüch⸗ tet er in das Packzimmer und unterhält ſich mit den Markthelfern, bis der neue College kommt und den Markthelfern einſchärft, daß ſie zum Arbeiten und nicht zum Schwatzen hier ſeien. Da eines Tages ſchauen die Wappen des Nachbar⸗ hauſes ganz eigenthümlich zum alten Brunner herüber ihre Figuren fließen nicht mehr ineinander, ſie ſtehen mit klarer Beſtimmtheit vor des Buchhalters Augen, als wären ſie ihres neckiſchen Spieles endlich müde, aber am Fenſter drüben liegt ein Etwas, das eine Form annimmt, als wäre es das Geſicht des kleinen Mäd⸗ chens und ihr Lockenkopf darüber, und Herr Brunner ſchaut d'rein und denkt an die früheren Zeiten und dann wieder an die Gegenwart. Wie ſoll er den heutigen Tag verbringen, und die ganze Woche, und den ganzen Monat. Und ſo wird es fortgehen, ſo lange er Buch⸗ halter im Hauſe T. W. Rauh bleibt, ſo werden die Stunden eines jeden Tages langſam hinſchleichen, ſo wird er jede Viertelſtunde ſchlagen hören, ſo wird er ſich— wenn er den Blicken ſeiner Mitarbeiter begegnet 192 — noch oft ſchämen müſſen, daß er nichts weiter thun kann, als die Hände in den Schooß legen. Herr Alwin Rauh ſitzt am Pulte und ſchreibt eifrig, es iſt gerade Niemand weiter im Comptvir. Alles iſt ſtill, nur die Comptoiruhr läßt ihr nimmer raſtendes Tik⸗tack vernehmen und die Feder des Herrn Rauh hört man über das Papier raſcheln. Da unterbricht Brunner die Stille und ſagt herzlich: „Herr Rauh, ich habe gar nichts, auch gar nichts mehr zu thun.“ Es lag in dem Tone ein leiſer Vorwurf und eine innige Bitte. „Ich ſehe es wohl,“ antwortete Herr Alwin achſel⸗ zuckend und die Stirn in Falten legend. „Wird es,“— Herr Brunner hält inne—„wird es immer ſo bleiben?“ Das Zittern der Stimme, das dieſe Worte beglei⸗ tete, der Ausdruck von Wehmuth, Furcht und Vertrauen, der auf dem alten ehrlichen Antlitz des Fragenden lag, wurden der Beobachtung des Herrn Rauh entzogen, denn all ſein Augenmerk gehörte der Frage ſelbſt. Er richtete ſich empor, wie man es thut, wenn man plötzlich etwas ganz beſonders Intereſſantes um ſich vorgehen ſieht. „Herr Brunner,“ ſagte er endlich,„ich kann Ihnen 193 beim beſten Willen keine Beſchäftigung geben ich denke, Sie ſehen es ſelbſt ein.“ Herr Brunner ſchwieg— ſchwieg ſehr lange und endlich ſtand er auf, ging auf Herrn Rauh zu, ſah ihn an, nickte leiſe und nachdenkend mit dem Kopfe und fagte ſeufzend:„Ja, ich ſehe es ein— und ſo will ich denn von dieſen alten, vertrauten Wänden ſcheiden.“ „Der Herr College wird meinen Platz einnehmen, es war ein lieber Platz am Fenſter und das Pult iſt das bequemſte im Comptoir, denn es hat die meiſten Fächer und ſie ſind alle wie man ſie braucht. Gleich will ich ge⸗ hen und das Pult ausräumen, einige Bücher, die mein Privateigenthum waren, will ich dem Herrn darin zurück⸗ laſſen, ſie werden ihm manchmal willkommen ſein. Wenn einmal eine Zeit kommen ſollte, wo es ſo viel zu thun gibt, daß Sie nicht fertig werden können, ſo laſſen Sie mich rufen, meine Hand ſteht Ihnen zu Dienſten, Herr Rauh; ſie iſt alt undunſicher geworden, aber es iſt noch die⸗ ſelbe Hand, von deren früheren beſcheidenen Kraft und Ausdauer alle die ausgeſchriebenen Bücher im Schrank dort Zeugniß ablegen können.“ Herr Alwin Rauh verlor auf einen Moment die Sicherheit ſeines Blicks und über ſein Anllitz zuckte ein Zug der Verlegenheit. „Es thut mir leid,“ entgegnete er,„herzlich leid, Album 1872. 3 194 daß wir uns trennen müſſen, Herr Brunner, aber ich kann wirklich keinen Ausweg finden— die Aufgabe un⸗ ſeres Wirkungskreiſes iſt größer geworden, Ihre Kräfte nehmen ab, und es hätte mir wehe gethan, Ihnen das Leben und den Aufenthalt in meinem Hauſe durch er⸗ höhte Anforderungen zu verkümmern.“ Herr Brunner räumte ſein Pult auf, reihte den Schlüſſel vom Schlüſſelbunde los, um ihn nun für im⸗ mer zu vermiſſen und übergab ihn dem neuen Collegen, der mit ablenkenden, freundlichen Humor die originelle Form des Schlüſſels und des Schloſſes bewunderte. Dann warf Herr Brunner noch einen Blick nach den drei ehrwürdigen Wappen des Nachbarhauſes, noch einen langen ſchmerzlichen Blick nach den Hauptbüchern, die den größten Theil ſeiner Erinnerung in ſich bargen, gab Jedem die Hand und zuletzt auch Herrn Alwin Rauh, der ihn bat, die Firma T. W. Rauh nicht ganz zu ver⸗ geſſen, und ihn von Zeit zu Zeit zu beſuchen. Auch würde er ihm, wie er hinzufügte, jederzeit mit Empfehlungen zu Dienſten ſtehen, wo er ihrer bedürfe, und endlich drückte Herr Rauh dem Exbuchhalter ein Billet in die Hand, welches den Gehalt des eben begonnenen Halb⸗ jahres enthielt. Herr Brunner ging zur Thüre hinaus, wie er 30 Jahr hinansgegangen war, und doch war es diesmal ein großer Gang bis zur Thür! Er war fort, um 195 nimmer zu kommen. Herr Alwin Rauh beugte ſich auf ſeinen Briefbogen und ſchrieb eifrig weiter, der Nachfol⸗ ger des Ausgeſchiedenen probirte den Schlüſſel am Schloſſe des eroberten Pultes, und Niemand war da, der die Wucht der Scheideſtunde hätte fühlen können, Niemand als die grünen Wände, die hohen Briefſchränke, die ſchwarze Comptoirtafel und das Pult und die Wand⸗ karten. Herr Brunner ſaß nun zu Hauſe. Der Preis für ſeine lange Thätigkeit, der Preis für den krummen Rü⸗ cken und das graue Haupt— war ein Nothpfennia, welcher von dem Gemiſch von Mühe und Arbeit als Bodenſatz zurückgeblieben war. Er ſah dieſen Nothpfen⸗ nig genau an und verſuchte den Reſt ſeines Lebens in einen Diviſor zuſammen zu faſſen. Dieſe Aufgabe war entſetzlich, und er beſchloß, die Löſung zu verſchieben. Einſtweilen bemühte er ſich, irgendwo in der Stadt eine kleine beſcheidene Stellung zu erhalten, beſuchte an zwei Abende den„Grünen Reiter,“ vertauſchte aber den, für ſeine jetzigen Verhältniſſe koſtbaren Mittagstiſch mit einem andern, der ihm die Bekanntſchaft eines Colporteurs, mehrerer Stadtsgerichtscopiſten, zweier unverheirateter Markthelfer und vorübergehend auch die einiger anſtän⸗ diger Fuhrleute verſchaffte. Herrn Brunner's Bemühungen um eine beſcheidene ———— 5—————— 196 Stelle blieben erfolglos, denn überall ſchrak man vor ſeinem Alter zurück. So mußte er noch weitere Ein⸗ ſchränkungen eintreten laſſen. Er ſpeiſte von jetzt an nur einen Tag um den andern warm zu Mittag und trennte ſich für immer von dem„Grünen Reiter“ und dem ge⸗ liebten Bier. Er unterdrückte den letzten Reſt der Eitel⸗ keit, indem er im fadenſcheinigen Rocke und im verwit⸗ terten, abgegriffnen Hute auf der Straße erſchien, und fügte ſich dann erſt in die eiſerne Nothwendigkeit, ein Paar neue Stiefel zu beſtellen, als der Schuhmacher ihm erklärte, daß das alte unter zahlloſen Reparaturen verſchwundene Stiefelpaar keiner Ausbeſſerung mehr fähig ſei. Trotz alledem wurde doch der Nothpfennig immer kleiner. Herr Brunner beſaß nicht Einen Ver⸗ wandten, von dem er eine Unterſtützung hätte erlangen können, ſelbſt wenn er den Stolz, der bei dieſem Ge⸗ danken heftig in ihm zu arbeiten begann, unterdrückte. So kam ein harter Winter heran und mit ihm be⸗ gann das Jahr, mit welchem der Nothpfennig zu Ende gehen mußte. HerBrunner fühlte et was wie Erleichterung in ſeinem Herzen, als er gewahrte, daß ſein Huſten zu⸗ nahm, daß ihm das Athmen ſchwerer wurde und eine Krankheit zu ihm herangekrochen kam, die ihn in das Bett hineintrieb. 1 . 167 Die Wirthsleute unten trugen Sorge, daß Herr Brunner eines Tages, wo die Winte ſonne noch etwas wärmer ſchien, noch tiefer in die Betten eingepackt und dann, wie ein Wickelkind die Treppen hinab, in einem Wagen nach dem Stadt⸗Krankenhauſe gebracht wurde. Dort lag er in einem großen Saale unter vielen Anderen; es war eine böſe, lange Krankheit, ihre dämoniſche Ge⸗ walt drang bis in das Heiligthum der Seele und ſtörte Gefühle und Erinnerungen aus ihrem langem Schlafe, die ſich in Fieberphantaſien Bahn brachen. Wider alles Erwarten des Arztes legte ſich das Fieber. Herr Brunner fühlte ſich von Tag zu Tag wohler, er genas, und als der Frühling in's Land gekommen war und die grünen Blätter der Bäume ſich dunkler färbten, als die Cangrienvögel wieder draußen vor den Fenſtern ſangen und in dem zum„Grünen Reiter“ ge⸗ hörigen Garten Abendeoncerte abgehalten wurden— da wankte der alte Brunner an ſeinem Stocke wieder hin⸗ aus in's Freie, blieb ſtehen und huſtete, und ging weiter. Seine zahlreichen Bekannten in der Stadt, welche erſt durch den Arzt des Krankenhauſes die wahre unglück⸗ liche Lage des alten Buchhalters erfahren hatten, veran⸗ ſtalteten zu ſeinen Gunſten eine Collecte, an der ſich auch die Firma T. W. Rauh mit 25 kr. betheiligte. Aber dies ſtimm e den alten Brunner nur trauri⸗ 198 ger, und auch der Frühling vermochte nicht die Nebel ſeines Kummers zu durchdringen. Kein Lächeln ſchlich ſich auf die bleichen Züge des Alten. Eines Tages war er auf ſeinem gewöhnlichen Spaziergange wieder bei ſeinem Lieblingsplätzchen angekommen. Es war der Ausgang eines Gehölzes, der dicht an einen Fluß führte. Auf einem Baumſtumpfe hatte er ſich hier immer aus⸗ geruht und den Wellen des Fluſſes nachgeblickt. Er ſaß wieder auf dem Baumſtamme und dachte an die Pläne, die er einſt gehegt, an die großen volkreichen Städte in der Ferne, in denen er einſt ſeine Heimat hatte auf⸗ ſchlagen wollen, an die Hoffnung der Jugend, an die Schwäche des Greiſes. Es kam ihm vor, als wäre ſein Schickſal verwechſelt worden, als hätte er nach einem falſchen Glaſe gegriffen, und ſtatt des Weines den Eſſig getrunken. Sein Gemüth wurde von einer plötzlichen Bitterkeit befallen, daß Niemand die Menſchen auf ihren Irrthum aufmerkſam mache. Er ſah tief, tief in die Wellen, und die Bitterkeit verſchwand und eine ſelige Ruhe durchſtrömte das ganze Herz.„Es muß noch ein anderes Leben geben, als das hier unter Zahlencolonnen und ſtaubigen Büchern,“ dachte er und ſah in das Spie⸗ gelbild der Sonne im Waſſer. So ſchön hatte er die Natur noch nie geſehen, und dazu wehte ein gelinder, wohlthuender Rauch durch die Luft, ihm an das Herz. 199 Hier wollte er bleiben, nie wollte er wieder dieſen Ort verlaſſen; er braucht ſich um keinen Nothpfennig mehr zu bekümmern, und er wird nie Gebrauch von der mit⸗ leidigen Collecte machen, die in der Stadt für ihn ge⸗ ſammelt wird. So wie es jetzt iſt, wird es immer blei⸗ ben, wenn er ſich nur von ſeinem Baumſtumpfe etwas tiefer herab nach den Wellen neigt. Lebe wohl, du wun⸗ derliche Welt, je näher dem blauen Aether, der ſich hier unten in der Tiefe ausdehnt und wieder zuſammenfährt, je wunderlicher erſcheint Einem dieſe Welt, ach! und dieſe Sonne hier, die in dem blauen naſſen Aether zuckt, blendet das Auge nicht— man könnte ruhig im Haupt⸗ buche ſchreiben, ohne das Roulean herabzulaſſen— doch wer wird jetzt an das Hauptbuch denken, es gilt die neue Sonne zu erreichen! Wie ſie in dem blauen, naſſen Aether zuckt und ſpielt, wie ſie plötzlich weit auseinander fährt, wie die Wellen emporſchlagen und dem weißhaarigen Kopfe ehrerbi tig Platz machen, wie es endlich wieder ſtill wird, und wie ruhig wieder das Spiegelbild der Sonne auf dem blauen Wellenäther ſteht! Niemand wußte, wohin der alte Buchhalter ge⸗ kommen war, bis nach einigen Tagen ein Fiſcher eine Leiche aus dem Fluſſe zog, in der man Brunner er⸗ kannte. Ganz ſpät in der Dunkelheit der Nacht wurde er 200 Rauh vorüber. Aus der obern hell erleuchteten Etage rauſchen die Töne eines Pianoforte herab, und am Fenſter des gegenüberliegenden Hauſes ſitzt die heran⸗ gewachſene Tochter mit ihrem Bräutigam, und beide* ſprechen von der Zukunft; die alten Wappen nur ſehen den Sarg vorübertragen und ihre ſteinernen Phyſiogno⸗ mien ſcheinen ſich zu bewegen, und hinter den eiſernen 5 Läden im Comptoir von T. W. Rauh iſt Alles finſter und todtenſtill; die ausgeſchriebenen Bücher ſtehen feſt in ihren gedrängten Reihen, nur das Pult knarrte, an welchem der Todte den größten Theil ſeines Lebens ver⸗ bracht. 5 begraben, ſein Sarg ſchwankte an dem Hauſe T. W. Druck von Lutſchansky& Spitzer. begraben, ſein Sarg f Rauh vorüber. Aus di rauſchen die Töne ein Fenſter des gegenüberl gewachſene Tochter mi ſprechen von der Zuku den Sarg vorübertraget mien ſcheinen ſich zu b Läden im Comptoir v und todtenſtill; die au in ihren gedrängten R welchem der Todte den bracht. ſſſſſſ 9 15 1 1 8 10 11 12 13 14 6 17 18