, „ K Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Cduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und HKeſebedingungen. 1. 0Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhroffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme e Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe nterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet rd bonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Wr.— W. V „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung r Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchiutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der denpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ne oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Litſti Erſatz des Ganzen verpflichtet. leihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſt eſetzt und wird ers darauf aufmerkſam gemacht, daß das ieee r Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ e ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Ll. ₰ 3 ₰— ℳ — 1 S— PU nd im Moi 18— ſchien die Sonne klar und herrlich auf Stockholm und deſſen reizende Umgebungen herab. Sie ſpiegelte ihr glühen⸗ des Angeſicht in den Fluthen des Mälar, und es war, als ob ſie mit ihren ſchrägen Strahlen Hoff⸗ nung und Freude der neuerwachenden Natur zuflü⸗ ſterte, welche grünend, knospend, heiter und lächelnd das Verſprechen, das die Sonne den Tag über ge⸗ geben, in Erfüllung brächte. Es war ein Abend, mild und ſtill wie das Schlum⸗ merlied eines Kindes. Man fühlte das Herz von Ruhe erfüllt, und das Auge hob ſich unwillkürlich zu dem unermeßlichen blauen Himmelsgewölbe, um dem all⸗ gütigen Geber zu danken. Es war, als ob Gottes Friede über der Welt ſchwebte, und Gottes Liebe ſich in jedem Windhauche kundgäbe. 1 An dem offenen Fenſter eines anſehnlichen gerade oberhalb Moſebacke gelegen und die entzi Ausſicht bietend, ſaß an dieſem Abend eine edlem, ernſtem und ſchönem Angeſichte. die Freuden und Illuſionen der Jugend b ſich. Sie mochte ungefähr vierzig Johr Mit einem Ausdruck von Bewunderung u 3 An einem ſchönen Abe . muth betrachtete ſie das Gemälde, welches vor ihr ausgebreitet lag, und folgte dann mit träreriſchem Blicke einem Segel, das an der Blockhaus⸗Land⸗ ſpitze erſchien und ſich unmerklich der Stadt näherte. An den wechſelnden Regungen von Hoffnung und Beſorgniß auf ihrem Angeſichte erkannte man, daß ſie mit ihres Herzens wärmſten Wünſchen an dieſem Segel hing; aber als ob ſie aus einem Traume er⸗ wacht wäre, fuhr ſie ſich mit der Hand über die Stirne, ſeufzte und wandte den Blick weg nach einer andern Richtung. Auf einem Schemel zu ihren Füßen ſaß ein Mäd⸗ chen von ſechszehn Jahren. Sie hatte mit den Hän⸗ den eine Hand der Mutter umſchloſſen, und ihre Augen waren mit einem beſorgten, und liebevollen Blick auf deren Antlitz geheftet. Es lag in ihrer Haltung, in dem Ausdruck ihrer Züge etwas beinahe Bittendes, aber dennoch blieb ſie ſtumm, als fürchte ſie, ſelbſt mit ihrem Athemzuge die Mutter in ihren Träumen zu ſtören. Und nun, mein lieber Leſer, mußt Du mir ge⸗ ſtatten, das Ausſehen des jungen Mädchens etwas näher zu beſchreiben. Sie iſt dazu beſtimmt, eine Hauptrolle in dieſer kleinen Erzählung zu ſpielen, und was noch mehr iſt, ihr Aeußeres wie ihr Cha⸗ rakter ſind nicht eine Frucht der Einbildung, ſondern nur eine ſehr unvollſtändige Kopie eines lebenden Ori⸗ inals Jeder Zug ihrer Gemüthsart iſt wahrhaft nach⸗ gezeichnet, dennoch wird vermuthlich die Schilderung davon ſehr unvollkommen bleiben, wie jeder Verſuch; j itur nachzuahmen. Jedes Portrait, und ſei 3 4½ ₰ 8 S 5 6— es noch ſo ähnlich, bleibt doch nur ein todtes Bild von einem lebenden Weſen. Se iſt es mit jeder Beſchreibung. Das kalte Wort vermag die von Leben, Gefühl und Begei⸗ ſterung erglühende Seele nicht wiederzugeben. Das junge Mädchen war hoch gewachſen und von junoniſcher Geſtalt; ihr Bau war ſymmetriſch und ſo tadellos, als ob er aus eines Künſtlers Hand, nachdem derſelbe alles Schöne in der Form vereinigt hatte, um ein Ganzes daraus zu bilden, hervorge⸗ gangen wäre. Die Hände waren nicht klein, aber hübſch, Arme und Schultern blendend weiß und von ſeltener Schönheit. Der graciöſe, beinahe ſtolze Hals ſtüzte ein Haupt, welches durch ſeine phrenologiſch ſchöne Form einen klaren Verſtand im Verein mit ſittlicher Würde und mit Gefühl andeutete. Das von Natur wellenförmige dunkelbraune Haar war mit geſchmackvoller Einfachheit über der hohen, weißen Stirn, die es umſchloß, getheilt und ſiel von da in Locken auf den Hals hernieder. Die Geſichtszüge waren nicht ſchön, aber zeichne⸗ ten ſich durch harmoniſche Reinheit aus. Die großen, tiefblauen und etwas hervorſtehenden Augen hatten einen ſo ſeelenvollen, offenen, klaren und zuverläſſi⸗ gen Ausdruck, daß man deutlich ein Herz darin las, warm gleich der Sonne, rein gleich dem Himmel, keuſch gleich der Morgenröthe; ein Gemüth offen für alles Gute und Edle, eine jeder Begeiſterung zugängliche Seele. Die Naſe war gerade, aber ermangelte der fei- nen Form, welche dazu gehört, um ihr den Namen ſchon geben zu können. Der Mund hatte einen Zug ——— —— von Lebensfriſche, welcher den purpurrothen, ſchwel⸗ lenden Lippen, die einer blühenden Roſe glichen, etwas Bezauberndes verlieh, und der Ausdruck rings um dieſelben athmete Liebe, Ernſt und Entſchloſſen⸗ heit. Mitunter trümmten ſie ſich auch zu einem ſtol⸗ zen Lächeln, und es ſchien, daß über dieſelben nie⸗ mals ein unlauterer Gedanke oder ein leichtſinniges Wort gleiten könne, daß ſie vielmehr nur für Aeuße⸗ vungen der Liebe, Güte und Wahrheit geſchaffen ſeien. Die Geſichtsform war oval und hatte einen friſchen Farbenton. Die feinen roſigen Wangen zeugten von einem Blut, welches bei jedem Sinneseindruck ſchnell durch die Adern eilte, doch mangelte dem Weſen des jungen Mädchens jene ſprühende Munterkeit, welche aus einem raſchen Blute entſpringt. Sie hatte vielmehr etwas Ruhiges und Stolzes in ihrem äußeren Be⸗ nehmen, Etwas, das deutlich bewies, daß ihre Ge⸗ fühle ihr allzu heilig waren, um ſie den Blicken Anderer preiszugeben. In ihrer ganzen Art und Weiſe verkündigte ſich ein hoher Grad von Selbſtbeherrſchung, welcher auf den erſten Anblick ihr ein Ausſehen von Unzugäng⸗ ächkeit und Kälte gab; aber wie ſie jetzt, den Blick auf die Mut'*r gerichtet, da ſaß, war es, als ihre ganze Seele in den Augen läge, als o eder Gedanken ſich bſt in den Hintergrund ge⸗ rreten wäre, um nur der Liebe und Unruhe Platz u machen. Die reine leidenſchaftsloſe Zärtlichkeit des Kindes war in ihren Zügen zu leſen, und man onnte ſie um dieſes entzückenden Ausdrucks willen hne Widerrede ſchön heißen, als ſie ſo, eine 9 Thräne tiefen Gefühls an ihren Augenwimpern zit⸗ ternd, da ſaß. Endlich, nach einer langen Pauſe, wandte die Mutter ihr Angeſicht nach der Tochter herum, hef⸗ tete ihre milden braunen Augen auf dieſelbe und ſprach, indem ſie ſchmeichelnd mit der freien Hand über das glänzende, ſeidenartige Haar des jungen Mädchens fuhr, mit liebevoller und ernſter Stimme: „Glaube nicht, Emy, daß ich auf Dich böſe ſei. — Ach nein, mein Kind; es war mir nur ſchmerzlich, zu denken, daß Du wegen eines unbedeutenden Ver⸗ gnügens mich vergaßeſt und über Dich in Unruhe ließeſt.“ „O! Mama, ſprich nicht ſo,“ bat Emy, und Thränen rannen ihr über die Wangen, während ſie mit Heftigkeit die Hand ihrer Mutter an ihre Lip⸗ pen führte.„Ich vergaß Dich nicht, es war nicht das Vergnügen, das mich die beſtimmte Zeit über⸗ ſchreiten ließ. Rein, geliebte Mama, ich brannte vor Verlangen, zu Dir heimzukehren;— Du weißt ja, daß es für mich keinen liebern Platz, kein höheres Vergnügen gibt, als zu Deinen Füßen zu ſitzen. Sage, daß Du dieß weißt, daß Du es fühlſt,“ bat Emy„und drückte ihr in Thränen gebadetes Ange⸗ ſicht an die Bruſt der Mutter. „Das habe ich auch allezeit geglaubt und bin in dieſer meiner Ueberzeugung von Winer früheſten Kindheit an glücklich geweſen; aber heute, mein ge⸗ liebtes Kind, da ich zwei Stunden voll Unruhe ver⸗ geblich auf Dich wartete, heute zweifelte ich daran, daß ich Deinem jungen Herzen genug ſei. Und die Mutter drückte mit Wärme das Haupt 8 jungen Mädchens an ihre Bruſt. „Aber ich war daran nicht ſchuldig, ſondern die ante, welche mich bis zu Helminals Abreiſe zu eiben zwang. Du weißt nicht, Mama, wie mir 8 Herz vor Unruhe ſchlug; wie meine Gebanken. d Gefühle ſich um Dich drehten; wie betrübt ich zr; wie ſehr ich mich nach Dir ſehnte.“ Die Mutter küßte das Mädchen auf die Stirne, ährend ſie ihr mit wahrhaft rührender Güte ant⸗ ortete! „Laß uns an dieſe Kleinigkeit nicht mehr denken. h habe Dir Unrecht gethan, und Du wirſt es mir ſon verzeihen; aber Du weißt, meine Emy, daß ein Herz während der langen Seereiſe Deines Va⸗ S ſich mit einer vielleicht allzugroßen Schwachheit mein Kind gehängt hat. Du haſt mir des Gat⸗ und der Eltern Stelle erſezt. Wenn Dein Vater mweg iſt, ſo biſt Du meine ganze Welt.“ Emy ſchlang ihre Arme um den Leib der Mut⸗ und ſie hielten einander eine lange Weile feſt ſchloſſen. Beide waren allzu aufgeregt, um ſpre⸗ zu können. Endlich machte ſich die Mutter aus des Mäd⸗ is Armen los und begann, die Hand nach dem der Ferne ſchaukelnden Fahrzeug ausſtreckend, der mit ſchwacher Stimme: „Siehſt Du das Segel dort? Beim Anblick ſelben ſchlug mir das Herz mit verdoppelter Ge⸗ windigkeit, und ich bildete mir ein, es ſei Deines ters Fahrzeug, welches heimkehrte. Ach! ich ver⸗ 11 gaß, daß es mir erſt in zwei Monaten vergönnt ſein wird, ihn nach einer Abweſenheit von drei Jahren wieder zu ſehen. Eine wehmüthige Ahnung drang mir in's Herz, wenn ich daran dachte, daß noch eine ſo lange Zeit in banger Erwartung zu durch⸗ leben ſei.“ 3. Sie faßte die Hand ihrer Tochter undslegte ſie an ihr Herz, indem ſie mit tiefer Bewegung hin⸗ Zzuſezte: „O! wenn Du wüßteſt, wie ſchmerzlich ich dieſe lan⸗ gen und unaufhörlichen Trennungen empfunden, wie ſehr ich unter dieſer ewigen Unruhe um ſein Leben gelitten habe, ſo würdeſt Du auch verſtehen, wie grenzenlos ich Dich lieben muß, das einzige lebende Band der Vereinigung, das zwiſchen ihm und mir beſteht, wenn Land und Meer uns trennen.“ Sie ſchwieg und weinte ſtill, das Haupt auf die Tochter geſtüzt. „Geliebte Mama, bin ich es, welche durch ihr Ausbleiben dieſe trübe Stimmung in Deiner ſonſt ſo ſtarken Seele hervorgerufen hat? Ich wüßte mich darüber nicht zu tröſten, ich, die mit ihrem Leben Dir jede Sorge, jeden Schmerz erſparen möchte. „Nein, Emy, es iſt nicht Dein Ausbleiben, ſon⸗ dern einer von jenen Augenblicken, wie ſie jeder Menſch einmal erfährt, wenn er in Gedanken die Vergangenheit durchblättert und mit banger Ahnung in die Zukunft blickt. „Als ich nach Deiner Rückkehr in den ſchönen Frühlingsabend hinausſchaute, ſtellte ſich meinem in⸗ nern Sinne mein ganzes verfloſſenes Leben dar mit 7 „ ſeinem reinen, unverfälſchten Glück— mit ſeinem ſtummen ſtillen Schmerz und ſeiner verzehrenden Angſt. Es war als ob eine Stimme in meinem Innern mir zuflüſterte, daß ein ſolcher Rückblick noth⸗ wendig ſei, da meine Lebensbahn ſich ihrem Schluſſe zuneige. Sieh' nicht ſo bekümmert aus, mein Mäd⸗ chen, und laß mich Dir mein Herz eröffnen. Dieſe Ahnung kann ja nur eine Frucht meiner Einbildung ſein, aber es kann ihr auch eine Wahrheit zu Grunde liegen, und deßhalb laß uns dieſe Stunde benützen, um Vergangenheit und Zukunft in Erwägung zu ziehen. Sieh' da, die lezten Strahlen der Sonne fallen auf dieſes Haupt; es iſt ein Abſchiedskuß, den der Tag Dir gibt; wer weiß, was der Morgen in ſeinem Schooße mit ſich bringt? Sieh', wie ſtill und heilig die Natur vor uns ausgebreitet liegt; ſie hält ihr Abendgebet, mein Kind.“ Die Hände über dem Scheitel ihrer Tochter faltend, beugte ſie ſich zu ihr nieder und betete leiſe. Auch Emy's Lippen bewegten ſich zu einem ſtillen Gebet. Als ſie die geſenkten Häupter wieder emporrichteten, begegneten ſich ihre Blicke; und wenn Du jemals jenen Himmel reinen und unausſprechlichen Gefühls in eines Menſchen Augen geſehen, ſo lag er hier in dem Blicke, welchen Mutter und Tochter mit einan⸗ der wechſelten. Es lag ſo viel darin; es lag Alles darin, was das Herz von unbegrenzter und heiliger Zärtlichkeit zu empfinden vermag. Worte, und wä⸗ ren ſie noch ſo klar, könnten nur unvollkommen eine ſolche Sprache reden. „Sage mir, Emy,“ nahm die Mutter wieder das Wort,„findeſt Du, daß ich in all meinem Thun Dir 13 eine liebevolle Mutter geweſen bin, die ihre Pflichten getreulich erfüllt hat? Lege die Hand auf Dein Herz und denke genau darüber nach, ehe Du eine Antwort gibſt. Hat meine Liebe mich zu ſchwach zemacht, oder war ich nicht im Stande, ſo wie ich pollte, Dir zum Vorbilde zu dienen?“ Es lag etwas ſo Mildes, beinahe Demüthiges nihrer Stimme, daß ſie mit ihrem vibrirenden Ausdruck in alle Saiten des Herzens eingriff. „Mutter, Mutter, wie kannſt Du nur ſo fra⸗ pen?“ rief Emy und warf ſich vor ihr auf die Kniee tieder.„Du, ſo trefflich, ſo liebreich, ſo erhaben, o mild, ſo engelrein— wie ſollteſt Du nicht alle . Deine Pflichten erfüllt haben? Du biſt mir mehr ils Mutter geweſen, Du biſt mir ein Schuzengel ge⸗ ſ veſen, von deſſen Lippen ich nur göttliche Lehren örte, und deren Thun mir ein beſtändiges Vorbild veiblicher Tugenden war. Vor meiner Seele wirſt du allezeit als ein Weſen daſtehen, zu dem ich nur oll Bewunderung aufſchaue, und mein ganzes Le⸗ en ſoll ein unaufhörliches Beſtreben ſein, Dir gleich⸗ ukommen.“ Emy bedeckte ihrer Mutter Hände mit Küſſen nd Thränen. „In dieſem Augenblick dünkt mir gleichwohl, ob ich in meiner Liebe zu Dir einſeitig geweſen äre, in Folge des Bedürfniſſes, welches mein Herz npfand, zu lieben und geliebt zu werden, habe ich elleicht allzu ausſchließlich Dich an mich gefeſſelt. ubiſt mir Alles geweſen, und ich habe auch aus r Dein Alles gemacht. Unſere Herzen haben verſchmolzen und folgen nun einem gemeinſamen Schlag. Habe ich recht oder unrecht daran gethan Siehe, das habe ich dieſen Abend mich ſelbſt gefragt Ich habe in Dir jenen Schaz von Zärtlichkeit ge nährt und entwickelt, um deſſen willen Du nicht le ben kannſt, ohne Jemand zu haben, den Du liebſ und von dem Du wieder geliebt wirſt. Dieſes Gefüh mein Kind, wird ſicherlich durch Dein ganzes Leben hin⸗ durch ziehen und den Grundton Deiner Seele bilden HBabe ich, indem ich dieſes Bedürfniß in Dir weckte, mit Rückſicht auf Dein künftiges Glück gehandelt oder nur zu Empfindungen den Grund gelegt, welche; Dir dereinſt Leiden verurſachen werden 5“ „Mama, wie oft haſt Du nicht geſagt:„Das Leben der Frau und deren Beſtimmung iſt die Welt. der Gefühle. Sie iſt geſchaffen, um darin ihr Glück zu finden, um dadurch Glück zu verbreiten.“ Soll⸗ teſt Du alſo im Widerſtreite mit Deinen Pflichten und mit meinem Glü indem Du nei i eine En haſt dieſer iel gege⸗ ich für Dich hegte, d in meiner Seele das An eit der Kindheit zurückge Leben auch mit ſich einer Kindheit ſchöne „Aber wenn ich ſcheiden müßte? Wenn der Tod mich von Dir riſſe?“ Die Stimme der Mutter bebte. „Du mir ſterben?“ Emy ſah ihre Mutter mit angſtvollem und verzweifeltem Blick an.„Nein, nein, das kann nicht ſein!“ Sie ſchlang ihre Arme mit Ungeſtüm um den Leib der Mutter und ſezte hinzu: „Ich würde ſterben, ſterben mit Dir, mit Deinem Herzen bräche auch das meinige.“ „Siehſt Du, meinKind, ich habe durch meine Zärtlich⸗ keit Dich ſo feſt an mich gefeſſelt, daß Du die Möglichkeit unſerer Trennung gar nicht faſſen kannſt. Beſäßeſt Du eine Freundin von gleichem Alter, ſo wäre Dein Gefühl getheilt und der Verluſt von mir würde Dir nicht ſo unbegreiflich erſcheinen; aber indem ich von Dei⸗ ner früheſten Kindheit an Deinen Sinn an die Hei⸗ math zu feſſeln ſuchte, glaubte ich gleichfalls meine Pflicht gegen Dich zu erfüllen, ſofern ich Deine Nei⸗ gung ausſchließlich dem Glück zuwenden wollte, wel⸗ ches Häuslichkeit und Liebe gewähren⸗ Ich wollte Dich zum Weibe bilden, in des Wortes heiligſter 6 Bedeutung, und darum Deine Seele nur für die reinen Freuden des häuslichen Lebens empfänglich machen. Aber ich habe mich vielleicht bei dieſen Be⸗ mühungen von Einſeitigkeit nicht fern gehalten und allzu ausſchließlich der Meinung hingegeben, daß die häuslichen Tugenden und ein tiefes religiöſes Ge⸗ fühl das wahre Glück, der wahre Friede des Wei⸗ bes auf Erden ſind. Ich hätte vielleicht Dein Herz mehr zu der äußern Welt in Beziehung ſezen und ihm Intereſſe auch für ſie einflößen ſollen. Nu 8 5 — 6 A b wirſt Du möglicher Weiſe dem erſten Kummer, der Dich trifft, unterliegen.“ „Mama, ich werde zu Gott fliehen, wie Du mich gelehrt haſt,“ flüſterte Emy mit milder, tief gerühr⸗ ter Stimme. „Dank, o Dank für dieſe Worte!“ In demſelben Augenblick flog die Thüre auf und ein Mann von ſehr hohem Wuchſe ſtand auf der Schwelle. Mutter und Tochter wandten ſich ihm mit dem Ausrufe zu: „Mein Guſtav!“ „Mein Vater!“ Im nächſten Augenblick wurden ſie feſt an eine hochklopfende männliche Bruſt geſchloſſen, und Thrä⸗ nen der Freude ſtürzten über ihre Wangen. Auch in des unerſchrockenen Seemanns Augen erglänzten ein paar helle Perlen, welche ſchnell in ſeinen buſchi⸗ gen Bart herabfielen. Wir wollen nicht verſuchen, die folgende Scene zu ſchildern, ſondern ſtatt deſſen über die Stellung, welche die handelnden Perſonen im Leben einnahmen, Rede und Antwort geben. II. Der Eintretende war der Seekapitän Kreuzer, von den beiden Frauen die Eine ſeine Gattin, die Andere ſeine Tochter. Der Kapitän, welcher einen Oſtindienfahrer befehligte, hatte von den ſiebzehn Jahren, da er verheirathet war, den größten Theil 17 auf der See zugebracht und nur hin und wieder auf kurze Zeit an der Seite ſeiner Gattin ſich verweilt. Dieſe war eine in jeder Hinſicht reich begabte Frau, welche aus Neigung den Ehebund geſchloſſen hatte und den beinahe immerdar abweſenden Gatten mit derſelben ſchwärmeriſchen und hingebenden Zärt⸗ lichkeit liebte, welche ſonſt nur die erſten jugendlichen Gefühle auszuzeichnen pflegt. Ihrer Liebe war da⸗ rum ihre ganze poetiſche Friſche geblieben, während in Folge der langen Trennungen ſich eine ſehnſüch⸗ tige Wehmuth über ihre Seele verbreitet hatte. Begabt mit einem liebenden und warmen Her⸗ zen, trug ſie ihre Zärtlichkeit in verſchwenderiſchem Maaße auf ihre Tochter über und lebte faſt nur der Entwicklung ihrer Anlagen, welchen ſie eine edle und gute Richtung zu geben bemüht war. Mutter und ochter hatten ſich ſo innig, ſo feſt an einander an⸗ geſchloſſen, daß es keinen Gedanken, kein Gefühl gab, welches ſie nicht gegenſeitig austauſchten. In Emy's Seele tauchte niemals die Vorſtellung auf, daß ſie auf Erden noch Jemand ſo ſehr lieben könnte, wie ihre Mutter. Und nun, lieber Leſer, kehren wir zu den han⸗ delnden Perſonen zurück. Ein paar Stunden ſpäter finden wir ſie alle drei bei dem faſt prächtig angeordneten Abendmahle vereint. Freude und Glück ſind in ihrem Angeſichte zu leſen. Es war einer von jenen Augenblicken, wo der Menſch wünſchen möchte, daß die Zeit ſtill ſtände, damit er mit vollen Zügen den Moment der gegenwärtigen Glückſeligkeit genießen könnte. 5 Am tieſſten fühlte jedoch Ebba, des Kapitäns Schwartz, Blätter a. d. Frauenleben. I. 2 † —— 18 Gattin, ihr Glück. Sie ſaß zwiſchen den zwei We⸗ ſen, die ſie allein liebte; ſie las Liebe und Freude in deren Blicken und empfand innige Dankbarkeit gegen den höchſten Geber für ihr und jener Glück. Sicher brütete aber ſchon ein neidiſcher Dämon Schlimmes aus und umſpann ſie mit ſeinen Unglücks⸗ fäden; er fand ohne Zweifel ihr Glück i unſere Erde, wo der Kummer ein treuer zundesgenoſſe des Lebens iſt. Vor ihrer Thüre lauerte ein finſterer höhniſcher Geiſt, welcher bei ſeinem Eintritt das Lächeln von ihren Lippen verſcheuchen pollte. „Ach, wie unausſprechlich glücklich bin ich nicht,“ begann Ebba,“ da ich Dich, mein Guſtav, volle ſechs konate daheim behalten darf. Es iſt mir, als dürfe ich an dieſe meine Glückſeligkeit gar nicht glauben!“ Sie reichte ihrem Gatten mit einem leidenſchaft⸗ lich ergebenen Blick die Hand. „Siehſt Du, geliebte Mama, alle Deine ſorgli⸗ chen Ahnungen haben ſich in Freude verwandelt. Du weißt gar nicht, Papa, wie meine arme Mutter ſehnſüchtig auf die See hinausſchaut, wenn Du fort iſt, wie ſie mit tödtlicher Verzweiflung den Stür⸗ men lauſcht,“ ſagte Emy mit einem gleichzeitig ern⸗ ſten und ſcherzhaften Ausdruck in Blick und Stimme. „Eben darum, weil ich weiß, daß meiner Ebba Herz vor Unruhe bebt, eben darum habe ich meine Reiſe beſchleunigt, ſo daß ich zwei Monat früher an⸗ langte, als Ihr mich erwartet habt,“ antwortete der Kapitän und betrachtete ſeine Gattin mit zärtlichem lick.„Ihr wißt nicht, wie auch mir d der See vor Sehnſucht das Herz klopft.⸗ 19 nicht, wie es ſtürmt, wenn ich den Fuß auf den Boden meiner Väter ſeze und mich beeile, Euch beide zu umarmen, deren Bilder mir über Land und Meer, durch Sturm und Windſtille folgen. Nun aber, nun, meine Ebba, laß' uns mit vollen Zügen die Seligkeit unſerer Wiedervereinigung genießen.“ Der Kapitän ſchloß ſeine Gattin und ſeine Toch⸗ ter an die Bruſt und erhob ſich vom Tiſche. In demſelben Augenblicke fuhr Ebba ſich mit der Hand an den Kopf und ſtammelte mit kaum hörbarer Stimme: „O Gott, ich ſterbe!“ Ohnmächtig fiel ſie ihrem Gatten in die Arme⸗ Emy ſtürzte hinaus, um einen Arzt rufen zu laſſen, und ſuchte hernach verzweiflungsvoll, aber mit möglichſter Beſonnenheit die geliebte Mutter zum Bewußtſein zurückzurufen. Ebba erwachte wirklich zum Leben, aber Beſin⸗ nung und Vernunft ſchienen entflohen zu ſein, denn ein heftiges Fieber, von Irrſinn begleitet, raste in ihren Adern. Der Arzt kam und erklärte, Frau Kreuzer habe ſich eine heftige Erkältung zugezogen, welche ſich auf das Gehirn geworfen habe und wahrſcheinlich in ein Nervenfieber umſchlagen werde. Tage kamen und Tage vergingen; die Maiſonne leuchtete noch immer gleich klar und herrlich; die Natur lächelte gleich freundlich; aber kein einziger Strahl der Hoffnung drang in Kreuzers Haus, wo er und Emy, mit Verzweiftung im Herzen und der verzehrenden Sorge im Auge, an Ebbas Kranken⸗ lager wachten. 2* 20 So waren neun endlos lange Tage verfloſſen, ohne daß das heftige Delirium ein einziges Mal ſie verlaſſen hätte, ohne daß der Arzt einige Hoffnung gab. Emy glich einer Bildſäule, während ſie, den angſt⸗ vollen Blick auf die theuren, theuren Züge geheftet, daſaß. Keine Thräne kam, ihren Schmerz zu lindern. Von Zeit zu Zeit fuhr ein krankhaftes Zucken durch ihren Körper, und ſie ergriff dann mit convulſiviſcher Heftigkeit die Hand ihrer Mutter und führte ſie mit nenloſer Angſt an ihre Lippen. er neunte Tag war eben angebrochen; es war amſtagabend. Vergebens hatte der Kapitän ſeine Tochter zu bewegen geſucht, ſich etwas Ruhe zu gönnen; ſie weigerte ſich beſtimmt, ihre Mutter zu verlaſſen. Er ſelbſt war von Nachtwache und Kummer ſo erſchöpft, daß er ſich in dem äußern Zimmer auf ein Sopha warf, um in einigen Stun⸗ den Schlafes Vergeſſenheit zu ſuchen und neue Kräfte zu ſammeln. Ebba war den ganzen Nachmittag in ſtille Betäubung verſenkt dagelegen, welche der Arzt als einen Vorboten des Todes betrachtete; jezt war Emy allein an ihrer Seite und lauſchte auf den Athemzug der Schlummernden. Es war ſo ruhig, ſo lautlos um ſie her; nur das einförmige Ticken der Standuhr unterbrach die feierliche Stille. Emy beugte ihr Haupt zu dem der Mutter herab, und während ſie ſo die Kranke anſah, verge⸗ genwärtigte ſie ſich in Gedanken ichen Freuden ihrer Kindheit, ihrer Mutter u e Liebe, ihre milden und ernſten Lehren, und ihr Herz drohte zu brechen bei der Vorſtellung, daß dieſe Lippen nie mehr zu ihr die Sprache der Liebe reden, daß ſi⸗ 21 nie mehr die Augen ihrer Mutter voll Zärtlichkeit auf ſie gerichtet ſehen würde. Im Uebermaaße ihres Schmerzes ſank das junge Mädchen auf die Kniee nieder und betete, während ihr Körper unter heftigem Schluchzen erbebte. Thrä⸗ nen der Verzweiflung bahnten ſich den Weg über ihre bleichen Wangen. Dieſe Thränen waren die erſten, weſche ſich einſtellten, um dem Kummer, der in des armen Mädchens Bruſt hauste, einigermaßen Luft zu machen.. Emy betete, betete zu Gott, daß er Erbarmen mit ihr habe, daß er ſie nur noch einmal die Stimme ihrer Mutter, ihr Muth und Troſt einſprechend, hören laſſen möge. Ach, Emy wäre ſo gern geſtorben, wenn es ihr vergönnt geweſen wäre, noch zuvor in ihrer Mutter Auge zu blicken, ihr Haupt an deren Bruſt zu drücken, und an deren Herzen ihren gren⸗ zenloſen Schmerz auszuweinen. Und als ob der Allgütige Mitleid mit dem armen Mädchen gehabt hätte, welches jezt zum erſten Mal von einer harten Prüfung heimgeſucht wurde, ließ ſich in dieſem Augenblick Ebbals Stimme, aber ſchwach und mild wie Abendſäuſeln, vernehmen. „Emy, mein unausſprechlich geliebtes Kind, weine nicht, ſondern ſeze Dich an meine Seite, ich habe Dir ſo viel zu ſagen, ehe wir einen langen, ſehr langen Abſchied von einander nehmen.“ Und ſie ſtreckte mit matter Bewegung ihre Hand aus. Emy erhob ihr thränenfeuchtes Angeſich und faßte mit einem beinahe wahnſinnigen Ausdruck von Freude 22 u Angſt ihrer Mutter Hand, während ſie ſtam⸗ melte: „D, Mama, Mama, Du wirſt nicht ſterben, Du wirſt leben; Gott wird Erbarmen mit mir haben.“ „Ja, Gott wird Erbarmen mit Dir haben, Lieb⸗ ling meines Herzens. Komm' und ſeze Dich her zu mir und weine nicht mehr. Deine Thränen fallen wie Feuer auf mein Herz und brennen mich. Du wirſt mir nicht meine lezten Augenblicke verbittern.“ „Nein, nein!“ ſtammelte Emy und machte eine gewaltſame Anſtrengung, um ihr Schluchzen zu er⸗ ſticken und ihre Thränen zurückzuhalten. Sie richtete ſich aus ihrer knieenden Stellung auf und ſezte ſich an die Seite des Bettes, indem ſie die Hände ihrer Mutter mit den ihrigen umſchloß. Ich fühle, daß meine Stunden gezählt ſind, daß ich Dich bald allein in der Welt laſſen muß.“ Emy's Körper wurde bei dieſen Worten von einem heftigen Beben ergriffen, und ein Schmerzens⸗ laut, der mehr einem Geſtöhne als einem Seufzer glich, arbeitete ſich aus ihrer Bruſt hervor. „Nicht dieſe Heftigkeit, mein Kind! Du mußt mich mit Ruhe anhören, denn ich wünſche meine Worte Deinem Herzen unauslöſchlich einzuprägen.“ „O meine Mutter, meine geliebte Mutter,“ ſchluchzte Emy, welche ihre Thränen nicht mehr zu⸗ rückzuhalten, ihren Schmerz nicht mehr zu bezwingen vermochte,„Du mußt mich mit Dir nehmen, ich kann nicht leben, wenn Du dahin biſt.“ „Du kunnſt nicht, ſagſt Du; ach! Du wirſt es können, wenn Du mich jemals geliebt haſt—“ Ebbas Stimme war mild und ſchwach—„aber Du mußt 23 mich hören, denn ich fühle, daß der Tod mit ſchnel⸗ lem Schritte naht. Emy, willſt Du meine lezte Stunde mir leicht machen?“ Emy vermochte nicht zu antworten, ſondern neigte das Haupt und drückte ihre Lippen auf die Hand der Mutter; dann bezwang ſie mit Gewalt ihren Schmerz, um auf das Wort der Sterbenden zu hören. „Du wirſt nun einſam durch das Leben wan⸗ dern; denn Deines Vaters lange Seereiſen werden Dich ſo gut vater⸗ wie mutterlos machen. Die Welt, mein Kind, welche Du jezt noch nicht kennſt, wird bald in ihrer ganzen wirklichen Geſtalt vor Dich treten; um Deinen Weg recht auszufinden, mußt Du Dich beſtreben, aller der Lehren, welche ich in Dein Herz pflanzen will, eingedenk zu bleiben. Für eine Frau, meine geliebte Emy, gibtes blos eine Stüze im Leben, welche niemals wankt; nur Eins, wozu Du alle Zeit Deine Zuflucht nehmen kannſt, mit der vollen Gewißheit, Troſt und Muth zu finden, und dieſes Einzige, mein Kind, iſt Gott und die Religion. Wenn Sorgen Dich heimſuchen, flüchte Dich zu ihm, und Du wirſt ge⸗ tröſtet werden. Wenn Augenblicke der Anfechtung kommen, flüchte Dich zu Gott, und denke im⸗ merdar, daß wenn auch kein menſchliches Auge Dich ſieht, dennoch das ſeinige auf Dich gerichtet iſt; bete zu ihm um Kraft zu redlicher Erfüllung Deiner Pflichten, und glaube niemals, daß es ein Grund für Dich iſt, die Deinigen zu, ver⸗ lezen, wenn Andere in ihrem Benehmen gegen Dich über die ihrigen ſich hinweg⸗ ſezen. Wenn Du in Zweifel darüber geräthſt, wus 24 recht oder unrecht iſt, wenn das Gefühl Dich verlei⸗ ten, der Kummer Deinen Verſtand irre führen will, denke dann an Gott, denke an Deine Mutter und frage Dein Gewiſſen, wie Du handeln mußt, um den Willen Gottes zu erfüllen. Bilde Dir beſtändig ein, Du ſteheſt vor meinen Augen, und denke:„würde meine Mutter jezt mit mir zufrieden ſein?“ Opfere Alles auf, verlaß' Alles, leide Alles, mein Kind; aber übertritt niemals Deine Pflicht, laß' niemals durch eine Schwäche Dein Gewiſ⸗ ſen verleiten, um einen Finger breit vom Vege des Rechten abzuweichen, denn wen⸗ den wir uns nur ein einziges Mal davon ab, ſo iſt es ſchwer, beinahe unmöglich, ihn wieder zu finden. Legt Gott eine ſchwere Bürde auf Deine Schulter, ſo trage ſie mit chriſtli⸗ cher Ergebung und erinnere Dich, des Weibes höchſte Tugend iſt, geduldig und ohne Murren das Leid ertragen zu können. Gott flößt dem wahren Chriſten ſo viel Muth im Augen⸗ blick des Schmerzes, ſo viel Stärke in Widerwärtig⸗ keiten ein, durch das Zeugniß des innern Bewußtſeins, daß wir mit voller Zuverſicht ſagen können: Er iſt unſere wahre Zuflucht in einer Welt, wo Alles von uns abfällt.“ Ebba hob ihre gefalteten Hände auf und ſezte ni einem reinen, vertrauensvollen Blick nach oben inzu: „Gott dort oben, wache über mein Kind! Es trat eine ſtille Pauſe ein, nur unterbrochen durch Emy's unterdrücktes Schluchzen; dann faßte Ebba ihrer Tochter beide Hände und fuhr mit 25 ſchwacher jedoch klangvoller und beinahe verklärter Stimme fort: „Du wirſt eines Tags allein, ohne meinen Rath, vielleicht ohne Deines Vaters Rath Dir einen Gatten wählen. O, mein Kind, bedenke, daß dieſe Handlung die wichtigſte Deines Lebens iſt, welche Du niemals rückgängig machen kannſt; daß Du vor Gott, zu ſeinen Füßen, einem Men⸗ ſchen, an deſſen Seite Du fortan durch da Leben wandern ſollſt, Liebe, Treue und Unterwürfigkeit gelobſt. EFrinnere Dich, daß der Eheſtand von Gott eingeſezt, auf Liebe gegründet iſt, und niemals zu Deinem oder Deines Gatten Glück führen kann, wenn nicht die Liebe das Gefühl iſt, welches feſt und unauflöslich Eure Herzen vereint. Legſt Du vor Gott einen heiligen, einen unauf⸗ löslichen Eid auf Liebe und Treue ab, und Dein Herz iſt kalt dabei, ſo haſt Du Dich eines Meineids ſchuldig gemacht, und auf einem ſolchen Grund wird kein menſchliches Glück erbaut. Laß niemals durch Berechnung, Eigennuz oder Eitelkeit Dich bei Dei⸗ ner Wahl beſtimmen, ſondern nur durch die feſte und innige Neigung des Herzens. Gelobe dieß Deiner ſterbenden Mutter.“ Ebba's Stimme war ſehr ſchwach geworden. „O, Mama, Dein Wille wird mir ein Geſez mein Leben lang bleiben. O, meine Mutter! meine Mutter! Ich werde eher Alles erdulden, als Deiner Worte vergeſſen!“. Emy ſank wieder, in Thränen zerfließend, an dem — Bette der Mutter auf die Kniee. „Dank Dir, und Du wirſt niemals dieſes Ge⸗ lübde vergeſſen?“ flüſterte die Mutter und legte ihre Hand auf das Haupt der Tochter. „Niemals! bei Gott, niemals!“ ſtammelte Emy. „Sollte der Höchſte Dich ſo hart prüfen, daß Du unglücklich in Deiner Ehe würdeſt,“— Ebba's Stimme zitterte—„ſo wiſſe, mein Kind, daß man erſt dann recht unglücklich wird, wenn man durch Abweichung von dem, was recht iſt, ſein Unglück verdient hat, wäh⸗ rend dagegen das Bewußtſein, unſere Pflichten gegen Gott, gegen unſern Näch⸗ ſten und uns ſelbſt getreulich erfüllt zu haben, uns die Kraft gewährt, mit Muth und Ergebung unſer Leid zu ertragen. Sollte die Liebe Deines Gatten ſich eines Tags Dir entziehen, ſo wiſſe, daß die Stärke des Wei⸗ bes die Liebe iſt, ihre ſicherſte Waffe die Ergebenheit, und ihr Troſt die Er⸗ füllung der Pflichten, welche die Vor⸗ ſehung ihr auferlegt. Der Tod wird leicht, wenn wir mit Ruhe auf ein reines und ſchuldloſes Leben zurückblicken können.“ Ebba ſchwieg und ſtreckte ihre Arme nach Emy aus, welche in Thränen gebadet an das Herz ſank, welches immerdar ſo warm und ſo liebevoll für ſie geſchlagen hatte. Gott hatte das Gebet des jungen Mädchens, an der Mutter Bruſt ſich ausweinen zu dürfen, erfüllt. Lange, lange Zeit hielten ſie ein⸗ ander umſchlungen; endlich aber flüſterte Ebba mit einer Stimme, welche ihren vorigen Klang verloren hatte: —— — 27 „Ich will Deinen Vater ſehen.“ Ein paar Stunden nachher knieten Emy und der Kapitän an Ebba's Lager, während ein Geiſtlicher die Sterbgebete las, nachdem er den Dreien, welche der unerbittliche Tod zu trennen ſich anſchickte, das Abendmahl gereicht hatte. Ebba lag ſo bleich ſo ſtill und mit gefalteten Händen da, und als der Geiſtliche geendet hatte, hob ein lezter Seufzer ihre Bruſt, ſie flüſterte noch den Namen ihres Gatten und ihrer Tochter, und dann war Alles aus. Eine lange Stunde lag Emy noch da und horchte anf der Mutter Athemzüge; als aber Alles, Alles ſtill blieb, richtete ſie ſich heftig auf, warf einen verzweiflungsvollen Blick auf die Sterbende, ſtieß einen Angſtſchrei aus und fiel bewußtlos an dem Bette nieder. Der bleiche Tod hohnlächelte über Deinen Schmerz, armes Kind; er hatte ſeine Beute ergriffen und gab ſie nicht mehr zurüc. II. Und nun, mein lieber Leſer, verſezen wir uns in einen andern Theil der Hauptſtadt, nämlich nach Nortullsgata, in das ſchöne, mit einem Garten aus⸗ geſtattete Beſizthum der Aſſeſſorin Trenner. Es war zu Anfang des Monats Juni in dem⸗ ſelben Jahre, in welchem die oben beſchriebenen Er⸗ eigniſſe vorfielen. In einem großen, ſauber möblirten Zimmer ſaß 28 ein junges Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren vor einer Staffelei, auf welcher ein fertiges Ge⸗ mälde ſtand, welches die Verſtoßung Pſyche's durch Amor vorſtellte. Das junge Mädchen hatte die Augen auf das Gemälde geheftet, und in ihrem Blicke lag ein ge⸗ miſchter Ausdruck von Liebe, Schmerz und Verzweif⸗ lung. Ihre Bruſt hob ſich lebhaft und das Blut kam und ging auf ihren Wangen. Es ſchien, als ob ſie in einem innern gefährlichen Streite begrif⸗ fen wäre. Auf der Schwelle eines angrenzenden Zimmers ſtand eine ältere Frau und beobachtete das Mäd⸗ chen mit Theilnahme. Dieſe Frau hatte in ihrem Ausſehen etwas Vornehmes, jedoch deutete nicht ein Zug an, daß ſie einſt ſchön geweſen. Sie war ſehr groß von Geſtalt und trug den Kopf hoch, was eben ihrem Aeußern etwas Stolzes und Gebietendes gab. Die bald ſtrengen, bald ſanften dunkelbraunen Au⸗ gen ſchienen durch ihren wechſelnden Ausdruck ein zu gleicher Zeit zärtliches und wieder hartes Herz zu verrathen. Der kleine Mund mit ſeinen⸗ſchmalen Lippen hatte einen beſtimmten Ausdruck, welcher von einem feſten Charakter Zeugniß gab. Zugleich lag in den Zügen etwas Bewegliches, das auf ein ge⸗ fühlvolles, aber heftiges Gemüth ſchließen ließ. Nachdem ſie das Mädchen eine Zeit lang be⸗ obachtet hatte, rief ſie: „Helene!“ Helene fuhr zuſammen, wandte den Kopf nach der Thüre und ſtand auf. 29 „Was befiehlſt Du, Mama 2 fragte ſie mit einer Miſchung von Schüchternheit und Zärtlichkeit. „Ich wünſche mit Dir zu ſprechen, mein Kind,“ ſagte die Aſſeſſorin Trenner, ging auf ein Sopha zu, ließ ſich daſelbſt nieder und gab ihrer Tochter ein Zeichen, gleichfalls Plaz zu nehmen. „Du hatteſt mir verſprochen, Helene, dieſes Ge⸗ mälde zu zerſtören; wie kommt es denn, daß es noch hier ſteht?“ fragte Frau Trenner und deutete auf das Bild. Stimme und Blick verkündeten Strenge. „Mama, ich kann nicht,“ antwortete Helene hef⸗ tig und fuhr mit beiden Händen nach ihrem Herzen. „Du mußt; es iſt Deine Pflicht gegen denjeni⸗ gen, deſſen Braut Du dieſen Abend werden ſollſt; oder wird meine Helene ſchwanken, wenn es ſich um die Wahl zwiſchen den Eingebungen der Schwäche und dem Gebot der Pflicht handelt?“ „Ja, ich ſchwanke, Mama; ich werde niemals dieſe ungereimte Pflicht begreifen lernen, welche von mir fordert, die Gefühle meines Herzens mit Füßen zu treten. Nein! ich beſize nicht jenen fabelhaften Muth, welcher von mir heiſcht, das einzige Anden⸗ ken zu vernichten, das mir von meiner Liebe ge⸗ blieben.“ Helene ſprach mit leidenſchaftlicher Heftigkeit. Thränen des Schmerzes erglänzten in ihren Augen, und ſie zitterte an allen Gliedern. „Dann werde ich es wohl ſein, welche dieſes An⸗ denken vernichtet.“ Frau Trenner erhob ſich und trat auf die Staf⸗ —— lei zu; aber Helene ſprang auf, warf ſich zwiſchen 6 das Gemälde und die Mutter und rief mit ver⸗ zweiflungsvollem Schmerz: „Reiß' mir lieber das Herz aus der Bruſt, wenn Du das Einzige, was mir noch theuer im Leben iſt, zerſtören willſt.“ „Das Einzige, was Dir noch theuer iſt? Wem ſagſt Du dieſe bitteren Worte, Helene? Können ſie Deiner Mutter gelten?“ Die Augen der Aſſeſſorin weilten mit einem vor⸗ wurfsvollen und ſtrengen Ausdruck auf dem Mädchen. „Mutter, Mutter, ſchau' mich nicht ſo an; ſprich nicht ſo zu mir, ſondern nimm mich an Deinen Bu⸗ ſen und laß' mich Deines Herzens Schlag fühlen; dann wird es auch wieder ruhig in mir werden. Bei Deiner liebevollen Stimme wird der Sturm in meinem Innern verſtummen.“ Helene ſchlang ihre Arme um die Mutter, aber Frau Trenner ſtieß ſie von ſich. „Das Gemälde dort,“ ſprach ſie,„iſt das Ein⸗ zige, was Du noch liebſt. Das haſt Du ſelbſt geſagt.“ „Mama, ſtoß' mich nicht von Dir; Deine Liebe kann meinen Schmerz lindern und meine Verzweif⸗ in Schlaf wiegen. Sie iſt meine einzige Zu⸗ ucht.“ Nein, das Gemälde iſt das Einzige, was Dir theuer iſt.“ Immer ſtrenger und ſtrenger wurde das Ange ſicht der Aſſeſſorin. Arme Frau, wie wenig verſtandeſt Du Dein eigenes Kind! Ein Wort nachſichtsvoller Liebe hätte es zu Wachs in Deiner Hand gemacht, und S — † 3 31 wollteſt es jezt durch hartnäckiges Feſthalten an einer ihr im Schmerz entfallenen Aeußerung zur Demuth und Reue zwingen! Frau Trenner liebte ihre Tochter leidenſchaftlich, überhäufte ſie mit übertriebener Zärtlichkeit; aber die Aſſeſſorin hat dieſelbe nie recht erkannt und verſtan⸗ ſtanden. Selbſt von heftiger Gemüthsart und herrſch⸗ ſüchtigem Charakter, ſorderte ſie blinden Gehorſam von ihrem Kinde und ſuchte die Leidenſchaften des Mädchens durch ihre eigenen zu bezwingen, ohne je⸗ mals die verſchiedenen Quellen, aus welchen dieſel⸗ ben floſſen, in Betracht zu ziehen. Helene mit ihrer faſt maßlos überſpannten, ſchwärmeriſchen Gemüths⸗ art kam ihr oft unbegreiflich vor, ohne daß die Mutter Scharfſinn genug beſaß, um die Uebertrei⸗ bungen, welche daraus hervorgingen, oder den Ur⸗ ſprung ihrer leidenſchaftlichen Gefühle mit Klarheit aufzufaſſen. Niemals hatte eine Mutter ihr Kind grenzen⸗ loſer geliebt, als Frau Trenner; aber niemals war auch eine Mutter minder fähig geweſen, einer Toch⸗ ter von Helenens Gemüthsart und Charakter die Er⸗ ziehung oder Richtung zu geben, welche deren Anla⸗ gen erheiſchten. Heienens glühende Leidenſchaften durften ſchon in ihren Kinderjahren überwallen und begegneten niemals einem Hinderniß, als wenn ſie mit denen ihrer Mutter in Widerſtreit geriethen, und da mußten ſie zurückweichen. Die beſtändige Ebbe und Fluth in des Mädchens Gefühlen fand keine ilſame Ableitung, ſondern wurde nur auf Augen⸗ hde und gewaltſam eingedämmt. —— Helene wiederum liebte ihre Mutter nicht mit * jenem innigen und tiefen Gefühl, welches Emy's Liebe auszeichnete, ſondern mit einer bis zur Ueber⸗ ſpannung geſteigerten Zärtlichkeit, welche mitten in ihrem Uebermaß zu viel Furcht in ſich barg, als daß ſie zu einer Schuzwehr im Augenblick der Anfech⸗ tung werden konnte. Sie konnte nicht leben, ohne ihre Mutter zu ſehen; ſie hätte für ſie Blut und Leben zu opfern vermocht; aber ſie ſchenkte ihr doch niemals ihr Vertrauen. Schon als Kind fühlte Helene, wenn auch nur dunkel, daß ſie von ihrer Mutter nicht recht verſtan⸗ den wurde, daß ihre beiderſeitigen Gedanken völlig auseinander gingen, und daß das Uebermaß ihrer Gefühle in ganz verſchiedenen Quellen ſeinen Ur⸗ ſprung hatte. Der Mutter blindlings ergeben, hatte Helene während ihrer ganzen Kindheit nur einen Wunſch, einen Willen, und dieß war der Wille ihrer Mutter. Sie konnte deren Mißfallen nicht ertragen, ſie konnte nicht eine Stunde getrennt von ihr leben. Sie blieb darum eine Sklavin unter der oft despoti⸗ ſchen Zärtlichkeit ihrer Mutter. So hatte Helene ihr ſiebzehntes Jahr erreicht, als eine unglückliche Liebe mit ihren Entzückungen dieſe Gefühle zerſplitterte und ihr Herz von den Banden der Abgötterei losriß, womit ſie bisher ausſchließlich ihre Mutter anbetete. Ueberdieß ge⸗ brach es Helene in Folge ihrer Erziehung an dem Vermögen, in ihrem Innern einen feſten Grund für die Zukunft zu legen, und es ſollte ihr dieß nicht eher glücken, als bis das Leid mit ſeiner eiſernen Hand Verwüſtung in ihrer Seele angerichtet, ihren Fri 7 — den geraubt hatte und mit drohendem Finger auf die Bahn hinwies, welche vor ihr ſich ausdehnte⸗ Nach dieſer Erläuterung kehren wir zu dem unterbrochenen Geſpräche zurück. „Du willſt mir alſo Deinen Buſen nicht auf⸗ thun?“ Helene richtete ſich heftig auf und warf mit einer Bewegung tiefen Schmerzes den Kopf zurück. „Nein, Helene, Du haſt mich um des Anden⸗ kens willen, das Du für eine unerlaubte Liebe hegſt, vergeſſen.“ „Nun denn, ſo laß mich dieſes Andenken behal⸗ ten; laß mich meinen Schmerz vor dieſem Bilde ausweinen!“ rief Helene und ſtürzte ſich vor dem Gemälde auf die Kniee, drückte ihre glühend heiße Stirne an die Leinwand und brach in einen Thrãä⸗ nenſtrom aus. In dem ſtürmiſchen Herzen der Aſſeſſorin tobte es wild. Dieſe Tochter, für welche ſie ohne Zögern ihr Blut tropfenweiſe hätte verrinnen laſſen können; dieſe Tochter, welche ſie mit fanatiſcher Zärtlichkeit liebte, ſchleppte ſich nicht auf den Knieen zu ihr hin, n um die liebloſen Worte ihr abzubitten, ſondern flüch⸗ n tete ſich zu einem Gemälde, welches die Züge des⸗ jenigen wiedergab, der ihr einen ſo großen Theil ⸗ von Helenens Zärtlichkeit geraubt hatte. Die Aſſeſ⸗ n ſorin wurde von einem lebaften Haß und einem r v——— —— heftigen Schmerz ergriffen, welcher ſie für jedes Mit⸗ t leid unempfänglich machte. Ohne ein Wort zu ſa⸗ d gen, eilte ſie auf die Staffelei zu, riß das Gemälde ab und ſchleuderte es auf den Fußboden. ——„Deine Pflicht wie Dein Verſprechen,“ rief ſie, f Schwartz, Blätter a. d. Frauenleben. T. 3 5 5 „forderten von Dir, das Andenken an eine Liebe zu verwiſchen, welche nunmehr eine unwürdige und be⸗ klagenswerthe Schwäche iſt. Was Du ſelbſt nicht gethan haſt, das werde ich thun.“ Und damit trat die Aſſeſſorin das Gemälde unter ihre Füße. Als es zerriß, ſtieß Helene einen durchdringenden Schrei aus, fuhr ſich mit den Händen nach dem Kopfe und umfaßte mit wahnſinniger Verzweiflung die Kniee ihrer Mutter. Aber die Aſſeſſorin drängte ſie zurück und eilte aus dem Zimmer, denn Helenens Leid ſteigerte nur noch das ſchmerzliche Bewußtſeyn, daß ſie erſt die zweite Stelle in dem Herzen ihrer Tochter einnahm. Frau Trenner hätte gern, gleich Helene, ihrer Qual mit einem Angſtſchrei Luft gemacht, aber ihr verlezter Stolz geſtattete ihr das nicht. Ueber dem zerſtörten Gemälde ausgeſtreckt, mit den Händen die Bruchſtücke deſſelben umſchließend, überließ ſich Helene dem wildeſten Schmerze. Es kam ihr vor, als wäre die ganze Menſchheit ausge⸗ ſtorben, und ſie wäre allein übrig geblieben, eine Beute der gräßlichſten Marter. Ihre Phantaſie, ihre Eraltation, Alles ſteigerte die Aufwallung der Ge⸗ fühle bis zu einer furchtbaren Höhe. Jezt, gerade jezt, in dieſem Augenblick hätte das junge Mädchen der ganzen beſchirmenden Zärklichkeit ihrer Mutter bedurft, aber ſtatt deſſen überließ ihre Mutter ſie ſich ſelbſt und ihrem geſteigerten Schmerze. Wie mißlich ein ſolches Spiel mit Helenens Gefühlen war, das ſah die Aſſeſſorin nicht ein. Während Helene wie irrſinnig die wärmſte Schmeichelnamen an das zerſtörte Kleinod verſchwen⸗ dete, trat Sigrid, Helenens Cvuſine, ein Mädchen von dreiundzwanzig Jahren ein. Sigrid ging auf die Schluchzende zu, beugte ſich über ſie und flüſterte: „Helene, die Tante hat ſich in ihr Zimmer ein⸗ geſchloſſen, ſie iſt ganz troſtlos über Dich. Haſt Du das Herz, Deiner Mutter ſo viel Kummer zu verurſachen, wie Du jezt thuſt?“ Sigrid's Stimme war mild, obwohl ihre Worte ernſt klangen. Helene erhob den Kopf, heſtete einen qualvollen Blick auf ihre Couſine und ſtammelte: „Was haſt Du geſagt?“ „Daß Du Deine Mutter tief, erſchrecklich tief ver⸗ wundet haſt.“ Sigrid ſezte ſich auf die Matte neben Helene nieder, zog ſie zu ſich her und legte deren Kopf an ihre Bruſt. „Ja, ja, ich weiß es, ich bin eine unnatürliche Tochter, und dennoch, Sigrid, wäre es anders ge⸗ kommen, wenn....“ „Wenn Du die grenzenloſe Liebe Deiner Mutter, wenn Du ihre ganze Auſopferung für Dich in Deinem Herzen immer feſtgehalten hätteſt. „Still, Sigrid, ſtill; ich will zu ihr gehen, ich 2 ſie auf meinen Knieen um ihre Vergebung an⸗ ehen.“ Helene richtete ſich auf; aber jezt fielen ihre Blicke wieder auf das Gemälde. Sie fuhr mit den Hän⸗ den ſchnell nach dem Herzen und ſtammelte unter heftigem Schluchzen:. 36 „O meine Mutter, meine Mutter! warum haſt Du mir das gethun?“ Sigrid ſchwieg und wehrte ihren Thränen nicht. Sie kannte Helene genugſam, um zu wiſſen, daß ſie der Mutter würde verziehen haben, auch wenn die⸗ ſelbe ihr das Herz aus der Bruſt geriſſen hätte. Nach Verfluß einiger Augenblicke erhob ſich Helene mit den Worten: „Danke, Sigrid, danke! Ich gehe jezt, um Mama's Verzeihung zu erbitten.“ Und ſie verließ das Zimmer. Sigrid ſah ihr nach und ſprach bei ſich: „Arme Helene! Du wirſt durch das Leben gehen, ohne von Deiner Umgebung verſtanden zu werden. O, verblendete Mutter, welch hohes Spiel wagſt Du nicht, indem Du ſie zu einer Verbindung ohne Liebe überredeſt. IV. Als Helene aus dem Saale trat, um den Weg zu dem Zimmer von ihrer Mutter einzuſchlagen, blieb ſie plözlich mitten auf ihrem Gang ſtehen, denn die Thüre des Vorzimmers öffnete ſich und ein junger Mann ſtand vor ihr. Bei ſeinem Anblick durchdrang ein Schauer Helenens Körper, und ihre Wangen wur⸗ den weiß wie Schnee; aber mit einer ſtolzen Be⸗ wegung richtete ſie das Haupt empor und heftete einen Blick voll Ernſtes auf ihn. Zu ſprechen ver⸗ mochte ſie nicht. Die Züge des Eintretenden hatten eine auffallende Aehnlichkeit mit dem Amor auf dem zerſtörten Ge⸗ mälde. Er ging auf Helene zu und ſprach mit er⸗ regter Stimme: „Ich komme hieher, um aus Helenens eigenem Munde zu erfahren, ob es wahr iſt, daß Kapitän Kahn dieſen Abend ſeine Verlobung mit Mamſell Trenner feiert.“ Seine Augen flammten, als er die lezten Worte ausſprach. Mit einer Ruhe, welche für denjenigen, der ſo eben Helenens leidenſchaftlichen Schmerz geſehen, faſt unbegreiflich geweſen wäre, und mit einer ſo eiſigen Kälte, daß man dem heftigen Mädchen eine ſolche Gewalt über ſich nicht zugetraut hätte, er⸗ wiederte ſie: „Derjenige, welcher Ihnen das berichtete, hat die Wahrheit geſagt; ich feire dieſen Abend meine Ver⸗ lobung.“ „Aber ich, Helene, ich glaube nicht daran; das iſt nicht die Wahrheit; es kann nicht ſein.“ „Und warum kann es nicht ſein?“ Helene hob den Kopf noch höher empor und hef⸗ tete einen ſtolzen, finſtern Blick auf ihn. „Weil Du mich liebſt, weil Dein Herz mein ge⸗ hört, weil Deine Lippen für einen Andern nicht Liebe heucheln können, während Deine Seele mir gehört.“ Er hatte mit dieſen Worten heftig ihre Hände ergriffen. Sein ganzes Angeſicht verrieth die glühend⸗ ſten Empfindungen. 3 „Sie täuſchen ſich, Herr Graf; mein Herz kann niemals den Mann lieben, den es verachtet, und ich verachte Sie.“ 38 Sie riß ſich los und ſezte mit einer Stimme, welche unnatürlich klar lautete, hinzu: „Sie haben mich einmal tödtlich verlezt, und keine Zeit wird im Stande ſein, die Wunde, welche meinem Stolze geſchlagen worden iſt, zu heilen.“ „Helene, höre mich.“ „Nein, jedes Wort, welches Sie mir ſagen, iſt ein Schimpf, und ich bin nicht dazu geſchaffen, der⸗ gleichen zu ertragen.“ Helene eilte aus dem Zimmer. Der Graf blieb ſtehen. Seine Geſichtsmuskeln zuckten, und mit einer Geberde innerlicher Wuth murmelte er: „Du trotzeſt mir, Helene, nun wohl! Ich werde Kahns Einladung annehmen und Deiner Verlobung beiwohnen; laß ſehen, ob dieſer Muth nicht wanken wird. 3 Als Helene in dem angrenzenden Zimmer allein war und nun vor dem Zimmer ihrer Mutter ſtand, drückte ſie die Hände feſt auf ihre Bruſt; noch ein⸗ mal entſchlüpfte ihr ein ſchwerer Seufzer, aber ſie bezwang ſich und klopfte leiſe an die Thüre, während ſie ſchmerzlich flüſterte: „Mama, geliebte Mama, öffne Deiner Helene.“ Drinnen blieb Alles ſtill. Helenens Thränen began⸗ nen wieder zu fließen, und ſie wiederholte mit demüthi- ger, reuevoller Stimme: geliebte Mama, vergib mir; laß mich nur Dich ſehen; ich bin ſo unglücktich, ſo unglück ich!“ Und nun brach ſie wieder in Schluchzen aus⸗* 39 Lange, lange Zeit mußte ſie ſo ſtehen bleiben und bitten, bis endlich die Thüre aufging und die Aſſeſſorin auf der Schwelle erſchien. „Was will Helene?“ fragte ſie. Ihr Ton war kalt; aber auf Frau Trenners Angeſicht waren Spuren von Thränen und heftiger Gemüthsbewegung zu erkennen. „O, ich will zu Deinen Füßen betteln, daß Du, geliebte, ewig geliebte Mama, mir verzeihſt und meine in gedankenloſer Heftigkeit ausgeſprochenen Worte vergiſſeſt.“ „Helene, ich werde mich beſtreben, ſie zu vergeſſen“ — Frau Trenners Stimme zitterte, ihre Lippen beb⸗ ten, ihre Bruſt hob ſich unruhig, während ſie unter dem Einfluß ihrer erregten Gefühle ſprach—„ver⸗ geſſen, daß ich aufgehört habe, Etwas für Dich zu ſein, kann ich nicht. Vergeſſen, daß Du ein Gemälde höher als mich achteſt, daß Deine Liebe Dir gänzlich Deine Mutter aus dem Sinn brachte, das vermag ich nicht.“ Sie faßte des Mädchens Hände und ſezte leiden⸗ ſchaftlich hinzu: „Helene, ſo wie ich dich liebte, hat vielleicht nie⸗ mals eine Mutter ihr Kind geliebt. Du biſt meiner Augen Licht, meine Glückſeligkeit, meine ganze Welt geweſen. Ich habe Dich zum Abgott meines Herzens gemacht. Für Dich hätte ich Froſt, Mangel und Hunger erdulden können, ohne darunter zu leiden, nur daß ich im Stande geweſen, Dir Glück und Freude dadurch zu verſchaffen— und Du— Du— über⸗ ſiehſt und vergiſſeſt mich— gibſt Dich einer Liebe hin— von welcher Du weißt, daß ſie mir zuwider iſt;— Du haſt kein Gefühl mehr für Deine Mut⸗ 3 40 ter, welche für Dich Allem entſagen könnte. O, He⸗ lene, Helene, ich bin mehr als beklagenswerth!“ Die Aſſeſſorin warf ſich auf einen Sopha und brach in ein krampfhaftes Weinen aus. Helene, zuvor von ihrer eigenen innern Qual und den Stürmen in ihrer Seele völlig betäubt, lag jezt zu den Füßen ihrer Mutter und flehte um Ver⸗ zeihung. Als die Aſſeſſorin ihre eigene Kraft in dieſem heftigen Ausbruch erſchöpft hatte, ſchenkte ſie dem Flehen des Mädchens und deſſen Schmerz, der in ſei⸗ ner Eraltation und Uebertreibung von noch gewalt⸗ ſamerer Art war, einige Beachtung. Zulezt ſchloß ſie dieſelbe an ihr Herz, und es war ihr im Ueber⸗ maaße ihrer Liebe, als hätte ſie dieſen Augenblick ſterben mögen, nur um des Leidens überhoben zu ſein, das Herz ihrer Tochter zwiſchen ihr und einem Andern getheilt zu ſehen. Helene dagegen legte ihr ſchweres Haupt an der Mutter Bruſt und fühlte ſich ſo matt und lebensmüde. Und dennoch zählte ſie erſt achtzehn Jahre. Es trat in ihrer Seele eine Stille ein, welche viele Aehnlichkeit mit Erſchlaffung hatte und ſie völlig gefühllos machte, ſo lange die Betäubung währte. In ſolchen Augenblicken wurde ſie auch zu einem willenloſen Ding in der Hand der⸗ jenigen, welchen ſie aus dem einen oder andern Grunde zugethan war. Wäre die Aſſeſſorin im Stande geweſen, die be⸗ denklichen, für Helenens ganzes Leben nachtheiligen Folgen dieſer ewigen Steigerung ihrer von Ratur ſo lebhaften und feurigen Gefühle zu berechnen, ſo 41 hätte ſie ihre eigenen ſicherlich zu beherrſchen ge⸗ ſucht und ihre Tochter mit größerer Ruhe geleitet. „Und nun, mein Kind, verſprichſt Du mir, zum Beweiſe daß Deine Liebe gegen mich noch immer dieſelbe iſt, dieſen Abend mit Ruhe und dem Be⸗ wußtſein Deiner Pflichten als Kahns Braut aufzu⸗ treten?“ begann Frau Trenner wiederum. „Ja, Mama,“ antwortete Helene müde und matt, mit kummervollem Lächeln. „Du weißt doch, daß Graf Ruben hieher kommt?“ „Du haſt es mir ja geſagt, Mama.“ Helene ſenkte den Kopf und erſtickte einen Seuf⸗ zer. Sie ſagte nicht eine Silbe von ihrem Zuſam⸗ mentreffen mit dem Grafen im Vorſaale. Die Be⸗ ſorgniß vor einem neuen Ausbruch der Mutter hielt ſie davon ab. „Kahn wünſchte, ja forderte beinahe, daß der Graf eingeladen würde,“ nahm Frau Trenner wieder das Wort,„und ich hielt es für das Klügſte, mich zu ſtellen als wüßte ich Nichts von der kindiſchen Nei⸗ gung zu dieſem, welche Du übrigens mir auch nie⸗ mals anvertraut hatteſt,“ ſezte die Aſſeſſorin mit einiger Bitterkeit hinzu.„So gab ich meine Zu⸗ ſtimmung. Eine Weigerung meinerſeits hätte ſowohl vor Deinem Bräutigam als vor dem Grafen ein zweideutiges Ausſehen gehabt, und ich will um kei⸗ nen Preis der Weit die Aufmerkſamkeit auf Deine unverſtändige Neigung lenken, welche von ſelbſt ver⸗ ſchwinden wird, wenn Du für ernſte und heilige Pflichten zu leben haſt; oder iſt es nicht ſo?“ „Ja, ich hoffe es.“ Helene ſprach dieſe Worte in ſo hoffnungsloſem 42 Tone, daß man deutlich merken konnte, dieſe Hoffnung wohne nicht in ihrem Herzen. „Kleide Dich nun an, mein Kind,“ ſagte Frau Trenner und küßte das Mädchen zärtlich, indem ſie ihr braunes, üppiges Haar ſtreichelte. Es lag in dem Blick der Mutter eine unbegrenzte Liebe, als ſie Helenens Haupt an ihr Herz drückte. V. Am Abend verſammelten ſich die Gäſte, welche zu der Verlobungsceremonie eingeladen waren. Aſſeſſor Trenner war ein Mann von ſtiller, ruhi⸗ ger Gemüthsart und intereſſirte ſich faſt für Nichts außer ſeinem eigenen Ich. Seiner Gattin hatte er die Beſorgung ſämmtlicher Angelegenheiten des Hau⸗ ſes überlaſſen. Mit größter Pünktlichkeit und liebevoller Fürſorge ließ ſie ſich darum auch ihres Mannes Wohlfahrt angelegen ſein und kam allen ſeinen Bedürfniſſen und Wünſchen entgegen, ſo daß er ſich auch für ganz glücklich hielt und, fern von Bekümmerniß, bequem und gemächlich ſeine Tage verlebte und ſeine Zeit nur zwiſchen dem Hofgericht und einem behaglichen Heimweſen theilte. Wie ſeine Frau in Dingen, welche ihn nicht perſönlich berührten, ſchaltete und waltete, darnach fragte er niemals. Er wünſchte nur Eins zu wiſſen: daß er ſelbſt Alles hatte, was er brauchte, und ſo, wie er es haben wollte. Wir wenden uns nun wieder zu der Verlobung. Die große Neuigkeit war bereits verkündigt und 43 die Neuverlobten trugen ihre Ringe; man hatte auf deren Geſundheit getrunken, hatte Reden und Glück⸗ wünſche losgelaſſen und ſuchte ſich hernach beſtens zu unterhalten. Helene und ihr Bräutigam ſaßen an einem der Fenſter. 8 Du möchteſt vielleicht, mein lieber Leſer wiſſen, wie die Verlobten ausſahen. Helene war groß, achtzehn Jahre alt, hatte üppi⸗ ges braunes Haar und ganz regelmäßige Züge; die weißen Zähne, der ſchlanke Wuchs, das Bewegliche in ihrem Geſichtsausdruck und die jugendliche Friſche, welche auf ihren Wangen lag, hatten ihr den Ruf guten Ausſehens verſchafft, obwohl ſie auf keinerlei Weiſe ſchön genannt werden konnte. Der Kapitän Santé Kahn war bei fünfzig Jahre alt, von ſehr hohem, ſtarkem Körperbau und faſt gebietender Haltung. Sein Angeſicht war ſtark markirt. Die Stirne, hoch und gewölbt, war ober⸗ halb der Schläfe etwas breit; ſein Auge ſchwarz, ſtark und durchdringend, die Naſe gerade, der Mund mit den etwas dicken Lippen hatte einen ſo beſtimmten Zug von Entſchloſſenheit und Herrſchſucht, daß man niemals dem Gedanken Raum gehen konnte, er wer irgend Etwas in der Welt den Sieg über ſich ein⸗ räumen. In dem Blick, welcher mit durchbohrender Beharrlichkeit auf ſeiner Braut weilte, lag eine Miſch⸗ ung von Liebe und Eiferſucht. „Kannſt Du meine geliebte Helene, mir erklären, warum Ruben nicht hier iſt, da er doch zu kommen verſprochen hat?“ Der Ton dieſer Worte war gleichzeitig einſchmei⸗ 44 chelnd und ſtreng; in den Worten lag eine Frage, in dem Laut der Stimme ein Argwohn. „Nein, das vermag ich nicht,“ erwiederte Helene mit etwas unſicherer Stimme und ohne zu ihrem Bräutigam aufzublicken. „Vielleicht haſt Du ihn gebeten, nicht zu kommen?“ Helene hob ſchnell den Kopf empor und warf dem Sprechenden einen ſtolsen und ernſten Blick zu. „Hätte ich das gethan, ſo würde ich es Dir⸗ auch geſagt haben.“ „Aber Du trafſt mit ihm doch heute zuſammen?“ „Und wer hat von dieſem Zuſammentreffen ge⸗ ſprochen?“ fragte Helene mit kaltem Tone. „Du ſelbſt, meine Geliebte, Du ſelbſt.“ „Nun wohl, Santé, ſo weißt Du auch, daß alle Deine Fragen für mich kränkend ſind, da ich mit der größten Aufrichtigkeit gehandelt habe.“ In dieſem Augenblick ging die Thüre auf und Graf Ruben trat ein. Sein erſter Blick fiel auf elene und Kahn. Der Graf war unnatürlich bleich, und deutliche Spuren eines unterdrückten Kummers ſicht zu erkennen.* Helene wechſelte bei ſeinem Angeſicht die Farbe, bewahrte jedoch im Uebrigen eine äußere Ruhe, wo⸗ zu ſie nur von ihrem verlezten Stolze die Kraft entlehnte. Nachdem der Graf die Wirthin begrüßt hatte, näherte er ſich dem Kapitän, welcher Helene als ſeine Braut vorſtellte. Der Graf ſtammelte Etwas, das wie ein Glückwunſch lautete, aber ſeine Ge⸗ ren in ſeinem männlich ſchönen und offenen An⸗ 8 einem grenzenloſen Stolze eingegebenen Worte zu⸗ 4⁵ müthsbewegung war ſo groß, daß ſeine Worte keinen Zuſammenhang hatten. Der Kapitän ſprach eine Weile von gleichgültigen Dingen; darauf verließ er ſeinen Plaz, und Helene befand ſich plözlich allein mit Ruben am Fenſter. Wäre ſie auch alsbald aufgeſtanden, ſo würde ſie dadurch die Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen haben; zudem erkannte Helene dunkel, daß der Kapitän ſich nur zurückgezogen hatte, um ſie aus der Ferne zu beobachten. Der Graf nahm den leeren Plaz ein, und He⸗ lene ſaß da mit eiskaltem Angeſichte, aber mit flie⸗ gendem Pulſe. „Es iſt alſo wahr, daß Alles ein eitles Gaukel⸗ ſpiel, daß Ihre Liebe nur ein entſezlicher Scherz ge⸗ weſen iſt?“ ſprach der Graf mit leiſer Stimme. „Die Zeit, welche hinter dem heutigen Tage liegt, iſt nicht mehr,“ erwiederte Helene ernſt.„Ich war nicht das Mädchen, Herr Graf, welches die Liebe eines Mannes annehmen konnte, der mir ſagte, er vermöge mir nicht ſeinen Namen zu ſchenken. Von dem Tage an, wo dieſes Wort über Ihre Lippen ging, lag auch in Ihrer Liebe zu mir ein ſo hoher Grad von Beleidigung, daß ich auf dieſelbe mit nichts Anderem, als meiner Verachtung zu antwor⸗ ten hatte. Verachtung iſt der Liebe Tod. Es gibt kein menſchliches Herz, welches gleichzeitig dieſen bei⸗ den Gefühlen für eine und dieſelbe Perſon einen Plaz einräumen könnte. Dieß, Herr Graf, iſt meine Antwort, die lezte, welche ich Ihnen zu geben habe.“ „O, Helene, wenn ich jene unglückſeligen, von rücknähme, wenn ich erklärte, daß mein Herz dieſel⸗ ben verachtet und verabſcheut, wenn...“ „Und wenn Sie mir Ihr Leben opferten, Herr Graf, ſo ſind dieſe Worte doch einmal von Ihnen gedacht und ausgeſprochen worden, ſie laſſen ſich nicht zurücknehmen, nicht aus meinem Gedächtniß verwiſchen. Meine Achtung, meine Ergebenheit und meine Treue gehören nun einem Andern, darum hoffe ich, Graf Ruben ſieht ſelbſt ein, daß jedes Wort zu mir über das, was geweſen, ein Verbrechen gegen die Ehre und das Zartgefühl iſt.“ Helene erhob ſich mit ruhiger, beinahe langſa⸗ mer Bewegung. Sie wußte ſelbſt nicht, woher ſie ihren Muth und ihre Kräfte nahm; denn war auch das junge Mädchen äußerlich gefaßt, in ihrer Bruſt tobte ein wilder und ſchmerzvoller Kampf. Und nun verlaſſen wir Helene, um ſie ſpäter wieder zu finden und zu ſehen, welches Glück ſie in einer Che fand, welche auf Pflicht und Ehrgefühl gegründet war, und wo das liebeleere Herz lernen mußte, Alles aus Schuldigkeit zu ſein, weil ſie an Gottes Altar ihrem Gatten Ergebenheit, Treue und Liebe gelobt hatte. Gibt es wohl gleichzeitig etwas Schöneres und Heiligeres, als jene Feierlichkeit, wodurch zwei Men⸗ ſchen für das ganze Leben vereinigt werden? Wie wäre es wohl möglich, in dieſem ernſten Augenblick, da ein Menſch dem Andern ſein Leben weiht, nicht von der ebenſo erhabenen als ernſten Bedeutung, welche in dieſem Gelübde liegt, ergriffen zu wer⸗ den? Wie muß nicht das Herz vor Furcht und Schaam bei dem Gatten erbeben, welcher zum Ver S—— [Bfftigte. 6 47 räther an ſeinen übernommenen Verpflichtungen wird, und dennoch, wie leichtſinnig ſpielen nicht Manche mit dieſen ihren Pflichten, ohne daran zu denken, daß Gott den Schwur entgegengenommen hat, und Gott den Meineidigen ſtraft!“ Ftwas über ein Jahr war ſeit den zulezt ge⸗ ſchil derten Begebenheiten verfloſſen. In einer ſchönen, ruhigen Sommernacht zu An⸗ fang des Juni rollte ein Wagen auf der Straße da⸗ hin, welche die beiden, in den mittelſten Theilen von Schweden gelegenen Städte Z. und ü. mit einander verbindet. In dem Wagen ſaß, in eine Ecke gelehnt, ganz allein ein junges Mädchen. Sie konnte höchſtens achtzehn Jahre zählen und dennoch ruhte ein tiefer Ernſt in ihrem Aeu⸗ ßern; in ihren Blicken lag ein Ausdruck Weh⸗ muth, aber es war eine ſtille nachdenkl iche Wehmuth. Ihr Angeſicht war bleich, und in den großen, dun⸗ kelblauen Augen lag eine ganze Welt von melan⸗ choliſchen und ſchwärmeriſchen Gefühlen. Ihre ganze Haltung verrieth eine gewiſſe Gleichgültigkeit gegen die äußere Welt, gegen das Ziel oder Ende der Reiſe. Nicht ein Schatten von Ungeduld, von Intereſſe oder Sehnſucht war auf der gedankenvollen Stirne zu leſen. Die ſtille und zum Herzen ſprechende Schön⸗ heit der Sommernacht vermochte ſie nicht aus den Träumereien zu reißen, womit ihre Seele ſich be⸗ 48 Endlich hob ein Seufzer ihre Bruſt; ſie falte andächtig die Hände und flüſterte mit bebender Stimme: „O meine Mutter, meine ewig betrauerte und geliebte Mutter, wache über mich, umſchwebe mich mit Deinem Geiſte, nun da ich in eine mir noch unbekannte Welt, auf mich ſelbſt angewieſen, hin⸗ austrete. Ein paar große helle Thränen fielen auf die gefalteten Hände nieder. In demſelben Augenblick wandte ſich der Kutſcher in den Wagen hinein. „Nun ſind wir bald an Ort und Stelle, ſage ich, Mamſell, Sie können dort ſchon die Bäume von Lundagard ſehen.“. Und Peter deutete mit ſeiner Peitſche nach einer gewiſſen Richtung hinaus. Emy— denn ſie war es— fuhr hei dem Tone von Peter's nicht ſonderlich harmoniſcher Stimme wie erſchrocken auf und folgte mechaniſch mit ihren Au⸗ gen der wegweiſenden Peitſche.. Jezt erſt wandte ſie der Gegend, durch welche der Wagen rollte, ihre Aufmerkſamkeit zu. Die Straße führte durch unermeßliche Saatfelder, welche . mit ihren wogenden Aehren dieſelbe auf beiden Sei ten umſchloſſen. Erſt am fernen Horizonte ſchien ein Saum von Wald die weiten Felder abzugrenzen. Nicht ein Buſch oder ein Baum unterbrach die Ein⸗ förmigkeit dieſer unermeßlichen Ebene; aber wenn man der Richtung von Peters Peitſche folgte, ſah man eine Gruppe hoher, dichtbelaubter Bäume. it einem eigenthümlichen angenehmen Gefühle blickte Emy dort hin, und eine beſtimmte Ahnpnp 6 t er d h 1⸗ e 49 daß das Haus, welches von den grünen Laubkro⸗ nen beſchattet war, nothwendig auch ein gemüthliches ſein müßte, durchzuckte ihre Seele. Rings um die hohen Bäume herum ſtanden kleine Hütten, welche dem Orte das Ausſehen eines Dorfes gaben. Das Gebäude, welches inmitten einer ſo waldarmen Natur eine ſo lächelnde Ein⸗ faſſung hatte, war von der Landſtraße aus nicht ſichtbar. Als der Wagen ſich dem Ziele der Reiſe näherte, entdeckte Emy mit Befriedigung, daß ein Bach ſich durch die Nachbarſchaft ſchlängelte. Peter gab den Pferden einen Hieb und der Wa⸗ gen rollte ſchnell davon; dann paſſirte er eine kleine Brücke, und von da ein Gitterthor, lenkte, nachdem er noch eine kleine Strecke weiter gefahren war, von der breiten Straße ab und eilte auf den Punkt zu, wo die Bäume ſtanden. Geſtatte mir, mein lieber Leſer, noch einen Au⸗ genblick an dem Gitterthore von Emy's künftigem Wohnorte zu verweilen, um die äußere Geſtalt deſ⸗ ſelben zu beſchreiben. Du haſt vor Dir einen großen, grünen, auffallend wohlunterhaltenen Hofraum, auf welchem ſechzehn hohe, hart neben einander ſtehende, dichtbelaubte Ulmen einen Halbkreis bilden und oben ſich zuſchließen, daß ſie das Anſehen eines grünen Gewölbes erhalten. Gerade vor dem Gitterthore lag das Hauptge⸗ bäude. Es war nur ein Stockwerk hoch, roth an⸗ geſtrichen und im Uebrigen völlig anſpruchslos. Aber die reinliche, mit grünen Bänken verſehene Treppe, die hellen mit Blumen beſezten Fenſter, hatten ein Schwartz, Blätter a. d. Frauenleben. I. ſo einladendes Ausſehen, daß das hiedurch erregi Gefühl ſehr angenehmer Art war. Rechts und links von dem Hauptbau lagen zwi kleinere, gleichfalls roth angeſtrichene Gebäude. Hin⸗ ter dem Wohnhauſe befand ſich ein Garten, un dicht vor denſelben ging ein Flüßchen vorüber deſſen jenſeitiges Ufer ſich in eine große, grüne und lachende Wieſe verlief. Nun laſſen wir Peter den breiten Hofweg hin⸗ fahren und bei der Vortreppe anhalten. In dem⸗ ſelben Augenblick ſchlug es ein Uhr. Die Thüre öffnete ſich, ein Dienſtmädchen trat heraus, um Emy beim Abſteigen zu helfen. Die Herrſchaft iſt ſchon zu Bette; aber wem Mamſell ſo gut ſein und hereinkommen will, ſo werde ich dieſelbe auf ihr Zimmer führen,“ ſagte die Dienerin mit jener Artigkeit, welche einem Frem⸗ den gegenüber ſtets am Plaze iſt. Emy ſtieg aus und wurde in einen Saal ge⸗ leitet, wo ein ſehr leckeres, aus kalter Küche beſte⸗ hendes Abendbrod aufgetragen war; aber ſo ver⸗ führeriſch es auch ausſah, vermochte ſie doch nicht Etwas zu genießen, und drückte nur den Wunſch aus, ihr ſogleich das für ſie beſtimmte Zimmer zu weiſen. Sie wurde alſo eine Treppe hinaufgeführt und ſtand einen Augenblick darauf in einer Dachkammer i Sie war nicht groß, aber ganz behaglich und hatte ein einziges Fenſter, welches auf den Fluß und die Blumen des Gartens in der Tiefe hinausging. Zwei Schlafſophas, zwei Schreibtiſche, jeder zugleich mit Toiletteneinrichtung, ein weiterer Tiſch vor dem — ———— 51 gi Fenſter, der mit Blumen beſezt war, ſammt einigen Stühlen machten die ganze Meublirung des Zimmers wi aus. Das eine Sopha war aufgebettet, jedoch leer, in das andere war ausgezogen, und auf dem Kopfliſ⸗ ind ſen ruhten zwei Mädchenköpfe. er Emy ging leiſe zum Fenſter und warf einen Blick in durch daſſelbe. Ein Lächeln der Zufriedenheit ſchwebte über den ernſt geſchloſſenen Lippen, als ihr Auge in dem wirklich behaglichen Gemälde, welches vor ihr m ausgebreitet war, begegnete. Nachdem ſie es eine Weile betrachtet hatte, at wandte ſie ſich zu den beiden ſchlafenden Kindern um; aber ſie lagen gegen die Wand gerichtet, ſo m daß ſie deren Geſichtszüge nicht zu erkennen im ſo Stande war. t Emy begann darum ſich in aller Stille auszu⸗ m kleiden, und verſank bald mit der Ruhe der Jugend, nachdem ſie ein inniges und warmes Gebet zu Gott und ihrerdahingeſchiedenen Mutter emporgeſandt hatte, ⸗ in die Arme des Schlafes. r⸗ t h VII. u Die Morgenſonne wurde von dem fröhlichen Ge⸗ zwitſcher der Vögel begrüßt, und die Blumen, mit ihren von Thau und Diamanten beſtreuten Kelchen, lächelten fröhlich der ſtolzen Tageskönigin entgegen, elche von der blauen Himmelshöhe herab ſie mit hren herrlichen Strahlen übergoß. Gleich den andern fröhlichen Kindern der Natur, rwachten auch die beiden in dem 5 chlum⸗ d mernden Mädchen, als der Morgen anbrach. Di älteſte, von ungefähr fünfzehn Jahren, richtete ſit auf ihren Ellbogen auf und betrachtete neugieri die ſchlafende Emy. Bei dieſer Bewegung ſezte ſit die jüngere Schweſter ganz aufrecht hin, um de nächtlichen Gaſt gleichfalls ins Auge zu faſſen. „Hildur, haſt Du ſie kommen gehört?“ fragt die jüngere, welche zwiſchen eilf und zwölf Jahr zählen mochte. „Ich pflege nicht zu hören, wenn ich ſchlafe, flüſterte Hildur mit gutmüthigem Lächeln.„Aber weißt Du Selma, was nun von unſerer Seite zi thun iſt, um uns verſtändig zu benehmen?“ „Uns niederlegen und noch einmal einſchlafen.“ „Ganz und gar nicht; wir ſtehen auf und klei den uns an, aber ganz in der Stille.“ Und Hildur ſtieg leiſe aus dem Bette. „Aber ſieh' nur, Hildur, ſie iſt nicht häßlich, ſie iſt wirklich ſchön,“ flüſterte Selma und ſtüzte das Kinn auf die Hand.„So hübſch ſah Tante Sigrid nicht aus; ſcheint es Dir nicht auch ſo?“ „Sigrid mochte ich wohl leiden; die Mamſell hier kenne ich noch nicht,“ meinte Hildur mit mißvergnüg⸗ ter Miene und kleidete ſich an. „Aber Du mußt doch zugeben, daß ſie ſchön iſt,“ wiederholte Selma und deutete auf Emy. „Ich gebe zu, daß Du ſogleich aufſtehen und im Uebrigen ſchweigen ſollſt.“ „Hildur, Du biſt doch immer unfreundlich ur 0 28 fährſt mich hart an; niemals ſoll ich Etwas ſageßde und ſo biſt Du nur geworden, weil Tante Sigr di es mit Dir hielt und ſich Richts um mich kümmerte, 2 eri = de agt hr fe⸗ er 3l n lei 53 antwortete Selma mit flüſternder Stimme, und be⸗ gann ſich gleichfalls anzukleiden. Aber wiewohl die beiden Mädchen ſich ſo ſtill als möglich verhielten, ſo ließ doch die Eine einen Kamm fallen, die Andere ſtieß an einen Stuhl, und es traten alle jene kleinen Verdrießlichkeiten ein, welche gewöhnlich vorkommen, wenn man recht ſtill ſein und ſich nur mit Vorſicht bewegen will. Hat man niemals zuvor einen Stuhl, einen Schemel um⸗ geſtoßen, oder einen Tiſch von der Stelle gerückt, ſo geſchieht dies ſicher, wenn man ſich der größten Stille befleißigt. So war es eben jezt der Fall, und obwohl die Mädchen Nichts lebhafter wünſchten, als die Fremde ruhig fortſchlafen zu laſſen, ſo mußte es ſich dennoch fügen, daß ſie zu ihrer größten Betrübniß die Schlum⸗ mernde aufweckten. ſie rid Emy fuhr bei dem plözlichen Geräuſch eines auf e den Fußboden fallenden Kammes und eines am Tiſche anſtoßenden Stuhles empor. Sie ſchlug die Augen auf, und vor ihr ſtanden die beiden Unruhſtifterinnen iet mit ganz verlegener Miene. 19 Es war Emy unmöglich, ſich eines Lächelns zu enthalten, als ſie des zugleich komiſchen und erſchrocke⸗ t“ nen Ausſehens der ältern gewahr wurde. Sie be⸗ im trachtete dieſelbe aufmerkſam. Man hat ſo viel von der Macht des Auges ge⸗ ſprochen und geſchrieben, von der Schönheit, welche d 8 8 dem Angeſicht verleiht, und daß es der Spiegel er Seele ſei u. ſ. w.; aber noch niemals iſt in ieſer Beziehung etwas geſagt und geſchrieben wor⸗ den, was ſich nicht mit voller Wahrheit auf Hild anwenden ließ. eie war auf den erſten Anblick ganz und g nicht ſchön, konnte nicht im Mindeſten dieſen Namen anſprechen; im Gegentheil, ſie hatte eine ganz häß⸗ liche Naſe und einen allzu großen Mund und war voll feiner Schüppchen im Geſichte; aber daneben beſaß ſie ein paar Augen, über welchen man alles Andere vergaß. Ich habe oft ihr Antliz betrachtet und dann erſt recht klar erkannt, was ein paar ſchöne, ſeelenvolle, herzensgute und ſprechende Augen ver⸗ mögen. Hildurs Augen waren groß, von— wenn ich mich ſo ausdrücken darf, offener Form und von ſanftem Schnitte; aber ſie waren nicht blau, nicht braun, ſondern von ganz unbeſtimmter Farbe. Es war aber nicht die Farbe, nicht die Form, welche feſſelte, es war der Ausdruck darin. Es war die Seele von Hingebung, von ſich ſelbſt verleugnender Güte, von Verſtand, Gefühl und wohl auch Wiz und Humor, was über das ganze Angeſicht Etwas von magiſchem Zauber verbreitete. Man war ſich zu fragen geneigt, ob nicht ein Engel in dieſem Blicke wohne, und wenn man tief hineinſah, glaubte man darin zu leſen, daß Hildur Alles dulden könnte, aber doch niemals klagen würde; daß ſie niemals ein bekümmertes Angeſicht ſehen könnte, ohns Alles, was in ihren Kräften ſtand, aufzubieten, um̃ demje⸗ nigen, welcher ſich unglücklich fühlte, Linderung und Troſt zu bringen. Sie theilte Freud' und Leid mit Jedermann; aber ihre Thränen, ihren Schmerz be⸗ hielt ſie für ſich. Es ſchlug acht Uhr, als Emy in den Saal vo 55 Lundagard eintrat. Die ganze Familie war daſelbſt verſammelt. Sie beſtand aus dem Lieutenant Becker, ſeiner Frau und zwei Töchtern, Hildur und Selma. Der Lieutenant war ein Mann von zwei⸗ bis dreiundvierzig Jahren, von mittlerer Größe und vor⸗ theilhaftem Ausſehen; ſeine ſchönen blauen Augen hatten einen biedern und herzlichen Ausdruck und zeugten von Aufrichtigkeit, Verſtand und Milde; ſeine Naſe war gerade und hoch; der Mund, eher groß als kein, hatte gute, gepflegte Zähne, friſche Lippen und ein Lächeln voll von Güte und Humor. Die Stirne war hoch. Die eckigen Schläfe bewieſen einen deutlich ausgeprägten Schönheitsſinn und ein ange⸗ bornes Zartgefühl, welches dem Gemüthe oft einen Anſtrich von Reizbarkeit verleiht. Seine Kleidung und äußere Haltung hatte etwas Sorgfältiges, war aber gleichwohl ſo einfach, daß er ſchon bei dem erſten Anblick einen gefälligen Eindruck hervorbrachte. Madame Becker war eine lange, hagere Frau, von auffälliger Lebhaftigkeit, mit ein paar blauen Augen und von freundlichem, herzlichem Benehmen; ſie war einfach in ihrem Anzuge und durchaus gut und uneigennüzig von Geſinnung. Man ſah, daß die Eingebungen des Augenblicks Alles für ſie waren, daß ſie ſich immerdar von ihren Gefühlen leiten ließ und deßhalb öfters mißverſtanden wurde. dürfte nun Zeit ſein, zu erklären, in welcher Eigenſchaft Emy im Schooße dieſer Familie, welche ihr vollkommen fremd war, weilen ſollte. Seit ihrer Mutter Tod war ſie bei einer Ver⸗ wandten geweſen; nun aber, da ihr Vater wieder — zur See ging, ſuchte er für ſeine Tochter eine Stätte, wo er ſie in Penſion geben konnte, und in Folge der Empfehlung eines Bekannten fiel ſeine Wahl a Becker. 3 Bei Emy's Eintritt in das Zimmer ging Frau ecker ihr entgegen und umarmte ſie. „Willkommen bei uns,“ ſprach ſie,„und möge unſer Haus Ihnen einigermaßen die theure Heimath erſezen können. Ich für meinen Theil werde verſu⸗ 3 chen, bei derjenigen, welche meiner Sorge anvertraut 6 wird, Mutterſtelle zu vertreten.“ Der Lieutenant reichte Emy die Hand und ſagte: „Seien Sie willkommen!“ In Blick und Ton lag eine ſo beredte Herzlich⸗ keit, daß ſie mehr als Worte ſagte. Emy fühlte, daß ſie an Becker einen väterlichen Freund haben würde. Während des Frühſtücks ſprach man von der Reiſe und dergl. Die Frau ging dann ihren häus⸗ lichen Geſchäften nach, der Lieutenant wollte nach ſeinen Leuten ſchauen, und Hildur erhielt den Auf⸗ trag, Emy zu unterhalten. Hildur, von Natur äußerſt ſchüchtern, hätte ſchwer⸗ lich dieſer Obliegenheit ſich zu entledigen vermocht, aber Emy kam ihr mit dem Inſtinkte eines guten Herzens zu Hülfe. „Laß' uns in den Garten gehen,“ ſagte Emy mit einem freundlichen Lächeln.— 8 Einen Augenblick darauf wandelten die drei Mäd⸗ chen in dem am Ufer des Flüßchens gelegenen Gar⸗ ten herum. Emy hatte die beiden Kinder aufgefot dert, ſie mit ihrem Namen zu benennen; ſo wurde ſie bälder bekannt. Selma unterhielt das Geſpräch, 57 während Hildur ſchweigend an Emy's Seite einher⸗ ging und nur, wenn ein uͤnbedachtes Wort ihrer Schweſter Lippen entſchlüpfte, derſelben durch eine Geberde ihr Mißfallen zu erkennen gab. „Hier pflegte Tante Sigrid zu ſizen und zu leſen,“ ſagte Selma, als ſie in eine Laube traten. „Wer iſt Tante Sigrid?“ fragte Emy. „Unſere Lehrerin,“ antwortete Hildur bewegt. „Du kannſt gar nicht glauben, Emy,“ fiel Selma ein,„wie Hildur bei ihrem Abgang weinte.“ „Dann hielt alſo Hildur viel auf Tante Sigrid?“ Emy blickte das Mädchen bei dieſer Frage an. „Ja,“ gab Hildur*zur Antwort; aber in ihrem bekümmerten warmen Blick lag ſo viel, daß er tief in Emy's Herz eindrang. Vom Garten ſpazierte man auf die Landſtraße hinaus, und Emy that nun Alles, um Hildur ſich näher zu ziehen. Mit fünfzehn Jahren iſt das Herz allen Eindrücken geöffnet; ein Bischen Freundlich⸗ keit, ein Bischen Zärtlichkeit, und es kommt auf hal⸗ bem Wege entgegen. So war es auch jezt. Hildur hatte von ihren Kinderjahren an für häßlich gegolten, während ihre Schweſter dagegen recht hübſch zu werden verſprach. Dies war auch die Urſache, daß die ſonſt gute Mut⸗ ter ihrem jüngern Kinde den Vorzug gegeben hatte. Hildur's von Natur etwas verſchloſſene Art und Weiſe gab ihr das Anſehen, als ob ſie minder ge⸗ fühlvoll wäre, indeſſen Selmä, das Kind des Augen⸗ blicks, welches beſtändig jedem Eindruck ſich hingab und das Herz auf der Zunge hatte, der Mutter weicher und liebevoller erſchien. Dennoch gab es vielleicht kein zärtlicheres, ge⸗ fühlvolleres und treueres Herz, als Hildur's. Aber ſie ſprach wenig und machte niemals den erſten Schritt zur Annäherung. Sie bot ihre Freundſchaft Niemand an, aber ſchenkte dieſelbe für ihr ganzes Leben demjenigen, welcher ihr Zärtlichkeit erwies. Mit ihrem geſunden Verſtand faßte auch Emy den Charakter des Kindes auf. Sie erkannte deut⸗ lich, daß Hildur ſich niemals ihr nähern würde, wenn ſie nicht den erſten Schritt thäte. Wir beabſichtigen jedoch nicht, Emy an dem erſten Tage ihres Auftretens zu folgen, ſondern verſezen uns in eine etwas ſpätere Zeit. Es war ein ſchöner Abend zu Ende Juni's, nach dem Souper. Die ganze Familie des Lieutenants ſaß in der offenen Hausflur. „Was hat denn der glatte Goldreif, Emy, den Du an Deiner linken Hand haſt, zu bedeuten?“ fragte der Lieutenant und deutete auf einen Ring, den ſie trug.„Biſt Du verlobt?“ Emy erröthete gleich einer Roſe, und eine Wolke der Wehmuth lagerte ſich auf ihrer Stirne, als ſie zur Antwort gab: „Jo, ich bin verlobt.“ „Mit wem?“ „Mit einem Ingenieur Wenger,“ ſtammelte Emy mit bewegter Stimme. „Ah, Du biſt verlobt, liebes Kind!“ rief Frau Becker und ſchlug die Hände zuſammen,„davon haſt Du uns noch Nichts geſagt. Da wirſt Du wohl, mein Liebchen, nicht lang bei uns bleiben. Da wird 59 wohl bald die Hochzeit ſein? Herr Gott, das iſt Beides, betrübend und erfreulich. Wirſt Du glück⸗ lich, dann iſt Alles gut. Nun, haſt Du auch wohl Deinen Bräutigam recht lieb?“ Während Frau Becker alſo ſich äußerte, war Emy ſehr bleich geworden, und man ſah deutlich, daß ſie mit ihren Empfindungen kämpfte. Eine Ant⸗ wort brachte ſie nicht heraus. „Emy, was fehlt Dir? Habe ich Dir wehe ge⸗ than?“ fragte Frau Becker wieder und umarmte ſie. „Sprich, mein Kind, ſag' an, was es iſt, das Dich betrübt?“ Biſt Du einmal, meine liebe Leſerin, eifrig be⸗ müht geweſen, Deine Thränen zurückzuhalten, und hat Jemand, während Du daran arbeiteteſt, Dich zu tröſten geſucht und nach der Urſache Deines Schmer⸗ zes gefragt, ſo wirſt Du auch gefunden haben, daß bei dieſen freundlichen Bemühungen Dein Schmerz erſt recht ausgebrochen iſt. So ging es auch mit Emy. Wahrſcheinlich wäre es ihr gelungen, ihre Erregung zu beſiegen, wenn nicht die Theilnahme von Frau Becker es unmöglich gemacht hätte. Nun traten ihr die Thränen in die Augen. Der Lieutenant ſprach mit ſeinem freundlichen Tone: 6 „Liebe Mutter, laß' das Mädchen, Du ſiehſt ja, daß es ſie peinlich berührt.“ Darauf begann er mit ſeinen Kindern zu plaudern. Emy wünſchte gute Nacht und ſtieg in das kleine Zimmer hinauf. Als ſie fort war, fragte Selma: „Warum weinte denn Emy, als Mama von ihrem Bräutigam redete? Iſt er ein ſchlechter Menſch?“ „Ich weiß Nichts davon, mein Mädchen,“ ant⸗ wortete der Vater und ſtreichelte ſeine Tochter liebevoll. „Und Du brauchſt auch gar Nichts davon zu wiſſen, liebe Selma,“ fiel Hildur ein. „Ich habe nicht mit Dir geſprochen; aber Du kannſt es niemals unterlaſſen, mich zu ärgern.“ „Ach mein Kind, das iſt ſo meine Natur,“ er⸗ wiederte Hildur mit komiſcheernſter Miene. VMI. Oben in dem Kämmerchen auf einem Sopha ausgeſtreckt, lag Emy und weinte, das Angeſicht in die Kiſſen drückend, wie ein unglückliches und ein⸗ ſames Herz weinen kann. Es war kein gewaltſamer und leidenſchaftlicher Schmerz; es war ein tiefes, ernſtes Leiden. Nachdem Emy eine Weile geweint hatte, richtete ſie ſich auf, faltete ihre Hände über der Stirne und flüſterte: „Ach, meine Mutter, meine Mutter, ich habe gegen Deinen Willen gethan; ich habe im Wider⸗ ſpruch mit dem Verſprechen, das ich Dir gab, ge⸗ handelt, und bin doch der Meinung geweſen, meiner Pflicht zu genügen. Ihre Hände fielen wieder auf die Kniee herab, und Emy verſank in ſtilles Nachdenken. Als ſie den 3 Kopf wieder erhob, warf ſie einen Blick durch das 61 Fenſter nach dem blauen Himmel empor, und ein wehmüthiges Lächeln ſchweifte über ihre Lippen. Darauf ſägte ſie leiſe: „Ich werde ihn noch einmal wiederſehen, noch einmal mich ſelbſt prüfen, und finde ich, daß mein Herz noch ebenſo widerſpenſtig iſt, ſo möge mir Gott die Unbedachtſamkeit verzeihen, daß ich meines Va⸗ ters Wünſchen ſo leicht nachgab; aber ich kann gegen meine geliebte, ewig geliebte Mutter nicht wort⸗ brüchig werden. Und Emy faltete ihre Hände zu einem ſtillen und innigen Gebet. „Die Religion iſt des Weibes Troſt und Stüze,“ hatte Emy's Mutter geſagt, und das ſollte ſie auch ihrer jezt ſo verlaſſenen Tochter werden. Als die Mädchen heraufkamen, ſchlief Emy be⸗ reits der Unſchuld und der Jugend ruhigen Schlaf. Erſt wenn die Leidenſchaften erwacht ſind, wenn Gefühl und Vernunft in Widerſtreit mit einander gerathen, flieht der Schlaf von unſerem Lager; erſt da erfüllen fieberiſche Träume unſere Phantaſie und verſcheuchen die Ruhe aus unſerer Seele. Aber Emy war noch nicht zum Bewußtſein irgend einer Leidenſchaft erwacht; niemals fühlte ſie ihr Herz für Jemand anders klopfen, als für ihre dahinge⸗ gangene Mutter; für ihren Vater hegte ſie nur jene Art von Anhänglichkeit, welche aus dem Gefühl der Pflicht hervorgeht. Er ſeinerſeits widmete ſeiner Tochter nur eine vorübergehende Zärtlichkeit. Seine Gattin war das Einzige geweſen, was er wirklich in der Welt ge⸗ liebt hatte. 1 — 5 3 62 heftete ihre Augen auf ſie. Es lag in dem Blicke des jungen Mädchens ein milder und beinahe beten⸗ der Ausdruck, als hätte ſie die Schlummernde um ein Bischen Liebe anflehen wollen. Hildurs kind⸗ liche Gedanken lauteten ungefähr alſo: „Es würde Alles recht wohl ſtehen, wenn Emy mir nur gut ſein könnte. Ich möchte ſo gern zu ihrer Erheiterung beitragen. Sie ſah ſo leidend aus, als Mama von ihrem Bräutigam redete, was mir ganz und gar nicht gefällt. Aber warum war ſie ſo traurig? Das weiß ich nicht; aber ich fühle in mir, daß ich Emy ebenſo lieb haben kann, wie Sigrid. Ach! wer es wagen dürfte, ihr ſchönes Lockenhaar zu küſſen!“ Und Hildur drückte ganz leiſe ihre Lippen auf eine von Emy's Locken; aber ſo leiſe auch dieſe Be⸗ rührung war, ſo erwachte doch Emy darüber— und ihre Augen begegneten ſich. Hildurs Augen ſagten ſo viel, ſo viel, daß deren Sprache zum Herzen ging. Auch legte Emy ihren runden weißen Arm um des Mädchens Hals und zog ſie an ſich. „Haſt Du mich lieb, Hildur?“ fragte ſie. Hildur erröthete, als ob ſie wegen eines ſchwe⸗ Selma begab ſich ſchnell zur Ruhe, aber Hildur ſezte ſich auf einen Schemel an Emy's Bett und ren Fehltritts zur Verantwortung gezogen würde, und ſah aus, als wünſchte ſie gerade in die Erde zu verſinken. Auch nur ein Wort auszuſprechen, dazu war ſie viel zu blöde, obwohl ihr Herz mit lauter Stimme Ja antwortete. Sie drückte jedoch ihre Lippen auf Emy's Arm, während dieſe hinzuſezte: 63 „Ach ja, habe mich recht herzlich lieb, theure Hildur, denn ich ſtehe ſo einſam in der Welt da.“ „Ich werde es thun,“ flüſterte ſie, als ob die eigene Stimme ihr Furcht einflößte. Emy hatte nun ein treues Herz an ſich gefeſſelt, das niemals ſie im Stiche laſſen ſollte. IX. Und nun, mein lieber Leſer, führe ich Dich nach dem ſtattlichen Hüttenwerke Löda, etwas über eine Meile von Lundagard gelegent das zu jenem gehörte. Das Hüttenwerk Löda war von einer üppigen Natur umgeben, befand ſich aber in einer tiefen Niederung, die mit der Umgegend einen lebhaften Wechſel bildete. Es erhielt dadurch ein etwas düſte⸗ res Ausſehen, da die Strahlen der Sonne nur ſehr ſparſam durch die dichten Laubmaſſen zu dringen vermochten. Das Gebäude ſelbſt lag zwiſchen zwei Dämmen, mit ſtark belaubten Rändern, und gewährte von der Landſtraße aus einen romantiſchen Anblick. Vor dem Auge dehnte ſich eine lange Allee mit undurchdring⸗ lichem Laubdache aus. Längs derſelben waren ver⸗ ſchiedene Häuſer aufgeführt, welche von dem höhern oder niedrigen Dienſtperſonal auf dem Hüttenwerke bewohnt wurden. Eines derſelben, höher und ſauberer als die von dem Inſpektor eingenommen, 1 3 welcher ſich im erſten Stock einquartirt hatte; dann kamen die Wohnungen des Le des Buchhal⸗ ters, des Doctors und des Hofmeiſters, um nicht von denen zu reden, welche an Rang unter dieſen Per⸗ ſonen ſtanden. Sämmtliche Gebäude ſchienen durch ihr Aeußeres den Standpunkt des Eigenthümers in dieſem kleinen Gemeinweſen andeuten zu wollen, wo der Inſpektor die Ehre hatte, die erſte Stelle einzunehmen. Unſere Abſicht iſt jedoch ganz und gar nicht, Haus für Haus in der ganzen Hüttenſtraße zu beſuchen, ſondern wir dreiſt unſern Weg nach dem Hauptgebäude ſelbſt. Das ganze Hüttenwerk Löda mit den einſchlägi⸗ gen Grundſtücken und Beſizungen gehörte als Fidei⸗ commiß einer neunzehnjährigen Wittwe, der es als Erbe von ihrem Vater zugefallen war, welcher auf dem Sterbebette ſeiner Tochter anbefohlen hatte, ſei⸗ nem Brudersſohn, dem Grafen Anton Ruben, ihre Hand zu reichen. Zwei Wochen nach der Hochzeit widerfuhr dem Grafen das Unglück, auf einem ſchnellen Ritte in Geſellſchaft ſeines Bruders mit dem Pferde zu ſtür⸗ zen und den Hals zu brechen, ſo daß er einige Au⸗ genblicke darauf ſtarb und eine achtzehnjährige, uner⸗ meßlich reiche Gattin zurückließ. Wir begeben uns alſo zu der verwittweten Grä⸗ fin Sappho Ruben. Es iſt derſelbe Abend, den wir ſo eben auf Lundagard geſchildert. In einem äußerſt prachtvollen Salon auf Löda ſeben wir Sappho auf einer Chaiſe longue hart am Fenſter ausgeſtreckt; ihr Blick iſt auf den vor der Hauſe gelegenen, etwas düſtern Garten gerichte 1 65 während ſie mechaniſch eine neben ihr ſtehende Calla ethiopica zerpflückt. Auf einem kleinen Sopha neben dem Fenſter ſaß der Schwager der jungen Wittwe, der Graf Arthur Ruben und las. Auf Fauteuils hatten zwei Damen Plaz ge⸗ nommen. Die ältere, eine weitläufige Verwandte von Sappho, war Wittwe von einem Baron Kärnfelt und ohne Vermögen. Sie hatte in des alten Grafen Hauſe gelebt und die Tochter nach dem Tode von deren WMiutter erzogen. Die jüngere war die Gattin des Kammerraths Scheller. Auch ſie ſtand gewiſſermaßen in einem Verwandtſchaftsverhältniß zu Sappho, aber dieß war von ſolcher Art, daß man um des verſtorbenen Grafen willen nicht laut davon ſprach. Man be⸗ hauptete nämlich, ſie ſei die Halbſchweſter der Gräfin. „Nun, Klara, Du haſt Umgang mit der Mittel⸗ klaſſe und beſchäftigſt Dich außerdem damit, lehr⸗ reiche Schilderungen aus dem Volksleben zu ſchrei⸗ ben; erzähle uns alſo etwas Pikantes; denn in unſerer Welt herrſcht ziemliche Einförmigkeit,“ begann Sappho, und drehte den Kopf ein wenig, um nach derjenigen hinzuſehen, mit welcher ſie redete; aber ſtatt deſſen heftete ſie einen langen und eigen⸗ thümlichen Blick auf Arthur. Haſt Du Dir einmal ein kleines Weſen mit idea⸗ len Zügen und einem beinahe ſylphidenhaften Wuchſe gedacht, ſo haſt Du damit auch einen Begriff von Sappho. Sie war blond, beinahe rothhaarig, ſo ſtark ſpielte die Farbe ihres reichen gelockten Haa⸗ Schwartz, Blätter a. d. Frauenleben. I. 5 ———ů· res in Gold über. Ihr Teint war ſo weiß, ſo hell, ſo durchſichtig, daß man das feine Gewebe der Adern darunter erkannte. Die unruhigen Wogen des Blu⸗ tes, welches mit erſtaunlicher Lebendigkeit cirkulirte, hatten zur Folge, daß ſie unaufhörlich die Farbe wechſelte. Die großen runden, hellblauen Augen hatten einen ganz eigenthümlichen Ausdruck; von dem Hintergrunde derſelben ſchienen Leidenſchaften gewaltſamer Natur hervorzuleuchten. Dieſe der Farbe nach ſo rein nordiſchen Augen konnten vor Lebhaf⸗ tigkeit funkeln, brennen, flammen und glühen. Dieſe lichte, liebliche und klare Oberfläche barg ein ſo lei⸗ denſchaftliches Herz, daß jeder Schlag deſſelben einer ſüdlichen Sonne und einem ſüdländiſchen Blute an⸗ zugehören ſchien. Die feine Naſe, die ovale Ge⸗ ſichtsform, der kleine, ſchwellende Mund, die blen⸗. dend weißen Zähne verliehen dem ganzen Antliz eine regelmäßige Schönheit, welche durch den ewig wech⸗ ſelnden Ausdruck in deſſſelben nur noch mehr erhöht wurde. Hiezu noch einen feengleichen Wuchs, eine nicht wiederzugebende Weichheit und Anmuth in den Bewegungen genommen, und man wird leicht finden, daß die junge Wittwe ein im höchſten Grade be⸗ zauberndes Weſen ſein mußte. „Ach, Frau Gräfin,“ antwortete Klara Scheller lächelnd,„unſere Welt iſt der Ihrigen beinahe gleich, und ich habe wahrhaftig nichts Pikantes daraus zu erzählen. Hier wie überall wechſeln Sor und Luſt, Freud und Leid. Die heftigſten Kämpfe werden in verſchloſſener Bruſt durchgekämpft; und ohne daß ein Auge Etwas davon erkennt. Die Für⸗ ſtin und die Bettlerin theilen in dieſer Beziehu 67 daſſelbe Schickſal. Gott hat bei Erſchaffung des Menſchenherzens nicht in Betracht gezogen, ob es in einer adeligen oder unadeligen Bruſt ſchlagen ſoll.“ Es lag eine eigenthümliche Tiefe in Klara's Stimme, ein aus der Seele ſtammender Ernſt, als ſie die lezten Worte ausſprach. „Beſte Klara, laß' Deine Stimme in einer andern Tonart erſchallen, als in der republikaniſchen; denn in dieſer herrſcht einmal Mißlaut vor,“ fiel Sappho lachend ein.„Die Stimme der Vernunft klingt immer⸗ dar ſchlecht für diejenige von unſern Leidenſchaften, welche in offenbarem Widerſtreit damit ſteht.“ Bei dieſen Worten Klara's blickte Arthur auf. „Ja,“ ſagte er,„es liegt eine große Wahrheit in den Worten der Kammerräthin. Wir haben es oft ſehr theuer zu bezahlen, daß wir den Einflüſte⸗ rungen der Leidenſchaft Gehör geben und uns nicht von der Vernunft und von dem Gefühl für das Recht leiten laſſen.“ „Wahr, lieber Arthur; die Vernunft iſt eine Rechenmeiſterin, welche ſicher Alles im Leben an ſei⸗ nen rechten Ort ſtellt und die beſtehende Ordnung nicht dadurch ſtört, daß ſie die Grenzen überſpringt,“ antwortete Sappho und richtete ſich lebhaft auf; in ihren Augen flammte ein Bliz, als ſie hinzuſezte: „Die Vernunft iſt es, welche im Augenblick der Lei⸗ denſchaft zu uns ſagt:„Erniedrige Dich nicht, ver⸗ giß nicht, wer Du biſt.“ Arthur wurde bleich, während er die Augen auf ſeine Schwägerin heftete. „Es gibt ſo manche Art und Weiſe, ſich zu er⸗ niedrigen,“ erwiderte er,„und ſo manche Ver⸗ ℳ 68 nunft unſern Vorurtheilen anzubequemen. Ich fürchte ſehr, daß derjenige, welcher ſich in allen Dingen von der Eingebung der Standesvorurtheile beherr⸗ ſchen läßt, am Ende den Geſezen der Vernunft ge⸗ mäß zu handeln glaubt, während er ſich im Grunde nur von ſeinem Hochmuth leiten läßt.“ „Laß' uns nicht ſtreiten oder in tiefſinnige Be⸗ trachtungen darüber eingehen, wann und wie die Vernunft ſich gefangen geben muß; denn dahin ver⸗ mag ich nicht zu folgen; ich verabſcheue alle abſtrak⸗ ten Begriffe,“ entgegnete Sappho mit entzückendem Lächeln. „Ebenſo wie die geſunde Vernunft,“ ſezte Arthur inzu. „Ja, wenigſtens Deine Art, vernünftig zu ſein,“ antwortete Klara und drehte ihren Seſſel ſo, daß ſie. ſich dem Grafen Arthur gerade gegenüber befand. Dann ſezte ſie hinzu: „Nun, Klara, was macht Deine Couſine, Mam⸗ ſell Trenner?“ Bei dieſem Namen fuhr Arthur zuſammen, die Freifrau von Kärnfelt ſchaute auf; Klara fuhr da⸗ gegen an ihrer Stickerei fort, während ſie ruhig erwiederte: „Sie befindet ſich ganz wohl und iſt ſeit einigen Monaten mit dem Kapitän Kahn verheirathet.“ „Verheirathet!“ erwiederte Sappho und ſprang auf. Ihr ganzes Angeſicht verrieth Ueberraſchung und Freude; aber als ſie ihr Auge auf Arthur he tete, wurde ſie bleich, wie Marmor, und eine dunkle unheilverkündende Wolke lagerte ſich auf ihrer Stirne Graf Arthur hatte ſich auf dem Sopha zurück 69 gelehnt und begegnete dem Blick ſeiner Schwägerin. Auch er war bleich, und im Ausdruck ſeiner Züge lag Ernſt und Strenge, gemiſcht mit tiefem, durch⸗ dringendem Schmerze. Es war, als wollte er ſie fragen, wie ſie es wagen könnte, die Wunde ſeines Herzens zu berühren. Sappho warf ſich mit einem Ausdruck bittern Hohnes in ihrem ſchönen Angeſichte in ihren Fauteuil zurück und fragte: „Iſt ſie glücklich?“ „Ja!“ war Klara's ganze Antwort. Sappho biß ſich auf die Lippen, begann aber dann wieder mit einem Ton von Schadenfreude, während ſie die Augen unverwandt auf Arthur rich⸗ tete, um in ſeiner Miene zu leſen. „Es war alſo wohl eine Heirath aus Liebe?“ „Aller Wahrſcheinlichkeit nach. Helene war von ihren Eltern allzuſehr geliebt, als daß dieſelben ſie zu einer Ehe ohne Reigung hätten nöthigen ſollen.“ Klara hob, während ſie Sappho's Frage beant⸗ wortete, ihre Augen nicht von der Arbeit auf. „Aber ich habe gehört, daß ſie eine andere Nei⸗ gung gehabt haben ſoll?“ fuhr Sappho, eigenſinnig an dem Gegenſtande feſthaltend, fort. „Das iſt ein Irrthum, Frau Gräfin.“ Jezt blickte Klara auf und richtete ihre Augen mit einem ſo kalten und verachtungsvollen Ausdruck auf Sappho, daß dieſe das Geſicht abwandte. Arthur verließ das Zimmer. „Beſte Tante, laß mich mit Klara allein,“ rief Sappho haſtig und richtete ſich auf. 70 Die Freifrau entfernte ſich und die beiden Schwe⸗ ſtern waren allein. „Klara, ich ertrage dieſen uebermuh von Dir nicht; dieſes ewige Höhnen meiner Gefühle, dieſes Billigen einer Liebe, welche ich, wie Du weißt, an einem Grafen Ruben verächtlich finde. Hörſt Zu ich dulde dieſe beſtändigen Demüthigungen von Dir nicht mehrl⸗ rief Sappho und ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden, während ihre Bruſt ſich gewalt⸗ ſam hob. „Sie brauchen dieſelben auch nicht mehr dulden, ich entferne mich,“ antwortete Klara ſtolz und ſtand gleichfalls auf.„Aber glauben Sie niemals, daß ich mich ſo weit erniedrigen werde, um ohne Ver⸗ achtung dieſe armſeligen Ausfälle gegen Graf Arthur anzuhören. Ich finde, Frau Gräfin, daß Sie ſich dadurch in Widerſtreit mit Allem ſezen, was edel und zartfühlend zu nennen iſt, und ich wäre ebenſo erbärmlich, wenn ich mit einem einzigen Wort dieſe Bosheit unterſtüzte. Und nun will ich gehen.“ Klara wandte ſich nach der Thüre. Sappho drückte beide Hände auf ihre Bruſt und rief: „Klara, bleib' und höre mich.“ Klara wandte ſich nach ihr um. Sappho eilte auf ſie zu und faßte ſie am Arm, während ſie mit bebender Stimme ſagte: „Klara, ich liebe Arthur; verlaß' mich nicht!“ Es lag ſo viel Schmerz, Verzweiflung und Lei⸗ denſchaft in dieſen wenigen Worten, daß ſie S kürlich Mitleid einflößten. lara blieb. . „Anhänglichkeit an dieſe zu bewahren, ich will nic X. Am folgenden Tage machten Sappho, Arthur und Klara einen Spazierritt. „Ich will Euch einen Vorſchlag machen,“ ſagte Sappho heiter. Sie war heute von ungewöhnlich froher Laune. „Und der wäre?“ fragte Arthur, ohne ſeine ge⸗ fährliche Nachbarin anzuſehen. „Wir wollen nach Skärholm reiten.“ „Iſt dort nicht eine von den Meiereien der Gräfin gelegen? fragte Klara. „Allerdings; Hedin, meines Vaters früherer Hofmeiſter, hat ſie in Pacht, und ich möchte den Alten heute einmal überraſchen. Er ſoll uns Etwas zum Mittageſſen geben, und wir rudern dann ein wenig in die See hinaus. Ach! es verſpricht eine entzückende Luſt zu werden, einmal zu Mittag nichts als Milch zu haben. Die Ueberraſchung des Alten und ſeiner Ehehälfte, wenn ihnen ſo aus dem Stegreife das Vergnügen zu Theil wird, uns zu be⸗ wirthen, iſt auch für uns ergözlich.“ „Die hohe Ehre, willſt Du wahrſcheinlich ſagen,“ ſcherzte Arthur;„Du kannſt ja durch Deine hohe Gegenwart dieſen armen Menſchen auch Schrecken einjagen.“ „Ach nein! Sie werden ſich dadurch nur ge⸗ ſchmeichelt fühlen, denn Hedin hat die Schwäche, als ein alter Diener meiner Familie noch eine große — 72 ſagen, an mich; denn das würdeſt Du, lieber Ar⸗ thur, beſtimmt in Zweifel ziehen.“ Sappho ſah den Grafen mit einem ſchalkhaften Lächeln an; aber ſeine Augen waren nicht auf ſie gerichtet. „Warum ſollte ich daran zweifeln?“ „Weil Du ſelbſt mich für einen kleinen, roth⸗ haarigen Dämon hältſt,“ antwortete Sappho lachend und fuhr mit einer graziöſen Handbewegung über die reichen, glänzenden Locken. „Du irrſt Dich, ſchöne Schwägerin, ich halte Dich für die anziehendſte Frau, wenn Du zweier Dinge vergiſſeſt.“ Jezt blickte Arthur die Gräfin an. „Und welches wären dieſe zwei Dinge?“ Eine Röthe löste die andere auf Sappho's An⸗ geſicht ab, während ſie lächelnd ihren Schwager be⸗ trachtete. „Daß Du Gräfin biſt— und daß Du uner⸗ meßlich reich biſt.“ Arthur ſprach dieſe Worte mit tiefem Ernſte aus. „Alſo wenn ich die Kleider des Mädchens, wel⸗ ches dorther kommt, trüge, würdeſt Du mich wirklich liebenswürdig finden?“ ſagte Sappho und deutete mit ihrer Reitgerte auf ein ihnen begegnendes Bauernmädchen. „Möglich, im Fall Du auch ſonſt ebenſo reich begabt wäreſt, wie Du jezt biſt. Doch würde ich es vorziehen, bei der reichen und hochgebornen Gräfin Ruben die entzückende Anſpruchskoſigkeit und Milde des Weibes finden zu können.“ n 73 Arthurs Blick weilte mit einem herzlichen Aus⸗ druck auf Sappho. „Eine ſolche Gelegenheit will ich Dir eben heute geben, und deßhalb reiten wir nach Skärholm; oder wie, Arthur?“ „Ich ſtelle mich, wie es für einen Ritter ſich ſchickt, unter den Befehl der Damen,“ antwortete der Graf mit einem feinen Lächeln.„Dennoch fürchte ich, daß ein Ritt von einer Meile für zwei, an körperliche Strapazen ſo wenig gewöhnte Damen, wie Sappho und die Kammerräthin, eine etwas allzu ſtarke Motion ſein dürfte.“ „Was mich betrifft, ſo bin ich, wenn ich Etwas will, eine Löwin an Stärke,“ verſicherte Sappho; „wie ſteht es mit Dir, Clara?“ „Ich bin von allzu bükgerlicher Herkunft, als daß ich ſchwache und empfindliche Nerven hätte. Mein plebejiſches Blut liebt ſtarke Körperbewe⸗ gungen,“ antwortete Clara lächelnd. „Dieſer Hieb ſoll, da ich bei ſo guter Laune bin, diesmal unerwiedert paſſiren,“ ſagte Sappho und gab zugleich ihrem Pferde einen leichten Hieb mit der Reitgerte. Man ritt unter frohem Geplauder, bald im Schritt, bald im Galopp weiter. Sappho wußte mittelſt ihres lebhaften und feurigen Geiſtes der Un⸗ terhaltung einen unaufhörlich neuen Wechſel zu geben und hielt durch ihren ſprühenden Wiz alle Einförmigkeit entfernt. Nie war ſie ſchöner und be⸗ zaubernder erſchienen, denn in ihrem ganzen Weſen lag etwas Einfaches und Anſpruchloſes; was ſonſt ———— 74 dieſem vom Glück ſo verwöhnten Kinde gänzlich fremd war. Gegen Mittag, als die Wärme drückend zu wer⸗ den anfing, galoppirte die kleine Cavalcade in den Hof von Skärholm. XI. Skärholm war, wie Clara bemerkt hatte, eine der zu Löda gehörigen Meiereien. Sie lag auf einer Inſel in einer Bucht der Oſtſee, und war von ſeltener landſchaftlicher Schönheit. Die ganze Inſel war bewaldet und ſelbſt das Wohnhaus von Laub⸗ holz umgeben. Die Ufer an der Bucht, welche mit ihren Wogen Skärholnk umſchloß, waren reizend und hatten etwas rein Nordiſches. Die Meierei ſelbſt beſtand aus drei Gebäuden. Das eigentliche Wohnhaus lag in der Mitte, dem Gitterthore gegenüber, und hatte eine hohe, etwas verfallene hölzerne Treppe, welche in eine Art von Vorgemach führte. In dem Hauſe zür Linken be⸗ fanden ſich die Küchenlokalitäten, in dem zur Rechten die Räumlichkeiten für die Wirthſchaft. Alle drei waren weiß angeſtrichen. Aus der Ferne geſehen, hatte das Ganze etwas Stattliches: bei näherer Betrachtung erkannte man, daß der Zahn der Zeit im Laufe der Jahre daran gearbeitet hatte, ohne daß man ſich ſonderlich Mühe gegeben, deren Ver⸗ wüſtungen zu ſteuern. Als die gräfliche Geſellſchaft durch das Gitter⸗ thor ritt, ſtürzten ihr zwei ſchwarze Hunde in raſchen 75 Sprüngen bellend entgegen. Gleich darauf erſchien auf der Schwelle des Küchengebäudes eine kleine, ziemlich dicke Alte, mit hervorſtehenden Augen, ge⸗ krümmter Naſe und graugeſprenkeltem Haare, wel⸗ ches jezt noch ſeine von Natur krauſen Linien bei⸗ behalten hatte. Das Aeußere der Frau hatte etwas Lebhaftes und Behagliches. An ihr vorüber und in den Hof hinab ſprang eine jüngere Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren. Sie hatte ein Ge⸗ ſicht, das alles äußern Reizes entbehrte, aber in ſeinen Zügen ein ſo beſtimmtes Gepräge von Ver⸗ ſtand, Redlichkeit und Zuverläſſigkeit trug, daß man ſich in dem Weſen ihres Charakters nicht irren konnte. Wirklich hatte auch wohl ſelten in einer Bruſt ein redlicheres und treueres Herz geſchlagen, als in der von Dora Hedin. Sie war die jüngſte Tochter des frühern Hofmeiſters von den Grafen Ruben. „Ah, poz tauſend, die Frau Gräfin!“ rief Dora und eilte berbei, um das Pferd Sappho's zu hal⸗ ten, welches ſie mit einer kräftigen Handbewegung zum Stehen brachte. „Guten Tag, liebe Dora,“ ſagte Sappho mit einem milden, aber nicht ſehr herablaſſenden Lä⸗ cheln.„Wir kommen hieher, um Frau Hedins Gaſt⸗ freundſchaft in Anſpruch zu nehmen; wir bleiben über Mittag hier,“ ſezte die Gräfin hinzu und ſprang mit Arthurs Hülfe aus dem Sattel. „Dazu kann Rath werden,“ antwortete Dora gutmüthig lächelnd und ohne Anzeichen von Verle⸗ genheit;„wenn die Frau Gräfin in der Abſicht kommt, mit Wenigem und Geringem ſich zu begnü⸗ 76 ke ſo iſt das immerhin etwas Ungewöhnliches für ſie.“ Dora verneigte ſich und führte den Zelter fort, gerade als ob es ihre tägliche Beſchäftigung ge⸗ weſen wäre, mit einem wilden Pferde umzugehen. Die alte Frau Hedin erſuchte unter einem Bück⸗ ling die Frau Gräfin, in den Saal hinaufzugehen, was ſofort von der ganzen Geſellſchaft geſchah, während Sappho auf bezaubernde Weiſe mit Frau Hedin ſich unterhielt. Nie hatte Sappho mehr natürliche Ein⸗ fachheit und Grazie in jeder ihrer Bewegungen und in ihrem ganzen Weſen entwickelt, als eben jezt ge⸗ ſchah; nie hatte ſie ſo vollſtändig vergeſſen, daß ſie Gräfin war. „Nun, liebe Chriſtine,“ fragte Sappho die Alte, „wo haſt Du denn Deinen Hedin?“ „Er iſt auf dem Werke, Frau Gräfin, zum Be⸗ ſuche bei unſerer verheiratheten Tochter,“ antwortete die Frau mit einer Verbeugung. „Jo, ich weiß es, bei Tea, die dort verheirathet iſt. Nun, und Louiſe, wo iſt die?“ „Sie ging mit ihrem Vater, Gott behüte! aber, mein Himmel, Sie werden doch nicht auf dem Hausflur bleiben wollen, Frau Gräfin? Es iſt lange her, daß Sie hier geweſen ind, Frau Gräfin.“ 5 „Meinſt Du? Dafür ſollſt Du mich auch über Mittag hier behalten, und ich will Dir nur ſagen, daß wir recht hungrig ſind.“ „Nun, da iſt ſchon zu helfen, daß die Herrſchaf⸗ ten nicht verhungern, denke ich mir,“ erwiederte Frau Hedin lachend, und wandte ſich mit leichtem Schritt o leichtem Schritt, wic nach der Küche hinunter, mit f 77 man ihn bei einem fünfzehnjährigen Mädchen, und nicht von einer wohlbeleibten Sechzigerin erwartet hätte. „Was hältſt Du von dieſem Ort und den Leuten hier, Klara?“ fragte Sappho und warf ſich auf ein langes Sopha, welches in dem Saale zwiſchen zwei Fenſtern ſtand. „Der Ort hat eine ſchöne Lage, auch die Men⸗ ſchen gefallen mir ganz wohl, weil ſie von jener ſtlaviſchen Unterwürfigkeit, welche immerdar auf einen freiſinnigen Menſchen widrig einwirkt, vollkommen frei ſind,“ antwortete Klara und ging, um die rings an den Wänden herum hängenden Gemälde, welche ſämmtlich ſchwediſche Könige vorſtellten, in Augen⸗ ſchein zu nehmen. „Auch mir haben ſie ſchon von meinen Kinder⸗ jahren an gefallen; damals ſteckte mir Hedin hin und wieder Etwas zum Eſſen zu, denn Tante Kärnfeldt hatte die köſtliche Idee, daß ich mich nur halb ſatt eſſen durfte, um einen recht feinen und ariſtokratiſchen Wuchs zu bekommen. Ich werde niemals die Be⸗ reitwilligkeit des alten Mannes vergeſſen, mir, dem Kinde, zu einer Zeit gefällig zu ſein, da ich noch Nichts hatte, um ſeine Dienſte zu belohnen. Sappho war jezt mit dem warmen, ſeelenvollen Blicke ſo lieblich ſchön, daß Arthur kein Auge von ihr abwenden konnte. Ach, warum war ſie nicht allzeit ſo, warum zog ſie es nicht vor, anſtatt einer hochmüthigen, ſtolzen Gräfin eine gute, ſanfte Frau zu heißen? Hätte ſie ſich Zeit genommen, ihr Inneres zu erforſchen, ſo hätte ſie nicht zugelaſſen, daß der ſchlimmere Menſch in ihr ſo oft die Oberhand ge⸗ winne. Frau Hedin trug ein ganz ſchmackhaftes Mahl auf, welches aus vortrefflichen Seebarſchen, unge⸗ rahmter dicker Milch und Rahmbackwerk*) beſtand. Sappho aß und ſcherzte. Dora wartete auf und ließ dann und wann ein Wort fallen, welches einen nicht unbedeutenden Grad von Mutterwiz verrieth. Die Gräfin lachte und man ſah deutlich, daß ſie bei ihr in beſonderer Gunſt ſtand. Nachdem man Kaffee getrunken hatte, näherte ſich Dora mit etwas verlegener Miene der Gräfin und ſagte: „Wenn ich es wagen dürfte, ſo hätte ich eine Bitte an Sie, Frau Gräfin.“ „Sehe ich denn ſo gefährlich aus, daß Du Furcht vor mir haſt?“ erwiederte Sappho freundlich. „Nein, gewiß nicht, aber von einer ſolchen Vieh⸗ magd wie ich iſt es doch ein wenig keck, damit her⸗ vorzutreten.“ Dora lächelte mit einem bedeutungsvollen Blicke. „So rücke heraus mit dem, was Du auf dem Herzen haſt; ich bewillige es Dir im Voraus.“ „Dann wird es mir allerdings leicht, zu reden,“ erwiederte Dora lachend;„ich wollte nur fragen, ob die Frau Gräfin nicht hinausfahren und meine Hütte auf Hanskär ſehen wollte?“ „Die Du ſelbſt gebaut haſt? Ein vortrefflicher Vorſchlag, meine prächtige Dora,“ rief Sappho und ſprang auf. * Im Texte: Nonnenfürzchen. A. d 79 Wir folgen der gräflichen Herrſchaft nicht nach Hanskär, weil wir etwas ſpäter in angenehmerer Geſellſchaft uns dorthin zu begeben gedenken, ſondern begnügen uns jezt, davon Kunde zu geben, was ſich auf der Heimfahrt ereignete. In dem hintern Theile eines kleinen Bootes ſaß Sappho und plauderte mit Arthur, welcher ihr ge⸗ genüber auf einem Strohbüſchel Platz genommen hatte. Klara ſaß zur Linken der Gräfin und ſchaute mit gedankenvoller Miene hinaus auf die ſpiegelglatte Waſſerfläche, welche von dem vollen Purpur der Abendſonne übergoſſen war. Die ſchrägen Strahlen brachen ſich funkelnd auf dem Waſſer. In der Ferne zwiſchen kleinen Inſeln, zeigte ſich die See, und dort ſchaukelte ſich ein Fahrzeug mit ſchneeweißem Segel. Klara folgte demſelben mit einem eigenthümlichen Blick voll Sehnſucht, welche ſich unwillkürlich der Seele bemächtigt, wenn man die unermeßliche See vor ſich ſieht und der unbekannten Welten auf der andern Seite derſelben gedenkt. Was iſt es für eine eigenthüm⸗ liche Kraft in unſerer Seele, welche beſtändig nach dem Unnennbaren dürſtet? Iſt nicht ſie es, welche die Gedanken auf die Welt jenſeits des Grabes richtet? „Sappho, warum biſt Du nicht alle Zeit däffelbe Weſen, als welches Du Dich heute darſtellſt?“ ſagte Arthur mit einem freundlichen, brüderlichen Ausdruck in der Stimme. „Deßhalb, weil meine Seele aus ſo vielen un⸗ gleichen Elementen zuſammengeſezt iſt,“ antwortete „Sappho und folgte ebenfalls mit ihren Augen dem 1 „ 5 3 80 den blauen Wogen ſingen hörte!“ ſezte ſie hinzu. In demſelben Augenblick ertönte ein Geſang, ſo friſch, ſo klangvoll, ſo reich und melodiſch, daß in ſchaukelnden Segel.„Ach, wer jezt die Nite auf ſeinem Tone all' das Warme, Entzückende und Glühende, was das Herz birgt, zu liegen ſchien. Es war eine Stimme, zu gleicher Zeit lieblich wie der Abend, leidenſchaftlich wie die ſtürmende See, ſchmelzend wie ein Seufzer in Italien. Mit vibri⸗ rendem Ausdruck ſang ſie: Die Nire ſingt auf der blauen Fluth u. ſ. w. „Dora, halt' einmal an mit dem Rudern,“ rief Arthur und erhob ſich. Er nahm den Hut ab und lauſchte mit verhaltenem Athem; es war, als fürchte er, einen einzigen Ton zu verlieren. „Cs iſt eine Frauenſtimme,“ ſagte Sappho und ſuchte die Sängerin zu entdecken,„aber wer iſt ſie? i „Still, Sappho“ flüſterte Arthur und machte eine Bewegung mit der Hand. Und ſo ſchließt des Elfenkönigs Lied, ſang die Unſichtbare mit ſo ſchmelzenden Tönen, daß die Saiten der Seele wiederklangen. Die Stimme verhallte, und noch immer ſtand Arthur träumend und läuſchend da. „Rudere zu, Dora,“ ſagte Sappho in kurzem, ge⸗ bieteriſchem Tone. Ihre Augen blizten, ihre Lippen verzogen ſich zu einem ſtolzen Lächeln. gewendet hinzu,„der Geſang iſt zu Ende.“ „Das iſt eine herrliche Stimme, mit ihrem wun⸗ Seze Dich, Arthur,“ fügte ſie zu ihrem Couſin derbaren Ausdruck,“ fiel Klara ein und ſchaute rings herum, ob ſie der Sängerin nicht anſichtig würde; „wem kann ſie angehören?“ „Gewiß des Necken Braut oder irgend einer Seejungfer,“ antwortete Sappho,„denn ſie verſezt die Seele in einen peinlichen Zuſtand,“ und ſie lehnte ſich über den Rand des Bootes hinaus. Dora ſchwieg, aber aus dem eigenthümlichen Lächeln ihres Mundes ließ ſich wohl abnehmen, daß ſie wußte, wer die Sängerin war. Graf Arthur ſezte ſich ſchweigend, und auch ſeine Augen folgten dem Ufer, un zu erforſchen, woher der Geſang gekommen wäre. Das Boot ſchwenkte jezt um die Spize des nörd⸗ llichen Theils von Skärholm herum, und in demſel⸗ ben Augenblick rief Klara: „Seht, dort ſizt ſie!“ Und Klara deutete auf eine in die See hinaus⸗ eh Bergſpize am äußerſten Ende von Skär⸗ holm. Arthur und Sappho richteten ihre Augen dort⸗ hin. Auf der Klippe ſaß eine Frau. Ihre Züge ließen ſich nicht erkennen; aber es war eine ſchlanke, ſtattliche Geſtalt, und dunkelgelocktes Haar umgab ihren Hals. Sie hatte das Geſicht abgewendet. Neben ihr auf dem Steine lag ein einfacher Schä⸗ ferhut, und an ihrer Seite ſaßen zwei junge Mäd⸗ chen, welche noch der Kindheit angehörten. Ein Boot lag eine Strecke davon in der Bucht. „Wer kann das ſein, Dora?“ fragte Sap⸗ pho, indem ſie ihre Augen von der Gruppe am Strande auf Arthur herübergleiten ließ; und. als * Schwartz, Blätter a. d. Frauenleben. I. nommen werden ſollte da er mit ſo auffallendem 82 ſie die geſpannte Aufmerkſamkeit, womit er die drei Mädchen betrachtete, wahrnahm, lagerte ſich eine dunkle Wolke über ihrer Stirne, und der den gan⸗ zen Tag über ſo bezaubernde Ausdruck des Geſichts verſchwand, um dem gewöhnlichen launenhaften und deſpotiſchen Plaz zu machen. „Ich kann es nicht ſo beſtimmt ſagen,“ antwor⸗ tete Dora ausweichend,„die beiden kleinen Mädchen gehören dem Lieutenant Becker, und. Ehe noch Dora geendet, erhob ſich ein Windſtoß, nahm in ſeinem luſtigen Schwindel den Schäferhut, welcher neben dem jungen Mädchen auf der Berg⸗ höhe lag, empor und führte ihn mit ſich fort auf die glänzende Fläche der leichtgekräuſelten Wogen. „Emy's Hut!“ rief eines der ju Mädchen. Emy, denn dieſe war es, dreht⸗ nel Kopf und Geſicht nach dem fortgewehten Hüt herum, wel⸗ chen Wind ünd Wellen immer weiter in die See hin⸗ ausführten. Ohne ein Wort zu ſagen, ſprang Arthur aus dem Boote in das nicht ſehr tiefe Waſſer und ſchwamm mit einigen raſchen Ausgriffen der entfliehenden Kopf⸗ bedeckung nach. Im nächſten Augenblick ſtand er vor Emy, verbeugte ſich, triefend von Waſſer, und ſagte, den erbeuteten Hut in der einen, den eigenen in der andern Hand haltend, mit feinem Lächeln: „Erlauben Sie mir, den Flüchtling zurückzubrin⸗ gen, welcher eigentlich nie mehr zu Dienſten ange⸗ — ——— —— Leichtſinn die Beſitzerin einer ſo magiſch feſſelnden; Stimme verlaſſen hat.“ Emy und die Mädchen waren aufgeſtanden, und c —— 83 mit einer Purpurgluth auf ihren Wangen antwor⸗ tete Emy: „Herr Graf, ich finde keine Worte für meine Dankbarkeit, denn weder ich, noch viel weniger mein Hut verdiente es, daß Sie deßhalb Ihr Leben oder Ihre Geſundheit auf's Spiel ſezten. Der Herr Graf iſt ganz durchnäßt.“ „Wenn man einmal Ihren Geſang gehört hat, könnte man zufrieden ſterben,“ ſagte Arthur und ſezte, einen Schritt näher tretend, hinzu:„Verweigern Sie mir nicht das Glück, dem Geſang auch Ihren Namen beizufügen. Vergeben Sie mir meine Kühnheit; aber da Sie den meinigen kennen, ſo liegt wohl kein ſo hoher Grad von Vermeſſenheit in meinem Begehren.“ „Mein Name iſt Emy Kreuzer,“ antwortete Emy tief erröthend. Der Graf machte eine tiefe Verbeugung und zog ſich dann in den Wald nach Skärholm zurück. XII. „Aber um Gottes willen, Emy,“ der Graf ſtürzte ſich Deines Hutes wegen in die See,“ rief die kleine Selma ganz verblüfft. „Herr Gott, wie Schade, daß es nicht der Dei⸗ nige war, Selma!“ fiel Hildur ein,„Du hätteſt dann aus reiner Ehrfurcht nicht mehr gewagt, ihn wieder aufzuſezen. Aber es hätte ſehr leicht geſche⸗ hen können, daß der Graf Dir zu lieb ſich nicht die 6* ———————— 84 Mühe genommen hätte, in das Waſſer unterzu⸗ tauchen.“ „Liebe Hildur, wer ſpricht denn jezt von meinem Hute?“ erwiederte Selma etwas ärgerlich. „Ich, mein Kind, ich denke daran und ſpreche davon. Wirf ihn hinaus in die See, und wir wol⸗ len ſehen, ob nicht eine Möve ihn auffängt und Dir an's Land bringt. „Kannſt Du mich nicht in Frieden laſſen, Hildur?“ Jezt war es mit Selma's Geduld zu Ende. „Ich verleze Dich nicht, ich rühre Dich nicht ein⸗ mal an, ich beſchwere Dich ganz und gar nicht, mein Goldſchäzchen.“ „Kannſt Du nicht ſchweigen?“ „Nein, das brauche ich nicht zu thun. Gott hat mir die Zunge gegeben, um damit zu ſprechen.“ „Ach ja, und Du verſtehſt auch, Gottes Gabe zu gebrauchen.“ „Liebe Mädchen, zankt Euch nicht,“ fiel Emy ein, welche während des Wortwechſels derſelben un⸗ beweglich auf demſelben Plaze, wo der Graf ſie verlaſſen hatte, mit dem naſſen Hute in der Hand ſtehen geblieben war. „Nun, Emy, was ſagſt Du zu dieſem Abenteuer?“ fragte Hildur und ſah Emy mit ihren wunderbar ſchönen Augen an. „Daß der Graf mehr als artig war; aber nun wollen wir heimrudern, Tante und Onkel könnten ſonſt unruhig werden.“ „Da, wenn Janne ſo artig wäre und käme; aber er läßt auf ſich warten,“ antwortete Hildur. ———— 85 „Wie ſchön der Graf war,“ rief Selma, welche auf einem Steine ſaß und in die See hinausſchaute. „Und wie unbegreiflich zart er ſprach!“ fiel Hil⸗ dur mit ihrer komiſchen Miene ein.„Es wäre Etwas geweſen, wenn er dieſes Alles zu Dir geſagt hätte. Inzwiſchen war es ein ewiges Glück, daß er meine Naſe nicht zu ſehen bekam; dann wäre er vor Entzücken außer ſich gerathen.— Was wir doch für ſchöne Naſen haben, Selma!“ „Nun die meinige iſt nicht ſo häßlich, nicht wahr Emy?“ „Sie iſt immer beſſer als gar keine,“ verſicherte Hildur mit großer Ruhe. Jezt langte auch Janne an, und unmittelbar darauf ſchaukelte das Boot mit den drei Mädchen über das ſpiegelklare Waſſer. Nicht ein Windhauch kräuſelte dasſelbe; die Inſeln ſchwammen auf der glänzenden Fläche und zeichneten ihre belaubten Ufer in der Tiefe ab. Die Abendröthe mit ihrem Pur⸗ purmantel und die Sonne mit ihrem goldenen Gelock übergoſſen das Waſſer mit ihren prachtvollen Strah⸗ len, und über dem Meer von Gold und Purpur wölbte ſich der tiefblaue Himmel, ſo wie der Friede der Seele von den glühenden Leidenſchaften des Her⸗ zens umſpannt wird. Es war ein Abend, ſo warm, ſo ſchmachtend und hold wie die Liebe— friedvoll, ſtill und ſelig wie die Andacht in Gottes Tempel. Draußen in der Ferne zwiſchen den Inſeln leuchtete das unermeßliche blaue Meer etwas hervor, gleich der Hoffnung und Ahnung einer beſſern Welt jenſeits des Grabes. ttes Geiſt ſchwebte über der ganzen Natur und 86 flüſterte dem Menſchen zu: Sieh', welche Schätze von Schönheit und Genuß ich Dir überlaſſe, und doch lagſt Du in Deiner Ungenügſamkeit. Meine Güte iſt unendlich, Deine Undankbarkeit grenzenlos.“ Ach ja! Gottes Güte iſt unendlich, und doch, wie ſchlecht, unbegreiflich ſchlecht wiſſen wir ſie zu ſchätzen! Mit Murren und Klagen nehmen wir die Tage der Prüfung hin, ohne zu bedenken, daß Gott Alles zu unſerem Glück gethan hat, während wir ſelbſt an unſerem Unglück arbeiten. Betrachte die Natur, du ungenügſames Menſchenherz, und ſage, iſt nicht Alles ſo weiſe, ſo ſchön, ſo zweckmäßig ei⸗ gerichtet? Warum genießeſt Du es nicht? Warum wendeſt Du Dich mit krankhafter Sehnſucht von einer Wirklichkeit ab, die voll von Schätzen iſt, weit mehr werth, als Deine Einbildung Dir bietet? Und Du klagſt über die Wirklichkeit— die Wirklichkeit kann mit Grund über Deine Undankbarkeit klagen. Geh' hinaus in Gottes freie Ratur, beuge dort das Knie — und erkenne, daß das Leben ſchön iſt, daß Gott gut iſt, und ſuche die Genüſſe, welche aus edeln, reinen, göttlichen Quellen entſpringen, und Du wirſt nie mehr über die leere Wirklichkeit klagen. Emy's Herz fühlte ſich von dem herrlichen Abend ergriffen; ihr Blick ſchaute hinauf in Gottes blaues Tempelgewölbe, während ſie ſich von ihrer Mutter Heiſt umſchwebt wähnte, der n Himmel herab der verlaſſenen Tochter ſeine Liebe zuflüſterte. In Emy's großen Augen zitterte eine Thräne der Rührung. Ich! Vielleicht hatte ſie ein dunkles Vor⸗ 3 gefühl, daß ſie nunmehr in eine Periode ihres Lebens eintrat, welche manchen ſtillen, aber bittern Streit, 1 — 87 manchen heftigen Kampf zwiſchen dem Herzen und der Vernunft mit ſich bringen ſollte. Auch Hildur ſaß ſchweigend da und ſchaute mit gedankenvollen Augen auf die See hinaus; auch in des Kindes Herz regten ſich jene magiſch feſſelnden Träume, welche man mit Recht die Poeſie der Seele nennen kann. Jene Träume, welche durch ein ſchönes Schauſpiel der Natur hervorgerufen werden, und welche die holden und ſanften Gefühle des Her⸗ zens erwecken. Woran dachte Hildur? An ihren Vater. Alles, was Hildur's Inneres Warmes und Liebevolles in ſich ſchloß, das hatte ſie in ihrer Zärt⸗ lichkeit für den Vater und in ihrer dämmernden An⸗ hänglichkeit an Emy zuſammengedrängt. Ihr Vater war für Hildur das Bild alles Zärtlichen, Guten und Eveln, und ſo ſehr ſie auch noch Kind war, ſo hätte ſie doch für ſein Glück und Wohlergehen ihr Leben ohne Murren hingegeben. Nun träumte ſie in ihres Herzens Tiefe, wie ſie ihm ein glückliches und frohes Leben bereiten könnte. Ach! ſie wollte ihm einen reichen Lohn für alle ſeine grenzenloſe Liebe gewähren. So träumte ihr Kindesherz. Selma, viel jünger und in Folge deſſen weniger verſtändig, dachte nur daran, wie ſehr ihre Eltern erſtaunen würden, wenn ſie ihnen von dem Erſchei⸗ nen des Grafen erzählte. Jezt legte das Boot an der Brücke von gard an und die Mädchen hüpften an das —————— ——— XIII. „Guten Abend, liebſter Papa,“ rief Hildur fröh⸗ lich ihrem Vater zu;„ich ſoll Dich von Couſin Ar⸗ thur und der kleinen Sappho grüßen,“ ſezte ſie hinzu und machte einen ſtolzen Kniks mit dem Kopfe. „Was ſchwazeſt Du da für Unſinn, Mädchen?“ ſagte der Vater lächelnd und betrachtete die Tochter mit einem zärtlichen Blick. „Wir haben den Grafen Arthur getroffen, und er warf ſich in die See, um Emy's Hut aufzufiſchen, das iſt wirklich wahr,“ fiel Selma lebhaft ein. „Und dann kam er triefend wie ein naſſer Hahn mit dem Hute zu uns,“ fügte Hildur bei.„Und dann ſprach er ſo zierlich von dem himmliſchen Wohl⸗ laute in meiner Stimme und betrachtete meine Naſe mit großer Bewunderung,“ ſcherzte ſie, während ſie in ihrer komiſchen Weiſe ſich das Anſehen vornehmer Würde und Feierlichkeit zu geben ſuchte. „Habt Ihr den Verſtand verloren, Kinder?“ rief Frau Becker,„oder was ſind das für Narrheiten, die Ihr da ſchwazet?“ „Reine Wahrheit, ſüße Mama,“ verſicherte Hil⸗ dur,„oder hältſt Du es für ſo unmöglich, daß Je⸗ mand über meine Naſe in Entzücken gerathen kann?“ „e Emy, was iſt denn das für eine ſeltſame Geſchichte von der Hildur erzählt?“ ſagte der Lieu⸗ tenant lächelnd, indem er ſich zu Emy wandte. Emy berichtete in der Kürze, was geſchehen war. ſiaſtiſcher Aufmerkſamkeit auf Emy's Geſang lauſchte, 89 „War die Gräfin auch in dem Boote?“ fragte der Lieutenant. „Das weiß ich wahrhaftig nicht,“ antwortete Emy;„ich ſah gar kein Boot, ehe der Graf ſich in die See warf, und dann war meine Aufmerkſamkeit ausſchließlich auf ihn gerichtet. „Aber ich ſah Couſine Sappho, ich,“ fiel Hildur ein;„ihr Haar erglänzte aus weiter Ferne. Dora ruderte das Boot.“ Hier wurden die Sprechenden unterbrochen, denn ein Wagen fuhr auf Lundagard vor Gerade als ſie alle hinauseilten, um die Fremden zu empfangen, ſahen ſie die Gräfin, den Grafen und Klara auf der Straße mit ihren Roſſen vorüberfliegen. So ſchnell dieß auch geſchah, vermochte der Graf gleichwohl einen Schimmer vom Emy's junoniſcher Geſtalt und ihren dunkeln Locken zu eieſ er zog den Hut in demſelben Augenblick, da ſein Pferd ihn an Lun⸗ dagard vorübertrug. „Ah, da iſt ja der Mutter Bruder und die Tante!“ riefen die Mäbhen und öffneten den Wagenſchlag. Aus dem Wagen hüpften zwei Jünglinge in Kadet⸗ tenuniform und halfen dann mit großer Ehrerbietung einem ältern Herrn und einer ältern Dame aus dem Wagen. XIV. Wir wollen uns eine Weile mit Sappho be ſchäftigen. Von dem Augenblick an, da Arthur mit enthu⸗ —— ů ůũůÜůÜů˖ů˖ů˖˖— waren Sappho's gute Laune und alle beſſern Gefühle wieder in den Hintergrund getreten, um einem gan⸗ zen Wirbel von finſtern und heftigen Leidenſchaften Platz zu machen. Ihre Eiferſucht, ihr unbändiger Hochmuth, ihre Herrſchſucht erwachten, und ſie empfand ein unwiderſtehliches Verlangen, den Mann, welcher ihr dieſe ewig wiederkehrende Marter anthat, zu höhnen und zu verlezen. Arthur's Sprung in die See ſteigerte nur noch dieſe Gefühle. Als das Boot bei Skärholm anlegte, ſprang Sappho zuerſt an das Land und befahl dem Diener, ſogleich die Perde vor⸗ zuführen. „Wollen Sie nicht erſt ein wenig ausruhen, Frau Gräfin?“ fragte Dora und ſah ſie mit ihren treu⸗ herzigen Augen an. „Nein, nein, ich will ſogleich nach Hauſe,“ er⸗ wiederte Sappho heftig. „Dann gehen Sie wenigſtens hinauf, bis die Pferde geſattelt ſind,“ bat Dora. „Ich warte hier,“ antwortete Sappho und blieb auf der Brücke ſtehen.„Man bringe die Pferde hieher. Grüße Deine Mutter, Dora.“ Klara begab ſich in den Hof hinein. Sappho und Dora blieben allein auf der Brücke. Die hoch⸗ geborne Dame und das geringe Mädchen betrach⸗ teten einander eine Sekunde, darauf fragte Sappho: „Dora, wer war die Perſon, welche ſang?“ 3 „Eine Mamſell Kreuzer, welche bei Lieutenant Becker iſt,“ antwortete Dora. Sappho ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße und ſchwieg. „Iſt die Frau Gräfin mit mir unzufrieden?“ —— 91 Die Frage war ganz einfach und wurde in un⸗ erſchrockenem Tone geſtellt. Sappho warf einen beinahe ſtolzen Blick auf Dora, welche nur ſo vermeſſen ſein konnte, ſich ein⸗ zubilden, daß Unzufriedenheit mit ihr eine Gräfßt Ruben um ihre gute Laune bringen köunte: aber das ſtolze Blitzen des Auges prallte an Doras ruhiger und ernſter Miene ab. Es lag Etwas in deren Blick, was Sappho andeutete, daß ſie ihren Gefühlen zu wenig Zwang anthat, daß die in ihren Augen ſo geringe Dora hoch über ihr in der Kunſt ſich zu beherrſchen ſtand. Dabei leuchtete aber auch eine ſo wahrhafte Ergebenheit aus Dora's Augen, daß Sappho fühlte, ſie würde vielleicht niemals wieder ein ſo treues Herz finden. Genug, ihr Hoch⸗ muth verſtummte, und mit einer beinahe freundlichen Stimme antwortete ſie: „Nein, liebe Dora; ich bin nur ungeduldig, nach Hauſe zu kommen. Wie lange iſt es, daß Mamſell Kreuzer auf Lundagard verweilt?“ „Erſt einige Monate,“ erwiederte Dora. „Sei ſo gut und ſorge, daß der Bediente ſchnell kommt,“ bat Sappho mit freundlichem Kopfnicken. Dora ging. An das Brückengeländer gelehnt, ſchaute Sappho in das Waſſer hinab. Der ruhige, herrliche Abend, welcher ſo mächtig von Frieden und Verſöhnung redete, vermochte nicht, ihr unruhiges Herz zu be⸗ ſänftigen; vielmehr nahm der Sturm darin und mehr zu, je länger ſie einſam auf der Brücke, ſtand. Mit bitterem Hohn befragte ſie das Geſchick, warum ein Ungefähr dieſe Sängerin Arthur in den 3 — —————— 92 Weg geführt und dadurch neue Unruhe, neue Qual ihr ins Herz geſenkt hätte. Sappho war nicht ge⸗ ſchaffen, ein Leid geduldig zu ertragen. Nein, ſie ätte gern den Himmel geſtürmt, die Welt umge⸗ 1 und die beſtehende Ordnung geſtürzt, um ihren Schmerz zu kühlen und für ihre ſelbſtgeſchaf⸗ fene Qual Linderung zu finden. Das Stampfen der Pferde auf der Brücke er⸗ weckte ſie aus den wilden Grübeleien, in welche ſie verſunken war. Zu ihrer nicht geringen Verwunde⸗ rung erſchien Arthur in Begleitung von Klara. „Frau Gräfin,“ rief Klara,„ich behaupte, daß der Graf ſich beſtimmt eine Krankheit zuzieht, wenn er ſich in den Kopf ſezt, eine ganze Meile in den durchnäßten Kleidern zu reiten. Ueberzeugen Sie den Grafen, daß ich Recht habe.“ „Arthur iſt ein ſo überlegſamer und kluger Mann, daß er gewiß ſelbſt am beſten beurtheilen kann, was ihm gut thut,“ antwortete Sappho, lehnte mit einer ſtolzen Vewegung das Anerbieten des Grafen, ihr in den Sattel zu helfen, ab und vertraute ſich an ſeiner Statt Dora an. „Sappho hat Recht,“ verſicherte Arthur in hei⸗ terem Tone,„ich weiß am beſten ſelbſt, was zu mei⸗ nem Frieden dient,“ und half ſofort Klara beim Auf⸗ ſteigen.. Ohne zu fragen, ob die Andern fertig wären, gab Sappho ihrem Pferde einen Hieb mit der Reit⸗ gerte und eilte voraus. „Der Wind hat ſich gedreht, merke ich,“ ſagte der Graf lächelnd zu Klara.„Wir bekommen viel⸗ leicht Unwetter auf dem Heimwege.“ 93 „Es ſieht ſo aus,“ erwiederte Klara. Beide jagten der forteilenden Sappho nach. Kurz ehe man Lundagard erreichte, holten ſie dieſelbe ein. „Die Kammerräthin iſt mehr todt als lebendig von dem allzuſchnellen Ritt, den wir machen mußtet um Dich einzuholen,“ begann Arthur, als er ſeinen Plaz an Sappho's linker Seite eingenommen hatte. „Oh, das hat keine Gefahr, die Bewegung iſt gut, beſonders wenn man ein kaltes Bad genommen hat,“ entgegnete Sappho. In vollem Galopp eilte man nun an Lundagard vorbei. Als Arthur grüßte, wurden Sappho's Züge noch ſtolzer, und ſie wandte ſich mit den Worten an ihren Couſin: „Genire Dich nicht; Du willſt vielleicht einen Be⸗ ſuch bei Beckers machen.“ „Heute nicht; dazu bin ich zu naß,“ antwortete Arthur lachend. Sappho hielt ihr Pferd an und ließ es im Schritte gehen. Sie warf den Kopf zurück und heftete auf Arthur einen verächtlichen Blick, indem ſie ſagte: „Ich hätte mit Recht von meines Onkels Sohn, von meines Gatten Bruder ſo viel Achtung erwarten können, daß er mich nicht durch ein unpaſſendes Be⸗ nehmen beleidigen würde. Glaubſt Du wirklich, daß dieſes Manöver mit dem Hute einem Edelmann an⸗ ſteht? Ein Graf Ruben, der noch dazu in meiner Ge⸗ ſellſchaft iſt, wirft ſich in die See, um den Hut einer unbedeutenden Mamſell Kreuzer aufzufiſchen. Eine ſolche Handlung ließe ſich entſchuldigen, wenn das Leben des Mädchens in Gefahr geweſen wäre; ſo aber iſt ſie beides, lächerlich und verächtlich. — 94 Sappho's Augen erweiterten ſich und nahmen einen flammenden Ausdruck an. „Meine ſchöne Schwägerin! Ich könnte Deinen Ausfall unbeantwortet laſſen, und thäte vielleicht da⸗ wit auch am klügſten; aber Du haſt Recht, ich habe wirklich die Artigkeit gegen Dich verlezt, und bitte Dich, mir deßhalb zu verzeihen. Meine Handlungs⸗ weiſe bedarf übrigens keiner Erklärung.“ „Was glaubſt Du, daß dieſe Menſchen von dem Grafen Arthur Ruben ſagen werden, der ſich kopf⸗ über in die See geſtürzt hat, um den Hut eines un⸗ bekannten Mädchens heraufzuholen?“ „Sie werden ſagen,“ antwortete der Graf ruhig, „daß er ein exaltirter Narr war, und daß er den Tag darauf Löda verlaſſen hat,“ ſezte er ernſt hinzu. Sappho wurde todesbleich, ſchwieg aber und ließ ihr Pferd wieder mit ihr wie im Sturmwinde davon fliegen. Klara betrachtete Arthur's jezt ernſtes Angeſicht und las darin einen feſten Entſchluß. „Er hat Recht,“ dachte ſie. — RV. Sappho ſuchte dieſe Nacht vergeblich den Schlum⸗ mer. Was hatte ſie jezt angerichtet! Durch ihre un⸗ bändige Gemüthsart den Grafen Arthur dazu be⸗ ſtimmt, ſie zu verlaſſen. Sie hätte gern mit einem Jahre ihres Lebens es ungeſchehen gemacht, ihre Worte zurückgenommen, wenn er nur wieder geblie⸗ ben wäre; aber nun— nun wußte ſie, daß Arthur —— 95 abreiſen würde, auch wenn ſie ihn bäte, davon ab⸗ zuſtehen. Was noch mehr war, er kehrte gewiß nicht ſo bald wieder nach Löda zurück, nachdem er es auf ſolche Weiſe verlaſſen hatte. Sappho konnte vor ſich ſelbſt nicht verbergen, daß ſie ihm ſeinen kurzen Au enthalt durch die Stiche, welche ſie ihm beſtändig beibrachte, ſehr unbehaglich gemacht hatte. Der Morgen fand Sappho noch als Beute dieſer im höch⸗ ſten Grade peinlichen Gefühle. Beim Frühſtück war Arthur bereits reiſefertig; und nachdem man daſſelbe in ſehr gezwungener Sin eingenommen hatte, entfernte ſich lara. Couſin und Couſine waren jezt allein, und Ar⸗ thur begann:. „Ehe ich mich entferne, Sappho, wünſche ich, daß Du klar erkennen mögeſt, warum ich ſo lang und ſo geduldig alle Deine Ausfälle gegen meine theuer⸗ ſten Gefühle ertragen habe. Du haſt es wahr⸗ ſcheinlich für Feigheit von mir angeſehen, aber das iſt nicht richtig. Ich ertrug es deßhalb, weil Du meines Bruders Wittwe biſt, weil ich, ehe er ſeinen lezten Seufzer aushauchte, ihm gelobte, Dir ein treuer Freund und, wenn es nöthig wäre, eine Stüze im Leben zu ſein. Dieſes mein Gelübde habe ich gehalten und werde es auch hinfort halten; aber dieß gibt Dir, Sappho, kein Recht, immer und un⸗ aufhörlich in meine Angelegenheiten einzugreifen, be⸗ ſtändig meine Handlungen zu meiſtern und mich zum Vorwurf für Deine Sarkasmen und Deinen Hohn zu machen. Als Freund und Bruder habe ich Deine Einladung hieher angenommen; als ſolcher bin ich 96 ein Gaſt unter Deinem Dache geweſen! aber wie haſt Du mich behandelt? Sage, glaubſt Du, ein Mann, auch nur mit einem Schatten von Stolz und Ehrgefühl werde ſich alſo moraliſch von einer Frau mißhandeln laſſen, welche weder ſeine Frau noch ſeine Geliebte iſt, deren Freund er von Herzen gern wäre, die aber durch ihr Benehmen dieß unmöglich macht? Ich bin frei, Sappho, brauche nur vor Gott Rechenſchaft über mein Thun und Laſſen abzulegen, und will die Schwachheit meines Herzens nicht von einer Perſon, welche keinen Anſpruch irgend einer Art an mich zu machen hat, ans Licht gebracht und ins Lächerliche gezogen ſehen.— Wir ſind Ver⸗ wandte, das iſt wahr; aber dieß berechtigt Dich nicht, es zum Gegenſtand Deiner Sorge zu machen, wie ich meine Stellung im Leben ausfülle. In meinem ganzen Leben habe ich mich nur einmal des Na⸗ mens eines Edelmannes unwürdig gemacht, und dieß war damals, als ich, von Dir aufgereizt, aus ge⸗ kränktem Hochmuth, dem Mädchen, welches ich liebte, meinen Namen zu geben Bedenken trug.— Jezt, Sappho, reiſe ich, und erſt wenn Du in Wirklich⸗ ₰ keit meiner bedarfſſt, trete ich wieder unter dieſes ₰ Dach, bitte Dich aber ein für alle Mal, mit meinen Gefühlen kein Spiel zu treiben.“ Der Graf ſprach würdevoll und ernſt. Ein jedes ſeiner Worte verlezte Sappho in doppelter Hinſicht, aber mit einer äußerſten Anſtrengung bezwang ſie den auflodernden Ungeſtüm ihres Gemüths, und reichte ihm die Hand mit den Worten: „Arthur, Du kennſt meine Naturell, Du ſollteſt 2 wareſt, was in meiner Seele eine demüthigende 97 mit der beſtändigen Ebbe und Fluth meiner Launen nicht ſo ſtreng abrechnen.“ „Die Launen einer Frau vermag ein Mann geduldig zu ertragen, nämlich derjenigen, welche er liebt. Aber ich müßte erröthen, wenn ich mich zum Sclaven derjenigen machte, welche ich nicht liebe. Darum ſcheiden wir jezt.“ Sappho's Wangen waren weiß wie Schnee, als ſie mit ſanfter Stimme flüſterte: „Aber wir ſcheiden doch als Freunde; Du weißt, welche Macht der Stolz auf unſern Namen über mich ausübt. Es war das Bewußtſein, daß Du Dich dazu erniedrigt hatteſt, ein Mädchen ohne Ge⸗ burt zu lieben, daß Du nahezu vergeſſen, wer Du Erinnerung an Dich als Verwandten zurückließ. Wir wollen nun der Vergangenheit vergeſſen, und ich verſpreche Dir, daß Du bei mir allezeit eine wahr⸗ hafte Anhänglichkeit wiederfinden ſollſt.“ Mit einer halb ſtolzen, halb milden Bewegung reichte ihr Arthur die Hand. Eine Viertelſtunde darauf rollte ſein Wagen davon, und Sappho lag ausgeſtreckt auf ihrem Sopha, während ein wildes, konvulſiviſches Schluch⸗ zen ihren Körper erſchütterte. Aber wir werden ſie un auf lange Zeit ihrem Geſchick und Leid über⸗ laſſen. XVI. Am Abend deſſelben Tags, wo Emy das Aben⸗ teuer mit dem Hute gehabt hatte, ſaß ſie, nach⸗ Schwartz, Blätter a. d. Frauenleben. F. ——— 98 dem die drei Mädchen, um ſich ſchlafen zu legen, auf ihr Zimmer gegangen waren, gedankenvoll am Fenſter und löste ihr Haar auf, während ihre Au⸗ gen ziellos und in träumeriſcher Ahnung über die vor ihr ausgebreiteten grünen Wieſen dahinſchweiften. 1. „Wie wird es nun hier munter werden, da der Onkel hieher gekommen,“ ſagte Selma, welche zů⸗ ſammengekauert in ihrem Bette ſaß. „Ja, denke nur, da wirſt Du einiger Lectionen, des Klavierſpielens und dergleichen, wovon Du Dich gern dispenſiren möchteſt, los,“ fiel Hildur ein. „Nun ja, Du biſt vielleicht auch nicht ſo ſehr für das Studiren eingenommen,“ meinte Selma, „und haſt es im Innern auch gern, daß wir ein wenig Freiheit bekommen.“ 3 „Aber ſiehſt Du, Selma, ich muß Mama in der † Haushaltung helfen, und das iſt beſtimmt ebenſo anſtrengend als das Studiren; Du aber kommſt von Allem los. Du kannſt die Hühner füttern und mit Ellert ſpielen, wenn er nämlich mit Dir ſpielen will. „Ich wäre begierig zu wiſſen, wie lang der Onkel hier bleibt,“ fuhr Selma gähnend fort. ₰ „Wenigſtens ſo lang, daß Du inzwiſchen das Wenige, was Du in Deinen Kopf gebracht haſt, vergeſſen kannſt. Lege Dich nun hin, damit ich der Nothwendigkeit überhoben bin, Dich noch länger ſo ſizen zu ſehen.“ 3 „Herr Gott, Hildur, wie abſcheulich Du biſt! Selma legte ſich nieder. ₰ „Ich kann nicht dafür, dünkt mir, daß ich ein unartiges Mädchen bin, nicht wahr, Emy?“ Wit dieſen Worten ſezte ſich Hildur auf den Fuſ⸗ ——— 99 boden, legte ihren Kopf auf Emy's Kniee und blickte mit einem ſo warmen und ſprechenden Blick zu ihr auf, daß Emy mit mildem Lächeln liebkoſend ihre Hand über des Mädchens Scheitel gleiten ließ. *„O ja; aber Du reizeſt Selma durch Deine Neckereien allzuſehr,“ antwortete Emy ſanft. „Sie ſoll darüber nicht böſe werden,“ ſagte Hil⸗ dur lächelnd. „Da hörſt Du nun, Emy ſagt ſelbſt, daß Du mich reizeſt, und Du thuſt es blos darum, weil Du mich nicht leiden kannſt,“ fiel Selma ein. „Schlaf' Du, ſo kommen beſſere Gedanken über Dich,“ meinte Hildur mit ihrem gutmüthigen Lä⸗ cheln, dann ſezte ſie ſanft hinzu: „Gute Nacht, Emy!“ Schmeichelnd legte ſie ihren Kopf an Emy's Bruſt.„ „Gute Nacht, liebe Hildur,“ und Emy drückte ihre Lippen auf ihre Stirne. Bäld verrieth der gleichmäßige und leichte Athem⸗ zug, welcher ihre Bruſt hob, daß ſie ſchliefen; Emy ſaß noch immer am Fenſter. Die Ereigniſſe des Tages lebten in ihrer Erinnerung wieder auf, und es dünkte ihr, als ob ſie noch des Grafen warmen, ſeelenvollen Blick auf ſich gerichtet ſähe. Das Selt⸗ ſame und Romantiſche des kleinen Abenteuers war ganz dazu geeignet, auf die Phantaſie einzuwirken und Stoff zu manchem Traume zurückzulaſſen. Wäre Emy ein Mädchen von gewöhnlichen und minder ernſten, Grundſätzen geweſen, ſo hätte ſie ſich vielleicht unbe⸗ denklich und ohne Widerſtand dem Eindruck, welchen Graf auf ihre Einbildungskraft gemacht hatte, 100 hingegeben. So aber ſtand ſie, nachdem ſie ſich eine Weile ihren Träumen überlaſſen hatte, haſtig auf. „Nein,“ ſagte ſie bei ſich ſelbſt,„ich will nicht mehr an dieſen Vorfall denken, ich will Eindrücke abwehren, welche ich zu nähren kein Recht habe Meine Vernunft verwirft meine Träume, und ſo lang meine Hand dieſen Ring trägt, iſt jeder Gedanke, welcher auf dem Wege der Phantaſie ſich ergeht, Etwas das meiner Pflicht widerſtreitet. O! Schat⸗ ten meiner geliebten Mutter, Du ſollſt Deine Toch⸗ ter niemals, niemals Deines Andenkens unwerth finden.“ Und Emy faltete ihre Hände zu einem warmen und innigen Gebet. . Im Saale auf Lundagard ſtand Hildur am näch⸗ ſten Morgen und ordnete das Frühſtück, als Arvid, der jüngſte Sohn des Bezirksrichters Lind, Frau Becker's Neffe, eintrat. Der junge Kadett konnte durchaus nicht ſchön genannt werden, aber der leb⸗ hafte, friſche Ausdruck in ſeinen Zügen, der muntere 5 Blick und das freie ungezwungene Benehmen mach⸗ ten ihn zu einem ganz angenehmen Jüngling. 3 „Guten Morgen, liebe Hildur, Du biſt ſchon be⸗ ſchäftigt mit den guten Dingen, die dem Menſche zur Speiſe dienen; Du wirſt gewiß eine vortrefflich Hausfrau.“ Arvid ergriff die Hände ſeiner jungen Couſin indem er hinzuſetzte: de 101 „Es wird nun ſehr luſtig auf Lundagard her⸗ gehen, denn Du mußt wiſſen, daß ich und Ellert während der Ferien hier zu verweilen gedenken, wenn der Onkel uns nämlich nicht fortjagt.“ „Ach, damit hat es keine Gefahr,“ antwortete Hildur erröthend, denn ſie war anfänglich dem Couſin gegenüber etwas verlegen. „Meiner Seele, Hildur, ich muß doch nicht glau⸗ ben, daß Du Dich vor mir fürchteſt,“ rief Arvid la⸗ chend.„Bedenke, daß Papa und der Onkel mich all⸗ zeit Deinen Bräutigam genannt haben, ſchon als ich noch ein kleiner Aufſchößling war. Es iſt alſo gar nicht in der Ornung, ſeinem Geliebten gegenüber die Verlegene zu ſpielen,“ ſezte er hinzu, indem er ſie um den Leib faßte und mit ihr um den Tiſch herum zu walzen begann. „Das Frühſtück, Arvid!“ rief Hildur, ſich ſträu⸗ bend,„der Onkel und die Tante werden bald er⸗ ſcheinen, und ich habe noch nicht gedeckt.“ Damit riß ſie ſich von ihrem Couſin los und ſprang hinaus. In Kurzem waren alle am Frühſtücktiſche ver⸗ ſammelt. Eemy war eine neue Erſcheinung für die jungen Herren Lind; ſie hatten dieſelbe früher noch nicht ge⸗ ſehen. Sie war durch ihre Schönheit und ihre Ge⸗ ſtalt ganz geeignet, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen; aber den muntern, ungeſtümen Arvid ſprach ſie gleichwohl nicht an; er fand ſeine kleine, fünf⸗ zehnjährige Couſine weit ausgezeichneter. Der ältere Bruder Ellert, ein langer ſtattlicher Jüngling, mit . ſchönen Zügen und dunkeln Haaren, hatte dagegen viele Mühe, auch nur ein Auge von Emy abzu⸗ wenden. Die kleine Selma wäre ſicherlich vergeſſen wor⸗ den, wenn ſie nicht mit der ganzen Unſchuld eines eilfjährigen Kindes ſich in Erinnerung zu bringen gewußt hätte. Der Bezirksrichter verweilte mit ſeiner Frau ei⸗ nige Tage auf Lundagard, und es war eine Reihe — fröhlicher Tage. Bei der Abreiſe ließ er die Söhne zurück, welche aus verwandtſchaftlicher Liebe von dem Lieutenant wie ſeine eigenen angeſehen und behan⸗ delt wurden. So verging in Heiterkeit ein Monat, als eines Tages, gegen Ende Auguſt's, ein Brief an Emy an⸗ kam, bei deſſen Durchleſen ihre Wangen ſich mit Todesbläſſe bedeckten. Sie ſaß am Fenſter des Saales; der Lieutenant hatte ſeinen Platz auf dem Sopha. Sie waren allein. „Was iſt Dir, Emy?“ fragte er mit jenem mil⸗ den und freundlichen Tone, der ihm ſo eigenthüm⸗ lich war. Emy blickte auf, vermochte aber keine Antwort zu geben. „Sprich, mein Kind; haſt Du einen Kummer, ſo vertrau' ihn mir an; ich ſehe Dich ja ſo an, als wäreſt Du meine eigene Tochter.“. Der Blick des Lieutenants zeugte von einer ſo väterlichen Zärtlichkeit, daß er unwillkürlich Vertrauen einflößte. „Von wem iſt der Brief?“ „Von meinem Bräutigam,“ ſtammelte Emy;„er — 103 kommt im nächſten Monat hieher; und dies, dies, Onkel, erſchreckt mich.“ Emy ſenkte den Kopf zu Boden und weinte. „Aber haſt Du ihm denn Dein Jawort aus freier Hand gegeben, oder biſt Du dazu gezwungen worden?“ — Ich kann eine ſolche Gewaltthat von einem Vater nicht begreifen,“ ſezte Becker hinzu und dachte an ſeine eigenen Kinder, welche er ſo innig, ſo unbe⸗ grenzt liebte, daß er lieber ſich ſelbſt jedes Opfer auf⸗ rleht als ſeinen Kindern einen Schmerz verurſacht hätte. „Nein, Papa hat mich nicht gezwungen; es war aber das erſte Mal, daß er mich um Etwas bat,“ erwiederte Emy.„Ach, Onkel, er, der ſeit dem Tode meiner Mutter ſo ſchroff, ſo ſtreng und kalt gegen mich geweſen, er kam, als Wenger ſich um mich be⸗ warb, zu mir und gab mir auf eine ſo herzliche Weiſe zu verſtehen, daß ich ſeinen liebſten Wunſch erfülle, wenn ich Wenger meine Hand reichte, und daß er ſich ſo froh, ſo glücklich fühlen würde, wenn ich dieſe ſeine Hoffnung verwirklichte. Ich gab nach, ich glaubte meine Pflicht als Tochter zu erfüllen. ohne zu bedenken, daß die wirkliche Anknüpfung eines ſolchen Bandes für mich beinahe etwas Unmögliches wäre.“ Emy ſchwieg. „Aber was iſt es denn, das ſie unmöglich macht? Iſt Dein Bräutigam kein ehrlicher und braver Burſche?“ „Ich habe nie etwas Anderes gehört, aber ich liebe ihn nicht; noch mehr, er floßt mir eine unüberwind⸗ liche Antipathie ein. Ach, Onkel, ich weiß, daß es 104 unrecht iſt; aber ich vermag dieſes mein Gefühl nicht zu bezwingen.“ „Du mußt es aber dennoch thun, Emy,“ ſagte der Lieutenant ernſt, jedoch mild.„Siehe, Kind, ein rechtlich denkender Menſch darf niemals Wort und Gelübde brechen. Du haſt einmal Deinem Bräuti⸗ gam Dein Wort gegeben, und da Du nichts gegen ſeinen Charakter einzuwenden haſt, ſo iſt es Deine Pflicht, eine Abneigung gegen ihn zu bekämpfen, welche vielleicht nur in einer Laune ihren Urſprung hat. Ueberdieß hängt vielleicht ſein Herz wahrhaft an Dir, und ungeſtraft hat man noch niemals mit Anderer Gefühle geſpielt. Nimm' Dich in Acht, dies zu thun, und prüfe ſorgfältig, was Du thun willſt, ehe Du Dein Wort brichſt.“ „Es ſcheint Dir alſo, Onkel, daß ich Wenger's Gattin werden müſſe?“ flüſterte Emy mit beinahe athemloſer Stimme. „Das behaupte ich nicht, aber ich warne Dich, unter dem Einfluß irgend eines kindiſchen Gefühls eine Verbindung abzubrechen, welche Dein Vater ſo lebhaft wünſcht. Ich will nur, daß Du nicht minder mit Deiner Vernunft, als mit Deiner Einbildung die Beſchaffenheit Deiner Gefühle unterſuchſt. Laß es Dich nicht verdrießen, mein Kind, ich ſpreche zu Dir als Vater und Freund,“ ſezte Becker liebevoll hinzu und reichte Emy die Hand. „Ach nein, es verdrießt mich nicht,“ entgegnete Emy und faßte des Lieutenants Hand.„Dein Güte thut meinem Herzen wohl, denn ich bin ſo einſam und verlaſſen in der Welt.“ „Dann folge meinem Rath und erorſche noch e 105 einmal, während Dein Bräutigam hier verweilt, ge⸗ nau und mit Ernſt Dein Inneres. Becker ſtand auf und verließ den Saal. Zu einer ſpätern Stunde des Tages ſaßen Hildur und Selma auf einem der Bünke im Hofe und ſchäl⸗ ten Aepfel; erſtere ſah nicht ſehr freundlich aus, und man erkannte deutlich, daß Hildur bei ſchlechter Laune war. „Mein Gott, Selma, wie ſchälſt Du ſo langſam, da werden dieſe Aepfel vor nächſtem Sommer nicht Du tändelſt ja damit herum, wie ein kleines ind.“ „Halt' ein mit Deinem Zanken, Hildur, ſonſt ſchäle ich nicht einen einzigen Apfel mehr,“ meinte Selma und legte das Meſſer weg. „Du willſt nur nichts thun, liebe Selma, und dennoch biſt Du ein großes, altes Mädchen.“ Hildur war ganz ärgerlich. „Aber ſage mir nur, warum Du böſe biſt?“ „Weil Du immer pipſt und quäckſt.“ „Ich habe ja kein Wort weiter geſagt, als daß ich ſchwarz an den Fingern würde.“ „Nun denn, was liegt daran, ob Deine Finger ſchwarz oder weiß ſind?“ „Du biſt nur böſe gegen mich, weil Emy's Bräu⸗ tigam hieher kommen ſoll; ich kann aber Nichts da⸗ für. Ich hörte wohl, was Du ſagteſt, als Emy Dir davon erzählte.“ „Und was haſt Du denn in Deiner Weisheit gehört?“ „Du behaupteteſt, Du würdeſt nicht eher froh werden, als bis er Lundagard wieder im Rücken hätte. Was aſt Du denn mit ihm zu thun? Und warum biſt Du eigentlich böſe auf ihn?“ „Das begreifſt Du nicht, ſchäle Du nur fort und denke an Deine Puppen.“ „Emy's Bräutigam wird alſo hieher kommen?“ fragte auf einmal Ellert hinter den beiden Mädchen. „Ja, nächſte Woche,“ antwortete Selma, erfreut, daß ſie Jemand hatte, mit dem ſie ſprechen konnte, und der hiezu geneigter wäre, als Hildur.„Es wird mir Freude machen, ihn von Angeſicht zu ſehen,“ ſezte ſie mit kindlicher Offenherzigkeit hinzu,„obſchon Hildur ſich darüber ärgert. Emy's Hochzeit findet ſicherlich nun bald ſtatt, und da werden wir auch dabei ſein. Ach! wie freue ich mich, ſie als Braut zu ſehen!“ fuhr Selma fort und ſah ganz glücklich aus. Sie achtete nicht auf Ellerts verändertes Aus⸗ ſehen und auf Hildur's ausdrucksvolle Miene. „Herr Gott, was Du da herplapperſt! Ruhe doch aus und ſchöpfe Athem,“ rief Hildur und ſtieß Selma an, welche dadurch im höchſten Grade gereist auf⸗ ſprang und davon lief. „Wird Emy ſo bald heirathen?“ fragte Ellert und fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, welche ungewöhnlich bleich war. „Ich weiß es nicht; aber ihr Bräutigam kommt hieher, um zu beſtimmen, wann es geſchehen ſoll.“ Hildur ſchälte dabei ſo eifrig, daß ſie große Stücke von dem Apfel mit abſchnitt. „Sie ſehnt ſich wohl ſehr nach ihm?“ fragte 107 Ellert, indem er ſich auf die Bank warf und in eine Rauchwolke einhüllte. „Darauf mag ſie ſelbſt antworten, da kommt ſie; wie kann ich das wiſſen?“ Emy und Arvid kamen auf die Sprechenden zu. „Ich will Dir ſchälen helfen,“ rief Arvid, ergriff ein Meſſer und warf ſich zu Hildur's Füßen auf das Gras nieder, indem er mit dem beſten Appetit von der Welt den Apfel, an dem er ſchälte, zu verſpeiſen begann. „Arvid, iß mir nicht meine Aepfel weg,“ rief Hildur lachend. „Ei, ei, biſt Du ſo geizig, Hildur? Wo ſoll das hinaus, wenn Du einmal verheiratheſt biſt?“ ſcherzte Arvid und ſuchte ſich noch einen Apfel aus. „Es wird ſchon gehen,“ antwortete Hildur und ahmte das gegebene Beiſpiel nach. Während Arvid und Hildur mit kindiſcher Mun⸗ terkeit ſcherzten, ſagte Ellert zu Emy, welche ſich gleichfalls auf die Bank geſezt und zu arbeiten ange⸗ fangen hatte: „Warum ſo ſehr in Gedanken, Emy? kommt dies von der Freudenbotſchaft her, welche Sie heute erhalten haben?“ „Welche denn?“ fragte Emy und beugte ſich auf ihre Arbeit nieder. „Ei, da gerade von Neuigkeiten die Rede iſt,“ rief Arvid,„ich kann mit einer funkelnagelneuen auf⸗ warten.“ „Und welches iſt ſie?“ fragten alle drei. „Graf Arthur Ruben hat Holmvik hier in der Nochbarſchaft von Frau S. gekauft, und zwar für eine ganz beträchtliche Summe. Der Handel iſt ge⸗ ſtern abgeſchloſſen worden, und der Graf tritt ſein Beſitzthum im Herbſte an. „Ha!“ riefen Hildur und Emy zu gleicher Zeit. Emy's Wongen hatten eine lebhaftere Färbung angenommen. „Man ſollte glauben, der Graf beabſichtige ſich dort niederzulaſſen, denn er hat wirklich bedeu⸗ tende Reparaturen angeordnet. Komm', Hildur, die Tante ruft uns,“ ſezte Arvid hinzu, welcher ſah, daß Frau Becker ihnen winkte. Emy und Ellert waren allein. „Wann wird Ihre Hochzeit ſein, Emy?“ fragte Ellert plözlich und ohne alle Einleitung und ſchlug mit ſeiner Reitgerte einer nicht fern von ihm aus dem Boden aufſchießenden Blume den Kopf ab. Die Frage kam ſo unerwartet und wurde mit ſolcher Heftigkeit ausgeſprochen, daß Emy unwillkür⸗ lich ihre Augen auf ihn heftete. Seine Miene war ſehr erregt. „Ich weiß noch nicht, wann ſie ſein wird,“ ant⸗ wortete Emy ruhig;„aber ſo ſchnell wird es nicht ehen.“ Ellert ſah zu ihr mit einem Blicke auf, in wel⸗ chem ein völliges Geſtändniß lag. „Danke, Emy, für dieſes Wort.“ Sein Ton— war ſchwankend und unſicher. „Es liegt durchaus nichts dgrin, Ellert, wofür Sie mir zu Dank verpflichtet ſi. entgegnete Emy mit ſtillem Ernſte.„Und iſt die Hochzeit jezt nicht, ſo wird ſie doch in Kurzem ſtattfinden.“ *„ „Wäre ſie jezt beſtimmt, ſo.. 109 Ellert ſtockte; auf ſeiner Stirne brannte eine dunkle Röthe; darauf fuhr er fort: „So hätte ich Lundagard alsbald verlaſſen.“ Zu gleicher Zeit heftete er einen innigen, ſchmerz⸗ vollen Blick auf Emy, indem er hinzuſezte: „Ich hätte dann Ihre Nähe fliehen müſſen, Emy, „Müſſen Sie gleichwohl reiſen,“ fiel Emy mit ſo tiefem Ernſte ein, daß Ellert davor zurückbebte. „Emy!“ Mehr vermochte er nicht zu ſagen. „Ellert, wenn Sie einige Achtung vor mir, vor Ihrem Onkel haben, ſo reiſen Sie.“ Emy ſtand auf. „Noch ein einziges Wort!“ bat Ellert. „Nein, ich will nichts mehr hören. Ich bin überzeugt, daß Sie in Kurzem von Lundagard ab⸗ reiſen; die Luft iſt hier nicht geſund für Sie.“ Emy entfernte ſich. Ellert ſchaute ihr mit einem langen⸗ ſchmerzlichen Blicke nach. Dann fuhr er ſich mit der Hand über die Stirne und murmelte einige Worte in ſich hinein. XVIII. Am Abend deſſelben Tages finden wir die bei⸗ den Jünglinge allein in einem der Gaſtzimmer. Arvid lag ausgeſtreckt auf dem Sopha und trillerte das Lied„von dem tapfern Landwehrmann.“ Ellert hatte ſeinen Rock ausgezogen und ſaß in einem Lehnſtuhl am Fenſter. „So höre doch, zum Teufel, mit deinem Sing⸗ ſang auf, ich habe Dir Etwas zu ſagen,“ rief Ellert ungeduldig. „Nun ſo ſprich, ich bin ganz Ohr; laß ſehen, ob Du etwas Verſtändiges vorzubringen weißt,“ ant⸗ wortete Arvid gähnend. müſſen in zwei Tagen fort von Lunda⸗ gard.“ „Ich reiſe nicht eher ab, als bis der Curſus wieder anfängt. Lundagard iſt mir viel zu lieb, als daß ich es anders denn gezwungen verlaſſe.“ „Aber ich ſage Dir, Arvid, daß es mir unmög⸗ lich iſt, länger hier zu verweilen,“ fiel Ellert ein, ſprang auf und begann mit ſchnellen Schritten im Zimmer auf und abzumarſchiren. „So reiſe Du, aber ich bleibe hier. Es wäre unterhaltend, zu erfahren, was Dich dazu zwingt. Gefällt es Dir nicht mehr hier?“ Arvid richtete ſich auf und rief deklamirend ſei⸗ nem Bruder zu: „Was fehlt Dir denn, mein junger Aar, Iſt die Bruſt getroffen, die Schwinge vom Schuß gelähmt?“ „Hier iſt mir unmöglich zu bleiben, Arvid,— ich liebe Emy,“ ſezte Ellert haſtig hinzu. „Aber wie zum Henker kann man ſich in die Braut eines Andern verlieben?“ rief Arvid. „Was für eine einfältige Frage!— Sage lie⸗ ber, wie wäre es möglich, unter demſelben Dache mit Emy zu leben und ſie nicht zu lieben?“ entgeg⸗ nete Ellert mit Wärme. —— —— kreuzte die Arme über der ſtürmiſch erregten Bruſt. 111 „O, das iſt recht gut möglich; denn ich bin ganz und gar nicht in ſie verliebt. Sie flößt mir durch ihr kaltes, ſtolzes Weſen keinen ſonderlichen Reſpekt ein.“ „Aber haſt Du jemals ein ſo reines und edles Antliz geſehen, eine ſo wahrhafte und entzückende Einfachheit, vereint mit einer Würde, welche gleich⸗ zeitig Bewunderung und Achtung erregt? Haſt Du wohl jemals eine Stimme gehört, ſo warm, ſo ſee⸗ lenvoll, ſo bezaubernd wie Emy's? Haſt Du je zuvor Sn ſo ſchönes Augenpaar geſehen, wie das ihre, haſt „Halte um Gottes willen ein,“ unterbrach ihn Arvid,„ſonſt verlierſt Du Beſinnung und Athem zu⸗ gleich. Allerdings habe ich ein Paar viel ſchönere Augen geſehen,“ ſezte er hinzu, lehnte den Kopf auf das Sopha zurück und ſah träumeriſch zur Decke empor;“ ein Paar Augen, aus welchen die Unſchuld des Kindes und das Herz der Frau hervorleuchtet; ein Paar Augen, welche die reichſten Verheißungen für die Zukunft zu flüſtern ſcheinen; aber das Mäd⸗ chen iſt noch ganz jung, und deßhalb ſprechen wir nicht von ihr. Emy iſt eine Frau, Ellert, für welche ich die tiefſte Achtung und die lebhafteſte Bewun⸗ derung empfinde; aber ſie lieben— niemals. Und klug wäre es, wenn Du dem Eindruck, unter welchem Dy ſtehſt, Dich zu entwinden ſuchteſt,“ ſchloß Arvid ernſthaft. ic„Mich dieſem Eindruck entwinden! Iſt das mög⸗ ich?“ Ellert warf ſich wieder in den Lehnſtuhl und 112 „O, ich könnte für die Hoffnung auf einen einzigen Blick der Liebe von ihr mein Leben opfern.“ „Dann würdeſt Du es vergebens opfern. Emy mit ihrem königlichen Weſen ſieht nicht aus, als ob ſie zu denen gehörte, welche zu Thorheiten aufmun⸗ tern. Reiſe darum ab; ja reiſe morgen ſchon ab. Unter den Kameraden und beim Exerciren werden Deine Grillen bald verſchwinden. Uebrigens iſt ſie ja im Begriff, ſich zu verheirathen.“ „Erinnere mich daran nicht,“ rief Ellert und ſtüzte den Kopf in die Hände. „Im Gegentheil, es wird dazu dienen, Deine Erinnerung aufzufriſchen; es wird wie kaltes Waſſer auf Feuer wirken. Gute Nacht! Ich habe Dir jezt eine ſo ſchöne Rede von eitel Vernunft gehalten daß ich darüber ſchläfrig geworden bin. Und dann ſchloß er gähnend: „Hurtig voran, Es muß daran, Auf in das Feuer, den Pulverdampf.“ „Gehſt Du mit mir fort von hier?“ fragte ert.„ „Nein, ich brauche nicht vor Amor und Emy zu fliehen, deßhalb bleibe ich da; Du wirſt Dir auch ohne meinen Beiſtand von hier nach Karlberg durchhelfen können, nicht wahr?“ „Ich reiſe morgen,“ verſicherte Ellert ſeufzend. „Gut, das iſt geſprochen, wie es einem Jüng⸗ ling, der das Herz auf den rechten Fleck hat, ge⸗ ziemt und wohl anſteht,“ und dieſes ſagend, reichte Arvid mit einem freundlichen Blicke dem Bruder ſeine Hand. 8 XIX. Am folgenden Tage reiste Ellert ab, Arvid blieb zurück. Munter und ungeſtüm wie ein Kind, ſcherzte und ſpielte er mit ſeinen jungen Couſinen; beſon⸗ ders war er ſtets an Hildurs Seite zu finden, welche mit ihrem natürlichen Mutterwize niemals einen Scherz unbeantwortet ließ. Man brauchte nicht ſehr ſcharfſinnig zu ſein, um auf den Gedanken zu gera⸗ then, daß zwiſchen dem neunzehnjährigen Jüngling und der fünfzehnjährigen Hildur ſich jene eigenthümliche, ſanfte, unſchuldsvolle Anhänglichkeit entwickelte, welche oft eine ſo wichtige Rolle im menſchlichen Leben zu ſpielen berufen iſt. Wochen vergingen, und ſchnell war man bei dem Tage angelangt, da Emy's Bräutigam erwartet wurde. Je näher dieſe Begegnung ihr bevorſtand, deſto bleicher und bekümmerter wurde ſie. Mit der gewiſſenhafteſten Sorgfalt ſuchte Emy ihrer Antipathie entgegenzuarbeiten, aber unaufhör⸗ lich ertönten in ihrem Innern die Warnungen und Bitten ihrer ſterbenden Mutter, und bei dieſem Streit zwiſchen Pflicht und Gefühl wurde ihr Schmerz im⸗ mer heftiger und die Ueberzeugung immer feſter, daß in einer Ehe ohne Liebe und Sympathie kein Glück für ſie zu erwarten ſei. Vor der Seele des denkenden Mädchens ſtand es klar, daß ſie auf dem Wege war, ſich in einen Ab⸗ grund zu ſtürzen. Ein Leben, gebunden an einen ann, den man nicht liebt, gegen den man einen Blätter a. d. Frauenleben. I. 114 unüberwindlichen Widerwillen empfindet, was ſollte daraus werden? Eine fortgeſezte Lüge vom Traualtar bis zum Grabe! Wenn etwas wirklich Schönes in dem Gedanken liegt, daß zwei Menſchen, welche einander lieben und achten, ſich vor Gott vereinigen, ſo liegt dagegen etwas für das Gefühl ungemein Widerliches in der„ Vorſtellung, daß ein ſolches Band ohne jene Vorbe⸗ dingungen geſchloſſen wird. r Ach! Ihr Mütter, die ihr mit ſo vieler Sorge eure Kinder Alles lehrt, was ihren Verſtand auf⸗ klären und ihnen äußern Reiz verleihen kann, habt auch auf deren moraliſche Ausbildung ein genaues Augenmerk. Haltet ihre Herzen zu dem Gefühle deſſen an, was Gott und das Leben von ihnen for⸗ dern. Lehret ſie die Schließung der Ehe als eine wichtige heilige Handlung anſehen, und nicht als ein Mittel zu künftiger Verſorgung. Prägt ihrem Herzen ein, daß diejenige, welche eine ſchlechte Gattin iſt, auch eine ſchlechte Mutter wird, und daß weder Geiſt, noch Schönheit, noch Reichthum zur Beſchöni⸗ gung dienen, wenn eine Frau ihrem edeln Berufe auf Erden nicht Genüge leiſtet. Wozu hilft alle 3 Bildung, wein ſie es verſäumt, eine rechtſchaffene„ Gattin und Mutter zu ſein? Von welcher Wichtig⸗ keit iſt nicht die Wirkſamkeit einer Frau als Mutter! die Eindrücke, welche das Kind von der Mutter em⸗ pfängt, ſind die dauerndſten und tiefſten. Sie iſt es, welche das zarte Herz ſeine erſten Gebete zu Gott n lehrt; ſie iſt es, welche die erſten ſitt⸗ und religiöſen Begriffe in die junge Seele nie⸗ derlegt; ſie iſt es, welche durch das Beiſpiel de — 115⁵ Liebe und Sanftmuth dieſe Gefühle gleichfalls her⸗ vorruft. Mit welcher heiligen Empfindung erinnern wir uns nicht der Lehren einer geliebten Mutter; wie leben ſie in unſerer Seele bis zum Abend des Lebens fort. Aber wie traurig iſt nicht der Gedanke, womit wir auf unſere Kindheit zurückſchauen wenn wir dieſer ſchützenden Lehren entbehren mußten, wenn wir uns ſagen müſſen:„Hätte meine Mutter mich richtig zu leiten verſtanden, ſo wäre mein Leben ein ganz anderes geworden.“ O, ihr Mütter, die ihr glaubt, daß Alles damit gethan ſei, wenn ihr mit einer ſchwachen unverſtändigen Liebe eure Kinder überhäuft; denkt einmal mit Ernſt daran, daß ihr es ſeid, die ihr von Gott die Beſtimmung erhalten habt, den Saamen des Guten und des Böſen in dem Menſchenherzen auszuſtreuen, welcher dereinſt in dem Herzen eurer Kinder zur Frucht reifen ſoll. Laßt die Thorheit der Welt fahren für dieſen edeln und heiligen Beruf. Eines Tages wird der allgütige Gott euch fragen:„wie haſt Du Deine Pflicht als Gattin und Mutter erfüllt?“ Sehet zu, daß ihr dann mit Wahrheit antworten könnt:„Ich habe verſucht, ihnen zu genügen.“ In Emy's Seele ſtand dieß klar geſchrieben, denn ſie hatte die Erinnerung an eine Mutter bewahrt, deren ganzes Thun und Laſſen eine wahrhafte Auf⸗ faſſung ihrer Pflichten bewies; deren lezte Worte an die Tochter auch den Wunſch ausdrückten, ihrer Seele auch ein tiefes Gefühl für ihre Pflichten als Frau nachhaltig einzupflanzen, zu dem Zwecke, daß ſie nicht unbedachtſam und mit kaltem Zerzen vor Gott trete und das Gelübde einer Liebe ablege, das ihrem Innern fremd wäre. Nein, Emy's Seele lehnte ſich gegen den Gedanken auf, daß ſie den Willen einer ſo trefflichen Mutter gerade in einem Falle übertreten ſollte, vor welchem die Sterbende ſie ſo ein⸗ dringlich gewarnt hatte. Sie beweinte die Schwäche, deren ſie ſich ſchuldig gemacht hatte, als ſie ihres Vaters Wunſche nachgab. Sie glaubte den Blick der Dahingeſchiedenen mit bekümmertem Ernſt und vor⸗ wurfsvoller Mahnung auf ſich weilen zu ſehen. Es kam ihr ſtets vor, als ſtünde ſie vor ihrer Mutter, und alle ihre Handlungen waren ſo eingerichtet, als ob ihre Mutter noch lebte und dieſelben zu beurthei⸗ len im Stande wäre. So tief und unerſchütterlich waren die Eindrücke der Lehren, welche Emy's Mut⸗ ter durch Wort und Beiſpiel ihr eingeprägt hatte. Sie ſtanden wie ein ſchützender Schild zwiſchen ihr und jeder unrechten That und bewirkten, daß ſie in jedem kritiſchen Augenblick ihre Zuflucht zu Gott nahm, um mit ihm und durch das Andenken an ihre Mutter den rechten Weg zu finden. Von allen Schätzen in der Welt iſt die Erinnerung an eine ſolche Mutter der höchſte und koſtbarſte. Sie iſt ſo heilig, daß ſie jedes Verlangen nach dem, was unrecht iſt, ausſchließt. Auf der andern Seite konnte Emy den Worten des Lieutenant Becker nicht die Achtung verſagen, auf welche jede ernſte Warnung Anſpruch hat.„Kein rechtſchaffener Menſch darf Wort und Gelübde bre⸗ chen,“ hatte er geſagt, und Emy fühlte die Richtig⸗ keit davon. Sie wollte ernſt und aufrichtig mit dem Manne ſprechen, welchem ſie ihr Wort gegeben hatte und ihm die Unmöglichkeit einer Vereinigung zwi 117 ſchen ihnen zeigen. Mit dieſem Entſchluß ſah Emy ihren Verlobten auf Lundagard ankommen. Es würde uns zu weit führen, wollten wir über das, was zwiſchen ihr und ihrem Verlobten vorging, nähere Auskunft geben, oder deren Unterredung wie⸗ derholen; wir begnügen uns vielmehr, eine Woche zu überſpringen, und nehmen unſere Erhählung an demſelben Tage wieder auf, an welchem Ingenieur Wenger Lundagard verließ. XX. Oben in dem Zimmer der Mädchen hatte Emy vor einem Sopha ſich auf die Kniee niedergeworfen; das Haupt in den Händen verborgen, weinte ſie. Der ſchlichte Goldring war nicht mehr an ihrem Finger. Während Emy ſich ihrem innern Schmerz über⸗ ließ, öffnete ſich die Thüre des Zimmers und Frau Becer trat ein. Sie ging auf das junge Mädchen zu und ſagte in freundlichem, theilnehmendem Tone: Sei ohne Sorgen, Emy; Du konnteſt ja nicht anders handeln. Emy blickte zu ihr auf und antwortete mit be⸗ wegter Stimme: „Mein Voter wird mir niemals verzeihen.“ „Liebes Kind, er wird wohl einſehen, daß Du keinen Mann heirathen konnteſt, der Dir zuwider war,“ erwiederte Frau Becker und ſtreichelte Emy mit freundlicher Theilnahme. k „Der Onkel iſt auch unzufrieden mit mir, und 118 doch war es mir unmöglich, anders zu handeln, und ſollte die ganze Welt ſich von mir wenden.“ Thrä⸗ nen floſſen Emy über die Wangen.„O meine Mut⸗ ter, meine Mutter, warum biſt Du nicht mehr am Leben!“ „Emy,“ ſprach Frau Becker und umarmte ge⸗ rührt das junge Mädchen,“ ſo lang mein Herz ſchlägt, ſoll es Dir niemals an einer Mutter Zuneigung und an einer Heimath gebrechen. Ich ſehe Dich hinfort als mein eigenes Kind an, und ſo wenig ich auch vermag, ſo ſollſt Du mich doch ſtets bereit finden, Dir beizuſtehen.“ Eine ſo freundliche und herzliche Verſicherung vergißt man niemals, wie auch das Leben ſich ge⸗ ſtalten mag, und welche Kämpfe wir auch zu beſtehen haben; nur aus einem wirklich guten Herzen können dergleichen Worte entſpringen. Emy wußte dieſelben auch nach ihrem vollen Werthe zu ſchäzen und be⸗ wahrte ſie ſtets in ihrem Andenken. Frau Becker ſprach noch lang und herzlich mit Emy; aber wir verlaſſen dieſelben und werfen einen Blick in den Saal, wo Hildur und Selma zu fin⸗ den ſind⸗ * * „Herr Gott, Hildur! Der Ingenieur iſt doch recht zu beklagen,“ ſagte Selma, welche ein kindlich mitleidiges Herz hatte.„Er ſah ſo leidend aus. Emy war doch recht unartig gegen ihn.“ „Ja, liebe Selma, es iſt grauſam Schade um den Mann; ſoll ich Dir mein Taſchentuch leihen, damit Du weinen kannſt?“ antwortete Hildur u 2 that als ob ſie ſich mit den Fingern die Thräne abwiſchte. „Es iſt recht garſtig von Dir, daß Du Dich über einen Menſchen, der ſo leidet, luſtig machen kannſt,“ meinte Selma ganz erzürnt. „Ja, ſiehſt Du, mein Kind, da ſizt eben der Knoten: war der Mann böſe oder betrübt?“ „Hu! wie ſchlecht das von Dir iſt; er hatte ja Thränen in den Augen.“ „Nein, ſiehſt Du, Selma, davon habe ich ganz und gar nichts bemerkt, wohl aber, daß er die Zähne über einander biß. Vielleicht pflegſt Du auch Dei⸗ nen Kummer auf ſolche Art an den Tag zu legen⸗ Hätte er wirklich hübſch geweint, ſo würde ich ihm Geſellſchaft geleiſtet haben, wie die Kaze in Tölpel⸗ heim; nun aber dünkt mir, er iſt ſo wenig zu be⸗ klagen, als Du, wenn Du böſe biſt.“ „Ach! Du haſt nie Mitleid mit einem Menſchen,“ ſagte Selma und war auf dem beſten Wege, böſe zu werden. „O ja, mein Engel, mit Dir zum Beiſpiel, wenn Du Je vous aime lernen ſollſt,“ entgegnete Hildur, indem ſie auf ihre Schweſter zuging, mit ausgeſpreiz⸗ ten Fingern, ſo daß ihre Hände einem Fächer gli⸗ chen, ihr auf die Schulter klopfte und zugleich eine ſehr weinerliche und mitleidſame Miene annahm. „Ei, Du biſt doch unerträglich, Hildur,“ rief Selma und ſprang zum Zimmer hinaus. Hildur hatte ganz recht, als ſie behauptete, der Ingenieur ſei böſe und nicht betrübt geweſen. Er gehörte zu jener Klaſſe von Menſchen, welche ſelten mit dem Herzen, ſondern nur mit der Eitelkeit füh⸗ 120 len. Er hatte aus dem Grunde um Emy gefreit, weil er reich genug war, um ſich den Luxus einer ſchönen und ſtattlichen Hausfrau erlauben zu können. Seine Eitelkeit war es auch, welche, als Emy mit ihm brach, eine vollkommene Niederlage erlitt, und er empfand darüber einen heftigen und unauslöſchlichen Verdruß, welcher Emy in der Zu⸗ kunft bittere Früchte tragen ſollte. .* Etwas ſpäter am Vormittage ſtand Hildur vor einem Tiſche und legte mit zärtlicher Sorgfalt einige Stiefmütterchen in die Preſſe. Sie war in ihr Ge⸗ ſchäft ſo vertieft, daß ſie nicht bemerkte, wie Arvid in das Schlafzimmer trat und ſich ihr auf den Zehen näherte. „Was machſt Du da, Hildur?“ fragte er und faßte ſie bei beiden Händen, eben als dieſelbe das Buch, in welchem ſie die Blumen ausgebreitet hatte, zuſchlagen wollte. Hildur ſchaute erröthend zu Boden, ohne eine Antwort zu geben, machte jedoch einige Verſuche, um ihre Hände frei zu bekommen. „Warum darf ich die Blumen nicht ſehen, welche Du zu preſſen Willens biſt?“ fragte Arvid, indem er ſie mit einem offenen und warmen Blick anſah. „Es ſind ja diejenigen, welche ich Dir kürzlich gab.“ Hildur erglühte wie Purpur und wünſchte ſich hundert Meilen hinweg. Ach! ſie fühlte ſich ſo un⸗ glücklich, daß ſie bei dem Gedanken, von Arvid über⸗ raſcht worden zu ſein, beinahe in Thränen ausge⸗ brochen wäre. Hildurs natürliche Schüchternheit b 121 wirkte, daß ſie es beinahe unmöglich fand, mit ihren eigenen Lippen zu geſtehen, daß ſie Jemand lieb hatte. Ihre Gefühle waren wortkarg aber reich. Sie erklärte niemals ihre Anhänglichkeit, aber be⸗ wies dieſelbe. „Nun, Hildur, willſt Du mir nicht ſagen, warum Du dieſe Blumen in die Preſſe legſt?“ fragte Ar⸗ vid, und ſeine Stimme wurde noch wärmer und ernſter. „Weil ich an gepreßten Blumen eine Freude habe,“ antwortete Hildur mit einem Blick ſo glän⸗ zend warm und bittend, daß Arvid die Antwort darin las. „Laß' mich nun los,“ forderte ſie. „Nein, nicht eher, als bis Du geſtehſt, daß Du ſie zum Andenken an mich hier aufbewahrt haſt.“ „Ja,“ flüſterte Hildur; aber nun ſtanden ihr die Augen voll Thränen, und ſie machte eine ſo raſche Bewegung, daß ſie dadurch von ihm los wurde, und eilte hinaus. Arvid blieb ſtehen und unter tiefer und wahr⸗ hafter Ruͤhrung ſtieg der Gedanke in ihm auf: „Hildur und keine Andere will ich jemals beſizen; um ſie bewegen ſich alle meine Träume der Zukunft.““ Velches Glück für Arvids neunzehnjähriges Herz, daß er keinen Blick in die Zukunft werfen konnte. Er träumte jezt von Etwas, welches das Schickſal ihm vielleicht niemals zugedacht hatte. Unſer Glück beruht ſo oft in der Einbildung, und unſere Selig⸗ keit darin, daß wir nicht in die Zukunft zu ſchauen vermögen. 122 XXI. Wir legen nunmehr zwiſchen die oben erwähnten Begebenheiten und diejenigen, welche wir im Fol⸗ genden zu ſchildern im Begriff ſind, einen Zeitraum von fünf Jahren; aber ehe wir die handelnden Per⸗ ſonen wieder auf dem Schauplaze auftreten laſſen, wollen wir mit kurzen Worten über die verfloſſene Zeit Rede und Antwort geben. Seitdem Emy ihre Verlobung gelöst hatte, kehrte die Freude der Jugend wieder in ihre Seele zurück und ſie fühlte ſich zufrieden mit der Welt und ſich ſelbſt. Sie glaubte in Uebereinſtimmung mit ihrem Herzen und ihrem Gewiſſen gehandelt zu haben, und da empfindet der Menſch immer eine innere Befrie⸗ digung. Allerdings ſchmerzte es ſie, als ſie von ihrem Vater einen mit Vorwürfen angefüllten Brief erhielt, aber Emy antwortete darauf mit einer Wie⸗ derholung der Worte, welche die Mutter auf dem Sterbebette zu ihr geſprochen hatte, und der Vater äußerte ſich von da an nie mehr über dieſen Gegen⸗ ſtand. Seine Briefe waren ſelten und kurz. Es ging daraus hervor, daß ſein Herz der Tochter fremd war; daß er nur einer Pflicht Genüge leiſtete, welche er ſeiner Meinung nach nicht mit Ehren unterlaſſen konnte. Beckers dagegen behandelten Emy ganz und gar, als ob ſie ihr eigenes Kind geweſen wäre, und wenn Jemand all das ihm erwieſene Wohlwollen verdiente ſo war es Emy. 123 Zwei Jahre verfloſſen froh und angenehm, als Emy die traurige Nachricht erhielt, daß ihr Vater auf der See umgekommen war und ſie nun auch vaterlos in einer Welt daſtand, wo ſie keinen andern Angehörigen mehr hatte, als einen Mutterbruder, der gleichfalls Seemann war. Das Erbtheil, welches ſie von ihrem Vater bekam, war ſo gering, daß es kaum für einen Fall der Noth einige Gewähr leiſten konnte, aber für eine bleibende Verſorgung ganz und gar ungenügend war. Lieutenant Becker und ſeine Frau hatten von Kapitän Kreuzers Tod an auf jede Bezahlung für Emy verzichtet und derſelben die Verſicherung gege⸗ ben, daß ſie hinfort als ihre dritte Tochter ſie an⸗ ſehen und nicht aus ihrem Hauſe laſſen würden, als bis ſie es gegen einen eigenen Herd vertauſche oder ſich verheirathe. Emy ſchloß ſich auch mit der ganzen Wärme eines jungen, edeln Herzens an ihre Pflegeltern an, denn das waren Beckers für das vater⸗ und mutter⸗ loſe Mädchen. Ihr Leben verfloß nach der erſten Trauer über ihres Vaters Tod ſtill und angenehm in der ge⸗ müthlichen Häuslichkeit auf Lundagard. Es war daſelbſt über das Alltagsleben eine wohlthuende und friedliche Behaglichkeit verbreitet, weiche bewirkte, daß man ſeine Gedanken und Wünſche auf Zer⸗ ſtreuungen, welche über daſſelbe hinaus lagen, nicht erſtreckte. Man fand ſich ſo wohl daſelbſt, daß Ver⸗ gnügungen außerhalb deſſelben jedes Reizes und jeder Verlockung ermangelten. Es war als ob alle 124 guten Engel der Häuslichkeit unter dieſem einfachen Dache ſich niedergelaſſen hätten. Emy war aber ſchon von Natur frei von jener, für das häusliche Leben ſtörenden Gemüthsanlage, welche zur Folge hat, daß der Menſch nur in Zer⸗ ſtreuungen ſeine Freude findet. Sie gehörte gerade der entgegengeſezten Richtung an. Die Heimath war für ſie die Welt, um welche ihre Gedanken und Ge⸗ fuhle ſich bewegten. Hier fand ſie ſich glücklich, da ſie durch Arbeit und Fleiß nüzen könnte. Alle ihre Reigungen waren ſo rein weiblich und trugen ein ſo wahrhaftes Gepräge deſſen, was das Weib liebenswürdig und anziehend macht, daß man ſie eben deßhalb lieben mußte. Der ruhige Ernſt in ihrem äußern Weſen, das Einfache und Wahrhafte in ihrem Ausdruck, das Taugliche und Häusliche in ihrem ganzen Thun machte auf jeden denkenden Menſchen einen ſo be⸗ haglichen Eindruck, daß man auf den Gedanken kam, ſie ſei dazu geſchaffen, dem Familienleben eine Zierde zu verleihen, während ſie in demſelben zugleich Nu⸗ zen ſtiftete. Wenn man ſie bei ihrer Handarbeit, oder in irgend einem Haushaltungsgeſchäfte begrif⸗ fen ſah, ſo bildete man ſich ein, ſie befinde ſich hier an ihrem rechten Plaze. Hörte man ſie ſingen, oder irgend eine ſchöne, geſchmackvolle Compoſition auf dem Piano ausführen, ſo glaubte man, ſie gehöre am beſten vor das Inſtrument hin. Erſchien ſie einfach aber mit Geſchmack gekleidet auf einem Balle, ſo benahm ſie ſich mit ſolcher Würde und war ſo ſchön, ſo ſtattlich, daß man ſich überzeugt hielt, ſie niemals von einer für ſie vortheilhaftern Seite — 125⁵ ſehen zu haben. Sezte ſie ſich dann nieder, um mit einigen Kindern zu ſcherzen, ſo vergaß man wieder die Ballkönigin über dem reinen weiblichen Bilde, welches ſie darſtellte. Mit einem Worte, wo ſie auch erſcheinen mochte, mußte man mit oder wider Willen ihr im Herzen Beifall zollen, wenn auch die Lippen ſchwiegen; und ihre ganze äußere Anmuth entſprang aus dem reinen, wahrhaft weiblichen Her⸗ zen, welches warm und lebhaft für die ihr von Gott und der Natur auferlegten Pflichten ſchlug. Emy hatte während dieſer fünf Jahre zwei Freier gehabt, aber deren wirklich vortheilhafte An⸗ erbietungen abgelehnt, da ihr Herz keine Antwort darauf zu geben hatte. Ellert Lind hatte, nachdem er Flottenlieutenant geworden war, ſein Herz und ſeine Hand zu Emy's Füßen niedergelegt. Emy hatte ſanft, aber doch mit Beſtimmtheit ihm erklärt, daß er weder jezt noch in Zukunft Etwas von ihr zu hoffen hätte. Der junge Lieutenant reiste mit blutendem Herzen ab und be⸗ gab ſich im folgenden Sommer mit einer Seeexpedi⸗ tion nach dem Mittelmeer, um einige Jahre fern zu bleiben und im Kampfe mit den ſtürmiſchen Wo⸗ gen auch ſeine eigenen aufrühreriſchen Gefühle zu beſiegen. Wir treffen vielleicht nach Verfluß von vielen Jahren wieder mit ihm zuſammen. Arvid hatte gleichfalls ſeinen Kurſus in Karl⸗ berg durchgemacht und war in das X— ſche Regi⸗ ment eingetreten. Oft hatte der junge Lieutenant Beſuche auf Lundagard gemacht, und mit jedem ahre wuchs die aus der Kindheit ſtammende Nei⸗ welche Hildur und ihn zu einander zog; aber 126 die Ausſichten waren noch allzu gering, als daß ſich an eine Verbindung zwiſchen ihnen denken ließ. Einen kleinen Ring mit einem Stiefmütterchen, wel⸗ chen Hildur trug, hatte ſie von ihrem Couſin erhal⸗ ten; auch Arvid trug einen ſolchen, gleich winzig und einfach, an ſeinem linken kleinen Finger. Es waren auf demſelben zwei verſchlungene Hände ab⸗ bildet, und er hatte ihn im Austauſche gegen jenen von Hildur erhalten. Dieſer Ringwechſel war von dem Gelübde ewiger Treue begleitet geweſen. Von einer wirklichen Verlobung wollte Lieutenant Becker nicht eher Etwas hören, als bis Arvid irgend eine Pachtung übernehmen und damit die Ausſicht auf eine Heirath begründen und rechtfertigen konnte.* Einmal, als Arvid ſich darüber ſehr beſtimmt„ ausgeſprochen hatte, gab ihm der Lieutenant zur Antwort: „Du kannſt vollkommen ſicher ſein, daß weder von mir noch von Hildur das gegebene Wort gebrochen wird; ſomit iſt es unnöthig, daß Ihr euch verlobt, ehe Du eine Möglichkeit ſiehſt, zu heirathen.“ Und dabei blieb es. Da wir gerade von Lieutenant Becker ſprechen, wollen wir eine kurze Schilderung ſeines Charakters hier beifügen. Einen Hauptzug deſſelben bildeten ein in ſeinem Grunde gutes und gefühlvolles Herz, eine warme und innige Anhänglichkeit an das, was recht war, und ein für alles Schöne offener Sinn. Er war der beſte Hauswirth, der zärtlichſte Vater, der verträg lichſte und friedliebendſte Gatte. Wenige Menſchen, welche einen Haufen Volks zu regieren hab 127 ſtanden ſich beſſer als er auf die ſchwere Aufgabe, ſich bei ſeinen Untergebenen zugleich geachtet und beliebt zu machen. Zu Lundagard gehörten einige zwanzig Haus⸗ haltungen; aber die Leute hier, welche im Schweiße ihres Angeſichts den Boden bebauten, waren für . Becker nicht blos Taglöhner, von welchen man den größtmöglichen Nuzen zu ziehen ſucht, ſondern mach⸗ ten Mitmenſchen von ihm aus, deren Wohlſtand und moraliſches Beſte zu fördern dem Hausherrn oblag. Durch ſeine Ruhe und ſeinen Ernſt flößte er Ach⸗ tung und durch ſeine Gerechtigkeit und Milde Zu⸗ neigung ein. Lebte einer ſeiner Untergebenen übel mit ſeinem Weibe, ſo unterrichtete er ſich davon und * ſuchte durch ſeine Vorſtellungen das Böſe wieder zum Guten zu kehren; und ſo groß war die Liebe, die er einflößte, daß es unter ſeinen Leuten zu einer Ehrenſache wurde, durch ein rechtſchaffenes Betragen und ein geordnetes Leben ſich ſeinen Beifall zu ver⸗ dienen und ſeinen Vorwürfen auszuweichen. Er be⸗ ſuchte ihre Hütten, intereſſirte ſich für ihre Haus⸗ haltungen, ertheilte ihnen gute, heilſame Rathſchläge und war für ſie, was nach dem Willen der Vor⸗ ſehung ein Gutsherr ſein ſoll: ein Vorbild im Gu⸗ ten, ein Mann, welcher diejenigen, die ihm anver⸗ traut worden, mit Liebe umfaßt. Innerhalb ſeiner Familie war er tadellos und von ſeinen Kindern ſo ſehr geliebt, daß ſie ihn als das Muſter alles Guten und Edeln betrachteten. Auch berechtigte ſie ſein ganzes Thun und Treiben daheim zu einem ſolchen Urt ein Vater mehr dazu geſchaffen, Liebe 128 und Vertrauen einzuflößen. Die Mädchen deßhalb au ch zu ihm jene zärtliche Freundſchaſt, von welcher alle Fur cht ausgeſchloſſen iſt, und mit ihm wie mit einem Bruder um, dem ſie die höchſte unbegrenzte Zuneigung ſchenkten. Jener ſteife Zwang, welchen man gewöhnlich zwiſ und Töchtern antrifft, beſtand lich Behagliches über das häusliche Leben ver Das Heimweſen war ſeine Welt, das Glück der Kin⸗ der ſeine Seligkeit und der Wohlſtand der Unter⸗ gebenen ſein Ehrgeiz. Rechnet man hiezu, daß er ein arbeitſamer und fleißi ſein Eigenthum mit einer Einſi waltete, welche den Neid der N at man einen klaren Beg und Gemüthsart. Da wir nun einmal im Zuge ſind, ſo wollen wir auch von dem Grafen Arthur noch reden. In den erſten Jahren war er hier i ſichtbar geweſen, en in der Nachbar⸗ ſchaft von Lundagar an ſich gebracht hatte. Es waren umfaſſende Repara⸗ turen ausgeführt worden; aber der Graf reiste ein Jahr nach Abſchluß des Kaufes in's Ausland, kehrte von da erſt vier Jahre ſpäter im Frühling nach Schweden zurück und hielt ſich den Sommer über in Holmvik auf. Im Herbſte zog er plötzlich wieder ab und trat abermals eine Reiſe in fremde Länder an. Jezt wurde er täglich ückerwartet, und er hatte ſeinen Inſpektor ui daß er den Sommer daſelbſt zuzubringen Willens ſei breitet. chen Vätern 3 hier nicht; ſondern die entzückendſte Vertraulichkeit, welche etwas unbeſchreib⸗ 129 Holmvik wurde von einem Inſpektor Namens Walden bewirthſchaftet, welcher mit ſeiner jungen Frau in dem kleineren Gebäude wohnte. Da wir bei der Wiederaufnahme unſerer Erzählung mit die⸗ ſen Perſonen zuſammentreffen, ſo wollen wir für jezt keine nähere Beſchreibung derſelben geben. Die Gräfin Sappho Ruben war gleichfalls außer Landes gereist und hatte erſt nach Ablauf des Som⸗ mers zurückzukehren ſich vorgenommen. Und nun, nachdem dieſe Aufſchlüſſe gegeben ſind, hren wir zu unſerer Erzählung zurück. XXII. Wir führen den Leſer in Inſpektor Waldéns Wohnung auf Holmvik ein. Sie lag am Eingang zu einer Allee, welche nach dem Hauptgebäude ſich hinzog. In dem einfachen Saale, deſſen Möbel aus braun⸗ angeſtrichenen, mit ſchwarzem Leder bezogenen Stühlen, einem Klavier, einem Rohrſopha und einem Blumen⸗ brett vor dem nach dem Hofe hinausgehenden Fen⸗ ter beſtanden, finden wir vor demjenigen, welches auf die Straße ſah, drei Frauen ſizen. Die eine davon, etliche zwanzig Jahre alt, war von mittlerer Größe und von wirklich nordi⸗ ſchem Typus. Ihr Haar war ſo hell, daß es bei⸗ nahe in's Weiße ging; dennoch erſchien die Farbe deſſelben ſo rein blond, daß nicht ein Anflug von Roth ſih entdecken ließ; man glaubte vielmehr, nie zuvor ächt blondes Haar geſehen zu haben. Es Swartz Blätter a. d. Frauenleben. I. 9 130 war ſchlicht über eine breite und volle Stirne zurit gekämmt, welche Verſtand und Ueberlegung verrieth 1 Ein paar lichtblaue Augen mit einem eigenthümli ſchmelzenden, träumeriſchen und holden Ausdru 1 gaben den übrigen Zügen, welche ſchön, obwoh ganz und gar nicht regelmäßig waren, das weh müthige Gepräge des Nordens. Die mehr runde as ovale Geſichtsform, ſo wie der weiße Teint, ließen eine jugendliche Blüthe gänzli gen Frau, ſo wa man geneigt, es dem Monde zu vergleichen, wenn er in einen Flor von Wolken und Dünſten eingehüllt iſt, welche ſein klares und volles Licht hervorzutreten indern. Ebenſo verhielt es ſich auch mit dem Leben k S in angeborner Tiefſinn, ein vollkomme⸗ ner Mangel an innerer Kraft hatte die Seele in ſeine Dünſte eingeſchloſſen und wehrte den Gefühlen und Gedanken, mit C eben und Feuer hervorzutreten und ſich geltend zu machen. Dieſe Frau war des Inſpektors Gattin, Inez Waldén. Ihr gegenüber ſaß eine alte Bekannte, die Kam⸗ merräthin Klara Scheller, mit ihrer langen, geraden, etwas ſteifen Figur, ihren rüher ein vorthe lhafteres usſehen verrathenden Geſichtszügen und ihrer ſtolzen, oft etwas hochmüthigen Miene. egenwärtig aber nahm ſich die Kammerräthin ganz anders aus, als wie wir ſie auf Löda bei der Gräfin Sappho ge⸗ ſehen haben. Sie war mi und ihr ganzes eußere athmete mehr Freiheit. Sie ſchwazte mun⸗ ter mit Inez. 131 rüt Die dritte Frau war ein ganz kleines Weſen, iet welches eine ſtarke Familienähnlichkeit mit der Kam⸗ nli merräthin hatte, aber auf der andern Seite ihr wie⸗ ru der gar nicht gleich ſah. Die eine war lang und h ſchlan, die andere hingegen klein und voll, ohne e deßha wohlbeleibt zu ſein. Sie hatte eine hohe, als breite, beinahe zu große Stirne, und ein paar große ſen lichtblaue Augen, welche ſie mit einer eigenthümlich ten hartnäckigen Aufmerkſamkeit und mit einem offenen, ze forſchenden Ausdruck auf diejenigen heftete, mit wel⸗ chen ſie ſprach. Es lag in ihrem Blick ein Wieder⸗ nn ſchein von überlegenem Verſtande und einer recht⸗ Ut ſchaffenen Seele. Zuweilen ſorgenvoll und mild, en nahmen die Augen, wenn ſie auf die Kammerräthin n gerichtet waren, einen ſolchen Ausdruck von Hinge⸗ ung an, daß er ſich in dem ganzen Angeſicht wie⸗ derſpiegelte. Scherzte ſie, ſo trat in dieſelben wie⸗ der etwas Scharfes und Glänzendes. Die übrigen Züge waren unregelmäßig; ihr Haar aſchblond, die Haut von einer Feinheit, welche in frühern Jahren ſicherlich auf eine ebenſo weiße Farbe ſchließen ließ, als ihr jezt die Eigenſchaft der Durchſichtigkeit zu⸗ kam. Sie hielt ſich gerade und hatte in ihren Be⸗ wegungen etwas Steifes, was ihr eine ſtarke Ge⸗ ſchwiſterähnlichkeit mit Klara gab. Dieſe Frau war auch in der That eine Schweſter der Kammerräthin, um einige Jahre älter als dieſe, und dieſelbe Perſon, welche wir bei der Aſſeſſorin Trenner auftreten ſahen; es war Sigrid Bill, Helenens Couſine. „Nun, liebe Inez, brechen wir bald auf, oder Jollen wir hier den ganzen Nachmittag ſizen bleiben?“ —— 8 fragte Sigrid lächelnd.„Du ſcheinſt Dich hier in aller Ruhe niedergelaſſen zu haben und geneigt, mit Deinem gewöhnlichen Phlegma die Zeit vergehen zu laſſen. Ach, mein Gott, ſchau' auf Deinen Mann, welchem einen ſolchen Fehler ſchuld zu geben, wahr⸗ haft ſündhaft wäre“ ſezte ſie lachend hinzu und deu⸗ tete nach dem auf den Hof gehenden Fenſter. Inez und Klara wandten ſich dorthin und ge⸗ wahrten den Inſpektor Waldén, einen kleinen, flinken und äußerſt rührigen Mann zwiſchen dreißig und vierzig Jahren, welcher gerade eifrig damit beſchäf⸗ tigt war, einen kleinen Jagdwagen unter einem Schuppen hervorzuziehen, während er mit zwei Knech⸗ ten in lebhaftem Geſpräch begriffen war. „Niemals in der Welt hat Gott der Herr zwei größere Contraſte als Dich und Deinen Mann ver⸗ einigt“ verſicherte Sigrid lachend. Dich, welche niemals lang genug nachdenken kann, ehe es zum 3 Handeln kommt, und ihn, welcher niemals Zeit zum Denken hat, ſondern blos handelt. Sieh' er hat nicht Geduld genug, den Wagen von den Knechten heraus⸗ ziehen zu laſſen, ſondern thut es lieber ſelbſt. Wir wollen uns in Gottes Namen, und wenn Deine Vor⸗ ſichtigkeit es zuläßt, fertig machen, damit Alles bei uns in Ordnung iſt, bis man den Wagen ange⸗ ſpannt hat. „Meine Vorſichtigkeit erlaubt dies wirklich,“ ant⸗ wortete Inez in ſcherzendem Tone, und ein Lächeln verklärte den weichen Dunſt, welcher auf ihren Zügen ſchwebte, ohne jedoch im Stande zu ſein, ihn ganz zu zerſtreuen. Inez ſtand auf. „Es war recht klug von meinem Mann, daß e 133 in Aengſö zu Hauſe blieb und mich hieher ſchickte, um alle dieſe Viſiten abzumachen,“ bemerkte Klara und erhob ſich gleichfalls.„Ich werde alſo meine Rundreiſe*) antreten. „Ja, was hältſt Du davon, Inez, daß die arme kleine Klara, welche kaum über dreißig Jahre alt iſt, auf eigene Fauſt und ohne ihren Mann drei Vi⸗ ſiten machen ſoll? Iſt ſie nicht wirklich zu beklagen?“ „Nun, luſtig iſt es gewiß nicht, von einem un⸗ bekannten Ort zum andern zu fahren,“ meinte Klara. „Wenn mir auch nur ein einziges von dieſen Men⸗ ſchenkindern bekannt wäre.“ „Bekanntſchaften machen ſich ſchnell; im Uebrigen werden wir, Inez und ich, Dir unterwegs dieſelben portraitiren,“ ſagte Sigrid. „Ja, das verſpreche ich, und wir wollen die Far⸗ ben nicht ſparen, um Dein Intereſſe zu wecken,“ ver⸗ ſicherte Inez. Eine Viertelſtunde ſpäter ſaßen die drei Frauen im Wogen, und der Inſpektor Waldeén fuhr im Ga⸗ lopp mit ihm an Lundagard vorüber. „Morgen wollen Sie ja hieher, Frau Kammer⸗ räthin?“ fragte er und deutete mit der Peitſche auf Lundagard. „Ja, ich habe es mit meinem Manne verabre⸗ det,“ antwortete Klara.„Die Herrſchaften werden doch auch mitgehen?“ Wenn der Graf nicht gerade ankommt, denn in 3) Im Tert: Eriksgaſſe; die Reiſe, die ein ſchwediſcher König nach der Krönung in ſeinem Lande macht, um die Huldi⸗ A. d. U. ung ſeiner Unterthanen zu empfangen. meine Alte nicht hindern, mitzufahren.“ dieſem Fall bleibt mir keine Zeit; aber das ſu Damit erhielten die Pferde einen Hieb, und der Wagen eilte mit Windesſchnelligkeit nach Warnäs. Da unſere kleine Erzählung ſich mehr verlängern würde, als wir berechnet haben, wenn wir über Klara's Beſuch auf dem Hüttenwerke Warnäs und im Pfarrhofe Bericht erſtatten wollten, ſo beſchränken wir uns hier darauf, einige Worte über dieſe Ort⸗ ſchaften zu ſagen, um ſo mehr, als wir ſpäterhin in einem andern Werke die hier wohnenden Perſo⸗ nen auf den Schauplaz führen werden. Sigrid wohnte auf Warnäs und blieb daſelbſt; Klara und Inez kehrten am Abend nach Holmvik zurück. r „Nun, Klara, was hältſt Du von der Familie des Probſtes?“ fragte Inez und über ihren Zügen ſchwebte eine Wolke von Schwermuth. „Sie gefiel mir ſehr wohl,“ antwortete Klara. „Mit dem Probſte anzufangen, ſo hatte er etwas ſo Verbindliches, ſo artig Gaſtfreies und Humanes, daß ich vorausſehe, mein Mann wird für ihn ſehr ein⸗ genommen werden. Die Probſtin war ſo hübſch, ſo mild und in ihrem ganzen Aeußern ſo lieb, daß ſie mir wie das Muſterbild einer Pfarrersfrau erſchien. Sicherlich können ihre Lippen ſich niemals aufthun, ohne ein troſtvolles und verſöhnendes Wort zu ſprechen.“ „Du porträtirſt ſehr treffend, denn ſie iſt um ihrer ausgezeichneten Güte willen bekannt,“ antwor⸗ tete Inez und ſeufzte.„Und nun an die Tochter!“ „Ja, die Tochter iſt ein anziehendes und origi⸗ nelles Mädchen, mit Gefühlen, ſö lebhaft, ſchw — meriſch und flüchtig, wie die Träume der Jugend. Fraltirt und ſchwach, gleich unſern erſten Hoffnungen, gut wie ein Chriſtenherz, aber allzu ſehr den ewig wechſelnden Eindrücken ihrer Phantaſie unterthan und wenig geſchaffen für die Wirklichkeit.“ „Auch jezt haſt Du wieder das Rechte getroffen. Und nun laß' ſehen, wie Du die Becker'ſche Familie auffaſſeſt; wie Dir Emy Kreuzer gefällt.“ „Ich kannte die Leute ſchon von Sigrids Be⸗ ſchreibung her, und beurtheilte ſie ſomit nur nach dem Eindruck, den ſie auf mich perſönlich machen. Aber Inez, warum ſiehſt Du ſelbſt ſo ſorgenvoll aus?“ „Ach! liebe Klara, mein Leben kommt mir wie ein langſamer Kampf mit eigenen Unvollkommen⸗ heiten und äußeren Verdrießlichkeiten vor.“ Inez' Angeſicht verhüllte ſich völlig in wehmüthige Dünſte und ihr Blick verſchleierte ſich in einer Wolke von Bekümmerniß.„Meine Hondlungen, meine Empfin⸗ dungen, Alles ſowohl in als außer mir ermangelt der Harmonie. Die Gegenwart gleicht einer ſchwe⸗ ren Bürde, die Zukunft einem unheilvollen Räthſel.“ „Aber, Inez, Du mußt dieſer melancholiſchen Ge⸗ müthsſtimmung entgegenarbeiten; Dein eigenes Le⸗ ben gibt Dir keinen Anlaß hiezu; es iſt eine Krank⸗ heit Deiner eigenen Seele.“ „Möglich, daß Du Recht haſt, aber dieſe Krank⸗ heit verſchlimmert ſich und erhält dadurch beſtändige Nahrung, daß ich für meine Stellung, für eine ſtarke Dekonomie auf dem Lande, und ſelbſt für die Er⸗ ziehung meiner vielen Kinder mich ganz untauglich finde. Mein Gemüth wird von Kummer niederge⸗ zurichten.“ In dieſem Augenblick eilte ein leichter Reiſewa⸗ gen auf der Straße vorüber; ein Herr ſaß in dem⸗ ſelben, welcher im Vorbeifahren den Hut abnahm. „Der Graf,“ rief der Inſpektor, indem er ſich von dem Wagen zu den Frauen wandte. f Er hat ſich ſehr verändert,“ bemerkte Klara. „Ja, er ſieht viel bleicher aus, als er während ſeines Aufenthaltes zu Holmvik voriges Jahr ge⸗ weſen,“ erwiederte Inez.„Ich möchte wiſſen, ob er jezt ſeine Liebe zu Emy vergeſſen hat.“ „Was ſagſt Du da? Hat er Neigung für ſie empfunden?“ ſagte Klara mit einem beſtürzten Blicke auf Inez. 3 „Das Wort Neigung ſagt vielleicht zu wenig; er war förmlich in ſie verliebt.“ „Und ſie?“ Inez ſchwieg. „Iſt es ein Geheimniß?“ „O nein; aber ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll, denn Emy's Betragen erſchien ſo unbegreiflich. Daß ſie ihm zugethan war, davon bin ich vollkommen 1 beugt, ohne daß Etwas im Stande iſt, daſſelbe n überzeugt; aber ihre Empfindungen ſind ſicherlich weder warm noch tief, ſondern ſtehen unter der kal⸗ ten Herrſchaft der Vernunft. Das Herz ſpielt nicht die Hauptrolle in ihrem Leben, ſondern der Stolz. Wenn Du ſie näher kennen lernſt, wirſt Du auch finden, daß dem ſo iſt.“ „Du mußt mir erzählen, was Du von des Gra⸗ fen Liebe weißt, denn es intereſſirt mich aus vielerlei Gründen.“ wars 137 Klara ſeufzte und dachte an Helene. „Ich verſpreche es Dir, aber nicht vor Morgen.“ —— XXIII. Am nächſten Vormittage ſaßen Inez und Klara in einer kleinen Laube im Blumengarten der erſteren auf Holmvik. „Nun, liebe Inez, rücke heraus mit der Liebes⸗ geſchichte des Grafen,“ begann Klara. „Sogleich, wenn ich nur erſt dieſes kleinen Schrei⸗ halſes los bin,“ antwortete Inez, welche ein Knäb⸗ „ chen auf den Knieen, ſchaukelte.„Es iſt unbegreif⸗ lich, daß der Graf ſich noch nicht ſehen ließ; er pflegte ſonſt immer herzukommen und mich zu begrüßen.“ Jezt trat der Inſpektor zu den Frauen, und nach⸗ dem er Klara begrüßt hatte, bemächtigte er ſich alsbald des kleinen Knaben und begann mit ihm herumzuhüpfen. „Haſt Du den Grafen getroffen?“ fragte Inez. „Nein, er hat ſich gleich nach ſeiner Ankunft 1 eingeſchloſſen und iſt ſeitden nicht ſchtbar ge worden.“ Dieſes ſagend, verließ er die Laube mit dem Knaben, und Klara und Inez waren jezt allein. „Nun will ich Deine Reugierde zufrieden ſtellen.“ nahm Inez lächelnd das Wort,„ich ſehe doß Du ordentlich davon gepeinigt biſt.“ „Das will ich nicht in Abrede ziehen; denn die ierde bringt, wie jedes andere der Befriedi⸗ gung ermangelnde Begehren, ihre eigene Plage mit ſich,“ erwiederte Klara lachend. „Nun, ich will Dich von dieſem Leiden befreien. Zu Anfang Mai's im vorigen Jahr kam der Graf hier an; ſeine Gemüthsſtimmung erſchien ungleich und wunderlich. Eine Stunde war er froh und ſcherzte, die andere war er zerſtreut und träumeriſch. Im Laufe der erſten Woche blieb er beinahe unun⸗ terbrochen in Holmvik und deſſen Umgebung, machte keine Beſuche bei den Nachbarn, ſondern brachte ſeine Abende in meiner Geſellſchaft zu. Er ſchlug kleine Spaziergänge mit mir und den Kindern vor und ſchien ſich ganz wohl unter uns zu befinden, ohne jedoch in ſeiner Art und Weiſe irgend etwas An⸗ deres als Theilnahme und Freundſchaft an den Tag* zu legen. Eines Tages war er auf der Jagd draußen geweſen und kam gerade heim, als Beckers bei mir auf einem kleinen Beſuche waren. Wir hatten Emy um ein Lied gebeten, und mit ihrer ſchönen Stimme ſang ſie auf mein Begehren das alte aber entzückende:„Die Südländer im Norden.“ Gerade als Emy ihren Geſang begann, käm der Graf in die Allee und blieb lauſchend vor dem offe⸗ nen Fenſter ſtehen. Niemand ſah ihn außer mir. ₰ Niemals glaubte ich die Töne ihres Geſanges ſo magiſch, ſo zum Herzen gehend gefunden zu haben, als damals. Es dünkte mir, alles Holde und Be⸗ zaubernde vereinige ſich darin, Das Lied ging zu Ende. Man dankte Emy, und als ich wieder einen Blick durch das Fenſter warf, war der Graf ver⸗ ſchwunden. Eine halbe Stunde nachher trat mein Mann mit dem Grafen ein, welcher ſeine Jow 139 der ausgezogen und ein Salonkoſtüm angelegt hatte. Ich ſtellte ihm meine Gäſte vor, und als ich zu Emy kam, da machte ihr der Graf eine tiefere Verbeu⸗ gung als den Andern. Emy's Angeſicht überzog ſich mit einer Purpurröthe. „Der Graf nahm den neben ihr ſtehenden Stuhl ein und ſagte, ohne nur darauf zu achten, daß ich ihm noch nicht die ganze Geſellſchaft vorgeſtellt hatte: „Vor vier Jahren ſang ihre wunderbare Stimme am Strande von Skärholm, und die Erinnerung daran hat mich auf meinen Irrfahrten durch Eu⸗ ropa begleitet, ohne daß ich jemals wieder ſo be⸗ zaubernde Töne gehört hätte. Nun hat das Schick⸗ ſal meiner Seele dieſen Genuß wieder vergönnt, und ich finde keine Worte für meine Dankbarkeit gegen die Sängerin.“ „Der Blick des Grafen ruhte mit unverkennbarer Bewunderung auf Emy, welche an dieſem Tage un⸗ beſchreiblich ſchön war; ſie trug ein hellrothes, leich⸗ tes Neſſeltuchkleid. Was Emy antwortete, weiß ich nicht denn meine Pflicht als Wirthin hinderte mich, in ihrer Nähe zu bleiben. Sie benimmt ſich aber ſtets mit einer beinahe königlichen Würde und hat in ihrer Art und Weiſe etwas Kaltes, was wahr⸗ ſcheinlich abkühlend auf den Grafen wirkte, ſo daß er ſchnell ſeinen Siz verließ und kein Wort weiter an ſie richtete. Nachdem Alle ſich entfernt hatten, verweilte der Graf noch und begann von der Becker⸗ ſchen Familie zu reden, aber nur, wie ich bald bemerkte, damit er Gelegenheit fände, auf Emy zu ſprechen zu 140 „Woher iſt die Mamſell Kreuzer?“ fragte er, nachdem wir noch lange von dem Lieutenant, ſeiner Frau und ſeinen Töchtern geſprochen hatten. „Von Stockholm,“ erwiederte ich ganz lakoniſch, um ihn ſelbſt zum Reden zu bringen. „Ah ſo,“ antwortete der Graf etwas verlegen, ſezte aber ſchnell hinzu:„In welcher Eigenſchaft iſt ſie bei dem Lieutenant? Wer iſt ihr Vater?“ „Ihr Vater war Seekapitän, aber beide, er und die Mutter, ſind todt. Beckers haben ſie als Pflege⸗ tochter angenommen.“ „Das iſt ein neuer Beitrag zu allem dem Gu⸗ ten, was ich von Becker höre. Nun, was für ein Mädchen iſt ſie eigentlich?“ „Ein recht braves Mädchen,“ antwortete ich und fand ein heimliches Vergnügen an des Grafen Ver⸗ legenheit in dieſem Streite zwiſchen ſeiner Neugierde und ſeinem Stolze. „Das iſt eine wenig Aufſchluß gebende Antwort, entgegnete der Graf lachend und blickte mich an, indem er hinzuſezte: „Ich glaube, Frau Waldén, Sie wollen ſich auf Koſten meiner Neugierde luſtig machen.“ „Ganz und gar nicht, wenn der Herr Graf mir zugeben will, daß er neugierig iſt.“ „Nun wohl, ja.— Mamſell Kreuzers Stimme faßt eine Welt von reichen, warmen, ſtarken, glü⸗ henden und holden Gefühlen in ſich. Ihr Weſen dagegen läßt auf Manget an dieſem allen ſchließen. 13 Es liegt darin ſo viel Beſonnenheit und Vernunft, daß das Gefühl darunter erkaltet. Sagen Sie mir —— . 3 141 nun, welches von beiden lügt, die Stimme oder das Benehmen?“ „Herr Graf, ich glaube, beide ſprechen die Wahr⸗ heit. Emy liebt die Muſik, und in der Welt der Töne iſt ſie eitel Gefühl, aber nur Gefühl dafür. Im Uebrigen iſt Emy ein gutes, verſtändiges und rechtſchaffenes Mädchen, aber in ihrem Leben ſpielen Vernunſt und Stolz die Hauptrolle.“ „Nach dieſer Antwort entfernte ſich der Graf.“ * 3 Wir erlauben uns hier, Frau Woldén mit einer kleinen Betrachtung in Bezug auf ihr Urtheil über Emy zu unterbrechen. Frau Waldéns Anſicht von Emy ſtüzte ſich auf die allgemein falſche aber gleich allgemein angenom⸗ mene Vorausſezung, daß man aus dem äußern Gebahren eines Menſchen auf deſſen innere Gefühle ſchließen könne. Menſchen, welche unaufhörlich ihre Gefühle, ſo zu ſagen, zu Markte tragen⸗ welche ſtets davon ſprechen, welche beim Anblick einer Fliege in einem Spinnengewebe Thränen vergießen, weiche bei der Lektüre eines Nomans in Entzücken gerathen und beim Schnappen eines Schloſſes Nervenzufälle be⸗ kommen, gelten gewöhnlich für höchſt gefühlvoll. Diejenigen hingegen, welche in Folge ihrer Erziehung oder aus Achtung vor dem Heiligthum ihres Innern unter einer ruhigen und ſtillen Außenſeite einen Reichthum von Gefühlen bergen, wovon die Menge keine Ahnung hat, werden ſämmtlich für gefühllos ange⸗ ſehen. Ich meinerſeits ſehe niemals eine Frau, nelche für gefühlvoll gilt, ohne zu bezweifeln, daß 142 ſie es wirklich iſt, und betrachte ſie— vielleicht auch mit Unrecht— als eine Perſon, welche durch ein Uebermaß von Worten die innere Leerheit erſe⸗ zen will. Unterſuchen wir die Sache genauer, ſo müſſen wir anerkennen, daß man bei dem wirklich gebildeten Menſchen eine äußere Ruhe findet, welche ihn ſelten verläßt, welche durch alle ſeine Handlungen und Ge⸗ wohnheiten hindurchgeht. Er bewegt ſich mit einer gewiſſen Ruhe, auch wenn ſeine Seele noch ſo leb⸗ hſt erregt iſt; er duldet und kämpft manchen ſchwe⸗ ren Kampf mit den Leidenſchaften, während über ſeinem ganzen Benehmen Ruhe verbreitet iſt. Der ungebildete oder nur äußerlich gebildete Menſch, welchem es an angebornem Zartgefühl gebricht, wel⸗ cher es nicht unterläßt, ſeine innere Welt zu einem für jeden Neugierigen aufgeſchlagenen Buch zu ma⸗ chen, kann hingegen weder ein Stichelwort noch einen unbedeutenden Schmerz über ſich ergehen laſſen, ohne das größte Aufheben davon zu machen. Emy gehörte zu denjenigen Menſchen, welche von Natur und in Folge der Erziehung einen unüber⸗ windlichen Widerwillen dagegen empfinden ihr Inneres ſolchen preiszugeben, die für ihre Gefühle nicht ein⸗ mal einen Sinn haben. Ihre Seele hatte eine ſo rein weibliche, keuſche Richtung, daß ſie die Schäze von Schwärmerei, feurigen Leidenſchaften und glü⸗ henden Phantaſiegebilden, welche ihr Herz verbarg, für ſich ſelbſt und für diejenigen, welche ſie liebte, behielt. Sie ſcheute ſich mit jungfräulicher Schüch⸗ ternheit, dieſelben vor gleichgültigen Perſonen zu Tage treten zu laſſen, und hatte ihr koſtbares Heilig⸗ w — 1 1 143 thum mit einer äußern Ruhe und zuweilen einem etwas kalten Weſen umhüllt, welche denjenigen, die ſie nur oberflächlich kannten, zu Urtheilen Veranlaſ⸗ ſung gaben, dergleichen Inez gefällt hatte. Und nun kehren wir wieder zu ihr zurück. XXIV. „Tags darauf machte der Graf einen Beſuch auf Lundagard,“ fuhr Inez fort,„und als er nach Hauſe kam, ſprach er eine Weile mit mir von Emy. Sie hatte geſungen und ſeine Gefühle waren noch aus⸗ ſchließlich mit ihrem Geſang beſchäftigt. Nun kam eine Zeit, wo er häufige Beſuche auf Lundagard machte; er veranſtaltete kleine Luſtbarkeiten, wozu er auch andere Nachbarn einlud. Wenn er Emy nicht ſah, ſchwärmte er draußen herum oder redete mit mir von derſelben. Ich waroft, ſehr oft bei Beckers, und ſah den Grafen mit Emy zuſammen; aber Alles deutete an, daß er noch mit keinem Wort ſeine Ge⸗ fühle zu erkennen gegeben hatte. Emy blieb ſich in ihrem Benehmen gleich und war wieder zu ihrer ge⸗ wöhnlichen Ruhe gelangt; aber über ihre Züge hatte ſich eine Wärme und ein Leben verbreitet, wodurch ſie unwiderſtehlich ſchön wurde. Ihre Augen hatten einen ſchwärmeriſchen, zuweilen träumeriſchen Aus⸗ druck angenommen; aber dies war auch die einzige Veränderung, welche an ihr vorging. So verfloſſen zwei Monate, als der Graf, wel⸗ cher auf der einen Seite dem Zauber, ſie zu ſehen und zu hören, ſich ſorglos hinzugeben ſchien, auf der 144 andern unaufhörlich in ſeinem Geſpräche mit mir Fehler an ihr aufzuſuchen bemüht war, den Entſchluß faßte, Holmvik zu verlaſſen und nach der Hauptſtadt zu reiſen. „Dieſer Entſchluß kommt ſehr ſchnell,“ ſagte ich zu ihm. „Was wollen Sie, Frau Waldén, daß ich ſonſt thue? Mein gegenwärtiger Zuſtand gleicht dem eines Fieberkranken, welcher einen Augenblick von glühen⸗ der Hize verzehrt wird, den andern von eiſigem Froſt erbebt. Nein, das muß zu Ende gehen; ich reiſe nach Stockholm und verheirathe mich.“ „Der Graf war im Begriff, das Zimmer zu ver⸗ laſſen; als er an der Thüre ſtand, wandte er ſich noch einmal zu mir um und ſagte: Gehen Sie heute Nachmittag nicht nach Lundagard?“ „Nicht, daß ich denke.“ „Gehen Sie dahin, ich bitte Sie darum.“ Er ließ die Thürklinke los und kehrte zu mir zu⸗ rück indem er hinzuſezte: „Unterrichten Sie Manſell Kreuzer davon, daß ich abreiſe, und bitten Sie dieſelbe, mir ein Verzeich⸗ niß der Mußikalien, welche ſie von Stockholm zu er⸗ halten wünſcht, zukommen zu laſſen; ich werde dann dieſen Auftrag beſorgen. „Gehen Sie, Herr Graf, nicht ſelbſt noch vor Ihrer Abreiſe hin?. „Ich glaube nicht.“ Damit entfernte er ſich. „Am Nachmittage beſuchte ich Beckers und theilte Emy des Grafen Auftrag mit. Dies war jedoch kaum geſchehen, als er ſelbſt eintrat. 145 ir„Während wir im Garten herumſpazierten, nä⸗ herte er ſich Emy, und ich erhaſchte, von Beiden t unbemerkt, die Worte: „Hat Frau Waldén Sie von meinem Auftrag h und dem Wunſche, mich zu Ihrem Commiſſionär in der Haupiſtadt zu machen, in Kenntniß geſezt?“ „Ja, Herr Graf, Inez hat mir geſagt, daß Sie abzureiſen gedenken.“ „Emy's Stimme ließ Etwas von ihrer gewöhn⸗ lichen Gleichmäßigkeit vermiſſen. Sie ſezte einige verbindliche Worte bezüglich der ihm zu verurſachen⸗ den Mühe hinzu; auf ſein erneuertes Anerbieten, ihr die Muſikalien zu beſorgen, verſprach ſie, ein kleines Verzeichniß darüber ihm zu ſenden. „Wann wird der Herr Graf wieder nach Hauſe zurückkehren?“ fragte my. „Wenn ich vermählt bin?“ „Ach, der Herr Graf gedenken ſich zu ver⸗ mählen „Einige Augenblicke herrſchte S Stillſchweigen; da⸗ rauf ſagte Emy mit einer Stimme, in welche ſie die möglichſte Ruhe zu legen bemüht war: Ich wünſche dem Herrn Grafen von ganzem S Glück.“ zen „Sie⸗ Emy, wünſchen mir Glück?“ „₰ Des Grafen Stimme zitterte. Von ganzer Seele.“ ſ Jezt ſprach Emy wieder mit ihrer gewöhnlichen iuhe.“ „Glück zu meiner Verheirathung? Das iſt nicht nöglich!“ Schwartz, Blätter a. d. Frauenleben. J⸗ 10 146 „Ich wünſche, daß das Slhe, Herr Graf, Sie in allen Vorfallenheiten des Lebens begleiten möge.“ „Auch in meiner Liebe?“ „Ja, in Allem.“ „O! dann habe ich mich ſehr in Ihnen getäuſcht!“ erwiederte der Graf und entfernte ſich. „Es war keine Einbildung von mir, ſondern völ⸗ lige Wirklichkeit, daß Emy an dieſem Abend unge⸗ wöhnlich bleich ausſah, und daß eine Wolke von Kummer auf ihrer Stirne weilte, obſchon ſie ſich be⸗ ſtrebte, es zu verbergen. „Am folgenden Morgen begab ſich des Grafen Diener mit einem Packet Bücher, welche Emy zu haben wünſchte, nach Lundagard. Ob auch ein Brief dabei war, weiß ich nicht; aber der Graf erklärte mir, wenn der Diener zurückkehre, würde er über ſeine Reiſe beſtimmen. Der Diener brachte ein Brief⸗ chen von Emy mit. Der Graf öffnete es in meiner Gegenwart, und ſobald er die Augen auf die weni⸗ gen Worte geworfen hatte, wurde er ſehr bleich, warf das Billet von ſich und begrub das Angeſicht in den Händen. Meine Augen fielen unwillkürlich auf die paar Zeilen, ſie lauteten alſo: „Emy's einzige Antwort iſt: reiſen Sie und wer⸗ den Sie glücklich.“ „Zwei Stunden darauf hatte er Holmvik ver⸗ laſſen und iſt erſt geſtern zurückgelehrt,“ ſchloß J Inez. „Der arme Graf ſcheint entſchiedenes Unglück in ſeiner Liebe zu haben,“ dachte Klara in ihrem Herzen. 147 Am Nachmittage finden wir Frau Waldén und Klara zu einem Beſuch auf Lundagard angekleidet. Aber anſtatt die beiden Frauen allein gehen zu laſſen, hatte der Inſpektor beſchloſſen, daß ſeine ganze Fa⸗ milie, aus zwei Knaben, dem einen von neun, dem andern von acht Jahren, einem kléinen Mädchen von vier Jahren, ſammt einem ſechs Monate alten Büb⸗ chen und einem rothhaarigen Gymnaſiſten, welcher als Hauslehrer fungirte, und dem Inſpektor ſelbſt beſtehend, bei Beckers einfall en ſollte. Klara kam es als einer Städterin etwas wun⸗ derlich vor, in Geſellſchaft von Kindermädchen, Kin⸗ dern und Hauslehrer in einem unbekannten Hauſe vorgeſtellt zu werden; aber ſie war nun einmal auf dem Lande und mußte ſich nach der Oertlichkeit rich⸗ ten. Sie lachte alſo von Herzen, als ſie in der fürchterlichſten Sonnenhitze auf der über Getreidefel⸗ der führenden Landſtraße an Frau Waldéns Seite befindlich und einen Nachtrab von Kindern und Dienſt⸗ boten hinter ſich, einherſchritt. Ihre Heiterkeit wurde noch erhöht, als ſie einen Blick auf das Kindsmäd⸗ chen warf, welches in Schweiß gebadet den Korbwagen mit dem kleinen ſchreienden Weltbürger zog, während der Inſpektor daneben herlief und einen Shawl über das kleine Bürſchchen ausgebreitet hielt. Inez war über die ihr folgende Karavane miß⸗ vergnügt, ſah das Leben wieder ſchwarz an und gab ſich düſteren Betrachtungen hin. Klaras Heiterkeit trug nur dazu bei, ſie noch mehr zu verſtimmen, an⸗ ſtatt ſie aufzuheitern. Völlig niedergedrückt von der Hitze kamen ſie in Lundagard an. Als Klara daſelbſt in den Saal trat, erklärte dieſelbe, daß ihr erhiztes Angeſicht an Alles, nur nicht an eine Dame aus Stockholm er⸗ innere. Auf Lundagard waren nur der Hausherr und die Hausfrau anweſend, die jungen Leute hatten einen Ausflug über den Johannisfeiertag gemacht, aber man erwartete ſie jede Stunde zurück. Klara traf hier mit ihrem Mann, dem Kammer⸗ rathe zuſammen, denn er hatte ſich gleichfalls einge⸗ funden, um ſeinen Beſuch abzuſtatten; er war geſon⸗ nen, den Sommer an einem Orte, Namens Aengſö, in der Nachbarſchaft von Lundagard zuzubringen. Nachdem man Kaffee getrunken und eine Zeit lang mit einander geſprochen hatte, fuhr ein Reiſe⸗ wagen in den Hof und wir finden in demſelben unſere alten Bekannten, Emy, welche nunmehr drei⸗ undzwanzig Jahre alt war, Hildur, welche neunzehn, und die kleine Selma, welche ſechszehn Jahre zählte. Emys Schönheit hatte durch den friſchen Farben⸗ ton, den ihr Geſicht erhalten, und durch den ſeelen⸗ vollen Ausdruck, der in ihrem Blicke ſich kund gab, bedeutend gewonnen; aber ihr Benehmen war nur noch verſchloſſener und kälter geworden. Die ſtatt⸗ liche junoniſche Geſtalt hatte an Fülle zugelegt. Als ſie ſo mit dem leichten Schäferhut auf dem Kopfe vor Klara daſtand, konnte ſie durchaus auf den Namen einer wirklichen Schönheit Anſpruch machen. —— 149 Hildur war von Wuchs eher groß als klein und ſehr ſchlank; dabei benahm ſie ſich völlig anſpruchs⸗ los und trug den Kopf mit einer eigenthümlichen Biegung des Halſes, was ihr ganz gut ſtand. Waren Hildurs Augen, ſchon als ſie in den Kinderjahren ſtand, ſchön geweſen, ſo war dies jetzt in noch höherem Grade der Fall. Es lag ſo viel Seele und Gefühl darin, daß dieſer Umſtand im Verein mit ihrem ſchüchternen Weſen ſie unbeſchreiblich liebenswürdig machte. Selma war zu einem ganz einehmenden Mäd⸗ chen herangewachſen; ſie hatte einen hübſchen und geſchmeidigen Wuchs, und in allen ihren Bewegun⸗ gen etwas Weiches und Graziöſes. Ihre Züge waren regelmäßiger, als bei ihrer Schweſter, aber es fehlte ihnen an dem Gepräge tiefen Gefühls, welches Hil⸗ dur auszeichnete. Selma's Angeſicht verrieth ein leicht bewegliches Herz, welches jedem Eindrucke offen und ihm ſich hinzugeben bereit war, ſowie eine Seele welche es mit der Welt in und außer ihr noch nicht zu einer rechten Harmonie gebracht hatte. Das Leben lag vor dem jungen Mädchen noch gleich einem Räthſel da, deſſen Löſung ſie vielleicht manche bittere Stunde koſten ſollte. Man trank Kaltſchale in einer Laube und war eben in vollem Zuge, als Selma zu ihrem Vater ſagte: wir trafen ihn auf dem Werke G— bo.“ „War der Graf dort?“ fragte der Lieutenant. „Ja, er war ſchon ſeit einigen Wochen auf Be⸗ ſuch bei dem Baron H. geweſen. Ihm hatten wir es zu danken, daß wir die Gemäldegallerie zu ſehen —— ——— „Wir ſollen Dich von dem Grafen Ruben grüßen; bekamen, und am Abend eine Einladung zu dem Baron erhielten,“ fuhr Selma fort. „Aber wie ſeid ihr denn mit dem Grafen zu⸗ ſammengetroffen?“ „Nun gerade als unſer Wagen vor dem Hauſe des Hüttenverwalters N. anhielt, kam der Graf aus demſelben heraus, und als er hörte, daß wir noch bis zum folgenden Tag zu bleiben gedachten, bot er ſich uns zum Führer an, ſo daß wir die Zimmer und die Gemäldegallerie zu ſehen bekamen. Fr ver⸗ ließ G— bo denſelben Abend, da wir dort anlangten,“ ſchloß Selma. 8 Während Selma dieſen Bericht abſtattete, be⸗ merkte Klara, wie die Roſen auf Emy's Geſicht eine höhere Färbung annahmen, obwohl die Geſichtszüge ſelbſt ihre gewöhnliche Ruhe bewahrten. „Geſtern Abend kam der Graf wieder in Holm⸗ vik an,“ fiel der Inſpektor Walden ein,„aber ich bab Der Inſpektor konnte ſeinen Satz nicht vollenden, denn am Eingang der Laube ſtand der Graf. Klara wurde durch die auffallende Bläſſe, welche ſein An⸗ geſicht bedeckte, überraſcht. Graf Arthurs erſter Blick fiel auf Emy. Klara folgte dieſer Richtung. Die Röthe, welche auf Emy's ſtolzer Stirne brannte, der Freudenbliz, welcher un⸗ willkürlich unter den ſchnell geſenkten Augenwimpern zum Vorſchein kam, ſchloſſen für den aufmerkſamen Beobachter ein vollſtändiges Bekenntniß ein. Auch das Angeſicht des Grafen leuchtete hell auf. Seine Augen ſtrahlten, während er den Wirth —— und die Wirthin begrüßte; als ſie aber auf Klara — . vorgeht? Ein Mädchen ſoll lernen, ſeine Rolle mit — 151 trafen, verfinſterte ſich ſeine Stirne ein wenig, als ob ihr Anblick eine unangenehme Frinnerung bei ihm geweckt hätte; aber im nächſten Momente unter⸗ vrückte er als ein Mann, welcher ſich bewußt war, was die Welt forderte, ſeine Bewegung und grüßte ſie verbindlich. Der Abend verfloß ganz angenehm, und der Graf war ſehr aufgeräumt. Er ſprach von ſeinen Reiſen, von Muſik und Literatur. „Ich bin im Allgemeinen kein Freund von Ro⸗ manlektüre,“ bemerkte er unter Anderem. „Und aus welchem Grunde?“ fragte Klara. „Weil ſie die Phantaſie erregt und der Jugend einen ganz ſchiefen Begriff von der Wirklichkeit bei⸗ bringt, ſo wie die Leidenſchaſten mit einem gefähr⸗ lichen und verlockenden Schimmer umgiebt.“ „Aber für uns Frauen iſt ſie eine Quelle der Bildung,“ fiel Emy ein;„man kann ſagen, beinahe die einzige, welche für uns zugänglich iſt.“ „Leider iſt dieß zum Theil wahr,“ erwiederte der Graf und heftete ſein Auge auf Emh;„aber der Fehler liegt darin, daß die Frauen ſich keine andere aneignen wollen; es iſt ihnen von Kindheit an zur Gewohnheit geworden, in ihrer Einbildung zu ſchwel⸗ gen, und darum verachten ſie Alles, was nicht zu dieſer ſpricht, undoft ſelbſt die Wirklichkeit. Hätte ich eine Toch⸗ ter, ich würde ihr, wie Lafontaine, alles Romanleſen, verbieten. Ich würde ihren Geſchmack auf eine mehr wirklich bildende Lektüre richten; denn was iſt eine Bildung werth, welche aus Romanen geholt wird. Wiegt ſie wohl das Unheil auf, welches daraus her⸗ Anmuth zu ſpielen, ſo daß es geliebt wird. Ach, mein Gott, das iſt etwas, worin die Natur ſie unter⸗ richtet, ohne daß ſie es aus der Lektüre zu ſchöpfen braucht. Sie trifft dabei wohl auf die eine oder andere ſchöne oder moraliſche Handlung; ſie bekommt einen Begriff von ausgezeichneten Charakteren; aber wiegt dies Alles wohl das Unheil auf, welches durch die ewige Schilderung von Liebe und Leidenſchaft hervorgebracht wird? Eine Frau, welche von Ro⸗ manideen erfüllt iſt, fordert von der Wirklichkeit jene außerordentlichen Leidenſchaften, jene ungeheuerlichen Begebenheiten, welche ſie von dorther kennt, und fin⸗ det ſie dieſelben nicht alle wieder im Leben, ſo hält ſie ſich für unglücklich, und unter dem ewigen Ja⸗ gen nach romantiſchen Vorfallenheiten geht die Wohl⸗ fahrt von mancher verloren, und manche fällt als Opfer des brennenden Strebens, aus ihrem Leben einen wirklichen Roman zu machen.“ „Sie brechen alſo, Herr Graf, unwiderruflich den Stab über die armen Romane,“ rief Klara lächelnd,„und dennoch möchte ich den Saz verfech⸗ ten, daß ſie viel mehr Gutes ſtiften können, als die ſchönſten Bücher mit Sittenlehren.“ „Das könnten Sie wohl, aber ſie thun es nicht,“ antwortete Graf Arthur lachend. „Und den Grund dazu, wo nehmen Sie den her?“ „Von jener häßlichen Effekthaſcherei, welche die franzöſiſche Schule eingeführt hat, und ohne welche man nunmehr unter der großen Menge keine Leſer mehr findet; von jener ewigen Steigerung der Sin⸗ neneindrücke, welche durch die Vorführung unge⸗ heuerlicher und widriger Charaktere und gräßlicher ctie— 153 Auftritte zu Stande gebracht wird. Was ſoll Gutes durch eine Litteratur bewirkt werden, welche bei der unaufhörlichen Ueberreizung unſerer Leidenſchaften damit endet, daß unſere beſſeren und edleren Gefühle abgeſtumpft werden? Sie geben einen ſolchen Ro⸗ man einer jungen Perſon in die Hände und wollen, daß der unerfahrene Sinn, die mit dem Leben unbe⸗ kannte Seele unter der Maſſe von Spreu die weni⸗ gen heilſamen Körner herausſinden ſoll. Sie ſehen nicht, daß Sie dadurch die Begriffe verwirren, an⸗ ſtatt dieſelben aufzuklären, und daß es Ihnen nicht glücken wird, in eine Seele, deren Einbildungskraft bis zum höchſten Grad geſteigert iſt, wirklich geſunde und richtige Vorſtellungen von der Welt, worin ſie leben ſoll, zu verpflanzen. „Somit ſollte nach Ihrer Meinung, Herr Graf, alles Romanleſen verbannt werden?“ „Nein, aber ich verlange vor allen Dingen, daß der Roman eine wirkliche, die Sitten veredelnde Lek⸗ türe ſei, welche erfolgreich zum Verſtand und zum Herzen ſpricht, welche die einfache Wirklichkeit in ſchöner, wahrer und edler Geſtalt vorführt, und nicht mit ihren überſpannten Bildern die Gedanken ver⸗ wirrt und die Sinne erhizt. Man laſſe die Wirk⸗ lichteit reden; ſie enthält Poeſie in hinreichendem Maaße, ohne daß wir nöthig haben, ſie aus dem Schooße einer überſpannten und unwahren Einbil⸗ dung hervorzuholen. Man laſſe die Dichtung nur eine leichte, aber gefällige Draperie der Wahrheit ſein. Man bilde vor allen Dingen das Urtheil der Jugend, bevor man ihr geſtattet, beſtändige Nahrung für die Phantaſie einzuthun. Man wecke ihre Träume —————— 154 von Ehre und Liebe nicht eher, als bis ihr Verſtand entwickelt iſt, um begreifen zu können, was Ehre und Liebe eigentlich ſind. Man lehre ſie denken, ehe ſie Anleitung zu träumen erhält.“ Das Geſpräch wurde hier durch die Meldung, daß das Souper aufgetragen ſei, unterbrochen. „Nun, Sally, haſt Du ſchon von der ſonderba⸗ ren Inſaſſin auf Hanskär, dort in Dora's Hütte ge⸗ hört?“ fragte Inez Frau Becker während der Mahlzeit. „Ja wohl,“ erwiederte Frau Becker.„Ich fragte geſtern Dora, wie es ſich damit verhalte; aber ſie antwortete ausweichend, es ſei eine Wittwe, welche in Einſamkeit auf dem Lande zu leben wünſche. Das Merkwürdigſte iſt, daß ſie volle drei Wochen auf Hanskär gewohnt haben ſoll, ohne daß Jemand Etwas davon wußte. „Von wem ſprechen die Herrſchaften da?“ fragte der Graf. „Von einer Frau, welche in Dora's Hütte auf Hanskär wohnt,“ erwiederte Frau Becker. „Und ihr Name?“ drängte Klara. „Den kennt man nicht,“ entgegnete Frau Becker. „Dora redet nie davon. Ich fragte ſie mehrmals, ohne daß ſie ſich zu einer Antwort herbeiließ. „Das lautet recht pikant,“ iel Emy lächelnd ein, „und iſt Etwas, womit man in Ermanglung von 3 Romanen ſeine Einbildungskraft beſchäftigen kann. „Sie lieben alſo wohl Romanlektüre, Mamſell Kreuzer“ fragte der Graf und rückte Emy näher. „Ja ſehr; aber ich liebe auch die Wirklichkeit und glaube, daß ſich dieſes recht gut vereinigen läßt.“ „Bei Ihnen, ja; denn da, wo Feuer und Eis * 155⁵ neben einander beſtehen können, da vermögen auch alle andern widerſtreitenden Elemente eine Gemein⸗ ſchaft einzugehen. Ich weiß Niemand, der ſo ſehr wie Sie aus lauter Widerſprüchen zuſammengeſezt iſt. „Dieß kommt daher, Herr Graf, daß Sie mich durchaus nicht kennen,“ antwortete Emy und blickte mit offenem und reinem Blicke zu dem Grafen auf. „Es iſt vielleicht unmöglich, Sie kennen zu lernen.“ „Ich glaube das nicht, nur muß man mich ſo auffaſſen, wie ich bin, und nicht wie die eigenen, be⸗ ſtändig wechſelnden Gefühle mich der Phantaſie vor⸗ ſtellen. Wir urtheilen im Allgemeinen ganz unrich⸗ tig nach dem Eindruck, den ein Menſch auf uns macht, ohne deſſen Charakter zu erforſchen, ja ohne uns auch nur die Mühe zu nehmen, denſelben zu ſtudiren.“ „Wir haben für unſere Urtheile keinen andern Maßſtab, als den Eindruck, welchen wir erfahren.“ Der Graf nahm ſeinen Plaz an Emy's Seite. „Und der iſt ſehr unzuverläſſig, Herr Graf, und daher kommt es, daß wir immerdar auf ſchiefe Ur⸗ theile gerathen.“ „Aber wornach wollen Sie denn, daß wir unſern Nächſten beurtheilen?“ „Nach der Erfahrung, nicht nach unſerem Gefühl. Der Verſtand muß das Wort führen, und wenn wir Jemand nur oberflächlich kennen, ſo müſſen wir mit unſerem Urtheil über ihn ganz zurückhalten.“ „Mamſell Kreuzer will alſo damit ſagen, daß ich ſie nur oberflächlich kenne?“ „Ja, Herr Graf.“ Emy blickte dabei den Sprecher ernſt und ruhig an. „Dann bin ich alſo unfähig, Ihren Charakter zu beurtheilen?“„ „Das iſt der Herr Graf nicht.“ „Da irren ſie ſich doch, denn ich urtheile nach Ihren Handlungen,“ erwiederte der Graf, indem er ſich bückte, um Emy's Serviette aufzuheben. „Forſchen Sie nach den Beweggründen zu jeder Handlung, und Sie werden dann in einem andern Lichte ſehen.“ Mit dieſen Worten ſtand Emy auf und verließ den Grafen. Nach dem Abendeſſen näherte ſich der Graf Klara und ſagte in leiſem, etwas unſichern Tone: „Haben Sie, Frau Kammerräthin, einige Kunde von Frau Kahn's Schickſalen?“ „Nein, Herr Graf, ſeit jenem unglücklichen Pro⸗ ceß iſt meine Couſine ſpurlos verſchwunden.“ Klara's Stimme zitterte. „Das iſt entſezlich; aber ſie iſt doch öffentlich freigeſprochen wordén.“ Der Graf ſah ſehr bleich aus. „Ja, aber Sie kennen Helenens ebenſo ſtolze als gefühlvolle Seele und werden alſo leicht begreifen, welchen unauslöſchlichen Eindruck dieſer erniedrigende und abſcheuliche Proceß auf ſie machen mußte.“ „Ach! das begreife ich vollkommen. Als ich vor zwei Jahren während meines Aufenthalts in Paris las, daß ſie Wittwe geworden war, und daß Kahn's Schweſterſohn ſie anklagte, ihren Gatten vergiftet zu haben, kehrte ich eiligſt nach Schweden zurück, um möglicher Weiſe ihr von Nuzen zu ſein. Bei mei⸗ 157 ner Ankunft in Stockholm erhielt ich die Nachricht, daß ſie freigeſprochen worden, und zugleich, daß ſie, man weiß nicht wohin, weggezogen ſei. Mamſell Bill gab mir dieſe Aufſchlüſſe.“ „Seit dieſer Zeit haben wir von Helene und ihrer kleinen Tochter Nichts mehr gehört. Daß ſie noch am Leben, iſt das Einzige, was wir von ihr wiſſen, weil Einer unſerer Verwandten den Auftrag erhalten hat, jährlich eine gewiſſe Summe von ihrem Vermögen an ein Handelshaus in Kopenhagen zu überſenden.“ „Helenens Schickſal laſtet wie eine drückende Bürde auf meinem Gewiſſen,“ ſagte der Graf be⸗ kümmert,„denn die Rolle, welche ich in ihrem frühern Leben ſpielte, hat, wie ich nun klar einſehe, ein Le⸗ ben von Leid und Unglück mit ſich gebracht.“ „Eine gewöhnliche Folge, wenn die Leidenſchaft das Wort führt, Herr Graf. Jahre müſſen entgel⸗ ten, was der Augenblick verbrochen hat. Der ewige Wechſel Ihrer Eindrücke, die beſtändige Nachgiebig⸗ keit gegen augenblickliche Gefühle, ſehen Sie, das iſt es, was Ihnen ſelbſt und Andern manches Leid zu⸗ gezogen hat. Ach! derjenige, welcher ſein Leben ohne Reue durchwandern will, muß die Religion und den Verſtand zu Herrſchern über ſeine Leidenſchaft er⸗ heben.“ „Sie haben Recht, Frau Kammerräthin, und man iſt erſt recht unglücklich, wenn man ſich zum Selaven derſelben erniedrigt.“ Etwas ſpäter trennte man ſich. Klara fuhr mit ihrem Manne heim nach Aengſö. 158 Wir verſezen uns an demſelben Abend, da Klara auf Lundagard war, nach Hanskär. XXVI. Die Inſel liegt umſchloſſen von ſchönen Scheeren, welche den Ausgang zur See bedecken und gewiſſer⸗ maßen dieſen ihren Liebling, der an Naturſchönhei⸗ ten es allen andern zuvorthut, beſchirmen. Auf der linken Seite derſelben erhebt ſich eine Klippe, an deren Fuß eine Hütte erbaut war und zwar ſo, daß der Berg ſelbſt eine Wand davon bil⸗ dete, die drei übrigen Wände aus Holz aufgeführt waren. Sie hatte eine ſehr romantiſche Lage, beſchattet von hohen Erlen und umſchloſſen von einem wilden Strande, und dem klaren Waſſerſpiegel vor ſich. Sie enthielt eine kleine Küche, ein größeres Gemach und einen kleinen Erker. ₰ Die lezten goldenen Strahlen der Sonne brann⸗ ten auf den Scheeren und erloſchen dann auf den Wogen der zitternden See. Die Vögel lockten im Chor ihre Jungen und Geſpielen, und auf einem der Bäume ſchlug eine Droſſel ihren melancholiſchen Triller. Dies waren die einzigen Laute, welche im Ver⸗ ein mit dem leiſen Säuſeln des Windes im Laube und dem ſeufzenden Anſchlag des Waſſers gegen den Strand die in der Natur herrſchende Stille unter⸗ brachen. Es war, als ob der Tag müde und träu⸗ meriſch zögerte, ehe er der Erde Lebewohl ſagte. Der Abend war ſchüchtern und keuſch wie das Herz einer Jungfrau, welche ihr Abendgebet zum Schöpfer emporſendet. Plözlich wurde das Schweigen auf Hanskär durch die weiche und muntere Stimme eines Kindes unter⸗ brochen, welches rief: „Dora, Dora, ich habe einen Fiſch gefangen, einen ſchönen Fiſch; ſieh, wie er glänzt und hüpft! Dora, Dora, beeile Dich!“ Die Stimme kam von einem kleinen, drei oder vier Jahre alten Mädchen, welches auf einem Stein am Strande ſaß und eine Angelruthe in der Hand hielt, an deren Haken ein Rothauge zappelte. „Ich komme, Ellen; Du darfſſt nicht ſo laut ſchreien,“ antwortete Dora, und eilte auf die Kleine zu. „Sieh' dort, Mama iſt eingeſchlafen.“ Dora deutete auf den Plaz vor der Hütte. In dem hohen, dichten Graſe lag eine Frau von ungewöhnlich ſchlankem Wuchſe, mit einer hohen, ge⸗ dankenvollen und umwölkten Stirne, bleichem, abge⸗ zehrtem Angeſichte und langem, üppigem, braunem Haare. Sie war noch jung. Ihr Haupt ruhte auf einer kleinen Erhöhung, und ihre Augen waren ge⸗ ſchloſſen; aber nach den Thränen, welche in den ge⸗ ſenkten Augenwimpern zitterten, und nach dem hef⸗ tigen Wogen der Bruſt war zu ſchließen, daß ſie nicht ſchlief, wie Dora glaubte. Auf den Zügen der jungen Frau weilte ein Ausdruck ſtummer Verzweif⸗ lung, gemiſcht mit grenzenloſer Bitterkeit. Dora, welche vollkommen überzeugt war, daß ſie wirklich ſchliefe, nahm Ellen an der Hand und ging mit ihr weiter fort. Das lebhafte und muntere Ge⸗ 6 ſchwäz des kleinen Mädchens verhallte, je mehr ſie ſich entfernten, und bald herrſchte wieder vollkom⸗ mene Stille um die im Graſe ruhende Frau, welche unbeweglich und mit geſchloſſenen Augen liegen blieb, als ob ſie vergeſſen wollte, daß ſie noch vom Erden⸗ leben umgeben war. Plözlich hörte man leichte, aber gleichmäßige Ru⸗ derſchläge, welche durch ihren einförmigen Schall die Stille unterbrachen und ſich Hanskär näherten. Bald wurde ein Boot ſichtbar, welches um die nördliche Landſpize herumglitt. Ein einziger Ruderer ſaß darin. Die Ausſicht, welche ſich hier, beleuchtet von der untergehenden Sonne, darbot, war von ſo wilder, aber zugleich ſchöner Natur, daß der Ruderer einen Augenblick anhielt und mit einem Ausdruck ſchwär⸗ meriſcher Bewunderung das Gemälde betrachtete. Wohin flogen wohl ſeine Gedanken? Gott allein weiß es; aber lang ſchaukelte ſich das Boot ziellos auf den Wogen. Endlich erwachte er aus ſeinen Träumen und begann wieder gemächlich nach der Landſpize hinzu⸗ rudern, wo die Hütte ſtand. In Kurzem befand er ſich derſelben gegenüber und gewahrte in demſel⸗ ben Augenblick die auf dem Boden ruhende Frau, welche ſo völlig in ihre innere Welt verſunken ge⸗ weſen, daß ſie den Ruderſchlag nicht gehört hatte. Lang betrachtete er dieſes Schattenbild eines lebenden Weſens, und ein Schauer lief durch ſeinen Körper, während er murmelte: „Sie iſt es! O Gott, meine Ahnung hat ſich doch beſtätigt!“ Im nächſten Augenblick hatte das Boot ange⸗ 161 legt, und der Ruderer ſtand auf dem Strande, un⸗ ſchlüſſig, ob er ſich der ſcheinbar Schlafenden nähern, oder ihr Erwachen abwarten ſollte. Endlich ſchritt er auf den Grasplaz zu, und als er nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war, blieb er ſtehen. In demſelben Momente öffnete ſie langſam die Augen, und ſie fielen auf den vor ihr ſtehenden Fremdling. Bei ſeinem Anblick ſprang ſie auf, und eine Purpurflamme überflog ihr bleiches, abgezehr⸗ tes Antliz. „Arthur!“ rief ſie, mit einem ſo ſchmerzlichen Ausdruck, daß es wie ein Angſtſchrei klang. „Helene!“ ſtammelte der Graf und ſenkte das ſonſt ſo ſtolze Haupt. Es trat ein Stillſchweigen von mehreren Minuten ein, während deſſen Beide nur die gewaltſamen Schläge ihrer Herzen vernahmen. Der Graf brach zuerſt dieſe Stille. „O Helene, müſſen wir uns ſo wiederfinden? Müſſen Sie auf ſo furchtbare Weiſe Ihre Jugend⸗ liebe entgelten, und muß ich ſo unglücklich ſein, um den Tag zu erleben, da ich mir ſelbſt ſagen muß: du biſt das unglückliche Schickſal dieſer bewunderns⸗ werthen Frau geweſen! Auf den Knieen, zu Ihren Füßen ſollte ich Abbitte für das Unheil thun, wel⸗ ches ich Ihnen zugefügt habe, und mein ganzes Leben würde nicht hinreichen, daſſelbe zu ſühnen.“ Das ganze Ausſehen des Grafen bezeugte, daß ſein Schmerz wirklich und tief gefühlt war. Die dunkelrothe Flamme auf Helenens Angeſicht war wieder verſchwunden und hatte der gewöhn⸗ lichen Bläſſe Plaz gemacht. Sie ſtieß einen tiefen Schwartz, Blätter a. d. Frauenleben. I. und unnennbar ſchmerzhaften Seufzer aus und er⸗ wiederte hernach mit ruhiger und milder Stimme: „Graf Ruben hat Nichts abzubitten, Nichts zu ſühnen. Die frühern Ereigniſſe meines Lebens ha⸗ ben keinen Einfluß auf die ſpätern ausgeübt. Die Liebe, welche ich einmal zu Ihnen empfand, hat keine Hauptrolle in meinem Leben geſpielt, ſie war nicht das Motiv zu meiner Verheirathung, wie Sie zu glauben ſcheinen. Nein, Arthur,“ ſezte ſie mit bewegter Stimme hinzu,„ich wurde Kahns Gattin deßhalb, weil meine unſäglich geliebte Mutter es wünſchte, nicht weil die Verzweiflung über den Schiffbruch meines Herzens mich dazu trieb. Seien Sie verſichert, daß Sie ſich Nichts, gar Nichts vor⸗ zuwerfen haben.“ Helene trat einen Schritt näher und reichte ihm die Hand mit den Worten: „Laſſen Sie ſich nicht durch mein trauriges Ge⸗ ſchick gleich einer Wolke ihres Herzens Himmel ver— dunkeln!“ Der Graf faßte tief gerührt die kleinen magern Hände und ſtammelte: „Ach, Helene, Sie wollen mich aus Edelmuth, aus Barmherzigkeit verleiten, dieſen Ihren Worten, welche nicht Wahrheit ſind, Glauben zu ſchenken.“ „Sehe ich wohl aus, als ob ich aus Edelmuth zu lügen im Stande wäre?“ antwortete Helene mit beinahe bitterem Lächeln.„Nein, ich bin des Lebens ſo überdrüſſig, hege eine ſo niedrige Meinung von der Menſchheit und glaube ſo wenig an das Glück, daß ich nicht mehr weder gut noch edelmüthig ſein kann. Scheiden Sie darum, Arthur, von mir mit 163 der beruhigenden Gewißheit, daß Sie an Allem, was mich betrifft, vollkommen ſchuldlos ſind.“ „Helene,“— des Grafen Stimme bebte— „Dein Herz iſt alſo vollſtändig erkaltet für denjeni⸗ gen, den Du einſt geliebt haſt?“ Im Ausdruck des Grafen lag etwas Angſtvolles, während er hinzuſezte: „Deine Liebe iſt alſo verſchwunden gleich einem Sommertraum? Es war nur eine Frucht Deiner Phantaſie?“ „Nein, ſie ging von meinem Herzen aus; ſie wohnte dort ſo warm wie das Leben,“ erwiederte Helene, und eine ſtarke Röthe brannte wieder auf ihrer Stirne,„aber ſie iſt erloſchen.“ Jede Muskel im Angeſicht des Grafen bebte, als ob ihm ſein Todesurtheil angekündigt worden wäre. Einen Moment betrachtete Helene ihn mit einem wunderbaren Blick, als ob ſie in ſeiner Seele leſen wollte; darauf antwortete ſie mit bekümmer⸗ ter Stimme: „Die Liebe gedeiht nicht in einer Bruſt, wo Verzweiflung und ein ewiger Schmerz ihre Wohn⸗ ſtätte genommen haben. Die Liebe bleibt nicht in einem Herzen weilen, welches mit Begeiſterung an ſeinen Pflichten hängt, nachdem es dieſelben einmal übertreten hat. Meine Liebe, Arthur, iſt todt;— meine Freundſchaft dauert fort. Und ich betrachte da⸗ rum Ihre Handlungsweiſe jezt in einem andern Lichte.“ Des Grafen Stirne heiterte ſich, ihm ſelbſt un⸗ bewußt auf; er ſezte jedoch hinzu: „Wenn wir beide vor Gott ſtänden, welcher in das Herz ſieht, würde dann Helenens Antwort die 11 ſelbe bleiben? Aus Barmherzigkeit, ſeien Sie wahr, ſeien Sie aufrichtig!“ Der Graf faßte wiederum ihre Hände und blickte ihr in die Augen. „Meine Antwort würde dieſelbe bleiben, und wäre ich im Begriffe, in mein Grab niederzuſteigen.“ „Dank, Helene!“ erwiederte der Graf und drückte ihre Hände ehrerbietig an ſeine Lippen. „Ich habe eine Bitte an Sie; ſchlagen Sie mir dieſelbe nicht ab;“ flehte der Graf. „Wenn ich ſie bewilligen kann, ſo ſeien Sie überzeugt, daß ich es thun werde.“ „Laſſen Sie mich wieder kommen, nur noch ein⸗ mal, und aus Ihrem eigenen Munde eine Schilde⸗ rung Ihres Lebens hören. O, dann erſt werde ich zu beurtheilen im Stande ſein, wie viel Antheil meine Handlungsweiſe an Ihrem ſpätern Schickſale gehabt hat.“ „Kommen Sie morgen Abend wieder, Arthur, dann werde ich Ihren Wunſch erfüllen,“ antwortete Helene. Einen Augenblick ſpäter ſtieß des Grafen Boot von Hanskär ab und entfernte ſich. XXVII. Die Sonne war im Schooße der See zur Ruhe gegangen. Die kleine Ellen ſchlummerte ruhig und hold in ihrem ſchneeweißen Bette. An ihrem Kopf⸗ kiſſen ſaß eine ältere Dienerin, mit und ern⸗ ſten Geſichtszügen. ———— Am Strande, auf einem Steine ſaß Helene und ſchaute mit bewegtem und beinahe wildem Blick auf die klare Waſſerfläche hinaus. Ihr Angeſicht trug Spuren von Thränen. Auf einem etwas niedrigern Steine hatte Dora Plaz genommen. Mit ihren ehrlichen, klugen Augen ſah ſie zu Helene empor. Frau Kahn, wollen Sie ſich nicht zur Ruhe legen. Ich muß mich nun bald auf den Fiſchfang begeben, und komme wohl vor ein paar Tagen nicht nach Hanskär,“ begann Dora, um Helene aus ihren Träumereien zu wecken. „Dora, ich kann nicht ſchlafen; geh' aber Du zur Ruhe, denn Du ſollſt um drei Uhr wieder auf ſein,“ antwortete Helene und heftete ihre Augen auf die Sprecherin. „Ach, ich bin nicht ſchläfrig,“ erwiederte Dora in munterem Tone;„ich mache mir nichts daraus, eine Nacht zu wachen, und als wohlbeſtallte Fiſcherin bin ich ſchon daran gewöhnt. Wenn Sie wollen, will ich Ihnen eine alte Sage erzählen, welche im Orte über die Schere da draußen, welche die Jung⸗ frau genannt wird, umgeht, da wir doch einmal die Nacht durchwachen ſollen; denn das viele Weinen wird auch auf die Länge verdrießlich und ſchadet den Augen,“ ſezte Dora hinzu, als ſie ſah, daß He⸗ lenens Thränen von Neuem zu fließen begannen. „Mir dünkt, wenn man einmal wacht, ſo iſt es immer unterhaltender, ein wenig zu ſchwazen,“ ſcherzte ſie. „Liebe Dora, ich kann nicht zugeben, daß Du meinetwegen wacheſt,“ fiel Helene ein. 18 „Nun, ſo thue ich es ohne Erlaubniß,“ meinte Dora lachend.„Ich habe es mir in den Kopf ge⸗ ſezt, Ihnen die Geſchichte zu erzählen, und ſo ſind Sie gezwungen, dieſelbe anzuhören. Dora nahm bei dieſen Worten eine ſo komiſch entſchiedene Miene an, daß Helene zu einem matten Lächeln den Mund werzog. „Nein, Dora, Du ſollſt Deine Geſchichte nicht er. zählen; ſprich lieber von etwas Anderem. Helene trocknete ihre Thränen. „Und was ſoll das ſein? Etwas Geklatſche viel⸗ leicht von den Nachbarn. Ah, das könnte ſchon ge⸗ ſchehen, wenn Sie ſo befehlen,“ antwortete Dora, die muntere Bäuerin ſpielend, und blinzelte mit den Augen. Dora's Miene war dabei ſo drollig, daß 6 wiederum ein ſchwaches Lächeln auf Helenens Lippen hervorrief. „Nun denn, laß hören, erzähle Etwas von den Leuten auf Lundagard, die Du mir ſo oft be⸗ ſchrieben haſt. Sie fangen wirklich an, mein In⸗ tereſſe zu erregen, beſonders dieſe Mamſell Kreuzer, in welche der Graf auf Holmvik verliebt iſt.“ „Das ſoll geſchehen.“ Und nun begann Dora mit einem gewiſſen na⸗ türlichen Humor von den e von Lunda⸗ gard und von Inſpectors auf Holmvik zu erzählen, und während ſie ſo plauderte, gelang es ihr wirk⸗ lich, Helene zu zerſtreuen. Endlich bewog ſr die⸗ ſelbe auch, ſich zur Ruhe zu begeben. Nachdem Helene in einen unruhigen Schlaf ge⸗ fallen war, ſchlich ſich Dora in die Küche hinaus, legte ihre Frauenkleider ab und vertauſchte ſie mit einem wirklichen Seemannsanzug, wandte ſich dann nach der nördlichen Landſpize, wo ein Boot lag, in 167 welchem ein Bauernburſche ſchlief. Es war Mor⸗ gens drei Uhr. 8 „Wach' auf, Anders, wir wollen hinaus und das Riff viſitiren; laß ſehen, was wir für einen Fang machen.“ Anders ſprang halb ſchlaftrunken auf, Dora hüpfte in das Boot hinein und führte nun mit der vollendeten Geſchicklichkeit eines Seemanns ihr Ru⸗ der, ſo daß ſie Hanskär bald aus dem Geſicht ver⸗ loren. Ein paar Tage darauf kam Graf Arthur auf ſeinem Pferde in den Hof von Skärholm hereinge⸗ ſprengt. Frau Hedin ſtand ſich verneigend unter der Thüre des Küchengebäudes. „Ah, Gott bewahre, der Herr Graf,“ rief die Altef;„das iſt ja ein ſo ſeltener Gaſt!“ „Als naher Nachbar muß ich doch wohl einmal grüßen,“ antwortete der Graf und ſchwang ſich vom Pferde.„Iſt Dora daheim?“ fragte er und klopfte der alten Frau freundlich auf die Schulter. „Da iſt ſie, nur weiß ich nicht, wo ſie gerade ſteckt, erwiederte Madame Hedin und rief einer Magd, welcher ſie den Auftrag gab, Dora zur Stelle zu ſchaffen. Dann erſuchte ſie den Grafen, in das Hauptgebäude hinaufzugehen. „Ich habe einen kleinen Auftrag, welchen ich Dora bitten möchte, in 4 auszurichten. Sie geht morgen doch dahin ab?“ ſagte der Graf, ſezte ſich auf den langen Sopha im Saale und trocknete ſich die Stirne. In dieſem Augenblick trat Dora ein, und Frau K. 168 Hedin entfernte ſich, um ihrem hochgebornen Gaſt einen kühlenden Trank zu bereiten. „Dora, kannſt Du mir ſagen, wer die Perſon iſt, welche jezt auf Hanskär wohnt?“ fragte der Graf, als er und Dora allein waren. „Eine Frau,“ antwortete Dora und ſah den Grafen ganz herausfordernd an. „Ihr Name?“ „Den will ich nicht ſagen.“ Dabei nahm Dora eine ſo entſchiedene Miene an, daß es einleuchtend war, ſie habe keine Luſt, es zu offenbaren. „Aber ſiehe, Dora, ich will es wiſſen.“ „Dann muß es der Herr Graf von Jemand an⸗ ders herauszubringen ſuchen; ich habe nicht im Sinne, es zu ſagen.“ Dora warf dem Sprecher einen unerſchrockenen Blick zu. „Ich habe ein ganz einfaches Mittel, Dich zu zwingen.“ „Ah, ich bin nicht ſo leicht zu Etwas zu zwin⸗ gen, das ich nicht will,“ meinte Dora lachend. „Ich mache bei dem Oberpolizeibeamten in der Landvogtei Anzeige, und der Frau wird ihr Paß abgefordert.“ „Das mag der Herr Graf thun; der Paß wird dem Polizeibeamten vorgewieſen und ſonſt Riemand. „Höre einmal, Dora, wenn ich Dir für die Offenbarung des Geheimniſſes jede noch ſo große Summe, die Du begehren magſt, und überdieß mein Ehrenwort darauf gebe, es nicht zu verrathen, daß Du mir den Namen der Dame geſagt haſt, wirſt Du mir ihn auch dann nicht anvertrauen?“ X 169 „Herr Graf, ſeit Judas' Zeiten iſt es Allen, welche ſich durch ein paar Silberlinge zum Verrath verlocken ließen, zum Unglück ausgeſchlagen; und ich habe nicht im Mindeſten Luſt, wie Judas zu thun. Iſt noch ſonſt Etwas, was der Herr Graf befiehlt?“ „Du biſt wirklich ein prächtiges Mädchen, Dora!“ rief der Graf, ſtand auf und reichte ihr die Rechte, indem er hinzuſezte:„Gib mir Deine Hand, Du haſt Dir meine Achtung und mein Vertrauen er⸗ worben.“ „Nun, beim Himmel, wie reden Sie da, Herr Graf; ich verſtehe nicht... ich...“ Dora ſah ein wenig verlegen aus. „Du wirſt mich ſogleich verſtehen,“ fuhr der Graf fort, während evengch der Thüre ging und die⸗ ſelbe verſchloß;„gib mir Deine Hand und gelobe mir, keinem Menſchen zu verrathen, was ich Dir jezt ſagen werde, was ich von Dir wünſche.“ „Das gelobe ich; der Herr Graf begehrt ja nur, daß ich ſchweigen ſoll, und dieſe Kunſteiſt nicht ſchwer für mich.“ „Die Fragen, welche ich ſo eben an Dich machte, dienten blos dazu, Dich auf die Probe zu ſtellen, denn ich kenne Deine Miethfrau auf Hanskär ſehr wohl; ſie iſt die Wittwe des Kapitäns Kahn. Der Grund, warum ich mich für ſie intereſſire, iſt gleich⸗ gültig; genug, ich wünſche, Du möchteſt es auf die eine oder andere Weiſe, jedoch ohne meines Namens hiebei zu erwähnen, ſo einrichten, daß Mamſell Bill nach Hanskär kommt und ich ſie daſelbſt treffe.“ Das kann ich nicht; ich habe Frau Kahn ver⸗ ſprochen, weder Jemand zu ihr zu führen, noch ihren Namen zu nennen,“ antwortete Dora ernſt. „Sei nicht halsſtarrig, Dora, und höre mir zu. Wenn Frau Kahn, dieſer Einſamkeit und den ver⸗ zehrenden Erinnerungen überlaſſen wird, kann es krankheit übergeht. Manſell Bill iſt ihre Couſine und Jugendfreundin und wird darum durch ihre Nähe wohlthätig auf ihre Gemüthsſtimmung ein⸗ wirken. Bedenke, daß ſie eine kleine Tochter hat, und daß dieſe Einſamkeit für beide ſie und ihr Kind, ſchädlich iſt.“ Dora überlegte einen Augenblick, dann erwiederte ſie:„Warum ſagen Sie⸗ Herr⸗Graf, es nicht ſelbſt Mamſell Bill, daß ſie Khu Frau Kahn bege⸗ ben ſoll?“— „Weil ich mein Ehrénwort verpfändet habe, nie⸗ mals ihren Aufenthaltsort zu verrathen oder über⸗ haupt merkenzu laſſen, daß ich ſie kenne.“ „Nuir wohl! Ich will verſuchen, Mamſell Bill ngch Hanskär zu bringen.“ „Gut! Und nun keinen Buchſtaben davon, was — ich mit Dir geſprochen habe, oder daß mir Frau Kahn bekannt iſt. XXVIII. Wir wenden uns nun nach Lundagard. Der Graf hatte wieder angefangen, die Einwoh⸗ ner daſelbſt zu beſuchen. Wieder ſtand er da, träu⸗ leicht geſchehen, daß ihr Kummer in eine Geiſtes⸗ 171 mend und auf die Töne von Emy's Geſang lauſchend; wieder wechſelte ſeine Gemüthsſtimmung zwiſchen Freude, Düſterheit und Mißmuth; wieder war es Inez, mit welcher er Tage lang von Emy redete. Man konnte ſagen, daß Inez die Freundin des ſtol⸗ zen Grafen war. Er, welcher in der Tiefe ſeines Herzens einen nicht unbedeutenden Grad von Hoch⸗ muth nährte, wählte gleichwohl die junge Frau ſei⸗ nes Inſpektors zur Vertrauten der Geheimniſſe ſeines Herzens. Die Urſache davon lag einzig in Inez ſelbſt. Man konnte ſich einbilden, die Luft, worin ſie ſich bewegte, ſei reiner, als diejenige, welche die Mehr⸗ zahl von Frauen umgibt. Dieß entſprang aus einem überlegenen und im höchſten Grade erleuchteten Ver⸗ ſtande, und aus einem natürlichen Zartgefühl, wel⸗ ches bewirkte, daß ihr ganzes Weſen etwas Liebliches und Anziehendes athmete. Graf Ruben lag in unaufhörlichem Streite mit der mehr und mehr wachſenden Neigung ſeines Herzens zu Emy, mit dem angebornen Stolze, wel⸗ cher den Abſtand zwiſchen dem hochgebornen Grafen und der niedrigen Tochter des Seekapitäns in Be⸗ rechnung nahm. Auf der einen Seite gab er ſich ſeinen Gefühlen hin, auf der andern ſuchte er mit ſorgſamer Genauigkeit Alles auf, was an Emy mit dem Namen eines Fehlers ſich bezeichnen ließ. Eines Abends, als Emy mit bezauberndem Aus⸗ druck das„Roſenbild“ geſungen hatte, lehnte er ſchweigend in den Sopha zurück. Emy ſtand auf, verließ das Inſtrument und das Zimmer, ohne daß er ihr mit einem Worte dankte. Sie nahm ihre 172 Arbeit und ſezte ſich auf den Vorplatz. Nur Gott und ihr war es bekannt, was ſich in dem marmor⸗ weißen und dem Anſehen nach ſo ruhigen Buſen be⸗ wegte; aber ein leichtes Zittern auf ihren Lippen verrieth, daß es darin nicht ſo friedvoll war, wie man nach ihrem äußern Weſen zu glauben ſich ver⸗ ſucht fühlen konnte. Sie ſaß ganz allein. Hildur war in der Haushaltung beſchäftigt, denn man erwartete Arvid in Lundagard, wo er ein gan⸗ zes Jahr nicht geweſen war. Selma war in den Garten hinuntergegangen, um Blumen zu pflücken und für die Vaſen auf dem Tiſche zu ordnen, was ihr viele Unterhaltung machte und wofür ſie viel Geſchmack entwickelte. Emy nähte mit ſolchem Eifer, daß es ſchien, als wolle ſie durch ihren Fleiß die Gedanken zwingen, ſich auf die Arbeit zu richten. So verfloß eine ge⸗ raume Zeit, da erhob ſich der Graf und ging hin⸗ aus. Er ſtellte ſich vor ſie hin und wiederholte in eigenthümlichem Tone die Worte aus Emys Geſang: „Und voll und flammend warmeinBlut.“ „Sagen Sie mir, Mamſell Kreuzer,“ ſezte der Graf hinzu und nahm neben ihr auf der Bank Platz, „wie iſt es möglich, dieſe Worte, mit ſo entzückendem Ausdruck zu ſingen, wenn das Herz kalt, wenn die Seele jeder Leidenſchaft fremd iſt, wenn der Ver⸗ ſtand gleich einem grauköpfigen Greiſe daſizt und jedes Gefühl bewacht?“ Der Graf heftete auf Emy einen Blick, welcher deutlich bewies, daß der Verſtand nicht das herrſchende 1 6 173 Element in ſeiner Seele war, daß vielmehr die Leidenſchaften darin den Oberbefehl zu behaupten ſchienen. Emy hob den Kopf mit einer faſt königlichen Würde empor und richtete ihre großen, tiefblauen Augen mit dem reinen Ausdruck, welcher ihnen ſo ganz eigenthümlich war, auf den Sprecher. „Iſt die Seele ohne Empfindung,“ ſprach ſie; „iſt das Herz kalt, weil wir die Vernunft und unſer Rechtsgefühl herrſchen laſſen? Ich glaube es nicht. Sie wiſſen nicht, Herr Graf, wie viel Wärme ſich einer dem Aeußern nach ruhigen Bruſt bergen ann.“. „Wenn aber das Blut in lauter Flammen glüht, da findet jener abgemeſſene Zwang nicht mehr ſtatt, welcher Recht oder Unrecht heißt, da hat nur das Gefühl einen Platz.“ „Ja, ein Gefühl, ſo flüchtig wie gewaltſam, ſo unbeſtändig wie zügellos. Aber das tiefe, das ernſte, das wahrhafte Gefühl erniedrigt ſich niemals zu einem beſinnungsloſen Ausbruch, welcher uns in ei⸗ nem ruhigen Augenblick über unſere eigene Schwäche erröthen läßt. „Ach! in dieſer ewigen Ruhe, in dieſem kalten Raiſonnement liegt der ſtärkſte Beweis für den Man⸗ gel an Gefühl.“ „Wirklich?“ Emy ſprach nur dieſes einzige Wort, aber ſie ſprach es in einem milden, lieblichen Tone, und in ihrem Auge gab ſich ein eigenthümlicher Schimmer von Schmerz zu erkennen. 174 „Emy, Emy!“ bat der Graf! ſeien Sie nur ein einziges Mal das ſchwache Echo Ihres Geſanges!“ „Und was würden Sie— was würde ich da⸗ mit gewinnen?“ fragte Emy mit wehmüthigem Lächeln.“ Sie— die Befriedigung einer Laune, und ich— die Erniedrigung, ein Spielball derſelben geweſen zu ſein.“ „Bringen Sie mich nicht zur Verzweiflung, brin⸗ gen Sie mich nicht mit dieſer ewigen Kälte zu etwas Aeußerſtem, ſondern antworten Sie mir: weßhalb forderten Sie mich auf zu reiſen, eben da ich Ihnen ſagte, Emy, wie ſehr ich Sie liebte? Warum jagten Sie mich hinaus in die Fremde, da ein Wort von Ihnen mich ſo glücklich, ſo überglücklich hätte machen können? Emy, antworten Sie mir nicht mit jenen gewöhnlichen Phraſen, deren die Frauen ſich zu be⸗ dienen pflegen, ſondern antworten Sie mir auf⸗ richtig.“ Die Augen des Grafen hefteten ſich feſt auf Emy's Angeſicht. „Ich bin zu ſtolz, um zu lügen, und liebe die Wahrheit allzu ſehr, als daß ich ſie verſchwiege; deßhalb ſoll meine Antwort vollkommen wahr aus⸗ fallen. Als ich Ihren, von der glühendſten Leiden⸗ ſchaft erfüllten Brief erhielt, war mein erſtes Gefühl eine Miſchung von Freude und Schmerz..... 2 „Freude!“ rief der Graf und ſtand heftig auf. In dieſem Augenblick kamen Selma mit ihren Blumen und der Lieutenant vom Felde, Frau Becker von ihrem Beſuch in der Küche, und Hildut aus dem Brauhauſe. Nicht ein Wort wurde mehr an dieſem Abend 3 175 zwiſchen Emy und dem Grafen gewechſelt, denn es war ihnen keine Gelegenheit dazu mehr unter vier Augen vergönnt. Er nahm früher Abſchied als ge⸗ wöhnlich und kehrte nach Holmvik zurück. Der Graf trat bei Inez mit erregter Miene ein und warſ ſich, nachdem er ſie begrüßt hatte, auf einen Sopha, während er mit einer vor Freude beben⸗ den Stimme rief: „Sie liebt mich! Sie liebt mich!“ Der Wehmuth melancholiſche Dämmerung lagerte heute auffälliger als gewöhnlich auf Inez Zügen, und ſie ſah ihn trüben Blicks an und fagte: „So haben Sie demnach Emy Alles erklärt, Herr Graf?“ „Und was folgt hieraus?“ Inez' ſanfte Augen hefteten ſich mit einem beſorglichen Ausdruck auf denſelben, während ſie hinzuſezte:„Glauben Sie mir, Emy iſt zu gut und zu ſtolz, um eine Liebe entgegenzunehmen, welche ſich im Schatten birgt und welche nur Schatten auf ſie werfen könnte. Sie werden geliebt, Herr Graf, und jubeln darüber, an⸗ ſtatt ſich zu beſinnen, daß Emy, wenn ſie ruhig dar⸗ über nachdenkt mit Verachtung eine Liebe von ſich ſtoßen muß, welche ſie nicht mit ſtolzer Stirne vor der Welt zeigen kann.“ Des Grafen ſtolze Züge verfinſterten ſich und er ſtüzte den Kopf auf die Hand. Erinnerungen, ſchmerz⸗ lich und kummervoll, drängten ſich bei Inez' Worten in ihm auf. Das bleiche Bild Helenens erhob ſich warnend vor ihm und ſchien ihn zu fragen: 176 Genügt es Deinem Hochmuth noch nicht, daß Du mich geopfert haſt? Inez fuhr fort: „Wären Sie, Herr Graf, von demſelben Stande wie Emy, dann hätten Sie das unbeſtrittene Recht geliebt zu werden, von Ihrer Liebe zu ſprechen; denn die Hand folgt auch dem Herzen nach. Nun? Ich will nicht weiter ſagen.“ 8 „O, thun ſie es, ich bitte darum.“ Der Graf ſchaute zu Inez auf. „Es liegt in Allem, was Sie ſagen, eine ſo ein⸗ fache Wahrheit, daß es wohlthätig auf die Seele einwirkt. Laſſen Sie ſich nicht durch irgend eine Vorſicht abhalten, aufrichtig zu ſein; glauben Sie mir, die Wahrheit flößt immer Achtung für diejeni⸗ gen ein, von welchen Sie ausgeſprochen wird.“ „Nun gut,“ hob Inez mit bewegter Stimme wieder an,„Ihre Liebe wird nur unendliches Leid für die ſtolze Emy mit ſich bringen, welche nach meiner innigen Ueberzeugung lieber ſich das Herz aus der Bruſt reißen, als ſich geſtatten würde, Gefühle anzunehmen und zu erwiedern, welche in ihrem Weſen eine Erniedri⸗ gung verbergen. Entweder müſſen Sie, Herr Graf, Emy Ihren Namen und Ihre Hand bieten, oder weit von hier wegziehen, um nicht der Urheber eines unnennbaren und geheimen Leibes für das Mädchen zu werden, deſſen Herz Sie zu ſtehlen im Begriffe ſind.“ Inez hielt an; der Strahl von Leben, welcher einen Augenblick ihr Angeſicht erhellt hatte, verſchwand und ein Flor von Ermüdung und Sorge breitete ſich wiederum über ihre Züge aus. 177 Auf des Grafen Stirne brannte eine dunkle Röthe des Stolzes und vielleicht auch der Beſchämung. Es mußte zugegeben werden, daß die Worte von Inez ganz dazu geeignet waren, dieſe Gefühle her⸗ vorzurufen. Sie, die Frau des Inſpektors von dem reichen Grafen Ruben, erdreiſtete ſich, ihm offen zu ſagen, daß er auf dem Wege war, eine Miſſethat zu be⸗ gehen. Sie, dieſe Frau, ſo tief unter ihm, beinahe zu ſeinen Dienern gehörig, wies ihn auf den Weg, welchen er zu gehen hatte, um wie ein ehrlicher Mann zu handeln. Es lag in dieſen Reflexionen eines ſtolzen Gemüths etwas im höchſten Grade De⸗ müthigendes. Das Peinlichſte von Allem war, daß die Vernunft, die unbeſtechliche Vernunft, in das ein⸗ ſtimmte, was Inez geſagt hatte; noch mehr, der eigene beſſere Menſch in dem Grafen gab ihr Recht. Da er von dem heftigen Streite ſeiner eigenen Gefühle völlig in Anſpruch genommen, verſtimmt war und ſeine Stirne ſich verfinſtert hatte, nahm Inez wieder das Wort: „Meine dreiſten Worte haben vielleicht den Herrn Grafen verlezt, aber bedenken Sie, daß ich mich ſo unverſtellt ausſprach, wie Sie es ſelbſt verlangt haben.“ „Ich danke Ihnen dafür, Frau Waldén!“ ant⸗ wortete der Graf und erhob ſich. Es lag in ſeiner Stimme etwas Stolzes, was Inez keineswegs entging. Bei dem ihr eigenthüm⸗ lichen Schwanken in ihrem Charakter bereute ſie faſt ihre Aufrichtigkeit. 3 Wie der Graf die Nacht zubrachte. darüber mel⸗ Schwartz, Blätter a. d.* 178 det die Geſchichte Richts, als aber der Diener am nächſten Morgen zu ſeinem Gebieter eintrat, brachte er einen Brief mit, welcher in der Frühe durch den Poſtboten abgegeben worden war. Obwohl der Graf nur ein einziges Mal früher die Handſchrift geſehen hatte, erkannte er dieſelbe doch ſogleich. Sobald er allein war, riß er den Unſchlag ab und las mit ſiendii Pulſen Folgendes: „Herr Graf! „Die Unterbrechung, welche geſtern in unſerem Geſpräche ſtattfand, gab derſelben eine Zweideutig⸗ keit, welche ich zu berichtigen mich beeile. Ich möchte Ihnen nicht gern wieder begegnen, Herr Graf, ſo lang Sie über meine wirkliche Denkart noch in einem Irrthum befangen ſind; darum habe ich den gewag⸗ ten Entſchluß gefaßt, mich Ihnen ſchriftlich zu er⸗ klären. Ich nehme deßhalb den Faden unſeres Ge⸗ ſprächs wieder auf. „Als ich verfloſſenes Jahr Ihren von der über⸗ ſpannteſten Liebe erfüllten Brief erhielt, empfand ich eine Miſchung von Freude und Schmerz. Die Freude kam, warum ſollte ich es verbergen, daher, daß ich mich von Ihnen geliebt ſah. Aber es war ein ganz flüchtiger Eindruck; der Schmerz blieb bald allein zurück. „Ach, Herr Graf, es war ein bitteres, ganz bit⸗ teres Gefühl, da es meine Illuſionen zerſtörte. Jeder Menſch macht ſich ein Meal, an welches er ſich hängt; ſo war es auch mit mir. Ich hatte mir die Liebe nicht als eine wilde, zügelloſe Leidenſchaft gedacht, welche in ihrem Egoismus alles opfert, ohne imn Stande zu ſein, ſelbſt ein Opfer zu bringen. Vor 179 meiner Einbildung ſtand die Liebe als das Höchſte da, was das Herz empfinden kann; als ein Gefühl, welches ſeinen Urſprung im Himmel hat und wo⸗ durch der Menſch gebeſſert wird, an Egoismus ver⸗ liert, an Adel gewinnt. Ich dachte mir es ſo tief, ſo ernſt, daß der Geliebte uns geheiligt und jeder Gedanke von Selbſtſucht aus dem von ihm erfüllten Herzen verbannt würde. So träumte ich, Herr Graf, als Ihr Brief gleich einer glänzenden Feuerflamme mich für einen Augenblick blendete, hernach aber Leere und Finſterniß hinter ſich ließ. „Welchen Glauben ſoll ich allen dieſen leiden⸗ ſchaftlichen Worten beimeſſen? Mein Herz empfand blos eine unüberwindliche Furcht und ich fühlte, daß ich vor Ihnen fliehen, ja fliehen könnte, bis an das Ende der Welt; denn ich fand in den⸗ ſelben nicht jenes reine, von Gott geborene Gefühl, welches ich Liebe nenne. „Ich hatte auch den Traum genährt, daß mein Herz niemals einen andern Mann lieben ſollte, als denjenigen, welcher durch Strenge gegen ſich ſelbſt, es ſich zur Aufgabe des Lebens gemacht hätte, ſeine Leidenſchaften zu beherrſchen und der mir durch ſein unbeſtechliches Rechtsgefühl, ſeine Gewiſſenhaftigkeit, ſeine wahrhafte Auffaſſung deſſen, was die Ehre ge⸗ bietet, mir eine ſo große Achtung einflößte, daß er dadurch in meinen Augen über Andere und über mich ſelbſt erhöht und dem Bereiche von Schwach⸗ heiten entrückt würde. „Auch hierin täuſchten mich Illuſionen;— mein Herz hatte ſich Ihnen zugewendet, hi mein 180 Phantaſie Ihnen alle jene geträumten Eigenſchaften verlieh. „Dieſe meine Aufrichtigkeit wird Ihnen beweiſen, daß jedes Wort in dieſem Briefe Wahrheit, unwider⸗ rufliche Wahrheit iſt. Diejenige, welche den Muth beſizt, die Schwäche, Sie zu lieben, einzugeſtehen, wird ſich nicht zu einer Unwahrheit erniedrigen. „Jedes Liebeswort, der beſinnungsloſe Ton in Ihrem Briefe, Alles ſagte mir, daß ich ſo unglück⸗ lich geweſen, Ihre Leidenſchaft zu erweckeu, nicht ſo glücklich geweſen ſei, Ihnen die Achtung einzuflößen, welche ich gleichwohl zu fordern berechtigt war. Das Ideal, Herr Graf, war verſchunden, und die ſcho⸗ nungsloſe Erfahrung hohnlächelte mir entgegen. Es war ein peinlicher, ein furchtbar peinlicher Augen⸗ blick; aber das niedrige Mädchen, welches Sie durch dieſe warmen Gefühle zu ehren glaubten, betrachtete dieſelben als einen unverdienten Schimpf. „Wäre mein Herz kalt geweſen, ſo hätte meine Antwort darin beſtanden, Ihnen den Brief zurückzu⸗ ſenden; aber ich wollte Ihnen keine Demüthigung verurſachen, deßwegen bat ich Sie, zu reiſen. Sie reisten ab; ich dankte Ihnen in meinem Innern und betrachtete dieſe Handlungsweiſe als eine Steuer der Achtung gegen mich. „Dies, Herr Graf, als Erklärung meines Be⸗ nehmens; jezt nur noch einige Schlußworte. „Hoffen Sie piemals, erwarten Sie niemals, daß mein Herz mich verleiten werde, Ihrer Liebe mein Ohr zu leihen.— Rein, in meinet Seele wohnt ein ebenſo ſtolzer Geiſt, wie in der Ihrigen, und dieſer geſtattet mir nicht, daß ich vor mir ſelbſt üͤber die 181 Schwachheit meines Herzens zu erröthen brauche. Reiſen Sie alſo, vergeſſen Sie die heftige Laune, welche Sie an mich feſſelt, und laſſen Sie Ihr Bild in meiner Seele als das eines Mannes zurück, wel⸗ cher ſeine Schwachheiten der Pflicht und Ehre zum Opfer gebracht hat. „Laſſen Sie durch die Achtung gegen mich— denn ich verdiene dieſelbe vollkommen,— ſich ab⸗ halten, einem Gefühle Nahrung zu geben, welches zwiſchen uns nicht ſtattfinden darf. Jedes weitere Wort darüber würde ich mit Schmerz als einen bit⸗ tern Beweis auffaſſen, daß der einzige Reichthum des armen und elternloſen Mädchens, ſeine Ehre, von dem hochgebornen und reichen Grafen mit Gleich⸗ gültigkeit und Geringſchäzung behandelt wird. „Meines Herzens wärmſte Gebete werde ich für Ihr Wohlergehen im Leben zum Himmel emporſen⸗ den. Jedes Glück, welches Ihnen beſchert wird, das wird auch ein ſolches ſein für Emy. Der Graf hatte den Brief geleſen und las ihn bis zu Ende, ohne daß er Athem zu holen wagte. Er hatte jede Aeußerung darin vollkommen verſtan⸗ den, und dennoch ſtarrte er darauf hin, als ob er kein Wort verſtände. Sie geſtand offen, daß ihr Herz ihm ergeben war, aber mit einem ſo ruhigen Ernſte, und mit derſelben einfachen aber ergreifenden Würde, womit ſie ſagte:„Hoffen Sie niemals.“ Der Brief trug ein Gepräge vop ſo ungeſchminkter und unſchuldsvoller Wahrheit, däß der Graf fühlte, Emy werde niemals dazu kommen, im Widerſpruch damit zu handeln. Sie ſtand vor ſeiner Seele ſo rein und hell wie die Morgenröthe. Er glaubte 182 das edle Mädchen vor ſich zu ſehen, mit dem ſtolzen, mit dem ruhigen Ernſt auf ſeiner Stirne, der weib⸗ lichen Herzensgüte in ihrem Blick, und er führte mit mehr Achtung als Leidenſchaft den Brief an ſeine Lippen. In ſeiner hochgewölbten Bruſt tobte ein heftiger Sturm widerſtreitender Gefühle. Nun wirſt Du denken, mein lieber Leſer, daß es hier keines Kampfes bedurft hätte, da der Graf frei und im Beſiz des Rechtes war, um über ſeine Hand und ſeinen Namen zu verfügen. Alles wäre ja da⸗ mit glücklich abgeſchloſſen worden; und was iſt in Romanen gewöhnlicher, als daß ein armes Mädchen einen reichen Grafen zum Mann bekommt! Wahr, lieber Leſer, in Romanen iſt das ein all⸗ tägliches Ereigniß; aber ſiehſt Du, Graf Ruben iſt! kein Ideal, ſondern ein gewöhnlicher Menſch, aus dem Leben gegriffen, und in der Wirklichkeit iſt es gar nicht ſo leicht, Gräfin zu werden. Dieſe kleine Erzählung macht keinen Anſpruch darauf, ein Roman zu ſein, ſondern nur eine Schilderung von Alltags⸗ begebenheiten. Die Charaktere ſind unſerer Welt entnommen, und müſſen darum als Menſchen auf⸗ treten, aber nicht als Geſchöpfe einer idealiſirenden Einbildung. Graf Arthur Ruben gehörte zu einer Familie, welche in Folge ihres unermeßlichen Vermögens nie⸗ mals gezwungen worden war, auf ihren mackelloſen Stammbaum ein bürgerliches Reis zu pfropfen. Das ariſtokratiſche Princip hatte ſich darum ungeſchwächt erhalten und war zu Etwas geworden, das in⸗ der wirklich edeln Familie einer beinahe religiöſen Ehr⸗ furcht genoß. Aber dieſe Ideen gingen bei dem 183 Grafen nicht aus jener ſchiefen Auffaſſung hervor, daß der Adel zu einem Vorzug vor den übrigen Klaſſen der Geſellſchaft geboren ſei oder das Recht beſitze, auf Koſten des Volkes ſeinen Vortheil zu ver⸗ folgen und es zu unterdrücken.— Nein, die Familie Ruben betrachtete den Adel als eine veredelte, durch Erziehung und Gewohnheit verbeſſerte Klaſſe, welche durch reicher begabte Naturen aufgekommen wäre und hernach durch Verbindungen mit ebenſo ausge⸗ zeichneten Perſonen eine vollſtändige Läuterung durch⸗ gemacht hätte. „Der Edelmann iſt verpflichtet, ſeinen Adel un⸗ befleckt zu erhalten und durch ritterliche, hochherzige Thaten ſich vor der Maſſe hervorzuthun und dieſer in allem Guten zum Vorbilde zu dienen,“ pflegte Arthur's Vater ſeinen Söhnen zu ſagen.„Darum macht es euch zu einer Gewiſſensſache, nicht durch eine Heirath außerhalb unſerer edeln Klaſſe eine minder reine und erhabene Denkart einzuſchmuggeln.“ Dies Alles hatte in dem Herzen des jungen Grafen den Grund zu einer tiefwurzelnden Achtung vor der höhern moraliſchen Würde des Adels, aber auch zu einem nicht geringen Maaße von Stolz ge⸗ legt. Obwohl Arthur einen wirklich rechtſchaffenen Charakter hatte, war er nicht frei von einer ſehr be⸗ trächtlichen Doſis von Standesvorurtheilen. Gleich⸗ wohl würde er, im Fall“ ſo Etwas gegen ihn be⸗ hauptet worden wäre, es niemals zugegeben haben. Bei der Bekanntſchaft mit Emy hatte er, als er ſie ſah und hörte, ſeinen warmen und ſchwärmeriſchen Gefühlen nachgegeben. Aber die von Kindheit an bei ihm eingewurzelten Vorurtheile empörten ſich 184 gegen dieſe Liebe und bewirkten, daß der Gedanke an eine cheliche Verbindung zwiſchen ihm und der niedrigen Tochter eines Schiffskapitäns ihrerſeits ihm als ein unfaßlicher Hochmuth vorkam. Ohne Beden⸗ ken arbeitete er jedoch darauf hin, geliebt zu werden, und zog nicht in Betracht, daß es nicht ſehr ritter⸗ lich war, ein Gefühl wecken zu wollen, welches für Emy höchſt unheilvoll werden mußte, wenn er ihr ſeinen Namen nicht ſchenken wollte, oder nicht ſchen⸗ ken zu dürfen glaubte. Mitten in der Berauſchung und dem Taumel ſeiner Exaltation trafen Inez' Worte wie ein kalter Regenguß auf ſeine Seele, und Emy's einfacher, ſtolzer und aufrichtiger Brief weckte ihn vollkommen zur Wahrheit und zum Bewußtſein ſeiner Pflichten. Es gab keine andere Wahl, als entweder zu ent⸗ fliehen oder als Emy's Freier aufzutreten. Noch war ſeine Liebe nicht ſtark und ernſt genug, um ihn in den Stand zu ſezen, die mit der Muttermilch einge⸗ ſogenen Vorurtheile ihr aufzuopfern. Noch beſaß er eine zu ſchiefe und unrichtige Auffaſſung vom Leben und zu geringe Achtung vor dem Verdienſt, welches nicht aus einem adeligen und— ſo wie er es an⸗ ſah— veredelten Blute entſprang. Ob er ſich je⸗ mals jenen erleuchteten Blick, jene wahre Weltan⸗ ſchauung zu eigen machen würde, darüber wollen wir einſtweilen die Entſcheidung der Zukunft überlaſſen. Nunmehr faßte er den Entſchluß, einen Kampf zu fliehen, welchen er als mit ſeiner Ehre unvereinbar betrachtete. Nachdem er den ganzen Tag in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen und in einem unaufhörlichen Kampf —— — 185 mit ſich ſelbſt begriffen zugebracht hatte, ſchrieb er am Abend folgenden Brief an Emy. „Theure, geliebte Emy! „Wie gewaltſam auch das Herz von dem mäch⸗ tigen Feuer der Gefühle ſchlagen möge, ſo gibt es doch eine Stimme, welche allzeit ſich Gehör ver⸗ ſchafft, ſelbſt mitten unter den Stürmen, die wild und heftig in uns toben: dieſe Stimme iſt die der Wahrheit. Sie, Emy, haben damit zu mir ge⸗ ſprochen,— und ich beuge das Knie vor Ihnen. Das Windige und Einfache in Ihren Worten hat mir in die Seele gegriffen und es dahin gebracht, daß ich mit Beſchämung mich ſelhſt— mit Bewun⸗ derung Sie betrachte. Sie haben mir mit furcht⸗ barer Klarheit gezeigt, daß mein ganzes Leben eine ſchwache und zügelloſe Nachgiebigkeit gegen meine eraltirten Empfindungen geweſen iſt; Sie haben da⸗ mit geſagt, daß ich des Namens eines Mannes, und noch weniger eines Edelmannes nicht würdig bin. Von wem ſoll man verlangen, daß er ſeinen Begierden den Zügel anlege, als von demjenigen, welcher durch ſeine Stellung über die Menge erhaben iſt? Mit Ihrem Briefe von mir habe ich die Ver⸗ gangenheit mir zurückgerufen und mit einem Gefühl von Selbſtverachtung gefunden, daß ich es mir nie⸗ mals, wie es einem Mann geziemt, zur Lebens⸗ aufgabe gemacht habe, meine Leidenſchaften zu be⸗ herrſchen, daß ich vielmehr ein williger Sklave der⸗ ſelben bin.— Sie, Emy, ſtehen vor mir ſo rein, ſo hoch, ſo edel, daß ich mit Schmerz erkenne, wie Recht Sie haben, wenn Sie mich Ihrer Liebe nicht würdig 186 finden. Aber ſollte Arthur Ruben eines Tags in veredelter Geſtalt ſich zeigen, dann können Sie zu ſich ſelbſt ſagen:„Ich bin es, welche in ſeiner Seele einen beſſern Geiſt geweckt hat!“ Bis dahin, unaus⸗ ſprechlich geliebte Emy, leben Sie wohl!— Ich reiſe, da Sie es fordern; ich reiſe, um getrennt von Ihnen einen Kampf auszufechten, welchen zu be⸗ ſtehen Ihr Anblick mich unvermögend machen würde. Ich reiſe, um vielleicht nie mehr wiederzukehren; aber ſollten wir einander wieder begegnen, Emy, ſo iſt der Kampf geendet und der Sieg entſchieden. Freiwillig werde ich Sie nicht eher wiederſehen, als bis mein Inneres mir ſagt, daß ich Ihrer Achtung eben ſo würdig bin als Ihrer Liebe. Sollte ich es niemals zu einem ſolchen Bewußtſein brin⸗ gen, ſo werden wir uns niemals mehr im Leben begegnen. Nah oder fern jedoch iſt und bleibt meine Liebe für Emy dieſelbe. Senden Sie zuweilen einen freundlichen Gedanken mir nach; um ein Wort zum Abſchied wage ich kaum zu bitten für Arthur Ruben. Der Graf ſandte den Brief auf der Stelle ab, gerade als ob er ſich vor der Verführung, ſeine Worte zurückzunehmen gefürchtet, hätte. Als der Diener fort war, gerieth er in eine peinliche Unruhe. Seine Phantaſie flüſterte ihm manche thörichte Hoff⸗ nung zu, welche von ſeiner Vernunft wieder ver⸗ worfen wurden; je länger er aber wartete, deſto lauter ſprach die bethörte Stimme der Hoffnung: „Sicherlich ſendet ſie Dir einige liebevolle Worte zum Lebewohl.“ N 187 Während dieſer verlockende Gedanke ſeine fiebe⸗ riſche Ungeduld bis auf den höchſten Gipfel ſteigerte, kehrte der Diener zurück und hielt wirklich einen kleinen Brief in der Hand. Das Blut ſtürzte wie ein Feuerſtrom dem Grafen nach dem Kopfe, und ſeine Hand bebte, als er das Billet aufriß, mit dem einzigen Gedanken:„Nein ich reiſe nicht, ich will auf ihre Liebe nicht ver⸗ zichten.“ 3 O du ewig trügeriſche Hoffnung, wohin fliehſt du mit allen deinen Verheißungen? Fort— um über das erneuerte Spiel mit einem leichtbewegten Menſchenherzen zu lachen. Der Graf ſtarrte auf das verheißungsvolle Brief⸗ chen, welches nur ein einziges Wort enthielt, und dieſes Wort bewies ihm die ganze Thorheit ſeiner Einbildungen; denn es hieß einfach: „Dank.“ Wie viel ſagte dieſes einzige Wort, und wie vollſtändig beraubte es den Grafen jedes Schimmers von Hoffnung! Aber wir wollen uns für jezt nicht länger mit ihm beſchäftigen. XXX. Am folgenden Morgen ſtand Emy frühzeitig im Vorhauſe auf Lundagard und ſah den Wagen des Grafen vorübereilen. Er nahm den Hut ab;— er hatte ſie geſehen. Wie ſah es wohl in Emy's hochwullender juno⸗ niſcher Bruſt aus? War es dort ebenſo ruhig, wie 188 der Ton in dem Briefe vermuthen ließ? Ließ das ſtolze Mädchen ſich ſo vollkommen von ſeiner Ver⸗ nunft beherrſchen, wie man zu glauben verſucht wer⸗ den konnte? Oder waltete darin ein Kampf, ſtär⸗ ker, gewaltſamer und mächtiger, als vielleicht in einer gewöhnlichen Menſchenbruſt? Ja, dort glühte das Feuer unter dem ſchneeweißen Marmor, dort ſchlug ein Herz, warm wie die Sonne des Südens, unter der kalten Oberfläche. Emy glich, wie ſie ſo daſtand und dem hinweg⸗ eilenden Wagen nachſah, einem unter der Hülle weißen Schnee's gelagerten Vulkan. Ueber das äußere We⸗ ſen war eine kalte Ruhe, ein unzugänglicher Stolz verbreitet, welcher Niemand geſtattete, in die verbor⸗ gene Tiefe der Seele zu ſchauen. Nur die Augen, dieſe großen, dunkeln blauen Augen hatten einen Ausdruck, welcher von der Flamme eines im Innern glühenden Feuers herzurühren ſchien. Aber nur eine Sekunde brannte es dort; dann war es vorüber, und Emy drückte die Hand feſt auf das ſtürmiſche Herz, um deſſen Schlag zu hemmen, während die Lippen von unterdrücktem Schmerze bebten und ein Trauerflor ſich über die Roſen ihrer Wangen legte. Mit hochaufgerichtetem Haupte und ihrer ge⸗ wöhnlichen Miene trat Emy in den Saal, um an dem Frühſtück Theil zu nehmen. Ihre Stimme war, während ſie ſprach, gleichmäßig und Niemand ahnte den verſchwiegenen Schmerz. Hildurs Blicke hingen feſt an Emy's Angeſicht, und für ſie, welche mit zärtlicher Unruhe in'den* theuren Zügen zu leſen ſuchte, war es klar, daß die 3 189 ſchneebedeckte Fläche eine tiefe, unheilbare Wunde barg, welche noch friſch blutete. 65 Nach dem Frühſtück hatten die Mädchen auf der Hausflur ſich niedergelaſſen; Emy nähte ſchweigend und tief auf ihre Arbeit herabgebeugt. Hildur, welche ein feines und wahrhaftes Ge⸗ fühl beſaß, faßte immer die Schmerzen und Küm⸗ merniſſe, welche ihre Umgebung beherrſchten, richtig auf und beurtheilte auch jezt das Leid, welches zum Schweigen gebracht an Emy's Herzen nagte, nach ſeiner wahren Beſchaffenheit. Sie war jedoch zu zartfühlend, um das, was Emy quälte, auch nur mit einem Worte zu berühren. Sie ſuchte vielmehr durch munteren Scherz die kummervollen Gedanken in der Seele ihrer Freundin zu verſcheuchen und denſelben eine andere Richtung zu geben. Hätte Hildur mit ihrem Herzblute Emy und denen, welche ſie liebte, jeden Kummer erſparen können, ſie würde kein Bedenken getragen haben, es zu vergießen. Jezt hatte ſie nur ihren Scherz, um den Kummer, wovon Emy beherrſcht war, zu bekämpfen und wo möglich zu mildern. Während ſie auf muntere und humo⸗ riſtiſche Weiſe einen Bauern nachzumachen ſuchte und Emy unwillkürlich den Mund ein Bischen zu verziehen zwang, ſaß Selma da und nähte in Grü⸗ beleien vertieft, ſort. Endlich begann ſie: „Ei, wißt Ihr, Mädchen, daß der Graf heute von Holmvik abgereist iſt?“ Selma ſeufzte. 6 „Ja, mein Himmel, kleine Selma, er iſt abge⸗ reist und, was denkſt Du, er kommt auch dieſen 190 Sommer nicht wieder,“ fiel Hildur ein: da iſt ſchon ein Freier weniger für Dich da.“ „Ich ſpreche nicht mit Dir,“ meinte Selma. „Nicht? Und doch haſt Du„Ihr Mädchen“ ge⸗ ſagt. Du redeſt alſo in der Mehrzahl, wenn Du blos Emy meinſt? Ein deutlicher Beweis von Dei⸗ nen grammatikaliſchen Kenntniſſen.“ „Nähe Du nur, Hildur,“ antwortete Selma beleidigt. „Ich arbeite darauf zu, ſo viel meine Finger vermögen. „Iſt es nicht recht ſonderbar, daß der Graf vor ſeiner Abreiſe ſich nicht hier verabſchiedete, Emy?“ begann Selma wieder und richtete das Wort einzig an ſie. „Schauderhaft grauſam, daß er Dir nicht Lebe⸗ wohl geſagt hat! Ha, ha, ha, ſo qualvoll,“ ver⸗ ſicherte Hildur und ging mit einem ihrer Schürzen⸗ zipfel in der Hand, auf Selma zu.„Ich will Deine heißen Thränen trocknen und Deinen unbegreiflichen Schmerz lindern. Damit nahm Hildur eine höchſt komiſche Miene an und ſtreckte den Hals, als wolle ſie ihrer Schwe⸗ ſter wirklich die Augen abwiſchen. Durch dieſe Be⸗ wegung beabſichtigte Hildur jedoch einzig ihr den Ablick von Emy zu entziehen, welche bei Selma's Worten purpurroth erglühte. „Kannſt Du mich denn nicht in Frieden laſſen?“ Selma zornig aus.. — „Ja, wenn Du mit Deiner gräflichen Flainme* ſchweigen willſt, denn es ſcheint wirklich, daß es in Deinem Herzen nicht richtig iſt.“ 191 „Und bei Dir nicht im Kopfe.“ Mit dieſen Worten erhob ſich Selma und kehrte in den Saal zurück, wo ſie eine Cramerſche Etude zu ſpielen begann. 1 Nun wondte ſich Hildur zu Emy. Der ſcherz⸗ hafte, ſorgloſe Ausdruck in ihrem Geſicht war ver⸗ ſchwunden, und in den wunderbar ſchönen Augen leuchtete ein Schimmer unbegrenzter Ergebenheit, als ſie ſich Eny näherte, ihre Hände faßte, ſich an ihre Bruſt lehnte und mit milder, ſchmeichelnder Stimme flüſterte: „Wollen wir Inez einen Beſuch machen?“ Emy ſchaute Hildur in die Augen; es that ihrem tranken Herzen ſo gut; es war, als ob ein Sonnen⸗ ſtrahl ſich durch die Eisrinde hindurchgebrochen hätte, womit ſie ihre glühenden Gefühle umſchloſſen hielt. Ein paar große Thränen zitterten in ihren Augen⸗ wimpern, aber blieben dort, während ſie antwortete: „Nein, ich danke, Hildur.“ Emy ſtreichelte ſanft die zartfühlende Tröſterin. „Willſt Du vielleicht allein ſein?“ Ein feuchter Glanz machte Hildurs herzenswarmen Blick noch wärmer. „Ja, aber ich kann es nicht, ohne daß.... „Ohne daß man Dich vermißt, Emy.— O ja, geh' nur hinauf in unſer Zimmer und überlaß das Uebrige mir.“ Emy's einzige Antwort darauf war ein Kuß auf Hildur's Stirne, und dann verſchwand ſie auf der Treppe. Hildur eilte in die Küche und hatte daſelbſt Frau Becker ſo viel zu ſagen, an ſo manche häusliche Geſchäfte, welche der Ausführung harrten, ſie zu erinnern, daß dieſe ganz erſchrocken darüber, wie man ſo viele wichtige Angelegenheiten vergeſſen hatte, mit dem Ertheilen von Befehlen volle Beſchäfti⸗ tigung fand. Dann eilte Hildur zu Selma und war bald in einem eifrigen Geſpräch begriffen, was zur Folge hatte, daß Emy für eine Stunde völlig vergeſſen wurde. Während Hildur Selma eine lange Rede hielt, öffnete Frau Becker die Thüre zwiſchen der Küche und dem Schlafzimmer und ſagte: „Da kommt die Kammerräthin, ſchnell mit dem Boote hinüber, Mädchen; ſie iſt bereits auf der Wieſe.“ Selma eilte ſofort auf die Brücke und ſtieg in das Boot; Hildur begab ſich zu Emy hinauf, um ſie von der Ankunft des Gaſtes in Kenntniß zu ſezen. * 1* Einige Augenblicke ſpäter ſaß Clara mit Frau Becker und den Mädchen im Vorhauſe. Clara war auf Lundagard ſehr gern geſehen. Auch für dieſe gab es keinen Ort, den ſie ſo ſehr nach ihrem Ge⸗ ſchmack fand und ſo gern beſuchte. Sie hatte ſich mit ganzer Seele an die Beckerſche Familie ange⸗ ſchloſſen, und deßhalb war der Ort ihr lieb. „Du bleibſt doch heute bei uns, Tante?“ fragte Selma und ſtreichelte Clara herzlich. „Ja, wenn Deine Mama mich icht gehen heißt“ 2 — —— S 8 ———0) —,— 3 193 antwortete Klara mit einem Lächeln und fuhr en liebkoſend über das reizende Geſichtchen. Frau Becker verſicherte, daß ſie Niemand ſo ʒi ſehe, wie Klara, und nachdem man einige Erfri⸗ ſchungen eingenommen und über Dieß und Jenes geſprochen hatte, beme Klara: „Nun, liebe Sallh ich eine Bitte an Die abſchlagen darfſt.“ „Da Du ſie ausſuricht möglich;“ verſicherte Frau Becker herzlich. „Ich wünſche nämlich Dich mit der Unbekannten 3 Hanskär bekannt zu machen. Was ſagſt Du azu?“ Klara's Auge heftete ſich mit forſchendem Aus⸗ druck auf Emy, welche ein beſonderer Günſtling von ihr, oder richtiger, für welche ſie höchſt eingenom⸗ men war. „Ei, Herr Gott, Klara, Du kennſt ſie alſo?“ rief Frau Becker und ſchlug die Hände zuſammen. Wer iſt ſie? Es wird mir ein wahres Vergnügen ſein, ſie zu ſehen.“ „Sie iſt mit mir verwandt,“ hob Klara wieder an, bei jedem Worte etwas verweilend;„ſie iſt Wittwe.“ „Und ihr Name?“ fiel Selma ein. „Es iſt die Kapitänin Kahn,“ antwortete Klara, und ihr Blick flog von einer zur andern hinüber, um zu beobachten, welchen Eindruck ihre Worte her⸗ vorbrachten. 8 Bei dem Namen Kahn hoben alle den Kopf em⸗ por und ſahen die Kammerräthin beinahe beſtürzt an Schwartz, Blätter a. d. Frauenleben. I. e eigentlich, weil e Du mir nicht ſ ein Abſchlagen un⸗ 194 Sigrids Couſine, welche— welche...“ Frau Becker redete nicht aus. „Welche angeklagt worden war, ihren Mann ver⸗ giftet zu haben, aber freigeſprochen wurde,“ ergänzte Klara. „Ja, freigeſprochen weg bemerkte Frau Becker,„aber noch auf ihr und befle tangels an Beweis,“ er Verdacht ruht immer nNamen, und....“ „Aber mit Unte re mich, Sally. Ich will Dir Helene Kahn's Geſchichte erzählen, und ich bin vollkommen verſichert, daß Du, die Du ſo gut und mitleidig biſt, die Erſte ſein wirſt, um mich bei meinen Bemühungen zu unterſtüzen, ſie einer Ein⸗ ſamkeit zu entreißen, welche ihrem Leben, wie ihrem Verſtande Gefahr bringt.“ „Ach ja, erzähle uns ihr Schickſal,“ riefen die Mädchen. kummervolles Leben erzählen ſollte. Einen Augenblick, als Emy und Klara allein waren, faßte die Kammerräthin das junge Mädchen tief in die Augen, indem ſie ſagte: „Sollte das Vorurtheil gegen die unglückliche Helene auch Dich abhalten, ſie zu tröſten und ihr beizuſtehen?“ reinem, mildem Ausdruck anſah.„Sie iſt unglück ſofern wir darauf Anſpruch machen wollen, Chriſten Es wurde beſchloſſen, daß Klara am Nachmittage, wenn der Lieutenant auch zu Hauſe wäre, Helenens lich, geliebte Klara, und da weicht jedes Voruttheil, um den Leib und ſah ihr mit einem herzlichen Blick „Nein,“ erwiederte Emy, indem ſie Klara mit u 195 „Ha, ich wußte, daß Du ſo antworten würdeſt. Siehſt Du, Emy, was ich an Dir am meiſten liebe und bewundere, iſt— die Frau, die edle, wahrhafte und gute Frau, welche ſich niemals verleugnet.“ „Dein Lob iſt unverdient; das Unglück hat im⸗ merdar Anſpruch auf Mitleid, ſelbſt wenn es ver⸗ dient iſt.“ „Du verſprichſt alſo, mir hilfreiche Hand zu lei⸗ ſten, um Helene zu tröſten, obſchon Du noch be⸗ zweifelſt, daß ſie ſchuldlos ſei?“ „Das verſpreche ich.“ Emy reichte Klara die Hand. „Dank, Du gute, Du entzückende Emy!“ rief Klara erfreut. XXXI. Milde und warme Lüfte liebkosten die Blätter der Bäume und umfächelten unſere ſechs Perſonen auf Lundagard, während ſie am Nachmittage in der Laube am Flußufer ſaßen. Die Mädchen nähten, Frau Becker ſtickte, der Lieutenant hörte aufmerkſam Klara zu, welche in einen, aus dem Hauſe geholten Schaukelſtuhl zurückgelehnt, Folgendes erzählte: „Die Aſſeſſorin Trenner, meine Tante, hatte nur eine Tochter, Helene, an welcher ſie mit leidenſchaft⸗ licher Zärtlichkeit hing. Das Mädchen, ſchon ſeit der Kindheit von heftiger, phantaſtiſcher und exaltir⸗ ter Gemüthsart, hätte eben deßwegen einer ruhigen, milden und verſtändigen Leitung bedurft; ſtätt deſſen wurde ſie durch die zugleich ſchwache und despotiſche Erziehuſig der Mutter frühzeitig daran gbh ſie 13* einerſeits rückhaltlos ihren Eindrücken zu überlaſſen, wenn ſie nicht mit denen der Aſſeſſorin in Wider⸗ ſtreit geriethen; andererſeits ſich ſclaviſch dem Willen Geſchmack bei ihnen verſchieden waren. Alles dies legte nun wohl den Grund zu der wärmſten Liebe der Tochter zu ihrer Mutter, aber auch zu einem hohen Grade von Furcht vor ihr, und das unbe⸗ ſchränkte Vertrauen, welches zwiſchen Mutter und Tochter herrſchen ſoll, war verſchwunden. Helene lag zu der Mutter Füßen, küßte ihre Hände und bedeckte ſie mit ihren Liebkoſungen und den Aeuße⸗ rungen ihrer Abgötterei; aber niemals lehnte Helene ihr Haupt an ihrer Mutter Bruſt, um ihre Gedan⸗ ken, Wünſche und Gefühle daſelbſt auszuſprechen. Schooß Helene ihr Herz ausgeſchüttet hätte. „Hiezu trug auch der Umſtand viel bei, daß das Mädchen tief fühlte, ſie würde niemals von ihrer Mutter recht verſtanden werden. Dazu kam noch, daß die Aſſeſſorin mit einer aufs Höchſte geſteiger⸗ war, welche bei der leztern einen gewiſſen Grad von Verſtellung erzeugte. Sie wagte niemals zu ge⸗ ſtehen, daß ſie Jemand anders liebte, aus Furcht, brechen und dadurch einen jener gewaltſamen Auf⸗ tritte herbeiführen, vor welchen Helenens weiches Herz ein wirkliches Entſezen empfand, weil ſie di Gefühle zu einer peinlichen Höhe ſteigerten und ei völlige Betäubung aller Seelenkräfte zur Ach! welche reichen, obwohl traurigen ihrer Mutter zu unterwerfen, wenn Neigung und Nein, die Mutter war die lezte Perſon, in deren ten Eiferſucht auf ihrer Tochter Zuneigung behaftet ihre Mutter würde in einen heftigen Schmerz aus⸗ ——— 197 tungen liefern nicht die Aſſeſſorin Trenner und ihre Tochter zu dem noch ungelösten Problem der Kin⸗ dererziehung. Es herrſchte zwiſchen ihnen wechſel⸗ ſeitige Liebe, eine leidenſchaftliche, grenzenloſe Liebe, und gleichwohl wie völlig machtlos war dieſe Liebe in Folge des Mangels an Wahrheit und Vernunft. Hätte meine Tante ein einziges Mal verſucht, ſich in den Charakter und die Gemüthsart des Mäd⸗ chens hineinzuſtudiren, und ſich klar gemacht, daß ein Kind von Helenens gleichzeitig reicher und doch mangelhafter Natur vor Allem einer Zärtlichkeit be⸗ durfte, welche ſie mit milder Wärme und Ruhe um⸗ ringte und durch ihren friedvollen Schatten den wei⸗ chern Gefühlen, aber nicht der glühenden Leidenſchaft Nahrung gab, die mit ihren gewaltſamen Stürmen die zarte aufkeimende Saat verwüſtete, oder zur Frühreife brachte, gewiß wäre ſie dann auch bemüht geweſen, ihre zügelloſen Gefühle zu bändigen; aber ich will bei dieſen traurigen Betrachtungen nicht länger verweilen. Es erfordert eine größere Fähig⸗ keit, als die meinige, klar und deutlich dieſen Ge⸗ genſtand zu entwickeln, und es wäre wünſchenswerth, wenn Jemand von höherem Talente einer Sache von ſo großer Wichtigkeit ſeine Aufmerkſamkeit wid⸗ men wollte. „Helene hatte ihr ſiebzehntes Jahr erreicht. Sie war nicht ſchön, konnte nicht einmal, ſtreng betrach⸗ tet, auf das Prädicat„hübſch“ Anſpruch machen; aber die friſche, blühende Geſichtsfarbe, die große Leben⸗ digkeit in ihren Zügen und in ihrem Benehmen be⸗ wirkten, daß ſie nicht unbemerkt blieb. Unter den Männern, welche frühzeitig ihre Blicke und ihre Wünſche auf das lebensfriſche und heitere Mädchen richteten, war auch Kapitän Santé Kahn. Er war ſchon einige vierzig Jahre alt, reich und von guten Faiſtilienverhältniſſen, was der Aſſeſſorin ziemlich ſchmeichelte und eine Vereinigung zwiſchen ihm und ihrer Tochter wünſchenswerth machte, ohne daß ſie dabei den Charakter des Kapitäns ſtudirte oder un⸗ terſuchte, ob er ein Mann war, welcher für die ſchwärmeriſche Helene taugte. „Während der Kapitän das Haus der Aſſeſſorin fleißig beſuchte, trat hier ein Graf auf, deſſen Na⸗* men ich nicht nennen will. Ee hatte einen Proceß, bei welchem Trenner ſein Rechtsanwalt war. Als er einmal den Aſſeſſor verließ, traf es ſich, daß er Helene ſah. Dieſe flüchtige Begegnung hatte zur Folge, daß der Graf, welcher bisher den Aſſeſſor nur auf ſeinem Zimmer beſucht hatte, am Abend deſſelben Tages einen förmlichen Beſuch bei der Aſ⸗ ſeſſorin machte. Hatte Helene ſchon bei dem erſten Anblick Eindruck auf ihn gemacht, ſo geſchah dies jezt noch mehr durch ihre lebhafte, ungeſtüme, oft kindiſche Unterhaltung. Helene war eine geſchickte Portraitmalerin, und dies gab vielfachen Stoff zum Geſpräch. Genug, der Graf kam wieder und oft.“ Die Aſſeſſorin, welche nur für ihre Plane in Bezug auf Kahn und deſſen erwartete Brautwerbung eingenommen war, die von ihr lebhaft gewünſcht wurde, weil ſie ſich davon ein ungeſtörtes Eigen⸗ thumsrecht und eine unbeſchränkte Gewalt über das Herz ihrer Tochter verſprach, ſchenkte den Beſuchen des Grafen keine weitere Aufmerkſamkeit, als die⸗ 199 jenige, welche ihre geſchmeichelte Eitelkeit ihnen für den Augenblick zuſchrieb. So verging der Winter. Ging Helene ig ihre Lectionen, oder kehrte von da zurück, wer behleitete ſie— der Graf. Daß er während dieſer Promena⸗ den Gelegenheit erhielt, ihr ſeine Gefühle zu erklä⸗ ren, war natürlich, und daß ein Mann wie er, von Katur ſowohl in Bezug auf den äußeren als inneren Menſchen ſo reich begabt, über ein allen Eindrücken ſo offenes, ſo excentriſches Herz, wie das Helenens, die Herrſchaft gewinnen würde, war etwas, das ihre Mutter leicht hätte vorausſehen können, aber die Aſſeſſorin gab weder auf die Tochter, noch auf den Grafen Acht, da in ihrer Gegenwart Nichts vorfiel, was mit den von ihr entworfenen Planen in Wi⸗ derſtreit geſtanden wäre. „Die Neigung des Grafen zu Helene nahm gleich⸗ wohl in Kurzem einen ſo beharrlichen und heftigen Charakter an, daß ſie die Aufmerkſamkeit ſeiner Fa⸗ milie zu erregen begann. „Außerdein war auch eine Dame da, eine Ver⸗ wandte, welche ihn mit unbezwinglicher Neigung liebte; und der Umſtand, daß ſie dieſelbe nicht er⸗ wiedert ſah, machte ſie ſchonungslos und grauſam. „Eines Tags— es war im Frühjahr— hatte der Graf ſeiner Gewohnheit gemäß Helene von dem Profeſſor E—, bei dem ſie malte, nach Hauſe be⸗ gleitet. Als er ſich von ihr trennte, machte er einen Beſuch bei jener Verwandten. „Ich habe gehört, daß Du einer gewiſſen Mam⸗ ſell Trenner eifrig den Hof macheſt,“ ſa ie ſie;„iſt es wahr?“ 200 „Der Graf erröthete und gab eine kurze, aus⸗ weichende Antwort; aber da die junge Dame deſſen h den Gegenſtand verfolgte, erwiederte er, durch ihren Ton verlezt: „Nun wohl; ich liebe das junge Mädchen; was wünſcheſt Du noch mehr zu wiſſen?“ „Ob Du ſie zu heirathen gedenkſt?“ „Und wenn ich es beabſichtigte, was würde da⸗ raus folgen?“ rief der Graf lebhaft und ſo voll⸗ kommen von ſeiner Liebe beherrſcht, daß er in die⸗ ſem Augenblick kein Bedenken getragen hätte, Helene ſeine Hand anzubieten, um es wahrſcheinlich im näch⸗ ſten wieder zu bereuen. „Es würde aus einem ſolchen Schritte folgen, daß ich Deinen Vater davon in Kenntniß ſezte, wie ſein Sohn um einer zügelloſen Laune willen unſerem Geſchlecht einen Makel anzuhängen gedenke. Und noch mehr, ich würde die Verachtung der ganzen Fa⸗ milie gegen Dich zu erwecken wiſſen, und wo Du auch immer eine ſolche Frau einführen wollteſt, wür⸗ deſt Du alle Thüren verſchloſſen finden. Du kennſt Deinen Vater, Du kennſt uns alle und weißt, wie tief unſere Verachtung ſein würde. Du mußt mich auch entſchuldigen, wenn ich ſo wie Deine übrigen Verwandten mich gezwungen ſehe, Dich nicht zu tpfa, ſo lang Dein Herz ſolche Abſichten ver⸗ irgt.“ „Mit dieſen Worten ſtand die junge Dame auf und verließ das Zimmer. S „Sie hatte den niemals ganz in des Grafen Bruſt ſchlummernden Hochmuth zu gleicher Zeit gedemüthigt und gereizt. Eine lange Weile blieb er im Salon 201 ſtehen und während dieſer Augenblicke kämpften Liebe und Stolz in ſeiner Seele. „Am Abend wollte er einen Beſuch bei einem Oheim machen, wurde aber nicht angenommen, ob⸗ wohl er ſich zu Hauſe befand und mehrere Perſonen bei ihm waren. „Am folgenden Morgen erhielt er ein Billet von ſeinem Vater, worin die Aufforderung enthalten war, ihn mit ſeinen Beſuchen zu verſchonen, ſo lange er die Verbindung mit einem Mädchen fortſeze, welche ſeine Frau nicht werden könnte und ſeine Mai⸗ treſſe nicht werden dürfte. „Was nach Durchleſung des Briefes in dem Gra⸗ fen vorging, weiß ich nicht; als er aber zwei Tage darauf einen Beſuch bei dem Aſſeſſor machte und Helene allein im Saale traf, war ſeine Stirne um⸗ wölkt und ſein Angeſicht bleich; ſein ganzes Aeußere zeugte von einer düſtern Gemüthsſtimmung. „Helene, die mit jenen ſchwärmeriſchen, hinge⸗ benden, exaltirten und reinen Empfindungen an ihm hing, welche der erſten Liebe ſo eigen ſind, hatte kein Verlangen, kein Gefühl, das ſich nicht um den Grafen drehte. Alle andern Intereſſen waren aus ihrer Seele verſchwunden; er war Alles für dieſes warme, empfindſame Herz. „Das veränderte Ausſehen des Grafen entging Helenens Augen nicht, und ſie fragte, was es wäre, das ihn beunruhige. Der Graf erwiederte ihr in bekümmertem Tone mit den für Helenens künftiges Geſchick ſo bedeutungsvollen Worten: „Ich leide, geliebte Helene, weil ich Dir meinen Namen nicht bieten darf, und im Ungewiſſen bin, ob 202 Du mich innig genug liebſt, um mich deßhalb nicht von Dir zu ſtoßen. O Helene! ich... ich liebe Dich bis zum Wahnſinn.“ „Der Graf ahnte wenig, welche Wirkung ſeine Worte haben würden. Er hatte ſich auf eine Thrä⸗ nenfluth, oder, troz ſeiner Aeußerungen, auf eine warme Verſicherung der Liebe gefaßt gemacht; aber von all dem traf Nichts ein. „Helene blieb ſtumm, und als der Graf, welcher, während er ſprach, die Augen zu Boden geſchlagen hatte, ſie nun zu dem ſchweigenden Mädchen erhob, ſah er ſie mit hoch aufgerichtetem Haupte und todes⸗ bleichen Wangen vor ſich ſtehen. „Sie war von ihrem Stuhle aufgeſtanden. Ihre Augen waren mit einem Ausdruck von Schmerz und Verachtung auf ihn gerichtet, aber keine Thräne zitterte darin. „Helene! geliebte, angebetete Helene! Vergib mir. ich„ rief der Graf. „Schweigen Sie, Herr Graf!“ antwortete He⸗ lene mit klarer und deutlicher Stimme.„Hier kann keine Vergebung in Frage kommen.“ „Helene eilte aus dem Zimmer, und der Graf mußte den Gruß des Aſſeſſors, welcher in dieſem Augenblick eintrat, beantworten. „Hätte nun Helene zu ihrer Mutter fliehen, in deren Bruſt ihren Schmerz ausſchütten— und durch ihre ruhige, milde und friedvolle Zärtlichkeit Linde⸗ rung und Troſt erlangen können, ſo würde die Wunde nicht ſtark geblutet haben, der Schmerz nicht ſo hef⸗ tig geweſen ſein. „Nun hatte Helene— Niemand, dem ſie ſich — be ne ne er 203 anvertrauen konnte. In ihr Zimmer eingeſchloſſen, lag ſie auf den Knieen und rang die Hände und brach in wilde Klagen aus. Sie rief in ihrem Schmerze Gott zum Beiſtand an, aber ſie that es in wahnſinnigem Ungeſtüm, nicht mit jener tiefen Andacht, welche Linderung in die Seele gießt. „Aus dieſem Zuſtande hoffnungsloſer Verzweif⸗ lung und unnennbaren Leidens weckte ſie ihrer Mut⸗ ter Stimme vor der Thüre, welche ihr gebot, zu öffnen. Helene ſchauderte. Sie wäre lieber geſtor⸗ ben, als daß ſie der Mutter ihre Liebe und die ihr eben widerfahrne Demüthigung bekannt hätte. Zu ihrer unſäglich bittern Qual kam noch die, daß ſie unter einer Unwahrheit ihren Kummer und ihre Thränen verbergen mußte. In dieſem Augenblick wäre das arme Mädchen gern geſtorben, wenn ſie nur vor ihrem Tod alle Bekümmerniſſe ihrer Seele der Mutter hätte offenbaren und von ihren Lippen Troſt ſchöpfen dürfen; aber das arme Mädchen wußte, daß ihr erſtes Wort über dieſen Gegenſtand bei ihrer Mutter einen gewaltſamen Ausbruch von Verzweiflung, Vorwürfen und Kummer hervorgeru⸗ fen haben würde. Ihr blutendes Herz hätte eine ſolche Zuthat nicht ertragen können; das wußte ſie. Auf die erneuerte Aufforderung der Mutter öffnete Helene endlich die Thüre. „Um Gotteswillen, was fehlt Dir, mein gelieb⸗ tes Kind?“ rief Frau Trenner, als ſie das von Thränen und Gemüthserregung entſtellte Geſicht ihrer Tochter gewahr wurde. „Ich habe Zahnweh, geliebte Mama!“ ſchluchzte Helene und warf ſich ihrer Mutter an den Hals. 204 „Herr Gott, liebe Helene; wir wollen gleich nach dem Doktor ſchicken. Willſt Du warme Kräu⸗ terkiſſen auf die Wangen legen? Sage, was Du willſt, daß ich es thun kann, um Deinen Schmerz zu lindern?“ „Die Aſſeſſorin liebkoste und küßte ihre Tochter mit großer Zärtlichkeit. „Ich will Nichts haben, ſondern nur mein lei⸗ dendes Antliz an Deiner Bruſt ruhen laſſen, Mutter.“ „Helene ſchlang ihren Arm um den Leib der Mut⸗ ter und drückte ihren Kopf an deren Bruſt, indem ſie ſchluchzend ſtammelte: „Sag'h daß Du Deine arme Helene liebſt.“ „Die Aſſeſſorin, an Helenens Heftigkeit gewöhnt, fragte nicht weiter, um der Sache mehr auf den Grund zu kommen; da das Mädchen ſie mit ſeinen zärtlichen Liebkoſungen überhäufte, hatte ſie keine Urſache, einen Nebenbuhler in ihrer Tochter Liebe zu befürchten. „Auch dieſer Tag ging zu Ende und die Nacht kam, nicht mit Ruhe und Frieden für Helene, ſon⸗ dern mit ihren Schatten und ihrer Finſterniß, um ihren Schmerz zu verbergen und ihrer Verzweiflung zu lauſchen. O! wie mancher furchtbare Kampf, wie manche leidensvolle Klage hat nicht die Nacht zum Zeugen gehabt, und die Helenens war nicht die am mindeſten martervolle! Der Tag kam mit Sonne und Licht; aber für Helene war er nur Finſterniß; es war eine lange Nacht, welche ihr ganzes Leben hindurch dauern ſollte. „Zwei Tage vergingen. Am dritten des Mor⸗ gens trat Frau Trenner bei ihrer Tochter ein. Bei ihrem Anblick ging ein leichter Schauer durch Hele⸗ 205 nens Körper. Auf ihrer Mutter Antliz las ſie einen drohenden Sturm. Eine dunkle Flamme brannte auf ihrer einen Wange, und ihre Augen waren ſo kalt und ſcharf, daß es Helenen weh im Herzen wurde. Frau Trenner hielt einen Brief in der Hand, wel⸗ cher erbrochen war. Mit beinahe ſchneidender Stimme ſagte ſie zu ihrer Tochter: „Dieſer Brief iſt an Dich;— von wem, brauche ich Dir nicht zu ſagen;— denn auf Deinen todes⸗ bleichen Wangen leſe ich das Zeugniß eines böſen Gewiſſens. Ha! Du haſt Deine Mutter betrogen, ſie um Dein Vertrauen und Deine Liebe beſtohlen; Du haſt ſie belogen und doch wagſt Du zu kommen und ſie um ihre Liebe zu bitten. Und mir— mir, die ich Dich höher liebe uls mein zeitliches und ewi⸗ ges Heil, mir lohnſt Du alſo! Mich opferſt Du einer unwürdigen Liebe zu einem Menſchen, welcher Dich nicht den tauſendſten Theil liebt, wie ich! He⸗ lene, Du biſt ein grauſames, ein undankbares Kind, deſſen Geburt zu Deiner Mutter größtem Unglück ausgeſchlagen hat.“ „Die Aſſeſſorin warf ſich auf einen Sopha und brach in ein convulſiviſches Weinen aus. In ihrer zügelloſen Heftigkeit vergaß ſie ganz und gar den ewpfindſamen und krankhaften Seelenzuſtand ihrer Tochter. Sie fühlte blos ihren eigenen Schmerz, ihre eigene Verzweiflung darüber, daß Helene Je⸗ mand anders liebte, und vielleicht noch mehr als ſie. „O, Mutter, Mutter, ſprich jezt, da ich ſo gren⸗ zenlos unglücklich bin, nicht dieſe harten Worte zu mir“ ſagte Helene mit herzzerreißender Stimme, warf ſich ihrer Mutter zu Füßen und wollte ihre Hand faſſen; aber Frau Trenner entriß ihr dieſelbe und ſprang auf, indem ſie rief: „Hinweg von mir, unglückſeliges Kind; Du willſt mit Deinen heuchleriſchen Bitten mich nur beſtimmen Dir ſeinen elenden Brief zu übergeben; aber verſteh mich wohl, ich verachte und verfluche dieſe erniedrigende Liebe, welche Du aus Deinem Herzen reißen und vernichten ſollſt, wie ich mit Dieſem thue.“ „Die Aſſeſſorin zerriß den Brief; Helene umfaßte laut aufſchreiend ihre Kniee und fiel dann bewußt⸗ los zu Boden. Die Mutter hatte den Bogen allzu ſtraff geſpannt, als daß nicht eine Saite in dem Herzen des armen Kindes hätte ſpringen ſollen, wel⸗ ches ſchon vorher von einem Schmerze erſchüttert wurde, zu ſtark, um ihn ertragen zu können. „Tage und Nächte vergingen, und indeſſen wachte, ohne ſie einen Augenblick zu verlaſſen, Frau Trenner mit unwandelbarer Liebe und unermüdeter Geduld am Krankenlager ihrer Tochter. „Endlich kehrte Helene, nach einem langen Kampfe mit dem Tode, in's Leben zurück. Als ſie zum erſten Mal wieder im Salon ſich zeigte, machte Kapitän Kahn, begleitet von dem Grafen, einen kurzen Be⸗ ſuch; aber kalt und unzugänglich ſaß Helene da und vergönnte dem Manne, welchen ſie noch mit jedem Tropfen ihres Blutes liebte, nicht einen Blick. „Die Aſſeſſorin hatte beſchloſſen, dem Grafen ge⸗ genüber ſich den Schein zu geben, als ob ſie mit dem Liebesverhältniß, welches zwiſchen ihrer Tochter und ihm ſtattgefunden, völlig unbekannt wäre. „Der Sommer nahte, und zu Anfang Juni's hielt Kapitän Kahn um Helenens Hand an. Die Mutter 207 gab ihr unter zärtlichen Bitten und Liebkoſungen zu verſtehen, es ſei für ſie der einzige Weg, um den Beweis zu führen, daß ſie ſich ihre Liebe zu dem Grafen völlig aus dem Sinn geſchlagen habe, und daß ſie ihre Mutter noch ebenſo zärtlich wie zuvor liebe, wenn ſie einwilligte, Kapitän Kahns Gattin zu werden. Die Aſſeſſorin weinte, ſprach von ihren bittern Leiden, ihrer unbegrenzten Liebe, und Helene, aufgeſchreckt, ſchwach, ohne Hoffnung, ohne Glauben an ein irdiſches Glück, verwundet in ihrem Herzen und in ihrem Stolze, gab nach und bildete ſich ein, in vollkommenem Einverſtändniß mit ihrer Pflicht zu handeln. Sie wollte dem Grafen ihre Gleich⸗ gültigkeit und Verachtung dadurch zeigen, daß ſie Kahn heirathete. „Obwohl aber der Stolz bei dem Schiffbruch, den ihr Herz erlitten hatte, ihr dieſe Handlungsweiſe vorſchrieb, gab ſich Helene dennoch ihrer Liebe ganz und gar hin und verſchwendete an ein Gemälde, welches von ihr im Stillen gemalt wurde und ein Porträt des Grafen war, die leidenſchaftlichen Aeu⸗ ßerungen ihrer Zärtlichkeit. Die Aſſeſſorin entdeckte einige Tage vor der Verlobung dieſes Gemälde und vernichtete es. „Helene ſagte dem Kapitän Kahn mit aller Auf⸗ richtigkeit, daß ihr Herz an dem Grafen hänge; aber aus Zartgefühl verſchwieg ſie Alles, was einen Schat⸗ ten auf ihn werfen konnte, ſo daß Kapitän Kahn in vollkomiener Unkenntniß über das Benehmen des Grafen blieb. „Im nächſten Herbſte wurde Helene getraut. Klara hielt einige Augenblicke inne. 208 XXXII. auf ihr Leben herabſenkte. des Kapitäns zeichnen. Clarén, hatte das Vermögen ſeiner des Kapitäns Schweſter Alles that, um deutendem Vermögen gelangen. heirathete. „Alles was ich bisher mitgetheilt, kann als Pro⸗ log gelten,“ hob Klara wieder an;„erſt mit Helenens Vermählung begann das unheilvolle Geſchick, welches hernach gleich einer ſchweren, ſchwarzen Wolke ſich „Che ich jedoch weiter gehe, muß ich mit einigen orten den Charakter und die Familienverhältniſſe „Der Kapitän war früher nicht verheirathet geweſen hatte aber eine verwittwete Schweſter, welche ih das Hausweſen führte. Kahns Schwager ein aus⸗ ſchweifender und verſchwenderiſcher Lieutenant, Namens det und ſie und ihren Sohn in wirkli hinterlaſſen. Eine natürliche Folge dav „Frau Clarén pflanzte daher dem Herzen ihres Sohnes die Vorſtellung ein, das größte Unglück, wel⸗ ches ihm widerfahren könnte, wäre, wenn ſein Oheim „Zehn Jahre ging Alles nach Wunſch. Frau Claren ſtarb mit der beruhigenden Hoffnung, ihr Bruder würde ſein Junggeſellenleben, wie bisher, von einer Heirath abzuhalten; denn da ſie ſeine nächſte Verwandte war, ſo mußte, wenn der Ka unverehelicht ſtarb, ihr Sohn Reinhold Claré den alleinigen Beſiz von Kahns ganzem, an ſich be⸗ — — 209 fortſetzen. Reinhold war bei einer Amtsſchreiberei eingetreten und träumte ſich bereits als Beſizer von ſeines Oheims Reichthum. „Kapitän Kahn war ſeiner geiſtigen Seite nach aus eigenthümlichen Elementen zuſammengeſezt. Er hatte einen derben, ſtarken, kraftvollen und unbeug⸗ ſamen Willen, eine heftige und ſtrenge Gemüthsart, einen rechtſchaffenen, muthigen und zuverläßigen Charakter, eine unbegrenzte Herrſchſucht, eine edel⸗ müthige Uneigennützigkeit, aber auch eine unerbitt⸗ liche Härte, wenn er aufgebracht oder in ſeinen heili⸗ geren Gefühlen verlezt wurde. Gewiſſenhaft gegen ſich ſelbſt und in Erfüllung ſeiner eigenen Schuldig⸗ keit, war er ebenſo eiſern ſtreng gegen Andere. Selbſt ein Mann von Ehre, argwohnte er auch ſelten bei ſeinen Mitmenſchen eine Niederträchtigkeit. Soldat mit Herz und Seele, beurkundete er auch in ſeinem Hausweſen eine entſchiedene Vorliebe für Ordnung, Stille und Pünktlichkeit. Er betrachtete ſich daheim, wie bei ſeiner Campagnie, als das mächtige Ober⸗ * haupt, welchem eine unbeſchränkte Macht zukam und deſſen Befehle blindlings vollzogen werden mußten. „So war der Mann, welcher nit der ganzen Stärke ſeines kraftvollen Charakters ſein Herz an Helene hing. Seine Liebe glich dem Feuer, welches mit ſeiner Gluth Alles zu Aſche verbrennt. Konnte wohl eine Verbindung zwiſchen ihnen zum Glück ausſchlagen; war es auch nur denkbar, daß ſie wenigſtens erträglich würde, während auf der Seite des einen Gatten eine Alles fordernde, auf Nichts nerzichtende Liebe herrſchte, welche mit leidenſchaft⸗ icher Heftigkeit eine Erwiederung dieſer Gefühle Schwartz, Blätter a. d. Frauenleben. I. 14 2 S 7 lücklich zu machen. Sie hegte für Alles, was mant Pflicht nannte, eine ſo ſchwärmeriſche Bewunderung, 210 in einem Herzen finden wollte, das für einen Andern ſchlug? Als ich Helene das Knie beugen und vor Gott das Gelübde ihrer Liebe, ihres Glaubens und ihres Lebens ablegen hörte, fühlte ich, wie eine Unheil ver⸗ kündende Ahnung mir durch die Seele ging, und es war mir, als leſe ich bereits im Buche des Schick⸗ ſals namenloſe Leiden für dieſe ſo himmelweit von einander verſchiedenen Gatten. „Die Ehe des Kapitäns begann mit einer unauf⸗ hörlichen Unruhe, einer beſtändigen Furcht, einer raſt⸗ loſen Jagd auf Gegenliebe. Er wußte, daß Helene den Grafen geliebt hatte; aber ſein Herz war zwiſchen Furcht und Hoffnung getheilt. Die Phantaſie ſchmei chelte ihm mit der beruhigenden Vorſtellung, Helene würde es bald dahin bringen, daß ſie den Grafen vergeſſe und ihren Mann liebte; aber ſeine Vernunft, ſeine Weltkenntniß flüſterte ihm das Gegentheil zu und theilte ſeine Gefühle zwiſchen einer peinlichen Unruhe darüber, daß er nicht geliebt würde, und einer hefti⸗ gen Eiferſucht, welche ſchnell an deren Stelle trat. „Helene war vor den Traualtar mit dem war⸗ men und religiöſen Vertrauen getreten, daß ſie mit guten Vorſäzen im Stande ſein würde, ihren Mann daß ſie ſich in dieſem Gefühle für mächtig genug hielt, ihren Beruf gehörig zu erfüllen. Ach! Pflicht ohne Liebe iſt ein Glaube ohne Werke; ſie iſt todt, und vom Tode geht kein Leben aus. „Dieſe beiden Gatten, welche durch die Bitten und Bemühungen einer Mutter an einander gekette jott res er⸗ es ick⸗ n uf⸗ ſt⸗ ne en wurden, trugen in ihrer eigenen Bruſt Elemente ge⸗ nug zu einem unglücklichen Leben, ohne daß es noch des Zuſazes von einem dritten bedurft hätte, und gleichwohl ſollte dieſes dritte das unheilvollſte werd. „Es war dies des Kapitäns Schweſerſhn he Notar Reinhold Clarén. Auch über ſeinen Charakter muß ich einige Worte beifügen. „So unerſchrocken, herrſchſüchtig und uneigennüzig der Kapitän war, ſo furchtſam, ſtlaviſch und eigen⸗ nüzig war der Notar Clarén. Die Hauptzüge bei ihm waren: eine Alles verzehrende Habgier, eine un⸗ ermeßliche Eitelkeit, ein treuloſes, betrügeriſches und niedriges Gemüth, im Verein mit einer geheimen, nie ruhenden Beharrlichkeit, welche bewirkte, daß er das Ziel, wornach er ſtrebte, durch Liſt und Ränke zu erreichen ſuchte, weil er aus Furcht und Feigheit niemals in irgend einer Sache offen aufzutreten wagte. Die Mittel, welche er im Stillen anwandte, um zur Erfüllung ſeiner Wünſche zu gelangen, galten ihm Nichts; denn Gewiſſen und Ehre zog er nicht in Berechnung, wenn ſein Eigennuz oder ſeine Eitel⸗ keit das Wort führte. „Die Verheirathung ſeines Oheims mit Helene war für Reinhold ein ſo furchtbarer Donnerſchlag, daß er lange Zeit bedurfte, um ſich davon zu erholen. Aber ſeine ſtlaviſche Furcht vor des Kapitäns Heftig⸗ keit und Deſpotismus bewirkte, daß er der in ihm ſteckenden Wuth nicht mit einem Worte Luft machte. In ſeiner Seele entwickelte ſich ein wirklicher Haß gegen den Oheim, welchen er als den Mann betrach⸗ tete, der ihn um Reichthum und Glück gebracht hatte. Auch gegen Helene empfand er ein Ver⸗ langen nach Rache, und mit raubgierigen Blicken be⸗ ſpähte er die ganze Umgebung der jungen Frau, um in der Stille und während er derſelben alle äußern Zeichen der Freundſchaft und Theilnahme erwies, ihr in den Augen des Kapitäns zu ſchaden und wo möglich ſo viel Unfrieden in ihrer Ehe anzuſtiften, daß ſie unerträglich würde und mit einer förmlichen Scheidung ſchlöſſe. „Das erſte halbe Jahr verfloß ohne andere Stürme als die Ausbrüche der Eiferſucht von Seiten des Ka⸗ pitäns, welche allzeit erfolgten, wenn er mit gewalt⸗ ſamer und heftiger Leidenſchaft ſeiner Frau irgend ein Wort von wahrer und wirklicher Wärme zu ent⸗ locken ſuchte, aber nur laue und milde Freundlichkeit, niemals Liebe erhielt, oder wenn er in Geſellſchaft mit dem Grafen zuſammentraf, der bei dieſen Gele⸗ genheiten Helene eine Aufmerkſamkeit bewies, welche deutlich zu erkennen gab, daß ſeine Gefühle für ſie noch dieſelben wie ehedem waren. „Helene war eine Sklavin unter ihres Mannes Willen und Laune, aber ſie war niemals eine liebevolle und zärtliche Gattin, welche durch ihre Liebkoſungen und ihre Hingebung ihm ein glückliches Leben be⸗ reitete. Sie glich einer für ihre Pflichten lebenden Maſchine, opferte denſelben ſich und ihre Wünſche, aber Alles war maſchinenmäßig, gefühllos und ohne Leben. „Wie namenlos unglücklich der heftige Kapitän, welcher mit jedem Nerv in ſeiner Seele liebte, ſich an der Seite eines ſo lauen Pflichtautomaten fühlen mußte, läßt ſich leicht denken, beſonders da er in allem Andern ſah, wie lebendig und warm ſie wat. — 8 Er raste, er wurde wild, er bettelte zu ihren Füßen um Liebe, er machte ſich und ihr das Leben zu einer Hölle, aber ach! er vermochte nur ihr Mitleid zu erwecken, ihre Unterwürfigkeit zu verdoppeln, aber kein wärmeres Gefühl in dem tödtlich verwundeten Herzen zu entzünden. „Nach Verlauf eines Jahrs gab ſie einem Sohn das Leben. Helene, welche bereits der Meinung war, ihr eheliches Joch ſei eine drückende Bürde, fühlte, wie bei der Geburt ihres Kindes ein Strahl von Hoffnung und Freude über ſie kam. Sie, die nicht mit Liebe ihrem Gatten zugethan war, ſondern ihn blos fürchtete glaubte nun, da ſie ein Kind zu lieben hatte, ihr Geſchick mit Geduld ertragen zu können. „Während Helene ſich dieſen Träumen überließ und der Kapitän hoffte, die Geburt dieſes Kindes würde die Mutter ſeinem Herzen näher bringen, brütete Reinholds ſchwarze Seele über Rachegedanken. „Wie haßte er dieſes Kind, welches die Hoffnung auf ein Erbe gänzlich vernichtete. Er knirſchte vor Wuth, wenn er daran dachte; und nun, da er eben⸗ ſowohl des Kapitäns Liebe, wie Helenens Stellung zu ihrem Mann erforſcht und überdies durch Lauſchen und Spioniren hegausgebracht hatte, daß die Eifer⸗ ſucht ſeines Oheirnks auf die Reigung gerichtet war, welche Helene für den Grafen hegte, entwarf er ſei⸗ nen Racheplan. „Da er bei dem Kapitän wohnte, ſo wurde es ihm ſehr leicht, zuerſt mit einigen, in aller Unſchuld hngeworfenen Worten über eine gewiſſe unerklärliche Aehnlichkeit zwiſchen Helenens Kind und dem Grafen bß Kapitäns Kälte und hernach deſſen Antipathie 214 gegen das Kind zu erwecken, worauf er dann ganz abſichtslos erzählte, er ſehe den Grafen oft am Hauſe vorübergehen. Eines Tags äußerte er beim Mittags⸗ mahl ganz obenhin: „Graf*** muß hier in der Nachbarſchaft woh⸗ nen; er geht faſt täglich an dem Fenſter vorüber und ſchaut herauf.“ „Reinholds lauernder Blick flog ſchnell zu Helene hinüber und heftete ſich dann auf den Kapitän. Die erſtere erröthete lebhaft, als ſie des Grafen Namen hörte. Der Kapitän dagegen erbleichte, denn beide wußten ſehr wohl, daß der Graf nicht in der Nähe wohnte. Der Notar, welcher niemals den Grafen hatte vorbeigehen ſehen, trank ein Glas Waſſer und dachte: „Ich habe den Nagel auf den Kopf getroffen. Gut! nun weiß ich, wie ich daran bin.“ „Am Abend ſagte der Kapitän zu Helene, indem er ihr zwei Theaterbillets überreichte: „Kleide Dich an, wir wollen in's Schauſpiel gehen.“ „Seine Stimme war rauh, ſeine Miene ſtreng. „Unſer Kleiner iſt nicht recht wohl; laß' mich daheim bleiben,“ bat Helene. „Nein, Du wirſt mich begleiten“ „Sein Ton geſtattete keinen Widerſpruch. „Der Kapitän und Helene traten auf die erſte Gallerie, und hier begegneten die Blicke der jungen Frau denen des Grafen, welcher in einer Loge ge rade gegenüber ſaß⸗ „Helene wandte das Geſicht ab; aber mit eine beinahe höhniſchen Tone ſagte ihr Mann: e n 215 „Begrüße doch den Grafen..... Helene. Oder haſt Du vergeſſen, wie er ausſieht?“ „Helene erhob die Augen zu ihrem Mann; ſeine Züge drückten eine unerbittliche Härte, einen bittern Haß aus. Mit einer Stimme, welche unheilverkün⸗ dend klang, flüſterte er: „Grüße! Ich befehle es Dir.“ „Helene gehorchte; aber ſo gewaltig ſie ſich auch anſtrengte, ſie vermochte den Lauf ihres Blutes nicht zu hemmen, denn es ſtieg ihr mit ſeinen Purpur⸗ flammen in's Angeſicht. „Ha! Ich habe genug geſehen,“ ziſchte der Ka⸗ pitän;„Du liebſt ihn noch!“ „Nun kam eine Zeit, welche ich nicht beſchreiben kann. Der Kapitän ſchleppte Helene unaufhörlich von einem Concert zum andern, ins Schauſpiel, auf die Promenade und an alle Orte, wo ſie mit dem Grafen uſammentreffen konnten. Nach einer jeden Begegnung der Art raste er in wilder Verzweiflung gegen Helene. Er hat mir ſelbſt verſichert, daß er bei einem ſolchen Zuſammentreffen jedesmal Höllenqualen erlitt; daß aber ſeine einzige Linderung darin be⸗ ſtand, zu wiſſen, daß Helene noch mehr litt. Ein⸗ mal, als ich um Schonung für die Arme bat, rief er aus: „O! Warum liebt ſie mich nicht? Warum be⸗ trügt ſie mich? Ich weiß, daß ſie dieß thut. Rein⸗ hold hat es geſagt. „Endlich reiste der Graf ins Ausland. Helenens kleiner Sohn ſtarb, und verſenkt in Kummer wie ſie war, hofften wir, ihre Marter werde nun zu Ende ſein; aber ach! ſie ſollte nur die Form wechſeln. 216 „Der Notar, von dem verhaßten Kinde befreit, welches ihm jede Ausſicht auf das Erbe geraubt hatte, begann jezt einen andern Angriffsplan. Er beſuchte oft die Aſſeſſorin Trenner und benachrichtigte ſie im Stillen davon, Helene ſei ſehr unglücklich und und er müſſe mit Gram geſtehen, daß ſein Oheim ſich im höchſten Grade ſchlecht gegen ſeine Fran be⸗ nehme. Die Aſſeſſorin, welche kurz zuvor Wittwe geworden war, nahm ſich das ſchrecklich zu Herzen, mußte aber auf Reinholds wiederholte Bitten ver⸗ ſprechen, den Namen deſſen, von welchem ſie dieſe Mittheilung hatte, nicht zu verrathen. „Ich kam zu meiner Tante, als ſie gerade im Begriff ſtand, ſich zu Helene zu begeben. Unter einer Fluth von Thränen und den bitterſten Klagen erzählte ſie mir, daß Reinhold ihr geſagt habe, wie unglücklich Helene wäre. Ich hatte das längſt ſchon gewußt, hütete mich aber wohl, meiner Tante ein Wort davon zu ſagen, weil mir ihre heftige, leiden⸗ ſchaftliche Gemüthsart bekannt war. „Vergebens ſuchte ich ihre Aufmerkſamkeit darauf zu richten, daß Reinhold ein doppeltes Spiel trieb. Sie wollte nichts davon hören. Ich wiederholte des Kapitäns Worte gegen mich, aber meine Tante be⸗ hauptete, Kahn habe den Namen von ſeinem Schwe⸗ ſterſohn nur benüzt, um eine Urſache für ſeine Bos⸗ heit zu haben. „Da ſie nicht geneigt war, die Wahrheit einzu⸗ ſehen, wollte ich ſie beſtimmen, von einem Angriff auf den Kapitän abzuſtehen und nicht durch ihre Einmiſchung in die Angelegenheiten der beiden Ehe⸗ — 217 leute das unglückliche Verhältniß derſelben noch mehr zu verwirren. „Aber auch jezt blieb ſie noch taub für meine Bitten und Vernunftgründe und folgte blindlings der Verzweiflung und der Erbitterung, welche ihre Bruſt bei dem Gedanken erfüllte, daß Helene, ihre vergötterte Helene, unglücklich ſei. „Es iſt furchtbar, denken zu müſſen, Jahre ſeien vergangen, ohne daß ich eine Ahnung von den Leiden meines Kindes hatte! Und ſie, die Arme, welche kein Vertrauen zu mir gehabt hat!“ rief die verzweifelnde Mutter aus.„O, ich könnte den Mann umbringen, welcher ihr das Leben zu verbittern wagt!“ „In dieſer aufgeregten und beſinnungsloſen Ge⸗ müthsſtimmung begab ſich die Aſſeſſorin in das Haus des Kapitäns. Das Unglück wollte daß kurz vor ihrer Ankunft der Kapitän ſich einem heftigen Aus⸗ bruche von Eiferſucht überlaſſen hatte, in Folge deſſen Fran Trenner Helene auf dem Sopha im Schlaf⸗ zimmer liegend, weinend und ganz in Schmerz auf⸗ gelöst fand, „Die Aſſeſſorin hatte mehrmals bei ihrer Tochter, wenn ſie dieſelbe beſuchte, Spuren von Thränen wahrgenommen, aber auch auf ihre Frage nach der Urſache immer zur Antwort bekommen, ſie ſei krank, oder unruhig über den Geſundheitszuſtand ihres Kin⸗ des, und ſpäterhin lieferte der Tod ihres kleinen Knaben eine Erklärung dafür. Helene gab ihrer Mutter alle andern Gründe, nur nicht die rechten an. Sie hatte niemals den Muth gehabt zu ſagen: Mama, Du haſt durch dieſe Ehe das Unglück Deines Kin⸗ des und des Mannes, mit welchem Du mich ver⸗ ½ 218 bandeſt, geſchaffen. Nein, Helene würde eher dop⸗ pelt gelitten, als durch eine ſolche Erklärung ihrer Muttter Leben verbittert haben. „Als die Aſſeſſorin ihre Tochter in den tiefſten Schmerz verſenkt fand, ſchlang ſie ihre Arme um dieſelbe und rief mit heftiger Verzweiflung aus: „O! Mein Kind! Mein geliebtes Kind! Mußte ich leben, um Dich ſo leiden zu ſehen! Helene! Helene! Du haſt mich getäuſcht, Du biſt unglücklich, Du biſt an ein Ungeheuer von Grauſamkeit verhei⸗ rathet: aber ich, ich will Dich dieſem entſezlichen Schickſale entreißen.“ „Die Aſſeſſorin ließ ihre Tochter los und ſtand auf, um zu dem Kapitän zu eilen, während heftiges Schluchzen die aufgeregte und wirklich unglückliche Mutter am ganzen Leibe erſchütterte; aber Helene faßte ängſtlich ihre Hände und bat: „Gute, geliebte Mama, höre mich an; wenn Dir mein Friede und meine Zukunft theuer iſt, ſo ſage Nichts zu Kahn. Ach! Ich bitte Dich, ich flehe Dich auf meinen Knieen darum an.— H! Ich habe nicht Stärke genug, um den furchtbaren Auftritt, welcher darauf folgen muß, zu ertragen. Deine Einmiſchung, Mama, wird meine Stellung nur noch unverbeſſer⸗ licher machen. Die Schuld iſt übrigens einzig mein, mein und nicht ſein.“ „Helene drückte die Hände ihrer Mutter an die Lippen und weinte. „Du milder, armer Engel, Du ſagſt, die Schuld ſei Dein; weiß ich nicht, wie gut und nachſichtig Du biſt und immerdar geweſen biſt?— O, meine Helenc, mein geliebte Helene, Du bitteſt für Deinen Tyran⸗ 219 nen; ich werde dem Elenden ſagen, daß Du ſogleich ſein Haus verlaſſen und mir folgen mußt. Du mußt von ihm geſchieden werden, und ſollte ich auch mit Gewalt Dich aus ſeinen Klauen reißen. „Die Aſſeſſorin warf ſich in der heftigſten Gemüths⸗ bewegung auf den Sopha. „Geſchieden, Mama, das kannſt Du nicht wollen,“ flüſterte Helene, indem ſie zu ihrer Mutter Füßen ſich auf die Kniee warf.„Was Gott ver⸗ einigt hat, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden, und Deine Helene wird leben und ſterben als Kahns Gattin. „Es trat eine Pauſe' ein, welche nur durch das Schluchzen der Aſſeſſorin und und ihrer Tochter unter⸗ brochen wurde. Ein Seufzer, ein tiefer und krampf⸗ hafter Seufzer wurde hinter Helene laut; ſie ſprang auf, denn ſie erkannte dieſen Seufzer voll Leiden⸗ ſchaft und Verzweiflung wohl. Sie drehte ſich be⸗ bend um. „An den Thürpfoſten gelehnt, ſtand Kapitän Kahn; ſein Blick weilte auf Helene, aber dießmal nicht mit Härte, Raſerei und Haß, ſondern mit einem Aus⸗ druck tiefen, unnennbaren Schmerzes. Er ſtreckte ihr ſchweigend die Arme entgegen, und Etwas wie eine Thräne blinkte in den ſonſt ſo ſtrengen und durch⸗ dringenden Augen. „Kein Wort und wäre es noch ſo vielſagend geweſen, hätte Helene bis zu ſolchem Grade zu rühren vermocht. Sie ſtürzte an ihres Mannes Bruſt, wit wahrer und wirklicher Wärme ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Hals, während er ſie 220 welche er bis zum Wahnſinn liebte, heftig und lei⸗ denſchaftlich an ſein Herz drückte. „Wären Helene und der Kapitän nunmehr allein geweſen, oder hätte meine Tante noch Ruhe und Verſtand gehabt, um ſtumme Zuſchauerin zu bleiben, ſo wäre die Ausſöhnung der Gatten vielleicht von wohlthätigen Folgen geweſen, denn der Kapitän hatte das Geſpräch zwiſchen ſeiner Gattin und ſeiner Schwiegermutter mit angehört, aber Frau Trenner fühite ihr Herz vor Zorn erbeben, als ſie ihre Toch⸗ ter von den Armen des Mannes umſchloſſen ſah, welcher ſie ſo unglücklich gemacht hatte, und alle die gräßlichen Berichte von moraliſcher Mißhandlung, welche Reinhold gliefert hatte, ſtanden mit furcht⸗ barer Lebendigkeit vor ihrer Erinnerung. „Sie richtete ſich auf, trat auf die beiden Gatten zu, ergriff Helene am Arm und ſprach mit ſcharfer Stimme zu ihrem Schwiegerſohn: „Wenn meine unglückliche Tochter ſchwach genng iſt, die Hand zu küſſen, welche ſie mißhandelte, ſo bin doch ich nicht von derſelben bedauernswerthen Schwäche. Sie haben mir verſprochen, ihr ein glückliches Leben zu bereiten, und Sie haben ihr dagegen jeden Tag, jede Stunde zu einer beſondern Tortur gemacht und ihr ein Daſein ſo voll Leiden geſchaffen, daß mein Herz bei dem Gedanken daran von Entſezen erfaßt wird.“ „Mama, Mama, um Gotteswillen!“ rief Helene erſchrocken und todesbleich. Sie fühlte ihres Man, nes Arm beben und ſah an dem drohenden Mus⸗ kelſpiele ſeines Geſichts, daß ein gefährlicher Sturm im Ausbruche war. — 221 „Schweig', Helene, laß Deine Mutter ſich aus⸗ ſprechen, wenn ſie es wagt,“ gebot der Kapitän, ließ ſeine Gattin los und kreuzte die Arme über der Bruſt, indem er die ſcharfen Augen auf ſeine Schwie⸗ germutter heftete. „Wenn ich es wage!“ rief Frau Trenner mit flammenden Wangen und funkelnden Augen.„Wenn ich es wage! Seien Sie überzeugt, das thue ich! Wohlan! Hören Sie, was ich von Ihnen denke, was ich laut vor Jedermann, der es hören will, ausrufen werde: Sie benehmen ſich gegen meine Tochter wie ein herzloſer, abſcheulicher Böſewicht— „Mama, willſt Du mich tödten!“ keuchte He⸗ lene, welche kaum ſich aufrecht zu halten vermochte. „Schweig!— ſchrie der Kapitän,„laß das wahn⸗ wizige Weib reden.“ „Die Aſſeſſorin trat ihrem Schwiegerſohn einen Schritt näher und ſagte langſam mit einer vor Auf⸗ regung faſt erſtickten Stimme: „Das wahnwizige Weib will blos ſagen, daß ſie ihre Tochter mit ſich nach Hauſe nimmt, daß ſie dieſelbe Ihrer barbariſchen Tyrannei entreißen wird; daß Helene nicht eine Minute hier noch bleiben ſoll.“ „Ein convulſiviſcher Schauer erſchütterte die Aſ⸗ ſeſſorin, als ſie mit lautloſer Stimme hinzuſezte: „Eine Mutter, welche ihr Kind ſo liebt, wie ich, wird es auch vor ſeinem Henker retten und ruft herab auf ihn...“ Helene ſtürzte ihrer Mutter zu Füßen und rief mit herzzerreißendem Schmerze: 222 „Halt ein, Mutter, willſt Du dem fluchen, wel⸗ cher der Vater meines heimgegangenen Kindes iſt?“ Der Kapitän faßte Helene am Arm und riß ſie heftig auf, indem er mit einer Miſchung von Hohn und Bitterkeit ſagte: „Hören Sie, meine Frau, Ihre Tochter, bittet um Schonung für ihres Kindes Vater, nicht für ihren Mann. Verſtehen Sie die Bedeutung davon? Aber nein, Sie verſtehen es nicht, ich will es Ihnen ſagen.“ „Ich will nichts hören. Ich habe nichts weiter hinzuzuſezen, als daß ich meine Tochter nehme und mit ihr hinweggehe,“ antwortete die Aſſeſſorin und it Helene, welche unbeweglich ſtehen blieb, die Hand. „Verſuchen Sie, meine Frau fortzunehmen, wenn Sie können,“ entgegnete der Kapitän, indem er ſeine Schwiegermutter feſt bei der Hand ergriff und hinzuſezte: Dieſes Weib iſt mein, verſtehen Sie mich; ſie gehört mir zu, und Ihre Dro⸗ hungen prallen ab an meinem Rechte; Sie haben keine Macht über dieſelbe, und das Geſez vermag nicht, eine Ehe aufzulöſen, deren Fortbeſtand ich will. Ich habe ſtillſchweigend Sie angehört, jezt hören Sie mich.“ Der Kapitän ließ die Hand ſeiner Gattin fahren. „Nein, nein, ich will fort und Beiſtand holen, um mein Kind Ihren Händen zu entreißen,“ rief die Aſſeſſorin ganz außer ſich. „Selbſt der König kann Ihnen in dieſer Bezieh⸗ ung nicht helfen,„antwortete der Kapitän mit furcht⸗ 223 kete Kälte.„Sie werden darum bleiben und mich ören.“ „Mama, geliebte Mama, wenn Du mich nicht zum Wahnſinn bringen willſt, ſo höre ihn,“ bat He⸗ lene, ganz in Thränen aufgelöst. „Schweigend und mit einer ganzen Welt von Stürmen in ihrem Buſen, ſezte ſich die Aſſeſſorin bebend auf den Sopha. „Frau Aſſeſſorin, Sie gaben mir Ihre Tochter, mit den Worten: Sie iſt ſanft, ſie iſt rein in allen ihren Gefühlen, Sie werden glücklich ſein, ſie wird Ihnen treu und ergeben bleiben.— Ich— ich gab Ihnen das Verſprechen, ſie über alles Andere auf Erden zu lieben. Ich that dieß in dem vollen Be⸗ wußtſein, daß meine Liebe tief und feſt war, daß ſie erſt mit meinem Leben aufhören würde. Nun wohl, fragen Sie Helene, ob ich mein Wort gebrochen habe, ob meine Liebe nicht heute ebenſo warm und ſtark iſt, wie an dem Tage, da ich ihr meine Hand bot? Fragen Sie Ihre Tochter, ob ich eine einzige Minute aufgehört habe, ſie zu lieben? „Die Augen des Kapitäns waren feſt auf Helene gerichtet: er hielt an. „Nun, Helene, was antworteſt Du auf die Frage Deines Mannes? Du wagſt wohl nicht, aufrichtig zu O, du armes Kind, Du mußt aus Furcht ſelbſt ügen.“ „Frau Trenner bedeckte ſchluchzend ihr Angeſicht mit den Händen. „Mama, keine Macht, keine Furcht würde mich in dieſem Augenblick zu einer Lüge bewegen,“ ſagte Helene ernſt und bekümmert.„Mit der Hand auf 224 dem Herzen kann ich verſichern, daß Kahn mich alle⸗ zeit geliebt hat.“ „Kannſt Du daſſelbe auch von Dir ſagen?“ rief der Kapitän mit wilder Heftigkeit;„kannſt Du ſagen, daß Du nur eine Sekunde den Mann geliebt haſt, deſſen Leben Du hingenommen, deſſen Herz Du ge⸗ wonnen haſt, deſſen Gattin Du geworden biſt?“ „Kahn faßte Helenens Hände, drückte ſie feſt und ſezte dann hinzu: „Nein, nein, Deine Schwüre vor Gott, die Schwüre der Liebe und Treue waren Meineide. Ihre Tochter, Madame, iſt mir weder zugethan, noch treu: aber wenn ſie mir auch ihre Liebe entzog, hatte ich we⸗ nigſtens gerechte Anſprüche auf ihre Treue; ſie hat mich um beides beſtohlen— und ich weiß nicht ein⸗ mal, ob das Kind, welches jezt todt iſt— das meinige war. „Ein gemeinſchaftlicher Ausruf des Schmerzes von Mutter und Tochter unterbrach den Kapitän. Die Aſſeſſorin warf ſich zwiſchen die beiden Gatten; Helene ſtürzte ganz betäubt auf die Kniee nieder; wie eine verwundete Löwin, welche ihr Junges ver⸗ theidigt, umfaßte die verzweifelnde Mutter ihre Toch⸗ ter, um ſie aus dem Zimmer zu tragen, während ſie mit keuchender Stimme rief: „Das iſt zu viel, zu viel. Sie thäten beſſer, dieſelbe zu tödten. Komm'. komm' Du biſt beſchimpft, mein Kind, durch eine ſolche Be⸗ ſchuldigung.. Du kannſt nicht länger hier weilen.. „Helene erhob ſich mit Anſtrengung, ſtrich ihre Haare mit beiden Händen zurück, warf mit einet 225 Bewegung von Stolz und Verzweiflung den Kopf zurück und ſprach langſam. „Nein, meine Mutter, ich werde Dir nicht folgen, ich werde hier bei meinem Mann bleiben— dieß iſt meine Pflicht, deren ich nie vergeſſen werde— mag er auch der ſeinigen uneingedenk ſein.“ „Helene trat auf Kahn zu und ſprach in kaltem, deutlichem Tone: „Mit welchem Rechte wagſt Du, einen ſo ſchimpf⸗ lichen Argwohn gegen mich auszuſprechen?“ „Mit dem Rechte, welches meine verhöhnte und unbelohnte Zuneigung mir gewährt,“ antwortete der Kapitän.„Begreifſt Du nicht, daß die Gewißheit, Dein Herz gehore mir nicht, jede Anklage gegen Dich glaublich macht? Ha! Du wirſt niemals zu faſſen vermögen, welche Hölle der Anblick jenes Kindes für mich war, nachdem man mich gelehrt hat, an deiner Treue und an Deiner Ehre zu zweifeln. „Der Kapitän fuhr mit der Hand über das bleiche Angeſicht. „Es gibt alſo Jemand, der... der mich an⸗ zuklagen wagt?“ fragte Helene und ſtand ſo bleich, ſo kalt, mit hocherhobenem Haupte vor ihrem Gat⸗ ten, daß man wohl glauben mochte, auf ihrer ſchnee⸗ weißen Stirne ihre Unſchuld leſen zu können. „Ein Seufzer, ſo qualvoll, daß eine ganze Welt on Schmerz darin lag, arbeitete ſich aus des Ka⸗ pitäns Bruſt empor, als er dieſes einzige Wort aus⸗ ſprach. „Und Du haſt daran geglaubt?“ „Helenens Züge wurden immer kälter und bleicher. Schwartz, Blätter a. d. Frauenleben. 1. 15 „Bei einer Frau, welche ihren Mann nicht liebt, iſt jede Anklage glaubhaft; ich habe Deine Treue bezweifelt. Ach, da Dein Herz nicht mein gehörte, ſo hatte ich Nichts, worauf ich meine Ueberzeugung gründen konnte.— Ach, Madame,“ rief der Kapi⸗ tän zornig zu ſeiner Schwiegermutter,„Sie hätten Ihre Tochter lehren ſollen, daß die Liebe allein es iſt, welche das Glück der Ehe begründet.“ „Helene ging auf ihre Mutter zu und ſagte bittend: „Unausſprechlich geliebte Mutter, verlaß uns jezt. Ach, ich weiß, daß Du leideſt, grauſam durch mich leideſt; aber Alles wird wieder gut werden.“ „Helene führte die Hände ihrer Mutter ſchluch⸗ zend an ihre Lippen und wiederholte: „Alles, Alles wird gut werden.“ „Und Du gedenkſt wirklich bei dieſem Manne zu bleiben?“ rief die Aſſeſſorin, indem ſie ihre Arme um die Tochter ſchlang und ſie heftig an ihr Herz drückte. Gott allein weiß, was die verzweifelnde Mutter dachte. „Nur der Tod ſcheidet zwei Gatten.“ „Frau Trenner entfernte ſich mit Haß im Herzen gegen Ihren Schwiegerſohn. Sie war nicht ſo klar von Verſtand, um einzuſehen, daß der Kapitän wo möglich noch unglücklicher als Helene war, und daß ſie ſelbſt dieſe jammervolle Ehe geſchaffen hatte. Was zwiſchen Helene und ihrem Mann vorfiel, weiß ich nicht; aber am folgenden Tag ſchrieb He⸗ lene an ihre Mutter: „Geliebte Mama!— Alles iſt erklärt, Alles iſt nun gut. Mein Mann hat mich um Verzeihung 227 gebeten. Glaube mir, er iſt es, welcher unglücklich geweſen. Vergiß, Mama, was geſprochen worden iſt, und bedenke, daß Deine Helene viel gegen den Mann gut zu machen hat, mit welchem ſie ſich ohne Liebe ehelich verband. Komm', komm' zu deiner Helene!“ „Nun begann für Helene eine Zeit neuer Mar⸗ ter. Der Kapitän war allerdings ruhiger und He⸗ lene zärtlicher gegen ihn, aber die Aſſeſſorin, welche nun bei ihrer Tochter täglich Beſuche machte, kam unaufhörlich, bald mit Zorn, bald mit Thränen, Verzweiflung und Schmerz auf die Forderung zurück, Helene ſollte ſich von ihrem Mann ſcheiden. „Helene, ſonſt ſo ſchwach und nachgiebig, war unerbittlich, wenn es ſich um dieſen Punkt handelte. „Der Notar begann nun heimlich, während des Verlaufs von nahezu einem Jahr, mit Frau Tren⸗ ner den Plan zu entwerfen, wie man Helene be⸗ ſtimmen könnte, ihrem Gatten davon zu laufen, und wie man, wenn ſie nicht darauf einginge, Ge⸗ walt brauchen und ſie zwingen müßte, ihn zu ver⸗ laſſen, weil ſie zuletzt irrſinnig würde, wenn ſie fort⸗ während der ſchlechten und grauſamen Behandlung des Kapitäns unterworfen wäre. Täglich tiſchte er die gräßlichſten und unwahrſten Geſchichten von dem, was Helene durch den Kapitän auszuſtehen hätte, der verzweifelnden Mutter auf und ſteigerte dadurch den Haß und Zorn der Aſſeſſorin zu einer furchtbaren Höhe. Auf der andern Seite warnte er den Kapitän vor dem Plane zur Flucht, welche Frau Trenner angeblich im Einverſtändniß mit ihrer Toch⸗ ter entwarf. Genug, das Mißtrauen erwachte wieder, zwar gegen die Schwiegermutter, aber Helene war es doch, welche die Folgen davon zu tragen hatte. „Eines Tags, als die Aſſeſſorin in vollem Zorn ihre Tochter verließ, und Helene weinend ſich auf einen Stuhl warf, trat Reinhold bei ihr ein. Er ſprach ſehr freundlich von dem Leiden der Aſſeſſorin und von ſeiner Beſorgniß, daß dieſer Zuſtand zein⸗ licher Unruhe ihr endlich das Leben koſten würde. Er bemerkte zugleich, daß Helene mit ihrer Weige⸗ rung ihrem Mann nur einen geringen Dienſt leiſte, da der Kapitän nicht eher Ruhe und Friede finden würde, als bis er von ſeiner Gattin geſchieden wäre. Er beſchwor Helene, zu bedenken, wie viel Gutes ein ſolcher Schritt für ſie alle zur Folge haben würde. „Helene trocknete ihre Thränen ab und richtete ſich zu ihrer vollen Höhe empor. Sie ließ ihn völlig ausreden. Als er zu Ende war, heftete ſie ſcharf und feſt ihr Auge auf ihn und ſprach: „Sage mir, wer es iſt, der in meines Mannes Seele den abſcheulichen Argwohn geworfen hat, daß er nicht der Vater meines Kindes ſei?“ „Reinhold konnte nicht umhin, die Farbe zu wechſeln; er ſchlug die Augen nieder, während er zur Antwort gab: „Das kann ich nicht ſagen, aber ich weiß, daß er einen ſolchen Argwohn hegt. Er hat ihn ſelbſt gegen mich ausgeſprochen.. „Sobald ich erfahre, wer es iſt, werde ich mei⸗ nen Entſchluß faſſen. Verſchaffe mir den Ramen des Elenden, welcher mir eine ſo ſchmähliche Lüge ——„ 229 aufgeladen hat, und ich werde auf Deinen Vor⸗ ſchlag eingehen,“ ſagte Helene, indem ſie ſich vor Reinhold hinſtellte und mit flammenden Augen hin⸗ zufügte:„Dann werde ich ihm das Leben nehmen und hernach mich ſelbſt tödten. So würde mein Mann von mir geſchieden.“ „Reinhold zitterte und erbleichte. Er glaubte in dem Angeſicht ſeiner Tante zu leſen, daß ſie be⸗ reits wiſſe, wer es wäre, und in ſeiner kläglichen Feigheit fürchtete er wirklich für ſein Leben. „Weder Helene noch Reinhold ahnte, daß der Ka⸗ pitän, welcher faſt ununterbrochen ſeine Gattin be⸗ lauerte, hinter einem Thürvorhang verborgen, das ganze Geſpräch gehört hatte. „Als Kahn eine Weile nach Reinholds Entfernung in das Zimmer ſeiner Frau trat, war ſein Beneh⸗ men ſo zärtlich und liebevoll, daß er ſie mit war⸗ men und lebhaften Worten bat, das Vergangene zu vergeſſen und verſichert zu ſein, daß er ſein Unrecht wieder gut machen würde. „Es lag etwas ſo tief Ernſtes, ſo Inniges in den Worten des ſonſt ſo ſtrengen Mannes, daß He⸗ lene im Hetzen davon gerührt wurde und auch bei ſich ſelbſt eine entſprechende aufrichtige Empfindung abei erwachen fühlte. „Zwei Tage darauf erkrankte der Kapitän an agenſchmerzen und Symptomen, welche der Cho⸗ lera glichen, ohne jedoch ſehr heftig zu ſein. Dieſes Unwohlſein dauerte mehrere Tage. Reinhold begann et ſeinem Oheim von der Nothwendigkeit zu ſprechen, ür den Fall ſeines Todes ein Teſtament zu machen. 35 Kapitän lächelte bitter, ließ aber einen Juriſten rufen. Das Herz des Notars klopfte, und er ſprach tief gerührt von ſeiner Ergebenheit, ſeiner Zärtlichkeit u. ſ. w., von ſeinem Schmerze, den geliebten Oheim ſo unglücklich durch eine Frau ſehen zu müſſen, welche ſeiner Güte und Liebe ſo unwürdig wäre. „Der Kapitän gab auf dieſes Alles keine andere Antwort, als: „Mein lieber Reinhold, Du wirſt in meinem Teſtamente nicht vergeſſen werden, ſei deßhalb ohne — Sorgen, aber jezt verlaß mich. „Das Teſtament wurde gemacht, aber Niemand erfuhr Etwas von deſſen Inhalt. 5 „Mit dem Kapitän ging es einige Tage beſſer, und ſeine Herzlichkeit gegen Helene verdoppelte ſich. Ja er bezeigte ſogar ſeiner Schwiegermutter eine gewiſſe Freundlichkeit, obwohl dieſe nicht ſehr em⸗ pfänglich dafür war. „So verfloß eine Woche, als der Kapitän eines Abends, nachdem er in Geſellſchaft ſeiner Frau und der Aſſeſſorin eine Taſſe Thee getrunken hatte, wie⸗ der an Magenſchmerzen erkrankte, welche aber dieß⸗ mal viel heftigerer und gewaltſamer Natur waren⸗ Es wurde ein Arzt herbeigerufen. Bei ſeinem Ein⸗ tritt rief ihm der Kapitän, während er ſich in furcht⸗ barem Kampfe mit ſeinen körperlichen Leiden wand und krümmte: „Sagen Sie mir aufrichtig, Herr Doctor, was halten Sie für die Urſache meiner Krankheit?“ Der Doctor betrachtete das Angeſicht ſeines Patienten genau, machte einige Fragen und erklärte dI , ne id e⸗ n⸗ t . . 231 er fürchte, daß der Kapitän Gift bekommen habe, worauf er ſchnell ein Gegengift verſchrieb. „Ich übergehe den Eindruck, welchen dieſe Worte auf Helene und meine Tante machten. Der Kapi⸗ tän richtete ſich mit großer Anſtrengung auf und ſtreckte die Arme gegen ſeine Gattin aus, welche ſich an ſeine Bruſt warf. Dann ſagte er mit klarer und deutlicher Stimme: „Wenn ich ſterbe, Herr Doctor, ſo gedenken Sie meiner lezten Worte: meine Gattin iſt unſchuldig, aber mein—“ „Die Schmerzen machten es dem Kapitän un⸗ möglich, weiter zu reden, und eine halbe Stunde darauf war er todt.“ Klara ſchwieg. Alle waren tief erſchüttert. „Aber man fand doch Arſenik in Frau Kahn's Schreibtiſche,“ fiel der Lieutenant ein. „Ja, aber ſie war dennoch unſchuldig,“ nahm Klara wieder das Wort.„Ich will Nichts ſagen von den erſten Stunden ſchauerlicher Verzweiflung. Kurz nach dem Tode des Kapitäns fanden ſich, von Reinhold herbeigerufen, der Staatsfiskal und einige Policeibeamten ein, welche genaue Nachforſchungen in Bezug auf die Vergiftung anſtellten und die Section des Leichnams anordneten. Bei der gleichfalls ein⸗ geleiteten Hausſuchung entdeckte man in Helenens Schreibtiſch, in einem unverſchloſſenen Schubfache ein Stück leeres Papier, worin ſich noch einige Kör⸗ ner Arſenik vorfanden. 8 „Ich übergehe, daß die Section den Verdacht einer ſtattgehabten Vergiftung beſtätigte; ich über⸗ gehe auch den Beginn des Proceſſes, welcher leider! . 232 viele Verdachtsgründe gegen die arme Helene zu Tage förderte, die dadurch noch beſtärkt wurden, daß das Teſtament des Kapitäns ganz und gar zu ihren Gunſten lautete, den Notar von jedem Erbſchafts⸗ antheil ausſchloß und jede Einmiſchung von ihm in Sachen der Verlaſſenſchaft ausdrücklich verbot. „An einem Verhörstage hatte der Staatsfiskal das Verlangen geſtellt, daß Helene verhaftet würde; aber auf meines Mannes Bürgſchaft hin blieb ſie noch auf freiem Fuße. Sie kehrte nach Hauſe zurück, feſt entſchloſſen, ſich niemals lebend ins Gefängniß ab⸗ führen zu laſſen. Gänzlich zermalmt, erklärte ſie dieß ihrer Mutter und mir. Die Aſſeſſorin über⸗ häufte ihre Tochter mit Zärtlichkeitsbezeugungen, und ſuchte ihr! Hoffnung und Vertrauen auf ihre einzuflößen; aber Helene rief verzweiflungs⸗ voll aus: „Hier gibt es keine Hoffnung mehr, Mutter. ein Leben iſt einem ſtillſchweigenden Fluche ver⸗ fallen, und Deine arme Helene wird wahrſcheinlich auf dem Schaffot oder in einem Gefängniß ihr Le⸗ ben beſchließen.— Nein, nein, ich werde alle dieſe Erniedrigung nicht ertragen; lieber will ich ihr ſelbſt ein Ende machen. Troz aller meiner Bemühungen, meine Pflichten getreulich zu erfüllen, iſt mein Leben eine Kette ungerechter Anklagen geweſen.“ „Helene brach in wildes Schluchzen aus. „Die Aſſeſſorin ſchlang die Arme um ihre Tochter, „Glaubſt Du,“ ſagte ſie,„daß ich für Deine Ehre, Dein Glück, Alles, ſelbſt mein Leben aufopfern könnte?“ „Mama, Mama, ich weiß, daß Du um meinet⸗ 233 willen auf Deine ewige Seligkeit verzichten könnteſt. O geliebte, geliebte Mama, welchen Kummer habe ich Dir nicht bereitet!“ „Helene, wenn Du weißt, daß es kein Opfer gibt, welches ich Dir nicht bringen könnte, ſo mußt Du auch im Stande ſein, mir ein ſolches zu bringen.“ „Begehre, befiehl über mich!“ bat Helene. „Ich flehe Dich alſo an, daß Du mir vor Gott gelobſt, möge geſchehen was da wolle, den Muth zu behaupten und für das Kind zu leben, welches Du unter dem Herzen trägſt. Das Leben, das ſie Dir geſchenkt, zu bewahren, mußt Du Deiner Mutter heilig geloben.“ „Niemals hatte ich auf dem Angeſicht meiner Tante einen mildern, hingebernden Ausdruck wahr⸗ Helene gelobte ihr heilig, was ſie be⸗ gehrte. „Den ganzen übrigen Abend ſprach die Aſſeſſorin ſanft und liebevoll mit ihrer Tochter. Oft habe ich ſpäter gedacht, wenn Frau Trenner immerdar ſo geweſen wäre, würde ſie auf Helenens Leben einen viel wohlthätigern Einfluß ausgeübt haben. „Als wir uns zu trennen im Begriff ſtanden, verſchwand dieſer ſtille und ſorgliche Ausdruck in Frau Trenners Miene, und es ſpiegelte ſich nunmehr darin jene ungeſtüme Zärtlichkeit, jene leidenſchaft⸗ liche Liebe ab, welche ſie für ihr Kind hegte; ſie warf ſich unter heftigem Schluchzen vor ihrer Toch⸗ ter auf die Kniee, faßte ihre Hände und rief mit unbändigem Schmerze: „Sage mir, Helene, daß Du Deiner Mutter ver⸗ zeihſt, wenn ſie in ihrer verblendeten Zärtlichkeit und 234 aus Furcht, an der Seite eines geliebten Gatten von Dir vergeſſen zu werden, Dich zu einer Verbin⸗ dung ohne Liebe überredete und Dir dadurch ein freudenleeres, leidenvolles Leben bereitete.— O, ich fühle, daß ich gefehlt, daß ich ſchrecklich gegen Dich gefehlt habe; aber ſiehſt Du, Kind, ich liebte Dich ſo ſehr, wie niemals ein menſchliches Herz geliebt hat. Deine Liebe allein zu beſizen, war für michf nothwendiger als die Luft; ſie mit Jemand theilen zu müſſen, erregte meine Verzweiflung, und ich würde an dem Tage geſtorben ſein, da Du ſie aus⸗ ſchließlich Deinem Gatten hingegeben hätteſt.— Ach, mir gebrach es an dem Muth, zu verzichten, und darum habe ich ſo viel, ſo viel zu ſühnen.“ „Der Auftritt, welcher nun folgte, war herzer⸗ greifend. Nachdem die Aſſeſſorin, in einem Taumel von Liebe und Schmerz, ſich aus den Armen ihrer Tochter geriſſen hatte, ging ſie auf ihr Zimmer und bat mich, ihr zu folgen. Sie ſchickte nach meinem Mann einem Geiſtlichen, dem Richter, welcher die gegen Helene anhängige Unterſuchung zu führen hatte, ſo wie dem Arzte, welcher Kahn behandelt hatte. Sie alle fanden ſich bei ihr ein, obſchon ſie nicht wenig erſtaunt waren, mitten in der Nacht berufen zu werden. „Hier, in Gegenwart derſelben, erklärte die Aſſeſ⸗ ſorin ſich als diejenige, welche den Kapitän vergiftet hätte, um ihre Tochter von einer unglücklichen Ehe zu befreien. Ihr Bekenntniß wurde zu Protokoll genommen, und ſie bat nun, bis zum folgenden Tage in ihrer Wohnung bleiben zu dürfen; dann würde ſie bereit ſein, ſich vor dem Richterſtuhl einzufinden, ten in⸗ ein ich ich ich ebt ich len ich 235 Es war drei Uhr Morgens, als die Herren ſich wie⸗ der entfernten. Der Geiſtliche blieb allein bei mei⸗ ner Tante zurück; mit ihm beſprach ſie ſich noch über eine Stunde, und ließ ſich hernach das Abendmahl reichen. Dann ging ſie zur Ruhe. „Am folgenden Morgen, um eilf Uhr, als die gerichtliche Vorladung erfolgte, trat ich in ihr Zimmer. Klara ſchwieg und ſchauerte. „Nun?“ fragte Frau Becker, athemlos vor Un⸗ geduld und peinlicher Spannung, in welche die Er⸗ zählung ſie verſetzte. „Sie war todt,“ fuhr Klara tief ergriffen fort. „Sie hatte ſich die Pulsadern geöffnet. Helenens Kummer bei der Nachricht davon grenzte an Wahn⸗ ſinn, und es wäre vergeblich, ihn ſchildern zu wollen. Sie wurde inzwiſchen freigeſprochen und verſchwand kurz darauf, nachdem ſie eine Tochter geboren. Das Leben, das Helene die nächſten zwei Jahre führte, glich dem eines Geächteten auf Erden. Sie irrte umher und wich aller Berührung mit der Welt und den Menſchen aus, überließ ſich einer Betrübniß ohne Grenzen, einem Schmerze ohne Namen, einer Hoff⸗ nungsloſigkeit ohne Sonnenſtrahl. „Sie ſchleppt ihre Tage dahin, weil es ihrer Mutter lezte Bitte war, daß ſie am Leben bleibe, aber das Leben, das ſie jezt führt, iſt ein langſamer Todeskampf. Ihre Seele iſt verſchloſſen für alle mildernden Gefühle, verſperrt für allen Glauben, alles Vertrauen auf Gott. Ihr Herz iſt von einer finſte⸗ ren, höhniſchen Verzweiflung umwallt, welche es für jeden zärtlicheren Eindruck unzugänglich macht. Ihre Liebe zu ihrem Kinde iſt bald ein wilder Schmerz, 236 bald eine angſtvolle Unruhe über deſſen Zukunft und die Leiden, welche deſſelben warten. In ſolchen Augen⸗ blicken wünſcht ſie in ihrem finſtern, unglücklichen Seelenzuſtande, daß Gott die Kleine zu ſich nehmen möge. Sie hat nicht einmal eine frohe Hoffnung auf ihr Kind geſezt;— Nein, in ihrer Seele herrſcht Finſterniß, nur Finſterniß! „Dieß iſt die Geſchichte einer Frau, die Ihr mir nun einer Einſamkeit entreißen helfen müßt, welche ſie zur Erfüllung ihrer Mutterpflichten unfähig macht,“ ſchloß Klara mit einem Blick auf ihre Zuhörer. „Und wir verdienten nicht, Chriſten zu heißen, wenn wir das weigerten,“ antwortete der Lieutenant gerührt. Emy reichte Klara mit Thränen in den Augen die Hand und ſagte: „Sei verſichert, Klara, daß ich Jahre meines Lebens darum gäbe, wenn ich ihren Schmerz lin⸗ dern und ihrer kleinen Tochter die Mutter wieder⸗ ſchenken könnte.“ Hildur ſagte Nichts, gab aber Klara die Hand mit einem Blick, mit einem ſo ſprechenden, ſo war⸗ men Blick, daß Klara's Augen ſich mit Thränen füllten. Selma küßte laut weinend Klara die Hand. „Laßt mir auch eine Rolle dabei, welche ihr dien lich ſein kann,“ ſagte ſie. Nachdem die allgemeine Rührung ſich gelegt hatte, bemerkte der Lieutenant: Aber die Zeitungen haben niemals die Aſſeſſorin als die Schuldige mit Namen bezeichnet.“ „Mein Mann und mehrere einflußreiche Perſonen nd n⸗ en en ig ht 237 und Freunde meiner Tante wußten es ſo einzurich⸗ ten, daß die Sache niedergeſchlagen und jene in der Stille begraben wurde,“ antwortete Klara. „Und was iſt Ihre Meinung, Frau Scheller: war die Aſſeſſorin in Wirklichkeit ſchuldig?“ fragte der Lieutenant. „Ach! Herr Lieutenant in dieſem Fall wage ich i meine Meinung auszuſprechen. Das Ein⸗ zige, was ich mit einem Eide bekräftigen wollte, be⸗ ſteht darin, daß Helene vollkommen unſchuldig iſt; aber Gottes Gerechtigkeit, wird einmal noch die Un⸗ ſchuld an den Tag bringen.“ Klara ſchaute gedankenvoll vor ſich nieder. „Und wie ſteht es denn mit dem niederträchtigen Neffen?“ „Er iſt noch Notar, verſieht ſeinen Dienſt ganz pünktlich, erwarb ſich Geld durch eine Heirath und iſt nachdem er mit großem Eifer als Helenens An⸗ kläger aufgetreten war, überall umhergelaufen, um zu klären, ſie ſei die Schuldige, obſchon die Mutier des Verbrechen auf ſich genommen habe, um bie Tochter zu retten.“ „Wie iſt er in der Geſellſchaft angeſehen?“ „Als ein Narr, der zwiſchen zwei Hauptleiden⸗ ſchaften, dem Eigennuz und der Eiteikeit hin⸗ und her⸗ gezogen wird; außerdem als ein dummer Großſpre⸗ cher und Liebhaber von ſtarken Getränken, wenn er von Andern eine Einladung erhält. Er wird allge⸗ mein verlacht, nirgends reſpectirt, wohl aber wegen ſeiner Habgier und Aufſchneiderei verachtet.“ „Wußteſt Du ſchon, daß Frau Kahn auf Hans⸗ nehe als wir davon ſprachen?“ fragte Frau ecker. „Nein, ich war damals wie alle ihre Verwandten in vollkommener Unkenntniß über ihren Aufenhalts⸗ ort,“ antwortete Klara. „Wie haſt Du es aber erfahren, Tante?“ fiel Selma ein „Ach, das ging ganz einfach zu. Wir waren, ich und Sigrid, auf Skärholm und da kam die Rede auf Hanskär. Dora begann mit großer Lebhaftig⸗ teit von der wilden und romantiſchen Lage ihrer Hütte zu ſprechen. Da äußerte Sigrid lachend: „Nimm Dich in Acht, Dora, meine Schweſter, könnte Luſt bekommen, die Einſiedlerin dort zu beun⸗ ruhigen.“ „Vorausgeſetzt, daß dieß in Mamſell Bills Ge⸗ ſellſchaft geſchieht, müſſen wohl wir Beide, ſie und ich, uns darein ergeben; aber ich werde die Herr⸗ ſchaften nicht ſelbſt dahinrudern.“ „Meine Neugierde, die Hütte und die Einſied⸗ lerin zu ſehen, wurde dadurch nur geſteigert, und ich ſchlug Sigrid vor, uns dorthin rudern zu laſſen. „Vergebens ſuchten wir Dora zu bereden, uns zu begleiten; ſie verſicherte, dieß ſei ihr unmöglich, da ſie ihr gelobt habe, niemals Fremde hinzuführen. Sie ſezte jedoch hinzu; „Wenn die Herrſchaften ohne meine Hülfe dahin fahren, ſo kann ich Nichts dafür.“ „Wir thaten ſo, und wen fanden wir— Helene. Der Anblick von uns erſchütterte ſie furchtbar; aber ach! er rief keine Freude hervor, ſondern nur die ſchreckliche Erinnerung an ihrer Mutter Tod. Wir —„— —„——— S— u en 5 el n, de g er 6 239 erkannten bald, daß dieſe Abſonderung, worin ſie lebt, ſie unaufhörlich zu dem Kummer zurückführt, welcher ſie verzehrt, und deßhalb beſchloſſen wir, ſie auf die eine oder andere Art derſelben zu entreißen.“ XXXIII. Zei Tage ſpärter, an einem klaren und herrlichen Julimorgen, ſchaukelte ein Boot auf den leichtge⸗ kräuſelten Wogen und ſteuerte auf Hanskär zu. Es war einer von jenen ſonnenbeſchienenen Morgen, wo man ſich einbildet, die Pulſe des Lebens in der ganzen Natur ſchlagen zu ſehen und Alles dem Men⸗ ſchen von Freude und Hoffnung reden zu hören. Es war, als ob die lächelnde prachtvolle Sonne zu der Sorge und dem Kummer ſagen wollte:„Was wagſt Du, in der Seele des Menſchen zu weilen, da Alles der Natur lebt und unter meinen Strahlen ſich reut!“ Wohin auch das unzufriedene Menſchenauge an einem ſolchen Sommermorgen blicken mag, wird es von Jubel und Gottes Lob begrüßt, denn es er⸗ ſchallt im Chor von allen Bäumen, und ſelbſt die Blume auf ihrem Stengel ſcheint, hold lächelnd, die Königin des Tages zu bewillkommnen und mit einer Thauthräne in ihrem Auge dem Schöpfer zu danken. In dem kleinen Fahrzeuge, welches mit raſchem Schlage von einem Scherenbootsjungen gerudert wurde, ſaß im Hintertheile Klara an Emys Seite, den Arm um deren Leib geſchlungen und den Kopf an die Schulter des jungen Mädchens gelehnt. Ihnen gegenüber befand ſich auf einem Büſchel ein älterer Herr, mehr klein, als groß, und ſehr hager, aber mit einem Angeſicht, welches man, einmal geſehen, nie mehr vergißt, ſo ſcharf waren deſſen Züge gezeichnet, Die Stirne war hoch und ſo ſtark hervortretend, daß ſie ſogleich in die Augen fiel und auch für einen Nichtphrenologen einen gedankenſchweren Ausdruck hatte. Wenn man ſie betrachtete, las man auf deren hohem Gewölbe eine Seele von Geiſt und Tiefſinn, eine umfaſſende Intelligenz und eine niemals ruhende Wißbegier. Es war eine Stirne, auf welche ein Pbiloſoph Griechenlands hätte ſtolz ſein können. Die Naſe war gekrümmt, das Auge ſcharf und lebhaft. Dies war Klara's Gatte, der Kammerrath Schel⸗ ler. Im Vordertheile ſaßen Hildur und Selma. Der Kammerrath unterhielt ſich mit den beiden jun⸗ gen Mädchen. „Wie iſt Dir, Klara?“ ſagte Emy freundlich und beugte ſich zu ihr nieder. „Das ſtarke Sonnenlicht thut mir in meinen müden, kranken Augen weh, und mein Herz klopft von Unruhe über den Ausgang unſerer Fahrt.“ „Haben Sie die Güte, Mamſell Kreuzer, nach Aengſö zu ſteuern, damit ich dort an's Land ſteigen kann, denn bei der von den Herrſchaften beabſichtig⸗ ten Ueberraſchung bin ich eine völlig überflüſſige Perſon, und wenn ich aufrichtig ſein ſoll, ſo wünſche ich einer Betheiligung dabei überhoben zu werden,“ ſagte der Kammerrath. „Du glaubſt alſo wohl, daß wir Nichts ausrich⸗ ter nit nie et, ß en uck in, de was, 241 ten?“ ſagte Klara, indem ſie den Kopf erhob und ihren Mann unruhig anſah. „In dieſem Fall, mein Engel, habe ich Nichts zu glauben. Du wünſcheſt ein Gelingen, und da muß auch ich hoffen, da Du ſo thuſt.“ Mit dieſen Worten küßte der Kammerrath ſeiner Frau artig die Hand. Man legte bei Aengſö an und der Kammerrath verabſchiedete ſich verbindlich von den Damen. Wiederum ſchaukelte das Boot auf den Wogen, und wiederum lehnte Klara ihr Haupt an Emy's Schulter, aber keine von beiden brach das Stillſchwei⸗ gen. Sie waren in ſich ſelbſt verſunken. Endlich, als man Hanskär erblickte, fragte Emy: „Wo ſollen wir anlegen?“ „Dort an der Spitze,“ ſagte Klara und richtete ſich auf. Das Boot legte an, und unſere vier Paſſagiere ſprangen an das Land und wanderten von da weiter nach der Schere, wo die Hütte gelegen war. Man näherte ſich dem Berge von der Seite, wo das Häus⸗ chen aufgeführt war. Auf der andern, oder der Rück⸗ ſeite hatten ſich von Ratur einige Erhöhungen gebil⸗ det, und dadurch war es möglich, wie auf einer Treppe, nach der Spitze des Berges zu gelangen. Dort an⸗ gekommen, befand man ſich auf einer Plattform, welche mit dem Dache der Hütte in gleicher Höhe gele⸗ gen war. Nach dieſer Stelle lenkte Klara ihre Schritte, und die Andern folgten ihr. Als ſie ſämmtlich oben waren, bat Klara Emy, Etwas zu ſingen, gleichviel nn es nur eine Volksmelodie wäre. artz, Blätter a. d. Frauenleben. 1. 16 gehe nun zu Helene hinab.“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich. Emy ſaß eine lange Weile da und ſchaute träu⸗ mend nach der See hinaus. Auf der weißen Stirne ſchwebte eine Wolke von Kummer und die Lippen umſpielte ein ſchmerzliches Lächeln. Sie machte eine Bewegung mit dem Kopfe, als wollte ſie die Ge⸗ danken verjagen, wovon ſie gequält wurde, und be⸗ gann dann mit ihrer klaren, friſchen und wunderbar ſchönen Stimme eine Volksweiſe zu ſingen, welche mit den Worten ſchloß: „Kummer iſt groß, größer iſt Gott, Größer als Erdenſchmerzen, Fehlt Dir ein Freund, haſt Du doch Gott, Faß' ihn mit Beinem Herzen.“ Biſt Du jemals in Deinem Leben, mein lieber „Ich laſſe Euch hier,“ ſezte Klara hinzu,„und Leſer, in eine hoffnungsloſe Verzweiflung verſunken geweſen, in eine vollkommene Gefühlloſigkeit für Gott und die Welt, welche er ſo ſchön geſchaffen hat; biſt Du einmal ohne Glauben an das Gute, ohne Hoff⸗ nung und ohne Liebe zum Leben geweſen; haſt Du Dich jemals in einem ſolchen Seelenzuſtande von lauter Finſterniß befunden, und biſt plözlich aus Deinen düſtern Grübeleien durch einen ſchönen, ſeelenvollen und melancholiſchen Geſang geweckt worden, welcher mit ſeinen Tönen alle Saiten Deines Herzens zum Beben brachte; dann weißt Du auch, daß derſelbe Dir wie eine Offenbarung aus einer Welt erſchien, welche Du vergeſſen hatteſt, und daß ſich unwillkür⸗ lich eine beſſere und mildere Gemüthsſtimmung Dei⸗ ner bemächtigte. —,— ne en ne e⸗ e⸗ Emy ſang drei Verſe, ohne daß das Rauſchen eines einzigen Läubchens den Geſang unterbrach. Es war als wenn die Blumen, die Vögel und ſelbſt die Blätter an den Bäumen andächtig dieſen Tönen gelauſcht hätten. Ja ſelbſt die Wellen ſchienen ſtill zu ſtehen und nicht zu wagen, ſeufzend am Strande ſich zu brechen, um nicht durch ihre wehmüthige Klage die Sängerin zu ſtören, und die Necken lauſchten ſicherlich dieſen Tönen, welche eine Sprache aus einer unbekannten, aber wunderbaren Welt redeten. An der Thüre der Hütte ſaßen Helene und Klara, als die erſten Töne von Emy's Geſang zu ihnen ge⸗ langten und bei der erſtern einen leichten Schauer erregten. Die kleine Ellen, welche am Strande ſpielte, ließ davon ab und blieb unbeweglich ſtehen, um zu lauſchen. Je länger Emy ſang, deſto milder wurde der Ausdruck in Helenens Angeſicht, und end⸗ lich floſſen Thränen über die bleichen Wangen. Die lezten Töne verhallten. Helene verbarg ihr Angeſicht mit den Händen und weinte ſtill. Es war nicht eine wilde, gewaltſame Verzweiflung, ſondern ein ſtiller Schmerz, welcher das verſchloſſene und verbitterte Herz öffnete. Klara verhielt ſich ſtill und ließ ſie weinen. er nun erklang wieder Emy's Stimme, hold, ſchmeicheld, mild, doch ſo wehmuthsvoll klagend, daß ſie tief in die Seele griff. Emy ſang klar und deutlich: „O, lebe wohl, die Nacht kommt, uns zu ſcheiden, Die öde Nacht, die dauert fort und fort, Laß' flikhend mich auf leichten Wellen gleiten, Die Hoffnung weilt nicht mehr an vie 244 Nein Glück ſteigt glaubensvoll zum Himmel an, Dert iſt die Seligkeit mir aufgethan.“ Als der Geſang verklungen war, richtete Helene ihr geſenktes Haupt auf und fragte; „Klara, Klara, warum haſt Du durch dieſe Lie⸗ der Gefühle in meiner Seele erweckt, welche niemals mehr darin laut werden dürfen? Wer iſt die Sän⸗ gerin?“ „Es iſt ein junges Mödchen, welches in Geſell⸗ ſchaft von zwei andern hieher gekommen iſt, um mit mir einen Tag bei Dir zuzubringen.“ Helenens Stirne verdunkelte ſich und ſie antwor⸗ tete bitter: „Ich verabſcheue fremde Geſichter. Ich verab⸗ ſcheue alle Berührung mit den Menſchen.“ „Aber nicht mit denen, welche ſo ſingen, daß die beſſern Gefühle Deines Herzens wieder erwachen. Uebrigens hilft es Dir Nichts; Du mußt uns den ganzen Tag hier behalten, das iſt feſt beſchloſſen.“ Klara rief ohne weitere Umſtände die drei Mäd⸗ chen, und einen Augenblick nachher ſtanden ſie vor Helene, welche noch unter dem Eindruck, den der Geſang hervorgebracht hatte, ſie mit minderer Scheu begrüßte, als ſonſt wohl der Fall geweſen wäre. ₰ Als Klara Emy vorſtellte, fuhr eine dunkle Rötheß über Helenens Stirne, und in ihrem Auge leuchtete ein Bliz des Schmerzes; aber beide verſchwanden und ſie reichte Emy die Hand, indem ſie mit etwos unſicherer Stimme ſagte: „Wenn ich in meiner ſelbſtgewählten Einſamkeit mich einmal geſehnt habe, einen Menſchen zu ſehen ſo habe ich ſtets an Sie gedacht, meine Beſte! Dorg 6 245 ne ie⸗ ls in⸗ ll⸗ nit or⸗ hat ſo oft von Ihnen geſprochen, daß meine Neu⸗ gierde erwacht iſt. Nun ſtehe ich in Klara's Schuld dafür, daß ſie den einzigen Wunſch, welchen mein Herz im Stillen hegte, erfüllt hat. Sie erkennen daraus, wie man niemals der Welt und ſich ſelbſt ſo ganz abgeſagt hat, daß in unſerer Seele nicht noch Etwas bleibt, wornach man ſich ſehnt.“ Mit einem wehmüthigen Lächeln reichte ſie Emy die Hand. Helenens Blicke hingen feſt an dem reinen, fri⸗ ſchen und ſchönen Angeſichte des Mädchens. Es war, als ob ſie jeden Zug davon erforſchen wollte, als ob ſie zu ergründen ſuchte, ob die Seele, welche unter dieſer ſchönen Außenſeite ſich verbarg, auch in Harmonie damit ſtände. Hätte Helene in Emy's Herz ſchauen können, ſo hätte ſie es verwun⸗ det und blutend gefunden; aber auch mit ſo einem warmen Glauben, einem ſo innigen Vertrauen auf Gott, daß ſie daraus die Kraft geſchöpft habep würde, ihren eigenen Schmerz zu tragen. Emy's Art und Weiſe bei der Begegnung mit Helene war von dem Gepräge ihres gewöhnlich ſtol⸗ zen und kalten Charakters ganz und gar frei; ſie hatte etwas Einfaches, Mildes und Zerzlhet im Verein mit jener äußern Ruhe, welche Emy nur höchſt ſelten verließ. Man verbrachte den Tag auf Hanskär, und Alle boten auf, was in ihren Kräften ſtand, Helenens Theilnahme zu erregen. Ellen war Selma's Günſtling, und Helene lächelte als ſie ſah, wie vergnügt ihre kleine Toch⸗ 246 ter darüber war, daß ſie Jemand hatte, mit dem ſie ſich unterhalten konnte. Als Klara am Abend aufbrach und Hildur He⸗ lene von ihrer Mutter den Wunſch ausrichtete, am nächſten Tage Frau Kahn auf Lundagard zu ſehen, antwortete Helene zur Ueberraſchung von Klara und den Andern: „Es wird mir ein wirkliches Vergnügen ſein, einen Beſuch auf Lundagard zu machen, und ich werde mich gewiß der Freude nicht berauben, mor⸗ gen daſelbſt einzuſprechen.“ Das Boot fuhr ab, und Helene ſaß am Strande, mit Ellen auf ihren Knieen und ſchaute ihnen nach. Das Kind lachte und ſchäkerte, aber die Mutter träumte, träumte ſchmerzlich. Jezt hatte ſie alſo die Frau geſehen, welche von Arthur geliebt wurde. Helene fand, daß ſie an Schönheit hoch über ihr ſtand, und ſie begriff voll⸗ kommen, daß Arthur über Emy die Liebe vergeſſen hatte, welche er früher ihr gewidmet. Aber Helene wollte dieſe Frau näher kennen lernen; wolite in ihr Herz blicken, ihre heimlichſten Gefühle und Ge⸗ danken leſen. Siehe da die Veranlaſſung, welche ſie beſtimmte, ihre Einſamkeit zu verlaſſen. „Wenn ſie jenes Ideal von Reinheit und Tu⸗ gend wäre, welches ich mir ſo oft geträumt habe,“ dachte Helene,„ſo wollte ich lernen, ſie zu lieben. Ach, ich würde noch einmal mein Herz der Neigung und Zärtlichkeit öffnen, und in meiner Seele könnte der Glaube an Tugend und das Gute wieder ein⸗ kehren.“ Jezt fuhr ein höhniſches Lächeln über ihre Lip⸗ 247 pen; Bitterkeit und Verachtung erhoben wieder ihre Stimme und ließen ſich folgendermaßen vernehmen: „Tugend?— Gibt es eine ſolche noch? Nein, nein, Alles hat mich betrogen. Alles hat meiner geſpottet, und die Menſchen haben ihre Verachtung und ihren Fluch gegen mich geſchleudert, während ich ſelbſt gewiſſenhaft bemüht war, meine Pflichten zu erfüllen, und mit Ergebung mein Schickſal er⸗ trug; und ich— ich ſollte noch glauben, daß Etwas wie Tugend zu finden ſei? Arme Thörin, es gibt nur Verbrechen und Ungerechtigkeit. O meine Mutter, meine Mutter!“ Helene drückte die Kleine heftig an ihre Bruſt und brach in Schluchzen aus. „Dein Vater, Dein armer Vater, mein Kind, welcher ſſo unglücklich war, er wurde ermordet— ermordet— von— meiner Mutter!— Nein, nein, dem iſt nicht ſo, es war eine furchtbare Lüge!“ Und Helene brach in jene wilden Klagen aus, von welchen ihre kleine Tochter ſo oft Zeuge gewe⸗ ſen war. Das Kind ſchlang ſeine Arme um ihren Hals und weinte, weinte darüber, daß es ſeine Mutter weinen ſah. So hatte Helene drei Jahre verlebt, unaufhör⸗ lich darauf bedacht, das entſezliche Unglück, das ſie betroffen hatte, ſich ins Gedächtniß zurückzurufen, und unvermögend, ſich einen Zweck für das Leben, oder einen Troſt in der Religion zu ſuchen. Nein, es war ihr ergangen, wie manchen Andern, welche in Folge einer mangelhaften Erziehung keinen feſten 7 und ernſten Glauben, kein tiefes und inniges Ver⸗ 248 trauen auf Gottes Güte und Barmherzigkeit in ſich aufgenommen hatten: ſie konnte die Prüfung nicht ertragen, ſondern unterlag derſelben. Selbſt miß⸗ kannt endete ſie damit, Gottes Güte zu mißkennen, des Höchſten Gerechtigkeit zu bezweifeln, ſich einer finſtern, ſchauerlichen Troſtloſigkeit, einem bittern, höhnenden Argwohn zu überlaſſen. Anſtatt zu Gott ihre Zuflucht zu nehmen, um in ſeinem Schooße Troſt und Stärke zur Ertragung ihrer Leiden und ihres Unglücks zu finden, floh ſie von Gott hinweg und zweifelte an dem Daſein der ewigen Gerechtig⸗ keit. Der Kummer hatte Helenens Gemüth nicht gebeugt, nicht gemildert, er hatte es nur verhärtet und verbittert und Groll in ihrer Seele zurückge⸗ laſſen. Während Helene ſich ihrem gewaltſamen Schmerz hingab, ſtieg Dora ans Land. Ein Blick auf He⸗ lene ſagte ihr ſogleich, in welchem Seelenzuſtande ſie ſich befand. „Herr Gott, Frau Kahn, Sie drücken ja Ellen zu Tode!“ rief Dora mit verſtelltem Schrecken. Helene fuhr zuſammen, küßte ihre kleine Tochter, wiſchte ihre Thränen ab und ließ das Kind los. Dora nahm das kleine Mädchen auf die Arme und ſprach in ernſtem Tone: „Wenn Ellen meine Tochter wäre, Frau Kahn, ſo würde ich mich wohl hüten, ihr Thränen aus den Augen zu preſſen und durch meine Bekümmerniß die Tage des Kindes zu verbittern; aber Jeder folgt eben ſeiner Gemüthsart.“ Helene ſah Dora an und ſchwieg; aber in ihrem Herzen fühlte ſie die Worte wie glühende Kohlen, 249 und die eigene Kindheit mit allen jenen ſtürmiſchen Gemüthserſchütterungen, welche durch Frau Trenners heftiges und leidenſchaftliches Temperament hervor⸗ gerufen worden waren, trat ihrer Erinnerung nahe. Dora's Worte hatten eine Saite in Helenens Seele angeſchlagen, welche laut und ſcharf nachklang. Sie erinnerten ſie an die Pflichten gegen ihre Tochter, und ſie fragte ſich ſelbſt, ob ſie dieſelben getreulich erfülle, wenn ſie ſich nur beſinnungslos ihrem eige⸗ nen Schmerz überließe. Es brannte Helene in dem empfindlichen Herzen, wenn ſie denken mußte, daß ſie aus Selbſtſucht und um deſſen willen, was ſie litt, ihr Kind verſäumte. Dora war inzwiſchen mit der Kleinen an den Strand gegangen, und bald ertönte Ellens munte⸗ res Gelächter und Dora's freundliche, gutherzige Stimme. Helene dachte: 5 „Ich muß, ich muß meinen Schmerz unterdrücken und mit einem fälſchlichen Lächeln meine Rolle bei dem Kinde ſpielen, damit nicht bei meiner Beküm⸗ merniß ſeine Freuden erbleichen.— O! dieſes elende Leben, wo Alles Lüge iſt. Soll ich niemals in der Welt eine Bruſt finden, an welche ich mit Vertrauen mein Haupt lehnen kann? Soll mein Leben ewig eine Unwahrheit und eine Kette von Verſtellung blei⸗ ben?— Verſtellung vor meiner Mutter, aus Furcht, ihr zu mißfallen; Verſtellung vor meinem Mann, aus Furcht, ſeine Eiferſucht oder ſeinen Zorn zu wecken; Verſtellung vor meinem Kinde, aus Furcht, ſein Leben zu verbittern. Bin ich verurtheilt, von 250 der Wiege bis zum Grabe eine fortgeſezte Lüge zu bleiben?“ XXXIV. Wir verſezen uns wieder nach Lundagard, aber einige Tage nach Helenens erſtem Beſuche daſelbſt. Hildur ſaß ſo nett und fein auf der Schaukel⸗ bank an Emys Seite und arbeitete, aber heute war es mit Hildurs Fleiß nicht ſonderlich beſtellt, denn ſie horchte unaufhörlich auf jedes Geräuſch, welches von einem Fuhrwerke herzukommen ſchien, und warf die Augen beſtändig auf die Landſtraße. Aber nicht ein Wort der Erwartung oder Unruhe kam über ihre Lippen; im Gegentheil ſuchte ſie durch ihre Scherze Emy aufzumuntern welche, wenn ſie mit Hildur allein war, oder wenn Niemand auf ſie Acht gab, ſich ihren wehmüthigen Betrachtungen überließ. Selma kam mit einem großen Schlüſſelbunde in der Hand zu ihnen heraus und ſprach mit höchſt unglücklicher Miene: „Herr Gott, Hildur, es iſt doch immer recht un⸗ erträglich, wenn ich die Woche habe; da kommt jezt der Schuhmacher und bleibt vierzehn Tage hier, und gerade dieſe ſind mir zugefallen; aber das ſage ich Dir, Hildur, ich gehe durchaus nicht darauf ein, daß wir allemal zwei Wochen hinter einander haben. Nein, ich halte es nicht aus.“ Mit dieſen Worten warf Selma ſich auf die Bank. „Du hältſt es nicht aus, arme Kleine; aber ver⸗ ſuche es nur, bedenke, daß Du jeden Mittag drei 251 Herren in der Küche haſt; das iſt gleich Etwas, das Dich aufmuntern kann,“ antwortete Hildur. „Ja ſo, Du denkſt, die Schuhmacher ſeien eine paſſende Geſellſchaft für mich, während Du mit Ar⸗ vid umgehſt.“ Selma war wieder erzürnt. „Ach! Mein Engel, Du haſt hernach vierzehn Tage frei, um Dich liebenswürdig zu machen. Be⸗ ſinne Dich, da kommt ein Bischen von Gottes Wort her, in einem ſchwarzen Rock; denk einmal, wenn Du dieſes heilige Herz eroberteſt! Außerdem erſcheint ein Künſtler, welcher Dein Bild ſo hold und ſchön malen ſoll.— Liebe Selma, unſere Naſen werden unſterblich! wie gut werden ſie ſich im Portrait aus⸗ nehmen!“ Hildur ſchaute auf die Straße und unterdrückte einen Seufzer. „Wie oft haſt Du ſchon geſeufzt und nach Dei⸗ nem Herzallerliebſten auf die Straße hinausgeſehen?“ fragte Selma lachend.„Es lohnt ſich nicht der Mühe, daß Du Deine Ungeduld verbirgſt, wir ſehen ſie dennoch, und.. „Du grämſt Dich zu Tode darüber, daß Du für jezt keine Herzensflamme haſt;— aber wenn das Glück Dir günſtig iſt, ſo verliebſt Du Dich in einen Geiſtlichen. Beeile Dich nun, und richte Alles zum Abendeſſen für uns.“ Selma wollte eben eine Antwort geben, als ein kleiner leichter Reiſewagen im Galopp auf den Hof hereingefahren kam. In demſelben finden wir Arvid fröhlichen Angeſichts und neben ihm einen Geiſtlichen von ernſter und nachdenklicher Miene. Es lag in 252 dem Blicke des jungen Prieſters ein Ausdruck, der faſt an Inſpiration grenzte. Ehe der Wagen ſtill hielt, hatte Arvid den Schlag geöffnet, war heraus geſprungen und ſtand nun freude⸗ ſtrahlend vor den drei Mädchen und reichte Hildur mit einem warmen Blicke die Hand. „Hildur, Hildur, ſo treffen wir uns endlich wie⸗ der nach einem ganzen Jahr der Trennung,“ rief er und drückte ihre Hände an ſeine Lippen, ehe die erröthende und äußerſt verlegene Hildur es verhindern konnte. Der Blick, welchen er auf ſie heftete, war ſo be⸗ redt, ſo von Herzen kommend, daß er Alles ſagte, was die verſchloſſenen Lippen auszuſprechen ſich weigerten. „Iſt es auch für Dich eine Ewigkeit geweſen?“ fragte Arvid und vergaß ganz und gar, Emy und Selma zu begrüßen. „Arvid, wir ſind nicht allein,“ flüſterte Hildur mit ihrer ebenſo ſchüchternen als freundlichen Miene. „Ich vergaß Erde und Menſchen, als ich Dich wieder ſah,“ erwiederte Arvid lachend, und der junge Lieutenant wandte ſich zu den Mädchen mit den Worten: „Verzeihen Sie!— meines Herzens Freude geht Allem vor.“ Nachdem er Emy herzlich begrüßt hatte, reichte er Selma die Hand und rief mit froher Ueberraſchung: „Ei der Teufel, kleine Selma, wie biſt Du ſo ſchön geworden;“— und unbeſchreiblich reizend war ſie in dieſem Augenblick, mit ihrem geſchmeidigen Wuchs, ihren ſeelenvollen Augen, und ihrem frohen Lächeln. 253 „Gott behüte, Arvid, das heißt uns das Mäd⸗ chen verderben, wenn man ihr ſagt, daß ſie ſchön iſt,“ ſcherzte Hildur. „Geh' nun artig hin und begrüße Papa und Mama, und ſtelle uns dem Mann Gottes vor, be⸗ denke, daß er das Paſtoramt bekleiden ſoll;— das iſt viel beſſer, als hier ſtehen und lauter albernes Zeug ſchwatzen.“ XXXV. Einige Stunden darguf ſaßen Hildur und Arvid in der kleinen Laube am Ufer. Unſer junger Lieu⸗ tenant hatte ſeinen Arm um Hildurs Leib geſchlun⸗ gen und hielt ihre Hand mit der ſeinigen umſchloſ⸗ ſen.. Er ſchaute ihr tief in die treuen Augen, während er mit ihr in ſeiner gewöhnlichen lebensfriſchen Weiſe plauderte. „Alſo, meine geliebte Hildur, ſind wir endlich ſo weit gekommen, daß ich in einigen Tagen Dich meine Braut nennen darf, und dann, dann ſeiern wir die Hochzeit im Herbſt und ziehen nach Liljedal, welches ich gepachtet habe und für Deinen Empfang in Stand ſetzen werde. Ach! Hildur, wie lang hat nicht die Hoffnung, dieſen Traum verwirklicht zu ſehen, mir das Herz bewegt, und wie jubelt es jezt, da ich dem Ziele ſo nahe bin!— Sage mir, Hil⸗ dur, daß auch Du mit Sehnſucht und Ungeduld der Verwirklichung dieſer Bilder unſerer Kindheit ent⸗ gegengeſehen haſt.. „Arvid, bedarf es wohl meiner Worte, um Pir 254 zu ſagen, daß alle Wünſche meines Herzens ſich um Dich drehten? Du weißt doch, wie ich an Dir hänge, wie glücklich ich bin, bald Luſt und Leid mit Dir theilen zu dürfen, ohne daß ich es Dir noch mit Worten zu bekräftigen brauche.“ In Hildurs Augen leuchtete jener eigenthümliche Glanz, welcher ihnen einen ſo unwiderſtehlichen, von tiefſter Hingebung zeugenden Ausdruck verlieh. Lange ſaßen die jungen Leute beiſammen und bauten ihre Luftſchlöſſer und unterhielten ſich davon, wie behaglich ſie ſich auf Liljedal befinden würden, und welche Einrichtungen ſie treffen wollten, u. dgl. Es lag ſo biel Reiz in dieſem Geſpräch über ein bevorſtehendes Glück und über eine bleibende gemein⸗ ſame Heimath, wodurch die Wonne des gegenwärti⸗ gen Augenblicks noch erhöht wurde. „Geſtehe, meine Hildur, daß wir in der That glücklich ſind. Ein Leben der Jugend, der Geſund⸗ heit, der Liebe, der Arbeitſamkeit und des Friedens liegt vor uns. Mit dieſen herrlichen Bundesgenoſſen ſind wir der Glückſeligkeit ſicher.“ Mit dieſen Worten erhob ſich Arvid, denn er hörte, daß man ſie hereinrief, da fremde Gäſte an⸗ gelangt waren. „Ja, Gott iſt gütig gegen uns geweſen,“ flüſterte Hildur.„Ich fühle mich ſo dankerfüllt, gegen den allgütigen Geber.“ Ein warmer Kuß folgte, eine herzliche Umarmung, und unſere jungen Leute eilten hinein. Wird Dein Himmel, Du gute, treuherzige Hil⸗ dur, allzeit ſo klar bleiben? Wird Deine warme, vertrauensvolle Seele niemals des Lebens Bitterkeit 255 kennen lernen. Oder werden auch für Dich Tage der Prüfung kommen, um das Gold im Feuer zu läutern? Droht nicht ſchon am Morgen Deines Glücks ein neidiſches Schickſal, ſeine Fäden von Qual, Leiden und Entſagung zu ſpinnen. Niemand kennt die Wege des Geſchicks; aber jezt war Hildur glücklich. Als Hildur und Arvid in den Saal traten, war Helene mit ihrer kleinen Tochter auf Beſuch da. Es war eine frohe Ueberraſchung, ſie ſo bald wieder zu ſinden. Ihr Ausſehen zeugte von mehr Leben als ſonſt, und das Feuer in ihren Augen brannte we⸗ niger düſter; es lag Etwas von ihrer natürlichen Milde in deren Blick. Sie kam, um Emy auf Be⸗ ſuch nach Hanskär zu bitten und einzuladen, am Abend ſie dahin zu begleiten und ein paar Tage bei ihr zu verweilen. Frau Becker, der Lieutenant und die Mädchen vereinigten ſich nun, ſie zu beſtimmen, mit der klei⸗ nen Ellen auf Lundagard zu bleiben. Man bat ſo eifrig und inſtändig, daß Helene, welche beinahe kein Auge von Emy verwandte, endlich ihre Einwilli⸗ gung gab. Kurz nachdem dies abgemacht war, trat Arvids Reiſegefährte in den Saal, und man ſtellte den Paſtor Wenborg und die Kapitänin Kahn einan⸗ der vor. Bei dem Namen Kahn ſtuzte der junge Geiſt⸗ liche, machte Helene eine tiefe Verbeugung und näherte ſich ihr, als die Unterhaltung um gleichgül⸗ tige Dinge ſich zu bewegen begang. Mit einem beinahe ſcharfen Blick betrachtete er die abgezehrten „ 256 Züge der jungen Wittwe. Während ihres Geſprächs begab ſich die übrige Geſellſchaft in den Garten. Als ſie allein waren ſagte der Paſtor: „Ich habe das Glück gehabt, die Mutter der Frau Kapitänin zu kennen.“ Die Worte erweckten das ganze innere Leid He⸗ lenens. Ihr Angeſicht verfinſterte ſich zu einem ſchmerzlichen Ausdruck, und mit einem Lächeln voll Wehmuth und Kummer ſagte ſie: „Aber ich habe niemals meine Mutter des Herrn Paſtors Namen ausſprechen hören. Wo machten Sie deren Bekanntſchaft?“ „An ihrem Sterbebett,“ antwortete der Paſtor mit einer tiefen Betonung ſeiner Worte. „Ha!“ rief Helene, an allen Gliedern zitternd, während der wildeſte, durchdringendſte Schmerz ihr Angeſicht faſt verzerrte. Sie faßte des Paſtors Arm und ſtammelte: „Sie haben ihr das Abendmahl gereicht, Herr Paſtor?“ Der Geiſtliche war gleichfalls erbleicht; es ließ ſich deutlich bemerken, daß eine peinliche Erinnerung vor ſeine Seele trat. „Und meine theure, meine angebetete Mutter ſie ſagte nen e Helene war kaum im Stande, dieſe Worte her⸗ vorzubringen. „Frau Kahn, ich bin Prieſter; was einem Prieſter unter dem Siegel der Beichte anvertraut wird, das iſt in Schweigen begraben.“ „Ein einziges, nur ein einziges Wort, zur Auf⸗ ——* — 257 klärung in all der Finſterniß, die mich umgibt,“ flehte Helene mit angſtvoller Heftigkeit.„Ein ein⸗ ziges Wort, und ich werde Ihnen ewig, ewig danken.“ „Wenn ich es vermag.“ Der Paſtor war offenbar gerührt. „War meine Mutter ſchuldig?“ Helene ſtieß dieſe Worte mit dringender, keuchen⸗ der Stimme heraus. Der Paſtor ſchwieg. Helene faßte ſeine Hand, indem ſie hinzuſezte: „O, es iſt eine Tochter, welche bittet, eine Toch⸗ ter, welche zehnmal ſterben wollte, nur um zu ihrem Sie ſagen zu können: Deine Mutter war nicht huldig. Kahn,“ antwortete Paſtor Wenborg mit nildem Ernſte,“ was Sie begehren, kann ich nicht erfüllen;— das Einzige, was ich Sie auf mein Gewiſſen verſichern kann, iſt, daß Sie mit voller Zuverſicht hoffen dürfen, Ihre Mutter in einer beſſern Welt wieder zu finden. Wer viel geliebt hat, dem wird auch viel vergeben; und Ihre Mutter hatte Sie ſo innig geliebt, daß Gott ſicherlich mit deren Fehlern Nachſicht haben wird. Sie war Ihrer Ach⸗ tung, Ihrer Zärtlichkeit würdig.“ „Dank!“ war Alles, was Helene zu antworten vermochte, während ein Strom von Thränen über die blaſſen Wangen floß. Emy's Wiedereintritt in den Saal machte dem Geſpräch ein Ende; aber es war als ob jene Worte äine gewiſſe Ruhe über Helenens Gemüth verbrei⸗ tet hätten. Schwart, Blätter a. d. Frauenleben. 1. 17 258 XXXVI. Wir laſſen einen Monat vorübergehen und wol⸗ len unterſuchen, wie es mit den unſerem Intereſſe empfohlenen Perſonen ſteht. In einem der geringeren Gebäude auf Lunda⸗ gard, unweit des Flußufers, ſaßen in einem kleinen Zimmer Emy und Helene. „Du fragſt mich, ob ich ihn wirklich geliebt habe,“ ſagte Emy und blickte träumeriſch durch das Fenſter. „Ach, Helene, ich liebe ihn in dieſem Augenblick ſo warm, ſo tief, ſo heftig, daß ich oft einen gewiſſen Schrecken über die gewaltſame Natur meiner Ge⸗ fühle empfinde. Jeden Tropfen meines Blutes wollte ich für ſein Glück und Wohlergehen vergießen.“ Auf Emy's ſonſt ſo ruhigem Angeſicht loderte die Flamme glühender Leidenſchaft auf. „Und dennoch haſt Du ihn verſtoßen?“ Helene betrachtete Emy mit einem ſchwärmeri⸗ ſchen Blicke. „Ja, mein Gewiſſen, die Erinnerung an meine Muitter beſtimmte mich, alſo zu thun. O! Was die⸗ ſer Schritt mich koſtete, welchen furchtbaren Kampf ich mit meinem Herzen beſtand, das kann Niemand, Niemand begreifen, außer Dir, meine Helene,“ ſagte Emy und ſchlang ihre Arme warm und innig um dieſelbe. „Und Niemand kann Dich inniger lieben als ich D! Wenn ich bedenke, wie meine Freundſchaft zu Dir mildere Gefühle in meine Seele zurückführt, dann iſt . 259 es mir, als ſei ich nicht mehr eine Geächtete und Verſtoßene, welche durch eine grauſame Pflicht ge⸗ nöthigt iſt, ihr Leben getheilt zwiſchen Verzweiflung und Haß dahin zu ſchleppen.“ „Haß, Helene?“— Emy ſah ihre Freundin an — Haß? Kann Dein Herz dem Haſſe Raum geben? Nein, das iſt nicht möglich.“ „Ich will nicht ſchaden, ich räche mich nicht; aber ich kann nicht verzeihen,“ antwortete Helene bitter;„nicht verzeihen alle jene Niederträchtigkeiten, alle jene Verfolgungen— unmöglich.“ Emy faßte Helenens beide Hände und ſah ſie mit einem ſo warmen, ſo reinen Blicke an, daß es ſchien, als wollte ſie alle Finſterniß und Bitterkeit in der Seele der Freundin beſchwören. „Bedenke, als Chriſtus, unter Mißhandlungen und Verfolgungen niedergebeugt, blutend unter den Händen ſeiner Henker zu Boden ſank, deſſen herrliche Worte: Vater vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun. Denke an dieſe Worte denke an die Milde und Verſöhnlichkeit, welche darin liegt, und ſprich: Steht uns fehlenden Menſchen wohl das Recht zu, nicht zu vergeben, wenn Er mit ſeiner göttlichen Güte Solches uns lehrt? O, Helene, nimm' Deine Zuflucht zu dem Troſt, welchen das Chriſtenthum ſchenkt, nimm' Deine Zuflucht zu ihm, und Du wirſt die Kraft daraus ſchöpfen, was Du gelitten, zu vergeſſen und denjenigen, welche Dir Schaden gethan, zu vergeben.“ Helene ſaß ſchweigend da. Emy's Stimme hatte etwas Eindringliches; es lag eine ſo wahrhafte Ueberzeugung in ihren Worten, ein ſo e — 260 Glaube in ihrem Blicke, daß Helene die Thränen in die Augen traten. „Mit Dir an meiner Seite, unter dem Einfluß Deiner Worte, wird meine Seele beſſer, mein Herz weicher werden. Gott hat Dich mir gegeben, damit die Verzweiflung mich nicht zermalme. Aber, ſage mir, Emy, was iſt es, das Dich ſo viel beſſer als Andere gemacht hat?“ „Ich bin nicht beſſer als Andere,“ antwortete die ſonſt ſo ſtolze Emy mit einer ſo einfachen De⸗ muth, daß ihr dadurch nur noch ein neuer Reiz ver⸗ liehen wurde.„Nein, in meiner Bruſt ſchlägt ein Herz, ſchwach und von Leidenſchaften erfüllt; wenn ich aber in meinen Handlungen und in meiner Denk⸗ art nach einer gewiſſen Veredlung ſtrebe, ſo kommt dies daher, daß die Erinnerung an meine Mutter mir vor der Seele ſteht, als das Ideal, dem ich es gleich thun will. Beſize ich einige Tugenden, He⸗ lene, ſo ſind ſie aus den Lehren und dem Beiſpiele meiner Mutter hervorgegangen. Ol ich möchte den Tag nicht erleben, wo ich ihre Liebe und ihren Bei⸗ fall nicht verdiente; denn für mich iſt ſie nicht todt, ſie lebt, lebt und umſchwebt mich mit ihrem Geiſte.“ „Einy, Du biſt das lang geträumte Ideal, wor⸗ nach meine Seele ſich geſehnt hat, auf deſſen Auf⸗ findung ſie aber nicht hoffen zu dürfen glaubte.“ Helene ſchmiegte ſich inniger an die Freundin an. XXXVII. Täglich waren Helene und Emy beiſammen, und leztere war der erſteren ſo unentbehrlich geworden, ——— 261 daß Helene Frau Becker den Vorſchlag machte, ſie und ihre Tochter auf Lundagard in Penſion zu neh⸗ men. Auf Klara's eifrige Fürbitte gaben Beckers ihre Einwilligung, und es wurde beſchloſſen, daß He⸗ lene auf den Herbſt zu ihnen ziehen ſollte. Während der zwei Monate, welche bis dahin verfloſſen, wuchs die gegenſeitige Anhänglichkeit zwi⸗ ſchen den beiden Freundinnen, und ſteigerte ſich bei Helene bis zu jenem Grade von Exaltation, welcher im Allgemeinen alle ihre Gefühle auszeichnete. Der nachfolgende Brief von Emy an Helene ver⸗ mag beſſer, als wir hiezu im Stande ſind, einen Be⸗ griff von der ungewöhnlichen Freundſchaft und Zu⸗ neigung zu geben, welche bei Emy ſich auf Theil⸗ nahme und eine gewiſſenhafte Sympathie, bei Helene auf Bewunderung der wahrhaften moraliſchen Ueber⸗ legenheit und des wirklich Reinen und Edeln in Emy's Charakter geſtüzt war. „Geliebte Helene! „Ach! daß ich ſo unbedachtſam meinem Schmerze Luft machte und durch Schilderung der Leiden, welche meine Liebe mit ſich brachte, Dir Kummer bereitete; aber Du ahnſt nicht, welche Luſt es gewährt, ſein Herz in den Schvos einer Freundin ausſchütten zu können. Kannſt Du mir verzeihen, daß ich Dein ſchon zuvor bekümmertes Gemüth mit einer neuen Sorge— der Sorge um mich beſchwert habe? Ich ſelbſt vermag es kaum.“ „Als ich von Hanskär heimkehrte, war der Abend herrlich und ſprach zum Herzen; das melancholiſche Mondlicht erfüllte mich mit Wehmuth, und ich dachte 262 an Dich. Ach, Helene, ich betete zu Gott ſo warm, ſo innig für Dich, flehte ihn an, Dein Leid'zu mil⸗ dern und Dein Herz mit Troſt und Hoffnung zu ihm zu wenden. Meine Gebete waren ſo glühend, daß ich fühlte, Er erhöre mich. Noch einmal werden Roſen der Freude für Dich blühen, und Du wirſt im Be⸗ wußtſein, Deine Pflicht erfüllt zu haben, einen Troſt für Alles, was Du gelitten haſt, finden. Könnte ich in Deine Seele das feſte und kindlich fromme Vertrauen zu Gott eingießen, welches ich in meinem Herzen trage, ſo würde die Verzweiflung nicht in dem Deinigen weilen. „Ich ſende Dir einige Blumen. O! könnten ſie alle die Worte des Troſtes und der Zärtlichkeit Dir zuflüſtern, welche ich Dir ſenden möchte. „Bald bin ich wieder bei Dir. Deine Emy.“ In einem andern Briefe kam folgende Stelle vor: „Sage nicht, es ſei der Zufall, welcher uns zu⸗ ſammengeführt. Nein, mein Liebling, es iſt eine höhere Macht, welche unſere Wege in einander ver⸗ laufen ließ, gerade da wir beide der Freundſchaft von einander ſo ſehr bedurften. Wie ſich auch das Leben für uns geſtalten mag, Helene, das weiß ich gewiß: unſere Schickſale müſſen vereint bleiben. Gott, der Allgütige, hat es ſo gewollt, als er unſere Her⸗ zen für einander ſchuf; als er uns zuſammenführte, uns zu ſtüzen und zu tröſten— und innig dankbar ————————— bin ich Ihm dafür, der niemals ſeine Kinder ver⸗ —— 263 In einem Brief, welcher geſchrieben wurde, als Helene unwohl war und ſich in ſehr niedergeſchlage⸗ ner Gemüthsſtimmung befand, ſtanden folgende Worte der Anhänglichkeit: „Meine Gedanken haben Dich Tag und Nocht umſchwebt und bald Unruhe, bald Hoffnung in ihrem Schooße getragen; aber ich habe die Vorſehung ſo ſehr aus der Tiefe meines Herzens angefleht, uns noch nicht zu trennen, Dich für Dein Kind und mich leben zu laſſen, daß Gott, der ſo voll Güte iſt, ſicher⸗ lich mich erhören wird, obſchon der Tod Dir als ein willkommener Gaſt erſcheint, Dir, für welche Unglück und Sorge die wenigen Roſen, welche das Leben Dir bot, entblättert und nur Dornen zurückgelaſſen haben; aber zwiſchen dieſen Dornen, meine Freundin, hat Gott eine Blume ſproſſen laſſen— und das iſt Dein Kind! Schlägt nicht Dein Herz laut bei dem Gedanken an dasſelbe, und gibt es Dir nicht den geringen Muth zu leben ein? Ach! lebe für mich und für Ellen; denn ſie würde einſam ſtehen, wenn Du von hinnen gingeſt, und mein Herz würde ewig bluten, wenn ich Dich verlöre. Verlaß' Dich darauf, es gibt kein ſo qualvolles Leiden, keinen ſo bittern Schmerz, dem Gott nicht abhelfen wollte und könnte, wenn er uns geduldig und in ſeinen Willen ergeben findet. Deßhalb müſſen wir mit ganzer Seele auf ihn vertrauen. Er wird einſt unſer Leid in Freude verkehren.——————————— Der Geiſt, welcher aus dieſen Zeilen athmet, iſt der beſte Dolmetſcher für die warme Anhänglichkeit, für den reinen und wahren Glauben, welcher in Emy's 264 Herzen wohnte und ſie zum Weibe in des Wortes edelſter und ſchönſter Bedeutung machte. Ihr Glaube war feſt und unerſchütterlich, ihre Zärtlichkeit hatte keine Grenzen, und ihre Wünſche wandten ſich immer mit Hoffnung und Zuverſicht zu Gott. XXXVIII. Während die Zeit Hildur dem Tage näher brachte, da ſie Arvids Frau werden ſollte— die Hochzeit war auf den November ausgeſezt worden— während Arvid theils in Lundagard, theils in Liljedal ſich auf⸗ hielt und Gott allein weiß, welchen Träumen über⸗ ließ, die ihn ernſter, zuweilen heftig, oft ver⸗ änderlich von Gemüth machten; während Helene und Emy ſich immer feſter an einander anſchloſſen, und Klara mit einer gewiſſen Eiferſucht ſich über all' der Freundſchaft, womit Emy die arme Helene überhäufte, vergeſſen ſah, theilte Paſtor Wenborg ſeine Zeit zwiſchen ſeinen geiſtlichen Berufspflichten und Lunda⸗ gard, wohin denſelben ein geheimer Magnet zog. Während Dieſes und noch viel mehr ſich auf Lunda⸗ gard entwickelte, wollen wir uns darüber unterrichten, wie das Leben ſich für die reiche und allmächtige Gräfin Sappho Ruben, die wir ziemlich lang außer Acht gelaſſen haben, geſtaltete. 1 Unſere kleine, verführeriſche Gräfin war zu An⸗ fang des Juni von ihrer Reiſe ins Ausland, welche ein ganzes Jahr gedauert hatte, zurückgekehrt. Bei ihrer Rückkehr hatte ſie einige Beſuche bei ihren nächſten Verwandten, welche auf dem Lande 265 wohnten, gemacht, ſich zu Ende des Auguſt, ohne vorher Anzeige hievon ergehen zu laſſen, in Löda eingefunden und durch ihr plötzliches, unerwartetes Erſcheinen eine gewaltige Aufregung daſelbſt hervor⸗ gebracht. Der Inſpektor, Kämmerer, Hofmeiſter und Buch⸗ halter, waren bei dieſer nicht ſehr willkommenen Ueberrumpelung beinahe um den Verſtand gekommen. Es gab ein Springen, ein Drängen und Treiben von dem Hauptgebäude durch die ganze Werkgaſſe zu den Schmieden und Hämmereien, das kein Ende nahm. Wären die Ruſſen über das arme Löda her⸗ gefallen, ſie hätten keinen größern Lärm daſelbſt an⸗ richten können, als die Leute hier in ihrem Eifer und ihrer Beſtürzung für ſich ſelbſt machten. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich auch die nicht ſehr erfreuliche Nachricht, daß die Gräfin die Abſicht hatte, den Winter daſelbſt zuzubringen und ſomit durch ihre hohe Gegenwart deg Notabilitäten zu Löda einen minder behaglichen Zwang aufzuerlegen. Ueberdies war die Alleinherrſcherin über das zeitliche Wohl dieſer Menſchenkinder von nicht ſonderlich lie⸗ benswürdiger Laune, wie das Gerücht ebenfalls dienſt⸗ fertiger Weiſe verkündet hatte. Der Grund davon war, daß Sappho zu dieſen Be⸗ ſuchen bei Verwandten ſich nur in der Hoffnung entſchloſ⸗ ſen, mit Arthur zuſammenzutreffen, welcher nach den bei ihrer Ankunft in Stockholm erhaltenen Mittheilungen anf einer Reiſe zu den Mitgliedern der Familie be⸗ griffen war, aber ihre Erwartung vereitelt geſehen hatte. Auch war ſie der Weltfreuden überdrüſſig, ſatt der ewigen Huldigung, womit man ſie über⸗ 266 häufte, und in vollkommener Disharmonie mit Allem, in ihr und außer ihr; ſo beſchloß ſie denn, den Herbſt und Winter auf ihrem ſtattlichen Landſitze zu⸗ zubringen und ſich ſo weit herabzulaſſen, daß ſie an Arthur die ſchriftliche Bitte ſtellte, ſie dort zu beſu⸗ chen und ihr bei einigen Reformen zum Beſten ihrer Untergebenen hülfreich an die Hand zu gehen. Noch war Sappho keine Antwort zugekommen, da ſie allerdings über Stockholm an den Grafen ge⸗ ſchrieben, und im Uebrigen von ſeinem dermaligen Aufenthalt durchaus keine Kunde hatte. Die Gräfin war bereits vierzehn Tage auf Löda, aber noch hatte Graf Arthur Nichts von ſich hören laſſen. Es war ein warmer Auguſtabend. Die Glas⸗ thüren des Parterreſalons waren geöffnet und Sappho ruhte, halb liegend, auf einem demſelben gegenüber befindlichen Pompadour. Steif und mit einem eigen⸗ thümlich ſchmachtenden und geſuchten Weſen, ſaß eine jüngere Dame an einem der offenen Fenſter. Iſt Dir, mein lieber Leſer, ſchon einmal eine Ge⸗ ſtalt begegnet, welche Dir als der Typus einer Gouvernante oder Geſellſchaftsdame erſchien, ſo haſt Du eine klare Vorſtellung von Fräulein Meluſine B—. Sie war lang, etwas ſchief, und trug ihre Arme, als ob dieſelben bei den Ellbogen ihr an die Seite feſtgebunden wären. Die Hände waren ſchmal und weiß, aber ſie bewegte dieſelben, als wenn ſie ſich naß an den Fingern fühlte. Das Angeſicht war mehr rund als oval, mit einem Paar hübſchen blauen Augen und einer Naſe, welche deſſen, was man ſonſt Naſenbein nennt, gänzlich ermangelte und mit ihrer kleinen Spize himmelan ſtrebte. Der Mund 267 hatte weiße Zähne und ein ſtudirtes Lächeln, wel⸗ ches ſtark an ein altes Sprichwort erinnerte, das alſo lautet:„Koſte nicht von dem, was allzu ſüß iſt; es gleicht oft Honig, iſt aber bitter wie Galle.“ Dunkelbraunes, wohlgepflegtes Haar ſchloß ſich ge⸗ nau um eine Stirne an, welche nur auf ſehr mittel⸗ mäßigen Verſtand ſchließen ließ; der ganze Kopf war klein, und klein war beſtimmt die Seele, welche darin weilte. Sie ſtand als Geſellſchaftsfräulein im Dienſte der Gräfin. „Haben Sie, Frau Gräfin, bereits von der hüb⸗ ſchen und anziehenden Frau Waldén, der Gattin von dem Inſpektor des Grafen Ruben gehört?“ fing Fräu⸗ lein Meluſine mit zarter und lispelnder Stimme an. „Welche Frage? Wie ſoll ich von dergleichen Volk hören?“ antwortete Sappho ſtolz, zündete eine parfümirte Cigarette an und begann zu rauchen. „Das verſteht ſich, daß die gnädige Frau Gräfin ſich weder für dergleichen Perſonen intereſſiren, noch von ihnen zu hören bekommen, ſofern deren Name nicht mit andern von Rang verknüpft iſt, und ich bitte deßhalb um Verzeihung, daß ich einen ſo trivialen Geſprächsgegenſtand aufgenommen habe.“ Das Fräulein ließ einen ſchielenden Blick auf die Gräfin fallen und ſchwieg. Sappho's leicht erregbares Angeſicht wechſelte mehrmals die Farbe. Sie warf den Kopf zurück, ſo daß die golden glänzenden Locken das Angeſicht frei ließen; dann ſtimmte ſie, um ihre Gewüthsbe⸗ wegung zu verbergen, ein Gelächter an und ſagte: „Liebe Meluſine! Ich höre an Deinem Tone 268 daß Du keinen höhern Wunſch hegſt, als die ſchöne Frau und meinen Couſin gehörig zu verleumden. Mir recht; es dient vielleicht zu einiger Zerſtreuung bei dieſer drückenden Hize.“ „Verleumden, Frau Gräfin?“. Fräulein Melufine ſah im höchſten Grade belei⸗ digt aus. „Ach, werthes Fräulein, es lohnt ſich der Mühe nicht, mir gegenüber eine ſolche Miene anzunehmen. Ich nenne jedes Ding bei ſeinem rechten Namen, und will nun, daß Du von Deinen Entdeckungen Kunde gibſt.“ Sappho's Angeſicht hatte wieder jenen hochfahren⸗ den Ausdruck, welcher ſtets eine Demüthigung für die Perſon, mit welcher ſie redete, in ſich ſchloß. „Die Frau Gräfin iſt doch nicht böſe auf die arme Meluſine?“ bat die Geſellſchaftsdame mit gut geſpielter Beſtürzung. „Böſe, mein Gott! Was Du für ein Weſen aus Dir machſt!“ antwortete Sappho achſelzuckend, „erzähle nun und verſchone mich damit, etwas Anderes hören zu müſſen.“ Fräulein Meluſine kannte die Gräfin zu gut, als daß ſie ſich noch ein einziges Wort erlaubt hätte, welches nicht zu dem Wenigen, was ihr mitzutheilen möglich war, in Bezug ſtand. „O, das iſt ſo viel wie Nichts. Ich hörte nur von der Inſpektorin Lindal hier in Löda, daß Graf Ruben voriges Jahr, da er auf Holmvik verweilte, vielleicht etwas zu viel Wohlgefallen an dieſer Frau Walden gefunden habe. Seine beharrliche Aufmerk⸗ ſamkeit gegen ſie hat Aufſehen und ein gewiſſes 269 Aergerniß erregt. Es dauerte jedoch nur kurze Zeit mit dieſem ſeinem Verhältniſſe, und er verliebte, ſc plözlich in eine andere Perſon.“ Alle Geſichtsmuskeln Sappho's ſchienen auf ei ſpiegelten den ganzen Sturm in ihrer Seele wieder; das Blut kam und ging auf ihren Wangen und ihr Buſen hob ſich gewaltig. „Nun, warum fährſt Du nicht fort?“ rief Sap⸗ pho heftig. Meluſine empfand ein heimliches Vergnügen da⸗ ran, diejenige plagen zu können, von welcher ſie ſo ———————— oft gedemüthigt wurde. Sie antwortete deßhalb mit einer gewiſſen Schadenfreude: „Die Geſchichte ſchließt mit der neuen Liebe, welche vielleicht jezt noch fortdauert.“ „Aber die Frau, welche er liebt, hat doch wohl einen Namen und lebt irgendwo?“ „Ja freilich, aber es iſt vielleicht unrecht, die Leute beim Namen zu nennen.“ „Höre, Meluſine, ich glaube, Du willſt Dir einen Spaß mit mir machen!“ Sappho ſprang mit flammenden Augen auf. „Mein Gott, Frau Gräfin, das iſt mir niemals in den Sinn gekommen. Ich würde ja gern mein Leben für Sie laſſen,“ erwiederte die etwas beſtürzte Meluſine mit ſclaviſcher Furcht. Sappho erkannte, daß ihre Heftigkeit nur den empfindlichen Punkt in ihrer Seele bloßſtellte, und ſagte deßhalb, ſich auf den Pompadour zurücklehnend: „So mach' alſo nicht ſo viel Umwege, ſondern erzähle mit Deiner gewöhnlichen Schwazhaftigkeit.“ mal ein tauſendfaches Leben erhalten zu haben und 270 „Die Sache iſt einfach die: der Lieutenant auf Lundagard hat eine Gouvernante oder Geſellſchafts⸗ mamſell oder Gott weiß was ſie ſonſt iſt, welche Kreuzer heißt und, wie man verſichert, ſehr ſchön ſein ſoll, obwohl ich das mit Beſtimmtheit nicht glauben möchte; ich habe ſie hier einmal bei dem Inſpector ganz flüchtig geſehen. Außerdem ſoll die Mamſell auch ſchön ſingen. Nun erzählte Frau Lin⸗ dal, der Graf habe ſich verzweifelt in ſie verliebt, ihretwegen Partien veranſtaltet und ſei unaufhörlich vorigen Sommer auf Lundagard geweſen. Man be⸗ hauptet, der Lieutenant habe ſich endlich veranlaßt gefunden, den Grafen um Einſtellung ſeiner Beſuche zu bitten, worauf dieſer aus der Gegend weggezogen ſei. Indeſſen kam er dieſes Jahr wieder, erneuerte ſeine häufigen Beſuche, bis Beckers ihn abermals zur Abreiſe beſtimmten. Frau Walden dient dem Grafen als Vertraute bei ſeiner neuen Liebe, nach⸗ dem er ihrer ſelbſt überdrüſſig geworden iſt. Sie iſt ſogar diejenige, durch deren Hand der Brief⸗ wechſel geht.“ „Und woher weiß man dies Alles?“ fragte Sappho und zerdrückte die Cigarre unter ihren zit⸗ ternden Fingern. „Nun, durch die Dienſtboten,“ antwortete Me⸗ luſine. In dieſem Augenblicke trat ein Lakai ein meldete, die Kammerräthin Scheller wünſche der Grä aufzuwarten. Sappho ſprang mit einem Ausdruck wirklicher Freude auf und begrüßte Klara bei ihrem Eintritt mit wahrhaſter Herzlichkeit. 271 „Ach! Klara, wenn Du wüßteſt, wie ſehr ich mich nach Dir geſehnt habe,“ ſprach Sappho. wortete Klara mit ihrer etwas ſtolzen Miene und dem kalten, gemeſſenen Ausdruck in ihren Zügen. Meluſine erhielt Befehl, das Zimmer zu verlaſſen, worauf ſie ſich zu des Inſpectors begab, um ihrer⸗ ſeits dort die Vornehme zu ſpielen und etwas Ma⸗ terial zu Klatſchereien einzuthun. Sappho fragte Klara nach dieſem und Jenem, wollte wiſſen, wie es ihr auf dem Lande behage, und kam endlich auf Beckers zu ſprechen. „Nun liebe Klara, jene wunderbare Sängerin, welche den Grafen Arthur beſtimmte, ſich in die See zu werfen, iſt ja auch ein Wunder von Schönheit?“ Sappho hatte bei dieſen Worten ihre gleichgül⸗ tigſte Miene angenommen, aber das ewig unruhige Blut übergoß Stirne und Hals mit ſeinen Purpur⸗ flammen. „Wie kommt es, daß die Gräfin Ruben ſich für eine ſo unbedeutende Perſon intereſſirt?“ fragte Klara ironiſch. erwiederte Sappho, indem ſie Klara's Blick auswich. „Ja, Mamſell Kreuzer iſt wirklich recht hübſch,“ erwiederte Klara und begann nun von Helene zu ſprechen. ich den bittern Gedanken nicht unterdrücken, daß das Unglück ihres Lebens von Ihnen aus ſeinen Ur⸗ ſprung nahm. Finden Sie deren Geſchick düſter und kummervoll, ſo laſſen Sie es ſich für die Zukunft zur „Sie belieben zu ſchmeicheln, Frau Gräfin,“ ant⸗ „Man hat mir viel von ihrer Schönheit etzählt, ₰ „Wenn ich auf Helenens Leiden zurückblicke, kann L 272 Warnung dienen, um durch Ihren Hochmuth nicht noch mehr Unglückliche zu machen. „Ah! Du machſt den Advocaten von Manſell Kreuzer!“ rief Sappho mit blitzenden Augen.“ Ich weiß Alles— ja, ich weiß, daß Arthur ſie liebt. Aber ich will dieſe Frau ſehen, welche es wagt, ihre Blicke zu ihm zu erheben, und werde, wenn es ſo nöthig iſt, dieſelbe zermalmen.“ „Und Sie werden doch nicht geliebt werden. Laſſen Sie dieſes reine, Ihnen ſo überlegene Mäd⸗ chen in ihrer Unſchuld leben, und ſuchen Sie ein beſſeres Mittel auf, um des Grafen Herz zu gewin⸗ nen, als ſolche, welche ſchließlich nur dazu dienen, Sie in ſeinen Augen verhaßt zu machen. Glauben Sie mir, durch Güte gewinnt die Frau ihre größten Siege, das iſt eine Regel, welche für die Fürſtin wie für die Bettlerin Geltung hat.“ Was Sappho dachte, weiß ich nicht; aber ſie i geraume Zeit und wechſelte dann das Ge⸗ ſpräch. Noch an demſelben Tage verabſchiedete ſich Klara wieder von Löda und kehrte nach Aengſö zurück. Es iſt ein ganz eigenthümlicher Zug in dem Charakter der Frau, daß ſie mit fieberiſcher Heftig⸗ keit darnach begehrt, diejenige zu ſchauen, welche ihr vorgezogen wird. So war es auch mit Sappho. Sie wollte dieſe neue Rivalin in Augenſchein neh⸗ men; ſie wollte wiſſen, was es war, das dieſer in Arthurs Augen einen höheren Reiz verlieh. Mit dieſem Gedanken erwachte ſie am folgenden Morgen, und gab Befehl, ihre Broſchke anzuſpannen. Auf Lundagard war man eben mit dem Früh⸗ 273 ſtück fertig, als der Wagen der Gräfin in dem Hofe vorfuhr. Etwas überraſcht, aber keineswegs beſtürzt, eilte der Lieutenant, die Gutsherrin zu empfangen, von der er ſeinen Hof in Pacht hatte. Sappho war die Liebenswürdigkeit ſelbſt und ſo blendend ſchön, daß Emy ſie mit einem ſtechenden Schmerz betrachtete und bei ſich dachte: „Das iſt die Frau, welche ſicherlich eines Tags Arthur's Gattin wird. Ach! ſie iſt ja ſo ſchön, ſo anziehend, daß er nicht umhin kann, ſie zu lieben.“ Während Sappho mit dem Lieutenant über das Gut und die Verbeſſerungen, welche ſie auf demſel⸗ ben vorzunehmen beabſichtigte, ſo wie über den Pacht ſſelbſt ſprach, heftete ſie ihre Augen auf Emy und doachte: „An Schönheit bin ich ihr überlegen, warum ſollte er alſo ihr mit ihrem kalten, ſtolzen Ausſehen den Vorzug geben? Ich will, daß er dieſe ſtattliche Bildſäule vergeſſe, und ich werde ihn auch dahin bringen, dies zu thun.“ XXXIX. An einem ſchönen Tage zu Ende des September rollte ein offener Reiſewagen auf der Straße nach der Stadt L. In demſelben ſaßen vier Frauen. Die Straße war von ganz eigener Beſchaffenheit: zur Linken befand ſich ein hoher, rieſiger Tannen⸗ wald, zur Rechten ein ſteiler Abhang, welcher ſich gerade zu dem Bette eines Gebirgsſtromes abſenkte, Schwartz, Blätter a. d. Frauenleben. I. 18 274 der ſeine Wellen durch dieſen Theil der Land⸗ ſchaft rollte. Auf der andern Seite des Fluſſes lag ein Thal, in welchem einige Wohnhäuſer oder Hütten zerſtreut lagen. „Siehſt Du, Helene, das iſt der Gebirgsſtrom,“ ſagte Emy, welche eine von den vier Frauen im Wagen war;„aber er ſtellt ſich hier noch nicht in ſeiner ganzen wilden Schönheit dar.“ Gerade als Emy dieſe Worte äußerte, knallte ein Schuß im Walde. Die Pferde warfen ſich zur Seite, begannen ſich zu bäumen und gingen rück⸗ wärts. „Um Gottes willen, Peter, verſuche die Pferde zu halten, ſonſt geſchieht uns ein Unglück; ſie drängen den Wagen nach dem Abgrund,“ rief Hildur, welche mit todesbleichen Wangen von dem Rückſiz ſich erhob. „Manmſell, ich vermag es nicht, die verdammten Mähren gehorchen nicht,“ antwortete Peter, welcher aus Leibeskräften bemüht war, ſie vorwärts zu brin⸗ gen, aber nicht verhindern konnte, daß ſie immer mehr zurückwichen. Ein neuer Schuß aus dem Walde bewirkte, daß die zum Voraus erſchreckten Thiere wild in die Höhe hingeſchleudert wurde, hier aber auf eine ſtarke, hohe Tanne ſtieß, welche ihn für den Augenblick we⸗ nigſtens aufhielt. Das eine Rad zerbrach, und Emy erhielt, als der Wagen an dem Baumſtamm an⸗ prallte, einen heftigen Schlag auf den Kopf. „Peter, Peter, wir ſind verloren,“ rief Selma, als die Pferde ſich von Neuem bäumten, ſich zu überſchlagen drohten und das ganze Fuhrwerk mit ſtiegen und der Wagen heftig gegen den Abgrund 4 — in die reißende Strömung hinabziehen zu wollen ſchienen. „Ich kann nicht helfen!“ ſchrie Peter. Eine Bewegung noch, und das Fuhrwerk wäre in Trümmer zerſchlagen und die Inhaberinnen des⸗ ſelben in die Wellen des Stromes geſchleudert wor⸗ den: die erſchrockenen Mädchen ſtanden gerade im Begriff, ſich aus dem Wagen zu werfen, als eine Stimme in ernſtem und beinahe befehlendem Tone rief: „Rühren Sie ſich nicht, bleiben Sie ſtill ſizen, wenn Ihr Leben Ihnen lieb iſt.“ Zu gleicher Zeit faßte eine kräftige Hand die wilden Pferde am Zügel. „Frederik, ſpann den Wagen ab; und Du, laß' die Stränge fahren, ſteig' vom Bock herab und hilf' die Pferde losmachen,“ gebot dieſelbe Stimme. Drei fremde Diener und Peter vollzogen ſchnell den Befehl. Als die Pferde ſich frei fühlten und ſchnaubend auf der Straße ſtanden, wandte ſich die Aufmerkſamkeit nach dem Wagen und den erſchreckten Frauen. Derjenige, welcher bisher die Befehle er⸗ theilt hatte, ging mit den Worten auf ſie zu: „Nun meine Damen, ſteht es ihnen frei... Mehr hatte er nicht geſagt, als ſeine Augen auf Emy haften blieben und er ſich mit den Worten unterbrach: „Mein Gott, was ſehe ich, Emy!“ Mit zwei Sprüngen befand er ſich am Wagen. Selma und Hildur waren herausgeſprungen und Helene ſtand im Begriff, daſſelbe zu thun, als Graf Arthur Ruben herbeiſtürzte. Er riß S, beinahe . aus dem Wagen, faßte dann Emy in ſeine Arme und hob ſie heraus. Sie war ohnmächtig, was ihre drei Begleiterinnen in dieſem Augenblicke heftigen Schreckens nicht bemerkt hatten; als aber der Graf ihren Kopf in die Höhe hob, ſchrieen Hildur und Helene: „Herr Jeſus, Blut;— Emy, Emy iſt todt!“ Der Graf war todesbleich, als er das Blut von Emy's Schläfe herabrinnen ſah. Er ſtieß Helene, welche verzweiflungsvoll Emy's Hände umfaßt hatte, hinweg und ſprang mit ihr den ſteilen Bergrücken hinauf, indem er blos ausrief: „Schafft Waſſer, ſchafft Waſſer!“ Im nächſten Augenblick hatte er ſeine Bürde auf dem Graſe am Saume des Waldes niederge⸗ legt; ihr Haupt an ſeine Bruſt gelehnt, verband er deren Wunde und wiſchte das Blut ab. Er über⸗ ließ ſich der ganzen Stärke ſeines heftigen Schmer⸗ zes, da Emy noch immer aus ihrer Ohnmacht nicht erwachte, während Helene und Hildur, auf die Kniee geworfen, unter Thränen ſie zur Beſinnung zu brin⸗ gen ſuchten, obwohl deren Bemühungen lange frucht⸗ los blieben. „Emy, meine Braut, meine Gattin, Engel mei⸗ nes Lebens, erwache, erwache!— O! was ſoll aus Deinem Arthur werden, jezt, jezt, wo ich nicht mehr ohne Dich leben kann. Sieh' mich nur ein einziges Mal an. O! laß' mich von Deinen Lippen hören, daß Du mich liebſt, und ich werde mich dann glück⸗ lich ſchäzen, mit Dir ſterben zu können!“ Der Graf drückte Emy leidenſchaftlich an ſein Herz ohne ſich darum zu bekümmern, daß Helene 277 und Hildur in der Nähe waren. Er ſah Nichts, er fühlte Nichts, er begriff Nichts weiter, als daß Emy leblos in ſeinen Armen lag. Hätte man in dieſem Augenblick ſein Vermögen, ſeinen Adel und ſeine Ehre gefordert, er hätte Alles für ihr Leben hinge Langſam arbeitete ſich ein Seufzer aus Emy's Bruſt hervor, und ſie ſchlug die Augen auf. Ihr Blick war noch irr und unſtet; aber als ſie ihn auf den Grafen heftete, klärte er ſich auf und ſie flüſterte mit einem matten, glückſeligen Lächeln: „Arthur!— O Gott, ich danke Dir!“ i Mehr vermochten die bleichen Lippen nicht zu ſtammeln. Einige Minuten ſpäter ſaß Emy in dem Wagen des Grafen, umſchloſſen von Helenens Armen, an ihr Herz gedrückt, aber in heftige Fieberphantaſien verfallen. Der Graf hatte ſich ihr gegenüber geſezt und hielt Emy's Hände in die ſeinigen geſchloſſen. Hildur und Selma ſaßen zuſammengedrängt auf dem vierten Plaz, in ſtillem, ſtummem Schmerz. Der Wagen fuhr mit Blitzesſchnelle davon, nicht nach X— ſondern man hatte umgewandt, um wo mög⸗ lich Emy nach Lundagard bringen zu können. Das Schweigen im Wagen wurde nur durch Emy's Stimme unterbrochen, welche hin und wieder geben. „Emy, Emy, ich komme, um Dir mein Leben zu bieten— und Du— Du;— nein, nein, Du mußt erwachen. Ol einen einzigen Blick, eine einzige Minute Leben, und dann will ich Dir folgen!“— rief er verzweifelt. —————— E 8— in ihrem Delirium einige unzuſammenhängende Worte ausſtieß: „Nun komme ich zu Dir, Mutter,“ flüſterte ſie; aber, aber, ich will ihn zuvor noch ſehen; ich will von ihm noch in ſeinen glühenden Worten hö⸗ ren, wie er mich liebt:— Mutter! Mutter!“ Emy verſtummte wieder, und der Graf zog ihre Hände an ſeine Lippen, beugte ſich zu ihr nieder und ſagte in jenem leiſen vibrirenden Tone, welcher heftigen Gemüthserregungen eigen iſt: „Arthur wird Dir folgen, Emy, in Deiner Mut⸗ ter Heimath;— er kann nicht leben, wenn Emy dahin iſt. O, ſage, ſage, daß Du mich liebſt!“ „Mein Kopf,“ ſtammelte Emy, welche in ihrer fieberiſchen Betäubung Nichts von Arthurs Worten verſtand.„Er brennt, er brennt!“ Endlich nach zwei qualvollen Stunden ununter⸗ brochenen, ſchnellen Fahrens langte man in Lunda⸗ gard an. Der Graf hatte einen ſeiner Diener nach dem Arzte geſchickt. Als der Wagen anhielt, nahm Ar⸗ thur Emy in ſeine Arme und trug ſie hinein. Während ſie an ſeinem Herzen weilte, flüſterte ſie noch immer geiſtesabweſend: „O! laßt mich hier ſterben, hier!“ Die Lippen des Grafen berührten haſtig die ſchneeweiße Stirne. In dieſem Augenblick wäre er gern mit ihr geſtorben. Die Zeit verfloß, und Emy lag noch immer in Fieberphantaſien. Der Graf lebte in einem Meere von Unruhe und Qual und brächte Tage, ja auch einen Theil dex Nächte auf Lundagard zu. 24 2 Vergeblich ſtellte ihm Becker vor, daß ein ſolches Thun Anmerkungen und Tadel erregen würde; er hörte nicht darauf, ſondern gab nur zur Antwort: „Stirbt ſie, ſo ſterbe ich mit. Lebt ſie, dann iſt mein Name ein ſicherer Schuz gegen jede Verleum⸗ dung;— begehren Sie nicht, daß ich leben ſoll, ohne zum Mindeſten unter demſelben Dach' mit ihr zu ſein, da ich ſie nicht ſehen darf.“ An Emy's Lager wachten Helene und Hildur. Der Schmerz der erſtern war in ihrer ganzen äußern Erſcheinung, in der Verzweiflung, die in ihren Blicken lag, zu leſen. Hildur dagegen war ſo ſtill, ſo ſtill, und kein Wort, keine Klage bahnte ſich den Weg über die verſchloſſenen Lippen; aber in ihrem Auge, da kün⸗ dete ſich eine ſo auffallende Anhänglichkeit an, daß ſie zu Thränen rührte. Es lag etwas wirklich Spre⸗ chendes in dieſer ſtummen Betrübniß. Selma ſah ſich dadurch gezwungen, den Perſo⸗ nen, welche Erkundigung über den Zuſtand Emy's einzogen, Geſellſchaft zu keiſten. Arvid kam, um ſeine Braut zu begrüßen und einige Tage auf Lundagard zu verweilen. Jene ſo unglücklich unterbrochene Reiſe hatte zum Zweck gehabt, Einkäufe für Hildurs Hochzeit zu machen. Hildur, welche ſehr ſelten von Emy's Lager wich, wußte nur hin und wieder einen kurzen Augenblick zu erübrigen, um ſich Arvid zu widmen. In einem ſolchen Augenblicke, da Emy gerade ſchlief, ſtahl ſich Hildur hinweg in den Sagl. Es war Abend. Die Dämmerung hatte bereits 280 ihren Flor über das Antliz des Tages zu breiten angefangen. Arvid ſaß allein dort, düſter und ge⸗ dankenvoll. „Wie geht es Emy?“ fragte er in einem Ton, welcher die frühere lebensfriſche Herzlichkeit gänz⸗ lich vermiſſen ließ. „Mit dem Fieber hat es ſich gegeben, und der Doktor erklärt, daß ſie nunmehr außer eigentlicher Gefahr ſei, nur muß ſie ſich noch vollkommen ruhig verhalten.“ „Das wäre recht gut, denn ſo wie es jezt iſt, vermag kein Sterblicher es hier auszuhalten.“ Arvid ſtand auf und begann im Zimmer auf und abzugehen, ohne Hildur näher zu treten. „Was meinſt, Du Arvid?“ Es war ſo dunkel, daß Arvid Hildurs Blick nicht ſehen konnte; aber in der Stimme lag ein eigen⸗ thümlich ſchmerzhaftes Beben. Er ging auf ſie zu und faßte des Mädchens beide Hände, indem er mit einiger Bitterkeit ſagte: 2 „Hildur, Du liebſt ſo Viele; Deine Zuneigung iſt getheilt, daß bis es an Allen herumkommt, ich den lezten Plaz in Deinem Herzen einnehme. Ich aber gern eine Frau haben, welche nur mich iebt.“ „Was Du da ſagſt, iſt nicht Dein Ernſt,“ er⸗ wiederte Hildur leiſe.„Ich verlaſſe ja Alles und folge Dir.“ „Nein, Du verläßt mich, um Emy abzuwarten, welche nicht einmal Deine Schweſter iſt. Du wirſt in Zukunft Deine Heimath und Deinen Mann ver⸗ laſſen, ſobald der erſte Ruf von ihr, auf welche 1 Arvid und ſchlang ſeinen Arm um Hildur. 281 Du ſo viel hältſt, an Dich ergeht. Dieſer Unglücks⸗ fall war ein ſchlimmer Vorbote, der für mich nichts Gutes bedeutet. „Arvid!“ Mehr ſagte Hildur nicht; aber er fühlte ein paar warme Thränen auf ſeine Hände fallen, und ein Gefühl von Reue, welches aus einer innern eren Stimme entſprang, erwachte in ſeiner Bruſt. „Vergib, vergib, ich bin egoiſtiſch,“ flüſterte „Wenig gefehlt, iſt ſchnell vergeben,“ antwortete Hildur ſanft. Sie ſezten ſich beide auf den Sopha, und einige Augenblicke verfloſſen unter dem Austauſch von Zärt⸗ lichkeitsbezeugungen. Selma trat mit Licht herein. Sie trug eines in jeder Hand, ſo daß der Schein davon auf ihr An⸗ geſichhel welches unbeſchreiblich hübſch war. „Schau nur, Hildur, wie liebenswürdig Selma ausſieht,“ ſagte Arvid und betrachtete ſeine Couſine mit freudeſtrahlenden Augen. Hildurs Herz überkam es unerklärlich kalt, und eine eigenthümlich traurige Beklemmung lagerte ſich auf ihrer Seele. Es war gleichſam eine dunkle Ahnung irgend eines Leidens, eines bittern Schmerzes. Hildur vermochte ſich all' dieſer unerklärlichen Be⸗ trübniß nicht zu entſchlagen; aber ſie wäre lieber ge⸗ ſtorben, ehe ſie Etwas davon hätte verlauten laſ⸗ ſen. Sie ſtand deßhalb auf, und Arvid, welcher mit Selma zu ſcherzen anfing, ſchien nicht darauf Acht zu geben, daß ſie das Zimmer perließ. „Höre, Selma,“ ſagte Arvid und faßte ſeine künftige Schwägerin mit beiden Händen um die ſchlanke, geſchmeidige Hüfte;„in dieſem Qualm von Krankheit und Thränen könnteſt Du mit ein wenig Geſang einen armen Sünder erquicken.“ „Wie Du da ſchwazeſt, Arvid; wie ginge das an, da Emy krank iſt,“ antwortete Selma und ſtieß ihn erröthend zurück. „Selma, nur ein klein Bischen, ein einziges Lied⸗ chen, ich bitte; ſieh' mich zu Deinen Füßen,“ ſezte er lachend hinzu und beugte die Kniee vor ihr.„Be⸗ denke, daß ich nahe daran bin, vor langer Weile zu ſterben.“ „Mein Gott, Arvid, wie biſt Du ſo kindiſch; ſteh' auf.“ Selma bemühte ſich, zu ſcherzen, aber auf ihren Wangen brannten purpurrothe Roſen. „Ich ſtehe nicht eher auf, als bis Du zu ſingen verſprichſt, als bis Du.. Arvid ſtockte und ſprang auf; ſeine Augen fielen auf die Thüre ihm gerade gegenüber; dort ſtand Hildur. Der Blick, welchen ſie auf ihn richtete, hatte etwas ſo Trauriges, ſo ſeelenvoll Leidendes, daß er vor ſich ſelbſt ſich ſchämte. „Liebe Selma, warum willſt Du nicht ſingen?“ ſagte Hildur in ihrem gewöhnlichen, treuherzigen Ton, unter welchem ſie ihre Gefühle vollſtändig zu ver⸗ bergen wußte⸗ „Es dünkt mir, Du ſollteſt nicht ſo viel Weſens daraus machen. Sing' Du nur und danke Gott, daß Dich Jemand hören will.“ „Nun, ſo ſchön wie Du ſinge ich auch noch,“ meinte Selma lachend. „Das kommt auf Neigung und Geſchmack an. Der Eine erfreut ſich an der Stimme eines Vogels, der Andere am Klaggeſang eines Engels.“ Hildur ſchritt durch das Zimmer, um ſich zu Emy zu begeben. 5 Arvid, welcher Hildurs Blick geſehen, ließ ſich durch ihren Scherz nicht ſo leicht täuſchen, ſondern faßte ihre Hände, als ſie an ihm vorüber ging. Verläſſeſt Du mich ſchon wieder?“ ſagte er. „Aber ich laſſe Dich nicht allein. Selma hat Luſt zu ſingen, und da haſt Du gleich eine Zer⸗ ſtreuung.“ „Biſt Du böſe auf mich?“ „Ich böſe auf Dich?“ erwiderte Hildur weh⸗ müthig lächelnd und ſchüttelte den Kopf.„Nein, Arvid, mein Herz kann Dir niemals zürnen.“ Sie fuhr ihm mit der Hand liebkoſend über die Stirne, und in ihrem Blicke lag eine ſo unbeſchreib⸗ liche Hingebung, daß darin die Verheißung einer Liebe lag, welche ihren Urſprung in einer beſſeren Welt hatte. „Sez' dich da her zu mir,“ bat er. Hildur ſezte ſich, und Selma ſang mit weicher, einſchmeichelnder Stimme: „Bei düſterem Abend, wie iſt es ſo werth, Wenn kniſtert das Feuer auf dem eigenen Herd. 8 Des Grafen Ankunft machte dem Geſang und Hildurs und Arvids ſtillen Träumen ein Ende. Wenn in Hildurs Gefühlen etwas Ruhiges, dem 284 Himmel Verwandtes und Leidenſchaftloſes lag, ſo entſprangen die des Grafen Arthur aus dem Erden⸗ leben, aus deſſen glühenden Leidenſchaften und Ue⸗ berſpannungen. Auf ſeinem Angeſichte waren alle die Stürme zu leſen, welche in ſeiner Seele wü⸗ theten, alle die Beängſtigungen, die er erduldete, alle exaltirten Regungen der Liebe, welche ſein Herz arg. Als er vernahm, daß Emy in der Beſſerung begriffen war, verrieth jeder Zug die lebhafteſte Freude, und er verweilte bis zu ihrem Erwachen, um noch zu erfahren, wie ſie ſich nach demſelben befand. Ende des erſten Theils.) b. 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17