Walter Scott's ſaͤmmtliche Wer k e. Neu uͤberſetzt. —— Acht und vierzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Vierzehnter Theil. —— — Stuttgart, bei Gebru½ͤder Franckh. 1827. Lre b en von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolution. Von Walter Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Vierzehnter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 8 2 7. 11 1 Erſtes Kapitel. Beſchaffenheit und Umfang der Rüſtungen Napoleon's— Werthel⸗ digungsmaßregeln Englands.— Betrachtungen.— Ahneigung unter den Soldaten gegen Napoleon.— Man will ihm Moreau entgegenſtellen.— Charakter des letztern.— Urſachen ſeiner Entfremdung von Buonaparte.— Pichegru.— Der Herzog von Enghien.— Georg Cardoudal, Pichegru und andere Royaliſten landen in Frankreich.— Verzweifeltes Unternehmen von Georg. ner Vertheidigung.— Pichegru wird todt im Gefaͤngniß ge⸗ funden.— Man will ſeinen Tod fuͤr einen Selbſtmord ausge⸗ ben.— Kapitain Wrigth wird mit abgeſchnittenem Halſe ge⸗ funden.— Anch er ſoll ein Selbſimoͤrder ſeyn.— Georg und andere Verſchwoͤrer werden vor Gericht geſtellt, verurtheilt und hingerichtet,— die Royaliſten zum Schweigen gebracht.— Moreau wird verbaunt. 8 Ungeſchreckt durch dieſe Entwicklung zahlloſer Streit⸗ kraͤfte ruͤſtete ſich England ſeinerſeits mit einer ſeines alten Ranges wuͤrdigen Energie und in einem in ſei⸗ ner Geſchichte noch nicht erhoͤrten Maße. Zu beinahe 100,000 Mann Linientruppen kamen noch mehr denn 6 30,000 Milizen, die im Punkte der Disciplin den regulaͤren Truppen kaum nachſtanden. Die freiwillige Landwehr, in die jeder Buͤrger eintreten konnte, war zahlreicher, als waͤhrend des letzten Krieges, hatte beſ⸗ ſere Anfuͤhrer und konnte weit mehr leiſten. Sie be⸗ ſtand aus etwa 259,909 Mann, die, wenn man auf die Kuͤrze der Zeit und die Natur ihres Dienſtes Ruͤckſicht nimmt, eine ziemliche Feſtigkeit in dem Ge⸗ brauche ihrer Waffen erlangt hatten. 3 An der zum Fuhrweſen, zu den Erdarbeiten und andern Verrichtungen noͤthigen Mannſchaft fehlte es auch nicht. Mit einem Mal ſchien ſich das ganze Land in ein einziges Lager, die ganze Nation in ein Kriegsheer und der gute a lte König ſelbſt in einen Oberfeldherrn vexwandelt zu hahen. Man dachte nicht mehr an den Frieden, und die Stimme⸗ welche die Nation zur V Vertheidigung ihrer theuerſten Rech te auf⸗ rief, erſcholl nicht nur im Parlamente und in den zur Berathung der Vertheidi gungsmaßregeln angeordneten Verſa ammlungen, ſie ward auch an oͤffentlichen Vergnuͤ⸗ gungsorten vernommen, und miſchte ſich ſelbſt in die Stimme der Andacht, und gewiß nicht mit Unrecht, da die Vertheidigung unſeres Vuleälindes zugleich die Derthe diuunns unſerer Religion iſt. 2bil Auf hohen Punkten wurden weuchtchuͤrme errichtet, die rund umher und durch die ganze Inſel miteinan⸗ der korreſpondirten. In Erwartung des die Gefahr verkuͤndenden Zeichens waren des Morgens und des 7 Abends, man moͤchte ſagen die Blicke Aller, auf dieſe gerichtet. Hie und da entſtand manchmal ein falſcher Laͤrm, wie es in ſolchen Faͤllen wohl nicht anders ſeyn kann. Die Bereitwilligkeit der hiedurch unter die Waffen gerufenen Truppen aller Art zeigte ſich dabei auf die erfreulichſte Weiſe und gewaͤhrte die beruhi⸗ gende Ueberzeugung, daß die Herzen Aller fuͤr das Vaterland ſchlugen. Zur See, auf die es von der Natur zunaͤchſt an⸗ gewieſen iſt, ruͤſtete ſich England nicht minder als zu Lande. Es bedeckte den Ocean mit fuͤnfhundert und ſiebenzig Kriegsſchiffen jeder Art. Einzelne Abtheilun⸗ gen ſeiner Florte blokirten jeden franzoͤſiſchen Hafen im Kanal, und die zur Landung an unſeren Kuͤſten beſtimmte Armee konnte die brittiſche Flagge in jeder Richtung an dem Horizonte wehen und auf den Au⸗ genblick ihrer Abfahrt lauern ſehen, wie Raubvoͤgel, die hoch in der Luft uͤber dem Thiere ſchweben, auf das ſie herabſchießen wollen. Zuweilen hielten die brittiſchen Fregatten und Schaluppen an, um Hayre, Dieppe, Grenville und ſelbſt Boulogne zu beſchießen oder mit Bomben zu bewerfen. Manchmal gingen die Matroſen und Seeſoldaten ans Land, um Schiffe anzubohren, Signalpoſten und Batterien zu zerſtoͤren. Dies waren Kleinigkeiten, und man konnte nicht um⸗ hinn, zu bedauern, daß wackere Maͤnner dabei um's Keben kamen; obgleich ſie aber kein erhebliches Reſultat gewaͤhrten, ſo waren ſie doch nicht ohne Nutzen, indem 1 8 ſie den Muth unſerer Seeleute hoben und dagegen das Selbſtvertrauen des Feindes herabſtimmten, dem zuletzt die Invaſion der engliſchen Kuͤſte als etwas Bedenkliches vorkommen mußte, weil er es mit der aͤußerſten Wachſamkeit doch nicht verhindern konnte, auf dem eigenen Boden geneckt und beſchimpft zu werden. Waͤhrend dieſer offenſiven und defenſiven Vorkehrungen kam Buonaparte nach Boulogne, und ließ es ſich, wie es ſchien„ ſehr angelegen ſeyn, ſeine Soldaten zu dem großen Schlage vorzubrreiten. Er nahm ungewoͤhnliche Muſterungen vor, und ließ in der Nacht verſchiedene Manoͤver ausfuͤhren; auch wurden Verſuche angeſtellt, uͤber die beſte Methode, die Sol⸗ daten in den platten Fahrzeugen zu ordnen, und ſie mit der groͤßten Schnelligkeit ein⸗ und auszuſchiffen. Man nahm ſeine Zuflucht zu guͤnſtigen Vorbedeutun⸗ gen, um die Begeiſterung, die die Gegenwart des er⸗ ſten Konſuls einfloͤßen mußte, nicht erkalten zu laſſen. Eine roͤmiſche Streitart ſollte geſunden worden ſeyn, als man die Erde raͤumte, um das Gezelt oder die Lagerhuͤtte Napoleon's aufzuſchlagen; es wurden Mun⸗ zen von Wilhelm dem Eroberer vorgezeigt, die man auf demſelben Fleck ausgegraben haben wollte. Dieſe Vorzeichen waren erfreulich, mochten aber das Gefuͤhl von Unſicherheit nicht aufwiegen, das ſich den Solda⸗ ten bei dem Anblicke dieſer elenden Schaluppen auf⸗ drang, in die ſie gepackt und in denen ſie dem Feuer eines Feindes ausgeſetzt werden ſollten, der zur See —— —— 9 ſo ſehr den Meiſter ſpielte, deſſen Fregatten, waͤhrend der erſte Konſul die Feſtungswerke von Boulogne in Augenſchein nahm, ſich ganz nahe an's Ufer legten, und nach ihm und ſeinem Gefolge wie nach einer Scheibe feuerten. Wohl mochten die Maͤnner, die den Gefahren der Alpen und der aͤgyptiſchen Wuͤſten getrotzt hatten, eine Beklemmung fuͤhlen, bei der Aus⸗ ſicht auf eine Gefahr ganz eigener Art, der ſie nicht ausweichen konnten, und gegen welche ſie in ihren Waffen keinen rechten Schutz fanden. Ein Umſtand, der das Gelingen der Expedition in hohem Grade unwahrſcheinlich machte, war die Leich⸗ tigkeit, mit welcher die Englaͤnder Alles, was in dem Hafen von Boulogne vorging, beobachten und im Auge behalten konnten. Der geringſte Anſchein von Bewegung oder irgend einer Anſtalt, die Truppen ein⸗ zuſchiffen, oder in die See zu ſtechen, ward ſchnell bis an die brittiſche Kuͤſte ſignaliſirt, und in demſelben Augenblicke waren auch die engliſchen Krieger bereit, ihre Gegenoperationen zu beginnen. Nelſon hatte in der That waͤhrend des letzten Krieges jedes Unterneh⸗ men einer feindlichen Ruͤſtung von Boulogne her fur eben ſo gewagt als fruchtlos erklaͤrt, beſonders wegen der Seitenſtroͤmungen und anderer Nachtheile, die der Flottille bei dem geringſten Weſt⸗Nord⸗Weſt⸗Winde den Untergang bereiten mußten.—„Anlangend das „Rudern,“ fuͤgte er noch hinzu,„ſo iſt dieſes rein unmoͤglich. Es iſt zwar gut, auf Alles gefaßt zu 10 „ſeyn, was eine tolle Regierung unternehmen kann,“ fuhr dieſer vollguͤltige Richter uͤber Alles, was zur See verſucht werden kann, fort;„aber bei den Mitteln, „die zu meiner Verfuͤgung geſtellt ſind, halte ich eine „ſolche Unternehmung fuͤr unausfuͤhrbar.“ — Buonaparte ſelhſt beharrte auf der Behauptung, daß es ihm mit der Landung ein Ernſt ſey, und daß ſich die Sache leicht bewerkſtelligen laſſe. Indeſſen ſprach er zuletzt nicht mehr davon, die Sache mit den kleinen Fahrzeugen und Kanonenboͤten durchſetzen zu wollen, da zufolge des Beſtandes der beiderſeitigen Flotten die Wahrſcheinlichkeit des Gelingens nur ein Zehntel betrug, wie er ſelbſt ſich gegen Lord Whitworth geaͤußert hatte. Lange Zeit nachher ſprach er mit Ge⸗ ringſchaͤtzung von den urſachen, durch die er beſtimmt worden ſey, ſein Invaſionsprojekt nicht ins Werk zu ſetzen*); wenn er ſich aber ausfuͤhrlicher auf dieſen Gegenſtand einließ, ſo zeigte er deutlich, daß der ganze Invaſionsplan auf eine Flotte baſirt war, die ihm auf einige Zeit das Uebergewicht im Kanal verſchaffen ſollte. Fuͤnfzig Kriegsſchiffe waren beſtimmt, aus den franzoͤſiſchen und ſpaniſchen Haͤfen auszulaufen, ſich bei Martinique zu vereinigen, und von da in den Kanal zuruͤckzukehren, um die Flottille, auf der ſich *⁴) Nach Las Caſes(in dem zten Abſchnitte des 2ten Theils) mit folgenden Worten:„Wenn nicht unbedeutende Hinderniſſe „meine Expedition von Boulygne vereitelt haͤtten, was wuͤrde „England jetzt ſeyn?“ 11 150,000 Mann befanden, zu geleiten und zu beſeſtten. Allein auch in dieſen Verechnungen taͤuſchte ſich Na poleon; denn damals lag Lord Cornwallis vor Breſt, Pellew beobachtete die ſpaniſchen Haͤfen, Nelſon die Haͤfen von Toulon und Genua; und ſo haͤtten die franzoͤſiſchen und ſpaniſchen Schiffe die groͤßten Hin⸗ derniſſe beſiegen müſſen, um nach Martinique Vu kommen. Es iſt zum Werwundern, wie unfaͤhig auch die ausgezeichnetſten Koͤpfe werden, ein vernunftiges ur⸗ theil zu faͤllen, wenn ihre Eitelkeit und ihre Selbſt⸗ ſucht durch das Mißlingen eines Lieblingsplanes ver⸗ letzt ſind. Von der Landung in England ſprechend, rief Napoleon, nach dem Zeugniſſe von Las Caſes, in vollem Ernſte aus:„Und doch waren die Hinderniſſe, „die meine Plane ſcheitern machten, nicht das Werk „der Menſchen, ſondern der Elemente. Im Suͤden „trat mir die See ein den Weg; im Norden haben „der Brand von Moskau, der Schnee und das Go „mich zu Grunde gerichtet. So iſt die dur die „Natur gebotene allgemeine Wiedergeburt Nech Waſ⸗ „ſer, Luft, Feuer, mit einem Wort durny die Natar „ſelbſt verhindert wirdene Die Wege ver Wrrſehung „ſind unerforſchlich. eritn Abgeſehen von der Vermeſſenheit, mit welcher ein allerdings hochbegabter, aber doch vom Beibe geborner Menſch ſich uͤber ſein ganzes Geſchlecht zu erheben ſcheint und einzig der Gewalt der Naturnaͤfte erliegen zu 12 können glaubt, iſt die Unrichtigkeit ſolcher Schluſſe hoͤchſt merkwuͤrdig. Iſt ſeine Landung in England etwa durch die See, nicht durch die engliſchen Schiffe und die engliſchen Seeleute vereitelt worden? Er haͤtte eben ſo gut ſagen koͤnnen, die Hoͤhe von St. Johaun oder der Wald von Soignies, nicht aber die Armee von Wellington, ſeyen Schuld daran, daß er nicht bis nach Bruͤſſel habe vorruͤcken koͤnnen. Horkt tro Ehe wir dieſen Gegenſtand verlaſſen, muͤſſen wir noch bemerken, daß Buonaparte nicht im geringſten am Erſolge gezweifelt zu haben ſcheint, wenn es ihm gelungen waͤre, ſeine Armee auszuſchiffen. Das Schick⸗ ſal von England wurde dann durch eine einzige Haupt⸗ ſchlacht entſchieden. Napoleon kam in Zeit von fuͤnf Tagen nach London, um dort die Stelle Wilhelms des Dritten, jedoch auf eine edlere und uneigennützi⸗ gere Weiſe, zu ſpielen. Er wollte einen großen Land⸗ tag einberufen, die Nation wieder in den Beſitz deſ⸗ ſen, was er ihre Rechte nannte, ſetzen, und der Oli⸗ garhte ein Ende machen. Nur weniger Monate haͤtte es nao ſeiner Meinung bedurft, um beide Nationen, kaum ert noch die entſchiedenſten Feinde, in ihren Grundſäͤtzen, Marimen und Intereſſen zu indentifici⸗ ren. Was er nit dieſem unſinnigen Gerede— denn anders kann man es nicht nennen, ſo hoch man den Redner auch achten mag— eigentlich ſagen wollte, erhellt aus andern Aeußerungen, durch die er ſich 1 numwundeuer zugſprach, als er im Moniteur und 2 13* in ſeinen Bulletins zu thun pflegte.„Engkand,“ ſagte er,„wäaͤre zuletzt ein Anhaͤngſel des nach meinem „Spſteme gemodelten franzoͤſiſchen Reiches geworden. „Die Natur hat es ſo gut zu einer unſerer Inſeln „geſchaffen, wie Oleron und Korſika.“ Man kann nicht umhin, noch laͤnger bei dem zu verweilen, was Buonaparte auf dem Felſen von St. Helena uͤber denſelben Gegenſtand gegen den Gefaͤhr⸗ ten ſeiner Verbannung zu aͤußern nicht muͤde ward. War England einmal erobert, und in ſeinen Marimen und Grundſaͤtzen mit Frankreich indentificirt, oder, nach einer andern Phraſe, eine Provinz des franzoͤſi⸗ ſchen Reiches geworden, ſo war, wie der Leſer ohne Zweifel zu glauben verſucht ſeyn wird, die Sendung Napoleons zu Ende— nein! ſie hatte leider kaum begonnen.„Von da(naͤmlich von dem unterjochten „England) waͤre ich weiter gegangen, um das Werk „der europaͤiſchen Wiedergeburt(er verſteht darunter „die Erweiterung ſeiner deſpotiſchen Gewalt) vom „Suͤden zum Norden, und zwar in der republikani⸗ „ſchen Form— denn ich war damals erſter Konſul— nauf dieſelbe Weiſe zu bekreiben, wie ich es ſpaͤter als „Monarch verſucht und beinahe zu Stande gebracht habe.“ Wenn wir erfahren, daß Napoleon ſolche Ideen auch nach ſeinem Falle noch feſt hielt, und zu aͤußern kein Bedenken trug, muͤffen wir nicht ausrufen: Hat je die Herrſchſucht wilder getraͤumt und hat je ein ſolcher Traum ungluͤcklicher und ſchimpflicher geendet?!— 14½ Fragt man etwa, in wieferne England der gelan⸗ deten franzoͤſiſchen Armee haͤtte widerſtehen koͤnnen, ſo muͤſſen wir bekennen, daß Alles auf dem Spiele ſtand, und daß Buonaparte durch ſein Genie und durch ſeine Armee großes Ungluͤck uͤber ein Land ge⸗ bracht haben wuͤrde, das die Segnungen des Friedens ſo lauge genoſſen hatte. Aber es lebte nur ein Sinn in dem ganzen Volke, und ſeine Streitkraͤfte waren von der Art, daß ihnen Napoleon alle Gerechtigkeit widerfahren ließ, als er ſie naͤher kennen gelernt. Die Englaͤnder ſind noch eben ſo tapfer, wie einſt auf den Siegesfeldern von Creſſy, Aegincourt, Blenheim und Minden; in den Irlaͤndern gluͤht noch derſelbe kriege⸗ riſche Enthuſiasmus, durch den ſie ſich in allen euro⸗ paͤiſchen Laͤndern ausgezeichnet haben; den Schotten iſt noch derſelbe ausdauernde Muth geblieben, mit welchem ihre Altvordern vor zweitauſend Jahren ihre Unabhaͤngigkeit gegen einen uͤberlegenen Feind zu be⸗ haupten wußten. Selbſt nach dem Falle Londons wuͤrden wir, trotz dieſes großen Ungluͤcks, an der Be⸗ freiung des Vaterlandes darum noch nicht verzweifelt haben. Denn der Krieg haͤtt zalsdann wahrſcheinlich. jenen volksthuͤmlichen Charakter gewonnen, der fruͤher oder ſpaͤter einer eingedrungenen Armee den Unter⸗ gang bereitet. Und wenn Buonaparte verſichert, daß er in der erſten Schlacht den Sieg davon getragen haben wuͤrde, ſo iſt dies daxum noch keineswegs aus⸗ gemacht; ſo viel iſt dagegen gewiß daß das Volk ent⸗ — 15 ſchloſſen war, Alles zu wagen. Alle diejenigen, die ſich dieſer Periode noch erinnern, muſſen es bezeugen, daß der Wunſch, die Franzoſen moͤchten kommen, alle Volksklaſſen beſeelte; ſo ſehr glaubten Alle hoffen zu duͤrfen, daß der Ausgang den Feind fortan von allen Invaſionsverſuchen und Drohungen ein fuͤr allemal abſchrecken werde. Waͤhrend Buonaparte auf die Umſtaltung von Europa ſann, die er durch die Eroberung zuerſt von England und dann der nordiſchen Staaten bewerkſtel⸗ ligen wollte, entſtand unter ſeinen eigenen Soldaten eine Oppoſition gegen ſeine Regierung und eine Ab⸗ neignng gegen ſeine Perſon. Sein lebenslaͤngliches Konſulat ward begreiflicherweiſe als ein Todesſtreich fuͤr die Republik angeſehen, welcher ſo manche hoͤhere Offiziere, die durch die Revolution ihr Gluͤck gemacht hatten, noch dankbar ergeben waren. Das Mißver⸗ gnuͤgen dieſer Kriegsmaͤnner war um ſo natuͤrlicher, als nicht wenige von ihnen in Buonaparte eben nur einen gluͤcklichen Abenteurer ſehen mochten, der ſeinen Gefaͤhrten uͤber den Kopf gewachſen war, und nun ihre Huldigung forderte. Als Soldaten gingen ſie ſchnell von Murren zu Drohngen uͤber, und bei einem feſtlichen Mahle, wo die Grenzen der Maͤßigkeit üͤber⸗ ſchritten wurden, bot ſich ein Huſarenoberſt als einen Brutus an, um den neuen Caͤſar aus dem Wege zu raͤumen. Da er ein geſchickter Piſtolenſchuͤtze war, ſo machte er ſich anheiſchig, waͤhrend einer der Muſte⸗ 16 rungen, die beſtaͤndig in Gegenwart des erſten Konſuls ſtattfanden, ſein Ziel auf fuͤnfzig Schritte nicht zu verfehlen. Die Sache kam zur Kenntniß der Polizei, ward aber von Fouchs vertuſcht, weil dieſer einſah, daß Buonaparte durch das bloße Ruchbarwerden eines ſolchen Anſchlags in Sofahr kommen konnte. Das Mißvergnuͤgen griff immer weiter um ſich und ward durch die Agenten des Hauſes Bourbon in der Stille noch geſteigert. Außer der conſtitutionellen Oppoſition, die ſich von Zeit zu Zeit in dem geſetzge⸗ benden Koͤrper und in dem Tribunat hoͤren ließ, be⸗ ſtanden zwei Parteien von Mißvergnuͤgten, von denen die eine Buonaparte als den Feind der oͤfentlichen Freiheiten, die audere als das einzige Hinderniß, das der Wiedereinſetzung der Bourbons im Wege ſtand, betrachtete. Die heftigſten Mitglieder von beiden Par⸗ teien fingen nachgerade an, zu uͤberlegen, wie man, ſey es anch auf die gewaltigſte und heimlichſte Weiſe, ſeiner los werden koͤnnte. Die wuͤthenden Republika⸗ ner und die uͤberſpannten Royaliſten, die auf derglei⸗ chen Gedanken verfielen, beſchwichtigten ohne Zweifel ihr Gewiſſen durch den Umſtand, daß Napoleon die Freiheit ihres Vaterlandes vernichtet und ſich die Herrſchaft uͤber daſſelbe angemaßt hatte, und wollten auf ſolche Weiſe ein Verbrechen beſchoͤnigen, das ſich durchaus nicht rechtfertigen laͤßt. 1 Dieſer Eiferer gab es indeſſen nur wenige, in Ver⸗ gleichung mit der großen Maſſe der Franzoſen, die, wenn gleich mißvergnugt uͤber die Uſurpation Napo⸗* leon's, und bereit, derſelben ein Ende zu machen, es doch fuͤr Pflicht hielten, alle krummen Wege zu ver⸗ meiden und ſich aller Anſchlaͤge auf ſein Leben zu ent⸗ halten. Wilzens, ihn auf dieſelbe Weiſe zu ſtuͤrzen wie er emporgeſtiegen war, mußte ſich die mißvergnuͤgte Partei vor allen Dingen nach einem militaͤriſchen Chef umſehen, deſſen Ruf demjenigen Napoleon's ſo viel wie moͤglich gleich kam. Dieß konnte aber nur von Mo⸗ reau geſagt werden. Waren auch ſeine Kriegsopera⸗ tionen nicht ſo kuͤhn gemacht, ſo tief berechnet, ſo glaͤnzend, als diejenigen Napoleon's, ſo wurden ſie doch mit einem geringeren Verluſt an Menſchen ausgefuͤhrt, und wenn ſie auch fehlſchlugen, ſo war doch nicht Alles verloren. Moreau war nicht weniger beruhmt wegen ſeines Ruͤckzugs durch die Engniſſe des Schwarzwaldes, im Jahr 1796, als wegen des glaͤnzenden und ent⸗ ſcheidenden Sieges bei Hohenlinden. Moreau war ein gutmuͤthiger, milder, jeder beſſern Ueberzeugung offener Mann, von großen Faͤhigkeiten; nur fehlte ihm jene Kuͤhnheit und Entſchloſſenheit, die derjenige beſitzen muß, der in Zeiten, wie wir ſie ſchit⸗ dern, als Haupt einer Faktion auftreten will. Es moͤchte 4 eher ſcheinen, daß ihm durch die oͤffentliche Meinung und durch gebieteriſche Umſtaͤnde eine ſolche Stelle aufgedrungen worden ſey, als daß er mit Beſonnenheit und Ueberlegung ſelbſt darnach geſtrebt haͤlte. Er war der Sohn eines Advokaten in der Bretagne, und in Leben Napoleon's. XLVIII. 2 18 jeder Hinſicht ein in der Revolution emporgekommener Mann, folglich den Bourbons eben nicht gewogen. Als er jedoch aus aufgefangenen Briefſchaften das Verhaͤltniß erſah, in welchem Pichegru ſeit dem Jahre 1795 mit der verbannten Koͤnigsfamilie ſtand, ſo ſchwieg er daruͤber, bis Pichegru einige Monate ſpaͤter mit ſeiner Partei am 168ten Fructidor erlag und das Direktorium von Barras, La Reveilliere und Reubel zu Stande kam. Nach dieſer Periode ſcheint die Vermaͤhlung Moreau's mit einer, der Sache der Bourbons ergebe⸗ nen Dame großen Einfluß auf ſeine politiſchen An⸗ ſichten gehabt zu haben. Moreau, der ſeinem Kollegen, Buonaparte, am 18ten Brumaire ſein Schwerdt und das Gewicht ſeines Amſehens geliehen hatte, konnte ſich in den immer weiter ſtrebenden Ehrgeiz des neuen Beherrſchers von Frankreich bald nicht finden und beide wurden ſich allmaͤhlig fremde. Indeſſen lag die Schuld davon nicht an Buonaparte, der, um einen ſo großen Gene⸗ ral fuͤr ſich zu gewinnen, ihm jede Aufmerkſamkeit bewies und ſich uͤber die Kaͤlte, mit der ſie aufgenom⸗ men wurde, beklagte. Einſt erhielt der erſte Konſul ein paar praͤchtige Piſtolen.—„Dieſe kommen eben recht,“ ſagte er, indem er ſie Moreau uͤberreichte, der ſo eben ins Audienzzimmer trat. Der letztere nahm dieſe Hoͤflichkeit ſo auf, wie einer, der gerne damit verſchont geblieben waͤre, erwiederte ſie mit einer kalten Verbeugung und trat ſoſort ab. 19 Bei der Stiftung der Ehrenlegion wurde ihm eines der Großkreuze angeboten.—„Der Thor!“ ſagte Mo⸗ reau,„weiß er denn nicht, daß ich ſeit zwoͤlf Jahren „zu der Ehrenlegion gehoͤre?“— Einen andern Scherz dieſer Art, den Buonaparte ſehr uͤbel nahm, erlaubte ſich eine Geſellſchafe von Offizieren, die bei Moreau ſpeiste, dadurch, daß ſie dem Koche des Generals wegen eines gut zubereiteten Gerichtes eine Ehrenpfanne zu⸗ erkannte. In ſolcher Entfernung von Buonaparte le⸗ bend, ward Moreau allmaͤhlig als das Haupt der miß⸗ vergnuͤgten Partei in Frankreich angeſehen; alle dieje⸗ nigen, welche Napoleon oder ſeine Regierung nicht leiden mochten, ſahen auf ihn als auf den einzigen Mann, deſſen Einfluß dem des erſten Konſuls das Gleichgewicht halten koͤnnte. Inzwiſchen war der Friede von Amiens gebrochen worden, und die brittiſche Regierung beſchloß zufolge einer ſehr begreiflichen Politik, den Zuſtand der oͤffent⸗ lichen Meinung in Frankreich abermals zu benuͤtzen und die Anhaͤnger des Koͤnigthums zu einem neuen Angriffe auf die Konſularregiernng zu vermoͤgen. Wahrſcheinlich taͤuſchte ſie ſich einigermaßen uͤber die Staͤrke dieſer Partei, die unter der Verwaltung Na⸗ poleon's ſchon ziemlich zuſammengeſchmolzen war und ein zu williges Ohr den Verheißungen und Projekten gewiſſer Agenten geliehen hatte, die in ſanguiniſcher Aufwallung ſelbſt ihre eigenen Hoffnungen uͤbertrieben, in dem ſie dieſelben den brittiſchen Miniſtern mittheil⸗ 20 ten. Man ſchien erkannt zu haben, daß wenig zu hoffen ſey, wenn Moreau nicht zur Theilnahme an der Verſchwoͤrung gebracht werden koͤnne. Dieß ward indeſſen fuͤr moͤglich gehalten, und ungeachtet des per⸗ ſoͤnlichen ſowohl als politiſchen Zerwuͤrfniſſes zwiſchen dieſem Feldherrn und Pichegru ſcheint letzterer es un⸗ ternommen zu haben, zwiſchen Moreau und den Roya⸗ liſten den Vermittler zu machen. Aus Caveune, wo er verbannt geweſen, entkommen, hatte Pichegru Zu⸗ flucht und Unterſtuͤtzung in London gefunden, und dort ſeine royaliſtiſchen Grundſaͤtze, nach denen er ſchon laͤngſt insgeheim gehandelt, offen bekannt. Man ging mit dem Plane um, die Royaliſten im weſtlichen Frankreich aufzubieten und ihre Erhebung durch eine Landung des Herzogs von Berry auf der Kuͤſte der Picardie zu beguͤnſtigen. Der Herzog von Enghien, Enkel des Prinzen Condé, nahm ſeinen Auf⸗ enthalt unter dem Schutze des Markgrafen von Baden ein dem Schloſſe von Ettenheim, ohne Zweifel in der Abſicht, um ſich zur rechten Zeit an die Spiße der MRoyaliſten in den öſtlichen Provinzen, oder in Paris ſelbſt ſtellen zu koͤnnen. Dieſer Prinz aus dem Hauſe Bourbon, auf den einſt der Namen des großen Condé lbergehen ſollte, war in der Bluͤthe der Jugend— ſchoͤn, tapfer und hochherzig. Schon in der Armee der Emi⸗ granten, die ſein Großvater befehligte, hatte er ſich durch ſeinen Muth ausgezeichnet und durch ſeine Ta⸗ pſerkeit in dem Gefechte von Berſtheim den Sieg 21 entſchieden; und als bei dieſer Gelegenheit ſeine Trup⸗ pen, denen die Franzoſen bisher nie Pardon gegeben hatten, Reyreſſalien gegen ihre Gefangenen uͤben wolb ten, verhinderte er dieß und ſagte:„Dieſe Leute ſind Franzoſen und ungluͤcklich— ich ſtelle ſie unter die Obhut Eures Ehrgefuͤhls und Eurer Menſchlichkeit.“ — Dieß war der koͤnigliche Juͤngling, deſſen Name nun mit blutigen Zuͤgen in dieſes Blatt der Geſchichte Napoleon's eingetragen werden muß. Waͤhrend die franzoͤſſſchen Prinzen an der Grenze den Erfolg dieſer Umtriebe im Innern Frankreichs erwarteten, hatten ſich Pichegru, Georg Cadondal und ungefaͤhr noch dreißig andere, zu Allem entſchloſſene Royaliſten nach Frankreich, und ſelbſt vis in die Haune⸗ ſtadt geſchlichen und dort Schlupfwinkel gefunden, die dem allſehenden Auge der Polizei entgingen. Es un terliegt wohl keinem Zweifel, daß einige von dieſen Agenten, beſonders Cadondal, in Buonaparte das groͤßte Hinderniß ihrer Unternehmungen ſahen, und daher den Entſchluß faßten, mit ſeiner Ermordung den Anfang zu machen. Pichegru, der ſtets mit Georg umging, muß nothwendig von dieſem Plane gewußt haben, der ſich allerdings beſſer fuͤr den wil⸗ den Chef einer Bande von Chouaus, als fuͤr den Eroberer Hollands ziemte. Inzwiſchen knuͤpfte Pichegru die erſehnte Verbin⸗ dung mit Moreau an, der damals— wie wir bereits bemerkt haben— als das Haupt der mißvergnugten 22 Militaͤrs und als Napoleon's erklaͤrter Feind angeſehen wurde. Sie ſahen ſich einander wenigſtens zweimal, und es iſt gewiß, daß Pichegru einmal den Georg Caboudal mit ſich brachte, und daß Moreau aus Ar⸗ ſcheu gegen deſſen Perſon und Plane, Pichegru bat, ihm dieſen tollen Wilden nicht mehr zuzufuͤhren. Dieſer Widerwille laͤßt ſich aus der Beſchaffenheit der von Cadoudal vorgeſchlagenen Maaßregeln erklaͤren, mit denen ein tapferer und rechtlicher Krieger, wie Moreau, ſich allerdings nicht befreunden konnte; Buonaparte dagegen ſtellt, wo er von dem, was zwiſchen Pichegru und Moreau verhandelt worden, ſpricht, das Beneh⸗ men des letztern in einem ganz andern Lichte dar. Nach ihm ſoll Moreau gegen Pichegru geaͤußert haben, daß, ſo lange der erſte Konſul lebe, er uͤber die Armee nichts vermoͤge, daß nicht einmal ſeine Adjutanten ihm gegen Napoleon folgen wuͤrden; waͤre aber dieſer ein⸗ mal aus dem Wege geraͤumt, ſo wuͤrde Alles auf ihn ſehen— er wuͤrde dann erſter Konſul und Piche⸗ gru ſollte der zweite werden. Nachdem er nun in dieſem Sinne fortgefahren, ſoll Georg die Berathung beider Generale wuͤthend unterbrochen, und nachdem er ihnen vorgeworfen, daß ſie nur an ihre eigene Groͤße und nicht an die Sache des Königs daͤchten, erklärt haben, daß wenn er einmal blau und blau waͤhlen muͤſſe, Buonaparte ihm ſo lieb ſey als Morean, und daß er glsdann fuͤr ſich ſelbſt die Stelle des dritten Konſuls anſprechen zu koͤnnen glaube. Zufolge dieſer 8³ * 4 * 25 Angahe war alſo Moreau nicht uͤber den abſcheulichen Anſchlag des Georg empoͤrt, er behauptete vielmehr die Nothwendigkeit deſſelben zuerſt; was ihn verdroß, 1 war, daß dieſer Chouan auch einen Theil der Beute fuͤr ſich verlangte. Dieſe Erzaͤhlung ſcheint uns in⸗ deſſen ganz keinen Glauben zu verdienen. So außerſt wichtig es auch fuͤr den erſten Konſul zu ſeiner Zeit geweſen ſeyn wuͤrde, den Beweis herzuſtellen, daß Moreau an dem Anſchlage auf ſein Leben Theil ge⸗ nommen, ſo hat er doch dieß keineswegs gethan, und es iſt daher kaum zu bezweifeln, daß jene ſpaͤtern An⸗ gaben nur Vermuthungen ſind, denen Napoleon Glau⸗ ben verſchaffen wollte, obgleich er ſie weder begruͤnden noch beweiſen konnte. Die Polizei gerieth bald in Bewegung. Man hatte erfahren, daß eine Bande von Noyaliſten nach Paris gekommen ſey; es koſtete aber zuerſt ziemlich Muͤhe, dieſelbe aufzufinden. Einſtweilen betrieb Georg ſeinen Anſchlag gegen den erſten Konſul, und es ſoll ihm ſogar gelungen ſeyn, ſich, als Bedienter verkleidet, in die Tuillerien, und ſelbſt in die Gemaͤcher von Buo⸗ naparte zu ſchleichen, jedoch ohne den Streich fuͤhren zu koͤnnen, der zufolge ſeiner ungemeinen Koͤrperſtaͤrke und ſeines verzweifelten Entſchluſſes allerdings entſchei⸗ dend geworden waͤre.— Alle Barrieren wurden ge⸗ ſchloſſen, und eine Abtheilung von der Garde Napo⸗ leon's hielt die ſtrengſte Wache, daß Niemand aus der Stadt entwiſchen konnte, Allmaͤhlig verſchaffte ſich die 34 Regierung ſo viel Licht in dieſer Sache, daß ſie im Stande war, das Pudblikum von dem Daſeyn und dem Zwecke einer Verſchwoͤrung in Kenntniß zu ſetzen, was um ſo noͤthiger wurde, da man beſchloſſen hatte, Moreau ſelbſt zu verhaften. Dieſes geſchah auch wirk⸗ lich am asten Februar 1604. Er ward ohne alle Schwierigkeit und ohne Widerſtand auf ſeinem Land⸗ ſitze, wo er ganz ruhig verweilte, verhaftet. Am folgenden Tage kuͤndigte ein von Murat, damals Gouverneur von Paris, unterzeichneter Tagsbefehl den Buͤrgern der Hauptſtadt den Vorfall an, mit dem Beiſatze, daß Moreau mit Pichegru, Georg und andern, die bereits von der Polizei verfolgt wuͤrden, in eine Verſchwoͤrung verwickelt ſey. Die Nachricht von der Feſtſetzung Moreaus er⸗ regte in Paris die groͤßte Senſation und gab Anlaß zu verſchiedenen Geruͤchten, die fuͤr Napoleon eben nicht guͤnſtig waren. Einige wollten an eine Ver⸗ ſchwoͤrung gar nicht glauben, waͤhrend Andere, die weniger ſeeptiſch dachten, der Meinung waren, der erſte Konſul wolle den fehlgeſchlagenen Verſuch von Pichegru und Georg als einen Vorwand gebrauchen, um Moreau, ſeinen Rebenbuhler im Kriegsruhme und den erklaͤrten Gegner ſeiner Regierung, zu ver⸗ derben. Man wollte ſogar behaupten, geheime Agen⸗ ten von Buonaparte haͤtten in London die eigentlichen Verſchwoͤrer zu ihrem Vorhaben aufgeſtiftet, nur um einen Mann, den der erſte Konſul haßte und fuͤrch⸗ —.— 2—— 25 tete, darein zu verwickeln. Dieß war durch nichts bewieſen; aber ſolche und aͤhnliche Gedanken herrſchten vor und Alles harrte aͤngſtlich auf das Reſultat der geſetzlich angeordneten Unterſuchungen. Am yten Februar gab der Polizeipruſekt in einem Berichte, der dem Senat, dem geſetzgebenden Koͤrper und Tribunate mitgetheilt wurde, Pichegru, Georg und Andere als diejenigen an, die aus ihrer Verbun⸗ nung in der Abſicht nach Frankreich zuruͤckgekehrt ſeyen, die Regierung umzuſturzen, und den erſten Konſul zu ermorden, wobei zugleich Morean beſchuldigt wurde, in Verbindung mit ihnen geſtanden zu haben. Als dieſer Bericht im Tribunate verleſen wurde, erhob ſich der Bruder Moreau's, um unter Berufungen auf die Verdienſte ſeines Bruders, gegen den man ſich die grauſamſten Verleumdungen erlaube, die Wohs that einer öffentlichen und geſetzlichen Uuterſuchung fuͤr denſelben in Anſpruch zu nehmen. itin „Das iſt ein ſchoͤner Ausbruch von gemuͤthlicher Empfindlichkeit!“ ſagte Curre, einer der Tribunen, um den Eindruck, den dieſer ergreifende Zwiſchenvor⸗ fall gemacht, laͤcherlich zu machen. „Es iſt ein Ausbruch gerechter Entruͤſtung!“ er⸗ wiederte der Bruder Moreau's und verließ die Ver⸗ ſammlung. Alle oͤffentlichen Behoͤrden thaten indeſſen, was man ohne Zweifel von ihnen erwartete, und legten zu den Fuͤßen des Konſularthrones die uübertriebenen Be⸗ 26 ther urungen ihrer Theilnahme an der Rettung des er⸗ ſten Konſuls nieder. Mittlerweile gelang es der höchſt wachſamen, mit außerordentlichen Mitteln ausgeruͤſteten Polizei, ſich nach und nach aller in das Komplott verwickelter In⸗ dioiduen zu verſichern. Ein falſcher Freund, dem ſich Pichegru anvertraut hatte, ließ ſich durch eine große Geldſumme gewinnen und fuͤhrte die Gensd'armen in das Gemach, wo er ſchlief. Nachbemn dieſe zuerſt die Waffen, die neben ihm lagen, bei Seite geſchafft hatte, bemaͤchtigten ſie ſich ſeiner Perſon nach der hef⸗ tigſten Gegenwehr. Georg Cadoudal, vielleicht ein noch wichtigerer Fang, ſtel bald nachher gleichfalls in die Haͤnde der Polizei. Man war ihm ſo ſehr auf die Spur gekom⸗ men, daß er endlich kein Haus mehr zu betreten wagte, ſondern ſich bei Tag und Nacht in einem Kapriolet auf den Straßen von Paris herumtrieb. Als er an⸗ gehalten wurde, erlegte er einen der Gensd'armen durch einen Schuß und verwundete einen andern toͤdt⸗ lich, und waͤre beinahe wieder entklommen. Es wur⸗ den noch vierzig Perſonen von verſchiedenem Charakter und Stande als Mitglieder und Befoͤrderer der Ver⸗ ſchwoͤrung verhaftet, von denen die einen Begleit und Genoſſen von Georg waren, andere aber zum alten Adel gehoͤrten. Unter den letztern befanden ſich die Herren Armand und Julius Polignac, Karl de la Riviere und andere angeſehene Royaliſten. Auch hatte 27 der Zufall noch ein anderes Opfer in die Gewalt Na⸗ poleon's gefuͤhrt. Kapitaͤn Wright, der Befehlshaber einer brittiſchen Kriegsbrigg, der Pichegru und noch einige ſeiner Gefaͤhrten auf der Kuͤſte von Morbihan ans Land geſetzt hatte, war bald darauf von einem groͤßeren franzoͤſiſchen Kriegsſchiffe aufgegriffen worden und wurde jetzt unter dem Vorwande, daß ſein Zeug⸗ niß zur Uederfuͤhrung der Verſchwornen nöͤthig ſey, nach Paris gebracht, in den Tempel geſperrt, und mit einer Strenge behandelt, die nur das Vorſpiel zu dem nachfolgenden tragiſchen Ereigniſſe war. Man haͤtte glauben ſollen, es wuͤrden ſich aus ſd vielen Gefangenen Schlachtopfer genug auswaͤhlen laß ſen, die wegen Hochperraths oder wegen eines gegen das Leben des erſten Konſuls verſuchten Attentats zum Tode verurtheilt werden konnten. Zum Unglüͤk fuͤr ſeinen Ruhm dachte Napoleon anders, und ſo ſuchte er aus Gruͤnden, die wir ſpaͤter wuͤrdigen wer⸗ den, ſeine Rache noch weiter auszudehnen, als auf diejenigen, die ſich bereits in ſeiner Gewalt befanden, ahgleich darunter Maͤnner von hohem Range waren. Wir haben ſchon bemerkt, daß der Aufenthalt des Herzogs von Enghien an der franzoͤſiſchen Grenze ge⸗ wiſſermaßen mit dem Unternehmen Pichegru's zuſam⸗ menhing, in ſoferne jenes naͤmlich einen Aufſtand der Royaliſten in Paris betraf. Dieß laͤßt ſich wenigſtens aus der Angabe des Herzogs ſchließen, daß er ſeinen Aufenthalt in Ettenheim genommen habe, in der Er⸗ 28 wartung, bald eine bedeutende Rolle in Frankreich zu ſpöielen*). Dieß war ſeiner ganzen Stellung und ſeinen Verhaͤltniſſen angemeſſen. Daß aber der Her⸗ zog auch nur den entfernteſten Antheil an dem beab⸗ ſichtigten Verſuche auf das Leben Buonaparte's gehabt, iſt nie behauptet worden, und wuͤrde auch den in der Unterſuchung aufgefuͤhrten Zeugniſſen, ſo wie den ihm von ſeinem Großvater, dem Prinzen Caudé, beige⸗ brachten Grundſaͤtzen widerſprechen**). Er lebte in *) Dieſe Angabe fidet ſich in der Rechtfertigungsſchrift des Her⸗ zogs von Rovigo(Savari). Sonſt kommt dieſelbe nirgend vor. Auch wird verſichert, der Herzog habe, als er in Ettenheim zuerſt von der Verſchwoͤrung gehoͤrt, ſich geaͤußert, ſie koͤnne nur erdichtet ſeyn.—„Waͤre etwas Wahres an der Sache,“ fagte er,„ſo wuͤrden mein Vater und mein Großvater mich erwas davon haben wiſſen laſſen, um en meine Sicherheit zu denken⸗“ — Es laͤßt ſich noch hinzufuͤgen, daß, wenn er wirklich in die Verſchwoͤrung verwickelt geweſen waͤre, er ſich wahrſcheinlich nach Entdeckung derſetben aus der Nachbarſchaft des franzdſiſchen Gebiets zuruͤckgezogen haben wuͤrde. *½) Ein merkwuͤrdiger Brief von dem Prinzen Condé an den Gra⸗ ſn von Artois vom 24ſten Janunar 1802 enthalt folgende Stelle, die wir woͤrtlich wieder geben:—„Der Chevalier von Roll wird Ihnen erzaͤhlen, was geſtern hier geſchehen iſt. Ein Mann von einem einfachen und anſtaͤndigen Aeußern, der die Nacht zuvor angekommen, und, wie er behaupkete, zu Fuß von Parls nach Calais gereist war, hatte Vormittags um eilf Uhr eine Audienz bei mir und erbot ſich geradezu, uns auf dem küxzeſten Wege von dem Uſurpator zu befreten. Ich ließ ihm nicht Zelt, ſein Projekt vollends auszukramen, fondern verwarf daſſelbe mit Abſcheu und der Verſicherung, daß— waͤren Sie gegen⸗ waͤrtig geweſen— Sie daſſelve gethan haben wuͤrden. Ich ſagte wm, wir wuͤrden denjenigen, der ſich die Rechte und den Thron unſeres Souyerains angemaßt, ſo lange als unſern Feind anfe⸗ *A 29 großer Zuruͤckgezogenheit und vergnuͤgte ſich hauptſaͤch⸗ lich mit der Jagd. Eine ihm von England ausge⸗ ſetzte Penſion war ſeine einzige Huͤlfsquelle. 4 Am Abend des z ten Maͤrz erſchien eine Abkhei⸗ lung franzoͤſiſcher Soldaten und Geusd'armen, unter dem Befehl des Oberſten Ordenner und unter der Leitung von Caulincourt, nachmaligen Herzogs von Wicenze, der zu dieſem Vehuf von Paris nach Stras⸗ burg geſchlekt worden war, unverſehens auf dem badi⸗ ſchen Gebiete— dem Gebiete eines Staates, mit dem Frankreich damals im tiefſten Frieden lebte— um ſo⸗ fort das Schloß, in welchem ſich der ungluckliche Prinz aufhielt, zu umringen. Der Abkoͤmmling des großen Conds griff nach ſeinen Waſfen, ließ ſich aber abhal⸗ en, bis er ſich eines Andern beſänne: lr Fͤtten den Uhlnva⸗ dor mit oſſener Gewalt bekaͤmpft, und ſeyen geſonnen, wenn ſcch Gelegenheit dazu zeige, ein Gleiches zu thun; wir wuͤr⸗ den uns aber niemals der Mittel bedienen, die ſich nur für Ja⸗ kobiner ziemten, und mit dieſer Partei zu einem ſolchen Zwecke niemals gemeinſchaſtliche Sache machen.“— Dieſe Aeußerungen Wiederholte der Prinz dem geheimen Agenten in Gegenwart des Chevalier von Roll, eines vertrauten Freundes des Graſen von Artols, und rieth dem Manne ſchließlich England unverzuͤglich zu verlaſſen, indem er ihm im Falle ſeiner Verhaftung durch⸗ aus keinen Schutz gewaͤhren koͤnne. Es hat ſich in der Folge gezeigt, daß der Mann, zu dem der Prinz auf eine ſe ſeines großen Ahnherrn ſo wuͤrdige Weiſe ſprag 1 von Buonaparte war, der die Geſinnungen d ſiſchen Drinzen erforſchen und dieſelben wo inoͤglich fuͤr ein Projekt ge⸗ winnen ſollte, das ihnen nothwendig den allgemeinen Unwillen uziehen mußte.— 0e 20 ten, davon Gebrauch zu machen, durch die Bemer⸗ kung eines ſeiner Begleiter, daß aller Widerſtand vergeblich ſey. Die Soldaten drangen in das Ge⸗ mach, und fragten mit vorgehaltenen Piſtolen, wel⸗ ches der Herzog von Enghien ſey.—„Wenn Ihr gekommen ſeyd, ihn zu verhaften, ſo muͤßt Ihr ſein Signalement haben,“ ſagte der Herzog.—„Wenn es ſo iſt, ſo muͤſſen wir ſie eben Alle aufheben,“ er⸗ wiederte der kommandirende Offizier; und ſo wurde der Prinz mit ſeiner ei nen Hausgenoſſenſchaft ver⸗ haftet und in eine nicht weit von ſeiner Wohuung gelegene Muͤhle gebracht, wo ihm geſtattet wurde, ſich einige Kleider und andere Beduͤrfniſſe kommen zu laß ſen. Nachdem er nun erkannt war, brachte man ihn mit ſeinen Begleitern in die Zitadelle von Strasburg, wo man ihn von den letztern trennte, und nur den Baron St. Jacques, ſeinen Adjutanten, bei ihm ließ. Die ſtrengſten Vorſichtsmaßregeln wurden genommen, um der Moͤglichkeit vorzubeugen, ſich mit irgend je⸗ mand zu beſprechen. Er blieb hier drei Tage lang in enger Haft; aber am achtzehnten, zwiſchen und ⸗ Uhr des Morgens, traten wieder Gensd'armen in ſein Zimmer; er mußte aufſtehen, ſich ſchnell, ohne Bei⸗ ziehung ſeines Kammerdieners, ankleiden, um, wie man ihm bedeutete, unverzuͤglich weiter zu reiſen. Zwei Hemden waren alles, was er an Waͤſche mit⸗ nehmen durfte. Er ward mit der groͤßten Eile und dem ſtrengſten Geheimniß nach Paris gefuͤhrt, wo er 31 am zoſten ankam, auf einige Stunden in den Tem⸗ pel eingeſperrt und von da nach Vinceunes, einem alten gothöchen Gebaͤude, gebracht wurde, das lange Zeit als Staatsgefaͤngniß gedient, aber nie ein er⸗ lauchteres und ungluͤcklicheres Schlachtofer in ſeinen Mauern aufgenommen hatte. Dort ſollte er einige Ruhe genießen oder vielmehr nur koſten; denn um Mitternacht ward er geweckt und in ein Verhoͤr be⸗ rufen, von dem ſein Leben abhing. Die zum Verhoͤr beſtellten Inguiſitoren bildeten unter dem Vorſitz des Generals Hulin eine Militaͤr⸗ Commiſſſon von acht Offizieren. Sie hatten ihren Auftrag, laut des Protokolls, von Murat, den Schwa⸗ ger Napoleons und damaligen Gouverneur von Pa⸗ ris, erhalten. Obgleich durch die Beſchwerlichkeiten der Reiſe und den Mangel an Ruhe erſchoͤpft, be⸗ nahm ſich der Herzog von Enghien bei dieſer trauri⸗ gen Veranlaſſung als der wuͤrdige Enkel des großen Condé. Er bekannte ſeinen Namen und Rang, ſo ie den Antheil, den er an dem Kriege gegen Frank⸗ reich genommen, betheuerte aber, von Pichegru und ſeiner Verſchwoͤrnng nicht das Geringſte zu wiſſen, und bat am Schluſſe des Verhoͤrs um eine Audienz bei dem erſten Conſul.—„Mein Name,“ ſagte er, „mein Nang, meine Geſinnungen und der ganz ei⸗ gene Fall, in dem ich mich befinde, laſſen mich hoffen, daß mir dieſe Bitte nicht werde verſagt werden.“ Die Mitglieder der Commiſſion ſtutzten und zoͤ⸗ 52 gerken, und obſchon ſie zu dieſem Anftrage ohne Zwel⸗ fel ſorgfaͤltig ausgewaͤhlt worden waren, ſo machte das ganze Benehmen, beſonders aber die Unerſchro⸗ ckenheit des ungluͤcklichen Prinzen, einen gewaltigen Eindruck auf ſie. Allein Savari, damaliger Chef der Poltzei, der hinter dem Stuhl des Praͤſidenten ſtand, zuͤgelte ihr Mitgefuͤhl; und als ſie die Bitte des Ge⸗ fangenen an den erſten Conſul zu beföͤrdern vorſchlu⸗ gen, erklaͤrte er, daß dieſes nicht angehe. Endlich ſprachen ſie ihre Meinung dahin aus, es falle dem Herzog von Enghien zur Laſt, gegen die franzöͤſſſche Republik die Waffen getragen, Jutriguen mit Eng⸗ lend und Einverſtaͤndniſſe in Straßburg, um ſich die⸗ ſes Platzes zu bemäͤchtigen, gepflogen zu haben. Von dieſen Anſchuldigungen ſtand der groͤßte Theil, beſon⸗ ders aber die letztere, in offenbarem Widerſpruch mit dem einzigen dafuͤr angefuͤhrten Beweis, naͤmlich mit dem Bekenntniß des Beklagten. Die Commiſſion er⸗ ſtattete hierauf ihren Bericht an den erſten Conſill⸗ und bat um weitere Verhaltungsbefehle, erhielt aber ſtatt aller Antwort ihr eigenes Schreiben mit den bei⸗ gefuͤgten Worten:„Zum Tod verurtheilt!“ zuruͤck. Die Satrapen Napoleons gehorchten mit perſiſcher Unterwuͤrfigkeit. Das Urtheil war dem Beklagten ge⸗ ſprochen, der daſſelbe mit dem gleichen unerſchrockenen Muthe, den er waͤhrend der ganzen Verhandlung ge⸗ zeigt hatte, vernahm. Er verlangte den Beiſtand ei⸗ nes Beichtvaters, worauf man ihm hoͤhniſch erwidert — 33 haben ſoll:„Wollen Sie denn wie ein Moͤnch ſter⸗ ben? Ohne auf dieſen Schimpf zu achten, warf ſich jetzt der Herzog auf die Kniee und ſchien einige Au⸗ genblicke in tiefe Andacht verſunken. „So g en wir denn!“ ſagte er, als er wieder aufſtand. Alles war zur Hinrichtung bereit, ſogar das Grab ſchon(noch vor dem Spruche) fertig, um aus dem ganzen Prozeß gleichſam ein Gaugelſpiel zu machen*). Als der Prinz das Gemach verließ, in welchem das angehliche Verhoͤr Statt gefunden, wurde er bei, Fackelſchein eine Wendeltreppe hinabgeleitet, die in die unterirdiſchen Gewolbe der alten Burg zu fuͤh⸗ ren ſchien. Innis 3 „Soll ich etwa im Burgverließ verſchmachten?“ ſagte der Prinz, dem es einfiel, daß dieſe Gewoͤlbe zuweilen als Graͤber fuͤr Lebende gedient hatten. „Nein, gnaͤdiger Herr,“ antwortete der Soldat, an den er ſich gewendet, unter Schluchzen und Thraͤnen; „ſeyn Sie daruͤber außer Sorge.“— Die Treppe fuͤhrte durch eine Poterne in den Schloßgraben, wo, wie bereits erzaͤhlt, ein Grab bereitet war, neben welchem einige Eliten⸗Gensd'armen in einem Gliede *) Savari hat dieß geleugnet, wiewohl es wenig Bedeutung hat⸗ Die ungeſetzliche Verhattnng— die Ueberellung der Verhörs⸗ ſarce— der Widerſpruch des Urtheils mit den Beweisgruͤnden — die Haſt bei der Hinrichtung— alles dieß zeigt, daß der un⸗ Nuͤckliche Prinz lange zuvor, ehe man ihn vor die Militaͤr⸗Com⸗ miſſton gebracht, zum Tode verurtheilt war. Leben Rapoleen's. XLVIII. 2 3 5½ ſtanden. Es war ungefähr 6 Uhr des Morgens, und der Tag ſchon angebrochen; da aber noch ein dichter Nebel auf dem Boden lag, ſo mußten einige Fackeln urs Lampen das ſchwache ot des aufdaͤmmernden Tages verſtaͤrken, ein Umſtand, der das unwahre Ge⸗ ruͤcht veranlaßt zu haben ſcheint: es ſey dem Schlacht⸗ opfer eine Laterne an die Bruſt geheftet worden, da⸗ mit ſeine Schlaͤchter das Ziel um ſo wene r verfehlen moͤchten. Savari war auch wieder da und ſtand auf einer Bruſtwehr, die den Hinrichtungsort uͤberhoͤhte. Das Schlachtopfer wurde geſtellt; aus dem Munde des kuͤnftigen Herzogs von Rovigo ging das Todes⸗ wort, die Soldaten feuerten und der Prinz fiel. Der Leichnam ward in den Kleidern, ohne die mindeſte Beachtung deſſen, was bei Beerdigungen uͤhlich iſt, ins Grab geworfen, mit ſo wenig Umſtaͤnden, wie Straßenraͤuber diejenigen, die ſie gemordet haben, zu verſcharren pflegen, Paris erfuhr mit Staunen und Schrecken dieſe ſo nahe in ſeinem Bereich veruͤbte That. Keine hat je einen ſo allgemeinen Abſcheu, ſowohl in Frankreich als im Ausland, geweckt und das Andenken Napoleon's ſo tief gebrandmarkt. Die oͤffentliche Meinung uͤber dieſen Punkt erhellet zum Ueberfluß aus der Aengſt⸗ lichkeit, in welcher Savari, Hulin und andere unter⸗ geordnete Agenten ihren Antheil an dieſer Schandthat zu vermindern oder auf Andere zu naͤlzen ſuchten, — —r—— 4 35 offenbar im Gefühle der ungeheuern Verantwortlich⸗ keit, die deßhalb auf ihnen laſtet. Iudeſſen erforbert es die Gerechtigkeit, auch die Selbſtvertheidigung Napoleon's auf St. Helena zu doͤren, beſouders, da ſie den Grafen Las Caſes uͤbar⸗ zeugt zu haben ſcheint, der, vbgleich mit den meiſten Handlungen ſeines Herrn ausgefoͤhnt, doch die Hin⸗ richtung des Herzegs von Eughien ſo ſehr als ein Brandmal in deſſen Geeſchichte angeſehen hatte, daß er erroͤthete, als Napolevn ſelbſt darauf zu ſprechen kam). Was er zu ſeiner Rechtfertigung anfuͤhrt, ſcheint auf ſeine jedesmaligen Zuhoͤrer berechnet geweſen zu ſeyn. Zu ſeinen vertrauteſten Freunden und Beglei⸗ tern ſprechend, ſtellte er die ganze Sache als etwas dar, worauf er nicht ſelbſt gekommen, ſondern das ihm von ſeinen Miniſtern in der Ueberraſchung abge⸗ drungen worden ſey.—„Ich ſaß,“ ſagte er,„allein in meinem Kabinet, und wollte eben mein Fruͤhſtuͤck vollends einnehmen, als ſie erſchienen, um mir die Entdeckung einer neuen Machination zu verkuͤnden. Sie ſtellten mir vor, es ſey Zeit, ſo ſchrecklichen Ver⸗ ſuchen durch die Aufopferung eines der Bourbons ein Ziel zu ſetzen, wobei ſie den Herzog von Enghien als das geeignetſte Schlachtopfer bezeichneten.“— Buo⸗ naparte faͤhrt mit der Behauptung fort, er habe eigent⸗ *) Man ſehe das Werk von Las Caſes, 4ter Band, Seite 149. 4 56—. lich gar nicht gewußt, wer der Herzog von Enghien key, noch weniger, daß er ſich nur drei Stunden von der franzoͤſiſchen Rheingrenze aufhalte. Daruͤber ward nun Auskunſt gegeben.„Wenn es ſo iſt⸗“ ſagte Na⸗ poleon,„muß er verhaftet werden.”“— Seine klugen Miniſter hatten dieſes vorausgeſehen, den ganzen Plan entworfen, und die noͤthigen Befehle bereits ausgefertigt, es fehlte nur noch die Unterſchrift Na⸗ „oleom's, der ſolchergeſtalt durch den uͤbertriebenen Eifer, vielleicht auch durch Pripatahſichten und die ge⸗ heimen Raͤnke ſei ner Diener, zu dieſer Unthat hinge⸗ hraͤngt worden ſeyn wig; auch beſchuldigte er Talley⸗ rand⸗ daß er ihm einen Brief verhehlt, den der un⸗ Alichliche Prinz en ihn geſchrieben, und in welchem er ihm ſeine Dienſte angeboten, ber aber von dieſem Miniſter unterſchlagen worden ſey. Er giht zu ver⸗ ſiehen, daß, wenn ihm dieſer Brief zur rechten Zeit zugeſtellt worden waͤre, er das Leben des Prinzen ge⸗ z ſchont haben wuͤrde, Um dieß wahrſcheinlich zu ma⸗ chen, laͤugnet er durchaus, daß ſich Joſephine bei ihm fuͤr den Herzog verwendet habe, ohgleich dieſes durch das Zeugniß derjenigen beſtaͤtigt wird, die ſolches aus dem Munde der Kaiſerinn vernommen hahen wollen. Dieſe Ausſage und die darauf gegruͤndete Verthei⸗ digung wird ungluͤcklicherweiſe ſchon durch den Umſtand nterzſtke⸗ daß weder Talleyrand, noch irgend ein an⸗ derer lebender Men ſch, mit Ausnahme von Buona⸗ parte, bei dem Tode des Herzogs von Enghien auch — / —— / 37 nur im mindeſten intereſſirt war. Daß Napoleon über die Verſchwoͤrungen von Georg und Pichegru wüthend, und daher geneigt geweſen ſeyn mechte, die ihm drohenden perſonlichen Gefahren zu rachen und die Familien der Boutbons durch die Aufopferung eines ihrer Mitglieder zu ſchrecken, vertrug ſich gar ſehr mit ſeinem Charakter. Daß aber ein ſo kluger Mann, wie Talleyrand, auf eine ſo ſchreckliche That, die ihm nicht den mindeſten Vortheil bringen konnte, gedrungen haben ſollte, iſt eben ſo unwahrſcheinlich, als daß, wenn er dergleichen auch gewollt haͤtte, er ſeinen Herrn dazu vermocht haben wuͤrde, ihn ohne vorlaͤufige reiſtiche Erwaͤgung ſeinerſeits dazu zu be⸗ vollmaͤchtigen. Es kommt auch noch in Betracht, daß Buonaparte durch ſolche Gruͤnde nicht nur wenigſtens einen Theil des Verbrechens von ſich abwaͤlzen, ſon⸗ dern ſich vielleicht auch an Talleyrand raͤchen wollte, indem er ihn von St. Helena aus eines Verbrechens bezuͤchtigte, das in den Augen ſeiner neuen Gebieter aus dem Hauſe Bouthon bei weitem das groͤßte und gehaͤſſigſte ſeyn mußte. Endlich iſt das Daſeyn des oben erwaͤhnten Schreibens durchaus nicht erwiefen und mit den Geſinnungen und der Denkirt des Her⸗ zogs von Enghien ſchlechterdings im Widerſpruch. Es ſoll von Strasburg aus datirt feyn, und doch ver⸗ ſichert Baron St. Jaczues, der Adjutaut des Her⸗ ogs, er ſey in der Zitatelle von Strasburg keinen Augenblick von ſeinem Herrn getrennt geweſen und der 38 Herzog habe weder an Buonaparte noch an irgend jemand geſchrieben. Geſetzt aber auch, er haͤtte ſich in dieſer Sache ganz von Talleyrand beſtimmen und leiten laſſen, ſo durfte er doch keineswegs hoffen, die Schuld deſſen, was er gethan, auf den zu werfen, der ihm dazu gerathen. Dieſer Mord war, wie die Empoͤrung Abſalon's, nicht weniger ein Verbrechen, auch wenn man annimmt, er ſey durch den gewiſſen⸗ loſen Rath eines modernen Achitohel Aupfohlen und eingeleitet worden. Darum hat auch Napoleon auf dieſe Vertheidigung kein rechtes Vertrauen geſetzt, ſondern im Gegentheil dieſelbe Maaßregel, zu der ihn Talleyrand fortgeriſſen haben ſoll, bei andern Gelegenheiten geradezu als eine gerechte und nothwendige ausgegeben, er hat verſichert, der Herzog von Enghien ſey nach den Geſetzen ver⸗ urtheilt und hingerichtet worden. Es laͤßt ſich leicht nachweiſen, daß ſelbſt nach dem franzoͤſiſchen Geſetze, wie ſtreng und argliſtig es auch in ſolchen Faͤllen angewendet wurde, kein rechtlicher Grund vorhanden war, dem Herzog das Leben zu nehmen. Er war allerdings einer der Emigranten, gegen welche, wenn ſie ſich mit den Waffen in der Hand auf dem franzoͤſiſchen Gebiete betreten ließen, das Geſetz die Todesſtrafe verhaͤngte. Dieß war aber nicht der Fall bei dem Herzog— ja ſeine Ruͤckkehr war nicht einmal ſein freier Wille, ſondern die Folge eines gegen ſeine Perſon veruͤbten Zwanges. Er be⸗ A 59 fand ſich ſogar in einem weit guͤnſtigeren Falle, als jene Emigranten, die der Sturm an die vaterlaͤndi⸗ ſche Kuͤſte verſchlagen, und die Buonaparte als Ge⸗ genſtaͤnde des Mitleids und nicht der Beſtraſung be⸗ trachtet hatte. Freilich hatte er die Waffen gegen Frankreich getragen; aber als ein Mitglied des Hau⸗ ſes Bourbon war er weder ein Unterthan Napoleon's, noch konnte er als ſolcher angeſehen werden, da man zur Zeit ſeiner Auswanderung von letzterem noch gar nichts wußte; auch konnte man ihn nicht als wider⸗ ſpenſtig gegen den franzoͤſiſchen Staat betrachten, weil er, gleich dem Ueberreſte der koͤniglichen Familie, ins⸗ beſondere von den Wohlthaten der Amneſtie ausge⸗ ſchloſſen war, welche weniger ausgezeichnete Emigran⸗ ten zur Ruͤckkehr ermaͤchtigte. Der Akt, durch wel⸗ chen er in die Falle gelockt und in den Bereich der franzoͤſiſchen Gewalt, nicht aber der franzoͤſiſchen Ge⸗ ſetze, gebracht wurde, war eine Verletzung des Voͤl⸗ kerrechts,— die Eile, mit welcher das angebliche Verhoͤr, der Verhaftung und die Hinrichtung dem Verhoͤre folgte, eine Verſuͤndigung an der Menſchheit. — Es wurden keine Zeugen geſtellt— die ganze Unterſuchung beſchraͤnkte ſich auf das Verhoͤr des Be⸗ klagten. Alle Anklagepunkte, die der Herzog nicht ſelbſt zugab, muͤſſen daher als voͤllig unerwieſen betrachtet werden. Dieſes gewiſſenloſe Tribunal fand aber den Beklagten nicht nur ſchuldig— was er auch nicht in Abrede ſtellte— die Waffen gegen die Republik ge⸗ 49 tragen, ſondern ſich auch an die Spitze einer Partei franzoͤſiſcher, in engliſchem Solde ſtehender Emigran⸗ ten geſtellt und Machinationen angeſponnen zu haben, die Stadt Strasburg zu uͤberrumpeln, was er auf das beſtimmteſte laͤugnete und durch. nichts Eicſen wurde. Buonaparte, der die gaͤnzliche Unregeinzzigkeit des Verfahrens in dieſem außerordentlichen Falle voll⸗ kommen einſah, ſcheint bei einigen Gelegenheiten weislich auf jeden Verſuch verzichtet zu haben, etwas zu vertheidigen, was nach ſeiner eigenen Ueberzeugung nicht zu vertheidigen war; er zog es vor, ſein Be⸗ tragen durch allgemeine Gruͤnde zu rechtfertigen, die bemerkt zu werden verdienen. Wenn er mit ſeinen Gefaͤhrten uͤber den Tod des Herzogs von Enghien ſprach, fand er fuͤr gut, denſelben als einen den ge⸗ wöoͤhnlichen. Formen des Geſetzes unterliegenden Fall darzuſtellen, bei welchem jede Regel beobachtet, zwar große Strenge geuͤht, aber doch die Gerechtigkeit nicht verletzt worden ſey. Dergleichen konnte er ſich aller⸗ dings bei Zuhoͤrern erlauben, von denen er wußte, daß ſie ihm nichts einwenden und nichts widerſprechen wuͤrden; es iſt dieß aber weiter nichts, als der Ver⸗ ſuch, durch wiederholte Verſicherungen in Widerſpruch mit der Thatſache, ſeine Schuldloſigkeit zu betheuern. Gegen Fremde dagegen, die auf ihr eigenes Urtheil“ nicht verzichteten, ſchlug Napoleon einen andern Weg ein. Gegen ſolche behauptete er, die Hinrichtung des — 8 41¹ S Herzogs von Enghien ſen ein Akt der Selbſtvertheidi⸗ gung, eine Maaßregel der Staatspolikik geweſen, und finde ihre Rechtfertigung in den Marimen, nach wel⸗ chen der Menſch befugt ſey, ſeinem Mitmenſchen das Leben zu nehmen, um ſein eigenes zu retten.—„Ich ſah mich,“ ſagte er„uͤberall von Feinden angegriffen, welche die Bourbons gegen mich losgelaſſen hatten, mit Windbuͤchſen, Hoͤllenmaſchinen und andern Waf⸗ fen jeglicher Art bedroht. Es gab auf Erden keinen Gerichtshof, der mich in Schutz nehmen konnte; ich hatte ſonach das Recht, mich ſelbſt zu ſchutzen und einen von denen, deren Anhaͤnger meinem Leben nach⸗ ſtellten, umbringen zu⸗ luſſen, um den beſgen. einen heilſamen Schrecken einzujagen.“ 4 Wir zweifeln nicht, daß die in dem Werke von Las Caſes ausfuͤhrlich entwickelten Gruͤnde die eigent⸗ lichen Motive waren, welche Napoleon beſtimmt ha⸗ ben, wozu nach der Stachel einer unerbittlichen Rach⸗ ſucht gekommen ſeyn mag. Das Ganze aber iſt wei⸗ ter nichts als eine Berufung auf die ſogenannte Staatsralſon, dem letzten Grunde der Tyrannen, deſ⸗ ſen man ſich zu allen Zeiten bedient hat, um die aͤrgſten Verbrechen der Gewalthaber zu beſchoͤnigen. Der Fuͤrſt iſt allerdings zu beklagen, gegen welchen Parkeihaß den Dolch des Meuchelmordes zuͤckt; die Gefahr, in der er ſich befindet, gibt ihm aber kein Aeht. ſolche Waffen ſelbſt gegen das Individuum zu r auchen, von dem er bedroht iſt. Noch viel weni⸗ 4² ger konnte das Attentat ezhiger uͤberſpannter Anhän⸗ ger des Hauſes Bourbon den erſten Konſul maͤchtigen, durch ein erſchlichenes Urtheil und das uͤbereilteſte Verfahren einem jungen Prinzen das Leben zu neh⸗ men, welcher einer Theilnahme an den Verſchwoͤrun⸗ gen, uͤber die ſich Napoleon beklagte, nie beſchuldigt, und noch viel weniger uͤberwieſen worden war. Unter allen Geſichtspunkten war dieſe That ein Mord, und das Blut des Herzogs von Enghien bleibt ein unaus⸗ loͤſchlicher Flecken in der Geſchichte Napoleon's. Mitt derſelben Sophiſterei ſuchte er auch die Ver⸗ letzung des neutralen badiſchen Gebiets zu beſchoͤni⸗ gen, ohne welche ſeine Sendlinge das ungluͤckliche Schlachtopfer nicht haͤtten aufgreifen koͤnnen. Dieß war, nach der Verſicherung Napoleon's, ein Unrecht gegen den Souverain von Baden, das, da dieſer ſich nicht daruͤber beſchwerte, Niemanden etwas angehe. So konnte ein Mann ſprechen, der die Macht hatte, Boſes zu thun. Wo konnte der Herzog von Baden Klage fuͤhren, oder welche Genugthuung konnte er erwarten? Er befand ſich in dem Falle eines armen Mannes, der von ſeinem reichen und uͤbermuͤthigen Nachbar beeintraͤchtigt wird, dem es aber an Mitteln fehlt, ſich Recht zu verſchaffen, der aber dadurch, daß er ſich ruhig verhaͤlt, die Sache, wie ſie an ſich ſelbſt iſt, nicht aͤndert und das Unrecht nicht in Recht ver⸗ wandelt. Jene Aeußerung zeigt, wie ſehr Napoleon daran gewoͤhnt war, oͤffentliche Maaßregeln nicht nach 1 ———— 4—y— * 45 den ewigen Geſetzen der Gerechtigkeit zu beurtheilen ſondern einzig nach dem Nutzen, den der maͤchtigers Staat aus ſeiner Ueberlegenheit uͤber den ſchwaͤcheren ziehen kann. unbedenklich duͤrfen wir hinzufuͤgen, daß dieſe un⸗ gluͤckſelige That durch die Berufung auf die Staats⸗ raiſon bei weitem nicht gerechtfertigt wurde. Den Herzog von Enghien als Staatsgefangenen und als Geißel zuruͤckzubehalten, um die Royaliſten von fer⸗ neren Anſchlaͤgen abzuſchrecken, waͤre der Politik eher augemeſſen geweſen; die geheime und grauſame Er⸗ mordung des jungen, tapfern Prinzen machte dage⸗ gen den tiefſten moraliſchen Eindruck auf die europaͤi⸗ ſche Welt, und weckte uͤberall, wo die Kunde davon hinkam, den groͤßten Haß gegen Napoleon. Nach der wohlbekannten Aeußerung von Fouché war die Hinrich⸗ tung des Herzogs noch ſchlimmer, als ein moraliſches Verbrechen— ſie war ein politiſcher Mißgriff. Sie hatte fuͤr Buonaparte die hoͤchſt nachtheilige Folge, daß man ihn nachgerade fuͤr blutgierig und unver⸗ ſoͤhnlich und des Aergſten faͤhig hielt, was ſich auch bald nach dem Tode des letzten Condé bei andern tragiſchen und geheimnißvolleren Ereigniſſen zeigte. Die Hinrichtung des Herzogs von Enghien erfolgte am 2 ſten Maͤrz, und am /ten April fand man den General Pichegru todt in ſeinem Gefaͤngniß. Ein ſchwarzes ſeidenes Tuch war mittelſt eines Knebels feſt um ſeinen Hals geſchnuͤrt, und es hieß, er habe 46— den Knebel mit eigener Hand ſo lange gedreht, bis er den Athem verloren, und dann den Kopf auf das Kiſſen gelegt, ſo daß der Knebel in derſelben Lage 3 feſtgehalten wurde. Es entging dem Publikum nicht, daß dieſe Art der Toͤbtung eher das Werk eines An⸗ dern, als des Verſtorbenen ſelbſt zu ſeyn ſchien. Es fanden ſich Chirurgen, freilich von etwas zweideutigem Rufe, die eine Beſchreibung des Leichnams unkerzeich⸗ neten, und worin ſie verſicherten, Pichegru hate ſich ſelbſt entleibt. Da er jedoch Sinne und Bewußtſeyn in demſelben Augenblicke verlieren mußte, als er den Knebel bis zum Grade der Erdroßlung gedreht hatte, ſo erſcheint es befremdend, daß er das Werkzeng ſei⸗ ner Selbſtzerſtoͤrung nicht ſollte fahren gelaſſen haben. In dieſem Falle waͤre das Band ockerer geworden und der Selbſtmord unterblieben. Kein menſchliches Auge konnte in die dunkeln Behaͤltniſee eines Staats⸗ gefaͤngniſſes ſehen; Pichegru's Selbſtmord ward von vielen gaͤnzlich in Zweifel gezogen. Solche meinten, der erſte Konſul habe es nicht wagen wollen, einen Mann von Pichegru's Kuͤhnheit und Gegenwart des Geiſtes vor ein oͤffentliches Gericht zu ſtellen und verhoͤren zu laſſen; auch wurde geaͤußert, daß ſein Zeugniß ganz zu Gunſten Moreau's ausgefallen ſeyn wuͤrde— daß Pichegru unter den Buͤrgern von Pa⸗ ris viele Anhaͤnger zaͤhlte, daß die Soldaten ſein mi⸗ litaͤriſches Verdienſt noch nicht vergeſſen hatten, und daß man es deßwegen fuͤr das zweckmaͤßigſte gehalten —V—— n 45⁵ habe, ihm in dem Gefaͤngniß das Leben zu nehmen. Es ging ſogar die Sage, dieſe That ſey durch vier jener Mamelucken, die Buonaparte aus Aegypten mit ſich gebracht hatte und mit denen er prunkte, veruͤbt worden. Dieſe Sage machte ihr Gluͤck bei dem gro⸗ ſen Haufen, der von den Stummen und der ſeidenen Schnur des aſiatiſchen Despotismus gerne traͤumt und ſchwatzt. Die beſſer Unterrichteten hielten jedoeh dieſe Sache fuͤr hoͤchſt unwahrſcheinlich und darum nicht fur glaubwuͤrdig. In den franzoͤſiſchen Staats⸗ gefaͤngniſſen kounte es gewiß nicht an Handlangern fehlen, die ſich zu einem ſolchen Zwecke wohl noch beſſer haͤtten gebrauchen laſſen, als jene morgenlaͤndi⸗ ſchen Fremdlinge, deren ungewohnte Erſcheinung in jenen duͤſtern Raͤumen ſogleich einen heilloſen Zweck verkuüͤndet und Anlaß zu einem Verdacht auf Buona⸗ parte gegeben haben wuͤrde. Eine abermalige Kataſtrophe, faſt von derſelben Art, perſtaͤrkte durch ihr Zuſammentreffen mit der genannten den Argwohn, der durch das Sonderbare in dem Toke Pichegru's erregt worden war. Kapitaͤn Wright, der Pichegru und ſeine Gefaͤhr⸗ ten an die franzoͤſiſche Kuſte gebracht hatte, war zu⸗ folge eines Gefechts mit einem weit groͤßeren franzoͤ⸗ ſiſchen Kriegsſchiffe nach der tapferſten Gegenwehr in Gefangenſchaft gerathen, und unter dem Vorwande, daß ſein Zeugniß zur Ueberfuͤhrun von Pichegru und Georg erforderlich ſey, nach Paris gebracht und im 46 Tempel eingeſperrt worden. Es darf nicht unbemerkt bleiben, daß Kapitan Wright unter Sir Sidney Smith gedient hatte, und daß Buonaparte denjenigen nie ver⸗ zeihen konnte, die dazu beigetragen hatten, irgend einen ſeiner Lieblingsentwuͤrfe zu vereiteln, oder ſeinen Kriegsruhm, an dem ihm noch mehr gelegen war, zu ſchmaͤlern. Die Behandlung des Kapitaͤns Wright war ſchon ſtrenge genug, wenn ſie ſich auch nur auf eine einſame Gefangenſchaft beſchraͤnkte; allein das Geruͤcht ging, man habe ſich der Folrer bedient, um den wackern Seemann zu Bekenntniſſen zu zwingen, wie ſie den Zwecken der franzoͤſiſchen Regierung zuſa⸗ gen mochten. Dieß Geruͤcht fand vielen Glauden, als man vernahm, Wright ſey, wie Pichegru, todt in ſei⸗ nem Gemache gefunden worden, und zwar mit durch⸗ ſchnittener Kehle, was er nach der Angabe der Regte⸗ rung aus Unmuth und Verzweiflung ſelbſt gethan ha⸗ ben ſollte. Dieſer offizielle Bericht uͤber den zweiten Selbſtmord eines Staatsgefangenen gab der Meinung in Beziehung auf die ſo ahnliche Todesart von Piche⸗ gru neues Gewicht. Es hieß, der ungluͤckliche Kapi⸗ taͤn Wright ſey als das Opfer einer kleinlichen Rach⸗ ſucht Napoleon's gefallen und auch deßwegen aus dem Wege geraͤumt worden, damit durch ſeine Erſcheinung vor den Schranken eines oͤffentlichen Gerichts die grau⸗ ſame Behandlung nicht offenbar wuͤrde, die man ſich gegen ihn erlaubt hatte, um ihn zum Geſtaͤndniſſe zu bringen. 3. 333 8 47 Buonaparte hat jederzeit behauptet, daß er von dem Schickſale Pichegru's und Wright's weiter nichts wiſſe, als daß ſie durch Selbſtentleibung, und nicht durch Meuchelmoͤrder um's Leben gekommen ſeyen. Dieſe Behauptung iſt auch nie durch einen Gegenbe⸗ weis entkraͤftet worden, ſo daß in dieſer Beziehung nur von einem Verdachte die Rede ſeyn kann. In⸗ deſſen iſt es doch auffallend, daß eine ſolche Selbſtent⸗ leibungsſucht gerade damals in den Staatsgefaͤngniſſen zu Paris ausbrach, und daß dieſe zwei entſchloſſenen Feinde Napoleon's gerade zu der Zeit ſich den Tod gaben, wo es ihrem Unterdruͤcker am willkommenſten ſeyn mußte. Vor Allem aber muß man bekennen, daß Buonaparte durch ſein Benehmen gegen den Her⸗ zog von Enghien jene Reinheit des Charakters verloh⸗ ren hatte, auf die er ſich haͤtte berufen koͤnnen, um jeden Verdacht dieſer Art von ſich abzuwaͤlzen. Der Mann, der unter dem Vorwande der Staatsnothwen⸗ digkeit ſich eine ſo offene Verletzung der Gerechtigkeit zu Schulden kommen ließ, darf ſich nicht beklagen, wenn man ihn fuͤr faͤhig hielt, in jedem andern Falle Alles ſeinen Leidenſchaften oder ſeinem Intereſſe auf⸗ zuopfern. Er verſichert, Wright ſey weit fruͤher mit Tod abgegangen, als das Publikum davon in Kennt⸗ niß geſetzt worden; warum aber dieß ſo lange ver⸗ ſchwiegen worden ſey, hat er nicht angegeben. Auch der Herzog von Rovigo, der nicht die mindeſte Kennt⸗ niß von dem Tode Wright's haben will, gibt zu, daß 48 dieſe Sache noch im Dunkeln liege, und meint, Fouche habe die Hand dabei im Spiel gehabt. In den Me⸗ moiren von Fouché, ſie moͤgen nun aͤcht ſeyn oder nicht, wird dieſes Gegenſtandes nicht erwaͤhnt. Wir laſſen dieſe ſchreckliche Geſchichte in ihrem urſpruͤnglichen Dunkel, in das pielleicht erſt der juͤngſte Tag Licht bringen wird. Von Pichegrn durch deſſen eigene Hand oder die ſeiner Huter befreit, hatte es die Regierung Napo⸗ leon's noch mit Georg und ſeinen Gefaͤhrten, ſo wie mit Moreau zu thun. Mit dem erſten war die Sache bald abgethan; denn dieſer Chouan behauptete vor Ge⸗ richt denſelben furchtloſen Trotz, den er gleich anfangs gezeigt. Er bekannte ohne Weiters, nach Paris gekom⸗ men zu ſeyn, um Napoleon perſonlich zu bekriegen, und ſchien ſeine Gefangenſchaft nur darum zu bekla⸗ gen, weil ſie ſein Unternehmen vereitelt hatte. Er benahm ſich gegen ſeine Richter mit kalter Verachtung und fand Gefallen daran, Thuriot, ein ehemaliger Jakobiner, der die Verhandlungen leitete, den Herrn Tue roi(Konigstoͤdter) zu nennen. Es unterlag keiner Schwierigkeit, ein Todesnttheil gegen Georg und neunzehn ſeiner Genoſſen auszuwirken. Unter dieſen befand ſich auch Armand von Polignac, fuͤr den ein liebender Bruder einſtehen wollte. Armand von Polignac ward jedoch mit ſieben Andern von Buona⸗ parte begnadigt, oder es trat vielmehr theils Verban⸗ nung, theils Gefangenſchaft an die Stelle der Todes⸗ 49 ſtrafe. Georg nebſt den Uebrigen wurde hingerichtet; alle ſtarben mit der groͤßten Standhaftigkeit. Ddie Entdeckung und Unterdruͤckung dieſes Kom⸗ plotts ſcheint die von Buonaparte erwarteten Wirkun⸗ gen in hohem Grade hervorgebracht zu haben. Die konigliche Partei ſchwieg und fuͤgte ſich, und wuͤrde kaum noch bemerkt worden ſeyn, wenn ſie nicht in ihren Abendzerkeln durch Witzeleien, Satyren und der⸗ gleichen ihre Abneigung gegen Napoleon's Regierung offenbart haͤtte. Man machte Buonaparte Anerbie⸗ tungen, die uͤbrigen Bourbons gegen eine anſehnliche Summe aus dem Wege zu ſchaffen; allein er verwarf es mit beſſerer Einſicht, als er neuerlich bewieſen hatte. Er hielt es fuͤr kluͤger, die verbannte Familie in Ver⸗ geſſenheit zu bringen, als dieſelbe zu mißhandeln, und dadurch nur um ſo intereſſanter zu machen, und den Haß der Unterdruͤckung auf ſich zu laden. Zu dieſem Ende wurden die Namen der exilirten Familien bald nachher in allen oͤffentlichen Bekanntmachungen ſorg⸗ faͤltig beſeitigt, und in dem offiziellen Blatte Frank⸗ reichs iſt von ihr, mit Ausnahme von wenigen Faͤllen, von jener Zeit an gar nicht mehr die Rede. Dieſe Po⸗ litik war ganz richtig fuͤr ein Volk berechnet, das, wie die Franzofen, nur an den Augenblick denkt, ſich mit der Zukunft nur wenig und mit der Vergangenheit gar nicht beſchaͤftigt. So leicht es war, mit Georg und ſeinem Anhange fertig zu werden, ſo gefaͤhrlich ſchien es, die Verur⸗ Leben Napoleon's, XLVIII. 4 50 theilung von Moreau einzuleiten. Man konnte nichts gegen ihn herausbringen, als daß er, wie er ſelbſt ge⸗ ſtand, Pichegru zweimal geſprochen habe, wobei er je⸗ doch jede Theilnahme an deſſen Plane ſchlechthin leugnete. Die Mehrheit der Richter ſchien geneigt, ihn gaͤnzlich loszuſprechen, wurde aber von dem Praͤ⸗ ſidenten Hemart gewarnt, dieſes nicht zu thun, weil ſonſt die Regierung zu ſtrengeren Maaßregeln ſchreiten wurde. Zufolge dieſes Winkes, und um die Sache guͤtlich abzuthun, erklarten ſie Moreau fuͤr ſchuldig⸗ aber doch nicht in einem ſolchen Grade, daß die To⸗ desſtrafe gegen ihn verhaͤngt werden konnte. Er ward zu zweijaͤhriger Gefaͤngnißſtrafe verurtheilt; da aber die Soldaten fortwaͤhrend warmen Antheil an ſeinem Schickſal nahmen, ſo verwendete ſich Fouché, der jetzt wieder an der Spitze der Polizei⸗ ſtand, ſehr eifrig fuͤr ihn, und unterſtuͤtzte das Geſuch der Madame Moreau, das uͤber ihren Gemahl ausgeſprochene Ur⸗ theil abzuaͤndern. Seine Gefangenſchaft ward ſofort in eine Verbannung verwandelt, was für Moreau, nach dem, was neuerlich in den Staatsgefaͤngniſſen ſich zugetragen hatte, ein Vortheil und auch ſuͤr Buona⸗ parte ein Gewinn war, in ſoferne dadurch den Blicken und den Gedanken der republikaniſchen Partei und der Soldaten ein Fuͤhrer entruͤckt wurde, der wegen ſeiner militariſchen Talente haͤtte gefaͤhrlich werden koͤnnen. So entging Buonaparte einer gegen ihn angezettelten Verſchwoͤrung, und erſtarkte in ſeiner Macht wie ein 51 Kranker, deſſen inneres Geſchwuͤr durch eine heilſame Kriſis ſich nach außen geoͤffnet hat. Zweites Kapitel. Allgemeine Ennruͤſtung in Eurova uͤber den Mord des Herzogs von Enghien.— Rußland beſchwert ſich bei Talleyrand uͤber die Verletzung des badiſchen Gebiets, und bringt, wiewohl ohne Erfolg, mit Schweden ſeine Vorſtellungen in einer beſondern Rote vor den deutſchen Reichstag.— Beſchuldigungen, von Buvnaparte gegen Hrn. Drake und Hrn. Spencer Smith vor⸗ gebracht; dieſe werden ſodann von den Poͤfen in Stuttgart und Muͤnchen ausgewieſen.— Verhaſtung, Einkerkerung und Wie⸗ derentlaſſung von Georg Rumbold, des brittiſchen Geſandten bei dem niederſaͤchſiſchen Kreiſe.— Verſuchter Anſchlag gegen LTord Elsin durch die Agenten Rapoleon’'s.— Dieſer wird durch die muſterhafte Klugheit des Lords vereitelt.— Die Beſchuldi⸗ gungen werden vor das Haus der Gemeinen gebracht, und von dem Kanzler der Schatzkammer auf das Beſtimmmteſte abgeleugnet. Durch den Ausgang der Verſchwoͤrung von Piche⸗ gru gewann Buonaparte, wie wir geſehen haben, be⸗ deutend an Macht, doch verlor er hinwiederum an Achtung durch ſein tuͤckiſches und grauſames Verfah⸗ ren gegen den Herzog von Enghien und durch den argen Verdacht, den das raͤthſelhafte Schickſal von Pi⸗ chegru und Wright gegen ihn weckte. Er ward nicht laͤnger als Sieger und Geſetzgeber verehrt, ſeitdem er gezeigt hatte, daß er in einer Aufwallung unbaͤndiger Leidenſchaft, oder aus unverſoͤhnlichem Haſſe faͤhig war, die niedertraͤchtigſte und blutigſte Rache zu neh⸗ men. Die Entruͤſtung auf dem Continent war groß 8 5² und allgemein, obgleich nur Rußland und Schweden es wagten, ihre Mißbilligung eines ſo voͤlkerrechts⸗ widrigen Verfahrens auszuſprechen. Der Hof von St. Petersburg legte wegen des Todes des Herzogs von Enghien Trauer an, und waͤhrend der ruſſiſche Ge⸗ ſandte zu Paris ſich bei Talleyrand uͤber die Verletzung des badiſchen Gebiets beſchweren mußte, erhielt der ruſſiſche Geſandte zu Regensburg die Weiſung, dieß⸗ falls bei dem Reichstage eine Note einzureichen. Der ſchwediſche Miniſter that das Gleiche. Die Erwiede⸗ rung des franzoͤſiſchen Geſandten war feindſelig und beteidigend. Er ſprach mit Hohn von der Anmaßung Rußlands, ſich in die Angelegenheiten von Frankreich und Deutſchland zu miſchen, und beſchuldigte dieſe Macht der Abſicht, den Krieg in Europa wieder an⸗ zufachen. Dieſe Korreſpondenz trug viel dazu bei, die zwiſchen Frankreich und Rußland bereits beſtehenden Mißverſtaͤndniſſe zu vermehren und Frankreich mit dieſem maͤchtigen Feinde in einen neuen Krieg zu verwickeln. Die von Rußland und Schweden zu Regensburg eingereichte Note hatte ganz leine Folgen. Oeſterreich war zu ſehr geſchwaͤcht und vermochte nichts uͤber Preußen, das ſich ſo enge an Frankreich angeſchloſſen hatte; und wie haͤtte eine der kleineren Maͤchte durch eine Beſchwerde uͤber die Verletzung des badiſchen Gebietes es wagen koͤnnen, den Unwillen des erſten Konſuls auf ſich zu ziehen? Das Blut des Herzogs 5³ von Enghien ſollte inzwiſchen nicht ungeraͤcht bleiben. Der Großherzog von Baden bat zwar ſelbſt, daß man die Sache auf ſich beruhen laſſen moͤge; allein viele von den deutſchen Regenten fuͤhlten als Menſchen, was ſie als Fuͤrſten zu ruͤgen in ihrer Schwäche nicht wagen durften. Dieſer Gegenſtand kam oft und auf das Nachdruͤcklichſte uͤberall wieder zur Sprache, wo ſich eine Gelegenheit zeigte, dem weitſtrebenden Er⸗ oberer Widerſtand zu leiſten; die Tuͤcke und die Grau⸗ ſamkeit dieſer That regten ſtets neue Feinde gegen ihn auf, die zuletzt ſtark genug wurden, ſeinen Sturz zu bereiten. Aus den mannigfaltigen und ſich wider⸗ ſprechenden Gruͤnden, welche Buonaparte hervorſuchte, ſein Verfahren zu vertheidigen, ſey es nun, daß er daſſelbe rechtfertigen oder beſchoͤnigen, oder daß er auf Andere ein Verbrechen ſchieben wollte, wozu nur er einen Beweggrund und die Mittel hatte— geht her⸗ vor, daß er die Hinrichtung des Herzogs von Enghien fuͤr die verwerflichſte und unklugſte That ſeines Lebens hielt. Wohl wiſſend, wie ſehr er dadurch in der oͤffent⸗ lichen Meinung verloren habe, war Buonaparte dar⸗ auf bedacht, die Meinung zu verbreiten, er ſey durch die Anſchlaͤge der engliſchen Regierung gegen ſein Le⸗ ben genoͤthigt worden, auf dieſe Weiſe das Recht der Wiedervergeltung zu uͤben. Er that Alles, um in dieſer Hinſicht die Welt zu überzeugen, wobei ihm die Unvor ichtigkeit des Hrn. Drake, des brittiſchen Ge⸗ 54 ſandten zu Muͤnchen, nicht wenig zu Statten kam. Dieſer Agent der brittiſchen Regierung hatte eine ge⸗ heime Korreſpondenz mit einem ehrloſen Manne, Namens Mehée de la Touche, unterhalten, der, die NRoeolle eines Royaliſten und eines Feindes von Buona⸗ parte ſpielend, von dem erſten Konſul eigentlich dazu aufgeſtellt war, Hrn. Dracke zu Aeußerungen zu verlei⸗ ten, durch welche die engliſchen Miniſter, ſeine Kom⸗ mittenten, kompromittirt wurden und Buonaparte ſeine gegen dieſelben vorgebrachten Beſchuldigungen begruͤn⸗ den koͤnnte. Es ſcheint ausgemacht, daß Hr. Dracke durch die Vermittlung von la Touche einen Aufſtand der Royaliſten und anderer Feinde Napoleon's, mit welchem ſich ſein Vaterland im Kriege befand, zu be⸗ wirken ſuchte, und zwar in Gemaͤßheit der Sitte aller kriegfuͤhrenden Nationen, die mit den Mißvergnuͤgten in dem Lande ihres Gegners jederzeit Verbindungen anzuknuͤpfen pflegen. Seine Briefe laſſen aber, wenn man anders die Worte nicht verdrehen will, ſchlechter⸗ dings nicht die Deutung zu, daß er diejenigen, mit denen er ſich in Korreſpondenz glaubte, zum Mord und andern durch das Voͤlkerrecht verbotenen Schritten habe aufmuntern wollen. Was Hrn. Dracke vielleicht zur Laſt faͤllt, iſt, daß er die Aufrichtigkeit deßjenigen, mit dem er zu thun hatte, zu wenig in Zweifel zog. Herr Spencer Smith, brittiſcher Geſandter in Stutt⸗ gart, war in eine aͤhnliche Intrike verwickelt, die n. 5⁵ gleichfalls eine ihm von der franzoͤſiſchen Regierung gelegte Falle geweſen zu ſeyn ſcheint. Buonaparte unterließ nicht, den erſchoͤpfendſten Gebrauch von dieſen angeblichen Entdeckungen zu ma⸗ chen, die von Regnier, dem Großrichter, der Oeffent⸗ lichkeit uͤbergeben wurden. Er rief das Voͤlkerrecht an, als hauste der Herzog von Enghien noch friedlich in Ettenheim und ſprach von Meuchelmord, als haͤtte vom Tode Pichegru's nichts verlautet. Die fuͤgſamen Souveraine von Muͤnchen und Stuttgart ermaugelten nicht, die Herren Smith und Dracke fortzuſchicken; und letzterer mußte ſich ſogar zu Fuß und auf Neben⸗ wegen davon machen, um nicht von franzoͤſiſchen Gens⸗ d'armen aufgegriffen zu werden. Das Schickſal, welches Hr. Dracke befuͤrchtete, und dem er vielleicht mit genauer Noth entging, traf da⸗ gegen in der That Sir Georg Rumbold, Reſidenten in der freien Stadt Hamburg, wo er ſich in der Eigenſchaft eines brittiſchen Geſandten bei dem nieder⸗ ſaͤchſiſchen Kreiſe aufhielt. In der Nacht vom z25 ſten Oktober ward er unter frecher Verletzung der Sicher⸗ heit, welche das Voͤlkerrecht den Geſandten gewaͤhrt, ſo wie eines neutralen Gebiets, von einer Abtheilung franzoͤſiſcher Truppen, die zu dieſem Behuf uͤber die Elbe gegangen war, feſtgenommen, mit ſeinen Papie⸗ ren nach Paris gebracht, und in dem beruͤchtigten Tempel eingeſperrt. Selbſt die Miniſter Napoleon's befuͤrchteten, es moͤchte dieſe Einkerkerung nur ein 56 Vorſpiel zu weitern Gewaltthaͤtigkeiten ſeyn; Fouché und Talleyrand boten Allem auf, um dergleichen ab⸗ zuwenden. Auch der Koͤnig von Preußen that Ein⸗ ſprache, ſo daß Sir Georg Rumbold nach zweitägiger Einkerkerung und auf ſein Ehrenwort, nicht wieder nach Hamburg zuruͤckzukehren, in ſein Vaterland ent⸗ laſſen wurde. Es iſt wahrſcheinlich, daß, obgleich der Moniteur dieſen Gentleman den wuͤrdigen Genoſſen eines Dracke und Spencer Smith nennt, und von Entdeckungen ſpricht, die geeignet ſeyen, die Politik Englands ins Licht zu ſetzen, doch nichts Beſtimmtes gegen ihn ausfindig gemacht werden konnte, wodurch dieſer Gewaltſtreich des erſten Konſuls ſich auch nur einigermaßen haͤtte beſchoͤnigen laſſen. Die Art, wie ſich Buonaparte bei einer andern Gelegenheit gegen einen ausgezeichneten brittiſchen Großen benahm, obgleich dieſer mit vieler Klugheit der ihm gelegten Schlinge zu entgehen wußte, zeigt auf eine ſehr auffallende Weiſe, was die franzoͤſiſche Polizei ſich erlaubte, und was von den Beweiſen zu halten ſey, durch welche Buonaparte ſeine verleumde⸗ riſchen Beſchuldigungen gegen Großbrittannien und deſ⸗ ſen Unterthanen zu begruͤnden ſuchte. Lord Elgin, fruͤher brittiſcher Geſandter in Kon⸗ ſtantinopel, war auf ſeiner Reiſe durch Frankreich gegen alles Voͤlkerrecht feſtgenoemmen worden, und wohnte zu der Zeit, von der die Rede iſt, zu Pau im füdlichen Frankreich, als ein ſogenannter Detenues, 57 nachdem er ſein Ehrenwort gegeben hatte, nicht ent⸗ weichen zu wollen. Kurz nach der Verhaftung von Moreau, Georg u. ſ. w. kam Befehl nach Pau, Seine Herrlichkeit in enge Verwahrung zu bringen, zur Wie⸗ dervergeltung, wie es hieß, der gegen den General Boyer in England veruͤbten Mißhandlung. Ueber die⸗ ſen Punkt war aber der franzoͤſiſchen Regierung von Seite Englands die genuͤgendſte Auskunft bereits ge⸗ geben worden; in den Pariſer Blaͤttern wurde dagegen die Verhaftung des Lords dem voͤllig grundloſen Um⸗ ſtande zugeſchrieben, daß er ſich in der Tuͤrkei Grau⸗ ſamkeiten gegen die franzoͤſiſchen Kriegsgefangenen habe zu Schulden kommen laſſen. Lord Elgin wird inzwiſchen in das feſte, am Abhange der Pyrenaͤen gelegene Kaſtell Lourdes gebracht und dort von dem Kommandanten, der ihn genau kannte, wie ein ganz fremder Menſch mit der groͤßten Kaͤlte und Zuruͤckhal⸗ tung empfangen. Der Kommandant und ſein Lieu⸗ tenant gaben ſich uͤberdieß noch alle Muͤhe, das em⸗ poͤrte Gefuͤhl eines Mannes noch mehr aufzureitzen, der dem Schooße ſeiner Familie entriſſen und in eine entlegene Feſtung gebracht, von der Welt geſchieden und der Entbehrung der gemeinſten Bequemlichkeiten die traurigſten Tage verleben mußte. Es gelang ihnen jedoch nicht, ihrem Gefangenen irgend eine leiden⸗ ſchaftliche Aeußerung zu entlocken, ſo ſehr dieſer auch uͤber Mißhandlung mit Recht zu klagen hatte.—. Nach Ablauf einiger Tage ſtellte ein Sergeant 58 von der Wache dem Lord Elgin einen Brief zu, von einem Manne, der ſich als Mitgefangener ausgab, der aber, in einem beſondern Zwinger eingeſperrt, zu ſei⸗ nem großen Bedauren Sr. Herrlichkeit nicht aufwar⸗ ten konnte, den Lord aber, falls er im Hofraum fri⸗ ſche Luft ſchoͤpfen wuͤrde, von ſeinem Fenſter aus zu ſprechen verlangte. Lord Elgin, der mit Recht Ver⸗ racht ſchoͤpfte, vernichtete ſofort dieſen Brief, gab dem Sergeanten einen Louisd'or und bedeutete ihm, daß, wenn er oder einer ſeiner Kameraden ſich nochmals beigehen laſſen ſollte, ihm einen ſolchen Brief zu uͤberbringen, er den Kommandanten davon in Kenntniß ſetzen wuͤrde. Als ſich der letztere kurz nachher mit Lord Elgin unterhielt, ſprach er von dem erwaͤhnten Gefangenen als von einem Manne, deſſen Geſundheit aus Mangel an Bewegung leide, und ſchon am naͤch⸗ ſten Tage ſah der Lord eben dieſen Menſchen in dem Hofe vor ſeinem Fenſter auf⸗ und abgehen, unter allen Andeutungen, mit ſeiner Herrlichkeit ſprechen zu wollen, was der Lord aber zu vermeiden wußte. Eiinnige Wochen nachher, und erſt, als er die ſtrengſte Behandlung und manche Verxationen erduldet hatte, erhielt Lord Elgin die Erlaubniß, wieder nach Pau zuruͤckzukehren, war aber darum den Netzen, die ihm die Argliſt der franzoͤſiſchen Regierung geſtellt hatte, noch nicht entgangen. Die Frau, welche in der Wohnung des Lords die Dienſte einer Thuͤrhuͤte⸗ rinn verſah, brachte ihm eines Morgens ein Paket, das — 59 ihr, wie ſie ſagte, durch ein Weibsbild vom Lande uͤbergeben worden ſey, die auf Antwort warte. Mit derſelben Klugheit, die er ſich ſchon zu Lourdes zum Geſetze gemacht hatte, hielt Lord Elgin die Ueberbrin⸗ gerinn zuruͤck und fand, daß der Brief von dem bereits erwaͤhnten Staatsgefangenen kam, und die Angabe enthielt, daß er wegen eines Verſuchs, die franzoͤſiſche Flotte in Brand zu ſtecken, eingekerkert worden ſey, mit dem Beifuͤgen, daß er dieſen Plan, den er aus⸗ fuhrlich entwickelte, noch nicht aufgegeben habe und nicht umhin koͤnne, zu glauben, daß derſelbe fuͤr einen Engländer intereſſant ſeyn muͤſſe. Auch enthielt das Paket Briefe an den Grafen von Artois und andere Fremde von Auszeichnung, die Lord Elgin zu befoͤrdern erſucht ward. Dieſer warf die Briefe in Gegenwart der Ueberbringerinn in's Feuer, und hielt letztere ſo lauge zuruͤck, bis Alles verbrannt war, wobei er ihr erklaͤrte, baß, wenn ſolche Briefe ihm wieder durch einen audern Kanal, als durch die gewoͤhnliche Poſt zukäͤme, er ſie dem Gouverneur der Stadt uͤberliefern werde. Ferner hielt es der Lord fuͤr ſeine Pllicht, den Praͤfekten von der in dem Briefe angegebenen Verſchwoͤrung in Kanntniß zu ſetzen, jedoch unter der Bedingung, daß, wenn die Sache nicht auch von au⸗ dern Seiten her bekannt werde, keine weitern Schritte gethan werden moͤchten. Bald nach dieſen Vorfaͤllen, zu der Zeit, als Buo⸗ naparte im Begriff ſtand, die Kaiſerkrone anzunehmen, 60 und wo man daher einer Begnadigung der Staats⸗ gefangenen entgegen ſehen zu koͤnnen glaubte, legte Lord Elgin's Mitgefangener zu Lourdes, der wie es ſchien, zugleich ein Gefangener und ein Spion war, in der Hoffnung, auch begnadigt zu werden, ein vol⸗ les Bekenntniß uͤber alles ab, was er gegen Napo⸗ leon's Intereſſen beabſichtigt oder gethan hatte. Lord Elgin, dem dieſes Bekenntniß, das in dem Moniteur erſchien, keineswegs gleichguͤltig ſeyn konnte, war nicht wenig erſtaunt, als er fand, daß die darin enthalte⸗ nen Einzelnheiten nicht die mindeſte Beziehung auf den Plan hatten, die Breſter Flotte zu verbrennen. Er verlor keine Zeit, einen Bericht uͤber das, was wir bereits erzaͤhlt, an einen Freund in Paris gelan⸗ gen zu laſſen; dieſer theilte denſelben Hrn. Fargues, Senator des Diſtrikts von Bearn, wo das Komplott haͤtte ausgefuͤhrt werden ſollen, mit. Der Senator veraͤnderte die Farbe, als er das Schreiben des Lords las, und druͤckte ſogleich ſeine lebhafteſten Gluͤckwuͤn⸗ ſche uͤber die, wie er ſie nannte, wunderbare Rettung Lord Elgin's aus. Dann erzaͤhlte er mit aͤngſtlicher Zoͤgerung, daß das Ganze eine dem Lord gelegte Schlinge geweſen, daß die Briefe in Paris geſchrieben und durch einen vertrauten Agenten nach Bearn geſendet worden ſeyen, in der Erwartung, daß man dieſelben bei dem Lord finden wuͤrde. Dieß ward auch, von dem Kom⸗ mandanten von Lourdes beſtaͤtigt, mit welchem Lord Elgin in der Folge eine ganz vertrauliche Unterredung 61 4 hatte, in der dieſer, die Rolle eines Kerkermeiſters ablegend, ſich wie ein rechtlicher Mann benahm. Er ſchrieb die Befreiung des Lords dem guͤnſtigen Be⸗ richte zu, welchen er und ſein Lieutenant uͤber die wuͤrdige Weiſe erſtattet hatten, mit welcher der Lord ſich aller Schmaͤhungen gegen Frankreich und deſſen Beherrſcher enthalten habe, ſo ſehr ſie auch, zufolge des ihnen gewordenen Auftrags, es darauf angelegt hatten, ihm Aeußerungen zu entlocken, durch welche er ſich eine ſtrengere Behandlung zugezogen und als brittiſcher Diplomat ſeinen Hof kompromittirt haben wuͤrde*). Dieſe Geſchichte iſt in der That ein ſehr lichtvol⸗ ler Kommentar der Umtriebe, deren man die Herren Dracke und Spencer, und ſpaͤter auch Sir Georg Rumbold beſchuldigt hat; auch wird die Gefangenſchaft des ungluͤcklichen Kapitains Wright dadurch nicht min⸗ der ins Licht geſetzt. Mit etwas weniger Klugheit und Geiſtesgegenwart haͤtte Lord Elgin der ihm ſo treuloſerweiſe gelegten Schlinge nicht entgehen koͤnnen. Haͤtte er auch nur zehn Minuten lang ſich in ein Geſpraͤch mit dem ſchaͤndlichen Spaͤher und Mordbren⸗ ner eingelaſſen, ſo waͤre es in der Macht dieſes Men⸗ ſchen geſtanden, den Inhalt nach ſeinem Belieben dar⸗ zuſtellen. Oder haͤtte der Lord, was er auf die un⸗ *⁴) Dieſe Details ſind aus einem Manuſcript genommen, das uns Lord Elgin mitzutheilen die Guͤte hatte. 62 ſchuldigſte Weiſe thun konnte, jenes Paket nur eine halbe Stunde bei ſich behalten, ſo wuͤrde er ohne Zwei⸗ fel ſammt demſelben ergriffen worden ſeyn, wo es ihm ſodann unmoͤglich geworden waͤre, ſich gegen die Beſchuldigungen zu vertheidigen, die Buonaparte auf einen ſo verdaͤchtigen Umſtand gruͤnden konnte. Waͤhrend Napoleon ſich ſolchergeſtalt die chändlic⸗ ſten Mittel erlaubte, um einen brittiſchen Geſandten von ſo hohem Range eines Anſchlags gegen ſeine Per⸗ ſon bezuͤchtigen zu koͤnnen, wieſen die brittiſchen Mi⸗ niſter in dem maͤnnlichſten und wuͤrdigſten Tone die niedertraͤchtigen Beſchuldigungen zuruͤck, die man auf dem Continent gegen ſie in Umlauf gebracht hatte. Als Lord Morpeth dieſe Sache in einer Motion, die ſich auf die Korreſpondenz des Hrn. Dracke bezog, im Unterhaus zur Sprache brachte, erwiederte der Kanz⸗ ler der Schatzkammer:„Ich danke dem edlen Lord, daß er mir Gelegenheit gibt, eine der groͤbſten und abſcheulichſten Verleumdungen, die je von einer ciyili⸗ ſirten Nation gegen eine andere vorgebracht worden ſind, offen und muthig zuruͤckzuweiſen. Ich betheure, daß Niemand von der Regierung ermaͤchtigt oder an⸗ gewieſen worden iſt, das Voͤlkerrecht ſolchergeſtalt zu verletzen; ich betheure abermals, ſowohl in meinem eigenen, als in dem Namen meiner Kollegen, daß kein ſterblicher Menſch von uns den Auftrag erhalten hat, irgend etwas, was der Ehre des Vaterlandes und 63 den Vorſchriften der Humanitaͤt zuwider iſt, zu un⸗ terzeichnen.“ Dieſe beſtimmte Erklaͤrung, von den brittiſchen Miniſtern in einer Lage gbgegeben, wo jede Unwahr⸗ heit denjenigen, die ſich ſolche erlaubten, Gefahr brin⸗ gen mußte, mag jener ſchaͤndlichen Korreſpondenz ent⸗ gegengeſtellt werden, deren ſich die Franzoſen durch die widerrechtlichſten Mittel bemaͤchtigt hatten, und die lediglich das Reſultat der Intriken ihrer eigenen Agenten war. Drittes Kapitel. Rapoleon’s Plan, den Titel des erſten Konſuls in den eines Kaiſers umzuſchaffen.— Im Tribunat wird ſoͤrmlich darauf angetragen. — Carnot ſetzt ſich dagegen.— Das Tribunat und der Senat nehmen den Antrag an.— Umriß des neuen Syſtems.— Es findet bei dem Volke wenig Beifall.— Napoleon beſucht Boulogne, Aachen und die deutſchen Grenzen, wo er ehrerbietig empfangen wird.— Die Kroͤnung.— Pius VII. wird aufgefordert, dieſelbe in Paris zu verrichten.— Einzelnheiten.— Betrachtungen.— Veraͤnderungen in Italien.— Napoleon wird der Beherrſcher dieſes Landes, und in Mailand gekroͤnt.— Genua wird mit Frankreich vereinigt. Die Zeit ſchien nun fuͤr Buonaparte guͤnſtig, den letzten Auftritt in dem großen Drama, das er bis jetzt mit eben ſo viel Geſchicklichkeit, als Kuͤhnheit und Gluͤck geſpielt hatte, herbeizufuͤhren. Die ver⸗ ſchiedenen Faktionen des Staats lagen gewiſſermaßen 64 zu ſeinen Fuͤßen. Des Herzogs von Enghien und Pichegru's Tod hatte die Royaliſten eingeſchuͤchtert, und nach der Verbannung Moreau's waren die Re⸗ publikaner gleichſam verwaist und ohne Fuͤhrer. Wenn dieſe Ereigniſſe den Menſchenwerth Napo⸗ leon's bedeutend herabſetzten, ſo ſteigerten ſie hinwie⸗ derum die Begriffe von ſeiner Macht und ſeinem un⸗ erſchuͤtterlichen Entſchluſſe, ſich derſelben gegen alle ſeine Widerſacher in dem uͤberſchwenglichſten Maaße zu bedienen. Dieſer Moment allgemeiner Scheu und Unterwuͤrfigkeit war daher wohl der geeignetſte, um den militaͤriſchen Kommandoſtab des erſten Konſuls in einen Scepter umzuwandeln, wie ihn die alten euro⸗ paͤiſchen Herrſchergeſchlechter fuͤhrten, und es blieb dem, der uͤber Frankreich nach Gefallen verfuͤgen konnte, weiter nichts mehr zu thun uͤbrig, als die Formen und die Art ſeiner Herrſchermacht zu beſtimmen. Der Titel eines Koͤnigs mußte ſich von ſelbſt dar⸗ bieten; allein er ſtand mit den Anſpruͤchen der Bour⸗ bons in Verbindung, die Buonaparte begreiflicherweiſe nicht in Erinnerung bringen wollte. Der Titel eines Kaiſers dagegen mahnte an einen noch gewaltigeren Herrſcher, und es gab keinen Mitbewerber, der ihm denſelben ſtreitig machen konnte. Auch war er neu und darum den veraͤnderungsluſtigen Franzoſen ange⸗ nehm; und obgleich die Gruͤndung eines Kaiſerreichs mit dem ſo oft dem Koͤnigthum geſchwornen Haſſe ſich nicht vertrug, ſo ſtand er doch mit demſelben nicht 65 in ſo grellem Widerſpruche, als die Wiederherſtellung eines Königreichs, und in ſofern mußte er diejenigen anſprechen, denen es eben nicht darum zu thun war, ihrem Eide treu zu bleiben, die aber, wenigſtens mit Huͤlfe der Worte, dem Vorwurſe entgehen woll⸗ ten, denſelben gebrochen zu haden. In den Ohren Napoleon's mochte das Wort Koͤnig wie eine Benen⸗ nung klingen, durch welche ſeine Macht in die Greu⸗ zen des alten Koͤnigreichs eingeengt wurde; das Wort Kaiſer dagegen erinnerte an die weitgreifende Herr⸗ ſchaft des alten Roms, an ein die ganze bewohnbare Erde umfaſſendes Gebies. Da die Maſſe der Nation ſich leidend verhielt oder eingeſchuͤchtert war, ſo war es eben nicht noͤthig⸗ viele Umſtaͤnde mit den conſtitutionellen Koͤrperſchaften zu machen, deren Mitglieder von Buonaparte gewaͤhlt und bezahlt waren, ihre Stellen nach ſeinem Belieben verloren oder behielten, jede Befoͤrderung erſtreben konnten, wenn ſie ſeinen Zwecken dienten, und Alles, wenigſtens ihre Abſetzung, zu befuͤrchten hatten, wenn ſie ihm in den Weg traten. 4 Curee, ein Redner von weniger Bedeutung, wahr⸗ ſcheinlich aber eben deßwegen gewaͤhlt, damit er naͤm⸗ lich, wenn ſein Verſchlag nicht durchgehen ſollte, um ſo eher verleugnet werden konnte— ſchlug am Soſien April 1604 die Maaßregel vor, die auch die kleinſten Ueberreſte einer freien Verfaſſung vollends vernichten ſollte, die Frankreich unter ſeiner gegenwaͤrtigen Re⸗ Leben Napoleon'd, XLVIII. 5 66 gierungsform noch geblieben.—„Es iſt Zeit,“ ſagte er,„politiſchen Taͤuſchungen zu entſagen. Frankreichs innere Ruhe iſt wieder hergeſtellt,— der Friede mit den auswaͤrtigen Maͤchten iſt durch glaͤnzende Siege verbuͤrgt. Unſere Finanzen ſind wieder geordnet, un⸗ ſere Geſetzbuͤcher erneuert und wieder hergeſtellt. Es iſt Zeit, der Nation den Genuß dieſer Wohlthaten auch in der Zukunft zu ſichern.“— Hiezu gab es, nach der Verſicherung des Redners, kein anderes Mit⸗ tel, als die hoͤchſte Gewalt in der Perſon und Familie Nappoleon's, dem Frankreich ſo viel verdanke, erblich zu machen. Dieß behauptete er, ſey das einſtimmige Verlangen der Armee und des Volkes. Er lud daher das Tribunat ein, den allgemeinen Wunſch zu ver⸗ wirklichen, und Napoleon Buonaparte mit dem Titel eines Kaiſers, der der Wuͤrde der Nation am beſten entſpreche, zu begruͤßen. 3 Die Mitglieder des Tribunats wetteiferten mit⸗ einander in der Lobpreiſung der Verdienſte Napoleon's, und verſuchten durch logiſche Formeln und redneriſche Phraſen die Vorzuͤge der Willkuͤhrberrſchaft vor allen volksthuͤmlichen oder beſchraͤnkten Regterungen zu be⸗ weiſen. Der einzige Carnot war keck genug, gegen dieſe Fluth von Sophismen und Schmeicheleien anzu⸗ ſchwimmen. Leider war dieſer Mann ein Kollege von Robespierre und Mitglied des Revolutionsausſchuſſes, und eben ſo einer der Richter geweſen, die fuͤr den Tod des mißhandelten, ſo harmloſen Ludwigs XVI. 67 ſtimmten. Sein ruͤhmliches Benehmen in dem kriti⸗ ſchen Falle, von dem hier die Rede iſt, zeigt aber, daß der Freiheitseifer, der ihn zu ſolchen Ausſchweifungen verleitete, aͤcht und aufrichtig war, und daß dieſer Mann an Feſtigkeit und patriotiſchem Sinne es den geprieſenen Patrioten des Alterthums gleich that. Sein Vortrag war eben ſo gemaͤßigt als inhaltſchwer und beredt. Auch nach ihm hatte Buonaparte Frankreich gerettet, und zwar durch Ausuͤbung einer unumſchraͤnk⸗ ten Gewalt; dieß ſey aber, wie er behauptete, nur die momentane Folge einer jener heftisen Kriſen, de⸗ nen die Republiken ausgeſetzt ſind, und jener Uebel geweſen, denen nur durch ein eben ſo gewaltſames Gegenmittel Einhalt gethan werden konnte. Das Oberhaupt der gegenwaͤrtigen Regierung ſey ein Dikta⸗ tor, aber in demſelben Sinne wie ein Fabius, Camil⸗ lus und Cincinnatus, die, nachdem ſie mit der ihnen anvertranten hoͤchſten Gewalt dasjenige, was ſie ſollten, geleiſtet hatten, wieder in den Stand ſchlichter Buͤr⸗ ger zuruͤckgetreten ſeyen. Daſſelbe ſey auch von Buo⸗ naparte zu erwarten, der, an die Spitze der Staats⸗ regierung getreten, dieſelbe mit republikaniſchen For⸗ men umgeben und den Eid geſchworen habe, dieſelben zu bewahren— einen Eid, der nach dem Antrage von Curee jetzt gebrochen werden ſollte. Die verſchiebenen republlkaniſchen Formen Frankreichs ſeyen zwar un⸗ haltbar gefunden worden, was aber nur der ſtuͤrmi⸗ ſchen Periode, in welcher man ſie angenommen, und 68 dem reizbaren und heftigen Temperament von Maͤn⸗ nern beizumeſſen ſey, die in der politiſchen Partei⸗ wuth einer ruhigen und philoſophiſchen Ueberlegung unfaͤhig geweſen; dagegen wies er auf die Vereinigten Staaten von Amerika, als das Muſter einer eben ſo weiſen, als kraͤftigen und dauerhaften demokratiſchen Regierung hin. Er pries die Tugenden und die Ta⸗ lente des gegenwaͤrtigen Beherrſchers von Frankreich, beſtritt aber, daß dieſe Eigenſchaften mit dem Throne vererbt werden koͤnnten. Er erinnerte das Tribunat daran, daß Domitian der Sohn des weiſen Vespaſian, Caligula der Sohn des Germanicus, und Commodus der des Mare Aurel geweſen ſey. Er ſtellte die Frage auf: ob nicht der Ruhm Napoleon's verkuͤmmert werde, wenn man an die Stelle eines Namens, den er ſo ſehr verherrlicht habe, einen neuen Titel ſetze? wenn man ihn einlade, das Zerſtoͤrungswerkzeug deſ⸗ ſelben Landes zu werden, dem er unſchaͤtzbare Dienſte geleiſtet? Sodann ſprach er die unleugbare Wahrheit aus, daß, wie groß auch das Verdienſt eines Indivi⸗ duums um den Staat, dem es angehoͤre, ſeyn moͤge, der Dank der Nation ſeine durch Ehre und Vernunft beſtimmten Grenzen habe. Wenn es einem Buͤrger gelungen, die Rettung ſeines Vaterlandes zu bewirken oder ſeine Freiheit wiederherzuſtellen, ſo ſey es eben kein angemeſſener Dank, ihm dieſelbe Freiheit, die ſein Werk jey, zum Opfer zu bringen. Wie köoͤnnte, ſo frug er, der Ruhm eines ſelbſtſuͤchtigen Mannes 69 noch gehoben werden, wenn er zum Lohn ſeiner Dienſte die Vernichtung der Unabhaͤngigkeit ſeines Vaterlandes verlangen und den Staat, den er durch ſeine Talente gerettet, zu ſeinem Erbgut machen wollte? Carnot ſchloß ſeine maͤnnliche und patriotiſche Rede „mit der Erklarung, daß, ungeachtet er ſich aas Ueber⸗ zeugung dem vorgeſchlagenen Wechſel der Regierung widerſetzen muͤſſe, er ihr nichts deſto weniger, falls die Nation damit einverſtanden ſey, unbedingt gehor⸗ chen werde. Er hielt auch Wort und zog ſich in das Privatleben zuruͤck, in einer Armuth, die einem Staatsmanne zur groͤßten Ehre gereichen mußte, der die hoͤchſten Aemter bekleidet hatte und dem es ein Leichtes geweſen waͤre, unermeßliche Schaͤtze zu ſam⸗ meln. Nachdem er ſeine Rede geendet hatte, ſtritten ſich ſeine knechtiſch⸗geſinnten Kollegen unter einander um die Ehre, die von ihm vorgebrachten Gruͤnde zuerſt zu widerlegen. Es waͤre ein leidiges Geſchaͤft, alle ihre Sophismen anzufuͤhren. Sie beriefen ſich auf die Talente Napoleon's, auf die Dienſte, die er Frank⸗ reich geleiſtet, und auf die Nothwendigkeit, dieſelben durch einen angemeſſenen Akt der Nationaldankbarkeit anzuerkennen. Ihre Beredtſamkeit glich derjenigen einer verſchmitzten Kupplerinn, die ein einfaͤltiges Maͤd⸗ chen zu uͤberreden ſucht, daß die Dienſte, die ihr ein freigebiger Liebhaber erwieſen, nur durch die Auf⸗ opferung ihrer Ehre belohnt werden koͤnnten. Das 7⁰ Bere rede— denn es war weder eine Debatte, noch eine Peraruu— dauerte drei Tage, nach welchen der Anzrag von Curee im Dribunate durchging, ohne daß⸗ außer dem unbeugſamen Carnot, ſich Jemand dagegen erhoben haͤtte. Der Senat, dem das Tribunat ſofort ſeinen An⸗ trag, den Deſpotismus unter ſeinem wahren Namen einzufuͤhren, vorlegte, beeilte ſich, einen Beſchluß zu erlaſſen, durch welchen die neue Verfaſſung Frankreichs feſtgeſetzt wurde. Der Umriß derſelben(denn wozu wuͤrde es nuͤtzen, die Details eines Planes anzugeben, der gleichſam in den Sand geſchrieben war und von der Fluth der Ereigniſſe wieder verſcuwenmnt worden iſt) war folgender:— Erſtens: Napoleon Buonaparte wurde zum Erb⸗ kaiſer von Frankreich erklaͤrt. Das Reich ſollte in der maͤnnlichen Linie der unmittelbaren Abkoͤmmlinge des Kaiſers erblich ſeyn. In Ermanglung dieſer konnte Napoleon die Soͤhne oder Enkel ſeiner Bruͤder in der ihm beliebigen Ordnung als Nachfolger adoptiren. In Ermanglung ſolcher Adoptiverben waren Joſeph und Lubwig Buonaparte die geſetzlichen Erben des Kaiſer⸗ reichs. Lucian und Hieronymus Buonaparte hingegen wurden von dieſer reichen Erbſchaft ausgeſchloſſen, weil beide ſich das Mißfallen Napoleon's dadurch zu⸗ gezogen, daß ſie ohne ſeine Bewilligung geheirathet hatten. Hweitens: Die Mitglieder der kaiſerlichen Familie 71 wurden zu Prinzen von Gebluͤt, und die Aemter eines Großwaͤhlers, Erzkanzlers des Reichs, Erzkanzlers des Staats, Reichskonnetabels und Großadmirals durch ein Senatsdekret als Reichswuͤrden erklaͤrt. Dieſe von dem Kaiſer ſelbſt ernannten Großwuͤrdentraͤger, die aus ſeinen Verwandten, Freunden und getreueſten Anhaͤn⸗ gern beſtanden, bildeten ſeinen großen Rath. Der „Nang eines Reichsmarſchalls wurde ſiebenzehn der aus⸗ gezeichnetſten Generale ertheilt, unter denen ſich Jour⸗ dan, Augereau und andere einſt ſo eifrige Republika⸗ ner befanden. Duroc ward Großmarſchall des Pala⸗ ſtes, Caulaincourt Oberſtallmeiſter, Berthier Oberjaͤger⸗ meiſter und Graf von Segur, ein Edelmann vom alten Hofe, Oberceremonienmeiſter. So mußten die republikaniſchen Formen endlich und fuͤr immer dem Hofweſen Platz machen, und die⸗ ſelbe Nation, die ſich weder mit einem maͤßigen, noch einem vernuͤnftigen Grade von Freiheit hatte begnuͤ⸗ gen wollen, beugte ſich jetzt willig, wenigſtens ohne Widerſtand, unter das Joch eines militaͤriſchen De⸗ ſpoten. Im Jahre 1792 glich Frankreich dem wilden Elephanten in ſeinen Anfallen von Wuth, wo jeder Widerſtand gegen ihn den Tod bringt; im Jahre 1804 gliech es demſelben Thiere, das, gebaͤndigt und abse⸗ richtet, auf die Kniee faͤllt, und ſich von dem Solda⸗ ten beſteigen laͤßt, der es in das Getuͤmmel der Schlacht treiben ſoll. Wie bei fruͤheren Gelegenheiten wurden auch jetzt 7³ Maaßregeln ergriffen, um den Schein zu retten, und das Volk fuͤr die ſo gaͤnzliche Veränderung des Re⸗ gierungsſyſtems zu gewinnen. Die Regierung rech⸗ nete jedoch ohne Weiteres auf deſſen Beifall, der bis jetzt auch noch keiner von den ſo raſch auf einander gefolgten Verfaſfungen verſagt worden war. Da man ſich in dieſer Beziehung ſicher glaubte, ſo ward Na⸗ poleon's Kaiſerwuͤrde mit dem groͤßten Gepraͤnge ver⸗ kuͤndigt, ohne lange zu fragen, ob das Volk auch da⸗ mit einverſtanden ſey. Die dießfallſi ze Proklamation ward ſelbſt von den unterſten Volksklaſſen mit Kaͤlte aufgenommen und weckte nur wenig Enthuſiasmus. Nach der Bemerkung einiger Schriftſteller ſchien es, als ſeyen des Herzogs von Enghien und Pichegru's Schatten unſichtbar gegenwaͤrtig geweſen, und haͤtten die Ceremonien entfaͤrbt. Groͤßer war der Jubel der Soldaten. Der Kaiſer beſuchte das Lager von Bou⸗ logne, offenbar in der Abſicht, von ſeinen Truppen dieſelben Huldigungen zu empfangen, wie vormals die Koͤnige der Franken, die von ihren Soldaten auf Schildern emporgehoben wurden. Er nahm ſeinen Sitz auf einem eiſernen Armſtuhle, deſſen ſich Koͤnig Dagobert bedient haben ſoll, in der Mitte zwiſchen zwei unermeßlichen Lagern, den Kanal und Englands feindliche Kuͤſte vor Augen habend. Man hat uns verſichert, das Wetter ſey ſtuͤrmiſch geweſen, kaum habe aber der Kaiſer ſich niedergelaſſen, um die Hul⸗ digung ſeiner jubelnden Schaaren zu empfangen, ſo 792 ſey das heiterſte Wetter eingetreten, und der Wind habe ſich ſo weit gelegt, daß eben die Fahnen noch flattern konnten. Sonach ſchienen ſelbſt die Elemente die Kaiſerwaͤrde anzuerkennen, nur die See nicht, die ſo unbekuͤmmert zu Napoleon's Fuͤßen hinrollte, wie einſt zu den Fuͤßen Canuths, des Daͤnenkoͤnigs. Der Keiſer beſuchte in Geſellſchaft der Kaiſerinn, die ihre neue Beehrung durch ihre Grazie und Milde noch zu verſchoͤnern wußte, Aachen und die Grenzen Deutſchlands. Beide erhielten die Gluͤckwuͤnſche von allen europaͤiſchen Maͤchten, mit Ausnahme von Eng⸗ land, Rußland und Schweden, und die deutſchen Fuͤr⸗ ſten, die von einem ſo maͤchtigen Nachbarn Alles zu beſorgen, Alles zu hoffen hatten, beeilten ſich, Napo⸗ leon das perſoͤnlich auszudruͤcken, was entfernte Sou⸗ veraine durch ihre Botſchafter aͤußern ließen. Die feierlichſte und oͤffentlichſte Anerkennung ſei⸗ nes neuen Ranges ſollte aber durch den foͤrmlichen Akt ſeiner Kroͤnung geſchehen, und zwar mit einem Glanze, wie er bei der Weihe auch des maͤchtigſten Fuͤrſten ſeit Jahrhunderten nicht geſehen worden. Man hat bei ihm mehr als einmal ein Streben be⸗ merkt, ſeine Rechte und ſeine politiſchen Intereſſen an alte Gebraͤuche zu knuͤpfen und ſie dadurch zu beleben und zu heiligen, wie wenn ſeine neuen Anſpruͤche durch die Vermittlung veralteter Formen haͤtten ehr⸗ wuͤrdiger werden koͤnnen. Man bemerkt etwas Aehn⸗ liches bei Menſchen von geringer Abkunft, die, wenn 74 ſie zu Reichthum und Chren gelangt ſind, den Flecken ihrer Geburt unter bunten Wappenſchilden zu verber⸗ gen ſuchen. Er cerinnerte ſich, daß Pabſt Leo auf das Haupt Karls des Großten eine goldene Krone geſetzt und ihn als roͤmiſchen Kaiſer ausgerufen hatte. Pius VII, beſchloß er, ſollte daſſelbe fuͤr einen Kaiſer thun, deſſen Macht die Karls des Großen noch uͤber⸗ traf. Obgleich aber Karl der Große ſelbſt nach Rom gereist war, um ſeine Krone aus den Haͤnden des damaligen Pabſtes zu empfangen, ſo ſollte hinwie⸗ derum, nach dem Willen Napoleon's, derjenige, der jetzt den ſtolzen und in den Augen der Proteſtanten un⸗ guͤltigen Titel eines Statthalters Chriſti fuͤhrte, nach Frankreich kommen, um den gluͤcklichen Feldherrn zu kroͤnen, der den heiligen Stuhl mehr als einmal ge⸗ demuͤthigt und beraubt, degegen aber deſſen Macht auch, wie in Italien ſo in Frankreich, wieder herge⸗ ſtellt hatte. Wie unſtatthaft dieſe Forderung an den Pabſt den eifrigeren Katholiken auch ſcheinen mochte, ſo hatte Pius VII. doch zur Erzielung eines Concordats be⸗ reits ſo viel von der Macht und den Vorrechten des roͤmiſchen Stuhls aufgeopfert, daß er kaum zu ent⸗ ſchuldigen geweſen waͤre, wenn er auf die Gefahr, die Vortheile eines ſo theuer erkauften Vertrags zu ver⸗ lieren, ſich nicht einer perſoͤnlichen Unannehmlichkeit haͤtte unterziehen, ſich nicht zu einer Selbſterniedri⸗ gung haͤtte verſtehen wollen. Der Pabſt und die — 75 Cardinaͤle, die er zu Rathe zog, riefen den Beiſtand des heiligen Geiſtes an; allein es war die eiſerne Nothwendigkeit, die ihnen eingab, daß ſie, um nicht eine Spaltung in der Kirche zu bewirken, ſich in die Forderung Napeleon's fuͤgen muͤßten. Der Pabſt ver⸗ ließ Rom am 5. November und wurde auf ſeiner Reiſe uͤberall mit der tiefſten Ehrfurcht empfangen; man hatte die ſteilen Gebirgswege der Alpen uberall, won ſie dem ehrwuͤrbigen Vater der katholiſchen Kirche Gefahr bringen oder Beſorgniſſe einfloͤßen konnten, durch Bruſtwehren oder Gelaͤnder zu ſichern geſucht. Am 25. November traf er mit Buonaparte in Fon⸗ tainebleau zuſammen, und das Benehmen des Kaiſers zeigte eine ſo berechnete Hochachtung, wie ſie Karl der Große, den er ſeinen Vorgaͤnger zu nennen be⸗ liebte, nur immer gegen Leo bewieſen haben mochte. Am 2. December fand die Kroͤnung in der alten Domkirche zu Unſerer lieben Frauen mit allem Gepraͤnge Statt, das zur Erhoͤhung der Feierlichkeit beitragen konnte. Man hat uns jedoch verſichert, daß der große Haufe davon nicht ſo ergriffen worden iſt, als es von der Bevoͤlkerung einer großen Hanptſtadt, und insbeſondere von den Pariſern, zu erwarten ge⸗ weſen waͤre. Dieſe hatten in Zeit von wenigen Jah⸗ ren unter dem Wechſel der verſchiedenartigſten Grund⸗ ſaͤtze, die ſich einander verdraͤngten, ſo manche Schau⸗ ſpiele dieſer Art, ſo manche Feſtlichkeiten geſehen, daß ſie die glaͤnzende Erſcheinung als einen leeren Prunk 1 76 betrachteten, der zu ſeiner Zeit auch wieder verſchwin⸗ den werde. Buonaparte ſelbſt ſchien zerſtreut und duͤſter, bis die Stimme der zahlreichen Abgeordneten und Beamten, die aus allen Theilen Frankreichs nach Paris entboten worden waren, um Zeugen der Kroͤ⸗ nung zu ſeyn, das Gefuͤhl ſeiner Groͤße wieder in ihm erweckte. Man hatte dieſe Beamten mit be⸗ ſonderer Ruͤckſicht auf ihre politiſchen Meinungen ge⸗ waͤhlt, und da viele von ihnen ihr Gluͤck unter dem Kaiſer zu machen hofften, ſo ward durch ihren lebhaf⸗ ten Zuruf die Kaͤlte der guten Buͤrger von Paris ge⸗ wiſſermaßen verguͤtet. Der Kaiſer legte ſeinen Kroͤnungseid, wie es bei ſolchen Feierlichkeiten gewoͤhnlich iſt, auf das Evange⸗ lienbuch und in der Form ab, in welcher ihn der Pabſt vorſprach. Bei dem Akte der Kroͤnung ſelbſt wich man aber von der herkoͤmmlichen Sitte auf eine Art ab, die den Mann, das Jahrhundert und den Augenblick ganz beſonders bezeichnete. Bis dahin war bei Kroͤnungen die Krone immer von dem geiſtlichen Vorſtande, als dem Stellvertreter der Gottheit, durch welche Lie Fuͤrſten herrſchen, auf das Haupt des Sou⸗ veraͤns geſetzt worden. Aber nicht einmal aus der Hand des Oberhaupts der katholiſchen Kirche wollte Buonaparte das goldene Symbol der Herrſcherrechte empfangen, im Bewußtſeyn, daß er dieſelbe lediglich ſeinen eigenen beiſpielloſen Erfolgen zu verdanken habe. Napoleon nahm die von dem Pabſte geweihte Krone 8 77 mit eigenen Haͤnden von dem Altare und ſetzte ſie auf ſein Haupt. Er kroͤnte hierauf ſelbſt die Kaiſe⸗ rinn, als wollte er zeigen, daß ſeine Macht das Werk ſeiner Thaten ſey. Das Tedeum ward angeſtimmt und die Herolde,— denn auch dieſe waren wieder in die Mode gekommen— riefen aus,—„daß der dreimal glorreiche und hochgelobte Napoleon, Kaiſer der Franzoſen, gekroͤnt und eingeſetzt ſey.“— So endigte dieſe merkwaͤrdige Ceremonie. Diejenigen, die ſich derſelben als Augenzeugen erinnern, moͤgen nun verſucht ſeyn, zu zweifeln, ob ſie gewacht oder getraͤumt haben, ob eine ſo glaͤnzende, ſo außerordent⸗ liche und ſo fluͤchtige Erſcheinung Uicht ein Gebilde ihrer Phantaſie geweſen ſey. Am Tage vor der Keonung(am 1. December) hatte ſich der ganze Senat zu dem Kaiſer verfuͤgt, um ihm das Reſultat der in den Departements er⸗ folgten Abſtimmung, die man bis dahin als bejahend, angenommen hatte, zu berichten. Mehr als drei Millionen und fuͤnfmalhunderttauſend Buͤrger hatten bei dieſer Gelegenheit geſtimmt, und nur ungefaͤhr dreitauſend und fuͤnfhundert hatten ſich gegen den Vorſchlag erklaͤrt. Der Vicepraͤſident Neuſchateau, aͤußerte,„dieſes Reſultar ſey der unzweideutige Aus⸗ druck der Stimme des Volkes, und keine Regierung koͤnne einen buͤndigeren Rechtstitel aufweiſen.“— Dieß war die Sprache des Tages; als aber der Redner fortfuhr, um das Geſchehene als eine Maß⸗ 78 regel darzuſtellen, durch welche Buonaparte in Stand geſetzt werde, das Schiff der Republik in den Ha⸗ fen zu leiten, ſo kam man in Verſuchung, dieß eher fuͤr eine Ironie, als fuͤr eine Schmeichelei zu halten. Zur Erwiederung dieſer Anrede verſprach Napo⸗ leon, die ihm durch die Zuſtimmung des Senats, des Volkes und der Armee gewordene Macht zum Beſten der Nation zu gebrauchen, die er auf den Schlacht⸗ feldern zuerſt mit dem Namen den Großen begruͤßt hatte. Er verſicherte ferner im Namen ſeiner Dy⸗ naſtie, daß ſeine Nachkommen den Thron lange be⸗ wahren und zugleich die erſten Soldaten in der Ar⸗ mee Frankreichs und die erſten Magiſtrate unter ſei⸗ nen Buͤrgern ſeyn wuͤrden. Da bei dieſer Gelegenheit begreiflicherweiſe jedes Wort gepruͤft und abgewogen ward, ſo ſchien es Ei⸗ nigen, daß jene Zuſage, welche Napoleon freiwillig und im Namen von Kindern ertheilte, die noch nicht vorhanden waren, auf die Abſicht hindeute, ſein ehe⸗ liches Verhaͤltniß zu aͤndern, ſintemal er von der ge⸗ genwaͤrtigen Kaiſerinn keine Kinder mehr zu hoffen hatte. Andere tadelten den prophetiſchen Ton, in welchem er die Schickſale und das Benehmen unge⸗ borner Weſen verkuͤndigte, und in Beziehung auf ſeine kaum angetretene Regierung von einer Dynaſtie ſprach, unter welcher man gewoͤhnlich ein Geſchlecht aufeinander folgender Fuͤrſten verſteht. 79 Wir verweilen einen Augenblick, um den Akt, wodurch das Volk die neue Regierung genehmigte, etwas ſchaͤrfer in's Ange zu faſſen, weil hier, oder nirgends, das geſetzliche Necht geſucht werden muß, kraft deſſen Napoleon Gehorſam fordern konnte. Er ſelbſt hat nach ſeinem Falle ſein Recht, als rechtmaͤßiger Monarch behandelt zu werben, auf den Umſtand ge⸗ gruͤndet, daß er durch die Stimme des Volkes auf den Thron berufen worden ſey. 23 4 Wir wollen nicht unterſuchen, wie die Stimmre⸗ giſter von den dazu beauftragten Beamten gefuͤhrt worden ſind; wir begnugen uns, zu bemerken, daß dieſe Maͤnner unter dem Einfluſſe der Regierung ſtanden, und daß es unmoͤglich war, die Aechtheit ih⸗ rer Angaben naͤher zu pruͤfen. Auch wollen wir nicht wiederholen, daß, ſtatt das Ergebniß der Ab⸗ ſtimmung abzuwarten, Napoleon ſeine neue Wuͤrde von, dem Senat aus aommen hatte, und demzufolge als Kaiſer ausgerufen worden war. Hievon abge⸗ ſehen, erwaͤge man, daß man mehr als dreißig Millionen Einwohner in Frankreich zaͤhlt, und daß nur drei Millionen und fuͤnfmalhunderttauſend ihre Stimmen abgaben. Dieß war nach Abzug der Weiber und Kinder, nicht der dritte Theil der Stimmberechtigten bei einer ſo wichtigen und entſcheidenden Staarsver⸗ aͤnderung, und zudem darf nichr vergeſſen werden, daß die Autoritaͤt eines ſo kleinen Theils der Nation viel zu ſchwach iſt, um auch die Uebrigen dadurch zu 80 binden. Es iſt freilich geſagt worden, daß, nachdem die Frage einmal der ganzen Nation vorgelegt war⸗ jeder einzelne Buͤrger die Pflicht hatte, dieſelbe zu be⸗ antworten, und daß folglich diejenigen, die es nicht thaten, als ſolche betrachtet werden muͤſſen, die der Meinung der Andern ſtillſchweigend beigetreten ſeven. Dieſes, einer geſetzlichen Praͤſumtion in allen aͤhnli⸗ chen Faͤllen widerſprechende Argument iſt nicht guͤlti⸗ ger, als die Vertheidigung jenes Soldaten, der, ange⸗ klagt, dem Bildniſſe der heiligen Jungfrau ein Hals⸗ tuch geſtohlen zu haben, erwiederte, er habe die Ma⸗ donna zuerſt um die Erlaubniß dazu gebeten und ihr Stiliſchweigen als eine ſolche godeutet. In anderer Hinſicht iſt zu bemerken, daß die Abſtimmung, kraft welcher Napoleon die gaͤnzliche und unwiederbringliche Abtretung der Freiheit Frankreichs zu ſeinen Gunſten in Anſpruch nahm, und nichts ſeierlicher war, als die⸗ jenige, durch welche das Vol. her die Verfaſſung vom Jahre 1792, die vom Jahre VIII. und endlich die Couſularverfaſſung genehmigt hatte. Nun war aber die Abſtimmung bei allen dieſen Gelegenheiten bindend und bleibend, oder ſie konnte nach dem Be⸗ lieben des Volks wieder zuruͤckgenommen werden. Im erſten Falle war das Volk im Jahre 1804 nicht be⸗ fugt, den auf die Verfaſſung des Jahres 1792 abge⸗ legten Eid wieder aufzuheben. Die andern Regie⸗ rungsformen, die es ſtatt der letzteren ſanktionirte, waren folglich weiter nichts als Uſurpationen, und 82 die letzte von allen die frevelhafteſte, in ſoferne drei, auf ſeine Zuſtimmung geſtuͤtzte Verfaſſungen vernichtet und drei Eide gebrochen werden mußten, um der neuen Veraͤnderung Raum zu geben. Wenn uͤberdieß das Volk, nachdem es auf eine Verfaſſung geſchworen, nichts deſto weniger has unveraͤußerliche Necht behielt, ſpaͤter und nach ſeinem Belieben eine andere an ihre Stelle zu ſetzen, ſo war das Kaiſerthum, ſo gut wie jene, ſeiner Willkuͤhr preisgegeben;— und auf was konnte Buonaparte alsdann die Unverletzlichkeit einer Gewalt gruͤnden, die, ſo eiferſuͤchtig bewacht, ohne eine kuͤnftige Berufung an das Volk, auf ſeine Nach⸗ folger uͤbergehen ſollte?— Die Dynaſtie, welche er gepflanzt zu haben glaubte, war in dieſem Falle nicht der Eichbaum, dem ſie gleichen ſollte, ſondern als die Frucht des guten Willens eines wankelmuͤthigen Vol⸗ kes eher die Diſtel, deren Krone nur ſo lange auf dem Stengel bleibt, 416 der Sturm ſie nicht her⸗ abſtoͤrt. Doch wir verlaſſen dieſe Betrachtungen; wir wollen auch nicht unterſuchen, wie viele unter den drei Mil⸗ lionen, die ihre Stimmen abgaben, dieß nur ungern und aus Furcht thaten; wie viele von ihnen ferner in dieſem Akte weiter nichts, als eine Gefaͤlligkeit ſahen, die jede beſtehende Regierung erwartet und durch welche ſich der Unterthan nur ſo lange faͤr ge⸗ bunden haͤlt, als der Herrſcher die Mittel beſitzt, ſei⸗ nen Gehorſam zu erzwingen. Aber es gibt noch einen Leben Napoleon's. XLVIII. 6 8² andern und weit bedeutenderen Einwurf, der die ſo⸗ genannte Uebergabe aller Freiheiten des franzoͤſiſchen Volkes durchdringt und dieſelbe null und nichtig macht. Sie war von vorne herein das, was die Iu⸗ riſten pactum in illicito nennen;— das Volk gab, was es nicht zu geben befugt war, und Buonaparte nahm an, was er anzunehmen kein Recht hatte. In den meiſten Faͤllen deſpotiſcher Uſurpation— wir duͤr⸗ fen uns nur Caͤſar's erinnern— iſt das Volk zum Werkzeug ſeiner eigenen Sklaverei gemacht und die Regierung durch irgend einen Demagogen in Beſitz genommen worden, der im Namen dieſes Volkes handelte, und die Kunſt beſaß, es ſeine Kette ſelbſt ſchmieden zu laſſen. Obgleich aber eine ſolche Ein⸗ willigung von Seiten des Volkes, durch ein Ueber⸗ maß von Vertrauen oder Daukbarkeit herbeigefuͤhrt, die Beſchraͤnkung der oͤffentlichen Freiheiten erleichtert haben mochte, ſo konnte dieſe dadurch doch durchaus nicht geſetzlich werden. Ein freies Volk ſoll ſeine Rechte genießen, darf dieſelben aber nicht veraͤußern. Die Völker gleichen in dieſer Hinſicht den Unmuͤndi⸗ gen, denen das Geſetz ihr Eigenthum ſichert, aber nicht das Recht ertheilt, daſſelbe wegzugeben oder zu verſchwenden. Die Nationalvorrechte ſind ein von einer Generation auf die andere uͤbergehender Beſitz, und koͤnnen von den jeweiligen Nutznießern nicht ver⸗ ſchenkt, nicht vertauſcht, nicht abgetreten werden. Selbſt kein einzelner Menſch iſt ſo ſehr der Eigen⸗ 83 thuͤmer ſeiner Perſon, daß er ſein Leben oder ſeine Gliedmaßen zur Verfuͤgung eines Andern ſtellen koͤnn⸗ te; und der Vertrag des Kaufmanns von Venedig wuͤrde jetzt vor keinem Gerichtshofe in Europa als guͤltig anerkannt werden. Aber noch weit nichtiger muß Buonaparte's Erwaͤhlung vom Jahre 180 ½ er⸗ ſcheinen, da ſie Abtretung von etwas in ſich ſchloß, was dem franzoͤſiſchen Volke noch viel theurer ſeyn mußte, als das Fleiſch zunaͤchſt dem Herzen, oder das Herz ſelbſt. Da das franzoͤſiſche Volk kein Recht hatte, auf ſeine und die Freiheit ſeiner Nachkommen auf immer zu verzichten, ſo konnte Buonaparte auch geſetzlicher⸗ weiſe die unbeſonnene und verſchwenderiſche Abtretung deſſelben nicht geltend machen. Wenn ein blinder Mann aus Irrthum ein Goldſtuͤck ſtatt einer Silber⸗ muͤnze hingibt, ſo hat der Empfaͤnger keinen geſetzli⸗ chen Anſpruch auf den Ueberſchuß. Wenn ein Un⸗ wiſſender einen ungeſetzlichen Vertrag eingeht, ſo iſt ſeine Umerſchrift, wiewohl freiwillig, nicht bindend fuͤr ihn. Buonaparte hatte Frankreich zuerſt in den italieniſchen Feldzuͤgen und dann durch ſeine herr⸗ lichen Thaten nach ſeiner Ruͤckkehr aus Aegypten allerdings die groͤßten Dienſte geleiſtet. Aber Dienſte, die ein Buͤrger ſeinem Vaterlande erweist, ſind ana⸗ log der Pflicht, die ein Kind gegen ſeine Eltern er⸗ fuͤllt, und koͤnnen ihn nur bis zu einem gewiſſen Grade zum Gaaͤubiger des Staats machen. Hat 3½ Frankreich auch die wichtigſten Wohlthaten von Buo⸗ naparte empfangen, ſo hat es denſelben dagegen auch ſo hoch geſtellt, als ein Buͤrger nur immer geſtellt werden kann, und in ſeiner unbeſonnenen Verſchwen⸗ dung ihm den Weg zu der deſpotiſchen Gewalt ge⸗ bahnt, die der Vertrag, von dem wir ſprechen, un⸗ ter dem Namen eines Kaiſerthums ſanktioniren und befeſtigen ſollte. Und ſo ziehen wir den Schluß, daß die angebliche Abſtimmung des franzoͤſiſchen Volkes, ſowohl von Seiten der Unterthanen, die ſich ihrer Rechte begaben, als von Seite des Kaiſers, der die⸗ ſelben annahm, durchaus unguͤltig war. Jene konn⸗ ten nicht abtreten, was ſie abzutreten nicht befugt waren, und dieſer konnte eine Gewalt nicht annehmen, deren Ausuͤbung ein Unrecht war. 3 Eine Vertheidigung oder vielmehr eine Beſchoͤni⸗ gung der Uſurpation Napoleon's iſt von ihm Keelbſt und von ſeinen waͤrmſten Verehrern verſucht worden, ud wir ſind geneigt, das Gewicht, das ſie haben mag, ohne Weiters anzuerkennen. Sie haben geſagt, und zwar mit gutem Grunde, Buonaparte ſey, zu⸗ folge ſeines ganzens Benehmens, kein ſelbſtfuͤchtiger uUſurpator gewefen, und die Gewalt, die er erlangt habe, ſey durch die Art, wie er von ihr Gebrauch gemacht, geheiligt werden. Dieß iſt wahr; denn wir wollen die Verdienſte Napoleon's nicht durch die Bemerkung ſchmaͤlern, daß ſcharfſinnige Politiker der Meinung geweſen ſind, wie Souveraine, die nur ein zweldeu⸗ 835 tiges Recht auf den Thron haben, ſchon durch ihr eigenes Intereſſe zunaͤchſt beſtimmt werden, auf eine den Wuͤnſchen ihrer Unterthanen entſprechende Weiſe zu regieren. Wir geben gerne zu, daß Buonaparte in ſeiner innern Verwaltung groͤßtentheils keine ſelbſt⸗ ſuͤchtigen Zwecke verfolgte, daß er das Intereſſe Frank⸗ reichs als mit ſeinem Ruhme verbunden betrachtete, daß er ſeinen Reichthum zur Verſchoͤnerung des Reiches, und nicht an Dinge verwendete, die zunaͤchſt nur ihn betrafen. Wir zweifeln nicht, daß er mehr Vergnuͤ⸗ gen dabei fand, jene reichen Kunſtſchaͤtze im Muſeum, als in ſeinem eigenen Palaſte aufgeſtellt zu ſehen, und daß er wahr ſprach, wenn er behauptete, er fey aͤrgerlich uͤber die thenern Pflanzen geweſen, mit welchen Joſephine ihre Wohnung in Malmaiſon geſchmuͤckt, weil ihre Liebhaberei das Gedeihen des oͤffentlichen botaniſchen Gartens in Paris gefaͤhrdet habe. Wir erkennen daher an, daß Buonaparte ſich mit dem Lande, das er zu ſeinem Erbgute gemacht, gaͤnzlich indentificirt habe, und daß er daſſelbe durch die rie⸗ ſenhafteſten Entwuͤrfe nach Außen ſo glaͤnzend, und im Inuern ſo gluͤcklich als moͤglich zu machen ſuchte. Ja, ſo ſehr war das Land mit ſeinem Herrſcher ver⸗ ſchmolzen, daß, da Frankreich ganz und gar dem Kai⸗ ſer angehoͤrte, dieſer in der That ſeinen eigenen Beſid durch die Befoͤrderung der oͤffentlichen Anſtalten ver⸗ beſſerte, und er hiebei ſein eigenes Intereſſe nicht mehr aus den Augen verlor, als ein Privatmann, der ſeinen Garten 86 um ſeinen Park zu verſchoͤnern vernachlaͤßigt. Es in jedoch nicht gut, die Beweggruͤnde des menſchlichen Herzens bis in ihren letzten Schlupfwinkel zu verfol⸗ gen, wo ſie ſo gerne die Farbe der Selbſtſucht an⸗ nehmen. Es aͤßt ſich dagegen bemerken, daß die Selbſtſucht, welche die Intereſſen eines ganzen Koͤnig⸗ reichs umfaßt, ſo liberal, ſo großartig und verfeinert iſt, daß ſie mit dem Patriotismus in eins zuſammen⸗ faͤllt, und daß die wohlwollenden Geſinnungen Napo⸗ leon's gegen jenes Frankreich, das er mit deſpotiſchem Scepter beherrſchte, ſich eben ſo wenig bezweifeln laſ⸗ ſen, als die Liebe eines eigenſinnigen Vaters, der ſeinen Sohn wohlhabend und gluͤcklich machen will, jedoch unter der Bedingung, daß er ſeinem Willen blind gehorchen muͤſſe. Ungluͤcklicherweiſe iſt die will⸗ kuͤhrliche Gewalt— werde ſie nun uͤber ein Koͤnig⸗ reich oder uͤber eine Familie ausgeuͤbt— an und fuͤr ſich etwas, das eben ſo gut mit Launen, als mit Einſicht gebraucht werden kann, und fuͤr den, der ſie uͤbt, eben ſo verfuͤhreriſch, als fuͤr den, der derſelben unterworfen iſt, unertraͤglich werden kann. Ein Vater z. B. will das Gluͤck ſeines Sohnes, und zwingt ihn deßwegen zu einer reichen Heirath, und Buonaparte glaubte nur das Gluͤck und die Macht Frankreichs zu befoͤrdern, als er, den Glanz der Er⸗ oberung den Segnungen des Friedens vorziehend, die Bluͤthe ſeiner Jugend auf fremden Schlachtfeldern um⸗ kommen ließ, und ſo die Urſache wurde, daß es, ſeiner 8 Bevoͤlkerung beraubt, fremden Herren zur Beute ſiel, deren Rache ſein Ehrgeiz hervorgerufen. Auf dieſe Betrachtungen fuͤhrt der Akt, durch welchen Napoleon ſich unverholen in den Beſitz un⸗ umſchraͤnkter Macht ſetzte, die er ſeit ſeiner Ernen⸗ nung zum lebenslaͤnglichen Konſul allerdings bereits ſchon ausgeuͤbt hatte. Es zeigte ſich bald nachher, daß Frankreich, ſo ſehr es unter ihm an Macht und Umfang gewonnen hatte, ſeinem Ehrgeize noch immer nicht genuͤgte. Er griff nach Italien. Die noͤrdlichen Staaten von Italien waren dem Beiſpiele Frankreichs durch alle Regierungswechſel deſ ſelben gefolgt. Durch Napoleon's Schwerdt den Oeſter⸗ reichern entriſſen, waren ſie zur Zeit des Direkto⸗ riums zuerſt republikaniſch geworden, hatten ſich dann einer Konſular⸗Regierung unterworfen, aͤhnlich der⸗ jenigen, die am a8ten Fructidor in Paris gegruͤndet wurde, und ſollten nun denjenigen als Koͤnig aner⸗ kennen, der in der neueſten Zeit das Amt ihres Praͤ⸗ ſidenten mit koͤniglicher Gewalt uͤbernommen und ausgeuͤbt hatte. Die oberſten Behoͤrde der italieniſchen, vormals eisalpiniſchen Republik hatten eine Ahndung von dem, was man von ihnen erwartete. Eine Deputation er⸗ ſchien zu Paris, um vorzuſtellen, wie ſehr ſie der Nothwendigkeit fuͤhlten, daß ihre Regierung eine monarchiſche und erbliche Form erhalte. Am 17ten Maͤrz erhielten dieſe Deputirten eine Audienz bei 38 dem Kaiſer, und drückten ihm den einſtimmigen Wunſch ihrer Landsleute aus, daß Napoleon, der Grunder der italieniſchen Republik, der Monarch des Koͤnigreichs Italien werden moͤge, mit der Befagniß⸗ ſeinen Nachfolger zu ernennen, der ſtets ein Eingeborner Frankreichs oder Italiens ſeyn ſollte. Mit einem Anſcheine von eiferſüchtiger Unabhaͤngigkeitsliebe ſetzten uͤbrigens dieſe„ehrerbietigen Bittſteller“ die Bedin⸗ gung feſt, daß die Kronen von Frankreich und Ita⸗ lien— den jetzigen Fall ausgenommen— nie auf dem Haupte eines und deſſelben Monarchen ruhen ſollten. Napoleon ſollte befugt ſeyn, zu ſeinen Leb⸗ zeiten die Oberherrſchaft von Ikalien einem ſeiner natuͤrlichen oder adoptirten Descendenten zu uͤbertra⸗ gen; aber mit aͤngſtlicher Sorgfalt war beigefuͤgt: dieſe Uebertragung moͤchte nicht waͤhrend der Periode Statt finden, in welcher Fraukreich das neapolitani⸗ ſche Gebiet, die Ruſſen Corfu und die Britten Malta beſetzt hielten. Buonaparte genehmigte die Bitte der italieniſchen Staate. und hoͤrte ihre eiferſuͤchtigen Bedenklichkeiten mit Nachſicht an. Er gab ihnen zu, daß die Tren⸗ nung der Krone von Frankreich und Italien, moͤchte ſie auch fuͤr ihre Nachkommen nuͤtzlich ſeyn, ihnen ſelbſt die hoͤchſte Gefahr bringen wuͤrde, und bezeigte ſich daher willig, die weitere Laſt, die ihm ihre Liebe und ihr Vertrauen auferlege, wenigſtens ſo lange zu tragen, bis ihm das Intereſſe ſeiner italieniſchen 89 Unterthanen geſtatten wuͤrde, die Krone auf ein juͤngeres Haupt zu ſetzen, das, von ſeinem Geiſte beſeelt, „ſtets bereit ſeyn werde, ſein Leben fuͤr das Volk auf⸗ zuopfern, uͤber das es durch die Fuͤgung der Vorſe⸗ hung, durch die Verfaſſung des Landes und den Willen Napoleons zu regieren berufen ſey.“— In⸗ dem Buonaparte dem franzöſiſchen Senat dieſe neue Erwerbung ankuͤndigte, bediente er ſich dabei eines Ausdrucks, der ſo außerordentlich kuͤhn war, als der Entwurf einer ſeiner gewagteſten Feldzuͤge.—„Die Macht und die Majeſtaͤt des franzoͤſiſchen Reiches,“ ſagte er,„werden noch durch die Maͤßigung ſeiner politiſchen Verhandlungen uͤbertroffen.“— Am erſten April reiste Napoleon mit ſeiner Ge⸗ mahlin ab, um ſich zum Koͤnige von Italien keoͤnen zu laſſen. Die Ceremonie glich faſt in allen Punkten derjenigen, durch die er zum Kaiſer geweiht worden war. Der Pabſt wurde inzwiſchen nicht dazu einge⸗ laden, wiewohl er auf ſeiner Ruͤckkehr nach Rom es kaum haͤtte verweigern koͤnnen, wenn er von Buona⸗ parte erſucht worden waͤre, zu dieſem Behuf den Weg uͤber Maiiand einzuſchlagen. Vieveicht hielt man es fuͤr zu hart, die Weihung eines Koͤnigs von Italieu, deſſen Titel ſchon die Moͤglichkeit in ſich ſchloß, ſein Gebiet moͤchte ſich ſogar einſt auf das Erbtheil des heiligen Petrus erſtrecken, dem Pabſte an⸗ zuſinnen. Vielleicht— und dieß iſt wohl das Wahr⸗ ſcheinlichte— hatte ſich zwiſchen Napoleon und 90⁰ Pius VII. bereits ein Mißverſtaͤndniß eingeſtellt. Wie dem nun ſey, man begnugte ſich, den Akt durch den Erzbiſchof von Mailand verrichten zu laſſen; er war es, der die beruͤhmte eiſerne Krone, die einſt die Stirne der alten Lombardenkönige geſchmuͤckt ha⸗ ben ſoll, einſegnete. Buonaparte ſetzte ſich, wie bei der Ceremonie in Paris, das alte Emblem mit eige⸗ nen Haͤnden auf das Haupt, indem er laut den ſtol⸗ zen Spruch ihrer ehemaligen Traͤger wiederholte: Dieu me l'a donné, gare à qui la touche*). Das neue Koͤnigreich ward in allen Stuͤcken dem franzoͤſiſchen Kaiſerreiche nachgebildet. Ein Ritteror⸗ den„von der eiſernen Krone“ wurde nach derſelben Idee wie die Ehrenlegion geſtiftet, eine anſehnliche franzoͤſtſche Armee in italieniſchen Sold genommen, und Eugen Beauharnois, der Sohn Joſephinens aus ih⸗ rer erſten Ehe, der das Vertrauen ſeines Stiefvaters genoß und verdiente, zum Vicekoͤnig ernannt, um in dieſer Eigenſchaft die Wuͤrde Napoleon's zu ver⸗ treten. ans Napoleon verließ Italien nicht, ohne ſein Reich noch weiter auszudehnen. Genua, einſt ſo ſtolz und ſo maͤchtig, begab ſich ſeiner Unabhaͤngigkeit, und ſein Doge legte bei dem Kaiſer die Bitte nieder, daß die ligu⸗ riſche Republik kuͤnftig als ein Theil des franzoͤſtzchen Reiches betrachtet werden moͤchte. Buonsparte hatte erſt *) Sott hat ſie mir gegeben: webe dem, der ſie antaſtet. .91 vor Kurzem noch dem Senate erklaͤrt, daß die Gren⸗ zen Frankreichs fuͤr immer feſtgeſetzt ſeyen und nicht durch neue Eroberungen erweitert werden ſollten. Wahr iſt es ferner, daß Genua durch eine feierliche Allianz mit Frankreich ſeine Arſenale und Haͤfen zur Verfuͤgung der franzöͤſiſchen Regierung geſtellt, daß es ſich verbindlich gemacht hatte, ſeinen maͤchtigen Alliirten mit ſechstauſend Seeleuten und zehn Linien⸗ ſchiffen auf eigene Koſten zu unterſtuͤtzen, und daß ſeine Unabhaͤngigkeit, in ſoferne ſich dieſelbe mit ſei⸗ nem Verhaͤltniſſe zu einer ſo furchtbaren Macht ver⸗ trug, von Frankreich garantirt worden war. Allein weder der Widerſpruch mit ſeinen fruͤhern Erklaͤrun⸗ gen, noch die Nuͤckſicht auf den feierlichen Vertrag, pang welchen die liguriſche Republik anerkannt wor⸗ den war, hielt Napoleon ab, von der Bitte des Doge Vortheil zu ziehen. Dem Geſuche des genneſiſchen Staates, dem großen franzoͤſiſchen Reiche einverleibt zu werden, mußte willfahrt werden. Buonaparte ver⸗ heelte ſich nicht, daß er durch dieſen Schritt die Scheel⸗ ſucht von Rußland und Oeſterreich, die bereits eine drohende Stellung angenommen hatten, noch vermehrte; als er aber die glaͤnzende Stadt der Dorias beſuchte, und ihre Straßen mit den Marmorpalaͤſten ſah, wel⸗ che den herrlichen Hafen umſchließen, ſoll er ausgeru⸗ fen haben, daß ein ſolcher Beſitz die Gefahr eines Krieges allerdings werth ſey. Das Gelingen irgend eines großen Planes verleitete ihn ſtets zu neuen Ent⸗ 9⁸ 1 wuͤrfen, und waͤhrend er ſich bewußt war, ein Gegen⸗ ſtand des Argwohns fuͤr ganz Europa zu ſeyn, konnte ſich Napoleon dennoch jener Eingriffe nicht enthalten, welche ſo feindſelige Geſinnungen gegen ihn nothwen⸗ dig vermehren und verewigen mußten, 2 * 7 Viertes Kapitel. Napoleon ſchreibt zum zweiten Mal an den Koͤnig von England.— Ueber die Thorheit und Unſchicktichkeit dieſor Neuerung.— Die Antwort erfolgt durch den brittiſchen Staats ſekretaͤr an Talleyrand. — Allianz zwiſchen Rußland und England.— Preußen beſinne ſich noch, und der Kaiſer Alexander beſucht Berlin.— Oeſterreich ruͤſtet ſich zum Kriege und ſendet eine Armee nach Baiern.— Es beginnt den Krieg zu fruͤhe und benimmt ſich gegen Baiern boͤchſt unklug.— Unkriegeriſches Betragen des oͤſterreichiſchen Generals Mack.— Die Kurfuͤrſten von Baiern und Wuͤrtem⸗ berg und der Großherzog von Baden treten auf die Seite Na⸗ poleon's.— Geſchickte Manoͤvers der franzöſiſchen Generals; vielfache Niederlagen der Oeſterreicher.— Napoleon verletzt die Neutralitaͤt Preußens und marſchirt durch das Gebiet von Ansbach und Vaireuth.— Weitere Verluſte der oͤſterreichiſchen Anfuͤhrer und ihre dadurch erzeugte Uneinigkeit.— Mack wird in Ulm eingeſchloſſen,— erlaͤßt am zꝛ6tenl Oktober einen dro⸗ benden Tagsbefehl— und ergibt ſich den Tag darauf.— Trau⸗ rige Folgen der Feigheit, Ungeſchicklichkeit und wahrſcheinlichen Werraͤtherei dieſes Mannes*). Buonaparte hatte als Konſul eigenhaͤndig an den Koͤnig von Großbrittannien geſchrieben und dadurch **) Ein ſolches Urthell uͤber Mack iſt kaum dadurch zu entſchuldi⸗ gen, das W. Scott auf ner Inſel geſchrieben, und wahr⸗ ſcheinlich keine andern Quellen gehabt hat, als die engliſchen Miniſterialblaͤtter⸗ Annn. des Ueberſetess. 2 ſetzers. 92 beweiſen wollen, wi ſehr er zum Frleden bereit fey. Als Kaiſer wollte er eben durch ſeine Erhebung alle Verbrechen der Revolution geſuͤhnt, und alle jene Wahnbilder von Freiheit und Gleichheit, durch welche die alten legitimen Regierungen ſo ſehr geſchreckt worden waren, fuͤr immer verdraͤngt haben. Mit einem Wort, er hatte, wie er glaubte, in ſeinem Re⸗ gierungsſyſtem alles Gute der Republik beibehalten, alles Boͤſe derſelben abgeſchafft. Im Bewußtſeyn eines ſolchen Verdienſtes und abgeſehen von ſeiner unumſchraͤnkten Gewalt, beeilte er ſoh, bei den anerkannten Fuͤrſten Europa's Zutritt zu erhalten. Zum zweiten Mal(am 2/ſten Januar 1805) erließ er an den Koͤnig von England, den er ſeinen„Herrn Bruder“ nannte, ein Schreiben, worin er nach einer Reihe ſchoͤner Phraſen uͤber die Vorzuͤge des Friedens und uͤber Englands und Frankreichs unerreichte Groͤße zu beweiſen ſuchte, daß es Zeit ſey, den Feindſeligkeiten zwiſchen beiden Nationen ein Ende zu machen. Wir haben bereits bemerkt, wohin es fuͤhren würde, wenn die Staatsoberhaͤupter ſich uͤber die ge⸗ woͤhnlichen Formen hinwegſetzen und die Geſchaͤfte, die untergeordneten und verantwortlichen Agenten, uͤbertragen werden muͤſſen, unmittelbar mit einander abthun wollten. Wenn Napoleon ernſtlich den Frie⸗ den wuͤnſchte und aus irgend einem Grunde lieber mit dem Koͤnige von England, als mit der engliſchen 9⁴ Regierung zu thun haben wol te, ſo mußte er ſich beſtimmter ausdruͤcken, und ſich nicht auf allgemeine Saͤtze beſchraͤnken, die, von dem einen Theile behaup⸗ tet, von dem andern nicht widerſprochen, die eigent⸗ liche Streitfrage zwiſchen den kriegfuͤhrenden Maͤchten immer noch unentſchieden ließ. Die Frage war nicht: ob der Friede uͤberhaupt wuͤnſchenswerth ſey, ſondern unter welchen Bedingungen er angeboten und gewaͤhrt werden koͤnne. Haͤtte Buonaparte bei der Erklaͤrung, daß England keinen Grund habe, auf ſeine Macht eiferſuͤchtig zu ſeyn, eingewilligt, daß zur Beruhigung von Europa, zum Beſten der beiden Nationen und aus Achtung fuͤr den Monarchen, an den er ſich ge⸗ wendet, Malta fuͤr immer oder fuͤr eine beſtimmte Zeit in dem Beſitze Englands bleiben ſollte, ſo wuͤrde er ſeiner jetzt ſo ſchwankenden und der Form nach ſo ungewoͤhnlichen Eroͤffnung allererſt ein Gewicht gege⸗ ben haben. Zur Erwiederung dieſes Schreibens erließ der brit⸗ tiſche Staatsſekretaͤr eine Note an Talleyrand, worin er erklaͤrte, daß England nicht eher eine beſtimmte Antwort auf den im Schreiben Napoleon's angedeu⸗ teten Friedensvorſchlag ertheilen koͤnne, als bis es ſich mit ſeinen Allürten auf dem Continent, und beſou⸗ ders mit dem Kaiſer von Rußland, dießfalls verſtaͤn⸗ diget habe. 3 Aus dieſer Antwort erſah Buonaparte, was er ſchon wußte, daß ein neuer Continentalſturm gegen 95 ſeine Macht im Anzug ſey. Dießmal war Rußland die Seele des Buͤndniſſes. Seitdem durch den Tod des ungluͤcklichen Pauls dieſer maͤchtige Staat unter die Regierung eines weiſen und klugen Fuͤrſten ge⸗ kommen war, der die trefflichſte Erziehung mit dem beſten Erfolge genoſſen hatte, zeichnete ſich das ruſſi⸗ ſche Kabinet durch ein wuͤrdevolles Benehmen und durch kluge Maͤßigung ſehr vortheilhaft aus. Es hatte ſeine Vermittlung zwiſchen den kriegfuͤhrenden Maͤch⸗ ten angeboten, die von Großbrittannien willig ange⸗ nommen, von Frankreich aber in einem etwas ſtolzen Tone abgelehnt worden war, weil Napoleon ohne Zweifel nur ungern— die Macht Rußlands in den Handen eines einſichtsvollen Fuͤrſten fah, der nicht, wie ſein ſchwacher Vater, parteiiſch fuͤr ihn geſinnt war. Von dieſer Zeit an herrſchte Kaͤlte zwiſchen der ruſſiſchen und ſranzoͤſiſchen Regierung. Der Tod des Herzogs von Enghien vermehrte noch die Spannung. Zufolge ſeines hochſinnigen Charakters konnte der Kai⸗ ſer von Rußland eine ſo treuloſe und frevelhafte That nicht ungeruͤgt laſſen; und da er nicht allein Buona⸗ parte ſelbſt Vorſtellungen daruͤber machte, ſondern ſich auch wegen der Verletzung des deutſchen Gebiets an den Reichstag wendete, ſo ſcheint Napoleon, der keinen Widerſpruch und keinen Tadel, wenn er auch von dem Maͤchtigſten kam, ertrug, einen perſoͤnlichen Wider⸗ willen gegen Alexander gefaßt zu haben. Rußland 9⁵ und Schweden und ihre Monarchen wurden in dem Moniteur verſpottet und laͤcherlich gemacht, und es war bekannt, daß dergleichen Pfeile nie ohne beſondere Erlaubniß Buonaparte's abgeſchoſſen wurden. Der Koͤnig von Schweden rief ſeinen Geſandten von Parks zuruͤck und druͤckte in einer oͤffentlichen, an den frau⸗ zöſiſchen Geſandten in Stockholm gerichteten Note ſein Erſtaunen uͤber die„unanſtaͤndigen und frechen Verunglimpfungen aus, die Monſieur Napoleon Buo⸗ naparte in den Moniteur einruͤcken zu laſſen ſich her⸗ ausgenommen habe.“—(Koͤnig Guſtav war aller⸗ dings ein hoͤchſt leidenſchaftlicher Fuͤrſt, und als ſolcher faͤhig, Unternehmungen zu wagen, welche die Kraͤfte ſeines Landes weit uberſtiegen; allein er wuͤrde ſich doch nicht mit ſolcher Geringſchaͤtzung gegen die furcht⸗ barſte Macht in Europa benommen haben, waͤre er nicht des Beiſtandes des Czaren verſichert geweſen. Er hatte in der That am 1oten Januar 1805 mit Rußland ein enges Buͤndniß geſchloſſen, und zufolge deſſelben erklaͤrte er am 31ſten Oktober deſſelben Jah⸗ res Frankreich den Krieg, in Ausdruͤcken, die fuͤr Na⸗ poleon perſoͤnlich beleidigend waren. Rußland und England hatten inzwiſchen gleichſals eine Allianz geſchloſſen, in der Abſicht, auf dem Con⸗ einent eine Ligue zu bilden, durch welche die franzoͤ⸗ fiſche Regierung zur Wiederherſtellung des Gleichge⸗ wichts in Europa gezwungen werden ſollte. Sie dran⸗ gen insbeſondere auf die Unabhaͤngigkeit von Holland —— — 4 97 und der Schweiz, auf die Raͤumung von Hannover und des noͤrdlichen Deutſchlands von den franzoͤſiſchen Truppen, auf die Zuruͤckgabe von Piemont an den Koͤnig von Sardinien und die gaͤnzliche Raͤumung Italiens von den Franzoſen. Dieß waren rieſenhafte Entwuͤrfe, zu deren Behuf auch verhaͤltnißmaͤßige An⸗ ſtrengungen gemacht werden mußten. Fuͤnfmalhundert⸗ tauſend Mann ſollten dazu verwendet werden, und Großbrittarnien, das mit ſeinen Streitkraͤften ſowohl zur See und zu Land auftrat, hatte ſich noch uͤberdieß anheiſchig gemacht, bedeutende Subſidien fuͤr den Un⸗ terhalt der Armeen der Coalition zu bezahlen. Großbrittannien und Rußland waren die Seele und der Nerv dieſer neuen Coalition gegen Frankreich; allein wegen der inſularen Stellung der erſten, und wegen der weiten Entfernung der zweiten Macht, konnten beide ohne die Mitwirkung von Oeſterreich und Preußen von einem Angriffe auf Frankreich nicht wohl ein guͤnſtiges Reſultat erwarten. Es ward dem⸗ nach Alles verſucht, um dieſe Staaten auf die un⸗ aufhoͤrlichen Eingriffe Navoleon's aufmerkſam zu ma⸗ chen und ihnen die Augen uͤber die Gefahr zu oͤffnen, in der ſie ſchwebten. Aber ſeit dem ungluͤcklichen Feldzuge des Jahres ¹792 hatte Preußen eine ſehr aͤngſtliche Neutralitaͤt beobachtet. Es hatte, und vielleicht nicht ohne ein geheimes Vergnuͤgen, die Demuͤthigung Oeſterreichs, ſeines natuͤrlichen Nebenbuhlers in Deutſchland, geſe⸗ Leben Napoleon's KLVIII, 7 98 hen, und in Folge der verſchiedenen, auf dem Conti⸗ nent eingetretenen Veraͤnderungen manche Gelegenheit gefunden, ſich kleine Vortheile zu verſchaffen, ſo daß es in den Erfolgen Frankreichs ſein eigenes Intereſſe zu finden ſchien. Auch glaubte man, es ſeyen einige der erſten preußiſchen Staatsmaͤnner einem gewiſſen Einfluſſe von Seiten Napoleon's nicht unzugaͤnglich geweſen, und dieſer habe ſie ganz in ſein Intereſſe gezogen. Allein die Nation ſelbſt dachte nicht wie dieſe Miniſter. Durch die Eingriffe, die ſich Napo⸗ leon gegen Deutſchland erlaubte, kam auch die Sicher⸗ heit Preußens in Gefahr, und die Nation ſah in dem Verfalle des oͤſterreichiſchen Einfluſſes die Entſtehung und Bildung einer ſtarken deutſchen Partei zu Gun⸗ ſten Frankreichs, auf das Baiern, Wuͤrtemberg, und beinahe alle kleine Fuͤrſten am Rhein und in deſſen Nachbarſchaft nun mit derſelben Ergebung und Ehr⸗ furcht blickten, die ſie bisher gegen die großen Staa⸗ ten von Oeſterreich und Preußen an den Kag gelegt hatten. Auch erinnerten ſich die Unterthanen des großen Friedrichs ſeiner zahlreichen Siege und fuͤhlten — ſtolz auf die Armee, die er geſchaffen und ſeinem Nachfo'ger hinterlaſſen hatte— weder Abneigung noch Furcht bei dem Gedanken, ihre Kraͤfte mit denen des Diktators von Europa zu meſſen. Die Stimmen in dem Rathe Preußens waren daher getheilt, und un⸗ geachtet die franzoͤſiſch⸗geſinnte Partei den unmittel⸗ baren Beitritt zur Coalition noch zu verhindern wußte, 99 ſo zeigte Preußen durch die Vermehrung ſeiner Armee und durch die Abſendung bedeutender Streitkraͤfte nach der Gegend, welche der Schauplatz der Feindſelig⸗ keiten zu werden ſchien, dennoch deutlich genug, daß die Fortdauer ſeiner Neutralitaͤt einzig durch den Gang der Kriegsereigniſſe bedingt ſey. Um dieſes Kabinet wo moͤglich zu einem Entſchluſſe zu bringen, kam Kaiſer Alerander ſelbſt nach Berlin, wo er mit der groͤßten Auszeichnung empfangen wurde. Sowohl der Koͤnig, als ſeine ſchoͤne und intereſſante Gemahlinn zeigten auf die unzweideutigſte Weiſe, wie ſehr ihnen an dem Erfolge der Allianz gelegen ſey. Beide Souveraine legten auf dem Grabe des großen Friedrichs den Eid ab, ſich der Befreiung Deutſchlands zu widmen, einen Eid, den ſie, wiewohl in einer ſpaͤ⸗ tern Periode, vollkommen loͤßten. Wie aber auch der Koͤnig von Preußen perſoͤnlich geſinnt ſeyn mochte, ſo galten doch im Kabinet die Anſichten des Grafen von Haugwitz; der Kaiſer verließ Berlin, um ſich an die Spitze ſeiner Truppen zu ſtellen, waͤhrend der preußiſche Monarch eine Obſervationsarmee verſam⸗ melte und die drohende Stellung einer neutralen Macht annahm, die ſich im Stande fuͤhlt, nach Be⸗ lieben die Wagſchaale zu Gunſten von einem der krieg⸗ fuͤhrenden Staaten zu neigen. Buonaparte durfte dieſe feindlichen Andeutungen in dieſem Augenblicke nicht uͤbel nehmen, indem er ſonſt aus einem zweifelhaften Freunde einen entſchiedenen Feind gemacht haben 100 wuͤrde. Allein dieſe zweideutige Politik Preußens ward darum nicht vergeſſen— Napoleon behielt die⸗ ſelde im Gedaͤchtniß, um zu ſeiner Zeit Rechenſchaft daruͤber zu fordern. Einſtweilen zog er Vortheil aus den ſchwankenden Maaßregeln und dem unredlichen Neutralitaͤtsſyſtems dieſer Macht. 4 Oeſterreich benahm ſich gegen die Alliirten weniger ſprode. Ungeachtet ſeines Ungluͤcks in den letzten zwei Kriegen, des Verluſtes eines großen Theils von Ita⸗ lien, der Unfaͤlle von Bellegarde, Alvinzi und Wurm⸗ ſer, und der gewaltigen Niederlagen von Marengo und Hohenlinden, beſchloß doch dieſer Staat, der ſich in wenigen Friedensjahren ſchon wieder erholt hatte, zufolge ſeiner unbeugſamen Politik, dem Bundniſſe von Großbrittannien und Rußland beizutreten. Noch eingedenk der Siege, welche die oͤſterreichiſchen Gene⸗ rale und Armeen an der Seite Suwarol's Lefueen hatten, und in der Hoffnung, daß die ſchoͤnen Tage an der Trebia und bei Novi ſich erneuern wuͤrden, verſtaͤrkte Oeſterreich uͤberall ſeine Macht, und waͤhrend der Erzherzog Karl den Oberbefehl uber achtzigtauſend Mann in Italien uͤbernahm, deſſen Verluſt die Oeſter⸗ reicher nicht verſchmerzen konnten, ward eine andere Armee von achtzigtauſend Mann beſtimut, am Lech, und, wie man hoffte, auch am Rhein unter der Lei⸗ tung des Generals Mack zu operiren, der durch ſei⸗ nen elenden neapolitaniſchen Feldzug im Jahre 1799 ſeinen erkuͤnſtelten und hochſt unverdienten Ruf in 101 Oeſterreich noch nicht verloren hatte. Erzherzog Fer⸗ dinand, ein ſehr tapferer und hoffnungsvoller Prinz, fuͤhrte dem Namen nach den Oberbeſehl uͤber die letz⸗ tere Armee, die eigentlich unter dieſem alten, ganz ungenialen Profeſſor der Taktik ſtand. Auch ward noch Erzherzog Johann zum Befehlshaber im Tyrol ernannt. Ehe man aber zum Aeußerſten ſchritt, mußte noch der Erfolg angeknuͤpfter Unterhandlungen abgewartet werden. Den Krieg, der jetzt ausbrechen ſollte, zu motiviren, war eben nicht ſchwer, denn obgleich in dem Frieden von Luneville die Unabhaͤngigkeit der ita⸗ lieniſchen, helvetiſchen und bataviſchen Republik be⸗ dungen und anerkannt worden war, hatte Napoleon ſich demungeachtet zum Vermittler der Schweiz und zum Koͤnige von Italien gemacht, zugleich Holland uͤberzogen, und die ſogenannten drei Laͤnder dergeſtalt mit ſeinen Truppen beſetzt, daß ſie eigentlich nur noch franzoͤſiſche Provinzen waren. Als Oeſterreich ſich hieruͤber mit vieler Waͤrme beſchwerte, zog es ſich von Frankreich eine ſchnoͤde Antwort und den Vorwurf zu, daß es kein Vertrauen zeige und ſich mitten im Frieden zum Kriege ruͤſte. Der Kaiſer von Rußland legte ſich ins Mittel und ſandte einen außerordentlichen Bevollmaͤchtigten nach Paris, in der Abſicht, die Sache wo moͤglich zu einem guͤtlichen Vergleiche zu bringen, und dadurch die Ruhe von Europa von Neuem ſicher zu ſtellen. Noch ehe 10³ aber Novoſiltzoff den Ort ſeiner Beſtimmung erreicht hatte, war die Vereinigung von Genua mit Frank⸗ reich ausgeſprochen worden, wodurch bei dem Einfluſſe, den Napoleon in der Schweiz ubte, die nordyeſtliche Grenze Italiens den franzoͤſiſchen Armeen geoffnet und dieſem ſchoͤnen Lande alle Hoffnung benommen wurde, ſelbſt unter einem andern als einem franzoͤſiſchen Heerſcher wieder in den Beſitz ſeiner Unabhaͤngigkeit zu gelangen. Auf die Nachricht von dieſer neuen uUſurpation, die gerade in die Zeit fiel, wo Napoleon's Umſichgreifen der Gegenſtand einer ernſtlichen Eroͤr⸗ terung werden ſollte, rief Rußland ſeinen Geſandten zuruͤck, und Oeſterreich begann nach dem Austauſche einiger ſcharfen Noten ſein gewagtes Unternehmen, indem es eine bedeutende Armee nach Baiern mar⸗ ſchiren ließ. Es waͤre wahrſcheinlich beſſer geweſen, wenn der Kaiſer Franz dieſe entſcheidende Maaßregel noch aufgeſchoben und die Unterhandlungen wo moͤg⸗ lich ſo lange fortgeſetzt haͤtte, daß die beiden ruſſiſchen Huͤlfsarmeen, von denen jede fuͤnfzigtauſend Mann ſtark war, zum Beiſtande ihrer Alliirten haͤtten ein⸗ treffen koͤnnen, oder bis der Koͤnis von Preußen, im Gefuͤhl der herannahenden Kriſe, der Coalition beige⸗ treten waͤre. In dem einen wie in dem andern Falle, und um ſo mehr, wenn beide Fälle Statt fanden, wuͤrde dieſer unheilbringende Feldzug eine ganz andere Wendung genommen haben. Aber Oeſterreich beging nicht blos den Fehler, den 103 Krieg zu uͤbereilen, auch die Art, wie es denſelben fuͤhrte, muß getadelt werden. Baiern wurde von den öͤſterreichiſchen Truppen uͤberzogen und der Kurfuͤrſt aufgefordert, ſich dem Buͤndniſſe anzuſchließen. Maxi⸗ milian Joſeph war nicht abgeneigt, ſeine Truppen mit denjenigen zu vereinigen, welche gekommen waren, Deutſchland zu befreien; allein er ſtellte vor, daß ſein Sohn, der damals Frankreich bereiste, dafuͤr verant⸗ wortlich gemacht werden koͤnnte, falls er der Coali⸗ tion beitreten wuͤrde.—„Auf meinen Knieen bitte ich Sie,“ ſchrieb er an den Kaiſer Franz,„erlauben Sie mir, neutral zu bleiben.“— Dieſes billige Ge⸗ ſuch ward abgeſchlagen, und der Kurfuͤrſt mit einer Haͤrte, die eben ſo ungerecht, als unpolitiſch war, auf⸗ gefordert, mit der Coalition gemeinſchaftliche Sache zu machen. Man gab ihm ferner zu verſtehen, daß ſeine Truppen nicht ein abgeſondertes Korps bilden koͤnnten, ſondern daß ſie unter die oͤſterreichiſchen ge⸗ ſteckt werden wuͤrden. Dieſe Bedingungen waren ſo hart, daß die ungewiſſe Allianz mit Frankreich immer noch raͤthlicher ſchien, als eine ſolche unbedingte Un⸗ terwerfung. Marximilian, der ſich von ſeiner Haupt⸗ ſtadt Muͤnchen nach Wuͤrzburg zuruͤckzog, und ſeine Armee in Franken verſammelte, fuhr fort, um ſeine Neutralitaͤt zu unterhandeln. Jedoch vergebens; ſie ward ihm nochmals unter gebieteriſchen Ausdruͤcken verweigert, und woͤhrend die öͤſterreichiſche Regierung darauf beſtand, daß die baieriſchen Truppen zu den 10½ ihrigen ſtoßen ſollten, benahmen ſich letztere wie in Feindes Land. Es wurden Requiſitionen ausgeſchrie⸗ ben und Maaßregeln ergriffen, aus welchen erhellte, daß die Oeſterreicher ihren alten Groll gegen Baiern noch nicht vergeſſen hatten. Sonach iſt leicht zu be⸗ greifen, daß der Baierfuͤrſt, uͤber eine ſolche Behand⸗ lung entruͤſtet, die Alliirten als Feinde, und die Frau⸗ zoſen als ſeine Retter betrachten mußte. Die militaͤriſcen Mandͤvers der Oeſterreicher wa⸗ ren eben ſo ungeſchickt, als ihr Benehmen gegen das neutrale Baiern ungerecht und unpolitiſch war. Wenn ein General von mittelmaͤßigen oder untergeordneten Talenten es mit einem genievollen Gegner zu thun hat, ſo ſind zwei Fehler fuͤr ihn gleich ſehr verderblich. Verbindet er mit ſeiner Schwaͤche auch noch Duͤnkel, ſo wird er ſich beſtreben, die wahrſcheinlichen Bewe⸗ gungen ſeines Gegners zu berechnen, und wenn er dieſelben, wie er glaubt, ausgemittelt hat, ſo wird er denſelben zuvorkommen oder dieſelben unterbrechen wollen, und kann ſich dadurch, daß er die Regel, nach welcher ſein Feind verfaͤhrt, verkennt, großes Ungluͤck zuziehen. Iſt aber ein ſolcher General durch den Ruf deſſen, der ihm gegenuͤber ſteht, eingeſchuͤchtert, ſo bleibt er gerne unthaͤtig und unſchluͤſſig, ſo lange, bis die Abſicht des Feindes am Tage liegt, wo er dann dieſelbe nicht zu vereiteln im Stande iſt. Dem General Mack war es vorbehalten, in einem ganz kur⸗ zen Feldzuge beide Fehler zu begehen, und zuerſt duͤn⸗ — 105 kelhafte Vermeſſenheit, und dann Unentſchloſſenheit und Feigheit zu zeigen. Es bedurfte eben keiner großen Erfahrung, um zu wiſſen, daß nach zwei ſo ungluͤcklichen Kriegen die öſterreichiſchen Truppen auf die vorſichtigſte Weiſe mit dem Feinde in Beruͤhrung gebracht und durch ihre Stellung und Anzahl gegen das entmuthigende Ge⸗ fuͤhl geſichert werden mußten, welches auch die tapfer⸗ ſten Truppen befaͤllt, wenn ſie lange Zeit ungluͤcklich geweſen ſind. Aus dieſem Grunde haͤtten die oͤſter⸗ reichiſchen Armeen auf ihrem eigenen Gebiete in der trefflichen Stellung am Inn, zwiſchen dem Tyrol und der Donau, Halt machen muͤſſen. Haͤtte Mack mit ſeiner zahlreichen Armee dieſe furchtbare Schranke be⸗ ſetzt, ſo wuͤrden ſich die Oeſterreicher, wie es ſcheint, bis zur Ankunft der Ruſſen haben behaupten koͤnnen. Hielt Mack es fuͤr angemeſſen, weiter gegen Weſten vorzuruͤcken, um ſich die Staaten des Kurfuͤrſten zu verſichern, ſo fand er am Lech abermals eine vortheil⸗ hafte Stellung, wo er die Ruſſen, deren Ankunft durch ſein Vorruͤcken allerdings verzoͤgert wurde, er⸗ warten konnte. Aber der ungluͤckliche Taktiker zog es vor, auch Baiern hinter ſich zu laſſen, ſich den fran⸗ zoͤſiſchen Grenzen zu naͤhern, von Ulm, Memmingen und den Linien der Iller und der Donau Beſitz zu nehmen, wo er ſich mit einer Sorgfalt befeſtigte, als ob er die Defileen des Schwarzwaldes beobachten wollte. Nur diejenigen, die von Mack noch am be⸗ 106 ſten denken, moͤgen glauben, daß er die Franzoſen vom Schwarzwald her erwartet habe, weil ſie in den fruͤhern Kriegen oftmals dieſen Weg eingeſchlagen hatten. Da er aber ſeinen Gegner kannte, ſo mußte er gerade das Gegentheil vorausſetzen, in ſoferne die Manoͤvers Napoleon's ſtets tief berechnet waren und ſich durch Neuheit und Originalitaͤt auszeichneten. Es laͤßt ſich nicht annehmen, daß der große Bund einen Gegner habe uͤberfallen wollen, der ſo viel Ur⸗ ſache hatte, auf ſeiner Huth zu ſeyn. Die oͤſterreichi⸗ ſchen Truppen, die den Feldzug ſo raſch eroͤffnet hat⸗ ten, waren darum nicht ſchlagfertiger, als die uner⸗ meßlichen Armeen des franzoͤſiſchen Reiches. Die franzöſiſchen Truppen, die in dem Lager von Bou⸗ logne ſo lange muͤßig geblieben waren, ſollten nun aus ihrer Unthaͤtigkeit erloͤst werden, und da man ihres Beiſtandes in einer ſehr ernſtlichen Angelegen⸗ heit bedurfte, ſo war es fuͤr Buonaparte vielleicht nicht unangenehm, einen Vorwand zu finden, um auf eine Invaſion zu verzichten, zu der er ſich etwas zu voreilig verbindlich gemacht hatte. Jene furchtbare Maſſe von Truppen, die man bisher die Armee von England genannt hatte, legte jetzt dieſen Namen ab und nahm fortan den der großen Armee an. Zu gleicher Zeit wurden auch die bisher in Holland und in dem noͤrdlichen Deutſchland aufgeſtellten Armeen in Bewegung geſetzt. In dieſem merkwuͤrdigen Feldzuge bediente ſich 107 Buonaparte zum erſten Mal der offiziellen Kriegsbe⸗ richte, um der franzoͤſiſchen Nation ſeine Siege zu verkuͤnden, und ihr das wiſſen zu laſſen, was er ihr nicht vorenthalten wollte, oder ihr das glauben zu machen, was zu ſeinen Abſſchten paßte. In jedem Lande muͤſſen dergleichen offtzielle Berichte einen par⸗ teiiſchen Charakter haben, da jeder Regierung daran gelegen iſt, das Reſultat ihrer Maaßre, a im guͤnſtig⸗ ſten Lichte darzuſtellen. Wo jedoch die Preſſe frei iſt, kann die Taͤuſchung nicht bis auf's Aeußerſte getrie⸗ ben werden; der Betrug findet niemals den vollen Glauben, wo man ſich noch aus andern Quellen be⸗ lehren und die Glaubwurdigkeit einer Ausſage pruͤfen kann. Aber Buonaparte hatte das unbegrenzte und ausſchließliche Vorrecht, zu ſagen, was ihm beliebte, ohne einen Widerſpruch oder irgend einen Kommentar befuͤrchten zu muͤſſen, und in dem Gebrauche dieſes Vorrechts kannte er durchaus keine Grenzen. Doch ſind dieſe Bulletins ſchaͤtzbare hiſtoriſche Dokumente, ſo wie auch die Aufſaͤtze im Moniteur, die oft von ihm ſelbſt, in allen Faͤllen aber unter ſeiner Aufſicht, verfaßt wurden. Man findet darin viele Belehrung, und wenn auch Manches nicht richtig angegeben iſt, ſo iſt es doch immer noch ſehr intereſſant, in ſoferne daraus, wenn picht die Wahrheit, ſo doch dasjenige erhellt, was Pifßoleon dafuͤr gehalten wiſſen wollte, wodurch dann ſein Charakter ſammt ſeinen Entwuͤrfen allerdings ins Licht geſetzt wird. 108 In einem Erlaſſe vom 22ſten September ſetzte Buonaparte den Senat von dem bevorſtehenden Kriege und von dem zwiſchen ihm und den verbuͤndeten Maͤch⸗ ten entſtandenen Zwiſte in Kenntniß„ und verlangte — und erhielt folglich auch— von demſelben zwei Dekrete, wovon das eine die Aushebung von 3⁰,000 Mann zum Behuf des Felddienſtes, das aandere die-anifation der Nationalgarde verfuͤgte. Hierauf ſtellte er ſich an die Spitze ſeiner Heerſchaa⸗ ren, um der Armee von Mack den Untergang zu be⸗ reiten, nicht etwa wie bei Marengo durch eine ein⸗ zige Hauptſchlacht, ſondern durch eine Reihe großer Mandoͤvers und partieller Gefechte, die den Wider⸗ ſtand ſowohl als Ruͤckzug unmoͤglich machten. Wir koͤnnen dieſe Manoͤvers nur andeuten, und vielleicht laſſen ſie ſich auch nur mit Huͤlfe der Karte ver⸗ ſtehen. Waͤhrend Mack die Franzoſen in einer auf ſeiner Fronte ſenkrechten Richtung erwartete, hatte Buona⸗ parte den kuͤhnen Entſchluß gefaßt, die Flanke des oͤſterreichiſchen Generals zu umgehen, denſelben von ſeinem Lande und ſeinen Huͤlfsquellen abzuſchneiden, und ihn in die Nothwendigkeit zu ſetzen, ſich entwez der zu ergeben, oder eine Schlacht ohne Hoſſnung eines Erfolges zu liefern. Zur Ausfuͤhrung dieſes großen Planes wurde die franzoͤſiſche Armee in ſechs große Armeekorps getheilt. Jenes von Bernadotte, welches das bisher beſetzt gehaltene Hannover raͤumte 109 und durch Heſſen zog, ſchien ſich mit der Hauptarmee, die bereits den Rhein auf allen Punkten erreicht hatte, vereinigen zu wollen. Aller bald war ſeine eigentliche Beſtimmung entſchieden, als ſich Bernabotte links wendete, am Main hinaufzog und in Wuͤrzburg eine Vereinigung mit dem Kurfuͤrſten von Baiern dewerk⸗ ſtelligte, der ſich mit den Truppen, die ihm nach Franken gefolgt waren, ſogleich fuͤr die franzoͤſiſche Sache erklaͤrte. Der Kurfuͤrſt von Wuͤrtemberg und der Großher⸗ zog von Baden beobachteten dieſelbe Politik, und ſo hatte Oeſterreich dieſelben deutſchen Fuͤrſten gegen ſich aufgerufen, die ein gemaͤßigtes Benehmen gegen Baiern vielleicht neutraliſirt haben wuͤrde, in ſofern Frankreich bei der Eroͤffnung des Kampfes kaum ſtark genug war, dieſelben unter ſeine Fahnen zu noͤthigen. Die andern fuͤnf Kolonnen der franzoͤſiſchen Armee gingen unter Ney, Soult, Davoust, Van⸗ damme und Marmont auf verſchiedenen Punkten uͤber den Rhein und ruͤckten, die Stellung Mach's rechts laſſend, in Deutſchland vor waͤhrend Murat, der bei Kehl uͤber den Rhein ging, ſich dem Schwarzwalde naͤherte und ſolchergeſtalt manoͤvrirte, daß Mack glau⸗ ben mußte, der Hauptangriff werde von daher erfol⸗ gen. Aber die Richtung der uͤbrigen Armeekorps zeigte, daß es die Abſicht des franzoͤſiſchen Kaiſers ſey, den rechten Fluͤgel der Oeſterreicher zu umgehen und hiebei dem linken oder nordlichen Ufer der Donau 110 zu folgen, dieſen Fluß ſodann zu uͤberſchreiten, ſich in den Nuͤcken der Armee von Mack zu werſen und ſeine Stellung zwiſchen derſelben und Wien zu neh⸗ men. Zu dieſem Behuf richtete Soult, der bei Speyer uͤber den Rhein gegangen war, ſeinen Marſch auf Augsburg, waͤhrend Murat und Lannes, um die Verbindung zwiſchen dieſer Stadt und Ulm, dem oͤſterreichiſchen Hauptquartier, zu unterbrechen, nach Wertingen vorruͤckten, wo ein hitziges Treffen Statt fand, in welchem die Oeſterreicher all ihr Geſchuͤtz, und, wie es hieß, viertauſend Mann auf eine omi⸗ noͤſe Weiſe verloren. Man haͤtte dieſes Gefecht eine Schlacht nennen muͤſſen, waͤren die beiderſeitigen Ar⸗ meen kleiner geweſen; aber wo ſo zahlreiche Maſſen einander gegenuͤber ſtanden, hatte daſſelbe eben nur die Bedeutung eines Scharmuͤtzels. In derſelben Abſicht, Mack in ſeinem Hauptquar⸗ tier zu beſchaͤftigen und ihn dadurch abzuhalten, auf das zu achten, was auf ſeinem linken Fluͤgel und in ſeinem Ruͤcken vorging, griff Ney, der von Stuttgart kam, die Donaubruͤcken bei Guͤnzburg an, die von dem Erzherzog Ferdinand, der von Ulm aus dahin marſchirt war, zwar mit vieler Tapferkeit, aber ohne Erfolg vertheidigt wurden. Der Erzherzog verlor mehrere Kanonen und gegen dreitauſend Mann. Inzwiſchen fand eine Operation Statt, wobei ſich die entſchloſſene und unbeugſame Handlungsweiſe Napoleon's, die ſo ſehr gegen das Verfahren der alten europaͤiſchen Hoͤfe abſtach, recht auffallend zeigte. Um ſich zwiſchen Mack und die ſowohl oͤſterreichiſchen als ruſſiſchen Verſtaͤrkungen zu ſtellen, mußten die franzoͤſiſchen Diviſionen ihren Weg uͤber Noͤrdlingen nehmen; insbeſondere mußte Bernadotte, der jetzt nun auch die baieriſchen Truppen unter ſich hatte, ſich in derſelben Richtung bewegen. Dieß konnte er aber nicht thun, ohne die preußiſche Neutralitaͤt zu verletzen, und auf dem naͤchſten Wege durch das dieſer Macht zuſtehende Gebiet von Anſpach und Bayreuth zu ziehen. Ein weniger kuͤhner Feldherr, ein etwas ſchuͤchterner Politiker, als Napoleon, wuͤrde Anſtand genommen haben, einen Schritt dieſer Art in einem ſolchen Augenblicke zu wagen. Preußen, bis jetzt noch unſchluͤſſig in ſeiner Politik, war doch, wie man wußte, im Ganzen genommen feindlich gegen Frank⸗ reich geſinnt, und ſolch' ein Schimpf konnte die Na⸗ tion ſo ſehr aufbringen, daß Haugwitz und ſeine Par⸗ tei nichts mehr uͤber ſie vermochten. Preußens Bei⸗ tritt zu der Coalition in einem ſo kritiſchen Augen⸗ blicke konnte vielleicht das Schickſal des ganzen Feld⸗ zugs entſcheiden und wohl auch noch ſchlimmere Re⸗ ſultate herbeifuͤhren. Napoleon ſah dieſes wohl ein, er wußte aber auch, daß Preußen nicht etwa aus Mangel an einem Vor⸗ wande, ſondern bis jetzt nur darum das Schwerdt nicht gezogen habe, weil es die Allirten nicht recht fäͤhig hielt, den Waffen und dem Gluͤcke Frankreichs 1132 zu widerſtehen. Wenn es ihm daher gelang, durch Verletzung des preußiſchen Gebiets den Alliirten ploͤtzlich einen entſcheidenden Schlag beizubringen, ſo rechnete er ganz richtig darauf, daß der Hof von Berlin da⸗ durch mehr geſchreckt, als aufgebracht werden wuͤrde. Bernadotte erhielt daher vom Kaiſer die Weiſung, ohne Weiters durch das Gebiet von Anſyach und Bay⸗ reuth, das nur durch leere Einſpruͤche und durch eine Berufung auf die Rechte der Neutralitaͤt vertheidigt war, zu marſchiren. Die Kunde von dieſer Gebiets⸗ verletzung beleidigte den preußiſchen Hof gar ſehr, und ein Kriegsgeſchrei erhob ſich daruͤber in der ganzen Nation. Dieſer allgemeine Unwille, den Napoleon vorhergeſehen hatte, ward aber hinwiederum durch die entſcheidenden Vortheile gemaͤßigt, die er uͤber die Oeſterreicher davon trug. 3 Aller Unternehmungsgeiſt war aber ſogleich bei der Eroͤffnung der Feindſeligkeiten von Mack gewichen. Er hatte, wie bis dahin alle öͤſterreichiſchen Generale, den Fehler beganßen, ſeine Stellung zu weit auszu⸗ dehnen und zu viele Poſten zu beſetzen, ſo daß Buo⸗ naparte dadurch Gelegenheit erhielt, mit vereinter Kraft uͤberthn herzufallen und ſeine Diviſionen einzeln aufzureiben. Durch die Niederlage bei Guͤnzburg ward endlich Mack veranlaßt, ſeine ganze Armee bei ulm zuſammenzuziehen; allein Baiern und Schwaben waren nun bereits im Beſitze der franzoͤſiſchen und der baieriſchen Truppen, und der oͤſterreichiſche Gene⸗ 113 ral Spangenberg, in Memmingen eingeſchloſſen, ſah ſich genoͤthigt, mit fuͤnftauſend Mann die Waffen niederzulegen. Die Franzoſen, die am 26ſten Sep⸗ tember uͤber den Rhein gegangen waren, hatten am 15ten Oktober, wo der Feldzug kaum noch s eroͤffnet an⸗ geſehen werden konnte, auf verſchiedenen Punkten be⸗ reits nicht weniger als zwanzigtauſend Gefangene ge⸗ macht. Napoleon erwartete indeſſen, daß Mack in ſeiner Verzweiflung den bis dahin aufgeſchobenen Widerſtand leiſten wuͤrde, und verkuͤndete deßwegen auch ſeiner Armee eine allgemeine Schlacht. Er er⸗ mahnte ſeine Soldaten, Rache dafuͤr zu nehmen, daß ſie durch den Ausbruch dieſes neuen Continentalkrieges an der Pluͤnderung Londons verhindert worden ſeyen. Er erklaͤrte ihnen, daß er, wie bei Marengo, den Feind von ſeinen Reſerven und Huͤlfsquellen abge⸗ ſchnitten habe, und forderte ſie auf, Ulm durch eine Schlacht zu verewigen, die noch entſcheidender ſeyn muͤſſe. Es kam aber doch zu keiner allgemeinen Schlacht, ſondern zu einzelnen blutigen Gefechten, in welchen die Oeſterreicher ſtets den Kuͤrzern zogen; auch wur⸗ den ihre Generale unter ſich uneins. Der Erzherzog Ferdinand, Schwarzenberg, ſpaͤter zu einer ſo be⸗ deutenden Rolle in dieſer wechſelvollen Geſchichte be⸗ ſtimmt, Colloredo und andere, als ſie ſich von Netzen umgeben ſahen, die taͤglich enger gezogen wurden, be⸗ ſchloſſen, Mack und ſeine Armer zu verlaſſen, und ſich Leben Napoleon's. XLVIII. 83 1 14 an der Spitze der Reiterei einen Weg nach Boͤhmen zu bahnen. Der Erzherzog fuͤhrte dieſe Bewegung mit der groͤßten Tapferkeit, aber nicht ohne bedeuten⸗ den Verluſt aus. Man muß uͤberhaupt geſtehen, daß ſich die oͤſterreichiſchen Prinzen in allen dieſen Kriegen mit der groͤßten Tapferkeit benahmen und die Ehre ihres Hauſes bei allen Unfaͤllen, die daſſelbe trafen, behaupten und zu bewahren wußten. Ferdinand brachte nach vielen Gefechten und nach großem Verluſt auf beiden Seiten zuletzt noch ſechstauſend Mann Reite⸗ rei nach Eger in Boͤhmen. Inzwiſchen ſah ſich Mack mit den Ueberreſten ſei⸗ ner Armee in Ulm eingeſchloſſen, wie es Wurmſer in Mantua geweſen. Er erließ einen Tagesbefehl, der die Abſicht anzudeuten ſchien, die ausdauernde Ver⸗ theidigung jenes heldenmuͤthigen Veteranen nachzuah⸗ men. Er verbot, das Wort Uebergabe auszuſpre⸗ chen— kuͤndigte die nahe Ankunft zweier maͤchtigen Armeen, einer oſterreichiſchen und einer ruſſiſchen, an, die der Blokade bald ein Ende machen wuͤrden, und erklaͤrte ſeinen Entſchluß, lieber Pferdefleiſch zu eſſen, als irgend eine Kapitulation anzunehmen. So prahlte er noch am 16ten Oktober, und den Tag darauf un⸗ terzeichnete Mack die Bedingungen der Uebergabe, mit der er bei Abfaſſung des Tagsbefehls wahrſcheinlich ſchon umgegangen war. Dieſe Reihe von militaͤriſchen Mißgriffen hatte vielleicht ihren Grund in der Thorheit oder Unfaͤhig⸗ 115 keit Macks; man muß aber geſtehen, daß ſie durch ihren auffallenden Charakter im Sinne der Rechtsgelehrten einer Schuld gleich kam. Dazu kam aber noch ein anderer Umſtand, der zu beweiſen ſcheint, daß dieſer einſt ſo beruͤhmte und hoch betraute Gene⸗ ral nicht nur ein Dummkopf, ſondern zuch ein Verraͤther war(1 2). Zufolge der am 17ten Oktober unterzeich⸗ neten Kapitulation ſollte ein Waffenſtillſtand bis zur Mitternacht des 26ſten Oktobers Statt finden; wenn innerhalb dieſer Zeit eine öſterreichiſche oder ruſſiſche Armee erſchien, um die Blokade aufzuhehen, ſo ſollte es der in Ulm eingeſchloſſenen Armee frei ſtehen, mit Waffen und Gepaͤck zu derſelben zu ſtoßen. In Gemaͤßheit dieſer Bedingung blieb den oͤſterreichiſchen Soldaten noch immer einige Hoffnung, entſetzt zu werden; auf jeden Fall wurde dadurch der groͤßte Theil der franzoͤſiſchen Armee neun Tage lang bei Ulm feſt⸗, und folglich von andern Unternehmungen abgehalten. Allein Mack verſtand ſich zu einer Reviſion dieſer Bedingun⸗ gen, wwas man einem Manne von Ehre ſchwerlich haͤtte zumuthen koͤnnen; er unterzeichnete am noten eine zweite Kapitulation, dure welche er ſich verbind⸗ lich machte, Uim den andern Tag zu raäͤumen. Se⸗ nach verkuͤmmerte er in einer Kriſe, wo jede Minnte koſtbar war, gar ſehr die Vortheile, welche die Oeſter⸗ reicher von dem zuerſt bedungenen Aufſchub ziehen konnten. Es iſt für dieſe Akaͤnderung gar kein Grund angefuhrt worden; nur hatle Buonaparte dem General! 116 Mock vor der Unterzeichnung jenes Zuatzartikels eine Audienz geſtattet, und wir muͤſſen es unentſchieden laſſen, welcher Argumente er ſich bei derſelben bedient haben mag... Aus der Feigheit, der Unſaͤhigkeit und vielleicht der Verraͤtherei Mack's erwuchſen den Franzoſen die Vortheile eines entſcheidenden Sieges. Die Oeſter⸗ reicher verloren ihr Geſchuͤtz, ihr Gepaͤck und uner⸗ meßliche Kriegsvorraͤthe aller Art. Acht Generale er⸗ gaben ſich auf Ehrenworte, und uͤber zwanzigtauſend Mann wurden Kriegsgefangene und nach Frankreich abgefuͤhrt. Es wurden in dieſem Feldzuge uͤberhaupt ſo viele Gefangene gemacht, daß Buonaparte dieſelben an die Bauern in Frankreich vertheilen ließ, bei denen ſie die Stelle der Conſcribirten erſetzten und die Feld⸗ arbeiten verſahen. Der Verſuch gelang; bei der Fuͤgſam⸗ keit der Deutſchen und der Gutartigkeit der franzoͤſi⸗ ſiſchen Dienſiherren ſagte dieſe neue Art von Sclaverei beiden Theilen zu und milderte einigermaßen das Unge⸗ mach des Kriegs. Denn das Schlachtfeld ſelbſt, mit allen ſeinen Verwundeten und Todten, bietet keinen ſcheußlicheren Anblick dar, als die Behaͤltniſſe und Zwinger, in welchen Hunderte und Tauſende von Gefangenen dem Muͤßiggange und allen ſeinen ver⸗ derblichen Folgen, nicht ſelten auch peſtartigen Krank⸗ heiten und dem Tode preis gegeben werden*). Buo⸗ —— *) Wie in England, wo die Kriegsgefangenen auf Blockſchiffen verſchmachten müͤſſen. Anmerk. des Ueberſ. — 117 naparte ſann darauf, dieſe neue Kriegsſitte in einem noch groͤßern Maßſtab auszufuͤhren, aus ſeinen Ge⸗ fangenen geordnete Schuaren zu bilden und dieſelben zu oͤffentlichen Arbeiten zu verwenden. Seine Rechts⸗ gelehrten meinten, dergleichen ſey dem Volkerrechte zuwider. Dieß wuͤrde vermieden worden ſeyn, wenn man bloß Freiwillige in Anſpruch genommen haͤtte, und zugleich waͤre auch der Auſchein verſchwunden, als ob man ſich jenen barbariſchen Zeiten wieder naͤhern wolle, wo der Gefangene der Sclave des Siegers wurde. Allein der Nationalcharakter wuͤrde in den meiſten Faͤllen einen ſolchen Gedanken unausfuͤhrbar machen. Als man ſpaͤter die ſpaniſchen Gefangenen auf dieſelbe Weiſe gebrauchen wollte, ergriffen viele von ihnen die Flucht, oder lehnten ſich gegen ihre Dienſtherren auf. Ein franzoͤſiſcher Soldat wuͤrde eben ſo bei einem eng⸗ liſchen Herrn einen ſchlechten Knecht abgeben, und ein engliſcher Kriegsgefangener ſich noch weniger als ein ſolcher gebrauchen laſſen. Die Vortheile einer kom⸗ parativen Freiheit wuͤrden in beiden Faͤllen durch das Gefuͤhl einer perſoͤnlichen Unterwurfigkeit aufgewogen werden. 4 Als die oͤſterreichiſchen Generale vor den franzoͤſt⸗ ſchen Kaiſer gelaſſen wurden, benahm er ſich mit vieler Artigkeit gegen Klenau und andere Maͤnner von Ruf, die er in den italieniſchen Feldzuͤgen kennen gelernt. Aber er klagte uͤber die Politik ihres Hofes, durch die er, wie er ſagte, ohne zu wiſſen warum, zum Kriege 118 genoͤthigt worden ſey. Er prophezeihte den Fall des oͤſterreichiſchen Hauſes, wenn anders ſein Bru⸗ der, der Kaiſer, ſich nicht beeile, Frieden zu ſchlie⸗ ßen, und tadelte die Politik, zufolge welcher die unciviliſirten Ruſſen berufen wurden, ſich in die 3 Angelegenheiten der geſitteten Voͤlker zu miſchen. Mack“*) war frech genug, zu erwiedern, der Kaiſer von Oeſterreich ſeye durch Rußland zum Krieg genoͤthigt worden.—„Wenn es ſo iſt,“ ſagte Napolern,„ſo habt ihr aufgehoͤrt, ein unabhaͤngi⸗ ges Volk zu ſeyn.“— Die ganze Unterredung er⸗ ſchien in dem Bulletin, worin auch, wiewohl mit wenig Wahrſcheinlichkeit, behauptet wurde, die oͤſter⸗ reichiſchen Offiziere und Soldaten haͤtten die Allianz zwiſchen ihrem Kaiſer und Alerander einſtimmig ge⸗ tadelt. Wir ſchließen daraus, daß die Verbindung dieſer zwei maͤchtigen Souveraine fuͤr Buonaparte, ſelbſt in dem Augenblick ſeiner glaͤnzenden Erfolge, ein Gegenſtand der Beſorgniß war, wie dann auch ſeine offiziellen Kundmachungen, wenn ſie zuweilen eine gewiſſe Großmuth gegen die Beſiegten ausdruͤck⸗ ten, dennoch ſtets einen Ton des Vorwurfs und der ⁵) Es wird uͤberfluͤſſig ſeyn, auf dieſen Mann, der unſern Leſern ohne Zweifel, ſo widerlich ſehn wird, als uns ſelbſt, noch einmal zuruͤckzukommen. Er wurde in einem entfernten Theile des oͤſter⸗ reichiſchen Staats in ein Staatsgefaͤngniß gebracht— ob er da⸗ ſelbſt ſtarb, oder wieder in Freiheit geſetzt wurde, haben wir even ſo wenig erfahren, als uns darum bekuͤmmert⸗ 1 19 4. Beleidigung gegen diejenigen beibehielten, von denen ein kraͤftiger Widerſtand zu befuͤrchten war, Fuͤnftes Kapitel. Stellung der franzoͤßſchen Armeen.— Napoleon ruͤckt gegen Wien vor.— Der Kaiſer Franz verlaͤßt ſeine Hauptſtadt— Die Fran⸗ zoſen ruͤcken am 15. November in Wien ein.— Ueberſicht der franzoͤſiſchen Siege in Italien und im Tyrol.— Napoleon ſucht es zu einer Hauptſchlacht zu bringen.— Es gelingt ihm.— Schlacht von Auſterlitz— gaͤnzliche Miegtläne der oͤſterreichiſch⸗ rruſſiſchen Armeen. Die Fluth des Krieges waͤlzte ſich jetzt oſtwaͤrts, nachdem ſie die ihr entgegengeſetzte Schranke durchdro⸗ chen und gaͤnzlich zerſtoͤrt hatte. Napoleon begab ſich an die Spitze ſeiner Centralarmee. Auf dem rechten Fluͤgel war Ney bereit, jeden Einfall, der von den Tyrolerpaͤſſen her etwa verſucht werden moͤchte, abzu⸗ wehren. Auf dem linken Fluͤgel beobachtete Murat den Erzherzog Ferdinand, der ſich geweigert, an der un⸗ wuͤrdigen Kapitulation von Ulm Theil zu nehmen, ſich eine Bahn nach Boͤhmen gebrochen und ſich hier mit andern Streitkraͤften vereinigt hatte, die ſich ent⸗ weder ſchon fruͤher in dieſem Koͤnigreiche befanden oder gleichfalls dahin entronnen waren. Endlich hatte die Diriſton Augereau, die ſo eben erſt als Reſerve aus Frankreich gekommen war, den Auftrag, einen „Theil von Schwaben zu beſetzen, das Vorarlbergiſche 120 zu beobachten und die Preußen zu bedrohen, falls ſie, durch die Verletzung ihres Gebiets erbittert, uͤber die Donau gehen und an dem Kriege Theil nehmen wollten. Waͤre jedoch das Gewicht Preußens in dieſem ent⸗ ſcheidenden Augenblicke mit Nachdruck in die Wag⸗ ſchaale gelegt worden, ſo haͤtte Augereau es doch nicht vermocht, Napoleon aus ſeiner gefaͤhrlichen Lage zu retten, indem die großen Armeen des neuen Feindes in ſeinem Ruͤcken operirt, und folglich ſeine Verbin⸗ dungen mit Frankreich gaͤnzlich abgeſchnitten haben wuͤrden. Oeſterreich befand ſich damals in derſelben Kriſe, wie ſpaͤter im Jahre 1843; in der letztgenann⸗ ten Periode aber war es durch Erfahrung klug gewor⸗ den, und wußte die goldene Gelegenheit zu benuͤtzen, welche Preutzen ſich jetzt entſchluͤpfen ließ. Buona⸗ parte hatte mit Sicherheit auf die furchtſamen und⸗ ſchwankenden Maßregeln der letztern Macht gerechnet. Die Verletzung des Gebiets von Anſpach und Bayreuth hatte man zwar in Berlin vernommen; aber beinahe unmittelbar darauf traf die Nachricht von dem Unheil ein, welches die Oeſterreicher in Ulm erlitten; und waͤhrend die erſte Kunde einen ſchnellen Ausbruch der Feindſeligkeiten zu gebieten ſchien, war die zweite ganz dazu geeignet, von der Theilnahme an einer be⸗ reits verlornen Sache abzuſchrecken. 6 Solchergeſtalt auf die ſchwankende Politik Preußens rechnend, ſeine Flanken und ſeinen Ruͤcken auf die angezeigte Weiſe deckend, drang Napoleon mit ſeiner 121 Centralarmee gegen Wienzvor, das in den letzten Kriegen wiederholt bedroht worden war, deſſen Schickſal aber nach der Niederlage bei Ulm entſchieden ſchien. Zwar hatte eine zum Theil aus Ruſſen, zum Theil aus Oeſterreichern beſtehende Armee ihren Vormarſch be⸗ ſchleunigt, um einem ſo großen Ungluͤck zuvorzukom⸗ men; da ſie aber zu ſpaͤt gekommen, war ſie vor der ſiegreichen franzoͤſiſchen Armee langſam zuruͤckgewichen und hatte ſich, weil ſie nur etwa fuͤnfundvierzigtauſend Mann zaͤhlte, weder am Inn, der Traun, der Ens, noch in irgend einer Stellung behaupten koͤnnen, wo⸗ durch Wien gedeckt worden waͤre. Zwar machte ſie mehrere Male Halt, leiſtete einen bedeutenden Wider⸗ ſtand und lieferte ſogar einige hitzige Gefechte, die aber ſtets mit ihrem Ruͤckzug endeten, der ſeine Rich⸗ tung nun nach Maͤhren nahm, wo die große ruſſiſche Armee ſich unter dem Oberbefehl des Kaiſers Aleran⸗ der verſammelt hatte, und noch weitere Verſtaͤrkungen unter dem General Burhoͤwden erwartete. Es wurden einige Verſuche gemacht, Wien in Vertheidigungsſtand zu ſetzen, und die Einwohner aufgerufen, ſich in Maſſe zu dieſem Endzweck zu er⸗ heben. Da aber die Befeſtigungswerke alt und ſchad⸗ haft waren, ſo wuͤrde ein Widerſtand nur die Zerſtoͤ⸗ rung der Sradt nach ſich gezogen haben. Der Kaiſer Franz ſah ſich daher ſelbſt in die Nothwendizkeit ver⸗ ſetzt, durch Unterhandlungen fuͤr die Sicherheit ſeiner Hauptſtadt und fuͤr die ſeiner leigenen Perſon dadurch — 1²² zu ſorgen, daß er Wien verließ. Am ten November reiste er deßwegen nach Bruͤnn in Maͤhren ab, um ſich unter den Schutz der ruſſiſchen Armee zu ſtellen. An demſelben Tage, aber ſpaͤr Abends, erſchien Graf Giulay im Hauptquartier Napoleon's zu Linz um einen Waffenſtillſtand vorzuſchlagen, durch welchen ein allgemeiner Friede eingeleitet werden ſollte. Buo⸗ naparte wollte nichts davon wiſſen, wenn ihm nicht vorerſt Venedig und das Tyrol uͤbergeben wuͤrden. Da man ſich in dieſe Bedingungen nicht fuͤgen kontne, ſo mußte Wien ſeinem eigenen Schickſal uͤberlaſſen, und dieſe ſtolze Hauptſtadt des ſtolzen oͤſterreichiſchen Hauſes eine wehrloſe Beute des Feindes werden. Am 15ten November nahmen die Franzoſen Be⸗ ſitz von Wien, wo ihnen unermeßliche Vorraͤthe, Waf⸗ fen und Kleidungen in die Haͤnde fielen, von denen Napoleon einen Theil an ſeinen Alliirten, den Kur fuͤrſten von Baiern abtrat, der nun Zeuge der De: muͤthigung des kaiſerlichen Hauſes ſeyn durfte, das ſich kuͤrzlich noch ſo uͤbermuͤthig gegen ihn benommen. General Clarke ward zum Gouverneur von Wien be⸗ ſtellt, und durch einen raſchen Wechſel, wie er nur auf der Buͤhne Statt findet, nahm der neue Kaiſer von Frankreich ſeine Wohnung in Schoͤnbrunn, dem glaͤnzenden Palaſte des ſo viele Ahnen zaͤhlenden Kai⸗ ſers von Oeſterreich. Obgleich aber der Feldzug mit ſo entſcheidendem Gluͤcke begonnen hatte, ſo mußten erſt noch die uͤbermuͤthigen Ruſſen, auf die der Kaiſer — — 125 von Deſterreich noch immer hoffte, beſiegt werden, wenn der Zweck des Kriegs erreicht werden ſollte. Die au geloͤsten und zerſtreuten Sruͤmmer der oͤſterreichi⸗ ſchen Armee hatten ſich von verſchiedenen Seiten her um die noch unperletzte ruſſiſche Armee verſammelt, und obgleich dieſe von Bruͤnn nach Olmutz zuruͤckging, ſo geſchah es einzig in der Abſicht, ſich mit Burhoͤw⸗ den zu vereinigen, ehe man eine Hauptſchlacht wagen wollte. Inzwiſchen folgte ihnen die franzoͤſiſche Armer auf dem Fuße nach Maͤhren und ſchlug ſich in eini⸗ gen Gefechten, in deuen ſie ſich zwar den Sieg zuſchrieb, die aber doch ſo hartuzckig waren, daß Napoleon wohl einſah, er habe es mit einem Feinde zu thun, der weit entſchloſſener war, als die Oeſterreicher, auf die er zuerſt getroffen. Er beſchloß demnach, zu warten, bis er durch ſeine geſchickten Combinationen die groͤßt⸗ moͤgliche Maſſe von Streitkraͤften zuſammengebracht haben würde, um ſich dadurch eines Sieges zu ver⸗ ſichern, deſſen er zu ſeiner eigenen Rettung nicht ent⸗ behren konnte. Um eben dieſe Zeit hatte das Gluck den Franzo⸗ ſen in Italien und im Tyrol wie in Deutſchland ge⸗ lächelt. Man wird ſich erinnern, daß Erzherzog Karl in den e ſgenannten Lande eine Armee, die ſich, mit Ausſchluß der Garniſonen, auf funfundſiebenzig⸗ bis achtzigtauſend Mann belief, gegen die bedeutend ſtaͤr⸗ kere Armee von Maſſena befehligte. Der Erzherzog 124 hielt das linke Ufer der Etſch beſetzt und wollte ſich auf die Defenſive beſchraͤnken, bis er Nachricht von dem Gange der Dinge in Deutſchland erhalten wuͤrde. 35 Inzwiſchen gelang es Maſſeng, nach einigen Gefechten den Uebergang bei Verona zu erzwingen und die Stadt St. Michael zu beſetzen. Dieß geſchah am ꝛzoſten Oktober. Als der franzoͤſtſche General bald darauf die Kunde der Uebergabe von Ulm erhielt, beſchloß er, die Oeſterreicher in ihrer ſtarken Stellung von Cal⸗ diero anzugreifen. Der Angriff fand am oſten Ok⸗ tober Statt und hatte ein verzweifeltes Gefecht zur Folge, in welchem die Oeſterreicher, im Vertrauen auf die Gegenwart ihres Lieblingsfeldherrn, mit dem groͤß⸗ ten Muthe fochten. Allein ſie erlitten eine Nieder⸗ lage und eine Kolonne von fuͤnftauſend Mann unter dem General Hellinger, welche die Franzoſen im Ruͤcken angreifen ſollte, kam ins Gedraͤnge, ward um⸗ zingelt und gezwungen, das Gewehr zu ſtrecken. Die Sieger wurden noch durch ſuͤnfundzwanzigtauſend Mann unter dem General St. Cyr verſtaͤrkt, der das Koͤnig⸗ reich Neapel raͤumte, mit dem Koͤnige einen Neutra⸗ litaͤtsvertrag abſchloß, und ſich ſodann mit ſeinen Lands leuten in der Lombardei vereinigte. Mitten unter dieſen Unfaͤllen erfuhr der Erzher⸗ zog die ungluͤckliche Kapitulation von Uulm ſo wie auch, daß die Franzoſen in vollem Marſche auf Wien begriffen ſeyen. Die Hauptſtadt ſeines Bruders zu decken, war fuͤr ihn ein weit dringenderes Geſchaͤft, 125 als die Vertheidigung des durch die Umſtaͤnde beinahe rettungslos gewocdenen Italiens noch ferner zu ver⸗ ſuchen. Er trat daher in der Nacht vom erſten No⸗ pember ſeinen Ruͤckzug an, entſchloſſen, denſelben durch die Gebirgspaͤſſe von Kaͤrnthen bis nach Ungarn fortzuſetzen. Haͤtte er ſeinen Marſch durch das Tyrol genommen, ſo würde er Augereau auf ſeiner Fronte, Ney und Marmont auf ſeinen beiden Flanken gefun⸗ den haben, waͤhrend Maſſena, vor dem er jetzt zuruͤck⸗ wich, ihn im Ruͤcken gefaßt haben wuͤrde. Der Erzherzog begann ſeine ruͤckwaͤrtige Bewegung beinahe auf demſelben Boden, auf dem er im Jahre 1797 vor Buonaparte zuruͤckgewichen war. Doch be⸗ nuͤtzte er dießmal nicht, wie damals, den Tagliamento, oder Palma⸗Noya. Denn er wollte ſich zuruͤckziehen, nicht aber ſich behaupten; ungeachtet ihm Maſſena auf dem Fuße folgte, ſo machte er auf dieſen ſtarken Punkten doch nicht laͤnger Halt, als noͤthig war, um ſeinen Marſch zu ſichern und dem lebhaften Vordrin⸗ gen des Feindes Einhalt zu tbun. Er erreichte end⸗ lich Laibach, wo er Nachrichten von ſeinem Bruder, dem Erzherzog Johann, erhielt, dem es im Tyrol eben nicht beſſer ging, als ihm ſelbſt in Italien, und der, wie Karl, darauf bedacht war, ſich mit ſo viel Streitkraͤften, als er nur zuſammenbringen konnte, nach Ungarn zu retten. Die Drangſale des Erzherzogs Johann waren das Werk einer von Ney befehligten, aus Franzoſen und 126 Baiern beſtehenden Armee, die auf Wegen, die man unzugaͤnglich gehalten, in das Tyrol gedrungen war, die Feſtungen Schwatz, Neuſtadt, und ſelbſt Insbruck genommen, und die Armee des Erzherzogs in die ge⸗ faͤhrlichſte Lage gebracht hatte. Zurolge eines ſeiner hohen Geburt wuͤrdigen Entſchluſſes wollte der oͤſter⸗ reichiſche Prinz ſich, es koſte was es wolle, mit ſeinem Bruder vereinigen; und er wußte dieß, ſo ſehr er auch gedraͤngt wurde, auch wirklich auszufuͤhren. Zwei be⸗ deutende oͤſterreichiſche Korps, welche durch dieſe Be⸗ wegungen der zwei Prinzen iſolirt wurden, mußten ſich ergeben. Wir meinen die Diviſton von Jellachich im Vorarlberg und die Diviſion des Prinzen Rohan in der Lombardei. Das ganze noͤrdliche Italien mit dem Tyrol und allein ſeinen Paͤſſen kam in den un⸗ beſtrittenen, nicht geſtoͤrten Beſitz der Franzoſen. Die Armee der koͤniglichen Bruͤder war indeſſen durch ihre Vereinigung furchtbar geworden, und erhielt taͤglich neuen Zuwachs. Sie ſtand in Verbindung mit Ungarn, deſſen tapfere und kriegeriſche Bewohner ins⸗ geſammt zu den Waffen griffen. Sie erhielt auch ſtarken Zulauf aus Kroatien, dem Tyrol und allen jenen wilden Gebirgslaͤndern, aus denen Oeſterreich ſtets die beſten leichten Truppen gezogen hatte. Der Umſtand, daß Maſſena ſeinerſeits ſich mit der franzoͤſiſchen Armee in Deutſchland uͤber Klagen⸗ furth, der Hauptſtadt von Kaͤrnthen, in Verbindung geſetzt hatte, ſchien dieſen Vortheil wieder aufzuwiegen. 127 Da er aber einen großen Theil ſeiner Truppen in Italien gelaſſen, ſo war er den oͤſterreichiſchen Prinzen zur Zeit noch nicht furchtbar die nun darauf dachten, gegen die große franzoͤſiſche Armee vorzurucken, welche durch die Kuͤhnheit ihres Fuͤhrers in eine Lage gebracht worden war, die fuͤr andere, als die von ihrem Kai⸗ ſer befehligten franzoͤſiſchen Truppen, hoͤchſt bedenklich geweſen waͤre. 8 Es laͤßt ſich in der That nichts Meiſterhafteres denken, als die Reihe jener großen Manoͤvers, mit denen der Feldzug begonnen hatte, und wodurch Ulm, und endlich Wien mit ſo geringem Verluſte genom⸗ men worden waren. Eben ſo tief waren die Combi⸗ nationen gedacht, durch welche Napoleon das Vorarl⸗ berg, das Tyrol, das noͤrdliche Italien vom Feinde gereinigt hatte und wodurch er jetzt faſt alle Diviſio⸗ nen ſeiner Armee gegen die vereinigten Streitkraͤfte der Ruſſen und Oeſterreicher verwenden konnte. Einige kriegskuͤnſtleriſche Schriftſteller ſind indeſſen doch der Meinung, er habe zu viel auf's Spiel geſetzt, als er uͤber die Donau ging und in das Herz von Maͤhren vordrang, wo eine Niederlage, oder auch nur eine Schlappe, ihm höͤchſt verderblich haͤtte werden muͤſſen. Die Stellung der Erzherzoge Karl und Johann, die ſo ſchnell bewerkſtelligte Organiſation der ungariſchen Inſurgenten, und ein aͤhnliches Aufgebot, durch den Erzherzog Ferdinand in Boͤhmen bewirkt, drohten dem Ruͤcken der franzoͤſiſchen Armee große Gefahr, 4— 123 waͤhrend Preußen, mit dem Schwerdte in der Hand, mit dem Kriege auf den Lippen, bei dem geringſten Erbleichen von Napoleon's Stern bereit war, das Wort auszuſprechen und zu gleicher Zeit zuzuſchlagen. Napoleon erkannte ganz die Gefahr, die ihm drohte; er ſah ein, daß der Feldzug, den er mit den ſchoͤnſten N Mandͤvers, deren die Geſchichte gedenkt, er⸗ öffnet hatte, ohne weiteren Aufſchub durch einen gro⸗ hen und entſcheidenden Sieg uͤber einen neuen und furchtbaren Feind gekroͤnt werden muͤſſe. Er ver⸗ ſaͤumte daher nichts, was zu einem ſolchen fuͤhren konnte. Es kam vor Alles darauf an, die Alliirten ſogleich zu einer Schlacht zu bringen; denn mitten in dem Herzen eines feindlichen Landes, wo der Aufſtand immer weiter um ſich griff, mußte er eine Schlacht eben ſo ſehr wuͤnſchen, als ſeine Gegner Grund hat⸗ ten, dieſelbe noch zu verſchieben. Die Oeſterreicher verſuchten zu unterhandeln, und wurhen hierin von dem preußiſchen Miniſter Haug⸗ witz unterſtuͤtzt, der in dem franzoͤſiſchen Lager erſchien, um die Vermittlung ſeines Herrn anzubieten, und, falls dieſe abgelehnt wurde, mit einer Kriegserklaͤrung zu drohen. Es war von der hoͤchſten Wichtigkeit, mit Preußen zu temporiſiren, und der franzoͤſiſche Kaiſer fand an Haugwitz ein williges Werkzeug.„Die fran⸗ zoͤſiſchen und oͤſterreichiſchen Porpoſten,““ ſagte Napo⸗ lenn,„ſind. bereits handgemein; es iſt dieß eine Ein⸗ leitung zu der Schlacht/ die i0 zu hieieen im Begriff 129 bin— fagen Sie mir jetzt nichts von ihrem Auf⸗ trage— ich will nichts davon wiſſen. Kehren Sie nach Wien zuruck und warten Sie die Kriegsereigniſſe ab.“ Haugwitz, der, wie Napvleon ſelbſt bemerkte, kein Neuling war, ließ ſich das geſagt ſeyn, und ging nach Wien zuruͤck, und der franzöſiſche Kaiſer war ohne Zweifel froh, ſeiner los geworden zu ſeyn. Hierauf ſandte Napoleon den bekennten Savary in das ruſſiſche Lager, unter dem Vorwand, den Kai⸗ ſer Alerander zu begruͤßen, in der That aber nur, um dieſen Monarchen und ſeine Generale auszuſpaͤ⸗ heu. Er war bald wieder zuruͤck, und wollte entdeckt haben, daß der ruſſiſche Kaiſer auf den Rath von jungen, vorlauten und anmaßenden hochgebornen Maͤn⸗ nern hoͤre, die ſich wahrſcheinlich zu einem uͤbereilten Schritte verleiten laſſen wuͤrden. 3 Napoleon benutzte dieſen Wink und zog bei dem erſten Vorruͤcken der ruſſiſch⸗öſterreichiſchen Armee feine Truppen aus der Stellung zuruͤck, die ſie be etzt hatten. Fuͤrſt Dolgoruki, Adjutant des Kaiſers Ale⸗ wander, ward von dieſem abgefertigt, um Napolcon's Begruͤßungen zu erwiedern. Ohne Zweifel ſollte auch er die Rolle eines Beobachters ſpielen; aber es fehlte ihm dazu das Talent des alten Polizeibeamten. Buo⸗ naparte empfing den Furſten auf den Vorpoſten, gleichſam als wollte er nicht ſehen laſſen, was in ſei⸗ nem Lager vorging; die vorgeſchobenen Korps ſeiner Armee waren damit beſchaͤftigt, Verſchanzungen auf⸗ 3 Leben Napoleon's. LVIIr. 9 130 zuwerfen, und es ſchien, als thaͤten ſie dieß im Ge⸗ fuͤhl ihrer Schwaͤche. Ermuthigt durch die Verlegen⸗ heit, in welcher er die Franzoſen zu ſehen glaubte, ging Dolgoruki auf die Politik uͤber, und verlangte geradezu die Verzichtung auf die Krone von Italien. Napoleon hoͤrte ihn mit einer Geduld an, die durch ſeine gegenwaͤrtige Lage motivirt zu ſeyn ſchien. Kurz, der Fuͤrſt kehrte mit der vorgefaßten Meinung zu ſeinem kaiſerlichen Gebieter zuruck, daß Napoleon im Nuͤckzug begriffen ſey, und ſich in einer bedenklichen Lage befinde. Auf dieſe falſche Angabe hin beſchloß der ruſſiſche Kriegsrath, zu handeln. Sein Plan war, den linken Fluͤgel vorzuſchieben, den rechten Flugel der franzoͤſiſchen Armee zu umgehen, und die⸗ ſelbe in der Flanke und im Ruͤcken zu nehmen. Am erſten Dercember um die Mittagsſtunde be⸗ gannen die Ruſſen dieſe Bewegung, durch welche ſie, im Vertrauen auf den Sieg, ihre vortheilhafte Stellung auf einer Reihe von Huͤgeln verließen, dagegen einen dem Feinde guͤnſtigeren Boden betraten, und endlich ihren linken Fluͤgel in einer zu großen Entfernung — von dem Centrum aufſtellten. Der franzoͤſiſche Feldherr ſfah nicht ſobald dieſes unuberlegte Manoͤver, als er ausrief:„Ehe der morgende Tag vergeht, ſind ſie da mein.“— Indem er hierauf ſeine Vorpoſten zu⸗ rüͤckzog und ſeine Streitkraͤfte concentrirte, dentete er fortwaͤhrend eine Schwaͤche an, die nichts weniger als vorhanden war. 1 1351 Beide Armeen ſcheinen gleich ſtark geweſen zu ſeyn. Denn obgleich das Bulletin, um den Sieg zu erhoͤhen, die ſeindliche Armee auf 100,000 Mann be⸗ rechnet, ſo befanden ſich in der That nicht uͤber 5 ,000 Ruſſen und ungefaͤhr 25,000 Oeſterreicher auf dem Schlachtfelde. Die franzoͤſiſche Armee mochte etwg eben ſo ſtark ſeyn; allein ſie war von Napoleon befehligt, und die ruſſiſche von Kutuſow, der zwar ein ſehr tapferer und patriotiſch⸗geſinnter Veteran war, und den Krieg, ſo wie man ihn gegen die Tuͤrken führte, kannte, dem es aber uͤberhaupt an Talenten, und insbeſondere an jenem Scharfblicke fehlte, mit dem man die Abſichten ſeines Gegners durchſchaut, und deſſen Eigenſinn im Verhaͤltniß zu ſeiner Be⸗ ſchraͤnktheit und den Vorurtheilen ſeiner Erziehung ſtand. Inzwiſchen brachte Napoleon, der aus den An⸗ deutungen des vorigen Tages den Plan ſeines Geg⸗ ners erkannte, die Nacht mit Vorbereitungen zu. Er beſuchte die Vorpoſten in eigener Perfon, und ſchien ein Incognito beobachten zu wollen, das aber bald entdeckt wurde. Sobald der Kaiſer erkannt war, erinnerten ſich die Soldaten, daß der folgende Tag (der 2te December) der Jahrestag ſeiner Kroͤnung ſey. Bundel von Heu, auf Stangen geſteckt und an⸗ gezuͤndet, bildeten eine Illumination aus dem Steg⸗ reife, waͤhrend die Truppen unter lautem Zuruf be⸗ theuerten, daß ſie ihm am folgenden Tage einen der Feier wuͤrdigen Strauß darbringen würden. Ein alter 152. Grenadier ging auf den Kaiſer zu und ſchwur, des der Kaiſer nur mit den Augen werde fechten duͤrfen, und daß er, ohne ſeine Perſon auszuſetzen, alle Fah⸗ nen und alles Geſchutz der Ruſſen zum Andenken an dieſen feierlichen Tag erhalten werde.. In der Proklamation, die Napoleon nach ſeiner Gewohnheit an die Armee erließ, verſprach er, ſich weit vom Feuer entfernt zu halten; er war uͤberzeugt, daß dieſe Zuſage, ſeine perſoͤnliche Sicherheit beach⸗ ten, auf ſeine Armee dieſelbe Wirkung thun werde, wie auf andere Armeen das uͤbliche Verſprechen ihres Souverains oder ihrer Anführer, ſich an ihre Spitze zu ſtellen und die Gefahren des Tages zu theilen. Es iſt diez vielleicht der ſtaͤrkſte Beweis von dem gegenſeitigen Vercrauen, das zwiſchen Napoleon und ſeinen Soldaten beſtand. Und doch hat es Menſchen gegeden, die den Sieger in hundert Schlachten der Feigheit bezuchtigt haben— einen Sieger, deſſen Ruf unter jenen Truppen, welche die beſten Richter daruͤber ſeyn mußten, ſo feſt begruͤndet war, daß ſie die Sicherſtellung ſeiner Perſon verlangten, und daß er ihnen dieſe hinwiederum als eine Gunſt gewaͤhrte. Die Schlacht von Auſterlitz, einem zwar ſehr tapfern, aber nur wenig erfahrnen Feinde geliefert, war ſehr einfach. Die Ruſſen dehnten, wie geſagt, ihre Linie aus, um die Franzoſen in die Flanke zu nehmen. Marſchall Davoust mußte mit einer In⸗ fanuteriediviſion und einer Dragonerdiviſion ſeine Stel⸗ lung hinter dem Kloſter Raigern nehmen, um die zur Umgehung der Franzoſen beſtimmte ruſſiſche Ko⸗ lonne in dem Augendlicke zu bekaͤmpfen, wo ſie ihren Zwack erreicht zu haben glauben wuͤrde. Soult be⸗ fehligte den rechten, Launes den linken Fluͤgel, der eine durch zwanzig Geſchuͤtze vertheidigte Stellung be⸗ ſetzt hielt. Bernadotte fuͤhrte das Centrum, wo ſich 155 auch Murat mit der ganzen franzoͤſiſchen Rei terei befand. Zehn Bataillons von der kaiſerlichen Varde, und eben ſo viel von der Diviſion Oudinot bildeten ruckwaͤrts die Reſerve unter den Augen Na⸗ poleon's und waren beſtimmt, mit vierzig Kanonen, je nach den Umſtaͤnden, den Ausſchlag zu geben. Dieß waren die Vorbereitungen zu jener merkwuͤrdigen Schlacht, an welcher drei Kaiſer jeder an der Spitze ſeiner eigenen Armee, das Schickſal Europa's zu ent⸗ ſcheiden ſich bemuͤhte. Die Sonne ging mit unbe⸗ woͤlktem Glanze auß— jene Sonne von Auſterlitz, an die Napoleon ſeine Soldaten in der Folge bei ſo manchen Gelegenheiten gerne erinnerte. Bei dem er⸗ ſten Scheine ihrer Strahlen zeigte ſich Napoleon vor der Front ſeiner Armee, umgeben von ſeinen Mar⸗ ſchaͤllen, denen er ſeine letzten Befehle ertheilte, und die dann in vollem Galopp ſich auf ihre Poſten begaben. Die von dem linken Fluͤgel der ruſſiſch⸗oͤſterreichi⸗ ſchen Armee entſandte Kolonne hatte ſich in ein fal⸗ ſches Manôver eingelaſſen, das ſie noch uͤberdieß ſchlecht ausfuͤhrte. Die Intervallen zwiſchen den Re⸗ gimentern, aus denen ſie beſtand, uberſchritten das rechte Maß, und die Verbindung zwiſchen dieſer An⸗ griffskolonne und der Hauptarmee war nicht gehoͤrig geſichert. Als die Ruſſen die rechte Flanke der Fran⸗ phſen ſo eben umgangen zu haben waͤhnten, ſahen ſie ich von der Diviſion Davoust, von deren Aufſtellung hinter dem Kloſter Raigern ſie nichts wußten, ploͤtzlich und unvermuthet angegriffen. In demſelben Augenblicke drang Soult in die zwiſchen dem ruſſiſch⸗oͤſterreichiſchen Centrum und dem linken Fluͤgel entſtandene Luͤcke vor, und ſchnitt dadurch den letztern ganz von dem Centrum ab. „ Der ruſſiſche Kaiſer, der die Gefahr bemerkte, ließ die Diviſton Soult durch die ruſſiſchen Garden 154 auf das lebhafteſte angreifen, um die Verbindung mit dem linken Fluͤgel wieder herzuiſenen. Die fran⸗ zoͤſiſche Iufanterie ward durch dieſen Angriff erſchuͤt⸗ tert und eines ihrer Regimenter völlig aufgeloͤst. Aber in einer ſolchen Kriſis entſchied Napoleon's Genie den Sieg. Beſſiéres erhielt Befehl, mit der kaiſerlichen Garde vorzuruͤcken, waͤhrend die Ruſſen durch das Gelinger ihres Angriffs in Unordnung ge⸗ bracht waren. Der Kampf war verzweifelt, und die Ruſſen entwickelten die groͤßte Tapferkeit, bis ſie end⸗ lich der Disciplin und der Standhaftigkeit von Na⸗ poleon's Veteraunen weichen mußten. Sie verloren ihr Geſchuͤtz und ihre Fahnen, und der Großfuͤrſt Conſtantin, des Kaiſers Bruder, der an ihrer Spitze tapfer gefochten, entkam nur durch die Schnelligkeit ſeines Pferdes. Das Centrum der franzoͤſiſchen Armee ruͤckte vor, um den Sieg zu vollenden, und die Reiterei von Murat griff zu wiederholtenmalen mit ſolchem Erfolge an, daß die Kaiſer von Nußland und Oeſterreich von den Hoͤhen von Auſterlitz herab ihr Centrum und ih⸗ ren linken Fluͤgel voͤllig unterliegen ſahen. Auch der rechte Fluͤgel konnte ſich jetzt nicht laͤnger halten und ward ſchlimmer zugerichtet, als man haͤtte vermuthen ſollen. Er war waͤhrend der ganzen Schlacht von Lannes gedraͤngt worden; nachdem aber der linke Fluͤgel geworfen war, ward er von allen Seiten um⸗ ringt, und unfaͤhig, Widerſtand zu leiſten, in eine Vertiefung getrieben, wo er das Feuer von zwanzig Kanonen aushalten mußte. Viele verſuchten uͤber einen See zu entkommen, der zum Theil mit einer noch zu duͤnnen Eisdecke uͤberzogen war, die untet den Fliehenden brach oder von den franzoͤſiſchen Bat⸗ terien eingeſchoſſen wurde. Dieß erneuerte nach Na⸗ poleon's Verſicherung eine Scene der Schlacht von 135 Abukir, wo ſo viele Tuͤrken, die vom Schlachtfelde flohen, ihren Tod in den Wellen fanden. Den beiden Kaiſern gelang es nur mit vieler Muͤhe, die Truͤmmer ihrer geſchlagen Armee um ſich zu ſammeln, und dann ihren verfoͤnlichen Ruͤckzug zu bewerkſtelligen. Um dieſe ruckgaͤngige Bewegung auf einer zwiſchen zwei Seen hinziehenden Dammſtraße zu ſichern, mach⸗ ten die ruſſiſche und die oͤſterreichiſche Reiterei mit der groͤßten Selbſtaufopferung meßrere Angriffe auf den eindringenden Feind. Dadurch war es endlich den Kaiſern möglich, zu entkommen, ohne auf ihrer Flucht ſonderlichen Verluſt zu erleiden. In der Schlacht ſelbſt aber zaͤhlte man wenigſtens 20,000 Mann Todte, Verwundete und Gefangene; 40 Fahnen und der groͤßte Theil des feindlichen Geſchützes waren die Trophaͤen Napoleon's, deſſen Schaaren ſomit ihr Wort aleerdings gelost hatten. Inzwiſchen zar ihr Ge⸗ ſchenk theuer erkauft worden. Sie hatten wahrſchein⸗ lich 5000 Mann verloren, ungeachtet das Bulletin nur 2500 angab. Durch dieſe Niederlage ſchwand dem oöͤſterreichi⸗ ſchen Kaiſer die letzte Hoffnung eines erfolgreichen Widerſtandes gegen Navoleon, und er glaubte⸗ſich der Discretion des Siegers unterwerfen zu muͤſſen. Man hat ihn deßwegen des Kleinmuths beſchuldigen wollen. Man hat behauptet, die Aushebung von neuen Truppen in Ungarn und Boͤhmen ſey da⸗ mals durch die Vermittelt ng der Erzherzoge Karl und Feroinand ſchoi weit gedteyen— die deiden Kai⸗ ſer hätten noch eine betraͤchtliche Armee unter ihren eigenen Befehlen gehabt, und Preußen, ohnehin zum Kriege geneigt, wuͤrde die gaͤnzliche Ueberwaͤltigung von Oeſterreich gewiß nicht zugegeben haben. Man muß dagegen bedenken, daß die neu ausgehobenen Truppen, ſo müͤtzlich ſie in einem Parteigaͤngerkriege 3 156 auch ſeyn mochten, durch ihre Thaten den Verluſt der Schlacht von Auſterlitz nicht wohl ausgleichen konnten— daß ſie von zwar ſchwaͤcheren, aber weit beſſer disciplinirten franzoͤſiſchen Trurpen beobachtet waren,— und daß es endlich vernuͤnftigerweiſe nicht zu erwarten ſtand, daß Preußen in der Stunde der Noth denjenigen bewaffneten Beiſtand leiſten wuͤrde, die es unter weit guͤnſtigeren Umſtaͤnden, wo die Ent⸗ ſcheidung bei ihm lag, nicht hatte unterſtuͤtzen wollen. Die Wirkung des Sieges auf das preußiſche Ka⸗ binet zeigte ſich in der That bald genug; denn Graf Haugwitz, der bis zum Ausgange der Schlacht nach Wien gewieſen worden war, erſchien jetzt wieder im Hauptquartier Napoleon's, um die droͤhende Bot⸗ ſchaft, die er zuerſt hatte bringen ſollen, in einen artigen Gluͤckwunſch zu verwandeln. Die Antwort Napoleon's„eigte, daß er die Zweideutigkeit Preu⸗ ßens vollkommen zu wuͤrdigen wußte.—„Dieſer Gluckwunſch,“ ſagte er,„war fuͤr andere beſtimmt, daß Gluͤck allein hat mir ihn zugezogen.“— Indeſſen mußte eine Macht, die hundert und fuͤnczigtauſend Mann auf den Beinen hatte, noch immer geſchont werden; es kam zu einem Vertrage mit Preußen; wodurch dieſem das Kurfuͤrſtenthum Hannover zur Entſchaͤdigung fuͤr Anſpach, oder vielmehr zur Be⸗ lohnung ſeiner Neutralitaͤt in dieſer wichtigen Kriſis zugetheilt wurde. Nachdem ſolchergeſtalt alle Hoff⸗ nung einer Einſchreitung von Seiten Preußens dahin war, konnte man es dem Kaiſer Franz nicht verar⸗ gen, wenn er ſich in die Nothwendigkeit fuͤgte, und darch eine gaͤnzliche Unterwerfung die beſtmoͤglichen Bedingungen zu erhalten ſuchte. Sein Alliirter, Ale⸗ rander, verweigerte indeſſen ſeine Theilnahme an ei⸗ ner Unterhandlung, welche den Umſtaͤnden nach nur de⸗ muͤthigend ſeyn konnte. ——