Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mi.— Pf „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeten Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheneit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . Ausgewühlte Werke von 4 Fran m. S. Schwartz. A us dem Schwediſſchen Stuttgart. Franch'ſche Verlagshandlung. 1863. Geburt und Bildung. Von 1 Marie Sophie Fchwartz. . Aus dem Schwediſchen überſetzt von Dr. Otlo gen. Reventlow. Erſter Band. Stultgart. Frauckh'ſche Verlagshandlung. 1863. 4 — Druc der K. Hofbuchbruck erei Zu Guttenber gin St uttgart. 5—— —— Brolog. Jetzt blitzt der Stahl und dann iſt es vorüber Dor Hieb jedoch rurch alle Zeiten zittert. Palis Qualis. Man ſchrieb 1789. Das franzöſiſche Volk hatte den König, den Hof und den Adel erfahren laſſen, daß mit ſeiner Macht nicht zu ſcherzen ſei. Der Herzog von Liancourt zwang durch folgende orte, die er mit Bezug auf die Ereigniſſe vom „ 13. und 14. Juli ausſprach, Ludwig den Sechs⸗ zehnten über ſeine wirklich gefährliche Lage nachzu⸗ denken: „Sire, das iſt keine Revolte, ſondern eine Revolution.“ Das Wort Revolution hat, wenn es von ſolchen Hanblungen begleitet wird, wig die Erſtürmung der Baſtille, für die Könige etwas Entſetenerregendes. Ein König ſieht darin ein Verbrechen gegen die Gewalt, welche er als allein ihm zukommend be⸗ trachtet. V 9 Wenn das Volk es wagt, ſich ſeinem Willen zu widerſetzen, dann ſindet er das im höchſten Grade un⸗ gehörig, wenn er nicht einen forſchenden Blick auf die Vergangenheit wirft, um dort die Urſachen zu finden. Ein Fürſt von unerſättlicher Herrſchſucht und königlichem Egoismus ſetzt in ſolchen Fällen Gewalt gegen Gewalt. Er ſucht mit Schwert und Blut die Aufruhrsflamme zu erſticken und das Freiheitsgefühl zu unterdrücken. Er beſiegt die Volksbewegung, oder geht unter, immer aber behält er bei den Stempel des Herrſchers. Iſt er dagegen von ſchwachem Charakter, ſchwan⸗ kend in ſeinen Entſchlüſſen und von mildem Gemüth, wie Ludwig der Sechszehnte, dann geht er einen andern Weg. Durch Nachgeben und Inconſequenzen glaubt er der augenblicklichen Gefahr und den trau⸗ rigen Folgen der unklugen und ungerechten Hand⸗ lungen, durch welche die revolutionären Bewegungen hervorgerufen wurden, ausweichen zu können. Bei der Nachricht, daß Paris in Waffen, die Baſtille, dieſe„Zwingburg des Abſolutismus“, zer⸗ ſtört, die Beſatzung derſelben gefangen und ihr Gou⸗ verneur getödtet ſei, verlor Ludwig gänzlich den Muth. Er beeilte ſich, ſich in die Arme der kurz vorher von ihm verrathenen Nationalverſammlung zu werfen, um Schutz und Hilfe zu verlangen. Als der König am 15. Juli in die National⸗ verſammlung eintrat, wurde er mit düſterem Schwei⸗ gen empfangen. Man wendete hierauf Mirabeaus Worte an: „Das Schweigen der Völker iſt eine Mahnung für die Könige.“ vom 21. September deſſelben« Als aber Ludwig ſie verließ, wurde er von dem Jubel der Verſammlung begleitet. Denn der König hatte ja einen Schritt zur Verſöhnung mit dem Volke gethan. Die Freude ſchien deshalb am Platze. zu ſein. Der König befahl nachher die Räumung von Paris und Verſailles durch die Truppen, gab dem Miniſter Breteuil ſeinen Abſchied und rief Necker wieder zurück. Was konnte man, wenigſtens für den Augenblick, mehr wünſchen? Mit dieſen Begebenheiten waren auch die erſten Tage des Revolutionskampfes vor⸗ über. Die Ruhe wurde in Paris wieder hergeſtellt. Die letztere war indeſſen nur eine ſcheinbare. Das Volk holte Athem nach dem erſten ſtürmiſchen Ausbruch, um ſich noch furchtbarer zu rächen, falls der König und der Hof es zum Beſten halten ſollte. Es wachte und wartete. Nur die erſten Scenen des großen und tragiſchen Schauſpiels der Revolution waren aufgeführt worden. Man überließ ſich Hoffnungen voll von Ver⸗ ſprechungen. Der König, welcher ſich nach Ruhe ſehnte, that Alles, um dem Volke Vertrauen einzu⸗ flößen. Er anerkannte die Nationalverſammlung, welche jetzt den Namen Conſtituirende Verſammlung annahm. Genug, der milde Monarch ſuchte, ſoweit er es verſtand, ſich nach dem Zeitgeiſt zu richten; aber er kannte die Anſprüche derſelben nicht, und dakum auch nicht ſeine eigenen Mißgriffe. Der Beſchluß der conſtituirenden Vetſammlung Jahres vernichtete ganz und gar die königliche Gewalt. Wie ſchwach und ſchwankend Ludwig der Sechs⸗ zehnte auch war, ſo wagte er es doch dieſen Beſchluß, der ihn in eine purpurne Null verwandelte, zu be⸗ ſtätigen. Er überſah, daß derſelbe dem franzöſiſchen Volke Freiheiten und Rechte zuſicherte, welcher es bisher entbehrt hatte. Die Hofpartei, dieſes Unglück aller Länder und Monarchen, ſuchte auf den König einzuwirken, damit er nicht länger mit der Politik fortfahre, die er in der letzten Zeit befolgt hatte. Sie ging mit dem Plane um, Ludwig heimlich von Verſailles nach Metz zu bringen. Wenn man ihn dort in Sicherheit ge⸗ bracht, ſollte die royaliſtiſch geſinnte Armee die ab⸗ ſolut königliche Gewalt wieder herſtellen. Ohne daß das Volk irgend eine Ahnung von dieſen Planen und Intriguen hatte, erwachte plötz⸗ lich bei demſelben der Wunſch, daß der König Ver⸗ ſailles verlaſſen und in Paris reſidiren möchte. Der 5. October brach an. Bei der erſten Mor⸗ gendämmerung zeigten ſich mehrere größere Gruppen von verhungerten Weibern in den vornehmſten Straßen von Paris. Von Zeit zu Zeit erhoben dieſe unglück⸗ lichen Weſen den wilden Ruft „Brod!“ Wenn dieſer Ruf an ſich ſchon gräßlich iſt, wie viel Entſetzen erregender mußte es ſein, als er, wie damals, von Geſchöpfen erhoben wurde, die der Hunger ausgemergelt und zu Grunde gerichtet hatte. Es war die zur Verzweiflung gebrachte Noth, welche ihr Feldgeſchrei mit dem Worte„Brod!“ er⸗ tönen ließ. Dieſe Schaaren von Weibern, deren Herzen durch breitſchultrig und hoch gewachſen, mit einer ſtarken den Anblick all des Flends, das ſie erlebt und mit angeſehen hatten, verhärtet worden waren, marſchir⸗ ten alle aus ganz verſchiedenen Quartieren nach dem Greveplatz, als wie zu einem verabredeten Ren⸗ dezvous. Dieſelbe Schaar ward immer größer und größer. In demſelben Augenblick, in welchem ſie über den Greveplatz hervorwogte, wurden zwei Perſonen, welche zu einem ganz andern Zweck den Platz zu paſſiren gedachten, mit in die Weiberhaufen hinein⸗ gezogen. Der eine, ein Mann mit Locken ſo weiß wie Schnee, obgleich weder ſeine Geſichtszüge noch Körper⸗ haltung irgend ein höheres Alter verriethen, war gewölbten Bruſt und muskulöſen Armen. Seine großen dunkeln Augen waren lebendig, klug und wachſam. Die ſcharf gebogene Naſe und die zurück⸗ fallende Stirne gaben ihm auf den erſten Blick das Ausſehen eines Raubvogels; bei genauerer Betrach⸗ tung verſchwand aber dieſe Aehnlichkeit, während ein Lächelg von unendlicher Güte und Milde den Mund zierte und den andern Zügen ganz und gar die Schärfe benahm. Gekleidet war er wie ein Hand⸗ werker von einer der Vorſtädte. Sein Begleiter, ein Knabe von zwölf oder drei⸗ zehn Jahren, hatte ein Geſicht von faſt idealer Schönheit. Der Knabe ſah mehr verwundert a als er ſich plötzlich eingeklemmt ſa Schaar von ſchreienden, mit Ofei icen, Be Stöcken bewaffneten Weibern. ent ſetzt aus, Als beide gegen ihren Willen dem Vollsſtrome folgen mußten, hatte der ſilberlockige Mann mit einem kräftigen Griff den Arm des jungen Menſchen ge⸗ faßt, um dadurch zu verhindern, daß ſie getrennt würden. Als eine Abtheilung der Schaar in das Stadt⸗ haus eindrang, äußerte der Knabe verwundert gegen den älteren Mann: „Vater, was wollen dieſe Weiber? Beabſichtigen ſie das Stadthaus niederzureißen, wie man es mit der Baſtille gethan?“ „Nein, ſie wollen Brod haben für ſich und ihre ſterbenden Kinder,“ antwortete der Vater. „Brod!“ verſetzte der Knabe.„Sind denn alle dieſe ohne Brod?“ Ja, und viele Tauſende außer ihnen.“ Der wilde Haufen heulte, die Sturmglocke er⸗ tönte, und aus allen Straßen wälzten ſich neue Schaaren hervor. Es ſah aus, als wenn dieſe blei⸗ chen, wilden und elenden Menſchen aus der Erde hervorwüchſen. Immer enger und enger ſchloßen ſie ſich um den kleinen Elias und ſeinen Vater. Es war keine Möglichkeit mehr vorhanden herauszukommen. Plötzlich erſcholl der Ruf: „Nach Verſailles!“ 2 Ein tauſendfaches Echo wiederholte dieſes. Das Ziel des Weiberzugs wurden jetzt der Hof und die Heimſtätte der Ueppigkeit. Dorthin wollten ſie, um Brod zu fordern— Brod für ſich und ihre ſterbenden Kinder. Elias und ſein Vater waren gezwungen dem Volkshaufen nach Verſailles zu folgen. —.—— den Tuilerien angelangt war, gelang es dem Vater des Elias mit ſeinem Kinde, den Weg nach der Hei math anzutreten, die er den Tag vorher verlaſſen. Müde wanderte der alte Mann, den Sohn auf ſeinen Armen tragend, über Pont Neuf nach der Rue Dauphin, und nahm ſeinen Weg nach Ruc.. Er blieb vor einem dunkeln, niedrigen Hauſe ſtehen, deſſen Giebel nach der Straße hinausging. Das Aeußere dieſes Gebäudes war wenig ein ladend. Das dicke verſchloſſene Eichenthor, die in wendig mit Läden verſehenen Fenſter, und das ſpitzige Dach— das Alles gab demſelben ein eigenthüm liches Gepräge. Der Mann holte einen großen Schlüſſel hervor, öffnete damit das Thor, trat dann in das Haus und verſchloß ſorgfältig den Eingang hinter ſich. Er fühlte ſich vor im Dunkeln und begann eine ſteile Treppe hinaufzuſteigen. Während des ganzen Rückzugs von Verſailles war kein Wort zwiſchen ihm und dem kleinen Elias — gewechſelt worden. Wie in Folge einer innern Uebereinkunft beobachteten Beide ein fortwährendes Schweigen. Der Vater hatte das Kind feſt an ſich geſchloſſen. ls er Elias auf ſeine Arme nahm, hatte der Knabe die ſeinigen um ſeinen Hals geſchlungen, mit dieſer BVewegung ausdrückend: „Nur der Tod kann uns trennen.“ Als der alte Mann ſich vor einer Thüre im A †1* ₰ 14 erſten Stock befand, ſetzte er den Knaben nieder und klopfte dreimal. Eine Weile verging, dann hörte man drinnen eine Bewegung, und eine Frauenſtimme frug: „Iſt es Vater Jacob Levitain?“ „Mach' auf, Suſanna!“ antwortete Levitain. Im nächſten Augenblick öffnete ſich die Thüre. Ein röthlicher Schein ſtrömte von einer Lampe Vater und Sohn entgegen. „Beim Gott unſerer Väter,“ ſchrie Suſanna, „wo ſeid Ihr geweſen, und wie ſeht Ihr aus?“ „Schließe die Thüre ab, und laß uns eintreten!“ antwortete Jacob Levitain mit feſter Stimme. Suſanna fand es gerathen, dieſem Befehl ſofort nachzukommen. Vom Entrée gelangte man in eine Art Dach⸗ kammer, welche Nacht und Tag all ihr Licht von einer Lampe erhielt. Dieſe Kammer entbehrte allen Meublements und war nur mit Packkäſten, die auf einander geſtellt waren, dergeſtalt angefüllt, daß ſie alle Wände be⸗ deckten. Gerade gegenüber der Thüre, durch welche ſie eingetreten, befand ſich eine andere, welche zu der eigentlichen Wohnung führte. Nachdem Jacob auf eine ſo beſtimmte Weiſe die Ausrufungen und Fragen Suſanna's unterbrochen, traten ſie in ein Zimmer ein, in deſſen Kamin ein munteres Feuer flammte. So dürftig das vordere Stübchen war, eben ſo reich undüppig möblirt war das Zimmer, in wel⸗ chem ſie ſich jetzt befanden. 15 Wenn man draußen vor dem dunkeln Hauſe ſtand, hätte man unmöglich vermuthen können, daß ſich eine ſo vortreffliche, elegante und geſchmackvolle Wohnung innerhalb der Mauern dieſes finſtern und düſtern Hauſes befinde. Ohne ſich vor das Feuer zu ſtellen, um ſeine verfrorenen Glieder zu erwärmen, nahm der Vater ſeinen Weg quer durch dieſes Zimmer, indem er Elias mit ſich führte. In einem kurzen und beſtimmten Ton ſprach er, ſich an Suſanna wendend: „Sorge dafür, daß wir eine tüchtige Mahlzeit bekommen; denn ſowohl der Knabe als ich ſind aus⸗ gehungert.“ Damit verſchwand er hinter einer ſchwe⸗ ren Thürgardine, welche den Eingang zur Schlaf⸗ kammer verbarg. Wir wollen jeßt einen Blick auf das Zimmer werfen, welches er verließ. Es war groß und hoch und mit Hrei Fenſtern verſehen, die alle mit ausge⸗ ſuchten Vopfgewächſen beſetzt waren. Die Wände waren Init koſtbaren dicken Seidentapeten bekleidet: Die reich mit Vergoldungen verzierte Decke war mit ſchöney Malereien, Scenen aus dem alten Teſtament darſtglend, decorirt. Die Diele war mit dicken tür kiſchyn Teppichen belegt. Die Möbeln aus vergol m Holz hatten Ueberzüge aus demſelben ſchwar⸗ Seidendamaſt wie die Wände. Auf einem Tiſch n Wallnußholz und mit eingelegter Arbeit von Gold ſtanden einige ſchwere ſilberne Vaſen, die ſo⸗ wohl durch ihre Form, wie durch ihre Arbeit In⸗ tereſſe erregten. Man fand bald, daß ſie einige hundert Jahre alt waren. 16 Auf einem andern Tiſche von Ebenholz und mit eingelegter Arbeit ſtand ein künſtlich gearbeiteter Schrein, in deſſen Schooß irgend ein heiliges und theures Kleinod aufgehoben zu werden ſchien. Neben dem Kamin ſtand eine Art kleinere Otto⸗ mane und ringsum waren in einem Halbkreis Fau⸗ teuils aufgeſtellt. Aus einer auf dem Kamingeſims ſich befindenden“ Silberlampe verbreitete ſich ein angenehmer Geruch welcher das ganze Zimmer mit einem milden Duft erfüllte. Auf jeder Seite des Kamins hatten zwei mit Büchern angefüllte Schränke ihren Platz. Eine Harfe ſtand in der einen Ecke und auf einem der ſchwellen⸗ den Sophas lag eine Mandoline. Der Eindruck, den das Ganze machte, war ein angenehmer. Es kam Einem vor, als wenn dieſes Vorgemach, oder wie man es nennen wilh einer vor⸗ nehmen Dame gehörte, welche, umgeben von Wohl⸗ gerüchen und Bequemlichkeiten, ſich hier der Poeſie und Muſik widmete, um die äußere Welt zu ver⸗ geſſen und ſo ihre Tage in innigſter Ruhe wegzu⸗ träumen. Dieſe üppigen Gewächſe in den Fenſtern, dirſe in ihren vergoldeten Käfigen eingeſchloſſenen Vögel, dieſe Statuen in der Ecke des Zimmers, dieſer von Weich⸗ lichkeit zeugende Comfort— Alles ſchien darauf zu deuten, daß die Eigenthümerin eine Frau ſei 3 —— — Eine Viertelſtunde, nachdem der Alte und dens Knabe hinter der Thürgardine verſchwunden waten, trat er wieder heraus. Die dürftigen beſchmutzten Kleider waren abg 4 17 legt und jetzt trug er einen ſchönen perſiſchen Schlaf⸗ rock. Auch der kleine Elias hatte ſeine ſchmutzigen Kleider mit einem mit ſchneeweißem Seidenzeug ge⸗ fütterten Tuchrock vertauſcht. Des Knaben Geſicht war blaß und ſah mitge⸗ nommen aus. Die zwei Tage, welche ſeit ſeinem Ausgang aus dieſem Hauſe verfloſſen waren, hatten hingereicht, um ſein blühendes und fröhliches Aus⸗ ſehen zu zerſtören. Auf des Kindes Stirne ruhte eine düſtere Wolke. Die dunkeln, lieblichen Augen ſtarrten vor ſich hin. Jacob ging zur Ottomane, warf ſich auf die⸗ ſelbe nieder und ſpräch mit milder Stimme: „Jetzt, mein Sohn Elias, können wir von dem ſprechen, deſſen wir Zeugen geweſen.“ Dieſer warf ſich mit etwas wie einem ſchwachen Angſtſchrei in die offenen Arme des Vaters und brach dann in ein heftiges und gewaltſames Schluch⸗ zen aus. Eine lange Weile verging, ohne daß der Vater ihn mit einem einzigen Worte zu beruhigen ſuchte. Der Alte ſchien einzuſehen, daß die Wirkung, welche der Anblick von den bei Verſailles ausgeübten Gräßlich⸗ keiten auf Elias' unverdorbene Gefühle ausgeübt, eines Ausbruches bedürfe. Jeder Verſuch, einen ſol⸗ chen zu hemmen, würde unklug und fruchtlos ge⸗ — weſen ſein. Nach Verlauf von kurzer Zeit wurde das Schluch⸗ zen weniger heftig und ging über in ein ſtilles Weinen. Jacob legte ſchmeichelnd ſeine Hand auf das 1 ſchwarzlockige Haar des Jungen und ſagte freundlich: ewar, Geburt u. Bildung. 1. 2 D „Du haſt Recht gehabt, mein Sohn, zu weinen über die armen Opfer dieſes wilden Auflaufs. Laß nun dieſe Worte Dich tröſten: daß nichts geſchieht, ohne daß es Gottes Wille iſt.— Der Gott Abra⸗ hams weiß, was dem Menſchengeſchlechte gut und nützlich iſt. Wir müſſen uns beugen vor ſeiner ſtrafenden Hand.“ „Nein, Vater, Gott hat dies Alles nicht zulaſſen können!“ rief der Knabe heftig und wandte ſein in Thränen gebadetes Geſicht gegen den Alten. „Des Herrn Wege ſind unerforſchlich, mein Kind. Wir können ſie nicht erforſchen und deßhalb müſſen! wir ohne Murren uns denſelben fügen. Laß uns! jetzt ein Gebet richten an den Gott unſerer Väter.“ Jacob las nun in einer Sprache, die für andere Ohren vollkommen fremd war, ein Gebet von unge⸗ fähr folgendem Inhalt: „Laſſe die Pläne der Bosheit vereitelt werden und ihre Bemühungen mißglücken; laſſe das Laſter verſchwinden von der Erde und demüthige den Ueber⸗ muth, der Dir trotzen will! Gelobt ſei Du, o Gott, welcher die Macht der Sünde zerbrichſt und den Uebermüthigen demüthigſt...“ Elias hatte gewiß zugleich mit dem Vater die ſelben Worte her tammelt: aber die Gefühle in Herzen des K nicht von einer ſolche Natur, daß ſie mit übereinſtimmte. Dor herrſchte ein Chaos, welches ſich nicht ſo bald en wirren ſollte. Nachdem der Alte ſein Gebet vollendet, er Suſanna und kündigte an, daß die Mahlzeit reit ſei. — 8 ſ 19 * En Dieſelbe wurde in einem kleinen, einfach möblir⸗ ſi ten Speiſezimmer eingenommen; aber Elias rührte kaum die Speiſe an. i Als Jacob die Fragen Suſanna's in Bezug auf nd ihr Ausbleiben beantwortete, ſchauderte Elias zu⸗ er ſammen, aber er fügte kein einziges Wort dem Be⸗ richte hinzu, welchen Jacob über die Ereigniſſe in en Verſailles erſtattete. Jacob überging auch alle De⸗ in tails und beſchränkte ſich bloß darauf, das unum⸗ d hänglich Nothwendige zu erwähnen. B Alle Fragen, welche Suſanna an Elius richtete, en ob er ſich gefürchtet u. ſ. w., ließ der Knabe unbe⸗ „antwortet, und Jacob unterbrach ſie mit den Worten: „Laß Flias in Ruhe! Er iſt ermüdet und kann keine Rechenſchaft ablegen.“ Den ganzen folgenden Tag herrſchte in dem fin⸗ ſtern Hauſe in Rue... eine vollkommene Stille. Nicht ein einziges Mal wurde die Thüre geöffnet. tt, Die Läden vor den Fenſtern blieben geſchloſſen. en Man hätte leicht auf den Gedanken kommen können, daß das Haus unbewohnt ſei. Abends erſchienen draußen gor dem Thore zwei junge, wie reiſende Kauflteivete Männer. Der größte von ihneu. zalh einen Thorſchlüſſel aus der Taſche und öffnete, worauf beide hineingingen und das Thor hinter ſich verriegelten. „Hier iſt,“ ſprach der Eine von ihnen,„Gottlob, Alles ſtille und ruhig.“ Eine unruhige Zeit,“ antwortete der Andere, „in der wir jetzt leben, da man ſogar auf einer ſo „ 20 kurzen Reiſe, wie die, welche wir unternommen, fürch⸗ ten muß, daß den zu Hauſe Gebliebenen Etwas be⸗ gegnet ſein müſſe!“ Sie waren die erſte Treppe paſſirt und eben im Begriff, die andere hinaufzuſteigen, als die Thüre im erſten Stock ſich öffnete und Vater Jacob, ein Licht in der Hand haltend, zum Vorſchein kam. „Iſt es Nathanael und Iſak?“ fragte der Alte. „Ja, Vater,“ lautete die Antwort. „Gelobt ſei der Herr, der Euch wohlbehalten nach meinem Hauſe zurückgeführt hat!— Meine Söhne, Euer Vater wünſcht Euch beim Abendmahl zu ſprechen. Er erwartet Euch.“ Ein Paar Stunden darauf hatte Vater Jacob mit ſeinen drei Söhnen, Nathangel, Iſak und Elias, ſowie mit der Gattin des älteſten und ihren drei Kindern ihre Abendmahlzeit eingenommen. Die jüdiſche Familie war jetzt in dem großen prachtvollen Zimmer verſammelt. Das Haupt der Familie, Jacdb, ruhte auf der Ottomane. Elias ſaß in einer Ecke am Kamin. Die beiden Enket ſaßen auf Schemeln zu des Großvaters Füßen. Die älteren Söhne und die ſchöne, junge und blühende Schwiegertochter hatten ſich in den Fauteuils nieder⸗ gelaſſen.& Auf Aller Geſichter Luhte der Ausdruck eines tie fen Ernſtes. Die beiden Kleinen, welche ſich ſonſt munter herumzutummeln pflegten, hatten jetzt ganz ſchweigſam ihre Arme gegenſeitig um die Hälſe geſchlungen und lehnten die Köpfe an einander, gerade al wenn ſiet wüßten, daß etwas recht Wichtiges verhandelt werde — m d * Es ſchien, als wenn der Alte gerade eine Mit⸗ theilung geſchloſſen hätte. Nathangel, der älteſte Sohn, blickte traurig vor ſich hin. Endlich brach er das Schweigen. „Vater, Du haſt Recht, Frankreich gleicht in die⸗ ſem Augenblick einem Vulcan, und nur der Gott unſerer Väter weiß, welches Ende die begonnenen Unruhen nehmen werden.“ „Das iſt der Grund, meine Söhne, daß ich Euch zuſammenberufen habe, damit Ihr einen Entſchluß faßt, ob Ihr in Frankreich verbleiben oder wegziehen wollet.“ 2 „Wie gedenkſt Du ſelbſt zu handeln?“ fragte Iſak, und heftete einen Blick voll Liebe und Ehr furcht auf den Alten. „Welchen Entſchluß ich gefaßt, werde ich Euch nachher mittheilen. Gs iſt jetzt mein Wille, daß Ihr frei und ohne alle Einwirkung von meiner Seite Euch entſchließet.“ Wieder folgte ein langes Schweigen, welches diesmal von Nathangels Frau unterbrochen wurde, die mit einem zärtlichen Blick auf ihren Schwieger vater ſprach: „Deine Söhne, Vater, werden am liebſten blei ben, wo Du biſt, ob Du nun Frankreich verläßſt, oder hier bleibſt. Sie können ſich eben ſo wenig die Möglichkeit denken, getrennt von Dir zu leben.“ „Eſther hat Recht.“ ſel Nathanael ein.„Wir wollen uns nicht von Dir trennen.“ „Ihr müßt es thun; Du ſowohl als Iſak habt das Jünglingsalter hinter Eich. Ihr ſeid jett Män⸗ ner und müßt Euch ſelber helfen können, ohne an 22 „* der Seite des Vaters zu ſtehen. Was Nathanael betrifft, ſo hat er eine dreifache Verantwortlichkeit, falls er in Frankreich verbleibt. Er hat Frau und Kinder, für die er ſorgen und die er ſchützen muß. Für das Böſe, was ſie trifft, iſt Nathanael verant⸗ wortlich. Er darf ſeine Pflichten gegen dieſe Weſen nicht vergeſſen.“ Der Alte entrollte jetzt mit einer Art Seherblick ein Gemälde von der nächſten Zukunft, die Frank⸗ reichs harrte. Es war, als wenn der Israelit eine Offenbarung gehabt von all dem Blute, welches die Erde Frank⸗ reichs trinken würde; denn er erzählte davon, wie wenn er ein Zeuge geweſen. Während Jacobs klare und klangvolle Stimme dieſe wilde Prophezeiung ausſprach, hatte Elias ſeine Ohren mit beiden Händen ergriffen, gerade als wenn er es verhindern wollte, daß die Worte zu denſelben drängen. Als der Alte mit ſeiner Rede zu Ende war, ſprach Iſak: „Biſt Du ſicher, daß eine ſolche wilde Verhee⸗ rung über das ſchöne Frankreich kommen werde?“ „Ja, mein Sohn, wenn ſie nicht weiter geht, geringer wird ſie nicht. Es ſind Jahrhunderte der Unterdrückung durch Adel und Könige, welche von Säculum zu Säculum die Ereigniſſe vorbereitet haben, die ſich jetzt entwickeln. Die Noth und die Volksaufwiegler kommen nur, um ſie zu beſchleu— nigen. Merke Dir das, mein Kind, je härter man eine ſtarke Feder niederdrückt, deſto heftiger ſpringt ſie wieder auf.“ * 23 „Das iſt gewiß wahr,“ fiel Nathanael ein;„aber wie unterdrückt und verfolgt iſt nicht Israels Volk geweſen; wie geduldig hat es nicht durch Jahrhun⸗ derte das Joch der Unterdrückung getragen, ohne zu verſuchen zu ſtrafen, oder ſich zu rächen.“ „Wer weiß, mein Sohn, was die Kinder Js raels gethan haben würden, wenn ſie innerhalb der Gränzen ihrer väterlichen Erde verſammelt geweſen, ob „Nein, Vater,“ fiel der kleine Elias ein,„Israels Kinder würden nie ſo Etwas gethan haben. Sie würden nicht gemordet haben, ſie würden ſich nicht vom Blut haben überſchwemmen laſſen. Es ſind nur Heiden, die ſo Etwas thun können.“ Alle blickten verwundert auf den Knaben, wel⸗ cher, nachdem er dies ausgeſprochen, wieder den Kopf in ſeinen Händen verbarg. „Kind,“ ſprach der Vater mit ſtrenger, ernſter Stimme,„haſt Du vergeſſen, daß der Gott unſerer Väter es jedem rechtdenkenden Juden auferlegt, alle Menſchen unter allen Nationen, die des Himmels und der Erde Schöpfer verehren, wie ſeine Brüder zu lieben? Nun wohl, Flias, Deine Aeußerung athmete Hochmuth und bewies, daß Du das Volk, unter welchem Du lebſt, nicht richtig beurtheilen willſt. Nehme Dich in Acht, mein Junge, daß ſich keine Eigenliebe in Deine Seele einſchmuggelt, ſo daß Du glaubſt beſſer zu ſein, als Andere! Demuth vor dem Herrn ziemt ſich Israel.“ Elias verblieb unbeweglich, ohne durch ein ein ziges Zeichen zu erkennen zu geben, daß er das, was der Vater ſagte, verſtand, oder hörte. 24 Die Augen Jacobs ruhten eine Weile auf ihm; dann rief er den Jungen zu ſich. „Hörteſt Du was Dein Vater ſagte?“ fragte der Alte mit Ernſt.„Haſt Du auch meine Worte verſtanden?“ In den Augen des Jungen blitzte es; als er aber dem milden Blick des Vaters begegnete, ſtam⸗ melte er gerührt: „Ich werde verſuchen zu lernen, ſie zu verſtehen.“ „Dann bin ich zufrieden.— Du biſt immer ein mildes, fröhliches und gehorſames Kind geweſen, haſt Deinen Gott geliebt, Deinen Vater verehrt und Deine Mitmenſchen gerne gehabt. Bleibe was Du warſt.“ Jacob küßte den Jungen auf die Stirne. Die⸗ ſer kehrte ſchweigend zu ſeinem Platz zurück, wo er ſeine vorige Stellung einnahm. In Gedanken wie⸗ derholte er: „Bleibe was Du warſt.“ Darauf fügte er mit einem Seufzer hinzu:„Ich werde nie, nie mehr werden, was ich war.“ Während der kleine Elias ſich ſeinen traurigen Betrachtungen überließ, fuhr man fort zu erwägen. Das Reſultat war, daß Nathangel und Iſak ihren Entſchluß ausſprachen, Frankreich zu verlaſſen; was der Alte billigte. „Es iſt alſo entſchieden, daß wir uns trennen ſollen,“ ſagte Jacob, nachdem er den ältern Söhnen mitgetheilt, wie es mit ſeinem Vermögen ſtände. Er hatte es ſchon in vier gleiche Theile getheilt, einen für ſich, einen für Nathangel, einen für Ifak und einen für Elias. 3 „Wie, Vater,“ riefen die beiden älteſten Söhne, e e 25 „gedenkſt Du auf dem Schauplatze aller der Gräß⸗ lichkeiten, welche Du vorausgeſagt, zu verbleiben?“ „Ja, ich bin in Frankreich geboren, habe dort mein ganzes Leben zugebracht, habe meine Eltern und meine Gattin in ſeiner Erde verwahren geſehen, und ich will dort ſterben.“ „Aber,“ riefen die Söhne,„wo Du biſt, können wir auch ſein. Die Gefahren, welche Dir drohen, wollen wir theilen!“ „Nein, Kinder, Ihr ſeid jung, und was Ihr jetzt beſchloſſen, muß feſtſtehen.— Ich will es!“ Eine Pauſe trat ein. „Du, Nathanael, beabſichtigſt alſo nach England zu gehen?“ „Ju „Und Du, Iſak, folgſt Deinem Bruder?“ „Nein. England iſt mir immer lieb geweſen, aber ich ziehe nach dem Norden.“ „Die Bevölkerung des Nordens iſt halb barba- riſch, mein Sohn.“ „Für den Juden, mein Vater, kommt es auf eins heraus, ob er ſich in einem civiliſirten oder barbariſchen Lande aufhält. In ihrem Benehmen gegen ihn ſind Alle Barbaren.“ Iſak machte dieſe Aeußerung in einem bitteren Tone. „Wohlan, es ſei wie Du willſt; aber da Du das väterliche Haus verläſſeſt, ſo nehme keine Bitter⸗ keit oder Unwillen gegen andere Leute mit auf die Reiſe. Erinnere Dich, daß, da der Herr alle dieſe Leiden über Jsrael hat ergehen laſſen, ſo iſt es des⸗ halb geſchehen, damit er die Treue und Ergeben⸗ 26 heit ſeines Volkes prüfen könne. Derjenige, wel⸗ cher klagt, murrt und droht, hat keine Demuth vor dem Herrn, unſerem Gott, aufzuweiſen. Bevor die Kinder Israels nicht die Züchtigung des Herrn ge⸗ duldig ertragen, wird ihr Schickſal nicht verändert. Seid deshalb feſt im Glauben, demüthig in der Prü⸗ fung und geduldig in Leiden.“ Jſak verbeugte ſich und ſtammelte: „Ich werde Deine Worte bewahren und ſie Früchte tragen laſſen in meinem Herzen.“ „Dank für das Verſprechen.— Ich will daran glauben und mich darauf verlaſſen, wenn Ihr mich verlaſſen und meine Gedanken zu Euch wallfahrten. Jetzt zu einer andern wichtigen Frage: Da ich be⸗ ſchloſſen habe, hier zu leben und zu ſterben, ſo bin ich auch entſchloſſen, es allein zu thun. Meine grauen Haare, meine reiche Erfahrung, meine Fähigkeit zu entſagen, zu ſchweigen und mich zu vertragen, ſo daß Niemands Aufmerkſamkeit ſich auf den alten Juden richtet— das Alles macht, daß ich hoffe, den Ge⸗ fahren entgehen zu können, die Euch treffen könnten. Ihr ſeid jung und habt ein hitzigeres Blut. Außer⸗ dem wird die Gewißheit, Euch ohne Gefahr zu wiſſen, mich ruhig machen.— Genug, ich werde hier allein bleiben. Elias iſt noch ein Kind. Einer von Euch muß an meine Stelle treten und ihn zu ſich neh⸗ en „Vater,“ ſchrie Elias und ſtürzte hervor.„Wenn Du mich von Dir jagſt, will ich nicht leben. Nein, wenn ich nicht an Deiner Seite in Frankreich bleiben kann, dann gehe ich in die Seine.“ Der Junge warf ſich auf die Kniee und rief, indem er die Hände 27 in die Höhe ſtreckte, mit leidenſchaftlicher Heftigkeit: „Bei dem Gott meiner Väter ſchwöre ich, daß ich eher Hand an mein Leben legen werde, als mich von meinem Vater und Frankreich wegführen laſſen.“ Bei dieſen Worten des Elias leuchteten Jacobs Augen mit einem eigenen milden Glanze. „Des Herrn Wille geſchehe! Ich werde den Schwur, welchen Du gethan, ehren. Du magſt bleiben.“ Ein Paar Wochen darauf hatte Nathanael, ſeine Frau und Kinder das dunkle Haus in der Rue... verlaſſen. Jacob Levitain wohnte jetzt allein in der gemein⸗ ſchaftlichen Wohnung mit ſeinem Sohn und ſeiner jüdiſchen Dienerin Suſanna. Gleich wie der kleine Elias wollte Suſanna lieber ſterben, als den Dienſt„Vater Jacobs“ verlaſſen. Nach dem wilden Ausbruch vom 5. und 6. Oe⸗ tober blieb Paris wieder ruhig. Jeder kehrte jetzt zu ſeinen täglichen Geſchäften zurück. Während der Sitzungen der conſtituirenden Ver— ſammlung ſah man bisweilen Jacob mit dem klei⸗ nen Elias an der Hand auf die Gallerien hinein⸗ ſchleichen und an irgend einem verſteekten Platz den Verhandlungen mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu⸗ hören. Man konnte ſagen, daß das Geſicht des Juden den Ausdruck wechſelte, je nach dem Cha⸗ rakter, den die Debatten annahmen. Er ſchien ihnen mit einem Intereſſe zu folgen, das ihn ganz und gar beherrſchte. 28 Sobald Mirabeau die Tribüne beſtieg, um zu reden, faßte Jacob den Arm des Elias und flüſterte: „Bewahre die Worte jenes Mannes in Deiner Seele und ſein Geſicht in Deinem Gedächtniß!“ Jacob folgte mit geſpannter Aufmerkſamkeit den Verhandlungen und Beſchlüſſen der Verſammlung über die Aufhebung der Erblichkeit des Adels, als Etwas, was gegen das demokratiſche Princip ſtreite. Alle ſolche Geburtstitel, Wappen, Orden, Einrich⸗ tungen und Symbole, welche an die Tage der Knecht⸗ ſchaft erinnerten, ſollten abgeſchafft werden. Seit dieſer Beſchluß gefaßt war, ſchien Vater Jacob von einer heiligen und innigen Freude er— griffen zu ſein. Eines Tages äußerte er gegen Elias: „Gott wird durch Mirabeau das franzöſiſche Volk über ſein wahres Beſtes aufklären. Von Frankreich wird die Botſchaft der Freiheit ausgehen an alle Bewohner der Erde.“ Mit derſelben finſtern und gedankenvollen Miene, welche er ſeit den Octobertagen beibehalten, hörte Elias den Aeußerungen des Vaters zu. Die Worte machten keinen merklichen Eindruck auf ihn. Er ſchien kein Gefühl dafür zu haben. Daß Elias für den großen Männ Intereſſe hegte, konnte man daraus entnehmen, daß er, als der Vater einige Tage nicht hinging, um den Verhandlungen der conſtituirenden Verſammlung zuzuhören, dieſen fragte: „Nun, Vater, ſollen wir nicht hingehen und Mira⸗ beau hören?“ —— d So verging die Zeit. Der Jahrestag der Zerſtörung der Baſtille nahte heran. Derſelbe ſollte durch ein großartiges Feſt, das Föderationsfeſt genannt, gefeiert werden. Früh am Morgen des merkwürdigen Tages zogen Jacob und Elias hübſche, aber einfache Kleider an, die ihnen das Ausſehen von anſtändigen Handwer⸗ kern aus irgend einer Vorſtadt gaben. Als ſie fertig und im Begriff waren auszugehen, ſagte Jacob: „Jetzt, Elias, werden wir Zeugen eines feierlichen und großartigen Feſtes ſein. Du weißt wohl, was es für ein Tag heute iſt?“ „Freilich weiß ich das,“ antwortete Elias;„aber warum wird er gefeiert?; Man mordete ja am 14. Juli gerade wie am 5. und 6. October. Ich meine, es ſei keine Freude daran zu denken.“ „Wenn ein Volk wie das franzöſiſche,“ antwor⸗ tete Jacob,„an ſeiner Freiheit arbeitet, da darf nian nicht das Blut berechnen, welches dieſe Freiheit koſtet. Die Einnahme der Baſtille wird immer als eine ehrenvolle That des Pariſer Volks betrachtet werden. Innerhalb der Mauern derſelben iſt ſo viel Blut und ſind ſo viele Thränen gefloſſen, daß man annehmen könnte, die Steine ſeien damit getränkt. Die Tyrannen haben ſie ausgepreßt; das franzöſiſche Volk hat die Spuren davon in dem Augenblick ver— wiſcht, in welchem es dieſes Reſt vernichtete, wo ſo manche Schändlichkeit begangen worden war.“ „Es ſcheint Dir alſo, Vater, daß das Volk recht handelte, als es den Gouverneur ermordete?“ Elias blickte den Vater ſcharf an. „Ich meine, daß das Volk groß gehandelt, als es die Baſtille niederriß. Man darf nicht an die Leben denken, welche dabei zu Grunde gingen. Die Unterdrückung ruft immer gewaltſame Handlungen hervor; merke Dir das.“ „Nicht immer. Du haſt geſagt:„Israels Kin⸗ der ſollen feſt im Glauben, demüthig in der Prü— fung, und verträglich in Leiben ſein und ohne Murren die Ungerechtigkeit ertragen, indem ſie ſich unter die Züchtigung des Herrn beugen. Wenn nun dieſes für Israel gilt, warum gilt es denn nicht auch für die Franzofen?“ „Kind, das Volk Israels iſt aus ſeinem Vater⸗ lande vertrieben wire Es iſt über die ganze Erde zerſtreut. Dies iſt deshalb geſchehen, damit es unter unaufhörlichen Entſagungen und Leiden ſich zum Gu⸗ ten entwickle und den alten Sauerteig überwinde, damit es zu einer höheren moraliſchen Entwicklung gelange. Wenn es dieſes Ziel erreicht hat, wird es wieder geſammelt und vereinigt zu einem Gott ge⸗ fälligen Volke.“ „Sind denn andere Völker nicht Gott gefällig?“ fragte Flias. „Der Herr liebt alle Bewohner der Erde; aber das Volk Juda iſt das älteſte und ihm deshalb das liebſte. Der Erſtgeborene ſteht dem Vaterherzen am nächſten. Aber laſſen wir das! Wir müſſen gehen.“ Jacob und Elias wanderten nach dem Platz der Baſtille, wo die verſchiedenen Abtheilungen der Fö⸗ derirten ſich mit ihren Fahnen und Muſikcorps ver⸗ ſammelten. Mit einer Truppe bewaffneter Kinder als Vor— X N 1 31 trab und einem Bataillon bewaffneter Greiſe als Nachtrab ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Er rückte vor gegen die Tuilerien, wo der König mit ſeinem Hof ſich an denſelben anſchloß. Jacob mit Elias an der Hand folgte mit von dem Platze der Baſtille bis zum Marsfelde. Als ſie dahin gelangt waren, hob Jacob Elias auf ſeine Schulter, damit er die Feierlichkeiten ſehen könne. Auf einem fünfundzwanzig Fuß hohen, mit einer Treppe verſehenen Sockel war der Altar des Vater⸗ landes errichtet. Eine theatraliſche Eſtrade umgab denſelben. Mitten auf dieſem ſtanden zwei Stühle. Der eine war für den König, der andere für den Präſidenten der Rationalverſammlung. Hinter dem Erſteren hatten die Miniſter ihre Plätze. Beide Seiten der Eſtrade wurden von den Mit⸗ gliedern der Rationalverſammlung eingenommen. Die Königin und der Hof befanden ſich auf einer Gallerie. Dreihundert Prieſter in vollem Ornat laſen eine feierliche Meſſe. Als der Gottesdienſt zu Ende war, trat der Ge⸗ neral Lafayette vor an den Altar des Vaterlandes und legte im Namen der Föderirten Frankreichs mit lauter Stimme den Mitbürgereid ab. Vierhundert tauſend Männer wiederholten die Worte: „Ich ſchwöre es!“ Jacob drückte den Sohn feſt an ſeine Bruſt und flüſterte: „Auch ich ſchwöre es!“ „Schwörſt Du, mein Vater, ein Bruder von die⸗ 32 ſen zu ſein?“ fragte Elias und faßte mit beiden Händen des Väters ſilberlockigen Kopf. „Ja, ich ſchwöre, den Geſetzen und dem König treu zu ſein und Frankreichs Volk zu lieben wie ein Kind von meinem eigenen Stamm!“ antwortete Ja⸗ cob und blickte mit einem milden Ausdruck in die blitzenden Augen des Jungen. Der Blick des Vaters hatte einen ſo liebevollen und verſöhnlichen Ausdruck, daß das Feuer in Elias erloſch. Er ließ den Kopf des Alten los und ſeufzte. Nachdem das Echo von dem feierlichen:„Ich ſchwöre es!“ verhallt war, trat der König an den Altar des Vaterlandes, und legte mit ruhiger, ern⸗ ſter und lauter Stimme einen Eid ab, treulich das Grundgeſetz heilig halten zu wollen. Mit ſtürmiſchem Jubel dankte das Volk für den abgelegten Eid. Der König ſchien gerührt. Er war es auch, denn trotz allen ſeinen Schwachheiten beſaß doch Ludwig der Sechszehnte ein edles Herz, welches innig Frankreich und deſſen Wohl liebte. Selten hat ein Monarch aufrichtiger gewünſcht das Glück ſeines Volkes zu befördern als er, und eben ſo ſelten iſt das Beſtreben dieſen Wunſch auszu⸗ führen ſo vollkommen mißglückt, wie dies bei Lud⸗ wig dem Sechszehnten geſchah.. Es war gerade, als wenn es vorher im Buche des Schickſals geſchrieben geweſen, daß dieſer milde, gute, rechtdenkende und ſittliche Regent als ein Opfer fallen ſolle für die Sünden ſeiner Vorgänger. Sein unſchuldiges Blut ſollte die Miſſethaten der Väter ſühnen. Edler, beklagenswerther König, von Geſchlecht — ——— —— zu Geſchlecht wird man weinen beim A Dein Marthrthum! D och daß wir ſprechen wollten. Der Ausdruck von Wärme, welcher in der Tank ſagung des Volkes lag, ergriff die Königin. Die ſtolze Tochter Maria Thereſia's vergaß ihren Unwillen gegen dieſes trotzige Volk, das ihr ſo viele bittere Stunden bereitet. Sie glaubte einen Augenblick an die Möglichkeit, glücklich ſein zu können als die Ge⸗ mahlin eines conſtitutionellen Königs. Von dieſen beſſeren Gefühlen ihres Herzens be⸗ herrſcht, ſtand ſie auf von ihrem Platz, hob ihren Sohn in die Höhe und hielt ihn gegen das Volk, indem ſie rief: „Hier iſt mein Sohn, ich und er theilen die Ge⸗ ſinnungen des Königs!“ Die Freude des Volks über dieſe Worte machte ſich Luft in enthuſiaſtiſchen Beifallsbezeugungen. Es glaubte in Wahrheit an die Einigkeit, der dieſe Feierlichkeit geweiht war. „Wie ſchön ſie iſt!“ flüſterte der kleine Elias, während er ſeine Blicke feſt auf die Züge der Köni⸗ gin heftete.„Vater, dieſe haben trotzdem dieſe Menſchen ermorden wollen!“ „Stille, mein Kind!“ ermahnte Jacob. Er und Flias waren von ganz ungleichen Ge fühlen beherrſcht. Der alte Mann, welcher ſeinen Blick auf die Zu⸗ kunft gerichtet, vergaß in dieſem Augenblick gänzlich, daß es verſchiedene Rationen und verſchiedene Intereſſen gebe. Er dachte ſich die G als ein gsmeinſchaft⸗ hes Land, und deſſen Bewohner als ein Volk. Schwaptz Geburt z. Bildung. 1. 3 ndenken an es war nicht darüber, nſend, n dem lrmen trug. nen um von der ihn umwogen Kinde, welches er auf ſeinen verſtanden werden zu können. Es waren Ideen Liebe und der Bildung und ſie machten ihn alle eic Leiden und alle individuellen Gefühle vergeſſen. Dieſes Verbrüderungsfeſt, bei welchem Volk und König auf Einmal die Sache der Freiheit beſiegelten, war für Jacob von ſo großer Bedeutung, daß ein Gefühl unermeßlicher Liebe ſeine Bruſt erfüllte. Während ſo die Gedanken Jocobs ſich um die hohe und große Weltanſchauung drehten, waren die des jungen Sohnes dunkel und bitter. Mit einem gewiſſen forſchenden Blick hatte das Kind ſeine Augen in der Volksmaſſe herumſchweifen laſſen. Er wollte in ihren Geſichtern die Theilneh mer an dem Zug nach Verſailles wieder erkennen. Er betrachtete dieſe 400,000 Menſchen nur als eine Räuberbande. Da ihre Augen vor Freude glänzten, ſo kam es ihm vor, als wenn ſie aus Mordluſt lachten. hr Freudenruf klang in ſeinen Ohren wie Rachegeſchrei. Er konnte nichts Anderes aus ſeinem Kopf heraus kriegen, als daß dieſe Hände von Blut gefärbt wären, Endlich kam es Flias, als man nach Pariz zurücktehrte, unbegreiflich vor, daß dieſe Loltsmaſſt ſich nicht über den König, die Königin, die Nationaß verſammlung und die Truppen ſtürzte, um ſie mäſacriren. 9 Ich verabſcheue ſie, dachte Elias in denſelbe Augenblick, in welchem Jacob ſeine Gedanken 3 Liebe alle Bewohner der Erde zmſchweben ließ. mehr, fuhr Elias in Gedanken fort, werde ich die Chriſten leiden können. Sie ſind nichts als Mörder. Ich werde immer Blut an ihren Händen ſehen. Er ging ſeine gräßlichen Erinnerungen durch. Bei jeder einzelnen wuchs ſein Unwille gegen die Chriſten, beſonders gegen die Franzoſen. Elias hatte während der letzten Monate ſein Inneres den Worten des Vaters verſchloſſen, ſo daß nicht einmal ein Echo davon in ſeinem Herzen wiederklang. Er konnte das Blut, welches er ſließen geſehen, nicht vergeſſen, und er wollte nicht hören auf die von einer Verſöhnung und höhern Weltanſchauung zeugenden Gedanken, die ſein Vater ausſprach. Die einzigen Weſen, denen er, außer dem Vater, etwas Mitleid und Theilnahme ſchenkte, waren: erſtens Ludwig der Sechszehnte, weil das Polk ſeine Leibwache ermordet; und dann die Königin, weil ſie hübſch war und der Pöbel ſie während der October⸗ tage hatte ermorden wollen. Der einzige, den er nicht für ein blutdürſtiges, wildes Thier anſah, war Lafayette, weil er dem Blutbad Einhalt gethan. 6 Mirabeau ſchenkte er ſeine Bewunderung. Dieſes geſchah nicht deshalb, weil Elias ſeine Beredtſamkeit verſtand oder die Macht ſeines Genies zu würdigen wußte, ſondern nur weil ſeine Stimme den Lungen bezauberte. Wenn er Mirabeau ſprechen hörte, ſo kam es ihm vor, als wenn dieſer Mann allein die Räuber⸗ bande zurückhielt, daß ſie nicht Alles um ſich herum ermordete und verwüſtete. 0* 4 3 Im Uebrigen betrachtete der Junge das ganze franzöſiſche Volk mit Eckel und Verachtung. Wenn irgend ein vorbeigehender Franzoſe zufällig ſeine Kleider berührte, ſchüttelte Elias immer den Staub ab, als wenn die Berührung mit einem Chriſten ihn verunreinige. Ehe man ihn dazu be— wogen hätte, Jemand Anderem als einem Juden die Hand zu reichen, hätte er ſie gewiß abhauen laſſen. Jacob lebte in gänzlicher Unkenntniß von dieſer Richfung in den Gefühlen ſeines Sohnes und ahnte nicht, daß ſein Sohn ſich zu einem fanatiſchen Juden entwickelte, welcher einſt ebenſo intolerant werden ſollte, wie Jacob aufgeklärt und liberal war. Als Vater und Sohn nach den Feſtlichkeiten am, 14. Juli heimgelehrt waren und ſich in dem großen, prachtvollen Geſellſchaftszimmer befanden, ſagte Ja cob zum Sohne: „Nun, Elias, wie gefiel Dir das Feſt?“ „Mir gefiel,“ antwortete Elias,„der König, weil er gütig ausſah, die Königin, weil ſie ſchön var, und Lafayette, weil er ſo laut und deut⸗ lich ſprach.“ Jacob lächelte und klopfte den Jungen mit det Worten an den Kopf: 6 „Du biſt zu viel Kind, um die Bedentung voh dem, was Du geſehen, zu verſtehen, deshalb richteſ Du Deine Aufmerkſamkeit auf Einzelnheiten. Kom her und ſetze Dich zu meinen Füßen, ſo will ich Dir das erklären!“ 3 Elias trat an ſeinen Vater heran, aber ſtatt ſi auf das Kiſſen zu den Füßen des Vaters zu ſetze er en ig, ön ut⸗ warf er ſich auf die Kniee an ſeiner Seite. Seine Arme auf die des Vaters ſtützend ſagte er dann; „Vater, Du brauchſt nichts zu erklären. Ich weiß, daß durch dieſes Feſt Alle Brüder werden ſollten; aber ich weiß auch, daß nicht ein Einziger von dieſen Chriſten ſich als Bruder des Juden Ja⸗ cob betrachtete. Darum, Vater, kam mir Alles das wie vergebliche Mühe vor.“ Jetzt ruhten die Arme des Elias um den Hals des Vaters, und er fügte hinzu: „Haben meine Worte Dich betrübt, ſo vergebe mir; aber ich kann die Chriſten nicht lieben. Mit „Blut iſt ihr Gott abgemalt und in Blut fahren ſie fort ihn zu verehren.“ „Kind,“ fragte Jacob,„haſſeſt Du die Chriſten?“ „Ja,“ antwortete Elias mit feſter und beſtimm⸗ ter Stimme. Der Alte ſchob ihn langſam von ſich und ſprach bekümmert: „Habe ich Dich ſo ſchlecht den Glauben unſerer Bäter gelehrt, daß Du meinſt mit Haß im Herzen dem Herrn dienen zu können? Habe ich Dir ſo ſchlecht die Lehre eingeprägt, alle Völker der Erde zu lieben und für ſie zu beten?“ „O Vater, Deine Worte ſind liebevoll geweſen, wie Du ſelbſt; aber ich kann ſie nicht verſtehen, i Hier wurden ſie durch drei heftige Schläge an das Thor unterbrochen. Elias ſchwieg plötzlich mit⸗ ten im Satze, und Jacob ſtand eiligſt auf. Das Geſicht des Alten ſchien zu verrathen, daß er durch dieſes Klopfen überraſcht ſei, denn ein ſolches war, „ ließ Jacob ſchleunigſt Suſanna und Elias. 38 ſeit die Söhne Frankreich verlaſſen, nicht am Thore gehört worden. Suſanna kam hereingeſtürzt und fragte: „Vater Jacob, es klopfte dreimal, was mag das bedeuten?“ „Das bedeutet, daß ich ſelbſt gehe und aufmache,“ ſagte Jacob, worauf er die Blendlaterne Suſanna's nahm und eiligſt das Zimmer verließ. Ohne zu fragen, wer es ſei, öffnete Jacob ſchleu⸗ nigſt das Thor. Ein hochgewachſener, in einen Mantel gehüllter und mit einem breitkrämpigen Hut bedeckter Maun trat herein, indem er ganz leiſe flüſterte: „Seid Ihr es ſelbſt, Levitain?“ „Ja, gnädiger Herr,“ ſtammelte Jacob mit be⸗ wegter Stimme und ließ das Licht auf ſein Geſicht fallen. „Gut, ich komme, Euch um den Dienſt zu bitten, den Ihr ſchon ſo lange gewünſcht habt mir zu leiſten.“ „Der Höchſte hat alſo in Gnaden meine Bitte erhört,“ ſagte Jacob.„Wollt Ihr hinaufſteigen, gnädiger Herr!“ acob ging dem hochgewachſenen Manne, deſſen Beſicht ganz und gar von dem breitkrämpigen Hut überſchattet wurde, mit dem Lichte die Treppe hinauf voran. Als ſie in das Geſellſchaftszimmer eintraten, ent 8 Der Fremde war im Dunkeln ſtehen geblieben 8 ſowohl ſeinen Mantel als ſeinen Hut aufbehalten bis Jacob und er allein waren; dann warf er bein ab mit den Worten: 8 39 „Wie viele Jahre ſind verſchwunden, ſeit ich das letzte Mal dieſes Zimmer betrat, und doch iſt Al hier wie damals, ob gei ſich Alles außerhalb die Hauſes ſo ſehr verändert hat.“ Er warf ſich in ein Fautepil, fuhr mit ſeiner großen, aber blendend weißen Hand über die Stirne, die hoch und gew bt war wie ein Tempel; hierauf kreuzte er die Arme über der Bruſt, richtete den ucherlampe, welche auf dem Kamine en in Gedanken vertieft. von dem auf dem Tiſche ſtehenden i des Fremden, welche 6 Zeit etwas Häßliches an ſich hatten. Löwen, ſo grob und verſchloſſen ie i inem vor, aber nichtsdeſto⸗ weniger wurde das Auge von ihnen gefeſſelt. Die Sti wurde von einem eigenen Schimmer oder richtiger Wiederſchein von! aus dieſen Augen umgeben, welche leuchteten, mmten und en von Geiſt. Man meinte in dieſem von nmitgenommenen, von Leidenſchaften etwas erſchlafften, aber von Energie und Intelligenz ſtrahlenden Geſicht zu leſen, daß der Eigenthümer nit einem ſolchen Maße von Genie begabt ſei, daß eine höhere Macht ihn 1 beſtimmt hätte, große Thaten zu vollziehen und in die Weltereigniſſe ein⸗ zugreifen. Nach eineim ziemlich langen Still ſchweigen hob ſich. die Bruſt des Fremden von einem Seußer und er wandts ſi ſich an Jacob, indem er ihn in halb trau⸗ rigem Tone folgend ermaßen anredete: les ſes 6 d Blick auf die und ſ 40 „Das Gedächtniß iſt wie ein Geſpenſt, es drängt uns auf, ohne daß wir es wollen, und zieht dann e Seele mit ſich. Wir können in ſolchen Augen⸗ i S cken die Gegenwart vergeſſen, als wenn dieſe uns cht genug zu thun gäbe. Wir ſollten nicht auf das zurückſchauen, was geweſen iſt und nicht geändert wer⸗ n kann, ſondern immer den Blick auf die Zukunft gerichtet haben.“ Er ſtand auf, ging auf Jacob zu und ſprach, indem er ſeine Hand auf ſeine Schultern legte, mit einem Lächeln, welches ihn faſt ſchön machte, Fol⸗ gendes: „Sie ſind verdrießlich darüber geweſen, daß Sie nicht die Schuld an mich haben zahlen können, in welcher Ihr zu ſein glaubt. Ich auf der andern Seite war zufrieden, zu wiſſen, daß es einen Men⸗ ſchen gebe, der ſich als meinen Schuldner betrachtete. Mon cher Levitain, Sie ſind wirklich der Einzige, welcher meint, mir Etwas ſchuldig zu ſein.— Sie haben mich über zwanzig Jahre mit Ihrer Dankbar⸗ keit verfolgt und mich ſlehentlich gebeten, mir einen Dienſt erweiſen zu dürfen. Ihr habt mir angeboten, ſchwenden ſollte, und ich, ein —— i l S7 c S daß ich Euer Gold verſ Rou6, ohne Vermögen und ohne Gewiſſen, habe trotzdem während ſo vieler Jahre mich geweigert, Etwas von Euch anzunehmen. Wer ſollte wohl das von mir glauben?“ „Alle, welche Euch kennen, gnädiger Graf!“ „Mich kennen!“ Der Fremde machte eine ſtolz Bewegung mit dem Kopf, und fuhr in einem nach läſſigen Ton fort:„Das thut noch Niemand. Was Sie anbetrifft, Levitain, ſo haben Sie keinen beſo t n — 8 6 deren Grund, weder mich zu bewundern noch zu lieben. Ich habe eigentlich Nichts für Sie ge⸗ than.“ „Nennen Sie das Nichts, Herr Graf, daß Sie zweimal das Leben meiner Gattin gerettet?“ „Was aber trotzdem Ihre Gattin nicht am Ster ben verhinderte.— Doch, laſſen wir das! Ich bin jetzt hier, um Euch Eure vermeintliche Dankbarkeits⸗ ſchuld an mich bezahlen zu laſſen. Was ich jetzt von Euch verlangen will, iſt zehnmal mehr, als was ich für Euch gethan.“ „Gnädiger Graf, das Kapital meiner Dankbar⸗ keit hat ſo viele Zinſen getragen, daß es ſich viele tauſend Male verdoppelt hat. Sie können deshalb nichts fordern, was dem an Werth gleichkomme.“ „Ich weiß, wie freigebig Sie ſind. Auch ſind Sie ein Jude, zu dem ich ein ſo großes Vertrauen habe, daß ich Euren Händen das anvertrauen will, was das liebſte für mein Herz iſt. Sie ſind ein Freund, auf deſſen Redlichkeit Mirabeau ſich ver⸗ läßt!“ Dieſer Mann, welcher in das Haus Jacobs ein⸗ getreten war war alſo Nichts mehr oder weniger als Honoré Gabriel Victor Riquetti Graf von Mi⸗ rabeau. Nachdem er dieſe Worte geſprochen, ging er ein Paar Mal auf und ab im Zimmer, ohne darauf zu achten, daß ſeine Worte einen Ausdruck von Befrie⸗ biguns auf dem Geſichte Jacobs hervorgerufen hatten. Darauf ſtand: „Ich fühle mich ſtolz auf dieſe Worte, aber ich weiß, daß ich ſie verdient habe.“ 42 Nach einigen Augenblicken begann Mirabeau wieder: „Es gibt da ein junges Mädchen— es iſt noch ein Kind— das mir theuer iſt. Ich wünſche, es Euren Händen anzuvertrauen, Levitain. Das heißt, Ihr müßt verſprechen, daß wenn ich in dieſen ſtür⸗ miſchen Zeiten plötzlich ſterben ſollte, Ihr Euch ſei⸗ ner ganz und gar annehmen werdet.— Ihr ſollt, wenn ich fort bin, ihr eine Erziehung geben, die ihres Vaters würdig iſt, und einſt, wenn Frankreich Ruhe und Freiheit errungen, ſie zu ihrer Mutter zurückbringen, die jetzt gezwungen iſt von ihr ge⸗ trennt zu leben. Was ich von Euch fordere iſt alſo, daß Ihr nach meinem Tode die Rolle eines Vaters für die Elternloſe übernimmt. Ich habe kein Erbe ihr zu geben. Das Einzige, was ich in meinem Te⸗ ſtament hinterlaſſe, ſind dieſe Papiere, welche ich hiermit Euch zum Aufheben übergebe. Sie hahen keinen Geldwerth, aber ſie ſind von groſer Wichtig⸗ keit für das Kind, welches ſie betreffen, denn ſie ent⸗ halten Aufklärungen über ihre Geburt.“ Mirabeau übergab Jacob ein kleines Paquet und fügte mit einem freundlichen Lächeln hinzu: „Ihr ſeht, Levitain, wie ſicher ich meiner Sache 3 bin, da ich nicht einmal auf eine Antwort oder ein Verſprechen warte, bevor ich Euch dieſe Papiere über⸗ gebe.“ „Und Ihr habt Recht gethan, gnädiger Graf. Das Weſen, welches Ihr meiner Fürſorge anver⸗ traut, wird mir theurer ſein, als wenn es meine eigene Tochter wäre. Ich ſchwöre es beim Gott meiner Väter.“ 43 Mirabeau reichte Jacob die Hand mit einem: „Dank Dir, mein Freund!“ Er ſetzte ſich wie⸗ der in das Fauteuil und fuhr in einem leichten und ſcherzenden Ton fort:„Wenn es auch immer ein Glück iſt, Vertrauen zu ſeinem eigenen Urtheil zu haben, ſo iſt es doch bisweilen gefährlich ſich ſelbſt zu vertrauen; darum habe ich auch jetzt ganz den Glauben an meine eigene Kraft bei Seite geſchoben; denn wenn wir auch ſonſt keinen andern Beſieger haben, ſo haben wir doch den Tod. Darum habe ich jetzt meine Rechnungen mit dem Leben in Ord⸗ nung gebracht, ſo daß ſelbſt jener Beherrſcher nicht im Stande ſein wird meine Plane zu kreuzen. Ich hoffe auch, daß er aus Höflichkeit gegen meinen Vor⸗ bedacht mich nicht zu bald von der Tribüne entfer⸗ nen wird.“ Er fing nun an von anderen Dingen zu ſpre⸗ chen. Der geiſtreiche Mann tauſchte dabei ſeine Ge⸗ danken mit dem anſpruchsloſen und ungewöhnlich ge⸗ bildeten Juden aus. Die Zukunft Frankreichs und die Freiheit und Selbſtſtändigkeit, welche es ſich erringen würde, malte Mirabeau mit eben ſo derben wie genialen Pinſel⸗ ſtrichen. Levitain hörte zu mit gedankenvoller Miene und ſiel, als ſein Gaſt ſchwieg, traurig ein: „Aber, gnädiger Graf, habt Ihr überlegt, wie viel Blut dieſe Freiheit koſten wird?“ „Wenn man ein großes Ziel vor Augen hat, muß man ſtets den Blick darauf gerichtet halten, ohne ihn auf etwas Anderes zu richten. Wenn es ſich um das Wohl der Nationen handelt, verſchwinden die Individuen.“ Mirabeau nahm ſeinen Hut und Mantel und bſchiedete ſich einige Augenblicke darauf. Die durch Mirabeau's Ankunft unterbrochen⸗ Un⸗ ing zwiſchen Jacob und Elias wurde nicht ſo bald wieder angeknüpft, da Elias den Tag nach dem Beſuch des großen Mannes von einer heftigen Ge hirnentzündung angefallen wurde. Mehrere Wochen ſchwebte er zwiſchen Leben und Tod. Nachdem die Gefahr vorüber war, ſtellte ſich eine andere Befürchtung ein, die nämlich, ob nicht die ſchwere Krankheit ſchädliche Folgen für den Ver⸗ des Knaben würde. Der Sommer verging, der Herbſt auch, und man ſch 91. Noch ruhte Elias auf dem Sopha und ſah einem Schatten ähnlicher als einem lebenden Weſen. Bekümmerung und Angſt malten ſich auf den Geſichtern von Jacob und Suſanna. Beide hatten den Knaben lieber als alles Andere. 8 EFlias war auch früher ein ungewöhnlich liebliches Kind geweſen. Mit einer fröhlichen, ſpielenden und liebenswürdigen Laune hatte er ein zartes und gutes Herz und eine für ſein Alter merkwürdige Intelli⸗ genz vereinigt. Es war deshalb kein Wunder, daß der Vater und die Dienerin ihn liebten und mit Zittern an die Möglichkeit dachten, daß das Iröh liche Kind für ſeine Lebenszeit in einen armen Irren verwandelt werden könnte. Mit Trauer im Herzen erinn Jacob, daß der Knabe ſeit den Freigniſſen in Ver⸗ alte Mann cht ernſtlich derüng, ſache der ſailles ganz verändert ſeie machte ſich bittere Vorwürfe, daß verſucht hatte, die rſache zu die, nach ſeiner Auffaſſung, vielleicht ganzen Krankheit war, zu. gründer E Schluß des När g Flias an mehr Erſt am S 3 Klarheit in Rede und Gede anken an den 2 ag zu legen. Er konnte dann fertige und kluge Antworten geben. Der Arzt gab die beſte Hoffnung. Die lke auf Jacobs Stirne hellte ſich auf. Nur die aller⸗ ingendſte Nothwendigkeit konnte ihn vermögen, auch nur auf einige Augenblice den Sohn zu verlaſſen. Am Abend des 1. April ſaß Jacob, wie gewi lich, bei Elias und las ihm einige Gebete vor. Junge hatte ſelbſt den Vater darum gebeten. Ss war der erſte Wunſch, den er ausſprach it er trank geworden.* In demſelben Augenblick, in welchem er mit dem Leſen fertig war un das Buch weglegte, ertönten drei Schläge an das Thor. Jacob nahm die Blend⸗ laterne und begab ſich hinunter. Als er dem Klo⸗ pfenden öffnete, trat ein Burſche in's Thor und jggi Ihr Vater Levitain?“ „Je“ „Graf Mirabeau hat mich hieher geſandt. Er wünſcht Euch baldigſt zu ſprechen. Der Graf iſt krank,“ „Bevor Ihr zum Grafen zurückgekehrt ſeid, werde ich dort ſein,“ antwortete Jacob und ließ den Boten hinaus. inige Augenblicke darauf verließ Jacoh g. Spät in der Nacht kehrte er ſchweret Sthriten. 46 Er trat eiligſt an das Bett ſeines Sohnes und beugte ſich darüber, um zu ſehen, ob Elias ſchlief. „Gott ſei Dank, daß Du zu Hauſe biſt, mein Vater!“ ſtüſterte welcher mit offenen Augen dalag.„Ich bin Deinetwegen unruhig geweſen. Wo biſt Du geweſen?“ „Bei Mirabeau, mein Sohn. Der große Mann iſt im Begriff zu ſterben.“ „Zu ſterben,“ wiederholte Elias und richtete ſich heftig auf im Bett. Es war der erſte Ausdruck einer tyaſten Ge⸗ müthsbewegung, den Elias zeigte. „Ju, mein Sohn! VDer geiſtreiche Mirabeau wird aufe einiger Stunden aufgehört haben zu leben,“ melte Jacob. Mirabeau ſterben; Mirabeau nicht mehr leben!“ wiederholte Flias.„Nein, Vater, das kann nicht möglich ſein.“ „Daß er ſtirbt iſt möglich, aber unmöglich iſt es, daß ſein Genie ſtirbt, denn das wird Jahrhun⸗ derte nach ihm leben. Einſt wird man von Mira beau ſagen: Er füllte mit ſeinem Geiſt die ganze Nativnal verſammlung aus; er allein war das ganze Volk. Wann wird wohl Frankreich wieder einen Mann gleich ihm zu ſehen bekommen, einen Mann, welcher den Sturm zugleich erregen und beherrſchen kann?“ Jacob neigte den Kopf in ſeine Hände und ſaß eine Weile unbeweglich da. Ein ſtarkes Schluchzen machte ihn wieder auf⸗ blicken. Es war Elias, welcher ſich auf das Kiſſen geworfen und unter heſtigem Weinen ſeinen Kopf darin verbarg. . 47 acob hob den Kopf des Knaben in die Höhe und ihn, während er milde und beruhigende Worte an ſeine Bruſt. Morgen ſchlummerte Elias ein. Als er in einen tiefen Schlummer gefallen, ſchlich Jacob von ihm und verließ das Haus, um ſi h nach Mirgbeau's Wohnung zu begeben. Am 2. April athmete dieſer merkwürdige Mann ſeinen letzten Seufzer aus. „Mirabeau iſt todt!“ war der Trauerruf, wel⸗ cher durch Paris ging. Sein Ableben verſetzte ganz Frankreich in Lrauer. Frankreich hielt auch nur eine Stelle für wür— dig, ſeinen Staub zu beherbergen, nämlich: theo n. Sein Genie hatte ihn zum Beherrſcher de kes gemacht;— der Tod machte ihn zum Abgott deſſelben. Sein Hintritt erregte die Unruhe der Nation. Sie wußte, daß Mirabeau's Genie die letzte Kraſt ſei, welche als Schutz gegen eine vollkommene Um⸗ wälzung noch übrig war. An demſelben Tage, an welchemt die conſtituirende erſammlung nach viertägiger Trauer ſeine Sitzun⸗ gen wieder aufgenommen, ſtand Abends ein Wagen vor Levitains Haus. Jacob ſelbſt ſtieg zuerſt aus demſelben heraus, darauf hob er ein ganz kleines, in einen Mantel ge hüllt tes weibliches Weſen heraus“ und half zuletzt einem älteren Frauenzimmer aus ſteigen. Er öffnete das Thor und nachdem er die beiden Fremden hineingeführt hatte, trug er ſelbſt ein Paar Koffer vom Wagen und verſchloß den Eingang. Jacob und ſeine beiden Begleiterinnen ſtiegen die Treppe hinauf. In dem mit Käſten angefüllten Entrée empſing ſie Suſanna. Nachdem ſie den Da— men die Mäntel abgenommen, führte Jacob ſie hin⸗ ein in das elegante Geſellſchaftszimmer. Die jüngere war ein Kind von dreizehn oder vierzehn Jahren, mit ein Paar großen lebhaften Augen und feinen Geſichtszügen. Sie war zart für ihren Körperbau, von bleicher Hautfarbe und mit einem traurigen Ausdruck im Geſicht. Ihr Anzug war ganz und gar ſchwarz. Die andere Dame war eine hochgewachſene Frau ſit breiten Schultern und einem von Geſundheit und Kraft zeugenden Ausſehen. Ihr Alter mochte ungefähr einige und vieérzig Jahre ſein. Ihr friſches und fröhliches Geſicht war weder ſchön noch häßlich, aber es hatte den Ausdruck von Verſtand, Güte und Entſchloſſenheit. Man faßte bald Vertrauen zu ihr. Veim erſten Blick ſah man, daß es da„Gold im Herzen und Stahl im Charakter“ gab. „Möge unſer Aller Gott Euren Eintritt unter mein Dach ſegnen!“ ſprach Jacob, indem er ſie will⸗ kommen hieß. Das junge Mädchen ergriff ſeine Hand und ſprach mit milder Stimme: „Gott lohne Cuch dafür, daß Ihr mei werden wollt! Ich werde beten für Euch m dankbaren Herzen.“ Sie hielt ihm ihre Stirne zum Kuß hin. e en ar en en 49 Nachdem Jacob auch der Begleiterin des Mäd chens einige freundliche Willkommsworte geſagt, wandte er ſich nach Ottomane, auf welcher Elias jetzt lag. „Siehe hier, mein kranker Jun ſagte Jacob, und führte das 2 Elias hatte ſich halb auf gerichtet und blickte wunderten Augen an. „Hier, Elias, ſiehſt Du Sophie d'Escare. Du ſollſt ſie lieben als wenn ſie aus Deinem eigenen Fleiſch und Blut wäre.“ Sophie trat ohne die geringſte Ziererei auf Elias zu und ſagte mit kindlicher Theilnahme: „Du biſt krank;— das macht mich bekümmert. Wir müſſen gute Freunde werden. Ich werde Dir helfen, Deine Krankheit zu ertragen; und Du wirſt mir beiſtehen, meinen Kummet zu tragen.“ Sie ſetzte ſich auf die Kante der Ottomane, während ſie ihn mit einem wehmüthigen Blick anſah. Elias ſchwieg eine Weile; endlich ſprach er ge, mein Elias,“ ädchen hin vor ihn. dem Ellbogen empor⸗ e das kleine Mädchen mit ver ſeufzend: — 3 3 „Va, wir werden gute Freunde werden.— Ich will Dich lieb haben.“ Während dem hatten Jacob und Madame Julie Matthieu ein Geſpräch angefangen. Und während die beiden älteren verſchiedene lang⸗ weilige Angelegenheiten mit einander verhandelten, tten die beiden Kinder nähere Bekanntſchaft gemacht. Elias erfuhr, daß Sophie vorhatte, ſich nie über Berluſt ihres Freundes Mirabeau tröſten zu hwartz, Geburt u. Bildung. 1. 4 50 laſſen. Sie ſchilderte unter Thränen, wie gut er immer gegen ſie geweſen. Elias hörte mit geſpanntem Intereſſe auf Alles, was ſie von dem großen Manne erzählte. Als nun endlich Suſanna meldete, daß das Mahl angerichtet ſei, da waren Elias und Sophie ſo ver⸗ traut mit einander, als hätten ſie ſich mehrere Jahre gekannt. Im Alter von dreizehn und fünfzehn geht es leicht, gute Freunde zu werden. Man folgt dann nur den Eingebungen des Herzens und weiß nicht, was Mißtrauen heißt. Die Erfahrung hat uns noch nicht gelehrt, daß die ſchönſten Lippen lügen, und daß die freundlichſten Worte Trug und Verſtellung verbergen können. Die vier Tage, welche vom Tode Mirabeau's bis zu dem Tage, wo Sophie in Jacobs Haus einge⸗ führt wurde, verfloſſen waren, hatte letzterer dazu verwendet, zwei Zimmer für dieſe beiden Weſen, die er von Mirabau geerbt, in Stand zu ſetzen. Die Zimmer, die die ihrigen werden ſollten, hatten früher Jacobs Frau gehört, und waren ſeit vierzehn Jahren nicht bewohnt geweſen. Elias pflegte dort ein Mal jedes Jahr in Ge⸗ ſellſchaft des Vaters und der Brüder ein Gebet zu verrichten. Dies geſchah immer am Geburtstag Elias und am Todestag der Mutter Dieſes Heiligthum wurde jetzt der Tochter Deſ in eremonielles Gebot, welches zu Ehren und denken an den Todestag der Eltern von allen Juden ſoww 4 zu Hauſe wie in ihren Synagogen beobachtet wird. 51 r ſen geöffnet, welcher zweimal das Leben der Ver⸗ ſtorbenen gerettet. Jacob meinte dadurch, daß er es, ihr dieſe Wohnung überließ, Frieden und Segen herabzurufen. hl Der Eingang zu beiden Zimmern war an der Seite des Kamins am großen Geſellſchaſtsſaal. Eeine Tapetenthüre führte da hinein. 8 es in Nach dem oben geſchilderten Abend waren Sophie Fcare nd ihre Gouvernante Mitglieder von Levi⸗ c tains Familie. Jacob machte alle möglichen Arrangements, um ſeinem Schützling eine einer vornehmen Dame wür⸗ dige Erziehung zu verſchaffen. Selbſt übernahm is und leitete der ungewöhnlich reich begabte und ge bildete Jude einen Theil des Unterrichts des jungen Mädchens. Levitain hatte die Abſicht gehabt, Sophie und ihre Lehrerin den Sommer auf einem Landgut, welches einem franzöſiſchen Kaufmann gehörte, zu⸗ it bringen zu laſſen; aber er verwarf bald dieſen Plan, da er ſie nicht ſelbſt begleiten konnte. Er hatte ja demjenigen, der das Mädchen ſeiner Fürſorge anvertraute, das Verſprechen gegeben, an ihrer Seite als ein Beſchützer zu ſtehen, und er war auch entſchloſſen, ſein Wort zu halten. Genug, das dunkle Haus auf Rue. blieb auch während des Sommers der Wohnſitz der chriſtlchien Frauen. Die mehr und mehr zunehmende Gährung in der Volksſtimmung, welche auf den Tod Mirabeau's 52 gefolgt war, veranlaßte Jacob, in Allem, was So⸗ phie betraf, die äußerſte Vorſicht zu beobachten. Er hielt es für am gerathenſten, daß ſie, ganz unbemerkt von den Nachbarn, ihr Leben innerhalb der ſtillen Mauern ſeines Hauſes zubrachte. Auf dieſe Weiſe hoffte er ſie am beſten zu be⸗ ſchützen, wie nun auch die Stürme der Revolution wüthen möchten. Die Zeit verging auch ſtill und friedlich im Hauſe Jacobs. Der Schwermuth und Tiefſinn Elias' ſchienen durch die freundlichen Gefühle, welche der Umgang mit Sophie hervorrief, verſcheucht zu werden. Jacob vermuthete, daß die ſtündliche Berührung mit Jemanden im gleichen Alter wieder vollkommen Elias in das verwandeln würde, was er einſt ge⸗ weſen, nämlich ein immer fröhliches und lebens⸗ frohes Kind. Die Hoffnung treibt mit uns Allen ihre Gauke leien; wir ſind fortwährend der Spielball derſelben. Während der Friede ein Gaſt war in der jüdi⸗ ſchen Heimath, ſammelten ſich immer düſtrere und düſtrere Wolken am Himmel des öffentlichen Lebens Jeden Tag verließ Levitain ſeine Wohnung um in Geſchäften auszugehen und zu gleicher Zeit Neuigkeiten zu erfahren. Die einzige Perſon außer Jacob, welche durch das verſchloſſene Thor ging, war Suſanna, die es thun mußte, um Einkäufe für die Haushaltung 3 machen. Ob Sophie und EFlias die Bewegung in de freien Luft vermißten, wiſſen wir nicht; aber daß ſe ch 53 nie den Wunſch ausſprachen, einen Spaziergang zu machen, wiſſen wir mit Beſtimmtheit. Auch Madame Matthien war, dem Anſchein nach, mit dem abgeſchloſſenen Leben zufrieden. Sie ſchien ein für alle Mal den Entſchluß gefaßt zu haben, mit Allem, was Levitain that, zufrieden zu ſein, ohne daß ſie in irgend einer Weiſe dagegen oppo— nirte oder fragte: warum? Jacob ſeinerſeits ſuchte auch auf alle erdenkliche Weiſe den Verluſt der Freiheit und der Spaziergänge zu erſetzen. Er hatte einen großen Salon im zweiten Stock mit Blumen und üppigen Gewächſen decoriren laſſen. Die Fenſter, die nach dem Hof hinaus gingen, waren fortwährend aufgemacht, ſo daß die Luft hineinſtrömte und dieſes Zimmer in eine Art über⸗ bauten Garten verwandelte. Hier pflegten auch Elias und Sophie während der Freiſtunden Arm in Arm ſpazieren zu gehen, während ſie ihre Gedanken und Ideen austauſchten. Elias, obgleich nur ſechzehn Jahre, war wie Sophie, ſeinem Alter in Verſtand und Ernſt be⸗ deutend voran. Von Beiden konnte man gewiß noch ſagen, daß ſie in den Kinderjahren waren; aber demungeachtet hatten ihre Seelen eine Richtung genommen, welche ſie gänzlich von den heitern Freuden ihres Alters entfernten. Sie vermißten die ſorgloſe Fröhlichkeit, die ihnen eigen ſein ſollte. Ueber ihren jungen Ge⸗ müthern ruhte ein Schleier des Trübſinns. Vielleicht war es dieſe gleiche Stimmung, welche ſie ſofort an einander anzog. Nichts deſto weniger gab es eine große Ver⸗ 54 ſchiedenheit unter ihnen; denn während Elias' Schwer⸗ muth einen düſtern, oft bittern und faſt harten Charakter hatte, trug der der Sophie nur ein weh⸗ müthiges, immer mildes und träumeriſches Gepräge an ſich. Ihr Herz und ihr Gedankengang waren ſo be⸗ ſchaffen, wie man ſich vorſtellt, daß ein Heiliger in ſeiner Jugend ſein müſſe. Sie liebte die ganze Welt und hätte ohne zu klagen oder zu murren Alles erdulden können, um denen, welche unglücklich ſind, eine Freude zu erkaufen. Sie ſchwärmte ſr alles Gute und Schöne; aber es lag etwas Melancho⸗ liſches und auch etwas Ahnungsvolles in der Schwär⸗ merei, als wenn ſie nicht verſtände, was eigentlich Freude bedeute. Ihre kindliche Seele konnte ſich dieſes Erdenleben nicht anders denken als eine Prü⸗ fung. Erſt auf der andern Seite des Grabes hörte dieſe Prüfung auf und dann erſt würde die Seele eine wahre und unverkürzte Freude empfinden. Man kann von Elias und Sophie ſagen, die Eine gur Heiligen und der Andere zu einem Fa⸗ natiker beſtimmt war, welcher mit dem Stvicismus des Märtyrers ſein Leben und Blut für ſeinen Glauben und ſeine Ueberzeugung opfern würde. Wenn ihr Leben im Laufe von einigen Jah⸗ ren ſich in ſtillem Frieden entwickeln würde, dann möchte Sophiens Einwirkung auf Elias eine ganz wohlthuende werden. Ihr liebevoller und verſöh⸗ nender Geiſt würde dann unvermerkt Elias Abſchen vor den Chriſten gemildert und ihn verträglich ge macht haben; aber die Umſtände hatten es anders beſchloſſen. 55 Die kindlich reine Freundſchaft, welche Elias ſetzt für Sophie hegte, ſollte von dieſer gänzlich ver⸗ drängt und der milde Einfluß ihrer Worte vollkom⸗ men vernichtet werden. Auf das ſtille und kurze Glück, welches Elias an ihrer Seite genoſſen, ſollte das ſtrenge, unbeſtech⸗ liche Pflichtgefühl ſein Marmorgeſicht emporheben. Alles Weiche und Zarte, welches an ihm war, ſollte vernichtet werden, um nie mehr zum Leben zu er⸗ wachen. Daß Elias ein warmes und fühlendes Herz ge⸗ habt, das ſollte ihm, wenn er ſich nach allen dieſen Stürmen zum Manne entwickelt, wie ein Traum vorkommen, denn dann würde er Nichts verſtehen, als die Stimme der ſtrengen Rechtſchaffenheit und Pflicht, aber nie die zarteren Töne in der Seele der Menſchen. Während der gegenwärtigen Periode war Elias noch nicht auf dieſem traurigen Punkt angelangt. Es kam oft vor, daß er, wenn er und Sophie Abends an dem offenen Fenſter im Geſpräch ſaßen, ſeine Stirne in die Hand legte und den milden, oft wun⸗ derbar wohlklingenden Worten des jungen Mädchens lauſchte, wie einer anziehenden Muſik. Eines Abends, als ſie ſo da ſaßen und ſich unterhielten, rief er plötzlich und mit einem Seufzer: „Warum, warum mußt Du eine Chriſtin ſein? Ach Sophie, wenn Du eine Jüdin wäreſt, dann würde ich Dich herzlich lieb haben können, jetzt...“ „Kannſt Du das nicht?“ fragte Sophie mit ihrem wehmüthigen Lächeln. „Nein, es iſt, als wenn ſich zwiſchen mir und 56 Dir Euer gekreuzigter Gott emporrichtete, und dann kommt es mir vor, als wenn auch Du vom Blut beſpritzt wirſt, und ich wende mich weg von Dir mit Schaudern.— Ihr Gojim, Ihr liebt das Blut; ich— ich verabſcheue es.“ „Elias,“ unterbrach ihn Sophie mit glühenden Wangen,„Du kennſt nicht unſern Gott und Erlöſer, weil Du ſo ſprichſt; denn wenn Du ihn kännteſt, dann müßteſt Du auch verſtehen, was das Wort Chriſten in ſich begreift.“ 3 Sophie legte ihre Hand auf ſeine Schulter und fügte mit von Bewegung zitternder Stimme hinzu „Es ſchließt in ſich die höchſte Liebe, nicht allein zu Gott, ſondern auch zu allen unſern Mitmenſchen. Es iſt ein Hauch von Gottes Geiſt in unſerer Seclez das heißt, ihm näher zu ſtehen in Verträglichkeit, Verſöhnlichkeit und Barmherzigkeit, das heißt „Stille, Sophie,“ unterbrach ſie Elias mit vüſte er Heftigkeit und faßte ihre Hände.„Du haſſeſt während Du das ſagſt. Die Handlungen der Chri⸗ ſten ſind ein Hohn auf Deine Worte.“ Er ließ ihre Hände los, als wenn ihn plötzlich der Gedanke ergriffen, deß dieſe Berührung ihn ver⸗ unreinige. Er ſprang plötzlich auf und brummte: „Warum gehe ich mit Dir um, Du biſt ja doch nichts, als ein Chriſtenmädchen!“ Flias nähette ſich der Thüre. Sophie ſprang auf, ſtellte ſich vor ihn hin und ſprach; „Daß ich, das Chriſtenmädchen, nichts deſto we niger die Worte der Liebe beſſer verſtehe; als Tu. das will ich Dir gleich beweiſen.— Ich denke nie daran, daß Du Jude biſt, und nie daran, daß 2 — Sie drückte einen anderen Gott verehrſt, als meinen. Niemals h ich Dich wegen Deines Glaubens beleidigt; aber das haſt Du gegen mich gethan.— Mein Gott und Erlöſer hat mich gelehrt, daß wir ein⸗ ander gegenſeitig lieben ſollen. Er, der dies befoh⸗ len, hat auch Platz für uns Alle in ſeinem Herzen. Warum denn einander haſſen, da doch Alles, was von Gott ausgeht, uns lehrt, daß die Liebe, der Glaube und die Hoffnung ſur Alle gemeinſchaftlich ſind?— Liebe Du Gott auf Deine Weiſe; aber laß mich ihn auf meine Weiſe verehren, und verſuche Du, wie ich, ihn in Liebe anzubeten.“ Das Antlit des vierzehnjährigen Mädchens war verklärt. Beim Anblick deſſelben verſchwanden ie Schatten auf der Stirne Elias', und er ſtammelte: „Vergebe mir, daß ich Dich verletzt habe;— ich will zu vergeſſen ſuchen, daß wir nicht einen gemein⸗ ſchaftlichen Gott haben.“ „Elias, das haben wir,“ flüſterte Sophie mit einem Blick nach oben, indem ſie ihre gefalteten Hände emporſtreckte und hinzufügte:„Gott iſt einer, wir kennen ihn nur auf verſchie⸗ dene Weiſe. Wir haben deshalb denſelben Theil an ſeiner Liebe; das ſagt mir eine Stimme hier.“ die gefalteten Hände gegen die Bruſt. Nach dieſem Abend ſprach Elias nie mehr mit Sophie über religiöſe Gegenſtände. Er konnte im eit⸗ ganze Stunden ſitzen und ihren Reden thören, wie. wir egenſeitig unſere Fehler vergeben und üherſehen ſollen. Obgleich Sophie nie den Ramen Chriſti nannte, ſo ſprachen doch ihre Lippen die Lehre Chriſti aus. 58 Dieſes merkwürdige Kind, deſſen Gedanken nur auf das höchſte Weſen gerichtet waren, ſuchte, nur von ihrem Gefühl geleitet, die Gedanken des jungen jüdiſchen Knaben dem Chriſtenthum zuzuneigen. Sie that das ohne alle Ueberlegung. Sie ſprach nur von dem, was ihre Seele am meiſten beſchäftigte, und ahnte nicht, daß ſie die Rolle eines Miſſionärs im Kleinen ſpielte. Flias ſeinerſeits hörte auf die Worte und den Geiſt in ihnen mit einer Miſchung von Bitterkeit und Schmerz. Wenn Sophie von der Nächſtenliebe ſprach, da traten die Scenen von Verſailles vor ſeinen Geiſt, und er dachte:„Alle dieſe Blutdürſtigen waren auch Chriſten.“ Der tägliche Umgang mit Sophie machte indeſſen doch, daß die bittern Gefühle weniger bitter wurden; aber der Schmerz darüber, daß ſie zu der Zahl der Chriſten gehörte, wurde immer größer und größer, je mehr er ſie lieb gewann, ob⸗ gleich er ſeine Gedanken nicht lauter werden ließ.. Sophie wiederum glaubte wirklich, daß er ſich damit verſöhnt hatte, daß ſie keine Jüdin ſei. Möglich iſt es, daß er dies einſt hätte thun können, wenn die gegenwärtige Lebensweiſe fortge⸗ ſetzt worden wäre; aber wie wir bexeits angedeutet haben, die Ereigniſſe hatten es anders beſchloſſen. Die Zeit ging indeſſen ihren unaufhaltſamen Gang und etwas mehr als zwei Monate waren über das Grab Mirabeau's dahingeeilt. Die politiſchen Begebenheiten hatten den ſchwa chen Ludwig den Sechszehnten vermocht, trotz dem verunglückten Verſuch vom 18. April noch einmal von Paris zu entfliehen, indem er hoffte, daß es ihm diesmal gelingen werde. 8 Die Flucht vom 20. Juni ſollte indeſſen, wie Alles, was dieſer unglückliche Monarch unternahm, auch ungünſtig ausfallen und nur zu neuen bittern Leiden für dieſen Mann führen, deſſen Krone aus lauter Dornen beſtand. An demſelben Tage, oder am 25. Juni, an wel⸗ chem Ludwig wieder nach Paris zurückgeführt wurde und mit ſeiner Familie als Gefangener in den Luilerien bewacht werden ſollte, kehrte Jacob gegen Abend nach ſeiner Wohnung zurück. Es ruhte auf dem Geſichte des edlen Juden ein Ausdruck von Schwermuth, hervorgerufen durch die traurigen Betrachtungen, welche die mißglückte Flucht Ludwigs veranlaßt hatten. Das Schweigen und die Gleichgültigkeit, womit das Königspaar von dem Volke und der National⸗ garde empfangen wurde, hatte etwas weit mehr Niederſchlagendes, als wenn ſich ein Murren der Mißbilligung hätte vernehmen laſſen. Das Schweigen des Volkes zeigte, daß es den König als eine Größe betrachtete, die ihre Rolle aus⸗ geſpielt, und für welche ſie von jetzt an weder Haß noch Vorwürfe hatte. Hätte die conſtituirende Verſammlung den Fall benützt und Ludwig den Sechszehnten abgeſetzt, weil ſie klar einſah, daß eine Vermittlung zwiſchen dem König und der Volksfreiheit nicht mehr möglich war, dann würde viel Blut und viel Leiden nicht allein 60 der unglücklichen Königsfamilie, ſondern auch ganz Frankreich erſpart worden ſein⸗ Die gegenwärtige Gleichgültigkeit und Verachtung des Volkes gegen den König hatten dazu beigetragen, daß ein ſolcher Plan ſehr leicht von der National⸗ verſammlung hätte ausgeführt werden können, ohne daß es nothwendig geworden, ein Meer von Blut darauf folgen zu laſſen. Es wär indeſſen nicht der Wille des Schickſals, und man wird in der That gezwungen zu glauben, daß„dieſer ſchwache König, aber ſtarke Märtyrer, gleichſam durch das Loos auserſehen war, die Miſſe⸗ thaten der Väter zu ſühnen.“*) Als Jacob in ſeine Wohnung eintrat, fand er Elias allein in dem großen Geſellſchaftszimmer. gegangen, was den Alten aufgeregt hatte. 6lias ſprang auf ihn zu, indem er ausrief: „Haben die Franzoſen wieder gemordet?“ „Nein, mein Sohn; ich bin nur Zeuge geweſen, wieder zurückbrachten, und... „Sie haben ihn ermordet,“ fiel Elias ein⸗ „Nein, ſie laſſen ihn als Gefangenen in den Tuilerien bewachen.“ Jacob ſetzte ſich auf die Ottomane, zog Elias zu ſich nieder und ſprach dann mit tiefem Ernſt: „Es gibt Augenblicke im Leben, wo das, was geſchieht, uns ein Vorgefühl von dem eingibt, was *) Palis Qualis. Der erſte Blick, den er auf das ſorgenvolle An⸗ tlitz des Vaters warf, ſagte ihm, daß etwas vor ſich wie ſie den König, der zu entfliehen verſucht hatte 3 ch 61 in der Zukunft eintreffen ſoll.— Terjen ige, welcher in einem ſolchen Augenblick nicht auf die Stimmen um ſich hört, der thut Unrecht, denn der Inſtinct urtheilt oft richtiger als der Verſtand. Ein ſolches inſtinctives Gefühl hat mir heute zugeflüſtert, daß bei dem Ungewitter, welches immer mehr und mehr herannaht, ein Jeder ſich darauf bereit machen. umzukommen.— Darum, mein Sohn, will ich T heute Abend Etwas anvertrauen. Wir kennen nicht den morgigen Tag. In dem, was ich im Begriff bin Dir anzuvertrauen, liegt mir Alles, weil ich beab⸗ ſichtige, auf Deine junge Schulter die Verautwortung für eine heilige Pfl icht zu legen, im Fall der Tod Deinen Vater wegreißen ſollte von den Verpſlich⸗ tungen, welche er übernommen hat.“ Der Alte ſchwieg. Elias lehnte den Kopf gegen des Vaters Schulter, ſchlang Arm um ſeinen Hals, und flüſterte mit leibenßhefſl tlichem Schmerz: „Vater, Du machſt mein Herz zittern. O, ſpreche nicht davon, daß Du, ſo edel, ſo gut, ſo voller Liebe ein Opfer der Mordluſt dieſer Unthiere werden wirſt! Mein ganzes Inneres würde mit einem unauslöſch lichen Haß gegen Frankreich erfüllt werden, falls Einer von ihnen es wagen ſollte, Dein Silberhaar mit Blut zu beflecken.— Dann habe ich keine Pflichten mehr gegen irgend Einen von ihnen.“ „Mein Soh n wird und kann nicht ſo denken,“ fiel ihm Jacob in die Rede.„Du wäreſt dann kein Kind von meinem Blut.“ Er richtete den Kopf des Elias auf und fügte hinzu: 62 „Blicke mir grade in's Auge und antworte: Würdeſt Du es wagen, Dich gegen die Befehle Deines Vaters aufzulehnen?“ EFlias ſah fortwährend in den durchdringenden Blick ſeines Vaters und antwortete: „Ja— wenn dieſer Befehl dahin lautete, daß ich die Franzoſen lieben ſollte, wie die von meinem Stumm, dann, Vater, dann würde ich antworten: Dieſes iſt mir nicht möglich. Alles Andere, was Du mir befehlen möchteſt, wird mir eine heilige und unerläßliche Sache ſein.“ Einen Augenblick betrachtete der Vater Elias mit einem Ausdruck von Trauer; dann legte er ſeinen Kopf in die Hand und verſank in Gedanken. Eine Weile verging auf dieſe Weiſe. Auch Elias ſaß ſchweigend da. Er wagte es — nur mit einem Wort den Vater zu ſtören. Ohne ſeine Stel lung zu verändern, äußerte Jacob u einiger Zeit in einem Ton, als wenn er 8. eigenen E antworten wollte als die Worte an den Sohn richten: Ich habe das Uebel tiefe Wurzel ſclagenh laſſen, und das, ohne daß ich eine Ahnung von deſſen Vorhandenſein hatte. Mir ſelber muß ich es 3 deshalb zuſchreiben, da ich nicht genug Aufmerkſam⸗ keit den Gefühlen geſchenkt, welche ſich im Innern meines Sohnes entwickelten. Ein Fehler, deſſen Elias mich mit Recht anklagen kann! Ich habe meinen Beruf als Vater ſchlecht erfüllt. Dies iſt für mich ein bitteres Bewußtſein.“ Ein Seufzer von unend⸗ lichem Schmerz hob ſeine Bruſt. Ein Seufzer, wie ihn nur das Vutg oder Mutterherz herure 2 d — kann bei dem Gedanken, daß ſie in Beziehung auf ihre Kinder nicht Alles geweſen ſind, was ſie hätten ſein ſollen. „Vater,“ rief Elias,„ſpreche nicht dieſe traurigen Worte! Vor dem Herrn, unſerem Gott, wie vor mir und Dir ſelbſt, biſt Du ohne Schuld, falls das Gefühl des Unwillens, welches ich hege, eine Sünde iſt. Von Dir habe ich nur Gebote der Liebe gehört und Handlungen der Liebe geſehen.— Du haſt Alles gethan, um mir einzuprägen, daß wir alle Völker der Erde lieben ſollen. Daß ich nicht Deinen Worten gehorchen kann, iſt nicht Dein Fehler, Vater, ſondern der meinige. Ich wollte, aber mein wider ſtrebendes Herz vermöchte es nicht.— Die Chriſten ſind mir wie Feinde. Ihre Verbrechen widern mich an.“ „Mirabeau war ein Chriſt; Sophie iſt eine Chriſtin,“ fiel Jacob ein und blickte den Sohn an. Wieder entſtand eine Pauſe. Jacob überlegte. Als er ſich vollkommen klar geworden, wie er antworten ſollte, ſagte er: „Du biſt noch zu jung, um einzuſehen, wohin die Gefühle, welche Dich jetzt beherrſchen, führen werden. Ich will Dich darüber auftlären. Du biſt auf dem Wege, Dein Herz von Fanatismus be herrſchen zu laſſen. Dieſer erzeugt wieder Haß und Verfolgungen. Der Herr unſer Gott will, daß wir ihn verehren ſollen mit Liebe. Er wendet ſeine Blicke weg von dem, der es wagt, ſich ihm im Gebet zu nahen, während Haß gegen Mitmenſchen ſeine Seele erfüllt. Der Unwille, den Du jetzt nährſt, hat bei allen Völkern und in allen Ländern dieſe vernufſt⸗ widrigen und gräßlichen Religionsverfolgungen zur Folge gehabt, welche veranlaßten, daß wir den ge⸗ heiligten Namen Gottes als Deckmantel für die abſcheulichſten Verbrechen gebrauchten. Als das Volk Juda's verjagt und unglücklich in der Welt umher⸗ irren mußte, geſchah es, damit Leiden und Pri⸗ fungen es die Gebote der Liebe und der Nach⸗ giebigkeit lehren ſollten. Iſraels Kinder verſtan⸗ den nicht ſo die Meinung Gottes und ihre Herzen wurden verſtockt. Wenn die Chriſten ſie verfolgten, unterdrückten, plagten und erniedrigten, dann er⸗ wachte Haß und Unwille in ihrer Bruſt. Sie tonnten nicht, wie es die Franzoſen jetzt thun, ſich erheben gegen die Unterdrücker, denn dazu waren ſie zu ſchwach, aber ſie ſuchten ſich auf eine andere Art zu rächen. Der Jude hielt ſich für berechtigt, zu handeln wie es ihm beliebte, wenn er mit einen 6hriſten zu thun hatte, weil dieſer ihn mit empören⸗ der Gewiſſenloſigkeit behandelte.— Was wurde die Folge?— Erſtens, daß Iſraels Volk unterdrückt, friedlos und verachtet auf der Erde herumirri, ohne daß der Gott unſerer Väter die Laſt der ſchweren Prüfungen von deſſen Schultern genommen. — Zweitens glauben die Chriſten ein Recht zu haben, uns zu verachten als eine geringe Menſchenrace. „Der Haß der Juden hat das Beſchwindeln der Chriſten hervorgerufen, und dieſe Letzteren h dies für einen Charakterzug bei allen Iſraeliten. Die Chriſten haben dabei vergeſſen, daß ſie es ſind, welche an dieſem Fehler Schuld ſind. Der wiederum hat vergeſſen, daß man gerade gegen —.——— —— c — 6e— ———————— 65 Freunde am gewiſſenhafteſten ſein muß. Nun wohl, Elias, ich, meine Vorväter, Deine Brüder und mein ganzes Geſchlecht, wir ſind immer rechtſchaffen und ſtreng redlich geweſen, wenn wir mit den Chriſten zu thun gehabt haben, wir ſind es darum geweſen, weil wir nie gehaßt. Derjenige, welcher ſein Inneres fanatiſirt wird nicht im Stande ſein verträglich und gerecht in ſeiner Handlungsweiſe zu ſein, wenn die Frage wegen ungleichen Glaubensbekennern entſteht.“ —„Ja, Vater, das kann man! brach Elias aus und ſeine Augen leuchteten vor Stolz. Ich ver⸗ ſpreche Dir bei dem Gott meiner Väter, ſo oft ich mit den Chriſten in Berührung komme, ebenſo ſtreng rechtſchaffen wie Du zu ſein. Niemals ſoll Jemand von Jacob Levitains Sohn ſagen können, daß er unredlich gehandelt. Ich kann ſie nicht lieben; ich werde ſie vielleicht eines Tages haſſen, aber ich werde darum nie anders als gewiſſenhaft gegen ſie ſein.“ „Biſt Du mit dieſem meinem Gelübde zufrieden?“ —„Zufrieden?“ wiederholte Jacob.—„Nein, Elias, die Redlichkeit ohne Liebe iſt kalt. Doch wir wollen jetzt nicht davon ſprechen; ich hoffe, daß es bevor wir uns hier im Leben trennen, mir gelingen wird, aus Deinem jungen Herzen die Gefühle der Bitterkeit zu entfernen, welche Dich jetzt beherrſchen.“ Elias ſchwieg. Aus ſeinem ganzen Weſen konnte man indeſſen herausleſen, daß er ſelbſt keine ſolche Hoffnung nährte. Nach einer kurzen Pauſe hob Jacob wieder an: „Vielleicht wird das, was ich Dir zu ſagen habe Schwartz, Geburt u. Bildung. 5 66 etwas dazu beitragen das Unſanfte in Deiner Stimmung zu mildern. Jacob ſtreichelte Elias Wange und fügte hinzu:„Wenn ein Chriſt nicht geweſen wäre, würde Dein Vater jetzt nicht am Leben ſein.“ Jacob erzählte weiter, daß vor etwas mehr als zehn Jahren zurück, er und ſeine Frau von einigen betrunkenen Edelleuten überfallen worden ſeien, welche ſie gewaltſam von einander trennen wollten, um ſich der ungewöhnlich hübſchen Jüdin zu bemächtigen, deren Schönheit einen Eindruck auf ſie gemacht. Jacob mußte ſeinen theuerſten Schatz mit der Fauſt vertheidigen; da er aber unbewaffnet und die Edelleute bewaffnet waren, ſo dauerte es nicht lange, bis ſie ihn beſinnungslos zu Boden ſtreckten. Waffenlos und ohne Beſchützer würde ſeine Gattin gewiß weggeſchleppt worden ſein, wenn nicht in dieſem Augenblicke ein Jüngling ihr zu Hilfe ge⸗ kommen wäre, und durch ſeinen Löwenmuth, ſeine Gewandtheit und Kraft glücklich die Angreifer in die Flucht geſchlagen hätte. Dieſer Jüngling war Mirabeau. Durch Mirabeaus Fürſorge wurde Jacob in ſeine Wohnung gebracht und ärztliche Hülfe herbei⸗ geſchafft. Täglich beſuchte der junge Edelmann den Juden in deſſen Wohnung, um ſich nach dem Geſundheits⸗ zuſtand ſeines Schützlings zu erkundigen. Eine Abends, als er dort ankam, fand er das ſonſt geſchloſſene Thor offen. Auf der Treppe hörte er ſchwache Angſtrufe. Er eilte hinauf und fand Jacobs Frau, die von zwei Männern über⸗ fallen und mißhandelt wurde. 67 In dem einen der Angreifer erkannte er einen Derjenigen, aus deren Gewalt er einige Tage vor⸗ her die junge Frau gerettet hatte. Ein heftiger Kampf entbrannte. Zum zweiten Male gelang es Mirabeau als Sieger daraus hervorzugehen, obgleich nicht ohne mehre Wunden davonzutragen. Mirabeaus Gegner waren gleichwohl übel zu⸗ gerichtet worden und mußten vom Schauplatze ihrer Uebelthat weggeführt werden. Selbſt war Mirabeau gezwungen mehrere Tage das Bett zu hüten. Nach dieſem Ereigniß und als Jacob wieder her⸗ geſtellt worden, wurde das dunkle Haus mit einem ſtarken Eichenthor verſehen. Während der Krankheit Mirabeaus beſuchte Jacob täglich ſeinen Retter, dem er eine unbezahlbare Dankbarkeitsſchuld entrichten zu haben glaubte. Wiederholt flehte Jacob Mirabeau an, ihm eine Gelegenheit zu geben, ihm ſeine Erkenntlichkeit zu zeigen; aber der geiſtreiche Mann gab ihm nie eine Gelegenheit dazu.“ „Ich that dann— ſchloß Jacob— ein feierliches Gelübde, es möchte kommen, was da wolle, nie Frankreich zu verlaſſen, bevor ich meine Schuld an dieſen Mann, den ich zu gleicher Zeit liebte und be⸗ wunderte, bezahlt hätte.— Ich habe Wort gehalten. Meine Söhne ſind von dannen gezogen; aber ich bin geblieben, um meinen Eid zu erfüllen. Mira⸗ beau iſt todt;aber er hat meinen Händen ein Weſen anvertraut, auf das er die Dankbarkeitsſchuld als einzigen Reichthum vererbte. Nun wohl, Jacob Levitain wird ihr bezahlen, was er ihm ſchuldig 68 war. Meine Abſicht iſt die Sophie, ſobald die Ruhe in Frankreich wieder hergeſtellt iſt, im Schooße irgend einer geachteten franzöſiſchen Familie erziehen zu laſſen. Wenn ſie eines Tages einen Gatten wählt, dann beabſichtige ich, ihr als Mitgift den vierten Theil unſeres Vermögens, welchen ich mir bei der Theilung vorbehalten, zu übergeben. Dieſes, Flias, iſt das, was ich beſchloſſen habe, falls ich lebe. Sollte ich dagegen ſterben, bevor ich ſie andern Händen anvertraut habe, oder bevor Friede und Ruhe wieder in Frankreich blühen, dann ſollſt Du, ſo jung Du auch biſt, die Pflichten übernehmen, die ich übernommen habe. Du ſollſt waͤchen über ihre Sicherheit und ihre Jugend, ihre Erziehung bezahlen und an dem Tage, an welchem ſie ſich verheirathet. ihr den Antheil, welchen ich ihr als Heirathsgut beſtimmt, übermachen.— Jetzt, mein Sohn, mußt Du mir bei Gott feierlich geloben, daß Du alles er⸗ füllen willſt, was ich Dir aufgetragen.“ „Ich ſchwöre es Dir!“ ſagte Elias mit Ernſt, und legte ſeine Hand in die des Vaters. „Dank! Du biſt zwar nur ſechszehn Jahre alt, aber dem Verſtand und der Aufführungsweiſe nach biſt Du faſt ein Mann. Du wirſt deßhalb wie ein Mann Deinen Schwur halten; ich weiß es; denn ſonſt wäreſt Du nicht mein Kind.“ Auf dieſes Geſpräch folgte eine kurze und bündige Auseinanderſetzung der Verhältniſſe, wie ſie eben ſtanden. Levitains Bruder und Compagnon ſollten Elias bei der Verwaltung der Gelder mit Rath zur Hand gehen, falls Jacob von dannen gerufen würde, be⸗ 69 vor Elias alt genug wäre, um ſie ſelbſt zu ver⸗ walten.— Als Jacob am folgenden Morgen wie gewöhn⸗ lich ausgehen wollte, um ſeine kaufmänniſchen Ge⸗ ſchäfte zu beſorgen, bat Elias um Erlaubniß, ihm folgen zu dürfen. Von dieſem Tage an nahm Elias an der Be⸗ ſorgung der Geſchäfte Theil. Jacob ſah es mit Vergnügen, daß der Sohn ſeine Zeit und Aufmerkſamkeit dem zuwandte, welches ſein Beruf werden mußte. Die äußeren Ereigniſſe ſchienen alle ohne Intereſſe für die Bewohner des dunklen Hauſes in der Straße**. Gewiß folgte Jacob ihnen mit dem warmen und wahren Intereſſe, mit welchem jeder Freund des Fortſchritts ihnen folgen mußte; aber er ſprach nie über dieſen Gegenſtand. Der Auflauf auf dem Marsfelde hatte ſtattge⸗ funden, ohne daß Elias etwas Anderes davon er⸗ fahren hätte, als daß ein Paar Hundert Menſchen dabei das Leben verloren. Elias dachte dabei wie gewöhnlich, daß die Luſt und das Vergnügen der Franzoſen im Morden beſtände. Alle die politiſchen Umwälzungen waren ohne Intereſſe für den Jüngling. Es fiel ihm nicht ein⸗ mal ein, darüber zu reflectiren. Wer nicht Jude war, kam ihm wie einer vor, der gar nicht vorhanden war. Stillſchweigend hörte er dem Vater zu, wenn 70 dieſer die Urſachen deſſen, was ſich zutrug, und was man beabſichtigte, zu entwickeln ſuchte. Jacobs hohe und ſchöne Begriffe von den großen Zielen der Menſchheit, bewirkten, daß er die Tages⸗ ereigniſſe in ſchönerem Lichte darſtellte; weßhalb Elias das Urtheil des Vaters für unrichtig hielt. Elias ſah die Wirkungen, aber nicht die Motive, die hinter ihnen lagen, und deßhalb war alles in ſeinen Augen unnatürlich und widerlich. So iſt es immer, wenn wir ein Vorurtheil gegen Etwas haben. Das Jahr 1791 ging zu Ende und das Jahr 1792 begann, ohne daß Flias eine Ahnung davon hatte, daß dieſes nicht allein für ihn, ſondern für Frankpeich, ja für ganz Europa ſo denkwürdig werden würde 5 „* ⸗. ℳ „. S Jubet der Nationalverſammlung bei der Kriegs⸗ erklürung des Königs gegen Oeſterreich hatte eben⸗ ſo wenig zu bedeuten gehabt, wie der Tumult am 20. Juni. Das Erſtere vermochte nicht den un⸗ gluͤcklichen Ludwig zu einem Volksmann zu machen, und das Letztere richtete nichts aus in der Veto⸗ Frage. Die Jacobiner machten ſich auch bereit den mor⸗ ſchen Thron zu zermalmen. Die traurigen Nachrichten vom Kriegsſchauplatz ſchienen in der That dem Volke den Gedanken ein⸗ zugeben, daß das einzige Mittel zur Rettung darin beſtände, den König abzuſetzen. n ir n V S V 5 — 74 Um dies einzuführen, war es indeſſen nothwendig, zu dem für ein Volk ſo gefährlichen Mittel zu grei⸗ fen— das Volk aufzuwiegeln. Die Girondiſten, welche in der Nationalverſamm⸗ lung die Herrſchenden waren, wollten eine ſo conſtitu⸗ tionswidrige Handlung, wie die Abſetzung des Kö⸗ nigs, nicht zugeben; dagegen konnte man mit Sicher⸗ heit annehmen, daß ſie die Abſetzung vor ſich gehen laſſen würden, wenn derſelbe vermöge eines Volks⸗ auflaufs, in welchem das Volk ſiegte, ſtattfände. Wohlberechnet und mit einem beſtimmten Ziel vor Augen wurde nun dieſer Aufruhr vorbereitet und als deſſen Anführer war George Jacques Dan⸗ ton auserſehen, welcher ſpäter eine ſo gräßliche und blutige Berühmtheit erlangte. Wie unruhig und leicht erregbar ein Volk auch ſein mag, ſo gehört doch immer, es zu einem ſolchen Schritt zu bewegen, ein gültiger Grund, wodurch es ſich für berechtigt hält, im wahnſinnigen Zorn alle Bedenklichkeiten zu vergeſſen. Verſchiedene kleinere Scharmützeln hatten am 28. Juli ſtattgefunden; ſie waren durch die Be⸗ wohner der Vorſtädte hervorgerufen worden und deu⸗ teten klar darauf hin, daß die Stimmung eine ſo aufrühreriſche ſei, daß es nur eines höchſt unbedeu⸗ tenden Anlaſſes bedürfe, um den Sturm zum Aus⸗ bruch zu bringen. Für den Augenblick fehlte es indeſſen an einer Veranlaſſung, um die allgemeine Erbitterung auf dieſe Höhe hinaufzuſchrauben. Aber das Schickſal hatte doch auch dieſe Veran⸗ laſſung bereit. Dies ſollte das Manifeſt des Her⸗ zogs von Braunſchweig ſein, welches die Abſicht hatte, die Königsgewalt zu ſtützen, aber durch ſeinen beleidigenden und übermüthigen Ton grade die ent⸗ gegengeſetzte Wirkung hervorbrachte. In demſelben Augenblick, wo man glaubte, durch Drohungen die Franzoſen zur Beibehaltung der abſoluten Monarchie vermögen zu können, war es vorbei mit dem ganzen Thron. Der Ruf nach der Abſetzung des Königs wurde allgemein. Er ertönte in ganz Paris und hallte wieder in den Pro⸗ vinzen. Der Communalrath von Paris gab dem Bürger⸗ meiſter Petion den Auftrag, der Nationalverſamm⸗ lung die inſtändige Bitte der Hauptſtadt um die Abſetzung des Königs vorzulegen. Dieſe Bitte wurde am 3. Auguſt eingereicht. Am 10. Auguſt brach der Aufſtand los, deſſen Ausgang ganz Europa bekannt iſt Drei Tage da⸗ rauf wurde der beklagenswerthe Ludwig mit ſeiner Familie in den Tempelthurm eingeſperrt. Die Würfel waren geworfen; das Loos eines Märtyrers war ihm zugefallen. Eine Rettung gab es nicht. Nach dieſen Ereigniſſen fiel die eigentliche Macht in die Hände von Marat und Danton. Was konnte man wohl von dieſen Männern erwarten? Gewiß alle die Greuelthaten, welche folgten. Daß ſie im Namen der Freiheit und gedeckt durch deren Schild ſich alle die Grauſamkeiten, welche die Geſchichte erzählt, erlauben würden, verſteht ſich von ſelbſt. Ihr erſtes Augenmerk war auch auf die Ausrot⸗ tung der Royaliſten in der Hauptſtadt gerichtet. —— 73 Sie wagten indeſſen nicht, das Publikum mit dem beabſichtigten Blutbade bekannt zu machen, ſondern „der Sicherheitsausſchuß“ beſorgte es ganz im Stil⸗ len, daß die Stadtthore geſperrt wurden, worauf das nach verſteckten Royoliſten ſeinen Anfang nahm. Dieſe Miſſion wurde Maillard aufgetragen, der ſich bereits ein Corps von einigen hundert Mann gebildet hatte, welche dem Abſchaum der Geſellſchaft angehörten. Dieſe Elenden erhielten jezt Gelegen⸗ heit, ihren wilden und blutdürſtigen Neigungen un⸗ geſtraft die Zügel ſchießen zu laſſen. Am 29. Auguſt begann die Jagd auf die Roya⸗ liſten und wurde von dieſem Pöbelhaufen bis zum 31. fortgeſezt. Mit welcher Unparteilichkeit und Vernunft dieſe Spähereien ausgeführt wurden, wird Jedermann be⸗ greifen, da ſie ſolchen Handlangern anvertraut waren. Alle Gefängniſſe wurden von Gefangenen voll, und man mußte wegen Mangel an Raum die Klö⸗ ſter als Arreſtlokale benützen. Am 29. Auguſt war Jacob, gleich nachdem er ausgegangen, ſchleunigſt zurückgekehrt und hatte Sophie, Madame Maithien und Suſanne die Zim⸗ mer im erſten Stock verlaſſen und in den dritten hinaufziehen laſſen, wo ſie in zwei Kammern ein⸗ logirt wurden, die hinter einem großen Magazin ge⸗ legen waren.— Die Thüre zu dieſer Wohnung war ſo in der Wand angebracht, daß ein ungewohntes Auge ſie unmöglich entdecken konnte. 74 Auch den Elias hatte Jacob in dieſem Verſteck einſperren wollen, aber vergeblich. Wo der Vater war, wollte auch der Sohn ſein. Der 29. ging vorüber, ohne daß man Etwas von dem vernahm, was ſich außerhalb der Wohnung Jacobs zutrug. Selbſt der 30. war zu Ende und der Abend gekommen, als ganz plözlich drei raſche Schläge an das Thor ſich vernehmen ließen, Es war dieß das Zeichen, durch welches die Mit⸗ glieder der Familie des Levitain zu erkennen gaben, daß ſie hinein wollten und etwas Wichtiges mitzu⸗ theilen hätten. Der Einzige, welcher außer der Fa⸗ milie dieſes Zeichen kannte, war Mirabeau. Folg⸗ lich mußte es Jemand von den Verwandten Ja⸗ cobs ſein. Er ſtand auch ſchleunigſt auf, um zu öffnen und zündete ſeine Blendlaterne an. Flias wurde von einer heftigen Angſt ergriffen. ſtellte ſich zwiſchen die Thüre und den Vaier und agte: „Gehe nicht, Vater; eine Ahnung ſagt mir, daß Dir etwas Böſes droht.“ „Elias, es iſt Jemand von meiner Verwandt⸗ ſchaft, der mich ſucht; ich muß gehen.“ Jacob ſchob den Sohn bei Seite und befahl ihm ruhig zu ſein. Zum erſten Male gehorchte Elias nicht dem Be⸗ fehls ſeines Vaters. Sowie Jacob das Zimmer verlaſſen, ſtürzte Elias ihm nach, und als der erſtere den Schlüſſel in's Thorſchloß ſteckte, ſtand Elias an ſeiner Seite. Während dem waren die drei Schläge mit einer 75 Heftigkeit wiederholt worden, die große Angſt ver⸗ riethen. „Wer da?“ fragte Jacob. „Sophiens Mutter,“ antwortete eine zitternde und angſtvolle Weiberſtimme. Augenblicklich war das Thor geöffnet und herein ſtürzte eine Frau, deren Anzug ganz in Unord⸗ nung war. Zu gleicher Zeit erſchallten wilde Rufe von der Straße: „Hierher, hierher ſind ſie geflüchtet!“ Mit kräftigem Arme wollte Jacob wieder das Thor zuwerfen, aber gerade in demſelben Augenblick wurde es mit ſolcher Gewalt zurückgeſchleudert, daß er zur Seite geworfen wurde. Einige von Blut be⸗ ſchmutzte und in Lumpen gekleidete Männer, die mit Aexten und Meſſern bewaffnet waren, ſtürzten herein und ſchrieen: „Wir haben ſie und noch ein Paar andere Roya⸗ liſten dazu.“ Schmutzige und raubgierige Hände ſtreckten ſich gegen das zitternde Weib, gegen Jacob und Elias aus, um ſie zu ergreifen und in's Gefängniß zu ſchleppen. Aber der hochgewachſene Jude ſchien nicht geſonnen, ihnen ohne Widerſtand ihren Raub über⸗ iaſſen zu wollen. Er ſtellte ſich vor die Frau, welche zu ihm geflüchtet war, und gab dem Anführer einen ſo gewaltigen Schlag auf den Kopf, daß er zurück⸗ taumelte. Ein augenblicklicher wilder Kampf entſtand. Elias nahm daran Theil wie ein Raſender. Einige Secun⸗ den dauerte der Streit; dann hörte man einen gel⸗ 76 lenden Angſtſchrei eines Weibes, darauf einen unter⸗ drückten Schmerzensſchrei— und Jacob und die⸗ jenige, die er hatte beſchützen wollen, ſtürzten rück⸗ lings zu Boden. In dem Augenblick, wo die Mordwaffe ſeine Bruſt traf, hatte Jacob den Arm des Elias ergriffen. Als er zu Boden fiel, zog er den Sohn mit ſich, aber ſo, daß er ihn mit ſeinem Körper bedeckte. „Es iſt vorbei mit der ganzen Geſellſchaft,“ ſprach der Anführer. In demſelben Augenblick, in welchem Jacob ſiel, war die Laterne zerſchmettert worden, ſo daß eine vollſtändige Finſterniß die Mordſcene verhüllte. Die Banditen ſtürmten in's Haus hinauf, um einige andere Unglückliche aufzuſpüren, die ſie in's Gefängniß ſchleppen konnten. Als ſie nach Verlauf einiger Augenblicke das, was ſie ſuchten, nicht gefunden hatten, verließen ſie den Schauplatz ihrer Unthaten und begaben ſich in irgend ein anderes Haus, um dieſelben fortzuſetzen. Alles war ſtill in dem dunkeln Thorweg. Der Abendwind ſtrömte hinein und zog ſeufzend an der Blutſcene vorbei. Während einiger Augenblicke ſchien es, als wenn Alle in dieſem Hauſe geſtorben wären. Endlich hörte man einen Schmerzensſeufzer und eine faſt ſterbende Stimme, welche flüſterte: „Elias!“ 77 Auf dieſen in der Stille der Nacht geflüſterten Namen folgte eine Bewegung und eine zitternde Stimme ſtammelte: „Vater, Vater!“ „Sperre das Thore zu,“ ſagte Jacob im ſter⸗ benden Tone. Bevor Elias ſich von der Laſt des kraftloſen Körpers Levitains befreien konnte, wurde der Befehl von dem ſtarken Luftzug vollzogen; denn das Thor ſchlug zu mit einem tiefen Klang, welcher zu erken⸗ nen gab, daß es verſchloſſen ſei. Endlich war Elias auf die Beine gekommen. Er tappte zum zugeſchlagenen Thore hin, um zu unter⸗ ſuchen, ob es wirklich verſchloſſen ſei. Als er wieder zum Vater zurückkehren wollte, wäre er beinahe ausgeglitſcht auf dem vom Blut ſchlüpfrigen Boden. „Flias, Elias! meine Stunden ſind gezählt!“ ſo ließ ſich die Stimme Jacobs vernehmen, ober dießmal ſo ſchwach, daß ſie nur wie ein Flüſtern klang. Indem er ſich im Dunkeln vorfühlte gelang es Elias eine Hand ſeines Voters zu erfaſſen. Sie war beinahe kalt. „Ich ſterbe;... und Du mußt ſtark ſein. verſpreche mir das!..“ Schluchzen war die einzige Antwort die Elias geben konnte. „Kind... Dein Voter iſt.. wirſt Du ſeine Bitte.. ungehört laſſen... ſtammelte Jacob. „Ich verſpreche ſtark zu ſein.— O, mein Vater, mein theurer, geliebter Vater!“ „Wache über Sophie, aber ſei vorſichtig. lebe, 78 um meine Pflichten gegen ſie zu erfüllen;.. um meine Schuld an ſie zu bezahlen... Laſſe Nie⸗ manden ahnen, daß ſie in dieſem Hauſe verborgen iſt. Der Gott. unſerer.. Väter.. ſegne.. Dich. Liebe die die Dir. Böſes. thu Die lezten Worte ſtarben dahin in einem Röcheln, der von einem ſchmerzlichen Angſtruf des auf den Knieen liegenden Sohnes begleitet war. Dann ent⸗ ſtand eine Grabesſtille. Eine lange Weile verblieb es ſo. Endlich hörte man Tritte, als wenn Jemand ſich im Dunkeln bis an die Treppe vorfühlte und dann dieſelbe hinauf⸗ zuſteigen begänne. Kurz nachdem der Schall von den Tritten ſich verloren hatte, hörte man ſie wieder. Vom obern Theile der Treppe ſchimmerte Licht. Es wurde tie⸗ fer geſenkt und erleuchtete ganz und gar den Thorweg. Ein junger Mann, welcher einen Candelaber trug, kam zum Vorſchein. Er war in einen urſprünglich feinen und koſt⸗ baren Anzug gekleidet, der aber jetzt von Blut und Koth beſchmutzt war. Auf dem Kopfe trug er einen rothe Mütze, welche eine Menge ſchwarze ungeordnete Locken umſchloß. Das eher ſchöne als häßliche Geſicht war bleich. Ein Paar große dunkle Augen blickten mit einem eigenen drohenden Ausdruck um ſich und ruhten auf dem blutigen Gemälde, welche er jetzt beleuchtete, Sein erſter Blick fiel dabei auf die ermordete Frau, deren koſtbare Kleider zeigten, daß ſie der hö⸗ hern Geſellſchaft angehörte. 79 Er betrachtete ihr Geſicht, als wenn ſeine Augen daran feſtgezaubert wären. Nicht eines Blickes wür⸗ digte er den todten Jacob oder den über des Vaters Leiche beſinnungslos dahingeſtreckten Elias. So ſchritt er auf die blutige Gruppe zu. Als er an der Seite der Dame anlangte, ſetzte er den Candelaber nieder, beugte ein Knie und ergriff eine von den kleinen, zarten mit koſtbaren Ringen ver⸗ zierten Händen. Er ſchloß ſie in die ſeinigen und murmelte: So biſt alſo todt, Du ſchönes, ſtolzes Weib, und ich habe Dich nicht retten können. Ein ſchmerzlicher Seufzer hob ſeine Bruſt. Die kleine ſchöne Hand wurde mit den heißeſten Küſſen bedeckt, während er ſie bei den zärtlichſten Namen nannte. So vergingen einige Minuten; darauf zog er einen Ring von ihrem rechten Zeigefinger und ſetzte ihn auf ſeinen linken kleinen Finger. Mehrmals küßte er die Hand, welche er beraubt und ſagte in einem Tone voll Schmerz: Wenn Du noch einen Funken von Leben hätteſt, würdeſt Du mit Abſcheu und Verachtung den vermeſſe⸗ nen Plebejer von Dir ſtoßen. Die Berührung mit ihm würde Dich aneckeln und Du würdeſt glauben vor Scham ſterben zu müſſen, weil ſeine Lippen die Deinigen berührt; aber der Tod, Ceſarine, der Tod macht uns Alle gleich. Er iſt der größte aller Republikaner. Er richtete ihren Kopf in die Höhe, lehnte ihn gegen ſeine Bruſt und fügte hinzu: — Könnte ich in dieſem Augenblick Dein Leben 80 mit dem Verluſt des meinigen erkaufen, dann. Die geſchloſſenen Augen der Todten öffneten ſich. Ihre Blicke richteten ſich auf den jungen Mann und die bleichen Lippen flüſterten: — Ich glaube Euch, Jerome! Beim Klange dieſer Stimme zitterte der junge Mann. Er neigte ſich näher und murmelte: — Gott hat denn meine Bitte gehört. Sie wer⸗ den zum Leben zurückkehren, Marquiſin; ich wußte es wohl, daß Sie nicht ſterben könnten, nicht ſter⸗ ben dürften. — Stille, in einigen Augenblicken iſt es vorbei! Ich habe nicht ſterben können, bevor ich ſie das Kind Sophie d'Escare— Eurer Obhut... anvertraut hatte. — Befehle, Euer Wille iſt für mich wie ein Geſetz Gottes! Beſchütze Levitain und Alle von ſeinem Hauſe. Beſchütze ſie, und ich werde. bitten für Euch... und vergeben. — Paß ich Euch geliebt habe, rief Jerome in einem harmvollen Tone. — Ja.. liebet Sophien,.. ſchenket ihr die Liebe, welche Ihr mir geſchenkt..„ werdet ihre Stütze in dieſen Zeiten. Ihr ſeid mächtig. Ich bitte... benützet dieſe Macht, das arme Kind zu ſchützen... Lebwohl!... Jetzt iſt es vorbei.. Ihr habt geſiegt... Gott wache über mein.. Das letzte Wort ſtarb lautlos auf ihren Lippen. Sie ſchloß die Augen. Es entſtand ein Todeskampf 81 von einigen Minuten. Darauf bewegten ſich Ihre Lippen wieder. Es kam Jerome vor, als wenn ſie den Namen Mirabeaus flüſterte; aber ſicherlich war das ein Irrthum. Was konnte die ſtolze, dem Hofe ſo warm ergebene Marguiſin mit dem großen Volksführer gemein haben? Nichts. Nach dem Hervorſtammeln dieſes Namens, war Alles vorüber. Das Siegel des Todes war bereits auf ihre Lippen gedrückt. Jerome hielt in ſeinen Armen die blutige Leiche einer der ariſtokratiſchſten Frauen Frankreichs. Eine halbe Stunde lang verblieb Jerome unbe⸗ weglich, die Todte heftig an ſeine Bruſt gedrückt, in deren Wölbung ein heftiger Kampf ſtattfand. Als dieſer vorüber war, ſagte er: — Friede mit Deinem Staub, Du ſchönes und trauriges Traumbild meiner Jugend! In demſelben Augenblick, in welchem Jerome ſich in ſeiner vollen Länge emporrichtete, richtete ſich auch Elias auf. Der Jüngling und der junge Mann befanden ſich dadurch von Angeſicht zu Angeſicht. Ihre Augen begegneten ſich, Eine Veile blickten ſie einander an. Elias machte eine Bewegung, als wenn er Luſt hätte ſich auf den Fremden zu ſtürzen, deſſen blut⸗ beſtecktes Kleid und ſonderbare Kopfbedeckung ihm ein Ausſehen gab, welches deutlich ſagte, daß er zur Zahl der Banditen gehöre, die Levitains Haus heim⸗ geſucht hatten. Bei der Bewegung, die Glias machte, ſtreckte Schwartz Geburt u. Bildung. 1. 6 82 Jerome die Hand aus und ſagte mit ruhiger und feſter Stimme:— Mache keinen Verſuch einen Streit zwiſchen uns zu beginnen, ein ſolcher würde wahnwitzig ſein. Ihr ſeid ein Kind, ich ein Mann. Bei dem erſten Zuſammenſtoß würde ich Euch zer⸗ malmen. Es iſt mehr als genug mit dem Blute, das gefloſſen iſt. Ich will nicht das Eurige ver gießen, und am allerwenigſten in dem Augenblick, wo Ihr an der Leiche Eures Vaters und ich an der einer lieben Freundin ſtehe. Jerome zeigte auf die todte Marquiſin. — Euer Vater hat Euch ja außerdem anem⸗ pfohlen ſtark zu ſein, fuhr Jerome fort.— Nur der Ruhige und Kaltblütige kann das ſein.— Merket Euch, daß wir in einer Zeit leben, in welcher dieſe beiden Eigenſchaften unſere einzige Waffe iſt. Der junge Mann reichte Elias die Hand und fuhr fort: Mein Name iſt Jerome. Wie ich weiter heiße, kann Euch gleichgültig ſein. Genug, daß ich Euch meinen Schutz anbiete. Elias ſtützte ſich auf die Hand und murmelte: — Rühre mich nicht an; ich verabſcheue Euch. Ihr gehört zu den Mördern meines Vaters. Die Augen des Jünglings richteten ſich auf die Leiche des Alten. Die ſüberweißen Locken wa⸗ ren von Blut gefärbt. Bei dieſem Anblick warf er ſich wieder über den lebloſen Körper und brach in wilde, leidenſchaftliche Klagen aus. Jerome ſtand unbeweglich und betrachtete ihn. Ueber den Zügen des jungen Mannes ruhte ein Ausdruck kalter Verachtung. Er verglich in Ge⸗ 83 danken ſeinen Schmerz mit dem des Elias und Bei⸗ der ungleiche Kraft, den Kummer zu ertragen. Als der heftige Ausbruch ſich etwas gelegt hatte, ſtreckte Elias die Hand in die Höhe und rief: — Bei dem Gott meiner Väter ſchwöre ich, daß ich es nie vergeben, nie vergeſſen werde, daß die Chriſten Dein Blut vergoſſen, mein edler Vater.— Von dieſem Augenblick an haſſe ich ſie als meine bitterſten Feinde. Als er dieſen Schwur gethan, ſtand er auf. Eine düſtere Ruhe verbreitete ſich über ſein Ge⸗ ſicht. In einem kalten und faſt befehlenden Ton ſagte er zu Jerome: — Fort von hier! Ihr müßt jetzt zufrieden ſein, Ihr habet meinen Schmerz mit angeſehen. Gehe! Er deutete auf das Thor. Jerome blieb unbeweglich. — Wenn ich gehe, ſagte er, wohin gedenkt Ihr denn dieſe zu bringen? Er wies mit der Hand auf die beiden Leichen.. — Ihr habt kein Recht mich darnach zu fragen, was ich zu thun gedenke. Euch kommt es zu, dieſes Haus zu verlaſſen, welches Ihr betreten habt, um Euch mit Blut zu beſchmutzen. — Warum ich dieſes Haus betrat und hier ver⸗ weilte, weiß Niemand, als ich ſelbſt, antwortete Je⸗ rome. Warum ich nicht Eurer Forderung nachkomme, das werde ich Euch gleich ſagen. Die Urſache iſt — Sophie d'Escare. Euer Vater nahm Euch das Gelübde ab, ſie zu beſchützen. Einige Augen⸗ blicke darauf gab ich dasſelbe Verſprechen Derjenigen, die das Schickſal Eures Vaters getheilt. Wir he 84 auf dieſe Weiſe eine und dieſelbe Pflicht übernommen. Ihr ſeid ein Jüngling und als ſolcher ohnmächtig Euch ſelber, geſchweige Jemanden Andern zu be⸗ ſchützen. Ihr müßt deßhalb einen Bundesgenoſſen haben. Dieſer Bundesgenoſſe werde ich ſein. — Ihr und ich im Bündniß! Niemals! Ihr ein Chriſt, ich ein Jude. Wir können nichts mit einan⸗ der gemein haben. Ich bin ein Jüngling, ſagtet Ihr. Das iſt wahr; aber ebenſo wahr iſt es, daß das Weſen, welches ich zu beſchützen verſprach, Nie⸗ manden, als mich zur Stütze haben ſoll. Mein Vater hat auf mich eine Pfücht übertragen. Dieſe iſt mir zu heilig, als daß ich es Jemanden erlauben ſollte, ſie mit mir zu theilen. Gehe deßhalb, oder nehmet ſelbſt mein Leben, wenn Ihr nicht mit meiner Antwort zufrieden ſein ſolltet! Jerome ſuchte, jedoch vergebens, Elias zu be⸗ weiſen, daß er unklug und unrecht handele. Der Jüngling hörte nicht auf ſeine Worte, und Jerome ſah bald ein, wie fruchtlos es ſei hier Ueberredung anwenden zu wollen. Jeromes von Natur bewegliches und hitziges Blut begann bei dem hartnäckigen Widerſtand des Elias in Wallung zu kommen. Eine leicht zu voll⸗ ziehende Drohung ſchwebte auch auf ſeinen Lippen; aber er mäßigte ſich und ſagte nur: — Ihr ſeid ein halsſtarriges Kind. Wir wollen deßhalb keine Worte mehr verſchwenden, zumal wir in einer Zeit leben, wo die Handlung allein gilt. Nun zu einer andern Sache; die Leiche Eures Vaters muß fortgeſchafft werden. 85 Jerome hatte mit dieſen Worten den Gedanken⸗ gang des Elias auf einen für ſein Herz ſo theuren Gegenſtand gerichtet als die irdiſchen Ueberreſte ſei⸗ nes Vaters. — Ich werde ſie begraben, antwortete Elias mit Anſtrengung. — Ihr könnt ſie nicht durch dieſes Thor hinaus⸗ bringen; denn wenn man morgen oder dieſe Nacht Euch mit dieſer Leiche träfe, ſo würde man Euch als Royaliſt gefangen nehmen. Alle, die jetzt getödtet worden ſind, hält man für Royaliſten. Ihr müßt ihn deßhalb innerhalb dieſer Mauern begraben, und das ſchleunigſt. Wenn Ihr nicht darauf eingeh ſo zwingt Ihr nich, Eure Pflicht gegen den Tod zu erfüllen. Ohne die Antwort des Elias abzuwarten ging Jerome zu der Seite des Thorwegs, die nach dem Hofe zu führte. Eine halbe Stunde ſpäter ruhte der Jude Jacob Levitain und eine der ſtolzeſten Mar⸗ quiſinnen Frankreichs neben einander in dem kleinen of. Jerome hatte für die edle Dame ein eigenes„ Grab gegraben, Elias eins für ſeinen Vater. Als ſie die Gräber wieder zugeſchüttet hatten, betete Elias lange Zeit bei dem ſeines Vaters. Er betete mit dem Eifer und mit der Gluth, welche eine fanatiſche Ueberzeugung und ein fana⸗ tiſches Gefühl auszeichnet. Während dem hatte Jerome ſchweigend da ge⸗ ſtanden und düſter die Gruft betrachtet, die er ſoeben wieder mit Erde aufgefüllt. 86 Daß es nicht ein ſtilles Gebet war, welches er in Gedanken vor ſich hinflüſterte, konnte man an ſeinem Geſichte ſehen. Es ſpiegelten ſich auf dem⸗ ſelben ſowohl bittere wie traurige Betrachtungen ab.— Als Elias mit ſeinem Gebet zu Ende war, wandte er ſich an Jerome, indem er die Worte, die er ſchon mehrere Male ausgeſprochen, wiederholte: — Gehe, verlaſſe dieſes Haus! Jerome betrachtete den Jüngling mit einem langen prüfenden Blick und dachte: Der Knabe wird ſich eher in Stücke ſchneiden laſſen, als mir freiwillig Gelegenheit geben ihm bei⸗ zuſtehen. Ich muß darum Liſt anwenden. Ohne ein Wort auf die wiederholte Aufforderung des Flias zu antworten, lenkte Jerome ſeine Schritte gegen das Thor, drehte den Schlüſſel im Schloß um, öffnete und ging hinaus auf die Straße, verſchloß aber das Thor hinter ſich. Elias war ihm nachgefolgt, um zu ſchließen, aber als er die Hand gegen das Schloß ausſtreckte, hörte er, wie Jerome daſſelbe durch eine zweimalige Um⸗ drehung mit dem Schlüſſel verſchloß, den er mit ſich genommen. Nach dem Dunkel der Nacht und ihren unheim⸗ lichen Ereigniſſen folgte der Morgen. Die Strahlen des Tages fielen hinein in den Hof auf die zwei ſich dort befindenden Gräber. —— 87 Elias ſaß unbeweglich wie eine Bildſäule auf dem einen. Des jungen Menſchen Geſicht verrieth keine Spur von Schmerz; es war kalt und leblos. Es ſah aus, als wenn es in Stein gehauen geweſen. Als die Sonne bereits eine lange Strecke auf ihrer Bahn zurückgelegt, ſtand Elias auf und flü⸗ ſterte: — Jetzt heißt es: vergeſſe nicht das Verſprechen, welches Du Deinem Vater gegeben, Elias!— Alſo zum Handeln! Mit feſten Schritten verließ er den Hof und be⸗ gab ſich hinauf zu den eingeſchloſſenen Frauen. Als er zu ihnen eintrat, rief Sophie, indem ſien ihm entgegenſprang und ſeine Hände faſſen wollte: — Elias, Du biſt leichenblaß; iſt etwas Unange⸗ nehmes paſſirt?. Ohne Sophie ſeine Hände faſſen zu laſſen, ging er bei Seite, um der Berührung mit ihr zu ent⸗ gehen, und ſagte ganz kurz: — Ich weiß nicht, was ſich ereignet hat; aber mein Vater läßt ſagen, daß Sophie und Madame Matthieu ſich bereit halten ſollen, dieſes Haus im Laufe des Tages zu verlaſſen, um ſich in eine an⸗ dere Heimath zu begeben. Ich werde kommen und Euch abholen. Ohne etwas Weiteres hinzuzufügen, z0g er ſich zurück und ſchloß wieder die Thüre. Der Tag verging, ohne daß Elias wieder zum Vorſchein kam. Sophie ſaß ſtill und traurig in einer Ecke, auf jedes Geräuſch horchend, in der Hoffnung, Etwas 88 von Elias oder Jacob zu ſehen zu bekommen; aber die eine Stunde nach der andern verging, ohne daß einer von ihnen zum Vorſchein kam. Madame Mat⸗ thieu hatte Alles ſo in Ordnung gebracht, daß ſie die Wohnung, in der ſie ſo viel Freundlichkeit ge⸗ noſſen, verlaſſen könnten. Suſanna war mit der Mahlzeit beſchäftigt und verlor ſich in Vermuthungen darüber, was wohl vor ſich ginge, daß Sophie und ihre Lehrerin fort müßten. Es waren ja nur zwei Tage her, daß Suſanna mit ihren eigenen Ohren Jacob hatte ſagen hören, daß er, ſo lange die Unruhen in Frankreich fort⸗ dauerten, gar nicht daran denke, Sophie von ihrer Heimath zu trennen. Es mußte beſtimmt ſich etwas Ungewöhnliches ereignet haben; denn Vater Jacob war nicht der Mann, der das Eine ſagte und das Andere meinte. Suſanna ſchmollte darüber, daß Elias auf eine ſo unſchickliche Weiſe ſeinen Auftrag vorgebracht hatte und meinte, daß, wenn ſie den jungen Men⸗ ſchen vornähme, er gezwungen werden würde, mit der Sprache herauszurücken und Alles zu ſagen, was er wüßte. Uebrigens könne es gar nicht fehlen, daß Jacob ſelber kommen und Alles erklären würde Während Suſanna unaufhörlich Reden hielt, ſaß Sophie und grübelte. Madame Matthieu packte ihre Effecten ein und wieder aus, um Etwas zu thun zu haben und um nicht veranlaßt zu werden, auch von ihrer Seite das auszuſprechen, was ſie in Beziehung auf die gemachte Aufforderung dachte oder vermuthete. So verging der Tag und der Abend ſtellte ſich wieder ein. —— — 89 Nachdem die Dunkelheit vollſtändig die Erde in ihren ſchwarzen Mantel eingehüllt, öffnete ſich die Thüre, und Elias erſchien auf der Schwelle, wo er ſtehen blieb indem er in kurzem Tone ſagte: — Sophie und Madame Matthien werden mir folgen. Bevor eine von ihnen eine Bewegung machen konnte, ſprang Suſanna hervor und rief: — Elias, liebes Kind, was — Stille, Suſanna, keine Fragen! Hier gilt es allein, dem Befehle meines Vaters zu gehorchen. Er ſchob Suſanna zurück in das Zimmer und fügte hinzu, indem er ſich gegen die Andern wandte: — Sind Sie bereit? — Ja!— antwortete Madame Matthieu.— Wer ſoll unſere Sachen heruntertragen? — Hier ſtehen ſie.— Komm, Sophie! Glias winkte dem Mädchen, welches zu eich mit Madame Matthieu das Zimmer verließ,„chdem ſie Suſanna ein freundliches Lebewohl Zeagt. Als Elias die Thüre verſchließen wollte, ſtürzte Suſanna auf dieſelbe zu mit den Worten: — RNein, Elias, hier oben vermag ich nicht al⸗ lein zu bleiben, laß mich wieder nach unten zurück⸗ kehren. Voter Jacob kann nicht wollen, daß ich hier gefangen ſitzen ſoll. Was kann mir, einer alten Die⸗ nerin, paſſiren, wenn ich auch in unſerer alten Woh⸗ nung geſehen werde? Richts. Und wenn mir auch Etwas zuſtoßen ſollte, ſo will ich lieber das, als hier verweilen. Wo ich auch bin, trifft mich ja doch nichts Schlimmeres, als das, was der Gott meiner 90 Väter beſchloſſen hat, daß es mein Schickſal wer⸗ den ſoll. Einen Augenblick war Elias unſchlüſſig; ſagte aber nachher: — Du haſt Recht; wir können uns doch nicht verſchließen vor dem Schickſal, welches der Herr für uns beſtimmt hat. Gehe deßhalb dahin, wo Du willſt! Unter einer Bedingung indeſſen: Du darfſt unter keinerlei Vorwand dieſes Haus verlaſſen. Einige Minuten ſpäter hatte Suſanna ihm die drei Treppen heruntergeleuchtet. Als ſie hinunter⸗ gekommen waren, befahl Elias Suſanna, mit dem Lichte wieder hinaufzugehen. Erſt als der Schein davon im erſten Stocke verſchwunden war, öffnete er das Thor. Indem er den Arm Sophiens feſt faßte, ſchob er erſt Madame Matthieu hinaus auf die Straße und ſchlüpfte nachher mit Sophie hinaus. Eine halbe Stunde ſpäter hörte man raſche Tritte ſich der Wohnung des Juden nähern. Das Thor wurde geöffnet und der Ankömmling trat uner⸗ ſchrocken hinein. Suſanna, welche ſich jetzt in dem großen Fami⸗ lienzimmer befand, begann raſch verſchiedene Stühle und. Möbel in Ordnung zu ſetzen. Sie war ſo eifrig mit dieſer Arbeit beſchäftigt, daß ſie nicht hörte, wie die Thüre ſich öffnete und ein hochge⸗ wachſener Burſche eintrat. 3 91 Das Zimmer wurde von dem Licht, welches Su⸗ ſanna mitgebracht, nur ſchwach erleuchtet, ſo daß die Geſtalt, welche auf der Thünſchwelle ſtand, ſich ganz und gar im Dunkeln befand. Eine lange Weile blieb er auch unbeweglich ſtehen und betrachtete Alles um ihn herum mit einem for⸗ ſchenden Blick. Endlich trat er vor. Bei dieſer Bewegung drehte ſich Suſanna um und rief: — Herr, mein Gott, ſeid Ihr es, Vater Jacob! — Sollte ich vergeſſen haben, die vordere Thüre zu ſchließen! Sie nahm das Licht und der Schein deſſelben fiel jetzt auf den ungebetenen Gaſt. Suſanna ſchrie laut auf vor Schrecken. Vor ihr ſtand ein junger Monn, in einem einfachen, aber würdigen Anzug, deſſen Harmonie indeſſen durch eine kleine rothe Mütze, die er auf dem Kopfe trug, ge⸗ ſtört wurde. Die Angſt Suſannas bei ſeinem Anblick ſchien nicht den geringſten Eindruck auf ihn zu machen. Er trat nur näher an ſie heran und ſagte: — Führe mich zu Sophie d'Escare; ich muß ſie ſchleunigſt ſprechen. — Wie ſeid Ihr hereingekommen? Wer ſeid Ihr und welche Angelegenheit führt Euch hierher? ſchrie Suſanna. — Das geht Euch nichts an. Alles, was Ihr zu thun habt, iſt, mich zu derjenigen zu führen, die ich ſuche. So ſprach er und legte ſeine Hand auf die Schulter der alten Jüdin. 92 Suſanna warf zitternd einen Blick auf ſein Ge⸗ ſicht. Seine Miene war drohend, und im Augen⸗ blick dachte das alte Weib: — Gottlob, daß es das chriſtliche Mädchen und nicht Eines der Meinigen iſt, das er ſucht. Darauf bemerkte ſie: — Diejenige, welche Ihr ſucht, hat vor einer halben Stunde dieſes Haus verlaſſen, um nie mehr hierher zurückzukehren. — Wer hat ſie weggebracht? rief der junge Mann und umfaßte die beiden Arme Suſannas ſo heftig, daß ſie beinahe das Licht hätte fallen laſſen. Ihre Furcht, mit dem„Ungeheuer“ allein zu ſein, machte indeſſen, daß ſie den Leuchter feſthielt. — Vorwärts— antworte, Weib— rief der Fremde— oder ich bringe Deinen Mund auf ewig zum Schweigen. — Wer ſie weggebracht hat! ſtammelte Suſanna. — Niemand. Sie iſt mit ihrer Gouvernante ge- gangen. Elias hat ſie zu ihrer neuen Heimath be⸗ leitet. — Und wo, wo iſt dieſe neue Heimath? — Das weiß ich nicht, rief Suſanna weinend. Sie war vor Schreck halb todt. Jerome— denn er war es— ließ die halb todt⸗ geängſtigte Jüdin los und ſagte in vollkommen ruhigem Ton: — Es iſt alſo Elias, der ſié von hier wegge⸗ bracht hat. Gut, ich werde warten. Er warf ſich in eines der Fauteuils. Suſanna, welche ſich von dem unſanften Griff um ihre beiden Arme befreit ſah, näherte ſich der — 1 93 Thüre; aber bei dieſer Bewegung drehte Jerome ſeinen Kopf um und ſagte ganz kurz: „Nicht aus dieſem Zimmer heraus, bevor Elias zurückgekehrt iſt! Zünde Lichter an! Ich haſſe die Dunkelheit.“ Er kreuzte ſeine Arme, ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken und fiel in Gedanken. Ueber ſeine breite Stirne zogen trübe und fin⸗ ſtere Wolken, welche ſeinem ganzen Geſichte ein un⸗ gluckverkündendes Ausſehen gaben. Als Suſanng die Lichter in den Kandelabern angezündet und ihr voller Schein auf ſeine Züge fiel, hätte man in ihnen die ganze Geſchichte der Re⸗ volution leſen können. Sie erzählten von den Leiden, welche den Ver⸗ ſtand früh zur Reife gebracht und die Leidenſchaften entzündet und ausgebildet hatten; von dem glühen⸗ den Haß, welche dieſe Leiden hervorgerufen, und von einem Rachegefühl, ſo ſtreng und unverſöhnlich, wie die Schmerzen, die er ausgeſtanden, bitter und zer⸗ ſtörend geweſen. Dies Alles ſtand geſchrieben auf dem Geſichte des jungen Mannes und machte eben die Elemente aus, welche die Revolution hervorgerufen⸗ Das franzöſiſche Volk hatte ſeit Jahrhunderten einen ſo gränzenloſen Druck von der Ariſtokratie und Monarchie erlitten, daß dieſer unwillkürlich dieſen leidenſchaftlichen Haß, dieſe blinde, unverſöhnliche und unbarmherzige Rache, welche das Revolutionsjahr von 1792 auszeichnete, gebären mußte. Denkt man zurück an Alles, was dieſe Volks⸗ erhebung hervorrief, ſo muß man eben einſehen⸗ daß —— 94 das Blut, welches während Jahrhunderten vergoſſen worden war, endlich dieſes wilde Blutbad erzeugen e mußte, welches nicht allein die Septembertage, ſon⸗ dern die ganze Schreckensherrſchaft charakteriſirte. Doch, das gehört nicht hierher. Eine Stunde nach der andern verging; aber Elias kam nicht zurück, und doch blieb Jerome, unbeweg⸗ lich wie eine Bildſäule, auf demſelben Platze ſitzen. Der koſtbare Pendel erzählte mit ſeiner Metall- zunge den Gang der Zeit. Jerome ſchien nicht darauf zu achten. Keine Bewegung der Ungeduld wegen der Verzögerung war an ihm bemerkbar. Die Uhr hatte gerade zwei Nachts geſchlagen, als man hörte, wie das Thor langſam geöffnet wurde. Bei dieſem Laut ſtand Jerome auf. Wieder verſtrich eine lange Weile, bevor man Tritte auf der Treppe vernahm. Endlich ließen ſich drei Schläge an der vordern Thüre vernehmen, die Jerome hinter ſich geſchloſſen hatte. Suſanne wollte raſch öffnen, aber er deutete auf die Thüre, welche zu dem andern Zimmer führte, und ſagte: „Gehe dort hinein; ich werde ſelbſt dem Elias Levitain aufmachen.“ 1 „Ach, mein Herr, Ihr werdet doch nicht dem armen Kinde Etwas zu leide thun?“ ſagte Suſanna und ſah ihn unruhig an. 1 „Nein, nicht, wenn Ihr ſchnell gehorcht.“ Suſanna verließ das Zimmer, und Jerome ging hervor, um dem Klopfenden aufzumachen. Es war Glias. en e. n. 1 ht d S S en n 4 des Jerome ſtutzte er und blieb de negi ſtehen. S mich hier zu finden, be⸗ nerkte Jerome, be r Elias ein Wort geſag — Jör hättet das vindeſſen erwarter ſollen, er glaubtet t Ihr wirklich, daß ich wegen Eu res hals⸗ ſurtigen 2 znes Beiſtandes in Beziehung auf Sophie as Ver⸗ ſprechen, zu Gla Beim Anblick einige Augenbli Es wunder i Ihr meinem Willen egeben? cperſtehen 6 mir ein Weſen entii oren habe zu beſchützen? Elias in das das ich ge Zerdne ſo ſpra rach, war n un atte die zugeſchlof Vorzimmer getreten ge Mann ſnieg u ias: Ma 4 genug zu, Als 5 z — Neir aute mir ſie zu ſee ngegen habe ſie weggebracht. I Es wird Euch i en mich Euren Zorn aus 366 nicht gelingen Sophie d'Escare wiederzufinden. an Jerome Elias ging ſto Jer Weg dem Familienimn r Diele befand, wandt r ſich an den ſen. . letzteren und ſuge hin z St. 1. ſteht Euch frei eine Roche 3 36 fürchte — Wun, mein n mir zu he e Ihr wolle ch nicht, w ich Euc 5„hoß aſſe. u hieh hſt eig enthü nicher Anblid, dieſen mit einem Es war z6 agen. ſcnochig delbſchön nen Jünglin Blick dem hochgew wochſenen kraft⸗ 1 herausſordernd vollen Mann aen zu ſehen. nur ſeine Hand erheben dürſen und Jerome hätte n 96 um ſeinen Gegner zu v — Sie 9 ichen⸗ und Goliath. Einige 4 ub ſchie eome zu üher⸗ d 1 en, er ni allem nſte den verwegenen naben eine berleg nheit ollt kenne lernen laſſ n aber die ordeten M rquiſi ſchütze t d holte tief 2 hem, um ſein ufbrauſendes Ge⸗ t müth zu bewältigen, und ſpra rach dar mit ertämpf. ter Ruhe Ihr habt ſie alſo irge idwo verſteckt, habe ihr ein e ſichere Freiſtätte ver⸗ afft. — In irgend iſe Koſter. Dort möchte ſie— übrigens alles An ere ſein, 3 ſicher. Jeromes Blicke ruten auf Elias in der Hoß nung, daß er au dem m Aus ruc in dem Geſicht des jungen Juden einige n ziehen †5 nte, aber war und blieb unb in Marmorbild. Flias antwor rtete ni ſ zuckte nur mit den Ach hſeln Jerome fuhr fort — 6 muß; 1 ſie au uch derſect e find ie haben mögt, ſo ſoh) en, und ſoll ich ollte ich gezwungen u zu uir vchſuchen. Und nun n Lebe pe nat es„ ir nicht— Rache Eu ½ f daun wird mei 6u denn es wi e Elias Jero i Elias ei einer ornigen Blick z ging nach der aber kehrte e gleich wieder 97 Aus ſeiner Bruſttaſche zog er ein Notizbuch her⸗ zu vor, riß ein Blatt heraus und ſchrieb darauf einige Wie worauf er das Papier mit den Worten hin⸗ egte: r⸗— Sollte je irgend eine Gefahr Sophie d'Escare drohen, ſo wendet Euch an Den, deſſen Name hier n geſchrieben iſt, und ſie iſt gerettet! Das ereignißvolle Jahr 1792 ging zu Ende, ohne daß Jerome, trotz den eifrigſten und beharrlichſten Nachforſchungen, entdecken konnte, wo EFlias ſeinen Schützling verborgen. Jerome hatte jeden Schritt von Elias ausſpionirt und doch keinen Anhalt für ſeine Nachforſchungen finden können. Die Lebensweiſe des Elias war ſo regelmäßig, daß die Tage ſeines Lebens dahinſchwanden, als wenn ſie in einer und derſelben Form gegoſſen wären. Jeden Morgen verließ er ſeine Wohnung und begab ſich auf das Comptoir ſeines Onkels. Dort brachte er den ganzen Vormittag zu, kehrte ann in ſeine Wohnung zurück und verweilte dort bis zum folgenden Morgen. In derſelben Nacht, in welcher Elias Sophie wegführte, hatte er Suſanna von dem traurigen Ende des Vaters unterrichtet. Dies war mit einigen wenigen Worten geſchehen. Später gab er nur ein⸗ ſylbige Antworten auf die Fragen, die an ihn ge⸗ richtet wurden. Er war ſchweigſam und verſchloſſen⸗ Während der erſten heftigen Ausbrüche von Su⸗ Schwartz, Geburt u. Bildung. 1. 7 ſannas Thränen hatte Elias ſich in das Zimmer ſeines Vaters eingeſchloſſen, als wenn er durchaus nicht Zeuge des Schmerzes der alten Dienerin ſein wollte, da er ja doch keinen Troſt und kein freundliches Wort hatte, womit er denſelben hätte lindern können. Suſanna, welche mit der gewöhnlichen Vorliebe für ihr Volk begabt war, hatte ihren Dienſtherrn und ſeine ganze Familie geliebt, als wären ſie von ihrem eigenen Fleiſch und Blut geweſen. Jetzt da er geſtorben war und alle ſeine Kinder mit Aus⸗ nahme von Elias fort waren, übertrug ſie ſpäter all' die Liebe, welche ſie für die ganze Levitain'ſche Fa⸗ milie gehegt hatte, auf dieſen letztern. Elias wurde ihr einziger Gedanke, der einzige Zweck für welchen ſie lebte und athmete. Wenn ſie deßhalb ſah, daß ihre Trauer ihn von ihr entf nte, ſo hörte ſie auf dieſelbe zu zeigen, und hoffte daß Elias erkenntlich ſein werde für den Zwang, welchen ſie ihren Gefühlen auferlegte. Arme alte, treue Dienerin! alle Deine Bemühun⸗ gen, Deinen Liebling freundlich zu ſtimmen, ſollten unbelohnt bleiben von ſeinem Herzen, aber reichlich mit Gold bezahlt werden. Was iſt Gold für denjenigen, welcher Anhänglich⸗ keit haben will? Ein werthloſes und verächtliches Ding, das nur beweiſt, wie arm wir an Liebé ſind. Der einzige Gewinn, den Suſanna ihre An⸗ ſtrengungen eintrugen, war, daß Elias ſich nicht ein⸗ ſchloß, ſondern die Zeit, wo er zu Hauſe war, im Fämilienzimmer zubrachte, wo Suſanna ſich dann von dem Winkel aus, in welchem ſie ſaß und arbeitete, an ſeinem Anblick freuen konnte. W N— 99 Vergebens ſuchte Suſanna in ſolchen Stunden ihn zum Sprechen zu bringen. That ſie einige Fragen, ſo war die Antwort: ja oder nein. Wollte ſie einige Aeußerungen über die traurigen Ereigniſſe des Ta⸗ ges aus ihm herauslocken, ſo unterbrach er ſie ver⸗ drießlich mit den Worten:— Störe mich nicht!— Ich leſe ja! Leſen war auch das, womit er ſich früh und ſpät mit raſtloſem Eifer beſchäftigte. Jede Stunde, welche er zu Hauſe zubrachte, verwendete er auf Studiren. Die ewig ſchmerzende Wunde, welche ſein Herz durch den Tod ſeines Vaters erhalten, ſchien einzig durch ununterbrochene Arbeit und Uebung des Ver⸗ ſtandes einige Linderung zu finden. Er litt weniger von der Erinnerung, wenn der Gedanke beſchäf⸗ tigt war. Trat Suſanna auf ihn zu und legte ſchmeichelnd ihre Hand auf ſeinen ſchwarzlockigen Kopf, und nannte ihn wie ſie es in ſeiner Kindheit gepflegt, ihren lieben Jungen, da ſchob Elias die Hand weg und ſagte: Wozu dieſe Faſelei? Das mißfällt mir. Gewiß that er Suſannas Herze weh und gewiß weinte ſie manche bittere Thräne über das verän⸗ derte Weſen des Elias; aber die Hoffnung mit ihrem verrätheriſchen Gaukelbilde ſpiegelte ihr vor, daß Elias ſchon ſich ſelbſt wieder gleich werden würde, wenn er ſich nur an den Tod ſeines Vaters gewöhnt. Suſanna beſaß, wie die meiſten Frauen, mehr Herz als Verſtand, und bemerkte deshalb nicht, daß der ſiebenzehnjährige Jüngling ſehr raſch ein Mann 100 geworden. Sie las nicht in ſeinem kalten Geſicht, daß die Ereigniſſe ſein Herz mit Panzer bekleidet und zu gleicher Zeit ſein Denkvermögen entwickelt hatten. Glücklich ſie, die nichts davon merkte, ſondern noch hoffte und glaubte an die Zukunft. Indeſſen gab es doch eine Quelle ewiger Unruhe für Suſanna. Dieſe Quelle war— Jerome Sobald ſie den Fuß aus dem Thor ſetzte konnte ſie ſicher ſein, ihn zu treffen. Anfangs hatte Jerome durch die Lockungen des Goldes einige Aufklärungen von der alten Jüdin zu erlangen gehofft. Da aber dies nicht gelang, ſo wandte er Drohungen an, die er gegen Elias richtete, wenn ſie ihm nicht zu wiſſen verſchaffen könnte, wo So⸗ phie d'Escare verborgen ſei. Dies Mittel wirkte, und hätte Suſanna Etwas gewußt, ſo iſt es ziemlich gewiß, daß ſie es verra⸗ then haben würde, um ihren Liebling zu retten. Sie that nun Alles was ſie vermochte, um aus Elias herauszubringen, wo Sophie zu finden ſei; aber ebenſo gut hätte ſie erwarten können es von Jacdbs Grab zu erfahren, wie von Elias. Die Fruchtloſigkeit ihrer Bemühungen verſetzte ſie in eine beſtändige Angſt, beſonders da auf alle ihre Vorſtellungen, daß Elias ſich dadurch, daß er das Haus verließ, nicht Gefahren ausſetzen dürfte, gar keine Rückſicht genommen wurde: Auf alle ſolche Bitten antwortete Elias: Derjenige, der Deine Befürchtungen erweckt, wird ſich wohl hüten ein Haar auf meinem Haupte zu krümmen. Ich habe nichts zu fürchten. So verſtrichen die Tage und das erſte Sahr d * Schreckensregierung 1793 begann damit, daß das Haupt Ludwigs des Sechszehnten fiel. Sein unſchul⸗ diges Blut wurde ein Sühnopfer für die Miſſetha⸗ ten der Väter. Was an jenem Tag im Innern von Elias vor⸗ ging, weiß Gott allein; als er aber Abends nach Hauſe kam, nachdem er den ganzen Tag fort geweſen, war ſein Geſicht bleicher als ſonſt. Als er ſich auf die Ottomane hinwarf, murmelte er für ſich ſelbſt: Die Freiheit dieſes Volkes iſt mit Blut erkauft und wird in Blut begraben. Kälter, härter und düſterer wurden die Züge des Jünglings nach dem 21. Januar. Mit jedem dieſer blutigen Tage, die vorüber gingen, wuchs ſein F und ſeine Verachtung gegen das franzöſiſche Volk. Er verabſcheute dieſe Menſchen, deren Vergnügen die Guillotine war. Er verabſcheute die Republik und ihre Häuptlinge— die erſtere als ein Werk der letzteren, welche den niederen Klaſſen der Geſell⸗ ſchaft angehörten. Er ſah in dieſen Männern nur die Repräſentan⸗ ten des Pöbels der Vorſtädte, welche mit blutdür⸗ ſtiger Gier die Zügel der Regierung ergriffen, um ihre böſen Leidenſchaften zu ſättigen. Elias verſtand nicht oder wollte nicht die große Idee verſtehen, welche in der franzöſiſchen Revolu⸗ tion lag; darum hoßte er ſie und betrachtete die ganze franzöſiſche Nation wie eine Horde von Wil⸗ den, deren Wolluſt darin beſtand, in dieſen täglich 102 erneuerten Blutvergießungen zu leben und in ihnen einen Genuß zu finden. Dazu kam, daß es kein freundliches Weſen gab, welches mildernd auf ſeine Einſeitigkeit hätte wirken können; darum blieb die Erbitterung das einzige Gefühl, das ſeine Seele beherrſchte. Während die Stürme der Ereigniſſe Elias auf⸗ regten und die allgemeine Aufmerkſamkeit mit ſich riſſen, fuhr Jerome fort Elias zu überwachen, und dies obgleich er zu der Zahl der eifrigſten Republi⸗ kaner gehörte. Richt einen Angenblick hatte er es außer Acht gelaſſen nach dem Aufenthaltsort Sophiens zu forſchen; aber ſie war und blieb wie verſchwunden. In einer Zeit, wo Menſchenleben ſo wenig be⸗ deuten, darf man ſich nicht wundern, daß es Stun⸗ den gab, in welchen die mißlungenen Verſuche des Jerome den Gedanken hervorriefen, Elias anzugeben und ihn aufs Schaffot ſchicken zu laſſen, um ihn ſo in der Todesſtunde zu zwingen Sophie dem Schutze Jeromes anzuvertrauen. Das, was ihn davon abhielt, war keinesweges ein Gefühl von Barmherzigkeit oder Mitleid, ſondern nur der Umſtand, daß die Marquiſe ihm anem⸗ pfohlen hatte, Levitain zu beſchützen. Für Jerome blieb auf dieſe Weiſe nichts übrig, als zu warten, zu ſpähen und abzuwarten, was der Zufall thun würde, um ſich ihm gewogen zu zeigen. Seine Nachforſchungen würden vielleicht mehr Erfolg gehabt haben, wenn er diejenige, die er ſuchte, perſönlich gekannt hätte; aber Jerome hatte das junge Mädchen nie geſehen. Das erſte Mal, als er ihren Namen hörte, war damals, als ſie ihm 103 anvertraut wurde. Es war deshalb ein geſtaltloſer Schatten, dem er nachjagte. Vollkommen unbekümmert und gleichgültig wegen des Bluts, das ihre Flügel befleckte, zählte die Zeit ihre Tage und Monate.. Man befand ſich jetzt im Juli 1793. Am 11. Vormittags hatte Elias in Geſchäften einen jüdiſchen Kaufmann beſucht, welcher in der Rue des vieus Augustins im Hotel de la Provi- dence logirte. Als Elias ſich entfernte und in dem Thorweg angelangt war, wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch ein Frauenzimmer erregt, das einige Worte zu einem Aufwärter ſprach. Der Ton ihrer Stimme frappirte ihn ſo, daß er dadurch aus ſeiner gewöhnlichen Gleichgültigkeit gleichſam erwachte. Neugierig warf er einen Blick auf die Spre⸗ chende, denn ſie hatte in ihrem Klang etwas ſo Sigenthümliches, Tiefes und Muſikaliſches, daß jedes DOhr, das davon berührt wurde, ſich überraſcht füh⸗ len mußte und ſpäter nicht im Stande war die Er⸗ inner n den magiſchen Klang zu verwiſchen. Elias war auch ſtehen geblieben. Er betrachtete ſie, deren Rede Geſang war. Seit dem Tode des Vaters war das die erſte Stimme welche ſein Intereſſe zu wecken vermochte. Diejenige, welche dergeſtalt ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen, war ein junges, hochgewachſenes, 104 ſchlankes Weib, von ſo reiner und blendender Schön⸗ heit, daß der kaltblütigſte Menſch davon einge⸗ nommen werden mußte. Es lag in dieſem Geſicht mit ſeiner bleichen, blaſſen Haut, mit ſeinen dunklen Haaren, ſeiner hohen ernſten Stirne und den offenen tiefſinnigen Augen, etwas ſo Feſſelndes, daß man ſtehen bleiben mußte und dieſe Züge betrachten, auf welchen ein großer Gedanke ſein heiliges Gepräge gedrückt. Cs kam einem vor, als wenn man darin leſen könnte, daß ſie vom Schickſal beſtimmt ſei, eine ungewöhnliche und tragiſche Rolle in dem gro⸗ ßen Drama des Lebens zu ſpielen. Auf das allen andern Gefühlen verſchloſſene Innere des Elias machte ſie einen ſo lebhaften Ein⸗ druck, daß er ſelbſt, nachdem ſie ſeinen Blicken ent⸗ ſchwunden, lange Zeit unbeweglich daſtand. Er war von der Erſcheinung wie betäubt. So ſeltſam ſind die Bewegungen in unſerer Seele, daß es nur des Anblicks eines Geſichts be⸗ darf, deſſen Schönheit uns auffällt, um unſere Gedanken von Sorgen und Leiden abzulenken, und uns in einen ganz neuen Gedankengang hineinzu⸗ werfen. Flias, welcher ſeit Monaten gegen das Wohl⸗ wollen und die Zärtlichkeit ſeiner Anverwandten und Suſannas gefühllos geweſen war; er der ohne eine Miene zu verziehen ganze Schaaren von Opfer nach dem Richtplatz hatte ſchleppen ſehen, empfing durch den Anblick des ſchönen Weibes einen ſo lebendigen Eindruck, daß er wie augenblicklich von einer hefti⸗ gen Leidenſchaft ergriffen wurde. Man konnte ſagen, daß ihr Blick in ſeinem Her⸗ NM M 105 zen photographirt wurde, um nie mehr daraus zu verſchwinden. Nachdem er ziemlich lange unbeweglich geſtan⸗ den, kehrte er wieder hinein ins Hotel, um einige Aufklärungen zu erhalten. Alles, was er für den Augenblick erfahren konnte, war, daß die Schöne dort eingekehrt ſei und aus Cabn käme. Mit dieſer höchſt unvollſtändigen Nochricht ging Elias fort und begab ſich auf das Comptoir ſeines Onkels. Als die Arbeit des Tags dort zu Ende war, wanderte er nicht wie gewöhnlich nach Hauſe, ſon⸗ dern nahm den Weg nach der Rue des vieus Au- gustins. Er beſuchte einen Glaubensverwandten, welcher dort wohnte, und ſuchte durch ihn Etwas von der reiſenden Dame zu erfahren; aber auch jetzt war das, was er zu wiſſen bekam, höchſt unbedeutend; denn es beſchränkte ſich bloß darauf, daß ein junges Frauenzimmer, welches denſelben Tag angekommen war, ihr Zimmer neben dem jüdiſchen Kaufmann hatte, und daß ſie dieſes den ganzen Tag nicht ver⸗ laſſen. Am folgenden Tage nahm Elias Poſto gerade gegenüber Nr. 17. Er hatte ſich feſt vorgenommen, ſeinen Platz nicht eher zu verlaſſen, bis er wieder das Geſicht gefehen, welches er nicht vergeſſen konnte. Elias mochte etwa eine Stunde auf ſeinem Poſten geſtanden haben, da erſchien endlich ein ein⸗ fach und geſchmackvoll gekleidetes Frauenzimmer und 106 ging aus dem Wirthshaus hinaus. Es war ſie. — Ohne zu ahnen, daß Jemand auf ſie paßte, ſpa⸗ zierte ſie die Straße entlang. Elias folgte nach. Das achtzehnjährige Herz ſchlug raſch. Das jugendliche Blut und das jugendliche Ge⸗ fühl machten ihre Rechte geltend. Ihre Herrſchaft über die Seele des Elias ſollte kurz und abſolut werden. Während er in einiger Entfernung hinter ihr her ging, bewunderte er die natürliche Anmuth ihres Ganges. Er war elaſtiſch, graziös. Wer kann ſie ſein? fragte Elias ſich ſelbſt. Was ſoll dieſes reizende und einnehmende Weſen hier in dem ſcheußlichen Paris, wo jeder Stein von Blut raucht und ſelbſt die Luft von Verbrechen ver⸗ peſtet iſt. Daß ſie nicht der vornehmen Welt angehörte, glaubte Elias nicht allein aus ihrem Anzug, ſondern auch aus allem Andern, mit Ausnahme ihres Aus⸗ ſehens, ſchließen zu können. Während Elias dieſe und tauſend andere Be⸗ trachtungen anſtellte, ausgenommen eine einzige, die nämlich: daß ſie eine Chriſtin ſei, waren ſie in einer Straße angelangt, in welcher ſich die Woh⸗ nung Duperrets befand. Die Dame ging in das Haus hinein, welches dieſer bewohnte. Elias wartete in der Hoffnung, daß ſie recht bald wieder herauskommen würde. Nach einer Weile erſchien ſie wirklich wieder und kehrte zurück in das Wirthshaus. 107 Elias hatte ſich dießmal nicht damit begnügt hin⸗ ter ihr her zu gehen, ſondern wanderte neben ihr auf der anderen Seite der Straße. Das junge Weib war viel zu vertieft in ihre Gedanken, um darauf Acht zu geben, daß der junge Mann ſie mit unverwandten Blicken fixirte. Als Elias geſehen hatte, daß ſie im Hotel ver⸗ ſchwunden war, begab er ſich auf das Comptoir ſei⸗ nes Onkels, wo er ſchweigend und in ſich ſelbſt ver⸗ ſchloſſen ſeinen Platz einnahm. Die Gewohnheit an die Eigenheiten des Elias machte, daß Niemand bemerkte daß er ſpät kam. Um halb ſechs Uhr finden wir ihn in der Rue des vieus Augustins promenirend. Er war eben im Begriff mit ſich ſelber zu über⸗ legen, ob er ins Wirthshaus hineingehen ſollte, um ſich zu wiſſen zu verſchaffen, wer das Ziel ſeines Intereſſes ſei; aber nach einer Weile ſtand er davon ab, zu dieſem Ausweg ſeine Zuflucht zu nehmen. In der Zeit, in welcher er lebte, ſchloß jede Frage eine Gefahr in ſich; denn dadurch konnte er die Auf⸗ merkſamkeit und ſelbſt den Verdacht auf die Unge⸗ kannte lenken, die ſehr leicht eine verkleidete Ariſto⸗ kratin ſein konnte. Indeſſen war die Uhr ſechs geworden und die Dame von Caön trat auf die Straße. Sie nahm denſelben Weg, wie Vormittags. Elias folgte ihr. Dieſer Beſuch bei Duperret dauerte etwas länger, als der erſte. Als ſie wieder auf die Straße trat, war die Wölbung der Stirne noch gedankenvoller und der Ausdruck ihres Blicks ein trauriger. 108 — Sie iſt unglücklich,— dachte Elias, und er hätte viel darum gegeben, das Recht zu haben, ſie anzureden; aber ein Gefühl heiliger Achtung hielt ihn davon ab, mit jugendlicher Unbeſonnenheit ſich der Unbekannten zu nähern. Den Tag darauf finden wir wieder Elias in der Rue des vieux Augustins und um das Hotel de la Providence herumſpähend. Er war ganz anders angezogen, als die vorher⸗ gehenden Tage und trug über ſeinem vollen Haar eine wohlgepuderte Perücke, die ihn ganz unkenntlich machte. Ganz früh am Morgen ſah er Duperret in das Hotel hineingehen. Einige Augenblicke darauf ſah man ihn daſſelbe verlaſſen, gefolgt von dem Ziel von Elias Intereſſe. Elias trat in die Wirthsſtube, und ließ ſich un⸗ ter dem Schein Zeitungen zu leſen und etwas zu verzehren, an einem der Fenſter nieder, um von da aus Acht darauf zu geben, wann ſie wieder käme. Es dauerte nicht beſonders lange, bevor er ſie und Duperret auf der Straße zu Geſicht bekam. Ei⸗ ligſt bezahlte er was er ſich hatte vorſetzen laſſen, aber nicht mit ſeinen Lippen angerührt. Darauf eilte er hinaus. Er blieb jedoch in einem dunkeln Winkel des Thorwegs ſtehen. Die Dame erſchien. Sie ſagte Duperret Lebwohl, worauf dieſer ſich eiligſt entfernte. Sie hielt ſich einen Augenblick im Thorwege auf, ohne Elias zu bemerken. Als ihr verabſchiedeter ——*— — 3 109 Begleiter ſich entfernt hatte, trat ſie wieder hinaus auf die Straße. Elias eilte ihr nach. Am Ende der Straße des vieus Kugustins holte er ſie ein und wollte grade an ihr vorbeigehen, als ſie ſtehen blieb und ein ſchlecht gekleidetes Weib nach dem nächſten Weg zum Palais Royal fragte. Bevor die Antwort über die Lippen des Weibes kam, ſagte Elias: — Wenn Sie es erlauben Madame, werde ich Sie dahin begleiten, denn mein Weg führt mich ge⸗ rade nach dem Palais Royal. Die Dame donkte mit einem verbindlichen Lä⸗ cheln, das ſie noch ſchöner machte. Elias' Augen waren gefeſſelt an dieſes Geſicht, das er ſpäter in ſeinem langen Leben nie mehr ver⸗ geſſen ſollte, und das in ſeinem Herzen eine ſo plötz liche und heftige Leidenſchaft entzündet hatte, daß dieſe wenige Tage alte Liebe es ihm unmöglich machen ſollte, eine anderes Weib zu lieben. Die erſten Accorde der Liebe waren ſo heftig auf den Saiten der Seele geſpielt worden, daß ſie ſprangen. Zuſammenſchauernd bei dem Genuß des Schauens in dieſe Augen, die eine Minute tief blau waren, wie die Oberfläche des Meeres an einem klaren Sommertag, die andere wieder dunkel wie die Nacht, und immer leuchtend durch ihren eigenen Glanz— ſprach Elias von ganz gleichgültigen Dingen mit einer Ungezwungenheit, die zum Erſtaunen war. Nebenbei und ohne daß Elias es merkte brachte 5 die Dame die Rede auf Marat. 110 Elias verabſcheute dieſe Mißgeburt, die für den Augenblick der Abgott des Pöbels war; aber deſſen ungeachtet fällte er nie ein Urtheil über den Freund des Volkes. Obgleich jung, ſo hatte Elias doch von den Ver⸗ hältniſſen Vorſicht gelernt. Er wußte, daß ein ein⸗ ziges mißbilligendes Wort über dieſen Tiger in Menſchengeſtalt, dasſelbe ſein würde, als ſein eigenes Todesurtheil fällen. Es war nicht aus Rückſicht auf ſein eigenes Ich, daß Elias dieſe von der Klugheit dictirte Handlungs⸗ weiſe beobachtete, ſondern weil der Vater ihm eine heilige Schuld und verantwortungsvolle Fflicht hin⸗ terlaſſen. Den Händen des Elias hatte ja Jacob die Tochter Mirabeaus anvertraut. Elias faßte nämlich das Teſtament ſo auf, daß der Vater nicht einmal ſeinem Bruder etwas in Be⸗ treff dieſer Sache geſagt, ſondern die ganze Verant⸗ wortlichkeit für die Zukunft und Sicherheit des jungen Mädchens allein dem Sohne auferlegt. Er mußte darum vorſichtig ſein, um das Leben zu behalten und als Stütze und Schutz für Sophie dazuſtehen. Als deßhalb die Unbekannte einige Fragen an ihn richtete, beſchränkte Elias ſich darauf zu erwäh⸗ nen, daß Marat nicht mehr den Convent beſuche und von einer zehrenden Krankheit heimgeſucht werde u. ſ. w. Darauf zeichnete er mit einigen Zügen Marats unermüdliche Wirkſamkeit, ſeine große Popularität und fügte mit einer eigenen Betonung hinzu: — Sie werden aus Allem dieſem ſehen, daß der Freund des Volkes deſſen Abgott ſein muß. N d,— ten darauf ſchlich Elias ihr ganz 111 — Ja, ich finde, daß er ſehr mächtig iſt, ant⸗ wortete die Dame und vertauſchte den Gegenſtand des Geſprächs mit einem ondern. Derjenige, welcher gewohnt war Elias ſchweig⸗ ſam, verſchloſſen und leuteſcheu zu ſehen, würde ihn ſchwerlich wieder erkannt haben. Sein Urtheil über die Gegenſtände, die er beſprach, zeigten von einer Bildung und von Geiſtesgaben, die weit über ſein Alter hinausgingen. Gewiß lag bisweilen eine kalte Bitterkeit, eine höhniſche Ironie in ſeinen Worten; aber diejenige, welche ihm jetzt zuhörte, bemerkte das nicht. Als ſie am Palais Royal angelangt waren, ſagte ſie ihm Lebwohl und ſezte einen verbindlichen Dank für den Dienſt hinzu, welchen er ihr erwieſen hatte. Sie that das Alles auf eine artige Weiſe, obgleich mit einer ſolchen Beſtimmtheit im Ton, daß es Elias unmöglich wurde, ihr kurzes aber angeneh⸗ mes Zuſammenſein zu verlängern. Elias verſuchte es auch nicht, ſondern verbeugte ſich achtungsvoll, indem er mit bewegter Stimme den Wunſch hervorſtammelte, ihren Namen kennen zu lernen.. — Ihr wollt wiſſen wer ich bin, verſetzte die Dame mit einem traurigen Lächeln.— Ich im Ge⸗ gentheil wünſche es Euch heute nicht ſagen zu müſſen. Ich bin ein unbedeutendes Mädchen von Caön, das Euch verpflichtet iſt für die Höflichkeit, die Ihr mir eigt habt; laßt dies genug ſein. Adieu! Sie ging in den Garten hinein. Einige Minu⸗ unbemerkt nach. „ Er hatte die Perücke abgenommen und beobachtete ſie jetzt in der Entfernung, um herauszufinden, wo ſie hin wollte. Dhne den Gegenſtänden, die ſeine Blicke hätten feſſeln ſollen, irgend eine Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken, nahm das junge Weib ſeinen Weg nach einer der Gallerien. Elias ſah ſie in einen Laden hin⸗ eintreten. Den Hut tief in die Augen gedrückt, eilte er nach der Stelle hin, wo ſie ihre Einkäufe zu machen beabſichtigte. Er wurde etwas überraſcht, als er fand, daß es ein Meſſerſchmiedladen ſei. EFlias blieb jedoch vor dem Fenſter ſtehen und ſchien mit Kennermiene ein Vorlegemeſſer mit einer breiten Klinge zu betrachten. Dies verhinderte ihn nicht, einige Blicke durch das Fenſter zu werfen, um heraus zu bekommen, was ſich im Laden zutrug. Er ſah denn auch, wie die Unbekannte ein blan⸗ kes Dolchmeſſer mit Ebenholzgriff auswählte. Nach⸗ dem ſie dieſes gekauft, entfernte ſie ſich und paſſirte dicht an Elias vorbei, ohne ihn anzuſehen. Sie kehrte zurück in den Garten und nahm dort Platz auf einer Bank. Nachdem ſie ſich dort einige Minuten ausgeruht hatte, ſetzte ſie ihren Weg nach ihrer Wohnung fort. 113 Als Elias ſah, daß ſie in ihre Wohnung zurüc⸗ kehrte, hielt er es für ausgemacht, daß ſie wie an den vorhergehenden Tagen, den Nachmittag in ihrem Logis bleiben würde. Er ging deßhalb, um einige dringende Geſchäfte zu beſorgen und erſchien erſt um die Sechsuhrzeit aufs Neue vor dem Hotel de la Pro- vidence. Eine ganze Stunde wanderte Elias auf und ab ohne das Geringſte von Derjenigen zu ſehen zu be⸗ kommen, derenwegen er alle dieſe Schritte that. Er fing ſchon an zu fürchten daß er ſie heute nicht zu ſehen bekommen würde, als zu ſeiner unbe⸗ ſchreiblichen“ Freude ein Frauenzimmer im Thore des Wirthshauſes erſchien. Elias eilt hervor, nimmt den Hut ab und grüßt höflich. Das Ausſehen der Dame war gedankenvoll und ſo ernſt und entſchloſſen, daß ihr Geſicht ihm ſogar ſtreng vorkam. Als Elias grüßte, ſchien ſie überraſcht und ſah ihn mit einer Miene an, die deutlich verrieth, daß ſeine Perſon vollſtändig aus ihrem Gedächtniß ver⸗ ſchwunden ſei. — Ach Madame— ſprach Elias, als er merkte daß er nicht wieder erkannt ſei—„es ſind nur einige Stunden her, daß ich das Glück hatte Ihr Wegweiſer zu ſein, und Sie kennen mich nicht mehr.“ „Vergeben Sie mir meine Vergeßlichkeit, die ſich nur auf Ihr Aeußeres beſchränkte!“ ſagte die Schwartz, Geburt u. Lildung. 1. 8 114 Dame freundlich.„Den Dienſt, den Sie mir er⸗ wieſen, habe ich dagegen friſch im Gedächtniß.“ „Ich danke Ihnen,“ ſtammelte Elias mit einiger Bewegung und fügte dann mit unſicherer Stimme hinzu: „Sie haben mir heute eine Bitte abgeſchlagen, die ich an Sie zu richten wagte; trotz dem habe ich jetzt eine ganze Stunde hier gewartet, um Ihnen eine andere vorzutragen.“ „Und worauf bezieht ſich dieſe?“ „Daß Sie mir erlauben während Ihres Aufent⸗ haltes in Paris Ihr Begleiter zu ſein. Sie ſind fremd, Sie kennen die große Stadt nicht; ich dage⸗ gen bin hier geboren und erzogen. Gönnen Sie mir das Glück, um welches ich bitte, und ich werde mich mein ganzes Leben lang als Ihren Schuld⸗ ner betrachten. Ich werde mich in der Entfernung halten, wenn Sie es ſo verlangen, ich werde ſchwei⸗ gen und Sie nicht im Mindeſten beläſtigen, wenn ich bloß in Ihrer Nähe ſein darf. Ach, Madame, ſchlagen Sie mir meine Bitte nicht ab, ſie ſchließt in ſich die einzige Freude, die ich von dem Leben begehre.“ Es lag in den Blicken und in jedem Geſichts⸗ zug des Jünglings ein Ausdruck von ſo vieler Ach⸗ tung, Bewunderung uud Hingebung, daß er un⸗ willkürlich ein Weib rühren mußte. Die Unbekannte war auch ſtehen geblieben. Als er ſchwieg, reichte ſie ihm ihre Hand mit einem ſchmerzlichen Lächeln und ſagte: „Was Sie verlangen, erfordert Ehre und Pflicht Ihnen abzuſchlagen. Sie hätten einſehen müſſen, 11⁵ daß meine Weigerung, Ihnen meinen Namen zu ſagen, den Wunſch in ſich ſchloß, daß unſere Wege r ſich nicht mehr begegnen möchten. Jetzt zwingen Sie e mich meiner Seits inſtändigſt darum zu bitten, Sie ſich mir nie mehr zu nähern. Sie ſind jung, Ihr Name darf nicht mit dem meinigen in Verbin⸗ gebracht werden. Leben Sie wohl, wir tren⸗ nen uns für immer! Mag Gott Sie beſchützen! Elias ergriff die dargereichte Hand, und obgleich ſie ſich mitten auf der Straße befanden, führte er ſie doch raſch an ſeine Lippen. In demſelben Augenblick, in welchem er ſie los⸗ ließ, fuhr ein leerer Miethswagen vorbei. Die Dame winkte dem Kutſcher zu halten. Sie nickte noch einmal mit dem Kopfe zum Abſchied, ſtieg in den Wagen und gab Befehl, ſie nach Rue des Cordeliers zu fahren. Mit dem Gefühl heftiger Schmerzen ſah Elias den Wagen von dannen rollen. 8 „Wir trennen uns jetzt für immer,“ rief er, als der Wagen ſeinen Blicken entſchwunden war.— Nein, ſtolzes ſchönes Weib; ſollte ich auch ge⸗ zwungen ſein mich in Deinen Fußſtapfen zu ſchlep⸗ pen, ſo ſollen meine Augen doch den Genuß haben, ⸗ Dich zu ſehen.“ „Rue des Cordeliers,“ wiederholte er in Ge⸗ danken, nachdem er eine Weile unbeweglich dage⸗ ſtanden. Er fuhr zuſammen, als wenn dieſer Name ſei⸗ nen Gedanken eine beſtimmte Richtung gegeben. Mit ſchnellen Schritten ſchritt er weiter, um die⸗ ſelbe Richtung wie der Wagen einzuſchlagen. 116 Die Vernunft ſagte ihm gewiß, wie wahnwitzig es ſei, Diejenige zu verfolgen, welche ihn auf eine ſo beſtimmte Weiſe verabſchiedet hatte; aber in einem Alter von achtzehn Jahren hat das Ge⸗ fühl gewöhnlich ein ſo entſchiedenes Uebergewicht, daß die Vernunft ſich demſelben unterordnen muß. Erſt die Jahre und die Erfahrung lehren uns, daß ſie ſpäter der Dictator unſerer Hondlungen ſein muß. Jetzt gehorchte Elias gänzlich der Stimme des Gefühls und wanderte deßhalb nach der Rue des Cordeliers. Dort wohnte ja Marat. Er wußte ſelbſt nicht, warum der Gedanke an den Freund des Volkes in demſelben Augenblick in ſeiner Seele auftauchte, in welchem er den Namen der Straße hörte, in der er wohnte. Hunderte von Menſchen wohnten ja eben auch ſtellung losreißen, daß die Unbekannte ſich zu ihm begebe, den er als eine Mißgeburt ſo tief verabſcheute. Sein Inneres wurde dabei von einer guälenden Ahnung ergriffen, daß ihr irgend etwas Böſes zu⸗ ſtoßen möchte. jedem Augenblick lebendiger und lebendiger wurden, beſchleunigte er ſeine Schritte. eilte direct nach Nr. 20, der Wohnung Mogts Vor dem Thore ſtand ein Miethswagen. Während dieſe Einbildungen und Ahnungen mit Endlich erreichte er die Rue des Cordeliers. Er lias beſah ſich dieſen. Es war derſelbe, in welchen ſie dort, und doch konnte Elias ſich nicht von der Vor⸗ „ „— 117 8 eingeſtiegen, ſo kam es ihm vor. Um ſicher zu ſein, ging er zum Kutſcher und fragte: „Wer benutzt dieſes Fuhrwerk, Bürger?“ „Eine junge Bürgerin,“ war die Antwort. Das Herz des Elias wurde von einer entſetzlichen Angſt zuſammengeſchnürt. Eine Weile ſtand er un⸗ entſchloſſen, ohne den Muth zu haben, noch weitere Fragen an den Kutſcher zu richten und nicht im Stande einen Entſchluß zu faſſen. Ohne Zweifel hat ſie ſich, dachte Elias, an Ma⸗ rat gewandt, um ihn um Gnade für irgend einen Verwandten zu betteln.— Die Unglückliche— fuhr er in Gedanken fort— weiß nicht, daß eine Für⸗ bitte einer Anklage gleich kommt. Sie wird ſich ins Verderben ſtürzen, und ich, ich kann nichts zu ihrer Rettung thun. A In demſelben Nu wurde ein wildes Geſchrei aus dem Hauſe gehört. Ein entſetzlicher Tumult entſtand darin. Es wurden Rufe des Schmerzes, der Verzweiflung und des Zornes aus dem Hauſe Marats vernommen. Die Vorbeigehenden und die Nachbarn ſtürzten die Treppe hinauf und in ſein Zimmer. Daß Elias einer der Erſten war, welche hinauf⸗ ſtürmten, verſteht ſich von ſelbſt. Als er in dem Saal Marats ankam, fand Elias und das von der Straße eindringende Volk das Kabinet Marats ganz mit Menſchen angefüllt. Es waren die Bewohner des Hauſes, die auf das erſte Geſchrei ſich beeilt hatten, ſich von deſſen Urſache zu unterrichten. — Marat iſt im Bade von einem Weibe ermor⸗ unterſcheiden konnte. det worden! waren die erſten Worte, welche Elias Dieſe Worte, welche ſich durch das Getümmel und die Verwirrung Bahn brachen, riefen das wahn⸗ ſinnigſte Geſchrei nach Rache hervor. Elias erinnerte ſich gleich des Ladens im Pa⸗ lais Royale und des Dolchmeſſers, welches die Un⸗ bekannte gekauft. „Es iſt ein junges Weib, welches die abſcheu⸗ That begangen,“ fügten Einige erläuternd inzu. „Sie hat ihn im Bade niedergeſtoßen,“ bemerk⸗ ten Andere. Binnen wenigen Minuten waren die Treppe, der Hof und die Straße mit einer unruhig wogen⸗ den Volksmenge angefüllt, die brüllend die Auslie⸗ ferung der Mörderin forderten, damit ſie ſie in Stücke zerreißen könnten. Elias, dem es trotz aller Anſtrengung nicht ge⸗ lang weiter als bis in den Saal hineinzudringen, entging der Anblick des Bildes, welches das Bade⸗ zimmer darbot. In der von Blut gefärbten Badewanne lag der lebloſe Körper Marats. Er ſah in der That aus, als wenn er in ſeinem eigenen Blut ertränkt wäre, nachdem er mit ſo großer Wolluſt das Anderer vergoſſen. Auf dem Boden lag beſinnungslos ausgeſtreckt das junge ſchöne Weib, welches, von einem fana⸗ tiſchen Patriotismus getrieben, dem Leben des Un⸗ geheuers ein Ende gemacht. Marats Factor, welcher zu gleicher Zeit mit — 119 der Haushälterin Albertine und einer Dienerin auf den Ruf ſeines Herrn in das Zimmer hineingeſtürzt war, hatte, als er die Mörderin entdeckte, ihr mit einem Stuhl einen ſo heftigen Schlag auf den Kopf gegeben, daß ſie beſinnungslos zu Boden ſtürzte. Albertine, die Geliebte Marats, trat im Aus⸗ bruche ihres wilden Schmerzes die Ohnmächtige mit Füßen, indem ſie die gräßlichſten Verwünſchungen über ſie ausſchüttete. Dem Flias war all das Gräßliche dieſer Scene erſpart. Er hörte die Flüche und machte einen vergeb⸗ lichen Verſuch hineinzukommen, um wenn nöthig, ſich ſelbſt von dieſen Unthieren in Stücke zerreißen zu laſſen, falls ſie es wagen ſollten ein Haar an ihrem Haupte zu krümmen. Von der nächſten Wache kamen indeſſen Solda⸗ ten und Nationalgardiſten, ſo daß die Bajonnette ein Schild gegen die Raſerei des Volkes und ein Schutz für die Unglückliche wurden. Selbſt Aerzte fanden ſich ein. Man brachte den Ermordeten aus dem Bade in ein Bett, wo man, obgleich zu ſpät, die Wunde zu verbinden ſuchte. Marat hatte bereits ſeinen letzten Athemzug gethan. Wer ihm den Todesſtoß gab, weiß die Geſchichte, welche den Namen der heldenmüthigen Charlotte Corday der Nachwelt aufbewahrt hat. Die ſchöne Unbekannte aus dem Hotel de la Prordence, welche Elias ſeit zwei Lagen mit einer eben ſo heftigen wie plötzlichen Leidenſchaft liebte, war keine andere, als die junge Rächerin aus Caön. 5 Dein Leben koſten ſollte, ſo kann ich nicht gehen, Bei der Ankunft der Soldaten und Aerzte gelang es endlich Elias hineinzukommen, ſo daß er Char⸗ lotte zu ſehen bekam, und zwar gerade in dem Augenblick, wo ſie ſich von ihrer Ohnmacht erholte. Als ſie wieder vollkommen zur Beſinnung ge⸗ kommen, faßten zwei Soldaten ihre Arme und legten ſie kreuzweiſe auf den Rücken, während ein Dritter ſie mit einem Tau zuſammenſchnürte. Der Anblick hiervon rief bei Elias einen Schrei des Zornes hervor. Er wollte ſich über die Solda⸗ ten ſtürzen. Die Luſt mit ſeinen Zähnen ſie zu zerreißen, ergriff den Jüngling in dem Augenblick, als dieſe groben Hände ſie berührten. Jemand faßte haſtig ſeinen Arm und eine Stimme flüſterte: „Beim Andenken an Deinen Vater, Elias, ſei ruhig und ſchweige!“ Elias zitterte. Die Stimme war ihm zu bekannt, daß er ſie nicht ſogleich hätte wieder erkennen ſollen, obgleich er ſeit den letzt verfloſſenen zwei Tagen gänzlich die Eigenthümerin derſelben vergeſſen hatte. Ohne ſeinen Blick auf die zu richten, welche ſei⸗ nen Arm feſt umklammerte, ſtammelte er, während ſeine Augen am Geſichte Charlottens feſthingen, in düſterem Tone: „Sophie, Du hier, wie kommſt Du hierher?“ „Begleite mich weg von hier, dann werde ich es Dir ſagen,“ flüſterte Sophie. „Unmöglich!“ brach Elias aus. „Elias, ich bitte Dich flehentlich.“ „Bitte mich nicht; denn, wenn es auch mein und 12¹ bevor ich weiß, ob ſie der Raſerei dieſer Menſchen entkommen iſt.“ In dem Tone, in welchem dies geſprochen wurde, lag ein vollſtändiges Geſtändniß. Ein leichter und unterdrückter Seufzer hob ihren Buſen. Sie ſchwieg, ſchloß ſich aber feſter an Elias. In dem Blick, mit welchem ſie ihn betrachtete, lag ſo viel Entſchloſſenheit, daß derſelbe wohl zeigte, daß ſie nicht beabſichtigte, von ſeiner Seite zu weichen. Der zunehmende Lärm, der geſteigerte Zorn des Volks und die Schwierigkeit für die Soldaten, die Maſſe zurückzuhalten, daß ſie ſich nicht über ihre Gefangene herſtürzte— alles dies machte, daß Elias bald diejenige vergaß, welche ihn am Arme feſthielt. Er ſpürte nicht, daß ihre kleinen Hände ſeinen Arm umfaßten. Seine ganze Seele, alle ſeine Ge⸗ danken und jede Fiber ſeines Weſens waren bei der Gefangenen. Einmal, während man ſie mit Schimpfwörtern überhäufte und drohend die geballten Fäuſte gegen ſie ausſtreckte, fiel Charlottens ruhiger, unerſchrockener Blick auf Elias. Daß ſie ihn beim erſten Blick wieder erkannt hatte, ſah man an der Röthe, die ihre bleichen Wangen färbte. Einige Secunden ruhten ihre Augen auf ihm. Es lag ein Ausdruck von Unruhe und Schmerz in ihnen. Elias ſah, daß es ihr wehthat, ihn hier wieder zu finden. Sie fürchtete offenbar, daß er ſich irgend einer Gefahr ausſetzen möchte. Ohne über das, was er that, nachzudenken, und nur der Eingebung ſeines Gefühls gehorchend, legte 122 Elias die Hand auf's Herz, um ihr durch dieſe Be⸗ wegung zu erkennen zu geben, daß unter dieſer Volks⸗ maſſe, welche in rachſüchtiger Raſerei um ſie herum brüllte, ſich doch ein ihr ergebenes Herz fände. Verſtand Charlotte dieſe ſtumme Verſicherung? Es ſah ſo aus; denn ſie neigte ihren ſchönen Kopf mit einem frommen Lächeln. Auf dieſe Weiſe dankte ſie ihm für die Theilnahme, die auf ſeinem ganzen Geſichte zu leſen war. Hierauf wandte ſie ihren Blick von ihm und richtete ihn auf eine Perſon aus dem Haufen, welcher das blutige Meſſer aufgehoben hatte; dann hielt dieſer Mann, ein Perückenmacher Namens Langlois, indem er das Meſſer hoch über ſeinem Kopf ſchwang, eine Leichenrede über den Verſtorbenen, in welcher er die Mörderin mit den gröbſten Epitheta tractirte. Das Volk erhob ein lautes Klagegeſchrei über ſeinen Freund. Ein bitteres Lächeln ſchwebte auf den von Charlotte, und ſich an die Soldaten wendend, ſie: „Da dieſe Menſchen ihn vermiſſen, ſo überliefert mich ihnen! Ihre Trauer macht ſie würdig, meine Henker zu werden. Dieſes ſteigerte den Zorn der Menge und machte ſie noch wahnſinniger, da ſie es als eine Verhöhnung der Klagen des Volks betrachteten. Der Commiſſär, welcher in demſelben Augenblick mit einer noch weiteren Verſtärkung von Bajonnet⸗ ten ankam, erſchien in der That zu rechter Zeit, um den Pöbel zu verhindern, der Guillotine eines ihrer vielen Opfer zu entziehen. —— —— 123 Charlotte wurde jetzt in den Saal Marats ge⸗ führt, wo das Verhör mit ihr ſofort begann. Elias war es gelungen ſelbſt da hineinzukom⸗ men, und das ohne daß er darauf Acht gab, daß er die todthleiche Sophie mit ſich ſchleppte. Gegen eine Wand gelehnt und ſich auf den Fuß⸗ ſpitzen erhebend, folgte Elias mit peinlich geſpannter Aufmerkſamkeit der Ausſage, welche Charlotte mit feſter und klangvoller Stimme machte. In jedem derſelben lag eine beſtimmt ausgeſpro⸗ chene Zufriedenheit mit ſich ſelbſt und der That, welche ſie begangen. Nicht ein Funken von Reue oder Furcht war in dem, was ſie ſagte zu entdecken, im Gegentheil, ſie rechnete ſich den Todesſtoß, wel⸗ chen ſie Marat verſetzt, zum Verdienſt, und war der Meinung, daß ganz Frankreich ihr dankbar dafür ſein müſſe. Das Intereſſe, welches Elias beherrſchte, ſtand deutlich in ſeinem Geſichte geſchrieben. Jeder, der einen Blick auf ihn warf, las das in ſeinen Zügen. Ein Kerl, welcher ſich neben Elias befand, hatte ihn auch eine Weile betrachtet und, wie es ſchien, mit vielem Vergnügen. Nach Verlauf einiger Augen⸗ blicke legte er ſeine Hand auf des jungen Juden Schulter und ſagte: „Ihr ſcheint ein guter Patriot zu ſein, junger Bürger, denn wie ich ſehe, intereſſirt Ihr Euch dafür, daß dieſes widerliche Weib von der Hand des Geſetzes getroffen wird. Ihr könnt ganz ruhig ſein, es wird nicht viele Sonnenaufgänge dauern, bevor die Guil⸗ lotine ihr Blut getrunken. Die Republik zaudert nicht, wenn es ſich darum handelt zu ſtrafen. 124 Elias wich zurück, als der Mann ihn berührte. Er warf einen wahnſinnigen Blick auf den Redner. Seine Lippen öffneten ſich, um dem Verdruß, der ihm widerfuhr, Luft zu machen; aber bevor ein einziges von dieſen unbedachtſamen Worten darüber kam, bemerkte eine milde Frauenſtimme als Antwort auf das, was geſagt worden war: „Sie haben Recht, Bürger, mein Bruder intereſ⸗ ſirt ſich ſehr für das Verhör, und übrigens, welcher rechtſchaffene Patriot ſollte das nicht?“ Der Kerl nickte Beifall und ließ ſich jetzt gegen Sophie über die Freude aus, die er empfinden würde, wenn Charlotte Corday's Haupt falle. Hierauf wandte er ſich gegen einige Andere, um auch mit ihnen über das Vergnügen zu ſprechen, welches er ſich von dem blutigen Schauſpiel verſprach. Als Charlottens Ausſage niedergeſchrieben war, wurde der Befehl gegeben, ſie nach dem Gefängniſſe zu führen. 6 Derſelbe Miethwagen, welcher Charlotte nach Marats Wohnung gebracht, ſollte ſie jetzt von der⸗ ſelben wegführen. Mit der größten Mühe gelang es den Soldaten, den Nationalgardiſten und den Municipalbeamten, den Volkshaufen zurückzuhalten und ſie in den Wagen zu bringen; denn als Charlotte mit auf den Rücken gebundenen Händen und von zwei Nationalgardiſten geführt, am Thürtritt des Hauſes erſchien, ſammelte ſich das Volk um das Fuhrwerk und erhob ein ſolches Geheul, daß das bisher ruhige und helden⸗ müthige Weib ohnmächtig wurde. 125 Ein Schrei des Schmerzes und der Verzweiflung ertönte hinter ihr, da ſie in Ohnmacht fiel. Zum Glück für den, von welchem er ausging, bahnte ſich derſelbe nicht den Weg durch den Lärm, und wenn es auch ein oder das andere Ohr gab, welches davon berührt wurde, ſo war doch die all⸗ gemeine Aufmerkſamkeit ſo ausſchließlich mit der Ge⸗ fangenen beſchäftigt, daß man ſich keine Zeit gab, ihm welche zu widmen. — Elias, faſſe dich!— flüſterte eine flehentliche Stimme grade in dem Augenblick Elias ins Ohr, als der unfreiwillige Ruf ihm entfiel. Du ſtürzeſt i ſelbſt, ohne ihr zu nützen, fügte ſie warnend inzu. — Du haſt Recht, antwortete Elias mit An⸗ ſtrengung,— ich muß verſuchen, ruhig zu ſein, um ſie zu retten. Charlotte wurde endlich nach Abbaye, dem nächſt⸗ gelegenen Gefängniß geführt, wo ſie einem weiteren Verhör unterworfen wurde, welches bis tief in die Nacht hinein dauerte. Als die Thore des Gefängniſſes ſich ſchloſſen und Elias durch Riegel und Schloß von ihr, welche vom erſten Augenblick ihn bezaubert hatte, und welche er jetzt als die erhabenſte Märtyrerin, als die hoch⸗ ſinnigſte Seele und das edelſte Herz in Frankreich anbetete, verließ ihn wieder die Beſinnung, welche er ſich durch Sophiens Worte erkämpft hatte. Er hätte ſeinen Kopf an der Mauer zerſchmettern mögen, welche ſie einſchloß.. Der wahnſinnige Schmerz, welcher ſich einige Se⸗ eunden auf dem Geſichte des EFlias abſpiegelte, ver⸗ anlaßte Sophie, ihm wieder einige Worte voll Auf⸗ munterung und Muth zuzuflüſtern. Jedesmal, wenn der Klang ihrer Stimme ſein Ohr berührte, kam er wieder zu ſich ſelbſt; ſo auch jetzt. Er ſtand noch einige Secunden unbeweglich unter der wogenden Volksmenge; dann ſagke er: — Komm, wir müſſen fort von hier! Elias und Sophie nahmen ihren Weg nach der Rue Dauphine. In einem hohen und ſeinem Aeußeren nach hübſchen Hauſe gingen ſie die Treppe hinauf bis in den vierten Stock, wo ſie in eine treffliche und zierliche Wohnung eintraten. In dem Salon ſaß ein älteres Frauenzimmer, mit einem Geſicht, welches einen feſten und entſchloſ⸗ ſenen Charakter, einen ſcharfen Verſtand und ein redliches und gutes Herz verrieth. Ihr Anzug war einfach, und ihre Haube be⸗ deckte ein Haar, welches noch dunkel, voll und glän⸗ zend war. Als Elias und Sophie eintraten, erhob ſie den Kopf, den ſie über ihre Arbeit gebeugt, und ſprach in einem klaren, aber etwas ſtrengen Ton: Ich bin wegen Deiner unruhig geweſen, Sophie. Wo biſt Du geweſen, mein Kind? Und wo iſt Ma⸗ dame Matthieu? Ach, willkommen, Elias Levitain! Wir haben Sie lange nicht geſehen. Sie ſehen be⸗ wegt aus. 2 — Bürgerin, ich komme nur, um Sophie Eurem Schutz zu übergeben. Wachen Sie über ſie und— leben Sie wohl 127 Madame Morier blickte Elias, welcher eiligſt das Zimmer verließ, fragend nach Sophie ſprang auf ſie zu und rief: Mutter, er wird ſich ins Verderben ſtürzen. Du, die du ſo klug, ſo gut, ſo überlegend biſt, belehre mich, was ich thun ſoll, um ihn zu retten. — Sage mir, welche Gefahren ihm drohen, ver⸗ ſetzte Madame Morier. Bevor wir in unſerem Bericht weiter gehen, iſt es nicht nothwendig über das, was zwiſchen Madame Morier und Sophie verhandelt wurde, Rechenſchaft abzulegen; darum folgen wir Elias. Er eilte nach ſeiner Wohnung. Ohne auch nur mit einem Worte alle Fragen Suſannas zu beant⸗ worten, oder auch nur einen Buchſtaben von dem zu hören, was ſie ſagte, begab er ſich in ſein Zimmer, öffnete eine Chiffonniere und nahm das Blatt heraus, welches Jerome aus ſeinem Notizbuch geriſſen und worauf er ſeinen Namen und ſeine Adreſſe verzeichnet hatte. Elias las jetzt zum erſten Mal, was auf dem Blatte geſchrieben ſtand. Als Jerome ihm daſſelbe gab, hatte Elias es aufgehoben, ohne es eines Blicks zu würdigen. Auf dem Wege nach Sophiens Wohnung war in ſeinem Kopf ein Plan wahnſinniger als der andere aufgetaucht, um Charlotten dem Schickſale, das ihr beſtimmt, zu entreißen. Alle dieſe Pläne verwarf er indeſſen aus Ver⸗ nunftgründen und erinnerte ſich ganz plötzlich des Blättchens, welches ihm Jerome gegeben. Augenblicklich faßte er die Hoffnung, daß er durch dieſes Mittel Charlotten vom Schaffott retten iönne. 128 Nachdem er das, was auf dem Blatte ſtand, ge⸗ leſen, verließ er wieder Wohnung und begab ſich nach der Rue des Cordeliers, derſelben Straße, in welcher Marat wohnte. Er ging hinein in das Haus Nr. 7 und hinauf in den erſten Stock. Er zog an der Glocke. Nachdem er lange gewartet, öffnete ſich die Thüre und ein altes Weib erſchien, welches fragte, wen Elias ſuche. — Bürger Basſal. — Er iſt nicht zu Hauſe, antwortete das Weib und wollte die Thüre zuſchließen; aber Elias faßte ſie mit den Worten: „Wo iſt er denn? Ich muß ihn ſchleunigſt treffen. Die Alte betrachtete den Jüngling mit einem miß⸗ trauiſchen und forſchenden Blick; darauf antwortete ſie: — Er iſt bei Marat. etzt wurde die Thüre ganz raſch geſchloſſen. — Bei Marat!— wiederholte Elias. Ein Ge⸗ fühl unbeſchreiblicher Muthloſigkeit ergriff ihn, aber nur eine Minute gab er ſich demſelben hin. In der nächſten war ſein Entſchluß gefaßt. Er mußte, es koſte was es wolle, Basſal aufſuchen. In dieſer Abſicht er die Treppe hinab und zwar mir ſolcher Haſt, daß er beinahe eine Per⸗ ſon umgerannt hätte, die mit ebenſo großer Eile die Treppe hinauſſprang⸗ Bei dieſem unerwarteten Zuſammenſtoß in dem dunkeln Ausgang rief derjenige, welchen Elias im Begriff geweſen über den Haufen zu laufen; — Wer ſeid Ihr, der Ihr auf eine ſo unſchick⸗ liche Weiſe gegen die Leute anrennt? 129 EFlias erkannte ſofort die Stimme des Jerome, obgleich er nicht die Geſichtszüge unterſcheiden konnte Er antwortete auch ſchleunigſt: — Ich bin Elias Levitain, welcher vergebens den Bürger Basſal geſucht. — Ah!— war die einzige Antwort, welche Je⸗ rome entfiel. Nach einer Weile fügte er mit etwas bewegter Stimme hinzu: — Folget mir, ihr werdet ihn ſofort treffen. Jerome ſprang um Elias herum und die Treppe hinauf. Daſſelbe alte Weib, welches Elias abgewieſen hatte, öffnete wieder die Thüre. Jerome ging an ihr vorbei, begab ſich in einen ziemlich großen Salon und winkte Elias zu folgen. Als ſie ſich allein befanden, ſprach Jerome mit kalter und klarer Stimme: — Ich bin Jerome Jules Basſal; was wünſcht Ihr von mir? — Ich bin hier, um Euren Beiſtand anzurufen, ein junges Weib zu retten, deſſen Leben in Gefahr iſt, antwortete Elias.— Ihr habt geſagt:„wenn irgend eine Gefahr droht, ſo wendet Euch an den, deſſen Name und Wohnung hier ſteht.“ Flias reichte ihm das Blatt aus dem Notizbuch und fügte hinzu: — Dieſer Eurer Worte habe ich mich erſt heute erinnert, und bin jetzt gekommen, um mich darauf zu berufen. — Iſt das Leben der Sophie d'Escare in Ge⸗ fahr? — Und wenn es wäre, könntet Ihr es retten? Schwartz, Geburt u. Bildung. 9 130 — Ja! — Eure Macht iſt alſo ſehr groß? — Wenn auch nicht ſehr groß, ſo iſt ſie doch für den Augenblick hinreichend, um das Leben eines Menſchen von dem Schaffot zu befreien. — Seid Ihr deſſen ſicher? fragte Elias mit be⸗ bender Stimme. — Ich habe Euch ja geſagt, daß ich Sophie d'Escare retten werde, und ich verſpreche nie mehr, als ich weiß, daß ich halten kann. — Bürger, rief Elias und warf ſich zu Jero⸗ mes Füßen,— wenn Ihr die rettet, deren wegen ich Euch aufgeſucht habe, ſo dürft Ihr gern mein Leben und mein Vermögen nehmen. Alles, was mein iſt, gehört Euch. Ich mache mich zu Eurem Sklaven;— ich will Euch treu dienen wie ein Hund. Meine ganze Seele opfere ich Euch gerne. Es gibt Schmerzen, deren Ausdruck ſelbſt den gefühlloſeſten Menſchen rührt, und gegenüber von welchen ſelbſt das grauſamſte Herz weich wird. Die Geſchichte weiß davon zu erzählen. Wir dürfen uns bloß erinnern, daß ſelbſt Marat von der Verzweif⸗ lung einer Tochter über ihren Vater gerührt wurde und ihm das Leben ſchenkte. Es lag Etwas von einem ſolchen gränzenloſen und ſo unermeßlichen Schmerz im Geſichte des Elias. Jerome wurde davon gerührt, beugte ſich über den Juͤngling und ſprach mit Güte: — Wozu dieſe Bitten, da ich bereits geſagt habe. daß ich ſie retten werde. Ihr könnt Euch auf mein Wort verlaſſen.— „Sie,“ rief Elias und ſprang auf;„aber wenn 4— 131 die, für welche ich bitte, nicht Sophie d'Escare wäre, wenn es ein anderes Weib wäre, würdet Ihr auch dann mich erhören?“ „Ja, ich würde es thun, um die Befriedigung zu haben, einer Euch lieben Perſon das Leben ge⸗ ſchenkt zu haben. Nenne mir ihren Namen und morgen werdet Ihr ſie umarmen.“ „Und Ihr benützt nicht dieſen Zufall, um mich dazu zu vermögen Euch zu ſagen, wo Sophie d Escare zu finden iſt.“ „Nein, Ihr waret gekommen, um das Leben eines Weſens, welches Ihr liebt, zu bitten. Ich benütze nie das Unglück Anderer, um meine Wünſche zu erreichen.“ „Nun, wohlan,“ rief Elias,„rettet Charlotte Corday und ich werde Euch ſogleich zu Madame Morier führen, bei welcher Sophie ſich aufhält.“ „Charlotte Corday!“ verſetzte Jerome beſtürzt und trat mehrere Schritte zurück.„Habt Ihr den Verſtand verloren? Wißt Ihr denn nicht, daß das, we Ihr jetzt von mir verlangt, unmöglich iſt. Der Menſch iſt nicht geſchaffen, der ſie dem Tode zu entreißen vermag.“ „Nicht?“ brüllte Elias und ſtürzte ſich gegen Jerome.„Elender, Du haſt mir trotzdem ihr Leben verſprochen, und Du ſollſt Dein Verſprechen halten oder ich tödte Dich. Ich werde mir dadurch wenig⸗ ſtens das Glück erkaufen, mit ihr zu ſterben.“ Wahnſinnig vor Schmerz warf ſich Elias wirk⸗ lich über Jerome, in der Abſicht, ihn mit ſeinen Händen zu erdroſſeln; aber Jerome packte den Jüng⸗ ling, hob ihn, als wäre er ein Kind geweſen, hoch in die Höhe und ſchleuderte ihn nach dem anderen Ende des Saales, indem er in einem mitleidigen Tone ſagte: „Wahnwitzger Junge⸗ der Du nicht allein Deine Ohnmacht vergaßeſt, ſondern ſogar das Verſprechen, welches Du Deinem Vater in ſeiner letzten Stunde gegeben. So willſt Du den Fflichten untreu wer⸗ den, welche Du übernommen, und Sophie d'Escare alles Schutzes berauben.“ Elias, betäubt davon, ſo handgreiflich zu Boden geworfen zu ſein, erhob ſich langſam. Bei den Worten Jerome's faßte er verzweiflungsvoll ſeinen Kopf und murmelte: „O, Du Gott meiner Väter, erbarme Dich meiner!“ Eine Stille trat ein, während welcher Elias ſich etwas Ruhe zu erkämpfen ſuchte; etwas was in ſeinem Alter nicht ſo ganz leicht iſt, wo die Gefühle und das Blut ſo leicht in Wallung gerathen. Bevor er ſich wieder o weit gefaßt hatte, daß er ſprechen konnte, brach Jerome das Schweigen. „Verſuchet,“ ſagte er mit ungewöhnlich milder Stimme,„mich ruhig anzuhören, und Ihr werdet ſelbſt einſehen, daß Charlotte Corday's Rettung nicht durch den Einfluß irgend eines Menſchen bewirkt werden kann. Es giebt nur ein Mittel, durch wel⸗ ches ſie möglicherweiſe vom Tode gerettet werden kann; aber ſelbſt auf dieſes kann man keine Hoffnung bauen.“ und ſtürzte hervor gegen Jerome. „Merkt Euch, daß ich ſagte:; möglich iſe „Es giebt alſo doch eins!“ unterbrach ihn Elias 3 1 133 und darum dürft Ihr Euch keiner Hoffnung hin⸗ geben.“ „Nenne mir es bloß und ich werde Alles thun, damit die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang mich nicht täuſche. Erheiſcht der Tod Marats ein Sühnopfer, ſo biete ich gerne mein Leben an, wenn das ihrige nur geſchont wird.“ „Soll ich Euch nochmals daran erinnern, daß Ihr kein Recht habt über Euer Leben zu verfügen. — Uebrigens kann hier perſönliche Aufopferung nichts ausrichten; denn wenn auch alle Richter Char⸗ lotte Corday freiſprächen, würde es doch nichts nutzen, Das Volk würde einen Augenblick darauf das Ge⸗ fängniß ſtürmen und ſowohl ſie, wie diejenigen, welche ſie freigeſprochen, in Stücke zerreißen. Das fana⸗ tiſche Mädchen hat ihn durch den Mord in einen Märtyrer verwandelt. Alſo, das Geſetz verlangt ihr Blut, und die Richter können ſie nicht freiſpre⸗“ chen. Das Volk fordert ihr Leben, und die Richter müſſen ſie zum Tode verurtheilen. Es giebt in Frankreich keinen einzigen Mann, welcher ſo mächtig iſt, daß er ſie dem Schickſale, welches ſie ſich ſelber bereitet, entziehen könnte. EFlias ſenkte das Haupt mit einem Ausdruck zerknirſchter Muthloſigkeit. Nach einer kurzen Weile hob Jerome wieder an; Ich ſagte, daß es ein einziges Mittel giebt, und dies iſt der Advocat. Auf der Wahl ihres Vertheidigers beruht die einzige ſchwache Hoffnung, die es giebt.“ „Wenn es einen Mann giebt, deſſen Geſchicklich⸗ keit ſie zu retten vermag, ſo nenne mir ſeinen Na⸗ men; ich werde jedes Wort aus ſeinem Mund mit Gold bezahlen,“ fiel Elias ein, der wie ein Ertrin⸗ kender einen Strohhalm ergriff, in der Hoffnung, daß er Rettung bringen möchte. „Hier iſt nicht die Rede von der Geſchicklichkeit des Advocaten, da der Ausfall nicht darauf beruht, den Buchſtaben des Geſetzes zu verdrehen, ſondern einzig und allein auf der Möglichkeit, durch einige glücktiche Worte auf das Volk zu wirken, welches ſich ebenſo leicht zum Guten wie zum Böſen leiten läßt. Der Impuls des Augenblicks wird entſchei⸗ dend ſein, falls die Rede des Advocaten in Verbin⸗ dung mit der Schönheit der Angeklagten eine Um⸗ wandlung in den Gemüthern bewirkte. „Kennt Ihr Jemanden, deſſen Worten Ihr eine ſolche Wirkung zutraut?“ fragte Flias. „Sein Name?“ „Es nützt nichts, Euch ihn jetzt zu ſagen; denn entweder wird der Anwalt von der Angeklagten ſelbſt oder auch vom Gerichtshof gewählt. Wird der letztere ihn zu ernennen haben, ſo habt Ihr mein Wort darauf, daß es derjenige werden wird, von dem ich glaube, daß er den meiſten Einfluß auf das Volk hat. Dieſes iſt Alles, was ich in dieſer Sache thun kann.— Jetzt müßt Ihr mich verlaſſen; meine Augenblicke ſind gezählt, wenn es mir gelin⸗ gen ſoll, nur dieſes für Euch zu thun.“ „Ihr wollt mir alſo nicht den Namen von Dem⸗ jenigen ſagen, auf welchem alle Hoffnung beruht?“ „Nein!“ „Ach, Ihr wollt mich betrügen!“ rief Elias. 135 Jerome antwortete nicht, ſondern betrachtete Elias fortwährend mit einem Blick, welcher ſo viel Stolz und Mitleid ausdrückte, daß Elias den ſeinigen ſenkte und ſtammelte: „Ich will Euch vertrauen; ſollte aber der Gott meiner Väter mich dazu verurtheilen, ihr Blut fließen zu ſehen, dann „Iſt ſie ja doch nur eine verhaßte Chriſtin,“ fiel Jerome ein.„Seht Ihr nicht Gottes Finger darin, daß Ihr ſelbſt bereit ſeid, Leben, Blut und Vermögen für ein chriſtliches Weib zu opfern? Noch mehr, Ihr liebt dieſes Mädchen.“ Mit dieſen Worten verließ Jerome raſch das Zimmer und begab ſich in eines der inneren, deſſen Thüre er hinter ſich verſchloß. EFlias, durch die Aeußerung Jerome's in die Flucht gejagt, ſtürzte ſich hinaus auf die Treppe. Armer Elias, ſo jung und doch ſo hart geprüft. Er hatte mit achtzehn Jahren bereits durch die ganze Reihe von Leiden gehen müſſen, welche Ver⸗ achtung, Ungerechtigkeit, Haß und Liebe erzeugen. Während Elias durch die Straßen nach ſeiner Wohnung eilte, als wenn er hoffte, ſich ſelber ent⸗ fliehen zu können, war Jerome nach einiger Augen⸗ blicke Verzug wieder in den Saal getreten, welchen er leer fand. Einen Augenblick blieb der junge Mann vor zwei Portraits ſtehen, von welchen das eine eine ſchöne Dame in prachtvoller Kleidung darſtellte, das andere aber die widerlichen Geſichtszüge Marats. 136 Dieſe beiden einander ſo entgegengeſetzten Vilder waren in ganz gleichen Rahmen eingefaßt und gegen einander gekehrt. Man könnte ſagen, daß ſie zwei ungleiche Ideen repräſentirten, und darum wollen wir ſie näher be⸗ trachten. Das reizende Lächeln der Dame vermochte nicht den Charakter ariſtokratiſchen Uebermuths zu ver⸗ drängen, welches ihr Aeußeres auszeichnete. Aus ihren großen dunkeln Augen leuchtete all' die Ver⸗ achtung hervor, welche die Seele erfüllte. Man konnte in den Zügen dieſes Portraits leſen, daß ſie, wie der ganze höhere Adel in Frankreich, das Volk als nicht zu derſelben Race wie ſie gehö⸗ rend betrachtete, und wenn ſie je ein Herz gehabt, ſo hatte doch dieſes Herz kein einziges Gefühl der Theilnahme für die Bürgerlichen gehabt. Wer nicht von Adel, war dieſer auf ihre Geburt ſtolzen Dame, welche während ihres Lebens gewiß ihre Ahnen von der Zeit der Sündfluth rechnete, nichts als freigegebene Sclaven. Dieſes Weib war ſchön; aber die Seele, welche dem Geſichte dieſen Ausdruck gegeben, war viel zu viel von Uebermuth und Egoismus erfüllt geweſen, als daß ſie ſanfte und milde Gefühle hätte einflößen können. Das Portrait ihr gerade gegenüber mit ſeinen abſchreckenden häßlichen Zügen, ſeinen großen, frechen Augen und ſeinem breiten Mund, aus welchem nur böſe Worte hätten ausgehen können, hatte mit alle dem ſo viel Kraft und herausfordernden Trotz in jedem Zug, daß man ſah, daß eine ſtets zu vulkani⸗ 137 ſchen Ausbrüchen bereite Seele dem Original des⸗ ſelben dieſen zu gleicher Zeit energiſchen und rohen Ausdruck verliehen hatte. Man las in dieſer Phyſiognomie, daß viele bit⸗ tere Leiden die Seele verheert und den von Natur böſen Inſtincten eine ſolche Richtung gegeben hatte, daß daraus ein glühender Haß hervorkeimte. Sein zurückgeſchlagenes Hemd und die dadurch bloßgeſtellten Halsmuskeln gaben der Haltung ſeines hoch emporgetragenen Kopfes etwas Raufſüchtiges. Er ſah aus, als wenn er immer bereit ſei, ſich über das Opfer zu werfen, deſſen Blut er zu trinken wünſchte. Die dicken geballten Fäuſte ſchienen dazu gemacht den Todesſtreich zu verſetzen, und man empfand, daß der verletzte Stolz, der verzehrende Ehrgeiz und der glühende Rachedurſt dieſes Mannes diejenige Logik erzeugen mußte, deren Schlußfolge⸗ rung morden war. Sie, die Dame, war der herzloſe Uebermuth der Ariſtrokratie, verkörpert in einem dem Aeußern nach ſchönen Bilde. Er, Marat, war die losgelaſſene Raſerei des Pöbels, welcher unter dem Worte Freiheit nur die Vernichtung deſſen, was iſt verſteht. Es gab in dem Saal nicht mehr Bilder, und deßhalb auch kein Bild, welches die wahre Frei⸗ heit repräſentirte, das heißt: des Volkes Streben nach moraliſcher, politiſcher und ſittlicher Freiheit durch Bildung und Aufklärung. Was in dieſem Zimmer fehlte, konnte man ſagen, fehlte auch in der franzöſiſchen Republik, in welcher bisher Danton, Marat und Robespierre die Haupt⸗ 138 rollen geſpielt und unter ſich heimlich wegen der Dictatorrolle intriguirten⸗ Jerome hatte eine Zeit lang ſeine Augen auf dieſen beiden Portraits ruhen laſſen; darauf ſprach er vor ſich: Das Spiel des Zufalls mit uns Sterblichen iſt gar wunderbar! In ihm huldigte ich den neuen Anſchauungen, an ihn ſchloß ich mich an aus Hin⸗ gebung zur Freiheitsidee, und ſeine Henker wurden ihre Mörder— ihre, die ich liebte und deren Uebermuth dergeſtalt mein Herz verwundete, daß ich das Blutbad billigte und dabei war. Und doch hätte ich lieber mein eigenes Leben hingegeben, als daß ein einziger Tropfen von ihrem Blut vergoſſen worden wäre. Unter allen dieſen herzloſen und ſtolzen Ariſtokraten war ſie die einzige, die ich zu ſchonen gewünſcht, und gerade ſie war eins der erſten Opfer.— Und jetzt— jetzt bin ich es, der einzige, zu dem Marat wirkliches Vertrauen hatte, für den er Zuneigung empfand, der es auf ſich genommen, ſeiner Mörderin einen Advocaten zu verſchaffen, das heißt einen ſolchen, der ſie möglicherweiſe retten könnte. „Marat,“ wiederholte Jerome mit einem Seuf⸗ zer,„dieſer Mann, der unerſchrocken auf ſein Ziel losging durch Ströme von Blut, er würde mich verfluchen, wenn er könnte, daß ich diejenige ſchonen will, die ihm das Fiben genommen, bevor ſein Traum von einer wirkkichen Umgeſtaltung der Ge⸗ ſellſchaft verwirklicht wurde.“ Jerome ſtrich mit der Hand über die Stirne und 139 ſtreckte ſie dann gegen das Portrait Marats indem er ſprach: „Doch, Du haſt ſchon viel zu viel Blut getrunken; es iſt Zeit, daß ein Verband an die Wunde gelegt werde, welche Frankreich erhielt. Er richtete ſeinen Blick auf das Bild der Dame und ſagte: „Curer Beider Zeit iſt vorüber. Ihr ſeid Beide als ein Opfer der Ideen gefallen, welchen Ihr ge⸗ huldigt. Jetzt iſt der Augenblick der wahren Frei⸗ heit gekommen, daß ſie aufblühe in der mit Blut gedüngten Erde. Jerome wandte ſich weg von den Gemälden und verließ ſeine Wohnung, um ſich zum Präſidenten des Revolutionstribunals, Mautonné, zu begeben. Unterwegs wiegte er ſeine Seele in ſchöne Träume ein, man würde mit Marats Fall zu der Ueberzeu⸗ gung kommen, daß man zur Beförderung des Glücks Frankreichs zu andern Mitteln greifen müßte, als der Guillotine. Das erſte Jahr der Schreckensherrſchaft war in⸗ deſſen noch nicht zu Ende. Es war deshalb noch lange bis zu dem Tage, wo die Hinrichtungen auf⸗ hören ſollten, die Hauptbeluſtigung des Pöbels abzugeben. Ganz Paris kannte die Stunde, in welcher Char⸗ lotte Corday vor Gericht geſtellt werden ſollte. Dies bewirkte, daß der Gerichtsſaal und diejenigen Säle, welche daran ſtießen, ſchon Morgens 7 Uhr von einer zahlloſen Menſchenmaſſe angefüllt waren, welche 5 140 theils durch Neugierde, theils durch Abſcheu und Mitleid dahin gelockt wurde. Bei der Ankunft der Angeklagten vernahm man ein unglückverheißendes Getümmel. Es klang, als wenn dieſe Hunderte von Munden einen gemeinſamen Fluch ausgeſprochen hätten. Unter den Vorderſten, welchen es gelungen war in den Gerichtsſaal hineinzudringen, erſchien ein Jüngling von hohem, ſchlankem und zartem Körper⸗ bau und einem einnehmenden Geſicht. Er hatte große blaue Augen und feine ariſto⸗ kratiſche Züge, ſo daß man deutlich ſehen konnte, daß er nicht ein ſr des Südens, ſondern ein Fremdling ſei, welcher mit vollkommener Unpartei⸗ lichkeit und aus Wißbegierde ſich eingefunden hatte um Zeuge eines merkwürdigen Schauſpiels zu ſein. Neben ihm ſtand ein anderer Jüngling, deſſen marmorbleiches Geſicht und harmoniſche Schönheit durch den wilden Schmerz der Ausdrücke gänzlich entſtellt wurde. Der Letztere war Elias. Hinter dieſen Beiden ſtand ein junger Mann, einen ganzen Kopf höher als die Jünglinge und von athletiſchem Körperbau. Die Angeklagte wurde durch den Volkshaufen geführt. Je nachdem ſie weiter vorſchritt, verſtummte der Lärm. Alle dieſe en deren Blicke feſt an ihr hingen, ſchienen vor Erſtaunen ergriffen zu ſein beim Anblick von ſo viel Schönheit, Adel und Jugend⸗ Während das Getümmel und die Verwünſchungen auf den Lippen der verſtummenden Volksmenge weg⸗ 30 141 ſtarben, nahm Charlotte Corday ihren Platz auf der Angeklagten⸗Bank ein. Man konnte ſagen, daß Elias' und des neben ihm ſtehenden Fremden Augen Charlotte verſchlangen, welche ihren Kopf mit ungeſuchter und natürlicher Würde trug, während eine Röthe der Scham und der Rührung ihre Wangen färbten. Als ſie nach Verlauf einiger Minuten ihren ge⸗ ſenkten Blick erhob, fiel derſelbe auf Elias. Wäh⸗ rend einiger Secunden ruhte er auf dem Geſichte des Jünglings, und Elias hatte die zu gleicher Zeit angenehme und traurige Befriedigung, in ihren großen Augen zu leſen, daß er nicht allein wieder⸗ erkannt, ſondern auch daß ihr Herz dankbar dafür ſei, daß in dieſer Stunde, wo alles ſie aufgegeben zu haben ſchien, ſie in ihrer Nähe ein Weſen wußte, welches mit Theilnahme und Zuneigung dem trau⸗ rigen Gang ihres Schickſa ls folgte. Die erſte Frage, welche an ſie gerichtet wurde, war, ob ſie einen Vertheidiger habe. Bei dieſer Frage erbebte Elias. Charlotte beantwortete die Frage mit einem: — Nein! worauf der Präſident Chaveau⸗ Lagarde) ernannte. Der Advocat nahm ſeinen Platz ein.— Charlotte betrachtete ihn. Sie ſchien ausforſchen zu wollen, ob er ein Mann ſei, der auf eine ihr würdige Weiſe ſie vertheidigen würde. ) Er war zu ſener Zeit allaemein wegen ſeiner überlegenen Berebſamkeig, ſeinem Muth während der Verhandlungen und ſeiner Fähiakeit die Zuhörer mit ſich zu reißen, bekannt. Später wurde er hiſtoriſch berühmt als Marie Antvinettes Vertheidiger. 142 Es lag in dem ganzen Aeußern des unerſchrocke⸗ nen Advokaten Etwas, was Vertrauen einflößte, daß— da er Entſchloſſenheit genug beſaß, unter dieſen kritiſchen Verhältniſſen, wo der Vertheidiger ſo leicht das Schickſal der Angeklagten theilen könnte, ſich ihrer Sache anzunehmen, er dies auch auf eine ehrenhafte Weiſe ausführen würde. Als der Präſident ſeinen Namen ausſprach, neigte ſich der hochgewachſene Mann, welcher hinter EFlias ſtand, zu dieſem und flüſterte: — Chaveau⸗Lagarde iſt derjenige, deſſen Namen ich geſtern nicht nennen wollte. Elias wandte ſich um und richtete einen dank⸗ baren Blick auf Jerome. Man las die Anklageſchrift vor. Während dem zeigte Charlotte eine vollkommene Ruhe und behielt unverändert ihre würdige Haltung. Nicht eine Mus⸗ kel bewegte ſich in ihrem Geſicht. Hierauf folgte das Zeugenverhör; als aber die ſich ſo nennende Wittwe Marats, Albertine, unter Thränen und Schluchzen ihr Zeugniß abgeben ſollte, unterbrach ſie Charlotte und rief: — Ja, ich bin die Mörderin Marats.— Ich habe nie die Abſicht gehabt eine Handlung zu ver⸗ läugnen, wegen deren Vollziehung ich mich ſtolz fühle. Mit einer klaren, ernſten und wohlklingenden Stimme erzählte Charlotte, daß es ihr erſter Plan geweſen, ihn während der Conventsſitzung zu tödten, daß ſie aber davon habe abſtehen und, da⸗ mit es gelinge, zur Liſt greifen müſſen. — Ich verachtete ſelbſt dieſes Mittel, fuhr ſie demüthig fort; aber es war die einzige Art, auf *—— 143 welche ich mich ihm nähern und meinen Entſchluß ausführen konnte.— — Was veranlaßte Euch zu dem Entſchluß, Marat zu ermorden? fragte der Präſident. — Seine Verbrechen, antwortete Charlotte. — Was verſteht Ihr unter ſeinen Verbrechen? — All' das Unglück, welches er ſeit Beginn der Revolution veranlaßt hat; all' das unſchuldige Blut, welches er vergoſſen. — Iſt es lange Zeit, daß Ihr den Entſchluß gefaßt, ihn zu ermorden? — Schon ſeit dem Tage, an welchem die Be⸗ vollmächtigten des Volks proſcribirt wurden. — Wer hat Euch dazu veranlaßt, die That zu begehen? — Ich allein. — Welchen Zweck hattet ihr mit der Ermordung Marats? — Dem Unglücke Frankreichs ein Ende zu machen; meinem iheuren Vaterlande die Ruhe wie⸗ derzuſchenken. — Glaubt Ihr, mit dieſem Einen alle Marats getödtet zu haben? — Rein, ach nein,— rief Charlotte ganz trau⸗ rig, fügte aber unmittelbar darauf hinzu:— doch ich habe einen Menſchen getödtet, um hunderttau⸗ ſende zu retten; einen Böſewicht geopfert, um Un⸗ ſchuldige zu erköſen. Es iſt mir dadurch vielleicht gelungen, denjenigen, welche in ſeine Fußſtapfen tre⸗ len wollen, die Furcht einzuflößen, daß aus dem Blute ihrer Opfer für jeden ein Rächer entſtehen wird, der ſie Marats Schickſal theilen laſſen wird. 144 Während dieſes ganzen Verhörs hatte Elias unbeweglich dageſeſſen. Er glich einem Menſchen, welcher petrificirt worden. Nur der wechſelnde Aus⸗ druck der Bewunderung und der Angſt, welche man in den auf Charlotte gerichteten Blicken las, gaben zu erkennen, daß er noch der Zahl der Lebenden angehöre. Als Fouquier⸗Tinville das Verhör reſumirt und auf Todesſtrafe angetragen, erhob ſich Chaveau⸗ Lagarde und nahm das Wort. Seine Rede war kurz und energiſch. Er ſchloß folgendermaßen: — In der Angeklagten Bekenntniß der er⸗ ſchwerendſten Umſtände liegt ihre Vertheidigung. Dieſe unerſchütterliche Ruhe, dieſe Selbſtverläugnung, welche von einem Geſichtspunkt erhaben ſind, ſind doch nicht natürlich; ſie laſſen ſich nicht anders als durch den überſpannteſten politiſchen Fanatis⸗ mus, der ihr den Dolch in die Hand gedrückt, er⸗ klären.— Euch kommt es zu, zu beurtheilen, mit welchem Gewicht dieſer unerſchütterliche Fanatismus in der Wage der Gerechtigkeit wiegen ſoll. Ich über⸗ laſſe die Frage Eurem Gewiſſen. Mögt Ihr das Urtheil fällen. Als Chaveau⸗Lagarde ſchloß, herrſchte ein Todes⸗ ſchweigen im Saale. Ein tiefer convulſiwiſcher Seufzer hob die Bruſt des Elias. Er begriff, daß dieſes Schweigen ein Todesurtheil in ſich trug. Ein Beben durchſchauerte den Jüngling. Einige Minuten kam es ihm vor, als hätte er einen Ab⸗ grund ſich öffnen und Charlotte, die Richter und alle Zuhörer verſchlingen geſehen. Er ſchloß die 145 Augen; aber mit einer kräftigen Willensanſtrengung verſuchte er ſeinen empörten Gefühlen Schweigen zu gebieten. Er zwang die verworrenen Gedanken ſich zu ordnen und das brauſende Blut ruhig zu fließen, ſo daß es, als er nach einer Weile wieder aufblickte, wieder vollkommen klar in ſeinem Innern aus⸗ ſah. Er flüſterte bei ſich: — Ich werde ſtark ſein, ich will nicht dem Schmerz unterliegen, ſo lange noch ihr Herz ſchlägt. Die Jury ſprach einſtimmig das Todesurtheil aus. Die Augen des Elias richteten ſich auf Charlotte. Sie hörte das Urtheil an, ohne daß ihre Ge⸗ ſichtszüge ſich veränderten. Hierauf wandte ſie ſich an Chaveau⸗Lagarde und dankte ihm mit einigen verbindlichen Worten, daß er ſie gerade ſo verthei⸗ digt, wie ſie hatte vertheidigt ſein wollen. Als ſie aus dem Gerichtsſaal nach der Concier⸗ gerie wieder zurückgeführt wurde, war Elias nahe daran, zu Boden zu ſtürzen. Trotz allen Anſtrengungen wollten ſeine Beine ihn nicht tragen. Ein heſtiger Schwindel bemäch⸗ tigte ſich des armen Burſchen, und ohne zu wiſſen was er that, erfaßte er, was ihm am nächſten war. Er hatte den Arm des fremden Jünglings ergriffen. Dieſer, welcher keinen Augenblick ſeine Augen von Charlotte Corday weggewandt hatte, ſah dabei unwillkürlich ſeinen Nachbar an, und erſchrak über EFlias' verwirrtes Ausſehen. Mit Theilnahme und in gebrochenem Franzöſiſch rief er aus: „Sie ſind krank, erlauben Sie, daß ich Ihnen Beiſtand leiſte.“ — Statt zu antworten, murmelte Elias: Schwartz, Geburt u. Bildung. 10 146 „Sie haben ſie weggeführt! Sie iſt in der Con⸗ ciergerie. Ihr nächſter Weg geht zum Schaffott.“ „Folge mir, ich werde Euch zu ihr begleiten,“ klang eine Stimme ganz leiſe in Elias' Ohren. Augenblicklich ließ Elias den Arm des Fremden los. Die ihm zugeflüſterten Worte hatten ihm die Gewalt über ſich ſelbſt wiedergegeben, ſo daß Kör⸗ per und Seele auf Einmal dem Willen gehorchten. Er folgte Jerome und verließ den Gerichtsſaal. Ein junger Künſtler, Namens Hauer, hatte wäh⸗ rend den Gerichtsverhandlungen angefangen, die Züge Charlotte Corday's zu zeichnen, um ſie der Nachwelt aufzubewahren. Als Charlotte nach dem Gefängniß zurückgeführt wurde, benachrichtigte ſie der Wachtmeiſter, daß der Künſtler Erlaubniß bekommen hatte ſeine Arbeit im Gefängniß zu vollenden, wenn Charlotte nichts da⸗ gegen einzuwenden hätte. Sie antwortete, daß der Künſtler willkommen ſei. Hauer wurde eingeführt. Er wurde von einem Jüngling begleitet, welcher ſeine Zeichenapparate trug. Charlotte richtete ihren erſten Blick auf den Maler, welcher ſogleich ſagte: „Hier iſt Jemand, der, bevor ich meine Arbeit beginne, ein ſchmerzliches Lebewohl zu ſagen wünſcht. Einer meiner Freunde hat ihm den Eintritt ver⸗ ſchafft.— „Bei dieſen Worten fielen die Augen Charlottens auf den Begleiter des Malers. Sie fuhr zuſammen und rief traurig: „Ihr hier! Mein Gott, welchen Gefahren ſe Ihr Euch nicht aus.“ 147 Elias, denn er war es, ſtürzte zu ihren Füßen, indem er ſtammelte: „O, warum bin ich geboren worden, da ich doch mit meinem Leben nichts zu Eurer Rettung zu thun vermag! „Der Tod iſt meine Rettung,“ antwortete Char⸗ lotte.— Glaubt Ihr, daß ich meinem Schickſal zu entgehen wünſche? Nein.“ Sie reichte ihm ihre beiden Hände, und fügte mit einem unbeſchreiblich milden Lächeln hinzu: „Der Herr des Schickſals hat jedoch in ſeiner Barmherzigkeit mir Euch in den Weg geſandt, da⸗ mit meine letzten Augenblicke durch das Bewußtſein erheitert würden, daß es in meiner Nähe ein theil⸗ nehmendes Herz gab. Dank für die Theilnahme, welche Ihr mir bewieſen, und erhaltet Euer Leben, damit Ihr meinen noch lebenden Landsleuten ſagen könnt:„Charlotte Corday machte ſich zur Mörderin, um Frankreich zu retten. Lebet wohl, Gott be⸗ ſchütze Euch!“ Charlotte neigte ſich zu ihm und fügte mit einem tiefen Ernſte hinzu: „Stehet auf, Ihr müßt gehen, ich verlange es.“ Sie zog einen kleinen Ring vom Finger und reichte ihm denſelben, indem ſie ſagte: „Nehmt dieſes Andenken und nun ein langes, ein ewiges Lebewohl! Im nächſten Augenblick hatte der Gefängniß⸗ wärter Richard Elias aus dem Gefängniß heraus⸗ geführt. Etwas ſpäter trat der Henker ein. Außerhalb der Gefängnißthüre befand ſich Je⸗ rome. Er führte den halb bewußtloſen Elias fort von dannen. An die Gefängnißmauer gelehnt und gänzlich ge⸗ fühllos gegen Alles, was um ihn herum vorging, wartete Elias den Augenblick ab, wo Charlotte Cor⸗ day zur Richtſtätte abgeholt werden ſollte, Eine unnatürliche Gemüthsſpannung hielt ſeinen Muth aufrecht und es war leicht vorauszuſehen, daß wenn dieſe aufhörte, es auch ſowohl mit ſeiner gei⸗ ſtigen wie mit ſeiner körperlichen Kraft aus ſein würde. An Flias' Seite, und ohne daß dieſer es be⸗ merkte, finden wir Jerome, welcher von einigen Be⸗ kannten mit großer Theilnahme begrüßt wurde. Man beklagte Basſal wegen des großen Verluſtes, den er und das Vaterland erlitten, und man ſprach von der Trauer, welche Jerome beim Ende des Freundes empfinden mußte. 3 Nicht einmal dieſe Beileidsbezeigungen ver⸗ mochten die Aufmerkſamkeit des Elias auf ſich zu ziehen. Er war todt für alles Andere als für die Verurtheilte. Endlich fuhr der Henkerkarren vor. Die Thore des Gefängniſſes öffneten ſich. Char⸗ lotte Corday erſchien mit auf dem Rücken gebundenen Händen und in ein rothes, wollenes Hemd gekleidet, welches den Todesanzug ausmachte. Zur ſelben Zeit brach ein heftiges Gewitt Der Regen ſtürzte vom Himmel herunter und T durchſchnitten die Luft mit ihren Feuerflamme 149 Allem dieſem ungeachtet waren alle Märkte und Straßen, welche der Todtenzug zu paſſiren hatte, mit Menſchen angefüllt. Als Charlotte den Karren beſtieg, ſtand Elias an deſſen Seite. Die Augen des Jünglings und die ihrigen begegneten ſich. Sie warf ihm einen freundlichen Abſchiedsblick zu, welcher von einem milden und dankbaren Lächeln begleitet war. Das rohe Fuhrwerk wurde jetzt in Bewegung geſetzt. Vorwärts ging die Fahrt. Ringsum wogte eine unüberſehbare Menſchen⸗ maſſe. Schaaren von wilden Weibern brüllten, einen Fluch nach dem andern über das ſchöne Haupt Char⸗ lottens herabrufend. Charlotte richtete Blicke des tiefſten Mitleids auf ſie. Ihre Verunglimpfungen weder ſchmerzten noch verwundeten ſie. Sie war ganz und gar ge⸗ fühllos gegen alles Derartige. Der verklärte und ſtrahlende Ausdruck in ihrem Blick zeigte zu deutlich, daß ſie ihre Rechnung mit dieſer Welt, welche ſie jetzt verlaſſen ſollte, ab⸗ geſchloſſen; und daß ihr nur noch übrig blieb den letzten Einſatz zu bezahlen, das heißt: mit ihrem Le⸗ ben büßen, daß ſie ein anderes genommen. Als der Karren auf dem Richtplatz anhielt hatte das Gewitter aufgehört. Die Abendſonne warf ihre letzten Strahlen auf Charlottens Haupt, und verlieh ihrer Stirn und ihrem Antlitz ein ſchimmerndes Ausſehen, welches dem Wiederſchein von einer Glorie Zleich ſah. Sie warf einen dankbaren Blick nach oben, um dem Allmächtigen zu danken, daß er die unterge⸗ hende Sonne ihr einen Scheidegruß auf dem Wege zur Ewigkeit hatte ſenden laſſen. An der Seite des Karrens gehend, waren Elias und Jerome ihr Schritt für Schritt gefolgt. Jetzt befanden ſie ſich ganz nahe der Guillotine. Mit feſten und leichten Tritten ſtieg Charlotte die Treppe des Schaffots hinauf. Noch einige Augenblicke, und— das Beil fiel... Alles war vorüber.— Charlotte ſtand jetzt vor dem Richterſtuhl des Höchſten. In demſelben Augenblick, in welchem ihr Haupt fiel, wurde ein wahnſinniges Lachen gehört. Es kam von Elias. Der Schmerz hatte den Verſtand des Jünglings in die Flucht gejagt. Es war jetzt das zweite Mal, daß die Greuel der Revolution dieſe Wirkung auf Elias gehabt. Jerome umfaßte den Unglücklichen, um den Ver⸗ ſuch zu machen, ihn von dem Schauplatz dieſes rohen Dramas wegzuführen. Derſelbe junge Fremde, welcher im Gerichtsſaal anweſend geweſen, war durch einen Zufall dazu gekommen auch bei der Hinrichtung neben Elias und Jerome zu ſtehen. Er erbot ſich ſofort behülflich zu ſein, Elias durch das Gedränge zu führen; aber Jerome dankte ihm und verſicherte, daß er keines Beiſtandes bedürfe. „Dieſer abſchlägigen Antwort ungeachtet, ging der Fremde dem Jerome voran und machte Weg für Jerome und Flias, welchen letzteren Jerome buch⸗ ſtäblich nach ſich ſchleppte. Als es ihnen gelungen war in eine der minder 151 mit Menſchen angefüllten Straßen zu gelangen, wanderte er immerfort an der andern Seite von Elias, der mit verwirrtem Blick und unzuſammen⸗ hängendem Gemurmel ſich vollkommen willenlos fort⸗ führen ließ. Als ſie den größten Theil des Weges ohne ein Wort zu ſprechen zurückgelegt hatten und gerade in die.... Straße einbiegen wollten, wankte Elias. Ein klarer Blutſtrom quoll über ſeine Lippen. Je⸗ rome hob ihn auf und trug ihn zu einem Thor, auf deſſen hohe Steintreppe er ihn niederſetzte. „Euer junger Freund bedarf ärztlicher Hülfe,“ ſagte der Fremde. Erlaubet, daß ich ſchleunigſt ſolche herbeiſchaffe!“ Jerome gab eine verneinende Antwort, und dieß in einem beſtimmt abweiſenden Ton. Der Fremde betrachtete ihn und fügte ſogleich hinzu: „Ihr mißtraut mir.— Ihr habt Unrecht.— Meine Ausſprache muß Euch ſagen, daß ich kein Franzoſe bin. Ihr könnt deßhalb ohne alle Furcht meine Hülfe annehmen. Wer weiß, ob ich Euch nicht eines Tages zum Dank verpflichtet werden kann, weil Ihr mir Gelegenheit gegeben habt, Euch zu dienen. „Nun wohlan“ ſagte Jerome und blickte um ſich in der menſchenleeren Straße, um ſeiner Sache ge⸗ wiß zu ſein, daß Niemand lauſchte,„wollt Ihr dem Unglücklichen helfen,“ er zeigte auf Elias,„ſo ſuchet den Arzt auf, deſſen Name hier ſteht.“ Jerome reichte ihm ein Papier und fügte hinzu: „Bittet ihn, ſchleunigſt ſich in der Straße... Nr. 0 einzufinden. Bedürft ihr einmal eines Gegen⸗ 152 dienſtes, ſo iſt Jerome Basſal zu treffen in Rue des Cordeliers Nr. 7 Der Fremde nahm die Adreſſe des Arztes und entfernte ſich ſchleunigſt. Jerome hob Elias auf ſeine ſtarken Schultern, und trug ihn in ſſeine Wohnung. tit allem Pomp und Staat wurde Marat be⸗ graben und nach ſeinem Tode von dem verwilderten Volk gleich einem Halbgott verehrt. Der Dolch Charlotte Cordays, welcher dem Le⸗ ben dieſes hngeheuen ein Ende machte, hatte, ſtatt dem Blutvergießen Einhalt zu thun, eher alle Adern Frankreichs geöffnet, denn die Schreckensherrſchaft dauerte fort mit immer ſteigender Raſerei. 1794 begann wie 1793 geſchloſſen, das heißt, daß die Hinrichtung zu der Tagesordnung gehörte. Danton und Robespierre ſuchten, jeder auf ſeine Weiſe, die Macht des Andern zu untergraben. Danton, einer der Hauptperſonen während der Septembertage, wurde ſchließlich auch von Robes⸗ pierre geſtürzt, der dieſen ſeinen Nebenbuhler zu gleicher Zeit gefürchtet und gehaßt hatte. Die ewige Gerechtigkeit hatte beſchloſſen, daß Danton gerade zu einer Zeit fallen ſollte, wo die Almacht der Liebe ihn dahin gebracht hatte, veue⸗ voll an die begangenen ele zu denken, er angefangen hatte einzuſehen, daß das Glück und die Freiheit Frankreichs unmöglich 6 dieſes S bereitet werden könnten. Von dieſen drei Männern, welche während 153 blutigen Tage der Revolution die Hauptrollen ge⸗ ſpielt, blieb alſo nur einer übrig. Es war leicht vorauszuſehen, daß auch ſeine Stunde bald ſchlagen würde, obgleich er als der am meiſten ſyſtematiſche ſich am längſten hielt. Robespierre hatte alle Andern abſorbirt und ſie zu ſeinen Opfern gemacht. Von ihm kann man auch ſagen, daß er die letzten Worte der Revo⸗ lution ausgemacht, welche mit ſolchen Zeichen ge⸗ ſchrieben waren, daß man ſie nicht zu deuten ver⸗ mocht hatte. Als Charlotte Corday Robespierre von Marat be⸗ freit und es ihm ſelbſt gelungen war, Danton aus dem Weg zu räumen, hatte er endlich das Ziel erreicht, dem er von Anfang an zugeſtrebt, ohne es eine Minute aus den Augen zu verlieren. Er hatte nämlich beſchloſſen, daß die Revolution ſich in einer Perſon concentriren und daß dieſe Perſon er werden ſollte. Robespierre war dergeſtalt ein Leib mit der Re⸗ volution, daß er wirklich nur durch ſie lebte und athmete. Er hielt es deßhalb für in der Ordnung, daß, da ſeine Seele ausſchließlich in den Gedanken ihr Daſein hatte, welche der Revolution angehör⸗ ten, ſie auch in ihm verkörpert werde. Das Verbrechen iſt im mer ein ſchlechtes Mittel und führt uns nie zu dem Ziele, das wir damit haben erreichen wolken.— Dieſes ſollte auch Ro⸗ bespierre erfahren. Seit Dantons Kopf am 5. April 1794 durch die Guillotine gefallen war, ſtand Robespierre an der Spitze der Regierung. Während ſeiner kurzen Alleinherrſchaft glaubte er ſeine Macht durch zwei ſo widerſtreitende Ele⸗ mente, wie Tugend und Schrecken aufrecht halten zu können. Er war, unbegreiflich genug, ſo kurzſichtig, daß er nicht einſah, daß ein Syſtem, das auf Ungereimt⸗ heiten ruhte, ſeinen eigenen Untergang mit ſich füh⸗ ren und in ſeinem Fall ihn ſelbſt mitbegraben mußte. Robespierre glaubte dadurch, daß er immer mehr die Schreckensherrſchaft verſchärfte, die ſeinige be⸗ feſtigen zu können, und er ließ aus dieſem Grund, ohne alle Schonung ſelbſt Greiſe und Kinder köpfen. Man giebt an, daß bis zu ſechszig Perſonen täg⸗ lich in Paris guillotinirt wurden, abgeſehen von denen, welche in den Provinzen als Opfer der Ro⸗ bespierreſchen Ausrottungsprinzipien fielen. Während Robespierre und der Wohlfahrts⸗ ausſchuß auf dieſe Weiſe ihr Greuelſyſtem über ganz Frankreich verbreiteten, hatte die Zeit für Elias gleichſam ſtille geſtanden. Als er von Jerome beſinnungslos nach ſeiner Wohnung geführt worden war, kam der Arzt, wel⸗ chen der Fremde aufgeſucht hatte, an. Es gelang in der That nach vielen vergeblichen Verſuchen, den Jüngling wieder ins Leben zu rufen, aber nur um ihn aufs Krankenlager zu werfen. Elias hatte ſich eine ſchwere Gehirnentzündung zugezogen. Während der erſten Wochen ſah es aus, als wenn Elias der Charlotte Corday in die Ewigkeit nachfolgen würde; aber als endlich die Jugend ſieg⸗ 155⁵ reich aus dem Kampfe mit dem Tode hervorging, und alle Gefahren für das Leben überſtanden waren, dann zeigte es ſich, daß ſein Gehirn ſoviel gelitten hatte, daß der Arzt erklärte, es würden Monate hingehen, bevor er ſo hergeſtellt werden könnte, daß Gedächtniß und Denkvermögen zurückkehrten. Die erſten Monate nach ſeiner ſchweren Krank⸗ heit war Elias auch nur Körper ohne Seele und gab kein anderes Zeichen von Bewußtſein als das inſtinktive Verlangen nach Eſſen und Trinken. Wenn Jemand ihn anredete oder die einfachſten Fragen an ihn richtete, ſo ſtarrte er ihn wie be⸗ wußtlos an. So ging das Jahr 1793 zu Ende und auch im Anfang des darauffolgenden Jahres war er lediglich eine Maſchine. Erſt im Frühling fing er an, Zei⸗ chen von ſich zu geben, daß das ſo lange ſchlum⸗ mernde Bewußtſein erwache. Er konnte dann ein⸗ ſilbige Antworten auf dieſe oder jene Frage geben, die Suſanne an ihn richtete, ſowie Zeichen von Un⸗ wille, wenn der Arzt, oder irgend eine andere fremde Perſon ſich zeigte. Er konnte den Anblick von keiner andern Perſon, als von Suſanne ertragen. Jedoch war ſein Denkvermögen in keine Wirk⸗ ſamkeit getreten, denn es fehlte an allem Gedächt⸗ niß für das, was paſſirt und an Erinnerung derer, mit welchen er in Berührung gekommen. Er hatte alle Namen, außer Suſannes vergeſſen. Es war ſicherlich die Gewohnheit, ſie täglich an ſeiner Seite zu ſehen, welche es bewirkte, daß er ihren Anblick ertrug; aber er verband nicht mit ihr irgend eine Erinnerung an das Vergangene. 156 An demſelben Tage, an welchem Elias von Je⸗ rome nach Hauſe geführt wurde, war eine Schweſter⸗ tochter zu Suſanne gekommen, welche ihren Vater verloren und jetzt ohne allen Schutz war. Das Mädchen war nur vierzehn Jahre alt und hatte, außer Suſanne, Niemanden in der Welt, an den ſie ſich halten konnte. 4 Die alte Dienerin nahm auch Judith unter ihre Obhut und ließ ſie bei ſich bleiben, wohl wiſſend, daß EFlias nichts dagegen haben würde, denn es iſt faſt ohne Beiſpiel, daß die Juden nicht einander unterſtützen. Es fiel deßhalb Suſanne nicht ein, auch nur daran zu denken, daß Elias dem vater⸗ und mutterloſen Kinde eine Freiſtätte in ſeinem Hauſe verweigern würde. Suſanne war ihrem Stamme und ihrem Glau⸗ ben ſo zugethan, daß ſie das ganze Volk Israel als eine Familie betrachtete. Judith wurde auch für Suſanne eine wirk⸗ liche Hülfe während der langwierigen Krankheit des Elias und während der beſtändigen Nachtwachen. Oft kam es Suſanne vor, als hätte der Gott Abrahams ihr das Kind als einen Beiſtand und Troſt in der ſchweren Prüfung geſandt. Judith wartete des Elias mit unermüdlicher Zärtlichkeit und mit demſelben Eifer würde ſie ſich jedes ihrer Glaubensverwandten angenommen haben. Sie hatte von ihren früheſten Kinderjahren an von ihren jüdiſchen rechtgläubigen Eltern gelernt, alle von Judas Stamm als ihre Brüder und Schwe⸗ ſtern zu lieben. Dabei war ſie fromm und gottes⸗ — 157 fürchtig, geduldig und demüthig, lauter Eigenſchaf⸗ ten, welche ſie, obgleich jung, zu einer der beſten und geduldigſten Wärterinnen für einen Kranken machten. Flias hatte an ſeinem Krankenbett abwechſelnd Judith und Suſanne gehabt. Sein Blick, welcher langſam zur Auffaſſung von äußeren Verhält⸗ niſſen erwachte, ſollte deßhalb an die Geſichtszüge des Mädchens gewohnt ſein, und doch ſchien es, daß er, je mehr das Bewußtſein bei ihm zurückkehrte, Mißfallen daran fand, daß ſie in ſeiner Nähe war. Dieſelbe Unruhe und derſelbe Unwille, welchen ſein Geſicht ausdrückte, wenn der Doctor ihn be⸗ ſuchte, ſtellte ſich ein, wenn Judith in ſeinen Ge⸗ ſichtskreis kam. Dies veranlaßte Suſanne, welche mit dem Auge einer zärtlichen Mutter Elias folgte, Judith zu be⸗ fehlen ſich unten zu halten und nicht zum Vorſchein zu kommen, wenn er das Krankenzimmer verließ und es mit dem vordern Sammelplatz der Familie ver⸗ tauſchte. Das junge Mädchen gehorchte der Aufforderung und konnte ganze Tage in der abgelegenſten Ecke ſitzen, wenn ſie nur in demſelben Zimmer ſein durfte, wo er war. So war die Zeit verſtrichen und der 5. April, an welchem Dantons Kopf ſiel, war vorüberge⸗ gangen, ohne daß Elias noch Etwas von dem, was vorging, zu faſſen vermochte. Seitdem ſeine Körperkraft wiedergekehrt, pflegte er ganz mechaniſch die Diele im Familienzimmer auf⸗ und ab⸗ zu wandern. 158 An einem Nachmittag des Aprils promenirte er auf dieſe Weiſe. Der Tag war ungewöhnlich mild geweſen, die Fenſter ſtanden offen und die ſanfte Luft ſtrömte herein, den Duft von den blühenden Topfgewächſen verbreitend. Elias athmete einigemal tief, gleichſam um die angenehme Luft einzuſchlürfen; dann blieb er an einem der Fenſter ſtehen. Lange Zeit ſtand er unbeweglich, dann ſtrich er mit der Hand über die Stirne. Es lag in dieſer Bewegung Etwas, welches an⸗ deutete, daß er ſich Rechenſchaft ablegen wollte über die unklaren Vorſtellungen und dunklen Erinnerungen, die ſich ihm aufdrangen. In einer Ecke, neben einem der Fenſter und von einem der auf dem Boden ſtehenden üppigen Blumen⸗ Töpfe verborgen, ſaß Judith. Suſanne war in häuslichen Geſchäften ausge⸗ gangen. Judith hatte ihre Augen auf Elias gerichtet, in deſſen ſonſt ſchlaffem und lebloſem Geſicht eine unge⸗ wöhnliche Bewegung zu bemerken war. Es ſchien, als wenn der Gedanke, welcher ſo lange Zeit para⸗ lyſirt geweſen, ſich aus dem chaotiſchen Zuſtand herauszuarbeiten begann. Es herrſchte eine vollkommene Stille. Plötzlich ließen ſich drei Schläge an der Thür vernehmen. Elias fuhr heſtig zuſammen; warf einen Blick ringsum mit einer Miene als wenn er aus einem langen und tiefen Traume erwachte; hierauf ging 159 er mit raſchen Schritten in das Entree, offenbar in der Abſicht, dem Klopfenden aufzumachen. Judith, dem Suſanne es ſtreng verboten hatte ſich Elias zu zeigen, rührte ſich nicht von der Stelle, ſondern folgte ihm nur mit den Augen. In demſelben Augenblick, wo Elias die Hand an die Thürklinke legte, trat Suſanne ein: „Elias, liebes Kind, was wollen Sie?“ rief ſie ganz verwundert darüber, ihn im Begriff zu finden auszugehen. Elias wandte den Kopf um und antwortete: „Mein Vater klopft, ich gehe, um ihm aufzu⸗ machen;— damit ſtand er im Entree. Suſanne ſprang nach, faßte ihn am Arme und ſagte in einem bekümmerten Ton: „Gehe hinein, Elias, es iſt nicht Vater Jacob, der da klopft. Ich will nachſehen, wer es iſt. Elias, welcher ſich bereits in dem Hehrn be⸗ fand, blieb bei dieſen Worten ſtehen, betrachtete Suſanne mit einem langen Blick und ſagte nach einer Weile: „Du haſt Recht, Suſanne, es iſt nicht mein Va⸗ ter. Er kommt nicht wieder.“ Die drei Schläge an der Thüre wiederholten ſich. Elias eilte auf die Treppe. Suſanne, welche ihn jetzt ſeit neun Monaten weder ihren noch irgend eines Andern Namen hatte ausſprechen hören, wurde ganz freudig überraſcht, und bedurfte einiger Secunden, um ſich zu faſſen, und ihm dann nachzufolgen. Elias hatte indeſſen die Thür geoffnet. Sophie d'Escare ſtand vor ihm. 160 „Elias, mein theurer geliebter Elias!“ rief Sophie und wollte ſich in ſeine Arme werfen; aber bei ihrem Anblick und Ausruf ſchwankte Elias einige Schritte zur Seite, als wenn er einen hef⸗ tigen Schlag erhalten, und war nahe daran in Ohn⸗ macht zu ſinken. Suſanne beeilte ſich ihn aufzufangen, ſie konnte nicht anders denken, als daß er zu Boden ſtürzen würde; aber ſie täuſchte ſich. Im nächſten Augen⸗ blick ſtand er wieder aufrecht, den Blick feſt auf Sophie gerichtet. „Kennſt Du mich wieder?“ ſtammelte Sophie, und ſah ihn traurig an.„Ach, Elias,“ fuhr ſie fort, es iſt lange, lange her, ſeit ich Dich zu ſehen bekam. Ich bin während dieſer Zeit ſo unglücklich geweſen. Ich wurde deßhalb ſo erfreut, als Du mir aufmachteſt und Du vor mir ſtandeſt. Sophie war ihm etwas näher getreten. Madame Matthieu, welche das junge Mädchen begleitete, war indeſſen durchs Thor getreten und hatte daſſelbe ganz vorſichtig zugeriegelt. Ein Seufzer war die einzige Antwort, welche Elias auf Sophiens Worte gab. Er wandte ſich dann von ihr und eilte die Treppe hinauf. Trotz den Vorſtellungen der Suſanne und Ma⸗ dame Matthieu, daß Sophie ſich entfernen möchte, folgte ſie ihm doch nach, faßte ſeinen Arm und ſagte, während Suſanne halb mit Gewalt ſie zu bewegen ſuchte ſich zu entfernen: „Laß mich los, Suſanne, ſiehſt Du nicht, daß der Anblick von mir ihm den Gebrauch ſeiner Gedanken und ſeines Verſtandes wiedergibt.„Flias“ fügte 161 ſie hinzu und wandte ſich an ihn,„ſage ihnen, daß Du willſt, daß ich bleibe! Du und ich haben ja ſo viel einander zu ſagen. „ Ohne weder Sophie noch die andern anzuſehen, ſagte Elias: „Ja folge mir, Du und ich haben in der That einander viel zu ſagen. Der Ton hatte jetzt die kalte Beſtimmtheit, welche die Rede des Elias ſeit dem Tode des Vaters aus⸗ zeichnete, das heißt bevor ſeiner letzten Krankheit. Elias und Sophie traten in das Speiſezimmer. Während der Minuten, welche vergangen, ſeit er dieſes verlaſſen, bis er jetzt wieder dahin zurück⸗ kehrte, war mit ſeinem Geſichte eine gänzliche Ver⸗ wandlung vor ſich gegangen. Das Seelenloſe darin war verſchwunden, ebenſo das Verworrene, wodurch er ſich vor dem Klopfen an das Thor ausgezeichnet. Er hatte jetzt wieder ſeinen kalten und düſtern Ausdruck angenommen. Aus den großen dunklen Augen leuchtete das voll⸗ ſtändige Bewußtſein der wiedergekehrten Vernunft. Er wandte ſich an Suſanne und Madame Mat⸗ thieu mit den Worten: „Verlaſſet uns!“ Ich will mit Sophie allein ſein.“ .euſanne hatte von dem Arzt den ausdrücklichen Befehl erhalten, ſich nichts von dem zu widerſetzen, was Elias möglicherweiſe wünſchen könnte, deßhalb gehorchte ſie auch ſofort der Aufforderung. Sie entfernte ſich und führte Madame Matthieu mit ſich hinaus. Schwartz, Geburt u. Bildung. 1. 11 162 Judith, die Niemand bemerkte und Alle ver⸗ geſſen hatten, ſaß unbeweglich in ihrem Verſteck hinter den Blumentöpfen. Als Flias und Sophie allein waren, betrachtete er ſie mit einem traurigen und wunderlichen Blick und ſagte langſam: „Der Anblick von Dir, Sophie, hat ſo viele und unklare Erinnerungen in mir hervorgerufen, daß ich Mühe habe, ſie zu entwirren. „Einige kamen mir ſo unklar und unbeſtimmt vor, daß ich nicht weiß, ob ſie Traumbilder oder Wirklichkeit ſind.— Sage mir deßhalb, wann und wo ſahen wir einander zuletzt.“ Sein Blick ruhte auf Sophie, während er er⸗ wartete, daß ihre Worte den Nebel zerſtreuen wür⸗ den, in welchen die jüngſten Ereigniſſe eingehüllt waren. Schon im Laufe der letzten Woche hatte er eine verworrene Erinnerung von einem ſchönen Weibe gehabt, die ihm vorkam, als hätte er ſie geliebt; aber hiemit war indeſſen ein gräßlicher Vorgang verbunden— welcher, deſſen konnte er ſich nicht erinnern.— Als Elias am Fenſter ſtand und die Frühlings⸗ winde ſeine Stirne ſtreicheln ließ, gerade einen Augen⸗ blick vor der Ankunft Sophiens, war ſein Inneres damit beſchäftigt geweſen, ſich klar darüber zu wer⸗ den ob das ſchöne Weib eine Geburt ſeiner Phan⸗ taſie, oder ob es wirklich exiſtirte. Der Anblick von Sophie hatte plötzlich vor ſei⸗ nem Gedächtniß das Gemälde einer erregten und gereizten Volksmaſſe dargeſtellt, und darunter auch 163 ihn ſelbſt, Sophie und die ſeinem Herzen ſo liebe Frauengeſtalt. 3 Der wiedererwachte Verſtand ſagte ihm nun, da Sophie diejenige ſei, welche Ordnung in das Un⸗ klare in ſeinem Innern bringen und Licht in der Dunkelheit geben konnte. Er war ſich bewußt, daß es eine Periode in ſeinem Leben gab, welche er ſich nicht in ſeinem Gedächtniß zurückzurufen vermochte, obgleich er ſich Alles, was früher paſſirt, klar erinnern konnte. 2 Er harrte deßhalb der Antwort Sophiens mit 3 einer eigenen Unruhe. Das junge Mädchen überlegte wiederum mit ſich ſelbſt, wie ſie handeln ſollte. Eine Stille folgte deßhalb auf ſeine Frage. Elias, welcher vergebens auf die Löſung des Räthſels von Sophiens Lippen wartete, brach mit Bitterkeit aus: „Sophie, Du biſt ſo grauſam, daß Du meine Worte mit Schweigen beantworteſt, obgleich Du ſiehſt, daß ich mit Angſt auf das, was Du ſagen möchteſt, warte! Ich will, ich muß wiſſen, wo wir uns zuletzt trafen.“ „In Marats Wohnung, als Charlotte Corday gefangen genommen wurde,“ antwortete Sophie mit zitternder Stimme. Elias bedeckte raſch ſein Geſicht mit den Händen, warf ſich ſchlaff auf einen Stuhl und murmelte: „Charlotte Corday!“ Alles Dunkle und Verworrene in ihm war ver⸗ ſchwunden. Alle vergangenen Greuel traten lebhaft vor ſeine Seele. Der Name Charlotte Corday war 164 hinreichend, um ihm alles, was ſich zugetragen, wieder ins Gedächtniß zu rufen. Sophie ſprang zu, erſchreckt bei dem Gedanken, daß ſie durch das Auffriſchen dieſer Erinnerungen ihm einen ſo gewaltigen Schmerz verurſacht, daß derſelbe ihn wieder auf das Krankenbett werfen möchte. Sie rief voll Angſt: „Theurer Elias, ſehe mich an, ſprich mit mir!“ O, mein Gott, vielleicht habe ich Dir jetzt viel, viel Böſes gethan! Vergieb, vergieb mir es!“ Sie ſank nieder auf ihre Kniee. EFlias hob ihr geſenktes Haupt auf und ſagte ganz ruhig: „Nein, Sophie, Du haſt mir das einzige Gute gethan, was Jemand noch thun kann. Du haſt mir das Vergangene wiedergegeben. Meinen Dank dafür.“ Er ſchob ſie ſanft bei Site und wollte das Zimmer verlaſſen. „Du gehſt,“ ſprach Soph ſchmerzlich— und das ohne mir ein einziges Wort der Freundſchaft oder der Zärtlichkeit zu ſagen, Flias wandte ſich gegen Sophie. Sein Blick war kalt und ſinſter, als er antwortete: „Verlange nicht Freundſchaft und Zärtlichkeit von mir,— ich hege ſie für Niemanden.— Ein⸗ mal warſt Du, wenn ich mich beſinne, meine liebe Freundin.— Wir waren beide ein Paar beküm⸗ merte Kinder.— Nachher wurdeſt Du mir ein heiliges Erbe meines Vaters; jetzt— jetzt biſt Du die Pflicht, für welche ich lebe.— Dieſes iſt auch 165 Alles.— Haſt Du mich lieb, ſo höre auf damit! — Erinnerſt Du Dich der Zeit, wo ich die Gefühle eines Bruders für Dich nährte, ſo vergeſſe ſie und ſuche in mir den Vollſtrecker des letzten Willens von Jacob Levitain!“ „Du haſt alſo keine Theilnahme für mich?“ ſtammelte Sophie. „Nein!“ „Elias, Du biſt grauſam,“ ſchluchzte das junge Mädchen,„und ich, die ich innig überzeugt war, daß Du mich ebenſo hoch liebteſt, wie ich Dich.“ „Diejenige, welche ich liebte, haben Deine Glaubensverwandte geköpft.— Meinen Vater ha⸗ ben ſie ermordet, mein ganzes Leben haben ſie ge⸗ plündert, und ich— ich ſollte Jemanden lieben können, der ſich einen Chriſten nennt! Unmöglich!— Es ſind ja dieſe, welche alle zärtlichen Gefühle in meiner Bruſt tödteten.“ Er eilte aus dem Zimmer. Dießmal hielt Sophie ihn nicht zurück. Sie faltete nur die Hände über den unruhig arbeitenden Buſen, beugte demüthig den Kopf und flüſterte aus der Tiefe ihres gequälten Herzens ein ſtilles Gebet. Am Abend deſſelben Tages finden wir Sophie bei ihrer Arbeit in dem einſamen Salon Madame Moriers ſitzend. Schon ein Paar Stunden vorher war ſie von ihrem Beſuch bei Elias zurückgekehrt. Der Salon war ungewöhnlich reich beleuchtet. Er ſah aus, als wenn man für den Abend Gäſte erwartete. 166 Madame Morier ſitzt zurückgelehnt in einem Fauteuil. Auf ihrem energiſchen und ſonſt ruhigen Geſicht hat ſich ein Ausdruck der Unruhe und Ge⸗ dankenſchwere gelagert. Ihre Augen ſind auf So⸗ phie geheftet, welche fleißig näht. Die Wangen des jungen Mädchens ſind vollkommen farblos. Nach einer Weile rief ſie Madame Morier zu ſich. Sophie ging, um ſich zu den Füßen der mütterlichen Freundin zu ſetzen. „Du biſt bleich, mein Kind,“ bemerkte Madame Morier, faßte Sophie am Kinn und hob ihren Kopf in die Höhe.„Du leideſt immer für Deine Zärt⸗ lichkeit gegen Elias Levitain. Nichts deſtoweniger hatte ich gehofft, daß Du jetzt, wo wir ihn, nachdem was Du ſelbſt geſagt, als wieder hergeſtellt anſehen kön⸗ nen, etwas ruhiger und fröhlicher werden würdeſt. „Ich bin es auch,“ antwortete Sophie mit un⸗ ſicherer Stimme.„Ja ich fühle eine innige Dank⸗ barkeit gegen Gott, welcher ihm ſeine Geſundheit wiedergeſchenkt hat. Einige unfreiwillige Thränen ſchlichen ſich die Ehgn hinab und fielen auf Madame Moriers and. „Und doch weinſt Du?“ fiel dieſe ein. „Ach, Mutter, halte Dich nicht an meine Thrä⸗ nen,“ rief Sophie und lehnte ihren Kopf an Ma⸗ dame Moriers Bruſt.„Es würde mir jetzt un⸗ möglich ſein, den Grund derſelben zu erwähnen. Es gibt Schmerzen, die man am liebſten bei ſich be⸗ hält, wenigſtens ſo lange ſie am meiſten brennen. „Ich weiß es und werde Dich auch nicht mit Fragen plagen; aber ich wünſchte, daß Du heute Abend ſtark genug geweſen wäreſt, etwas anzuhören, was ich gezwungen bin Dir zu ſagen. Schon lange zuvor hätte ich es Dir mittheilen ſollen. „Sprich und ſei überzeugt, daß ich hinreichend ſtark bin, alles zu hören, was Du mir mitzutheilen haſt.“ „Selbſt wenn es eine Zugabe zu Deinem Schmerz enthält?“ „Ja ſelbſt dann. Jede Prüfung, welche mir Gott auferlegt, werde ich ohne Murren ertragen,“ antwortete Sophie demüthig. „Mein holdes Kind, auf Dich paßt in der That, daß die wahre Ergebenheit den wirklichen Helden⸗ muth ausmacht. Nun wohlan, ich will kurz ſein; Du mußt ſchon morgen mich und mein Haus ver⸗ laſſen.“ „Soll ich von Dir getrennt werden?“ „Eine bittere Nothwendigkeit zwingt mich, Dich ſichereren Händen, als den meinigen anzuvertrauen. An demſelben Tage, an welchem Dantons Haupt fiel, hätte ich dieſe Maßregel ergreifen ſollen. Gebe Gott, daß es jetzt nicht zu ſpät iſt, daß meine Schwäche nicht irgend ein Unglück herbeiführe!“ „Unglück!“ fiel Sophie ein und ſah erſchreckt Madame Morier an.—„Sollte ein ſolches Dir drohen?“ „Ja „Und welches?“ „Ich bin eine geborne Danton und...“ Eine Dienerin meldete in dieſem Augenblick den Bürger Harthon. Ein langer ſchlanker Jüngling trat in den Sa⸗ lon. Er grüßte ehrerbietig Madame Morier. 168 An den feinen, nobeln Zügen erkannte man den Jüngling von Charlotte Cordays Hinrichtung wie⸗ der,— denſelben, welcher es übernahm Aerzte für Elias zu ſchaffen, als Jerome ihn beſinnungslos nach ſeinem Hauſe brachte. Harthon richtete einige verbindliche Worte an Madame Morier und nahm dann Platz neben Sophie. „Haben Sie heute Levitain beſucht?“ fragte er und betrachtete Sophie mit einem forſchenden Blick. „Ja, das habe ich,“ antwortete ſie, ohne aufzu⸗ blicken. „Wie befindet er ſich?“ „Elias iſt jetzt vollkommen wieder hergeſtellt.“ Einige von Madame Moriers Freunden kamen jetzt an, und bald waren ſie und die Wirthin in einer lebhaften Unterhaltung begriffen. In den Abendzirkeln der Madame Morier wurde nie von Politik geſprochen, und es erſchien dort Niemand von Denjenigen, welche zu jener Zeit eine öffentliche Rolle ſpielten. Man verſammelte ſich gewöhnlich bei ihr einmal in der Woche, und dann be⸗ ſtand die Geſellſchaft aus anſpruchsloſen Artiſten, Poeten und Gelehrten, lauter Perſonen, welche den Wunſch hatten, ganz unbemerkt ihren Weg zu gehen, und glücklich, der öffentlichen Aufmerkſamkeit zu entgehen. Das Geſpräch unter ihnen drehte ſich auch aus⸗ ſchließlich um die ſchöne Kunſt, Literatur und Wiſſenſchaft. Welche Stürme Frankreich nachtheilig waren, wie die neue Republik ihr Problem löſte, und welche 169 die waren, die ſie opferte, das waren Dinge, welche man bei Madame Morier nie erwähnte. Am obengenannten Abend traf man ſich bei Madame Morier zum erſten Male ſeit Dantons Hinrichtung; aber demohngeachtet wurde kein Wort darüber laut. 8 Kein einziger unter den Gäſten zeigte durch Worte oder durch Mienen irgend eine Theilnahme für die Wirthin, obgleich man wußte, daß ſie mit dem ſo traurig berühmten Manne verwandt war. Die Unterhaltung drehte ſich um den Unterſchied zwiſchen der italieniſchen und holländiſchen Maler⸗ ſchule. Das Thema wurde ſehr lebhaft verhandelt. Während jeder ſeine Anſicht verfocht, hatte Harthon ſeinen Stuhl näher an Sophie gerückt, und ſich über ihre Stickerei beugend, die er zu be⸗ trachten ſchien, ſagte er mit gedämpfter Stimme: „Es ſind jetzt dreiviertel Jahre, ſeit ich Sie kennen lernte, Sophie. Das heißt, ſeit ich Sie zu lieben anfing. Während dieſer Zeit habe ich alles gethan, um ein Gefühl bei Ihnen hervorzurufen, dem entſprechend, welches ich für Sie nähre; das einzige aber was ich gewonnen, iſt ein paſſives Wohlwollen, und das krotzdem ich Ihretwegen Vater⸗ land, Eltern und Alles vergeſſen habe. Ich habe bloß einen Gedanken gehabt und dieſer Gedanke waren— Sie. Als der Zufall mich in dieſes Haus führte, war ich im Begriff, Frankreich zu verlaſſen, um in mein Heimathland zurückzukehren. Ich ſah Sie— und ich wurde an den Fleck gefeſſelt, wo Sie waren. Weder die Befehle meines Vaters noch die Bitten meiner Mutter haben es vermocht, mich 170 von hier zu reißen. Ich bin geblieben, ich habe ge⸗ hofft, und ich habe erwartet, daß Sie mir eines Tages Ihr Herz ſchenken würden und.. „Sie haben unrecht gethan,“ unterbrach ihn Sophie,„hoffet nicht, erwartet nicht, denn ich werde Sie nie lieben. Ich kann nur zu Gott für Sie beten.— Reiſet deßhalb und vergeſſet mich.“ „Sophie, Sie ſind herzlos wie alle Ihre Lands⸗ leute“ murmelte Harthon bewegt. Sie wiſſen, wie hoch ich Sie liebe, und Sie können doch ganz gleich⸗ gültig und ohne alle Barmherzigkeit mich von Ihnen ſtoßen.“ Sophie lächelte wehmüthig. Es waren ja nur einige Stunden her, daß ſie auf eine noch ſchonungs⸗ loſere Weiſe zurückgeſtoßen worden war. Was hatte ſie nicht von dem hören müſſen, den ſie liebte? Er hatte ihr geſagt, daß ſie für ihn lediglich eine Pflicht ſei, welche er von ſeinem Vater geerbt. Viel beſſer, wenn ſie gar nicht geweſen. Der Schmerz, welcher mit unverminderter Ge⸗ walt Sophiens Inneres zerfleiſchte, machte ſie in⸗ deſſen nicht gefühllos für die Leiden des jungen Fremden. Sie empfand ein tiefes Mitleid und ſagte deß⸗ halb mit einem Ausdruck unbeſchreiblicher Güte: „Nennen Sie mich deßhalb nicht herzlos, weil ich wahr bin! Ach, ich würde mich glücklich fühlen, wenn ich Ihnen die Zuneigung ſchenken könnte, welcher Sie nachſtreben; aber es iſt mir unmöglich.“ „Unmöglich, und warum?“ „Weil ich einen Andern liebe,“ flüſterte Sophie. 2 S„ 171 Harthon fuhr zuſammen. Er ergriff Sophiens Hand und ſprach mit bittender Stimme: „Und dieſer Andere— wie iſt ſein Name?“ „Elias Levitain.“ „Ein Jude!“ rief Harthon beſtürzt. Selbſt der Ton, womit ein Wort ausgeſprochen wird, kann ſo unendlich vielſagend ſein, und das war jetzt der Fall. Der Ausruf des Jünglings enthielt ebenſo viel Mitleid und Verachtung, als Ueberraſchung. Man bemerkte daraus, daß er nicht begreifen konnte, wie es möglich ſei, Liebe zu einem Juden zu faſſen,— wie ein Mädchen mit Sophiens erhabe⸗ nen Eigenſchaften der Seele eine Perſon lieben könnte, die einem verachteten und unterdrückten Volke angehörte. Er betrachtete ſie auch mit einem Blick, der zu deutlich verrieth, daß er ſie durch dieſe Gefühle für erniedrigt hielt. Sophie, von der man ſagen konnte, daß ſie etwas von göttlicher Wahrheit und Güte an ſich hatte, er⸗ hob mit edler Würde ihr Haupt, begegnete ruhig ſeinem mißbilligenden Blick und ſagte: „Vor Gott und der Republik ſind wir Alle gleich.“— „Gott und die Republik!“ wiederholte Harthon. Er kam nicht dazu mehr hinzuzufügen, denn die Thüre des Saals wurde aufgeriſſen und auf der Schwelle zeigte ſich ein Commiſſär mit der drei⸗ farbigen Schärpe um den Leib. Hinter ihm kamen einige Gensdarmen zum Vorſchein. Beim Anblick dieſer Perſonen wurden Alle in der 172 Geſellſchaft bleich wie Leichen. Man wechſelte ängſt⸗ liche und unruhige Blicke. Die Einzige, welche ihre Ruhe beibehielt, war Madame Morier. Sie ſtand ſofort auf und ſchien nicht im Geringſten überraſcht. Man hätte glauben können, daß ſie dieſe Gäſte erwartet, die während der jetzigen Zeit immer Un⸗ glück und Trauer mit ſich brachten. Der Commiſſär wandte ſich auch gleich an ſie und ſagte: „Sind Sie Anaire Danton, die Wittwe von Charles Morier?“ „Ja, Bürger, das bin ich.“ „Jerner Sophie Morier, Eure Tochter?“ „Ich habe keine Tochter, ſie iſt todt,“ antwortete Madame Morier mit feſter Stimme. rohem Tone.—„Wer iſt denn die da?“ Er deu⸗ tete mit dem Finger auf Sophie. „Ein junges Mädchen, Namens Sophie d'Escare, welche ſich ſeit einem Jahre in meinem Hauſe auf⸗ hält.“ 6 „Das geht mich nichts an. Sie iſt als Eure Tochter notirt und muß Euch deßhalb ins Gefäng⸗ niß folgen.“ Der Commiſſär wandte ſich an die Gensdarmen 5 mit den Worten: „Ergreift die Gefangenen und führt ſie ab.“ Harthon ſtellte ſich vor Sophie, wahrſcheinlich in der etwas wahnwitzigen Abſicht, ſich zur Wehr zu ſetzen; aber Madame Morier flüſterte ihm zu: „Euer und unſer Todesurtheil iſt unwiderruf⸗ . „Ihr lügt,“ unterbrach ſie der Commiſſär in haften. 173 lich gefällt, falls Ihr Euch zur Wehr ſetzt. Sagt Elias, was ſich zugetragen. Er muß Sophie retten.“ Hierauf wandte ſie ſich an das junge Mädchen, faßte es an der Hand und ſagte: „Komm mein armes Kind, wir müſſen ihnen folgen!“ Man führte Madame Morier und Sophie aus dem Zimmer. Während dem hatte indeſſen der Commiſſär Namen und Wohnung von allen Anweſenden auf⸗ geſchrieben und beſonders ſein Auge auf Harthon gerichtet. Madame Moriers Briefe und Papiere wurden mit Beſchlag belegt. Sobald die Gefangenen abgeführt waren, be⸗ eilte ſich die kleine Geſellſchaft ſich zu entfernen. Jeder ſchlich nach Hauſe, zitternd vor dem morgigen Tage und vor der eigenen Sicherheit. Zu jener Zeit bedurfte es ja nicht mehr, als mit einem Verhafteten in Berührung geweſen zu ſein, um deſſen Schickſal zu theilen. Während alle anderen Gäſte von dannen eilten, verblieb Harthon noch in dem leeren Salon, wohin Madame Matthien ſich nicht wagte, weil ſie fürchtete daß man zurückkehren möchte und auch ſie ver⸗ Beim Eintritt des Commiſſärs hatte ſie ſich ſchleunigſt auf dem Hausboden verſteckt. „Elias Levitain,“ murmelte Harthon, als er 174 allein war.„Nein, und tauſendmal nein, nicht ihn! Uebrigens, was wird ein Judenjunge für ihre Rettung vermögen? Nichts.“ Eine Weile überlegte er, was zu thun ſei.— Schwermuth und Unruhe ruhten auf ſeinen edlen Zügen, aber auch Nachdenken. Man ſah an der hochgewölbten Stirne, daß der Jüngling in hohem Grade die gewöhnliche Kaltblütigkeit der Nordlän⸗ der in den kritiſchſten Augenblicken des Lebens be⸗ ſaß, und daß er mit dem Verſtande den Weg heraus⸗ zufinden verſuchte, den er jetzt gehen mußte. Er überdachte keine unausführbaren Pläne zur Rettung Sophiens, wie Elias, als Charlotte Cor⸗ day verhaftet wurde. Nein, der achtzehnjährige nordiſche Jüngling brachte alle die aufbrauſenden Gefühle zum Schweigen, welche in der Aufwallung des erſten Augenblickes ihn beinahe zu einer un⸗ klugen und thörichten Handlung veranlaßt hätten, und ſuchte jetzt mit Hülfe des beſonnenen Verſtandes einen Ausweg, Sophie dem finſtern Schickſal zu entreißen, das über ihrem Haupte ſchwebte. Nach einer ziemlich langen Ueberlegung hatte Harthon ſeinen Entſchluß gefaßt und begab ſich nach Rue des Cordeliers, um Jerome Basſal aufzuſuchen. Harthon wandte ſich deßhalb an Jerome, weil er hoffte, von ihm Rath zu erhalten in Beziehung auf das, was zu Gunſten der Verhafteten ausgerichtet werden könnte. Als er in Basſals Wohnung ankam, fand er zu ſeiner großen Freude Jerome zu Hauſe und wurde ſofort zu dem jungen Bürger eingelaſſen. Beim Anblick Harthons ging ihm Jerome ent⸗ 175 gegen und fagte in einem freundlichen und vertrau- lichen Tone: „Es iſt mir lieb Euch zu ſehen, obgleich Ihr Euch nur dann zeigt, wenn Ihr Euch erbietet, mir einen Dienſt zu erweiſen. „Dreimal wäre es indeſſen beſſer, wenn ich nicht nöthig gehabt, mich hier einzufinden,“ antwortete Harthon.„Die Urſache, welche mich hierhergeführt, iſt mehr als traurig.“ „Wirklich; laßt ſie mich dann gleich erfahren. Vielleicht, daß ich jetzt vermag meinerſeits Euch einen Dienſt zu erweiſen.“ „Nicht mir, aber möglicher Weiſe Jemand An⸗ derem. Madame Morier und Sophie wurden vor einer Stunde verhaftet und in die Conciergerie ge⸗ bracht.“ „Iſt Sophie d'Escare verhaftet?“ brach Jerome aus.— „Ja. „Warum? Sie lebt ja ſo ſtill und unbemerkt!“ „Aber das hindert Madame Morier nicht, eine geborne Danton zu ſein,“ unterbrach ihn Harthon. Es bedarf nicht mehr, damit die Republik verhafte und hinrichte,— und Ihr nennt das Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit, wenn ein Name hin⸗ reicht, um Jemanden auf's Schaffot zu bringen.“ „Wenn Madame Morier eine Danton iſt, ſo giebt es keine Rettung für ſie,“ bemerkte Jerome traurig. „Aber Ihr ſeht wohl ein, daß wenigſtens das junge Mädchen gerettet werden muß!“ rief Harthon.„Wenn die Republik unbedingt Madame 176 Morier guillotiniren will, weil ſie den Namen eines derjenigen Männer trägt, welche ſie erſt geehrt und nachher hingerichtet hat, ſo... „Kann wenigſtens Sophie nichts dafür,“ unter⸗ brach Jerome. Er reichte Harthon die Hand zum Abſchied und fügte hinzu„Ich muß eilen, falls es mir gelingen ſoll, das Mädchen dem Schaffot zu entreißen. Indeſſen meinen Dank, Ihr habt mir den größten aller Dienſte erwieſen. Jerome eilte fort. Wir wollen jetzt einen Blick auf das werfen, was ſich in dem Hauſe Levitains zugetragen, nach⸗ dem Sophie es verlaſſen. Als Elias von Sophie weggegangen war, ſchloß er ſich in ſein Zimmer ein und wurde den übrigen Theil des Tages nicht mehr ſichtbar. Vergebens hatte Suſanne an die Thüre geklopft und flehentlich gebeten, daß er doch öffnen möchte. Die einzige Antwort, welche ſie erhielt, war der Schall ſeiner Tritte, welche anzeigten, daß er auf der Diele auf und ab ging. Ebenſo vergeblich wie es Suſanne verſucht hatte, Elias zu vermögen, die Thüre zu öffnen, ebenſo wenig konnte ſie von Judith irgend welche Auf⸗ klärung darüber erhalten, was ſich zwiſchen EFlias und Sophie zugetragen; das Mädchen weigerte ſich beſtimmt, es zu ſagen. Die ganze Nacht ſetzte Elias ſeine Wanderung fort. Erſt gegen Morgen hörten die Tritte darinnen auf.— —„— — S S — Sde 177 Zu der gewöhnlichen Zeit Vormittags, wo er, während er geſund war, ſich auf des Onkels Comp⸗ toir zu begeben pflegte, trat er in das Familien⸗ zimmer. Er war angezogen zum Auszugehen. Das Geſicht, obgleich ſehr bleich, hatte den frühe⸗ ren Ausdruck der Püſterkeit und der Strenge. Der erſte Blick, den Suſanne auf ihn warf, ſagte ihr, daß er jetzt vollkommen hergeſtellt, und derſelbe verſchloſſene, kalte und unzugängliche Elias ſei, wie vor der letzten Krankheit. Die alte Dienerin that einige Fragen, die er ganz kurz beantwortete. Er nahm ſeinen Hut um zu gehen. In dieſem Augenblick klopfte es an das Thor. Elias wandte ſich gegen Suſanne und ſagte: „Sieh mal nach, wer herein will!“ Mit Zaudern gehorchte Suſanne, kam aber ſo⸗ gleich bleich und mit verwirrtem Geſicht wieder zurück. „Der Gott Abrahams ſtehe uns bei! Man verlangt das Oeffnen des Thores im Namen des Geſetzes.“ „Du wirſt wohl dem Befehle ſofort nachgekommen ſein,“ ſagte Elias ruhig. „Nein, Elias, nein;— Du mußt Dich verſtecken, Du biſt es, den man verhaften will. Gehe hinauf und ich werde ſie das ganze Haus durchſuchen laſſen. Ja, ſie dürfen mich gern in Stücke reißen, wenn ſie nur Dich nicht finden. Das alte Weib hatte ſich ihm zu Füßen gewor⸗ ſen und ſeine Kniee umfaßt. Schwartz, Geburt u. Bildung. 1. 12 178 Elias riß ſich von ihr los und bemerkte kalt: „Höre auf mit dieſen Kindereien! Bin ich es, den man ſucht, dann will ich nicht, daß man nöthig hat, zu warten. Er eilte hinunter und machte ſchnell das Thor auf. „Seid Ihr Elias Levitain?“ fragte der ein⸗ tretende Commiſſär. „Das iſt mein Name,“ antwortete Elias. „Ihr müßt uns folgen. Ihr ſeid angeklagt Euch gegen die Republik verſchworen zu haben und im Complot mit der Frau Morier geweſen zu ſein, die verhaftet iſt.“ Bei dieſen Worten erbebte Elias. „Iſt die Wittwe Morier verhaftet?“ fragte er. „Ja ſie ſowohl wie ihre Tochter. Und nun Marſch.“ „Sophie verhaftet, Sophie, die zu hüten und gegen alles Unglück zu ſchützen Elias geſchworen hatte. Sophie, die Jacob ihm in ſeiner letzten Stunde anvertraut! Wie hatte Elias die Pflicht gegen das vater⸗ und mutterloſe Mädchen erfüllt?— Ja, er hatte ſie vergeſſen und ſich der Leiden⸗ ſchaft für ein fremdes Weib hingegeben und ſie ganz und gar dem Schutze Anderer überlaſſen. Es war eine bittere Stunde für Flias, deſſen Pflichtgefühl ihn anklagte. Er warf ſich das Schickſal vor, welches Sophie getroffen, und empfand, daß wenn ſie als ein Opfer deſſelben fiel, es ſein Verſäumniß ſei, welches daran Schuld geweſen, und daß ihm nur übrig blieb zu ſterben, da er, verfolgt von einem ſ Bewußt⸗ ſein, unmöglich leben konnte. es ig ch im die nz ie 179 Das Entſetzlichſte in ſeiner Lage beſtand darin, daß er, ſelbſt der Freiheit beraubt, außer Stande war, den geringſten Verſuch zu ihrer Rettung zu machen. Elias hatte gemeint, während der verfloſſenen Nacht alle irdiſche Qualen durchgemacht zu haben; aber er täuſchte ſich. Die Qualen, welche jetzt ſein Inneres erfüllten, waren gänzlich neu und bewieſen, daß, wie viel wir auch gelitten, uns immer noch neue Schmerzen übrig bleiben. Die Quellen der Leiden ſind unerſchöpflich und noch hat es kaum einen Menſchen gegeben, der nicht noch unglücklicher hätte werden können. In dem Augenblick, wo Elias vor dem Thor des Gefängniſſes ſtand, wandte er ſich an einen der Gensdarmen, deſſen gutmüthiges Ausſehen ihm Ver⸗ trauen einflößte, und ſagte: „Kennt Ihr den Bürger Jerome Basſal?“ „Ob ich ihn kenne!— rief der Gensdarm.“ „Marat nannte ihn ſeinen Sohn, und derjenige, den der Freund des Volkes ſo nannte, iſt uns Allen wohl bekannt.“ „Dann wünſche ich, daß Ihr ihn davon in Kennt⸗ niß ſetzt, daß ich und die Tochter der Wittwe Morier verhaftet worden ſind. Ihr werdet damit Basſal einen Dienſt erweiſen.“ „Gut, er ſoll es erfahren.“ Die Thore des Gefängniſſes ſchloſſen ſich nach Elias. Es kam ihm vor, als ſei er in das Vorgemach des Todes eingetreten. Ganze vierundzwanzig Stunden waren verſtrichen, 180 ohne daß Elias etwas darüber erfahren, was aus Sophie geworden, oder warum er ſelbſt der Frei⸗ heit beraubt ſei. Eine Stunde nach der andern erwartete er vor das Gericht gebracht zu werden; aber er wartete vergebens. Wie eine ganze Ewigkeit kam ihm die Zeit vor, deſſen flüchtige Minuten ſeine Seele mit Angſt erfüllten. Unaufhörlich fragte er ſich ſelbſt: „Welches iſt wohl Sophiens Schickſal in dieſem Augenblick?“ Der Abend kam. Die Dunkelheit und die Stille trugen nur dazu bei, ſeine Gedanken noch düſterer zu machen. Vor ſeine Seele traten immer wieder die qual⸗ vollen Vorſtellungen von Sophiens Hinrichtung. Es kam ihm vor afs wenn er die unheimlichen Umriſſe des Schaffots ſähe, deſſen ſchlüpfrige Treppen Sophie mit langſamen Schritten betrat. Er ſchloß die Augen; da kam es ihm vor, als wenn er den Fall des Beiles und das Herabrollen eines abgehauenen Kopfes hörte. Während dieſe ſchrecklichen Bilder vor ſeiner Einbildung gaukelten, verging die Nacht und der Tag dämmerte wieder. Um acht Uhr Morgens öffnete ſich die Gefäng⸗ nißthüre. Man kam, um ihn vor das Revolutionstribunal Zu führen. In dem einen der Gensdarmen erkannte Elias denſelben wieder, mit welchem er Nachricht an Je⸗ rome geſchickt. „Ich kann Euch grüßen von Bürger Basſal,“ 0 — 181 ſagte der Gensdarm,„er bat mich, Euch zu ſagen, daß Ihr ruhig ſein könntet, da Ihr die Herkunft Sophiens nicht kennt, von der er allein etwas weiß. Elias begriff ganz richtig, daß Jerome mit dieſem Gruß ihm einen Weg andeuten wollte, Sophie zu retten. Er ſah ein, daß alles jetzt darauf beruhte, das, was auf ſie Bezug hatte, dem Zeugniſſe Je⸗ romes zuzuſchieben. Die erſte Frage, die man an Elias ſtellte, war in welchem Verhältniß er zu der Wittwe Morier geſtanden.“ Er antwortete, daß er keine andere Berührung mit ihr gehabt, als daß ſie unter ihrer Obhut ein junges Mädchen gehabt, welches der verſtorbene Vater des Elias angenommen hatte. „Wie heißt dieſes Mädchen?“ „Sophie d Escare; ſie hat ſich ſpäter Morier nennen laſſen.“ „Welche ſind die Eltern Sophiens?“ „Sie hat keine; ſie ſind todt.“ „Wer war ihr Vater?“ Dieſe Frage kann Bürger Basſal am Beſten beantworten, denn ich weiß nur, daß ſie im Jahre 1791 in meines Vaters Haus ankam und von ihm als Pflegetochter aufgenommen wurde. „Wer übergab ſie ſeiner Obhut?“ „Das iſt mir unbekannt.“ „War er ein Ariſtokrat?“ „Mein Vater ſtand nie in Berührung mit einem ſolchen.“ „Was vermochte Euern Vater, ſich des jungen Mädchens anzunehmen?“ 182 „Das weiß ich nicht.“ Man ging nun zu Elias perſönlich und zu der Briefwechſelung über, welche man wußte, daß er mit Madame Morier geführt. Man wollte wiſſen, über was dieſelbe gehandelt und als Elias angab, daß ſie allein auf Sophie d'Escare Bezug gehabt, wurde dieſe Angabe auf den Grund hin verworfen, daß ſowohl Madame Morier als Elias die Briefe vernichtet hatten. Hätten ſie ſich bloß auf Privatangelegenheiten bezogen, ſo würden die Correſpondenten dieſe Vor⸗ ſicht nicht beobachtet haben. Man legte dann einen angefangenen Brief der Madame Morier an Elias vor, den einzigen, den man in ihrem Schreibtiſch gefunden. In dieſem Brief ſchien die Sprache etwas myſtiſch und es ging deutlich daraus hervor, daß ein geheimes Verſtänd⸗ niß zwiſchen ihnen exiſtirt habe. Mit einer Ruhe und Klarheit, welche bewies, daß er jetzt von ſeinem Pflichtgefühl und ſeiner Vernunft beherrſcht wurde, ſuchte Elias es klar zu machen, daß der Brief ſich lediglich um Sophie drehe; aber man nahm keine Rückſicht auf ſeine Worte. Schließlich berief ſich Elias auf Jerome Basſal, als denjenigen, welcher beſſer als irgend Jemand die Wahrheit deſſen, was er geſagt, bezeugen könnte. Hierauf wurde Elias ins Gefängniß zurückgeführt. Wieder verging ein Tag, zwei Tage und endlich drei Tage, ohne daß Elias vors Gericht geſtellt wurde, oder Etwas von dem erfuhr, was ſich auſ halb ſeines Gefängniſſes zutrug. Dieſe Tage waren Jahre, die Stunden Monate, er it 183 und Elias ſchleppte ſein Leben dahin in einem Seelen⸗ zuſtande, welcher unmöglich zu beſchreiben iſt. Hätte nur ſein eigenes Leben in Gefahr geſchwebt, ſo würde es ihm ganz gleichgültig geweſen ſein, wie das Urtheil ausfiele. Er würde ohnedieß gewünſcht haben, Charlotte Corday zu folgen und wie ſie zu ſterben; aber jetzt war es Sophiens Leben, welches bedroht wurde, ihr Leben, welches er beſchützen ſollte und derenwegen er ſich zur Pflicht gemacht zu leben. Am Morgen des vierten Tages öffnete ſich die BGefängnißthür und der Gefangenwärter erklärte, daß— Elias frei ſei. Elias fragte ſofort nach dem Schickſal der Wittwe Morier. „Sie wurde geſtern guillotinirt,“ antwortete der Gefängnißwärter. „Und ihre Tochter?“— Elias wagte kaum zu athmen. „Die haben ſie bis auf weiteres verſchont.“ „Seid Ihr deſſen ſicher?“ „Ob ich deſſen ſicher bin,“ rief der Gefängnißwärter. —„Deſſen bin ich gewiß; denn Ihr müßt wiſſen, Bürger, daß ich zu meinem eigenen Vergnügen die Namen aller derer außzuſchreiben pflege, welche die Republik einen Kopf kürzer zu machen für gut be⸗ findet.“ Das Thor wurde geöffnet und Elias befand ſich h freier Luft. e eine Minute zu zögern nahm er ſeinen Weg direct zu Jerome. Ungehindert trat er in deſſen Wohnung. Alle 184 Thüren waren unverſchloſſen. Der Saal, der Salon und ſelbſt das Arbeitszimmer waren leer. Es ſah aus, als wenn die Bewohner ausge⸗ zogen und weggeführt worden wären. Ein entſetzlicher Gedanke ſtieg in Elias' Seele auf.— — Sollte vielleicht Jerome durch ſein Bemühen. Sophien zu retten den Verdacht der Republik auf ſich gezogen haben und ſelbſt verhaftet worden ſein? Elias blickte unruhig und forſchend um ſich, in⸗ dem er hoffte Etwas zu finden was ſeine Beſorgniß beſtätigte oder beſeitigte. Seine Blicke fielen auf eine verſchloſſene Thüre; er näherte ſich derſelben, und es kam ihm vor, als wenn er ein unterdrücktes Schluchzen hörte. Er horchte. In der That weinte Jemand darinnen. Vielleicht haben ſie Basſal guillotinirt, dachte Elias und legte ſeine Hand an die Thürklinke. Die Thüre ging auf ohne Lärm; aber Elias blieb unbeweglich auf der Schwelle ſtehen. In einem Fauteuil ſaß ein junges Weib zu⸗ e und das Geſicht mit den Händen edeckt. Sie weinte wie Einer weint, der Alles, was ihHm im Leben lieb und theuer war, verloren hat. Elias konnte die Geſichtszüge, die mit dem Taſchentuch verhüllt waren, nicht ſehen; aber es war auch nicht nothwendig, denn er hatte augenbli Sophie d'Escare wieder erkannt. Vor ihr mit dem Rücken gegen Elias gek ſtand Jerome. 8 185 Während einiger Minuten wurde die Stille nur von dem Schluchzen Sophiens unterbrochen; endlich bemerkte Basſal: Eure Thränen ſchmerzen mich. Hätte ich Euch und Levitain retten können, ohne nöthig zu haben Euer Schickſal an das meinige zu knüpfen, ſeid ver⸗ ſichert, daß ich es gethan haben würde.— Ihr waret mir eine Fremde bis zu dem Augenblick, wo wir uns vor den Schranken des Gerichts begegneten. Ich habe deshalb nicht von irgend einem egviſtiſchen Verlangen geleitet ſein können. In dieſer Stunde freue ich mich darüber, daß meine Ehre mir es ver⸗ bot, Euch während Levitains Krankheit zu be⸗ ſuchen, und daß ich mich damit begnügte Madame Morier davon in Kenntniß zu ſetzen, daß ſie in mir einen Freund, und Ihr einen Beſchützer beſäßet. Jetzt müſſet Ihr einſehen, daß ich genöthigt wurde, Euch zu meiner Gattin zu machen, und daß nur die Nothwendigkeit allein mich dazu zwang. Elias hatte ſich gegen den Thürpſoſten gelehnt. Als Jerome ſchwieg, murmelte er: „Sophie ſeine Frau!“ und ſchlich davon, ohne daß ihn Jerome bemerkte. —— An demſelben Tage um die Mittagszeit finden wir Jerome in dem großen Familienzimmer des Elias auf und ab wandernd. Er wartete auf den jungen Juden. Suſanne war bei der Ankunft Jeromes ſchleunigſt hineingegangen, Elias zu benachrichtigen, daß der Bürger Basſal ihn zu ſehen wünſche, aber ſie blieb ungewöhnlich lange bei ihrem jungen Herrn. Endlich erſchien ſie wieder. Bleich und bewegt theilte ſie Jerome mit, daß Elias ſo unpäßlich ſei, daß er den Bürger Basſal nicht empfangen könne. Jerome betrachtete die Jüdin, als wenn er ſich von der Wahrheit deſſen, was ſie ſagte, überzeugen wollte. Hierauf bemerkte er: „Seid Ihr wegen Levitain in großer Angſt ge⸗ weſen, während er verhaftet war. „Meine Haare ſind grau geworden,“ antwortete Suſanne und ſchob ihre Haube in die Höhe. Es lag etwas in dem Ton und in den Worten, welches auf eine wirklich rührende Weiſe verrieth, wie viel ſie gelitten. „Wenn der Herr, unſer Gott, mich noch einmal ſolche Qualen ſolkte erleben laſſen, würde ich ſterben,“ fügte ſie weinend hinzu: „Wenn das der Fall iſt, ſo laßt mich hinein zu Levitain! Ich muß ihn ſprechen.“ Suſanne heftete einen ängſtlichen Blick auf Je⸗ rome, als wenn ſie fürchtete, daß er aufs Neue Elias ins Gefängniß werfen würde. Sie hegte ein förmliches Grauen vor dem jungen Mann, da ſie noch alle die Drohungen friſch im Gedächtniß hatte, welche er zu der Zeit, wo er nach Sophie ſpionirte, gegen ſie ausgeſtoßen, und ſie hatte ſich gerade in den Kopf geſetzt, daß er es ge⸗ weſen, welcher Elias hatte verhaften laſſen. Nachdem ſie einige Augenblicke den Blick auf ihn geheftet, wollte ſie wieder ineingehen, woher 187 ſie gekommen, aber zu gleicher Zeit trat Elias aus der entgegengeſetzten Thür herein. Beim Anblick Jeromes flog eine dunkele Röthe über die Stirne des Jünglings. Basſal ging ihm entgegen und ſagte: „Ich habe bereits eine halbe Stunde gewartet, um Euch zu treffen, und es wundert mich, daß Ihr Euch nach dem was vorgegangen iſt, krank ſagen ließet, um mich los zu werden.“ Elias warf einen zornigen Blick auf Suſanne. „Ihr irrt Euch Bürger, ich habe mich nicht krank ſagen laſſen, ſondern Ihr müßt dieſe Unwahrheit der Geſpenſterfurcht dieſes Weibes zuſchreiben. Ich habe von Eurem Hierſein nichts gewußt. Elias wandte ſich an Suſanne und gab ihr ein Zeichen, ſich zu entfernen. Sie ſchien es indeſſen nicht zu bemerken, ſondern betrachtete wechſelweiſe Elias und Jerome. In dem Ausdruck ihres Blickes lag die Furcht vor irgend einer neuen Gefahr. Elias ungeduldig über ihren Ungehorſam ſprach mit zuſammengezogenen Brauen: „Suſanne, ich warte darauf, daß Du Dich entfernſt. Die alte Dienerin blickte ihn traurig an und ging an die Thür. ⸗ „Gehe ohne Furcht!“ ſprach Jerome ganz freund⸗ lich.„Ich werde ihm nichts Böſes thun.“ Als Suſanne fort war, überreichte Jerome Elias ſtillſchweigend einen Brief und warf ſich hierauf in eine Ecke des Sophas, als wenn er durch dieſe Be⸗ wegung Elias hätte zu erkennen geben wollen, daß er ungeſtört den Brief leſen könnte. 188 Stumm hatte Elias den Brief entgegen genommen und ſtumm trat er an ein Fenſter um ihn zu leſen. Der erſte Blick auf die Aufſchrift ſagte ihm, daß der Brief von. Sophie ſei. Hier deſſen Inhalt: „Elias, immer lieber und theurer Elias!“ „Es ſind nun fünf Tage, ſeit ich Dich geſehen, ſeit ich traurig und unglücklich Deine Wohnung ver⸗ ließ, nachdem Du mich des größten Schatzes beraubt nämlich den Glauben an Deine Zuneigung und Zärtlichkeit. „Der Schlag kam ſo plötzlich, ſo unerwartet, ſo ſchonungslos und gerade in einem Augenblick, wo die Freude darüber Dich wieder zu ſehen mein ganzes Weſen friſch erfüllte, daß ich mich wie zer⸗ ſchmettert fühlte. „Der Schmerz ließ mich die Unterwürfigkeit ver⸗ geſſen, welche wir Ihm ſchuldig ſind, der uns Trauer und Freude, Prüfungen und Glück ſendet. „Ich widerſtand ſchlecht der erſten Heimſuchung der Leiden, der erſten Vernichtung meiner liebſten Träume, und deßhalb ſollten neue Qualen den erſten auf dem Fuße folgen. „So war es Gottes Wille, und ich beuge mich vor demſelben. „Du kennſt ja die ſchweren Prüfungen, welche die Vorſehung mich hat durchmachen laſſen, die Ver⸗ haftung meiner Pflegemutter und ihr trauriges Ende. Die Unruhe wegen Deinem Schickſal und endlich die Dankbarkeit gegen Gott, daß er Dich gerettet, das waren die Seelenerſchütterungen, welche mein Inneres bewegten. 189 „Ich ſelbſt bin dem Schaffot entgangen, wohin ich ſonſt derjenigen gefolgt ſein würde, welche Du mir zur Mutter gegeben. „Flias, das Teſtament, welches Du in mir von Deinem Vater erhalten, iſt jetzt aufgehoben. „Seit geſtern habe ich aufgehört für Dich eine Pflicht zu ſein. Du biſt von der Laſt befreit, Die⸗ jenige zu beſchützen, welche Du nicht mehr lieb haben kannſt. „Ich habe mir ſelbſt einen andern Beſchützer ge⸗ wählt, indem ich Jerome Basſal meine Hand gab. Ich bin jetzt ſeine Gattin. „Gott wird mich lehren meinen Mann zu lieben, damit ich die Pflichten erfüllen kann, die ich über⸗ nommen. „Du fragſt möglicherweiſe, was mich zu dieſer Verbindung bewogen hat. „Ich will es Dir ſagen. Die Republik hat mir die Mutter genommen, welche ich in Madame Mo⸗ rier gefunden; die Furcht hatte Matthieu fortgejagt, und Du hatteſt mir den Freund Elias geraubt. — So ſtand ich allein, und die Vorſehung ſandte mir Jerome Basſal. „Und jetzt, bevor ich Dir ein langes und vielleicht ewiges Lebewohl ſage, eine Bitte: Elias, verlaſſe Frankreich und kehre nicht wieder zurück, bevor die Zeiten der Ruhe wieder hier blühen, denn ſonſt wirſt Du ſicherlich als Opfer einer Mordluſt fallen, die keine Grenzen kennt! Ich beſchwöre Dich im Namen Deines Vaters, auf meine warnende Stimme zu hören. „Lebewohl, möge Gott, der Höchſte, über Dich 190 wachen und Dir all das Gute lohnen, das Du und Dein Vater mir erwieſen habt. Sophie d'Escare.“ Eine lange Weile ſtand Elias und ſtarrte die hübſchen und zierlich geſchriebenen Buchſtaben an, die an keiner Stelle ihn von dem Opfer unterrichteten, welches die Briefſchreiberin gebracht, um ſein Leben zu retten. Sie berührte die Verbindung mit Basſal als eine Handlung, welche durch ihr eigenes Bedürfniß, eine Stütze zu haben, hervorgerufen ſei. Flias würde über die Wahrheit vollkommen irre geleitet ſein, wäre er nicht einige Stunden vorher Zeuge ihrer Thränen geweſen und hätte er nicht die Worte Jeromes aufgefaßt, welche darüber Auf⸗ klärung gaben, was Sophien bewogen hatte, ihr junges Leben an das eines vollkommen unbekannten Mannes zu binden. In dieſer Stunde erkannte Elias, daß dieſes chriſtliche Mädchen in Edelmuth und Hochherzigkeit weit über ihm ſtände. Aber, was weiter?— das bewies nicht, das alle Chriſten edelmüthig ſeien. Nein, im Gegentheil ſchien Sophie eine Ausnahme von der traurigen Erfahrung zu machen, die Elias ge⸗ macht zu haben vermeinte. Uebrigens zeugte ja das Opfer, welches Sophie ihm gebracht, dafür, wie Grauſamkeit und Ungerechtigkeit ihre Landsleute be⸗ herrſchte, da man ſowohl Elias als Sophie aufs Leben bedroht! obgleich ſie vollkommen unſchuldig an allen Complotten gegen die Republik geweſen. Der Eindruck, den der Brief auf Elias machte, — 191 war deßhalb, nachdem das erſte Gefühl der Bewun⸗ derung vor Sophie ſich gelegt, nur eine vermehrte Erbitterung gegen das franzöſiſche Volk. Die Ereigniſſe fügten es in der That, daß Jacob Levitains liebſter Sohn ſich zu einem Fanatiker ent⸗ wickeln ſollte, das heißt zu dem Gegentheil von dem, was der Vater ſelbſt war und wünſchte, daß der Sohn werden ſollte. Ein Mann, wie Jacob Levitain, deſſen Inneres nur von edlen und hohen moraliſchen Begriffen be⸗ herrſcht wurde, konnte nicht leicht unmoraliſche und ſchlechte Kinder haben. Elias hatte auch die ſtrenge Rechtlichkeit des Vaters und auch den Stolz geerbt, von Niemanden eine Verbindlichkeit anzunehmen, ohne ſie zu ver⸗ gelten. Er fühlte tiefer, als Andere das Gewicht der Dienſte, die man ihm leiſtete und ſchätzte ſie oft über ihren wirklichen Werth. Dieſer bei Allen aus dem Geſchlechte Levitains charakteriſtiſche Zug erklärt auch, warum er beim Leſen von Sophiens Brief ſeine Seele gleichſam von der Laſt der Dankbarkeit niedergedrückt fühlte, die er ihr jetzt ſchuldig war. Man konnte noch nicht ſagen, daß er die Schuld abbezahlt, welche er von dem Vater geerbt, und jetzt kam Sophiens Selbſtaufopferung und vervielfältigte die erſtere. Elias' Kenntniß des Charakters Sophiens ſagte ihm, daß ſie mit dem Opfer, wofür ſie ſein Leben gekauft, nie ihr eigenes gerettet haben würde. Und obgleich Elias ſein Daſein als eine Laſt für ihn 192 ſelbſt betrachtete, ſo verminderte dies doch keines⸗ wegs den Werth von Sophiens Handlung in ſeinen Augen. Nein, er glaubte, daß er in Beziehung auf ſie ſich viel zu viel vorzuwerfen hatte, als daß er ſich nicht als den eigentlichen Urheber deſſen, was paſ⸗ ſirt, betrachten ſollte. Flias dachte mit Beben an ihre Zukunft, und ſchauderte bei dem Gedanken, daß dieſer Jerome, welcher heute mächtig war, morgen ſelbſt als ein Opfer der Dictatur der Guillotine fallen könnte, und daß Sophie, nach dem Ausrottungsſyſtem jener Zeit, dann als ſeine Gattin ſein Schickſal würde theilen müſſen. „Nun wohl,“ dachte Elias und faltete den Brief, den er die ganze Zeit angeſtarrt, zuſammen,— iſt es mein Egoismus, meine ungezügelte Leidenſchaft⸗ lichkeit, welche von Anfang an alle dieſe Gefahren und all das Unglück hervorgerufen hat, ſo werde ich auch künftig gut zu machen ſuchen, was ich ver⸗ brochen, dadurch, daß ich deſto treuer über ihr Leben und Schickſal wache.“ Er wandte ſich an Jerome, der mit dem Kopf auf die Hand geſtützt in Gedanken verſunken war, welche, nach dem Ausdruck in ſeinen Zügen zu ur⸗ theilen, alles, nur nicht freudig und angenehm waren. Wir haben einmal das Geſicht dieſes Mannes zu einem Bilde der großen Revolution geliehen, und thun dies noch einmal. WMan las in den Zügen Jeromes jene Müdig⸗ keit, jenen Ueberdruß und jenes Entſetzen, welches das unglückliche und blutende Frankreich zu erfaſſen an⸗ fing, und woraus eine Reaction beſtimmt hervor⸗ gehen mußte. 3 193 Basſal ſah aus, als wenn er mit Schaudern auf die Ereigniſſe zurückblickte, an welchen er Theil ge⸗ nommen und den Abgrund mäße, in welchen er während ſeiner wilden und zügelloſen Jagd nach Rache geſtürzt war. Man ſah, daß eine qualvolle Muthloſigkeit ſeine Seele erfüllte, und daß er mit Entſetzen die Unmöglichkeit einſah aus der Tiefe herauf⸗ zukommen, in welche er herabgeſunken. So verhielt es ſich eben auch mit der franzöſiſchen Nation. Sie fing an einzuſehen, daß der Weg des Verbrechens nicht derjenige iſt, welcher zur Freiheit und Unabhängigkeit führt; daß das Schwert, wel⸗ ches das Blut der Unterdrücker vergoß, die Hände, welche es führten, ſelbſt zu verwunden begann, und daß der geſellſchaftliche Körper, ermattet und ver⸗ armt darunter ſterben würde, ſobald er nicht auf⸗ hörte ſeine eigenen Glieder zu opfern. Das vergoſſene Blut hatte im Anfang die Ge⸗ müther berauſcht, aber auf dieſen Rauſch folgte wie auf jeden andern, Ekel. Das Volk erwachte allmäh⸗ lich zur Beſinnung; es ahnte, daß die Freiheit, in deren Namen ſo viele Verbrechen begangen wurden, in der Wirklichkeit nichts anderes ſei, als ein lügne⸗ riſches Schild, hinter welchem nur Ehrgier und Haß ihr tyranniſches Scepter führten. In Jeromes Geſicht las man Reue über die Vergangenheit und Demüthigung beim Gedanken an die Mittel, die er angewendet, um mitzuwirken für die große Sache der Freiheit, und deren eigentliche Trieb⸗ ſeder nur die Rache einzelner Beleidigter im Namen der Allgemeinheit war. Er ſah ein, daß er nie das Wort Freiheit Schwartz, Geburt u. Bildung. I. 13 194 verſtanden, und jetzt, wo er zur Auffaſſung deſſelben erwachte, jetzt waren die Flügel der Freiheit mit dem Blute Unſchuldiger beſchmutzt, ſo daß ſein Herz ſtille ſtand aus Furcht vor der Zukunft. Gerade das Herz des franzöſiſchen Volks bebte zurück vor dem Racheruf, welcher einſt aus den Grüften der unſchuldig Gemordeten emporſtürzen würde. Die Revolution hatte in ihrer Raſerei gerade diejenigen verſchlungen, welche ihre Entwickelung be⸗ ſchleunigt und an der Spitze ihrer Bewegungen ge⸗ ſtanden hatten. Nun wohl, dann gab es keine Grenze für ihre Verheerungen.. Die perſönliche Sicherheit, welche fortwährend bedroht war, brachte die Individuen dazu an ſich ſelber zu denken, und den morgenden Tag und die Fortſetzung der Schreckensherrſchaft zu fürchten. Die Worte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit konnten nicht mehr bezaubern, da ſie von einem Beile begleitet waren, immer bereit auf des Bür⸗ gers Kopf herabzufallen. In demſelben Augenblick, in welchem das fran⸗ zöſiſche Volk ſo weit zur Beſinnung gekommen, daß es die Bedeutung von Freiheit und Brüderlichkeit verſtehen konnte, ſollte ſich die Reue einſtellen und mit ihr das Verlangen, diejenigen zu ſtürzen, welche dieſe hohen und göttlichen Begriffe mißbraucht hatten. Jeder Vortheil, welcher mißbraucht wird, ver⸗ wandelt ſich früher oder ſpäter in etwas Böſes, und ſo auch die große Revolution. Sie hatte alle Grenzen überſchritten und deshalb ging aus dem Schoße derſelben die Kraft hervor, 195 welche aufs Neue das franzöſiſche Volk in die Feſ⸗ ſeln des Abſolutismus ſchmiedete. Dieſes mächtige Volk, welches trotz allen ſeinen Fehlern und Verwirrungen doch als das„H erz Europas“ angeſehen werden kann.— denn von ihm ſind alle großen, für die Menſchheit bedeutungs⸗ vollen Ideen ausgegangen— hatte demnach wieder noch nicht genug gelernt und nicht genug gelitten. Jerome repräſentirte in ſeiner Preſon das fran⸗ zöſiſche Volk; er beſaß deſſen Beweglichkeit, deſſen Kraft, deſſen Heldenmuth, deſſen Wildheit und deſſen Edelmuth. Er konnte von einer Idee elektriſirt, von edlen Leidenſchaften beherrſcht werden, ſich für einen großen Gedanken aufopfern und doch erſchlaffen unter Laſtern und Begierden. Stark in ſeiner Liebe wie in ſeinem Haß ver⸗ ſchwendete er ſowohl Edelmuth als Grauſamkeit, bis es eines Tages zu ſeiner Beſtürzung herausfand, daß er ſich in den Abgrund der Verbrechen und der Ver⸗ wirrungen geſtürzt. Dieſer Tag des Erwachens war jetzt gekommen. Es kam Jerome vor, als wenn es ihm an Kraft fehle, ſich heraufzuſchwingen aus der Erniedrigung, und doch ſah er ein, daß er, wenn er auf dem Punet beharrte, von der Verheerung ve werden würde, wie alle Andere, welche an dem großen Drama Theil genommen und gleich ihm die Grau⸗ ſamkeit als Mittel benutzt, das Ziel zu erreichen. So vertieft war Jerome in ſeine inneren Be⸗ trachtungen, daß er gänzlich die äußere Welt vergaß. 196 Die Stimme des Elias rief ihn indeſſen in die Gegenwart zurück. „Ich habe den Brief geleſen, welchen Ihr mir überreicht,— und ich würde durch denſelben hinters Licht geführt worden ſein, wenn nicht heute; als ich aus dem Gefängniß kam, mich der Zufall zum Zeu⸗ gen einer Scene zwiſchen Euch und Sophie gemacht hätte. Dadurch weiß ich, daß ſie, um mein Leben zu retten, mehr aufgeopfert hat, als das ihrige, ihre Freiheit.“ Elias ſprach die letzten Worte mit Bitterkeit aus. „Ja, Ihr habt Recht,“ antwortete Jerome und richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe auf.„Eure Rettung iſt ſo theuer geweſen, daß ich keines Men⸗ ſchen Leben eines ſo hohen Preiſes werth halte. Aber es war nicht, um Euch das zu ſagen, daß ich mich hier eingefunden, ſondern um... 4 4 „Kenntniß zu nehmen von Sophiens Mitgift,“ fiel Elias ihm ins Wort. „Daß ſie eine ſolche beſitzt, iſt mir unbekannt, und wenn es der Fall iſt, ſo geht mich die Sache nt an.— Ich möchte nur wiſſen, weſſen Kind ie iſt.“ „Weſſen Kind!“ wiederholte Elias,„das werdet Ihr wohl wiſſen, der Ihr verſprochen habt, ſie zu beſchützen und mir den Gruß durch den Gensdarmen ſandtet.“ Der Gruß enthielt nur ein Mittel, durch wel⸗ ches ich hoffte ſie dem Tode entreißen zu können⸗ Vor dem Gericht gab ich ſie als eine Tochter von Marat aus, deren Schickſal er mit dem meinigen zu verbinden wünſchte. Ich benutzte einen Brief von . ie ir ich U⸗ cht en e 18. nd re n⸗ 197 Marat, in welcher er wirklich von einer Tochter ſpricht, die er mit mir zu verbinden wünſchte. Es war mir bekannt, daß dieſe Tochter nicht mehr in Frankreich ſei; ich konnte deßhalb Sophie ihre Stelle einnehmen laſſen. Man verlangte auch von mir als Beweis für die Wahrheit meiner Angabe, daß ich Marats Wunſch erfüllen ſolle, und auf dieſe Weiſe wurde Sophie— meine Frau. Ich bin folglich berechtigt, ihre Abkunft kennen zu lernen. Ihr ſeid wahrſcheinlich der Einzige, der hierüber Au tlärung geben kann, da Sophie ſelbſt ſich in vollkommener Unkenntniß betreffs ihrer Herkunft befindet.* „Was ich weiß iſt nicht viel,“ antwortete Elias und betrachtete Jerome mit forſchenden Blicken;„es befindet ſich aber unter der Hinterlaſſenſchaft meines Vaters ein verſiegeltes Paket, welches ich öffnen ſoll, wenn Sophie ſich einen Gatten gewählt.“ „Dieſer Augenblick iſt jetzt gekommen und ich werde ſehen, ob die Papiere, welche dieſes Paket mir irgend ein Licht in der Sache geben ann.“ Elias ging hin zu dem mit koſtbaren eingelegten Verzierungen verſehenen Tiſch und drückte auf eine Feder; die Scheibe ſprang auf, er nahm ein kleines Paket heraus, welches an ihn ſelbſt adreſſirt war, und erbrach es. Jerome lehnte ſich an das Kamin, den Inhalt des Convoluts abwartend. Der Unſchlag enthielt einen Brief an Flias, einen verſiegelten Brief an Sophie und ein Docu⸗ ment, die Schenkung Jacobs von einem Teile ſeines Vermögens an Sophie betreffend. 198 Der Brief an Elias lautete: „Mein lieber Sohn!“ „Wenn Du dieſes lieſt, biſt Du an meiner Stelle und der Vollſtrecker meines Willens. Es iſt darum auf Dich das Vertrauen übertragen, welches Mirabeau mir in dem Augenblick ſchenkte, als er Sophie meinem Schutz anvertraute. Meine Pflicht iſt es, ſeinen letzten Willen, den er am Tage vor ſeinem Tode ausſprach, Dir mitzutheilen. Siehe hier, was er enthält: „Iſt die Marquiſin de Maillé todt, wenn Sophie das Alter erreicht hat, in welchem ſie zu erfahren wünſcht, wer ihr das Leben gegeben, ſo muß ſie darüber in Unkenntniß bleiben. Lebt die Marguiſin, dann darf Sophie an ihrem achtzehnten Geburtstag von dem beigelegten verſiegelten Paquet, welches ihr allein übergeben wird, Kenntniß nehmen. „Dies, Elias, war des großen Mannes beſtimmt ausgeſprochener Befehl, dem Du gehorchen mußt. Iſt aber die Marquiſin geſtorben, wenn Sophie achtzehn Jahre wird, dann iſt das Geheimniß ihrer Herkunft begraben, und Du mußt das verſiegelte Paket den Flammen übergeben. „Achtung vor dem Willen der Todten iſt Pflicht der Nachlebenden, und mein Sohn wird deßhalb in Allem dem folgen, was die Pflicht gebietet. Ich vertraue mit Ruhe das Glück und die Zukunft Sophiens Deinen Händen an, und füge nur hinzu: möge Abrahams Gott über Dich wachen! Jacob Levitain.“ W— — 199 Nachdem Elias mit den Gefühlen tiefer Ver⸗ ehrung dieſe Zeilen von dem geliebten ewig ver⸗ mißten Vater geleſen, faltete er den Vrief zuſammen und legte ihn mit dem verſiegelten Paquet wieder in den Tiſch hinein. Jerome überreichte er das Erb⸗ ſchaftsdocument mit den Worten: „Ueber Sophiens Herkunft habe ich nichts mit⸗ zutheilen, da Alles, was ſie betrifft, ſich auf das beſchränkt, was mein Vater verordnet hat. Jerome warf einen flüchtigen Blick auf das Papier, gab es dann wieder zurück und ſagte: „Behaltet es in Eurer Verwahrung; ich brauche Sophiens Mitgift nicht, und will unter den gegen⸗ wärtigen Verhältniſſen nichts damit zu thun haben. Es iſt ihr, nicht mein Vermögen; und wenn ich etwas von Sophiens Herkunft zu wiſſen wünſchte, ſo geſchah das in der Hoffnung, ſie irgend einem Verwandten anvertrauen zu können, der im Stande wäre ſie zu beſchützen, da ich unverzüglich Paris verlaſſe. Sie hat keine Verwandten, folglich bin ich ihre einzige Stütze. Da ich das weiß, ſo habe ich nichts mehr hier zu thun, Darum Leb wohl!— Sollte der Tod mich ſehr raſch wegreißen— Jerome machte eine Bewegung mit der Hand, um das Beil zu bezeichnen— ſo müßt Ihr Euch ihrer annehmen, wachet aber dann klüger und beſſer über ſie, als Ihr es gethan.“ Jerome näherte ſich der Thüre. „Wohin reiſet Ihr?“ fragte Elias. „Erſt werde ich Sophie zu einer ſichern Frei⸗ ſtätte außerhalb der Grenzen Frankreichs führen; 200 dann beabſichtige ich, mich zu Kellermann zu begeben, um an dem italieniſchen Feldzug Theil zu nehmen.“ „Wenn das Eure Abſicht iſt, ſo vertraut jetzt gleich Sophie meinen Händen an. Ich werde ſie nach England bringen und....“ „So lange ich lebe, wird ſie allein von mir be⸗ ſchützt werden,“ fiel Jerome ihm ſtolz in die Rede. Mit einem finſtern Blick auf Flias fügte er hinzu: „Sie iſt jetzt meine Gattin, und ich muß deß⸗ halb gegen Euch den Wunſch ausſprechen, daß Ihr nie Euren Weg mit dem Sophiens zuſammenführet, be⸗ vor mein Herz zu ſchlagen aufgehört hat. Euch ihr zu nähern würde eine Beleidigung gegen mich ſein.— Lebtwohl! Wenn Sophiens Ruhe Euch lieb iſt, ſo ſuchet nie mit ihr in Berührung zu kommen, bevor der Tod die Bande gelöſt, welche ſie an mich binden.“ So jung und unbekannt mit den Geheimniſſen des Menſchenherzens Elias auch war, ſo begriff er doch, daß Jerome von Etwas beherrſcht wurde, was mit Eiferſucht Aehnlichkeit hatte. Der Inſtinct ſagte Elias, daß gerade das Hpfer, welches Sophie gebracht, Basſal die Ueberzeugung eingeſlößt habe, daß ihr Herz an Elias hänge, und daß dies der Grund ſei, warum Jerome den Jüngling nicht in der Nähe ſeiner Frau ſehen wollte. Flias hatte zu viel wirklichen Stolz, um Jeman⸗ des Rechte beleidigen zu wollen, und er ſah deßhalb augenblicklich ein, daß alle perſönliche Berührung zwiſchen ihm und Sophie zu Ende ſein müſſe. Aber ebenſo klar wie dies vor ſeiner Seele ſtand, S 201 eben ſo feſt hatte er beſchloſſen Sophie nicht aus den Augen zu laſſen. Er mußte wiſſen, welches jetzt ihr Schickſal werden ſollte. Was wußte er wohl von dieſem Basſal, das eine Garantie dafür gab, daß Sophie glücklich werden würde? Durchaus nichts. Was Elias wußte, war, daß Jerome zu den eifrigſten Anhängern Marats gehörte und daß er einer von denen war, welche die Freiheit und das Glück Frankreichs auf Haufen von guillotinirten Mitmenſchen errichten wollten. Es war demnach ein Mann ohne alle milde und menſchliche Gefühle. Konnte Elias zu dem Herzen und Charakter einer ſolchen Perſon irgend ein Vertrauen haben? Un⸗ möglich! Wenn er im Allgemeinen grauſam ge⸗ weſen, ſo hatte man alles Recht zu vermuthen, daß er eben im Einzelnen auch ſo ſein würde. Aus einem augenblicklichen Edelmuth hatte er Sophie zu ſeiner Frau gemacht; aber dies war keine Bürgſchaft für das Glück ihrer Zukunft. Im Gegentheil, denn aus dieſer Verbindung, die ſo gut wie am Fuße des Schaffotts und wäh⸗ rend das Beil über dem Kopfe eines der Contra⸗ hirenden hing geſchloſſen wurde, war es nicht zu rorten daß etwas Anderes, als Sorgen und Un⸗ glück hervorgehen würden. Die FPflicht erheiſchte es deßhalb von Elias, daß er ſich zu überzeugen ſuchte, wie die Zukunft ſich geſtaltete, welcher Sophie entgegen ging. Was er für ſeine Schuldigkeit hielt, das wollte Elias eben ausführen. Die Kunſt beſtand immer darin, dies zu thun, 202 ohne die Eiferſucht Jeromes zu reizen, oder ihn auf irgend eine Weiſe zu kränken. Die Antwort Elias' an Basſal auf die letzteren Worte war deßhalb auch in Uebereinſtimmung mit ſeiner Auffaſſung ihrer gegenſeitigen Stellung⸗ „Die Furcht, Euch zu beleidigen, würde mich nicht davon abhalten den Verſuch zu machen Sophie wieder zu ſehen, wenn ich es übereinſtimmend mit Ehre und Pflicht anſähe,“ ſagte Elias ſtolz,„aber mein eigenes Rechtsgefühl ſagt mir, daß ich vor dem Wunſche, den ihr ausgeſprochen, Achtung haben muß. Darum, Bürger Basſal, ſage ich Euch: per⸗ ſönlich werde ich nie Eurer Gattin in den Weg treten; aber ebenſo gewiß iſt es, daß ich treulich über ſie wachen werde, bis ich mich überzeugt habe, daß ſie glücklich iſt. Ihr möget Sophie noch ſo weit wegbringen, ſo wird mein Auge unſichtbar ihr folgen um zu ſehen, wie ſich das Leben desjenigen Weſens geſtaltet, welches mein Vater meiner Obhut anver⸗ traut.“ Jerome legte die Hand auf den Thürgriff und bemerkte, indem er die Thür öffnete: „Einmal verbarget Ihr ſie vor mir und es ge⸗ lang Euch, ein ganzes Jahr ihren Zufluchtsort vor den Blicken meiner Spione geheim zu halten. Jetzt iſt die Reihe an mir. Ich will ſehen, ob es mir nicht noch beſſer gelingt. Hättet Ihr damals nicht in kindiſchem Uebermuth geglaubt allein ihre Stütze ſein zu können, ſo würde Sophie heute nicht meine Gattin ſein, denn ich hätte ſie zu jener Zeit außerhalb der Grenzen Frankreichs in Sicherheit vor den Stürmen der Revolution gebracht. Ihr habt Ihr dagegen 203 als Schild gegen die Gefahren ein Weib gegeben, deſſen Verwandtſchaft mit Danton Ihr als eine Sicherheit betrachtetet, und ſtatt dieſes hätte dieſe Verwandt⸗ ſchaft Sophien beinahe das Leben gekoſtet. Alles dieſes berechtigt mich, Euch, unerfahrner Jüngling, einen Rath zu geben, nämlich: daß, wenn Ihr Euch ſelbſt nicht zu retten vermöget, geſchweige irgend einen Andern, ſo verlaßt Frankreich ſo bald als möglich! Schon Morgen, vielleicht in dieſer Nacht, könnt Ihr verhaftet werden, und dann wird keine Aufopferung Euch dem Tode entreißen.“ Jerome ging und Elias murmelte: „Du haſt Recht; meine Unklugheit, meine Un⸗ erfahrenheit und mein Selbſtvertrauen hat ſie ent⸗ gelten müſſen; aber Deine Worte ſagten mir, daß ich mich an ihr Leben wie der Schatten am Kör⸗ per heften muß. Zwiſchen ihr und allem ferneren Unglück werde ich ſtehen, und auf dieſe Weiſe einen geringen Theil von dem, was ich verbrochen, wieder gut machen.“ Leiden ui grüfungen hatten gewiß das Herz Elias' kalt gemacht und alle zärtlichen Regungen darin getödtet; aber ſie hatten nicht dazu beigetragen ihm den Glauben an ſeine eigene Kraft zu rauben. Die Ueberſchätzung der Kraft unſeres Willens iſt Etwas, welches der Jugend eigen iſt, ſelbſt wenn alle andern Illuſionen ins Stocken geriethen und verſchwanden. Elias glaubte, daß er ein unſichtbarer Schutz⸗ engel für Sophie werden, ihrem Leben alles Bittere nehmen und ſelbſt das Unglück lähmen könnte, ſo daß es nicht vermöchte ſie aufzuſuchen. 204 Der Strom der Greigniſſe ſollte nichts deſto⸗ weniger auch dieſen guten Vorſatz kreuzen und ſeinen letzten Schmeicheltraum zerſplittern, in dem pflichtliebenden Herzen nur den nagenden Vorwurf hinterlaſſend, daß er nicht die Vevpflichtungen er⸗ füllt, welche er eingegangen. Eine Stunde nach Jeromes Weggang verließ EFlias ſeine Wohnung. Als Flias das Thor öffnete, um hinaus zu treten, befand er ſich plötzlich vor einem langen, ſchlanken Jüngling, welcher die Hand in der deutlichen Abſicht ausſtreckte, den Thürklopfer zu faſſen. Bei dieſem unvermutheten Begegnen blickten beide einander etwas überraſcht an. „Wen ſucht Ihr?“ fragte Elias, welcher ſich nicht erinnern konnte, je die Züge des Fremden geſehen zu haben. „Euch.“ war die Antwort. „In welcher Abſicht? Ich kenne Euch nicht.“ „Das weiß ich. Ihr waret zu bewegt, als wir zuſammentrafen, um mir irgend eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken; dies hindert mich aber nicht zu wiſſen, daß Ihr Elias Levitain ſeid, und daß Ihr zugleich mit Sophie d'Escare verhaftet waret, aber heute wieder die Freiheit erhalten habt. Ich habe mich auch hier eingefunden, um von Euch zu erfahren, wohin Sophie d Escare gegangen iſt, als ſie das Gefängniß verließ. 205 Statt zu antworten, betrachtete Elias ihn mit einem mißtrauiſchen Blick. „Ah, Ihr hegt Furcht vor mir,“ nahm der Fremde wieder das Wort.„Das iſt natürlich. Ihr wißt nicht wer ich bin, und ihr meint deßhalb nicht nöthig zu haben, mir die Aufklärungen zu geben, welche ich zu erhalten wünſche. Nun wohl, leſet dieſes, und Ihr werdet daraus finden, daß ich, wer ich auch ſein mag, doch kein Feind des jungen Mäd⸗ chens bin, deſſen Schickſal mich intereſſirt.“ Der Fremde reichte Elias ein kleines Billet und fügte hinzu: „Siehe erſt dieſe Zeilen durch. Jede Secunde der Ungewißheit iſt eine Ewigkeit von Qualen.“ Elias las: „Bürger. Ihr habt dadurch, daß Ihr mich von der Verhaftung Sophiens in Kenntniß geſetzt habt, ihr Leben gerettet. Wenn Ihr dieſes erhaltet, iſt ſie und Levitain auf freien Fuß geſetzt; aber es hat nicht in meiner Macht geſtanden die Wittwe Morier zu retten. Ihr Kopf iſt gefallen, wie der von hun⸗ dert Andern. „Habt Dank für das, was Ihr gethan. „Jetzt trennen ſich unſere Wege. Kehrt zurück nach Eurem Vaterlande, und vergeſſet dort, wie viel Blut die Freiheit Frankreichs deſſen Söhne gekoſtet. Dies wünſcht Jerome Basſal.“ Elias drehte das Billet um und las auf deſſen Außenſeite den Namen Harthon. 206 Er gab es zurück und ſagte: „Nun wohl, was wünſcht Ihr von mir zu er— fahren?“ „Wo Sophie d'Escare ſich augenblicklich befindet, und wer ſie nachher beſchützen ſoll?“ „Ihr Mann,“ antwortete Elias kalt. Harthon ergriff den Arm des Elias und rief: „Was war es, was Ihr geſagt?“ „Daß Sophiens Mann, Jerome Basſal, jetzt ihr geſetzlicher und natürlicher Beſchützer iſt, und daß ſie ſich folglich in ſeiner Wohnung befindet. Er wird ſchon wiſſen ihr eine Freiſtätte zu verſchaffen, wo die Verfolgungen ſie nicht erreichen werden.“ „Sophie verheirathet,“ ſtammelte Harthon. „Ach, das iſt wahrlich zu viel!“ fügte er mit der Hand über die Stirne fahrend hinzu. Schweigend wanderte er und Elias die Straße entlang, ohne daß der Erſtere eine einzige Frage that, wo Harthon Sophie kennen gelernt u. ſ. w. Sb Flias auf die heftige Gemüthsbewegung ſeines Begleiters Acht gegeben, wiſſen wir nicht; nur gab er durch kein äußeres Zeichen zu erkennen, daß er mit des Andern Schmerz Mitleid hatte. In Harthons Jahren glaubt man ſich vernichtet, weil die Wirklichkeit der Einbildung nicht entſpricht. An einer Bucht des Genferſees lag verſteckt ein Landſitz. Er gehörte offenbar irgend einem fried⸗ lichen und fleißigen Landmann, welcher abgeſchieden 207 von der Welt und ihren Stürmen hier ſeinen Acker pflügte und ſeine Heerden weidete, glücklich und dankbar in dem Bewußtſein einem freien unabhängigen Volke anzugehören. Es war ein ſchöner und milder Maiabend. Die Sonne ſenkte ihre goldene Scheibe gegen den Hori⸗ zont und warf auf die ſpiegelklare Waſſerfläche einen langſamen Abſchiedsblick, gerade als wenn ſie mit beſonderem Wohlgefallen durch ihre glänzenden Strah⸗ len der Landſchaft hätte ſchmeicheln wollen, wo Friede und Ruhe zu wohnen ſchienen. Eins der Giebelfenſter in dem ſchweizeriſchen Landhaus war offen und in demſelben ſtand ein ganz junges Weib, den Kopf auf die Hand geſtützt und ihren Blick auf dem See und deſſen Ufern ruhend. 4 Es waltete eine ſo vollkommene Stille in der Natur, daß man hätte glauben können, daß die Bäume und Blumen ehrfurchtsvoll und andächtig den Abendſegen von der Königin des Himmels em⸗ pfingen. Selbſt der Vogel in den Aeſten hatte mit ſeinem Geſang aufgehört, als wenn er von der Feierlich⸗ keit der Stunde und von dem Entzücken darüber er⸗ griffen ſei. Das poetiſch Feſſelnde und Friedliche dieſer Stunde ſprach laut zu der jungen Träumerin. Auf dem bleichen, feinen und traurigen Antlitz ruhte ein Ausdruck tiefer Dankbarkeit, welcher ein ernſtes Erkennen der Güte und Größe des Aller⸗ höchſten in ſich ſchloß. Vergeſſen waren alle Leiden, alle getä 208 Hoffnungen, und ſie ließ ſich lediglich von dem Ge⸗ fühle der Nähe Gottes beherrſchen, welches durch eine ſolche Stunde unwillkürlich hervorgerufen werden mußte. Wie ſchön und lehrreich war nicht die Schrift, welche vor ihr aufgeſchlagen lag, und welche doch nur ein Blatt in dem großen Buche der Natur aus⸗ machte, in jeder Zeile von welcher ſie Gottes Ge⸗ danken geoffenbart zu ſehen meinte. Der letzte der Strahlen der Sonne fiel auf des jungen Weibes Haupt. Sie verbeugte demüthig ihren Scheitel, faltete die Hände und über das Lippen⸗Purpurbett ſchlich ſich ein warmes und in⸗ niges Gebet. In der nächſten Minute war die Sonne ver⸗ ſchwunden. Der Tag hatte der Nacht Platz gemacht, welche jetzt, mit dem Abend als Vorläufer, ihre ſtille Wan⸗ derung anfing, Mohnduft in ihren Fußſtapfen ſtreuend. Ein leichter und kühler Weſtwind eilte durch das Laub, küßte die Blumen und kräuſelte die Waſſerfläche. Die Vögel ſtimmten auch eine Abendhymne zum Lob der verſchwundenen Sonne an, und in der Ferne hörte man den Klang von Hirtengeſang und Kuh⸗ glocken. Es war eine Idylle in der Natur. Die Thüre zu dem kleinen, einfachen aber zier⸗ lichen Zimmer, in welchem das junge Weib ſich be⸗ fand, wurde geöffnet, und hereintrat ein hoher, ſtark⸗ gebauter Mann, mit dem Körper eines Nordländers und den Geſichtszügen eines Sohnes des Südens. N S v 209 Er trat auf die Beterin zu, welche noch unbe⸗ weglich, mit zum Gebete gefalteten Händen und ge⸗ beugtem Kopfe daſaß. „Ich komme Euch Lebewohl zu ſageu,“ ſagte er mik klarer und ernſter Stimme. Die Angeredete wandte raſch ihr Geſicht gegen ihn. Ueber die Wangen flog ein ſchwarzer Purpur⸗ ſchimmer. Sie ſah ihn an mit einem Blick ſo rein und ſo mild, daß man ſagen konnte, ein Engel guckte aus dem Spiegel hervor. „Verlaſſet Ihr mich ſchon?— Es ſind ja nur einige Stunden, daß wir hier angekommen ſind.“ Sie reichte ihm die Hand. Er ergriff ſie und blickte ſie an, als wenn er wünſchte ſeiner Seele dieſes liebliche und einnehmende Geſicht recht lebendig einzuprägen, in welchem ſo viel Frommheit und Güte zu leſen waren. „Sophie, Sie ſagen ſchon,“ wiederholte er.— „Warum gebrauchen Sie dieſes Wort?“ „Weil es mir vorkommt, als wenn Sie viel Eile haben, mich zu verlaſſen.“ „Es war ja die Uebereinkunft, daß ich Ihnen nur bis hierher folgen ſollte.“ „Das iſt wahr, aber ich wünſchte, daß Sie hier blieben.“ „Und der Grund?“ „Ich wünſchte zu lernen Sie zu lieben. Gott hat mir Sie zum Gatten gegeben, und er hat es mir auch zur heiligen Pflicht gemacht, mein Herz an Sie zu binden.“ Jerome Basſal— denn er war es— ließ angenblicklich ihre Hand los und ſagte kalt: Schwartz, Geburt und Bildung. 1. 14 210 „Man lernt es nicht ſich zu lieben. Die Liebe iſt das Kind der Stunde, ſie kommt augenblicklich oder nie. Auch will ich Euch die ſchwere Pflicht er⸗ ſparen, den Verſuch zu machen Eure Gefühle an mich zu feſſeln.— Ich reiſe und verlaſſe Euch.“ „Jetzt ſeid Ihr wieder mißvergnügt,“ rief Sophie, „und das betrübt mich. Ich, welche wünſchte, jede Wolke von Eurer Stirne zu verjagen, habe immer das Unglück ſie hervorzurufen.“ „Bevor Ihr vermöget, die Sorgen von meiner Stirne wegzublaſen, werdet Ihr mich lieben müſſen, und ich Euch; aber, da wir das nicht thun, ſo bleibt uns nur übrig, daß wir getrennt leben. Ein Herz, welches an Elias Levitain hängt, hat keine wirk⸗ liche Zärtlichkeit mir zu verſchenken, das meinige.... „Kennt die ganze Laſt an ein Weib gebunden zu ſein, welches Ihr aus Edelmuth zu Eurer Gattin gemacht,“ fiel Sophie ein. „Ihr habt Recht, ich kenne in der That die Schwere des Opfers, welches Ihr gebracht; denn, wenn ich Euch auch mein wärmſtes Herzblut opfern wollte, ſo würde ich nicht im Stande ſein, Euch nur eine einzige Stunde Glück zu erkaufen. „Mein Glück hängt in der Zukunft von Euch ab,“ antwortete Sophie mit einer innigen Ueberzeugung in der Stimme. „Nein, Sophie, ſucht nicht Euch ſelbſt zu be⸗ trügen!— Die Liebe, welche Ihr für einen Andern hegt, ſteht zwiſchen Euch und mir, und würde Eurem Herzen einen ganzen Abgrund von Qualen ſchaffen, falls ich mich Euch mit Zärtlichkeit nähern ſollte. — Ihr würdet aus Pflichtgefühl Euch meinen „— S= S—— — 211 Liebesbezeugungen unterwerfen, aber das Glück, welches ich möglicherweiſe auf dieſe Weiſe gewinnen könnte, würde ein Fluch für Euch werden.— Ich bin nicht ſchwach, nicht einmal gut, aber ich bin hart und kann bisweilen grauſam ſein; indeſſen will ich für den Preis, Euer moraliſcher Henker zu werden, kein Glück gewinnen.— ⁵ „Lebt deßhalb, armes Kind, ungeſtört und ruhig in dieſem ſtillen Winkel der Welt und vergeſſet ſo viel wie möglich, daß ich die Feſſel bin, welche Euch von den wahren Freuden des Lebens trennt! Das Einzige, was ich von Euch verlange, iſt, daß Elias Levitain keine Kenntniß von Eurem Aufenthaltsort erhält. Und nun lebt wohl, Sophie, meine Ehre kann in keinen beſſern Händen ruhen, als in den Eurigen.“ Jerome drückte die Hand Sophiens und wandte ſich ab um fort zu gehen. Er war bewegt. „Verweilet noch einen Augenblick, bevor Ihr gehet!“ bat Sophie. „Und warüm verlangt Ihr dieſes ſchmerzliche Verweilen?“ fragte Jerome. „Was Peinigendes kann wohl für Euch darin liegen?“ ſagte Sophie.„Ihr ſagt einem Weibe Lebewohl, für welches Ihr kein anderes Gefühl als Mitleid hegt. Wenn Ihr ihr noch einige Minuten ſchenkt, dann habt Ihr damit nur ein Wohlwollen an den Tag gelegt, welches ſie in ihrer Einſamkeit nöthig hat, denn wenn Ihr gegangen ſeid, wenn ſich die Thüre hinter Euch geſchloſſen hat, dann wird ſie ſich ganz und gar verlaſſen fühlen.“ „Schenket mir darum die Hoffnung, daß Ihr 112 zurückkehren werdet, daß Ihr nicht gehet, um mich nie wieder zu ſehen! Ihr ſeid jetzt der Einzige, gegen welchen meine Anhänglichkeit ſich bewähren ſoll, und meine Seele hat ein großes Bedürfniß zu en daß Ihr wieder kommt und an meiner Seite bleibt.“ „Sophie, wenn mein Herz ſchwach wäre, ſo wür⸗ det Ihr es zum Wanken bringen. Zum Glück für uns Beide ſteht die Erinnerung an Euren Schmerz, als ich Euch als meine Gattin in mein Haus führte, zu lebendig vor meiner Seele, daß ich vergeſſen ſollte, was ich Euch und mir ſchuldig bin.— Ihr wünſcht, daß ich Euch verſpreche wieder zurückzukom⸗ men. Gewiß werde ich es, ſofern nicht die Kugeln der Feinde Euch von dem befreien, den Euch das Schickſal aufgedrungen. Ich wünſche und hoffe, daß Ihr bald frei werden möget.“ „Ihr wollt mich nicht verſtehen?“ ſagte Sophie traurig. „Ich verſtehe vollkommen das Schöne und Edle in Eurem Beſtreben, Euch an mich anſchließen zu wollen; aber das Herz iſt ein Rebell, der ſich nicht befehlen läßt.“ „Ihr könnt mich alſo nicht lieb haben?“ fragte die junge Frau. „Ich weiß es nicht.— Ich weiß nur, daß Ihr das einzige Weſen ſeid, deſſen Glück ich zu fördern wünſche, von deſſen vergangenem Leben ich alle Sorgen wegnehmen möchte, und deſſen reines, un⸗ ſchuldiges Gemüth ich vor der Anſteckung der Welt bewahren möchte.“ 9 „Dank für dieſe Eure Worte! Sie geben mir die — ———— 8„ * — — — — — 5— * 213 Verſicherung, daß Ihr zurückkehren werdet. Bei dieſer Gewißheit wird das Warten mir weniger lang werden.“ Ein Paar Minuten betrachtete Jerome ſeine liebliche Frau und ſuchte in den offenen, ehrlichen Augen zu leſen, welche die Gefühle ſeien, die ihr dieſe Worte dictirten. „Wenn ich glaube im Kampfe mit Frankreichs Feinden meinem Vaterlande ſo viel genutzt zu haben, daß ich das durch mich vergoſſene, unſchuldige Blut verſöhnt habe, dann komme ich wieder. Möge der Herr des Schickſals Euch bis dahin beſchützen.“ Jeromes Lippen berührten flüchtig die Stirne der jungen Frau. „Nehmet dieſes!“ flüſterte Sophie und überreichte ihm ein kleines Paket.„Oeffnet es in dem erſten Wirthshaus, in welchem Ihr übernachtet, und ſchickt mir dann einen freundlichen Gedanken.“ Jerome nahm das Paket, drückte ihr ſchweigend die Hand, welche ſie ihm gegeben und; verließ eilig das Zimmer. Die Hand ans Herz gedrückt, horchte Sophie auf die verballenden Hufſchläge des Pferdes, welches Jerome, aus der Heimath des Friedens am Genfer⸗ ſee zu den Stürmen des Krieges brachte. „So bin ich denn einſam, ganz einſam in einem fremden Lande, ohne ein einziges Weſen, 95 mich ieb hat,“ ſtammelte Sophie. „Ihr täuſcht Euch,“ rief eine bewegte Stimme 214 hinter Sophie. Sie wandte ſich haſtig um, und ſiche— da ſtand die entflohene Madame Matthieu, ihr die offenen Arme entgegenſtreckend. „Ach, mein Gott, biſt Du es,— Du meine liebe vermißte Julie!“ rief Sophie und warf ſich in ihre Arme. „Ja, gerade ich ſelbſt, von der Ihr, undankbares Kind, glaubtet, daß ich Euch verlaſſen hätte“— ſtammelte Julie Matthieu unter Thränen.„Wie tonntet Ihr ſo von derjenigen denken, welche Euch gewartet hat ſeit dem Eintritt in das Leben.“ Madame Matthieu überhäufte Sophie mit ihren Schmeicheleien und ihrer Freude, wieder ihr„liebes Kind“ zu beſitzen. „Aber, Julie, wo biſt Du geweſen,“ fragte Sophie als der erſte Gefühlsſturm ſich gelegt hatte,„und wie haſt Du mich hier finden können?“— Als ich aus dem Gefängniſſe herauskam, war meine erſte Frage nach Dir; man ſagte, daß Du von unſerer Wohnung weggeſchlichen ſeieſt, aus Furcht unſer Schickſal theilen zu müſſen. „Ja ſo, das ſagte man?“ rief Julie in einem zornigen Ton.„Dem hättet Ihr keinen Glauben ſchenken dürfen, ſondern einſehen ſollen, daß ich Euch unmöglich verlaſſen konnte, wenn ich auch wollte. Mein Herz war ja an das Eurige feſtgewachſen.“ „Nun, aber theile mir doch mit, wo Du warſt.“ Sophie ſetzte ſich ans Fenſter und zog Julie auf einen Stuhl gerade vor ſich herab, indem ſie ihrer treuen Wärterin zulächelte. „Ich habe bei dem Bürger Basſal gefangen geſeſſen. 5— 215 „Wie, gefangen?“ Sophie richtete einen ver⸗ wunderten Blick auf die Gouvernante. „Wartet ein wenig, dann werdet Ihr erfahren, wie das zuging.„Als die Gensdarmen kamen, um Euch und die arme Madame Morier zu verhaften, nahm ich meine Zuflucht auf den Boden, wo ich mich verſteckte. Ich dachte ſo: wenn die Banditen dich zu Geſicht bekommen, wirſt Du ins Gefängniß ge⸗ worfen, und wer ſoll dann Sophie retten?— Genug, ich verhielt mich ruhig auf dem Boden, bis es voll⸗ kommen ſtille im Hauſe wurde, da ſchlich ich mich die Treppe hinunter und begab mich zum Bürger Basſal, um.... „Aber Julie, wie kannteſt Du ihn,“ fiel Sophie ihr in die Rede. „Ich kannte ihn nicht ganz und gar,“ antwortete Julie;„aber Madame Morier hatte mir einige Tage, bevor ſie verhaftet wurde, geſagt:„„wenn mich irgend ein Unglück treffen und Sophie irgend eine Gefahr drohen ſollte, ſo wendet Euch eiligſt an Jerome Basſal und Elias Levitain. Die werden ſie retten.““ „Jetzt wißt Ihr, mein liebes Kind, daß ich nie recht die Juden habe leiden können, und obgleich ich Euret⸗ wegen gezwungen wurde, eines Juden Brod zu eſſen und unter ſeinem Dache zu wohnen, ſo habe ich doch immer gelitten durch die Berührung mit Nichtchriſten. Yuch konnte es mir nicht einfallen mich an Elias Levitain zu wenden, da Madame Morier mir Je⸗ rhme Basſal genannt hatte. Ich eilte in die Woh⸗ nung des Letzteren. Er war nicht zu Hauſe.— Ich ichm Poſto im Thorweg, um auf ihn zu warten. Erſt um Mitternacht kehrte er in ſeine Wohnung 216 zurück. Ich erzählte ihm was ſich zugetragen und er antwortete: „Harthon hat mich bereits von der Verhaftung der Madame Morier unterrichtet.“ Darauf befahl er mir in ſeinem Hauſe zu bleiben, wo er mich in einem ſeiner Zimmer einſperrte. So verliefen drei Tage für mich unter der ſchrecklichſten Angſt.— Am vierten benachrichtigte er mich, daß Ihr frei wäret.“ „Ja, er ließ mich Euch durch eine Thürritze ſehen, und dann wurde ich von Paris hierhergeſchickt, um Euch hier zu erwarten. Madame Matthien ſchloß wieder Sophie in ihre Arme und fügte hinzu: „Als der Bürger Euch verließ, gab er mir Er⸗ laubniß hereinzutreten und ſagte: „Bringt Eurer Herrin dieſen Brief; er enthält meinen letzten Gruß an ſie.“ Julie überreichte Sophien einen Brief. Mit einer eigenen Bewegung öffnete die junge Frau das erſte Schreiben von ihrem Mann. Es lautete: „Obgleich ich Euch dem Schutze meiner Schweſter und meines Schwagers anvertraut habe, würde ich doch nicht mit Ruhe an Euch denken können, wenn ich nicht die Gewißheit mit mir fortgenommen, daß Ihr an Eurer Seite Eure älteſte Freundin und Pflege⸗ rin beſäßet. „Daß ich Euch ſo lange ihrer Geſellſchaft hahh berauben müſſen, war eine grauſame Nothwendigkei, welche die Rückſicht auf Eure Sicherheit dictirte, 217 ein einziges Wort von Madame Matthieu den Be⸗ trug hätte verrathen können, welchen ich begehen, mußte, um Euch zu retten. „Ihr ſeid jetzt nicht einſam in einem fremden Lande und unter fremden Menſchen. Ihr habt an Eurer Seite ein Herz, welches nur für Euch ſchlägt, und ich kann in dieſem Augenblick zu mir ſelber mit Stolz ſagen, daß ich alles zu thun geſucht habe, um Euer Leben erträglich zu machen, und daß ich dabei mich ſelber ganz außer Acht gelaſſen.— Das Einzige, was ich verlange, iſt, daß Ihr ohne Un⸗ willen denken möget an Jerome Basſal.“ Ein Gefühl unbeſchreiblicher Bekümmerung er⸗ griff Sophiens Inneres beim Leſen dieſes Brieſes, in welchem ſich ſo viel Fürſorge und Güte offen⸗ barten. Sie empfand einen bitteren Schmerz beim Gedanken, daß dieſer Mann, welcher alles aus Mit⸗ leid that, gar keine Neigung für ſie hegte. „Warum ſo traurig?“ ſagte Julie und faßte die eine Hand Sophiens.„Mir ſcheint's, als wenn wir ſehr froh und dankbar gegen Gott ſein dürften, daß wir uns außerhalb der Grenzen Frankreichs an einem Ort befinden, wo man zu ſprechen und zu denken wagt.“ „Ach ja, Du haſt Recht, gute Julie, für wieviel haben wir nicht Gott zu danken; am meiſten indeſſen dafür, daß wir jetzt wieder einander haben!“ Sophie reichte ihrer alten Freundin die Hand. „Und darum fort mit aller Trauer!“ rief Julie fröhlich.„Ihr müßt wiſſen, daß ſeit Herr Mirabeau —— 218 todt iſt, habe ich mich nicht ſo frei und glücklich ge⸗ fühlt, wie in dieſem Augenblick. Von der Stunde an, wo ich genöthigt wurde, die Schwelle des Juden zu betreten, war es mir, als wären meine Lippen verſiegelt. Ich ſah ein, daß Schweigen das war, was ich zu thun hatte, und daß jeder Streit mit Demjenigen, welcher den Auftrag erhalten Euch zu beſchützen und für Euch zu ſorgen, unklug und un⸗ richtig ſein würde; aber es kam mir vor, als wenn meine ganze Bruſt aus einer einzigen Qual beſtände. Ich weinte und betete im Stillen, daß Gott uns nicht ſeine Hand entziehen möchte, obgleich wir mit Juden Umgang pflegten. Dieſelbe Unruhe, dieſelbe ſtille Angſt folgte mir zu Madame Morier. Jetzt erſt iſt es, als wenn ich mich ſelbſt und mein früheres fröhliches und munteres Gemüth wiedergefunden hätte. Gott und die heilige Jungfrau ſegne den Bürger Basſal, daß er uns unter chriſtliche Men⸗ ſchen gebracht, ſo daß... Sophie legte ihre Hand auf ihrer Pflegerin Lip⸗ pen und unterbrach ſie, indem ſie ſagte: „Chriſten oder Juden, wir ſind alle Gottes Kinder. Vor dem Höchſten gibt es keinen Unterſchied. Was uns beſonders betrifft, meine liebe Julie, ſo ſtehen wir in einer untilgbaren Schuld gerade an dieſe von Dir geriggeſchätzte jüdiſche Familie.“ „Sicherlich, ſicherlich“ murmelte Julie;„aber eine ſonderbare Idee war es von Mirabeau, Euch, ein Mädchen von vornehmer Herkunft, Judenhänden anzuvertrauen.“ „Wenn Du fortfährſt ſo zu ſprechen, werde ich betrübt,“ ſagte Sophie.—„Was weiß ich von meiner 219 Herkunft? Ganz und gar nichts. Und ſollte ich auch noch ſo vornehm ſein, ſo würde ich mich doch nicht mit Jacob Levitain in Güte, Hochherzigkeit und in edler Denkweiſe meſſen können. Was ich von ihm gelernt, werde ich treu in meiner Seele be⸗ wahren; denn gewiß treffe ich nie Seinesgleichen. Madame Matthieu veränderte raſch den Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung; denn ihr Vorurtheil gegen die Juden war ſo groß, daß es ihr ſchwer fiel, irgend etwas Gutes an ihnen anzuerkennen. * Während Sophie und Madame Matthieu ſich auf dieſe Weiſe mit einander unterhielten, eilte das Pferd immer weiter weg mit Jerome. Die Ruhe und die Kaltblütigkeit, welche er wäh⸗ rend ſeiner Unterredung mit Sophie an den Tag gelegt, waren verſchwunden. Auf ſeinem bewegten Antlitz ſpiegelte ſich ein innerer und bitterer Kampf ab.— Er ſpornte das Pferd immer mehr und mehr an, als wenn er einem ihn verfolgenden Feinde hätte entfliehen wollen. So ging es etwas über eine Stunde vorwärts, als er ganz plötzlich ſein Pferd anhielt und dieſes im Schritt gehen ließ. Er nahm den Hut ab, um die Abendluft ſeine brennend heiße Stirne abkühlen zu laſſen und wo möglich das unruhig bewegte Blut in einen ruhigeren Lauf zu bringen. 220 Die Dunkelheit hatte nach und nach das Licht des Tages abgelöst, und in dem Walde, in welchem Jerome ſich jetzt befand, war es finſterer, als anderswo. Der Wind ſeufzte in den Gipfeln der Bäuine, und die Vögel lockten ihre Jungen, heimzukehren in ihre friedlichen Wohnungen, bevor die Nacht einbrach. Jede heftige Bewegung in unſerem Innern hinter⸗ läßt ein Gefühl der Schwermuth. Jeder, ſelbſt der ſtärkſte und gefühlloſeſte Menſch⸗ iſt einmal in ſeinem Leben von einer ſolchen trüben Ermattung der Seele heimgeſucht und fühlt dann das unwiderſtehliche Bedürfniß irgend einen lieben Freund an ſeiner Seite zu haben. Der Mangel an Liebe, Friede und Glück erfüllte in dieſem Augenblick die Bruſt Jeromes. Das Getümmel des Kampfes und die Lockungen der Ehre hatten jetzt keinen Werth für ihn, und es kam ihm vor, als wären ſie nur leere und lüg⸗ neriſche Traumbilder, welche ihn vom Glücke wegriſſen. Das Leben Jeromes war ſtürmiſch und unruhig geweſen, wie der Geiſt jener Zeit. Er hatte ſich von ſeinen Leidenſchaften beherrſchen aſſen. Einmal hatte der Jüngling mit Leidenſchaft ein hochgebornes Weib geliebt, welches mit Verachtung auf ihn herabgeſehen und ſeine Liebe als eine Be⸗ leidigung betrachtet hatte. Er hatte mit Leidenſchaft für die Freiheit ge⸗ ſchwärmt, aber dieſe in demſelben Augenblick ernie⸗ drigt, wo er ſie zu einem Mittel ſeiner perſönlichen Rache machte. 221 Jerome hatte in und für die Revolution gelebt, ihrer Grauſamkeit und ihren Vernichtungsgrund⸗ ſätzen gehuldigt; aber er hatte nicht an das künftige Ziel gedacht, wonach ſie ſtreben mußte. Er war ihr auf ihren Blutwegen gefolgt, bis er an den Klippen der Mißgriffe geſcheitert. Unter der Anſtrengung, wieder davon los zu kommen, er⸗ wachten in ihm beſſere und edlere Inſtincte, und er ſchämte ſich der Vergangenheit. Jetzt ſtand Jerome im Begriff ſich nach der Armee zu begeben, um mit Leben und Blut für die franzöſiſche Republik zu ſtreiten, welche bereits viel zu viel gekoſtet, daß nicht jeder Franzoſe ſie aus allen Kräften gegen ausländiſche Feinde hätte vertheidigen ſollen. Jerome dachte über die Vergangenheit nach und ſuchte zu berechnen, was die Zukunft im Schilde führe; aber alle dieſe Berechnungen wurden von der Wehmuth und der Leerheit vernichtet, die ihn befielen. Plötzlich legte er ſeine Hand auf die Bruſt, als wenn er hoffte, daß das kleine Paket, welches Sophie ihm beim Abſchied übergeben, im Stande ſein würde ſeine Niedergeſchlagenheit zu verſcheuchen. Er zog es hervor, drehte es in den Händen und betrachtete es in der Dunkelheit mit Neugierde, als wenn er gewünſcht hätte, aus dem Unſchlag auf den Inhalt ſchließen zu können. Nach Verlauf einer Stunde ſteckte er es wieder in die Taſche, gab dem Pferde die Sporen und vor⸗ wärts ging es. Es war Mitternacht, als er bei einem kleinen —— 222 Wirthshaus anhielt, wo er bis zum nächſten Morgen bleiben wollte. Hier erbrach Jerome das Siegel des kleinen Pakets. Es enthielt ein Miniaturportrait und einen Brief. Mit heftiger Bewegung hielt Jerome das erſtere gegen das Licht, ließ es aber eben ſo raſch wieder fahren. Das Bild von Elias Levitain begegnete ſeinen Blicken. Jerome nahm jetzt den Brief und faltete ihn langſam aus einander. Der Inhalt lautete: „Wenn Ihr dieſes lest, ſind wir getrennt, viel⸗ leicht auf ewig; denn die Gattin eines Kriegers kann ſchon als Wittwe angeſehen werden, wenn er ſie verläßt. „Der einzige Beweis, den ich Euch geben kann, daß ich Alles thun werde, um Denjenigen, welchen ich einſt geliebt, zu vergeſſen, beſteht darin, daß ich Euch ſein Portrait gebe. „Von Euch getrennt, oder an Eurer Seite, bin ich doch Eure Gattin. Dieſes Portrait war ein Verſtoß gegen meine Pflichten und das, was ich vor Gott und meinem Gewiſſen Euch ſchuldig bin, da⸗ rum würde ich mich vor mir ſelber ſchämen, wenn ich es behielte. „Möge der Höchſte über Euch wachen und Euch recht bald zurückführen.* „Sophie.“ Und dies Weſen, deſſen Herz ſo rein iſt, deſſen * ganze Seele nur von Liebe zu Gott, zum Guten und Rechten erfüllt iſt, hat die Marquiſin meinem Schutz anvertraut.— Wunderbares Spiel des Zu⸗ falls!“ Jerome legte den Kopf in die Hand. „Welche Verbindung,“ dachte er weiter,„kann da wohl zwiſchen Ceſarine und dieſem reizenden Kinde gefunden werden? Warum lag der Mar⸗ quiſin gerade dieſes Mädchen ſo ſehr am Herzen, daß ſie mich bat dasſelbe zu beſchützen. Die Marquiſin de Maillé, ſo ſtolz, kalt und ohne alle Güte, hatte doch ein Herz für dieſes wunderbare Kind. Wie dieſes dunkele Räthſel erklären?“ Jerome ſtand haſtig auf und fing an die Stube auf und ab zu gehen; dann fuhr er in Gedanken fort: „Wäre Ceſarine nicht ſo ſtreng, ſo tadellos, ſo flecken⸗ frei in ihren Sitten geweſen, ſollte man faſt verleitet werden zu glauben....; aber dies wäre etwas Ungereimtes vorausſetzen. Sophie hat wahrſchein⸗ lich Jemandem das Leben zu danken, welcher glück⸗ lich genug geweſen Ceſarinens Achtung und Zu⸗ ii zu genießen und ihr Sophie anvertraut hatte.“ Jerome verirrte ſich in das Labyrinth der Ver⸗ muthungen, als er aber einſah, daß es auf dieſem Wege unmöglich ſei, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, ſo nahmen ſeine Gedanken eine andere Richtung. „Wie ſonderbar,“ dachte Jerome,„daß gerade Ceſarine, welche meine ganze Jugend verbitterte und alle meine böſen Leidenſchaften gereizt hat, dieſe 224 Sophie in meinen Weg geworfen, an deren Seite ein Teufel ein Engel werden müßte! Will das Schick⸗ ſal, daß die Marquiſin auf dieſe Weiſe ſühne, was ſie verbrochen?— Thorheit!— Ichfliehe ja vor meiner Gattin, als wenn ſie ein Dämon wäre, und das ob⸗ gleich ich jetzt weiß, daß es das größte Glück des Lebens wäre, an ihrer Seite zu leben.“ Die Lampe verlöſchte, Finſterniß umgab Jerome. Am folgenden Morgen ſetzte er ſeinen Weg fort, der immer mehr und mehr ablenkte vom Genferſee und dem kleinen Landhaus an deſſen Ufern. Während Jerome auf fremder Erde für die franzöſiſche Republik ſtritt, und Sophie ihr ſtilles und friedliches Leben in dem verborgenen Hauſe am Genferſee fortlebte, folgten die Ereigniſſe in Frank⸗ reich raſch aufeinander. Am 28. Juli 1794 fiel der Kopf Robespierre's. Mit ihm ſchloß die erſte Periode der Revolution. Nach dem großen Trauerſpiel folgte jetzt die elende Comödie der Intrigue und der Kleinlichkeit. Der reactionäre Zeitraum trat ein und bot nichts Großartiges dar. Die Grauſamkeit und das Blut, welches dieſe Zeit befleckte, gibt uns Stoff zu niederſchlagenden Betrachtungen und man wendet ſich weg davon mit Ekel, weil die Gier an die Stelle des Fanatismus, und die Ehrſucht an die Stelle des allgemeinen In⸗ tereſſes trat. Das Ganze ſchrumpfte zu etwas ſo „ 225 Betrübendem zuſammen, daß es nothwendig, den Fall der Republik und das Schmieden der Freiheit in die Ketten des Abſolutismus mit ſich führen mußte. Die Volksbewegung von 1792 hatte das Größte mit ſich gebracht, was die Geſchichte aufzuweiſen hat: das Erwachen einer neuen Idee: der Freiheit, des Menſchenrechts und der Gleichheit.*) Es war die göttliche Idee des Chriſtenthums, welche jetzt erſt zur Reife gelangt, um ſich zu entwickeln. Die Lehre Chriſti iſt: Befreiung von der Unter⸗ drückung, Gleichheit vor Gott und Brüderlichkeit zwiſchen den Menſchen. Sie enthält die Veredlung der Seele und ein höheres moraliſches Streben. Mit der größeren Entwickelung unſerer geiſtigen Kräfte mußte nothwendig das Bedürfniß politiſcher Freiheit und der Abſchüttelung des Jochs der Knecht⸗ ſchaft folgen. Eine ſolche ſociale Wiedergeburt der Menſchheit enthielt die erſte franzöſiſche Revolution, denn ihr lag zu Grunde, wie Lamartine ſagt:„Gerechtigkeit anſtatt Unterdrückung; die Aufklärung des Verſtandes an der Stelle der Finſterniß der Vorurtheile und die Souveränetät ſtatt der der Könige.“ Sie enthielt alſo das Evangelium der Menſchen⸗ rechte, und wie die Wahrheiten des Chriſtenthums, ſo haben auch diejenigen der Revolution Blut ge⸗ Siehe Lamartine, Geſchichte der Girondiſten. Schwartz, Geburt u. Bildung. 1. 15 8. — e— 1„* . koſtet,— ein Preis für welchen das Licht immer ſeinen Sieg über die Finſterniß erkaufen mußte. Nach der Schreckensherrſchaft und der Reaction kam das Directorium, dann das Conſulat und ſchließlich das Kaiſerthum. Nur zehn Jahre lagen zwiſchen dem Fall Robes⸗ pierres und der Krönung Napoleon des Erſten,— zwiſchen der Republik und der Alleinherrſchaft. Auf den Ruinen der erſteren wurde wieder die letztere errichtet.— Das franzöſiſche Volk, aller der Staatsumwälzungen,“ denen es unterworfen geweſen, müde, ſehnte ſich nach Ruhe und Ordnung, und begrüßte deßhalb den Helden mit Freude und Jubel als ſeinen Herrſcher. Napoleon, welcher mit ſeinem überlegenen Ver⸗ ſtand den Charakter des Volkes, das ihn zu ſeinem Kaiſer machte, richtig auffaßte, ſah ein, daß er ihm, wenn er daſſelbe der Freiheit beraubte, etwas zum Er⸗ ſatz dafür geben mußte, und dies wurde die Ehre. „La gloire“ iſt die Loſung des Kaiſerreichs. Damit beherrſchte Napoleon Frankreich. Zwiſchen Napoleons Krönung, 1804 am 2. De⸗ cember, und ſeiner zweiten Thronentſagung am 22. Juni 1815 liegen kaum elf Jahre. Aber während dieſes Decenniums hatte der„illegitime“ Kaiſer ganz Europa mit ſeinem Namen und ſeinen Siegen erfüllt, ſo daß das Echo davon noch wiederhallt von Seklen zu Seklen, und das Herz der Nachwelt mit Bewunderung über und Verwunderung vor dieſem Mann erfüllen wird, welcher„mehr war, als ein Menſch und doch weniger als ein Gott.“ Denſelben Thron, welchen der Rieſe durch Ver⸗ — ſtand, Siege und Ehre beſeſſen, beſtiegen jetzt die verjagten Bourbonen. Es ſah in der That aus, als hätte das fran⸗ zöſiſche Volk Alles vergeſſen, aber nichts gelernt von dem, was ſich zugetragen, da es den Bruder des hingerichteten Ludwig als König begrüßen konnte. Im Jahre 1824 wollen wir wieder einen kurzen Beſuch auf dem kleinen Landgute am Genferſee machen. „Es iſt jetzt,— wie das erſte mal, wo wir von dem, was ſich dort zutrug, Kenntniß nahmen,— ein ſchöner und ſtiller Maiabend. Alles iſt ſich gleich geblieben. Die Abendſonne wirft ihre Strghlen auf das Landhaus und auf deſſen Umgebung indem ſie über die Kryſtallſcheibe des Waſſerſpiegels Goldflitter ausſäet. Die Stille und Ruhe in der Natur wurde von der Stimme einiger munterer Kinder unterbrochen, welche ſich unter Spiel und Lachen in dem großen geräumigen Hof herumtummelten. Im Schatten einiger Bäume ſaß eine alte Frau und ſtickte, während ſie von Zeit zu Zeit wachſame Blicke auf die drei ſpielenden Kinder warf. An demſelben Giebelfenſter, wo wir voriges mal Sophie fanden, ſaß jetzt ein Frauenzimmer im mit⸗ leren Alter. Gleich der jungen Träumerin ſtützte ſie den Kopf auf die Hand, und ließ ihre Blicke auf dem lächeln⸗ den Gemälde ruhen, welches ſie vor ſich hatte. Dort, wo ſie ſich befand, konnte man den Hof nicht ſehen, aber der Schall des Lachens der Kinder bahnte ſich einen Weg zu ihren Ohren. 5 228 Wir wollen ihr Geſicht näher betrachten. Gewiß haben wir einmal früher dieſe milden reinen Züge geſehen, aus welchen der Geiſt der Güte leuchtet. Die Jahre ſchienen verſtrichen zu ſein ohne ver⸗ mocht zu haben, das Gepräge der Herzensgüte und Seelenfrömmigkeit zu verwiſchen, welche die ſieben⸗ zehnjährige Sophie auszeichneten, als wir ſie das letzte Mal verließen, um ſie als eine vierzigjährige Matrone wiederzufinden. Dreißig Jahre ſind dahingezogen, und doch würde Jeder an ihrem lieblichen Geſicht ſofort Sophie Bas⸗ ſal wieder erkannt haben. Die Sonne küßte die Gipfel der Bäume am Horizonte und dann fielen ihre Strahlen auf den Scheitel Sophiens. Sie neigte denſelben wie damals, als ſie am erſten Abend ihr in dieſer Wohnung des Friedens Lebewohl boten, und wie damals faltete ſie die Hände zum Gebet. Derjenige, welcher in dieſem Augenblick in die kleine Kammer einträte, hätte beſtimmt glauben können, daß die Zeit ſtille geſtanden und ſich ſelber am Genferſee vergeſſen hätte, um einige Decennien aus⸗ zuruhen, nachdem ſie Jahrhunderte ununterbrochen vorwärts geeilt. Sophiens Gebet wurde indeſſen nicht unterbrochen, durch die Oeffnung der Kammerthür durch einen hochgewachſenen Mann, um der Beterin Lebewohl zu ſagen. Sie konnte ungeſtört beten, bis ein heranrollen⸗ — des Fuhrwerk ſie veranlaßte haſtig aufzuſtehen, in⸗ dem ſie mit freudeſtrahlendem Blick leiſe flüſterte: — Da iſt er! Sie ging durch ein größeres Zimmer und einen Saal und ſtand bald auf der Schwelle des Eingangs zum Wohnungshaus. Da ſah ſie gerade gegenüber einen eleganten Reiſewagen, welcher außerhalb der Hofumzäunung nach dem Waldwege zu hielt. Ein Herr in moderner Reiſetracht ſtieg aus dem Wagen. Sophie zog ſich zurück. Hinter den Schlingpflanzen verborgen, welche ſich vor dem Fenſter des Entrés befanden, betrachtete ſie den Fremden, der in den Hof hineintrat. Die Wärterin der Kinder, welche die alte be⸗ kannte Madame Matthieu war, hatte eben einen faſt verwunderten Blick auf den Fremden geworfen, und die drei Kinder hatten mitten in ihrem Spiel auf⸗ gehört, um ihn in Augenſchein zu nehmen. Der Herr ging auf Madame Matthieu zu und agte: — Könnten wir wohl die Nacht über hier blei⸗ ben? Meinem Sohne iſt es übel geworden und er kann nicht ohne Schmerzen den Weg fortſezen. Madame Matthieu ſtarrte den Fremden an, als wenn ſeine ſchönen, ſtrengen und düſtern Züge ihre Furcht erweckt. Sie ſchien ganz vergeſſen zu haben zu antworten. 4 Was ſie vergaß, daran dachte das jüngſte der drei Kinder, ein kleines Mädchen von fünf bis ſechs Jahren, welches herangetreten war und ſich neben 230 den Fremden geſtellt hatte, denn ſie bemerkte gleich als Antwort auf ſeine Frage: — Wenn Dein Kind krank iſt, dann kannſt Du hier bei mir bleiben, denn meine Mutter iſt ſehr gut. Darauf ſprang das Kind in das Haus hinein; bei dieſer Einmiſchung des Kindes ſtand Madame Matthieu auf, eilte ihm nach, ſo ſchnell ihre alten Beine es vermochten, nachdem ſie dem Fremden ganz unfreundlich geſagt: — Ich werde mich erkundigen. Das Mädchen war indeſſen in den Hauseingang geeilt und rief, als ſie Sophien zu ſehen bekam: — Mama, da draußen iſt ein Herr, der ein krankes Kind bei ſich hat. Er bat um Erlaubniß hier auszuruhen und ich habe es ihm verſprochen. Du darfſt nicht nein ſagen. Das Kind ergriff die eine Hand Sophiens und blickte bittend zu ihr hinauf. Sophiens Augen waren voller Thränen. Ihr ganzes Ausſehen zeugte von einem bewegten Ge⸗ müthszuſtand. Dieſesmal muß es Mama erlaubt ſein Nein zu ſagen— rief Madame Matthien ganz athemlos.— Wißt Ihr, wer es iſt, der über Nacht uns gaſten will?— fügte ſie hinzu, ſich an Sophien wendend. — Ja, ich habe ihn wieder erkannt,— antwor⸗ tete. Sophie.— Gehe Du, Julie, und führe die Rei⸗ ſenden in's Gaſtzimmer! Sorge dafür, daß ſie Alles erhalten, was ſie bedürfen.— Sophie ging in's Wohnzimmer hinein. Madame Matthien blieb eine Weile ſtehen und ſah ihr nach, darauf ſchüttelte ſie mit dem Kopfe und murmelte: — Unglück und Sorgen wird wohl dieſer Be⸗ ſuch in ſeinem Gefolge haben. Wir haben jezt hier ſo viele Jahre in Frieden und Ruhe gelebt, daß es mir vorkommt, als wenn wir wohl von ſolchen Of⸗ fenbarungen verſchont bleiben könnten. Sie ging mit langſamen Schritten in den Hof hinaus. Ihr weit voraus war das kleine Mädchen geeilt und rief dem fremden Herrn zu: — Du und dein kranker Knabe könnt oben im Gaſtzimmer wohnen. Unſere Freundin wird Dich hinauf begleiten, und ich werde ſchon nachſehen, daß Du und Dein Knabe Alles erhaltet, was Ihr haben wollt. Du mußt wiſſen, daß ich viel Mitleid mit Kranken habe. Ein ſchwaches Lächeln gleitete über des ele⸗ ganten Herrn düſteres und ſtrenges Antliz. Er ſtreichelte dem Kinde den Kopf und ſagte ganz freundlich. — Dank, mein Kind, daß Du mir eine ſo gute Nachricht gebracht. Sage mir, wie Du heißeſt? — Gabrielle Moulins,— antwortete das Mäd⸗ chen, und blickte hinauf zu dem Fremdling mit ein Paar großen dunkeln und glänzenden Augen. — Deine Mutter heißt alſo Moulins? — Ja Du, ſie heißt Sophie Moulins. — Sophie,— murmelte der Fremde und blickte das Kind gedankenvoll an. — Mein Vater,— fuhr das Kind fort,— heißt Julius Moulins; aber er iſt verreist.— Das ſind meine Couſinen,— ſchwazte das Kind und deu⸗ 232 tete auf ſeine Spielkameraden, zwei Knaben, den einen etwa zwölf und den andern ungefähr zehn Jahre alt. Jezt hatte Julie ſich dem Fremden genähert und ſagte in einem wenig einladenden Ton: — Madame läßt Euch ſagen, daß Ihr die Nacht über zwei Gaſtzimmer benuzen könnt. Ich werde Euch zu denſelben begleiten. — Ja, und dann wird unſere Freundin Dir Alles verſchaffen, was Du haben willſt,— fiel die kleine Gabrielle ein,— denn Du biſt mein Fremder. Wieder ſtrich der Fremde freundlich den Kopf Gabrielles. — Meine kleine Gabrielle, ich bin mit Vergnü⸗ gen Dein Gaſt.— Deine Mutter heißt alſo Sophie? — Ja Du, und dann iſt ſie ſehr ſchön und ge⸗ ſchickt, mußt Du wiſſen,— ſiel die kleine Schwä⸗ zerin ein und wollte den Fremden nach dem Wagen begleiten. Madame Matthieu fand dies durchaus nicht nach ihrem Geſchmack, ſondern faßte das Mädchen und ſagte ganz unfreundlich: — So, gehe nun und ſpiele und ſtöre die Leute nicht mit Deinem Geſchwäz! Gabrielle blickte ſie an, ſchüttelte ihren kleinen Lockenkopf und hüpfte dann fort zu ihren Couſinen, welche ſich ganz anſtändig auf eine Bank unter den Bäumen geſezt, um in Frieden und Ruhe den Frem⸗ den zu betrachten. Die jungen Bürſchchen, welche be⸗ dentend älter, als ſie waren, waren nichts deſtowe⸗ —2 —— * — — — ——, niger Fremden gegenüber befangener und hielten ſich folglich in Abſtand. Der Fremde half einer eleganten Dame aus dem Wagen und der Bediente hob einen zwölfjährigen Knaben mit einem bleichen und leidenden Ausſehen heraus. Beim Anblick des Knaben konnte Gabrielle ſich unmöglich ſtille verhalten. Sie ſprang auf den Fremden zu und rief: — Wie heißt Dein kranker Junge? — Er heißt Abraham,— antwortete der Fremde, und betrachtete das friſche Geſicht Gabrielles mit einem traurigen Blick. Hierauf wandte er ſich ge⸗ gen die koſtbar gekleidete Dame und ſagte; — Judith, ich wollte wünſchen, daß unſer Kind ein ſo blühendes Ausſehen hätte wie dieſes Kind. — Ach ja! ſeufzte die junge Dame, und wandte ihre Augen von Gabrielles Geſicht auf das des Soh⸗ nes, welcher vor ihr her getragen wurde. Die Nacht war eingebrochen. In dem ländlichen Hauſe war Alles zur Ruhe gegangen, mit Ausnahme von Sophie, welche am Fenſter in der Giebelkam⸗ mer ſaß. Sie horchte auf jeden Laut. Es ſchien, als wenn ſie mit innerer Unruhe auf Jemanden wartete. In ihrem Geſichte entdeckte man Spuren einer überſtandenen Gemüthsbewegung, welche die Klar⸗ heit in ihrer Seele getrübt. Der einzige Lärm, welcher die Stille unterbrach, war das Rauſchen des Waſſers gegen das Ufer 234 und das Sauſen von den Bäumen, welche ihre laub⸗ bedeckten Gipfel ſchüttelten. Es war ſchon über Mitternacht, da hörte man plözlich in der Entfernung ein dumpfes Geräuſch. Es kam immer näher. Endlich konnte Sophie unter⸗ ſcheiden, daß es ein Fuhrwerk ſei, welches durch den Wald dahinrollte. — Jezt muß er es ſein,— und ging mit leich⸗ ten und hurtigen Schritten hinaus in den Eingang. Diesmal täuſchte ſie ſich nicht in ihrer Erwar⸗ tung, denn hinein in den hübſchen, geräumigen Hof fuhr ein kleiner einfacher Wagen, in welchem ein kräftiger, hochgewachſener Mann ſaß. Bevor er aus dem Wagen herausgeſprungen war, ſtand Sophie an deſſen Seite und rief mit einer vor Freude zitternden Stimme: — Willkommen wieder, mein Julius! Du haſt ziemlich lange gezögert. — Ich konnte nicht eher fertig werden, meine Geliebte,— antwortete der Mann und ſchloß ſie mit jugendlicher Wärme an ſeine Bruſt. Etwas ſpäter ſaßen die beiden Gatten in dem großen Eßzimmer. Der Mann war damit beſchäftigt mit gutem Appetit von den kalten Gerichten zu ſich zu nehmen, die angerichtet waren. Es fällt uns nicht ſchwer in ſeinem von Jahren und. Mühen etwas gefurchten, aber noch energiſchen Geſichte Jerome Basſal, oder wie er ſich jezt nannte, Julius Moulins, wieder zu erkennen. 3 Das Wilde, Leidenſchaftliche und Unruhige, wel⸗ hes ehemals den Charakter ſeines Geſichts ausmachte, war jezt fort. Man ſah darin gewiß noch dieſelbe 235 Energie wie früher; aber es war eine Willenskraft von einer ſolchen Beſchaffenheit, daß ſie die unruhi⸗ gen Elemente der Seele zur Ruhe und Ordnung zu bringen vermochte. Man ſah, daß der fünfzigjährige Mann end⸗ lich— mit ſich ſelber Frieden geſchloſſen. Kraft, Ernſt und inneres Glück waren auf ſeiner Stirne, in ſeinem Blick und in den Zügen um ſei⸗ nen Mund zu leſen. Während er aß, ſprachen die beiden Eheleute über ihre Angelegenheiten. Jerome(wie wir ihn fortwährend nennen) hatte eben Sophie die unangenehme Neuigkeit mitgetheilt, daß er einen größeren pecuniären Verluſt erlitten. Sie empfing die Nachricht davon mit vollſtän⸗ diger Ruhe und ſuchte mit ihrem Zureden die Wolke von des Gatten Stirne zu verſcheuchen. Es gelang durch verſchiedene kluge Vorſchläge, vermittelſt eini⸗ ger Eincaſſirungen den Verluſt zu erſezen, die Schat⸗ ten, welche noch dort verweilten, vollſtändig wegzu⸗ blaſen. Als Jerome mit ſeiner Mahlzeit fertig war, und ſich mit Sophie in die kleine Giebelkammer begeben hatte, legte er ſeinen Arm um ſie und ſagte: — Jezt, wie immer haſt Du mir die Bitterkeit des Mißgeſchicks dadurch benommen, daß Du mir friſchen Muth es zu bekämpfen einflößteſt. Ich werde eben meine Kräfte verdoppeln, um den kleinen Ver⸗ luſt zu erſezen, wohl wiſſend, daß Gott demjenigen hilft, welcher ſich ſelber hilft. — Amen!— ſagte Sophie und legte ihren Arm um den Hals ihres Mannes und fügte dann hinzu: 236. — jezt, nachdem wir aber dies verhandelt, muß ich Dir mittheilen, daß wir Fremde haben, welche die Kacht über bei uns als Gäſte bleiben. — So— o, das iſt keine fröhliche Nachricht. Du weißt, daß es mir nicht gefällt, fremde Perſonen in meinem Hauſe zu ſehen. Nun, wer ſind ſie denn? — Es ſind Franzoſen,— antwortete Sophie, und ſah ihn an, zwar nicht furchtſam, aber doch mit einem unruhigen Blick. — Mein Kind, es wundert mich, daß.... ich ihnen Gaſtfreundſchaft erwieſen,— un⸗ terbrach ihn Sophie. — Oh nein, denn, ſo böſe Du ihnen auch biſt, weil ſie nicht die Republik beibehalten haben, ſo ſind ſie doch Deine Landsleute; darum mußt Du es auch natürlich finden, daß ich ihrem Verlangen, hier die Nacht zuzubringen, willfahrt habe. Es ſind Mann, Frau und ein krankes Kind, welches es nicht vertragen konnte weiter zu reiſen. Ich will nur noch hinzufügen, daß der Mann heißt— Elias Levitain! Jerome ließ die Hand ſeiner Frau los, trat einige Schritte zurück und rief: 5 — Elias Levitain hier unter meinem Dach! Du und er haben alſo einander wiedergeſehen? — Nein!— antwortete Sophie. Elias ahnt nicht, bei wem er iſt; aber ich habe ihn geſehen. Elias weiß nicht, daß er unter dem Dache Jerome Beſuls ſchüft. Ac, Julis— fügte Sphie hir⸗ zu, indem ſie mit einem zärtlichen Blick zu ihm hin⸗ aufſah,— als ich Elias wiederſah und in Gedan⸗ ken das Gefühl, welches ich einſt für hin hegte, mit ℳ 4 ————————— * 237 demjenigen verglich, welches mein Herz Dir ſchon ſeit dem Abend, wo Du mich verließeſt, eingeräumt, dann kam es mir vor, als wenn meine Liebe zu Elias nur ein ſchöner poetiſcher Traum geweſen, während meine Neigung zu Dir eine Liebe iſt, ſo ſtark und mächtig wie die Wirklichkeit. Jezt lehnte Sophie ihren Kopf gegen die Bruſt ihres Mannes, und fügte hinzu: — Es iſt keine Redensart von mir, ſondern eine wirkliche Wahrheit, daß Du die Hälfte meines Le⸗ bens biſt. Jerome drückte ſie an ſeine Bruſt und hielt ſie lange Zeit in ſeine Arme geſchloſſen, ohne ein Wort zu ſagen. Was ſollte er wohl in dieſem Augenblick ſagen können? Wenn das Herz am vollſten iſt, dann ſchweigt der Mund. Für Sophie bedurften es auch keine Verſicherungen und Betheuerungen; ſie merkte an dem Schlag ſeines Herzens, daß er ſie ver⸗ ſtanden. Nach Verlauf einiger Augenblicke ſagte Jerome: — Wurdeſt Du nicht bewegt, als Du ihn nach dem Verlauf ſo vieler Jahre wieder ſahſt? — Ja, ich fühlte, daß ich Elias immer lieb haben werde, und doß meine Dankbarkeit für das, was er und ſein Vater für mich gethan haben, mir in's Grab ſolgen wird. — Willſt Du Dich ihm zu erkennen geben? — Nein, Julius, das will ich nicht. Unſere Wege ſind einmal getrennt und am beſten iſt es, wenn es ſo bleibt. — Aber, Sophie, wenn er es erführe, daß Du 238 Sophie d'Escare ſeieſt, dann würdeſt Du aus der Frau eines armen Landmanns in ein reiches Weib verwandelt werden! — Und welches Glück würde ich dadurch ge⸗ winnen, welches ich nicht jezt ſchon beſize. — Das, nicht arbeiten und ſtreben zu dürfen für die Deinigen! — Dieſes iſt etwas, wornach ich nicht trachte, denn mein Glück liegt gerade in der Arbeit für die Meinigen. — Biſt du deſſen ganz gewiß? Bedenke, daß die Mitgift, welche ich vor dreizehn Jahren in Empfang zu nehmen mich weigerte, im Laufe der Zeit ſich verzinst hat und folglich zu einem ganz bedeu⸗ tenden Vermögen herangewachſen iſt. Jerome betrachtete ſie mit einem forſchenden Blick. — Ich erinnere mich nur Deiner Worte, als Du nch zehnjähriger Abweſenheit endlich zu mir zurück⸗ kehrteſt. — Wirklich!— Jerome lächelte ſeiner Frau zu— Wie lauteten die Worte? Ich glaube, ich habe ſie ganz vergeſſen. — Sie lauteten ſo:„An dem Tage, an wel⸗ chem Jerome Basſal genöthigt werden würde, von Elias Levitain die Mitgift in Empfang zu nehmen, welche ſein Vater Sophie d'Escare als Gnadengabe geſchenkt, würde Julius Moulins vor Scham ſterben.“ — Und dann antworteteſt Du,— fiel Jerome ein:—„Von dem Manne, welchen ich einſt liebte, b ja mein Gatte unmöglich eine Mitgift er⸗ eben.“ Waos ich damals ſagte, wiederhole ich heute, 239 rief Sophie und ſchlug die Arme um ihres Mannes Hals, deſſen empfindlichen Stolz ſie kannte. Einige Minuten ſpäter ruhte eine vollkommene Stille über dem ganzen Hauſe. Am folgenden Morgen ſezte Levitain und ſeine Familie ihre Reiſe fort. Bevor er das ländliche Haus verließ, gab er einem der Bedienten ein kleines Paquet mit der Aufſchrift: An die kleine Gabrielle. Es enthielt ein Etui, in welchem ſich ein Ring von ſeltener Schönheit und Werth befand. An den⸗ ſelben war ein Papierſtreifen befeſtigt, auf welchem geſchrieben ſtand:„Ein Andenken für die kleine Gabrielle von ihrem Gaſt Elias Levitain.“ Jerome hatte den Umſchlag in Sophiens und ſeiner kleinen Tochter Gegenwart geöffnet. Als er die Aufſchrift auf dem Papierſtreifen geleſen, ſagte er zur lezteren: — Dieſen Ring hier, Gabrielle, haſt Du von des kranken Knaben Vater erhalten. Wenn Du groß wirſt, ſollſt Du ihn als Andenken an den Mann tragen, welcher es ſich einſt zu ſeinem Lebensziel machte, Deine Mutter zu beſchüzen. Das Kind blickte verwundert das Präſent an. Sophie reichte ihrem Manne die Hand und flüſterte gerührt: (Schluß des Prvologs.) 3 5 ſſ 3 14 15 16