Walter Scott's ſaͤmmtliche W erk — Neu uberſetzt. Vierzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. 0 —— Eilfter Theil. — 2 k. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 18 2 7. 4 Leben von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion. Von Walter Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von General J. v. Theobald. Eilfter Theil. —— Stuttgart, bei Gebruüder Franckh. 1827. Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel. — Napoleon rückt gegen Acre vor, um Diezzar Paſcha anzugretſen. — Sir Sidney Smith;— ſein Charakter;— er nimmt ein franzöſiſches Convoy und wirft ſich nach Acre.— Die Fran⸗ zoſen kommen den 47 März 1799 vor Acre an, wo ſie am 28ſien Breſche legen, aber zurückgeſchlagen werden.— Von einem muhamedaniſchen, aus verſchiedenen Nationen zuſam⸗ mengebrachten Heere unter den Mauern von Acre angegrif⸗ fen, ſchlagen und zerſtreuen ſi daſſelbe.— Merkwürdige Vorfälle bei der Belagerung.— Perſönliches Mißverſtändniß und Feindſchaft zwiſchen Napoleon und Sir Sidney Smith. — Grund davon.— Buonaparte ſieht ſich endlich gezwun⸗ gen, die Belagerung aufzuheben und ſich zurückzuziehen.— Um die Erroberung von Syrien zu vollenden, be⸗ ſchloß Buonaparte inzwiſchen, gegen St⸗Jean d⸗Ac⸗ re, das durch die Kreuzzuͤge ſo beruͤhmt geworden iſt, vorzuruͤcken. Der tuͤrkiſche Paſcha oder Gouverneur von Syrien, der ſich gleich andern in ſeiner Lage, faſt fuͤr einen unabhaͤngigen Souverain hielt, hieß Achmet, und hatte ſich durch ſeine unerbittliche Grau⸗ ſamkeit und zahlloſen Hinrichtungen den ſchrecklichen W. Scott's Werke. XL. 1 Beinamen Diezzar(der Schlaͤchter) zugezogen. Buo⸗ naparte erließ an dieſen furchtbaren Chef zwei Schrei⸗ ben, worin er ihm ein Buͤndniß antrug, und ihm, falls er dieſes ausſchlagen ſollte, mit ſeiner Rache drohte. Auf keines dieſer Schreiben gab der Paſcha eine Antwort;— den Ueberbringer des zweiten ließ er ſogar hinrichten. Der franzoͤſiſche General erſchien racheſchnaubend vor Acre, ſtieß aber auf unerwartete Hinderniſſe. Der Paſcha hatte Sir Sidney Smith von dem Anruͤcken Napoleons in Kenntniß geſetzt. Dieſer Of⸗ fizier, der beauftragt war, den Tuͤrken in ihrer Un⸗ ternehmung gegen Aegypten Beiſtand zu leiſten, kreuz⸗ te deßwegen in den Gewaͤſſern der Levante. Auf die von dem Paſcha 10 g⸗ Nachricht ging er mit zwei Linienſchiffen, dem r und dem Theſeus, ſogleich nach Acre unter Segel, wo er noch zwei Tage vor der Erſcheinung der Franzoſen ankam, und nicht we⸗ nig dazu beitrug, die alten gothiſchen Feſtungswerke der Stadt in einen achtbaren Vertheidigungsſtand zu ſetzen. Sir Sidney Smith, der ſich bei dieſer Gelegen⸗ heit in einem ſo hohen Grade auszeichnete, war ſchon lange durch den unerſchrockenſten Muth und feurig⸗ ſten Unternehmungsgeiſt beruͤhmt. In ihm gluͤhte je⸗ ner Enthuſiasmus, uͤber den gemeine und kalte See⸗ jen zu ſpotten pflegen, weil ſie ihn nicht begreifen, ghne welchen aber kaum je etwas Großes und Ruͤhm⸗ —,— 7 liches ausgefuͤhrt worden iſt. Er hatte auch das bei den Englaͤndern ſo ſeltene Talent, fremde und beſon⸗ ders barbariſche Truppen auf die rechte Weiſe zu be⸗ handeln, und ihre Dienſtleiſtungen, wie ſehr ſie auch von denen der civiliſirten Nationen abweichen moch⸗ ten, zum Beſten der gemeinſchaftlichen Sache zu be⸗ nuͤtzen. Dieſer tapfere Offizier, der die franzoͤſiſche Seekuͤſte oftmals beunruhigen mußte, war bei dieſer Gelegenheit einmal in Gefangenſchaft gerathen, und hierauf gegen alles Voͤlkerrecht und aus gemeiner Rachſucht nach Paris in den Tempel gebracht worden, wo es einigen Royaliſten gelang, ihn durch eine kuͤh⸗ ne Liſt wieder zu befreien. Er war erſt ſeit wenigen Stunden in Acre, als ihm die Vorſehung ihre Gunſt bewies. Der Theſeus, der ausgeſchickt worden war, der franzoͤſiſchen Armee alle„zufuhren zur See ab⸗ zuſchneiden, entdeckte eine kleine Flotille, die unter dem Berge Karmel hinſchlich, und hatte das Gluͤck, von den neun Fahrzeugen, aus denen ſie beſtand, ſie⸗ ben aufzubringen. Sie waren ein aus Damiette kom⸗ mendes und nach Acre beſtimmtes Convoi, das ſchwe⸗ res Geſchuͤtz, Plattformen, Kriegsbedarf und andere nothwendige Artikel an Bord hatte. Dieſe Kanonen und Kriegsvorraͤthe, zur Belagerung von Acre be⸗ ſtimmt, dienten gar ſehr zu deſſen Vertheidigung, und durch die Erbeutung derſelben war der Kampf vorlaͤufig ſchon entſchieden. General Philippeaur, ein franzoͤſiſcher Royaliſt und Offizier vom Geuiekorps, 8 ließ dieſes Geſchuͤtz, aus etwa 30 bis 40 Feuerſchluͤn⸗ den beſtehend, ſogleich auf den Waͤllen auffuͤhren, zu deren Niederwerfung es beſtimmt war. Dieſer Offi⸗ zier, ein ehemaliger Schulgefaͤhrte von Buonaparte, und der vorzuͤglichſte Agent in der Befreiung von Sir Sidney Smith, war in ſeinem Fache aͤußerſt geſchickt. So geſchah es, daß unter den Waͤllen von Acre ein engliſcher Offizier, ſo eben erſt aus dem Tempelthurme entkommen, und ein franzoͤſiſcher In⸗ genieoberſt mit dem vormaligen Obergeneral der ita⸗ lieniſchen Armee, dem ehemaligen Gefaͤhrten von Philippeaur*) und dem faſt perſonlichen Feinde von Smith auf eine ſonderbare Weiſe zuſammen trafen. Am 17. Maͤrz erſchienen die Franzoſen vor Acre, das auf einer weit in die See ſich erſtreckenden Halb⸗ inſel erbaut, und ſo pee gelegen iſt, daß Kriegs⸗ ſchiffe hart ans Ufer fahren, und durch ihr Feuer al⸗ les, was ſich den Feſtungswerken naͤhern will, ver⸗ nichten koͤnnen. Ungeachtet der Gegenwart von zwei brittiſchen Kriegsſchifſen und trotz des Verluſtes ſei⸗ *) Phillppeaux ſtarb während der Belagerung an einem Fieber, das ihn in Folge allzugroßer Anſtrengung beſiel. Buona⸗ parte ſprach von ihm mit mehr Achtung, als er von ſeinen gkücklichen Gegnern gewöhnlich zu ſprechen pflegte. Ein Grund davon mag ſeyn, daß das dem General Philippeaux beigelegte Verdienſt von demjenigen des Sir Sidney Smith gewiſſermaſſen abgezogen wurde. Der erſtere war ein Fran⸗ der. zoſe und todt— der letzere lebte noch und war ein Englän⸗ 9 nes Belagerungsgeſchuͤtzes, das nun von den Waͤllen herab auf die Franzoſen feuerte, beharrte Buonaparte mit der ihm eigenthuͤmlichen, in ſolchen Faͤllen bis zum Starrſinn getriebenen Hartnaͤckigkeit auf ſeinem Vorhaben, und ließ die Laufgraͤben eroͤffnen, obgleich er ſie nur mit Zwoͤlſpfuͤndern bewaffnen konnte. Er richtete ſeinen Angriff gegen einen großen Thurm, der alle Feſtungswerke beherrſchte, und ließ zugleich gegen die aͤuſſerſten Werke eine Mine anlegen. Am 28. Maͤrz kam eine Breſche zu Stande, die Mine flog auf, und die Franzoſen ſchritten noch an demſelben Tage zum Sturm. Sie ruͤckten im Sturm⸗ ſchritte, von den Waͤllen her mit einem moͤrderiſchen Feuer begruͤßt, vor, fanden ſich aber zu ihrem grof ſen Verdruße von dem Thurme durch einen tiefen Graben getrennt. Sie ſetzten Gc mittelſt der Lei⸗ tern, die ſie mit ſich trugen, uͤber denſelben, und kamen bis zum Thurme, wo die Vertheidiger, durch das Schickſal von Jaffa geſchreckt, zu fliehen angefan⸗ gen haben ſollen. Sie wurden jedoch durch das Bei⸗ ſpiel von Diezzar Paſcha wieder zum Stehen gebracht; dieſer feuerte ſeine Piſtolen auf die Franzoſen ab, und warf den fliehenden Moslems ihre Feigheit vor. Die Werke wurden wieder beſezt, und die Franzoſen durch das uͤberlegene Feuer zum Ruͤckzuge gezwungen; die Tuͤrken drangen mit dem Saͤbel in der Fauſt auf die Weichenden ein, und toͤdteten ihnen viele ihrer beſten Leute, unter andern Mailly, ihren Fuͤhrer. 10 Es erfolgten Ausfaͤlle aus der Feſtung, um die franzoͤſiſchen Werke zu zerſtoͤren; und obsgleich die Tuͤrken durch das Geſchrei, das ſie in dergleichen Faͤllen erheben, den Feind aufmerkſam machten, ſo thaten ſie ihm doch, durch eine Abtheilung brittiſcher Seeleute unterſtuͤtzt, großen Abbruch, kundſchafteten die neue Mine aus, die dieſer anlegte, und erforſch⸗ ten die Richtung derſelben, in ſoweit es zur Fuͤh⸗ rung einer Gegenmine noͤthig war. Waͤhrend der Krieg auf dieſem Punkte mit ſtei⸗ gender Erbitterung und nicht ohne Verluſt auf beiden Seiten gefuͤhrt wurde, ſahen ſich die Belagerer noch von anderweitigen Gefahren bedroht. In den Gebir⸗ gen von Samaria hatte ſich aus verſchiedenen Volks⸗ ſtämmen, die aber alle von demſelben Religionseifer beſeelt waren, eine Miſche Armee gebildet und mit den kriegeriſchen Bewohnern dieſer Gegend vereinigt, um die franzoͤſiſche Armee vor Acre auf der einen Seite anzugreifen, waͤhrend ſie auf der andern Seite von Diezzar Paſcha und ſeinen Verbuͤndeten angegrif⸗ fen wuͤrde. Kleber erhielt von Buonaparte den Auf⸗ trag, dieſe neue Streitmacht mit ſeiner Diviſion aus⸗ einander zu treiben. Obgleich nun dieſer anfangs gegen einzelne Haufen der ſyriſchen Armee bedeutende Vortheile erhielt, ſo ſah er ſich doch zuletzt bei dem Berge Tabor mit ſeinen 3000 Mann von einem zehn⸗ mal ſtaͤrkern Feinde umzingelt. Allein der Oberge⸗ neral eilte ihm zu Huͤlfe. Buonaparte ließ zwei Di⸗ —y 11 viſionen in den Laufaraͤben von Acre zuruͤck, und drang in drei Kolonnen in das Land ein, waͤhrend Murat mit einer vierten Kolonne den Paß, die Ja⸗ kobsbruͤcke genannt, beſetzt hielt. Der Angriff, der auf verſchiedenen Punkten Statt fand, gelang uberall. Das Lager der ſyriſchen Armee wurde genommen, dieſe ſelbſt voͤllig geſchlagen und beinahe ganz aufge⸗ rieben. Ihre Truͤmmer flohen nach Damaskus und Buonaparte kehrte, mit neuen Lorbeern gekroͤnt, wie⸗ der zur Belagerung von Acre zuruͤck. Auch hier ſchien die Ankunft von 30 Stuͤcken ſchweren Geſchuͤtzes aus Jaffa jenen Erfolg zu ver⸗ ſprechen, der ſich bis jetzt den Franzoſen entzogen hat⸗ te. Es war um dieſe Zeit, daß Buonaparte auf dem Berze, der jetzt noch den Namen Richard Loͤwenherz fuͤhrt, zu Murat, auf St. Jean d'Acre hindeutend, ſagte:„Das Schickſal des Orients haͤngt von dieſer gkleinen Stadt ab. Durch die Eroberung derſelben „iſt der Hauptzweck meiner Unternehmung erreicht „und die Einnahme von Damaskus geſichert.*) So⸗ nach ſcheint Buonaparte zu jener Zeit ganz dieſelbe Sprache gefuͤhrt zu haben, wie lange nachher auf St. Helena. 4 Viederholte und verzweifelte Angriffe bewieſen, daß er auf die Eroberung von Acre in Wahrheit ſo *) Miot erzählt dieſes mit der Bemerkung, es ſeh ihm von Murat mitgetheilt worden. 1² viel Werth legte, als er gefaot hatte. Die Belage⸗ rer mußten bei dieſen Angriſſen viel leiden, weil ſie von zwei Außenwerken, die Philippeaux hatte auffuͤh⸗ ren laſſen, in der Fronte beſchoſſen, und von dem Geſchuͤtze auf den engliſchen Schiſſen in der Flanke geſaßt wurden. Endlich brach ſich Napoleon mittelſt des neu erhaltenen Belagerungsgeſchuͤtzes bis zum Thurme Bahn, wo im zweiten Stockwerke ein Loge⸗ ment angelegt wurde. Dieſes oͤffnete jedoch keinen Zugang in die Stadt, und die Truppen befanden ſich darin wie in einem Sacke, indem dieſes Logement von den Turken und Britten aus einem Werke beſchoſſen wurde, das in der Eile aus Baumwollballen und aus den Leichnamen der Gefallenen aufgefuͤhrt worden war. In dieſem kritiſchen Augenblicke erſchien eine Flotte mit den lang gehofften und ſehr noͤthig gewor⸗ denen Verſtaͤrkungen in dem Geſichtskreiſe der Be⸗ ſatzung. Dieſe Flotte brachte ruͤrkiſche Truppen unter den Befehlen von Haſſan Bey. So nahe dieſe auch waren, ſo konnte Acre doch noch vor ihrer Ausſchif⸗ fung genommen werden. Um ein ſolches Ungluͤck zu verhuͤten, fuͤhrte Sidney Smith ein Korps brittiſcher Seeleute, die mit Picken bewaffnet waren, nach dem beſtrittenen Thurme, wo ſie ſich mit einer Abtheilung braver Tuͤrken vereinigten, welche die Breſche nicht ſowohl mit Waffen, als mit gewichtigen Steinen ver⸗ theidigten. Der Schutthauſen, der die ſtreitenden Parteien trennte, diente beiden zur Bruſtwehre, Die —,— 13 Muͤndungen der Musketen beruͤhrten ſich und die Lanzenſpitzen der Fahnen waren in einander verſchraͤnkt. In dieſem Augenblicke machte eines der ſo eben ge⸗ landeten Regimenter von Haſſan einen Ausfall auf die Franzoſen, und dadurch, obgleich es zuruͤckgeſchla⸗ gen wurde, eine Diverſion, welche die Folge hatte, daß die Belagerer aus ihrem Logement vertrieben wurden. Buonaparte, von dem unheilvollen Thurme jezt ablaſſend, richtete ſeinen Angriff fortan auf eine wei⸗ te Breſche in der Courtine, die zugaͤnglich ſchien, und es auch nur zu ſehr war, zufolge einer neuen taktiſchen Methode, deren ſich Djezzar Paſcha gegen die Stuͤrmenden bediente. Seiner Uebermacht ver⸗ trauend, ließ er die Franzoſen, die von dem furcht⸗ loſen General Lannes befehligt wurden, ohne Wider⸗ ſtand die Breſche uͤberſteigen und in das Innere des Platzes eindringen. Kaum waren ſie aber dort, als ein zahlreicher Haufe von Tuͤrken mit lautem Geſchrei uͤber ſie herfiel, und, ehe ſie ſich beſinnen und von ihrer Disciplin Vortheil ziehen konnten, es zu einem Handgemenge brachten, worin Staͤrke und Behendig⸗ keit mehr als jede andere Fertigkeit vermoͤgen. Die Türken, den Saͤbel in der einen, den Dolch in der andern Hand ſchwingend, machten faſt alle Franzoſen, die eingedrungen waren, nieder. Der enthauptete Leichnam des Generals Rambaud lag auf der Breſche — der ſchwer verwundete Lannes ward nur mit Muͤ⸗ 14 he weggebracht. Die Tuͤrken gaben keinen Pardon. Sie ſchnitten den gefallenen Franzoſen ſogleich die Koͤpfe ab, und brachten ſie dem Paſcha, der, auf oͤf⸗ fentlichem Markte ſitzend, ihnen fuͤr dieſe blutigen Trophaͤen Geld auszahlen und dieſelben in Haufen auf⸗ ſchichten ließ. Es war dieß der ſechste Sturm auf dieſe wankenden und blutbefleckten Waͤlle.„Der Sieg,“ ſagte Napoleon,„wird dem Beharrlichſten 8 ein neuer noch verzweifelterer Angriff ward von ihm, gegen Klebers Rath, beſchloſſen. Am 2iſten Mai geſchah die letzte Anſtrengung. Ein in der Morgenſtunde verſuchter Angriff war miß⸗ lungen, ward aber um Mittag durch den Oberſten Veneur erneuert.„Seyen Sie verſichert,“ ſagte die⸗ ſer zu Buonaparte,„Acre iſt entweder heute Abend „in Ihren Haͤnden, oder Veneux liegt todt auf der „Breſche.“ Er loͤßte ſein Wort mit ſeinem Leben. Auch General Bon, durch deſſen Diviſion die Beſaz⸗ zung von Jafſa hingerichtet worden war, kam um. Und jetzt zogen ſich die Franzoſen, muthlos und am Siege verzweifelnd, zuruͤck. Die Fechtenden waren nur einen halben Musketenſchuß von einander ent⸗ fernt geweſen; die Leichname der Erſchlagenen gingen unter der brennenden Sonne ſchnell in Verweſung uͤber, ſo daß die noch Lebenden erkrankten. Zur Ent⸗ fernung dieſer graͤßlichen Plage ward ein Waffenſtill⸗ ſtand in Vorſchlag gebracht, worauf, wie Miot be⸗ hauptet, der Paſcha keine Antwort ertheilt haben ſoll. —— —,— 15 Sir Sidney Smith verſichert dagegey in ſeinem amt⸗ lichen Berichte, der Waffenſtillſtand ſey wirklich be⸗ willigt, von den Franzoſen aber gebrochen worden, indem dieſe auf diejenigen, die mit dem traurigen Geſchaͤfte beauftragt waren, gefeuert haͤtten und hier⸗ auf zu ihrem letzten ungluͤcklichen Sturme vorgeruͤckt waͤren. Dieß waͤre ein ſo zweckloſes und fuͤr die Fran⸗ zoſen ſelbſt ein ſo nachtheiliges Verbrechen geweſen, daß wir nicht umhin koͤnnen, anzunehmen, es muͤße hier ein Mißverſtaͤndniß eingetreten und die Abſicht der mit Wegſchaffung der Leichname beſchaͤftigten Ar⸗ beiter verkannt worden ſeyn. Dieß iſt um ſo wahrſcheinlicher, als Sir Sidney Smith, der den Umſtand berichtet, damals eben nicht geſtimmt war, irgend einem Schritte Napoleon's die beſte Deutung zu geben, waͤhrend der letztere auf der andern Seite einen beſondern perſoͤnlichen Groll gegen den brittiſchen Seeman hatte, aus Gruͤnden, die et⸗ was Sonderbares und Auffallendes haben. Buonaparte, der die Unterthanen in dem Gebiete des Diezzar Paſcha aufgefordert hatte, ſich zu empöͤ⸗ ren und mit den Franzoſen gemeinſchaftliche Sache zu machen, nahm es gleichwohl ſehr uͤbel, als der Paſcha und Sir Sidney Smith, dem von ihm gege⸗ benen Beiſpiele folgend, Briefe in das franzoͤſiſche Lager ergehen ließen, worin die Soldaten zur Meu⸗ terei und zur Deſertion ermahnt wurden. Sir Sid⸗ ney erließ auch eine Proklamation an die Druſen und andere Bewohner dieſes Landes, worin er ſie ermahn⸗ te, eher dem Worte eines chriſtlichen Ritters, als demjenigen eines heilloſen Renegaten zu vertrauen. Ueber dieſen Schimpf erbost, erklaͤrte Buonaparte, der engliſche Kommodore ſey wahnſinnig, worauf ihm dieſer, wie er angibt, eine Herausforderung zum Zweikampfe zu⸗ ſendete. Der franzoͤſiſche General lehnte dieſe Her⸗ ausforderung mit Hohn ab, indem er nur einem Marlborough ſtehen koͤnne, erbot ſich aber, einen ſei⸗ ner Grenadiere zu ſchicken, mit dem der Englaͤnder ſich nach Gefallen ſchlagen moͤge. Die Schicklichkeit der Herausforderung, wenn ſie anders je Statt ge⸗ funden hat, laͤßt ſich in Zweiſel ziehen; allein der Hohn der darauf ertheilten Antwort haͤtte gemildert werden ſollen, da ſie an einen Mann gerichtet war, deſſen furchtloſer und entſchloſſener Widerſtand Buo⸗ naparte's Lieblingsplan vereitelt hatte und der gegen⸗ waͤrtig auf dem Punkte ſtand, ihn zum erſtenmal zu einem unruͤhmlichen Ruͤckzuge zu zwingen. Eine andere von Buonaparte gegen den engli⸗ ſchen Kommodore in Umlauf gebrachte Beſchuldigung iſt diejenige, wonach Sir Sidney beſchuldigt wird, er habe die Abſicht gehabt, ſeinen franzoͤſiſchen Kriegs⸗ gefangenen die Peſt beibringen zu laſſen und dieſelben deßwegen auf Schiffe gewieſen, wo dieſe ſchreckliche Krankheit herrſchte. Bei dieſer Beſchuldigung hatte Buon parte keinen andern Zweck, als durch die Ver⸗ breitung eines ſolchen Skandals zwiſchen dem Kom⸗ modore —— 47 godore und den Mißvergnuͤgten ſeiner eigenen Armee lede Verbindung abzubrechen. Es dient zu unſerer Beluſtigung, wenn wir leſen, daß Napoleon viele Jahre nachher auf der Inſel St. Helena von Sir Sidney Smith geſagt hat, er habe eine beſſere Mei⸗ nung von ihm gefaßt, ſeitdem er mit ſeinen Lands⸗ leuten beſſer bekannt geworden ſey; er halte ihn fuͤr einen wuͤrdigen Mann, in ſoferne man dieſes von einem Englaͤnder ſagen koͤnne. Die Belagerung von Acre hatte jetzt ſeit der Er⸗ oͤffnung der Laufgraͤben ſechzig Tage gedauert. Die Belagerer waren nicht weniger als achtmal Sturm gelaufen, waͤhrend eilf verzweifelte Ausfaͤlle von der Hartnaͤckigkeit der Vertheidigung zeusten. Mehrere der heſten franzoͤſiſchen Generale waren geblieben, unter andern auch Caffarelli*), auf den Buonaparte ſehr viel hielt; die Armee war uͤberhaupt, durch das Schwert und die Peſt, die zu gleicher Zeit unter ihr ) Caffarelli erhielt eine Schußwunde in den Ellbogen und ſtarb ne an den Folgen der Amputation. Er hatte ſchon früher ein Bein verloren, weßwegen die franzöſiſchen Soldaten, die ihn, als einen der Hauptanſtiſter der ägyptiſchen Expedition, 8 nicht leiden konnten, wenn ſie ihn vorbeihinfen ſahen, zu ſagen pflegtent„Dieſen geht die Sache nichts an; er bat auf jeden Fall einen Fuß in Frankreich.“ Er lag einige Tage vor ſeinem Tode in Dilirium, ſoll aber, wie Las Ca⸗ ſes berichtet, jedesmal wenn Buonaparte gemeldet, oder auch nur ſein Name genannt wurde, wieder zu ſich gekom⸗ men ſeyn, und dieſe Erſcheinung ſoll ſich bei jedem Beſuche des Generals erneuert haben. w. Scott' Werke. XI. 2 1 48 aufraͤumten, ſehr herabgeſchmolzen. Der Nuͤckzug wed unyermeidlich. Buon aparte ſuchte jedoch demſelben e nen ſolchen Anſtrich zu geben, daß er das Ergebniß einen 2 freien Entſchluſſes zu ſeyn ſchien. Zuweilen verkuͤn⸗ dete er, er habe ſeinen Zweck in Beziehung auf Acre durch die Zerſtoͤrung des Palaſtes des Paſcha hinlaͤng⸗ lich erreicht; ein andermal verſicherte er, er habe die ganze Stabt in einen Schutthaufen verwandelt; in ſeiner Meldung an das⸗ Direktorium aber ſagt er, es wuͤrde ihm ein Leichtes geweſen ſeyn, Acre zu neh⸗ men, er haͤtte aber geglaubt, darauf verzichten zu muͤſſen, weil ſeine Armee von der Peſt, die in der Stadt wuͤthete, leicht haͤtte angeſteckt werden koͤnnen. Was er indeſſen gefühlt haben muß, als er ſeinen 2 Aerger durch ſolche leere Ausfluͤchte zu verbergen ſuch⸗ te, laͤßt ſich aus dem offenen Bekenntniſſe ſchlieffen, das er ſeinen Gefaͤhrten auf St. Helena dießfalls ge⸗ macht hat. Er bemerkte einſt, daß die wichtigſten Angelegenheiten oft von den unbedeutendſten Umſtän⸗ den abhaͤngen und fuͤhrte zum Beweis hievon? an, daß das Verſehen eines Fregattenkapitans, der, ſtatt ſich mit Gewalt den Weg nach dem Orte ſeiner Beſtim⸗ mung zu bahnen, umgekehrt ſey, die gaͤnzliche Um⸗ ſtaltung der Welt verhindert habe.„Acre,“ ſagte er, „waͤre genommen worden,— die franzoͤſiſche Armes „waͤre nach Damascus und Aleppo geeilt,— in ei⸗ „iem Nu waͤre ſie an den Euphrat gekommen,— „die ſyriſchen Chriſten wuͤrden ſich an uns angeſchlol⸗ 19 „ſen, die Druſen, die Armenier ſich mit uns verei⸗ „nigt haben.“— Als jemand bemerkte:„Wir haͤtten „dadurch mit 100,000 Mann verſtaͤrkt werden koͤn⸗ „nen,“ erwiederte der Kaiſer:„Sagen Sie 600,000;“ deßgleichen ſagte der Kaiſer:„Die Zahl iſt gar nicht nzu berechnen. Ich wuͤrde nach Konſtantinopel, nach „Indien gekommen ſeyn— wuͤrde die Geſtalt der „Welt veraͤndert haben.“*) 2eig. *) Siehe Las Caſes Tagebuch, Tom. 1., 2ter Cheil, Pag. 586. Napoleon's ausſchweiſender Plan mahnt uns unvermeidlich an die Eitelkeit menſchlicher Wünſche. Das Mißlingen deſ⸗ ſelben ſchreibt er dem Verſehen eines Fregattenkapitäns zu, der gegen zwei Linienſchiſſe, die ihm den Weg verſperr⸗ ten, nichts ausrichten Fonnte, und unglückticherweiſe von ih⸗ nen genommen wurde. Dieſer Logik hat ſich Napoleon mehr als einmal bedient. Wenn ihm etwas mißlang, ſo lag der Grund davon nicht in der Weisheit oder der Tapferkeit ſei⸗ nes Gegners, ſondern in irgend einem zuſälligen Umſtande oder einem Verſehen, durch welche ſein ſonſt unfehlbarer Plan geſtört und zerrüttet wurde. Einige ſeiner beſten Ge⸗ nerale waren anderer Meinung, und wollten in der Ueber⸗ eilung des Ansrifſs auf Acre die unſehlbare Urſache ſeines Mißlingens vorausſehen. Kleber ſoll geſagt haben, die Tür⸗ ken hätten ſich gewehrt wie Chriſten, und die Franzoſen hätten wie Türken angegriffen. 2 05 30 Zweites Kapitel. 61921 Ueber die Vergiftung der Kranken in den Spitälern zu Jaffa.— Napoleon wird dießſalls freigeſprochen.— Die franzöſiſche Armee rückt am 11. Juni wieder in Cairo ein.— Rückblick auf die Vorfälle: in Ober⸗ und Unterägypten während ihrer Abweſenheit.— Einfall des Murad Bey.— 48,000 Türken beſetzen Aboukir; ſie werden von Buongparte angeoriffen und geſchlagen.— Dieſer Sieg endigt Napoleon's Lauſbahn in Aegypten.— Ueberſicht der Lage, in der er ſich nach dieſer Schlacht befand.— Admiral Gantheaume erhält Beſehl, ſich ſegelfertig zu halten.— Den 23. Auguſt ſchifft ſich Napoleon nach Frankreich ein, und läßt Kleber als erſten und Menou als zweiten Befehlshaber zurück.— Er kommt den zoſten 4 September in Ajacciv auf Korfika an, und landet den oten Okrober bei Frejus, in Frankreich. Der Ruchiug von Acre ward ſo geheim als ge⸗ ſchickt bewerkſtelligt, obſchon Buonaparte ſein ſchweres Geſchuͤtz zuruͤcklaſſen und daſſelbe entweder vergraben, oder in die See werfen mußte. In der franzoͤſiſchen Armee ging aber eine Sage, die lange Zeit Glauben fand„ die Sage naͤmlich, er habe zum Behuf ſeines Ruͤckzugs die Kranken in den Spitaͤlern zu Jaſta, die der Armee nicht folgen bunten⸗ mit Opium vergif⸗ ten laſſen. Die Sache ſoll ſich auf fülgende Weiſe verhalten haben. Nach der am 20ſten Mai 1799 erfolgten Auf⸗ hebung der Belagerung von Acre zog ſich die franzoͤ⸗ 21 ſiſche Armee nach Jaffa zuruͤck, wo ihre Spitaͤler waͤh⸗ rend der Belagerung angelegt worden waren. Da Buonaparte ſich am 27ſten Mat gendtsigt ſah, feinen Nuͤckzug weiter fortzuſetzen, ſo wurden die Geneſenden aus den Spitaͤlern unter gehoͤriger Bedeckung nach Aegypten vorausgeſchickt. Es blieb eine geringe An⸗ zahl von Kranken, die von einigen auf 20— 30, von Buonaparte ſelbſt aber nur auf 7 Mann angegeben wird, in den Spitaͤlern zuruͤck, weil der Zuſtand die⸗ ſer Kranken ganz verzweifelt war. Es waren Peſt⸗ kranke, die man wegen der Gefahr einer Anſteckung nicht mit der Armee fuͤhren, aber auch nicht wohl der Grauſamkeit der Tuͤrken preis geben konnte, in⸗ dem dieſe alle Nachzuͤgler und Gefangene auf die grau⸗ ſamſte Weiſe und oftmals mit verlaͤngerten Qualen zu morden pflegten. Unter dieſen Umſtaͤnden verlang⸗ te Buonaparte von Desgenettes, dem Generalarmee⸗ arzte, ein Gutachten, ob es nicht zweckmaͤßig ſey, den Leiden dieſer armen Menſchen durch eine Gabe Opium ein Ende zu machen. Der Arzt gab hierauf mit dem Heldenmuthe, der ſeinem Berufe geziemte, zur Ant⸗ wort, ſeine Beſtimmung ſey, Kranke zu heilen, nicht aber zu toͤdten.. Durch dieſen Vorſchlag blieb Napoleon ſeinen Grundſaͤtzen allerdings getreu; er, der Selbſtmord im Falle unertraͤglicher Leiden fuͤr erlaubt hielt, muß⸗ te glauben, daß ein Monarch oder ein General in dem vorliegenden Falle an ſeineh Unterthanen oder 2* Soldaten daſſelbe veruͤben laſſen duͤrfe, was er in demſelben Falle an ſich ſelbſt veruͤbt haben wuͤrde. Es war uͤberdieß in ſeiner Weiſe, mehr auf die Reſulta⸗ te, als auf die Maßregeln, durch welche dieſe herbei⸗ gefuͤhrt wurden, zu ſehen, und in manchen Faͤllen die Mittel durch den Zweck zu entſchuldigen.„Ich wuͤr⸗ de in einem ſolchen Falle eine ſolche Rettung mir ſelbſt gewuͤnſcht haben,“ ſagte er zu Herrn Warden. Den Doktor O'Meara verſicherte er, daß er ſelbſt in Betreff ſeines Sohnes ſich zu einem ſolchen Schritte entſchloſſen haben wuͤrde. Die Unrichtigkeit dieſer Lo⸗ gik laͤßt ſich nachweiſen; allein Buonaparte wurde durch die Weigerung Desgenettes vor dieſer Schuld bewahrt. Eine Arrieregarde blieb zum Schutze dieſer Ungluͤckli⸗ chen zuruͤck; und die Englaͤnder fanden noch einige von ihnen am Leben, die, wenn Deszenettes ſich nachgiebiger gezeigt haͤtte, durch ihren Arzt vergiftet worden waͤren. Hat Buonaparte die Suͤnde began⸗ gen, eine ſolche Maßregel in Vorſchlag zu bringen, ſey es nun aus Nichtachtung des menſchlichen Lebens, oder aus uͤbel verſtandener Menſchlichkeit, ſo iſt er dafuͤr beſtraft worden durch den lange herrſchenden Glauben, daß die That wirklich veruͤbt worden ſey⸗ und zwar nicht blos an einigen wenigen Ungluͤcklichen, ſondern an einigen hundert Individuen. Miot ſagt⸗ das Geruͤcht hievon ſey in der franzoͤſiſchen Armee verbreitet geweſen, und nach dem Zeugniß des Sir Robert Wilſon ſollen auch die franzoͤſiſchen Offiziere⸗ — 2 die in engliſche Kriegsgefangenſchaft geriethen, dem⸗ ſelben Glauben beigemeſſen haben; Graf Las Caſes raͤumt ein, daß auch die Soldaten allgemein daſſelbe geglaubt haͤtten. Allein wenn der große Haufe in ſeiner Leichtglaͤubigkeit geneigt iſt, alles fuͤr wahr zu halten, was das Gepraͤge des Schrecklichen und Wun⸗ derbaren traͤgt, ſo fordert dagegen die Geſchichte in Beziehung auf alles, was die gewoͤhnlichen Gronzen der Glaubwuͤrdigkeit uͤberſchreitet, einen unmittelha⸗ ren Betpeis und das Daſeyn maͤchtiger Beweggruͤn⸗ de. Die Vergiftung von 5⸗ bis 600 Menſchen laͤßt ſich nicht ſo leicht veranſtalten, nicht ſo leicht verber⸗ gen; und warum ſollte der franzöſiſche Feldherr ſich hiezu entſchloſſen haben, da er die Kranken, die er nicht fortſchaffen konnte, wie es andere Feldherrn vor ihm auch gethan hatten, eben nur ihrem Schickſal uͤberlaſſen durfte? Die Vergiſtung von kranken und huͤlfloſen Soldaten wuͤrde ihm in den Augen ſeiner uͤbrigen Soldaten gar ſehr geſchadet haben; uberließ er dieſe Ungluͤcklichen dagegen ihrem Schickſal, ſo war dieſe Maßregel viel zu gewoͤhnlich und erſchien zu ſehr als das Gebot der Nothwendigkeit, als daß dadurch ein Mißvergnugen*) unter den Soldaten entſtanden — *)) Miot entwirft ein trauriges, aber leider nur zu wahres Gemälde von der Gleichgültigkeit der auf einem Rückzuge begriffenen Soldaten, gegen die Leiden derjenigen, die aus Mangel an Kräften nicht mehr fortkommen können. Er erzählt von einem Soldgten, der, aus Furcht, den grauſa⸗ waͤre, denen es, wie ihrem General daran gelegen war, ſo ſchnell wie moͤglich fortzukommen. Und haͤtte wohl eine ſo ſchreckliche That der Kenntniß des Sir Sidney Smith entgehen koͤnnen; wuͤrde dieſer es wohl unterlaſſen haben, dieſelbe bekannt zu machen, wenn auch nur in der Abſicht, die Verleumdungen, die Buonaparte gegen die Englaͤnder verbreitet hatte, dadurch zu vergelten? Allein obgleich er verſchiedene Klagen anfuͤhrt, die von den Kriegsgefangenen fran⸗ zöſiſchen Soldaten gegen ihren General vorgebracht wurden,— obgleich er verſichert, in den Spitaͤlern von Jaffa noch 7 Franzoſen lebend gefunden zu haben (wahrſcheinlich dieſelben, die mit Opium hatten aus dem Wege geraͤumt werden ſollen), ſo ſagt er doch kein Wort von dem, was er, wenn es wirklich ge⸗ men Türken in die Bände zu fallen, ſeinen Tormiftet ſaßte⸗ * hinter der Colonne, zu der er gehörte, hertaumelten und durch ſeine ſtieren Blicke, ſeine wankenden Schritte der. Gegenſtand— für die Einen der Furcht, für die Andern des Gelächters wurde.„Der hat ſeine Rechnung geſchloſ⸗ ſen,“ ſagte einer ſeiner Kameraden, während er gleich einem Trunkenbold unter ihnen herumtaumelte.„Er wird nicht weit kommen,“ ſagte ein Anderer. Als er endlich nach wie⸗ derholtem Fallen nicht mehr auſſtehen konnte, ſo hieß es: „Der iſt bereits im Quartier;“ und er ward nicht weiter beklagt. In dieſen Fällen zeigt ſich, wie Mivt richtig be⸗ merkt, eine allgemeine Gleichgültigkeit und Selbſiſucht; und der, welcher mit heiler Haut davon kommen will, muß ſich auf ſeine eigene Kraft verlaſſen und vor allem bei gutsr Seſundheit zu bleiben ſuchen. 25 ſchehen waͤre, gewiß nicht wuͤrde verſchwiegen haben. Auch iſt unter den vielen Maͤnnern, die von der Wahrheit unterrichtet ſeyn mußten, ſeit Napoleon's Fall keiner aufgeſtanden, der von dieſer Sache anders geſprochen haͤtte, als von einem bloßen Geruͤchte, wel⸗ ches durch den nicht zu rechtfertigenden, aber nicht zur Ausfuͤhrung gekommenen Vorſchlag Napoleon's veranlaßt worden iſt. Dieſelbe ſorgfaͤltige und unpar⸗ theiiſche Unterſuchung, zufolge der wir die mit kaltem Blute befohlene und vollzogene Vertilgung ber Kriegs⸗ gefangenen zu Jaffa als eine unlaͤugbare Thatſache be⸗ richtet haben, noͤthigt uns zu der Erklaͤrung, daß die Vergiftung der Kranken zu Jaffa ohne hiireichenden Grund behauptet worden iſt. 1 Buonaparte ſetzte ſeinen Ruͤckzug aus Sprien fort, von den Eingebornen auf ſeinem Marſche ge⸗ neckt, und ſich dafuͤr durch Auspluͤnderung und Ver⸗ brennung der Doͤrfer, die auf ſeinem Wege lagen, raͤchend. Er verließ Jaffa am 28ſten Mai, und zog am 1aten Juni wieder in Cairo ein, mit einem Ru⸗ fe, der durch ſeinen Sieg bei dem Berge Tabor zwar vermehrt, durch ſeinen Ruͤckzug von Aere aber hin⸗ wiederum, und zwar in einem groͤßern Verhältniſſe, vermindert und in Schatten geſtellt war. Unteraͤgypten war waͤhrend der Abweſenheit von Buonaparte, wenn man von einigen partiellen Auf⸗ ſtaͤnden abſehen will, ruhig geblieben. In einem der letztern trat ein Betruͤger in der Rolle jenes geheim⸗ 26. nißvollen Weſens, des Jmaum Mohndi auf, der nach dem Glauben der Morgenlaͤnder nicht geſtorben, ſon⸗ dern beſtimmt iſt, vor der Pollendung aller Dinge zu erſcheinen und den Antichriſt zu bekaͤmpfen. Die⸗ ſer porgebliche Himmelshote und andere Unruheſtifter, die weniger große Anſpruͤche machten, wurden gaͤnz⸗ lich geſchlagen und ihre Anhaͤnger, ſo wie die Landes: bezirke, die ihnen geholfen hatten, von den Franzoſen auf das ſtrengſte heſteaft. 8 69 In Oberaͤgppten war es zu bedeutenderen Gefech⸗ ten gekommen. Murad Bey, den wir bereits als den tuͤchtigſten Chef der Mameluken angefuhrt haben, hat⸗ te ſich in dieſem Lande mit einer Kuͤhnheit und Klug⸗ heit gehalten, die den Franzoſen viel zu thun gaben. Mit ſeiner trefflichen Reiterei konnte er nach Umſtaͤn⸗ den und nach Gefallen vorruͤcken oder ſich zuruͤckziehen, wobei ihm ſeine vollkommene Kenntniß des Landes ſehr zu ſtatten kam. r Deſſair, nach der Schlacht bei den Pyramiden gegen Murat entſendet, hatte dieſes Haupt der Ma⸗ melnken bei Sedinan nochmals geſchlagen, und wieder gezeigt, wie ſehr die europaͤiſche Disciplin der rohen Tapferkeit der leichten Reiterei des Orients uͤberlegen ſey. Damit war aber der Untergang des unterneh⸗ menden Bey bei weitem noch nicht vollendet. Deſ⸗ ſair erhielt einige Verſtaͤrkung an Reiterei und griff ihn im December 1798 nochmals an, und die Ma⸗ meluken ſahen ſich nach einer Reihe von Gefechten, ——,— 27 die groͤßtentheils zum Vortheile der Franzoſen aus⸗ fielen, genoͤthigt, mit den Arabern, ihren Verbuͤnde⸗ ten, eine Zuflucht in der Wuͤſte zu ſuchen. Ganz. Aegypten ſchien in der Gewalt der Franzoſen zu ſeyn, und Coſſeir, ein Seehafen am rothen Meere, war durch eine beſonders hiezu ausgeruͤſtete Flottille gleich⸗ falls in Beſitz genommen worden. Drei oder vier Wochen nach der Ruckkehr Napo⸗ leons aus Syrien ſchien dieſer behagliche Zuſtand ei⸗ nes ruhigen Beſitzes wieder geſtoͤrt werden zu wollen. Murad) Bey fiel wieder mit ſeinen Mameluken und Verbuͤndeten in Oberaͤgypten ein, und zog in zwei gerrennten Abtheilungen an dem Ufer des Nils hin⸗ ab. Ibrahim Bey, ſein vormaliger Kollege der Re⸗ gierung von Aegypten, ruͤckte ſeinerſeits gegen die ſyriſche Grenze an, als wollte er ſich mit der rechten Kolonne von Murad Bey in Verbindung ſetzen. La Grange wurde gegen die Mameluken auf dem rechten Nilufer entſendet, waͤhrend Murat dem Bey, der auf dem linken Nilufer herabkam, entgegen ging. Die Franzoſen hatten ſchon ihre Freude daran, daß die beiden Murats, wie ſie beide der Aehnlichkeit ihres Namens wegen nannten, aufeinander treffen wuͤrden; allein der Murat der Mameluken wich vor dem ſtatt⸗ lichen Einhauer(le Beau Sabreur) der franzoͤſiſchen Armee zuruͤck. Die Bedeutung dieſes Einfalls ward klar, als eine tuͤrkiſche Flotte ſich bei Alexandrien ſehen ließ⸗ 28 und 18,000 Mann bei Abukir ans Land ſetzte. Die⸗ ſes tuͤrkiſche Heer nahm Beſitz von dem Fort und verſchanzte ſich ſofort in Erwartung der Mameluken, die zufolge des zur Wiedereroberung entworfenen Pla⸗ nes ſich mit ihm vereinigen ſollten. Napoleon erhielt dieſe Nachricht in der Naͤhe der Pyramiden, wohin er in der Abſicht vorgeruͤckt war, um Murat Bev vollends den Todesſtoß zu geben. Er ſtand nun von dieſem Vorhaben ſogleich ab, kehrte eiligſt nach Aler⸗ andrien zuruͤck, und marſchirte von da aus gegen Abu⸗ kir, um die Gelandeten wieder zu vertreiben. Er traf ſeine Axmee in einer kurzen Entfernung von dem tuͤrkiſchen Lager bereits verſammelt, und traf noch in der Nacht die noͤthigen Anſtalten zu einer Schlacht auf den folgenden Tag. Murat befand ſich allein bei Buonaparte, als dieſer den orakelmaͤßigen Ausſpruch rhat:„Es gehe, wie es will,— dieſe Schlacht wird „das Schickſal der Welt entſcheiden.“ „Das Schickſal dieſer Armee wenigſtens,“ erwie⸗ derte Murat, der den geheimen Sinn von Buonapar⸗ te's Worten nicht begriff.„Allein die Tuͤrken haben Mkeine Reiterei; und wenn je Reiterei es mit der „Infanterie aufgenommen hat, ſo ſoll es Morgen die „meinige thun.“ Napoleon dachte aber nicht blos an Aegypten, ſondern an Europa. Er ging bereits mit dem Gedan⸗ ken um, ganz unerwartet dahin zuruͤckzukehren, was nicht geſchehen konnte, wenn er nießt einen vollſtaͤn⸗ —x—- 29 digen Sieg uͤber die Tuͤrken errang. Seine Armee zu verlaſſen war auf jeden Fall ein zweideutiger Schritt, der ſich aber gar nicht rechtfertigen ließ, ſo lange die⸗ ſe Armee noch einen Feind vor ſich hatte,“ Am folgenden Morgen den esſten Juli griff Buonaparte die feindlichen Vorpoſten an, und warf ſie auf ihr Hauptkorps, das von Seid Muſtapha Pa⸗ ſcha befehligt war, zuruͤck. Der erſte Angriff der Franzoſen gelang vollkommen; ſie verfolgten die Tuͤr⸗ ken bis zu ihren Verſchanzungen und richteten ein großes Blutbad unter ihnen an. Die Batterien in den tuͤrkiſchen Laufgraͤben und das Geſchuͤtz in den Kanonenboͤten in der Bucht brachen bald ihren Unge⸗ ſtuͤmm, und die Tuͤrken, die, mit der Muskete auf dem Ruͤcken, auf ſie losgingen, raͤumten mit ihren Saͤbeln, Dolchen und Piſtolen ſo gewaltig unter ih⸗ nen auf, daß ſie ihrerſeits fliehen mußten. Doch ver⸗ loren die Barbaren ihren Vortheil wieder dadurch, daß ſie nichts Beſſeres zu thun wußten, als ihren geſallenen Feinden die Koͤpfe abzuſchneiden, fuͤr die ſie einen gewiſſen Preis erhalten. Sie waren damit beſchaͤftigt und in großer Unordnung, als die Fran⸗ zoſen, die ſich wieder ſammelten, umkehrten, mit der groͤßten Wuth uͤber ſie herſielen, und mit ihnen die Verſchanzungen erſtiegen. Murat hatte ſein am vorigen Abend gegebenes Wort geloͤßt, und war immer unter den Vorderſten geweſen. Nachdem die Franzoſen die Verſchanzungen 30 uberſtiegen hatten, bildete er eine Kolonne, welche die ganze Stellung der Tuͤrken uͤber den Haufen warf, und dieſelben, mit dem Bajonet auf ſie einſtuͤrmend, in die groͤßte Verwirrung brachte. Von allen Seiten beſchoſſen, auf jedem Punkte angegriffen, loͤßten ſie ſich in ein wehrloſes Geſinbel auf, und ſtuͤrzten ſich, von thieriſcher Furcht getrieben, zu Hunderten und Tauſenden in die See, die mit Turbanen wie bedeckt ſchien. Es war keine Schlacht mehr, ſondern ein Gemetzel, und erſt, als man des Mordens muͤde war, erhielten etwa 000 Tuͤrken Pardon; die andern 12,000 waren entweder auf dem Schlachtfelde oder in den Wellen umgekommen. Muſtapha Paſcha wurde zum Gefangenen gemacht und im Triumph vor Buv⸗ naparte gefuͤhrt. Der trotzige Tuͤrke aber hatte mit ſeinem Gluͤck ſeinen Stolz nicht verloren.„Ich wer⸗ „de es mir zur Pflicht machen,“ ſagte der Sieger, der hoͤflich ſeyn wollte,„den Sultan zu benachrichtigen, „mit welcher Tapferkeit Sie ſich in dieſer Schlacht „benommen haben, obſchon dieſelbe ungluͤcklich fuͤr „Sie ausgefallen iſt.“— „Dieſe Muͤhe kannſt Du Dir erſparen,“ antwor⸗ tete der Gefangene in trotzigem Tone;„mein Gebie⸗ „ter weiß beſſer, was an mir iſt, als Du.“ Buonaparte kehrte den gten Auguſt im Triumph nach Cairo zuruͤck, nachdem er vorher, um ſeine freundſchaftliche Geſinnung gegen die Pforte zu beur⸗ 34 kunden, eine Unterhandlung zur Befreiung der tür⸗ kiſchen Gefangenen eingeleitet hatte! Mit dieſem glaͤnzenden und voͤllig entſcheidenden Siege bei Abukir ſchloß ſich Napoleon's millitaͤriſche Laufbahn im Orient. Ohne dieſen Sieg haͤtte Napo⸗ leon, ohne ſeinen ganzen Kredit zu verlieren, ſeine Armee nicht verlaſſen koͤnnen. Erſt nach dieſem Sie⸗ ge konnte er ſagen, daß Aegypten einſtweilen ſicher⸗ geſtellt ſey. Seine militaͤriſchen Plane waren ihm i in der That durchgaͤngig gelungen, und Aegypten war der Herr⸗ ſchaft Frankreichs ſo ſehr unterworfen, als es durch das Schwert geſchehen konnte. Auch behaupteten die Franzoſen noch zwei Jahre lang, wie der ſtarke Mann in der Parabel, ſich in dem Beſitze des erworbenen Hauſes, bis ein Staͤrkerer kam, der ſie wieder dar⸗ gus verdraͤngte. Allein obgleich der Sieg uͤber die Tuͤrken den Franzoſen einſtweilen den unbeſtrittenen Beſitz von Aegypten verſchaffte, ſo b fand ſich doch Buonaparte in einer Lage, wo ſeine Einbildungskraft nicht laͤnger in glaͤnzenden und unermeßlichen Ausſichten ſchwelgen konnte. Seine Streitkraͤſte waren bedeutend geſchmaͤcht; das Mißgeſchick von Acre lebte in dem Andenken al⸗ ler, die Zeugen davon geweſen waren. Der Marſch nach Konſtantinopel war fortan eine Unmsglichkeit,— der nach Indien einsleerer Traum. Die Gruͤndung einer franzoͤſiſchen Kolonie in Aegypten, von welcher 3² Napoleon zuweilen ſprach, die Zuruͤckfuͤhrung des in⸗ diſchen Handels an die Kuͤſte des rothen Meers, zum großen Nachtheile Englands, war ein Werk des Frie⸗ dens, und im Kriege, bei der Ueberlegenheit der eng⸗ liſchen Seemacht, ſchlechterdings nicht ausfuͤhrbar. Der franzoͤſiſche General hatte zwar eine Handelskam⸗ mer errichtet; allein welcher Handel konnte von ei⸗ nem enge blokirten Hafen aus getrieben werden? Selbſt unter guͤnſtigeren Zeitumſtaͤnden war die Gruͤn⸗ dung einer friedlichen Kolonie durchaus kein Geſchaͤft fuͤr den feurigen und kriegliebenden Napoleon, der, wenn er auch, zufolge ſeines thaͤtigen Geiſtes, Handels⸗ plane entwerfen konnte, doch bei weitem nicht die Ge⸗ duld und die Beharrlichkeit hatte, durch welche die Ausfuͤhrung derſelben bedingt iſt. Blieb er alſo in Aegypten, ſo war er dort ungefaͤhr in derſelben Lage, wie der Gouverneur einer großen Stadt, der man zwar mit einer Belagerung gedroht hat, die aber zu⸗ naͤchſt noch nicht belagert werden kann, und wo alſo eine kluge und ausdauernde Wachſamkeit das einzige Verdienſt iſt, das ſich erwerben laͤßt. Eine ſolche An⸗ ſtellung wuͤrde wohl von keinem jungen und ehrgeizi⸗ gen Krieger geſucht werden, ſo lange ihm eine thaͤti⸗ gere Laufbahn offen ſteht. Eine ſolche, und zwar eine unermeßliche, war aber dem Ehrgeize in Frankreich durch Ereigniſſe eroͤffnet worden, die wir in dem fol⸗ genden Kapitel darzuſtellen uns bemuͤhen werden. Sonach hatte Napoleon die Wahl, entweder Bewerber um 53 um den hoͤchſten Preis, den die Welt bieten kann— um die hoͤchſte Gewalt in dem ſchoͤnen Frankreich— zu werden, oder der Anfuͤhrer einer Defenſivarmee in Aegypten zu bleiben, und zu warten, bis etwa die Englaͤnder, Ruſſen oder Tuͤrken kommen, und ihm ſeine Eroberung ſtreitig machen wuͤrden. Haͤtte er das letzere gewaͤhlt, ſo wuͤrde er vielleicht bald der Vaſall eines Moreau oder irgend eines militaͤriſchen Emporkoͤmmlings(vielleicht gar von ſeiner ehemali⸗ gen italieniſchen Armee) geworden und in den Fall gekommen ſeyn, von ihm Befehle, aus dem Palaſte von Luxemburg oder den Tuillerien erlaſſen, und in der Sprache eines Souverains zu ſeinem Unterthan abgefaßt, zu erhalten. Freilich mußten noch die ſtarken Bande geloͤßt werden, die zwiſchen Napoleon und der Armee be⸗ ſtanden, die er ſo oft zum Siege gefuhrt hatte, und die ohne Zweiſel glaubte, er ſey geſonnen, mit ihr zu leben und zu ſterben. Unſtreitig aber konnte er ſeine Abreiſe in ſeinen eigenen Augen durch die Be⸗ trachtung rechtfertigen, daß er dieſe Armee ſiegreich und unter Umſtaͤnden zuruͤcklaſſe, die nicht ſobald neue Gefahren fuͤr ſie befürchten ließen. Wir haben daher keinen Grund, in dem Schritte, den Napoleon that, und den man als Deſertion hat bezeichnen wol⸗ len, das Ergebniß von irgend einem Gefuͤhle der Furcht zu ſehen. Wir glauben zwar nicht, wie eini⸗ M. einer enthuſtaſtiſchen Verehrer, daß er einzig aus . Scott's Werke. XL. 3 34 Liebe zu ſeinem Vaterlande ſo gehandelt habe; allein wir zweifeln nicht, daß jene hoͤhere Triebfeder, wie⸗ wohl nicht ſo ſehr, als er ſich ſelbſt bereden mochte, mit den Verſuchungen ſeiner Selbſtſucht ſich verbun⸗ den und ihn beſtimmt hat, einen Schritt zu thun, durch welchen ſowohl das Beſte ſeines Vaterlandes, als ſein eigenes Intereſſe befoͤrdert werden mußte. Man ſollte auch nicht uͤberſehen, daß zunaͤchſt das Wohl der aͤgyptiſchen Armee ihn, nebſt ſeinen eige⸗ nen ehrgeitzigen Abſichten, nach Paris rief. Trat er hier nicht perſoͤnlich auf, um ſich fuͤr dieſe Armee zu verwenden, ſo konnten durch irgend eine nur zu wahr⸗ ſcheinliche Revolution die Sieger von Aegypten, wenn ſie ſich von ihren Landslenten verlaſſen ſahen, in eine Lage gebracht werden, wo ſſe die Waffen niederlegen mußten. Die Umſtaͤnde, durch welche Buonaparte, nach ſeiner eigenen Angabe, zu ſeinem Entſchluſſe ver⸗ mocht worden iſt, waren hoͤchſt zufaͤlliger Art. Bei Gelegenheit eines augenblicklichen Verkehrs, der zwi⸗ ſchen ihm und der tuͤrkiſchen Flotte beſtand, als er die bei Abukir verwundeten Tuͤrken an Bord derſel⸗ ben ſandte, hatte ihm Sir Sidney Smith, um ihn zu hoͤhnen, einen Pack Zeitungen zugeſchickt, worinn die Siegesberichte von Suwarow und Nachrichten über den erbaͤrmlichen Zuſeund der franzoͤſiſchen An⸗ gelegenheiten auf dem Kontinent zu leſen waren. Nach andern Zeugniſſen, die wir zu ſeiner Zeit am 35 fuͤhren werden, waͤre er aber von dem Zuſtande der Dinge, ſowohl in Italien als in Frankreich, bereits unterrichtet geweſen, und zwar durch die geheime Korreſpondenz, die er fortwaͤhrend mit Paris unter⸗ hielt, und wodurch er nicht nur uͤber die Unfaͤlle der franzoͤſiſchen Armee, ſondern auch uͤber die Lage der Parteien und uͤber den Zuſtand der oͤffentlichen Mei⸗ nung eine weit gruͤndlichere Kenntniß erhielt, als diejenige, die er aus den engliſchen Zeitungen ſchoͤp⸗ fen konnte. Woher er aber auch ſeine Nachrichten erhalten haben mag, ſo verlor Buonaparte keine Zeit, in Ge⸗ maͤßheit derſelben mit dem durch die Wichtigkeit der Sache gebotenen Geheimniß zu handeln. Admiral Gantheaume, der ſeit der Vernichtung der Flotte ſich ſtets bei der Armee aufgehalten halte, erhielt von ihm den Beſehl, unverzuͤglich die zwei Fregatten, die⸗ in dem Hafen von Alexandrien lagen, in ſeselfertigen Stand zu ſetzen. 3 Um ſich indeſſen auch als ein wuͤrdiges Mitglied des Nationalinſtituts zu erweiſen, und zu zeigen, was er fuͤr die Wiſſenſchaften gethan habe, ließ Buo⸗ naparte Monge, der die zyptiſche Expedbition zuerſt in Anregung gebracht haben foll„ und den kenntnis⸗ reichen Denon, der nachner die Geſchichte derſelben geſchrieben hat, wie auch Bertholtet auffordern, ihn auf einer Reiſe nach Alexandrien zu begleiten. Von den Militaͤrcheſs waͤhlte er die Generale Berthier, 55„. Murat, Lannes, Marmont, Deſſair, Andreoſſy und Beſſieres, als die beſten und ihm am meiſten ergebe⸗ nen Offiziere. Er verließ Cairo, ſobald er erfuhr, daß die Ausruͤſtung der Fregatten vollendet, und die See offen ſey. Ein Beſuch des Delta mußte den Vorwand zu ſeiner Reiſe abgeben. Kleber und Me⸗ nou, von denen er jenen zum erſten, die ſen zum zweiten Befehlshaber in Aegypten zuruͤckzulaſſen ge⸗ dachte, wurden von ihm nach Alerandrien beſchieden; er hatte jedoch dort nur eine Zuſammenkunft mit dem zweiten. Kleber, ein vortrefflicher Soldat und ein Mann von ſehr bedeutenden Talenten, war ſehr ungehalten uͤber die haſtige und unordentliche Weiſe, mit der ihm der Befehl uͤber eine ſo wichtige Provinz und uͤber ein geſchwaͤchtes Heer uͤbertragen wurde, und ließ ſich in einem Schreiben an das Direktorium uͤber die veeſchiedenen Zweige des oͤffentlichen Dienſtes aus, welche Buonaparte bei dieſer Gelegenheit durch ſein Betragen entweder vernachlaͤßigt oder gefaͤhrdet hatte. Es war in der Folge keine leichte Aufgabe fuͤr Napoleon, die von Kleber vorgebrachten Klagpunkte zu beantworten und zu beweiſen, daß er Aegypten keineswegs auf immer habe verlaſſen wollen, daß es im Gegentheil ſeine Abſicht geweſen ſey, entweder ſelbſt wieder zuruͤckzukehren, oder maͤchtige Huͤlfe zu ſenden. Er tadelte in einer ſpaͤtern Periode den Ad⸗ miral Gantheaume, daß er von Toulon nicht mit — 37 Verſtaͤrkungen und andern Kriegsbeduͤrfniſſen nach Alexandrien zuruͤckgeſegelt ſey. Allein Buonaparte, der die Hinderniſſe, die ſich einem Lieblingsplane in den Weg ſtellten, gern uͤberſah, konnte nur durch eigene Erfahrung und nur in dem Augenkblick, wo dieſe ihm zu Theil ward, uberzeugt werden, daß die Ueberle⸗ genheit der brittiſchen Seemacht durch Verhaͤltniſſe bedingt ſey, die ſich durch den Muth und die Geſchick⸗ lichkeit der franzoͤſiſchen Seeoffiziere, wie groß ſie auch ſeyn moͤgen, nicht beſiegen laſſen, und daß, ſo lange dieſe Verhaͤltniſſe beſtehen, die Behauptung einer ſo entlegenen Provinz, wie Aegypten, fuͤr Frankreich eine gewagte Sache ſeyn muͤſſe. Napoleon ließ eine kurze Proklamation zuruͤck, wodurch er die Armee in Kenntniß ſetzte, daß wich⸗ tige Nachrichten ihn nach Frankreich zuruͤckgerufen haͤtten, daß ſie aber bald von ihm hoͤren wuͤrde. Er nahm darin Abſchied von ſeinen Soldaten, indem er ſie ermahnte, ihrem neuen Anfuͤhrer zu vertrauen, von dem er und die Regierung die beſte Meinung hegten. Als die zwei Fregatten La Muiren und La Carere ſegelfertig waren, ſchiffte ſich der General am 25ſten Auguſt auf einem unbeſuchten Punkte des Ufers ein. Menou, der ſich dort mit ihm beſprochen hatte, kam zu Denon und andern, die, ohne zu wiſ⸗ ſen, zu welchem Zwecke, dahin beſchieden waren, und mit Verwunderung auf die ſegelfertigen Schiffe ſa⸗ hen, um ihnen zu ſagen, daß Buonaparte ſie erwarte. 38 Sie folgten ihm wie im Traume; aber Denon hatte bereits jene Maſſe von Meſſungen, Zeichnungen, Manuſcripten und Gegenſtaͤnden von antiquariſchem und wiſſenſchaftlichem Intereſſe in Sicherheit gebracht, die ihn nachmals in den Stand ſetzte, das glaͤnzende Werk zu vollenden, das jetzt die einzigen bleibenden oder nuͤtzlichen Fruͤchte der denkwuͤrdigen Expedition von Aegypten enthaͤlt. Die beiden Fregatten waren noch nicht weit vom Ufer entfernt, als ſie von einer engliſchen Corvette recognoscirt wurden,— ein Umſtand, der von uͤbler Vorbedeutung ſchien. Allein Buonaparte ſprach ſei⸗ nen Gefaͤhrten Muth ein, indem er ſich, wie er zu thun pflegte, auf ſeinen guten Stern berief.„Wir Mwerden gluͤck lich durchkommen,“ ſagte er;„das „Gluͤck wird uns nicht verlaſſen; wir werden, dem „Feind zum Trotze, wohlbehalten an Ort und Stelle „kommen.“ Um den engliſchen Kreuzern zu entgehen, fuhren die Fregatten an der Kuͤſte von Afrika hin, mit ſo unguͤnſtigem Winde, daß ſie in zwanzig Tagen nur hundert Seemeilen zuruͤcklegten. Auf dieſer langwie⸗ rigen Fahrt las Buonaparte bald in der Bibel, bald in dem Koran, und ſchien ſich mehr mit der Ge⸗ ſchichte der Lander, die er hinter ſich ließ, abzugeben, als auf die Rolle zu denken, die er in dem Lande, wohin ſeine Reiſe gerichtet war, ſpielen wollte. Sie wagten es endlich, nordwaͤrts zu ſteuern, und liefen —— 39 am 50ten September durch einen ſonderbaren Zufall in dem corſiſchen Hafen von Ajaccio, der Geburts⸗ ſtadt von Buonaparte, ein*). Am Iten Oktober ſta⸗ chen ſie wieder in die See; als ſie ſich aber der fran⸗ zoͤſiſchen Kuſte naͤherten, fanden ſie ſich im Bereich eines Geſchwaders von engliſchen Kriegsſchiffen. Der Admiral wollte hierauf ſogleich nach Corſika umlegen. „Wenn wir das thun,“ ſagte Buonaparte,„ſo iſt „das ſo viel, als ſchluͤgen wir den Weg nach Eng⸗ „land ein— mein Weg geht nach Frankreich.“ Er wollte wahrſcheinlich damit ſagen, dieſes Manndͤver wuͤrde die Aufmerkſamkeit der Englaͤnder auf ſich zie⸗ hen. Sie ſetzten daher ihren Weg fort; allein die Gefahr, dem Feinde in die Haͤnde zu fallen, ſchien ſo dringend, das Gantheaume, obaleich das Ufer noch mehrere Meilen entfernt war, vorſchlug, das große Boot zu bemannen, damit der General auf demſelben zu enttommen ſuchen koͤnne. Buonaparte hemerkte dagegen, daß man dieſe Maßregel noch verſchieben koͤnne, bis der Fall noch verzweiſelter geworden, ſey. Endlich kamen ſie ohne Verdacht zu erregen und unbefragt durch das feindliche Geſchwader, und am gten Oktober, um 10 Uhr des Morgens, ſtieg der *) Die Einwohner kamen hauſenweiſe herbei, um ihren berühm⸗ ten Landsmann zu ſehen: allein da er nicht landete, ſo war ſeine vorübergehende Erſcheinung in dem Haſen keine Aus⸗ nahme von dem, was im dritten Bande geſagt iſt, daß er ſein Vaterland nicht wieder beſucht habe, 40 Mann, von dem das Schickſal der Welt ſo lange ab⸗ zuhaͤngen ſchien, bei Saint Rapheau, unweit Frejus, an's Land. Er war mit einer maͤchtigen Flotte und einer ſiegreichen Armee zu einer Expedition abgeſe⸗ gelt, die das Schickſol der aͤlteſten Nationen der Welt zu andern beſtimmt war. Das Reſultat hatte bei weitem nicht den Mitteln und dem Zweche entſprochen— die Flot⸗ te war zu Grund gegangen, die Armee in einer weit ent⸗ fernten Gegend zu einer Zeit blokirt, wo man ihrer in der Heimath am meiſten bedurft haͤtte. Er kehrte heimlich und faſt allein zuruͤck; allein die Vorſehung hatte beſchloſſen, daß er in dieſem, dem Anſcheine nach ſo verlaffenen Zuſtande das Werkzeug zu weit groͤßeren und weit erſtaunlicheren Veraͤnderungen wer⸗ den ſollte, als bis dahin von den groͤßten Eroberern in der civiliſirten Welt bewirkt worden waren. Drittes Kapitel. Rückblick auf die öffentlichen Ereigniſſe ſeit Napoleon's Abreiſe nach Aegypten.— Invaſion und Eroberung der Schweiz.— Einnahme von Turin.— Vertreibung des Pabſtes.— Die Neapolitaner erklaͤren Frankreich den Krieg;— ſie werden geſchlagen, und die Franzoſen rücken in Neapel ein.— Schändliche Habſucht der Direitoriums,— beſonders bei 41 ſeinen Unterhandlungen mit den Vereinigten Staaten ven Amerilg.— Es erreicht ſeinen Zweck nicht, und ſeine Schändlichkeit wird kund.— Rußland nimmt ſich der ge⸗ meinſchaftlichen Sache an.— Seine Macht und Fülfsquel⸗ jen.— Unfälle der Franzoſen in Italien und am Rhein.— Aufſtände in Belgien und Holland gegen die Franzoſen.— Engliſch⸗ruſſiſche Expedition in Holland.— Die Chouans erſcheinen wieder im Felde.— Große und allgemeine Unpo⸗ pularität des Direktoriums.— Zuſtand der Parteien in Frankreich.— Geſetz der Geißeln.— Der Abbé Sieyes kommt in's Direktorium.— Sein Charakter und Genie.— Darſtellung der von ihm für das Jahr 3 vorgeſchlagenen Ver⸗ faſſung.— Ducos, Gohier und Moulins werden ebenfalls Mitglieder des Direktoriums.— Die Familie Napoleon's ſucht ihn im Andenken des Volkes zu erhalten.— Günſtiger Wechſel in den franzöſiſchen Angelegenheiten.— Holland wird von dem engliſch⸗ruffiſchen Heere geräumt.— Korſa⸗ kow wird von Maſſena geſchlagen und Suwarow zieht ſich vor Lecourbe zurück. Als Napoleon an der Spitze der aͤgyptiſchen Ex⸗ pedition gewiſſermaßen in ein ehrenvolles Exil ging, gab er den Freunden, die ihm riethen, in Frankreich zu bleiben und einen großen politiſchen Einfluß zu er⸗ ſtreben, zur Antwort:„Die Frucht iſt noch nicht reif.“ In den ſiebzehn Monaten ſeiner Abweſenheit war aber gar vieles geſchehen, was die Reife dieſer Frucht befoͤrdern mußte. Die franzoͤſiſche Regierung hatte aufgehoͤrt, ohne Unterbrechung zu ſiegen, und in ihrem Innern Veraͤnderungen erlitten, durch wel⸗ che ſie nicht beliebter, wodurch im Gegentheil der all⸗ gemeine Wunſch hervorgeruſen wurde, daß eine neue 42 und entſcheidende Revolution dem Direktorialſyſtem fuͤr immer ein Ende machen moͤchte. Als Buonaparte nach Aegypten abſegelte, war Frankreich mit Oeſterreich im Frieden, und die Unter⸗ handlungen zu Raſtadt ſchienen, wie jedermann glaub⸗ te, in Beziehung auf die deutſchen Angelegenheiten ein guͤnſtiges und friedliches Reſultat zu verſprechen. Das einzige England behauptete noch eine feindliche Stellung gegen Frankreich; allein da jenes zur See, dieſes auf dem Lande ſtegreich war, ſo ſchien der Krieg ermarten und von ſelbſt erlöoͤſchen zu muͤſſen, wenn es nicht etwa ein drittes Element gab, das ſich dieſe beiden Nebenbuhler ſtreitig machen konnten. Obgleich nun der Friede ſowohl durch das Intereſſe Frank⸗ reichs, als durch dasjenige der geſammten Menſchheit ſchlechthin geboten war, ſo beſchloſſen doch die franzoͤ⸗ ſiſchen Gewalthaber, im Gefuͤhl, daß ihre ſchwankende Lage durch die Entlaſſung ihrer zahlreichen Heere noch unſicherer werden muͤſſe, den Krieg in einer andern Gegend fortzuſetzen. Unter den nichtigſten und muthwilligſten Vor⸗ waͤnden griffen ſie die neutralen Staaten der Schweiz, die ſo viele Maͤßigung bewieſen hatten, an, und die im Namen der Freiheit aufgebotenen franzöſiſchen Truppen mußten ein Land uͤberziehen, das ſo lange die Bergfeſte derſelben geweſen war. Die alte Tap⸗ ferkeit der Schweizer vermochte nichts gegen die neu⸗ en Entdeckungen in der Kriegstunſt, durch welche die 43 ſchwierigſten Engpaͤſſe umgangen und daher unhaltbar gemacht werden koͤnnen. Sie fochten mit ihrem al⸗ ten Muthe, beſonders in den kleinen Geyirgskanto⸗ nen, und erlagen nur der Ueberzahl und der Discip⸗ lin. Allein dieſe wackern Gebirgsſoͤhne erſchlugen dreimal ſo viel Feinde, als ſie ſelbſt Streiter zaͤhlten, ehe ſie in ihren Reihen fielen, wie es den Landsleu⸗ ten eines Wilhelm Tell ziemte. Die Franzoſen gaben den Schweizern zum Schein eine der ihrigen nachge⸗ bildete Verfaſſung; allein dies war nur ein Poſſen⸗ ſpiel. Die Zeughaͤuſer, Feſtungen und Schatzkammern der Kantone wurden ohne alle Umſtaͤnde fuͤr gute Beute erklaͤrt, und die Schweizer in allen Stuͤcken wie ein beſiegtes Volk behandelt. Das Loos dieſes alten und harmloſen Volkes weckte tiefen und allgemeinen Abſcheu und Schrecken, und trug, vielleicht mehr als irgend ein anderes Ereigniß, dazu bei, den Unwillen von ganz Europa gegen Frankreich, als gegen ein Land zu entflammen, das nun offenbar gezeigt hatte, wie ſein Ehrgeitz uͤber alle Ruͤckſichten der Gerechtig⸗ keit und des Völkerrechts ſich wegſetze. Der Koͤnig von Sardinien, der ſich zuerſt unter die Gewalt Napoleon's gebeugt und ſeine Exiſtenz als regierender Fuͤrſt durch die Abtretung aller ſeiner Feſtungen an Frankreich, und durch die gaſtliche Auf⸗ nahme der franzoͤſiſchen Truppen in ſeinen Staaten erkauft hatte, durfte ſicherlich einigen Anſpruch auf Schonung machen; aber jetzt bemachtigten ſich die 44 Franzoſen, ohne dieſe Gewaltthat auch nur durch ei⸗ nen Vorwand zu beſchoͤnigen, Turins, der Haupt⸗ ſtadt, und aller Continentalſtaaten ihres Vaſallen, und ſchickten ihn mit ſeiner Familie nach Sardinien. Die unerſaͤttliche Herrſchſucht der franzoͤſiſchen Regierung forderte noch ein anderes Schlachtopfer, an deſſen Schickſal die katholiſche Welt den groͤßten Antheil nahm. Wir haben bereits geſehen, daß Buo⸗ naparte den Pabſt zwar ſeiner Macht und ſeiner Schaͤtze beraubt, es aber doch vorgezogen hatte, den⸗ ſelben als einen kleinen Fuͤrſten fortbeſtehen zu laſ⸗ ſen, damit er nicht, aller weltlichen Gewalt beraubt, zur Verzweiflung gebracht und genöthigt wuͤrde, ſich gegen die Republik ſeiner geiſtlichen Waffen zu bedie⸗ nen, die in katholiſchen Laͤndern noch immer ein Ge⸗ genſtand der Scheu waren. Allein das Direktorium dachte anders, und obgleich der Pabſt ſich in jede For⸗ derung des franzoͤſiſchen Botſchafters, ſo wenig ſie ſich auch mit den Beſtimmungen des Vertrags von Tolentino vertragen mochte, gefuͤgt hatte, ſo trug die franzoͤſiſche Regierung, zufolge ihrer Politik, doch kein Bedenken, in Rom insgeheim die Parthei der⸗ jenigen zu beguͤnſtigen, denen es um eine Revolution zu thun war. Dieſe Verſchwoͤrer griffen zu den Waf⸗ fen und fluͤchteten ſich, von der Wache zerſtreut, in das Hotel von Joſeph Buonaparte, des damaligen franzoſiſchen Geſandten an dem roömiſchen Hofe. Es entſtand eine Rauferei, in welcher der Geſandte be⸗ 45 ſchimpft, ſein Leben gefaͤhrdet und General Duphot an ſeiner Seite wirklich getodtet wurde. Dieſe Be⸗ leidigung entſchied vollends den Sturz des Pabſtes, der wahrſcheinlich ſchon laͤngſt beſchloſſen war. Aus ſeinem Gebiete vertrieben, zog ſich der bejahrte Pius VII. nach Siena zuruͤck, wo er, ein entthronter Ver⸗ bannter, großere Verehrung genoß, als ein mit der Erlaubniß Frankreichs dem Schein nach regierender Fuͤrſt. An die Stelle der paͤbſtlichen Regierung trat der Schatten eines gewaltigen Namens: die roͤmi⸗ ſche Republik. Allein die Gallier waren im Be⸗ ſitze des Capitoliums; und der roͤmiſche Staat ward, ungeachtet der alten Erinnerungen, die ſein neuer Titel weckte, um nichts ſelbſtſtändiger, als die uͤbri⸗ gen ephemeren Republiken Italiens. Durch den Fall des Pabſtes und durch die Be⸗ ſetzung des roͤmiſchen Gebiets von einer franzoͤſiſchen Armee kam jetzt der Koͤnig von Neapel in unmittel⸗ bare Beruͤhrung mit der Nation, die er fuͤrchtete und haßte, und der es, wie er wohl wußte, nach ſeinem Beſitzthum geluͤſtete. Ueberzeugt, daß der Krieg un⸗ vermeidlich ſey, beſchloß er, denſelben zuerſt zu er⸗ klaͤren. Der neuerlich von Nelſon erfochtene Sieg, und der Eindruck, den dieſer mit friſchen Lorbeern gekroͤnte Seeheld auf einen Hof, wo Frauen geboten, machen mußte, trug nicht wenig dazu bei, die neapo⸗ litaniſche Regierung in ihrem utſchluſſe zu beſtaͤrken. 46 Mack, ein oͤſterreichiſcher General, der in dem Ruſe eines großen Taktikers und eines tapfern ldaten ſtand, erhielt vom Kaiſer den Auftrag, die neapolita⸗ niſche Armee zu discipliniren und zu befehligen. Nelſon erkannte mit ſeinem Falkenauge ſogleich, was aun dem Manne war.„General Mack,“ ſagte er, „braucht fuͤnf Wagen, um von der Stelle zu kom⸗ „men. Meine Meinung iſt fertig; ich wunſche nur, „daß ſie durch den Erfolg widerlegt werde.“ Sie iſt aber nicht widerlegt worden. Die neapolitaniſche Armee zog gegen Rom, raf auf die Franzoſen, focht gerade lange genug, um etwa 40 Mann zu verlieren und zerſtiebte ſofort, Kanonen, Gepaͤcke, Waffen, Alles im Stich laſſend.„Die neapolitaniſchen Offi⸗ „ziere,“ ſagte Nelſon,„verloren nicht viel Ehre, „denn Gott weiß, ſie hatten wenig zu verlieren— „aber ſie verloren, was ſie hatten.“ Das Auge, das zu Land eben ſo ſcharf fah, als zur See, hatte das gleichbaldige Vorruͤcken der Franzoſen nach Neapel gleichfalls vorausgeſehen. Es fand Statt, jedoch nicht ohne Widerſtand. Die Lazzareni, ein nacktes Geſin⸗ del, zeigten den verzweifeltſten Muth. Sie griffen die Franzoſen an, noch ehe ſie in die Stadt kamen⸗ und behaupteten dieſelbe nach einer blutigen Nieder⸗ lage noch zwei Tage lang einzig durch ihr Schuͤtzen⸗ feuer, obgleich es den Franzoſen an grobem Geſchuͤtz nicht fehlte. Was laͤßt ſich von einem Lande ſagen, wo der Poͤbel muthig, der Soldat feige iſt? Was an⸗ 47 ders, als daß der Tadel die hoͤhern Klaſſen, aus de⸗ nen die Offiziere gewaͤhlt werden, trifft. Die konigliche Familie floh nach Sicilien, und in Neapel entſtand auf das Geheiß des franzoͤſiſchen Generals eine neue Regierung mit einem klaſſiſchtoͤ⸗ nenden Namen— die parthenopaͤiſche Republik. Die Franzoſen waren jetzt im Beſitz von ganz Italien, mit Ausnahme von Toscana, wo ſie, zwar nicht dem Namen nach, aber doch in der That ebenfalls geboten. Durch das Gelingen dieſer verſchiedenen Unter⸗ nehmungen ließ ſich das franzöſiſche Volk weniger taͤuſchen und fuͤhlte ſich weniger geſchmeichelt, als ſei⸗ ne Gewalthaber vielleicht geglaubt hatten. Seine Ei⸗ telkeit fand ſich durch die Niedertraͤchtigkeit der Mo⸗ tive, die das Direktorium bei jeder Gelegenheit be⸗ urkundete, beleidigt. Selbſt der blendende Glanz der Eroberung ward durch die gemeinen und ſchmutzigen Abſichten, die den Krieg veranlaßt hatten, getruͤbt. Bei einer gewiſſen Gelegenheit ward der Schleier ge⸗ luͤftet, und alle Franzoſen, denen noch ein Gefuͤhl von Schicklichkeit, wir wollen nicht ſagen, von Recht⸗ ſchaffenheit oder Ehre, geblieben war, mußten ſich durch den feilen Karakter ihrer Regierung fuͤr ent⸗ wuͤrdigt halten. Da zwiſchen Frankreich und den vereinigten Staa⸗ ten von Amerika einige Streitigkeiten obwalteten, ſo wurden von dem letztern Lande Bevollmaͤchtigte nach Paris geſchickt, um das gute Einverſtandniß wieder 48 herzuſtellen. Man wollte ſie dort nicht oͤffentlich in der Eigenſchaft als Botſchafter anerkennen, gab ih⸗ nen aber zu verſtehen, ſie koͤnnten unter der Bedin⸗ gung als Unterhaͤndler zugelaſſen werden, daß die Staaten von Amerita der franzoͤſiſchen Republik ein Anlehen von einer Million Pf. Sterl. bewillige, dazu kam noch die ſchamloſe Forderung eines Geſchenks von 50,000 Pfd. Sterl. fuͤr die Direktoren. Die Ge⸗ ſandten geriethen uͤber dieſen ſeltſamen diplomatiſchen Vorſchlag in das groͤßte Erſtaunen, und trauten kaum ihren Ohren, als derſelbe mehr als einmal ohne alle Scheu wiederholt wurde.„Die weſentlichſte Be⸗ „ſtimmung des Vertrags,“ ſagte einer der franzoͤſi⸗ ſchen Agenten, iſt:„il faut de Pargent— il faut beaucoup d'argeni.“(Geld— recht viel Geld.) Um den Vorſchlag annehmlicher zu machen, berief ſich die⸗ ſer Agent auf andere Laͤnder, die den Frieden mit Geld erkauft hatten; auch unterließ er nicht, den Amerikanern die unwiderſtehliche Macht Frankreichs zu Gemuͤth zu fuͤhren. Durch dieſe Gruͤnde nicht uberzeugt, autworteten die uͤberſeeiſchen Republikaner in barſchem Tone, es zieme ſich etwa fuͤr kleine und unmachtige Staaten, ihre Unabhaͤngigkeit durch Ent⸗ richtung eines Tributs zu erkanfen— Amerika ſey dagegen im Stande, ſich ſelbſt zu vertheidigen, und keineswegs geſonnen, das mit Geld zu erkaufen, was es, vermoͤge ſeiner gewaltigen Vertheidigungsmittel, ſchon beſitze. Sie fuügten hinzu, ſie haͤtten keine Voll⸗ macht, 49 macht, ſich im Punkte eines Anlehens auf irgend et⸗ was einzulaſſen. Die franzoͤſiſchen Agenten ſtimmten hierauf ih⸗ ren Ton herab und ſagten, die amerikaniſchen Kom⸗ miſſare föͤllten gegen Erlegung einer Geldſumme die Erlaubniß erhalten, in Paris zu bleiben, waͤhrend ei⸗ ner von ihnen nach Amerika zuruͤckkehren und dort neue Inſtruktionen einholen wuͤrde. Allein auch hier⸗ auf wollten die Amerikaner nicht eingehen. Sie woll⸗ ten nicht, wie es in den Brandbriefen heißt, fuͤnf Pfund an einen gewiſſen Ort, legen. Die Sache wurde bekannt und erregte großes Aergerniß, nicht nur in Frankreich, ſondern auch in ganz Euro⸗ pa. Eine Regierung, die aus ſo niedertraͤchtigen Be⸗ weggruͤnden Krieg fuͤhre— ſo dachte man uͤberall— verhalte ſich zu einer andern, die auf Eroberungen ausgehe, wie ſich ein Beutelſchneider zu einem Straſ⸗ ſenraͤuber verhaͤlt. Der einzige Verſuch, dieſe ſeltſa⸗ me Unterhandlung zu beleuchten, ward von Talleyrand gemacht und beſtand in einer voͤlligen Ablaͤugnung der Thatſache. Der franzoͤſiſche Miniſter verſchaͤrfte dies noch durch die Behauptung, daß die Ausſage der ame⸗ rikaniſchen Geſandten eine alberne Erdichtung ſey, zu der ihnen die Englaͤnder gerathen haͤtten. Wir wollen nicht noch mehr Beiſpiele anfuͤhren, und begnuͤgen uns, zu bemerken, daß die Raubſucht und der freche Uebermuth, mit denen die neuen Re⸗ W. Scott's Werke. XL. 4 50 publiken, unter ſteter Hinweiſung auf ihre gaͤnzliche Abhaͤngigkeit von der großen Nation, von den fran⸗ zoͤſiſchen Gewalthabern behandelt wurden,— daß die grenzenloſen Erpreſſungen derſelben, ſo wie einiger ihrer Generale und Agenten, ihnen in dem Maße alle Achtung entzogen, in welchem ſie ihre Herrſchaft im Auslande ausdehnten. Ihr ſchoͤnes Gerede von Freiheit und ihre Zuſagen, die Laͤnder, die noch un⸗ ter dem Druck der Feudaleinrichtungen ſeufzten, der Wohlthaten einer liberalen Regierung theilhaftig zu machen, wurden jetzt nach ihrem wahren Gehalte ge⸗ wuͤrdigt; man ſah nach gerade ein, daß die Gleichheit gwelche das republikaniſche Frankreich den Voͤlkern zu bringen vorgab, nur eine Gleichheit der Schmach und des Elends ſey. So wurde durch die von uns fluͤchtig angedeuteten Siege die Macht Frankreichs mehr ge⸗ faͤhrdet, als verſtaͤrkt, und fuͤr ganz Europa wegen ihres ehrgeizigen Strebens zu einem Gegenſtand der Furcht und des Argwohns gemacht. Die katholiſchen Nationen ſahen die ſchmaͤhliche Behandlung des Pab⸗ ſtes mit Abſchen; jeder Koͤnig in Europa glaubte das Schickſal der Koͤnige von Neapel und Sardinien fuͤr ſich befuͤrchten zu muͤſſen, und nach der Art, wie die Schweiz behandelt worden war, konnte ſich kein Volk mehr, wie friedlich, harmlos und neutral es ſich auch benehmen mochte, gegen einen Augriff von Seiten Frankreichs fuͤr geſichert halten. So ward durch eine allgemeine Beſorgniß und das allgemeine Mißvergnuͤ⸗ ⁴*⁴ 51 9 sen eine neue Coalition veranlaßt, an welcher auch Rußland zum erſtenmal thaͤtigen Theil nahm. Die Truppen dieſes maͤchtigen Reiches waren zur Bekaͤmpfung der Franzoſen vorzuͤglich geeignet; abge⸗ haͤrtet, muthvoll und an ſtrenge Zucht gewoͤhnt, hat⸗ ten ſie einen ganz beſtimmten Nationalkarakter und in dieſem Stuͤck einen Vorzug vor den teutſchen Trup⸗ pen, deren patriotiſcher Sinn durch die Theilung Teutſchlands in verſchiedene, oft einander bekriegende, Staaten, verkuͤmmert iſt. Gewohnt, den großen Krieg zu fuͤhren, und gegen die Tuͤrken zu fechten, kannten die Ruſſen zugleich das Syſtem der europaͤi⸗ ſchen Taktik, ohne gerade, wie die Oeſterreicher, ſcla⸗ viſch an demſelben zu haͤngen. Die natuͤrliche und urſpruͤngliche Form des Kriegs lag ihnen naͤher, als dieſen, darum trugen ſie auch weniger Bedenken, er⸗ forderlichenfalls von den hergebrachten ſtrengen Kriegs⸗ regeln abzugehen, und konnten, wenn der Feind ſich hinwiederum daſſelbe erlaubte, ſich um ſo leichter dar⸗ ein finden. Dieſe neuen Feinde Frankreichs waren uͤberdieß voll Vertrauen auf ſich ſelbſt, und nicht, wie die Oeſterreicher, durch das Andenken an erlittene Unfaͤlle entmuthigt. Der groͤßte Vortheil der Ruſſen beſtand aber darin, daß ſie von Suwarrow, einem der außerordentlichſten Maͤnner ſeiner Zeit, befehligt wurden, der mit dem groͤßten militaͤriſchen Scharf⸗ blicke begabt, den àußern Schein eines fanatiſchen Enthuſigsm s annahm, ungefaͤhr auf dieſelbe Weiſe, 4*2„ wie er im gefelligen Leben ſeine vollkommene Kennt⸗ niß des guten Tons durch die Affectation des uͤber⸗ triebenſten Poſſenſpiels verbarg. Dieſe Eigenheiten, mit denen er bei einer franzoͤſtſchen oder engliſchen Armee kein Gluͤck gemacht haben wuͤrde, verſchafften ihm das unbegraͤnzte Vertrauen ſeiner Landsleute, die in ſeinem ercentriſchen, faſt immer durch glaͤnzen⸗ de Erfolge gekroͤnten, Benehmen das Werk einer hoͤ⸗ hern Inſpiration zu ſehen glaubten. Den vereinigten Streitkraͤften von Oeſterreich und Rußland, die groͤßtentheils unter dem Befehl die⸗ ſes ſonderbaren Manns ſtanden, gelang es, in einer langen Reihe von blutigen Schlachten, diejenigen Staaten des noͤrdlichen Italiens, die Buonaparte in ſeinem erſten Feldzuge erobert hatte, wieder in Beſitz zu nehmen. Macdonald, ein unter den republikaniſchen Ge⸗ neralen, wie unter den franzoͤſiſchen Staatsmaͤnnern wegen der Hochherzigkeit ſeiner Geſinnungen gefeier⸗ ter Name, bemuͤhte ſich vergebens, den ſiegreichen Fortſchritten der Alliirten Einhalt zu thun. Er war zu dieſem Zweck von Neapel herbeigeeilt, und hatte die Halbinſel beinahe in ihrer ganzen Laͤnge durchzo⸗ gen, mußte aber nach einem aͤußerſt hartnaͤckigen und moͤrderiſchen Gefecht ſein ganzes militaͤriſches Talent zuſammennehmen, um die Ueberbleibſel feiner Armee zu retten. Die entſcheidende und verzweifelte Schlacht von Novi ſchien eudlich die Franzoſen vollends um 53 den Beſitz jener ſchoͤnen italieniſchen Provinzen brin⸗ gen zu muͤſſen, deren Eroberung ihnen ſo viel Blut gekoſtet hatte. Auch am Rheine erbleichte das Waffengluͤck, der Waffenruhm der Franzoſen, wenn ſchon weniger, als in Italien. Jourdan war dem Erzherzoge Karl nicht gewachſen, der, als er es nicht mehr mit Buonaparte zu thun hatte, ſeine fruͤhere Ueberlegenheit uͤber die franzoͤſiſchen Generale vom zweiten Range behauptete. Der Prinz zwang endlich die Franzoſen, wieder uͤber den Rhein zuruͤckzugehen, waͤhrend die öſterreichiſchen Generale Bellegarde und Hotze von einer ruſſiſchen Diviſion unter Korſakow unterſtuͤtzt, bis an die Lim⸗ mat bei Zuͤrch vorruͤckten, und die Ankunft von Su⸗ warrow abwarteten, um die Schweiz zu uͤberziehen, und ſelbſt Frankreich zu bedrohen, das, nach dem Verluſt des groͤßten Theils ſeiner auswaͤrtigen Er⸗ oberungen nun fuͤr ſein eigenes Gebiet fuͤrchten mußte. In den Niederlanden ſtand es um die franzoͤſi⸗ ſchen Angelegenheiten nicht viel beſſer. In dem ſoge⸗ nannten Belgien waren bereits einzelne Aufſtaͤnde ausgebrochen; die Bewohner dieſer volkreichen Gegen⸗ den ſchienen nur eine Gelegenheit und einen Aufruf abzuwarten, um ſich in Maſſe zu erheben. In ganz Holland zeigte ſich daſſelbe Mißvergnuͤgen, ſo daß England dadurch beſtimmt wurde, eine aus engliſchen und ruſſiſchen Truppen beſtehende Expedition nach der Kuͤſte dieſes Landes zu ſenden, wo zwei Diviſio⸗ 54 nen der hollaͤndiſchen Flotte, welche die Flagge des Statthalters aufgezogen hatten, ſich zu ihr ſchlugen. Und ſo entſtand auch hier fuͤr Frankreich und die Di⸗ rektorial⸗Regierung eine dringende Gefahr. Zu dieſen auswaͤrtigen Unſaͤllen kam noch, daß die Chouans oder die Royaliſten der Bretagne mit zahlreichen Haufen, die zuſammen auf 40,000 Mann geſchaͤtzt wurden, wieder im Felde erſchienen waren. Sie hatten manche Vortheile davon getragen, und obſchon ihnen der ritterliche Geiſt der Vendeer und ein General wie Charette fehlte, ſo waxen ſie doch ſo tapfer und ſo gut angefuͤhrt, daß ſie die groͤßten Be⸗ ſorgniſſe weckten, und eine Ernenerung aller Greuel des Buͤrgerkriegs befuͤrchten ließen. Unter ſo bedenklichen Umſtaͤnden wurden gegen das in der oͤffentlichen Achtung ſo tief geſunkene und ganz unbeliebt gewordene Direktorium Klagen jeder Art erhoben. Es war noch im friſchen Andenken, daß die Eiferſucht eines Barras, eines Rewbels und der andern Direktoren den fäͤhigſten und gluͤcklichſten der franzoͤſiſchen Generale aus dem Vaterland ver⸗ bannt hatte, und zwar mit einer verſuchten Armee, die jetzt zur Vertheidigung der von ihr einſt ſo glor⸗ reich eroberten Provinzen noͤthig geweſen waͤre. Durch die Vernichtung der franzöſiſchen Flotte in der Schlacht von Abnkir waren dieſe tapfern Schaaren von ihrem Mutterlande ganz abgeſchnitten und in einem unge⸗ ſunden Lande iſolirt worden, wo ſie in täglichen Ge⸗ .* —— 5³ fechten mit barbariſchen Volksſtaͤmmen ihre Tapfer⸗ keit und ihren Ruhm vergeudeten, die zur Verthei⸗ digung der franzoſiſchen Grenzen benuͤzt, vielleicht den Sieg wieder zuruͤckgefuͤhrt haben wuͤrden. Auf dieſe bittern Vorwuͤrſe hatten die Direkto⸗ ren, die noch uͤberdieß der Unfaͤhigkeit und der Ver⸗ untreuung von oͤffentlichen Geldern beſchuldigt wur⸗ den, wenig zu antworten. Was aber fuͤr ſie noch ſchlimmer war, ſie konnten ſich auf keine Partei be⸗ rufen, die ihre gute oder ſchlimme Sache mit dem Nachdruck des Parteigeiſtes verfochten haͤtte. In dem Beſtand des Direktoriums waren zwar Veraͤnderun⸗ gen vorgegangen, die ſich aber nicht auf die Regie⸗ rungsgrundſaͤtze deſſelben erſtreckten. dieſe beruhten nach wie vor, auf dem ſogenannten Schaukelſyſteme,*) d. h. auf der Marime, von den zwei widerſtraͤubenden Parteien im Staate, die eine durch die andere im Zaum zu halten, und ſo beide zu beherrſchen, ohne daß man ſich an eine von beiden anſchließt. Zu Folge dieſer gemeinen und zoͤgernden Politik, welche ſtets die Politik ſchwacher Seelen iſt, wurden die Maßregeln der Regierung nicht in Beziehung auf die allgemeine Wohlfahrt des Staates, ſondern nur *) Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß dieſer Ausdrulk von jener Uebung entlehnt iſt, wo 2 Knaben an den 2 En⸗ den eines Balkens ſich abwechſelnd auf⸗ und abwärts bewe⸗ gen, je nachdem ein dritter von dem Stüzpunkt aus dem einen oder dem andern dae Uebergewicht gibt. 56 in ihrer Beziehung auf das Intereſſe der beiden ein⸗ ander entgegenſtrebenden Parteien gewuͤrdigt. Da fer⸗ ner die Direktoren keinen beſtimmten Plan hatten, und bei jedem ihrer Schritte einzig darauf bedacht waren, das Gleichgewicht zwiſchen den beiden Parteien zu erhalten, um beiden gebieten zu koͤnnen, ſo konn⸗ ten ſie auch keine perfoͤnlichen Anhaͤnger und Stuͤzen haben, ausgenommen in der veraͤchtlichen Klaſſe jener Menſchen, die ihre Politik nach ihrem Intereſſe be⸗ quemen, und die, obgleich ſie es mit jeder beſtehen⸗ den Regierung halten, doch inſtinktartig den Angen⸗ blick gewahren, wo ihren Goͤnnern die Gewalt ent⸗ ſchluͤpfen will, und dieſelben dann ohne weiteres ver⸗ laſſen. Gleichwohl haͤtten die Direktoren, wenn ſie Maͤn⸗ ner von Talent, Rechtſchaffenheit und Karakterſtaͤrke, beſonders aber, wenn ſie unter ſich ſelbſt einig gewe⸗ ſen waͤren, mittelſt einer feſten und ſtandhaften Poli⸗ tik, Frankreich gar leicht regieren koͤnnen. Die große Maſſe der Nation war in den Stuͤrmen der Revolu⸗ tion gegen alle politiſchen Fragen gleichguͤltig gewor⸗ den, und geneigt, ſich unter jede Regierung zu fuͤgen, die Sicherheit des Lebens und des Eigenthums ver⸗ ſprach. Selbſt die Faktionen hatten ihre Thatkraft ¹ verloren. Unter den Anhaͤngern der nonarchiſchen Regierungsform gab es viele, denen es nur um dieſe Form, die ſie fuͤr Frankreich als die Geeignetſte hielten, zu thun, denen aber die Perſon des Herrſchers ſelbſt — — 57 gleichguͤltig war. Viele von denen, die ſo dachten, hielten die Wiederherſtellung der Bourbonen nicht fuͤr raͤthlich, aus Furcht, die alten, durch die Revolution abgeſchafften Feudalgerechtſame, und die Anſpruͤche der Ausgewanderten auf ihr Eigenthum moͤchten unter den Furſten dieſes Hauſes wieder geltend gemacht werden. Die ſo Geſinnten hießen Gemaͤßigte(Nodé. 16s). Von der alten blutbefleckten Rotte der Jakobi⸗ ner konnte kaum geſagt werden, daß ſie noch beſtehe. Die ganze Nation hatte des Blutes genug geſehen, und alle Parteien blickten mit Abſchen und Ekel auf die Schreckenszeit unter Robespierre zuruͤck. Es gab aber auch eine Art von weißen Jakobinern. Eine Klaſſe von Maͤnnern, die in der Staatsverſaſſung einen großen Theil der demokratiſchen Grundſaͤtze bei⸗ behalten wiſſen wollten, ſey es, daß ſie dem klaſſiſchen Namen Republik nicht entſagen mochten, oder daß ſie, im Vertrauen auf ihre Talente,„die wilde De⸗ mokratie nach Belieben beherrſchen zu koͤnnen,“ mein⸗ ten; oder endlich, daß ſie wirklich glaubten, dieſes demokratiſche Element ſey zu Erhaltung der Freiheit nothwendig. Dieſe Partei war bei weitem nicht ſo zahlreich, als die erſte, und hatte ihren in der fruͤhern Periode der Revolution ſo erfolgreichen Einfluß auf den Poͤbel groͤßtentheils verloren. Allein ſie war kuͤhn, unternehmend, thaͤtig. Man nannte ſie zuerſt den Pan theon, und ſpaͤter den Reithausklubb, und die Haͤupter derſelben floͤßten dem Direktorium große Beſorgniffe ein, 5⁸ Um den neuen Krieg mit Oeſterreich und Ruß⸗ land, den es durch ſeine Naubſucht und ſeinen Ueber⸗ muth veranlaßt hatte, fuͤhren zu koͤnnen, ſah ſich das Direktorium genoͤthigt, von den Reichen ein gezwun⸗ genes Anlehen zu ſordern, und eine Aushebung von 200,000 Mann zu verordnen. Durch die erſte dieſer Maßregeln brachte es die Eigenthuͤmer—, durch die zweite ſowohl die Reichen als die Armen gegen ſich auf. Waͤhrend der Schreckenszeit, wo die geringſte Weigerung, das leiſeſte Murren den Kopf koſtete, waren beide Maßregeln alterdings durchgeſetzt worden. Das Direktorium konnte aber nicht ſo ſummariſch verſahren. Um daher den allgemeinen Unwillen zu entwaffnen, und einem allgemeinen Aufſtande zuvor⸗ zukommen, mußte es ſich zu einer eben ſo harten als unpopulaͤren Maßregel entſchließen. Es iſt hier die Rede von dem Geſetze der Geißeln, nach welchem die ſchuldloſen Verwandten der Ausgewanderten oder Ro⸗ valiſten, von denen man glaubte, daß ſie die Waffen ergriffen hatten, ins Gefaͤngniß geworfen und fuͤr die Handlungen ihrer Anverwandten verantwortlich ge⸗ macht wurden. Dieſes ungerechte Geſetz fuͤllte die Gefängniſſe mit Weibern, Greiſen und Kindern,— den Schlachtopfern einer Regierung, die, weil ſie nicht ſtark genug war, den Aufſtand durch bare Ge⸗ walt zu unterdruͤcken, die Folgen ihrer Schwaͤche, das Alter, die Kindheit und das huͤlfloſe weibliche Ge⸗ ſchlecht fuͤhlen ließ. 59 Inzwiſchen fuͤhrten die Uneinigkeiten unter den Direktoren zu verſchiedenen Veraͤnderungen innerhalb ihres Vereins. Als Buonaparte Europa verließ, be⸗ ſtand das Direktorium aus Barras, Rewbel, Treil⸗ hard, Merlin, Reveilliere, Lepaux. Dieſe Maͤnner wurden jezt in den geſetzgebenden Verſammlungen von der durch Boulay de la Meurthe, Lucian Buonapar⸗ te, Fransois und andere talentvolle Maͤnner gefuͤhr⸗ ten Oppoſition mit ſolcher Wuth angegriffen, daß ſie zuletzt befuͤrchtet zu haben ſcheinen, ſie moͤchten ſowohl wegen der unterſchleife ihrer Agenten, als wegen des Uebermuths, durch den ſie die Freunde und Verbuͤn⸗ dete Frankreichs erbittert hatten, perſoͤnlich verant⸗ wortlich gemacht werden. Rewbel, der wegen ſeines Talents und ſeiner Rechtlichkeit in der offentlichen Achtung noch am hoͤchſten ſtand, wurde durch das ge⸗ ſetzliche Loos aus dem Direktorium entfernt, wobei es jedoch, wie man behaupten will, nicht recht zuge⸗ gangen ſeyn ſoll. An ſeine Stelle trat nun ein in der Revolution berühmt gewordener Mann, der Abbe Sieyes. Dieſer merkwuͤrdige Staatsmann hatte ſich nicht nur durch ſeinen metaphyſiſchen Scharfſinn, ſondern auch durch ein gewiſſes geheimnißvolles Weſen, in das er ſich ſelbſt und ſeine Meinungen kleidete, einen hohen Ruf erworben. Eine große Bekanntſchaft und Erfahrung mit und in den franzoſiſchen Staatsange⸗ legenheiten konnte ihm nicht abgeſprochen werden; in 60 der Anfertigung von Staatsverfaſſungen aller Art war er Meiſter, und galt fuͤr einen Mann, der durch ge⸗ heime Mittel, die nur ihm zu Gebot ſtanden, das Staatsſchiff in Revolutionsſtuͤrmen zu lenken verſte⸗ he. Der Abbé verfuhr wirklich mit ſeinem politiſchen Rufe, wie ein kluger Handelsmann mit ſeinem Kapi⸗ tal; indem er ſorgfaͤltig vermled, ſich in irgend et⸗ was zu miſchen, was ſeinem Rufe auch nur einiger⸗ maßen ſchaden konnte, ſteigerte er denſelben in der oͤffentlichen Meinung vielleicht noch hoͤher, als ſeine Talente verdienten. In den metaphyſiſchen Forſchun⸗ gen weit kuͤhner, als im Handeln, auf ſeine perſoͤn⸗ liche Sicherheit ſehr bedacht, erſchien er als ein ge⸗ heimnißvoller, zuruͤckhaltender Mann. In der konſti⸗ tuirenden Nationalverſammlung hatte er durch ſeine Schrift uͤber den dritten Stand große Senſation ge⸗ macht, und zur Vereiniguug der drei Staͤnde in eine allgemeine Nationalverſammlung das meiſte beigetra⸗ gen. In den Jahren 1792 und 1793 ein feuriger Patriot, ſtimmte er fuͤr den Tod des ungluͤcklichen Ludwigs, und zwar, wie man behauptet, mit rohem Leichtſinn, durch die berüͤhmt gewordene Sentenz: „La mort sans phrase.“ Auch iſt die Eintheilung Frankreichs in Departements, wodurch alle fruͤhern Provinzialverhaͤltniſſe aufgehoben wurden, groͤßten⸗ theils ſein Werk. Nach dieſem Zeitpunkte verhielt er ſich unthaͤtig und ließ waͤhrend der Schreckensperiode wenig von ſich hoͤren; denn er hefolgte die Marime 61 des Pythagoras und verehrte, ſo lange der Sturm tobte, das Echo, das nur an geheimen und einſamen Orten getroffen wird. 3 Nach der Revolution vom gten Thermidor hielt es Sieyes mit der gemaͤßigten Partei, und hatte das Verdienſt, die Zuruͤckberuſung der nach dem Falle der Girondiſten von den Jakobinern gewaltſam verdraͤng⸗ ten Konventsmitglieder in Vorſchlag zu bringen. Er war Mitglied der Kommiſſion der Eilfe, die den Auftrag hatte, die neue Verfaſſung zu entwerfen, die ſpaͤter die Verfaſſung des Jahrs drey genannt wurde. Dieſer große Metaphyſiker und Staatsmann bezeugte aber wenig Luſt, mit irgend einem ſeiner Kollegen die Muͤhe und die Ehre in Beziehung auf eine Auf⸗ gabe zu theilen, die, wie er glaubte, nur er zu loͤſen verſtand. Er legte daher einen Verfaſſungsentwurf vor, der ganz ſein eigenes Werk und hoͤchſt ſinnreich gedacht war, auch die vertrauteſte Bekanntſchaft mit allen politiſchen Doctrinen verrieth. Es waren darin die kuͤnſtlichſten Vorkehrungen bezeichnet, durch welche die verſchiedenen in der Staatsmaſchine angebrachten Kraͤfte im Gleichgewicht erhalten werden ſollten. Wir wollen hier einen kurzen Abriß von dieſem großen Werke geben, und dadurch den Geiſt ſeines Urhebers charakteriſiren. In dieſer Verfafſung ging alle Gewalt, die rich⸗ terliche wie die adminiſtrative, vom Volke aus. Da⸗ mit aber das Volk ſeine Bevollmaͤchtigten nicht wie 8 die unnakuͤrliche Mutter, die Sau, ihre Ferkeln, ver⸗ ſchlingen moͤchte, ſo wurden dieſe außer dem Bereich der Eltern geſtellt, denen ſie ihr politiſches Daſeyn verdankten. Dieß geſchah auf eine eben ſo ſinnreiche als ſonderbare Weiſe. Die Staatsbeamten wurden aus den drei Ordnungen des Staates, die eine drei⸗ fache Hierarchie bildeten, folgendermaßen gewaͤhlt: I.) Die Gemeindenotabeln, ein Zehntel der Buͤrger, in jeder Gemeinde aus dieſen und durch dieſe; II.) die Departe mentsnotabeln, ein Zehntel der Ge⸗ meindenotabeln, aus dieſen und durch dieſe; III.) die Reichsnotabeln, oder die hoͤchſte Klaſſe der Staatsbuͤrger, etwa 6060 an der Zahl, aus den Departementsnorabeln und durch dieſe. Aus den Gemeindenotabeln mußten die Vorſteher der Ge⸗ meinden und die Friedensrichter,— aus den Departementsnotabeln die Praͤfekten, Richter und Departementsverwalter,— aus den Neichsnota⸗ beln endlich die Mitglieder der Regierung, der geſetzgebenden Vexſammlung, des Senats oder der großen Jury, die Oberrichter, die Botſchafter u. d. g. genommen werden. Man ſieht, daß durch dieſes Syſtem an die Stelle der Gleichheit drei Klaſſen von bevorrechteten Buͤrgern geſetzt wur⸗ den, die allein das Recht hatten, gewiſſe Aem⸗ ter zu begleiten. Allein dieſe Art von Adel, oder wie man es nannte, dieſe Notabilitaͤt, be⸗ ruhte nicht auf der Geburt, ſondern auf der 63 Wahl des Volks, von welchem alle Aemter auf eine mehr oder weniger unmittelbare Weiſe be⸗ ſetzt wurden. Die Wahlen ſollten alle fuͤnf Jahre Statt haben. Die Wuͤrde, die Macht und die Herrlichkeit der Nation ſollte durch einen ſogenannten Großwaͤhler (Grand Eleoteur) vertreten werden, der eine Leibwa⸗ che, ein angemeſſenes Einkommen hatte, und gewiſ⸗ ſermaßen einen Koͤnig vorſtellte; alle Beſchluͤſſe der Regierung, alle Geſetze, alles gerichtliche Verfahren ſollten in ſeinem Namen ergehen. Das Vorrecht die⸗ ſes Schattenkoͤnigs beſchraͤnkte ſich auf die Ernennung zweier Konſuln, eines Friedens⸗ und eines Kriegs⸗ konſuls; ferner in der Wahl der Kandidaten zur Be⸗ ſetzung der erledigten Stellen, aus der ihm von drei Klaſſen der Hierarchie vorgelegten Liſte. Mit dieſen Wahlakten war das Geſchaͤft des Großwaͤhlers abge⸗ than und er hatte nichts weiter zu verrichten, keine weitere Macht auszuuben. Die beiden Konſuln wa⸗ ren jeder in ſeinem Fache, des Friedens oder des Krieges, einer von dem andern, ſo wie von dem Großwaͤhler ganz unabhaͤngig; die uͤbrigen Beamten ſtanden eben ſo wenig unter ihm, ſobald er ſie ange⸗ ſtellt hatte. Dieſer Großwaͤhler glich keinem andern Herrſcher, als etwa der Bienenkoͤniginn, die nichts zu thun hat, als ihre Tage in einem behaglichen Muͤßiggange zu verleben und die emſigen Inſekten zu 64 gebaͤren, durch welche das Geſchaͤft des Bienenſtocks beſorgt wird. Das Geſetzgebungs⸗Syſtem des Abbé Sieyes hatte Aehnlichkeit mit dem in Frankreich zur Zeit der Parlamente beſtandenen. Er wollte eine geſetzgebende Verſammlung von 250 Mitgliedern, die aber eher ei⸗ nen Gerichtshof, als eine volksthuͤmliche und berath⸗ ſchlagende Verſammlung bildeten. Zwei andere Koͤr⸗ perſchaften, ein Staatsrath, abſeiten der Regierung, und ein Tribunat von 100 Mitgliedern, abſeiten des Volkes, hatten die Beſtimmung, in Gegenwart der geſetzgebenden Verſammlung Maßregeln in Vorſchlag zu bringen und zu eroͤrtern, wonach dieſe daruͤber ab⸗ ſtimmte und dieſelben ohne muͤndliche Aeußerung der Meinungen entweder annahm oder verwarf. Das Tribunat ſollte die Freiheit der Buͤrger verfechten, und den Erhaltungsſenat auf das ſchlechte Betragen der Beamten, auf alle Maßregeln und Geſetze, die ihm fehlerhaft ſchienen, aufmerkſam machen. Sieyes that ſich insbeſondere gar viel zu gut auf ſeinen Gedanken eines Erhaltungsſenats, der, ohne an der vollziehenden oder an der geſetzgebenden Ge⸗ walt Theil zu nehmen, ſich mit der Erhaltung der Verfaſſung zu befaſſen hatte. Dieſem Senate war die ſeltſame Gewalt verliehen, jeglichen Staatsbeamten, der durch ſeine Talente, ſeinen Ehrgeiz, oder ſeine Popularitaͤt gefaͤhrlich zu werden drohte, ſich einzu⸗ verleiben und dadurch den Zuſtand der Indifferenz zu brin⸗ 65 bringen. Selbſt der Großwaͤhler konnte auf dieſe Art dem Senate einverleibt oder, wie man ſagte, von dem Senate abſorbirt werden, obgleich er in der Regel ſeine Fajakenkrone lebenslaͤnglich trug. Jede Hand⸗ lung von ſeiner Seite, die der Senat fuͤr eine Maß⸗ regel der Willkuͤhr hielt, berechtigte dieſen, ihn zu ſeinem Mitgliede zu machen. Er verlor dann ſeinen Palaſt, ſeine Garden und ſein Einkommen, und konn⸗ te nie wieder ein anderes Amt, als das eines Sena⸗ tors bekleiden. Durch dieſen politiſchen Kunſtgriff wurde das Syſtem der Hemmniſſe und des Gleichge⸗ wichts der Gewalten ſo weit getrieben, als es nur immer geſchehen konnte. Ein praktiſcher Staatsmann mußte, wenn er auch nur einen Zlick auf dieſe ſonderbare Staatseinrich⸗ tung warf, ſich uͤberzeugen, daß ſie viel zu verwickelt, viel zu mechaniſch und eben darum auch nicht ausfuͤhr⸗ bar war. Die Geſetze ſind nur dann zweckmaͤßig und nuͤtzlich, wenn ſie ſchon durch ihre Beſchaffenheit zur Achtung und zum Gehorſam auſſordern. Das Sy⸗ ſtem, von dem die Rede iſt, war ſo ſinnreich gedacht, ſo kuͤnſtlich ausgearbeitet, daß es kaum von einem tiefen Denker begriffen werden konnte. Fuͤr die große Maſſe der Nation waͤre es gewiſſermaßen das gewe⸗ ſen, was fuͤr einen Wilden eine Uhr iſt, der, wenn man ihn anweist, ſeine Zeit danach zu bemeſſen, es wahrſcheinlich vorziehen wird, mit der Maſchine nach Gefallen zu ſchalten, und den Zeiger, wie es ihm W, Scott's Werke. XL. 5 3 66 gtitduͤnkt, vor⸗ oder ruͤckwaͤrts zu ſchieben. Ein Mann von gewoͤhnlichen Talenten und rechtlicher Geſinnung haͤtte durch jenes Syſtem der Abſorbtion fuͤr den Staat verloren gehen koͤnnen, gerade wie jemand, der nicht ſchwimmen kann, ertrinken wuͤrde, wenn man ihn in einen See werfen wollte. Ein tuͤchtiger Schwimmer dagegen wuͤrde leicht das Uifer erreichen, und ein Mann wie Buonaxparte ſich einen ſolchen Oſtracismus nicht gefallen, ſich nicht in einen Zuſtand der Indifferenz verſetzen laſſen. Was aber vor Allem an dem Plane von Sieyes getadelt werden muß, iſt dieſes, daß derſelbe an die Stelle der unmittelbar vom Volke ausgehenden Wahl der Mitglieder der ge⸗ ſetzgebenden Verſammlung ein metaphyſiſches Gedan⸗ kending ſetzte, wodurch die wahre und unſchaͤtzbare Baſis aller repraͤſentativen Verfaſſung verkuͤmmert und gleichſam verfluͤchtiget wurde. Aus dieſen oder aus andern Gruͤnden wollken die Mitglieder der im Jahre drei zur Abfaſſung einer Konſtitution niedergeſetzten Kommiſſion den von Sieyes vorgelegten Plan nicht genehmigen; und da er hinwiederum auch von ihrem Entwurfe nichts wollte, entzog er ſich ihren Berathungen und nahm die Stel⸗ je eines franzoͤſiſchen Geſandten am preußiſchen Hofe an, wo er ſich als einen ſehr gewandten Diplomatiker zeigte. Im Jahre 1799 kehrte Sieyes von Berlin nach Paris zuruͤck, in der Hoffnung, ſein neues Verfaſ⸗ 67 fungsgebaͤude auf den Truͤmmern des Direktorialſy⸗ ſtems auffuͤhren zu koͤnnen; er brachte es auch vor⸗ laͤufig dahin, daß er, wie wir bereits bemerkt haben, an Rewbel's Stelle in das Direktorium kam. Mer⸗ lin und Lepeaux, mit einer Anklage bedroht, ließen ſich bewegen, ihre Entlaffung zu geben. Treilhard war unter dem Vorwande einer Unformlichkeit in ſeiner Wahl ſchon fruͤher entfernt worden. Statt ih⸗ rer wurden Roger Ducos, ein Gemaͤßigter, oder viel⸗ mehr ein Royaliſt, Gohier und Moulins ins Direk⸗ torium berufen, lauter Maͤnner von mittelmaͤßigen Talenten, die gegen Sieyes nicht wohl eine Oppoſi⸗ tion bilden konnten. Barras war als ein Verſchwen⸗ der und uppiger Schwelger wegen ſeiner Verbindung mit Wucherern und als Befoͤrderer aller Unterſchleiſe in Gefahr, vor Gericht geſtellt zu werden, und daher außer Stande, kraftvoll aufzutreten. In die Umſtaͤn⸗ de ſich fue. d, ward er der Verbuͤndete, oder eigent⸗ lich der gehorſame Diener von Sieyes, der jetzt den baldigen Fall der Verfaſſung des Jahres drei voraus⸗ ſah, und hoffen durfte, ſofort ſeinen Plan, den man verworfen hatte, geltend zu machen. Allein die Re⸗ volution, auf die er ſann, konnte nur mit Gewalt durchgeſetzt werden. Die in dem Direktorium vorgegangene Veraͤnder⸗ ung hatte dem Schaukelſyſteme ein Ende gemacht; nach der Entfernung jeglicher Zwiſchenmacht ſtanden jetzt die beiden Partheien der Gemaͤßigten und der 5„ 68 Republikaner einander offen gegenuͤber, bereit, ihre Kraft in hartem Kampfe zu meſſen. Sieyes, der zwar kein Royaliſt, wenigſtens kein Anhaͤnger des Hauſes Bourbon war, ſtand dem ungeachtet an der Spitze der gemaͤßigten Partei, und muͤhte ſich ab, ihr den Sieg zu verſchaffen. Die Gemaͤßigten hatten zwar in dem Rathe der Alten die Majoritaͤt, dagegen war es dem Reithausklubb, der aus Republikanern, wenn nicht aus Jakobinern, beſtand, gelungen, bei der letzten Wahl ſich einer großen Majoritaͤt in dem Rathe der Fuͤnfhundert zu verſichern. Da ſie die ent⸗ ſcheidenſten Gesner jeder Veraͤnderung in der Verfaſ⸗ ſung des Jahres drei waren, ſo konnten diejenigen, die auf eine neue Revolution ſannen, ohne Huͤlfe von außen nicht wohl etwas unternehmen. Sich an das Volk zu wenden, war nicht mehr an der Tagesord⸗ nung. Zudem ſchien es, daß die alten revolutionaͤren Maſſen ſich eher gegen Sieyes und fuͤr den Reit⸗ hausklubb erklaͤren wuͤrden. Da indeſſen die Neuer⸗ ungsſuͤchtigen einige Verbindungen in der Armee hatten, ſo beſchloſſen ſie, ſich an dieſe zu wenden. Zu dieſem Behuf mußte man ſich aber des Beiſtandes ei⸗ nes Generals vom erſten Range verſichern. Sieyes warf die Augen auf Joubert, einen Offizier von ho⸗ hem Rufe und einen der ausgezeichnetſten Generale aus Buonaparte's Schule. Er ward von den Direk⸗ toren zum Militaͤrkommandanten in dem Departement von Paris ernannt, bald darauf aber nach Italien 69 geſchickt, wo er als Gegner von Suwarow neue Lor⸗⸗ beern pfluͤgen und die allgemeine Aufmerkſamkeit noch mehr anf ſich ziehen ſollte, um alsdann im kritiſchen Augenblicke Sieyes deſto kraͤftiger unterſtuͤtzen zu koͤn⸗ nen. Allein Joubert ward in der großen Schlacht bei Nori, die zwiſchen ihm und Suwarow vorfiel, ge⸗ toͤdtet, und ſein Tod kam in Beziehung auf die An⸗ ſpruͤche Napoleon's ſo zur rechten Zeit, daß ſich das offenbar ſehr unwahrſcheinliche Geruͤcht erhob, er ſey nicht durch das Feuer der Oeſterreicher, ſondern durch das Feuer von Meuchelmoͤrdern gefallen, die von den Verwandten Napoleon's gedungen geweſen ſeyen, den maͤchtigſten Nebenbuhler deſſelben aus dem Wege zu raͤumen. Dieß waͤre in der That von ihrer Seite ein zweckloſes Verbrechen geweſen, da ſie weder mit Sicherheit auf die Nuͤckkehr Napoleon's, noch darauf rechnen konnten, daß er von Sieyes an Joubert's Statt adoptirt werden wuͤrde. Mittlerweile verſaͤumte die Familie Napoleon's nichts, um ſeine Verdienſte im Andenken der Nation zu erhalten. Es erſchienen zu dieſem Ende von Zeit zu Zeit Berichte in den oͤffentlichen Blaͤttern; ſo z. B. behaupteten dieſe einmal, ohne Zweifel, um Na⸗ poleons Wichtigkeit herauszuheben, es ſeyen in Lon⸗ don, auf die Nachricht von Napoleon's Ermordung, ie Kanonen des Towers geloͤst und offeutliche Luſt⸗ barkeiten veranſtaltet worden. Madame Buonaparte machte unterdeſſen großen Aufwand, und lebte ſehr 70 elegant, indem ſie alle durch Talent und Bildung ſich auszeichnenden Perſonen und viele der Frauen von Paris, die in der Leitung politiſcher Intriken am ge⸗ uͤbteſten waren, um ſich verſammelte. Lucian Buona⸗ parte zeichnete ſich als Redner in dem Rathe der Fuͤnfhundert aus, und widerſetzte ſich, obſchon er bis⸗ her republikaniſchen Eifer an den Tag gelegt hatte, mit großer Geſchicklichkeit dem wieder auflebenden Einfluſſe der Demokraten. Auch Joſeph Buonaparte, ein Mann von Talent und von vortrefflichem Charak⸗ ter, wiewohl er nachmals in Folge der Rolle, die ihm ſein Bruder in Spanien zugetheilt hatte, ſehr ver⸗ leumdet worden iſt, lebte gaſtfreundlich und behaupte⸗ te ein bedeutendes Anſehen in der Pariſer Geſellſchaft⸗ Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die nahen Verwandten von Buonaparte Mittel gefunden haben moͤgen, ihn von dem Zuſtande der Dinge in Paris, und von der alaͤnzenden Ausſicht, die ſich fuͤr ſeine ausgezeichneten Talente eroͤffnete, in Kenntniß zu ſetzen. Die Verbindung zwiſchen Toulon und Alerandri⸗ en war zwar unterbrochen, aber doch nicht ganz auf⸗ gehoben worden, und es laͤßt ſich nicht bezweifeln, daß ſowohl der Kampf der Parteien im Innern, als die gzrr großen Unfaͤlle an der Grenze die ploͤtzliche Ruͤckkehr Napoleon's veranlaßt haben. Nach Miot ſoll Napo⸗ leon einen Brief von ſeinem Bruder Joſeph, der die wichtigſten Nachrichten enthielt, durch die Vermitt⸗ 74 lung eines Griechen, Namens Bambuki, erhalten ha⸗ ben. Fouché behauptet in ſeinen Memoiren, er habe das Geheimniß von Napoleon's Ruͤckkehr von Joſephi⸗ nen ſelbſt um die Summe von 1000 Louisd'ors er⸗ kauft, und ſey deßwegen auch durch die Nachricht von deſſen Landung bei Frejus nicht uͤberraſcht worden. Dieſe beiden Angaben laſſen ſich allerdings in Zweifel ziehen; allein es wird uns wohl niemand uͤberzeugen können, daß Buonaparte einzig durch die in den Zei⸗ tungen enthaltenen Nachrichten und durch keine Mit⸗ theilung von Seiten ſeiner Familie beſtimmt worden ſey, Aegypten zu verlaſſen. um wieder auf die Lage der franzoͤſiſchen Regier⸗ ung zuruͤckzukommen, bemerken wir, daß durch den Tod Joubert's nicht nur die Plane von Sieyes ver⸗ eitelt wurden, ſondern daß er ſelbſt mit ſeiner Partei auch in Gefahr kam, eine Reakrion zu erfahren. Ber⸗ nadotte war Kriegsminiſter und ein eifriger Republi⸗ kaner, wie Jourdan und Augereau. Jeder von dieſen ausgezeichneten Generalen war im Stande, mittelſt der bewaffneten Macht irgend eine den Abſichten ſſei⸗ ner Partei foͤrderliche Veraͤnderung in der Verfaſſung durchzuſetzen, und ſolchergeſtalt die Plane von Sieyes zu zerreißen, da dieſer ohne Joubert wohl denken, aber nichts ausfuͤhren konnte. Schon hatte Jourdan in dem Nathe der Fuͤnfhundert uͤber die Geſahren des Vaterlandes eine Rede gehalten, die ſo heftig war, als irgend eine, die man fruͤher im Jakobinerklubb 72 gehoͤrt hatte. Er drohte der gemaͤßigten Partei un⸗ umwunden mit einem allgemeinen Aufſtande, aͤhnlich dem im Jahre 1792 erlebten, und ſchlug vor, zu er⸗ klaͤren, daß das Vaterland in Gefahr ſey. Lucian Buonaparte, Chenier und Boulay, die ihm antwor⸗ teten, konnten mit der groͤßten Muͤhe kaum verhin⸗ dern, daß dieſer Antrag durchging. Es gelang ihnen zwar, die Gefahr einſtweilen zu beſeitigen, aber dieſe war noch nicht voruͤber, und die Demokraten wuͤrden wahrſcheinlich irgend einen verzweifelten Schritt ver⸗ ſucht haben, wenn an der Grenze woch weitere un⸗ faͤlle Statt gefunden haͤtten. Alletn das Ungluͤck ſchien nachgerade durch meh⸗ rere raſch auf einander gefolgte Schlaͤge ſeine Wuth gegen Frankreich erſchoͤpft zu haben; die Angelegen⸗ heiten dieſes Landes gewannen ploͤtzlich wieder eine vortheilhaftere Geſtalt. Der Sieg des Generals Brune in Holland uͤber die engliſch⸗ ruſſiſche Armee hatte dieſe genoͤthigt, ſich zuruͤckzuziehen, und zufolge einer Kapitulation dieſes Land wieder zu raͤumen. Ein Streit oder Mißverſtaͤndniß, das zwiſchen den Kaiſern von Oeſterreich und Rußland entſtand, war die Veranlaſſung, daß der Erzherzog Karl, angeblich, um eine von den Franzoſen in den Maingegenden verſuchte Diverſion zu vereiteln, einen großen Theil ſeiner Armee aus der Stellung an der Limmat zuruͤck⸗ zog und dieſelbe den Ruſſen unter Korſakow uͤberließ. Maſſeng benutzte die ihm dadurch gegebene Bloͤße; er — 7³ ging uͤber die Limmat, uͤberraſchte die Ruſſen und ſchlug ſie aufs Haupt, waͤhrend der furchtbare Suwa⸗ row, der ſchon auf dem Marſche war, um ſich mit Korſakow zu vereinigen, durch die Niederlage des letztern in ſeiner rechten Flanke entbloͤßt, und, von Lecourbe gedraͤngt, ſich nur mit vieler Muhe wieder zuruͤckzlehen konnte. Durch dieſe Siege wurden die Republikaner ver⸗ mocht, ihren Angriff auf die gemaͤßigte Partei einſt⸗ weilen noch zu vertagen. Wir koͤnnen hier nicht um⸗ hin, zu bemerken, wie ſehr manchmal die merkwuͤr⸗ digſten Ereigniſſe durch die geringfuͤgigſten Umſtaͤnde bedingt ſind: haͤtte zwiſchen dieſen Siegen und der Ankunft Napoleon's ein groͤßerer Zeitraum Statt ge⸗ funden, ſo wuͤrde dieſer die durch Joubert's Tod er⸗ ledigte Stelle eines militaͤriſchen Chefs der neuen Revolution, die im Werke war, wahrſcheinlich durch irgend einen General, der ſich neuerlich am meiſten hervorgethan hatte, beſetzt gefunden haben. Allein Napoleon landete gerade in dem gluͤcklichen Augen⸗ blicke, wo ein General von ſeinen Talenten unent⸗ behrlich und es noch keinem andern gelungen war, ſich auch nur die Haͤlfte der Popularitaͤt zu verſchaf⸗ fen, die er bereits genoß. —— 7 Viertes Kapitel. Altgemeine Freude über Buonaparte's Nückkehr.— Er lebt einſt⸗ weilen in der Zurückgezogenheit und beſchäſtigt ſich mit der Literatur.— Es werden ihm von allen Seiten Anträge ge⸗ macht.— Napoleon verbindet ſich mit Sieyes.— Revolu⸗ tion des 18ten Brumaire.— Details dieſes Ereigniſſes.— Widerſtreitende Abſichten des Raths der Alten und des Raths der Fünfhundert.— Varras und ſeine Kollegen danken ab und laſſen die ganze Macht in Napoleon's Händen.— Ver⸗ yandlungen der beiden Räthe am 18ten und 19ten.— Ihre Sitzungen werden von Paris nach St. Claud verlegt.— Buonaparte beſucht beide an dem letztern Tage.— Geftige Bewegungen in dem Rathe der Fünfhundert.— Napoleon wird auf eine ſeindſelige Weiſe empſangen, bedroht und an⸗ gefallen, und endlich athemlos und erſchöpft durch ſeine Gre⸗ nadiere befreit.— Lucian Buonaparte, der Präſident, ver⸗ läßt die Verſammlung unter einer ähnlichen Bedeckung;— er erklärt den Rath der Fünfhundert für aufgelöſ't.— Die⸗ ſer wird dann durch die bewaffnete Macht aus einander ge⸗ agt.— Anführung und Erörterung verſchiedener Gerüchte. nachdem ſie zuvor eine proviſoriſche Konſularregierung, aus Buonagparte, Sieyes und Ducos beſtehend, niedergeſetzt ha⸗ ben. B uuonaxparte hatte vor ſeiner Ankunft einen Be⸗ richt uͤber ſeine Feldzuge in Afrika und Aſien ver⸗ breiten laſſen, worin er ſeine Unfalle in Syrien, den gaͤnzlichen Verluſt ſeiner Flotte und die Gefahr des von den Englaͤndern hart bedraͤngten Malta durch I— Beide Räthe vertagen ſich bis zum 19ten Februar 1800, 75⁵ feinen glaͤnzenden Sieg uͤber die Tuͤrken bei Abukir zu bemaͤnteln wußte. Doch konnte dieſes Sendſchrei⸗ ben wohl noch niemanden auf die ploͤtzliche Ruͤckkehr eines Generals gefaßt machen, der in einem entfern⸗ ten Lande einen hoͤchſt wichtigen militaͤriſchen Auftrag hatte, der, einzig durch die Ueberzeugung, daß ſeine Gegenwart in Frankreich nuͤtzlicher ſey, als in Aegyp⸗ ten, beſtimmt, ſeine Armee ihrem Schickſale uͤber⸗ ließ, und ohne Befehl, ohne Erlaubniß der Regier⸗ ung nach Frankreich kam, um ſeine Dienſte anzubie⸗ ten, die man nicht erwartete oder nicht wuͤnſchte. Haͤtte ein anderer General unter denſelben Umſtaͤn⸗ den, oder auch derſelbe General in einem andern Zeitpunkte daſſelbe gethan, ſo wuͤrde er von dem Vol⸗ ke mit Kaltſinn aufgenommen, von der Regierung aber ſtreng zur Rede geſtellt und vielleicht gar in An⸗ klageſtand verſetzt worden ſeyn. So groß war dagegen das Vertrauen auf Napo⸗ leon's Talente, daß, in der Freude über ſeine An⸗ kunft, niemand daran dachte, zu fragen, warum oder auf weſſen Befehl er zuruͤckgekommen ſey. Er wurde wie ein ſiegreicher Herrſcher empfangen, der zu der beliebigen Zeit und nach ſeinem Gutduͤnken in ſeine Staaten zuruͤckkehrt. Ueberall wurden die Glocken gelaͤutet, Illaminationen veranſtaltet, alles jubelte vor Freude. Der Bote, der die Nachricht von ſeiner Landung nach Paris brachte, wurde wie ein Sieges⸗ bote empfangen. 76 Ein Siegesgeſchrei erhob ſich in dem Sitzungs⸗ faale des Raths der Fuͤnfhundert, als der Redner den Sieg von Brune uͤber die Englaͤnder, den Sieg von Maſſena uͤber die Ruſſen und zugleich die An⸗ kunft von Buonaparte, als ein mit einem Siege gleichbedeutendes Ereigniß, verkuͤndete. Man erwie⸗ derte dieſe Nachricht mit dem Rufe:„Es lebe die Republik,“ der, wie der Ausgang zeigte, eben nicht an ſeiner Stelle war. Joſephine und Joſeph Buonaparte, durch die Regierung von Napoleon's Ankunft in Kenntniß ge⸗ ſetzt, beeilten ſich, ihm entgegen zu gehen, und auf ſeiner Reiſe nach Paris wurde er uͤberall mit dem⸗ ſelben allgemeinen Beifallrufe, wie bei ſeiner Lan⸗ dung begruͤßt. Die Mitglieder der Regierung geriethen, wie man leicht denken kann, in eine aͤngſtliche Verlegen⸗ heit, die ſie jedoch nicht blicken ließen, ſondern durch eine ſcheinbare Theilnahme au der allgemeinen Freude zu verbergen ſuchten. Ein durch ſeinen Kriegsruhm ſo einflußreicher, ein ſo charakterfeſter Mann, der zu keiner Partei gehoͤrte, der ſich fuͤr kein politiſches Syſtem ausgeſprochen hatte, mußte, wie es ſchien, derienigen Partei, fuͤr die er ſich entſchied, das Ue⸗ bergewicht verſchaffen. Aller Augen waren auf Napo⸗ leon gerichtet, der ein ſo zuruͤckgezogenes Leben fuͤhr⸗ te, daß niemand erforſchen konnte, welche Rolle er in den beyorſtehenden Zuckungen des Staates zu ſpie⸗ 77 len geſonnen ſey. Waͤhrend beide Partelen auf ihn und auf ſeinen Beiſtand hoffen mochten, wagte es keine, nach ſeinen Zwecken oder nach den Gruͤnden zu fragen, aus welchen er Aegypten verlaſſen habe und ſo unerwartet in der Hauptſtadt erſchienen ſey. Bei⸗ de Parteien huldigten ihm im Gegentheil, als dem Schiedsrichter, von deſſen Ausſpruch das Schickſal der Nation großentheils abhaͤngen muͤſſe. Napoleon ſchien indeſſen ſeine Aufmerkſamkeit ausſchließend der Litteratur zu widmen. Nachdem er den Haͤuptern der Republik die gebraͤuchlichen Beſuche abgeſtattet hatte, ward er weit haͤufiger in den Siz⸗ zungen des Nationalinſtituts, wo er ſich mit Volney, dem beruͤhmten Reiſenden, und andern Gelehrten uͤber Aegypten unterhielt, geſehen, als in den poli⸗ tiſchen Cirkeln und in der Geſellſchaft der Partei⸗ haͤupter. Auch zeigte er ſich nicht an oͤffentlichen Or⸗ ten, kam nicht in die großen Geſellſchaften, beſuchte nur ſelten das Theater, und wenn er das that, nahm er ſeinen Sitz in einer geſperrten Loge. In der Kirche von St. Sulpice gab man dem General ein oͤffentliches Gaſtmahl, dem auch die bei⸗ den geſetzgebenden Verſammlungen beiwohnten. Mo⸗ reau theilte mit ihm die gleiche Ehre, an der Buo⸗ naparte eben deßwegen wohl keinen groͤßern Geſchmack fand. Jourdan und Augereau kamen nicht— eine duͤſtere Wolke ſchien uͤber dem feſtlichen Gelage zu 78 haͤngen— Napoleon blieb nur eine kurze Zeit, und Alles war in einer Stunde ſchon zu Ende. Gegen die Militaͤrs zeigte er ſich eben ſo zuruͤck⸗ haltend— er empfieng niemanden und ließ ſich bei keiner Truppenmuſterung blicken. Waͤhrend alle Staͤn⸗ de ſich beeiferten, ihm ihren Beifall zu bezeugen, ent⸗ zog er ſich demſelben in der Stille. In allem dieſem laz eine tiefe Politik. Niemand wußte wohl beſſer, wie ſehr der Beifall des Volkes durch den Reiz der Neuheit bedingt ſey, und daß dem beſonneneren und wuͤrdigeren Guͤnſtlinge des großen Haufens, der die Popularitaͤt an ſich kommen läßt, eine weit hoͤhere Achtung zu Theil werde, als demjeuigen, der dem oͤffentlichen Beifalle nachjagt. Waͤhrend aber Napoleon dieſes ſtille und dem An⸗ ſchein nach gleichguͤltige Betragen beobachtete, ſaͤumte er nicht, insgeheim ſich auf das genaueſte von den Zwecken und der Staͤrke der Parteien zu unterrich⸗ ten, was ihm, da jede Partei um ſeine Gunſt buhl⸗ te, nicht ſchwer fiel. Die heftigen Republikaner, die in dem Rathe der Fuͤnfhundert die Majoritaͤt beſaßen, kamen ihm entgegen. Die Generale Jourdan, Augereau und Bernadotte erboten ſich, ihn an die Svitze dieſer Par⸗ tei zu ſtellen, jedoch unter der Bedingung, daß er die demokratiſche Verfaſſung des Jahres drei auf⸗ recht erhalte. Buonaparte ſah ein, daß er, wenn er mit dieſer ruͤhrigen und heftigen Partei gemeinſchaft⸗ 79 liche Sache mache, alle Wahrſcheinlichkeit eines augen⸗ blicklichen und unmittelbaren Erfolgs fuͤr ſich habe, daß er aber ſodann auf die Ausfuͤhrung der ehrgeizi⸗ gen Entwuͤrfe, die er ſchon in der Seele trug, wuͤrde verzichten muͤſſen. Ivurdan und Bernadotte, die mi⸗ litaͤriſchen Haͤupter einer ſo wuͤthenden Partei, wie die Republikaner waren, Baͤtten ſich nicht ſo leicht und ohne Gefahr wieder bec Seite ſchaffen laſſen; da es nun unſtreitig Napoleon's letzter Zweck war, die hoͤchſte Gewalt an ſich zu reißen, ſo mußte er begreif⸗ licherweiſe ſeine Anhaͤnger in derjenigen Partei wer⸗ ben, deren Mitglieder zwar uber die neu einzufuͤh⸗ rende Regierungsform verſchieden dachten, die aber alle einſtimmig eine Veraͤnderung in der beſtehenden republikaniſchen Form wollten. Auch Barras gab ſich Muͤhe, die Abſichten des Generals der Armee von Aegypten zu erforſchen. Er deutete auf einen Plan hin, nach welchem Hedouville, ein Mann von gewoͤhnlichen Talenten, der damals die ſogenannte Armee von England befehligte, an die Spitze des Direktoriums geſtellt werden koͤnnte, er ſelbſt ſich von den Geſchaͤften zuruͤckziehen wuͤrde, Na⸗ poleon aber den Oberbefehl uͤber ſaͤmmtliche republi⸗ kaniſche Armeen erhalten ſollte,— einen Poſten, der, wie er glaubte, dem Ehrgeize des letztern genuͤgen wuͤrde. Buonaparte wollte aber nicht auf einen Plan eingehen, durch den er von der Hauptſtadt und von der Leitung der oͤffentlichen Angelegenheiten entfernt 80 wurde. Barras war, wie er wohl wußte, ein ver⸗ aͤchtlicher Mann, und hatte einen großen Theil ſei⸗ nes Einfluſſes verloren; ſein fruͤheres Verdienſt, das er ſich durch den Sturz von Robespierre erworben, kam wegen ſeines ſpaͤtern ſchlechten Betragens nicht mehr in Betracht: ſich mit ihm auf irgend eine Wei⸗ ſe verbinden, war in der oͤffentlichen Meinung ſo viel, als mit dem ſch eyteſten und veraͤchtlichſten Theile des Direktoriun gemeinſchaftliche Sache ma⸗ chen. Buonaparte lehnte daher jedes Buͤndniß mit Barras ab, auch dann noch, als dieſer, ſeinen eige⸗ nen Plan aufgebend, ſich erbot, zu allem, was Napo⸗ leon beſchließen wuͤrde, behuͤlflich zu ſeyn. Ein Buͤndniß mit Sieyes und ſeiner Partei ver⸗ ſprach groͤßere Vortheile. Dieſer ſpeculative Politiker ſtand damals an der Spitze aller derjenigen, die, wie verſchieden ſie auch uͤber andere Punkte denken moch⸗ ten, doch insgeſammt an die Stelle des revolutionaͤ⸗ ren Unfugs eine gemaͤßigte, dauerhafte, etwas monar⸗ chiſche Regierung geſetzt wiſſen wollten. Dieſe Partei war zahlreich und als ſolche maͤchtig. Die Direkto⸗ ren Sieyes und Ducos hielten es mit ihr; ſie hatte im Rathe der Alten die Majoritaͤt und im Rathe der Fuͤnfhundert wenigſtens die achtbarſten Maͤnner fuͤr ſich; in ganz Frankreich bekannten ſich die mitt⸗ lern Volksklaſſen groͤßtentheils zu den gemaͤßigten Ge⸗ ſinnungen; die Meinung, daß zur Verhuͤtung ferne⸗ ren Unheils eine mit hinlaͤnglicher Kraft ausgerüſtete Autkoritaͤt 81 Autoritaͤt nothwendig ſey, war die vorherrſchende. Außer dieſem Hauptzwecke hatten aber die Anhaͤnger der ſo maͤchtigen gemaͤßigten Partei, im Falle dieſe ſiegte, noch manche ſehr verſchiedene Zwecke. Unter ſolchen Umſtaͤnden konnte Buonaparte hoffen, mit Huͤlfe dieſer Partei uͤber die beſtehende Regierung und die Republikaner den Sieg davon zu tragen und hierauf bei der Meinungsverſchiedenheit derſelben uͤber die nach dem Siege zu ergreifenden Maßregeln ſeine eigenen Zwecke ungeſtoͤrter zu verfolgen und ſich den groͤßten Theil der Siegesbeute anzueignen. Napoleon trat alſo auf die Seite von Sieyes, unter der Bedingung, daß ihm die hoͤchſte Leitung der Geſchaͤfte uͤbertragen, daß die Verfaſſung des Jah⸗ res drei, die er ſelbſt als das Meiſterſtuͤck der Geſetzgebung, und als die Beſiegerin von 18 Jahrhunderten gexrieſen, abgeſchafft und an die Stelle derſelben eine andere geſetzt werde, von der er weiter nichts wußte, als daß ſie fertig ſey und in dem Schreibepulte des Abbé liege. Ohne Zweifel be⸗ hielt ſich der General ſtillſchweigend das Recht vor, dieſelbe abzuaͤndern und nach ſeinen Abſichten zu be⸗ guemen,— ein Recht, von dem er auch wirklich den reichlichſten Gebrauch gemacht hat. Nachdem nan ſich uͤber dieſe Praͤliminarartikel verſtaͤndigt hatte, ward beſchloſſen, die Sache zwiſchen dem 15ten und zoſten Brumaire zur Ausfuͤhrung zu bringen, Inzwiſchen wurden mehrere einflußreiche Maͤn⸗ W. Scott's Werke. XIa. 6 82 ner von den beiden Raͤthen in das Geheimniß gezo⸗ gen. Talleyrand, der von den Republikanern ſeiner Stelle entſetzt worden war, widmete ſeine Talente der Sache Napoleon's. Fouché ward, wie Napvleon verſichert, nicht zu Rathe gezogen,— in den unter ſeinem Namen erſchienenen Denkwuͤrdigkeiten wird aber das Gegentheil behauptet,— gewiß iſt es jedoch, daß er in ſeiner wichtigen Stelle eines Polizeimini⸗ ſters waͤhrend der Revolution zum Vortheil Napo⸗ leon's gewirkt hat. Einigen der angeſehenſten Mit⸗ glieder beider Raͤthe wurde mit Vorſicht anvertraut, was im Werke ſey; andere erhielten blos den Wink, auf eine große Bewegung gefaßt zu ſeyn. Man mußte ſich nun zunaͤchſt einer hinreichenden Streitmacht verſichern, was eben nicht ſchwer war, da Buonaparte's Ruf den Verſchwornen bei den Sol⸗ daten ungemein zu Statten kam. Drei Dragonerre⸗ gimenter bewarben ſich voll Begeiſterung um die Ehre, von Napoleon gemuſtert zu werden; auf dieſe Trup⸗ pen konnte man alſo rechnen. Die Offiziere der Gar⸗ niſon von Paris wuͤnſchten ihm ihre Ehrfurcht zu be⸗ zeigen, deßgleichen die 40 Adjutanten von der Na⸗ tionalgarde, die er als Obergeneral der Armee des Innern als ſolche angeſtellt hatte. Noch viele ande⸗ re, entweder in Ruheſtand verſetzte, oder noch im ak⸗ tiven Dienſte befindliche Offiziere verlangten den be⸗ ruͤhmten General zu ſehen, und ihn ihrer Anhaͤng⸗ lichkeit und Dienſtwilligkeit zu verſichern. Die Ge⸗ — waͤhrung dieſer Bitten war bis dahin liſtigerweiſe verſchoben worden. Zwei Maͤnner von groͤßerer Bedeutung, Moreau und Macdonald, hatten ihrem ehemaligen Kollegen ihre Dienſte angeboten. Beide hielten es mit der gemaͤßigten Partei und ahndeten noch nichts von dem letzten Zwecke Napoleon's und dem endlichen Ausgan⸗ ge ſeines Unternehmens. Am 15ten Brumaire ward beſchloſſen, das große Vorhaben am 18ten Brumaire(8ten November) ins Werk zu ſetzen— eine Zwiſchenzeit war noͤthig, mußte aber zur Bewahrung des Geheimniſſes ſo kurz wie moͤglich gemacht werden. Das Geheimniß ward auch wirklich bewahrt; da man aber nicht umhin konnte, daſſelbe mehreren Individuen mitzutheilen, ſo ent⸗ ſtand ein dunkles Geruͤcht, durch welches die bethei⸗ ligten Parteien in Unruhe verſetzt wurden. Inzwiſchen wurden alle die genannten Generale und Offiziere gebeten, ſich den 18ten Brumaire Mor⸗ gens um 6 Uhr in Napoleons Wohnung einzufinden; die drei bereits erwaͤhnten Dragonerregimenter erhiel⸗ ten den Befehl, auf den eliſeiſchen Feldern(Champs élisées) um eben dieſe Zeit der Ehre gewaͤrtig zu ſeyn, ihrer Bitte gemaͤß von Buonaparte gemuſtert zu werden.— Zur Entſchuldigung, daß den Gelade⸗ nen eine ſo ungewoͤhnliche Stunde beſtimmt werde, gab man an, der General muͤſſe eine Reiſe machen. Viele Offiziere jedoch verſtanden oder erriethen, was 6„ 34 geſchehen ſollte, und kamen nicht nur mit Saͤbeln, ſondern auch mit Piſtolen bewaffnet. Einige wußten pon Allem nichts und ahndeten auch nichts derglei⸗ chen. Le Febvre, der die Wache der beiden Naͤthe befehligte, und von dem man glaubte, daß er es mit dem Direktorium halte, war erſt um Mitternacht zu der militaͤriſchen Zuſammenkunft eingeladen worden. Bernadotte, den man, als einen eifrigen Republika⸗ ner, nicht ins Geheimniß gezogen hatte, ließ ſich gleichwohl von Joſeyh Buonaparte bewegen, mit ihm in der Wohnung Napoleon's zu erſcheinen. Das Erſtaunen Einiger und die aͤngſtliche Neu⸗ gierde Aller bei dem Anblicke einer ſo glaͤnzenden Verſammlung von Militaͤrs, von denen Napoleon's Wohnung kaum die Haͤlfte ſaſſen konnte, laͤßt ſich wohl denken. Buonaparte konnte ſie nur unter freiem Himmel empfangen. Indem wir ſie, ihres Beſcheides gewartig, einſtweilen ſtehen laſſen, wollen wir die po⸗ litiſchen Manoͤvers angeben, die den militaͤriſchen zur Einleitung dienten. So fruͤhe auch die Militaͤrs bei Napoleon zuſam⸗ mengekommen waren, ſo hatte ſich der Rath der Al⸗ ten doch noch fruͤher insgeheim und in aller Eile ver⸗ ſammelt. Es war das Geruͤcht von einem kuͤhnen Plane entſtanden, den die republikaniſche Partei in der Abſicht entworfen haben ſollte, der Regierung ei⸗ nen neuen volksthumlichen Impuls zu geben. Es hieß, die Partei, die ſich noch zu den Grundſaͤzen der 85 ehemaligen Jalobiner bekenne, habe in dem Hôtel de Salm den Entſchluß gefaßt, die beiden repraͤſentativen Koͤrperſchaften in eine einzige Nationalverſammlung zu verſchmelzen und die Regierung einer dem ehema⸗ ligen Sicherheitsausſchuſſe nachgebildeten Kommiſſion zu uͤbertragen. Da dieſe Sage mit manchen Zuſaͤtzen, wie es in dergleichen Faͤllen zu geſchehen pflegt, ſich ſchnell verbreitete, ſo war der Rath der Alten in gro⸗ ßer Unruhe und Beſtuͤrzung. Cornoudet, Lebrun und Fargues hielten feurige Reden an die Verſammlung, und wußten den Schrecken, den ſie einfloͤßten, durch die geheimnißvolle und unbeſtimmte Weiſe, mit der ſie ſich ausdruͤckten, noch zu ſteigern. Sie ſprachen von perſönlicher Gefahr, von Einſchuͤchterung bei ih⸗ ren Berathungen— von dem Falle der Freiheit und von dem nahen Untergange der Republik.„Ihr habt „zur Rettung Frankreichs nur noch einen Augen⸗ „blick,“ ſagte Cornoudet;„laßt Ihr ihn ungenuͤtzt „enteilen, ſo iſt das Vaterland nichts mehr als ein „Aas, eine Beute fuͤr hungrige Geier.“ Obgleich von einer eigentlichen Verſchwoͤrung nicht ſchlechthin die Rede war, ſo deuteten die vorgeſchlagenen Maßregeln doch beſtimmt genug auf eine ſolche hin. Durch den 102ten, 105ten und 10aten Artikel der Verfaſſungsurkunde war der Rath der Alten be⸗ fugt, wenn er es fuͤr dienlich halte, den Sitzungsort der beiden repraͤſentativen Koͤrperſchaften zu veraͤn⸗ dern und dieſelben anderswohin zu berufen. Von 3 86 dieſer Befugniß, die offenbar keinen andern Zweck hatte, als die geſetzgebenden Verſammlungen dem Zwange, den die Pariſer, wie es in den fruͤhern Zei⸗ ten der Revolution nur zu oft geſchehen war, gegen dieſelben ausuͤben moͤchten, zu entziehen— von die⸗ ſer Befugniß machte der Rath der Alten jetzt Ge⸗ brauch. Er erließ zwei Dekrete, eines, wodurch die beiden Raͤthe nach St. Cloud berufen wurden,— ein anderes, wodurch General Buonaparte die Weiſung erhielt, zur Vollziehung des erſten Dekrets das Noͤ⸗ thige zu verfuͤgen, und zu dieſem Ende den Befehl uͤber die bewaffnete Macht in dem Departement von Paris zu uͤbernehmen. Ein beſonders hiezu abgefer⸗ tigter Staatsbote mußte den General hievon in Kennt⸗ niß ſetzen und ihn einladen, ſich in den Sitzungsſaal des Raths der Alten zu begeben; und hiemit war die Kriſe eingetreten, die er mit banger Sehnſucht er⸗ wartet hatte. Es bedurfte nur weniger Worte, um das zahl⸗ reiche Offizierkorps, in deſſen Mitte der Staatsbote den General fand, zu bewegen, ſich an ihn anzuſchlieſ⸗ ſen, Selbſt der General Le Febvre, der die Garde der geſetzgebenden Verſammlung befehligte, erklaͤrte ſich fuͤr Buonaparte Das Direktorium war bis jetzt noch ruhig ge⸗ blieben. Zwei ſeiner Mitglieder, Sieyes und Ducos, die um das Geheimniß wußten, befanden ſich jedoch bereits in den Tuillerien, um das, was geſchehen 87 follte, zu befoͤrdern. Man ſagt, Barras, der ſie in ſo fruͤher Stunde vorbeireiten ſah, habe ſich uͤber das ſchlechte Reiten des Abbé ſehr luſtig gemacht, ohne alle Ahndung des Abenteuers, auf das dieſer ausging. An der Spitze eines ſo glaͤnzenden Gefolges von berittenen Offizieren auf ſeinem Schlachtroß heran⸗ ſprengend, begann Buonaparte damit, daß er den Befehl uͤber die drei, bereits in den eliſaͤiſchen Fel⸗ dern aufgeſtellten Reiterregimenter uͤbernahm, und dieſelben nach den Tuillerien fuͤhrte, wo ihn der Rath der Alten erwarkete. Er trat in den Sitzungsſaal, gefolgt von ſeinem Generalſtab und jenen andern Ge⸗ neralen, deren Name an ſo viele Siege erinnerte. „Sie ſind,“ ſprach er zu den Verſammelten,„die „Vorſehung der Nation. Ich komme mit den Gene⸗ „ralen der Republik, um Ihnen den Beiſtand derſel⸗ „ben zu verſprechen. Ich ernenne den General Le „Febvre zu meinem Legaten. Verlieren wir keine „Zeit mit dem Aufſuchen von Vorgaͤngen. Nichts „glich irgendwann dem Ende des 18ten Jahrhunderts „— kein Augenblick in dem ganzen 18ten Jahrhun⸗ „dert iſt wie der gegenwaͤrtige. In Ihrer Weisheit „haben Sie die rechten Maßregeln ermittelt; an uns „iſt es, dieſelben mit den Waffen in der Hand zu „vollziehen.“ Er verkuͤndete hierauf den Militaͤrs, was der Rath beſchloſſen und welches Kommando er ihm uͤbertragen habe, worauf ein lauter Jubel erſcholl. Indeſſen ſingen die drei, nicht ins Geheimniß 8⁸ eingeweihten Direktoren, Barras, Gohier und Mou⸗ lins, zu ſpaͤt an, etwas Arges zu vermuthen. Mou⸗ lins ſchlug vor, Napoleon in ſeiner Wohnung mit allen, die bei ihm waͤren, durch ein Bataillon von der Direktorialgarde aufheben zu laſſen. Allein die Direktoren vermochten nicht das Geringſte mehr uͤber die Soldaten, und ſie erlebten die Demuͤthigung, daß ihre Wache auf die erſte Aufforderung eines Adjutan⸗ ten von Buonaparte abzog und ſie im Stiche ließ. Barras ſchickte ſeinen Sekretaͤr, Bottot, an Buo⸗ naparte ab, um Auskunft von ihm zu verlangen. Der General empfing dieſen mit vielem Stolze, und ſprach in Gegenwart vieler Offiziere und Soldaten von dem Ungluͤck des Vaterlandes, nicht in dem Tone eines ſchlichten Buͤrgers, der an dem Schickſal einer sroßen Nation nur in ſofern es ihn ſelbſt betrifft, Theil nimmt, ſondern wie ein Herrſcher, der, von irgend einer Unternehmung aus fernen Laͤndern zu⸗ ruͤckkehrend, gewahr wird, daß ſeine Beamten in ſei⸗ ner Abweſenheit ſchlecht gehaust und ſchlecht regiert haben.„Was habt Ihr,“ ſagte er,„fuͤr dieſes ſchoͤ⸗ „ne Frankreich gethan, das ich in einem ſo glaͤnzen⸗ „den Zuſtande verlaſſen habe? Mein Vermaͤchtniß an „Euch war der Friede, jetzt finde ich den Krieg;— „iſtatt des Reichthums von Italien, den ich Euch zu⸗ „ruͤckließ, finde ich uͤberall druͤckende Steuern und „das groͤßte Elend. Wo ſind die hunderttauſend Fran⸗ zoſen, die ich gekannt habe und die alle die Gefaͤhr⸗ 89 „ten meines Ruhmes waren?— Sie ſind todt!“ Man ſieht, daß Buonaparte gleich von vorne herein einen Ton angenommen hatte, als ſey in Beziehung auf den oͤffentlichen Dienſt ihm jedermann, er dage⸗ gen niemanden verantwortlich. Ueberwaͤltigt und betaͤubt, und vielleicht auch durch die Beſorgniß eingeſchuͤchtert, er moͤchte wegen ſeiner Unterſchleife zur Rede geſtellt werden, verlaͤugnete Barras den Muth, den man ihm fruͤher beigelegt hatte, und unterwarf ſich in den niedertraͤchtigſten Aus⸗ druͤcken dem Willen des Siegers. Er gab ſeine Ent⸗ laſſung ſchriftlich und verſicherte in dieſer Urkunde, „er ſey einzig durch das Wohl der Republik, durch „ſeine Liebe zur Freiheit beſtimmt worden, ſich den „Beſchwerden eines oͤffentlichen Amtes zu unterzie⸗ „hen, und er lege daſſelbe jetzt gerne nieder, nachdem „das Schickſal der Republik unter die Obhut ihres „jugendlichen und unuͤberwindlichen Generals geſtellt „worden ſey.“ Er verließ hierauf Paris und begab ſich auf ſeinen Landſitz unter einer Reiterbedeckung, die ihn auf Napoleon's Befehl, wie es hieß, Ehren halber geleiten, vermuthlich aber auch im Auge be⸗ halten mußte. Auch Gohier und Moulins legten ih⸗ re Stellen nieder. Da Sieyes und Ducos hiezu das Beiſpiel gegeben hatten, ſo war der ganze konſtitutio⸗ nelle Vollziehungsrath aufgeloͤßt, und die hoͤchſte Ge⸗ walt in Napoleons Haͤnden. Cambaceres, der In⸗ ſtizminiſter, und Fouché, der Polizeiminiſter, erkann⸗ 90 ten mit allen uͤbrigen Verwaltungsbehoͤrden ſeine Au⸗ roritaͤt an, die demnach ſowohl die buͤrgerliche, als die militaͤriſche Gewalt in ſich faßte. Der Rath der Fuͤnfhundert, d. h. die republika⸗ niſche Majoritaͤt deſſelben, bezeigte ſich nicht ſo fuͤg⸗ ſam; und haͤtten Barras, Gohier und Moulins, ſtatt ihre Stellen niederzulegen, ſich mit den Haͤuptern derſelben vereinigt, ſo wuͤrden ſie vielleicht Buona⸗ parte viel zu ſchaffen gemacht haben, ſo ſehr ihm auch bisher Alles gegluͤckt war. Die Mitglieder dieſer feindlich geſinnten Koͤrper⸗ ſchaft traten an dieſem denkwuͤrdigen Tage erſt um 40 Uhr des Morgens zuſammen, und ſtaunten nicht wenig, als ſie die Kunde von dem Beſchluſſe des Raths der Alten erhielten, durch welchen ihre Sitzun⸗ gen von Paris nach St. Cloud verlegt und ſolcherge⸗ ſtalt ihre Debatten dem Einfluſſe des Pariſer Poͤbels entzogen wurden, der die alten jakobiniſchen Grund⸗ ſaͤtze vielleicht haͤtte geltend machen koͤnnen. Da je⸗ doch nach den beſtehenden Geſetzen gegen dieſen Be⸗ ſchluß nichts einzuwenden war, ſo beſchloſſen ſie, am ſolgenden Tage in St. Cloud zuſammen zu kommen, und gingen feſt entſchloſſen, den demokratiſchen Theil der Verfaſſung aufrecht zu erhalten, unter dem von den Gallerien wiederholten Rufe:„Es lebe die Republik und die Verfaſ⸗ fung!“ einſtweilen aus einander. Die Strickerin⸗ 91 nen*) und andere demokratiſch geſinnte Individuen, die bisher ihren Debatten angewohnt hatten, beſchloſ⸗ ſen ihrerſeits auch, nach St. Cloud zu gehen, und erſchienen dort auch in großer Anzahl an dem folgen⸗ den Tage, wo, wie jedermann ſah, das Unternehmen von Sieyes und Buonagparte entweder durchgeſetzt oder aufgegeben werden mußte. Die ſtreitenden Parteien berathſchlagten den gan⸗ zen Abend bis tief in die Nacht hinein, um ſich zu dem entſcheidenden Kampfe auf den naͤchſten Morgen vorzubereiten. Sieyes rieth, vierzig der bedeutend⸗ ſten Mitglieder der Oppoſition zu verhaften; allein Buonaparte hielt ſich fuͤr ſtark genug, auch ohne eine ſolche gehaͤßige Maßregel einen entſcheidenden Sieg davon zu tragen. Sie entwarſen nun ihren Opera⸗ tionsplan in Beziehung auf die beiden Raͤthe, und kamen mit einander uͤberein, daß Buonaparte, Sieyes und Ducos die proviſoriſche Regierung als Konſuln uͤbernehmen ſollten. Eben ſo wurde wegen der be⸗ waffneten Macht zu St. Cloud das Noͤthige veran⸗ ſtaltet und dieſelbe unter den Befehl von Murat, auf deſſen Dienſteifer und Treue man zaͤhlen konnte, ge⸗ ſtellt. Buonaparte ſuchte Bernadotte, Jourdan und Augereau abzuhalten, den naͤchſten Tag in St. Cloud zu erſcheinen, weil er es nicht fuͤr wahrſcheinlich hielt, *⁴) So nannte man die gemeinen Weiber, die den Debatten ſtrickend zuzuhören pflegten. Sie waren ſtets eifrige Demo⸗ kratinnen. daß ſie ſeine Partei ergreifen werden. Der letzere ſah in dieſer Vorſicht einen Mangel an Vertrauen, der ihm wehe that, und ſagte:„Wie General, Sie wol⸗ „len Ihrem kleinen Augereau nicht trauen?“ Er ging demnach nach St. Cloud. Es mußten einige Vorkehrungen zum Empfang der beiden Raͤthe in dem Palaſte zu St. Cloud getrof⸗ fen werden. Der Rath der Fuͤnfhundert ſollte in der Orangerie, der Rath der Alten in der Gallerie des Mars ſeine Sitzungen halten. In dem Rathe der Alten waren die Gemaͤßigten, welche die Majoritaͤt bildeten, bereit, die zur Veraͤn⸗ derung der Regierung und der Verfaſſung noͤthigen Maßregeln durchzuſetzen. Allein die Minoritaͤt, die ſich von der Ueberraſchung des vorigen Tages erholt hatte, verhielt ſich weder ſchweigend noch unthaͤtig. Die ſogenannten Aufſeher des Saals, deren Pflicht es war, die Sitzungen anſagen zu laſſen, wurden wegen der ungewoͤhnlichen Sitzungszeit am vorigen Tage, von welcher die Haͤupter der Minoritaͤt nicht einmal in Kenntniß geſetzt worden waren, ſcharf getadelt. Die Schicklichkeit und ſelbſt die Geſetzmaͤßigkeit der Berufung beider Raͤthe nach St. Cloud wurde ange⸗ fochten. Es kam daruͤber zu einer heftigen Debatte, der die Erſcheinung Napoleon's ein Ende machte. Nachdem dieſer in den Saal getreten, erbat er ſich vom Praͤſidenten das Wort, und hielt folgende Rede: „Buͤrger, Ihr ſteht auf einem Vulkane, Erlaubt, daß 9³ „ich Euch die Wahrheit mit der Freimuͤthigkeit eines „Kriegers ſage. Burger, ich lebte ruhig im Schooße „meiner Familie, als ich durch die Befehle des Raths „der Alten zu den Waffen gerufen wurde. Ich bot „meine Waffengefaͤhrten, Eurem Rufe gehorchend, „zum Dienſte des Vaterlandes auf. Zum Lohn dafuͤr „werden wir verleumdet— man vergleicht mich mit „Cromwell— mit Caͤſar. Waͤre es mir darum zu „thun geweſen, die hoͤchſte Gewalt an mich zu reißen, „ſo wuͤrde es mir ſchon fruͤher an Gelegenheit dazu „nicht gefehlt haben. Aber ich ſchwoͤre Euch, das Va⸗ „terland hat keinen uneigennuͤtzigeren Buͤrger, als „mich. Wir ſind mit Gefahren umgeben, mit Buͤr⸗ „gerkrieg bedroht. Laßt uns die Guͤter, fuͤr die wir „ſo viele Opfer gebracht haben— die Freiheit und „Gleichheit— nicht auf's Spiel ſetzen.“ „Und die Verfaſſung!“ rief Linglet, ein demo⸗ kratiſches Mitglied, aus, indem er dem Redner, der, wie es ſchien, abſichtlich ſich nicht deutlich ausdruͤcken wollte, ins Wort fiel. „Die Verfaſſung!“ erwiederte Buonaparte, der jetzt ſeine Geſinnungen und ſeine Abſichten unumwun⸗ dener ausſprach, als er es bisher gewagt hatte,„eben „dieſe Verfaſſung iſt am 18ten Fructidor, am 22ſten „Floreal, am z0ſten Prairial verletzt,— von allen „Parteien angerufen, von allen mißachtet worden. „Die Verfaſſung kann keiner Partei fortan Sicher⸗ „rheit gewaͤhren, da ſie von keiner geachtet wird. Da 8 94 „die Verfaſſung nicht mehr zu retten iſt, ſo laßt uns „doch wenigſtens die Grundlagen derſelben, die Frei⸗ „heit und Gleichheit bewahren.“ Er betheuerte ſo⸗ fort, daß er wegen des Heils der Republick einzig der Weisheit und Macht des Raths der Alten vertraue, daß in dem NRathe der Fuͤnfhundert dagegen ſich die Maͤnner befaͤnden, die den Nationalkonvent mit ſei⸗ nen revolutionaͤren Ausſchuͤſſen, mit ſeinen Blutge⸗ ruͤſten, ſeinen Volksaufſtaͤnden zuruͤckfuͤhren moͤchten. „Ich aber,“ ſagte er,„werde Euch vor dieſen Schreck⸗ „niſſen bewahren— ich und meine tapfern Waffen⸗ „gefaͤhrten, die ich vor der? Thuͤre dieſes Saals er⸗ „blicke; und ſollte auch irgend ein gedungener Redner „von Aechtung ſprechen, ſo verlaſſe ich mich auf die „Capferkeit meiner Gefaͤhrten, mit denen ich fuͤr die „Freiheit gefochten und geſiegt habe.“ Die Verſammlung lud den General ein, ſich uͤber die Verſchwoͤrung, auf die er angeſpielt hatte, aus⸗ fuͤhrlicher zu erklaͤren; er begnuͤgte ſich aber damit, ſich auf das Zeugniß von Sieyes und Ducos zu be⸗ rufen, wiederholte dann noch einmal, daß die Ver⸗ faſſung das Land nicht retten koͤnne, forderte den Rath der Alten auf, die hiezu geeigneten Maßregeln zu ergreifen, und verließ hierauf, unter dem von den Soldaten, die im Hofraume ſtanden, erwiederten Rufe: Es lebe Buonapartel den Saal, um die Macht ſeiner Beredtſamkeit an dem weniger fuͤgſamen Rathe der Fuͤnfhundert zu verſuchen. Als die Mitglieder des juͤngeren Rathes in dem ihnen angewieſenen Lokal die Arbeitsleute noch be⸗ ſchaͤftigt fanden, ſahen ſie ſich gewiſſermaßen in der⸗ ſelben Lage, wie einſt die konſtituirende Nationalver⸗ ſammlung zu der Zeit, da ſie ihre Zuflucht in dem Ballhauſe zu Verſailles geſucht hatte. Dieſe Erin⸗ nerung war ſehr geeignet, ſie in ihrem Entſchluſſe zu beſtaͤrken, und ſie betraten die Orangerie, als ſie endlich in dieſelbe zugelaſſen wurden, in keiner guten Stimmung gegen den Rath der Alten und Buona⸗ parte. Vergebens waren ihnen Vorſchlaͤge gemacht worden. Sie wuͤrden Buonaparte in das Direktori⸗ um befoͤrdert haben, wollten aber von keiner Veraͤn⸗ derung in der Verfaſſung des Jahres drei wiſſen. Die Debatte dieſes Tages, des letzten, an wel⸗ chem die republikaniſche Partei in Frankreich ſich noch mit voller Freiheit ausſprechen durfte, ward am 19ten Brumaire, Nachmittags um 2 Uhr unter dem Vor⸗ ſitze von Lucian Buonaparte eroͤffnet. Gaudin, ein Mitglied von der gemaͤßigten Partei, brachte zuerſt die Wahl einer Kommiſſion von ſieben Mitaliedern in Vorſchlag, welche uͤber den Zuſtand der Republik berichten ſolle; er trug ferner darauf an, ſich mit dem Rathe der Alten in Korreſpondenz zu ſetzen, ward aber durch das Geſchrei und den Laͤrmen der Majoritaͤt unterbrochen. „Die Verfaſſung! die Verfaſſung oder den Tod!“ erſcholl es von allen Seiten;„die Bajonette ſollen 96 „uns nicht ſchrecken,“ ſagte Delbrel,„wir ſind freie „Maͤnner.“ „Nieder mit der Diktatur— keine Diktatoren!“ kiefen Andere. Umſonſt bemuͤhte ſich Lucian, die Ordnung wie⸗ der herzuſtellen. Gaudin wurde von der Tribune herabgeriſſen; die Stimmen anderer gemaͤßigten Mit⸗ glieder wurden durch tobendes Geſchrei uͤberwaͤltigt. Die demokratiſche Partei hatte ſich nie trotziger und hartnaͤckiger gezeigt, als in dem Augenblicke, der ihr letzter ſeyn ſollte. „Laßt uns ſchwoͤren, die Verfaſſung des Jahres drei aufrecht zu erhalten!“ rief Delbrel,— ein Vor⸗ ſchlag, der mit ſo allgemeinem und ſtuͤrmiſchem Bei⸗ falle aufgenommen wurde, daß kein Widerſpruch auf⸗ kommen konnte, daß ſogar die Mitglieder der gemaͤſ⸗ ſigten Partei und ſelbſt Lucian Buonaparte nicht um⸗ hin konnten, den Eid auf eben die Verfaſſung zu leiſten, zu deren Abſchaffung ſie und er ſich verbuͤn⸗ det hatten. „Der Eid, den ihr ſo eben geleiſtet habt,“ ſagte Vigonnet,„wird in den Jahrbuͤchern der Geſchichte „neben dem beruͤhmten Schwur in dem Ballhauſe zu „Verſailles ſeine Stelle finden. Durch den einen iſt „die Freiheit begruͤndet worden, durch den andern „wird ſie befeſtigt werden.“ Waͤhrend dieſer Gaͤhrung wurde das Schreiben, worinn Barras ſeine Abdan⸗ kung anzeigte, verleſen, und wie die Handlung eines Soldas 97 Soldaten, der in der Zeit der Gefahr ſeinen Poſten verlaͤßt, mit Verachtung vernommen. Die gemaͤßigte Partei ſchien uͤberwaͤltigt und auf dem Punkte, ſich an die Majoritaͤt des Rathes anzuſchließen, als ſich am Eingange des Saals Waffengeraͤuſch hoͤren ließ. Alle Blicke wandten ſich nach dieſem Orte hin. Bajo⸗ nette, gezogene Saͤbel, die mit Federn geſchmuͤckten Huͤte der Generale und Adjutanten und die Muͤtzen der Grenadiere wurden außerhalb geſehen, waͤhrend Napoleon, begleitet von vier Grenadieren, die zur konſtitutionellen Garde der beiden Raͤthe gehoͤrten, in die Orangerie trat. Die Soldaten blieben im Hin⸗ tergrunde der Halle zuruͤck, er aber ging mit abge⸗ meſſenen Schritten und mit unbedecktem Haupte, un⸗ gefaͤhr den dritten Theil des innern Raumes zuruͤck⸗ legend, vorwaͤrts. Ein lautes Murren erſolgte.„Wie! gezuͤckte „Saͤbel, bewaſſnete Maͤnner, Soldaten in dem Hei⸗ mligthume der Geſetze!“ riefen die Mitglieder aus, deren Muth im Schwalle der Gefahr, mit der ſie bedroht waren, zu wachſen ſchien. Alle Abgeordnete erhoben ſich von ihren Sitzen; einige gingen, einige ſtuͤrzten auf Buonaparte los, und faßten ihn beim Kragen, andere riefen:„In die Acht— in die Acht „mit ihm! er werde zum Hochverraͤther erklaͤrt!“ Man ſagt, Arena, ſein Landsmann, habe mit einem Dolche nach ihm geſtoßen und wuͤrde ihn getroffen haben, wenn nicht einer der Grenadiere ſich ins Mit⸗ W. Scott's Werke, XI. 7 98 tel gelegt haͤtte. Dieſer Umſtand unterliegt großem Zweifel, obgleich es gewiß iſt, daß zwei oder drei Abgeordnete Hand an Buonaparte legten, waͤhrend andere ihn mit Vorwuͤrfen uͤberhaͤuften und ihm zu⸗ riefen:„Haben Sie darum ſo viele Siege erfochten?“ In dieſem kritiſchen Augenblicke drang eine Abthei⸗ lung Grenadiere mit gezogenen Saͤbeln in die Halle, befreite Buonaparte aus den Haͤnden der Abgeordne⸗ ten, und trug ihn in ihren Armen athemlos hinweg. Und jetzt in dieſem Augenblicke ſchien der Glaube Augereau's an den Gluͤcksſtern ſeines vormaligen Ge⸗ nerals zu wanken, und ſeine revolutionaͤre Geſinnung uber ſeine militaͤriſche Hingebung die Oberhand zu gewinnen.„Sie haben ſich da in eine ſaubere Lage „gebracht,“ ſagte er zu Buonaparte, der in ernſtem Tone antwortete:„Augereau, bei Arcola ſah es ſchlim⸗ „mer aus— glauben Sie mir— bleiben Sie ruhig, „es ſoll bald Alles anders werden.“ Augereau, deſ⸗ ſen Beiſtand in dieſem kritiſchen Augenblicke dem Ra⸗ the der Fuͤnfhundert hoͤchſterſprießlich haͤtte ſeyn koͤn⸗ nen, ließ ſich das geſagt ſeyn, und blieb unthaͤtig.* *) Der Moniteur ſucht den Vorwurf, irgend etwas für die am a9ten Brumaire geſtürzte Partei gethan zu haben, von Au⸗ gereau abzuwälzen. Er ſagt:„Dieſer Offizier nahm keinen Theil an dem Eid der Treue, der an dieſem Tage auf die Verfaſſung des Jahres drei geleiſtet wurde.“ Daſſelbe offi⸗ zielle Blatt fügt noch hinzu, Augereau habe, als er am Abende des 19ten Brumaire von einigen Häuptern der de⸗ mokratiſchen Partei eingeladen worden ſey, das militäriſche 99 Jourdan und Bernadotte, die bereit waren, der Volksſache zu dienen, wenn die Soldaten ſich nur im mindeſten geweigert haͤtte, Buonaparte Folge zu lei⸗ ſten, ſahen keinen Anlaß zum Handeln. Der Rath der Fuͤnfhundert blieb in der hoͤchſten Gaͤhrung. Buonaparte ward allgemein beſchuldigt, ſich die hoͤchſte Gewalt angemaßt zu haben; es erfolg⸗ te der Antrag ihn in die Acht zu erklaͤren, oder vor die Schranken zu fordern.„Koͤnnt Ihr mir zumu⸗ ithen, die Aechtung meines eigenen Bruders zur Ab⸗ „ſtimmung zu bringen?“ ſagte Lucian. Allein dieſe Berufung auf ſein perſoͤnliches Verhaͤltniß machte kei⸗ nen Eindruck auf die Verſammlung, die mit großem Geſchrei die Abſtimmung verlangte. Endlich warf Lucian ſeinen Hut, ſeine Schaͤrpe und andere Stuͤcke ſeiner Amtstracht auf den Tiſch.„So hoͤrt mich „denn,“ ſagte er,„als den Anwald deßjenigen, den „Ihr faͤlſchlicher⸗ und unbeſonnenerweiſe beſchuldigt.“ — Kommando über ihre Anhänger zu übernehmen, dieſelben hinwiederum gefragt, ob ſie denn glauben könnten, daß er ſeinen in der Armee erworbenen Ruhm durch die Befehli⸗ gung von ſolchen Wichten, wie ſie, befiecken wolle. Auge⸗ reau ward fruͤher von Buonaparte aus Italien nach Paris geſchickt worden, um dem Direktorium bei der Revolution des 18ten Fructidors behüflich zu ſeyn, und die Soldaten hatten ſich damals willig von ihm gebrauchen laſſen. Buo⸗ naparte mochte wohl gerne ſehen, daß ein Mann von ſeinem kriegeriſchen Muthe und ſeiner Entſchloſſenheit ſich in dieſe Sache nicht miſchte. 7. 4 10⁰ Allein durch dieſe Forderung ward der Tumult noch aͤrger; aber in dieſem Augenblicke traten einige Gre⸗ nadiere, die Napoleon ſeinem Bruder zu Huͤlfe geſchickt hatte, in die Halle. Sie wurden anfaͤnglich mit Beifall begruͤßt; denn die Verſammlung gewoͤhnt, die demokratiſchen Grund⸗ ſaͤtze in dem Militaͤr ſiegen zu ſehen, zweifelte nicht⸗ daß ſie ihren General verlaſſen haͤtten, um ſich an die Volksvertreter anzuſchließen. Sie verweilten jedoch nur einen Augenblick, und verließen, den Praͤſidenten, Lucian Buonaparte, mit ſich fortfuͤhrend, die Halle ſogleich wieder. Die Sache war jetzt auf beiden Seiten zum Aeuſ⸗ ſerſten gekommen. Der Rath der Fuͤnfhundert, durch das wiederholte Eindringen von Soldaten in die großte Unordnung gebracht, war immer noch heftig bewegt, und tobte ohne Unterlaß gegen Napoleon; es fehlte ihm aber an der ruhigen Faſſung, die zur Er⸗ greifung entſcheidender Maßregeln noͤthig iſt. Indeſſen brachte der Anblick Napoleon's, der athemlos war und Spuren von Mißhandlung an ſich trug, das Militaͤr in die groͤßte Wuth. Er ſagte in gebrochenen Worren zu den Soldaten, dieſe Leute haͤtten ihm auf ſein Anerbieten, dem Vaterlande den Weg zum Sieg und zum Ruhme zu zeigen, mit Dol⸗ chen geantwortet. Ein Geſchrei des Unwillens erhob ſich unter den Soldaten, beſonders als die zur Be⸗ freiung des Praͤſidenten abgeſchickte Wache denſelben 101 in ihre Reihen wie in eine heilige Zufluchtsſtaͤtte brachte. Lucian, der ſeinen Bruder trefflich unter⸗ ſtuͤtzte, oder vielmehr der eigentliche Held des Tages war, ſtieg ſofort zu Pferde, und rief mit ſeiner wohl⸗ toͤnenden Baßſtimme:„General, und Ihr, Soldaten! „der Praͤſident des Raths der Fuͤnfhundert verkuͤndet „Euch, daß aufruͤhreriſche Menſchen mit gezuͤckten „Dolchen die Berathungen der Verſammlung unter⸗ „brochen haben— er ermaͤchtigt Euch, Gewalt gegen „die Ruheſtoͤrer zu gebrauchen— die Verſammlung „der Fuͤnfhundert iſt aufgeloͤst.“— Murat, von Buonaparte mit der Vollziehung der Befehle Lucian's beauftragt, begab ſich an der Spitze eines Detaſchements, das die Bajonette aufgepflanzt hatte, unter Trommelſchlag in die Orangerie, wo er die Abgeordneten aufforderte, auseinander zu gehen, waͤhrend ein Offizier von der konſtitutionellen Garde ausrief, daß er fuͤr ihre Sicherheit nicht laͤnger ſtehen könne. Schreckenslaute miſchten ſich jetzt unter das Wuthgeſchrei, die Verwuͤnſchungen und den Ruf: Es lebe die Republik.l. Ein Offizier beſtieg hier⸗ auf den Stuhl des Praͤſidenten und wiederholte die Aufforderung, auseinander zu gehen,„Das iſt,“ ſagte er,„der Befehl des Generals.“ Einige von den Abgeordneten und Zuſchauern fingen jetzt an, die Halle zu verlaſſen; der groͤßere Theil hingegen blieb ſtandhaft und fuhr ſort, laut 1⁰² üͤber dieſe militaͤriſche Einſchreitung zu ſchreien, wor⸗ auf die Trommeln wirbelnd einfielen. „Vorwaͤrts Grenadiere!“ rief ſofort der komman⸗ dirende Offizier. Dieſe faͤlten das Gewehr und ruͤck⸗ ten im Sturmſchritte vor. Die Abgeordneten, welche bis dahin auf die Unverletzlichkeit ihrer Perſon ver⸗ traut hatten, ergriffen jetzt uͤberall die Flucht; die meiſten ſprangen zu den Fenſtern hinaus, ihre Muͤz⸗ zen, Schaͤrpen und Talare zuruͤcklaſſend. In wenigen Minuten war das ganze Lokal geleert und die letzte demokratiſche Verſammlung in Frankreich auf eine Art aufgeloͤst, die an den Schluß des langen Parla⸗ ments aus den Zeiten Karls des Erſten erinnert. Buonaparte verſichert, einer der Generale in ſei⸗ nem Gefolge habe ſich erboten, fuͤnfzig Mann ins Verſteck zu legen, um auf die fliehenden Abgeordneten Feuer geben zu laſſen; dieß ſey jedoch von ihm als eine nutzloſe und unnoͤthige Grauſamkeit abgelehnt worden. Das Ergebniß dieſer gewaltthaͤtigen und außeror⸗ dentlichen Maßregel wurde dem Rathe der Alten be⸗ richtet und dabei bemerkt, die Verjagung der Fuͤnf⸗ hundert ſey durch eine an der Perſon Napoleon's ver⸗ ubte Gewaltthaͤtigkeit veranlaßt worden. Nach der Behauptung eines Mitglieds war dieſe Gewaltthaͤtige keit ein Werk von Arena; ein anderes Mitglied ging noch weiter, und verſicherte, Arena habe dieß gethan, weil Buonavarte einige ſeiner uUnterſchleife in Italien 10³ aufgedeckt habe. Der Moniteur ergaͤnzte bald dar⸗ auf dieſe Geſchichte von Arena und ſeinem Dolche, zu einer aus Arena, Marqueszzi und andern mit Piſtolen und Dolchen bewaffneten Abgeordneten beſtehenden Partei. Spaͤterhin hieß es, Buonaparte ſey verwun⸗ det worden, was jedoch keineswegs der Fall war. Das Beiſpiel von Brutus konnte einen Republikani⸗ ſchen, wie Arena war, allerdings zu dem verleiten, was man ihm Schuld gibt; aber das Daſeyn einer Partei, die mit Sackpiſtolen und Dolchen in der Ab⸗ ſicht bewaffnet war, regelmaͤßigen Truppen Wider⸗ ſtand zu leiſten, iſt eine Behauptung, die keine Pruͤ⸗ fung aushaͤlt und keinen Glauben verdient. Arena laͤugnete die That oͤffentlich, und unter den vielen Zeugen dieſes Auftritts fand ſich keiner, der ſich auf etwas Anderes berufen haͤtte, als auf den Umſtand, daß ein Dolch und der zerriſſene Aermel eines Gre⸗ nadiers auf dem Fußboden gefunden worden, was ſich aber auf verſchiedene Weiſe erklaͤren laͤßt. Da jedoch dieſes Geruͤcht zur Rechtfertigung der ſtrengen Maßregeln, die man ergriffen hatte, dienen konnte, ſo ließ man es nicht verhallen. Der Grenadier Tho⸗ mé ward von dem geſetzgebenden Koͤrper oͤffentlich als ein Mann belobt, der ſich um das Vaterland verdient gemacht habe, von dem General zur Tafel gezogen und von deſſen Gemahlin mit einem Gruße beehrt und reichlich beſchenkt. Es wurden auch noch audere Geruͤchte, die gewaltthaͤtigen Anſchlaͤge der 104 Jakobiner betreffend, in Umlauf gebracht. Es hieß, der Revolutionsmann Santerre habe einen Aufſtand in der Vorſtadt St. Antoine bewirken wollen, und ſey nur durch die Drohung, daß man ihn vor ein Kriegs⸗ gericht ſtellen und erſchießen laſſen werde, davon ab⸗ gehalten worden. Die Wahrheit iſt, daß, obgleich die Volkspartei wirklich damit umgegangen war, die Regierung von Neuem revolutionaͤr zu machen und den republikani⸗ ſchen Charakter derſelben wieder herzuſtellen, man ihr auf eine fuͤr ſie uͤberraſchende Weiſe durch die Revo⸗ lution vom 18ten und 19ten Brumaire zuvorgekom⸗ men iſt,— das letztere demnach ſich nicht als eine devenſive Maßregel rechtfertigen laͤßt. Sie ſindet ihre Entſchuldigung einzig in der allerdings unwiderlegba⸗ ren Behauptung, daß, wie die Sachen ſtanden, ein Kampf nicht mehr zu vermeiden und es daher der gemaͤßigten Partei durch die Klugheit geboten war, den erſten Streich zu fuͤhren, ſelbſt auf die Gefahr hin, des erſten Angriffs beſchuldigt zu werden. Der Rath der Alten hatte zuerſt uͤber die Ver⸗ wendung der bewaffneten Macht gegen den andern Zweig der Volksvertretung einige Unruhe und Be⸗ ſorgniſſe geaͤuſſert. Nachdem Lucian Buonaparte aber wieder ungefaͤhr hundert Mitglieder des Raths der Fuͤnfhundert zuſammengebracht und dieſelben beredet hatte, ſich als eine von allen Diſſidenten nunmehr gereinigte geſetzgebende Verſammlung wieder zu con⸗ 1⁰⁵ ſtituiren, erſtattete er in ſeiner Eigenſchaft als Praͤſi⸗ dent dem Rathe der Alten uͤber alles, was vorgegan⸗ gen war, einen Bericht, mit dem dieſer ſich gerne beruhigte. Beide Rathe vertagten ſich hierauf bis zum 19ten Februar 1800, nachdem der eine wie der andere ſeine Gewalt einem Ausſchuſſe von fuͤnfund⸗ zwanzig Mitgliedern mit der Weiſung uͤbertragen hatte, bis zur Wiedereinberufung der geſetzgebenden Verſammlungen eine neue Verſaſſung zu entwer⸗ fen. Zugleich wurde eine proviſoriſche Regierung, aus Buonaparte, Sieyes und Roger Ducos beſtehend, niedergeſetzt. Sonach war der Sieg vom 18ten und 19ten Bru⸗ maire durch die Feder wie durch das Schwerdt ſicher⸗ geſtellt. Die Sieger hatten nun zu uͤberlegen, wie ſie denſelben benuͤtzen wollten. —-—— Fuͤnftes Kapitel. Folgen des Sieges vom 18ten und 19ten Brumaire.— Milde der neuen Konſularregierung.— Verbeſſerung des Juſtandes der Finanzen.— Abſchaffung des Geſetzes der Geißeln.— Wiederherſtellung der Gewiſſensfreiheit.— Verbeſſerungen im Kriegsdepartement.— Unterwerfung der Chouans und Beilegung der Unruhen in der Vendee.— Uebvergewicht 1⁰6 Napoleon's in dem Konſulate.— Abbé Sieyes fieht ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht.— Ein Komite wird nie⸗ dergeſetzt, um deſſen Conſtitutionsplan zu prüfen;— derſelbe wird theilweiſe angenommen;— im Weſentlichen aber ver⸗ worſen.— Ein neuer Entwurf wird beliebt, der, bis auf die Form, durchaus monarchiſch iſt.— Sieyes zieht ſich mit einer Penſton ins Privatleben zurück.— Würdigung der neuen Regierungsform.— Deſpotiſche Gewalt des erſten Konſuls.— Betrachtungen über Buonaparte'’s Benehmen bei dieſer Gelegenheit. Der uͤber das Direktorium und die Demokraten am 18ten und 19ten Brumaire errungene Sieg war der franzoͤſiſchen Nation im Ganzen genommen will⸗ kommen. Das Freiheitsfieber, im Jahre 1792 noch die vorherrſchende Krankheit, war durch das viele Blutvergießen waͤhrend der Schreckenszeit abgekuͤhlt worden; ſelbſt die aͤchten und gemaͤßigten Ideen von Freiheit hatten ihre Geltung verloren, als verwandt mit den Grundſatzen, auf die man ſich bei allen Graͤu⸗ eln in jener ſchrecklichen Zeit berufen hatte. Die große Maſſe der Nation kuͤmmerte ſich nicht laͤnger um eine Buͤrgſchaft fuͤr metaphyſiſche Rechte; durch Leiden niedergedruͤckt, ſehnte ſie ſich nach Ruhe, bereit, ſich jeder Regierung zu unterwerfen, die ihr die ge⸗ woͤhnlichen Wohlthaten der Civiliſation gewaͤhren konnte. Buonaparte und Sieyes— denn beide waren nur kurze Zeit mit einander einverſtanden— wurden dadurch der Nothwendigkeit uͤberhoben, ihre zerſpreng⸗ 107 ten Gegner verfolgen und ausrotten zu muͤſſen; und ſo ſahen die Franzoſen eine Revolution zu ihren Gun⸗ ſten bewirkt, und zwar durch eine militäͤriſche Ge⸗ walt, ohne daß ein Tropfen Blutes gefloſſen waͤre. Wie aber bei allen bisherigen Revolution en, ſo wur⸗ den auch dießmal Proſcriptionsliſten entworfen, und neunundfuͤnfzig der Hauptwiderſacher der am 18ten und 19ten Brumaire aufgekommenen Regierung ohne alles geſetzliche Verfahren, blos durch einen Macht⸗ ſpruch der Konſuln, zur Deportation verurtheilt. Sieyes ſoll dieſe ungerechte und willkuͤhrliche Maßre⸗ gel, die als rach⸗ und verfolgungsſuͤchtig dem Volke ſehr mißfiel, in Vorſchlag gebracht haben. Sie kam indeſſen nicht zur Ausfuͤhrung; es fanden vorerſt Ausnahmen fuͤr diejenigen Statt, die ſich fuͤgſam zeigten; ſpaͤter ließ man die Sache ganz fallen und begnugte ſich, die widerſpenſtigeren Demokraten unter polizeiliche Aufſicht zu ſtellen. Durch dieſe auf das Bewußtſeyn ihrer Kraft gegruͤndete Milde konnte die neue Regierung nur gewinnen; die Oppoſition, die ſich einerſeits aller Hoffnung beraubt, andererſeits nicht zur Verzweiflung getrieben ſah, lernte ſich all⸗ maͤhlig fügen. Die Demokraten, oder wie man ſie jetzt nannte, die Anarchiſten, verloren entweder ganz den Muth, oder ließen doch in ihrem Eifer nach; und nur einige wenige Enthuſiaſten wagten es noch, laut die Grundſatze zu bekennen, welche auch nur im Geringſten in Zweifel zu ziehen, vor wenigen 108 Monaten noch ein todeswuͤrdiges Verbrechen geweſen waͤre. Andere hoͤchſt wichtige Konſularbeſchluͤſſe hatten zum Zweck, die Laſten, welche die vorige Regierung auf das Volk gehaͤuft und wodurch ſie ſich ſo unbe⸗ liebt gemacht hatte, zu erleichtern; zwei der druͤckend⸗ ſten Maßregeln des Direktoriums wurden unverzuͤg⸗ lich aufgehoben. Der erſte jener Beſchluͤſſe bezog ſich auf die Finanzen, die in dem elendeſten Zuſtande und auf ein Syſtem von gezwungenen Anlehen, die nach dem Steuerfuße ausgeſchrieben wurden, gegruͤndet waren. Gaudin, der neue Finanzminiſter, war Tag und Nacht damit beſchaͤftigt, dieſes verderbliche Sy⸗ ſtem abzuſchaffen, und gerieth auf den Gedanken, alle Steuern, ſowohl die direkten als die indirekten, fuͤr einmal um 25 Procent zu vermehren, was eine ge⸗ waltige Summe in den oͤffentlichen Schatz brachte. Er fuͤhrte Ordnung in allen Zweigen der Finanzver⸗ waltung ein, ordnete und vermehrte den Ertrag aus den Staatsguͤtern und erweckte durch die Maͤßigung und den Erfolg ſeiner Unternehmungen ſo viel Ver⸗ trauen, daß der oͤffentliche Kredit ſich zu heben be⸗ gann und in kurzer Zeik betraͤchtliche Anlehen unter billigen Bedingungen gemacht werden konnten. Die Aufhebung des Geſetzes der Geißeln war eine nicht minder populaͤre Maßregel. Dieſe grauſa⸗ me und unvernuͤnftige Verordnung, welche die betag⸗ ten und ſchwachen Angehoͤrigen, die ſchutzloſen Frauen 1⁰9 und die verlaſſenen Kinder der Ausgewanderten oder der bewaffneten Royaliſten fuͤr das Betragen ihrer Verwandten verantwortlich machte, ward auf der Stel⸗ le abgeſchafft. Boten eilten nach allen Gegenden, um die Gefangniſſe zu oͤffnen, und dieſe Handlung der Gerechtigkeit und Menſchlichkeit wurde als Buͤrgſchaft einer wiederkehrenden Maͤßigung und Großmuth ge⸗ prieſen. Auch zur Hebung des religioͤſen Zwieſpalts, durch welchen das Land ſo lange zerruͤttet worden war, wurden Vorkehrungen getroffen. Buonaparte, vor kurzem noch von der Wahrheit der Sendung Muha⸗ med's großentheils uberzeugt, ſollte, ſo wollte es die Vorſehung, den chriſtlichen Glauben in Frankreich wieder herſtellen. Die heidniſchen Mummereien ei⸗ ues Reveillere⸗Lepaur wurden einſtimmig abgethan und die Kirchen dem allgemeinen Gottesdienſte zuruͤck⸗ gegeben; die Geiſtlichen, die der Regierung den Eid der Treue leiſteten, erhielten Ruhegehalte, und mehr als zwanziatauſend Krrchendiener, die zufolge der un⸗ duldſamen Geſetze im Kerker ſchmachteten, wurden unter derſelben Bedingung in Freiheit geſetzt. Oef⸗ fentliche und haͤusliche Andachtsuͤbungen wurden ge⸗ ſtattet und in Schutz genommen, und die Decaden⸗ tage oder theophilantropiſchen Feſttage abgeſchafft. Selbſt die irdiſchen Ueberreſte des Pabſtes Pius VI., der zu Valence im Eril verſtorben war, wurden nicht vergeſſen, fondern mit allen, dem Verſtorbenen ge⸗ 1¹⁰ buͤhrenden, Ehrenbezeigungen beſtattet, und zwar auf ausdruͤcklichen Befehl deſſelben Mannes, der die paͤbſt⸗ liche Gewalt zuerſt gebrochen und hiedurch, wie er ſich in ſeinen aͤgyptiſchen Proklamationen ruͤhmte, das Sinnbild des Chriſtenthums zerſtoͤrt hatte. Buonaparte war mit der Art, wie ſich der Ju⸗ ſtizminiſter Cambacérès in der Revolution des Bru⸗ maire benommen, ſehr zufrieden, und bediente ſich dieſes gemaͤßigten Mannes zur Ausfuͤhrung der ge⸗ linden Maßregeln, die er beſchloſſen hatte. Camba⸗ cérès war ein vorzuͤglicher Rechtsgelehrter, ein Mann von Einſicht und Kenntnißen, und unter ſeiner Ver⸗ waltung wurden die ſtrengen Geſetze gegen die Aus⸗ gewanderten gemildert. Neun von dieſen, aus den aͤlteſten Familien Frankreichs, waren durch einen Sturm bei Calais an die franzoͤſiſche Kuͤſte als Schiff⸗ bruͤchige verſchlagen worden, und ſollten auf Befehl der Direktoren vor Gericht geſtellt, wie Emigranten, die ohne Erlaubniß den franzoͤſiſchen Boden betreten hatten, behandelt und folglich nach den Geſetzen mit dem Tode beſtraft werden. Buonaparte dachte groß⸗ muͤthiger, erklaͤrte, es ſey hier von keiner freiwilli⸗ gen Handlung, ſondern von einer unausweichlichen Nothwendigkeit die Rede, und entließ ſie ſaͤmmtlich. Mit derſelben politiſchen Milde wurden Lafayet⸗ te, Latour⸗Maubours und andere, die, ungeachtet ihrer demokratiſchen Geſinnungen, blos weil ſie darin ein gewiſſes Maß beobachtet hatten, aus Frankreich 111 vertrieben worden waren, in ihr Vaterland zuruͤckbe⸗ rufen. 4 Es verſteht ſich von ſelbſt, daß auch das Kriegs⸗ weſen durch Buonaparte eine gaͤnzliche Reform erlitt. Dubois Crancé, Kriegsminiſter unter den Direkto⸗ ren, wurde durch Berthier erſetzt. Napoleon ſchildert uns die Unfaͤhigkeit des zuerſt genannten mit den grellſten Farben und behauptet, er habe, in Ermang⸗ lung regelmoͤßiger Berichte von den Regimentern, uͤber den Stand der Armee nicht die geringſte Aus⸗ kunft geben koͤnnen; es ſeyen verſchiedene neue Korps in den Departements errichtet worden, ohne daß der Kriegsminiſter darum gewußt; wegen des Soldes, der Verpflegung und der Bekleidung zu Rede geſtellt, habe er geantwortet, die Entgeltung, Verpflegung und Bekleidung der Truppen ſey nie die Sache des Kriegsdepartements geweſen Dieß iſt vielleicht uͤber⸗ trieben, weil Navoleon den Dubois Crancsé, als ſei⸗ nen perſoͤnlichen Gegner, nicht leiden mochte; aber die Nachlaͤßigkeit und Verdorbenheit der Direktorial⸗ regierung machen die Sache doch wahrſcheinlich. Durch die Thaͤtigkeit von Berthier, der an Napoleon's Ge⸗ ſchaͤftsweiſe gewoͤhnt war, gewann das Kriegsweſen gar bald eine weit vortheilhaftere Geſtalt. Es ward in dieſer Beziehung noch beſſer, als Carnot nach dem Falle der Direktoren aus ſeinem Exil zuruͤckberufen und an die Spitze des Kriegsde⸗ partements geſtellt wurde. Er blieb jedoch nur kurze 11² Zeit auf dieſem Poſten, weil er, ein Demokrat aus Grundſatzen, die perſoͤnliche Erhebung Napoleon's miß⸗ billigte; waͤhrend der Zeit ſeiner Verwaltung hat er aber hinſichtlich der Ordnung in dieſem Fache und der Kriegsplane, die er mit Buonaparte und Mo⸗ reau gemeinſchaftlich entwarf, die wichtigſten Dienſte geleiſtet. Auch die Wunden, die der innere Krieg dem Lande geſchlagen hatte, wußte Napoleon mit derſelben Geſchicklichkeit und demſelben Gluͤck zu heilen. Die Chouans hatten unter verſchiedenen Anfuͤhrern in den weſtlichen Provinzen großen Unfug getrieben; allein der Zweifel an eine Begnadigung, der ſo viele Unzu⸗ friedene zu deren Fahnen trieb, verſchwand allmaͤhlig und die beſaͤnftigenden Maßregeln der neuen Konſu⸗ larregierung trugen viel dazu bei, daß ſie Frieden mit Buonaparte ſchloſſen. Sie thaten dieß um ſo lieber, als viele von ihnen der Meinung waren, der erſte Konſul gehe damit um, allmaͤhlig, und wie die Gelegenheit ſich dazu darbot, die Wiederherſellung der Bourbons zu vollenden. Manche von den Haͤup⸗ tern der Chouans unterwarfen ſich ihm, und ließen ſich in der Folge ſein Regiment gefallen. Dieß tha⸗ ten insbeſondere die Haͤupter der koͤniglichen Armee⸗ Chatillon, Suzannet, D'Autichamp, unter Bedingun⸗ gen, die, weil ſie liberal waren, auch von ihnen red⸗ lich gehalten wurden. Selbſt Bernier, Rektor von St. Lo, ein in der Veydée vielvermoͤgender Mann, bequemte 11³ bequemte ſich zum Frieden, und ward nachmals zum Biſchof von Orleans ernannt und von Buonaparte zum Abſchluſſe eines Concordats mit dem Pabſte als Unterhaͤndler gebraucht. Graf Ludwig Frotté, ein unternehwender und hochherziger junger Edelmann, weigerte ſich lange, mit Buonaparte zu unterhandeln; ſo auch Georg Cadoudal, ein Bauer aus dem Bezirke von Morb han, der, ſeiner Tuͤchtigkeit, Unerſchrockenheit, ſeines Unternehmungsgeiſtes und ſeiner Klugheit wegen, von ſeinen Landsleuten zum Anfuͤhrer erwaͤhlt worden war. Frotté wurde verrathen und in dem Hauſe von Guidal, des Kommandanten von Alencon, der ihm Freundſchaft geheuchelt und verſprochen hatte, guͤnſti⸗ ge Bedingungen fuͤr ihn auszuwirken, verhaftet, mit acht oder neun ſeiner Offiziere vor ein Kriegsgericht geſtellt und zum Tode verurtheilt. Sie gingen Hand in Hand mit einander auf den Richtplatz, zeigten bis zum letzten Augenblicke dieſelbe Haltung, betheu⸗ erten ihre Anhaͤnglichkeit an die Sache, fuͤr die ſie litten, und ſtarben mit dem groͤßten Heldenmuthe. Georg Cadoudal, der nun allein ſtand, konnte den Burgerkrieg nicht laͤnger fuͤhren, und legte einſtwei⸗ len die Waſſen nieder. Buonaparte, der zufolge ſeiner Politik ſo viele und ſo verſchiedene Maͤnner wie moͤg⸗ lich mit der neuen Ordnung der Dinge verſoͤhnen wollte, welche Rolle ſie auch fruͤher geſpielt haben mochten, wenn ſie nur fuͤr die Zukunft ihm Treue W. Scott's Werke. XX. 8 114 gelobten, gab ſich alle erdenkliche Muͤhe, dieſen kuͤh⸗ nen Bretagner fuͤr ſich zu gewinnen. Er hatte mit ihm eine perſönliche Zuſammenkunft, angeblich auf Verlangen von Georg Cadoudal, welches letztere in⸗ deſſen nicht ſehr wahrſcheinlich iſt, wenn man anders nicht annehmen will, Cadoudal habe ſich uͤberzeugen wollen, ob Buonaparte nicht allenfalls etwas fuͤr die Bourbons zu thun geſonnen ſey. Auf jeden Fall hat er nichts fuͤr ſich verlangt, ſintemal Buonaparte of⸗ ſen bekennt, daß er mit allen ſeinen Zuſagen, mit allen ſeinen Gruͤnden nichts uͤber ihn vermocht habe, daß er unbekehrt und der Sache getren geblieben ſey, fuͤr die er ſo oft und mit ſo verzweiſeltem Muthe gefochten hatte. Buonaparte wollte auch als Beſchuͤtzer des Voͤl⸗ kerrechts glänzen. Der Senat von Hambung hatte Napper Tandy Blackwell, und anbere Irlaͤnder, die in die fur ihr Vaterland ſo verderbliche Revolution verwickelt waren, an England ausgeliefert. Der erſte Konſul nahm dieſes ſehr uͤbel und hielt den zittern⸗ den Abgeordneten der freien Stadt eine Vorleſung uͤber die Rechte der neutralen Laͤnder, die ſpaͤter durch die Kataſtrophe des ungluͤcklichen Herzogs von Eng⸗ hien auf eine ſeltſame Weiſe kommentirt wurde. Waͤhrend Buonaparte ſolchergeſtalt die innern Unruhen zu ſtillen und die Huͤlfsquellen des Landes wieder ergiebig zu machen ſuchte, war die Frage, durch wen und auf welche Weiſe der Staat regiert 3 115 werden ſollte, der Gegenſtand einer beſondern Bera⸗ thung. Es unterliegt kaum einem Zweiſel, daß Sieyes als er die Revolution vom Brumaire unternahm, zu ſeinem mülitaͤriſchen Gehuͤlſen einen ganz andern Mann als Napoleon gewuͤnſcht haben mag. Ihm mußte irgend ein General taugen, der auſſer ſeinem Kriegshandwerke nichts verſtand und ſich mit einer ſeinen beſchraͤnkten Anſichten und Fäͤhigkeiten ange⸗ meſſenen Macht begnuͤgte. Allein der ſchlaue Pfaffe ſah wohl ein, daß nach der Zuruͤckkunft Napoleon's aus Aegypten der militariſche Gehuͤlfe, deſſen er be⸗ durfte, ihm gegeben war, und daß Buonaparte nichts Geringeres, als den Antheil des voͤwen anſprechen wuͤrde. Gleich bei dem erſten Zuſammentritt der Kon⸗ ſuln, wo Roger Ducos auf die Seite Napoleon's uͤber⸗ trat, uͤberzeugte ſich Sieyes, daß er ſeine Anſpruͤche auf die erſte Stelle im Staate, zu der ihn feine Freunde befoͤrdert wunſchten, nicht werde geltend ma⸗ chen koͤnne. In ſeiner Bewerbung um die Stelle des erſten Konſuls hatte er auf die Stimme von Ro⸗ ger Ducos gerechnet; allein dieſer ſah beſſer, wo der Schwerpunkt des Konſularſyſtems geſucht werden muͤſſe.„General!“ ſagte er gleich in der erſten Kon⸗ ſularſitzung zu Napoleon,„der Vorſitz gebuhrt Ihnen „von Rechts wegen,“ worauf dieſer ohneweiters den Praͤſidentenſtuhl einnahm. Sieyes hatte gehofft, daß der General im Laufe der Berathungen ſeine Antraͤge 8„. 116 blos auf das Kriegsweſen beſchraͤnken wuͤrde, und jetzt mußte er hoͤren, wie dieſer auch uͤber alle Ge⸗ genſtaͤnde, die in das Fach der Politik, der Finanzen, des Kirchen⸗ und Juſtizweſens einſchlugen, ſich mit der groͤßten Beſtimmtheit und Feſtigkeit ausſprach. Er ſchien mit einem Worte einen ſelbſtſtaͤndigen und unabhaͤngigen Gehülfen ſo ſehr entbehren zu koͤn⸗ nen, daß Sieves ſchon in der erſten Sitzung erkann⸗ te, es ſey fuͤr ihn nichts mehr zu hoffen und die Revolution habe ihr Ziel erreicht. Bei ſeiner Zuruͤck⸗ kehr nach Hauſe ſagte er zu Talleyrand, Boulay, Roͤ⸗ derer, Chabanis und andern Staatsmaͤnnern, mit denen er die Revolution des 18ten Brumaire bera⸗ then und vorbereitet harte:„Meine Herren! bekuͤm⸗ „mern Sie ſich nicht laͤnger um Staatsangelegenhei⸗ „ten; wir haben einen Herrn— Buonaparte weiß⸗ vermag und will Alles.“ Aus dieſer Aeußerung konnten diejenigen, an die ſie gerichtet war, ſchließen, daß der naͤchſte und un⸗ mittelbare Zweck der Revolution verfehlt ſey; daß die Regierung nicht laͤnger auf einer volksthuͤmlichen Grundlage beruhe, ſondern daß alle Regierungsmaßre⸗ geln in weit groͤßerem Maße, als es je unter den Bourbons der Fall geweſen, von der Willkuͤhr und dem Gutduͤnken eines einzigen Mannes abhaͤngen wuͤrde. Man fuͤhlte inzwiſchen die Nothwendigkeit, ohne laͤngern Aufſchub irgend eine Regierungsform ſeſtzu⸗ ——,— 417 ſetzen und dadurch zunaͤchſt die nochmalige Einberu⸗ fung der beiden, bis zum 4g9ten Februar vertagten Raͤthe zu beſeitigen. Vorlaͤufig wurde der Amtseid der Staatsdiener, in welchem die Verfaſſung des Jahres drei ausdruͤcklich war, in die allgemeine Zu⸗ ſage, der Sache der franzoͤſiſchen Nation treu zu blei⸗ ben, umgewandelt. Man dachte nicht daran, das Gewiſſen derjenigen, die den Eid in ſeiner urſpruͤng⸗ lichen Form geleiſtet hatten, zu beſchwichtigen, und ſcheint dergleichen auch nicht einmal fuͤr noͤthig gehal⸗ ten zu haben. Die drei Konſuln und die geſetzgebenden Aus⸗ ſchuͤſſe wurden ſofort zu einer Behoͤrde vereinigt, um eine neue Verfaſſung zu entwerfen und zunaͤchſt den Entwurf, auf den ſich Sieyes ſo viel zu gut that und den ſeine Freunde mit dem ſchmeichelhafteſten Beiſalle beehrt hatten, in Pruͤfung zu nehmen. Er ſcheint aber ſeinen Plan nur ungern und nur ſtuͤckweiſe vor⸗ gelegt zu haben; er mochte uͤberzengt ſeyn, daß der⸗ ſelbe nicht ganz angenommen, ſondern in vielen Punk⸗ ten verſtuͤmmelt werden wuͤrde, je nach dem Gutduͤn⸗ tes des Diktators, von deſſen durchgreifender Macht er ſeine Anhaͤnger bereits in Kenntniß geſetzt hatte. Als jedoch ſeine Kollegen in ihn drangen, ruͤckte der metaphpſiſche Politiker mit ſeinem Plane einer hierarchiſchen Volksvertretung heraus. Dieſe ſollte auf der Wahl des Volkes und eines Erhaltungsſenates bernhen. Die Beſtimmung des letztern war, nicht 548 nur die Geſetze der Republik zu wahren, ſondern auch alle zu hoch ſtrebenden Maͤnner, die ſich irgend einen Mißbrauch der Gewalt zu Schulden kommen ließen zu abſorbiren, wie man es nannte, das heißt in ſich aufzunehmen und dadurch unſchaͤdlich zu machen, ungefaͤhr wie man in alten Zeiten die boͤſen Geiſter durch Beſchwoͤrungen in den Abgrund des rothen Meeres gebannt haben ſoll. Hierauf entwickelte er ſeine Ideen uͤber eine geſetzgebende Verſammlung, die ohne Debatten abſtimmen und entſcheiden ſollte,— und uber ein Tribunat, dem es zukam, die Maßre⸗ geln der Regierung entweder zu empfehlen oder zu ruͤgen. Dieſe Grundzuͤge wurden beifaͤllig aufgenom⸗ men, weil ſie etwas Dauerhafteres und Bleibenderes zu verſprechen ſchienen, als die vielen Conſtitutionen, die ſeit 1792 ſo raſch auf einander gefolgt waren. Allein der Vorſchlag, die vollziehende Gewalt ei⸗ nem Großwaͤhler zu uͤbertragen, aus dem Sieyes in Wahrheit einen Schlaraffenkonig machen wollte, mach⸗ te kein Gluͤck. Vergebens ſuchte er Napoleon dadurch zu koͤdern, daß er dieſem, aller wahren Gewalt be⸗ raubten Koͤnig ein großes Einkommen, eine Leil an⸗ che, Ehren und Rang zutheilte. So viele Auszeich⸗ nungen auf einen Staatsbeamten haͤufen, deſſen Ge⸗ ſchaͤfte ſich auf die Wahl von zwei Konſuln beſchraͤnk⸗ te, die ohne ſein Zuthun alle militaͤriſchen und poli⸗ tiſchen Angelegenheiten des Staats zu beſorgen hat⸗ ten, war ſo viel, als in einem modernen Staate 119 alle Gebrechen eines morſchen aſiatiſchen Reiches ein⸗ fuͤhren, wo der Sultan oder Mogul, oder wie man ihn nennen mag, in ſeinem Harem ſchaelgt, waͤhrend ſeine Veziere oder Stellvertreter alle oͤffentlichen Ge⸗ ſchaͤfte ausſchließlich treiben. Ueber dieſes Machwerk entruͤſtet, ſagte Buona⸗ parte:„Wer moͤchte ein folches Amt ubernehmen, bei „dem man nichts zu thun haͤtte, als mit einem Mil⸗ „lionen betragenden Einkommen ſich wie ein Schwein „zu maͤſten?— Oder wie koͤnnte ein Mann von Geiſt „ſich mit der Ernennung von Miniſtern befaſſen, de⸗ „nen er nachher nicht das Mindeſte zu ſagen haͤtte? „Und Ihre beiden Konſuln, von denen der eine mit „Richtern, Geiſtlichen und Civiliſten, der andere mit „Militaͤrs und Diolomaten umgeben iſt,— in wei⸗ „chem Verhaltniſſe ſtehen ſie zu einander? Der eine „wird Geld und Rekruten verlangen, der andere bei⸗ „des verweigern. Durch eine ſolche Trennung noth⸗ „wendig verbundener Gewalten wuͤrde die Regierung „aller Einheit ermangeln; der Staat waͤre nur noch „ein Schattenbild, ohne Bedeutung und Wuͤrde.“ Sieyes, der bei allen ſeinen uͤbrigen Talenten doch die Gabe der Ueberredung und der alzzeit ferti⸗ gen Antworten nicht beſaß, wurde zum Stillſchweigen gebracht und eingeſchuͤchtert; ſein geliebter Großwaͤh⸗ ler und ſeine zwei Konſuln oder Veziere wurden ver⸗ worfen, ohne daß er etwas Erhebliches zur Rettung derſelben vorgebracht haͤtte. 1²⁰ Doch behielt das Syſtem, das jetzt angenommen wurde, noch einige ſchwache Aehnlichkeit mit dem von Sieyes vorgeſchlagenen. Es wurden drei Konſuln be⸗ liebt, wovon der erſte zu allen Staatsaͤmtern ernen⸗ nen und Uber alle oͤffentlichen Maßregeln entſcheiden, ſich auch uͤber Alles mit den beiden andern Konſuln berathen ſollte. Durch den erſten Konſul wurde die Verfaſſung Frankreichs auf das monarchiſche Prinzip zuruͤckgefuͤhrt; die beiden andern waren nur ein An⸗ haͤngſel, um einſtweilen die Republikaner zu beſchwich⸗ tigen, die auf einen ſolchen Ruͤckſchritt noch nicht ge⸗ faßt waren. Man bot dem Abbé die Stelle eines ſolchen un⸗ tergeordneten Konſuls an; dieſer lehnte ſie aber ab,⸗ mit der Erklaͤrung, daß er ſich von den Staatsge⸗ ſchaͤften zuruͤckzuziehen wuͤnſche. Er mochte ſich aller⸗ dings ſehr gekraͤnkt fuͤhlen, als er ſah, daß er, nach⸗ dem die von ihm eingeleitete Verſchwoͤrung gelungen war, nur eine Nebenrolle zu ſpielen habe; er war jedoch nicht ſtolz genug, um eine Geldentſchaͤdigung auszuſchlagen. Buonaparte ließ ihm bei weitem den groͤßten Theil des Privatſchatzes, den die Erdirektoren aufgeſpart hatten. Dieſer ſoll ſich auf etwa ſechsmal⸗ hunderttauſend Franken belaufen haben, was Sieres einen Apfel fuͤr den Durſt nannte. Er erhielt auch die ſchoͤne Domaͤne Crosne, ſammt deren Zube⸗ hörden; und, um ihm das Geſchenk annehmlicher zu machen und zugleich ſeiner Zartheit zu ſchonen, ward „ 7 1 121 ihm durch ein beſonderes Dekret dieſer Beweis der Nationaldankbarkeit gleichſam aufgedrungen. Die Stelle eines Senators gab ihm Wuͤrde, und der damit ver⸗ bundene jaͤhrliche Gehalt von fuͤnfundzwanzigtauſend Franken, machte ſeine Lage noch behaglicher. Kurz, dieſer beruͤhmte Metaphyſiker verſchwand als Staats⸗ mann, und ließ ſich, um ſeinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, in einem Genußleben abſorbiren, das er mit dem Schleier des Geheimniſſes zu verhuͤllen ſuchte. Durch dieſen Zug von Hab⸗ und Genußſucht verlor Sieyes, ungeachtet ſeiner Faͤhigkeiten, gar ſehr die Achtung ſeiner Landsleute; und Buonaparte mag dieß wohl vorausgeſehen haben, als er ihn mit Reich⸗ thuͤmern uͤberhaͤufte. Anlangend die neue Verfaſſung, ſo wurde dem Oberkonſul eine ſolche Fuͤlle von Gewalt uͤbertragen, als haͤtte Frankreich, um ſeine bisherige Eiferſucht auf die Traͤger der vollziehenden Gewalt zu ſuͤhnen, mit einemmal jedes Hinderniß wegraͤnmen wollen, das dem nach willkuͤhrlicher Gewalt ſtrebenden Staatschef etwa noch im Wege ſtand. Von ihm allein wurden die Staatsraͤthe, die Miniſter, die Geſandten, die Civilbeamten und beinahe faſt alle Funkiionärs er⸗ nannt. An ihm war es, alle neuen Geſetze in Vor⸗ ſchlag zu bringen und alle Vorkehrungen zur innern und aͤußern Sicherheit des Staates zu treffen. Alle bewaffnete Macht ſtand unter ſeinen Befehlen; er hatte die Aufſicht uͤber alle innern und auswaͤrtigen 12² Verhaͤltniſſe der Nation; die Muͤnze wurde mit ſei⸗ nem Blldniſſe ausgepraͤgt. Ueber alle dieſe oͤffentli⸗ chen Angelegenheiten berieth er ſich mit den zwei ihm beigeordneten Konſuln und einem Staatsrathe, an deren Gutachten er jedoch nicht gebunden war. Die Konſuln ſollten auf zehn Jahre gewaͤhlt werden und hierauf wieder waͤhlbar ſeyn. Der Plan des Abbé Sieyes, das Volk in drei Klaſſen zu theilen, deren jede eine gewiſſe Anzahl von Individuen aus ihrer Mitte als Kandidaten zu gewiſſen Staatsaͤmtern waͤhlen ſollte, wurde dem Schein nach beibehalten. Die Verzeichniſſe dieſer waͤhlbaren Individuen ſollten dem Erhaltungsſenate zugefertigt werden, der gleichfalls von Sieyes entlehnt war, Die Mitglieder dieſer Koͤrperſchaft, der hoͤch⸗ ſten und erlauchteſten im Staate, behielten ihre Stel⸗ len lebenslaͤnglich und bezogen einen anſehnlichen Ge⸗ halt; es durften ihrer nicht uͤber achtzig ſeyn; wenn einer von ihnen abging, ſo waͤhlten ſie ſeinen Nach⸗ folger aus einer Liſte von drei Kandidaten, von denen der eine von dem erſten Konſul, der andere von dem geſetzgebenden Koͤrper, der dritte von dem Tribungte vorgeſchlagen werden mußte. Die Senatoren konnten nie wieder ein anderes Amt verſehen; ihre Obliegen⸗ heit war, die Verzeichniſſe der zu Staatsſtellen waͤhl⸗ baren Kandidaren in Empfang zu nehmen, und ſolche Geſetze oder Verordnungen, die ihnen, es ſey von der Regierung oder von dem Tr bunate, als verfaſſungs⸗ 42⁵ widrig oder unpolitiſch angegeben wurden, fuͤr nichtig zu erklaͤren; die Sitzungen des Senats waren nicht oͤffentlich. Der geſetzgebende Koͤrper und das Tribunat von Sieyes wurden in die neue Verfaſſung Frankreichs gleichfalls aufgenommen. Jener ſollte die von dieſem genehmigten Geſetzesent twuͤrfe in Erwaͤgung ziehen und dieſelben ohne alle Debatte durch Stimmenmehr⸗ heit entweder annehmen oder verwerſen. Das Tribunat dagegen war eine berathende Ver⸗ ſammlung, welcher der erſte Konſul und ſein Staats⸗ rath, denen allein die Initiative zuſtand, diejenigen Geſetze vorſchlugen, die ſie fuͤr zweckmaͤßig hielten. Wenn dieſe Vorſchlaͤge im Tribunat eroͤrtert und durch die ſtillſchweigende Einwilligung des geſetzgebenden Koͤrpers geuehmigt waren, ſo wurden ſie in Form von Dekreten bekannt gemacht und hatten alsdaun geſetzliche Kraft. Der geſetzgebende Koͤrper entſchied uͤber die ihm vorgelegte Frage, entweder bejahend oder verneinend, nach Anhörung des Gutachtens des Tri⸗ bunats, das ihm durch eine Deputation dieſes Kolle⸗ giums überbracht wurde. Wichtigere Gegenſtaͤnde, wie z. B. Krieg und Frieden, mußten von dem Overkon⸗ ſul bei dem Tribunate in Vorſchlag gebracht, von die⸗ ſem dem geſetzgebenden Korper empfohlen und durch ine aus der Mitte des letztern gewaͤhlten Kommiſſion genehmigt werden. Allein hiedurch wurde die Macht des Oberkonſuls eben nicht ſehr beengt, weil derglei⸗ 4124 chen Gegenſtaͤnde nur zufolge ſeines Antrags und nur in einem geheimen Ausſchuſſe eroͤrtert werden durf⸗ ten, ſo daß das vorzuͤglichſte Hinderniß der deſpoti⸗ ſchen Gewalt, das Gewicht der oͤffentlichen Meinung, durch die Oeffentlichkeit der Debatten erzeugt, gaͤnz⸗ lich fehlte. Auch der fluͤchtigſte Blick auf die Konſularregier⸗ ung gewaͤhrt die Ueberzeugung, daß Buonaparte aus dem ſo ſinnreich gedachten Verfaſſungsentwurfe von Sieyes gerade nur biejenigen Beſtimmungen aushob, die ihm in ſeinem Streben nach einer unumſchraͤnkten deſpotiſchen Gewalt ſorderlich ſeyn konnten, waͤhrend er, mit Ausnahme des Tribunats, alle Inſtitute ver⸗ warf, durch welche die vollziehende Gewalt auch nur einigermaßen haͤtte in Schranken gehalten werden können. Durch die von dem Volke anzufertigenden Verzeichniſſe von waͤhlbaren Kandidaten, die an die Stelle einer wirklichen Wahl von Volksvertretern ka⸗ men, wurde die einzige wahre Schutzwache der Frei⸗ heit zu einer metaphyſiſchen und abſtrakten Idee ver⸗ fluͤchtigt. Man kann allerdings ſagen, daß das Anſe⸗ hen eines aus den Nationalliſten gewaͤhkten Beamten urſpruͤnglich vom Volke ausgegangen ſey, weil, wenn das Volk ſeinen Namen nicht auf die Liſte geſetzt haͤt⸗ te, er nicht haͤtte gewaͤhlt werden koͤnnen. Allein es iſt ein himmelweiter Unterſchied zwiſchen der Befug⸗ niß, einen einzelnen beſtimmten Vertreter zu waͤhlen, und derjenigen, tauſende von Individuen zu benen⸗ 125„ nen, von denen einer ſo gut wie der andere zum Stellvertreter gewaͤhlt werden kann; jene erſte Befug⸗ niß aber ward jetzt auf die weit unbedeutendere zweite beſchraͤnkt, und dieß war auch der faule Fleck in dem Syſteme von Sieyes, und der haͤrteſte Schlag fuͤr die Freiheit, die nur durch eine voͤllig freie, unmittelbar vom Volke ausgehende Wahl ſeiner Stellvertreter geſichert werden kann. Alle die Gleichgewichte, und Hemmniſſe, die Sieyes an die Stelle des Inſtituts der freien Vol S⸗ wahlen geſetzt hatte, wurden zur Seite geſchafft; die uͤbrig gebliebenen Bruchſtuͤcke ſeines Syſtems mußten dagegen zu Stufen dienen, auf denen Buonaparte zu einem Deſpotenthrone hinanſtieg. Sieyes wollte ſei⸗ nen Großwaͤhler zu einer bloßen Verzierung zum Schlußſtein ſeines Staatsgebaͤudes, gleichſam zu einem vergoldeten Knopfe auf einem Kirchthurme machen; er ſollte ein Herrſcher ohne Gewalt, ein muͤßiger Koͤ⸗ nig ſeyn und an den zwei Konſuln zwei Hausmaier (Maires du Palais) haben. Buonaparte dagegen legte die ganze vollziehende Gewalt, ſammt der ausſchließ⸗ lichen Initiative zu allen Geſetzen in die Hand des erſten Konſuls und machte die beiden uͤbrigen zu blo⸗ ßen. Anhaͤngſeln, die man nach Gefallen bei Seite ſchie⸗ ben konnte. Auch waren die uͤbrigen conſtitutionellen Behoͤr⸗ den keineswegs dazu geeignet, der wachſenden Macht dieſes algewaltigen Staatsbeamten Einhalt zu thun; 126 ſie waren eigentlich mehr nicht als Gnadenſoͤldner. Sowohl der Senat in ſeinen geheimen Sitzungen, als der ſtumme geſetzgebende Koͤrper blieben der oͤffentli⸗ chen Meinung, wie dieſe ihnen, entfremdek. Die hundert Tribunen allein hatten noch das Recht, ſich in oͤffentlichen Debatten auszuſprechen. Allein ſie wa⸗ ren vom Senate und nicht vom Volke gewaͤhlt und konnten nur in metaphyſiſchem Spotte Volksvertreter genannt werden; ſie vertraten dieſes ungefaͤhr wie eine Flaſche Branntwein die Fruchtkörner vertritt, aus denen ſie abgezogen iſt. Wo haͤtten hundert gewaͤhlte Maͤnner den Muth und die Unabhaͤngigkeit hergenommen, um jene vor⸗ herrſchende Macht zu bekämpfen, die, gleich einer Dampfmaſchine, die ganze Verfaſſung in Bewegung fetzte. Die Tribunen hatten auch zu erwaͤgen, daß ſie nur vier Jahre im Amte blieben, und daß die Senatoren dagegen ihre Stellen lebenslaͤnglich behiel⸗ ten; die Beſoͤrderung aus dem Tribunate in den Se⸗ nat mußte wuͤnſchenswerth erſcheinen, konnte aber nur durch unbedingten Gehor am waͤhrend der Probezeit in dem Tribunate verdient werden. So gering in⸗ deß der Einfluß des Tribunats auch war, ſo erregte dieſer Schein von Freiheit gleichwohl die Eiferſucht Napoleon's, obſchon der Senat, der geſetzgebende Koͤr⸗ per und das Tribunat in Wahrheit nur drei verſchie⸗ dene pfeifen waren, die entweder einzeln oder zuſam⸗ men, wie der Meiſter es haben wollte, ſich hoͤren ließen. V V 127 Frankreich mußte den Muth gar ſehr verloren haben, als es ſich ein ſolches Syſtem der Willuͤhr ohne Debatten und ohne allen Widerſpruch gefallen ließ. Wenn man ſich in die fruͤhere Periode von 1789 zuruͤck denkt, ſo muß man ſich in der That wundern, wie dieſelbe Generation, die im Freiheitstaumel ſo große Ausſchweifungen begangen hatte, ſich nach Ab⸗ lauf von 10 Jahren ſo ganz erſchoͤpft zeigen konnte. Den meiſten war es zunaͤchſt nur um perſoͤnlice Si⸗ cherheit zu thun; ſie mußten ſich, wie ſie glaubten, entweder der Herrſchaft eines tuͤchtigen militaͤriſchen Oberhauptes unbedingt unterwerfen, oder aber die Ruͤckkehr der Anarchie und neue Ausſchweifungen ge⸗ waͤrtigen. Zur Zeit der Sitzungen des von Buonaparte nie⸗ dergeſetzten Geſetzgebungsausſchuſſes aͤußerte die Frau von Stael ihre Beſorgniſſe in Hinſicht auf die Frei⸗ heit gegen einen Volksvertreter, und erhielt von ihm zur Antwort:„Madame! wir koͤnnen uns nicht mehr um die Grundſaͤtze der Revolution, ſondern einzig um die Lebensrettung derjenigen bekuͤmmern, welche die Revolution bewirkt haben.“ In dieſem Ausſchuß ſoll man es mneßr als ein⸗ mal verſucht haben, die uͤbergroße Macht des erſten Konſuls einigermaßen zu beſchraͤnken, oder doch we⸗ nigſtens auf den Fall, wenn dieſelbe mißbraucht wuͤr⸗ de, einige Vorkehrungen zu treffen. Einige Mitglie⸗ der dieſes Ausſchuſſes ſollen ſich bemuͤht haben, Buo⸗ 128 naparte zu uͤberzeugen, daß er durch eine eigenmaͤch⸗ rige Ergreifung der hoͤchſten Staatswuͤrde, ohne ir⸗ gend eine vorhergegangene Wahl, einen Ehrgeiz an den Tag legen wuͤrde, der ihm nachtheilig beim Volke werden koͤnnte. Sie meinten, er ſollte ſich mit der Stelle eines Generaliſſimus, und mit dem Rechte, die auswaͤrtigen Angelegenheiten zu leiten, begnuͤgen, und ſchlugen ihm vor, ſich an die Grenze zu begeben, und ſeinen Siegeslauf fortzuſetzen. Buonaparte zerbiß ſich die Naͤgel, wie er allemal that, wenn er unwillig war, und ſagte trocken:„SIch will in Paris bleiben; ich bin erſter Konſul!“ Chenier wagte es ſogar, die Lehre der Abſorp⸗ tion zur Sprache zu bringen; Buonaparte fiel ihm aber ſogleich in die Rede, und ſagte:„Ich will nichts von einer ſolchen Mummerei; lieber Blut bis an die Kniee!“ Der Ausdruck mag uͤbertrieben ſeyn; allein gewiß iſt es, daß, ſo oft man ihm durch den Sinn fahren oder ſeine Macht beſchranken wollte, die hin⸗ geworfene Andeutung,„er wolle ſich nicht mehr in die Geſchaͤfte mengen“ hinreichend war, die Oypoſition zum Schweigen zu bringen. Dem Ausſchuß blieb keine andere Wahl, als ſich entweder in den Willen des unbeugſamen Chefs zu fuͤgen, oder alle Schreck⸗ niſſe eines blutigen Buͤrgerkrieges zu entſeſſeln. Und ſo waren auf einmal die Tugenden, die Verbrechen, ſo vieles vergoſſene Blut, die ganze Maſſe des menſch⸗ lichen Elends, die ſich aus der Revolution entwickelt und 129. und Frankreich zehn Jahre lang in Bewegung geſetzt hatten, um ihren Zweck gebracht; und die Franzoſen, die in ihrem Streben nach Nationalfreiheit alles, was dem Menſchen theuer iſt, ſelbſt die Menſchenrechte, aufgeopfert und die Segnungen einer vernuͤnftigen Freiheit auch nicht einen einzigen Tag genoſſen hat⸗ ten, wurden in die Gewalt einer deſpotiſchen Regie⸗ rung gegeben, und die Unterthanen eines Gebieters, deſſen Herrſcherrecht nur auf ſeinem Schwerte beruh⸗ te. Einige kurze Betrachtungen daruͤber, wie Buo⸗ naparte in dieſen entſcheldenden Augenblicken ſich be⸗ nehmen konnte oder mußte, ergeben ſich von ſelbſt. Im gewoͤhnlichen Gange des Lebens duͤrfen wir keine Wunder, weder moraliſche, noch phyſiſche erwar⸗ ten. Es hat edeldenkende, hochherzige Maͤnner gege⸗ ben, die ihrem Vaterlande dienten, nur um ihm zu dienen; allein ſolche Maͤnner gehoͤren in eine Zeit, die weniger verdorben war, als die gegenwaͤrtige; ſie waren in den Grundſaͤtzen einer uneigennuͤtzigen Va⸗ terlandsliebe erzogen, denen Frankreich, vielleicht ganz Europa, im achtzehnten Jahrhundert, voͤllig entfrem⸗ det war. Wir duͤrfen alſo canehmen, daß Buonapar⸗ te im Dienſte ſeines Vaterlandes ſein eigenes Inter⸗ eſſe auf irgend eine Weiſe zu befoͤrdern ſuchte, und daß er aus Patriotismus und zugleich aus Selbſtſucht handelte; wir haben nur noch zu unterſuchen, wie heide Zwecke am beſten erreicht werden konnten. Er konnte es ſich etwa zur Aufgabe machen, die W. Seott's Werke. XL⸗ 9 1³⁰ Republit wieder herzuſtellen und zwar in einer beſſern und dauerhafteren Geſtalt, als man es bis jetzt in den verſchiedenen Wechſeln der Revolution verſucht hatte. Allein Buonaparte hatte ſich nun einmal gegen dieſe Regierungsſorm auf das beſtimmteſte ausgeſpro⸗ chen und ſchien unerſchuͤtterlich uͤberzeugt, daß durch die vielen Ungluͤcksfaͤlle, die uͤber das republikaniſche Frankreich gekommen waren, das monarchiſche Syſtem als das fuͤr Frankreich geeignetſte angedeutet ſey. War dieſe Frage einmal entſchieden, ſo kam es dar⸗ auf an, jemanden ausfindig zu machen, dem die koͤ⸗ nigliche Gewalt uͤbertragen werden koͤnnte; ſodann mußte man erwaͤgen, in wiefern das monarchiſche Princip durch Anſtalten zu modificiren ſey, die dem Volke eine Buͤrgſchaft gegen den Mißbrauch der Herr⸗ ſchergewalt gewaͤhrten. Nachdem Buonaparte mit den Republikanern ſchlechthin gebrochen hatte, war es offenbar in ſeiner Gewalt, ſich mit denjenigen zu verſtaͤndigen, welche die Wiedereinſetzung der Bourbons wuͤnſchten und da⸗ mals einen großen Theil der beſſern Volksklaſſen in Frankreich bildeten. Der Name der alten Dynaſtie wurde große Vortheile gewaͤhrt, die Wiederherſtellung derſelben Europa auf einmal den Frieden gebracht und großentheils den Kampf der widerſtreitenden Par⸗ teien beigelegt haben. Die Moglichkeit einer Gegen⸗ revolution unterlag keinem Zweifel, denn was im Jahre 181 geſchehen iſt, haͤtte im Jahre 1899 noch —— ——— 1³⁴ leichter geſchehen koͤnnen(). Alte Ideen waͤren mit alten Namen zuruͤckgekehrt, und zugleich haͤtte der wiedereinberufene Herrſcher ſo weit beſchraͤnkt werden koͤnnen, als es zur Sicherſtellung der Freiheit der Unterthanen noͤthig war. Die europaͤiſchen Haupt⸗ maͤchte wuͤrden auf Verlangen dem franzoͤſiſchen Volke gegen die zu dem angegebenen Zwecke erforderlichen Inſtitutionen verbuͤrgt haben. Abgeſehen davon, daß bei einem ſolchen Gange der Dinge Buonaparte eben nur den Lohn eines hoch⸗ verdienten Unterthanen ausſprechen konnte, ſtanden der Zuruͤckberufung der vorigen Herrſcherfamilie noch manche, ſchon fruͤher bemerkte Hinderniſſe entgegen. Wenn die Ausgewanderten, die Frankreich, in allen Vorurtheilen der Geburt und des Ranges befangen, verlaſſen hatten, wieder zuruͤckkehrten, ſo mußten ſie nothwendig mit allen Kriegs⸗ und Staatsmaͤnnern, die in der Revolution emporgekommen waren, und ſich nicht von ihren Stellen verdraͤngen laſſen wollten, in Widerſtreit gerathen und eine allgemeine Verwir⸗ rung veranlaſſen. Schon dieſer Umſtand machte die Reſtauration zu einer hoͤchſt bedenklichen Sache. Die Frage wegen der Nationaldomaͤnen war noch immer gleich ſchwierig: denn wenn einerſeits die ſtattgefun⸗ denen Verkaͤufe dieſer Guͤter ohne eine gewaltige Er⸗ ſchuͤtterung des Staatskredits nicht angefochten werden konnten, ſo mußten andererſeits die Bourbons auf einer Entſchaͤdigung der Geiſtlichkeit und des Adels 9. 1³² beſtehen, da jene um der Religion willen, dieſer we⸗ gen ſeiner Anhaͤnglichkeit an die Sache des Thrones, Habe und Gut verloren hatte. Es war ferner nicht in Abrede zu ſtellen, daß in der Armee das Vorur⸗ theil gegen die Bourbons die Vorliebe fuͤr die Repu⸗ blik uͤberlebt hatte, und daß, wenn auch die franzöſi⸗ ſchen Soldaten nicht ungerne eine Krone auf dem Haupte ihres Lieblingsgenerals ſehen mochten, ſie doch die Wiederherſtellung der Bourbons, die ſie ſo lange bekaͤmpft hatten, nicht gutheißen konnten. Dieſe Einwendungen gegen die Wiedereinſetzung des alten Herrſcherſtammes waren ſchon an und fuͤr ſich, beſonders aber fuͤr Buonaparte, hoͤchſt bedeutend, der, falls die Bourbons verworfen wurden, hoſſen durfte, auf den Thron des ſo ſehr vergroͤßerten Frank⸗ reichs als unumſchraͤnkter Herrſcher erhoben zu wer⸗ den. Es unterliegt keinem Zweiſel, daß, wenn er die rechtmaͤßigen Anſpruͤche der Bourbons den ſeinigen, die nur auf Gewalt und auf einem gluͤcklichen Zufal⸗ le beruhten, vorgezogen haͤtte, er eine weit edlere, großmuͤthigere und uneigennuͤtzigere Rolle geſpielt ha⸗ ben wuͤrde, als durch Benutzung der Umſtaͤnde, um ſeine eigene Macht zu gruͤnden. Aus dem philoſophi⸗ ſchen Standpunkte betrachtet, wuͤrde eine ſolche Wahl die weiſere und gluͤcklichere geweſen ſeyn. Allein nach der gewoͤhnlichen Anſicht der Dinge war die Verſu⸗ chung allerdings groß, und Buonaparte gewiſſermaſ⸗ ſen nicht ſo, wie mancher andere ſeiner Zeitgenoſſen⸗ 1³³ durch die Verhaͤltniſſe gefeſſelt, und abgehalten, nach der Krone zu greifen, die ſo ganz in ſeinen Bereich geſtellt zu ſeyn ſchien. Welches auch die Rechte der Bourbons ſeyn mochten, ſo waren ſie, abſtrakt betrach⸗ tet, nicht von der Art, daß ſie Napoleon haͤtten Scheu einfloßen koͤnnen. Als die gemeine Stimme Frank⸗ reichs, oder das, was dafuͤr galt, den alten Herr⸗ ſcherſtamm vom Throne vertrieb, war Buonaparte noch nicht oͤffentlich aufgetreten, und eigentlich noch ein Knabe; er hatte bis dahin ſein ganzes Leben dem Dienſte einer faktiſchen Regierung geweiht— wie konnte ihm nun zugemuthet werden, ploͤtzlich und auf einmal das hoͤchſte Spiel, das je ein Menſch geſpielt hat, zum Vortheile eines Koͤnigs aufzugeben, der nur dem Rechte nach Koͤnig war? Es iſt daher wohl nicht zu laͤugnen, daß, wenn auch einige großartige Seelen in ſeiner Lage anders gehandelt haben wuͤrden, Buonaparte dafuͤr, daß er die Stelle, zu der er ſich durch ſeine Talente aufgeſchwungen hatte, zu ſeinem Vortheile benutzte, nicht wohl von irgend jemand ge⸗ tadelt werden darf, der, wenn er die Groͤße der Ver⸗ ſuchung in Anſchlag bringt, bekennen muß, daß es ſchwer war, derſelben zu widerſtehen. So geneigt wir aber auch ſind, den Ehrgeiz zu entſchuldigen, durch welchen Buonaparte vermocht wur⸗ de, in dem neuen Regierungsſyſteme die Hauptrolle zu ſpielen, und ob wir ſogar ſeinen Verehrern ein⸗ raͤumen wollen, er habe blos um der Wohlfahrt Frank⸗ 1³⁴4 reichs willen ſich zum erſten Konſul gemacht, ſo kön⸗ nen wir doch unſere Nachſicht nicht weiter ausdehnen, und es auch nicht einen Augenblick billigen, daß er alle Staatsgewalt bis zur hoͤchſten Uebertreibung in feiner Hand vereinigt, das franzöͤſtſche Volk jedes Anſpruchs auf Freiheit beraubt und ihm nicht die mindeſte Schutzwehr gegen die Tyranney gelaſſen hat. Man ſage nicht, das Volk habe den unſchaͤtzbaren Werth der Freiheit gar nicht gekannt, und ſich nur deſſen begeben, was er nicht behaupten konnte. Wer ein Kleinod entwendet, kann ſich doch nicht damit entſchuldigen, daß er ſagt, der Eigenthuͤmer habe den gerth deſſelben gar nicht gekannt; der Straßenraub bleibt ein Verbrechen, auch wenn der wehrloſe Be⸗ raubte keinen Widerſtand geleiſtet hat, den eer mit — dem Tode haͤtte buͤßen muͤſſen. Als das Haupt einer wohleingerichteten und gemaͤßigten Monarchie wuͤrde Buonaparte ſein eigenes Intereſſe ſogar weit beſſer bedacht haben, als dadurch, daß er die Seele eines rieſenhaften Deſpotismus ſeyn wollte. Die Gewaͤhr⸗ ung einiger Rechte wuͤrde die entzweiten Faktionen vereinigt, und ihre Blicke auf den Chef der Regie⸗ rung, ihren gemeinſchaftlichen Wohlthaͤter, gerichtet haben; die conſtitutionellen Vorrechte, die er fuͤr die Krone in Anſpruch nahm, waͤren willig anerkannt und geachtet worden, wenn er dem Volke dagegen auch ein vernuͤnftiges Maß von Freiheit gegoͤnnt haͤtte. Eine ſolche conſtitutionelle Gegenmacht im Staate 1³⁵⁵ wuͤrde fuͤr ihn eben ſo nuͤtzlich geweſen ſeyn, als fuͤr das Volk. Jene unermeßlichen Eroberungsplane, die ſo viel Blut gekoſtet, ſo viel Unheil veranlaßt haben, wuͤrden alsdann nicht zur Ausfuͤhrung gekommen, ſondern durch die conſtitutionelle Oppoſition verhindert worden ſeyn, die dadurch fuͤr ihn eben ſo wohlthaͤtig geworden waͤre, als es fuͤr einen Wahnſinnigen die Bande ſind, durch die er, wenn ihn ſeine Wuth be⸗ faͤllt, verhindert wird, ſich und Andern zu ſchaden. Von kriegeriſchen Unternehmungen abgehalten, wuͤrde Buonaparte die ganze Kraft ſeines Geiſtes auf die Begluͤckung ſeines Reiches verwendet, und dadurch, wie ſo manche andere Fuͤrſten, ſein Herrſcherrecht ergaͤnzt haben. Er konnte zwar nie der rechtmaͤßige Erbe der Monarchie, aber doch einer der wuͤrdigſten und verdienteſten Fuͤrſten werden, die je den Zepter gefuͤhrt haben. Haͤtte er eine, den Willen der Na⸗ tion ausſprechende, der ſeinigen zugeordnete und die⸗ ſe zuͤgelnde Gewalt neben ſich geduldet, ſo waͤre die Ueberziehung von Spanien und der Krieg gegen Ruß⸗ land unterblieben und kein kaiſerliches Dekret gegen den brittiſchen Handel erlaſſen worden. Das Volk, das den Druck dieſer gewaltthaͤtigen und verderblichen Maßregeln zuerſt fuͤhlen mußte, wuͤrde ſich gleich an⸗ fangs denſelben widerſetzt haben. Endlich waͤre ſelbſt der Sturz Napoleon's nicht erfolgt; er wuͤrde, aller Wahrſcheinlichkeit nach, auf dem Throne Frankreichs als Stifter einer neuen Dynaſtie geſtorben ſeyn, und 136 einen Nachruhm hinterlaßen haben, der nur von dem Ruhme deßjenigen Sterblichen uͤbertroffen werden konnte, welcher, nachdem er ſich aͤhnliche Verdienſte um ſein Vaterland erworben, jede Befriedigung ſei⸗ nes perſonlichen Ehrgeitzes verſchmaht haͤtte. Kurz, wir koͤnnen nicht umhin, es als die Ver⸗ irrung und als das Verbrechen Napoleon's zu bezeich⸗ nen, daß er durch den Mißbrauch der ihm zufolge des 18ten Brumatre gewordenen Gewalt die Freiheit Frankreichs, oder vielmehr die Hoffnung deſſelben ei⸗ ne freie und dauerhafte Verfaſſung zu erſtreben, ver⸗ nichtet hat. Es hing von ihm ab, ein Vater ſeines Volkes zu werden— er wolkte lieber ein anmaßender Deſpot ſeyn; die Rolle eines Washington's war ihm beſchieden— er griff nach der eines Cromwell's.