Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ₰ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ¹ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und betra für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. uswärtige Abonnenten baben fü cher auf ihre eigenen Koſten und ahr ſeleſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, lorene und T defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß d Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5——y ⸗-——— „„—„ und Zurückſendung * ‿ —————- ——*— 8 Walter Scott's ſaͤmmtliche r 3 4 Neu uͤberſetzt. — 3 Zwei und vierzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Dreizehnter Theil. Stuttgart, bei Gebruüder Franckh. 1 8 2 7 72 — — ——— —4ä —,—p 4 Leben von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion. Von Waolter Scott, Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Dreizehnter Theil. 2 Stuttgart, bei Gebru½ͤder Franckh. 1827. — Erſtes Kapitel. — Leben von Napoleon Buonaparte. Das Konkordat.— Verſchiedene Anſichten dieſer Maßtregel.— Entwurf eines allgemeinen Syſtems der Rechtswiſſenſchaft.— Amneſtie der Emigranten.— Allgemeiner Erziehungsplan.— Andere Verbeſſerungsplane.— Ausſichten auf einen allgemeinen Frieden. Eine andere Stuͤtze von ganz verſchiedener Art, und auf die entgegengeſezten Prinzipien gegruͤndet, bekam die ſich erhebende Macht Napoleons durch die Wiedereinfuͤhrung der Religion in Frankreich zufolge des ſogenannten Konkordats mit dem Pabſte. Zwei bedeutende Schritte zu dieſem wichtigen Punkte wur⸗ den nach der Schlacht bei Marengo durch das Edikt, vermoͤge deſſen die Kirchen wieder geoͤffnet und wie⸗ der chriſtlicher Gottesdienſt gehalten werden durfte, und durch die Wiedereinſetzung des Pabſtes in ſeine weltliche Herrſchaft gethan. Die weiteren Zwecke, die erreicht werden ſollten, waren die feierliche Be⸗ ſtaͤtigung der Gewalt des erſten Konfuls durch den Pabſt auf der einen Seite und auf der andern die Wiederherſtellung der Rechte der Kirche in Frank⸗ reich, ſo weit es ſich mit der neuen Ordnung der Dinge vertragen mochte. Dieſer wichtige Vertrag wurde von Joſeph Buona⸗ parte geſchloſſen, der zu dem Ende nebſt drei Kollegen mit den Bevollmaͤchtigten des Pabſtes Konferenzen hielt. Die Ratifikationen wurden am 18ten Sep⸗ tember 1801 gewechſelt; und als ſie bekannt gemacht wurden, war es auffallend, wie demuͤthigend der einſt ſo ſtolze roͤmiſche Stuhl ſich vor Buonaparte's Macht beugte, und wie er alle Vertragsbedingungen will⸗ kuͤhrlich diktirt haben mußte. Jeder Artikel aͤnderte an den Rechten und Anſpruͤchen ab, welche dle roͤmiſche Kirche ſeit Jahrhunderten als unveraͤuſſerliche Privi⸗ legien ihres infalliblen Oberhauptes behauptet hatte. Artik. I. Es wurde beſtimmt, daß die katho⸗ liſche Religion in Frankreich frei ausgeuͤbt, und als die Staatsreligion anerkannt, und ihr Gottesdienſt oͤffentlich gehalten werden ſollte, jedoch den Polizei⸗ einrichtungen unterliege, welche die Regierung noth⸗ wendig finden wuͤrde. Art. II. Der Pabſt ſoll in Uebereinſtimmung mit der franzoͤſiſchen Regierung eine neue Diͤces⸗ eintheilung entwerfen und von den gegenwaͤrtigen Biſchoͤfen die Niederlegung ihres Amtes verlangen 7 koͤnnen, wenn es zur Vervollſtaͤndigung der neuen Einrichtung fuͤr noͤthig befunden wuͤrde. Art. III. Die durch ſolche Niederlegung, oder falls dieſe verweigert wuͤrde, durch Entſetzung va⸗ kante Biſchofsſtuͤhle, und alle in Zukunft erledigten Stellen ſoll der Pabſt nach den vorgaͤngigen Nomi⸗ nationen von Seiten der franzoͤſiſchen Regierung be⸗ ſetzen. Art. IV. Die neuen Biſchoͤfe ſollen der Re⸗ gierung den Eid der Treue ſchwoͤren und ein Ritual befolgen, in welchem beſondere Gebetformeln fuͤr die Conſuln enthalten ſind. 4 Art. V. Die kirchlichen Stellen unterliegen ei⸗ ner neuen Eintheilung, und es ſind dafuͤr Biſchoͤfe zu ernennen, allein blos ſolche Subjekte, die die Zuſtimmung der Regierung haben. Art. VI. Die Regierung wird fuͤr die Geiſt⸗ lichkeit des Staates die geeigneten Beſtimmungen treffen, und der Pabſt verzichtet ausdruͤcklich auf alle Rechte fuͤr ſich und ſeine Nachfolger, auf alle Ein⸗ reden und Einſpruͤche gegen die ſeit der Revolution Statt gehabten Verkaͤufe der Kirchenguͤter. So lautete der beruͤhmte Vertrag, nach welchem Pius VII. an einen Soldaten, deſſen Name vor fuͤnf oder ſechs Jahren in Europa noch nirgends gehoͤrt ward, dieſe hohen Anſpruͤche auf die hoͤchſte Gewalt in geiſtlichen Sachen abtrat, welche ſeine Vorgaͤn⸗ ger ſo viele Jahrhunderte gegen alle Potentaten 8 Euroyens behauptet hatten. Ein Puritaner wuͤrde von der Siebenhuͤgelherrſchaft geſagt haben:„Ba⸗ bylon iſt gefallen, gefallen iſt die große Stadt!“ und die ſtrengeren Katholiken waren auch dieſer Mei⸗ nung. Das Conkordat, ſagten ſie, zeugt mehr von der Erniedrigung der roͤmiſchen Hierarchie als von der Wiederaufrichtung der gallikaniſchen Kirche. Die Prozeduren gegen die betreffenden Biſchoͤffe in Frank⸗ reich, von denen die meiſten natuͤrlich Emigranten waren, waren auch nicht ſehr erbaulich. Zu Folge des eben erwaͤhnten Conkordats und beſtimmt, wie das Schreiben ſich ſelbſt ausdruͤckt,„durch die Uebel der Zeiten, die auch an uns ihre Macht ausuͤben,“ verlangte der Pabſt von jedem dieſer hochwuͤrdigen Herrn in einem beſondern Mandat dieſem Vertrage zu Folge der darin enthaltenen Beſtimmungen durch Niederlegung ihrer Aemter beizutreten. Die Ordre erging in peremptoriſchen Ausdruͤcken und verlangte innerhalb 15 Tagen eine Antwort. Der Zweck dieſer Eile war, jede gemeinſchaftliche Berathung und Uebereinkunft dadurch abzuſchneiden, und jedem einzelnen Biſchoff die Wahl des Beitritts anheim zu geben, um dadurch ein Recht auf Wiederan⸗ ſtellung in der ne uen Hierarchie zu erhalten, oder im Weigerungsfall den Pabſt in Stand zu ſetzen, in Folge der gegen Buonaparte eingegangenen Verbind⸗ lichkeit die Stelle fuͤr erledigt zu erklaͤren. Die Biſchoͤfe wieſen insgemein ein Auſinnen 9 von ſich, das von Seiten des Pabſtes nur in einem Zuſtand von Zwang gemacht werden konnte. Sie erboten ſich, ihren Abſchied zu den Fuͤßen Sr. Hei⸗ ligkeit niederzulegen, ſobald ſie gewiß waͤren, daß über ihre Stellen eine regelmaͤßige kanoniſche Ver⸗ fuͤgung getroffen ſei; allein ſie erklaͤrten, daß ſie durch keinen freiwilligen Akt von ihrer Seite ihre Zuſtim⸗ mung zu der in dem Conkordate enthaltenen Verzicht⸗ leiſtung auf die Rechte der Kirche geben wuͤrden, und zogen Verbannung und Armuth jedem Amt vor, das ſie dadurch, daß ſie Vorrechte der Hierarchie Preis gaben, erhalten konnten. Dieſe Maßregeln vermehrten noch die Impopularitaͤt dieſes Conkor⸗ dats in den Augen der eifrigern Katholiken. Andere dieſes Glaubens, obwohl ſie das neue Syſtem als ſehr unvollkommen erachteten, glaubten doch, daß es die Wirkung haͤtte, in Frankreich eini⸗ gen Sinn fuͤr die chriſtliche Religien zu bewahren, wofuͤr bei dem voͤlligen Aufhoͤren alles öͤffentlichen Gottesdienſtes ein gaͤnzliches Erſterben in den Ge⸗ muͤthern des heranwachſenden Geſchlechts zu befuͤrch⸗ ten war. Sie erinnerten ſich, daß, obwohl die Ju⸗ den in den Tagen Eßras Thraͤnen natuͤrlicher Be⸗ kuͤmmerniß vergoſſen, wenn ſie den Abſtand des zwei⸗ ten Tempels gegen den erſten verglichen, dennoch die Vorſehung deſſen Errichtung unter dem Schutz und der Genehmigung eines unglaͤubigen Bauherren geboten habe. Sie gaben zu, daß das Intereſſe, 10 welches Buonaparte an der Wiederherſtellung des oͤffentlichen Kultus nahm, aus rein ſelbſtfuͤchtigen Motiven hervorgehe; allein ſie hofften immer, daß Gott, der ſeinen Willen durch die ſelbſtiſchen Abſich⸗ ten der Menſchen durchfuͤhrt, jezt des erſten Kon⸗ ſuls ſich als Werkzeug bediente, einigen Sinn ſuͤr Re⸗ ligion wieder hervorzurufen, und ſahen im Geiſte voraus, daß die Religion, als die beſte Freundinn alles deſſen, was gut und ſegeunsreich in der Menſch⸗ hheit iſt, leicht mit der Zeit auch einen Sinn fuͤr vernuͤnftige Freiheit zuruͤckrufen und wieder beleben koͤnne. 1 Der revolutionaͤre Theil von Frankreich betrach⸗ tete das Conkordat mit ganz verſchiedenen Augen. Die chriſtliche Religion war wie den Juden und Griechen des Alterthums den Jakobinern ein Stein des Anſtoßes und eine Thorheit den Philoſophen. Es war ein Syſtem, das ſie mit gleich heftigem Ei⸗ fer wie die monarchiſchen Inſtitutionen angegriffen hatten, und in der Wiederaufrichtung des Altars ſahen ſie auch die des Thrones voraus. Buonaparte vertheidigte ſich bei den Philoſophen damit, daß er ſein Conkordat mit einer Art Pockenimpfung ver⸗ glich, um durch Einfuͤhrung einer unſchaͤdlicheren Form von Religion ihre voͤllige Vernichtung vorzu⸗ bereiten. Mittlerweile ſchritt er zu einer moͤglichſt feier⸗ lichen Erneuerung des alten Buͤndniſſes zwiſchen 11 der Kirche und der Regierung. Portalis war zum Miniſter des oͤffentlichen Kultus ernannt, ein neues Amt zur Leitung der Angelegenheiten der Kirche. Er hatte dieſe Befoͤrderung durch eine gelehrte und gewappnete Rede an den geſezgebenden Koͤrper ver⸗ dient, worin er den Staatsmaͤnnern Frankreichs bewies (was in andern Staaten als eine in Frage zu ziehende Wahrheit betrachtet wurde), daß die Ausuͤbung der Religion ſo eng verbunden mit der menſchlichen Na⸗ tur, der Pflege und der Beſchuͤtzung des Staates wuͤrdig ſey. Das Conkordat wurde in der Kirche Notre Dame mit allem Pompe eingeweiht. Buona⸗ parte erſchien in eigener Perſon mit allen Inſignien und all' dem Gepraͤnge des Koͤnigthums, in einem Style, der dem der fruͤheren Koͤnige von Frankreich ſo nah als moͤglich kam. Der Erzbiſchof von Aix ward beſchieden, einen fuͤr die Veranlaſſung geeig⸗ neten Vortrag zu halten; er war derſelbe Praͤlat, der bei der Kroͤnung Ludwigs XVI. den Sermon geſprochen hatte. Man wußte es, wie es hieß, ſo einzurichten, daß ihn die alten republikaniſchen Generale beglei⸗ ten mußten. Sie wurden von Berthier zum Fruͤh⸗ ſtuͤck eingeladen, und von da zum Lever bei dem er⸗ ſten Konſul gefuͤhrt; wo ſie es dann ſchicklicher Weiſe nicht ablehnen konnten, ihn nach der Kirche Notre Dame zu begleiten. Als Buonaparte von dieſer Zeremonie, umgeben von dieſen Offizieren, zuruͤck⸗ 12. kam, bemerkte er mit Wohlgefallen, daß die fruͤ⸗ here Ordnung der Dinge beinahe voͤllig wiedergekehrt war. Einer ſeiner Generale antwortete kuͤhn:— Ja! Alles kehrt zuruͤck— nur nicht die zwei Mil⸗ lionen Franzoſen, die fuͤr die Aechtung des Syſtems, das nun wieder eingefuͤhrt wird, geſtorben ſind! Man ſagt, Buonaparte habe, als er den Pabſt und die Geiſtlichkeit minder fuͤgſam, als er wuͤnſchte, gefunden, bereut, dieſen Schritt zu Wiedereinfuͤh⸗ rung des religioͤſen Kultus gethan zu haben, und dies den groͤßten Mißgriff ſeiner Regierung genannt. Allein ſolche Bemerkungen konnten ihm blos im Au⸗ genblick der Hitze und der Aufreitzung entſchluͤpft ſeyn. Er wußte zu gut, welchen Vortheil eine Re⸗ gierung von einem oͤffentlichen Kultus zieht, der ſie in ſeinem Rituale auerkennt; und auf St. Helena erkannte er zugleich den Nutzen ſeines Vertrags mit dem Pabſte als einer politiſchen Maßregel an, und bewies dabei, wie wenig er vom religioͤſen Ge⸗ ſichtsyunkte ausging.„Ich war nie beſorgt wegen des Conkordats,“ ſagte er.„SIch brauchte dies oder ein anderes Aequivalent. Haͤtte kein Pabſt exiſtirt, ſo mußte einer geſchaffen werden.“ Der erſte Konſul trug demnach Sorge, ſich das Conkordat in vollem Maße zu Nutze zu machen, in⸗ dem er ſeinen Namen ſo viel wie moͤglich in den Katechismus einzufuͤhren ſuchte, welcher in andern Hinſichten der von Boſſuet entworfene war. Denn 13 Napoleon ehren, ſo ward der Katechumene gelehrt, ſtand ſo hoch als Gott zu ehren und Gott zu dienen — ſich ſeinem Willen widerſetzen, hieß ſich die Strafe der ewigen Verdammniß zuziehen. In buͤrgerlichen Angelegenheiten ſezte Buona⸗ parte ſeine Talente in gleiche Thaͤtigkeit, und wußte die Sicherheit und die Intereſſen der Nation mit der Erhoͤhung ſeiner eigenen Macht aufs innigſte zu verbinden. Er lachte uͤber die Idee einer freien Verfaſſung.„Die einzig noͤthige und nuͤtzliche freie Verfaſſung,“ meinte er,„beſtuͤnde in einem guten Civilcoder;“ indem er nicht bedachte, oder nicht be⸗ denken wollte, daß die beſte Rechtsordnung, die keine beſſere Garantie als den Willen eines unum⸗ ſchraͤnkten Fuͤrſten hat, um nichts ſicherer iſt, als eine Perle, die an einem Haare haͤngt. Wir laſſen jedoch Napoleon da ſein Recht wiederfahren, wenn wir anerkennen, daß er ſich mit maͤnnlicher Beharr⸗ lichkeit an die gigantiſche Arbeit eines Coder von Inſtitutionen machte, der die unermeßliche Manch⸗ faltigkeit von Provinzialgeſetzen, die in den verſchie⸗ denen Theilen Frankreichs beſtanden, erſetzend, und die beſondern und zeitigen in den manchfaltigen po⸗ litiſchen Kriſen der Revolution getroffenen Anord⸗ nungen aufhebend die Grundlage eines gleichfoͤrmi⸗ gen Nationalgeſetzbuches bilden ſollte. Zu dem Ende berief eine Ordonnanz der Konſuln die groͤßten Rechts⸗ zelehrten Yortalis Trouchet, Bigot, Preamenu und 14 Maleville, um in Gemeinſchaft mit dem Juſtizmi⸗ niſter Cambaceres einen Plan zu einer allgemei⸗ nen Geſezordnung zu bearbeiten und vorzulegen. Der Fortgang und die Beendigung dieſes großen Werkes wird ſpaͤter angegeben werden. Der erſte Konſul nahm ſelbſt thaͤtigen Antheil an ihren Be⸗ rathungen. Eine Verordnung, ganz vortrefflich dazu geeig⸗ net, die buͤrgerlichen Wunden Frankreichs zu heilen, beurkundete demnaͤchſt die Talente, und wie man hoffte, die Maͤßigung Buonaparte's. Dieß war die allgemeine Amneſtie fuͤr die Ausgewanderten. Ein Senatsbeſchluß vom 26ſten April 1801 geſtatte⸗ te dieſen Ungluͤcklichen die Nuͤckkehr nach Frank⸗ reich, im Fall ſie zu einer beſtimmten Zeit zuruͤck⸗ kehrten und der Regierung den Eid der Treue ſchwo⸗ ren. Es gab jedoch fuͤnf Klaſſen von Ausnahmen, die ſolche Individuen in ſich begriffen, welche zu genau und eng mit dem Hauſe Bourbon verbunden waren, als daß ſie ſich jemals mit der Regierung Buonaparte's ausſoͤhnen konnten. Solche waren 1) diejenigen, welche die Anfuͤhrer von Heeren bewaff⸗ neter Royaliſten waren, 2) welche einen Rang in den Heeren der Alliirten bekleidet, 3) welche zum Haushalt der Prinzen von Gebluͤt gehoͤrt hatten, 4) welche Agenten und Aufſtiſter zu auswaͤrtigen und huͤrgerlichen Kriegen geweſen waren, und 5) —— 15 die Generale und Admirale nebſt den des Hochver⸗ raths gegen die Republik ſchuldigen Volksvertretern und den Praͤlaten, welche ſich gegen die Beſtimmun⸗ gen des Conkordats weigerten, auf ihre Stellen zu verzichten. Es wurde zugleich erklaͤrt, daß nicht mehr denn fuͤnfhundert in Allem von der Amneſtie ausgenommen ſeyn ſollten. Buonaparte hatte rich⸗ tig geſchloſſen, daß die Maſſe der Emigranten auf ſolche Weiſe geſichtet und gereinigt von allen gewe⸗ ſenen Anfuͤhrern, erſchoͤpft an Gluͤcksguͤtern und durch die Laͤnge der Verbannung muͤrbe gemacht, im allgemeinen fuͤr die Erlaubniß zur Ruͤckkehr nach Frankreich dankbar und folglich geduldige, ja zufrie⸗ dene und ergebene unterthaneu ſeiner Herrſchaft ſeyn wuͤrden; und der Erfolg rechtfertigte wenn nicht ganz, doch zum großen Theil ſeine Erwartungen, was von ihrem Eigenthum noch nicht verkauft war, ſollte ihnen wieder herausgegeben werden, dagegen waren ſie auf zehen Jahre nach ihrer Ruͤckkehr un⸗ ter die beſondere Aufſicht der Polizei geſtellt. Mit gleich lobenswuͤrdiger Aufmerkſamkeit auf die Pflichten ſeines hohen Amtes gruͤndete Buona⸗ parte Erziehungsplane und errichtete beſonders mit Mongé's Beiſtand das polytechniſche Inſtitut, aus welchem viele Maͤnner von Talent hervorgegangen ſind. Er unterſuchte aufs ſorgfaltigſte die ſtattha⸗ benden Mißbraͤuche, und war beſonders thaͤtig in Verbeſſerung jener, die ſich waͤhrend der Revolution 16 in den Gefaͤngniſſen eingeſchlichen hatten, und wo durch das Monopol der Verkoͤſtigung und auf an⸗ dere Weiſe große Tyrannei ausgeuͤbt ward. In der Energie, womit er dieſem Uebel ſteuerte, zeigte Buonagparte, obgleich nicht von koͤniglicher Geburt, doch einen des Ranges, zu dem er emporgeſtiegen, wuͤrdigen Sinn. Es iſt nur zu bedauern, daß er in allem, was mit ſeinen perſoͤnlichen Wuͤnſchen und Intereſſen in Beziehung kam, durchgaͤngig jene na⸗ tuͤrlichen und richtigen Geſichtspunkte verfehlte, die er bei abſtrakten Fraggegenſtaͤnden ſo ſicher aufzu⸗ ſtellen wußte. Andere Plane von oͤffentlichem Karakter nahmen die Aufmerkſamkeit des erſten Konſuls in Anſpruch. Gleich Auguſtus, deſſen Stellung der ſeinigen in et⸗ was glich, bemuͤhte ſich Napoleon, durch den Glanz ſeiner unternehmungen zu Verherrlichung des Staa⸗ tes die Aufmerkſamkeit von ſeinen Angriffen zuf die Freiheit deſſelben abzulenken. Die inlaͤndiſche Schifffahrt von Languedoc ſollte in Stand geſezt und ein den Fluß Yonne mit der Saonne verbindender Kanal den ſuͤdlichen Theil der Republik mit dem Norden in der Art bewerkſtelli⸗ gen, daß eine Kommunikation zu Waſſer zwiſchen Marſeille und Amſterdam Statt finden koͤnnte. Es wurden Bruͤcken gebaut, Wege angelegt und ausge⸗ beſſert, Naturalien⸗ und Kunſtkabinette in den Hauptſtaͤdten von Frankreich errichtet, und iauche ander 17 andere oͤffentliche Werke in einem Style unternom⸗ men, der ſelbſt die geruͤhmten Tage Ludwigs XIV. beſchaͤmte. Buonaparte kannte das franzoͤſiſche Volk zu gut, um nicht gewahr zu werden, daß er es da⸗ durch, daß er ſeinen Sinn fuͤr kuͤhne und glaͤnzende Unternehmungen in Krieg und Frieden gewaͤhren ließ, mit ſeiner Herrſchaft befreundete. Obgleich aber dieſe glaͤnzenden Plane das Pu⸗ blikum unterhielten und dem Nationalſtolz der Frau⸗ zoſen ſchmeichelten, lag der Handel unter den Wir⸗ kungen eines veſtaͤndigen Blokadezuſtandes immer mehr danieder, bie Lebensbeduͤrfniſſe wurden theuer, und Mißvergnuͤgen uͤber das Konſulat begann uͤber die guͤnſtigen Gefinnungen, die es ins Leben geru⸗ fen hatten, die Oberhand zu gewinnen. Ein wirk⸗ ſames Heilmittel gegen dieſen innern Schaden konnte man einzig in einem allgemeinen Frieden finden; manchfaltige Begebenheiten, zum Theil von ſehr be⸗ unruhigendem Karakter fuͤr den erſten Konſul ſchie⸗ nen nach und nach dieſen erwuͤnſchten Zeitpunkt her⸗ beizufuͤhren. — Zweites Kapitel. Die äuſſern Verhältniſſe Frankreichs.— Sein allgemeiner Ein⸗ fluß.— Napoleons entgegenkommende Schritte gegen den Kai⸗ ſer Paul.— Plan zur Zerſtörung der Macht Großbrittauniens W. Seott's Werke. XI.II. 32 18 in Oſtindien.— Recht der Durchſuchung zur See.— Pauls Tod.— Seine Wirkungen auf Buonaparte.— Egyptens Ange⸗ legenheiten.— Klebers Ermordung.— Menou zu ſeinem Nach⸗ folger beſtimmt.— Ein brittiſches Heer landet in Egypten.— Schlacht und Sieg bei Alexandrien— Tod des Sir Ralph Abercromby.— General Hutchinſon folgt ihm— Der fran⸗ zöͤſiſche General Beuiard kapitulirt— ein Gleiches thut Menou. — Der Krieg in Egypten wird ſiegreich beendigt. Nachdem wir einen Ueberblick uͤber die inneren Angelegenheiten Frankreichs waͤhrend des Anfangs von Buonapartes Herrſchaft gegeben, wenden wir uns zu ſeinen Verhältniſſen nach auſſen, die ſeit dem Luͤneviller Frleden den Anſchein der hoͤchſten Wich⸗ tigkelt gewonnen hatten, ſo ſehr war der Lauf der meuſchlichen Dinge durch die Talente und das Gluͤck eines einzigen Mannes veraͤndert worden. Frank⸗ reich war durch den Luͤneviller Traktat nicht blos in dem ſicheren Beſiz eines Gebiets, das ſich bis an die ufer des Rheinſtroms erſtreckte, die Nationen umher ſtanden auch unter den ſcheinbaren Titeln von Protektion oder Alliance in ſolcher Abhaͤngigkeit von ihm, als ob ſie integrirende Theile ſeiner Herr⸗ ſchaft waͤren. Holland, Italien und die Schweiz wa⸗ ren ſeinem Willen unterthan, Spanien bewegte ſich gleich einer Puppe nach ſeinem Wink, Oeſtreich war gedemuͤthigt und niedergeſchlagen, Preußen hatte noch ſeine Verluſte von dem erſten Revolutionskrieg in friſchem Andenken, und Rußland, das allein als noch ungebeugt von Beſorgniß wegen Frankreich er⸗ — 19 ſchien, wurde dadurch, daß man den Neigungen des Kaiſers Paul ſchmeichelte, leicht bei guter Laune er⸗ halten. Wir haben bereits bemerkt, daß Napoleon die Mißverſtaͤndniſſe zwiſchen Oeſtreich und Rußland li⸗ ſtig benuzte, um ſich mit dem Czaar in ein gutes Vernehmen zu ſetzen. Die Streitigkeiten zwiſchen Rußland und England verſchafften ihm noch weite⸗ ren Eingang bei dem unvorſichtigen Monarchen. Die Weigerung Großbritanniens, die beinahe unuͤberwindliche Feſtung Malta und mit ihr die Herr⸗ ſchaft uͤber das mittellaͤndiſche Meer an eine Macht abzutreten, die nicht laͤnger mit ihm befreundet ſeyn ſollte, erhielt noch mehr Gehaͤſſigkeit durch den Umſtand, daß es ablehnte, in den Auswechslungs⸗ vertrag zwiſchen Frankreich und England ruſſiſche Gefangene aufzunehmen. Buonaparte begann ſeine Annaͤherungsplane bei dem Czaar auf eine Art, die darauf berechnet war, auf dieſe beiden Beſchwerde⸗ punkte hinzuwirken. Er verehrte Paul, der eine „Ehre dare in ſezte, fuͤr den Großmeiſter des Ordens von St. Johann von Jeruſalem angeſehen zu wer⸗ den, das Schwert, welches dem heldenmuͤthigen Jo⸗ hann de la Valette, der an der Spitze des Ordens waͤhrend der beruhmten Vertheidigung Maltas ge⸗ gen die Tuͤrken ſtand, von dem Pabſt uͤbercelcht worden war. In derſelben Abſicht, ſein Benehmen gegen das von Großbritannien in ein vortheilhaftes 20 Licht zu ſtellen, ließ er 8 oder 9000 ruſſiſche Gefan⸗ gene, zum Zeichen ſeiner perſoͤnlichen Achtung fuͤr den Karakter des Kaiſers, neu kleiden und bewaff⸗ nen, und ſezte ſie auf freien Fuß. Auf noch geheimere und ſkandaldſere Weiſe ſoll er das Intereſſe dieſes ungluͤcklichen Fuͤrſten dadurch an ſich gefeſſelt haben, daß er eine talentvolle, ſchoͤne franzoͤſiſche Schauſpielerinn von Paris ausdruͤcklich nach Rußland abſandte, um ſeine Neigung zu ge⸗ winnen. Durch dieſe zuſammentreffenden Umſtaͤnde veranlaßt, begann jezt Paul, ſich offen als einen warmen Freund Frankreichs und einen erbitterten Feind von England zu geben. In erſterer Eigen⸗ ſchaft ließ er ſich die unwuͤrdige Schwaͤche beigehen, den Ueberreſten der Familie Bourbon die bisherige Gaſtfreundſchaft aufzukuͤndigen, und ſie aus Mittau, wo ihnen bisher ein Aufenthalt geſtattet war, zu verweiſen. Um ſeinem Groll gegen England freien Lauf zu laſſen, gab Paul dem glaͤnzenden Plane Gehoͤr, nach welchem Buonaparte beabſichtigte, Britanniens Macht in Oſtindien zu zerſtoͤren, was er vergeblich durch den Beſiz von Egypten gehofft hatte. Dieſer Plan ſollte nun durch die vereinigten Heere von Frank⸗ reich und Rußland ausgefuͤhrt werden, die ſich durch das Köonigreich Perſien nach dem brittiſchen Indien durchſchlagen ſollten; der Plan zu einem ſolchen Feld⸗ zug war ernſtlich im Werke. 45,000 Franzoſen wa⸗ een neaa 21) ren beſtimmt, die Donau hinab nach dem ſchwarzen Meere zu fahren, von da uͤber dieſes und das Aſo⸗ viſche Meer hinzuſegeln, und von dort zu Land bis an die Ufer der Wolga zu marſchiren. Hier ſollten ſie wieder zu Schiffe gehen und den Fluß hinab bis nach Aſtrakan, und von da uͤber das kasplſche Meer bis nach Aſtrabad fahren, wo ein eben ſo ſtar⸗ kes Heer Ruſſen zu ihnen ſtieß. Es ward berech⸗ net, daß die ruſſiſch⸗franzoͤſiſche Armee von Aſtra⸗ bad durch Perſien uͤber Herat, Ferah und Kandahar, in 45 Tagen den Indus erreichen muͤßte. Dieſes gigantiſche Projekt konnte nur in dem unternehmen⸗ den Kopf eines Napoleons gebildet werden, und nur Paul ſo ſchwachkoͤpfig ſeyn, ſich zum Werkzeug bei einem ſo außerordentlichen Unternehmen herzugeben⸗ von welchem Frankreich den alleinigen Nutzen ziehen mußte. Ein naͤher liegender Weg, den Intereſſen Eng⸗ lands zu ſchaden, als dieſer Landzug nach Oſtindien, lag in der Macht des Kaiſers von Rußland. Ein Streit, der zwiſchen England und den noͤrdlichen Hoͤfen anhaͤngig war, mußte den Vorwand geben, in dieſer gefaͤhrlichen Krife ein Gewicht gegen dieſes in die Wagſchale zu legen. Das Recht der Viſitirung zur See, das heißt, das Recht, ein neutrales oder befreundetes Fahrzeug anzuhalten, und ihm die dem Feinde gehoͤrigen Guͤ⸗ ter abzunehmen, war in den fruͤheſten Seerechten 22 anerkunnt. England war bei ſeiner Uebermacht zur See in dem Fall, dieſes Recht in ſolchem Grade auszuuͤben, daß es zu vielfachen Beſchwerden, von Seiten der neutralen Maͤchte Anlaß gab. Die Ver⸗ bindung der noͤrdlichen Staaten im Jahre 1780, un⸗ ter dem Namen der bewaffneten Neutralitaͤt, bekannt, hatte zum Zweck, dieſes Recht der Durchſuchung ab⸗ zuſchaffen, und den Grundſaz aufzuſtellen, daß freie Flaggen auch freie Waagren fuͤhren; mit andern Worten, daß der neutrale Karakter eines Schiffes jedwedes Eigenthum, das es an Bord haͤtte, ſchuͤzen ſollte. Dieſer Grundſaz ward nun mit aller Macht von Frankreich reklamirt, als das wirkſamſte Mittel, die neutralen Maͤchte gegen Großbritannien aufzu⸗ bringen, deſſen Recht der Schiffsviſitation, welches nicht ohne Nach htheil und Unbeguemlichkeit ihres Han⸗ dels ausgeuͤbt werden konnte, nothwendig bei. ihnen nicht ſehr beliebt war. Ohne zu bedenken, daß die durch die Rieſenmacht Frankreichs herbeigefuͤhrte Ge⸗ fahr viel groͤßer war, als irgend eine, welche aus den angeſprochenen Seerechten Englands hervorge⸗ hen konnte, traten die Maͤchte des Nordens dennoch zur Aufrechthaltung der Fretheit zur See zuſammen. In der That war der Kaiſer Paul auch ſchon vor der Mißhaͤlligkeit wegen ſeiner vereitelten Heſfaun gen auf Malta ſo welt gegangen, daß er aus Ae ger uͤber die Ausuͤbung des Viſtrationsrechts der Tiſß laͤnder alles brittiſche Eigenthum mit Beſchlag be⸗ 23 legte. Durch die neue Provokation, die er erhalten zu haben meinte, gerieth der Kalſer in aͤußerſte Wuth, und ergriff die gewaltſamſten Maßregeln zu Verhaftung engliſcher Unterthanen und engliſchen Ei⸗ genthums, wie ſie nur immer ein erzuͤrnter, un⸗ vernuͤnftiger Deſpot ergreifen konnte. Preußen, mehr ſeine unmittelbare, eigene Ver⸗ groͤßerung, als die Wohlfahrt Europens im Auge habend, benuzte ſeine Entraͤſtung uͤber England, be⸗ ſezte treuloſer Weiſe des Koͤnigs Gebiet auf dem Feſtland, Hannover, obgleich es ſelbſt die Neutrali⸗ taͤt dieſes Landes garantirt hatte. Die Folgen in Bezug auf die noͤrdlichen Maͤchte ſind wohl bekannt. England ſandte in aller Eile eine ſtarke Flotte in das baltiſche Meer, und die Schlacht bei Kopenhagen trennte Daͤnemark von dem nordiſchen Bunde. Schweden trat gezwungen bei, und Rußland aͤnderte zu Folge von Pauls Tod ſeine Politik. Der ungluͤckliche Fuͤrſt hatte die Geduld ſeiner Unterthanen erſchoͤpft, und fiel als ein Opfer einer der Verſchwoͤrungen, welche in unumſchraͤnkten Monarchien, beſonders, wenn ſie einen orientaliſchen Karakter haben, alle Einſchraͤnkungen einer gemaͤßig⸗ ten und freien Verfaſſung erſetzen, wo das Praͤro⸗ gativ der Krone durch die Geſetze beſchraͤnkt wird. Bei ſo veraͤnderten Umſtaͤnden ward der Streitpunkt dadurch, daß das Viſitationsrecht billigen Beſtim⸗ 24 mungen und Modifikationen unterworfen wurde, leicht gehoben. Die Nachricht von Pauls Tod verſezte Buonaparte in groͤßere Gemuͤthsbewegung, als er gewoͤhnlich kund werden ließ. Man ſagt, daß ihm zum erſten Mal in ſeinem Leben der leidenſchaftliche Ausruf: Mon Dieu! in einem Tone der hoͤchſten Beſtuͤrzung und Verwunderung entſchluͤpfte. Bei Pauls ungeheurer Macht, und ſeiner Geneigtheit, ſolche ganz zur Ver⸗ fuͤgung von Frankreich zu ſtellen, rechnete der erſte Konſul ohne Zweifel auf die Verwirklichung ſo man⸗ cher wichtigen Plane, die ſein Tod nun vereitelte. Es iſt auch natuͤrlich, daß dieß ploͤzliche und gewalt⸗ ſame Ende, das dieſer Fuͤrſt nahm, welcher ſeiner Perſon und ſeinem Talente ſolche Bewunderung zollte, Napoleon ſehr nahe ging. Er verweilte ſo lange 1 bei dieſem befremdenden Vorfall, daß ſich Talleyrand genoͤthigt ſah, ihn zu erinnern, wie dieſe Art, die hoͤchſte Obrigkeit oder die Politik zu veraͤndern, in einem Lande, wie Rußland, ganz an der Tagesord⸗ nung ſey.*) Der von Napoleon ſo ſehr bedauerte Tod von* Paul war jedoch das Mittel, einen Frieden zwiſchen Frankreich und England zu beſchleunigen, der, auf 2 *) Mais enfn que voulez-vous? C'est une mode de destitu- tion, propre a ce pays la!“ 25 eine feſte Baſis begruͤndet, ihm das beſte Mittel zur Behauptung ſeiner Macht und zur Vererbung derſelben auf ſeine Nachkommen geboten haͤtte. So lange der Czaar noch ſein fuͤgſamer Verbuͤndeter war, hatte man wenig Ausſicht, daß der erſte Kon⸗ ſul Bedingungen vorgebracht haͤtte, die gemaͤßigt ge⸗ nug waren, um das brittiſche Miniſterium mit ihm in Unterhandlung treten zu laſſen. Ein anderes Hinderniß ward in dieſer Zeit hin⸗ weggeraͤumt, das Buonavarte in gleichem Grade⸗ wie der Tod des Kaiſers, fuͤr einen Frieden ſtimmte. Die Beſetzung Egyptens von Seiten der Franzoſen war fuͤr den erſten Konſul ein Grund, auf dem ihn die ſtaͤrkſten perſoͤnlichen Ruͤckſichten haͤtten beſtehen laſſen. Der egyptiſche Feldzug war zu innig mit ſeinem eigenen Ruhme verkettet, und es war⸗ nicht wohl gedenkbar, daß er die Reſultate deſſelben ſei⸗ nem Verlangen nach einem Frieden mit Großbritan⸗ nien aufgeopfert haͤtte. Andererſeits war keine Wahre ſcheinlichkeit dafuͤr da, daß England ſich zu einem Vergleich verſtehen wuͤrde, der die Exiſtenz einer ranzoͤſiſchen Kolonie ſanktionirte, die in Egypten ausdruͤcklich zum Zweck der Vernichtung ſeines in⸗ diſchen Handels angelegt worden war. Allein das Gluͤck der Waffen hob dieſes Hinderniß. Die Sachen in Egypten ſtanden fuͤr die Franzo⸗ ſen im Allgemeinen ſchlecht, ſeitdem die Armee der Gegenwart ihres Commandanten en Chef entbehrte, 25 Kleber, welchem der Oberbefehl uͤbertragen worden, war ſowohl uͤber die ploͤzliche unumſtaͤndliche Manier, euf welche dieſe Uebertragung vor ſich ging, als uͤber die geringen Mittel unzufrieden, die ihm zu ſeiner Vertheidigung blieben. Als er ſich von einer tuͤrki⸗ ſchen Macht bedroht ſah, die zuſammen gezogen wurde, um die Niederlage des Vezirs bei Aboukir zu raͤchen, gab er den Gedanken zu einer Niederlaſ⸗ ſung auf, an deren Behauptung er verzweifelte. Er aunterzeichnete demnach eine Uebereinkunft mit den tuͤrkiſchen Bevollmaͤchtigten und Sir Sidney Smith von brittiſcher Seite, worin beſtimmt war, daß die Franzoſen Egypten raͤumen, und Kleber mit ſeinen Truppen in Sicherheit, und ohne von der brittiſchen Flotte belaͤſtigt zu werden, nach Frankreich zuruͤck⸗ gebracht werden ſollte. Als die engliſche Regierung von dieſer Konvention Nachricht erhielt, verweigerte man die Ratifikation derſelben, und zwar aus dem Grunde, weil Sir Sidney Smith durch Verwilligung derſelben ſeine Vollmachten uͤberſchritten haͤtte. Da der Graf von Elgin als Bevollmaͤchtigter an die Pforte abgeſchickt war, ſo behauptete man, die mini⸗ ſterielle Macht Sir Sidneys ſey durch ſeine Beſtal⸗ lung erloſchen. Dieß ward als Grund fuͤr die Un⸗ zuͤltigkeit des Traktats angefuͤhrt; in Wahrheit aber hefuͤrchtete man, die Ankunft Klebers und ſeiner Armes in dem Suͤden von Frankreich moͤchte in ei⸗ nem Augenblick, wo die Forrſchritte Suwarrows an 27 der Graͤnze deſſelben ſtarke Hoffnungen gaben, einen bebeutenden Einfluß auf die Ereigniſſe des Krieges haben. Lord Keith, der im Mittelmeer kommandir⸗ te, bekam daher Befehl, die Ueberfahrt der franzoͤ⸗ ſiſchen Armee nicht zu geſtatten, undnder Traktat von El Ariſch war dem zu Folge aufgehoben. Da Kleber die Hoffnung, ſich auf dieſe Welſe aus ſeiner Verlegenheit zu reißen, vereitelt ſah, nahm er ſeine Zugucht zu den Waffen. Der Groß⸗ vezier Jouſſeff Paſcha durchzog die Wuſte, drang in Egypten ein und erlitt am 18ten Maͤrz 1800 in der Naͤhe der alten Stadt Heliopolis durch den franzoͤ⸗ ſiſchen General eine blutige und entſcheidende Nie⸗ derlage. Die Maßregeln, welche Kleber nach die⸗ ſem Sieg ergriff, waren gut berechnet, den Beſiz des Landes zu behaupten und die Eingebornen mit der ſranzoͤſiſchen Regierung auszuſͤynen. Er war in Auflagen und Betreibung von Beduͤrfniſſen fuͤr ſein Heer maͤßig, verbeſſerte die Lage der Truppen, und hielt, wo nicht Frieden, doch Waffenſtillſtand mit dem unxuhigen, unternehmenden Murad Bey, der immer noch an der Spitze eines betraͤchtlichen Heeres von Mamelucken ſtand. Kleber errichtete auch eine Legion Griechen von 1500— 2000 Mann, und, jedoch mit groͤßerer Schwierigkeit, ein Regi⸗ ment Kopten. 1 Mitten unter dieſen Beſchaͤftigungen ward er von einem Meuchelmoͤrder niedergeſtochen. Ein fa⸗ 28 natiſcher Turke, mit Namen Soliman Haleby, aus Aleppo gebuͤrtig, bildete ſich ein, vom Himmel in⸗ ſpirirt zu ſeyn, den Feind des Propheten und des Großherrn zu erſchlagen. Er verbarg ſich in einer Ziſterne, und ſprang hervor, als Kleber mit einem einzigen Begleiter voruͤberkam, und ſtach ihn nieder. Der Mörder wurde durch ein Kriegsgericht zum Tode verurtheilt; allein das Urtheil ward mit einer Grauſamkeit ausgefuͤhrt, das die Vollbringer ſchaͤndete. Er ward lebendig geſpießt, und lebte noch vier Stun⸗ den unter den groͤßten Martern, die er mit einem Gleichmuth ertrug, welchen vielleicht nur ſein Fana⸗ tismus erhalten konnte. Der Baron Menou, auf welchen der Oberbefehl uͤbergieng, ſtand in keinem Vergleich mit Kleber. Er hatte unter den Adeligen, welche in der konſti⸗ tutrenden Verſammlung der Sache der Revolution anhingen, ſigurirt, und war der naͤmliche General, durch deſſen Unentſchloſſenheit bei der Angelegenheit der Sektionen zu der Verwendung Buonapartes an ſeiner Stelle und zu der erſten Erhebung Anlaß gab⸗ wodurch ihn in der Folge das Gluͤck ſo hoch empor⸗ geſchwungen. Menon traf in den Einrichtungen Klebers mehrere nachtheilige Veraͤnderungen, und brachte in buchſtaͤbliche Ausfuͤhrung, wovon Napoleon nur geſchrieben und geſprochen hatte; er ward Ma⸗ homedaner, heirathete eine geborne Tuͤrkin, und nahm den Namen Abdallah Menou an. Dieſer Re⸗ 29 ligionswechſel machte ihn in den Augen der Franzo⸗ ſen laͤcherlich, und erwarb ihm in keiner Hinſicht die Gunſt der Egyptier. Der Succours von Frankreich, den Napoleon in ſeinem Abſchiedſchreiben an die egyptiſche Armee verſprochen, kam nur langſam und in geringer An⸗ zahl.— Daran war der erſte Konſul nicht Schuld, er ließ Gantheaume mit einem Geſchwader, das 4— 5000 Mann an Bord hatte, unter Segel ge⸗ hen; allein, verfolgt von der engliſchen Flotte, war der Admiral froh, als er den Hafen von Toulon wieder erreichte. Weitere Verſuche hatten denſel⸗ ben ſchlechten Erfolg. Die franzoͤſiſchen Haͤfen wa⸗ ren zu genau bewacht, als daß eine Expedition von Bedeutung auslaufen konnte; ſo daß zwei Fregatten mit 5— 600 Mann die einzigen Verſtaͤrkungen waren, welche nach Egypten gelangten. 4 MNiittlerweile hatte das engliſche Kabinet den kuͤhnen und maͤnnlichen Entſchluß gefaßt, dieſe Lieh⸗ lingskolonie Frankreich mit Gewalt zu entreißen. Lange Zeit hatten ſie ihre militaͤriſchen Anſtrengun⸗ gen auf theilweiſe Unternehmungen gerichtet, wel⸗ che, wenn auch erfolgreich, keine Wirkung auf die Hauptreſultate des Krieges hatten, und wenn ſie mißlangen, wie es vor Cadix, Ferrol und anderswo der Fall war, dazu dienten, die Plane des Miniſte⸗ riums, und, wenn auch unverdient, den Karakter der im Dlenſt ſtehenden Macht laͤcherlich zu machen. — 30 Mit ſolch uͤbe berechneten Anſtrengungen ward der Krieg von unſrer Zeite gefuͤhrt, indeß unſer wach⸗ ſamer und furchtbarer Feind ſeine maͤchtigen Mittel zu Unternehmungen von verhaͤltnißmaͤßiger Wichtig⸗ keit zuſammenhielt. Wir fuͤhrten, gleich ungeuͤbten Fechtern, nur ungewiſſe Stoͤße ins Blaue hinein, die blos die Extremitaͤten trafen; er zielte nur nach dem Herz, und ſtieß, in der beſtimmten Abſicht, das Schwert bis an den Griff uns in den Leib zu rennen. Die Folge dieſer halben und unzulaͤnglichen Maß⸗ regeln war, daß unſre oldaten, als ſie ſich ſchon allmaͤhlig zu der Vollkommenheit in der Kriegszucht erhoben, wodurch ſie ſich jezt auszeichnen,— ganz mit unrecht in den Augen ihrer Landsleute viel niedriger geſtellt wurden, als es zu andern Zeiten in unſrer Geſchichte der Fall war. Der auffallende Vorzug unſrer Seeleute hatte ſich bei tauſend Ge⸗ legenheiten bewaͤhrt, und nur zu gewoͤhnlich ſezte man ihn in Kontraſt mit den Maͤngeln unſrer Land⸗ erpeditionen. Allein, es hat ſich nachmals gefunden, daß unſre Soldaten dieſelbe Ueberlegenheit bewie⸗ ſen, ſobald ſie ſolche in offenem Schlachtfeld zu entwickeln Gelegenheit hatten. Ein ſolches Feld der Ehre bot ihnen die Expedition in Egypten. Dieſe Unternehmung war der ausſchließliche Plan eines uͤbel belohnten Staatsmanns, des verſtorbenen Lords Melville; nur mit Muhe konnte er den Bei⸗ tritt Herrn Pitts zu einem Jlane erhalten, der el⸗ —— 31 nen kuͤhneren Karakter trug, als er den Britten in neueſten Zeiten eigen war. Der Feldzug wurde mit einer moͤglichſt geringen Ma'oritaͤt im Kabinet be⸗ ſchloſſen, und der Koͤnig gab ſeine Zuſtimmung in Ausdruͤcken, die einen foͤrmlichen Proteſt gegen die dabei drohende Gefahr enthielten.„Mit dem groͤß⸗ ten Widerſtreben“(dieß waren ungefaͤhr die Worte Georg III.),„gebe ich meine Zuſtimmung zu einer Maßregel, welche die Bluͤte meiner Armee in einen gefahrvollen Feldzug nach einem fernen Lande ſen⸗ det.“*) Der Erfolg zeigte, daß in ſchwierigen uUm⸗ ſtaͤnden kuͤhnes Spiel, wohl vorbedacht, oft am gluͤcks lichſten gedeiht. in Hod Snaie Am 13ten Maͤrz 1801 landete der Genera Sir Ralph Abekrombie an der Spitze einer Armee von 17000 Mann, troz dem verzweifeltſten Widerſtand des Feindes, an der Kuͤſte von Egypten. Die Vor⸗ —— *) In ſpäterer Zeit bekannte der gute König in Folge dem ſeinen früheren Irrthum. Als Lord Melville nicht mehr in Staatsdienſten war, beehrte ihn Se. Majeſtät zu Wimvle⸗ don mit einem Beſuch, und nahm einige Erfriſchungen an, Bei dieſer Gelegenheit ergriff der König ein Glas Wein, und brachte, nachdem er der Geſellſchaft befohlen, ein Glei⸗ ches zu thun, folgenden Toaſt aus:„Auf die Geſundheit des muthigen Miniſters, der gegen die Meinung mehrerer ſeiner Kollegen, und ſelbſt gegen die Vorſtellungen ſein s Königs, den Feldzug nach Sgypten vorzuſchlagen und durch⸗ zuſetzen wagte.“ 32 trefflichkeit dieſer Truppen zeigte ſich ſogleich in dem hohen Muth und der Kaltbluͤtigkeit, womit ſie durch eine heftige Brandung hindurch ans Land ge⸗ langend, ſogleich ſich in Reih und Glied ſtellten, und gegen den Feind anruͤckten. Am 21ſten Maͤrz fand ein allgemeines Treffen ſtatt. Die franzoͤſiſche Reiterei verſuchte, die brittiſche Flanke zu werfen, und machte zu dem Ende einen verzweifelten An⸗ griff; allein ſie richteten nichts aus, und wurden mit bedeutendem Verluſt zuruͤckgeſchlagen. Die Fran⸗ zoſen wurden beſiegt und gezwungen, ſich unter die Waͤlle von Alexandrien zuruͤckzuziehen, wo ſie ſich zu halten hofften. Allein die Britten erlitten einen un⸗ erſezlichen Verluſt in ihrem Anfuͤhrer Sir Ralph Aberkrombie, welcher im Verlaufe der Schlacht toͤdt⸗ lich verwundet wurde. In dieſem tapfern Veterauen betrauerte ſein Vaterland lange einen ſeiner beſten Generale und ſeiner wuͤrdigſten und liebenswuͤrdig⸗ ſten Maͤnner, die jemals das Licht der Welt er⸗ blickten. Der Oberbefehl gieng an den General Hutchinſon uͤber, zu welchem nun der Kapitan Paſcha mit einem tuͤrklſchen Heere ſtieß. Die Erinnerungen an Abukir und Heliopolis, ſo wie die Vorſtellungen und Rath⸗ ſchlaͤge ihrer engliſchen Verbuͤndeten vermochten die Tuͤrken, eine Hauptſchlacht zu vermeiden und ſich auf Scharmuͤtzel zu beſchraͤnken, wodurch die Franzo⸗ ſen ſo genau bewacht, und ihre Lomnunitationen ſo . ehr 33 ſehr abgeſchnitten wurden, daß General Belliard in das verſchanzte Lager in Kairo eingeſchloſſen, von Alexandrien abgeſchnitten, und mit einem Aufſtand innerhalb des Platzes bedroht, ſich zu einer Kapitu⸗ lation genoͤthigt ſah, zu Folge deren ſeine Truppen mit Waffen und Gepaͤcke ohne Gefaͤhrde nach Frank⸗ reich gebracht wurden. Dieß war am?ten Junius; und die Konvention war kaum unterzeichnet, als die engliſche Armee auf eine Weiſe verſtaͤrkt wurde, die hinlaͤnglich zeigte, mit welch kuͤhner und erfolgreicher Kombination der Maßregeln der Feldzug unternom⸗ men worden war. Eine Armee von 7000 Mann, von denen 2000 eingeborne Indier waren, wurden bei Koſſeir am ro⸗ then Meere ans Land geſezt, und waren von den indiſchen Beſitzungen abgeſandt, um den europaͤlſchen Theil der Angriffsarmee zu unterſtuͤtzen. Die Egyp⸗ ter ſahen mit der groͤßten Verwunderung Eingebor⸗ ne, von denen manche Moslemin waren, in den Mo⸗ ſcheen ihre Andacht verrichteten und das von dem Pro⸗ pheten eingeſezte Nituale beobachteten, vollkommen auf europaͤlſchen Fuß disziplinirt. Die niederen Klaſſen waren geneigt anzunehmen, daß dieſes ſon⸗ derbare Huͤlfscorps in Folge direßten und wunder⸗ baren Befehls von Mahomed geſandt worden war; nur wollte nicht paſſen, daß ſie von engliſchen Offi⸗ zieren befehligt wurden. 5 In Folge dieſer Verſtaͤrkungen und Keiner eige⸗ 8 W. Srort's Werke. XLII. 34 nen, auf die Waͤlle von Alexandrien beſchraͤnkten Lage ſah ſich Menou genoͤthigt, wegen Uebergabe der Provinz Egypten in Unterhandlung zu treten. Er bekam dieſelben Bedingungen wie Belliard, und ſo war denn in dieſen Theilen der Krieg von Selten Großbritaniens ſiegreich beſchloſſen. Die Eroberung dieſes beſtrittenen Koͤnigreichs machte in Frankreich und England großes Aufſehen; man glaubte aber daß die Nachricht von dieſem durch Menous Unter⸗ werfung geendigten Kampf fruͤher nach Frankreich kam, als es die Englaͤnder erfuhren.— Buonaparte ſoll, als er dieſe Zeitung vernahm, geſagt haben: „Gut, ſo bleibt denn kein anderes Mittel, als eine Landung in Britannien zu unternehmen.“ Er ſchien jedoch gleich darauf gefunden zu haben, daß der Ver⸗ luſt dieſer beſtrittenen Provinz, ſtatt ein Grund zu ſevn, die Feindſeligkeiten aufs aͤuſſerſte zu trelben, als die Entfernung eines Hinderniſſes gegen die Unterhandlung eines Friedens betrachtet werden duͤrſte. Mlalta 35 Orittes Kapitel. — Vorbereitungen zu einem Einfall in Großbritannien. Nelſon wird Oberadmiral.— Angriff der Bologner Flottille. Pitt tritt aus dem Miniſterium.— Sein Nuchfolger iſt Herr Addington. ensunterhandlungen.— Gerechte Strafe für England in Berreff der dem Feinde abgenommenen Kolonien.— Sie müſſen, niſſer Ceylon und Trinidad, alle herausgegeben werden.— ird unter die Garantie einer neutralen Macht geſtellt. Friedensprälimtnarien unterzeichnet.— Freude des engliſchen Pövels, Zweifel der höhern Klaſſen.— Der Traktat von Amiens unterzeichnet.— Die ehrgeizigen Plane Napoleons gehen dem⸗ zumgeachtet ihren ununterbrochenen Gang.— Erweiterung ſeiner Macht in Italien.— Er wird zum lebenslänaltchen Konſul ernannt, mit dem Recht, ſeinen Nachfolger zu ernennen.— Seine Stellung am Schluß dieſes Kapitels. So wie die Worte des erſten Konſuls anzu⸗ deuten ſchlenen, wurden an der franzoͤſiſchen Kuͤſte Vorbereitungen zu einem Einfall in Großbritannien getroffen.— Boulogne und alle Haͤfen der Kuͤſte entlang wimmelten von blatten Fahrzeugen, und die Kuͤſten waren mit Lagern der fuͤr ihre Bemannung beſtilumten Truppen bedeckt. Wir brauchen fuͤr jezt nicht laͤnger bei den von Frankreich zum Angriff, und von den Englaͤndern zur Vertheidigung ge⸗ roffenen Vorbereitungen zu verweilen, da wir Ge⸗ legenheit haben, davon zu ſprechen, wenn Buona⸗ darte England in Gaͤterer Zeſt mit denſelben Maß⸗ tegeln dedroht. Es iſt hinlaͤnglich zu ſagen, daß 3 8. 1 36 die Drohungen Frankreihs die gewohnte Wirkung hatten, den Geiſt Großbritanniens zu erwecken. Es wurden die ausgedehnteſten Anſtalten ge⸗ macht, ſie zu empfangen, wenn ſie wirklich landen ſollten, indeß unſer natuͤrliches Bollwerk nicht ver⸗ nachlaͤſſigt wurde.— Die Vorbereitungen zur See waren ſehr bedeutend, und was noch mehr Vertrauen als alle Schiffe und Geſchuͤze gab, war, daß Nelſon zum Oberbefehlshaber der See von Orfordneß bis Beachyhead ernannt ward. Bei ſolchen Anſtalten handelte es ſich bald nicht mehr darum, ob die franzoͤſiſche Flottille die brittiſchen Kuſten an⸗ greifen, ſondern, ob ſie in Sicherheit in den fran⸗ zoͤſiſchen Haͤfen liegen ſollte. Boulogne ward bom⸗ bardirt, und einige der kleinen Boͤte und Kanonier⸗ ſchaluppen vernichtet.— Der engliſche Admiral ver⸗ ſchonte großmuͤthig die Stadt; und nicht zufrieden mit dieſem theilweiſen Erfolg, ſchickte ſich Nelſon an, den Feind mit den Schaluppen des Geſchwaders auzugreifen. Die Franuzoſen nahmen zu den unge⸗ woͤhnlichſten und furchtbarſten Vertheidigungsanſta ten ihre Zuflucht. Ihre Flottille legte ſich dicht am Geſtade in der Muͤndung des Hafens von Boulogne vor Anker; die Schiffe waren mit Ketten aneinan⸗ der gebunden und mit Soldaten beſezt. Der An⸗ griff der Englaͤnder ſchlug gewiſſer Maßen fehl, was den verſchiedenen Abtheilungen zuzuſchreiben war, die in der Finſterniß nicht mit einander zuſammen⸗ 37 trafen; es wurden zwar einige franzoͤſiſche Schiffe genommen, konnten aber nicht aufgebracht werden; die Franzoſen beliebten das Reſultat deſſelben ihrer Seits als einen Sieg zu betrachten, der wichtig genug waͤre, den Verluſt bei Aboukir aufzuwaͤgen; obgleich es hoͤchſtens darauf hinauslief, daß ſie ver⸗ ſicherten, ihre Schiffe koͤnnten nun mit einem ge⸗ wiſſen Grad von Sicherheit dicht unter ihren eigenen Batterien vor Anker liegen. Mittlerweile bereiteten die Veraͤnderungen, welche in dem brittiſchen Mini⸗ ſterium vorgiengen, die Erwartungen des Publikums auf einen Frieden, nach dem die ganze Welt nun verlangte. Herr Pitt trat bekanntlich aus dem Miniſterium, und an ſeine Stelle trat als erſter Staatsminiſter Herr Addington, jezt Lord Sldmonth. Dieſer Wechſel ward mit Recht als Zeichen einer Hinneigung zu friedlichen Maßregeln betrachtet; denn in Frankreich war man gewohnt, Alles, was dieſem Lande nach⸗ thellig war, mit Pitts Gold in Verbindung zu bringen. Alle Mezeleien in Paris, ſelbſt die Ruͤck⸗ kehr Buonaparte’s aus Egypten wurden den Intriguen des engliſchen Miniſters zugeſchrieben; er war der Suͤndenbock, auf welchem, als die En durſache, alle Thorbeiten, Verbrechen und Mißgeſchicke der Re⸗ velulion abgeladen wurden. 3 4 Ein großer Theil ſeiner eigenen Landsleute ſo⸗ wohl als der Franzoſen zweifelten an der Moͤg⸗ 38 lichkeit eines Friedensſchluſſes unter Herrn Pitts Auſpizien; indeß diejenigen, deren Geſinnungen am meiſten antifranzoͤſiſch waren, durchaus wuͤnſchten, daß ſein ſtolzer Geiſt ſich nicht zu Einleitung von Friedensbedingungen herablaſſen moͤchte, die von den Hoffnungen, die er fruͤher gemacht, ſo ſehr verſchie⸗ den waren. Die Wuͤrde, die Gemuͤthsart und die Talente ſeines Nachfolgers ſchienen dieſen mehr zu Unterhandlungen zu eignen, zu welchen der groͤßere Theil der Nation ſich hinneigte, und wenn es auch nur um des Verſuchs willen waͤre. Buonaparte ſelbſt war in dieſer Zeit fuͤr den Frieden geſtimmt. Er war fuͤr Frankreich und nicht weniger fuͤr ihn ſelbſt nothwendig, da er ſonſt in dem Fall war, der gewagten Alternative eines An⸗ griffs ſich zu unterziehen, deſſen Erfolg wahrſcheinlich fuͤr ihn unguͤnſtig ſeyn mußte, und der, wenn er mißlang, den gaͤnzlichen Ruin ſeiner Macht herbei⸗ fuͤhren mußte. Auf beiden Seiten war man alſo wirklich in hohem Grade fuͤr eine Friedensunter⸗ handlung, und es hielt nicht ſchwer, Buonapartes Einwilligung zur Raͤumung Egyptens zu erhalten, da man allen Grund hat zu glauben, daß er von Menou's Uebereinkunft bereits Nachricht hatte. Auch war es ſeit der Schlacht bei Alexandria mit den Angelegenheiten Frankreichs in Egypten in mehr⸗ facher Beziehung aͤußerſt mißlich geſtanden, und der erſte Konſul„ußte ſehr wohl, daß er bei dieſem 8 39 Opfer auf etwas verzichtete, fuͤr deſſen Behauptung er wenig Wahrſcheinlichkeit hatte. Es ward gleich⸗ falls verlangt, daß die Franzoſen Rom und Neapel raͤumen ſollten; eine Bedingung von wenig Belane, da ſie dieſe Laͤnder immer wieder beſezen konnten, wenn es ihr Intereſſe erheiſchte. Die hollaͤndiſche Kolonie auf dem Kap der guten Hoffnung ſollte der bataviſchen Republik zugeſtellt und fuͤr einen Frei⸗ hafen erklaͤrt werden. In Hinſicht der eroberten Kolonien erlitt Eng⸗ land eine nicht unverdiente Strafe. Die Eroberung der feindlichen Kolonien hatte das engliſche Miniſte⸗ rium zu ſehr beſchaͤftigt, und ſo wurde die National⸗ kraft durch Eroberungen, von verhaͤltnißmaͤßig ge⸗ ringer Wichtigkeit zerſplittert, deren Behauptung uns noch uͤberdieß durch das ungeſunde Klima mehr Leute koſtete, als manche blutige Schlacht gekoſtet haͤtte. Alle durch dieſen kindiſchen Kriegsplan ge⸗ machten Eroberungen wurden nun ohne irgend einen Erſatz zuruͤckgegeben. Haͤtte man alle dieſe tapfern Soldaten, welche uͤber dieſen Zuckerinſeln elendiglich zu Scwanden gingen, zu einer wohl uͤberdachten Erpedirion zu Unterſtuͤzung von Charette oder La Roöchejaczuelin vereinigt, ſo haͤtte eine ſolche Macht dieſe Fuͤhrer in Stand geſezt, auf Paris los zu marſchiren; oder haͤtte man ſie nach Holland geſandt, den Statthalter in ſeine Herrſchaft wieder eingeſezt. Und nun ſollten dieſe Zuckerinſeln, der erbaͤrmliche 40 Erſaz, den Britannien fuͤr das Blut ſeiner tapferen Soͤhne erhalten, denen wieder zuruͤckgegeben wer⸗ den, welchen ſie waren entriſſen worden. Der wich⸗ tige Beſiz von Ceylon in Oſt⸗, und von Trinidad in Weſtindien war ihre einzige Eroberung, die ihnen blieb. Jedoch wurde die Integritaͤt ſeines alten Verbuͤndeten, Portugals anerkannt, und die Unab⸗ haͤngigkeit der joniſchen Inſeln feſtgeſezt und ga⸗ rantirt. Britannien gab Porta Ferrajo und die andern Plaͤze, auf der Inſel Elba oder an der Kuͤſte von Italien, heraus; die Beſezung der Inſel Malta aber drohte fuͤr einige Zeit, ein Hinderniß ſuͤr die Schließung des Traktats zu werden. Den Eng⸗ laͤndern ſchien der Beſiz dieſes feſten Eilands von der groͤßten Wichtigkeit, und deuteten darauf hin, daß der beharrliche Widerſtand, den der erſte Konſul dagegen bewies, das geheime, nicht ausgeſprochene Verlangen in ſich ſchließe, bei unſtiger Gelegenheit ſeine Plane auf Egyyten, fuͤr welche Malta gewißer Maßen als Schluͤſſel betrachtet werden koͤnnte, wie⸗ der aufzunehmen. Nach vielen Diskuſſionen kam man endlich dahin uͤberein, daß die Unabhaͤngigkeit der Inſel dadurch geſichert werden ſollte, daß ſie von einer neutralen Macht beſezt und unter ihre Garantie und Protektion geſtellt werden ſollte. Die Praͤliminarien des Friedens wurden am 10. Oktoder 1801 unterzeichnet. Der General Law de Lauriſton, ein Schulkamerad und nun erſter Generaladjurgut 41 von Buonaparte, uͤberbrachte ſie von Paris nach London, wo ſie von der Menge, welcher die Neu⸗ heit einer Sache immer genuͤgende Empfehlung iſt, mir dem groͤßten Enthuſiasmus aufgenommen wurde. Unter den hoͤheren Klaſſen war der Eindruck, den ſie machten, ſehr getheilt. Eine kleine, aber ener⸗ giſche Partei, welche Burke's Grundfaͤzen nach ihrer ganzen Ausdehnung anhing, und von dem beruͤhm⸗ ten Windham geleitet wurbe, betrachtete den Akt einer Unterhandlung mit einer koͤnigsmoͤrderiſchen Herrſchaft als einen unausloͤſchlichen Schandfleck und eine Kompromittirung der Prinzipien der Legitimitaͤt von Seiten Großbrittaniens, auf welcher doch der ganze Geſellſchaftsvertrag begruͤndet ſey. Gemaͤßigtere Gegner der Franzoſen bedauerten, daß unſere An⸗ ſtrengungen zu Gunſten der Bourbons fruchtlos waren, und behaupteten mit Recht, ihre Sache gehe uns nicht ſo nahe an, daß wir uͤber dem eiteln Verſuch, die verbannte Familie wieder auf den Thron von Fraukreich zu ſezen, das Wohl unſers Vaterlandes zum Opfer bringen muͤßten. Dieß war ſelbſt Pitts Anſicht und die An ſicht ſeiner verſtaͤndigſten An⸗ haͤnger. Die erklaͤrte Oppoſition, erfreut, daß wir⸗ unter was immer fuͤr Bedingungen, Frieden erhiel⸗ ten, frohlockte nun daruͤber, daß ihre Prophezeihungen von einem ſchlechten Erfolg des Krieges in Erfuͤllung gingen. Sheridan ſprach vielleicht die allgemeinſten Empfindungen des Landes in der Bemerkung aus: 7 „daß es ein Friede ſey, uͤber den Jedermann froh, und Niemand ſtolz ſeyn duͤrfe.“ Amiens wurde zum Zuſammentritt der Bevollmaͤchtigten beſtimmt, welche die Friedensunterhandlungen beendigen ſollten, aber erſt nach fuͤnf Monaten nach der Annahme der Praͤ⸗ liminarien wirklich beendigten. Nach dieſen lang⸗ wierigen Negotiationen ward der Vertrag endlich am 27. Maͤrz 1802 unterzeichnet. Die Inſel Malta wurde zu Folge ihrer Uebereinkunft von einer Be⸗ ſazung neapolitaniſcher Truppen beſezt, und ſeine Neutralitaͤt uͤberdieß von Frankreich, Oeſterreich, Spanien, Rußland und Preußen garantirt. Die Ritter des heiligen Johann ſollten die Herren dieſer Inſel, allein weder Franzoſen noch Englaͤnder in Zukunft Mitglieder des Ordens ſeyn. Die Haͤfen ſollten dem Handel aller Nationen offen ſtehen, und der Orden gegen alle Nationen, die Algierer und die andern Raubſtaaten ausgenommen, Neutralitaͤt beobachten. Haͤtte Napoleon die Geſinnungen der Englaͤnder erforſchen wollen, ſo mußte er finden daß ſie dieſem Vertrage ungern und nur des Verſuchs wegen bei⸗ traten, und daß derſelbe je nachdem ſie Vertkauen oder Zweifel in die Rechtlichkeit ſeiner Abſichten, von laͤngerem oder kuͤrzerem Beſtand ſein werde. Sein Ehrzeiz, und die geringe Gewiſſenhaftigkeit, womit er denſelben befriedigte, war, er mußte es ſelbſt fuͤhlen, der Schrecken Europens, und ſo lange 43 er nicht die Beſorgniſſe, welche er erregt hatte, durch ein friedfertiges und gemaͤßigtes Benehmen von ſeiner Seite gehoben, mußte der Argwohn Eng⸗ lands ſtets wachſam ſein, und der Frieden zwiſchen den Nationen ſo prekaͤr als ein bewaffneter Waffen⸗ ſtillſtand erſcheinen. Allein ſolche Betrachtungen ver⸗ mochten ihn nicht von dem auf ſeine perſoͤnliche Ver⸗ groͤßerung abzweckenden und den Argwohn, welchen ſein Karakter bereits eingefloͤßt, erhoͤhenden Maß⸗ regeln abzuſtehen oder ſie hinauszuſchieben. Dieſe Maßregeln waren theils von der Art, daß ſie ſeine Macht in Frankrelch konſolidiren und verlaͤngern, theils das Uebergewicht dieſes Landes uͤber ſeine Nachbarn auf dem Kontinent erhoͤhen ſollten. Durch den Traktat von Luͤneville und den von Tolentino war die Unabhaͤngigkeit der cisalpiniſchen und der helvetiſchen Republiken ausdruͤcklich feſtgeſezt; allein dieſe Unabhaͤngigkeit ſchloß nach Buonaparte's In⸗ terpretation nicht aus, daß ſie zu bloſſen Satelliten reduzirt, in allen ihren Bewegungen von Frankreich und von ihm, dem Beherrſcher von Frankrelch und aller von ihm abhaͤngigen Laͤnder bevormundſchaftet wurden. Als demnach in Frankreich das Direktortum geſtuͤrzt war, ſo war er nicht gemeint, in Italien eine Direktortal Regkerung fortbeſtehen zu laſſen. Es mußten zu dem Ende Maßregeln getroffen wer⸗ den, um in dieſem Lande etwas Aehnliches wie das neue Konſulat in Paris einzufuͤhren. Zu dieſem 44 Zwecke fand zu Anfang des Januars 1802 eine Ver⸗ ſammlung von 450 Deputirten aus den cisalpiniſchen Staaten in Lyon Statt(man traute nicht, ſie inner⸗ halb der Graͤnzen ihres eigenen Landes ſich berathen zu laſſen) um ſich eine neue politiſche Regierungs⸗ form zu geben. In dieſer Zeit, wo die Fabrikation von Verfaſſungen ſo gewoͤhnlich war, fiel es nicht ſchwer, eine zu entwerfen; ſie beſtand aus einem Praͤſidenten, einem Deputirten⸗Praͤſidenten, einer geſezgebenden Verſammlung und drei 1) aus Grund⸗ eigenthuͤmern, 2) aus dem Gelehrtenſtand und 3) aus dem Handelsſtande zuſammengeſezten Wahl⸗ kollegien. Wenn die Italiener bei dieſer Gele⸗ genheit ſich unbehuͤlflich benahmen, ſo hatten ſie den Beiſtand Talleyrands; und bald nachher hatte die Ankunft Buonaparte's zu Lyon den gehoͤrigen Einfluß auf ihre Operationen. Seine Gegenwart war noͤthig, um eine ganz aͤuſſerſt voſſterliche Farce aufzufuͤhren. Ein Ausſchuß von 40 Deputirten aus der ita⸗ lieniſchen Verſammlung, dem die Entwerfung einer Regierungsform anvertraut worden war, erſtattete ſeinen Verlcht dabhin, daß, da es ihnen an einem Mann von dem zu der Praͤſidentſchaft erforderlichen Einfluß fehle, dem man die exekutive Gewalt uͤber⸗ tragen konnte, die neue Verfaſſung nicht dieſelbe Sicherheit gewaͤhre, wenn ſich nicht Buonaparte da⸗ zu entſchloͤße, dieſe Stelle einzunehmen, und zwar 4⁵ nicht, wie ſie ſorgfaͤltig auseinanderſezten, in ſeiner Eigenſchaft als Oberhaupt der franzoͤſiſchen Regie⸗ rung, ſondern als einzelne Perſon. Napoleon ging gnädig auf ihre Bitte ein. Er erklaͤrte ihnen, daß er mit ihrer beſcheidenen Anſicht uͤbereinſtimme, daß ihre Republik noch keinen mit all den Talenten und der erforderlichen Unpartheilichkeit begabten Mann beſize, der die Leitung ihres Staates uͤber⸗ nehmen koͤnnte, er wolle ſie daher unter ſeiner ei⸗ genen Oberaufſicht behalten, ſo lang die Umſtaͤnde es noͤthig machten. Nachdem Napoleon ſeine Macht in Italien ſo feſt als in Frankreich begruͤndet hatte, traf er die geeigneten Maßregeln, ſeinem Geblet nach andern Seiten hin weitere Ausdehnung zu geben. Zu Fore des nun bekannt gemachten Friedenstraktats mit Spanien ging das Herzogthum Parma nebſt der Inſel Elba— nach dem Abſterben des gegenwaͤrtigen Her⸗ zogs— ein Ereigniß, das in kurzer Zeit eintreten konnte— an Frankreich uͤber. In demſelben Ver⸗ trag wurde der ſpaniſche Theil von uiſtang in Nordamerika an rankreich abgetreten. Portugal ward ferner, obgleich ſeine Integritaͤt durch die Frledenspraͤllminarien mit England garantirt wor⸗ den war, dahin vermocht, in einem geheimen vor dem britiſchen Hof ſorgfaͤltig geheimgehaltenen Trak⸗ tat ihre Provinz Guiana n Frankrelch abzutreten. Dieſe Stipuigtionen zeigten zur Genuͤge, daß kem 46 Theil der Welt war, in welchem Frankreich und ſein gegenwaͤrtiger Beherrſcher nicht Vergroͤßerungsplane unterhielt, und daß Fragen von Treu und Glauben nicht aͤngſtlich erwogen wurden, wenn ſie mit ſeinen Abſichten in Konflikt geriethen. Indeß Europa uͤber den Geiſt der Eroberung und Gebiets⸗Erweiterung, den dieſer unerſaͤttliche Eroberer beurkundete, erſtaunt und beſtuͤrzt war, wurde Frankreich gewahr, daß er eben ſo bedacht war, ſeine Macht zu konſolidiren, als uͤber nahe und entfernte Laͤnder auszudehnen. Er war Alles und mehr denn Alles, was ein Souveraͤn jemals war; allein immer noch fehlte ihm der Name und die Fortdauer fuͤr ſein Koͤnigthum. Dieſe zu erhal⸗ tes war keine ſchwere Sache, wenn der erſte Konſul im Senat oder Trikunat es in Anregung brachte; auch war er nicht lange um Agenten verlegen, die ſich beeiferten, ſeinen Wuͤnſchen entgegen zu kommen. Chabot de LAllier gieng voran auf dem Wege der Schmeichelei. Er erhob ſich in dem Tribunat, hielt eine Lobrede auf Napdleon und erwaͤhnte der Dankbarkeit, die man dem Helden ſchuldig ſei, durch welchen Frankreich gerettet und mit Sieg bekraͤnzt ſei. Er ſchlug vor, das Tribunat ſollte an den Er⸗ haltungsſenat eine Entſchließung ergehen laſſen und ihn erſuchen, in Erwaͤgung zu ziehen, auf welche Lacite man Napoleon Budnaparte eir en glaͤnzenden Beweis der Nationalerkenntlichkeit geben koͤnnte. 47 Kein Menſch mißverſtand dieſen Wink. Der Vorſchlag ging einſtimmig durch, und wurde an den Staatsrath, den Erhaltungsſenat, an den geſezge⸗ benden Koͤrper und an die Konſuln uͤberſchickt. Der Senat meinte, dem Antrag am beſten ent⸗ gegen zu kommen, wenn er Napoleon auf weitere zehn Jahre zum erſten Konſul, von da an, wenn der Zeit⸗ raum, fuͤr welchen er durch die Konſtitution ernannt worden war, abgelaufen waͤre. Der Antrag des Senats ward in Form eines Se⸗ natsbeſchluſſes gebracht und Napoleon mitgetheilt, war aber nicht nach ſeinem Wunſche ausgefallen, da er ihm, wenn auch in weiter Ferne, einen Zeitpunkt feſt ſezte, in welchem er von ſeiner Macht ſich tren⸗ nen ſollte. Wahr iſt es, ein Zeitraum von ſiebzehn Jahren, auf welche der Senatsbeſchluß ſeine Macht zu verlaͤngern gedachte, ſchien aͤußerſt betraͤchtlich; und in Wahrheit war er, noch bevor er zu Ende ging, Gefangener auf St. Helena. Allein immer noch ſollte er ein Ende nehmen, und das war hinreichend, ſei⸗ nen Ehrgeiz zu verwunden. Er dankte dem Senat fuͤr dieſen neuen Beweis ſeines Zutrauens, nahm ihn aber nicht ausdruͤcklich an, indem er die Sache dem Willen des Volkes an⸗ heim ſtellen wollte. Durch die Stimme des Volkes, ſagte er, ſei er mit dieſer Gewalt bekleidet worden, und finde es deßhalb nicht fuͤr recht, die Verlaͤnge⸗ rung derſelben andecs als durch ſcine Einwilligung 48 anzunehmen. Man haͤtte denken ſollen, daß nichts mehr uͤbrig geblieben waͤre, als den Senatsbeſchluß dem Volke vorzulegen. Allein der zweite und dritte Konſul, Buonaparte's Kollegen in gehoͤrigem Ab⸗ ſtand, nahmen es auf ſich, obgleich die Konſtitution ſie zu keinem ſolchen Verfahren berechtigte, den Vor⸗ ſchlag des Senats abzuaͤndern, und an das Volk den fuͤr Buonaparte's Ehrgeiz angenehmern Antrag zu ſtellen, ob der erſte Konſul ſeine Wuͤrde nicht fuͤr weitere zehn Jahre, ſondern auf Lebenszeit be⸗ halten ſollte. Durch dieſen Betrug wurde der An⸗ trag des Senats beſeitigt, und dieſe Verſammlung fand es bald am kluͤgſten den ihm von den Konſuln unterſchobenen, liberaleren Abſichten beizutreten, und dankte ihnen, wahrſcheinlich dafuͤr(wie wir ver⸗ muthen), daß ſie ſie gelehrt haͤtten, wie man ei⸗ nen Wink zu wuͤrdigen haͤtte. 3 Der Antrag wurde in die Departements ver⸗ fandt, Die Liſten wurden mit vieler Foͤrmlichkeit eroͤffnet, als ob das Volk wirklich im Fall waͤre, ein konſtitutionelles Recht auszuuͤben. Da die Unter⸗ ſchriften bei den verſchiedenen Staatsbeamtungen in Empfang genommen wurden, ſo iſt es, wenn men den Gegenſtand des Ant rags betrachtet, nicht zu ver⸗ wundern, daß die Miniſter, bei welchen die Liſten ſchließlich niedergelegt wurden, im Stande waren, eine Majoritaͤt von 3 Millionen Buͤrgern, welche ſur den Antrag waren, herauszubringen. Mehr zu verwun⸗ 49 verwundern war es, daß ſich noch eine Minoritaͤt von einigen wenigen Republikanern fand, welche mit Carnot an ihrer Spitze den Antrag mit nein be⸗ antworteten. Dieſer Staatsmann bemerkte, als er ſeine Stimme unterzeichnete, er unterſchreibe ſein Deportationsurtheil. Allein er irrte ſich. Buona⸗ parte ſah ſich ſo maͤchtig, daß er bereits gnaͤdig ſeyn und einen Schein von Unparteilichkeit annehmen durfte, indem er diejenigen ungeſtraft ließ, welche ſich geweigert hatten, fuͤr die Vergrößerung ſeiner Macht zu ſtimmen. Er wagte jedoch nicht, an das Volk den weitern Antrag auf die Ausdehnung ſeiner Macht auch jen⸗ ſeits ſeines Todes, welche ſein freigebiges Geſchenk ihm fuͤr ſein ganzes Leben gegeben hatte. Ein ein⸗ facher Senatsbeſchluß raͤumte Buonaparten das Recht ein, durch einen teſtamentariſchen Akt ſeinen Nach⸗ folger zu ernennen; ſo daß Napoleon ſeine Kinder oder Verwandte auf den Thron von Frankreich wle in ein Privaterbe ſetzen, oder ihn, gleich Alexandern, an den beguͤnſtigſten ſeiner Generallieutenants uͤber⸗ laſſen konnte. Zu einem ſolchen Schritt hatte die Herrſchaft eines Militaͤrchefs in einem Zeitraum von zwei bis drei Jahren die ſtolze Demokratie und die hartnaͤckige Loyalitaͤt der beiden Faktionen, ge⸗ bracht, welche ſich vor dieſer Periode um den Beſſz von Frankreich geſtritten hatten. Napoleon hatte W Scpotes Werke. X.II 4 50 6 ſich gleich dem Habicht in der Fabel vor beiden ge⸗ beugt. Die Periode, womit wir dieſes Kapitel ſchließen, war eine der wichtigſten in Napoleons Leben, und ſchien eine Kriſis zu ſeyn, von der ſein Schickſal und das von Frankreich abhaͤngig war. Sein aͤlteſter und gluͤcklichſter Feind, Großbritannien, ſah ſich durch dle Umſtaͤnde bewogen, ſich zu dem Verſuch eines unge⸗ wiſſen Friedens zu bequemen, ſtatt ins Blaue hinein den Krieg fortzufuͤhren. Die bedeutenden Nachthei⸗ le, die ſich von dem ruinirten Handel und der Blo⸗ kade der franzoͤſiſchen Haͤfen fuͤr die Wohlfahrt des Staats ergaben, konnten mit Huͤlfe des erſten Kon⸗ 4 fuls gegen den Reichthum umgetauſcht werden, der im Gefolge des Handels und der Gewerbe iſt. Sei⸗ ne Seemacht, von welcher auſſer der Breſter Flotte nur noch wenige Schiffe eriſtirten, konnte jezt ſich wieder erholen und nach und nach die Bekanntſchaft mit dem Ozean wieder erhalten, von dem ſie ſeit ſo langer Zeit ausgeſchloſſen waren. Die zuruͤckgegebe⸗ nen Kolonien Frankreichs boten neue Quellen fuͤr den Nationalwohlſtand, und konnte es— was Buona⸗ parte bei einer denkwuͤrdigen Gelegenheit fuͤr die Hauptgegenſtaͤnde ſeines Strebens erklaͤrte— im Beſiz von Schiffen, Kolonien und Handel ſeyn. Der erſte Konſul vereinigte in ſeiner Perſon alle die Macht, welche er ſich wuͤnſchen konnte, und bei weitem mehr, als er ſowohl zu ſeinem eigenen⸗ als 1 31 auch des Landes Wohlfahrt haͤtte wuͤnſchen ſollen.— Seine Siege uͤber die Feinde Frankreichs hatten ihn durch ſeinen bloſen Ruf in Stand geſezt, ſich zum Herrn der Freiheit deſſelben zu machen. Nun blelbt noch zu zeigen uͤbrig— nicht, ob Napoleon ein Patriot war, denn auf dieſen ehrenvollen Na⸗ men hatte er alles Recht verloren, ſobald er in den wldarrechtlichen Beſiz einer unumſchraͤnkten Gewalt ſich ſezte— ſondern, ob er die auf ſchlechtem Weg erworbene Macht als Trajan oder als Domitian gebrau⸗ chen wuͤrde. Sein ſeltſam gemiſchter Karakter wußte Zuͤge von dieſen beiden hiſtoriſchen Portraits aufzu⸗ weiſen, die ſich durchaus entgegengeſezt waren. Oder vielmehr, er ſtand gleich Sokrates in ſeiner Allegorie unter dem abwechſelnden Einfluß eines guten und eines boͤſen Daͤmons; der erſte bezeichnete ſeine Schritte mit Glanz und Ruhm, waͤhrend der ande⸗ te, die menſchliche Schwachheit vermoͤge ihrer vor⸗ herrſchenden Schwaͤche, der Eigenliebe meiſternd die Geſchichte eines Helden durch blos eines gemeinen Tyrannen wuͤrdige Handlungen und Geſinnungen ſchaͤndete. —— Viertes Kapitel. Verſchiedene Anſichten der engliſchen Miniſter und des erſten Konſuls in Beziehung auf den Traltat von Amiens.— Napo. 52 leon, irre geführt durch das Beifakgeſchrei der Londoner Pöbels, täuſcht ſich über die Geſinnungen des brittiſchen Volks— Seine foetwährenden Eingriffe in die Unabyängigkeit der europäiſchen Starten— Sein Benehmen gegen die Schweiz— Er miſcht ſich in die innern Angetegenheiten derſelben und dringt ſich ihr ais Vermittler auf.— Sein auffallendes Manifeſt an ſie.— y rückt mit 40,000 Mann in die Schweiz ein— Der Patriot Reding enstaßt ſeine Waffeug⸗fährten und wird eingekerkert.— Die Schweiz muß eine Huülfsarmse von 16/,000 Mann zur Ver⸗ fügung von Frankreich ſtellen.— Der Oberkonſul nimut den Titel eines Vermittlers der helveriſchen Republik an. Ganz Europa ſah jezt auf Napoleon, in deſſen Haͤnden das Schickſal der civiliſirten Welt lag, und der dieſelbe nach Gefallen durch einen dauerhaften Frieden begluͤcken, oder durch einen neuen endloſen Krieg verderben konnte. Seine hohen perſoͤnlichen Eigenſchaften ließen hoffen, daß er die ihm gewor⸗ dene grenzenloſe Gewalt auf die fuͤr ihn ruͤhmlichſte Weiſe zum Beſten der Voͤlker gebrauchen werde. Die Flecken ſeines Karakters verſchwanden entweder im Glanze ſeiner Siege, oder fanden ihre Entſchul⸗ digung in ſeiner Stellung. Das Gemezel von Jaffa, auf einem entfernten Schauplatze veruͤbt, war we⸗ nig bekannt und erſchien in der Erinnerung als ein Akt militaͤriſcher Strenge, der durch die Umſtaͤnde beſchoͤnigt, wenn auch nicht gerechtfertigt werden konnte. Man konnte erwarten, daß Napoleon, von Kriegs⸗ ruhn wie kein Anderer geſäͤttigt, ſich den Kuͤnſten 53 des Friedens widmen und dadurch eine ruhigere, wenn gleich nicht weniger ehrenvolle Groͤße erſtreben werde. Rund um ihn her war Friede— es hing lediglich von ihm ab, demſelben Dauer zu geben; er konnte und mußte jezt jenen Rath des Eineas an den Koͤnig von Aetolien befolgen und von ſeinen Ar⸗ beiten ausruhen. Aber er begann nun zu zeigen, daß— von den Zeiten eines Pyrrhus bis zu den ſeinigen herab— der Ehrgeiz mehr Vergnuͤgen an den Wechſeln und Anſtrengungen des Kampfes ſelbſt, als an ſeinen Erfolgen gefunden. Die ganze Macht, die Buonaparte bereits beſaß, ſchien nur in ſofern Werth fuͤr ihn zu haben, als ſie ihm die Mittel an die Hand gab, eine noch groͤßere zu erſtreben; wle ein leichtſinniger und hitziger Spieler verdoppelte er bei jedem Wurfe den Einſaz, bis das Gluͤck, das ihm ſo lange hold geweſen, ihm den Ruͤcken wandte und ſeinen gaͤuzlichen Untergang entſchied. Sein uͤberwiegendes und vorherrſchendes Laſter war Ehr⸗ geiz, den wir ſein einziges Laſter nennen moͤchten, ſchloͤſe er— wenn er von ſo ſelbſtſuͤchtiger Art lſt — nicht noch ſo manche andere ein. 3 Wir halten es fuͤr zweckmaͤßig, bei Fortſetzung unſerer Geſchichte zuerſt jene Begebenheiten zu ſchil⸗ dern, durch welche die allgemeinen Erwartungen von Europa getaͤuſcht und nach einer Pauſe, die nicht viel uͤber ein Jahr dauerte, die Schrecken des Kriegs erneuert wurden. Die innere Geſchichte Frankreichs 54 und ihres Herrſchers werden wir dann ſpaͤter wieder aufnehmen. Obgleich die beiden kontrahirenden Maͤchte ſich uͤber die beſondern Artikel des Friedens von Amiens hatten verſtaͤndigen koͤnnen, ſo dachten ſie doch ganz verſchieden uͤber das Weſen eines allgemeinen Frie⸗ denszuſtandes und uͤber die Verhaͤltniſſe, welche er zwiſchen zwei unabhaͤngigen Staaten begruͤndet. Der engliſche Miniſter, ein hoͤchſt rechtſchaffener und wuͤr⸗ diger Mann, zweifelte nicht im geringſten, daß der Friede den gewoͤhnlichen freun dſchaftlichen Verkehr zwiſchen Frankreich und England wiederherſtellen wuͤrde, und daß in Beziehung auf ſeine Alliirten, und auf das europaͤlſche Staatenſyſtem uͤberhaupt, der leztgenannte Staat dadurch, daß er das Schwert in die Scheide geſteckt, das Recht, freundſchaftlichen Nath zu ertheilen und Vorſtellungen zu machen, nicht aufgegeben habe. Herr Addington konnte nicht hoffen, das ſogenannte Gleichgewicht in Europa, fuͤr das im achtzehnten Jahrhundert ſo viel Blut gefloſſen war, wieder herzuſtellen. Die Wagſchalen und der Wagebalken dieſes Syſtems waren in Truͤmmer ge⸗ gangen und lagen zu den Fuͤßen Napoleon's. Allein Großbritannien ſtand noch ungebeugt da; in ſeiner Rechten ſchwang es noch immer den Dreizack, und hatte in dem lezten Kriege durch nichts das Recht verwirkt, gegen Gewaltthat und Unrecht Einſprache 55 zu thun, und den Schwachen zu ſchuͤtzen, ſo weit es die Umſtaͤnde geſtatten mochten. Aber Buonaparte hatte von dem Traktat von Amiens eine ganz andere Anſicht. Nach ihm enthielt dieſer Traktat alles, was England fuͤr ſich ſelbſt und ſeine Alliirten anſprechen konnte; zufolge deſſelben hatte es dagegen kein Recht, ſich in die eurdpaͤiſchen Angelegenheiten ferner zu miſchen. Dieſer Traktat war wie eine Urkunde, durch welche irgend einer Perſon ein Recht eingeraͤumt wird, das ſich in einer genau beſtimmten Sphaͤre bewegt, dieſelbe aber nicht im geringſten uͤberſchreiten darf. Frankreich durfte ſonach uͤber ganz Europa verfuͤgen, Staaten errtch⸗ ten und aufloͤſen, veraͤndern und wieder veraͤndern, wie es ihm gefiel, wenn England anders nicht in dem Friedensinſtrument mit dem Finger die Zeile bezeichnen konnte, wodurch dergleichen unterſagt war. —„England“ ſo hieß es in dem offiziellen Moni⸗ teur,„ſoll den Traktat von Amiens haben, den gan⸗ zen Traktat von Amiens, aber auch nichts daruͤber!“ — Zufolge dieſer Auslegung ſollten durch den ge⸗ nannten Traktat alle Fragen, die im Laufe der Zei⸗ ten moͤglicherweiſe zwiſchen den zwei Staaten ent⸗ ſtehen konnten, zu Gunſten Frankreichs entſchieden werden, waͤhrend er ſich ſeinem klaren Sinne und dem geſunden Menſchenverſtande nach einzig als eine Urkunde betrachten ließ, durch welche die ſtreitigen Punkte, wie ſie zu der Zeit des Friedensabſchluſſes 356 vothänden waren, zwiſchen den beiden Theilen bei⸗ gelegt wurden. Die inſulariſche Lage Englands ward abgeſchmack⸗ terweiſe als ein Grund angefuͤhrt, warum es ſich nicht in die Politik des Continents miſchen duͤrfe, als ob die Verhaͤltniſſe der Staaten zu einander nicht die⸗ ſelben waͤren, es moͤgen ſolche durch den Ocean oder durch Gebirgsketten getrennt ſeyn. Eben wegen die⸗ ſer Lage duͤrfte ſich England zu einem unparteliſchen Schledsrichter*) in den Haͤndeln des Kontinents, in denen es nur wenig betheiligt ſeyn kann, am be⸗ ſten eignen, wie ſolches auch von einem brittiſchen Dlchter eben ſo richtis als ſchoͤn bemerkt worden iſt. Frankreich dagegen berlef ſich auf einen andern Dich⸗ ter**), um England von der eurodaͤiſchen Welt aus⸗ zuſchließen und ihr in den wichtigſten Angelegenhei⸗ ten derſelben keine Stimme zu geſtatten. Eine ſolche Demuͤthigung konnte Britannien ſich nicht gefallen laſſen. So ausgelegt, erinnerte der Traktat von Amiens an das Verſprechen des Cyclo⸗ *)„Thrice happy Britain, from the kingdams rent, To sit the guardian of the continent.“— Addison (Dreimal glückliches Britannien, das— von den Königrei⸗ chen losgeriſſen— als Wüͤchter des Kontinents ſeine Stelle behauptet.) **)„—— penitus divisos 35 Britannos:—(Die völlig von unſeree Welt geſchiedenen Britten). 57 pen, den Odiſſeus von allen ſeinen Gefaͤhrten zu⸗ lezt aufzufreſſen. Wenn England ſich darein fuͤgte, ſich ſtill und ruhig zu verhalten, waͤhrend Frankreich den Kontinent unterjochte, hatte es nicht daſſelbe Schickfal fuͤr ſich zu erwarten? Wir werden in der Folge ſehen, daß es wegen der Vollziehung des Traktats zu Streitigkeiten kam, die ſich jedoch noch iumer wuͤrden haben beilegen laſſen, waͤre nicht der ganze Traktat von dem erſten Konſul auf eine Art ausgelegt worden, die ſich mit der Ehre, der Sicher⸗ heit und der Unabhaͤngigkeit Grosbritanniens durch⸗ aus nicht vertrug. Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß der außer⸗ ordentliche Jubel des Londoner Poͤbels bei der Un⸗ terzeichnung der Praͤliminarten, und der Umſtand, daß derfelbe, unter dem Geſchrei:„Buonavarte fuͤr immer!“ den Wagen von Lauriſton durch die Stra⸗ ßen zog, dem Herrſcher Frankreichs die Meinung beigebracht hat, England beduͤrfe des Friedens um jeden Preis; wie andere Auslaͤnder, welche die Na⸗ tur unſerer volksthuͤmlichen Regierung nicht recht begreifen, mag auch er das Geſchrei dieſes Poͤbels mit der Stimme des brittiſchen Volks verwechſelt haben. Und da auch die engliſchen Miniſter, wie es ſchien, um ihre Stellen zu behaupten, im Parla⸗ ment eine friedfertige Sprache fuͤhrten, Offenheit und Bereitwilligkeit zeigten, ſo mochte Buonaparte beides als Schwaͤche mißdeuten. Ohne eine ſolche 88 vorgefaßte Meinung wuͤrde er wahrſcheinlich nicht ſo⸗ gleich nach der Unterzeichnung der Praͤliminarien und waͤhrend der Unterhandlungen ſo raſch um ſich ge⸗ griffen, ſondern die Ausfuͤhrung ſeiner herrſchſuͤch⸗ tigen Plane bis zu der gaͤnzlichen Paciſication mit England vertagt haben. Wie bereits bemerkt worden iſt, hatte Napo⸗ leon die Praͤſtdentſchaft der cisalpiniſchen Republik angenommen. Er taufte jezt dieſe in die italieni⸗ ſche Republik um, als ſollte ſie in einer kuͤnftigen Zeit die ganze Halbinſel umfaſſen. Durch einen gehelmen Traktat mit Portugal war er in den Be⸗ ſiz des portugieſiſchen Antheils von Guigna ge⸗ kommen. Durch einen andern mit Spanien abge⸗ ſchloſſenen Vertrag hatte er deſſen Antheil an Louf⸗ ſiana, und— was noch bedeutungsvoller war— die Anwartſchaft auf das Herzogthum Parma und die Inſel Elba, einer trefflichen Seeſtation, ſich zu ver⸗ ſchaffen gewußt. Auf dem deutſchen Reichstage, wo die Entſchaͤ⸗ digung derjenigen Fuͤrſten, die zufolge des Kriegs, und beſonders durch den Traktat von Luneville, ihr Gebiet ganz oder zum Theil verloren hatten, zur Sprache kam, uͤbte Frankreich den vorherrſchendſten Einfluß, durch welchen die Exiſtenz dieſes alten Staa⸗ tenbundes bedroht wurde. Es genuͤgt uns, zu be⸗ merken, daß bei dieſem Geſchaͤft Staͤdte, Landesbe⸗ irke und ganze Provinzen wie die Karten am Spiel⸗ tiſche vertheilt wurden, und die eurvpaͤiſchen Maͤchte nach der Theil ung von Polen jezt zum zweiten Mal den Skandal ſahen, wie freigeborne Menſchen, ohne die mindeſte Ruͤckſicht auf ihre Wuͤnſche, Neigungen und Gewohnheiten, wie eine Viehherde, dieſem oder jenem Herrſcher zugewieſen wurden. Dieſe ſchlechte Nachahmung eines ſchlechten Beiſpiels war ein heil⸗ loſes Werk, durch welches jedes moraliſche Band zwiſchen der Regierung und den Unterthanen geloͤst und die baare Gewalt an die Stelle des Rechts und eines gemuͤthlichen Verhaͤltniſſes geſezt wurde. Bei dieſer Uebertragung von Laͤndern und Gerechtſamen erhielt der Koͤnig von Preußen fuͤr das Herzogthum Eleve und ſeine andern auf dem linken Rheinufer gelegenen und an Frankreich abgetretenen Beſitzun⸗ gen eine bedeutende Entſchaͤdigung, aus Ruͤckſicht fuͤr die großen Dienſte, die er den Franzoſen in ih⸗ ren lezten blutigen Feldzuͤgen durch ſeine Neutrali⸗ taͤt geleiſtet hatte. Die kleineren Reichsfuͤrſten, be⸗ ſonders diejenigen auf dem rechten Rheinufer, wur⸗ den als Schuͤzlinge Frankreichs gleichfalls reichlich be⸗ dacht. Dagegen ward die Entſchaͤdigung Oeſterreichs, deſſen hartnaͤckiger Widerſtand noch nicht vergeſſen, und das uͤberhaupt noch zu maͤchtig und noch zu ſelbſt⸗ ſtaͤndig war, ſo viel wie moͤglich verkuͤmmert. Der Zuwachs an Macht und Einfluß, und alle die Vortheile, welche Frankreich auf die angedeutete Weiſe erhielt, waren groͤßtentheils die Frucht geſchick⸗ 60 ter Unterhandlungen und diplomattſcher Gewandt⸗ heit. Aber bald nach der Unterzeichnung des Trak⸗ tats von Amiens zeigte Buonaparte der Welt, daß⸗ wo die Intrike unzulaͤnglich, ſein Schwert ſo bereit als je ſey, ſeine Anmabungen zu unterſtuͤtzen und auszudehnen. Der Angriff des Direktoriums auf die Kantone der Schweiz war ſtets als eine grobe und arge Ver⸗ letzung des Voͤlkerrechts betrachtet worden, und wurde von Napoleon ſelbſt ſo betrachtet. Dem ungeachtet fuhr er fort, die Schweiz mit ſeinen Truppen beſezt zu halten. Wie ſehr dieſes Land aber auch uͤber den Verfall ſeines alten Ruhms und ſeiner Freiheit ent⸗ rüſtet ſeyn mochte, ſo mußte es ſich doch fuͤgen, um ſeinen gaͤnzlichen Untergang abzuwenden. Zufolge des eilften Artikels des Traktats von Luneville durften die Schweizer, wie es ſchien, hof⸗ fen, aus dieſer Knechtſchaft wieder zu entkommen. Durch dieſen Artikel ſollte der Traktat von Luneville auch der batariſchen, helvetiſchen, cisalpiniſchen und liguriſchen Republik zu gut kommen:„Die kontra⸗ hirenden Theile,“ hieß es darin,„garantiren die Unabhaͤngigkeit der beſagten Republiken, ſo wie das Recht ihrer Buͤrger, jede ihnen beliebige Re⸗ gterungsform anzunehmen.“— Welcher Vortheil der cisalpiniſchen Republik durch dieſe Unabhaͤngig⸗ keitserklaͤrung geworden iſt, haben wir bereits gezeigt 61 — das Verfahren gegen die Schweiz war aber noch weit auffallender. Es herrſchte in den Kantonen dieſes Landes hin⸗ ſichtlich der Regierungsform, die angenommen wer⸗ den ſollte, eine große Meinungsverſchiedenheit, und der Gegenſtand ſelbſt wurde auf einer in Bern ge⸗ haltenen Tagſatzung feierlich berathen. Die Majo⸗ ritaͤt wollte eine den Grundſaͤtzen der alten Eidge⸗ noſſenſchaft angemeſſene Verfaſſung, die ſofort auch entworfen und angenommen wurde. Aloys Reding, durch Weisheit, Muth und Vaterlandsliebe ausge⸗ zeichnet, kam an die Spize dieſes Syſtems. Er ſah die Nothwenoigkeit eines Beiſtandes von Seiten Frank⸗ reichs ein, um ſeinen Mitbuͤrgern den freien Genuß der von ihnen gewaͤhiten Konſtitutionen zu ſichern, und begab ſich in der Abſicht nach Paris, die Geneh⸗ migung Napoleon's nachzuſuchen. Dieſe Genehmi⸗ gung erfolgte unter der Bedingung, daß die ſchwei⸗ zeriſche Regierung zu ihren Berathungen ſechs Maͤn⸗ ner von der entgegengeſezren Partei zulaſſe, die— durch das franzoͤſiſche Intereſſe gehalten— auf eine, das ganze Land umfaſſende Konſtituriou nach dem Beiſpiele der einen und untheilbaren franzoͤſtſchen Republik antrugen. Dieſe durch den erſten Konſul veranlaßte Coa⸗ lition der beiden Parteien endete mit einem ver⸗ raͤtheriſchen Streich, den Buonaparte wahrſcheinlich vorausgeſehen hatte. Nachdem die Sisungen der 62 Landverſammlung wegen der Oſterfeiertage vertagt worden, veranſtaltete die franzoͤſiſche Partei, dieſen Umſtand benuͤzend, eine Sizung, der ihre Gegner nicht anwohnen konnten, um eine Conſtitution an⸗ zunehmen, durch welche die alte Landesverfaſſung ganz uͤber den Haufen geworfen wurde, unter der die Schweizer ſo lange Zeit in Freiheit, Gluͤck und Ehxe gelebt hatten. Buonaparte wuͤnſchte ihnen Gluͤck zu dieſem Schritte, der ihm ganz recht war, in ſoferne dadurch alles alte Recht und Herkommen abgeſchafft, und ſeiner Diktatur ein ſreier Spielraum eroͤffnet wurde, und zwar unter der Herrſchaft von Maͤnnern, die, durch ſeinen Einfluß emporgeſtiegen, ſich nothwendig in ſeinen Willen fuͤgen mußten. Nachdem er den Schweizern wegen ihrer freien und ſelbſtſtaͤndigen Verfaſſung ſeinen Beifall bezeigt hatte, erklaͤrte er ſeine Bereitwilligkeit, die franzoͤſiſchen Truppen aus dem Lande zu ziehen, und that dieſes auch. Die Schweizer ermangelten nicht, fuͤr dieſe Wohlthat ihren Dank abzuſtatten, den ſie wahr⸗ ſcheinlich geſpart haben wuͤrden, haͤtten ſie gewußt, daß ihr Wohlthaͤter nicht aus Großmuth, ſondern aus Politik ſolchergeſtalt gegen ſie verfahre. Einmal wollte er den Schein annehmen, als goͤnne er den Schweizern den ruhigen Beſiz ihrer Freiheit, und dann war er uͤberzeugt, daß die ſcheinbare Eman⸗ cipation derſelben ihm bald einen rechtlichen Anlaß zu einer gewaffneten Einſchreitung geben wuͤrde, —— 63 Die ariſtokratiſchen Kantone der alten Eidge⸗ noſſenſchaft ließen ſich die von der franzoͤſiſchen Partei beliebte Conſtitution endlich auch gefallen. Nicht ſo die demokratiſchen oder kleinen Kantone. Dieſe wollten von dieſer Verfaſſung durchaus nichts wiſſen, und ſprachen ihren Entſchluß aus, ſich von dem durch die Franzoſen umgeformten Bunde zu trennen und unter ſich zur Roettung ihrer alten Rechte und Geſeze einen beſondern Bund zu bilden, der aus den Kantonen Schwiz, Uri und Unterwalden beſtehen ſollte, wo die Bewohner in ihren Waͤldern und Gebirgen von den einfachen und ſtrengen Sitten ihrer Vorfahren am wenigſten abgewichen ſind. Die unmittelbare Folge war ein Buͤrgerkrieg, in welchem es ſich zeigte, daß die ſogenannte helvetiſche, durch die Franzoſen geſchaffene Regierung ſowohl an Po⸗ pularitaͤt als an Patriotismus, den tapfern Ge⸗ birgsmaͤnnern weit nachſtand. Leztere wurden vor⸗ zuͤglich von Reding angefuͤhrt, der mit ungebeugtem, wiewohl vergeblichem Muthe ſein ungluͤckliches Vater⸗ land zu befreien ſuchte. Die aufgedrungene Re⸗ gierung mußte ſich aus Bern fluͤhhten, ihre Trup⸗ pen wurden uͤberall geſchlagen und die Anhaͤnger der eidgenoͤſſiſchen Partei mit jubelndem Danke von ihren Landsleuten aufgenommen; die Uſurpatoren dagegen zaͤhlten nur wenige Auhaͤnger, die es aus ſelbſtſuͤchtigen Motiven mit ihnen hielten, Waͤprend aber Reding und ſeine Gefaͤhrten in der Hoffnung 6 frohlockten, ihre alt hergebrachte Verfaſſung mit allen ihren Privilegien und Immunitaͤten wieder herſtellen zu koͤnnen, ſtreckte eine uͤberlegene Gewalt ihren ſtarken Arm aus, um dieſes patriotiſche Stre⸗ ben zu unterdrauͤcken. Rapp, ein Generaladjutant von Buonaparte, verkuͤndete als Ueberbringer eines von dem erſten Konſul an die achtzehn Kantone gerichteten Schrei⸗ bens den Schweizern zuerſt die nahe bewaffnete Einmiſchung Frankreichs in ihre Angelegenheiten. Dieſes Manifeſt war von hoͤchſt ungewoͤhnlicher Art. Buonaparte warf den Schweizern ihre ſchon drei Jahren hindurch beſtehenden buͤrgerlichen Unruhen vor, vergeſſend, daß dieſe Unruhen nur die Folge der franziſtſchen Invaſion waren; er ſagte ihnen, er baͤtte kaum ſeine Truppen aus ihrem Lande gezegen als ſie ſogleich aneinander gerathen waͤren. Das ſind in der That ſeltſame Aeußerungen in einer Proklamation, die eine unabhaͤngige Nation an dir 1 andere richtet. Aber das Folgende iſt noch ſtaͤrker: Ihr habt Euch drei Jahre gerauft, ohne einander zu verſtehen; laͤßt man Euch gehen, ſo treibt Ihr das in den naͤchſten drei Jahren eben ſo fort, ohne daß etwas Beſſeres dabei herauskommt. Eure Geſchichte lehrt, das Eure innerlichen Kriege nicht ohne eine kraͤftige Vermittlung Frankreichs beendigt werden koͤnnen. Ich hatte alerdings beſchloſſen, mich nicht in Eure Ange zeicheiten 1 miſchen, weil Eure . 7 82 zer⸗ 65 verſchiedenen Regierungen mich zwar oft um einen Rath befragt, denſelben aber nicht befolgt und zu⸗ weilen meinen Namen mißbraucht haben, um ihre Privatzwecke durchzuſezen. Allein ich kann es nicht laͤnger geſchehen laſſen, daß Ihr Euch unter ein⸗ ander zerfleiſcht— ich widerrufe meinen Entſchluß, neutral zu bleiben. Ich unterziehe mich dem Ge⸗ ſchaͤft, Eure Streitigkeiten zu vermitteln, aber auf eine kraͤftige Weiſe, wie es ſich fuͤr die große Nation ziemt, in deren Namen ich zu Euch ſpreche.“ Dieſer beleidigende Ton, in welchem der erſte Konſul, ohne alle Aufforderung, und als gewaͤhrte er eine Gunſt, es auf ſich nahm, die willkuͤhrlichſte Gewalt uͤber ein freies und unabhaͤngiges Volk aus⸗ zuuͤben, laͤßt ſich auch am Schluſſe des Manifeſts vernehmen. Es wird den Schweizern befohlen, eine Deputation nach Paris zu ſenden, die ſich mit dem erſten Konſul zu berathen habe; zulezt heißt es, wie Buonaparte das Recht habe, zu erwarten, daß keine Stadt, keine Gemeinde, keine Corporation es wagen werde, gegen die Maßregeln, die er fuͤr die geeignetſten halten moͤchte, Einſprache zu thun. um dieſem Manifeſt, das wohl jeder Schulknabe haͤtte widerlegen koͤnnen, Nachdruck zu geben, ruͤckte Ney auf verſchiedenen Punkten mit einer Armee von 40⁰,000 Mann in die Schweiz ein. Da bei der Erſcheinung einer ſo uͤberlegenen Macht an keinen Widerſtand mehr zu denken war, W. Scott's Werke, XLII, 5 66 ſo ſahen ſich Aloys Reding und ſeine wackeren Ge⸗ faͤhrten genoͤthigt, ihre Streitgenoſſen nach einer herzerg reifenden Anrede zu entlaſſen. Eben ſo loͤste ſich die Tagſazung von Schwiz ſelbſt auf, und zwar wie ſie erklaͤrte, in Folge der Einmiſchung einer be⸗ waffneten fremden Macht, welcher das erſchoͤpfte Land nicht widerſtehen koͤnne. So ward die Schweiz noch einmal von franzoͤ⸗ ſiſchen Soldaten beſezt. Die Patrioten, die ſich in der Behauptung ihrer Rechte ausgezeichnet, wur⸗ den aufgeſucht und eingekerkert. Aloys Reding, auf⸗ gefordert, ſich zu verbergen, verweigerte dieſes, und antwortete dem franzoͤſiſchen Offizier, der ihn, als das Haupt der Inſurrektion, zu verhaften kam, mit edler Wuͤrde:„Ich habe dem Nufe des Vaterlandes und meines Gewiſſens Folge geleiſtet— vollziehen Sie Ihren Auftrag!“ Er ward hierauf in das Schloß Aarburg als Gefangener abgeführt. Der Widerſtand dieſer ehrenwerthen Patrioten⸗ ihr ruhiges, wuͤrdiges und maͤnnliches Benehmen, ihre einfache und ergreifende Einſprache gegen die Gewalt, unter det ſie lirten, war, wenn dem Vater⸗ lande auch die gehofften Vortheile nicht daraus er⸗ wuchſen, dennoch weder fuͤr die Welt, noch fuͤr die Sache der Freiheit verloren. Ihre ruͤhrenden Kla⸗ gen, in manchem einſamen Thale vernommen, er⸗ zeugten in Gemuͤthern, welche ſich bis jezt begnuͤgt. hatten, die Siege der Reyublik mit einem gewiſſen 67 Erſtaunen, wo nicht mit Bewunderung zu betrachten, einen entſchiedenen Abſcheu gegen franzoͤſiſche Uſur⸗ pation. Andere Gewaltthaten konnten etwa durch die Stuͤrme der Revolution, die Wechſel des Kriegs und das eiſerne Gebot der Nothwendigkeit noch ent⸗ ſchuldigt werden; dieſe Mißhandlung der Schwelz dagegen war ein Akt der frechſten Willkuͤhr und der ſchrelendſten Ungerechtigkeit. Der Name der Kan⸗ tone, an den ſich die Erinnerungen an alte Bieder⸗ keit, Tapferkeit und maͤnnlichen Freiheitsſinn knuͤ⸗ pfen, gab den Leiden dieſes Landes noch ein hoͤheres Intereſſe, und Buonaparte hat ſich waͤhrend ſeines ganzen oͤffentlichen Lebens in ganz Europa wohl durch nichts mehr geſchadet, als durch eine ſolche Behandlung der Schweiz. 3 Der edle Widerſtand der Schweizer, der Ruf ihres Muthes und das Gebot der Politik, ſie nicht auf das Aeußerſte zu treiben, blieben nicht ohne Wiy⸗ kung auf den erſten Konſul; in der Vermittelungs⸗ akte, durch die er ſie der Muͤhe enthob, uͤber ihre Conſtitution zu einem Entſchluße zu kommen, hul⸗ digte er dem ihnen ſo werthen Grundſaze des Fö⸗ deralismus. In einem ſpaͤtern Defenſivtraktat mach⸗ ten ſich die Kantone verbindlich, den Feinden Frank⸗ reichs den Durchmarſch durch ihr Gebiet zu verwet⸗ ern, und zu dieſem Zwecke eine Armee von einigen Tauſend Maun zu unterhalten. Deßgleichen ſtellte die Schweiz eine Huͤlfsarmee von ſechszehntauſend 8 68 Mann zur Verfuͤgung Frankreichs, und zwar auf Koſten der franzoſiſchen Regierung. In der Eroͤr⸗ terung dieſes Traktats zeigten dagegen dieſe Gebirgs⸗ bewohner eine Feſtigkeit, durch welche ſie es dahin brachten, daß die Conſcription, die in den uͤbrigen dem franzoͤſiſchen Einfluße unterworfenen Laͤndern be⸗ reits beſtand, in der Schweiz nicht eingefuͤhrt wurde. Bei all dieſer Schonung ließ ſich doch nicht ver⸗ kennen, daß der eigenmaͤchtige Vermittler der Schweiz der That nach in dieſem Lande, wie in Frankreich und in dem noͤrdlichen Italien, als Souverain ge⸗ bot. Allein es wollte ſich keine Stimme gegen dieſe furchtbare Anhaͤufung von Macht erheben; nur Eng⸗ land that dießfalls einen Schritt, durch die Sendung des Hrn. More an die Tagſazung von Schwiz, wo er ſich erkundigen ſollte, wie ihren Anſpruͤchen auf Unabhaͤngigkeit Nachdruck gegeben werden koͤnne. Allein ehe er noch an den Ort ſeiner Beſtimmung gelangen konnte, war aller Widerſtand durch die Operationen von Ney bereits unmoͤglich geworden. England ließ es auch an kraͤftigen Vorſtellungen wegen dieſes muthwilligen Angriffs auf die Rechte eines unabhaͤngigen Volkes nicht fehlen. Dieſe blieben aber unbeachtet und unbeantwortet; nur wurde in dem Moniteur der Verſuch Englands, ſich in die Angelegenheiten des Continents zu miſchen, ver⸗ fpottet und laͤcherlich gemacht. Nach dieſer Zeit legte ſich Buongparte fortwaͤhrend den Titel eines 69 oberſten Vermittlers den helvetiſchen Republik bei, um ſich die fernere Ausuͤbung eines von ihm ange⸗ ma ßten Rechtes vorzubehalten. Fuͤnftes Kapitel. 7 Wachſende Eiferſucht zwiſchen Frankreich und England.— Weitere Angriffe und Beleidigungen von Seiten jener Macht. Sonderbare Inſtruktionen, die der erſte Konul ſeinen Handels⸗ — — der englicchen Miniſter werden die Gehülfen dieſer Agenten aus dem Lande gewieſen.— Frechheit der veriodiſchen Preſſe auf beiden Seiten des Kanals.— Peltier's berühmte royaliſtiſche Schrift, L'ambigu betitelt.— Buonaparte läßt im Moniteur da rauf antworten.— Herrs Otto gißt eine Note ein.— Lord Hawkesburn's Antwort darauf.— Peltier wird wegen einer Schmähſchrift gegen den erſten Konſul vor Gericht geſtellt,— ſch uldia gefunden,— aber nicht verurtheilt.— Napoleon wie ſich nicht bernhigen.— Leidenſchaftliche Erörterungen hinſicht⸗ lich des Traktats von Amiens.— Malta.— Beleidigender Be⸗ richt des Generals Sebaſtiant.— Diesfallſiger Beſchluß der britiſchen Regieru ng— Konſerenzen zwiſchen Buonaparte und Lord Whitworth.— Die Botſchaft des Königs an das Parla⸗ ment um weitere Unterſtüzung.— Buonaparte's Streit mit Lord Whi worth.— Einzelnheiten.— Englands Unwille bei dieſem Anlaß.— Weitere Diseuſſtonen in Betreff Malta's.— Gründe, aus welchen Napoleon die Unterhaudlungen abzu⸗ brechen wünſcht.— Kriegserklärung Großbritanniens an Frank⸗ reich am gten Mai 1803. Dieſes Streben nach Univerſalherrſchaft in der⸗ 7⁰ ſelben Zeit, wo die in den Praͤliminarien angenom⸗ menen und in dem Traktat von Amiens beſtaͤtigten friedlichen Maßregeln zur Ausfuͤhrung gebracht wer⸗ den ſollten, weckte die natuͤrliche Eiferfucht des brit⸗ tiſchen Volks. Ueberhaupt nicht gewoͤhnt, der Auf⸗ richtigkeit der franzoͤſſchen Nation zu vertrauen, konnte es in dem Charakter ſeines gegenwaͤrtigen, ſo ehrgeizigen und ſo gluͤcklichen Oberhauptes nach⸗ gerade keine Buͤrgſchaft finden. Buonaparte ſcheint ſeinerſeits die Eiferſucht der Britten als eine per⸗ ſönliche Beleidigung aufgenommen zu haben; ſtatt aber dieſelbe, wie es die Politik forderte, durch Zugeſtaͤndniſſe und durch ein offenes Benehmen zu beſchwichtigen, zeigte er die Neigung, ſie durch Maßregeln zu zuͤgeln oder zu ahnden, die Aerger und Erbitterung verriethen. Und ſo verſchwand aus dem Verkehr zwiſchen beiden Nationen alle Herzlich⸗ keit; die eine wie die andere ſah ſich nach Gruͤnden zu Beſchwerden um, ſtatt. dieſelben zu beſeitigen⸗ Die Englaͤnder hatten außer den allgemeinen An⸗ griffen, die Frankreich fortwaͤhrend auf die Freiheit Europa's unternommen, noch mehrere Gruͤnde, ſich uͤber dieſe Macht zu beklagen. In den Zeiten des wildeſten Jakobinismus war ein Geſez erlaſſen wor⸗ den, durch welches jedes Schiff unter hundert Tonnen, wenn es engliſche Waaren fuͤhre und ſich den Kuͤſten Frankreichs innerhalb einer Weite von vier Seemeilen naͤhere, fuͤr gute Priſe erklaͤrt wurde. 71 Jezt fand man fuͤr gut, auf einer ſo feindſeligen, in einem mit beiſpielloſer Erbitterung gefuͤhrten Kriege durchgeſezten Maßregel in der erſten Periode des wiederkehrenden Friedens zu beſtehen. Mehrere brittiſche Fahrzeuge wurden angehalten, ihre Ka⸗ pitaine gefangen, ihre Ladung in Beſchlag genommen und nicht wiedererſtattet. Einige von dieſen Schiffen waren ohne ihr Verſchulden durch die ſtuͤrmiſche Witte⸗ zung an die franzoͤſiſche Kuͤſte getrieben, aber dem⸗ ungeachtet nicht verſchont worden. Es ereignete ſich der Fall, daß ein brittiſches Schiff mit Ballaſt nach Charente kam, um dort eine Ladung Branntwein einzunehmen. Da man nun fand, daß die Teller, Meſſer, Gabeln u. ſ. w., deren ſich der Kapitain bediente, engliſche Fabrikate ſeyen, ſo galt dieß fuͤr einen hinlaͤnglichen Grund, das Fahrzeug wegzu⸗ nehmen. Da dergleichen mehr als einmal geſchah, und, ſo viel man weiß, ungeachtet der dringendſten Vorſtellungen nicht abgeſtellt wurde, ſo gewann es das Anſehen, als handelten die Franzoſen bereits nach den aufreizenden und herausfordernden Grund⸗ ſaͤzen, die einem Kriege vorangehen, dagegen nicht leicht auf einen ſolchen folgen. Dieſes Benehmen Frankreichs erſchien um ſo unvernuͤnftiger und auf⸗ fallender, als aller Zwang, den England waͤhrend des Kriegs gegen den franzoͤſiſchen Verkehr ausge⸗ uͤbt hatte, nach dem Abſchluſſe des Friedes ſofort aufhoͤrte. Auf gleiche Weiſe wurden noch andere 72² Stipulationen des Traktats von Amiens zu Gun⸗ ſten des waͤhrend des Kriegs in beiden Laͤndern in Beſchlag genommenen jenſeitigen Eigenthums von den Englaͤndern ſogleich vollzogen, waͤhrend man von Seiten Frankreichs die Sache hinausſchob. Durch die ſo eben erwaͤhnten Plackereien zeigten die Franzoſen wenig Achtung gegen die engliſche Regierung, und wenig Neigung, mit derſelben in gutem Einverſtaͤndniß zu bleiben. Vielleicht hatte ſie der Oberkonſul nur in der Abſicht angeordnet, um die Englaͤnder zur Abſchließung eines Handelsver⸗ trags zu vermoͤgen, durch deſſen Vortheile ſie, wie er glaubte, bewogen werden mußten, die Demuͤthi⸗ gungen, die ſie einſtweilen erlitten, gar bald zu vergeſſen. Wenn er ſo dachte, ſo verkannte er ganz den Charakter des Volkes, mit dem er zu thun hatte. Nur der traͤge und ſchwerfaͤllige Ochſe laͤßt ſich mit einem Stachelſtocke treiben und lenken. Der groͤßte Unwille und die groͤßte Beſorgniß ent⸗ ſtand aber in England dadurch, daß Buonaparte, waͤhrend er ſich weigerte, dem brittiſchen Handel auch nur den gewoͤhnlichen Vorſchub zu leiſten, doch in dem ganzen brittiſchen Gebiete Handelsagen⸗ ten aufſtellen wollte, die unter dem Vorwande, die Aufſicht uͤber den vom erſten Konſul ſo wenig beguͤnſtigten Verkeyr zu fuͤhren, eigentlich nichts als beglaubigte und bevorrechtete Spaͤher ſeyn ſollten. Dieſe Geſchaͤftsmaͤnner waren durch ihre 73 Inſtruktionen angewieſen, nicht nur von allem. was den Handel betrifft, die genaueſte Erkun⸗ digung einzuziehen, ſondern auch einen Plan von den Haͤfen jedes Bezirks herbeizuſchaffen, nebſt der Angabe aller Details, die den Ankergrund, den vortheilhafteſten Wind zum Ein⸗ und Auslau⸗ fen der Schiffe und die Groͤße ihrer Ladung betrafen. Man warf noch groͤßern Verdacht auf dieſe Agenten, als man gewahr wurde, daß ſie groͤßtentheils aus Militaͤrperſonen und Ingenieurs beſtanden. Solche Konſuln, wie man ſie nannte, waren, bereits in England angekommen, hatten aber im Ganzen genommen die ihnen angewieſenen Poſten noch nicht angetreten, als die brittiſche Regierung⸗ von ihrer Beſtimmung unterrichtet, denſelben ers klaͤren ließ, wie jeder von ihnen, der es wagen wuͤrde, in einem brittiſchen Seehafen ſein Amt zu verſehen, auf der Stelle aus der Inſel gewieſen werden ſollte. Dieſen Agenten war das Geheimniß ſo ſehr empfohlen worden, daß einer, Namens Fauvelet, der nach Dublin beſtimmt war und dieſen Plaz, noch ehe man wußte, worin ſein Auft kag eigentlich beſtehe, bereits erreicht hatte, von den Perſonen, die eine eidliche Ausſage bei ihm— als einen franzoͤſiſchen Konſul— niederlegen wollten, nicht einmal ausfindig gemacht werden konnte. Die Eng⸗ laͤnder mußten begreiflicherweiſe von denjenigen das Schlimmſte vermuthen, die noch vor kurzem ihre 74— Feinde geweſen und die nun den erſten Augenblick des Frledens dazu benuͤzten, um auf krummen We⸗ gen und auf die verdaͤchtigſte Weiſe Erkundigungen einzuziehen, die im Falle eines neuen Krieges fuͤr Frankreich ſehr vortheilhaft, fuͤr England dagegen hoͤchſt nachtheilig werden konnten. Waͤhrend das engliſche Volk durch dergleichen be⸗ ſorgliche Umſtaͤnde aufgeregt wurde, fuͤhrten die Tags⸗ blaͤtter, durch welche die oͤffentliche Meinung ſich ausſpricht, und von welcher dieſe hin wiederum gelei⸗ tet wird, eine immer lautere und heftigere Sprache. Der perſoͤnliche Karakter des erſten Konſuls wurde hart mitgenommen, ſein Ehrgeiz geruͤgt, ſein despo⸗ tiſches Verfahren gegen Frankreich, Italien, und be⸗ ſonders gegen die Schweiz, ins Licht geſezt, waͤhrend man nicht unterließ, jede Plackerei, jede Bedruͤckung, die er ſich gegen den engliſchen Handel und gegen die brittiſchen Unterthanen erlaubte, als einen Be⸗ weis ſeines tiefen Haſſes gegen das einzige Land an⸗ zufuͤhren, das noch den Willen und die Macht be⸗ faß, ſeinem Streben nach der Univerſalherrſchaft ent⸗ gegenzuwirken. 3 Es befanden ſich damals in England viele fran⸗ zoͤſiſche Royaliſten, welche, die Amneſtie verſchmaͤ⸗ hend, oder von derſelben ausgenommen, Buonaparte als ihren perſoͤnlichen Feind und als das Haupthin⸗ derniß der Reſtauration der Bourbons haßten. Dieſe Herren fanden einen eben ſo geſchickten als thaͤti⸗ 75 gen Sachwalter in Hrn. Peltier, einem Emigranten und entſchiedenen Royaliſten, der ganz jenen allzeit fertigen Wiz und jene Lebhaftigkeit beſaß, deren man als periodiſcher Schriftſteller bedarf. Er hatte in der erſten Periode der Revolution die Demokraten in ek⸗ ner Zeitſchrift bekaͤmpft, die den Titel: Apoſtel⸗ geſchichte fuͤhrte, und darin ihre Thaten, ihre Anſpruͤche und ihre Grundlaͤtze ſo in ihrer Scheuß⸗ lichkeit dargeſtellt und zuglelch ſo laͤcherlich gemacht, daß Briſſot verſicherte, er habe der Sache der Repu⸗ blik mehr geſchadet als alle verbuͤndeten Armeen. In der Kriſe, von der die Rede iſt, unternahm er in London die Herausgabe eines in franzoͤſiſcher Sprache geſchriebenen Wochenblatts, das er den Zweideu⸗ tigen(L'Ambigu) nannte. Oben auf dem Blatte war der Kopf von Buonaparte auf dem Koͤrper einer Sphynr als Verzierung angebracht. Als dieſe Ver⸗ zierung nach den erſten zwei bis drei Nummern Wi⸗ derſpruch fand, ſo erſchien die Sphynxy auf den fol⸗ genden ohne Kopf, aber noch mit den Zeichen der Konſularwuͤrde behangen, um zugleich auf Egypten und auf den zweideutigen Karakter des erſten Kon⸗ ſuls anzuſpielen. Die Kolumnen dieſes Blattes ent⸗ hielten die ſtaͤrkſte Angriffe auf Buonaparte und die franzoͤſiſche Regierung, und da dergleichen der Stimmung des engliſchen Volkes ſehr zuſagte, ſo ward daſſelbe ſehr beliebt, und uberall geleſen. Der Strom von Satyre und Schmaͤhungen, der 76 ſich aus der engliſchen und engliſch⸗franzoͤſiſchen Preſſe ergoß, war ganz darauf berechnet, demjenigen, dem er galt, wehe zu thun. In England ſind die Augriffe der Tagesblaͤtter auf die rechtlichſten und ſelbſt auf die ehrwuͤrdigſten Maͤnner etwas ſo Gewoͤhnliches, daß wir denjenigen für verruͤckt halten wuͤrden, der, bei dem Bewußtſeyn, keinen Anlaß zu einem ſolchen Skandal gegeben zu haben, dergleichen uͤbler nehmen wollte, als das Gebell eines auf jeden Laut auf⸗ merkſamen Hundes. In England machen wir uns nichts daraus, theils weil wir daran gewoͤhnt ſind, kheils weil wir wiſſen, daß unbegruͤndete Schmaͤhun⸗ gen keinen Eindruck auf das Publikum machen. Eine ſolche Gleichguͤltigkeit laͤßt ſich aber von den Aus⸗ laͤndern nicht erwarten; dieſe gleichen in dieſem Punkte gewiſſerm aßen den Pferden, die, aus ihren Stamm⸗ bezirken in eine waldige Gegend gebracht, gegen den Stich einer Art von Weſpen, den die einheimiſchen Thlere kaum fuͤhlen, unendlich empfindlich ſind. 3 Wenn dieſes von den Auslaͤndern uberhaupt gilt, ſo muß Napoleon Buonaparte, der ſchon von Natur keinen Tadel ertragen konnte, und durch ſein unun⸗ kerbrochenes Gluͤck verwoͤhnt war, durch die Angriffe, die ſich die engliſchen Blaͤtter und der Ambigu von Peltier gegen ſeine Perſon und gegen ſeine Regie⸗ rung erlaubten, begreiflicherweife bis zur Wuth ge⸗ reizt worden ſeyn. Er legte zu allen Zeiten, wie wir dies bereits bemerkt haben, ein großes Gewicht auf ——. 77 den von der Preſſe geuͤbten Einfluß, und hatte dieſelbe zu Paris unter ſeine beſondere Oberaufſicht genommen und ſich ſogar herabgelaſſen, einzelne Ar⸗ tikel ſelbſt abzufaſſen oder zu berichtigen. Nun, da er ſich von der ganzen Legion der brittiſchen Tags⸗ blaͤtter, die in England faſt ſo zahlreich ſind, als die Schiffe, angefallen ſah, ſcheint ihm die Geduld aus⸗ gegangen zu ſeyn, und hiedurch wurden ſeine feind⸗ ſeligen Geſinnungen gegen England geſchaͤrft, das hinwiederum gegen Frankreich und ſeinen Beherrſcher aus bereits angefuͤhrten Gruͤnden aufgebracht war. Napoleon verſuchte inzwiſchen ſich mit derſelben Waffe zu wehren, und die Spalten des Moniteurs enthielten eine Menge heftiger Stellen gegen Eng⸗ land. Antworten, Erwiederungen und neue Ausfaͤlle folgten einander mit reißender Schnelligkeit uͤber den Kanal, und vermehrten die Erbitterung beider Staa⸗ ten gegen einander. Das Schlimmſte dabei fuͤr „Buonaparte war, daß, waͤhrend die Englaͤnder die Schuld dieſer unwuͤrdigen Fehde mit Recht auf die Lizenz ihrer Preſſe warfen, er ſeine eigenen Angriffe durch nichts beſchoͤnigen konnte, da es allgemein be⸗ kannt war, daß in Frankrelch alle periodiſchen Schriß⸗ ten unter der ſtrengſten Cenſur ſtunden, und ohne die Genehmigung der Regierung ſchlechterdings nichts aufnehmen durften. Jeder Angriff auf England in den franzoͤſiſchen Blaͤttern ward daher dem erſten Konſul zugeſchrieben, der ſomit durch die Zerſtoͤrung 78 der Preßfreiheit in ſeinem Reiche fuͤr jeden Miß⸗ brauch der Preſſe perſoͤnlich einſtehen mußte. Es zeigte ſich bald, daß Buonaparte in einer ſol⸗ chen perſoͤnlichen Fehde gegen anonyme Schriftſteller nichts gewinnen konnte. Er wandte ſich daher an die brittiſche Regierung, und ließ, nachdem er einige Vorſtellungen verſucht hatte, durch ſeinen Geſandten, Hrn. Otto, in einer offiziellen Note folgende Be⸗ ſchwerden anbringen:— Erſtens uͤber ein tief ange⸗ legtes und beharrliches Syſtem, mittelſt der Preſſe den Karakter des erſten Konſuls und ſeine Regie⸗ rungsmaßregeln zu verunglimpfen; zweitens, uͤber die Duldung der Prinzen des Hauſes Bourbon und ihrer Anhaͤnger in England, wo ſie(wie behauptet worden) Anſchlaͤge gegen das Leben und die megi⸗ rung des Oberkonſuls ſchmiedeten. Es wurde ſofort kategoriſch verlangt: erſtens, das foͤrmliche Verbot aller Schmaͤhungen, die ſich die brittiſchen Blaͤtter gegen das Haupt der franzoͤſiſchen Regierung erlaubten; zweitens, die Ausweiſung der in Jerſey wohnenden Emigranten aus dem engliſchen Gebiete, ſo wie der Biſchoͤfe, die ſich geweigert, auf ihre Bisthuͤmer zu verzichten, die Fortſchaffung des Georg Cadoudal nach Kanada, eine Ermahnung an die franzoͤſtſchen Prinzen, ſich zu dem Chef ihrer Familie nach Warſchau zu begeben, endlich die Ent⸗ fernung aller jener Emigranten aus England, welche ſich fortwaͤhrend erlaubten, die alten Ordenszeichen — 79 und Dekorationen des franzoͤſtſchen Hofes zu tragen. Damit aber die engliſchen Miniſter ſich nicht auf die Verfaſſung ihres Landes berufen moͤchten, um dem Anſinnen des erſten Konſuls auszuweichen, un⸗ terließ Hr. Otto nicht, ihnen zu bemerken, daß ſie durch die Fremdenbill befugt ſeyen, jeden Fremden aus England zu weiſen. Lord Hawkesbury, damals Miniſter der auswaͤr⸗ tigen Angelegenheiten, trug dem brittiſchen Agen⸗ ten, Herrn Merry, auf, dieſes unbedingte Anſinnen in einem eben ſo feſten als verſoͤhnlichen Tone 08 beantworten: Die gereizte Stimmung und die Bit⸗ terkeit, die ſich in der franzoͤſiſchen Note kund gibt, ſollte vermieden, zugleich aber auch die Wuͤrde der Nation, die er vertrat, behauptet werden. Es wurde angefuͤhrt, daß, wenn die franzoͤſiſche Regierung Grund habe, ſich uͤber die Frechheit der eugliſchen Preſſe zu beſchweren, die brittiſche Regierung nicht weniger befugt ſey, uber die Ausfaͤlle und Nebenbeſchuldigun⸗ gen in den Pariſer Blaͤttern Klage zu fuͤhren, nur duͤrfe man nicht uͤberſehen, daß das engliſche Mi⸗ niſterium das Recht, die brittiſche Preßfreiheit zu beſchraͤnken, weder habe, noch verlangen koͤnne oder wolle, wo dagegen der Moniteur, der ſich Ausfaͤlle gegen England erlaubt habe, das offizielle Organ der franzoͤſiſchen Regierung ſey. Dieſe Note enthielt noch die weitere Erklaͤrung, daß der brittiſche Monarch in Beziehung auf die Preſſe ſich niemals zu irgend einer 8⁰ Conceſſion gegen eine fremde Macht verſtehen wuͤrde; daß, woferne die fraglichen Schriften den Karakter von Schmaͤhſchriften truͤgen, die Drucker und Herausgeber zur Strafe gezogen werden koͤnnten, wozu man, ſo weit es angehe, behuͤlflich ſeyn wolle.— Anlangend die pe⸗ remptoriſchen Forderungen wegen der Emigranten, ſo wurden dieſelben, da ſie verſchiedene Klaſſen von Indi⸗ piduen betrafen, von Lord Hawkesbury einzeln be⸗ gutwortet. Der Lord ſchloß mit der Verſicherung, daß Se. koͤnigl. Maj. von Großbritannien die Emi⸗ granten niemals zu irgend einem Attentat gegen die franzoͤſiſche Regierung aufgemuntert habe, auch an das Daſeyn ſolcher Verſuche gar nicht glaube; daß, fo lange die franzoͤſiſchen unglücklichen Prinzen und ihre Anhaͤnger ſich gegen die Geſetze des Koͤnigreichs nicht vergingen, und den Nationen, mit denen Eng⸗ land im Frieden lebe, zu keinen gegruͤndeten Be⸗ ſchwerden Anlaß gaͤben, Se. Majeſtaͤt es mit ihrer Wuͤrde, ihrer Ehre und den Rechten der Gaſtfreund⸗ ſchaft unvertraͤglich finden wuͤrden, ihnen den Schuz zu entziehen, welchen die Fremden, die ſich in Eng⸗ land aufhalten, nur durch ein ſchlechtes Betragen werwirken koͤnnten. Um dieſe Erwiederungen— die einzigen, die ſich in einem ſolchen Falle fuͤr einen engliſchen Miniſter ziemten— dem erſten Konſul einigermaßen annehm⸗ lich zu machen, ward Peltier, auf Anſuchen des Ge⸗ neral⸗ 3 81 neralſiskals, wegen eines Libells gegen Buonaparte vor Gericht gezogen. Hr. Makintosh vertheidigte ihn in einer der glaͤnzendſten Reden, die je oͤffent⸗ lich gehalten worden ſind, und fuͤhrte den Geſchworenen zu Gemuͤthe, daß auf dem Kontinent von Palermo bis Hamburg jede Preſſe in Feſſeln gelegt ſey, und daß nun ihnen zukomme, unſer herkommliches Recht zu wahren: uber fremde wie uͤber einheimiſche Maͤn⸗ ner, ſo hoch ſie auch ſtehen moͤgen, wie ſie es durch ihre Thaten verdienen, ſprechen zu duͤrfen. Der Beklagte ward zwar ſchuldig befunden; ſeine Sache konnte aber in Wahrheit fuͤr ſiegreich gehal⸗ ten werden*). Auch fuͤhlte ſich Buonaparte durch den ganzen Hergang ſehr beleidigt. Er hatte nicht von den engliſchen Geſetzen, ſondern von einer üuber den Geſetzen ſtehenden Macht Genugthuung erwar⸗ tet. Die Oeffentlichkeit der Verhandlung, der Wiz und die Beredtſamkeit des Sachwalters waren auf keine Weiſe geeignet, die Gefuͤhle Buongparte's zu beſaͤnftigen, der die menſchliche Natur und den Ka⸗ rakter ſeiner uſurpirten Macht allzugut kannte, um von elner öffentlichen Eroͤrterung Vortheil zu er⸗ warten. Er wollte die Sache ins Dunkel gehuͤllt wiſſen— die engliſche Regierung zog ſie ans helle *) Er ward nie vor Gericht gefordert, um ſein urtheil anzu hören, indem unſer Streit mit den Franzoſen bald beruach mm einem völligen Bruche führte. W. Scott's Werke. XLII. 6 8² Tageslicht; wie alle Schuldbewußten, hatte er jeden Tadel ſeiner Maßregeln unterdruͤcken wollen— durch den gegen Peltier verhaͤngten Prozeß mußten dieſe nun oͤffentlich unterſucht und gepruͤft werden. Der erſte Konſul fuͤhlte, daß nicht ſowohl Peltier, als er ſelbſt, in Gegenwart des engliſchen Volks gerichtet worden ſey, und zwar mit e ner Oeffentlichkeit, welche die Discuſſion weithin verbreiten mußte. Weit entfernt, ſich durch die ihm angebotene Genugthu⸗ ung verſoͤhnen zu laſſen, glaubte er ſich im Gegen⸗ theil dadurch noch mehr beleidigt, und zwar unmit⸗ telbar durch die engliſchen Miniſter ſelbſt, indem er durchaus nicht einſehen wollte, daß dieſe eigent⸗ lich alles fuͤr ihn gethan hatten, was in ihren Kraͤf⸗ ten ſtand. Die feindſeligen Ausfaͤlle des Moniteurs gegen England wurden fortgeſezt; ein engliſches Blatt, der Argus genannt, von einigen verbannten Irlaͤn⸗ dern redigirt, erſchien mit Erlaubniß der Regierung zu Paris, und war beſtimmt, England noch mehr als bisher zu verunglimpfen. Dies ward von engliſcher Seite mit verdoppelter Heftigkeit und mit einem zehnmal groͤßern Erfolge erwiedert— allerdings ein ſchlimmer Vorbote des Friedens, wozu mit jedem Tage neue Anlaͤſſe zu Mißverſtaͤndniſſen kamen. Der Traktat von Amiens, in deſſen Vollziehung ſich die engliſche Regierung eben nicht ſehr beeilte⸗ fuͤhrte insbeſondere neue Discuſſirnen herbei. Die — — meiſten franzoͤſiſchen Kolonien waren zwar zuruͤckge⸗ geben worden; allein das Kap u d die uͤbrigen hol⸗ laͤndiſchen Beſitzungen, beſonders aber das wichtige Malta, befanden ſich noch immer in engliſchen Haͤn⸗ den. Nach gemeinem Recht, wenn man ſich dieſes Ausdrucks bedienen darf, war nun England aller⸗ dings verbunden, ſein Wort zu loͤſen, und zufolge des Traktats alle dieſe Beſitzungen unverzuͤglich her⸗ auszugeben; allein es konnte ſich hinwiederum auf die Regel der Billigkeit berufen, um eine ſolche For⸗ derung ſchlechterdings abzulehnen. Frankreich hatte naͤmlich in der neueſten Zeit um ſich gegriffen und bedeutende Erwerbungen auf dem Kontinent gemacht. Zufolge einer Beſtimmung des Traktats von Amiens ſollte aber England von ſeinen Eroberungen ſo viel zuruͤckbehalten, als zur Herſtellung einer Art von Gleichgewicht zw iſchen ihm und dem ſo ſehr vergroͤßerten Frankreich noͤthig war. Da dieſe Beſtimmung ſich auf den damaligen Zu ſtand der Dinge bezog, und Frankreich ſeitdem ſeine Herrſchaft uͤber Italten und Piemont ausgedehnt hatte, ſo eutſtand fuͤr England ein Recht, auch ſei⸗ nerſeits auf einer groͤßern Entſchaͤdigung zu beſte⸗ hen. So verhielt es ſich in Wahrheit mit dieſer Sache. Frankreich hatte den Stand der Dinge ver⸗ andert, der zu der Zeit ſtattfand, als der Traktat abgeſchloſſen wurde; mit eben dem Recht durfte da⸗ der England den Traktat ſelbſt modificiren und die 34— Zuruͤckgabe deſſelben verweigern, was unter andern und hoͤchſt verſchiedenen umſtaͤnden zugeſtanden wor⸗ don war. Vielleicht waͤre es beſſer geweſen, dieſen Grundſaz gleich anfangs auszuſprechen und die Zu⸗ ruͤckgabe der noch ruͤckſtaͤndigen hrittiſchen Eroberun⸗ gen ſo lange zu verweigern, bis Frankreich ſich ent⸗ ſchließen wuͤrde, ſeine neuerlich durchgeſezten Anſpruͤche auf dem Kontinent wieder fahren zu laſſen. Dies vwäͤrde indeß ſogleich zum Kriege gefuͤhrt haben, und die Miniſter waren begreiflicherweiſe eben nicht ge⸗ neigt, die Hoffnung eines dau erhaftn Friedens ſo ſchnell wieder aufzugeben, und den Traktat von Amiens, der kaum niedergeſchrieben war, wieder zu durchſtrei⸗ chen. Sie gaben daher in vielen Stuͤcken nach. Das Kap der guten Hoffn ung und die hollaͤndiſchen Kolv⸗ nien wurden zuruͤckgegeben, Alexandrien ward geraͤumt, und die Miniſter beſchraͤnkten ihre Eroͤrterungen mis Frankreich einzig auf den Beſiz von Malta; ſie gin⸗ gen ſogar noch weiter, und erklaͤrten ſich bereit, auch in dieſem Stuͤcke nachzugeben, unter der Bedingung, daß dieſe ſo wichtige Zitadelle des mittellaͤndiſchen Meeres in den Beſiz einer neutralen Macht komme. Als eine ſolche konnte der Maltheſerorden begreif⸗ lcherweiſe nicht gelten; gegen eine neapolitaniſche, auf keinen Fall ſehr zuverlaͤſſige Beſatzung war mag⸗ ches einzuwenden, ſeitdem Frankreich der naͤchſte Nach⸗ dar des Koͤnigs von Neapel geworden war, und die⸗ — ſen durch Bedrohung ſeiner Hauptſta dt noͤthigen koun⸗ te, Malta ohne weiters zu uͤbergeben. 1 Auf alles dies ward von großbritanniſcher Seite großes Gewicht gelegt; die franzoͤſiſchen Miniſter da⸗ gegen drangen auf die buchſtaͤbliche Erfuͤllung des Traktats. Nach einigen diplomatiſchen Wendungen und Ausfluͤchten ſchien es auch, daß die Uebergabe nicht laͤnger mehr verzoͤgert werden wuͤrde, als durch ein ktiſchen Volkes ploͤzlich auf den hoͤch⸗ ad geſteigert wurden. Unter dieſem Aufſatze iſt hier der Bericht des Geuerals Sebaſtlani gemeint, der von dem erſten Konſul an verſchiedene muhammedaniſche Hoͤfe in Aſien und Afrika geſendet worden war, um uͤberall die Macht ſeines Gebieters zu ruͤhmen und zugleich die brittiſche Reglerung in jeder Hinſicht herabzu⸗ wuͤrdigen. Nachbem er zuerſt Aegypten beſucht und den Zuſtand der dortigen Feſtungen und ihrer Be⸗ ſatzungen auf das genaueſte erſpaͤht hatte, kam er zu Djezzar Paſcha, der ihn ſehr freundlich aufge⸗ nommen, von dem erſten Konſul mit der groͤßten Achtung geſprochen und demſelben aus eigenem Ju⸗ tereſſe alles moͤgliche Gluͤck gewuͤnſcht haben ſoll. Auf den joniſchen Inſeln hielt er eine Rede an die Ein⸗ wohner, und verſicherte ſie des Schutzes ſeines Herrn. Der gauze Bericht iſt in den feindlichſten Ausdruͤk⸗ ken gegen England abgefaßt; General Stuart wird 86 darin bezüͤchtigt, die Tuͤrken zur Ermordung des Be⸗ richterſtatters aufgefordert zu haben. Sebaſtiani nahm, nach ſeiner eigenen Ausſage, uͤberall, wo er hin kam, Kenntniß von den Faktionen und Haͤndeln; er er⸗ kundigte ſich nach ihren Streitkraͤften, erneuerte alte Verbindungen, oder knuͤpfte mit den bedeutendſten Perſonen neue an, ſprach von der Macht ſeines Ge⸗ bieters und ließ den Beiſtand Frankreichs hoffen. Er ſchließt ſeinen Vericht mit der Behau tung, daß boco Mann hinreichen wuͤrden, Aegypten zu erobern, und daß die joniſchen Inſeln dem fran zoͤſiſchen In⸗ tereſſe ganz ergeben ſeyen. Nach der Erſcheinung dieſes Berichts, durch wel⸗ chen Buonaparte der ganzen Welt ſeinen unabhaͤn⸗ gigen Entſchluß, auf ſeinen alten Eroberungs⸗ und Koloniſations⸗Entwuͤrfen zu behar ren, wie es ſchien, verkuͤnden wollte, wuͤrden ſich die engliſchen Mini⸗ ſrer des Hochverraths ſchuldig gemacht haben, wenn ſie ihm durch die Uebergabe von Malta zur Ausfuͤh⸗ rung jener rieſenhaften Entwuͤrfe behuͤlflich geweſen waͤren, deren leztes Ziel die Zerſtoͤrung des britti⸗ ſchen Handels in Indien war. An dieſem prahleriſchen Relſebericht des Gene⸗ rals Sebaſtiani war es noch nicht genug: es erſchien zugleich auch eine ausfuͤhrliche Berechnung und Auf⸗ zaͤhlung der Streitkraͤfte und der natuͤrlichen Vor⸗ theile Frankreichs; und damit uͤber den Zweck der⸗ ſelben kein Zweiſel obwalte, ward am Schluſſe aus⸗ 87 druͤcklich bemerkt,„daß England allein es nimmer⸗ mehr mit Frankreich aufnehmen koͤnne.“— Dieſer trotzige, in einem ſolchen Moment angenommene Ton vermehrte noch den Groll der brittiſchen Nation, die nicht gewohnt war, eine Herausforderung abzulehnen oder Beſchimpfungen zu ertragen. Durch dieſe Schilderung des Zuſtandes von Frank⸗ reich, ſo wie durch den Bericht des Generals Seba⸗ ſtiani, worin er auf offizielle Weiſe grundloſe Be⸗ hauptungen aufgeſtellt und auf Intriken hingedeutet hatte, die ſich weder mit der Erhaltung des Friedens, noch mit den Zwecken vertrugen, die man durch den Frieden hatte erreichen wollen, wurde das brittiſche Kabinet zu der Erklaͤrung vermocht, daß der Koͤnig in keine weitere Discuſſion uber Malta ſich einlaſſen koͤnne, ſo lange Seine Majeſtaͤt nicht die entſchie⸗ denſte Genugthuung wegen dieſes neuen und unge⸗ woͤhnlichen Angriffs erhalten haben werde. Waͤhrend auf dieſe Weiſe ein Bruch immer unr vermeidlicher wurde, faßte der erſte Konſul den ſon⸗ derbaren Entſchluß, mit dem brittiſchen Geſandten perſoͤnlich zu unterhandeln. Es geſchah dies wahr⸗ ſcheinlich aus denſelben Gruͤnden, die ihn ſchon fruͤ⸗ her beſtimmt hatten, ſich uͤber die uͤblichen Formen hinwegzuſetzen, und mit den Fuͤrſten, mit denen er in Beruͤhrung kam, in unmittelbare Korreſpondenz zu treten, oder dergleichen wenigſtens zu verſuchen. Eine ſolche Abweichung von dem herkoͤmmlichen Ver⸗ 38 fahren ſollte zeigen, wie ſehr er uͤber dergleichen er⸗ haben ſey, und ihm, wie er glaubte, Gelegenheit verſchaffen, die Logik des brittiſchen Geſandten durch einen jener leidenſchaftlichen Ausbruͤche zu uͤberwaͤl⸗ tigen, durch welche er bei gar vielen Menſchen ſchon ſo Manches durchgeſezt hatte. Napoleon haͤtte wohl beſſer gethan, die Leitung der Unterhandlungen Talleyrand zu uͤberlaſſen. Ein Souverain kann nicht wohl perſoͤnlich an ſolchen Kon⸗ ferenzen Theil nehmen, außer mit dem vorbedachten Entſchluſſe, das Ultimatum, das er vorzuſchlagen hat, genau und unerſchuͤtterlich feſtzuhalten. Er kann nicht, ohne ſeine eigene Wuͤrde zu gefaͤhrden, mark⸗ ten oder kapituliren, ja er kann nicht einmal durch Gruͤnde zu wirken ſuchen, und iſt daher außer Stande, die gewoͤhnlichen und beinahe unentbehrlichen Waf⸗ fen eines Unterhaͤndlers ſelbſt zu fuͤhren. Wie viel auch Napoleon von einer kraͤftigen, alle Gegengruͤnde niederſchmetternden Erklaͤrung ſeines Willens erwar⸗ ten mochte, ſo haͤtte er doch bedenken ſollen, daß er nicht, wie in anderen Fällen, als Sieger auf dem Schlachtfelde Bedingungen vorſchreiben konnte, ſon⸗ dern daß er es mit einer Macht zu thun hatte, die der ſeinigen gleich kam, die auf der See eben ſo ge⸗ bot, wie er auf dem Kontinent,— mit einem Fuͤr⸗ ſten und mit einem Volke, die durch leidenſchaftliche Drohungen eher aufgebracht, als geſchreckt werden mußten. Dem brittiſchen Geſandten war auf die ——— — 89 von dem erſten Konſul gewaͤhlte Weiſe eben ſo we⸗ nig beizukommen, als der Nation, die er vertrat. Lord Whitworth beſaß eben ſo viel Scharfſinn als Erfahrung. Seine Rechtlichkeit und ſein Ehrgefuͤhl unterlagen keinem Zweifel; mit dem hoͤchſten Muthe verband er ein ruhiges und gelaſſenes Weſen, das ganz dazu geeignet war, ihm in der Discuſſion mit einem hitzigen ungeduldigen und hochfahrenden Geg⸗ ner den Sieg zu verſchaffen. Es wird keiner Ent⸗ ſchuldigung beduͤrfen, wenn wir bei den Konferenzen zwiſchen dem erſten Konſul und Lord Whitworth laͤn⸗ ger verweilen, indem ſie nicht nur den Karakter Na⸗ poleon's ins hellſte Licht ſetzen, ſondern auch in ih⸗ ren Folgen entſcheidend fuͤr ſein und das Schickſal der Welt geworden ſind. Die erſte Zuſammenkunft beider, die einen po⸗ litiſchen Karakter hatte, fand am 17ten Februar 803 in den Tuillerien Statt. Nach. der vorlaͤufigen Erklaͤ⸗ rung, daß er die Abſicht habe,„den Koͤnig von Eng⸗ land von ſeinen wahren Geſinnungen auf eine unum⸗ wundene Weiſe in Kenntniß zu ſetzen,“ ſprach Buo⸗ naparte beinahe zwei Stunden in einem fort, nicht ſelten ohne Zuſammenhang, indem ihn ſein Tempe⸗ rament, als er auf ſeine Beſchwerden gegen England kam, fortriß, ohne daß er jedoch die dem Geſandten ſchuldige Hoͤflichkeit außer Acht gelaſſen haͤtte. Er beſchwerte ſich daruͤber, daß die Englaͤnder mit der Raͤumung von Alexandrien und Malta ſo 90 lange zoͤgerten, und brach jede weitere Eroͤrterung uͤber den lezten Gegenſtand mit der Erklaͤrung ab, er wolle die Englaͤnder noch lieber in der Vorſtadt St. Antoine, als auf dieſer Inſel ſehen. Sodann ging er auf die Verunglimpfungen uͤber, die ſich die engliſchen Blaͤtter, noch mehr aber die franzoͤſiſchen, in London herausgegebenen Zeitungen gegen ihn er⸗ laubten. Er behauptete, Georg Cadondal und an⸗ dere Haͤupter der Chouans, die, wie er ſagte, ihm nach dem Leben ſtellten, faͤnden Schuz und Sicher⸗ heit in England; es ſeyen in der Normandie zwei von den Emigranten gegen ihn gedungene Meuchel⸗ moͤrder ergriffen worden, was, wie er ſagte, gericht⸗ lich erwieſen werden ſolle. Von dieſem Gegenſtan⸗ de ſchweifte er nach Aegypten ab, mit der Verſiche⸗ rung, daß es ihm ein Leichtes ſeyn wuͤrde, ſich deſ⸗ ſelben zu bemaͤchtigen, daß es aber nicht der Muͤhe werth ſey, deßhalb den Krieg zu erneuern. Doch ließ er die Bemerkung fallen, daß der Gedanke, ſeine Lieblingskolonie wieder zu erobern, nur ver⸗ ſchoben, aber nicht aufgegeben ſey.—„Aegypten,“ ſagte er,„muß fruͤher oder ſpaͤter wieder an Frank⸗ reich kommen, entweder durch den Fall der tuͤrkiſchen Regierung, oder in Folge einer Uebereinkunft mit der Pforte.“— Er ſtellte zum Beweis ſeiner fried⸗ fertigen Geſinnungen die Frage auf, was er denn in einem Kriege gewinnen koͤnne, da er nicht im Stande ſey, gegen England die Offenſiye zu ergreifen, aus⸗ ——— 91 genommen durch eine Landung, die er in den ſtaͤrk⸗ ſten Ausdruͤcken als ein Wageſtuͤck bezeichnete und wobei er hundert gegen eins auf's Spiel ſezen wuͤrde; allein dieſer Verſuch ſey doch unvermeidlich, wenn man ihn zum Kriege zwinge. Er ſprach hierauf von der Macht beider Laͤnder.„Die franzoͤſiſche Armee,“ ſagte er,„wuͤrde bald auf 180,000 Mann gebracht werden; mit den engliſchen Flotten koͤnne er es aber vor zehn Jahren noch nicht aufnehmen. Beide Laͤnder koͤnnten vereint die Welt beherrſchen⸗ wenn ſie ſich nur verſtehen wollten. Haͤtte er nur die mindeſte Herzlichkeit auf Seiten Englands ge⸗ funden, ſo wuͤrde er auf dem Continent Entſchaͤdi⸗ gungen, Handelstraktate, und alles, was es wuͤn⸗ ſchen koͤnne, ausgemittelt haben.“ Er geſtand je⸗ doch, daß ſein Aerger mit jedem Tage zunehme, „indem jeder Wind, der von England heruͤberwehe, nichts als Feindſchaft und Haß gegen ihn bringe.“— In einer langen Digreſſion durchmuſterte er hierauf alle europaͤiſchen Maͤchte, und behauptete, daß England im Falle eines Krieges in ganz Europa auf keinen Beiſtand rechnen duͤrfe. Er ſchloß endlich dieſe Unterredung damit, daß er die unverzuͤgliche Erfuͤllung der Bedingungen des Traktats von Amiens und die Abſtellung des von der engliſchen Preſſe gegen ihn veruͤbten Unfugs forderte und auf die Weigerung den Krieg ſezte.] Waͤhrend dieſer langen, auf ſo viele Gegen⸗ 9² ſtaͤnde ſich verbreitenden, von Buonaparte aͤußerſt ſchnell ausgeſprochene Rede fand Lord Whitworth in den zwei Stunden, die er bei dem erſten Konſul zubrachte, kaum Zeit, dann und wann eine kurze Bemerkung oder Erlaͤuterung anzubringen. Als er die Gruͤnde anzufuͤhren verſuchte, aus welchem der Koͤnig von England, zufolge der neuen Gebietser⸗ werbungen Frankreichs, auf vortheilhaftern Bedin⸗ gungen beſtehen muͤſſe, unterbrach ihn Napoleon mit den Worten:„Ich glaube, Sie meinen Piemont und die Schweiz— das ſind aber unbedeutende Er⸗ eigniſſe, die man waͤhrend der Unterhandlung haͤtte vorausſehen koͤnnen. Jezt haben Sie kein Recht mehr, darauf zuruͤckzukommen.— Die Andeutung einer Entſchaͤdigung aus der allgemeinen Beute von Europa fuͤr England, falls er ſich gegen Buonaparte gefaͤllig erweiſen ſollte, erwiederte Lord Whitwort mit edlem Freimnth, indem er ſagte, der Ehrgeiz des Koͤnigs von England beſchraͤnkte ſich darauf, das Seinige zu behaupten, nicht aber das Eigenthum eines Dritten zu erwerben. Buonaparte und Lord Whitworth ſchieden hoͤflich auseinander; lezterer war aber uͤberzeugt, daß Buonaparte ſeine Anſpruͤche auf Malta nie aufgeben werde. Das engliſche Miniſterlum theilte dieſe Meinung; denn es erging von Seiten Seiner Majeſtaͤt eine Bothſchaft an das Haus der Gemeinen, um eine Beihuͤlfe zur Sicherung ſeines Gebiets im Falle eines —— — 93 Angriffs von Seiten Frankreichs zu verlangen. Da⸗ bei gaben jedoch die engliſchen Miniſter eine Bloͤße, indem ſie zur Rechtfertigung ihres Antrags die Rich⸗ tungen in den franzoͤſiſchen Seehaͤfen anfuͤhrten⸗ uͤber die ſie waͤhrend der Unterhandlungen mit Frank⸗ reich ſich nie beſchwert hatten, und die in der That auch in keinem Maße Statt fanden. Dies war ein bedeu⸗ tender Fehler; ſie haͤtten den wahren Grund der Be⸗. ſchwerden ihres Landes anfuͤhren ſollen, welchen jeder⸗ mann in dem weitſtrebenden Ehrgeize des franzöſiſchen Herrſchers in ſeiner feindſeligen Geſinnung gegen England erkannte. Nach einer ſiegre ichen Widerlegung der Klage uͤber die angeblichen Seeruͤſtungen Frankreichs ſezte Talleyrand zunaͤchſt dem Lord Withworth die Mittel auseinander, durch welche im Falle eines Bruches Frankreich das engliſche Intereſſe verwunden koͤnne, zwar nicht unmittelbar, aber durch feindliche Behand⸗ lung derjenigen europaͤtſchen Staaten, denen Eng⸗ land, wenn auch nicht eine voͤllige Unabhaͤngigkeit, ſo doch ein von allem aͤußern Drucke befreites Da⸗ ſenn goͤnnen mußte.„Es ſey ganz natuͤrlich,“ hieß es in der Note dieſes Staatsmannes,„daß, wenn England zufolge der oͤniglichen Botſchaft ſich ruͤſte, auch Frankreich daſſelbe thue— daß es eine Armee nach Holland ſende— an der hannoͤveriſchen Grenze Truppen zuſammenziehe— die Schweiz fortwaͤhrend beſezt halte— andere Truppen nach dem ſuͤdlichen 94 Italien ſchicke, und wohl gar an den Kuͤſten Lager bilde.“— Alle dieſe Drohungen, mi Ausnahme der lezten, bezogen ſich auf entfernte und neutrale Na⸗ tionen, uͤber die ſich Frankreich nicht zu beklagen hatte, die aber militaͤriſch beſezt und geplagt wer⸗ den ſollten, nur um England, dem ihre Wohlfahrt und Unabhaͤngigkeit am Herzen lag, wehe zu thun. Es war in der That ein in der Kriegspolitik ganz neuer und unerhoͤrter Grundſatz, gegen eine Macht, der man unmittelbar nichts anhaben konnte, durch die Unteroruͤckung harmloſer und neutraler Nach⸗ barn den Krieg zu fuͤhren. Bald nach dem Erlaß dieſer Note ſcheint Buo⸗ naparte in ſeinem Zorn uͤber die Botſchaft des Koͤnigs an das Parlament den Entſchluß gefaßt zu haben, die Unterhandlungen zwiſchen Frankreich und Eng⸗ land, die ſich ſo ſehr in die Laͤnge gezogen hatten, zu einem nach Zeit, Ort und Umſtaͤnden unerwar⸗ teten Ende zu bringen. In einem oͤffentlichen, am 13. Maͤrz 1805 in den Tulllerien gehaltenen Hof⸗ zirkel trat der erſte Konſul mit auffallender Haſt zu Lord Whitworth, und ſagte ihm mit lauter Stimme vor der ganzen Geſellſchaft:—„Sie wollen alſo den Krieg?“— Als der Lord ſich hiegegen verwahren wollte, ließ er ihn nicht zu Wort kommen, und fuhr fort:„Wir haben fuͤnfzehn Jahre gegen einander Krieg gefuͤhrt— ſie wollen ihn noch fuͤnfzehn Jäͤhre laͤnger führen— und zwingen mich ein Gleiches zu 9⁵ thun.“— Dann wendete er ſich zu dem Grafen Mar⸗ row und dem Ritter Azzara:—„Die Englaͤnder wollen Krieg; wenn ſie aber zuerſt das Schwert zie⸗ hen, ſo will ich der Lezte ſeyn, der es einſteckt. Sie achten keine Traktate, die wir kuͤnftig mit ſchwarzem Flor bedecken muͤſſen!“ Hierauf kehrte er ſich wieder zu Lord Whitworth:—„Wozu dieſe Ruͤſtungen? Gegen wen werden dieſe Vorſichtsmaß⸗ regeln getroffen? Ich habe nicht ein einziges Linien⸗ ſchiff in allen franzoͤſiſchen Haͤfen— aber wenn ſie ſich ruͤſten, will auch ich mich ruͤſten— wenn ſie fechten, will auch ich fechten— ſie koͤnnen Frankreich zerſtoͤren aber nicht in Furcht ſezen.“ „Wir wollen weder das eine noch das andere,“ antwortete Lord Whitworth mit großer Gelaſſenheit; „wir wuͤnſchen mit Frankreich in gutem Einverſtaͤnd⸗ niß zu leben.“— „Dann muͤſſen ſie die Traktate achten,“ erwie⸗ derte Buonaparte in ſehr ernſtem Tone.—„Wehe denen, die ſich das Gegentheil erlauben! ſie ſind gauz Europa dafuͤr verantwortlich.“— Mit dieſen Worten, die er zweimal wiederholte, zog er ſich aus dem Zirkel zuruͤck, waͤhrend die ganze Verſammlung uͤber den Mangel an Wuͤrde und An⸗ ſtand, den er in dieſer Scene gezeigt hatte, ſtaunte. Dieſer merkwuͤrdige Ausbruch laͤßt ſich fuͤglich aus der Heftigkeit eines feurigen Temperaments er⸗ klaͤren, das, durch eine Reihe der ſeltenſten Erfolge 8⁵ verwoͤhnt, keinen Widerſpruch mehr ertragen konnte, und gegen jedes Hinderniß, das einem Lieblings⸗ plane in den Weg trat, wuͤthete. Es iſt fuͤrwahr auch nicht das geringſte Uebel der willkuͤhrlichen Ge⸗ walt, daß derjenige, der ſie uͤbt, verſucht wird, den Accent der gehaͤßigſten Leidenſchaft auf Dinge zu legen, die einzig mit der ruhigſten und unparteilich⸗ ſten Beachtnug des oͤffentlichen Wohls behandelt wer⸗ den ſollten. Dagegen verſichern diejenigen, welche die beſte Gelegenheit hatten, Napoleon kennen zu ternen, daß die leidenſchaftlichen Anfaͤlle, die man zuweilen an ihm bemerkte, nicht ſowohl die Aus⸗ bruͤche einer unbaͤndigen Reizbarkeit, ſondern viel⸗ mehr ein Kunſtgriff waren, diejenigen, mit denen er zu thun hatte, einzuſchuͤchtern und außer Faſſung zu bringen. Die Indignation des erſten Konſuls iſt alſo vielleicht auch ein politiſcher Verſuch geweſen; er mag ſich erinnert haben, daß die Zertruͤmmerung der chineſiſchen Vaſe des Grafen Kobenzl waͤhrend der ſtuͤrmiſchen Scene, die der Unterzeichnung des Traktats von Campo⸗Formio voranging, ihre volle Wirkung gethan hatte. Allein England befand ſich in einer ganz andern Lage als Oeſterreich, und Buo⸗ nayarte haͤtte alles Porzellan in St. Cloud in Stuͤcke ſchlagen koͤnnen, ohne daß dadurch der Gleichmuth des Lords Whitworth auch nur im geringſten er⸗ ſchuͤttert worden waͤre. Dieſes„zornige Gerede“ fuͤhrte weiter zu nichts, nur iſt dadurch der Glaubean — 97 3 die Fortdauer des Friedens vollends vernichtet und der hefrige und eigenſinnige Charakter des Mannes ins Licht geſezt worden, von deſſen Willen oder Laune das Schickſal von Europa in dieſer wichtigen Kriſis ungluͤcklicherwelſe abhlng. Dieſer Auftritt in den Tuillerien vermehrte gar ſehr den Unwillen Eng⸗ lands, das ſich durch dieſe Behandlung ſeines Ge⸗ ſandten in Gegenwart der Bevollm igten von ganz Europa fuͤr beleidigt hielt. Von Lord Whitworth wegen der Bedeutung dieſer Scene befragt, gab Tallelrand zur Antwort, der erſte Konſul habe, nachdem er oͤffentlich, wie er glaubte, beſchimpft worden ſey, ſich in Gegen⸗ wart der Miniſter aller europaͤlſchen Maͤchte recht⸗ fertigen wollen. Die Frage uͤber Frieden oder Krieg drehte ſich nun um den Beſiz von Malta. Daraus, daß die Englaͤnder dieſe Feſtung noch laͤnger beſezt hielten, konnte fuͤr Frankreich elne Gefahr erwach⸗ ſen; gaben ſie dieſelbe aber gegen eine unſichere Buͤrgſchaft heraus, ſo ſiel ſte wahr ſchinlich in die Haͤnde Frankreichs, und das duefte England durch⸗ aus nicht geſchehen laſſen, weil bie Occupatton von Malta der erſte Schritt zur Wieder eroberung von Aegypten war. Es ſchien alſo der Politik angemef⸗ ſen, wenn Napoleon in dieſem Punkte nachgab und dadurch fuͤr Frankreich eine Friſt gewann, in der es, wieder in den Beſiz ſeiner Kolonien geſezt, ſeine, faſt ganz zerſtoͤrte Seemacht wieder herſtellen konnte, W. Scott's Werke. XLIIJ. 7 98 um England dereinſt auf ſeinem eigenen Elemente bereiner guͤnſtiger en Gelegenheit zu bekaͤmpſen. Man ſchloß daraus, die Meinung Talleyrand's ſey, Na⸗ poleon ſollte ſich in Beziehung auf Malta willfaͤhrig zeigen und dadunch England einzuſchlaͤfern ſuchen. Indeß waren auch, abgeſehen von der Kriegsluſt Napoleon's, noch andere ſtarke Gruͤnde vorhanden, die den erſten Konſul beſtimmen konnten, die Unter⸗ handlungen abzubrechen. Seine Herrſchaft gruͤndete ſich auf den allgemeinen Glauben, an die Unabaͤnder⸗ lichkeit ſeiner Entſchluͤſſe und auf ſein unwandel⸗ bares Gluͤck— wie im Kriege, ſo in ſeinem politi⸗ ſchen Streben. Gab er den von England jezt be⸗ ſtrittenen Grundſaz im Angeſicht von Europa auf, ſo verzichtete er gewiſſermaßen auf die angeſtrebte Herrſchaft uͤber die civiliſirte Welt. Zufolge dieſes Strebens konnte er von ſeinem bisherigen Forder⸗ ungen nichts nachlaſſen. Das Zugeſtaͤndniß, daß ſeine Angriffe auf die Schweiz und Piemont die Rothwendigkeit in ſich ſchloͤßen, England eine Ent⸗ ſchaͤbigung durch den fortdauernden Beſiz Malta's zu geſtatten, wuͤrde das zweite nach ſich gezogen haben, daß England auch das Recht zukomme, ſich in die Angelegenheiten des Continents zu miſchen; und ſo haͤtte Buonaparte zugleich Voͤlker, die ge⸗ neigt waren, das franzoͤſiſche Joch abzuwerfen, auf eine Macht verwieſen, deren Vermittlung er ſtets beachten mußte. Dieſe waren bedeutend genug, und 99 moͤgen, vereint mit ſeiner, durch die Angriffe der ennliſchen Preſſe noch geſteigerten Reizbarkeit, ihn vermocht haben, durch jenen Ausbruch ſeines Zorns der Debatte ein Ende zu machen, wie er auf dem Schlachtfelde ſeine Garde in eigener Perſon ins Feuer gefuͤhrt haben wuͤrde, um das Gefecht durch einen Hauptſchlag zur Entſcheidung zu bringen. Es wurden jedoch noch einige ſchwache hoffnungs⸗ loſe Verſuche gemacht, die Unterhandlungen im Gange zu erhalten. Das engliſche Miniſterkum erbot ſich, Malta, ſtatt fuͤr immer, nur die zehn naͤchſten Jahre beſezt zu halken. Buonaparte dagegen wollte nichts von einer Modification des Traktats von Amfens hoͤren, und ſchlug vor, da die neapolitaniſchen Trup⸗ pen keine hinreichende Buͤrgſchaft gewaͤhrten, Malta von ruſſiſchen und oͤſterreichiſchen Truppen beſezen zu laſſen. Dieſen Vorſchlag wies Großbritannien ab. Lord Whitworth verließ Paris, und am 18. Mak 1803 erklaͤrte Großbritannien gegen Frankreich den Krieg. S Ehe wir aber in der Darſtellung dieſes ereigniß⸗ vollen Kampfes weiter gehen, muͤſſen wir noch einen Blick auf einige wichtige Begebenheiten werfen, die ſich ſeit dem Abſchluſſe des Traktats von Amiens in Frankreich zugetragen hatten. . 100 ₰ Sechsles Kagapikel. Rückblick.— St. Dominao.— Die Neger überwältigen die Weißen und Mulatten, und zerfallen unter verſchiedenen An⸗ führern in Parteien.— Touſſaint L'Onverture zeichnet ſich un⸗ ter dieſen am meiſten aus.— Seine Plane zur Verbeſſerung des Zuſtandes ſeiner Unterthanen.— Er ſezt, nach dem Beiſpiels Frankreichs, eine konſulariſche Regierung ein.— Frankrrich ſchickt im December 1801 eine Armee unter General Leclere nach St. Domingo; Touſſaint wird gezwungen, ſich zu unterwerfen. — Nach einer kurzen Friſt wird er nach Frankreich gebracht, wo er als Staatsgefan gener ſtirbt.— Die Franzoſen werden vom gelben Fieber heimgeſucht und von den Negern angegri⸗ fen; der Krieg bricht mit der größten Wuth aus.— Leclere wird von der Seuche hinweggerafft und durch Rochambeau er⸗ ſezt.— Die Franzoſen ſehen ſich(lamfiſten December 1803) endlich genöthigt, mit einem engliſchen Geſchwader zu kapitul⸗ ren.— Buonaparte iſt darauf bedacht, ſeine Herrſchaft in Frank⸗ veich zu befeſtigen.— Die Konſulargarde wird auf 6000 Mann gebracht.— Schilderung derſelben.— Ehrenlegion.— Ihre Entſtehung.— Eine Oypoſition, der engliſchen nachgebildet, er⸗ hebt ſich gegen die konſulariſche Regierung.— Sie widerſezt ſich, wiewohl vergeblich, der Errichtung der Ehrenlegion.— Anſin⸗ nen an den Grafen Provence(Ludwig XVIII), auf die fran⸗ zöſiſche Krone zu verzichten.— Es wird abgelehnt. Als der Traktat von Amiens Europa den Frie⸗ den wiedergegeben zu haben ſchien, war es eine der erſten Unternehmungen Napoleon's, die Wiederer⸗ oberung des franzoͤſiſchen Theils der reichen und hoͤchſt fchaͤzbaren Kolonie von St. Domingo zu verſuchen, 10]1 deren Schickſale eine ſchreckliche Epiſode in der Kriegs⸗ geſchichte bilden. Die Flamme der franzoͤſiſchen Revolution hatte auch St. Domingo erreicht, und dort eine gewaltige Fehde zwiſchen der weißen Bevoͤlkerung und den Mu⸗ latten entzuͤndet, die, auf die neuerlich verkuͤndeten Menſchenrechte ſich berufend, dieſelben Vorrechte und Fretheiten, wie die Weißen, in Anſpruch nah⸗ men. Waͤhrend ſich beide Theile bekaͤmpften, ſtan⸗ den die Negerſklaven, der gedruͤckteſte und zahlreichſte Theil der Bevoͤlkerung, gegen beide auf, und richte⸗ ten auf der Inſel die groͤßten Verwuͤſtungen an. Die noch uͤbrig gebliebenen wenigen Pflanzer ſtellten ſich unter den Schuz der brittiſchen Waffen, durch welche die Inſel mit leichter Muͤhe auf kurze Zeit erobert wurde. Allein die europaͤiſchen Soldaten wurden ſo ſchnell von dem Klima uͤberwaͤltigt, daß die Englaͤnder im Jahre 1798 froh waren, eine In⸗ ſel zu raͤumen, wo ſo viele ihrer beſten und tapfer⸗ ſten Soldaten ohne Wunde ein ruhmloſes Grab ge⸗ funden hatten.. Die Neger, jezt ſich ſelbſt uͤberlaſſen, zerfielen in verſchiedene Parteien unter Haͤuptlingen, die mehr oder weniger von einander unabhaͤngig waren, und von denen einige kein gemeines Talent entwickelten. Dies gilt vorzuͤglich von Touſſaint L'Ouverture, der, nachdem er den Krieg wie ein Wilder gefuͤhrt, die ihm durch den Sieg gewordene Macht mit vieler 102 Geſchicklichkeit benuzt zu haben ſcheint. Obgleich ſe bſt ein Neger, erkannte er doch, wie wichtig es fuͤr die Cioiliſation ſeiner Unterthanen ſey, ſie an den Kennt⸗ niſſen und der Induſtrie der weißen Bevoͤlkerung Theil nehmen zu laſſen. Er ließ daher den leztern ſeinen Schuz angedeihen und ſezte als Regel der Billigkeit feſt, daß die freigewordenen Neger gegen einen be⸗ ſtimmten Antheil an dem Ertrage ihrer Arbeit die Pflanzungen der weißen Eigenthuͤmer zu bebauen fortfahren ſollten. Das geringſte Vergehen gegen ſeine diesfalls erlaſſenen Verordnungen beſtraſte er mit afrikaniſcher Grauſamkelt. Als einſt eine weiße Frau, die Eigenthuͤmerin einer Pflanzung, von den darin arbeitenden Negern, die fruͤher ihre Sklaven geweſen, ermordet wurde, begab ſich Touſſaint mit einer Abtheilung ſeiner berittenen Lelbwache ſofort an Ort und Stelle, ließ die zu der Pflanzung gehoͤ⸗ rigen Neger zuſammentreten, von ſeiner ſchwarzen Reiterei umringen und nach einem kurzen Verhoͤr zuſammenhauen, was uns von einem Augenzeugen berichtet worden iſt. Durch ſeine unerbittliche Strenge und ſeinen natuͤrlichen Verſtand wußte ſich Touſſaint bald zum Herrn der Inſel zu machen; um aber ſeine Macht zu befeſtigen, fuͤhrte er waͤhrend des Friedens zur See ein der franzoͤſiſchen Konſularregierung nach⸗ gebildetes Regiment auf der Inſel ein, erklaͤrte ſich zum Oberhaupt des Staats und behielt ſich das Recht vor, ſeinen Nachfolger zu ernennen. Das Ganze war ——,—.—— X ——,—.—— 103 eine Parodie auf das Verfahren Napoleon's, der ſich dadurch gewiß nicht geſchmeichelt fuͤhlte; denn in manchen Faͤllen iſt der Umſtand, daß Andere uns nachahmen, fuͤr uns keine Huldigung, ſondern im Gegentheil die bitterſte Satyre. Die Konſtiturkon von St. Domingo ward ſogleich in Kraft geſezt, je⸗ doch mit einiger Ruͤckſicht auf die franzoͤſiſche Regle⸗ rung, deren Genehmigung feierlich nachgeſucht wur⸗ de. Es lag am Tage, daß der Afrikaner zwar nicht abgeneigt war, die Oberherrlichkeit Frankreichs dem Namen nach anzuerkennen, die wirkliche Reglerungs⸗ gewalt aber ſchlechterdings ſelbſt ausaͤben wollte. Aber dies ſtimmte nicht zu den Planen Napoleon's, dem es ſo ſehr darum zu thun war, Frankreich wie⸗ der dasjenige zu verſchaffen, was es im Kampfe mit der uͤberlegenen brittiſchen Seemacht eingebuͤßt hatte — Kolonten, Schifffahrt und Handel. Eine gewaltige Expedition ward in den Haͤfen von Breſt, l'Orient und Rochefort ausgeruͤſtet, um St. Domingo dem franzoͤſiſchen Reiche wieder voͤllig zu unterwerfen. Die Flotte beſtand aus vierund⸗ dreißig Kriegsſchiffen von vierzig und mehr Kanonen, und aus mehr als zwanzig Fregatten und kleinern bewaffneten Fahrzeugen. Dieſe Flotte hatte uͤber 20,000 Mann an Bord; General Leclerc, Schwager des erſten Konſuls, dem ein zahlreicher Generalſtab, aus den tapferſten und erſahrenſten Offizieren beſte⸗ hend, zugetheilt war, befehligte das Ganze. 104 Man behauptet, daß Buonaparte vorzuͤglich ſolche Truppen, die bei der ehemaligen Rheinarmee gedient hatten, zu dieſer in ein ungeſundes Klima beſtimm⸗ ten Expedition gewaͤhlt habe. Allein er ließ die Meb⸗ nung nicht aufkommen, daß dieſe Expedition etwas Ge⸗ faͤhrliches habe; und um zu beweiſen, daß er wirklich ſo denke, hielt er es fuͤr angemeſſen, einen Akt haus⸗ vaͤterlicher Gewalt auszuuͤben. Seine Schweſter, die ſchoͤne Pauline, und nachmalige Gemahlin des Prin⸗ zen von Borgheſe, die ſich weiger e, ihren damali⸗ gen Gemahl, General Leclerc, zu begleiten, mußte auf ausdruͤcklichen Befehl des erſten Konſuls an Bord gehen, der es vorzog, ſeine Lieblingsſchweſter an der allgemeinen Gefahr Theil nehmen zu laſſen, um nicht der Meinung Raum zu geben, als ahnde er ſelbſt nichts Gutes von dem Ausgange dieſer Expedition. Die Flotte ging am 1aten December 1801 unter Segel, von einem engliſchen Geſchwader auf ihrem Wege nach Weſtindien fortwaͤhrend beobachtet, und erſchien am 29ſten Januar 1802 vor dem Kap Frangais. Touſſaint, aufgefordert, ſich zu unterwerfen, ſchien zuerſt die Haͤnde zu einem Vergleiche bieten zu wol⸗ len, wahrſcheinlich in der Ueberzeugung, daß die Ne⸗ ger nur mit Huͤlfe der Zeit und des Klima's etwas gegen eine ſo furchtbare Macht wuͤrden ausrichten koͤnnen. Es ward ihm ein Schreiben des erſten Kon⸗ ſuls zugeſtellt, worin ihm dieſer ſeine Achtung be⸗ zeigte; General Leclerc bot ihm die vortheilhafteſten — 105 Bedingungen nebſt der Stelle des zweiten Gouver⸗ neurs an. Allein Tonſſaint konnte es nicht uͤber ſich gewinnen, den Franzoſen zu trauen; er ſann auf Wi⸗ derſtand, den er mit vieler Geſchicklichkeit einzulei⸗ ten wußte, aber, durch die wohlberechneten Kriegs⸗ operationen der Weißen uͤberwaͤltigt, bald wieder aufgeben mußte. Ein Chef nach dem andern unter⸗ warf ſich dem General Leclere, zulezt auch Touſſaint L'Huverture, der Verzeihung erhielt, unter der Be⸗ dingung, ſich in die Pflanzung Gonalves zuruͤckzuzie⸗ hen und dieſelbe ohne Erlaubniß des Obergenerals nicht wieder zu verlaſſen. Die Franzoſen waren noch nicht gar lange im Beſiz der Kolonie, als ſie Symptome einer Ver⸗ ſchwoͤrung entdeckten oder entdeckt zu haben vorga⸗ ben, und Touſſaint aus den ſeichteſten Gruͤnden der Anzettelung eines Aufruhrs beſchuldigten. Unter dieſem Vorwande, der ſich auf nichts, als auf einen Brief ſtuͤzte, der auch elne unbefangene Deutung zu⸗ ließ, ward der ungluͤckliche Chef mit ſeiner ganzen Familie ergriffen und an Bord eines nach Frankreich beſtimmten Schiffes gebracht. Es verlautete weiter nichts mehr von ſeinem Schickſal, als daß er in das Kaſtell Joux in der Franche⸗Comté gebracht wurde, wo der ungluͤckliche Afrikaner unter den Entbehrun⸗ gen einer ſtrengen Gefangenſchaft in dem rauhen, kalten Klima ſeinen Tod fand. Dieſe That iſt ſchon oft als eine der ſchlimmſten Napoleon's angefuͤhrt 106 worden; es wird dadurch auf eine ſehr ſchlagende Weiſe bewieſen daß, obgleich Napoleon die Huma⸗ nitaͤt ſtets im Munde fuͤhrte und zuwellen auch uͤl te⸗ er es doch manchmal nicht uͤber ſich gewinnen konnte, denjenigen, die er nicht leiden mochte oder die er fuͤrchtete, das Schickſal zu erlaſſen, das die Tyrannei ſo gerne uͤber ihre Schlachtopfer verhaͤngt— das Schickſal naͤmlich, in der Stille aus der Welt der Lebendigen entſernt, in die Gruſt eines Gefaͤngniſſes eingeſchloſſen zu werden, wo jede Klage verhallt, und dort, wie Lebendigbegrabene, auf den langſam heranſchleichenden Tod harren zu muͤſſen. Die Treuloſigkeit, mit der ſich die Franzoſen ge⸗ gen Touſſaint benommen hatten, blieb nicht lange ungeſtraſt. Das gelbe Fieber, dieſe ſchreckliche Gel⸗ ßel der Europaͤer, kam uͤber ſie und raffte in unglaub⸗ lich kurzer Zeit den General Leclerc mit ſeinen be⸗ ſten Offizieren und tapferſten Soldaten hinweg. Die Neger, erbittert uͤber das Benehmen des Gouver⸗ neurs gegen Touſſaint, und ermuthigt durch den ſie⸗ chen Zuſtand der franzoͤſiſchen Armee, ſtanden uͤber⸗ all auf. Es entbrannte ein Krieg, deſſen Graͤuel zu ſchildern gluͤcklicherweiſe nicht zu unſerer Aufgabe ge⸗ hoͤrt. Die Grauſamkeit, die man von den wilden, kaum erſt vom Sklavenjoche befreiten Afrikanern er⸗ warten mußte, theilte ſich auch den civiliſirten Fran⸗ zoſen mit. Wenn jene ihren Gefangenen mit Korkziehern die Augen ausriſſen, ſo erſaͤuſten dieſe 107 die ihrigen zu Hunderten, was an die republikaniſche Taufe von Carrier erinnerte und eine„Deportation in die See“ genannt wurde. Bei andern Gelegen⸗ heiten wurden die Neger in den Schiffsraͤumen auf⸗ einandergeſchichtet und mit Schwefeldaͤmpfen erſtickt. Das Reſultat dieſer hoͤlliſchen Kriegfuͤhrung war, daß die Neger durch die Grauſam keit der Franzoſen nicht geſchreckt, ſondern wuͤthend gemacht wurden, und daß die lezteren durch die Seuchen und das ſtete Gefecht ſo ſehr zuſammenſchmolzen, daß ſie ſich kaum mehr in den Slaͤdten behaupten konnten und auf die Wiedereroberung der Inſel verzichten muß⸗ ten. General Rochambeau, Leclerc's Nachfolger, ſah ſich zulezt genoͤthigt, die Truͤmmer jener ſchoͤnen Ar⸗ mee dadurch zu retten, daß er ſich am iſten Decem⸗ ber 1803 einem engliſchen Geſchwader auf Diseretion ergab. So ging die reichſte Kolonie Weſtindiens gaͤnzlich fuͤr Frankreich verloren. Es wird ſich einſt zeigen, inwiefern die Eingebornen von Afrika, die im ausſchließlichen Beſiz von St. Domingo geblieben und in den Bereich der Civiliſation gekommen ſind, einen Staat nach unſern Begriffen zu bilden ver⸗ moͤgen.— Waͤhrend Buonaparte Allem auſbot, dieſe ſchoͤne Kolonie wieder an Frankreich zu bringen, war er zu⸗ gieich darauf bedacht, ſeine eigene Macht feſter zu begruͤnden. Was er erſtrebt hatte, blieb, ſo außer⸗ ordentlich es guch war, noch hinter ſeinen Wuͤnſchen 108. zuruͤck. Er war im vollen Beſiz der koͤniglichen Ge⸗ walt und hatte ſeit ſeiner Ernennung zum lebens⸗ laͤnglichen Konſul mit jedem Tage mehr auch den Pomp der Koͤnigswuͤrde angenommen. Die Tullle⸗ rien waren jezt, wie ehedem, von außen mit Gar⸗ den umringt und innerhalb mit Hoͤflingen angefuüllt. Das alte Hofceremoniel kam wieder auf, und Buo⸗ naparte, der die Menſchen kannte, ließ es an nichts fehlen, wodurch die Fuͤrſten der Erde ihre Macht zu verſtaͤrken pflegen. Aber noch blieb viel zu thun uͤbrig. Er beſaß die hoͤchſte Gewalt nur als eine Lelbrente. Er konnte in ſeinem lezten Willen allerdings daruͤber verfuͤgen; allein auch ſelbſt der lezte Wille der Kö⸗ nige iſt nicht ſelten unbeach tet geblieben, und auf je⸗ den Fall kommt dieſes Recht doch nicht dem Erbrecht einer Krone gleich, das durch die Geburt von einem Beſitzer auf den andern uͤbergeht, und dem Herr⸗ ſcherſtamme gewiſſermaßen Unſterblichkeit verleiht. Auch kannte Buongparte den Zauber, der von dem Namen ausgeht. Der Titel eines erſten Konſuls ſchloß nicht nothwendig den Vegriff der Souveraini⸗ taͤtsrechte in ſich— er konnte Alles, aber auch nichts bedeuten, und in der gewoͤhnlichen Sprache verſteht man darunter eben ſo gut die ehemaligen, auf ein Jahr beſtellten Haͤupter der roͤmiſchen Republik, die der Welt geboten, als den unbedeutenden Agenten der in einem auswaͤrtigen Seehafen uͤber Handels⸗ angelegenheiten entſcheidet. Es waren damit keine 1⁰9 beſtimmten Begriffe von Gewalt und Rechten unah⸗ aͤnderlich verbunden. Buongparte hatte gegen ſeinen bisherigen Titel noch manches andere einzuwenden. Einen erſten Konful dachte man ſich in Verbindung mit zwei andern, die zwar bei weitem nicht auf der⸗ ſelben Hoͤhe wie Napoleon, aber doch auf den Stu⸗ fen des Thrones und ihm naͤher ſtanden, als ihm lieb ſeyn mochte. Sodann erinnerte dieſes Wort eben wegen ſeiner neuen Anwendung an eine neu aufgekommene, in der Revolution entſtandene Re⸗ gierung, was Napoloen fuͤr geſaͤhrlich hielt, well, was kaum begonnen, hinfaͤllig und als eines der vie⸗ len flaͤchtigen Phantome, die aus dem Revolutions⸗ keſſel hervorgegangen waren, erſcheinen mußte. Die Politik rleth ihm, die in Europa ſchon laͤngſt herge⸗ brachten Formen zu beachten, die in dem groͤßten Theile der Welt am laͤngſten beſtandene, am beſten bekannte Regierungsform wieder herzuſtellen, den Titel und die Rechte eines Monarchen anzunehmen und als ſolcher ſich den alten und anerkannten euro⸗ paͤiſchen Haͤuptern anzuſchließen. Eine ſolche Neuerung durfte nur mit der aͤußer⸗ ſten Vorſicht verſucht werden, da, wenn ſie gelang, die franzoͤſiſche Nation dem Vorwurfe nicht entgehen konnte, den Abkommling ihrer alten Herrſcher go⸗ mordet, taufend Verbrechen begangen und unſaͤgki⸗ ches Elend erduldet zu haben, einzig aus Haß gegen die Krone, die jezt doch wieder einem gluͤcklichen 110 Soldaten verliehen werden ſollte. Ehe er daher ei⸗ nen ſo gewagten Schritt that, der, waͤre es auch nur Schanden halber, großen Widerſtand hervorrufen mußte, ſuchte Buonayarte durch jedes ibm zu Ge⸗ bot ſtehende Mittel die von ihm geſchaffene Regie⸗ rung zu beſeſtigen. 3 Die Armee ward mit Sorgfalt neu geſtaltet und ſo viel wie moͤglich zu der ſeinigen gemacht. Die franzoͤſiſchen Soldaten, die in der Macht Napoleon’s das Werk ihrer Siege ſahen, waren im Ganzen ge⸗ nommen ſeiner Sache ergeben, ungeachtet des Nuh⸗ mes von Moreau, der unter ihnen noch manche An⸗ haͤnger zaͤhlte. Die Konſulargarde, ein bevorrechte⸗ tes und auserleſenes Truppenkorps, ward auf die Anzahl von ſechstauſend Mann gebracht. Dieſe furcht⸗ baren Legionen, die aus allen Waffengattungen be⸗ ſtanden, waren nach und nach errichtet und den ſoge⸗ nannten Guiden nachgebildet worden, einer Schaar, deren ſich Buonaparte in ſeinen erſten italleniſchen Feldzuͤgen zunaͤchſt zur Sicherung ſeiner eigenen Per⸗ ſon gegen herumſtreifende feindliche Truppen, die einigemal nahe daran waren, ihn aufzuheben, bedient hatte. Die weit zahlreicheren Garden ſollten dage⸗ gen auch weit mehr leiſten. Als auserleſene, beſſer beſoldete und in mancher Hinſicht bevorrechtete Sol⸗ daten hatten ſie vor der ganzen Armee etwas voraus. Wenn die uͤbrigen Truppen Mangel litten, wurden die Garden noch immer ſo gut es anging verpflegt III und ſtets ſchlagfertig gehalten, nur in den wichtig⸗ ſten Faͤllen, ſelten im Anfange eines Gefechts, mei⸗ ſtens als Reſerve unter den Augen Napoleon's ver⸗ wendet. Mit ihnen that er gewoͤhnlich jenen ent⸗ ſcheidenden Schlag, der ihm ſo oft in dem kritiſchen Augenblicke den Sieg gab, wo dieſer ſich ſchon auf die Seite des Feindes zu neigen ſchien. Beſſer als die uͤbrigen Soldaten ſich duͤnkend, gewoͤhnt, von Na⸗ poleon unmittelbar befehligt zu werden, waren ihm ſeine Garden gaͤnzlich ergeben. Ein Truppenkorps, von ſolchen Geſinnungen beſeelt, konnte ohne Zweifel als eine furchtbare Schuzwehr des Throns gelten, den er zu beſteigen gedachte. Auf die Ergebenheit dieſer Legionen und ſeiner Soldaten uͤberhaupt gruͤndete Buonaparte ſeine Macht, wie kein Herrſcher vor ihm. Dies war aber fuͤr ihn noch nicht genug; er ſah ſich auch noch nach andern Anhaͤngern um. Die Ehrenlegion war beſtimmt, eine ibeſondere Klaſſe von Privilegirten zu bilden, die er durch Gnaden⸗ und Ehrenbezeigungen an ſein Intereſſe feſſeln wollte. Dieſes zu großer politiſcher Wichtigkeit gelangte Inſtitut entſprang aus der ſchon fruͤhe von Napoleon befolgten Sitte, Militaͤrs von jedem Range, die ſich durch irgend eine tapfere That ausgezeichnet hatten, von Staatswegen einen Saͤbel, ein Gewehr, oder irgend eine Waffe zur Belohnung und Auerkennung ihres Verdienſtes zu verleihen. Solche oͤffentliche 11² Belohnungen thaten große Wirkung; diejenigen, de⸗ nen ſie zu Theil geworden, beſtrebten ſich, derſelben wuͤrdig zu blelben, und es gab Hunderte und Tau⸗ ſende, welche die gleiche Auszeichnung zu verdienen eifrigſt bemuͤht waren. Buonaparte kam nun auf den Gedanken, alle ſolchergeſtalt beehrten Individuen in eine Koͤrperſchaft zu vereinigen, die in manchen Stuͤ⸗ cken den Rittervereinen glich, die im Mittelalter das Gefolge der großen Feudalherren bildeten, und noch, obwohl in einer veraͤnderten Form, bis auf den heutigen Tag beſtehen. Die ſogenannten Ritter⸗ orden waren jedoch ganz im feudalen Geiſte gedacht, es konnten und ſollten nur Perſonen von vornehmer Geburt darin aufgenommen werden. Buonaparte wollte dagegen dieſe Beehrung auf Perſonen von jedem Range ausdehnen, nach derſelben Idee, nach welcher die Denkmuͤnzen, die bei gewiſſen Gelegen⸗ heiten ausgetheilt werden, ſie moͤgen nun aus Gold oder Silber, oder aus gemeinem Metalle beſtehen, doch daſſelbe Gepraͤge tragen. Die Grundzuͤge diefes Inſtituts waren die folgenden: Die Ehrenlegion ſollte aus einem großen Ver⸗ waltungsrathe und fuͤnfzehn Kohorten beſtehen, die jede ihr beſonderes Hauptquartier in irgend einer bedeutenden Stadt der Republik hatte. Der Ver⸗ waltungsrath zaͤhlte außer den drei Konſuln noch vier andere Mitglieder, und zwar einen Senator, ferner ein Mitglied des geſezgebenden Körpers des ri 113 Tribunats und des Staatsraths, die von den Ko⸗ horten, zu denen ſie gehoͤrten, gewaͤhlt feyn muß⸗ ten. Anſpruͤche auf den Orden gaben ausgezeich⸗ nete Verdienſte, ſowohl im Ckvil⸗ als im Militaͤr⸗ fache; in Beziehung auf die Auswahl der Mitglieder galten verſchledene Vorſchriften. Der erſte Konſul war, als ſolcher, von Recheswegen Generalkapitain der Legion und Praͤſident des Verwaltungsraths. Jede Kohorte ſollte aus ſieben Großoffizieren, zwanzig Commenthuren, dreißig Subalternoffizieren und 350 Legionaͤrs beſtehen. Sie waren auf Lebenszelt ernannt und hatten ein bedeutendes Elnkommen, die Groß⸗ offiztere eine Rente von 5000, die Commenthure von 2500, die Offtziere von 1000 und die Legioners von 250 Franken. Sie mußten auf ihre Ehre ſchwö⸗ ren, die Regierung Frankreichs und die Unveraͤußer⸗ lichkeit ſeines Gebiets zu vertheidtgen, durch jedes geſezliche Mittel die Wiederherſtellung der Feudal⸗ einrichtungen zu bekaͤmpfen und die Grundſaͤze der Freiheit und Gleichheit zu wahren. n Durch dieſe lezten Worte, die nach ihrem wah⸗ ren Sinne die hoͤchſte politiſche und moraliſche Wahr⸗ heit ausdruͤckten, in Frankreich aber fruͤher zur Rechtfertigung der abſcheulichſten Grauſamkeiten miß⸗ braucht worden waren, und ſpaͤter nur noch als Re⸗ irre fuͤhren. Ihre Anzahl war nun zwar ſehr her⸗ W. Seott's Werte. Nl.lI. 8 114 abgeſchmolzen; allein ſie hatten in ihrer Schwaͤche den Lehren der Klugheit und der Erfahrung Gehoͤr gegeben, und ſcheinen unter Verzichtung auf jene aufgeblaſenen, irrigen, ungereimten und dem Lande ſo verderblich gewordenen Anſpruͤche ſich vorgenom⸗ men zu haben, mit eben ſo viel Nachdruck als Maͤßigung die Sache einer praktiſchen und zweck⸗ maͤßigen Freiheit mit allen den Mitteln zu ver⸗ theidigen, die dem Tribunat und der geſezgebenden Verſammlung verfaſſungsmaͤßig zu Gebote ſtanden. Unter den Staatsmaͤnnern, die ſich zu einer Oppoſition verbanden, welche, der engliſchen nach⸗ gebildet, die vollziehende Gewalt in ihren Verirrun⸗ gen nur zurechtweiſen, keineswegs aber den Unter⸗ gang derſelben bezwecken ſollte, kefanden ſich Ben⸗ jamin Conſtant, fruͤhe ſchon durch Talente und Be⸗ redtſamkeit ausgezeichnet, Chenier, Verfaſſer der Marſeiller Hymne, Savoye⸗Rollin, Chauvelin und Andere, unter denen Carnot der ausgezeichnetſte war. Dieſe Staatsmaͤnner hatten ohne Zweifel ge⸗ lernt, daß es in menſchlichen Angelegenheiten beſſer ſey, nach einem minderen, aber erreichbaren Guten zu ſtreben, als nach einer Vollkommenheit, die ſich doch nicht erſchwingen laͤßt. Die meiſten von ihnen erkannten die Regierung von Buonaparte als ein nothwendiges Uebel zur Bezaͤhmung der Faktionen, die Frankreich nach wie vor zerriſſen und in die kläͤglichſte Anarchie geſtuͤrzt haben warden. Sie dach⸗ 115 ten alſo durchaus an keine Verſchwoͤrung und er⸗ blickten das Land gleichſam in einer Lage, wo es, wie ein verwundeter Krieger ſeine Waffen, einſt⸗ weilen ſeine Anſpruͤche fahren laſſen mußte; ſie hoff⸗ ten aber, daß Frankreich, erſtarkt und ermuthigt durch die Ruhe, dereinſt mit beſſerem Erfolg auf ſeiner Befreiung von einem militaͤriſchen Joche be⸗ ſtehen werde. Einſtweilen hielten ſie es fuͤr Pflicht, unter Bezeigung der groͤßten Achtung gegen die Re⸗ glerung und gegen den erſten Konſul das Ober⸗ haupt derſelben, den oͤffentlichen Geiſt zu beleben und, ſo weit es anging, den Eingriffen des Herr⸗ ſchers zu widerſtehen. Es ward ihnen aber nicht lange vergoͤnnt, den rechten Weg, den ſie mit ſo vieler Beſonnenheit eingeſchlagen hatten, zu ver⸗ folgen; gewiß iſt es indeſſen, daß die politiſchen Debatten in Frankreich nie auf eine ſo anſtaͤndige und wuͤrdige Weiſe gefuͤhrt worden ſind. Die Op⸗ poſitklon— wie man ſie nennen kann— hatte gegen das lebenslaͤngliche Konſulat von Buonagparte nichts eingewendet, entweder um den Schein zu vermeiden, als wollten ſie ihn perſoͤnlich beleidigen, oder aus Furcht, nicht gehoͤrig unterſtuͤzt zu werden, und in der Ueberzeugung, daß bei dem Streben nach einem doch nicht erreichbaren Ziele nichts Erſprießliches her⸗ auskommen wuͤrde; die Errichtung der Ehrenlegion dagegen bot ihnen eine günſtigere Gelegenheit dar, ihre Widerſpruchstaktik zu verſuchen. 8.. 116 Roͤberer, der dieſe Maßregel im Tribunat zur Sprache brachte, gab ſich alle Muͤhe, dieſelbe in dem vortheilhafteſten Lichte darzuſtellen. Sie ſey, bemerkte er, auf den 832ſten Artikel der conſtitu⸗ tionellen Zuſage gegruͤndet, nach welchem den Krie⸗ gern, die ſich im Dienſte des Vaterlandes ausge⸗ zeichnet, Nationalbelohnungen bewilligt werden ſoll⸗ ten. Nach ihm war der in Vorſchlag gebrachte Orden eine moraliſche Inſtitution, ganz darauf berechnet, die Vaterlandsliebe und den Kriegsmuth der Fran⸗ zoſen auf das Hoͤchſte zu ſteigern— eine Muͤnze, ganz verſchleden von der, die der Staatsſchaz in Umlaufe bringe, und weit werthvoller als dieſe— ſelbſt ein Schaz, der feinen Werth nie verlleren koune und ganz unerſchopflich ſey, da er in dem natkonalen Ehrgefuͤhl ſeine Quelle habe. — Rollin und Andere erwiederten dagegen, daß durch dieſen Vorſchlag die oͤffentliche Freiheit ge⸗ faͤhrdet werde. Er ſey, ſagten ſie, im Widerſpruch mit dem conſtitutionellen Artikel, auf den man ſich berufe, in ſoferne dadurch das Kapital der Beloh⸗ nungen, mit welchen jener Artikel haushaͤlterlſch zu verfahren gebiete, erſchoͤpft werde. Wenn dem be⸗ reits beſtehenden Verdienſte alles, was verfuͤgbar ſey gegeben werden ſolle— frugen ſie— was denn zur Belohnung kuͤnftiger Verdienſte noch uͤbrig bleibe, als etwa die Aufnahme in den Orden, im Falle einer vielleicht erſt ſpaͤt eintretenden Erledigung?— Ein 117 Hauptgrund aber, auf den man ſich berief, war der, daß die Bildung einer mit großen Vorrechten und einem anſehnlichen Gehalte ausgeſtatteten, von der uͤbrigen Nationalmacht durchaus geſchiedenen mili⸗ taͤriſchen Koͤrperſchaft eine unmittelbare Verlezung des heiligen Grundſazes der Gleichheit ſey. Einige tadelten die Zulaſſung von buͤrgerlichen Beamten in ein militaͤriſches Inſtitut. Andere meinten, der vorgeſchriebene Eid ſey wenigſtens uͤberfluͤſſig, wenn nicht laͤcherlich; ſie begriffen nicht, wie die Mit⸗ glieder der Ehrenlegion mehr als andere Staats⸗ buͤrger verpflichtet ſeyn koͤnnten, dem Staate zu dienen und uüber die Conſtitution zu wachen, oder was ſie in Beziehung auf den leztern Zweck denn eigentlich thun ſollten.— Noch andere Gruͤnde wur⸗ den angefuͤhrt; den bedeutendſten von allen aber be⸗ hielt man im Sinne, ohne denfelben auch nur an⸗ zudeuten— wir meinen den neuen Zuwachs von Macht, den der erſte Konſul dadurch erha lten mußte daß er uͤber die neuen Beehrungen nach Gefallen verfuͤgen und ſolchergeſtalt ein Korps von Satelliten bilden konnte, die ganz von ihm abhingen und aus deu tuͤchtigſten und tapferſten Subjekten des ganzen Reichs gewaͤhlt waren. Die Ehrenlegion ging endlich im Tribunat mit 56 Stimmen gegen 38, und in der geſezgebenden Verſammlung mit 165 gegen 110 durch. Eine ſo ſtarke Oppoſition beweist den Muth der Widerſacher; 118 allein dieſe befanden ſich in einer ſo iſolirten, vom Volke ſo gaͤnzlich geſchiedenen Stellung, ſie waren aller conſtitutionellen Garantien ſo gaͤnzlich beraubt, daß ihr Widerſtand, ſo ſehr er ihnen auch zur Ehre gereicht, ohne Erfolg blieb und der Nation bnnch. aus keinen Vortheil brachte. Inzwiſchen hatte Buonaparte ſich tief in audere Intriken eingelaſſen, durch welche er ſeine Herrſcher⸗ gewalt mehr mit derjenigen der andern europaͤiſchen Monarchen in Einklang bringen wollte, als es bis⸗ her der Fall geweſen war. Zu dieſem Ende ward unter Vermittlung des preußiſchen Miniſters von Haugwitz, durch das Organ des Hrn. von Meyer, Regierungspraͤſidenten zu Warſchau, dem Grafen von Provence(Ludwig XVIII.) das Anſinnen gemacht, zu Gunſten des gluͤcklichen Feldherrn, der den Thron im Beſiz habe, auf denſelben zu verzichten, wofuͤr die verbannten Prinzen in Italien die reichſte Ent⸗ ſchaͤdigung erhalten ſollten. Die Antwort Ludwigs zeugte von Maͤßigung, Verſtand und jener Feſtig⸗ keit des Charakters, die ſeiner hohen Geburt und ſeinen rechtmaͤßigen Anſpruͤchen vollkommen angemeſ⸗ ſen waren.„Ich vermenge den Hrn. Buonaparte,“ ſagte der verbannte Monarch,„keineswegs mit ſeinen Vorgaͤngern, ich ſchaͤze ſeinen Muth und ſeine mili⸗ taͤriſchen Talente; ich bin ihm fuͤr manche ſeiner Re⸗ glerungshandlungen Dank ſchuldig, denn alles Gute, was meinem Volke erwieſen wird, kann ich nicht 119 umhin, als einen mir ſelbſt geleiſteten Dienſt an⸗ zuſehen. Allein er irrt gar ſehr, wenn er glaubt, daß meine Rechte je der Gegenſtand einer Ueberein⸗ kunft oder eines Vergleichs werden. Selbſt der Schritt, den er jezt thut, wuͤrde dieſelben beſtaͤtigen, wenn ſie je in Zweifel gezogen werden koͤnnten. Ich kenne die Rathſchluͤſſe Gottes in Beziehung auf mich und meine Familie nicht; dagegen weiß ich, welche Pflichten der Rang mir auferlegt, in welchem er mich hat geboren werden laſſen. Als Chriſt werde ich dieſe Pfllchten bis zu meinem lezten Athemzuge erfuͤllen. Als ein Abkoͤmmling des heiligen Ludwigs werde ich, wie er, mich ſelbſt zu achten wiſſen, auch wenn ich in Feſſeln laͤge. Als Nachfolger Franz I. will ich wenigſtens mit ihm ſagen koͤnnen:—„Alles iſt verloren, nur die Ehre nicht.“ So haben ſich die Prinzen des Hauſes Bourbon jederzeit uͤber dieſe Mittheilung geaͤußert, die am 26ſten Februar 1803 Statt gefunden haben ſoll. Buo⸗ naparte hat ganz richtig bemerkt, daß er durch einen ſolchen Schritt ſein eigenes, vom Volke ausgegan⸗ genes Recht in Zwelfel geſtellt haben wuͤrde, und laͤugnete deßwegen auch, an dieſer Verhandlung Theil genommen zu haben. Allein es laͤßt ſich erſtlich nicht wohl angehmen, daß die Famtlie Bourbon einen ſolchen Vorſchlag be⸗ kannt gemacht haben wuͤrde, wenn er nicht wirklich durch Herrn Meyer angebracht worden waͤre; eben ſo un⸗ 120 wahrſcheinlich iſt, daß Haugwitz ſich zu einer Unter⸗ handlung hergegeben haben wuͤrde, wenn der eine oder der andere nicht durch Buonaparte, der allein die Bedingungen eines ſolchen Vertrags erfuͤllen und Vortheil davon ziehen konnte, dazu veranlaßt wor⸗ den waͤre. Man kann zweitens es dahin geſtellt ſeyn laſſen, ob die angeblichen Rechte Napoleon's auf die hoͤchſte Gewalt durch die Einwilligung des Grafen von Provence nicht haͤtten verbeſſert werden kͤnnen, und gleichwohl hehaupten, daß die fragliche Verzichtleiſtung des Hauſes Bourbon, das in Frank⸗ reich noch viele Anhaͤnger zaͤhlte, fuͤr Napoleon von großem politiſchem Nutzen geweſen ſeyn wuͤrde. Es verlohnte ſich demnach gar wohl der Muͤhe, eine Un⸗ terhandlung zu verſuchen, die zu den groͤßten Re⸗ ſultaten fuͤhren konnte, und wir begreifen auch eben ſo leicht, daß Napoleon die ſtaͤrkſten Gruͤnde hatte, dieſelbe, als ſie mißlang, abzulaͤugnen, in ſoferne er dadurch die Schwaͤche ſeiner Anſpruͤche und das Recht des verbannten Fuͤrſten gewiſſermaßen anerkannte. Noch muͤſſen wir bemerken, daß Napoleon bis dahin eben keine beſondere Abneigung gegen die Fa⸗ milie Bourbon an den Tag gelegt, ſondern im Ge⸗ gentheil ihre Anhaͤnger mit vieler Milde behandelt und ſich uͤber ihre Anſpruͤche ſogar mit Achtung ge⸗ aͤußert hatte. Allein die Ablehnung einer Unter⸗ handlung mit Herrn Buonaparte, wenn gleich in ei⸗ ner ſehr gemaͤßigten Sprache, muß allem? Auſchein —— — — 121 nach einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben, und war vielleicht eine der entfernteren urſachen je⸗ nes tragiſchen Ereigniſſes, das ſich durchaus nicht voͤllig erklaͤren laͤßt— der Hinrichtung des Herzogs von Enghien. Ehe wir aber auf dieſen traurigen Flecken in der Geſchichte Napoleon's kommen, muſ⸗ ſen wir die Begebenheiten ſchildern, die auf den Wiederausbruch des Kriegs gefolgt ſind. Siebentes Kapitel. Gegenſeitige Gefühle Napoleon's und der brittiſchen Nation bei der Erneu rung des Kriegs.— Erſte feindſelige Maßregeln bei⸗ der Theile.— England jegt Beſchlag auf die in ſeinen Häfen befindlichen franzöſtſchen Fahrzeuge.— Napoleon hält dagegen brittiſche Unterthanen in Frankreich zurück.— Wirkungen die. ſer beiſpielloſen Maßregel.— Die Franzoſen beſetzen Hannoper und andere Plätze.— Das Landungsprojekt wird wieder vor⸗ 9 genommen. Der blutige Krieg, der auf den kurzen Frieden von Amiens folgte, entſprang— um uns der Worte jenes Satyrikers zu bedienen— aus Furcht, Eifer⸗ ſucht und ſtolzen Worten. Es gab keinen beſondern und beſtimmten Grund zum Streite, der durch Er⸗ klaͤrungen, Entſchuldigungen oder Zugeſtaͤndniſſe haͤtte beſeitigt werden koͤnnen. Die engliſche Nation war eiferſuͤchtig, und durch das bisherige Streben Napo⸗ 12² leon's nach der Univerſalherrſchaft nicht ohne Grund eiferſuͤchtig auf die ferneren Plane des franzoͤſiſchen Herrſchers geworden, und verlangte Buͤrgſchaften we⸗ gen der Eingriffe, die ſie befuͤrchtete— Buͤrgſchaf⸗ ten, deren Gewaͤhrung er unter ſeiner Wuͤrde hielt. Viele widerſtreitende Anſpruͤche waren eroͤrtert wor⸗ den, und da Buonaparte in der engliſchen Nation gleichſam ſeinen perſoͤnlichen Feind ſah, ſo fing dieſe hinwiederum an, ſeine Macht mit der Ruhe von Eu⸗ ropa und der Unabhaͤngigkeit Großbritanniens fuͤr ganz unvertraͤglich zu halten. Nach der Meinung Napoleon's nahmen ſich die engliſchen Kraͤmer und Handwerker, wie er ſie nannte, in Beziehung auf die eu⸗ ropaͤlſchen Angelegenheiten weit mehr heraus, als ih⸗ nen zukam. Er fuͤhlte etwas aͤhnliches wie Haman, als er den Mardochai vor der Koͤnigspforte ſitzen ſah; er fand kein Behagen mehr, ſo lange Großbritannien einen ſo hohen Rang unter den Nationen behauptete und es verſchmaͤhte, ihm ſeine Ehrfurcht zu bezeigen. Das engliſche Volk dagegen betrachtete ihn als ei⸗ nen uͤbermuͤthigen und ſtolzen Unterdruͤcker, der, wenn nicht die Macht, ſo doch den Willen hatte, Großbri⸗ tannien aus der Reihe der Nationen zu vertilgen und in ſchmaͤhliche Feſſeln zu legen. Als daher beide Nationen ſich zu gegenſeitigem Kampfe erhoben, benahmen ſie ſich wie zwei Streiter, deren Wuth durch gegenſeitige Vorwuͤrfe und Her⸗ ausforderungen auf das Hoͤchſte geſteigert iſt, und jede 123 that, was in ihren Kraͤften ſtand, um der andern recht wehe zu thun. d 22, S Msan England, zufolge ſeiner Ueberlegenheit zur See im Beſiz der gewaltigſten Angriffsmittel, nahm ſeine Maßregeln mit einer den umſtaͤnden angemeſſenen Entſchloſſenheit. Es wurden ungeſaͤumt die noͤthigen Befehle ausgefertigt, um die Uebergabe derjenigen Kolonien, die in Gemaͤßheit des Friedens von Amiens abgetreten werden ſollten, zu verhindern, und um durch einen Handſtreich diejenigen Niederlaſſungen, die ſich bereits im Beſiz der Franzoſen befanden, wieder zu nehmen. Frankreich dagegen, das mit glei⸗ cher Uebermacht auf dem Lande gebot, verſammelte auf ſeiner ausgedehnten Seekuͤſte zahlreiche Armeen, um, wie es ſchien, aus der ſchon fruͤher angedrohten Invaſion Ernſt zu machen. Buonaparte beſezte zu gleicher Zeir ohne weitere Umſtaͤnde das Gebiet von Neapel, Holland und andern Staaten, die England nicht ohne die groͤßten Beſorgniſſe in ſeinen Haͤnden ſehen konnte, damit erfuͤllt wuͤrde, was Talleyrand in ſeiner beruͤhmten Note bereits angedeutet hatte. Napoleon begnuͤgte ſich aber nicht damit, die ge⸗ woͤhnlichen Kriegsruͤſtungen auf das Aeußerſte zu trei⸗ ben; er ging noch weiter, um die ſeltſamſten und unge⸗ woͤhnlichen Repreſſalien zu uͤben, von denen das Kriegs⸗ recht der civiliſirten Nationen bisher nichts wußte, ein⸗ zig um ſeine Racheluſt zu befriedigen und die ohnehin ſchon ſo zahlreichen Uebel des Krieges noch zu vermehren. 124 England hatte, nach der in ſolchen Faͤllen allge⸗ mein uͤblichen Sitte, alle franzoͤſiſchen Schiffe, die ſich im Augenblick der Kriegserklaͤrung in ſelnen Haͤ⸗ fen befanden, in Beſchlag genommen und dadurch Fraukreich allerdings großen Schaden zugefügt. Buv⸗ naparte erwiederte dies auf eine hoͤchſt ſonderbare Weiſe dadurch, daß er alle Englaͤnder, die ſich zufaͤl⸗ ligerweiſe in Paris aufhielten oder die franzoͤſtſchen Provinzen bereiſten, verhaften ließ, was ſie, im Ver⸗ trauen auf das Voͤlkerrecht, nicht hatten vorausſehen koͤnnen. Man wollte dieſe beiſpielloſe Verletzung der Humanitaͤt ſowohl als der Gerechtigkeit anfangs durch den Umſtand beſchoͤnigen, daß einige der augegriffe⸗ uen Individuen milizpflichtig feyen und darum als Kriegsgefangene behandelt werden muͤßten. Aber dieſer nichtige Vorwand konnte die Feſtnehmung⸗von Englaͤudern jeden Standes, Ranges und Alters auf keine Weiſe rechtfertigen. Die Miniſter des orſten Konſuls hatten, wie es ſcheint, keinen Theil an die⸗ ſer Maßregel, indem Calleyrand ſelbſt, unter der Zuſage eines Schutzes, den er doch gewaͤhren konnte, einige Englaͤnder vermocht hatte, nach der Abreiſe dos engliſchen Geſandten noch laͤnger in Paris zu bleiben. Dieſe Verfügung war daher das Werknei⸗ nes rachſüchtigen, uͤbermuͤthigen, durch ſein ununter⸗ brochene s Gluͤck verwoͤhnten Mannes, der jeden Wi⸗ derſtand, jeden Widerſpruch mit einer bis an Wahn⸗ ſinu grenzenden Wuth zu ahnden wagte. X 1 125 Die Individuen, die durch dieſen willkuͤhrlichen und tyranniſchen Gewaltſtreich litten, wurden in je⸗ der Hinſicht als Kriegsgefangene behandelt und als ſolche ins Gefaͤngniß geſezt, wenn ſie anders nicht ihr Ehrenwort gaben, ſich in gewiſſen, ihnen bezeich⸗ neten Staͤdten und ſelbſt da nur innerhalb eines ge⸗ wiſſen Bezirks aufzuhalten. Das Ungluͤck, das fuͤr ſo viele Indlviduen aus dieſer graufamen Maßregel entſtand, laͤßt ſich gar nicht berechnen. Zwoͤlf Jahre, eine ſchoͤne Zeit, wur⸗ den dadurch aus dem Leben dieſer Eingebannten (Detenus), wie man ſie nannte, wenigſtens in Hin⸗ ſicht auf ihren Lebensplan und ihren gewaͤhlten Be⸗ ruf, geſtrichen. Manche wurden dadurch um alle ihre Ausſichten und Hoffnungen gebracht; Andere gewoͤhn⸗ ten ſich in den Tag hinein zu leben und wurden ih⸗ ren bisherigen Studien und aller Betriebſamkeit ent⸗ fremdet. Dieſe rohe Gewaltthat ſprach allen Gefuͤh⸗ len der Menſchlichkeit Hohn; du ch dieſe lange Tren⸗ nung zwiſchen Kindern, Gatten und Gattinnen muß⸗ ton die natuͤrlichſten zund zaͤrtlichſten Verhaͤltniſſe verlezt werden. nufnſt95 311738 1 bInd 736 Mit einem Wort, wenn es Napoleon's Abſicht warneiner gewiſſen Anzahl von Individuen, nur darum, weil ſie Englaͤnder waren, das groͤßte Leid zuzufuͤgen, ſo hat er ſeinen Zweck vollkommen erreicht; hoffte er aber noch etwas anderes dadurch zu bewirken, ſo hat er ſich gewaltig verrechnet. Wenn er nur heuch⸗ 1²6 leriſcherweiſe die Lelden dieſer ungluͤcklichen dem Starrſinn der engliſchen Miniſter Schuld gibt, ſo be⸗ dient er ſich ganz derſelben Logik, wie ein italleni⸗ ſcher Banditenhauptmann, der ſeinen Gefangenen mordet, und die Schuld dieſes Verbrechens auf die Verwandten des Gemordeten wirft, die den auf deſ⸗ ſen Leben geſezten Preis zu berichtigen verſaͤumt ha⸗ ben. Eben ſo unzulaͤßig iſt es, wenn er zur Recht⸗ fertigung dieſer Maßregel ſagt, er habe England da⸗ durch vermoͤgen wollen, kuͤnftig in aͤhnlichen Faͤllen die fremden Schiffe in ſeinen Haͤfen nicht mehr in Beſchlag zu nehmen. Dieſe That muß daher in der Geſchichte als eine jener Verfuͤgungen der unbaͤndig⸗ ſten Willkuͤhr bemerkt werden, durch welche Napoleon auf Koſten ſeiner Ehre und ſelbſt ſeines wohlverſtan⸗ denen Nutzens ſeine Leidenſchaft befriedigte. Die Feſthaltung von harm⸗ und wehrloſen Pri⸗ vatperſonen war eine Verletzung jener heiligen Hu⸗ manitaͤtspflichten, durch deren Beobachtung die Graͤuel des Krieges noch einigermaßen gemildert werden. Die Beſetzung von Hannover war dagegen eine Verletzung der deutſchen Reichsverfaſſung. Dieſes Erbtheil un⸗ ſerer Koͤuige hatte ſich in fruͤheren Kriegen der Vor⸗ theile der Neutralitaͤt zu erfreuen gehabt, weil man zwiſchem dem Kurfuͤrſten von Hannover, einem der großen Lehntraͤger des deutſchen Reiches, und dem Koͤnige von England einen billigen Unterſchied machte. Ilos der leztere befand ſich aber jezt mit Frankrelch 127 im Krieg. Allein Buonaparte wollte von einer ſolchen metaxhyſiſchen Unterſcheidung nichts wiſſen, und die deutſchen Fuͤrſten huͤteten ſich wohl, durch eine Be⸗ rufung auf die Verfaſſung und die Gerechtſame des deutſchen Reichs ſeine Ungnade auf ſich zu ziehen. Oeſterreich, das ſeine fruͤheren Verſuche, der Macht Frankreichs zu widerſtehen, ſo ſchwer hatte buͤßen muͤſſen, beſchraͤnkte ſeine Oppoſition auf kraftloſe Vorſtellungen, und Preußen war auf der Bahn ſeiner zaudernden und fuͤgſamen Politik ſchon zu weit ge⸗ gangen, um mit Napoleon noch brechen und das fruͤ⸗ her angeſtrebte Protektorat des noͤrdlichen Deutſch⸗ lands geltend machen zu koͤnnen. Da ſolchergeſtalt von Deutſchland nichts zu beſor⸗ gen war, ruͤckte Mortier mit einer in Holland und an der deutſchen Grenze bereits verſammelten Armee nach Hannover vor, wo unter den Befehlen St. koͤniglichen Hoheit, des Herzogs von Cambridge und des Gene⸗ rals Walmoden ein bedeutendes Truppenkorps zu⸗ ſammengezogen wurde. Es zeigte ſich indeſſen bald, daß das Kurfuͤrſtenthum, ſeinen eigenen Kraͤften uͤber⸗ laſſen, weder von England, noch von dem deutſchen Reiche unterſtuͤzt, keinen Widerſtand zu leiſten vermoͤ⸗ ge, und daß jeder Verſuch dieſer Art die Noth des Landes und die Bedraͤngniſſe ſeiner Bewohner nur vermehren wuͤrde. Aus Mitleid gegen die Hannovera⸗ ner fand ſich daher der Herzog von Cambridge bewo⸗ gen, die Erblaude ſeines vaͤterlichen Hauſes zu verlaſ⸗ 128 ſen, und General Walmoden mußte ſich zu einer Kon⸗ vention verſtehen, kraft welcher die Hauptſtadt des Kurfuͤrſtenthums mit allen ſeinen feſten Plaͤtzen den. Franzoſen uͤberlaſſen werden, und die hannoͤveriſche Armee ſich hinter die Elbe zuruͤckziehen mußte, unter der Bedingung, ſo lange nicht gegen Frankrelch und ſeine Alllirten zu dienen, bis ſie vorlaͤufig ausge⸗ wechſelt ſeyn werde. Da die brittiſche Regierung ſich weigerte, dieſe Konvention von Suhlingen, wie man ſie nannte, zu ratifickren ſo wurden die hannoͤveriſchen Truppen auf⸗ geſordert, ſich als Kriegsgefangene zu ergeben— eine harte Bedingung, die auf die entſchiedene Weigerung Walmoden's nur in ſo weit gemildert ward, daß ſich dieſe treuen und gepruͤften Truppen aufloͤſen, und ihre Waffen, Artillerie Pferde und militaͤriſchen Vor⸗ raͤthe an die Franzoſen uͤbergeben mußten. In ſei⸗ nem Bericht an den erſten Konſul ſagt Mortier, er habe durch dieſe milderen Bedingungen die Tapferkeit eines ungluͤcklichen Feindes ehren wollen; und er er⸗ waͤhnt mit glaubwuͤrdiger Ruͤhrung des Kummers des Generals Walmoden und der Verzweiflung der Soldaten von dem ſchoͤnen Regiment der hannoͤve⸗ riſchen Garde, als ſie abſitzen und ihre Pferde an die Franzoſen abgeben mußten. Von Hannover aus griffen die lezteren in Deutſch⸗ land noch weiter um ſich und legten den Hanſeeſtaͤd⸗ ten erzwungene Aunlehen und andere Laſten auf. Der 3 Kronprinz