Walter Scott's ſaͤmmtliche Wer k e. — Neu uͤberſetzt.. Ein und vierzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Zwoͤlfter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 18 2 7. Leben von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich, mit e'ner Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ . tion. 41 Von Walter Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Zwoͤlfter Theil. Sturtgart, bei Gebhruͤder Franckh. — Leben von Napoleon Buonaparte. * Erſtes Kapite l. Napoleon's Beſtreben, ſeine Macht zu befeſtigen.— Aeußerſt gün⸗ ſtiger Erfolg.— Urſachen davon— Cambaeérées und Lebrun als zweiter und dritter Konſul.— Talleyrand wird Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten, und Fouche Polizeiminiſter.— Karakter dieſer veiden— Die übrigen Miniſter.— Verſchiedene Vorkehrungen, zur Bezeichnung des Anfangs einer neuen Era.— Navoleon erläßt ein eigenhändiges Schreiben an den König von England.— Beantwortung deſſelben durch Lord Grenville.— Es kommt zu Friedensunterhandlungen, die jedoch ſchnell wieder abe gebrochen werden.— Feldzuge in Italien und am Rhein.— Getungene Unternebmungen Moreau's;— ſie werden von Na⸗ polfon als allzuvorſichtig getadelt.— Würdigung dieſes Ta⸗ dels.— Der erſte Konſul beſchließt, in eigener Perſon das Glück der franzöſiſchen Waffen in Iralien wieder herzunellen.— Seine Maßregein zum Behuf dieſes Zweckes.— ‚achdem Buonayarte aus den von Sieyos ent⸗ lehnten Bruchſtuͤcken ein neues Staatsgebaͤude, nicht 6 5 ſowohl nach monarchiſchen, als nach deſpotiſchen Grund⸗ ſaͤtzen, aufgefuͤhrt hatte, mußte er zunaͤchſt die Staats⸗ aͤmter mit Maͤnnern beſetzen, die der neuen Ord⸗ nung der Dinge hold waren; und er ließ ſich dieß auch ſehr angelegen ſeyn. Er wollte ſeine Dienſt⸗ maͤnner ſelbſt waͤhlen, und ſetzte ſich darum ganz uͤber den von Sieyes aufgeſtellten Grundſatz hinweg, nach welchem alle Staatsdiener aus den Verzeichniſſen ge⸗ zogen werden ſollten, die von den drei Klaſſen des hierarchiſch eingetheilten Frankreichs angef wa⸗ ren. Ohne das Eintreffen dieſer Wahlliſten aer war⸗ ten, einzig nach ſeinem Gntduͤnken und dem ſeiner Rathgeber, der zwei neuen Konſuln, verfahrend, er⸗ nannte Buonaparte ſechzig Senatoren, die hinwiede⸗ rum hundert Tribunen und dreihundert Geſetzgeber ernannten; und ſo wurden alle Staatsbehoͤrden durch eine Wahl beſetzt, die von der vollziehenden Gewalt ausging, ſtatt daß ſie mehr oder weniger unmittel⸗ bar vom Volke haͤtte geſchehen ſollen. In der Ausuͤbung der Vorrechte, die er ſich ſelbſt beigelegt hatte, zeigte der Oberkonſul— wie wir ihn fortan nennen werden— eine Maͤßigung, die eben ſo ſchlau als verſoͤhnend war. Er wollte den Schein vermeiden, als habe er ſeine Stellung ein⸗ zig ſeinem militaͤriſchen Karakter zu verdanken; er legte es im Gegentheil darauf an, ſich mit einer Par⸗ tei zu umgeben, in welcher der vorherrſchende Karak⸗ ter der Individuen, wie er auch geweſen ſeyn mochte, 7 ganz in dem neuen Syſteme aufgehen ſollte. So wirft der Kuͤnſtler, der ein Standbild gießen will, allerlei Metallſtuͤcke in den Schmelzofen, ohne auf ihre beſondere Geſtalt zu achten, weil es ſein Zweck iſt, dieſelben in eine Maſſe zu verſchmelzen und in eine beſtimmte Form zu bringen. Zufolge dieſer Maxime ſagte Napoleon zu Sieyes⸗ als dieſer die Anſtellung von Fouché mißbilligte:„Wir beginnen eine neue Zeitrechnung, und muͤſſen daher von dem Vergangenen das Schlimme vergeſſen⸗ und uns nur ves Guten erinnern. Zeit, Uebung in Ge⸗ ſchaͤften und Erfahrung haben manche tuͤchtige Maͤn⸗ ner gebildet und manchen Karakter modificirt.“ In dieſen Worten iſt der Grundſatz ſeines ganzen Sy⸗ ſtems ausgeſprochen. Buonaparte kuͤmmerte ſich we⸗ enig darum, was die Menſchen fruͤher geweſen, wenn ſie nur bereit waren, gegen reichlichen Lohn ſeinen Zwecken zu dienen. Das fruͤhere Benehmen talent⸗ voller Maͤnner, ſowohl in politiſcher als in moraliſcher Hinſicht, kam nicht in Betracht, wenn ſie ſich nur in die neue Ordnung der Dinge fuͤgten, und derſelben Treue gelobten. Die Strafloſigkeit fuͤr das Vergan⸗ gene, die Ausſicht auf Belohnungen in der Zukunft konnten ihre Wirkung auf den großen Haufen, der ſich nach Ruhe ſehnte, und auf die Individuen, die in der Revolution durch Hoffnung und Furcht ſo ge⸗ waltig aufgeruͤttelt worden waren, nicht verfehlen. Die Konſularregierung glich einer allgemeinen un⸗ 8 heiligen Zufluchtsſtaͤtte fuͤr Perſonen von den verſchie⸗ denſten Meinungen und Praͤdikaten; man verlangte nichts von ihnen, als daß ſie fuͤr die ihnen gewaͤhrte Sicherheit der vorſitzenden Gottheit huldigen ſollten. Das Syſtem Napoleon's war ſo ſchlau berechnet, daß jedermann etwas darin fand, das ſeinen Gewohn⸗ heiten, ſeinen Gefuͤhlen oder ſeinen Verhaͤltniſſen entſprach, vorausgeſetzt, daß er ſich dazu entſchließen konnte, demſelben den weſentlichſten Theil ſeiner po⸗ litiſchen Grundſaͤtze zum Opfer zu bringen. Dem Royaliſten gab dieſes Syſtem wieder die monarchi⸗ ſchen Formen, einen Hof und einen Herrſcher, nur mußte er in Buonaparte den letztern anerkennen; dem Diener der Kirche oͤffnete es wieder die Pfor⸗ ten der Tempel; es machte der Tyrannei verfolgungs⸗ ſuͤchtiger Philoſophen ein Ende, und ließ in der Zu⸗ kunft eine Nationalkirche hoffen, aber das Bildniß Napoleon's mußte zunaͤchſt dem Altare ſtehen;— der bluttriefende Jakobiner entging dadurch der Rache der Ariſtokratie, die er in der letzten Zeit ſo ſehr ge⸗ fuͤrchtet hatte;— der Koͤnigsmoͤrder erhielt eine Buͤrgſchaft gegen die Ruͤckkehr der Bourbons; dieje⸗ nigen, die in der Revolution als Kaͤufer von Natio⸗ nalguͤtern gewonnen hatten, durſten nicht befuͤrchten, dieſelben wieder erſtatten zu muͤſſen. Dafuͤr aber mußten ſich die ehemaligen Demokraten verbindlich machen, der Freiheit und Gleichheit nie wieder zu erwaͤhnen; jene Grundſaͤtze die man durch Confisca⸗ —— —,— 4 — 9 tion und Todesſtrafen hatte geltend machen wollen, durften fortan nicht mehr angerufen werden. Dieſe, wie alle anderen Parteien ließ Napoleon daſſelbe unter derſelben Bedingung hoffen:„Solches alles will ich euch geben, ſo ihr vor mir niederknieen und mich anbeten wollet!“ Bald darauf ſah er ſich in Stand geſetzt, die Verſuchung auf das hoͤchſte zu ſtei⸗ gern, und denen, die er gewinnen wollte, die Laͤnder der Erde zu zeigen, mit dem Verſprechen, ſie der Herr⸗ ſchaft Frankreichs zu unterwerfen, wobei er jedoch unbedingten Gehorſam fuͤr ſeine Befehle, und eine faſt goͤttliche Verehrung ſeiner Perſon in Anſpruch nahm. Da das Syſtem Napoleon's viele Schlauheit mit ſcheinbarer Großmuth und Freiſinnigkeit verband, ſo fand es großen Beifall in Frankreich, als es dem Scheine nach dem Volke zur Genehmigung vorgelegt wurde. Der Muth der Nation war durch die Wech⸗ ſel, die Leiden, die Kriege und die Verbrechen ſo vieler Jahre gebrochen; und in Frankreich, wie in al⸗ len durch innere Unruhen und Buͤrgerkrieg erſchoͤpf⸗ ten Laͤndern, ſtanden die Parteien zunaͤchſt dem Zeit⸗ punkte, wo die Kriſe des militaͤriſchen Deſpotismus eintritt. Die Reichen hielten es mit dem erſten Kon⸗ ſul, weil ſie Schutz, die Armeen, weil ſie Huͤlfe von ihm erwarteten; ein Theil der Emigranten, um nach Frankreich zuruͤckkehren zu duͤrſen, und die Revolu⸗ tionsmaͤnner, um nicht daraus verbannt zu werden; 10 die Leichtſinnigen und Muthigen ſammelten ſich um ſeine Fahnen, in Siegeshoffnung, und die Furchtſa⸗ men verkrochen ſich hinter dieſelben, um ſicher zu ſeyn. Rechnet man hiezu noch den großen Haufen derer, die der Meinung Anderer folgen, und den naͤch⸗ ſten und am meiſten betretenen Weg einſchlagen, ſo iſt es eben kein Wunder, daß der 18te Brumaire mit ſeinen Folgen die allgemeine Zuſtimmung des Volkes erhielt. Fuͤr die Konſularregierung, oder die ſogenannte Verfaſſung des Jahres acht, ſtimmten bei⸗ nahe vier Millionen Buͤrger, das heißt, bei weitem mehr als fuͤr irgend eine der fruͤhern Verfaſſungen. Dieſe Abſtimmung war freilich nur eine Poſſe, wenn man bedenkt, wie viele Verfaſſungen in einem ſo kurzen Zeitraume angenommen und beſchworen wor⸗ den waren; da aber die Zahl der beifaͤlligen Stim⸗ men mehr als das Doppelte derjenigen betraͤgt, die zu Gunſten der Verfaſſungen von 1793 und vom Jahre drei ausſielen, ſo dient dieſes zum Beweis, daß das Syſtem Napoleon's bei weitem das volks⸗ thuͤmlichere war. Zu den vier Millionen, die ſich ausdruͤcklich fuͤr die neue Konſularverfaſſung erklaͤrt hatten, muͤſſen auch noch die Hunderttauſende und die Millionen gezaͤhlt werden, die ſich entweder um die Form der Regierung gar nicht bekuͤmmerten, wenn ſie nur Ruhe und Schutz unter ihr fanden, oder die, obgleich ſie andere Gewalthaber vorgezogen haͤtten, doch geneigt —— ᷣ—— —,— 11 waren, ſich derjenigen Partei zu unterwerfen, welche die Gewalt in den Haͤnden hatte. unter ſolchen Umſtaͤnden war Napoleon in der Wahl ſeiner Diener nicht beengt, und er wußte dieſe mit einem Kennerauge zu waͤhlen, und die Gewaͤhl⸗ ten mit einer Kunſt an ſich zu feſſeln, wie es viel⸗ leicht noch kein Sterblicher gekonnt hat. Fruͤhere Verbrechen oder Verirrungen kamen dabei nicht in Betracht; und in manchen Faͤllen haͤtte man das Ver⸗ haͤltniß des erſten Konſuls zu ſeinen Miniſtern mit den Heirathen zwiſchen den ſpaniſchen Pflanzern und jenen ungluͤcklichen Weibsbildern, die als der Ab⸗ ſchaum des Mutterlandes nach den Kolonien gebracht werden, vergleichen koͤnnen.„Ich frage Dich nicht,“ ſagte jener Buͤffeljaͤger zu dem Weibe, das er ſich aus einer ſolchen Laſterfracht ausgewaͤhlt hatte,„ich frage Dich nicht, was Du bisher getrieben haſt; aber fortan ſiehe Dich fuͤr, oder dies,“ auf ſeine Buͤchſe weiſend—„ſoll Dich Ordnung lehren!“ Zum zweiten und drirten Konſul waͤhlte Buona⸗ parte Cambacérès, einen Rechtsgelehrten und Mit⸗ glied der gemaͤßigten Partei, und Lebrun, der fruͤ⸗ her ein Gehuͤlfe von Maupeau war. Des erſten be⸗ diente ſich der Oberkonſul, um mit den Revolutions⸗ maͤnnern,— des zweiten, um mit den Royaliſten Verbindungen anzuknuͤpfen. Und obgleich beide, wie Frau von Staél bemerkt, uͤber denſelben Texrt ſehr verſchieden predigten, ſo gelang es ihnen doch, Maͤn⸗ 12 ner von beiden Parteien zu der dritten oder Regie⸗ rungspartei zu bekehren, welche ſolchergeſtalt aus den Ueberlaͤufern von beiden gebildet wurde. Dieſe Ueber⸗ laͤufer wurden bald ſo zahlreich, daß Buonaparte nachgerade das Schaukelſyſtem, wodurch ſich⸗ ſeine Vorgaͤnger, die Direktoren, allein behauptet hatten, aufgeben konnte. In Beziehung auf die Miniſter befolgte Napo⸗ leon denſelben Grundſatz, indem er die faͤhigſten Maͤn⸗ ner ausſuchte und fuͤr ſich gewann, ohne ſich um ihr vorheriges Benehmen zu bekuͤmmern. Zwei davon, Talleyrand und Fouché, zeichneten ſich durch unge⸗ meine Talente und große Erfahrung ganz beſonders aus. Der erſte, von adeliger Geburt und Biſchof von Autun, hatte ſich, ungeachtet ſeines hohen Ranges in der Kirche und im Staate, tief in die Revolution eingelaſſen. Sein Name war auf die Emigranten⸗ liſte geſetzt, aber von der Direktorialreglerung, unter der er zum Miniſter der auswaͤrtigen Angelegenhei⸗ ten ernannt wurde, wieder geſtrichen worden. Er legte dieſes Amt im Sommer vor dem idten Bru⸗ maire nieder, und Napoleon, der ihn mit dem Di⸗ rektorlum entzweit ſah, ſetzte ſich gerne uͤber eini⸗ ges, was er an ihm auszuſtellen hatte, hinweg, und warb ſich fuͤr ſeinen Dienſt einen geſchickten und ge⸗ ſchmeidigen Politiker und einen erfahrnen Miniſter⸗ der, wie man ſagt, das Vergnuͤgen liebt, nicht un⸗ zugaͤnglich fuͤr den Eigennutz iſt, nicht eben feſt an 13 Grundſaͤtzen haͤngt, dem aber an Geſchicklichkeit viel⸗ leicht keiner gleich kommt. Talleyrand erhielt nach einer kurzen Friſt, die man verſtreichen ließ, um ſei⸗ anen auffallenden Antheil an dem ſkandaldſen Ver⸗ trage mit den amerikaniſchen Bevollmaͤchtigten bei dem Publikum in Vergeſſenheit zu bringen, wieder die Stelle eines Miniſters der auswaͤrtigen Angele⸗ genheiten, und blieb ziemlich lange einer der vertrau⸗ teſten Anhaͤnger Napoleon’s. Wenn Talleyrand ſich nicht durch patriotiſche Tugenden und ſtrenge Redlichkeit auszeichnete, ſo ſtand dagegen Fouché in dieſer Beziehung noch weit mehr im Schatten. Er hatte an den aͤrgſten Verfuͤ⸗ gungen der Schreckensregierung, und an den graͤulichen Verbrechen, die in dieſer ungluͤcklichen Periode ver⸗ uͤbt wurden, Theil genommen. Zur Zeit des Direk⸗ toriums ſoll er bei den damals üblichen Unterſchlei⸗ fen, durch Lieferungskontrakte und durch Spekulatio⸗ nen mit Staatspapieren, bedeutende Summen ge⸗ wonnen haben. Um den Flecken eines durch Treu⸗ loſigkeit, Kaͤuflichkeit und Fuͤhlloſigkeit geſchaͤndeten Charakters zu ſuͤhnen, bewies Fouché in dem Dienſte Rapoleon's eine, ſo lange das Gluͤck des erſten Kon⸗ ſuls nicht zu wanken begann, unerſchuͤtterliche Erge⸗ benheit, die, da er die revolutionaͤre Taktik und die faͤhigſten Revolutionsmaͤnner genau kannte, ſeinem Gebieter ſehr zu Statten kam. Unter Barras als Chef der Polizei angeſtellt, war er im Stande, beſſer —:— 14 als irgend jemand in Frankreich, die verſchiedenen Par⸗ teien, in die dieſes Land zerfallen war, ihre Zwecke, ihre Huͤlfsquellen, den Karakter ihrer Fuͤhrer und die Mit⸗ tel kennen zu lernen, durch die man dieſe gewinnen oder einſchuͤchtern konnte. Furchtbar durch ſeine Kennt⸗ niß aller revolutionaͤren Springfedern, die er zu hand⸗ haben wußte, entwickelte Fouché in ſeinen ſpaͤtern Jahren eine Art von Weisheit, die bei ihm die Stelle der Moralitaͤt und eines wohlwollenden Ge⸗ muͤthes vertrat. Er liebte Reichthum und Macht, war aber uͤbri⸗ gens weder ein ſehr leidenſch aftlicher, noch rachſuͤch⸗ tiger Mann, und ob er ſich gleich nicht ſcheute, die groͤßten unter einer willkuͤhrlichen Regierung oft durch die Politik gebotenen Verbrechen zu begehen, ſo ſtraͤub⸗ te er ſich doch, ſowohl aus Klugheit, als aus Nei⸗ gung, gegen alles unnoͤthige Uebel, und bekannte ſich laut zu dem Grundſatze:„Des Boͤſen ſo wenig als moͤglich zu thun.“ In dem geheimnißvollen und ſchrecklichen Amte eines Polizeichefs fand er oft Gelegenheit, gefaͤllig zu ſeyn, und ſich gegen dieſen oder jenen milde zu erweiſen; dies ward mit Dank anerkannt, waͤhrend die ſtrengen Maßregeln, die er vollzog, ſeiner amtlichen Stellung zugeſchrieben wur⸗ den. Durch dieſes gemaͤßigte Benehmen erwarb er ſich einen Ruf, der beſſer war, als er ſelbſt, und den er als ehemaliges Mitglied des Revolutionsausſchuſ⸗ ſes nicht wohl anſprechen durfte; er glich jetzt mehr — — ᷓ— 15 einem ſchuͤchternen und gutartigen Diener, der die Betheiligten ſo viel wie moͤglich zu ſchonen ſuchte. Es iſt ſonach nicht zu verwundern, daß Napoleon den Mann, der das Polizeiweſen zuerſt recht eingerichtet hatte, wieder als Polizeiminiſter anſtellen und bei⸗ behalten mochte, ungeachtet Sieyes und Talleyrand aus Mißtrauen in einen Mann ohne Grundſaͤtze, aus Eiferſucht und perſoͤnlicher Feindſchaft vieles ge⸗ gen Fouché einzuwenden hatten. In Hinſicht auf die andern Miniſter koͤnnen wir uns kuͤrzer faſſen. Cambacérès behielt ſeine Stelle als Juſtizminiſter, der er vollkommen gewachſen war; der beruͤhmte Mathematiker Laplace ward Miniſter des Innern, wozu er, wie Napoleon verſichert, eben nicht taugte. Berthier verſah, wie wir bereits be⸗ merkt haben, die Stelle eines Kriegsminiſters, und erhielt bald Carnot zum Nachfolger; Gaudin ver⸗ waltete die Finanzen mit vielem Beifall; Forfait, ein ausgezeichneter Schiffsbaumeiſter, erſetzte Bourdon in dem huͤlf⸗ und hoffnungsloſen Departement der franzoͤſiſchen Marine. Nachdem ſolchergeſtalt eine neue Verfaſſung ge⸗ ſchaffen und die Verwaltung der einzelnen Dienſt⸗ zweige den tuͤchtigſten Maͤnnern uͤbertragen war, ſchritt man zu andern Veraͤnderungen, um gleichſam eine neue Zeitrechnung zu bezeichnen, in welcher alle fruͤhern Vorurtheile fuͤr immer aufgegeben werden ſollten. 1 Eine der erſten Handlungen der proviſoriſchen Negierung war, wie wir ſchon bemerkt haben, die Modiſication des Nationaleides, der in allgemeinere Ausdrucke gefaßt wurde, ſo daß er ſich nicht mehr ausſchließlich auf die Verfaſſung des Jahres drei, ſondern auch auf die, die im Werke war, und uͤber⸗ haupt auf jede kuͤnftige Verfaſſung, die von derſel⸗ ben Autoritaͤt ausgehen mochte, bezog. Es folgten hierauf zwei weitere Veraͤnderungen in der Verfaſ⸗ ſung, die zufolge des geſunkenen revolutionaͤren oder republikaniſchen Geiſtes nicht einmal bemerkt wurden, und aus denen ſich ſchließen ließ, daß man mit noch weitern Veraͤnderungen umgehe und daß die konſulariſche Republik, die dem Weſen nach be⸗ reits eine Monarchie war, bald auch den Namen ei⸗ ner ſolchen annehmen werde. Noch kaum vor drei Monaten hatte der Praͤſident des Direktoriums, am Jahrestage der Einnahme der Baſtille, zum Volke geſagt:„Das Koͤnigthum ſoll nie wieder ſein Haupt erheben; wir werden nie wieder Menſchen ſehen, die ein himmliſches Recht anſprechen, die Erde in aller Behaglichkeit und Sicherheit zu unterdruͤcken,— nie wieder Menſchen, fuͤr welche die Franzoſen nur leib⸗ eigene Knechte und die Geſetze nur der Ausdruck ih⸗ res perſoͤnlichen Willens waͤren.“ Dennoch ward jetzt im Widerſpruch mit dieſen hochtoͤnenden Phraſen, der Nationaleid, welcher Haß dem Koͤnigthum ge⸗ lobte, 17 lobte, unter dem Vorwande abgeſchafft, daß, da die Republik allgemein anerkannt ſey, ſie ſolcher Verwah⸗ rungen nicht mehr beduͤrfe. Eben ſo wurde die oͤffentliche Feier des Tags der Hinrichtung Ludwig's XVI. foͤrmlich abgeſtellt. Ohne ſich auf die Wuͤndigung dieſer That nach den Grundſaͤtzen der Gerechtigkeit, der Politik und der Nuͤtzlichkeit einzulaſſen, that Napoleon geradezu den Ausſpruch, ſie muͤſſe auf jeden Fall als ein Nationalun⸗ gluͤck betrachtet, und duͤrfe daher, ſowohl aus mora⸗ liſchen als politiſchen Gruͤnden, nicht gefeiert wer⸗ den. Auch kam damals eine Aeußerung des erſten Konſuls in Umlauf, die, wenn ſie vielleicht auch er⸗ dichtet war, doch, wie man glaubte, ſeine Geſinnun⸗ gen ausdruͤckte. Sieyes, von Ludwig ſprechend, hatte ihn, wie es damals uͤblich war, einen Tyrannen ge⸗ nannt;„Er war kein Tyrann,“ erwiederte Napoleon; „waͤre er einer geweſen, ſo wuͤrde ich noch Artillerie⸗ „offizier ſeyn, und Sie, mein Herr Abbé, wuͤrden „noch die Meſſe leſen!“ Ein drittes Zeichen, daß es anders werde, oder vielmehr, daß die Wiederkehr zur alten Form unter einem neuen Oberhaupte bevorſtehe, war der Zug des erſten Konſuls aus dem Palaſte Luremburg, dem ehemaligen Wohnſitze der Direktoren, in die Koͤnigs⸗ burg der Tuillerien. Frau von Staél war gegenwaͤr⸗ tig, als dieſer emporgeſtiegene Krieger die faͤrſtliche 2 S . Scott's Werke. XI.I. 18 Wohnung der Bourbons in Beſitz nahm. Er hatte bereits ein zahlreiches Gefolge von Dienern, die ihm alle die Huldigungen bewieſen, welche die Bewohner dieſer praͤchtigen Hallen ſo lange als ein Recht ge⸗ fordert und genoſſen hatten, daß es jetzt ſchien, als muͤßten ſie nothwendig auch auf den neuen Bewoh⸗ ner uͤbergehen. Die Thore wurden mit einer Geſchaͤf⸗ tigkeit und einer Haſt aufgeriſſen, die der Wichtig⸗ keit des Augenblicks angemeſſen waren. Allein der Held dieſer Scene zeigte, als er mit einem großen Gefolge von Hoͤflingen die herrliche Treppe hin⸗ aufſtieg, in ſeinen Geſichtszuͤgen den Ausdruck ei⸗ ner mit Menſchenverachtung gemiſchten Gleichguͤltig⸗ keit gegen alles, was vorging. In der erſten Zeit ſeines Konſulats hatte Buo⸗ naparte zur Wiederherſtellung der Ruhe und Ord⸗ nung in Frankreich zwar alles gethan, was man von ihm erwarten konnte, allein er hielt ſeine Aufgabe noch nicht fuͤr geloͤst: er ſah ein, daß er, um ſein Werk zu befeſtigen, ſeine Aufmerkfamkeit ungeſaͤumt auf die Verhaͤltniſſe Frankreichs zu dem uͤbrigen Eu⸗ ropa richten muͤſſe, und daß die Franzoſen entweder einen ehrenvollen Frieden, oder die Wiederherſtel⸗ lung ihres Waffenruhms durch neue Siege erwarte⸗ ten. Zuvoͤrderſt mußte ein Verſuch gemacht werden, den Frieden durch Unterhandlungen zu erzielen. da⸗ mit, wenn dieſer mißlaͤnge, der Nattonalgeiſt wie⸗ 2 19 der belebt, und zu neuer Energie im Kriege ange⸗ feuert wuͤrde. Bisher war es eine diplomatiſche Maxime ge⸗ weſen, ehe man ſich in Friedensunterhandlungen ein⸗ ließ, die Stimmung des Gegners durch unbedeutende, faſt unbeglaubigte Agenten erforſchen zu laſſen, da⸗ mit die zu Vorſchlaͤgen geneigte Partei ſich keiner uͤbermuͤthigen und entehrenden Antwort ausſetzen, oder ihr Verlangen nach Frieden als ein Eingeſtaͤnd⸗ niß ihrer Schwaͤche ausgelegt ſehen moͤchte. Buona⸗ varte ſchlug den entgegengeſetzten Weg ein, und wandte ſich an den Koͤnig von England in einem ei⸗ genhaͤndigen Schreiben. In dieſem Schreiben, wie in jenem an den Erzherzog Karl waͤhrend des Feld⸗ zugs von 1797, maßt ſich Buonaparte das Recht an, ſich uͤber die uͤblichen diplomatiſchen Formen als uͤber Dinge hinwegzuſetzen, die nur fuͤr gewoͤhnliche Men⸗ ſchen gelten. Aber die Faſſung dieſes Schreibens war nicht die rechte, und nicht geeig et, der Aufrichtig⸗ keit ſeiner Ant ege Glauben zu verſchaffen. Er haͤtte die conſtitutionelle Gewalt des Monarchen, an den er ſich wandte, ſo weit kennen ſollen, um zu wiſſen, daß Georg der Dritte nicht perſoͤnlich werde unter⸗ handeln wollen, noch koͤnnen, ſondern daß er ſich mit ſeinen Miniſtern berathen muͤſſe, deren Verantwor⸗ lichkeit eine Buͤrgſchaft fuͤr die ganze Nation iſt. Der Brief begann mit den gewoͤhnlichen Phraſen uͤber die Segnungen des Friedens, und bewies, wie . 2„₰5 20 nothwendig es ſey, denſelben wieder herzuſtellen. Da⸗ gegen ließ ſich im Allgemeinen nichts einwenden; in dem vorliegenden Falle mußte aber doch erſt erwo⸗ gen werden, in wiefern die Bedingungen vernuͤnftig oder zulaͤßig ſeyen. Lord Grenville, der dieſes Schreiben in einer an den franzoͤſiſchen Miniſter der auswaͤrtigen An⸗ gelegenheiten gerichteten diplomatiſchen Note beant⸗ wortete, legte den Accent auf den Umſtand, daß Frank⸗ reich der angreifende Theil geweſen ſey, und erklaͤr⸗ te, daß die Wiedereinſetzung der Bourbons fuͤr die Aufrichtigkeit ſeiner friedlichen Geſinnungen die ge⸗ nuͤgendſte Sicherheit gewaͤhren wuͤrde, daß jedoch Eng⸗ land nicht gemeint ſey, ſich in die innern Angelegen⸗ heiten Frankreichs zu miſchen. Es geſchahen indeſ⸗ ſen einige annaͤhernde Vorſchlaͤge in Bezug auf den Frieden, und wahrſcheinlich haͤtte England damals gleiche oder vortheilhaftere Bedingungen erlangt, als nachher durch den Vertrag von Amiens. Wir duͤr⸗ fen hinzufuͤgen, daß die gemaͤßigten Grundſaͤtze Na⸗ poleon's, im Entſtehen ſeiner konſulariſchen Macht, und daher in einem fuͤr ihn noch bedenklichen Augen⸗ blicke, ihn vermocht haben wuͤrden, Opfer zu bringen, wo⸗ zu er ſpaͤter, als er ſiegreich und ſtarkgeworden, minder geneigt war. Aber der Beſitz Egyptens, worauf er, ſeines Rufes wegen, beſtehen mußte, fuͤhrte unuͤberſteigliche Schwierigkeiten herbei; auch hielten die engliſchen Miniſter den Stand der Dinge fuͤr guuſtig zur Fort⸗ v —„ 21 ſetzung des Krieges. Italien war wieder erobert, 140,000 Oeſterreicher verſammelten ſich an der Grenze von Savoyen und am Rhein. Die Vorfaͤlle bet Acre hatten gezeigt, daß Buonaparte nicht ſo ganz unuͤber⸗ windlich ſey, und Suwarow's entſcheidende Siege uͤber die Franzoſen waren noch nicht vergeſſen. Man kannte den innern Zuſtand von Frankreich, und meinte, es ſey noch immer moͤglich, daß der gluͤckliche General, der ſich bis zum erlebigten Sitze der hoͤchſten Gewalt emporgeſchwungen hatte, von einer der beiden ſtarken Parteien, entweder von den Royaliſten, die ſeiner Perſon, oder von den Republikanern, die ſeiner Regierungsform abgeneigt waren, wieder verdraͤngt wuͤrde. Die Unterhandlungen wurden endlich abgebro⸗ chen, da man große Urſache hatte, an Buonaparte's Aufrichtigkeit zu zweifeln; wollte man dieſe auch gel⸗ ten laſſen, ſo war doch ein Mißtrauen in eine ſo ploͤtzlich entſtandene Gewalt zu ſetzen, welche den Keim ihres Zerfalls in ſich ſelbſt zu tragen ſchien. Anlan⸗ gend die Aufrichtigkeit Napoleon's bei dieſer Unter⸗ handlung, ſo mag dieſe dahin geſtellt bleiben; dage⸗ gen unterliegt es keinem Zweifel, daß er uͤber den fruchtloſen Ausgang derſelben entzuͤckt war. Die Stimme, die ihn zu den Waffen rief, war ihm ſtets die liebſte; denn der Krieg war ſein eigentlich⸗ ſtes Lebenselement. Er fuͤhlte ſich uͤberdleß perſoͤn⸗ 22 lich beleidigt durch die Anſpielung auf die legitimen Rechte der Bourbons, und gab ſeinen Unmuth da⸗ ruͤber durch Schmaͤhungen im Moniteur zu erkennen: es erſchien in dieſem offiziellen Blatte ein angebli⸗ ches Schreiben des letzten Abkoͤmmlings der Familie Stuart, an den Koͤnig von England, worin jener den letztern daruͤber belobt, die Lehre von der Legitimi⸗ taͤt anerkannt zu haben, und denſelben auffordert, dieſen Grundſaͤtzen gemaͤß zu handeln, und ſeine Krone zu Gunſten des rechtmaͤßigen Erben niederzu⸗ legen. Die Stellung Frankreichs gegen das Ausland hatte ſich, wie bereits bemerkt worden, in Folge der Schlacht von Zuͤrich und der Siege Moreau's unge⸗ mein verbeſſert. Doch brachte der Bruch zwiſchen den Kaiſern von Oeſterreich und Rußland der Re⸗ publik noch groͤßere Vortheile. Paul, ein launenhaf⸗ ter Fuͤrſt, hatte in ſeinem Unwillen uͤber die Leitung des letzten Feldzugs, wo Korſakow durch die Schuld der Oeſterreicher geſchlagen, und Suwarow an man⸗ chem verhindert worden war, ſeine, durch ihre Tapfer⸗ keit ſo ausgezeichnete und ſo gut angefuͤhrten Trup⸗ pen von dem Kriegsſchauplatze zuruͤckgezogen. Da⸗ gegen hatten die Oeſterreicher, die ſich durch kein Ungluͤck beugen laſſen, und denen der Muth durch die Siege des Veteranen Melas wieder gewachſen war, ſo rieſenhafte Anſtrengungen gemacht, daß ſie „ ——4 — 23 den Abfall ihrer ruſſiſchen Verbuͤndeten kaum mehr fuͤhlten. 3 Ihre Hauptmacht ſtand in Italien, wo ſie den Hauprſchlag fuͤhren wollten. Ihr Plan war, unter Mitwirkungder brittiſchen Flotte Genug zu nehmen dann uͤber den Var zu gehen und in die Provence einzu⸗ dringen, wo ein ſtarkes Korps von Royaliſten, unter den Befehlen von Willot, einem ausgewanderten Of⸗ fizier, bereit war, ſich zu erheben. Es hieß, der beruͤhmte Pichegru, der ſich aus der Guiana nach Eng⸗ land gefluͤchtet hatte, befinde ſich gleichfalls bei die⸗ ſer Armee und ſey zu einem der Hauptanfuͤhrer des erwarteten Aufſtandes beſtimmt. In Gemaͤßheit dieſes Planes ward Melas an die Spitze einer Armee von 140,000 Mann geſtellt, die in den Ebenen von Piemont uͤberwinternd, nur den Eintritt des Fruͤhlings erwartete, um ihre Ope⸗ rationen zu beginnen. 3 Ihnen gegenuͤber lagen, in der Gegend zwiſchen Genua und dem Var, 40,000 Franzoſen, die Ueber⸗ bleibſel von denen, die in Italien zu wiederholten⸗ malen von Suwarow geſchlagen worden waren. Sie kantonnirten in einem armen Lande, und das eng⸗ liſche Geſchwader, welches die Kuͤſte blokirte, ſchnitt ihnen alle Zufuhren zur See ab. Sie litten daher großen Mangel, was auf ihren Muth und ihre Disci⸗ plin den ſchlimmſten Einfluß hatte. Ganze Korps verließen ohne Befehl ihre Stellung, und kehrten, 24 3 unter Trommelſchlag und mit fliegenden Fahnen, nach Frankreich zuruͤck. Ein Aufruf von Napoleon war faſt noch das einzige wirkſame Mittel, einem ſolchen Unfug Einhalt zu thun. Er forderte die Soldaten auf, beſonders aber diejenigen, welche in den fruͤ⸗ hern italieniſchen Feldzuͤgen unter ſeinem Befehle ſich ausgezeichnet, des Vertrauens zu gedenken, das er einſt in ſie geſetzt hatte. Die entwichenen kehr⸗ ten wieder zu ihrer Pflicht zuruͤck, wie auseinander⸗ gelaufene Streitroſſe, wenn die Trompete ſchmettert, ſich verſammeln und Reihen bilden. General Maſ⸗ ſena, der ſich auf den Gebirgskrieg ſehr gut verſtand, erhielt den Oberbefehl uͤber die italteniſche Armee, die Buonaparte ſelbſt mit der Reſervearmee zu un⸗ terſtuͤtzen gedachte. Wie die Oeſterreicher den Franzoſen in Italien, ſo waren letztere hinwiederum am Rhein jenen uͤber⸗ legen. Moreau erhielt dort den Oberbefehl uͤber eine zahlreiche Armee, die noch verſtaͤrkt wurde durch eine ſtarke Truppenabtheilung, die General Brune aus Holland, wo er ihrer nicht mehr bedurfte, zuſand⸗ te, ſo wie durch die helvetiſche Armee, die nach der Niederlage von Korſakow zur Vertheidigung der Schweiz nicht laͤnger noͤt hig war. Indem der erſte Konſul dem General Moreau eine ſo bedeutende Ar⸗ mee anvertraute, zeigte er ſich uͤber die Eiferſucht erhaben, durch welche eine kleinere Seele bewogenr worden waͤre, einem ausgezeichneten Nebenbuhler 25 nicht die Gelegenheit zu neuem Siegesruhme zu ver⸗ ſchaffen. Allein Buonaparte trug diesmal, ſo wie in andern Faͤllen, kein Bedenken, ausgezeichnete Kriegs⸗ maͤnner, wenn ſie auch ſeine Rivalen ſeyn ſollten, zum Dienſte des Staates zu verwenden. Er hatte gerechtes Vertrauen in die eigene Kraft, war ſich ſei⸗ ner Ueberlegenheit bewußt, und rechnete auf die Macht der Disciplin und der Kriegsluſt, durch welche die Generale vermocht werden, ein Kommando auch dann zu uͤbernehmen, wenn ſie mit der Regierung nicht zufrieden ſind. Solchergeſtalt machte er auch diejenigen Chefs von ſich abhaͤngig, die, der konſu⸗ lariſchen Regierung abhold, ſich zu den republikani⸗ ſchen Grundſaͤtzen hinneigten, wie z. B. Maſſena, Brune, Jourdan, Lecourbe, und Championnet. Er unterließ zu gleicher Zeit nicht, ihnen ſolche Auftraͤge zu ertheilen, wodurch ſie von einander getrennt und verhindert wurden, auf eine Regierungsveraͤnderung gemeinſchaftlich hinzuwirken. Moreau, ſeinem Gegner, dem oͤſterreichiſchen Gene⸗ ral Kray, an Streitkraͤften weit uͤberlegen, erhielt den Befehl, die Offenſive zu ergreifen. Zwar ein trefflicher General, aber vorſichtig, ſtutzte er üͤber den ihm von Buonaparte zugefertigten Operations⸗ plan, nach welchem er bei Schafhauſen uͤber den Rhein gehen, nach Ulm vorruͤcken und ſich in den Ruͤcken der oͤſterreichiſchen Hauptarmee werfen ſollte. Dieß war einer von jenen Entwuͤrfen, die entweder zu 26 großen Siegen, oder zu großen Niederlagen fuͤhren, und an denen Buonaparte großen Geſchmack fand, die aber oftmals viel Bluͤt koſten, und die Veran⸗ laſſung waren, daß Buonaparte von denen, die ihn nicht leiden mochten, der General zu 10,000 Mann des Tages genannt worden iſt. Solche Unternehmun⸗ gen gleichen den verzweifelten Gaͤngen auf dem Fecht⸗ boden, und muͤſſen mit derſelben raſchen Entſchloſ⸗ ſenheit gedacht und ausgefuͤhrt werden. Selbſt die beſten Generale Napoleon's konnten nur unter ſei⸗ ner Leitung ſolche taktiſche Gewaltſtreiche ausfuͤhren. Moreau uͤberzog Deutſchland nach einem etwas modificirten Plane, der eine Reihe von Maͤrſchen, Gegenmaͤrſchen und hitzigen Schlachten herbeifuͤhrte, in welchen General Kray, von dem Erzherzog Ferdi⸗ nand auf das trefflichſte unterſtuͤtzt, ſeinem uͤberle⸗ genen Gegner tapfern Widerſtand leiſtete. In ſeiner Darſtellung dieſes Feldzugs tadelte Buonaparte den General Moreau wegen der Unſchluͤſ⸗ ſigkeit und Schuͤchternheit, mit der er ſeine errunge⸗ nen Vortheile verfolgte. Indeſſen moͤchten einem weni⸗ ger ſtrengen und vielleicht auch etwas unparteiiſche⸗ ren Richter die Leiſtungen Moreau's genuͤgen, da er, nachdem er zu Ende Aprils uͤber den Rhein gegan⸗ gen war, am 15ten Juli Augsburg erreicht hatte und bereit war, entweder ſich mit der italieniſchen Ar⸗ mee zu vereinigen, oder in das Herz der oͤſterreichi⸗ ſchen Staaten vorzudringen. Auch iſt nicht zu uͤber⸗ 27 ſehen, daß Moreau waͤhrend dieſes ganzen Feldzugs vorzuͤglich darauf bedacht war, die Operationen Na⸗ poleon's in Italien zu ſichern und dieſen kuͤhnen Feld⸗ herrn in ſeiner gewagten und verzweifelten Ueber⸗ zijehung des mallaͤndiſchen Gebiets gegen die Gefahr zu ſchuͤtzen, in die er gerathen mußte, wenn Kray, weniger gedraͤngt, der oͤſterreichiſchen Armee in Ita⸗ ien Verſtaͤrkungen haͤtte zuſenden koͤnnen. Wir koͤnnen nicht umhin, zu bemerken, daß der eine dieſer beiden großen Feldherren, und zwar Buo⸗ aparte, der Kuͤhnere, Moreau dagegen der Kluͤgere war, und man begreift leicht, daß zufolge der Riva⸗ litaͤt, die zwiſchen beiden Statt fand, keiner dem an⸗ dern volle Gerechtigkeit wiederfahren ließ, und daß Moreau von Buonaparte einer uͤbergroßen Vorſicht, Buonaparte dagegen von Moreau der Tollkuͤhnheit beſchuldigt werden mußte. Es ſteht uns nicht zu, uͤber den millttaͤriſchen Werth zweier ſo ausgezeichneten Kriegsmaͤnner ein entſcheidendes Urtheil zu faͤllen. Wir wollten die⸗ ſen Gegenſtand bloß beruͤhren und laſſen jetzt Mo⸗ reau in Augsburg, wo er mit Kray einen Waffenſtille ſtand abſchloß, zufolge deßjenigen, der nach der Schlacht von Marengo den Oeſterreichern in Italien von Buo⸗ naparte bewilligt worden war. Man wird zugeben muͤſſen, daß Moreau's Feldzug im Ganzen genom⸗ men ſehr gluͤcklich ausgefallen war; und wenn man bedenkt, daß er bei ſeinen Operationen nicht nur auf 28— ſeine eigene Armee, ſondern auch auf diejenige des erſten Konſuls Ruͤckſicht nehmen mußte, ſo wird man ſich des Zweifels nicht erwehren, ob es ihm Buona⸗ parte damals gedankt haben wuͤrde, wenn er ſich in gewagtere Unternehmungen eingelaſſen haͤtte, die zwar gelingen und der Rheinarmee zu noch groͤßerem Ruh⸗ me verhelfen, aber auch mißlingen und dann den Un⸗ tergang, nicht blos dieſer, ſondern auch der italieni⸗ ſchen Armee herbeifuͤhren konnte. Moreau war dem erſten Konſul nur zugeordnet; er mußte dieſen un⸗ terſtuͤtzen und hat ihn auch, wie wir bald ſehen wer⸗ den mit 15⸗ bis 20,000 Mann verſtaͤrkt. Buona⸗ parte dagegen konnte thun, was er fuͤr gut fand, was ihm ſein unternehmender Geiſt rathen mochte. Der oberſte Feldherr kann ſich manches erlauben, was ein untergeordneter General nicht thun darf, weil ihm ſeine Rolle in dem allgemeinen Operationsplane vorgeſchrieben iſt. Wir kehren nun zu den Operationen Napoleon’s in einem der wichtigſten Feldzuͤge ſeines Lebens zu⸗ ruͤck, durch den ſein Kriegsruhm, wenn es anders moͤglich war, noch hoͤher gehoben worden iſt. Als der erſte Konſul dem General Moreau die Leitung der Operationen am Rhein uͤbertrug, hatte er ſich vorbehalten, auf dem Kriegsfelde, wo er ſeine erſten Lorbeern gepfluͤckt, den Sieg wieder unter die franzoͤſiſchen Fahnen zuruͤckzufuͤhren. Sein Opera⸗ tionsplan fuͤhrte ihn auch wieder uͤber die Alpen, 1 —j— 29 die er eben ſo kuͤhn und unerwartet, als im Jahre 1795, nur in einer andern Richtung uͤberſteigen mußte. Jene fruͤhere Periode hatte mit der gegenwaͤrtigen das gemein, daß die Oeſterreicher damals wie jetzt Genua bedrohten. Im Jahre 180o geſchah dieſes von der italieniſchen Grenze und von dem Col di Tenda her; im Jahre 1705 war der Feind dagegen im Beſitze der ſavoyiſchen Gebirge oberhalb Genua. Die Schweiz, damals ein neutrales Gebiet, und als ſolches keiner Armee zugaͤnglich, ſtand jetzt den fran⸗ zoͤſiſchen Truppen eben ſo offen, als waͤre ſie eine franzoͤſiſche Provinz geweſen; und dieſen Umſtand be⸗ ſchloß Napoleon jetzt zu benutzen. Er wußte, daß die Oeſterreicher Genua nehmen und dann in die Provence eindringen wollten, und faßte den kuͤhnen Entſchluß, ſich an die Spitze der Reſervearmee zu ſtel⸗ len, die Alpenkette da, wo ſie am unzugaͤnglichſten iſt, zu uͤberſchreiten, nach Italien hinabzuziehen, der oͤſterreichiſchen Armee in den Ruͤcken zu gehen, die Verbindungslinie derſelben zu faſſen, ihre Magazine, Parks und Spitaͤler aufzuheben, ſolche zwiſchen ſich und Maſſena in die Mitte zu nehmen und dieſelben zu einer Schlacht zu zwingen, unter Umſtaͤnden, wo eine Niederlage zuglelch den Untergang brachte. Zu⸗ folge dieſes Operationsplans entſtand nun die Auf⸗ gabe, eine ganze Armee uͤber die hoͤchſte Gebirgs⸗ kette in Europa auf Fußſteigen zu fuͤhren, die fuͤr den einzelnen Wanderen gefaͤhrlich ſind, und durch 30 Engpaͤſſe, wo Ein Mann ſich gegen zehn vertheidi⸗ gen kann. Die Artillerie, die Munition und aller Troß mußte durch Gegenden, wo kein Fuhr⸗ werk fortkommt und wo man ſich der Raͤder nicht bedienen kann, uber ſteile Abgruͤnde gebracht und die Armee aus eigenen Mitteln in einem armen und unwirthſamen Lande verpflegt werden, deſſen Bewohner alle Urſachen hatten, feindſelig gegen Frank⸗ reich geſinnt zu ſeyn, von welchen daher zu erwar⸗ ten ſtand, daß ſie die erſte Gelegenheit ergreifen wuͤrden, fruͤhere Beleidigungen zu raͤchen. Das tiefſte Geheimniß war noͤthig, damit ein ſolches Wageſtuͤck auch nur verſucht werden konnte. Zu dieſem Behuf unternahm es Napoleon, den Feind auf eine feltſame Weiſe zu taͤuſchen. Man bemuͤhte ſich, durch Befehle, durch Beſchluͤſſe und Kundmach⸗ ungen aller Art ſo ſehr als moͤglich die Meinung zu verbreiten, der erſte Konſul werde ſelbſt die Reſerve⸗ armee anfuͤhren und dieſe zu Dijon zuſammenziehen. Ein zahlreicher Generalſtab erſchien ſofort in dieſer Stadt, wo 6 bis 7000 Mann mit vieler Geſchaͤftig⸗ keit und unter großem Laͤrm verſammelt wurden. Dieſe Mannſchaſt aber beſtand wie die oͤſterreichiſchen Spaͤher ihren Patronen getreulich berichteten, entweder aus conſcribirten oder aus dienſtuntauglichen Vetera⸗ nen; es kamen Zerrbilder in Umlauf, in denen der erſte Konſul vorgeſtellt war, wie er Muſterung uͤber Kinder und Kruͤppel hielt, die man ſpottweiſe ſeine —s — 31 Reſervearmee nannte. Als nun der erſte Funſar uͤber dieſe ſogenannte Armee mit vieler Feierlichkeit Heerſchau hielt, entſtand uͤberall die Meinung, er wolle durch dieſes Gaukelſpiel die Oeſterreicher nur verleiten, ihre Abſichten auf Genua aufzugeben, und ſo blieb ſein wahres Vorhaben verborgen. Es wur⸗ den uͤberdies durch die Polizelagenten insgeheim Bul⸗ letins in Umlauf gebracht, die man als das Werk der Royaliſten ausgab, und worin aus allerlei Gruͤn⸗ den bewieſen wurde, daß es mit der Reſervearmee nichts ſey und nichts ſeyn koͤnne;— dadurch ſollte die Aufmerkſamkeit von denjenigen Punkten, wo dieſe Armee wirklich zuſammengezogen wurde, abgelenkt werden. Durch die Beruhigung des weſtlichen Frankreichs waren viele gute Truppen, welche fruͤher die Chou⸗ ans bekaͤmpft hatten, verwendbar geworden; bei dem ruhigen Zuſtande von Paris konnten mehrere Regi⸗ menter anderswo gebraucht werden;; zu gleicher Zeit wurden in der groͤßten Eile neue Aushebungen vor⸗ genommen, und die Diviſionen der Reſervearmee mit Huͤlfe dieſer Mittel auf verſchiedenen Punkten orga⸗ niſirt, ſo daß ſie auf den erſten Wink zuſammenruͤ⸗ cken und die Operationen beginnen konnten. 4 Zweites Kapikel. Der erſte Konſul verläßt Paris am 6ten Mai 1800;— hat am sten eine Zuſammenkunft mit Necker zu Genf;— kommt am 13ten nach Lauſanne.— Verſchiedene Korps treten ihren Marſch über die Alpen an.— Napoleon marſchirt mit der Hauptarmee und erſteigt am 15ten den St. Bernhard.— Alle Hinderniſſe werden beſiegt.— Am 16ten nimmt der Vortrab Beſitz von Aoſta.— Die Feſtung und Stadt Bard drohen das ganze Un⸗ ternehmen zu vereiteln;— die Stadt wird genommen.— Die franzöſiſche Artillerie nimmt ihren Weg durch die Stadt unter dem Feuer des Forts; die Infanterie und Reiterei gehen über den Albaredo.— Lannes nimmt Ivrea.— Rückblick.— Opera⸗ tionen des öſterreichiſchen Generals Melas.— Zu Anfang des Feldzugs rückt Melas gegen Genua vor.— Mehrere Gefechte zwiſchen ihm und Maſſeng.— Genua wird im März von Lord Keith blokirt.— Melas muß ſich von Genua wegziehen.— Er rückt in Nizza ein;— kehrt von da zurück, auf die Nachricht, daß Napoleon über den St. Bernhard gegangen ſey Genua er⸗ giht ſich.— Napoleon zieht in Mailand ein.— Schlacht von Montebello; Sieg der Franzoſen.— Deſſaix meldet ſich am Iiten Juni bei dem erſten Konſul.— Große Schlacht bei Marengo am 13ten, und vollſtandiger Sieg der Franzoſen.— Deſſaix Tod.— Kapitulation vom 15ten, wodurch Genua und andere Plätze den Franzoſen übergeben werden.— Na⸗ poleon kehrt am 2ten Juli nach Paris zurück, und wird mit allen einem Sieger gebührenden Beifallsbezeigungen empfangen. uUm das Gluͤck Frankreichs, das jetzt auch das ſeinige war, wieder herzuſtellen, verließ der erſte Konſul t 33 am 6ten Mai Paris, und langte, nachdem er zu Dijon uͤber die ſogenannte Reſervearmee am 7ten Heerſchau gehalten, am S8ten in Genf an, wo er mit dem be⸗ ruͤhmten Necker eine Zuſammenkunft hatte. Es war gleichſam eine Fuͤgung des Schickſals, daß zwiſchen ihm und dieſer wuͤrdigen Famille immer Mißverſtaͤnd⸗ niſſe obwalten mußten. Frau von Staël meinte, Buo⸗ naparte habe ſich mit ihrem Vater uͤber ſeine kuͤnf⸗ tigen Plane vertraulich unterhalten; der erſte Kon⸗ ſul verſichert dagegen, Necker ſcheine erwartet zu ha⸗ ben, daß man ihm die Leitung der franzoͤſiſchen Fi⸗ nanzen anbieten werde, und fuͤgt noch hinzu, ſie ſeyen beide gleichguͤltig, wo nicht mit gegenſeitiger Abnei⸗ gung, von einander geſchieden. Wichtiger war fuͤ Napoleon die Unterredung mit dem General Mares⸗ cot, der zufolge des ihm gewordenen Auftrags, den St. Bernhard zu erkunden mit vieler Muͤhe bis zum Karthaͤuſerkloſter gekommen war.„Iſt der Weg zum Fortkommen?“ frug ihn Napoleon.„Mit knap⸗ per Noth!“ war die Antwort;„Vorwaͤrts denn,“ ſagte der Oberfeldherr, und der außerordentliche Marſch ward ſofort angetreten. Am 13ten holte Napoleon zu Lauſanne den Vor⸗ trab ſeiner wirklichen Reſervearmee ein, der aus ſechs vollſtaͤndigen Regimentern beſtand und von dem beruͤhmten Lannes befehligt war. Dieſe, ſo wie die uͤbrigen zu der Expedition beſtimmten Truppen wa⸗ W. Scott's Werke. XLI. 3 34 ren in Gewaltmaͤrſchen aus ihren verſchiedenen Stee⸗ lungen auf ihrem Sammelplatze eingetroffen. Der Kriegsminiſter Carnot kam zum erſten Konſul nach Lauſanne, um ihm zu melden, daß 15⸗ bis 20,000 Mann, von Moreau's Armee entſendet, im Begriffe ſeyen, uͤber den St. Gotthard nach Italken zu zie⸗ hen, wo ſie den linken Fluͤgel der Reſervearmee bil⸗ den ſollten. Die ſaͤmmtlichen Armeediviſionen wur⸗ den nun dem Namen nach unter den Oberbefehl von Berthier, eigentlich aber unter den des Oberkonſuls, geſtellt, in Gemaͤßheit einer Beſtimmung der Ver⸗ faſſung, wonach dieſer nicht in Perſon kommandiren ſollte. Buonaparte wich in dem vorliegenden Falle dieſer Foͤrmlichkeit aus, ſetzte ſich aber in der Folge ganz daruͤber hinweg, weil er mit Recht dachte, daß ſowohl der Name als das Amt des oberſten Feld⸗ herrn ſich am beſten fuͤr ihn eigne und auf jeden Fall, wenn auch nicht ſein glaͤnzendſter Titel, doch der Nerv ſeiner Macht ſey. Die ganze Armee mochte ſich auf 60,000 Mann, wovon aber der dritte Theil aus Conſcribirten beſtand, belaufen. Vom 15ten bis zum 18ten Mai wurden ſaͤmmt⸗ liche Kolonnen der franzoͤſiſchen Armee nach dem Ge⸗ birgsruͤcken der Alpen in Marſch geſetzt. Tureau nahm ſeinen Weg mit 5000 Mann uͤber den Mont⸗ Cenis nach Exilles und Suſa; die Diviſion Chabran, von derſelben Staͤrke, ſollte uͤber den kleinen Sr. Bernhard gehen. Napoleon ſelbſt ging am 15ten an 4. 35 der Spitze der Hauptarmee, die etwa 30,000 Mann ſtark war, von Lauſanne nach dem kleinen Dorfe St. Pierre, wo jede Spur eines gangbaren Weges ſich verlor. Ein unermeßliches und, wie es ſchien, ganz unzugaͤngliches Gebirge thuͤrmte ſich auf, unwirthſam und in ewigem Winter ſtarrend; Abgruͤnde, tiefe Schluchten, Gletſcher und unermeßliche Schneemaſ⸗ ſen, die bei der geringſten Erſchuͤtterung der Luft von den gaͤhen Bergwaͤnden als Lawinen herabrollen und ganze Heere begraben konnten, ſchienen allen lebenden Weſen, außer der Gemſe und ihrem wil⸗ den Jaͤger, den Zugang zu verwehren. Aber die Franzoſen erſttegen, Mann an Mann und Fuß an Fuß, dieſe furchtbaren Scheidewaͤnde, welche die Na⸗ tur vergebens dem menſchlichen Ehrgeize als eine Schranke entgegengeſetzt hat. Der erſte Conſul und ſeine Schaaren ließen ſich durch den Anblick des ſo⸗ genannten„oͤden Thals,“ wo nichts als Schnee und Himmel zu ſehen iſt, nicht ſchrecken. Sie ſchritten vorwaͤrts auf Fußſteigen, die bisher nur von Gems⸗ jaͤgern, und dann und wann von irgend einem kuͤh⸗ nen Wanderer betreten worden waren, die Infante⸗ rie, ihre Waffen und ihr Gepaͤcke tragend, die Rei⸗ ter, ihre Pferde an der Hand fuͤhrend. Die Spiel⸗ leute, an der Spitze der Regimenter, ließen ſich von Zeit zu Zeit hoͤren, und an beſonders ſchwierigen Stellen wurde der Sturmmarſch geſchlagen und die 3„ 36 Soldaten dadurch gleichſam aufgefordert, die Natur ſelbſt zu beſtegen. Das Geſchuͤtz, ohne das iman nichts haͤtte ausrichten koͤnnen, wurde von den Laf⸗ fetten genommen, in zu dieſem Zweck ausgehoͤlte Baͤume gelegt und ein jedes von hundert Mann auf⸗ waͤrts gezogen; die Truppen ſetzten ihre Ehre darein, ihre Kanonen vorwaͤrts zu bringen, und verrichteten dieſes ſchwere Geſchaͤft nicht nur mit froher Laune, ſondern ſelbſt mit Begeiſterung. Die Laffeten und andere Fuhrwerke wurden auseinandergelegt und ſo ſtuͤckweiſe auf Maulthiere geladen, oder von den Sol⸗ daten, die ſich abwechſelnd einander abloͤsten, auf Hebebaͤumen getragen; den Kriegs bedarf brachte man auf aͤhnliche Weiſe fort. Waͤhrend die eine Haͤlfte der Soldaten dieſen Dienſt that, mußte die an⸗ dere Haͤlfte die Gewehre, die Patrontaſchen, die Torniſter und den Proplant ihrer Kameraden, nebſt dem ihrigen tragen. Man kann annehmen, daß ein ſolcher Mann mit einem Gewichte von ſechzig bis ſiebzig Pfund beladen war und die ſteilſten mit Eis bedeckten Abhaͤnge erſteigen mußte, die man auch ohne alles Gepaͤcke nur langſam erklimmen konnte. Wahrſcheinlich haͤtten keine andern Truppen als die franzoͤſiſchen, wie ſie damals waren, die Muͤhſale ei⸗ nes ſolchen Marſches ertragen; auch wuͤrde wohl kein anderer General, als Buonaparte, es gewagt haben, ſeinen Soldaten dergleichen zuzumuthen. — 37 Buonaparte ließ die Armee elue Zeitlang vor⸗ ausgehen, ehe er ſich ſelbſt, nur von einem Fuͤhrer begleitet, auf den Weg machte. Nach der Ausſage des letztern, eines Schweizerbauern, teug er ſeine gewoͤhnliche ſchlichte Kleidung, einen grauen Oberrock und einen dreieckigen Hut. Unterwegs richtete er nur dann und wann eine kurze Frage, die Gegend betreffend, an feinen Fuͤhrer und ſchwieg nach erhal⸗ tener Antwort wieder. Seine Stirne war umwoͤlkt, wie der feuchte und truͤbe Himmel an dieſem Tage. Sein Geſicht hatte ſich waͤhrend ſeiner Feldzuͤge im Morgenlande gebraͤunt, und dadurch einen noch ernſt⸗ hafteren Ausdruck erhalten, ſo daß der Schweizer, wenn er ihn anblickte, ſich der Furcht nicht erwehren konnte*). Zuwellen ſah er ſich, wenn der Zug des *) Sein Führer von der großen Karthauſe an traf ihn, wie es ſcheint, in beſſerer Stimmung, denn Buonaxparte, verſicherte dieſer, hätte ganz frei mit ihm geſprochen und ihm ſogar eine Bitte, einen kleinen Pachthof betreffend, dorgebracht, die er ihm auch gewährt habe. Auch gegen ſeinen Führer von Markiaey bis St. Pierre bewies er ſich freundlich, dieſer wußtte aber von dem, was Ripoleon geſprochen, ſich nur noch des Ausdrukes, als er das Regenwaſſer von ſeinem Hute ſchüttelte, zu erinnern:„Seht einmal, was mir in Euren Bergen widerfahren iſt; mein Hut iſt hin! Doch ich werde jenſeits ſchon einen andern fin⸗ den.“ Wegen dieſer und ähnlicher intereſſanter Anekdoten ſehe man: Tennent's Reiſe durch die Niederkande, Holland, Teutſchkand, die Schweiz u. ſ. w. 5 38 Geſchuͤtzes und des Gepaͤckes ins Stocken gerieth, in etwas aufgehalten; bei ſolchen Anlaͤſſen ertheilte er ſeine Befehle auf die beſtimmteſte Weiſe, und augenblicklich wurden dieſe befolgt; ja ſchon ſein Blick ſchien hinrelchend, jedem Einwurfe zu begegnen und jede Schwierigkeit zu beſeitigen. Die Armee erreichte nunmehr jenes ſonderbare Kloſter, deſſen Moͤnche ſich mit eben dem Muthe, wie die franzoͤſiſchen Soldaten, der jedoch aus einer weit hoͤhern Quelle floß, auf dem ewigen Schnee nie⸗ dergelaſſen haben, um den Reiſenden, die ſich in die⸗ ſer traurigen Oede verirrten, Huͤlfe zu bringen und ſie gaſtlich aufzunehmen. Bis jetzt hatten die Sol⸗ daten kein anderes Labſal genoſſen, als ihren in Schnee getauchten Zwieback; die guten Vaͤter des Kloſters, welche ſtets bedeutende Vorraͤthe von Le⸗ bensmitteln beſitzen, reichten jedem Soldaten im Voruͤbergehen Brod, Kaͤſe und ein Glas Wein, was ihnen, nach dem Zeugniß eines ihrer Kameraden,*) in dieſem Augenblicke willkommener war, als alle Schaͤtze Mexiko's.. Das Hinabſteigen auf dem jenſeitigen Abhange des St. Bernhard war fuͤr die Infanterie eben ſp, und fuͤr die Reiterei noch beſchwerlicher, als das Hin⸗ aufſteigen, ward aber ohne irgend einen weſentlichen *) Joſeph Petit, Fourier unter den Gardegrenadiren;„Die Schlacht von Marengo, oder Feldzug in Italien. Jahr IX —— 39 Verluſt bewerkſtelligt, und die Armee bezog ihr Nacht⸗ lager nach einem Marſche von vierzehn franzoͤſiſchen Meilen. Am 16ten Mai des Morgens nahm der Vortrab Aoſta in Beſitz, ein piemonteſiſches Dorf, wo das von der Dorea bewaͤſſerte Thal, das denſel⸗ ben Namen fuͤhrt, ſich eroͤffnet. Die natuͤrliche Schoͤn⸗ heit der Gegend ward durch die ſchauerlichen Wild⸗ niſſe, die man hinter ſich gelaſſen hatte, noch erhoͤht. Ein ſolcher war der beruͤhmte Uebergang uͤber den St. Bernhard, bei deſſen Einzelnheiten wir uns um ſo lieber verweilt haben, weil er, obgleich eine wichtige milttaͤriſche Operation, eine Pauſe in jenen blutigen Vorfaͤllen macht, zu denen wir jetzt zuruͤck⸗ kehren muͤſſen. Auf den Widerſtand der Natur folgte jetzt der der Menſchen. Ein oͤſterreichiſches Korps ward zu Chatillon von Lannes uͤberwaͤltigt und geſchlagen; allein mit der ſtarken Feſtung Bard konnte man nicht ſo ſchnell fertig werden. Dieſe kleine Feſte liegt auf einem beinahe ſenkrechten Felſen, der von der Do⸗ rea da aufſteigt, wo das Thal von Aoſta, rechts und links von zwei Bergen ſo eingeengt iſt, daß die Feſte und die mit tuͤchtigen Mauern umgebene Stadt Bard den Weg gaͤnzlich verſperren. Durch dieſes furcht⸗ bare Hinderniß waren die Franzoſen fuͤr den Augen⸗ blick in ein Thal gebannt, wo ihnen die Lebensmit⸗ tel bald ausgehen mußten. General Lannes verſuchte zwar, das Fort im Sturme zu nehmen, allein die 40 Stuͤrmenden wurden mit Steinen, Musketenfeuer und Handgranaten uͤbel empfangen, und der Verſuch mußte aufgegeben werden. Buonaparte beſchloß nun ſelbſt, eine Recognosci⸗ rung vorzunehmen, und beſtieg zu dieſem Ende einen hohen Felſen, Albaredo genannt, der die eine Sei⸗ tenwand des Gebirgspaſſes bildet, und von deſſen Gipfel aus er die Stadt und Feſtung uͤberſehen konnte. Er entdeckte die Moͤglichkeit, die Stadt im Sturme zu nehmen, uͤberzeugte ſich aber auch, daß gegen die Feſte durch einen Handſtreich nichts auszurichten ſey. Die Stadt wurde daher erſtuͤrmt, allein die Franzo⸗ ſen fanden darin nur wenig Schutz gegen das Feuer aus der Feſtung, welches ſchrecklich auf die Haͤuſer herab ſpruͤhte, in denen ſie ſich zu bergen ſuch⸗ ten. Es waͤre den Oeſterreichern ein Leichtes ge⸗ weſen, die ganze Stadt zuſammenzuſchießen, wenn ſie die Einwohner nicht haͤtte ſchonen wollen. Indeſ⸗ ſen benuͤtzte Napoleon dieſe Diverſion, um einen gro⸗ ßen Theil der Armee, die Infanterie wie die Rei⸗ terei, in einzelnen Reihen auf einem unſichern, von den Pionniers angebahnten Pfade uͤber den furcht⸗ baren Albaredo auf die entgegengeſetzte Seite hinab⸗ zufuͤhren und ſolchergeſtalt das Feuer aus dem Fort Bard zu vermeiden. Damit war jedoch noch nicht viel gewonnen. Es war unmoͤglich, oder doch nicht ohne großen Zeitver⸗ luſt moͤglich, die Artillerie, ohne die ſich gegen die 5 41 Oeſterreicher nichts ausrichten ließ und gar kein Feld⸗ zug Statt finden konnte, uͤber den Albaredo fortzu⸗ ſchaffen. 8 Inzwiſchen fertigte der erſtaunte Kommandant von Bard, dem die Erſcheinung einer ſo zahlreichen Armee wie das Werk eines Zauberers vorkam, einen Boten nach dem andern an Melas, der damals vor Genua ſtand, ab, um ihm zu melden, es ſey eine Armee von mehr als 30,0co Franzoſen die Alpen herabgekommen, auf Wegen, die man bisher zu ei⸗ nem Heereszuge fuͤr ganz untauglich gehalten, haͤtte das Thal von Aoſta beſetzt und ſey damit beſchaͤftigt, ſich einen Weg uͤber den Albaredo zu bahnen. Da⸗ bei verſprach er jedoch ſeinem Obergeneral, daß nicht Eine Kanone, nicht Ein Munitionswagen durch die Stadt kommen ſollte, und ſchloß aus dem Umſtande, daß, da der Albaredo fuͤr die Artillerie nicht zugaͤng⸗ lich ſeyt, Buonaparte, ſeines Geſchuͤtzes beraubt, es nicht wagen werde, in die Ebene von Italien vorzu⸗ brechen. Der Kommandant ſchloß zwar folgerecht, aber aus falſchen Vorderſaͤtzen. Die franzoſiſche Artillerte war bereits unter den Kanonen der Cidatelle und, ohne von dieſer aus bemerkt zu werden, durch die Stadt gegangen; man hatte zu dieſem Zwecke die Straße vorher mit Erde und Dung belegt, worauf die Kanonen, mit Stroh und Baumzweigen zugedeckt, von der Mannſchaft in tiefſter Stille fortgezogen * 4² wurden. Ungeachtet die Garniſon von dem, was vor⸗ ging, nicht die mindeſte.Ahndung hatte, ſo gab ſie doch von Zeit zu Zeit, aus bloßem Verdacht, Feuer, und toͤdtete oder verwundete Artilleriſteu genug, um den Beweis herzuſtellen, daß es bei einem ſtarken und anhaltenden Feuer von den Waͤllen herab ſchlech⸗ terdings unmoͤglich geweſen ſeyn wuͤrde, hindurch zu kommen. Es iſt auffallend, daß der Kommandant kein Einverſtaͤndniß mit der Stadt unterhalten hatte, denn ein vorher verabredetes Zeichen, etwa ein Licht an einem beſtimmten Fenſter, haͤtte eine ſolche Kriegs⸗ liſt bald verrathen. Eine Diviſion, aus Conſcribirten beſtehend, blieb unter dem General Chabran vor der Feſtung zuruͤck, um dieſelbe zu belagern. Sie hielt ſich ſo lange, bis man mit großer Muͤhe auf dem Albaredo, der dieſelbe beherrſcht, Batterien errichtet und eine Ka⸗ none auf dem Kirchenthurme der Stadt aufgepflanzt hatte, wo ſie ſich dann ergab. Man kann hier nicht umhin, zu bemerken, daß der Widerſtand dieſer klei⸗ nen Feſtung, der in dem Feldzugsplane entweder uͤberſehen oder als unbedeutend angeſchlagen worden war, den Marſch uͤber den St. Bernhard beinahe mehr als fruchtlos gemacht und den Untergang der Armee des erſten Konſuls herbeigefuͤhrt haͤtte. So wenig ſind auch die groͤßten Feldherrn im Stande, alle Wechſelfaͤlle des Krieges mit Zuperlaͤßigkeit zu berechnen. 4 43³ Von dieſem gefaͤhrlichen Engpaſſe aus ruͤckte der Vortrab von Buonaparte im Thale hinab nach Iv⸗ rea; Lannes nahm dieſe Stadt mit Sturm ein, griff die oͤſterrelchiſche Diviſion, welche ſie vertheidigte, nochmals an, und ſchlug dieſelbe, nachdem ſie ſich ver⸗ ſtaͤrkt und bei Romano eine vortheilhafte Stellung gewonnen hatte. Zwei Wege ſtanden nun Napoleon offen, der nach Turin und der nach Mailand; es lag in ſeiner Wahl, welchen er einſchlagen wollte. In⸗ zwiſchen ließ er ſeine Truppen bei Ivrea vier Tage raſten und ſich zu neuen Unternehmungen vorbereiten. Waͤhrend dieſer Raſt ruͤckten die andern Kolon⸗ nen ſeiner Armee vor, um ſich, dem Plane des Feld⸗ zugs gemaͤß, mit der Hauptmacht zu vereinigen. Tu⸗ reau, der uͤber den Mont⸗Cenis gegangen war, hatte die Bergfeſten Suſa und la Brunette genommen; auf der andern Seite waren die ſtarken Korps, die Moreau auf die Veranſtaltung von Carnot von ſei⸗ ner Armee abgegeben hatte, auf dem Marſche uͤber den Symplon und den St. Gotthard begriffen, um die Operationen des erſten Konſuls zu unterſtuͤtzen und den linken Fluͤgel ſeiner Armee zu bilden. Doch ehe wir fortfahren, den Bewegungen Napoleon's in dieſem thatenreichen Feldzuge zu folgen, muͤſſen wir die fruͤhern Operationen von Melas und die Lage, in der er ſich nunmehr befand, angeben. Es iſt bereits bemerkt worden, daß die Oeſter⸗ ei der Eroͤffnung des Feldzugs von 1800 die 2 44 groͤßte Hoffnung hegten, ihre Armee in Italien werde, wenn ſie einmal Genua und Nizza genommen, den Var uͤberſchreiten, in die Provenze eindringen und ſich vielleicht der Staͤdte Toulon und Marſeille be⸗ meiſtern können. um dieſes ins Werk zu ſetzen, war Melas, nachdem er in Piemont ſo viele Trup⸗ pen zuruͤckgelaſſen, als ihm zur Behauptung der Al⸗ venpaͤſſe noͤthig ſchienen, gegen Genua vorgeruͤckt, das nun von Maſſena gedeckt und vertheidigt werden mußte. Es kam zwiſchen beiden Generalen in die⸗ ſem Gebirgslande zu ſehr hitzigen Gefechten, die aber als Poſtengefechte, bei aller Geſchicklichkeit in der Leitung, nur parttelle Vortheile gewaͤhren konn⸗ ten, in ſoferne die Beſchaffenheit des Landes keine großen Kriegsoperationen geſtattete. In dieſen Ge⸗ fechten war zwar der groͤßere Verluſt auf Seiten der Oeſterreicher, allein den Franzoſen war der ih⸗ rige weit empfindlicher, weil ſie die Schwaͤchern wa⸗ ren. Im Maͤrzmonat erſchien die engliſche Flotte un⸗ ter Lord Keith, wie wir wiſſen, vor Genua, und ſchnitt, den Hafen blokirend, der Stadt alle Zufuhren von Lebensmitteln und andern Beduͤrfniſſen zur See ab. Am öten April nahm Melas Vado, zufolge ei⸗ nes großen Mandͤvers, wodurch er die franzöoͤſiſche Armee in zwei Haͤlften ſpaltete; Suchet, der den linken Fluͤgel von Maſſena befehligte, ward von ſei⸗ nem Obergeneral abgeſchnitten und auf die franzoͤſi⸗ 45 1 ſche Grenze zuruͤckgeworfen. Maͤrſche, Mandvers und blutige Gefechte folgten raſch auf einander; obgleich aber die Franzoſen in verſchiedenen Gefech⸗ ten Vortheile errangen, ſo wollte es ihnen doch nicht gelingen, die Verbindung zwiſchen Suchet und Maſſena wieder herzuſtellen. Waͤhrend jener ſich nach der franzoͤſiſchen Grenze zuruͤckzog, und eine Stellung bei Borghetta bezog, ſah ſich dieſer ge⸗ noͤthigt, ſeine Armee in eine Beſatzung zu verwan⸗ deln, und ſich entweder ganz nach Genua zu werfen, oder doch unter deſſen Waͤllen zu lagern. Melas naͤherte ſich mittlerweile der Stadt immer mehr, bis Maſſena in einem wuͤthenden Ausfalle die Oe⸗ ſterreicher aus ihren Stellungen vertrieb, ſie zum Nuͤckzuge zwang und ihnen zwoͤlfhundert Gefangen e und einige Trophaͤen abnahm. Allein die Franzoſen wurden ſelbſt durch dergleichen Vortheile erſchoͤpft; ſie mußten unter den Waͤllen oder in der Stadt verbleiben, wo ſich bereits eine Hungersnoth ein⸗ ſtellte. Man war ſchon dahin gebracht, Pferde, Hunde und andere unreine Thiere aufzuzehren, und ſah voraus, daß der Platz ſich bald werde ergeben muͤſſen. Von dem nahen Falle Genna's uͤberzengt, uͤber⸗ ließ Melas zu Anfange des Maimonats die Beren⸗ nung dem General Ott, machte Front gegen Suchet, der, der Uebermacht weichend, ſich in Unordnung auf 8 46 die franzoͤſiſche Grenze zuruͤckzog. Am I1ten Mai ruͤckte Melas in Nizza ein und ſchickte ſich nun an, den planmaͤßigen Einfall in Frankreich auszufuͤhren. Am 14ten griffen die Oeſterrelcher den General Suchet, der zur Deckung des franzoͤſiſchen Gebiets ſeine Stellung am Var concentrirt hatte, abermals an; da aber Melas nicht durchdringen konnte, ſo traf er Anſtalt, den Var weiter oberhalb zu uͤber⸗ ſchreiten und dadurch die Stellung von Suchet zu umgehen. Allein am 21ſten Mai erhielt der oͤſterreichiſche Veteran eine Nachricht, die ihn bewog, von allen weitern Operationen gegen Suchet abzuſtehen und nach Italien zuruͤckzugehen, um einen weit furcht⸗ barern Gegner zu bekaͤmpfen. Er erfuhr, daß der erſte Konſul Frankreichs uͤber den St. Bernhard ge⸗ gangen, und durch das Thal von Aoſta geſchluͤpft ſey, und Piemont und das Mallaͤndiſche mit einer Invaſion bedrohe. Dieſe Kunde war eben ſo uner⸗ wartet als niederſchlagend; die Artillerie, das Ge⸗ paͤcke, die Vorraͤthe von Melas, ſeine Verbindungs⸗ linien mit Italien waren allzumal dieſem ſo ploͤtz⸗ lich erſchienenen Gegner preisgegeben, der, obgleich man ſeine Staͤrke nicht genau kannte, doch ſtark ge⸗ nug ſeyn mußte, um die zur Deckung der Grenze zuruͤckgelaſſenen vereinzelten Truppen nach einander aufzureiben. Zog nun Melas ins Piemonteſiſche ge⸗ gen Buongparte, ſo konnte er ſich nicht laͤnger mit 47 Suchet befaſſen, auch die Blokade von Genua, das doch auf das Aeußerſte gebracht war, nicht fortſetzen. Auf der Meinung beharrend, daß die franzoͤ⸗ ſiſche Reſervearmee nicht ſtaͤrker ſeyn koͤnne, als etwa 20,000 Mann, und in der Vorausſetzung, daß der Hauptzweck, wenn nicht der einzige Zweck des erſten Konſuls bei dieſem Wageſtuͤck kein anderer ſeyn koͤn⸗ ne, als Genua zu entſetzen und die Ueberziehung der Provence zu hintertreiben, beſchloß Melas, ſei⸗ nen in Italien zuruͤckgelaſſenen Truppen in eigener Perſon eine ſolche Verſtaͤrkung zuzufuͤhren, daß Buo⸗ naparte mit Erfolg bekaͤmpft werden konnte; zwei⸗ tens, vor Genua ein Berennungskorps und endlich vor Suchet ein Obſervationskorps zu ruͤckzulaſſen, um nicht nur den Fall von Genua vollends herbeizufuͤh⸗ ren, ſondern auch, ſobald Napoleon geſchlagen ſeyn wuͤrde, ſeine Operationen gegen Suchet wieder fort⸗ zuſetzen. Das bereits erwaͤhnte Obſervationskorps ſtand unter dem General Ellsnitz in einer feſten, noch durch Verſchanzungen verſtaͤrkten Stellung an der Roye, und diente nicht nur zur Beobachtung von Suchet, ſondern auch zur Deckung der Belagerung von Genua, falls dieſe Feſtung von Frankreich her entſetzt werden wollte. Maſſeng hatte nicht ſobald bemerkt, daß die Belagerungsarmee durch den Abmarſch von Melas geſchwaͤcht ſey, als er den kuͤhnen Entſchluß faßte, mit aller Macht uber den General Ott, dem die Berennung uͤbertragen war, herzufallen. Der Ver⸗ ſuch fiel ungluͤcklich aus; die Franzoſen wurden ge⸗ ſchlagen, und Soult, der ſich mit Maſſena vereinigt hatte, wurde verwundet und gefangen genommen. Doch hielt ſich Genug noch immer; ein Offizier, der ſich in die Stadt zu ſchleichen wußte, brachte die Kunde von Napoleon's Einfall in das piemonteſiſche Gebiet, nnd begeiſterte dadurch die Beſatzung zu noch laͤngerem Widerſtande. Doch war die Noth in der Stadt auf das Hoͤchſte geſtiegen, und der ge⸗ hoffte Entſatz ſchien noch entfernt. Die Soldaten erbielten wenig Nahrung, die Einwohner noch we⸗ niger und die oͤſterreichiſchen Gefangenen, deren an 8000 in Genua waren, beinahe gar keine.*) Endlich ſchien Alles verzweifelt; die zahlreiche Bevoͤlkerung von Genua erhob ſich und drang auf Uebergabe mit dem Bemerken, der erſte Konſul ſey nicht gewohnt, ſo langſam zu marſchiren; er wuͤrde ſchon fruͤher ge⸗ kommen ſeyn, wenn es anders ſeine Abſicht gewe⸗ ſen waͤre, zu kommen; er muͤſſe daher von Mälas uͤber⸗ *) Napoleon behauptet, Maſſena habe dem General Ott vor⸗ geſchlagen, Lebensmittel für dieſe unglücklichen Gefangenen in die Stadt zu ſenden, wobei er ſein Ehrenwort gegeben, daß kein anderer Gebrauch dapon gemacht werden ſolle; und General Ott ſey über den Lord Keith, der es abgelehnt habe, auf einen im Kriegsgebrauche ſo ganz neuen Vorſchlag ſich einzulaſſen, ſehr ungehalten geweſen. Es iſt ſchwer„ dieſer Angabe Glauben beizumeſſen. 2 —y — 49 uͤberlegener Macht geſchlagen oder zuruͤckgetrieben worden ſeyn. Aus dieſem Grunde verlangte man all⸗ gemein die Uebergabe des Platzes, der ſich Maſſena nicht laͤnger zu widerſetzen vermochte. Haͤtte der tapfere Maſſena dieſen Schritt nur einige Stunden verſchieben koͤnnen, ſo wuͤrde er deſ⸗ ſelben ganz uͤberhoben geweſen ſeyn. General Ott hatte ſo eben von Melas den Befehl erhalten, die Blokade von Genua unverzuͤglich aufzuheben und an den Po aufzubrechen, um den Fortſchritten Napoleon's, der mit einer uͤber Erwartung großen Macht im An⸗ zuge ſey, Einhalt zu thun. Der Ueberbringer die⸗ ſes Befehls, ein oͤſterreichiſcher Stabsofficker, war vom General Ott ſo eben wieder entlaſſen worden, als General Andrieux aus Genua kam, um anzuzei⸗ gen, daß Maſſena bereit ſey, die Feſtung unter der Bedingung eines freien Abzugs mit Wehr und Waf⸗ fen zu uͤbergeben. Es war jetzt keine Zeit, uͤber die Bedingungen zu debattiren und die, zu denen ſich Ott und Maſſena verſtand, waren ſo uͤberaus vortheilhaft, daß dieſer vielleicht auf die veraͤnderten Verhaͤltniſſe der Belagerungsarmee haͤtte ſchließen ſollen. Die Raͤumung Genug's, ohne Niederlegung der Waffen, ward bewilligt und die diesfallſige Ue⸗ bereinkunft am öten Juni 1800 unterzeichnet. In dieſer hoͤchſt bewegten und intereſſanten Periode tra⸗ ten aber mit furchtbar reißender Geſchwindigkeit noch W. Seott's Werke. XI.I. 4 50 weit wichtigere Ereigniſſe ein, als diejenigen, die das Schickſal von Genua, dieſer einſt ſo erlauchten Stadt, betrafen. Melas war, ungefaͤhr mit der Haͤlfte ſeiner Ar⸗ mee, aus dem genueſiſchen Gebiete uͤber Coni nach Turin geeilt, wo er ſein Hauptquartier nahm, in der Erwartung, Buonaparte werde entweder auf dieſe Hauptſtadt losgehen, oder Genua zu entſetzen ſuchen. Im erſten Falle hielt ſich Melas fuͤr ſtark genng, den erſten Konſul zu empfangen, im zweiten Falle, ihn zu verfolgen; auf jeden Fall hoffte er, ſo viele Streitkraͤfte zuſammenbringen zu koͤnnen, als nothig waren, um deſſen Vorruͤcken zu verhindern oder deſſen Ruͤckzug zu erſchweren. Allein Napo⸗ leon's Plan fuͤr dieſen Feldzug war nicht, wie Me⸗ las ſich ihn dachte; er hatte beſchloſſen, uͤber die Seſia und den Teſino zu gehen, und, Turin und Melas hinter ſich laſſend, Mailand zu gewinnen und die 20,000 Mann von der Rheinarmee, die General Moncey uͤber den St. Gotthard ihm zufuͤhrte, an ſich zu ziehen,— ein Vorhaben, das jedoch dem Scharfblicke des Veteranen Melas ſo viel wie moͤg⸗ lich entzogen werden mußte. 3 Dies ſollte vorzuͤglich durch Lannes geſchehen, der bisher den Vortrab ſo gut gefuͤhrt und bei Ro⸗ mano geſiegt hatte. Er marſchirte gegen Chiavaſo, bemaͤchtigte ſich einer Anzahl kleiner Fahrzeuge und machte Miene, daſelbſt eine Bruͤcke uͤber den Po zu 51 ſchlagen. Dies zog die Aufmerkſamkeit von Melas auf ſich; denn es konnte ebenſowohl die Einleitung eines Angriffs auf Turin als des Entſatzes von Genua ſeyn. Da aber der oͤſterreichiſche Feldherr zu gleicher Zeit erfuhr, daß die Diviſion Tureau uͤber den Mont⸗Cenis gegangen ſey und bereits die Bergfeſten Suſa und La Brunette genommen habe, ſo war dadurch Turin als das Operationsobjekt der Franzoſen bezeichnet, und Melas handelte nach die⸗ ſer Vorausſetzung. Er ſandte ein bedeutendes Korps ab, um das Schlagen einer Bruͤcke zu verhindern; waͤhrend aber ſeine Aufmerkſamkeit auf dieſe Weiſe in Anſpruch genommen war, konnte Napoleon unge⸗ ſtoͤrt ſeinen Weg nach Mailand verfolgen. Die Rei⸗ terei von Murat nahm Beſitz von Vercelles, und der Uebergang uͤber die Seſia ging ohne Schwierig⸗ keit vor ſich. Der Teſino, ein breiter und reißender 1 Fluß, gab mehr zu ſchaffen; aber die Franzoſen fan⸗ den vier oder fuͤnf kleine Boote, in welchen ſie ei⸗ nen Vortrab unter dem General Gerard uͤberſetzten. Die Oeſterreicher hatten auf dem jenſeitigen Ufer faſt nichts als Reiterei, die auf dem mit Wald be⸗ wachſenen, durchſchnittenen Boden nichts ausrichten konnte und den Uebergang geſchehen laſſen mußte. Am zten Juni zog Napoleon in Malland ein, unter dem Jubel vieler Einwohner, die auf die Wieder⸗ berſtellung der cisalpiniſchen Republik hoſſten. Die⸗ ſes ganze Man ver brachte die Deſterreicher außer 44,„ 52 Faſſung. Die Franzoſen beſetzten Pavia, Lodi un Cremona und berennten Pizzighitone. Buonaparte nahm einſtweilen ſein Quartier in dem herzoglichen Palaſte zu Mailand, wo er die De⸗ putationen von den oͤffentlichen Behoͤrden empfing, die cisalpiniſche Regierung wieder ins Leben rief und die Diviſton Moncey, vom Gotthard kommend, mit Ungeduld erwartete. Sie kam endlich, doch nicht ſo bald, als es der erſte Konſul gewuͤnſcht haͤtte, der von dem Falle Genua's noch nichts wußte und den Entſatz deſſelben moͤglichſt zu beſchleunigen ſuchte. Er erließ jetzt eine Proklamation an ſeine Truppen, in welcher er einen mackelloſen Ruhm und einen dauer⸗ haften Frieden als das Ziel ihres Strebens und als den Lohn ihrer Muͤhen bezeichnete; am 9ten Juni war hierauf ſeine ganze Armee wieder in Bewegung. Melas, ſonſt ein trefflicher Officier, zeigte ge⸗ rade jetzt etwas von jener Langſamkeit, die man ſei⸗ nen Landsleuten ſchuld gibt; vielleicht hat ihn ſein hohes Alter— denn er war ein Greis von achtzig Jahren— unſchluͤſſig gemacht, oder es ſind ihm, wie einige dafuͤr halten, Befehle von Wien zuge⸗ kommen, die ihn ſo lange in Turin faſt unthaͤtig zuruͤckhielten. Uebrigens hatte er auf die Nachricht von Napoleon's Marſch nach Mailand, wie bereits gemeldet worden, dem General Ott den Befehl zu⸗ gefertigt, die Belagerung von Genua aufzuheben und ſo ſchleunig wie moͤglich zu ihm zu ſtoßen; gl⸗ 8 53 lein er haͤtte, wie es ſcheint, in der Zwiſchenzeit die Verbindungslinie von Buonaparte an der Dorea faſſen, Ivrea, wo die Franzoſen eine große Nieder⸗ lage von Geſchuͤtz und Gepaͤcke hatten, wegnehmen und das Fort Bard entſetzen follen. Er verſuchte dies gewiſſermaßen durch eine Entſendung von 6000 Mann nach Chiavaſo, die dort einige oͤſterreichiſche Kriegsgefangene befreite; aber Ivrea blieb im Be⸗ ſitz der Franzoſen, ſo daß die Oeſterreicher weder in das Thal der Dorea eindringen, noch den Entſaz des belagerten Bard bewerkſtelligen konnten. Die Lage von Melas ward nachgerade bedenk⸗ lich; ſeine Verbindungen mit dem linken oder noͤrd⸗ lichen Ufer des Po waren gaͤnzlich abgeſchnitten, und die Franzoſen hatten von dem Fort Bard an bis nach Piacenza den beſten und ſchoͤnſten Theil des noͤrdlichen Italiens inne, waͤhrend er ſich auf den Beſitz von Piemont beſchraͤnkt ſah. Die oͤſterreichtſche Armee war uͤberdies in zwei Korps getheilt, wovon das eine unter Ott noch bei dem kaum eroberten Genua ſtand, das andere unter Melas ſelbſt in Tu⸗ rin lag. Keines von beiden befand ſich in einer vortheilhaften Stellung; jenes bei Genua wurde zu ſeiner Rechten von Suchet beobachtet, der, verſtaͤrkt durch die kuͤrzlich ausgezogene, noch voͤllig wehrhafte Beſatzung von Genuag, mit jedem Augenblicke die Offenſive wieder ergreifen konnte. Es ſtand ſonach zu befuͤrchten, Napoleon moͤchte ſich entweder auf 54 das Korvs von Ott oder auf das von Melas werfen und das eine oder das andere aufreiben, ehe noch beide ſich vereinigen konnten. Damit eine ſolche Kataſtrophe verhuͤtet werde, erhielt Ott den Befehl, an den Teſino vorzuruͤcken, waͤhrend Melas nach Alexandria aufbrach, um mit ſeinem Generallleutenant wieder in Verbindung zu kommen. 3 Napoleon ſeinerſeits hielt es fuͤr ſeine dringendſte Aufgabe, Genug zu entſetzen, von deſſen Fall ihm immer noch keine Kunde geworden war. Er entſchloß ſich daher, den Uebergang uͤber den Po zu erzwin⸗ gen und auf die Oeſterreicher loszugehen, welche die Doͤrfer Caſteggio und Montebello ſtark beſetzt hatten. Es zeigte ſich nun, daß dieſe Truppen der groͤßere Theil derjenigen Armee waren, die er un⸗ ter Ott noch bei Genua glaubte, die ſich aber, zu⸗ folge des Befehls von Melas, weſtwaͤrts gezogen hatten. General Lannes, der, wie gewoͤhnlich den Vor⸗ trab der Franzoſen fuͤhrte, wurde fruͤh am Morgen von dem uͤberlegenen Feinde angegriffen, gegen den er nur mit vieler Muͤhe ſich behaupten konnte. Der Boden war der oſterreichiſchen Reiterei guͤnſtig, und die Franzoſen vermochten kaum, den Angriff derſelben aus⸗ zuhalten, bis endlich Victor's Diviſion dem Vortrab zu Huͤlfe kam und den Sieg zur Entſcheidung brachte, ob gleich die Oeſterreicher ſehr hartnaͤckig fochten. Da — — 55 die gereifte Frucht, beſonders der Roggen, auf den Feldern ſehr hoch ſtand, ſo geriethen die beiderſei⸗ tigen Truppen oft, ehe ſie ſich ſehen konnten, ſo nahe an einander, daß es zu einem moͤrderiſchen Bajonetgefechte kommen mußte. Am Ende zogen ſich die Oeſterreicher mit einem Verluſt von 6000 Tod⸗ ten und mehr als 5000 Gefangenen zuruͤck. Unter den Waͤllen von Tortona ſammelte Ott die Truͤmmer ſeiner geſchlagenen Armee. Durch die in der Schlacht von Montebello, ſo nannte man dieſes Gefecht, gemachten Gefangenen erfuhr Napoleon zum Erſtenmal die Uebergabe von Genua, und daß ſein Vorhaben nicht mehr ausfuͤhrbar ſey. Er machte deßwegen einen Halt von drei Tagen in der Stel⸗ lung von Stradella, um die Ebene von Marengo zu vermeiden, und in der Hoffnung, Melas werde ſich genoͤthigt ſehen, ihn in dieſer fuͤr die oͤſterreichi⸗ ſche Reiterei ſo unguͤnſtigen Stellung anzugreifen; zugleich erließ er an Suchet den Befehl, durch den Paß von Cadibong uͤber das Gebirge und bis an die Scrivia den Oeſterreichern in den Ruͤcken zu gehen. Noch waͤhrend der Schlacht vom 11ten fand ſich Deſſair, der ſo eben von Aegypten zuruͤckgekehrt war, bei dem erſten Konſul ein. Nach vielen beſtan⸗ denen Abenteuern, die ſich zwiſchen ihn und das Schick⸗ ſal, das ihm bevorſtand, warnend zu draͤngen ſchie⸗ nen, war er zu Frejus gelandet und hatte Briefe von Napoleon gefunden, worin ihn dieſer einlud,⸗ 56— unverzuͤglich zu ihm zu kommen. Die Briefe druͤck⸗ ten Mißvergnuͤgen und Verlegenheit aus, und Deſ⸗ ſair, der ſehr an Napoleon hing, ſagte:„Er hat Alles erreicht, und iſt doch nicht gluͤcklich;“ und als er den Bericht von dem Marſch uͤber den St. Bern⸗ hard las, frief er aus:„Er wird uns nichts mehr zu thun uͤbrig laſſen!“ Er begab ſich ſofort auf den Weg, um ſich unter die Befehle ſeines Obergene⸗ rals zu ſtellen und, wie es ſich ergab, ſeinem fruͤh⸗ zeitigen Tode entgegen zu gehen. Beide Maͤnner hatten eine merkwuͤrdige Unterredung uͤber Aegypten, einen Gegenſtand, auf welchen Napoleon noch immer groſſen Werth legte. Deſſair erhielt ſogleich den Be⸗ fehl uͤber die bisherige Diviſion Baudet. Unterdeſſen hatte Melas ſein Hauptquartier auf zwei Tage von Turin nach Alerxandria verlegt, ohne jedoch gegen die franzoͤſiſche Stellung von Stradella, wo⸗ durch ihm der Weg nach Mantua verſperrt wurde, etwas zu verſuchen. Hiedurch ſah ſich der erſte Konſul zum Vormarſch gegen Alexandria veranlaßt, weil er fuͤrchte⸗ te, die Oeſterreicher moͤchten ihm entwiſchen, und ent⸗ weder durch einen Marſch aus ihrer linken Flanke den Teſſino gewinnen, dieſen Fluß uͤberſchreiten und durch die Einnahme von Malland ſich wieder mit Oeſter⸗ reich in Verbindung ſetzen; oder aber durch einen Marſch aus ihrer rechten Flanke ſich nach Genua wen⸗ den, das Korps von Suchet uͤberwaͤltigen und eine Stellung nehmen, wo ſie ihre rechte Flanke an die . 57 Stadt lehnen, ihre linke durch das brittiſche Ge⸗ ſchwader decken und auf der See Zufuhren erhalten koͤnnten. Dajede dieſer Bewegungen nachtheilige Folgen fuͤr die Franzoſen gehabt haben wuͤrde und Napoleon den Feind durchaus nicht entwiſchen laſſen wollte, ſo ver⸗ legte er ſein Hauptquartier den 12ten nach Voghera und den 13ten nach St. Juliano, auf der großen Ebene von Marengo. Weil ſich aber noch immer nichts vom Feinde blicken ließ, ſo ſchloß der erſte Konſul daraus, daß Melas ſeine Stellung bei Alexan⸗ dria bereits geraͤumt und, trotz der Vortheile, die ihm die Ebene darbot, den Ruͤckzug, wie es ſchien, nach Genua, dem Wagniß einer Schlacht vorgezogen habe. Er ward in dieſer Meinung noch beſtaͤrkt, als er im weitern Vorruͤcken bis zu dem Dorfe Ma⸗ rengo daſſelbe nur von einer oͤſterreichiſchen Arriere⸗ garde beſetzt fand, die ſich gegen die Franzoſen eben nicht hartnaͤckig wehrte, ſondern das Dorf nach kur⸗ zem Widerſtande raͤumte. Der erſte Konſul, jetzt uͤberzeugt, daß Melas ihm durch einen Flankenmarſch, und zwar, wie es ſchien, durch einen Marſch aus der rechten Flanke, entgangen ſey, wies den Gene⸗ ral Deſſalx, der die Reſerve befehligte, an, nach Rivolta zu marſchiren und dort die Verbindungs⸗ wege mit Genua zu beobachten; und ſo geſchah es, daß die Reſerve von der Hauptarmee um einen hal⸗ ben Tagmarſch entfernt wurde, was auf den Ausgang 58 der großen Schlacht, die jetzt vorfiel, beinahe den nachtheiligſten Einfluß gehabt haͤtte. . Gegen die Erwartung Napoleon's hatte nämlich der oͤſterreichiſche General, der den erſten Konſul vor ſich ſah und das Korps von Suchet in ſeinem Ruͤcken wußte, nach dem Gutachten eines Kriegs⸗ raths beſchloſſen, das Gluͤck der Waffen in einer Hauptſchlacht zu verſuchen— ein kuͤhner, aber nicht vorſchneller Entſchluß; denn die Oeſterreicher hatten mehr Infanterie und Artillerie, als die Franzoſen, auch war beſonders ihre Reiterei, ſowohl im Punkte der Staͤrke, als der Disciplin, bei weitem uͤberlegen, und es iſt bereits bemerkt worden, daß die weite Ebene von Marengo dieſer Waffe beſonders guͤnſtig war. Melas zog am 13ten Abends ſeine Truppen vor⸗ waͤrts von Alexandrig zuſammen, in einer Stellung, die von dem gewaͤhlten Schlachtfelde durch die Bor⸗ mida geſchieden war; Napoleon dagegen, der die Abſichten ſeines Gegners durchſchaute, traf alle Vor⸗ kehrungen zur Schlacht, und verſaͤumte nicht, an Deſſair den Befehl zu erlaſſen, ſo ſchnell wie moͤg⸗ lich bei der Hauptarmee wieder einzuruͤcken. Dieſer General war aber, ehe dieſer Gegenbefehl ihn errei⸗ chen konnte, auf dem Wege nach Nivolta ſchon ſo weit vorgeruͤckt, daß er, ſo ſehr er ſich auch be⸗ eilte, erſt nachdem das Gefecht ſchon mehrere Stun⸗ 59 den gedauert hatte, auf dem Schlachtfelde eintreffen konnte. Buonaparte ſtellte ſeine Truppen folgenderma⸗ ßen auf: die Diviſionen Gardanne und Chamberlae mußten das Dorf Marengo beſetzen, Victor, das Ganze befehligend, ſtand mit zwei Diviſionen zu ih⸗ rer Unterſtuͤzung bereit; ſein linker Fluͤgel erſtreckte ſich bis Caſtel⸗Ceriolo, einem Doͤrfchen, welches beinahe gerade gegenuͤber von Marengo liegt. Hin⸗ ter dieſem erſten Treffen ſtand die Kavalleriebrigade von Kellermann, beſtimmt, die Flanken dieſes Tref⸗ fens zu decken, oder auch nach Umſtaͤnden durch die Zwiſchenraͤume deſſelben vorzubrechen und den Feind anzugreifen. Etwa tauſend Klafter im Ruͤcken des erſten Tref⸗ fens war das von Lannes befehligte zweite Treffen aufgeſtellt und von der Kavalleriebrigade Champeaux unterſtuͤtzt. Auch wieder etwa tauſend Klafter ruͤck⸗ waͤrts des zweiten Treffens bildeten die Diviſion Cara St. Cyr und die Konſulargarde, bei der ſich Buonaparte ſelbſt befand, ein drittes Treffen oder eine ſtarke Reſerve. Sonach ſtanden die Franzoſen an dieſem denkwuͤrdigen Tage in drei Treffen oder in drei Echellons abgetheilt, von denen je eines vom andern etwa drei Viertelmeilen entfernt warz, und wovon jedes ein in ſich abgeſchloſſenes Armeekorps bildete. Die Franzoſen waren zu Anfang der Schlacht 60 etwa 20,000 Mann ſtark; nach der Ankunft der Re⸗ ſerve von Deſſair mochten ſich ihre Streitkraͤfte in Allem auf 30,000 Mann belaufen. Die Oeſterrelcher griffen mit ungefaͤhr 40,000 Mann an. Beide Ar⸗ meen waren wohlgemuth, kampfluſtig und voll Ver⸗ trauen auf ihre Anfuͤhrer. Die Oeſterreicher vertrau⸗ ten der Tapferkeit und der Kri egserfahrung ihres Melas, die Franzoſen dem Genie und dem uͤberwie⸗ genden Talente Napoleon's. Es handelte ſich zu⸗ naͤchſt um den Beſitz von Itallen, aber niemand konnte errathen, welche andere wichtige Folgen die⸗ ſer Tag herbeifuͤhren wuͤrde. So viel ſchien gewiß, daß die Schlacht entſcheidend ſeyn und daß der ge⸗ ſchlagene Theil zu Grund gerichtet werden muͤſſe. Wenn Buonaparte den Kuͤrzern zog, ſo konnte er ſich kaum nach Mailand zuruͤckziehen, Melas dage⸗ gen, wenn er eine Niederlage erlitt, hatte das Korps von Suchet in ſeinem Ruͤcken. Die ſchoͤne Ebene, auf welcher die Franzoſen ſtanden, ſchien von der Natur zu einem Fechtboden beſtimmt, auf dem das Schickſal von Koͤnigreichen entſchleden werden ſollte. Des Morgens in aller Fruͤhe gingen die Oeſter⸗ reicher auf drei Pontonbruͤcken in drei Kolonnen uͤber die Bormida und ruͤckten in derſelben Ordnung vor. Die rechte und die mittlere Kolonne, aus Infanterie beſtehend, war, die eine vom General Haddick, die andere vom General Keim befehligt; die linke Ko⸗ lonne, ganz aus leichten Truppen und Reiterei ge⸗ —— —— 61 bildet, zog ſich um das Dorf Coriolo, dem Stuͤtz⸗ punkte des franzoͤſiſchen rechten Fluͤgels, herum. Ge⸗ gen ſieben Uhr des Morgens griff Haddick das Dorf Marengo mit einer Wuth an, der die Diviſion Gardanne, ſo tapfer ſie auch focht, nicht widerſtehen konnte. Victor unterſtuͤzte dieſe Diviſion und ſuchte das Dorf mittelſt einer Schwenkung ſeines Treffens zu decken. Melas, der die mittlere Kolonne in ei⸗ gener Perſon fuͤhrte, ruͤckte zur Unterſtuͤzung von Haddick heran, worauf das Dorf Marengo, nachdem es bereits ein⸗ oder zweimal genommen worden war, zuletzt im Beſitz der Oeſterreicher blieb. Die Diviſionen Victor und Gardanne, welche Marengo in Unordnung raͤumen mußten, verſuchten es, ſich bei dem zweiten Treffen, das von Lannes befehligt war, wieder zu ſammeln. Dies geſchah ungefaͤhr um neun Uhr des Morgens. Waͤhrend nun die eine oͤſterreichiſche Kolonne, wiewohl vergebens, die rechte Flanke von Lannes zu gewinnen ſuchte, gelang es der andern, das Centrum der Diviſion Victor zu durchbrechen, dieſelbe in Unordnung zu bringen und Lannes, der ſeine linke Flanke dadurch entbloͤößt ſah, zum Ruͤckzug zu zwingen. Lannes konnte dieſen noch in ziemlich guter Ordnung be⸗ werkſtelligen, Victor's Truppen dagegen flohen in großer Unordnung zuruͤck. Die Kolonne der oͤſterrei⸗ chiſchen Reiterei, die das Dorf Caſtel⸗Ceriolo um⸗ gangen hatte, kam jetzt zum Vorſchein und bedrohte 62 den rechten Fluͤgel von Lannes, der noch allein Stand hielt. Napoleon ließ jetzt zwei Bataillons von der Konſulargarde aus dem dritten Treffen oder der Re⸗ 5 ſerve vorruͤcken und von denſelben hinter dem rech⸗ ten Fluͤgel von Lannes zwei Vierecke bilden, wo⸗ durch dieſer Fluͤgel unterſtuͤtzt und die feindliche Rei⸗ terei in Schranken gehalten wurde. Der erſte Kon⸗ ſul, deſſen Standort durch die Baͤrenmuͤtzen ſeiner Grenadierwache bezeichnet war, fuͤhrte ſelbſt die Di⸗ viſion Mounier, die als die Vorhut der Reſerve von Deſſair in dieſem kritiſchen Augenblicke auf dem Wahlplatze erſchlenen war, ins Feuer. Dieſe Diyvi⸗ ſion wurde mit der Garde zur Verſtaͤrkung des rech⸗ ten Fluͤgels von Lannes verwendet; eine Brigade davon mußte Caſtel⸗Ceriolo beſetzen, das jetzt den Stuͤtzpunkt des franzoͤſiſchen rechten Fluͤgels bildete und deſſen ſich die linke oͤſterreichiſche Kolonne, man weiß nicht warum, zu bemaͤchtigen verſaͤumt hatte. Buonaparte bemuͤhte ſich indeſſen vergebens, durch mehrere verzweifelte Reiterangriffe den Fortſchrit⸗ ten des Feindes Einhalt zu thun. Sein linker Fluͤ⸗ gel ward gaͤnzlich in die Flucht geſchlagen, ſein Cen⸗ trum in große Unordnung gebracht; nur ſein rechter Fluͤgel konnte, zufolge der ihm gewordenen Unter⸗. ſtuͤtzung, ſeine Stellung behaupten. 3 In dieſer Lage ſchien ſich das Gluͤck ſo ſehr ge⸗ gen ihn zu eutſcheiden, daß er, um die Ueberwaͤlti⸗ K ve 1 porhindern gung ſeines rechten Fluͤgels en verhinderu, ſich in 63 Angeſicht eines ihm an Geſchuͤtz und Reiterek uͤber⸗ legenen Feindes zu einer ruͤckwaͤrtigen Bewegung ge⸗ noͤthigt ſah, die jedoch mehr eine Frontveraͤnderung als ein eigentlicher Ruͤckzug war. Der franzoͤſiſche rechte Fluͤgel, der noch bei Caſtel⸗Ceriolo, dem Dreh⸗ punkte des ganzen Mandvers, ſtand, ward ange⸗ wieſen, ſich nur langſam zuruͤckzuziehen, waͤhrend die Mitte etwas geſchwinder, der linke Fluͤgel aber im Doublirſchritt zuruͤckgehen mußte. Solchergeſtalt erhielt die Schlachtordnung, die zu Anfang des Ge⸗ fechts quer durch die Ebene lief, eine andere Rich⸗ tung, indem der linke Fluͤgel bis nach St. Juliano zuruͤckgeſchoben und dort durch das im Anzug be⸗ griffene Korps von St. Cyr unterſtuͤtzt wurde. Die⸗ ſes Korps, jetzt noch die einzige verwendbare Re⸗ ſerve, war endlich auf dem Schlachtfelde angelangt und von Buonaparte auf einem vortheilhaften Ter⸗ rain vor dem Dorfe St. Jullano aufgeſtellt worden; auf daſſelbe zog ſich jetzt der groͤßte Theil des lin⸗ ken Fluͤgels in voͤlliger Unordnung zuruͤck, waͤhrend der rechte mit gemeſſenen Schritten und von Zeit zu Zeit dem Feind die Stirne bietend und ſeine Angriffe ſtandhaft abweiſend, nur allmaͤhlig das Feld raͤumte. Jetzt, wo ihm der Sieg ganz nahe zu liegen ſchien, fuͤhlte ſich der achtzigjaͤhrige Melas, der be⸗ reits ſeit mehreren Stunden zu Pferde war, ſo er⸗ ſchoͤpft, daß er ſich nach Alexrandria zuruͤckbegeben und 64 es dem General Zach uͤberlaſſen mußte, den Sieg, der bereits gewonnen ſchien, zu vollenden. Aber die Stellung von St. Juliano gab dem erſten Konſul einen Haltpunkt, deſſen er nachgerade ſehr bedurfte. Seine Reſerve ſtand vor dem Dorfe in zwei Treffen, die auf ihren Fluͤgeln von dicht geſchloſſenen Infan⸗ teriekolonnen unterſtuͤtzt, links durch ein zahlreiches Geſchuͤtz, rechts durch ein ſtarkes, von Kellermann befehligtes Reiterkorps gedeckt waren, welches letz⸗ tere, nachdem es zu Anfang der Schlacht geworfen worden, ſich hier wieder geſammelt hatte. Deſſaix hatte ſeine Stellung da genommen, wo die Landſtraße eine Art von Engpaß bildet, einerſeits von einem Walde, andererſeits von einer dichten Rebenpflanzung begrenzt wird. Der franzoͤſiſche Soldat verſteht es vielleicht beſ⸗ ſer, als jeder andere, aus der Unordnung wieder in die Ordnung uͤberzugehen und auf der Flucht ſich wie⸗ der zu ſammeln. Die Fluͤchtlinge der beinahe ganz aufgeloͤßten Diviſion von Victor begaben ſich in den Nuͤcken der Stellung von Deſſair, wo ſie, gegen den Feind gedeckt, ihre Reihen wieder herſtellten und neuen Muth ſchoͤpften. Als aber Deſſaix zuerſt die Ebene mit Fluͤchtlingen bedeckt und Napoleon ſelbſt in vollem Nuͤckzuge ſah, hielt er Alles fuͤr ver⸗ loren und ſagte zu dieſem, auf den er mitten im Gedraͤnge traf:„Die Schlacht iſt, wie es ſcheint, 3 ver⸗ 65 verloren, und es wird fuͤr mich nichts uͤbrig bleiben, als Ihren Ruͤckzug zu decken. Iſt es nicht ſo?“ „Keineswegs,“ erwiederte der Oberkonſul,„die Schlacht iſt im Gegentheil gewonnen; die Truppen, die da fliehen, gehoͤren zu meinem Centrum und lin⸗ ken Fluͤgel, und ich gedenke ſie jetzt in Ihrem Ruͤcken zu ſammeln.— Laſſen Sie Ihre Kolonne vorruͤcken.“ Deſſair ging jetzt an der Spitze der oten leichten Infanteriebrigade unverzuͤglich auf die Oeſterreicher los, die, durch das unaufhoͤrliche Gefecht ermuͤdet, und durch die raſche Verfolgung ihrer Gegner in Un⸗ ordnung gekommen waren. Dieſer fuͤr Buonaparte ſo hochwichtige und ſo entſcheidende Augenblick ſollte aber fuͤr Deſſaix der letzte ſeyn; er fiel, von einer Kugel durch den Kopf geſchoſſen.*) Seine Soldaten aber ſetzten demungeachtet den Angriff mit der groͤß⸗ ten Wuth fort, und Kellermann, der jetzt mit ſeiner Reiterei auf die Oeſterreicher anſprengte, durchbrach ihre Reihen und umzingelte ein Korps von ſechs * Der Moniteur legt dem Sterbenden General eine Phraſe in den Mund, in der er ſich beklagte, noch ſo wenig für die Geſchichte gethan zu haben, und worauf der erſte Konſul es bedauert haben ſoll, daß es ihm jetzt nicht geſtattet ſey, Deſ⸗ fair zu beweinen. Allein Buonaparte verſicherte ſelbſt, Deſ⸗ ſsix ſey todt auf dem Platze geblieben, und es iſt auch nicht wahrſcheinlich, daß in dem Augenblicke, wo die Schlacht eine andere Wendung nahnt, der Konful ſich mit ſchönen Poraſen und empfindſamen Ergieſſungen habe abgeben können W. Seott's Werke. XLI. 1. Ss. Grenadierbataillons, die, von den uͤbrigen abgeſchnit⸗ ten und von paniſchem Schrecken ergriffen, ſofort das Gewehr ſtreckten. General Zach, der in Abwe⸗ ſenheit von Melas den Oberbefehl fuͤhrte, ward mit dieſen ſechs Bataillons gefangen genommen. Jetzt war es an den Oeſterreichern, zu fliehen. Buonaparte, der an der Fronte ſeiner Truppen im Galopp hinjagte, rief ihnen zu:„Vorwaͤrts, vor⸗ waͤrts, Ihr wißt, daß ich gewohnt bin, auf dem Schlachtfelde mein Nachtlager zu nehmen.“ Die Oeſterreicher hatten ihre Vortheile mit un⸗ vorſichtiger Haſt verfolgt, und die Regel, nach wel⸗ cher jedes Korps zur Unterſtuͤtzung des andern ſtets bereit ſeyn muß, nicht beachtet; auch ihr linker Fluͤ⸗ gel hatte durch ſein uͤbereiltes Vorruͤcken gegen den noch nicht erſchuͤtterten rechten Fluͤgel von Buona⸗ parte Bloͤßen gegeben. Unter dieſen Umſtaͤnden ver⸗ mochten ſie nicht, einem allgemeinen wuͤthenden und unerwarteten Angriff zu widerſtehen; ſie wurden auf allen Punkten zuruͤckgetrieben und mit ungeheu⸗ rem Verluſt uͤber die Ebene verfolgt, und konnten erſt hinter der Bormida wieder zum Stehen ge⸗ bracht werden. Ihre ſchoͤne Reiterei, welche, in Schwadronen abgetheilt, ihre Flucht haͤtte decken ſollen, floh ſelbſt im Galopp davon, alles, was ſich auf ihrem Wege fand, niederreitend; an den Bruͤk⸗ ken uͤber die Bormida war die Unordnung unbe⸗ ſchreiblich, ganze Korps blieben auf dem linken Ufer 67 zuruͤck, und ergaben ſich in der Nacht, oder am an⸗ dern Morgen den Franzoſen. Aus allen Berichten uͤber dieſe Schlacht geht hervor, daß der Sieg den Haͤnden der Oeſterreicher entwunden worden iſt, als ſie denſelben, durch die Arbeit des Tags ermuͤdet, nicht mehr feſthalten konnten. Haͤtten ſie ihre vorderſten Korps durch Reſer⸗ ven unterſtuͤtzt, ſo wuͤrden ſie einen ſolchen Unfall nicht erlitten haben. Nicht minder gewiß iſt es, daß das Schickſal von Buonaparte durch die Ankunft von Deſ⸗ ſair, in dem Augenblicke, wo dieſe⸗Statt fand, ent⸗ ſchieden worden iſt, und daß, ungeachtet der geſchick⸗ ten Anordnung, zufolge welcher der erſte Konſul den feindlichen Angriff ſo lange aushielt, er doch gaͤnz⸗ lich geſchlagen worden waͤre, wenn Deſſair ſeinen Ruͤckmarſch nicht ſo ſehr beſchleunigt haͤtte. Maͤuner vom Fach ruͤgen es ſehr, daß Melas auf ſeinem Vormarſche Caſtel⸗Ceriolo nicht beſetzt hat und daß die Oeſterreicher, durch die Hoffnung eines baldigen Sieges verlockt, zu unvorſichtig gegen St. Juliano vorgeruͤckt ſind. Zufolge dieſes fuͤr den Augenblick ganz unerſetz⸗ lichen Verluſtes beſchloß Melas, die Truͤmmer ſei⸗ ner Armee am 15ten Juny 1800 durch eine Con⸗ vention oder eigentlich eine Kapitulation zu retten, nach welcher ihm gegen die Abtretung von Genua und aller Feſtungen, welche die Oeſterreicher in Pie⸗ mont, in der Lombardei und in den Legationen noch .⸗ 68 inne hatten, geſtattet wurde, ſich hinter Mantua zuruͤckzuziehen. Buonaparte willigte um ſo lieber in dieſe Bedingungen, als eine engliſche Armee im Begriff war, an der Kuͤſte zu erſcheinen. Die Klug⸗ heit rieth ihm, einen immer noch maͤchtigen Feind nicht zur Verzweiflung zu bringen, und ſich mit dem Ruhme zu begnuͤgen, in den Gefechten von Monte⸗ bello und Marengo faſt alles wieder gewonnen zu haben, was die Franzoſen in dem ungluͤcklichen Feld⸗ zuge von 1799 eingebuͤßt hatten. Es war genug ge⸗ ſchehen, um zu beweiſen, daß, gleichwie der Gluͤcks⸗ ſtern Frankreichs nach der Abreiſe von Buonaparte erbleicht war, er bei der Wiedererſcheinung dieſes Gluͤckskindes er mit einem noch weit herrlicheren Glanze zu ſtrahlen beginne. Auch ein Waffenſtill⸗ ſtand ward geſchloſſen, zur Einleitung, wie man hoff⸗ te, eines glorreichen Friedens mit Oeſterreich. Die⸗ ſer Waffenſtillſtand ſollte am Rhein wie in Italien gelten. durfte, um die Convention mit Melas ins Roine zu bringen, begab ſich Buonaparte am 17ten Juli nach Malland zuruͤck, wo er die republikaniſche Ver⸗ faſſung, die er fruͤher dem cisalpiniſchen Staate be⸗ willigt hatte, von Neuem in's Leben rief und meh⸗ rere Akte der hoͤchſten Gewalt ausuͤbte. Obgleich unzufrieden mit Maſſena wegen ſeiner Uebergabe von Genug, uͤbertrug er ihm nichtsdeſtoweniger den Nach Ablauf von zwei Tagen, deren man be⸗ — 69 Oberbefehl in Italien, und ob ihm ſchon Jourdan's Betragen am 18ten Brumaire Mißtrauen einfloͤßen mußte, ſo trug er doch kein Bedenken, denſelben zum Miniſter der franzoͤſiſchen Republik in Piemont zu ernennen und ihn dadurch an der Spitze der Ver⸗ waltung dieſes Landes zu ſtellen. Durch ſolche ver⸗ ſoͤhnende Schritte wurden Maͤnner von ganz entge⸗ gengeſetzten Parteien dahin gebracht, durch die Re⸗ gierung des Oberkonſuls ihr eigenes Intereſſe ge⸗ wahrt und gefoͤrdert zu ſehen. Zu Paris ſehnte ſich jetzt Alles nach der Zuruͤck⸗ kunft Napoleon's. Er verließ Mailand am 24ſten Juni und hielt ſich in Lyon nur ſo lange auf, um den Grundſtein zu den Gebaͤuden auf dem Platze Bel⸗cour, die von den Jacobinern zerſtoͤrt worden waren, zu legen. Am 2ten Juli traf der erſte Kon⸗ ſul wieder in Paris ein, das er am oten Mai ver⸗ laſſen hatte. Aber was war in dieſer Zeit von kaum zwei Monaten nicht alles geſchehen? Er hatte die Erwartungen ſeiner waͤrmſten Anhaͤnger noch bei weitem uͤbertroffen. Seine bloße Gegenwart in Ita⸗ lien ſchien hinreichend, alle ſchlimmen Folgen eines ungluͤcklichen Feldzugs aufzuheben, und die Fruͤchte ſeiner fruͤhern Siege, die in ſeiner Abweſenbeit verſchwunden waren, in ihrer ganzen Fuͤlle wieder herzuſtellen. Er war gleichſam die Sonne Frank⸗ reichs; wenn er ſich verbarg, lag Alles im Dunkel, wenn er ſich wieder zeigte, erglaͤnzte der heiterſte . 70 Tag. Die Pariſer verließen ihr Tagwerk und draͤng⸗ ten ſich in die Tuillerien, um eines Blickes von dem wundervollen Manne gewuͤrdigt zu werden, der den Lorbeer des Siegs in der einen, den Oelzweig des Friedens in der andern Hand zuruͤckbrachte. In den Gaͤrten, den Hoͤfen und den Quaien, in der Naͤhe des Palaſtes erſcholl lauter Jubel; Reiche und Arme beleuchteten ihre Haͤuſer, und es gab wohl wenig Franzoſen, die nicht die allge meine Freude theilten. Zehntes Kapitel. Napoleon bietet neue Friedensbedingungen an, die von dem öſterreichiſchen Geſandten angenommen werden.— Der Kaiſer verweigert ſeine Genehmigung, wenn nicht auch England in den Frieden eingeſchloſſen wird.— Es werden Unterhandlungen mit England angeknüpft.— Dieſe ſchlagen fehl, und Oeſter⸗ reich wird zur Erneuerung des Friedens vermocht— Würdigung dieſer Politik— Nach einem Waffenſtillſtande von 45 Tagen werden die Feindſeligkeiten wieder eröffnet.— Schlacht von Ho⸗ henlinden am 3ten December 1800 von Moreau gewonnen.— Noch andere Schlachten fallen zum Nachtheil der Oeſterreicher aus, wodurch dieſe beſtimmt werden, für ſich allein Frieden zu machen.— Es findet ein Waffenſtillſtand Statt, auf den der Friede von Luneville folgt.— Convention zwiſchen Frankreich und den verein igten Staaten von Nordamerika.— Rückblick. — Die Königinn von Neapel begibt ſich nach Petersburg, um die Verwendung des Kaiſers Paul nachzuſuchen— Launenhaf⸗ ter Charakter deſſelben; urſprünglich ein heftiger Franzoſenfeind 71 wird er kälter und zuletzt feindlich gegen die Oeſterreicher geſinnt und dem erſten Konſul gewogen.— Er nimmt die Königin von Neapel freundlich auf und verwendet ſich für ſie bei Buona⸗ parte.— Der ruſſiſche Geſandte wird zu Paris mit der größten Auszeichnung empfangen;— die königliche Familie von Neapel ſieht ſich für den Augenblick, wiewohl unter harten Bedingungen, geret⸗ tet.— Der neapolitaniſche General wird gezwungen, das römiſche Gebiet zu räumen.— Rom wird wieder unter die Herrſchaft des Pabſtes geſtellt.— Napoleon verlangt von dem König von Spanien, Portugal den Krieg zu erklären.— Olivenza und Almeida werden genommen.— Gebieteriſches Benehmen Napo⸗ leon's gegen die Mächte auf der Halbinſel.— England allein beharrt auf der Oppoſition gegen Frankreich.— Malta muß ſich nach einer zweijährigen Blokade an die Engländer ergeben. Napoleon wußte ſich der Popularitaͤt, die er ſich durch ſeinen Sieg verſchafft hatte, mit vieler Ge⸗ wandtheit zu bedienen. Es war im Kriege ſtets ſeine Gewohnheit geweſen, nach irgend einem kuͤhnen und entſcheidenden Streiche dem Feinde annehm⸗ liche Bedingungen zu bieten und dadurch deſſen Intereſſe von dem ſeiner Verbuͤndeten zu tren⸗ nen. Zufolge dieſes politiſchen Syſtems ſchlug er jetzt dem Grafen St. Jullen, einem Geſandten Oeſterreichs, Friedensbedingungen vor, die, auf den Vertrag von Campio⸗Formio gegruͤndet, weit vortheilhafter waren, als er nach der Niederlage bei Marengo von dem Sieger erwarten konnte. Der oͤſterreichiſche Geſandte nahm auch keinen Anſtand, dieſe Praͤliminarien zu unterzeichnen; ſie erhielten 22 aber nicht die Genehmigung des Kaiſers, der ſeine Ehre darein ſetzte, den gegen England eingegangenen Verpflichtungen getreu zu bleiben, und von einem Frieden, an dem letzteres keinen Antheil hatte, nichts wiſſen wollte. Es ward indeſſen verſichert, Lord Minto, der engliſche Geſandte in Wien, habe die Bereitwilligkeit Englands, an einem allgemeinen Frie⸗ den Theil zu nehmen, bereits angezeigt. Dieſe Anzeige fuͤhrte zu einer Eroͤffnung zwiſchen Frankreich und England, die durch Herrn Otto, dem die Sorge fuͤr die franzoͤſiſchen Kriegsgefangenen in England uͤbertragen ward, vermittelt wurde. Der fran⸗ zoͤſiſche Geſandte erklaͤrte, daß, wenn England an dem Frieden Theil nehmen wolle, es vor allen Dingen in einen Waffenſtillſtand zur See willigen und ſolchergeſtalt die durch ſeine uͤberlegene Seemacht erhaltenen Vor⸗ theile nicht weiter verfolgen muͤſſe, gleichwie der erſte Konſul nach ſeinen Siegen auf dem Continent ſich auch zu einem Waffenſtillſtande verſtanden hatte. Zufolge dieſer Bedingung haͤtte England die Blokade der franzoͤſiſchen Seehaͤfen aufheben muͤſſen und folg⸗ lich die Franzoſen nicht mehr verhindern koͤnnen, Verſtaͤrkungen nach Aegypten und Malta zu ſenden, welches im Begriffe ſtand, ſich an die Englaͤnder zu ergeben. Auch ſahen die brittiſchen Miniſter eln, daß ein Waffenſtillſtand zwiſchen zwei Landarmeen, die ein⸗ ander gegenuͤberſtehen, ganz etwas anderes ſey, als die Einſtellung der Feindſeligkeiten auf allen Meeren, 73 3 in ſoferne im erſten Fall nach dem Bruche des Waf⸗ fenſtillſtandes die Feindſeligkeiten ſogleich wieder fort⸗ geſetzt werden koͤnnen, im zweiten Falle aber, zufolge der Entfernung und der Ungewißheit der Communi⸗ kationen, der Krieg erſt nach Ablauf von mehreren Monaten wieder beginnen kann, wobei die Franzo⸗ ſen, als zur See die Schwaͤcheren, nothwendig ge⸗ wonnen haͤtten. Die brittiſchen Staatsmaͤnner ſchlu⸗ gen demnach einige Modificationen vor, um die auf⸗ fallende Ungleichheit in den Bedingungen eines ſol⸗ chen Waffenſtillſtandes zu beſeitigen. Allein von franzoͤſiſcher Seite ward darauf erwiedert, daß eine ſolche Modification nur dann Statt finden koͤnne, wenn England ſich zu einem Separatfrieden verſte⸗ hen wolle, daß aber der erſte Konſul nicht darein willigen koͤnnte, wenn auch Oeſterreich an den Unter⸗ handlungen Theil nehmen ſollte. An dieſem Punkt verſchlugen ſich die Friedens⸗ unterhandlungen zwiſchen Frankreich und England, und der oͤſterreichiſche Kaiſer mußte ſich entſchließen, entweder den Krieg zu erneuern, oder ohne ſeine Bundesgenoſſen ſich in Unterhandlungen einzulaſſen. Es ſcheint, er habe ſich fuͤr verpflichtet gehalten, die gefaͤhrlichere und ehrenvollere Maßregel vorzu⸗ ziehen.. Dieſer Entſchluß war edelmuͤthig, aber durchaus nicht politiſch, zu einer Zeit, wo die oͤſterreichiſchen Armeen geſchlagen, die oſterreichiſchen Voͤlker ent⸗ muthigt und die franzoͤſiſchen Armeen ſo weit in Deutſchland vorgedrungen waren. Selbſt Pitt, auf deſſen abnehmende Geſundheit die ſchlimme Wen⸗ dung der Dinge einen ſo nachtheiligen Eindruck mach⸗ te, fah durch die Niederlage von Marengo jede Hoff⸗ nung, gegen Frankreich etwas auszurichten, auf lange Zeit hin vernichtet. Auf die Karte von Europa hin⸗ weiſend, ſagte er:„Legt ſie zuſammen, man wird dieſelbe in den naͤchſten zwanzig Jahren nicht mehr aufſchlagen duͤrfen.“ Um jedoch den Kampf nicht aufzugeben, ſo lange vooch ein Fuͤnkchen von Hoffnung glimmte, ward in dem brittiſchen Kabinet beſchloſſen, Oeſterreich zur Fort⸗ ſetzung des Kriegs aufzjumuntern. Indem England ſeinem Verbuͤndeten eine ſolche Maßregel zu einer Zeit empfahl, wo es großes Ungluͤck erlitten und deß⸗ wegen den Muth verloren hatte, glich es vielleicht einem allzuhitzigen Sekundanten bei einem Zwei⸗ kampfe, der ſeinen Principal, deſſen Kraft bereits er⸗ ſchoͤpft iſt, zur Fortſetzung des Kampfes immer noch antreibt. Das große und maͤchtige Oeſterreich konn⸗ te, wenn man ihm Nuhe goͤnnte, ſeine Kraft von Neuem ſtaͤrken und dadurch der franzoͤſiſchen Macht auf dem Continent von Neuem die Wage halten; aber jetzt in ſeiner Noth zu ferneren Anſtrengungen aufgefordert, mußte es wahrſcheinlich einen ſolchen Verluſt erleiden, zufolge deſſen es auf viele Jahre hin ganz unbedeutend wurde. So muͤſſen wir, die 75 wir die Sache mit allen ihren Folgen uͤberſehen, dieſelbe beurtheilen. Zu der Zeit, von der die Rede iſt, erſchienen jedoch die Dinge in einem ganz andern Lichte; die Siege Suwarow's und des Erzherzogs Karl, ſo wie die Niederlagen, welche den Waffen⸗ ruhm der Franzoſen im Jahre 1799 getruͤbt hatten, waren noch in friſchem Andenken; Napoleon's Cha⸗ rakter war noch nicht gehoͤrig erkannt und gewuͤrdigt; ſein Unfall vor Acre hatte in England eine Senſa⸗ tion gemacht, die ſelbſt durch ſeinen Sieg von Ma⸗ rengo nicht verwiſcht werden konnte; ſeine außeror⸗ dentliche Klugheit, auch bel den gewagteſten Unter⸗ nehmungen, war noch nicht ſo allgemein bekannt, und man uͤberließ ſich daher gerne der Hoffnung, daß ſolche kuͤhne und neue Manoͤvers, wie Napoleon ſich erlaubte, zuletzt doch fehlſchlagen wuͤrden, und daß er dann, ſo hoch er auch geſtiegen war, ſo tief wie⸗ der herabfallen muͤſſe. Durch ſolche Gruͤnde bewogen, beſchloß das brit⸗ tiſche Kabinet, den Kaiſer von Oeſterreich durch ein Anlehen von zwei Millionen Pfund Sterling zu ver⸗ moͤgen, ſich mit ſeinem Bruder, dem Erzherzog In⸗ hann, an die Spitze ſeiner Hauptarmee zu ſteuen, die ganze Kraft ſeines weiten Reiches zu entwickeln und vermittelſt der zahlreichen Streitkraͤfte, die er aufbieten konnte, entweder einen billigern Frieden zu erzwingen, oder in einem verzweifelten Kriege ſein Gluͤck von Neuem zu verſuchen. 76 Das Geld war ausbezahlt und der Kaiſer begab ſich zu der Armee, ohne daß jedoch die Friedensun⸗ terhandlungen abgebrochen worden waͤren; ſie wur⸗ den im Gegentheil nach der fruͤher von St. Julien unterzeichneten Baſis fortgeſetzt, nur wollte der erſte Konſul die drei Feſtungen Ingolſtadt, Ulm und Phi⸗ lippsburg als ein Unterpfand der Aufrichtigkeit des Kaiſers vorlaͤufig den Franzoſen uͤbergeben wiſſen. Die Oeſterreicher mußten ſich in dieſe Bedingung, durch welche die Erblande des Kaiſers ſehr gefaͤhrdet wurden, fuͤgen, und erhielten dafuͤr nichts weiter, als einen Waffenſtillſtand von 45 Tagen, nach deſſen Ablauf die Feindſeligkeiten von Neuem begannen. In dem Treffen bei Haag erhielt der Erzherzog Johann, der bei der Armee faſt in derſelben Ach⸗ tung ſtand, wie ſein Bruder Karl, bedeutende Vor⸗ theile, ward aber hinwiederum zwei Tage ſpaͤter, d. h. am zten December, in der großen und ent⸗ ſcheidenden Schlacht von Hohenlinden von Moreau geſchlagen, der durch dieſen ſo hoͤchſt wichtigen Sieg beinahe denſelben Kriegsruhm erreichte, wie Napo⸗ veon. Der Sieger nahm hierauf Salzburg in Beſitz, waͤhrend Augereau mit der franzoͤſiſch⸗bataviſchen Armee bis nach Boͤhmen vordrang, und Macdonald von Graubuͤndten aus das Veltlin uͤberzog, eine ſeiner Diviſionen bis uͤber den Mincio ſchob und ſich mit Maſſena und der franzoͤſiſchen Armee in Ita⸗ lien in Verbindung ſetzte. Jetzt, wo die oſterreichi⸗ 77 ſchen Angelegenheiten ganz verzweifelt ſtanden, er⸗ hielt der Erzherzog Karl wieder den Oberbefehl uͤber die oͤſterreichiſchen Armeen, die aber ſo entmu⸗ thigt waren, daß ein allgemeiner Ruͤckzug unver⸗ meidlich wurde. Deen Oeſterreichern blieb nun nichts uͤbrig, als um Frieden zu bitten, der ihnen aber nur unter der Bedingung gewaͤhrt wurde, ſich von ihren Verbuͤn⸗ deten zu trennen. England, das den Kaiſer auf das Aeußerſte gebracht ſah, enthob ihn ſeiner ein⸗ gegangenen Verbindlichkeiten und ermaͤchtigte ihn zu einem Separatfrieden. Es kam ſofort zu einem Waf⸗ fenſtillſtande, auf welchen, da die Oeſterreicher ge⸗ nugſam gedemuͤthigt waren, der Friede bald folgte, der von Joſeph Buonaparte und dem Grafen Ko⸗ benzel, dem oͤſterreichiſchen Miniſter, zu Luneville unterhandelt wurde. Der Kaiſer ſtraͤubte ſich beſonders gegen zwei Bedingungen. Die erſte war die Abtretung von Tos⸗ cana, dem Erblande ſeines Bruders. Es ſollte die⸗ ſes einem Prinzen aus dem Hauſe Parma gegeben werden, der Großherzog aber in Deutſchland dafuͤr eine Entſchaͤdigung erhalten. Der Oberkonſul ver⸗ langte zweitens, und zwar mit derſelben Hartnaͤckig⸗ keit, daß Franz nicht nur als Souverain ſeiner Erb⸗ lande, ſondern auch in ſeiner Eigenſchaft als deut⸗ ſcher Kaiſer Frieden ſchließen ſolle, obgleich er hie⸗ zu durch die Verfaſfung des deutſchen Reichs keines⸗ wegs ermaͤchtigt war. Dieſe Forderung, von der Buonaparte ſchlechterdings⸗nicht abgehen wollte, war mit großen Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten ver⸗ bunden. Einer der Hauptpunkte des Friedensver⸗ trags in Beziehung auf Deutſchland war naͤmlich die Abtretung des ganzen deutſchen Gebiets auf dem linken Rheinufer zum Vortheil der franzoͤſiſchen Re⸗ publik. Da hiedurch nicht nur Oeſterreich und Preu⸗ ßen, ſondern auch viele deutſche Fuͤrſten ihre Be⸗ ſitzungen auf dem linken Rheinufer verloren, ſo ward beſtimmt, daß dieſe Fuͤrſten dafuͤr auf Koſten des geſammten Deutſchlands eine Entſchaͤdigung, wie man es nannte, erhalten ſollten. Nun hatte aber der Kaiſer ohne Einwilligung des Reichstags durch⸗ aus kein Recht, die Abtretung ſolcher Reichslehen zu verfuͤgen, und ſein Geſandter unterließ nicht, deßfalls die ſtaͤrkſten Vorſtellungen zu machen. Buonaparte beſtand aber ſchlechterdings darauf, daß der Kaiſer dasjenige abtreten ſollte, woruͤber er zu verfuͤgen nicht das Recht hatte. Franz mußte ſich auch endlich dazu verſtehen und der Reichstag genehmigte ſpaͤter, was er nothgedrungen gethan hatte. Abgeſehen von dieſen demuͤthigenden Bedingun⸗ gen, durch deren Annahme die Unmacht des Kaiſers beurkundet wurde, war der Friede von Luneville im Ganzen genommen fuͤr Frankreich nicht vortheilhaf⸗ ter als der von Campo⸗Formio, und der erſte Konſul bewies durch dieſe Maͤßigung ſowohl ſein aufrichtiges 79 Verlangen, den Frieden auf dem feſten Lande wie⸗ der herzuſtellen, als ſeine Achtung fuͤr die Stand⸗ haftigkett und die Macht Oeſtreichs, ſo ſehr dieſe auch durch die Niederlagen von Marengo und Ho⸗ henlinden geſchwaͤcht worden war. Von dem zwiſchen Frankreich und Amerika ent⸗ ſtandenen Zwiſte iſt bereits Meldung geſchehen, ſo wie von dem ſkandaloͤſen Gange der Unterhandlungen, durch welche die franzoͤſiſchen Direktoren den Verei⸗ nigten Staaten eine Summe Geldes abnoͤthigen wollten, die ſie groͤßtentheils zu ihrem eigenen Ge⸗ brauche zu verwenden gedachten. Seit dieſer Zeit hatten ſich die Franzoſen gegen die amerikantſchen Schiffe ſo viele Gewaltthaͤtigkeiten erlaubt, daß der Krieg zwiſchen beiden Republiken unvermeidlich ſchien und daß die Vereinigten Staaten, um Repreſſalien zu uͤben, bereits Kaperbriefe gegen die Franzoſen erließen. Es wurden jedoch wieder Unterhandlungen angeknuͤpft, die Buonaparte zur Reife zu bringen ſuchte. Sein Bruder Joſeph machte den Unterhaͤnd⸗ ler, und am zoſten September 1800 kam auf acht Jahre eine Convention zu Stande, wodurch das Durchſuchungsrecht modificirt, der Handelsverkehr zwiſchen beiden Laͤndern freigegeben und die Wieder⸗ erſtattung der gemachten Priſen, mit Ausnahme der verbotenen, fuͤr einen feindlichen Hafen beſtimmten Ladungen, verfuͤgt wurde. So wurden durch Buona⸗ parte die friedlichen Verhaͤltniſſe zwiſchen Frankreich 80 und den Vereinigten Staaten wieder hergeſtellt und letztere wahrſcheinlich abgehalten, ſich enger an Eng⸗ land anzuſchließen, wozu ſie zufolge der gemeinſamen Abkunft der beiderſeitigen Nationen, deren Sitten, Sprache und Geſetzgebung ſo aͤhnlich ſind, ungeachtet des Andenkens an die letzten Feindſeligkeiten, aller⸗ dings geneigt ſeyn mochten. Die politiſche Gewandheit und Sagacitaͤt Napo⸗ leou's bewaͤhrte ſich aber ganz beſonders in ſeinem gegen den Hof von Neapel beobachteten Betragen, wodurch er die Gunſt und ſelbſt die fuͤr ihn hoͤchſt wichtige Freundſchaft eines maͤchtigen Monarchen zu gewinnen wußte. Der Kaiſer von Rußland iſt hier gemeint, der noch im vorigen Jahre der furchtbarſte und ſiegreichſte Feind des revolutionaͤren Frankreichs geweſen war. Napoleon's Unterhandlung mit Neapel iſt aber durch folgende Umſtaͤnde veranlaßt worden. Zu der Zeit, als Buonaparte nach Aegypten fegelte, war ganz Italien, mit Ausnahme von Tos⸗ kana und den durch den Frieden von Campo⸗Formio an Oeſtreich uͤberwieſenen italieniſchen Provinzen, in der Gewalt der Franzoſen. Das Koͤnigreich Nea⸗ pel und der Kirchenſtaat beſtanden nur dem Namen nach als ſogenannte Republiken; denn die fransoͤſi⸗ ſchen Generale fuͤhrten in beiden Laͤndern das Re⸗ giment. All dieſes ward aber ploͤtzlich und wie durch einen Zauber durch die Talente Suwardw's uͤber den Haufen geworfen und anders geſtaltet. Die Oeſter⸗ 81 reicher und die Ruſſen erfochten große Siege im noͤrd⸗ lichen Italien, und General Macdonald ſah ſich ge⸗ noͤthigt, Neapel zu raͤumen, damit die Vertheid!⸗ gungsmittel der Franzoſen in der Lombardei und in Piemont koncentrirt wuͤrden. Kardinal Ruffo, zu⸗ gleich ein Krieger, ein Kirchenfuͤrſt und ein Staats⸗ mann, ſtellte ſich an die Spitze eines zahlreichen Haufens von Inſurgenten und bekaͤmpfte die fran⸗ zoͤſiſchen Truppen, die im ſuͤdlichen und im mittlern Italien noch zuruͤckgeblieben waren. Dieſe Operation ward von der brittiſchen Flotte mäͤchtig unterſtutzt; Lord Nelſon eroberte Neapel wieder; Rom ergab ſich an den Kommodor Trowbridge und die parteno⸗ paͤiſche ſo wie die roͤmiſche Republik, war fuͤr immer verſchwunden. Die koͤnigliche Familie kehrte nach Neapel zuruͤck, und dieſes herrliche Land war mit ſeiner ſchoͤnen Hauptſtadt wieder ein Koͤnigreich. Rom, die Hauptſtadt der Welt, wurde von neapo⸗ litaniſchen Truppen beſetzt, die unter allen Truppen der neuern Zeit den ſchlechteſten Ruf haben. Durch die Alliirten wieder in den Beſitz ſeiner geſegnetſten Laͤnder geſetzt, war der Koͤnig von Nea⸗ pel in jeder Hinſicht verpflichtet, ihnen im Feld⸗ zuge 1300 Beiſtand zu leiſten. Er ſchickte deßwegen auch eine Armee in die Mark von Ancona unter dem Oberbefehl des Grafen Roger von Damas, der W. Seott s Werke. XLI. 6 * mit Huͤlfe des Landſturmes*³) und mit einem oͤſter⸗ reichiſchen Truppenkorps Toscana von den Franzoſen reinigen ſollte. Durch die Schlacht von Marengo nicht geſchreckt, zog Graf Damas gegen den franzoͤ⸗ ſiſchen General Miollis, der in Toscana den Befehl fuͤhrte, und ward von dieſem bei Siena geſchlagen. Er mußte ſich nun um ſo mehr zum Ruͤckzug verſte⸗ hen, als die Neapolitaner, von dem Waffenſtillſtande, den Melas hatte eingehen muͤſſen, ausgeſchloſſen, von den Oeſterreichern nicht nur keine Huͤlfe mehr zu erwarten hatten, ſondern auch der ganzen Rache der Franzoſen preisgegeben waren. Damas zog ſich in den Kirchenſtaat zuruͤck, den die Neapolitaner noch beſetzt hielten. Was daraus entſtehen wuͤrde, ließ ſich nicht leicht vorausſehen. Die neapolitani⸗ ſchen Truppen mußten, ſobald die Franzoſen Muße fanden, mit ihnen anzubinden, nothwendig entwe⸗ der aufgerieben, oder nach Neapel zuruͤckgetrieben werden, wo die koͤnigliche Familie nicht laͤnger blei⸗ ben konnte und froh ſeyn mußte, wenn es ihr, wie fruͤher, gelang, nach Sicilien zu entkommen. In dieſer verzweifelten Kriſe faßte die Koͤniginn der beiden Sicilien einen faſt eben ſo verzweifelten ———— *) Der Landſturm war damals in Italien leicht zu haben⸗ weil die Einwohner, durch die Erpreſſungen der Franzoſen höchſt aufgebracht, wohl wußten, was von den Freiheits, verheißungen derſelben zu halten ſey. 83 Entſchluß, der nur von einer kuͤhnen und karakter⸗ feſten Frau gefaßt werden konnte; ſie beſchloß, ſich in Perſon, ungeachtet der rauhen Jahreszeit, an den Hof des Kaiſers Paul zu begeben und dieſen Monarchen zu bitten, ſeine Verwendung fuͤr ihren Gemahl und ſeine Staaten bei dem erſten Konſul eintreten zu laſſen. Wir haben bisher nur im Voruͤbergehen des maͤchtigen Fuͤrſten erwaͤhnt, deſſen Vermittlung die Koͤniginn von Neapel anflehte. Der Sohn und Re⸗ glerungsnachfolger der beruͤhmten Katharina, weit entfernt, die Klugheit und die politiſche Gewandheit ſeiner großen Mutter zu beſitzen, ſchien eher den launenhaften Eigenſinn und die verkehrten Anſichten ſeines ungluͤcklichen Vaters geerbt zu haben. Gril⸗ lenhaft in der Wahl ſeiner Zwecke, verfolgte er die⸗ ſelben eine zeitlang mit dem groͤßten Eifer und ſelbſt mit Starrſinn, um ſie hernach wegen des geringfuͤ⸗ gigſten Umſtandes ploͤtzlich wieder aufzugeben; er ließ ſich mit einem Worte mehr durch ſeine Einbildungs⸗ kraft, als durch ſeinen Verſtand leiten, und gab in verſchiedenen Faͤllen zu der Vermuthung Anlaß, daß er zuweilen ſeiner Sinne nicht maͤchtig ſey. Solche Karaktere kommen im gewoͤhnlichen Leben nicht ganz ſelten vor, werden aber durch die Verhaͤltniſſe ſo im Zaum gehalten, daß ſie kein beſonderes Auf⸗ ſehen erregen, wenn ſie anders nicht zu allerlei Kurz⸗ weil und Wundermaͤhrchen Gelegenyelt geben. Aber 2 84 ein unumſſchraͤnkter Fuͤrſt mit ſolchen Anlagen gleicht einer zum Schwindel geneigten Perſon, die, an den Rand eines Abgrundes geſtellt, leicht von dieſem Uebel befallen wird, dem in einem ſolchen Falle auch wohlorganiſirte Menſchen ausgeſetzt ſind. Der Kaiſer hatte ſich zuerſt durch eine kraͤftige Vertheidigung des monarchiſchen Princips und durch ſeinen Haß gegen alles dasjenige ausgezeichnet, was die franzoͤſiſche Revolution betraf oder mit derſelben in Verbindung ſtand, von einer politiſchen Marime an bis zu dem Schnitt eines Kleides oder der Form eines Hutes; der Bruder und der Thronfolger Lud⸗ wig's XVI. fand in den ruſſiſchen Staaten ein Aſyl, und Paul, wie die meiſten Fuͤrſten, auf den militaͤ⸗ riſchen Ruhm großen Werth legend, war darauf be⸗ dacht, den Bourbons mit Waffengewalt wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen. 3 3 Die Siege, die Suwarow nach einander erfocht, waren daher dieſem ſonderbaren Fuͤrſten ſehr will⸗ kommen. So lange das Gluͤck ſeinen Fahnen treu blieb, uͤberlud er ſeinen General auch mit allen Zei⸗ chen der Achtung; er erhob ihn in den Fuͤrſtenſtand und gab ihm den Zunamen Italinsky, d. i. des Italikers. Aber der erſte und einzige Unfall, den Suwarow erlitt, ſcheint ihn in der Meinung ſeines launen⸗ haften Gebieters ganz zu Grunde gerichtet zu haben. Bet ſeinem Einbruche in die Schweiz, wo er auf 85 die Mitwirkung von Korſakow gerechnet hatte, war Suwarow durch die Niederlage dieſes Generals bei Zuͤrich fuͤr den Augenblick in große Gefahr gerathen, aus der er jedoch feine Armee, mittelſt ſeines in ſo vielen Schlachten bewieſenen Talents, zu retten wußte. Allein der bloße Umſtand, daß er in eine ſolche Lage gekommen war, reichte ſchon hin, ihm die Ungnade ſeines uͤbermuͤthigen Gebieters zuzu⸗ ziehen. Auf die Oeſterreicher war Paul noch ubler zu ſprechen, weil der Abmarſch des Erzherzogs Karl aus der Schweiz nach dem bedrohten Deutſchland die gelegenheitliche Urſache war, daß Maſſena uͤber die Limmat ging und die Ruſſen bei Zurich uͤberfiel. Dies konnte der Czaar nicht verſchmerzen, wie ſehr man ſich auch bemuͤhte, ihm die Sache begreiflich zu machen und dieſelbe zu entſchuldigen. Er rief feine Armeen von den Grenzen Deutſchlands zuruͤck und behandelte ſeinen ſo hoch verdtenten und ſieg⸗ reichen General mit ſolcher Geringſchaͤtzung und Un⸗ gnade, daß dem alten Manne das Herz daruͤber brach. Kalſer Paul ſuchte indeſſen einen Grund zu neuen Beſchwerden gegen die oͤſterreichiſche Reglerung aus⸗ findig zu machen; er beklagte ſich gegen dieſelbe, daß in einem bei Gelegenheit der Uebergabe von Ancona an die Franzoſen zu Stande gekommenen Kartel einige ruſſiſche Kriegsgefangene nicht wie die oͤſterreichiſchen bedacht worden waren. 86 Die Oeſterreicher, denen Alles daran lag, in ih⸗ rer Noth den Beiſtand eines ſo maͤchtigen Alliirten nicht zu verlieren, bemuͤhten ſich, nachzuweiſen, daß der Abmarſch des Erzherzogs Karl aus der Schweiz, zufolge einer Ueberziehung des oͤſterreichiſchen Ge⸗ biets, unvermeidlich geweſen ſey; die Unterlaſſungs⸗ ſuͤnde wegen der ruſſiſchen Kriegsgefangenen ſchoben ſie auf den Kommandanten von Ancona, den General Froͤhlich, und erboten ſich, denſelben in Arreſt zu ſetzen; der Kaiſer von Oeſterreich, den ſeinem er⸗ lauchten Hauſe eigenen Stolz gewiſſermaßen verlaͤug⸗ nend, ſchlug ſogar vor, die oͤſterreichiſchen Armeen unter den Oberbefehl von Suwarow zu ſtellen,— ein Vorſchlag, der, ware er beliebt worden, einen außerordentlichen Kampf zwiſchen der Kriegserfah⸗ rung, der Entſchloſſenheit und der Geſchicklichkeit des alten Scythen, und dem furchtbaren Talente Napoleon's herbeigefuͤhrt haben wuͤrde, und der viel⸗ leicht das einzige Mittel war, dem letztern einen ſeiner wuͤrdigen Rivalen entgegen zu ſtellen; denn Suwarow war nie beſiegt worden und uͤbte einen unwiderſtehlichen Einfluß auf ſeine Soldaten. In⸗ deſſen waren dieſe beiden großen Feldherren nicht beſtimmt, gegen einander in die Schranken zu tre⸗ ten und dadurch das Schickſal der Welt zu entſcheiden. Suwarow, ſeinem ganzen Weſen und Streben nach ein Ruſſe, vermochte nicht, die unverdiente Un⸗ gnade ſeines Kaiſers, dem er ſo treu gedient hatte, 87 zu ertragen,— er legte ſich nieder und ſtarb vor Gram. Koͤnnte man den ungluͤcklichen Kaiſer Paul nach den gewoͤhnlichen Regeln beurtheilen, ſo wuͤrde ſein Verfahren gegen Suwarow ein unausloſchlicher Flecken in ſeiner Geſchichte ſeyn; allein eben dieſes Verfahren beweißt, daß Kaiſer Paul zufolge ſeiner Sirnnes⸗ und Gemuͤthsart den gewoͤhnlichen Regeln der moraliſchen Kritik nicht unterliegen koͤnne. Indeſſen war alles, was Oeſterreich that, ver⸗ gebens. Der Czaar ließ ſich nicht wieder herumbrin⸗ gen, nicht wieder gewinnen; er glich einem verwoͤhn⸗ ten Kinde, das, ſeines Lieblingsſpielzeuges uͤberdruͤſ⸗ ſig geworden, den Gegenſtand, an dem es vor kur⸗ zem noch die groͤßte Freude hatte, in ſeiner uͤblen Laune zertruͤmmert. Wenn ein Mann, wie Paul, in Beziehung auf ſeine Freunde anderen Sinnes wird, ſo verfaͤllt er ge⸗ woͤhnlich auf das andere Extrem und faßt auch von ſeinen Feinden eine andere Meinung. Wie ſein Vater and wie andere Menſchen, deren Einbildungs⸗ kraft nicht recht geregelt iſt, mußte der Czaar je⸗ manden haben, den er zu ſeinem Goͤtzen machen konnte. Die uͤbertriebene Bewunderung, die der Czaar Peter dem großen Friedrich von Preußen zollte, mußte bei dem Sohne nothwendig auf den erſten Konſul, als den ausgezeichnetſten ſeiner Zeitgenoſ⸗ ſen, uͤbergehen. Auf dieſen warf daher jetzt Kaiſer Pau ſeine Blicke, mit dem Wunſche, den Mann 8 88 den er bewunderte, nachzuahmen. Eine ſolche Be⸗ wunderungsſucht iſt eine Krankheit ſchwacher Geiſter, und laͤßt ſich mit dem Beduͤrfniſſe vergleichen, das andere geiſtesſchwache Menſchen fuͤhlen, ihr ganzes Leben hindurch verliebt zu ſeyn, wie wenig ſich die⸗ ſes auch mit ihrem Alter und ihren ſonſtigen Ver⸗ haͤltniſſen vertragen mag. Als Paul von dieſer Laune befallen wurde, gab die Erſcheinung der Koͤnigin von Sicilien an ſeinem Hofe ihm eine ſchoͤne und ſogar eine wuͤrdige Gelegen⸗ heit, ſich dem erſten Konful zu naͤhern. Auch ſei⸗ nem Stolze mußte es ſchmeicheln, die Tochter der gefeierten Maria Thereſia, die Schweſter des Kai⸗ ſers von Oeſterreich an ſeinem Hofe zu St. Peters⸗ burg zu ſehen, den ruſſiſchen Czaar um einen Schutz anflehend, den ihr der Bruder nicht gewaͤhren konnte. Eine gluͤckliche Verwendung zu ihren Ganſten war gewiſſermaßen ein Schimpf fuͤr ihren bedraͤngten Bru⸗ der, gegen den Paul, wie bemerkt worden, aufge⸗ bracht war. Er beſchloß daher, zum Vortheil der königlichen Familie von Neapel mit Frankreich in Verbindung zu treten. Lewinshoff, Oberjaͤgermeiſter von Rußland, ward nach Paris abgefertigt, um eine Vermittlung einzuleiten; er fand die ausgezeichnetſte Aufnahme, und Buonaparte erklaͤrte ſogleich ſeine Bereitwilligkeit, dem Wunſche des Kaiſers Paul zu ent⸗ ſprechen. Der erſte Konſul verſtand ſich dazu, eine Kriegsoperarionen gegen Neapel einzuſtellen umd die 89 koͤnigliche Familie im Beſitz und im Genuß ihrer Herrſcherrechte zu belaſſen, wobei er ſich jedoch das Recht vorbehielt, die Bedingungen dieſer Amneſtie vorzuſchreiben. Es war hohe Zeit, daß eine kraͤftige Verwen⸗ dung fuͤr den Koͤnig von Neapel eintrat, der, wie perſoͤnlich brav und ergeben ſeine Unterthanen auch ſeyn mochten, doch ſo ſchlecht bedient war, daß ſeine geregelte Armee in Beziehung auf Wehrhaftigkeit und Disciplin ſich im elendeſten Zuſtande befand. Murat, von Buonaparte beauftragt, Neapel zu zuͤch⸗ tigen, war bereits uͤber die Alpen gegangen und hatte ſich an die Spitze eines Korps von 10,000 ausgeſuchten Soldaten geſtellt, einer Streitmacht, die man fuͤr ſtark genug hielt, nicht nur den General Damas aus dem Kirchenſtaate zu vertreiben, ſondern ihn auch bis nach Neapel zu verfolgen und ſich der praͤchtigen Haupt⸗ ſtadt eines Fuͤrſten zu bemaͤchtigen, dem eine Linienar⸗ mee von mehrkals 30,000 Mann zu Gebote ſtand, und der noch uͤberdies die Gebirgsbewohner von Calabrien, die zu leichten Truppen vorzuͤglich taugen, und die zahlreichen Lazzaroni, die ſich gegen Championet ſo tapfer gewehrt hatten, aufbieten konnte. Allein der Eifer einer Nation hilft nur wenig, wenn die Regle⸗ rung nicht feſten Muth zeigt. Die Gewalthaber in Neapel fuͤrchteten Murat wie einen Wuͤrgengel, und ſie erhielten die Nachricht, daß Lewinshoff den fran⸗ zoͤſiſchen General in Florenz eingeholt habe, unge⸗ 90 faͤhr mit derſelben Empfindung, mit der ein zum Tode verdammter Verbrecher den Auſſchub ſeiner Hinrichtung vernimmt. Der ruſſiſche Geſandte ward zu Florenz auf die ausgezeichnetſte Weiſe empfangen. Murat erſchien mit Lewinshoff im Theater, wo die Italiener, die noch vor kurzem die franzoͤſiſchen und die ruſſiſchen Fahnen in blutigem Kampfe gegen ein⸗ ander geſehen hatten, dieſelben nunmehr in Gegen⸗ wart dieſer Wuͤrdetraͤger vereinigt erblickten, zum Zeichen, wie es hieß, daß beide Nationen in bruͤder⸗ licher Eintracht den allgemeinen Frieden und das Wohl der Menſchheit bezweckten. Allein welch ein unzeitiges Augurium! Wie oft haben ſich dieſe Fah⸗ nen ſeit jener Periode auf den blutigſten Schlacht⸗ feldern, deren die Geſchichte gedenkt, getroffen, und welch ein langer und verzweifelter Kampf ſollte noch Statt finden, ehe der damals ſo zuverſichtlich vor⸗ hergeſagte Friede endlich wieder hergeſtellt werden konnte!. Zufolge der Verwendung des Kaiſers Paul blieb die koͤnigliche Familie von Neapel fuͤr den Augenblick noch verſchont. Doch ließ ſie Murat den bittern Kelch der Beſiegten ganz leeren. General Damas wurde in hoͤchſt gebieteriſchen Ausdruͤcken aufgefor⸗ dert, das roͤmiſche Gebiet unverzuͤglich zu raͤumen, mit dem Bedeuten, daß er auf den den Oeſterrei⸗ chern bewilligten Waffenſtillſtand keinen Anſpruch zu machen habe. Waͤhrend nun die Neapolitaner dieſer 91 Aufforderung Folge leiſteten, erwartete jedermann, daß Murat nach Rom marſchiren und die roͤmiſche Republik wieder ins Leben rufen wuͤrde. Dies ge⸗ ſchah aber nicht. Murat vermied, zufolge der von dem erſten Konſul erhaltenen Weiſung, das Kirchen⸗ gebiet, und ſetzte ſogar in dem ſogenannten Erb⸗ theile des heiligen Petrus die paͤbſtlichen Beamten wieder ein. Dieſe uͤberraſchende Wendung der Dinge hatte ihren Grund in der hoͤhern Politik Napoleon's. Wir ſind gegen Napoleon gewiß nicht ungerecht, wenn wir behaupten, daß die Religion uͤber ihn we⸗ nig oder gar nichts vermocht habe. Einige unklare, aber tiefgewurzelte fataliſtiſche Meinungen ſcheinen, ſo viel wir beurtheilen koͤnnen, den Gehalt ſeines theoretiſchen Glaubens ausgemacht zu haben. Wir koͤnnen ihn kaum einen Deiſten nennen, der chriſt⸗ liche Glaube und Gottesdienſt aber blieb ihm fremd. Doch erkannte er in dem Daſeyn einer National⸗ religion ein den Zwecken der Politik dienliches Mit⸗ tel. In Aegypten wollte er ſich fuͤr einen Geſandten des Himmels gehalten wiſſen, und ob er gleich ſich nicht beſchneiden ließ, Wein trank und Schweine⸗ fleiſch aß, gab er ſich dem ungeachtet fuͤr einen An⸗ haͤnger des Propheten aus. Er verwies den Tuͤrken ihre Feindſchaft;„die Franzoſen,“ ſagte er,„haben aufgehoͤrt, die Anhaͤnger von Jeſus zu ſeyn, und jetzt, wo ſie zum Islamismus uͤbergetreten ſind, wollen die Rechtglaͤubigen diejenigen bekriegen, die 9² das Kreuz niedergeriſſen, den Pabſt entthront und den Maltheſerorden, den geſchwornen Feind des is⸗ lamitiſchen Glaubens, vernichtet haben!“ Als er nach Frankreich zuruͤckkam, ſollte all dies nicht mehr erwaͤhnt werden, oder als ein den Unglaͤubigen ge⸗ ſpielter Streich gelten. Er ſah, wie bereits bemerkt worden, in der Nationalreligion eine nothwendige Stüͤtze der Regierung, und gleichwie er in Aegypten ſich ruͤhmte, die katholiſche Religion zum Vortheil der muhammediſchen vernichtet zu haben, ſo wollte er, nach Europa zuruͤckgekehrt, als Wiederherſteller der weltlichen Macht des Pabſtes auftreten, damit er die kirchlichen Angelegenheiten in Frankreich auf eine Art ordnen konnte, die den Pabſt ſeiner Re⸗ gierung geneigt machen und ihm ſelbſt den Zutritt in den Kreis der chriſtlichen Furſten verſchaffen moͤchte. Dieſe Wiederherſtellung war gewiſſermaßen ſeiner im Jahre 1798 beobachteten Politik, nach welcher er den weltlichen Beſitz des heiligen Stuhls geſchont hatte, angemeſſen. So wenig Nappoleon fuͤr ſeine Perſon ſich aus der Religion machte, ſo zeigt doch ſein ganzes Betragen, daß er die Wichtigkeit derſel⸗ ben, in Beziehung auf Ruhe und Ordnung im Staate gefuͤhlt habe. Nebſt dem, daß die Neapolitaner den Kirchen⸗ ſtaat raͤumen mußten, wurden ſie von Murat auch noch angehalten, die Gemaͤlde, Statuen und andere Kunſtgegenſtaͤnde wieder herauszugeben, die ſie, den 93 Franzoſen nachahmend, den Roͤmern abgedrungen hatten;— ſolchen Einfluß uͤbt ein boͤſes Beiſpiel. Eine franzoͤſiſche Armee von 18,000 Mann ſollte in Calabrien Kantonnirungsquartiere beziehen, nicht ſo⸗ wohl um die Friedensbedingungen aufzudringen, als vielmehr in der Abſicht, dem franzoͤſiſchen Staats⸗ ſchatz die Verpflegung dieſer Truppen zu erſparen und um dieſelben zu einer Einſchiffung nach Aegyp⸗ ten mit dem mindeſten Aufſehen bereit zu halten. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß die Englaͤnder von den neapolitaniſchen Haͤfen ausgeſchloſſen wurden. Die Abtretung eines Theils der Inſel Elba, und die Verzichtung auf alle Anſpruͤche an Toscana er⸗ gaͤnzten die dem Koͤnig auferle gten Opfer, der, wenn man bedenkt, wie oft er Napoleon getrotzt hatte, dem Kaiſer von Rußland wegen ſeiner kraͤftigen Ver⸗ wendung allerdings zu großem Danke verpflichtet war. Alle dieſe, die auswaͤrtigen Verhaͤltniſſe betref⸗ fenden Maßregeln, der Friede von Luͤneville, die Befreundung mit dem Kaiſer Paul, die Zuruͤckgabe des Kirche iſtaates an den Pabſt, die gelinde Zuͤchti⸗ gung des Koͤnigs von Neapel erſchienen als das Re⸗ ſultat eines vernuͤnftigen und gemaͤßigten Syſtems, das mehr die Befeſtigung von Napoleon's Macht als die Erweiterung derſelben nach außen zum Zweck hatte. In ſeinen ſpaͤtern Regierungsmaßregeln zeigte ſich oftmals die hellſte Einſicht und die groͤßte Klug⸗ heit, mit raſchen Ausbruͤchen eines uͤber alles Maß 94 geſteigerten Ehrgeizes und einer durch Widerſtand gereizten Heftigkeit abwechſelnd. Allein man darf nicht uͤberſehen, daß die noch neue Herrſchaft Na⸗ poleon's damals noch nicht ſo befeſtigt war, als daß er ſich den Schwaͤchen ſeines Gemuͤths und ſeines Temperaments haͤtte hingeben koͤnnen. In ſeinem Betragen gegen Portugal wich er je⸗ 8 doch won der Maͤßigung ab, die er ſich bis dahin zur Regel gemacht hatte. Der portugieſiſche Staat, der alte und treue Verbuͤndete Englands, war eben dar⸗ um fuͤr den erſten Konſul ein Gegenſtand des Miß⸗ fallens. Er ſtellte daher an den Koͤnig von Spa⸗ nien, dem unterwuͤrfigen Vaſallen Frankreichs, ſeit⸗ dem beide Laͤnder mit einander im Frieden waren, das Anſinnen, dem Prinzen Regenten von Portugal, dem Gemahl ſeiner Tochter, den Krieg zu erklaͤren. Es geſchah, und die ſpaniſche Armee, durch eine franzoͤſiſche unter Leclerc verſtaͤrkt, ruͤckte in Portn⸗ gal ein, nahm die Feſtungen Olivenza und Almeida, und zwang den Prinzen Regenten, am öten Juni 1801 einen Vertrag zu unterzeichnen, worin er ſich anheiſchig mach⸗ te, den engliſchen Schiffen ſeine Haͤfen zu verſchließen, auch Olivenza und andere feſte Plaͤtze an der Gua⸗ diana an Spanien abzutreten. Buonaparte war uͤber dieſen Vertrag ſehr unzufrieden, verweigerte ſeinen Beitritt und erklaͤrte zugleich, daß die Armee von Leclerc noch laͤnger in Spanien bleiben muͤſſe. Am 29ſten September geruhte er endlich, Portugal den 95 Frieden zu bewilligen, unter einigen nachtraͤglichen Bedingungen, die eigentlich nicht von Belang waren, obgleich ſein gebieteriſches und durchgreifendes Be⸗ nehmen gegen die Maͤchte auf der Halbinſel ſchon jenen diktatoriſchen Sinn offenbarte, mit welchem er die europaͤiſchen Angelegenheiten einſt zu behan⸗ deln gedachte. Dieſelbe Stimmung gab ſich auch in der Art kund, wie Buonaparte dem Koͤnig von Spanien ſei⸗ nen Dank bezeigte. Er fand zu dieſem Zwecke fuͤr gut, ein Koͤnigreich und einen Koͤnig zu ſchaffen, und zwar einen Koͤnig aus dem Hauſe Bourbon, Ein ſpaniſcher Infant beſtieg den Thron von Tos⸗ cana, das nun das Koͤnigreich Hetrurien genannt und von den oͤſterreichiſchen Beſitzungen abgeloͤst wur⸗ de. Frau von Staël nennt dies den Anfang des großen europaͤlſchen Maskenballs; es war aber ei⸗ gentlich der zweite Aufzug. Der Ball war durch eine Quadrille von Republifen eroͤffnet worden, auf die jetzt die Gegenmaske der Koͤnige folgte. Ein ſolches Machtſpiel ſchmeichelte der Nationaleitelkeit und ein rauſchender Beifall erhob ſich im Theater, wo der bekannte Vers: „Jai fait des rois, madame, et „n'ai pas voulu l'etre.“ ²*) auf Napoleon gedeutet wurde. ——˖˖QOñYñéy'ꝛnp *) Ich habe Könige geſchaffen, aber ſelbſt die Krone verſchmäht. 96 Waͤhrend aber alle Staaten des Feſtlandes ſich ſo unterwuͤrſig gegen denjenigen bezeigten, dem ſehr daran lag, ſie unter ſein⸗Joch zu beugen, beharrte England allein im Zuſtande des Kriegs, ohne Alliir⸗ ten, ohne, wie es ſchien, einen beſtimmten Zweck, einzig zufolge ſeines großen und unwandelbaren Grund⸗ ſatzes, ſich, was auch geſchehen mochte, die Herab⸗ wuͤrdigung nicht gefallen zu laſſen, die allen Natio⸗ nen unter dem franzoͤſiſchen Joche bevorſtand, und wodurch Frankreich ſelbſt mit all ſeiner zur Schau gelegten Freiheitsliebe in die Gewalt eines willkuͤhr⸗ lichen Herrſchers gerieth. Die brittiſchen Geſchwader vernichteten uͤberall den Handel Frankreichs, verkuͤm⸗ merten die Huͤlfsquellen deſſelben, blokirten ſeine Haͤfen und ſtoͤrten die Entwuͤrfe, welche die Beſiegung von ganz Europa vollendet haben wuͤrden, haͤtte der Herr und Meiſter Frankreichs, wie man ihn jetzt nennen konnte, alle die Vortheile und Huͤlfe genoſ⸗ ſen, welche die Herrſchaft zur See allein zu gewaͤh⸗ ren im Stande iſt. Buonaparte, dem, abgeſehen von ſeiner Beharr⸗ lichkeit, an der Erhaltung von Aegypten, um ſeiner eigenen Ehre willen, Alles gelegen war, bemuͤhte ſich vergebens auf jegliche Weiſe, Verſtaͤrkungen in dieſe entlegene Provinz zu ſchicken. Seine Konvois wur⸗ den durch die engliſchen Flotten in den Haͤfen zuruͤck⸗ gewieſen; die franzoͤſiſchen Admirale, die doch das Unmoͤgliche nicht moͤglich machen konnten, zogen ſich dadurch * 97 dadurch die Ungnade desjenigen zu, der an die Ver⸗ eitlung ſeiner Entwuͤrfe ſo gar nicht gewoͤhnt war. Die Verſuche, Huͤlfe nach Aegypten zu ſchaffen, wurden noch mißlicher durch den Fall von Malta, das nach einer zweijaͤhrigen Blokade ſich endlich am 13ten September 1800 an die Englaͤnder ergeben mußte. Jezt waren die Englaͤnder im Beſiz einer ſtarken, faſt unbezwinglichen Feſtung, eines treffli⸗ chen Hafens und eines zu einer Seeſtation von der groͤßten Wichtigkeit in jeder Hinſicht geeigneten Po⸗ ſtens. Sie hatten ſich, was die Hauptſache iſt, deſ⸗ ſelben Punktes bemaͤchtigt, durch welchen Napoleon ſeine Verbindung mit Aegypten, die jezt mehr als je gefaͤhrdet war, hatte vermitteln wollen. In anderer Hinſicht ward der Verluſt von Malta fuͤr Napoleon hinwiederum vortheilhaft. Kaiſer Paul, der ſich zum Großmeiſter des Maltheſerordens er⸗ klaͤrt hatte, glaubte deßwegen Anſpruͤche auf dieſe Inſel machen zu koͤnnen, obſchon er aber, nachdem er ſich von der Coalition getrennt und die gemein⸗ ſchaftliche Sache aufgegeben hatte, von England eine ſo wichtige, durch deſſen Waffen bewirkte Eroberung mit Recht nicht fordern konnte, ſo fuͤhlte ſich dieſer leidenſchaftliche Fuͤrſt doch hoͤchſt beleidigt, als Eng⸗ land ſich gegen ihn nicht willfaͤhrig zeigte, und ließ es demſelben, wie wir in der Folge ſehen werden entgelten. — W. Seotz's Werke. N.I. 7 Viertes Kapitel. Frankreichs innere Verwaltung.— Der erſte Konſul iſt allgemein veliebt, obgleich die beiden Faktionen der Republikaner und der Royaliſten ihn anfeinden.— Mordanſchlag der erſteren gegen ihn.— Mißlingen deſſelben.— Leere Hoffnungen der Royaliſten, daß Napoleon die Bourbons wieder herſtellen werde.— Sie wenden ſich deshalb vergebens an ihn.— Die Royaliſten bedie⸗ nen ſich der Höllenmaſchine.— Beſchreibung derſelben.— Sie richten nichts aus.— Der Verdacht hievon fällt zuerſt auf die Republikaner; ein Verbannungsdekret wird gegen die meiſten Häupter diefer Partei erlaſſen.— Die wahren Verſchwörer wer⸗ den vor Gericht geſtellt und hingerichtet.— Buonaparte benuzt dieſe Verſchwörung zur Befeſtigung des Despotismus.— Ver⸗ ſchiedene Maßregeln zu dieſem Zwecke— Das Polizeiſyſtem.— Fouché.— Deſſen Gewandtheit, Einfluß und Macht.— Napo⸗ leon wird eiferſüchtig, und trifft Vorſichtsmaßregeln gegen ihn. — Beſorgniſſe des Oberkonſuls in Beziehung auf die Literatur; ſeine Vorkehrungen gegen dieſelbe— Verfolgung der Frau von Staël. Wir kehren zu der inneren Verwaltung Frank⸗ reichs unter dem erſten Konſul zuruͤck. Die Begebenheiten, die auf die Revolution des j8ten Brumaire folgten, ſchienen wie ein Zauber auf die franzoͤſiſche Nation zu wirken. Die uͤber⸗ wiegenden Talente Napoleon's, die Staatsklugheit, die Talleyrand und Fouché, und andere von ihm an⸗ geſtellte tuͤchtige Maͤnner bewaͤhrten, das Streben derſelben, allen revolutionaͤren Unſug fuͤr immer zu 99 beſeitigen,— beſonders aber der Sieg von Marengo hatte eine unermeßliche, dem erſten Konſul ganz ergebene Partei geſchaffen, beſtehend aus allen den⸗ jenigen, die weder entſchiedene Royaliſten, noch Re⸗ publikaner waren, an keiner beſondern Form der Re⸗ gierung hiengen, und es daher mit derjenigen hiel⸗ ten, unter der ſie Schuz und Sicherheit fanden. Auf der andern Seite waren die Haͤupter der zwei Faktionen noch immer da, und weil die Macht des erſten Konſuls zugleich an Ausdehnung und Fe⸗ ſtigkeit gewann, ſo wurde ſie denſelben um ſo ver⸗ haßter und um ſo furchtbarer. Seine politiſche Exiſtenz paßte nicht zu dem Syſtem weder der einen noch der andern Faktion, war aber einmal gegeben. Der erſte Konſul war durch kein volksthuͤmliches Inſtitut in der Ausuͤbung ſeiner Macht beſchraͤnkt; uber die be⸗ waffnete Macht verfuͤgend, konnte er ſowohl den Volksaufſtaͤnden, wenn die Demokraten noch derglei⸗ chen haͤtten zu Stande bringen koͤnnen, als den zer⸗ ſtreuten Royaliſten Troz bieten. Die einzige Hoff⸗ nung, den Selbſtherrſcher los zu werden, in welchem die Republikaner einen Diktator, die Royaliſten el⸗ nen Uſurpator ſahen, beruhte auf dem Umſtande, daß er ein Sterblicher war; als ſolcher konnte Na⸗ poleon durch Meuchelmord aus dem Wege geraͤumt werden. Die Demokraten ſannen begreiflicherweiſe zuerſt auf ein Unternehmen dieſer Art. Das Recht, einen 3. Tyrannen aus dem Wege zu ſchaffen, ſtand, zufolge ihres politiſchen Glaubensbekenntniſſes, dem einzel⸗ nen Buͤrger eben ſo gut zu,; als ſeinem bewaffneten Gegner auf dem Schlachtfelde. Die That des Har⸗ modius und Ariſtogitons,— die hochherzige That des Brutus und ſeiner Gefaͤhrten ſind in der Ge⸗ ſchichte gefeiert und dem Geiſte einer freien Ver⸗ faſſung ſo angemeſſen, daß der Nationalkonvent, auf den Antrag von Jean de Brie, eines Tages die Er⸗ richtung einer Legion von Moͤrdern beſchloß, die, mit Dolchen bewaffnet, ſich dem heiligen Werke wei⸗ hen ſollten, alle fremden Fuͤrſten, Staatsmaͤnner, Miniſter, mit einem Worte alle, die als Feinde der Freiheit galten, ohne unterſchied und unerbittlich niederzuſtoßen. In einer Partei, die an ſolchen Grundſaͤtzen hieng, konnte keine moraliſche Bedenk⸗ lichkeit Statt finden, und unter den vielen Tauſen⸗ den, die ſich laut zu denſelben bekannt hatten, mußte es wohl einige Subjekte geben, die als duͤſtere Fa⸗ natiker zu einer ſolchen That bereit waren. Es iſt daher nicht zu verwundern, daß einige obſcure Jakobiner bald auf den Gedanken geriethen, Napoleon als den Feind des Vaterlandes und den unterdruͤcker ſeiner Freiheiten zu ermorden; allein es iſt auffallend, daß die meiſten, die ſich gegen ſein Leben verſchworen, Italiener waren. Arena, der im Rathe der Fuͤnfhundert den Dolch gegen Buonaparte gezuͤckt haben ſoll, war das Haupt der Verſchwoͤrung 101 und ein geborner Korſe. Mit ihm ſchloſſen Ceraschi und Diana, zwei italieniſche Fluͤchtlinge, ein Maler, Namens Topino Lebrun, und zwei oder drei E Enthu⸗ ſtaſten von gemeinem Stande ein Komplott, um den erſten Konſul im Opernhauſe zu ermorden. Ihr Vorhaben ward durch die Polizei entdeckt. Ceraschi und Diana wurden hinter den Couliſſen ergriffen, bewaffnet, wie man ſagt, und bereit, ihren Anſchlag auszufuͤhren. Napoleon erhielt von den meiſten oͤf⸗ fentlichen Behoͤrden Gluͤckwuͤnſche, weil er einer ſo großen Gefahr entgangen ſey. Craſſous, Praͤſident des Tribunats, hielt bei die⸗ ſer Gelegenheit eine ſonderbare Rede, die ſich gewiſ⸗ ſermaßen auf zweierlei Weiſe deuten laͤßt; er ſagte: nes haͤtten zu verſchiedenen Zeiten und unter ver⸗ ſchiedenen Vorwaͤnden ſo manche Verſchwoͤrungen Statt gefunden, die aber niemals gehoͤrig unterſucht und beſtraft worden ſeyen, ſo daß die gutgeſinnten Buͤrger dadurch veranlaßt worden waͤren, das Daſeyn derſelben in Zweifel zu ziehen; ein ſolcher Unglaube,“ fuhr er fort,„iſt gefaͤhrlich, und ſollte daher beſei⸗ tigt werden.“ Zu dieſem Ende trug Herr Craſſous darauf an, die beſchuldigten Perſonen bei dieſer Ge⸗ legenheit unter Beobachtung aller geſezlichen Vor⸗ ſchriften der ſtrengſten Unterſuchung zu unterwerfen und zur Strafe zu ziehen. Buonaparte erwiederte mit der Gleichguͤltigkeit eines Kriegers, er ſey in keiner wirklichen Gefahr geweſen.„Die elenden Schurken“ ſagte er gleich⸗ ſam in ſeinem aͤgyptiſchen Style,„hatten nicht die Macht, ihr vorgehabtes Verbrechen zur Ausfuͤhrung zu bringen; die ganze Verſammlung waͤre mir bei⸗ geſtanden. Auſſerdem hatte ich ein Piquet von mei⸗ uer Garde bei mir, von dem die Elenden nicht ei⸗ nen Blick ausgehalten haben wuͤrden.“ So endete dieſes ſonderbare Geſpraͤch, und es iſt merkwuͤrdig, daß die Umſtaͤnde des Komplotts nicht bekannt ge⸗ macht, und die Verſchwoͤrer erſt dann zur Strafe gezogen wurden, als ein bedeutenderer Anſchlag auf das Leben Napoleon's von den Royaliſten verſucht wurde. Die Royaliſten, als Partei betrachtet, konnten ſich den Oberkon ul noch eher gefallen laſſen, als die Demokraten. Die Grundſaͤtze und die Form ſeiner Regierung waren ihrem politiſchen Syſteme gemaͤß⸗ — zu ihrer voͤlligen Bekehrung war weiter nichts er⸗ forderlich, als die Befreundung mit ſeiner Perſon. Von den Jakobinern dagegen, die weder von ſeinem Amte, noch von ſeiner Macht, noch von ſeiner Perſon etwas wiſſen wollten, war nicht zu hoffen, daß ſie ſich je mit dem Monarchen oder mit dem Menſchen befreunden wuͤrden. Napoleon haßte daher die Lez⸗ tern eben ſo ſehr, als er ihnen mißtraute, waͤhrend er, aus begreiflichen Urſachen, den Erſtern gewiſſer⸗ maßen wohl wollte. Die Royaliſten ſelbſt hatten eine Zeitlang die 103 beſte Meinung von Buonaparte, und glaubten von ihm, er werde zu ſeiner Zeit und auf ſeine Weiſe ſich fuͤr die verbannte koͤnigliche Familie verwenden. Den Enthuſiaſten dieſer Partei wollte es nicht in den Kopf, daß der neuerrichtete franzoͤſiſche Koͤnigs⸗ thron von einem Andern, als von einem Bourbon eingenommen werden ſollte; das Wiederaufleben der Monarchie, ohne die gleichzeitige Wiederherſtellung des rechtmaͤßigen Monarchen, war ihnen undenkbar; ſie konnten nicht glauben, daß ein emporgekommener korſiſcher Soldat als Uſurpator auftreten, und daß Frankreich ſich eine ſolche Anmaßung auch nur fuͤr einen Augenblick gefallen laſſen wuͤrde. Die Fran⸗ zoſen hatten ſich durch den Namen der Freiheit al⸗ lerdings irre fuͤhren laſſen; ſeitdem aber dieſe Taͤu⸗ ſchung verſchwunden, mußte, ſo meinten ſie, ihre natuͤrliche Liebe zu ihrem alten Herrſcherſtamm wie⸗ der erwachen und wie eine vom Schlamm gereinigte Quelle wieder in dem alten Rinnſaale ſich ergießen. Der Glaube, daß Buonaparte mit der Wiederher⸗ ſtellung der Bourbons umgehe, war unter den Roya⸗ liſten ſo allgemein verbreitet, daß mehrere Agenten der koͤniglichen Familie ſo weit giengen, diesfalls ſeine Geſinnungen zu ſondiren. Der Praͤtendent, nachmals Ludwig XVIII. genannt, ſchrieb ſelbſt au den erſten Konſul einen Brief folgenden Inhalts: „Sie koͤnnen das Gluͤck Frankreichs eben ſo wenig ohne meine Wiederherſtellung bewirken, als ich den 104 Thron, auf den ich ein Recht habe, ohne Ihren Bei⸗ ſtand beſteigen kann. So beeilen Sie ſich denn, das gute Werk zu vollenden, das Sie begonnen, das nur Sie allein ausfuͤhren koͤnnen, und beſtimmen „Sie die Belohnungen, die Sie fuͤr Ihre Freunde anſprechen.“ Buonaparte beantwortete dieſen Brief mit kal⸗ ter Hoͤflichkeit. Er achte die Perſon, ſagte er, be⸗ klage das Ungluͤck Seiner koͤniglichen Hoheit, des Grafen von Provence, und wuͤrde ihm gerne dienen, wenn ſich eine Gelegenheit dazu zeigte. Da aber Seine koͤnigliche Hoheit Frankreich nicht wieder ge⸗ geben werden koͤnne, ohne Aufopferung von 100,000 Menſchenleben, ſo ſey dies ein Beginnen, zu dem er(Buonaparte) ſeine Mitwirkung verweigern muͤſſe. Noch ein anderer, nicht ſo unmittelbarer, aber ſchlauer berechneter Verſuch ſoll in dieſer Sache ge⸗ macht worden ſeyn, und zwar durch die Sendung der Herzogin von Guiche, einer der ſchoͤnſten und liebenswuͤrdigſten Frauen der damaligen Zeit, welche unter dem Vorwande eigener Angelegenheiten die Erlaubniß erhalten hatte, nach Paris zu kommen, und in den Tulllerien eingefuͤhrt wurde, wo ſie durch den Zauber ihres Weſens Joſephinen entzuͤckte. Selbſt Napoleon blieb nicht unempfindlich; in dem⸗ ſelben Augenblick aber, wo ſie den Punkt der Poli⸗ tik beruͤhrte, erhielt die intereſſante Herzogin den Befehl, Paris zu verlaſſen. —n 10⁵ Sobald die Royallſten durch das Fehlſchlagen dieſer und aͤhnlicher Verſuche und durch das ganze Streben Napoleon's ſich uͤberzeugt hatten, daß er an nichts weniger, als an die Wiederherſtellung der Bourbons denke, wurden ſie im hoͤchſten Grade gegen den Mann erbittert, durch den, wie es ſchien, jenes Ereignis allein noch verhindert wurde. Jezt, nach⸗ dem die monarchiſche Gewalt, wenn nicht der Form, ſo doch dem Geiſte nach, wiederhergeſtellt war, wie ſollten wir es zugeben— ſo frugen ſich unter ein⸗ ander die eifrigeren Anhaͤnger der Bourbons— daß dieſelbe die Beute eines milltaͤriſchen Uſurpators werde? Es gab in dieſer Parthei, wie unter den Jakobinern, ohne Zweifel manche Indlviduen, die, durch ihren politiſchen Enthuſiasmus verleitet, ſelbſt das Verbrechen nicht ſcheuten, um ihrer Sache zu dienen. Die Mitglieder der koͤniglichen Familie dachten uͤber dieſen Punkt, wie es ſich fuͤr Perſonen ihres Ranges ziemte*); ſie wollten die Anſpruͤche Napoleon's mit offener Gewalt bekaͤmpfen, und ihre eigenen an der Spize der franzoͤſiſchen Ritterſchaft verfechten, die Waffe des Meuchelmordes dagegen den Jakobinern uͤberlaſſen. Demungeachtet mag durch das *) Die Denkart der königlichen Familie, in Beziehung anf die⸗ ſen Punkt, iſt in einem Schreiben des Prinzen Condé an den Grafen von Artois vom 24 Juni 1802 auf eine edle Art ausgedrückt. Wir werden dieſes Schreiben in der Folge ſeinem ganzen Inhalte nach mittheilen. 106 Elend und die Verbrechen des Buͤrgerkrieges noch bei Manchen die Meinung erzeugt worden ſeyn, daß man die Ermordung des erſten Konſuls als einen der guten Sache geleiſteten Dienſt anſehen wuͤrde, obgleich man dazu Niemanden aufgefordert hatte. Es wird auch nie ganz an Jarteigaͤngern gefehlt haben, die eifrig genug waren, das Ver⸗ brechen und die Strafe auf ſich zu nehmen, ohne auf etwas anders zu ſehen, als auf den Nuzen, der ihrer Partei daraus erwachſen koͤnnte. Eine ſchreckliche, wie man behaupten will, von den Jakobinern*) zuerſt ausgeheckte Erfindung ward von gewiſſen Royaliſten aus der untern Volksklaſſe, die unter den Chouans gedient hatten, und nament⸗ lich von Carbon und St. Regent in Anwendung ge⸗ bracht. Wir meinen die ſogenannte Hoͤllenmaſchine, * In den Memoiren von Fouché wird geſagt, die Höllenma⸗ ſchine ſey urſprünglich von einem Jakobiner, Namens Che⸗ dalier, und einem andern, Namens Veycer, erfunden wor⸗ den. Beide hätten mit derſelben hinter dem Kloſter de la Sapetriere einen Verſuch im Kleinen angeſtellt, der die Auf⸗ merkſamkeit der Polizei auf ſich gezogen und die Verhaſtung der beiden Erfinder veranlaßt habe. Es iſt nicht abzuſehen⸗ wie die Royaliſten ſich dieſes Geheimniß der Jakobiner ver⸗ ſchafft haben, und dieſe Erzählung iſt auch nicht nach allen ihren umſtänden wahrſcheinlich; allein es muß doch etwas daran ſeyn, in ſo ferne die Jakobiner zuerſt des Alnſchlags mit der Hoͤltenmaſchine bezüchtiat worden ſind, ohne Zweifel⸗ weil Chevalier im Laufe des vorangegangenen Jahrs etwas Aehntiches verſucht hatte. — 107 elnen Karren, auf dem eine Pulvertonne befeſtigt und mit Kartaͤtſchenkugeln umgeben war, die durch die Kraft des entzuͤndeten Pulvers nach allen Rich⸗ tungen fortgeſchloudert werden mußten; die Ent⸗ zuͤndung ſollte mittelſt einer langſam brennenden Lunte geſchehen. Die Verſchwoͤrer, ungeſchreckt durch die entſezliche Verwuͤſtung, welche dieſe Maſchine anrichten mußte, beſchloſſen, dieſelbe in der Straße aufzuſtellen, die von den Tuillerien nach dem Opern⸗ hauſe fuͤhrt. Die Maſchine ſollte in dem Moment, wo der Wagen des erſten Conſuls zunaͤchſt in ihren Bereich kam, aufliegen; und es iſt ſonderbar, daß dieſer abſcheuliche Anſchlag, deſſen Effekt ſo bedingt ſchien, doch aͤuſſerſt nahe daran war, zu gelingen. Am Abend des 10. Oktobers 1800 fuͤhlte Buo⸗ naparte, wie er uns benachrichtigt, ein ſtarkes Ver⸗ langen zu Hauſe zu bleiben, allein ſeine Gattin und ein Paar vertraute Freunde drangen in ihn, in die Oper zu gehen. Er ſchlief unter einem Traghimmel, als man ihn aufweckte. Der Eine brachte ſeinen Hut, ein Anderer ſein Schwert. Er ward gewiſſer⸗ maſſen in ſeinen Wagen genoͤthigt, wo er wieder einſchlief, und von der Gefahr zu traͤumen begann, die er vor einigen Jahren, bei einem Verſuch uͤber den Fluß Tagliamento zu ſezen, zu beſtehen hatte, Auf einmal erwachte er unter Donner und Flammen. Die Maſchine, welche in der Straße St. Nicaiſe ſtand, hinderte den Wagen des erſten Konſuls am 1⁰8 Weiterfahren, bis er endlich mit Muͤhe an ihr vor⸗ uͤber kam. St. Regent zuͤndete den Schwefelfaden im feſtgeſezten Augenblick an; allein der Kutſcher⸗ der gerade etwas betrunken war, fuhr jezt unge⸗ woͤhnlich ſchnell, der Wagen war zwei Minuten fruͤher vorbet, ehe die Exploſion erfolgte; und dieſer unmerkliche Augenblick war hinreichend das Leben zu retten, anf das es abgeſehen war. Die Exploſion war fuͤrchterlich. Zwei oder drei Haͤuſer wurden ſehr beſchaͤdigt— zwanzig Perſonen kamen um und etwa drei und fuͤnfzig wurden verwundet. Unter den Leztern war der Mordbrenner St. Regent ſelbſt. Man hoͤrte den Knall mehrere Meilen von Paris. Buonaparte rief ſogleich gegen Lannes und Beſſieres, die in dem Wagen waren, aus:„Wir ſind— in die Luft geſprengt!“ Die Bedienten wuͤrden den Wagen aufgehalten haben, allein mit groͤßerer Geiſtesge⸗ genwart befahl er, raſcher fort zu fahren, und ſo gelangte er wohlbehalten im Opernhauſe an; ſein Kutſcher wußte von allem was vorgefallen war, nichts, ſondern meinte, der Konſul haͤtte eine Artillerie⸗ ſalve erhalten. Ein Mann am Ruder des Staagtes, ſolcher Ge⸗ fahr entronnen, wurde fuͤr die Buͤrger im Allge⸗ meinen der Gegenſtand noch hoͤheren Intereſſes, als fruͤher; und die Aufnahme des Konſuls im Opernhaus und an andern Orten war enthuſtaſtiſcher als je. Es wurde den Verwundeten und den An⸗ 1⁰9 gehoͤrigen der Erſchlagenen in hohem Maaße Unter⸗ ſtuͤzung zu Theil, und jeder, entruͤſtet uͤber die gren⸗ zenloſe Abſcheulichkeit eines ſo kalt berechneten An⸗ ſchlags, ward, indeß man die Thaͤter verfluchte, fuͤr das beabſichtigte Opfer ihrer Frevelthat nur noch in hoͤherem Grade eingenommen. Eine geſcheiterte Verſchwoͤrung verleiht immer der Regierung, gegen welche ſie gerichtet war, groͤßere Staͤrke; und Buo⸗ naparte ließ es nicht fehlen, den groͤßtmoͤglichſten Vortheil daraus zu ziehen. Obgleich die Hoͤllenmaſchine(wie ſie nicht un⸗ richtig genannt ward) von Royaliſten dirigirt wurde, fiel doch der erſte Verdacht auf die Republikaner, und Buonaparte benuzte, bevor dem Publikum uͤber den Gegenſtand die Augen geoͤffnet wurden, die Gelegenheit, dieſer Partei einen Schlag zu verſezen, von deſſen Wirkungen ſie ſich waͤhrend ſeiner Herr⸗ ſchaft nie wieder erholt hat. Ein eigenmaͤchtiges Dekret wurde vom Senat verlangt und mit leichter Muͤhe ausgewirkt, an 130 Haͤupter von der ge⸗ ſprengten Partei der Jakobiner, unter denen mehrere waren, die in den Zeiten des Schreckensſyſtems go⸗ glaͤnzt, und in den Liſten des Nationalkonvents ge⸗ prangt hatten, uͤbers Meer zu ſchicken. Dieſe Leute waren ſo allgemein verhaßt, und ſo ſehr betheiligt an den Graͤuelſcenen waͤhrend der Zwingherrſchaft Robespierres, daß ihre Unpopularitaͤt das ungeſez⸗ liche Verfahren gegen ſie entſchuldigt and ihr Schick⸗ 110 ſal von Manchen mit Wohlgefallen und von Allen mit Gleichguͤltigkeit betrachtet wurde. Der erſte Konſul wurde am Ende ſo ſehr uͤberzeugt von der politiſchen Unbedeutſamkeit der Ueberreſte des Jako⸗ binismus(der in der That ſo unſchaͤdlich war, als die Fragmente einer Bombenſchale nach erfolgter Exploſion) daß das Dekret der Deportation nie mehr ge⸗ gen ſie in Anwendung kam; Felix Lapelletier, Chau⸗ diau, Talot und Konſorten durften in der Stille, jedoch aufs Strengſte von der Polizei bewacht, unter der Bedingung in Franukreich bleiben, daß ſie nie in die Naͤhe von Paris kommen durften. Gegen die Verſchwornen, welche Hand angelegt, wurde mit Strenge verfahren. Die Jakobiner Che⸗ valier und Veycer, die das urſpruͤngliche Modell zu der Hoͤllenmaſchine verfertigt haben ſollten, wurden vor ein Kriegsgericht geſtellt, und verurtheilt, er⸗ ſchoſſen zu werden, und dem zufolge hingerichtet. Arena, Ceraſſi, le Bruͤn und Demerville wurden vor das ordentliche Kriminalgericht gefordert, und durch eine Jury verurtheilt; obgleich auſſer dem ihres Mitſchuldigen Harel, durch den ſie verrathen worden waren, nur wenig Zeugniſſe gegen ſie ſprachen. Auch ſie wurden hingerichtet. In ſpaͤterer Zeit wurden auch die Agenten des wirklichen Attentats vom 10⸗ Okt., Carbon und St. Regent unterſucht, verurtheilt und zum Tode gefuͤhrt. Einige uͤber daſſelbe Ver⸗ brechen in Unterſuchung gekommene Perſonen wur⸗ 3 111 den freigeſprochen; und ſo gewann es denn das An⸗ ſehen, als ob die Juſtiz ſeit der Revolution nie⸗ mals mit ſolcher Unparthellichkeit vorgeſchritten waͤre. Allein Buonaparte war nicht geſonnen, die Folgen der Komplotte mit dem Tode der Ungluͤcklichen enden zu laſſen. Sie boten eine zu guͤnſtige Gele⸗ 6 genheit, in ſeinen Hauptplanen einen Schritt weiter zu gehen, und dieſe zielten auf nichts geringeres ab, als Frankreich in ein despotiſches Koͤnigreich um⸗ zugeſtalten, und ſich ſelbſt in den Beſiz einer un⸗ umſchraͤnkten Gewalt uͤber das Leben, das Eigen⸗ thum, die Geſinnungen und Anſichten derer zu ſezen, welche ſeine gebornen gleich berechtigten Mitbuͤrger waren, und von denen der Niedrigſte noch vor kur⸗ zem ſich ſeinen Ebenbuͤrtigen ruͤhmte. Er hat ſeine Abſicht in Betreff der Konſtitution vom Jahre 8. oder der konſulariſchen Regierung in den Worten ausgeſprochen, die er dem General Gourgaud in die Feder diktirte. „Die Entſchluͤſſe Napoleons ſtanden feſt; allein die Huͤlfe von Zeit und Umſtaͤnden war zu ihren Verwirklichung noͤthig. Die Organifation des Kon⸗ ſulats legte denſelben nichts in den Weg; ſie lehrte Einigkeit, und dieß war der erſte Schritt. War dieſer Punkt gewonnen, ſo war es Napoleon volle kommen gleichguͤltig, welche Formen und Benennun⸗ gen die verſchiedenen Konſtitutionskoͤrper erhielten. Er war nicht bewandert in der Revolution. Es war 11² daher natuͤrlich, daß man jene Maͤnner, die ſie in allen ihren Erſcheinungen durchgelebt hatten, in eben ſo ſchwierigen als abſtrakten Unterſuchungen gewaͤhren ließ. Das Kluͤgſte war, von Tag zu Tag vorzuſchreiten, und dem Leitſtern zu folgen, nach welchem die Revolution in den von Napoleon ge⸗ wuͤnſchten Hafen ſteuern mußte.“ Wenn hierin noch etwas dunkel iſt, ſo hat der Gang, den Napoleons Handlungen machten, hiefuͤr den lichtvollſten Commentar geliefert; alle weiſen darauf hin, daß er in der konſulariſchen Regierung nichts anderes ais eine zeitige Maßregel ſah, die darauf berechnet war, die franzoͤſiſche Nation fuͤr ſeine weiteren ehrgeizigen Plane vorzubereiten, wie man junge Fuͤllen Anfangs nur mit einem lelchten Zaum zu reiten pflegt, bis ſie allmaͤhlig die Kinn⸗ kette und das Gebiß ertragen lernen, oder wie man die Waſſervoͤgel am Koͤder zuerſt in ein weiteres Nez zu locken ſucht, und ſie nach und nach in der en⸗ gen Umgarnung hat, wo ſie gaͤnzlich gefangen ſind. Er ſagt uns mit duͤrren Worten, daß er die Revolutionsphiloſophen in Anordnung der Konſtitu⸗ tion thren eigenen Weg gehen ließ, entſchloßen, oh ne ſich an die in der Seekarte niedergelegten Re⸗ geln zu binden, ſeinen Lauf nach einem feſten Leit⸗ punkte in den erſehnten Hafen zu lenken. Dieſer Leitſtern war ſeine Selbſtſucht— der Hafen die des⸗ ſpotiſche Gewalt.— Was ſich am beſten mit ſeinem Inter⸗ n —3— 113 Intereſſe vertrug, darin wollte er au uch gleich das Intereſſe von Frankreich erkennen.— Vielleicht uͤber⸗ redete er ſich wirklich, daß er dem Lande ſo gut als ſich ſelbſt diente, und im Lichte betrachtet, hatte er ſich in beiden gleich ſehr verrechnet. Der erſte Konſul betrachtete die Verſchwoͤrungen gegen ſein Leben als eine zu guͤnſtige Gelegenheit, ſeine Macht zu erweitern, als daß er ſie ungenuͤzt vorbeigehen laſſen duͤrfe. Die wiederholten Angriffe auf das Staatsoberhaupt machten es wuͤnſchenswerth, daß eine kuͤrzere und willkuͤhrlichere Verfahrungsweiſe gegen ſolche Verbrechen eingefuͤhrt wurde, als der langſame Gang der gewoͤhnlichen Gerichtsbarkeit ver⸗ ſprach. Eine allezeit fertige, ſchnelle Juſtiz, befreit von dem gewoͤhnlichen Zwange der foͤrmlichen Jurys ward nothwendig durch den Zuſtand der oͤffentlichen Wege, die durch die Banden der ſogenannten Chauf⸗ feurs unſicher gemacht wurden, welche Poſtwagen anhielten, Handelskommunikationen auffiengen, und ſo furchtbar wurden, daß keinem oͤffentlichen Wagen geſtattet wurde, Paris ohne eine Bedeckung von wenigſtens vier Soldaten zu verlaſſen. Dieß ward ein wichtiger Beweggrund weiter, einen Syezial⸗ gerichtshof zu errichten. Buonaparte konnte nicht um Modelle fuͤr eine ſolche Inſtitution verlegen ſeyn. Als ein Held der Revolution war er in das Erbe des geſammten Ar⸗ ſenals der revolutlonaͤren, in dem Nannen der Frei⸗ W. Zeort's Werke. XLI. 8 114 heit zur Vernichtung der theuerſten Menſchenrechte geſchmiedeten Waffen eingetreten. Er brauchte ſie nur auszuwaͤhlen und nach dem Geſchmacke der Zei⸗ ten aufzuſtuzen. Die Nation, welche ſo lange das Revolutionstribunal ertragen, durfte ſich nicht ſehr gegen eine minder ſtrenge Richtergewalt auflehnen. Der Gerichtshof, mit deſſen Errichtung die Regie⸗ rung jezt umging, ſollte aus acht dazu geeigneten Mitgliedern beſtehen, 1. aus dem Praͤſidenten und zwei Richtern des ordentlichen Kriminalgerichts, 2. drei Militaͤrperſonen, die zum mindeſten Haupt⸗ mannsrang haben mußten, 3. zwei von der Regie⸗ rung beigegebenen Buͤrgern, die aus der Zahl der, nach der Konſtitution zu Richter qualifizirten Sub⸗ jekten gewaͤhlt werden follten. So waren von acht Richtern fuͤnf jedesmal von der Regierung gewaͤblt, der Gerichtshof ſollte ohne Jury, ohne Appellation und ohne irgend eine Reviſion zu entſcheiden haben. Zu Gunſten des Angeklagten ſollten wenigſtens ſechs Mitglieder gegenwaͤrtig ſeyn, ohne daß eine ent⸗ ſcheidende Stimme ausgeſezt war; ſo daß die Partei frelgeſprochen werden ſollte, wenn nicht 6 Mitglie⸗ der von 8, oder 4 Mitglieder von 6 ihn ſchuldig fan⸗ den; waͤhrend bei andern Gerichten die bloße Majorktaͤt ſchuldig ſprechen konnte. Mit dieſer duͤrftigen Bedachtnahme auf die oͤffentliche Meinung ſollte dieſes Specialgericht die Gerichtsbehoͤrde ſeyn, vor welche bewaßfnete Auf⸗ 115 ruͤhrer, Verſchworne und uͤberhaupt alle Verbrecher gegen den Staatsvertrag geſtellt werden ſollten. Der Staatsrath Portalis legte den Entwurf vor dem geſezgebenden Koͤrper nieder, von welchem er der Konſtitution zu Folge der Erwaͤgung des Tribunats uͤbergeben wurde. In dieſem Koͤrper exiſtirte allein noch ein Schatten von volksthuͤmli⸗ chen Formen und von freier Verhandlung, es konn⸗ ten allein noch diejenigen, welche noch freiſinnige Anſichten hatten, dieſen eine Stimme geben. Ben⸗ jamin Conſtant, Daunou, Chenier und Andere, die Nachleſe der liberalen Parthet, verſuchten eine ruͤhm⸗ liche, aber fruchtloſe Vertheidigung gegen dieſen Angriff auf die Konſtitution und ihre Proteſtation in einer Sprache und in Gruͤnden an den Tag zu legen, welche der Regierung durchaus mißfallen mußten. Zur Ehre des Tribunats, der ſchwachen, aber allein noch uͤbrigen Schuzwehr der Freiheit ſey es geſagt, daß das Projekt vor ihm beinahe Schiff⸗ bruch litt, und blos mit einer Stimmenmehrheit von 49 gegen 41 durchging. In dem geſezgebenden Koͤrper war gleichfalls eine bedeutend zahlreiche Mi⸗ noritaͤt. Es ſchien als ob die Freunde der Freiheit, obgleich beraubt einer direkten volksthuͤmlichen Re⸗ praͤſentatkon und aller Mittel, einen Einfluß auf die oͤffentliche Meinung einzuwirken, dennoch ent⸗ ſchloſſen waren, eine Oppoſition gegen den erſten Conſul zu bilden, gleich der in England. 6. 116 Ein anderes Geſez, das zu dieſer Zeit durch⸗ ging, mußte den Eifer elniger dieſer Patrioten ge⸗ waltig abkuͤhlen. Es ward angekuͤndigt, es exiſtire eine Geſellſchaft von Leuten, die man mehr als Feinde des Staats, denn bereits als wirkliche Ver⸗ brecher anzuſehen haͤtte, und daß man ſich gegen ſie vorſehen und lieber ihren Planen zuvorkommen und ſie niederſchlagen, als bereits von ihnen ver⸗ uͤbte Verbrechen beſtrafen muͤßte. Dieſe beſtanden aus Republikanern, Royaliſten und einigen Andern, welche wirklich oder blos vorgeblich gegen die be⸗ ſtehende Ordnung der Dinge feindſelige Geſinnungen hegten. Das jezr durchgegangene Geſez berechtigte die Regierung, ſie als verdaͤchtige Perſonen und als ſolche zu behandeln, die man aus Paris oder ganz Frankreich verbannen duͤrfte. So ward der erſte Conſul mit der unumſchraͤnkten Macht uͤber die per⸗ 3 ſoͤnliche Freiheit jedes Einzelnen ausgeſtattet, den es ihm beliebte als einen Feind ſeiner Regierung anzuſehen. I parte ließ es nicht fehlen, ſich der auf bei den conſtiturionellen Koͤrpern durch⸗ en acht durch die furchtbare Agentſchaft der Polizet in vollem Maße zu bedienen. Dieſe Inſti⸗ on muß, auch im mildeſten Geſichtspunkt be⸗ 4 117 bieten, ſo muß es Leute geben, deren Gewerbe es iſt, die Schuldigen aufzuſpuͤren, und fuͤr die Juſtizbehoͤrde aufzubringen, ſo wie es wegen des Gewuͤrms in der Thierwelt Geier und Raben⸗ kraͤhen geben muß, um ihre Anzahl zu vermindern; da aber die Vortrefflichkeit dieſer Schuzengel des Staates großen Theils von ihrer Vertrautheit mit den Kunſtgriffen, Kniffen und Schlichen dieſer Schul⸗ digen abhaͤngt, ſo kann man nicht von ihnen erwar⸗ ten, daß ſie nicht denſelben Abſcheu vor Verbrechen und Verbrechern haben, wie bei andern Menſchen⸗ kindern der Fall iſt. Im Gegentheil, ſie ſtehen in einer gewiſſen Symvathie mit ihnen, gleichwie es bei den Jaͤgern mit dem Wilde, das der Gegen⸗ ſtand ihrer Verfolgung iſt, der Fall ſeyn ſoll; da „ferner ein großer Theil ihrer Beſchaͤftigung auf dem Wege der Spionerie vor ſich geht, ſo muͤſſen ſie auch geſchickt ſeyn, in den Manieren und mit den An⸗ ſichten derer aufzutreten, die ſie entdecken wollen; ſie werden haͤufig durch Eigennuz verleitet. Ver⸗ brechen zu leiten, zu ermuthigen, ja ſogar anzu⸗ ratben damit ſie den fuͤr die Ueberfuͤhrung der Miſſethaͤter gebuͤhrenden Lohn empfangen. Dazu abgerichtet, Verbrechen aufzudecken, iſt die Agentſchat ſolcher Perſonen obgleich unvermeid⸗ lich, jedoch noch weit furchtbarer und gefaͤhrlicher. Moraliſche Vergehen koͤnnen nach aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit, nicht wohl wuͤrdigen und ſchuldloſen 118 Perſonen anvertraut werden; es iſt aber kein Karak⸗ ter ſo rein, daß er nicht falſcher und uͤberſpannter Anſichten in der Politik faͤhig waͤre, und als ſolcher das Opfer von Verrath und Anklage wird. In Frank⸗ reich, das ſo vielen Faktionen zum Raube iſt, iſt die Macht der Polizei auf den hoͤchſten Grad geſtie⸗ gen; in der That ſchien die Exiſtenz der Regierung gewiſſermaßen von der Genauigkeit ihrer Kundſchaf⸗ ter abzuhaͤngen; zu dem Ende ward unter der Ad⸗ miniſtration des ſcharfſichtigen und verſchmizten Fouché die Anzahl ihrer dienſtbaren Geiſter vermehrt und ihre Disckplin vervollkommnet. Dieſer merkwuͤrdige Menſch war ein wuͤthender Jakobiner, und war tief in die Schrecken der revolutionaͤren Regierung ver⸗ wickelt— ein Anhaͤnger von Barras, und ein Theil⸗ nehmer der Feilheit und der Unterſchleife, die jene Zeit karakteriſiren. Er war durchaus ohne Grund⸗ ſaͤze; allein ſeine Natur war nicht in dem Grade verdorben, daß er an dem Schlechten an und fuͤr ſich Vergnuͤgen fand, und ſein guter Takt ſagte ihm, daß ein unnoͤthiges Verbrechen ein politiſcher Schnizer ſey. Die Milde, womit er ſein furchtbares Amt bekleidete, wenn die Sache ſeiner eigenen Diskretion uͤberlaſſen blieb, waͤhrend er niemals Buonaparte's ausdruͤckliche Befehle unausgefuͤhrt ließ, machte das abſcheuliche Syſtem, uͤber welches er die Leitung hatte, gewiſſermaßen ertraͤglich; und ſo waren ſeine guten Eigenſchaften, waͤhrend ſie die Leiden Ein⸗ 119 zelner milderten, dadurch, daß ſie das Land mit der Knechtſchaft ausſoͤhnten, dieſem nachtheilig. Die hohe Polizei, wie ſie in Frankreich heißt, d. h. das Departement, welches ſich mit Politik und Staatsſachen beſchaͤftigt, war von den Miniſtern Ludwigs XVI. unverzelhlich vernachlaͤßigt und durch die Folgen der Revolution ſehr desorganiſirt worden. Die Demagogen des Convents brauchten ein regel⸗ maͤßiges Syſtem dieſer Art nicht. Jeder Filialklub von Jakobinern gab ihnen Spione und Werkzeuge, ſo viel ſie nur wollten. Das Direktorium hatte eine verſchledene Stellung. Sie hatten keine eigene Partei, und behaupteten ihr Anſehn dadurch, daß es die Gemaͤßigten und Demokraten gegen einander im Gleichgewicht hielt. Sie waren mehr als ihre Vorgaͤnger von der Polizei abhaͤngig, und vertrauten Fouché die Oberaufſicht an. So geſchah es denn, daß er die getrennten Behoͤrden, wo die Polizei⸗ agenten mit einer gewiſſen Unabhaͤngigkeit ſchalten wollten, aufhob oder kaſſirte, und das ganze Syſtem in ſeinem eigenen Cabinet konzentrirte. Durch Com⸗ bination der Berichte ſeiner Agenten und der ver⸗ ſchledenen Individuen, mit welchen er unter man⸗ cherlei Vorwaͤnden in Briefwechſel ſtand, gelangte der Polizeiminiſter zu einer genauen Kenntniß der Abſichten, Stimmung, Anhaͤnger und Werkzeuge der verſchiedenen Parteien in Frankreich, ſo daß er bei allen Gelegenheiten, wo man einzuſchreiten beliebte, 120 ihren Unternehmen zuvorkommen konnte, und wußte, welche Maßregeln und durch wen ſie genommen wer⸗ den ſollten; und wenn irgend ein beſonderer Fall eitrat, ſo konnte er vermoͤge einer vorgaͤngigen allgemeinen Kunde davon, ihn auf die wirkliche Ur⸗ ſache und die wahren Thaͤter zuruͤckfuͤhren. Ein un⸗ begraͤnztes Syſtem von Spioneret, die ſich durch alle Zweige der Geſellſchaft verbreitete, war fuͤr die Vervollkommnung eines Syſtems noͤthig, das nicht eher ſeinen hoͤchſten Grad erreichte, als is Napo⸗ leon auf den Thron gelangte. Schon vor dieſem Zeitpunkt erſtreckte es ſich durch ganz Frankreich hin, kontrollirte die vertraulichſten Meinungsaͤuſſerungen uͤber oͤffentliche Gegenſtaͤnde, und gleich einem me⸗ phitiſchen Dunſt verpeſtete es die Luft, obgleich es dem Auge unſichtbar war, und hemmte durch ſeine geheimnißvollen Schrecken alle Beſprechung von Re⸗ gierungsmaßregeln, die nicht in dem Tone des un⸗ bedingten Beifalls geſchahen. Der Aufwand zur Unterhaltung dieſes Inſtituts war unermeßlich; denn Fouché begriff nnter ſeinen Spionen und Angebern Perſonen, die ſich gegen keine gewoͤhnliche Belohnung zur Uebernahme einer ſolchen Rolle verſtanden haͤtten. Allein dieſe Aus⸗ gabe ward durch die anſehnlichen Summen beſtritten, welche der Polizeiminiſter von ſeiner Toleranz gegen Bordelle, Spielhaͤuſer und andere Laſterwinkel bezog, denen, in Betracht daß ſie ſich gewiſſen Anordnungen 2 1 121 unterwarfen, große Freiheiten zugeſtanden wurden. Sein Spionenſyſtem dehnte ſich auch auf die Er⸗ kundigungen aus, die er in dieſen Kloaken der Suͤnde und des Laſters aufſpuͤrte. In ſeiner Autobiogra⸗ phie ruͤhmt er ſich, daß der Privatſekretaͤr des erſten Konſuls in ſeinen Dleuſten ſtand, und daß die grenzenloſe Verſchwendung ZJoſephinens ſie willig machte, die Plane und Abſichten des erſten Konſuls abkaufen zu laſſen. So war Fouchsé nicht allein der Spion gegen das Volk zu Gunſten Buonapartes, ſondern auch ein Spion uͤber Buonaparte ſelbſt. In der That war die Macht des Direkto rs dieſer Maſchinerie ſo groß, daß ſie bei Napoleon Ver⸗ dacht erregte, und dieſer ſie zu zerſplittern ſuchte, kadem er das Departement der Polizei in vier ver⸗ ſChiedene Behoͤrden trennte. Es ward 1) eine Mi⸗ litaͤrpolizei des Palaſtes errichtet, uͤber welche Duroe der Oberſthofmeiſter des kaiſerl. Hauſes praͤfidirte; 2) die Polizei unter dem Auff her der Gensdarmerie; 3) die Polizei uͤber die Stadt Paris, unter dem Praͤfekten; 4) die allgemeine Polizel, welche noch immer unter der Leitung Foucheé's verblieb. So bekam der erſte Konſul jeden Tag vier Polizeibe⸗ richte, und glaubte ſo ſicher zu ſeyn, durch einen von ihnen zu erfahren, was zu verheimlichen im Intereſſe der Andern liegen mochte. Die Agenten dieſer verſchtedenen Behoͤrden waren ſich haͤufig ein⸗ ander unbekannt, und es geſchah oft, daß ſie bei 12² der Ausuͤbung ihres Amtes auf dem Sprunge waren, ein verdaͤchtiges Individuum feſtzunehmen, und es dagegen durch ſeine Verbindung mit andern Polizei⸗ behoͤrden geſchuͤzt fanden. Dieſes Syſtem war eben ſo verwickelt, als ungerecht und tyranniſch; allein wir haben ſo oft Gelegenheit, auf dieſen Gegen⸗ ſtand zuruͤckzukommen, daß wir nur noch zu bemerken haben, wie es, in Betracht des wahren Intereſſes Napoleons, ein Ungluͤck fuͤr ihn war, daß er eine ſo bereite Waffe des Despotismus, wie eine orga⸗ niſirte Polizei iſt, unter der Leitung eines ſolchen Praktikers wie Fouché zur Verfuͤgung hatte. Es war die Obliegenheit der Polizei, uͤber die Aeuſ⸗ ſerungen der oͤffentlichen Meinung, ſey ſie nun in oͤffentlichen Zirkeln, vertraulichen Mittheilungen oder vermittelſt der Preſſe ausgeſprochen, ein wach⸗ ſames Auge zu haben. Buonaparte hatte eine fie⸗ berhafte Furcht vor den Wirkungen der Literatur auf die Gemuͤther des Volkes und erkannte ſo die ſchwachen Seiten ſeiner Regierung an. Die oͤffent⸗ lichen Journale ſtanden unter der taͤglichen und be⸗ ſtaͤndigen Oberaufſicht der Polizei, und die Heraus⸗ geber wurden ſogleich vor Fouché gefordert, wenn ſie etwas einruͤckten, das als unehrerbietig gegen ſein Anſehen betrachtet werden konnte. Drohungen und Verſprechen wurden bei ſolchen Gelegenheiten in reichlichem Maße angewandt, und ſolche Jour⸗ naliſten, die ſich als widerſpenſtig erwieſen, fuͤhlten — 123 gar bald, daß dieſe Drohungen nicht in den Wind gemacht wurden. Die Unterdruͤckung unehrerbietiger Zeitungsblaͤtter war oft mit Verbannung oder Ein⸗ kerkerung der Herausgeber verbunden. Dieſelbe Maß⸗ regel ward auch gegen Schriftſteller, Buchhaͤndler und Publiziſten ergriffen, wenn der Argwohn Buonaparte's einen Grad von Mißfallen erreichte. Niemand wird ſich wundern, wenn eine Will⸗ kuͤhrregierung ſich geneigt findet, eine durchgaͤngige Leitung der Tagsblaͤtter und anderer Zweige der Literatur anzumaßen, die in die Politik einſchlagen; allein Buonaparte's Politik ging noch weiter und ver⸗ lanate oͤfters von Schriftſtellern, welche uͤber allgemeine Gegenſtaͤnde ſchrieben, eine Anerkennung ihrer Auto⸗ ritaͤt darin auszuſprechen. Die alten Chriſten ſtanden an, das Theater zu beſuchen, weil es nothwendig war, bevor man die Schoͤnheiten der Buͤhne genoß, einige Koͤrner Weihrauch der falſchen Gottheit zu opfern, die man fuͤr die Schuzpatronin des Ortes anſah. Auf gleiche Weiſe ſahen ſich oft viele frei⸗ ſinnige Franzoſen genoͤthigt, Schriften nicht dem Publikum zu uͤbergeben, die mit Politik durchaus nichts zu ſchaffen hatten, weil ſie nicht vor daſſelbe gelangen konnten, ohne in die Anerkennung des Rechtes eines Individuums einzuſtimmen, das die hoͤchſte Gewalt an ſich geriſſen und die Freiheit der Nation vernichtet hatte. Die Gruͤnde, warum Frau von Staël einer ſo langen Verfolgung von Seiten 4 124 der Polizei Buonaparte's ausgeſezt ward, moͤgen ihren Urſprung in dieſem emſigen Beſtreben haben, ſeine Regierung in den Schriften aller Perſonen von Geiſt geruͤhmt zu ſehen. Wir ſind bereits darauf gefuͤhrt worden, zu emerken, daß keine vertrauliche Annaͤherung zwiſchen Buonayarte und der talentvollen Tochter Neckers Statt gefunden hat. Ihre Charaktere paßten nicht zu einander. Ihr war augenſcheinlich der erſte Konſul ein Gegenſtand der genaueſten, ſtrengſten Beobach⸗ tung geweſen, und Buonaparte liebte es nicht, wenn ihn Jemand auch nur im geringſten beobachten wollte. Madame Staëlwar zugleich der Mittelpunkt eines aus⸗ gezeichneten Zirkels in Frankreich; einige in ihm ließen ſichs angelegen ſeyn, ſich der Sache der Freiheit anzu⸗ nehmen; und der Entſchluß einiger wenigen Mitglieder des Tribunats, den Fortſchritten Buonaparte's zur Willkuͤhrherrſchaft Einhalt zu thun, war, wie man ver⸗ muthete, in ihrem Salon gefaßt, und von ihr an⸗ gefeuert worden. Dafuͤr ward ſie nun aus Paris verbannt. Als ſie aber im Begriff war, ihr vor⸗ treffliches, geiſtreiches Werk uͤber die Sitten und die Literatur der Deutſchen herauszugeben, in welchem zum Uugluͤck nichts von der franzoͤſiſchen Nation oder ihrem Staatsoberhaupt geſchrieben ſtand, ſo ward Frau von Staëls Werk von der Polizei mit Beſchlag belegt, und ſie durch einige Zeilen von Fouché be⸗ gluͤckt, worin er ſie benachrichtigte, daß die Luft 125⁵ in Frankreich nicht fuͤr ihre Geſundheit zutraͤglich ſey, und ſie einlud, ſolches in groͤßtmoͤglichſter Eile zu verlaſſen. Waͤhend ihrer Verbannung von Paris, das ſie als ihre Vaterſtadt betrachtete, gab ihr der wuͤr⸗ dige Praͤfekt von Genua die Art an, wie ſie wieder zu Gunſten kommen koͤnnte. Ein Gedicht auf die Geburt des Koͤnigs von Rom ward ihr als das Verſoͤhnungsmittel anempfohlen. Madame Staël antwortete, ſie muͤßte ſich darauf beſchraͤnken, ihm eine gute Amme zu wuͤnſchen, und ſah ſich neuer Strenge ausgeſezt, die ſich auch auf die Freunde ausdehnte, welche es wagten, ſie in ihrer Ver⸗ bannung zu beſuchen. So allgemein war der franzoͤ⸗ ſiſche Einfluß auf ganz Europa, daß ſie ſich endlich, um den Verfolgungen, die ſie uͤberall trafen, zu entgehen, genoͤthigt ſah, auf dem langen Wege uͤber Rußland nach England zu entfliehen. Chenier, der Verfaſſer des 5 fruͤher der Lobredner des Generals Buonaparte, mit andern Perſonen die ſich nicht tief genug vor ſeiner neuen Wuͤrde beugten, der Gegenſtand der Verſol⸗ gung des erſten Konſuls. Die kindiſche Hartnaͤckig⸗ keit, womit Napoleon auf ſolch unvernuͤnftigem Grolle beharrte, gehoͤrt allerdings erſt in ſeine Kaiſerzeit, allein auch ſchon fruͤher zeigte puren davon. Die Macht, ſolch kleinlichen Leſdenſchaſten zu will⸗ fahren, naͤhrt und ermn bei Buona⸗ arſeiller Marſches, wurde, obgleich 126 parte ward dieſe Macht noch vermehrt, durch die gefaͤhrliche Leichtigkeit, welche die Polizei darbot, den Spleen oder die Rache des beleidigten Souverains zu befriedigen. Subſcriptions⸗Anzeige 3 auf eine Auswahl us E. T. B. Hoffmann's erzaͤhlenden Schriften. Herausgegeben von ſeiner Wittwe, Micheline Hoffmann, geb. Rorer. Nebſt Hitzigs: Hoffmann's Leben und Nachlaß. Achtzehn Bändchen in Taſchenformat, broſchirt. Von vielen Seiten her bin ich aufgefordert worden, das bio⸗ gravhiſche Werk, welches der vertrauteſte Freund meines verſtor⸗ benen Eheaatten. Herr Criminaldirektor Hitzig in Berlin, im Jahre 1823 über denſelben zu meinem Vorrheil herausgegeben, in einer wohlfeilen Ausgabe, wie ſie das Bedürfniß der jetzigen Zeit erheiſcht, dem Punlikum vorzulegen. Ich entſpreche dieſem Verlan⸗ gen gerne und um den Freunden Hoffmanns ein noch angenehme⸗ res Geſchenk zu machen, habe ich mich entſchloſſen, dieſer Ausgabe eine Auswabl aus ſeinen früher in Taſchenbuchern, Zeitſchriften u. ſ. w. zerſtreuten erzählenden Schriften beizufügen. Das Ganze ſoll in einer Sammlung von Bändchen erſcheinen, über deren Anordnung u. ſ. w. die Herren Verleger ſich in der Nach⸗ ſchrift näher ausſprechen werden, weßhalb ich nichts weiter beizu⸗ fügen habe, als die Bemerkung, daß dieſetben mir für den Fall einer neuen Auflage dieſes Werkes aroßmüthig ſolche Bedingun, gen geſtellt haben, daß ich dann einem ſorgenfreien Alter würde entgegenſehen können. Jeder, der den Abſatz deſſelben durch Unterzeſchnung fördert, wird daher auch ſeinen Theit dazu beitragen⸗ daß die durch Nachdruck undauf andre Weiſe vielfach beeinträchtigte Wittwe eines deurſchen Lieblingsſchriftſtellers, der thr nichts hinter⸗ laſſen, ais was ſie aus ſeinen deiſtigen Erzeuaniſſen noch zu gewinnen vermag, nicht ganz die Früchte des ruhmvollen Lebens ihres Gatten verliere. Micheline Hoffmann, geb. Rorer. Zum Lobe Hoffmanns oder zur Empfehluna ſeiner Schriften hier etwas zu ſagen, ſcheint uns überflüfſtg. Der Belrall ſeiner Zeitgenoſſen, der ſich von Jahr zu Jahr ſteigerte und nach ſeinem Tode bei ſo manchen in Wehmuth und Bewunderung überaing, überhebt uns de In Beziehung auf die vorſtehende öffentliche Anzeige ſeiner Sittwe, theilen wir hier den Plan mit, nach welchem von einem Freu de des Verſtorbenen im Namen ſeiner Wittwe die Auswahl aus en zerſtreuten Schriſten Hoffmann's beſorgt wurde, die in unſerm Verlag erſcheinen wird. ech s Lieferungen oder 18 Bändchen erſcheinen und zwar: Erſte Lieferung. Siſes Bändchen. Meiſter Marrin und ſeine Geſellen weite— Der unheimliche Gaſt.— Die Automate. rittes— Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß 18Bdchen. Zweite Lieferung. Viertes—— Si nor Formica erſte Abtheilung. Fünftes— Sunoe Formieg zweite Abrheilung.— Spie⸗ ergluͤck. Sechsts—— A. 5 L. und N. 28 Bändchen. Dritte Lieferung. Siebentes— Doge und Dogareſſe. Achtes— Rarh Kresvel.— Die Fermate. Neuntes—— A. H. L. und N. 38 Bändchen. Vierte Lieferung. Zehntes—— Fräulein Scudery. Erſte Abtheilung. Eilftes— Fraul in Seudery. Zweite Abth.— Aben⸗ 3 tener dreier Freunde. Zwölftes—— H. L und N. 4s Bändchen. Füumfte Lieferung. Dreizehntes— Vü Zuſammenhang der Dinge ⸗ Vierzehntes— Datura Fastuosa. Fünfzehntes— A. H. L. und N 5s Bändchen. Sechste Lieferu ng Sechzehntes— Der Kampf der Anang.— Der Artushol. Siebzehntes— Meiſter Johannes cht Achtzehntes— A. H. L. und N. 68 Bändchen. Am Iſten Oktober dieſes Jahr erſcheint die erge Lieferung, und ihr wird von Wonat zu Monat immer eine Lieferung folgen, ſo de aß die ganze Sammiung im März 1828 vollſtändig in den Händen der Sulbſerihenten ſeyn wird. Wir glauben, daß zu einer Zeit, wo Hoffmann's Erzählungen in mehrere Sprachen überfest wurden, und namentlich in England ſo großen Beifall fanden, auch ſein Vaterland und ſeine Freunde, die ihm ſo manche frohe Stunden danken, den unvergeßlichen Dichte r mit nicht n nem Antheit lohnen werde. In der Dru n wir geſucht, ein anſtändiges rich tuna 5 und der Buchhandlung zur Aunſick heit zu vereinigen. Der Subferi Kutteiedrenn 24 Kreuzer oder 6 welcher immer nach S v Subſeribentenſam wenden„auf 10 E mn Jede ſolide Buchhandlung nim Stuttgart, im Juni 1827. Gebruͤder Franch. —— und 64 Silbrg., n zu b Fabten iſt. e ſich direkte an uns zubſeription auf das Werk an. — Nach dieſem Plane würden die erz ählenden Werke und Hitzigs treffliche Biograpbie in 4 Higigs fnſnſſffffſſſſſſſ EMVoasaaaaammmmmmrannn- 6 7 8 9 10 11 12 13 1 1