A Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothex. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 5„—„ uswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. ir beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und efecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der adenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ansleihezeit. Disſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— 8 — 2 ———————————— — Ausgewühlte Werke von Zrau M. S. Schwartt. Aus dem Schwediſchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. ** †*** Die Gmnnciputions-lmie. Eine Erzählung von Marie Sophie Schwart. Aus dem Schwediſchen von Dr. Otlo gen. Reventlow. Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. Eine Stunde darauf wanderten Göran und Calla hinüber nach Björnbo, um ſich nach Erland zu er⸗ kundigen, welcher beim Anblick von Calla den or⸗ dentlichen Gebrauch ſeines Verſtandes wieder erlangte. Tage und Wochen vergingen; endlich kehrte Er⸗ land zur Geſundheit, zur Hoffnung und zum Leben zurück. Er lag bereits angekleidet auf einem Sopha, und der Arzt hatte ihm verſprochen, daß er an dem erſten milden Tage eine Promenade in der freien Luft machen dürfte. Man befand ſich jetzt im An⸗ fang October. Die Herbſtſonne warf ihre Strahlen durch das Fenſter in Erlands Kammer und ſie fielen auf das abgemagerte Geſicht des jungen Geiſtlichen. An einem Tiſche ſaß Harald und ſchrieb. Erlands Au⸗ gen ruhten auf den ernſten Zügen des Bruders, und zum Erſtenmale entdeckte er, daß Haralds lebens⸗ friſches Ausſehen einer ſichtbaren Veränderung unter⸗ worfen worden ſei. Ueber die Liebe Erlands zu Calla war, ſeitdem Erſterer ſich von ſeiner Krankheit zu erholen begon⸗ nen, kein Wort zwiſchen ihnen gewechſelt worden. Erland befand ſich in vollkommener Unkenntniß dar⸗ über, ob Harald irgend Etwas davon wußte. 6 Jetzt, wo Erland zum Leben und zur Hoffnung auf Gegenliebe zurückkehrte, dachte er über ſein Be⸗ nehmen gegen den Bruder nach, und konnte, ſo gern auch ſeine Eigenliebe daſſelbe entſchuldigen wollte, doch nicht anders als ſeine Zurückhaltung gegen den Bruder mißbilligen, welcher in Allem ſo redlich und aufrichtig gegen ihn gehandelt. Es lag aber gerade in dem Bewußtſein, daß Harald eine Zuneigung zu Calla hegte, die in Liebe übergegangen war, Etwas, daß dem verſchloſſenen und ſcheuen Erland es zuwider machte, ſeiner Liebe und der Hoffnung zu erwähnen, welche Calla's Anweſen⸗ heit bei ſeinem Krankenbett ihm einflößte; eine Hoff⸗ nung, welche auf den Ruinen von Haralds Erwar⸗ tungen ruhte. Erland wußte, daß jedes Wort den Bruder verletzen würde, und doch hatte er ihn lange genug betrogen. So ungefähr war Erlands Gedankengang, als er dort lag und Harald betrachtete. Eine ganze Stunde war verfloſſen, während wel⸗ cher nur das Kritzeln von Haralds Feder die Stille unterbrach. Endlich ſagte Erland: — Biſt Du jüngſt in Kollinge geweſen? — Nur einmal, ſeit Du krank wurdeſt,— ant⸗ wortete Harald und fuhr fort zu ſchreiben. — Wann war das? — Denſelben Tag, an welchem ich erfuhr, daß Du krank geworden.— Ich bat damals Calla, als den beſten Arzt für Dich, mich nach Deinem Kran⸗ kenlager zu begleiten. Bei dieſen Worten blickte Harald auf und legte 7 7 die Feder weg. In ſeinen klaren, blauen Augen lag ein tiefer Ernſt. Erlands bleiche Wangen bekamen eine lebhaftere Farbe. Harald fuhr fort: — Um unſerem Verhältniß das Geſpannte und Gezwungene zu nehmen, iſt es wohl am beſten, daß ich Dich darüber aufkläre, daß Du in Deinen Fieber⸗ phantaſieen aufrichtiger geweſen biſt, als Du viel⸗ leicht gewollt.— Du haſt das verrathen, was Dein verſchloſſenes und ſtolzes Herz mir nie hat einge⸗ ſtehen wollen, nämlich daß Du Calla liebſt, und das nicht mit einem ruhigen und tiefen Gefühl, ſondern mit einer heftigen Leidenſchaft. Du wirſt wohl finden, daß ich nach einer ſolchen Entdeckung nicht mehr mit Ehren fortfahren konnte Kollinge wie früher zu beſuchen.— Die Anhänglich⸗ keit an Dich und die Achtung vor mir ſelbſt mußten mich davon abhalten. Erland täuſchte ſich nicht, als er meinte, Haralds Stimme hätte einen Anſtrich von Bitterkeit. So ſehr Harald ſich auch Mühe gab, dieſes Gefühl aus ſeiner Bruſt zu verbannen, ſo überſchlich es ihn doch un⸗ willkürlich bei der Erinnerung daran, daß Erland, obgleich der Bruder ihm ſeine Neigung zu Calla ſo offen anvertraut und obgleich er ihr von ſeiner Liebe geſchrieben, es doch vor Harald geheim gehalten. — Niemals habe ich an Deinem redlichen und treuen Herze gezweifelt, aber es würde mich tief ſchmerzen, wenn Du mir wegen meiner Zurückhaltung zürnteſt. — Zürnen! 3, Harald ſtand auf und trat auf Erland zu: 3 — Nein, ich habe keinen Zorn empfunden, aber wohl einen bitteren Schmerz beim Gedanken, daß ich, Dein Bruder, ſo gänzlich gar nichts in Deinen Au⸗ gen war, daß Du mich lieber durch eine anſcheinende Gleichgültigkeit täuſchteſt, als offen von den Gefühlen zu ſprechen, welche Dich zu Calla hinzogen.— Doch das iſt jetzt vorbei. Harald reichte dem Bruder die Hand, indem er hinzufügte: — Sie iſt ſicherlich mehr für Dich, als für mich geſchaffen. Göran trat ein und unterbrach das Geſpräch. — Man will Dich da unten ſprechen, mein lie⸗ ber Harald,— ſagte er. — Uff! ich bin vollſtändig verblüfft; man kann verrückt werden, ſo ein Spektakel iſt da zu Hauſe. Denke Dir einmal, Eliſe wird Actrice werden! Wir überlaſſen Göran ſeinen erbitterten Ergüſſen und begleiten Harald hinunter in den Saal. Als er die Thüre öffnete, befand ſich Calla dort allein. Es war das erſte Mal, daß Harald ſie wieder⸗ ſah, ſeit er ſie zum Krankenbette des Bruders ge⸗ führt. Bei Calla's darauf folgenden Beſuchen war Harald immer weggegangen oder war auf ſeinem! Zimmer geblieben. Jetzt war es unmöglich, einem téte-Atéte auszuweichen, ſo gerne er es auch gewollt.. — Warſt Du es, Colla, die mit mir ſprechen 6 wollte?— fragte er.. — Ja, ich mußte mir wohl eine Unterredung ausbitten, da Du mit großem Eigenſinn Dir vorgeſetzt i 9 haſt, nicht nach Kollinge zu kommen, obgleich doch Papa und Göran Dich darum gebeten. Außerdem biſt Du ſeit drei Wochen mir ordentlich ausgewichen. Calla ſuchte in den Ton die ganze frühere Un⸗ gezwungenheit hineinzulegen, aber es wollte ihr nicht gelingen, und eine feine Röthe verrieth, daß ſie trotz allen ihren Emancipationsideen doch alle jene reizen⸗ den Eigenſchaften eines ſchamhaften jungen Mädchens beibehielt. Calla ſelbſt hielt dieſe ſchamhafte Scheu für einen großen Fehler bei einer freien Perſon. Meine Zeit iſt durch Geſchäfte und durch die Pflege Erlands in Anſpruch genommen geweſen, ſo daß ich keine Zeit gehabt habe, der freundlichen Ein⸗ ladung von Onkel Milner, nach Kollinge zu kommen, Folge zu leiſten. — Dieſer Mangel an Zeit iſt wohl auch Schuld daran geweſen, daß Du mir ausgewichen biſt und wenn Du mich auf einem Wege kommen ſahſt, ſofort in einen andern einbogſt, um nicht aufgehalten zu werden. Was Colla ſagte, war wahr, und deßhalb er⸗ röthete Harald als er ſcherzend antwortete: — Ich wußte nicht, daß Du ſo eitel ſeieſt, daß Du Dich für die Urſache von dem hielteſt, was An⸗ dere thun. — Harald, jetzt ſprichſt Du nicht die Wohrheit, — fiel Calla etwas lebhaft ein;— Du biſt mir ausgewichen, warum das leugnen? Oder haſt Du eine ſo große Furcht davor, die Wahrheit zu geſtehen? — Wahrhaftig, Calla, wenn ich weiß, warum ich nothig haben ſllte, dieſelbe zu fünchten. Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. II. 2 Blumenbouquet, das in einem Glaſe ſtand. 10 Harald beugte ſich über den Tiſch und betrach⸗ tete eine Fliege, welche auf demſelben herumkroch. — Weil Du gezwungen werden würdeſt, die Urſache Deines ſonderbaren Betragens anzugeben. — Calla,— ſagte Harald und richtete den Kopf empor, indem er mit einem ernſten und aufrichtigen Ausdruck die Augen auf ſie heftete:— ich bin Dir wirklich ausgewichen, und der Grund dieſes meines Benehmens war, daß ich Erland, wenn er geſund würde, ſagen zu können wünſchte, ich wäre während ſeiner Krankheit nicht mit Dir zuſammengetroffen. Alle Verliebte und beſonders ſolche, die ſein Tem⸗ perameni haben, ſind mißtrauiſch und eiferſüchtig.— Jetzt habe ich Dir ehrlich geantwortet. — Und das war die wirkliche, die einzige Ur⸗ ſache Deiner Handlungsweiſe? Callas Stimme war ein wenig unſicher. Ja! Harald wandte den Kopf weg, um nicht die dunkele Flamme zu ſehen, welche auf Calla's Wangen brannte. — Hatteſt Du mir ſonſt Etwas zu ſagen? — Wie befindet ſich Erland?— fragte Calla nach einer langen Pauſe, ohne auf Haralds Frage zu antworten. ⸗ — Er iſt nächſtens wieder hergeſtellt. Die Hoff⸗ nung, die man hegt, ſchenkt Leben und Geſundheit; wenn man ſie verliert, fliehen beide. — Von welcher Hoffnung ſprichſt Du? Calla beugte ihr glühendes Geſicht über ein ie 11 — Die Hoffnung, welche Erland wieder zu Leben und Geſundheit zurückgerufen hat, iſt die Ueberzeugung, von Dir geliebt zu ſein; es wäre ent⸗ ſetzlich, Calla, wenn er ſich von einem Irrthum hätte bethören laſſen. Er würde den Verluſt von Dir nicht ertragen können. Calla, ſpiele deshalb nicht mit ſeinem Herzen. Nie hatte Calla Harald mit dieſem ruhigen, ergreifenden Ernſt ſprechen gehört. Unwillkürlich ſprach das junge Mädchen folgende Worte, die ihr ſelbſt faſt unbewußt ihren Lippen entſchlüpften: — Und Du biſt es, Harald, der an mich dieſe Mahnung richtet? Einen Augenblick ging es Harald im Kopfe her⸗ um; gleich darauf antwortete er aber mit ſeinem freundlichen Lächeln, indem er aufſtand: — Ja, ich, der Freund Deiner Kindheit, Dein zweiter Bruder, wagt dieſe Sprache zu führen, welche in dem Munde eines Andern keck erſcheinen und unpaſſend ſein würde, wenn es nicht dem Glück meines Bruders gälte. Ich werde jetzt Tante Barbro ſagen, daß Du hier biſt, fügte er hinzu und näherte ſich der Thüre. — Warte! Die Stimme Calla's zitterte. — Ich hätte Etwas——— Etwas——— das ich Dir mittheilen wollte. Harald kehrte zurück und ſetzte ſich. Calla ſchwieg. — Nun, Calla,— ſagte Erſterer, welcher das peinliche Geſpräch gern abkürzen möchte. 12 — Glaubſt Du, daß Erland von ſeiner Frau fordern wird, daß ſie ſeine Sklavin werde?— Oder glaubſt Du, daß er mit einer——— nit einer ——— Schriftſtellerin glücklich ſein könnte. Harald fuhr in die Höhe und rief: — Colla, Du biſt doch nicht Schriftſtellerin? — Und wenn ich es wäre, würdeſt Du mich deshalb weniger gut leiden können?— fragte ſie. ſaß ſtill und ſtützte ſeine Stirne auf die Hand. — Du antworteſt nicht. — H, Calla, wenn Du das wäreſt, dann würde ich mich zehnmal unglücklicher als vorher fühlen. — Fühlſt Du Dich denn unglücklich jetzt. Colla blickte ihn an. Er ergriff ihre Hände. — Um Alles in der Welt, ſpreche Dich aus!— ſagte er.— Antworte; biſt Du Schriftſtellerin? — Ja, das bin ich. Es entſtand eine Stille von mehreren Minuten. Harald war der Erſte, der dieſelbe unterbrach. — Und Du fragteſt mich———2 — Ob Erland glücklich mit mir werden kann, ob er als Mann all die Freiheit geben will, ohne welche ich nicht leben kann, ob er mich unbehindert die Laufbahn fortſetzen laſſen will, die ich betreten, ob er mich nicht an die Haushaltungsgeſchäfte feſ⸗ ſeln und den Flügeln meiner Seele ein Band an⸗ legen wird. Sage mir, glaubſt Du, daß Frland mich hoch genug liebt, um hierauf einzugehen? Calla ſprach mit Haſt. — Daß er ſich ein Glück geträumt, welches dem au der er ich ie n, le rt , d 13 ſehr unähnlich iſt, welches Du ihm zu ſchenken gedenkſt, das glaube ich Dich verſichern zu können. Daß er meinte, in Dir das von ſeiner Einbildung geſchaffene Ideal weiblicher Vollkommenheit gefunden zu haben, iſt ſicher; denn ſonſt würde ſich ſein Herz Dir nicht mit einer ſo unbezwinglichen Leidenſchaft zugewandt haben. — Vielleicht daß ſeine Liebe jetzt, wo ſie unbehin⸗ dert hat Wurzeln ſchlagen können, ſtark genug iſt, um einzig in Deinem Beſitz ſein Glück zu finden; das iſt Etwas, worauf nur er ſelbſt antworten kann. Haralds Stimme hatte etwas ſo Kaltes, daß Calla's Bruſt ſich zuſammenpreßte. — Hier handelt es ſich jetzt um Deine Ueber⸗ zeugung. Meinſt Du, daß Erland unter ſolchen Verhältniſſen mit mir glücklich werden kann? — Meine Ueberzeugung iſt in dieſer Beziehung unzuverläſſig, weil ich nach mir ſelbſt urtheilen würde. — Laß mich indeſſen hören, wie Du die Zukunft beurtheilen würdeſt, falls Du an Erlands Stelle wäreſt. — Calla, für mich würde es kein Glück an der Seite eines Weibes geben, welches ihrer Ehrſucht und ihrer Eitelkeit ihre ſchöne Beſtimmung hier auf der Erde opferte und die häuslichen Tugenden, welche die weſentlichſten Zierden ihres Geſchlechts ausmachen, geringſchätzte. Aber ich bin ein proſaiſcher Menſch, und würde deshalb, wenn ich ein ſolches Weib liebte, es fragen, ob es nicht aus Liebe zu mir ſein Genie dazu an⸗ wenden wollte, ein Muſter der Tugend und ein hſt⸗ barer Schatz für das Familienleben zu werden, ſtatt 14 dazu, eine leere und flüchtige Ehre in der literariſchen Welt zu gewinnen.— Wäre ihre Liebe ſchwächer als ihre Ruhmbegierde, dann——— Harald ſchwieg. — Dann? — Dann paßte ſie nicht für mich,— antwortete Harald;— denn die Liebe wäre dann nicht das vorwaltende Gefühl in ihrer Seele. Lieber wollte ich mein Leben lang meine entſchwundenen Träume beweinen, als es mit einer ſolchen Gattin dahin⸗ ſchleppen. Es entſtand eine lange Pauſe. Calla unterbrach ſie mit den Worten: — Dieſe Handlungsweiſe von Deiner Seite würde beweiſen, daß die Liebe bei Dir ſelbſt nicht das vorherrſchende Gefühl wäre. — Kein Gefühl und keine Leidenſchaft in der Bruſt eines Menſchen darf ihn ſo beherrſchen oder ſo zügellos ſein, daß ſie die Stimme der Vernunft und das Ehrgefühl erſtickt. Mein Verſtand würde mir ſagen: Der Ruf Deiner Frau als geiſtreiche Dame kann Dir nicht den Verluſt des häuslichen Glückes erſetzen.— Mein Ehrgefühl würde mir ſa⸗ gen: Du beſitzeſt nicht die felbſtaufopfernde Natur, welche erforderlich iſt, um Deiner Frau ein glückli⸗ ches und angenehmes Leben zu bereiten, während Du Dich ſelbſt unzufrieden fühlſt. Deine eigene ungemüthliche Stimmung würde auf ſie zurückwirken, und Du würdeſt Dich nicht allein ſelbſt unzufrieden fühlen, ſondern auch ſie unglücklich machen. Jetzt, Calla, habe ich meine Meinung geſagt.— en her ete as lte me in⸗ ite cht er er ift he en a⸗ r, i⸗ d ne n, en 15 Erlaube mir nur einen Rath hinzuzufügen: liebſt Du Erland, dann opfere Deine Eitelkeit Deiner Liebe; und glaube mir, Du baueſt dadurch Dein und ſein Glück auf einem feſteren Grund.— Ach! wenn Gott Dich reicher ausgeſtattet hat, als andere Weiber, ſo wende Dein Genie und Deinen Ehrgeiz dazu an, eine edle und zärtliche Gattin zu werden. Dein Einfluß in dieſer Beziehung auf Erland kann von ſo großem Werthe werden, daß Du damit viel mehr nützeſt, als mit Allem, was Deine Einbildung hervorzubringen vermag. Und laß uns jetzt uns trennen; ich habe als treuer Freund mit Dir ge⸗ ſprochen. — Nur ein Wort: wenn ich die Verfaſſerin von jener von Dir verachteten und verhöhnten Schrift von der Emancipation des Weibes wäre, würde Deine Anhänglichkeit an mich dieſelbe bleiben? Harald ſtarrte Calla an, als wenn es ihm ſchwer fiele, ihre Worte zu begreifen, worauf ein bitteres Lächeln über ſeine Lippen glitt und er antwortete: — Ich kann Dich dann nur tief beklagen. Darauf verließ er haſtig das Zimmer. Göran und Calla wanderten kurz darauf“ nach Hauſe. Erſterer theilte der Schweſter mit, daß Er⸗ land in zwei Tagen einen Ausflug zu machen ge⸗ denke und vom Doctor Erlaubniß erhalten hätte, Kollinge zu beſuchen. 16 Als das junge Mädchen nach Hauſe kam, ſchloß es ſich auf ſein Zimmer ein, indem es, wie es Frauenzimmer gewöhnlich thun, wenn ſie eine Ge⸗ müthsbewegung verbergen wollen, ein ſtarkes Kopf⸗ weh vorſchützte. Erſt ſaß ſie lange und überlegte mit ſich ſelbſt, dann brach ſie in Thränen aus; ſchließlich ſchien ſie aber mit ihrem Schickſal verſöhnt, indem ſie den ſchmeichelhaften Brief ihres Verlegers hervorzog. — Nein, nein, ich betrüge mich nicht ſelbſt; nur in einem glänzenden Namen, nur in dem Ruhm, eine ausgezeichnete und geiſtreiche Schriftſtellerin zu ſein, liegt mein Glück. Hu! jener eiskalte Harald, — von dem ich——— glaubte, daß er mich ſo unendlich lieb hätte——— mit ihm zuſammen würde ich todtfrieren. Und dann welche Anſprüche auf Vollkommenheit macht er!— Was meint er wohl damit?— Eine willenloſe Sklavin, eine Die⸗ nerin für Lebenszeit, eine Knechtin ſeiner Launen! — Ich wäre geſtorben bei dem ewigen Jagen nach weiblicher Vollkommenheit, welcher nachzuſtreben die Neigung meines Herzens für ihn mich hätte veran⸗ laſſen können, und das eigentlich nichts weiter iſt, als das Erſticken aller menſchlichen Gedanken und Gefühle. Wie habe ich ſo blind ſein können zu glauben, daß jener lebendige Proſaiſt, der an nichts Anderes denkt, als an Korn, Kartoffeln und Race⸗ ochſen, irgend einem wärmeren Eindruck zugänglich wäre! Jetzt weinte Calla wieder. — Und Erland— nein, nein, ich kann nicht,— rief ſie heftig und ſprang auf. 17 Der Tag ging für Calla unter einem peinlichen Kampf zu Ende, für Eliſe damit, daß ſie eifrig da⸗ mit beſchäftigt war, ihre Sachen einzupacken; denn in einigen Tagen wollte ſie nach der Hauptſtadt, wohin Göran ſie begleiten ſollte. Frau Milner befand ſich in vollkommener Un⸗ kenntniß darüber, daß Eliſe die Abſicht hätte, als Sängerin aufzutreten, weil Milner ihr das nicht eher mittheilen wollte, als bis Fliſe fort ſei. Man fürchtete mit Recht einen Auftritt von Frau Milner, welche Anfangs gewiß das Engagement der Tochter beim Theater als eine Verſchreibung an den leib⸗ haftigen Satan anſehen würde. Jetzt hieß es, daß Eliſe den Winter in Stockholm zubringen ſollte, um ihre muſikaliſchen Studien fort⸗ zuſetzen. Milner hatte ausdrücklich erklärt, daß Eliſens Namen auf keinem Anſchlagezettel gedruckt werden dürfte. Nachdem das Uebereinkommen getroffen, daß ſie ihren Willen haben ſollte, hatte er nicht ein einziges Wort mit ihr geſprochen. Die früher ſo klare Stirne des Vaters war trübe und finſter ge⸗ worden.— Er lächelte nicht mehr der Tochter zu, liebkoste ſie nicht und blickte ſie kaum an. Eliſe, welche von ihren Künſtlerträumen viel zu geblendet war, empfand allerdings dabei einen Schmerz, und näherte ſich ihm oft zärtlich und bit⸗ tend; aber er ſchob ſie von ſich, und ſie tröſtete ſich mit dem Gedanken an Beifall, Blumenbouquette und Lorbeerkränzen, welche von dem entzückten Publi⸗ kum anf ſie herabhageln würden. Es iſt wunderbar, wie die Jugend glaubt, daß 18 Alles ſich ſo leicht machen ließe. In der lebhaften Einbildung derſelben gibt es nur einen Hahnentritt von einem Wunſche zu der Verwirklichung deſſelben; und die Schwierigkeiten, das Ziel zu erreichen, von welchem ſie träumt, kennt ſie nicht. Sie ſieht nur die Roſen, aber nie die Dornen auf der Bahn des Lebens.— Glückliche Zeit!— voll Glaube und Hoffnung!— Wie bitter beweinen wir Dich nicht, wenn Jahre kommen, und mit ihnen Troſtloſigkeit und Unentſchloſſenheit, ſo daß wir die Stacheln, aber nicht die Hoffnung mehr finden. Zwei Tage darauf erhielt Calla ein Billet von Björnbo. Sie erbrach daſſelbe und las: „Erland wird ſich heute auf Kollinge einfinden, um von Deinen eigenen Lippen ſein Urtheil zu hö⸗ ren.— Calla, beſinne Dich wohl. Spiele nicht mit ſeiner Zukunft, und opfere nicht Euer beider Glück einer eitlen Laune.— Suche im häuslichen Glück Deine Befriedigung, und glaube mir, Du wirſt Dich dabei viel glücklicher befinden, als bei dem Verfol⸗ gen von jenen thörichten Träumen, die Dir nie Glück gewähren werden. Frinnere Dich, daß es das zukünftige Wohl und Wehe eines anderen Menſchen und vielleicht ſein Leben iſt, über welches Du im Begriffe ſtehſt den Stab zu brechen.— Laſſe allein die Liebe zu Erland das Wort führen; dieſe iſt die einzige, letzte Bitte, welche an Dich jetzt richtet Harald.“ — Die Liebe zu Erland!— wiederholte Calla mit Bitterkeit. — Es gäbe wohl einen Mann, deſſen Liebe 19 mir vielleicht Ehre und Ruf hätte erſetzen können; aber das war ein Traum, der jetzt vorbei iſt.— Meine Seele würde ermatten und ſterben in der ſo hochgeprieſenen Glückſeligkeit an Erlands Seite. Im Laufe des Nachmittags kam Erland. Er bat Milner, mit Calla ſprechen zu dürfen. Das, was zwiſchen ihnen geſprochen wurde, iſt unnöthig, hier zu wiederholen. Wir werden in dem Folgenden darüber Aufklärung geben. Oben auf ſeinem Zimmer ſaß Harald Abends über ein Buch gebückt. Die Lampe verbreitete einen matten Schein über das Geſicht des Jünglings, das ſehr blaß war. Die Uhr war ungefähr achte, als ein Fuhrwerk in den Hof hineinrollte. Harald blickte auf und murmelte: — Schon nach Hauſe! Gleich darauf knarrte die Treppe von Tritten. Sie waren ſchwer und langſam. — Kann das Erland ſein? Nein, er würde mit haſtigen Tritten heraufgeeilt ſein, um mich von ſeinem Glück in Kenntniß zu ſetzen.— Es iſt irgend ein Fremder,— dachte Harald. Eben, als er nachſehen wollte, wer es ſein konnte, öffnete ſich die Thüre, und Erland ſtand an der Schwelle; aber ſo entſetzlich bleich, daß Harald aus Furcht, daß er umfallen möchte, auf ihn zu eilte. Erland ſchob ihn ſachte bei Seite und ging hin zum Sopha, in welches er ſich niederwarf. 20 — Erland, um Gotteswillen, was hat ſich zu⸗ getragen?— fragte Harald. Langſam ſagte Erland, als wenn jedes Wort ihn eine Anſtrengung gekoſtet: — Calla hat jene elende Schrift von der Eman⸗ cipation der Weiber verfaßt. — Nun! — Ein ſolches Weib habe ich geliebt!— rief der junge Geiſtliche und verbarg ſein Geſicht in den Händen— ich, der nach Vollkommenheit geſtrebt— ich, der da glaubte, aus meinem Herzen jede ernie⸗ drigende Leidenſchaft verbannt zu haben— ich, wel⸗ cher die Wirklichkeit beim Vergleich mit der ideellen Welt ſo gering ſchätzte— ich, der ich glaubte ſo hoch über der Menge zu ſtehen— ich habe dieſes Weib geliebt, deſſen Anſichten unſittlich, unmoraliſch und gottlos ſind— ich habe es mit einer heftigen Leidenſchaft geliebt, die mich erniedrigt hat, weil es mich zur Falſchheit, zum Trug und zur Verſtellung verleitet hat.— Ich habe mich durch dieſe elende Neigung von meinem hohen Standpunkt herabge⸗ ſtürzt und mein Herz mit Schwächen beſudelt, die meines Berufes unwürdig ſind.— O Harald! es gibt keine Verachtung, die tief genug wäre einem ſo blinden Weſen gegenüber, wie ich es durch dieſe Liebe geworden bin. Erland, der ſtolze Erland weinte— weinte über ſich ſelbſt— weinte, weil ſein geiſtlicher Hochmuth jetzt eine tödtliche Wunde erhalten— weinte, weil ſein empfindliches Gewiſſen und überſpannte Begriffe von ſeinem Beruf ihn anklagten, ein gefallener und unwürdiger Pfarrer zu ſein. . 21 Harald ſuchte ihn zu beruhigen; aber es lag für Erlands Bewußtſein etwas ſo Demüthigendes in dem Gedanken, daß Calla, nach ſeinen Begriffen, kein ſeiner würdiger Gegenſtand ſei, daß er aus⸗ rief: — Suche nicht mich, ſuche nicht ſie zu entſchul⸗ digen.— Bedenke, daß ſie mit einer Art Stolz zu mir ſagte: ſie habe in jener Schrift ihre innerſten Gedanken ausgeſprochen; daß ſie nur unter der Be⸗ dingung meine Gattin werden wolle, daß ſie von den häuslichen Pflichten einer Frau vollſtändig be⸗ freit werde; daß jeder von uns ſeine eigenen Zim⸗ mer haben und wir wie ein Paar Freunde zuſam⸗ menleben ſollten; daß die Haushaltung einer kun⸗ digen Perſon überlaſſen werden müſſe und daß ſie damit ebenſe wenig zu thun haben wolle wie ich. Sie würde ſelbſt die Ausgaben für ſich beſtreiten und der Eine brauchte dem Andern dafür keine Re⸗ chenſchaft abzulegen, wie viel oder wofür der An⸗ dere Depenſen mache. Sie ſolle mir keinen Gehor⸗ ſam und keine Rückſichten auf meine Anſichten ſchuldig ſein und in Allem, was ſie anginge, voll⸗ kommene Freiheit haben, zu thun und zu laſſen, wie ihr beliebte. Erland ſchwieg und beugte wieder ſeinen Kopf. — Aber ſuchteſt Du ihr nicht zu beweiſen, daß die entzückende Verſchmelzung zweier lebenden We⸗ ſen, welche erſt durch die Liebe und dann durch das gemeinſame Intereſſe entſteht und die Gatten ſo mächtig an einander feſſelt, daß ihre Meinungen und Sympathien zuletzt dieſelben werden— dann ver⸗ ſchwinden müßte? Kurz, ſtellteſt Du ihr nicht vor, 22 daß jenes moraliſche Band, welches es zwei Gatten zum Bedürfniß macht, allein zu ſein, zerſtört wer⸗ den würde, und daß die heranwachſenden Kinder von einer ſolchen Heimath nicht jene Erinnerung an häusliche Gemüthlichkeit mit ſich nehmen würden, und von der gegenſeitigen Liebe der Eltern, die ſpäter die Sehnſucht nach einem eigenen Heerd und einer zärtlichen Gattin gebiert? Sagteſt Du ihr das nicht? — Nein, Harald— brach Erland aus und er⸗ hob ſeinen Kopf— ſchwach, bis zur Weichlichkeit ſchwach hat mich meine Liebe gemacht, aber nicht bis zu dem Grade elend, daß ich mit einem einzigen Worte verſucht haben ſollte, ſie zu überreden. Das Ideal iſt von ſeinem erhabenen Standpunkt herab⸗ geſtürzt und im Falle zerſchmettert worden; was ſoll ich mit den Bruchſtücken thun? — Aber wenn ſie Dich liebt?— Wenn Deine Liebe ſie auf den rechten Weg zurückführen könnte? — Glaubſt Du wirklich, daß ein Weib, welches Moral und Vernunft ihrer raſenden Eitelkeit opfert, in ihrem Herzen der Liebe einen Platz einräumen wird?— RNein, dieſes Herz iſt aller edleren Ge⸗ fühle baar.— Und doch, welchen Reichthum erha⸗ bener Gedanken habe ich ſie nicht ausſprechen hö⸗ ren!— Wie ſchön ſchilderte ſie nicht den Beruf des Pfarrers, und Alles, Alles das war ein leerer Irrthum! Wieder verbarg Erland ſein Geſicht in den Händen. Ein heftiger Huſten, ein ſtarker Blutſturz folgte —— 23 darauf und wieder mußte Erland Wochen lang das Bett hüten. Aber man ſtirbt nicht ſo leicht an dem erſten Ausbruch des Sturmes des Mißgeſchicks, ob⸗ gleich dieſer gewöhnlich am ſchwerſten zu beſtehen iſt. Schließlich genas Erland und kehrte nach dem Pfarrhofe zurück, um ſeine Adjunctur zu verſehen. Von ſeinen Beſuchen auf Kollinge war nicht mehr die Rede. Er ging nicht einmal hin, wenn er ein⸗ geladen wurde. Fliſe reiste nach Stockholm. Calla ſchrieb und widmete ihre ganze Zeit der Schriftſtellerei. Sie beſchäftigte ſich mit nichts mehr in der Haushaltung und rührte nie eine Stickerei oder eine Nädel an; und wenn ſie fort war, politiſirte ſie mit den Herren, disputirte und ſprach von Literatur; denn ſie hatte jetzt beſchloſſen, ihr Incognito abzulegen, und als Schrifſtellerin kam es ihr unwürdig vor, an den Zerſtreuungen der Jugend theilzunehmen. Harald arbeitete wie ein Sklave. Abends ſpielte er Schach mit dem Capitän, ſcherzte, wenn die⸗ ſer brummte, und redete ihm Vernunft ein, wenn der arme Vater aus Unruhe über Urda nicht wußte was er mit ſich ſelbſt anfangen ſollte; er war, wie vorher, der Liebling der ganzen Gegend, immer heiter, immer freundlich und immer dienſtfertig. Das Vertrauen zwiſchen den Brüdern war noch nicht zurückgekehrt. Erland war ſchweigſamer, ver⸗ ſchloſſener und düſterer als je. Bisweilen begrüßte Harald Anders Milner, aber immer auf ſeinem Comptoir, und kam nie mit Calla zuſammen, als bei den Mahlzeiten an denjenigen 24 Spielabenden, an welchen der Capitain Werner und er auf Kollinge waren. Und jetzt iſt es Zeit, daß wir von unſerer mann⸗ haften Urda etwas Notiz nehmen. Es war in den erſten Tagen des September, daß Urda Björnbo verließ und ſich nach C. be⸗ gab, um von dort die Reiſe nach London, dann von London nach Marſeille und von Marſeille nach Hauſe anzutreten. Wir übergehen den Abſchied, ſowie die Vorbe⸗ reitungen zur Reiſe und laſſen Capitain Ehn in ſeinem Brief von London an Urda's Vater alle die nothwendigen Aufklärungen über die Fahrt geben. Doch müſſen wir den Leſer um Nachſicht bitten, wenn wir, die wir den Brief nur aus dem Ge⸗ dächtniſſe wiederholen, denſelben nicht ſo getreu in ſeiner natürlichen Beſchaffenheit mit allen See⸗ mannsausdrücken und Kenntniſſen des Fahrwaſſers wiedergeben, wovon derſelbe in ſeiner urſprünglichen Form den Stempel trug. Wir machen nur einen kurzen Auszug und fangen mit demjenigen Theile an, der von Urda handelte. ———„Aus dem Obenſtehenden ſiehſt Du, mein lieber Werner, daß wir glücklich und wohl an unſerem Beſtimmungsorte angelangt ſind, und jetzt, nachdem ich von Geſchäften geſprochen, will ich Dir auch mittheilen, wie mein ſogenannter Unter⸗ ſteuermann ſich gehalten hat. Du dürfteſt daraus die Hoffnung entnehmen können, daß, bevor wir —— wieder nach Hauſe kommen, die Seemannsluſt bei ihr abgekühlt ſein möchte. „Wir hatten hübſches Wetter, aber einen fri⸗ ſchen Wind; und wie Du weißt, ſo macht ſowohl die Oſtſee wie die Nordſee ſich bemerklich. Mein klei⸗ ner Steuermann ſtand dicht neben dem alten Gott⸗ lieb und ſchien ſich ganz ſtolz zu fühlen. Aber ich dachte: ſpaßhaft wäre es doch, wenn Dein Muth wegen eines bischen Seekrankheit ein ſchimpfliches Ende nähme. Einen minder vortheilhaften Platz für Einen, der nicht an die See gewöhnt iſt, als derjenige den Urda jetzt einnahm, mit dem von der Bewe⸗ gung der Wogen ſich fortwährend hebenden und ſenkenden Stoßen vor Augen, konnte man nicht ge⸗ wählt haben, beſonders da die See hoch ging.— Während ich auf dem Deck ging, warf ich von Zeit zu Zeit einen Blick auf das Mädchen in ſeinem „Südweſt“*) und Seemannsrock. Sie ſah, ver⸗ damm' mich, aus, wie eine kleine Meernixe. Ich befahl Gottlieb, ihr das Ruder zu über⸗ laſſen, und ſtellte mich neben ſie; denn ich ſah deut⸗ lich, daß ſie nicht lange Stand halten würde, weil die weißen Wimpel ſich bereits auf den Wangen zu zeigen anfingen. — Recht ſo!— befahl ich, als Gottlieb zu den Geſchäften gegangen war, die ich ihm angewieſen. Wir haben ſtarken Seitenwind und das Fahrzeug will gern treiben. Ein Seemannshut mit breiter Krämpe, die hinten über die Schulter herabfällt⸗ Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. II. 3 26 — In den Wind hinauf gehalten!— ſagte ich; aber mein kleiner Steuermann war zu ſchwach in den Händen; ich ergriff das Steuerruder und ſchrie ihm zu: — Was, zum tauſend Teufel, kannſt Du nicht in den Wind hinauf halten? Als ſie darauf immer bläſſer und bläſſer wurde, ſchrie ich: — Sieh da, jetzt wirſt Du, zu Millionen Teu⸗ feln, ſeekrank. Ich ſollte Dich, meiner Seele, das Tauende ſchmecken laſſen wegen ſolchen Unfugs. — Komm mal her, Gottlieb, und trage die Krabbe da in die Kajüte. Und da lag nun unſer geſchlagener Held. Nachts bekamen wir noch ſtärkeren Wind, welcher zweimal vierundzwanzig Stunden anhielt. Eine Sturzſee nach der andern kam herangewälzt, daß der ganze Kaſten krachte. Das arme Mädchen war von der Seekrankheit ganz überwältigt. Als ich einmal während der Zeit zu ihr hinun⸗ terkam und das Meer wild ringsum brüllte, fand ich ſie auf dem Boden liegend und ſich vor Schmerz wie ein Wurm krümmend. Als ſie mich erblickte, rief ſie verzweifelnd: — Ich ſterbe, Onkel!— Wir ſterben Alle, Alle ohne Rettung———— O Gott! O Gott! ———— Wie das ſchauderhaft iſt——— H! was ich leide——— In demſelben Augenblick krachte es in allen Fugen heftiger als zuvor, was den Ohren des ent⸗ ſetzten Mädchens ſo vorkam, als wenn das Fahr⸗ zeug zermalmt würde, und ſie ſchrie: te h d n t⸗ r⸗ — Es iſt vorbei——— Gott! mein Va⸗ Die Schmerzen erlaubten ihr nicht weiter zu ſprechen. Am dritten Tage wurde das Wetter ruhiger; aber ſie war ſo matt und, wie ich glaube, auch er⸗ ſchrocken, daß ſie ſich kaum hinauf wagte. Am vier⸗ ten Tage war vollkommene Stille. Ich befahl ihr, ohne daß ich mich zu erinnern ſchien, daß ſie etwas An⸗ deres als ein gewöhnlicher Matroſe ſei, auf's Deck hinaufzukommen und zu helfen.— Dort begegnete man ihr von Seiten der Matroſen mit vielem Spott, und Gottlieb, blind Deinen Inſtructionen gehor⸗ chend, war nicht derjenige, der ſie am wenigſten är⸗ gerte.— Ich hielt mich indeſſen in der Nähe, da⸗ mit Niemand die gehörigen Grenzen überſchritte. Als man frühſtücken ſollte, ging ſie mit mir hinunter; denn wir aßen zuſammen. So viele Mühe ſie ſich auch gab, die Thränen zu unter⸗ drücken, ſo konnte ſie doch nicht verhindern, daß ſie rannen. Ich that, als wenn nichts paſſirt wäre. Da aber ihre Kajüte dicht neben der meinigen iſt ſo konnte ich ſie die ganze Nacht weinen hören. Während des übrigen Theils der Reiſe iſt ſie fortwährend ſeekrank geweſen, und als wir den Fuß an's Land ſetzten, ſah ich zum erſten Male ein zu⸗ friedenes Lächeln ihr Geſicht aufklären. Ich hege nebenbei ſtarken Verdacht, daß ſie ſehr furchtſam iſt; denn. wenn die See in Bewegung iſt und ein Windſtoß nach dem andern herangepfiffen kommt, dann ringt ſie die Hände vor Verzweiflung. Jetzt ſchließe ich für heute. Dein redlicher n. 28 Anfangs November erhielt Capitain Werner einen anderen Brief von Ehn, datirt Nantes. Der⸗ ſelbe lautete folgendermaßen: „Mein lieber Bruder! Als wir zu Hauſe auf Björnbo unſere Pläne gegen Urda ſchmiedeten, hatten wir vergeſſen, Gottes Finger und den Sturm mit in Anſchlag zu bringen. Wir hätten nicht nöthig gehabt, unſere Köpfe ſo ſehr zu zerbrechen, um Vorſehung zu ſpielen, ſon⸗ dern hätten es gern dem überlaſſen können, der doch der beſte Steuermann auf dem Weltmeere iſt. Nun gut, wir reisten, von dem herrlichſten Wetter be⸗ günſtigt, von England ab. Als wir aber gerade die franzöſiſche Bucht erreicht hatten, brach ein ge⸗ waltiger Nordweſt⸗Sturm aus. Derſelbe dauerte faſt vier Tage und Nächte, und trotz allen unſeren Bemühungen, Widerſtand zu leiſten, wurden wir doch ſchließlich an die franzöſiſche Küſte getrieben, wo wir Schiffbruch litten.— Wir haben, nächſt Gottes Hilfe, nur der Kühnheit und Geſchicklichkeit der franzöſiſchen Lootſen die Rettung unſeres Lebens zu danken. Schiff und Ladung gingen zu Grunde. Jetzt einige Worte über Urda.— Sie war während des Sturmes vor Schreck faſt vernichtet und erklärte, als ſie ſich wohlbehalten unter dem Dach des Lootſen befand, daß ſie ſich lieber allen möglichen Uebeln unterwerfen wolle, als wieder den Fuß an Bord eines Schiffes ſetzen. Die Seezucht, die ſtrenge Behandlung am Bord, der rohe Scherz der Matroſen, die harte Arbeit, Alles mißfiel ihr. Fügt man dazu Seekrankheit, 29 Sturm und Schiffbruch, ſo glaube ich, daß wir ſie, ohne uns zu übereilen, für geheilt betrachten können. Freilich es macht ſich ganz hübſch, auf einem Hügel auf dem Lande mit einer ſpiegelhellen Waſ⸗ ſerfläche vor ſich zu ſitzen und dabei zu denken, wie angenehm es ſein würde, ſich auf dem glänzenden Waſſer herumzutummeln; aber es erfordert Körper⸗ kraft und Muth, um mit dem Sturme auf dein Meere auszuhalten, wo man jeden Augenblick darauf vorbereitet ſein muß, ſein Leben einzuſetzen. Ein Glück für Dich, Werner, daß ſowohl Schiff wie Ladung aſſecurirt waren; aber ein Gewitter ſollte hineinſchlagen, daß Maria Carolina, welche ſo viele Jahre glückliche Reiſen gemacht, zu Grunde gehen mußte, ſobald Deine Tochter mitſein wollte. Wir überwintern hier, brauchen aber Geld.“ Wieder ſchien die Frühlingsſonne klar und glän⸗ zend auf Björnbo und Nachbarſchaft herab.— Al⸗ les war ſich gleich. Der Capitain war, ſeit er wußte, daß Urda auf dem feſten Lande ſei, wieder bei ſeiner alten Laune: er brummte, fluchte und ſcherzte. Harald fuhr fort, ſeine Geſchäfte mit Luſt und Eifer zu beſorgen. Barbro ſprang herum und machte ſich viel zu ſchaffen wie immer. Man machte dort große Vor⸗ bereitungen; denn der Capitain war nach C— ge⸗ reist, um ſeine Tochter abzuholen, welche mit dem 30 deutſchen Dampfboot dort ganz beſcheiden angekom⸗ men war. Man erwartete ſie gegen Abend nach Hauſe. Erland war, auf Haralds Verlangen nach Björn⸗ bo hinübergekommen, um Urda willkommen zu heißen. Die Brüder wanderten Arm in Arm die Land⸗ ſtraße hinaus, um den Erwarteten entgegenzugehen. Mit Erland war eine große Veränderung vor ſich gegangen. Sein Geſicht war wo möglich noch bleicher; die Augen zeigten nicht mehr jene fana⸗ tiſche Schwärmerei wie früher; es lag etwas Milz⸗ ſüchtiges Wehmüthiges und Mildes in ihnen. Der ſtrenge Zug um den Mund war verſchwunden und ein Ausdruck voll Schmerz ruhte auf den ernſten, aber nicht ſtrengen Lippen. — Es wird recht amüſant werden, mit Urda zu⸗ ſammenzutreffen,— ſagte Harald.— Ich werde wohl mit der Plage verſchont bleiben, ſie in Herren⸗ kleidern herumſpucken zu ſehen und von ihren Re⸗ volutionsverſuchen und ihrer Emancipationsraſerei ſprechen zu hören. Sie hat genug davon bekommen, hoffe ich. — In der Beziehung theile ich nicht Deine Meinung,— wandte Frland ein.— Eine irrthüm⸗ liche Anſicht muß durch Vernunftgründe als ſolche erwieſen werden, wenn die Perſon, welche ſie hegt, davon abkommen ſoll.— Sturm, Seekrankheit und dergleichen ſind Zufälligkeiten, und beweiſen nur, daß Urda's körperliche Conſtitution nicht für jenen Beruf paßt; aber das hindert nicht, daß es andere Beſchäftigungen geben kann, die jener entſprechen. — 31 Darum glaube ich ſteif und feſt, daß Urda nur ihren Plan, aber nicht ihre Ideen wechſeln wird. — Du erſchreckſt mich,— antwortete Harald lächelnd;— ſollen wir noch mehr von jener ge⸗ ſegneten Emancipationsmanie bekommen? Ich meine wirklich, wir hätten genug davon gehabt. — So meine ich auch,— rief eine heitere Stimme von der Landſtraße. Göran hüpfte über den Knick und kam auf die Brüder zu, worauf er Ha⸗ rald unter den Arm nahm und ſeine Rede fortſetzte. — Man könnte von Wenigerem toll werden, als davon, es mit anzuſehen, daß alle Mädchen Männer werden wollen.— Ich habe wirklich angefangen darüber nachzudenken, ob ich nicht Anlagen für die Küche habe, und ob ich nicht klüger handelte, wenn ich meinen Sinn der Speiſekammer, als den wiſſen⸗ ſchaftlichen Geiſtesanſtrengungen zuwendete. — Aber ſage mir, Göran, wann kamſt Du nach Kollinge?— fragte Harald. — Geſtern Abend, mein ehrliches Brüderlein, und ich bin bereits ſo ärgerlich, daß ich Luſt haben könnte, zu Fuß meine Wege zu gehen. — Und warum das? — Das fragſt Du?— Du müßteſt es doch begreifen.— Früher hatte man es recht gemüthlich zu Hauſe, jetzt kann man den Spleen bekommen. Ich bin vierundzwanzig Stunden im Schooße meiner Familie geweſen, und bin nahe daran zu be⸗ haupten, daß man in keinem langweiligeren Schooße verweilen kann. Papa, früher die Munterkeit ſelbſt, hat graue Haare bekommen, ſieht traurig aus, iſt ſchweigſam 32 wie das Grab, und wenn er je ein Wort ſpricht, ſo iſt es eine Wehklage über die Mädchen. Mama zerbricht ſich den Kopf in der Küche und bricht alle fünf Minuten aus: — Oh, die Eliſe, die Eliſe, die ein verlorenes Kind geworden! Darauf weint ſie eine kleine Weile. Calla, die früher die Munterkeit ſelbſt war,— was glaubt Ihr, daß die treibt? Nun, ſie hat von Papa das kleine Gebäude zu ihrer Dispoſition er⸗ halten; dort ſchließt ſie ſich ein, um zu arbeiten, — zu ſchriftſtellern, verſteht ſich! Wenn ſie bei den Mahlzeiten erſcheint, nimmt ſie eine überlegene Miene an, ſpricht nur von Po⸗ litik und Literatur, und trifft es ſich, daß ſie einen Augenblick in ihre gewöhnliche heitere Laune hinein⸗ kommt, dann hält ſie plötzlich inne und ſteckt eine ſtolze Miene auf. Abends reitet ſie ganz allein aus, und leiſtet Papa und mir nie Geſellſchaft. Ihr könnt wohl begreifen, daß mein armer Vater, der ſo zufrieden mit ſeinen Mädchen war, und es ſo gemüthlich fand, nach geſchloſſener Arbeit ſie um ſich zu ſehen, einen ganz langweiligen Win⸗ ter zugebracht hat; und um nicht ganz zu Grunde zu gehen, iſt er oft gezwungen geweſen ſein Haus zu verlaſſen, und Geſellſchaft außer dem Hauſe zu ſuchen; denn Mama lebt nur für die Haushaltung, und Calla ſchreibt.— Was mich anbetrifft, ſo meine ich, daß Kollinge unerträglich iſt, und wehe mir, wenn ich nicht eines Tages das ganze Gebäude in Brand ſtecke, der Calla ihre blauen Strümpfe abbrennen und ſie aus dem 33 Feuer als einen geläuterten und neuen Menſchen heraustreten laſſe. — Das wäre doch wohl eine gar zu gewalt⸗ thätige Cur,— fiel Erland mit ruhiger Stimme ein;— eine Cur, die eher ihre Phantaſie anfeuern, als löſchen würde. Harald ſah den Bruder an. Es war das Erſte⸗ mal, daß Calla ſeit jenem Abend, wo Erland von Kollinge zurückkehrte, Gegenſtand der Unterhaltung war, und jetzt ſprach er von ihr, ohne daß eine Muskel ſeines Geſichts irgend eine Bewegung verrieth. — So ſprichſt Du, welcher dem unheilbringen⸗ den Glück entgingſt, ein emancipirtes Weib zum Hauskreuz zu bekommen. Ich hoffe indeſſen, daß Schweſter Blaubein Eins wegen ihrer letzten Schrift bekommen wird, die in dieſen Tagen er⸗ ſcheinen ſoll, und auf deren Titelblatt ihr Name prangt. — Da kommt Onkel!— rief Harald und der Wagen des Capitains kam ihnen in vollem Trabe entgegengefahren. — Das wird ſehr intereſſant werden, den Steuer⸗ mann Urda zu ſehen. Sie wird wahrſcheinlich hin⸗ reichend eingeweicht worden ſein, ſo daß die Eman⸗ cipation in der franzöſiſchen Bucht geblieben iſt,— ſagte Göran. Der Kutſcher hielt an und die drei jungen Män⸗ ner grüßten. Harald hätte beinahe einen Schreckens⸗ ruf ausgeſtoßen, als er Urda in Herrenkleider ge⸗ kleidet und eine Cigarre rauchend an der Seite ihres Vaters erblickte. Der Capitain lud ſie ein, mit nach Björnbo zu 34 fahren. Göran ſchwang ſich auf den Kutſcherſitz hin⸗ auf, und Erland und Harald nahmen rückwärts im Wagen ihre Plätze ein. Der Capitain war munter, ſchwur wie ein Türke und ſcherzte auf ſeine eigene grobkörnige Manier. — Herr mein Gott, Urda,— brach Harald mit einer komiſch ernſten Miene aus,— ich, der da glaubte, daß Du klug wiederkehren würdeſt, finde jetzt, daß——— — Was?— fragte Urda mit einem kleinen Zu⸗ rückwerfen des Kopfes. — Daß Du ebenſo klug biſt, wie Du früher warſt. — Und ich finde Dich ebenſo unerträglich,— antwortete Urda halb lächelnd. — Gut, das beweist, daß keines von uns ſich verändert hat.— Erinnerſt Du Dich, was ich Dir prophezeite, als Du zur See gehen wollteſt2 — Lieber Harald, glaubſt Du, daß mir daran liegt alle Deine Bosheiten im Gedächtniß zu behalten? Oh, ich habe genug Anderes zu thun gehabt——— — Ja, ſeekrank zu ſein, zum Beiſpiel,— fiel Harald ein. 2 — Du lieber Gott, Papa, jetzt fängt Harald wieder an mich zu plagen, ſowie er mich nur zu Geſicht bekommt,— rief Urda ungeduldig. — Ah. Bagatellen, Mädchen, gegen ſolche Fuhr⸗ leute kannſt Du ſchon die See halten, nachdem Du jetzt im gefährlichen Fahrwaſſer geweſen,— ant⸗ wortete der Vater lachend. — Wirſt Du böſe, dann kannſt Du ſicher ſein, 35 daß ſich irgend ein Unglück ereignet; denn als Du Dich das Letztemal über das, was ich ſagte, ärger⸗ teſt, hatte es Seekrankheit, Sturm und Schiffbruch zur Folge. Jetzt bog der Wagen in den Hof ein und in der Flurthüre ſtand Barbro und⸗ſchmunzelte den Heimkehrenden, beſonders aber Vetter Fabian, gar freundlich zu. Göran wurde eingeladen zu bleiben und der Abend verfloß unter munterem Scherz. Freilich war Harald ſehr ſpöttiſch, aber Urda fühlte ſich ſo vergnügt, ſich unter dem Dach des Vaterhauſes zu befinden, wo der Sturm ihr keinen Schauder einflößte und eine rohe Behandlung ihr keine Furcht einjagte, daß ſie alle ſeine boshaften Einfälle verſchluckte. Als das junge Mädchen Abends in ihrer kleine Kammer ſtand, und alle die lieben Gegenſtände ihr ſo freundlich entgegen lächelten, da dankte ſie warm und innig Gott dafür, daß ſie lebend und geſund in die Heimath hatte zurückkehren dürfen. Wir laſſen jetzt zwei Jahre dazwiſchen liegen, und werden dann nachſehen, in wiefern es während dieſer Zeit unſeren kleinen Emancipationsrepräſen⸗ tantinnen mit ihren gewaltigen Anſtrengungen für die Veredlung und Aufklärung der Menſchheit und dergleichen gelungen iſt, oder ob allen Anſtrengungen zum Trotz„das Weib doch immer Weib bleibt.“ Die dahingeſchwundenen Jahre ſind reich an Erfahrungen für unſere Heldinnen geweſen. 36 Eliſe hatte ihre Reiſe nach Stockholm in der kühnen Hoffnung angetreten, eine zweite Jenny Lind zu werden, und dabei gänzlich vergeſſen, daß auch dieſe große Sängerin, welche ein Talent erſten Ranges war, nichts deſtoweniger mit großen Schwierigkeiten und Mißgeſchicken hatte kämpfen müſſen, bevor es ihr gelang, eine europäiſche Berühmtheit zu werden. Als Eliſe nach der Hauptſtadt kam, fand man freilich, daß ſie eine ſtarke Stimme, muſikaliſche An⸗ lagen und ein vortheilhaftes Aeußere beſaß, daß ihr aber, trotz ihrer Stockholmer Erziehung Manches fehle, um auf der Bühne auftreten zu können; und man gab ihr den Rath, den Winter dazu zu benützen, ihre Anlagen auszubilden. Dieß war, das erſte Miß⸗ geſchick. Eliſe ſang und ſang und that nichts als ſingen. Endlich erſchien der große Tag(es war im Früh⸗ ling), an welchem ſie debutiren ſollte. Im Laufe des Winters hatte ſie vom Vater ei⸗ nen Brief erhalten, der voll von den wärmſten Bitten war, um ſie zu bewegen, von ihren Künſtler⸗ träumen abzuſtehen und wieder nach Hauſe zurück⸗ zukehren. Der Brief ſchloß damit, die folgenden Worte zu wiederholen:——— Aber ſollteſt Du eigenſinnig darauf beſtehen, auf der Bühne aufzutreten, dann erinnere Dich, daß Du nie daran denken darfſt, un⸗ ter das Dach Deines Vaters zu treten. Sowohl Bitten wie Drohungen verfehlten ihre Wirkung auf Eliſe, welche ſich für berufen zu der Laufbahn hielt, die ſie gewählt, und es als eine der größten Schwächen bei einem Weibe betrachtete, 37 wenn es ſich von anderen Leuten oder von Eltern und Angehörigen beeinfluſſen ließ. Sie hielt es für eine Pflicht, ſich von derartiger Sklaverei zu emancipiren. Sie ſei frei geboren und müßte deshalb den erſten Schritt thun zum unabhängigen und vollkom⸗ men ſelbſtändigen Handeln. Dieſe und mehrere derartige Grundſätze hatten die Mädchen während ihrer Penſionszeit eingeſogen, und durch ſie wurden ihre Begriffe von Recht und Unrecht irregeleitet. Genug, Eliſe debutirte. Aber von all dem ſtürmiſchen Applaus, von den auf die Bühne herunterregnenden Blumenbouquetten unb dem erwarteten Hervorruf verſpürte man gar nichts. Freilich ſchenkte man ihr ein einzelnes ſchwaches Händeklatſchen, aber mehr als eine mitleidige Auf⸗ munterung, denn als einen Ausdruck der Befrie⸗ digung; daſſelbe wurde aber von einem ſo ſtarken Ziſchen begleitet, daß dieß ein zu bitterer Beweis war, daß ſie kein Glück gemacht. Verzagt und betrübt fuhr Fliſe nach Hauſe. Aber damit war es nicht zu Ende. Die läſterlichen Zeitungen, die nie ſchweigen können, kamen mit langen Recenſionen; dort kritiſirte man die arme Debutantin dergeſtalt, daß Eliſe heftig weinte und beinahe über Hals und Kopf nach Hauſe gereist wäre, wenn nicht das ausdrückliche Verbot des Va⸗ ters ſie davon abgehalten, und wenn nicht ihr frühe⸗ rer Muſiklehrer, in deſſen Familie ſie ſich aufhielt, 38 dem jungen, unerfahrenen Mädchen vorgeſtellt hätte, daß das Leben keine Roſen ohne Dorne hat. Jetzt kamen Arbeit, wenige Fortſchritte, viele Un⸗ annehmlichkeiten, und endlich der Sommer und da⸗ mit das Schließen des Theaters. Herr 3— ſchlug Fliſe vor, eine Kunſtreiſe zu machen, um ihre Stimme auszubilden. Durch Calla's Vermittelung gelang es ihr, vom Vater Geld zu er⸗ halten, aber dieſes Geld war von einem ſtrengen Brief und einem ausdrücklichen Verbot begleitet, ſich nicht mehr an ihn zu wenden. Sie reiste ab, von Herrn 3— begleitet. Bei ihrer Rückkunft wurde ſie am königlichen Theater engagirt, aber ach! nur um in weniger be⸗ deutenden Rollen zu debutiren; und immer hatten die Zeitungen ſo Vieles zu bemerken, ſo viel zu cor⸗ rigiren und ſo lehrreiche Rathſchläge zu ertheilen, daß Eliſe unter der Laſt von allem Dieſem ſich gänzlich niedergedrückt fühlte. Und das freie Leben, von dem ſie geträumt, war das wirklich ſo lächelnd, ſo ohne allen Zwang, ſo angenehm? Nein jedes Blatt, deſſen man ſich aus dem Kranz des Rufes bemächtigen wollte, forderte Studium und anhaltende Arbeit. Und dann die öde Heimath, in welcher Eliſe nie ein liebevolles Lächeln begegnete! Oft kam es ihr vor, als wenn ſie ganz allein und verlaſſen daſtände— in anderen Augenblicken wieder, als wäre ſie nie mehr gebunden geweſen, als jetzt. Und dann dieſe unzähligen Stiche für die Eitel⸗ keit, daß ſie nur ein untergeordnetes Talent unter 8 39 ſo vielen ſei, welche in vollem Glanze ihrer Ueber⸗ legenheit ſtrahlten! Die Qualen, welche dieſes Bewußtſein hervorrief, alle dieſe Stunden der Verzweiflung, wenn ſie die Hoffnung aufgab, etwas Anderes zu werden, als ſie war, ſchufen ihr Leiden, welche ihr in ihrem friedlichen und ruhigen Vaterhauſe fremd geweſen. Wie oft wünſchte ſie ſich nicht weit, weit weg vom Schauplatze ihrer eitlen Träume und zurück zu der Ruhe, die ihr ehemals eine Qual geweſen. Eliſe fehlte es an wahrer dramatiſcher Auf⸗ faſſung, und obgleich die Natur ſie mit einer ſtarken und klaren Stimme begabt, ſo beſaß ſie doch keinen eigentlichen Ausdruck in ihrem Geſang, und konnte in das, was ſie ſang, nie den wahren Charakter niederlegen oder auch nur einen Funken von Be⸗ geiſterung hervorbringen. Dieſe Fehler waren von einer ſolchen Natur, daß es ihr durch Arbeit und Anſtrengung wenigſtens zum Theil gelingen könnte, dieſelben zu überwinden, wenn ſie einen feſten, energiſchen Willen beſeſſen und mit Ei⸗ fer daran gearbeitet hätte, das zu erſetzen, was ihr von Natur fehlte. Wäre Eliſe, wie ſie ſelbſt glaubte, wirklich zur Künſtlerin berufen geweſen, dann wären dieſe Be⸗ mühungen, ihre Anlagen zu entwickeln, ihr leicht vor⸗ gekommen; jetzt dagegen ermüdete ſie und verlor bei dem erſten Mißgeſchick, das ihr auf der künſtleriſchen Laufbahn zuſtieß, den Muth. Nebenbei hatte Eliſe geglaubt, daß ſie, wenn ſie Sängerin würde, in ihrer Eigenſchaft als Künſtlerin dieſelben Rechte beſitzen würde wie der Mann, nämlich: ſich auf öffentlichen 40 Plätzen zeigen zu können, ohne daß ein älteres Frauenzimmer dabei ſei, ganz allein mit einem Do⸗ meſtiken ihre eigene Wohnung bewohnen u. ſ. w. Aber bald ſollte ſie die Erfahrung machen, daß man nicht ſo ohne Weiteres angenommenen Sitten und Gebräuchen vor den Kopf ſtoßen kann, und ſie mußte, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, ſtatt ihre Frei⸗ heit auszudehnen, dieſelbe beſchränken, und fand, daß ſie in ihrem ganzen Künſtlerglanz nicht ein Haarbreit mehr Freiheit beſaß als im väterlichen Hauſe. Der Frühling kam wieder. Eliſe ſeufzte, weinte und wünſchte auf ihrem lieben Kollinge zu ſein, aber ſie wagte nicht zurückzukehren, da der Vater es ihr verboten hatte, und ihre Eitelkeit ihr nicht geſtattete, daß ſie einräumte, einen Mißgriff gemacht zu haben. Sie reiste mißvergnügt und unglücklich mit Herrn und Frau Z— nach einem Geſundheitsbrunnen. Dort machte ſie Bekanntſchaft mit einem jungen Arzt, welcher der Halbbruder von einem Sänger am kö⸗ niglichen Theater, Herrn Teiller, war. Man behaup⸗ tete allgemein, daß Herr Teiller die wärmſte Be⸗ wunderung vor dem jungen Mädchen hegte, welches indeſſen kalt und gleichgültig gegen ſeine Huldigun⸗ gen geblieben war. Der Arzt zeigte gegen Gliſe eine wahre Freund⸗ ſchaft, rieth ihr, die Bühne zu verlaſſen, weil ihre ſchwache Bruſt es ihr bald genug unmöglich machen würde, zu bleiben. Aber der Bruder, der Sänger, that Alles, um zu ſchmeicheln und ihre halb erloſchene Neigung und ihren hoffnungsloſen Ehrgeiz zu beleben. 41 Er beredete ſie, in Gemeinſchaft mit ihm im Bade Concerte zu geben, und dort, in einem kleineren Salon, errang Eliſe Erfolge, wie dieſelben ihr nie auf dem Theater zu Theil geworden. Dieß machte ſie taub gegen die Rathſchläge des Arztes. So war die Zeit für Fliſe verſtrichen. Wie ſah es auf der andern Seite mit dem glän⸗ zenden Ruf von Calla aus, welche Frau Carlén und Frederike Bremer übertreffen ſollte? Hatten ihre Emancipationspredigten Erfolg ge⸗ habt? Waren Schwedens Frauen mit einem Feld⸗ geſchrei aufgeſtanden und während ſie ſie zur An⸗ führerin ausriefen, hervorgeſtürmt, um ſich die Rechte des Mannes zu erkämpfen? Nein, nichts von alle⸗ dem. Die ſchwediſchen Frauenzimmer wußten ſo wenig Beſcheid von dem, was Calla Milner ge⸗ ſchrieben, daß wahrſcheinlich nicht eines von Tauſen⸗ den es geleſen und Diejenigen, welche dieſe mit Hülfe einer exaltirten Gouvernante in einer Penſion zuſammengeſponnenen Träume geleſen, verzogen den Mund darüber, falls ſie den Urſprung kannten und gutmüthig waren; die Strengen dagegen warfen das Buch mit Verachtung von ſich, und die Mehrzahl der Leſer betrachtete die beiden Emancipationsromane Calla's lediglich als Romane, ohne die Tendenz her⸗ auszufinden, und empfanden nur Aerger über das unweibliche Betragen der Heldinnen. Alle ſtimmten iedoch darin überein, daß dieſe Heldinnen ebenſo verrückt wie ungemüthlich ſeien. Nach dem erſten berauſchenden Duft der Schmei⸗ chelei, welchen Calla für eine kleine, ohne alle An⸗ ſprüche geſchriebene Erzählung geerntet, war das Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. M. 42 junge Mädchen ſo bethört worden, daß ſie meinte, wirkliches Genie zu beſitzen, und daß es nicht mehr für ſie paſſend ſei, nur ein liebenswürdiges, heiteres und fröhliches Mädchen zu ſein, ſondern daß ſie als ein hervorragendes Weib auftreten müßte. Die werdende ausgezeichnete Schriftſtellerin mußte ein würdiges Benehmen beobachten, eine ge⸗ wiſſe Originalität in ihre Lebensgewohnheiten und mehr Gelehrſamkeit in ihre Converſation hineinlegen. Genug, Calla, welche ein eigenes Gebäude be⸗ wohnte, mußte auch ein eigenes Pferd haben, ſowie den Tag lediglich für ihre literariſchen Beſchäftigun⸗ gen und Studien eintheilen. Aber bei all dieſem Steben, ihrem äußeren Leben einen gelehrten und ſelbſtſtändigen Stempel aufzu⸗ drücken, behielt doch Calla Urtheil genug übrig, um ſich nicht durch ihren Anzug lächerlich zu machen, oder durch ihr Benehmen ins Pedantiſche zu fallen. Calla's zweiter Verſuch für die Emancipation der Frauen erfuhr eine vollſtändige Niederlage, und ihr Verleger gab ihr in ſcharfer Weiſe zu verſtehen, daß er, wenn ſie in dem Genre fortführe, Nichts mehr von ihr verlegen könne. Er gab ihr den freundlichen Rath, zu den einfachen Schilderungen aus dem All⸗ tagsleben überzugehen, mit welchen ſie einen wohl⸗ verdienten Erfolg gehabt. Er bat ſie aber, davon abzuſtehen, für irgend welche Reformen aufzutreten, da ſie ſolchen Unternehmungen weder gewachſen ſei, noch es verſtände, was ſie damit beabſichtigte. Das war ein harter Schlag für Calla. Vor lauter Demüthigung weinte ſie. Die im Grunde guten Inſtincte, welche durch die Begriffe irregeleitet 43 worden waren, die ſie in der Penſion eingeſogen, empörten ſich bei dem Gedanken, daß ſie, Alles in Allem genommen, Etwas verfochten hätte, das der Moral direct zuwiderliefe. Die emancipirende Schriftſtellerin wurde alſo aufgegeben, und Calla ſuchte ihren geſunkenen literariſchen Ruf dadurch zu repariren, daß ſie einige recht hübſche Novellen ſchrieb, die Bilder aus dem Leben waren. Ihre Arbeiten machten jetzt mehr Glück, ohne daß ſie indeſſen Veranlaſſung gaben, fortwährend die thörichte Hoffnung zu hegen, die Sterne unſerer Li⸗ teratur verdunkeln zu können. Dieſes Mißgeſchick und die Gewißheit, welche Calla's Verſtand ihr gab, nachdem die unſinnige Ei⸗ telkeit ſich gelegt, hatte bedeutend auf ſie eingewirkt. Freilich brannte die junge Schriftſtellerin gleich heftig vor Ehrgeiz, aber derſelbe hatte einen ver⸗ nünftigeren Charakter, und ſie fing wieder an, ein wenig an ihren Vater zu denken, obgleich ſie ſich noch nicht dazu entſchließen konnte, ſeines Wohlbe⸗ findens wegen Etwas von ihrer Zeit zu opfern, weil ſie es für eine Pflicht gegen ſich ſelbſt anſah, dieſelbe ausſchließlich ihrer Schriftſtellerei zu opfern. So ſtanden die Sachen auf Kollinge. Jetzt wollen wir ſehen, wie Urda ihre Zeit angewandt hat. Von jener mißglückten Seeexpedition zurückgekehrt, hatte ſie freilich den Geſchmack dafür verloren, ſich ſelbſt zu einem Seefahrer zu machen, aber keineswegs die Luſt, die Mitglieder ihres Geſchlechts aus der Knechtſchaft zu befreien. Nach allen den Gefahren, die ſie ausgeſtanden, 4* 44 hatte Urda wo möglich eine noch größere Gewalt über ihren Vater erlangt. Sie kam jetzt auf den Einfall, nicht zu Hauſe zu wohnen, ſondern wünſchte ein eigenes kleines Anweſen zu haben, das in der Nähe von Björnbo belegen war und eine ſehr hübſche Lage hatte. Dort wollte ſie ein Wohnungshaus aufführen, worauf ſie dorthin zu ziehen, ihren eigenen Haushalt einzurichten und ſich auf den Ackerbau zu legen beabſichtige. Der ſchwache Vater, welcher gern Wände und Dächer eingeriſſen hätte, um ihre Wünſche zu erfül⸗ len, gab ihr ſeinen Beifall. Jetzt hatte aber Urda beſchloſſen, ſelbſt die Zeichnung zum Hauſe zu ver⸗ fertigen; denn es ſollte eine ganz eigene Architektur werden; dabei wollte ſie ſelbſt den Bau leiten. 6 Urda hatte ſich ein für allemal in den Kopf geſetzt, man dürfe nur eine Sache wollen, dann würde es ſchon gehen. Daß aber jedes Handwerk und jedes Unternehmen Kenntniß und Einſicht erfordere, das nahm ſie nie in Betracht. Auch hatte ſie ſich vorgenommen, bei der Arbeit nur Weiber zu verwenden; aber von dieſer Idee mußte ſie zum Theil abſtehen, weil kein weibliches Weſen in der ganzen Gegend es übernehmen wollte zu zimmern und zu tiſchlern. Als das Gebäude endlich aufgeführt war, ſah daſſelbe einem Thurme oder einem Glockenſtuhle ziem⸗ lich ähnlich, ſo hoch und ſpitz war es. Nachdem man das Gerüſte heruntergenommen, machte man die fatale Entdeckung, daß man in den oberen Stock nicht hinaufkommen konnte, und zwar 45 aus dem einfachen Grunde, weil Urda— die Treppe vergeſſen hatte. Wegen dieſer unbedeutenden Vergeßlichkeit mußte jetzt ein Anbau gemacht werden, was zu vieler Hei⸗ terkeit Anlaß gab; denn das Haus bekam dadurch ein ſo räthſelhaftes Ausſehen, daß man vergebens auszufinden ſuchte, zu welchem Styl es gehörte. Rach allen ausgeſtandenen Widerwärtigkeiten war Urda glücklich und wohl in ihrem eigenen Hauſe einlogirt, und hatte bereits angefangen das Land zu bauen; aber, um ihre Emancipation durchzuführen, wollte ſie es nur von Weibern bearbeiten laſſen. Harald hatte während der Zeit eine Reiſe nach Deutſchland, England und Schottland gemacht, um ſeine agronomiſchen Kenntniſſen zu erweitern, und wurde jetzt, nach einer Abweſenheit von einem und einem halben Jahr nach Björnbo zurückerwartet. Erland fuhr fort bei Paſtor Z— Adjunct zu ſein. Nachdem wir auf dieſe Weiſe über die verfloſſene Zeit Rechenſchaft abgelegt haben, knüpfen wir wieder den Faden der Erzählung an. An einem herrlichen Abend im Anfang Juni ſenkte die Sonne ihr ſtrahlendes Gold hinab auf die ſpiegelklare Fläche des Meeres und nahm für den Tag von den blumenduftenden Ufern Abſchied. Im Walde hörte man entfernten Hirtengeſang und der Kuckuk blies ſeine zweitönige Flöte, während die Droſſel ihre Triller weit hinein in den Park ſchlug. In der Hausflurthüre auf Björnbo ſtand Capi⸗ tain Werner und blickte hinaus in die Allee. 46 Man konnte es dem verwitterten Geſicht des alten Seemanns anſehen, daß er Jemanden mit Ungeduld erwartete. — Barbro, Barbro, wo zum tauſend T—! hält Sie Haus?— ſchrie er und wandte ſich hinein in die Hausflur. — Hier bin ich, Vetter Fabian, was befehlen Sie?— antwortete Barbro, welche mit einer Quirl in der einen und einem Rührlöffel in der andern Hand aus der Küche herausgeſtürzt kam. — So, beim Satan, da bekomme ich eine Sturz⸗ ſee über mich von dem verd— Zeug, was Sie an der Quirl hat,— rief der Capitain. — Es iſt nur Rahm, Vetterchen. — Glaubt Sie, daß ich von Rahm überſchwemmt ſein will, ich? Aber Sie iſt immer verrückt, und etwas Vernünftiges kommt nie von dem elenden Weibervolk. Nun, zum tauſend T—, was für Krebſe von Gäulen hat Sie nach C— geſchickt, um Harald zu holen? Es müſſen Ochſen oder Kröten geweſen ſein und keine von meinen ſchnellen Rappen. — Es war ja Vetter ſelbſt, der mich bat, zu ſagen, daß Anders Mars und Apollo nehmen ſollte. — Sie ſieht, meiner Seele, aus wie Mars und Apollo. Wer hat den Pferden die verdammten Na⸗ men gegeben? Das hat wohl Sie, kann ich mir denken. — Du lieber Gott, Vetter gab mir ja den Auf⸗ trag, ihnen, während ſie noch kleine Füllen waren, Namen zu geben, und dann gab ich ihnen dieſelben Namen wie die des Barons auf Spaanga. Aber ſehen Sie, da haben wir ja Harald,— 47 ſchrie Barbro und eilte hinaus in die Küche indem ſie hinzufügte: — Gottlob, daß der treffliche Burſche wieder zu Hauſe iſt. Jetzt kann man wieder auf etwas Ordnung auf Bzörnbo hoffen. — Was ſagt Sie da für Zeug, iſt hier nicht Ordnung geweſen?— fragte der Capitain und lachte wie ein Kind, das ſeinen liebſten Wunſch er⸗ füllt ſieht. Im nächſten Augenblick ſchloß er Harald feſt an ſeine Bruſt und murmelte: — Junge, ich werde jetzt, wo ich Dich nach Hauſe bekommen, gewiß zehn Jahre jünger;— darauf wandte er ſich an Haralds Reiſegefährten, einen jun⸗ gen, hellblonden Mann. Harald präſentirte: — Doctor Stein. — Willkommen, Herr Doctor!— ſagte der Ca⸗ pitain und ſchüttelte herzlich ſeine Hand. Mögen Sie nicht gar zu ſehr die Hauptſtadt vermiſſen, oder es hier ſchlecht finden. Doctor Stein antwortete mit einigen verbind⸗ lichen Worten. Die Sache war, daß er für den alten Arzt vicariren ſollte, welcher krank war, und der Capi⸗ tain hatte ihm auf Björnbo Zimmer eingeräumt. ⁰ In Saale fand Harald Werner, Göran und Erland.— Der Abend verlief heiter.— Urda kam nicht zum Vorſchein. Wie befindet ſich Urda?— fragte Harald, als die Herren ſich trennten. — Oh ja, mit der Geſundheit ſteht es gut ge⸗ 46 nug,— antwortete der Capitain;— aber Gott weiß, daß es mit dem Verſtande erſt recht närriſch ausſieht. Oben auf Haralds Kammer ſaßen Erland und er und unterhielten ſich bis tief in die Nacht hinein. Erland legte Harald über Alles, was ſich in ſeiner Abweſenheit zugetragen, Rechenſchaft ab. — Nun, beſuchſt Du oft Kollinge gegenwärtig?— fragte Harald und putzte ſeine Cigarre, die er auf⸗ merkſam betrachtete. — Faſt täglich,— antwortete Erland. — Du haſt Dich alſo mit Calla's Eigenheiten ausgeſöhnt? Harald beugte ſich zum Fenſter hinaus. — Ja, ich betrachte ſie wenigſtens in einem ganz anderen Lichte. Mein früheres Urtheil war zu ſtreng. Erland heftete einen forſchenden Blick auf den Bruder. Dieſer ſchwieg. — Die Phantaſie kann irregeleitet ſein, aber das Herz doch rein und gut bleiben. Seit ich meine eigene Schwäche klar eingeſehen habe, bin ich auch duldſamer gegen Andere geworden. — Natürlich in erſter Linie gegen Calla,— ſagte Harald lächelnd.* — Du wirſt zugeben, Harald, daß es weiter nichts, als die männliche Eigenliebe iſt, welche bei uns die Abneigung gegen Schriftſtellerinnen hervorruft. Wir dulden nicht, daß das Weib ſich in intellectuel⸗ 49 ler Beziehung uns nähert, und noch weniger, daß es uns überiegen iſt. Auch können wir nicht läug⸗ nen, daß Manches in der gegenwärtigen geſellſchaft⸗ lichen Stellung des ſchönen Geſchlechts ungerecht und unklug eingerichtet iſt. Ich muß geſtehen, als ich den Stab über Calla's Schriftſtellerei brach, da geſchah es ebenſo ſehr aus verletztem Hochmuth wie aus Rechtsgefühl. „Richtet nicht, ſo werdet Ihr nicht gerichtet,“— ſagt die Schrift. Und wenn ich früher, im Glauben an meine eigene Ueberlegenheit, in meinen Urtheilen ſtreng war, ſo iſt es jetzt Zeit, ſchonend zu ſein, da die Erfahrung mich gelehrt hat, daß wir alle ſchwache Sünder vor Gott ſind.„Der Einzige, gegen welchen ein Paſtor das Recht hat ſtreng zu ſein, iſt er ſelbſt,“ ſagte Calla einmal, und dieſe Worte haben in letzterer Zeit unaufhörlich in meiner Seele wiedergehallt. Darum beurtheile ich Calla's Emancipationsphanta⸗ ſieen jetzt ganz anders, als damals, wo mir uns trennten. — Du biſt alſo ganz und gar verwandelt worden. — Auch nicht ſo ganz und gar. Ich werde im⸗ mer die Emancipationsſchriften Calla's mißbilligen, weil ſie die Sache nicht verſteht; aber ich ſehe wohl ein, daß ſie in dunkelen Begriffen von dem, was recht und mit den Abſichten der Vorſehung verein⸗ barlich, und nicht in ſchlechten Anlagen ihren Urſprung haben; denn bei Calla ſchlägt ein reines, unverdor⸗ benes Herz. Glaube mir, unter der Leitung eines verſtändigen Mannes würde ſie ein vortreffliches Weib werden. 50 Erland ſprach ruhig, mit dem Auge auf Harald geheftet. — Ja, das glaube ich auch. — Du giebſt alſo zu, daß das Glück in einer Ehe blühen kann, wo die Frau eine Schriftſtel⸗ lerin iſt? — Das hängt von dem Gatten, den ſie bekommt, und von den Begriffen ab, welche ſie von häuslichem Glück hat. — Aber wie würdeſt Du Dich mit einer ſolchen Frau befinden? — Laß in dieſem Falle nicht mein Urtheil Dir als Richtſchnur dienen,— antwortete Harald herzlich. — Oh nein, ich gehöre nicht zu denen, welche ſich von Anderen beeinfluſſen laſſen, das weißt Du; aber ich wünſche Deine Anſicht darüber zu hören. — Da muß ich offen bekennen, daß ich niemals ein ſchriftſtellerndes Frauenzimmer zur Frau wählen werde. Ich bin Materialiſt, wie Du behaupteſt, und darum liebe ich vor allen Dingen ein häusliches Glück an der Seite einer einfachen und zärtlichen Frau. Für Dich können aber die poetiſchen Sym⸗ pathien weit weſentlicher ſein.— Und jetzt laßt uns zur Ruhe gehen. Harald reichte Erland die Hand und ſie trenn⸗ ten ſich. Als Erland in ſein Zimmer hineinkam, ging er hin zum Fenſter, machte es auf und ließ die milden Lüfte der Sommernacht ſeine Stirne liebkoſen, wäh⸗ rend der ſchwärmeriſche Blick im Raume herum⸗ ſchweifte. Woran dachte unſer junger Pfarrer in die⸗ ſem Augenblick.— An ſeinen Beruf, an ſeine eigenen —— —— 51 Mängel und an ſeine geringen Fähigkeiten, den er⸗ ſteren würdig zu erfüllen. Die Welt um ihn her war verſchwunden. Er ſchwebte auf den Flügeln der Phantaſie hinauf zum Throne des Höchſten, und es kam ihm vor, als wenn er dort zu den Füßen deſſelben von Scham bedeckt ſeine Unvollkommenheit abbäte. Lange ſtand er ſo da, während er ſich ausſchließ⸗ lich dieſen überſchwänglichen Träumen hingab.— Endlich ging er zur Ruhe und während er ſich aus⸗ zog kehrten ſeine Gedanken zu denjenigen zurück, welche er hier auf der Erde liebte. — Haralds kalte Antworten,— dachte er,— zeigten mir deutlich, daß ſein Verſtand ſtärker iſt. als die Gefühle ſeines Herzens. Es wird mir alſo nicht der Troſt übrig bleiben, das, was ich verbrochen, wieder gut zu machen. — Erlands Ruhe, wenn er von Calla ſprach, war in der That erſtaunlich,— dachte Harald, nach⸗ dem der Bruder ihn verlaſſen hatte.— Aber viel⸗ leicht war es Verſtellung, um jetzt wie früher die wirkliche Natur ſeiner Neigung zu verbergen,— fuhr er in Gedanken fort. — Pfui, Harald! Du biſt mißtrauiſch.— Fort mit ſolchen Gedanken! Möge er Calla lieben und glücklich werden! Am nächſten Morgen wanderte Harald nach Ny⸗ torp, dem kleinen Anweſen der Urda, welches gleich bei Björnbo lag. — Ich habe gute Luſt, der Eigenthümerin meine Aufwartung zu machen— dachte er und lä⸗ chelte, als er das topfförmige Haus mit der ange⸗ 52 bauten Treppe betrachtete, welches Alles hochroth angeſtrichen war und hellgrüne Fenſter hatte. Grade als jener Gedanke in Haralds Kopf auftauchte, hörte er von der Seite des Weges ein paar Stimmen. Er wandte ſich um und ſah Urda, mit Manns⸗ kleidern angethan, auf einem Steine ſitzend, wäh⸗ rend zwei Weiber auf dem unterhalb liegenden Acker mit einem Pfluge pflügten. Ein drittes Weib ſtand neben ihr und äußerte: — Herr Jemine, Mamſell, was wird das für ein Zeug werden? Vorige Woche ſäten wir dort Waizen, und jetzt will Sie Kartoffeln ſtecken.— Das iſt ja ganz närriſch. — Nun, ſo thue, wie Du willſt; denn ich habe wahrlich all' dieſe Mühſeligkeiten ſatt. Siehſt Du, Brita, meine Meinung war ſonſt, eine gemiſchte Sorte zu haben, damit ich den größtmöglichen Ge⸗ winn aus der Erde ziehe. Ich glaubte, das wäre ſo klug. Denke Dir, Waizen und Kartoffeln in einem und demſelben Acker zu ſäen, das würde ja vortrefflich ſein— antwortete Urda.— Aber auf⸗ richtig geſprochen, ſo bin ich nicht im Stande, mich länger mit meinen Verbeſſerungen des Ackerbaus zu beſchäftigen.— Du magſt die Sache beſorgen, wenn ich nur damit verſchont werde, Männer um mich ſehen zu müſſen. Gerade als wenn man ſich nicht ohne dieſe behelfen könnte. — Aber ſchwer geht es doch, Mamſell; wir müſſen ja zwei Weiber zu der Arbeit haben, welche ein einziger Mann ausrichten kann. — So, Brita, es bleibt bei dem, was ich ge⸗ agt. 53 — Aber wenn Mamſell nur mit dem Verwalter auf dem Herrenhof ſprechen wollte, ſo würde Alles beſſer; denn jetzt iſt es geradezu toll hier. — Jetzt will ich nichts mehr hören. Du un⸗ terſtehſt dich nicht, einen Mann in meinen Ackerbau zu miſchen. Es iſt nur Faulheit von euch, daß ihr das nicht thun wollt, was ihr gewohnt ſeid, daß es die Männer beſorgen. Wie ſollen wir zu der Un⸗ abhängigkeit und Freiheit gelangen, wenn wir alle von ihnen Hilfe bedürfen. Nein, ich will der Welt zeigen, daß es ganz gut ohne ſie geht. Urda ſtand auf und näherte ſich mit gedanken⸗ nl Miene der Landſtraße, wo Harald ſtand und achte. Beim Anblick des Vetters erröthete ſie. — Ergebenſter Diener!— ſagte Harald heiter, — Alles iſt gleich geblieben, finde ich; die Zeiten haben nichts geändert. Nun, wie geht es mit dem Ackerbau?— Ich glaube, es läßt ſich an, der See⸗ expedition ähnlich zu werden. — Du biſt gewiß unverändert, Du, Harald, und kannſt Du mir ſagen, was für ein Vergnügen Du dabei haſt, mir immer Verdruß zu bereiten?— Ich glaube wirklich, daß einige herzliche Worte beim Wiederſehen Deiner Couſine und Geſpielin Deiner Kindheit mehr am Platz geweſen wären. — Aufrichtig geſprochen, ſo bin ich in der That ganz erfreut, Dich ſo friſch und geſund wiederzu⸗ finden, aber noch erfreuter würde ich geweſen ſein, wenn ich nebenbei Dich auch— klug gefunden hätte. Liebe Urda, man müßte ebenſo närriſch wie Du ſein, um ſich des Lachens über Deine Thorheiten 54 enthalten zu können, und ich ſchmeichle mir wirklich, bei vollem Verſtande zu ſein. — Boshaft biſt Du wenigſtens— antwortete Urda und fing an zu weinen, während ſie dabei fortfuhr: — Ich meine auch, daß Du mir gegenüber einige Rückſicht zeigen müßteſt, aber es iſt bei Al⸗ len zu einer Gewohnheit geworden, mich ſchlecht zu behandeln. Harald betrachtete die weinende Couſine mit Verwunderung. Welche Gefühle beherrſchten ſie jetzt, wo ſie, welche immer über ſeinen Scherz böſe zu werden pflegte, keine andere Antwort als Thrä⸗ nen hatte? Je mehr er das junge Mädchen an⸗ ſah, deſto mehr wurde er über den faſt ſchwermü⸗ thigen Ausdruck in ihrem Geſicht überraſcht. — Beſte Urda,— ſagte Harald mit ſeiner wohllautenden herzlichen Stimme und reichte ihr die Hand:— verzeihe mir, wenn ich Dich verletzt habe. Urda nahm ſeine Hand, fuhr aber fort zu weinen. Sie gingen eine Zeit lang ſchweigend den Weg entlang. Schließlich hob Harald wieder an: — Aber ſage mir, Urda, was es iſt, das Dich ſo betrübt macht? — Ach! was kümmerſt Du Dich darum? wer fragt denn nach mir? — Sprich nicht ſo, Du, der Du einen ſo zärt⸗ lichen Vater haſt. Was mich anbetrifft, ſo müßteſt Du wiſſen, daß ich trotz all' meinem Scherz doch Dein Freund bin. Sie bogen jetzt ein nach dem kleinen Hof, und 55 als Urda's Augen in demſelben Augenblick auf das lächerliche Gebäude fielen, ſetzte ſie ſich auf eine Bank und jetzt floſſen die bitteren Thränen reichlich. — Urda, Du biſt gewiß krank?— äußerte Ha⸗ rald und nahm Platz neben ihr. — Nein, aber ich fühle mich unglücklich,— ſagte das junge Mädchen ſchluchzend. Es lag in Urda's Stimme ein wirklicher Schmerz und Harald wurde gerührt. Er ergriff ihre Hand und ſagte: — Laß uns mit einander ſprechen wie ein Paar Geſchwiſter. Haſt Du irgend einen Kummer, ſo vertraue mir denſelben an und ſei verſichert, daß weder Onkel noch Du Jemanden hat, der Euch mehr zugethan iſt, als ich. — Wenn ich es wagen würde, Dir zu glau⸗ ben,— ſagte Urda. — Haſt Du je gehört, daß ich etwas Anderes ſage, als was ich denke? Die Aufrichtigkeit iſt meine größte und vielleicht einzige Tugend. Ein eigenthümliches trauriges Lächeln kräuſelte die Lippen Haralds. Urda blickte in ſein ehrliches Geſicht. — Nun, ſo antworte mir denn: was iſt es für ein unglückliches Schickſal, das mich verfolgt?— Alles, was ich unternehme, mißlingt und Alles, was Calla thut, gelingt.— Indeſſen war es Milners Mädchen, von welchen ich, als ſie aus der Penſion zurückkehrten, alle meine Ideen von der Emancipa⸗ tion der Frauen bekam, und jetzt, ſeitdem dieſe mir lieber als alles Andere geworden und fortwährend meinen unruhigen Geiſt beſchäftigen, jetzt verfolgt 56 mich ein ewiges Unglück, während Calla Erfolg hat und Ruhm erntet. Ihre Mißgriffe werden über⸗ ſehen, die meinigen ausgelacht. Man hat mich ein für allemal zum Ziele ſtrenger Urtheile auserſehen. Harald war viel zu klarblickend, um nicht ein⸗ zuſehen, daß Urda auf dieſe Betrachtungen durch einen gewiſſen Jemand gekommen ſei, deſſen Tadel gegen ſie und Nachſicht mit Calla ſie pei⸗ nigte. — Sage mir erſt eine Sache, dann werde ich Dir antworten; wen oder welche meinſt Du mit dem Worte man? — Alle,— antwortete Urda, und ihre Wangen glühten in Purpur,— Du und Erland mitge⸗ rechnet. — Mein Urtheil iſt es nicht, das ſie verletzt; ich bin abweſend geweſen. Kann es Erlands ſein? — dachte Harald;— nun, gleichviel, die Sache bekomme ich ſchon heraus. Laut äußerte er: — Willſt Du mich anhören, ohne böſe zu werden? — Ja, wenn Du alle Ironie bei Seite läßt. — Nun gut, Du haſt deßhalb keinen Erfolg, weil Du Dich mit Dingen abgibſt, die Du nicht ver⸗ ſtehſt, oder Dich in Unternehmungen einläßt, welche die ſchwächere Körperbildung des Weibes überſtei⸗ gen, und ich glaube, daß es Calla nicht beſſer ge⸗ lingen würde, wenn ſie es auf dieſelbe Weiſe an⸗ finge wie Du. Der beſte Beweis dafür iſt der geringe Erfolg, den ſie mit ihren Emancipations⸗ ſchriften erzielt hat. 57 Daß Du ſtrenger beurtheilt wirſt als ſie, kommt daher, daß Du in Deinem Anzug, in Deinem äußeren Weſen und in Deiner Lebensgewohnheit die Grenzen des Paſſenden überſchreiteſt und glaubſt, durch der⸗ gleichen Kindereien irgend eine Auszeichnung ge⸗ winnen oder Beifall ernten zu können. Calla ſtößt die Vorurtheile nicht durch dergleichen in die Augen fallende Handlungen vor den Kopf, verletzt auch nicht den Begriff vom Schicklichen und lenkt da⸗ durch nicht den Spott auf ihre Perſon. Darum beurtheilt man ihre Mißgriffe milder, während man ſich über die Deinigen mit Strenge äußert. — Aber, wandte Urda ein— ſie hat eine freiere Denkweiſe als ich, weil ſie den Muth gehabt hat, ihre Gedanken in Worte zu kleiden und ſie durch's ganze Land verbreiten zu laſſen. — Aber es ſind nur Worte, in welchen ſie die⸗ ſelben hat hervortreten laſſen, während Du die Deinigen in Pantalons gekleidet und ſie als einen Schild Deinem Körper angeheftet haſt,— antwor⸗ tete Harald lächelnd. Glaube mir, Du würdeſt weit mehr Nutzen ſtif⸗ ten, wenn Du bei Deinen Emancipationsverſuchen das Paſſende beobachteteſt und Deine Frauenzim⸗ merkleider anbehielteſt. Kehre zurück zu den allgemein angenommenen Gebräuchen und befaſſe dich nie eher mit einer Sache als bis Du ſie recht verſtehſt, und ich ver⸗ ſichere Dich, daß, wenn es Deine Abſicht iſt, Nutzen zu ſtiften, Du dazu tauſend Wege finden kannſt.— Denke an meine Worte, und wenn Du ſie richtig findeſt, dann werden wir weiter darüber ſprechen. Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. I. 5 * 58 Urda ſchwieg.— Ein Bote von Kollinge er⸗ ſchien, um ſie, ſowie die ſämmtlichen Bewohner von Björnbo, dorthin einzuladen. Als Harald und Doctor Stein im Laufe des Nachmittags etwas ſpäter als Capitain Werner und Barbro nach Kollinge kamen, wurde Harald nicht wenig überraſcht, Urda in ein nettes, hellrothes Neſſeltuchkleid gekleidet, das ihr unbeſchreiblich gut ſtand, an der Hausflurbrücke ſitzen zu ſehen. Sie unterhielt ſich mit Mamſell D— aus Ströms⸗ fors Hammerwerk. Aber es lag ein unruhiger Ausdruck in Urda's Augen. Unſere jungen Männer traten in das Vorge⸗ mach, wo Calla ſaß, um den Frauen Geſellſchaft zu leiſten; aber eigentlich war ſie in einem lebhaften Geſpräch mit Erland begriffen, welcher ſeinen Platz auf einem Stuhl ihr gegenüber hatte. Im nächſten Augenblick ſtand Harald vor ihr. Er grüßte mit einer Ruhe, welche ganz gewöhnliche Gefühle verrieth. Auf ihren Wangen dagegen brannte eine dunkelrothe Flamme, als ſie ihm die Hand reichte und ſagte: — Willkommen wieder bei uns nach einer ſo langen Abweſenheit. — Dank, beſte Calla,— antwortete Harald;— erlaube mir, Doctor Stein vorzuſtellen,— fügte er hinzu und verließ dann ſeine junge Wirthin, um Göran aufzuſuchen. 59 — Iſt es Dir zu Ehren, daß Urda in ihr na⸗ türliches Fell hineingekrochen iſt?— fragte Göran, ſobald er Harald erblickte. — Das iſt Etwas, womit ich mir nicht ſchmei⸗ cheln kann,— antwortete Harald.— Iſt das nicht jetzt ihre gewöhnliche Manier, ſich zu kleiden — Nein, gewiß nicht. Während der achtzehn Monate, da Du fort warſt, iſt ſie immer in Manns⸗ kleidern herumgeſpuckt und hat ausgeſehen wie die ärgſte Vogelſcheuche. Heute iſt ſie dagegen recht nett. Harald ging hin, um neben Urda Platz zu neh⸗ men. Er und Göran ſchlugen vor, daß man einige Spiele machen ſollte. Kurz darauf waren die Spiele im vollen Gange; aber Calla war nicht mehr die Seele in denſelben, wie vor zwei Jahren. Sie ſaß mit einigen älteren Damen auf der Hausflurbrücke. Erland ſtand an der Thüre und folgte dem Spiele mit den Augen. Heute war es nicht Calla, die ſeine Blicke ſuchten, es war Urda, die er mit einem gewiſſen Intereſſe betrachtete. Und niemals war Urda ihm in einem vortheilhafteren Lichte er⸗ ſchienen als jetzt. Des jungen Mädchens angenehme Figur und friſches, anmuthiges Geſicht harmonirten vollkommen mit der Tracht, die ſie trug. Auch Calla's Augen folgten der fröhlichen Schaar. Harald und Urda waren die Seele in den Spielen, und das muntere Gelächter und die tolle Lebhaftig⸗ keit der Jugend bewieſen, daß den Anführern ihre Bemühungen gelungen waren. Nachdem das 3 60 Spielen ſatt hatte, wurde beſchloſſen, daß man tanzen ſollte. — Vielleicht wirſt Du, Calla, die Du die Ju⸗ gendfreuden hinter Dir gelaſſen haſt, uns Anderen einen Walzer ſpielen,— ſagte Harald zu Calla. — Gern,— war die lakoniſche Antwort. Während einer Pauſe forderte Doctor Stein Calla zum Tanzen auf. Göran ſetzte ſich ans Piano und ſagte zur Schweſter: — Dein Genie verliert gar nichts an ſeiner Bedeutendheit, falls Du tanzeſt; auch wird es nicht größer, wenn Du es bleiben läßt. Calla reichte ihrem Cavalier die Hand und warf einen ſtolzen Blick auf den Bruder. Falls Calla in der Hoffnung tanzte, daß Harald ſie ſpäter engagiren würde, ſo irrte ſie ſich. Er ſah nicht, daß ſie walzte, ſondern ſchwang ſich tapfer herum mit den anderen Mädchen. Während der Tiſch für's Souper gedeckt wurde, unterhielt man ſich, und Harald war, als eben vom Auslande angekommen, der Held des Tages. Man ſprach von England. — Was mich beſonders dort frappirte,— äußerte Harald— war die allgemeine Bildung der Frauen⸗ zimmer. Ihre hervorragenden Geiſtesgaben machen auch, daß ſie nach einer wahren moraliſchen Voll⸗ kommenheit ſtreben und ihre Gedanken mit den menſchlichen Intereſſen im Allgemeinen und mit ihren Pflichten als Frauen insbeſondere beſchäf⸗ tigen. Das Eſprit der engliſchen Nation beſteht darin, 61 ſich mit Wärme für Alles zu intereſſiren, was die Veredlung des Menſchengeſchlechts betrifft, und es iſt wohl dieſer Geiſt, welcher bewirkt, daß ihre Frauen denjenigen anderer Nationen überlegen ſind. — Aber England hat eine ziemlich große An⸗ zahl Schriftſtellerinnen,— fiel Calla mit einem iro⸗ niſchen Lächeln ein. — Wahr,— antwortete Harald,— und rich⸗ tete zum erſten Male ſeine klaren Augen mit einem etwas ſcharfen Ausdruck auf ſie.— Unterſuche aber die Arbeiten dieſer Schriftſtellerinnen und Du wirſt in ihnen das vereinte Streben finden, unſere mora⸗ liſchen Begriffe nicht zu ſondern und zu verdrehen, ſondern zu veredeln und zu läutern. Die ſchreiben als Frauen für Frauen. Sie betrachten es nicht als einen Beweis von Genie, ſich ihrer natürlich guten Anlagen zu ent⸗ äußern, um ſich in eine geſuchte Originalität zu kleiden, die von ihrem Gemüthe abweicht. Auch ſu⸗ chen ſie ſich nicht durch das Unſinnige, ſondern durch das Gute und Religiöſe auszuzeichnen. Sie glauben, daß Genie und wahre Weiblichkeit ſich ver⸗ einigen laſſen.— Weißt Du, woher dieſe ihre Ueberzeugung kommt? Aller Blicke waren auf Harald und Calla ge⸗ richtet. Aus den Augen der Letzteren ſchoß ein Blitz, als ſie mit einem gewiſſen herausfordernden Trotz antwortete: — Nein; aber ich erwarte, es von Dir zu hören. — Weil ſie wirkliches Genie beſitzen. Er betonte ſtark das Wort„wirklich“. 62 Calla's vorher purpurgefärbte Wangen nahmen die Farbe der Lilie an, während Harald fortfuhr: — Die wahre geiſtige Ueberlegenheit liegt ge⸗ rade darin, daß man jedes Verhältniß im Leben, möge daſſelbe ſich nun in Handlungen oder Worten offenbaren, richtig auffaßt und nicht gezwungen iſt, ein feierliches und affectirtes Weſen anzunehmen, um ſich bemerklich zu machen. Man braucht nicht aufzuhören, ein Weib zu ſein, weil man Genie beſitzt; im Gegentheil, es iſt ge⸗ rade das Genie, welches die Tugenden des ſchönen Geſchlechts adelt. — Und ſolche Ideale ſind die engliſchen Schrift⸗ ſtellerinnen? Calla's Stimme war ſcharf. — Ich kenne ſie nur aus ihren Schriften und aus dem, was ich von ihnen gehört habe; dieſes gibt mir aber allen Anlaß, zu vermuthen, daß ſie, wenn ſie auch einer literariſchen Beſchäftigung ob⸗ liegen, doch nicht aufhören, zärtliche Töchter und häusliche Gattinnen zu ſein. Außerdem ſind ihre Schriften ſitttenreinigend und rufen weder Spott noch Mitleid dadurch hervor, daß ſie elende Lehren predigen. Calla fühlte ſich tief gedemüthigt. Sie las in Aller Blicken, daß ſie, wie ſie ſelbſt, Haralds Worte als gegen ſie und Urda gerichtet aufgefaßt hätten. Die letztere näherte ſich Harald und flüſterte ihm mit aufgeregter Stimme zu: — Du biſt unbarmherzig geweſen, Harald. — Ach! verzeihe,— rief Harald und ergriff ihre beiden Hände. 63 Alle die Uebrigen hatten ſich in den Speiſeſaal begeben. — Meine Worte waren nicht auf Dich gemünzt. — Nein, auf mich,— ſagte Calla, welche bleich und mit hochgetragenem Kopfe hinter Harald ſtand. — Ja!— ſagte Harald und wandte ſich ganz ernſt an ſie. — Du haſt mich tödtlich verletzt. Calla's Augen wurden von einem feuchten Flor verdunkelt. — Meine Worte enthielten eine Wahrheit, und die Wahrheit demüthigt nur denjenigen, welcher bei ſich ſelbſt fühlt, daß er nicht in Uebereinſtimmung mit ſeiner Pflicht und mit dem, was Recht iſt, handelt. Harald entfernte ſich. Als man Kollinge ver⸗ ließ, faßte Erland den Arm des Bruders und ſagte: — Ich begleite Dich nach Björnbo und bleibe dort dieſe Nacht. — Deine Worte an Calla waren gar zu ſcharf,— äußerte Erland in mildem, vorwurfsvollem Tone.— Unſere Rollen ſind vertauſcht worden; jetzt biſt Du der Strenge, ich der Schonende. — Das kommt daher, daß Du verliebt und ver⸗ blendet biſt, während ich keines von beiden bin,— antwortete Harald. — Aber ich kann nicht finden, daß ich mich ver⸗ ändert habe; im Gegentheil iſt es die Conſequenz 64 in meiner Denkweiſe, welche meine vermeintliche Strenge hervorgerufen hat. — Du haſt alſo ganz und gar Deine frühere Neigung zu Calla vergeſſen? Bei dieſen Worten von Erland wandte Harald ſich haſtig um, um den Bruder anzuſehen, aber er ſtand mit dem Rücken gegen Harald und war damit beſchäftigt, das Fenſter zu öffnen. Dieſer antwortete: — Calla iſt ein gutes und ungewöhnliches Mäd⸗ chen, aber für mich poßt ſie nicht. Kannſt Du glau⸗ ben, daß ein Wirklichkeitsmenſch, wie ich, herumgeht und ſich mit einer unglücklichen Liebe plagt. — Den Gefühlen läßt ſich nicht befehlen. — Aber auch über ſie herrſcht die Vernunft, oder ſollte es wenigſtens thun.— Und jetzt gute Nacht! — Ein Wort. Erland ſtellte ſich vor den Bruder hin. — Einmal ſagteſt Du:„Niemals werde ich Deinem Glück im Wege ſtehen,“ iſt das der eigent⸗ liche Grund, daß Du Deine Neigung zu Calla nie⸗ dergekämpft haſt? — Bah! Ich that es, weil ich revolutionäre Weiber nicht leiden kann.— Schlafe wohl; ich ſchlafe ſchon. — H! ich muß mich überzeugen, ich muß jene Gewißheit erlangen!— murmelte Erland, als er allein war. — In meiner Seele würde der Glaube an das Gute wieder erwachen, wenn ich die Ueberzeugung gewänne, daß das Menſchenherz wirklich edler Auf⸗ ——— 65 opferungen fähig iſt.— Jetzt, jetzt— glaube ich nur an deſſen Schwächen.— Ach! mein eigenes hat mich zum Zweifler gemacht— Zweifler an Al⸗ lem, was ich mir früher ſo ſchön von mir ſelbſt und Anderen träumte. Ein paar Tage darauf trat Harald gegen Abend zu Urda in Nytorp ein. Sie ſaß in einem kleinen Arbeitszimmer, den Kopf auf die Hände geſtützt und über Webers Weltgeſchichte gebeugt, in der ſie mit Begierde las. — Guten Abend, Urda! jetzt komme ich, um den Abend bei Dir zuzubringen,— äußerte Harald ver⸗ gnügt. — Ah! was ſehe ich,— fügte er hinzu, als Urda aufſtand und er bemerkte, daß ſie in der Tracht ihres Geſchlechts ſei;— Du haſt wieder Deine Frauenzimmerkleidung angelegt. Er faßte herzlich ihre beiden Hände und ſchüt⸗ telte dieſelben. — Es iſt ein wirkliches Vergnügen, Dich ſo hier zu ſehen,— ſagte er. — Meinſt Du? Urda lachte. — Nun, ich werde wohl die Tracht beibehalten müſſen, um Dich beſſer geſtimmt gegen mich zu ſehen. — Aber, ſage mir aufrichtig, wer iſt der Glück⸗ liche, der dieſe Veränderung bei Dir bewirkt hat? Harald ſetzte ſich ins Sopha neben ſie. — Du,— antwortete Urda und lachte ſchelmiſch. 66 — Wenn das ſich ſo verhält, ſo iſt es ein gutes Zeichen und eine gute Einleitung zu dem, was ich Dir zu ſagen habe. — Run, laß hören; ich fange wirklich an zu glauben, daß Du weniger boshaft biſt, als ich da⸗ mals meinte, wo ich meine arme Katze todt ſchoß. — Wir ſind, bei meiner Ehre! dieſe drei Tage weit gekommen. Wird es ſo fortgehen, dann können„ wir damit ſchließen, daß wir in einander verliebt werden,— antwortete Harald lachend. — Nichts in der Welt iſt unmöglich, aber ich glaube doch, daß wir bei der Freundſchaft ſtehen bleiben,— fuhr Urda fort, und gab ihrem von Na⸗ tur zum Scherz geneigten Temperamente nach. — Aber was war es, das Du mir zu ſagen hatteſt? 6 — Daß Dein Vater Dich zu Hauſe vermißt. Harald nahm ihre Hand und fügte mit Wärme„ hinzu: — Die erſte Ehre, die ein Menſch hier auf der Erde erlangen kann, gewinnt er durch die Erfüllung ſeiner Pflichten. — Was willſt Du damit ſagen,— fragte Urda leicht erröthend. — Ziehe wieder heim nach Björnbo. — Nein, Harald; ich würde nicht mehr mein eigener Herr ſein, und würde dann von meinem ein⸗„ mal geſteckten Lebensplan abgehen. — Höre mich an, Urda. Wenn ich Dir einen guten Rath, eine Andeutung geben könnte, ſo daß Du wirklich etwas Nützliches ausrichteteſt und zu gleicher Zeit ein gutes Beiſpiel der Tüchtigkeit Dei⸗ 67 nes Geſchlechts gäbeſt und auf eine edle Weiſe Deine Eitelkeit befriedigteſt— würdeſt Du das wollen? — Und dann würdeſt Du immer bei Dir ſelbſt denken und ſagen können: Wenn etwas Derartiges von einem Weibe ſoll ausgerichtet werden können, ſo muß es dazu den Beiſtand des Mannes erhalten; und ſiehſt Du, es iſt gerade das Gegentheil, das ich beweiſen wollte. — Aber der Verſuch iſt Dir mißlungen,— fiel Harald ein. — Iſt es deshalb nicht beſſer, daß es Dir mit Beiſtand gelingt, als daß es Dir ohne Beiſtand miß⸗ lingt? und für ein nützliches Leben Achtung ſtatt für ein thörichtes Spott zu ernten? — Wer ſollte wohl vor mir Achtung hegen?— wandte Urda mit Bitterkeit ein. — Alle, wenn Du meinem Rathe folgſt. Was weiter verhandelt wurde, werden wir aus dem Reſultate erſehen, welches dieſe Unterredung hervorbrachte. Wer war es, der am nächſten Morgen kurz vor dem Frühſtück in den Saal auf Biörnbo eintrat? Nun, Urda, mit einem hübſchen rothrandigen Kleid angethan. Ein ſchalkhaftes Lächeln ruhte auf ihren Zügen, als ſie zur Thüre des Vaters hinging und lauſchte.— Man hörte den Capitain in ſeinem Zimmer auf und ab gehen. Urda klopfte an die Thüre. — Wer da?— fragte der Capitain. Das junge Mädchen verhielt ſich ſtill; in demſelben Augenblick ging die Thüre auf. 2 68 — Bei meiner Seele, biſt Du es nicht, mein Kind, und ſo früh hier,— ſagte der Capitain, faßte die Tochter am Kopf und küßte ſie auf die Stirne. — Und,— fuhr er fort,— mit einer Takelage ganz nach meinem Geſchmack. Ich kann mich dar⸗ auf todtſchlagen laſſen, daß Du mit einer ganzen Ladung von Wünſchen angeſegelt kommſt, weil Du jene verführeriſche Flagge aufgezogen haſt. — Das kann wohl paſſiren,— antwortete Urda und liebkoſte mit ihren kleinen, runden Händen den üppigen Backenbart des Vaters. — Um aber damit anzufangen, ſo beabſichtige ich mich hier auf Björnbo eine Zeitlang vor Anker zu legen, weil ich auf Nytorp einige kleine Aende⸗ rungen vorzunehmen habe. — Wofür ich die Contanten zahlen ſoll? Ja, ja wohl, Du kleine Hexe! ich kann es wohl glauben, aber, hol' mich der T—! wäre ich nicht obendrein im Stande, die alte Barbro mein zweites Fahrzeug auf dem Ocean der Ehe werden zu laſſen, ſo froh bin ich, Dich wieder hier zu Hauſe zu haben, Mädchen. Geld ſollſt Du bekommen, und wenn Du Dein ganzes Mütterliches mit einemmale haben wollteſt, wenn ich nur nicht Dich in jenem gemeinen Fahr⸗ waſſer, in dem Du einmal lavirt haſt, mit fal⸗ ſcher Flagge wie ein Kaper vor dem Winde treiben ſehen muß. Die Saalthüre wurde geöffnet; Doctor Stein, Harald und Erland traten ein. Urda ſah ver⸗ legen aus. 69 — Bravo!— flüſterte Harald, indem er Urda's Hand drückte. Erlands Gruß war ebenfalls ungewöhnlich herzlich. 6 Die Zeit ſchritt raſch weiter. Die Johanniszeit mit ihren Kränzen war bereits verſchwunden und man befand ſich unter dem glühenden Himmel des hohen Sommers. Nytorp war raſch einer großen Veränderung un⸗ terworfen worden; das Zuckerhutartige des Hauſes war zugebaut worden, der Landbau verbeſſert und alles das unter Urda's Leitung. Aber das junge Mädchen hatte alle dieſe Verbeſſerungen nicht allein mit einem Haufen Weiber zu Stande gebracht. Rein, Harald war ihr mit Rath beigeſtanden und hatte ihr tüchtige Leute angeſchafft, ſowie ſie auch mit Büchern verſehen, die ihr einen Begriff von dem gaben, was ſie unternahm. Jetzt waren die Reparaturen fertig und die Klatſchſüchtigen erwarteten mit Ungeduld, was da weiter kommen würde. An einem Freitag Morgen, Ende Juli, ſaß Er⸗ land und dachte über eine Predigt für den kommen⸗ den Sonntag nach, als es an die Thüre klopfte. — Herein,— rief der junge Pfarrer und erhob ſein Geſicht mit dem ſchwermüthigen Gepräge. Urda's Brita machte die Thüre auf. — Bitte um Entſchuldigung, würdiger Herr Paſtor, aber Mamſell hat mich mit dieſem hieher geſchickt. 70 Brita überreichte ihm ein kleines Papier in Form eines Billets. — Soll Antwort darauf?— fragte Erland. — Das ſagte ſie nicht. — Warte! Erland blickte die wenigen Zeilen durch, welche Folgendes enthielten: „Beſter Erland! Wenn Deine Zeit es erlaubt, ſo beſuche mich heute auf ein Stündchen auf Nytorp, wohin ich mich gleich nach dem Mittageſſen begebe. Es bittet darum Deine Couſine Urda Erland runzelte ein wenig die Augenbrauen, als wenn er einen unangenehmen Eindruck empfangen, aber er antwortete darauf in Folge eines Gefühls, welches Reue über die unſanften Gedanken, die er gehabt, ähnlich war: — Grüße Mamſell Werner und ſage ihr, daß ich kommen werde. Um vier Uhr herum wanderte Erland vom Pfarr⸗ hauſe nach Nytorp. Auf dem Wege begegnete er Göran und Harald. — Wir wollten gerade zu Dir gehen, um uns Deine Geſellſchaft für heute Abend auf Kollinge aus⸗ zubitten,— ſagte Erſterer. — Ich werde gegen Abend kommen,— ant⸗ wortete Erland, worauf ſie ſich trennten. — Harald geht nach Kollinge,— dachte Er⸗ land.— Wos iſt es für eine Macht, die ihn dort⸗ 71 hin zieht? Iſt es die Hoffnung, ſich beliebt zu ma⸗ chen und mich aus Calla's Herz zu verdrängen? Er blieb ſtehen, ſchüttelte den Kopf und blickte hinauf nach der Himmelswölbung. — O! Vater da oben, löſche dieſes Mißtrauen in meiner Bruſt und laſſe mich nicht an allem Gu⸗ ten und Edlen darum zweifeln, weil ich ſelbſt ein ſchwacher Sünder bin. O! laß mich dieſe elende Welt mit ihren verächtlichen Begierden vergeſſen und mein Leben nur Deinem Dienſte widmen! In dem jetzt wohl planirten und geordneten Hofe von Nytorp ſaß Urda unter einem der großen Bäume. In ihrem ganzen Weſen lag etwas Unruhiges, etwas Fieberartiges. Sie ſtand auf, blickte nach der Landſtraße und ſetzte ſich wieder, während ſie zu gleicher Zeit ein Taſchentuch zwiſchen ihren zittern⸗ den Händen zerknitterte. Endlich erſchien Erland. Urda's Wangen glühten wie Roſen, als ſie mit ſchwankender und ſchüchterner Stimme ihn willkom⸗ men hieß und einige Worte der Entſchuldigung her⸗ vorſtammelte, daß ſie ihn bemüht hätte. Wenn man ſie ſo ſah und hörte, hätte man nie glauben ſollen, daß ſie daſſelbe Mädchen ſei, welches früher in Mannskleidern herumgeſtreift und in ihrem ganzen Weſen ſo keck und trotzig geweſen war. — Du haſt mich zu ſprechen gewünſcht,— ſagte 72 Erland wohl in freundlichem, aber durchaus nicht vertraulichem Tone. Als Urda nicht ſofort antwortete, betrachtete er ſie aufmerkſam und fand, daß ſie ſehr aufgeregt ſei. — Iſt Dir etwas Verdrießliches paſſirt?— fragte er n Güte. — Nein.— Ich wollte Dich um einen Dienſt bitten,— ſtammelte Urda,— und das ſetzt mich in Verlegenheit. Sie blickte ihn mit einem flehenden Blick an. — Fürchteſt Du Dich vor mir?— ſagte Erland und lächelte freundlich. — Ein Pfarrer muß nie etwas Anderes, als Achtung und Vertrauen einflößen. Darum, wenn ich nicht als Verwandter Dir Vertrauen einflöße, ſo muß ich es in meiner Eigenſchaft als Pfarrer. — Es iſt auch in dieſer Deiner Eigenſchaft, daß ich mit Dir ſprechen will.— Ich wünſchte nämlich, daß Du nächſten Sonntag von der Kanzel herab be⸗ kannt machen möchteſt, daß hier auf Nytorp vom erſten Auguſt an eine Schule für junge Bauern⸗ mädchen eröffnet wird, in welcher ſie unentgeltlichen Unterricht in Handarbeiten erhalten.— Auch wollte ich Dich bitten, mit einigen beſonderen Worten die Eltern dazu aufzumuntern, ihre Kinder hieher zu ſchicken. — Iſt es, um ihnen eine emancipirte Erziehung zu geben, daß Du dieſe Schule eingerichtet haſt? fragte Erland etwas ſcharf. — Nein, nicht in dem Sinne, worin Du es nimmſt,— antworte Urda und erhob ihren vorher ſchüchtern gebeugten Kopf und blickte ihn ſtolz an. ——— —,—— — 73 — Ich wünſchte nur hiermit dazu beizutragen, daß die Untergebenen meines Vaters und auch andere Mädchen der Gegend einen paſſenden Unterricht erhalten möchten, damit ſie in den Stand geſetzt werden, ſich leichter in der Welt fortzuhelfen— und dieſes, meine ich, iſt eine Emancipation, die Niemand tadeln kann oder darf, ſelbſt wenn ſie von mir ausgeht. Außerdem möchteſt Du mir die Güte erweiſen, bekannt zu machen, daß alle Käthner oder Arme, welche kleine Kinder haben, dieſelben in den Stunden, in welchen die Mütter arbeiten müſſen, hier laſſen können, damit ſie während der Zeit gepflegt werden. Wenn Du mir die Gefälligkeit erweiſen willſt, ſelbſt dieſe beiden Bekanntmachungen zu ſchreiben, dann werde ich Dir ſehr dankbar dafür ſein. Von dem Augenblick an, wo Erland jene ſcharfe Frage gethan, hatte Urda ohne Gemüthsbewegung geſprochen. — Aber bedenke, Urda, daß, falls dieß wieder einer von Deinen launenhaften Einfällen iſt, ſo haſt Du dadurch die Gemeindebewohner und auch mich zum Spielball deſſelben gemacht. — Du willſt alſo nicht meinen Wunſch erfüllen. Jetzt zitterte Urda in der Ausſprache. — Ja, gern, wenn ich mich nur darauf verlaſſen könnte, daß es keiner von Deinen bizarren Einfällen iſt, oder wenn irgend ein vernünftiger Menſch da⸗ für gut ſagen wird, daß es nicht eine Sache wird, worüber die ganze Gegend lacht. — Glaubſt Du an Haralds Worte? — Vollkommen. Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. H. 6 74 — Nun gut, frage ihn, wie Du handeln mußt, und handle dann nach Deiner beſten Ueberzeugung. Er iſt es, der mir die Idee zu einer Schule für Handarbeiten eingegeben hat, und er iſt es auch, der mich bat, mit Dir zu ſprechen. Es lag jetzt ein Ausdruck der Würde in Urda's Ton. — Das werde ich thun. Glaube indeſſen, beſte Urda, daß ich immer mit Achtung an den guten Willen denken werde, welchen Du durch das Beſtre⸗ ben an den Tag legſt, Deinen armen Mitmenſchen nützen zu wollen. — Haſt Du nicht Luſt, heute Abend einen Be⸗ ſuch auf Kollinge zu machen? Ich gedenke dahin zu gehen und Harald iſt bereits dort. — Nein, danke! ich habe keine Zeit. Urda's Ton war kurz und ihr Ausſehen ärgerlich. Erland ging. Urda ſtand und blickte ihm nach indem ſie murmelte: — Frollinge! und immer Kollinge!— Ah! was bin denn ich? Ein Nichts, deſſen man ſich nicht öfter erinnert, als wenn man mich ausſpotten will. Und doch, wer iſt Eliſens Freund? Zu wem flüchtet ſie ſich jetzt in den Stunden des Kummers?— Iſt es nach Kollinge? Iſt es zu Calla?— Nein, zu mir, der Ausgelachten, der Geringgeſchätzten. Sie warf ſich auf die Bank und ſing an zu weinen. — Halloh, Mädchen,— rief der Capitain, und im nächſten Augenblick ſaß Urda auf den Knieen des Vaters, während er durch Liebkoſungen und Scherz zu erfahren verſuchte, was es ſei, das ſie quälte; aber in einer Sache ſind alle junge Mädchen zurück⸗ haltend, nämlich in dem, was ihr Herz betrifft. — — 75 Als Capitain Werner ſich allein zu Hauſe auf Björnbo befand, dachte er: — Wenn nicht alle Kennzeichen trügen, ſo iſt das Herz des Mädchens auf irgend einer der Sand⸗ bänke der Liebe ſitzen geblieben. Hol' mich der T—, wenn ich nicht bereit wäre, Bräutigam der Barbro an dem Tage zu werden, an welchem ich den Pfar⸗ rer den Segen über Harald und das Mädchen ſpre⸗ chen hören könnte! Der Capitain öffnete die Saalthüre und rief: — Es ſoll Jemand herkommen! Iſt Mamſell Barbro ſchon auf ihre Kammer hinaufgegangen? — Hier bin ich, Vetter,— antwortete Barbro, welche im Saale ſtand. Der Capitain ging hinaus zu ihr und ſagte in ſanftem Tone: — Höre mal, Barbro, Sie, die Sie ein Weib iſt, muß wohl auch liſtig ſein können, wenn es gilt. — Oh, ja, darauf kann Vetter ſich verlaſſen. — Gut, thue mir den Freundſchaftsdienſt und finde es heraus, was für einen Curs Urda's Herz ge⸗ ſteuert iſt. Iſt es derjenige, den ich wünſche, dann kann Barbro nachher von mir verlangen, was Sie will, und ich werde Ja antworten. Gute Nacht. — Oh! darüber werden wir ins Klare kommen, — ſagte Barbro ſchmunzelnd. Unſerer Pflicht als Erzähler gemäß gehen wir jetzt daran, darüber Rechenſchaft abzulegen, wie der Abend auf Kollinge verfloß. 34 76 Göran und Harald hatten bei ihrer Ankunft, wie gewöhnlich, ihren Weg nach dem Garten genommen, wo ſie Calla fanden; aber kaum hatten ſie ſich auf eine Bank geſetzt, als Milner ſich ebenfalls einfand. Der früher ſo bewegliche und fröhliche Mann hatte gräuliche Haare bekommen und ſah herabge⸗ ſtimmt und bekümmert aus. Man ſah es ihm deut⸗ lich an, daß er an einem inneren Kummer litt. Er grüßte Harald mit einem herzlichen Hand⸗ ſchlag, rief Göran und bat ihn, ſich auf einen Augen⸗ blick aufs Comptoir hinaufzubegleiten. Calla und Harald befanden ſich auf dieſe Weiſe allein. Es war das Erſtemal, daß ſie unter vier Augen mit einander waren, ſeit Calla auf Björnbo verlangt hatte mit Harald zu ſprechen, und er ſie mit den Worten verlaſſen hatte: „Ich beklage Dich!“ Zwei Jahre waren ſeit der Zeit dahingeſchwun⸗ den.— Zwei Jahre lagen zwiſchen jener Zeit und dem gegenwärtigen Augenblick; und doch trat ihr letztes Geſpräch ſo lebhaft vor ihre Erinnerung, daß es ein gewiſſes peinliches Gefühl bei ihnen hervorrief. Fs entſtand eine lange Stille und dieſelbe würde gewiß fortgedauert haben, ohne daß Harald dieſelbe gebrochen hätte, wenn nicht Calla, welche ſich viel mehr dadurch gepeinigt fühlte, als durch die bitterſten Worte, dieſes gethan, indem ſie ſagte: — Du haſt Urda geholfen, Nytorp recht hübſch einzurichten und ihr eine Idee eingegeben, die ihr ſowohl Vergnügen als Befriedigung ſchenken wird. Calla ahnte nicht, welch bitteres Thema ſie jetzt aufs Tapet brachte.. 77 — Wer hat geſagt, daß ich ihr geholfen?— fragte Harald, ohne den Blick von der See wegzu⸗ wenden, worauf er denſelben gerichtet. — Iſt ſie es ſelbſt 7 — Nein; ich habe es von Göran und Tante Barbro gehört. — Dann haben Barbro und Göran ſich ſehr geirrt. Ich habe Urda nicht geholfen; aber ich habe nach meiner Weiſe ihr einige Ideen gegeben, von welchen ich hoffe, daß ſie ihr mehr Befriedigung gewähren werden, als diejenigen, welche ſie auf Kollinge geholt. Harald wandte ſich an Calla und ſeine dunkel⸗ Augen blickten ſie kalt an, während er fort⸗ uhr: — Jene Lehren von der Emancipation, welche Du und Eliſe bei Eurer Rückkunft aus der Stock⸗ holmer Penſion der Urda gepredigt, ſind nahe da⸗ ran geweſen ihr ziemlich theuer zu ſtehen zu kommen. Sie iſt es eigentlich, die von ihnen“ hat leiden müſſen; weil ſie erſtens ihren Verſtand ſo ganz und gar verdrehten, daß ſie gegen alle freundliche und ver⸗ nünftige Vorſtellungen taub wurde; und zweitens, weil ſie ſie zum Gelächter für die ganze Gegend machten. Aber ich hoffe, daß die Emancipation, mit wel⸗ cher ſie ſich jetzt abgibt, ſie mit ihrem Mißgeſchick und die Nachbarn mit ihren Mißgriffen verſöhnen wird. — Es iſt wohl darum, weil die Idee von irgend Jemandem von Deinem ſo überlegenen Geſchlecht ausgeht,— antwortete Calla ſcharf. — Du täuſcheſt Dich; ſie geht weder von mir, „ 78 noch von irgend Jemanden aus, der zu meinem Ge⸗ ſchlecht gehört; im Gegentheil hat ſie ihren Urſprung von einem Frauenzimmer; aber von einem Frauen⸗ zimmer, welches verſtand, was es wollte und wußte, womit es nützen konnte, obgleich es nie zu den geiſt⸗ reichen gerechnet wurde. Harald blickte wieder hinaus auf die See. — Es iſt eine reiche Engländerin, Miſtriß H—, welche auf ihren Gütern Schulen für weibliche Hand⸗ arbeiten einrichtete, damit die heranwachſenden Mäd⸗ chen, wenn ſie es wollten, ein Geſchäft lernen könn⸗ ten, welches mit ihren Körperkräften und ihren An⸗ lagen übereinſtimmte; das Weib wird dadurch in den Stand geſetzt ſich verſorgen zu können und braucht nicht die Ehe als eine Verſorgungsanſtalt zu betrachten. Dieſe Reform bewirkt eine moraliſche Veredlung in der Geſellſchaft, weil ſie den allgemeinen Wohl⸗ ſtand befördert. Dieſes habe ich Urda mitgetheilt und ihre nach einer erweiterten Wirkſamkeit dürſtende Seele er⸗ griff mit Begierde Mrs. H—s Ideen. Ich meine, daß meine engliſche Dame ihr Vermögen und ihre Thätigkeit ganz gut anwendete, beſonders weil ſie zu gleicher Zeit eine ausgezeichnete Gattin und Mutter war. — Das iſt nicht zu läugnen,— antwortete Calla mit Wärme.— Sie machte ſowohl einen ſchönen wie edlen Gebrauch von ihren Gaben. Aber was mich verwundert, iſt, daß Du mit etwas ſympathi⸗ ſiren kannſt, was ſich zu der Emancipation des Wei⸗ bes hinneigt. 79 — Wenn Du unter Emancipation verſtehſt: das Weib auf einen höheren moraliſchen Standpunct zu ſtellen, ihm alle für ſein Geſchlecht paſſenden Gele⸗ genheiten zu bieten, daß es Herz und Verſtand aus⸗ bilde und ſeine Kenntniſſe erwecke, damit es ſich ſelbſt eine ökonomiſche Unabhängigkeit ſchaffe, ohne deshalb aufzuhören Weib zu ſein; ferner: ſeine Pflichten und ſeine natürliche Beſtimmung zu lieben— dann, Calla, ſage ich Dir; bereite der Frau alle dieſe Mittel; denn je gebildeter ſie wird, deſto beſſer wird ſie wiſſen ihre heiligen Obliegenheiten zu würdigen. Ja, ich würde ſie von Vorurtheilen, Thorheiten und von der Unwiſſenheit, aber nicht von ihrem Berufe frei machen, welcher darin beſteht, der Heimath, der Häuslichkeit und des Familienlebens ſchönſte Zierde zu ſein. Harald hatte mit Eifer geſprochen. Er ſchwieg. Wieder entſtand eine Pauſe. — Aber aus dieſen Deinen Anſichten kann ich nicht auf Deinen Widerwillen gegen ſchriftſtellernde Frauenzimmer ſchließen,— ſagte Calla. — Nicht? Und ich meine, daß meine letzten Worte die Löſung des Räthſels geben. — Aber ich bin nicht ſo glücklich, ſie zu finden. — Und doch iſt ſie ſo klar.— Mein Wider⸗ willen gegen ſchriftſtellernde Damen ſtützt ſich einzig und allein auf die Erfahrung, daß faſt alle ihre weiblichen Pflichten vernachläſſigen, und gewöhnlich, mit wenigen Ausnahmen, ſchlechte Hausmütter ſind. Ich habe nun einmal mir den verwöhnten Ge⸗ ſchmack angeeignet, das Weib nur als Tochter, als 80⁰ Gattin, als Mutter und Hausfrau liebenswürdig zu finden, und in meinen proſaiſchen Augen kann kein Genie, keine Schönheit, und kein Reichthum ihm Erſatz für das gewähren, was ihm an dieſen Eigen⸗ ſchaften fehlt. — Aber es kann ſich doch wohl vereinigen laſſen, — ſagte Calla mit ihrer früheren milden und klaren Stimme. — Denke nur an Frau Lenngren! — Sie war ein viel zu hervorragendes Lalent, um den rechten Weg verfehlen zu können. Es ſind nur die Mittelmäßigen, die es thun. „Bei dieſen unbarmherzigen Worten erröthete Calla, und ein Blitz voll Aerger ſchoß aus ihrem ſchwarzen Auge hervor, erloſch aber wieder, als der⸗ ſelbe dem ruhigen Blicke Haralds begegnete. In demſelben Augenblick näherten ſich Milner, Göran und Erland. — Meinſt Du ſelbſt, Calla, daß Dein Vater aus⸗ ſieht, als wenn dieſe zwei letzten Jahre von dem Roſenduft der kindlichen Liebe erfüllt geweſen wären. — Meinſt Du, daß ſein Ausſehen davon Zeugniß gibt, daß Deine literariſche Beſchäftigung zu ſeinem Wohlbefinden und Glück im Hauſe beitrage, oder davon, daß Du ihn mit einer wachſamen Lebe um⸗ gibſt und ihm durch Deine Zärtlichkeit das zu er⸗ ſetzen ſuchſt, was ihn Eliſens Künſtlerſchaft gekoſtet? Oder ſieht es nicht eher aus, als hätten ſeine Töch⸗ ter ihn verlaſſen, die Eine des Theaters wegen, die Andere, um ſich ganze Tage lang der Schriftſtellerei zu widmen? Harald ſtand auf, um den Herren entgegen zu — v ——— v 81 gehen, ohne einen Blick anf Calla zu werfen, welche bei dieſen für ihr Herz ſo ſchmerzlichen Vorwürfen ein paar Thränen nicht zurückhalten konnte, welche beim Anblick von des Vaters traurigem Ausſehen auf die Hand hinabfielen. Milners Stirne war ſo finſter, daß Calla deut⸗ lich ſah, es ſei etwas Verdrießliches paſſirt. Auch auf derjenigen von Göran ruhte eine ſchwere Wolke. — Wie ſteht es, Papa?— flüſterte Calla, welche dem Vater entgegengegangen, und mit ihrem Arm unter den ſeinigen hineinſchlüpfte, während die ehe⸗ malige kindliche Unruhe aus ihren Blicken leuchtete. Ach! Calla hatte über all die Träume, welche ihren Kopf und ihre Einbildung erfüllten, ſchon längſt ihren Vater vergeſſen, ſo daß ſie jetzt, beim Anblick ſeines bekümmerten Ausſehens und mit Haralds Worten in der Erinnerung, ein Gefühl von Reue und Gewiſſensbiſſe empfand. — Oh, liebes Kind, was kümmerſt Du Dich denn gegenwärtig um meine Sorgen?— antwortete der Vater mit einem bitteren Lächeln.— Du haſt ja Deine Ehrſucht, die Dich in Anſpruch nimmt.— Der Einzige unter Euch, der ſich noch zu erinnern ſcheint, daß er mein Kind iſt, iſt Göran. — Papa, Papa, hat ſich etwas Unangenehmes zugetragen* — Etwas Erfreuliches ereignet ſich nicht mehr. Aber laß uns nicht mit unſeren Sorgen unſere Gäſte plagen. 82 Abends, als ſich Jeder nach Hauſe begeben hatte, ſaß Milner, den Kopf auf die Hand geſtützt, in ſei⸗ nem Zimmer. Göran ſtand vor ihm. Der Vater äußerte: — Nun gut, mein lieber Göran, es iſt jetzt Zeit, daß wir ohne Verſtellung mit einander reden. Aber bevor ich von Dir und mir ſpreche, leſe noch einmal dieſen Brief, welcher meinen Namen mit Schande bedeckt und mein Herz mit Kummer erfüllt. Ich hatte ſchon vor einiger Zeit von einem Be⸗ kannten in Stockholm die Nachricht von Eliſens Be⸗ tragen erhalten, was mich veranlaßte, einen ſtrengen Brief an ſie zu ſchreiben. Ich glaubte, daß das ſie bewegen würde, ihre Lebensweiſe zu ändern, aber ich täuſchte mich, ich Unglücklicher! Und das mußte mir paſſiren— mir, der auf ſeine Mädchen ſo ſtolz war! Ein tiefer Seufzer ent⸗ rang ſich der Bruſt des armen Vaters. Göran nahm den Brief vom Tiſch, entfaltete ihn und las: „Herr Milner! Ich halte es für meine Pflicht Sie davon in Kenntniß zu ſetzen, daß Mamſell Eliſe, Ihre Tochter, welche bereits ſeit ihrer Ankunft in der Hauptſtadt in demſelben Hauſe wie ich gewohnt und unſerer Uebereinkunft gemäß als ein Mitglied meiner Fa⸗ milie bei mir aufgenommen war, ſich ſeit den letzten ſechs Monaten gänzlich von uns zurückgezogen hat und ſich ganz und gar dem Einfluß hingegeben zu haben ſcheint, welchen ein junger Sänger, Herr Teiller, auf ſie ausübt. ———,——— ——,—— 7—— „————— 83 Vorige Woche verließ ſie auf meine Aufforderung, ihr Logis, und man vermuthet, daß ſie, dem allge⸗ meinen Gerücht zufolge, Herrn Teiller, den man mit Grund für ihren Liebhaber hält, nach Copenhagen begleitet habe. Da eine ſolcher Schritt in Verbindung mit ihrem Betragen in der letzteren Zeit, Skandal erregt, ſo dürften Tit. ſelbſt einſehen, daß ich Mamſell Eliſe nicht länger in meinem Hauſe behalten konnte, und bitte Sie deshalb, daß Sie ſelbſt den Verſuch ma⸗ chen Ihre Tochter auf den rechten Weg zurückzubringen, da ich nunmehr nichts mehr mit ihr zu thun haben will. Hochachtungsvoll . Abraham Z—.“ Vater und Sohn ſaßen lange ſchweigend.— Endlich hob Milner wieder an: — Kummer und Schande von ſeinen Kindern zu erfahren, iſt der größte Schmerz, der uns treffen kann. Was ich im Betreff der Unglücklichen thun ſoll, weiß ich noch nicht, aber ich weiß, daß ſie nie mehr das väterliche Haus betreten darf. Ich werde indeſſen ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen ſuchen und ſie dann fortſchaffen. Jetzt zu Dir; Du ſteckſt tief in Schulden; Du haſt geſchwärmt, ſtatt zu ſtudiren, und das vollkom⸗ men gleichgültig wegen der Zukunft. Jetzt mußt Du indeſſen einen entſcheidenden Schritt thun, denn Du darfſt nicht mehr nach Upſala zurückkehren, und das aus dem einfachen Grunde, weil meine Einnah⸗ men es nicht erlauben. Die Paſſion Deiner Mutter für ausgezeichnete 84 Speiſen und für Ueberfluß an Dienſtleuten und meh⸗ reres dergleichen iſt koſtſpielig geweſen. Ihre Nach⸗ ſicht mit Dir ebenſo. Fügt man hiezu die Ausgaben für die Mädchen, drei Jahre Mißernten, Viehſeuchen und endlich das Bezahlen Deiner Schulden, ohne daß Du ein einziges Examen haſt machen können, ſo wird es Dich gewiß nicht wundern, daß das Ca⸗ pital, das ich geerbt, weggeſchmolzen iſt, und daß ich gezwungen geweſen bin, Schulden zu machen, um mich zu arrangiren. Du mußt Dich alſo für irgend ein Geſchäft be⸗ ſtimmen, da es ziemlich klar iſt, daß Du auf dem Wege des Studirens nicht vom Flecke kommſt, und ich habe eine zu gute Meinung von Deinem Herzen, um zu glauben, daß Du meine Sorgen vermehren und mir noch größeren Kummer zuziehen wirſt. — Wenn Papa nichts dagegen hat, ſo iſt es meine Abſicht, mich der Landwirthſchaft zu widmen, — antwortete Göran. — Gut! Milner ſtand auf. — RNicht ein Wort an Calla oder Deine Mutter über die traurigen Nachrichten aus Stockholm. Ein paar Wochen waren verfloſſen. Man fing in der Gegend an von Gerüchten zu flüſtern, welche von der Hauptſtadt angelangt und für die Ehre der Familie Milner verletzend ſeien; ſie betrafen Eliſe. Noch wußte man nicht recht, was es ſei; da aber die Flüſtereien von Strömsfors ausgingen, ſo eilten — ,— —— 85⁵ alle Nachbarn dorthin, um nähere Aufklärung über den Skandal zu erhalten und dann Gelegenheit zu haben, denſelben weiter zu verbreiten und ſomit Milners zu demüthigen. Man hatte nie Madame Milner ihre ausge⸗ ſuchten Speiſen und ihre Gaſtfreiheit, welche die aller Andern verdunkelte, verzeihen können; und auch ihm nicht ſein wohlbebautes Feld und die Liebe, welche die Untergebenen zu ihm hegten; und ſchließlich konnte man ſich mit der Erziehung, welche die Mäd⸗ chen erhalten und mit den Kenntniſſen, die ſie erwor⸗ ben, gar nicht vertragen. Dazu kam, daß Milners aus Eitelkeit gern mit ihren Töchtern großgethan, und das erweckte einen Aerger, dem man jetzt dadurch Luft machen wollte, daß man die Eltern die ganze Schwere der verletzen⸗ den Gerüchte, die über Eliſe im Umlauf waren, füh⸗ len laſſen wollte. Urda war ſo ausſchließlich mit ihrer Schule be⸗ ſchäftigt geweſen und intereſſirte ſich ſo aus ganzer Seele dafür, daß ſie während dieſer Wochen nur ein einziges Mal Kollinge beſucht hatte. Sie hatte dort Calla ungewöhnlich ſchweigſam, Göran ernſt und Milner bekümmert gefunden. Frau Milner hatte, wie gewöhnlich, in ihrer Haushaltung zu thun gehabt und darüber gejammert, daß ſie keine Hülfe habe. Die Aufmerkſamkeit und das Intereſſe, welches Urda's Eitelkeit ſie früher veranlaßte durch das Bi⸗ zarre zu gewinnen, gelang ihr jetzt ſich durch eine nützliche Thätigkeit zuzuwenden. Alle Nachbarn kamen nach Nytorp, erſt aus Neu⸗ 86 gierde und in der Hoffnung ſie auslachen zu können; nachher kam man aus Intereſſe, und ſchließlich, um nähere Kenntniß von der Sache zu nehmen. Dieſes berauſchte die Eigentiebe des jungen Mäd⸗ chens und ſchmeichelte ſowohl ihr wie der Eitelkeit des Vaters. Urda hätte ſich in ihrem Triumph und in der Befriedigung, welche ſie empfand, glücklich gefühlt, wenn nicht ein gewiſſes Etwas da geweſen wäre, das ihr Herz beunruhigte. Alle diplomatiſchen Verſuche Barbro's, ausfindig zu machen, was dieſes Etwas ſei, ſcheiterten jedoch an Urda's Zurückhaltung. Aber jetzt fing Barbro an ihre Schlüſſe zu machen und kam wirklich zu dem Reſultat, daß Urda ver⸗ liebt ſei. Wenn ſie verliebt war, ſo konnte es natürlich in Niemand anders, als Harald ſein. Dieß war eine Schlußfolgerung, zu welcher Barbro in ihrem Scharfſinn den Weg ausforſchte, aber ſie wollte noch damit warten, dieſelbe mitzutheilen, bis ſie klare Beweiſe in die Hände bekäme. Calla hatte ſo nach und nach die zärtliche Auf⸗ merkſamkeit gegen den Vater wieder aufgenommen. Wenn er vom Felde zurückkam, legte Calla die Feder bei Seite und ging zu ihm, um ihm Geſell⸗ ſchaft zu leiſten. Aber ihre Gedanken waren von den Phantaſien und Träumen von Ehre und Auszeichnung und von der Arbeit dergeſtalt in Anſpruch genommen, daß ihrem guten Willen zerſtreut und wortkarg 87 Freilich theilte ſie ihre Zeit zwiſchen ihren Pflich⸗ ten als Tochter und ihrer literariſchen Beſchäftigung, aber das, was getheilt iſt, iſt nicht ganz, und darum wurde Calla weder eine ausgezeichnete Schriftſtellerin noch eine ganz zärtliche Tochter. In ihrem äußeren Benehmen legte ſie alles Ge⸗ ſuchte ab und wurde wieder natürlich und wahr. Sie vermied es, von Literatur und beſonders von ihrer eigenen Autorſchaft zu ſprechen und war nur das einnehmende und anſpruchsloſe Mädchen. Aber über allem dieſem lag ein Schleier von Wehmuth, eine gewiſſe Unzufriedenheit mit dem Le⸗ ben und der wirklichen Welt, welche ihr früher fremd geweſen. Sie ſchrieb lange Briefe an Eliſe, bekam aber keine Antwort. Calla hatte noch nichts von dem gehört, was man in ihrer Umgebung von der Schweſter flüſterte, und befand ſich in völliger Unkenntniß von den Ge⸗ rüchten, die im Umlauf waren, und die von Ströms⸗ fors aus durch den jungen D—, den verſchmähten Freier, eine beſtimmte Form erhalten hatten. Es war an einem Sonntag. Erland hatte mit Wärme und ergreifender Andacht gepredigt.— Urda und Calla hatte mit gerührtem Herzen ſeinen Wor⸗ ten gelauſcht, die ſo wahr, ſo mild und ſo einfach waren, daß ſie meinten nie etwas Schöneres gehört zu haben. Auf dem Platze vor der Kirche lud Milner die Bewohner von Bzörnbo, ſowie den jungen Pfarrer zu Mittag. Alle Standesperſonen des Kirchſpiels waren in der Kirche geweſen, und man warf Blicke auf die ₰ 88 Milner'ſche Familie, die mitleidig ſein ſollten, aber ziemlich ſtark von Schadenfreude leuchteten. — Iſt die Herrſchaft den Nachmittag zu Hauſe? — fragte die Frau des Fabrik⸗ und Hammerſchmied⸗ beſitzers D— mit ſüßer Miene die Frau Milner. — Wir beabſichtigen nach Kollinge zu kommen, falls wir willkommen ſind, obgleich ich wohl begreifen kann, daß Fremde beſchwerlich ſind, wenn eine Familie, wie Sie, in Betrübniß verſunken iſt. Aber wir, die wir uns zu der Zahl Ihrer Freunde rechnen, wollen indeſſen unſere Theilnahme ausdrücken und einen Beweis geben, daß unſere Achtung immer dieſelbe iſt. Man hatte ſich in eine Gruppe um Frau Mil⸗ ner geſammelt, welche ihre gute Freundin Frau D— anſtarrte, als wenn dieſe Lateiniſch und nicht Schwe⸗ diſch geſprochen hätte. — Mutter, der Wagen iſt vorgefahren,— ſagte Milner, welcher in demſelben Augenblick den Hügel hinaufkam. Frau Milner nahm Abſchied von ihren Freun⸗ den und hieß ſie willkommen, während ſie dachte: — Was in Gottes Namen konnte Lova D— meinen?— Ach, jetzt weiß ich es. Es ſollte wohl auf Görans Entſchluß, Landwirth zu werden, Bezug haben, weil er ſo lange auf der Univerſität geweſen und dort Schulden gemacht hat. Und dann dachte ſie wohl daran, daß Eliſe noch oben in dem Stockholmer Loch als Sängerin iſt, aber das iſt ja ſchon alt.— Still! jetzt habe ich es! ſie meinte den Verluſt, den wir durch die Vieh⸗ 89 ſeuche hatten.— Denke mal, ſechs große Kühe und zwei fette Ochſen; ja, ja, das fühlt man! Während Frau Milner in ihrer Wagenecke über die Worte ihrer guten Freundin nachgrübelte, ſaß Milner ſtill und ſchweigend in der andern. Calla hatte ihren Platz dem Vater gegenüber und konnte, wenn der Wagen bei irgend einer Krüm⸗ mung des Weges umbog, Harald ſehen, welcher in einem hübſchen Gig Urda fuhr. Beide ſahen heiter und glücklich aus. Calla dachte: — Wie kindiſch von mir, daß ich jemals ge⸗ glaubt, Haralds Herz hätte an mir gehangen! Und doch, wenn ich an die goldene Zeit zurückdenke, wie Vieles gab mir damals nicht Veranlaſſung, jenen Ge⸗ danken zu hegen! Im Spiel und Tanz, in allem, gab er mir den Vorzug, und jetzt,— jetzt iſt es Urda, und nur Urda.— Für ſie hat er immer einen fröhlichen Blick und ein freundliches Wort, für mich nur Bitterkeit und Kälte. Calla bog ſich etwas aus dem Wagen heraus und gerade in demſelben Augenblick bückte Harald ſich zu Urda herab und blickte ſie an. Calla meinte aus dem Ausdruck in ihren Ge⸗ ſichtern ſchließen zu können, daß die Worte herzlich, vielleicht zärtlich waren. Calla zog ſich ſo heftig zurück, daß ſie Göran anſtieß, welcher fragte: 6 — Bin ich Dir im Wege? Dann fing er an von Erland zu ſprechen, und Calla mußte hören und antworten. Man nahm auf Kollinge ein delicates Mittag⸗ Schwartz, Die Emaneipations⸗Manie. II. 7 90 eſſen ein und befand ſich nach demſelben in dem trä⸗ gen Seelenzuſtand, welchen Ueberſättigung verurſacht. Barbro vertraute Calla an, daß man bald Hoch⸗ zeit auf Björnbo bekommen würde; denn das wäre jetzt außer allem Zweifel, daß Harald und Urda ein Paar werden würden. Sie wären für einander ge⸗ ſchaffen u. ſ. w. Darauf ſetzten Frau Milner und Barbro ſich in das Sopha des Schlafzimmers, um ein wenig von Dienſtmädchen, Webſtühlen, vom Brauen und Backen zu ſprechen. Urda und Doctor Stein ſetzten ſich in eine Schaukel im Hofe und unterhielten ſich lebhaft. Göran und Erland waren in den Park gegangen. Milner und Capitain Werner rauchten ihre Pfeife im Zimmer des Erſteren. Harald präludirte auf dem Piano im Saale, als Calla aus dem Schlaf⸗ zimmer kam, um ſich zu Urda zu begeben. Als ſie in den Saal eintrat, ſtand Harald auf, ging ihr entgegen und ſagte: — Ein paar Worte, Calla! Das junge Madchen blieb mit einem ſtolzen Aus⸗ druck ſtehen. — Ich hörte heute auf dem Kirchenhügel, daß D—s auf Strömsfors, ſowie Holmſtröms und Aabergſons hierher kommen wollen. Auch konnte ich aus Tantes etwas erſtauntem Ausſehen bei einem Angriff von Frau D— ſchließen, daß ſie die Abſicht, aus welcher ſie herkommen, nicht argwöhnt, darum wünſche ich Dich darauf vorzubereiten, daß eine Bos⸗ heit dahinter ſteckt, welche vielleicht Deine Mutter tief ſchmerzen wird. Hätte ich früher etwas von dem Geſchwätz, welches im Umlauf iſt, gehört, ſo 91 würde ich auf die eine oder die andere Weiſe ge⸗ ſucht haben, dem Beſuch hier vorzubeugen. Aber weder Erland noch ich haben vor heute ein Wort davon gehört. — Nun, was ſind das für Gerüchte? — Ich fürchte, Dir Etwas zu ſagen, das ver⸗ letzen könnte, aber es iſt doch beſſer, daß Du erſt durch mich erfährſt, was man ſagt, als daß Du es ganz unvorbereitet von den Nachbarn zu hören be⸗ kommſt. — Aber, mein Gott, was iſt es denn? — Der junge D—, welcher von der Hauptſtadt kommt, hat erzählt, daß.. Harald hielt inne. — Daß?— nun weiter. — Daß Eliſe Herrn 3—8 Familie verlaſſen hat und mit einem jungen Künſtler nach Copenhagen gereist iſt.— Ach beſte Calla, werde nicht erſchrocken, ich glaube ſteif und feſt, daß es Verleumdung iſt; ich ſagte es auch dem jungen D— heute beim Aus⸗ gehen aus der Kirche; aber ich wollte Dich doch auf die Angriffe vorbereiten, welche man gegen Deine Eltern richten wird. Calla war äußerſt bleich geworden. Sie ſah Harald beſtürzt an und murmelte: — Iſt es wirklich nur eine Erfindung, oder iſt es Wahrheit? — Dieſes, Calla, mußt Du beſſer wiſſen, als ich. Calla ſetzte ſich auf einen Stuhl, verbarg ihr Geſicht mit den Händen und flüſterte: — O, mein Gott! wenn es Wahrheit wäre! 7 92 Wenn dieß die Urſache von Papa's Kummer, von Fliſens Schweigen wäre? — Nein, es kann nicht Wahrheit ſein, Calla,— ſagte Harald und näherte ſich ihr, indem er fortfuhr: — Es grämt mich tief, daß ich Dich durch dieſe Nachricht betrübt habe. — Das grämt Dich? Calla lächelte ihm bitter zu. — Was bin ich denn für Dich?— ein Weſen, das Du nur beklagſt. — Colla, Du biſt immer,— Harald hatte ihre Hand ergriffen, und, ohne es ſelbſt zu wiſſen, wie es zuging, ſie an ſeine Lippen geführt— die Freun⸗ din meiner Kindheit!— fügte er haſtig hinzu und verließ den Saal. Das warme, junge Blut war in eine heftige Wallung gerathen. Er fühlte, daß er auf dem Wege war, ſich von ſeinen Gefühlen übermannen zu laſſen und eilte hinaus, um Luft zu ſchöpfen und zur Be⸗ ſinnung zu kommen. Calla hatte einen Blick geſehen— einen Blick, der ſie an frühere Zeiten erinnerte, aber derſelbe war ſo haſtig, ſo flüchtig geweſen. Sie neigte wie⸗ der ihren Kopf und ſagte leiſe vor ſich hin: — Ach! es war nur ein Irrthum. Sie kam nicht dazu weder zum Vater noch zur Mutter ein Wort zu ſagen; denn drei Wagen fuh⸗ ren in den Hof hinein. — Sehr willkommen, ſehr willkommen,— klang es von Wirth und Wirthin. — Ach! was wir uns nach dem lieben Kollinge geſehnt haben!— hörte man von Seiten der Gäſte. 93 Man wurde mit Kaffee bewirthet und ſprach von Wind und Wetter. Endlich nahm die Frau D— Frau Milner unter den Arm, und man ging hinunter in den Garten, um ein bischen vertraulich mit einander zu plaudern, das heißt um im Namen der Freundſchaft Eliſens Mutter zu verletzen und zu demüthigen, ohne all den Schmerz zu berechnen, welchen dieſe ihre Bosheit verurſachen würde. Die Mädchen D—s und Aabergſons bildeten mit Urda eine Gruppe im Hofe. — Nun, Urda, haſt Du gehört, was Eliſe paſ⸗ ſirt iſt?— fragte eines von D—s Mädchen — Ich glaube, daß die Damen von Mamſell Eliſe Milner ſprechen? ſagte einer der jungen Herren von der Fabrik, und näherte ſich in Geſellſchaft mit dem jungen D—, Doctor Stein, Harald und Erland. — Ich hörte ſie ſingen, als ich das Letztemal in Stockholm war. — Das muß nicht vor Kurzem geweſen ſein,— fiel der junge D— mit einem zweideutigen Lächeln ein. — Warum das? — Weil Mamſell Milner ſchon vor einem Mo⸗ nat von Stockholm abgereist iſt,— antwortete D—. — Ins Ausland? — Natürlich. — Eine Kunſtreiſe vermuthlich? — Das iſt, wie man es nimmt,— ſagte D— — ſie reiste wenigſtens mit einem Künſtler. — Was war es, was Du ſag land, und trat einen Schritt auf — Hörteſt Du nicht, daß ich ſa 94 ſich in einen Künſtler verliebt und mit ihm fortge⸗ reist ſei? — Und dieſes ſagſt Du als Gaſt im Hauſe ihres Vaters,— fiel Harald ein. 6— Weißt Du auch nur, ob das, was Du ſagſt, Wahrheit iſt?— fragte Erland ernſt. — Sonſt würde ich mir nicht erlauben es zu wiederholen,— antwortete der junge D—. — Ja ſo,— brach Urda jin ihrem ehemaligen ſchnippiſchen Tone aus,— Herr D— iſt alſo voll⸗ hennen ſicher, daß das, was er eben ſagte, Wahr⸗ eit iſt. — Ja, Mamſell Werner, deſſen bin ich voll⸗ kommen gewiß. Hugo D—s Wangen glühten. — Das wäre merkwürdig.— Ich kann indeſſen beweiſen, daß es eine vollkommene Unwahrheit iſt, und der Beweis dafür liegt darin, daß ich das Letzte⸗ mal geſtern einen Brief von Fliſe mit dem Stock⸗ holmer Poſtſtempel erhielt, in welchem ſie mir mit⸗ theilt, daß ſie den Sommer über im Thiergarten wohnt. — Aber,— ſagte D—,— ganz Stockholm wußte von ihrer Liebe zu dem Künſtler Teiller und von ihrer Reiſe mit ihm. — Dann hat ganz Stockholm ſich einer Unwahr⸗ heit ſchuldig gemacht,— fiel Doctor Stein ein;— denn mein Halbbruder, Herr Teiller, iſt nach Copen⸗ hagen gereist, ohne das Glück zu haben, es in Mam⸗ ſell Milners Geſellſchaft zu thun. — Iſt d err Doctor deſſen gewiß? es ſind anderthalb Monate her, daß Mamſell Milner und 95 Herr Teiller abreisten, und ſie hat ganz gut nach der Hauptſtadt zurückkehren können. — Ha, ho, ha! lachte Urda.— Sie ſind wirk⸗ lich ſehr ſchlecht unterrichtet. Gerade um die Zeit traf mein Onkel Ehn mit Eliſe in Stockholm zu⸗ ſammen und ſie beſorgte einige Aufträge für mich.“ — Und ich, der ich meinen Bruder auf das Dampfſchiff begleitete, weiß auch mit Sicherheit, daß Mamſell Milner nicht mit war, beſonders da ich ſpäter am Abend die Ehre hatte, mit ihr in Geſell⸗ ſchaft zu ſein. — Aber Herr Teiller ſelbſt hat Aeußerungen fallen laſſen, die zu der Vermuthung Anlaß gegeben, Mamſell beabſichtige ihn zu begleiten. — Wenn mein Bruder ſich das erlaubt hat, ſo hat er gelogen,— antwortete der Doctor, der ſehr blaß wurde. Ein genauer Beobachter würde indeſſen in dem Tone des Doctors gefunden haben, daß er gegen ſeine eigene Ueberzeugung zu ſprechen ſchien. — Man beſchuldigt uns Frauenzimmer, daß wir mit Klatſchſucht behaftet ſind,— fiel Urda ein,— und daß wir Alles, was wir hören, gleich weiter er⸗ zählen, aber ich glaube, daß wir jene Beſchuldigung gegen die Herren, wenigſtens gegen gewiſſe Herren, kehren können. Urda ſprach in dem reizbarſten Ton von der Welt, ſtreckte ihre kleine Stumpfnaſe in die Höhe und verließ die Geſellſchaft mit einer ſo naſeweiſen Miene, daß der junge D— vor Aerger erröthete und ſchwieg. Gerade als ſie an Erland vorbeiging, ergriff er ihre Hand, drückte ſie und ſagte: 96 — Dank, Urda, Du biſt eine redliche Freundin. — Ein Glas Waſſer,— ſchrie Frau D— aus dem Garten,— unſere gute Wirthin befindet ſich unwohl. — Wir werden ſehen, ob es Ihrer holden Mama nicht ebenſo ſchwer gefallen iſt, zu ſchweigen, wie Ihnen ſelbſt, Herr D—,— ſagte Urda und wandte ſich an den jungen Mann, welcher ihr raſende Blicke zuſchleuderte;— in dem Falle will ich gleich ihre unwahren Angaben corrigiren. Urda nahm das Glas Waſſer von der Magd und gab es Frau Milner. Dieſe ſaß in der Laube, wiegte ſich hin und her und murmelte: — Mein Gott, Eliſe, Eliſe! — Toantchen, trinken Sie ein wenig Waſſer,— flüſterte Urda,— und ſeien Sie nicht traurig,— fügte ſie laut hinzu;— denn Alles, was man von Eliſe ſagt, iſt die pure Unwahrheit. Ich habe Briefe von ihr und ſie wünſcht nach Hauſe zu kommen. Doctor Stein kann auch bezeugen, daß Alles, was man von ihrer Reiſe nach Copenhagen und derglei⸗ chen erzählt, gemeine Verläumdung iſt. Frau Milner blickte auf zu Urda, und Frau D warf einen ärgerlichen Blic auf das junge Mädchen und ſagte: — Ja ſo, Du behaupteſt, daß es nur Verläum⸗ dung iſt; aber ich muß Dir ſagen, mein Püppchen, daß ich es von einer zuverläſſigen Perſon gehört habe. — Jene zuverläſſige Perſon hat eine böſe Zunge, und wenn ich an Stelle der Tante wäre, ſo würde ich 97 meinen Sohn dadurch lehren, nicht mit Geſchwätz herumſpringen, daß ich mich deſſen ſelbſt enthielte. — Das muß ich ſagen! Du, die Du durch Dein unanſtändiges Betragen, durch Herumlaufen in Mannskleidern Dir und Deinem Vater Schande gemacht haſt; Du, die Du den Mann haſt ſpielen wollen, Du glaubſt mir Vorwürfe machen zu können? Lerne erſt Dich wie ein ehrbares Mädchen benehmen, be⸗ vor Du es Dir herausnimmſt, alte Leute erziehen zu wollen. — Nun, ſehen Sie, Tante, das iſt es, was ich mir herausnehme, und es ſind gerade die böſen Zungen alter Frauen, welche es veranlaßt haben, daß ich nicht zu ihrem Geſchlecht gerechnet ſein will,— antwortete Urda in einem naſeweiſen Tone. Frau D— verließ die Laube in vollem Zorn und Urda blieb bei der armen betrübten Mutter, um ſie zu überzeugen, daß Alles lauter Verläum⸗ dung ſei. D—s reiſten ſofort ab. Calla war nicht anweſend geweſen, weil es ihr gelungen war, den Vater und Göran zu erwiſchen, welchen ſie das, was Harald geſagt, mittheilte. Als Milner und er in den Saal hineinkamen, ſtanden D—s fertig angekleidet und warteten auf ihren Wagen. Frau D— goß ihren Zorn über Ca⸗ pitain Werner aus wegen der Beleidigungen, die ſie von ſeiner ſchlecht erzogenen Tochter erfahren und fuhr fort, raſend erzürnt auf Milners und Werners. 98 Alle Freunde hatten Kollinge verlaſſen; nur Urda blieb zurück. Milner hatte den Capitain gebeten, ſie bis zum folgenden Tage behalten zu dürfen. Als die Familie allein war, ſagte Milner: — Ich danke Dir, Urda, daß Du Eliſe haſt ver⸗ theidigen wollen; aber ich muß Dir nebenbei ſagen, daß Du, leider, für eine Unwürdige aufgetreten biſt. Fliſe hat wirklich in Geſellſchaft eines Herrn Teil⸗ ler die Hauptſtadt verlaſſen. Sie hat Schande über ihre Eltern gebracht; möge ſie deshalb nie mehr ſich vor denſelben zeigen! Frau Milner rang ihre Hände und rief: — Es iſt alſo wahr! es iſt alſo wahr! — Beſter Onkel,— fiel Urda ein,— von wem hat Onkel jene Nachrichten erhalten? — Von Herrn 3—, in deſſen Haus die Un⸗ glückliche ſich aufhielt.— Ach! ſie hat einen ent⸗ ſetzlichen Kummer über mich gebracht. Und ich, der ſtolz auf ſein Mädchen war! Milner ſchien vernichtet. Calla weinte. — Aber wenn Eliſe trotzdem unſchuldig wäre? Wenn ich Recht hätte? Wenn ſie zurückkehrte, ohne die Achtung ihrer Eltern verwirkt zu haben? Wenn ſie Sie überzeugen könnte, daß man ſich hat irre⸗ leiten laſſen, daß ſie das Opfer einer niedrigen Ver⸗ folgung geweſen? Sagen Sie, würden Sie ihr dann glauben, ihr Ihre Liebe wiederſchenken und ihren Ungehorſam vergeſſen? — Kind, ſie iſt ſchuldig? hier gibt es keinen. Zweifel mehr. — Onkel, Eliſe iſt unſchuldig; glauben Sie mir. Mehr kann ich für den Augenbiic nicht ſagen; aber — 99 ich werde bald beweiſen, daß meine Worte wahr ſind. Dieß kann auch Doctor Stein bezeugen, der ein Bruder von jenem Teiller iſt, und der außerdem Fliſe kennt. Auf Nytorp herrſchte am folgenden Tage eine außerordentliche Geſchäftigkeit. Urda hatte allen an der Schule angeſtellten Leh⸗ rern ſo viele Inſtructionen zu geben.— Als alles geordnet war, kehrte ſie Mittags nach Björnbo zu⸗ rück. Im Hofe ſtanden Erland und Harald. Der Erſtere ging auf ſie zu und ſagte: — Ich habe ein Unrecht abzubitten und mich eines Dankes zu entledigen. — 1 Urda erröthete. — Das Unrecht beſtand darin, daß ich nie ge⸗ glaubt, daß Du ein ſo gutes Herz hätteſt, wie ich geſtern zu bewundern Gelegenheit hatte; und für Entdeckung danke ich Dir aus meiner ganzen Seele. — Sollte ich nicht gut ſein können, weil ich mein Geſchlecht emancipiren wollte und dabei einige Mißgriffe machte?— fragte Urda ein wenig heftig. — Ein gutes Weib gibt ſich nicht zu dem her, was anſtößig, unmoraliſch und unpaſſend iſt. — Aber Du hältſt ja Calla für gut. Urda that die Frage in einem gewiſſen ſcharfen one. — Ja! 100 — Und doch hat ſie über jenes für Dich ſo ſchauderhafte Thema, als ich dadurch, daß ich eine Katze ſchoß, zur See ging und in Mannskleidern herumlief, zuwege bringen konnte. Aber ſo geht es: wenn man nur die bitteren Pillen in Zucker ein⸗ nimmt, ſo daß man den Geſchmack nicht ſpürt, dann vergißt man auch, daß ſie an ſich bitter ſind. Viele Fehler werden überſehen, wenn man ein hübſches Aeußere hat, das zu unſerem Vortheile ſpricht. Urda ging plötzlich von ihm fort. Erland wandte ſich an Harald mit einem leichten Runzeln der Augenbrauen, indem er ſagte: — Jener Angriff auf Calla zeugt doch nicht von einem guten Herzen. Jetzt geſiel ſie mir nicht. — Im Gegentheil, ich glaube, daß ich Urda nie verſtändiger habe ſprechen hören. Harald ging hinter ihr in den Saal hinein. — Biſt Du wieder unverträglich, ſchwaches Herz,— ſagte Erland für ſich und ging hinunter in den Park.— Haſt Du denn ein Recht, Anderer Fehler ſo ſtreng zu beurtheilen,— Du, daß Du ſo oft von Neid, Eiferſucht und Leidenſchaften aller Art beherrſcht wirſt? Und übrigens, welche bittere Wahrheit lag nicht in dieſen Worten Urda's:„ein hübſches Aeußere“. Jo, armes, elendes Weſen, es iſt das Aeußere, welches Dich angezogen hat und Dich bezaubert, bethört und feſſelt— o! wie ent⸗ ſetzlich bitter iſt nicht das Bewußtſein ſeiner eigenen und zu zweifeln an Anderer moraliſcher raft. — 101 Am anderen Morgen lag Harald und träumte von„Gold und grünen Wäldern“, als die Kammer⸗ thüre geöffnet wurde und Barbro den Kopf hinein⸗ ſtreckte, indem ſie mit großer Heftigkeit rief: — Harald, Harald, wache auf!— Pu lieber Gott, jetzt ſieht es hübſch aus! mache, daß Du raſch hinunter kommſt. Vetter Fabian iſt deſperat! komm, komm! Und Tante Barbro ſtürzte die Treppe hinunter. — Was, zum Teufel, iſt das nun wieder?— polterte Harald gähnend und ſtieg aus dem Bett. Weiter war er nicht gekommen, als die Thüre wieder geöffnet wurde und Karin den Kopf hinein⸗ ſtreckte und ſagte: — Der Capitain will den Herrn ſprechen. Einige Augenblicke darauf trat Harald hinein zum Onkel, welcher mit haſtigen Schritten auf und ab ging, während er gewaltig fluchte. Als er Harald gewahr wurde, ſchrie er: — Das Unwetter da iſt direct von Dir gekom⸗ men. Warum, zu hundert Millionen Teufeln—— ſollteſt Du ſie mit jenen Tollhäuslerideen beladen?— Haſt Du, verd— Junge, nichts anders zu thun, als dergleichen Frachtgüter in ihren ſchon vorher ver⸗ drehten Kopf hineinzuſtauchen? Schaffe mir Aus⸗ kunft über ſie, oder ich werde Dich einſalben, Du—— — Onkel muß ſo gut ſein, verſtändlicher Schwe⸗ diſch zu ſprechen, ſonſt gehe ich meiner Wege.— Was will denn Onkel, daß ich auf alle dieſe Flu⸗ chereien antworten ſoll?— Spricht Onkel von des Teufels Großmutter? — Hol' mich der T—, Junge, wenn Du nicht 102 höflich biſt und mir ſogleich ſagſt, wohin ſie den Weg genommen, dann——— — Sagen Sie erſt, von wem die Rede iſt. — Von Urda, verſteht ſich. — Wos iſt es mit ihr? — Was es iſt? was es iſt?— ja, gerade dar⸗ nach frage ich Dich.— Sie iſt ganz ſimplement fortgereist. Wohin? das weiß der Teufel, wenn Du es nicht weißt. Ich hätte, meiner Seele, Luſt, an die ganze elende Schulbaracke Feuer anzulegen, oder das Wrack in die Luft zu ſprengen. — Will Onkel ruhig reden, ſonſt gehe ich meiner Wege. Kann ich in ordentlichen Sätzen erfahren, was Alles das heißen ſoll? — Siehe da! Der Capitain warf einen Brief auf den Tiſch. Derſelbe enthielt nur folgende Zeilen: „Geliebter Papa! Im Intereſſe meiner Schule unternehme ich heute Morgen um 3 Uhr eine Reiſe nach C—, und viel⸗ leicht von dort nach Stockholm.— Da ich wünſche, daß dieſer mein Ausflug ſo wenig als möglich erwähnt werde, und da ich in höchſtens anderthalb Wochen wieder zurück bin, ſo darfſt Du, mein ge⸗ liebter Papa, mir nicht nachſetzen, oder deshalb Him⸗ mel und Erde in Bewegung ſetzen, weil ich verreist bin, und dadurch ein Aufſehen erregen, das mir ſcha⸗ den könnte. Erinnere Dich, daß Du einmal für allemal mir Erlaubniß gegeben haſt, in allen meinen Handlungen vollkommen frei zu ſein, ſo lange ich nichts thue, * 103 was gegen Gewiſſen und Ehre ſtreitet; und dieſe Freiheit benutze ich jetzt, verſpreche Dir aber, die⸗ ſelbe nie zu mißbrauchen. Du wirſt mich bald wieder bei Dir haben. Grüße Harald von Deiner Urda.“ Harald fing an zu lachen. — Zum Teufel, über was lachſt Du? — Ueber Onkel, natürlich.— Urda bittet, Onkel möchte nicht Himmel und Erde in Bewegung ſetzen und nicht die Aufmerkſamkeit auf ihre Reiſe lenken, und da thut Onkel gerade das Gegentheil von dem, um was ſie Onkel bittet. Uebrigens ſehe ich in allem dieſem nichts, was Onkel Anlaß geben konnte, den Verſtand zu verlieren. Urda macht eine Reiſe, kehrt in einer Woche wieder zurück, und das iſt Alles. — Aber, bei ſieben tauſend Teufeln! ſie reist allein, ohne mich vorher davon in Kenntniß zu ſetzen, oder um meine Einwilligung zu bitten. — Erſt gibt Onkel ihr eine unbegrenzte Freiheit und nachher wundert Onkel ſich, daß ſie davon Ge⸗ brauch macht. Mich würde es nicht wundern, wenn ſie dieſelbe mißbrauchte. In demſelben Augenblick öffnete einer der Knechte die Thüre, ſtreckte den Kopf ein und ſagte: — Iſt der Buchhalter zu Hauſe? — Was willſt Du?— antwortete Harald. — Ich ſollte Ihnen das hier vom Doctor über⸗ geben. Er reiste dieſen Morgen um drei Uhr ab. Harald nahm das Billet; es enthielt Folgendes: „Beſter Freund! Ich reiſe nach C—, vielleicht auch nach Stock⸗ holm auf einige Tage; bin aber in einer, höchſtens 104 anderthalb Wochen wieder zurück. Setze Capitain Werner davon in Kenntniß. Dein Freund Stein.“ — Was, zum Teufel, ſoll das heißen?— brüllte der Capitain,— das Mädchen und der Burſche reiſen zu derſelben Stunde ab, bleiben gleich lange fort, und——— — Und Alles iſt ein Zufall,— wandte Harald ein, worauf er verſuchte, den Capitain zu bewegen, daß er ſich ruhig verhalte.— Aber das war ver⸗ gebliche Mühe. Alles, was er auswirken konnte, war, daß dieſer verſprach, nichts zu unternehmen, das Urda zum Gegenſtand von Klatſcherei machen könnte. Vier Tage waren vergangen, als der Capitain aus C— einige herzliche Zeilen von Urda erhielt, ohne daß dieſelben indeſſen im Stande waren, ſeinen Zorn zu ſtillen, von welchem Jeder ſeinen angemeſ⸗ ſenen Theil zu empfinden bekam. „Hülfe! Hülfe! Kollinge brennt,“ klang es mit⸗ ten in der Nacht. Wie Harald aus dem Bette und in die Kleider kam, wußte er nicht. Alles Dienſtperſonal auf Biörnbo und die Leute im Dorfe waren geweckt worden und eilten mit ſchwediſcher Langſamkeit den Bewohnern von Kollinge zur Hülfe. Harald hatte ſich auf ein ungeſatteltes Pferd ge⸗ worfen und eilte nach Kollinge. 105 Die ganze Gegend wurde von den hochempor⸗ ſchlagenden Flammen erleuchtet. Als er dort angekommen war, ſah er Erland die ohnmächtige Calla aus den Flammen heraus⸗ tragen. Beim Anblick des Bruders rief Erland. — Rette Milners! ſie verbrennen ſonſt! Harald ſtürzte, von Göran begleitet, in das bren⸗ nende Haus. Während es dieſen, mit Gefahr ihres eigenen Lebens, gelang, Herrn und Frau Milner zu retten, und ſie die wichtigſten Papiere, und das Weſent⸗ lichſte von Silber und Geld zu bergen ſuchten, hatte Erland die ohnmächtige Calla in den Pavillon hin⸗ untergetragen, welcher in hinlänglicher Entfernung von dem brennenden Hauſe lag, um keiner Gefahr ausgeſetzt zu ſein. Nachdem Harald ſich überzeugt hatte, daß Alle gerettet waren, begann er die Löſchungsarbeiten zu leiten; aber alle Mühe war vergebens; denn der ſtarke Wind trieb die Flamme rings umher, ſo daß bald alle Häuſer ein Raub derſelben wurden. Es war nicht daran zu denken, irgend welches Hausgeräthe zu retten. Alles verbrannte. Der Ver⸗ luſt war höchſt empfindlich, beſonders da nür die Gebäude verſichert waren. Erland, der für nichts Anderes Gedanken oder Gefühl hatte, als für das Weſen, das er vom Tode errettet, ſuchte jetzt, nachdem er ſie außer aller Ge⸗ fahr ſah, ſie zum Bewußtſein zu bringen; aber indem er nur dem Alles beherrſchenden Gefühl in ſeiner Bruſt gefolgt, hatte er gar nicht ſeine Kräfte und noch Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. IM. 8 106 weniger ſeine ſchwache Bruſt in Anſchlag gebracht; als er darum Calla auf das Sopha im Pavillon niederlegte, ſank er ſelbſt in die Kniee daneben, ohne im Stande zu ſein aufzuſtehen. Calla hatte, von dem ſtarken Rauch erſtickt, zum Theil die Beſinnung, oder richtiger die Fähigkeit ſich zu regen, verloren; denn ſie hörte wie in der Ent⸗ fernung das Rufen der Stimmen rings um ſich; ſie fühlte, daß ſie weggetragen wurde, aber ſie konnte keine einzige Bewegung machen. Erſt als ſie aufs Sopha im Pavillon niederge⸗ gelegt wurde und die friſche Nachtluft auf ihr Ge⸗ ſicht durch die Thüre einſtrömte, verflog der tiefe Schlaf, von welchem ſie gefeſſelt dalag, und ſie ſchlug die Augen auf; ſie fielen auf den neben ihr knieenden Erland. Er ſtützte den Kopf auf die Sophakante und lag da ganz unbeweglich. Erſchrocken erhob ſich Calla und rief ihn beim Namen, aber er lag ſtill. Endlich hob ſie ſeinen Kopf auf und fand, daß er ohnmächtig ſei. Sie rieb ſeine Schläfe, badete ſie mit Waſſer und rief ihn auf dieſe Weiſe zur Beſinnung zurück; als er aber dieſelbe wieder erhalten, folgte auf die Ohnmacht ein ſtarker Huſten mit Blutſpucken. Calla fragte angſtvoll: — Aber ſage mir, um Gottes willen, was hat ſich zugetragen 5 — Weißt Du nichts davon? — Nein, ich ſaß und ſchrieb und war von An⸗ ſtrengung müde, eingeſchlafen, als ich, wie entfernt, den Lärm von Stimmen auf dem Hofe hörte; aber 107 eine ſolche Betäubung hatte ſich meiner bemächtigt, daß ich nicht im Stande war zu unterſcheiden, was dieſe Stimmen ſagten, oder irgend eine Bewegung zu machen. Es war, als wenn Etwas mich erſtickt hätte, als ich rufen wollte. — Es iſt Feuer auf Kollinge ausgebrochen. — O mein Gott! meine Eltern,— rief Calla und wollte hinauseilen. — Sie ſind gerettet. — Von wem. — Von Harald. Ein heftiger Huſten ſtellte ſich wieder ein. Er⸗ land drückte die Hand gegen ſeine Bruſt. — Wie ſteht es?— fragte Calla. — Du haſt mein Leben gerettet und Dein eigenes bloßgeſtellt. — Das wäre ein herrlicher Tod, für Dich zu ſterben, die——— ich——— ſo——— hoch ——— geliebt. Calla, das Leben, welches ich jetzt gerettet, gehört mir. Ja, ja,——— Du biſt mein——— mein——— denn ich habe Dich gerettet!——— O! ſchenke mir die Hoffnung, bevor ich ſterbe, daß——— Du meine Gattin geworden wäreſt, wenn ich gelebt. — Erland, Du haſt ſelbſt geſagt, daß das Leben, das Du gerettet, Dir gehört, ich werde es Deinem Glück und Wohl widmen,— flüſterte Calla weinend. — Dank, Dank! Ein Blutſturz und eine darauf folgende Ohn⸗ macht unterbrachen ihn. Calla, welche den,— wie es ſchien— ſterben⸗ den Erland nicht verlaſſen konnte, und eine 108 ängſtliche Unruhe wegen ihrer Eltern und ihres Bru⸗ ders hatte, fing an um Hülfe zu rufen. Wahrſcheinlich von Calla's Rufen geleitet, ka⸗ men Herr und Frau Milner auf dem Flatze an. Es war für Calla ein Augenblick ſchmerzlicher Freude, als ſie ſich von ihnen umarmt fühlte. Warm und innig war ihre Dankbarkeit gegen Gott, während ſie mit ihren Thränen die Hände der El⸗ tern badete. Eine Woche nach dem unglücklichen Ereigniß auf Kollinge ſaß Erland bleich und mit trauriger Miene in Haralds Zimmer. Milner hatte, auf Capitain Werners dringende Bitten, bis auf Weiteres ſeine Wohnung auf Biörnbo aufgeſchlagen, da die durch die Feuersbrunſt ganz obdachloſe Familie weder irgend welche nähere Rach⸗ barn noch beſſere Freunde hatte, als den grund⸗ ehrlichen Seemann und ſeine Umgebung. Freilich hatte Milner eine ſeiner Käthnerſtellen beziehen wollen, um nicht dem Capiain mit ſeinem ganzen Haushalt zur Laſt zu fallen; aber da war dieſer böſe geworden und Harald hatte alle Be⸗ denklichkeiten dadurch aus dem Wege geräumt, daß er den Vorſchlag machte, Milner ſolle das kleine Gebäude bewohnen und bei dem Capitain für ſich bezahlen, bis ſie wieder ein wenig in Ordnung ge⸗ kommen; ſie könnten dann dort ihre eigene Haus⸗ haltung haben, da das kleine Haus ganz abſeits von dem Hauptgebäude lag. 109 Kehren wir aber wieder zu Erland zurück. Er war noch blaſſer als gewöhnlich. Harald ging in ungewöhnlicher Gemüthsbewegung im Zimmer auf und ab. — Dein Vorſatz iſt alſo ein unabänderlicher? — ſagte Erland. — Ja!— Ich meine, es ſei paſſender für mich eine ſelbſtſtändige Stellung zu ſuchen, denn hier auf Björnbo als Buchhalter grau zu werden.— Ich bedarf Thätigkeit. — Aber dieſer Entſchluß wurde ſehr haſtig gefaßt. Erland richtete einen ſcharfen und forſchenden Blick auf den Bruder. — Entſtand derſelbe nicht gleichzeitig mit mei⸗ e Nachricht, daß Calla mir ihre Hand verſprochen abe2 — Nein, was geht die Sache mich an? Ich habe lange an dieſe Aenderung meiner Stellung ge⸗ dacht, aber Onkel nichts davon ſagen wollen, ſo lange der alte Förſter auf Tageby lebte. Er iſt todt und ich werde deshalb jetzt mit Onkel darüber ſprechen, ſeinen Pacht zu übernehmen. Harald näherte ſich der Thüre. — Es iſt zu verdrießlich, daß Urda ſo lange ausbleibt. Sie hat mit ihrer Reiſe Onkel in eine ſehr ſchlechte Laune verſetzt und, was noch ſchlim⸗ mer iſt, allen Plaudertaſchen und loſen Zungen der Gegend volle Beſchäftigung gegeben.— Und dann der Stein da, daß er an demſelben Tage ausfliegen mußte. Hier wurde Harald durch das Rollen eines Wa⸗ gens unterbrochen, welcher in den Hof hereinfuhr. * 110 — Aber ſieh' da haben wir ihn, Gottlob!— rief Harald. — Es fehlt nur noch, daß Urda auch heute nach Hauſe kommt, dann iſt ſie unrettbar ver⸗ loren, und kein Menſch wird anders glauben, als daß ſie in Geſellſchaft mit Stein gereist iſt. Er nickte Erland zu und verließ das Zimmer. Als er in den Hof hinunterkam, hörte er den Ca⸗ pitain in barſchem Tone zum Doctor ſagen: — Hat der Doctor auf der Reiſe meine Toch⸗ ter geſehen? — Wie? iſt Mamſell Urda verreist?— rief Stein. — Ja freilich iſt ſie es, da ich den Herrn dar⸗ nach frage. Ich glaubte, Sie wären in Geſellſchaft mit ihr gereist. — Das hätte wohl nicht gut geſchehen können ohne die Einwilligung des Capitains. Ich kann auf meine Ehre verſichern, daß ich nicht die Ehre ge⸗ habt, in Geſellſchaft mit Mamſell Werner zu reiſen. Damit machte er eine ſtolze Verbeugung und ging hinein in ſein Zimmer. Kurz darauf ſaß der Capitain in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl; Harald hatte im Sopha Platz genommen. Er ſchloß gerade eine lange Mittheilung, welche er dem Onkel gemacht. — Was, zum Donner und tauſend Teufel, ſoll das heißen?— brach der Capitain aus.— Ich glaube geradezu, daß Ihr Alle verrückt geworden ſeid. Du willſt Dein eigenes Fahrzeug führen, Du willſt von mir ausreißen; gerade als wärſt 111 Du nicht der eigentliche Befehlshaber hier.— Habe ich Dir nicht das Steuerruder übergeben und frage ich Dich je, was für einen Curs Du nimmſt?— Was, zum Henker, willſt Du mit der elenden Hütte Tageby?— Ich habe Dir ja geſagt, daß Du näch⸗ ſten Herbſt Dir ſämmtliche Felder hier auf Björnbo pachten kannſt. — Aber, Onkel, ich wünſche Björnbo zu ver⸗ laſſen,— fiel Harald ein. — Und warum das? Haſt Du nicht Deine Freiheit bei mir? Kreuzt vielleicht Jemand in Dei⸗ nem Fahrwaſſer?— Sage mir ein Wort, und ich laſſe den in Grund bohren, der es wagt, ſich dort vor Anker zu legen, wo Du Dich in Winterquartier zu legen beabſichtigſt. Du weißt ja, Junge, daß ich einem redloſen Wrack gleichen würde, wenn Du fort wäreſt. Spreche deshalb nicht mit mir davon, unter Segel zu gehen; denn daraus wird nichts. — Onkel, zwingen Sie mich nicht, hier zu bleiben. — Doch, das iſt gerade das, was ich thun will, falls Du undankbar genug biſt, gegen Deinen alten Capitain Meuterei zu machen. Es trat eine Stille ein. Schließlich ſagte Harald: — Nun gut, mag ich denn auf Björnbo blei⸗ ben, aber nur unter der Bedingung, daß ich mich einige Zeit auf Tageby aufhalten darf, um es in Ordnung zu bringen, und daß ich es nicht nöthig habe, eher zurückzukehren, als ich es ſelbſt will.— Onkel,— fügte Harald mit tiefem Ernſte hinzu,— laſſen Sie mich reiſen, wenn Onkel irgend Freund⸗ ſchaft für mich hegt. Glauben Sie mir, ich ſegle —ll1. 112 jetzt in einem gefährlichen Fahrwaſſer, und Onkel will doch nicht haben, daß meine Ehre und mein Gewiſſen dadurch Schiffbruch leiden ſollen, daß ich hier bleibe. — Hm, hm,— dann kann ich Dich wohl nicht hindern——— Hm, hm,— Gott behüte mich, daß ich Dir irgend einen Zwang anthun ſollte, wenn Du ſo ſprichſt, mein Junge; denn ich weiß dann, daß Du nicht anders handeln kannſt. Später am Abend begab Harald ſich hinunter nach dem Meere, blieb aber plötzlich ſtehen, als er eine weibliche Figur auf einer Grasbank am Strande ſitzen ſah und in derſelben Calla erkannte. Er wäre gewiß wieder umgekehrt, wenn nicht der Schall ſeiner Tritte ſie veranlaßt hätte, den Kopf umzudrehen. — Harald! Onkel ſagte vor Kurzem, daß Du fortgereist ſeiſt. — Noch nicht, aber ich werde reiſen. — Und das trotzddem Onkel wünſcht, daß Du hier bleibſt?— Was iſt es denn wohl, das Dich zwingt, Björnbo zu verlaſſen? Du biſt ja hier der eigentliche Hausherr und außerdem bei Allen ſo beliebt. — Beſte Calla, was willſt Du, daß man thun ſoll?— antwortete Harald ſcherzend.— Das, was man hat, beſitzt nicht denſelben Werth, wie das, was man zu erhalten wünſcht. Jetzt meine ich, daß Tageby ein Paradies und Bzörnbo die Heimath der — — 113 Langeweile ſei. Darum reiſe ich nach Tageby, und bleibe dort, bis ich es ſatt bekommen und mich wie⸗ der hierher zurückſehne. — Jene Veränderlichkeit muß kürzlich über Dich gekommen ſein; denn früher hatteſt Du eine ent⸗ ſchiedene Vorliebe für den Ort, wo Du erzogen biſt, und behaupteteſt immer, daß Du Dich zurückſehnen würdeſt, wenn man Dich von hier entfernte. Dein Wahlſpruch war:„Hier will ich leben, hier will ich ſterben.“ — Das war vor meiner Reiſe ins Ausland. Siehſt Du, Calla, man bekommt auf Reiſen groß⸗ artigere Anſichten vom Leben. — Und wird veränderlicher. — Das iſt wahr.— Ein Mann muß reiſen, um einen gewiſſen Anſtrich von„Mamas Junge“ von ſich abzuſtreifen.— Ein Mann, der an ſeinen Herd gebunden iſt, bekommt etwas Weibiſches. Die Welt des Mannes iſt die ganze Erde, und ſeine Heimath der Platz, wo er am meiſten nützen kann. — Dann iſt Grund vorhanden hier zu bleiben, wo Du wirklich nützeſt.— Wenn man Dich jetzt ſprechen hört, ſo würde man an Deinen Worten nicht denſelben Harald wiedererkennen, der Du früher warſt. — So verändert bin ich— natürlich zu mei⸗ nem Vortheil,— ſagte Harald ſcherzend. Calla ſchwieg lange. Harald warf kleine Steine ins Waſſer. — Du antworteſt nicht, beſte Calla. Calla blickte auf zu ihm, und ſagte faſt traurig: 114 — Ich möchte noch einmal den früheren Harald wiederfinden. — Und warum?— Ich meine, der gegenwär⸗ tige ſei ganz angenehm.— Siehe, wie prächtig ich den Stein habe hüpfen laſſen. Calla ſtand haſtig auf, ohne zu antworten. Eine Röthe des Aergers brannte auf ihren Wangen und eine Thräne glänzte ihr im Auge. — Biſt Du verdrießlich? Habe ich Dich ver⸗ etzt? — Laß Du Steine hüpfen, und frage nicht nach mir! Was kümmert Dich das jetzt mehr, ob ich froh, oder verdrießlich bin? Wo es keine Urda gibt, da gibt es keine Annehmlichkeit für Dich. Du haſt nicht einmal Mitleid mit den Sorgen Deiner Freunde. — O! Harald, Harald! was habe ich Dir Böſes gethan, daß Du mich mit dieſer verletzenden Rück⸗ ſichtsloſigkeit behandelſt? Wir haben ja ein ſo bit⸗ teres Mißgeſchick gehabt, daß dieß Deine Theilnahme, Deine Achtung erwecken müßte——— Calla's Thränen floſſen. Harald ſprang von der Grasbank auf, auf wel⸗ cher er neben Calla geſeſſen, ergriff ihre beiden Hände und drückte ſie mit Heftigkeit an ſeine Lip⸗ pen, indem er ſagte: — Calla, verzeihe, verzeihe! O! wenn Du wüßteſt, was es iſt——— Er ließ ihre beiden Hände los und that einen Schritt zurück, als wenn er aus einem Traum er⸗ wacht ſei. Calla ſah ihn fragend an. — Wenn Du wüßteſt, was es iſt, das mich ——————— —————— 115 beunruhigt, und macht, daß ich während der Zeit, die Du auf Björnbo geweſen, mich ſo ſonderbar auf⸗ geführt habe, dann würdeſt Du mich nicht ſo ſtreng beurtheilen. — Was iſt es denn? Calla's Bruſt bewegte ſich unruhig. — Erſtens meine Furcht, daß Du Erland mit einer Hoffnung täuſcheſt, die nicht verwirklicht wer⸗ den wird. Wenn Dein Herz ſich nicht ausſchließ⸗ lich an den Pflichten betheiligt, welche Dein Ver⸗ ſprechen an ihn Dir auferlegt, dann wird er unglück⸗ lich für ſein ganzes Leben. Dann bin ich von Un⸗ ruhe über Urda's langes Ausbleiben und über die häßliche Deutung gepeinigt, die man derſel⸗ ben gibt. Harald ſprach haſtig, ohne Calla anzuſehen. Das junge Mädchen ſagte nichts; ſie entfernte ſich nur. Als ſie fort war, warf Harald ſich auf die Grasbank mit einem Ausdruck, der von dem Schmerz ſprach, welchen der Sieg über ſeine aufbrauſenden Gefühle ſein redliches Herz gekoſtet. Als Harald wieder nach Björnbo zurückgekehrt war, kam Barbro ihm entgegen und rief: — Joa, jetzt iſt hier wieder ein hübſcher Specta⸗ kel. Vetter iſt raſend, und wenn Du nicht Alles in Ordnung bringen kannſt, dann weiß Gott, was man thun ſoll. — Um was handelt es ſich?— rief Harald. 116 — Urda, Urda, liebes Kind, Urda iſt gerade zu derſelben Zeit wie Doctor Stein nach Hauſe gekom⸗ men, und jetzt iſt Vetter Fabian ganz entſetzlich auf⸗ gebracht. Das Mädchen weint und ſchreit, und hier iſt ein greuliches Weſen. Gehe hinein und ſuche um Alles in der Welt ſie zur Vernunft zu bringen. Harald ging hinein zum Capitain. Er fand Urda vor Zorn glühend, und unter heißen Thränen ſich gegen die erhobene Anklage vertheidigend. Der Capitain brüllte wie ein Bär. — Ja ſo, Du fährſt fort zu läugnen,— ſchrie der Vater.— Willſt Du, daß ich jenen Günſtling hereinrufe und aus dem Hauſe hinauswerfen laſſe? Oder willſt Du bekennen, daß Du mit ihm gereist biſt? Hat nicht Anders Olsſon mir eben geſagt, daß er Euch in Tage Gaſthofe angetroffen? — Papo, ich bin unſchuldig, ich ſchwöre es,— rief Urda. — Dann werde ich wohl den Doctorſchlingel rufen müſſen,— ſagte der Capitain und näherte ſich der Thüre. — Das ſollte Onkel nicht thun; denn Urda iſt vollkommen unſchuldig,— antwortete Harald. Lange ſuchte dieſer den Capitain zu überzeugen, daß Alles ein Zufall ſei, aus welchem Frau D— und andere Uebelgeſinnte den größtmöglichen Vor⸗ theil ziehen würden, um Urda's Ruf zu ſchaden. Als nun Harald auf ſeine einfache und ruhige Weiſe zum Onkel ſprach, gelang es ihm, den auf⸗ gebrachten Vater zum Nachdenken zu bringen, und ihm zu ſagen, daß es ſeine erſte Pflicht fei, einem ſolchen Gerüchte entgegen zu arbeiten, und nicht durch 117 ein ungerechtes Mißtrauen zur Tochter und durch ein übereiltes Benehmen demſelben Nahrung zu geben. Die Schlußſcene beſtand in Umarmungen und Abbitten von Seiten des Capitains und in Ver⸗ ſicherungen ihrer Unſchuld von Seiten Urda's. Darauf ging Urda hinunter zu Milners. Spät am Abend ſchlichen Calla und Urda, von Doctor Stein begleitet, von Björnbo fort und nahmen ihren Weg nach Nytorp. Eine Woche verging. Urda war wieder nach Nytorp hinübergezogen. Harald war nach Tageby gereist. Erland beſuchte freilich täglich Björnbo, aber er hatte nur ein einzigesmal das Verſprechen berührt, welches Calla ihm bei der Feuersbrunſt gegeben. Es war an demſelben Tage, an welchem Harald abreiste, daß er zu ihr geſagt: — Calla, erinnerſt Du Dich, was Du mir ver⸗ ſprochen haſt? Willſt Du Dein Verſprechen zurück haben, oder ſteht es feſt? — Ich nehme nie ein Verſprechen zurück,— hatte Calla mit ſicherer, jedoch weicher Stimme ge⸗ antwortet. — Alles ging ſeinen ruhigen Gang, ausgenom⸗ men, daß man eine ganze Menge wunderbarer Ge⸗ ſchichten von Urda's Reiſe nach der Hauptſtadt, von heimlichen Beſuchen auf Nytorp u. dgl. zuſammen⸗ klatſchte,— aber nur Barbro und die Mägde auf Björnbo hatten wirkliche Kenntniß von dem Ge⸗ klatſch. 118 Die Alte machte häufige Beſuche Abends auf Nytorp und verweilte lange dort, in der deutlichen Abſicht, herauszufinden, was man vorhatte; aber wie pfiffig Barbro ſich auch benahm, ſo fand ſie es doch nicht heraus. Sie wußte nur, daß die kleine, blaue Kammer, eine Treppe hoch, verſchloſſen ſei, und daß Niemand außer Urda und Calla dort hinein durften. Außerdem hatte Barbro folgende Beobachtungen gemacht:(ſie war ja von Vetter Fabian beauftragt, Urda's Herzensgeheimniß herauszufinden, und als eine ihm ergebene Freundin erfüllte ſie ſo gern ſeine Wünſche, beſonders wenn dieſelben mit ihrer eige⸗ nen Wißbegierde übereinſtimmten) daß ſie, wenn ſie Abends heimkehrte, immer Stein bei der Birken⸗ pflanzung begegnete, und daß er, wie es ſchien, ſeine Schritte nach Nytorp lenkte. Außerdem ſah man Calla öfter als früher ſich dorthin begeben. Eines Abends, als Barbro mit dem Kopf voll von dem nach Hauſe ging, was ſie von Per Ers Mutter, der alten Frau des Diſtricts⸗Geſchwornen, ſowie vom Schullehrer von Strömsfors und ande⸗ ren wunderkundigen Perſonen gehört, und zu allem dieſem ihre eigenen Beobachtungen legte,— mur⸗ melte die Gute, indem ſie den Kopf ſchüttelte: — Hm, hm, Etwas iſt es, denn Rauch ohne Feuer, ſieh, das habe ich noch nie geſehen. Die Mädchen haben gewiß ein Complott mit dem langen Doctor da. Ja, darauf kann ich mir eine Ohrfeige geben, und heraus muß ich es haben. Du lieber Gott, was doch die heutige Jugend verdorben iſt! In meinen jungen Tagen hörte man nie Etwas von 119 Emanirung und Echapirung, oder wie das Zeug heißt, ſprechen, womit Urda ſich den Kopf zerbrochen und worüber Calla geſchrieben hat. Nein, Gottlob! ich habe mich anſtändig und ehrbar an das gehalten, was recht war, und ver⸗ heirathet hätte ich wohl hundertmal ſein können, aber——— Jetzt ſehfzte Barbro und dachte, daß ſie Vetter Fabians Aufmerkſamkeit auf dieß Alles lenken müßte; doch wollte ſie etwas näheren Beſcheid über die Sache wiſſen, und mit Harald ſprechen, wenn er nach Björnbo käme. Gott helfe mir! Da iſt doch gar keine Ver⸗ nunft mehr vorhanden, ſobald der liebe Junge fort iſt,— ſagte Barbro, und bog ab in die Birken⸗ pflanzung hinein. Wem begegnete ſie dort? Nun, Doctor Stein. Das war mehr, als die Neugierde einer armen vier⸗ zigjährigen Mamſell aushalten konnte; auch faßte Barbro einen entſcheidenden Beſchluß. Sie grüßte mit einem Lächeln voll Wohlwollen und ging am Doctor vorbei; aber als ſie durch die Krümmung des Weges eben verborgen war, hob ſie vorſich⸗ tig ihre Kleidung auf und vertiefte ſich in das Dickicht; dann ging es fort in fliegender Eile längs dem Raine eines eingezäunten Roggenfeldes, und binnen zehn Minuten war ſie bei Nytorp. Da es aber nicht in ihren Plan paßte, daß Je⸗ mand ſie dort zu ſehen bekäme, ſo lauerte ſie hin⸗ ter dem Ackerzaun und hatte durch den dünnen, niedrigen Zaun eine freie Ausſicht. Hier ſaß nun die gute Barbro mit geſpanntem 120 Blick und keuchender Bruſt, und wartete, was da weiter kommen würde. Sie durfte nicht lange war⸗ ten. Einige Augenblicke darauf wurde das Hofgit⸗ terthor geöffnet, Stein trat ein und ging ganz un⸗ genirt ins Haus. — Nun, Gottlob! jetzt habe ich ihn denn mit meinen eigenen Augen hineingehen ſehen, den Verfüh⸗ rer— und ich, die ich glaubte, daß es Harald ſei, in welchen Urda verliebt ſei! nein, jetzt ſoll Vetter Fabian über die Sache ins Klare kommen. Aber wollen denn die beiden Mädchen ſich mit dem langen Doctor verheirathen?— dachte Barbro weiter, als in demſelben Augenblick Calla in den Hof eintrat und ins Haus ging. — Herr Jemine, das war doch etwas tolles Zeug, was Calla ſchrieb, als ſie begann, ihren Plunder zu ſchreiben. Barbro dachte eine Weile nach, worauf ſie hin⸗ zufügte: — Nein, das Beſte iſt, daß ich mich erſt mit Erland berathſchlage; er iſt Pfarrer und wird klar in der Sache ſehen können, das heißt, in ſo fern es Calla oder Urda gilt. Damit machte Barbro ſich auf den Weg nach der Pfarrwohnung. Die Nacht breitete ihren Schleier über die Na⸗ tur aus. Alles auf Nytorp war ſtill und ruhig. Nichts deutete an, daß innerhalb der Mauern deſ⸗ ſelben irgend Jemand wachte, und doch ſtand auf 121 dem Hofe eine dunkle Menſchengeſtalt hinter einer großen Eiche und hatte den Blick unverwandt auf den Eingang gerichtet. In dieſem Blick brannte eine unheilverkündende Flamme, welche die Mauern des Hauſes durchdrin⸗ gen zu wollen ſchien. Bevor wir weiter gehen, iſt es nothwendig zu erwähnen, daß der Hof von Nytorp ſich bis zum Strome hinunter ausdehnte und daß das Haus auf einem kleinen Hügel nur einige Schritte vom Strande lag, ſo daß man vom Eingang des Wohn⸗ hauſes nur ein paar Schritte bis zum Meere hatte. Der Baum, an welchem die ſpionirende Figur ſtand, befand ſich am Meeresſtrande ſo nahe der See, daß ein Theil des Stammes davon beſpült wurde. Plötzich wurde die Stille im Gebäude unter⸗ brochen. Man hörte Tritte auf der Treppe, und gleich darauf wurde die eine Flurthüre geöffnet. Auf die Staffeln trat erſt Calla und dann Stein. Beide blieben ſtehen und Calla äußerte: — So glücklich und froh, wie ich mich heute Abend fühle, habe ich mich lange nicht gefühlt. Du haſt mir die Hoffnung wiedergegeben, noch einmal die Freude in meiner Familie blühen zu ſehen. Stein ergriff Calla's Hand, führte ſie an ſeine Lippen und ſagte: — Glaubſt Du denn, daß ich minder glück⸗ lich bin. — Ich habe Deine Freude in jedem Zuge Dei⸗ nes Geſichtes geleſen,— antwortete Calla,— aber entferne Dich jetzt; irgend ein vorübergehender nächt⸗ Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. M. 122 licher Wanderer könnte Dich erblicken— indeſſen iſt es noch zu früh, unſer Geheimniß zu entdecken. Man hat bereits ſo viel von Urda geſchwatzt, und ſie darf wegen ihrer Freundſchaft und ihres Edel⸗ muths nicht leiden. Calla nickte Stein freundlich zu, welcher fragte: — Gehſt Du jetzt nicht heim? — Nein, nicht vor morgen früh. Stein nahm ſeine Mütze ab, küßte noch einmal Calla's Hand und entfernte ſich. Calla blieb ſtehen, bis er nicht mehr ſichtbar war, dann wandte ſie ſich, um hineinzugehen, fühlte aber in demſelben Augenblick, wie ihr Arm heftig gefaßt wurde und eine zitternde Stimme flüſterte: — Warte einen Augenblick, Du treuloſe Wort⸗ brüchige! Calla drehte ſich erſchrocken um und heftete ihren Blick auf ein todtenbleiches Geſicht mit ein Paar Augen, welche das junge Mädchen verzehren zu wollen ſchienen. Sie rief ängſtlich: — Erland! — Ja, Erland!— der verrathene, betrogene Erland,— wiederholte er mit düſterer Stimme. Darauf fügte er mit bitterer Ironie hinzu; — Es wäre Unrecht, Urda bloßzuſtellen, welche Dir ſo viele Freundſchaft erweist; folge mir deß⸗ halb, unſere Rechnung iſt bald abgemacht. Er ſchleppte ſie mit ſich hinunter nach dem Strande. Dort ſtellte er ſich vor ſie hin, kreuzte ſeine Arme und wiederholte mit einem furchtbaren Ausdruck: 123 — Das Leben, welches Du gerettet, wird Dei⸗ nem Glück und Deinem Wohl gewidmet— war es nicht ſo, daß Du mich einſt verſicherteſt? Und Du ſtehſt noch aufgerichtet vor mir, den Du ſo niedrig verrathen!— rief er und ergriff Calla's beide Arme. — Auf die Kniee, Sünderin! weißt Du denn nicht, daß ich in dieſem Augenblick Dein Richter bin? Erwarte von mir keine Schonung. — Erland,— ſagte Calla, welche, obgleich er ſie auf ihre Kniee herabdrücken wollte, mit empor⸗ gehobenem Haupte ſtehen blieb;— Erland, höre mich an; ich verdiene nicht, daß Du ſo zu mir ſprichſt, Alles iſt ein Mißverſtändniß. — Ein Mißverſtändniß!— wiederholte Erland mit einem wilden Lachen;— ein Mißverſtändniß das, was ich ſelbſt geſehen und gehört habe? Glaube nicht, daß Du mich noch einmal betrügen kannſt; glaube nicht, daß Deine falſchen Worte mich bewegen können, an dem zu zweifeln, was ich mit meinen eigenen Augen geſehen.— Schweige!— 3 er in entſetzlichem Zorne und ſchüttelte ihre rme. — Höre, was ich Dir zu ſagen habe, und bettle dann um Schonung, wenn Dein Gewiſſen Dir zu⸗ flüſtert, daß in meiner Bruſt keine Schonung vorhan⸗ den ſein kann.— Verſtehſt Du? Bevor ich Dich ſah, war mein Herz rein, meine Träume voll von Idea⸗ len und frei von allen elenden irdiſchen Begierden. — Ich ſah Dich; ich glaubte, in Dir alles Schöne, von dem ich geträumt, wiedergefunden zu haben; ich liebte Dich. 124 Aber nicht genug damit, ich theilte mein Herz, welches früher Gott allein gehört, zwiſchen Dir und ihm; ich wurde ein Heuchler, welcher gegen die Lei⸗ denſchaften der Welt ſprach, während ich ſelbſt ein Sklave meiner eigenen war. Ich wurde ein feiger Betrüger, welcher, nachdem ich Harald das Geſtänd⸗ niß ſeiner Liebe zu Dir entlockt hatte,(bei dieſen Worten bebte Calla) doch nicht den Muth beſaß, Dich an ihn abzutreten. Statt ein würdiger Diener des Herrn zu ſein, wurde ich ein verächtlicher Menſch und meiner geiſt⸗ lichen Tracht unwürdig. Und dieſes Alles durch Dich. Du zitterſt, Du findeſt, daß ich nicht anders kann, als Dich für das grenzenloſe Unrecht, das Du mir gethan, zu ſtrafen. Du ſtürzteſt herab von Deinem Standpunkt als Ideal, und ich flüchtete mit meinem unheilbar ver⸗ wundeten Herzen. Ich wollte mich durch Reue mit Gott verſöhnen, Du brachteſt mich aber wieder von meinen Vorſätzen ab. Ich wollte mich Dir nähern, ich wollte Dich zum Rechten zurückführen; ich wollte Dich zu einem guten Weibe bilden und, wenn ich wieder den Glauben an Dich erlangt, meine Liebe opfern und zu Harald ſagen: Einmal wollte ich Dir Dein Glück rauben, jetzt gebe ich Dir daſſelbe in veredelter Geſtalt zu⸗ rück.(Wieder zuckte ein Beben durch Calla's ganzes Weſen.) Ach! ſo träumte ich und hoffte, dadurch das, was ich verbrochen, zu ſühnen; aber Deine Gewalt über mein Herz kam wieder; Du herrſchteſt über alle meine Gefühle, Du wurdeſt wieder die Kette, 125 die mich zum Sklaven des Egoismus machte und bewirkte, daß es mir an Kraft fehlte, zu entſagen — und noch einmal verurtheilte ich Harald, Deines Beſitzes verluſtig zu werden. Begreifſt Du, daß ich durch Dich zum zweiten Male ein niedriger und ſchwacher Menſch geworden bin, der unfähig iſt, ſich zu einer edeln Aufopferung zu erheben? Er zerdrückte Calla's Hände mit einem Ausdruck von Raſerei. — Nun gut, begreifſt Du, daß, ſo lange ich mich noch damit tröſten konnte, daß die Schwäche, die mich beherrſchte, nicht einem unwürdigen Gegenſtande zugewendet war, ich dieſelbe ertragen konnte; aber in dieſem Augenblick, wo ich ein verächtliches Weib vor mir habe, das geiſtige Erniedrigung über mich gebracht, ſage ich zu Dir: Du ſollſt mit mir von der Erde verſchwinden. Ich will nicht leben, nachdem ich mir bewußt geworden, durch die Liebe zu einem leichtſinnigen Weibe den moraliſchen Werth, den ich beſaß, verloren zu haben; ich will nicht mehr auf meiner Wande⸗ rung durch's Leben meiner verkörperten Schande be⸗ gegnen. Dieſes Weib darf nicht leben, um ſich zu erinnern, daß ich, ein Geiſtlicher, mich ſo tief er⸗ niedrigt habe, daß ich es liebte;— darum ſollſt Du mit mir ſterben. Verſtehſt Du? ſterben, während Du das Leben liebſt, ſterben, während meine Verwünſchungen in Deinen Ohren wiederhallen.— Blicke dorthin, dort iſt Dein Grab. 126 Er ſtreckte die Hand gegen die dunkle Waſſer⸗ fläche aus. Calla, welche ihn mit Entſetzen betrachtete, ſah aus dem wilden Ausdruck ſeines Geſichts, daß er unter dem Einfluß einer ſo ſtarken Gemüthsbewe⸗ gung ſtand, daß dieſelbe dem Wahnſinn glich. Sie begriff auch, daß es mit ihnen Beiden zu Ende ſei, wenn es ihr nicht gelinge, ihn zu bewegen. Ach! wenn man zwanzig Jahre alt iſt, will man nicht gern ſterben. Sie warf ſich darum auf die Kniee und rief ängſtlich: — Erland! um Gottes willen, höre mich an, ich bin unſchuldig, laß mich mich rechtfertigen! — Ah!ljetzt bettelſt Du im Staube. Ich verſtehe, Du willſt leben, nicht wahr?— Du wrillſt Deine verbrecheriſche Liebe genießen; aber das ſollſt Du nicht— Du ſollſt ſie mit Deinem Tode ſühnen. In heftigem Zorne faßte er das junge Mädchen um den Leib und hob es mit einer Bewegung in die Höhe, als wenn er es in das kalte, naſſe Grab hätte ſchleudern wollen. Calla ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus und in demſelben Augenblick legte ſich eine Hand auf des aufgeregten Erlands Schulter; und in einem zu gleicher Zeit milden, traurigen, ängſtlichen und ernſthaften Tone rief eine Stimme: — Wer iſt der Mann, der hier unter Gottes ſternenklarem Himmel ſich für berechtigt hält, Rich⸗ ter und Henker zu ſein?— Es kann nicht einer von Seinen Dienern ſein, welcher geſandt wurde, um hier auf der Erde die Lehre der Verſöhnung zu predigen. 127 Ein Ausruf, der mehr einem Schrei glich, ent⸗ fiel Erland bei dieſen Worten, welche die empfind⸗ lichſte Saite in ſeiner Seele anſchlugen. Er ließ Calla los und wandte ſich an denjeni⸗ gen, deſſen Hand auf ſeiner Schulter ruhte; und vor ihm ſtand ein iunges Weib, welches ſo blaß war, daß es dem Schatten eines Todten ähnlich ſah. — Urda!— ſtammelte Erland düſter und fügte dann heftig hinzu: — Die Mitſchuldige! — Wer iſt hier ſchuldig?— fragte Urda mit Würde und einem Ausdruck der Kälte in den blei⸗ chen Zügen. — Run, derjenige, welcher in einem Anfall wil⸗ der Eiferſucht ſich zum Richter über Jemanden auf⸗ werfen will, ohne ihn zuerſt zu hören.— Derje⸗ nige, welcher unter dem Einfluß ſeiner zügelloſen Gefühle ſich zum Henker erniedrigen will, er iſt der einzige Schuldige unter uns, und der Beweis dafür, daß er allein es iſt, findet ſich bei mir im Hauſe. Folge uns, ſofern noch ein Funken menſchlichen Gefühls in Deiner Bruſt wohnt, und mögeſt Du nachher über Calla und mich richten, oder richtiger: möge Calla dann über Dich richten. Es lag etwas Befehlendes in Urda's Weſen. Ohne Antwort abzuwarten, faßte ſie Calla's zit⸗ ternde Hand und ſagte: — Komm!. Langſam, mit zögernden Schritten folgte Erland. Was er darinnen fand, wollen wir erſt weiter unten mittheilen. Wir finden ihn eine halbe Stunde darauf vor 128 Calla auf den Knieen und ſie mit aufgeregter Stimme anflehend: Ein Wort des Erbarmens an denjenigen, welcher nur durch eine lange Buße ſich von ſeinem eigenen Gewiſſen Verzeihung erkaufen kann. — Erland, Alles iſt vergeſſen und Alles iſt ver⸗ ziehen,— flüſterte Calla traurig. — Dank! Er ſchluchzte wie ein Kind. Nachdem die erſten Schmerzensanfälle ſich gelegt hatten, ſtand Erland ergriff Calla's Hand und ſagte in bittendem Tone: — Iſt es Liebe oder Güte, die Dir es möglich machte, zu vergeben?— O! Calla, ich beſchwöre Dich bei dem Namen deſſen, welcher über uns rich⸗ ten wird, antworte mir in dieſem Augenblick auf⸗ richtig.— Ich, der unter der Laſt meiner Fehler Zermalmte, bettle Dich darum. Calla reichte ihm mit thränenfeuchten Blicken die Hand. — Es iſt nicht Liebe, ſondern das Gefühl mei⸗ nes Herzens, das nicht anders kann, als jedes mir angethane Unrecht zu verzeihen, beſonders wenn es von Dir ausgeht, der mein Leben gerettet. — Dank! Er führte wieder Calla's Hände an ſeine Lip⸗ pen, während ein einem Schluchzen ähnlicher Seuf⸗ zer ſich ſeiner Bruſt entwand. — Du biſt frei, Calla, ich gebe Dir Dein Ver⸗ ſprechen wieder. Gott hat mich mit Recht für des Glücks unwürdig gehalten, von Dir geliebt zu wer⸗ den und Dich als Gattin zu beſitzen. 129 Er ſank, von Schmerz vernichtet, auf einen Stuhl hin. Calla ſprach mild, verſöhnend und tröſtend. Das erfüllte ſeine Seele mit einem eigenen ſchmerzlichen Gefühl. Sie, welche er einige Augenblicke vorher unge⸗ rechter Weiſe verurtheilt hatte, ſie ſuchte jetzt ihm Troſt zu bringen und ihn mit ſeinem Gewiſſen zu verſöhnen. Es war vielleicht einer der lehrreichſten und bit⸗ terſten Augenblicke für den jungen Pfarrer. Dieſes Mädchen, von welchem er in den letzten Jahren geglaubt hatte, daß es ſo ſehr unter ihm ſtände, lehrte ihn jetzt, wie der Menſch vergeſſen und vergeben muß. Als Erland endlich etwas ruhiger wurde, ſagte er: — Eine lette Bitte, Calla: Laſſe Harald noch nicht wiſſen, daß Du frei biſt. O! gönne mir die Freude, den Troſt auf meiner traurigen Pilger⸗ fahrt, den Glauben an ſeine Redlichkeit mit mir zu führen. Verſprich mir, ihm kein Wort zu ſagen. — Das verſpreche ich,— antwortete Calla und reichte ihm die Hand, worauf ſie in das blaue Zim⸗ mer hineinging. Erland blieb mit düſterem Blicke und gedanken⸗ voller Stirne ſtehen. Man konnte es ihm anſehen, daß eine entſetz⸗ liche Umwälzung in ſeiner Seele ſtattgefunden und daß dieſe Umwälzung nur bittere Qualen hinter⸗ laſſen, die Thränen der Scham, der Reue und der Verzweiflung herporpreßten. 130 Der geiſtliche Hochmuth war zermalmt, und er fühlte ſich im Bewußtſein ſeiner eigenen Schwäche niedergebeugt. Eine leichte Hand berührte ihn und eine Stimme, ſo traurig wie ſein eigenes Innere, flüſterte: — Erland, Du mußt Dich entfernen. Erland fuhr mit der Hand über die Stirne; ohne ſich an diejenige zu wenden, welche ihn ange⸗ redet, antwortete er: — Dank, Urda, ich werde ſofort gehen. Indem er ſich umwandte und ihre Hand ergriff, fügte er hinzu: — Du haſt meine Seele gerettet; ich werde mich ewig Deiner als meines Schutzengels er⸗ innern. — Nein, nicht ſo, denke nur an mich als an eine ergebene Freundin, welche die gräßlichen Ereig⸗ Si dieſer Nacht aus ihrem Gedächtniſſe auslöſchen wird. — Und Du verachteſt mich nicht? — Nein, Erland, ich beklage Dich und bin Dir zugethan. Erland drückte Urda's Hand und entfernte ſich. — Was, zum Teufel, ſagt Sie, Barbro?— rief der Capitain Morgens, nachdem er die Mitthei⸗ lung der Barbro angehört;— ſollte der Doktor⸗ ſchlingel ſich allein an Bord bei meinem Mädchen wagen? — Lieber Vetter, ich ſage nicht, daß es Urda's 131 wegen iſt,— ſiel Barbro ein,— ich ſage nur, daß er Abends nach Nytorp geht, daß ich ihn da⸗ hin habe gehen ſehen, daß alle Nachbarn davon ſprechen und daß Vetter ſich in die Sache miſchen muß. Das Allerrichtigſte wäre, daß Vetter ſich ver⸗ heirathete, denn dann käme Urda unter die Aufſicht einer verſtändigen Mutter. — Will Sie das Deck von Ihrem verdammten Heirathsgeſchwätz rein ſpülen, oder ich laſſe Sie über Bord werfen. Schicke ſofort nach Nytorp nach dem Mädchen; ich will ſie, hol' mich der Teufel, wiſſen laſſen, daß ich all' des Schimpfes und der Schande ſatt bin, die ſie über mich bringt.— Nun, warum geht Sie nicht? Barbro ging und der Capitain ſchickte nach dem Doktor und ließ ihn bitten, zu ihm heraufzukommen, erhielt aber zur Antwort, daß der Doktor auf einen Krankenbeſuch verreist ſei. Der Auftritt zwiſchen Urda und dem Vater war ſtürmiſch, aber Urda's halsſtarrige Natur forderte ihr Recht. Sie betheuerte und verſicherte, daß es nicht ihretwegen ſei, daß der Doktor Nytorp beſuche, gab aber doch dem Vater keine andere Erklärung. Der Capitain drohte, der Calla den Text zu le⸗ ſen; da wurde aber Urda heftig; und es iſt unge⸗ wiß, wie Alles geendet hätte, wenn nicht Haralds Wagen in demſeiben Augenblick in den Hof herein⸗ gefahren wäre. Der Capitain hatte am Abend vorher einen Bo⸗ ten an Harald geſchickt; es war nemlich ein Brief an beide Brüder angekommen, in welchem ihnen mitgetheilt wurde, daß ein Onkel, welcher in Eng⸗ 132 land als unverheiratheter Mann anſäßig geweſen, dort geſtorben ſei und ein bedeutendes Vermögen hinterlaſſen habe, welches den Gebrüdern Archn, als den einzigen Erben, die er beſaß, zugefallen wäre. Es war auch nach Erland geſchickt worden, daß er ſich beim Onkel einfinden ſolle; er hatte aber durch ein Billet melden laſſen, daß er ſich nicht wohl befände und ſich deshalb nicht einfinden könne. Bei Haralds Ankunft wurde man eine Weile durch dieſe wichtigen Angelegenheiten in Anſpruch genommen; aber nachdem dieſes geſchehen und der Capitain gerade ſeine Klage anfangen wollte, fuhr der Fabrikbeſitzer D— vor das Wohnhaus. Er kam, um als Freund Bruder Werner da⸗ von in Kenntniß zu ſetzen, daß Urda und Calla auf Nytorp zu ſo vielem Geſchwätz und ſo vielen Ver⸗ muthungen Anlaß gäben, daß er(der Fabrikbeſitzer) wegen des ſchlechten Beiſpiels, welches ein ſolches Betragen der Jugend der Gegend ꝛc. gäbe, mit Schmerz den Capitain bitten müſſe, der Sache ein Ende zu machen. Er hätte ſelbſt, als er dieſen Morgen um drei Uhr von einer Reiſe zurückkehrte, Erland von dort ſich wegſchleichen ſehen, und ſeine Frau wußte, daß der Doktor jeden Abend dort Beſuche abſtatte. Der Fabrikherr ſchloß ſeine Rede mit dieſen Worten: — Du wirſt ſelbſt finden, Bruder, daß, da die allgemeine Aufmerkſamkeit ſeit mehreren Jahren auf das anſtößige Betragen Deiner Tochter und Calla Milner's freie Ideen gerichtet geweſen iſt, man ge⸗ fürchtet hat, daß ſie Veranlaſſung zum Skandal 133 geben werden, und deshalb die Augen auf ſie ge⸗ richtet gehabt hat. Der Capitain brüllte wie ein Löwe.— Harald aber ſagte in ernſtem und beſtimmtem Tone: — Alles das da klingt wirklich ſehr ſchlimm; ich kann jedoch auf Ehre und Gewiſſen verſichern, daß es trotzdem weiter nichts als der Schein iſt, der gegen die Mädchen ſpricht. — Der Schein, der Schein,— rief der Fabrik⸗ beſitzer mit einem höhniſchen Lachen,— der Schein, wenn man mit ſeinen eigenen Augen ſieht. — Das werde ich gieich erklären. Auf Nytorp befindet ſich eine Kranke. Ich bitte Onkel D—, ver⸗ ſichert zu ſein, daß ich jetzt von einer Sache ſpreche, die ich vollkommen kenne. Zu dieſer Kranken kommt der Doktor. Wahrſcheinlich galt auch Erlands Be⸗ ſuch derſelben Perſon. — Und wer ſollte denn die Kranke ſein, mein Junge,— fragte der Fabrikherr. — Ein junges Mädchen, deſſen Freundinnen Urda und Calla ſind, mit deren Krankheit ſie aber die Eltern nicht haben betrüben wollen; ſondern Urda hat gewünſcht, ſie geſund und glücklich ihren Verwandten wieder ſchenken zu können. Ich meine, daß das ein hübſcher Zug von Urda iſt, der eher Lob als Tadel verdient. — Was, zum Henker, ſchwatzeſt Du?— fiel der Capitain ein, welcher in ſeinem Zorne im Zimmer eher herumſprang, als auf und abging. — Lieber Bruder Werner, Du begreifſt doch, daß Harald, der Dir Alles zu danken hat, und auch 134 in der Zukunft auf Dich rechnen zu können hofft, als Vertheidiger Deiner Tochter auftreten wird. — Hat er nur mich, auf den er rechnen kann? — ſchrie der Capitain und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch. — Du willſt alſo behaupten, daß der Junge ein Augendiener iſt, begreife ich; aber Du täuſcheſt Dich, er iſt reicher, als ich. Der Capitain ſchleuderte den Brief dem Fabrik⸗ herrn zu. Es entſtand eine Pauſe, während welcher Harald den letzteren betrachtete und der Capitain einen Sturmmarſch auf den Tiſch trommelte. Als der Fabrikherr mit dem Leſen zu Ende war, trat er auf Harald zu, beglückwünſchte ihn aufs Verbindlichſte und verſicherte ihn ſeiner Achtung und Freundſchaft. — Wenn Onkel es erlaubt, ſo laſſen Sie uns auf das Geſpräch von Nytorp zurückkommen.— Ich erſuche Onkel, Ihrer Familie die Mittheilung zu machen, daß Alles, was man von Calla und Urda ſagt, Verläumdung iſt, oder richtiger, daß der Schein das allgemeine Urtheil irregeleitet hat, und daß es eine dritte Perſon gibt, um deren willen der Doktor jenen Ort beſucht hat. Ich bitte um ſo viel mehr darum, weil Erkand um Calla's Hand angehalten hat, und ich heute Urda die meinige an⸗ zubieten beabſichtigte. Der Fabrikherr D— ſtarrte Harald an, und der Capitain rief: — Harald, mein Junge, was zum Teufel ſagſt Du? 135 Darauf ſchloß er den Schweſterſohn ſo heftig in ſeine Arme, daß er ihn beinahe erſtickt hätte. Als der Fabrikherr abgereist war, wollte der Capitain zu der auf ihrem Zimmer eingeſchloſſenen Urda hineinſtürzen und ſie davon in Kenntniß ſetzen, daß ſie Braut geworden; Harald hielt ihn aber zurück, und erbat ſich, ſelbſt vorher mit Urda ſpre⸗ chen zu dürfen. Dann ging er zu ihr hinauf. Wir theilen das Geſpräch zwiſchen den beiden Geſchwiſterkindern nicht mit, ſondern erwähnen nur, daß Urda Harald von dem nächtlichen Auftritt mit Erland in Kenntniß ſetzte. Als Harald Urda verließ, nahm er ſeinen Weg nach der Pfarrwohnung, um mit dem Bruder wegen der Erbſchaft zu ſprechen und um zu ſehen, wie er nach den Gemüthserſchütterungen, die er durchge⸗ macht, ſich befände. Calla war nach dem nächtlichen Auftritt mit einem von tauſend Qualen erfüllten Herzen nach Björnbo zurückgekehrt. Calla war aber nicht eine von jenen ſchwachen Seelen, die ihre Umgebung oder Diejenigen, welche ſie liebte, mit ihren Sorgen plagte. Sie fand ſich deshalb, freilich etwas bleich, aber mit ruhiger Miene beim Frühſtück ein. Milner war zerſtreut und ſtellte einige Fragen an ſie in Beziehung auf das, was ſie am vorher⸗ gehenden Abend in Nytorp gethan. 136 Calla ging auf den Vater zu und ſagte mit der ihr eigenen einnehmenden Anmuth: — Geliebter Papa, in einer Woche werde ich Dir antworten; mißtraue nur bis dahin Deiner Calla nicht. Glaube, daß ſie ſich nie Etwas kann zu Schulden kommen laſſen, was erniedrigend iſt. Der Vater blickte tief in die reinen, unſchuldi⸗ gen Augen der Tochter, küßte ihre Stirne und ſagte: — Kind, Du kannſt nicht wollen, daß Du mich mit Schande und Schimpf bedeckſt.— Ach! wenn ich auch ohne Schmerz an Eliſe denken könnte! Nachmittags war Frau Milner im Begriff, in Calla's Geſellſchaft Kaffee zu trinken, während ſie ſeufzend und ſtöhnend ihre Klagen über den Brand in Kollinge, über Eliſe ꝛc. ausſprach. Mitten unter dieſen traurigen Ereigniſſen öffnete Barbro die Thüre und trat ein. — Herr Du mein Gott, liebe Barbro, wie viel Kummer wir doch jetzt haben, bevor wir die Häuſer wieder aufgebaut und wieder Alles angeſchafft ha⸗ ben, wie es ſein ſoll,— ſeufzte Frau Milner. — Oh, es iſt nicht der Mühe werth von dem Schnee zu ſprechen, der im vorigen Jahre fiel; es wird ſchon wieder gut werden, wenn es auch augen⸗ blicklich etwas traurig iſt,— ſagte Barbro heiter; und jetzt fing ſie an zu erzählen, daß die Jungen, wie ſie Harald und Erland nannte, eine ſo ſchreck⸗ lich große Erbſchaft gemacht, daß ſie das ganze Kirchſpiel kaufen könnten. Nach allen O! Ach! mein Gott! von Seiten der Frau Milner und Calla's, hob Barbro wieder an: — Aber ſehet mal, das iſt noch nicht Alles, 137 was ich zu berichten habe; wir haben außerdem noch ein kleines Geheimniß. Jetzt ſchielte Barbro nach Frau Milner und Calla;— und das betrifft eine Sache, die wohl dem Geſchwatz und den Emanſirungs⸗ oder Chap⸗ pirungs⸗Ideen Urda's wie auch ſo vielem Anderen, ſich auf Nytorp zugetragen, ein Ende machen wird. — Nun, was iſt es denn? fragte Frau Milner. Harald hat um Urda angehalten und ſie wer⸗ den wohl bald Ringe wechſeln, und——— Barbro wurde von Calla unterbrochen, welche bei dieſen Worten ſich heftig erhob und dann mit todtenbleichen Wangen und farbloſen Lippen plötz⸗ lich in ihren Stuhl zurückſank. — Herr Du mein Gott, Mädchen, was fehlt Dir? Um Alles in der Welt, ſteht die Sache ſo,— ſchrie Barbro, ſprang hin zu Calla und zerrte und ſchüttelte ſie ſo viel ſie konnte. Die Mutter eilte nach Eſſig; aber bevor ſie wieder kam, hatte Calla ſich erholt. — Wie ſteht es mit Dir?— fragte Barbro. — Es iſt jetzt wieder gut,— antwortete Calla, ohne mit einem Wort ihr Unwohlſein zu entſchuldi⸗ gen oder zu erklären. — Es war Dir vorher wohl; Du haſt mich ordentlich erſchreckt. — Laß uns nicht mehr davon ſprechen.— Was war es, das Tante ſagte? Sollen Urda und Harald ein Paar werden? — Ja, Harald hat heute Morgen um ſie an⸗ gehalten, und Vetter Fabian wurde ſo froh; aber— Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. II. 138 Barbro, welche Calla fixirte, hielt plötzlich mit dem Reſt inne, aus Furcht, daß ſie wieder in Ohn⸗ macht fallen möchte, ſo bleich wurde das arme Mädchen. — Aber?— wiederholte Calla. — Aber, noch weiß ich nicht, was Urda in der Sache beſchloſſen hat. Doch, nach der Freundſchaft und Vertraulichkeit zu urtheilen, welche ſie in letzter Zeit für einander gehegt, ſo——— — So iſt es keinem Zweifel unterworfen, wollte Tante ſagen. Ealn ſtand auf und fügte gerührt hinzu: — Glaubt Tante, daß——— Harald Urda liebt? Calla war ſo weiß, wie die Spitzen am Halſe ihres Kleides. — Ja, Du lieber Gott! Kind, gewiß glaube ich, daß er ſie liebt. Wir wollen jetzt ſehen, ob ſie ihn, oder irgend eine andere gewiſſe Perſon liebt. Barbro ſah ein wenig ſchlau aus. Ein tiefer Seufzer entwand ſich Calla's Bruſt, und ſie verließ, ohne ein Wort hinzuzufügen, das Zimmer. — Hm, hm, das Mädchen iſt gewiß verliebt in den Jungen. Und ich, die ich glaubte, ſie ſei es in den Doctor oder Erland! Hm, hm, wie ſoll ich das Alles verſtehen?— Des Doctors Beſuche auf Nytorp, der Aufenhalt der Mädchen dort— daß Vetter Fabian das Alles vergaß— Haralds Freierei— das Geheimniß der blauen Kammer— wo in aller Welt ſoll ich den Windfaden zu allen dieſen Ge⸗ heimniſſen erwiſchen?— Sie können einen armen Menſchen wirr im Kopf machen,— murmelte Barbro, 139 3. ſich über den Hof in das große Wohnhaus egab. Sie war in den Verſuch, dieſe Räthſel zu löſen, ſo vertieft, daß ſie nicht vor ſich hinblickte, ſondern gerade gegen Harald losging. — Hollah! Tante Barbro, was ſpricht Tante da mit ſich: vom Jungen, Erland, dem Doctor und der blauen Kammer? — Ja, Lieber, erſt wurde ſie leichenblaß, dann fiel ſie wie todt auf den Stuhl zurück, dann wachte ſie wieder auf und machte mir Fragen, dann wurde ſie wieder ſchneeweiß und dann ſcharlachroth, worauf ich meiner Wege ging.— Und ſiehſt Du, Alles das da beweist, daß ich recht habe zu glauben, daß ſie verliebt iſt. — GEs würde intereſſant ſein zu erfahren, von wem Tante ſpricht,— ſagte Harald lächelnd. — Von Calla, verſteht ſich. 3 — In wen iſt ſie verliebt? — In Dich, das iſt klar wie der Tag. Wären Barbros Augen auf Harald gerichtet ge⸗ weſen, dann würde ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach eine ganze Menge Muͤcken in den Kopf bekommen haben, ſo verändert wurde bei dieſen Worten ſein Aus⸗ ſehen; aber mit ziemlich ruhiger Stimme bemerkte er: — Irrthum, Tante Barbro. Erland iſt gerade im Begriff, um Callas Hand anzuhalten, und er hat ja bereits ihr Verſprechen. — Das iſt wohl nur aus Verdruß, daß ſie ihn nimmt, weil Du Urda heiratheſt. Ich weiß, was ich weiß, und mich führt man ſo leicht nicht an. Da⸗ mit ſetzte Barbro ihren Weg fort, ven ſ bei ſich 140 dachte: aber wenn Calla Erland und Urda Harald nimmt, was haben dann die Beſuche auf Nytorp zu bedeuten? Ach die blaue Kammer, die blaue Kammer! Wer da wüßte, was die enthält! Harald eilte mit raſchen Schritten nach dem Park, wo er die einſamſte Stelle aufſuchte. Daß in ſeiner Bruſt ein heftiger Kampf vor ſich ging, konnte man an dem wechſelnden Ausdruck in ſeinem Geſicht merken. Von Zeit zu Zeit murmelte er den Namen: Calla! Endlich brach er in Verzweiflung aus: — O Calla, Calla, warum kann mein Herz Dir nicht entfliehen! — Harald!— antwortete eine Stimme ganz nahe. Sie machte, daß er aufſprang. Vor ihm ſtand Calla. Sie war ſehr bleich. — Du verlobſt Dich mit Urda?— ſagte ſie langſam. — Ja! — Ich hatte ehemals die Ueberzeugung, daß Du Dir niemals Etwas erlauben würdeſt, was nicht recht ſei; aber ich finde jetzt, daß ich mich getäuſcht habe. — Wann und wo haſt Du mich im Widerſpruch mit dem, was Recht iſt, handeln ſehen? — Wenn Du Dich mit Urda verlobſt——— mit dem Mädchen, das Du nicht liebſt. — Und wer hat Dir geſagt, daß ich ſie nicht liebe? — Eine Stimme hier,— ſagte Calla mit mil⸗ der Traurigkeit und legte die Hand aufs Herz,— und Deine eigenen Worte ſo eben, wo Du Dich allein 141 glaubteſt,— fügte ſie erröthend und in gedämpftem Tone hinzu. Harald drückte die Hand über ſeine Augen, und es entſtand eine kurze Pauſe. Schließlich ſagte er ernſt und mit einem ſeelenvollen Ausdruck: — Die Stimme in Deinem Herzen und meine Worte, als ich allein war, haben Dich getäuſcht. — O Harald! das heißt zu weit gehen,— rief ſie;— und das nur deshalb, weil ich Schrift⸗ ſtellerin bin. — Nein, Calla.— Dieſes iſt in meinen Augen ein Fehler, aber derſelbe könnte trotzddem keine un⸗ überſteigliche Scheidewand zwiſchen uns werden.— Wenn ich Dich liebte, dann würde ich den Fehler vergeben, oder denſelben zu verbeſſern ſuchen; aber keine Liebe vermag diejenige niederzureißen, die uns trennt. — Und das iſt? — Die Liebe meines Bruders.— Von dem Augenblick an, wo er Dich liebte, von dem Augenblick an, wo ſein Glück von Deinem Beſitz abhängig war,——— von dem Augenblick an, wo mein Glück eine Quelle von Qualen für ihn werden würde, mußten meine Gefühle, wie ſie auch von Anfang an geweſen ſein mochten, eine andere Färbung annehmen.— Es ging um ſo viel leichter, als ich bei Dir einen Fehler entdeckte, in den ich bei einem Weibe mich nicht finden kann, an deſſen Seite ich mein Leben zubringen ſollte.— Daß ich unter ſolchen Verhältniſſen meine Blicke andeswo hinwandte, war ja natürlich; ich wollte geheilt werden. 142 — Und war es das?— Was enthielten denn Deine Worte, als Du Dich allein glaubteſt. — Einen Abſchiedsſeufzer der Erinnerung an die Gefühle, welche ich früher hegte. Jetzt auch ein Ab⸗ ſchiedswort! Du haſt im Laufe von zwei Jahren geſucht, Erland mit Deinen Lebensanſichten zu ver⸗ ſöhnen, und ihm damit zu gleicher Zeit die Hoff⸗ nung zurückgegeben. Du haſt ihn wieder träumen, ſich wieder in Deiner Nähe berauſchen laſſen,— er⸗ innere Dich, daß dieß ein Spiel iſt, das man nicht leichtſinnig erneuern darf. Du haſt ihm einmal geſagt: ſuche Dich in meine Denkweiſe hineinzuverſetzen, und ich werde Deine Begleiterin durchs Leben werden. Dann verwarf er das Anerbieten. Du hätteſt ihn ſeine Verachtung gegen Dich behalten laſſen müſſen, wenn es nicht Deine Abſicht geweſen, das zu halten, was Du verſprochen hatteſt. Er kehrte zu Dir zurück, Du thateſt Alles, um ihn dahinzubringen, daß er Deine Anſichten, Deine Ideen billigte, und Du haſt dadurch zum zweiten⸗ mal ſeine Liebe gewonnen, ihn in Illuſionen ge⸗ wiegt und neue Hoffnungen in ſeiner Seele er⸗ weckt, welche ſich bis zu einem ſolchen Grade ſteiger⸗ ten, daß ſie die Scene auf Nytorp hervorriefen, welche Urda mir mitgetheilt hat. Jetzt iſt es alſo Deine Pflicht, Calla, alles Das zu verwirklichen, was Du ihm zu hoffen er⸗ laubt haſt; und niemals werde ich es Dir verzeihen, wenn Du auch dießmal mit ſeinem Herzen ſpielſt. Werde ihm eine zärtliche Gattin und opfere ihm etwas von der Zeit, welche Du auf Deine literariſche 143 Beſchäftigung verſchwendeſt, und ich werde mit Dank⸗ parkeit an Diejenige denken, welche ich in meinen erſten Jugendjahren ſo hoch liebte. Harald faßte mit Heftigkeit Calla's Hand, küßte ſie und ſtürzte fort. Calla ſank in Thränen gebadet ins Gras. — O Gott! ich danke Dir!— ſtammelte eine Stimme hinter einem Baume; jetzt kann ich wieder an die Tugend der Menſchen glauben; denn ich habe geſehen, daß es Menſchen gibt, die hoch über mir ſtehen. Harald, Du redlicher, treuer Harald, wie viel beſſer biſt Du nicht, als ich! und doch für wie ge⸗ ring hielt ich Dich in meinem geiſtlichen Hochmuth! Erland lehnte ſich im Gefühle ſeines eigenen ge⸗ ringen Werthes und ſeiner Unvollkommenheit an den Baumſtamm. Nach einer Weile kehrte er, ohne daß Calla ihn geſehen, nach Björnbo zurück. Der junge Pfarrer öffnete die Saalthüre beim Onkel und trat, nachdem er einen forſchenden Blick um ſich geworfen, ein; er war gerade im Begriff wieder auszugehen, als er aus dem gewöhnlichen Geſellſchaftszimmer Haralds Stimme vernahm. Er näherte ſich der Thüre, blieb aber, als man ſeinen Namen nannte, ſtehen. — Aber ſage mir, Urda, was kann das für einen Einfluß auf Deinen Entſchluß haben, ob Er⸗ land ſich mit Calla verlobt, oder nicht? Laß uns vollkommen aufrichtig ſein. Ich ſagte 144 Dir bereits dieſen Vormittag, was Du zukünftig von mir als Mann zu erwarten haſt.— Ich habe Dich in meiner Seele leſen laſſen,— ſei Du ebenſo auf⸗ richtig gegen mich! — Nun gut, Harald, mein Freund, mein Bru⸗ der,— ſchluchzte Urda;— wenn Erland ſich mit Calla verlobt, nachdem er ſich ſo ſchwer gegen ſie vergangen hat, dann liebt Calla ihn ebenſo hoch, wie ich es thue; denn ich würde ihm Alles ver⸗ zeihen können;— und dann gibt es für mich keine Hoffnung auf Glück; dann kann ich mich gern der Freude meines Vaters opfern. — Aber nein!— rief Urda heftig,— ich will es nicht. Harald, laß uns Freunde bleiben und ſuche nicht aus den Bruchſtücken unſerer verſchieden⸗ artigen Gefühle Etwas zuſammenzufügen, denn es wird doch nie ein Ganzes werden. — Ja, Du haſt Recht, Urda, laß uns nicht mit einer Verbindung ſpielen, die nur auf Liebe geſtützt ſein muß. Ich bot Dir meine Hand, um Deinem Vater und Anderen klar zu beweiſen, daß Du von jedem Fleck, den man Deiner Ehre anheften wollte, frei wäreſt. In demſelben Augenblick trat Erland über die Schwelle. Er trat auf Urda zu und ſagte gerührt: — Verknüpfe mit dem Eedanken an mich nicht irgend eine Hoffnung; denn meine Hoffnung iſt nicht mehr von dieſer Welt. Calla iſt frei, ſie wird nie die Meinige werden, weil ich mich jedes irdiſchen Glücks unwürdig ge⸗ macht habe. Calla's Herz hat mir nie angehört, und das meinige gehört künftig Gott. 145 Schon morgen verlaſſe ich die Gegend, um bei dem Conſiſtorium die Erlaubniß auszuwirken, eine Miſſionsreiſe unternehmen zu dürfen. Es wird mir ein Troſt werden, die Erinnerung an Euch beide, die Ihr mich liebt, auf meiner langen Wanderung mitzunehmen. Erland ergriff Haralds und Urda's Hände, welche er mit tiefer Rührung drückte. folgenden Tage reiste der künftige Miſſio⸗ när ab. Eines Tages in der Woche darauf kam Calla hinein zu ihrem Vater, ſetzte ſich neben ihn, und, nachdem ſie ihn eine Weile forſchend betrachtet, ſagte ſie mild lächelnd: — Ich habe Dir etwas mitzutheilen; willſt Du mich anhören, Papa? — Wenn es nur nicht lang iſt,— antwortete der Vater, und blickte von ſeiner Arbeit auf;— ich muß in einer Stunde nach Kollinge gehen, um nach der Arbeit zu ſehen. — O nein, es wird nicht lange Zeit wegnehmen. Es war einmal ein junges Mädchen,— begann Calla mit einem unbeſchreiblich einnehmenden Aus⸗ druck in der Stimme,— welches gegen den Willen ſeiner Eltern Sängerin wurde. — Colla!— rief der Vater unwillig. — Unterbreche mich nicht,— bat Calla.— Der Vater verſtieß das arme Mädchen, welches drei Jahre von ſeinen Eltern getrennt zubrachte, ohne als Sänge⸗ — 146 rin Erfolg zu haben, ohne Freunde, welche ſie lieb⸗ ten, ohne Eltern, die ſie beſchützten, und nur von Menſchen umgeben, die eigennützige Abſichten auf ſie hatten. Unter dieſen letzteren befand ſich auch ein junger Sänger, welcher Liebe zu ihr gefaßt hatte; aber ſie wollte nicht ſeine Gattin werden, weil ſie ſeinem älteren Halbbruder ihr Herz geſchenkt. Hätte das arme Mädchen Jemand gehabt, auf den es ſich hätte ſtützen können, dann würde es nicht all der Ver⸗ folgung ausgeſetzt geweſen ſein, welche jetzt entſtand. Der Sänger, durch die beſtimmt ausgeſprochene abſchlägige Antwort erbittert und in ſeiner Eitelkeit verletzt, ſchwur Rache. Darauf verbreitete er nach und nach Gerüchte, welche für die Ehre des Mädchens verletzend waren; durch ſeine Intriguen gelang es ihm ſie in ein ſo zweideutiges Licht zu ſtellen, daß ſein Bruder, der ſie liebte, ſie für ſchuldig hielt, und um eine Stelle auf dem Lande einkam, welche er erhielt; und ſo reiste er von der Hauptſtadt ab, nachdem er in einem Briefe ihr Gelübde der Treue wieder zurück⸗ gegeben— ein Gelübde, welches er glaubte, daß ſie es auf eine treuloſe und niedrige Weiſe gebrochen hätte. In ihrem Herzen verletzt und ihrer Verzweiflung überlaſſen, glaubte die Arme nicht unglücklicher werden zu können. Aber ſie täuſchte ſich. Ihr Muſiklehrer, in deſſen Haus ſie wohnte, kam eines Tages und eröffnete ihr in ſcharfen Wor⸗ ten, daß ſie ſein Haus verlaſſen müſſe, weil ſie durch ihre Verbindung mit dem Sänger Anlaß zu einem Skandal gegeben, welcher ſeinen Töchtern ſchaden 147 könnte, wenn ſie noch länger in ſeinem Hauſe wohnte. Vergebens betheuerte ſie ihre Unſchuld, man glaubte ihr nicht. Er ließ ihr zwei Tage, ſich eine andere Wohnung zu verſchaffen. Unglücklich und ge⸗ demüthigt ergriff ſie jetzt die Feder, um an ihren Vater zu ſchreiben, aber gerade als ſie damit be⸗ ſchäftigt war, kam ein Brief vom Vater an. Dieſer Brief verkündete ihr, daß er von Stock⸗ holm aus Nachrichten über ſie erhalten, die ſeinen Namen befleckten, und er verbot ihr in Folge deſſen, ferner dieſen Namen zu tragen, und ſagte ihr, daß er ſie nicht mehr als ſeine Tochter betrachte; auch verbot er der Unglücklichen allen Briefwechſel mit ihren Verwandten, beſonders mit ihrer Schweſter. Die Bruſt des Mädchens, welche ſchon durch die Anſtrengungen auf der Bühne geſchwächt war, wurde durch dieſe ſich an einem Tage zuſammenhäufenden Sorgen ſo heftig angegriffen, daß ſie zwei Tage, nachdem ſie das Haus ihres Lehrers verlaſſen und in eine kleine Wohnung weit draußen auf einem der Inſeln eingezogen war, heftig erkrankte. Während mehrerer Wochen war ſie ſo krank, daß ihr Leben in Gefahr ſchwebte. Calla fuhr fort: Als ſie etwas beſſer wurde, ſchrieb ſie an eine Jugendfreundin in ihrem Heimathsort einen langen Brief, in welchem ſie Alles erwähnte, was ihr paſſirt war, ihre Liebe zum Arzte, die Verfolgungen des Sängers u. ſ. w. aber ohne den Namen des Er⸗ ſteren zu nennen. Sie bat die Jugendfreundin, zu verſuchen, Verz „. 148 zeihung bei dem Vater auszuwirken oder ihr Hülfe und Troſt zu bringen. Der Brief war nicht vollendet, aber die Frau, welche ſie pflegte, hatte hinzugefügt, daß die An⸗ ſtrengung des Schreibens in Verbindung mit der ſtarken Gemüthsbewegung, welcher ſie beim Gedanken an ihre Leiden unterworfen geweſen, ihr einen Rück⸗ fall von Fieber mit Phantaſiren zugezogen hätte; ſie bat deshalb darum, daß diejenige, an welche der Brief geſchrieben, zu ihrem Beiſtand herbeieilen möchte. An demſelben Tage, an welchem die Freundin dieſen Brief erhielt, war ſie bei den Eltern des Mädchens eingeladen und erfuhr durch einen Angriff auf ihre ungluckliche Freundin, daß der Bruder des Sängers der junge Arzt ſei, welcher jüngſt nach der Gegend gekommen war. Sie theilte ihm Alles mit, was ſie durch den Brief erfahren, und nachdem beide übereingekommen, gegen die Eltern nichts davon zu erwähnen, bevor die Kranke wieder hergeſtellt ſei, erklärte der Arzt, daß er ſofort nach Stockholm hinaufreiſen wollte, um ſeinen Fehler wieder gut zu machen und wo möglich das Leben des jungen Mädchens zu retten. Die Freundin beſchloß ebenfalls zu der Unglück⸗ lichen zu reiſen, aber ohne den Arzt Etwas davon wiſſen zu laſſen. Jeder reiste für ſich nach der Hauptſtadt. Dort angekommen fanden ſie das junge Mädchen an einer Gemüthskrankheit leidend, welche bereits bis zu einem ſolchen Grade überhand genommen, daß ſie ſie nicht wieder erkannte. Die Freundin brachte ſie, auf Anrathen des Arz⸗ 1, 1⸗ 1 149 tes, mit nach ihrem Gute, verbarg ſie dort und gab ſich der Bosheit der Menſchen preis, weil ſie nicht die durch Kummer und Mißgeſchick niederge⸗ beugten Eltern dadurch noch nehr betrüben wollte, daß ſie ihnen ſagte: Ihre Tochter iſt irrſinnig; be⸗ ſonders da der Arzt verſicherte, daß er ſie heilen zu tönnen glaubte. Dieſes gelang auch endlich. Sage, Papa, wie würdeſt Du an der Stelle des Vaters gegen die Tochter handeln, nach Allem, was ſie gelitten? Würdeſt Du nicht glauben, daß auch der Vater einen Fehler zu ſühnen hätte, weil er ſie ſo einſam und verlaſſen ſein ließ? — Calla, Calla! was haſt Du geſagt?— Iſt Eliſe irrſinnig geweſen?— hat ſie unſchuldig ſo viel gelitten?— ſtammelte Milner heftig aufgeregt und ergriff die Hand der Tochter. — Papa, geliebter Papa, Alles, was ich geſagt, iſt Wahrheit,— ſagte Calla mit Wärme. — Wo iſt ſie?— Iſt es Urda, die alles Das für mein unglückliches Kind gethan? — Ja, es iſt Urda, die verläumdete Urda. Laß uns jetzt Nytorp beſuchen, damit Deine reuevolle Tochter ſich durch Deine Verzeihung tröſten möge,— — flüſterte Calla mit Thränen in den Augen. — Ja, laß uns ſofort gehen,— ſtammelte Milner. Wir übergehen die Verſöhnung zwiſchen Voter m Tochter, die ſich leichter denken als beſchreiben äßt. Drei Monate nachher wurde die Hochzeit von Eliſe und Stein gefeiert, welcher nach dem Tode 150 des Diſtrictsarztes zu deſſen Nachfolger ernannt worden war. Er kaufte ein kleines Anweſen eine Meile von Kollinge, und ließ ſich dort mit ſeiner jungen Frau nieder, welche jetzt gar nicht ihre Stellung als Gat⸗ tin und gutes, häusliches Weib erniedrigend fand. An demſelben Morgen, an welchem die Neuver⸗ heiratheten nach ihrem Wohnſitze abgereiſt waren, erhielt Milner einen Brief, in welchem er davon in Kenntniß geſetzt wurde, daß zwei Handlungshäuſer, bei welchen er ſein eigentliches Vermögen ſtehen hatte, Concurs gemacht hätten, und dieſe Concurſe führten Milners Ruin mit ſich. Göran hatte die Schweſter und den Schwager begleitet und Calla ſtand am Saalfenſter des kleinen Hauſes auf Björnbo, welches die Familie noch be⸗ wohnte, als Milner, nachdem er den Brief geleſen, einen Verzweiflungsruf ausſtieß und auf einen Stuhl niederſank. — Mein Gott! Papa, was iſt es?— rief Calla erſchrocken und eilte hin zu ihrem Vater. — Leſe,— ſtammelte dieſer und reichte ihr den Brief. Calla wurde ſehr bleich, aber nicht ein Klagelaut kam über ihre Lippen; mit Ruhe und feſter Stimme ſagte ſie: — Wir ſind alſo ganz verarmt. 3 — Ja! 73 Sie ergriff die Hände des Vaters und ſagte mit tiefer Bewegung: — Laß uns deshalb den Muth nicht verlieren.— Jetzt, Papa, wirſt Du ſehen, ob Deine Calla Dich 151 liebt, ob Deine Kinder für ihre Eltern arbeiten wol⸗ len. Göran und ich werden Alles thun, um Deinen Kummer zu mildern— Papa, Gott verläßt nie Denjenigen, der ſich ſelbſt helfen will. Der tief betrübte Vater druͤckte die Tochter an ſein Herz. Seit den in dem Vorhergehenden geſchilderten Ereigniſſen waren wieder zwei Jahre verfloſſen. Vieles hatte ſich indeſſen verändert. Auf Björnbo dirigirte Harald nicht mehr; Göran hatte ſeine Stelle eingenommen. Auf Strömsfors reſidirte nicht mehr Frau D— als Fabrikbeſitzerin; der ſtattliche Beſitz war durch den Concurs des Fabrikherrn mit daraufgegangen und von Harald Aréhn gekauft worden. Kollinge war auch verkauft wordèn und Milner hatte für das Wenige, was ihm übrig blieb, nach⸗ dem ſeine Affairen geordnet waren, ein kleines An⸗ weſen, genannt Ed, in der Nähe von Björnbo ge⸗ kauft. Die Umwälzungen in ſeinen ökonomiſchen Verhältniſſen hatten ſeiner Frau das Leben gekoſtet. Auf Rytorp hatte Urda zur Erweiterung der Schule zwei hübſche Gebäude aufführen laſſen. Urda zeigte ſich nicht mehr in Mannskleidern, und wurde zwiſchen tauſend verſchiedenen Plänen hin- und hergezerrt. Sie wohnte fortwährend auf Nytorp, hatte dort ihre eigene Haushaltung und Bedienung, bebaute ſelbſt mit Hülfe eines Verwal⸗ ters das Feld, widmete ihre übrige Zeit der Schule, und gab keine Veranlaſſung mehr zum Geklatſch. Sie war auch nicht mehr das eigenſinnige und naſeweiſe junge Mädchen, das leicht aufbrauſte und ſich leicht wieder verſöhnen ließ. Ueber ihrem gan⸗ zen Weſen lag ein milder, denkender Ernſt. Sie ſchien ſich mit Eifer in ihre weiblichen und häuslichen Pflichten hineinleben zu wollen, während ſie zu gleicher Zeit ihre unruhige Seele in einem größeren Wirkungskreis zu beſchäftigen, und dadurch den Schmerz zu vergeſſen ſuchte, der ihr innewohnte. Sie trug jetzt wirklich in ihrer Weiſe dazu bei, ihr Geſchlecht zu emancipiren, ohne deshalb aufzu⸗ hören ein Weib zu ſein; ſie glaubte jetzt, daß dieſe Emancipation nicht darin beſtände, wie ein Mann gekleidet zu gehen und Cigarren zu rauchen, ſondern darin, daß ſie auf eine edle Weiſe ihre nach Beifall dürſtende Eitelkeit befriedigte, und in einem war⸗ men Intereſſe für das allgemein Nützliche. In ihrer ganzen kleinen Haushaltung herrſchte die ſtrengſte Ordnung, und über dem Ganzen ruhte ein Geiſt der Sorgfalt und Häuslichkeit, welcher ihr Haus zu einem höchſt angenehmen machte, wohin die Nachbarn gern kamen, um ſpäter erzählen zu können, was für ein tüchtiges und prächtiges Mäd⸗ chen Urda geworden, und wie ſie in Allem, was zur Landwirthſchaft gehörte, Beſcheid wußte. Aus ihrer Schule gingen Mädchen hervor, welche ſowohl das Schneider⸗, wie das Schuhmacherhand⸗ werk gelernt; Andere hatten ſich das Färben, das Bücherbinden u. ſ. w. angeeignet; lauter ſolche leichtere Handthierungen, welche ſich mit ihren ſchwa⸗ 153 chen Kräften vereinigen ließen, und welche ihnen ihr Auskommen verſchaffen konnten. Ein Theil hatte auf der andern Seite Gelegenheit bekommen, ſich in allen für ein Weib nützlichen Handarbeiten zu ver⸗ vollkommnen. Calla hatte mit bewunderungswürdigem Muthe die Laſt der ihr ungewohnten Armuth getragen. Die Feder wurde weggeworfen, und die Schrift⸗ ſtellerin beſchränkte ſich auf die ſchöne und einfache Rolle einer zärtlichen Tochter. Mit einer geiſtigen Spannkraft und einem Eifer, welcher von all den guten Anlagen Zeugniß gab, die auf dem Grunde von Calla's Herzen geſchlummert hatten, lebte ſie ſich hinein in die häuslichen Pflichten, welche während der Krankheit der Mutter und nach dem Tode der⸗ ſelben einzig und allein auf ihr ruhten. Sie richtete die Haushaltung ſo ſparſam als möglich ein, arbeitete ſelbſt, um weniger Dienſtleute halten zu müſſen, und hatte doch noch immer Zeit, dem Vater Geſellſchaft zu leiſten, wenn er, von Kum⸗ mer niedergedrückt und an Geiſt und Körper müde, von Acker und Wieſe heimkehrte. Wer war es dann, der mit lächelnden Lippen im Saale ſtand und ihm die Pfeife reichte, ihm laut vorlas oder mit ihren aufmunternden und liebreichen Worten die Wolken von ſeiner Stirne verſcheuchte? Es war Calla. Und wie geordnet, wie nett war jetzt nicht das kleine, dürftige Haus! Es ruhte über dem Ganzen ein Geiſt der Ppeſie und des Geſchmacks, welcher von Calla ausging. Sonntags beſuchten Eliſe und ihr Mann Ed, oder auch reiſten Milner und Calla zu ihnen hin⸗ Schwartz, Die Emancipations⸗Manie. II. 11 154 über, oder man traf ſich auf Björnbo oder bei Urda, oder bisweilen auch auf Strömsfors bei Harald. Von allem anderen Umgang hatte Milner ſich zurückgezogen, da ſeine Einkünfte ihm es nicht erlaubten, Freunde bei ſich zu ſehen, und Calla durch ihre kindliche Liebe ſeine Heimath verſchönerte und Freunde für ſein Wohlbefinden überflüſſig machte. Abends, wenn der Vater zur Ruhe gegangen war, und Calla ihre ihr lieben Pflichten erfüllt hatte, dann, wenn ſie auf ihrem Zimmer allein war, ließ ſie die Feder über das Papier eilen und ihre reiche Phantaſie, aller Bande ledig, ihre Flügel entfalten; aber dieſe hatte jetzt eine edlere und erhabnere Rich⸗ tung genommen. Calla war mit ſich ſelbſt in Harmonie gekom⸗ men und faßte ihre Pflichten als Weib auf eine klare Weiſe auf. Dieſe Beſchäftigung war ein Troſt für das edle Mädchen, welches mitten im Kampf mit ökonomiſcher Noth an einem Schmerz litt, welcher ſtill und nagend in ihrem Herzen wohnte. Von ferne, aber mit geſpanntem Intereſſe hatte Harald während dieſer zwei Jahre Calla beobachtet. Ihr Muth und ihre Gemüthskraft flößten ihm eine hohe Achtung ein, aber bisweilen bezweifelte er, ob es wirklich ſie war, die das Haus beſorgte. Er argwöhnte, daß es die alte⸗Annike ſei, be⸗ ſonders da drei kleine Schriften erſchienen waren, die freilich nicht Calla's Namen trugen; aber man nahm indeſſen allgemein an, daß ſie von ihr ſeien, obgleich ſie es ſelbſt läugnete. Harald ſchien Calla's ganzes Leben genau zu 155 erforſchen, gerade als wenn er gefürchtet hätte, daß ſein Herz ſein Urtheil hätte irreleiten können. Er liebte ſie, aber er zitterte vor dieſer Liebe, und zwi⸗ ſchen ihn und ſie ſtahl ſich immer Erlands düſteres und bleiches Geſicht. — Mein Glück würde, wenn Calla mich noch liebte, ſein Tod werden.— Nein, ich darf nicht an ſie denken,— rief Harald oft mit Schmerz, und dann warf er ſich mit ganzer Seele auf die Arbeit, um aller Weichlichkeit in ſeinen Gefühlen zu ent⸗ fliehen. Es war an einem Tage Ende April ganz früh Morgens; die Luft war noch kühl, obgleich klar. Ein leichter Reif glänzte auf den Feldern und die Sonne ſchien warm herab auf die Natur, welche nach und nach aus ihrem Winterſchlaf erwachen zu wollen ſchien. Auf der ſtattlichen Eingangstreppe vor dem Hauptgebäude auf Strömsfors ſtand Harald und ſprach mit dem Inſpector der Fabrik und einigen Arbei⸗ tern, als der raſche Trab von zwei Pferden von der Allee her ihn veranlaßte den Kopf umzuwenden. Auf einem großen, ſchwarzen Reitpferd ſaß ein Frauenzimmer, in einen dunkelgrünen tuchenen Reit⸗ anzug gekleidet und mit einem einfachen ſchwarzen Hut auf dem Kopfe. Sie wurde von einem älteren Bedienten ohne Livrée begleitet, welcher nur in einen ſauberen dunkelblauen Rock gekleidet war. — Ah! Urda,— rief Harald und 1 156 ging der Couſine entgegen, welche an der Treppe vorritt.— So früh ausgeritten, muntere Ama⸗ zone!— fügte er lächelnd hinzu. — Iſt das ſo auffallend, oder willſt Du, daß ich bis um zwölf Uhr ſchlafen ſoll, ſtatt den herrlichen Morgen zu genießen?— fragte Urda und hielt ihr Pferd an. — Darf ich Dir helfen?— fragte Harald und reichte ihr die Hand. — Nein, ich danke, ſo ſehr ich auch Amazone bin, ſo beabſichtige ich doch nicht einen Morgenbeſuch bei einem Junggeſellen zu machen,— ſagte Urda, welche ſehr aufgeräumt zu ſein ſchien,— aber ich wünſchte mit Dir zu ſprechen, und wollte Dich des⸗ halb fragen, ob Du mir nicht Geſellſchaft nach Björnbo leiſten willſt und dort frühſtücken. — Gern, aber Du mußt warten, bis mein Pferd geſattelt iſt. — Hat nichts zu bedeuten; ich reite ganz lang⸗ ſam voraus, und Du holſt mich leicht ein. Zehn Mi⸗ nuten darauf war Harald an der Seite der Couſine. — Nun, was iſt es?— fragte er;— hat Dein Verwalter den Reſpect vergeſſen? Iſt der neue Pflug untauglich? Hat die Viehkrankheit ſich auf Nytorp eingeſtellt, oder haſt Du von der Regierung eine Medaille für Deine Schule erhalten? — Nichts von alle dem.— Ich habe einen Brief erhalten von——— Urda hielt inne und lächelte. — Von der landwirthſchaftlichen Akademie, welche Dich zu ihrem Mitglied ernannt. — Von Erland. — 157 — Von Erland!— Du? Harald hielt ſein Pferd ſo heftig an, daß es ſtieg. — Ja, ich! Jetzt nahm Urda ihre alte naſeweiſe Miene an. — Es ſcheint Dich ſehr zu verwundern. — Ich geſtehe es. — Nun, mein Gott, warum das? Du und ich pflegen ja einander zu ſchreiben, wenn Du verreiſeſt, und ſo haben auch Erland und ich es gemacht. — Habt Ihr correſpondirt? — Ja, gewiß. — Und das haſt Du mir nicht geſagt? — Sollte ich vielleicht den Herrn Faobrikbeſitzer um Erlaubniß bitten? — Ja, in Deiner Eigenſchaft als Braut,— ſagte Harald lachend;— aber Scherz bei Seite, was ſchreibt Erland? — Daß man ihn unverzüglich hier erwarten kann, weil er an mich von Stockholm aus ſchreibt. Er bittet mich, Dich zu erſuchen, ihm Pferde und Wagen nach der Hauptſtadt zu ſchicken, falls Du nicht ſelbſt Zeit haſt, ihn zu holen. Seine Bruſt iſt ſo angegriffen, daß er nur kurze Tagreiſen machen ann. — Aber warum ſchrieb er nicht direct an mich? — Darum, weil er noch auf meinen letzten Brief Antwort ſchuldig war, und die Zeit es nicht erlaubte, an uns beide zu ſchreiben. — Es ſieht aus, als wenn Erland vor mir im⸗ mer Geheimniſſe haben müßte. Er hat in ſeinen Briefen nie ein Wort von dem Briefwechſel zwiſchen Euch erwähnt. 158 — Das war auch überflüſſig, muß ich Dir ſagen, weil derſelbe unter ſo eigenthümlichen Verhältniſſen entſtanden iſt, daß er ſtillſchweigen mußte. — Kann ich nicht dieſe Verhältniſſe erfahren. — Durchaus nicht. — Aber, Urda, bedenke, daß Du aufrichtig ſein mußt; denn Du und ich müſſen, dem Beſchluß un⸗ ſeres Onkels gemäß, doch ſchließlich Mann und Frau werden,— ſagte Harald ſcherzend. — Jawohl, das wirſt Du ſehen! — Ich Deine Frau werden?— Nein, ich danke, eher gehe ich noch einmal zur See,— ſagte Urda lachend.— Siehſt Du, ich will einen Mann haben, der in mich verliebt iſt, und den ich ſelbſt lieber als gern habe. — Nun, ich ſehe nicht ein, was Dich hindern könnte, in mich verliebt zu werden,— ſagte Harald. — Jawohl, da gibt es zwei Hinderniſſe: zu allererſt, biſt Du nicht verliebt in mich, und dann bin ich auch nicht verliebt in Dich, ſondern, wie Du Dich erinnern mußt, in eine andere Perſon. — Und jene andere Perſon hoffſt Du erobern zu können? Nehme Dich in Acht, Urda, Du weißt nicht, wie ein Schwärmer an ſeinen Neigungen feſt⸗ hängt. Ein ſolcher Menſch wechſelt, glaube ich, ſelten den Gegenſtand ſeiner Liebe,— ſagte Harald ernſt,— und wir wiſſen beide, wie Erland Calla geliebt. — Laß uns nicht die alten Erinnerungen wie⸗ der auffriſchen,— flüſterte Urda betrübt;— laß uns hoffen, ſelbſt wenn die Hoffnung uns täuſchen ſollte. 159 — Ja, laß uns hoffen,— ſagte Harald und fügte dann heiter hinzu: — Morgen fahre ich fort und hole unſeren Pfarrer. Harald und Urda blieben den ganzen Tag auf Björnbo. Nachdem man zu Mittag geſpeiſt, ſagte Göran zu Harald: — Reiteſt Du nicht hinüber nach Ed, für den Fall, daß die da zu Hauſe irgend einen Auftrag hätten, mit dem ſie Dich bemühen wollten, da Du nach der Hauptſtadt reiſeſt. — Du haſt Recht; ich werde es thun; fährſt Du mit? — Nein, ich habe keine Zeit. Abends galoppirte Haralds Pferd hinein in den Hof von Ed. In dem kleinen Saal ſtand Calla damit beſchäf⸗ tigt reine Wäſche zu zählen. Alle Tiſche waren damit angefüllt. Harald hatte in der letzteren Zeit Milner ſeltener beſucht, weil er gern das Gefühl von Bewunderung, die Calla ihm einflößte, fliehen wollte. Als Harald ſein Pferd anhielt, fragte er nach Milner; dieſer war draußen auf dem Felde. Unſer junger Fabrikbeſitzer warf einem Jungen die Zügel zu, ſprang vom Pferde und näherte ſich der Saal⸗ thüre. Als er die Hand auf den Thürgriff legte, klopfte ſein Herz vernehmlich. Er drehte den Griff um, die Thüre ging auf und der junge Mann blieb ganz beſtürzt auf der Schwelle ſtehen, als er Calla auf eine ſolche Weiſe beſchäftigt ſah. Sie war gerade im Begrifj, die 160 Bänder eines Kopfkiſſenüberzugs zu kräuſeln, als Haralds Eintreten ſie veranlaßte, emporzublicken. Bei ſeinem Anblick ergoß ſich eine dunkle Röthe über ihre Wangen, während ſie zu gleicher Zeit ſich nicht enthalten konnte, über ſeine verwunderte Miene zu lächeln. — Willkommen!— ſagte Calla. — Entſchuldige meine Verwunderung!— ſagte Harald lächelnd und ergriff ihre Hand. — Ich meinte einen längſt entſchwundenen Traum zu träumen, als ich Dich ſo beſchäftigt ſah. Du, eine berühmte Schriftſtellerin, läßt Dich dazu herab, Dich mit dergleichen Lumpereien abzugeben. — Immer derſelbe Harald,— ſagte Calla,— immer gleich vorurtheilsvoll und ſtreng. — Ja, ich bin immer derſelbe Starrkopf, der⸗ ſelbe proſaiſche Menſch, derſelbe Bewunderer der häus⸗ lichen Tugenden der Weiber, der ich als junger Menſch war,— antwortete Harald mit Wärme und ergriff Calla's Hand. Ich bin und bleibe immer derſelbe. — Ja, das iſt wahr, Du haſt Dich nie zum Spielball der Ereigniſſe und noch weniger Deiner Phantaſie gemacht. Schon als Knabe hatteſt Du Dir Dein Ziel geſteckt und biſt ſeitdem nur gerade darauf losgegangen, indem Du unaufhörlich wiederholteſt: zu nützen iſt die Löſung des Räthſels des Lebens. Glückliche Natur, die nicht weiß, was es heißt, von Leidenſchaften oder Träumen beherrſcht zu werden. Aber,— fügte ſie hinzu, und zog ihre Hand aus der ſeinigen,— ich vergeſſe ja Dich zu büten, — 161 ins Vorzimmer einzutreten; Du darſſt doch nicht hier in dieſem unaufgeräumten Zimmer bleiben. — Erlaube mir zu bleiben, wo ich bin,— 6 Harald und laſſe Dich nicht in Deiner Arbeit tören. — O das iſt nichts was Eile hat, und bilde Dir nicht ein, daß ich jetzt, um Dir ein Vergnügen zu bereiten, daran denke, mit meiner Häuslichkeit zu coquettiren. Damit öffnete ſie die Thüre zum Vorzimmer und zwang dadurch Harald einzutreten, daß ſie voranging. Als Harald Abends nach Hauſe fuhr, dachte er: — O, Calla, Calla! warum bin ich nicht im Stande, Dein Bild aus meinem Herzen zu verſcheu⸗ chen? Warum mußteſt Du jetzt in dieſer einfachen und reizenden Geſtalt auftreten, zu gleicher Zeit ſo überlegen, und doch ſo mild und anſpruchslos? Iſt es denn dieſelbe Calla wie ehemals?— Ja, ja, es iſt meiner Jugend, meiner Kindheit holder Engel.— Oh! fort thörichte Gedanken! zwiſchen ihr und mir ſteht Erlands Liebe.— Nein, Harald, erniedrige Dich nicht dazu, Dein Glück auf Koſten des armen Schwärmers zu kaufen. Du haſt die Wirklichkeit, womit Du Dich tröſten kannſt; Du beſitzeſt Kraft, das Opfer zu vollbringen, welches Du Dir auferlegſt; aber er würde vor Eifer⸗ ſucht ſterben, ohne ſeine Qualen ertragen zu können. Bei dieſen Gedanken mußte das Pferd die Spo⸗ ren fühlen, und es trug ihn in fliegender Eile davon. Am Morgen darauf rollte der Wagen mit Harald nach Stockholm. 162 Harald fand ſeinen Bruder ſo verändert, daß er beinahe einen lauten Ausruf gethan hätte. Erlands Wangen waren eingeſunken, ſeine Augen leuchteten mit einem fieberhaften Glanze und deuteten faſt eine fürchterliche Ueberſpannung an. Als er Harald erblickte, warf er ſich um ſeinen Hals und rief: — Jetzt, Harald, glaube ich mit freimüthigem Blick Dir ins Geſicht ſchauen zu können; denn ich habe gekämpft, ich habe gelitten, ich habe im Wein⸗ berge des Herrn gearbeitet, und ich habe mein gan⸗ zes Vermögen dazu verwendet, um armen und un⸗ glücklichen Mitmenſchen zu nützen. Ich kehre jetzt arm, aber mit Gott und meinem eigenen Gewiſſen ausgeſöhnt, zu Dir zurück. Je länger Harald mit dem Bruder ſprach, deſto deutlicher ſah er ein, daß Erland ſich ganz und gar ſeiner ſchwärmeriſchen Einbildung hingegeben, daß aber dieſe jetzt eine milde und demüthige Geſtalt angenommen hatte. Erlands natürliche Anlage für Poeſie hatte ſich auf ſeinen Miſſionsreiſen entwickelt und eine rein religiöſe Richtung genommen. Dabei war er aber gegen die Welt, die ihn um⸗ gab, gänzlich gefühllos geworden und ſchien nur zu leben, um zu träumen, oder mit ſeinen Worten Be⸗ trübte zu tröſten, mit ſeinem Gelde Gutes zu thun und ſein eigenes Daſein zu vergeſſen. Harald, der praktiſche Harald, wurde über den Seelenzuſtand ſeines Bruders im höchſten Grade beunruhigt. 163 Auf der Reiſe nach Strömsfors, welche ſehr lang⸗ ſam von Statten ging, ſagte Erland einmal: — Aber Du ſagſt mir nicht ein Wort von ihr, meinem guten Engel. Harald fühlte, daß er erbleichte; ein Schmerzens⸗ ſtich ging durch ſein Herz, und er mußte tief Athem holen, bevor er antworten konnte: — Du meinſt Calla, ſie läßt Dich herzlich grüßen. — Calla! Erland ſah den Bruder verwundert an. — Nennſt Du ſie meinen guten Engel?— fügte er ſchmerzlich lächelnd hinzu. — Nein, Harald, ſie iſt eher das Gegentheil geweſen, obgleich ich ihr Unrecht that, ſie wegen der Stürme anzuklagen, welche mein eigenes unruhiges Herz herorgerufen hatte. Ich ſpreche von Urda, welche mich von jenem Abgrund rettete, an deſſen Rand meine Leidenſchaft mich gebracht, Urda, die ſpäter mit ihren milden und verſöhnlichen Briefen die Verzweiflung linderte, welche nach dem ſchreck⸗ lichen Auftritt mein Herz ergriffen hatte. Siehſt Du, Harald, ſie war es, die mir zuerſt ſchrieb, und in dieſem Brief äußerte ſie:„Suche in dem Guten einen Troſt für Deinen Kummer, einen Erſatz für das, was Du verloren, und eine Sühne für das, was Du verbrochen.“ Und ich folgte der Anweiſung; ich bin mit dem Vermögen, mit welchem die Vorſehung mich ſo un⸗ verdient geſegnet, den Bedürftigen zu Hülfe gekom⸗ men, habe die Thränen der Noth getrocknet, und manchen Gefallenen davon gerettet, auf dem Wege des Verderbens fortzuwandeln, wohin ihn die Leiden⸗ „ 164 ſchaften, wie einſt mich, geführt hatten; und die Vor⸗ ſehung hat mir Ruhe und Zufriedenheit, inneren Frieden und Harmonie mit der Welt, in welcher meine Seele ausſchließlich lebt, geſchenkt. Am dritten Tage langten unſere Reiſenden, nicht auf Strömsfors, ſondern, dem ausdrücklichen Wunſche Erlands gemäß, auf Björnbo an. Er war Abends, als ſie ankamen, ſehr matt, weshalb Harald ihn ſofort auf die Zimmer hinauf⸗ führte, welche immer für ſie auf Björnbo bereit ſtanden. Am folgenden Morgen fühlte Erland ſich beſſer, als er es lange geweſen, und in ſeinen Bewegungen verrieth ſich eine gewiſſe Ungeduld, als die Früh⸗ ſtücksglocke ſie endlich in den Speiſeſaal rief. — Gehe Du in den Saal hinein, ſagte Harald, welcher vermuthete, daß Erland Urda ſehen wollte;— ich werde gehen und Göran holen. Im Saale ſtand Urda, welche ganz früh nach Björnbo gekommen war. Sie hielt die Hand feſt gegen ihr unruhig klopfendes Herz gedrückt, als die Thüre aufging und Erland eintrat. Er ging auf ſie zu, drückte herzlich die Hände des jungen Mäd⸗ chens, und ſagte mit milder und ſeelenvoller Stimme: — Dank, Du meine milde und zärtliche Trö⸗ ſterin! dafür, daß Du während des Kampfes mit meinen Qualen, mich mit Deinen Worten auf⸗ recht erhalten haſt. Dank! mein guter Engel! Urda war zu aufgeregt, um ein Wort antworten zu können. Das Eintreten des Capitains unterbrach allen ferneren Austauſch von Gefühlen. 165 — Willkommen, Erland!— ſagte er herzlich,— aber zum T— in welchem Wetter biſt Du da draußen geweſen? Du ſiehſt, bei meiner Seele, aus, als wäreſt Du aus der Tiefe des Meeres heraus⸗ gezogen worden. — Jawohl, Onkel, und das von einem guten Geiſt,— antwortete Erland, ergriff die Hand des Onkels, ſchüttelte ſie mit großer Herzlichkeit und fügte in einem eigenen ſchwermüthigen Tone hinzu: — Wie alles Gute, das ich in der Welt genoſ⸗ ſen, ſeinen Urſprung von Onkel gehabt, ſo hat auch der Engel, der mich gerettet, dieſelben Züge wie Onkel, den ich bisher verkannte. Vergeben Sie mir das Vergangene. — Hol mich der T—, wenn ich auch nicht in Betreff Deiner einen Haufen Vorurtheile ausgeladen habe; aber da wir nun einmal jene ſchlechte Ladung über Bord geworfen, ſo laß uns einander umarmen. Du bleibſt hier den Sommer über? iſt es nicht ſo? — Ja, hier iſt gut ſein,— ſagte Erland und ſah Urda an. Ein paar Tage darauf waren Milners auf Björnbo. Calla hatte mit Schmerz und Beben dem Zu⸗ ſammentreffen mit Erland entgegengeſehen; aber zu ihrer und Haralds großer Verwunderung ging er ihr entgegen und ſagte, nachdem die erſten Willkomm⸗ grüße ausgetauſcht waren: — Verzeihe die Leiden, welche ich Dir einſt ver⸗ 166 urſachte, und vergeſſe die Zeit, welche zwiſchen un⸗ ſerer Kindheit und dieſem Augenblick liegt. Die Stimme war vollkommen ruhig. Urda hatte mit bleichen Wangen und geſpann⸗ tem Blick darauf gewartet, was zwiſchen ihm und Calla vorkommen würde, und wurde außer ſich vor Freude, nachdem dieſe Worte geſagt waren. Sie war wirklich reizend in ihrer Fröhlichkeit; man konnte ſagen, daß die Liebe und die Hoffnung ſie hübſch gemacht hätten. Abends, als Alle abgereiſt waren, blieb Urda in dem obengenannten Geſellſchaftszimmer zurück, da ſie die Nacht auf Björnbo zuzubringen gedachte. Sie hatte das Fenſter geöffnet und ſchaute ge⸗ dankenvoll in die freie Natur hinaus. Plötzlich hörte ſie ihren Namen nennen. Sie erkannte die Stimme und wandte ſich um. — Erland!— rief ſie. — Einmal, Urda, ſagteſt Du in dieſem Zimmer: „Wenn Calla Erland ſo liebt, wie ich es thue, dann wird ſie ihm verzeihen; denn es gibt nichts, das ich ihm nicht ſollte verzeihen können.“ Jetzt frage ich Dich: liebſt Du noch Erland ebenſo ſehr, und willſt Du mit Deinem friſchen Geiſt und Deinem warmen Herzen die Begleiterin des armen Schwärmers auf dem Pfade des Lebens werden? — Erland, iſt es aus Mitleid, daß Du ſo zu mir ſprichſt? — Nein, Urda. Betrachte mich und ſage: glaubſt Du, daß ich lüge, wenn ich ſage: ich liebe Dich und an Deiner Seite iſt es mir wohl; nur mit Dir kann 167 irgend ein häusliches Glück für den Fremdling auf der Erde blühen.— Es iſt nicht mit einer ſtür⸗ miſchen Leidenſchaft, daß mein Herz ſchlägt, ſondern mit einem ſtillen und ſanften Gefühl. Willſt Du des armen Pfarrers guter Engel für's ganze Leben werden? — Ja; mein Herz iſt heute daſſelbe wie vor zwei Jahren,— ſtammelte Urda, und reichte ihm die Hand. Nach Erlands Rückkunft verkehrte Harald immer mehr und mehr auf Ed. Es war ſo angenehm, daß Calla Abends immer anweſend war, um an den Geſellſchaften theilzuneh⸗ men und durch ihre lebhafte Converſation zur Unter⸗ haltung beizutragen. Unſer Fabrikbeſitzer kam und kam wieder, gleich⸗ ſam durch einen Magnet dahingezogen; wenn er ſich aber entfernte, war er zu gleicher Zeit zufrieden und unzufrieden. Unzufrieden, daß es ihm nicht gelang, Calla bei irgend einem Haushaltungsgeſchäft zu über⸗ raſchen. Nein, ſie war immer ſo fein und ordentlich in ihrem Aeußern geweſen, und ſie ſaß faſt fort⸗ während im Zimmer, ſo daß es ſchien, daß ſie ſich ſu nicht mit dem beſchäftigte, was gegeſſen werden ollte. — Oh, ſie iſt doch nur ein Blauſtrumpf, und es iſt die alte Annike, die Alles beſorgt,— rief er eines Abends ganz verzweifelt, als er von Ed wegritt. — Ich bin kein paſſender Mann für ein geiſt⸗ 168 reiches Weib!— Ach! wenn ſie nur weniger ge⸗ ſcheidt wäre, dann— dann wäre ſie ja nicht Calla,— fügte er faſt erbittert hinzu. Jetzt ſchwenkte er ſein Pferd heim auf den Weg, welcher etwas höher lag, ſo daß Eds Hauptgebäude ſich unter demſelben befand. Unwillkürlich warf er einen Blick auf Calla's Fenſter. Er ſah ſie dort an ihrem Tiſch ſitzen und ſchreiben. — Sie ſchriftſtellert!— Ach! ich bin ja ein rechter Thor, daß ich noch hoffe. 3 Ein paar Wochen vergingen, während welcher Harald mit thätigem Eifer ſeine Geſchäfte betrieb ohne einen Beſuch auf Ed abzuſtatten. Einige Tage vor Pfingſten begab er ſich dorthin, um mit Milner wegen einiger Angelegenheiten zu ſprechen, die in den Gemeindeſitzungen vorkommen ſollten. Er ritt Vormittags nach Vjörnbo, und begab ſich Nachmittags zu Fuß zurück. 5 — Iſt der Herr zu Hauſe?— fragte er eine Magd im Hofe. — Rein, er iſt zum Pfarrer gegangen, kommt aber bald wieder. Ich werde es der Mamſell ſagen, — antwortete das Mädchen. — Das iſt nicht nöthig; ich gehe hinunter in den Garten und warte, ſagte Harald, und wollte ſich dorthin begeben; als er aber gerade an dem Backſtubenfenſter vorbeigehen wollte, warf er ganz mechaniſch und ohne daran zu denken, einen Blick hinein Der Anblick, der ihm dort begegnete, machte, daß er plötzlich ſtehen blieb; dann trat er ganz dreiſt ans Fenſter und rief: 169 — Calla! träume ich, oder biſt Du es wirklich? Calla ſtand am Fenſter und backte, von einem Mädchen unterſtützt. Bei dieſem Ausruf blickte ſie auf, erröthete und nickte Harald zu; aber ehe ſie ein Wort ſagen konnte, war Harald in der Backſtube. Calla war ſichtbar verlegen; alles dieſes war gerade nicht geeignet, einem eitlen Mädchen, wie ſie, irgend eine Freude über den Beſuch einer Perſon zu verurſachen, in deren Augen ſie gern hätte hübſch erſcheinen wollen. — Harald, komm nicht hierher,— bat Calla, halb lächelnd, halb verdrießlich;— gehe hinauf, ich werde gleich nachkommen,— fügte ſie hinzu. — Oh nein; laß mich einen Augenblick hier bleiben und zuſehen——— — Wie wir backen?— fiel Calla ein, welche aus dem Ausdruck im Blick eine Fortſetzung ahnte, welche das Mädchen nicht hören durfte. — Wir ſind übrigens fertig; und während der Brodteig reift, kann ich ſchon abweſend ſein. Harald ging hinauf in den Saal. Eine Viertel⸗ ſtunde darauf trat Calla elegant umgekleidet und von Jugend und Geſundheit ſtrahlend ein. Harald ging ihr entgegen, ergriff ihre beiden Hände und ſagte: — Calla, theure Calla, kannſt Du mir verzeihen? — Was? — All das Unrecht, das ich Dir gethan,— alle die Vorurtheile, welche ich gegen Dich gehegt. — Sind ſie jetzt geſchwunden? Schwartz, Die Emanecipations⸗Manie. II. 12 17⁰ — Ja, vollkommen! Ach! ich ſehe ein, wie grauſam ich mich geirrt. — Und woraus ſiehſt Du das ein?— Daraus, daß Du mich am Backen theilnehmen ſahſt. Calla lächelte wehmüthig. — Ach! Harald, wie einſeitig und unklug ſeid Ihr Wirklichkeitsmenſchen doch! Jetzt hältſt Du mich für ein Muſter der Häuslich⸗ keit, weil ich backe, und wenn Du mich nie die Hand an irgend ein Gebäck legen geſehen oder mich bei irgend einer häuslichen Beſchäftigung überraſcht hätteſt, dann würdeſt Du mich als das untauglichſte Weib betrachtet haben, und zwar deshalb, weil ich einige Romane geſchrieben. Du haſt mich mit Mißvergnügen betrachtet und mich in Deinen Gedanken einen Blauſtrumpf genannt, weil ich meine Zeit und mein Leben ſo eingerichtet, daß ich nicht nöthig habe, mir während der Stun⸗ den, in welchen mein Vater von meiner Geſellſchaft Freude haben kann und Du hier geweſen biſt, in der Haushaltung zu ſchaffen zu machen. Du haſt nur deshalb es unterlaſſen, hierher zu kommen, weil Du mich ſchreiben ſahſt, nachdem ich mit allen meinen häuslichen Verrichtungen fertig ge⸗ worden und meinem Vater gute Nacht geſagt. Jetzt, geräthſt Du, weil ich an dem Frühlingsbacken theil⸗ genommen, in Entzücken; Du wirſt zugeben, daß, wenn die Phantaſie Erland regiert, ſo wirſt Du dagegen von Vorurtheilen beherrſcht. Harald führte Calla's Hand ſchweigend an ſeine Lippen und wechſelte das Thema der Unterhaltung. Als er etwas ſpäter Abends nach Strömsfors zurückkehrte, wanderte er gedankenvoll und mit lang⸗ ſamen Schritten einher. Er ging in ſeiner Erinnerung die Vergangenheit durch und dachte darüber nach, wie Calla in den letzten Jahren durch ihre Arbeitſamkeit und Häus⸗ lichkeit ſich die allgemeine Achtung erworben. Frei⸗ lich glaubten die meiſten Nachbarn, daß es Annike ſei, welche das Hausweſen beſorgte; aber man konnte auf der anderen Seite nicht läugnen, daß Milners Haushaltung jetzt ſo eingerichtet war, daß er einer Verbeſſerung ſeiner ökonomiſchen Lage entgegen⸗ ſehen konnte; und man mußte unwillkürlich die Art und Weiſe, auf welche Calla die kummervollen Tage ertrug, bewundern. Man aß ſich nicht mehr krank bei Milners; im Gegentheil, dort war Alles einfach und ſparſam, aber immer gut angeordnet. Alles dieſes und vieles Andere erinnerte Harald ſich auf dem Rückweg nach Björnbo; dann kam aber das Vorurtheil und rief: ſie ſchreibt doch noch Romane, und in der Länge wird ſie ihrer häuslichen Pflichten müde und ihren Mann verſäumen, weil ſie niemals die Wirklichkeit mit der Phantaſie wird vereinigen können, und in der Seele eines ſolchen Weibes ſpielt die Liebe nur eine untergeordnete Rolle. Ach! warum kann Calla nicht ſo lieben, wie ich? Welches Paradies würde ſie dann nicht dem Gatten ſchaffen, der glücklich genug wäre, ſie die Seinige nennen zu dürfen! Hier wurde er von einer klaren Stimme geſtört, welche ſang: „Anders war ein flink'rer Burſch u. ſ 172 Harald wandte ſich nach der Seite und ſah ein Mädchen von ungefähr fünfzehn Jahren, welches bar⸗ fuß ging und einen Bündel trug. Als er die Au⸗ gen auf ſie heftete, verſtummte der Geſang und das Mädchen ſagte: — Guten Abend, Herr Harald——— Herr Patron, wollte ich ſagen. — Guten Abend, Eva, Du kannſt gern jetzt wie früher Herr Harald ſagen; aber das iſt lange her, daß ich Dich ſah. Wie ſteht es jetzt mit Euch? — Oh, Gotilob jetzt iſt Alles gut. Mutter war heftig krank; aber ſehen Sie, die liebe Mamſell Calla war ſo gut und pflegte ſie und jetzt iſt ſie wieder geſund. Und dann hat Manmſell Calla Erik genom⸗ men und in die Schule gebracht, denn ſie ſagte, daß wenn Harald ſein Leben gerettet, ſo müſſe er zum Dank dafür ein ordentlicher Burſche werden; ſie iſt ſo gemein und gut gegen alle Arme, obgleich ſie jetzt ſelbſt ſo wenig hat; aber ſie iſt immer ſo ge⸗ weſen, im Glück wie im Unglück. Ich muß noch erzählen, daß ſie früher, als ſie Lieder, oder was für Zeug ſchrieb, und Geld dafür bekam, daſſelbe für den Unterhalt von Niklas in Krakan mit ſeinen ſechs Kindern, von Mattes auf der Inſel und den der andern armen Fiſcher auf dem Felſen verwandte. Aber Niemand ſollte Etwas davon wiſſen; denn ſie wollte nicht, daß die Leute von dem Guten, das ſie that, ſchwätzen ſollten. Jetzt hat ſie, die Arme, nicht Zeit zu ſchreiben; aber ſie hilft doch mit dem We⸗ nigen, was ſie hat. — Aber Ihr gehört ja unter Björnbo, und Capitain Werner iſt ein guter Herr. 173 — Ja, Gott ſegne ihn, das war er freilich; aber ſehen Sie, Vater, der ein bischen händelſüchtig war, zog in demſelben Jahre, in welchem Herr Ha⸗ rald die Fabrik kaufte, zu dem neuen Patrone auf Kollinge. Er glaubte wahrſcheinlich, daß es ſo gut werden würde. Aber, ſehen Sie, der Patron war ein ſtrenger Herr, und Vater ſtarb im Jahre darauf; dann mußten wir ausziehen, und hätten nicht Mam⸗ ſell Urda und Mamſell Colla ſich unſerer erbarmt, ſo wären wir verhungert. Mamſell Urda iſt auf ſo viele Arten gut gegen uns geweſen, denn ſehen Sie, ich habe mit zwei Händen ſpinnen gelernt und bin jetzt daran, das Färben zu lernen, ſo daß ich mir meinen Unterhalt verdienen kann, wenn ich ausgelernt habe; aber ſehen Sie, Maomſell iſt mehr als alle die Anderen; denn ſehen Sie, ſie ſpricht ſo hübſch zu uns von Fleiß und Gottesfurcht; und dann wollte ſie nicht, vaß Jemand anders als ſie für Erik bezahlen ſollte. Sie ſagte zu Mamſell Urda, welche ſich auch be⸗ theiligen wollte: Hat Harald ſein Leben für den Jungen gewagt, ſo laß mich dafür ſorgen, daß er ſeinem Retter Ehre macht.“ Eva ſchwatzte noch viel mehr, was Harald nur noch gedankenvoller machte. Nach dem Tage kam Harald öfter nach Ed. Eines Abends um die Johanniszeit ritt Harald wieder dorthin. Als er ankam, erfuhr er, daß Calla im Garten ſei. Auf den Wangen des jungen Mädchens ſah man Spuren von Thränen; als ſie aber Harald erblickte, bemühte ſie ſich, ihre Bewegung zu verbergen. 4½ 174 — Kommſt Du von Nytorp?— fragte Calla, nachdem ſie ſich eine Weile unterhalten. — Ja, ich war dort oben im Vorbeifahren. — Im Vorbeifahren!— wiederholte Calla.— Sprachſt Du nur im Vorbeifahren bei Urda vor? — Wenigſtens heute,— ſagte Harald lächelnd. — Aber nicht morgen? — Nein, dann geſchieht es, um zu bleiben. — Und Du biſt froh und glücklich wegen der Verlobung? — Ja, das bin ich gewiß, ſo froh, daß ich die ganze Welt umarmen möchte, denn jetzt ſind alle Hinderniſſe aus dem Wege geräumt, welche mich von dem Glück trennten. Calla wurde ſehr bleich. — Wer hätte ſich das vor vier Jahren träumen laſſen, daß Du und Urda ein Paar werden würdet! — Ich und Urda!— rief Harald lachend; das wird wohl auch jetzt ſich Niemand träumen laſſen; denn von ſo Etwas kann niemals die Rede ſein. — Nicht, und die Verlobung morgen? — Aber, mein Gott! Calla, was ſagſt Du? was habe ich mit der zu thun? — Wahrhaftig, Harald, wenn ich Dich jetzt ver⸗ ſtehe; Du ſollſt Dich ja mit Urda verloben? — Ich?— rief Harald. — Tante Barbro ſagte mir geſtern, als ſie hier war, um uns einzuladen: Es gibt Verlobung, lie⸗ bes Kind, zwiſchen dem Jungen und Urda. — Das iſt denn doch wahrlich mehr, als ich ſelbſt weiß; denn ich weiß nur, daß Erland und Urda morgen Ringe wechſeln ſollen. 17⁵ — Erland?— rief Calla ihrerſeits verwundert. Calla! ich glaube, daß das Dich ſchmerzt,— ſagte Harald traurig. — Jein, im Gegentheil, es freut michl; aber— — Aber Du glaubteſt, er könne nicht eine Andere lieben, nachdem er Dich mit einer ſo heftigen und ungeſtümen Leidenſchaft geliebt? — Ja, ich geſtehe, daß ich es für eine ſo ſchwär⸗ meriſche Seele nicht für möglich hielt, daß ſie ver⸗ geſſen und dann eine Andere lieben könnte. — Vor nicht langer Zeit dachte ich wie Du, Calla; aber ich habe jetzt aus Erfahrung gelernt, daß die Gefühle des Schwärmers wechſeln, wie ſeine Phantaſieen. In ſeiner Seele müſſen die Eindrücke einander ablöſen. Er vergißt leicht, weil immer neue Gefühle, neue Phantaſiebilder fortwährend einander folgen und fortwährend neue Eindrücke hinterlaſſen. Er liebt und leidet, und leidet und liebt, ebenſo ſehr mit der Einbildung wie mit dem Herzen, und das Traumbild, welches zeitweilig ſeine Seele erfüllt, ſteht über demjenigen, welcher ihm Freude und Schmerz ſchafft, bis irgend ein neues daſſelbe in den Hinter⸗ grund drängt. Nur wir, die Kinder der einfachen Proſa, ſind es, welche halsſtarrig an unſern Neigungen und Vorur⸗ theilen feſthängen; nur Euch, die Ihr in der Welt der Poeſie lebt, iſt es vorbehalten, zu lieben, zu ver⸗ geſſen und den Gegenſtand Eurer Liebe zu wechſeln. — Warum ſagſt Du„Euch?“ — Weil ich Dich zu ihrer Zahl rechne. 6 — Nenne mir denn Jemanden, den ich geliebt und vergeſſen habe. — Ja Denjenigen, der Dich treu geliebt, Dich allein, ſchon von der Zeit an, wo er ein Knabe war; denjenigen der trotz Allem, was ſeinen Vorur⸗ theilen anſtößig war, und obgleich Du aufhörteſt ſein Ideal zu ſein, obgleich Du für ihn nicht mehr die Hoffnung auf Liebe und Glück warſt, Dich doch i— Du liebteſt wirklich einmal dieſen Mann, und——— — Und er verſtieß mich,— flüſterte Calla und neigte erröthend ihre Stirne. — Du vergaßeſt ihn über Deinem Ehrgeiz— fuhr Harald, ohnè auf Callas Worte zu antworten, fort. — Ich wollte ihn vergeſſen; aber— ich konnte nicht,— ſagte ſie wehmüthig. — Calla geliebte Calla!— brach Harald aus, und ſtürzte, indem er ihre Hände ergriff, auf die Kniee. — Harald! einmal ſagteſt Du——— und damals liebteſt Du mich——— wenn ich in ein geiſtreiches Weib verliebt, und dieſes eine Schrift⸗ ſtellerin wäre, dann würde ich daſſelbe bitten, ſeiner Liebe ſeinen Ehraeiz zu opfern; ich würde es bit⸗ ten, ſein Genie dazu anzuwenden, das liebenswür⸗ digſte Weib und die holdeſte Gattin zu werden. Damals, als Du das ſagteſt, hatte ich noch keinen Namen als Schriftſtellerin; aber ich hatte ein Herz und ich dachte: wenn ich es wäre, den Harald liebte, dann würde ich ihm dieſes Opfer bringen. Seitdem ſind Jahre vergangen; man hat mir geſagt, daß ich Genie beſäße, und heute hat man ———— — 17* mir die ſchmeichelhafteſten Anerbietungen für das Manuſcript gemacht, welches dort liegt(ſie deutete auf einen Bündel Papier, der neben ihr auf der Bank lag.) Ich weiß, daß das mir einen großen Erfolg ver⸗ ſchaffen, daß mein Name rühmlich genannt werden würde; aber heute ſage ich: Harald! Du liebſt mich, Deine Liebe hat Deine Vorurtheile erſtickt, Du verkangſt mein Herz, ohne irgend ein Opfer von meinem Ehrgeiz zu fordern; ich würde Dich nicht ſo hoch lieben, wie ich es ſeit einer Reihe langer, qualvoller Jahre gethan, und wie ich Dich noch liebe, wenn ich nicht freiwillig Deinem Glück meine Eitelkeit opferte. Darum mache ich es mit meiner beſten Arbeit hier ſo. Calla nahm das Manuſcript und warf es weit hinaus in den Strom, welcher es mit ſich fortführte. — Calla! rief Harald und ſprang auf von ſei⸗ ner knieenden Stellung.— Engel, was haſt Du gethan? Im nächſten Augenblick hatte er ſich ins Waſſer geſtürztz er ſchwamm dem forteilenden Manuſcripte nach, und es gelang ihm wirklich, ſich deſſelben zu bemächtigen. Durch und durch naß lag er bald wieder mit dem eroberten Schatz zu den Füßen des jungen Mädchens und ſtammelte: — Ich werde dieſes als ein Andenken an Deine Liebe behalten, deren ich nicht würdig bin, ſo edel und groß iſt ſie. 178 Acht Tage darauf wechſelten auch Calla und Ha⸗ rald Ringe und der Capitain äußerte dabei: — Der Teufel, und nicht ein ehrlicher Seemann, kann ahnen, welchen Curs ein Weiberherz nimmt, ſintemal mein Mädchen gerade auf den Pfarrer losſteuern und an Harald vorbeiſegeln konnte. Wol⸗ len einmal ſehen, ob Barbro nicht das Ankertau t ſo daß ich eines Tages vor ihrem Winde treibe. Sechs Monate darauf wurden zwei Hochzeiten gefeiert, die von Erland und Harald. Erland war zum Pfarrer in der Gemeinde er⸗ nannt worden, und wurde auf dieſe Weiſe mit ſei⸗ ner Frau der nächſte Nachbar von Björnbo. Als Harald und ſeine junge Gattin ſich Abends allein in der Brautkammer befanden, reichte Harald ihr ein elegant gebundenes Buch und ſagte: — Die gute Fee bittet mich, Dir dieſe Gabe zu überreichen, und ich,— fügte Harald auf den Knieen vor ſeiner hübſchen Frau hinzu,— flehe darum, daß dieſelbe Dich überzeugen möchte, daß ich bei dem Glück in Schuld ſtehe, welches mir eine de Edel⸗ ſten ihres Geſchlecht geſchenkt hat. Ich braukhe kein Opfer, um an mein künftiges Wohlergehen zu glau⸗ ben, da ich Dein reiches und hochſinniges Herz beſitze. Calla öffnete das Buch; es war ihr letztes Manuſcript, welches gedruckt worden war, und die Verfaſſerin trug auf dem Titelblatt den Namen, welcher jetzt der ihrige war. Sie lehnte ſich gerührt an die Bruſt ihres Gatten. — 179 Dieſe Arbeit wurde indeſſen Calla's letzte. Sie ſah ganz gut ein, daß ſie, um eine gute und glück⸗ liche Gattin zu werden, ſich ausſchließlich ihren Pflich⸗ ten widmen müßte, und dieſes war jetzt der einzige Ehrgeiz, der ihr liebevolles Herz erfüllte. Niemals fiel es ihr ein, ihre Pflichten ſchwer, verächtlich oder erniedrigend zu finden, niemals be⸗ trachtete ſie ſich als Sklavin; im Gegentheil, je mehr ſie ihre Stellung im Leben überdachte, deſto klarer ſtand es vor ihr, daß gerade die Unfähigkeit, die Wichtigkeit dieſer Stellung richtig aufzufaſſen, bewirkt, daß das Weib ſich nach einem anderen Wir⸗ kungskreiſe ſehnt, als derjenige, welcher ihr von der Natur angewieſen iſt. Milner zog zu Calla, und Göran übernahm das kleine Ed für eigene Rechnung. Er bewirthſchaftete das Gut mit Eifer und Fleiß, und ſchien jetzt auf ſeinen richtigen Platz gekommen zu ſein. Abends, als jedes der neuverheiratheten Paare in ſeine künftige Heimath abgereist war, ſtanden der Capitain und Barbro ganz allein in dem großen Saal auf Björnbo. Die letztere ſah nachdenkend aus. — Was, zum T—, Barbro, blies jetzt für ein Wind bei Dir? Sie ſieht ja aus, als wenn Sie in Meeresnoth wäre,— ſagte der Capitain. — Oh, ich dachte, Vetter Fabian, daß eine An⸗ zahl von uns armen Weibern nur wenig Dank hat 180 für unſere Hingebung und für Alles, was wir für Euch Männer opfern. — So, Barbro, muß Sie nothwendig um die Küſte da herumſegeln? Meint Sie denn wirklich, daß wir wie ein Paar Fahrzeuge ausſehen, die fertig ſind vom Stapel zu laufen, um mit unſern ſchmäch⸗ tigen Geſtalten mit vollen Segeln gegen Freude und Noth in dem ſchwierigen Fahrwaſſer kreuzen zu können. — Nein, Vetter, wir gleichen einem Paar alten Fahrzeugen, die ihre Fahrt auf dem Weltmeer be⸗ ſchloſſen, und nöthig haben in dem Hafen der Häus⸗ lichkeit zu ankern. — Hol mich der T—, Barbro, ich glaube, daß Du Recht haſt. Ich laſſe alſo in Gottes Namen den Anker fallen und ſage: laß los! Der Capitain nahm Barbro an der Hand und ſagte auf ſeine offene, redliche Seemannsweiſe: — Es iſt nicht mehr als billig und recht, daß Du nach ſo langem und treuem Dienſte auch Deinerſeits ein Fahrzeug zu führen bekommſt, und darum wollen wir wohl den Pfarrer den Segen über uns ſprechen laſſen. Und jetzt zum Schluß einen Blick auf unſere Helden und Heldinnen. Ein Jahr oder Etwas darüber war verfloſſen. Es war Weihnachtsabend und man ſollte denſelben auf Björnbo zubringen, wo Barbro, fröhlich und freund⸗ lich wie immer, als Frau Werner reſidirte. — 181 Harald, Calla, Milner und Göran, ſowie Eliſe und ihr Mann und ein kleiner Sohn waren bereits angelangt. Man ſaß am luſtigen Ofenfeuer rings um den zier⸗ lichen Kaffeetiſch und wartete nur auf Urda und Erland. — Man kann ſagen, wie Ehn einmal ſchrieb,— bemerkte der Capitain: — Unſer Herrgott iſt der beſte Steuermann auf dem Weltmeer;— denn beſſer als Urda paßt wohl Niemand für den durch und durch gutmüthigen, aber, beim Teufel, auch tollen Erland. Er begreift auch nicht ein Bischen von dem, was das wirkliche Leben betrifft, ſondern ſie iſt's, die die Landwirthſchaft beſorgen muß, nicht allein wo ſie wohnen, ſondern auch auf Nytorp, und das that ſie als ein ganzer Mann⸗ Ich wäre beinahe verſucht zu glauben, daß ihre Emancipationsmanie wenigſtens ein Gutes mit ſich gebracht hat, nämlich daß ſie doch ſchließlich ihr Au⸗ genmerk auf eine tüchtige Thätigkeit gerichtet. Während er mit ſeinen hübſchen Predigten und ſeinen Lehren das Volk aufklärt, beſorgt ſie das Feld und ihre Schule, und geht herum in den Hütten, um die Weiber zur Arbeitſamkeit und zur Ordnung aufzumuntern. Sie iſt der Arzt der Seele und des Körpers. Erland fühlt ſich auch ſo glücklich, weil er, ohne von jener Proſa des Lebens geſtört zu werden, ſchwär⸗ men, träumen und grübeln darf. Und dann ſie, ſie iſt in ihren Mann, die verkörperte Poeſie, ſo ver⸗ liebt, und ſo mit ihm zufrieden; er erhebt durch ſich 182 ihre Seele und verſchönert die Arbeit, während er es iſt, für den ſie arbeitet. — Ja,— ſagte Harald und blickte ſeine Frau mit unbeſchreiblicher Zärtlichkeit an:— ich habe, mit meiner Proſa, mit meiner Liebe zu der Wirk⸗ lichkeit, ein Weib zur Gattin bekommen, welches mit ihrem Geiſt und ihrer lebensfriſchen Poeſie eine reizende Anmuth über das häusliche Leben verbreitet und es zu einem Paradies macht. — Da jetzt Jeder ſein Loos preiſt, ſo habe ich auch Luſt, das meinige zu preiſen,— fiel Göran ein.— Ich bin im Begriff, mich in das blinde Mädchen auf Elinge zu verlieben. Und wir wollen mal ſehen, ob ich nicht am Klügſten daran thue, eine Frau zu nehmen, die meine Fehler und Mängel nicht ſehen kann. Erlands und Urdas Ankunft unterbrach für eine Weile das Geſpräch. Nachdem man Kaffee getrunken, ſagte Göran: — Wenn ich daran denke, welch glückliches Ende Eure Emancipationspläne genommen, ſo kann ich ein Gefühl der Dankbarkeit nicht unterdrücken, weil das Schickſal der Familie auf Elinge ein trau⸗ riger Beweis dafür iſt, wie unglücklich es immer endet, wenn das Weib ſeine Rolle vergißt, der He⸗ rold des Friedens hier auf der Erde zu fein, und ſtatt deſſen durch ſeinen Ehrgeiz und durch ſeine Neigung, ſich in die Geſchäfte des Mannes zu miſchen, Streit, Zwiſt und Kummer verbreitet. Ein ſolches Beiſpiel haben wir in der Mutter des blinden Mädchens. Sie hat durch ihren Ehr⸗ geiz und unruhigen Geiſt die ganze Familie in Glend —— 183 und Unglück geſtürzt. Es wäre wahrlich ein paſ⸗ ſendes Thema für einen Roman; da aber Du, Schweſter Calla, aufgehört haſt, ſolche zu fabriciren, ſo habe ich, meiner Seele, Luſt, mich während der langen Winterabende hinzuſetzen, und über das Thema zu ſchreiben, wie unheilbringend ein ungebührlich ehrgeiziges Weib für ſich ſelbſt und für ihre Ange⸗ hörigen iſt. — Ja, thue das,— rief Calla,— es wird Dir gewiß gelingen. Und vielleicht wirſt Du, mein lieber Leſer, einſt dieſe Proben von Göran's Schriftſtellertalent irgendwo zu leſen bekommen. Wenn das eintreffen ſollte, ſo erinnere Dich nur Eines, daß er die Ereigniſſe nicht erfunden, ſon⸗ dern, gerade wie wir, ſie nur nach der Natur ge⸗ zeichnet hat. Ende. 11