—— — deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur b von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und cLeſebedingungen. 1Otfensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchern: 6 Bücher: e auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Wk.— Pf. 6„ e„ 5. Auswüärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Sanſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird be onders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Pibliothek deutſcher griginalromane. Siebenzehnter Jahrgang. Sechſter Band. H. Markgraf& Comp. 1862. E hr I. Wien. 82 — Ehrr. Roman in ſechs Büchern„ — von Julius Mühlfeld⸗ Richt trotz auf Väter Ehre, die eign'e nur iſt Dein, Der Spauner kann den Bogen nur nennen Sein, Was frommt der Werth Dir, welcher nicht mehr verweilet? Mit eig'ner Fluth der Kraftſtrom durch's Meer hineilet. (Fritjofsſage.) Erſter Theil. Wien. H. Markgraf& Comp. 1862. —— Frau Adelheid Grünewald, geb. Stephan in Meiſſen, Frau Johannn Braune, geb. Weider in Cöthen und Frau Emilie Pfeil, geb. Roesler in Cöthen, drei werthen Frauen, widmet dieſe drei Bände deipzig . Der Verfaſſer. Fünftes Capitel. Vater und Sohn. 56 Sechſtes Capitel. Gefunden und verloren.. 80 Erſtes Capitel. Der Abſchied Zweites Capitel. Das erſte Debut. Drittes Capitel. Im Cadetenhauſe. 31 Viertes Capitel. Heimkehr Siebentes Capitel. Die Ehre des Hauſes..„ 97 Achtes Capitel. Signora Corrado Neuntes Copitel. Mit den Epaulettes 146 Zehntes Capitel. In der Heimat Eilftes Capttel. Speculationen 6 Zwölftes Capitel. Bei Tante Frieda Dreizehntes Capitel. Verloren und Gefunden 25 — ———— ———— Ehre. Erſtes Capitel. Wenn man von der Eiſenbahnſtation, mit wel⸗ cher der Schienenweg von der Hauptſtadt her in die⸗ ſer Gegend endet, mehrere Meilen in das Land hinein⸗ kommt, befindet man ſich in einem Landſtriche, in welchem der alte Adel noch entſchieden das Wort führt und, auf ſeinem Ritterſitze thronend, ſein Ge⸗ biet und deſſen Bewohner als Eigenthum beherrſcht. Unter allen dieſen herrſchaftlichen Schlöſſern und Sitzen, welche eines ſchöner noch als das andere, die Aermlichkeit der ſie umgebenden, ihnen unterthanen Strohhütten erſt in das rechte Licht ſtellen, fiel das Schloß Hardersberg, der Sitz der freiherrlich von Har⸗ der'ſchen Familie, beſonders auf, weniger durch ſeine Größe und Pracht, als durch ſeine Lage und originelle Bauart. Auf einem Hügel gelegen, beherrſchte es die ganze Gegend, und war, obgleich noch nicht allzu alt, 4 doch iin mittelalterlichen Style gebaut. Die düſteren Sandſteinmauern gaben dem Gebände einen Anſtrich alterthümlichen und ſoliden Glanzes, und der auf der Vorde rſeite keck hervorſpringende Wartthurm, von deſ⸗ Zinne Farben und Wappen des Harder'ſchen Ge⸗ weheten, ſchien dem Andrange eines ganzen eeres Trotz bieten zu wollen. Am Fuße des Hügels lag ein Hroßes Dorf, zur Herrſchaft gehörig, und auf der anderen Seite zogen ſich weite Waldungen dahin, an deren Rande ein ſil⸗ ler See das Bild des ſiolzen Schloſſes in ſich auf⸗ nahm. i e, fruchtbare Beſitzungen gehörten zu der Herrſch aft es Freiherrn von Foe und wer ſie ſah und in iheet Mitte das Schloß— der beneidete die Bewohner um dieſe Siclic che Beſit tzung, die einer groß⸗ grtigen Pokanlage ähnlich ſah. Im Innein des en oſſes herrſchte die ſolide Eleganz der Reuzeit und die Räume wurden, da die. Gaſtfreundſchaft des Beſitzers bekannt war, nur felten ganz von Gäſten leer, des Freiherrn Feſtlichkeiten und„ Jagden waren berühmt, und der ganze et der Um⸗ gegend ſtrömte Jahr aus Jahr ein zu denſelben erbei Wer von dem Freiherrn von Harder ſprach, unte ihn als einen glücklichen, reich geſegneten Mann⸗ — S— 3 und die wenigen Zweifelſtimmen verſtummten vor dem Glanze der Thatſachen— wenn ſie den noblen Haus⸗ halt und das echt adelige Leben und Treiben der Familie ſahen. Im Erkerzimmer des Wartthurms, das ſeiner reizenden Ausſicht wegg ein Lieblingsaufenthalt der Damen war, ſaß die Fzau Gertrud von Harder mit ihrer einz'gen Tochter Ana. Die beiden Frauengeſtal⸗ ten waren einfach und ſiuut und boten ein herr⸗ liches Bild glücklicher Ein racht, wie ſie da am Fen⸗ ſter neben einander ſaßen, mit aufmerkſamer Sorg⸗ falt an einer feinen Stickerei beſchäftigt. Sie hatten die Fenſter des Zimmers geöffnet, und die ſchöne Landſchaft, die ſchon in das mahnende Gold des Herbſtes ſich kleidete, breitete ſich im glän⸗ zenden Sonnenlichte vor ihnen aus. Anna hatte zu arbeiten aufgehört und blickte ge⸗ dankenvoll in die Ferne, bald hinüber auf die leeren Felder, wo zwiſchen gelben Stoppeln ſchon hie und da wieder neues, nur zu bald dem eiſigen Tode wie⸗ der verfallendes Leben keimte— bald dort hinüber auf die weiten Waldungen, deren. Blätterfülle ſich mehr und mehr golden färbte. Wie iſt es doch ſo wunderbar, Mutter,“ hub ſie endlich an zu ſprechen,„daß, bevor im Herbſte 4 die Erde allen ihren Schmuck abſtreift und in den kalten, ſtarren Winterſchlaf verfinkt, ſie noch einmal im vollſten, ja im ſchönſten Glanze ſtrahlt! Sieht es nicht beinah' aus, als wollte ſie ſich nur uns ſo noch einmal zeigen, damit wir um ſo bitterer den Wechſel empfinden müßten?“ Die Freifrau war it edle Matrone, der Her⸗ zensgüte und Milde aus den Augen ſtrahlten, und deren Auftreten, ſo einfach und unſcheinbar es auch war, doch Ehrerbietung und Achtung erzwang, wohin ſie kam. Echt weibliche Hoheit ſtrahlte ſiegend von ihrer Stirn, und die Furchen, welche die Zeit ihren Zügen eingegraben hatte, bewieſen, daß ihr Leben nicht ohne Kampf— doch auch nicht ohne Sieg geweſen war. Eine liebende Pattin, eine trene Mutter ihrer Kinder, welche ſie unausſprechlich liebten, eine Mutter auch der Armen und Bedrängten, wer und wo ſie waren, war die Freifrau von Harder geliebt und geehrt in allen Kreiſen. Nachdem ſie, der Aufforderung ihrer Tochter Folge leiſtend, ebenfalls eine Weile hinausgeblickt hatte in das Weite und die ſchöne Landſchaft mit ihren Blicken überflog, erwiderte ſie ſanft;„So mußt Du es nicht auffaſſen, mein Kind. Nie wird die Erde, welche uns Alle liebt und nährt, durch ſolche Kunſt⸗ Geſtalt, ein Mann voll Biederkeit Edelſinn, 5 griffe unſere Verluſte doppelt fühlbar machen wollen — nein, voll ſtolzen Edelſinnes will ſie jetzt ſterben als eine Hrchin Sie kennt ihr Schicſal und t entgehen, doch ſtolz zur weiß, ſie kann ihmen Klage, hü ſie ſich ein in ihre ſchönſte Pracht, um würdig zu wie ſie gelebt hat.“— du haſt Recht, Gertrud,“ fiel hier eine tieſe Männerſtimme in„würdig ſierben, wie man gelebt hat, iſt eine Kunſt, die man der herbftlichen E Erde 1 könnte, und auch wir wollen, wenn es ein⸗ ſein müßte, wür dig ſterben tönnen, eingehüllt in en gauzen Glanz unſeres Hauſes.“ Frauen blickten erſchreckt um, und während Anna mit dem Freudenrufe:„Mein Vater!“ in des Mannes Arme eilte, ſah die Mutter, befremdet über die ſonderbare Rebe, feshen zu dem eintretenden Gatten empor, und eine düſtere Wolke lagerte ſich über ihre ſonſt ſo klare Stirn. Der Freiherr führte ſeine Tochter auf ihren Sitz zurück, ließ ſich ſelber neben ihr nieder und betrachtete wohlgefüllig die ſc e Arbeit, die unter den geſchick⸗ 5 friſcheſten Farbenſchmcke er⸗ ten Fraue enhänden im blühete. Der Freiherr von Harder war eine große, ſtatt⸗ 6 deſſen bereits ergrauendes Haar die Nähe des Alters andeutete. Doch war er noch in ungeſchwächter Kraft, und ſeine dunkeln Augen blitzten ſo glühend über die ſcharf gebogene Adlernaſe hinweg, als ob er noch heute der Jüngling wäre, der einſt unter Blücher's Huſaren Thaten des Muthes und der Tollkühnheit vollführt hatte. Sein ganzes Auftreten war feſt und ſtolz, und bei aller Güte war er doch mehr gefürch⸗ tet als geliebt, da ſein adelſtolzer Sinn jede Annäherung Untergebener fern hielt. Gertrud und Anna hatten ſich wieder zur Arbeit gewandt, doch war die Wolke nicht von der Erſteren Stirn gewichen, und mehrmals prüfte ſie mit ſorgen⸗ dem Auge die ernſten Züge des Freiherrn, deſſen Ad⸗ lerauge ſeine weiten Beſitzungen muſterte. Endlich nahm er die Unterhaltung wieder auf, und ſich zu den Frauen wendend, ſagte er:„Euer Geſpräch, deſſen zufälliger Zeuge ich war, leitete die Angelegenheit trefflich ein, um derentwillen ich herüber kam. Ihr kennt die Calamitäten unſeres Familien⸗ hauſes, und ich brauche darüber weiter keine Worte zu verlieren; Ihr wißt auch, wie viel ich der Ehre unſeres Hauſes ſchon zum Beſten gethan und wie ich nur dafür gelebt habe, ſie vor aller Welt rein und fleckenlos zu erhalten. Wie es jedoch faſt immer zu 3 gehen pflegt, daß einem Unheil und einem Verluſte ſtets neue und größere folgen, ſo iſt es auch mir und meinen Beſtrebungen gegangen, und Familienunglück, wie ſchlechte Jahre halfen einander treulich meine Hoffnungen und Berechnungen über den Haufen wer⸗ fen. So iſt es mir leider nicht gelungen, die herk Schläge, welche wir erleiden mußten, unſchädlich zu machen. Es gab kein Mittel dafür, das ſich mit der Ehre unſeres Hauſes vertragen hätte, und um dieſelbe auch für die Zukunft im akten Glanze zu erhalten, muß unſer Sohn Capriere machen. Das iſt das Re⸗ ſultat meiner angeſtrengteſten Berechnungen.“ Der Freiherr ſchwieg und blickte forſchend ſeine Gattin an, die ernſt und kummervoll dieſen Worten gelauſcht hatte deren unläugbare Wahrheit ihr ja ſchon ſo manche ſorgenreiche Stunde bereitet hatte. ZJetzt eigte ſie leiſe das Haupt, und ihre Hand auf den kräftigen Arm des Gatten legend, frug ſie leiſe:„Und was willſt Du aus unſerem Sohne machen, Curt?“ „Er ſoll zur Armee gehen. Tüchtige Soldaten ſind dem Könige jederzeit willkommen, und Hans ſoll tüchtig werden, ſoll unſerem Namen Ehre machen, das hoffe ich von dem einzigen Sprößlinge der Har⸗ der's. Der König iſt unſerein Hauſe immer wohl ge⸗ ſinnt geweſen, und wenn Hans tüchtig iſt, wird er ſich bald eine Stellung im Militär erringen, die ihn vor den Wechſelfällen des Schickſals ſicherſtellt. Als amer, ruinirter Landjunker— und Gertrud, wir müſſen in unſerer Lage das Schlimmſte befürchten— ſteht er verachtet unter ſeinen reichen Nachbarn da; denn auch der Adel fängt ja leider an, den Werth des Monnes nach ſeinem Gelde abzuwögen:— als armer Offizier dagegen iſt er eben als Offizier ſeines Königs immer geachtet, und was hier unumgänglich nothwendig iſt, um Anſehen und Achtung zu erringen und zu erhalten, wiegt bei der Armee uur leicht, iſt, wenn auch erwünſcht, doch nicht Erforderniß. Deßhalb halte ich es für das Beſte, daß wir um Hons ſelber willen Allem vorſehen, und ihm eine Stellung ſichern. Trifft dann das Gefürchtete nicht ein, ſo iſt es dop⸗ pelt gut.“ Wiederum trat eine lange Pauſe ein. Anna beobgchtete angſtvoll die Züge der gelieb⸗ ten Eltern, und die Sorge derſelben legte ſich wie Mehlthau auf ihr jugendliches Herz. Gern wäre ſie der Mutter an die Bruſt geflogen und hätte ſie ge⸗ tröſtet und geküßt und ſie überhäuft mit ihrer Liebe, bis die Wolke von ihrer Stirn verſchwunden geweſen wäre, bis ſie wieder klar und ſorgenlos gelächekt hätte wie der Frühlingshimmel:— doch wagte ſie es heute —— ee— 9 nicht, wie ſonſt wohl oft, das ernſte Sinnen der Mutter zu unterbrechen, und einige lange, beklemmende 3 ge⸗ Minuten flogen der Familie hin. „Du haſt Recht, Curt,“ ſagte endlich die Frei⸗ ſrau feſt,„Deine Gründe haben mich überzeugt, und auch ich 5 es ein, daß Hans fort muß, und gebe — Gott nr daß er brav bleiben möge und uns Ehre mache. 2 haſt Du beſchloſſen, wann und reiſen ſoll? 2. Ein frendiger Strahl blitzte über die Züge des Freiherrn, als er ſeine Frau ſeinen Wünſchen ſo ge⸗ neigt ſah. Er hatte einen harten Kampf mit dem Mutterherzen befürchtet und ſeit Tagen ſchon das Wort nicht ſprechen mögen, das doch nicht ausbleiben konnte— und nun war ſie gan; ſeiner Anſicht— ſah, wie er, ein, daß es die Nothwendigkeit er⸗ heiſchte, was er ſelber nur ungern geſchehen ließ. „Dank Dir, Gertrud“— ſagte er, ihr die Hand reichend,„haſt ja immer bewie en, eh Du mein gutes, braves, mein ſtarkes Weib biſt, bereit, mit Deinem Curt die rauhen Wege zu gehen, wie die geebneten. Dank Din, daß Du auch heute Dein Herz ſo männlich bezwungen haſt und einwilligſt, den Jungen zu ſeinem eigenen Wohle wegzugeben. Ich weiß— es thut Dir weh— Du behielteſt ihn lieber ohin er hier— glaube mir, es wird mir nicht ii als Dir! Der Hans iſt mein Herzbl att— aber die Ehre des Hauſes fordert es— und ſo ſei es denn!“— Die Freifrau ſeufzte ſchwer und lehnte ihr Haupt an die Bruſt des Gatten, und Anna, die Thräne im Auge der Mutter bemerkend, knieete vor ihnen nieder und, Vater und Mutter mit den zar⸗ ten Armen umſchlingend, tröſtete ſie die Theuren mit den zärtlichſten Namen und mit dem Aus⸗ drucke kindlicher Liebe. „Hans ſoll nach der Hauptſtadt,“ begann end⸗ lich der Vater wieder,„mein Freund, der Major von Welling, wird für ihn ſorgen und ihn in die Schule nehmen. Beſorge alles Nöthige, Gertrud, damit der Junge ſobald als möglich fort kömmt. Denn je länger die Reiſe hinausgeſchoben wird, um ſo ſchwerer wird der Abſchied, und Hans geht hoffentlich ſeinem Glücke, vielleicht Ruhm und Ehre entgegen— ſicher aber dem Beſten, was wir mit un⸗ ſerem kurzſichtigen Verſtande für ihn wählen konnten. Auch Du, mein Kind, hilf Deiner Mntter für den Bruder ſorgen; ich will unterdeſſen zu ihm gehen und ihm unſeren Euſ hluß mittheilen.“ „Gebe nur Gott, daß Aub gut werde, und 11 daß das Opfer nicht umſonſt gebracht ſei!“ erwi⸗ derte die Freifrau bangend. „Hans kennt unſern Wahlſpruch und wird ihn treu bewahren. Ob er als Grundherr einſt auf dem Schloſſe ſeiner Ahnen ſitzen wird, oder ob er im Heere ſeines Königs eine ehrenvolle Stellung be⸗ kleide— Blut und Leben für die Ehre unſeres Hauſes!“ Einige Tage ſpäter hielt der Reiſewagen vor dem Schloßportale, und eifrige Diener waren beſchäftigt, Reiſeeffekten, Kiſten und Koffer aller Arten auf dem⸗ ſelben zu befeſtigen. Die Pferde ſtampften ungeſtüm die ſteinerne Rampe, und endlich war das große Werk vollendet— der Wagen harrte nur auf ſeinen Reiſen⸗ den, um davon zu eilen. Oben aber im Schloſſe lag Hans von Harder in den Armen der weinenden Mutter, die ihn immer von Neuem feſt an die treue Bruſt ſchloß, ſeine friſchen Lip⸗ pen küßte und ihn bat und beſchwor, auch in der Ferne gut und brav zu bleiben, und der Mutter nicht zu ver⸗ geſſen, die im ſtillen Zimmer inbrünſtig für ihn beten würde. „Es iſt genug, Gertrud, laß ihn gehen— die Pferde werden zu unruhig!“ bat endlich der Freiherr mild und ſuchte vergebens ſeiner Stimme Feſtigkeit zu * 12 geben;„es iſt genug, Kinder— auf frohes Wieder⸗ ſehen!“— „Leb' wohl, meine Mutter!“— „Leb' wohl, mein Sohn! Behüt' Dich Gott!“— Der Freiherr führte ſeinen Sohn davon. „Hans,“ ſagte er unterweges, und ſeine Stimme zitterte,„Hans, Du biſt mein einziger Sohn, der Letzte vom Hauſe Harder— mache ihm immer Ehre! Bei dem Andenken an unſere Ahnen beſchwöre ich Dich, werde ein rechter Mann, ein echter Edelmann! Bleibe brav und gut, treu Deinem Könige; mache Deinen Eltern Freude, deren einzige Hoffnung Du biſt, und vergiß in keinem Augenblicke unſern Wahlſpruch: Leben und Blut für die Ehre des Hauſes von Harder!— Gott befohlen, mein Sohn!“— Der Schlag fiel zu, der Wagen rollte davon und ſechs Augen blickten ihm voll banger Liebe nach, bis die letzte Spur desſelben in weiter Ferne verſchwunden war. Stolz ſtand das alte Schloß auf ſeinem Hügel, ſtolz wehte die Flagge der Harder's von ſeinen Zinnen — freundlich ging der Freiherr einem eben ankommen⸗ den Gaſte entgegen, und Niemand konnte es dem gan⸗ zen Hauſe anſehen, welches Opfer es eben ſeiner Ehre gebracht hatte. . —— Zweites Capitel. Das erſte Debüt. Wie beflügelt eilte das Dampfroß durch die öder und öder werdenden Sandſteppen, und da— dieſer Häuſerkoloß, der ſich den Augen des eifrig ausſpähen⸗ den Junkers ſo eben zeigt, und dem ſie von Minute zu Minute näher kommen, das iſt die Hauptſtadt, das Ziel der Reiſe. Hans von Harder war achtzehn Jahre alt, und, wie ſo oft bei dem jungen Landadel, war ſeine Ju⸗ gend im Kreiſe ſeiner und befreundeter Nachbarfami⸗ lien ziemlich einförmig vergangen. Das war ſeine Welt geweſen, in der er von den Dorfbewohnern ſtreng abgeſchloſſen erzogen worden war, und, ſeinen mehr⸗ jährigen Aufenthalt auf einem neu errichteten Nachbar⸗ gymnaſium uusgenommen, von welchem er jedoch auch alle Sonn⸗ und Ferientage in den exeluſiven Fami⸗ lienkreis zurück kehrte, hatte Hans weder Reiſen, noch hatte er Menſchen kennen gelernt, die nicht zu dem adeligen Kreiſe gehörten, der auf dem Schloſſe ſeiner Väter verkehrte. Aber jetzt! Jetzt ging er einer neuen Welt ent⸗ gegen, einer längſt erſehnten, deren Leben und Trei⸗ ben ihm ſein Jugendfreund und Nachbar, der etwas ältere Joachim von Brandach, welcher ſeit einem Jahre ebenfalls auf der Cadetenſchule lebte, während ſeines Ferienaufenthaltes in der Heimat gar zu beredt und mit glänzenden Farben geſchildert hatte. Jedes, auch das einfachſte Gemüth fühlt ſich durch ſolche Schilderungen fremder Herrlichkeiten angeſteckt und hegt das Verlangen, ſie kennen zu lernen— und nun beſonders Hans, der Sohn des alten Freiherrn⸗ geſchlechtes, aus einem Stande entſproſſen, der ſich da⸗ für geſchaffen und beſonders privilegirt hielt, das mit vollen Zügen alltäglich zu genießen, was Andere ſich nach ſchwerer Arbeit und Mühe nur ſelten einmal und für Augenblicke als Labe und Erholung gönnen können. 3 Inmer ſtanden die Freuden und Herrlichkeiten der Reſidenz vor ſeinen ſchmachtenden Augen, und wie früher von den Thaten und Ehren erlauchter Ahnen, deren lebensgroße Bilder er mit ehrfurchtsvoller Scheu betrachtete, träumte er jetzt von dem glänzenden und luſtigen Leben des jetzigen Militärs, welches in frie — — licher Zeit nur Mädchenherzen zu erobern, nur den Weg zu Freuden und Genüſſen zu erſtürmen nöthig hat. Und nur ſelten hört man dabei von Niederlagen unſerer Tapferen! In dieſer Weiſe hatte ihm Joachim von Brandach erzählt— und Hans von Harder gehörte ja zu den Auserwählten, denen alle deſe Freuden beſtimmt ſind — ja um derentwillen ſie überhaupt nur vorhanden ſein ſollen. Der alte Freiherr beſaß bei ſeinen ſonſt vortreff⸗ lichen Eigenſchaften einen ungeheuern Adelſtblz und hegte gegen Alles, was nicht vom Stande war, eine wegwer⸗ fende Nichtachtung, welche jedoch mehr in Verhältniſſen und Gewohnheit wurze ten, als in arroganter Selbſt⸗ überſchätzung ihren Grund fanden. In der Jugend, als Militär und tapferer Frei⸗ heitskämpfer in des glorreichen Blücher's Schaaren halte er nie Gelegenheit oder Veranlaſſung gehabt, ſich um das zu kümmern, was man ſo ſchlechtweg das Volk nennt, und ſpäter, als er auf ſeinen abgeſchlof⸗ ſenen Stammſitz zurückkehrte, hatte es ihm erſt recht daran gefehlt. Die Bewohner ſeiner erbeigenen Be⸗ ſitzungen naheten ſich ihm nur in ungewöhnter ehr⸗ furchtsvoller Scheu, und wurden von dem Freiherrn 1 t beachtet, und im Kreiſe ſeiner gleichgeſinnten 16 Nachbarn war nur von den Intereſſen ihres Standes die Rede— Alles, was außer denſelben lag, exiſtirte nicht ſür ſie: bei Feſten und Jagden und in trauter Geſellſchaft lebten ſie im edlen Sichſelberbegnügen, ohne jemals nach Fremdem zu fragen. Der Sinn der Baronin war zwar nicht ſo excluſiv als der ihres Gemales, und ſie ſorgte für ihre Un⸗ terthanen bis zu dem Geringſten hinab, als eine rechte Mutter, ſo daß Niemand Noth leiden und im Man⸗ gel ſchmachten durfte, während ſie im Ueberfluſſe lebte. Das war aber auch Alles. Hans, der ſich in allen Dingen nach dem Vater zu richten pflegte, hatte deſſen ganzen Stolz und die Selbſtachtung ſeines Standes in ſich aufgenommen und ſtand im ſtolzen Sinne mit Gut und Blut für die Ehre ſeines Hauſes. Da kam Joachim von Brandach und erzählte ihm von der Außenwelt, von dieſem glänzenden, bun⸗ ten Treiben in der Reſidenz, welches Alles dem un⸗ erfahrenen Junker wie Märchen klang; da ſchilderte er ihm das Leben in dieſer neuen Welt, die Vergnü⸗ gungen und Zerſtreuungen, die dort im füßen Taumel Herz und Sinne berücken— in ihren berauſchenden Strudel reißen— und ſeitdem hatte Hans eine heim⸗ liche Sehnſucht nach der Reſidenz nicht wieder über⸗ wunden. 3 1 17 Da kam dann plötzlich ſein Vater und kündigte ihm den Entſchluß der Fanilie an, und daß er ſich zur Reiſe bereiten ſolle. Die erſehnte Reſidenz ſehen, das Cadetenhaus beſuchen und im Kreiſe junger Stan⸗ desgenoſſen die ganzen Reize der großen Welt koſten — ſummentrirte ſich mit Blitzesſchnelle in Hans' Kopfe, und er dankte dem Vater frendig für das ihm zugedachte Glück. Auch hier hatte der Freihe r gefürchtet, auf Kla⸗ gen und Widerrede zu ſtoßen. Ahnungslos, wie treff⸗ lich ihm der junge Brandach bereits vorgearbeitet hatte, war er beforgt geweſen, daß dem unerfahrenen Knaben vor dem Fremden bangen und der Abſchied von der Mutter unendlich ſchwer werden würde— wodurch dann auch der Freifrau ſchneller und muthi⸗ ger Entſchluß wieder wankend werden dürfte. Er war deßhalb um ſo freudiger überraſcht, auch den Sohn ſo willführig, ja erfreut zu finden, daß er nun hinaus dürfe, vom ſorgenden Mutterherzen in die weite Welt hinaus. Der Freiherr benutzte die erſten Stimmungen. Ohne Zögern ließ er die Reiſeanſtalten betreiben— Hans reiſte ab, und die ſich häufenden Reiſe⸗Eindrücke, die Eiſenbahnfahrten und Alles das Neue, was ihm an jedem anderen Orte aufſtieß, ließ ſeine Gedanken Ehre I. 2 nur wenig in der Heimat weilen und bei dem Kreiſe, den er verlaſſen hatte. Die elterliche Fürſorge hatte dem unerfahrenen Knaben einen alten Diener des Hauſes mitgegeben, welche alle die kleinen Reiſeſchwierigkeiten beſorgte, welcher eine Eiſenbahnfahrt beſonders für Uneingeweihte mit ſich bringt, ſo daß Hans ſich ungeſtört den wech⸗ ſelnden Eindrücken hingeben konnte, nur zu genießen brauchte. Und nun lag ſie vor ihm, die erſehnte Stadt! Dieſe ungeheuren, unüberſehbaren Maſſen, das war ſie, in der ihm eine neue Welt, ein neues Leben auf⸗ gehen ſollte. „Wir ſind gleich da, Erich“, ſagte er eifrig und ſich freudeſtrahlend zu dem alten Diener umwendend, „nun paſſe nur auf, Erich, was wir Alles ſehen und erleben werden.“ „Jo, ja, Junker, nur hübſch vorſichtig, wenn wir erſt draußen ſind“, erwiderte herzlich der Alte, „und entlaufen Sie mir nicht in dem Gewühle, denn einmal getrennt, findet man ſich in einer ſo großen Stadt nur ſchwer wieder zuſammen, und es wäre doch troſtlos, wenn der alte Erich mit der ganzen Bagage wieder umkehren und dem geſtrengen Herrn Vater be⸗ 19„ richten müßte, wie ihm der leichtſinnige Junker in der Hauptſtadt verloren gegangen ſei.“ 3 Das war ein neues Wunder für Hans, und, den Diener mit großen Augen firirend, frug er erſtannt: „Iſt ſie denn wirklich ſo groß, und iſt das wirklich Alles ſo wahr, wie Du es ſagſt, Erich?—“ „Unendlich groß, Junker, und die äußerſte Vor⸗ ſicht nöthig, daß man nicht getrennt wird, oder gar noch Schlimmeres geſchieht!“ entgegnete treuherzig der Alte. „Aber da möchte man ſich ja fürchten, und kann ſich wie ein Robinſon vorkommen, nur nicht in der Einſamkeit, ſondern im allzugroßen Gewühle.“ Erich lachte— da pfiff die Lokomotive und ſchon rollten die Wagen an den erſten Gebäuden vor⸗ über. Noch einen Angenblick— und man war ange⸗ langt am Ziele. Hans trat hinaus und hielt ſich dicht an den alten Diener, da er deſſen Worte be⸗ ſtätigt fand und ſich wirklich ängſtlich und unbe⸗ haglich fühlte in dieſem tobenden Menſchengewühle, das achtlos lief und ſchrie und den armen Junker bald anrannte, bald zur Seite ſtieß, ſo daß er froh war, als ſie ſich endlich dieſem Knäuel entwunden hatten. „Ihren Paß, Herr!“ rief da plötzlich ein Uni⸗ 2½ 4 20 formirter dem verdutzten Junker zu, allein ſchon hatte Erich denſelben in Bereitſchaft, und nach oberflächlicher Prüfung gab ihn der Schutzmann mit einer Verben⸗ gung zurück. Der Name hat überall Klang und Geltung, und dem Freiherrn Hans von Harder begegnete ſelbſt der reſidenzliche Schutzmann höflicher, als es unter Umſtänden vielleicht einem einfachen Hans Harder ge⸗ gangen ſein dürfte. Erich miethete nun eine Droſchke, in welcher er ſeinen Schützling unterbrachte, um ſich ſelber nach dem Gepäcke umzuſehen. Mehrere Träger ſchleppten keuchend die gewichti⸗ gen Koffer und Kiſten herbei, die in der Droſchke gar nicht alle unterzubringen waren. Als man nun auch dem Kutſcher auf ſeinem Bocke mit einem voluminö⸗ ſen Koffer in die Enge trieb, vermochte dieſer ſeinen Witz nicht länger zu bezwingen, und frug den alten, vielbeſchäftigten Erich mit ſchlauer Miene: „Iſt wohl ein Mutterſöhnchen, Euer junger Herr da, der die Ausſtattung mitgekriegt hat?“ „Kann wohl ſein, Kutſcher, doch fahr zu, nach dem Hotel de Cologne!“ „Tauſend, Erich, iſt das eine Stadt, ſind das Häuſer!“— rief Hans einmal über das andere als der Wagen im leichten Trabe durch die Straßen der Reſidenz rollte;„was mag hier für eine Luſt und ein Leben herr⸗ ſni Erich, das tirt prächtig werden, wenn man da ichtet und eiih ut iſt.“ oße Stad eine bezaubernde Wirfung 1 ch der Art ſeines privilegirten immer nur von ſich weiß, an ſich denkt gt— träumte Hans nun von all der Luſt in ihren Räumen herrſchen müßten, ieler tauſend armſeliger und hungern⸗ f in ihren Räumen die ſich plagen, kümmerli h von fr und dann, erſchöpft auf ihr Lu kaum ſich habe n ſättigen können von dem und halb hu 0 aueren gernd im Schlafe Troſt ſuchen müſſen mit Weib und Kind— um am Morgen zu neuer Arbeit, zu Plagen zu erwachen. Hans malte ſich die Reſidenz und ihre Genüſſe mit den glänzeudſten Farben aus! Sie alle waren für ihn geſchat chuffen und warteten wohl ſchon ſeintt— das ver⸗ ſtand ſ ſich g ganz von ſelber— und je mehr und je Grö⸗ ßeres er u ſo lockendere Bilder uuſchwebten leine Provinzialſtadt, i in welcher er konnte ſich al ii mit ind je weiter ſie kamen, Er hatte alle ſeine 6 ſtolze Zurückhaltung, dieſes Erbſtück ſeines Standes, vergeſſen, und der alte Erich ſah mit geheimen Lächeln, wie ſich der Junker ſo ganz und gar ſeiner kindlichen Luſt hingab. „Wenn das der Freiherr ſähe,“ ſagte er ſich heim⸗ lich,„was würde der wohl ſagen zu der Ehre ſeines Hauſes. Doch wir müſſen aufpaſſen, junges Blut tobt gern und ſchlägt leicht über die Stränge— und damit das nicht geſchehen ſoll iſt der alte Erich da. Wenn er nur erſt glücklich im Cadetenhaufe iſt, da wiſſen ſie ſolche Burſchen und ihre hochfliegenden Träume ſchon zu zügeln— wir kennen das.“ Das iſt das Hotel, in welchem wir wohnen ſollen?“ rief Hans luſtig, als der Portier den Wagen öffnete. Erich, das iſt ja wohl größer, als unſer ganzes Schloß!“ Die herbeigeeilten Kelluer ſahen lachend den naiven Zunker an, und merkten mit ihren großſtädtiſchen Spür⸗ naſen gleich, woran es ihm fehlte. Dieſer aber ſchritt unbekümmert in das Hotel, das Gepäck wurde nachge⸗ bracht, und Haus begann ohne Zögern ſeine Reiſe⸗ toilette zu entfernen. Denn, ſo lautete der gemeſſene Befehl des Herrn Vaters, ſofort nach ſeiner Ankunft in der Reſidenz ſollte ſich Hans in der Cadetenſchule dem Major v. Welling nahme S Sorge tragen— die Harder's war Diener ihres§ Königs und brave S as kann ich vom alten Curt ſe Herren, der Junker Hans Pit dieſe en immer treue Söhne des Vate erlandes, lber bezeugen! Meine von Harder auf Hardert sberg. Worten Hans den Anweſenden vor⸗ i den Zwang der militäriſchen ingen Leute umr ingten den Neuling Brar nndch d ihm kräftig die Hand, der Hei mat und den Angehörigen, machte ihn mit den Comilit tonen bel fannt— und bald befand ſich Hans wo hl und geinüthlic ganz in ſeinem Unter ſ Stbee en fand er ſchnell die Conte wieder, die ihn im reiben der großen Welt ür einen 2 Moment ver rlaſſen ec und der Major be⸗ rachtete woh lgeſällig das augenehme Aeußere und die gute Halung— ibe 3 ll ein Freiherr! „Junker aus, ich hoffe den Sohn meines alten Kriegskamer. n paib meiner Wohm ung willkommen zu heißen, tann ſollen Sie mir von zu Ha mſe erzählen, ſagte er beim 2 Abſchiede, und ging mit militäriſcheur Gruße d davon⸗ Diej lungen Leute ſäumten; jetzt nun gew on 1n et ſe t auch nicht, von der Uen, freilich nur zu oft mißbrauchten Frei⸗ heit G ebrauch zu machen, und verließen das S Hans, mitten unter ihnen, ſchritten ſie heiter durch 26 die Straßen, zeigten und bewunderten was ihnen auf⸗ ſtieß, und erklärten dem erſtaunten Landjunker Mancher⸗ lei mit wichtiger Miene, was ſie ſelber nicht kannten, von dem aber natürlich ſie, als Löwen der Reſidenz, Verſtand haben oder doch den Schein retten mußten. In einer Conditorei mündete endlich die ganze Strömung, und man beſchloß die Ankunft eines neuen Comilitonen zu„celebriren“. Bald knallten die Cham⸗ pagnerkorke— wild aufſchäumend brauſte das feurige Naß in die ſpitzen Kelchgläſer, die auf das Wohl unſeres Junkers geleert wurden, und Hans fühlte ſich bald ſo heimiſch unter den Uebrigen, als hätte er es niemals anders gekannt. Dos iſt das Eigenthümliche beim Adel, daß er, wo ſeine Bekenner auch zuſammentreffen, ſchnell bei einan⸗ der Verſtändniß findet, und da, wo Bürgerliche Wochen nöthig haben würden, um ſich näher zu treten, durch die Legitimation des Namens und Standes ſchnell ſich an einander ſchließt. So auch hier. Hans war einer der Ihrigen, das genügte, um alle dieſe jungen Leute zu ſeinen Freunden zu machen, und es wurde bereits auf Tage lang voraus verabredet, wie man ſich in den zu erbeutenden Freiſtun⸗ den unter einander und mit einander vergnügen wollte In ihrer excluſiven Lage waren ſie ſich unter ein⸗ 27 ander vollkommen genug. Alles, was ſie beſchloſſen, was ſie ſehen oder hören und beſuchen wollten, war für ſie— obgleich es Hunderte mit Ihnen genoſſen— nur für ſie da;— ſie waren ſich ſtets genug unter einander, und ſchloſſen alle fremde Elemente aus. „Ach, Hans,“ rief Brandach plötzlich voll Eifer, „die Corrado mußt Du hören! Eine Kehle wie eine Nachtigall, und die Logarini, unſere Soliſtin vom Ballet, die geht in der Luft und tanzt wie eine Elfe. Wohin gehen wir denn eigentlich heute Abend, in die Oper oder in das Schauſpiel?“ „Man gibt die„Maria Stuart“ fiel ein Ande⸗ ren ein. „Na dieſe langſtielige Rührerei, wo man fünf lange Akte hindurch eine Königin köpfen will— das fehlte noch. Das iſt rechter Schillerſſcher Unſinn— ich gehe in das Ballet.“ „Ja wohl in das Ballet, das iſt etwas zum Amuſement. Der Tauſend, Harder, das Ballet, das kennen Sie noch nicht, dieſe Venusgeſtalten in halber Paradieſestracht— famos!“ „Auf Ehre, ja der Sandow hat einmal wieder Recht, das Ballet. Ein pereat dem Schiller'ſchen Un⸗ ſinne, der ſo frech iſt und ſingt:„Auf den Bergen wohnt die Freiheit!“ Auf den Bergen ſollten nichts als Ritter⸗ * 28 burgen ſtehen, wie der Falkenſtein im Harze. Hat Einer von Euch den geſehen— famos, ſage ich Euch, und dann Leute hinein, wie unſern famoſen Kuno von Hahn⸗Baſe⸗ dow— famos, ſage ich Euch, müßte das ſein auf Ehre!“*) „Würden da aber nicht die weißen Weſten und die Glacces etwas zu theuer werden, Rauberg?“ warf Einer ſpöttiſch ein, der ſchon längſt als eine Art Demorrat be⸗ rüchtigt war. Rauberg warf ihm deßhalb auch nur einen verach⸗ tenden Blick zu— er ſelbſt ſchwärmte ja wonnetrunken im Vollgefühle Hahn'ſcher Seligkeit und ſtudirte die zeit⸗ weiligen Erläſſe dieſes unvergeßlichen galanthommes des créme aus der haute volée zur einſtigen beſten Nachahmung. *) Hier drängt es mich, ein Bekenntniß abzulegen. Ich ſchaltete dieſe Preisrede auf den Grafen Hahn bei meiner letzten Purchſicht des Buches ein, als leider auch die Zueig⸗ nung bereits ihm vorgeſetzt war. Sonſt, ich bekenne es, würde ich nicht ermangelt haben fein ſittſam, mit weißer Weſte, Halsbinde und Handſchuhen mich auf den Weg zu machen, und beim hochmalhochgebornen Grafen Kuno von Hahn um allerhuldreichſte Annahme der Widmung dieſes Buches allerallerunterunterthänigſt nachzuſuchen. Honny soit, dui malypense!(Im September 1861.) D. V. 29 „Das Ballet iſt entſchieden das Einzigs, bei dem man ſich noch amüſiren kann,“ warf er nur verdroſſen hin— es hatte ihn wahrſcheinlich doch tief gekränkt, daß es noch eine Seele gab auf dem Erdenrund, die Graf Kuno Hahn mit ſeinem Syſteme nicht Sein nennen durfte. „Die Oper ausgenommen, Rauberg— die Cor⸗ rado ſingt göttlich und ſchön iſt ſie—“ „Famos— hübſch, recht hübſch, Du haſt Recht, Brandach, ganz famos! Schlank wie eine Gazelle, und Augen hat ſie, Augen— famos!“ „Ha, ha, ha! hört den Sandow! Er ſchwärmt für die Corrado! Brandach, den mußt Du fordern— er liebt die Corrado!“ „Auf Ehre, Harder, das wird ein koſtbarer Spaß, Sandow und Brandach müſſen ſich ſchicßen— Hahn, das wird ein Hauptwitz!“ „Ruhig doch, wir ſind ja noch gar nicht einig, wo⸗ hin wir zum Abend gehen wollen!“ „Erſt die Ehrenſache, die Ehre geht vor— erſt müſſen Sandow und Brandach einig ſein— auf Ehre!“ „Alſo zum Ballet denn; gut, ich bin dabei, wenn wir nicht hier bleiben wollen, alſo zum Ballet! Die Laga⸗ rini tanzt famos— ganz famos, ſage ich Euch.“ Mit dieſen Worten ſtand Sandow auf, und da man wußte, daß mit ihm nicht zu ſpaſſen ſei, brach man ab, und die ganze Schaar eilte in das Ballet. Hier entzückten ſie ſich an den göttlichen Sprüngen der Logarini, lorgnettirten die Damen, moquirten, amü⸗ ſirten ſich— und ſpät nach Mitternacht erſt brachten ſie den Junker Hans in ſehr heiterer Laune in ſein Hotel zurück, wo ihn Erich ſchon lange beſorgt erwartete. Die Andern aber eilten nach dem Cadetenhauſe, um, wie ſo oft, unbemerkt in ihre Zimmer zu ſchlüpfen. Das war Junker Hans erſtes Debüt auf der Welt⸗ bühne. Dieſe ganze Nacht konnte er kein Ange ſchließen und unterhielt den längſt entſchlummernden Erich mit ſeinen Abenteuern, die den unerfahrenen Junker als un⸗ gehenere dünkten. Drittes Capitel. Im Cadetenhanſe. Was ſo oftmals unbemerkt und alſo ohne üble Folgen geſchehen war, ſollte an dem erwähnten Abende ein Ende mit Schrecken nehmen und die Betheiligten auf das Empfindlichſte treffen. War es nun, daß Einer der Herren Oberen von dem geſetzwidrigen Treiben der Cadeten Ahnung be⸗ kommen hatte, die ihre bewilligten Freiſtunden bis weit in die Nacht verlängerten, und ſtatt die aufgetrage⸗ nen Arbeiten zu beſorgen, ſich in Weinhäuſern, Ge⸗ ſellſchaftslocalen und Theatern vergnügten, oder beob⸗ achteten die heimkehrenden Herren, denen der reichlich genoſſene Champagner im Gehirn ſpukte, gar zu we⸗ nig Vorſicht, ſich geräuſchlos in ihren Zwinger zu⸗ rückzuſchleichen— auf einem der Corridore trat ihnen ein wachthabender Officier entgegen— die heimkeh⸗ renden Frevler wurden notirt und mit ſtrengen Wor⸗ ten in ihre Zellen verwieſen. Der Officier, welcher zugleich Lehrer an dem In⸗ ſtitute war, war durch zu große Nachſicht gegen den jugendlichen Muthwillen, verbunden mit ſeiner Leiden⸗ ſchaft ſehr ſtark zu ſchnupfen, ein Stichblatt des Witzes geworden. Die Cadeten hänſelten ihn und ſpielten ihm tolle Streiche, wo ſie nur konnten, und hatten ſich ſo den nachſichtigen und milden Mann in einen ſtrengen und gehäſſigen Befehlshaber umgewandelt, der durch Ausübung abſoluter Strafgewalt den Reſpect erzwin⸗ gen wollte, welchen ihm die wilde Schaar verweigerte. Dadurch wurde das Uebel natürlich nur noch größer — die Stimmung gegen einander nur erbitterter— und beide Parteien waren in einem nie enden wollen⸗ den Kampf begriffen. Da kam das Abfaſſen der Nachtſchwärmer durch denſelben Officier, und es konnte für dieſen keine bef⸗ ſere Gelegenheit geben, ſeine Rache auf das Vollſtän⸗ digſte zu ſühnen Gerade die loſeſten Burſche, von denen er den meiſten Aerger hatte, befanden ſich dar⸗ unter— und mit dem früheſten Morgen empfing der General von M., als oberſte Behörde des Cadeten⸗ hauſes den genaueſten Bericht und das Regiſter über die ſchwarze That und ihre Thäter. Die Schuldigen wurden citirt, vor der geſamm 1 33 ten Inwohnerſchaft gehörig abgekanzelt, erhielten einen mehrtägigen Arreſt und bis zu den Sommerferien Entziehung aller Freiſtunden. Das Letztere war eine exemplariſche, echt militä⸗ riſche Strafe, und die Betroffenen knirſchten im ohn⸗ mächtigen Zorne, ohne das Geringſte dagegen wagen zu können.— Dahin waren alle ihre ſchönen Pläne von Ver⸗ gnügungen, Opern und Bällen; dahin die luſtigen Abende in den Weinhäuſern und Conditoreien; dahin — vertauſcht mit der langweiligen Zelle und dem noch langweiligeren Buche, mit dem ſie jedoch nur proforma tractirt wurden. Ernſtliches Studium wäre doch für angehende Officiere eine unerhörte Zumu⸗ thung geweſen! Knirſchend folgten ſie dem Schließer in den Arreſt, der Stunde fluchend, die ſo wenig ihre Freundin ge⸗ weſen war, und ſie verrathen hatte. Das war Hans von Harder's erſtes Erlebniß im Cadetenhauſe! Früh in demſelben aufgenommen, mußte er mit den anderen Cadeten ſogleich dem Strafacte beiwohnen und dankte nur Gott, daß er nicht einen Tag früher angekommen war, denn ſonſt würde er unfehlbar unter die Beſtraften gehört haben, da die ſtrenge Disciplin des Cadetenhauſes ſelbſt einem Neu⸗ Ehre. 1. 3 0 34 linge ſolchen Verſtoß gegen ihre Geſetze nicht würde nachgeſehen haben. Dennoch aber war dieſer Vorfall auch für Haus von unangenehmen Folgen, und der Blick in die Zu⸗ kunft ſtimmte ihn heute lange nicht mehr ſo heiter, als geſtern beim Knallen der Champagnerkorke. Alles, was da beſprochen und ſämmtliche Vergnügungen und Luſtbarkeiten, die ſie ſich dort vorgeſetzt und deren Schönheiten ſie im luſtigen Champagnerrauſche ſchon im Vorgefühl gekoſtet hatten, und die natürlich ſämmt⸗ lich in das Gebiet des disciplinariſch Verbotenen ge⸗ hörten— waren nun geſtört— ſanken wie Karten⸗ häuſer vor dem Luftzuge zuſammen— nichts zurück⸗ laſſend, als den ſtrengen Zwang der pünktlichen Pflicht⸗ erfüllung. Im Cadetenhauſe wurde ein ganz neues, viel ſtrengeres Bewachungsſyſtem eingeführt. An jedem Adende wurden die einzelnen Zimmer revidirt, und es würde tollkühn geweſen ſein, unter ſolchen Umſtänden die gewöhn ichen Ausflüge zu wagen. Arbeit drängte überdies Arbeit— man ſchien den Junkern gar keine Muße gönnen zu wollen, um böſe und aufrühreriſche 3 Gedanken zu hegen— und wollten die Gequälten den ohnehin ſtrengen Dienſt nicht noch durch Strafen er⸗ digſt als Rebelle denuncirt zu werden. 35 ſchwert ſehen, ſo mußten ſie ſich wohl bequemen, ihre Pflicht zu thun. Hatten ſie nun auch zuerſt gehofft, daß dieſe Strenge nur für einige Tage andauern würde, und ſich daran als an einen letzten Anker geklammert, ſo ſahen ſie ſich bald genug bitter enttäuſcht. Wie ein Uebel ſelten allein kommt, eine ſchlimme Nachricht gewöhnlich ein ganzes Heer und eine immer noch toller als die andere im Gefolge hat, ſo auch hier. Dem Generale waren eine ſolche Menge Cadetenſtreiche zu Ohren ge⸗ kommen, daß er erſchreckte, und um das Renommé des In⸗ ſtitutes beſorgt, den Herren Officieren ſeine Mißbilligung auf das Deutlichſte zu erkennen gegeben hatte, die ſich natürlich weiter trug, bis auf den letzten Diener— und deren Folge eine allſeitige ſtrenge Bewachung war. Der General ſprach noch mehrmals über dieſe höchſt fatalen Vorfülle und ſtärkte dadurch immer auf's Neue die Aufmerkſamkeit der Wachtpoſten: Wer ſich frü⸗ her niemals um die Cadeten bekümmert und mit keinem Auge hingeſehen hatte, wann ſie gingen und kamen, ſchien jetzt ordentlich zum Argus zu werden, um ſeinen Gehorſam zu bethätigen, und es wäre ſicher Niemandem gelungen, nach der Straße zu entſchlüpfen, ohne min⸗ deſtens von zehn paar Augen verfolgt und pflichtſchul⸗ 3* 36 Dahin waren alle die ſchönen Träume, die das muntere Völkchen ſo ſanguiniſch gepflegt hatte, dahin, dahin. Arbeiten, ſich hieß die unerbittliche Loſung des Tages, und Hans, der um nichts ſich nach der Reſidenz gewünſcht hatte, als um ein recht angeſtrengt thätiges Leben zu führen, ſehnte ſich längſt wieder aus dem Cadeteuhauſe hinweg, hinweg aus der großen Stadt und nach ſeiner Heimat zurück, deren länd⸗ liche Freuden ihm jetzt noch niemals ſo hold erſchienen, als früher, wo er ungeduldig aus ihnen hinaus und nach dem lautſchillernden Weltleben verlangt hatte. Umſonſt. Er mußte jetzt aushalten und arbeiten, und da der alte Erich ſogleich nach ſenet Aufnahme in das Cadetenhaus in die Heimat zurückgereiſt war, ſo hatte er nicht einmal Jemand, dem er ſein Leid klagen konnte, denn ſeinem Jugendfreunde und einzigen nähe⸗ ren Bekannten, Ivachim von Brandach, ging es eher noch ſchlimmer, als ihm. Dieſer war mit unter den Ab⸗ gefaßten und Beftraften geweſen, und da er bald Offi⸗ cier werden und das Cadetenhaus verlaſſen ſollte— wo er dann ſelber von den ihm Untergebenen die ſtrengſte 3 Subordination fordern ſo wurde ſein arger Sub⸗ ordinationsfehler auf das Strengſte gerügt. Eine fort⸗ während üble Laune des jungen Herrn, der einmal von der verbotenen Frucht zu koſten gewohnt war, und ſie 37 nun in weite Ferne entrückt ſah, war die natürliche Folge der ſtrengen Maßregeln— und dieſe Laune war dann für Freund Hans auch gerade keine Ermunterung, . ſeinen Schmerz an die Bruſt des Jugendfreundes zu legen. O, wie erſehnte Joachim den Tag der Frei⸗ heit, der ihn erlöſen ſollte aus dieſer verhaßten Zucht⸗ 3 anſtalt, der ihm die Epaulettes auf die Schultern 3 heften und den nur halbgeachteten über die Achſel an⸗ geſehenen Cadeten in einen ſtattlichen Officier ver⸗ wandeln ſollte! Doch bevor es ſo weit kam, mußte er manchen Tag ſich quälen, noch manchen langen Winterabend bei verwickelten Aufgaben ſchwitzen, während er wußte, daß im Opernhauſe die Corrado ſang oder die Lo⸗ garini ihre herrlichſten Künſte tanzte. Dann ſaß ihm wohl Hans gegenüber und ſtatt an die Arbeit zu denken, nach . hinter denen die Freiheit und die denen die große Stadt mit ihren tau gen und Luſtbarkeiten lag. „Joachim, ich halte es nicht mehr aus in dieſem Zwinger. Das langweilige Sitzen und Achſen bringt mich noch um den Verſtand!“ rief er verzweifelnd⸗ „Ei, das wäre ja gerade das Gegentheil von dem, was mſere Tirannen bezwecken“— fiel Brandach ſtarrte, 3 den Fenſtern hin, freie Luft, hinter ſend Vergnügun⸗ bitter lachend ein;„aber Du haſt nicht unrecht, es wird unerträglich und ich hätte die größte Luſt durch⸗ zugehen.— Sandow, Du, Sandow— was meinſt Du, wollen wir heute Abend in die Oper?“— „Famoſer Gedanke— famos— aber erſt ſag' an, wie fortkommen und dann klopfe wieder an.“ Mit dieſen Worten ſank er phlegmatiſch in ſeine Ruhe zurück und ſtarrte in die Ecke des großen Ge⸗ maches, wo das luſtige Caminfeuer ein Holzſcheit nach dem anderen verzehrte. „Iſt das eine Faulheit! Sandow, nur nicht des Guten zu viel!— Wie irgend eine Heidennation, von der uns neulich der dicke Profeſſor docirte, vor dem Feuer, ſo ſcheinſt Du nachgerade anbetend vor dem Trägheitsgeſetze zu tnieen. Nicht einmal die Corrado wirkt mehr!“— „Famoſes Frauenzimmer, die Corrado!“ Ein heiteres Lachen folgte der trockenen gedehnten Bemerkung des kräftigen Pflegmatikers, dann aber dachte Brandach von Neuem an ſeinen Fluchtplan. „Wer geht mit?“— frug er entſchloſſen,„ich gehe, mag daraus entſtehen was will— dieſes Hundeleben hier mag— oh verflucht!“— Eben wurde die Thür geöffnet, und der wacht⸗ habende Officier trat ein. Sämmtliche Cadeten waren 3 39 ſofort ſehr eifrig bei ihren Arbeiten— Todtenſtille war an Stelle einer erwachenden Rebellion getreten.— Der ſchöne Freiheitstraum ſank in Nichts zuſam⸗ men— die Cadeten hörten ihre Feſſeln klirren— und es blieb, wie es geweſen war . Aber endlich, endlich nahete er ſich, der Tag der Erlöſung! Das Examen war vor der Thüre und Joachim von Brandach wartete mit Ungeduld auf die Stunde, welche ihn freimachen ſollte von dem läſtigen Cadeten⸗ zwange, wie Hans ſie erwartete, als den Verkündiger diFerien, die er in der Heimat bei Eltern und Ge⸗ ſwiſtern zuzubringen hoffte. Er war nun ziemlich ein Jahr lang in dem Ca⸗ etenhauſe und ſehnte ſich nach den Seinigen, deren Liebe und Güte er erſt in der Zwangsſchule hatte recht erkennen und ſchätzen lernen. Brandach beſtand ſein Examen und ſtolzirte in glänzender Offiziersuniform mit den Epaulettes auf hochgehobener Achſel umher, um am anderen Tage mit Hans die Reiſe nach Hauſe anzutreten. Sie waren Beide in emſiger Geſchäftigkeit, um 40 Alles zu ordnen und zur Reiſe zu bereiten, und es herrſchte eine köſtliche Laune im ganzen Inſtitute, deſſen Bewohnern heute die Ferienfreiheit ſo hold wie Oſter⸗ glockenton an das Ohr tönte. Da konnte es denn nur noch zu Hans vollſtändigem Glücke beitragen, als ihm ein geldbeſchwerter Brief aus der Heimat gebracht wurde. „Hölle und Teufel!“ fluchte der angehende Soldat jedoch, als er geleſen hatte,„die Alten wollen mich nicht zu Hauſe! Ich ſoll nicht eher kommen, als bis ich Offi⸗ zier bin, alſo erſt nächſtes Jahr, und in dieſen Ferien eine Reiſe nach dem Süden machen, wozu Reiſegeld im beiliegenden Couvert erfolgt.“ „Das iſt eine heitere Geſchichte!— Donnerwett Hans, das ärgert mich und kreuzt unſere ganzen Plän Was ſoll ich denn nun allein in dieſer langweiligſten von allen langweiligen Gegenden anfangen! Deines Al ten Geburtstag iſt doch in den nächſten Tagen, und d wollen ſie Dich nicht einmal haben?“ „Es ſcheint doch ſo und hilft nun nichts, ich werde wohl Ordre pariren müſſen. lebrigens mögen ſie nicht ſo unrecht haben, Brandach. Es iſt um der Ehre willen, und ſoll mich dort Niemand als Cadet ſehen. Der Alte hat recht, wenn ich Offizier bin, geht es nach Hauſe und eher nicht— morgen aber auf Reiſen!“ „Auch gut! Adieu, Hans!“ „Adieu, Joachim! Grüße die Alten und Anna. Auf Wiederſehen! Viertes Capitel. Heimkebr. Brandshof war das ſchönſte Rittergut faſt in der ganzen Provinz. Die weiten Beſitzungen, aus prächtigen Feldern und Wieſen und bedeutenden Waldungen be⸗ ſtehend, die ausgedehnten Wirthſchaftsgebäude des Gu⸗ tes, we die moderne Eleganz des Schloſſes ließen auf den Reichthum des Beſitzers ſchließen, und Herr von Brandach galt wirklich als einer der reichſten Grundbe⸗ ſitzer weit umher. Er war nicht immer Herr von Brandach geweſen, auch nicht immer Beſitzer von Brandshof, und es lebten in ſeinen eigenen Beſitzungen noch Leute genng, die ſich ſeiner, als des alten Schäfer Brand's Sohn aus einem benachbarten Dorfe erinnern konnten. Er hatte durchaus Landmann werden wollen und war, als er es bis zum i jedoch keine Ausſicht hatte, jemals zu einem Gute, da ihm olles Vermögen fehlte, nicht ein⸗ mal zu einer Pachtung zu gelangen, der damals auftau⸗ chenden Auswanderungsſucht gefolgt und hatte das Va⸗ terland verlaſſen, um über dem Meere ſein Glück zu verſuchen. Von ſeinen Schickſalen in der Fremde wußte Niemand. Nach einigen Jahren war er dann zurückgekehrt, war bald Beſitzer von Brandshof geworden, hatte den Adel gekauft, ſich mit einer armen Grafentochter aus alter Familie vermält— und lebte nun auf ſeinen Be⸗ ſitzungen, die er unabläſſig zu vermehren ſtrebte, wäh⸗ rend alle Welt von ſeinen Reichthümern fabelte und den Mann beneidete, deſſen Glücksſtern unerſchöpflich ſchien, ihn mit immer neuen Erdengütern zu ſegnen.— Es war an einem freundlichen Sommertage, und die Sonne ſenkte ſich bereits dem weſtwärts vom Schloſſe gelegenen Walde zu— der Abend nahete. Die Landſchaft, mit dem Schloſſe inmitten, bot einen wundervollen Anblick. Alles lachte und grünte und blickte ſo recht ſommerfreundlich um ſich. Das Schloß, ſo elegant und modern wie der Adel ſeines Beſitzers, zeigte keine Spur von jenem ehrwürdigen Alter, das die mittelalterlichen Schlöſſer für Touriſten ſo pikant machen ſoll— glänzend und glich es eher einem prachtvollen Palais der Von ſeiner Vorderſeite führte eine grünende Aden⸗Allee nach der kaum zehn Minuten entfernt vorübergehen⸗ den Poſtſtraße und aus ſeiner Kehrſeite trat man in den wohlgepflegten Park, den Lieblingsaufenthalt und das Steckenpferd des Herrn von Brandach, auf den er ungeheure Summen verwendete. Alles was Natur und Kunſt geſchickt vereint nur Angenehmes in einem Parke hervorzuzaubern vermögen, war hier zu finden. Kunſtwerke von bedeutendem Werthe ſchmückten die einzelnen Partien, und das runde Baſſin von anfehnlicher Größe, in deſſen Mitte eine künſtliche Inſel mit reizendem Schweizerhäuschen ruhete, war mit Schwänen belebt, die in dem Ufergeſträuche der Inſel niſteten. Dieſer Park war die Freude und der liebſte Ver⸗ gnügungsplatz der ganzen adeligen Nachbarſchaft, die Herrn von Brandach's Bemühungen, ſeine zahlreichen Feſtlichkeiten in Feenfeſte zu verwandeln, gebührend an⸗ erkannte und ihnen gegenüber gern ſeinen jungen Adel und die bekannte Abſtammung aus dem Hirtenhauſe des nahen Nachbardorfes vergaß. Bei dieſen Feſten mußte der Inhalt ſeines weitbe⸗ rühmten Gewächshauſes zum Schmucke des großen Glaspavi dienen, der ſich an das Schloß lehnte und eine Art ſchaftsſaal für die Sommerzeit vorſtellen ſollte An Abend erleuchteten farbige Lampen den gan⸗ zen Park; kleine Feuerwerke und bengaliſche Feuer be⸗ 45 £ luſtigten die Geſellſchaft und zeigten die verſchiedenen Partien des Parkes oft in der wunderbarſten und über⸗ raſchendſten Beleuchtung. Auf dem Baſſin zogen zier⸗ liche Gondeln umher, die mit bunten Laternen gewimpelt und von ſtolzen Schwänn gefolgt waren— während im Schweizerhäuschen treffliche Muſil ertönte und reiche Erfriſchungen der Landenden warteten. Es war bekannt, daß bei Herrn von Brandach's Feſten Alles Luſt und Leben ſein mußte— und die Lie⸗ benswürdigkeit des Wirthes, welcher jedes géne ver⸗ bannte, wie ſeine exquiſite Bewirthung waren nur dazu geeignet, die allgemeine Freude zu erhöhen. Die Brandach'ſchen Feſte waren berühmt und die Geladenen verſäumten niemals, ſie zu beſuchen. Auch heute war ein großartiges Feſt vorbereitet, und an dem ängſtlichen Hin⸗ und Herlaufen, an der Eile und der ſchaffenden Bewegung, die ſich überall kundgab, konnte man leicht erkennen, wie gründliche Anſtalten zu ſei⸗ nem Glanze unternommen wurden. Herr von Brandach ſelber ſchritt überall als ſtrenger Kritiker umher, beſichtigte die grrä Küchen⸗ und Speiſegewölben und die Weine, muſterte die Arrangements im Patl— un⸗ terwarf Alles der ſtrengſten perſönlichen Pri ung 46 kehrte endlich mit zufriedenem Lächeln in das Schloß zurück. Er war ein ältlicher, doch noch ziemlich beweg⸗ licher Mann, mehr klein als groß und mehr dick als dünn— wohlig, behaglich, mit einem Geſichte, wel⸗ ches Spuren jugendlicher Thatkraft und entſchloſſener Energie und Willenskraft zeigte, die jedoch wie zer⸗ bröckelnde Ruinen unter den üppig wuchernden Mon⸗ ſen und Pfarrkräutern behäbiger Ruhe zu ſchlummern ſchienen. Man hörte viel von ſeiner Herzensgüte rüh⸗ men, und daß er ein Helſer der ganzen Naochbarſchaft ſci, ſobald die Bedürftigen der Hülfe werth wären und ſeinen Beiſtand zu praktiſchem Unternehmen forderten, Praktiſch, nur immer praktiſch, war dieſes Man⸗ nes Loſungswort.„Dem Prakliſchen verdanke ich, was ich geworden bin und beſitze, und wäre ich nicht prak⸗ tiſch geweſen, ſo könnte ich heute vielleicht in den weſt⸗ lichen Steppen Steine klopfen, oder das Leben eines armſeligen Farmers führen. Im Schloſſe überſchaute nun Herr von Brandach ing die Anſtalten zum Feuerwerke, das heute tächtig werden follte, und als er Alles Lünſch gefunden, ging er händereibend in ſein Zimmer, um Feſt⸗Toilette zu machen. 47 Das war bei dem praktiſchen Manne auch eine einfache Procedur. Auf amerikaniſche Weiſe widmete er ihr ſo wenig Zeit als wenig und pflegte zu ſagen: „Während der Deutſf he Toilette macht, erjagt der Yankee Reichthum und Glück. Nur immer praktiſch und die Zeit genützt.“ Ein blauer Frack mit goldenen Knöpfen war ſein Geſellſchaftsrock, und ein feiner Hnt, den er beim Empfange ſeiner Gäſte unter dem Arme hielt, nachher aber eiligſt zur Seite ſchaffte, vollendete ſeine Toilette, die weder Kamnlerdiener, noch Friſeur erforderte. So ausgerüſtet, begab er ſich nun nach den Ge⸗ mächeru ſeiner Gemalin, die ſich bereits ſeit mehre⸗ ren Stunden eingeſchloſſen hielt und mit Hülfe ihrer Kammerfrau und Zofe jetzt ebenfalls ſo weit gediehen war, daß ſie ihre Toilette als ziemlich vollendet be⸗ trachten durfte. Herr von Brandach klopfte beſcheiden an der Thür des Toilettengemaches und frug mit ſeiner ſanfteſten Stimme:„Iſt es erlaubt, theure Francisca?“ Sofort begann drinnen eine hochwichtige Berathung zwiſchen Frau von Brandach und den dienſtbaen Frauen, deren Reſultat der Schluß war, daß Herr vo Brandach bei den kleinen Bemühungen zur Verpollſtändipnng der Toilette gegenwärtig ſein dürſe. Die Thür wurde nun 48 halb geöffnet und Herr von Brandach ſchob ſeine corpu⸗ lente Figur in das von vrientaliſchen Wohlgerüchen durchduftete Gemach. Er begrüßte ſeine Frau mit einer lächelnden Verbeugung und ließ ſich ſchweigend an dem Fenſter nieder, um die letzte Feile der Geſellſchaftstvilette abzuwarten. Frau Francisca von Brandach, geborne Gräfin v. L., gehörte zu den Damen, die man weder jung noch alt, weder ſchön noch häßlich nennen kann. Sie war groß und ſchlank und Figur und Züge zeugten von dem Adel ihres Standes. Sie war nicht ungebildet, und wenn auch ſtolz und kalt gegen alles Niedriggeborne, was ſie umgab, doch dem Gemale und ihrem einzigen Sohne eine liebevolle Gattin und viel zu nachſichtige Mutter. Obgleich ſie wenig ſprach, überhaupt ſich außer um ihre Toilette um faſt gar nichts kümmerte, hing doch ihre Umgebung mit Liebe an der ſtolzen Frau, da ſie bei aller Standeswürde, die ſie hoch hielt als ihre Ehre und von der ſie niemals nur durch ein Wort oder eine Be⸗ wegung ein Jota vergab, doch als eine gute und frei⸗ gebige Dame bekaunt war. Man wußte, daß Jeder, wenn in ihre Eigenheiten und die bei ihr herr⸗ ſchenden Geſetze ſchickte, niemals über ſie zu klagen hatte, ſondern bei jeder Gelegenheit ihre milde Güte er⸗ kennen mußte. 49 Endlich war die ſchwierige Toilette beendet und Frau von Brandach ſelber, die mit prüfendem Blicke vor der deckenhohen Pſyche Wacht hielt, konnte keinen Mangel mehr entdecken. Sie mußte ſich ſelber geſtehen, daß dieſer Anzug ſehr paſſend, ſehr gewählt ſei, um ſie als Mutter eines erwachſenen Sohnes zu repräſentiren, der eben Officier geworden war— ohne doch ſie zur alten Frau zu machen. Ganz befriedigt und mit einem glücklich en Lächeln wandte ſie ſich zu ihrem harrenden Gemale, und ihn jetzt erſt herzlich begrüßend, frug ſief „Nun, Karl, wie findeſt Du mich heute?“ „Schön, wie immer, meine Theure, die Du der gute Engel unſeres ganzen Lebens biſt, doch würdeſt Du mich verpflichten, wenn ich Dich nach dem Salon führen dürfte, da jeden Augenblick die erſten Gäſte kommen können. Es iſt ja ein ſo ſchönes, ſo glückliches Feſt, welches wir heute begehen— ein ſo rechtes Herzensfeſt! — Nicht wahr, meine Theure?“ Frau von Brandach erwiderte nach ihrer Gewohn⸗ heit nichts, aber der innige Blick, mit dem ſie ihren Arm in den des Gatten legte, zeigte dieſem vollkommen, wie ſehr ſie mit ihm einverſtanden ſei. 3 Es war allerdings kein ähnliches Paar, das da durch die Gemächer des Schloſſes dem Empfangſalon zuſchritt. Der kleine, ſtarke Mann, der noch immer be⸗ Ehre. 1. 0 weglich war, und die große, ſteife Dame mochten nicht recht zu einander paſſen— und doch ſtanden ſie ſeit zwanzig Jahren neben einander, wie ſelten nur ein Ehe⸗ paar in ähnlichen Verhältniſſen, hatten mit einander ge⸗ treulich gelebt, ohne Mißſtimmung und Unfrieden zu kennen. Ohne jemals die Wonne einer heißen, verzehren⸗ den Liebe gekannt zu haben, hatte die Länge der Zeit und das gegenſeitige Beſtreben nach Annehmlichkeit ſie einander immer werther gemacht. Der einzige Sohn, den ihnen der Himmel ſchenkte, hatte ſie noch feſter mit einander verbunden. Wenn man von einem Ehepaare ſagen dürfte, daß es im ſtillen und heiteren Eheglücke lebe, ſo war es Herr und Frau von Brandach, von denen Keines die Eigenthümlichkeiten und Neigungen des An⸗ deren zu beeinträchtigen verſuchte. Die Sonne ſank tiefer und tiefer und der Salon war noch gäſteleer— Frau von Brandach lehnte ſchwei⸗ gend in einem der ſammt'nen Divans und betrachtete mit gleichgültigem Blicke das unruhige Gebahren ihres Man⸗ nes, der bald heraus, bald hinein rannte— bis endlich der erſte Wagen vor dem Schloſſe raſſelte und eine be⸗ freundete Familie herbeiführte. Sobald Gäſte anlangten, zog Herr von Brandach ſein Praktiſch aus. Dann war er ganz der liebenswür⸗ dige Wirth und heitere Geſellſchafter, und es w gemein bekannt, daß man bei glänzende Feſte feiere, gut ſpeiſe und erquiſite Weine ar all⸗ Brandach nicht nur trinke, fondern daß man ſich auch mit Behag Geſellſchaft bewege. Wagen auf Wagen rollte nun herbei, der Salon füllte ſich mit Gäſten, und Herr von Brandach, dem in ſeinem Eifer die Hitze bald beſchwerlich wurde, ließ die Thüren zum Parke öffnen, deſſen erfriſchende Kühle freundlich einlud. Das Feſt begann.— Erfriſchungen wurden ge⸗ boten— Promenaden in den köſtlichen Alleen und Ta⸗ ruswänden angetreten, Frohſinn und Heiterkeit leuchteten aus allen Geſichtern— in Erwartung der verſprochenen Herrlichkeiten. Ziemlich ſpät trafen auch Harder's ein, die Freifrau mit ihrer Tochter— der Freiherr hatte ſich en in ihrer nicht ganz wohlgefühlt. Die ſchöne Anna war ba ſchwärmte Blume, die im Kreiſe neidender Bekanntin⸗ nen die Aufmerkſamkeiten der geſammten jungen Herren zu ertragen hatte— während ihre Mutter bei Frau von Brandach weilte und ſich mit der wortkargen, aber lie⸗ benswürdigen Frau vom Hauſe unterhielt. Die Zeit flog hin— und gegen ſeine ſonſtige Ge⸗ wohnheit, hielt der Wirth den Gang des Feſtes noch 4* ld eine allgemein um⸗ 52 immer auf. Es war ein gar zu langes Vorſpiel, die Dunkelheit brach immer mehr herein— und noch immer lag der Park ohne Erleuchtung, waren Baſſin und Schweizerhäuschen dunkel und kein Ton der Feſtmuſik wurde gehört. Herr von Brandach eilte ungeduldig hin und her — und Niemand konnte ihn begreifen. Man fürchtete einen ſtörenden Unglücksfall— und doch auch mochte Niemand eine Frage thun. Endlich!— Herr von Brondach lauſchte einen Augenblick— dann trat er eilig in den Park hinaus und brannte eine ſchon bereit gehaltene Leuchtkugel ab. Wie auf einen Zauberſchlag ward der ganze Park mit bunten Lampen erleuchtet! Die Inſel mit dem Schwei⸗ zerhäuschen ſtrahlte im Zauberglanze, an jeder Gondel ſchien ein Feuerball zu ſchweben, bengaliſche Feuer ent⸗ hüllten reizende Partien im Farbenlichte— Leuchtkugeln und Raketen flogen in reicher Fülle empor und ſenkten ſich im weiten Bogen wieder oder ſtreuten im Zerplatzen glänzenden Regen zur Erde hernieder. Die Geſellſchaft ſtand ſtaunend vor dem plötzlichen und reizenden Anfange dieſes Zauberfeſtes— da tönte ein Poſthorn ganz in der Nähe! Erwartungsvoll eilten die Gäſte nach dem Eingange des Schloſſes und fanden auch deſſen Fronte illuminirt und vor dem Portale rie⸗ —————— „—— gleichſam in ſich aufnehmend, —— ſige Vaſen mit flammendem Pech, de Licht die Gegend magiſch beleuchtete. Herr von Brandach ſtand freudeſtrahlend vor dem Schloſſe— doch noch ehe die Gäſte nach dem Grunde all' dieſer Anſtalten fragen konnten, tönte das Poſihorn von Neuem— der Wagen fuhr vor— und Herr von Brandach hielt ſeinen einzigen Sohn Joachim an der Bruſt. ſſen eigenthümliches Das war ein Jubel und ein Leben, ein Glückwün⸗ ſchen und ein Willkommenheißen!— Doch Joachim verlangte vor Allem zur Mutter, zu der ihn der Alte endlich freudeſtrahlend führte.„Hier, Francisca, haſt Du Deinen Sohn. Sieh, was er für ein ſtattlicher Of⸗ 3 ficier geworden iſt, und wie gut ihm die Epaulettes ₰ ſtehen.“ Man ließ Mutter und Sohn allein— gab der Mut⸗ terliebe und Mutterluſt Raum, ſich ſo recht ungeſtört an das wiedergewonnene Sohnesherzzu lehnen, das ihrin kind⸗ 9— und als ſie endlich Arm in Arm wieder bei der Geſellſchaft erſchienen— er hei⸗ ter und fröhlich, mit lachenden Blicken die wiedergewon⸗ nene Heimat betrachtend und ſie ſtolz und mit ſtrahlen⸗ den Augen jeden Zug, jede Bewegung des Lieblings nahm das Feſt einen noch heiterern und glänzenderen Fortgang als man gehofft hatte. Man begab ſich zur Inſel und ſpeiſte vortrefflich, während eine prächtige Tafelmuſik das Mahl begleitete. Von Zeit zu Zeit zogen Feuerkünſte im Park die Auf⸗ merkſamkeit auf ſich— und bald ſaßen nur noch die äl⸗ teren Herren und Damen auf ihren Plätzen, vom ſchäu⸗ menden Champagner oder dem füßen Ungar nippend— während die junge Welt ſich beluſtigend im ganzen Parke zerſtrente, und aus allen Lauben und Gängen heiteres Gelächter drang. Schwebende Paare erſchienen in ma⸗ giſcher Beleuchtung bunter Lampen, um wieder im dunklen Grün zu verſchwinden— und auf dem Baſſin zogen die buntbewimpelten Gondeln kreuz und quer, üichte Strahlen hinter ſich werfend, in denen Schwäne mit ſtolzem Gefieder— langſam und majeſtätiſch ihnen folgten. Dazwiſchen klangen die heiteren Harmonien einer trefflichen Muſik.— Es war ein Zauberfeſt, wie man noch niemals eines bei Herrn von Brandach gefeiert hatte. „Es galt ja auch der Wiederkehr des einzigen Soh⸗ nes“, erwiderte er Frau von Harder, die ihm dies Com⸗ pliment gemacht hatte, und zeigte freundlich lachend nach dem Baſſin, wo eben Joachim mit ſeiner Gondel im 55 hellſten Lichte des Schweizerhäuschens hielt, und mit ſei⸗ ner Dame die Schönheit desſelben bewunderte. „Das iſt ja Anna!“ rief Frau von Harder über⸗ raſcht auf dieſe ſtumme Bemerkung. „Ja, ja, meine Verehrte, Joachim zeigt ſeiner Nachbarin und Jugendfreundin die Spielplätze vergan⸗ gener Tage!“ Und mit verbindlichem Lächeln Frau von Harder den Arm reichend, führte er ſie den Weg zum Baſſin hinab. „Holla, hier anlegen!“ rief er der Gondel zu, die ſofort wie ein Pfeil heranflog. Der alte behäbige Herr konnte heute ſeinen Sohn gar nicht genug bei ſich ſehen, und Frau von Harder, die— ſie konnte ſich ſelber nicht Rechenſchaft geben, weßhalb— ein beängſtigendes Ge⸗ fühl gehabt— war ebenfalls froh, als ſie Anna wieder an ihrer Seite ſah. So ſchritten ſie zu Vieren die Allee hinauf— das Feſt aber währte noch lange und endete endlich mit einem improviſirten Balle erſt als der Morgen graute. Fünftes Capitel. Vater und Sohn. Joachim von Brandach hatte ſich bald wieder in der Heimat eingewöhnt. Kaum einige Tage auf dem Dorfe, war in der länd⸗ lichen Umgebung und in der N tähe ſeines immer heiteren und behäbigen Vaters das wenige Großſtädtiſche und Blaſirte, was dem jungen Manne angehangen hatte, wieder abgefallen— und er war gerade wieder wie da⸗ mals, ehe er nach der Hauptſtadt ging, eben ſo luſtig und heiter— in Park und Feld. Er kannte Jeden wieder und erinnerte ſich Derer reundlich, die er früher gekannt hatte, und die dem Knaben Gefälligkeiten erzeigt, ihm beim Sprenkel⸗ ſtellen und Neſterſuchen geholfen hatten. Selbſt die jun⸗ gen Leute, mit denen er einſt geſpielt hatte, waren dem jungen Officier nicht zu ſchlecht, um mit ihnen einen Scherz in alter Wäe zu verſuchen. Da gab es denn 57 oft komiſche Scenen, wenn er in das Dorf hinüber kam und ungenirt in eine Hütte trat. Hui, wie flogen da die jungen Mädchen zur Seite, wie eine aufgeſcheuchte Vögelſchaar, und Joachim, der ſein herzliches Vergnügen daran fand, ſie zu necken, lief ihnen wohl lachend nach— und ſuchte die Sträubenden zu erhaſchen und zurückzuziehen. Die Unbefangenheit der Kinder war entflohen. Die Mädchen ſahen in ihm den jungen Herrn, und er betrachtete ſie dafür mit den Augen eines jungen Man⸗ nes, der in der Stadt die Dorfſchönheit hat ſchätzen lernen. Joachim hatte einen Monat Urlaub erhalten und beſchloſſen, denſelben nach beſten Kräften auszubeuten. Nirgends fand er dazu beſſere Gelegenheit, als auf der Beſitzung ſeines Vaters, denn ſelbſt die ſonſt ſo indif⸗ ferente Mutter gewann Leben und Bewegung, wenn es galt, ihrem Lieblinge eine Freude zu bereiten. Aber während Joachim ſich vergnügte, mit Bekann⸗ ten commerſchirte, jagte und Luſtbarkeiten veranſtaltete, trug ſich der immer heitere, aber auch immer praktiſche Vater mit wichtigen Plänen und Entſchlüſſen. So viel er auf das Geld gab und ſo ſehr er ſeine Ehre in dieſem mächtigſten aller Güter ſuchte, in dieſem Blute der Welt, deſſen Pulsſchlag erſt das eigentliche Leben erzengt und X 58 deſſen Circulation das Leben iſt, war er doch praktiſch genug, um einzuſehen, daß nur mächtige Verbindungen und ein immer engerer Anſchluß an die altadeligen Fa⸗ milien ſeine Stellung zu denſelben für die Dauer halt⸗ bar machen konnten. Er wußte es recht wohl, daß ſeine Abkunft nicht vergeſſen war, und daß ſeine nachbarlichen Freunde, bei aller Freundlichkeit und geſellſchaftlichen Liebe— doch nur den Parvenü in ihm ſahen, der durch Geld etwas geworden war, durch Geld ſich einen Namen erworben hatte und deſſen Adelsdiplome kei⸗ ner zwanzig Ahnen Unterſchrift und Siegel— die rechte Weihe gaben. Ales das wußte Herr von Brandach. Er wußte auch wohl, daß er nur ſein Geld zu verlieren und ſeine Beſitzungen einzulichten, daß er nur arm zu werden brauche, wie er es vordem geweſen, ehe er aus dem Weſten ſich die Schätze der neuen Welt ge⸗ holt hatte,— um Alle von ſich zurückweichen— und ſeinen Adel wie Staub und Aſche zerfallen zu ſehen. Das wußte Herr von Brandach recht wohl, und deßhalb eben war er ſo praktiſch und ſtts bemüht, jene Güter zu mehren, deren Beſitz ihm Ehre u Stellung verſchaffte. Aber er wollte nicht nur gedul⸗ 59 det ſein, er wollte ſich auch mit der Zeit ein Recht erwerben auf ſeine geſellſchaftliche Stellung, und das grüne Holz ſeines Adels mit dem Zweige eines alten Baumes verbinden;— deßhalb dachte er ſeit Jahren ſchon an Erweiterung der Familienbande. Er ſelber hatte durch ſeine Ehe mit der ſtolzen Grafentochter, der nur die Wahl blieb zwiſchen bitte⸗ rer Armuth oder Reichthum an ſeiner Seite, den er⸗ ſten Schritt gethan, und ſein Sohn ſollte den zwei⸗ ten thun. Das waren die Pläne, die Herrn von Brandach ſeit Jahren ſchon beſchäftigten, und deren Verwirkli⸗ chung er, ſeitdem ſein Sohn ſo groß und ſtattlich aus der Reſidenz zurückgekehrt war, immer ſehnlicher wünſchte. Das waren auch die Pläne, über die er eben mit ſeiner Frau geſprochen hatte, als er eines Morgens händereibend und vergnügt aus ihrem Zim⸗ mer trat. Fran von Brandach, deren Stolz weniger am Gelde, als auch an altadeligen Verbindungen hing, — hatte gern ihrem Gatten beigeſtimmt— hatte auch ſeine bereits getroffene Wahl gebilligt und wie immer ſchied das treffliche Paar im beſten Einverneh⸗ men von einander, vollkommen klar über das, was ihre Ehre von ihnen verlangte, und was ihr Sohn derſelben nicht verweigern durfte. Händereibend und vergnüglich lachend ſchritt Herr von Brandach in ſeinem Zimmer auf und nie⸗ der, noch einmal Alles für und wider überlegend, noch einmal alle Punkte prüfend, die zu erwägen waren. „Trefflich, trefflich,“ flüſterte er kichernd,„iſt dieſe Verbindung geſchloſſen, dann haben wir nichts mehr zu fürchten, dann iſt unſer Name geſichert und legitim für alle Zeiten, und die neugebackene Adels⸗ familie ſteht aufrecht und ſicher neben den langen Ahnenreihen der Anderen. Sie ſind zu mächtig, zu hoch geachtet in der ganzen Provinz— als daß eine Verbindung mit ihnen ihren Zweck verfehlen könnte, und abſchlagen kann er nicht— denn ſo ſtolz er auch iſt, ſo ſehr er im Herzen grollen mag— er kann nicht, ſelbſt wenn er es wollte! Ich mit meinem Gelde habe ihn glücklich in Händen und ſeine Ehre geht ihm über Alles!— Hm— hu, ich würde mich nicht ſo tief mit ihm eingelaſſen haben, wenn ich nicht längſt dieſen Plan gehegt hätte!— Nur im⸗ mer praktiſch!“ Ein Klingelzug rief einen Diener herbei, dem er befahl, ſeinen Sohn zu ihm zu bitten. „Guten Morgen, mein Vater— ſo früh und 61 ſchon eine Audienz— es iſt doch nicht eine Straf⸗ rede etwa?— da wäre ich augenblicklich wirklich nicht aufgelegt.“ „Wahrhaftig?— Sieh da, nächſtens wird wohl der alte Vater erſt ganz ergebenſt einen Kratzfuß machen und demüthig anfragen müſſen, ob es dem leichtſinnigen Patrone, ſeinem Herrn Sohne, auch an⸗ genehm ſei, eine väterliche Strafrede mit anzuhören, und ob der Vater ſich erlanben dürſe, ganz devoteſt damit hervorzutreten?— Wie? Das kommt wohl noch ſo, mein Sohn?— haha— nun beruhige Dich F nur,— heute iſt es nichts mit einer Strafrede, Du machſt zwar dumme Streiche genug, und die Leute können ihre Dirnen nicht genug hüten vor Deinen allzugroßen Höflichkeiten,— doch das iſt ihre Sorge und nicht davon wollte ich mit Dir ſprechen,— nein, heute iſt es etwas Anderes, etwas ſehr Wichtiges— und Angenehmes für Dich!“ „So— ei denn bitte, laß hören.“ „Ich muß etwas weit ausholen, mein Sohn, hn, muß Dir eine ctwas lange Geſchichte erzählen, um 3 Dich von der Wichtigkeit und Richtigkeit meines Wun⸗ ſches recht zu überzeugen. „Ich weiß, was die Lente für abenteuerliche Ge⸗ rüchte erfunden haben, um die Quelle meiner Reich⸗ 62 thümer zu entdecken,— die nun einmal da ſind; de⸗ ren factiſche Exiſtenz ſie ſehen— und deren Erwerb ſie mir nun weder dreier⸗ noch thalerweiſe nachzu⸗ rechnen im Stande ſind. „Auch Dir werden dieſe Gerüchte nicht fremd ge⸗ blieben ſein,— und da auch Du nicht mehr vdn meinem früheren Leben weißt, als eben die Leute,— halte ich es jetzt, wo Du in die Welt trittſt, und wo ich es für gut finde, daß Du ſelbſtſtändig zu wer⸗ den trachteſt, für paſſend, Dich mit den näheren De⸗ tails meines Lebens und Wirkens— ſo wie mit der Quelle meines allerdings bedeutenden Vermögens ver⸗ traut zu machen. „Du weißt, ich ward drüben in P. in der Beſitzung des Baron Letter geboren, bei dem mein Vatet— der alte Brand— Schäfer war. Wir hatten niemals mehr, als eben zum kümmerlichſten Daſein nothwendig war, und der Tod Deiner Mutter brachte uns bald noch mehr in Rückſtand, ſo daß wir es nur der Güte des alten Baron dankten, wenn wir nicht völlig verarmten. Meine Mutter war die Amme ſeines Sohnes geweſen, dadurch hatte er mich liebgewonnen und nahm mich; als ich, vier⸗ zehn Jahre alt, beim Prediger eingeſegnet und ein ſtraffer Bengel geworden war, ſchickte er mich erſt noch ein Jahr lang anf eine Stadtſchule und nahm mich dann, auf 63 meinen ſehnlichen Wunſch 2 Gut— wo ich es in meine bis zum Inſpector brachte. „Das war der höchſte Grad, den ich jemals errin⸗ gen konnte. Inſpector— Inſpector— ein ganzes Le⸗ ben lang abhängiger Inſpector. Dieſes Wort klang mir damals ſchrecklich. Ganz andere Wünſche, ganz andere Ideen belebten mein Gehirn,— nur fehlten mir noch die Pläne zur Ausführung— und wären dieſe auch zu ſchaffen geweſen, die Mittel fehlten ganz beſtimmt, ſie zu verwirklichen. „So verging Monat auf Monat— dera ſtarb— und der junge, der nun die Herrſchaft übernahm und der mich nie recht hatte leiden mögen, weil er ſeines Vaters Vorliebe für mich kannte,— zeigte mir kein freundliches Geſicht. Ich fühlte mich von Tage zu Tage unglücklicher und unzufriedener und wußte doch kein Mittel, um meine Lage zu verbeſſern. „Als nun um dieſe Zeit auch mein Vater, der alte Brand, ſtarb, und bald darauf eine ganze Colonie ar⸗ mer Arbeiterfamilien, auch einige wohlhabendere unter ihnen, nach Amerika ging, um in dem mythenhaften We⸗ ſten das Glück zu erhaſchen, welches ihnen die Heimat oder harte Gutsherrſchaften hier nicht gönnen wollten, ſchien mir das ein Wink des Schickſals. andwirth zu werden, auf das n vierundzwanzigſten Jahre lte Baron 64 „Das Fendalweſen glich damals hier noch ſo einer Art Leibeigenſchaft, der man ſich nur durch Auswan⸗ dern entziehen konnte— wenn man die Mittel dazu aufbrachte— und das geſchah auch von Jahre zu Jahre häufiger. So hatten auch alle die Familien, welche durch unſer Dorf kamen, Auswanderung als ihr Theil erwählt, und zogen mit Hab und Gut dem Meere zu. „Da war der Plan!— „Der Erlös meiner wenigen Habſeligkeiten ſchaffte mir das Reiſegeld, denn meine eigenen kleinen Erſpar⸗ niſſe wollte ich als Grundeapital betrachten, um in Ame⸗ rika das Glück zu erjagen. „So zogen wir durch das Land— eine jener Aus⸗ wanderungscolonien, wie man ſie jetzt noch ſo häufig findet, und die gewöhnlich ihrem Verderben entgegen rennen,— kamen nach Bremen, nachdem ſich unter⸗ wegs noch einige Perſonen unſerem Zuge angeſchloſſen hatten, und fanden auch bald ein Fahrzeng, auf dem wir uns einſchiffen konnten. Schon unterweges hatte ich das Geld ſchätzen und erkennen lernen, welchen un⸗ geheuren Werth es beſitzt, und wie es allein der ge⸗ waltige Rieſe iſt, der Groß und Klein, der Adel und Stand, der Fürſten wie Bettler zu zwingen im Stande iſt. Möglichſt wenig Geld ausgeben— ſparen, war 5 deßhalb mein Hauptprincip geworden, und da das Schiff keinen Ueberfluß an Mannſchaft hatte, erbot ich mich zu Matroſendienſten, und gelangte dadurch zu ei⸗ ner möglichſt billigen Ueberfahrt. „Sie ging überaus ſchnell und glücklich von Stat⸗ ten. Wind und Wellen waren uns freudig dienſtbar und gewogen, und kaum fünf Wochen ſpäter, nachdem wir Bremerhafen verlaſſen hatten, tauchten Amerikas Geſtade vor unſeren Blicken auf. „Wir wollten auf der Rhede von New⸗ York vor Anker gehen,— wollten uns hier ausſchiffen, hier uns trennen, und jede Partei in das Innere des Landes dringen, um ſeine Schätze aufzuſuchen uns ſeinen Bo⸗ den dienſtbar zu machen, ſeine Wälder zu ſchlagen, ſein Wild zu erlegen— mit einem Worte reich— reich zu werden, um jeden Preis. „Reichwerden war von je der Zweck der Aus⸗ wonderung, das gewöhnliche Streben der Bethörten, und Taufende liegen in Amerikas weiten Steppen begraben, die dieſe Sucht in das Elend gejagt ünd endlich im Jammer hat umkommen laſſen. Tauſende rennen auch noch heute dieſem Phantome nach, um aus dem großen Glückstopfe, der auf je hundert Nie⸗ ten kaum einen Gewinner enthält, das große Loos zu ziehen. „Mir war es beſchieden.— Doch ſollte ich es Ehce J. 5 ———————— S 66 nicht ſo leichten Kaufs erringen, als ich mir vorge⸗ ſtellt hatte. In Peutſchland circulirten die übertrie⸗ benſten Gerüchte über Amerikas Zuſtände, und ver⸗ leiteten eben ſo Viele, die mit dem Vaterlande unzu⸗ frieden waren, in der neuen Welt das unfehlbare Glück zu ſuchen. Reichthum war drüben unvermeid⸗ lich; Gold⸗ und Silberminen klafften dem Suchenden hinter jedem Zaune entgegen, und die Silberbarren konnte man aus dem Boden pflügen. So, und was des Unſinns mehr war, lirrten ſchurkiſche Agenten die armen Leute zur Auswanderung,— und führzen die Leichtgläubigen meiſt einem herben Geſchicke ent⸗ gegen.— „Was Wunder alſo, daß auch in meiner Phan⸗ taſie tanſend Luftſchlöſſer und himmelhohe Ideen ent⸗ ſtanden, die ſich allerdings faſt alle verwirklicht haben, doch auf andere Weiſe, als ich es damals hoffte und glanbte. „Der Capitän hatte unterwegs meine Kräfte ſchätzen und meine Geſchicklichkeit, die ſich leicht und ſchnell mit der ungewohnten Arbeit vertraut machte, achten gelernt, und hegte im Geheimen den Wunſch, mich auf ſeinem Schiffe zu behalten. Vielleicht war dieſes Mannes Abſicht, der das amerikaniſche Treiben beſſer kannte als ich— und um meine Pläne und 7 preſſen beſchloß:— damals aber raſite ich, verwünſchte ihn und ſein Schiff mit Mann und Maus, und hätte es nachher noch am liebſten in die Luft geſprengt, wenn ich mich nur unglücklicher Weiſe nicht ſelber mit an Bord befunden hätte. „Die Paſſagiere wurden ausgeſchifft, und den Ma⸗ troſen, zur Feier der ſchnellen und glücklichen Reiſe, ein feſtliches Gelage gewährt. Ich, als Gehülfe, wurde dazu eingeladen und durfte nicht eher vom Bord.— Die Luſſigkeit ward bald allgemein, der Grog floß in Strömen,— es wurden Hochs ausgebracht auf gute Brüderſchaft und Cameradſchaft, ohne daß ich in meinem aufgeregten Zuſtande ihre Bedeutung ahnte. Trunken, wie ich war, ward es den kräftigen Kerlen nachher leicht, mich zu überwältigen, und mich im tieſ⸗ ſten Raume gefeſſelt zu halten, bis das Schiff wieder auf hohe See gelangte.— Weder Hund noch Hahn hatten nach meinem Verbleiben gekrähet, ſo daß ich eben ſo gut im tiefſten Grunde des atlantiſchen Oceans ruhen konnte, wie ich jetzt auf den Planken dieſes Schifſes feſtge ſchmiedet ſaß und wuthentbrannt den Capitän und ſeine Mannſchaft zu allen Teufeln wünſchte. „So war ich denn auch Matroſe,— ma 5½ chte, gute Hoffnungen wußte, ſo ſchlecht nicht, als er mich zu — 68 Miene zum böſen Spiel,— lachte mit über den ge⸗ lungenen Ulk, wie die Kerle meine Preſſung nannten, — und war innerlich voll Grimm und Wuth und feſt entſchloſſen, bei erſter Gelegenheit zu entfliehen. Unſere Fahrt ging nach Süden, und nachdem wir wochenlang den klarſten blauen Himmel gehabt hatten, zeigten ſich jetzt eilende Wolken von drohendem Aus⸗ ſehen, die Künder eines nahen Sturmes. „Mit fürchterlicher Wuth rauſchte er heran. Haus⸗ hoch ſchleuderte er die Wellen in die Höhe, jagte ſie brüllend aus ihren innerſten Tiefen auf, und drohte Alles zu verſchlingen mit Mann und Maus. Keiner auf dem Schiffe erinnerte ſich eines ähnlichen Unwetters, aus dem glückliches Entrinnen unmöglich— Untergang in den brauſenden Wellen unvermeidliches Geſchick ſchien. Die Stimmung der Mannſchaft ward dadurch ſehr ge⸗ drückt, und nur ganz mechaniſch, wie ſinnlos und be⸗ täubt, thaten die Leute das Wenige, was ihnen der Ca⸗ pitän zur Rettung des Schiffes befahl. „Alle menſchliche Kraft war unvermögend gegen⸗ über dem furchtbar entfeſſelten Elemente; kein Steuer wirkte, die Segel riſſen in Fetzen und ſchlugen mit Raaen und Takelage in die Wellen; ein Maſt brach ſtrohhalmgleich vom Decke, und wrak— den Elementen — — preisgegeben,— trieben wir hilflos auf dem weiten Deeane. „Endlich legte ſich der Sturm. Unſer Schiff hatte ſich tapfer gehalten. Wir waren gerettet, machten wieder flott, ſo gut es gehen wollte, und hald zeigte ſich die Küſte von Meriko, wo wir anzulegen und den Schaden zu beſſern beſchloſſen. Hierbei, wo man mich mit an das Land nahm, um bei der Arbeit zu helfen, die mir wie einem gelernten Zimmermann von Statten ging, gelang es mir endlich zu entfliehen. „Planlos eilte ich in die Wüſte hinein, ſchlug muthig mein Leben in die Schanze und drang auf kaum betre⸗ tenen Indianerpfaden in den Urwald— nur das eine Ziel vor Augen: nicht wieder eingefangen zu werden. „Lieber dachte mir der Tod in den Steppen, als freier Mann— als zum Hohne der Mannſchaft auf das verhaßte Schiff zurückgeſchleppt zu werden, und ich eilte vorwärts mit Verzweiflungsmuth. „Schon glaubte ich mich gerettet, glaubte meine Ver⸗ folger hätten es aufgegeben, mich in den Urwäldern Me⸗ ricos zu jagen, und fing ſchon an, mich einer wohlthuen⸗ den Sicherheit hinzugeben,— als ich ihre Spuren hin⸗ ter mir bemerkte, und von Neuem raſtlos weiter eilen mußte, meinen Jägern zu entgehen. „Waldbeeren, im Fliehen genoſſen, waren während 70 dieſer Jagd meine einzige Speiſe. Meine Glieder wur⸗ den matt, die Füße wund und immer näher kamen meine Verfolger, die außer ihren Hunden auch Pferde bei ſich hatten, welche ihnen wenigſtens an manchen Stellen gute Dienſte leiſteten. „Näher und näher hörte ich ſie herankommen, wäh⸗ rend ich immer müder ward, und ſchon konnte ich auf die Minute berechnen, wann ich eingeholt ſein würde, da ſtieß ich im Fliehen an eine Baumwurzel, fiel nieder und war unfähig, mich mit zerſchlagenen Knieen weiter zu ſchleppen. „Das war ein Augenblick, mein Sohn, dem ich kei⸗ nen zweiten meines Lebens zur Seite ſtellen kann.— WMein Blut raſtte, ich brüllte faſt vor Wuth und konnte doch nicht vorwärts! Da wagte ich das Aeußerſte!— Mühſam kroch ich zur Seite, gerade in den Wald hinein, deſſen dickes Geſtrüpp mir nur, platt auf dem Boden liegend und ſo mich hindurch windend, den Durchgang verſtattete, wenn ich nicht den Verfolgern Spuren mei⸗ nes Verbleibens hinterlaſſen wollte. „Da fiel ich von Neuem, ſank in den Boden ein und mit einem lauten Aufſchrei in eine Grube nieder, die unter den Schlingpflanzen verborgen und einer Falle nicht unähnlich war. In dieſem Augenblicke verlor ich die Beſinnung und erwachte erſt wieder, als ich meine — Verfolger in der Nähe hörte. Deutlich konnte ich die Stimme des Steuermannes unterſcheiden, der zur Eile trieb und die Hunde anfenerte. Ich lag ſtill und rührte mich nicht, nur beſorgt, daß das kaute Klopfen meines Herzens den Verfolgern meine Nähe verrathen könnte. „Ho! Halloh! Vorwärts, ihr Jungen! Er kann nicht mehr weit ſein! Die Canaille hat zwar hölliſche Kräfte, aber ſie müſſen doch nun endlich zu Ende gehen. Vorwärts, hinter jener Ecke, denke ich, werden ihn die Hunde wohl beim Kragen kriegen! „In voller Eileſtob die Schaar vorüber, ohne mei⸗ nen Schlupfwinkel zu ahnen, und erſt als das letzte Geräuſch ihrer Schritte verklungen war, wagte ich mich endlich zu rühren, richtete mich empor und bemerkte nun, daß ich in den Eingang einer Höhle gefallen ſei, welche die Natur in einen jener Felſen gehauen hatte, an denen hier der Urwald reich war. Tauſende vielleicht waren hier ſchon vorübergegangen, ohne den verbor⸗ genen Eingang zu entdecken, in dem ich, wie in einer Falle, gefangen ward, und Niemand hatte wohl daran gedacht, hinter dieſen Schlinggewächſen einen Spalt zu ſuchen, der in das Innere der Erde führte. „Ich folgte dem Gange, nachdem ich das Geflecht der üppigen Vegetation ſorgfältig wieder hinter mir hergeſtellt hatte, und wenn die Höhle auch etwas dun⸗ kel, ſchmal und unregelmäßig war, fand ich doch in ihr einen ſicheren Schutz gegen die Späheraugen mei⸗ ner Verfolger. „Mehrere Tage lang lebte ich hier, und wagte es nur bei Nacht ſie zu verlaſſen, um Wurzeln und Beeren für Hunger und Durſt zu ſuchen. Am vierten Tage endlich kehrten die Verfolger auf demſelben Wege zurück und ritten fluchend an meinem Verſtecke vorüber, dem Schiffe zu. „Ich war gerettet. „Frohen Muthes ſtieg ich aus meiner Höhle hervor, räumte Pflanzen und Wurzeln von ihrem Eingange hin⸗ weg, um ſie, bevor ich weiter zöge, näher zu betrachten: — und nun kommt der zweite denkwürdige Augenblick meines Lebens. „Fieberhaft eilend verfolgte ich meinen Pfad weiter, hoffend, daß er mich in eine belebte Gegend leiten würde, und drei Tage ſpäter betrat ich die erſte amerikaniſche Stadt. „Dieſelbe war ziemlich belebt, und obgleich ſie mit unſeren europäiſchen Städten wenig gemein hatte, blüh⸗ ten doch Handel und Verkehr auf das Lebhafteſte, und die Einwohner, Engländer, Holländer, Spanier und Deutſche, ſchienen faſt alle in angenehmen Umſtänden zu ſein. Ich kehrte in einem Gaſthofe ein, deſſen Wirth ein Deutſcher 73 war und gab mich für einen verunglückten Landstann aus, der ich ja auch wirklich war— ſah mich fleißig in der Stadt nach Arbeit um, und blickte dabei überall, in allen Läden umher, bis ich endlich meinen Mann gefun⸗ den zu haben glaubte. „Ihm reichte ich ein Stückchen von dem graulichen Geſtein, welches ich in meiner Höhle gefunden hatte, und deſſen wahren Werth ich kaum ahnte,— doch nicht zu glauben wagte. Da ſah ich die Blicke des Kaufmannes funkeln,— und„das iſt Silber, reines Silber, wie man es ſelten findet,“ tönte es von ſeinen Lippen, für mich eine Muſik, beglückender, hoffnungsreicher, als alle Con⸗ certe der Welt zuſammen genommen. „Ich unterdrückte meinen Jubel und bot ihm die mitgebrachten Stücke zum Verkaufe an. Nachdem ſie gewogen worden, bezahlte er mir den Werth, bat mich, falls ich mehr davon hätte, mehr zu bringen, und beglei⸗ tete mich mit ſo vielen Segenswünſchen zur Thüre, daß ich daraus deutlich genug erkannte, er habe ein gutes Ge⸗ ſchäft gemacht. „Das geſtand mir die ehrliche Haut, mit der ich noch lange in Verbindung ſtand, auch ſpäter ſelber zu; denn „vom Geſchäfte lebt man“, ſagte er mir treuherzig, und ich bewilligte ihm gern die Procente, ſchaffte er mir do ſtets Geld, baares Geld und Gold für meine Erze. — 74 „Das iſt mein Geheimniß, mein Sohn. Die Höhle, welche mich auf ſo wunderbare Weiſe vor meinen Fein⸗ den und Verfolgern rettete, war der Eingang zu einem Silberſtollen, der unerſchöpflich ſchien und der heute noch viele Tauſende enthalten mag, wenn ihn nicht, wie ich fürchte, Andere gefunden und ausgebeutet haben. Zwei Jahre lang holte ich mit der größten Vorſicht Erze aus der Höhle, ſchaffte ſie mit Hülfe eines Saumthie⸗ res bei. Nacht weiter, und wechſelte ſie theils bei meinem alten Freunde, theils in Mexiko ſelber gegen Geld ein, um dem Alten nicht zu viel von meinem Reichthume zu verrathen.— Nach zwei Jahren glaubte ich genug zu haben des edlen Geldes, und außer meinen gemünzten Schätzen noch ein Saumthier mit Erzen beladen mit mir nehmend, beſtieg ich das erſte Schiff und verließ Mexiko ſo heimlich, wie ich es betreten hatte. „Unſer Fahrzeug ſegelte nach New⸗York. Hier ſchiffte ich meine angſtvoll gehüteten Schätze aus, überlieferte ſie einem Banquier gegen Wechſel auf die engliſche Bank und ging nun, mit Millionen beladen, wiederum zu Schiffe, um in der Heimat mir das Glück zu gründen, von dem der arme Schäferſohn in ſeiner Jugend hoff⸗ nungslos geträumt hatte. „Unſere Fahrt war glücklich. Wohlbehalten, der ſchönſten Hoffnungen voll, erreichten wir an einem ſchö⸗ — — 75 nen Herbſttage den Canal— einen Tag vielleicht nur noch, und wir lagen in der Themſe vor Anker. „Ahnungslos und ohne Beſorgniß ſahen wir es mit der ſinkenden Sonne etwas ſtürmiſch werden— denn die lange glückliche Reiſe hatte uns Alle ſicher gemacht, und auch ich ließ mich, der angenehmſten Empfindungen voll, in meiner Hängematte ſauft in den Schlummer wiegen. „Ein furchtbares Krachen, Donnern und Splittern erweckten mich!— Da hörte ich den Sturm brauſen und die Wellen toben, hörte das Angſtgeſchrei der Leute und ſinnlos faſt ſtürzie ich hinauf.— Da plötzlich ein neuer Stoß, ein neues Krachen.— Die Maſten knick⸗ ten wie Strohhalme von der Decke und ich fühlte die Planken unter mir weichen. Das traurigſte Schickſal, den ſchmählichſten Tod vor Augen, ſprang ich, vom In⸗ ſtinete der Selbſterhaltung getrieben, in die brauſenden Wogen. Ohnmächtig kämpfte ich eine Weile gegen das empörte Element— dann verlor ich die Beſinnung. „Als ich ſie endlich am andern Morgen wieder fand, lag ich zerſchlagen und hart getroffen am Strande, als der e nzige Gerettete von mehr als hundert Perſonen, die alle die Wellen verſchlungen haben mußten. Leichen und Trümmer des Schiffes, Kiſten und Tonnen wurden in Maſſen an das Land geſchwemmt und von deß Strandanwohnern geſ ammelt. Man hatte mir einen al⸗ † ten Schifferanzug geliehen, und in dieſem rannte ich ver⸗ zweiflungsvoll am Strande auf und nieder, nach einem einzigen kleinen Kiſtchen ſuchend, ob es die Wellen nicht an das Land bringen wollten. „Drei Tage und drei Nächte bewachte ich den Strand, noch immer auf das Kiſtchen hoffend— doch Alles umſonſt! Die See war längſt beruhigt und kein Split⸗ ter ward mehr angeſchwemmt, mein Kiſtchen war ver⸗ loren und mit ihm meine Wechſel, meine ſauer erwor⸗ benen Millionen. „Joachim, was ich in dieſen Tagen gelitten habe, das beſchreiben keine Worte, das ſchildert die lebendigſte Feder nicht. Von Neuem aus dem Schooße des Glückes herausgeſchlendert, geſtern noch Millionär und heute wieder Bettler, ärmer und elender als damals, wo ich die Heimat verließ! Mein Zuſtand grenzte an Wahnſinn! „Aus den aufgefiſchten Gegenſtänden, die manches Werthvolle enthielten, ward mir eine kleine Summe zu⸗ gewieſen— und„Klagen nutzt nichts!“ rief ich endlich mit verzweifelter Ergebung, ſchüttelte trotzig das Haar in den Nacken und ging mit dem nächſten Schiffe wie⸗ derum nach Amerika. „Obgleich ich mir in England meinen Schiffbruch und den Verluſt aller meiner Habe von der Behörde hatte beſcheinigen laſſen, erkannte doch das New⸗Yorker 77 7. Haus meine Forderung nicht an, weil mir die Papiere fehlten. Es hatte durch mein Unglück Millionen gewon⸗ nen— und ich ging, da Klagen nicht helfen konnten, mir von Neuem Millionen zu ſchaffen. „Zwei weitere Jahre arbeitete ich mit derſelben Vor⸗ ſicht und demſelben Glücke— dann kehrte ich auf dem nämlichen Wege nach New⸗York und nach Europa zu⸗ rück, mit Wechſeln auf die engliſche Bank verſehen, welche ich diesmal in einem Ledertäſchchen auf der Bruſt trug. „Wir langten glücklich und wohlbehalten in London an, wo ich mein Vermögen erhob und mit Reichthum be⸗ laden nach meiner Heimat zurückkehrte. Hier kaufte ich mir Brandshof und das Weitere kennſt Du ja. „Da ich wohl einſah, daß ich als des alten Schäfers Brand Sohn ſelbſt mit meinem Gelde den Stolz unſerer Nachbarn nicht beugen und ſie nicht zwingen würde, mich als einen der Ihrigen in ihrem Kreiſe aufzu⸗ nehmen, ſo kaufte ich mir den Adel, heiratete Deine Mutter, deren gräfliche Geburt mich wieder um eine Stufe höher hob und vor Allem meinen Kindern zu ute kommen mußte— und bin glücklich geworden mit ihr, glücklicher als tauſend Ehen, die im Honig⸗ ſeime der heißeſten Liebe ſich zuſammengefunden haben, ——— 78 * um nach den Flitterwochen um ſo unglücklicher zu werden.“ Herr von Brandach ſchwieg. Das lange Reden und die wechſelnden Erinnerungen hatten ihn angegriffen und er blickte gedankenvoll vor ſich nieder. „Und welche Lehre ſoll ich aus dieſer Geſchichte ziehen, mein Vater?“ frug Joachim endlich. „Welche Lehre? Ja— höre, mein Sohn! Was ich erſtrebte, iſt mir gelungen. Unſere Familie ſteht ihres Reichthumes wegen geachtet da— aber unſere Ehre liegt nur in unſerem Gelde und ich möchte ſie doppelt geſichert ſehen. Indem ich Deine Mutter heiratete, that ich den erſten Schritt dazu, und Du, mein Sohn, ſollſt den zweiten thun.“ „Mein Vater— ich— Du beabſichtigſt eine Con⸗ venienzheirat für mich?— Das iſt doch wohl nicht nö⸗ thig. Nein, das kann nicht Dein Ernſt ſein.“ „Und doch, Ioachim! Widerſprich mir nur dies⸗ mal nicht und erfülle dieſen meinen Wunſch, der auch zugleich der Deiner Mutter iſt— wie wir ſtets bereit ſind, alle Deine Wünſche zu erfüllen. Du ſollſt glücklich werden, Du wirſt es auch werden, denn Anna von Har⸗ der iſt ein liebes Mädchen, die Dir eine gute Frau und uns eine theure Tochter werden wird.“ „Anna von Harder? Im Ernſt, mein Vater?“ „Im Ernſt, Joachim— Anna von Harder ſoll Deine Frau werden. Wirſt D Du meinen Wunſch erfül⸗ len?— Dein Vater bittet D Dich darum um der hre und des Beſtandes unſeres Ha uſt willen.“ „Ich Reö es mein Vater, um der Ehre und des feſteren B Beſtandes unſeres Hauſes willen, und weil ich Anna, meine gen ſchätze und liebe. Mit ihr darf ich eben ſo glücklich zu werden hoffen, wie Du es mit meiner Mutter geworden biſt.“ „Das gebe Gott, der Dich ſegnen möge, mein Sohn!— 3 werde noch heute nach Harders sberg fah⸗ ren— Du aber gehe jetzt und ſage Mutter guten Morgen.“ Sechſtes Capitel. Gefunden und verloren. Wer von den freundlichen Leſern hätte, wenn er auch noch nicht ſelber es beſuchte, nicht ſchon von dem Harzgebirge gehört, das, im Herzen Deutſchlands gelegen, mit ſeinen Bergen und Thälern und mit ſei⸗ nem ſagenreichen Brocken eine der ſchönſten Zierden desſelben iſt? Seine vielen romantiſchen, meiſt nahe bei einan⸗ der gelegenen Hauptpunkte machen den Harz zu einem häufig beſuchten Reiſeziele, und Jeder, wer in ſeinem Bereiche weilte, wer die friſche freie Luft ſeiner Berge athmete, den Reiz ſeiner wundervollen Thäler empfand, kehrt erquickt, erheitert und geſtärkt aus demſelben zu⸗ rück— Bewunderung voll über ſeine reichen Schön⸗ heitsſchätze. Wer einmal den zauberiſchen Reiz des Selke⸗ thales mit ſeinem Alexisbade auf ſich wirken ließ; wer einmal von der Victors⸗Höhe des Ramberges die Ge⸗ voll ſeligen Entzückens über die 5 gend überſchaute; von dem kühn hervorſpringenden He⸗ Leutanzplatze hinab blickte in die mit ewiger Wildheit raſende Bode, und hinüber auf den ſtolzen Roſttrapp⸗ kegel; wer einmal, auf der Teufelsbrücke ſtehend, unter ſich die wilde Bode hörte und in den ſchwarzen Schlund des Hexenkeſſels ſchaute, in dem es ewig kocht und ziſcht und tobt und giſcht, wie von geſchäftigen Geiſterhänden genährt und gepeitſcht; wer endlich einmal von dem Gipfel des zerriſſenen Blocksberges aus bei ſchönem Wetter das Brocken⸗Panorama ſah;— der wird für immer in ſeinem Herzen dem Harzgebirge eine dankbar freundliche Erinnerung bewahren, und in ſpäten Jah⸗ ren noch wird er an dasſelbe zurückdenken, mit jenem Gemiſch von Freude und Weh, das uns jedesmal be⸗ ſchleicht, wenn ein Bild vergangener Tage vor unſerer Seele auftaucht, das uns lieb und thener geweſen, und das wir doch ſo bald verlaſſen mußten. Schön und genußreich iſt eine Harzreiſe, das ha⸗ ben bisher noch alle Beſucher dieſes Gebirges freudig erklärt, und auch unſer Freund Hans von Harder war errliche Reiſe, die er durch dasſelbe gemacht hatte. Er hatte früher nie Berge, wie viel weniger ein Gebirge geſehen, deßhalb folgte er dem Rathe eines Bekannten und ging, ſtatt tiefer nach dem Süden, wie Ehre. I. 6 ———— 82 er es erſt gewollt, in das näher gelegene Harzgebirge, deſſen Schönheiten er mit aller Muße koſtete. Am Aus⸗ oder auch am Eingange des Gebirges liegt das reizende Städtchen Ballenſtädt, das mit ſeinem ſtolzen Schloſſe eine Zierde des Bernburger Herzog⸗ thums iſt. Seine freundliche Lage an der Grenze des Ge⸗ birges, umgeben von einem Kranze herrlicher Obſtgär⸗ ten, ſo wie das Angenehme ſeines Aeußeren, die ſchöne und berühmte Lindenallee, die zum Schloſſe empor führt, und vor Allem der Umſtand, daß man von hier aus die meiſten und ſchönſten Touren des Unterharzes in einer Tagespartie unternehmen kann, haben es zu einem Lieblingsaufenthalte und zur gewöhnlichen Station der Reiſenden gemacht. Auch Hans von Harder kehrte vom Oberharze wieder nach Ballenſtädt zurück, um in dem reizenden Städtchen den Reſt ſeiner Ferien zu verleben, und die bedeutendſten Partien des Unterharzes von hier aus noch einmal zu beſuchen. h⸗ Er hatte— die genußreichſte doch auch mü ſamſte Weiſe wählend,— faſt die ganze Gebirgstour zu Fuße gemacht. Die ungewohnten Anſtrengungen hatten ihn ſchwer erſchöpft, und ſo ſehr auch heute die Sonne lockte, ſo gerne er auch ihrem Rufe gefolgt 4 83 und hinausgeeilt wäre, den Falkenſtein noch einmal zu beſuchen, deſſen ſtolzes, wohlerhaltenes Schloß mit den mancherlei Alterthümern ihn vor Allem intereſſirte,— konnte er doch heute ſeinen Füßen dieſe Anſtrengung nicht mehr zumuthen und mußte ſich entſchließen, den ſchönen Tag in Ballenſtädt zu verleben. Es war Nachmittag. Die glühenden Sonnenſtrah⸗ len begannen bereits an ihrer Macht zu verlieren, das freundlichſte Wetter lockte hinaus— und Hans prome⸗ nirte langſam die Lindenallee hinauf, dem Schloſſe zu. Er ſchaute von der Terraſſe hinaus auf das Gebirge, grüße mit freundlichem Blicke den alten Freund Brocken, deſſen ehrwürdiges Haupt in leichte Wölkchen ſich kleidete, und ging dann in den Schloßgarten. Hier war es kühl und ſchattig. Die weiten Gänge waren einſam und ſtill, und während Hans langſam in denſelben umherſchlenderte, flogen ſeine Gedanken rück⸗ wärts, auf die jüngſten Reiſeerlebniſſe, rückwärts auf ſeinen Aufenthalt in der Refidenz und im Cadetenhauſe,&. das ihn in wenig Tagen ſchon— Hans ſchauderte— in ſeine liebenden Arme zurückwinkte;— zurück auch nach der Heimat zu den Eltern, zu ſeiner Jugend⸗ und Kinderzeit mit ihren freundlichen Geſtalten. Es waren meiſt Alles heitere, ſonnige Erinnerun⸗ gen, die vor ihm auftauchten— und inniger Liebe voll, 6* flogen ſeine Gedanken zu den geliebten Eltern hin, in den traulich ſchönen Kreis— von deſſen geheimen Sor⸗ gen und Kümmerniſſen das kindliche Herz nicht einmal eine Ahnung hatte.. Nie hatte ihm der Vater, wie er es wohl der Mutter und Tochter gegenüber that, von den⸗Calami⸗ täten geſprochen, die ſein Haus bedrohten. Nie hatte er ſeinem Sohne, der feſt und ſicher und ſtolz,— wie es einem Freiherrn von Harder gebührt, der auf ſich und ſeine Ehre hält,— nicht aber gedrückt und beängſtigt auftreten ſollte, ahnen laſſen, daß über dem Hanſe von Harder nicht immer der Stern des Glückes lächle. Ein Weib trägt das eher, ſagte der alte Freiherr oft;— Hans aber ſoll, wenn es denn doch ſein ſoll, nicht eher etwas erfahren, bis er ein Mann iſt, kräftig und ſtark genug, um mit Mannesmuth das Unabän⸗ derliche zu tragen. Vielleicht auch ſchwebte dem beſorgten Vater der Gedanke vor, daß es ihm doch noch gelingen könne, alle die ſchwarzen Schatten zu verjagen, die ſein Schloß umſchwebten und um ſein Wappenſchild ſich ſchmiegten; vielleicht konnte es ihm doch noch gelingen, alle die Ge⸗ fahren abzuwenden, die ſeinem Hauſe drohten:— und dann ſollte Hans nie davon erfahren,— damit ſein Glaube an das Haus von Harder und an die Ehre und den Ruhm ſeines Geſchlechtes nicht wankend werde. Der Freiherr dachte nur an das Haus, an den Ruhm und die Ehre des Geſchlechtes;— ſie galten ihm Alles, und wie er bereit war Blut und Leben für dasſelbe einzuſetzen, ſo verlangte er auch dieſes von Jedem der Seinigen— ohne, in ſeinem Standes⸗Egois⸗ mus befangen, die einzelne Perſon mit ihren Wünſchen und Hoffnungen zu berückſichtigen. Während er ſorgte und mit Frau und Tochter manchs bange Stunde verlebte, ſaß Hans ahnungslos in einer Laube des Schloßgartens zu Ballenſtädt, die dicht am Schwanenteiche gelegen war, und ſeine Seele beſchäftigte ſich mit den angenehmſten Bildern aus Hei⸗ mat und Jugendzeit. Doch nicht der Vergangenheit allein, auch der Zu⸗ kunft gedachte Hans. Nur ein Jahr noch und er konnte die verhaßte Cadetenſchule verlaſſen!— Wie würden ſich die Eltern freuen, wenn er dann mit den blitzenden Epaulettes auf den Achſeln als ſtolzer Officier zum erſten Male bei ihnen zum Beſuch kommen würde. Wie würden Mutter und Schweſter Anna ach⸗ tungsvoll auf den ſtattlichen jungen Mann blicken, der nun ſelbſtſtändig in der Welt ſtand, ein Officier des ————— Königs— einer von denen, deren Muthe die ganze Welt— undealle Frauenherzen gehören. Ja die Welt!— dann endlich trat er in die Welt, deren Genüſſe er bis jetzt kaum in einzelnen Tropfen hatte koſten können; dann trat er in das ereignißreiche Leben der Hauptſtadt und konnte genießen, wie und wie viel er Luſt hatte,— mit vollen Zügen, ganz ohne géne— und unbeengt vom Drucke des Cadetenhauſes, unbeläſtigt von den langweiligen und unausſtehlichen Salbadereien der Profeſſoren und Lehrer mit ihren 6 loſen Arbeiten. Dann— ja dann— dann war er ein Mann— und mit ſeinen Freunden Brandach— Rauberg, San⸗ dow vereint, konnte er nach Herzeoluſt die Opern und Ballette frequentiren, die Göttinnen der Bühnen careſ⸗ ſiren— pouſſiren— dann— ja dann! Es waren gar freundliche Aphorismen, die Hans von Harder im Spiegel der Zukunft ſchaute, und ge⸗ ſchäftig erbaute ſich die Phantaſie lieblichſte Luftſchlöſſer, während ſein Auge bald an dem ſtolzen Schloſſe hing, bald dem Spiele und majeſtätiſchen Treiben der Schwäne zuſah— und er fühlte ſich nichts weniger als angenehm berührt, als er in der Nähe Schritte hörte. Ein leichter Damenfuß ſchwebte faſt geräuſchlos ber den feinen Kies, und als Hans ihn vernahm und überraſcht aufblickte, ſtand die Dame bereits vor ihm, — eben ſo ſehr erſchrocken und mit glühendem Roth übergoſſen, wie er ſelber. „Mein Herr— entſchuldigen Sie—“ ſtammelte ſie verwirrt,—„ich glaubte nicht,— konnte nicht ahnen.“ „Bitte, mein Fräulein, verzeihen Sie es einem Frem⸗ den, wenn er unbewußt Ihren Platz einnahm;— ich werde Ihnen nicht länger beſchwerlich fallen,“ erwiderte Haus ſchnell gefaßt, ergriff ſeinen Hut und wollte gehen. „Aber nein, nein,“ rief ſie dagegen eifrig,„laſſen Sie ſich nicht ſtören, und ich bitte nur, mein eiliges, un⸗ bedachtes Eintreten zu entſchuldigen, das ſie wohl er⸗ ſchreckt hat, in dem tiefen Frieden dieſes ſchönen Ortes. Bleiben Sie, es iſt hier der ſchönſte Platz im Parke, und wenn er auch mein Lieblingsplatz iſt, darf und ſoll doch das Niemandem den Genuß entziehen, ihn ebenfalls zu benützen. Sie ſind fremd— ein Reiſen⸗ der, wie ich ſehe,— bleiben Sie, mein Herr, der Platz bietet Raum für mehr als Zwei.“ Sie hatte das Alles fieberhaft ſchnell geſprochen, noch immer von fliegender Röthe übergoſſen;— jetzt ſetzte ſie ſich auf der einen Seite der halbmondförmi⸗ gen Bank nieder und nöthigte Hans, auf der anderen Seite wieder Platz zu nehmen. — Hans blieb gern und war mit dem reizenden Mädchen bald in lebhafter Unterhaltung. Eugenie— ſo nannte ſie ſich ihm ſpäter— hatte bald alle Befangenheit verloren, plauderte luſtig von dem Harze und alb den Partien, die ſie mit ih⸗ rer Tante beſucht hätte— und vergaß dabei gänz⸗ lich, daß ſie Arbeitszeug in der Hand hielt, an dem ſie gewiß recht fleißig hatte ſein wollen. Sie hörte mit dem kieblichſten Lächeln Hans' Schilderungen ſeiner kleinen Abentener zu; mit Schaudern, daß er ſich auf dem Falkenſteine verirrt und erſt nach langem Suchen und Irregehen wieder zurecht gefunden habe, und wollte ſich todt lachen bei ſeiner Schilderung, wie er auf dem Rücken des Brockens ſich vergeblich abgemühet hätte, die bleichen Nebelge⸗ ſtalten feſtzuhalten, welche wie Rieſengeſpenſter pfeil⸗ ſchnell vor dem Winde hereilten. „So oft ich auch zugriff,“ erzählte er lebhaft, „und ſicher glaubte jetzt Wolkenkönigs Töchterlein ganz beſtimmt in meinen liebenden Armen zu halten, immer griff ich in die leere Luft und die neckiſche Wolke war bereits wer weiß wie weit davongerannt.“ „Das iſt reizend,“ jubelte Eugenie,„wie Sie das luſtig darzuſtellen wiſſen!— Doch hörten Sie dann 89 nicht nachher dupirt auch das ſchelmiſche Lächeln der enteilenden Jungfrau?“ „Ach ja“— klagte Hans auf die komiſchſte Weiſe, ausgelacht haben ſie mich bis jetzt noch alle die ſchönen Jungfrauen, und ſo oft ich auch eine feſt⸗ zuhalten und an mein lieb ndes Herz zu ziehen mich bemühte; ſtets griff ich nur in die leere Luft— in der ich mir Schlöſſer bauen könnte, ſo viel ich wollte, ohne jemals nur eines dgvon verwirklicht zu ſehen.“ Eugenie lachte. Ihre dunkeln Angen blitzten ſchel⸗ miſch zu ihm herüber, und mit eben ſo viel komiſchem Bedauerß als tiefgefühltem Mitleid in der glockenrei⸗ nen Stimme frug fie: „Haben Sie wirklich ſchon ſo viele und ſo trau⸗ rige Erfahrungen gemacht?“ „Ach ja, recht traurige,“ ſeufzte Hans dagegen. „Ach Gott!— Ich beklage Sie von Herzen, und—“ „Will verſuchen, gut zu machen, was Andere verbrachen.— Wollten Sie das ſagen, mein Fräu⸗ len?— dann machen Sie mich zum Glücklichſten der Sterblichen!“ „Luft, Luft!“— rief Eugenie neckend und griff mit beiden Händen taſtend um ſich— dann plötlich 3 90 mit drolligem Ernſte:„O Gott, es war wieder Luft, nichts als Luft.“ Sie war wunderſchön, als ſie das ſagte, und dabei hochaufgerichtet vor dem entzückten Haus ſtand. Ihre Züge waren von liebenswürdigſter Schalkheit belebt, und obgleich nicht regelmäßig ſchön, ma hte doch die natürliche Lebhaftigkeit, verbunden mit den wundervollen ſchwarzen Augen, aus denen eben ſo viel Geiſt als Schalkheit leuchteten, ſie ſo intereſſant, daß Hans in ſeinem Herzen die neckiſche Nachbarin für die größte Schönheit erklärte, die er jemals geſehen habe. Ueberraſcht von ihrer eigenen Wildheit, ſchüttelte Eugenie die dunkeln Locken zurück, ſetzte ſich nieder und griff von Neuem nach der vernachläſſigten Hand⸗ arbeit, die ſich überhaupt ihres Beifalls nicht allzuſehr zu erfreuen ſchien. Hans aber war entzückt. Sein Herz, das ſo lange ruhig und unbewegt geſchlagen hatte, pochte leb⸗ haft erregt und drohte zu zerſpringen, und obgleich er ſich durch ihre ſchelmiſche Luft⸗Antwort nicht gerade geſchmeichelt zu fühlen branchte, lag er im Geiſte doch anbetend zu den Füßen ſeiner Nachbarin. Sie ſah ſo verführeriſch aus, trotzdem ſie die ſchönen Angen feſt auf ihre Arbeit richtete, und dieſe 5² unterbrechend, ergriff er eine der zarten Hände, treu⸗ herzig fragend, ob ſie böſe ſei. „Böſe?“ frug ſie erſtaunt wieder und blitzte ihn mit den dunkeln Sonnen an,„weßhalb böſe?“ Statt der Antwort drückte Hans ihre Hand an ſeine Lippen und küßte die kleinen Finger ſo zärtlich und heiß, daß ſie ihn mit nadelbewaffneter Hand zum Rückzuge zwingen mußte, ſchmollend aufſtand und— doch zugleich wieder neckte: „Gehen Sie doch nach dem Brocken— mein Herr, ich bin nicht des Wolkenkönigs Töchterlein.“ „Abet die ſchönſte Tochter der Erde, die ich lieben und anbeten muß.“. „Na,— bttte, ſeien Sie jetzt ernſthaft, wenn wir noch länger neben einander bleiben wollen. Die Sonne finkt eben hinab, und das iſt die ſchönſte Zeit des Schauens im Parke“— unterbrach ſie ihn ſo ernſt und feſt, daß Hans kein Wort mehr wagte, ſon⸗ dern nur mit bewundernden Blicken die ſchöne Geſtalt ſeiner Nachbarin verſchlang. Sie ſprächen noch viel und mancherlei von meiſt gleichgiltigen Dingen,— dann gingen ſie nach Hauſe, und Hans durfte Eugenie bis an den Ausgang des Gartens begleiten. Mitt leichtem Gruße verſchwand ſie— und hing zur Taute Branken, ihrer ehrwürdigen, ſtrengen und nicht allzuvielgeliebten Erzieherin. Sie mußte Vorwürfe hören über ihr langes Aus⸗ bleiben, allein während ſie ſich hemühte zu ihrer Ent⸗ ſchuldigung der Tante die Reize des Abends zu ſchil⸗ dern,— waren ihre Gedanken doch immer bei dem ſchönen ZJünglinge, der einen Eindruck auf ſie gemacht hatte, wie noch nie ein junger Mann. Den ganzen Abend ſah ſie ihn vor ſich in dem hellen Reiſekleide, mit dem freien offenen Geſicht, in dem ſich Milch und Blut vermälten, der ſauft gebo⸗ genen Naſe, über der ein paar Augen heiter und luſtig in die Welt ſchauten— und den friſchen rothen Lippen die, wie ſie ſelber ſich erröthend und ganz heimlich nur geſtand,— zum Küſſen einluden. So ſah ſie ihn vor ſich während des ganzen Abends, und konnte ſein Bild nicht verſcheuchen;— und ſelbſt zur Ruhe begleitete ſie dasſelbe und gau⸗ kelte ihr im Traume die lieblichſten Bilder vor: Wolkenkönigs Töchterlein war ſie. Leicht, wie eine Gazelle flog ſie dahin, Alle neckend, die ihr na⸗ hen wollten,— bis er kam und die Arme nach ihr ausſtreckte— und diesmal griff er nicht in die Luft!— In ſeinen Armen hielt er das reizende Wol⸗ 93 kenkind und erſtickte ſie faſt mit ſeinen Küſſen voll Hans ſtand noch lange am Ausgange des Schloß⸗ gartens und blickte dem lieblichen Weſen nach, das ſeiht wie ein Elfenkind dahin ſchl Sein S ſchwl an voll Sehnſucht und Entzücken;— ſie war es, ſie war ſein Ideal, ſie liebte er, und wür de er ewig lieben müſſen! Aufgeregt, einen Vulkan in der Bruſt, der jeden Augenblick zu explodiren drohte, lief er noch ſtundenlang umher, nicht achtend ſeiner Müdigkeit und te vorgerück⸗ ten Abends. In ſeinem Herzen war heller Sonnenſchein und herrlicher Frühlingstag. Da blühte und ſproßte e an allen Orten und in allen Farben der Liebe und des Glücks, da ſchlugen die Nachtigallen und jubilirten die Lerchen!— Hans liebte. „Aber liebt ſie denn auch Dich?“ frug er laut hin⸗ aus in die ſtille Nacht. Eine neue Fluth der Bewegung erwachte in ſeiner Bruſt— und halb Angſt, halb Ent⸗ zücken, trieb es ihn von dannen wie Wahnſinn. Ja, ja, ſie mußte ihn lieben! Dieſe Angen konnten nicht trügen, dieſe i ſo rein und klar ſie konnten nicht täuſchen— und was ſie verſprachen, das mußte wahr ſein und bleiben alle Ewigkeit. Die Nochtigall ſchlug ganz in ſeiner Nähe. Ein „ 94 neuer Strom der Empfindungen! Oben funkekten Millio⸗ nen Sterne, die Vateraugen eines liebenden Gottes— und kindlich treu, mit unverdorbenem Gemüthe ſank Hans zu Boden nieder und betete flehentlich: „Gib mir ihre Liebe, ich will ſie hegen, als mein herrlichſtes Kleinod. Gib mir ihre Liebe, mein Vater, und mir die Kraft gut zu bleiben, auf daß ſie glücklich werde!“ Die Nachtigall ſchlug ſo ſeelenvoll, ihre Töne klan⸗ gen wie jubilirend,— glückverkündend— und heiteren Sinnes ging Hans nach ſeinem Hotel, wo man ihn faſt ſchon gar nicht mehr erwartet hatte. Schon früh am andern Morgen war er wieder im Garten und träumte auf dem Platze, wo ſie ihm gegen⸗ übergefeſſen hatte. Alle ſeine Gedanken waren bei ihr; er ſah nur ſie— dachte nur an ſie— und als er endlich zurückkehrte, da eilte er mit ſeinem Diner, um nur wie⸗ der nach dem Garten zu kommen, wo er geiſtig ihr am nächſten war. Und endlich kam der Abend. Die Sonne ſenkte ſich, und Hans ſaß noch immer auf ſeinem Platze, als wieder⸗ um der leichte Schritt ertönte und— gleich darauf Eugenie vor ihm ſtand. „Ich wußte es wohl, daß ich Sie wieder hier finden würde,“ſagte ſie, im Lächeln hold erröthend, und dieſes 95 eine Wort ward der Verräther, ward der Schlüſſel zu den Herzen, der ſie für einander öffnete, und die Fülle von Seligkeit und Glück— die Fülle an Liebe offen⸗ barte, die darin verborgen lag. Wir überlaſſen es der Phantaſie des Leſers ſich die Stunden auszumalen, die unſern Liebenden kaum Augenblicke dünkten. Es waren einige glückliche Stunden zarteſter erſter Liebe, die ſie mit einander verlebten, ohne Störung,— Arm in Arm zwei Glückliche. Und als der Augenblick des Abſchieds kam, da ſchie⸗ den ſie von einander mit heißem Kuſſe, und als er ſie wieder bis zum Ausgange des Parkes begleitete, ver⸗ ſprachen ſie einander, auch morgen zu kommen, auchmor⸗ gen mit einander glücklich zu ſein und ſich zu erzählen von ihrer Liebe, dieſem größten, unergründlichſten und unerſchöpfbaren Schatze des höchſten Glückes— reinſter Seligkeit. Und wiederum kam der Abend und Hans ſaß war⸗ tend da und horchte ſehnſuchtsvoll auf den ſchwebenden Schritt ſine Engel— und vernahm ihn noch immer nht. Die Sonne ſank tiefer und tiefer, die Schatten wurden länger— die Sterne funkelten am Firmamente— Hans ſaß noch immer da und wartete und hoffte— Eugenie kam nicht. Verzweiflung im Herzen, beladen mit dem troſtlo⸗ ſen erſten Schmerze erſter. Liebe, ging er endlich in der Nacht nach Hauſe, um am anderen Tage wiederum zu hoffen. Wiederum ſank die Sonne und gingen die Sterne über dem Parke auf, ihr mildes Licht im Schwanenteiche ſpiegelnd;— wiederum ſaß Hans mit ſehnendem Her⸗ zen und harrte und hoffte der Geliebten entgegen.— Eugenie kam nicht, und Hans lag wie leblos an dem theuren Orte,— den Tod im Herzen. Fünf Tage noch war er an jedem Abende an ſeinem Platze, fünf Tage trug er dieſe unendliche Qual der Sehnſucht, die ſeinen Muth zerbrach und ſeine Wangen bleichte,— dann mußte er fort, fort, verzweiflungsvoll wie ein Verbrecher,— ohne ſie geſehen, ohne eine Spur von ihr entdeckt zu haben, ja ohne nur etwas Anderes von ihr zu wiſſen, als daß ſie Eugenie hieß und ſchön war wie ein Engel. el — —— Siebentes Capitel. Die Ehre des Hauſes. Wie reich an Stimmungen iſt das menſchliche Leben! Freude und Schmerz, Kummer und Glick, tiefſte Trauer und höchſtes Entzücken— wie viel davon wohnt auf einer Quadratmeile oft friedlich bei einander! Tau⸗ ſende ſchreiten hindurch, blicken links und rechts und ſehen nichts von Allem, und doch trägt jeder Einzelne ſchwer an ſeinem Kreuze— und wenn Alles ſtill iſt und ringsum nur die Nacht herrſcht, dieſe Freundin der Be⸗ drängten, dieſe Vertraute aller Kümmerniſſe und Sör⸗ gen, welche liebevoll mit ihrem Schleier die Thränen verbirgt, die der Unglückliche weint und theilnahmsvoll die Angſtrufe in ſich aufnimmt, die ſein Herz erleichtern und ihm für Augenblicke wenigſtens einen Frieden be⸗ reiten, deſſen. wohlthuenden Segen nur der Beladene recht zu ſchätzen weiß. Ehre. J. 7 — „ Aber bald, nur zu bald ſchwindet er von Neuem hin, der ſegensreiche Engel— ein Wort, eine Erin⸗ nerung vielleicht hat ihn verſchencht— und wiederum brauſen die Stürme, toben die Wellen, raſ't die Bran⸗ dung um das wunde Herz— und drohen es mit verein⸗ ten Kräften zu zerſchellen. Der Morgen graute knum, der ſchöne Sommer⸗ morgen. Die erſten Strahlen der erwachenden Sonne vergoldeten nur leicht erſt die Gipfel der Bäume. Alles ruhte noch in der Natur und doch war es in dem Zim⸗ mer des Freiherrn von Harder ſchon lebendig.— Seine gebengte Figur mit dem ehrwürdigen Haupte, das im⸗ mer mehr zum Silbergrau ſich neigte, ſaß bereits vor dem alterthümlichen Schreibtiſche und blickte mit trübem Auge auf die vor ihm liegenden Schriften.. Da liegt ein Brief ſeines Sohnes, den er eben erſt erbrochen und geleſen hat, und der neben Wünſchen zu dem heutigen Tage, kindlich heitere Plaudereien ent⸗ hält, wie ſie nur die ſorgloſe Jugend kennt und an der jugendliche Herzen ſtets ſo reich ſind. Hans war in ſei⸗ ner Reiſe auf der Roßtrappe angekommen, und im Gaſt⸗ hauſe da oben war ſein Brief geſchrieben, der, ſo heiter, ſo freudig geſtimmt, wohl im Stande geweſen wäre, das Herz eines Vaters zu erfreuen. Und doch keinen freundlichen Blick!— Dieſer S 736 AA 99 Mann ſieht den Brief ſeines Kindes gar nicht— was fehlt dieſem Manne, der inmitten der Luſt und des Glückes ſo unglücklich darein ſchaut? Drüben liegen ſein Weib und ſeine Tochter noch im ſanften Schlummer. Ein Stündchen noch und ſie treten herein, ihm ihres Herzens heiligſte Wünſche darzulegen, ihn mit dem Gruße der Liebe zu erfrenen. Was fehlt dieſem Manne, daß er ſo trübe blickt an ſeinem Ehrentage, daß er nicht glücklich iſt, inmitten des Glückes, daß ſein Herz kummer⸗ und ſorgenvoll der nächſten Stunde entgegenſchlägt? Was treibt dieſer Mann, das ſeine Aufmerkſam⸗ keit ſo feſſelt, und wo weilen ſeine Gedanken, daß er nicht ſeiner Lieben, nicht ſeines fernen Sohnes gedenkt? Sein Auge ruht auf dieſen Büchern, deren Titel mit dem freiherrlichen Wappen geziert ſind, und die in ihren dicken Folien die Rechnungsführung ſeines Hauſes ſeit mehreren Menſchenaltern her enthalten. Sein Auge ruht auf dieſen Summen, die unter Führung ſeiner Ahnen in ſchweren Zahlen prangen und Zeugniß ab⸗ legen von dem Glanze und dem Wohlſtande des alten Freiherrnhauſes.— Doch je weiter ſein Auge dringt, je tiefer er zu der Neuzeit herabſteigt, zu der Herr⸗ ſchaft ſeiner nächſten Vorfahren, um ſo trüber wild 78 ½ ½ 2 1 3 ſein Blick und eine düſtere Wolke umhüllt die ſchon ge⸗ furchte Stirn. Was er ſeit langer Zeit geſcheut und ſich ſelber aus den Gedanken vertrieben hatte, um ſeine Laune nicht zu zerſtören und ſich ſelber und ſeiner Familie, welche jede Falte ſeiner Stirn beunruhigte und mit Sorge erfüllte, den Frieden zu bewahren— vor eini⸗ gen Tagen war es ihm in das Gedächtniß zurück⸗ gerufen worden, und er hatte erkannt, daß er ſelber hell ſehen müſſe, in dem, was Andere ſchon ahnen durften.— Und heute dann, an ſeinem Wiegenfeſte, heute, wo er ein neues Jahr beginnen ſollte, da trieb es ihn hinaus von ſeinem Lager— hin zum Schreib⸗ burcau, in dem die Bücher ſeines Hauſes wohlver⸗ ſchloſſen ruhten. Er hatte die erſehnte Ruhe nicht gefunden. Der Schlaf mied ihn, wie er das Unglück meidet, und ehe noch der Morgen graute, fanden wir ihn bei der Ar⸗ beit, tief über die Bücher gebeugt, die den Stand ſeines Hauſes enthalten! Nicht der Brief ſeines Sohnes, den die Mutter⸗ liebe noch am Abend auf den Platz des Gatten ge⸗ legt hatte, und der ſo frendig, ſo herzlich zum Vater⸗ herzen ſprach; nicht der neu erwachende Morgen, der mit ſeinem Sonnenglanze, mit ſeiner Lebensfriſche, mit —,——— 101 ſeinem gefiederten Säugerchor an alle Herzen klopfte und Frohſinn und Lebensluſt verbreitet unter Alle, die ſein Kommen begrüßen— waren im Stande geweſen, des Freiherrn Aufmerkſamkeit zu feſſeln, und es mußten wohl ungünſtige Reſultate ſein, die den Schluß ſeiner Prüfung bildeten. Denn er legte ſich gedankenvoll in den Seſſel zurück und blickte ſtarr hinauf zur Zimmer⸗ decke, als wollte er in deren alterthümlichen und ſelt⸗ ſamen Schnörkeln, welche auch aus der Zeit zu ihm ſprachen, wo ſein Haus noch in voller Glanzesblüthe ſtand, die Löſung ſeiner⸗ Schlüſſe finden.“ So ſaß er lange und ſeine Gedanken durchflogen in fieberhafter Eile ſein Leben und Wirken. Verwor⸗ rene Bilder ſtiegen vor ihm auf, Bilder voll Noth und Schrecken— und deutlich ſtand die Zeit vor ihm, die er damals verlebt hatte,— hier die ſichern Grund⸗ pfeiler ſeines Hauſes— dort die Schande in ſchreck⸗ lichſter Geſtalt—„o, Rudolf— Rudolf!“ rief er plötzlich ſchmerzvoll aus und griff mit beiden Händen nach der Stirn—„warum haſt Du uns das ge⸗ than?“ Eeein heftiger Schmerz im Gehirn raubte ihm faſt die Beſinnung und leiſe ſtöhnend ſank er wieder in den Stuhl zurück. Eine neue, fürchterlich lange Pauſe, von nichts unterbrochen, als dem einförmigen Tiktak der Wand⸗ uhr hier drinnen und den einzelnen Inbeltönen wir⸗ belnder Lerchen da draußen, welche durch die hohen Bogenfenſter hereindrangen in das einſame Zimmer des Freiherrn. Doch je länger dieſer auf ſeinem Platze weilte, um ſo ruhiger ward er auch und um ſo klarer wur⸗ den ſeine Gedanken. Die fürchterliche Spannung wich, die ſein Herz beklemmte— und in jener Reſignation, deren A und O das Wort iſt:„geſchehene Dinge laſſen ſich nicht ändern, nur muthig vorwärts!“— dachte er an die Zukunft— dachte er an das Beſſerwerden. Eine Lebensluſt, eine Sehnſucht nach Ruhe und Glück ergriff ihn, wie er ſie nie gekannt, und in ſolcher Stimmung erwog er noch einmal die Vorſchläge, die man ihm gemacht hatte, und prüfte ſie mit der Sorg⸗ falt und Sorge des Mannes— des Vaters— wie des Freiherrn. Ja, da war Hülfe! das konnte ihn retten und die Ehre ſeines Hauſes bewahren! Ein Oprer, wie ſie nichts Seltenes mehr waren, ſelbſt in den älteſten Adelshän⸗ ſern, konnte ihn behüten vor dem Schrecklichſten— dem Bankerotte.— Nur eine Hoffnung gab es noch für ihn, das hatten ſeine Bücher ihm nur zu deutlich ge⸗ —˖ zeigt— und dieſe eine lag in der Annahme jenes Vorſchlages. Heute war ſein Wiegenfeſt. Wie wandelbar ſind doch die Geſchicke hier auf Erden, und welchen Wechſel⸗ fällen ſind ſie alle unterworfen, die höchſten ſelbſt oft — wie die niedrigſten!— Mit welchen ganz anderen Gefühlen hatte er vor zweiundzwanzig Jahren dieſen Tag begrüßt— an dem er ſeine Frau als Braut umarmte! Wie ſo ganz anders hatte ihnen damals die Sonne gelächelt, wo ſie vertrauens⸗ und hoffnungs⸗ reich ihre Hände in einander legten, um den erſten Gang durch das Leben mit einander zu wagen, durch das Le⸗ ben, welches ihnen nur Annehmlichkeiten und Freuden zu bieten verſprach!— Und wie ganz anders war es nun gekommen— und was— was ſtand ihnen viel⸗ leicht noch bevor! „O, Gertrud, Gertrud— wie wird ſie's ertra⸗ gen, wie tief wird ſie der Schlag beugen, das Feſt demüthigen, welches fonſt der Stolz der Eltern iſt— weil ſie genöthigt wurde, es zu feiern— und doch muß es ſein!“ Die Pendule ſchlug fünf Uhr. Der Freiherr fuhr auf aus ſeinen Gedanken, und jetzt— jetzt wurde es auch im Schloſſe lebendig und 104 leiſe Schritte näherten ſich der Thür, die gleich darauf geöffnet ward. Der Freiherr wandte ſich nicht um— denn ſchon flogen ſeine Gedanken wieder durch andere Räume, erwogen, prüften und überlegten auf's Neue— verwar⸗ fen und beſchloſſen wieder— und waren doch immer noch nicht mit ſich im Klaren, als plötzlich ſich Roſen⸗ feſſeln um ſeinen Nacken ſchlangen und Frau und Toch⸗ ter hervortraten und mit ihren Glückwünſchen und ihrem herzlichen Willkommen ihn herausriſſen aus ſeinen— ſorgenvollen Geſchäften.. Sie hatten Geſchenke mitgebracht— von ihren Händen verfertigt, und ihre Wahl wie die Aus⸗ führung bezeugten von Neuem die unendliche Liebe, die dieſe theuren Weſen ihm weihten! Wie ſie glücklich waren! Wie ihre Angeſichte ſtrah⸗ len im Entzücken der Liebe, wie glücklich ſie ſeine Freude, ſeine Verwunderung machte! O holde Unſchuld, ein Un⸗ menſch muß der ſein, der es über ſich gewinnt, ſolches Lächeln zu trüben, ſo reines Glück aus Herzen zu ver⸗ jagen. Wer wagt es— hier das erſte Wort zu ſpre⸗ chen?— Und doch, es muß ſein— er muß es wa— gen!— Das Wort muß fallen und noch in dieſer e——— Stunde muß es ſich entſcheiden— denn am Nach⸗ mittage ſchon er ja A lntwor t geben. „Beſten i ls Dank, meine Theu⸗ ren!“ ſagte er, die Beiden ziuilic amuined—„und ſo früh 6 Ihr auf, mich zu übet Und ſo h, da heſt das ganze Gewi um ſolche herrlich Kelte herz „Ach nein— mein P unten, und hätte ich dieſe von Mutter ganz beſtimmt Bongquets verwendet ner Ehre prangen ſo ſ ſind genug noch genommen, wären ſie worden, um in die die heute alle zu Dei⸗ Vater, das wird heute ein ſchönes Feſt werden— m heute freue ich mich ein⸗ mal recht vom Peil darauf— weil es Dein Ehren⸗ tag iſt. Schade nur, daß Haus nicht hier ſein konnte— es fehlt nun doch etwas.“ Wieder ging es durch's Herz;— ſich wi den S ommermorgen. So unbrfangen, ſo her er ſelber follte vielleich et „Ja, es wird ein Feſt werden“, begann er endlich,„und auch ich freue mich darauf, und doch, 106 ehe wir es feiern, müſſen wir noch einmal über ernſte Familienangelegenheiten ſprecher, deren Erledigung ich gern noch an meinem Geburtstage ſehen möchte.“ „Bleib Anna— bleib hier, mein Kind, auch Du mußt Deine Stimme dazu geben“, rief er, als er ſah, daß Anna, in dem Glauben, die Eltern wünſchten allein zu ſein, ſich entfernen wollte. „Ja, Anna, auch Du ſollſt Deine Stimme dazu geben, noch dazu, da Du Hauptperſon biſt, der ich an meinem Feſttage gern auch ein recht ſchönes Glück, eine rechte Freude bereiten möchte.“ Bei dieſen Worten erbleichte die Freifrau. Der Abend bei Brandach, deſſen Anweſenheit im Schloſſe vor einigen Tagen, wo er mit dem Freiherrn lange allein verhandelt— wie ſie geglaubt hatte, Geldgeſchäfte— flogen ihr blitzartig durch den Sinn und angſtvoll hin⸗ über blickend zu ihrem Gemale, der bleich und ange⸗ griffen in ſeinem Lehnſtuhle ruhte, ihren wie Anna's er⸗ ſtaunten Blick vermeidend— bat ſie ihn fortzufahren. „Bevor ich mich weiter erkläre, muß ich zurück grei⸗ fen und Euch ein Stück Familiengeſchichte erzählen, das Anna noch gar nicht, und Du, meine Gertrud, nur theil⸗ weiſe kennſt, und das doch hierher gehört, ja wohl eigent⸗ lich der Grund, die erſte weiter greifende Veranlaſſung un⸗ ſerer heutigen Unterredung genannt werden muß. 4 — 107 „Es iſt das dunkle Blatt, die camera obscura un ſeres Hauſes, der Balken unſeres Wappens— der eri⸗ ſtiren und Fleiſch und Blut— Leben gewinnen würde, ſobald die Welt ihn entdeckte. Doch das nicht allein. Wie alles Böſe Böſes gebärt und fortſchreitend Schlimmes nach ſich zieht,— ſo würde es auch uns gehen mit dieſem dunkeln Blatte in der Geſchichte unſeres Hauſes— und wo erſt nur ein Blatt war, da würde bald ein ganzer Baum zu ſehen ſein, wenn es eben dahin käme, daß ſich die Geſchichte und Geheimniſſe unſeres Hauſes offen der Welt darlegten, daß ſeine Ehre vielleicht bei den Gerich⸗ ten zu Markte getragen und vernichtet würde in dem gei⸗ fernden Munde der Oeffentlichkeit, deren höchſtes Ver⸗ gnügen es ja iſt, das Strahlende zu ſchwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen. „Möge Gott gnädigſt verhüten, daß es jemals da⸗ hin komme!“ „Hört alſo meine Geſchichte. „Mein Vater, Gott habe ihn ſelig, hatte zwei Söhne, meinen Bruder Rudolf und mich. Beide waren wir jung und lebensluſtig, Beide dien⸗ ten wir im Heere, nur mit dem Unterſchiede, daß er immer erſt zehn Jahre ſpäter dahin gelangte, wo ich ſtand— denn eben ſo viel war ich älter als er. „Ihr wißt, ich focht in den Freiheitskriegen mit, als 108 fünfzehnjähriger Fähnrich half ich die Leipziger Völker⸗ ſchlacht kämpfen, ſiegte mit den Befreiern Deutſchlands und lebte nach dem Kriege noch Jahre lang als Soldat in der Reſidenz. „Da ſtarb mein Vater. Zetzt, nun beinahe dreißig Jahre alt, ging ich nach unſerem Gute, um von nun an dasſelbe zu verwakten.— Rudolf, der ſeit einigen Jahren ebenfalls Soldat uitd bereits Lientenant war, blieb in der Reſidenz zurück, und ſollte ſich als jüngerer Sohn gänzlich der militäriſchen Carriere widmen. „Unſere Familie hat nie ſo große Reichthümer be⸗ ſeſſen wie man wohl glanben möchte, und wohl auch glaubte— und der Wuͤnſch unſerer Ahnen, beſonders meines Vaters, den Glanz des Hauſes im rechten Lichte zu zeigen, hatte die feſten Grundpfeiler desſelben bereits heimlich untergraben, als ich die Herrſchaft antrat. „Dieſe einzige Beſitzung iſt der Stammiſitz unſerer Familie, und ſchuldenleer, iſt er bei guter Verwaltung und in nicht allzu ſchlechten Jahren wohl im Stande, unſere Fomilie mehr als ſtandesgemäß zu erhalten. Aber verſchuldet, mit Laſten beladen, die auch die vorſichtigſte Verwaltung nicht ahſchütteln konnte, würde „ uns das Leben doch viele Sorgen gemacht haben, wenn auch das nicht gekommen wäre, von dem ich eben ſpre⸗ chen wollte. hen wollte. „Und doch mußte ich ſtandesgemäß auftreten, mußte die Ehre des 8 wahrnehmen, und wenn ich auch mir ſelber alle Entbehrungen auferlegte und ſparſ am war, wo es irgend nur ſich möglich machen ließ— mußte ich doch, der Welt geg enüber, die Ehre des Hauſes re präſendiren— gaſtfrei ſein, wie es Sitte geweſen auf Hardersberg zu jeder Zet— Geſellſchaften beſuchen und geben— wie das ja noch iſt bis heute, ohne daß wir uns davon ausſchließen k i— wollen wir ni chruns dem Geſpötte, und die Ehre des Hanſes ſchonungsloſem Wi ausſetzen⸗ „Darin eben unſere Kraft, und dadurch wird de Adel immer dem Volke gegenüber die Oberhand behalten, ihm gegenüber ein feſter Wall ſein, der Sturme weicht— daß er ſtets zuſammenhält: ind, alle fremde Elemente ausſchließend, iſolirt in eſchloſſener Phalanx für ſich ſteht,— dem vriſ uneinigen Bürg gerthume ze genüber, deſſen ltungen er klng und geſchickt zu näh⸗ ren, wie zu nützet „In ſeiner eit liegt ſeine Kraft, in der Un⸗ einigkeit ſeiner Gegner, ſein Sieg. Daß er dieſe be⸗ nutzt, ja durch geheime Maſchinerie Leſ wer wollte ihm das verdenken?— Der Jefuit ſagt, der Zweck heiligt das Mittel, warum ſoll der Adel ähnlich denken, wo es ſein Höchſtes, ſeine Ehre gilt 110 und die ſeines Hauſes; wo es gilt, alte angeſtammte Rechte wahren und Privilegien vertheidigen, die durch Jahrhunderte ſind ſanctionirt worden?— „Doch genug davon! Wir wollten weiter ſehen wie unſere Verhältniſſe ſich geſtalteten. Ich griff mit Muth und Kraft die Verbeſſerung derſelben an und ſchonte weder Sorgfalt noch Mühe, die Beſitzung zur höchſten Ertragsfähigkeit zu erheben. Nur ſo konnte ich hoffen, das Gut nicht mit neuen Hypotheken beladen zu müſſen, und es ging im Aufange auch Alles ganz trefflich. „Ich war fleißig und thätig bei Tag und Nacht, ordnete und regelte überall, und die Selbſtthätigkeit des Herin ſpornt ſtets auch die Leute zu größeren Anſtren⸗ gungen an. Die Jahre waren ziemlich gut, und ich durfte wohl hoffen, ſo mit der Zeit meine Verhältniſſe zu regeln. „Da kam eines Tages ein B von meinem Freunde Welling, u dorthin. Es war mitten in der Etnte, und meine Ge⸗ genwart hier nicht gut entbehrlich, aber ich kannte Wel⸗ ling zu gut,— und ich wußte, es müßte etras Wich⸗ tiges ſein, wenn er ſo dringend rief— deßhalb reiſte ich ſofort ab. 3 Erlaßt es mir, die Gefühle zu ſchildern, die bei meiner Ankunft dort auf mich einſtürmten, als ich nun rief aus der Reſidenz erief mich eiligſt „ — ———— 5 erfuhr, was geſchehen ſei! Es war zu ſchrecklich und die bloße Exrinnerung, das bloße Wiederdenken an dieſe Schande, die wie eine drohende Furie vor dem Portal des Freiherrnhanſes ſtand, jeden Augenblick bereit, ver⸗ nichtend ihre Brandfackel in dasſelbe zu werfen, ihre Krallen auszuſtrecken nach dem reinen Wappenſchilde mit ſeiner ſiebenzackigen Krone— flößt mir Entſetzen ein! „Mein Bruder hatte luſtig gelebt, mehr, viel mehr verbraucht als er jemals von ſeiner Gage und dem We⸗ nigen, was ich ihm vom Gute ſenden konnte, gutmachen konnte. Statt ſich aber warnen, durch die vielen Cala⸗ mitäten von ſeiner tellen Leidenſchaft zurückbringen zu laſſen, trieb er es nur immer ärger, machte Schulden auf Schulden, ohne Hoffnung jemals bezahlen zu kön⸗ nen— und war als der tollſte und berüchtigſte Roue der ganzen Reſidenz bekannt. „Wollte dies nicht ſo gehen, wie er wohl wünſchte, forderten die Le bevor ſie weiter Credit gaben, Be⸗ zahlung der alten den, ſo gerieth er in Verzweif⸗ lung und war dabei Kanchmal kaum im Stande, ſich anſtändige Wäſche zu verſchaffen, da ſämmtliche Waſch⸗ frauen ihn im Stiche ließen, nachdem ſie ſich aus ſeinen Vorräthen bezahlt gemacht hatten. „Wieder einmal ging es ihm ſo ähnlich, wieder ein⸗ mal tobte der Sturm der Verzweiflung in ſeiner Bruſt, G da er weder wußte wo aus noch ein, und wie die näch⸗ ſten Tage nur das Leben friſten. Seine Sſ war leer, ſein Credit erſchöpft und ſo ſehr er au ich ſein Gehirn zer⸗ marterte, um eine neue, wenn auch 6 ſo ſparſame Quelle des Einkommens zu entdecken— unmöglich— ſie waren alle, alle verſiegt und vor ihm ſtand die Noth in bitterſter Geſtalt. für einen Officier, einen Sihtecüger Zuſta Herrn aus der Geſellſ i— Ausſicht auf Hiſe und Rettung; Hoffnur 6 aufs Wendung des Ge ſchickes, das noch nie ſ e drohend an ſeine Seite getre⸗ 1 ten war. J „Er hatte iichts gelernt, als das Soldateuſpiel— arbeiten konnte durfte er nicht, wol te er nicht ge⸗ ſein ſeinen Camerade n gegenüber und den Schichten der i volée, in denen er ſich ſo lange 3 bewegt hatte.— Da wurde er zu einer Geſellſchaft bei Major von Welling geladen, und ußte ſo ſehr zu ſein Hetz ſich dagege ibte. unte er doch wenigſ eſſen daſelbſt, tröſtete er ſich endlich mit der bittern Fronie der Verzwriflung. „Es war eine ſehrz heitere Herrengeſell lſchaft, und. die Fiöhli chkeit bei n und Spiel eine igereine Die Ch ampagnerkor ftogen luſtig empor, i der edle Wein ſchüumte in die Gläſer; die icicsnitbigen 2 Wir⸗ 113 the wußten überall Behagen zu wecken und Alles war in der heiterſten Stimmung.— Nur Rudolf konnte die Fröhlichkeit nicht an ſich feſſeln und inmitten der Luſt ſchlug ſein Herz ſorgenvoll und ſchwer. Vor ſeiner Seele ſtand das bleiche Bild der Noth und des Jammers und er hätte ſich lieber eine Kugel durch den Kopf jagen mögen, als den morgenden Tag ſehen,— den er beginnen ſollte, ohne Mittel auch nur mit trockenem Brot den Hunger zu ſtillen, der wohl nicht ausbleiben würde. „Man ſpielte viel, nur Rudolf lehnte ab;— man ſoupirte endlich, aß und trank,— und während ſich viele der übrigen Herren nachher wiederum zum Spiele niederließen, trat Rudolf nach ſeiner Gewohnheit in das Nebenzimmer, um nach dem Souper die Hände mit Waſſer zu kühlen. „Auch Welling ſelber mußte ſchon hier geweſen ſein, und hatte ſeinen koſtbaren Siegelring vergeſſen, der freundlich funkelnd neben dem Waſſerbecken lag. Ein unſeliger Gedanke, eine Ausgeburt, wie die Hölle ſie in böſen Stunden ſendet, uns zu verderben, mußte über Rudolf gekommen ſein.— Die Noth hatte ihn zur Ver⸗ zweiflung gebracht ſeine Sinne verwirrt,— hier ſah er Hülfe— Hülfe in ſeinem Jammer, und als er bald Ehre. I. 8 114 darauf ſcheu und unſicher in das Zimmer zurücktrat, brannte der Ring wie hölliſches Feuer in ſeiner Taſche. „Rudolf's guter Engel war entwichen, und wie der Böſe ſeine Beute ſtets mit Blindheit ſchlägt,— ſo war auch Rudolf unklug genug, und ſandte am andern Tage den Ring zu einem Juwelier— um ihn verkaufen zu laſſen. Längſt aber ſchon lag bei allen dieſen das genaue Signalement des koſtbaren Kleinods, und ehe zwei Stunden vergingen, war Rudolf als Dieb entlarvt. „An demſelben Abend noch verließ er, von Welling reichlich unterſtützt, Berlin, um nach Amerika zu gehen. Welling, der über den unglücklichen Vorfall ſelber in Verzweiflung war, welchen er, da Diebſtahl angezeigt und auf Entdeckung des Thäters gedrungen worden war, nicht hatte verhindern können, brachte mir die letzten Grüße und die Bitte um Verzeihung von meinem un⸗ glücklichen Bruder. Ich habe niemals wieder etwas von ihm gehört, und alle Nächforſchungen ſeit zwanzig Jah⸗ ren waren vergeblich und erfolglos. „Rudolf war entflohen.— Wenige nur kannten das gefährliche Geheimniß, und dieſe Wenigen wurden durch Verſprechungen und Geſchenke zum Schweigen ver⸗ pflichtet, ſo daß alſo nur noch die Schulden— Rudolf's Schulden— zu reguliren übrig blieben. — 115 „Die Summe derſelben warf alle meine Berechnun⸗ gen, alle meine Ausſichten auf Beſſerung und Hebung meiner Verhältniſſe um,— und doch durfte ich ſie nicht verläugnen, doch mußten ſie bezahlt werden um der Ehre willen. „Sollte ich, um das Stammgut zu verbeſſern, und dort die Ehre des Hauſes rein und fleckenlos zu halten, ſie hier der Sudelei armſeliger Krämer und Juden preisgeben?— „Nein, nimmermehr, das durfte ich nicht, und ſo belaſtete ich Hardersberg mit einer neuen bedeutenden Hypothek. In Silbermann's Händen ruht noch heute das geführliche Inſtrument,— und Geott weiß, ob ich es jemals wiederſehen werde!— „Von da an ſchreibt ſich unſer Mißgeſchick. Schlechte Jahre folgten, und ich war nicht im Stande das ent⸗ ſtandene Deficit zu decken.— Statt beſſer zu werden, wurde es immer ſchlimmer; die Einkünfte des Gutes wurden von den Zinfen verzehrt, ja ich war leider nicht immer im Stande dieſelben gänzlich zu decken, meine Verheiratung hatte mir Glück und häuslichen Frie⸗ den gebracht, die einzige, ſchönſte Entſchädigung für ſo viele materielle Sorgen— aber Gertrud ward von treuloſer Hand um ihr Erbtheil betrogen, und die Ver⸗ 8* hältniſſe blieben mißlich— wurden noch immer miß⸗ licher bis zum heutigen Tage. „Die Handlungsweiſe Rudolf's hatte dem Hauſe Harder den letzten, ſchwerſten Stoß gegeben, und ſo ſind wir denn beim heutigen Tage angekommen, ohne daß ich eine Ausſicht zur Verbeſſerung unſerer Lage ſähe. „Der geringſte Stoß kann uns— unſer Haus— die Ehre der Harder's zuſammenwerfen, uns den Hän⸗ den unſerer Gläubiger überliefern, und ich zittere vor je⸗ dem noch ſo kleinen Schickſalsſchlage, daß er uns zum Blitzſtrahl werden könnte. „Wir ſchränken uns ein ſo viel als möglich, und doch dürfen wir unſere Lebensweiſe nicht ändern, dürfen nicht aufhören, gaſtfrei, geſellſchaftlich— ja zuweilen ſplendid zu ſein, dürfen nicht aufhören, ein Haus zu machen und es im alten Stande zu erhalten. Das würde nur das Gewitter beſchleunigen und uns bankerott erklären, noch ehe wir es ſind. Es nicht zu werden, die Ehre des Hauſes zu retten, — ich gäbe Blut und Leben darum, wie es unſere De⸗ viſe befiehlt⸗— Ja, könnte ich mein Herzblut in Gold⸗ ſtücke ausmünzen laſſen und damit die Hypotheken löſen, die wie Centnerlaſten auf unſerem Beſitzthume lagern und unſere Ehre bedrohen— mit Freuden wollte ich es thun. . „Hans muß Carriere machen. Eine militäriſche Stellung ſchützt ihn nachher vor Schickſalsſchlägen, und wenn er einſt, wenn wir nicht mehr ſein ſollten, blutarm aus dieſem Schloſſe geht, läßt ſich das rechtfertigen— und ſeine Ehre iſt gerettet— beſonders wenn, wie uns die Ausſicht geboten iſt, das Schloß in der Familie bleibt, und die Schweſter in Beſitz desſelben tritt. „Brandach war neulich hier und warb für ſeinen Sohn um Anna's Hand.— Könnteſt Du Dich nun entſchließen, Anna, ſie Joachim von Brandach, Deinem Jugendgeſpielen und dem Freunde Deines Bruders, zu reichen, ſo wären wir gerettet und unſere Ehre geſchützt vor jedem Schickſalsſtoße. Kannſt Du es nicht, iſt es Dir nicht möglich das Opfer zu bringen, ſo ſind wir in Brandach's Händen, denn er iſt im Beſitze der Haupt⸗ hypotheken auf unſer Gut— und kann uns ſtürzen zu jeder Stunde.— Er hat ſie von allen Gläubigern, außer von Silbermann aufgekauft— uns zu Liebe ge⸗ kauft, wie er ſagt, um uns die Kündigung der Capitale zu erſparen, die ſonſt erfolgt ſein würde.— Hat er es nun gethan, um Waffen zu ſammeln, die uns in ſeine Hand gäben, hat er vielleicht ſeit Jahren ſchon den Plan gehegt, ſeinen grünen Adel mit der Freiherrnkrone der Harder's zu vermälen— ich weiß es nicht— doch Herr ————— von Brandach iſt ein praktiſcher, ein ſehr praktiſcher Mann. „Da habt Ihr meine Antwort auf Eure Glückwün⸗ ſche— ich erwarte nun die Eure, beſonders die Deine — Anna, ob Du geneigt biſt, Deinen Eltern, Deinem Bruder, Deinem Hauſe— und ſeiner Ehre— das größte Opfer zu bringen, einem vielleicht ungeliebten Manne die Hand zu reichen.“ „Der Freiherr ſchwieg und lehnte ſich erſchöpft in ſeinen Seſſel zurück. Die Erzählung dieſer Mittheilun⸗ gen, die Darlegung ſo lange mit Schweigen ertragener Calamitäten und dann das Letzte vor Allem, von deſſen Entſcheidung ſo viel abhing— hatten ihn ſichtlich er⸗ ſchöpft, und eine fahle Bläſſe überzog ſeine eingefallenen Züge, die noch trüber und ernſter ſchienen, als vor einer Stunde, da er, über ſeine Bücher gebeugt, die Verhält⸗ niſſe des Hauſes prüfte. Die beiden Frauen ſchwiegen. Eine lange, unheim⸗ liche Stille herrſchte in dem weiten Gemache, und Anna, die zum Fenſter getreten war, und ihre Geſtalt hinter dem Mouſſelin der Vorhänge verbarg, blickte lange 3 hinaus in die blühende Landſchaft. Was ſie da gedacht— wie ſie da gerungen— ob und welche Kämpfe ihre Seele da durchlebt hat— Niemand hat es jemals erfahren. 9 Ihre Gedanken flogen hiuüber nach dem alten Schloſſe, wo Tante Frieda einſam reſidirte— flogen nach dem kleinen Gartenhauſe und dem ſtillen Platze in deſſen Nähe, von wo aus ſie hinausſchauen konnte auf die ewig wogenden Meereswellen, auf welchem ſie ſo oft und ſo gern geſeſſen hatte, und den Erzählungen des jungen Gärtners gelanſcht, der ſie wie eine Heilige ver⸗ ehrte, und den ſie lieb hatte wie einen Bruder— hin⸗ flogen ſie nach allen den Drten, die ſie geliebt und gern geſehen hatte, an die ſich die ſchönſten Träume ihrer Ju⸗ gend knüpften, und indem ſie das that, da ſchloß ſie ab mit ihrer Jugend, da ſagte ſie Allen dieſen Lebewohl, um ſich der Pflicht, der unerbittlichen zu weihen. Wie gern wäre ſie arm geweſen!— Dann war ſie ihm gleich— dann konnte ſie hingehen und die Geliebte, die Gattin des Geliebten werden!— Doch es durfte nicht ſein— niemals!— Ihre Eltern, die armen Eltern, die ſchon ſo viel und Schweres tragen mußten, ihnen durfte ſie den Schmerz nicht bereiten, ihnen hätte es das Herz gebrochen, von den alten Gewohnheiten ſchei⸗ den zu müſſen und alldem zu entſagen, woran ſie von Jugend an gewöhnt und das ſie als des Lebens Höchſtes, als Unentbehrliches zu betrachten gewohnt waren. O wie gern wäre ſie arm geweſen, arm an der Seite des geliebten Mannes, und hätte gearbeitet und 120 geſorgt für ihn und ihre Familie!— Ihre Ehre lag in ihrer Liebe, und unbekümmert um die Welt, unbeküm⸗ mert um das Urtheil derſelben, würde ſie dieſer gefolgt ſein— hätten nicht die Eltern ihrer nöthig gehabt, und müßte ſie nicht eine Harder ſein und bleiben um der El⸗ tern willen, die lebten und ſtarben mit der Ehre ihres Hauſes. So ſagte ſie denn ihrer Jugend Ade, ſchloß das Buch des Herzens, um der Fflicht zu folgen; eine Freiin von Harder war ſie— Gut und Blut für die Ehre des Hauſes lautete auch ihre Deviſe— und ſie wollte ſich als ſolche würdig zeigen. Als ſie hervortrat und zum Vater ſich hinwandte, der noch immer ſchweigend emporſtarrte, während die Mutter den angſtvollen Blick auf die bleiche Tochter hef⸗ tete;— als ſie ſo hintrat zu den Eltern, mit einem Lächeln um die Lippen, das den Zuſtand ihres Herzens verbarg— da hatte ſie ihr Schickſal angenommen und mit ruhiger Stimme ſagte ſie: „Vater, ich bin bereit, dem Rufe der Ehre zu fol⸗ gen.— Gut und Blut für die Ehre des Hauſes— be⸗ ſtimme Du nur, wann die Verlobung ſein ſoll, Du wirſt eine gehorſame Tochter an mir finden, und ich denke, da werde ich wohl nicht unglücklich werden können.“ Liebevoll knieete ſie zu den Füßen der Eltern nieder, und, mit einem reizenden Lächeln zu ihnen emporſchauend, lehnte ſie ſich zärtlich an die Bruſt der Mutter, welche de Tochter liebevoll in ihre Arme ſchloß. „Meine Tochter, mein k gutes Kind!“ rief ſie, überwältigt von Schmerz, und ihre Thränen floſſen nieder auf die dunkeln Locken des Kindes. Die Mutter verſtand das Herz der Tochter. Sie kannte den Muth 6 die Euſſechungsfteubg keit des weiblichen Herzens, das, ſo ſchwach und ſchwankend es oft auch erſcheint, doch eine unendliche Kraft in ſich trägt— und ein bitteres Wehe zuckte durch das ihrige, als ſie bedachte, wie ſo ſchwer es ſein müſſe, nur der Pflicht zu gehorchen, und ein Herz zum Opfer darzu⸗ bringen— ohne Liebe— ohne Ausſicht auf Glück.. Hätte ſie geahnt, wie viel tauſendmal ſchwerer noch es ſei, auch noch der Liebe zu entſagen! Aber Anna ſchien gar nicht unglücklich. Sie lehnte lächelnd an der Bruſt der Mutter, die heiße Thränen ſ und ſuchte vergeblich dieſe mit Liebesworten zu beruhigen. Da ſtand der Freiherr auf. Sein ganzes Weſen war in Be und ſeine Stimme vergebens feſt zu ſein, als er fagte: „Weine nicht, Gertrud— ſie hat Recht gethan, wie wir es Alle gethan haben würden, die wir Harder's 122 ſind— ſie iſt eine echte Harder.„Weine nicht, Gertrud, denn Anna iſt eine ſtarke Seele, und ſie wird nicht un⸗ glücklich werden, denn ſie will es nicht. Das Glück iſt launenhaft, aber es läßt ſich zwingen, und wer nur den rechten Willen hat, es zu feſſeln, der wird und kann nie unglücklich werden. Im Leben ſelber, und in der treuen Pflichterfüllung liegen ein Troſt und ein Glück, das keine Macht der Welt, kein Unglücksſturm uns jemats entreißen kann.— Anna wird glücklich werden, denn ſie will es. Und nun, Anna, wappne Dich mit Muth und Kraft, mein gutes, mein ſtarkes Kind, und möge Gott Dich ſegnen und ſeine Engel des Friedens Dich zu ſchüten ſenden; mein Geburts⸗— das heutige Feſt— ſoll auch Deine Verlobungsfeier werden. Gehe nun, mein Kind, Dich würdig vorzubereiten.“ Lächelüd küßte Anna die Lippen des Vaters und mit einem lieblichen Gruße der Mutter winkend, eilte ſie aus dem Noch immer lächelnd, erreichte ſie das ihrige, und erſt als ſich die Thüre hinter ihr geſchloſſen hatte, als ſie allein war, ganz allein mit ſich und ihrem Schmerze, da ließ ſie demſelben freien Lauf, weinte und klagte um ihr verlorenes Glück, und ihre Liebe und ihre Thränen floſſen reichlich auf die Kiſſen nieder. Der Freiherr aber dankte Gott, der ihm ein ſo gutes und muthiges Kind gegeben hatte. Es war ihm ein Lichtſtern aufgegangen in der Nacht des Unglücks. Anna, Joachim's Braut, der einzige Erbe des reichen Brandach, ſin Schwiegerſohn— mußte alle Ungewit⸗ ter deren Nähe ihn ſo geängſtigt und erſchreckt hatte. Die Ehre des Hauſes war gerettet, rein und flecken⸗ los ſtand ſie vor aller Welt, und das Banner der Har⸗ der's wehte wieder ſtolz und ſicher von dem Hardersberge. Um welchen Preis?— Darnach frug der ſtarre Freiherr nicht. Gut und Blut für die r des Hatſes von Harder— war ſein Wahlſpruch— und kein Opfer dünkte ihm zu ſchwer, ſie zu bewahren— wie könnte es einem Andern ſchwer geworden ſein? Achtes Capitel. Die ſchöne Italienerin hielt Sieſta, nach der Weiſe ih⸗ rer Heimat, und nur ſehr begünſtigte Beſuche hatten um dieſe Zeit Zutritt bei ihr. Signora empfing über⸗ hunpt wenige Privatbeſuche,— dafür ertheilte ſie an jedem Vormittage eine halbe Stunde Andienz in ihrem Salon, und wem es aus der anweſenden Verehrerſchaar gelang, ein Wort von den Lippen der Gefeierten zu er⸗ haſchen, der war beglückt für den ganzen Tag. Die Mei⸗ ſten mußten ſich gewöhnlich mit einem Blicke der tief— ſchwarzen Augen begnügen, deren Feuer faſt ein über⸗ natürliches war, und auch das ſchon genügte den oft ſehr zahlreichen Herren ihres Hofſtaates, um ihnen das Leben in der blaſirten Reſidenz, die ſo recht echt deutſch langweilig war, nicht einen Hauch duftender Poeſie, nicht einen Schimmer des ſüdwelſchen Glanzlebens bot, wieder für einen Tag erträglich zu machen,— bis Signora Corrado. Signora Corrado war allein in ihrem Boudoir. 125 am langerſehnten Abend Signora Corrado ſie auf der Bühne auf's Neue entzückte. 5 Die Signora weckte und ſpendete Leben und Freude, wohin ſie kam. Wie eine Lichtgeſtalt bezau⸗ berte ſie Alles, wem ſie nahete und was ihr nahen durfte— und es gehörte bald zum guten Tone, bei der Signora eingeführt zu ſein und zu ihrem glän⸗ zenden Hofſtaate gezählt zu werden. Aber die ſtolze Primadonna war ſehr wähleriſch und es hielt ſehr ſchwer, von ihr die Erlaubniß zu erlangen, in ihrem Salon erſcheinen zu dürfen. Nur Männer, die durch Geburt und Geiſt aus⸗ gezeichnet waren, konnten Zutritt bei ihr erlangen, und es bewegte ſich deßhalb nur die gewählteſte Elite in ihrem Cirkel. Prinzen und Grafen, Freiherren und Adelige, wie auch Künſtler und Gelehrte ſah man bei ihr in reicher Auswahl, und ſo unparteiiſch war die Signora, daß ſie an manchem Tage ſich nur mit einem unſcheinbaren Künſtler beſchäftigte, in welchem ihr hoher Geiſt ein ſtre⸗ bendes Talent entdeckt hatte, während Prinzen ſich ver⸗ geblich um nur ein Lächeln bemühten, und ehrfurchtsvoll in der Ferne ſtanden, des Winks der Gefeierten gewärtig. Und wenn ſie dann plötzlich aufſtand und, mit ihren Flammenaugen grüßend,— ſo allgemein hin und 126 doch ſo ausdrucksvoll, daß jeder Einzelne ſich von dieſem Strahl getroffen fühlte— aus dem Salon in ihr Bou⸗ doir zurückſchwebte, mußten ſie Alle unbefriedigt ſich ent⸗ fernen;— und doch ward ihr nie Jemand böſe, denn ihr Blick und ihr Lächeln hatten Alle verführt. Am an⸗ dern Tage viedleicht ſchon traf einem der heute Verſchmäh⸗ ten das Glück, von ihr begünſtigt zu werden, und von ihren Purpurlippen die Töne zu erhaſchen, die, hold* und glockenrein, bezauberten und berauſchten. In ihr Boudoir aber drangen nur wenige Auser⸗ wählte, an deren Unterhaltung ſie beſonderes Intereſſe fand. Alle aber behaupteten, daß die Signora nur einen Kopf, doch kein Herz beſitze, und während ſie Alle anbe⸗ tend ihr zu Füßen lagen und liebend zu dem claſſiſch⸗ ſchönen Antlitz mit den dunkeln Sonnen aufſchauten, in 5 denen die ganze Gluth des Südens loderte,— die alle Herzen entzündete und im Steine ſelbſt Leben hätte wecken können,— blickte ſie ruhig lächelnd auf Alle nieder, hörte Jeden freundlich an— ind ſchien doch Keinen zu be⸗ günſtigen. Ja, ſie war ſchön, die ſtolze Tochter Italiens, und ſie war ſich deſſen bewußt. Aber ſie war auch klug und die Erfahrung hatte Verſtand gekräftigt, daß er herrſchen ſollte über die thörichten Launen des Herzens. In einem reizenden Städtchen Luccas geboren, 12 hatte ſie, faſt ein Kind noch, einen jungen Franzoſen ken⸗ nen lernen, der, in Italien reiſend, auch nach ihrer Hei⸗ mat kam und das ſchöne Mädchen erblickte, die für nichts Sinn zu haben ſchien, als für die Fflege ihres alten blinden Vaters und ihrer Blumen. Der Franzoſe war einer jener Tauſende dieſer ga⸗ lanten Nation, die auf Verführung gleichſam reiſen— und denen jede Behörde ſofort den Ausweiſungspaß ſen⸗ den ſollte, obald ihre kecken und übermüthigen Manieren ſich blicken laſſen. Leicht und elegant— Müſſiggänger von Profeſſion— tänzeln ſie Straße auf, Straße ab, bis endlich ein beſtimmtes Ziel ſie feſſelt, nach deſſen Erreichung ſie ihre Reiſeroute fortſetzen. Kaum drei Wochen waren vergangen, ſeitdem mon- sieur Armand an dem Fenſter der ſchönen Lucceſin vor⸗ übertänzelte, und welche Veränderung zeigte ſich doch bei ihr! Träumeriſch ſinnend ſaß das ſonſt ſo heitere Mäd⸗ chen an dem grünumrankten Flſter und beachtete kaum die Worte des blinden Greiſes. Gleichgültig blickte ſie über die ſchmachtenden Blumen hin, die unter der Gluth der Sonne welkten und ſich ſchon Tage lang vergeblich nach der Hand ſehnten, die ſie fonſt Abends getränkt hatte;— Maria hatte Anderes zu denken und zu thun — als Blumen warten— und träumeriſch ſaß ſie, die 128 ſonſt immer Thätige— unthätig am Fenſter, während ihre verſchleierten Blicke ſehnſuchtsvoll an der Biegung Weges hingen, von wo er kommen mußte. Und jetzt!— Eine roſige Gluth überflog ihre Wan⸗ geu; die 30 leuchteten auf in zehrenden Flammen, der Buſen wogte, alle Fibern zitterten— und leidenſchaft⸗ lich glühend flog ſie ihm entgegen, der lächelnd die ve St in ſeine un ſchloß und mit ſeinen feingeſchnitte⸗ nen Lippen, um die ein kalter Zug des Spottes wie ſtereothp lag, den füßen Honig von ihren purpurnen Lippen ſtahl. Glückliche ſelige Stunden an ſeiner Seite in dem Schatten der verſchwiegenen Veranda!— Wie hatte ſie da Zeit an den blinden Vater zu denken, der einſam in dem einſamen Zimmer an ſeinen Stuhl ge⸗ feſſelt war und ſich vergeblich nach der Stütze und der Stimme ſeines Kindes ſehnte, der letzten Freude eines mühevollen Daſeins! Wie ſollte Maria auch an Blumen denken, da er ja da war, er, den ſie liebte und der ſie eine holde Blume nannte. Und wiederum waren einige Wochen nur vergan⸗ gen, und wiederum Verände rung! Der alte Vater hatte ſeine treue Pflege nicht wieder bekommen, die Blumen hingen verwelkt an ihren Stengeln nieder und Maria ſaß einſam in dem Schatten der Veranda. Ihre Züge waren bleich und verſtört, ihr irres Auge ſchwamm in 129 feuchtem Glanze und einſam ſaß ſie Tag und Nacht an der einen Stelle, die ihr allein noch werth war auf der Welt. Endlich aber ſiegte die gute Natur der Italienerin. Um ihre Lippen lagerte ſich Trotz und Entſchloſſenheit, ihre Angen leuchteten wieder, wenn auch anders als frü⸗ her,— und zu den Füßen der Gebenedeieten liegend, riß ſie die unwürdige Liebe aus ihrem Herzen, dem flu⸗ chend, der ſie verrathen hatte. Und das Vendetta murmelnd, das Angeſichts ſei⸗ ner Heiligen beſchworen, ein Italiener nie vergißt, hatte ſie ſich erhoben, und war hingegangen, feſt entſchloſſen, nie mehr einen Mann zu lieben. Sie Alle nur ſich zu Füßen zu ſehen, huldigend und anbetend vor ihrer Schönheit, die ſich täglich herrlicher entfaltete— und ſie Alle zu verachten. Bald darauf war ihr alter Vater geſtorben, in ſei⸗ nen letzten Stunden noch ſein Kind wieder ſein Eigen ſehend,— und Marie, die, immer ihr Gelöbniß vor Augen haltend, Alles benutzte, um es glänzend zu er⸗ füllen, betrat die Bühne und war mit ihrer herrli⸗ chen Stimme und Schönheit, ſelbſt in ihrem kunſtſin⸗ nigen Vaterlande, bald eine Zierde derſelben. Doch Signora Corrado ſtrebte weiter. Sie wollte herrſchen an einer großen Bühne als Primadonna Ehre. I. 9 130 und ſie Alle huldigend und anbetend ſich zu Füßen ſehen, deren Geſchlecht ſie haßte und verachtete in Einem— dem ſie Rache geſchworen hatte, um ihres verrathenen Herzens willen, das doch immer nachzuckte, wenn ſie zuweilen ſeiner gedachte, und abſichtslos eintrat in den Tempel der Erinnerungen. Sie iſt eine ſchmerzliche Religion, die Religion der Erinnerungen, und ihr Cultus zieht ihre Prieſter bald hinauf zu ſich, in unendlich holde Sphären— bald aber zwingt er ſie, ſich ſelbſt zu geißeln und zu kaſteien und ſich ſchmerzvoll zu winden vor der todten Aſche des nur erlöſchlich Geweſenen. Signora Corrado ſtrebte weiter, und was ſie er⸗ ſtrebt hatte, war ihr gelungen! Von ihrem alten Vater, der eigentlich ein Deutſcher geweſen war, und am liebſten deutſch geſprochen hatte, beſonders nachdem ſein ſchönes Weib, um derentwillen er der Heimat und dem heimatlichen Namen Conrad entſagt hatte, geſtorben war, und von deren Grabhügel er ſich nach guter deutſcher Weiſe doch nicht trennen konnte, ſonſt wäre er zurückgekehrt in das rauhe, biedere Vaterland; von ihm hatte Marie die deutſche Sprache erlernt, daß ſie dieſelbe edel und rein ſprach, wie ihre Mutterſprache. Mit dieſer Kenntniß hatte ſie ein Engagement in Deutſch⸗ land erſtrebt und mit ihrem gefeierten Ramen es in der 131 Refidenz erlangt, in welcher wir ſie heute als Prima⸗ donna fanden, umſchwebt, verehrt und angebetet— wie ſie es gewollt. Signora Corrado war die Löwin des Tages und die gefeiertſte Dame der Reſidenz geworden. Wo ſie war, war Licht und Leben; wo ihr ſtolzes Auge leuchtete, die Funken ihres lebendigen Geiſtes flogen, da fand die verrufene Langweile der Reſidenz keine Stätte. Sie wußte anzuregen, ſtets Themate zu erhaſchen, die allge⸗ mein intereſſirten, und in Allem, was ſie wählte, war ſie auch bewundert,— ja Meiſterin. Aber jetzt, als wir eintraten in ihr Boudoir, jetzt war ſie nicht die ſtolze Schöne, jetzt war ſie nicht das be⸗ zaubernde, ſelbſtbewußte und Alles beſiegende Weib;— jetzt ruhte der Engel des Schlummers auf ihrer hohen Stirn, und die langen, ſeidenen Wimpern verdeckten das Augenpaar, deſſen magiſcher Glanz ſchon manche Rero⸗ lution angeſtiftet hatte. Signora ſchlummerte— und ihre helle Geſtalt hob ſich wunderbar ſchön hervor auf der Ottomane von dun⸗ kelblauem Sammet, die ihre ſchwellenden Glieder ein⸗ rahmte. Die dunklen Augen waren geſchloſſen, die Wangen mit einem zarten Roth überhaucht und auf den Lippen ſchwebte ein reizendes Lächeln.— Alles Leben und Blü⸗ 132 the— zeigten die Züge der Signora keine Spur jener fahlen Bläſſe, die ſonſt faſt immer das Erbtheil der Büh⸗ nendamen iſt. Signora ſchlummerte— und die tiefſte Stille im ganzen Logis bewachte den leichten Schlummer der Her⸗ rin, welcher Allem Ruhe und beſonders auch ihrer ge⸗ quälten Kammerzofe ſeltene Augenblicke der Erholung gönnte. Denn Signora war, wenn ſie wachte und allein war, eigenſiunig, launiſch, herriſch und heftig, wie nur immer eine gluthvolle Tochter des Südens es ſein kann, und die Kammerzofe die arme deutſche und deßhalb na⸗ türlich unendlich geduldige Marie, war der Ableiter aller böſen Launen, der Sündenbock für alle kleinen Mißge⸗ ſchicke und fehlſchlagenden Pläne der Intriguen. Signora ſchlummerte, deßhalb hatte Marie einen Augenblick Ruhe. Doch während ſie einen Brief an ihre ferne Mutter ſchrieb und ihr mit ſtrahlenden Augen die Erſparniſſe der letzten Monate ſandte, damit die alte Fran ſich pflegen und gut halten und ihren alten Glie⸗ dern endlich ein wenig mehr Ruhe gönnen könnte,— bewachte ſie doch auch forglich alle Thüren, daß kein Ge⸗ räuſch ſich nahe, kein Unberufener eindringe und durch ſein Kommen ihre Herrin ſtöre. Deßhalb hatte ſie auch die Thürglocke abgehängt und neben ſich auf den Tiſch geſtellt. Mochten ſie nun 133 immerhin kommen, die unerſättlichen Verehrer der Sig⸗ nora— Marie lächelte ſchlau— wenn ſie dachte, wie geſchickt ſie ihnen den Weg abgeſchnitten und ſie verhin⸗ dert habe, ſich bemerklich zu machen. Immer weiter ſchrieb ſie an ihrem Briefe, ſchilderte ihrer alten Mutter alle Herrlichkeiten der Hauptſtadt und der großen Oper,— die ſie ja faſt täglich mit an⸗ ſehen konnte, ohne jedoch auch nur ein Wort hinzuzu⸗ fügen von den Plagen und Mühſeligkeiten, die im Dienſte der Signora ſtündlich ihrer warteten. Es war doch immer ein ſehr guter und einträglicher Dienſt, und ein Blick auf ihre Erſparniſſe, die ihrer lieben Mutter das Alter verſüßen ſollten— ließ ſie alle Sorgen vergeſſen, ja dieſes und die augenblickliche Frei⸗ heit während die Herrin ſchlummert, ſtimmten ſie ſo heiter, daß ſie gar kein Ende des Schreibens finden konnte, und ihrer Mutter die heiterſten und drolligſten Dinge erzählte. „Was macht denn der Ernſt?“ lautéte der Schluß des Briefes,„befindet er ſich noch immer wohl im Dienſte der gnädigen Frau Generalin? Bringt er ihr noch im⸗ mer die ſchönſten Blumenſträuße, oder hat das ſeit dem Abſchiede der Nichte ein Ende genommen?— Denkt er auch an Dich, liebe Mutter, und ſorgt für Dich, als ein guter Sohn? O, ſicher, Ernſt war immer viel beſſer 134 als ich, und hat Dir weniger. Sorgen gemacht, als ich leichtſinniges Mädchen. Wollte uur Gott, daß ich Dir erſt einmal recht ordentlich alle Deine Güte und Liebe vergelten könnte, ſo recht, daß Du gar nichts mehr zu arbeiten und nur zu genießen brauchteſt, was Du in einem langen arbeit⸗und mühevollen Leben und an Dei⸗ nen Kindern ſo reichlich verdient haſt. Ich ſchicke Dir, liebe Mutter, das Wenige, was ich ſeit meinem letzten Briefe erſparen konnte, möge es, wenn es auch nicht ausreicht Dich ſorgenfrei zu machen, Dir wenigſtens einen Theil derſelben abnehmen und Dir zeigen, daß auch ich nach Kräften bemüht bin, mich zu zeigen als Deine dankbare Tochter Marie.“ „So“, ſagte ſie befriedigt,„das wäre gethan,— nur noch ſchuell couvertirt— geſiegelt— Adreſſe— nun bin ich fertig und die Signora kann aufwachen, wann ſie will Eein Blick auf die Uhr zeigte ihr, daß die Beſuchs⸗ ſtunde gekommen ſei; ſie hing deßhalb die Thürglocke wieder an— und nun dauerte es auch nicht lange, ſo ertönte die ſilberne Handſchelle der Signora. Signora Corrado war eine imponirende Erſchei⸗ nung. Obgleich Mancher ihre Züge nicht für regelmäßig ſchön erkennen wollte, machten doch der geiſtige Aus⸗ . 5„ 135 druck derſelben, gepaart mit dem edlen Stolze und den ſprühenden Augen, die über der claſſiſch geformten Naſe ein reges Leben führten, ſie zur intereſſanteſten Dame der ganzen Reſidenz. Ihre Figur war tadellos, ſchlank und fein, ihr Gang leicht und ſchwebend— ihre weltberühmte Stimme der reinſte Glockenton;— und „Signora Corrado iſt das ſchönſte Weib der Erde!“ ſchwuren alle ihre Verehrer. Jetzt aber, als Marie auf den Ton ihrer Schelle in das Bondoir trat, erblickte man keine Spur der ſo ſehr gerühmten Lieblichkeit. Die Signora ſchien ſehr ſchlecht geträumt zu haben, denn ſie ging unruhig im Zimmer auf und nieder, ihre Augen ſchoſſen Blitze und die Naſenflügel bewegten ſich leiſe bei dem heftigen Athemholen— das unverkennbare Zeichen eines na⸗ henden Gewitters. „Warum haſt Du mich ſo lange ſchlafen laſſen, Marie?“ rief ſie der Eintretenden heftig entgegen.„Die Uhr zeigt drei, um ſechs Uhr muß ich zur Oper fahren, und was habe ich bis dahin noch Alles zu beſorgen! Wenn ich, erſchöpft von meinen Studien, aufgerieben von den Anſtrengungen, die meine Verehrer von mir— ihrer einzigen Corrado verlangen,— den richtigen Au⸗ genblick verpaſſe, ſo iſt das ein Gandium für Dich, dann brauchſt Du doch nichts zu thun—“ 136 „Aber Signora“— „Per dio! jetzt ſprech' ich— es iſt zum raſend werden!— Dein ewiger Widerſpruch!— Marie, Du bringſt mich noch zur Verzweiflung mit dieſer gräßlichen Angewohnheit, Alles was ich ſage beſſer wiſſen zu wol⸗ len!— Ja, dann brauchſt Du doch nichts zu thun, ſagte ich, und ob ich nachher mich übereilen muß, ob ich er⸗ ſchöpft und echauffirt auf die Bühne komme und ſpäter Tage lang mit den übeln Folgen kämpfen muß— das kümmert Dich nicht! Und ob ich dann matt ſinge, und meine Stimme mir nicht in Gewalt iſt,— was küm⸗ mert's Dich, was kümmert Dich mein Ruhm?— Du lebſt nur für Dich— Du liebſt mich nicht, ob ich Dich gleich mit Liebe und Freundlichkeit überhäufe— nur um mir in dieſem Eislande ein Weſen zu erziehen, das mich liebt und treue Sorge für mich trägt!— O, wehe der Tochter Italia's, die ihr goldenes Heimatland mit dieſer Eisbärenzone vertauſcht; ihr Herz wird brechen und ſich erkälten in dieſer herzloſen Einöde,„die eben ſo herzloſe Menſchen birgt!“— Während ſie die erſten Sätze im hellen Zorne, mit allem Feuer ihrer italieniſchen Heftigkeit hervorſprudelte, ſprach ſie am Ende langſamer, ihre Stimme nahm einen unendlich weichen, unendlich melodiſchen Accent gn.— Das Feuer der Augen ſänftigte ſich, und weinend faſt 137 ſank ſie wieder auf die Ottomane nieder, ihr Geſicht in in Kiſſen verbergend. „Aber Signora—“ begann Marie von Neuem, „umgeben von Liebe und Verehrung, die Ihnen alle die Herrſchaften weihen, die ſich um Ihre Gunſt bemühen, die Ihnen ihre Diener alle bezeugen,— wollen Sie über Mangel an Liebe klagen?— Ich wollte,— ich konnte Ihren Schlummer nicht ſtören, Signora, denn ich weiß ja, wie ſehr Ihnen die Sieſta jedesmal wohlthut— und es iſt ja auch noch zeitig genug⸗ Beruhigen Sie ſich doch, thenerſte 2 Sie faßte ihre Hand und zog ſie an die Lippen, denn dem Schmerze eines anderen Weſens gegenüber war ſie die echte deutſche barmherzige Schweſter, bereit, wenn es noth thut, mit dem eigenen Herzblute die Wunden zu heilen, die Andere ſchlugen. Aber ſchon hatte ſich die Sängerin erholt. Es war auch jedenfalls nicht die ſcheinbare Säumniß des Mäd⸗ chens geweſen, die ſie ſo ſehr erregt hatte,— dieſe war nur ein augenblicklicher Ableiter ihres Gefühls, das ſchnell über ſie gekommen und eben ſo ſchnell wieder ent⸗ flogen war. Als ſie ſich emporrichtete, ſtrahlte ihr Auge bereits wieder im alten Glanze, die Lippen umſpielte ein kaltes, ſtolzes Lächeln, und ſchnell duich das Zimmer ſchreitend, 138 — ſagte ſie kurz:„Laß gut ſein, Marie, beſorge nur Alles zur Oper!“ Marie verſchwand, um die Garderobe zur„Eliſa⸗ beth“ im Tannhäuſer zurechtzu legen, deren Studium ſich die Signora mit beſonderer Liebe und Begeiſterung ge⸗ widmet hatte. Doch kaum hatte ſie damit begonnen, als die Schelle ſie von Neuem in das Gemach der Signora rief. „Iſt eine neue Garnirung zu dem weißen Atlas⸗ kleide beſorgt?“ „Nein, Signora!“ „Warum nicht, Du weißt doch, daß mir die letzte nicht zuſagte, und ich eine andere haben wollte. Marie, Deine Nachläſſigkeit wird unerträglich!“ „Aber Signora— „Nun was gibt es?— Nicht wahr, ich habe wie⸗ der Unrecht, ich hätte Dich ja erinnern können an Deine Pflicht!— Ja freilich, Signora Corrado hat weiters nichts zu denken und zu thun“, als ihrer nachläſſigen Kammerfrau alle Beſtellungen zehnmal vorzudecla⸗ miren!“ „Signora, Sie beſtimmten ja ausdrücklich, daß Sie ſelber die neue Garnirung auswählen und kaufen wollten.“ „Verſteht ſich, Du mußt doch Recht und das leßte 139 2 Wort behalten— nun ich will Dir es nicht mißgönnen und mir nicht Geſundheit und Stimme hinwegärgern!— Beſtelle den Wagen, ich will ausfahren und mich nur ſelber bedienen, da ich nicht mehr bedient zu werden ſcheine.“ Marie eilte ſeufzend von dannen, allein kaum hatte ſie dem Kutſcher den Befehl zum ſofortigen Vorfahren gegeben, als die Schelle auf's Neue gellend durch das Haus klang. Marie eilte athemlos hinauf und fand die Signora bereits wieder ruhend. „Ich kann nicht ausfahren“— flüſterte ſie,„ich bin zu ſehr erſchöpft,— geh Du, Marie, ſuche einige paſſende Arrangements aus und bringe ſie zur Auswahl mit.— Doch erſt, Marie— ſo warte doch,— mußt Du denn ſo ſehr eilen, wenn Du ſiehſt, daß ich noch einen kleinen Wunſch erfüllt haben möchte?“ „Was befehlen die Signora?“ frug Marie kalt, da auch ihre Geduld zur Neige ging. Die Sängerin biß ſich die feinen Lippen, ihre Au⸗ gen ſprühten— doch ſagte ſie ruhig: „Geben Sie mir jenes Buch von dem Brette her⸗ ab! Jenes links, ganz am Ende— ſo, nun können Sie gehen!“— Da tönte draußen die Glocke,— Marie eilte zu 140 öffnen und gleich darauf trat Herr von Brandach in das Boudoir der Sängerin. Joachim von Brandach, der ſtattliche Officier, der reiche Erbe aus der Provinz, war ein Lion des Tages und von manchem heiratsluſtigen Auge ſehnlichſt ver⸗ folgter Cavalier.— Er war eiter der wenigen jungen Männer, die das Allerheiligſte der Signora betreten durften. Er hatte glänzende Toilette gemacht, wobei ſeine ſchöne Geſtalt ſich vortheilhaft in der ſtraffen Uniform hob, und mit elegantem Zuge das feine Bärtchen dre⸗ hend, eilte er auf die Signora zu, die ſich zu erheben bemühte. „Bleiben Sie, bleiben Sie, meine Gnädige“,— rief er lebhaft,„ſtören Sie nicht Ihre uns Allen ſo koſtbare Ruhe!— Ich komme nur, mich nach dem Be⸗ finden der Signora zu erkundigen und da wäre es ja der größte Fehler, durch Ruheſtörung Ihre zarte Con⸗ ſtitution zu afficiren.“ „Ich danke Ihnen, Signor,“ liſpelte ſie, mit dan⸗ kendem Blicke ſich wieder zurücklehnend,„Sie ſehen, es geht ja, und wenn auch der müde Körper zuweilen nicht recht gehorchen will, der Geiſt iſt friſch und lebendig und die Stimme klar!“ Bei dieſen Worten ſang ſie eine Roulade ſo glo⸗ 141 ckenrein und klangvoll, daß Joachim entzückt ihre Hand ergriff, und ſie enthuſiaſtiſch mit Küſſen bedeckte. Die Kunſt hatte Joachim, ihren eifrigſten Freund, zu Signora Corrado geführt; in ihrer Kunſt, deren echte wahre Prieſterin ſie war, in deren Cultus ſie des Lebens Glück und ihre Ehre fand, hatte er ſie lieben ge⸗ lernt, und wie ſo viele Andere vor dem ſchönen Weibe, ſo kniete er vor dem erhabenen Genius in ſchönſter Form, und je länger er ſie kannte und ihr Streben nach Vollkommenheit in ihrer Kunſt beobachtete, um ſo größer ward ſeine Verehrung für dieſes Weib, das mit einem echt italieniſchen Herzen, voll Caprice, Eigenſinn und Intriguenluſt— ein deutſches Streben, einen ſcharfen Verſtand und eine ungehenchelte unbeſchränkte Hingabe zur Kunſt beſaß. Brandach ſe ber füllte ſeine wenigen Mußeſtunden mit Beſchäftigungen in der Kunſtwelt aus, und hatte er, ein vollkommener und verrufener Roné, auch nie Zeit gefunden, ſeine ſchönen Talente zur Selbſtthätigkeit aus⸗ zubilden, ſo hatte er ſich doch einen richtigen Geſchmack und ein feines Gefühl für Alles äſthetiſch Schöne ange⸗ eignet, das ihn wohl fähig machte, die Kunſtleiſtungen der Signora zu beurtheilen. In ihrem eigentlichen Elemente, in dem ihre Ehre ruhte, in dem ſie den höchſten Vollgenuß des Lebens 142 ſuchte und fand, als Süngerin— war ſie unübertroffen, — aber ſie war auch Dichterin, Malerin und hier war es, wo ihr der feine Geſchmack Brandach's zur Seite ſtand, der ihr treuer Rathgeber und oft ſcharfer Correc⸗ tor bei ihren kleinen Schöpfungen war. Deßhalb, weil es eine geiſtige Verehrung war, die Brandach ihr zollte, hatte ſie ihm gegenüber auch ihr Syſtem und ihre Rachegedanken aufgegeben.— Er er⸗ ſchien ihr anders als alle dieſe Creaturen, die nur das ſchöne Weib in ihr erblickten,— ihm hatte ſie ein großes Vertrauen geſchenkt und mit echt italieniſcher Offenheit alle ihre Verhältniſſe— ihre Freuden— großen und kleinen Sorgen entdeckt. Er war der Vertraute vieler ihrer Intriguen, deren Fäden zu leiten ſie faſt mit kin⸗ diſcher Luſt erfüllte,— und dennoch hatte Joachim ihr nie das Gegentheil beweiſen können, hatte mit ängſtlicher Sorgfalt den Schleier über ſein Herz gelegt, damit es ſich nie unenthüllt in ſeiner wahren Geſtalt darböte, hatte der Signora vor Allem auch ſeine Verlobung ver⸗ ſchwiegen.— Hatte er doch vielleicht auch ein anderes Intereſſe an der glänzenden Schönheit, als das der Kunſt?— War doch auch ſein Herz nicht frei von den Feſſeln, die Hunderte mit ihm trugen,— oder glaubte er gar bei der Signora ein beſonderes Intereſſe für ſeine Perſon 143 zu finden, das ihn berechtigte, kühne Hoffnungen auf ein ſo rein geiſtig begonnenes Verhältniß zu bauen?— Wer kann das wiſſen! Ivachim war der berüchtigſte Roué der Reſidenz und Signora Corrado das ſchönſte Weib in derſelben. — Er hatte ihr ſeine Verlobung verſchwiegen, hatte als Verlobter die Signora ungeſcheut beſucht, gehörte zu ihren begünſtigſten Verehrern, ohne daß Jemand dieſes Verhältniß näher kannte und mit Gewißheit darüber urtheilen konnte, und ſie behandelte ihn als einen ver⸗ trauten Freund. Im Salon war er nie, und wenn er an ihrer Seite öffentlich erſchien, war ihr Benehmen gegen einander ruhig, ja faſt kühl. Das Verhältniß war Brandach lieb, ja faſt unent⸗ behrlich geworden. Doch als ihm jetzt aus demſelben, wie für dasſelbe und für ſo viele andere noch— Gefahr drohte, beſchloß er ſofort, die auf jeden Fall— und um jeden Preis unſchädlich zu machen. Den gefährlichen Gegenſtand mit hineinziehen in den Strudel, der um ſein Daſein raſte,— und ſollte für ihn ſelbſt dabei ein Glück verloren gehen,— war das ſicherſte Mittel ihn unſchädlich zu machen, und zu ihm zu greifen, war Joa⸗ chim entſchloſſen. „Leben Sie wohl, Signora,“ ſagte er herzlich, 144 „Sie werden uns heute Abend wieder entzücken— erlau⸗ ben Sie, daß ich mich morgen nach Ihrem Befinden erkundigen darf?—“ „Signor werden mir willkommen ſein!“— erwi⸗ derte ſie lächelnd, und ihn mit einem warmen Blicke zum Abſchiede grüßend. „Willkommen?— auch wenn ich nicht allein komme?—“ Die Signora blickte fragend auf. „Ein Freund von mir, ein junger Officier, brennt vor Verlangen, Signora kennen zu lernen.— Erlau⸗ ben Sie mir, Signora, daß ich ihn mitbringen darf?—“ „Er ſoll mür willkommen ſein! Wenn Signor Brandach ihn empfiehlt, iſt er gewiß desſelben würdig.“ Joachim küßte dankend die feinen Finger und zog ſich zurück. Gleich darauf trat Marie ein, die befohlenen Gar⸗ nituren zur Auswahl bringend. Ein Blick auf die Uhr zeigte der Signora, daß ſie viel Zeit verloren habe, ſie wurde deßhalb ſehr ſchnell mit der Auswahl fertig und eilte, ſchon mit anderen Dingen beſchäftigt, in den Sa⸗ lon, wo ihr Flügel ſtand. Hier machte ſie noch einmal eine Generalprobe ih⸗ rer Rolle, und wundervoll war ſie anzuſehen, die ſchöne Prieſterin der Kunſt mit den glühenden Augen und ge⸗ rötheten Wangen, wie ſie da vor dem Flügel ſaß, zu ſeinen Klängen die erhebenden Rhythmen des Wagner'⸗ ſchen Meiſterwerkes ſingend;— ganz hingegeben der Macht des Genius und ihrer Rolle als Eliſabeth.— Ehre. I. 0 Neuntes Capitel. Mit den Epaulettes. Heute alſo endlich funkelten ſie zum erſten Male auf ſeinen Schultern, die langerſehnten Epaulettes, das ge⸗ lobte Land und Traumbild der Cadetenjahre, der Lohn für dieſe Zeit des Zwanges und der Qual, deren langſam dahinſchleichende Stunden nur der Hinblick auf dieſen Stolz jedes Officierherzens erträglich machen kann. Heute endlich trug er ſie zum erſten Male, denn heute hatte er nach wochenlanger Qual und Ochſerei ſämmtliche Examina abſolvirt, dem Cadetenhauſe ſtolz den Rücken gewandt, und ſtolzirte nun Arm in Arm mit ſeinem Freunde Brandach durch die belebten Straßen der Reſidenz, wohl und leicht ſich fühlend in ſeiner ele⸗ ganten Uniform und ſtolz, kühn und unternehmend — wie ein junger Gott. Noch nie hatte ſich Hans von Harder ſo unendlich wohl, ſo weit in der Bruſt— und ſo glücklich gefühlt, als heute.— Zum zweiten Male 147 begann er heute ſein Debüt. Die Träume langweiligſter Abendſtunden ſollten Wirklichkeit werden und an dem Arme ſeines Freundes, des erſten Roué der Reſidenz, trat er nun wirklich in die Welt. Hochfliegende Pläne, Entſchlüſſe von ungeheurem Umfange, Wünſche, Hoffnungen und Begierden,— ſeit Jahren gehegt, ſeit Jahren durch eiſernen Zwang erdrückt, wurden in ſeiner Bruſt immer lebendiger— und Bran⸗ dach war ein ſo gefälliger Freund, ein trefflicher Meiſter in allen Lebenskünſten und im Pouſſiren nobler Paſſio⸗ nen!— Sein Schwager ward aus guten Gründen ſein Lehrmeiſter, und Hans war ein gelehriger Schüler. Sie kamen ſo eben von der letzten Prüfung, ſo eben erſt hatte Hans die Uniform, mit den funkelnden Epaulet⸗ tes auf den Achſeln, angelegt und heiter und lachend be⸗ eilten ſich die Freunde, in einem Champagnerlocale die⸗ ſes wichtige Ereigniß einzuweihen. „Nur nicht nüchtern, mein Junge!“ rief Brandach, der erſten Flaſche den Hals abſchlagend und den branſen⸗ den Saft in ſpitzen Kelchgläſern fangend,„Nüchternheit, Hans, iſt ein Laſter, das ſich ein vernünftiger Menſch nie zu Schulden kommen laſſen ſollte. Nüchtern nur be⸗ geht man dumme Streiche, und nur nüchternen Leuten paſſiren faux pas!— Wenn der brauſende Champagner im Hirne kreiſt und man, ſcheinbar unſicher, doch ſo ſicher 148 ſteht und eine geiſtige Feſtigkeit und Energie gewinnt — wie ſie der Nüchterne nie kennen lernt, wird man auf den Fittigen der Begeiſterung durch das Leben ge⸗ tragen und ſieht Alles golden und roſig, wie im ſchönſten Sonnenlichte. Im Weine nur iſt Wahrheit, Glück und Leben! D'rum fort mit der Nüchternheit, fort mit dem langweiligen Pedantenſtile der Cadetenſchule!— Hoch! Hans, auf einen einzigen langen und ſchönen Champag⸗ nerrauſch im bunten Leben unſerer Reſidenz, wie in den Armen ſchöner Frauen!“ „Wahrhaftig, Joachim! Deine Theorie iſt nicht ſchlecht! Auf einen langen und ſchönen Champagnerrauſch denn mit eben ſo guter Praris!— Doch ſieh da, es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei, da kommen Be⸗ kännte„ Ein Trupp junger Officiere drang ſtürmiſch in das Local, welches bald eine Stätte der ausgelaſſenſten Heiter⸗ keit ward. Champagnerkorke knallten— Gläſer klangen — Worte flogen herüber und hinüber und Geſpräche— geiſt⸗, ja ſinnlos, oft ſich um die Lieblingselemente der Tageslöwen drehend: Wein, Weiber und Pferde mußten den Trank würzen, bis es zum Dienſte ging. Man konnte nicht begreifen, wie Brandach mit ſeinem feinen Sinne für Kunſt und alles Schöne, mit ſeinem Intereſſe für das Edelſte, ſich in dieſer Geſell⸗ 149 ſchaft wohlfühlen und einſtimmen konnte in ihre Weiſe, die, jeder geiſtigen Regung bar, im Werthe dem Gänſe⸗ geſchnatter ſo ziemlich gleich ſtand. Und doch war er ſo oft in ihr zu finden, lebte mit⸗ ten unter ihren immer durſtigen Rittern und war der Schlimmſte und Verrufenſte der ganzen Schaar— wie ſeine Reden und Witze an dieſer Stelle das Fadeſte wa⸗ ren, was überhaupt geboten ward. Wie läßt ſich ein ſolcher Charakter begreifen, ſolche Doppelgeſtaltung in einem Weſen, ſolche geiſtige Cha⸗ mäleonsnatur, die in allen Farben ſchillert, je nachdem ſie gebraucht wird?— Und mag er der geiſtvollſte Mann ſein, hoch aus⸗ geſtattet mit den herrlichſten Gaben, ein ſolches Treiben ſpricht gegen den Charakter, kann nie Vertrauen wecken — und nur einer ſo unbefangenen Natur, wie ſein Schwager Hans ſie hatte, konnte dieſes entgehen. Brandach war mit ſeinem Zöglinge gußerordent⸗ lich zufrieden und entließ ihn mit einem herzlichen Hände⸗ druck, ihm für den Nachmittag neue Freuden und Genüſſe verheißend. Aufgeregt, ſeiner nicht ganz ſicher, eilte Hans von dannen, da die Paradeſtunde nahete. Joachim aber ſchlenderte nachläſſig ſeiner Wohnung zu, ſorgſam ſeine weiteren Plüne und deren Ausführung überlegend. 150 7 „So muß es gehen“— ſagte er ſich ſelber— die⸗ ſer Knabe mit ſeinen Cadetengrundſätzen und bäueriſchen Anſichten hätte mich compromittiren und mir einen Eclat bereiten können, der mir um der Alten willen ſo gut als um Harder's willen unangenehm geweſen wäre. Anna iſt meine Verlobte, ja ja, aber ſie kann nicht verlangen, daß ich in all' der Zeit, wo ich in der lebensvollen Reſi⸗ denz lebe, nur an ſie und das einſame Schloß in der Provinz denke, und in ängſtlicher Treue allen Verhält⸗ niſſen entſage, um in ſtiller Heffung auf ſpätere Ehe⸗ freuden hier einſam und enthaltſam wie ein Mönch zu leben. Dazu dürfte es ſpäter, wenn ich erſt einmal ein glücklicher Ehemann bin, Zeit genug ſein.— Ich werde, wenn ich bei ihr bin, ein aufmerkſamer Bräutigam ſein, gehe auf alle ihre Wünſche und Meinungen ein, ſchwatze wie mit der Corrado von Kunſt, mit ihr von Natur und Ländlichkeit— doch wenn ich hier bin, will ich meiner Neigung leben. Genießen— Genuß alle Tage und in allen Farben, das iſt die Parole des vernünftigen Lebe⸗ mannes!— das Alter kommt ſchon ohnedies einmal und dann iſt es Zeit genug, ein ſolider Ehemaun zu werden und am Stuhle einer trenen Gattin ſelber tren und ohne Arg zu ſchmachten. Aber um genießen zu können, muß Hans mit hinein in den Strudel, wo er am tollſten iſt. Er muß blind für Alles, und nur ſeinen Genüſſen leben, 151 dann wird er meine Verhältniſſe nicht ſehen, oder doch, daß ich genießen will, natürlich finden— wenn ich immer⸗ hin auch ſeiner Schweſter Bräutigam bin. Genießen ſoll er, genießen muß er, und je toller es wird, um ſo beſſer für mich Was kümmert's mich, wenn auch der Alte jam⸗ mert, der iſt auch einmal jung geweſen, und Schulden muß ein Edelmann haben, das gehört mit zum point d'honneur.“ Er lachte eigenthümlich als er das dachte, und an ſeine eigenen Schulden, und an das Geſicht ſeines Vaters, wenn dieſer praktiſche Mann einſt ſie bezahlen ſollte. „Zum Henker auch!“ rief er wild,„wenn ich leben ſoll wie ein Pappenſtiel, dann mag der Teufel Edelmann und Officier ſein! Ich weiß, was meine Ehre von mir fordert, und Ehre, ja auf Ehre muß man halten— alles Andere iſt Chimäre..“ Und ſich eines Beſſeren beſinnend, gab er ſeinen Vorſatz, nach Hauſe zu gehen, auf, bog in die nächſte Straße ein, wo ſich in einem prächtigen Eckhauſe eine neue Conditorei etablirt hatte— und hier, im Kreiſe ähnlich geſinnter Bekannter, die der lebensluſtige Roué zu jeder Stunde und an jedem Orte fand, machte er ſeiner Philoſophie über Genuß und Genießen alle Ehre. Hans von Harder, der nach der Parade nach Hauſe zurückgekehrt war, ließ heute ſein Diner durch den Bur⸗ 152 ſchen aus dem Hotel holen, um noch ein Stündchen für ſich allein— allein zu ſein mit ſeinen Gedanken. Es war noch Vielerlei, wozu Brandach ihn an die⸗ ſem Tage führen wollte, und eine ganze Kette von be⸗ täubenden Luſtbarkeiten erwarteten den jungen Lieute⸗ nant, dem es kaum möglich war, ſich aus der ſtrengen Cadetenzucht in dieſem grellen Uebergang zum luſtbe⸗ rauſchten, wechſelvollen Leben eines Officiers der Reſi⸗ denz zu finden. Zuerſt, und das war der Hauptpunkt des ganzen noch vor ihm liegenden Tages, wollte ihn Brandach bei der Prima donna assoluta der Oper, Signora Cor⸗ rado, einführen.— Er ſollte den erſten Damenbeſuch in der Reſidenz machen, bei einer Dame, deren Namen er ſchon beim Eintritte in das Cadetenhaus als einen gefeierten hatte nennen hören, deren Ruhmes alle ſeine Cameraden voll waren und bei der eingeführt zu werden, ſich viele derſelben noch immer vergeblich bemühten. Darauf wollten ſie die Oper beſuchen und ſich an dem göttlichen Geſange der Gefeierten ergötzen, und dann endlich zur ſtillen Nacht, wenn alles dieſes vorüber war, erwartete ſie ein glänzendes Gelag, das Hans ſeinen neuen und alten Cameraden und Freunden zu geben ſchuldig war, und deſſen ganzes Arrangement Brandach auf das Glänzendſte beſorgte. 153 Hans ſchauderte, wenn er an alles dieſes dachte. Er war heute ſchon ſo mait gehetzt, ſo erſchöpft von der Aufregung, die ein bedeutender, ereignißvoller Wechſel ſtets in uns hervorbringt, daß er am liebſten allein ge⸗ blieben wäre und geruhet hätte bis zum folgenden Mor⸗ gen, der endlich ſeinen heißeſten Wunſch erfüllen und ihn wieder einmal nach der Heimat führen ſollte. Endlich ſollte er ſie wiederſehen, ſeine Theuren, nach mehrjähriger Trennung Eltern und Schweſter wieder umarmen, die Plätze feiner Kindheit wieder be⸗ grüßen! Wiederſehen— das Wort Wiederſehen weckt eine angenehme, frendige Bewegung in der Bruſt jedes frohen, fühlenden Menſchen. Jeder begrüßt es mit Freuden, wenn es oft mitten in den Laſten und Plagen des Lebens unverhofft an uns herantritt— uns irgend ein theures, lang vermißte s Weſen in die liebenden Arme führend. Wiederſehen— dieſer Troſt aller Leidenden— das nur die Böſen fürchten, als dunklen Mahner, trat freundlich vor die Seele Hans von Harder's und weckte tauſend Gedanken und Gefühle in ſeiner Bruſt. Ob er ſie wohl jemals wiederſehen würde, an die er ein ganzes Jahr hindurch an jedem Tage und zu jeder Stunde gedacht hatte, der all ſein Sinnen und Denken gehörte, der ſein Herz geweiht war, ſeitdem er ſie geſe⸗ 15⁵⁴ hen, und von der er doch nichts wußte— Nichts. Nicht Namen, nicht Stand, nicht einmal ob ſie noch dort war, im lieblichen Harzſtädtchen— und vielleicht zuweilen, wenn die Sonne unterging, und die Schatten länger und dunkler ſich über den Park breiteten, zuweilen dann am Schwanenteiche ſaß, ſeiner gedenkend— liebevoll, ſehn⸗ ſüchtig, wie er ihrer gedacht hatte ein ganzes Jahr hin⸗ durch, in guten und böſen Stunden. Sie war bei ihm geweſen, wenn er Abends, über ſeine Bücher gebengt, die ſchwierigen Aufgaben löſte; ſie hatte ihm zugelächelt, wenn er ermattete und ſeine Kraft erlahmen wollte bei den ſchwierigen Verwickelungen der Eramenarbeiten; ihr Bild hatte ihn begleitet auf allen Wegen, und ihm die Mühſale und den Zwang des Ca⸗ detenhauſes ertragen helfen. Und nun war dies Alles vorüber. Nun war er frei und eine ganze Welt voll Freuden und Genüſſe lachte ihm lorkend entgegen. Die Gunſt der Damen konnte dem bildſchönen Lieutenant mit der ſ chlanken Geſtalt und dem ſtolzen, freien Blicke nicht. fehlen— und morgen gab es für ihn ein ſeliges Wiederfehen, ein Wiederſehen der Theuerſten— ſeiner Lieben! 35 Sollte es für ſie kein Wiederſehen geben? Sollten ſie ſich nur gefunden haben, um in einigen glücklichen 155 Stunden einander kennen— lieben zu lernen, und dann für immer ſich zu verlieren? Konnte das der Wille des Schickſals ſein?— Hans, obgleich ſonſt in religiöſen Anſichten und im Glauben nicht beſonders feſt und unwandelbar, flüchtete ſich, wenn er keinen anderen Ausweg ſah, doch gern zu der unſichtbar waltenden Hand des Schickfallenkers, und hoffte von ſeiner Weisheit eine günſtige Wendung ſeines Geſchickes. Auch darin hielt er den Wahn ſeines Standes, daß ihm nichts fehlſchlagen könne, daß er eben dazu geſchaffen ſei, glücklich zu werden, mit Conſequenz feſt, und die le chte Religionsanſicht des kriegeriſch und ſoldatiſch den⸗ kenden Vaters, der den Wahlſpruch hielt:„Sein Schick⸗ ſal ſchafft ſich ſelbſt der Mann,“ mit dem gottergebenen glaubensſtarken Sinne der Mutter verbindend, war er in den glücklichen Momenten ſeines Lebens ganz der ſorg⸗ loſe, um Religion und Kirche wenig beſorgte Wel mann, während er in trüben Stunden ſich gern zum Gſenben flüchtete, von der Hand der waltenden Liebe Wenſung ſeines Geſchickes zum Guten erwartend. Auch jetzt hoffte Hans. Konnte es möglich ſein, daß er das Mädchen nicht wieder finden ſollte, das er liebte, und das er lieben müſſen würde, ſo lange ein Herzſchlag ſeine Bruſt bewegte?— Nein, er hoffte auf 156 ein Wiederfinden, und bedauerte, daß er nicht heute ſchon nach dem Harze reiſen und im Parke zu Ballenſtädt die Geliebte wieder ſuchen und, wie er feſt glaubte, wieder⸗ finden konnte. Aber der Befehl des Vaters rief ihn gebieteriſch nach Hauſe— und auch dahin zog ihn die Sehnſucht nach Mutter und Schweſter, nach dem trauten Familien⸗ kreiſe, deſſen ſtille Frenden er im Cadetenhauſe ſo oft und ſo ſchmerzlich vermißt hatte. Weiter flogen ſeine Gedanken— und ſein Geiſt eilte ihm voraus, dem Schloſſe ſeiner Väter zu!— Wie werden ſich die Eltern freuen, in dem ſtattlichen Officier ihren Sohn zu begrüßen, wie würden die Ahnen ſo freundlich auf ihn niederſchauen, wenn er, Krieger, wie ſie meiſt Alle geweſen, in dem Rocke ſeines Königs, an⸗ gethan mit allen Ehren ſeines Standes, unter ihren Bildern dahinſchritt und mit hellem Auge die ernſten bär⸗ tigen Männer grüßte, die aus den goldenen Rahmen ſo ehrfurchtgebietend hernieder ſchauten. Wie wollte er der Schweſter imponiren, die als Brandach's glückliche Braut ihnen entgegeneilen und den Bruder wie den Bräutigam in ihrer holden Weiſe begrü⸗ ßen würde. Als Officier kam er heim in das Schloß ſeiner Vä⸗ ter, das er, noch Knabe faſt, verlaſſen hatte. 157 Ein Schritt lag hinter ihm, ein großer, ſchwerer, und furchtlos konnte er hintreten vor die Ahnen ſeines Hauſes; er hatte ihnen Ehre gemacht, und fein Wahl⸗ ſpruch:„Gut und Blut für die Ehre des Hauſes von Harder“ ſtand unauslöſchlich feſt in ſeine Bruſt geſchrie⸗ ben, ein Schild gegen alle Unehre und Anfechtungen von Außen, deren Schwere und Tragweite er allerdings noch nicht hatte kennen lernen, ja, die er kanm ahnte. Noch ſchlummerten die Leidenſchaften in ſeiner Bruſt, welche die Welt ſo geſchickt und erfolgreich zu wecken weiß; noch war er immer die Unſchuld aus dem Ca⸗ detenhauſe, und ſeine Lebenslaufbahn bezeichneten nur Schulſtreiche, die den Vorgeſetzten und Profeſſoren ge⸗ ſpielt wurden. Jetzt aber war er in die Welt getreten, ſollte den Kampf mit ihr beginnen, und ihr zur Seite ſtand der Egoismus der Leidenſchaft und Genußſucht in häßlichſter Geſtalt, feſt entſchloſſen, ihn mit hinein zu reißen in das wirre Treiben, dem in den meiſten Fällen die Grundſätze der Jugend, die Unbefangenheit des kindlichen Gemüthes — ja oft die Ehre ſelbſt zum Opfer fallen. Wie ein Schatten, Unheil kündend, ſtand er dem Argloſen zur Seite, ja er nahte ſchon! Ioachim von Brandach trat ein. „Noch nicht fertig, Hans?— Da ſitz'ſt Du nun. 158 und träumſt wohl wieder von Ballenſtädt und ſeiner Dulcinea, und unbekannten Göttern huldigend, läßt Du die koſtbare Zeit verſtreichen, wo Dir die Freude winkt in lebender Geſtalt. Schnell Toilette gemacht und zur Corrado! Die Stunde iſt da, und eine Primadonna iſt das eigenſinnigſte Weſen unter der Sonne. Nur ſchnell, ſo— recht elegant.— Du ſiehſt nicht übel aus, Hans, und wirſt ſie im Sturm erobern, ihr kaltes Herz erwei⸗ chen und den ganzen Reiz der Liebe einer Tochter des Südens in allen Farbenſpielen kennen lernen. „So, nun noch einige Tropfen von dieſem Oran⸗ genparfum— das iſt ihre Leidenſchaft— und Du biſt fertig— elegant, ein echter Löwe des Tages! Donner⸗ wetter, Hans, wie ſiehſt Du gut aus, dank' es meiner Freundſchaft, daß ich als Schwager Dich in die Welt führe, denn mir ſelber thue ich wahrhaftig keinen Ge⸗ fallen damit.“ Brandach hatte nicht Unrecht. Hans war im letz⸗ ten Jahre noch bedeutend hübſcher geworden. Die ſchlanke Figur zeigte das ſchönſte Ebenmaß, welches durch die kleidſame Uniform noch mehr hervorgehoben wurde, und die Augen blitzten noch heller und hoffnungsvoller hin⸗ aus in die Welt, als damals, wo immer noch das Ca⸗ detenhaus mit ſeinen düſteren Mäuern und arbeitreichen Zellen ſeinen Horizont beſchränkte. 159 Leicht und elegant eilten die beiden Officiere hin⸗ weg, unterwegs noch die weißen Handſchuhe glattſtrei⸗ chend;— ihr Ziel war das Hotel der Signora Cor⸗ rado.—— Die Signora war heute beſonders übel geſtimmt und Marie, ihre Zofe, hatte viel von ihren Launen zu leiden gehabt, ohne eigentlich den rechten Quell derſelben erforſchen zu können. Die Oper war glänzend ausgefallen, die Prima⸗ donna hatte in ihrer neuen Rolle einen Erfolg errungen, ſo ſchön und glänzend wie faſt noch niemals;— ſie hatte ſelbſt auch am Morgen noch ſich in der heiterſten Laune bewegt, und Marie konnte dieſen ungewöhnlichen Umſchlag derſelben, die ſich ſonſt immer nach dem frühen Morgen für den ganzen Tag zu regeln pflegte, nicht begreifen. Der Salon war ſehr beſucht geweſen und Prinz Kaver, mit dem ſich die Signora längere Zeit unter⸗ halten, hatte ihr ſo viel Schönes und Schmeichelhaftes über ihr letztes Auftreten geſagt, daß ſie ſtrahlend vor Freude und Künſtlerſtolz in ihr Boudoir zurückge⸗ kehrt war. S Nachdem war Herr von Brandach dageweſen, hatte ſich längere Zeit mit der Signora unterhalten und dann hatte Marie ſie mißgeſtimmt gefunden. 160 Sie hatte gegen ihre ſonſtige Gewohnheit ihr Di⸗ ner kaum berührt, die ſchönſten Früchte aus dem ſon⸗ nenreichen Vaterlande, welche Marie, die Vorliebe der Signora für dieſelben kennend, ſorgfältig ausgewählt hatte, unbeachtet vorübergehen laſſen, und nun ruhte ſie nachläſſig, theilnahmlos auf dem Divan— immer noch mißgeſtimmt und in tiefem Nachdenken. Die beſchattete hohe Stirn, die dunkelglühenden Au⸗ gen bargen ein Gewitter, und Marie hütete ſich wohl in den Geſichtskreis desſelben zu kommen, ſondern ſaß ruhig draußen, an einem Briefe für ihren Bruder ſchreibend. Matt und abgeſpannt ruhte die Signora in den ſchwellenden Kiſſen, doch konnte ſie die Ruhe zu ihrem gewöhnlichen Schlummer nicht finden. Marie mühete ſich heute umſonſt, der Herrin jedes Geräuſch fern zu halten, griff umſonſt zu ihrem Univerſalmittel und hängte die Elocke ab—— die Signora ſchlummerte nicht, und dieſe Unruhe, dieſe Fluth der Gedanken und Empfindungen, welche wie rollende Wellen ſie durch⸗ ſtrömten, vermehrten noch die Unbehaglichkeit ihres Zu⸗ ſtandes, verſtimmten ſie nur immer mehr. „Alſo verlaſſen von dem Einzigen, den ich noch ach⸗ ten mochte unter allen dieſen Laffen, die wie junge Thoren mein Herz belagern, und, um dasſelbe flatternd, ſich alle die Flügel verſengen und von mir unter die Füße ge⸗ 161 treten werden ſollen!— Verlaſſen von ihm und einem Anderen übergeben! O, dieſer Schimpf für eine Prima⸗ donna, um deren Gunſtblick Hunderte vergeblich buh⸗ len!— Wie ruhig er mir das ſagte,— Madame, ich werde Sie nicht ſo oft mehr ſehen können, Pflichten, un⸗ abweisbare Pflichten nehmen mich in Anſpruch— auch wenn ich von der Reiſe zu meiner Braut zurückkehre! — Zum erſten Male ſprach er dieſes verhaßte Wort, zum erſten Male höhnte er mich mit dieſem Namen Braut und zeigte mir ſo, wie wenig ich ihm ſei! Wäh⸗ rend er die Gunſt meiner Nähe mit vollen Zügen genoß, verrieth er mich und verlobte ſich.— Und ich hatte an ſeine Liebe geglaubt! Gerade weil er mich nicht be⸗ ſtürmte, wie die Anderen, mich nicht mit faden Schmei⸗ cheleien überhäufte, ſondern mir zuweilen ſogar bittere Wahrheit ſagen konnte, glaubte ich, daß er mich wirk⸗ lich liebte— und nun!— Es iſt entſetzlich, ſo verra⸗ then zu werden, und ich könnte ihn vernichten, weil er mich verlaſſen hat— denn ich fühle— jetzt fühle ich es, ich hätte ihn lieben können— lieben mit der ganzen Wärme, die ein Herz Italiens, die eine Tochter des feurigen Südens bieten kann!— „Aber er ſoll den Triumph nie erleben, das zu er⸗ — fahren, und niemals ſoll er die Qual ahnen, die mich verzehrt, weil er mich verrathen hat! Herausreißen will Ehre. 1. 162 ich ihn aus dem wunden Herzen, den Zweiten, der es verrieth, herausreißen ihn, wie ich es damals mit ihm gethan,— haſſen, verachten und einſt mich rächen!— Herausreißen will ich ſein Bild aus meinem Herzen, und es mit Füßen treten,— tanzen und luſtig ſein, und hohnlachend mich ſelber quälen und ſelber verhöhnen, da⸗ mit kein Anderer es darf!“— „Ja“, fügte ſie mit einem unheimlichen Lächeln ihrem Selbſtgeſpräche hinzu,„ja, ich werde ihn lieben, den er mir zuführt, ich werde ihn lieben, denn ich will es, und an dieſer Liebe ſoll der Treuloſe erkennen, wie wenig er mir werth war!— Dir aber, Madonna, Du gebenedeite Mutter der Gnaden, Dir, der Tröſterin aller kranken Herzen, übergebe ich meine Rache! Du weißt es, wie ich leide, wie mein Herz geblutet hat und wieder blutet; Du willſt es nicht, Du kannſt es nicht wollen, daß Deine trene Tochter ungerächt bleibe! Sei Du mir nahe mit Deiner Hülfe, Marie, und höre mein Gebet, mein einziges Flehen: Vendetta!“—— Ein Klingelzug rief bald darauf Marie herbei. Sie fand die Signora rnhig, faſt heiter, und ein anderes Auge, als das Marie's, welche die Launen ind Eigenthümlichkeiten ihrer Herrin ſtudirt hatte, hätte ſich wohl täuſchen laſſen mit dieſen ruhig heiteren Zügen, von dieſer ſtolzen und doch milden Haltung und von die⸗ 163 ſem klaren Glanze der dunkeln Augen. Aber Marie kannte dieſes nur zu wohl, ſah wohl den Sturm, der ſich hinter heiterem Himmel verſteckte, und war auf ihrer Hut— als plötzlich die Glocke, welche ſie zum Glücke wieder angehängt hatte, gezogen ward, und ſie hinaus eilen konnte, um zu öffnen. Die Signora athmete hoch auf. Ein neuer Sturm brach in ihrem Innern aus, und ſie erhob ſich ſchnell, um ihn rechtzeitig zu bewältigen. Einen Augenblick lang ſtand ſie am Fenſter— da öffnete ſich die Thür— und heiter, wie immer, ein köſtliches Lächeln um die Purpur⸗ lippen, trat ſie den eintretenden Officieren entgegen. Hinweg mit aller Laune und Mißſtimmung, der Kampf ſollte beginnen— und die Signora wollte ſiegen! Ganz verwirrt von dem Anſchauen des ſchönen Weibes, das er noch niemals nahe geſehen hatte, ließ Hans von Harder ſich ihr vorſtellen, ſtammelte einige höfliche Worte von— großer Ehre— und unendlichem Vergnügen— und ward faſt betäubt von der liebens⸗ en Weiſe, in der ihn die Signora willkommen Sie ließen ſich nieder, und eines jener Geſpräche, wie ſie junge Herren ſo gern mit geiſtreichen Damen an⸗ knüpfen, befand ſich bald im dollen Zuge. Die Sänge⸗ 164 rin war heiter und liebenswürdig, ganz in ihrem Felde, und jedes Wort ſchlug neue Bande um das durch ihr Anſchauen ſchon halb gewonnene Herz des unerfahrenen Hans. Beide, Brandach ſowohl als die Sängerin, bemerk⸗ ten dieſes mit Vergnügen, Beide ſahen ihren Plan dem Gelingen entgegenreifen— nur mit dem Unterſchiede, daß Brandach den der Dame durchſchaute, ja berechnet hatte, während ſie nichts ahnte von ſeinen Abſichten. O die Signora verſtand es wohl liebenswürdig und intereſſant zu ſein, wenn ſie es wollte,— und Bran⸗ dach, der ſie ſelten ſo geſehen hatte, beklagte es faſt, die⸗ ſes glühende, ſchöne Weib aufgeben zu ſollen, deren heim⸗ liche Liebe er wohl geahnt hatte,— und er würde es nimmermehr gethan haben, hätte es nicht ſeine eigene Sicherheit bedingt und gefordert, daß Hans ganz und gar in den Feſſeln einer Circe gefangen liegen müſſe, um ſein eigenes Treiben nicht zu bemerken oder wenig⸗ ſtens nicht zu beachten und als künftiger Schwager zu rügen. Signora Corrado verſtand es vortrefflich, inte zu ſein. Als die beiden Officiere, wie es die Sitte dert, den erſten Beſuch bald abbrachen— und die S nora Hans mit dem liebenswürdigſten Blicke zur baldi⸗ gen Wiederholung desſelben aufforderte,— drückte die⸗ 165 ſer inbrünſiig die dargereichten Fingerſpitzen an die Lip⸗ pen und taumelte, ſelig und glühend wie ein Trunkener, die breiten Stufen hinab. Brandach folgte ihm lächelnd. Er ſah ſeinen Plan geglückt und flüſterte berechnend:„Das Gift iſt genoſſen, nun eine Reiſe, damit es wirken kann,— und wenn wir wieder kommen, liegt er blind zu ihren Füßen, ohne auf das Treiben ſo armſeliger Creaturen zu achten, wie ich eine bin.“ „Sie iſt reizend, göttlich, unvergleichlich,“rief Hans unten,„Joachim, Du mußt mich bald wieder zu ihr führen!“ „Nichts von zu ihr führen, Hans,“ erwiderte Brandach nach Kräften ſüß⸗ſauer,„das nächſte Mal gehe Du nur allein— ich bin dabei unnütz! Du biſt unzweifelhaft der Begünſtigte, und Dich liebt die Sig⸗ nora— ich gratulire!“ Während deſſen ſtand die Signora oben und ſchaute den Beiden nach. Ihre Züge waren wieder finſter und die u blitzten unheimlich wie Dolchſpitzen, der ſchö⸗ e nerinnen gefährliches Spielzeug. icht einen Blick hatte er für mich! Nicht einmal t hat er es, daß ich dieſen Harder begünſtigte! O, und dieſes Ungehener habe ich geliebt, ihn habe ich im Tiefſten des Herzens gehegt! Per dio, das ſoll er 166 mir büßen; kein Sterblicher verſchmäht die Corrado un⸗ geſtraft! Vendetta!“ Heftig ſchritt ſie auf und nieder, ihre Augen ſchoſſen Blitze und ihre ſchönen Züge waren wie mit Gewitter⸗ wolken dicht umnachtet. Mehrmals ſchon hatte Marie heimlich durch die Portiére geſchaut, war jedoch immer zurückgeſchreckt vor dieſem Ausdrucke tödtlichen Haſſes, den ſie nie an ihrer Herrin bemerkt hatte, und derrn Ur⸗ ſache ihr kindlich unſchuldiger Sinn nicht einmal ahnen konnte. „Er iſt hübſch,“ flüſterte die Beleidigte, drinnen in ihrem Geiſte Intriguen ſpinnend und Pläne berech⸗ nend,„er iſt ſchön ſogar und naiv, wenn auch noch ein wenig ſehr dumm. Ich werde ihn lieben können, und werde es lernen, denn ich muß es. Ich muß dem Ver⸗ räther zeigen, daß ich ihn nie beachtet habe, und Harber, — ha, der ging entflammt von mir;— wenn er wieder⸗ kehrt, wird er liebeglühend zu meinen Füßen liegen!“ Ein ſtolzes Lächeln des Triumphes durchbrach auf einen Augenblick, doch auf einen Angenblick die düſteren Gewitterwolken, dann ward wieder Alk — und lange noch ging die Signora, finſtere Pl tend, auf und nieder. Gegen Abend endlich klingelte ſie ihrer Zofe und — 167 befahl, ſie beim Intendanten krank zu melden. Die au⸗ gezeigte Oper fiel heüte Abend aus.———— ſpät,“ rief ube den beiden Ankommenden entgegen, als B Brandach und Harder in das Kneipzimmer traten. Ihr ſcheint wenig zu haben und do iſt Durſt— ein ordentlicher reeller Durſt— die ſchönſt St des Soldaten in der Flirdenst eit. Wenn Alles vuhig, und kein Feind ante portas, wie der alte Profeſſor zu ſa⸗ gen pflegte, heißt Wein die Parole, iſt Weindurſt Sſ Hauptforce, wie im Kriege die Blutdurſt und die Zahl der erlegten Feinde die Ehre eines guten Soldaten. Holla! Wein, Wein, Wein heißt die Loſung! Auf Ehre!“ „Rauberg, Du haſt ein famoſes Rednertalent. Schade, daß Dunicht in der Kammer ſitzeſt, Du würdeſt die gefallenen Fragen ſchon durck pauken, wie Du jetzt⸗ under die Cha mpagnerflaſchen töpfi Famos, Rauberg, wie das ſpringt und guillt, und ſchäumt, gerade wie ſterblicher Redefluß von ante portas etce- öttelte Sandow und ſtieß mit den Neukom⸗ un, daß die Gläſer k S in ſchön geſtimm⸗ Garmonie, und Alle tranken den feurigen Wein bis zur Neige, zur Ehre des jungen Officiers, der in ihre Mitte aufgenonmen worden wgr. „Kommt Ihr endlich? Auf Ehre, es iſt iemlich 168 Sie Alle waren Soldaten mit Leib und Leben. Für den König Blut und Leben und Alles für die Ehre unſeres Standes war die Parole. Arbeit eine Schande für ihren Stand, der abge⸗ ſondert, iſolirt wie kein anderer, inmitten des ganzen Volkes ſteht und ſich Achtung zu verſchaffen, ja zu imponiren weiß, durch die Geſetze der Ehre und der Soldatenpflichten, die ihn umgeben wie ein undurch⸗ dringlicher ſpiegelklarer Schild. Kein Makel darf auf dieſem haften, kein Hauch ſeinen Glanz trüben und mit unerbittlicher Strenge ſtoßen ſie Alles aus, ſondern Alles ab, dem das Kains⸗ zeichen eines Ehrenmakels auf der Stirn brennt. Durch Einigkeit ſtark, ſteht das Officiercorps inmitten des ganzen Volkes, mit ängſtlicher Sorge den Cultus der Ehre bewachend und den kleinſten Ver⸗ ſtoß gegen dieſelbe mit unvermeidlicher Verachtung ſtrafend. Alles läßt ſich ergänzen, Alles wieder gut ma⸗ chen— die Ehre aber, einmal befleckt, bleibt ewig getrübt, und für immer iſt der geſchändet, einen Roſtflecken auf derſelben Platz gewinnen Gehorſam bis in den Tod, die Ehre no den Tod hinaus, iſt der Wahlſpruch der Officiere, und Jeder wäre ein moraliſch Todter, der dieſem Macht⸗ 169 ſpruch widerſtreben wollte, welcher, wenn auch in kei⸗ nem Geſetzbuche gezeichnet, durch keine Ordre befohlen, doch lebendig in jeder Bruſt lebet und ſie ſtählt und kräftigt gegen die Einflüſſe des Profanen und Ge⸗ meinen. Wem da liegt an der Ehre ſeines Standes und an der Achtung ſeiner Cameraden, ja der ganzen Armee, der hält dieſe nie gegebenen Geſetze mit uner⸗ ſchütterlicher Treue, beugt ſich der Gewalt ihres ſtillen, aber ſicheren Waltens; denn Jeder kennt ſein Schick⸗ ſal bei dem geringſten Verſtoße gegen dieſelben. Der Adel verpflichtet, iſt die Parole des Adels überhanpt, die ſich jedoch hier und da ſchon beugt vor der ſiegenden Macht des Alles beherrſchenden Gel⸗ des; der Officier jedoch hat ſich nicht gebengt vor dieſem Götzen und„plus dhonneur, que des honneurs““ heißt noch heute der Wahlſpruch, welcher ſein Corps ſtark und mächtig, geachtet und angeſehen macht. Noch halb betäubt, das verführeriſche Bild der nna vor den Angen, kam Hans mit Bran⸗ der Geſellſchaft an, deren Heiterkeit mit jedem enblicke ſtieg. Ein neues Glied in ihrem Corps wurde ſtets mit einer kräftigen Rede von Einem aus ihrer Mitte — 170 begrüßt, die Ehre des Standes ihm kräftig in das Gewiſſen geredet, darauf wird getrunken und geſcherzt bis tief in die Nacht hinein, wo die Armuth ſchläft und die geplagte Arbeiterwelt ſich friſche Kräfte zu neuer Plage erſtärkt, und nur die Auserwählten der Geſellſchaft in bachantiſcher Luſt ſich wiegen und Götterfrenden genießen, wie ſie die geknechteten Sclaven der Armuth kaum ahnen können. Gegen Morgen erſt, als die Schimmer der Mor⸗ genröthe den neuen Tag bereits kündeten und ſchon maucher Arme ſein hartes Lager verliß, um von Neuem die Kette eines geplagten Daſeins zu ſchleppen, taumelten die Söhne der Freude ihren Wohnungen zu, um bis ſpät in den Tag hinein die verſänmte Nachtruhe zu genießen. Heiter und lachend zogen ſie ihre Bahn; die ſilbernen Epaulettes blitzten ſtolz durch bie ſinkenden Morgennebel, und ob ſie auch kaum ihrer Sinne mäch⸗ tig waren und die Gewalt der Sprache verloren och hatten— ſicher und hell ertönte doch immer von Ranberg's Lippen das eine Wort:„Auf Eh Der ſchönſte Sommermorgen lachte in das Land und Alles was er begrüßte, blickte ihm ſo heiter, ſo lebensfroh entgegen, als ob ein Wetteifer herrſche zwiſchen Erde und Himmel, wer es am beſten verſtünde, ein recht ſommerliches Ausſehen vorzuſtecken. Die Sonne vergoldete mit ihren erſten Strahlen die Gipfel des Waldes und färbte die Wellen des Sees gol⸗ den, in deſſen klarem Spiegel ſich das ſtolze Hardersberg beſchaute. Wie mazeſtätiſch und herrlich blickte es hinab uuf die rings ſich neigende Umgebung, wie luſtig flatterte auf ſeiner Zinne das Banner der Harder's!— konnte hier in dieſer Nähe auch das Unglück wohnen, konnte 4. S[oSZeo 5 in dieſem Reiche, das einem einzigen Glückeslächeln ähn⸗ lich ſah, auch Schmerz und Betrübniß ſeine Hütten bauen?— 172 Sie konnten es, und während Alles ringsum lachte und ſich des kommenden Morgens freute, zagte ein Herz inmitten dieſer Herrlichkeiten, und klagte einſam um ein verlorenes Glück. Es war noch früh am Morgen.— Die Sonne hob ſich nur eben und doch wandelte in den Gängen des Par⸗ kes bereits ein weibliches Weſen umher, deſſen Züge einen grellen Contraſt bildeten zu der glücklich lachenden Umgebung. Ein Jahr vorbei. Was kann ein Jahr nicht thun mit ſeinen langen Tagen, ſeinen vielen Stunden und unendlich vielen Minuten! Wie die Welle im unaufhalt⸗ ſamen Schwunge ſich fortwälzt, Alles mit ſich hinreißend, was ihren Weg kreuzt, ſo dreht ſich auch unaufhaltſam das Rad des Schickſals und ſchüttelt die Loſe durch ein⸗ ander, daß ſie umherfliegen wie Schneeflocken in der Weihnachtszeit, und Beſcherung bringen in alle Herzen und für alle Stände. Gewinne und Nieten fliegen umher, und immer vorwärts eilt das Schickſalsrad, mit ſeiner diaboliſchen Kraft die Welt beherrſchend. Ein Jahr vorbei. Auch an Hardersberg war das Schickſalsrad nicht vorbeigeeilt, ohne einige Loſe in das adelige Schloß zu ſpenden, und wie ſich Aehnliches zu Aehnlichem ſtets findet, ſo entdecken auch die Nieten tren⸗ lich den Weg wieder, den frühere Brüder ſchon gingen, und finden ſich immer wieder ein, wo einmal Nieten ge⸗ fallen ſind. Immer finſterer und unzufriedener waren die Züge des Freiherrn geworden, immer unglücklicher und leiden⸗ der fühlte ſich Frau Gertrud, und manches der ſonſt üb⸗ lichen Feſte war in dieſem Jahre unterblieben, weil die Herrſchaft ſich kränklich fühlte. Den wahren Grund aber, die oft drückenden Verle⸗ genheiten der Famjlie, ſollte und durfte Niemand ahnen, und die wenigen Gäſte, welche in dieſem Jahre das Schloß berührten, fanden dieſelbe liebenswürdige Gaſt⸗ lichkeit, welche die Beſitzer desſelben der Ehre ihres Hau⸗ ſes ſchuldig zu ſein glaubten. Sie mußten ihn aufrecht halten, den Schein des Glückes und des Wohlergehens, und ob auch die Zeiten immer trüber wurden, die Wolken immer dichter ſich um das Schloß thürmten, ſie mußten ſie weiter ſchleppen, die Kette, welche die Ehre des Hauſes ihnen auflegte, mußten mit ſicherer Hand unter dem purpurnen Lacheln der Convenienz die Wunden verdecken, aus denen das gequälte Herz ſich verblutete. So ſtand es auf Hardersberg. Keine freundliche Zeit blühte in den ſtattlichen Mauern, und ſo ſchön und ſo herrlich auch draußen die 174 Natur lächelte— drinnen herrſchte das Unglück, der Schmerz und die verzehrende Qucl. Ein Jahr war vergangen, und wiederum war heute der Geburtstag des Freiherrn, der im vorigen Jahre zugleich Anna's Verlobungstag geworden war. Was war aus den blühenden, jungen Mädchen ge⸗ worden in dieſem Jahre? Eine ſtille, ernſte Jungfrau mit bleichen, durchſich⸗ tigen Zügen und Aungen, die, ſo rührend und ſchön, ſtets in einem überirdiſchen Glanze ſtrahlten, als ob ſie unter Thränen lächelten. Die ſchöne volle Roſe, die zwar immer ernſt und ſinnend, doch ſtets ein Bild des reinſten Glückes geboten hatte, wandelte heute wie eine geknickte Lilie durch den väterlichen Park, mit Thränen den Jahrestag ihrer Verlobung begrüßend. Sie hatte es gebracht, das ungeheure Opfer, ge⸗ bracht zur Ehre des Hauſes und für das Glick ihrer Eltern— und hatte dem ungeliebten Manne die Hand gereicht zum Verlöbniß, feſt entſchloſſen, ihm eine treue, ſorgſame Gattin zu werden. Aber als ſie das that, da brach in ihrem Herzen ein Altar zuſammen, den ſtille Verehrung und Anbetung ſich darin gebaut hatten, und ein Bild ſtürzte hernieder— doch im Zerſplittern noch die feinſten Adern bes Herzens 175 verletzend, daß ſie bluten müſſen, bluten— ja bluten, bis ſie ausgeblutet haben. Anna von Harder hatte das Opfer gebracht, doch ihre Züge erzählten die Geſchichte desſelben und was es gekoſtet habe, und ob ſie auch immer in ſtiller Heiterkeit, ruhig und ergeben um ihre Eltern ſorgte, die ſelber zu viel beſchäftigt waren, zu viel litten, um die Veränderung ihres Kindes zu beachten— ſahen alle Andern wie ſie ſichtbar hinſchwand, und beklagten das liebe Fräulein, die, ſo gut und mildthätig ſtets— nun einer Grabes⸗ roſe glich. Es war ein ſchlechtes Jahr geweſen. Das Gut hatte nicht eingebracht, was der Freiherr erwartet halte, die Ausfälle des letzten Jahres konnten nicht gedeckt wer⸗ den— und endlich mußte man dem Abraham Silber⸗ mann, dem Agenten des Freiherrn in der Neſidenz, welcher die Wechſel desſelben in Händen hatte, dieſelben mit einer neuen Hypothek auf das Gut auslöſen. Tiefer und tiefer ſank es in Schulden, und je we⸗ niger von dem Sitze ſeiner Väter ſein blieb, um ſo tiefer neigte ſich auch der Freiherr unter der Laſt ſeiner Sor⸗ gen, um ſo mehr erbleichten Bart⸗ und Haupthaar und ſtellten ihn vor der Zeit als Greiſen dar. An Alles das dachte Anna, als ſie einſam durch die Morgenluft dahinſchritt, und dieſe Gedanken, dieſe 176 ſhrecenn Reſultate des letzten Jahres riefen die trau⸗ rige Stimmung in ihre Züge, die ſo ſchneidend mit dem Sommermorgen contraſtirte. Vaters Geburtstag war e— ihre Gedanken ſlogen weiter— heute kam der Bruder zum erſten Male aus der Reſidenz zurück und brachte ihren Bräutigam mit. Ho, wer hohnlacht denn da, bei dem Worte Bräu⸗ tigam? Was ſind es für Stimmen, die ſich dagegen er⸗ heen und ſchneidend und ſchrill ankämpfen wollen gegen den Zwang, den man dieſem armen Herzen thun will? Wie es ſich krümmt das arme gequälte Herz, und vergeblich ſich loszuringen ſtrebt von den Feſſeln, die es eiſern umſchlingen! Wie es zuckt und ſtöhnt, und ar⸗ beitet mit aller Kraft— wie es matter wird und matter, und endlich wieder zuſammenfällt in ſeine Feſſeln und ruhig weiter ſchtägt ſein armſeliges, geknechtetes und ge⸗ quältes Daſein! Ann war auf einen Ruheſitz niedergeſunken Schrecklich gellte ihr das Wort Brüutigam vor den Oh⸗ ren; ſie weinte und klagte, ſie jammerte und rang und machte der gequälten Bruſt Luft in lanten Ausrufen des Schmerzes und der Sehnſucht. Ernſt— Tante Frieda— das waren die beiden Namen, die man unterſcheiden konnte, bis endlich der Parorismus des Schmerzes ſich legte, ſie ruhiger ward 177 und gefaßter— und endlich Siegerin über ſich und ih⸗ ren Schmerz. Sie hatte das Opfer freiwillig gebracht, ihren El⸗ tern und der Ehre des Hauſes zu Liebe,— war es denn ſo ſchwer, einem geträumten Glücke entſagen um ſeiner Lieben willen? Würde ſie nicht eine ſchlechte Tochter, eine unwürdige Harder geweſen ſein, wollte ſie erliegen unter der Laſt eines Opfers, welches die Ehre forderte 2— Nein, ſie mußte ſtark ſein, ſie mußte ausharren und dulden um der Ehre willen, und ſie wollte es. Von Neuem hatte ſie ihr Schickſal angenommen, von Neuem das Opfer gebracht und ruhig und gefaßt ſchritt ſie dem Schloſſe zu, um ihrem Vater Glück zu wünſchen zu ſeinem Ehrentage,— ſtolz und gefaßt, treu dem Grundſatze der Harder's:„Blut und Leben für die Ehre unſeres Hauſes!“ Und während ſie unten klagte und weinte und den ſchwerſten aller Siege ſich erkämpfte, wachte oben im Schloſſe ein zweites gequältes Herz— ein Vaterherz und ſchaute verzweiflungsvoll auf den Schmetz ſeines Kindes, deſſen Quelle ihm das ahnende Herz verkündete. Er hatte es wohl geahnt, als ſie ſich Brandach verlobte, daß ſie ein großes Opfer brächte— und doch hatte er es annehmen müſſen, doch mußte er es heute noch annehmen, dem verzweiflungsvollen Schmerze ſeines Ehre 1. 2 12 178 Kindes gegenüber, deſſen zufälliger Zeuge er gewor⸗ den war. Er war ſchon längſt munter, hatte wiederum die Bücher ſeines Hauſes geprüft und die Bilanz gezogen— und ſie war ungünſtiger noch ausgefallen, als im vori⸗ gen Jahre. Nur die bekannt gewordene Verbindung mit dem reichen Brandach hielt ihn noch. Das Opfer ſeines Kin⸗ des war der Schild ſeiner Ehre geworden— der Ehre des ganzen Ftechertenheuſes. Wie es auch wurmte und nagte im armen Vater⸗ herzen, es mußte ſein! Er durfte nicht Mitleid haben mit den bleichen Wangen der geliebten Tochter; er turſte ihn nicht bemerken, den geheimen und tiefen Pfad, den ſich der Schmerz in Anna's holde Züge grub:— es mußte ſein zur Ehre des Hauſes, und er mußte der Zeit es überlaſſen, mit linderndem Balſam die Wunden des Herzens zu heilen. Sinnend ſchritt er aus ſeinem Zimmer hinüber in den Ahnenſaal, und hier unter den Bildern ſeiner Ah⸗ nen, Denen gegenüber, die ihm ein Vorbild geweſen wa⸗ ren auf dem Pfade der Ehre, fand er ſeine Kraft und Selbſtbeherrſchung wieder.— Er war und mußte ein Mann ſein, der dem Leben mit ſeinen Stürmen Trotz bietet, und durch alle Klippen und Brandungen hindurch 179 mit kühnem Muthe ſein Schiff lenkend, es entweder in den ſichern Hafen führt, oder mit ihm und auf ihm an den Klippen des Strandes zerſchellt. Hier, im Ahnenſaale, fanden ihn Frau und Toch⸗ ter, die ihren Glückwunſch bringen wollten. Die Nähe ihrer Vorfahren wirkte beruhigend und ermuthigend auf ſie ein und die Feſtbegrüßung war eine herzlichere, freu⸗ digere, als man es den Umſtänden nach hätte erwarten ſollen. Sie ſahen Alle das Gewitter, welches erſchreckend ſie bedrohte, fühlten Alle die Bedeutung ihrer Lage, hat⸗ ten Alle bereits Opfer gebracht und brachten ſie täglich noch;— das gab ihnen Muth und Entſchloſſenheit, ja eine Freudigkeit, die wie ein Bundeszeichen die Schmerz⸗ verbrüderten umrang. Wer hätte da fragen wollen, wel⸗ cher am meiſten geopfert, und wen es am tiefſten in das Herz geſchnitten hätte? Heute war ein Feiertag für ſie Alle. Man wollte einmal wieder ein Feſt feiern in Harderberg's Mauern und Zeder ſuchte zu erdrücken und dem Andern zu ver⸗ bergen, was doch gleich ſchwer auf jeder Seele laſtete. So trafen ſie die erſten Gäſte— Hans und Joa⸗ chim von Brandach, und wurden mit Jubel empfangen. Hans kehrte zum erſten Male wieder heim in das Schloß ſeiner Väter, und Eltern und Schweſter blickten 180 gleich ſtolz, gleich freudig auf den ſtattlichen Officier,— in dem ſie gar den kleinen Hans nicht wieder finden konnten, welcher ſie vor Jahren verlaſſen hatte. Mit ſeiner Ankunft begann ein glücklicher Stern im Schloſſe zu leuchten. Heiterkeit und Freude herrſchten überall, und als die Angehörigen ihn bewillkommt und ihn bewundert und mit liebenden Armen an das Herz gedrückt hatten, da drängten ſich die Diener herbei, und der alte Erich weinte und lachte durch einander und erin⸗ nerte ſeinen Junker an ihre Reiſe und ſeine Angſt, und frug ihn ſcherzend, ob er ſich noch immer in den großen Straßen gefürchtet habe, wie damals als ſie am Hotel abſtiegen, und er es größer fand als ſelbſt 86 Schloß ſeiner Väter. Lächelnd ſtanden die Eltern in der Nähe, während mit ſeiner Braut ſich unterhielt,— und feſt an den geliebten Mann ſich ſchmiegend, frug die Frei⸗ frau zärtlich: „O Curt, kann man denn unglücklich ſein, wenn man noch ſolche Kinder hat?“ Liebevoll küßte dieſer ſeine? Frau auf die Stirn⸗ „Nein, nein Gertrud, wir ſind nicht unglü lich, und haben wir auch viel verloren— wir beſitzen noch unendlich mehr. Unſer Glück, die Ehre unſeres Hauſes 181 ruhe in unſeren Kindern, ich hoffe, es wird noch Alles gut werden.“ Auch Brandach ward als Sohn des Hauſes em⸗ pfangen, von den Eltern herzlich begrüßt, und auch An⸗ na, die ja nichts gegen ihn hatte, ſondern nur ihn nicht liebte, erwiderte ſeine mehr freundliche als zärtliche Be⸗ grüßung auf das Liebenswürdigſte. Beim Frühſtück, welches man in dem kleinen Sa⸗ lon einnahm, deſſen geöffnete Flügelthüren in den Park führten, mußten die beiden Officiere von der Hauptſtadt erzählen, und die Eltern wurden nicht müde, ſich nach kleinſten Gegenſtänden zu erkundigen.— Wie wohlthuend und erfreulich wirkt die Luft der Heimat! Komm aus dem ſchönſten Süden mit ſeiner herrlichen Natur und ſeinem Himmel, der ein einziges Lächeln ſcheint, hinauf in den kalten, unfreundlichen Nor⸗ den, der kahl und reizlos, aber Deine Heimat iſt,— und ein herrliches, unendlich ſchönes Gefühl wird Dich be⸗ ſchleichen, eine Freude, eine Luſt, die keine Feder ſchil⸗ dermkann. ſind die Orangendüfte des Südens, ver⸗ geſſen die ganze Schönheit und Luſt der Fremde;— Du biſt daheim— daheim— das wiegt Alles auf, beglückt, beſeligt Dich. Anch Hans fühlte dieſen Zauber. Kein Gedanke 182 flog nach der Reſidenz zurück, die ihm am letzten Tage noch ſo berauſchende Genüſſe bereitet und einen verzeh⸗ renden Feuerbrand in ſein Herz geſchleudert hatte— als er nun im trauten Kreiſe der Seinen ſaß, und im Schloſſe ſeiner Väter von ſeinem eigenen Tiſche ſeine Leibgerichte ſpeiſte. Vergeſſen waren die Wünſche, die Sehnſucht ſeines Herzens, und keine Stimme erinnerte ihn heute an den Namen Signora Corrado. Und doch hatte er nicht fortgewollt aus Berlin, doch hatte Brandach faſt mit Gewalt ihn dem Zaubernetze entreißen müſſen, welches die glühende Tochter des Sü⸗ dens um ſein Herz geſponnen hatte! Doch hatte er auf dem ganzen Wege nur von ihr geſprochen, nur na ch ihr ſich geſehnt, und gewünſcht, daß die Dampf oſſe ſich wenden und ihn hinführen möchten zu ihr!— Zu ihren Füßen zu liegen, aufblickend in dieſes wunderbar ſchöne Auge, die glühenden Flammen ſeines Herzens in Liebesworte zu verwandeln, ihr geweiht— ſchien ihm das einzig' Begehrenswerthe auf der Welt. Nicht einmal hatte er an zu Hauſe gedacht einmal an die Freude des Wiederſehens— un da er da war— war doch die Freide vergeſſe allen ihren Schönheiten und Zanberinnen. O wunderbare Macht der Heimat!— Die Zeit des Feſtes nahte. Es gab im Schloſſe Vielerlei zu thun, der Freiherr hatte ſich in ſein Ka⸗ binet zurückgezogen, um mit ſeinem Sohn Mancherlei zu beſprechen,— Joachim und Anna blieben allein. Zum erſten Male allein, als Braut und Bräu⸗ tigam, und Beide fühlten ſich beängſtigt von dieſem Ge⸗ danken, Beide fühlten ganz die Wichtig eit des Augen⸗ blickes und die Nothwendigkeit eines Austauſches der Gefühle. Brandach ſah mit Bewunderung zu dem ſchönen Mädchen auf, und ihm, der es gewohnt war, mit den verſchiedenſten Damen zu verkehren, dem nie ein Wort mangelte— wenn es Eroberung galt— ihm fehlte die Sprache dieſem edlen Weſen gegenüber, das in⸗ mitten des Unglückes und des Schmerzes, der ſeine Stempel wohl in ihre Züge gegraben, ſo ſtolz und hoheitsvoll, ſo gefaßt und edel ſtand. Zum erſten Male fühlte er hier die ſiegende Macht des Ewig⸗Weiblichen, und in ſeinem Herzen regte ſich die Sehnſucht, dieſem edlen Weſen näher zu ſtehen— wirklich nahe— und nicht blos durch das äußere Band erlöbniſſes an ſie gebunden. die noch war ihm ein Weib ſo erſchienen. Er war es gewohnt, ſie Alle verdorben und cha akterlos, ſeinen Wünſchen und Begierden dienſtbar zu finden.— Bei den ſchönſten ſelbſt hatte er immer den Stempel der 184 Verworfenheit erblickt, hatte in ihren Reizen geſchwelgt, um ſie verachtend dann hinweg zu ſtoßen, wenn mit dem Genuſſe auch der Nimbus entflohen war. Zum erſten Male ſtand er heute vor einem Weibe, das nicht, wie Signora Corrado, ihm imponirte durch Geiſt und Künſtlgrſchaft, ſondern ihm Achtung und Ehr⸗ furcht abzwang vor dem Weibe und vor dem Weiblichen. Seine Natur war nicht verſchloſſen gegen das Schöne und Edle. Er beugte ſich ihm, wo er ihm be⸗ gegnete, augenblicklich mit derſelben Leichtigkeit, wie er ſich der Gemeinheit in die Arme warf— genußſüchtig und durſtend nach Abwechslung.— Aber anch ein ſol⸗ cher Eindruck hielt nicht Stand und wich dem Neuen, ſobald es ihm begegnete. Genuß und Genießen war ſeine Parole, und da ihm Anna's holde Jungfräulichkeit etwas Neues war, ſo neigt⸗ er ſich ihr ganz überwältigt hin. Er wollte, er mußte ihr zu gefallen ſuchen, und ſchnell hatte er die Rolle begriffen, welche er hier für paſſend hielt.— „Es iſt ſo ſchön im Parke, theure Anna, d Sie ein wenig nach unſeren früheren Spielplätzen üh⸗ ren?— Sie gönnen mir dadurch das Glück, die ſchönen Erinnerungen der Kindheit mit Ihnen zu⸗ ſammen wieder zu ſehen, und wir können uns ein we⸗ 185 nig zurück verſetzen in die Zeit, wo wir daſelbſt mit einander ſpielten, ohne Ahnung, wie nahe uns das Schickſal ſpäter noch mit einander verbinden wollte.“ Der Würfel war gefallen und Anna entſchloſſen, den Erörterungen, die doch einmal kommen mußten, nicht auszuweichen. Sie legte ihren Arm in den von Bran⸗ dach ihr gebotenen, und ſo wanderten ſie die Gänge hinab, dem liebſten Spielplatze ihrer Jugend zu. Es hatte ſich wenig vexändert im Parke. Brandach machte auf einzelne Stellen desſelben aufmerkſam, erinnerte an Scenen ihrer Jugend, die ſie da und dort verlebt hat⸗ ten, und ſo gelangten ſie endlich auf den Raſenplatz, welcher der Hauptplan ihrer Jugendthaten geweſen war. Hohe Bänme beſchatteten den glatt geſchorenen Platz, und Beide ſtanden einen Augenblick ſtill, um das Alles aufmerkſam zu betrachten, bevor ſie in die Laube eintraten, von wo aus die Freifrau ihren Spielen zu⸗ zuſehen pflegte. Die Zeit der Spiele war vorüber, das Leben blickte ſie an mit ſeinem ernſten Lächeln— und ſicſühlten deutlich den Unterſchied zwiſchen Sonſt tzt. „Haben Sie bemerkt, Joachim,“ begann Anna endlich,„die Laube iſt ſchöner und voller geworden als damals, wo die Mutter nicht Schutz vor dem Gewitterregen drinnen fand. Jetzt iſt ſie dicht und 186 ſeſt, und kein Waſſertropfen findet mehr den Eingang zu dieſem trauten Plotzchen.“ „Das iſt nicht zu verwundern, Anna. Sind wir doch auch nicht mehr Dieſelben, haben wir uns doch auch verändert, und die kindlichen Gemüther von da⸗ mals ſind ernſter und verſchloſſener geworden.— Man⸗ ſtes iſt abgefalleu, Manches hinzu gekommen, und chir Beide würden uns in den luſtigen Kindern nicht wieder erkennen, die vor fünf Jahren noch auf dieſem wlatze heramtummelten. Damals waren Sie oft Peine kleine Frau, und Hans, der Schlingel, unſer mets unartiger Sohn. Erinnern Sie ſich noch?“— Anna b jahte abg wandt und blickte auſmerkſam nach dem Schloſſe hin, auf deſſen Zinne eben der Wind die Flagge nach ihr neigte, die Flagge mit dem Wappen der Harder's. „Das Spiel iſt Ernſt geworden, Anna. Die Wünſche unſerer Eltern begegneten ſich, haben uns mit einander verlobt, und für die Lebensr iſe für ein⸗ ander beſtimmt;— darf ich hoffen, Anna, daß auch Sie deſem Wunſche nicht gerade abgeneigt ſind „Joachim!——“ „Ich weiß, Anna, die Wünſche Ihrer Eltern ſind Ihnen heilig,— aber darf ich, wenn ich auch Liebe nicht erwarten, kaum hoffen darf, da nicht das 187 Herz, ſondern der Wunſch der Eltern gewählt hat— darf ich da wenigſtens hoffen, daß Sie nicht mit Widerwillen, nicht mit Haß einen Bund mit mir ein⸗ gehen, der unſer Beider Glück oder Unglück werden muß?—“ Anna hatte aufmerkſam zugehört, und kein Zucken ihrer Züge, keine Bewegung verrieth ihre Gedanken und Gefühle. Nur waren ihre Wangen noch bleicher geworden und ihre Augen glänzten wie im Thränen⸗ ſchmucke. „Ich konnte eine ähnliche Frage erwarten, Joa⸗ chim, und es macht Ihrer Ehrlichkeit Ehre, daß Sie ſo offen einen Gegenſtand berühren, den Andere vel⸗ leicht hinter einer Fluth unwahrer Gefühlsäußerungen verſchleiert hätten. Ihre Aufrichtigkeit verdient Ver⸗ trauen, und es iſt gut, wenn wir uns über einander ſelber klar werden, und auf dem Wege, den wr zu⸗ ſammen wandeln ſollen, wenn auch nicht ſchwärme⸗ riſche Liebe uns vereinte, doch ehrlich gegen einander ſind. Der Wille der Eltern hat uns verbunden, mit ugſerem Willen, und wenn ich meine Zuſtimmung zu diefem Bunde gab, ſo geſchah es in der Hoffnung, Sie glücklich machen zu können. Wir kennen uns ſeit frühe⸗ ſter Jngend an, haben wie Geſchwiſter glücklich mit ein⸗ ander gelebt und geſpielt— ſollten wir nun, da das 188 Spiel Eenſt wird, unglücklich werden?— Unſer Schick⸗ ſal iſt entſchieden, Joachim, und wir haben es ange⸗ nommen— ſuchen wir es auch würdig zu erfüllen! Ich bringe Ihnen nicht die ſchwärmeriſche Liebe einer Braut, aber ich bringe Ihnen die treue ergebene Liebe einer Schweſter. Seien wir denn Bruder und Schweſter auch im Eheleben vertrauensvoll und ehrlich gegen einander, wie wir es heute waren, und wir werden glücklich wer⸗ den! Ja wr wollen es.“ Sie erhob ſich ſchnell, und dem ſie bewundernd anſchauenden Brandach den Arm reichend, gingen ſie nach dem Sch oſſe zurück. Auf halbem Wege kam ihnen Hans bereits entgegen. Brandach's Eltern waren ange⸗ kommen, die den Sohn erwarteten, und die jungen Leute eilten ſie zu begrüßen. Brandach ſchaute voll Hochachtung zu Anna auf, und bewounderte dieſe große Seele, welche ſo muthig ein Lebensgeſchick annahm, das ihr die Träume holder Ju⸗ gendtage gewiß nicht vorgeſpiegelt hatten. Adel der Seele ſiegt immer, wo er auch ſich zeigt, und Brandach, ſchnell entflammt, fühlte, daß er ein Weſen, ſo hehr und edel, ſo ganz hohe Weiblichkeit, nicht lieben, nur anbeten müſſen würde. Brandach's hießen die beiden Offiziere auf das Herzlichſte willkommen. Der kleine praktiſche Mann 189 zeigte ſein freundlichſtes Lächeln und freute ſich unend⸗ lich, Alles ſo traulich bei einander zu finden, während Frau von Brandach am Herzen des einzigen Sohnes ruhte, und ſich nach ein Jahr langer Trennung des ſchönſten Mutterglückes erfreute. Unterdeß rollten neue Wagen hinzu, Gäſte kamen und wurden empfangen;— Nachbarn, die ſich Wochen lang nicht geſehen hatten, begrüßten ſich auf das Hrrz⸗ lichſte einmal wieder auf Hardersberg, und wie der Adel unter ſich ſtets einen viel freieren und heiteren Ton anſchlägt, als wenn ihn Bürgerliche belauſchen können, geſchah es auch hier. Bald waren Freude und Heiterkeit allgemein. Ei⸗ ner riß den Anderen mit ſich fort und man hatte lange nicht ein ſo heiteres Feſt gefeiert, als den Geburtstag des Freiherrn. Ein glänzender Ball machte den Schluß und hier zeigten ſich die jungen Leute in ihrem ganzen Glanze, wäh⸗ rend die alten Herren ein Spielchen machten und die Damen ſich in den Nebenzimmern poſtirten, ſorgſam über ihre Töchter und deren Geſundheit wachend. Sngin tanzte viel mit Anna, und ohne nur durch eine Andeutung ihrer heutigen Unterredung zu erwähnen, bewies er ihr ſo viel zarte Aufmerkſamkeit, war ſo liebenswürdig und galant, daß Anna ſich neben 190 ihm gehoben fühlte— und aus ſeinem Weſen erkennen konnte, daß er ſie verſtanden habe, und daß er, ihren Glauben ehrend, bereit ſei, mit ihr zu ihm ſich zu bekennen.— Joachim folgte am Mochen ſeinen Eltern nach Brandshof, um wie Hans einige Wochen in der Hei⸗ mat zu verweilen. Sie ſahen ſich faſt täglich, und Brandach verfehlte nicht, alle Tage in Hardersberg zu ſein und ſeiner Braut die ſchuldige Ehrerbietung zu beweiſen— zu der auch das Herz ihn drängte. Es war wie zum Guten verwandelt, und aller Leicht⸗ ſinn und die Flatterhaftigk it ſeines Weſens ſchienen verſchwunden zu ſein. Noch beherrſchte ihn Anna's hehre Reinheit und noch hatte auch kein neues Bild ſeine Genuß vht gereizt. Sie bewegten ſich jetzt wieder frei und unbefan⸗ gen neben einander, wie vormals, als ſie im Parke kindiſche Spiele trieben. Wie Schweſter und Bruder ſah man Arm in Arm ſie mit einander wandeln, in heiteren Geſprächen verkehrend, ohne daß jemals ein zärtliches Wort, oder eine intimere Aeußerung ihre Unbefangenheit getrübt hätte. Joachim fühlte ſich glücklich in dieſem ihm neuen Verhültniß, einem ſo adeligen Weſen gegenüber, und Anna gewöhnte ſich mehr und mehr an den Gedanken, 191 daß es ſo werden und bleiben müſſe für das Leben lang. Immer mehr entſagte ſie dem ſchönen Jugend⸗ traume, deſſen nicht mehr zu gedenken Pflicht und Ehre ihr geboten, und die Eltern ſahen mit Frenden ihre liebſten Wünſche ſich rfellen. Joachim war, wie geſagt, ganz umgewandelt, und hatte, alle Lichtfertigkeit und Thorheit der Reſi⸗ denz abſtreifend, in Anna's Nähe ſcheinbar einen an⸗ deren, ganz neuen Menſchen angezogen.— O wäre er doch immer hier geblieben, hätte er nie mehr die ſtille heitere Heimat mit der Reſidenz, das friedliche Glück an Anna's Seite mit der Leidenſchaft und Luſt der Hauptſtadt vertauſcht; vielleicht hälte das ewig Weib⸗ liche ihn dauernd zu ſich herangezogen. Und Hans?— Hans war der Einzige, der trübe und ſehnſüchtig umherſchlich, in den dunkelſten Winkeln des Parkes ſeinen Träumen nachhing, und ſehnſuchtsvoll die Stun⸗ den zählte, bis ſein Urlaub zu Ende ſein würde. Kaum war der erſte Eindruck des Wiederſe hens verſchwunden, da wachte auch das Herz mit ſeinem Wünſchen und Sehnen von Neuem auf, und das Bild der Signora wollte nicht vor ſeinen Augen weichen. Immer und immer wieder ſah er ſie in ihrer bezau⸗ bernden Lieblichkeit, wie ſie ihn einlud, ſeinen Beſuch 192 zu wiederholen— und er ſaß hier, einſam in der fer⸗ nen Provinz und lonnte nicht zu ihr,— zu ihr— bei deren Gedächtniß ſein Blut wie Feuer durch die Adern rollte, der all' ſein Sehnen und Denken, ſein Wünſchen und Hoffen, ſein Herzblut und Leben ge⸗ hörten. Er hatte ihr geſchrieben,— und noch einmal geſchrieben; er hatte ihr alle ſeine Liebe und Sehn⸗ ſucht, ſeinen Wahnſinn in feurigen Sätzen mitgetheilt, und um Antwort gebeten, nur um ein Zeichen, daß ſie ihn erhören wolle, daß ſie zuweilen an ihn denke, — umſonſt. Keine Antwort gelangte zu ihm und im⸗ mer größer ward ſeine Sehnſucht, und die raſende Liebe ſpukte, verzehrendem Wahnſinne gleich, in ſei⸗ nem Hirn. Keiner im Schloſſe,— Brandach ausgenommen, der ihn öfters beſorgt beobachtete, ohne jedoch durch Worte das Feuer dämpfen zu wollen, welches ſie ja doch nur geſchürt hätten,— konnte Hans Weſen be⸗ greifen und die Eltern ängſtigten ſich bei ſeinem ver⸗ ſtörten Ausſehen. Er wich allen Fragen aus, beantwortete alle Bitten der Seinigen, doch den Grund ſeiner Unruhe 193 zu entbecken, mit hartnäckigem Schweigen, und ward erſt wieder froh und lebendig, als der Wagen vor der Thür hielt, der die beiden jungen Leute der Reſidenz wieder zuführen ſollte, begleitet von den Abſchiedsgrü⸗ ßen der Zurückbleibenden. Eilſtes Capitel. Speculationen. Hans von Harder's erſter Gang in der Reſidenz führte ihn zu Signora Corrado. Seine Leidenſchaft hatte ſich während der Abwe⸗ fenheit auf das Höchſte geſteigert und kaum konnte er die Anmeldung abwarten, ſo ſtürzte er wie raſend in das Zimmer und vor der erſchreckten Signora nieder, die eben mit dem Studium einer neuen Rolle beſchäf⸗ tigt war. Ihre Hand mit feurigen Küſſen bedeckend, ſtam⸗ melte er in leidenſchaftlicher Verwirrung Worte der Liebe und des Entzückens— unzuſammenhängend— ſinnlos— wie uns der Wahnſinn der Liebe ſie dictirt — und bat um einen Sonnenſtrahl, um einen Lie⸗ besblick für ſein gequältes Herz. Er war in dieſer leidenſchaftlichen Erregung hin⸗ reißend ſchön, und die Signora ſchaute freundlich lä⸗ chelnd zu ihm nieder. 195 Auch ſie fühlte ihr Herz bewegt, gegenüber ſol⸗ cher Leidenſchaft. Hier war nichts zu finden von der gewöhnlichen Phraſerei galanter Geſellſchaftsherren; nein, hier lagen Herz und Gemüth anbetend ihr zu Füßen— und fleheten um Liebe. So hatte ihr hier im kalten Norden noch Nie⸗ mand gehuldigt, und ein ſtolzes Entzücken hob ihre Bruſt, wenn ſie Brandach's gedachte, des Treuloſen, und ihn im Geiſte mit Dem verglich, der noch immer zu ihren Füßen lag und angſtvoll flehend zu ihr em⸗ porblickte, von ihren Lippen ein Wort der Erhörung fordernd. Baron— jung— ſchön— und liebend:— hätte ſie da hartherzig ſein dürfen? Triumphe in der Liebe wie auf der Bühne ſind der höchſte Stolz der Primadonna; in Beiden iſt ſie am ſchwerſten, wie am leichteſten verletzbar:— ſie ſind ihre Ehre! „Stehen Sie auf, Herr von Harder,“ ſagte ſie endlich mit ermuthigendem Lächeln,„ſtehen Sie auf, mein Herr Baron.“ „Nicht eher, bis Sie mir geſagt haben, daß Sie der Kühnheit nicht zürnen, die kiebend zu dem herrlich⸗ ſten Weibe emporzublicken wagt! O Signora, verzeihen Sie mir, oder gönnen Sie mir das Glück, zu Ihren Füßen ſterben zu dürfen.“ 13* 196 Sie beugte ſich zu ihm nieder und verſuchte es, ihn emporzuziehen. „Ich Ihnen zürnen? Danken, innig danken muß ich Ihnen für die Theilnahme, welche Sie der armen Sängerin weihen, die, fern der ſchönſten und herrlichſten Heimat, ſo ſelten nur ein Herz findet, das treu und edel für ſie ſchlägt. Stehen Sie auf, Herr von Harder, und ſeien Sie mir herzlich willkommen!“ „O Signora, können Sie mich wieder lieben? Können Sie die Gefühle erwidern, die mich beſeligen, mein ganzes Herz beleben, und es Ihnen zu Eigen ge⸗ geben haben für alle Ewigkeit? O Signora, haben Sie Mitleid mit dem ungeſtümen Herzen, und zürnen Sie ihm nicht— ſondern erfreuen Sie es mit dem Strahle ihres Auges, daß es ihm immerdar leuchte in der holden engliſchen Verklärung, welche jetzt es belebt. Sie lächelte weiter, aber ſie wies den Ungeſtümen nicht zurück, als er von Neuem ihre Hand an ſeine bren⸗ nenden Lippen preßte;— ſie wehrte ihm nicht, und ein eigenthümliches Leuchten ſtrahlte ihm aus ihrem uge zu. Ja, ſie fühlte es, daß ſie ihn lieben würde, nicht blos weil ſie es wollte und mußte, um ihrer Politik ge⸗ gen Brandach und ihrem Stolze genug zu thun, ſondern um ſeiner ſelbſt und ſeiner Liebe willen. Ihr Herz ſchlug 197 ſchneller bei ſeiner leidenſchaftlichen Rede— und was die Lippen nicht geſtanden, das erzählten die Augen, dieſe glühenden dunklen Augen, in denen ein ganzes Meer, die heißeſten Gefühle verheißend, wie durch feuch⸗ ten Nebel ſchimmerte. Zum zweiten Male vergaß ſie ihre Rache gegen das treuloſe Geſchlecht und lernte, wie jedes gekränkte Gefühl ja ſo gern wieder an das Glück glauben lernt, auf's Neue vertrauen. Ihr armes Herz, das ſo lange eingeſchloſſen und, durch unnatürliches Feſſeln beengt, geſchmachtet hatte, lehnte ſich hingebend an die neue Hoffnung an, die ſie verklärte. Eine glückliche Stunde verging ſo— ſie hatten es nicht bemerkt. Die Sonne neigte ſich dem Untergange zu, und Marie, die ſchon mehrmals durch die Portière geblickt hatte, trat jetzt ein, um die unwillig aufblickende Signora an di Oper zu erinnern. Es war die höchſte Zeit zur Toilette und Marie trieb ungeduldig zum Aufbruch. So ſollten ſie ſich denn trennen! Trennen nach ſo ſchönen Angenblicken des liebenden Beiſammenſeins— die das neidiſche Schickſal ihnen nicht gönnte! Unmög⸗ lich! Hans ging hinüber in den Salon, während die Signora ihre Toilette ordnen ließ— und Brandach war nicht wenig erſtaunt, als er in der Nähe des Opern⸗ 198 hauſes dem Wagen der Signora Corrado begegnete und neben dieſer den glückſtrahlenden Hans von Harder er⸗ kannte. So war alſo ſein Plan gelungen und ſein leicht⸗ fertiges Herz, welches die edlen Regungen von Har⸗ dersberg im wiedergewonnenen Taumel der Reſidenz ſchnell genug überwunden hatte, jubilirte laut, als es den Freund in die Netze der Circe verſchlungen ſah, die für ihn unlösbar werden mußten. Das wußte Brandach, der Herzenskenner und Genußmenſch, der nicht Gefühle mehr ſondern nur noch raffinirte Genüſſe ſuchte, recht wohl und am beſten. Gleich hinter dem glücklichſten Paare trat auch er in das Opernhaus und beobachtete mit heimlichem Vergnügen den liebſeligen Harder, deſſen Blicke trun⸗ ken an der Geſtalt ſeiner Dame hingen— der ent⸗ zückt war von der Macht ihres Geſanges und mit glüh nden Augen die Blicke erhaſchte, die außer ihm nur noch Einer bemerkte oder beobachtete: Brandach, der, feſt in den Schatten eines Pfeilers gedrückt, von hier aus Alles ſah und ſich ſeines gelungenen Werkes erfreute. Mitternacht war bereits vorüber, und Brandach, der nach der Oper noch ein Weinhaus beſucht hatte, war etwas aufgeregt nach Hauſe gekommen und hatte 199 ſich ſoſort niedergelegt. Da ward die Glocke heftig ge⸗ zogen und ſein ſchlaftrunkener Diener, den der gellende Ton vom warmen Lager aufgeſchreckt hatte, meldete mit bitterſüßem Geſichte den Herrn Lieutenant von Harder. Brandach lachte. „Will der ſeine Seligkeit noch beichten? Es iſt doch merkwürdig, wie das Glück mittheilſam und mobil macht, ſelbſt bis in die ſpäte Nacht hinein. Haſt Du ihm denn nicht geſagt, daß ich ſchon im Bette liege?“ herrſchte er ſchließlich den Diener an, im Grunde ge⸗ nommen durch die Störung wirklich nicht ſehr erbaut. Er zog einen geſunden Schlaf den in Ausſicht ſtehenden ſchwärmeriſchen Mittheilungen und Gefühlsergüſſen vor, die, mochte er es ſich auch immerhin nicht geſtehen wollen, eine wunde Stelle in ihm berührten— und ein Gefühl rege machten, das der Reue ſehr nahe kam, ein ſo herr⸗ liches Weib aufgegeben zu haben— aufgegeben, um ſie einem Auderen zu überlaſſen. „Freilich habe ich dem Herrn Lieutenant das ge⸗ ſagt,“ erwiderte der Burſche noch mürriſcher,„doch Herr von Harder meinten, ſie würden ſich noch ein Stündchen zu Ihnen an das Bett ſetzen— ich ſolle nur anfragen.“ „Brrr— ein Stündchen, und es geht jetzt ſchon 200 ſtark auf Eins!— Nu denn nur zu, Friedrich, um der Freundſchaft willen ſind wir bereit, das Unver⸗ meidliche über uns ergehen zu laſſen. Friedrich trollte brummend ab und gleich darauf eilte Hans in das Zimmer. Er warf ſich ohne Um⸗ ſtände auf einen Stuhl, die darauf liegenden Klei⸗ dungsſtücke achtlos herunterſchiebend. Brandach bemerkte das mit heimlichem Lächeln. Die Unachtſamkeit des ſonſt ſo ſtreng ordentlichen Freundes zeigte am ſchärfſten, wie das Herz ihm nur allein von ſeiner Liebe erfüllt ſei, ſo daß er nicht Zeit und Luſt haben könne, auf etwas Anderes zu achten, oder nur es zu bemerken. Und das war es ja eben, was Brandach hatte bezwecken wollen! Weil er, mit richtigem Tacte die Folgen berechnend und auf den Charakter wie auf das lebhaft empfängliche Herz Harder's ſpeculirend, ihn in den Netzen der Signora Eorrado allein für ſein Treiben auf immer als ungefährlich betrachtete; hatte er dennoch im liebgewordenen Umgange mit der ſtolzen Sängerin— ſeiner platoniſchen Neigung, wie er ſie zu nennen pflegte— entſagt. Er hätte ihm auch eine ſeiner anderen Eroberun⸗ gen abtreten können, er trennte ſich nur ungern und ſchwer von der Corrado, da er wohl wußte, daß ihr 201 jemand Anders zuführen ſie tödlich beleidigen und unheilbar mit ihr brechen hieß;— aber er wußte auch, daß die Corrado allein im Stande war, das Herz des Junkers dauernd zu feſſeln. Eine andere leichfertige Liaiſon würde ihn, wenn er wirklich den Verführungskünſten unterlag, höchſtens einem— kurzen ſinnberauſchenden Taumel— einem ſinnlichen Cham⸗ pagnerrauſche in die Arme werfen, aus dem er ſich bald mit Eckel und Verachtung wieder erheben würde. Denn noch war Hans Herz rein und unver⸗ fälſcht. Noch hatte es nur wenig von dem Gifte der Welt und Verführung in ſich aufgenommen, und dieſes Wenige hatte ſeine gerade und geſunde Landjunkerna⸗ tur noch nicht überwältigen können. Es mußte nicht in ſinnliche, nein in geiſtige Feſſeln geſchlagen werden und ein Verhältniß mit der Corrado, dieſem hohen ſtolzen Weſen, das, reich gebildet und von Liebe zur Kunſt einer glühenden Neigung fähig war, und doch ſich ſtreng umgab mit dem Achtung gebietenden Gewande ſtolzer Weiblichkeit— mußte Hans unlösbar an ſie feſſeln. Solche Ketten nur waren fähig ſein Herz gänzlich und für immer zu umwinden. Und daß dieſes geſchehen war, ſah Brandach in Harder's ganzem Weſen, als er ſo ungeſtüm bei ihm eintrat;— daß es auch ſo bleibe, dafür würden ſo⸗ 202 wohl die Reize und der Geiſt der Corrado, wie ihr Rachedurſt ſorgen. Die Speculation war nach Wunſch gelungen, und Joachim von Brandach konnte ſeinen ausſchwei⸗ fenden Neigungen ungenirt leben. Das Auge des Schwagers war geſchickt an ein ander s Ziel gefeſſelt — und Brandach konnte mit ſich zufrieden ſein. „Nun Hans, ſo ſpät noch? Ich glanbte Dich längſt in des Morpheus weichen Armen den ſchönſten Traum des Lebens träumen! Von dem ſchönſten Weibe der Reſidenz begünſtigt und neben Prinzen und Grafen als glücklich Lieb nder beneidet, ſollte ich doch denken, daß es nicht ſchwer fallen könnte, auf Lorbe ren und Roſen gebettet, den Schlummer zu finden, nach welchem Deine eiferſüchtigen Nebenbuhler ſich vergeblich ſehnen werden.“ „Du biſt ein Schalk,“ lachte Hans;„haſt längſt gemerkt, warum ich noch ſo ſpät komme und daß ich mein Glück nicht allein tragen kann, ſondern es in die Bruſt des Freundes ausſchütten muß. Als ob das Glück, das Uebermaß des Glückes nicht auch den Schlum⸗ mer verſcheuchte, gerade wie die Sorge— und wie ein Alp auf dem Herzen laſtet, bis wir es ausge⸗ ſchüttet haben in theilnehmende Seelen und uns ſelber, indem wir Anderen mittheilen und Andere mit uns 0 bewundern ſehen, an ſeinem himmliſchen Dufte erſt recht erfreuen.“ „Du biſt ja in kaum zwölf Stunden entſetzlich klug geworden, und haſt eine ganze hohe Schule über das Glück durchgemacht. Gefühle und Mittheilung mit Roſenduft und anderen Ingredienzien— mir ſchwin⸗ delt faſt von all' den Parfüm's,“ fpottete Brandach; — alſo ſo übermäßig glücklich biſt Du?“— warf er dann noch ſpitzig dazwiſchen, daß Hans, durch den Ton der Frage frappirt, erſt laut auflachte, und da er ſich ſelber bei ſeiner Schwärmerei ertappte, doch dem Freunde dafür zürnen wollte. „Du biſt unausſtehlich, Joachim, mit Deinen ewi⸗ gen Witzeleien!— Freilich bin ich unendlich, über⸗ mäßig glücklich, und zur Strafe für Deine Schlech⸗ tigkeit ſollſt Du nun meine ganze Beichte, die ganze Sunmme meines Glückes mitanhören und mich beneiden müſſen!“ „Daß das ſo kommen würde, wußte ich ja ganz genau vorher,“ erwiderte Brandach phlegmatiſch und dehnte ſich gähnend in den weichen Kiſſen.„Ich hätte mich auch winden und drehen können, wie ich gewollt, Du hätteſt Deinem Ziele doch tapfer angeſtrebt, und wenn ich mit Dir um die Wette geſchwärmt hätte, ſo 204 würdeſt Du mir das als Belohnung dictirt haben, was nun meine Strafe werden ſoll!“ Hans aber beachtete dieſen Einwand gar nicht, ſondern begann mit glühenden Farben ſein Glück zu malen. In fliegender Eile ſchilderte er dem Freunde, wie er ſich die Liebe des ſchönen, holden Weibes errun⸗ gen, wie lieb und gut und wie hochgebildet ſie ſei; wie ihr ganzes Herz ihr zu Eigen gehöre und nie⸗ mals, niemals ein anderes Bild neben dem Throne ſich erheben würde, den ſie ſich in ſeinem Herzen er⸗ richtet habe, und auf dem ſie ſtrahlenhold und ſchön— eine Königin, eine Göttin— ſeine Göttin! Joachim hatte aufmerkſam zugehört und aus der Llühenden Dythriambe glaubte er das Bild des Weibes zu erkennen, deren Verluſt ihm nun erſt ſchmerzlicher ſchien. Er wußte es wohl, er hatte nicht nur ihre Gunſt verſcherzt, die unbeſtreitbar ihn bevorzugt hatte— ſondern auch ſie zu ſeiner unverſöhnlichen Feindin ge⸗ macht und mußte ihre Rache fürchten;— die Rache der Italienerin. Hans ſchwieg und blickte ſelig nach oben. Das Halbdunkel des Zimmers gaukelte ihm luſtige Geſtalten vor, aus denen allen ihm die Blicke der Geliebten lächel⸗ ten. Auch als Brandach's ungeduldiges Gähnen ihn zum Aufbruche mahnte, und er, Abſchied nehmend, ihm einen 205 guten Morgen wünſchte, ſchwand jener Ausdruck der Seligkeit nicht aus ſeinen Zügen, der ſelbſt die häßlich⸗ ſten wie eine Glorie verklärt— wie nun erſt die des ſchönen Officiers. In ſeinen Augen, die ſtets nur die Geliebte ſchau⸗ ten, glänzte ein ewiges Lächeln wie es Joachim noch nie⸗ mals an ihm bemerkt hatte, und er murmelte, ihm ſin⸗ nend nachblickend, gleichſam um ſich ſelber zu be⸗ ruhigen: „Der Preis iſt zwar hoch, aber mein Plan iſt doch gelungen. Die Harzthorheit hat er hoffentlich für immer verſchmerzt, und die Corrado wird ihn ſchon feſtzuhal⸗ ten wiſſen, wäre es auch nur mir zur Rache. Während deſſen kann ich ungeſtört und unbewacht meinen Liaiſons nachgehen, und da wird ſich auch wohl Erſatz für meine verlorene Freundin finden;— wenn auch nicht ſo geiſt⸗ voller, hoffentlich um ſo liebreicherer. Die Zofe der Corrado hat ganz famoſe Augen und ich möchte blind ſein, wenn ich nicht die verſtohlenen Blicke bemerkt hätte, die ſie mir öfter nachgeſandt hat. Das Mädel iſt ganz paſſabel zur Unterhaltung, und ich ſchlage dabei zwei Fliegen mit einer Klappe; eine Amour und ſicherſte Nachrichten, wie es mit unſerem Liebespärchen ſteht. So ein Barometer wäre wahrhaftig gar nicht übel? Ueber die geeigneteſte Weiſe nachſinnend wie wohl 206 das Herz der hübſchen Zofe am leichteſten zu bethören ſein dürfte, ſchlief er endlich ein;— während Hans, trotz ſeiner freundſchaftlichen Ergüſſe den Schlummer nicht finden konnte und bis zum Morgen ruhelos ſich auf dem Lager wälzte. Es war Sonntag und ein Gedränge in den Haupt⸗ ſtraßen der Reſidenz, als ob die ganze Stadt auf den Füßen wäre, um das ſchöne Wetter noch recht ordentlich zu genießen, bevor des Winters unwirthlicher Hauch über die Erde dahin rauſche, entnüchternd, betäubend und tödtend. Alle, ſowohl die, welche in der Woche gearbeitet, und von früh bis zum ſpäten Abend ſich um das täg⸗ liche Brot gemühet hatten, wie die reichen Müſſiggän⸗ ger, die tagtäglich jeden Pflaſterſtein der Straße genau unterſuchten, ob er vielleicht über Nacht gewachſen wäre, Alles was in der Reſidenz lebt und wirkt, iſt an den Sonntag⸗Nachmittagen in Bewegung und eilt ſeinem Vergnügen nach— zu Wagen, zu Roſſe oder zu Fuße. Gewährt es doch ſchon ein unterhaltendes Vergnü⸗ gen, alle dieſe eilenden Menſchenwogen, dieſes Wallen und Drängen, geſpickt mit prächtigen Caroſſen und ſtattlichen Sonntagsreitern, mit anzuſehen; die Toiletten und Phyſiognomien zu beobachten, und den ganzen bun⸗ 207 ten Schwarm, der in ſeinen Modetrachten einem Mas⸗ kenzuge gar nicht unähnlich ſieht, vorbeipaſſiren zu laſſen. Heute war es beſonders lebendig, und eine Menge ſtattlicher Caroſſen bewegten ſich auf dem breiten Fahr⸗ wege entlang, angeſtaunt von der gaffenden Menge, die auf beiden Seiten ſtolz zu Fuße ging. Vor Allem war es ein reich mit Silber beſchlage⸗ ner Wagen mit prächtigen Schimmeln, der die Aufmerk⸗ ſamkeit der Promenixenden in Anſpruch nahm. Es war die eleganteſte Caroſſe im ganzen Zuge, und die Bewun⸗ derung ſtieg immer höher, je weiter ſie kam. Man ſah ſie heute zum erſten Male auf der Promenade, obgleich ſeine Beſitzer bekannt zu ſein ſchienen, denn ſie wurden von Vielen erkannt, die es lachend ihren Nachbarn ſag⸗ ten und lachend weiter gingen, über die Eitelkeit und Prahlerei des reichen Juden ſpottend, der ein ganzes Vermögen in und an dieſer Equipage ſtecken hatte. Die beiden Perſonen, die ruhig in dem Fonds des Wagens lehnten, ſchienen jedoch von allen dem durchaus nichts zu bemerken, wenigſtens achteten ſie nicht darauf und blickten ſtolz und kalt über die wo⸗ gende Menge hin. Es waren ein ältlicher Herr und eine Dame in der Blüthe der Jugend mit ſtolzen und ausdrucksvollen 208 Zügen. Beide verläugneten in denſelben nicht die Ab⸗ ſtammung vom Volke Iſraels, doch ſchien dieſes Zei⸗ chen die jungen Elegants und Officiere, denen ſie zu Pferde wie zu Fuße begegneten, durchaus nicht abhalten zu können, dem glänzenden Paare ihre volle Ehrerbie⸗ tung zu beweiſen. Die Verachtung des Juden entfloh vor dem Vor⸗ theile, welchen alle dieſe jungen Leute durch ſeine Freund⸗ ſchaft genoſſen, deren ehrerbietige und vertrauliche Grüße Herr Silbermann mit herablaſſendem Neigen ſeines Hauptes und dem ſtrahlenden Lächeln erwiderte, welches er während der ganzen Promenade ſtereotyp feſtzuhalten pflegte. Alle dieſe jungen Herren waren in ſeine Hand gegeben, alle hatten ihm für ſein gutes Geld jene ſchma⸗ len Papierſtreifen überliefert, deren Formel für den Ausſteller oft ſo gefährlich werden kann, wenn er den Tag des Verfalles vorübergehen läßt, ohne ſie durch Auslöſung an ſich zurückzubringen. Ihre Ehre ruhte in der Hand des Juden;— ein Wort von ihm und die Thüren des Wechſelarreſtes ſchloſſen ſich hinter den ſäumigen Zahlern, deren einziger Beſitz in möglichſt vielen Schulden beſtand. Deßhalb grüßte man das Paar ſo eifrig und ſo freundlich, deß⸗ holb gab man ſich das Ausſehen der Vertraulichkeit dem verachteten Wucherer gegenüber,— und Herr Silber⸗ 4 209 mann, der reiche Jude, fühlte ſich geſchmeichelt dadurch und war der coulanteſte Banquier, bereit Denen mit neuem Credit zu dienen,— die ihm dienten in ſeinem Stolz und ſeiner Eitelkeit. Herr Silbermann gab auch Feſte. Feſte, auf denen ſeine einzige Tochter Ophelia repräſentirte und die des reichſten Mannes in der Reſidenz würdig waren. Auf dieſen waren bie jungen Schuldner des Banquiers eben⸗ falls die erſten Eingeladenen und mußten für ſeinen Cre⸗ dit die Feierlichkeiten des Juden mit ihrem Namen und Range verherrlichen. Herr Silbermann war eine lange, hagere Figur mit ſchmalen Zügen und einem noch immer wohlgepfleg⸗ ten Backenbart, wenn auch die Jahre ſchon verdächtige Flecken darunter ſtreuten. Die Volksſtimme bezeichnete ihn als„den reichen Juden!“ ſeine Glaubensgenoſſen aber nannten ihn, nach ihren unvermeidlichen Geſetzen des Geldes und Erwer⸗ bes,„den großen Silbermann“, und„den Vater der Füchſe“ Aber während Herr Silbermann behaglich lächelnd in ſeinem Wagen lehnte, mit heiterem Blicke die wogende Menge überſchaute und den vielen ihm geſpendeten Grüßen auf das Herablaſſendſte dankte, fühlte ſich ſeine 3 1 Tochter durch dieſelben auf das Unangenehmſte berührt, ſ. 1.[4 . 210 erwiderte ſie nur leicht und ſtolz, und ließ ſie endlich ganz unbeachtet, ſich theilnahmlos nach der anderen Seite abwendend. Ophelia verband mit einer oberflächlichen Salon⸗ bildung den ſcharfen Verſtand und die ſchnelle lebhafte Denkkraft der Iſreeliten, die ſo oft für Geiſt gelten— und es gewährte einen eigenen Genuß, ſich mit ihr unterhalten zu dürfen und die Leichtigkeit zu beobachten, mit der ihr Gedankengang die Räume des Unterhaltungs⸗ ſtoffes durcheilte, oft die vriginellſten und ſelbſt geiſtvolle Schlüſſe ziehend. Doch war ſie dabei die Jüdin, die berechnende, kalte, und der Verſtand hatte bei ihr eine ſtärkere und entſchei⸗ dendere Stimme als das Herz, dem ſie nur mit jenem im Einklange zu folgen pflegte. Sie erkannte recht wohl die Triebfedern der Höf⸗ lichkeiten, welche ihr von allen Seiten geſpendet wurden, und wußte ganz genau, daß ſie dem verzogenen Kinde des Reichthums, dek Tochter des Millionärs nur huldig⸗ ten, um ihrer Millionen willen,— Sie wußte es, daß ſie unbekannt, überſehen und als das Judenmädchen verach⸗ tet ſein würde, ſobald der Nimbus der Millionen von ihr„ abfiele, und daß ſie mit all' ihrem Geiſte und ihrem ge⸗ feierten Witze keinen dieſer Elegants würde feſſeln kön⸗ 211 nen,— deren Herz zu binden und ſich unterthan zu machen eben goldene Ketten gehörten. Ophelia Silbermann ſchätzte trotz ihres Geiſtes die Millionen ihres Vaters ſehr hoch, da ſie ihr Ehre, Anſe⸗ hen und Geltung verſchafften, aber ſie verachtete dieſe Creaturen, die vor den begünſtigten Dienern des Mam⸗ mons krochen, als Götzendiener der Diener des Götzen. Oftmals ſchon hatte ihr Vater ſie gebeten, endlich einem von allen dieſen Herren, die ihr huldigten, und unter denen ſich Männer von Anſehen und Stellung— junge Adelige und Barone befanden— ihre Hand zu reichen, allein vergeblich. Sie ſollte ſich nur entſcheiden für Einen, er, der Vater, wollte das Geſchäft ſchon in Nichtigkeit bringen und den Gewählten, ſelbſt einer Gra⸗ fenkrone zum Trotze, nöthigen vernünftig zu ſein, und ein Leben neben der reichſten Erbin der Reſidenz, ein Leben in Luſt und Freuden, dem vorzuziehen, was Sil⸗ bermann ihm zu bereiten die Macht hatte. Aber immer noch hatte Ophelia es abgelehnt. Sie verachtete ſie Alle und wenn ſie auch nicht frei ihrem Herzen folgen, nicht nur der Liebe und ihren etwai⸗ gen thörichten Wünſchen huldigend, einſt wählen, ſondern mit dem Verſtande prüfen wollte, welche Verbindung im Stande ſei ihr die meiſten Vortheile zu bieten, ſo wollte Vie doch nicht verkauft, ſondern auch geliebt ſein, wollte 14* 212 dem, der ihre Hand empfing, auch Liebe lehren— und das konnte ſie Keinem von Denen, die ſie als Speichellecker des Millionärs nur verachten mußte. So oft ſie ſich deßhalb ſchon mit ihrem Vater erzürnt hatte, ſo oft er ſie auch als eigenſinnig und unver⸗ ſtändig geſcholten hatte:— das verzogene Kind hatte ſeinen Willen behauptet— und heute endlich, heute, bevor ſie ausfuhren, hatte ſie dem Vater erklärt, daß es Einen in der Reſidenz gäbe, den ſie lieben könne, und dem ſie, wenn ſich dieſe Wahl mit ihrem Verſtande vertrüge, als Gattin angehören möchte. Herr Silbermann war über dieſen Entſchluß ſeiner klugen Tochter ſehr erfreut, und mit einer Leutſeligkeit, wie ſie nur ſelten an ihm bemerkt wurde, erwiderte er: „Recht ſo, meine Tochter, meine kluge Ophelia; immer erſt der Verſtand und dann das Herz, das haſt Du von Deinem Vater! Aber ſage, wer iſt es denn, der Dir gefällt? Wenn er nur vom Stande iſt, ſoll er mir ſchon genügen— wenn er auch nicht gerade viel Vermö⸗ gen hat. Sage es nur, meine Tochter, wer es iſt. Geld hat, dem Gott unſerer Väter ſei Dank, Dein Vater ge⸗ nug, um ſeine einzige Tochter halten zu können, wie eine Fürſtin; hat der künftige Gatte deßhalb nur den Stand, den Titel mit dem Ordensband, dann ſoll er wir nicht unwillkommen ſein, und ich kaufe ihn Dir. Jo, Ophelia, 213 wahrhaftig, ich kaufe ihn Dir, nur ſage mir erſt, wer er iſt!“ „Wer?— Ja wüßte ich ſelber es nur! Ein Offi⸗ cier iſt es, jung und ſchön, und lange kann er auch noch nicht hier ſein, denn ich ſah ihn nur erſt einige Male.“ Vater Silbermann zog nachdenklich die Stirne in Falten, wobei ſein ſtereotypes Lächeln der Miene ernſten Nachdenkens wich, und er überſah ſogar den Gruß eines jungen Raths, welcher mit dem verbindlichſten Blicke ſeinen Hut zog. Geſchäftig ließ er alle ſeine Debitoren die Runde paſſiren, und überlegte, welcher es wohl ſein könnte. Der?— Nein, der kannte ja Ophelia; Jener? — VNein, ach nein, der hatte ja ein wahres Affengeſicht. — Herr Silbermann lächelte ſelber über ſeinen heimli⸗ chen Witz, und kam doch mit dem Unbekannten nicht in's Reine. „Ein Officier alſo!— Ja, wer kann das ſein, Ophelia?— Die gibt es, beim Gott unſerer Väter, ſchockweiſe überflüſſig, und es iſt im Grunde genommen eine wahre Schande— geht mich aber nichts an.— Na, laß nur ſein, mein Kind, laß mich nur machen, meine gute Ophelia, wir finden ihn ſchon, und dann kaufe ich ihn Dir— ja, weiß Gott, ich kaufe ihn Dir, wie ich Dir ſchon gekauft habe ſo ianches ſchöne Spiel⸗ 214 kug für Deinen Nipptiſch. Verlaß' Dich nur auf Deinen ater.“ Ophelia fand jetzt dieſes Wort„kaufen“ durchaus nicht ſo ſchrecklich, als vielleicht früher. Ahnte ſie wohl, daß der, den ſie erſehnte, nur als ein verfolgtes Wild, ganz abgehetzt und unfähig zu jeglichem Widerſtande ſich in ihre Arme flüchten würde, als in den rettenden Hafen, der ihn ſchützen ſollte vor Schuldgefängniß und Enteh⸗ rung? Ahnute ſie vielleicht, daß nur unter ſolchen Um⸗ ſtänden der erſehnte Geliebte in ihre liebenden Arme ſich flüchten und in ihrem Beſitze die letzte Hoffnung, die Rettung ſuchen könnte, die ihm nirgends mehr winkte?— Waren es dieſe Gedanken, die ihre marmor⸗ weiße Stirne umwölkten und ſie ernſt machten neben dem freudig hoffenden Vater, welcher wieder in ſeinem ſtrah⸗ lendſten Lächeln glänzte? Ophelia kannte die Welt, und ihr Inneres war ein ſeltſames Gemiſch von Judenthum und Romantik, von echt materiellen berechnenden Grundſätzen und ſchwär⸗ meriſchen Anſchauungen, von denen Keines das Andere zum Siege kommen laſſen wollte. Langſam fuhr der Wagen vorwärts, immer noch durch das dichte Gewühl der Promenade. Immer noch ſpendete Herr Silbermann ſein herablaſſendes Lächeln an vorübergehende Firmen ſeines Wechſelbuches, und 215 immer noch ſaß Ophelia ernſt und ſinnend in der Wagenecke, wog in ihrem Geiſte die Tage der Zukunft ab, und quälte ſich ſelber zwiſchen peinlicher Berech⸗ nung und hochfliegender Romantik. Zum erſten Male fühlte ſie ſich nicht ſicher auf ihrer Bahn, zum erſten Male wankten die Baſen ihrer Grundſätze, und das Herz, das verlangende Herz, ſchien durchgehen zu wollen mit dem berechnenden Verſtande, um ohne ſeinen Dispens einem Bilde nachzujagen, das in lockender Jugendfriſche und Schönheit vor dem gei⸗ ſtigen Blicke Ophelia's ſtund und ihm nicht entweichen konnte.— Da plötzlich ſchrak ſie freudig empor aus ihrem Sinnen, und den ſelig lächelnden Vater anſto⸗ ßend, flüſterte ſie faſt athemlos: „Das iſt er, Vater, da— dort— der in jenes Haus geht!“ „Der?“ erwiderte Herr Silbermann gedehnt, und doch klang es faſt wie freudig aus ſeiner Stimme. „Ja, Vater, der iſt es, den ich liebe— den kaufe mir, und Deine Tochter wird Dir danken mit ihrer zärtlichſten Liebe!“ „Den alſo!“ fuhr Herr Silbermann fort,„ſchön, mein Kind, den haben wir ſchon bei den Flügeln, den Alten wenigſtens, und den Jungen werden wir noch bekommen. Ein Officier braucht Geld; der alte Baron * 216 kann wenig geben, denn halb Hardersberg liegt in meiner Chatouille wohlverbrieft, und die andere Hälfte iſt leider auch nicht mehr ſein. Da wird es nicht lange dauern, und wir fangen den Jungen ebenfalls, denn Geld brauchen dieſe Herren Officiere alle mehr, als ſie verdienen. „Ja, ja, meine Ophelia, den ſollſt Du haben, den kaufe ich Dir mit meinem Gelde.“ „Und wird er ſich kaufen laſſen? Wie heißt und wer iſt er denn, mein Vater?“ „Kaufen laſſen! Wie heißt? Er muß und wird, meine Tochter, denn er geht mit dem Brandach um, einem rüden Geſellen, mit dem man viel Geld ver⸗ braucht.— Gott meiner Väter— ging er aber nicht in dieſes Haus— da wohnt ja die Corrado!“ „Die Corrado?“ „Ja wohl, mein Kind, die ſtolze Corrado! Er geht zur Corrado, zur Primadonna, der Herr Lieute⸗ nant, dann haben wir gewonnenes Spiel, denn um der Freund der Corrado zu ſein— die Corrado hat nämlich nur Freunde, meine Tochter— nur Freunde—“ „Vater!“ „Laß nur, mein Kind, dieſe Freundſchaft begün⸗ ſtigt unſer Geſchäft, denn eine Primadonna braucht viel Geld, ſehr viel Geld, meine Ophelia, und Herr 217 von Harder hat nur ſehr wenig.— Da wird er bald zu Herrn Silbermann kommen, und Herr Silbermann wird haben Credit offen für ihn, bis eine genügende Anzahl von jenen Inſtrumentchen in ſeiner Eaſſe liegt, um ihn feſtzuhalten damit, wie mit Scheeren von dem Krebſe.“ „Was für Inſtrumente meinſt Du, mein Vater?“ „Was, Du thuſt fragen wunderlich, meine Toch⸗ ter, was werden es ſein für Inſtrumente anders, als Wechſelchen! Wechſelchen, wie ſie ſo viele liegen in meinem Bureau, als Sand am Meere!“ Ophelia ſchanderte. Sie kannte die diaboliſche Gewalt dieſer kleinen länglichen Papierſtreifen, welche ihr Vater ſcherzend ſeine Inſtrumentchen zu nennen pflegte, und wenn ſie daran dachte, daß es nur dadurch möglich ſein könnte, den Geliebten zu erobern, ſchlug wohl ihr Herz dagegen, und doch auch wieder ſtimmte die Leidenſchaft, die keine Rückſicht kenut:„um jeden Preis!“— In wenigen Augenblicken war mit Ophelia eine auffallende Veränderung vorgegangen, und aus dem klugen, berechnenden Mädchen, deſſen ſcharfer und energiſcher Geiſt von allen Herren der Geſellſchaft an⸗ erkannt ward, war ein ſchwankendes, zagendes Geſchöpf geworden, das, zwiſchen Herz und Verſtand ſchwebend, 218 einer Wetterfahne glich, von kreuzenden Winden be⸗ wegt.— Während deſſen aber hatte Herr Silbermann mit echt geſchäftlicher Conſequenz ſeinen Gedankengang ver folgt, und ßu Schweigen unterbrechend fuhr er ſort „Es iſt nur ein Glück für ihn, Ophelia, in eine ſolche Familie zu kommen, die im Stande iſt die ſeinige zu halten und vor dem Ruin zu ſchützen. Hier begegnen ſich die verſchiedenen Anſchanungen über Ehre und beide Parteien gewinnen dabei. Doch glaube mir, Ophelia, die ſicherſte Stütze, die wahre Ehre liegt allein im Gelde. Im Gelde allein iſt Alles, durch Geld hat man Alles, und mit Geld kann man ſch ſelbſt kaufen Barone. Der Alte kann Hardersberg nicht zehn Jahre mehr halten, wenn es ſo fort geht, und der Junge, Officier in der Reſidenz und Freund der Corrado— wird auch nicht dazu beitragen, die Umſtände zu verbeſſern, wenn er eben nicht eine Heirat macht, die es thut. Alſo item, wir thun dem Herrn einen Gefallen, wenn wir ihn neh⸗ men unter unſern ſchützenden Flügel, und mit unſeren Bankbillets, Wechſelchen und den anderen Inſtrumenten rein halten ihr When von Unehre und Erniedrigung. Ha, ha, meine Tochter, kennſt Du dieſe anderen Inſtru⸗ mente, mit denen ich Hardersberg halte in dieſen mei⸗ nen Händen?— Sie klingen freilich nicht ſo hold und 219 harmoniſch, wie die rollenden Läͤufe Deiner Flügels klin⸗ gen, wenn Du ſpielſt die großen Stücke von Mozart und Meyerbeer; ſie laſſen freilich manchmal den unbe⸗ liebten Stimmhommer des Auctionators erklingen, und jagen den, der ſie ausſtellen ließ, in Schmach und Schande:— doch beruhige Dich, meine Ophelia, Du meine Perle und mein einziger Stolz, Dein Vater wird bei Hardersberg das nicht geſchehen laſſen, wird nichts thun gegen den Baron, was Dich könnte betrüben. Er wird Dich einführen in das Schloß der alten Ritter und die alten Bilder mit den großen Helmen und den mäch⸗ tigen Bärten, die immer ſchauen ſo ſtolz und drohend von der Wand herunter, werden es doch müſſen geſche⸗ hen laſſen, daß die Tochter Iſraels einzieht in ihre Hollen und mit ihren Millionen den verſchuldeten En⸗ keln ſichert die bedrohte Ehre. Ha, ha, meine Ophelia, kennſt Du dieſe Inſtrumentchen, die für mich einen ſo holden Klang haben,— holder als die brillanteſten Rouladen Deines Flügels, wenn Du auch ſpielſt die claſſiſchſten Stücke?— Es ſind nur ein paar Bogen Papier, geheftet mit einem ſeidenen Faden und geſiegelt mit dem großen Wappen vom Gericht. Einige Vogen einfältiges Papier, mit Schnörkeln und Namen und mit Zahlen beſäet— das ſind die Inſtrumentchen, die ich meine und die ich liebe, die Hypotheken— meine Toch⸗ ter, mit denen oft die Rittergüter der hochgebornen Herren begraben liegen im ciufachen Bureau des ver⸗ achteten Juden.“ „Und ſolche Inſtrumente haſt Du auf Hardersberg?“ „Ob ich ſie habe, meine Tochter? Welche Frage. Macht nicht der gnädige Herr Baron Geſchäfte mit mir ſeit vielen Jahren, und habe ich nicht die Gelder ſchon ſchaſfen müſſen, damals als der Herr Bruder Thunicht⸗ gut in fremde Lande ging, und nichts zurückließ, als Schulden und Schande? Freilich habe ich ſie, meine Tochter, und manches Tauſend vielleicht mehr als gut iſt für die wechſelnde Stimmung der Zeit.— Aber ich habe ſie zu ſeinem Glücke. Sein Sohn ſoll dadurch gelangen in eine anſtändige Familie und ſie werden allſeitig froh ſein, die Sache ſo arrangirt zu ſehen und werden loben den reichen Silbermann, den ehrlichen Silbermann, der ſo rechtlich mit ihnen gehandelt hat.“ Ophelia ſeufzte tief. Alſo auf ſolchen Grundpfei⸗ lern ſollte ihr erſehntes Glück gebaut werden! Unter ſolchem Umſtänden ſollte ihr der Geliebte in die Arme getrieben werden, um als matt gehetztes Wild in der Ehe mit ihr, der reichen Jndentochter, die letzte Rettung vor Schande und Elend zu finden?— Und doch, ſie liebte ihn, ſie mußte ihn beſitzen, den ſie nur einige Male geſehen hatte, und dem doch ihr ganzes Herz entgegen⸗ 221 ſchlug,— in raſender Leidenſchaft.— Und wenn er ein Bettler geweſen wäre— in dieſem Momente fühlte ſie es deutlich— ſie hätte ihn beſitzen müſſen um jeden Preis!— O arme Ophelia, wo war Dein geprüfter, feſter Verſtand, der nie dem Herzen Conceſſionen ma⸗ chen wollte?— Beim erſten Sturme war er unterlegen! Sie fühlte das ſelber und eine Scham kam über ſie, die ſie nie gekannt hatte:— eine Furcht, dem berech⸗ nenden Vater gegenüber ſich ſchwach zu zeigen, der ſie noch immer aufmerrſam beobachtete, um die Wirkung ſeiner Berechnung zu erſpähen.— Mit ganzer Kraft raffte ſie ſich empor und ihren Zügen den gewöhnlichen ſtolzen Ausdruck zurückerzwingend, ſagte ſie: „Du haſt recht, Vater, und es mag ſo ſein. Kaufe ihn mir und ich werde Dir dankbar dafür ſein.— Er gefüllt mir eben am Beſten!“ preßte ſie möglichſt kalt hervor und blickte nach der anderen Seite hinüber, wo eben ein Zuſammenlauf die Aufmerkſamkeit der Vor⸗ übergehenden in Anſpruch nahm. Ophelia aber ſo wenig als ihr Vater bemerkten das unglückliche Weib, das da mitten in der Straße zuſammengeſunken war, und mit ihrer bleichen Stirn den harten Voden küßte.— Ophelia ſuchte vergeblich die widerſtrebendſten Gefühle zu bewältigen, und ihr Vater ſchwebte noch immer in ſeinen Combinationen. Er 222 fühlte es wohl, daß Ophelia nicht ganz ſeiner Anſicht ſei, daß dieſer Schacher ihrem Gefühle, oder ihrem Stolze widerſtrebte, und um dieſe Bedenken zu verjagen, verſuchte er wiederholt, ſeine beabſichtigte Handlung als eine That reiner Menſchenliebe darzuſtellen. „Es iſt eigentlich ein Unrecht, meine Tochter, das Geſchäft, das wir beabſichtigen. Es iſt nicht recht ge⸗ handelt nach kaufmänniſchen Geſetzen und der Klug⸗ heit gegenüber, das Koſtbarſt noch dafür einzuſetzen, wo man bereits gewonnen hat. Meine Tochter, die Tochter des großen Silbermann, könnte machen eine andere Partie, als einen armen Edelmann vom Ban⸗ querotte retten, meinſt Du nicht auch, meine Tochter?“ „Möglich, Vater—“ erwiderte dieſe zerſtreut, „möglich, allein ich mag nun keine andere machen.“ „Sollſt ſie auch machen, meine Tochter! Dein Vater iſt, dem Gott unſerer Väter ſei Dank dafür, im Stande zu bewilligen ſeinem einzigen Kinde ſolchen Wunſch. Und warum ſoll ich es auch nicht?— Kennſt Du, meine Tochter, die Quelle meiner Größe?— Du kennſt ſie nicht, meine Tochter, Du haſt keine Ahnung davon, wie Deinem Vater war zu Muthe, als er als armer Manſchel zum erſten Male betrat die Reſidenz — arm und nackt, von betrügeriſchen Reiſegefährten ge⸗ plündert,— unglücklich und verlaſſen, wie Hiob. Keine 223 Hand that ſich auf, mich zu erretten, keine Seele gab mir ein Stück Brot, um meinen Hunger damit ſtillen zu können, und unglücklich und elend, leer im Magen, leer auch an Muth und Hoffnung irrte ich umher, ein armes verlaſſenes Schaf, nicht wiſſend, wo ich ſolle hin⸗ legen mein Haupt in der nächſten Nacht. Dieſe Stunden ſind geweſen mein Lehrmeiſter für das ganze Leben. In ihnen lernte ich erkennen, was Geld ſei, und daß Geld verdienen ſei das höchſte Glück auf Erden, und die Lei⸗ ter um zu ſteigen zu Ehre und Anſehen vor der Welt. Das Zweigroſchenſtück, welches eine vornehme Dame dem armen unglücklichen Mauſchel ſchenkte, der elend und winſelnd ihr faſt zu Füßen ſiel,— dieſes Zweigro⸗ ſchenſtück, deſſen eine Hälfte meinen Hunger befriedigte, mich ſatt machte und wieder muthvoll, war die Quelle meines jetzigen Reichthums. Eine Dame,— eine Ba⸗ ronin, eine Gräfin vielleicht— ich habe niemals ſie wie⸗ dergeſehen, hat begründet mein Glück mit einer milden Gabe, die die Quelle meiner Millionen geworden iſt.— Warum ſoll ich's nun nicht vergelten einem ihres Standes, was die Dame hat an mir gethan, an dem armen Ju⸗ denjungen?— Machen wir dafür glücklich den jungen Baron an der Hand meiner Tochter Ophelia, und ich bin quitt mit den reichen Leuten, die mir gethan haben einmal etwas Gutes.“ Herr Silbermann lachte bei dieſer Auseinander⸗ ſetzung, die nach ſeiner Anſcht die beabſichtigte Hand⸗ lungsweiſe h ite nein, in das glänzendſte Licht ſtellen dße noch ſchlauer als ſonſt.— Ophelia aber, die von den verſchiedenſten und eiee Gefühlen beſtürmt ward, wünſchte Umkehr nach Hauſe. „Wie, mein Kind, wollen wir nicht die Promenade zu Ende?— Sieh, dort kommen der Herr Kammerpräſident, dem Du ſtets ſo Schönes zu ſagen weißt, und dort—“ „Zurück, zurück!“ befahl Ophelia ungeduldig, ſo daß der Kutſcher, dem ſtets reſpectirten Befehle der all⸗ gebietenden Herrin folgend, eiligſt umwandte und den eben gekommenen Weg zurück fuhr. Aber vergeblich hoffte Ophelia ihm noch einmal zu begegnen; vergeblich blickte ſie empor zum Fenſter der gehaßten Corrado,— er war nirgends zu bemerken. Zu Banß⸗ angekommen, zog ſich Qphelia, ohne ein Wort zu ſprechen, in ihr Zimmer zurück, das ſi⸗ hinter ſich verſchloß. Herr Silbermann aber ging kopfſchüttelnd über dieſes kurioſe Benehmen in ſein Comptoir und über⸗ zühlte mit ſtrahlenden Blicken die Summe der Inſtru⸗ mente, welche Hardersberg in ſeine Gewalt gaben. „Und will er nicht, der alte Starrkopf, nun wohl, denn nicht.— Dann ſoll Ophelia auch ohne ſeinen Herrn Sohn werden die Herrin von Hardersberg— und dann kommt vielleicht ein Graf, und wirbt um ihre Hand.“ Und lachend verwahrte er die Papiere ſorgfäl⸗ tig wieder in ſeiner Chatouille. Ophelia aber ſaß erſchöpft in ihrem Zimmer und kämpfte noch immer mit der Aufregung, die alle ihre Grundſätze und Syſteme zu erſchüttern drohte. Sie liebte ihn— das wußte ſie,— ſie wollte ihn beſitzen, das wußte ſie auch,— die Speculationen ihres Vat rs waren gut und ſicher, das ſoh ſie ebenfalls ein— und do war ſie nicht zufrieden, hätte ſie mit ſich ſelber zürnen und ſich ſelber verachten mögen. Sie grollte mit ſich, mit ihrem Vater, mit ihrer Geburt und dem Schickſale und fühlte doch wieder nicht die Macht zu ſagen, nein ſo ſoll es nicht ſein, er ſoll frei ſein, und nur frei geliebt will ich ihm angehören. O Mädchenherz, wer ergründet Deine Tiefen, wenn die Leidenſchaft in ihnen ſchlummert;— wer will er⸗ forſchen können, was Du in Dir verbirgſt?— —— 5 Zwölftes Capitel. Bei Tante Frieda. Kaum eine Viertelſtunde von der See gelegen, de⸗ ren ſchäumende Wellen mit ihrem ewig wechſelnden Far⸗ benſpiele es zu einem der intereſſanteſten Ausſichts⸗ punkte der ganzen Gegend machen, liegt Schloß Bornfeld. Vom feſten Lande faſt ganz durch weite und dicke Waldungen abgeſchnitten, durch welche, einen einzigen ſchmalen Fahrweg ausgenommen, nur Wildpfade füh⸗ ren, bietet es nur dem Meere zu eine freie Ausſicht, und an dieſem entlang erſtrecken ſich auch ſeine nicht beden⸗ tenden, aber intereſſant gelegenen Beſitzungen. Schloß Bornfeld iſt ein alter Bau, an dem ſeit einem Jahrhunderte keine reſtaurirende Hand gewirkt zun haben ſcheint. Vieles iſt oder ſcheint zerfallen, nirgends bemerkt man die Spuren einer kräftigen Herrenhand, und das ganze alte Gebäude gleicht mehr einer Ruine, als einem der ſtolzeſten Ahnenſitze der Provinz. 227 Nur der Park und die Gartenanlagen, die ſich in herrlichſter Lage dem Meere zu erſtrecken, läugnen die verwüſtende Hand der Zeit hinweg. In ihnen iſt Alles friſch und ſchön und wohlgepflegt, und die Bäume wie die Taxushecken ſowohl, als die ſymmetriſch vertheilten Blumenbeete zeigen von ſorgfältiger Pflege und einer trenen Gärtnerhand. Ja, während der Ruhm des Haufes Wettern von Bornfeld zerfiel, die letzte Trägerin des Namens dem Grabe zuwankte, und die Burg derſelben zur Ruine ward, gewann der Garten unter der Pflege des alten Gärtners Krüger von Jahre zu Jahre mehr an Blüthe, und beſonders ſeitdem ſein Neffe Ernſt bei ihm die edle Kunſt erlernte, konnte er als der ſchönſte und wohlge⸗ pflegteſte weit und breit gelten. Und doch, warum dieſe Mühe und dieſe Sorge für einen Garten, hier an der Welt Ende, und bei dem alten Schloſſe gelegen, welches ſeit vielen Jahren ſchon keine anderen Gäſte mehr kannte, als die Nichte der Beſitzerin? Warum dieſe Sorge, da die Gebieterin nie⸗ mals mehr im Stande war, den Garten zu betreten und höchſtens vom geöffneten Fenſter aus ſeine Blumen üfte genießen konnte? Warum ſorgte dieſer junge Mann mit ſo treuer Liebe und hegte und pflegte die lieblichen Kinder der 15* 228 Natur ſo ſorgſam— da doch Niemand darnach frug, Niemand ſeine Mühe beachtete, wenn nicht Fräulein Anna, die aber jährlich kaum auf eine oder zwei Wo⸗ chen bei Tante Frieda auf Bornfeld weilte? Wer kann es ergründen das wunderbare Weſen der Liebe, das Jahre lang unermüdet ſchafft, um dem gelieb⸗ ten Weſen nur einen Augenblick der Freude zu be⸗ reiten? Ernſt wußte wie ſehr Anna von Harder die Blu⸗ men liebte, kannte alle Arten, denen ſie beſo ders hold war, wenn er ſeine Zeit hätte verzehnfachen, ſeine Sorg⸗ falt hätte noch erhöhen können— er würde es jeden Augenblick freudig gethan haben, um ſein angebetetes Fräulein bei ihrer Ankunft zu den herrlichſten Beeten führen und ihr die duftigſten Bouguets überreichen zu können. Seit Jahren war es nun ſchon ſo, und ſtets ſah Ernſt dem Tage mit Sehnſucht entgegen, wo das leichte Wägelchen vom Schloſſe, welches jährlich nur einmal und zu dieſem Zwecke gebraucht ward, aus dem Wald⸗ wege hervor und in den Schloßhof rollte. Dann war ſie da, die Erſehnte! Ihre ſanften Augen, die ſo mild und lieb in die Welt ſchauten, belebten Alles, machten das ganze alte Schloß heiter und freundlich, und ſelbſt Tante Friedan 229 ſchien ſich wohler zu fühlen, wenn ſtatt der alten Kam⸗ merfrau die liebenswürdige Nichte ſie verpflegte und leicht und geräuſchlos wie eine Fee, ſie wohlthätig um⸗ ſchwebte. Und wenn ſie dann hinab kam in den Garten und mit leichten elaſtiſchen Schritten die ſein geeggten Sandwege durchwandelte, bald hier, bald dort zu einer Blume ſich neigend, bald da ein Beet, bald hier eine ſchwellende Knospe betrachtend und ſich des friſchen ſchönen Lebens freuend, das überall im ganzen Parke herrſchte,— dann jauchzte das Herz des lauſchenden Gärtnerburſchen und alle ſeine Mühe ward tauſendfach belohnt durch den freundlichen Blick des reizenden Mädchens. Und dann endlich,— um ein Geſträuch blühender Roſen biegend, da fand ſie ihn in emſiger Beſchäftigung und erfreute ihn mit ſtets herzlicher Anrede!* Das waren die Sonnenblicke für dieſes einſame Gärtnerleben, das Ernſt doch gegen alle Schätze der Welt nicht vertauſcht hätte,— und wenn er dann an ihrer Seite gehen und ihr die neuen Anlagen und ſeine beſonderen Merkwürdigkeiten zeigen und erklä dann hätte der Selige mit keinem Könige getauſcht, und wäre er reicher geweſen als Cröſus und glücklicher als Salomo in all ſeiner Herrlichkeit. 230 Ernſt war der Sohn einer einfachen Landwitwe, und was er gelernt und von Kenntniſſen erlangt hatte, dankte er der Freundlichkeit des würdigen Geiſtlichen in ſeinem Dopfe. Dieſer, den der ſtrebende Geiſt des den⸗ kenden Knaben überraſchte, hatte ihn freudig mit ſeinem eigenen Wiſſen bekannt gemacht, hatte ihm die Quelle der alten Sprachen und den Tempel der Natur geöffnet, und ſo kam er nicht ungebildet zu dem Oheim Krüger, der aus Sorge für die arme Mutter ihren Sohn zu einem tüchtigen Gärtner erziehen wollte. Die alte Frau Wendt war die Schweſter des Gärt⸗ 4 ners und lebte als Witwe in ärmlichen Verhältniſſen, einſam und ihr tägliches Brot im Schweiße des Ange⸗ ſichts erringend. Da war es ihr denn ſehr lieb, als ihr Bruder väterlich treu für die Bildung des Sohnes ſorgte, während die einzige Tochter den ſchwierigen, aber guten und einträglichen Poſten einer Kammerzofe bei der Signora Corrado in der fernen Reſidenz übernom⸗ men hatte. In Bornfeld, unter der Obhut des alten Krüge war Ernſt ein tüchtiger Gärtner geworden, und als der Oheim, von Altersbeſchwerden geplagt, ſich mehr und mehr von den Geſchäften zurückziehen mußte, ſorgte er unermüdlich und liebevoll für ſeinen anvertrauten Schatz, 231 deſſen Schönheiten ja das einzige Weſen, welches er an⸗ betend verehrte, ſo ſehr erfreuten. Der Morgen graute kaum und noch ruhten feuchte Nebel, die treuen Gäſte der Küſtengegenden, beängſti⸗ gend auf den Fluren und hüllten das Schloß in düſtere Schleier, und doch wachte Ernſt ſchon und ſchaffte mit Rechen und Meſſer in den Gängen und auf den Blu⸗ menbeeten. Ein Platz beſonders war es, der ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch nahm. Unter einer kleinen zierlichen Laube, die, auf einer leichten Anhöhe gelegen, die Ausſicht auf die weite See geſtattete, ruhte eine friſche wohlgepflegte Moosbank, ein Sitz mit bequemen Lehnen und ſo zart und ſauber wie der geſchickteſte Künſtler nur ſie verfertigen konnte. Vor der Laube blüheten die herrlichſten Blumen des ganzen Gartens im reichen Flore, und Alles war ſo ſchön und ſinnreich arrangirt, wie nur die Liebe es kann, die Liebe, die da lebt und ſtrebt, um zu erfreuen und zu beglücken. Sier auf dieſer Stelle hatte Anna im vorigen Som⸗ er lange Stunden geſeſſen und hinausgeblickt zu den blauen Wellen, auf deren ſchwankenden Kronen buntge⸗ wimpelte Schiffe ſich wiegten. Dieſe Stelle war ihr Lieblingsplatz geweſen, ſo einfach, einſam und rauh er auch damals ſich gezeigt hatte— und Ernſt's Sorge war es nun geworden, ihrer Abweſenheit ein kleines Paradies daraus zu ſchaffen. Unermüdlich hatte er den Lieblingsplatz der Ge⸗ liebten— gepflegt, ihn als ſeinen liebſten Zögling be⸗ trachtet und ſeine treueſte Sorge ihm zugewandt, um das verehrte Mädchen zu überraſchen. Und heute nun ſollte es geſchehen;— heute mußte ſie kommen, um dieſe Stelle zu beſuchen— denn Anng von Harder war geſtern Abend bei Tante Frieda eingetroffen, um in dieſem Jahre län⸗ ger als Sewöhnlic zu verweilen. Wie klopfte Ernſt's Herz, wenn er ſich ausmalte, wie ſie leicht und elfenhaft daherſchweben würde, nach allen Seiten hin die blühenden Anlagen grüßend— um ſich auf dem Lieblings; platze den alten Träumen zu über⸗ laſſen! Er ſah ſie kommen, ſah i 6. überraſchtes Lüchelt welches die Freude verkündete, die ſeine Sorgfalt i ihr bereitet, ſah ihren fuchenden Blick, der ihm galt— ihm, dem Schöpfer all' dieſer Schönheiten, ſie wohl ahnte— und der zagend und bang und doch glücklich, unendlich ſelig hinter einem Strauchwerk lauſchte, wäh⸗ rend ſeine Zuſ u zerſpringen drohte vor Sehnſucht und Glück. Und während Ernſt im Garten bereits ſchaffte und mit treuer Hand Ueberraſchungen für das verehrte Fräu⸗ lein bereitete, hatte auch dieſe ſich ſchon dem Schlummer 233 entwunden und ſuchte mit ihren Blicken den Nebel⸗ ſchleier zu durchdringen, der ganz Bornfeld düſter um⸗ hüllte. Anna war noch bleicher, noch leidender geworden, als wir ſie früher kennen lernten. Ihre Züge waren von einer durchſichtigen Bläſſe, in der das feinſte Aederchen ſich ſpiegelte, und kein Roſenſchimmer überhauchte ihre Wangen mehr. Schön, wunderbar ſchön war ſie anzuſe⸗ hen in dieſen zarten Farben, aus denen die milden gazen groß und trauernd hepvorſchauten;— aber wer dieſe Schönheit ſah, der hätte weinen mögen ſo ſchmerzvoll war ſie anzuſehen, ſo trübe war das Lächeln, das nur ſelten ſich um die erbleichten Lippen kräuſelte. Das war Joachim von Brandach's Braut. Einer Todtenbraut gleichend, kannte ſie nicht das ſtrahlende Hlück der Liebe, hatte keine Ahnung von dem Entzücken des Brautſtandes, wo Herz zum Herzen ſich fand und die Seelen in einander floſſen im ſeligen Sichangehören. Schwer ruhten auf ihrer Bruſt die Wolken, die ihr Haus bedrohten und deren mehr und mehr beängſtigendes Aus⸗ ſehen ſie aus den düſteren Zügen ihres Vaters geleſen; — ſchwer lag auf ihrem Herzen die Trauer und Angſt der Mutter, die e eigene, wie die Exiſtenz ihres Kin⸗ des bedroht ſah,— und endlich auch dieſer Brautſtand, 234 den ſie der wankenden Ehre ihres Hauſes zum Opfer brachte. Denn wie liebenswürdig ſich auch Brandach bei ſeinen Beſuchen auf Schloß Hardersberg gezeigt hatte, wie wenig Anna ihm auch ihre Achtung verſagen konnte — ſo ſchauderte ſie doch bei dem Gedanken, ihm ange⸗ hören zu ſollen, ein ganzes Leben lang mit ihm zu leben; ſie liebte ihn nicht, und konnte ihn nicht lieben. Und doch dürſtete ihr junges Herz nach Liebe, ſehnte ſich darnach, an eine Bruſt ſich zu lehnen, der ſie ſich ganz und gar vertrauend hingeben konnte! Sie liebte Brandach nicht und vor ihren Augen wollte das Bild des jungen Gärtners aus Bornfeld nicht weichen, deſſen ehr⸗ furchtsvolle Huldigung ſie wohl bemerkt, und die ihr immer wohlgethan hatte. Dieſen treuen Augen hätte ſie vertrauen, an dieſe Bruſt ſich liebend lehnen können, und an ſeiner Seite, der bei aller Einfachheit und ländlicher Beſchränktheit ihr doch gediegener und verſtändiger ſchien, als dieſe jungen Herren mit dem eleganten Schliff der Reſidenz — hätte ſie gehofft, ein Glück finden zu können, wie das Herz es erſehnte. Aber ſtill— wohin irrten ihre Gedanken— es war ja nicht und nimmer möglich! Sie, eine Harder,— er, ein Gärtnerburſche!— Die Ehre des Hauſes— 235 die Wünſche der Eltern— und doch, was frägt das Herz nach dieſem Allen?— das Herz, welches nicht Stammbäume kennt und nicht Ahnen— ſondern nur Glück und Liebe erſtrebt. Nein, nein, hinweg mit ſolchen thörichten Ge⸗ danken und Wünſchen! Sie war eine Harder— die Tochter ihrer Väter— noblesse oblige— das Opfer mußte gebracht werden, ſo ſchwer es auch war, und wenn das Herz zerbrach— ſo wollte ſie würdig ſterben;— würdig wie die herbſtliche Erde hinabſinkt in den kalten Winterſchlaf. Mit dieſem Entſchluſſe trat ſie als Siegerin vom Fenſter zurück, deſſen Ausſicht von Neuem den Streit in ihrer Bruſt erweckt hatte, den herben Streit zwiſchen Pflicht und Herz. O wie oft hatte ſie ihn ſchon durchkämpft, wie oft ſchon unter unendlichen Qualen mit ihrem Herzen ge⸗ rungen,— und immer noch hatte ſie gefiegt, und ſich ſelber wiedergefunden, zu dem, was ſie nicht für Recht, aber für nothwendig erkennen mußte. Wie oft ſchon hatte ſie geſiegt und doch immer in einer ſchwachen Stunde die errungenen Vortheile wieder verloren.. Immer wieder begann der Kampf von Neuem, und ihre Wangen erbleichten, ihre Angen umſchleierten ſich 236 bei dieſen Seelenkämpfen, in denen ſie mit ihrem Herz⸗ blute den theuerſten Sieg erkaufte. Schwer lag die Hand des Schickſals auf dem Hauſe von Harder und Anna hatte ſich nur zu gern hinausge⸗ flüchtet auf das Schloß der Tante Frieda, deren reines, ſiegendes Gottvertrauen und deren Liebe ſie entſchädigen und tröſten ſollten in den Stürmen der Zeit. Wußte ſie doch auch, daß Vater und Mutter in ſchwierigen Stunden lieber allein waren; am liebſten allein und unbelauſcht ſich an einander Uhnten— der ſtarke, wettergebräunte Mann und das ſchwache liebende Weib— wenn die Schickſalsſtürme tobten. Hatten ſie doch ſelber Anna zu der Reiſe beredet, damit das leidende Kind durch Ort und Luftwechſel die geſtörte Geſundheit wiederfinden möge— und um ſie den neuen Schlägen fern zu halten, die das erzürnte Geſchick gegen das Haus von Harder führen dürfte. Anna litt für ſich nicht allein; ſie litt für die El⸗ tern mit, deren Schmerz ihre Bruſt zerriß— dem mußte ſie entzogen werden, ſollte ſie nicht durch Siechthum und endliches Hinſinken die Sorgen des Hanſes zur Spitze treiben, und mußte in dem heiteren Frieden, in der ſtil⸗ len Abgeſchiedenheit Bornfeld's wie unter dem ſanften Einfluſſe Tante Frieda's Ruhe und Geſundheit wieder⸗ erzählte das reſignirte Lächeln, das um die blutloſen 237 zufinden ſuchen, die ja allein geſchickt und kräftig ma⸗ chen, auch die ſchweren Zeiten muthig zu ertragen. Anna hatte gehorcht.— Doch nun, da ſie auf Bornfeld war, brachte ihr der erſte Morgen einen neuen Kampf zwiſchen Herz und Pflicht,— aus dem ſie wie⸗ der nur mit blutenden Wunden hervorging— die Ehre des Hauſes und den Schild der Harder's mit dem ſtolzen Worte„noblesse oblige“ den ſtürmenden Feinden entgegenhaltend. Sie hatte geſiegt!— Um welchen Preis aber Lippen ſpielte, deutlich genng,— und um den Sieg zu bewahren, um ſich gleich im Anfange ſelber zu ſtählen gegen die Angriffe des Herzens, ſtieg ſie hin⸗ unter in den Garten, in welchem ſie Ernſt begegnen mußte. Die Nebel hattten ſich mehr und mehr verzogen. Schon drangen die funkelnden Strahlen der Morgen⸗ ſonne durch den düſteren Schleier und leckten die Tro⸗ pfen hinweg, welche in ihrem Bereiche ſchwebten. Er⸗ friſchende Blumendüfte erfüllten mit ihrer Würze die Morgenluft und Anna's Bruſt athmete neu auf in dieſer entzückenden Frühfeier der Natur. Wie Balſam legten ſie ſich um die Wunden des gequälten Herzens, eine ſanfte Röthe überflog die 238 zarten Züge und leicht und elaſtiſch, bei der Schön⸗ heit des jungen Morgens ſelber wie neugeboren, eilte ſie durch die Gänge dahin, mit ſtrahlenden Blicken die theure und bekannte Gegend grüßend. Wie Alles grünte und blühte, wie heiter der Farbenſchmuck ihr entgegenlachte, wie köſtlich die Son⸗ nenſtrahlen mit den diamantenen Thautropfen ſpiel⸗ ten, wie würzig es ihr von allen Seiten entgegenduf⸗ tete, als ob der Garten ſeiner liebenden Schützerin ein Morgenopfer des Dankes bringen wollte! Weiter und weiter eilte Anna, den leichten Ueber⸗ wurf über dem Hauskleide feſter zuſammenziehend, ihrem Lieblingsplatze zu. Da hoffte ſie auch Ernſt in der Nähe zu finden, und jetzt, gerade jetzt, unter dem Einfluſſe des erwachenden Morgens wollte ſie ihn ſehen, ihm zeigen, daß ſie noch immer ſeine Freun⸗ din und Schützerin ſei, die ſeine Liebe zu würdigen verſtände, ohne doch jemals ſie theilen zu dürfen. Sie fühlte ſich ſo friſch und ſo kräftig, ſchaute ſo wohlgemuth dem neuen Tage entgegen, als hätte ſie niemals ein Opfer gebracht, niemals mit ihrem Herzen um ſeine beſten Güter gerungen— und ſie ihm abringen müſſen. Sie dachte nicht, wollte nicht denken an das, was ihr ſo ſchwer geworden war:— ſie lebte und athmete blos in der hoffnungsreichen Umgebung! Leben weckt Leben— und ſelbſt in der düſteren Nacht, wenn Alles um uns zu fallen und zu brechen ſcheint,— vermag ein Stern uns neue Hoffnung zu gewähren, und füllt die wunde Bruſt mit einer Art Freudigkeit, die unter den obwaltenden Verhältniſſen zu bewundern iſt. Wie erſtaunte Anna, als ſie, dem Platze ſich nä⸗ hernd, dieſe Veränderung bemerkte. Mit großen Augen blickte ſie um ſich, den zu gewahren, der aus dem mehr als einfachen rheoete ſolch' kleines Paradies erſchafſen hatte,— und ein Dankgefühl für Ernſt,— denn Niemand anders konnte dieſe zarte Aufmerkſamkeit für ſie hegen— ſchwellte ihre Bruſt. Fort war die alte Steinbank, deren kalte Maſſi⸗ vität oft genug die zarten Glieder beleidigt hatte; fort das wirre Geſtripp, das um ein halbzerbrochenes Ge⸗ länder wucherte; fort endlich auch dieſe alten Felsſteine, die den Weg zu ihrem Flahe boſcwert hatten und auf denen ihr Fuß oft genug geſtrauchelt war und ſich ver⸗ letzte. Die Liebe nur hatte dieſes Wunder wirken, alles dieſes nen und ſo ſchön machen können. Durch prächtige Blumenbeete hindurch ſich ein fein geebneter Kiesweg zu dem Gipfel der An⸗ höhe empor, auf der ſich eine neue, bequeme Laube erhob, von üppigen Schlingpflanzen überſchattet. Unter ihrer Wölbung ſtand die weiche duftige Moosbank, deren Decke ſo klar und eben war, wie der koſtbarſte Sammet. Dankesvoll lehnte Anna auf dem bequemen Sitze und ihr Ange blickte ſo heiter um ſich, wie es ſeit lange Niemand mehr an ihr geſehen hatte. Dieſe Aufmerkſam⸗ keit des treuen Gärtners, für den in ihrem Herzen doch immer eine unterdrückte Stimme ſprach, wenn ſie auch niemals ihr folgen, niemals mit einem Blicke nur ver⸗ rathen durfte, daß ſie etwas Anderes für ihn fühlen könne, als das Wohlwollen der Herrin,— hatte ſie auf das Angenehmſte berührt. Denn durfte ſie ihn auch nicht lieben, mochte ſie ihn doch gerne im beſten Lichte ſehen, als einen der der Liebe würdig ſein würde, die ſie für ihn hegen könnte— wenn eben nicht die Geſetze des Hau⸗ ſes und der Ehre ſie verneinten. Armes Herz, zu welchen unnatürlichen Verirrun⸗ gen und Verrenkungen hat Dich Dein Standesbewußt⸗ ſein gebracht! Oder nicht das Deine,— vielmehr das Deines Hauſes,— das alle ſeine Glieder umſchlingt und, ſie an ſich ziehend, mit ſeinen Feſſeln umwindet. Du kannſt nicht anders, Du mußt ſo handeln, wie Du handelſt, willſt Du nicht Alles um Dich her verletzen 5 3 241 und Dich losſagen von Ehre und Namen, von Vater, Mutter und Familie— die von ihrem Standpunkte den Zug des Herzens als Entartung bezeichnen würden.— Wie wohl, wie wonnig ward es Anna um das Herz, als ſie auf dem weichen Moosſitze ruhete, den die Liebe ihr bereitet! O ſie hätte niemals mehr ihn verlaſſen und auf ſeinem duftigen Sammet ſich ausſtrecken und ſterben mögen unter dem Dufte der Blumen, beim Rauſchen des Morgenwindes, der durch die Laube ſäuſelte, beim Geſange der Vögel, die nun auferwachten in ihrer Lu⸗ ſtigkeit und den Morgen feierten;— bei dieſer ewig tönenden Muſik der Wellen, die leiſe, rauſchend und bezaubernd zu ihr herüberklang. Ihr Blick flog hinaus in die Weite, über die Blu⸗ men hinweg,— dem Meere zu. Vor der friſchen Briſe her, die mit der Sonne aufgetaucht war, trieb eine leichte Jacht, und ſchnitt mit ihrem Kiel pfeilgeſchwind durch die Wellen. Alles Leben, Leben und Bewegung rings umher— und Leben iſt Glück! Und mitten in dieſem Leben, umgeben vom Glücke des Friedens, in der Natur hätte ſie ſelig hin⸗ ſterben mögen, den ſchönſten Tod— auf ſeine Züge ihre letzten Blicke heftend. Ein leichtes Geräuſch ließ ſie aufhorchen. Es war Ernſt, der ahnungslos, wie nahe ihm. die Ge⸗ Ehre. 1. 16 242 liebte ſei, von einem entfernteren Ende des Gartens zurücktehrte, um nun, da Alles klar und lachend war, noch einmal den Platz zu überſchauen,— auf dem ſie heute ruhen ſollte. Und nun ruhte ſie ſchon da und rief dem über⸗ raſchten Jünglinge einen heiteren Morgengruß entgegen. „Dank, Dank— Tauſendmal Dank, mein lieber Ernſt, für die Ueberraſchung, welche Sie mir bereitet haben!— Eine größere Frende hätten Sie mir wirk⸗ lich nicht machen können! Und wie ſchön, wie ſinnig, Sie das Alles arrangirt haben! Es iſt eine Freude es anzüſehen, und auf dieſem reizenden Sitze zu leh⸗ nen. O Sie ſind ein tüchtiger Gärtner geworden, lieber Ernſt, und ich mache Ihnen neben meinem Danke auch mein Compliment.“ So hatte ſie mit einer Sicherheit, die ſie ſelber in Erſtaunen ſetzte, ſchnell den Standpunkt angezeigt, auf dem ſie feſtſtehen wollte, und der, fern von Ver⸗ traulichkeit, doch voll Freundlichkeit und reinſtem Wohl⸗ wollen war. Die friſche Morgenluft und das Be⸗ wußtſein des Sieges gaben ihr die Kraft dazu;— und einmal eingeleitet, wußte ſie wohl, würde ſie nicht aus der Rolle fallen. Ernſt ward mit Roth übergoſſen, vor Ueberra⸗ ſchung theils, theils vor Beſchämung über das ihm 243 ſo reich geſpendete Lob. Er fand das Fräulein anders, als er ſie erhofft hatte, anders im Aeußern wie in der Sprache zu ihm, die ſonſt immer ſo vertraulich, o freundſchaftlich geklungen hatte, als ob ſie ſich nicht mit dem Gärtnerburſchen ihrer Tante, ſondern mit einem Spielgefährten unterhalten hätte. Vor einem Jahre war ihr Ernſt das auch gewe⸗ ſen; nur erſt ſe tdem ſie Brandach lieben ſollte, wußte ſie, was ſie früher nicht geahnt hatte, daß ihr Herz für Ernſt Gefühle hege, die dem Ernſt des Lebens gegenüber, die Neigung des Spielgefährten überſchrit⸗ ten,— und dieſes Wiſſen hatte ihre Unbefangenheit früherer Jahre verſcheucht. Die Jungfrau, welche ein Geheimniß in dem Herzen hegte, ſtand dem ſchönen Jüngling gegenüber, den ſie niemals lieben durfte,— und Ernſt's feinbe⸗ ſaitetes Gefühl, das unter den Blumen und Pflanzen ſo zart geblieben war, wie ſie ſelber, erkannte wohl die Veränderung, welche mit dem Fränlein vorgegan⸗ gen war— und ahnte dunkel ihre Gründe. Aber durfte ihn denn das wundern?— Mußte er es nicht ganz natürlich finden, und konnte er es nicht gerade als ein Zeugniß für ihre Liebe zu ihm halten, daß ſie ſich zurückhaltender zeigte, a damals, wo ſie noch wie Kinder waren?— 244 Ernſt dachte daran und billigte ihre Weiſe. Die Röthe ſchwand aus ihren Zügen, und ſich lächelnd ver⸗ beugend bat er das gnädige Fräulein, ſeine Verdienſte nicht zu hoch anzurechnen. Sie hatte ihn heute zum erſten Male„Sie“ ge⸗ nannt, während ſie in früheren Jahren ſeinem ehrfurchts⸗ vollen„gnädigen Fräulein“ ſtets das einfache„Du“ entgegenſetzte, wie es die Herrſchaft beſonders den jungen Dienſtleuten gegenüber zu gebrauchen pflegt— doch Ernſt wagte es nicht, ſie auch ferner um dasſelbe zu bitten, ob⸗ wohl es nicht allein nur natürlich, ſondern ſogar ſeine Pflicht geweſen wäre. Anna war die Nichte ſeiner Her⸗ rin und er hätte deßhalb, ſich für ihren Diener erklärend, wohl um das„Du“ bitten müſſen. Doch er that es nicht, und Anna ſchien es nicht zu bemerken,— denn Beide ſahen hinaus in die See und wandten ihre Blicke den rauſchenden Wellen zu, ohne daß wohl Eines wirklich derſelben gedachte. „Wie haben Sie gelebt, lieber Ernſt?“ frug Anna endlich, um doch etwas zu ſagen und das Beklemmende der Pauſe zu beenden.—„Es iſt ſehr einſam auf Bornfeld, und für einen jungen Mann, der wie Sie Anſprüche auf die Welt machen kann, wohl keine Freude, in ſeinen dü⸗ ſtern Mauern Jahr für Jahr zu verleben!“ „Ich vermiſſe nichts, mein gnädiges Fräulein—“ 1 245 erwiderte Ernſt, noch immer beharrlich den Lauf der Wellen ſtudirend,„Bornfeld iſt mir eine zweite Heimat geworden, und die Liebe meines Oheims, die Freundlich⸗ keit der gnädigen Frau, und mein Garten mit meinen vielen Tauſend Ffleglingen, welche mich alle Tage ſo ſehnſüchtig und dann ſo dankend anſchauen— geben mir immer zu thun, und genügen mir und meinen Anſprüchen vollkommen. Ich vermiſſe nichts, und ſehne mich auch nicht hinweg.— Aber Sie, mein gnädiges Fräulein, wie geht es Ihnen, oder vielmehr wie iſt es Ihnen ergangen, ſeit dem Sie zuletzt auf Bornfeld waren?— Mir däucht, daß Sie nicht ganz ſo geſund zu uns zurückkehren, wie Sie hinweggingen! Bleiben Sie nur diesmal recht lange in Bornfeld, denn hier wohnt die Geſundheit. Die Luft hier herum iſt wohlchug und außer armen Herrin iſt hier Niemand krank, noch krank geweſen.“ „Sie haben Recht, Ernſt, ich bin wohl nicht mehr ſo geſund, als ich in früheren Jahren war, aber ich werde es hier in dieſer Gegend wohl wieder werden, wo Alles was man erblickt, Glück zu ſein ſcheint.“ Ernſt ſchwieg, und ſie hatte noch einen Schlagfür ihn, den ſie nicht zu führen wagte. Sie ſah wohl den Herzenskampf ie jungen Mannes, erkannte ihn an den Blutwellen, die abwechſelnd ihm in das Antlitz ſtiegen, und dann wieder einer jähen Bläſſe. Platz mach⸗ 246 ten.— Und doch mußte es ſein, gerade, da ſie ſah, daß ſeine Leidenſchaft erregt, daß er ſeiner Liebe zu ihr ſich bewußt geworden war, mußte er Alles wiſſen, mußte er erfahren, daß er nie Hoffnung hegen könne, die Liebe einer Harder zu beſitzen— wollte ſie nicht einen Aus⸗ bruch ſeiner leidenſchaftlichen Gefühle befürchten miſſſen. O Anna hatte rechnen und berechnen gelernt! Wo nur erſt die Naivität und Unbefangenheit der Kindlich⸗ keit entflohen iſt, da greift der berechnende Verſtand, Schritt für Schritt vordringend, eine Feſtung des Herzens nach der anderen an, bis er ſie alle erobert und ſich zu Eigen gemacht hat. „Wie lange werden Sie diesmal bei uns bleiben, Fräulein Anna?“ frug Ernſt, ſich nach ihr umwendend. „Hoffentlich dehnen Sie Ihren Aufenthalt etwas länger aus, als auf eine oder zwei Wochen.“ „Ich denke ja, ja ich habe Luſt recht lange hier zu bleiben, und werde ſicher nicht eher gehen, als bis mein Bräutigam zurückgekehrt iſt, der augenblicklich noch in der Reſidenz weilt.“ Anna blickte bei dieſen Worten nach dem Schloſſe hinüber, we man in den Zimmern ihrer Tante eben die Fenſter öffnete, und da ſie keine Antwort vernahm und auch ſie zu vernehmen fürchtete— ſagte ſie eilig“ „Ach, Tante Frieda iſt ſchon munter, da muß ich 247 ihr ſchnell meinen Morgengruß bringen! Auf Wieder⸗ ſehen, mein lieber Ernſt!“ Sie grüßte ihn mit freundlichem Neigen, dann, die Hand auf das pochende Herz preſſend, eilte ſie dem Schloſſe zu— Ernſt dem Sturme ſeiner Gefühle über⸗ laſſend. Dieſer ſtand noch einen Augenblick regungslos wie ſie ihn verlaſſen hatte und ſah wohl kaum, daß ſie gegangen ſei, dann aber erwachend, warf er ſich auf die Moos⸗ bank nieder, und barg ſein glühendes Antlitz in ihrem kühlen Grün. „Braut— ſie Braut— einem Anderen gehören und ich doch, ich allein liebe ſie!“ So klagte ſein Herz und ſein Blut tobte durch die Adern und ſchien wie Feuerſtröme zum Gehirn zu dringen. Wie Wahnſinn packte es ihn, fürchterlich erſchütternd krallte es ſich um ſein Herz, als ob es herausgeriſſen werden ſollte aus der ſchützenden Bruſt, und ſein ſtierer Blick ſuchte draußen auf den Wellen nach einem Anhalt, einem Stützpunkte für ſeine Gedanken, die im wirren Kreigeltanz ſich drehten. So kämpft ein Schiff mit den Wellen, die, Segel und Steuer zum Trotze, es der Brandung entgegentreiben! — ſo leidet ein wohlgepflegtes glückliches Ländchen unter dem Sturme der Elemente, die entfeſſelt— ſinnlos darüber hintoben, nicht achtend der Blüthen und zar⸗ 248 ten Triebe— und alle Gegenwehr vernichtend, Alles zerſtörend, was ihrer wilden Wuth ein Hinderniß ent⸗ gegenſtellen will!— Der Sturm entflieht, die Elemente hören auf zu toben, doch das Schiff iſt ein Wrack und die Landſchaft bietet ein Bild der Verwüſtung. Auch Ernſt's Leidenſchaften tobten aus, auch ſeine Thränen verſiegten, ſein Schmerz ſänftigte ſich und der Wahnſinn wich aus ſeinem Herzen. Außen ruhig, kündete nur ſeine auffallende Bleiche das Bild der Zerſtörung, das, dem Menſchenauge ver⸗ borgen, ſich auf dem Herzensgefilde bot.* Anna Braut!— Das Leben hatte keinen Werth mehr für ihn, und ſein Glück konnte, durfte nur noch ſein, ihr zu dienen, zu dienen als ein Sclave, wie ein Hund, ohne jemals noch die Augen aufzuſchlagen zu dem über Alles geliebten Weſen!— Und hatte ſie denn nicht recht gethan und ver⸗ nünftig? Mußte ſie denn nicht ſo handeln, wie ſie es gethan, als eine Tochter ihres Hauſes als eine Freiin von Harder, die ja ſo hoch, ſo hoch über ihm ſtand, dem armen Gärtnerburſchen, der ſie ja doch nie beſitzen durfte! Hatte ſie deßhalb nicht recht gethan, dem Spiele der Jugend ein Ende zu machen, da ſie doch Beide nicht mehr Kinder waren, und thörichten Wünſchen rechtzeitig Lähmung, die ihr den Gebrauch der Füße ver 2 249 ein Ziel zu ſetzen— bevor ihre Zerſtörung ein Herz un⸗ heilbar zerbrechen konnte!— „O mein Herz iſt gebrochen, es hat ſein einziges Glück verloren— für immer!“ rief Ernſt, verzweiflungs⸗ voll ſein Antlitz wieder in dem Raſen bergend, und doch hat ſie Recht— und techt gethan, ja ſie konnte und durfte nicht anders handeln. Unterdeß eilte Anna mit leichten Schritten, aber ſchwerem Herzen— ſie hatte nur zu gut die Wirkung ihrer Worte erkannt— dem Schloſſe zu, um Tante Frieda zu begrüßen. In einem der wenigen gut erhaltenen Gemächer des Schloſſes Bornfeld, das mit ſeiner alterthümlichen, dunklen Ausſtattung einen zwar düſteren, doch nicht un⸗ heimlichen Eindruck bot, an welchen man ſich bald und gerne gewöhnte, wohnte Tante Frieda. Sie verließ dieſes Zimmer nur, um, auf ihrem Lehnſtuhle ſitzend, ſich von der Kammerfrau in ihr Schlafzimmer rollen und mit Hülfe einer weiteren Dienerin zu Bette bringen zu laſſen. Denn ſeit vielen Jahren ſchon litt ſie an einer unheilbaren ß ſagte, und während ihr Geiſt friſch und munter war, und im un⸗ verbrüchlichen Gottvertrauen keinen Angenblick noch das Geſchick des Körpers beklagte; während Augen und Hände, die vollkommen geſund waren, trotz des vorge⸗ 250 rückten Alters der Dame recht wohl im Stande waren, ſogar feine Arbeiten zu verrichten, ruhte der Unterkörper völlig machtlos und unbeweglich auf dem Lehnſtuhle, und mußte jeden Schritt fort gerollt werden, den die Dame unternehmen wollte. Aber, wie geſagt, ihr Geiſt war munter, und Tante Frieda, das gebrechliche und gefeſſelte Weſen, war nicht nur der Liebling ihrer Familie, die ſie hochachtete, und ihren Rath bei jeder irgend wichtigen Angelegenheit in Anſpruch nahm; ſie war auch der Schutzgeiſt der wenigen Unterthanen, welche die Beſitzung Bornfeld in zwei klei⸗ nen Dörfern beſaß. Es waren Fiſcher, arme beſchränkte Leute, die, nur auf ein kleines Stück Land angewieſen, meiſt von dem leben mußten, was die See ihnen bot, deren Ertrag ſie in das einige Stunden fern gelegene Städtchen zum Verkaufe brachten. Dieſe armen Leute beteten Tante Frieda, oder wie ſie eigentlich genannt ward, die Frau Generalin von Wettern, faſt an, denn ſie wachte über Alle, und noch nie hatte Einer der Bornfeld'ſchen Noth gelitten, ſo lange Tante Frieda auf ihrem Witwenſitze lebte. Frieda von Wettern⸗Bornfeld, geborne von Harder, war die einzige und ältere Schweſter des Freiherrn von Harder, und hatte ſich ſchon frühzeitig mit dem Herrn von Wettern⸗Bornfeld vermält, der damals als Oberſt 251 im activen Dienſte ſtand, doch einige Jahre ſpäter zur Schonung ſeiner ſchlecht verharſchten Wunden ehrenvoll als General penſionirt wurde. Der ſchon ältliche Mann hatte der Freiin von Harder, deren Liebenswürdigkeit ſein bis dahin unbeſiegtes Herz eroberte, die Hand ge⸗ boten, ce Vermögensmitgift ablehnend, nur ſie ſich erbeten, und fünfzehn Jahre lang glücklich mit ihr elebt. Bei ſeinem Tode ließ er ihr, außer Bornfeld als Witwenſitz, die Renten eines nicht unbedeutenden Ver⸗ mögens zum freien Nießbrauch— doch ſollten nach ihrem Ableben Beſitzungen und Vermögen ſelber an die Kinder ſeiner Schweſter zurückfallen. Seitdem waren an die dreißig Jahre verfloſſen. Tante Frieda hatte zuerſt eine Zeit lang auf ihrem Wit⸗ wenſitze Fn darauf in der Reſidenz gelebt, bis ſie durch einen Schlagfluß gelähmt wurde, ünd nun ſich gänzlich auf ihren Witwenſitz i Hier ſaß ſie nun bereits ſeit zwölf Jahren in dem alterthümlichen Zimmer auf dem Rollſtuhle, konnte ſeit zwölf Jahren keinen Schritt thun, da ſie wie eine lebloſe Maſchine an ihren Platz gefeſſelt war— und doch hatte Niemand jemals eine Klage von ihr vernommen, niemals waren aus ihrem gläubigen Herzen Frieden und Freudig⸗ 252 keit gewichen.— Sie trug ihr Leiden als eine Sendung des Himmels, ohne Klage und ohne Murren. Dieſe edle Reſignation, dieſes unverbrüchliche Gott⸗ vertrauen hatten ſie zu einer allgemein verehrten Perſön⸗ lichkeit gemacht, und ihre Milde und Freundlichkeit, verbunden mit einer Heiterkeit, die bei ihrem Zuſtande kaum zu hoffen war, hatten ihr die Herzen aller Derer gewonnen, die mit der alten Dame in Berührung kamen. Am meiſten liebte Tante Frieda ihre Nichte Anna, deren ſanftes Weſen der kranken Dame beſonders wohl⸗ that. Sie ließ daher nicht nach, ihren Bruder und ihre Schwägerin zu beſtürmen, bis ſie ihr das junge Mädchen alljährlich wenigſtens auf einige Tage nach Bornfeld gaben. Und wie hing Anna an Tante Frieda! Das edle, vertrauensvolle Gemüth des Mädchens ſchloß ſich feſt an das liebevolle Herz der Generalin an, die, durch ihr Lei⸗ den an ihren einzigen Platz gefeſſelt, ſie Alle hätte mit ihrem Herzen erfreuen mögen, mit dieſem Herzen, in dem neben einer reinen, vertrauenden Frömmigkeit ein unverſiegbarer Quell zürtlicher Liebe ſchlummerte. „Guten Morgen, Tante Frieda! Wie haſt Du geſchla⸗ fen und fühlſt Du Dich wohl, liebe Tante?“ Mit dieſen herzlichen Worten trat Anna in das Zimmer. „Guten Morgen, mein liebes, gutes Kind! Freilich erwähnſt Du Herrn von Brandach hier?— Wenn ich 253 bin ich wohl, wie ſollte ich nicht wohl ſein, wenn Du da biſt, mein Liebling! Habe ich mich doch ſeit Wochen auf Deinen Beſuch gefreut und die Stunden bis zu Deiner Ankunft gezählt.“ „Wirklich, Tante Frieda?“ „Ja, ja im Ernſt, mein Kind, und wenn es nach der Tante Frieda ging, dann dürfteſt Du ihr gar nicht wieder fort vom alten Bornfeld. Dann ſollteſt Du Dein ganzes junges Leben Deiner alten Tante weihen, bis dieſe ein⸗ mal ſelber ihren Rollſtuhl für immer verläßt!— Ja, ja, Anna, das wäre ein ſchönes Schickſal für Dich,— hier hinter den alten Mauern Jahr für Jahr vertrauern zu müſſen. Aber das Alter macht egoiſtiſch und die Liebe auch. Ich möchte Dich immer bei mir haben, immer Dein liebes Geſicht ſehen, denn das iſt ja nun doch einmal die einzige Freude Deiner alten Tante.“ „Liebe Tante, was ſagſt Du! Gläubſt Du, ich würde an Deiner Seite die Welt vermiſſen?— Herzlich gern möchte ich immer bei Dir bleiben, immer, immer bei Dir ſein, Tante Frieda, wenn nicht auch die Eltern wären— und ihr Theil an der Tochter verlangten—“ „Und der Bräutigam—“ ſiel die Tante lä⸗ chelnd ein. „O Tante,“ erwiderte Anna ſchmerzlich,“ warum 254 bei Dir bin, dann möchte ich Alles, Alles da draußen ver⸗ geſſen, all' den Schmerz und das Unglück unſeres Hauſes, ſammt all' den Opfern, welche ſie mit ſich bringen.“ Tante Frieda richtete ihr Auge auf das junge Mäd⸗ chen und ſah ſie an mit einem Blicke, ſo eigenthümlich for⸗ ſchend, als wollte ſie bis in die Tiefe ihrer Seele dringen. „Du biſt alſo in Deinem Brautſtande nicht glücklich, mein Kind? Du gehſt dieſer Verbindung, von der ſie mir Alle ſo viel Schönes ſchrieben, Du ſelber ausgenommen, nicht aus Neigung und nicht dem Zuge des Herzens fol⸗ gend ein, ſondern dem Vorthei e des Hanſes zu Liebe, von deſſen nicht ganz ſicheren Grundlagen ich allerdings auch bereits gehört habe?“ Tante Frieda's Stimme war weich geworden, und ſie ſchien bewegt, wie ſie Anna noch nie geſehen hatte. Das fühlende Herz der Tante, die da Jahr aus Jahr ein ein⸗ ſam auf ihrem Schloſſe ſaß und Zeit hatte über die menſchlichen Gefühle nachzudenken, fing an das Opfer zu begreifen, welches Fe junge Mädchen der Ehre des Hauſes brachte, dem uuch ſie entſtammte— und ihre Augen netzte ein feuchter Schimmer. Anna neigte ſich zu ihr nieder, Thränen glänzten in ihren Augen, und weich, doch mit Faſſung, ſagte ſie: „Du haſt es errathen, oder vielmehr Deinem Scharſſinre blieb es nicht verborgen! O Tante, 255 Tante es mußte ja ſein! Die Ehre der Harder's ver⸗ langte es— und eine Harder darf niemals daran Schuld ſein, daß das Wappen ihrer Ahnen von der Burg herabſänke, daß ihre Eltern den Sitz ihrer Väter ver⸗ laſſen müßten und andere, vielleicht unwürdige Herren einziehen dürften in die Hallen, die durch das Andenken an unſere Ahnen, an die erlauchten Gründer unſeres Hau⸗ ſes geheiligt ſind für alle Zeiten!— Nein, nein Tante Frieda, es konnte und durfte nicht anders ſein und wenn das Herz darüber bräche!— Alles für die Ehre unſeres Hauſes, uns Alle beugt ja das Wort, das unerbittliche noblesse oblige.“ Tante Frieda legte ſegnend die Hä de auf Anna's Stirn und mit einer Stimme, die in Thränen zitterte, fagte ſie: „Vertraue, mein Kind! Du biſt eine gute Tochter, und Gott wird Dich ſchützen! Wandelſt Du auch jetzt noch auf dunklem Pfade, ſeine Liebe wird ihn erleuchten, und bringſt Du heute auch das größte Opfer, Du bringſt es Deiner Pflicht— und Fflichterfüllung iſt ja auch ſchon ein Glück. Vertraue ihm, meine Tochter, der die Wege ſeiner Kinder wunderbar lenket, er wird auch Dein Herz nicht ohne Troſt laſſen.“ „O Tante!“ „Du biſt eine gute Tochter, Anna, eine würdige 256 Tochter Deiner Ahnen und ſie werden dort oben ſtolz auf Dich ſein, wie es Deine Tante hienieden iſt! Anna, Alles für die Ehre des Hauſes von Harder! Halte dieſes Wort feſt, ewig feſt; es wird Dich niemals unterliegen laſſen! Und nun gehe, mein Kind, und ſammle Dich; der Segen des Himmels ſei mit Dir und möge ſich als Balſam um Dein Herz legen.“ Anna küßte die Tante und ging hinaus. Eine wun⸗ derbare Freudigkeit war über ſie gekommen, und ein Frie⸗ den ſenkte ſich in ihre Seele, wie ſie ihn lange nicht gekannt hatte. Es war ihr als ob nach langer Nacht die Sonne wieder aufginge und mit milden Srrahlen ihre Wun⸗ den heile. Die Hoffnung war es!— die Hoffnung, die Tante Frieda's milde Worte vor ihre Seele gezaubert hatten— daß ſie doch einſt noch zufrieden werden und in treuer Pflichterfüllung Erſatz finden könnte für die entſchwunde⸗ nen Ideale der Jugend. Der Tante wunderbare Zuverſicht mit ihrem uner⸗ ſchütterlichen Vertrauen auf Gott und ſeine weiſe Len⸗ kung der Geſchicke hatte ſie gekräftigt.— Ihr Schickſal der Liebe des Himmels befehlend, ſah ſie getroſt den kommenden Tagen entgegen und genoß bei Tante Frieda, in liebender Unterhaltung mit der würdigen Dame, oder in ſtiller Einfamkeit auf dem Ruheplatze, den ihr 257 die Liebe Ernſt's bereitet hatte, oder mit dieſem im Gar⸗ ten plaudernd und beobachtend, wie er ſo ſchnell und ge⸗ ſchickt ſeine zierlichen Arbeiten verrichtete— das ganze Glück und die reine Freude, welche Bornfeld ihr zu bieten im Stande war. Ernſt hatte Recht gehabt. Es herrſchte eine ge⸗ ſunde Luft in Bornfeld, und auch auf Anna's Wan⸗ gen erblühten von Neuem die roſigen Farben der Ge⸗ ſundheit. Ihr Auge erhielt den alten Glanz zurück— und es ſchien als ob der dunkle Engel ſich von ihr abge⸗ wandt hätte und mit ſeinen nächtigen Fittichen nicht länger ihr Geſchick bedrohen dürfe. Gegen Ernſt blieb ſie freundlich, doch zurückhaltend, wie am erſten Tage, und auch dieſer fiel nie mehr aus der Rolle, die das Schickſal ihm dem hochgeborenen Fräulein gegenüber angewieſen hatte. Er hatte eingeſehen, daß Anna von Harder recht gehandelt habe, und nicht anders handeln dürfe— und wie ſchwer es auch dem jungen Herzen werden mochte, das ſeine Liebe über Alles ſtellt:— Ernſt kämpfte wacker mit ſich ſelber und vergaß in dem geliebten Weſen nie mehr das gnädige Fräulein von Har Ehre. 1. biizehutes Capitel. Ferloren und gefunden⸗ führte, ſeitbem die Corrado ſeine Freundin war und den flüchtigen Jugendrauſch im Harze ausgenommen, deſſen Andenken vor dem Strahlenglanze der neuen Sonne längſt erloſchen war— ſeine erſte Liebe. Was war das für ein Götterweib! Welche Leiden⸗ ſchaft und Gluth lebte in dieſem ſtolzen Weſen, das Fürſten und Grafen theilnahmslos zu ſeinen Füßen geſehen hatte, und nun ſich liebevoll— innig an das Herz dieſes kleinen Freiherrn ſchmiegte, deſſen Locken⸗ kopf ſie bethört ugdein deſſen wunderbar klaren Augen ihr Herz ſich g n hatte. Sie hatte ihieben lernen wollen, weil Brandach ſie verlaſſen hatte, er follte ein Werkzeng ihrer Rache ſein, der kleine unbedentende Lieutenant mit dem hüb⸗ ſchen Geſichte und dem braunen Lockenkopfe— und 259 nun? nun? Sie wagte es im Anfange ſich ſelber nicht zu geſtehen, entfloh entſetzt vor dem beängſtigenden Gedanken, bis er immer machtvoller hervordrang und in ihr Fleiſch und Blut gewann und Wahrheit ward; nun mußte ſie ihn lieben! lieben mit der ganzen Gluth des Südens, mit der ganzen Leidenſchaft und dem ſeligen Entzücken, deren nur die Töchter des Südens fähig ſind. Vergeſſen waren ihre Rache und ihre Schwüre, vergeſſen ſogar die Erinnerungen an Armand und Brandach, vergeſſen Alles außer ihm, der liebend zu ihren Füßen lag und bereit war ihr ſein ganzes Leben zu weihen. Sie ließ ihn faſt nicht mehr von ſich, und jede Stunde, die der Dienſt ihm frei gab, mußte er ihr widmen, mußte er an ihrer Seite das ſchönſte Glück der Liebe finden. Wenn die Stunde der Oper kam, ſo fuhr er mit ihr, und von der Loge aus ſah er wieder nur die Geliebte, bis das Ende des Stückes auf's Neue ſie vereinigte. Hans lehte wie im Himmel. Taumelnd wie in ſteter Trhnkenheit, ſchwelgte er im Meere des Glückes und det Liebe, genoß in reichen Zügen die höchſte Lebenswonne, unbekümmert um Alles, was um ihn her ſich ereignete. Vergeſſen waren alle Dinge, die ſeiner Liebe fern Ingen, ver⸗ 47* 260 geſſen die ganze Vergangenheit wie die Zukunft— und nur der Gegenwart lebend, war Hans von Harder glücklich. Sein Name war, als beneideter Liebhaber der „Corrado, nicht unbekannt geblieben. Man kannte die ſtrenge Zurückhaltung der gefeierten Italienerin und betrachtete den jungen ſchönen Officier mit bedeuten⸗ dem Intereſſe, dem es gelungen war, das Herz der ſtolzen Signora zu gewinnen. Man ſuchte ſeine Be⸗ kanntſchaft zu machen; einfachen Vorſtellungen folgten Einladungen, die Hans aber nie annahm, weil er keinen Abend leden zu können glaubte, wenn er die Geliebte nicht wenigſtens ſähe und ihrer ſilbernen Stimme lauſchen könne. Auch bei Herrn Silbermann, deſſen Namen er ſich als Geſchüftsmann ſeines Vaters erinnerte, und den er aufſuchte, um ene Anleihe auf Wechſel bei ihm zu machen, fand Hans bereitwillig die freundlichſte Aufnahme, den coulanteſten Geſchäftsgang, und erhielt eine Partout⸗Einladung zu den Abendunterhaltungen bei Fräulein Ophelia. Hans hatte dankend angenommen, hörte auch über dieſe Unterhaltungen manches Gute, und daß ſie beſonders auch von Officieren viel beſucht wären, konnte jedoch nie hingehen, weil er alle ſeine Zeit dem Dienſte der Signora weihte. Er hatte ſeit⸗ ——— 261 dem Herrn Silbermann mehrmals im Comptoire be⸗ ſucht, dabei immer den freundlichſten und coulanteſten Geſchäftsmann an ihm gefunden, und dieſer legte nach ſeinem Weggange jedesmal eines jener langen ſchmalen Papiere, die oft tödtlich werden können, in das Porte⸗ feuille, und lachte ſelbſtgefällig und ſicher, als ob ſeine Pläne alle ſhon gar nicht mehr zu durchkreuzen ſeien. Hans dachte an nichts, ahnte nichts, verſprach dem eifrig Redenden ſtets von Neuem ſich ſeiner excel⸗ lent geſcheidten Tochter, der Perle der ganzen Reſidenz, vorſtellen zu laſſen, die Abendunterhaltungen zu be⸗ ſuchen, und flog, ohne zu wiſſen was eben ſeine Lippen verſprachen, ſeinem einzigen Gedanken folgend, der Wohnung der Geliebten zu, um ihr irgend ein Ge⸗ ſchenk, ein Juwel oder eine Toilettenſpielerei zu über⸗ reichen, die ſich der holde Mund gewünſcht hatte. Was kümmerten den leidenſchaftlichen Jüngling die Summen, welche er verbrauchte? War doch Herr Silbermann da, der ausnehmend höflich und gefällig gegen ihn war und ihm durchaus keine Schwierigkeiten machte, und er ſelber hatte doch noch viel weniger Zeit dazu. Ha, wie er da eilt, das Hotel der Signora zu erreichen! In der Hand vorſichtig ein Etui tragend, deſſen Anſchauen ſeinen Augen neues Feuer gibt, blickt 262 r ſchon von Weitem nach ihrem Fenſter empor. O, er weiß es wohl, daß er mit dieſem Käſtchen Freude ſtiften und ſich ihren wärmſten Dank verdienen wird! Er weiß, wie ſehr die Signora ſich dieſen Schmuck gewünſcht hat, und nun— Silbermann hat geholfen— ſollte er der ihre ſein, trug Hans ihn in der Hans, um ſie damit zu ſchmücken. Die Opernſtunde nahte. Marie hatte die Signora angekleidet, und dieſe ging ungeduldig auf und nieder. Einmal um das Andere ließ ſie die kleine goldene Uhr repetiren, welche ihr am Gürtel hing— er kam noch immer nicht. Wo mochte er ſein, wo konnte er ſo lange bleiben, wenn ſie ihn erwartee Doch jetzt, ietzt flog es mit Windeseil die Stu⸗ ſen empor, die Thür ſprang auf und in ihren Armen ruhte Hans, der Gel ebte, und trank von ihren Lippen den ſeligſten Willkommen! „Wo bleibſt Du mio caro amico?“ ſchmollte ſie zärtlich,„wßhalb läßt Du mich warten und faſt ſterben vor Sehnſucht?“ „Weil ich eben erſt vom Dienſt kam, Marie, und Dir dies noch mitbringen wollte“, erwiderte Hans und reichte ihr das Etni mit dem koſtbaren Schmucke dar, deſſen Anblick ihr Auge ſtrahlen machte und ihr das Blut in die Wangen trieb. Ein leifer Schrei tönte ans r ₰ — — „ ebT 264 Du denn, mein Engel? Die Signora fuhr ja heute höl⸗ liſch ſpät ab, ich wäre ihr beinah' in die Hände gefallen.“ Statt der Antwort führte Marie den jungen Mann zu demſelben Divan hin, von dem die Signora und Hans von Harder ſich eben erſt erhoben hatten, und ihr Haupt an ſeine ſtarke Bruſt lehnend, blickte ſie zu ihm auf, mit einem Lächeln, in dem ihre ganze Seele lag. Der junge Mann drückte de zarte Geſtalt feſter an ſeine Bruſt, und unter ſeinen Küſſen flüſterte ſie leiſe „O mein Geliebter, wie glücklich bin ich bei Dir!“ Die Liebe feierte weiter in dem Zimmer, und wäh⸗ rend dieſe, angethan mit dem neuen Schmucke, den Ge⸗ liebten mit ihrem reizendſten Lächeln grüßte, ruhte die arme Marie hingebend an der ſtarken Bruſt ihres Ge⸗ liebten, in ihrem treuen deutſchen Herzen vielleicht glück⸗ licher noch als die Signora. ans von Harder war am andern Morgen in ziemlich ſchlechter Laune erwacht. Die Glocke zeigte be⸗ reits eilf Uhr, und er hatte kaum noch Zeit ſich zur Parade zu begeben, nach deren Beendigung er zuvor der Signora einen kurzen Beſuch machte, die er erſt ſpät in der Nacht verlaſſen hatte, und dann nach Hauſe zurück⸗ ging. Hier traf ihn kurz darauf Brandach, der, heiter —— 265 und lebeus uſtig wie immer, ihn aufforderte, bei Gio⸗ vanni mit ihm zu frühſtücken. „Ich habe nicht Zeit!“ war Hans' kurze Antwort. „Nicht Zeit? Bis Du die friſchen Holſteiner Auſtern pouſſirt haſt, die Giovanni mit dem heutigen Frühzuge bekommen hat, wird Dir die Signora wohl Urlaub geben. Komm' nur mit, Du füllſt ja ſonſt voll⸗ ſtändig ab in der Welt, die lebt und leben läßt!“ er⸗ widerte Brandach lachend und ſprach die letzten Worte mit beſonderer Betonung. Denn ſo, mit dem ſtolzen Namen„die Welt, die lebt und leben läßt“, bezeichneten ſich ſeit einiger Zeit die Bonvivants der Reſidenz, alle dieſe jungen Elegants, deren Lebensziel es iſt, den Tag mit ſo viel materiellen Genüſſen auszufüllen, als ſie nur immer vertragen können. Aber Hans blieb auch dieſer Lockung gegenüber un⸗ empfindlich. Wie geſagt, ſeine Laune war ſchlecht, und ärgerlich erwiderte er:„Ich will nicht zur Corrado, ich muß zum Diner— beim Alten!“ Beim Alten?— bei Welling?“ Ja „Iſt der zurück?“ „Geſtern gekommen!“ „Ah, da hat man gar nichts davon vernommn.“ „Und hat ſeine Tochter mitgebracht.“ 266 „Welling? Seine Tochter? Hat denn der eine Tochter— eine erwachſene? Frau von Welling iſt noch ſehr jung „Es iſt eine Tochter erſter Ehe, die, ich weiß nicht wo, wahrſcheinlich in irgend einem Penſionat erzogen worden iſt, und nun als abc geſchulter i an den Herd zurückkehren mag. Ich habe ſie noch nicht geſehen.“ „Aha! und Du biſt nun auserkoren, S lieben, Kinde die erſten Honneurs der eleganten Welt zu machen! à propos, ich glaubte Du gelteſt bei Welling nicht mehr viel ſeit Deiner Liaiſon mit der Signora?“ „Das habe ich bis jetzt leider nicht bemerken können.“ „Leider— ſch denke Frau von Welling iſt ſehr intereſſant“ „Das wohl, doch blickt nachgerade doch ſchon das ſpecifiſch Ehefräuliche zu ſehr hindurch. Ich glaube übri⸗ gens, ſie iſt bereits über die Dreißig und lebt ja nur für ihren Eisbär. Der iſt aber wohl in ſeiner Jngend viel zu galant geweſen, um ſich der Corrado wegen ſchlecht mit mir zu ſtellen. Wenn wir allein ſind, neckt er mich zuweilen in ſeiner gewöhnlichen derben Laune, und ich bleibe ihm nichts ſchuldig; in Gegenwart ſeiner Frau aber iſt. Nun Corrado noch nicht erwähnt worden.“ —˙———— 267 „Teufel— das iſt ein hölliſch zartfühlendes Corps! Na viel Amuſement mit dem Backſiſch; theile mir bei Gelegenheit mit, ob Du ihn ſchmackhaft gefunden haſt. Ich für meinen Theil kann nicht umhin, mich deſſen⸗ ungeachtet an Giovanni's Auſtern und Champagner zu halten. Gott befohlen, Hans!“ Adieu, Joachim.“ Major von Welling erwartete, in ſeinen Lehnſtuhl gelehnt und ſeine Pfeife rauchend, den jungen Tiſchgaſt. Er hatte zur Einführung ſeiner Tochter, um dieſe nicht durch eine große Geſellſchaft einzuſchüchtern, nur den Sohn ſeines alten Jugendfreundes eingeladen, als den einzigen jungen Mann, welcher mehrfach in ſeinem Hauſe verkehrt hatte. Der Major liebte Hans wie einen Sohn, und hatte die tadelnden Bemerkungen ſeiner Frau über Hans' Lebenswandel noch immer mit ſeiner Jugend entſchuldigt. „Laß ihn doch, Hermine“, pflegte er dann zu ſagen, „Jugend muß austoben, und wenn ſolches Feuer für das Alter aufbewahrt wird, kann es oft noch viel ge⸗ führlicher werden! Der Alte hot's in den Schlachten ansgetobt— hui, den hätteſt Du ſehen ſollen, Hermine, wie er wild daherſprengte, drauf und dran, mitten hin⸗ ein in den Feind, dem alten Blücher nach— na, und der Junge tobt es in der Liebe aus. Die Harder's haben 268 Alle heißes Blut, das darfſt Du nicht ſo übel nehmen, liebe Frau. Der Junge iſt im Grunde gut, und wird noch der vernünftigſte Kerl von der Welt werden. Glaub' mir's, Hermine, ich kenne die Harder's!“ Eben trat dieſe in das Zimmer. Sie hatte Toilette gemacht und ſah neben dem eisgrauen Gatten viel eher einer Tochter als ſeiner Gattin ähnlich. Blond, mit blauen Augen, verband ſie damit einen durchſichtigen Teint, deſſen zartes Roth wie mit Roſenduft überhaucht erſchien. Ihre Züge waren regelmäßig, doch wenig mar⸗ kirt, und ſo kam es, daß Frau von Welling öfter für ſehr unbedeutend gehalten wurde, beſonders von Denen, welche ſie zum erſten Male ſahen. Auch beſaß ſie nicht die manchen Frauen ihres Ranges ſo oft eigenthümliche Weiſe, ſich mit dem ihrem Geſchlechte galant überlaſſenen Rechte überall hervorzudrängen und Ton angeben zu wollen. Ihr Weſen war beſcheiden, und nur wer länger mit ihr ſprach und die Gediegenheit ihres Charakters und Wiſſens entdecken konnte, die ſie nie zur Schau trug, doch auch nicht prüde verbarg; wer ſie vor Allem im Verkehre mit ihrem greiſen Gatten beobachten konnte, dem ſie mit der zürtlichſten Liebe anhing und mit ſorg⸗ ſamſter Aufmerkſamkeit die Eigenheiten des alten Sol⸗ daten achtete, nur der fand in dieſen anſpruchsloſen Zü⸗ 269 gen, in dieſen matten blauen Augen mehr— als ein gewöhnliches Weib. Der Major grüßte ſeine Frau mit einigen kräftigen Tabakwolken, denn Hermine duldete es nicht, daß er in ihrem Zimmer und in ihrer Gegenwart die ſo ſehr ge⸗ liebte Pfeife weglegte, wie der galante Gatte in den erſten Tagen ihrer Ehe es gewollt und anfänglich auch gethan hatte. „Bin ich nicht eine Soldatenfrau, Rüdiger?“ hatte ſie ſtolz gefragt,„und ſollte den Tabakrauch nicht ver⸗ tragen können? Pfui, was denkſt Du, alter Held, von Deinem Weibe? Wie egoiſtiſch und arrogant! Rüdiger, ich ſage Dir, das nächſte Mal, wo Du bei meinem Ein⸗ treten ſo eilig die Pfeife in die Ecke wandern läßt, zünde ich mir eine Cigarrette an, um Dir zu beweiſen, daß ich Deine Frau bin— die Frau des Freiheitskämpfers Major von Welling!“ Der Major blickte freudig zu ihr auf, zu dieſem jungen Weibe, das noch nicht geboren war, als er ſchon Lorbeeren erkämpfte und das doch mit ſo ſeltener Aus⸗ dauer und Liebe ihr Geſchick an das des grauen Kriegers knüpfte. Ihre Che war keine Convenienzheirat geweſen, keine Verbindung mit einem jungen armen Fräulein, die ſich eine Exiſtenz ſichern wollte. Frau von Welling war reicher als ihr Gatte, unabhängig und gefeiert geweſen, 270 und hatte doch die Huldigung des alten Soldaten allen jungen Elegants vorgezogen, war ihm aus reiner Nei⸗ gung zum Altare gefolgt, und pflegte ihn nun ſchon ſechs Jahre lang mit aufopfernder Liebe und Treue. Wie geſagt, der Major grüßte ſeine eintretende Frau mit einigen kräftigen Tabakwolken, die ſie nicht verhinderten zu ihm durchzudringen und einen Kuß auf eine noch immer faltenloſe Stirn zu drücken. Dann ſetzte ſie ſich ihm gegenüber an das Fen⸗ ſter, und nach einer Beſchäftigung greifend, frug ſie leichthin: „Herr von Harder läßt auf ſich warten?“ „Er könnte wohl ſchon da ſein— es iſt Eins vorbei.— Doch, da wir noch einen Angenblick allein ſind, ſag' Hermine, wie gefällt Dir Eugenie?“ „Eugenie— richt gut, liber Monn. Noch etwas ſchüchtern zwar und eingeengt durch die neuen, ihr ungewohnten Verhältniſſe, wie auch durch den Todesfall, und einer Mutter gegenüber, die ſie kaum erſt einige Male geſehen hat— fonſt ſcheint ſie ſehr lieb und gut zu ſein. Laß uns nur erſt ein paar Tage Zeit, bis wir uns kennen gelernt haben, und laß Eugenie zu den neuen Verhältniſſen und beſon⸗ ders zu uns Vertrauen faſſen, dann ſollſt Du ſehen lieber Rüdiger, entfalten ſich ihre liebliche Natürlichkeit 271 und Heiterkeit, die in den dortigen Umgebungen ſich in ihrer ganzen Schönheit und Naivität erhalten haben. Euge⸗ nie iſt nicht verzogen und nicht verbildet, abex ſie iſt ein rechtes Naturkind, kä6 ich wohl ſchon be⸗ merkt, und ich glaube, Du kannſt Deiner ſeligen Schweſter ſehr dankbar E für ihre Erziehung, die wir ihr in den hieſigen Lerhultniſter nicht ſo hätten können. 4 Der Major hörte dieſer warmen Schilderung mit le bhaft er Theilnahme zu und frug dann:„Alſo biſt Du mir nicht böſe, Hermine, daß ich Deiner Ruhe eine neue Sorge aufgebürdet und unſern Heusſtant ſo urplötzlich vermehrt habe?— Es iſt Dir nicht unangenehm, eine erwachſene Tochter neben Dir zu haben, die Dich vielleicht mit der Zeit verdunkelt?“ „Was ſricht Du da, Rüdiger! Ich bin Deine Frau, und bei Dir wird mich Niemand verdunkeln können— auch Pne Tochter nicht. Wir werden Dich vereint lieben. Und dann, wie könnte die Ge⸗ genwart Eugenie's mir unangenehm ſein?— Deine Tochter, die ja doch nun auch mein Kind iſt, meine Ruhe ſtören?— Habe ich nicht ſeit Jahren ſchon um Dein Kind gebeten, damit ich an ihm Mut⸗ erpflichten übe, und habe ich nicht nur deßhalb es f 9 0 0 6 zubihr weil ich Deine Schweſter nicht betrüben 272 wollte, deren einzige Freude Eugenie war? doch, Rüdiger, was ſtellſt Du mir da für Fragen! — 3ch freue mich herzlich, eine ſo gute Tochter zu haben— und glaube ſicher, wir werden Freundinnen werden, und ich werde mich an ihrer Seite ſelber noch einmal verjüngen. Verlaß Dich darauf, Rüdiger, wir werden Alle recht glücklich mit einander ſein.“ Von Welling's Herzen wälzte ſich ein ſchwerer Stein ab. Denn ſorgenvoll und ängſtlich, wie die Liebe iſt, hatte er gefürchtet, ſeiner Frau keine Liebe zu erzeugen, wenn er ihr eine erwachſene Tochter zur Seite ſtellte— und nun, nun zeigte es ſich, daß ſie ſchon lauge ſich nach ſeinem Kinde geſehnt hatte, und daß ſie der Schweſter, der er nach dem Tode ſeiner erſten Frau das Kind anvertraut hatte, dasſelbe nur deßhalb noch gegönnt hatte, weil es die einzige Freude der alten einſamen Dame und ihr unentbehrlich ge⸗ worden war. Schritte im Vorzimmer machten der Unterhaltung ein Ende, und gleich darauf ward Herr von Harder gemeldet. Die Gatten empfingen den jungen Officier mit vieler Freundlichkeit. Der Major frug gleich nach Nach⸗ richten ans der Heimat, wie Vater und Mutter ſich befünden, während die Majorin ſie allein ließ, um die Pflichten der Hausfrau zu erfüllen. „Sie waren länger verreiſt, als wir hofften, Herr Major—“ ſagte Hans von Harder,„daraus läßt ſich nun wohl ſchon ſchließen, daß es Ihnen ſehr wohl gefallen haben muß— und eine Frage deßwe⸗ gen ſcheint faſt überflüſſig.“ „Doch nicht ſo ganz, lieber Harder, denn mein Längerbleiben war mehr unfreiwillig, und hatte nichts weniger als ein beſonderes Wohlbehagen am Reiſen zum Grunde. Sie wiſſen wohl, daß ich meinen alten Gliedern dieſe ungewohnte Strapaze überhaupt nicht par plaisir zumuthete,— aber da ich denn auf hohe Anordnung doch einmal die Reiſe machen mußte, ſo benutzte ich die Gelegenheit, um meine Schweſter und Tochter zu beſuchen. Wir waren Beide ſchon ſo alt und reiſemüde, daß wir nur noch hofften, die letzte Reiſe anzutreten und den Gedanken, uns hier noch einmal zu ſehen, längſt aufgegeben haben. Da erſchien ich denn plötzlich ein deus ex machina in ganzer Perſon— und gerade noch zur rechten Zeit, um die Schweſter ſterben zu ſehen,— und an ihrer Seite mein einziges Kind.“ „Ah— von dieſem unglücklichen Ereigniß ahnte ich nicht“, ſiel Hans bedauernd ein. Ehre. I. 18 274 „Unglücklich können wir es eigentlich nicht nen⸗ nen, lieber Freund, denn die gute Dora lag ſchon ſeit mehr als einem Jahre krank darnieder,— war damals ſchon einmal dem Tode nahe— und hat ſich niemals wieder ganz erholt. Freilich, daß es nun ſo plötzlich mit ihr zu Ende gehen würde, hatten wir doch nicht, und ſelbſt in ihrer Umgebung Keiner er⸗ wartet. Da war es eigentlich ein Glück, daß ich hin⸗ kam und noch Abſchied nehmen konnte von der Letzten meiner fünf Geſchwiſter. Ich mußte nachher das Be⸗ gräbniß, auch ihre Angelegenheiten in Ordnung brin⸗ gen, und dadurch entſtand denn die Verzögerung, deren Grund hier Keiner ahnte, weil ich meiner Frau den Todesfall mündlich mittheilen wollte, und deßhalb nicht ſchrieb. Meine Tochter habe ich natürlich mit⸗ gebracht. Sie iſt ein nettes Mädchen geworden, ſehr betrübt natürlich über den Tod der Pflegemutter— doch das wird ſich mit der Zeit ſänftigen.— Wir werden ſie hernach bei Tiſche ſehen.“ Der Major ſchwieg und blickte nachdenklich durch das Fenſter. Hans ſchwieg ebenfalls;— er wußte nichts Paſſendes zu ſagen, da er recht wohl ſah, daß der Major durch den Tod ſeiner Schweſter mehr an⸗ gegriffen ſei, als er zeigen wollte.— Endlich wandte er ſich um und frug, aus der — 275 Todesunterhaltung gewaltſam zum Leben und Leben⸗ den überſpringend— mit einem neckiſchen Lächeln nach Signora Corrado. Hans ward mit Roth übergoſſen und ſtammelte verlegen einige Worte. Dieſe Frage kam ihm jetzt zu überraſcht— auch hatte er ſie heute vom Major am wenigſten erwartet— der ſich gerade durch dieſen grellen Sprung aus ſeinen düſteren Betrachtungen los⸗ reißen wollte. Er blickte verlegen fragend zu dem alten Manne hin, da er doch nicht vorausſetzen konnte, daß ihn dieſer vor Tiſche noch mit einer Strafpredigt über⸗ raſchen wollte. 4 Doch der Major lachte noch mehr und ſagte leiſer: „Sie brauchen ſich deſſen nicht zu ſchämen, Har⸗ der! Je mehr Amour, um ſo mehr Ehre, heißt es in unſeren Kreiſen, und eine Liaiſon mit der Corrado gibt einen bedeutenden Ruf der Geföährlichkeit. Teufel, Hans, Sie haben viele Neider bei der ſtolzen Sprö⸗ den, und ich bin am letzten Derjenige, welcher ſolches Verhältniß verdammt.“ Hans blickte überraſcht auf. „Sie wundern ſich darüber?— Das iſt doch ganz natürlich. Meinen Sie, junger Mann, ich ſei 18* 276 immer der eisgraue Krüppel geweſen, den Sie heute vor ſich ſehen?— Fragen Sie nur den alten Curt, ob wir nicht ein paar tüchtige Burſchen waren zu unſerer Zeit;— tüchtig im Felde, tüchtig in der Liebe. Liebe— ſo viel Ihr wollt, nur keine Heira⸗ ten daraus machen.— Je mehr Liebe, je mehr Ehre, — geht es aber an das Heiraten, ſo muß man nach dem Stande ſehen! So denkt jeder tüchtige Junker.“ Hans lachte über dieſe leichten Anſchauungen des alten Kriegers, und doch wieder mutheten ſie ihn recht gut an. Er fand ſie ſehr bequem, ganz nach ſeinem Geſchmacke und im natürlichen Einklange mit den Privilegien ſeines Standes,— und war nicht wenig erfrent, in dem alten ſtrengen Krieger einen ſo war⸗ men Vertheidiger ſeiner Paſſion zu finden. „Und fürchteten Sie denn, daß ich daran gedacht hätte, die Signora zur Freifrau von Harder zu ma⸗ chen?“ frug er endlich den Major. „Wa— was? Sind Sie des Teufels, Hans?— Oder glauben Sie, ich hätte meine fünf Sinne nicht mehr?— Signora Corrado— Freifran von Har⸗ der?— Ich das fürchten?— Das iſt ja reiner Un⸗ ſinn, wenn man die Harder's kennt.“ Hatte der Major in Wahrheit doch eine ähnliche Befürchtung gehabt, und hoffte er durch dieſe Wen⸗ 277 dung das leicht empfindliche Ehrgefühl des Mannes zu ſtacheln, oder lebte wirklich in ſeiner Bruſt der unerſchütterliche Glaube an die Unfehlbar⸗ keit der Harder's, wo es Geſetze der Ehre und des Adels galt:— wer konnte das wiſſen! Wie dem aber auch ſei, die Worte erfüllten ihren Zweck;— um die ihpen des Officiers kräuſelte ſich ein ſtolzer Zug und mit einem hochmüthigen Lachen erwiderte er: „Sie haben Recht, Herr Major, leben und lie⸗ ben wir, ſo lange 6 jung ſind, und das heiße Blut tobt; brauchen wir aber einmal eine Gattin, dann wiſſen wir, was wir dem Hauſe von Harder ſchuldig ſind: Noblesse oblige!“ „Teufel ja, Sie haben recht, mein Freund, und ich freue mich htit daß Sie ſo vernünftig ſind. Ich habe in“ ſechzehn Schlachten geſtanden, ohne zu zucken, und es gibt kein Schreckniß für einen alten Soldaten— aber das kann ich Ihnen geſtehen, mein junger Freund, mich ſchaudert's jedes Mal, wenn ich Worte höre, wie Petallunte und Querbalken. Hui!“ Ehe noch Hans ſich von ſeinem Erſtaunen er⸗ holen konnte, denn ſolche Entſchiedenheit in dieſer Frage hatte er bei dem alten Haudegen nicht erwar⸗ tet,— kehrte die Majorin zurück, und an ihrer Hand ein blühenbes junges Mädchen, das ſie mit den an Hans gerichteten Worten:„Unſere Tochter Eugenie!“ den Herren zuführte. Zum zweiten Male erröthete Hans und gerieth in die ſchamvollſte Verlegenheit. Dieſer dunkle Locken⸗ kopf mit den blitzenden Augen, dieſes holde Lächeln, welches nach flüchtiger Verneigung dem Vater entge⸗ gen ſtrahlte, mahnte ihn an einige glückliche— ſchnöde vergeſſene Stunden im Schloßgarten zu Bollenſtädt! — Er konnte nicht zweifeln, die damals Geliebte ſtand vor ihm— und wie hatte er ſein Gefühl für ſie bewahrt!— Konnte er das Auge aufſchlagen zu dem reizen⸗ den Weſen, das ihn noch nicht erkannt hatte? Durfte er es wagen, den Blick dieſer dunklen Augen zu er⸗ tragen— er, der Geliebte einer Corrado?— Und jetzt fiel ihr Auge auf ihn, jetzt flog ein Strahl der Freude über ihre Züge, und von dem Va⸗ ter ſich losmachend, trat ſie mit reizender Natürlichkeit auf Hans zu und reichte ihm lächelnd die Hand. „Ja, ja, ſtaunt nur,“ rief ſie den verwunderten Eltern zu,„wir kennen uns ſchon lange und haben uns im vorigen Jahre ganz prächtig unterhalten. O Sie glauben nicht, mein Herr—“ „Wie“, donnerte der Alte dazwiſchen,„Ihr kennt 279 Euch ſchon, und davon erfährt man keine Sylbe?— Bomben und Granaten, was ſind mir das für Sachen!“ „Erlauben Sie, Herr Major,“ unterbrach ihn Hans eifrig, nur ſroh, ſeine Beſchämung und Ver⸗ legenheit durch eine Erklärung ableiten zu können;— „ich hatte allerdings die Ehre, Fräulein Eugenie im Parke zu Ballenſtädt zu ſehen, allein ich erfuhr ſo wenig ihren Namen, wie Fräulein Eugenie den meinigen. Daher kommt es, daß dieſes Zuſammentreffens Ihnen gegenüber nicht erwähnt worden iſt.“— Eugenie ſtand lächelnd dabei und blickte mit ihren ſchonen Augen bald auf den erſtaunten Vater, bald auf Hans. Als er aber geendigt hatte, hing ſie ſich an den Arm ihrer Stiefmutter, und indem ſie dieſe zu dem immer noch erſtaunt blickenden Vater hinzog, rief ſie:„Iſt es nun nicht ganz prächtig, daß ich auch gleich alte Bekannte in der neuen Heimat finde?—“ „Bomben und Granaten, das iſt eine koſtbare Geſchichte! Sehen ſich, unterhalten ſich, und fragen ſich nicht einmal, wie ſie heißen. Es hätte wahrhaftig des Mädels Bruder ſein können, wenn ihr der Him⸗ mel einen geſchenkt hätte,— ich glaube, ſie hätten ſich auch nicht erkannt.“ Hans hing mit verzehrenden Blicken an der lieb⸗ lichen Geſtalt. Sein Herz frug ſich zerknirſcht, wie — 280 er dieſelbe hätte vergeſſen, wie die Liebe, die ihn in wenigen Stunden ſo glücklich gemacht hatte, in ſeinem Herzen hätte entſchlummern und einer anderen Platz machen können! Lebendig und in den friſcheſten Far⸗ ben ſah er die Stunden in Ballenſtädt wieder; und die Erinnerung an dieſelben und an die erſte be⸗ glückende Regung der Liebe machten ſein Herz höher klopfen. Er ſuchte in den dunklen Augen Eugenien's, die ganz das naive, neckiſche Kind zu ſein ſchien, de⸗ ren Liebe ihn damals in den Himmel hob, zu erfor⸗ ſchen, ob ſie wohl würde verzeihen können. Unterdeß plauderte Eugenie mit ihren Eltern fort. Sie war heiterer und erſchien den Eltern glücklicher als am vorigen Tage, an dem ſie angekommen war. Der Major bemerkte dieſe Veränderung beſonders gern, da ſeinem rauhen Sinne die tieffinnige Trauer um Unabänderliches als Schwäche verhaßt war. Plötzlich wandte ſich Eugenie wieder an Hans, und ihm einen ſchmollenden Blick zuwerfend, bei dem er hätte aufjauchzen mögen vor Glück und Entzücken, frug ſie: nicht Wort hielt?— Es ſcheint Ihnen an meinem „Wie kommt es, Herr von Harder, daß Sie mich gar nicht darnach fragen, warum ich im vorigen Jahre — 281 Wiederkommen nicht gerade ſehr viel gelegen geweſen zu ſein.“ Und mit einem bitterböſen Blicke wandte ſie ihm halb den Rücken und ſetzte ſich zu den auf's Neue ſtaunenden Eltern. „Mein Fräulein—“ ſtammelte Haus, durch dieſe naive Frage wieder verwirrt, da ſie den Eltern noth⸗ wendig ihr ganzes Geheimniß verrathen mußte. „A propos“ rief ſie da und war wie der Blitz wieder herum—„wenn ich nicht irre, hatten wir in Ballenſtädt das Du und Du mit einander verabredet! „Alte Gebräuche muß man heilig halten und ehren“, pflegte Tante Dora zu ſagen, alſo— Herr von Har⸗ der, in Zukunft werde ich Dich Du nennen, wie ich's in Ballenſtädt gethan habe.“ „Bomben und Granaten!“ rief hier der Alte von Neuem, ohne jedoch das Lachen verbergen zu können, und muſterte den blutübergoſſenen Hans mit einem ſcharfen Blicke,—„Eure Bekanntſchaft ſcheint ja ganz gute Fortſchritte gemacht zu haben—“ „O ja, Papa, wir waren ſehr freundlich zu ein⸗ ander, nicht wahr, Herr von Harder, Du hatteſt mich cht lieb?—“ Dieſe Naivität war zum Verzweifeln. Hans hätte ſich zehn Meilen von dannen— 282 oder mit ihr allein zu ſein gewünſcht. Denn je län⸗ ger ſie ſprach, um ſo heißer erwachte die alte Leiden⸗ ſchaft der erſten Liebe wieder, und ob ſie ihn auch noch ſo ſehr in Verlegenheit ſetzte, ihn noch ſo arg in die Enge trieb— er konnte ihr nicht zürnen, und ſeine ſcheuen Blicke ſahen mit Bewunderung auf die holde Geſtalt. Er hätte vor ihr niederfallen und ihr Alles beichten mögen, alle ſeine Irrthümer und Fehltritte — und nicht eher wieder aufſtehen, als bis ſie ihn abſolvirt und ihm verzeihend dieſes Engelslächeln gezeigt hätte, in dem ſein Herz gefangen lag. „Ja“, begann jetzt Eugenie wieder, da ſie ſah, daß Hans noch immer ſchwieg,„ich wäre auch am andern Tage wieder gekommen, wenn nicht gerade in dieſer Nacht die gute Tante Dora ſo krank geworden wäre, daß ich keinen Augenblick ihr Lager verlaſſen konnte. Ach Gott, nun iſt ſie geſtorben, die gute Tante,— ſie war niemals wieder recht geſund ge⸗ worden, und ſie hatte mich doch ſo ſehr, ſo fehr lieb!“ Der Major war ſtill und ernſt geworden. Mehr⸗ nrals hatte er Harder forſchend angeblickt— doch g er nichts und benutzte jetzt die durch Eugenie's h vorbrechenden Schmerz erzeugte Pauſe, um zu Tiſche einzuladen. Es wollte aber keine rechte Unterhaltung mehr in den Gang kommen. Eugenie war von ihren Erin⸗ nerungen neu befangen und trauervoll; der Major ernſt und nachdenkend, und auch ſeine Frau ſchien verändert. Hans fühlte ſich möglichſt unbehaglich und ge⸗ drückt.— Er fühlte, wie ſehr die vorige Unterhaltung ſeinen Charakter in ein zweifelhaftes Licht geſtellt ha⸗ ben mußte, fühlte den Drang, ſich mit dem Major auszuſprechen— und doch wieder hielt es ihn davon zurück. Denn, was ſollte er ihm ſagen, womit ſein Handeln und ſich ſelber entſchuldigen?— Und doch, mußte er von der Unſchuld und Naivität Eugenie's nicht auch den Verrath des übrigen noch verſchwiege⸗ nen Theils der ihn damals ſo beglückenden Verhält⸗ niſſe erwarten? Eugenie liebte ihn noch und hatte ihn nicht ver⸗ geſſen; das ſah er wohl, und auch ſein Herz ſchlug von Neuem für ſie. Ihr Beſitz dünkte ihm das ſchönſte Glück;— ſie, ſeine einſtige Gattin, die höchſte Lebenswonne. Und doch, zwiſchen ihnen ſtand die ſtolze Tochter des Südens, Signora Corrado und ſeine Vergangenheit!— S Während er theilnahmslos aß, und keiner der Tiſchgäſte ſich um die Unterhaltung kümmerte, kämpfte 284 und wogte es in ſeiner Bruſt, bauten ſich Pläne und zerfielen wieder,— verdammte er ſich ſelber und ſein Leben, das ihn in ſolchen Zwieſpalt gebracht hatte, und fand doch immer keinen Weg, demſelben zu ent⸗ kommen. Endlich erhob man ſich vom Tiſche.— Die Zeit war Hans als eine halbe Ewigkeit erſchienen, und da ſich die Damen zurückziehen wollten, empfahl auch er ſich ſogleich. „Komm bald wieder, Herr von Harder“, bat Eugenie, ihm die Hand reichend, die er ehrerbietig an die Lippen zog. Dann empfahl er ſich Frau von Welling und dem Major, der ihn mit ernſtem Blicke gleichſam noch einmal warnen zu wollen ſchien,— jedoch ihn mit keinem Worte zurückhielt. Vielleicht ahnte er, was in der Seele des jun⸗ gen Mannes vorging, und wollte die Klärung durch kein Wort ſtören;— ſtand er ja doch ſchützend neben ſeinem Kinde, deſſen auffallende Neigung für den ſchö⸗ nen Officier ſelbſt ihm nicht verborgen geblieben war. Hans fühlte ſich von einer Centnerlaſt befreit, als er dieſes Haus hinter ſich hatte, und eilte beflü⸗ gelt durch die Straßen hinaus in das Freie, um allein zu ſein, allein mit ſeinem klopfenden Herzen. Als wäre dieſes aus einem langen, ſchweren Irr⸗ thume erwacht, rief es jetzt ſtürmiſch von Neuem den Namen Eugenie, und ihre Liebe ſchien ihm das einzig begehrenswerthe Glück auf Erden,— neben dem alles Andere erblaßte. 8 Und er wollte, er mußte ſie beſitzen! Er wollte ſie erobern, ſich wiedererobern, Trotz bietend allen Hin⸗ derniſſen— und wollte ihrer vor Allem wieder würdig werden. Mit dieſem Entſchluſſe kehrte er nach ſeiner Woh⸗ nung zurück, ſchloß ſich ein und war für Niemand mehr zu Hauſe. Was ſeit Wochen an jedem Tage geſchehen war, und ihm das unabweisbarſte Bedürfniß geſchienen hatte, unterblieb heute zum erſten Male: Hans von Harder ging nicht zur Signora Corrado. Ende des erſten Bandes. Druck von F. Fridrich. ſſ ſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16