à Walter Scott's 1 ſaͤmmtliche 12s Wer k e. Neu uͤberſe Neun und vierzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Fuͤnfzehenter Theil. Stuttgart, hei Gebruͤder Frauckh. 1 8 27. Leben von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzöͤſiſchen Revolu⸗ — tion. Von— Walter Scott. — Aus dem Engliſchen uͤberſezt von General J. v. Theobald. Fuͤnfzehenter Theil, Stuttgart, bei Gebruder Franckh. 4 8 2 7. 4. „ 9 — Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel. Zuſammenkunft Napoleons mit dem Kaiſer von Oeſterreich.— Der Kaiſer Alexander zieht ſich nach Rußland zurück.— Der Traktat von Preßburg wird am 28ſten December un⸗ terzeichnet.— Bedingungen deſſelben.— Schickſal des Kö⸗ nigs von Schweden— und des Köniss der beiden Sicilien. Eine perſoͤnliche Zuſammenkunft fand zwiſchen dem Kaiſer von Oeſterreich und Napoleon Statt, in deſ⸗ ſen Lager Franz ſich wie ein Bittender einfand. Er ſoll die Schuld des Krieges auf die Englaͤnder gewor⸗ fen und geſagt haben:—„Dieſe Englaͤnder ſind ein Pack von Kaufleuten, die den Continent in Flammen ſetzen moͤchten, um ſich den Welthandel zuzueignen.“ — Dieſe Behauptung war eben nicht ſehr logiſch ge⸗ dacht; man darf es aber dem guten Fuͤrſten, dem man ſie in den Mund legte, nicht uͤbel nehmen, wenn er in dieſem Augenblicke eine Sprache fuͤhrte, wie ſie der Sieger gerne hörte. Als ihn Napoleon in ſeinem Zelte mit den Worten bewillkommte:„Es ſey dies W. Scytt's Werke, XLIX. 1 6 der einzige Palaſt, den er ſchon zwei Monate bewoh⸗ ne,“ erwiederte Franz laͤchelnd:—„Dann haben Sie Ihre Reſidenz ſo gut benuͤtzt, daß Sie damit zufrie⸗ den ſeyn koͤnnen.“— Der Kaiſer von Oeſterreich, der ſich auf mehr oder weniger ſtrenge Bedingungen gefaßt gemacht hat⸗ te, trug ſeinerſeits zunaͤchſt auf eine Forderung an, zu welcher ſich Alerander nicht in Perſon herabgelaſ⸗ ſen haben wuͤrde— den freien Ruͤckzug der Ruſſen in ihr Land. „Die ruſſiſche Armee iſt umringt,“ ſagte Napo⸗ leon;„nicht ein Mann kann mir entgehen. Aber ich wuͤnſche dem Kaiſer gefaͤllig zu ſeyn, und will den Marſch meiner Kolonnen einſtellen, wenn Sie mir verſprechen, daß die Ruſſen Deutſchland und den oͤſterreichiſchen und preußiſchen Theil von Polen raͤu⸗ men werden.“— „Es iſt dies die Abſicht des Kaiſers Alexander.“— Dieſe Uebereinkunft ward durch Savary dem ruß⸗ ſiſchen Kaiſer berichtet, der ſich dazu verſtand, in ge⸗ woͤhnlichen Tagmaͤrſchen mit ſeiner Armee nach Nuß⸗ land zuruͤckzufehren. Von dem Kaiſer Alexander ward keine andere Burgſchaft verlangt, als ſein Wort; und die Ehrerbietigkeit, mit der ſeiner in den Bulle⸗ ins erwaͤhnt wurde, zeigte, wie ſehr es Napoleon wuͤnſchen mochte, mit dieſem maͤchtigen und muth⸗ vollen jungen Monarchen ein gutes Einverſtaͤndniß herbeizufuͤhren. Auf der andern Seite ermangelte 7 Napoleon nicht, dem Czar Artigkeiten wie die folgen⸗ de in den Mund zu legen:—„Sagen Sie Ihrem Gebieter,“ ſoll er gegen Savary geaͤußert haben, „daß er vorgeſtern Wunder that— daß dieſer bluti⸗ ge Tag meine Achtung fur ihn vermehrt habe.— Er iſt das erwaͤhlte Werkzeug des Himmels.— Es wer⸗ den hundert Jahre vergehen, ehe meine Armee es der franzoͤſiſchen gleich thut.“— Savary will hierauf in Alexander, trotz ſeiner Unfalle, einen Mann von Kopf und Herz erkannt haben. Der letztere ließ ſich in die Details der Schlacht ein. „Sie waren im Ganzen genommen ſchwaͤcher als wir,“ ſagte er,„und doch haben wir Sie auf jedem Punkte des Gefechts ſtaͤrker gefunden.“—„Das iſt,“ antwortete Savary,„das Ergebniß der Kriegserfah⸗ rung, die Frucht von ſechszehn ſiegreichen Jahren. Der Kaiſer hat bei Auſterlitz ſeine vierzigſte Schlacht geſchlagen.“—. „Er iſt ein großer Kriegsmann,“ ſagte Aleran⸗ der;„ich bin weit entfernt, mich mit ihm vergleichen zu wollen.— Es iſt das erſte Mal, daß ich im Feuer war. Doch genug. Ich bin hieher gekommen, um dem Kaiſer von Oeſterreich beizuſtehen— er bedarf nicht laͤnger meiner Huͤlfe— und ſo kehre ich in mei⸗ ne Hauptſtadt zuruͤck.“ So trat dann der Uebereinkunft gemaͤß, der Kai⸗ ſer Alexander ſeinen Ruͤckmarſch nach Rußland au. Die ruſſiſchen Waffen waren ungluͤcklich geweſen, aber 1.. — 8 das Benehmen ihres jungen Kaiſers und die ihm von Buonaparte bewieſene Auszeichnung machten ei⸗ nen aͤußerſt guͤnſtigen Eindruck auf Europa. Der ſeinem Schickſale uͤberlaſſene oͤſterreichiſche Monarch erlangte von Buonaparte einen Waffenſtill⸗ ſtand, wofuͤr er ſich zu einer militaͤriſchen Contribu⸗ tion von hundert Millionen Franken verſtand, die in den von den Franzoſen beſetzten oͤſterreichiſchen Pro⸗ vinzen erhoben werden ſollten. Der Waffenſtillſtand ſollte ſo lange dauern, bis Talleyrand einerſeits, und Furſt Johann Lichtenſtein andererſeits die Friedens⸗ bedingungen in Ordnung gebracht haben wuͤrden, Napoleon ermangelte nicht, den oͤſterreichiſchen Unter⸗ haͤndler in ſeinen Bulletins bis in den Himmel zu erheben, und legte deßhalb auch dem Kaiſer Franz die Frage in den Mund:—„Wie kommt es denn, daß, da es in Oeſterreich Maͤnner von ſo ausgezeich⸗ neten Talenten gibt, die Angelegenheiten meines Ka⸗ binets gleichwohl von Narren und Schurken beſorgt werden?“— In Beziehung auf dieſe Frage, wenn ſie, woran wir zweifeln, wirklich von Kaiſer Franz geſtellt worden iſt, begnuͤgen wir uns, zu bemerken, daß dieſelbe nur von ihm ſelbſt beantwortet werden konnte. Das dem Faͤrſten Johann von Lichtenſtein gezoll⸗ te Lob ſollte daß Publikum zu Gunſten eines von ei⸗ nem ſo faͤhigen Manne unterhandelten Friedensver⸗ trags ſtimmen. Dagegen ward er von ſeinen Lands⸗ d 9 leuten einer ſelbſtſuͤchtigen Uebereilung dieſes Ver⸗ trags beſchuldigt, um die Kriegsſcene von der Nach⸗ barſchaft ſeiner Familienbeſitzungen zu entfernen. Aber was haͤtte das Talent auch des geſchickteſten Un⸗ terhaͤndlers, oder die Feſtigkeit des entſchiedenſten Patrioten vermocht, da Frankreich nun einmal die Bedingungen des Friedens vorſchrieb und Oeſterreich ſich dieſelben gefallen laſſen mußte? Die Traktate von Campo⸗Formio und Luneville, die Napoleon dem Hauſe Oeſterreich als Sieger bewilligt hatte, waren zuſſerſt vortheilhaft in Vergleichung mit demjenigen, der am 26ſten December 1808, ungefaͤhr vierzig Tage nach der Schlacht von Auſterlitz, zu Preßburg unter⸗ zeichnet wurde. Durch dieſen Vertrag trat Franz das Tyrol und Vorarlberg, die aͤlteſten Beſitzungen ſeines Hauſes, an Baiern ab— Laͤnder, die von den beſten, wackerſten und ergebenſten Unterthanen Oeſter⸗ reichs bewohnt waren, und die durch ihre geographi⸗ ſche Lage dieſer Macht bis dahin, ſowohl in Italien als in Deutſchland, einen bedeutenden Einfluß ver⸗ ſchafft hatten. Venedig, die neueſte oͤſterreichiſche, wiewohl nicht auf eine ſehr ehrenvolle Weiſe erwor⸗ bene Beſitzung, ward gleichfalls abgetreten und mit dem Königreich Italien vereinigt. Trieſt war jetzt wieder der einzige oͤſterreichiſche Stehafen im adriati⸗ ſchen Meere. In demſelben Traktate wurden auch fuͤr die deut⸗ ſchen Alliirten Napoleon's Belohnungen ausgeſetzt. 10 Wuͤrtemberg und Baiern erhielten auf Koſten Oeſter⸗ reichs und anderer Reichsfuͤrſten anſehnliche Vergroͤſ⸗ ſerungen ihres bisherigen Gebietes; die genannten Kurfuͤrſten wurden mit Einwilligung des Kaiſers Franz zur Koͤnigswuͤrde befoͤrdert. Andere Beſtim⸗ mungen dieſes Vertrags vertrugen ſich eben ſo wenig mit den Gerechtſamen des deutſchen Reichskoͤrpers, uͤber die man ſich faſt ganz hinwegſetzte und die nur durch eine leere Klauſel noch einigermaßen verwahrt blieben, in welcher Oeſterreich erklaͤrte, daß es ſeine Einwilligung zu den Beſtimmungen, die das deutſche Reich betrafen, nur unter Vorbehalt von deſſen Rech⸗ ten gebe. Durch den Traktat von Preßburg ſoll Oeſter⸗ reich uͤber eine Million Quadratmeilen, zwei und ei⸗ ne halbe Million Unterthanen und zehn und eine hal⸗ be Million Gulden an Einkuͤnften verloren haben— und all dies war die Folge eines einzigen ungluͤckli⸗ chen Feldzugs, der nur ſechs Monate gedauert hatte, und in welchem nur eine einzige Hauptſchlacht vorge⸗ fallen war. Man bemerkte in dieſem Kriege zwei Epiſoden, die an und fuͤr ſich unbedeutend waren, aber dadurch wichtig wurden, daß ſie Veranlaſſung zu einer neuen Geſtaltung von zwei alten europaͤiſchen Koͤnigreichen gaben, die nach dem in Frankreich ven Buonaparte aufgeſtellten Muſter vorgenommen wurde. Der Koͤnig von Schweden hatte ſich als ein eif⸗ riges und enthuſiaſtiſches Mitglied des antifranzoͤſi⸗ 11 ſchen Bundes gezeigt. Er war tapfer, unternehmend, ritterlich und hochſt geneigt, die Rolle ſeines Na⸗ mensverwandten und Ahns, Guſtav Adolph, oder ſei⸗ nes Vorgaͤngers, Karls des Zwoͤlften, zu ſpielen, je⸗ doch ohne zu bedenken, daß ſeit der Zeit dieſer Fuͤr⸗ ſten, und zum Theil auch in Folge ihrer Kriege und ihrer weitgreifenden Unternehmungen, Schweden zu einer unbedeutenden europaͤiſchen Macht herabgeſun⸗ ken war, und daß, wo große Dinge ohne verhaͤltniß⸗ maͤßige Mittel verſucht werden, der Muth donquixo⸗ tiſch und die Großherzigkeit laͤcherlich wird. Er hatte ſich verbindlich gemacht, zur Befreiung des hannoveri⸗ ſchen Gebiets und des ganzen noͤrdlichen Deutſchlands von den franzoͤſiſchen Truppen, die durch eine aus Englaͤndern, Ruſſen und Schweden beſtehende Armee bewirkt werden ſollte, beizutragen. Waͤre Preußen dieſem Buͤndniſſe beigetreten, ſo wuͤrde dieſer Zweck gar leicht erreicht worden ſeyn, beſonders da ſodann auch Sachſen, Heſſen und Braunſchweig gerne an die⸗ ſem Kriege Theil genommen haben wuͤrden. Ja, auch ohne den Beitritt Preußens wuͤrde durch eine im Nor⸗ den geſchickt eingeleitete und kraͤftig gefuͤhrte Diver⸗ ſion Bernadotte in Hanover feſtgehalten und verhin⸗ dert worden ſeyn, durch ſeinen Marſch an die Donau zur Ueberwaͤltigung der Oeſterreicher in Ulm mitzu⸗ wirken. Aber zufolge jener Zoͤgerungen und Mißver⸗ ſtaͤndniſſe, die den Zweck einer Coalition und die Un⸗ ternehmungen einer aus Truppen von verſchiedenen 12 Nationen beſtehenden Armee ſo leicht vereiteln, ver⸗ fammelten ſich die fuͤr den Norden Europa's beſtimm⸗ ten Streitkraͤfte erſt in der Mitte des Novembers, und zwar nur in ſolcher Zahl, daß ſie weiter nichts unternehmen konnten, als die Belagerung der hanno⸗ veriſchen Feſtung Hameln, in welcher Bernadotte eine bedeutende Beſatzung zuruͤckgelaſſen hatte. Die zu fpaͤt begonnene Unternehmung ward jedoch durch das Geruͤcht der Schlacht von Auſterlitz bald in's Stocken gebracht und zuletzt ganz aufgegeben; und der ungluͤck⸗ liche Koͤnig von Schweden kehrte in ſeine Staaten zuruͤck, wo er von ſeinen Unterthanen mit Schrecken und Unwillen empfangen wurde, weil er bei verſchie⸗ denen Veranlaſſungen den verderblichen und unver⸗ ſöhnlichen Haß Napoleon's auf ſich gezogen hatte. Es entſpannen ſich ſofort Machinationen, um ihn als ei⸗ nen von Napoleon fuͤr immer gehaßten Herrſcher von der Regierung zu entfernen, und durch ein ſolches Opfer eine Strafe abzuwenden, die das Land zugleich mit ſeinem Koͤnig treffen mußte. Waͤhrend der ſchwache Verſuch gegen Hameln, in Verbindung mit andern Umſtaͤnden, auf dieſe Weiſe den Fall der alten Dynaſtie Schwedens vorbereitete, gab ein von den Ruſſen und Englaͤndern in das nea⸗ volitaniſche Gebiet unternommener Einfall Napoleon einen guten Vorwand an die Hand, den Koͤnig der beiden Sicilien ſeiner Beſitzungen, ſoweit ſie der Ge⸗ walt Frankreichs offen lagen, zu berguben. Gaͤnzlich 1³ von dem Einfluſſe der Koͤnigin beherrſcht, war die Politik Neapels ſtets falſch und veraͤnderlich geweſen. Mehr als einmal aus der Gefahr einer Entthronung entgangen, hatte der Koͤnig oder ſeine Gemahlin nie eine Gelegenheit verſaͤumt, die Waffen gegen Frauk⸗ reich zu ergreifen, vielleicht in der Ueberzeugung, daß ihr Untergang von Napoleon bereits beſchloſſen ſey und nur aus politiſchen Ruͤckſichten einſtweilen noch aufgeſchoben werde. Die letzte Einſchreitung zu ihren Gunſten war von Kaiſer Paul geſchehen. Nach dieſer Periode wurden ihre italieniſchen Siaaten, wie wir geſehen haben, von franzoͤſiſchen Truppen beſetzt, wel⸗ che Otranto und andere Plaͤtze in Calabrien angeblich als Unterpfaͤnder der Zuruͤckgabe von Malta in Ver⸗ wahrung behielten. 3 Als aber im Jahre 1805 der Krieg wieder aus⸗ brach, ward am 24ſten September zu Paris eine Con⸗ vention mit dem Koͤnig von Neapel geſchloſſen und am gten Oktober von dieſem unterzeichnet, kraft wel⸗ cher Frankreich ſeine Beſatzungen aus den neapolita⸗ niſchen Plaͤtzen zuruͤckziehen, der Koͤnig aber eine ſtrenge Reutralitaͤt beobachten ſollte. Keiner von bei⸗ den Theilen meinte es ganz redlich. Die von St. Cyr befehligten franzoͤſiſchen Truppen wurden, wie auir geſehen haben, aus Neapel zur Verſtaͤrkung von Maſeena bei Eroͤffnung des Feldzugs abberufen, und wuͤrden wahrſcheinlich, ſobald man ihrer nicht mehr bedurfte, wieder dahin zuruͤckgekehrt ſeyn. Der Hof 14 von Neapel dagegen benahm ſich nicht aufrichtiger; denn St. Cyr hatte nicht ſobald das neapolitaniſche Gebiet verlaſſen, um ſich nach Norden zu begeben, als der Koͤnig, durch deſſen Abweſenheit ermuthigt, ſeine Truppen wieder auf den Kriegsfuß ſetzte und 12,000 Ruſſen, die von Corfu, und 8,000 Englaͤnder, die von Malta kamen, mit offenen Armen aufnahm. Haͤtte dieſe Streitmacht bei Eroͤffnung des Feld⸗ zugs Venedig beſetzt, ſo wuͤrde ſie dem Erzherzog Karl in der Bekaͤmpfung von Maſſena ſehr nuͤtzlich geweſen ſeyn. Die Erſcheinung derſelben im Novem⸗ ber am aͤußerſten Ende der italieniſchen Halbinſel diente nur dazu, das Schickſal Ferdinands des Vier⸗ ten zu beſtegeln. Auf die Nachricht von dem Waffen⸗ ſtillſtande bey Auſterlitz ſchäfften ſich die Ruſſen und Britten wieder ein, und nicht lange nach ihrem Ab⸗ gange kam eine ſtarke von Joſeph Buonaparte beſeh⸗ ligte franzoͤſiſche Armee heran, um den Beſchluß, nach welchem die koͤnigliche Familie von Neapel zu regieren aufhoͤren ſollte zu vollſtrecken. Der Koͤnig und die Koͤnigin entzogen ſich dem Sturm, den ſie aufgeregt hatten. Ihr Sohn, der Kronprinz, dem ſie den Thron uͤberließen, machte von ſeiner temporaͤren Gie⸗ walt keinen andern Gebrauch, als daß er Gaera, Pes⸗ earg und Neapel ſelbſt mit ſeinen feſten Burgen dem franzoͤſiſchen General uͤbergab. In Calabrien dagegen⸗ wo die wilden Einwohner ſich unter das franzoliſche Joch nicht beugen wollten, verſuchten Graf Roger von 15 Damas und der Herzog von Calabrien Widerſtand zu leiſten. Aber ihre ſchnell aufgebotenen, ſchlecht dis⸗ ciplinirten Truppen wurden von General Regnier leicht beſſegt, und beinahe das ganze neapolitaniſche Koͤnigreich kam, wenigſtens dem Namen nach, bald unter die Gewalt von Joſeph Buonaparte. Ein einziger Zug von Tapferkeit erglaͤnzte in die⸗ ſer Scene des allgemeinen Verzagens. Der Prinz von Heſfen⸗Philippsthal, der die ſtarke Feſtung Gae⸗ ta im Namen Ferdinands des Vierten vertheidigte, verweigerte die Uebergabe.—„Sagen Sie ihrem Ge⸗ neral,“ erwiederte er dem franzoͤſiſchen Offizier, der ihn auffor derte:„Gaeta iſt nicht ulm, und der Prinz von Heſſen kein Mack!“— Der Platz wurde mit ei⸗ nem dieſer Worte wuͤrdigen Muthe vertheidigt und erſt am 17ten Julius 1806 nach einer langen Bela⸗ gerung, in welcher der tapfere Gouverneur verwun⸗ det wurde, uͤbergeben. Dieſer heldenmuͤthige junge Prinz zeigte ſich nur einen Augenblick auf dem Schau⸗ platze, von dem er durch einen unzeitigen, einer Ver⸗ giftung zugeſchriebenen Tod wieder abberufen wurde. Seine Tapferkeit, ſo ruͤhmlich ſie fuͤr ihn ſelbſt auch war, half der koͤniglichen Familie zu nichts, da Buo⸗ nayarte einmal beſchloſſen hatte, dieſelbe abzuſetzen und den dadurch erledigten Thron an ein Mitglied ſeiner Familie zu vergeben. — 16 Zweites Kapitel. Gegenſeitige Stellung von Frankreich und England.— Feindſelig⸗ keiten mit Spanien; Kommodor Moore bemächtigt ſich ei⸗ ner Abtheilung von vier ſpaniſchen Gallionen, nachdem er von den zu ihrer Bedeckung beſtimmten Schiſſen drei genom⸗ znen und eines in die Luft geſprengt hat.— Darſiellung und Prüfung des Invaſionsplans von Napoleon.— John Elerc Eldin's Syſtem, eine Schiffslinie zu durchbrechen. 8 Ob ſolches für Frankrelch tauge.— Der franzöſiſche Admiral Billeneuve bewerkſtelligt eine Vereinigung mit der ſpaniſchen Flotte unter Gravina.— Er wird von Sir Robert Calder angegriffen und geſchlagen, und verliert zwei Linienſchiffe. — Nelſon erhält das Kommando im mittelländiſchen Meere. — Schlacht von Trafalgar, am 2iſten Oktober 1806.— Details derſelben.— Nelſon's Tod.— Benehmen Napo⸗ leon's bei der Nachricht von dieſer Niederlage.— Villencuve's Selbſimord.— Erlaß Napoleon's an den geſetzgebenden Kör⸗ per.— Bericht von Champagny über die Verbeſſerungen in Frankreich.— Erhebung von Napoleon's Brüdern, Ludwis und Joſeph, auf die Throne von Holland und Neapel.— Eliſa, Napoleon's älteſte Schweſter, erhält das Fürſtenthum Lucca, und Pauline, die jüngſte, das Fürſtenthum Guaſtal⸗ la.— Anderweitige Verbindungen ſeiner Familie,— Be⸗ trachtungen.— Napoleon ſchafft einen neuen erblichen Adel. — Politiſcher Werth dieſer Maßregel. Er ſucht die Mit⸗ glieder des alten Adels durch reichliche Spenden dafür zu gewinnen.— Bildung des Rheinbundes unter dem Protek⸗ torat Napoleon's.— Der Kaiſer Franz legt die deutſche Krone nieder, und behält nur den Titel eines Kaiſers von Oeſterreich. Schwankendes und unpolitiſches Benehmen ven Preußen. Von 17 Von allen Heroen, deren die Geſchichte gedenkt, hat keiner ſo Großes geleiſtet, als Napoleon in dieſer Periode ſeiner Regierung. Doch auch dieſes hatte wie alles Irdiſche ſeine Grenzen. Das Schickſal, welches das ganze Feſtland in ſeine Gewalt gegeben zu haben ſchien, hatte die Herrſchaft zur See in andere Haͤnde gelegt; und es geſchah nicht ſelten, daß, waͤhrend ſei⸗ ne ſiegreichen Adler am hoͤchſten uͤber dem Continent ſchwebten, die Nationen durch ein auffallendes Ungluͤck zur See daran erinnert wurden, daß Frankreich auf einem andern Elemente einen Nebenbuhler und einen überlegenen Gegner habe. Wahr iſt es, daß die wiederholten Siege Eng⸗ lands, dem ſeine Beute, wie einem geſchickten Jager das Wild, nie entging, die franzoͤſiſche Seemacht ſo weit herabgebracht und die wenigen Seeleute, die Frankreich noch blieben, ſo eingeſchuͤchtert haben, daß ſolches aus Mangel an Gelegenheit, die franzoͤſiſchen Schiffe anzugreifen, auf eben ſo ſeltſame als untaug⸗ liche Mittel verfiel, die Feindſeligkeiten fortzuſetzen. Darunter gehoͤrt z. B. der Verſuch, den Hafen von Boulogne durch das Verſenken von Schiffen, die mit Steinen beladen waren, unbrauchbar zu machen, ſo wie der Plan, die franzoͤſiſchen Schiffe durch Explos ſionsmaſchinen, die unter dem Waſſer an ſie befeſtigt werden ſollten, in die Luft zu ſprengen. Der erſte Verſuch fuͤhrte, ſo viel wir wiſſen, zu nichts, als daß dadurch die Einwohner von Boulogne mit guten Bau⸗ W. Scott's Werke, XLIXN. 2 18 ſteinen verſehen wurden; das andere Mittel ward wegen des Floſſes, auf dem die Maſchinen gefuͤhrt wurden, verſpottet und laͤcherlich gemacht*). Napoleon ward inzwiſchen immer noch auf eine ſolche Combination von Seemanovern bedacht, durch welche, wenn er mit Oeſterreich fertig ſeyn wuͤrde, die ihrer erſten Beſtimmung wieder zuruͤckgegebene große Armee unter dem Schutze einer uͤberlegenen Flotte auf das jenſeitige Ufer des Kanals gebracht werden ſollte. Sein ungemeſſener Einfluß auf den ſpaniſchen Hof ſchien den Weg zu dieſem ſchwierigen Unternehmen zu bahnen. Da aber der franzöoͤſiſche Kaiſer einen bedeutenden Tribut von Spanien bezog, ſo wuͤrde es fuͤr ihn nuͤtzlicher geweſen ſeyn, wenn dieſer Staat, wenigſtens noch eine Zeitlang, die Mas⸗ de der Neutralitaͤt getragen haͤtte, unter welcher er Frankreich beſſer dienen und Engkland mehr Schaden zufuͤgen konnte, als durch einen offenen Krieg. Die brittiſche Regierung beſchloß, dieſen Gegen⸗ ſtand mit Spanien in's Reine zu bringen und ließ zu dieſem Zwecke vier Gallionen oder mit Schaͤtzen be⸗ 2** Dieſes Zerſtäörungsmittel wurde ſpäter gegen die brittiſchen Kreuzer in Amerika gebraucht, und für furchtbar gehalten. — Allein es gehört ein fo verzwefſelter Muth dazu, eine ſolche Maſchine an ein Schiff zu befeſtigen, und der Untergang deßjenigen, der die Maſchine leitet, iſt, falls er entdeckt wird, ſo unvermeidlich, daß ſie wie die Brander und Petar⸗ den, an denen das nämliche auszuſetzen iſt, wohl nicht all⸗ gemein in Gebrauch kommen wird. 19 ladene Fahrzeuge, die unter einer Bedeckung von der Suͤdſee kamen und nach Cadix beſtimmt waren, an⸗ halten. Die Abſicht der Englaͤnder ging blos dahin, ſich dieſer Schiffe einſtweilen als eines Unterpfandes zu verſichern, um dadurch die ſpaniſche Regierung fuͤr die Zukunft zu einer ſtrengeren Neutralitaͤt zu ver⸗ moͤgen. Zum Ungluͤck hatte Kommodor Moore nur vier Fregatten unter ſeinen Befehlen. Der ſpaniſche Admiral wollte im Gefuͤhl der Nationalehre die Flag⸗ ge nicht vor einem Geſchwader von nur gleicher Staͤr⸗ ke ſtreichen, und es entſpan ſich ein Gefecht, in wel⸗ chem drei ſpaniſche Schiffe genommen wurden und das vierte ungluͤcklicherweiſe in die Luft flog— ein hoͤchſt beklagenswerther Umſtand. Herr Southey bemerkt mit eben ſo vieler Einſicht als Humanitaͤt:—„Waͤre ein ſtaͤrkeres Geſchwader gegen die Spanier ausge⸗ ſchickt worden, ſo wuͤrde dieſe traurige Kataſtrophe nicht Statt gefunden haben— eine Kataſtrophe, die nicht mehr Unwillen in Spanien erregte, als Be⸗ dauern bei den willenloſen Werkzeugen derſelben, ſo wie bei dem brittiſchen Volke und ſeiner Regierung. Dieſes geſchah am 5ten Oktober 1804; und da folglich die Feindſeligkeiten zwiſchen Spanien und England ſogleich ihren Anfang nahmen, wodurch Buo⸗ naparte die Vortheile, die er bisher aus der Neutra⸗ litat der letzteren Macht gezogen hatte, verlor, ſo blieb ihm nichts uͤbrig, als von den Kriegsmitteln, die derſelben noch zu Gebote ſtanden, zur Befoͤrde⸗ 2„ 20 rung ſeiner Zwecke Gebrauch zu machen. Der ſpani⸗ ſche Hof uͤberließ ihm dieſelben mit einer paſſiven Ge⸗ faͤlligkeit, die, wie wir in der Folge ſehen werden, auf eine ſeltſame Weiſe belohnt worden iſt. Napoleon beharrte bis an ſein Ende auf der Be⸗ hauptung, daß er das rechte Mittel, den Englaͤndern die Oberherrſchaft zur See zu entwenden, genau ge⸗ kannt habe. Sein Plan war, mittelſt Umgehung der Blokade, durch welche die franzoͤſiſchen Seehaͤfen, ſo lange es das Wetter erlaubte, gleichſam hermetiſch verſchloſſen waren, in dem Kanal jene uͤberlegene See⸗ macht zuſammenzubringen, durch welche, wie er glaub⸗ te, England von Frankreich eben ſo unabhaͤngig wer⸗ den mußte, als die Inſel Oleron. Aber ſelbſt Maͤn⸗ ner von den groͤßten Talenten muͤſſen nothwendig in Irrthuͤmer verfallen, wenn ſie die Grundſaͤtze des Landkriegs, mit denen ſie genau bekannt ſind, auch bei den Operationen eines Seekriegs in Anwendung bringen wollen. Er hat ſich in dem Entmurſe ſeiner Seeoperationen offenbar verrechnet, weil er die Um⸗ ſtaͤnde, durch welche der Sieg zur See bedingt iſt, nicht von denen unterſcheiden wollte, die den Sieg— zu Lande gewahren. Zuvoͤrderſt nahm Napoleon als Landkrieger nicht gehoͤrige Ruͤckſicht auf die Stoͤrungen, welche Winde und Wellen zu bewirken vermoͤgen, wie er dann viel⸗ leict auch bei ſeinen Landoperationen den Widerſtand der Elemen: vo er allerdings geringer iſt, als zur 21 See, nicht recht beachtet hat. Er beklagte ſich auf St. Helena, daß er nie einen Seemann habe finden koͤnnen, der uͤber die techniſchen Vorurtheile ſeines Faches erhaben genug geweſen waͤre, um ſeine Ent⸗ wuͤrfe ganz zu begreifen oder auszufuͤhren.—„Wenn ich,“ ſagte er,„eine neue Idee vorſchlug, ſo hatte ich mit Gantheaume und dem ganzen Seedepartement zu kampfen; da hieß es:„Sire, das iſt unmoͤglich— Sire, das geht nicht wegen der Winde— der Wind⸗ ſtillen— der Stroͤmungen; und ſo ward ich zum Schweigen gebracht.“— Nach unſerer Meinung wa⸗ ren ſolche Entwuͤrfe, bei denen von dem Einfluſſe der Winde und der Wellen abgeſehen wurde, eben nicht ſehr gefaͤhrlich; wir ſind verſucht, zu glauben, daß es den brittiſchen Seeleuten ſehr willkommen geweſen waͤre, wenn ihre Gegner nach einem von jenen Zu⸗ faͤllen abſehenden Syſteme gehandelt haͤtten, ſelbſt wenn Napoleon ein ſolches Syſtem außgeſtellt haͤtte. Sodann fand zwiſchen dem Landdienſte und dem Seedienſte ein gar großer Unterſchied Statt, den Buo⸗ naparte, in ſeinen Wuͤnſchen befangen, nicht ganz ge⸗ wuͤrdigt hat. Zu Land konnten die vortrefflichen fran⸗ zoͤſiſchen Truppen, zufolge ihrer Disciplin und ihres durch eine ununterbrochene Reihe von Siegen ſo ſehr geſteigerten Selbſtvertrauens fuͤglich alle Hinderniſſe beſiegen, die ihnen unerwarter in den Weg treten mochten. Mit den ſranzoͤſiſchen Seelenten verhielt es ſich dagegen ganz anders. Sie waren froh, wenn es 22 ihnen gelang, das Gefecht mit einem brittiſchen Ge⸗ ſchwader, ſelbſt mit einem ſchwaͤcheren, zu vermeiden. Wie ſehr dies damals der Fall war, erhellt aus dem 1 Umſtande, daß Admiral Linois, der in den oſtindi⸗ ſchen Gewaͤſſern ein Linienſchiff von 84 Kanonen und noch mehrere andere Kriegsſchiffe befehligte, von einer engliſchen Kauffartheiflotte, deren Schiffe nicht fuͤr den Krieg gebaut und bemannt waren, in der Meer⸗ enge von Malacca hingehalten und zuruͤckgewieſen worden iſt. 1b. 2 Ungeachtet dieſes großen und weſentlichen Unter⸗ ſchieds zwiſchen der franzoͤſiſchen Marine und der fralt⸗ zoͤſiſchen Landarmee, ungeachtet der engliſche Seemann dem franzoͤſiſchen noch weit mehr uͤberlegen war, als der franzoͤſiſche Landſoldat demjenigen jeder andern Continentalmacht, ſo hat doch Buonaparte, ſo oft er von Linienſchiffen ſprach, ſters an Bataillons gedacht. So war er auch der Meinung, daß die Riederlage am Nil vermieden worden waͤre, wenn die Fluͤgel⸗ ſchiffe der franzoͤſiſchen Linie, ſtatt vor Anker zu blei⸗ ben, ihr Kabeltau geloͤst haͤtten und zum Beiſtand der zuerſt angegriffenen franzoͤſiſchen Schiffe herange⸗ ſegelt waͤren. Indem aber der franzoͤſiſche Kaiſer der⸗ gleichen behauptete, verkannte er gaͤnzlich das Princip, auf welchem das große Manoͤver einer Durchbrechung der Linie beruht. Wir haben dieſes Princip einem hochverdienten und aufgeklaͤrten Patrioten, Sir John Cierk von Eldin, zu verdanken, der daſſelbe zuerſt 23 aufgeſtellt, empfohlen und ſo modificirt hat, daß es nur von einer engliſchen Flotte in Anwendung ge⸗ bracht werden kann. Es beſteht aber dieſes Princip kuͤrzlich in Folgendem: bei Durchbrechung einer Linie wird eine gewiſſe Anzahl von Schiffen von den an⸗ dern getrennt, welche den Ueberreſt entweder dadurch, daß er davon ſegelt, ihrem Schickſal uͤberlaſſen oder aber durch eine ſchnelle Wendung— gleichſam ein Umſegeln— auf die Angreifenden, und durch ein ge⸗ ſchloſſenes und allgemeines Treffen zu retten ſuchen muß. Buonaparte empfiehlt das letztere, und wuͤrde ſolches wahrſcheinlich auf dem Lande gethan haben, wie er es dann auch bei Marengo wirklich gethan hat, um ſeinen rechten Fluͤgel zu retten. Nun iſt aber die re⸗ lative Ueberlegenheit der engliſchen Marine ſo groß⸗ daß, ſo lange dieſe beſteht, ſie in jedem nahen Tref⸗ fen mit einem nicht allzuungleichen Feinde den Sieg davon traͤgt; und ein Manoͤver, wodurch ein ſolches Treffen unvermeidlich wird, empfehlen, heißt ſo viel, als einem franzoͤſiſchen Admiral rathen, ſeine ganze Flotte auf's Spiel zu ſetzen, ſtatt die durch das eng⸗ liſche Manoͤver abgeſchnittenen Schiffe aufzuopfern, und mit den noch nicht ins Gefecht verwickelten davon zu ſegeln. Bei dieſem Bewußtſeyn ihrer Inferioritaͤt war das Entwiſchen eines ſpaniſchen oder franzoͤſiſchen Ge⸗ ſchwaders, wenn die engliſchen Blokadeſchiffe durch ei⸗ nen Windſtoß entfernt wurden, ein Unternehmen, deſ ſen Gelingen nicht nur durch Wind und Wellen, ſon⸗ dern auch durch den Umſtand bedingt war, daß ſol⸗ ches nicht auf einen Theil der engliſchen Flotte traf, mit welchem ein Gefecht, den Fall einer ungeheuern Ueberlegenheit ausgenommen, nothwendig eine Nie⸗ derlage herbeifuͤhrte. Die Beſtrebungen dieſer Ge⸗ ſchwader, den Willen des Kaiſers zu thun, waren da⸗ her auch ſo partiell, ſo iſolirt und unwirkſam, daß ſie eher dem Verſteckensſpiel der Kinder, als einem Spſteme regelmaͤßiger Combination glichen. Haͤtten ſie ſich raſcher und mit weniger Umſicht benommen, ſo wuͤrde die Zerſtoͤrung der combinirten Flotten noch fruͤher eingetreten ſeyn, als es wirklich der Fall war. Zufolge dieſes unſicheren Princips und durch Be⸗ nutzung des Umſtandes, daß das Blokadegeſchwader durch das Unwetter von ihrem Hafen entfernt wurde, lief ein Geſchwader von zehn franzoͤſiſchen Schiffen am 41ten Januar 1806 von Rochefort aus, und am 18ten deſſelben Monats gelang es dem Admiral Villeneuve, mit einem andern Geſchwader auf eine ahnliche Weiſe von Toulon abzuſegeln. Das erſte Geſchwader war ſo gluͤcklich, nachdem es einige unbedeutende Dienſte in Weſtindien geleiſtet, den Hafen, von dem es aus⸗ segangen, wieder zu gewinnen, mit dem Stolze einer Stre fpartei, die aus einer belagerten Stadt gezogen und ohne Verluſt wieder in dieſelbe zuruͤckgekehrt iſt. Auch Villeneuve erreichte Toulon ohne u Unſall wieder und verſuchte, durch dieſen Erfolg ermuthigt, am 25 18ten Maͤrz einen zweiten Ausfall, wobei er ein ſtar⸗ kes Truppenkorvs an Bord hatte, das, wie man glaub⸗ te, zu einer Landung in Irland oder Schottland be⸗ ſtimmt war. Er nahm inzwiſchen ſeine Richtung nach Cadix und bewerkſtelligte dort eine Vereinigung mit der ſpaniſchen Flotte unter Gravina. Sie ſegelten miteinander nach Weſtindien, wo ſie ſich des Felſens Diamant bemaͤchtigten, der ſich kaum auf der Karte finden laͤßt, und nach dieſer Großthat, die doch be⸗ wies, daß ſie wenigſtens außerhalb des Hafens gewe⸗ ſen waren, kehrten ſie wieder eiligſt nach Europa zu⸗ ruͤck. Anlangend die Manodvers und Combinationen, die man von ihnen in Gemaͤßheit der Plane Napo⸗ leon's haͤtte erwarten koͤnnen, ſo verſuchten ſie keine andern, als die des Haſen, wenn er vom Hunde ge⸗ jagt wird. Sie wußten, daß ſie von Nelſon verfolgt wurden, und irgend etwas unternehmen, was einen Aufſchub herbeifuͤhrte oder ſie mit ihm zuſammenbrin⸗ gen konnte, war ſo viel, als in ihr Verderben ren⸗ nen. Sie waren jedoch ſo gluͤcklich, ihm mit genauer Noth zu entkommen, konnten aber ihre Haͤfen nicht ohne Verluſt erreichen. Am 23ſten Juli trafen die vereinigten Flotten auf Sir Robert Calder, der ein brittiſches Geſchwa⸗ der befehligte. Der Feind hatte zwanzig Linienſchiffe, drei mit 54 Kanonen, und vier Fregatten, und die Britten fuͤnfzehn Linienſchiffe und nur zwei Fregatten. Ungeachtet dieſer Ungleichheit der Streitkraͤfte ſchlug * 26 der engliſche Admiral doch den Feind und nahm ihm zwei Linienſchiffe ab; die Meinung von der Ueberle⸗ genheit der brittiſchen Marine in beiden Laͤndern war aber ſo groß, daß die Franzoſen ihr Entkommen ge⸗ wiſſermaßen als einen Sieg betrachteten. Buonaparte allein ſchalt auf Villeneuve, daß er ſeine Vortheile nicht benuͤtzt habe— denn ſo beliebte es ihm, ein Gefecht zu nennen, in welchen zwei Linienſchiffe ver⸗ loren waren. Die Englaͤnder dagegen murrten uͤber den unvollſtaͤndigen Sieg des Sir Robert Calder uber einen ſo uͤberlegenen Feind, als ob er ſeine Schul⸗ digkeit nicht gethan haͤtte. Ein Kriegsgericht beſtaͤtig⸗ te einigermaßen den Ausſpruch der öͤffentlichen Mei⸗ nung, obgleich es ſich bezweifeln laͤßt, daß die unbe⸗ fangene Nachwelt in den Tadel einſtimmen werde, der uͤber diefen wackern Admiral erging. In jeder andern Periode unſerer Seegeſchichte wurde das Tref⸗ fen vom 23ſten Juli als ein ausgezeichneter Sieg be⸗ trachtet worden ſeyn. Die vereinigten Flotten entkamen nach Vigo, wo ie ausgebeſſert wurden. Hierauf wagten ſie ſich aber⸗ mals in die See, gingen nach Ferrol, um ſich mit dem Geſchwader, das dort vor Anker lag, zu verei⸗ nigen, und ſegelten dann nach Cadix, wo ſie wohlbe⸗ halten ankamen. Dies vertrug ſich aber nicht mit den Abſichten Napoleon's, der die ganze Seemacht in dem Hafen von Breſt vereinigt wiſſen und durch dieſelbe ſeine Landung in Englaud decken wollte.—„Die gan⸗ 27 ze getheilte Nation,“ ſagte er,„gerieth in Schrek ken, und nie war England ſeinem Untergange ſo nahe.“— Was dieſen allgemeinen Schrecken betrifft, ſo wiſſen ſich die Englaͤnder, wie wir glauben, deſſel⸗ ben nicht zu erinnern, auch ſahen ſie eben keine drin⸗ gende Gefahr. Waͤren die vereinigten Flotten, ſtatt in das mittellaͤndiſche Meer, in den Kanal geſegelt, ſo wuͤrden ſie denſelben Admiral, dieſelben Seeleute und groͤßtentheils dieſelben Schiffe vorgefunden haben, die jetzt den Admiral Villeneuve in Cadir aufſuchen mußten. Auf die gewiff Nachricht, daß die feindlichen Flotten in dem Hafen von Cadir verſammelt ſeyen, erhielt Nelſon das Kommando uͤber die brittiſche See⸗ macht in dem mittellaͤndiſchen Meere, die ſo ſchnell und ſo geheim verſtaͤrkt wurde, daß die Admiralitaͤt die groͤßte Ehre davon hatte. Villeneuve hatte indeſ⸗ ſen, wie man glaubt, von ſeinem Gebieter den aus⸗ druͤcklichen Befehl erhalten, in die See zu ſtechen, und da er wegen ſeines Benehmens in dem Treffen bei Finisterre mit Calder getadelt worden war, ſo konnte er als ein braver Mann wohl etwas wagen, um die Ungerechtigkeit der ihm von dem Kaiſer ge⸗ machten Vorwuͤrfe dadurch zu beweiſen. Auch war in Cadix, das von den Englaͤndern ſo eng blokirt wurde, fuͤr die franzöͤſiſche und ſpaniſche Flotte bereits ein Mangel an allerlei Beduͤrfniſſen eingetreten. Was aber den franzoͤſiſchen Admiral vorzuͤglich beſtimmte, 28 in die See zu gehen, war der Umſtand, daß er nichts von den Verſtaͤrkungen erfahren hatte, durch welche die ſchwaͤchere Flotte Nelſon's mit der ſeinigen in ein etwas gleicheres Verhaͤltniß geſetzt wurde. Sein Muth ward auch noch dadurch gehoben, daß er aus verſchie⸗ denen Umſtaͤnden ſchließen zu koͤnnen glaubte, Nelſon befehlige die engliſche Flotte nicht. Durch ſolche Me⸗ tive beſtimmt, und im Vertrauen auf das taktiſche Spyſtem, das er zur Bekaͤmpfung der Englaͤnder ent⸗ worfen hatte, ſegelte der franzoͤſiſche Admiral in einer fuͤr ihn und ſein Land unheilvollen Stunde am 19ten Oktober 1805 von Cadix ab. Die feindlichen Flotten trafen bald genug auf ein⸗ ander, und es ſind auf dem Ozean vielleicht nie zwei ſtattlichere Ruͤſtungen geſehen worden, Villeneuve hatte in ſehr bedeutendem Grade den Vortheil der Uebermacht. Er zaͤhlte 33 Linienſchiffe und 7 große Fregatten, Nelſon nur 27 Linienſchiffe und 3 Fregat⸗ ten. An Mannſchaft und Geſchuͤtz waren die Englaͤn⸗ der verhaͤltnißmaͤßig noch weit ſchwaͤcher. Die verei⸗ nigte Flotte hatte 4000 Mann an Bord, worunter ſich viele treffliche Schuͤtzen befanden, welche die Maſt⸗ koͤrbe beſetzten. Aber all dies ward durch die Ueber⸗ legenheit der brittiſchen Seeleute und durch die Ta⸗ lente Nelſon's aufgewogen. Vilſeneuve zeigte eben keine Neigung, das ver⸗ haͤngnißvolle Treffen zu vermeiden. Seine Anordnung war eben ſo ſeltſam als ſinnreich, Seine Flotte bil⸗ 29 dete zwei Treffen, die ſich gegenſeitig deckten, indem die Schiffe beider Treffen ſchachbrettfoͤrmig geordnet waren, damit den Englaͤndern die Durchbrechung der Linie, ihr Lieblingsmanoͤver, moͤglichſt erſchwert wuͤr⸗ de. Allein Nelſon hatte beſchloſſen, eben dieſes Ma⸗ noͤver auf eine Weiſe auszufuͤhren, die eben ſo origi⸗ nell war, als die von Villeneuve getroffene Anord⸗ nung. Seine Flotte, die in zwei Treffen heranſegel⸗ te, ſollte in eben dieſer Ordnung auch ſchlagen. Ein vorgeſchobenes Geſchwader, aus acht ſeiner am ſchnell⸗ ſten ſegelnden Zweidecker baſtehend, war gegen dret oder vier Schiffe zunaͤchſt dem Mittelpunkt der ſeind⸗ lichen Linie beſtimmt; der zweite Befehlshaber der Flotte, Admiral Collingwood, ſollte das zweite Tref⸗ fen des Feindes vom zwoͤlften Schiffe an faſſen; Nel⸗ ſon ſelbſt wollte ſich auf das Centrum werfen. Dieſe Manoͤvers mußten ein ganz nahes und allgemeines Gefecht herbeifuͤhren, wobei ſich Nelſon auf die Ent⸗ ſchloſſenheit ſeiner Offiziere und Seeleute ganz verlaſ⸗ ſen konnte. Seinen Admiralen und Offtzieren erklaͤr⸗ te er im Allgemeinen, ſeine Abſicht gehe dahin, ſo nahe wie möoͤglich mit dem Feinde anzubinden, und wenn in der Verwirrung und im Dampfe der Schlacht die Signale nicht geſehen werden ſollten, ſo habe es nichts zu ſagen, wenn eder Kapitain ſich bemuhe, ſein Schiff dem feindlichen zur Seite zu legen. In ſolcher Ordnung trafen die zwei Flotten an ienem merkwuͤrdigen Tage auf einander. Admiral 58 Collingwood, der das Vordertreffen fuͤhrte, naͤherte ſich dem Feinde mit vollen Segeln, ließ aber, da er es verſchmaͤhte ſie in der gewoͤhnlichen Weiſe aufzu⸗ wickeln, die Leinen los und in der Luft flattern, gleich als ob er ihrer nicht laͤnger beduͤrfte, nachdem ſie ihn in das feindliche Dickicht geleitet. Nelſon rannte mit ſeinem Schiffe Victory(der Sieg) gegen das franzö⸗ ſiſche Linienſchiff Le Redoutable(der Furchtbare); der Temweraire(der Verwegene); ein zweites brittiſches Schiff, fiel daſſelbe feindliche Schiff, auf der andern Seite an; ein anderes feindliches Schiff faßte hinwie⸗ derum den Temeraire, und ſo entſpann ſich ein leb⸗ haftes und lange anhaltendes Gefecht zwiſchen dieſen vier Schiffen, die einander ſo nahe waren, als laͤgen ſie in einem freundlichen Hafen beiſammen vor Anker. Waͤhrend der Victory ſolchergeſtalt das Vordertheil des Redoutable angrif, unterhielt er von ſeinem Hin⸗ tertheil aus ein wohlgenaͤhrtes Kanonenſeuer auf den Bucentaur und auf die koloſſale Santa Trini⸗ dad, die ein Vierdecker war. Dem Beiſpiel des Ad⸗ mirals folgten auch die brittiſchen Kapitains; auch ſie ebrachen uͤberall in der feindlichen Linie ein und bau⸗ den mit zwei oder drei feindlichen Schiffen zugleich an, hart vor der Muͤndung der feindlichen Kanonen fechtend. Die Ueberlegenheit, die wir fuͤr unſere Landsleute in Anſpruch genommen haben, beſtaͤtigte ſich gar bald. Neunzehn Linienſchiffe, und zwar zwei vom erſten Range, die uͤbrigen nicht weniger als 74 51 Kanonen fuͤhrend, wurden genommen; dazu kamen noch vier andere Linienſchiffe, die Sir Richard Stra⸗ chan in einem nachtraͤglichen Gefechte aufbrachte. Von den Schiffen, die nach Cadix entkamen, waren ſieben ganz unbrauchbar geworden. Die ganze vereinigte Flotte wurde beinahe gaͤnzlich zerſtoͤrt. Es ſind ſeit dieſem glorreichen Tage jetzt mehr als zwanzig Jahre verfloſſen. Aber der Kummer, der ſich in das Entzuͤcken miſchte, mit dem wir die Kun⸗ de von der Schlacht von Trafalgar vernahmen, ruͤhrt ſich noch immer in unſerer Bruſt, bei der Erinnerung daß Nelſon, der Lieblingsſohn Englands, dieſen letz⸗ ten und entſcheidenden Sieg uͤber die Feinde ſeines Landes mit ſeinem Leben erkauft habe. In jeglichem Wort, in jeglichem Gedanken ein Britte, hielt er es fuͤr die Pflicht eines Seemanns, alles zu wagen und alles zu leiſten, was der unerſchuͤtterlichſte Muth wa⸗ gen, die Tapferkeit in ihrer hoͤchſten Begeiſterung lei⸗ ſten kann. Dieſe inhaltſchwere Pflicht war oft in ſei⸗ nem Munde und ſtets in ſeiner Seele. Sein letztes Signal beſagte, wie England erwarte, daß Jeder ſei⸗ ne Pflicht thun werde. Seine erſten Worte zu An⸗ fang der Schlacht waren:—„Ich danke der Vorſe⸗ hung, daß ſie mir eine ſo ſchoͤne Gelegenheit verſchafft hat, meine Pflicht zu thun.“— Dieſe fromme und vaterlaͤndiſche Geſinnung ſprach er noch in ſeinen letz⸗ ten Augenblicken deutlich aus; ſeine letzten Worte waren:„Gott ſey Dank, ich habe meine Pflicht ge⸗ 8² than.“— Er hatte ſie wahrlich gethan und zwar in dem vollen umfange des Begriffes, den er davon hat⸗ te. Der treue Diener ſeines Vaterlandes entſchlief nicht, ehe ſein Werk ganz vollbracht war; denn durch den Sieg, den er mit ſeinem Leben bezahlte, iſt die Seemacht des Feindes faſt gaͤnzlich zerſtoͤrt und die Drohung einer Invaſion fuͤr immer zum Schweigen gebracht worden. Ein merkwuͤrdiges Zuſammentreffen iſt es, daß Mack's Uebergabe gleichfalls am 29ſten Oktober Statt fand, und Napoleon wahrſcheinlich an demſelben Tage ſeinen Triumpheinzug in Ulm hielt, wo die vereinig⸗ ten Ueberreſte ſeiner Seemacht, und die Mittel, auf welche er ſich nach ſeinen eigenen Worten zum Behuf der Unterjochung Englands noch lehnte, vor den Pa⸗ nieren Nelſon's zu Grunde gingen. Ueber ſeine Ge⸗ fuͤhle bei dieſer Nachricht koͤnnen wir nichts Naͤheres ſagen. In den Denkwuͤrdigkeiten Fouché's wird un⸗ ter Berufung auf Berthier behauptet, daß ſeine Be⸗ wegung groß und ſeine erſte Ausrufung die geweſen: —„Ich kann nicht uͤberall ſeyn!“— womit er ohne Zweifel ſagen wollte, daß ſeine eigene Gegenwart die Scene veraͤndert haben wuͤrde. Denſelben Gedanken finden wir in ſeinen Unterhaltungen mit Las Caſes. Es laͤßt ſich inzwiſchen keineswegs glauben, daß Na⸗ poleon gewuͤnſcht haben konnte, bei jener denkwuͤrdi⸗ gen Gelegenheit ſelbſt an Bord des beſten Schiffes der franzoͤſiſchen Flotte zu ſeyn, und es iſt ſo ziemlich ge⸗ wiß, 35 wiß, daß er in dieſem Falle keinen Einfluß auf das Schickſal des Tages gehabt haben wuͤrde. Der un⸗ gluͤckliche Villeneuve wagte es nicht, die Verzeihung ſeines Gebieters in Anſpruch zu nehmen.—„Er ſoll⸗ te ſiegen,“ aͤußerte Napoleon,„und er wurde per⸗ nichtet.“— Dafuͤr— ungeachtet des Ungluͤcks, das gewoͤhnlich einen der zwei einander gegenuͤberſtehen⸗ den Befehlshaber in einem Treffen erreicht— fuͤhlte Villeneuve, ſey weder eine Vertheidigung zu geben, noch zu nehmen, und ſo endigte der tapfere, aber un⸗ gluͤclliche Seemann ſein Leben durch einen Selbſt⸗ mord. Napoleon ſprach bei allen Gelegenheiten mit Verachtung von ſeinem Andenken; auch war es kein Zeichen ſeiner nautiſchen Einſichten, daß er jenem ge⸗ ſchickten, aber ungluͤcklichen Admiral den prahleri⸗ ſchen Latouche Treville vorzog. Der fatale Ausgang der Schlacht von Trafalgar ſollte das glaͤnzende Gemaͤlde nicht verdunkeln, wel⸗ ches der Sieger von Ulm und Auſterlitz ſeinem Rei⸗ che entwarf, und worin er ſeine Erfolge mit dem pomphaften Stolze des Eroberers auseinanderſeste. — Seine Armeen, ſagte er in einer Adreſſe an den geſetzgebenden Koͤrper, deſſen Sitzung er am 2ten März 4806 mit großem Gepraͤnge eroͤffnete, hatten erſt dann aufgehoͤrt, zu erobern, als ſie aufgeboͤrt, zu kampfen. Seine Feinde ſeyen gedemund gbe geſchreckt— das koͤnigliche Hans i Den immer(der Ausdener twaäs W. Scott's/ Weuke 31 zu regieren— die ganze Halbinſel von Italien bilde nur einen Theil des großen Reichs— ſein Groß⸗ muth habe in die Ruͤckehr der beſiegten Ruſſen in thr Land gewiligt, und den öſterreichiſchen Thron, nachdem er dieſe Regierung durch die Hinwegnahme eines Theils ihrer Beſitzungen beraubt, wieder herge⸗ ſteult.— Hierauf wurde Trafalgar beruͤhrt.— Ein Sturm, außerte er, habe ihn nach einem unklug be⸗ gonnenen Kampfe einiger Schiffe beraubt— und auf ſolche Weiſe eilte er uͤber eine unheilvolle und ent⸗— ſcheidende Niederlage hinweg, durch welche ſo manche ſeiner Hoffnungen geſcheitert waren. 4 Wenn ein Souverain nicht Geiſtesgroͤße genug hat, feine Verluſte anzuerkennen, ſo duͤrfen wir, ohne ihm Unrecht zu thun, glauben, daß er ſeine Erfolge ubertreibt. Die von Frankreich konnten in ihren Be⸗ ziehungen nach außen kaum uͤberſchatzt werden. Aber wenn Hr. von Champagny am 5ten Maͤrz eine Schil⸗ derung der inneren Verbeſſerungen Frankreichs unter der Regierung Napoleon's unternahm, ſo ſcheint er nur diejenigen gemeint zu haben, die auf dem Papier vorhanden, andere, die erſt begonnen, und endlich einige, die vollendet waren. Alles wurde folglich dem degeiſternden Genius des Kalſers zugeſchrieben, dem Frankreich ſein ganzes Gluͤck zu verdanken habe. Der Kredit der guten Stadt Paris war wieder hergeſtellt und ihr Einkommen verdoppelt— der Ackerbau war durch die Austrocknung unermeßlicher Moraͤſte gufge⸗ muntert— die Bettler waren verſchwunden. Wohl⸗ thaͤtige Reſultate, ſcheinbar unvertraͤglich mit einan⸗ der, waren die Folge dieſer Maßregeln— die Koſten des geſetzlichen Verfahrens waren vermindert, und die Beſoldungen der Richter erhoͤht. Unermeßliche und⸗ hoͤchſt koſtſpielige Verbeſſerungen, die in andern Laͤn⸗ dern, oder vielmehr unter andern Souverainen, noth⸗ wendig den Friedenszeiten aufbehalten ſeyn muͤſſen, wurden von Napoleon waͤhrend der laͤſtigſten Kriege gegen das ganze Europa ausgefuͤhrt, Vierzig Millio⸗ nen waren auf oͤffentliche Werke verwendet worden, unter welchen acht Kanaͤle, als die Departements des Reichs dem Einfluſſe der innern Schiffahrt eroͤffnend, mit beſonderem Nachdruck erwaͤhnt wurden. Endlich hatte der Kaiſer dreihundert und ſiebenzig Schulen errichtet— die Gebraͤuche der Religion wieder herge⸗ ſtellt— den oͤffentlichen Kredit darch die Unterſtutzung der Bank gehoben— ſtreitende Faktionen verſöhnt— die oͤffentlichen Abgaben vermindert und die Lage je⸗ des Franzoſen verbeſſert. Nach den hochfliegendem Ausdrucken des Hrn. von Champagny zu urtheilen, war der Kaiſer bereits ein Gegenſtand der verdiente⸗ ſten Verehrung: es blieb nichts mehr uͤbrig, als ihm Tempel zu erbauen und Altare zu errichten. 1 In dieſer Darſtellung war unſtreitig Vieles eine Rebertreibung der Schmeichelet, welche jeden Gegen⸗ ſtand als in dem Augenblicke begonnen aufzaͤhlte, wo ihn der Soupergin beſchloſſen, und Alles eben ſo bald 5 als beendigt erſchien, wo es angefangen war. Noch andere Maßregeln waren genommen worden, die, gleich der Unterſtuͤtzung für die Bank, nur ein Unrecht ver⸗ uͤteten, deſſen ſich Napoleon ſelbſt ſchuldig gemacht. Der Kredit dieſer Handelsanſtalt war erſchuͤttert wor⸗ den, weil ſie Napoleon bei Eroͤffnung ſeines Feldzugs des Reſervefonds beruubt hatte, der möoͤglichen Anfor⸗ derungen begegnen ſollte, und er ward wieder herge⸗ ſtellt, weil die Siege des Kaiſers ihn in den Stand ſetzten, das Geborgte wieder zu erſtatten. Wenn man bedenkt, daß es kein kleines Wageſtuͤck war, ſich dem Falle preis zu geben, die Uebel, die er in der That verurſacht hatte, wieder zu verguͤten, verdient ſein Benehmen bei dieſer Gelegenheit kaum den Namen einer Nationalwohlthat. Ein Theil dieſer Uebertreibungen mochte ſogar Napoleon taͤuſchen. Es gehoͤrt zu den großten Nach⸗ theilen des Despotismus, daß der Souverain ſelbſt durch falſche Darſtellungen jener Art irregeleitet wer⸗ den kann, und der Kaiſerin Katharina wurde durch die Erſcheinung entfernter Doͤrſer und Staͤdte in den Einoͤden ihres Reichs geſchmeichelt, waͤhrend es in der That nur gemalte Darſtellungen jener Gegenſtaͤn⸗ de waren, und ſo, wie man ſie auf der Buͤhne ſieht oder wie ſie in gewiſſen Entfernungen im Gebiet phantaſtiſch angelegter Gaͤrten zu finden ſind. Es lag in dem Charakter Napoleon's, allgemeine Verbeſſe⸗ rungsideen mit Schnelligkeit zu ergreifen. Wohin er 37 auch kam, entwarf er Plane zu wichtigen oͤffentlichen „Werken, von denen aber viele in der That nur in den Berichten vorhanden waren. Hatte er einmal ſeine Beſehle erlaſfen, ſo war er auch geneiat, ſie fuͤr ausgefuͤhrt zu halten. Es war unmoͤglich, Alles ſelbſt zu thun, oder auch nur mit Sorgfalt zu uͤberſehen. Manche herrliche Entwuͤrſe wurden daher in dem Ge⸗ fuͤhle des Augenblicks begonnen und wegen Mangel an den noͤthigen Geldern unvollendet gelaſſen, oder vielleicht auch, weil ſie nur Lokalintereſſen beruͤhrten, waͤhrend andere in dem Flug der Ereigniſſe vergeſſen oder einem Frieden aufbehalten wurden, der waͤhrend der Regierung Napoleon's nie eintreten ſollte. Aber mit derſelben Freimuͤthigkeit, mit welcher die Geſchichte den grenzenloſen Ehrgeiz dieſes außer⸗ ordentlichen Mannes tadeln muß, iſt ſie auch zu der Wahrheit verbunden, daß feine Entwuͤrfe zu der Ver⸗ beſſerung ſeines Reiches großartig, klar und gemein⸗ nuͤtzig waren, und wir halten fuͤr wahrſcheinlich, daß — ware ſeine Leidenſchaft fuͤr Kriege weniger ror⸗ herrſchend in ſeinem Charakter geweſen— ſeine auf Gegenſtaͤnde des Friedens gerichtete Sorgfalt ebem ſo⸗ viel fuͤr Frankreich geleiſtet haͤtte, als Auguſtus fuͤr Rom that. Aber ſtets muͤſſen wir beifuͤgen, daß— nachdem er ſein Land der Freiheit beraubt und die Abſicht hatte, das Reich, gleich ſeinem eigenen Beſitz⸗ thume, auf ſeine Erben uͤbergehen zu laſſen— die Uebel, welche er uͤber Frankreich gebracht, ſo dauernd 38 als ſein Regierungsſyſtem waren, waͤhrend die ihm erzeigten Wohlthaten, in welchem Umfange ſie auch verwirklicht worden waͤren, von ſeinem eigenen Leben und dem Charakter ſeines Nachſolgers abhaͤngen mußten. Da ſolche Betrachtungen Napoleon aber nicht ab⸗ hielten, die oberſte Gewalt auf ihren hoͤchſten Gipfel zu ſteigern, ſo hielten ſie ihn nun auch nicht ab, die⸗ ſelbe mit ſo viel Bollwerken zu umgeben und zu befe⸗ ftigen, als er auf Unkoſten der unterjochten Feinde Materialien dafuͤr finden konnte. Da er die Schwie⸗ rigkeit, oder vielmehr die Unmoͤglichkeit wohl einſah, alle Gewalt in ſeinen eigenen Haͤnden zu behaupten, ſo bemuͤhte er ſich, die Regierungen der benachbarten Laͤnder ſo zu organiſiren und zu beſchraͤnken, daß ſie ſtets von Frankreich abhaͤngig ſeyn mußten, und er beſchloß zu dieſem Endzweck, ſeine naͤchſten Verwand⸗ te mit der oberſten Gewalt in jenen Staaten zu be⸗ kleiden, welche unter dem Namen von Allirrten, Frankreich dieſelbe Ehrfurcht im Frieden bezeugen und dieſelben Dienſte im Kriege leiſten ſollten, die das alte Rom von den Laͤndern forderte, die es unter⸗ jocht hatte. Deutſchland, Holland und Italien waren koleon's entſproffenen, oder durch Heirathen ete geneigt, ſeine Bruͤder fuͤr dieſe den gewoͤhnlichen monarchiſchen Beſchraͤn⸗ en zu unterwerfen, welche den Prinzen eines beſtin imt, ein Eigenthum der aus dem kaiſerlichen verbundenen Prinzen zu bilden. Dagegen 39 Hauſes verbietet, nach ihren eigenen Neigungen zu heirathen, und ſie folglich in dieſer Hinſicht gaͤnzlich unter den Willen des Monarchen zu ſtellen, der nur ſolche politiſche Verbindungen zulaͤßt, wie ſie ſeinen Abſichten am Beſten zuſagen. Sie gehoͤrten, ſagte er in dem betreffenden Dekret, einzig dem Staate an, und muͤßten daher jedes individuelle Gefuͤhl unterdruͤk⸗ ken, wo das oͤffentliche Wohl ein ſolches Opfer erheiſchte. Zwei von Napoleon's Bruͤdern widerſetzten ſich dieſer Art von Gewalt. Die Dienſte, die ihm Luciau am 18. Bruͤmaire geleiſtet, hatten ihn, wiewohl jenes kuͤhne Wagſtuͤck ohne ſeinen kraͤftigen Beiſtand geſchei⸗ tert waͤre, nicht von der kaiſerlichen Ungnade retten koͤnnen. Man behauptete, daß er die Zerſtoͤrung der Republik mißbilligt, und in ſeinen Vorſtellungen ge⸗ gen den Mord des Herzogs von Enghien gewagt habe, ſeinem Bruder zu erklaͤren, wie ein ſolches Beneh⸗ men die Folge haben koͤnne, daß das Volk ihn mit ſeiner ganzen Sippſchaft in denſelben Kanal werfe, in den es den Koͤrper Marat's geworfen. Aber Lucian's Hauptverbrechen beſtand in ſeiner Weigerung, ſich von ſeinem ſchoͤnen und geliebten Weibe deshalb zu tren⸗ nen, um eine den Abſichten Napoleon's entſprechen⸗ dere Verbindung einzugehen. Er lebte daher lange in der Zuruͤckgezogenheit des Privatmanns, ungeach⸗ tet der Talente und der Entſchiedenheit, welche er bei manchen Gelegenheiten waͤhrend der Revolurion an den Tag gelegt, und erlangte die Gunſt und die 4⁸ Unterſtuͤtzung ſeines Bruders erſt dann wieder, als ſeine Mitwirkung und Huͤlfe nach der Ruͤckkehr des ketzteren aus Elba von Wichtigkeit wurden. Hierony⸗ mus, der juͤngſte Bruder der Familie, zog ſich gleich⸗ falls auf eine Zeitlang den Unwillen ſeines Bruders zu, weil er ſich mit einer amerikaniſchen Frau von ebenſo viel Schonheit als Bildung vermaͤhlt hatte. In den Willen Napoleon's ſich fugend, verſoͤhnte er ſich in einer ſpaͤtern Periode wieder mit ihm, war aber damals noch in Ungnade. Weder Lucian noch Hieronymus waren daher in dem Dokument der Erb⸗ folge erwaͤhnt, in welchem falls Napoleon ſeinen Nach⸗ folger nicht ernennen ſollte, Joſeph und Ludwig zur Regierung berufen waren; auch wurden die erſteren von Napoleon nicht bedacht, als er nach dem Siege von Auſterlitz ſich im Stande ſah, die uͤbrigen Mit⸗ glieder ſeiner Familie auf das reichlichſte auszuſtatten. Von dieſen Beſitzungen waren die bedeutendſten die Provinzen von Holland, welche Napoleon nun in ein Koͤnigreich verwandelte und Ludwig Buvnaparte zutheilte. Dieſe Umſchaffung einer Republik, deren Unabhaͤngigkeit nur nominell war, in ein voͤllig und unbedingt untergeordnetes Koͤnigreich, wurde durch wenig mehr, als den Willensausdruck, daß eine ſol⸗ che Veraͤnderung ſtatt finden ſollte, bewerkſtelligt. Dies geſchah ohne vieles Aufſehen; denn die batavi⸗ ſche Republik war ſo durchaus abhaͤngig von Nayoleon, daß ihr nicht die mindeſte Gewalt blieb, ſeine Laune —— 41 zu beſtreiten. Sie war der franzoͤſiſchen Revolutien durch alle ihre Wechſel hindurch gefolgt, und unter ihrer damaligen Verfaſſung ſtand ein Großpenſionair⸗ der allein das Recht hatte, Geſetze vorzuſchlagen, und fuͤr keinen ſeiner Verwaltungsakte verantwortlich war, gleich dem erſten Konſul der franzoͤſiſchen Regierung, an der Spitze des Staats. Dieſer Amtstraͤger ſollte nun den Namen eines Koͤnigs annehmen, wie ſein Muſterbild den eines Kaiſers; aber der Koͤnig ward aus der Familie Napoleon's gewaͤhlt. Am 18. März 1806 langte der Sekretaͤr der hol⸗ laͤndiſchen Geſandtſchaft in Paris mit einem geheimen Auftrag im Haag an. Die Staͤnde werden zuſam⸗ menberufen— der Großpenſionair wurde befragt— und endlich gieng eine Deputation nach Paris ab, mit der Bitte, den Prinzen Ludwig Napoleon zum erb⸗ lichen Koͤnig von Holland zu waͤhlen, Napoleon's Einwilligung wurde gnaͤdig ertheilt, und damit war die Sache abgethan. Es iſt in der That wahrſcheinlich, daß die Hol⸗ laͤnder, ungeachtet dieſer Wechſel ihren Gewohnheiten und Meinungen in jeder Hinſicht widerſprach, ſich in denſelben fuͤgten, weil ſie von den Streitigkeiten und Faktionen befreit zu werden hofften, welche damals ihre Regierung theilten. Ludwig Buonaparte beſaß einen ebenſo liebenswuͤrdigen als milden Charakter. Unabhaͤngig von ſeiner nahen Verwandtſchaft mit Na⸗ poleon, war er mit Hortenſia vermaͤhlt, der Tochter 4² Joſephinens, und folglich einem Stiefkind des Kai⸗ ſers, der ihr einen großen Theil ſeiner Gunſt zuzu⸗ wenden ſchien. Die eroberten Staaten von Holland, nicht laͤnger die Hohen und Maͤchtigen, wie ſie ſich zu benennen gewohnt waren, hofften durch die An⸗ nahme eines mit Napoleon ſo nahe Verwandten und von ſeiner Hand empfangenen Monarchen den Schutz Frankreichs zu genießen und gegen die uͤber ihren Handel und ihr Land ausgeuͤbte Unterdruͤckung geſi⸗ chert zu werden. Ludwig als ihr Koͤnig, dachten ſie ſich, muͤſſe in dem Rathe jenes Autokraten, unter deſſen Verfuͤgung ſie nothwendigerweiſe ſtunden, als ihr maͤchtiger Beſchuͤtzer auftreten. So wurde denn Ludwig Buonaparte Koͤnig von Holland. Wie weit dieſer Fuͤrſt und ſeine Unterthanen ihre beiderſeitigen Hoffnungen erfuͤllt ſahen, gehoͤrt einem andern Theil dieſer Geſchichte an. Auch Deutſchland hatte das Schickſal, mehr als ein Beſitzthum ſuͤr die Familie Napoleon's abzugeben. Die Wirkungen der Schlachten von Ulm und Auſter⸗ litz hatten beinahe den Einfluß gaͤnzlich zerſtoͤrt, wel⸗ chen das Haus Oeſterreich in dem ſuͤdweſtlichen Ge⸗ biete Deutſchlands ſo lange behauptet. Seiner Beſiz⸗ zungen in dem Vorarlberg und Tyrol, ſo wie ſchon fruͤher des groͤßeren Theils der Niederlande beraubt, wurde es weit von jenen deutſchen Diſtrikten zuruͤck eworfen, welche am rechten Rheinufer lagen, und wo es fruͤher eine ſo ausgedehnte und in der That nicht ſehr milde Gewalt ausgeuͤbt hatte. —— 43 Beſiegt und gedemuͤthigt, war der Kaiſer von Oeſterreich nicht mehr laͤnger im Stande, ſich den Vergrößerungsentwuͤrſen entgegen zu ſetzen, welche Napoleon in demjenigen Gebiet des deutſchen Reichs vor hatte, welches in der Nachbarſchaff des Rheins und Frankreichs lag, fuͤr deſſen Grenze jener Fluß er⸗ klaͤrt worden war, und eben ſo wenig vermochte er gegen den Plan, das Reich ſelbſt gaͤnzlich umzuſchaffen. Preußen inzwiſchen blieb eine allzu betheiligte, und nach ſeinen zahlreichen Armeen und ſeinem hohen militaͤriſchen Rufe allzu furchtbare Macht, um von Napoleon verachtet zu werden. Er war in der That hoͤchſt unzufrieden mit dem Benehmen dieſer Regie⸗ rung waͤhrend des Feldzugs, und keineswegs geneigt, die drohende Stellung zu vergeſſen oder zu vergeben, welche der Hof von Berlin angenommen, wiewohl er endlich nach dem Laufe der Ereigniſſe beſchloſſen hatte, ſich wirklicher Feindſeligkeiten zu enthalten. Ungeach⸗ tet dieſer Gruͤnde ſagte es der Politik Napoleon's dennoch mehr zu, Preußens Einwilligung in ſeine Entwuͤrfe durch ein großes Opfer zu erkaufen, das er den ſelbſtſuͤchtigen Intereſſen dieſes Staats bringe, als die Anzahl ſeiner offenen Feinde durch denſelben zu vermehren. Preußen ſollte daher auf Unkoſten ir⸗ gend eines andern Staats voͤllig verſoͤhnt werden. Wir haben bereits der kritiſchen Ankunft des erſten preuſſiſchen Miniſters, Haugwitz, in Wien erwaͤhnt, und wie die Kriegserklaͤrung gegen Frankreich, die er 44 ausſprechen ſollte, in Folge der Schlacht von Auſter⸗ litz gegen einen freundlichen Gluͤckwunſch an Napoleon ausgetauſcht wurde. Der Letztere taͤuſchte ſich keines⸗ wegs in der Veraͤnderlichkeit des preußiſchen Kabi⸗ nets; aber der Erzherzog Ferdinand hatte eine große Armee in Boͤhmen zuſammengezogen— ſein Bruder Karl befand ſich an der Spitze einer noch groͤßeren in Ungarn— Alerander, obgleich beſiegt, weigerte ſich, in irgend einen Traktat einzugehen, und behielt eine drohende Stellung. Napoleon konnte obgleich Sieger, nicht wuͤnſchen, die großen und ſo hochgeſtellten mili⸗ täͤriſchen Streitkraͤfte Preußens in die Wagſchale ge⸗ gen ihn gelegt zu ſehen. Er ſchloß daher einen gehei⸗ men Traktat mit Haugwitz, welchen er bei dieſer, wie bei fruͤheren Gelegenheiten, dem franzoͤſiſdh en Inte⸗ reſſe ganz ergeben fand. Dieſem Traktat zu Folge hatte Preußen das Gebiet von Anſpach und Bayreuth an Frankreich abzutreten, oder es vielmehr zu ſeiner Verfuͤgung zu ſtellen, wogegen daſſelbe mit Huͤlfe Frankreichs durch die Beſetzung Hannovers, aus dem ſich die franzoͤſiſchen Truppen zu.n Behuf ihrer Per⸗ einigung mit der großen Armee zuruͤckgezogen hatten, entſchaͤdigt werden ſollte. Das Benehmen des preußiſchen Miniſters— denn mehr an ihm, als an ſeinem Hofe lag die Schuld— war eben ſo niedrig als unſittlich. Er war Urſache, daß ſeine Regierung an Frankreich daſſelbe Gebiet ab⸗ trat, das die franzoͤſiſchen Armeen noch vor kurzem 45 erſt verletzt, wogegen er als Entſchaͤdigung Provinzen annahm, die dem Koͤnig von Britannien gehoͤrten, mit welchem Preußen ſo weit entfernt von irgend ei⸗ nem Streite war, daß es auf dem Punkte ſtund, ge⸗ meinſchaftliche Sache mit ihm gegen die Eingriffe Frankreichs zu machen, waͤhrend jene Provinzen von Seiten Frankreichs mit einer Verletzung der Neutra⸗ litatsrechte in Beſitz genommen worden, auf die der Kurfuͤrſt von Hannover als Mitglied des deutſchen Koͤrpers, Anſpruch machen konnte. So offene und grobe Verletzungen der Gerechtigkeit und der Voͤlker⸗ rechte haben ſchon oft ihre eigene Strafe mit ſich ge⸗ fuͤhrt, und dieß war auch jetzt der Fall. Jene Staaten, Anſpach und Bayreuth, wurden nebſt Cleve; das Baiern abgetreten, mit dem ſoge⸗ nannten Großherzogthum Berg vereinigt, das Joachim Murat als Beſitzthum erhalten hatke. Urſpruͤnglich ein gluͤcklicher und zugleich ein unerſchrockener Sol⸗ dat, hatte ſich Murat in den italieniſcden Feldzuͤgen empor geſchwungen. Am 18ten Bruͤmaire befehligte er das Militaͤr, das den Rath der Funfhundert aus dem Ver ammtungsſaale trieb. Zur Belohnung dieſes Dienſtes erhielt er den Oberbefehl uͤber die Conſular⸗ garde, und die Hand von Marie de LAnnonciade, ſpäter Caroline genannt, einer Schweſter Navoleon's. Maͤrat zeichnete ſich beſonders als Cavalerieoffizier aus; ſeine ſchöne Perſon, ſeine Gewandtheit als Rei⸗ ter, und ſeine kuͤhne Tapferkeit verſchafften ihm den 46 Namen: Le Beau Sabreur. Außer dem Schlachtfelde war er ein ſchwacher Mann, ein Spiel ſeiner eigenen Eitelkeiten und der Schmeicheleien Anderer. Seine Kleidung war theatraliſch, und zeigte eher eine phan⸗ taſtiſche Vorliebe zum Putz, als guten Geſchmack, da⸗ her er auch zuweilen Koͤnig Franconi genannt wurde, und zwar nach jenem beruͤhmten Kunſtreiter dieſes Namens. Seine Gemahlin, Karoline, war eine ge⸗ ſcheite Frau und mit dem Gebiet der politiſchen In⸗ trike wohl vertraut. Wir werden bald ſehen, daß ſie noch zu einem hoͤheren Gluͤcke ſteigen, als dem Beſitz des Großherzogthums Berg. Inzwiſchen wurde Muͤ⸗ rat mit der erblichen Wuͤrde eines Großadmirals von Frankreich bekleidet; denn es lag in der Politik Na⸗ poleon's, die Anhaͤnglichkeit der neuen Prinzen an die große Nation zu unterhalten, und waͤre es auch nur durch irgend einen Abfall von ſeiner kaiſerlichen Livree. Die ſchoͤnen Beſitzthummer von Neapel und Si⸗ eilien wurden— das erſtere wirklich, das andere aber nur in Hoffnung— ſeinem Bruder Jofeph verliehen⸗ Er war ein guter Mann, der oft die Heſtigkeit ſei⸗ nes Bruders zu beſaͤnſtigen ſtrebte. In Geſellſchaft war er gewandt und liebenswuͤrdig; auch war er ein Verehrer der Wiſſenſchaften, und ob er gleich ſeinen Talenten nach ſehr weit unter ſeinem Bruder ſtand, hatte er doch ein geſundes Urtheil und natuͤrliche Faͤ⸗ higkeiten. Waͤre er Koͤnig von Neapel geblieben, ſo wuͤrde er ſeine Unterthanen ebenſo fuͤr ſich gewonnen 47 haben, wie Ludwig; allein ſeine Verſetzung nach Spa⸗ nien war ſeinem Rufe nachtheilig. In Gemaͤsheit der bereits von uns bezeichneten Politik ſollte der Koͤ⸗ nig von Neapel den Titel eines Vicegroßwaͤhler fuͤh⸗ ren und als ſolcher einer der großen Lehenstraͤger des Reiches bleiben. Das Fuͤrſtenthum Lucca war ſchon fruͤher der aͤl⸗ teſten Schweſter Napoleon's, Eliſe, verliehen worden, und wurde nun durch die Diſtrikte Maſſa⸗Carara und Gafagnana vermehrt. Sie war eine Frau von einem kraͤftigen und maͤnnlichen Charakter, was ſie inzwiſchen nicht abhielt ihrer weiblichen Schwachheit Raum zu geben und Bewunderer aufzumuntern, die, wie man behauptete, nicht vergeblich ſeufzten. In noch ſchlimmerem Ruſe ſtand ihre juͤngere Schweſter Pauline, eine der ſchoͤnſten Frauen in Frank⸗ reich, und vielleicht in Europa. Leclere, ihr erſter Gemahl, ſtarb bei der ungluͤcklichen Expedition von St. Domingo, und ſpaͤter ward ſie mit dem Prinzen Borgheſe verheirathet. Ihre Aufmunteruugen im Ge⸗ biete der ſchoͤnen Kuͤnſte wurden durch die gewoͤhnli⸗ chen Begriffe von Anſtand ſo wenig beſchraͤnkt, daß ſie dem beruͤhmten Canova geſtattete, nach ihrem Koͤr⸗ per eine nakte Venus zu bilden— das ſchoͤnſte ſeiner Werke, wie man behauptete.*) *⁴) Man erzählt ſich, daß— als ſie von einer Dame gefragt wurde, wie ſie ſich einer ſolchen Ausſtellung habe unterwer⸗ ſen mögen— ſe keine andere Meinung gehabt, als daß ſie 48 Man gieng ſelbſt ſo weit, Pauline einer Intri⸗ gue mit ihrem eigenen Bruder zu beſchuldigen, was wir aber willig als ein Verbrechen zuruͤckweiſen, das allzugehaͤßig iſt, um es ohne die genugthuendſten Be⸗ weiſe auch nur zu erwaͤhnen, und noch viel weniger jemand aufzubuͤrden. Die Abſcheulichkeiten der alten roͤmiſchen Kaiſer liegen außer dem Charakter Napo⸗ leon's, wiewohl dergleichen Beſchuldigungen von den⸗ jenigen auf ihn geworfen wurden, die geneigt waren, ihn in jeder Hinſicht mit einem Tiberius oder Cali⸗ gula zu vergleichen. Pauline Borgheſe exhielt bey den Ehrenverleihungen unter der Familie Napoleon's das Fuͤrſtenthum Guaſtalla. In dieſer Periode zeigte Napoleon auch zum er⸗ ſten Mal den Wunſch, ſeine Familie auf die alten Dynaſtien Europas zu propfen, mit denen er ſo lan⸗ ge Krieg gefuͤhrt, und deren Untergang großentheils zu ſeiner Erhebuns beigetragen. Der Kurfuͤrſt von Baiern, mußte den Schutz, der ihn zum koͤniglichen Range erhoben und ſein Gebiet mit dem ſchoͤnen Ty⸗ rol erweitert hatte, mit einer Verhindung bezahlen, welche ſein altes Blut mit dem der Familie des gluͤck⸗ lichen Soldalen vermiſchen ſollte. Eugen Beauhar⸗ nois, Vicekoͤnig von Italien, der Sohn Joſephinens . aus die Frage nur auf eine phyſiſche Unbeguemlichkeit bezlehen könne, und daher mit der Verſicherung geantwortet habe, das Zimmer ſen hinlänglich geheitzt geweſen * 49 aus ihrer erſten Ehe und nun von Napoleon adoptirt, wurde mit der aͤlteſten Tochter des Koͤnigs von Bai⸗ ern vermaͤhlt. Eugen ward von ſeinem Stiefvater, Napoleon, vendienterweiſe beguͤnſtigt. Er war ein Mann von Talenten, Rechtſchaffenheit und Ehre, und entwickelte, beſonders waͤhrend des ruſſiſchen Feldzugs im Jahr 1812, eine große militaͤriſche Geſchicklichkeit. Stephanie Beauharnois, die Nichte Joſephinens, wur⸗ de um dieſelbe Zeit mit dem Erbprinzen von Baden, dem Sohne des regierenden Großherzogs, verheira⸗ thet, deſſen Gebiet bei der Feſtnehmung des Herzogs von Enghien verletzt worden war. Dieſe verſchiedenen, zu Gunſten ſeiner naͤchſten Verwandten errichteten Fuͤrſtenthuͤmer und Koͤnigrei⸗ che gaben ein deutliches Bild von der nnbeſchraͤnkten Gewalt Napoleon's, der unter ſeiner Familie Kronen vertheilte, wie andere Menſchen Nebengelder an ihr Geſinde. Aber in dieſem Benehmen duͤrfte eine ge⸗ ſunde Politik ſehr bezweifelt werden. Wir haben fruͤ⸗ her der einleuchtenden Einwuͤrfe gegen die Abtretung von Staͤdten und Koͤnigreichen erwaͤhnt, die mit eben⸗ ſo wenig Umſtaͤnden, wie Bankzettel, von Hand zu Hand gingen. Die Genalt iſt eine Pflanze, die nur langſam waͤchst, und die, um eine volle und wirkſa⸗ me Verehrung zu erreichen, nur allmaͤhlig an dem Orte emporſteigen darf, den ſie uberſchatten und be⸗ ſchuͤtzen ſoll. Wird ſie ſchnell in neue Regionen ver⸗ pflanzt, ſo kann ſie leicht verdorren und zu Grunde W. Scotz's Werke. XLIX. 4 50 gehen. Die theoretiſchen Uebel einer lange beſtehen⸗ den Regierung werden im allgemeinen durch irgend ein praktiſches Mittel gemildert, oder ſind diejenige, die darunter leiden, durch Gewohnheit unempfindlich geworden. Umgekehrt iſt der Fall mit einer neuen Herrſchaft, die keinen Anſpruch auf eine dem Alter⸗ tbum gebuͤhrenden Verehrung zu machen hat, und der die Unterthanen nicht durch die ſtarke, wiewohl unſichtbare Ketten einer langen Gewohnheit anhaͤngen. For hat ſich in ſeiner kraͤftigen Sprache gegen den neuerdings in Europa angenommenen Grundſatz er⸗ klaͤrt, die Unterthanen, von einem Fuͤrſten auf den andern, als Entſchaͤdigungen und unter dem Vorwand einer allgemeinen Uebereinkunft uͤberzutragen. „Selbſt die ausſchweifendſten Entwuͤrfe,“ bemerkt er, „die je zuvor aufgebracht worden ſind, haͤtten die Grundlage aller beſtehenden Regierungen nicht ſo er⸗ ſchuttert, wie jener neue Gebrauch. In jeder Nation muß eine gewiſſe Anhaͤnglichkeit von Seiten des Volks an ſeine Regierungsform vorhanden ſeyn, ohne welche kein Staat beſtehen kann. Mithin untergraͤbt das Syſtem, Unterthanen von einem Fuͤrſten an den an⸗ dern abzutreten, die Grundlage jeder Regierung und die Exiſtenz jeder Nation.“— 3 Dieſe Bemerkungen laſſen ſich im allgemeinen auf die gewaltſamen Veraͤnderungen in dem europaͤiſchen Syoſteme anwenden, aber andere und weſentlichere Ein⸗ wuͤrfe laſſen ſich gegen das Syſtem Napoleon's erhe⸗ — 4 541 ben, fuͤr die Mitglieder ſeiner Familie Throne in Holland, in Neapel und durch ganz Europa zu errich⸗ ten. Dieſe Schritte waren um ſo unpolitiſcher, als ſie ſeinen Entſchluß allzudeutlich kund gaben, ſich nur mit der Herrſchaft der Welt zu begnuͤgen; denn waͤh⸗ rend er Frankreich in eigener Perſon regierte— mas konnte von der Verfuͤgung uͤber andere Laͤnder zu Gunſten ſeiner Bruder und naͤchſten Verwandten, die nicht nur franzoͤſiſche Lehensleute und durch ihr Blut ſowohl als durch ihre Verbindlichkeiten von ihm abhaͤn⸗ gig waren, anders erwartet werden, als daß die Un⸗ abhaͤngigkeit ſolcher Koͤnigreiche nur nominell, und ih⸗ re Monarchen verpflichtet ſeyen, in jeder Hinſicht als die Agenten der Willkuͤhr Napoleon's zu handeln?— Dies war in der That nach ſeinen eigenen Anſichten ihre heilige Pflicht, und er breitete ſich daruͤber lbaͤh⸗ end ſeines Aufenthalts in St. Helena gegen Las Ca⸗ ſes aus. Folgende Stelle enthaͤlt ein deutliches Be⸗ kenntniß der Grundſaͤtze, nach denen er ſeine Bruͤder die ihnen anvertrauten Regierungen ordnen zu ſehen wuͤnſchte:— „Ein andermal kam der Kaiſer auf ſeine Ver⸗ wandten, die wenige Huͤlfe, die er von ihnen empfan⸗ gen, die Verlegenheiten und das Unheil zu ſprechen, das ſie ihm verurſacht. Er verweilte hauptſachlich bei ihrer falſchen Anſicht, daß, in ſofern ſie einmal an der Spitze eines Staats geſtanden, ſie auch verbunden geweſen ſeyen, ſich in einem ſolchen Grade mit ihm 4.. 5² zu verſchmelzen, um die Intereſſen deſſelben denen des gemeinſchaftlichen Landes vorzuziehen. Er gab zu, daß der Grund dieſer Geſinnung in gewißem Grade ehrenvoll ſeyn konne, behauptete aber, daß ſie einen falſchen und nachtheiligen Gebrauch davon gemacht, wenn ſie ſich in ihren Grillen von einer unbedingten Unabhaͤngigkeit als in einer iſolirten Stellung betrach⸗ tet, und dabei außer Acht gelaſſen haͤtten, daß ſie nur Theile eines großen Syſtems bildeten, deſſen Bewe⸗ gungen zu unterſtuͤtzen und nicht aufzuhalten ihre Pflicht ſey.“— In dieſen wenigen Worten iſt der Grundſatz er⸗ laͤutert, auf welchen Napoleon jene Huͤlfsmonarchien gruͤndete, und zwar nicht fuͤr das Wohl des Volks, us dem ſie beſtanden, ſondern fuͤr den Dienſt Frank⸗ reichs, oder vielmehr fuͤr ihn ſelbſt war es, daß jener Grundſatz für den einzigen und bewegenden galt. Als er die Krone von Holland nach der Abdankung Lud⸗ wigs auf den Sohn des letzteren uͤbergehen ließ, wie⸗ derholte er denſelben Grundſatz als erſte Bedingung ihres Beſitzes.—„Vergeſſe nie,“ ſprach er,„daß in der Lage, in welche dich mein politiſches Syſtem und das Intereſſe meines Reichs gerufen, deine erſte Pflicht mir, deine zweite Frankreich angehoͤrt. Alle deine übrigen Pflichten, ſelbſt die gegen das Volk, uͤber das ich dich regieren laſſe, ſind jenen unterge⸗ ordnet.“— Wenn Napoleon ſeine beyollmaͤchtigten Prinzen 55 tadelt, daß ſie das Intereſſe der Koͤnigreiche, die er ihnen angewieſen, vorzogen, ſtatt es ihm und ſeiner Regierung aufzuopfern, fo erniedrigt er ſie zu bloßen Puppen, die wohl den koͤniglichen Titel tragen und koͤ⸗ nigliche Bedienung haben mochten, aber, gaͤnzlich ab⸗ haͤngig von dem Willen eines Andern, keine Wahl hat⸗ ten, als den unerſͤttlichſten Ehrgeiz zu unterſtuͤtzen, der je in einer menſchlichen Bruſt wohnte. Dieſes Geheimniß blieb den Hollaͤndern, den Neapolitanern oder andern Fremden, welche jenen ſo⸗ genannten Monarchen unterworfen wurden, nicht ver⸗ borgen; und da es ſie natuͤrlicherweiſe gegen Napo⸗ leon's Regierung aufbrachte, ſo war es auch ein Hin⸗ derniß fuͤr die von ihm eingeſetzten Monarchen, ſich Liebe oder Verehrung zu erwerben, und machte die Voͤlker geneigt, die erſte Gelegenheit zu ergreifen, ihr Joch abzuwerfen. Die Gruͤndung dieſer Verwandten⸗Monarchien war nicht das einzige Mittel, durch welches Napoleon einen Einfluß in den von ihm eroberten Laͤndern zu behaupten ſuchte, die er von Frankreich abhaͤngig er⸗ hielt, wiewohl ſie keinen nominellen oder unmittelba⸗ ren Theil ſeines Reichs bildeten. Napoleon hatte ſei⸗ nem Staats⸗Rathe bereits die Frage vorgelegt, ob das Inſtitut von Großen des Reichs— einer Art von Adel, der nicht auf der Geburt, ſondern auf Talenten und Dienſten, die man dem Vaterlande geleiſtet hatte, beruhte— als eine Verletzung der Freiheit und Gleich⸗ 54 heit betrachtet werden koͤnnte. Man antwortete ihm einſtimmig mit Nein; denn da er nun ein erblicher Monarch geworden, ſo ſcheine es eine natuͤrliche, wo nicht unerloͤsliche Folge, daß Frankreich Pairs und Großoffiziere der Krone habe. Eine ſolche Schoͤpfung mußte nach Napoleon's Anſichten ſeine Wuͤrde mit derjenigen der andern Hoͤfe Europa's(eine Gleichſtel⸗ lung, welcher er mehr Wichtigkeit beilegte, als mit der Politik vertraͤglich war) in Uebereinſtimmung brin⸗ gen, und die Vermiſchung der Neuadeligen des Reichs mit denen der koͤniglichen Regierung auch den jetzigen Zuſtand der Dinge mit den Ueberbleibſeln des alten Hofes verſoͤhnen. Aus Achtung vielleicht fuͤr die republikaniſchen Meinungen, welche ſo lange geherrſcht hatten, wur⸗ den die Titel und Beſitzthuͤmer jener großen Lehens⸗ traͤger nicht aus dem franzoͤſiſchen Gebiet ſelbſt, ſon⸗ dern aus Provinzen genommen, die das Schwert des Eroberers gefuͤhlt hatten. Fuͤnfzehn Herzogthuͤmer— nicht Lehen von Frankreich, ſondern von dem franzoͤſi⸗ ſchen Reiche, das ſich weit uͤber jenen Staat ausdehn⸗ te— wurden durch den Willen des Kaiſers geſchaffen. Das mit denſelben verbundene Einkommen belief ſich auf den fuͤnfzehnten Theil der Einkuͤnfte der Prosin⸗ zen, nach welcher der Wuͤrdetraͤger benannt wurde⸗ Dieſe Dotationen wurden denjenigen zu Theil, die dem Kaiſer im Kriege und in den Staatsangelegenhei⸗ ten am beſten gedient hatten. Auch Fuͤrſtenthuͤmer 22 —— 55 wurden errichtet, und waͤhrend Marſchaͤlle und Mi⸗ niſter zu Herzogen erhoben wurden, erhielten Tallep⸗ rand, Bernadotte und Berthier den hoͤhern Rang ei⸗ nes Fuͤrſten von Benevent, Ponte⸗Corvo und Neuf⸗ ſchatel. Die Umſchaffung von republikaniſchen Generalen und alten Jakobiner zu Mitgliedern der Pairſchaft ei⸗ nes monarchiſchen Staates brachte etwas Unziemliches in dieſe glaͤnzende Maskerade, und manche dieſer neuen Großen zeigten etwas Linkiſches in der Behaup⸗ tung ihrer Wurde. Das ausgezeichnete Talent eini⸗ ger dieſer Maͤnner, der Schrecken, den andere ein⸗ foͤßten, der Kriegsruhm, den nicht wenige von ihnen erworben hatten, konnte ſie allerdings gegen den Spott ſchuͤtzen, den man in den Salons uber ſie ausgoß⸗ aber der Anſpruch, den dieſe Wuͤrdentraͤger auf die Achtung des Publikums haben mochten, war ſchon laͤngſt begruͤndet und konnte durch ihre neue Beehrung keinen Zuwachs erhalten. Bei dieſer, ſo wie bei aͤhnlichen Gelegenheiten ſchoß Napoleon uͤber ſein Ziel hinaus, und ſchadete ge⸗ wiſſermaßen ſeinem Ruf, indem er einen Werth auf Titel, Ehren und Ceremonien zu legen ſchien, die, wenn auch bei andern Hoͤfen ſehr geſchaͤtzt, doch nicht zur Grundlage ſeiner Wuͤrde geeignet waren. Das Ceremonieweſen iſt das Lebenselement eines alter⸗ thuͤmlichen Hofes, die Etikette und die Titel ſind die Goͤtzen, die dort verehrt werden. Aber Napoleon 56 herrſchte durch das Recht ſeines Schwertes und ſeiner Talente, und haͤtte, wie Mezentius in der Aeneide, keine andere Quelle ſeiner Gewalt anerkennen ſollen. Es war unklug, einen Werth auf Dinge zu leger, die er ſich mit all ſeiner grenzenloſen Macht doch nicht ei⸗ gentlich verſchaffen knnte, indem ſein Adel und ſein Hofweſen, als eine neue Schoͤpfung jenen wirklichen oder eingebildeten Werth doch nicht haben konnten, den man allen Inſtitutionen und einem unfuͤrdenkli⸗ chen Herkommen beimißt. Der Kaiſer haͤtte eben ſo gut ſelnem gefaͤlligen Senat zumuthen koͤnnen, durch ein Dekret den unter ſeiner Regierung gepraͤgten Denkmuͤnzen denſelben Werth, der den Muͤnzen des Alterthums beiwohnt, zu verſchaffen. Eben ſo unklug war es, ſich in einen Kampf einzulaſſen, in welchem er nothwendig unterliegen mußte; denn wo die Ge⸗ walt großentheils auf der oͤffentlichen Meinung be⸗ ruht, verliert ſie in demſelben Maße, in welchem ſie ihre Zwecke verfehlt, es moͤgen dieſe nun großmuͤthig oder geringfuͤgig ſeyn. Jenes halb feudale) halb orien⸗ taliſche Inſtitut der großen Lehenstraͤger, mit welchen jetzt Napoleon das Gebaͤude ſeiner Groͤße zu zieren be⸗ gann, glich einigermaßen den ſchwerfaͤlligen gothiſchen Figuren, welche die modernen Baukuͤnſtler an der Außenſeite ihrer Gebaͤude anbringen, und wodurch die⸗ ſe, wenn nicht verunſtaltet, doch uͤberladen werden. Das Syſtem des neuen Adels wurde durch ein kaiſerliches Edikt von Napoleon ſelbſt feſtgeſetzt, und 57 am 3oſten Maͤrz 1806 dem Senate mitgetheilt, nicht etwa um es zu berathen oder anzunehmen, ſondern einzig, um es, gleich dem alten Parlament in Paris, in ſeine Regiſter einzutragen. Der Hof Napoleon's nahm nun die ſtrengſte Eti⸗ kette an, zufolge welcher jene unbedeutenden Armſe⸗ ligkeiten, die von einem Schriftſteller der„Aberglaube der Kammerdiener und Thuͤrſteher“ genaunt werden, als Gegenſtaͤnde von der groͤßten Wichtigkeit behandelt wurden, und mit denen ſich ſogar Napoleon ſelbſt be⸗ ſchaͤftigte, wenn er nicht auf Eroberung ſann, wodurch neue Koͤnigreiche geſchaffen oder zerſtoͤrt werden ſollen. Die Mitglieder des alten Adels, angezogen durch die Achtung, die dem Range und der Geburt von Neuem zu Theil ward, unterlieſſen nicht, ſich an den neugeſchaffenen Adel anzuſchließen. Der Kaiſer erwies ſich ſehr gnaͤdig gegen dieſe alten Guͤnſtlinge des Kö⸗ nigthums, die, halberroͤthend, in dem Palaſte der Bourbons Napoleon ihre Ehrfurcht zu bezeigen, halb ſpottend uͤber die linkiſchen und ungeſchickten Manie⸗ ren ihrer neuen Genoſſen, ſich unter die neuen Em⸗ porkoͤmmlinge miſchten und dem Monarchen des Ta⸗ ges ihre Huldigung darbrachten,„weil,“ wie ſich ei⸗ ner von ihnen gegen die Frau von Stasl ausdruͤckte, „man doch jemanden dienen muß.“— Dieſe Herren vom alten Hofe waren Napoleon ſehr willkommen, weil mit ihnen etwas von der feinen und ſo gefäͤlligen Sit⸗ te des alten Hofes unter ſeine neuen Hoͤflinge kam, 58 und weil er, ſo weit es anging die Erben jener in der franzoͤſiſchen Geſchichte ſo berüͤhmten Namen in ſeinem Gefolge haben wollte. Aber ſie mußten ſich ihm ganz weihen, denn nur eine voͤllige und unbeding⸗ te Unterwerfung unter ſeine Regierung konnte ihn be⸗ friedigen. Ein Baron vom alten Adel, der Staats⸗ rath geworden war, wurde im Jahre 1810 zu dem Kaiſer nach Fontainebleau berufen. „Was wuͤrden Sie thun,“ ſagte der Kaiſer, „wenn Sie erfahren ſollten, daß der Graf von Lille in dieſem Augenblick in Paris ſey?“— „Ich wuͤrde ihn aufſuchen und verhaften laſſen,“ antwortete der Gluͤcksjaͤger;„das Geſetz befiehlt es.“— „Und was wuͤrden Sie thun, wenn Sie zu ſei⸗ nem Richter beſtellt wuͤrden?“ fuhr der Kaiſer fort. „Ich wuͤrde ihn zum Tode verurtheilen,“ erwie⸗ derte der Edelmann unbedenklich;„das Geſetz will es.“— „Bei ſolchen Geſinnungen verdienen ſie eine Praͤ⸗ fektur,“ ſagte der Kaiſer; und der Catechumen ward wegen ſeiner ſo unbedingten Achtung gegen das Geſetz zum Praͤfekten von Paris befoͤrdert. Solche Leute wurden aufgeſucht und, wenn man ſie fand, beehrt, belohnt und angeſtellt. Die erober⸗ ten Laͤnder gaben dem Kaiſer die Mittel an die Hand, ſeine Soldaten, Staatsmaͤnner und Anhaͤnger zu be⸗ lohnen. Große Domaͤnen wurden in dieſen Laͤndern zur Bildung eines Fonds beſtimmt, aus welchem Na⸗ 59 poleon nach ſeinem Gutduͤnken den Generalen, Offtzie⸗ ren und Soldaten der franzoͤſiſchen Armee Geſchenke und Jahrgelder bewilligte, ſo daß dieſe gewiſſermaßen ganz Europa zu ihrem Zahlmeiſter hatten. So gab ihm jede Eroberung neue Mittel, ſeine Soldaten zu belohnen, und die Armee, das furchtbarſte Werkzeug ſeiner Herrſchſucht, mußte auf Koſten derjenigen Laͤn⸗ der, die durch ſie am meiſten gelitten hatten, ver⸗ pflegt, beſoldet und durch Belohnungen bei guter Lau⸗ ne erhalten werden. Noch haben wir die wichtigen Veraͤnderungen nicht alle aufgezaͤhlt, die durch den ungluͤcklichen Feldzug von Auſterlitz herbeigefuͤhrt wurden. Die Stiftung des Rheinbundes, der unter den unmittelbaren Schutz Frankreichs zu ſtehen kam, wodurch ſo viele Fuͤrſten dem deutſchen Reiche und dem Einfluſſe Oeſterreichs entzogen wurden, bezweckte die gaͤnzliche Aufloͤſung des alten deutſchen Reiches, das ſeit dem Jahre 800, wo Karl der Große die kaiſerliche Krone von Leo dem Dritten empfing, beſtanden hatte. Durch den Rheinbund ſchloſſen Wuͤrtemberg, Bai⸗ ern und Heſſen⸗Darmſtadt und einige kleinere Fuͤr⸗ ſten auf dem rechten Rheinufer unter ſich ein Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß, und traten aus dem deutſchen Reichsverband, deſſen Verfaſſung ſie nicht laͤnger an⸗ erkannten. Sie rechtfertigten dieſen Schritt durch wichtige Gruͤnde. Sie fuͤhrten an, die von ihnen be⸗ berrſchten Laͤnder ſeyen in jedem Kriege zwiſchen Frank⸗ 60 reich und Oeſterreich allen Uebeln einer Invaſton aus⸗ geſetzt, gegen die ſie das deutſche Reich nicht mehr ſchuͤtzen koͤnne; ſie ſeyen daher genoͤthigt, ſich unter den maͤchtigeren Schutz von Frankreich zu ſtellen. Na⸗ poleon ſeinerſeits zoͤgerte nicht, den Titel eines Be⸗ ſchuͤters des Rheinbundes anzunehmen. Er gelobte ſeinen Schuͤtzlingen allerdings, die Grenzen ſeines Reiches nicht uͤber den Rhein, den er als die natuͤr⸗ liche Grenze Frankreichs anerkannte, auszudehnen; durch dieſe Erklaͤrung ſollte jedoch von dem neuen Pro⸗ tektorat jene Oberherrlichkeit nicht ausgeſchloſſen wer⸗ den, kraft welcher er die Staaten des Rheinbundes zu jedem Kriege, den Frankreich fuͤhrte, beiziehen, ihre Armeen gegen andere deutſche, mit ihnen durch Spra⸗ che und Sitten verwandte Staaten— oder in weit entfernte Laͤnder in einen Krieg fuͤhren konnte, der ſie nichts anging und zu dem man ihnen keinen Anlaß gegeben hatte. Eine weitere Folge war, daß dee ſchwaͤcheren und weniger beguͤterten Mitglieder des deutſchen Reiches, die keinen andern Schild hatten, als ihr Recht, ihre Eigenſchaft als Lehenstraͤger des Reiches verloren und aus kleinen Souverainen ſchlich⸗ te Edelleute wurden. Dieſes war zwar dem Princip nach ungerecht, aber in mancher Hinſicht nicht eben die nachtheiligſte Folge jener großen Veraͤnderung. Die Kriegscontingente, die der Bund, wenn nicht den Worten, doch der That nach, der Verfuͤgung des Protektors uͤberlaſſen mußte, betrugen nicht weni⸗ 61 ger als 60,000 Mann, und waren weit vorzuͤglicher, als die eelten vollzähligen und nur ſchlecht disciplinir⸗ ten ehemaligen Reichstruppen. Napoleon verlangte von dem Bunde nicht nur vollzahlige, wohl discipli⸗ nirte, gut ausgeruͤſtete und verpflegte Truppen, er wußte auch, ihnen und iyren Offizieren einen Funken ſeines eigenen kriegeriſchen Geiſtes mitzutheilen und eine Tapferkeit und ein Vertrauen einzufloͤßen, die ſie fruͤher nicht beſeſſen hatten. Keine Truppen ſei⸗ ner Armee benahmen ſich beſſer, als die des Rhein⸗ bundes. Aber die Staͤrke, die Napoleon ſolchergeſtalt gewann, war nur voruͤbergehend und beruhte einzig auf der Dauer der Macht, der ſie ihren Urſprung verdankte. Dieſes Syſtem war zu willkuͤhrlich, zu kuͤnſtlich, den Intereſfen und den Nationalvorurthei⸗ len der Deutſchen zu ſehr entgegengeſetzt, als daß es nicht den Keim ſeiner Aufloͤſung in ſich ſelbſt getra⸗ gen haͤtte. Als das Gluͤck nach der Schlacht von Leip⸗ zig dem Kaiſer den Ruͤcken kehrte, beeilte ſich Baiern, ſich an die Alliirten anzuſchließen, um ſeinen Unter⸗ sang zu vollenden, und dieſem Beiſpiele folgten auch die üͤbrigen Fuͤrſten des Rheinbundes. Es ging Na⸗ poleon mit dem Rheinbunde wie einem Zauberer, welcher einen Daͤmon in ſeinen Dienſt gebannt hat, der ihm waͤhrend einer bedungenen Friſt treu dient, nach Ablauf derſelben aber der Erſte iſt, der uͤber ſei⸗ nen ehemaligen Gebieter herfallt. Franz von Oeſterreich, der das Reich, uͤber das 62² ſein Haus ſo lange geherrſcht, wie ein geſtrandetes Schiff in Truͤmmer gehen ſah, hatte keine andere Wahl, als die deutſche Kaiſerkrone niederzulegen und einen Bund, den er nicht laͤnger zuſammenhalten konnte, fuͤr aufgeloͤst zu erklaͤren. Er entband die Reichsfuͤrſten ihrer bisherigen Pflichten gegen ihn, be⸗ hielt zwar den Kaiſertitel bei, aber nur als Souve⸗ rain von Oeſterreich und ſeiner uͤbrigen Erblande. So gingen die Wuͤrde und der Einfluß des hei⸗ ligen roͤmiſchen Reiches, wie man Deutſchland ſeit tauſend Jahren pomphaft genannt hatte, großentheils auf Frankreich uͤber, und Napoleon's Kaiſerreich glich immer mehr dem Karls des Großen. Frankreich be⸗ erbte wenigſtens den kaiſerlichen Einfluß, den Oeſter⸗ reich auf die ſuͤdweſtlichen Provinzen dieſes weitge⸗ dehnten Landes geuͤbt hatte; in den oͤſtlichen Bezir⸗ ken deſſelben mußte ſich Oeſterreich, durch Ungluͤck und ſeine Niederlagen gebeugt, ruhig und leidend verhal⸗ ten. Im Norden von Deutſchland ſchwankte Preußen zwiſchen zwei Parteien, wovon die eine, die militaͤri⸗ ſchen Huͤlfsquellen des Landes uͤberſchaͤtzend, zu einem Kriege gegen Frankreich rieth, fuͤr welchen man die guͤnſtige Gelegenheit entſchluͤpfen ließ, die andere aber haben wollte, daß Preußen, gleich dem Schakal im Gefolge des Loͤwen, fortfahre, die Beute zu faſſen, die ihm Napoleon etwa zuwerfen mochte, jedoch ohne es zu wagen, ſich ſeinem Willen zu widerſetzen. Bei⸗ des war gefaͤhrlich genug; aber zwiſchen beiden Maß⸗ ——— ——᷑—ÿ—ꝛ—:;=/— 63 regeln hin und her zu ſchwanken, wie das Kabinet von Berlin that, mußte faſt unausbleiblich zum Un⸗ tergange fuͤhren. Waͤhrend Napoleon ſolchergeſtalt in dem Ueber⸗ maße von Macht und Anſehen ſchwelgte, gab es die Vorſehung noch einmal und zwar zum letzten Mal in ſeine Gewalt, ſein unermeßliches Reich durch einen allgemeinen Frieden, ſo wohl zur See als zu Lande, zu befeſtigen.— Drittes Kapitel. Pitt's Tod.— For folgt ihm als erſter Miniſter.— Umſtaͤnde, die zu einer Unterhandlung mit Frankreich führen.— Der Graf von Lauderdale wird als britti cher Unterhändler nach Paris geſchickt.— Die Unterhandlung vind in Folge der Weigerung Englands, Sicilien an Frankreich abzutreten, abgebrochen, und Lord Lauderdale verläßt Paris wieder.— Betrachtungen über die Dauer des Friedens, falls derſelbe zu Stande gekommen wäre.— Preußen.— Deſſen tempo⸗ riſirende Politik.— Es wird mißtrauiſch.— Sein Ver⸗ ſuch, dem Rheinbunde einen andern entgegenzuſtellen, wird durch die Machinationen Napoleon's vereitelt.— Die Preuſ⸗ ſen ſind ſehr für den Krieg geſtimmt.— Sie werden es noch mehr durch die von Buonaparte verfügte Hinrichtung des Buchhändlers Palm.— Kaiſer Alexander kommt wie⸗ der nach Berlin.— Preußen rüſtet ſich im Auguſt 1806 und lätzt im Oktober eine Armee unter, dem Herzog von Braunſchweig in's Feld rücken.— Schlecht entworfener Operationsplan.— Einzelnheiten.— Die Preußen ziehen 64 in dem Gefecht bel Saalſeld den Kürzern.— Ihre gänzliche Niederlage am 13ten Oktober bei Jena und Auerſtädt.— Detalls dieſer Schlacht.— Der Herzog von Braunſchweig wird tödtlich verwundet.— Folgen dieſer Niederlage.— Alle feſten Plätze in Preußen werden ohne Widerſtand über⸗ geben.— Napoleon nimmt am 25ſten Beſitz von Berlin. — Vergleichung Preußens und Oeſterreichs nach ihren bei⸗ derſeitigen Niederlagen.— Betrachtungen über den Fall Preußens.— Der ungluͤckliche Feldzug von Ulm und Auſterlitz beſchleunigte den Tod William Pitt's, deſſen Geſund⸗ heit ſchon durch die Niederlagen von Marengo einen Stoß erlitten hatte. So groß er auch als Staats⸗ mann, ſo warm ſein Patriotismus und ſo umfaſſend ſeine politiſchen Anſichten geweſen, ſo hatte dieſer Mi⸗ niſter in Beziehung auf die Wiederherſtellung des Gleichgewichts auf dem Continent doch zu viel von den alten europaͤiſchen Regierungen erwartet, die im Kampfe gegen Napoleon, deſſen Streiche, wohin ſie auch fielen, gleich Donnerkeilen Alles zu vernichten ſchienen, immer ſchwaͤcheren Widerſtand leiſteten. Aber ungeachtet er den fremden Coalitionen und ih⸗ ren Armeen zu viel, den vaterlaͤndiſchen Streitkraͤf⸗ ten dagegen zu wenig vertraute, die, zu rechter Zeit und in rechtem Maße gebraucht, wohl viel haͤtten lei⸗ ſten koͤnnen, ſo beharrte Pitt doch unerſchuͤtterlich auf dem großen Grundſatze des Widerſtandes gegen Frank⸗ reich, bis es ſich zeigen wurde, daß deſſen Kaiſer ge⸗ neigt ſey, dem uͤbrigen Enropa den Reſt von Unab⸗ hangig⸗ 65 haͤngigkeit zu goͤnnen, den ſeine ſiegreichen Waffen — ihm noch gelaſſen hatten. Ein Staatsmann, deſſen Gegner Pitt waͤhrend ſeines ganzen Lebens geweſen war, war ſein N Kachfol⸗ ger im Miniſterium. Karl Fox, nun an der Spitze der brittiſchen Regierung, hatte ſtets behauptet, daß ein feſter und dauerhafter Friede zwiſchen Frankreich und England moͤglich ſey, und es in der Hitze der Debatte ſeinem großen Gegner zum Vorwurf gemacht, dieſe Aufgabe nicht geloͤst zu haben. Nachdem er die Zuͤgel der Merwaltung ergriffen, war er begreiflicher⸗ weiſe geneigt, ſeine Behauptungen wahr zu machen, falls Napoleon ſich zu Unterhandlungen auf msglichſt gleiche Bedingungen verſtehen ſollte. Als er waͤhrend des Friedens von Amiens nach Paris gekommen war, hatte ihn Napoleon mit großer Auszeichnung empfan⸗ gen. Es beſtand ſonach zwiſchen beiden ein freund⸗ liches Verhaͤltniß, das zu einem guten politiſchen Einverſtaͤndniß fuͤhren konnte. Auch ſchien die Zeit einer Unterhandlung guͤnſtig; denn wie groß auch die Vortheile waren, die Frank⸗ reich in ſeinem letzten ſiegreichen Feldzuge auf dem Continent errungen, ſo wurden dieſe dech in Bezie⸗ hung auf England aufgewogen und werthlos gemacht durch den Verluſt, den es zur See erlitten hatte. Jede Moͤglichkeit einer Invaſion, des Lieblingsent⸗ wurfs Napoleon's, war durch die Schlacht von Tra⸗ falgar fur immer vernichtet. Der Aaͤuſchung, eine W. Scott's Werke. XLIX. 5 66 Fkotte von fuͤnfzig Linienſchiffen in dem Kanal verei⸗ nigen und durch ſolche eine Landung in England dek⸗ ken zu koͤnnen, hatte der Kanonendonner vom 24ſten Oktober ein Ende gemacht. Die heiteren Traͤume von einer ſiegreichen Armee, die nach London mar⸗ ſchirte, um durch die Vernichtung der engliſchen Ari⸗ ſtokratie eine große Reform in England zu bewirken und dieſes Land, wie Napoleon es wollte, von Frank⸗ reich eben ſo abhaͤngig zu machen als die In el Oleron und Korſika, waren dahin. Nach der Schlacht von Trafalgar ließ ſich nicht mehr hoffen, daß die ſchoͤnen Provinzen Englands je in Lehen des franzoͤſiſchen Rei⸗ ches zerlegt werden koͤnnten. Man mußte den Traum aufgeben, auf die engliſche Bank Leibrenten von Hun⸗ derttauſenden, ja von Millionen Franken den Solda⸗ ten der großen Nation anzuweiſen. Beutel fuͤr die franzoͤſiſchen Offiziere zu ſtricken, die mit brittiſchem Golde gefuͤllt werden ſollten, war in der neueſten Zeit eine Lieblingsbeſchaͤftigung der franzoͤſiſchen Damen geweſen; aber es zeigte ſich nun deutlich, daß ſie um⸗ ſonſt gearbeitet hatten. Alle dieſe Hoffnungen und Entwurfe hatren ihr Grab in den Wellen von Tra⸗ falgar gefunden. Mit einem Wort, wenn auch Oeſterreich im Kampfe von 1805 unterlegen war, ſo ſtand Großbri⸗ tannien dagegen kraͤftiger da, als je, und man konnte vernuͤnftigerweiſe erwarten, daß dem franzoͤſiſchen Kaiſer der Krieg verleiden mwuͤrde, nachdem alle Hoff⸗ 67 nung fuͤr ihn(verſchwunden war, denſelben ſtegreich zu beendigen. Auch waren die Abſichten des britti⸗ ſchen Kabinets, wie wir bereits bemerkt haben, auf den Frieden gerichtet, und es trat ein Umſtand ein, der die Aufrichtigkeit der engliſchen Miniſter zu ver⸗ buͤrgen ſchien und dadurch den Weg zu einer Unter⸗ handlung bahnte. Ein Menſch, der ſich fuͤr einen Anhaͤnger der Bourbons ausgab, ſpaͤter aber als ein Agent der fran⸗ zoͤſiſchen Regierung erkannt wurde und ſich von dieſer als Spion gebrauchen ließ, fand ſich bei Hrn. For ein, um ihm, wie er vorgab, einen Vorſchlag zur Er⸗ mordung Navoleon's mitzutheilen. For hatte zur Zeit ſeines Aufenthalts in Paris in einer Unterredung mit Napoleon, als dieſer einen engliſchen Miniſter eines ſolchen Anſchlags bezuͤchtigte, daruͤber ſeinen Unwillen bezeigt, und ſoll dem damaligen erſten Kon⸗ ſul mehr mit engliſcher Geradheit als franzoͤſiſcher Artigkeit geantwortet haben:„Setzen Sie ſich doch ſolchen Unſinn aus dem Kopf.“ Vielleicht wollte Na⸗ poleon ihn jetzt auf die Probe ſtellen, und ließ deßwe⸗ gen den Spion an ihn abgehen. For wies, wie zu r. erwarten war, die Aeußerung des franzoͤſiſchen Agen⸗ ten nicht nur mit Abſcheu zuruͤck, ſondern ſetzte auch den franzoſiſchen Kaiſer davon in Kenntniß; und dies gab Veranlaſfung zu einem freundlichen Verkehr und endlich zu einer Friedensunterhandlung. Lord Narmonth, nachmaliger Lord Lauderdale, war der Sachwalter der 5„ 68 brittiſchen Regierung; Champagny und General Clarke vertraten den Kaiſer von Frankreich. Napoleon, der, wie die meiſten Fremden, die brittiſche Verfaſſung nur wenig kannte, mochte erwartet haben, im Schooße Englands eine franzoͤſiſche Partei zu finden, und war nicht wenig erſtaunt, als er ſah, daß er mit ſeinem Gelde in ganz England nur einige wenige gemeine Schurken hatte gewinnen koͤnnen, und daß die Par⸗ tei, die ſtets gegen den Krieg mit Frankreich ge⸗ ſtimmt, denſelben jedoch nicht unter Bedingungen be⸗ endigt wiſſen wollte, die ſich mit der Ehre des Landes nicht vertrugen. Die franzoͤſiſchen Bevollmaͤchtigten machten meh⸗ rere Zugeſtandniſſe und aͤußerten ſich ſogar muͤndlich gegen Lord Yarmouth, daß ſie zufrieden ſeyn wuͤrden, auf der Baſts des uli possidetis zu unterhandeln, wo⸗ nach jeder Theil dasjenige, was er im Kriege errun⸗ gen, behalten ſolte. In dem Fortgange der Unter⸗ handlungen lehnten ſie jedoch dieſen Grundſatz wieder ab und wollten ſogar in Abrede ſtellen, denſelben je anerkannt zu haben. Indeſſen waren ſie doch bereit, einen lange be⸗ ſtrittenen Punkt aufzugeben, ſie willigten ein, daß die Inſel Malta, das Vorgebirg der guten Hoffnung und andere Beſitzungen in Oſt⸗ und Weſtindien Eng⸗ land verbleiben ſollten. Dagegen verlangten ſie nun hinwiederum die Abtretung von Sicilien und Neapel, mit dem Vorſchlage, Ferdinand den Vierten auf Ko⸗ 69 ſten Spaniens durch die baleariſchen Inſeln zu enk⸗ ſchaͤbigen. England konnte nicht unbedingt in dieſen letzteren Vorſchlag willigen, ſey es nun aus Politik, oder aus Gerechtigkeit gegen ſeinen ungluͤcklichen Alli⸗ irten. Neapel war zwar in der Gewalt der Franzo⸗ ſen und hatte Joſeph Buonaparte als ſeinen Koͤnig anerkannt; aber wegen der inſularen Lage von Sici⸗ lien war es fuͤr England ein Leichtes, dieſe reiche Inſel, die noch im Beſitze ihres rechtmaͤßigen Herrn war, zu beſchuͤtzen. Der Grundſatz des uli possidetis war daher in Beziehung auf Sicilien fuͤr die Englaͤn⸗ der, in Beziehung auf Neapel dagegen fuͤr die Fran⸗ zoſen vortheilhaft. Der engliſche Geſandte verwarf deßwegen ein Ultimatum, in welchem die Abtretung von Sicilien als ein unerlaͤßlicher Artikel aufgeſtellt war. Lord Landerdale verlangte zu gleicher Zeit ſeine Paͤſſe, die man ihm aber, als waͤre noch Hoffnung vorhanden, die Unterhandlungen fortzuſetzen, mehrere Tage vorenthielt. Napoleon kam durch die Gewandtheit und Be⸗ harrlichkeit des edlen Lords in nicht geringe Verle⸗ genheit, und hatte dieſen Umſtand noch nicht vergeſ⸗ ſen, als er ſich im Jahre 1815 an Bord des von ei⸗ nem Verwandten des edlen Grafen befehligten Bel⸗ lerophon befand. Es iſt allerdings wahrſcheinlich, daß, haͤtte Fox laͤnger gelebt, die Unterhandlungen erneuert worden waͤren. Dieſer ausgezeichnete Staatsmann, damals ſchon aͤußerſt krank, wollte zwei große Gegen⸗ 70 ſtaͤnde vollends zu Stande bringen— den Frieden mit Frankreich und die Abſchaffung des Sklavenhan⸗ dels. Wie nachzievig aber auch Buonaparte aus Nuͤck⸗ ſicht fuͤr Hrn. For, und dieſer aus Liebe zum Frie⸗ den ſich haͤtte zeigen moͤgen, ſo wuͤrde doch, ſo lange beide Nationen in ihrer bisherigen Stellung und im Beutze ihrer relativen Macht blieben, ihre gegenſeiti⸗ ge Eiferſucht und Erbitterung jeden Frieden oder auch nur eine Einſtellung der Feindſeligkeiten zu einem leeren und nicht aufrichtig gemeinten Waffenſtillſtande gemacht haben, der bei der geringſten Veranlaſſung wieder gebrochen worden waͤre. Großbritannien haͤtte nie mit Gleichguͤltigkeit zuſehen koͤnnen, wie Napo⸗ leon einen Schritt nach dem andern zu einer Univer⸗ ſalherrſchaft that, und der letztere haͤtte die Nachbar⸗ ſchaft unſerer freien Inſtitutionen und unſerer freien Preſſe nicht lange mit Geduld ertragen; indem jene die Franzoſen beſtaͤndig an ihre verlorne Freiheit er⸗ innern mußten, waͤhrend die letztere den Kaiſer, ſeine Regierung und ſeine Politik zu taͤglichen Gegenſtaͤn⸗ den des ſchonungsloſeſten Tadels gemacht haben wuͤr⸗ de. Selbſt der Krieg mit Preußen und Rußland, in welchen Napoleon bald nachher verwickelt wurde, muß⸗ te wahrſcheinlich die Feindſeligkeiten zwiſchen Frank⸗ reich und England, in ſofern ſie nur durch einen einſt⸗ weiligen Frieden beigelegt waren, wieder erneuern. Wenn nun Napoleon von dem Tode des Miniſters For ſtets als. von einem Unglucke ſprach, durch das — 71 die Ausfuͤhrung ſeiner großen Entwuͤrfe verhindert worden ſey, ſo iſt es in der That ſehr auffallend, warum er gleichwohl mit einem Miniſterium, das unter den Auspizien deſſelben gebildet worden war, und das ſich vermuthlich auch zu deſſen Grundſaͤtzen bekannte, die Unterhandlungen nicht hat wieder an⸗ knuͤpfen wollen. Dieſer Umſtand beweist, daß er kei⸗ nen Frieden wollte, deſſen Bedingungen er nicht por⸗ ſchreiben konnte. Je ſchwankender und wetterwendiſcher Preußen ſich waͤhrend des Feldzugs von Auſterlitz gezeigt, deſto mehr hatte es den Unwillen Napoleon's auf ſich gela⸗ den. Die preußiſche Regierung hatte ihm allerdings in Beziehung auf Hannover ein Zugeſtaͤndniß abge⸗ drungen. In dem von Haugwitz nach der Schlacht von Auſterlitz in Wien unterzeichneten Vertrage war man uͤberein gekommen, daß Preußen fuͤr Anſpach, Bayreuth und Neufchatel, das an Frankreich ſiel, die kurfuͤrſtlichen Beſitzungen des Koͤnigs von England erhalten ſollte. Der ungleich groͤßere Werth von Han⸗ nover galt als ein Geſchenk fuͤr Preußen, zur Beloh⸗ nung ſeiner Neutralitaͤt. Aber die feindſeligen Ge⸗ ſinnungen, die es an den Tag gelegt, verzieh Napo⸗ leon nicht, und wahrſcheinlich harrte er mit Ungeduld auf eine Gelegenheit, daſſelbe zu zuͤchtigen. Er ließ in Schwaben und Franken eine große Armee ſtehen, waͤhrend ſeine Ruͤſtungen in Weſtphalen auf einen nahen Bruch mit ſeinem Alliirten hindeuteten. In⸗ 72² zwiſchen beharrte Preußen auf einer habſuͤchtigen und gemeinen Politik, durch die es ſich Haß und Verach⸗ tung zuzog. Es war fuͤr die preußiſchen Truppen keine ſcwe⸗ re Aufgabe, Beſitz von Hannover zu nehmen, das, von Bernadotte und ſeiner Armee geraͤumt, dem er⸗ ſten Angriffe zur Beute werden mußte, mit Ausnah⸗ me der Feſtung Hameln, worin ſich noch eine fran⸗ zoͤſiſche Beſatzung befand. Das Kurfuͤrſtenthum, das Erbland des Koͤnigs von England, mit dem Preußen im tiefſten Frieden ſtand, wurde ſonach geraubt. Das preußiſche Kabinet verſuchte dieſen Raub durch die Behauptung zu rechtfertigen, daß Hannover durch das Recht der Eroberung an Frankreich gekommen und der preußiſchen Regierung gegen andere Diſtrikte ab⸗ getreten worden ſey. Zu gleicher Zeit wurden durch einen Befehl des preußiſchen Monarchen die Haͤfen in der Oſtſee den brittiſchen Fahrzeugen verſchloſſen. Al⸗ le dieſe Maßregeln mußten von England als offene und entſchiedene Feindſeligkeiten betrachtet werden, und For ſchilderte in dem Unterhauſe das Benehmen Preuſ⸗ ſens als eine Vereinigung der gehaͤſſigſten Raubgier mit dem veraͤchtlichſten Knechtſinn. Großbritannien erklaͤrte ihm daher den Krieg, und nachdem ſeine Flag⸗ ge durch die engliſchen Kreuzer aus dem Ozean ver⸗ trieben war, wurden auch die preußiſchen Seehaͤfen und die Muͤndung der Elbe blokirt, und ihr Latde dadurch in nicht geringem Grade geſtoͤrt. 7³ Preußen ſollte bald ſehen, daß jenes Kurfuͤrſten⸗ thum der Preis ſeiner Neutralitaͤt, den es noch uͤber⸗ dies durch einen Krieg mit England erkaufen mußte, ein hoͤchſt unſicherer Beſitz ſey. Waͤhrend die preußi⸗ ſchen Miniſter in die franzoͤſiſche Regierung drangen, die Abtretung von Hannover zu beſtaͤtigen, entdeckten ſie zu ihrem großen Verdruß, daß Napoleon, weit entfernt, die Anſpruͤche Preußens als unbedingt zu betrachten, in der That einen allgemeinen Frieden un⸗ terhandelte, und zwar unter anderem auf die Bedin⸗ gung, daß das Kurfuͤrſtenthum dem Koͤnig von Eng⸗ land, ſeinem erblichen Souverain, wieder zuruͤckgege⸗ ben werden ſollte. Waͤhrend die Aufdeckung dieſes doppelten Spiels den Koͤnig Friederich Wilhelm be⸗ lehrte, wie wenig er auf den ihm durch den Traktat von Wien ausgeſetzten Lohn rechnen köoͤnne, ſchien ihn die Kenntniß, die er noch von andern Entwuͤrfen Frankreichs erhielt, zur Abaͤnderung ſeiner friedlichen Politik beſtimmen zu muͤſſen. Bis jetzt hatten de Siege Napoleon's vorzuͤglich die Demuͤthigung Oeſterreichs und die Beſchraͤnkung dieſer Macht, der aiten und natuͤrlichen Nebenbuhle⸗ rin des Hauſes Brandenburg, zur Folge gehabt. Jetzt aber, nachdem Oeſterreich in den Oſten zuruͤck gedraͤngt und ſeines Einfluſſes in dem ſuͤdweſtlichen Deutſch⸗ land beraubt war, ſah Preußen mit gerechter Beſorg⸗ niß, daß Frankreich dieſen Einfluß ſich zueigne und, wenn man ihm teinen Widerſtand entgegenſetze, in 74 dem noͤrdlichen Deutſchland eben ſo maͤchtig werden durfte, als in den fuͤdlichen Kreiſen. Vor Allem aber erſchrack Preußen uͤber den Rheinbund, der einen ſo großen Theil des ehemaligen deutſchen Reichs unter den unmittelbaren Einfluß Frankreichs brachte. Die Aufloͤſung des deutſchen Reiches ſelbſt war ein eben ſo uͤberraſchendes als bedenkliches Ereigniß; denn auch abgeſehen davon, daß die Stellung Preußens durch die Vernichtung jenes alten Bundes auf eine nach⸗ theilige Weiſe veraͤndert wurde, verlor es dadurch noch die Ausſicht, ſeinen eigenen Monarchen, als das maͤchtigſte Mitglied des Reichs, die kaiſerliche Krone tragen zu ſeyen. Nur Ein Mittel blieb noch ubrig, der Macht, zu welcher Frankreich durch die in Europa vorgegangenen Veraͤnderungen gelangt war, ein Gegengewicht zu ge⸗ ben. Der Gedanke lag nahe genng, die Fuͤrſten des noͤrdlichen Deutſchlands in einen Bund zu vereinigen, der, dem Rheinbunde nachgebildet, unter dem Protek⸗ torat von Preußen ſtehen ſollte, ſo daß es fuͤr Napo⸗ leon eben ſo ſchwer als gefaͤhrlich werden mußte, ſei⸗ ne, wenn auch noch ſo erweiterten Huͤlfsmittel zur Stoͤrung des Friedens im noͤrdlichen Europa zu ge⸗ brauchen. Die Bildung eines ſolchen Bundev ward daher in dem preußiſchen Kabinet beſchloſſen. Dieſe noͤrdliche Confoͤderation konnte inzwiſchen nicht wohl ohne Ruͤckſprache mit dem franzoͤſiſchen Ka⸗ binet zu Stande kommen, und obgleich Napoleon die⸗ 75 ſer durch das Beiſpiel des Rheinbundes ſanctionirten Maßregel nichts unmittelbar in den Weg legte, wuß⸗ te er doch den Entwurf in ſeinen Einzelnheiten ſo zu beengen, daß das Ganze ſeine Bedeutung verlor. Seine Miniſter erklarten, Napoleon wuͤrde die Han⸗ ſeſtaͤdre unter ſeinen unmittelbaren Schutz nehmen, der weiſe Beherrſcher von Sachſen bezeige keine Luſt, ein Mitglied des vorgeſchlagenen Bundes zu werden, und Frankreich werde nie zugeben, daß man irgend einen Fuͤrſten zu einem ſolchen Schritt zwinge. End⸗ lich ward auch der Landgraf von Heſſen⸗Kaſſel, auf deſſen Beitritt zu dem noͤrdlichen Bund man gerech⸗ net hatte, zengeladen, ſich an den Rheinbund anzu⸗ ſchließen, ſtatt an den, der unter dem Protektorat von Preußen erſt noch zu Stande kommen ſollte. Die⸗ ſer Fuͤrſt, unſchluͤſſig, mit welcher von dieſen maͤchti⸗ gen Nationen er ſich verbinden ſollte, blieb aber un⸗ geachtet der Aufforderung Frankreichs neutral, und zog ſich dadurch den Unwillen Napoleon's zu, der ihn ſpaͤter ſtrenge dafuͤr buͤßen ließ. Durch ſolche Einſprachen und Stoͤrungen ſetzte Napoleon Preußen in die Unmöoͤglichkeit, jene Truͤm⸗ mer des deutſchen Reichs, auf die es zufolge ſeiner geographiſchen Lage und ſeiner Militaͤrmacht einen Einfluß uͤben konnte, in ein Bundesſyſtem zu verei⸗ nigen. Die Ueberzeugung, von Frankreich uͤberliſtet worden zu ſeyn, weckte in dem preußiſchen Kabinet ein Gefuͤhl von Verdruß und Unwillen, das mit den 76 Geſinnungen der Nation gar ſehr uͤbereinſtimmte. In jenem war der Aerger uͤber vereitelte Hoffnungen und der Wunſch vorherrſchend, ſich an dem Souverain und dem Staate zu raͤchen, durch die es uͤbervortheilt worden; in dieſer behielt das tiefe und ehrenhafte Gefuͤhl die Oberhand, daß Preußen durch die verkehr⸗ te Politik ſeiner Regierung um ſein Anſehen gekom⸗ men ſey. Wenn auch das preußiſche Kabinet wenig Luſt zu einem Kriege gegen Frankreich bezeigte, ſo ſchien doch der Hof und das Volk ganz anders zu denken. Je⸗ ner ſtand unter dem Einfluſſe der jungen, ſchoͤnen und hochherzigen Koͤnigin, und Ludwigs von Preußen, eines Prinzen, der mit Unwillen ein Koͤnigreich ver⸗ fallen ſah, das der große Friedrich ſo hoch geſtellt hat⸗ te. Beide ſtanden an der Spitze einer zahlreichen Schaar von jungen Edelleuten die den Krieg wollten, um den Ruhm ihrer Vaͤter zu erneuern, aber nicht bedachten, wie wenig wahrſcheinlich es ſey, daß die zwar zahlreichen und trefflich disciplinirten Schaaren des großen Friedrichs, die aber ſein Genius nicht mehr leitete, uͤber die nicht weniger zahlreichen fran⸗ zoͤſiſchen Truppen den Sieg davon tragen wuͤrden, an deren Spitze ein Feldherr ſtand, der bis dahin den Sieg an ſeinen Wagen gefeſſelt zu haben ſchien. Die Geſinnungen des jungen preußiſchen Adels zeigten ſich deutlich genug dadurch, daß er ſeine Saͤbel an der Thuͤrſchwelle von La Foret, des franzoͤſiſchen Geſand⸗: 77 ten, wetzte und in ſeinem Muthwillen ſogar den Mi⸗ niſtern, die man fuͤr franzoͤſiſchgeſinnt hielt, die Fen⸗ ſter einwarf. Die Koͤnggin erſchien oͤfters in der Uni⸗ form des Regiments, das ihren Namen fuͤhrte, und ritt zuweilen an der Spitze deſſelben, um den En⸗ thuſtasmus der Soldaten zu wecken, der bald auf das Hoͤchſte geſteigert wurde. Haͤtten die militaͤriſchen Talente der preußiſchen Generale dem lebhaften Mu⸗ the der Offiziere und Soldaten nur einigermaßen ent⸗ ſprochen, ſo wuͤrde der Feldzug ohne Zweifel einen ganz andern Ausgang genommen haben. Die Art, wie die Koͤnigin, der Koͤnig und Prinz Ludwig in dem Moniteur behandelt wurden, war ganz dazu ge⸗ eignet, die Gemuͤther noch mehr zu erbittern; denn da Napoleon mit der groͤßten Sorgfalt alle Artikel, die er nicht zuvor gebilligt, aus den oͤffentlichen Blaͤt⸗ tern ausſchloß, ſo blieb er auch fuͤr alles, was in denſelben erſchien, verantwortlich. Das ganze preußiſche Volk erhob ein Kriegsge⸗ ſchrei, in der Ueberzeugung, daß das ſchwankende Be⸗ nehmen ſeiner Regierung dem Staate nicht nur den Tadel, ſondern auch die Verachtung von ganz Euro⸗ pa zugezogen habe, und daß Napoleon nach dem Ver⸗ lauf der Kriſis, in welcher die Feſtigkeit Preußens das Gleichgewicht von Europa erhalten haben moͤchte, keine Achtung mehr fuͤr diejenigen hege, die er uͤber⸗ liſtet, ſondern die Vorſtellungen verachte, denen er vor den Ereigniſſen von Ulm und Auſterlitz williges Gehoͤr geſchenkt haben wuͤrde. 78 Hiezu kam noch ein anderer Umſtand, der die Erbitterung aufs Hoͤchſte ſteigerte. Der Buchhaͤndler Palm in Nuͤrnberg hatte eine Flugſchrift verkauft, in welcher das Benehmen Napoleon's und ſeine Politik ſtrenge getadelt waren. Palm wurde von den franzoͤ⸗ ſiſchen Gensd'armen ergriffen, nach Braunau gefuͤhrt, dort vor ein Kriegsgericht geſtellt, wegen eines Libells gegen den franzoͤſiſchen Kaiſer angeklagt, vernommen, ſchuldig befunden und erſchoſſen. Der an dieſem un⸗ gluͤcklichen Manne— ſey es auf unmittelbaren Befehl Napoleon's, oder durch den wuͤthenden Eifer einiger ſeiner Offiziere— veruͤbte Juſtizmord erregte einen allgemeinen und tiefen Unwillen. Die Verfaſſung ſo mancher Staaten Deutſchlands iſt despotiſch; demungeachtet haben aber die große Zahl von einander unabhaͤngiger Fuͤrſtenthuͤmer und die Vorrechte der freien Staͤdte der Nation im Gan⸗ zen genommen ſtets die Wohlthaten der Preßfreiheit geſichert, welche die den Wiſſenſchaften ſo ſehr ergebe⸗ nen Deutſchen nach ihrem wahren Werthe zu ſchaͤtzen wiſſen. Die tauſend Preſſen dieſes Landes ergriffen jede Gelegenheit, ſich uͤber das Schickſal Palm's zu aͤußern; dadurch iſt in den ſechs oder ſieben Jahren nach dem Tode dieſes Mannes die oͤffentliche Mei⸗ nung ganz beſonders gegen Napoleon geſtimmt worden, Jenes Verbrechen that in dieſer Hincht gleich an⸗ fangs die ſchlimmſte Wirkung, und die Augen von ganz Deutſchland waren auf Preußen, als auf das 79 einzige Mitglied des vormaligen deutſchen Reiches gerichtet, durch das die Fortſchritte des erklaͤrten Feindes der europaͤlſchen Freiheit in ihrem Laufe auf⸗ gehalten werden koͤnnten. Mitten in dieſer allgemeinen Gaͤhrung erſchien Alexander noch einmal an dem Hofe von Berlin, und bewog endlich, gluͤcklicher als das erſte Mal, den Koͤ⸗ nig von Preußen, das Schwert zu ziehen. Der Bei⸗ ſtand der maͤchtigen Streitkraͤfte Rußlands wurde zu⸗ geſagt, und Alexander, durch die ungluͤckliche Schlacht von Auſterlitz in ſeinem Verſuche gehemmt, das ſuͤd⸗ oͤſtliche Deutſchland vor franzöſiſchem Einfluſſe zu be⸗ wahren, trat nun abermals auf, um Preußen als Vorfechter des Nordens zu unterſtuͤßen. Man ver⸗ ſuchte zwar nochmals durch den ruſſiſchen Geſandten von Oubril in Paris einen allgemeinen Frieden fuͤr Europa in Uebereinſtimmung mit demjenigen zu er⸗ langen, den Lord Lauderdale fuͤr Großbritannien un⸗ terhandeln ſollte; allein die Sache ſchlug fehl. Indem Preußen ſolchergeſtalt den Schild gegen Frankreich erhob, ſchien es ſich von ſelbſt zu verſtehen, daß es ſich wieder mit England befreunden werde. Dieſe Macht zeigte ſich ihrerſeits auch ganz willfaͤhrig hiezu, dadurch, daß ſie den Befehl widerrief, durch welchen die Blokade der preußiſchen Hafen zum großen Nachtheil fuͤr den preußiſchen Handel verfügt worden war. Aber das Kabinet von Berlin beurkundete in demſelhen Angenblick, wo es im Begriff ſtand, die Feindſeligkeiten zu beginnen, dieſelbe ſelbſtſuͤchtige Un⸗ redlichkeit, die bisher ſein Benehmen geleitet hatte. Nach brittiſchem Gelde zum Behuf der Kriegfuͤhrung ſich ſehnend, bezeigte es nur wenig Luſt, auf Hanno⸗ ver zu verzichten, deſſen Beſitz es ſich auf eine ſo un⸗ wuͤrdige Art erworben hatte, und der preußiſche Mi⸗ niſter Luecheſini entbloͤdete ſich nicht, dem brittiſchen Geſandten, Lord Morpeth, zu erklaͤren, daß das Schickſal des Kurfuͤrſtenthums durch die Waffen wer⸗ de entſchieden werden. Wenig Gutes ließ ſich von der Einſchreitung ei⸗ ner Macht erwarten, die, waͤhrend ſie vorgab, die Rechte der Nationen verfechten zu wollen, ſich doch weigerte, dasjenige herauszugeben, was ſie unter Ver⸗ letzung dieſer Rechte erworben hatte; noch viel weni⸗ ger war ein gluͤcklicher Ausgang zu hoffen, wenn die Angelegenheiten des Krieges denſelben unfaͤhigen oder treuloſen Miniſtern anvertraut wurden, die bei kei⸗ ner Gelegenheit die Rechte Preußens behauptet und nie jene Feſtigkeit gezeigt hatten, wodurch die Noth⸗ wendigkeit eines Krieges beſeitigt worden waͤre. Aber der aufgeſchobene Entſchluß wurde nach ſo mancher Verſaͤumniß endlich mit ſo unkluger Uebereilung ge⸗ faßt, daß Preußen keine Zeit mehr fand, in Bezie⸗ hung auf den Krieg die rechten Anſtalten zu treffen, noch ſich nach denjenigen Staatsmaͤnnern und Gene⸗ ralen umzuſehen, die das klug Beſchloſſene auch kraͤf⸗ tig haͤtten ausfuͤhren koͤnnen. Ungefaͤhr „ 81 Ungefaͤhr in der Mitte des Monats Auguſt fing Preußen ſich zu ruͤſten an. Vielleicht iſt von einem großen und kriegeriſchen Volke nie ein Krieg ſo ein⸗ muͤthig erklaͤrt worden, der einen ſo ſchnellen und un⸗ gluͤcklichen Ausgang genemmen haͤtte. Am iſten Ok⸗ tober ward Knobelsdorf, der preußiſche Geſandte, von Talleyrand, anfgefordert, ſich zu erklaͤren, aus wel⸗ chen Gruͤnden Preußen eine ſo kriegeriſche Stellung angenommen habe. Die Antwort hierauf erfolgte in einer Schrift, die drei Vorſchlage oder eigentlich For⸗ derungen enthielt: Erſtenis ſollten die franzoͤſiſchen Truppen, die das deutſche Gebiet betreten hatten, ſo⸗ gleich wieder uͤber den Rhein zuruͤckgehen; zweitens ſollte Frankreich ſich der Bildung eines norddentſchen, alle nicht zum Rheinbunde gehoͤrigen Staate umfaſ⸗ ſenden Bundes nicht widerſetzen; drittens ſollten ſo⸗ fork Unterhandlungen eroͤffnet werden, um die Feſtung Weſel von dem franzoͤſiſchen Reiche abzuloͤſen, ſo wie auch wegen der Zuruͤckgabe der drei Abteyen, die Mu⸗ rat, als zum Großherzogthum Berg gehoͤrig, ſich zu⸗ geeignet hatte. Dieſem Maniſeſte war noch ein lan⸗ ges, erlaͤuterndes Schreiben angehaͤngt, das ſtrenge Bemerkungen uͤber das Vergroͤßerungsſyſtem Frank⸗ reichs enthielt. Ein ſolcher Tert mit einem ſolchen Kommentar, in einem ſo gebieteriſchen Tone abgefaßt und an einen uͤbermuͤthigen und maͤchtigen Herrſcher gerichtet, mußte als eine Kriegserklaͤrung angeſehen werden. So ſehr ſich aber auch Preuten mit ganz W. Scott's Werke. XLIN. 6 3 1 Eurova uͤber die Eingriffe Frankreichs und ſeine reißen⸗ den Fortſchritte auf der Bahn der Univerſalherrſchaft zu beklagen hatte, ſo moͤchte es doch ſcheinen, daß die beiden erſten Punkte in der Erklaͤrung des Koͤnigs eher Gegenſtaͤnde einer Unterhandlung, als Gruͤnde zu einer voͤlligen Kriegserklaͤrung waren, und daß die Feſtung Weſel und die drei Abteyen nicht Bedeutung genug hatten, um einen Krieg zu motiviren. Preußen war in der That nicht ſowohl beeintraͤch⸗ tigt, als gekraͤnkt und beleidigt. Es ſah ſich in der Unterhandlung von Wien durch Napoleon uͤberliſtet; es ſah, daß er in der Angelegenheit Hannovers ſein Spiel mit ihm treibe, und daß es Gefahr laufe, ſei⸗ nen Einfluß auf Sachſen und Heſſen an Frankreich abtreten zu muͤſſen; und im Gefuͤhl dieſer mehr be⸗ fuͤrchteten, als wirklich erduldeten Unbilden griff es vorſchnell zu den Waffen. Haͤtten die Unterhandlun⸗ gen bis zu der Innaͤherung der ruſſiſchen Armeen in die Laͤnge gezogen werden koͤnnen, ſo wuͤrde der Krieg vielleicht eine andere Geſtalt gewonnen haben; aber die Preußen wollten ſich in ihrem kriegeriſchen Eifer die Vortheile der Initiative ſichern, ohne jedoch zu bedenken, daß in ihrer Lage eine ſolche Uebereilung zum Verderben fuͤhren konnte. Zudem konnten ſolche Vortheile nicht leicht uͤber einen Mann, wie Napoleon, erlangt werden, der ſich nicht mit Worten hinhalten ließ, wenn der Augen⸗ blick zum Handeln gekommen war, Vier Tage ver N 83 der Uebergabe der preußiſchen Note an ſeinen Mini⸗ ſter hatte Napoleon Paris ſchon verlaſſen, und befand ſich bereits im Felde, um ſeine eigenen unermeßli⸗ chen Streitkraͤfte zu ſammeln und die Stellung der Contingente zu betreiben, zu welchen die Furſten des Rheinbundes verpflichtet waren. Die Antwort auf die feindliche Note des Koͤnigs von Preußen war nicht an dieſen Monarchen, ſondern an ſeine eigenen Selkaten gerichtet.—„Sie haben es gewagt,“ ſagte er,„von uns zu fordern, daß wir uns bei dem erſten Anblick ihrer Armee zuruͤckziehen ſollen. Die Thoren! Konn⸗ ten ſie nicht einſehen, daß— wie unmoͤglich ſie es auch gefunden, Paris zu zerſtoͤren— dies doch viel leichter waͤre, als der Verſuch, den Ruhm der großen Nation zu beflecken? Die preußiſche Armee wird dem Schickſal nicht entgehen, das ſie ſchon vor vierzehn Jahren getroffen hat; ſie verkennt, daß, gleich wie die Freundſchaft des franzoͤſiſchen Volkes zu Ehre und Macht verhilft, die Feindſchaft deſſelben, die nur die⸗ jenigen trifft, die weder Sinn noch Verſtand haben, ſchrecklicher iſt als die Stuͤrme des Ozeans.“— Der Koͤnig von Preußen hatte den Herzog von Braunſchweig wieder an die Spitze ſeiner Armeen ge⸗ ſtellt— einen General, der in ſeiner Jugend unter ſeinem Oheim, dem Herzog Ferdinand, mit Auszeich⸗ nung gedient, aber durch ſeinen Ruͤckzug aus der Champagne, im Jahr 1792, wo er ſich von Dumou⸗ riez und ſeiner Conſcribirtenarmee wegmanoͤvriren 3 2 6„ 2 ließ, ſeinen Ruf in etwas verloren hatte. Er war 72 Jahre alt, und ſoll den Eigenſinn des Alters mit an⸗ dern Schwaͤchen deſſelben verbunden haben. Er theilte ſich ungerne mit und war keinem der andern Generale, außer Moͤllendorf, zugaͤnglich, wodurch Verwirrung und Uneinigkeit in dem preußiſchen Lager entſtand und die Armee ihrem Fuͤhrer abgeneigt wurde. Der Operationsplan dieſes ungluͤcklichen Prinzen war, wie es ſcheint, ſehr unrichtig gedacht, und zwar um ſo mehr, als er demſelben Tadel, wie der von Oeſterreich in dem letzten Kriege befolgte Plan unter⸗ negt. Da Preußen nicht auf den Vortheil der Ueber⸗ macht rechnen konnte, ſo haͤtte es zoͤgern und die Un⸗ terhandlungen bis zur Ankunft der Ruſſen verlaͤngern ſollen. Statt deſſen beſchloß man, nach Franken vor⸗ zubrechen und die preußiſche Armee der ganzen Macht Frankreichs, die den Kaiſer an ihrer Spitze hatte, ent⸗ gegenzuſtellen. Die Preußen wurden zu dieſem Fehler ungefaͤhr durch dieſelben Motive verleitet, welche die Oeſterrei⸗ cher beſtimmt hatten, bis an die Iller vorzuruͤcken. Sachſen war in dem gegenwaͤrtigen Feldzuge, wie Baiern in dem vorigen, g geneigt, neutral zu bleiben, und durch das raſche Vorruͤcken der preußiſchen Ar⸗ meen ſollte der Kurfuͤrſt genoͤthigt werden, mit ihnen gemeinſchaftliche Sache zu machen. Dies geſchah auch, und der Souverain von Sachſen vereinigte, wiewohl boͤchſt ungerne, ſeine Streitkraͤfte mit dem linken Fln⸗ —— 85 3 gel der Preußen unter dem Fuͤrſten Hohenlohe. Das Benehmen der Preußen gegen die Sachſen hatte eine ungluͤckliche Aehnlichkeit mit dem der Oeſterreicher ge⸗ gen die Baiern. Sie behandelten Sachſen mehr akls ein tributaͤres, denn als ein alliirtes Land, und wäh⸗ rend der Beiſtand des guten und friedlichen Fuͤrſten mit Strenge in Anſöruch genommen wurde, that man nicht das Mindeſte, ſein Wohlwollen zu erwerben oder den Stolz ſeiner Unterthanen zu verſoͤhnen. In ihrem Betragen gegen die Sachſen im Allgemeinen zeigten die Preußen jenen Hochmuth, der dem Falle vorangeht. Die preußiſche Armee belief ſich mit Inbegriff ih⸗ rer Huͤlfstruppen auf 150,000 Mann, die auf ihren Muth, ihre ſtrenge Mannszucht, durch die ſie ſich noch immer auszeichneten, und auf die herzerhebenden Erinnerungen an die Siegesbahn des großen Fried⸗ richs vertrauten. Noch manche Generale und Solda⸗ ten befanden ſich in ihren Reihen, die unter ihm ge⸗ dient hatten; aber unter dieſen Veteranen war Bluͤcher der einzige, der jener Schule Ehre machen ſollte. Ungeachtet dieſer vielfachen Mißgriffe verrieth die Zuſchrift des Koͤnigs von Preußen an ſeine Armee ei⸗ nen beſſern Geſchmack, als die hochtrabende Proklama⸗ tion Napoleon's, und ſchloß mit einer Stelle, die, wiewohl ihre Erfuͤllung erſt ſpaͤter eintrat, nichtsdeſto⸗ weniger prophetiſch war:—„Wir gehen,“ ſagte Fried⸗ rich Wilhelm,„einem Feinde eutgegen, der zahlpeiche 86 2 Armeen beſtegt, Monarchen gedemuͤthigt, Verfaſſun⸗ gen zerſtoͤrt und mehr als einen Staat ſeiner Unab⸗ haͤngigkeit, ja ſogar ſeines Namens beraubt hat. Mit einem gleichen Schickſal bedroht er Preußen; er will uns der Herrſchaft eines fremden Volkes unterwerfen, das ſogar den Namen der Deutſchen vertilgen moͤchte. Das Schickſal der Armeen und der Nationen iſt in den Haͤnden des Allmaͤchtigen, aber beſtaͤndiger Sieg und dauerndes Wohl werden nur der gerechten Sache zu Theil.“— Waͤhrend Napoleon in Franken eine weit betraͤcht⸗ lichere Armee als die der Preußen verſammelte, beſetz⸗ ten die letzteren die in der Nachbarſchaft der Saale ge⸗ legenen Gegenden, und ſchienen dadurch ganz auf den Vortheil zu verzichten, den der Angriff auf einen Feind gewaͤhrt, der ſeine Streitkraͤfte noch nicht bei⸗ ſammen hat. Und doch war und mußte ein ſolcher Angriff das Hauptmotiv ihres beſchleunigten Vorruͤk⸗ kens ſeyn, beſonders nachdem ſie ſich des wichtigen Beitritts von Sachſen einmal verſichert hatten. Die Stellung des Herzogs von Braunſchweig war in defen⸗ ſioer Hinſicht allerdings ſtark; aber die Verpflegung einer ſo zahlreichen Armee in der nur wenig ergiebi⸗ gen Gegend von Weimar unterlag großen Schwierig⸗ keiten, und die Armee hatte ihre Magazine und Nie⸗ derlagen nicht zunaͤchſt in ihrem Ruͤcken, ſondern, nach einer hoͤchſt unklugen Veranſtaltung, zu Naum⸗ burg und auf andern Punkten ihres außerſten linken — 87 Fluͤgels, ſo daß ſie Gefahr lief, von denſelben abge⸗ ſchnitten zu werden. Wahrſcheinlich zum Behuf ih⸗ rer Verpflegung war die preußiſche Armee in einer viel zu großen Strecke aufgeſtellt, als daß die einzel⸗ nen Abtheilungen derſelben ſich haͤtten gegenſeitig un⸗ terſtuͤtzen koͤnnen. Ihre Stellung war in der That mehr eine Kanton⸗als eine Feldſtellung, und da ſie ſtreng auf der Defenſive blieb, ſo erhielt dadurch Na⸗ poleon Gelegenheit, ihre Diviſionen einzeln anzugrei⸗ fen die er dann auch mit ſeinem bekannten Talente zu benutzen wußte. Das Hauptquartier der Preußen, wo ſich der Koͤnig und der Herzog von Braunſchweig befanden, war in Weimar, ihr linker Fluͤgel unter dem Prinzen Hohenlohe in Schleitz, und ihr rechter dehnte ſich bis nach Muͤhlhauſen aus, ſo daß ihre außerſten Fluͤgelpunkte ungefaͤhr 90 Stunden von ein⸗ ander entfernt waren. Napoleon eroͤffnete inzwiſchen nach ſeiner Weiſe den Feldzug durch eine Reihe von Poſtengefechten, in welchen der Vortheil ſtets auf ſeiner Seite war. Er wollte dadurch die Preußen in ihrer Stellung beunru⸗ higen, ihre Communicationen faſſen, ſie von ihren Huͤlfsquellen abſchneiden und gegen ihren Willen zu einer entſcheidenden Schlacht noͤthigen, in welcher ent⸗ muthigte Truppen unter geaͤfften und uͤberliſteten Ge⸗ neralen ſich mit Soldaten meſſen ſollten, die im Vor⸗ gefuͤhl des Sieges unter den verſuchteſten Befehlsha⸗ bern fochten, und zwar nach einem von dem groͤßten 88 Kriegsgenie des Jahrhunderts meiſterhaft entworfe⸗ nen Plane.. 3 Am sten Oktober machte Napoleon ſeinem Unwil⸗ ten in einem Bulletin Luft, in welchem er ſich beklag⸗ te, daß er ein von dem Koͤnig von Preußen unter⸗ zeichnetes Schreiben von zwanzig Seiten erhalten ha⸗ be, eine Art von Pamphlet, wie er ſagte, dergleichen England gegen ein Jahrgehalt von fuͤnfhundert Pfund Sterling von feilen Scriblern verfertigen laſſe.— „Es thut mir leid um meinen Bruder,“ ſagte Na⸗ poleon,—„er verſteht die franzoͤſiſche Sprache nicht und hat ſicher dieſes rhapſodiſche Machwerk gar nicht gekeſen.“— In demſelben Bulletin wurde auch die Konigin und der Prinz Ludwig laͤcherlich gemacht. Es traͤgt unverkennbar das Gepraͤge von Napoleon's eigener Schreibart, die, wenn auch nicht ſo gluͤcklich, doch ebenſo eigenthuͤmlich, als ſeine Fechtart war. In⸗ deſſen ſind der Styl und die Logik eines Gebieters uͤber ſo viele Legionen eigentlich uͤber jede Kritik er⸗ haben— ſeine Waffen gaben ſeinen Worten bald ge⸗ nug den rechten Nachdruck. Die Franzoſen ruͤckten in drei Kolonnen gegen die auseinander gezogene und ſchlecht geordnete preuſ⸗ ſiſche Armee vor. Der Herzog von Brauuſchweig hat⸗ te von vorne herein den nicht wieder gut zu machen⸗ den Fehler begangen, ſeine Magazine und ſeine Artil⸗ lerie⸗ und Munitionsreſerven in Naumburg zu laf⸗ ſen, ſtatt diefelben naͤher an die Hauptarmee heram⸗ 39 zuziehen. Dadurch ward es den Franzoſen leicht, ſich zwiſchen die Preußen und ihre Huͤlfsquellen zu wer⸗ fen, vorausgeſetzt, daß ſie ihre Gegner von der Saale perdraͤngen konnten.— Zu dieſem Zwecke nahm der von Soult und Ney befehligte franzoͤſiſche rechte Fluͤgel ſeinen Weg nach Hof. Das Centrum unter Bernadotte, Davouſt und Murat, der die Garde befehligte, zog gegen Saal⸗ burg und Schleitz, der linke Fluͤgel unter Augereau gegen Koburg und Saalfeld. Durch dieſes große Ma⸗ noͤxer ſollte der preußiſche rechte Fluͤgel in ſeiner zu weit ausgedehnten Stellung uͤberwaͤltigt— hierauf die ganze Stellung der Preußen umgangen und ihre Operationsbaſis gefaßt werden. Nach einigen Einlei⸗ tungsgefechten kam es zu einem hitzigen Treffen bei Saalfeld, wo Prinz Ludwig von Preußen den Vor⸗ trab des preußiſchen linken Fluͤgels befehligte. In ſeiner jngendlichen Hitze und Unerfahrenheit verließ der tapfere Prinz, ſtatt ſich auf die Vertheidi⸗ gung der Saalbruͤcke zu beſchraͤnken, dieſe vortheilhafte Stellung, um mit ungleichen Streitkraͤften auf Lan⸗ nes, der von Graͤffenthal herankam, los zu gehen. Haͤtte Tapferkeit dieſen Fehler wieder gut machen koͤnnen, ſo waͤre das Treffen bei Saalſeld nicht ver⸗ loren worden. Prinz Ludwig bewies die groͤßte Tau⸗ ferkeit als er ſeine Mannſchaft in's Feuer fuͤhrte und die Geſchlagenen wieder ſammelte. Er fand ſeinen Lod im Handgemenge mit einem franzoͤſiſchen Unter⸗ 90 offizier, der ihn aufforderte, ſich zu ergeben, und, nachdem er eine Saͤbelwunde zur Antwort erhalten, den Prinzen mit ſeinem Pallaſch durchbohrte. Einige von den Ofſtzieren ſeines Generalſtabs fielen mit und zunaͤchſt bei ihm. 2 Der Sieg von Saalfeld oͤffnete den Franzoſen das Defilee der Saale, und ſie ſaͤumten nicht, nach Naum⸗ burg vorzuruͤcken. Napoleon befand ſich in dem unge⸗ faͤhr eine halbe Tagreiſe von jener Stost gelegenen Gera, von wo er ein Schreiben an den Koͤnig von Preußen erließ, das in der Sprache des Siegers (denn nach Anzahl und Stellung war er es bereits) abgefaßt und mit der Jronie eines gluͤcklichen Fein⸗ des gewuͤrzt war. Er bedauerte, daß man ſeinen gu⸗ ten Bruder vermocht habe, das elende Pamphlet zu unterzeichnen, das zwar ſeinen Namen trage, aber ſicherlich nicht ſein Werk ſey. Haͤtte Preußen nur ir⸗ gend eine erweisbare Gunſt von ihm verlangt, ſo wuͤrde er ſie gewaͤhrt haben; aber man habe ſeine Schande verlangt, und haͤtte wiſſen ſollen, daß es nur Eine Antwort darauf gebe. In Betracht ihrer fruͤhern Freundſchaft erklaͤrte ſich Napoleon bereit, Preußen und ſeinem Monarchen den Frieden wieder zu gewaͤhren. Er rieth noch ſeinem guten Bruder die Anſtiſter des gegenwaͤrtigen Krieges, ſo wie deß⸗ jenigen vom Jahre 1792 zu entlaſſen und ſchloß mit einem herzlichen Lebewohl. Napoleon erwartete und erhielt keine Antwort auf 91— dieſes Sendſchreiben, das er wahrſcheinlich in dem Gefuͤhle eines Fiſchers ausgefertigt hatte, der da merkt, daß der Fiſch bereits angebiſſen hat und ihm nicht mehr entgehen kann. Naumburg und ſeine Ma⸗ gazine wurden den Flammen ubergeben, die den Preu⸗ ßen zuerſt verkuͤndeten, daß die franzoͤſiſche Armee ganz in ihrem Nuͤcken ſey, ihre Magazine zerſtoͤrt ha⸗ be und ihnen keine andere Wahl mehr laſſe, als eine Schlacht mit einem ruͤhrigen Feinde, den ſie durch ihre Schlaffheit in Stand geſetzt hatten, Zeit und Ort dazu vorzuſchreiben. Hiezu kam noch die niederſchla⸗ gende Betrachtung, daß die Preußen im Falle eines Ungluͤcks, keiner Regel mehr folgen, keine Ordnung beobachten, keinen Ruͤckzugsweg einſchlagen konnten, denn der Feind befand ſich bereits zwiſchen der pdeuſ⸗ ſiſchen Armee und Magdeburg, ihrem Sammelplatze und Ruͤckzugspunkte; die Schaaren des großen Fried⸗ richs waren in der That in einer Lage, in der ſie eben ſo wenig Beſonnenheit und Kriegskunſt bewaͤhren konnten, als eine Heerde von aufruͤhreriſch geworde⸗ nen Schulknaben. Zu ſpaͤt darauf bedacht, ihre ruͤckwaͤrtigen Ver⸗ bindungen wieder herzuſtellen, traten der Herzog von Braunſchweig und der Koͤnig von Preußen mit einem großen Theil der Armee den Marſch nach Naumburg au, wo Davouſt bereits mit einem Korps von 36,006 Mann Stellung genommen hatte und in den Fall kam, ſich mit einem doppelt ſo ſtarken Feinde ſchlagen 92 zu muͤſſen. Allein der Marſch des Herzogs von Braunſchweig war ſo langſam, daß er den Vortheil der Uebermacht wieder einbuͤßte; am Abend des 12ten auf den Höhen von Auerſtaͤt verweilend, ließ er dem „Marſchall Davouſt die noͤthige Zeit, Verſtaͤrkungen an ſich zu ziehen und den ſchwierigen Paß von Koͤſen ſtark zu beſetzen. Am naͤchſten Morgen ruͤckte Davouſt, der, trotz der ihm gewordenen Verſtaͤrkungen, immer noch ſchwaͤcher war, als die Preußen, vorwaͤrts gegen dieſe, die ſich bereits auf dem Marſche befanden. Die Avantgarde beider Armeen trafen aufeinander, ohne zu ahnden, daß ſie ſich ſo nahe waren; denn wegen des dichten Rebels konnte man ſich nicht ſehen. Bei dem Dorfe Haſſenhauſen, dem Punkte des Zufammentreffens, entſpann ſich ſofort ein lebhaftes Gefecht, in welchem das Dorf mehr als einmal ge⸗ nommen und wieder genommen wurde. Die preußi⸗ ſche Reiterei, zahlreicher als die franzoͤſiſche, und ſchon lange beruͤhmt durch ihre Gewandtheit und Disciplin, griff zu wiederholtenmalen an, konnte aber die fran⸗. zoͤſiſchen Vierecke weder in Unordnung bringen, noch durchbrechen. Nachdem die Franzoſen auf ſolche Wei⸗ ſe die preußiſchen Reiter abgetrieben, nahmen ſie mit gefaͤlltem Bajonet einige Waͤlder und das Dorf Spiel⸗ berg, und blieben zugleich im ungeſtoͤrten Beſitze von Haſſenhauſen. Es war jctzt eilf Uhr und die Preußen, die ſeit acht Uhr, mit Ausnahme der beiden Referve⸗ diyiſionen, im Feuer Kanden, hatten ſchon bedeutend 93 gelitten. Der Herzog von Braunſchweig, durch einen Kartaͤtſchenſchuß verwundet, General Schmettau und andere Offiziere von Bedeutung wurden außer Gefecht geſetzt und mußten weggebracht werden. Der Mangel an einem erfahrnen Anfuͤhrer ward nachgerade fuͤhl⸗ bar, und der Koͤnig von Preußen erhielt um eben die Zeit von dem Fuͤrſten zu Hohenlohe, der den rechten Fluͤgel bei Jena befehligte, die ſchlimme Nachricht, daß er ſich gegen Napoleon, der ihm gegenuͤber ſtehe, nicht laͤnger behaupten koͤnne. Der Koͤnig faßte hier⸗ auf den großmuͤthigen, aber vielleicht verzweifelten Entſchluß, das Gluͤck des Tages durch die Beſiegung deßjenigen Theils der franzoͤſiſchen Armee, mit dem er zu thun hatte, wo moͤglich wieder herzuſtellen. Er befahl einen allgemeinen Angriff mit allen den Trup⸗ pen, uͤber die er verfuͤgen konnte, und dieſem Befehl ward auch auf eine Weiſe Folge geleiſtet, die den Truppen zur Ehre gereichte, aber zu keinem gluͤckli⸗ chen Reſultate fuͤhren konnte. Sie wurden zuruͤckge⸗ wieſen, und die Franzoſen ergriffen nun ihrerſeits die Offenſive. 3 Noch immer verſuchte der preußiſche Monarch, der jetzt den Oberbefehl ſelbſt uͤbernommen zu haben ſcheint, den Mangel an Kriegserfahrung durch Muth zu erſetzen; er bot ſeine letzten Reſerven auf und fruerte ſeine geworfenen Truppen an, lieber zum Be⸗ huf des Sieges noch einmal Stand zu halten, als in Gogenwart eines ſiegreichen Feindes den Raͤckzug an⸗ 94 zutreten. Allein auch dieſer Verſuch ſchlug fehl. Die preußiſche Linie wurde uͤberall und zumal angegriffen — die Franzoſen durchbrachen das Centrum und die Fluͤgel mit dem Bajonet, und der Ruͤckzug erfolgte nach ſo manchen fruchtloſen Anſtrengungen, in wel⸗ chen keine Diviſion unbeſchaͤftigt geblieben war, in großer Unordnung, die jedoch noch weit hoͤher ſtieg, als die geſchlagenen Truppen Weimar erreichfen, wo ſie mit dem gleichfalls geſchlagenen rechten Fluͤgel zu⸗ ſammentrafen. Durch dieſes Zuſammentreffen in zwei entgegengeſetzten Stroͤmungen entſtand bald ein ſchreck⸗ licher Wirrwarr. Die Straßen waren durch Geſchuͤtz und Gepaͤck verſperrt, der Ruͤckzug artete in eine voͤl⸗ lige Flucht aus, und der Koͤnig ſelbſt, der waͤhrend der Schlacht von Auerſtaͤdt den hoͤchſten Muth gezeigt hatte, mußte endlich wegen ſeiner perſoͤnlichen Sicher⸗ heit die Hauptſtraße verlaſſen und mit einem kleinen Gefolge von Reitern uͤber das Feld jagen. Waͤhrend der linke Fluͤgel der preußiſchen Armee bei Auerſtaͤdt gegen Davouſt ſocht, ſchlug ſich der rech⸗ te Fluͤgel, wie wir bereits erwaͤhnt, mit gleichem Un⸗ gluͤck bei Jena. Von dieſem zweiten und weniger be⸗ deutenderen Geſecht traͤgt die Doppelſchlacht ihren Namen, weil Napoleon bei Jena in Perſon befehligte. Der franzoͤſiſche Kaiſer war am 13ten Oktober in dieſer an der Saale gelegenen Stadt angekommen und hatte ſich beeilt, diejenigen Befehle an ſeine Marſchaͤlle auszufertigen, durch wpelche die Demonſtrationen von 35 Davouſt und der Sieg von Auerſtaͤdt berbeigefuͤhrt wurden. Er verwendete nicht weniger Aufmerkſam⸗ keit auf ſeine eigene Stellung, in welcher er den preuſ⸗ ſiſchen rechten Fluͤgel unter dem Fuͤrſten Hohenlohe vor ſich hatte. Er ließ noch in der Nacht die Wege ausbeſſern oder neue herſtellen, um am folgenden Ta⸗ ge ſein Geſchuͤtz darauf vorwaͤrts zu ſchaffen; es ward insbeſondere ein Fahrweg durch die Felſen gehauen und mittelſt deſſelben Geſchuͤtz auf das Plateau ge⸗ bracht, wo ſein Centrum ſtand. Die preußiſche Ar⸗ mee lag vor ihm, und zwar in einer Linie von drei Stunden ausgedehnt, waͤhrend die franzoͤſiſche aͤußerſt concentirt war und nur eine kleine, aber ſowohl auf den Flanken als im Ruͤcken wohl geſicherte Fronte darbot. Napoleon brachte die Nacht nach ſeiner Ge⸗ wohnheit, von ſeiner Garde umgeben, auf dem Bi⸗ vouak zu. Mit Anbruch des Tages redete er ſeine Soldaten an, und ermahnte ſie beſonders, Stand zu halten gegen die preußiſche Reiterei, die man ihm als ſehr furchtbar geſchildert hatte. Wie er fruͤher bei Ulm ſeinen Soldaten eine Wiederholung der Schlacht von Marengo verſprochen, ſo ſagte er ihnen nun, daß ſich die Preußen, getrennt von ihren Magazinen und abgeſchnitten von ihrem Lande, in derſelben Lage be⸗ faͤnden, wie fruͤher General Mack bei Ulm. Er ver⸗ ſicherte ſie, daß der Feind nicht laͤnger um Ehre und Sieg, ſondern einzig um des Ruͤckzugs willen fechte, und fuͤgte hinzu, daß Schande auf diejenigen Korps 96 warte, die ihn entwiſchen laſſen wuͤrden. Die Fran⸗ zoſen jubelten hoch auf und verlangten ſofort in's Feuer gefuͤhrt zu werden. Der Kaiſer ließ die zumm Angriff beſtimmten Kolonnen in die Ebene herabruͤk⸗ ken. Die kaiſerliche Garde und zwei Diviſionen von Lannes bildeten das Centrum. Augereau befehligte den rechten Fluͤgel, der ſich an ein Dorf und an ei⸗ nen Wald lehnte. Das Korps von Sonlt befand ſich mit einigen Truppen von Ney auf dem linken Fluͤgel. Fuͤrſt Hohenlohe ruͤckte auch ſeinerſeits vor. Vei⸗ de Armeen konnten ſich, wie bei Auerſtaͤdt, wegen des dichten Nebels nicht ſehen; als dieſer fiel, waren ſie noch einen halben Kanonenſchuß von einander ent⸗ fernt. Sofort nahm das Gefecht ſeinen Anfang, und zwar auf dem franzöſiſchen rechten Flagel, wo die Preußen angriffen, um das Dorf zu nehmen, an das Augereau ſeine Flanke gelehnt hatte. Lannes mußte ihn unterſtuͤtzen, und ſo war er im Stande, ſeine Stellung zu behaupten. Die Schlacht wurde jetzt all⸗ gemein, und die Preußen bewaͤhrten eine ſo treffliche Disciplin, daß man ihnen, die ſich ſo regelmaͤßig wie Maſchinen vorwaͤrts, ruͤckwaͤrts oder aus der Flanke bewegten, lange nichts anhaben konnte. Nach eini⸗ gen verzweifelten Anſtrengungen vertrieb endlich Soult die Preußen aus den Waͤldern, von wo aus ſie dem franzoͤſiſchen linken Fluͤgel großen Schaden zugefuͤgt hatten. Zu gleicher Zeit erſchien das Korps von Ney und eine ſtarke Kavalleriereſerye auf dem Schlachfelde. — Pach⸗ 97 Nachdem ihm dieſe Verſtaͤrkungen geworden, ließ Na⸗ poleon das Centrum vorrücken, das groͤßtentheils aus der kaiſerlichen Garde beſtand, die, noch in friſcher Kraft und voll Kampfluſt, die preußiſche Armee zum Weichen brachte. Ihr Ruͤckzug geſchah anfaͤnglich in Ordnung; aber es lag in der Taktik Napoleon's, auf einen erſchuͤtterten Feind Angriff auf Angriff zu haͤu⸗ fen, wie ſich die Wellen des ſturmbewegten Meeres auf einander folgen, bis die letzten Wogen das Boll⸗ werk vollends zerſtoͤren, das die erſten durchbrochen haben. Murat warf ſich mit den Dragonern und der Reſervekavallerie mit einem Ungeſtuͤmm auf den Feind, als wolle er, ſo weit es durch Tapferkeit geſchehen konnte, das glaͤnzende Los verdienen, das ihm bereitet zu ſeyn ſchien. Die preußiſche Infanterie vermochte nicht, dieſem Stoße zu widerſtehen, gegen den ſie auch bei ihrer Reiterei keinen Schutz fand. Die Flucht ward allgemein. Ein großer Theil der Artillerie wurde ge⸗ nommen, und die aufgeloͤsten Truppen flohen nach Weimar, wo, wie wir bereits bemerkt haben, durch das gleichzeitige Eintreffen der Fluͤchtlinge des linken Fluͤgels eine grenzenloſe Verwirrung entſtand. Jetzt hoͤrte aller Befehl und aller Gehorſam in dieſer Ar⸗ mee auf, die noch vor kurzem ſo ſehr auf ihre Maſſe und ihre Disciplin vertraute. Da gab es kaum noch einen General, der geboten, kaum einen Soldaten, der gehorcht haͤtte; und es geſchah mehr zufolge eines gewiſſen Inſtinkts, als zufolge eines beſonnenen Ent⸗ W. Scott's Werke. XLIXN. 7 98 ſchluſſes, daß einige aufgeloͤste Regimenter ihren Weg nach Magdeburg nahmen oder nehmen mußten, wo Fuͤrſt Hohenlohe ſie wieder zu ſammeln ſuchte. Außer der Doppelſchlacht von Jena und Auer⸗ ſtaͤdt war auch bei Apolda, einem zwiſchen den beiden Schlachtſeldern gelegenen Dorfe, ein Gefecht vorge⸗ fallen, in welchem Bernadotte eine ſtarke feindliche Abtheilung uͤber den Haufen geworfen hatte. Nach den franzoͤfiſchen Berichten verloren die Preußen an dieſem ungluͤcklichen Tage 20,000 Mann an Todken und Gefangenen, 300 Geſchuͤtze, 20 Ge⸗ neragle und 60 Fahnen und Standarten. In dieſer verhaͤngnißvollen Schlacht und allen denſelben vorangegangenen Mandoͤvern ſcheinen die preußiſchen Generale den Kopf vöͤllig verloren zu ha⸗ ben. Auch die Truppen bewaͤhrten nach dem Zengniß Napoleon's ihren Ruf keineswegs, wahrſcheinlich weil ſie wußten, unter welchen unguͤnſtigen Verhaͤltniſſen ſte fochten. Doch es iſt unnoͤthig, nach den Urſachen einer Niederlage zu forſchen, in einem Fall, wo die Beſſegten ohne allen Plan angriffen, waͤhrend der Schlacht nicht in gegenſeitiger Verbindung blieben und nach derſelben ſich nach keinem im voraus entworfe⸗ nen Plane zuruͤckzogen. Da auch der Herzog von Braunſchweig und der General Schmettau ſchon zu Anfang der Schlacht toͤdtlich verwundet wurden, ſo fochten die verſchiedenen Korps der preußiſchen Armee ‚einzeln, und blieben ſich ſelbſt uͤberlaſſen, ſo daß es 1 ———— 9 ihren Anſtrengungen an Einheit und folglich auch an Nachdruck fehlte. Die Folgen dieſer Niederlage wa⸗ ren noch weit ſchrecklicher, als man erwarten konnte, auch wenn man erwog, daß die zerruͤttete Armee, die ſich ohne Plan zuruͤckzog und der man keinen Sam⸗ melplatz angewieſen hatte, einem Schwarm von Strich⸗ vögeln glich, die der Waidmann einzeln und nach ſei⸗ nem Belieben auf das Korn nimmt und herunter ſchießt. Den Tag nach der Schlacht wurde ein ſtarkes preußiſches Korps, das ſich unter den Befehlen des Marſchalls Moͤllendorf nach Erfnrt zuruͤckgezogen hat⸗ te, genoͤthigt, ſich zu ergeben, der Marſchall und der Prinz von Oranien Fulda geriethen dabei in Gefan⸗ genſchaft. Noch andere Trümmer der geſchlagenen Armee hatten daſſelbe Schickſal. Genergl Kalkreuth wurde mit einem betraͤchtlichen Truppenkorps auf ſei⸗ nem Marſche uͤber das Harzgebirge eingeholt und uͤberwaͤltigt. Herzog Engen von Wuͤrtemberg war mit einer noch unverſehrten Diviſion von 16,000 Mann bei Merſeburg zuruͤckgelaſſen worden, ohne daß es dem preußiſchen Obergeneral eingefallen waͤre, ihn naͤher heranzuziehen. Statt nun auf die Nachricht, daß Al⸗ les verloren ſey, ſoglelch ſeinen Ruͤckmarſch anzutre⸗ ten, war dieſer Herr unbeſonne, genug, nach Halle vorzuruͤcken, als wollte er die einzige, noch ungeſchla⸗ gene Diviſion der preußiſchen Armee den ſtegreichen und weit uͤberlegenen franzoͤſiſchen Schaaren in den Weg ſtellen. Die Folge davon war, daß er ſoſort 7*. 2 1⁰⁰ von Bernadotte angegriffen und auf's Haupt geſchla⸗ gen wurde. Indeſſen diente Magdeburg zum Hauptſammel⸗ platz: unter den Waͤllen dieſer feſten Stadt ge ang es em verwundeten Fuͤrſten Hohenlohe, ungefaͤhr 50,000 Mann wieder zuſammenzubringen, die aber an Allem Mangel litten und ſich in der groͤßten Unordnung be⸗ fanden. Allein in Magdeburg ſollten ſie noch keine Ruhe finden. Mit derſelben kurzſichtigen Sorgloſig⸗ keit, die alle Schritte dieſes Feldzugs bezeichnete, hat⸗ te man die unermeßlichen, in dieſer Stadt aufgehauf⸗ ten Vorraͤthe zur Verpflegung der Armee des Her⸗ zogs von Braunſchweig verwendet, ſo daß die Fluͤcht⸗ linge von Jena und Auerſtadt auch noch mit dem Hunger zu kaͤmpfen hatten. Es blieb dem Fuͤrſten Hohenlohe nichts uͤbrig, als ſich, ſo gut es anging, an die Oder zuruͤckzuziehen, wohei er, wenn man die bedraͤngke Lage, in der er ſich befand, erwaͤgt, eben ſo viel Muth als Geſchicklichkeit entwickelt zu haben ſcheint. Nach verſchiedenen partiellen Gefechten, in welchen er ſtets wieder Leute verlor, befand er ſich endlich mit dem Vortrab und dem Centrum ſeiner Armee auf den Hoͤhen von Prenzlau, ohne Lebens⸗ mittel, Futter und Munition. Eine Uebergabe wur⸗ de unvermeidlich, und bei dieſem Orte und Paſſewalk mußten gegen 20,000 Preußen das Gewehr ſtrecken. Der Nachtrab der Armee des Fuͤrſten Hohenlohe ward nicht ſogleich in dieſes Ungluͤck verwickelt. Zur ——᷑QO—L—A7ÿyn—— 101 Zeit der Kapitulation von Prenzlau ſtand er bei Bortzenberg und war etwa noch 10,000 Mann ſtark. Dieſe Truͤmmer eines fruͤher von dem Herzog von Weimar angefuͤhrten Korps beſehligte jetzt ein Gene⸗ ral, deſſen Name nachmals wie eine Kriegstrompete erklingen ſollte— der geſeierte Bluͤcher. In der Todesnoth ſeines Vaterlandes zeigte die⸗ ſer treffliche Krieger denſelben unbeugſamen Muth, dieſelbe Behendigkeit der Ausfuͤhrung, dieſelbe Kuͤhn⸗ heit des Entſchluſſes, die ſpaͤter zu ſo glorreichen Re⸗ fultaten fuͤhrten. Er wollte am 2oſten auf Befehl des Fuͤrſten Hohenlohe von Bortzenberg aufbrechen, als er von dem Ungluͤck dieſes Generals bei Prenzlan Kun⸗ de erbielt. Sofort nahm er eine andere Richtung, um ſich durch einen ſchnellen Marſch nach Strelitz mit den 10,900 Mann zu vereinigen, die, zu den Korps der Herzoge von Weimar und von Braunſchweig⸗Oels gehoͤrig, von Jena und Auerſtaͤdt ſich in dieſer Rich⸗ tung zuruͤckgezogen hatten. So verſtaͤrkt faßte Bluͤcher den Plan, bei Lauenburg uͤber die Elbe zu gehen und die preußiſchen Beſatzungen in Niederſachſen zu er⸗ gaͤnzen. Zu dieſem Behuf bewegte er ſich in Eilmaͤr⸗ ſchen und beſtand manches heiße Gefecht. Aber die Ungunſt der Verhaͤltniſſe war zu groß, als dasß ſie durch Muth und Thaͤtigkeit haͤtte aufgewogen werden können. Das Korps von Soult, das uͤber die Elbe gegangen war, ſchnitt ihn von Lauenburg ab, das von Murgt warf ſich zwiſchen ihn und Stralſund, waͤh⸗ 10² rend Bernadotte ihn im Ruͤcken ſaßte. Bluͤcher hatte keine andere Wahl, als ſich mit ſeiner herabgeſchmol⸗ zenen und eutmuthigten Armee nach Luͤbeck zu wer⸗ fen, wo die Draͤnger ihn wie einen Hirſch, der nicht mehr weiter kann, badd einholten. Am 6ten Novem⸗ ber entbrannte in den Straßen von Luͤbeck ein wuͤthen⸗ des Gefecht zwiſchen beiden Theilen, in welchem die Preußen der Uebermacht erlagen und viele Todte und Gefangene verloren. Bluͤcher erfocht ſich einen Weg aus der Stadt, und erreichte Schwerta. Allein jetzt war er auf die außerſte Grenze des preußiſchen Bodens gekommen, und die Verletzung des neutralen daͤniſchen Gebiets wuͤrde ſeinem ungluͤcklichen Herrn nur neur Feinde zugezogen haben. Und ſo uͤbergab er dann am 7ten November mit den paar tauſend Mann, die ihm noch geblieben wa⸗ ren, ſeinen guten Degen, den er unter guͤnſtigeren Auſpizien nochmals fuͤhren ſollte. Aber ſein Muth, der wie das Helenenfeuer in der Nacht des Sturmes geleuchtet hatte, bewies, daß wenigſtens noch Ein des großen Friedrichs wuͤrdiser Schuͤler vorhanden ſey⸗ und berechtigte zu Hoffnungen, die Preußen lange im Stillen naͤhrte, bis endlich die rechte Zeit zum Han⸗ deln eintrat. Die gaͤnzliche Zerſtoͤrung der preußiſchen Armee war kaum ſo verwunderſam, als der Umſtand, daß die preußiſchen Feſtungen, worunter einige zu den ſiaͤrk⸗ 193 ſten in Europa gehoͤrten, von ihren Kommandanten ohne Schaam und ohne allen Widerſtand dem ſiegrei⸗ chen Feinde uͤbergeben wurden. Wohlbefeſtigte Staͤdte und Plaͤtze, an denen der Ingenieur ſeine Kunſt er⸗ ſchoͤpft hatte, mit zahlreichen Garniſonen beſetzt und mit allen Beduͤrfniſſen auf das reichlichſte verſehen, oͤffneten ihre Thore auf den Schall einer franzoͤſiſchen Trompete oder nach der Exploſion von wenigen Bom⸗ ben. Spandan, Stettin, Kuͤſterin, Hameln— geeig⸗ net, den Marſch der Feinde Monate lang aufzuhal⸗ ten— wurden gleich bei der erſten Aufforderung uͤber⸗ geben. In Magdeburg lag eine Garniſon von 22,006 Mann, worunter 2000 Artilleriſten; und doch kapi⸗ tulirte dieſe beruͤhmte Stadt mit dem Marſchall Ney ſchon, als die erſten Granaten geflogen kamen. Ha⸗ meln hatte eine Garniſon von 6000 Mann, war mit Vorraͤthen aller Art verſehen, und haͤtte fuͤglich die laͤngſte Belagerung aushalten koͤnnen; und doch ergad ſich dieſe Feſtung an einen Feind, der kaum den drit⸗ ten Theil ſo ſtark war, als die Beſatzung. Dieſe Thatſachen waren zu auffallend, als daß ſie allein der Verblendung oder der Feigheit zugeſchrieben werden konnten. Die Franzoſen ſelbſt ſtaunten uͤber dieſe Eroberungen, hatten aber doch eine Ahndung von der Art, wie es dabei zugegangen ſeyn mochte. Als der⸗ elende Gouverneur von Magdeburg von den Halliſchen Studenten wegen ſeiner Verraͤtherei und Feigheit be⸗ ſchimpft wurde, ſympathiſirte die franzoͤſiſche Garniſon — ——— — 104 des Platzes mit dem ingendlichen Enthuſiasmus jener Schuͤler, und gewaͤhrte der alten Memme nur wenig Schutz gegen die Ausbruͤche ihres Unwillens. In Fol⸗ ge aͤhnlicher großherziger Gefuͤhle wurde Schoͤls, der Kommandant von Hameln, von ſeinen eigenen Trup⸗ pen beinahe niedergemacht. Bei der Uebergabe des Platzes wollte er bie Bedingung aufſtellen, daß, falls die preußiſchen Provinzen durch das Kriegsgluͤck an eine andere Macht fielen, die Offiziere ihren Sold und Rang behalten ſollten. Durch dieſe Bedingung, welche eine Deſertion und den Vorſatz in ſich ſchloß, ſich mitten unter dem Ruin des Landes Privatvor⸗ theile zu ſichern, wurden die Soldaten ſo ſehr erbit⸗ tert, daß Schoͤls ſein Leben nur dadurch retten konn⸗ te, daß er den Platz noch vor der in der Kapitula⸗ tion bedungenen Zeit ubergab. Man glaubt, die Franzoſen haͤtten ſich in eini⸗ gen dieſer Faͤlle eines goldenen Schluͤſſels bedient, um die eiſernen Feſtungen aufzuſchließen, ohne jedoch den Aufwand des edlen Metalls aus eigenen Mitteln zu beſtreiten. Jede ſtarke Garniſon hat begreiflicherweiſe ihre Kriegskaſſe, aus der die Truppen beſoldet wer⸗ den, und man behauptete, mehr als ein Komman⸗ dant haͤtte dem Anerbieten nicht widerſtehen koͤnnen, auf den Fall einer gleichbaldigen Uebergabe nicht nach jenen Geldern zu fragen, ſondern dieſelben dem Gou⸗ verneur zu uͤberlaſſen, durch deſſen Gefälliakeit man ohne Zeitverluſt und ohne die Weitlaͤufigkeit einer Be⸗ lagerung in den Beſitz des Platzes kam. 105 Waͤhrend dieſer unnnterbrochenen Fortſchritte der franzoͤſiſchen Armee nahm der neue Koͤnig oon Hol⸗ land, Ludwig Buonaparte, mit einer zum Theil aus Hollandern, zum Theil aus Franzoſen beſtehenden Ar⸗ mee ohne alle Muͤhe Beſitz von Weſtphalen, dem groͤß⸗ ten Theil von Hannover, von Emden und von Oſt⸗ friesland. Um das Gemaͤlde der gaͤnzlichen Zerruͤttung von Preußen zu vollenden, duͤrfen wir nur noch hinzufuͤ⸗ gen, daß der ungluͤckliche Koͤnig, der wegen ſeiner perſoͤnlichen Eigenſchaften ein beſſeres Los verdient haͤtte, nach der Schlacht genoͤthigt war, nach Weſt⸗ preußen zu fliehen, und zuletzt in Koͤnigsberg ein Aſyl ſuchte. LEſtocg, ein eben ſo treuer als tuchtiger Ge⸗ neral, war noch gluͤcklich genug, aus den Truͤmmern der preußiſchen Armee einige tauſend Mann als Schutz⸗ wache ſeines Herrn zuſammenzubringen. Am 258ſten Oktober, eilf Tage nach der Schlacht von Jena, zog Napoleon in Berlin ein. Wie er ſein Gluͤck genuͤtzt, werden wir ſpaͤter angeben. Ueber den ſo ploͤtzlichen und ſchrecklichen Fall Preußens gerieth ganz Europa in Erſtaunen. Man verglich den preußiſchen Monarchen einem hitzigen, unerfahrnen Spieler, der ſein aanzes Vermoͤgen auf Eine Karte ſetzt und als Bettler vom Spieltiſche auf⸗ ſteht. Preußen war ſeit fuͤnfundſiebenzig Jahren eine Macht vom erſten Range, aber nie ſo furchtbar, als kurz vor ſeinem Falle geweſen; vor der Schlacht von 106 Auſterlitz hing noch das Gleichgewicht von Europa von ſeinen Entſchluͤſſen ab. Jetzt aber lag dieſe Macht zu den Fuͤßen ihres Gegners, dem ſie zur Unzeit Trotz geboten hatte; ſie war nicht etwa blos gefallen, ſon⸗ dern lag ganz zu Boden, unfaͤhig, ſich wieder zu er⸗ heben. Andererſeits war noch in friſchem Andenken, daß Oeſterreich nach der Niederlage ſeiner Armeen und dem Verluſte ſeiner Hauptſtadt in dem Muthe ſeiner Unterthanen noch eine Huͤlfsquele gefunden, und daß die ungariſche und boͤhmiſche Inſurrektion auf Napoleon ſelbſt, als er ſich im Hochpuntte ſeines Gluͤckes befand, einen ſolchen Eindruck gemacht hatte, daß er es fuͤr gerathen hielt, dem geſchlagenen Kai⸗ ſer ertraͤgliche Friedensbedingungen zu bewilligen. Oeſterreich glich einer zu wiederholtenmalen belager⸗ ten und eben ſo oft in Breſche gelegten und vielfach beſchaͤdigten Feſtung, die aber nach dem Verluſt eini⸗ ger Außenwerke immer noch haltbar geblieben iſt. Preußen dagegen war gleichſam von einem Erdbeben ver wuͤſtet und veroͤdet worden. Eine furchtbare Er⸗ ploſion hatte ſeine Bollwerke, ſeine Burgen in Schutt gelegt. Der ſo auffallende Unterſchied in dem Schickſale zweier Staaten, die ſich als Nebenbuhler ſo oft be⸗ kaͤmpft hatten, iſt leicht zu erklaͤren. Der oͤſterreichiſche Kaiſerſtaat iſt ein Verein von Koͤnigreichen und Fuͤrſtenthuͤmern, die ſchon laͤngſt demſelben Hauſe unterworfen und mit angeſtammter 197 Treue ergeben ſind. Die oͤſterreichiſche Macht bernh⸗ te demnach, und beruht noch jetzt auf der breiten und feſten Grundlage einer allgemeinen und tiefgewurzel⸗ ten Anhaͤnglichkeit des Volkes an ſeinen Fuͤrſten, und der innigſten Verſchmelzung der Intereſſen von beiden. Auch das Haus Brandenburg hatte ſeine Erblan⸗ de, in welchen die Ergebenheit, die Treue und der Patriotismus der Einwohner ſich von den Vaͤtern auf die Soͤhne vererbten. Aber ein großer Theil ſeiner Beſitzungen beſteht aus ſpaͤteren, durch die Waffen oder die Politik des großen Friedrichs zu verſchiede⸗ nen Zeiten gewonnenen Bezirken, das preußiſche Staatsgebiet iſt aus kleinen, weit von einander ent⸗ fernten Provinzen zuſammengeſetzt, die ſich mehr in die Laͤnge als in die Breite erſtrecken und ſich, wie ſchon Voltaire bemerkt hat, auf der Karte von Euro⸗ va wie ein Paar Strumpſbaͤnder ausnehmen. Eine natuͤrliche Folge davon iſt, daß eine lauge Zeit verge⸗ hen muß, bis die Beſtandtheile eines ſolchen Koͤnig⸗ reiches, deren Geſetze, Sitten und Gedraͤuche ſo ſehr von einander abweichen, ſich zu einer gediegenen und feſten Monarchie verſchmelzen, in welcher der Koͤnig als das gemeinſchaftliche Oberhaupt verehrt und ge⸗ liebt wird, und die verſchiedenen Volksſtaͤmme ſich als die Mitglieder eines und deſſelben gemeinen We⸗ ſens betrachten. Ganze Generationen werden in's Grab ſinken, ehe ein ſo kuͤnſtlich zuſammengeſetztes Koͤnigreich Einheit und Staͤrke gewinnt; ſchon durch —y—— ——t 108 ſeine geographiſche Geſtaltung wird dem Trieb zur Vereinzelung großer Vorſchub geleiſtet. Schon hieraus erſieht man, warum die Einwoh⸗ ner der verſchiedenen preußiſchen Provinzen nach der ungluͤcklichen Schlacht von Jena dem Feinde keinen kraͤftigen und gemeinſamen Widerſtand leiſteten, und warum ſie, oögleich in der Waffenſchule gebildet und zu einer gewiſſen Dienſtzeit in der Linie verpflichtet, doch eben keine Luſt bezeigten, fremde Gewalt abzu⸗ wehren. Sie fuͤhlten, daß ſie nur durch das Recht des Staͤrkeren dem preußiſchen Staate an zehorten, und waren daher gleichguͤltig, als daſſelbe Recht ei⸗ nem Andern ihre Pflicht zuzawenden ſchien. Sie be⸗ trachteten den nahen Untergang der preußiſchen Macht nicht wie Kinder die Geſahr eines Vaters, den ſie, und waͤre es auch mit Aufopferung ihres Lebens, ret⸗ ten ſollen, ſondern wie Diener, die in der Gefahr ihres Herrn nur die Moͤglichkeit ſehen, wieder von einem Andern abhaͤngig zu werden. Allein es gab noch andere Gruͤnde, die owohl in den angeſtammten, als in den neu erworbepen preu⸗ ßiſchen Provinzen jeden Widerſtand von Seiten des Volkes laͤhmen mußten. Die preuziſche Macht ſchien faſt ganz auf dem ſtehenden Heere u beruhen, das Friedrich der Große geſchaffen und nach ſeinen Anſich⸗ ten gebildet hatte. Als daher dieſes Kriegsheer ein⸗ mal aufgeloͤst und vernichtet war, gab es keine Ret⸗ tung mehr in den Augen derlenigen, welche daſſelbe 1⁰9 ſo lange fuͤr unuͤberwindlich gehalten hatten. Der preu⸗ ßiſche Bauer, der gerne in die Reihen des vaterlaͤn⸗ diſchen Heeres eingetreten waͤre, ſo lange ſolches noch das Feld hielt, verſtand oder glaubte doch ſo viel vom Kriege zu verſtehen, als daß er auf einen Guerillas⸗ krieg große Hoffnungen haͤtte ſetzen können, und doch iſt dieſer durch den Muth, die Hingebung und die Beharrlichkeit eines andern vom Feinde bedraͤngten Volkes die furchtbarſte Waffe ſelbſt gegen eine ſieg⸗ reiche Armee geworden. Der Untergang Preußens, welchen Urſachen er auch zugeſchrieben werden mochte, ſchien in den Au⸗ gen des erſtaunten Europa's gaͤnzlich entſchieden. In das aͤußerſte Ende ſeines Gebietes vertrieben, konnte der Koͤnig nur noch als ein Fluͤchtling betrachtet wer⸗ den, deſſen Wiederherſtellung einzig durch den gluͤck⸗ lichen Beiſtand ſeines ruſſiſchen Alltirten bedingt war, der jetzt nicht wie nach der Eroberung Wiens, einen noch wehrhaften Bundesgenoſſen zu unterſtuͤtzen, ſon⸗ dern einen ganz unmachtig gewordenen Fuͤrſten wie⸗ der aufzurichten hatte. Die Franzoſen gingen uͤber die Oder— Glogau und Breslau wurden genommen. Wie ehrenvoll der Widerſtand dieſer Feſtungen auch war, ſo ſchien doch nicht minder gewiß, daß durch ihren Fall die letzte Hoffuung Preußens vernichtet ſey, und daß ein durch die Regierung eines großen und weißen Monnrchen verherrlichter Name durch das Ungluͤck eines einzigen werden wuͤrde. Die Menſchen ſahen dieſes entſetzliche Ungluͤck mit ſehr verſchiedenen Gefuͤhlen, je nachdem ſie daſſelbe auf die preußiſche Regierung, oder auf den Koͤnig und das Land, oder endlich auf die allgemeinen In ereſſen von Europa bezogen. In der erſten Beziehung konnte man ſich mit einer gewiſſen Schadenfreude nicht ver⸗ hehlen, daß Preußen jetzt nur den verdienten Lohn fuͤr ſeine ſchiefe und ſelbſtſuͤchtige Politik, fuͤr ſein in den neueſten Zeiten eben ſo unkluges als gewiſſenlo⸗ ſes Benehmen empfangen habe. Die Gleichguͤltigkeit, mit welcher das preußiſche Kabinet den Unfaͤllen des öſterreichiſchen Hauſes zugeſehen, die durch ſein kraͤf⸗ tiges Einſchreiten wahrſcheinlich haͤtten verhuͤtet wer⸗ den kaͤnnen— der gaͤnzliche Mangel an Rechtlichkeit, die Unziemlichkeit, mit der es Hannover von Frank⸗ reich annahm, und zwar in demſelben Angenblicke, wo es auf einen Krieg gegen den Geber ſann— die ſchamloſe Raubgier, mit welcher es das Kurfuͤrſten⸗ thum ſeinem rechtmaͤßigen Herrn zu derſelben Zeit vorenthalten wollte, wo es eine Allianz mit Großbri⸗ tannien unterhandelte— alle dieſes zeugte von jener gaͤnzlichen Hintanſetzung aller Regeln der Gerechtig⸗ keit, durch welche ein Volk des Gluͤckes unwuͤrdig und in mauchen Faͤllen asch außer Stand geſetzt wind, ſei⸗ nen Zweck zu erreichen. Sein ganzes Ver ahren glich dem eines Miſſethaͤters, der bereit iſt, ſeinen Mib Tages aus der Karte von Europa fuͤr immer vertilgt 114 ſchuldigen zu verrathen, wenn ihm geſtattet wird, ſer⸗ nen Antheil an der gemeinſchaftlichen Beute zu be⸗ halten. Es ſey kein Wunder, ſagte man, wenn eine Regiernng, die ihren Unterthanen ein ſolches Beiſpiel von Gierigkeit und Treubruch in ihren oͤffentlichen Handlungen gegeben, in der Stunde der Noth viele unter dieſen finde, die kein Bedenken tragen, ihren Eigennutz dem allgemeinen Beſten vorzuziehen. Wenn ferner das Beuehnen dieſer elenden Regierung, ſtatt aus einem moraliſchen, nar aus einem politiſchen Standpunkte betrachtet wurde, ſo mußte das uͤber das Koͤn greich ergangene Ungluͤck nicht nur als eine Folge ihrer Unfaͤhigkelt, ſondern auch als eine gerech⸗ te Strafe ihrer Verworfenheit erſcheinen. Die eben⸗ ſo uͤbereilte als uͤbermuͤthige Kriegserklaͤrung, nach⸗ dem man ijede guͤnſtige Gelegenheit verſaͤumt hatte, und überhaupt die ganze Fuͤhrung des Feldzugs be⸗ urkundete einen Grad von Verkehrtheit, der an Bloͤd⸗ ſinn grenzte, und entweder durch eine grobe Verraͤ⸗ therei oder durch eine voͤllige Verblendung bewirkt ſeyn mußte. Was daher die preußiſchen Mint iſter be⸗ trifft, ſo ernten ſie nur den Lohn, den ihr Mangel an politiſcher Rechtlichkeit und praktiſchem Urtheil verdiente. Ganz anders aber fuͤhlte man, wenn man das durch die Schlacht von Jena angerichtete Ungluͤck nicht in Beziehung auf die ſchlimmen Rathgeber, die daran Schuld waren, ſondern in Bezzehung anf den Fuͤrſten 7 11² und die Nation erwog, die darunter leiden mußten. —„Wir ſind Menſchen, und muͤſſen als ſolche“— nach dem Ausdrucke des Dichters, der den Untergang von Veuedig beſingt,„trauern, wenn auch nur der Schatten von dem, was einſt groß war, vollends da⸗ hin ſchwindet.“— Aber die ſcheinbare Zerſtoͤrung des preußiſchen Staats glich nicht dem Hinſcheiden eines Greiſen, der das Ziel des menſchlichen Lebens erreicht hat, nicht dem Falle eines altert uͤrtlichen Thurmes, deſſen verwitterte Vogen die Laſt, die auf ſie druͤckt, nicht mehr tragen koͤnnen. Man ſieht dergleichen al⸗ lerdings mit einer gewiſſen Scheu und ſy pathetiſcher Theilnahme; aber man erſtaunt und erſchrickt keines⸗ wegs darüber. Das Schickſal der preuß ſchen Monar⸗ chie glich dagegen dem grauſenvollen Tode eines in der Kraft ſeiner Jahre dahingerafften Mannes. Als das Haus Brandenburg zu fallen ſchien, war es, als ob eine feſte Burg mit ihren herrlichen Thuͤrmen durch eine uͤbermenſchliche Macht auf einmal in den Staub gelegt wuͤrde. Ueber eine ſo große und ſo ſchnell eingetretene Kataſtrophe ſtaunten alle Men⸗ ſchen; ſie bedauerten dieienigen, die zunaͤchſt dadurch litten, und ſahen zugleich mit Schrecken die Gefahr⸗ in die ſie durch die Zerſtoͤrung eines ſo feſten Boll⸗ werks kamen. Der vortreffliche und patriotiſche Cha⸗ rakter Friedrich Wilhelms, deſſen Rechtliehkeit und Ehre ſelbſt durch die Verkehrtheit ſeiner Miniſter nicht befleckt werden konnte— der Gram ſeiner intereſſan⸗ ten, 115 ten, hochherzigen und ſchoͤnen Gemahlin— die Lei⸗ den eines tapfern und ſtolzen Volkes, das einſt nicht mit Unrecht als der Vorfechter des proteſtantiſchen Glaubens und der deutſchen Freiheit galt— das ſei⸗ nen großen Koͤnig ſo kraͤftig unterſtuͤtzt und einſt der vereinigten Macht von Frankreich, Oeſterreich und Rußland widerſtanden hatte— erregte tiefe und all⸗ gemeine Theilnahme. Dieſes Mitgefuͤhl griff noch weiter um ſich und wurde noch inniger bei dem Gedanken, daß mit preu⸗ ßen der letzte deutſche Staat fiel, der mit Napoleon auf gleichem Fuße unterhandeln konnte, und daß Frank⸗ reich, das im Suͤden von Europa bereits eine unge⸗ meſſene Macht beſaß, bald auch im Norden eben ſo willkuͤhrlich und eben ſo unumſchraͤnkt gebieten wuͤrde. Eine hoͤchſt traurige Ausſicht! Selbſt diejenigen, wel⸗ che den Fall eines Herrſchers, die Zerſtoͤrung eines Koͤnigreichs mit Gleichguͤltigkeit ſahen, zitterten, wenn ſie erwogen, daß der Untergang der preußiſchen Mo⸗ narchie, der, wie es ſchien, unausbleiblich war, auch den Ruin ihres Vaterlandes herbeifuhren muͤſſe. Doch ſo weit ſollte es nicht kommen. Derſelben Vorſehung, welche die Hoffnungen der Stolzen zu Schanden macht, gefaͤllt es hinwiederum zuweilen, gnaͤdig einzuſchreiten, wo menſchliche Huͤlfe nichts mehr vermag. Wie man auch von der Lehre eines Zuſtandes der Laͤuterung in einem kuͤnftigen Leben denken mag, ſo iſt doch ſo viel aus der Geſchichte ge⸗ W. Scott⸗d Werke. XLIX. 8 114 wiß, daß in dieſer Welt Staaten wie Individuen oft⸗ mals durch ein Ungluͤck heimgeſucht werden, an dem ſie zwar Selbſt Schuld ſind, das aber gleichwohl zu ihrer Wiedergeburt fuͤhrt. In der ſtrengen Schule vieljaͤhriger Widerwaͤrtigkeiten gewann Preußen wie⸗ der jene meraliſche Kraft, durch die es ihm in der Folge gelang, ſeinen hohen Rang in der europaͤiſchen Republick wieder einzunehmen, und zwar mit mehr Ehre fuͤr den Fuͤrſten, wie fuͤr das Volk, als wenn es nie aus ſeiner erhabenen Stellung geworfen wor⸗ den waͤre. In der Erinnerung an das, was ſie in der Periode ihrer Rechtloſigkeit erduldet, wird die preußiſche Regierung fortan— ſo duͤrſen wir hoffen — auch die Rechte anderer Voͤlker zu achten wiſſen— unter der Herrſchaft der Fremden mußte das preußi⸗ ſche Volk den hohen Werth der Unabhaͤngigkeit ſchaͤtzen ternen. Und wirklich ſprachen auch die Preußen ſpaͤ⸗ ter durch die großten Opfer ihre tiefe Ueberzeugung aus, daß die Unabhaͤngigkeit von fremder Herrſchaft durch das zahlreichſte ſtehende Heer noch nicht ganz zeſichert ſey, daß dieſes unſchaͤtzbare Gut durch die vereinten Anſtrengungen Aller, vom Fuͤrſten an bis zu dem letzten Buͤrger, um jeden Preis erſtrebt, be⸗ hauptet und bewahrt werden muͤſſe. Wozu dieſe Ue⸗ berzeugung gefuͤhrt, ſoll auf einem ſchoͤneren Blatte dieſer Geſchichte berichtet werden. Fuͤr jetzt aber ſank die finſtere Wolke des Ungluͤcks durch keinen Hoff⸗ nungsſtrahl erhellt, auf Preußen herab, deſſen —— ——— 115 Ruhm, deſſen Nationalexiſtenz ſogar, unrettbar be⸗ droht ſchien. Viertes Kapitel. Ungroßmüthiges Benehmen Napoleon's gegen den Ferzog von Braunſchweig.— Der Anmarſch der franzöſiſchen Truppen nöthigt den ſterbenden Fürſten, ſich nach Altona bringen zu laſſen, wo er perſcheidet.— Sein Sohn ſchwört, ihn zu rä⸗ chen.— Auch zu Berlin und Potsdam zeigt ſich Napoleon grauſam und rachſüchtig.— Seine Milde gegen den Fürſten von Hatzfeld.— Wie er die kleineren Mächte behandelt.— Hieronhmus Buonaparte.— Einnahme von Hamburg.— Die berühmten Verlinerdekrete gegen den brittiſchen Handel. — Würdigung derſelben.— Napoleon läßt ſich durch die Vorſtellungen der Handelsſtädte auf dem Continent nicht be⸗ wegen, dieſelben zu mildern oder zurückzunehmen.— Der Handel blüht nichtsdeſtoweniger.— Es erſolgt eine zweite Anticipation der Conſcription des Jahres 1807.— Der Kö⸗ nig von Preußen verlangt einen Waffenſttuſtand, die Be⸗ dingungen fallen aber ſo hart aus, daß er ſie ablehnen muß. Der Wille Napoleon's ſchien jetzt das einzige Ge⸗ ſetz, von welchem der eroberte Staat, vor kurzem noch der Nebenbuhler Frankreichs, ſein Schickſal zu erwarten hatte, und alle Umſtaͤnde deuteten an, daß der Eroberer, gluͤcklicher als Caͤſar oder Alexander, weder ihre Großmuth, noch ihre Milde nachzughmen geſonnen ſey. 8„ ᷣ 116 Die Behandlung des ungluͤcklichen Herzogs von Braunſchweig brachte dem Sieger wenig Ehre. Jener war von dem Schlachtfelde, wo er eine toͤdtliche Wun⸗ de erhielt, nach Braunſchweig, ſeiner erblichen Haupt⸗ ſtadt, gebracht worden. Von dort, wo er ſtets auf die preiswuͤrdigſte Weiſe regiert hatte, ſchrieb er an Napoleon, und ſtellte ihm vor, daß, ob er gleich als General in dem preußiſchen Dienſte gegen ihn gefoch⸗ ten, er nichtsdeſtoweniger als Reichsfuͤrſt ſein erbli⸗ ches Beſitzthum der Milde und Maͤßigung des Sie⸗ gers empfehlen muͤſſe. Dieſer Verſuch, in ſeiner Per⸗ ſon den Fuͤrſten von dem Feldherrn zu unterſcheiden oder die Vorrechte eines von Napoleon aufgeloͤsten Bundes anzurufen, konnte— ſo natuͤrlich er in der huͤlfloſen Lage des Herzogs auch war— bei dem Er⸗ oberer nicht wohl etwas ausrichten. Dagegen haͤtte Buonaparte, wenn er nicht perſoͤnlich gegen den Her⸗ zog erbittert geweſen und nicht der Verſuchung unter⸗ legen waͤre, den Schwiegervater des engliſchen Thron⸗ erben zu beſchimpfen, einen ganz andern und weit trif⸗ tigeren Grund gehabt, den beſiegten General mit ei⸗ ner ſeinem Range und ſeinem Ungluͤck gebuͤhrenden Achtung zu behandeln. Der Herzog von Braunſchweig war einer der aͤlteſten Krieger in Europa, und ſeine dͤber allen Zweifel erhabene Tapferkeit hatte ihm bei ſeinem juͤngeren Waffenbruder zur Empfehlung gerei⸗ chen ſollen. Er war regierender Fuͤrſt, und Napo⸗ leon's eigenes Beſtreben, ſich einen ariſtokratiſchen ,— — — 117 6 Rang zu ſichern, mußte ihn veranlaſſen, dem Beſies⸗ ten mit Achtung zu begegnen. Vor Allem aber war der Herzog wehrlos, verwundet, ſterbend und dem⸗ nach alſo in einer Lage, die das Mitgefuͤhl jedes Kriegsmannes in Anſpruch nimmt, der da weiß, von welchen zuſaͤlligen Umſtaͤnden das Schickſal einer Schlacht oftmals abhaͤngt; und doch war die Antwort Napoleon's uͤber alle Erwartung ungnaͤdig und voll Hohn. Er verwies dem ſterbenden General ſeine be⸗ ruͤhmte Proklamation gegen Frankreich im Jahre 1792, ſeinen ungluͤcklichen Feldzug in dieſem Lande und ſei⸗ ne neuerlichen Aufforderungen an die Franzoſen, ſich uͤber den Rhein zuruͤckzuziehen. Er gab ihm Schuld, den Krieg, den er durch ſeine Rathſchlaͤge haͤtte ver⸗ huͤten ſollen, ſelbſt angeſtiftet zu haben. Er ſprach von dem ihm gewordenen Recht, in Brannſchweig kei⸗ nen Stein auf dem andern zu laſſen, und ſchloß mit der Verſicherung, daß— wenn er auch geneigt ſen, die Unterthanen des Herzogs mit der Milde eines edelmuͤthigen Siegers zu behandeln— er dennoch be⸗ ſchloſſen habe, den ſterbenden Fuͤrſten und ſeine Fa⸗ milie ihrer erblichen Herrſcherrechte zu berauben. Als wollten fie dieſe Drohungen vollſtrecken, naͤ⸗ herten ſich die franzoͤſiſchen Truppen der Stadt Braun⸗ ſchweig, und der verwundete Veteran, von ſeinem un⸗ erbittlichen Feinde das Schlimmſte befuͤrchtend, ließ ſich nach dem neutralen Altona bringen, wo er ſeinen Geiſt aufgab. Das Geſuch des Sohnes, den Leichuam 118 ſeines Vaters in der Gruft ſeiner Vaͤter beſtatten zu duͤrfen, ward eben ſo unſanft abgewieſen, als das ver⸗ ſoͤhnliche Schreiben des Vaters beantwortet worden war. Der Nachfolger des Herzogs ſoll geſchworen ha⸗ ben, dieſe Beleidigung mit ewigem Haſſe zu vergel⸗ ten— er that Alles, um denſelben waͤhrend ſeines Lebens zu bewahren, und hinterließ ſeinen Getreuen als ein Vermaͤchtniß die Pflicht der Rache, welcher die ſchwarzen Schaaren von Braunſchweig am isten Juli 1815 in vollem Maße zu genuͤgen wußten. Einige haben dieſes harte Benehmen Napoleon's einer Aufwallung des perſoͤnlichen Haſſes gegen den Herzog zugeſchrieben; Andere meinen, dieſer Haß ſey ganz oder doch zum Theil nur ein Blendwerk gewe⸗ ſen, die Einziehung des Braunſchweigiſchen Gebiets und deſſen Vereinigung mit dem fuͤr Hieronymus Buonaparte beſtimmten Koͤnigreich Weſtphalen habe dadurch eingeleitet werden ſollen. Das Benehmen Na⸗ poleon's in dieſem Falle mag nun das Ergebniß einer leidenſchaftlichen Aufwallung oder einer kalten Berech⸗ nung der Selbſtſucht geweſen ſeyn, ſo war es eines Monarchen und eines Kriegers ſchlechterdings un⸗ wuͤrdig. In Potsdam und Berlin zeigte ſich Napoleon ebenfalls mehr als geſchwornen und unverſoͤhnlichen Feind, denn als großmuͤthigen Sieger. In Potsdam eignete er ſich das Schwert, das Wehrgehaͤnge und den Hut Friedrichs des Großen zu. Das von dieſem 419 Monarchen wegen des Sieges von Roßbach in Berlin errichtete Denkmal ließ er nach Paris bringen, mit den ſchoͤnſten Gemaͤlden und andern Kunſtwerken die dem franzoͤſiſchen Nationalmuſeum zugewieſen wurden. Die Sprache des Siegers ſtimmte zu ſeinem Thun. Seine Bulletins und Proklamationen waren voll bitterer Sarkasmen gegen den König, die Koͤni⸗ gin und gegen die von ihm ſogenannte preußiſche Kriegs⸗ faktion. Den frechen Uebermuth des jungen Adels als Urheber des Krieges bezeichnend, ſagte er in einer ſei⸗ ner Proklamationen, er werde keinen Auflauf, kein Fenſtereinwerfen mehr in Berlin dulden; auch drohte er dem Grafen Neale geradezu, den preußiſchen Adel an den Bettelſtab zu bringen. Dieſe und aͤhnliche in der Stunde des Sieges gebrauchten leidenſchaftlichen Ausdruͤcke ziehen den großen Sieger gewiſſermaßen zu dem rohen Englaͤnder der bekannten Poſſe herab der ich nicht begnuͤgt, ſeinen Gegner durchzupruͤgeln, ſondern ihn auch noch ſchimpfen zu muͤſſen glaubt. Na⸗ poleon, der ſo gerne den Oſſian las, haͤtte wiſſen ſol⸗ len, daß der Groll auf Adlersſchwingen von einem beſiegten Feinde hinweg eilen muͤſſe. Die Soldaten und ſelbſt die Offiziere ahmten das Beiſpiel ihres Kai⸗ ſers nach, und glaubten ſeinen Wuͤnſchen zu begegnen, wenn ſie ſich gegen ihre Wirthe gebieteriſcher benah⸗ men, als ſie in den oſterreichiſchen Feldzuͤgen gethan hatten. Große Mißhandlungen und Exrceſſe fanden vielleicht ſelten Statt, und wuͤrden guch als ein Ver⸗ 120 geben gegen die militaͤriſche Disciplin beſtraft worden ſeyn; aber ein beſtaͤndiges und ſchonungsloſes Syſtem von Plackereyen und Requiſitionen wurde damals von den Preußen eben ſo bitter gefuͤhlt, als ſpaͤterhin ſtrenge vergolten. Es iſt jedoch nicht mehr als billig, auch eines Ak⸗ tes der Milde zu erwaͤhnen, den Napoleon damals geuͤbt. Er hatte einen Brief aufgefangen, worinn Fuͤrſt Hatzfeld, derzeitiger Gouverneur von Berlin, dem Fuͤrſten Hohenlohe, der ſich noch immer an der Spitze einer Armee befand, einige Nachrichten von den Bewegungen der Franzoſen gab. Napoleon ſetzte eine Militaͤrkommiſſion nieder, um den Fuͤrſten ſofort als Spion nach dem Kriegscoder zum Tode verurthei⸗ len zu laſſen. Napoleon ließ ſich jedoch durch die fle⸗ hentliche Bitte der Fuͤrſtin, die ſich ihm zu Fuͤßen warf, ruͤhren: er legte das fatale Dokument, das die Beweiſe der ſogenannten Schuld ihres Mannes ent⸗ hielt, mit der Erlaubniß in ihre Haͤnde, ſolches in's Feuer zu werfen. Die von dem Kaiſer hier bewieſene Milde, muß allerdings geprieſen werden, dagegen iſt aber nicht zu laͤugnen, daß die Faͤllung und Vollſtrek⸗ kung des Urtheils in dieſem Fall ein Akt der groͤßten Strenge, wenn nicht der empoͤrendſten Grauſamkeit geweſen ſeyn wuͤrde. Hat die Korreſpondenz des Fuͤr⸗ ſten von Hatzſeld, wie behauptet worden, vor und nicht nach der Kapitulation von Berlin Statt gefunden, ſo wuͤrde man ſeinen Tod einen Mord haben nennen muͤſſen. 421 Der Sieger, dem Alles zu Gebot ſtand, hatte nun auch das Loos der bisherigen Bundesgenoſſen und Schuͤtzlinge Preußens zu beſtimmen. Unter dieſen wa⸗ ren Sachſen und Heſſen⸗Kaſſel die bedeutendſten; in der Behandlung beider zeg aber Napoleon mehr ſeine Politik als irgend etwas zu Rath, was beide zu ihren Gunſten anfuͤhren konnten. Sachſen hatte ſeine Waffen mit den preußiſchen vereinigt, zwar nicht zufolge einer freien Entſchlieſ⸗ ſung, ſondern weil es, wie es betheuerte, von dem maͤchtigeren Preußen dazu gezwungen worden war. Sachſen hatte ſich aber nun einmal an Preußen ange⸗ ſchloſſen und in der Schlacht von Jena an ſeiner Seite gefochten, und doch ließ Napoleon ſeine Entſchuldi⸗ gung gelten; das ſaͤchſiſche Truppenkorps wurde auf Ehrenwort entlaſſen, der Kurfuͤrſt zu dem Range ei⸗ nes Koͤnigs erhoben, bald darauf in den Rheinbund aufgenommen und von Napoleon mit großer Auszeich⸗ nung behandelt. Auch die Herzoge von Sachſen⸗Wei⸗ mar und Sachſen⸗Gotha blieben im Beſitz ihrer Laͤnd⸗ chen, nachdem ſie durch ihren Beitritt zum Rheinbun⸗ de die Oberherrlichkeit Frankreichs anerkannt hatten. Der Landgraf oder Kurfuͤrſt von Heſſen⸗Kaſſel durfte, wie es ſchien, hoffen, vom Sieger noch glimpf⸗ licher behandelt zu werden, denn er hatte ſich nicht an Preußen angeſchloſſen, und, trotz aller Zureden und Drohungen, waͤhrend des kurzen Kampfes eine ſtrenge Neutralitaͤt beobachtet. Da aber dieſer Fuͤrſt, 122 aller Anmahnungen ungeachtet, ſich ſtets geweigert hatte, dem Rheinbunde beizutreten, ſo half ihm ſeine Neutralitaͤt zu nichts. Napoleon behauptete, derſelbe ſey doch preußiſch geſinnt geweſen; und nachdem er bei Sachſen nicht auf die That, ſondern auf die Geſin⸗ nung geſehen, ſo erklaͤrte er in ſeiner gewoͤhnlichen Entthronungsformel, das Haus Heſſen Kaſſel habe auf⸗ gehoͤrt zu regieren. Das Urtheil ward vollſtreckt, noch eehe es verkündet war, Ludwig Buonaparte nahm mit Marſchall Mortier Heſſen⸗Kaſſek am 1ſten November in Beſitz. Die Armee des Landgrafen leiſtete keinen Widerſtand— ein Theil derſelben trat unter die Fah⸗ nen Frankreichs, der Ueberreſt wurde entlaſſen. Das eigentliche Motiv Napoleon's, als er ſolcher⸗ geſtalt einen harmloſen und, wenn das Necht nichts mehr galt, einen ganz ſchutzloſen Fuͤrſten ſeines Ge⸗ bietes beraubte, iſt bereits angedeutet worden. Der Kaiſer wollte aus Heſſen⸗Kaſſel und den zunaͤchſt gele⸗ genen Bezirken fuͤr ſeinen juͤngſten Bruder Hierony⸗ mus ein Koͤnigreich bilden. Dieſer war ein leichtſin⸗ niger und genußſuͤchtiger junger Mann, und obſchon dergleichen Menſchen zur Befriedigung einer fluͤchti⸗ gen Leidenſchaft zuweilen große Opfer bringen koͤnnen, ſo laſſen ſie ſich doch ſelten, auch von dem liebenswuͤr⸗ digſten Gegenſtande, auf eine dauernde Weiſe feſſeln. Hieronymus Buongparte hatte eine junge amerikani⸗ ſche, durch Schoͤnheit und Talente ausgezeichnete Da⸗ me geheirathet und daburch die Gunſt Napoleon's ver⸗ 12³ loren, der den Grundſatz feſthielt, daß ſeine Verwand⸗ ten, die durch ihre Verbindung mit ihm, dem ſo hoch Geſtiegenen, von der Maſſe der Nation abgeſon⸗ dert waren, nicht berechtigt ſeyen, nach ihrem Gefal⸗ len und nach ihren Neigungen zu heirathen, ſondern die Pflicht haͤtten, nur ſolche Verbindungen einzuge⸗ hen, die ſeiner Politik am beſten zuſagten. Hierony⸗ mus ließ ſich, durch Ehrgeiz verleitet, ein ſolches Hausgeſetz endlich gefallen, und opferte ein Verhaͤlt⸗ niß auf, das ſein Herz geſchaffen, um das Werkzeug der weitausſehenden Plane ſeines Bruders zu wer⸗ den. Zum Lohn dafuͤr erhielt er das Koͤnigreich Weſt⸗ phalen, das aus Heſſen⸗Kaſſel, den ehemaligen preußi⸗ ſchen Provinzen in Franken, aus dem eigentlichen Weſtphalen, aus Niederſachſen und dem Gebiete des ungluͤcklichen Herzogs von Braunſchweig gebildet wur⸗ de. Wie haͤtte nun ein Staat lange beſtehen konnen, deſſen Gebiet aus dem Raube erwachſen, deſſen Krone durch einen Bruch haͤuslicher Treue erkauft worden war? Um die Mitte des Monats November nahm Mor⸗ tier im Namen des Kaiſers wieder foͤrmlich von Hau⸗ nover Beſitz, und marſchirte ſodann nach Hamburg, um ein Gleiches mit dieſer alten freien Stadt zu thun, welche ſo lange die Niederlage des noͤrdlichen europaͤi⸗ ſchen Handels geweſen war. Hier, ſo wie fruͤher in Leipzig, wurden die genaueſten Unter uchungen ange⸗ ſtellt, um brittiſches Gut ausfindig zu machen und ſofort zu confisciren. Der Moniteur verkuͤndete ju⸗ belnd, daß dieſe ſtrengen Maßregeln dem brittiſchen Handel großen Schaden zufuͤgen und ſelbſt den Natio⸗ nalkredit erſchuͤttern wuͤrden. Dem war aber nicht ſo. Die Buͤrger von Hamburg hatten ſchon lange voraus⸗ geſehen, daß ihre Neutralitaͤt ihnen keinen Schutz ge⸗ waͤhren wuͤrde, und die Kaufleute hatten, trotz der treuloſen Verſicherungen des franzoͤſiſchen Geſandten, der ſie in Sicherheit wiegen wollte, die zwei letzten Jahre dazu benuͤtzt, uͤber ihre Vorraͤthe zu verfuͤgen, ihr Kapital an ſich zu ziehen und ihren Handel einzu⸗ ſtellen, ſo daß die Ranbgier der Franzoſen nur wenig Befriedigung fand. Die Jagd auf das brittiſche Ei⸗ genthum und die Wegnahme deſſelben in Hamburg und anderswo waren nicht etwa iſolirte Akte der Raub⸗ ſucht; ſie beruhten auf einem großen Syſteme, das bald darauf durch die beruͤhmten Dekrete von Berlin der Welt verkuͤndet wurde und die Vernichtung des engliſchen Handels zum Zweck hatte. Es iſt mehr als einmal bemerkt worden, daß Na⸗ poleon in ſeinen Dekreten und Proklamationen es auf einen theatraliſchen Effekt anlegte. Der Inhalt der⸗ ſelben bildete zuweilen einen ſeltſamen Kontraſt mit der Zeit und dem Orte ihrer Ausfertigung. So wur⸗ den z. B. aus dor Hauptſtadt eines beſiegten Monar⸗ chen vielleicht Dekrete erlaſſen, die nur die ſtaͤdtiſchen Angelegenheiten von Paris betrafen. Aber mit jenen Berliner⸗, gegen den brittiſchen Handel gerichteten — 125 4 Dekreten verhielt es ſich anders. Erſt nachdem er das Bollwerk des noͤrdlichen Deutſchlands zerſtoͤrt und auch an der Oſtſee feſten Fuß gefaßt hatte, ruͤck⸗ te Buonaparte mit dem Plane heraus, durch welchen der Handel der ihm ſo verhaßten Inſel vernichtet wer⸗ den ſollte. Als Buonayarte ſich durch den Ausgang der Schlacht von Trafalgar endlich uͤberzeugt hatte, daß er mit ſeiner Seemacht gegen England nichts vermoͤ⸗ ge, ſann er in vollem Ernſte darauf, das Bollwerk, das er nicht ſtuͤrmen konnte, allmaͤhlig zu untergra⸗ ben. Er glaubte, mit dem brittiſchen Handel zugleich die Grundlage der brittiſchen Macht zerſtoͤren zu koͤn⸗ nen. Dies war vielleicht eine irrige Anſicht. Groß⸗ britanniens Wohlſtand beruht allerdings gar ſehr auf dem Handel, allein ſeine Nationalexiſtenz iſt nicht ſchlechterdings durch denſelben bedingt, wie die Frem⸗ den etwa glauben moͤchten, die nur die vielen Fahr⸗ zeuge, mit denen es die Meere bedeckt und die aus⸗ waͤrtigen Haͤfen fuͤllt, geſehen, nie aber ſeine vielen inneren Huͤlfsquellen kennen gelernt haben. Zufolge der Meinung aber, die Napoleon von der Bedeutung des brittiſchen Handels nun einmal hatte, war der Krieg, den er gesen dieſen fuͤhrte, allerdings poli⸗ tiſch, und glich dem Verfahren des abyſſiniſchen Jaͤ⸗ gers, der den furchtbaren Elephanten nicht von vorne angreift, ſondern von hinten beſchleicht, ſeine Saͤbel⸗ hiebe auf deſſen Ferſengelenke richtet und abwartet, 126 bis das gewaltige Thier durch die Anſtrengungen, die es macht, ſeine verletzten Sehnen vollends zerreißt, und unter ſeiner eigenen Laſt zu Boden ſtuͤrzt. Die beruͤhmten Dekrete von Berlin erſchienen am 21ſten November 1807, und verboten allen Handel zwiſchen Großbritannien und dem Continent. Dieſes Verbot ſollte als ein Grundgeſetz des franzoͤſiſchen Reichs ſo lange gelten, bis die Englaͤnder in gewiſſe Abaͤnderungen willigen wuͤrden, welche die Feindſelig⸗ keiten zur See betrafen und geeignet waren, ihre Ueberlegenheit auf dieſem Elemente weniger vortheil⸗ haft fuͤr ſie ſelbſt und weniger nachtheilig fuͤr ihre Gegner zu machen. Zur Rechtfertigung dieſer Maß⸗ regel ward angefuͤhrt:— daß England entweder neue Gebraͤuche in ſeinem Seecoder eingefuͤhrt oder die ei⸗ nes barbariſchen Zeitalters erneuert habe— daß es Kauffahrteiſchiffe wegnehme und die Mannſchaft, ge⸗ rade als ob ſie an Bord von Kriegsſchiffen getroffen worden waͤre, zu Gefangenen mache— daß es Haͤfen als im Blokadeſtand befindlich erklaͤre, die doch nicht wirklich blokirt ſeyen, und dadurch die Uebel des Kriegs auf friedliche und unbewaffnete Buͤrger aus⸗ dehne. Dieſe Einleitung zu dem in der Folge ſo beruͤhmt gewordenen Continentalſyſtem ging von einem fal⸗ ſchen Princip aus und war ein Gewebe von Sophis⸗ men. Es war durchaus grundlos, daß Großbritan⸗ nien, ſey es nun durch ſpaͤtere Verfuͤgungen oder —— —-;X—·— durch eine Erneuerung veralteter und barbariſcher Ge⸗ braͤuche, irgend eine Aenderung in ſeinem Seecoder vorgenommen, durch welche die Rechte der Neutralen gefaͤhrdet oder unbewaffnete Buͤrger mehr als durch die herkoͤmmlichen Kriegsgebraͤuche beeintraͤchtigt wor⸗ den waͤren; in Beziehung auf das Blokadeweſen und die Kaperei befolgte England ganz dieſelben Grundſatze, nach welchen ſeit drei Jahrhunderten jede Nation, Frankreich ſelbſt nicht ausgenommen, gehandelt hatte. In der neueſten Zeit ſchien der Codex des Seekrieges allerdings mehr der Coder Englands zu ſeyn, weil keine andere Nation die Mittel beſaß, ſolchen in dem⸗ ſelben Grade geltend zu machen; aber England hatte in dieſer Hinſicht keine groͤßeren Vortheile zur See, als Napoleon zu Lande. Wenn der Kaiſer eine weit groͤßere Haͤrte und Unbilligkeit in dem Codex des Seekrieges als in dem des Landkrieges finden wollte, ſo war dies eben ſo unrichtig als ſeine Behauptung, daß England denſel⸗ ben durch Neuerungen oder Wiedereinfuͤhrung alter barbariſcher Gebraͤuche noch verſchaͤrft habe. Dies wird gus folgenden Betrachtungen erhellen. In einer fruͤheren Periode der Geſellſchaft galt zu Lande und zur See ohne Zweifel dieſelbe Kriegs⸗ ſitte; der Wilde erſchlug ſeinen Feind oder machte ihn zum Sklaven, ob er ihn in der Huͤtte oder im Kah⸗ ne fand. Als aber Jährhunderte der Civiliſation die Graͤuel barbariſcher Kriegsgebraͤuche zu mildern be⸗ gannen, zeigte ſich dies zur See anders als zu Lan⸗ de. Eine Landarmee hat einen beſtimmten Zweck, den ſie ſtets erreichen kann, wenn ſie ſiegreich iſt. Der Feldherr, der eine Stadt erobert, kann dieſelbe mili⸗ taͤriſch beſetzen, brandſchatzen, ſich dieſelbe nach den Rechten der Souverainitaͤt zueignen. Er kann das Privateigenthum ſchonen, wenn es ihm freiſteht, al⸗ les oͤffentliche Recht aufzuheben und nach ſeinem Gut⸗ 7 duͤnken anders zu geſtalten. Der Seemann nimtmtt ſeinerſeits das Kauffahrteiſchiff und ſeine Ladung nach 4 demſelben Rechte des Staͤrkeren weg, nach welchem der Sieger zu Lande ſich der Schloͤſſer, der Provin⸗ zen und ſelbſt des Hafens bemaͤchtigt, in welchen das Fahrzeug gehoͤrt. Waͤre der Sieger zur See hiezu nicht befugt, ſo wuͤrde er, obgleich er Gefahr laͤuft, von einer ſtaͤrkeren Schiffsmacht geſchlagen zu wer⸗ den, von ſeiner Ueberlegenheit keinen Gewinn haben, und alle Fruchte des Sieges entbehren muͤſſen. Der unſchuldige und unbewaffnete Buͤrger, vielleicht ſogar 1 der neutrale Fremde, leidet in beiden Faͤllen; aber der Krieg iſt ein Zuſtand der Gewaltthaͤtigkeit, und ſeine Uebel können ungluͤcklicherweiſe nicht auf dieje⸗ nigen beſchraͤnkt werden, die ſich zunaͤchſt und unmit⸗ telbar befeinden. Wollte der Kaiſer, wie er in ſchoͤ⸗ nen Phraſen betheuerte, die Uebel des Krieges mil⸗ dern, ſo mußte er zu Lande die Rechte des Siegers mit weniger Strenge uͤben, unter der Bedingung, daß England zur See ein Gleiches thue, Statt deſ⸗ 4 ſen — ͦ—————— 129 ſen aber erließ er unter Berufung auf das Recht der Wiedervergeltung folgende Dekrete, die bis jetzt un⸗ ter kriegfuͤhrenden Maͤchten unerhoͤrt waren, und wo⸗ durch die unter allen Umſtaͤnden unvermeidlichen Ue⸗ bel des Krieges noch vermehrt werden mußten. I. Die brittiſchen Inſeln wurden als im Blokade⸗ zuſtand befindlich erklaͤrt.— II. Aller Handel und alle Korreſpondenz mit England wurde verboten. Alle engliſchen Briefe ſü⸗ ten in den Poſthaͤuſeru in Beſchlag genommen wer⸗ den.— III. Jeder Englaͤnder, weß Standes oder Ranges er ſeyn morſte⸗ der ſich in Frankreich oder in den mit ihm verbuͤndeten Laͤndern betreten ließ, war ſortan Kriegsgefangener. IWV. Jede Waare ober jedes, engliſchen Untertha⸗ nen gehoͤrige Ligenthum wurde fuͤr eine rechtmaͤßige Beute erklaͤrt.— V. Daſſelbe ſollte von allen engliſchen Manufak⸗ turwaaren und gllen Koloniaterzenguiſſen Englands gelten. VI. Die Haͤlfte des Ertrags der erwaͤhnten Con⸗ fiscationen ſollte zur Entſchaͤdigung derjenigen Kauf⸗ keute verwendet werden, deren Fahrzeuge von engli⸗ ſchen Kreuzern weggenommen worden waren.— VII. Kein aus England oder den engliſchen Kolo⸗ nien kommendes Fahrzeus durfte in einen Hafen zu⸗ gelaſſen werden.— In vier weitern Artikein war die W. Scott's Werke. XLI. 9 413⁰ Art der Bekanntmachung und Vollziehung dieſer, auch den Alliirten Frankreichs mitzutheilenden Dekre⸗ te feſtgeſetzt. Dies war der erſte Ring einer langen Kette will⸗ kuͤhrlicher Dekrete und Verordnungen, durch welche Napoleon, in der Abſicht, die brittiſchen Finanzen zu Grunde zu richten, den ganzen europaͤiſchen Handel in's Stocken brachte und einſtweilen, ſo weit es an⸗ ging, jene Verbindung zwiſchen entfernten Nationen aufhob, welche aus ihren gegenſeitigen Beduͤrfniſſen und der Verſchiedenheit ihrer Produkte von ſelbſt er⸗ waͤchst. Die Groͤße des durch die ploͤtzliche Einſtel⸗ lung des Verkehrs mit England herbeigefuͤhrten Ue⸗ belſtandes laͤßt ſich einigermaßen beurtheilen, wenn man bedenkt, daß die gemeinſten Verbrauchsgegen⸗ ſtaͤnde das Erzeugniß fremder Laͤnder und ein unent⸗ behrliches Beduͤrfniß geworden ſind, und daß die ent⸗ fernteſten Himmelsſtriche den Zucker und den Kaffee liefern muͤſſen, die der Handwerker und Bauer zut ſeinem Fruͤhſtuͤck fordert. Die peinliche Verlegenheit derjenigen, die ihre gewohnten Genuͤſſe entbehren mußten, kam aber nicht in Vergleich mit dem Nothgeſchrei und der Verzweif⸗ Inng der ganzen Handelswelt des Continents, der man unter dem Vorwande, ſie von den Verationen der engliſchen Kreuzer zu befreien, ihr ganzes Ge⸗ werbe niederzulegen drohte. Hamburg, Bordeaux, Nantes und andere Handelsſtaͤdte des Continents 131 ſuchten durch Petitionen und Deputationen eine Mil⸗ derung der Dekrete auszuwirken, die ihren gaͤnzlichen Ruin herbeifuͤhren mußten.—„Je nun!“ antwortete der Kaiſer—„je mehr Inſolvenz auf dem Conti⸗ nent, deſto groͤßer muß die Noth der Kaufleute in London werden. Je weniger Kaufleute in Hamburg, deſto geringer wird die Verſuchung ſeyn, Handel mit England zu treiben. Großbritannien muß gedemuͤ⸗ thigt werden, ſelbſt wenn vadurch die Civiliſation auf Jahrhunderte leiden und der Verkehr auf den uranfaͤnglichen Tauſchhandel zuruͤckgefuͤhrt werden ſollte.“ Wie groß aber auch die Macht Napoleon's war, ſo uͤberſchaͤtzte er ſie doch gar ſehr, indem er glaubte, durch den bloßen Ausdruck ſeines Willens einem Ver⸗ kehr ein Ende machen zu koͤnnen, in welchem die gan⸗ ze Welt betheiligt war. Der Verſuch, den Handel zu vernichten, glich dem eines Kindes, welches mit ſeiner Hand das Waſſer eines Springbrunnens auf⸗ halten will, das in hundert kleinen Strahlen zwiſchen ſeinen Fingern entſchluͤpft. Der Genius des Handels nahm gleich einem zweiten Proteus jede Geſtalt an, um das katſerliche Interdikt zu umgehen; nichts blieb unverſucht, um dieſen Zweck zu erreichen. Falſche Papiere, falſche Certifikate, falſche Ladſcheine wurden ausgeſtellt, und dieſem⸗Betrug ſahen in den verſchie⸗ denen Haͤfen dieſelben Polizeiagenten und Zollbeamten nach, denen die Vollziehung der Dekrete oblag. Mauth⸗ 9„ 43² beamte, obrigkeitliche Perſonen, Generale und Praͤ⸗ fekten, ſelbſt einige mit dem kaiſerlichen Hauſe ver⸗ wandte Prinzen, hoͤrten mehr auf die Stimme ihres eigenen Nutzens, als auf ſein gebieteriſches Wort, und der brittiſche Handel, wiewohl ſchwer belaſtet, bluͤhte trotz dem Continentalſyſtem fort. Die neuen und immer gewaltthaͤtigeren Maßregeln, zu welchen Napoleon ſeine Zuflucht nahm, um ſeine Verbote durchzuſetzen, werden wir ſpaͤter angeben. Einſtwei⸗ len genuͤgt die Bemerkung, daß durch dieſe Maßre⸗ geln einer fortwaͤhrend geſteigerten Strenge ſeine Macht und ſeine Perſon immer unpopularer wurden, ſo daß, waͤhrend er, um England zu verderben, die Intereſſen und die Vortheile der von ihm abhaͤngigen Voͤlker aufopferte, er in der That unter ſeinen elge⸗ nen Fuͤßen eine Mine grub, die weit fruͤher aufflog, als die Sicherheit Englands wirklich in Gefahr kam. Napoleon hatte vorausgeſehen, daß er, um den Dekreten Kraft zu geben, durch welche, er ohne See⸗ macht die Uberlegenheit Englands zerſtoͤren wollte, genoͤthigt ſeyn werde, die unermeßliche Landmacht Frankreichs noch zu verſtaͤrken. Wollte er den Han⸗ del auf die Dauer und mit Erfolg unterdruͤcken und ſich in dem Kampfe, der ihm mit Rußland bevor⸗ ſtand, die Ueberlegenheit ſichern, ſo mußte er hiezu die Bevoͤlkerung Frankreichs nochmals in Anſpruch nehmen. In einem Schreiben, das er am 7ten Okto⸗ ber von Bamberg aus an den Senat erließ, trug er 13³³ daher auf eine zweite Anticipiation der Conſcription des Jahres 1307 an, die ſich auf achtzigtauſend Mann belaufen ſollte. 3 Regnault⸗de⸗Saint⸗ Jean⸗ d'Angeli, ein ehe⸗ maliger Republikaner, uͤbernahm es, dieſen Antrag im Senat zu verfechten. Dieſer Freiheitsfreund hielt es fuͤr unverfaͤnglich, zu einer Maßregel zu rathen, die von einem unumſchraͤnkten Herrſcher als die Be⸗ dingung eines allgemeinen Friedens empfohlen wor⸗ den war. Die Conſcribirten, welche zuerſt ausgezo⸗ gen, hatten den Sieg geſichert, die jetzt Aufgebotenen ſollten die Ausſicht auf einen Frieden verwirklichen, der das Ziel des Strebens ihrer Bruͤder geweſen war. Der fuͤgſame Senat wußte gegen dieſe Gruͤnde eben ſo wenig einzuwenden, als gegen jede andere, durch die man eine Forderung haͤtte unterſtuͤtzen moͤgen, die er nicht abzulehnen wagte. Der einzige Zweck von Regnault's Beredtſamkeit war der, mit ziemlicher Umſchreibung den einfachen Satz auszudruͤcken:— „Napoleon will es ſo.“ Eine Deputation des Senats, die dem Kaiſer den Beſchluß, auf den er angetragen, uͤberbrachte, erhielt zum Lohn den ehrenvollen Auftrag, die Siegesbeute von Potsdam und Berlin, nebſt 346 preußiſchen Fah⸗ nen nach Paris zu geleiten und zugleich die berthm⸗ ten Dekrete zu verkuͤnden, durch welche der ganze eu⸗ ropaͤiſche Handel, den franzoͤſiſchen nicht ausgenom⸗ men, vernichtet werden ſollte, damit er gegen die - 134 Angriffe der brittiſchen Seemacht geſichert waͤre. Die Kriegstrophaͤen wurden in Empfang genemmen, die Dekrete eingetragen, ohne daß es jemand gewagt haͤt⸗ te, zu unterſuchen, welche Vortheile dem Staat aus den Siegen des Kaiſers erwachſen wuͤrden. Inzwiſchen fertigte der bedraͤngte Friedrich Wil⸗ helm, dem von ſeinem, vor kurzem noch ſo bluͤhenden Koͤnigreich nichts mehr geblieben war, als der jenſeits der Oder gelegene Theil, eine Geſandſchaft nach Berlin ab, um zu erfahren, welche Friedensbedingungen er von einem Sieger zu hoffen habe, der ſeine Hauptſtadt und den großeren Theil ſeiner Staaten inne hatte. Dieſes Geſchaͤft ward dem Marquis Luccheſini uͤbertra⸗ gen, einem ſchlauen Italiener, der von fruͤheren Zeiten her gewoͤhnt war, mit Frankreich auf gleichem Fuß zu unterhandeln. Allein ſeit der Schlacht von Jena hatte ſich dieſes gar ſehr geaͤndert. Alles, was man Preußen bewilligen wollte, war ein einſtweiliger Waffenſtillſtand, dem es noch dazu durch die Uebergabe von Graudenz, Danzig, Kolberg— mit einem Worte aller Feſtungen, die ihm noch geblieben waren, erkaufen ſollte. Da ſich der Koͤnig dadurch ganz in die Gewalt Napoleons gegeben und im voraus auf alles verzichtet haben wuͤrde, was er nur im ſchlimmſten Falle verlieren konnte, ſo weigerte er ſich, in jene harten Bedingungen zu willigen, und beſchloß, ſein Schickſal dem Waſſengluͤcke und der rußi⸗ ſchen Huͤlfsarmee anzuvertrauen, die jetzt in ſchnel⸗ len Maͤrſchen zu ſeinem Beiſtande heran kam. Subſeriptions⸗Anzeige auf ine Auswahl aus e E. T. W. Hoffmann's en Schriften. ausgegeben von .— ſeiner Wittwe, Micheline Hoffmann, geb. Rorer. kebſt Hitzigs: Aus Hoffmann's Leben und Nachlaß. Achtzehn Bändchen in Taſchenformat, jedes Bändchen zu 18 Kreuzer oder 4 Groſchen ſächſiſch. Von vielen Seiten her bin ich aufgeſordert worden, das biogra⸗ phiſche Werk, welches der vertrauteſte Freund meines verſtorbenen Ehegatten, Herr Erimin ldirektor Hitzig in Berlin, im Jahre 1823 über denſelben zu meinem Vortheil herausgegeven, in einer wohlſeilen Ausgabe, wie ſie das Bedürſniß der jetzigen Zeit er⸗ heiſcht dem Publikum vorzulegen. Ich ent preche dieſem Verlan⸗ gen gerne und um den Freunden Hoffmanns ein noch angenehme⸗ res Geſchenk zu machen, habe ich mich entſchloſſen, dieſer Ausgabe eine Auswahl aus ſeinen früher in Taſchenbüchern, Zeitſchriften u. ſ. w. zerſtreuten erzählenden Schriften betzufügen. Das Ganze ſoll in einer Samm ung von Bändchen erſcheinen, über deren Anordnung u. ſ. w. die Herren Verleger ſich in der Nach⸗ ſchrift näher ausſprechen werden, weßhalb ich nichts weiter beizu⸗ fügen habe, als die Bemerkung, daß dieſelben mir für den Fall einer neuen Auftage dieſes Wertes großmüthig ſolche Bedingungen geſtellt haben, daß ich dann einem ſorgenfreten Alter würde ent⸗ gegenſehen können. Jeder, der den Abſatz deſſelben durch Unter⸗ zeichnung fördert, wird daher auch ſeinen Theil dazu beitragen, daß die durch Nachdruck und auf andre Weiſe vielfach beeinträch⸗ tigte Wittwe eines deutſchen Lieblingsſchriftſtellers, der ihr nichts hinterlaſſen, als was ſie aus feinen geiſtigen Erzeugniſſen noch zu gewinnen vermag, nicht ganz die Früchte des ruhmvollen Lebens ihres Gatten verliere. * .‿ — —òù — — — —₰ Micheline Hoffmann, geb. Rorer. Zum Lobe Hoffmanns oder zur Empfeblung ſeiner Schriſten hier etwas zu ſagen, ſcheint uns überflüſſig. Der Beifall ſeiner Zeitgenoſſen, der ſich von Jahr zu Jahr ſieigerte und nach ſeinem Tode bei ſo manchen in wehmuth und Vewunderung überging, überhebt uns deſſen. In Beziehung auf die vorſiehende öffentliche Unzeige ſeiner Wittwe, theilen wir hier en Pian mit? nach wel⸗ chem von einem Freunde des Verſtorbenen im Namen ſeiner Witt⸗ we die Auswahl aus den zerſtreuten Schriften Hoffmann's beſorgt wurde, die in unſerm Verlag erſcheinen wird⸗ Nach dieſem Plane würden die erzählenden Werke und Hitzi treffliche Biographie in ah dee und Bißig. . ſechs Lieferungen oder 18 Bändchen erſcheinen und zwar: Erſte Lieferung. Erſtes Bändchen. Meiſter Martin und ſeine Geſellen Zweites— Der unheimliche Gaſt.— Die Automate. Zweite Lieferung. Biertes Signor Formica erſte Abtheilung. Sechstes A. H. L. und N. 28 Vändchen. Dritte Lieferung.— Achtes— Nath Krespel.— Die Fermate. Neuntes— A. H. L. und N. 35 Vändchen. Fräulein Scudery. 9n. Abtheilung. Eilftes Fräulein Scudery. Zweite Abth.— Aben⸗ Zwölſtes A. H. L. und N. us Bändchen. 3 Fünfte Lieferung. Vierzehntes Datura Fastuosa. A. H. L. und N. 58 Bändchen, Sechzehntes— Der Kampf der Sänger.— Der Artushof. Siebzehntes— Meiſter Johannes Wacht. Die erſte Lieferung iſt ſo eben erſchienen, und ihr wird von Monat zu Monat immer eine Lieferung ſolgen, ſo daß die ganze benten ſeyn wird. 1„ Wir alauben, daß zu einer Zeit, wo Hoffmann's Erzählungen großen Beifall ſanden, auch ſein Vaterland und ſeine Freunde, die ihm ſo manche fiohe Stunden danken, den unvergeßlichen Dich⸗ In der Druckeinrichtung haben wir geſucht, ein anſtändiges und gefälliges Aeußere, wovon Proben tn jeder Buchhandlung zur Subſcriptionspreis iſt per Baͤndchen: 3 18 Kreuzer oder 4 Groſchen ſachſ. und 5 Silbrg. Sugſeriventenſammler erhalten, wenn ſie ſich direkte an uns wenden, auf 10 Exemplare das 14te frei Drittes— Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß 15 Bdchen. „— 7 Fünftes—(Signor Formica zweite Abth.— Spielerglück. Siebentes Doge und Dogareſſe⸗ Vierte Lieferun Zehntes— teuer dreier Freunde. Dreizehntes— Der Zuſammenhang der Dinge. Fünſzehntes— 1 Sechste Lieferung. Achtzehntes— A. 5S. L. und N. 68 Bandchen. Sammlung im März 1828 vollſtändig in den Händen der Subſcri⸗ ½ mehrere Sprachen überſezt wurden, und namentlich in England ter mit nicht minder warmem Antheil lohnen werde. Anſicht voruegen, mit möglichſter Wohlfeilheit zu vereinigen. Der welcher unmer nach Empfang der Bändchen zu bezahlen iſt. Jede ſolide Buchhandlung nimmt Subſcription auf das Werk an. Srutzgart, 1. September 1227. Gebruͤder Frauckh. — ſſſſſſſſſſſſſſſſſnſnſtüſſtnn ſſſſſſſſſſſſſſſſſſſfſſmnnnſnnnintt 1 7 ſiiſiſiniſiniim 7 8 9 10 11 2 13 14 15 16 1 1 * 8 3 ½ 4 8— “