¹ —2 — —— A — ——— — — 1 8— Leihbi hek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büche 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mtr. 59 Pf. 2 Mk.— Pf. .„„—„ 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ Walter Scott's ſaͤmmtliche. Wer ke. —— Neu uͤberſetzt. 3 Neun und dreißigſter Band. 3 Leben von Napoleon Buonaparte. 1 Zehnter Theil. —— . Stuttgar t, bei Gebruder Franckh. 1827. Leben von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revo⸗ lution. Von Walter Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Zehnter Thetl. Stuttgant, bei Gehrüder Franckh. 11 3 2 7. Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel. Unterwürfiges Benehmen von Venedia.— Napoleons Rede an die venetianiſchen Abgeordneten.— Er erklärt den Krieg gegen Venedis und umgehet den Befehl des Direktoriums, inne zu halten.— Der große Rath verſammelt ſich am 31. Mai, be⸗ willigt alles was Napoleon verlangt, und geht ſchreckensvoll auseinander.— Bedingungen des franzöſtſchen Generals. Der Oligarchie war ihr Urtheil geſprochen, ehe noch Buonaparte uber die noriſchen und juͤliſchen Alpen zuruͤckging, um daſſelbe zu vollſtrecken. In einem aus der Hauptſtadt von Oberſteiermark an den Doge erlaßſenen Schreiben machte Napoleon dem Senat die bitterſten Vorwuͤrfe daruͤber, daß er ſeine Großmuth mit Verraͤtherei und Undank vergolten habe, und verlangt, daß er durch den Adjudanten, der das Schreiben uͤberbrachte, antworten ſolle, ob er Krieg oder Frieden wolle. Er bewilligt ihm endl ich W. Scotts Werke. XXXINX. 1 „babt Ihr den Krieg! Es ſtand bei mir, nach Wien nur eine Friſt von vierundzwanzig Stunden, um die aufgeſtandenen Bauern zur Ruhe zu bringen, und ſich ſeiner Gnade zu unterwerfen. Junot, in den Sitzungsſaal des Senats eingeführt, ſprach die Drohungen ſeines Gebieters in dem bar⸗ ſchen und rauhen Done eines von der Pike aufgeſtiè⸗ genen Soldaten aus, und vermehrte dadurch noch den Schrecken der zitternden Nobili. Der Senat antwortete in einer demuͤthigenden Bittſchrift und fertigte einige ſeiner Mitgkieder ab, um den Zorn Napoleons zu be⸗ ſaͤnftigen. Dieſe Abgeoröneten ſollten Zeugen eine jener heftigen Ausbruͤche ſeyn, die bei dieſem auſſer⸗ ordentlichen Manne nicht ſelten waren, denen er aber in manchen Fͤllen gefliſſentlich den Lauf ließ, um die⸗ jenigen, mit denen er zu thun hatte, zu ſchrecken. „Sind die Gefangenen in Freiheit geſetzt?“ fuhr er ſie an, ohne auf ihre Buͤcklinge zu achten. Sie erwieder⸗ ten„gernd, ſie haͤtten die in dem Aufſtandskriege ge⸗ fangenen Franzoſen, Polen und Brescianer wieder ent⸗ laſſen. Buonaparte ſchrie:„Ich will alle,— alle ha⸗ „ben! auch die, welche wegen ihrer politiſchen Mei⸗ „nungen verhaftet ſind. Ich breche auf, um Eure „Kerker bei der Thraͤnenbruͤcke zu zerſtoͤren:— es ſoll „Denk⸗ und Redefreiheit feyn!— Weg mit Eurer In⸗ „guiſition— wenn die Gefangenen nicht auf der Stelle „in Freiheit geſetzt werden, wenan nicht der engliſche „Geſandte entlaſſen und das Volk entwaffnet wird, ſo 7 „zu gehen, aber ich habe mit dem Kaiſer Friede ge⸗ „ſchloſſen.— Ich habe 80,000 Mann und 20 Kano⸗ „nenboͤte.— Von der Inquiſition will ich nichts mehr „hoͤren, auch nichts vom Senat!— Ich werde Euch „Euer Geſetz vorſchreiben.— Venedig ſoll an mir ſei⸗ „nen Attila haben!— Koͤnnt Ihr Euer Volk nicht „entwaffnen, ſo werde Ich es thun.— Eure Regie⸗ „rung iſt veraltet,— ſie muß vollends zuſammen⸗ „fallen.—— Als Buonaparte in dieſen abgebrochenen, aber doch inhaltſchweren Drohworten zu den Abgeordneten, die vor ihm ſtanden, wie der Argantes des italieniſchen Heldendichters ſprach,— als er ihnen zwiſchen Krieg und Frieden die Wahl ließ, wie ein hoͤheres Weſen, dem alle Gewalt uͤber ſie gegeben war, wußte er noch nichts von dem Blutbade zu Verona, noch nichts von dem Umſtande, daß die Batterien des Forts Lido auf ein franzoͤſiſches Schiff, das, um zwei oͤſterreichiſchen Kriegsſchiffen zu entkommen, in den Hafen einlaufen wollte, Feuer gegeben, daſſelbe in Grund gebohrt, den Kapitaͤn und einige Matroſen getoͤdtet hatten. Durch dieſe neuen Nachrichten mußte der Zorn Napoleons aufs Hoͤchſte gebracht werden. Als jetzt die erſchreckten Abgeordneten mit der groͤßten Vorſicht etwas von einer Geldbuße fallen ließen, war Napoleons Antwort eines Roͤmers wuͤrdig: „Und koͤnntet Ihr mir alle Schaͤtze von Peru an⸗ „bieten,— das ganze Land mit Gold belegen, ſy „waͤre das noch keine Suͤhne fuͤr das franzoͤſiſche „Blut, das treuloſer Weiſe vergoſſen worden iſt Dem zufolge erklaͤrte er am 3ten Mai der Republik Venedig den Krieg; der franzoͤſiſche Miniſter mußte die Stadt verlaſſen; die franzoͤſiſchen Truppen und die neuen italieniſchen Republiken erhielten zu gleicher Zeit den Befehl, vorzuruͤcken, und uͤberall auf ihrem Wege den gefluͤgelten Loͤwen von St. Marcus, das alte Zei⸗ chen venetianiſcher Oberherrſchaft zu vertilgen. Die Kriegserklaͤrung iſt von Palma Nuova datirt. Schon waren die franzoͤſiſchen Truppen an der ve⸗ netianiſchen Grenze in Thaͤtigkeit; ſo auch La Hotze, ein merkwuͤrdiger Mann, der die bewaffnete Macht der neuen italieniſchen Republiken und die Streitkraͤfte der Staͤdte Brescia und Bergamo, die gleichfalls nach Un⸗ abhaͤngigkeit ſtretten, befehligte. Er war von Geburt ein Schweizer und ein trefflicher junger Offizier, und damals dem franz ſiſchen Freiheitsſyſteme ganz erge⸗ ben; doch aͤnderte er in der Folge ſeine Grundſaͤtze ſo ſehr, daß er, wie wir zu ſeiner Zeit bemerken werden, in den Reihen der Oeſterreicher fiel. Die erſchrockenen Senatoren von Venedig zeigten ſich ihrer Altvordern, der Zeno, Dandolo und Moro⸗ ſini, die einſt die Chriſtenheit vertheidigt und den Anmaſ⸗ ſungen des Pabſtes mannhaft widerſtanden hatten, voͤllig unwuͤrdig. Sie wußen fur ſich nichts beſſeres zu thun, als jene goldenen Beſaͤnftigungsmittel, die Napoleon ſo unſanft abgelehnt hatte, in Paris zu verſuchen. Na⸗ 9 poleon verſichert, ſie haͤtten dort mit dieſen gewichtigen Gruͤnden Eingang gefunden. Das Direktorium, durch zehn Millionen Franken, die von Venedig in Wech⸗ ſelbriefen nach Paris abgingen, gewonnen, ertheilte ſeinem General in Italien den Befehl, den alten Se⸗ nat und die Ariſtokratie zu verſchonen. Allein der Be⸗ richt uͤber dieſe Verhandlung und uͤber die Vertheilung der uͤberſchickten Gelder kam mit andern Briefſa aften, die zu Mailand aufgefangen wurden, in die Haͤnde Napoleons. Die Regierungsmitglieder, die durch dieſe Urkunde der Beſtechung und der Unterſchlagung von Staatsgeldern uͤberfuͤhrt werden konnten, mußten ſchweigen, und Buonaparte nahm es auf ſich, die erhal⸗ tenen Befehle durchaus nicht zu beachten, zunaͤchſt unter dem Vorwande, daß dieſelben nicht in der gehoͤrigen Form abgefaßt ſeyen. Der Senat von Venedig„ durch die aͤußerſte Ge⸗ fahr, in der er ſich befand, mehr betaͤubt als aufge⸗ regt, war am 3oſten April in den Gemaͤchern des Doge in einer geheimen Sitzung verſammelt, als von dem Befehlshaber der venetianiſchen Flotille die Meldung ein⸗ ging, daß die Franzoſen in der Niederung zunaͤchſt den Lagunen, Schanzen aufwuͤrfen— Lagunen nennt man die ſeichten Kanaͤle, durch welche die kleinen In⸗ ſeln, auf denen die amphibienartige Beherrſcherin des adriatiſchen Meeres erbaut iſt, von einander und von dem Feſtlande geſchieden werden.— Der wackere Seemann erbot ſich zugleich in ſeiner ſchlichten Spra⸗ 10. che, dieſe Schanzen, noch ehe ſie fertig würden, mit ſeinem Geſchuͤtze wegzufegen, ſo daß es die Verſamm⸗ lung hoͤren koͤnne. Nichts waͤre in der That leichter geweſen, als die Lagunen gegen einen Feind zu ver⸗ theidigen, der ungeachtet der Prahlereien Napoleon’s, auch nicht ein einziges Boot hatte. Allein eine Aeb⸗ tiſſin oder ein Nonnen⸗Konvent waͤre durch dieſen Vorſchlag kaum mehr in Verlegenheit gekommen, als dieſe entarteten Edlen. Doch ein Gefuͤhl der Scham behielt noch die Oberhand, und der Senat, obgleich vor den Folgen ſeines Befehls zitternd, wies dem Admiral an, zum Werk zu ſchreiten. Gleich nach der Ausfertigung dieſes Befehls ertoͤnte der Kanonen⸗ donner diesſeits und jenſeits;— die venetianiſchen Kanonenboͤte feuerten auf den Vortrab der franzoͤſi⸗ ſchen Armee, der bei Fufina zum Vorſchein kam. Um einen ſo ominoͤſen Laͤrm zu beſchwichtigen wurden zwei Bevollmaͤcheigte abgefertigt, um bei dem franzoͤſiſchen bergeneral Fuͤrſprache zu thun; damit kein Aufenthalt entſtuͤnde, wollte der Dogs ſelbſt uͤber das Reſultat Bericht erſtatten. Der große Rath ward am Iſten Mai wieder zuſam⸗ menberufen; todtenbleich und außer Faſſung erklaͤrte der Doge, es gebe kein anderes Rettungsmittel, als die Aufnahme einiger demokratiſchen Elemente in b. e Verfaſfung unter der Leitung des Generals Buonaparte; d. h. die ganze Staatsverfaſung von Benedig ſolite zu den Fuͤßen des Siegers niedergelegt und von ihm r 11 nach ſeinem Gutduͤnken umgemodelt werden. Von ſechshundert und neunzig Patriziern ſtimmten nur einundzwanzig gegen den Antrag. Zwar ſollten die Bedingungen, zu welchen man ſich verſtehen wollte, der Durchſicht des großen Raths unterliegen; allein dieſe Clauſel konnte unter dieſen Umſtaͤnden nur dazu dienen, den Schein zu retten; die Unterwerfung mußte als unbedingt und vollkommen betrachtet worden ſeyn. In Mitte dieſer Niedergeſchlagenheit und Verwir⸗ rung, die ſich der Regiernng bemaͤchtigte, ſuchte ein gewandter Intrigant(der Sekretaͤr des franzoͤſiſchen Geſandten in Venedig, deſſen Prinzipal abgereiſt war) die Venetianiſche Regierung zu dem Akt eines voͤlligen Selbſtmords zu vermoͤgen, um Buonaparte die Verle⸗ genheit und das etwaige Aufſehen zu erſparen, das die gaͤnzliche Vernichtung des Daſeyns einer Republik machen mußte.. Am 9ten Mai draͤngten ſich, als der Ausſchuß des großen Raths in geheimer Berathung bei dem Doge war, zwei Fremde in dieſe Berathungen ein, die bis⸗ her— ſo argwoͤhnifch war die Strenge der Oligar⸗ chie— wie die uͤberirdiſcher Wefen erfchienen, die diejenigen toͤdten, welche ſie anzublieken wagen. Allein jetzt hatte Niedergeſchlagenheit, Verwirrung und Furcht von dieſen geheimen und myſtiſchen Kammern alle Baͤchter entfernt, und diefe furchtbaren Gemaͤcher der Oligarchie, wo in fruͤhern Tagen ein Diener oder Lik⸗ tor der Regierung fuͤr zu lautes Auftreten, geſchweige 12 denn fuͤr das Kapitalverbrechen, mehr gehoͤrt zu haben, als in ſeine Kenntniſſe kommen durfte, mit dem Tode beſtraft wurde, der Zudringlichkeit von Fremden Preis gegeben, ſo war nun alles dieß zu Ende; ohne Wi⸗ derrede oder Verweis wurde den zwei Fremden geſtat⸗ tet, mit dem Senate in ſchriftliche Korreſpondenz zu⸗ treten. Ihr Rath, der den Don eines Befehles an⸗ nahm, ging dahin, den beabſichtigten Reformen Frank⸗ reichs zuvorzukommen— die gegenwaͤrtige Regierung aufzuloͤſen— ihre ſlavoniſchen Soldaten abzudanken— den Freiheitsbaum auf dem Sankt Markusplatz auf⸗ zupflanzen, und noch andere volksthuͤmliche Maßregeln aͤhnlicher Art zu treffen; von denen die geringſte noch vor wenigen Monaten demjenigen, der es gewagt haͤtte, darauf hinzudeuten, den Hals gebrochen haͤtte. Ein engliſcher Satyriker erzaͤhlte uns von einem Mann, den ſein beredter Freund uͤberredete, ſich zu haͤngen, um ſich das Leben zu retten*). Die Geſchichte von dem Fall Venedigs rechtfertigt die Kuͤhnheit dieſer Satyre. Es laͤßt ſich nicht wohl denken, daß Buo⸗ naparte haͤtte weiter gehen koͤnnen, noch iſt es mög⸗ lich, daß er haͤtte weiter gehen wollen, als hier em⸗ pfohlen wurde. 4 4 Da die freundlichen Nathgeder angedeutet hatten, daß die groͤßte Eile von Noͤthen ſey, ſo eilte der Aus⸗ ſchuß dergeſtalt, daß ſie drei Tage nach empfangener *) Doktoe Arbutbnot in der Geſchichte des John Bull. 15 Weiſung ihr Gutachten dem großen Rathe vorlegten, und mittlerweile bereits die Aufloͤſung ihrer Regierung und die Unterwerfung ihrer Stadt damit begannen, daß ſie ihre Flotte abtakelten, und ihre Soldaten ab⸗ dankten. Endlich verſammelte ſich der große Rath am 3. Mai. Der Doge hatte ſich ſo eben in einer pathetiſchen Rede uͤber die aͤußerſte Noth, in welche der Staat ge⸗ kommen, zu verbreiten angefangen, als unordent⸗ liche Schuͤſſe aus Feuergewehren gerade unter den Fen⸗ ſtern des Stadthauſes fielen. Alle ſchraken auf in hoͤch⸗ ſter Beſtuͤrzung. Einige meinten, die Slavonier pluͤn⸗ derten die Stadt; einige, die niedern Volksklaſſen haͤtten ſich gegen den Adel erhoben; wieder andere meinten, die Franzoſen waͤren in Venedig eingerückt, und in der Pluͤnderung und Zerſtoͤrung der Stadt begriffen. Die er⸗ ſchrockenen und furchtſamen Rathsherren unterſuchten den wirklichen Grund dieſer Stoͤrung nicht naͤher, ſon⸗ dern draͤngten ſich gleich Schaafen auf dem ihnen an⸗ gewieſenen Wege fort. Sie eilten, ihre alte Regie⸗ rung alles Anſehens zu berauben, und ihr Dodes⸗ urtheil zu unterſchreiben,— ſie thaten noch Alles hinzu,⸗ was das Opfer für Buonaparte genehmer machen konnte — ſie trennten ſich in großer Verwirrung, allein mit der Ueberzeugung, die beſten der ihnen zur Daͤmpfung der Unruhen zu Gebot ſtehenden Maßregeln getroffen zu haben, indem ſie den Wuͤnſchen der vorherrſchen⸗ 14 den Partei entgegen kaͤmen. Allein dieß war durch⸗ aus nicht der Fall. Im Gegentheil hatten ſie das Ungluͤck, zu finden, daß der Aufſtand, wozu das Ab⸗ feuern der Gewehre das Signal gab, nicht gegen die Ariſtokraten, ſondern gegen diejenigen gerichtet war, welche die Vernichtung ihrer National⸗Unabhaͤngigkeit in Vorſchlag brachten. Bewaffnete Rotten ſchrieen; „hoch lebe Sankt Markus, Verderben uͤber die Herr⸗ ſchaft der Fremden!“ Andere ſteckten allerdings da⸗ gegen mit der Loſung„Preiheit in Ewigkeit“ drei⸗ farbige Fahnen auf. Die abgedankten und menterſſchen Soldaten miſch⸗ ten ſich in die feindlichen Banden, und bedrohten die Stadt mit Feuer und Plünderung. In Mitte dieſer furchtbaren Verwirrung und waͤh⸗ rend die Parteien aufeinander feuerten, wurde in Eile eine proviſoriſche Regierung ernannt. Man ſchickte Fahrzeuge ab, um 3000. ſranzeſiſche Soldaten in die Stadt zu bringen. Dieſe beſezten den Sankt Markusplatz, wogegen nur wenige Bewohner ſchrieen: der groͤßere Theil, welcher wahr cheinlich die abſcheu⸗ liche Tyrannei der alten Ariſtokratie um nichts weniger fühlte, ſah ihren Fall mit traurigem Schweigen an, weil mit den alten Inſtitutionen ihres Paterlandes, deren Verluſt zwar zum größten Theil nicht zu bedauern war, auch die Ehre und die Unabhangigkeit des Etna⸗ des ſelbſt verloren ging⸗ Die Bedingungen, melche die Franzoſen zug eſtan⸗ 15 den, oder vielmehr vorſchrieben, waren, ſo weit ſte bekannt wurden, ziemlich gemaͤßigt. Sie kündigten an, daß die fremden Truppen nur ſo lange gegenwaͤrtig blieben, als es zur Unterhaltung des Friedens in Ve⸗ nedig nothwendig waͤre— ſie leiſteten Garantie fuͤr die Staatsſchuld und die Ausbezahlung der Jahrgelder an den verarmten Adel. Sie verlangten zwar die Fortſetzung der Verfolgung gegen den Befehlshaber des Forts Luco, der auf das franzoͤſiſche Schiff hatte feuern laſſen; allein alle andern wurden begnadigt, und Buo⸗ naparte ließ nachmals den Vorfall in Vergeſſenheit kommen, was vermuthen ließ, daß alle dieſe Schritte nicht ſo ernſtlich gemeint waren, als man ſich den Anſchein gab. Fuͤnf geheime, weniger erfreuliche Artikel waren dieſen Bedingungen angehaͤngt. Einer betraf die ver⸗ ſchiedenen Laͤnderaustauſche, die bereits auf Koſten Venedigs zwiſchen Oeſterreich und Frankreich feſtgeſetzt waren. Der zweite und dritte verlangten die baare Bezahlung von drei Million Franken, und eben ſo viel an Schiffsgeraͤth. Ein vierter ſchrieb die Abtre⸗ tung von drei voͤllig ausgeruͤſteten Kriegsſchiffen und zwei Fregatten vor. Ein fuͤnfter verlangte in dem gewohnten Styl der franzoͤſiſchen Gier die Auslieferung von zwanzig Gemaͤlden und fuͤnfhundert Manuſcripten. Man wird ſpiter finden, welche Vortheile ſich die Venetianer durch alle dieſe unbilligen Bedingungen erkauften. Im Augenblick wußten ſie, daß die For⸗ 16 derungen dahin gingen, die Garantie einer unabhaͤn⸗ gigen Exiſtenz ihres Staates als einer Demokratie zu erhalten. Mittlerweile mußte die Nothwendigkeit, Mittel fuͤr die Befriedigung der Raubgier der Fran⸗ zoſen aufzubringen, die proviſoriſche Regierung zu ge⸗ zwungenen Ankehen ermaͤchtigen, und auf dieſe Weiſe beraubten ſie, allem Gaſtrecht zum Trotz, den Herzog von Modena(welcher ſich bei dem erſten Eintritt Na⸗ poleons in die Lombardei nach Venedig gefluͤchtet hatte) der ihm noch uͤbrigen Schaͤtze, die ſich auf 190/000 Zechinen beliefen. Zweites Kapitel. Napoleons Liebes⸗Correſpondenz mit Joſephine.— Sein Hof zu Montebello.— Unterhandlungen und Beluſtigungen daſelbſt.— Genua.— Revolutionärer Geiſt der Genueſer.— Sie empören ſich, werden aber von der Regierung zu Paaren getrieben.— Die Franzoſen werden geplündert und eingekerkert.— Buonavarte kegt ſich ins Mittek, und ſchreibt ihnen die Umriſſe einer neuen Regierung vor.— Sardinien.— Neapel.— Die cispadaniſche, transpadaniſche und emilauiſche Republiken, unter dem Namen der eisalpiniſchen Republik vereinigt.— Veltlin.— Graubün den.— Veltlin mit der Lombardei vereinigt.— Großer Gewinn Italiens, der italieniſche Charakter wird durch dieſe Verände rungen gehoben.— Schwierigkeiten bei Schließung eines Frie⸗ dens zwiſchen Frankreich und Orſterreich.— Das Direktorium und Napoleon haben verſchiedene Anſichten.— Der Friedens traktat von Campo Formio.— Buonaparte verabſchiedet ſich von der Armee in Italien, um als franzöſiſcher Bevollmächtigter in Raſtadt aufzut reten. Wenn der Frieden zuruͤckkehrt, bringt er die hei⸗ miſchen Neigungen mit ſich zuruͤck, und bietet die Mit⸗ tel, 17 tel, ſich ihnen hinzugeben. Buonaparte fuͤhlte noch als Braͤutigam, obgleich er ſchon laͤnger als zwei Jahre verheirathet war. Ein Theil ſeines Briefwechſels mit ſeiner Gemahlin wurde erhalten*) und gibt uns ein ſelt⸗ ſames Gemaͤlde eines in der Liebe wie im Kriege gleich feurigen Temperaments. Es wurden Autographie der Briefe gegeben, und es ſcheint kein Grund vorhanden an ihrer Authenticitaͤt zu zweifeln. Folgender Brief mag als Probeſtuͤck dienen, und vielleicht die Meinung eines großen Rechtsgelehrten beſtaͤtigen, daß Liebes⸗ briefe der unausſprechlichſte Unſinn von der Welt fuͤr alle ſcheinen, nur nicht fuͤr die Perſon, die ſie ſchreibt und diejenige, die ſie empfaͤngt.— „Durch welche Kunſt gelang es Ihnen, alle meine Eigenſchaften gefangen zu nehmen, und meine ganze moraliſche Exiſten;z in Ihnen zu vereinigen? Es iſt ein Zauber, meine Liebe, der nur mit meinem Leben enden wird. Zu leben fuͤr Joſephine iſt die Geſchichte meines Lebens. All' mein Sehnen geht nur dahin, Ihnen nahe zu ſeyn. Ich Thor merke nicht, daß ich dadurch die Entfernung zwiſchen uns vergroͤßere. Welche Laͤnder, welche Reiche trennen uns! wie biele —O———O⏑:—’’——4—— *) Er wurde in einem Werke herausgegeben, das den Titel führt:„a Tour through the Netherlands, Holland, Germany, Switzerland, Savoy, and France, in the ears 1821— 2, by Charles Tennant, Esq. Long- mann et Co. London, 2 Vol. 8vo. W. Scott's Werke. XXXIX. 2 18 Zeit vergeht, ehe Sien dieſe ſchwachen Ausdruͤcke eines bekuͤmmerten Gemuͤths vernehmen, in welchem Sie herrſchen! Ach! meine angebetete Gattin, ich weiß nicht, welches Schickſal meiner wartet, wenn es mich aber laͤnger von Ihnen trennt, ſo iſt es unertraͤglich, — fo weit reicht nicht mein Muth. Es war eine Zeit, da war ich ſtolz auf ihn; und wenn ich oft die Uebel betrachtete, die man mir zufuͤgen kann, in dem Schick⸗ fal, das die Vorſehung uͤber mich verhaͤngt haben konnte, ſo heftete ich einen feſten Blick guf das un⸗ erhoͤrteſte Ungluͤck, ohne Verdruß, ohne Unruhe zu empfinden;— allein der Gedanke, daß meine Joſe⸗ phine unwohl, der Gedauke, daß ſie krank ſey, und vor allen der ungluͤckſelige Gedanke, daß ſie mich we⸗ niger lieben koͤnnte, ſaugt meine Seele aus, hemmt mein Blut, macht mich traurig, niedergeſchlagen, und laͤßt mir nicht einmal den Muth des Wahnſinns und der Verzweiſlung. „Fruͤher pflegte ich oft bei mir zu ſagen, die Men⸗ ſchen koͤnnten ihm nichts anhaben, der ohne Bedauern ſtirbt; nun aber iſt Sterben, ohne von Dir geliebt zu ſeyn, Sterben, ohne dieſe Gewißheit, Hoͤllenqual, es iſt das leb iige und ſchneidende Bild einer gaͤnz⸗ lichen Zernichtung. Mir iſt, als erſtickte ich. Meine unvergleichliche Gefaͤhrtin, Du, welche das Schickſal beſtimmt hat, mit mir die mühſame Pilgerſchaft durch das Leben zu machen; der Tag, an welchem ich auf⸗ hoͤren werde, Dein Herz zu beſitzen, wird der Tag 19 ⁴ ſeyn, an welchem die Natur ohne Lebenswaͤrme, und mir abgeſtorb en iſt. „Ich hoͤre auf, fuͤße Liebe, mein Gemuͤth iſt finſter, mein Koͤr per ermuͤdet— mir ſchwindelt— die Menſch⸗ heit verleidet mir, faſt ſollt' ich ſie haſſen— ſie trennt mich von der Geliebten meines Herzens! „Ich bin in Port⸗Maurice, nahe bei Oneille; mor⸗ gen werde ich in Albenga ſeyn, die zwei Armeen ſind in Bewegung,— wir ſuchen einander zu hintergehen — Sieg dem, der ſein Spiel am beſten ſpielt! ich bin aͤußerſt wohl mit Beaulien zufrieden, wenn er mir mehr zu ſchaffen macht, ſo iſt er dafür ein beſſerer Mann als ein Vorgaͤnger. Ich werde ihm, hoff⸗ ich, eine tüchtige Schlappe verſetzen. Werden Sie mir nicht unruhig;— lieben Sie mich wie Ihren Augapfel, — doch das iſt nicht genug, wie ſich ſelbſt, mehr als ſich ſelbſt, als Ihren Gedanken, Ihren Geiſt, Ihren Anblick, Ihr Alles, Suͤße Liebe, vergeben Sie mir, ich erliege. Die Natur iſt zu ſchwach fuͤr den, der ſtark fuͤhlt, fuͤr ihn, der euch liebt.“ Die Sprache des Siegers, der nach Gefallen uͤber Staaten verfuͤgte, und die beruͤhmteſten Feldherrn ſei⸗ ner Zeit uͤberwand, iſt ſo ſchwaͤrmeriſch, als die des arkadiſchen Schaͤfers. Wir koͤnnen die Wahrheit nicht unterdruͤcken, daß ſie in Stellen, die wir wenigſtens nicht anzufuͤhren wagen, ſo undelikat wird, daß ſie trotz der Innigkeit des ehelichen Verhaͤltniſſes ein engliſcher Ehemann nicht gebrauchen, und eine eng⸗ 2.— liſche Frau fuͤr keinen der ehelichen Zuneigung gezie⸗ menden Ausdruck halten wuͤrde; es ſcheint jedoch außer Zweifel, daß die Zuneigung, welche dieſe Briefe aus⸗ ſprechen, vollkommen lauter war, an einer Stelle we⸗ nigſtens ſprach ſie ſich mit der galanteſten Ritterlichkeit aus.—„Wurmſer ſoll die Thraͤnen, die er Sie ver⸗ gießen macht, theuer bezahlen!“ Es ergiebt ſich aus dieſem Briefwechſel, daß Joſe⸗ phine unter dem Schutze von Junot mit ihrem Ehe⸗ gemahl wieder zuſammenkam, als er von Paris zu⸗ rüͤckkehrte, nachdem er ſich ſeines Auftrags, dem Direktorium und den Vertretern des franzoͤſiſchen Vol⸗ kes, die Beaulieu abgenommenen Fahnen und Feld⸗ zeichen zu überliefern, entledigt hatte.. Im December 1796 war Joſephine in Genua, wo ſie mit aller erdenklichen uszeichnung von denen auf⸗ genommen wurde, welche in dieſem Staate der Sache der Franzoſen anhingen, und wo die Geſellſchaft zum Aergerniß der ſtrengen Katholiken auf einem von Monſieur de Serva gegebenen Balle bis ſpaͤt in den Freitag Morgens beiſammen blieb, ohne von der Ge⸗ genwart leines Rathsherrn Kenntniß zu nehmen, der einen Senatsbeſchluß zur würdigeren Feier des Feſt⸗ tags in der Taſche hatte, ihn aber nicht geltend zu machen wagte. Dieß waren jedoch wahrſcheinlich nur gelegentliche Beſuche; nach der Unterzeichnung des Traktats von Leoben, und waͤhrend der vielfachen Unterhandlungen, die ſatt kanden, ehe er zu Staͤnde 21 kam, und zu Campo Formio ratiſizirt wurde, lebte Joſephine in haͤuslicher Geſelligkeit mit ihrem Ehe⸗ gemahl auf dem ſchoͤnen Landſitze oder vielmehr Pal⸗ laſt Montebello. Dieſe durch die wichtigen Unterhandlungen, deren Schauplatz ſie war, ſo beruͤhmte Villa lag wenige Stunden von Mailand entfernt, auf einem ſanften Huͤgel, der eine weite Ausſicht uͤber die fruchtbaren Ebenen der Lombardei gewaͤhrt. Die Frauenzimmer vom hoͤchſten Range ſowohl, als die durch Schoͤnheit beruͤhmteſten— kurz alles, was der Geſellſchaft Reiz verleiht— zollten taͤglich Joſephinen ihre Huldigungen, die ſie mit ſo gluͤcklicher Gewandtheit aufnahm, daß es ſchien, als ob ſie fuͤr die Ausuͤbung ſo hoher Gunſt⸗ bezeugungen geboren waͤre, die der Frau eines ſo ausgezeichneten Mannes, wie Napoleon, zukam. Die Unterhandlungen gingen unter Vergnuͤgen und Luſtbarkeit vor ſich. Die verſchiedenen Miniſter und Geſandten Oeſterreichs, des Pabſtes, der Koͤnige von Neapel und Sardinien, des Herzogs von Parma, der Schweizer Kantone, der verſchiedenen deutſchen Fuͤr⸗ ſten— das Gedraͤnge der Generaͤle, der hohen Staats⸗ beamten, der Abgeordneten aus Staͤdten, das taͤg⸗ liche Ankommen und Abgehen zahlreicher Kouriere, das Geraͤuſch dieſer wichtigen Geſchaͤftigkeit, verbunden mit Feſtlichkeiten und Beluſtigungen, mit Baͤllen und Jagdpartien— gaben das Gemaͤlde eines glaͤnzenden Hofs, und die Verſammtung ward dem zu Folge vom 22 den Italienern der Hof von Montebello genannt, und konnte auch in Betracht der Wichtigkeit alſo heißen; denn die Unterhandlungen, welche hier gepflogen wur⸗ den, ſollten die politiſchen Verhaͤltniſſe Deutſchlands ordnen, das Schickſal des Koͤnigs von Sardinien, der Schweiz, Venedig's, Genuass entſcheiden; alle ſollten aus dem Munde Napoleons die Bedingungen verneh⸗ men, nach welchen ihre National⸗ Exiſtenz verlaͤngert oder geendigt ſeyn ſollte. Montebello war nicht weni⸗ ger der Sitz des Vergnuͤgens. Die Souveraͤne dieſes diplomatiſchen und militaͤriſchen Hofes machten Aus⸗ fluͤge an dem Lago Maggiore, den Lago di Como, die borromaͤiſchen Eilande, und nahmen nach Gefallen die Landhaͤuſer in Beſitz, die ringsum in der anmu⸗ thigen Gegend lagen. Jede Stadt, jedes Dorf ſuchte ſich durch einen⸗beſondern Beweis von Huldigung und Ehrfurcht gegen ihn, den ſie den Relter Italiens nann⸗ ten, auszuzeichnen. Dieß ſind großentheils Worte von Napoleon ſelbſt, der auf dieſe Periode ſeines Le⸗ bens mit waͤrmeren Ruͤckerinnerungen und groͤßerem Genuſſe zuruͤckblickte, als er bei irgend einer andern Gelegenheit konnte. Dies iſt wahrſcheinlich die gluͤck⸗ lichſte Zeit ſeines Lebens. Hoͤhere Ehre, als einem gekroͤnten Haupt, ward ihm zu Theil, und zwar mit aller Wuͤrze der Neuheit, die ſie fuͤr einen ſolchen haben mußte, der noch vor zwei oder drei Jahren in Dunkelheit ſchmachtete. Die Gewalt war ſein, noch hatte er nicht ihre Sorgen und Gefahren empfunden; hohe 23 Hoffnungen wurden auf ihn von Allen um ihn her gebaut, und noch hatte er ſie nicht zerſtoͤrt. Er war in der Bluͤthe der Jugend, und mit dem Weibe ſeines Herzens verbunden. Vor allen aber hatte er jene glühende Hoffnung, die ihn zu noch hoͤherer Macht führen ſollte; er hatte noch nicht gewahrt, daß Beſitz Ueberdruß bringt, und daß alle irdiſchen Begierden und Wuͤnſche wenn ihnen Genuͤge gethan, in Eitelkeit und Unruhe des Geiſtes endigen. Die verſchiedenen Gegenſtaͤnde, welche waͤhrend dieſer großen, jedoch luſt⸗ reichen Zwiſchenzeit Buonaparte's Geiſt beſchaͤftigten, waren die Angelegenheiten Genua's, Sardinien's, Nea⸗ pel's, der cisalpiniſchen Republik, Graubuͤndens, und ſchließlich bei weitem die wichtigſte der endliche Frie⸗ densſchluß mit Oeſterreich, der die Vernichtung der Unhabhaͤngigkeit Venedig's mit ſich brachte. Genua, die ſtolze Nebenbuhlerin Venedig's hatte nie dieſelbe dauernde Wichtigkeit, wie ihre Schweſter⸗ Republik, erhalten; allein der genueſiſche Adel, der immer noch die von Andreas Doria feſtgeſetzte Regie⸗ rung beibehielt, hatte noch mehr Nationalgeiſt und einen kriegeriſchern Sinn bewahrt. Die Nachbarſchaft Frankreichs und die Macht ſeiner politiſchen Grund⸗ ſaͤtze hatte unter den Buͤrgern der mittlern Klaſſe eine Partei aufgebildet, die ſich den Namen der Moran⸗ diſten gab, von einem ſo benannten Klubb, deſſen Auf⸗ gabe war, die Oligarchie zu ſtuͤrzen und die Regierung zu revolutivniren. Der Adel war ihr natuͤrlicher Geg⸗ 24 ner, und ein großer Theil der Bevoͤlkerung, der in großer Verpflichtung gegen erſtern war, und aus ſtren⸗ gen Katholiken beſtand, war bereit, ihn bei ſeiner Ver⸗ theidigung zu unterſtuͤtzen. Die Errichtung zweier italieniſcher Demokratien an dem Po ließen die Genue⸗ ſiſchen Revolntionaͤre glauben, daß es an der Zeit ſey, ihren eigenen Staat durch eine aͤhnliche Feuerprobe der Wiedergeburt gehen zu laſſen, ſie unterſuchten ihre Staͤrke, und kamen bei dem Doge ein, die Regierung, wie ſie jetzt beſtünde, aufzuheben, und dem Staate eine demokratiſche Verfaſſung zu geben. Der Doge ging ſo weit auf ihr Geſuch ein, daß er eine Kommiſſion aus neun Perſonen, von denen fuͤnf plebeiſcher Herkunft waren, ernannte, um uͤber die Mittel, einen volksfreundlicheren Geiſt in die Verfaſ⸗ ſung des Staatess zu bringen, zu herathſchlagen und zu herſahten. Die drei Oberinquiſitoren oder Senſoren des Staa⸗ tes, wie die jedesmaligen Haͤupter der Oligarchie ge⸗ nannt wurden, ſetzten dieſem demokratiſchen Eifer religioͤſen Fanatismus entgegen, ſie gebrauchten den Beichtſtuhl und die Kanzel als Mittel, die guten Ka⸗ tholiken vor der von den Morandiſten verlangten Neue⸗ rung zu warnen— ſetzten das heilige Sakrament aus, ſtellten Prozeſſionen und oͤffentliche Gebete an, als ob das Land von einer Landung von Algier bedroht waͤre. Mitlerweile griffen die Morandiſten zu den Waf⸗ fen, ſteikten die franzoͤſiſchen Fahnen auf, und im 25 Wahne, ihr Unternehmen muͤßte durchaus gelingen, beſetzten ſie das Arſenalthor und das zu dem Hafen. Allein ihr Triumph war kurz. Zehntauſend bewaffnete Arbeiter ſtiegen wie aus der Erde hervor unter der Anfüͤhrung ihrer Buͤrger⸗Anwalde, oder Municipal⸗ beamten mit dem Rufe,„viva Maria!“ und ent⸗ ſchieden für die Ariſtokratie. Die Aufruͤhrer wurden gaͤnzlich geſchlagen und gendthigt, ſich in ihre Haͤuſer zu verſchließen, wo ſie von der Uebermacht angegrif⸗ fen, und endlich auseinander gejagt wurden. Die in Genua wohnenden Franzoſen wurden von der uͤbermaͤchtigen Partei mißhandelt, ihre Haͤuſer gepluͤndert und ſie ſelbſt in Kerker geſchleppt. Dieſer letzte Umſtand gab Bonaparte ein oſtenſibles Recht zum Dazwiſchentreten, was er vermuthlich auch gethan haͤtte, wenn ſolche Gewalttt at nicht veruͤbt worden waͤre. Er ſandte ſeinen Adjutanten La Valette nach Genua mit der Drohung, mit einem Theil ſei⸗ nes. Heeres ſogleich vor die Stadt zu ruͤcken, wenn man nicht die Gefangenen in Freiheit ſetze, die ariſto⸗ kratiſche Partei entwaffne, und ſolche Veraͤnderungen oder vielmehr eine ſo gaͤnzliche Umwandlung der Regie⸗ rung vornehme, wie ſie dem franzoͤſiſchen Oberbe⸗ fehlshaber genehm ſeyn wuͤrde. Die Inquiſitoren wur⸗ den verhaftet, weil ſſie mit Hälfe ihrer Mitbuͤrger die beſtehenden Inſtitutionen des Staates vertheidigt hatten, und der Doge mit zwei andern Beamten vom 26— hoͤchſten Range mußten ſich nach Montebello, dem Hauptquartier Napoleons, begeben, um dort zu er⸗ fahren, was das kuͤnftige Schickſal der Stadt der Pallaͤſte ſeyn ſollte, wie ſie ſich in ihrem Stolze hieß. Dort bekamen ſie die Grundzüge einer Demokratie, wie Napoleon ſie fuͤr dieſelbe paſſend fand; und es ſcheint, daß er es mit dem Staate ungemein gut meinte, da dieſer zu Folge der von den Franzoſen an⸗ genommenen Weiſe Alles nach einem klaſſiſchen Zu⸗ ſchnitt umzuſchaffen, in der Revolutionstaufe den Na⸗ men liguriſche Republik erhielt. Es ward zwar ver⸗ langt, daß die Franzoſen, welche gelitten haͤtten, ent⸗ ſchaͤdigt werden ſollten, allein weder Kontributionen fuͤr die franzoͤſiſche Armee wurden angeſetzt, noch mußten die Sammlungen und Kunſtkabinette von Ge⸗ nua dem Pariſer⸗ Muſeum irgend einen Tribut bezah⸗ len. Kurz darauf ging die demokratiſche Partei ſo weit, daß ſie den Adel von der Regierung und allen bedeutenden Aemtern ausſchloß, zog ſich aber einen derben Verweis von Buonaparte zu. Er verbot ihnen erdieß, den Vorurtheilen der bedenklicheren Katho⸗ liken ein Aergerniß zu geben, oder ihre Gefuͤhle zu kraͤnken; mit der Erklaͤrung, daß die Ausſchließung des Adels von den oͤffentlichen Aemtern eine empoͤ⸗ rende Ungerechtigkeit, und in der That ebenſo ſtrafbar, als die ſchlimmſten Vergehen der Patrizier ſey. Buo⸗ naparte ſagt, er habe eine Vorliebe fuͤr Genua gehabt; und die verbaͤlemaͤßige Liberalitaͤt, womit er den 1 . 27 Staat bei dieſer Gelegenheit behandelte, iſt ein hin⸗ laͤnglicher Beweis hiefuͤr. Der Koͤnig von Sardinien lag durch den Waſſen⸗ ſtillſtand von Cherasco, womit Napoleons erſter Feld⸗ zug ſchloß, zu den Fuͤßen Frankreichs niedergeſtreckt; und dieſer ſcharfſichtige Anführer hatte lange Zeit ge⸗ wuͤnſcht, daß das Direkrorium dieſen koͤniglichen Sup⸗ plikanten(denn ſo konnte er fuͤglich genannt werden) zu einigem Schein von koͤniglicher Würde erheben moͤch⸗ te, ſo das ſeine Macht als ein Verbundeter ihm von Nutzen wuͤrde. Ja General Claͤrke hatte am 3. April 1797 mit dem Bevollmaͤchtigten Sr. ſardiniſchen Ma⸗ jeſtaͤt ein Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß unterſchrieben, wonach Napoleon die unter ſeinem Befehl ſtehende Armee mit 4000 Mann ſardiniſcher oder piemonteſi⸗ ſcher Infanterie und 500 Mann Reiterei verſtaͤrkte und im Fall der Erneuerung eines Kriegs mit Oeſter⸗ reich viel auf dieſes Kontingent rechnete. Allein das Direktorium wich ſeinen Antraͤgen aus, und verwei⸗ gerte dem Traktat ſeine Zuſtimmung, wahrſcheinlich weil ſie die unter ſeinen Befehlen ſtehende Armee fuͤr ſtark genug hielten, da die Soldaten ihrem Fuͤhrer ſo ſehr ergeben waren. Endlich jedoch ward der Trak⸗ tat beſtaͤtigt, allein zu ſpaͤt, um Buonaparte noch von Nutzen zu ſeyn. Neapel, deſſen Benehmen ſchwankend und un⸗ lauter war, je nachdem die Ereigniſſe dem franzoͤſi⸗ ſchen General Sieg verſprachen, oder Niederlage droh⸗ 28 ten, hatte demungeachtet, als er in dem glaͤnzend⸗ ſten Laufe ſeiner Siege war, ſich der Wohlthat ſeiner maͤchtigen Fuͤrſprache bei der Regierung zu erfreuen, und genoß all den Vortheil, der ihm durch den Pa⸗ riſer Vertrag vom 10. Oktober 1795 geſichert war. Ein aͤußerſt bedeutender Punkt blieb nach Wieder⸗ herſtellung des Friedens in Italien noch uͤbrig; er betraf die Art und Weiſe, wie die neuen Republiken regiert, und den Umfang des Gebiets, das ihnen an⸗ gewieſen werden ſollte. Es wurde daruͤber lange Zeit hin und her geſtrit⸗ ten; und da viele Leidenſchaftlichkeit und alter Groll zwiſchen einigen italieniſchen Staͤdten und Landen ins Spiel kam, ſo war es keine gar leichte Sache, ſie zu uͤberzeugen, daß ihr wahres Intereſſe darin liege, daß ſo viel wie moͤglich unter einer energiſchen Regierung vereinigt wuͤrden, wodurch ſie in den Beſitz einer be⸗ deutenden Macht kaͤmen, ſtatt daß ſie in viele kleine Staaten, wie bisher, zerſplittert, ſelbſt einem Angriff von Seite einer Macht zweiten Ranges, geſchweige denn Frankreich oder Oeſterreich bedeutenden Wider⸗ ſtand entgegenſetzen koͤnnten. Die Bildung eines feſten und unabhaͤngigen Staa⸗ tes im Norden von Italien lag Napoleon ſehr am Herzen. Allein die cispadaniſche und transpadaniſche Republiken waren einer Verbindung gleich abgeneigt, und die von Romagna hatte ſich ihrer Seits gegen eine Verbindung mit dem transpadaniſchen Freiſtagte 29 für eine unbedeutende Unabhaͤngigkeit unter dem Titel einer aͤmilianiſchen Republik ausgeſprochen. Napoleon allein war im Stande, allen Groll und alle Feindſeligkeit zu beſiegen, wenn er fuͤr ſie eine allgemeine Republik entwarf, deren Schoͤpfung in ſeinem Syſtem lag, und welche von Zeit zu Zeit, wie es Gelegenheit gab, vergroͤßert werden ſollte, bis ſie ganz Italien unter einer Kegierung umſchloß. Dieſe ſchmeichelhafte Ausſicht, wonach er Italien, obwohl in noch ferner Zeit, die Moͤglichkeit der Bildung ei⸗ nes großen, in ſich ſelbſt geſchloſſenen, und von dem uͤbrigen Europa unabhaͤngigen Staates gab, anſtatt daß es, wie jezt, in kleine Staͤtchen getheilt war, be⸗ ſiegte natuͤrlich alle oͤrtliche Abneigung und Vorliebe, welche die Vereinigung der cispadaniſchen, transpa⸗ aniſchen und aͤmilianiſchen Republik verhindert ha⸗ ben wuͤrde; dieſe wichtige Maßregel ward nun beſchloſ⸗ ſen. Der vereinigte Freiſtaat ſollte den Namen der cisalpiniſchen Republik erhalten. Die Franzoſen wuͤr⸗ den ſie mit Ruͤckſicht auf Paris lieber die transalpini⸗ ſche Republik genannt haben; allein dieß haͤtte die alten Anſpruͤche Roms verlezt, vermoͤge deren Rom der Centralpunkt ſeyn muß, nach welchem alle andern Theile Italiens ihre oͤrtliche Eintheilung erhalten. Es wuͤrde alle klaſſiſche Eigenthuͤmlichkeit vernichtet, und alle hiſtoriſchen Erinnerungen verwirrt haben⸗“, wenn, was bisher die ultramontane Seite der Alpen genannt wurde, zur Befriedigung der Eitelkeit der 3⁰ Pariſer der dieſſeitigen Theil derſelben Gebirgskette ge⸗ nannt worden waͤre. Die Konſtitution, welche fuͤr die cisalpiniſche Re⸗ publik beſtimmt war, war die naͤmliche, welche die Franzoſen in lezter Zeit angenommen, zu Folge der ſie ein Vollziehungsdirektorium von fuͤnf Perſonen und zwei Raͤthe bekamen. Sie wurden den 30. Ju⸗ nius 1707 eingeſezt. Vier Glieder des Direktoriums wurden von Buonaparte ſogleich ernannt, und das fuͤnfte ſollte in moͤglichſter Baͤlde noch beſtimmt wer⸗ den. Am 14. Julius ward Heerſchau uͤber 40,000 Nationalgarden gehalten. Die Feſtungen der Lom⸗ bardei und der anderen Diſtrikte wurden den oͤrtlichen Behoͤrden eingeraͤumt, die franzoͤſiſche Armee entfernte ſich aus dem Gebiete der neuern Republik, und bezog in dem Venetianiſchen ihre Kantonirungen. Es war bereits eine Proklamation erlaſſen, zu Folge deren Frankreich ſein Recht, das es ſich durch die Eroberung der zu der cisalpiniſchen Republik gehoͤrigen Staaten erlangt hatte, dahin ausuͤbte, daß es dieſelben in ih⸗ re gegenwaͤrtige freie und unabhaͤngige Regierung umge⸗ ſtaltete, die bereits von dem Kaiſer und dem Direk⸗ torium anerkannt, in kurzer Zeit von allen andern Maͤchten Europas gleichfalls anerkannt werden muß⸗ te. Buonaparte zeigte bald darauf, daß es ſein Ernſt war, die cisalpiniſche Republik, je nachdem es die Gelegenheit gaͤbe, zu vergroͤßern. Es waren drei Thaͤ⸗ ler, die Veltelins⸗Diſtrikte genannt, welche von den 31 Schweizergebirgen nach dem Lago di Como hinablau⸗ fen. Die Velteliner beſtehen aus ungefaͤhr 160,000 Seelen. Sie ſprechen Italieniſch, und ſind groͤßten⸗ theils/ katholiſch. Dieſe Thaͤler waren zu dieſer Zeit dem Schweizerkanton Graubuͤnden unterworfen, nicht als ob ſie einen Theil des Bundes ausgemacht, oder deſſen Rechte genoſſen haͤtten, ſie ſtanden ſammt und ſonders zu der Schweizergemeinde, wie Vaſallen zu ihren Oberherrn. Dieſe Lage der Knechtſchaft und Abhaͤngi eit war hart, und an ſich entehrend; es iſt daher nicht zu verwundern, wenn, waͤhrend alle Nationen umher zum Genuſſe von Freiheit und Un⸗ abhaͤngigkeit gerufen wurden, die Bewohn er Veltelins die Schweizergarniſonen aus ihren Thaͤlern vertrieben, ſich zu der italieniſchen Freiheit bekannten, und ihre Beſchwerden uͤber die Unterdruͤckung ihrer deutſchen und proteſtantiſchen Herrn zu den Fuͤßen Buonaparte's legten. Die Bewohner Veltelins hatten unbeſtreitbar das Recht, ihre natürliche Freiheit zu behaupten, die ſich nichts vorſchreiben laͤßt; aber nicht fo klar iſt es, wie die Franzoſen nach dem Vo oͤlkerrecht ein Rrcht anſpre⸗ chen konnten, zwiſchen ihnen und den Graltbündnern ins Mittel zu treten, mit welchen ſie, fo wie mit der ganzen Schweiz, in tiefem Frieden lebten. Dieſe Be⸗ denklichkeit ſchien ſelbſt Buonaparte gekommen zu ſeyn; er gab jedoch vor, anzunehmen, daß die mallaͤndiſche Regierung ein Recht zur Einmiſchung haͤtte; und 32 ſeine Vermittlung wurde in ſofern anerkannt, als die Graubuͤndner vor ihm ſich wegen ihrer widerſpen⸗ ſtigen Unterthanen verantworteten. Buonaparte gab ſeine Meinung dahin, daß er dem Kanton Graubün⸗ den, der aus drei Buͤnden beſteht, rieth, ihre Vel⸗ teliner Unterthanen in der Eigenſchaft eines vierten Bundes in den Genuß ihrer Rechte und Freiheiten aufzunehmen. Dieſer gemaͤ ßigte Vorſchlag mag als Entſchuldi⸗ gungsgrund fuͤr die Unregelmaͤßigkeit der Einmi⸗ ſchu grlten. 3 Die Abgeordneten Graubuͤndens waren jedoch aͤu⸗ ßerſt aufgebracht uͤber einen Vorſchlag, der nichts Ge⸗ ringeres bezweckte, als ihre Unterthanen zu ihren freien Bundesbruͤdern zu machen, und dem italieniſchen Sklaven, der aus der Aoda trank, gleiche Rechte mit dem freigebornen Schweizer zu geben, der aus den Waſſern des Rheines trinkt. Als ſie ſeinen Vorſchlag verwarfen, ſeinen Richterſtuhl verließen, und in Bern, Paris, Wien und an andern Orten Beiſtand ſuchten, beſchloß Napoeon, wegen ſtrafbaren Ausbleibhens ge⸗ gen ſie einzzſeypriten, und erklaͤrte, daß, weil Grau⸗ buͤnden micht vor ihm erſchienen ſey, noch auch ſeine Weiſungen bethlgt, und die Bevoͤlkerung Veltelins als neuen Theil in ihre Vereidung aufgenommen ha⸗ be, der Staat oder Diſtrikt von Veltelin in Zukunft einen Beſtandtheil der eisalpiniſchen Republik aus⸗ machen ſollte. Graubuͤnden demüuthigte ſich zu ſpaͤt, b und 33 und verſicherte ſeine Bereitwilligkeit, ihre Sache vor einem Vermittler zu fuͤhren, der zu maͤchtig ſey, als daß er unter irgend einem Geſetzesgrund abgelehnt werden könnte; allein das Veltelingebiet war ein fuͤr allemal der Lombardei einverleibt, von der es nach Sitten und Oertlichkeit einen natuͤrlichen Beſtandtheil bildet. Das Beſtehen einer Regierung mit freien, wenn auch unvollkommenen Inſtitutionen ſchien auf den Karakter des Volkes von Norditalien augenblick⸗ lich wohlthaͤtig einzuwirken. Die Verweichlichung und Taͤndelei, welche die ganze Jugendzeit auf In⸗ trigen und Beluſtigung beſchraͤnkt, begann geſezteren und maͤnnlicheren Eigenſchaften— der Begierde ehren⸗ werther Geiſter zu weichen, ſich in den Kuͤnſten und Waffen auszuzeichnen. Buonaparte hatte ſelbſt geſagt, daß zwanzig Jahre nothwendig waͤren, eine Radikal⸗ veraͤnberung in dem National⸗Karakter der Italie⸗ ner herbeizufuͤhren. Nun war der Saame geſaͤet Un⸗ ter einem Volk, das bisher nichtswürdig, weil es von allem Volksleben ausgeſchloſſen und furchtſam war, weil ihm der Gebrauch der Waßffen nicht geſtat⸗ tet war, nachmals aber nahmen es die Italiener bes Nordbens in Herausforderung der Schrecken des Krie⸗ ges ſelbſt mit den Franzoſen auf, und hatten uͤher⸗ dieß mehrere buͤrgerliche Karaktere von Auszeichnung aufzuweiſen. In Mitte dieſer untergeordneten Verhandlungen, wie ſie in Vergleich mit den Negotiationen zwiſchen W. Scott's Werke. XXNXIX. 3 — 34 Oeſterreich und Frankreich genannt werden durften, fanden dieſe zwei hohen contrahirenden Parteien große Schwierigkeit, das Gebaͤude des Friedens uͤber den Grundlagen aufzufuͤhren, welche durch die Praͤlimi⸗ narien zu Leoben gelegt worden waren. Ja, es ſchien, als ob einige Hauptbedingungen, die bisher als die Grundſteine des Traktats angeſehen wurden, bereits ſollten umgeſtoßen werden. Man wird ſich erinnern, daß Oeſterreich fuͤr die Abtretung von Flandern und allen Laͤndereien am linken Rheinufer, die feſte Stadt Mainz mit eingeſchloſſen, die ſie für immer an Frank⸗ reich abgab, auf einer andern Seite Entſchaͤdigung verlangte. Der urſpruͤngliche Plan ging dahin, daß die lombardiſche Republik, die jezt die cisalpiniſche genannt wurde, alle die Lande von Piemont, oͤſtlich bis zu dem Oglio⸗Fluß umfaſſen ſollte. Die weſt⸗ waͤrts von dieſem Fluſſe gelegenen ſollten als ein Erſatz fuͤr die Abtretung Belgiens und das linke Rhein⸗ ufer an Oeſterreich uͤberlaſſen werden. Der Oglio entſpringt in den Alpen, fließt durch die fruchtbaren Diſtrikte von Brescig und Cremasco herab, und faͤllt nahe bei Borgoforte in den Po, indem er Mantua mit ſeinem linken Ufer einfriedigt. Dieſe ſtarke Fe⸗ tung, der Schluͤſſel von Italien, ſollte zu Folge dieſer Verfuͤgung an Oeſterreich zuruͤckgegeben werden. Noch weiterer Erſatz ſollte dem Kaiſer zu Folge der Praͤliminarien von Leoben werden. Venedig ſollte ſeines Gebietes auf dem Feſtlande beraubt werden, um * 8 n 35 damit die Entſchaͤdigung fuͤr Oeſterreich zu vergroͤßern; obgleich Venedig, ſo viel Buonaparte wußte, immer der angenommenen Neutralitaͤt treu verblieben war. Um dieſe Ungerechtigkeit wieder gut zu machen, muß⸗ te eine andere begangen werden. Der venetianiſche Staat ſollte die Legationen Bologna, Ferrara und Romagna ſtatt der Laͤndereien erhalten, die er an Oeſterreich abgeben mußte; allein dieſe Legationen waren die Hauptbeſtandtheile der transpadaniſchen, von Buonaparte ſelbſt gegründeten Republik. Dieſe Lande, deren Bewohnern er Hoffnung auf eine freie Volksregierung gegeben hatte, war er im Begriff, zu dem Gebiete von Venedig, der eifer⸗ ſüchtigſten Oligarchie von der Welt zu ſchlagen, die es ihnen wahrſcheinlich nicht wuͤrde verziehen haben, daß ſie ſich nach Freiheit geluͤſten ließen. Dieß war die erſte Grundlage des Traktats von Leoben, nach welchem ſich ergibt, daß die Bevollmaͤch⸗ tigten der beiden großen Maͤchte die alten und neuen ſchwaͤcher t Staaten von zweitem Range als bloße Zu⸗ gaben betrachteten, die ſie, um das Gleichgewicht her⸗ zuſtellen, nach Gefallen in die eine oder die andere Wagſchale zu legen ſich herausnahmen. 3 Es iſt wahr, die neugeborne cisalpiniſche Republik entging dem Schickſal, das ihr Schutzherr und Gruͤn⸗ der uͤber ſie verhaͤngt hatte; denn, nachdem dieſe Anordnung vorlaͤufig getroffen war, kam die Nachricht von dem Aufſtand Venedigs, dem Angriff auf die — 5.„ 36 Franzoſen durch das ganze Land, und dem Blutbad zu Verona an. Dieſe Vorgaͤnge ließen die alte Re⸗ publik Frankreich gegenuͤber als eine feindliche Macht erſcheinen, und berechtigten Buonaparte, ſie nach Ge⸗ fallen als ein erobertes Land zu theilen, oder ganz zu vernichten. Allein auf der andern Seite hatte er ihre Unterwerfung angenommen, ihre neue demokra⸗ tiſche Verfaſſung beſtaͤtigt, und ſich unter dem Vor⸗ wand, eine freie Regierung gemaͤß der allgemeinen Hoffnung, die er ganz Italien machte, zu geben, in den Beſitz der Stadt geſetzt. Das Recht der Erobe⸗ rung ward beſchraͤnkt durch die Bedingungen, unter welchen die Uebergabe angenommen worden war. Oeſter⸗ reich war noch mehr verpflichtet, die alte Republik in Schutz zu nehmen; weil ihretwegen Venedig ſo unbe⸗ ſonnen zu den Waffen gegriffen hatte; allein dieß iſt der Dank der Nationen, dieß die Treue der Politik; es liegt am Tage, daß es ſich gleich von Anfang an kein Gewiſſen daraus machte, von der Pluͤnderung eines Verbündeten zu profitiren, der in ſuner Sache den Todesſtoß bekommen hatte. 14 Als die Unterhandlungen zur endlichen Abſchließung der Praͤliminarpunkte ſchritten, wurde das franzoͤſiſche Direktorium, entweder um Napoleon zu demuͤthigen, deſſen Uebermacht zu ſichtbar wurde, oder weil es wirklich die Beſorgniſſe hegte, die es ausſprach, der Meinung, daß Mantua, deſſen man ſich mit ſo vie⸗ ler Muͤhe bemeiſtert hatte, das Bollwerk der cisalpi⸗ — 37 niſchen Republik bleiben muͤßte, ſtatt daß es wieder die Schutzwehr der oͤſterreichiſchen Beſitzungen in Ita⸗ lien wuͤrde. Die kaiſerlichen Bevollmaͤchtigten beſtanden ihrer Seits darauf, daß Mantua fuͤr die Sicherheit ihrer italieniſchen Beſitzungen durchaus nothwendig und noch nothwendiger geworden ſey durch die Nachbar⸗ ſchaft der cisalpiniſchen Republik, deren Vorgang fuͤr die benachbarten Lande einer alten Monarchie aͤußerſt gefaͤhrlich wuͤrde. Um dieſe Schwierigkeit zu beſeiti⸗ gen, ſchlug der franzoͤſiſche General vor, die noch uͤbrigen Beſitzungen Venedigs ſo zwiſchen Oeſterreich und Frankreich zu theilen, daß letzteres in den Beſitz des albaniſchen Gebiets und der Joniſchen Inſeln kaͤme, die der Republik zugehoͤrten, deren Todesurtheil die hohen kontrahirenden Maͤchte unterſchrieben hatten, Iſtrien, Dalmatien, Venedig ſelbſt und alle ihre an⸗ dern Beſitzungen Oeſterreich einverleibt wuͤrden. Letz⸗ tere Macht gab durch ihren Miniſter ihre Zuſtimmung zu dieſer Anordnung mit eben ſo wenig Bedenklichkeit, als zu der fruͤhern Einverleibung der Kontinental⸗ Beſitzungen ſeines Verbuͤndeten. Allein ſo wie auf der einen Seite Hinderniſſe hin⸗ weggeraͤumt waren, erhoben ſie ſich wieder auf der andern, und es trat eine Pauſe in den Unterhand⸗ lungen ein, die kein Theil zu einem baldigen Ende zu fuͤgren gedachte. In der That ſah ſowohl der fran⸗ zoͤſiſche Bevollmaͤchtigte Napoleon als auch Graf Cw — 38 bentzel, ein Mann von großer diplomatiſcher Kunſt und Gewandheit, der die Haupt⸗Unterhandlung von Seiten Oeſterreichs fuhrte, nur zu gut ein, daß die franzoͤſiſche Regierung nach langer Uneinigkeit einer nahen Kriſis entgegen ging. Sie fand am 18. Fruc⸗ tidor Statt, unter Umſtänden, die wir nachher beruͤh⸗ ren werden, indem ſie durch eine neue revolutionaͤre Bewegung eine gaͤnzliche Veraͤnderuug in der obern Leitung herbeiführte. Als dieſe zu Ende war, fuͤhlte ſich das Direktorium, das ſie vollbrachte, ſtaͤrker, ſchien jeden Gedanken auf Frieden aufzugeben und ſehr geneigt zu ſeyn, ſeine Vortheile aufs aͤußerſte zu verfolgen. Buonaparte widerſetzte ſich. Er wußte, daß bei Wiedereroͤffnung des Krieges alle Schwierigkeiten des Feldzuges, ſo wie die Verantwortlichkeit auf ihm la⸗ ſten wuͤrden, falls ſeine Reſultate nicht guͤnſtig waren. Er entſchloß ſich daher, kraft ſeiner Vollmacht, die Sache zu einem Schluſſe zu bringen, das Direktorium mochte wollen oder nicht. Zu dem Ende trat er Cobentzel, der immer ſeinen Vortheil in dem Verzuge fand, mit dem Ernſt eines militaͤriſchen Geſandten entgegen. Am 16. Oktober wurden die Konferenzen wieder auf die fräͤheren Grund⸗ lagen eroͤffnet, Cobentzel verbreitete ſich uͤber den ganzen Erſatzgegenſtand, und beſtand darauf, daß Mantua und die Linie der Etſch dem Kaiſer zuge⸗ ſtanden werden muͤßte, mit der Drohung, im Fall 39 einer Wiedereroͤffnung des Kriegs die Ruſſen herbei⸗ zufuͤhren, wobei er Buonaparte bemerkte, daß er den Wunſch nach Frieden ſeinem Kriegsruhm zum Opfer braͤchte. G Napoleon mit ernſter, jedoch geheuchelter Entruͤ⸗ ſtung, ergriff von einem Geſimſe eine zierliche Porzellan⸗ taſſe, auf welche Cobentzel einigen Werth ſetzte, da ſie ein Geſchenk der Kaiſerin Katharina war.„So iſt denn,“ ſprach er,„der Waffenſtillſtand geendet, und der Krieg erklaͤrt! Aber nehmen Sie ſich wohl in Acht, ich will ihr Reich in ſo viele Stuͤcke zerſchmettern, als dieſe Scherben hier.“ Damit warf er die Porzellan⸗ taſſe gegen den Heerd und entfernte ſich. Wir erinnern uns hier des Argantes im Taſſo*). Die oͤſterreichiſchen Bevollmaͤchtigten ſtanden nun nicht laͤnger an, ſich lieber in Napoleons Forderung zu ge⸗ ben, als ihn ſeinen furchtbaren unwiderſtehlichen Kriegs⸗ lauf wieder beginnen zu laſſen. Der Traktat von Campo Formio wurde unterzeich⸗ net, aber eben ſo bald ſchienen auch die Umſtaͤnde in ») Spiego quel crudo il seno, e'l manto scosse, Ed a guerra mortal, disse, vi sfido; E'I disse in atto si feroce ed empio- Che parve aprir di Giano il chiuso tempio. La Gerusalemne Liberata, Canto II. Deer Freche ließ den Mantel zornig fallen. So newmt denn, rief er, Krieg, wie ihr begehrt! Es ſchien, er öffne mit dem rauhen Worte Des Janustempels lang verſchloſſ'ne Pforte.“— 40 Paris ſo bedenklich, daß ein ehrgeiziger hochanſtreben⸗ der Mann wie Napoleon ſich verſucht ſehen mußte, eine Scene zu beſchleunigen, wo Ehre und Macht zu er⸗ heben war, und wo widerſtrebende Faktionen nur den Einfluß eines ſo ausgezeichneten und entſchiedenen Karakters zu erwarten ſchienen. Das Schickſal Ve⸗ nedigs ſteht mehr wegen ſeiner alten Geſchichte, als wegen des Werths ſeiner Inſtitutionen, die ſluchwuͤr⸗ dig waren, oder wegen der Wichtigkeit ſeiner letzten Exiſtenz, immer noch vor unſern Augen. Die alte Republik ſiel,„wie ein Thor ſtirbt.“ Die Ariſtokra⸗ ten verfluchten den Eigennutz Oeſterreichs, von dem ſie verſchlungen worden waren, obgleich ſie zu ſeinen Gunſten ſich in Gefahr begeben hatten. Die Repu⸗ blikaner ſuchten der oͤſterreichiſchen Deſpotie zu ent⸗ gehen, indem ſie vor Wuth die Zaͤhne knirſchten, und ebenſo die egoiſtiſche Politik der Franzoſen ver⸗ wuͤnſchten, die, um fuͤr ihr eigenes Intereſſe einen geeigneten Vorwand zu finden, ſich herausnahmen, ihnen eine freie Konſtitution vorzuzeichnen, und ſie ſodann in die Sklaverei einer deſpotiſchen Regierung uͤberantworteten. Der franzoͤſiſche Geſandtſchafts⸗Sekretaͤr, welcher waͤhrend der Revolution eine beſonders thaͤtige Rolle gefpielt hatte, wagte eine Gegenvorſtellung an Buo⸗ naparte, daß man Venedig an Oeſterreich verkaufte, ſtatt daß es in eine freie Demokratie umgebildet, oder mit der cisalpiniſchen Republik vereinigt wuͤrde, Buo⸗ 41 naparte lachte veraͤchtlich uͤber einen Mann, deſſen Ab⸗ ſichten immer noch auf Verbreitung der Grundſaͤtze des Jakobinismus gerichtet waͤren. „Ich habe Ihr Schreiben erhalten,“ war die fin⸗ ſtere und veraͤchtliche Antwort,„und kann es nicht begreifen. Die Republik in Frankreich iſt durch keinen Vertrag verbunden, ſeine Intereſſen und Vor⸗ theije dem Ausſchuß für die oͤffentliche Sicherheit in Venedig, oder einer andern Klaſſe von Individuen zum Opfer zu bringen. Frankreich fuͤhrt nicht Krieg zum Behuf und zu Gunſten Anderer*) Ja, ich weiß, es koͤmmt ein paar ſchwaͤtzhaften Deklamatoren, die ich lieber Tollhaͤusler nennen moͤchte, nicht darauf an, von einer allgemeinen Republik zu ſchwatzen, ich wuͤnſchte, ſie machten einmal einen Winterfeldzug mit. Die venetianiſche Republik iſt nicht mehr. Entnervt, verdorben, verraͤtheriſch und heuchlerich, ſind die Ve⸗ netianer der Freiheit unwuͤrdig. Wenn Venedig den Verſtand hat, ſie zu ſchaͤtzen, oder den Muth, ſie zu behaupten,— die Zeit iſt nicht unguͤnſtig— laßt ſie dafür zu den Waffen greifen!“ *) Die Svrache der Ungerechtigkeit bleibt ſich immer gleich. Als Eduard I. im Lauf ſeiner Uinterwerfung Schottlands an die Anſprüche des Kron⸗Candidaten erinnert wurde, zu deſſen Gunſten er die Waßen zu ergreifen vorgab, antwor⸗ tete er mit denſelben erten wie Buonaparte:—„haben wir nichts zu thun, als für andere Leute Königreiche zu erobern?“ 4² So fuͤgte er noch Hohn zu dem Ungluͤcke, und allen Freunden der Freiheit zum Drotz ward Venedigs Sch ick⸗ ſal beſchloſſen. Das Bemerkenswuͤrdigſte bei der end⸗ lichen Uebergabe Venedigs an Oeſterreich war, daß der betagte Doge Marini bewußtlos niederfiel, als er in die Haͤnde des kaiſerlichen Commiſſaͤrs den Eid der Treue ſchwoͤren ſollte, und kurz darauf verſchied. Napoleon Buonaparte hatte bis jetzt ſeine Laufbahn in Italien, wo er zuerſt ſeine Dalente entwickelt und das immer ein Gegenſtand beſondern Intereſſes fuͤr ihn blieb, durchlaufen. Er nahm ruͤhrenden Abſchied von den Soldaten, die nicht wohl hoffen durften, an ſeiner Statt einen General von ſo ausgezeichneten Verdien⸗ ſten wieder zu erhalten, und ließ dann eine gemaͤßigte und verſtaͤndige Zuſchrift an die cisalpiniſche Republik ergehen. Endlich entfernte er ſich, um ſich durch die Schweiz nach Raſtadt zu begeben, wo ein Congreß zur Beſtimmung der Angelegenheiten des deutſchen Reiches. verſammelt war, und wo er als Bevollmaͤchtigter von Seiten Frankreichs auftreten ſollte. Auf dieſer Reiſe war er, wie man bemerken wollte, duͤſter und in tiefes Nachſinnen verſunken. Die Tren⸗ nung von 100,000 Kriegern, die er ſein eigen nennen durfte, und die Ungewißheit der zukuͤnftigen Schick⸗ ſale, zu welchen er gerufen wurde, war hinlaͤnglicher Grund dafuͤr, und man braucht nicht mit Andern an⸗ zunehmen, daß er ſchon jetzt an jene Entwuͤrfe des Ehrgeizes dachte, welche die Zeit von ihm aufthun ſollte. 43 Ohne Zweifel ſpielte ihm ſein brennender Ehrgeiz ferne und unbeſtimmte Geſichte kuͤnftiger Groͤße vor. Er mußte ſich geſtehen, daß er nach der Hauptſtadt von Frankreich in einer Lage zuruͤckkehrte, die ſich nicht mehr mit der Mittelmaͤßigkeit vertrug. Entweder mußte er zu einer noch ausgezeichneteren Hoͤhe empor⸗ ſteigen, oder zuſammenſtuͤrzen, und in der Maſſe der Niedrigen in theilweiſes Dunkel verſchwinden. Es gab keine Mittelſtraße fuͤr den Eroberer und Befreier von Italien. Drittes Kapitel. Rückblick.— Das Direktorium.— Es wird unpopnlär.— Ur⸗ ſachen hievon.— Es iſt mit ſich ſelbſt uneins.— Zuſtand der öſſentlichen Meinungin Frankreich.— Dieſe iſt im Allgemeinen. den Bourbons günſtig; doch haben dieſe die Armee und das Geldintereſſe gegen ſich.— Pichegru, das Haupt der Royaliſten, wird Präſident des Raths der Fünfhundert.— Barbé Marbois, ein anderer Royaliſt, Präſident des Raths der Alten.— Das Direktorium ſucht den Beiſtand von Hoche und Buonaparte.— Buonaparte's perſönliche Politik.— Pichegru's Korreſpondenz mit den Bourbons.— Buonaparte weiß davon.— Er ſchickt den Ge⸗ neral Augereau nach Paris ab.— Das Direktorium läßt ſeine vornehmſten Gegner in den beiden Räthen den 18ten Fruetidor verhaften und nach der Guiana bringen.— Engherziges und un⸗ politiſches Betragen des Direktoriums gegen Zuonaparte.— Projekt einer Invaſion von England. Waͤhrend der Eroberer von Italien ſeine Siege jen⸗ ſeits der Alpen verfolgte, war das tranzoͤſiſche Direk⸗ torium, in deſſen Namen er handelte, nach der all⸗ gemeinen Ueberzeugung eben ſo wenig geeignet, die Wohlthaten einer geordneten Regierung zu gewaͤhren, als irgend eine der fruͤhern, mit der hoͤchſten Gewalt bekleideten Behoͤrden. Es iſt mit der Politik, wie mit der Mechanik: die ſinnreichſten Erfindungen in beiden ſind nicht im⸗ mer die nutzlichſten. Als Jemand dem beruͤhmten Hrn. Watt bemerkte, daß es zu verwundern ſey, fuͤr wie viele nutzloſe, durch die ſinnreichſten und dem Anſcheine nach allen Zwecken entſprechenden Modelle anſchaulich gemachte Erfindungen jaͤhrlich Patente bewilligt wür⸗ den, erwiederte er, er habe dieſe oft mit Theilnahme geſehen und durch manche derſelben einige ſeiner fruͤ⸗ hern Ideen verwirklicht gefunden.„Allein,“ fuͤgte er mit dem ihm eigenen Scharfſinn hinzu,„es iſt zweier⸗ lei, ein ſinnreiches Modell zu verfertigen, und eine Maſchine herzuſtellen, die ihren Dienſt thut. Die meiſten dieſer artigen Spielwerke ſind, wenn ſie zu praktiſchen Zwecken verwendet werden, in irgend einem Punkte fehlerhaft, ſo daß ſie nicht fuͤglich gebraucht werden koͤnnen.“ Irgend ein Fehler dieſer Art ſcheint in den Werken jener ſpekulativen Staatsmaͤnner ge⸗ legen zu haben, von denen die verſchiedenen, ſo raſch auf einander gefolgten Staatsverfaſſungen herruͤhren. So gut ſie ſich auch auf dem Papier ausnehmen, ſo vernünftig ſie lauten mochten, ſo hielt ſie doch nie⸗ mand für Geſetze, denen Ehrfurcht und Gehorſam ge⸗ 45 buͤhre. Schloß eine konſtitutionelle Beſtimmung ir⸗ gend eine Lieblingsmaßregel aus, ſo beſann ſich der franzoͤſiſche Staatsmann keinen Augenblick, dieſelbe aufzuheben oder ſich daruͤber wegzuſetzen. Jede Regel ſollte ſich nach den Umſtaͤnden fuͤgen; vor dieſen mußte ſich die Verfaſſung ſelbſt beugen. Die Verfaſſung vom Jahre drei war nicht dauer⸗ hafter, als die ihr vorangegangenen. Eine Zeitlang betrug ſich das Direktorium, das Maͤnner von bedeu⸗ tenden Talenten enthielt, mit vieler Klugheit. Die Mitglieder deſſelben wurden durch die Schwierigkeit und die Gefahr ihrer Lage zuſammengehalten, wie die Steine eines gewoͤlbten Bogens durch das Gewicht, das auf ſie druͤckt. Ihre Bemuͤhungen, die Finanzen zu verbeſſern, den Krieg mit Erfolg fortzuführen und die Ruhe im Innern des Landes wieder herzuſtellen, gelangen zuerſt ganz gut. Selbſt die Nationalfaktio⸗ nen fuͤgten ſich eine Zeitlang. Sie hatten die ariſto⸗ kratiſchen Buͤrger von Paris am 13ten Vendemiaire beſiegt; und als die urſpruͤnglichen Revolutionaͤrs oder Demokraten eine Verſchwoͤrung unter der Leitung des Gracchus Baboeuf anzetteln wollten, mißlang es ihnen gaͤnzlich, die Truppen zu verfuͤhren, und ſie mußten den tollkühnen Verſuch, die Schreckensregie⸗ rung wieder einzufuͤhren, mit dem Leben buͤßen. So ſiegte das Direktorium, oder die vollziehende Gecalt, in der Verfaſſung vom Jahre drei eine Zeitlang uͤber 8 46 die innern Faktionen, und konnte, da es keiner von beiden angehoͤrte, beide beherrſchen. Allein nur wenige Franzoſen waren der Direkio⸗ rialregierung wirklich und aus Grundſaͤtzen ergeben. Die meiſten ließen ſich dieſelbe gefallen, als etwas, das allerdings beſſer, als eine neue revolutionaͤre Be⸗ wegung, aber darum noch keineswegs an und fuͤr ſich wuͤnſchenswerth ſey. Um ſeine Herrſchaft zu befeſtigen, mußte das Direktorium in ſeinem Innern einig ſeyn und ſich durch gluͤckliche Unternehmungen auszeichnen; es war aber keines von beiden der Fall. Schon ſeine innere Einrichtung trug den Keim der Uneinigkeit in ſich. Die Mitglieder deſſelben waren ſo zu ſagen, fuͤnf Koͤnige, die nach einem gewiſſen Turnus regier⸗ ten, von denen jeder ſeine eigenen Gemaͤcher in dem Pallaſte Luxemburg bewohnte, jeder ſeine beſondere Hofhaltung, Klienten, Hoͤflinge, Schmeichler und Werkzeuge hatte. Die republikaniſche Einfachheit, fruͤher ein ſo weſentliches Erforderniß eines Patrioten, ward gaͤnzlich bei Seite gelegt. Neue Amtstrachten von der glaͤnzendſten Art kamen auf. Dieſe Veraͤn⸗ derung war das Werk von Barras, der, ſchwach und eitel, den Prunk liebte, und mit wah rhaft fuͤrſtlichem Gefolge auf die Jagd zu gehen pflegte. Dieſer Hang zur Ueppig keit war fuͤr die beiden Parteien im Staate ein großes Aergerniß. Die Republikaner verachteten dergleichen, und die Royaliſten ſahen darin eine An⸗ maßung koͤniglicher Vorrechte. 47 Der Zuſtand der Finanzen wurde mit jedem Tage bedenklicher. In den Schreckenstagen hatte man ſich mit leichter Muͤhe Geld verſchafft, weil man es bei Todesſtrafe forderte und weil die Aſſignaten mittelſt der Guillotine bis auf ihren vollen Nennwerth gehoben wurden; ſobald aber der maͤchtige Grund der Gewalt und des Zwangs außer Gebrauch kam, ſiel das Pa⸗ piergeld ſo tief im Werthe, daß, wenn nichts dagegen geſchah, aller Verkehr ins Stocken gerathen mußte. Dieſe Geldverlegenheit iſt vielleicht Schuld daran, daß das Direktorium gegen andere Laͤnder jenen hab⸗ ſuͤchtigen und raͤuberiſchen Karakter angenommen hat, durch den es ſich ſelbſt und das von ihm vertretene Volk entehrte. Es erlaubte ſich die groͤßten Erpreſ⸗ ſungen gegen den Handelsſtand der bataviſchen Re⸗ publik, deren Freiheit es anzuerkennen vorgegeben hatte, und behandelte die Geſandten unabhaͤngiger Staaten mit dem groͤßten Uebermuthe. Einige von dieſen hohen Staatsbeamten, und Barras insbeſondere, ſtanden im Verdachte der gemeinſten Beſtechlichkeit, und man glaubte, ſie hielten es mit jenen Spekulan⸗ ten, die mit Staatspapieren Wucher treiben,— ein Vorwurf, der gewiß von allen der unpopulaͤrſte iſt, die gegen einen Machthaber vorgebracht werden koͤn⸗ nen. Es war allerdings ein großer Fehler, daß jeder Direktor zwar, ſo lange er im Amte war, einen jaͤhr⸗ lichen Gehalt von 100,000 Livres zu beziehen, nach ſeinem Austritt aber nichts mehr zu fordern hatte. 48 Dieſe karge Ausſtattung mußte gemeine Seelen in Verſuchung fuͤhren; Maͤnner, wie Barras, wurden dadurch veranlaßt, die Gegenwart zu benuͤtzen, um ſich der Zukunft zu verſichern. Die fuͤnf Majeſtaͤten(Sires) von Luxemburg, wie das Volk ſie ſpottweiſe nannte, hatten noch uͤberdies ihre eigenen Anſichten und Lieblingsmeinungen, durch die ſie beſtimmt wurden, das franzoͤſiſche Volk mit unnoͤthigen Geſetzen zu plagen. La Reveillere⸗Lepaux war zugleich ein unduldſamer Philoſoph und ein en⸗ thuſiaſtiſcher Deiſt, und vereinigte ſolchergeſtalt zwei Eigenſchaften in ſich, die, wie unvertraͤglich ſie auch ſcheinen moͤgen, doch nicht ſelten zuſammentreffen. Er ordnete ein Prieſterthum, Hymnen und Ceremonien im Sinne des Deismus an, nahm das von Robespierre angedeutete Projekt, an die Stelle des chriſtlichen Glaubens einen deiſtiſchen Gottesdienſt zu ſetzen, wie⸗ der auf, zur großen Plage für die Nation, welche die Decadentaͤge des neuen Kalenders als Feſttaͤge feiern und am chriſtlichen Sonntag ihre gewoͤhnlichen Geſchaͤfte treiben mußte. Die Freidenker machten ſich icher die Theorie von La Reveillere luſtig, religioͤſe Men⸗ ſchen verabſcheuten dieſelbe; die einen wie die andern aber wurden unwillig daruͤber, daß man ein neues heidniſches Kirchenthum auf dem Wege der Geſetzge⸗ bung einfuͤhren wollte. Auch das neue Maß⸗ und Gewichtsſyſtem, das auf ſtreng wiſſenſchaftlichen Grundſaͤtzen beruhte, gab um ſo mehr Anlaß zum Mißyver⸗ 49 „Mißvergnuͤgen, als dadurch Zweifel und Ungewißheit in den innern Handelsverkehr gebracht, der auswaͤr⸗ tige Handel aber ganz geſtoͤrt wurde, indem die frem⸗ den Nationen das alte Syſtem beibehielten. Man haͤtte glauben ſollen, daß das ausgezeich⸗ nete Waffengluͤck der Franzoſen unter der Leitung des Direktoriums die fuͤr den Waffenruhm von jeher ein⸗ genommene Nation verblenden und diefelbe mit andern minder gefaͤlligen Maßregeln der Regierung ausſoͤhnen werde. Allein das Publikum wußte gar wohl, daß Buonaparte den ſchoͤnſten Theil dieſer Lorbeern ſich ſelbſt zu verdanken habe, daß er, im Verhaͤltniß zu ſeinen Großthaten, von Frankreich nur wenige Verſtaͤrkungen erhalten, und daß er groͤßtentheils nur durch die Nichtbeachtung der von dem Direktorium erhaltenen Vorſchriften geſiegt hatte. Es ging auch im Stillen die Sage, er ſey fuͤr die Direktoren ein Gegenſtand des Argwohns, und habe hinwiederum nur eine ſeyr geringe Meinung von ihren Faͤhigkeiten und nicht die mindeſte Achtung fuͤr ihren Charakter. Ferner hat⸗ ten ſich zwar die republikaniſchen Armeln am Rhein mit der groͤßten Auszeichnung benommen, aber auch manche Unfaͤlle erlitten, ſo daß ihre Feldzuͤge, mit den italieniſchen verglichen, die Einbildungskraft nur wenig in Anſpruch nahmen. Waͤhrend das Direktorium auf dieſe Art die Gunſt des Publikums verlor, hatte es das große Ungluͤck, mit ſich ſelbſt uneinig zu ſeyn. Seitdem Letourneur W. Scotts Werke. XXXIX. 4 60 zufolge der Verfaſſung ausgetreten und als Direktor von Barthelemy erſetzt worden war, hatte ſich in dem Direktorium eine Majoritaͤt und eine Oppoſition ge⸗ bildet; jene beſtand aus Barras, Rewbel und La Ne⸗ veillere, dieſe aus Carnot und Barthelemy. Von den zwei letztern war Carnot, fruͤher Mitglied des Sicher⸗ heitsaus ſchuſſes unter Robespierre, ein entſchiedener Republikaner, Barthelemy ein Royaliſt. So ſelt⸗ ſam bringen revolutionaͤre Wechſel, gleich den Wir⸗ beln und Stroͤmungen eines angeſchwollenen Baches, die verſchiedenſten und widerſtrebenſten Dinge zuſam⸗ men, um ſie in derſelben Richtung fortzureißen. Bar⸗ thelemy konnte nicht mit der Majoritaͤt des Direkto⸗ riums ſtimmen, weil er insgeheim und auf das in⸗ nigſte die Wiederherſtellung der Bourbons wuͤnſchte,— ein Exeigniß, durch welchesz ſeine Kollegen, die alle fuͤr den Tod Ludwig's XVI. geſtimmt hatten, in die groͤßte Gefahr kamen. Carnot befand ſich gleichfalls in der Minoritaͤt, nicht weil er die Anſichten und Wuͤnſche von Barthelemy theilte, ſondern weil er, im Gefuͤhle ſeiner geiſtigen Ueberlegenheit, keinen Wi⸗ derſpruch ertragen konnte, zumal in Faͤllen, wo er von der Richtigkeit ſeiner Anſichten uͤberzeugt war. So drang er z. B. auf die Beſtaͤtigung der Friedens⸗ bedingungen von Lesden, damit nicht alles, was Frank⸗ reich gewonnen, mit allem, was es verlieren konnte, nochmals gegen einen Feind aufs Spiel geſetzt wuͤrde, der, ſtark in ſeiner Verzweiſlung, noch zahlreiche Ar⸗ 51 meen aufzubringen im Stande war, waͤhrend die von Buonaparte befehligte weder verſtaͤrkt, noch im Falle eines Ungluͤcks unterſtuͤtzt werden konnte. Barras ge⸗ rieth daruͤber ſo in Wuth, daß er ihm in der Sitzung, wo die Sache zur Sprache kam, vorwarf, er ſey an dem ſchimpflichen Vertrage von Leoben Schuld. Waͤhrend ſolcher geſtalt im Direktorium die Zwie⸗ tracht herrſchte, legte die Nation ihr Mißvergnuͤgen offen an den Tag, beſonders in den beiden geſetzge⸗ benden Verſammlungen. In dem Rathe der Alten, wo viele alte Republikaner faßen, hielt es die Ma⸗ joritaͤt mit dem Direktorium. In dem volksthüͤmlichen zuſammengeſetzten Rathe der Fuͤnfhundert dagegen zaͤhl⸗ te das Direktorium nur wenige Anhaͤnger; die große Mehrzahl wollte den alten geſetzlichen Koͤnigsſtamm nach vorher zu beſtimmenden Bedingungen wieder hergeſtellt wiſſen. An ſie ſchloſſen ſich die vielen Aus⸗ gewanderten an, die nach dem Falle von Robespierre aus verſchiedenen Gründen wieder in ihr Vaterland zurückkehren durften. Die alten Formen des geſelli⸗ gen Lebens kamen wieder auf, und, wie dies in Frank⸗ reich, mit Ausnahme der blutigen Schreckenszeit, von jeher der Fall geweſen war, Frauen von Rang, Schoͤnheit, Talent und Bildung nahmen ihre Stellen wieder ein, und in ihren Salons oder Boudoirs wurden jetzt oft politiſche Gegenſtaͤnde abgehandelt, mit denen man ſich in England nur im Kabinett, auf der Arbeitsſtube oder im Speiſezimmer befaßt. 4.„ 3² Die meiſten dieſer Cotterien waren fuͤr das Koͤnigthum geſtimmt, gleich den vielen Tauſenden, die das Heil der Nation nur von dieſer Regierungsform erwarteten. Es duͤrfte uͤberhaupt keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn Frankreich ſich damals haͤtte frei ausſprechen koͤnnen, die Familie der Bourbons durch die große Mehrheit der Nation wieder auf den Thron berufen worden waͤre. taitn. 24 ichn Aber aus ſchon angeſuhrten Gruͤnden waren die franzoͤſiſchen Militaͤrs die entſchiedenen Gegner der Bourbons; auch die fruͤhern Kaͤufer von National⸗ guͤtern wollten von einer Reſtauration nichts wiſſen. Die Royaliſten hatten zwar die Mehrzahl fuͤr, aber die phyſiſche Gewalt und den Einfluß, den das Eigen⸗ thum und das Geldintereſſe gewaͤhren, guf das ent⸗ ſchiedenſte gegen ſich.. Pichegru konnte jetzt als das Haupt der royali⸗ ſtiſchen Partei gelten. Er war ein geſchickter und gluͤcklicher General, dem Frankreich die Eroberung Hollands verdankte. Durch den Gang, den die Re⸗ volution genommen, wie Lafayette und Dumouriez aufg ebracht, hatte er mit den Bourbons Verbindun⸗ gen angeknuͤpft. Er ward⸗ beſchuldigt, daß er ſeine Armee gefliſſentlich von Clairfait habe aufreiben laſ⸗ ſen und deßwegen im Jahre 1796 des Oberbefehls uͤber die Sambre⸗ und) Maasarme enthoben und dagegen zum franzoͤſiſchen Geſandten in Schweden ernannt. Er lehnte aber dieſe Art von ehrenvoller 5³ Verbannung ab, zog ſich in die Franche⸗Comté zu⸗ rück, wo er ſeine Korreſpondenz mit den kaiſerlichen Generalen fortſetzte. Die Royaliſten erwarteten biel von der Unterſtuͤtzung eines ſo angeſehenen Feldherrn; allein wir haben in dieſen Memoiren ſchon mehr als einmal geſehen, daß ein General ohne Armee einem Degen gleicht, woran die Klinge, die eigentliche Waf⸗ fe, fehlt. Es zeigte ſich jedoch fuͤr Pichegru bald eine Gele⸗ genheit, ſeiner Partei in einer ſehr wichtigen ſtaats⸗ buͤrgerlichen Stelle zu dienen. Im Mai 1797 fielen die Wahlen zur Erſetzung des austretenden Theils der beiden Raͤthe im Ganzen genommen zu Gunſten der Royaliſten aus, ſo daß nicht zu verkennen war, auf welche Seite die Geſinnung des Volks ſich hinneigte. Pichegru, zum Abgeordneten gewaͤhlt, ward im Ra⸗ the der Fuͤnfhundert einſtimmig zum Praͤſidenten er⸗ nannt; Barbe Marbois, ein anderer Royaliſt, erhielt im Rathe der Alten dieſelbe Stelle, waͤhrend Barthe⸗ lemy, gleichfalls ein Freund der Monarchie, ins Di⸗ rektorium berufen wurde. 1 Dieſe Wahlen waren ein ſchlimmes Zeichen für das Direktorium, das nun bald von allen Seiten an⸗ gegriffen und wegen der Fortſetzung des Krieges und des ſchlimmen Zuſtandes der Finanzen ſcharf getadelt wurde. Die Partei, welche der Majoritaͤt des Direk⸗ toriums entgegenwirkte, hatte mehrere Journale zu ihrem Gebote; der Krieg zwiſchen beiden Parteien be⸗ 5⁴4 gann ſofort ſowohl in den beiden Verſammlungen, wo die Royaliſten die Oberhand hatten, als in den oͤffentlichen Blaͤttern, die begierig geleſen wurden. Die Franzoſen ſind ein ungeduldiges Volk, und konnten es nicht lange uͤber ſich gewinnen, ihre Fehden inner⸗ halb der von der Konſtitution geſetzten Schranken zu fuͤhren. Jede Partei ſah ſich, ohne viel auf die Be⸗ ſtimmungen des Geſetzes zu achten, nach den Mit⸗ teln um, ihre Anſpruͤche mit phyſiſcher Gewalt durch⸗ zuſetzen. Die Majoritaͤt im Direktorium, die ſich ihre Unpopularitaͤt und die Ueberlegenheit der Gegenpartei nicht verhehlen konnte, nahm in ihrer aͤußerſten Noth ihre Zuflucht zu der bewaffneten Macht und bewarb ſich um den Beiſtand von Buonaparte und Hoche. Wie wir ſchon fruͤher bemerkt haben, galt Buona⸗ parte damals fuͤr einen eifrigen Republikaner. Selbſt Pichegru hielt ihn fuͤr einen ſolchen, als er den Roya⸗ liſten jeden Verſuch mißrieth, den General der ita⸗ lieniſchen Armee auf ihre Seite zu bringen. Er, der ihn ſchon in der Schule zu Brienne gekannt hatte, meinte, er ſey viel zu hartnaͤckig und eigenſinnig, als daß ſich etwas von ihm hoffen ließe. Augereau dachte eben ſo, und verkannte ſeinen Mann ſo ſehr, daß er auf die Frage der Frau v. Staöl, ob Buona⸗ parte nicht etwa damit umgehe, ſich zum Koͤnig der Lombardei zu machen, die ſchlichte Antwort gab, er ſey ein junger Mann, der viel zu großartig denke, um dergleichen zu beabſichtigen. Buonaparte muß ſelbſt 55 ſo etwas gefühlt haben, als er das Direktorium in einem eigenen Sendſchreiben um die Erlaubniß bat, aus dem aktiven Dienſte der Republik treten zu duͤr⸗ fen, indem er bereits groͤßeren Ruhm erlangt habe, als ſeiner eigenen Zufriedenheit zutraͤglich ſey.„Mag ſich die Verleumdung damit abmuͤhen,“ ſagte er,„mir verraͤtheriſche Plane anzudichten,— meine buͤrgerliche, wie meine militaͤriſche Laufbahn wird doch ſtets den republikaniſchen Grundſaͤtzen angemeſſen ſeyn.“ In den oͤffentlichen Blaͤttern von der Partei des Direktoriums, wurden die klaſſiſch⸗republikaniſchen Geſinnungen, von denen Buonaparte beſeelt ſey, bis in den Himmel erhoben; die Hoffnung ſeiner Ruͤckkehr, ſagten ſte, gewaͤhre darum eine reine ungetruͤbte Freude, weil ſie jede Beſorgniß eines verraͤtheriſchen Strebens von ſeiner Seite ausſchließe.„Die Par⸗ teien jeder Art,“ fuhren ſie fort,„koͤnnen keinen ent⸗ ſchloſſeneren Feind, die Regierung kann keinen treue⸗ ren Freund haben, als ihn, der, mit der militäri⸗ ſchen, von ihm ſo glorreich gebrauchten Gewalt aus⸗ gerüſtet, keinen andern Wunſch kennt, als den, eine ſo glaͤnzende Stellung aufzugeben,— der die Zufrie⸗ denheit dem Ruhme vorzieht und jetzt, wo die ſieg⸗ reiche Republik des Friedens genießt, in die Stille des Privatlebens zuruͤcktreten will.“ Obgleich aber Buonaparte damals fuͤr einen ſtren⸗ gen Reniblikaner, fuͤr einen andern Cincinnatus galt, ſo wird es uns doch erlaubt ſeyn, etwas tiefer in die 56 Abſichten eines Mannes einzudringen, der von Freund und Feind als ein aͤchter und uneigennuͤtziger Republi⸗ kaner angeſehen, von den oͤffentlichen Blaͤttern als ſolcher geprieſen wurde und ſelbſt dafuͤr gehalten ſeyn wollte. Wir glauben in dieſer Hinſicht Colgendes nachweiſen zu koͤnnen, Ob Buonaparte je im Herzen auch nur augenblick⸗ lich ein wahrer Jakobiner war, iſt ſehr zu bezweifeln, zu welcher Maske er ſich guch, zufolge der Umſtaͤnde bequemt haben mag, wie er ſich denn gegen eine ſolche Nachrede ſtets berwahrt hat. Die Rolle, die er am Tage der Sektionen ſpielte, war die eines Republi⸗ kaners, oder vielmehr eines Shermidoriſten, wie es ſich für den ziemte, der an dieſem Dage die republikaniſche Armee befehligte. An die Spitze der italieniſchen, ſo ſtreng republikaniſch geſinnten Armee geſtellt, mußte er, wollte er anders ſein Anſehen begruͤnden, ſich zu denſelben Geſinnungen weni⸗ ſtens bekennen. In den praktiſchen Regierungsmapimen, die er den italieni⸗ ſchen Republiken empfahl, waren dagegen ſeine Grund⸗ ſaͤtze ſehr gemaßigt, er ſprach ſogar ſeinen Abſcheu ge⸗ gen alle revolutionaͤren Lehren unumwunden aus. Er rieth, den Edelleuten dieſelben individuellen und ſtaats⸗ büͤrgerlichen Rechte zu gewaͤhren, wie ihren empoͤrten Vaſallen. Er verfocht mit einem Worte die Nothwen⸗ digkeit freiſinniger Inſtitutionen, die er aber nicht durch das Fegfeuer einer Revolution eingeleitet wiſſen wollte. Er war daher zu jener Zeit durchaus kein Jakobiner. 37 Ohgleich nun Buonaparte zufolge ſeiner praktiſchen Anſichten in ſeinen Wuͤnſchen und Forderungen das kluͤgſte Maß hielt, ſo konnte es ihm doch nicht ent⸗ gehen, daß er bei der koͤniglichgeſinnten Partei in Frankreich ſehr uͤbel angeſchrieben und ein Gegenſtand ihrer Furcht, ihres Haſſes und folglich auch ihrer Satyre war. Zu ſeinem Ungluͤck war dieß ſeine ver⸗ wundbare Stelle; aͤngſtlich fuͤr ſeinen Ruhm beſorgt, litt er durch die kleinlichten Angriffe der Journaliſten eben ſo ſehr, als ein gewaltiger Stier oder ein mu⸗ thiges Roß auf ſeiner reichen Weide durch die Stiche der Inſekten, die, in Vergleichung mit ihm, ſo un⸗ maͤchtig und ſelbſt kaum ſichtbar ſind. In verſchiede⸗ nen Briefen an das Direktorium legt er Geſinnungen der Art an den Sag, die er ſchicklicher verborgen haben wuͤrde, und zeigt eine Erbitterung gegen die Oppoſt⸗ tionsblaͤtter, die wahrſcheinlich den Eifer vermehrt hat, mit dem er ſich in dieſer wichtigen Kriſis auf die republikaniſche Seite ſchlug. Ein anderer Umſtand, durch welchen B onaparte in ſeinem Betragen nicht eben beſtimmt worden iſt, der aber ſeinen Eifer fuͤr die einmal ergriffene Sache vermehrt haben mag, iſt der, daß er den Schluͤſſel der Korreſpondenz von Pichegru mit dem Hauſe Bourbon in die Haͤnde bekam. Wenn er hievon ſchwieg, ſo war dies nur ein untergeordnetes Verdienſt gegen die ver⸗ bannte Familie; der erſte Dank derſelben gebuͤhrte dem, den er durch ſein Schweigen rettete. Dies war nun 58 keine Rolle für Buonaparte; nicht, als ob wir befugt waͤren, zu behaupten, daß er die erſte Rolle, wenn ſie ihm angeboten worden waͤre, angenommen haͤtte,— wir wollen nur ſagen, daß er ſich nirgend und unter keiner Bedingung zu einer ſolchen untergeordneten Rolle verſtanden haben wuͤrde. Aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach war er noch unſchluͤſſig, ob er Cromwell's oder Waſhington's Veiſpiel folgen,— ob er der wirk⸗ liche Befreier oder der unumſchrankte Gebieter ſeines Vaterlandes werden ſollte. Die Kenntniß von den geheimen Unterhandlungen Pichegru's erhielt er durch einen gewiſſen Vorfall bei der Beſitznahme von Venedig. Als die entarteten Venetianer, mehr aus Schrecken, als zufolge eines beſtimmten Plans, den uͤbereilten Entſchluß faßten, ihre Verfaſſung und ihre Rechte zur Verfuͤgung des franzoͤſiſchen Generals zu ſtellen, lieſ⸗ ſen ſie ſich dabei eine grobe und ſchwere Verletzung des Gaſtrechts zukommen, indem ſie ſich der Perſon und der Papiere des Grafen v. Entraigues*) bemaͤch⸗ *) Der Graf war während der Schr eckenszeit ausgewander: und alſo ein Emigrant von der zweiten Periode. Er erhielt vom ruſſiſchen Hofe eine Anſtellung im diplomatiſchen Fache, wodurch wenigſtens bewieſen iſt, daß man ihn nicht für ei⸗ nen Verräther an der Sache der Bourbons gehalten habe. Er ward im Juli 1812 ſammt ſeiner Gemahlin in ſeinem Landhauſe Hackney, in der Nähe von London, durch einen italieniſchen Bedienten ermordet, der ſich hierauf eine Kugel durch den Kopf ſchoß, ohne daß der Grund dieſer Frevelthat — 59 tigten, der ſich als Geſchaͤftstraͤger der verwieſenen Bourbons unter dem Schutze der Republik in Venedig aufhielt. Der Geſchaͤftstraͤger war, wie Buonaparte verſichert, eben nicht ſehr verſchwiegen, und es fanden ſich noch uͤberdies in ſeinem Portefeuille manche Be⸗ weiſe, daß Pichegru mit den fremden Generalen und mit den Bourbons in Korreſpondenz ſtehe, ſo daß der Obergeneral der italieniſchen Armee Herr dieſes Ge⸗ heimniſſes und dadurch beſtimmt wurde, von der ein⸗ mal betretenen Bahn nicht mehr abzuweichen. Im Beſitze dieſer Urkunden und uͤberzeugt, daß er mit dem Strome ſchwimme, wenn er in der Anrede an eine franzoͤſiſche Armee der damaligen Zeit ſich als Re⸗ publikaner ausſpreche, begruͤßte er ſeine Truppen an dem Jahrestage der Einnahme der Baſtille mit Wor⸗ ten, die ganz darauf berechnet waren, ihren alten de⸗ mokratiſchen Enthuſiasmus zu wecken.„Soldaten!“ ſagte er,„wir feiern heute den 14. Juli: Ihr ſeht vor Euch die Namen Eurer Waffengefaͤhrten, die auf dem Bette der Ehre fuͤr die Freiheit Eures Vaterlandes ge⸗ ſtorben ſind. Sie haben Euch die Lehre gegeben, daß Ihr Euer Leben fuͤr dreißig Millionen Franzoſen und fuͤr den durch Eure Siege verherrlichten Nationalruhm hätte ausfindig gemacht werden können. Es iſt merkwürdig, daß ſich der Böſewicht des Dolches und der Piſtolen des Grafen, ſeines Herrn, bedient hat, welcher, als ein poli⸗ tiſcher Ränkemacher, auf Gefahren gefaßt ſeyn mußte und daher dieſe Waffen ſteis auf ſeinem Zimmer hatte. 50 hinzugeben bereit ſeyn muͤßt. Soldaten! ich weiß, daß Ihr von den C Gefahren, die dem Vaterlande drohen, tief ergriffen ſeyd; allein dieſe Gefahren ſind in Wahr⸗ heit nicht vorhanden. Dieſelben Maͤnner, die unſerem Frankreich den Sieg uͤber das vereinte Europa verſchafft haben, leben noch.— Wir ſind durch Berge von Frank⸗ reich geſchieden, aber ihr wuͤrdet ſie, wenn es ſeyn müßte, mit der Schnelligkeit des Adlers uͤberfliegen, um die Conſtitution aufrecht zu erhalten, die Freiheit zu vertheidigen, die Regierung und die Republikaner zu beſchuͤtzen. Soldaten! die Regierung wacht uͤber die Geſetze, wie uͤber ein ihr anvertrautes Heiligthum. Die Royaliſten ſollen ſich nicht laͤnger blicken laſſen, wenn ſie nicht zu Grunde gehen wollen. Seyd unbe⸗ kümmert, laßt uns ſchwoͤren bei den Manen jener Hel⸗ den, die an unſerer Seite fuͤr die Freiheit gefallen ſind, laßt uns ſchwoͤren bei unſern Fahnen— Krieg den Feinden der Republik und der Konſtitution des Jahres drei ee Es darf wohl nicht erſt bemerkt werden, daß nach der brittiſchen Verfaſſung oder nach irgend einer an⸗ dern, die auf feſten Grundſaͤtzen beruht, eine ſolche Rede an die bewaffnete Macht, wodurch dieſe aufge⸗ fordert werd, mit Waffengewalt irgend eine konſtitu⸗ tionelle Frage zu entſcheiden, einerſeits als Meuterei, andererſeits als Hochverrath angeſehen werden wuͤrde. Der von dem General ſo deutlich gegebene Wink that ſeine Wirkung. Jede Abtheilung der Armee, wel⸗ 61 chen Namen ſie tragen mochte, brach ſofort in Dro⸗ hungen gegen die Oppoſitionspartei in den beiden Raͤthen aus, die ſich zu andern Grundſaͤtzen bekannte, als der Obergeneral, die ſich aber bis jetzt nur derje⸗ nigen Widerſtandsmittel bedient hatte, zu denen ſie nach der Verfaſſung befugt war. Mit andern Worten, die Soldaten meinten, in einer Republik muͤßten die konſtitutionellen Debatten, die in einer gemiſchten Re⸗ gierungsform den Miniſtern ſo viel zu ſchaffen machen, durch das Schwert entſchieden werden. Die Praͤ⸗ torianer, die Strelitzen, die Janitſcharen, haben gleichfalls gedacht, die Waſſengewalt ſey das wahre Mittel, um in einem Staate die Mißbraͤuche abzu⸗ ſtellen, eine unbeliebte Dynaſtie oder ein verhaßtes Miniſterium auf die Seite zu ſchaffen. 4 Allein Buonagparte diente dem Direktorium in dieſer wichtigen Kriſe nicht blos durch Drohungen aus der Ferne. Er ſandte den General Augereau nach Paris ab, angeblich zur Ueberreichung der in Mantua dem Feinde abgenommenen Fahnen, in Wahrheit aber zur Befehligung der bewaffneten Macht, deren ſich die Mazoritäͤt des Direktoriums gegen ihre diſſentirenden Kollegen und gegen die Oppoſition in beiden Raͤthen zu bedienen beſchloſſen hatte. Augereau war ein der⸗ ber, kuͤhner und ſtupider Soldat, ein Erziakobiner, deſſen bekannte Grundſaͤtze dafuͤr buͤrgten, daß er ſich über alle konſtitutionellen Bedenklichkeiten hinwegſetzen würde. Auf den Fall aber, daß das Direktorium un⸗ 62 terliegen ſollte, hielt ſich Buonaparte bereit, an der Spitze von 50,000 Mann ſchnell nach Lyon zu mar⸗ ſchiren. Dort wollte er die Republikaner und alle An⸗ haͤnger der Revolution verſammeln, und, wie er ſelbſt ſehr richtig ſagt, wie Caͤſar als das Haupt der Volks⸗ partei uͤber den Rubicon gehen. Er wuͤrde wohl auch wie Caͤſar geendet, d. h. wie dieſer die hoͤchſte Ge⸗ walt, die er angeblich zum Beſten des Volks aufrecht erhalten wiſſen wollte, an ſich geriſſen haben. Die Gegenwart Buonaparte's war jedoch zur Unter⸗ ſtützung des Direktoriums nicht ſo weſentlich noͤthig, als er ſelbſt erwartet oder gehofft haben mochte. Die militäaͤriſche Hilfe lag dieſen Gewalthabern naͤher. Sie ſetzten ſich uͤber ein Staatsgrundgeſetz hinweg, nach welchem die Truppen in Beziehung auf den Sitz der geſetzgebenden Verſammlung eine beſtimmte Grenze nicht uͤberſchreiten durften, und ließen einen Theil der von Hoche befehligten Armee gegen Paris vorruͤcken. Die Majoritaͤt der beiden Raͤthe hieruͤber beſtuͤrzt, bot zwar die Nationalgarden zu ihrer Vertheidigung auf; allein Augereau kam ihnen zuvor und begab ſich mit elner anſehnlichen Streitmacht nach dem Orte ihrer Sitzung. Die zu ihrem Schutze aufgeſtellten Wachen wurden uͤberraſcht, oder vergaßen ihre Pflicht und lei⸗ ſteten keinen Widerſtand. Das Direktorium, kein an⸗ deres Geſetz, als die Gewalt kennend, behandelte ſeine Gegner wie Staatsverbrecher: Barthelemy wurde ver⸗ haftet(Carnot war nach Genf geflohen); Willot, Praͤ⸗ 63 ſident des Raths der Alten, Pichegru, Praͤſident des Raths der Fuͤnfhundert, und etwa 150 Abgeordnete, Journaliſten u. a. m. wurden in der Halle der Ver⸗ ſammlung und anderswo ergrifſen und feſtgehalten. Zur Beſchoͤnigung dieſes willkuͤhrlichen und geſetzloſen Verfahrens ließ das Direktorium die aufgeſangene Korreſpondenz von Pichegru bekannt machen, obgleich von den uͤbrigen Beklagten nur wenig um das Ge⸗ heimniß der royaliſtiſchen Verſchwoͤrung wußten. In der That, obgleich alle diejenigen, die ſich nach dem Ende der fuͤr das Land ſo verderblichen revolutionaͤren Haͤndel ſehnten, ſich auf die royaliſtiſche Seite hin⸗ neigten, ſo mußte man doch ein gewaltiger Royaliſt ſeyn, um das Betragen eines Generals zu billigen, der, wie Pichegru, d von ihm befehligte Armee dem Schwerte des Feindes preisgegeben hatte, um Plane und Abſichten zu hintertreiben, deren Aus⸗ fuͤhrung ihm durch ſeine Stellung zur Pflicht gemacht wurde. Die Verraͤtherei von Pichegru, die zuerſt nur we⸗ nig Glauben fand, ward ploͤtzlich durch eine Prokla⸗ mation von Moreau beſtaͤtigt, der im Laufe des Kriegs in einem aufgegriffenen Ruͤſtwagen bes oͤſterreichiſchen Generals Klingling die ganze geheime Korreſpondenz gefunden, aber die Sache ver ſchwiegen hatte, bis auch die Papiere von Entraigues in die Haͤnde von Buo⸗ noparte gekommen waren. Dann machte Moreau, vielleicht aus Furcht vor den Folgen eines ſo langen 64 Stillſchweigens, bekannt, was er wußte. Auch Reg⸗ nier hatte daſſelbe verdaͤchtige Stillſchweigen beobach⸗ tet, woraus zu folgen ſcheint, daß, wenn dieſe Ge⸗ nerale die königliche Sache auch nicht geradezu beguͤn⸗ ſtigten, ſie doch auch nicht geneigt waren, die zu Gunſten derſelben angezettelten Verſchwoͤrungen zur Anzeige zu bringen. Das Direktorium bediente ſich der ihm durch ſei⸗ nen Sieg vom zsten Fructidor(ſo nannte man dieſe Epoche) gewordenen Gewalt auf eine tyranniſche Weiſe. Es floß zwar kein Blut, gllein die Mitglieder der be⸗ ſiegten Partei erfuhren die willkuͤhrlichſte und haͤrteſte Behandlung. Durch ein in der erſten Wuth der Leidenſchaft abgefaßtes Geſetz wurden 2 Direktoren, 50 Deputirte, mit 148 andern Individuen, meiſtens angeſehenen Maͤnnern, geaͤchtet und in die brennend heißen, ungeſunden Wuͤſten der Guiana verwieſen, was einer langſamen Hinrichtung gleich kam. Sie wurden ſowohl waͤhrend ihrer Ueberfahrt nach dieſem ſchrecklichen Orte, als nach ihrer Ankunft daſelbſt auf das aͤrgſte mißhandelt. Ihr Schickfal wollte, daß ſie an dem Orte ihrer Verbannung mit einigen ihrer grimmigſten Feinde, den gottloſeſten und menſchen⸗ feindlichſten Jakobinern, zuſammentreſſen ſollten⸗ Zu dieſer Strenge kam noch die willkuͤhrliche Ver⸗ nichtung mehrerer Wahlen mit andern ſcharfen, an⸗ geblich die öͤffentliche Sicherheit, in der That aber die Befeſtiguns der Direktoriglgewalt bezweckenben Maß⸗ —— 65, Maßregeln. Waͤhrend dieſer Revolution hatten ſich dir untern Volsstlaſſen, die früher bei aͤhnlichen Ge⸗ legenheiten ſo thaͤtig geweſen waren, ganz ruhig ver⸗ halten; die ſtreitenden Parteien waren einerſeits die Mittelklaſſen, die ſich nach einer monarchiſchen Re⸗ gierung ſehnten, andererſeits das Direktorium, das ohne beſtimmte politiſche Grundſaͤtze zur hoͤchſten Ge⸗ walt gelangt war, ſich derſelben verſichern wollte, und dies durch den Beiſtand der bewaffneten Macht zu bewirken ſuchte. Buonaparte war mit dem Reſultate des 18ten Fruc⸗ tidors eben nicht zufrieden; waͤre es weniger entſchei⸗ dend geweſen, ſo wuͤrde er an Bedeutung gewonnen und einen Anlaß gehabt haben, uͤber den Rubicon zu gehen, wie er ſich ausdruͤckte. Wie die Sachen jetzt ſtanden, blieben die drei Maͤnner, welche die Mehr⸗ zahl des Direktoriums bildeten, und weder durch Talente, noch durch Geburt, noch durch ihre Dienſte, ſelbſt nicht durch eine zufaͤllige Popularitaͤt ausgezeich⸗ net waren, gleichſam durch einen Zufall im Beſitze der hoͤchſten Gewalt und zufolge des Ausgangs des Kampfes die Herren des kuͤhnen und ehrgeizigen Sie⸗ gers, der es wahrſcheinlich jetzt ſchon fuͤhlte, daß er zum Herrſchen nicht zum Gehorchen horchen geboren ſey. Napoleon ſcheint, ſeinen eignen Denkwuͤrdigkeiten zufolge, die Gewaltthaͤtigkeit mißbilligt zu haben, mit welcher die Direktoren ihren Sieg zum Behuf ihrer perſoͤnlichen Rache mißbrauchten, um ſo mehr, als W. Seotts Werke, XXXIX. 5 — 66 dadurch auch Maͤnner getroffen wurden, die er achtete. Er erklaͤrte, er ſelbſt wuͤrde ſich damit begnuͤgt haben, einige der gefaͤhrlichſten Verſchwoͤrer zu verhaften, und andere unter die wachſame Aufſicht der Polizei zu ſtellen. Er muß beſonders großen Antheil an Carnot's Schickſal genommen haben, den er als einen ſeiner thaͤtigſten Goͤnner betrachtet zu haben ſcheint*). Man verſichert, er ſey ſogar ſchon vor dem 18ten Fructidor mit dem Direktorium ſo unzufrieden geweſen, daß er ſich geweigert habe, demſelben zur Befoͤrderung ſei⸗ ner Abſichten eine diesfalls zugeſagte Geldſumme zu uͤberſenden. Der Sekretaͤr von Barras erhielt deßwe⸗ gen den Auftrag, ihn wegen dieſes Aufſchubs zu Rede zu ſtellen, und er ſoll dies auf eine ſo wenig ſcho⸗ nende Weiſe gethan haben, daß Napoleon, an keinen Widerſpruch gewoͤhnt, im Begriff war, ihn erſchießen zu laſſen; doch beſann er ſich wieder eines andern und fertigte ihn mit einer nichtsſagenden Antwort ab. Zufolge des zweideutigen Verhaͤltniſſes, in welchem Buonaparte zu dem Direktaumin ſtand, konnte dieſes ſeiner Ruͤckkehr nach F Paris wohl nicht ohne einige Be⸗ —— e) In Carnot's Denkwürdigkeiten wird das Verdienſt, Buona⸗ parte's Talente entdeckt und für ſeine Beförderung Sorge getragen zu haben, mehr Caynot, als Barras zugeſchrieben. Wie dem auch ſeyn mag, ſo viel iſt gewiß, daß Napoleun ſich Carnot höchſt verpflichtet fühlte, und ihm großen Dank ſchuldig zu feyn verſicherte— Siehe Moniteur vom Jahre 3, Nro. 140. 67 ſorgniß entgegen ſehen, und zwar in Erwaͤgung der Senſation, die ein ſolcher Mann, der der wuͤrdige Günſtling des Gluͤcks zu ſeyn ſchien, in jeder Haupt⸗ ſtadt, beſonders aber in Paris machen mußte. So mittelmaͤßige Maͤnner, wie Barras, die hoͤher geſtellt worden ſind, als ſie es verdient haben, kommen noth⸗ wendig in die groͤßte Verlegenheit, wenn es unvermeid⸗ lich iſt, daß ſie mit einem Manne verglichen werden, dem die Natur die Gaben verliehen hat, die ſie, um ihre Stellen wuͤrdig auszufuͤllen, ſelbſt haben ſollten. Je hoͤher ſie ſtehen, deſto linkiſcher iſt ihr Benehmen, denn die Karakterwuͤrde, die ihnen abgeht, iſt durch keinen aͤußeren Vortheil zu erſetzen, wie ein Zwerg, wenn er auf Stelzen ſteht, darum noch kein Rieſe iſt. Das Direktorium hatte bereits bei mehreren Gelegen⸗ heiten an Buonaparte einen Mann gefunden, der ſich nicht gerne befehlen ließ. Es waͤre ihm daher gewiß ſehr lieb geweſen, wenn es in der Ferne Beſchaͤftigung fuͤr ihn haͤtte finden koͤnnen; da ſich dieſes nun nicht thun ließ, ſo mußte es ihn auf irgend eine Weiſe zu Hauſe zu beſchaͤftigen ſuchen, oder Gefahr laufen, daß er ſich ſein Geſchaͤft ſelbſt waͤhle. Man muß ſich wundern, daß es dem Direktorium nicht einſtel, Buonaparte auf Koſten des Staats reich⸗ lich auszuſtatten und ihn dadurch zu gewinnen. Es waͤre dieſes um ſo billiger geweſen, da er ſeine eigenen Angelegenheiten ſelbſt gaͤnzlich vernachlaͤſſigt hatte. In den von ihm eroberten oder eingeſchuͤchterten Laͤndern 5 ⸗, 68 hatte er ungeheure Summen erhoben, und theils fuͤr ſeine Armee verwendet, theils dem Direktorium zuge⸗ ſchickt. Er legte keine Rechnung darüber ab, auch ward dies nicht von ihm verlangt; allein nach ſeiner eignen Angabe beliefen ſich die nach Paris geſchickten Summen auf fuͤnfzig Millionen Livres. Ihm ſelbſt hlieben, als er Italien verließ, nur 300,000 Libres. Es iſt nicht zu laͤugnen, daß, um dieſe Summen aufzubringen, Buonaparte die alten Staaten gepluͤn⸗ dert und den neugebildeten Republiken die Freiheit und Gleichheit um einen Preis verkauft hatte, durch deſſen Entrichtung ſie gegen das angebliche Gift der Republiken, den uͤbermaͤßigen Reichthum, geſichert wurden. Dagegen iſt nicht in Abrede zu ſtellen, daß wenn der franzoͤſiſche Feldherr die Italiener wie Cor⸗ tez die Mexikaner plünderte, er nur wenig von der Beute fuͤr ſich behielt, obgleich er gar oft das Gegen⸗ theil thun konnte. Der Kommiſſaͤr Salicetti, ſein Landomann, er⸗ theilte ihm den Rath, ſich ſelbſt beſſer zu bedenken. Bald nach den erſten Siegen in Italien eroͤffnete er Napoleon, der Ritter von Eſte, Bruder und Geſand⸗ ter des Herzogs von Modena, habe vier Millionen Franken in Gold in vier Kiſtchen mitgebracht, die zu ſeinen Dienſten ſtaͤnden.„Das Direktorium und die geſetzgebende Verſammlung,“ ſagte er,, werden Ihre Dienſte nie anerkennen— Sie brau hen Geld und der Herzog braucht einen Beſchuͤtzer.“ 69 Bnonaparte erwiederte:„Ich danke Ihnen; allein ich will mich wegen vier Millionen nicht in die Gewalt des Herzogs von Modena geben.“ Die Venetianer boten dem franzoͤſiſchen General in ihrer aͤußerſten Noth ein Geſchenk von ſieben Mil⸗ lionen an, das auf dieſelbe Weiſe ausgeſchlagen wurde. Auch Oeſterreich erwies ſich nicht karg: Napoleon ſollte im deutſchen Reich ein Fuͤrſtenthum von wenig⸗ ſtens 250,000 Seelen erhalten und ſo gegen den zum Sprichwort gewordenen republikaniſchen Undank ſich er⸗ geſtellt werden. Der General dankte dem Kaiſer fuͤr dieſen Beweis ſeines Wohlwollens; erklaͤrte aber zu⸗ gleich, daß er nichts annehmen koͤnnte, was nicht von dem franzoͤſiſchen Volke komme, und daß er ſich ſtets mit dem, was dieſes ihm ausſetze, begnuͤgen werde. So wenig indeß Napoleon durch indirekte Mittel zu Reichthuͤmern zu gelangen wuͤnſchte, ſo ſcheint er doch erwartet zu haben, daß man zum Dank fuͤr die ungewoͤhnlichen Dienſte, die er dem Vaterlande geleiſtet hatte, auf irgend eine Weiſe fuͤr ihn ſorgen werde. Es wurde auch ein Verſuch gemacht, ihm die Domaͤne Chambord und ein großes Hotel in Paris als Beweis der Dankbarkeit der Nation fuͤr ſeine glaͤnzenden Siege zu verleihen; allein das Direkto⸗ rium hintertierb dieſen Antrag. Bei dieſem die Domaͤne Chambord betreffenden An⸗ trag blieb es nicht: Malibran, ein Mitglied des Raths 70 der Fuͤnfhundert, ſchlug vor, dem General Buonaparte auf Koſten des Staats ein jaͤhrliches Einkommen von 50,000 Livres, von dem die Haͤlfte nach ſeinem Dode auf ſeine Frau uͤbergehen ſollte, anzuweiſen. Dieſer Antrag war, wie es ſcheint, nicht recht uͤberdacht und nicht gehoͤrig eingeleitet; denn er wurde ſehr gleich⸗ gültig aufgenommen und durch die pomphafte Erklaͤ⸗ rung eines Mitglieds umgangen,„daß ſo glorreiche Thaten ſich nicht mit Gold ablohnen laſſen.“ Die Verſammlung ſtellte ſonach den Satz auf, daß, weil die Schuld der Dankbarkeit zu groß ſey, um mit Geld abgetragen werden zu koͤnnen, derjenige, der darauf Anſpruch habe, in ſeiner bisherigen Duͤrftigkeit belaſ⸗ ſen werden muͤſſe,— in der That eine ökonomiſche Art in rechnen, und nicht unaͤhnlich der hochtönenden Lehre des buͤrgerlichen Geſetzes, nach welcher ein freier Mann, der ergriffen und als Sklave verkauft wird, keine Entſchaͤdigung anſprechen kann, ſintemal die Freiheit des Buͤrgers einen uͤberſchwenglichen nicht zu berech⸗ nenden Werth hat. Welches auch das Motiv des Direktoriums ſeyn mochte,— ſey es die Hoffnung, den Ehrgeiz des jun⸗ gen Siegers durch Armuth zu baͤndigen und zu ent⸗ waffnen, ſey es das Beſtreben gemeiner Seelen, den⸗ jenigen, die ſie fuͤrchten, wehe zu thun, ſo war ſein Benehmen eben ſo ungroßmüthig, als unpolitiſch. Die Direktoren haͤtten bedenken ſollen, daß ein edles Ge⸗ mäth ſich durch Wohlthaten haͤtte feſſeln laſſen, ein 71 ſelbſtfuͤchtiges aber durch die Ausſicht auf einen ſichern und unmittelbaren Vortheil von zweifelhaften und ehrgeizigen Entwuͤrfen waͤre abgehalten worden, wo dagegen ein unverholenes Uebelwollen und Mißtrauen denjenigen auf jeden Fall gefaͤhrlich machen mußten, der es zu Folge ſeiner Faͤhigkeiten werden konnte. Statt den ehrgeizigen Sieger zu verſoͤhnen, und ihn in die Ruhe einer behaglichen Unabhaͤngigkeit ein⸗ zuwiegen, ſcheinen die Direktoren den Plan gefaßt zu haben, neue Muͤhen für ihn zu erſinnen, und mit ihm zu verfahren, wie das Weib des Euryſtheus mit dem jugendlichen Herkules. War er gluͤcklich, ſo mochten ſie heimlich darauf rechnen, ſelbſt davon Nutzen zu ziehen; unterlag er, ſo waren ſie von einem laͤſtigen Nebenbuhler auf der Bahn der Macht und der Popu⸗ laritaͤt befreit. In dieſer Abſicht ſchlugen ſie Napo⸗ leon vor, die Leituug der gegen England beſtimmten Expedition zu uͤbernehmen und dadurch ſeinem mili⸗ taͤriſchen Rufe die Krone aufzuſetzen. 8,4 Viertes Kapitel. —- Gegenſeitige Lage von Großbritannien und Frankreich zur Zeit der Rückkehr Napoleon's aus Italien.— Unterhandlungen zu Lille; ſie zerſchlagen ſich und Lord Malmesbury erhält den Befehl, die Republik zu verlaſſen— Die Errichtung einer Ar⸗ mee von England wird beſchloſſen und Buonaparte zum Befehls, 7² haber derſelben ernannt.— Er ſchlägt ſeinen Wohnſitz in Pa⸗ ris auf.— Schilderung ſeines perſönlichen Karakters und ſeiner Sitten.— Frau von Stasl.— Oeffentliche Beehrung Napo⸗ leon's— Der Invaſionsentwurf kommt zur Reife, und es zeigt ſich, daß Aegypten damit gemeint ſey.— Veraleichung der ita⸗ lieniſchen mit der Rheinarmee.— Napoleon's Abſichten und Ideen, Aegypten betreffend.— Abſichten des Direktoriums in Hinſicht auf denſelben Gegenſtand.— Unklugheit deſſetben.— Merkwürdige Ausſagen von Miot über Buonaparte, ehe dieſer abreiſt.— Die Kriegsflotte ſegelt den 10ten Mai 1798 von Toulon ab— Navoleon nimmt Malta am 10ten Juni ohne Wi⸗ derſtanddin Beſitz.— Er ſetzt ſeinen Weg fort,— entkommit dem brittiſchen Geſchwader, und landet am 29. bei Alexandrien. — Beſchreibung der verſchiedenen Volksklaſſen in Aegypten:— 1) die Fellahs und Beduinen,— 2) die Kovten, 3)— die Mameluken.— Napoleon erläßt von Alexandrien aus eine Proklamation gegen die Mameluken.— Er zieht am Ften Juli gegen dieſelben.— Fechtart der Mameluken.— Unzufrieden⸗ heit und getäuſchte Hoffnung der franzöſiſchen Soldaten und ihrer Offiziere.— Ankunft bei Cairo.— Schlacht bey den Pyramiden am rten Juli, in welcher die Mameluken gänz⸗ lich geſchlagen und zerſprengt werden.— Uebergabe von Cairo. Man haͤtte denken ſollen, daß der Krieg, nachdem die Franzoſen zu Lande, die Englaͤnder zur See uͤberall geſiegt hatten, ſofort ein Ende nehmen müſſe, wie ein Feuer, wenn es nichts mehr zu verzehren findet. Ueberall, wo das Waſſer ſie hintragen konnte, hatten die brittiſchen Kriegsſchiffe das Meer vom Feinde ge⸗ reinigt. Der groͤßte Theil der auswaͤrtigen Kolonien Frankreichs und ſeiner Alliirten, zu denen damals Holland und Spanien gehoͤrten, waren in den Be ſitz 73 von England gekommen, und es blieb den Franzoſen keine Hoffnung, dieſelben je wieder zu erobern. Da⸗ gegen ſah man auf dem Feſtlande nicht eine Muskete mehr gegen Frankreich gerichtet. So ſchien es, daß die großen wetteifernden Nationen, die mit verſchie⸗ denen Waffen und auf verſchiedenen Elementen foch⸗ ten, einen Kampf aufgeben muͤßten, der nicht mehr zu einem entſcheidenden Reſultate fuͤhren konnte. Es wurde daher durch die Unterhandlung in Lille ein Verſuch gemacht, dem Kriege ein Ziel zu ſetzen, der jetzt keinen Zweck mehr zu haben ſchien. Lord Malmes⸗ bury uͤberreichte daſelbſt einen Plan, nach welchem England ſich erbot, alle auf Koſten Frankreichs und ſeiner Verbuͤndeten gemachten Eroberungen zuruͤckzu⸗ geben, mit Ausnahme von Trinidad, des Vorgebirgs der guten Hoffnung, von Cochin und Ceylon, die von Spanien und Holland an England abgetreten werden ſollten; zugleich wurden einige Forderungen zu Gunſten des Prinzen von Oranien und ſeiner An⸗ haͤnger in den Niederlanden gemacht. Die franzoͤſi⸗ ſchen Bevollmaͤchtigten erklaͤrten dagegen, ſie ſeyen angewieſen, von England die Abtretung aller ſeiner Eroberungen ohne irgend eine Verguͤtung zu verlan⸗ gen; ſie beſtanden insbeſondere, als auf einer un⸗ erlaͤßlichen Bedingung, darauf, daß der Koͤnig von Großbrittannien ſeinen Ditel eines Koͤnigs von Frank⸗ reich ablege, daß die Flotte von Toulon wieder zutrück⸗ gegeben werden und England auf gewiſſe Unterpfaͤn⸗ 74 der i den Niederlanden verzichten ſolle, auf die es wegen eines dem Kaiſer gemachten Darleihens, Anſpruch zu machen hatte. Lord Malmesbury verwarf, wie es ſich verſteht, eine Reihe von Forderungen, durch welche jede Frage noch vor Eroͤffnung der Unterhandlungen zum Nachtheile Englands entſchieden wurde, und erbat ſich von den Franzoſen die Eingabe eines medificirten Frie⸗ densentwurfes. Inzwiſchen hatte aber der 18te Fruc⸗ tidor Statt gefunden, und die republikaniſche Par⸗ tei, die hiedurch in den Beſitz der vollen Gewalt ge⸗ langt war, brach die Unterhandlungen, wenn man ſich anders dieſes Wortes hier bedienen kann, plötzlich ab und wies den engliſchen Geſandten ohne weitere Um⸗ ſtaͤnde aus dem Gebiete der Republik. Es erfolgte hierauf die feierliche Erklaͤrung, die Exiſtenz des eng⸗ liſchen Carthago in der Naͤhe des franzoͤſiſchen Roms ſey nicht zu geſtatten, England muͤſſe wie in den Zei⸗ ten Wilhelms des Eroberers nochmals unterjocht wer⸗ den; und die Hoffnung eines vollſtaͤndigen und endlichen Sieges uͤber ihren natuͤrlichen Feind und Nebenbuhler war fuͤr die Franzoſen ſo ſchmeichelhaft, daß es in ganz Frankreich, vielleicht ſelbſt unter den Royaliſten, nie⸗ manden gab, in dem bei der Ausſicht auf den bevor⸗ ſtehenden entſcheidenden Kampf nicht der Nationalhaß der früheren Jahrhunderte wieder erwacht waͤre. Gegen das Ende des Oktobers 1797 verkuͤndete das Direktorium die unverzuͤgliche Verſammlung einer Armee an den Kuͤſten des Oßeans, die den Namen 75 der Armee von Engl and fuͤhren und von dem Bürgergeneral Buonaparte befehligt werden ſollte. Dieſe Nachricht ward in ganz Frankreich mit einem dem Siege vorgreifenden Jubel aufgenommen. In ſeiner Zuſchrift an das franzöſiſche Volk zaͤhlte das Direktorium alle Siege Frankveichs, alle die von ibm gemachten Anſtrengungen auf, die erſt durch die Zuͤch⸗ tigung des treuloſen, die See beherrſchenden Enslunds gekroͤnt werden koͤnnten.„Alles Ungluͤck von Europa iſt von London aus zgegangen— in London muß ihm ein Ziel geſetzt werden.“ In einer feierlichen Sitzung des Direktoriums, wo die Urkunde des mit Oeſter⸗ reich geſchloſſenen Friedens von Berthier und Monge im Namen des Obergenerals uͤberreicht wurde, nahm letzterer, der in Italien in der Eigenſchaft eines Kunſt⸗ raͤubers gedient hatte und jetzt ohne Zweifel eine reiche Ernte von Seltenheiten in England ahnden mochte, im Namen der Armee und des Generals den von den Machthabern ausgeſprochenen Auftrag an.„Die eng⸗ liſche Regierung,“ ſagte er,„und die franzoͤſiſche Re⸗ publik koͤnnen nicht laͤnger beide zugleich beſtehen.— Ihr habt das Loſungswort gegeben— ſchon ſchwin⸗ gen unſere ſiegreichen Schaaren ihre Waffen und Sci⸗ pio iſt an ihrer Spitze.“ Waͤhrend dieſe Poſſe— denn als ſolche erwies ſich der ganze Vorgang— in Paris geſpielt wurde, kam der Fuͤhrer der beabſichtigten Unternehmung daſelb ſt an und bezog dieſelbe beſcheidene Wohnung, wie vor⸗ 76 dem, als er noch nicht der Eroberer von Palaͤſten war. Die Gemeinde von Paris erwies dem ſieggekroͤnten General die Ehre, die Straße Chantereine, wo er wohnte, in die Siegesſtraße umzutaufen. In einer Hauptſtadt, wo alles willkommen iſt, was in das alltaͤgliche Leben einen Wechſel bringen kann, iſt die Ankunft einer merkwuͤrdigen Perſon ge⸗ wiſſermaßen ein Feiertag; allein ein ſo hervorragender Mann, wie Buonaparte— der Eroberer— der Weiſe — der Politiker— dem nichts zu ſchwer war— der in allen Schlachten geſtegt und die Fahnen der Re⸗ publik von Genua her ſo weit vorwaͤrts getragen hatte, daß der Pabſt in Rom, der Kaiſer in Wien ge⸗ ſchreckt wurde— ein ſolcher Mann war kein alltaͤgli⸗ ches Wunder. Das Wunderſame ſeiner Erſcheinung ward noch geſteigert durch ſeine Jugend und weit mer noch durch den Ausdruck ſe ner Ueberlegenheit in der Geſellſchaft der ausgezeichnetſten Perſonen, die Frank⸗ reich aufweiſen konnte. Dieſer Ausdruck offenbarte ſich durch ein gewiſſes zurückhaltendes Weſen, das zu ſagen ſchien: Ihr koͤnnt mich wohl angaffen, aber nicht durchſchauen. Napoleon's damaliges Beneh⸗ men in der Geſellſchaft iſt uns von einem der feinſten Beobachter beſchrieben worden. Dieſer ſagt von ihm, die Bewunderung, die man ihm nicht habe verſagen koͤnnen, ſey jederzeit mit einiger Furcht gemiſcht ge⸗ weſen. Napoleon hatte ſeine eigene Weiſe, er war weder gut noch uͤbel gelaunt, weder gütig noch ſtreng —— —P— gleich andern Menſchenkindern. Er ſchien ganz fuͤr die Ausfuͤhrung ſeiner eigenen Plane zu leben, und andere nur in ſofern zu beachten, als ſie dieſelben be⸗ föͤrdern oder ſtoͤren konnten. Er ſchaͤtzte ſeine Mit⸗ menſchen nur als Mittel zu ſeinen Zwecken und wuß⸗ te, wie in unmittelbarer Anſchauung, die Geſinnun⸗ gen derjenigen zu ergruͤnden, die er ſeiner Aufmerk⸗ ſamkeit wuͤrdig hielt. Buonaparte hatte damals noch nicht den Ton einer leichten geſelligen Unterhaltung in ſeiner Gewalt; wahrſcheinlich war ſein Geiſt noch zu beſchaͤftigt oder zu ſtolz, um ſich zu dieſer Gefall⸗ weiſe zu bequemen; er zeigte ſich ſteif und zuruͤckhal⸗ tend, vielleicht um ſich der Zudringlichkeit zu erweh⸗ ren. Mit ſeinem Blicke verhielt es ſich eben ſo. Wenn er ſich ſcharf beobachtet glaubte, konnte er ſeiner Miene jeden Ausdruck benehmen; der Beobachter ſah als⸗ dann nichts, als ein leeres gleichguͤlliges Laͤcheln, die unbeweglichen Augen und die ſtarren Zuͤge einer Mar⸗ moxbuͤſte. 3 Wenn Napoleon gefallen wollte, erzaͤhlte er oft⸗ mals Anekdoten aus ſeinem Leben auf eine ſehr an⸗ muthige Weiſe; wenn er ſchwieg, ſo zeigte ſich etwas Hoͤhniſches in ſeinem Geſichte; wenn er ſich gehen ließ ſo ſiel er, nach der Ausſage der Frau von Stazl, ins Gemeine. Sein herrſchendes Gefuhl ſchien das ſeiner eigenen Ueberlegenheit zu ſeyn, verbunden mit einer geheimen Verachtung der Welt, in der er lebte, der Menſchen, mit denen er umging, und ſelbst der Zwecke, die er verfolgte. Sein Karakter und ſein Benehmen waren uͤberhaupt ganz dazu geeignet, die Aufmerkſamkeit der franzoͤſiſchen Nation auf ſich zu ziehen, und ein bleibendes Intereſſe zu erwecken, ſo⸗ wohl durch ſeine geheimnißvolle Auſſenſeite, als durch den Glanz ſeiner Siege. Die hochſte Gewalt prunkte im Palaſte Luxemburg, aber ganz Paris wußte wohl, daß der Gruͤnder und Beſchuͤtzer dieſer Gewalt in ei⸗ nem unanſehnlichen Hauſe der neugetauften Sieges⸗ ſtraße zu finden ſey. Einige Zuͤge in dieſem Gemaͤlde ſind vielleicht in noch friſchem Haſſe(recentibus odiis) zu ſcharf gehal⸗ ten. Die Mißhelligkeit zwiſchen Buonaparte und der Frau von Starl, der wir hauptſaͤchlich gefolgt ſind, iſt bekannt genng. Sie entſtand um dieſe Zeit, wo dieſe durch ihre Talente ſo ſehr ausgezeichnete Frau begreiflicherweiſe die Aufmerkſamkeit des Beſiegers der Sieger auf ſich zu lenken ſuchte. Beide ſcheinen einander mißverſtanden zu haben; denn die Dame, die es ſicherlich am beſten wiſſen mußte, hat uns be⸗ richtet, ihre Furcht vor Buonaparte ſey, nachdem ſie ihn oͤfters geſehen, eher geſtiegen, als gefallen, und ſte habe, er mochte auch thun, was er wollte, um zu gefallen, ihre Abneigung gegen das, was ſie in ſeinem Karakter fand, nicht beſiegen koͤnnen. Seine hoͤhniſche Verachtung alles Trefflichen wirkte erkaͤltend und verwundend, wie das Schwert in der Romanze. Buonzparte ſcheint den geheimen und myſtiſchen Schre⸗ —— 79 cken, den er der geiſtreichen Verfaſſerin der Corinna einfloͤste, nicht geahnt zu haben. Las Caſes berichtet uns im Gegentheil, daß ſie Allem aufgehoten habe, um auf den General Eindruck zu machen. Sie ſchrieb an den Abweſenden und drang ſich, wie der Graf ſich eben nicht hoͤflich ausdruͤckt, dem Anweſenden auf. Beide befanden ſich, wie die Franzoſen ſagen, in ei⸗ ner falſchen Stellung zu einander. Man kann der Frau von Staëél die Meinung zu gut halten, daß ihrem Witze und Dalente nicht zu widerſtehen war, wenn ſie gefallen wollte; allein Buonaparte wollte das Entgegenkommen einer ſo ſcharfſehenden und geſchei⸗ ten Dame, die ſich weit mehr herausnehmen durfte, als ein Mann, eher zuruͤckweiſen, als ermuthigen. Es war ihr gewiß darum zu thun, ſein Inneres zu er⸗ forſchen, und ſie ſtellte eines Tags ſeine Geiſtesgegen⸗ wart auf die Probe, indem ſie in einer glaͤnzenden Verſammlung bei Talleyrand ploͤtzlich die Frage an ihn richtete, welche von allen jetzt lebenden oder ver⸗ ſtorbenen Frauen er fuͤr die groͤßte halte.„Diejenige, „welche die meiſten Kinder geboren hat,“ erwiederte Buonaparte mit der groͤßten Unbefangenheit. Durch dieſe Antwort in Verlegenheit geſetzt, bemerkte ſie, er gelte eben fuͤr keinen großen Bewunderer des ſchoͤnen Geſchlechts.„Ich liebe meine Frau zaͤrtlich, Madame,“ antwortete er mit einer jener kurzen und beißenden Be⸗ merkungen, die wie eines ſeiner entſcheidenden Schlacht⸗ manoͤvers wirkte und allem weitern Streite ein Ende machte. Von dieſer Zeit an war Feindſchaft zwiſchen Buonaparte und der Frau von Stasl; und er behan⸗ delte ſie zu verſchiedenenmalen mit einer Haͤrte, die ge⸗ wiſſermaßen den Anſchein eines perſoͤnlichen Wider⸗ willens hatte, vielleicht aber mehr der ſtaatsklugen, als der gelehrten Frau galt. Nach ſeinem Falle ſcheint Frau von Stasël ihren Groll geßen ihn gemildert zu haben; wir erinnern uns, daß ſie waͤhrend des Feld⸗ zugs von 1814 in den geſellſchaftlichten Zirkeln weiſ⸗ ſagte, daß unter den Mauern von Troyes die in Frank⸗ reich eingedrungenen Hunnen, wie zu den Zeiten des Attila, geſchlagen werden wuͤrden, und daß Buona⸗ parte dabei die Rolle des Theodorich ſpielen werde. Waͤhrend die Volksſtimme und der Beifall ausge⸗ zeichneter Maͤnner dem jugendlichen Sieger ſolcherge⸗ ſaalt huldigten, durfte das Direktorium nicht verſaͤu⸗ men, ein Gleiches zu thun, wenn es nicht die oͤffent⸗ liche Meinung gegen ſich aufbringen und ſich ſelbſt mehr ſchaden wollte, als demjenigen, der nach dem Urtheile Aller auf jede Beehrung Anſpruch machen konnte. Am 1oten December empfing das Direktorium Napoleon öffentlich mit Ehrenbezeugungen, welche die republikaniſche Regierung bis jetzt noch niemanden er⸗ wieſen hatte, und die denen als uͤbertrieben erſcheinen mußten, die ſich noch daran erinnerten, wie ſehr einſt die Freiheit und Gleichheit als der Talisman der fran⸗ zöfiſchen Gluͤckſeligkeit geprieſen worden waren. Die Feierlichkeit fand in dem großen Hofe des Palaſtes von Luxem⸗ 841 Luxemburg Statt, wo das Direktorium, umgeben von allen, die durch ihre Stellung im Staate oder durch ihre Talente ausgezeichnet waren, den beſtaͤtigten Frie⸗ densvertrag von Campo Formio aus den Haͤnden Na⸗ poleon's empfing. Bei Ueberreichung dieſer Urkunde hielt Buonaparte eine Rede, worin er dem Direktsrium ſagte, zur Einfuͤhrung einer auf die Vernunft gegruͤn⸗ deten Verfaſſung haͤtten die Vorurtheile von achtzehn Jahrhunderten beſiegt werden muͤſſen.—„Die Ver⸗ „faſſung des Jahres drei ſey entſtanden und alle dieſe „Hinderniſſe ſeyen beſiegt worden.“ Der Triumph die⸗ ſer Verfaſſung dauerte genau bis zum Jahre acht, wo der Redner ſelbſt dieſelbe uͤber den Haufen warf, und die Macht derjenigen zerſtörte, welche die Irr⸗ thuͤmer von achtzehn Jahrhunderten uͤberwaͤlrigt, und ſich an ihrer Stelle zu Herrſchern erhoben hatten. Obgleich die Franzoſen die Religion aus ihren Ge⸗ danken und aus ihrem haͤuslichen Leben verbannt hat⸗ ten, behielten ſie doch bei oͤffentlichen Feierlichkeiten einige mit ihr verwandte, wenn ſchon entſeellte Cere⸗ monien bei. Sie, die alle Andachtsuͤbungen abge⸗ ſchafft und das Daſeyn eines Gegenſandes der Ver⸗ ehrung ausdruͤcklich gelaͤugnet hatten, konnten doch bei Gelegenheiten, wie die gegenwaͤrtige, Altaͤre, Hym⸗ nen und Kirchengebraͤuche nicht entbehren. Der Ge⸗ neral, von Barras, dem Praͤſidenten des Direktoriums, geführt, naͤherte ſich einer Erhoͤhung, die man den Altar des Vaterlands nannte; es fanden mehrere Ce⸗ ag. Scott's Werke. XXXIX. 8² remonien Statt, worauf die zahlreiche Verſammlung, ſehr erbaut von dem, was ſie geſehen hatte, wieder entlaſen wurde. Die beiden Raͤthe oder repraͤſenta⸗ tiden Koͤrperſchaften gaben zu Ehren Napoleon's ein glaͤnzendes Bankett. Durch dieſe Ehrenbezeugungen fand er ſich jedoch weniger geſchmeichelt, als dadurch, daß ihn das Nationalinſtitut an die Stelle ſeines Freun⸗ des Earnot, der auf der Flucht war und den man für todt hielt, unter die Zahl feiner Mitglieder aufnahn, waͤhrend der Dichter Chenier fein Lob beſang, und ſeine küuͤnftigen Siege, durch die baldige Eroberung von Eng⸗ land gekroͤnt, weiſſagte. Nichts iſt unphiloſophiſcher, als die Gebraͤuche anderer Voͤlker blos deswegen laͤcherlich zu machen, weit ſie von den unfrigen abweichen; allein es iſt doch merkwürdig, daß es den beiden Haͤuſern des brittiſchen Parlaments zu ſeiner Zeit nicht eingefallen iſt, den Herzog von Malvorough zu bewirthen und daß die koͤnigliche Societaͤt der Wiſſenſchaften ſeinen Nachfol⸗ ger auf der Siegesbahn auch nicht durch allgemeinen Zuruf zu ihrem Mitgliede ernannt hat, obsleich die brittiſche Nation in beiden Faͤllen nicht unterlaſſen hat, die Schuld der Dankbarkeit gegen ihre hochverdienten Feldherrn auf eine ſchlichtere und gemeinere Weiſe, nemlich durch Verleihung von großen und wahrhaft fuͤrſtlichen Domainen abzutragen. Indeſſen ward England fortwaͤhrend auf das ernſt⸗ lichſte wit einer Invaſion bedroht. Die Englaͤnder 83 ließen ſich aber dadurch nicht ſchrecken; die einzige Wirkung dieſer Drohung war, daß Maͤnner von jedem Range ihren Streit uͤber politiſche Gegenſtaͤnde auf⸗ gaben und mit aller Energie ihres Nationalkarakters zuſammenhielten, um den Anſtalten, die gegen ſie ge⸗ troffen wurden, die Stirne zu bieten und dieſelben zu vereiteln. Was dieſem Entſchluſſe noch mehr Feſtigkeit gab, war das Andenken an die brittiſche Tapferkeit, die Frankreich ſo oft die tiefſten Wunden geſchlagen hatte und die ſich gewiß auch in der aͤußerſten Gefahr nicht verlaͤugnen konnte. Man ſah jetzt die wohlthaͤti⸗ gen Fruͤchte einer freien Verfaſſung, die das Gift des Parteigeiſtes in offener Debatte verduͤnſten laͤßt. Die⸗ jenigen, die uͤber Frieden und Krieg verſchieden dach⸗ ten, waren in Beziehung auf Nationalvertheidigung und Bekaͤmpfung des gemeinſchaftlichen Feindes ganz derſelben Meinung; diejenigen, welche nach der ge⸗ meinen Anſicht durch den Parteigeiſt unverſoͤhnlich entziveit ſchienen, waren die erſten, zu den genann⸗ ten Zwecken ſich zu vereinigen, wie Maͤnner, die ſich im Fechten uͤben, ſogleich ihre Uebungswaffen weg⸗ werfen und ihre Schwerter ziehen wuͤrden, wenn ſie von Raͤubern geſtoͤrt werden wollten. Buonaparte nahm mittlerweile die ganze Kuͤſte des brittiſchen Kanals in Augenſchein. Er verweilte bei jedem wichtigen Punkte, ſammelte Notizen und ſtellte jene Berechnungen an, die ihn in einer ſpaͤtern Pe⸗ riode bewogen, das Projekt einer Landung in Eng⸗ 63 7——— 8——. 4 land von Neuem vorzunehmen. Das Reſultat dieſer Unterſuchungen war zunaͤchſt dieſes, daß in dem vor⸗ liegenden Falle die Unternehmung aufgegeben werden muſſe. Die unermeßlichen Zuruͤſtungen und die ge⸗ 4 waltigen Drohungen einer Invaſion hatten weiter keine Folge, als daß etwa 12 bis 1400 Franzoſen unter dem General Tate bei Fishguard in Suͤd⸗Wales an's Land geſetzt wurden. Sie waren ohne Geſchuͤtz und betrugen ſich eher als Schiffbrüchige, die der Sturm auf eine feindliche Kuͤſte geworfen hatte, denn als Soldaten einer Invaſionsarmee, ſintemal ſie ſich ohne allen Widerſtand dem Lord Cawdor, der mit einer in der Eile zuſammengerafften Abtheilung walli⸗ ſcher Miliz auf den erſten Laͤrm gegen ſie gezogen war, als Kriegsgefangene ergaben. Die Sache ſollte wahrſcheinlich nur ein Verſuch ſeyn, der jedoch gaͤnz⸗ lich mißlang. Die Andeutungen einer Invaſion wurden nichts deſtoweniger fortgeſetzt, und alles ſchien auf beiden Seiten zu einem verzweifelten Kampfe zwiſchen den zwei mäͤchtigſten Nationen von Europa vorbereitet zu werden. Allein das Verfahren der Politiker gleicht 6 jenem gewiſſer Handelsleute in Indien, die man Ba⸗ nianen nennt, die von den gleichguͤltigſten und gering⸗ fuͤgigſten Dingen mit einander zu ſprechen ſcheinen, waͤhrend ſie, unter einem Shawl, der zwiſchen ihnen ausgebreitet iſt, ihre Haͤnde ſpielen laſſen und mittelſt dieſer mimiſchen Zeichen die wichtigſten Haͤndel unter 85 einander abſchließen. Waͤhrend ganz Frankreich und England mit unverwandten Blicken auf die Flotte und die Armeen ſahen, die gegen das letztere Land be⸗ ſtimmt waren, wollten das Direktorium und ſein Ge⸗ neral die Drohungen nur als ein Blendwerk ge⸗ brauchen, um die oͤffentliche Aufmerkſamkeit von ih⸗ rem eigentlichen Zwecke, d. h. von der beruͤhmten Ep⸗ pedition nach Aegypten, abzuziehen. Fruͤher ſchon(am 13ten September 1797), als er noch in Italien war, hatte Buonaparte dem Direk⸗ torium vorgeſtellt, welche Vortheile der Beſitz der In⸗ ſel Malta den Franzofen gewaͤhren wuͤrde und wie leicht es ſey, dieſelbe zu nehmen.„Die Ritter,“ ſagte er,„ſeyen den Einwohnern von Malta verhaßt, „und ſtürben faſt Hungers.“ Um ihre Noth noch zu vermehren und ihre Vertheidigungsmittel vollends zu ſchwaͤchen, hatte er ihr Eigenthum in Italien bereits eingezogen. Er bewies dem Direktorium in einer weitern Ausfuͤhrung, daß, wenn man einmal im Be⸗ ſitze von Corfn und Malta ſey, die Eroberung von Aegypten ſich von ſelbſt verſtehe. 25,000 Mann und 8 bis 10 Linienſchiffe, meinte er, wuͤrden zu dieſer Expedition hinreichend feyn und koͤnnten von der ita⸗ lieniſchen Kuͤſte zu dieſem Zwecke abgehen. Talleyrand, damals Miniſter der auswaͤrtigen An⸗ gelegenheiten, erkannte in ſeiner Antwort vom 23ſten September die unermeßlichen Vortheile einer Expedi⸗ tion nach Aegypten, das, als eine franzoͤſiſche Kolo⸗ 86 nie, den Handel von Indien auf dem kuͤrzeſten Wege nach Europa ziehen und den weiten Umweg um das Vorgebirg der guten Hoffnung entbehrlich machen würde. Dieſe Korreſpondenz beweist, daß Buonaparte, noch ehe er Italien verließ, ſchon den Gedanken einer Expedition nach Aegypten in der Seele trug, wahr⸗ ſcheinlich aber nur als einen jener großen, noch rohen Entwuͤrfe, zu denen ſein Ehrgeiz durch ſein Gluͤck in ſo vielen gefahrvollen Unternehmungen ermuthigt wor⸗ den war. Dieſe Idee hatte etwas Wildes und Groß⸗ artiges, das einer vom Ehrgeize entflammten Einbil⸗ dungskraft gefallen mußte. Er ſollte, unerreichbar je⸗ dem hoͤhern Gebote, die unumſchraͤnkte Vollmacht er⸗ halten, nach Gefallen Eroberungen zu machen und vielleicht ein Reich zu gruͤnden, in einem laͤngſt ſchon als die Wiege der Wiſſenſchaften betrachteten Lande, das in der heiligen und profanen Geſchichte als der Schauplatz der groͤßten Begebenheiten und entfernter Revolutionen, gefeiert wird, die, durch unermeßliche Zeitraͤume von uns geſchieden, einen düſtern und ge⸗ heimnißvollen Eindruck auf die Einbildungskraft ma⸗ chen. Auch ſind die erſten Verſuche aller Kunſt unter den gigantiſchen Ruinen von Aegypten und ſeinen der Zeit trotzenden Denkmaͤhlern zu finden. Dies konnte ſeine Wirkung auf Buonapate nicht verfehlen, der ſo Verbreiter der Wiſſenſchaften, der Philoſophie und der ſchoͤnen Kuͤnſte zu Theil wird. In dieſer Hinſicht hatte fehr nach dem Ruhme geizte, der dem Beſchuͤtzer und 4 * 87 er einen allzeit fertigen und willigen Rathgeber bei der Hand. Mongs, der Kuͤnſtler und Virtuos, und bei dieſem Anlaß der Vertraute Napoleon's, munterte ihn ohne Zweifel zu einer Unternehmung auf, die dem Al⸗ terthumsforſcher eine reiche Beute unter den bis jetzt nur unvollkommen unterſuchten Ruinen von Tempeln und Pallaͤſten zu verſprechen ſchien. Allein obgleich dieſer Gegenſtand zwiſchen dem Direktorium, den Miniſtern und Buonaparte zur Sprache gekommen war, ſo wollte dieſer, ehe er ſich auf die Sache einließ, wahrſcheinlich erſt den Aus⸗ gang der Revolution vom 18. Fructidor abwarten, weil er, nicht ohne Grund zweifelte, ob die Direktoren, nach ihrem Siege uͤber die Majoritaͤt der beiden Raͤthe auch im Stande ſeyn wärden, ihre Gewalt und Herr⸗ ſchaft zu befeſtigen. Er wußte, daß das Direktorium uͤberall nicht beliebt war. Fuͤr die zahlreiche Partei, die ſich nach einer monarchiſchen Regierungsform ſehnte, war daſſelbe ein Gegenſtand des Abſcheus. Die Armee war den Direktoren auch nicht hold, ſie wurden von ihr verachtet und nur darum gehalten, weil dieſelbe nicht mit den Royaliſten gemeinſchaftliche Sache ma⸗ chen wollte. Unter den heftigern Republikanern hat⸗ ten dieſe Machthaber wenig Freunde wegen ihres thaͤ⸗ tigen Antheils an Robespierre's Falle und wegen der Hinrichtung von Baboeuf und ſeiner Mitverſchwor⸗ nen. Von der Armee verachtet, von den Royaliſten gehaßt, von den Republikanern verabſcheut, ſchien die 88 Direktorialregierung ſich nur noch darum zu behaup⸗ ten, weil die Faktionen, denen ſie mißfiel, das Ueber⸗ gewicht fuͤrchteten, welches derjenigen, die dieſelbe zuͤrzen wuͤrde, zu Theil werden mußte. Diefe Kriſe in den oͤffentlichen Angelegenheiten war eine lockende Verſuchung fuͤr einen Mann, wie Buonaparte, der durch ſein faſt unglaubliches, durch keinen eigentlichen Unfall unterbrochenes Waffengluͤck die Augen des großen Haufens und felbſt der Nation nothwendig auf ſich zog und in den neuen Wechſeln die der wandelbaren franzoͤſiſchen Regierung bevorſtan⸗ den, zu den groͤßten Dingen berufen ſchien. Das Volk, einem Sieger ſtets gewogen, begrüßte ihn uͤberall mit lautem Beifaſt und ſeine Soldaten ſprachen in ihren Kriegsliedern davon, die Advoka⸗ ten von dem Staatsruder zu verzraͤngen, und ihren ſiegreichen General an ihre Stelle zu ſetzen. Die Franzoſen legten jetzt, zum erſten Male ſeit dem An⸗ fange der Revolution, die in der neuern Zeit aufge⸗ kommene Gewohnheit ab, ſich die Nation als ein Gan⸗ zes zu denken, und von ihr in dieſem Sinne zu ſpre⸗ chen; ſie fingen nachgerade an, ſich fuͤr Napoleon, als fuͤr ein Individuum zu intereſſiren; ſchon hatte jene ausſchließende Hochachtung ſeiner Perfoͤnlichkeit in der oͤffentlichen Meinung Wurzel gefaßt, die ihn ſpaͤter auf den Thron erhob. Allein trotz dieſer vielverſprechenden Anzeigen ſah Napoleon, der eben ſo vorſichtig als unternehmend 89 war, ein, daß die Zeit noch nicht gekommen ſey, wo er ohne große Gefahr den Verſuch machen koͤnne, die hoͤchſte Gewalt in Frankreich an ſich zu rsißen, Zwar konnte er auf die Soldaten von Italien ſich ganz ver⸗ laſſen; allein es gab noch eine andere große und wett⸗ eifernde republikaniſche Armee, die Nheinarmee, die nie unter ihm gedient, nie an ſeinen Siegen Theil genommen hatte, und die daher begreiflicher Weiſe mehr auf Moreau, als auf Buonaparte ſah. Frau von Staël ſagt, die Soldaten dieſer beiden Armeen häͤtten nur die Tapferkeit mit einander gemein gehabt. Die Truppen der Rheinarmee hatten nach vielen heißen Schlachten und Gefechten nur wenig Beute gemacht, und zeigten daher in⸗ ihrer Haltung eine dem republikaniſchen Syſteme angemeſſene Simplicitaͤt. Die Armee von Italien dagegen, die ſich nicht mit duͤrren Lorbeern begnuͤgt hatte, trug gdo⸗ ßen Reichthum zur Schau und bewieß dadurch, daß ſie auf der Siegesbahn ihr eigenes Intereſſe zu beden⸗ ken nicht verſaͤumt habe. So lange noch eine Armee beſtand, die, wie die Rheinarmee, mit Napeleon's Schaaren wetteiferte, konnte es dem letztern nicht wohl gelingen, ſich an die Spitze der Geſchaͤfte zu ſtellen. Zudem waren die Streitkraͤfte, auf die er ſich verlaſſen konnte, noch weit entfernt. Das Gluͤck hatte ihm noch nicht die erforderliche Veranlaſſung gegeben, um, wie er es nannte, uͤber den Rubicon zu gehen, und 20,000 Mann 90 nach Lyon zu bringen. Der Kriegsruhm eines Moreau, eines Jourdan und Kleber ſtand dem ſeinigen kaum nach; und die Truppen, die unter ihnen gedient hat⸗ ten, waren geneigt, ſie dem Eroberer von Italien gleichzuſtellen. Auch wußte Buonaparte, daß ſeine Popularitaͤt, wenn ſchon groß, doch nicht allgemein ſey. Er war bei den mittleren Klaſſen, die ſich an ſein Betragen am Tage der Sektionen erinnerten, nicht gut angeſchrieben, und unter den Republika⸗ nern gab es viele, die es laut tadelten, daß er Vene⸗ dig den Oeſterreichern uͤberlaſſen habe. Mit einem Worte, er war durch Andere noch zu ſehr beengt und gehemmt, als daß er den gefaͤhrlichen Sprung nach dem Gipfel der Gewalt haͤtte wagen koͤnnen, obgleich es nicht an Leuten fehlte, die ihm zu dieſem Wage⸗ ſtück riethen. Auf ſolchen Rath erwiederte er:„die Frucht iſt noch nicht reif,“ wodurch er zu ver⸗ ſtehen gab, daß es ihm zwar an Eßluſt nicht fehle, daß aber die Klugheit, das Mahl einzunehmen, noch nicht geſtatte.— Napoleon legte daher den Karakter eines Ober⸗ generäls der Armee von England, die Eroberung die⸗ ſer feindlichen Inſel auf eine andere Zeit verſchiebend, bei Seite; er beſchwichtigte ſowohl die innern Wuͤn⸗ ſche und die aͤuſſern Verſuchungen, die ihn antrieben, ſich einer Gewalt zu bemaͤchtigen, die den Haͤnden der Direktoren zu entſchluͤpfen ſchien, und richtete ſeine Blicke und ſeine Gedanken nach dem Orient, 91 wo ſeinen Dalenten, ſeiner Kriegskunſt und ſeinem Ehrgeize ein angemeſſenes Feld eroͤffnet war. Das Direktorium, dem es darum zu thun war, einen ſo gefaͤhrlichen Mitbewerber los zu werden, be⸗ eilte ſich ſeinerſeits, die Ruͤſtungen zu der Expedition von Aegypten zu vollenden, und zwar nach einem Maßſtabe, der in dem neuern Europa bei dem Plane zur Ueberziehung und Unterjochung entlegener fried⸗ licher Laͤnder noch nie gebraucht worden war. Es ging nun bald die Sage, die Invaſion von England ſey vertagt, bis der Sieger von Italien nach Erreichung eines großen nationglen, durch das Ge⸗ lingen einer geheimen Expedition bedingten Zweckes im Stande ſeyn warde, die Eroberung von Groß⸗ britannien mit aller Muße wieder vorzunehmen. 4 Buonaparte beſchraͤnkte aber ſeine Abſichten nicht auf Krieg und Eroberung. Beide ſollten gemildert werden durch literariſche und wiſſenſchaftliche Zwe⸗ cke; Minerva, in der einen Hand ihre furchtbare Lanze tragend, mit der andern Kuͤnſte und Wiſſenſchaften einfuͤhrend, ſollte gleichſam das Haupt der Unterneh⸗ mung werden. Die vielen Kunſtſchaͤtze, die zufolge ſeines Waffengluͤcks nach der Hauptſtadt gekommen waren, gaben dem General der italieniſchen Armee ein Recht auf die Auszeichnung, die von den franzoͤſi⸗ ſchen Gelehrten verliehen werden konnte, und er war als Mathematiker ſelbſt ein Gelehrter. Er fand, wie es ſchien, großen Geſchmack an viſſenſchaftlichem 9² Streben und trug die Amtskleidung der Mitglieder des Nationalinſtituts, ſo oft er nicht in militaͤriſcher Tracht erſchien. Dieſes zur Schau gelegte Beſtreben, die Befoͤrderung von Kuͤnſten und Wiſfenſchaften mit 3 dem Kriegsfache zu vereinigen, gab Anlaß zu einer beſondern und ganz neuen, mit der Kriegsrüſtung verbundenen, Anſtalt. Zum Erſtaunen des Publikums ward eine Schaar von nicht weniger als 100 Gelehrten(Savants) gebil⸗ det und beſtimmt, die Expedition, deren Zweck goch ein Geheimniß war, zu begleiten. Jedermann frug, welchen neuen Welttheil Frankreich zu koloniſiren ge⸗ benke, indem Anſtalten getroffen wurden, einen ſol⸗ chen nicht nur zu erobern, ſondern auch mit den Schaͤtzen der Literatur und der Wiſſenſchaften zu be⸗ reichern. Diefer ſeltſame, noch bei keiner Invaßons⸗ armee geſehene Beſtandtheil der Expedition ward mit Buͤchern, phyſikaliſchen und aſtronomiſchen Inſtru⸗ menten, und allen Mitteln zur Betreibung der Wiſ⸗ ſenſchaften auf das reichlichſte verſehen. Mit den Gelehrten wollte jedoch Buonaparte Aegyp⸗ ten eben nicht ervbern; er hatte eine Fuͤlle der furcht⸗ barſten Kriegsmittel, die vortrefſtichſten Truppen. 25,0o Mann, groͤßtentheils Veteranen, aus der ita⸗ lieniſchen Armee gezogen, waren unter Buonaparte von einem Kleber, Deſſaix, Berthier, Regnier, Mu⸗ rat, Lannes, Andreoſſi, Menou, Belliard und anderen Maͤnnern befehligt, die ſich in den Revolutionskriegen 193 einen Namen erworben hatten. 400 Fahrzeuge dienten zum Einſchiffen der Truppen; Admiral Brunyes, ein erfahrner und tapferer Offizier, ſollte dieſelben mit 13 Linienſchiffen und 4 Fregatten begleiten. Eine ſchoͤ⸗ nere und furchtbarere Expedition iſt wohl nie zu einem ſo kuͤhnen Abentheuer ausgelaufen. Wir haben bereits die geheimen Zwecke dieſer Rů⸗ ſtung bezeichnet. Das Direktorium wünſchte einen General, den es in dem gegenwaͤrtigen ſchwankenden Zuſtande von Frankreich als einen Mithewerber um die hoͤchſte Gemalt, fuͤrchtete, los zu werden. Buo⸗ naparte nahm Keinerſeits den Oberbefehl an, weil er ihm einen ſeines Ehrgeizes würdigen Schauplatz eroͤffnete. Ein abgeſondertes, ganz unabhaͤngiges Kom⸗ mando über eine ſo treffliche Armee ſchien ihm die Eroberung und den oberherrlichen Beſi nicht nur von Aegypten, ſondern auch von Syrien, der Tuͤrkei und vielleicht von Konſtantinopel, der Koͤnigin des Orients, zu verſprechen. Er ſelbſt hat in der Folge mehr, als einmal zu verſtehen gegeben, daß, wenn nicht gebieteriſche Umſtaͤnde es anders gefuͤgt haͤtten, er die ganze Kraft ſeines Geiſtes der Errichtung einer orientaliſchen Dynaſtie gewidmet, und Frankreich ſei⸗ nem eigenen Schickſale uͤberlaſſen haben wuͤrde. Schon als Subalternoffizier von der Artillerie, hatte er die Hoffnung genaͤhrt, einſt Koͤnig von Jeruſalem zu werden. In ſeiner gegenwaͤrtigen, durch Macht und Wuͤrde ſo ausgezeichneten Lage, war die Kaiſerherr⸗ 94 ſchaft uͤber den ganzen Orient, oder wenigſtens das Chalifat von Aegypten, für ſeinen Ehrgeiz allerdings ein angemeſſeneres Ziel. Die geheimen Beweggruͤnde der Regierung und des Generals ſind daher leicht zu wuͤrdigen. Schwe⸗ rer iſt es, die aͤgyptiſche Expedition durch aͤchtpolitiſche Gruͤnde zu rechtfertigen. Der Nutzen derſelben war im Gegentheil hoͤchſt zweifelhaft, weil vieles dabei ge⸗ wagt und die ottomanniſche Pforte, der Aegypten ge⸗ hoͤrte, Frankreichs alte Freundin, angefeindet werden mußte. Die ungemeine Fruchtbarkeit der von dem Nil bewaͤſſerten Laͤnder macht den Beſitz derſelben dem tuͤrkiſchen Reiche beinahe unentbehrlich, indem daſſelbe wegen dem ſchlechten Zußande des Ackerbaues in ſeinen übrigen Laͤndern, und insbeſondere wegen der felſigten und unfruchtbaren Beſchaffenheit ſeiner griechiſchen Provinzen, das füͤr ſeine Hauptſtadt erforderliche Ge⸗ treide kaum anderswo herbeziehen kann, als aus dem ſtets ergjebigen Aegypten. Frankreich dagegen, mit allen Subſiſtenzmitteln fo reichlich ausgeſattet, hatte eben keinen Grund, ſeinen beſten General und den Kern ſeiner Armee aufs Spiel zu fetzen, und in einem weit entlegenen Lande ſich einer Provinz zu bemaͤch⸗ tigen, nur um den Unterhalt ſeiner Bevoͤlkerung zu erleichtern. Die Errichtung einer franzoͤſiſchen Ko⸗ lonie in jenem großen Lande haͤtte eine große Anzahl von Koloniſten, bedeutende Koſten und einen Aufwand von Huͤlfsmitteln aller Art erfordert, die Frankreich, 95⁵ das kaum von ſeiner Revolution geneſen war, nicht wohl aufbringen konnte. Das Klima ſelbſt iſt fuͤr Fremde ſehr ungeſund, und mußte einen großen Men⸗ ſchenverluſt verurſachen, ſo lange, bis ſich die Koloniſten an die Eigenthümlichkeiten deſſelben gewoͤhnt hatten. Es iſt ferner nicht zu üͤberſehen, daß das voͤllige Ge⸗ lingen der Unternehmung der franzoͤſiſchen Republik nicht etwa eine neue Provinz, ſondern ihrem ſiegreichen und ehrgeizigen Generale ein abgeſondertes und un⸗ abhängiges Königreich gegeben haben würde. Buo⸗ naparte hatte ſich, ſo lange er in Italien war, um die Befehle des Direktoriums eben nicht ſehr bekuͤm⸗ mert; haͤtte er nun ſeine Eroberungsplane im Orient ausgeführt, ſo wuͤrde es eine vergebliche Muͤhe gewe⸗ ſen ſeyn, ihm jenſeits des mittellaͤndiſchen Meeres ge⸗ bieten zu wollen. Endlich mußte der Verſuch, Aegypten der fran⸗ zoͤſiſchen Herrſchaft zu unterwerfen, durch die feind⸗ liche Stellung Englands nothwendig gefaͤhrdet werden, indem dieſes mit ſeiner Flotte im mittellaͤndiſchen Meere demſelben entgegen wirken oder einen kombinirten An⸗ griff von Europa und von Indien her gegen die fran⸗ zoͤſiſche Armee in Aegypten unternehmen konnte, wie dann beides auch wirklich geſchehen iſt. Die Franzoſen brachten jedoch dieſe Gefahr ſo wenig in Anſchlag, daß ſie die Eroberung von Aegypten viel⸗ mehr für den erſten Schritt zur Zerſtoͤrung der beitti⸗ ſchen Herrſchaft in Indien hielten, und Buonaparte 96 d beharrte bis zum letzten Angenblicke auf dieſer Anſicht. Mit ſeinem ſcharfen und weit ſehenden Adlerblicke zu hoch über den Hinderniſſen ſchwebend, uͤberſah er die wahre Groͤße derſelben, und meinte, die Erobe⸗ rungen Alexanders des Großen wuͤrden ſich in einigen auf beſchwerlichen Maͤrſchen zugebrachten Wochen be⸗ werkſtelligen laſſen. Er hatte bereits die Schritte ge⸗ zaͤhlt, die ihn auf den Thron des Orients fuͤhren ſoll⸗ ten; er ſelbſt erzaͤhlt uns, was er von der Wahrſchein⸗ lichkeit des Erfolges traͤumte:„Waͤre St. Jean d'Acre,“ ſagt er,„den franzoͤſiſchen Waffen unterlegen, ſo wuͤrde im Orient eine große Revplution zu Stande gekommen ſeyn; der Obergeneral haͤtte da ein Reich gegruͤndet, und das Schickſal von Frankreich wuͤrde ſich ganz anders geſtaltet haben.“ In dieſer Aeußerung bewaͤhrt Buonaparte die ihm eigenthuͤmliche Weiſe, nach welcher er durchaus keine Schwierigkeiten anerkennen wollte, mit Ausnahme derjenigen, die wirklich Statt gefunden haben und darum nicht zu längnen ſind. Die wenigen brittiſchen Truppen bei St. Jean d'Acre waren ſchon genug, um ſeinen ganzen Sraberun geplan uͤber den Haufen zu werfen; aber wie oiele andere Zerſtorungsmittel haͤtte die Vorſehung nicht zu demſelben Zwecke ver⸗ wenden koͤnnen! Die Peſt— die Wuͤſte— Meutereien unter ſeinen Soldaten— Muth und Unternehmungs⸗ geiſt, durch guͤnſtige Umſtaͤnde in den Volksſtaͤmmen, die lhn in den Weg traten, geweckt— die Berechnung aller 97 aller dieſer und anderer Moͤglichkeiten haͤtten ihn uͤber⸗ zeugen ſollen, daß er noch durch andere Zufaͤlle, als durch denjenigen, der ihn wirklich getroffen, beſiegt werden konnte. Waͤre es Gottes Wille geweſen, ſo wuͤr⸗ den die Sandſteppen von Syrien oder die Saͤbel der Tüͤrken ihm eben ſo verderblich geworden ſeyn, als die ruſſiſchen Schneegefilde und die Lanzen der Ko⸗ ſacken. Mit einem Worte, ein Zug von Aegypten nach Indien iſt leicht zu entwerfen, und noch leichter auf der Weltkarte mit dem Zirkel abzumeſſen. Geſetzt aber auch, es waͤre der franzoͤſiſchen Armee gelungen, alle die Feinde, die, wenn auch aus keinem andern Grunde, als aus Relig ionshaß, gegen ſie aufgeſtanden waͤren, zu beſiegen und die Grenzen des brittiſchen Indiens zu erreichen, ſo wuͤrde ihr General die ganze brittiſche Armee vor ſich geſehen haben, befehligt von Genera⸗ len, die den Krieg faſt nach demſelben großen Maß⸗ ſtabe, wie er, gefuͤhrt und faſt eben ſo entſcheidende Schlachten gewonnen hatten. Wir wuͤrden in denſelben Fehler, den wir tadeln, verfallen, wenn wir uns uͤber den wahrſcheinlichen Er⸗ folg eines ſolchen Zuſammentreffens aͤußern wollten. Gerade indem wir die Wahrſcheinlichkeit des Siegs fuͤr die zahlreichere mit Geſchuͤtz und Kriegsvorraͤthen aller Art beſſer verſehene Armee in Anſpruch nehmen, raͤumen wir ein, daß der Kampf ſchrecklich und hart⸗ naͤckig geweſen ſeyn würde. Sollte aber Napoleon wirklich geglaubt haben, er duͤrfe ſich nur zeigen, um W. Scotus Werke XXXIX. 7 98 das dortige brittiſche Reich zu⸗ zerſtoͤven⸗ſo huͤtte er die Widerſtandsmittel ſeines, Gegneus nicht mit der⸗ jenigen Vorſicht berechnet, die ſich für einen ſo gro⸗ sen Feldherrn ziemt. Man hat zwar behauptet, er ngvon Landes⸗ habe ſeine Streitkraͤfte durch Beit — eingebornen die guf franzoͤſiſche Weiſenabgovichtet worden waͤren, vermehren⸗ wpllen. Allein, laßt ſich wohl vorausſetzen, daß⸗ ſolche in der Eile gufgebotene, in der Eile eingeuͤbte Truppen es mi it den intandiſchen Truppen des brittiſchen Indiens haͤtten aufushmen koͤn⸗ nen, die den europaͤiſchen in Hinſicht aiff Muth und Disciplin ſo wenis nachſtehen und die ſebben. im Punkte der Maͤßigkeit und des willigen Gehunſans zeeie ugcß. uͤbertreffen?) 4 5 n9 16 29211 n. Mit einem Worte, die aghp für Eipesks konnte, abgeſehen von den Prisätztecken des Titk⸗ toriums und ſeines Genkrals, durchaus keinen? 3 3 theil gewahren, der die Ge dhr auſgrwo gen haͤtte, man ſich dadurch ausſetzré, t daß maͤn Frant Bluͤthe ſeiner Aumte beraubte. 1IA 1 ft 190 Mittlerweile kam die zrit derali benhrrshrrant Das Blokadegeſchwader von Nelſon ward durch einen Wind⸗ ſtoß von der Kuͤſte vertviehen und ſo fehr beſchäͤdigt, daß es ſich in die Hafenthon Sardinien fluͤchten mußle. Auf dieſe Weiſe warſhgs erſte und naͤchſte ei Hinderniß der Expedition beſeieigt. Die vefſchiedenen Keßimar der in den Haͤteie von Genlam kanss 5 99 Baſtia konnten nun unter Segel gehen und ſich mit demjenigen von Toulon vereinigen. Zufolge einer, freilich nur wenig verbuͤrgten Sage ſoll 2 Buonzparte in dieſem Augenblick nicht ungeneigt ge⸗ weſen ſeyn, das Kommando uber eine ſo wenig ver⸗ ſprechende und beinahe verzweifelte Expedition wieder aufzugeben und aus Veranlaſſung eines neüen, zwi⸗ ſchen Oeſterreich und Frank eich diſad nen Zwiſtes in Europa zu bleiben. Dieſer Zwi r die Folge des Betragens von Bernadotte, des fra 13 ſſiſchen Geſand⸗ dan Wien, der unklugerweiſe die dreifar bige Fahne vor ſeiner Wohnung aufgepflanzt, hiedurch einen Volks⸗ aufſtand veranlaßt und ſich Beſchimpfungen zu⸗ gezogen hatte. In der erſten Furcht, dieſer Vorfall moͤchte ei⸗ nen neuen Krieg herbelfuͤhren, beſcl hloß das Direkko⸗ rium ſofort, die Abreiſe von Buonaparte noch aufzu⸗ ſchieben und denſelben zu Beilegung des neuen Miß⸗ verſtaͤndniſſes nach Naſtadt zu ſchicken, wo der Kongreß noch verſammelt war. Buonaparte nahm den Auftrag an, und waͤhrend er den Aufſchub„der groͤßten Unter⸗ nehmung, die er je erſonnen hatte,“ zu beklagen ſchien ſchrieb er einen vertraulichen Brief an den Sraſe n Ee⸗ bentzel, worin er dieſen Miniſter der auswaͤ gelegenheiten zu einer Konferen; duh lud und auf einige politiſch i durch welche einige in Campo Formio er undene werden wuͤrden. Das Direktorium ſoll von dieſem 3 1.. 100 Briefe Kenntniß erhalten und aus Beſorgniß, Buo⸗ naparte moͤchte den Grafen Cobentzel und durch ihn den Wiener Hof fuͤr eine Regierungsveraͤnderung in Frank⸗ reich intereſſiren, beſchloſſen haben, denſelben ſogleich nach Aegypten abgehen zu laſſen. Barras, der den Auftrag erhielt, dem General dieſe abermalige Ver⸗ aͤnderung ſeiner Beſtimmung zu eroͤffnen, hatte eine geheime Unterredung mit Buonaparte in deſſen eigenem Hauſe. Die Stirne des Direktors war umwoͤlkt, und gegen ſeine Gewohnheit ſprach er mit Madame Buo⸗ naparte faſt gar nichts. Als er ſich entfernt hatte, ſchloß ſich Buonaparte auf eine Zeitlang in ſein Ge⸗ mach ein, und traf dann die noͤthigen Anſtalten zu ſeiner augenblicklichen Abreiſe nach Toulon. Dieſe be⸗ ſonderen Umſtaͤnde werden von Miot*) berichtet, der aber keine Autoritaͤt dafuͤr anfuͤhrt. Es ſcheint jedoch kaum einem Zweifel unterworfen, daß Buonaparte das Kommando uber die aͤgyptiſche Expedition von dem Di⸗ rektorium gewiſſermaßen als ein Delret ehrenvoller Verbannung, im Sinne des Oſtracismus, erhielt. Im Augenblicke der Abfahrt hielt Buonaparte eine jener ſonderbaren Anreden, in welcher viel Talent und Energie mit ſchlechtem Geſchmacke und vielem Schwulſte gemiſcht iſt. Er verſprach denen, die auf Bergen und Ebenen gefochten hatten, ſie auch in Seegeſechte zu fuͤhren, und einem großen Theile der Mannſchaft hat *) Mémoires pour servir à l'histoire des Expéditions en Egypte et en Syrie. Introduction p. XX. 3 — 101 er in der Seeſchlacht bei Aboukir auch wirklich Wort gehalten. Er fuͤhrte ſeinen Soldaten zu Gemuͤthe, daß die Roͤmer Carthago zu Waſſer und zu Land be⸗ kaͤmpft haͤtten— er verſicherte dieſelben, ſie im Na⸗ men der Freiheitsgoͤttin in die entlegenſten Laͤnder und Meere fuͤhren zu wollen, und ſchloß damit, daß er jedem Individuum ſeines Heeres ſieben Morgen Lan⸗ des verſprach. Ob dieſe Laͤndereien an den Ufern des Nils, am Bosphorus oder am Ganges angewieſen werden ſollten, daruͤber erhielten die Soldaten auch nicht den entfernteſten Wink, und dem Obergeneral ſelbſt wuͤrde es ſehr ſchwer geworden ſeyn, ſie dar⸗ uͤber zu belehren. Am 10ten Mai 17968 ſegelte dieſe praͤchtige Arma⸗ da von Toulon ab, im Glanze der herrlich aufgegan⸗ genen Sonne, der Sonne Napoleon's, wie man ſie nachher ſprichwoͤrtlich nannte. Die Kriegsſchiffe dehn⸗ ten ſich eine Meile weit aus, und der von dem Con⸗ voi gebildete Halbkreis nahm wenigſtens ſechs Meilen ein. Am 8ten Juni kam auf der hohen See noch eine zahlreiche Transportflotte hinzu, die den Diyiſions⸗ general Deſſaix an Bord hatte.. Am roten Juni erſchien die Armada vor Malta, der ehemaligen Citadelle der Chriſtenheit, die einſt von jenen unerſchrockenen Rittern beſetzt war, die, halb Krieger, halb Prieſter, die Unglaͤubigen mit dem Enthuſiasmus der Religion und des Ritterſinnes be⸗ kaͤmpften. Allein die jetzigen Mitglieder des Ordens 102 waren unter ſich ſelbſt entzweit, traͤge und liederliche Schwelger, die das zu Kreuzzuͤgen gegen die Tuͤrken beſtimmte Einkommen in Luſtbarkeiten, in feſtlichen Baͤllen und anderem Kurzweil in den italieniſchen See⸗ haͤfen vergeudeten. Buonaparte machte mit dieſen aus⸗ gearteten Rittern nur wenig Umſtaͤnde, obgleich die von ihnen beſetzte Feſtung ungemein ſtark war und ſruͤher den Tuͤrken auf das Glorreichſte widerſtanden hatte. Einer Partei unter den franzoͤſiſchen Rittern, mit denen er im Einverſtaͤndniß war, verſichert, ſetzte er Truppen an's Land, und nahm die faſt unbezwing⸗ lichen Feſtungswerke mit ſo geringem Widerſtande in Beſitz, daß Caffarelli, als er mit Napoleon hinein⸗ trat, zu dieſem ſagte:„Es iſt doch gut, General, „daß jemand innen war, um uns die Thore aufzu⸗ „ſchließen. Es waͤre uns ſchwerer geworden, hinein⸗ „zukommen, wenn der Platz ganz menſchenleer ge⸗ „weſen waͤre.“ In Malta, das Buonaparte zu einer Zwiſchen⸗ ſtation zwiſchen Frankreich und Aegypten beſtimmte, wurde eine hinreichende Beſatzung zuruͤckgelaſſen und den 19ten zog der kuͤhne General auf ſeiner Bahn wei⸗ ter fort. An der Kuͤſte von Candia, wo die Gelehr⸗ ten nach den Felſen, der Wiege Jupiter's, blickten und Spuren von dem beruͤhmten Labyrinthe zu ent⸗ decken ſuchten, erfuhr Buonaparte daß ein ganz ande⸗ rer Feind, als die Ritter von St. Johann, das engliſche Geſchwader, ſich in ſeiner Naͤhe befinde. U 108 Nelſon, der bis ans Ende auf ſeinem Elemente ſo unbeſtegbar gebliehen iſt, als Buonaparte ſich bis⸗ her zu Lande gezeigt hatte, war jetzt mit der Auf⸗ ſuchung ſeines beruhmten Zeitgenoſſen auf das emſigſte beſchaͤftigt. So eben durch 10 Linienſchiffe verſtaͤrkt, wuͤnſchte er nichts ſehnlicher, als auf Napoleon zu treffen,— ein Wunſch, in den auf ſeiner zahlreichen Flotte ſelbſt der letzte Schiffsjunge einſtimmte. Der brittiſche Admiral hatte gehort, die Franzoſen ſeyen in Malta, und war eben im Begriff, dahin abzuſegeln, als er erfuhr, ſie ſeyen weiter gegangen. Er ſchloß daraus, daß Aegypten nothwendig das Ziel ihrer Un⸗ ternehmung ſeyn muͤſſe und ſegelte daher ungeſaͤumt dahin ab. Nelſon kam ſchon am 28ten Juni noch vor den Franzoſen nach Alexandrien; da er ſie nun dort nicht fand und auch nichts von ihnen in Erfahrung bringen konnte, ſo ſegelte er gegen Rhodus und Syrakus, und ſo geſchah es, daß zwei große feindliche Flotten zu glei⸗ cher Zeit dieſelbe enge See durchfuhren, ohne ſichere Nachricht von ihrer gegenſeitigen Bewegung erhalten zu koͤnnen. Dies kam zum Theil daher, daß Nelſon keine Fregatten bei ſich hatte, die er auf Recognos⸗ cirung haͤtte ausſchicken köͤnnen, zum Theil aber auch von einem anhaltenden dichten Nebel, der die fran⸗ zoͤſiſche Flotte ihren Gegnern verbarg, und dadurch daß er die letztere zwang, naͤher beiſammen zu blei⸗ ben, die Moͤglichkeit der Entdeckung verminderte, die ſonſt durch ihre Ansdehnung uͤber einen groͤßeren Raum 2 104 haͤtte Statt finden muͤſſen. Nach dem Zeugniſſe von Denos ſahen die Franzoſen am 26ſten wirklich Nelſonss Flotte im Weſten, obſchon der dicke Nebel die Eng⸗ laͤnder verhinderte, ihren Feind, der eine entgegen⸗ geſetzte Richtung genommen hatte, zu bemerken. Der groͤßten Gefahr auf die angezeigte Weiſe ent⸗ gangen, bekam die franzoͤſiſche Flotte am 29ſten Juni die Stadt der Ptolomaͤer und der Kleopatra mit ihrem doppelten Hafen, ihrem Leuchtthurme und den alten rieſenhaften Denkmaͤhlern ihrer ehemaligen Groͤße zu Geſicht. Allein in dieſem kritiſchen Augenblicke, wo Buonaparte auf Alexandrien, als auf ſeine Beute, ſinnend, hinſah, ward ein fremdes Fahrzeug, das man fuͤr eine engliſche Fregatte und fuͤr den Vorlaͤufer der brittiſchen Flotte hielt, ſignaliſirt.„Wie,“ ſagte Napoleon,„ich verlange nur ſechs Stunden— wird „mich denn mein Gluͤck verlaſſen?“ Die wankel⸗ muͤthige Goͤttin blieb aber jetzt und noch manches fol⸗ gende Jahr ihrem Schuͤtzlinge getreu. Das Schiff war kein feindliches. Die Ausſchiffung der franzoͤſiſchen Armee fand 1 /2 Meilen von Alerandrien auf einem, Marabout genannten Ankerplatze Statt und ward nicht ohne ei⸗ nigen Verluſt an Boͤten, und Menſchen, die in der Brandung verungluͤckten, bewerkſtelligt, obgleich die Truppen, die ſo lange am Bord geweſen waren, ſol⸗ che Gefahren mit Freuden beſtanden. Sobald 5 bis 6000 Mann an's Land geſetzt waren, ruͤckte Buona⸗ 105 parte gegen Alexandrien vor, wo die Tuͤrken ergrimmt uber die feindliche Invaſion von Seiten eines Volkes, mit dem ſie in tiefen Frieden lebten, die Thore ſchloſ⸗ ſen und die Ringmauern beſetzten, um die Anruͤcken⸗ den zu empfangen. Allein dieſe Ringmauern waren in ſchlechtem Zuſtande und zeigten an manchen Stellen Sturmluͤcken; die Angegriffenen hatten keine andern Vertheidigungsmittel, als Musketen und Steine. Die Eroberer von Italien brachen ſich Bahn durch dieſe Hinderniſſe, doch nicht ohne Muͤhe und Verluſt; zwei hundert Franzoſen wurden getoͤdtet. Die Beſatzung mußte hart dafuͤr buͤßen und die Stadt eine dreiſtuͤn⸗ dige Pluͤnderung erleiden, was als eine unnöthige Grauſamkeit getadelt worden iſt, die keinen andern Zweck hatte, als Schrecken zu verbreiten und den Ruhm des ſiegreichen franzoͤſiſchen Generals zu erhoͤ⸗ hen. Allein es war Napoleon's Abſicht, den Einge⸗ bornen die hoͤchſte Meinung von ſeiner Macht bei⸗ zubringen. Aegypten wird von drei Volksklaſſen bewohnt, die in ihren Sitten und ihrem Karakter ſehr von einander verſchieden ſind, und zwar erſtens von dem arabiſchen Stamme, der in die Fellahs und Beduinen zerfaͤllt und den zahlreichſten, obgleich verachtetſten Theil der Bevoͤlkerung bildet. Die Beduinen, welche die Sitten des eigentlichen Arabiens beibehalten haben, ziehen in der Wuͤſte herum und treiben Viehzucht. Die Fellahs 106 bauen das Laud und“ aſind in Megipaon die Llzendii chen Bauern. Etwas mehr geachteb als die Araber ſind die Kop⸗ ten, die von den alten Aegyptiern abſtammen ſollen. Sie bekennen ſich zum Chriſtenthum, ſind furchtſam und unkriegeriſch, aber ſchlau und gewandt. Sie ſind im Finanzfache angeſtellt und bekleiden faſt alle buͤr⸗ gerlichen Aemter. Auch kreien ſie allen Handelin Lande. Die dritte und angeſehenſte Klaſſe beſta and aus den Mameluken, und gebot ſowohl den Kopten, als den Arabern. Sie ſind oder vielmehr ſie waren Soldaten vom Handwerke, die kein anderes Gewerbe als den Krieg kannten. In dieſem Stuͤcke glichen ſie den Ja⸗ unitſcharen, den Strelitzen, den Praͤtorianern, oder aͤhnlichen militaͤriſchen Koͤrperſchaften, die unter einer despotiſchen Regierung das ſtehende Heer bilden, und abwechſelnd der Schutz und der Schrecken des Herr⸗ ſchers ſind, den ſie ihr Oberhaupt nennen. Allein der karakteriſtiſche Zug des Mamelukeninſtituts war, daß dieſe Kriegerſchaar nur durch fremde Sklaven, mei⸗ ſtentheils aus Georgien und Cirkaſſien, ergaͤnzt wur⸗ den. Dieſe wurden als junge Knaben von den ſoge⸗ nannten Bey s, d. h. von den Haͤuptern der Mame⸗ luken, gekauft, deren Zahl ſich auf vier und zwanzig belief, und von denen jeder einen der 24 Kreiſe be⸗ herrſchte, in welche Aegypten durch ſie getheilt woͤr⸗ den war. Der junge, mit genauer Beruͤckſichtigung — 10 ſeiner koͤrperlichen Staͤrke und ſeiner Geſtalt gekaufte Sklave wurde in dem Haufe ſeines Herrn ſorgfaͤltig im Gebrauche der Waffen un ſterrichter. Wenn er aus⸗ gelernt hatte, trat er als Mameluk in das bewaffnete Gefolge des Bey und konnte em Herrn in dieſer Wuͤrde folgen; denn dieſe Haͤuptlinge verachteten die gemeinen Bande der Blutsverwandtſchaft, und ihre Gewalt ging nach militäͤriſchen Grundſätzen, wenn ſie ſtarben, auf denjenigen uͤber, der in der Bande fuͤr den beſten Soldaten galt. Sie fochten ſtels zu Pferd, und konnten in ihrer eigenen Kriegsweiſe die trefflich⸗ ſte Reiterei in der Welt genannt werden. Vollſtaͤndig bewaffuet, ihrer Tapferkeit gaͤnzlich vertrauend, waren ſie unerſchrocken, gewandt und furchtbar in der Schlacht. Allein mit ihrer kriegeriſchen Tapferkeit begann und ſchloß ſich das Verzeichniß ihrer Tugenden. Ihre La⸗ ſter waren fuͤhlloſe Grauſamkeit, tyranniſche Herrſch⸗ ſucht und die zuͤgelloſeſte, ſchaͤndlichſte Wolluſt. So waren die damaligen Herren von Aegypten beſchaffen. Allein die eigentlichen Souverainitaͤtsrechte wurden nicht von den Bey's, ſondern von dem Paſcha, dem Legaten der Pforte, ausgeuͤbt, der in Aegypten die Perſon des Großherrn vertrat und den Dribut an Geld und Getreide, welchen Konſtantinopel aus die⸗ ſer reichen Provinz erwartete, einzutreiben hatte, bei dieſem Geſchaͤft aber es nicht verſaͤumte, ſo viel er konnte, ſeine eigene Kaſſe zu fuͤllen. Der Paſcha be⸗ hauptete ſein Anſehen bald durch den Beiſtand tuͤrki⸗ 100 ſcher Truppen, bald dadurch, daß er die Bey's gegen einander aufhetzte. So wurde dieſes fruchtbare Ldand von vier und zwanzig Praͤtoren unterdruͤckt, die, ſie mochten nun untereinander oder mit dem Paſcha im Frieden leben, oder ſich gegenſeitig oder auch den Pa⸗ ſcha befehden, in jedem Falle der Schrecken und die Geißel der armen Araber und Kopten waren, in de⸗ ren Mißhandlung dieſe uͤbermuͤthigen Sklaven ihr ſchoͤnſtes und edelſtes Vorrecht zu uͤben glaubten. Von dem Augenblicke an, wo Buonaparte auf die Invaſion von Aegypten ſann, mußte ſein erſter Zweck die Zerſtoͤrung der Mamelukenmacht ſeyn, er war auch kaum im Beſitz von Alexandrien, als er dieſen Zweck zu erkennen gab. Er erließ eine Pro⸗. klamation, in welcher er ſeine Verehrung Gottes, des Propheten und des Korans, ſeine Freundſchaft gegen die erhabene Pforte, deren treue Alliirte die Fran⸗ zoſen ſeyen, und ſeinen Entſchluß, die Mameluken zu bekriegen, kund gab. Er befahl mit den gewoͤhnlichen, nur wenig abgeaͤnderten Gebeten in den Moſcheen fort⸗ zufahren, und ermahnte alle aͤchte Muſelmaͤnner aus⸗ zurufen:„Heil dem Sultan und den Franzoſen, ſei⸗. „nen Verbuͤndeten! Fluch uͤber die Mameluken, und „Segen uͤber das egyptiſche Land!“ Am 5ten Juli ruͤckte die Armee aus Alerandrien gegen die Mameluken vor. Sie zog am Nil hinauf, 3 in ihrer rechten Flanke von einer kleinen, aus Kanonier⸗ boͤten beſtehenden Flotte begleitet; die Infanteris — 1⁰9 nahm ihren Weg in einiger Entfernung von dem Strome durch eine brennende Sandwuͤſte, wo ſie keinen Tropfen Waſſers zur Stillung ihres quaͤlenden Durſtes fand. Die Armee von Italien an die Genuͤſſe dieſes herrlichen Landes gewoͤhnt, war erſtaunt uͤber die traurige Oede, die ſie vor ſich ſah.„Iſt dies „das Land,“ riefen die Soldaten,„wo wir unſere „ſieben Morgen Ackerfeldes erhalten ſollen? Der Ge⸗ „neral haͤtte uns erlauben koͤnnen, ſoviel zu nehmen, „als uns beliebt— es wuͤrde gewiß keiner dieſe „Erlaubniß mißbraucht haben!“ Auch ihre Offiziere bezeugten ihren Abſcheu und Unwillen; ſelbſt aus⸗ gezeichnete Generale, wie Muͤrat und Lannes, war⸗ fen ihre Huͤte auf den Sand und traten ihre Kokarden mit Fuͤßen. Buongparte mußte ſein ganzes Anſehen gebrauchen, um die Ordnung zu erhalten— ſo miß⸗ vergnuͤgt waren die Franzoſen mit dem Anfange des Feldzugs. In dieſer Noth begann auch der Feind ſich zu zeigen. Mameluken und Araber, hinter Sandhuͤgeln verſteckt, thaten ihnen bei jedem Schritte Aöbbruch; und wehe dem Soldaten, der ſich auch nur fuͤnfzig Schritte aus Reihe und Glied entfernte, es fielen ſogleich eini⸗ ge von dieſen Reitern uber ihn her, ſaͤbelten ihn nie⸗ der und waren wieder fort, ehe noch eine Muskete auf ſie abgef uert werden konnte. Endlich kam es bei dem Dorfe Chehrheis zu einem kleinen Scharmuͤtzel, 119 worin die Franzoſen ihre Ueberlegenheit hehanpketen und dieſen Neckereien ein Ende machten. Auch auf dem Nil fand ein Gefecht zwiſchen der frarzoͤſiſchen Flottille und einigen Schiffen, die den Mameluken gehoͤrten, Statt. Der Sieg neigte ſich zuerſt auf die Seite der letzteren, entſchied ſich aber endlich zu Gunſten der Franzoſen, die jedoch nur ein einziges Boot nahmen.. Die Franzoſen mußten aber mit der aͤußerſten Vorſicht marſchieren. Die ganze Ebene war jetzt mit Mameluken bedeckt, welche die ſchoͤnſten arabiſchen Pferde ritten, und mit Piſtolen, Karabinern und Doppelhaken von der beſten engliſchen Arbeit bewaffnet waren; die Federn auf ihren Turbanen wallten in der Luft, ihre reichen Gewaͤnder und Ruͤſtungen erglaͤnz⸗ ten in der Sonne. Dieſe ſtattlichen barbariſe chen Ritter verachteten die franzoͤſiſche Armee, die faſt ganz aus Infanterie beſtand, und erſpaͤhten jeden Augenblick⸗ um mit Vortheil anzugreifen; auch entging kein einzi⸗ ger Nachzuͤgler der Schaͤrfe ihres Schwertes. Sie wa⸗ ren im Angriff ſo geſchwind, wie der Wind, und da ſie ihre Pferde im vollen Galoppe nach Gefallen anhalten oder wenden konnten, ſo war ihr Ruͤckzug eben ſo be⸗ hend, als ihr Vorruͤcken. Selbſt die verſuchten Vete⸗ ranen der italieniſchen Armee wurden anfaͤnglich durch dieſe neue Fechtart verbluͤfft und buͤßten einige Leute ein, beſonders wenn einer aus Ermüͤdung zurückblieh, 3 in welchem Falle er verloren war, Sie ſöhnten ſich 111 aber bald mit der Fechtart der Mameluken aus, als ſie wahrnahmen, daß jeglicher von dieſen Reitern ſein ganzes Vermoͤgen, das nicht ſelten in einer anſehn⸗ lichen Summe von Goldſtuͤcken beſtand, auf ſich trug. Doch verlaͤugneten die Franzoſen auf dieſem ge⸗ fahrlächen und beſchwerlichen Marſche ihre Spaßluſt nicht. Die Gelehrten waren zu ihrem Fortkommen und zur Fortſchaffung ihres wiſſen ſchaftlichen Apparats mit Eſeln, die in Aegypten am leichteſten zu haben ſind, verſehen worden. Der General hatte Beſehle, ihre perſönliche Sicherheit betreffend, gegeben, die natuͤplich befolgt wurden. Da aber dieſe Civiliſten in den Augen der Soldaten nicht viel zu bedeuten hatten, ſo erſcholl gewoͤhnlich ein lautes Gelaͤchter, wenn Ma⸗ meluken ſich zeigten und der Diviſions⸗General das Kor mandowort hoͤren ließ:„Die Eſel und die Gelehr⸗ „„ten in's Viereck!“ Auch beluſtigten ſich die Solda⸗ ten damit daß ſie die Eſel Halbgelehrte(demisavants) nannten. Wenn es mißlich gusſah, mußten ſich dieſe armen Diener der Wiſſenſchaft von den Soldaten piele Vorwuͤrſe gefallen laſſen, indem dieſe ſich einbildeten, die ſo unpopulaͤre Expedition ſey nur um der Gelehr⸗ ten willen zum Behuf von Nachforſchungen, fuͤr welche das Militaͤr keinen Sinn hat, unternommen worden. Bei ſo bewandten Umſtaͤnden iſt wohl zu bezwei⸗ feln) oboſelhſt, die Gelehrten ſehr vergnuͤgt ſeyn moch⸗ ten, aals ſie mit der Armre nach ſieben Tagmaͤrſchen von der bereits beſchriebenen Art noch ſechs Meiſen 11² von Cairo entfernt waren, und bereits die beruͤhm⸗ ten Pyramiden ſehen konnten, aber auch zugleich er⸗ fuhren, daß Murad Bey mit zwei und zwanzig ſeiner Kollegen und ihren Mameluken bei Embabeh ein ver⸗ ſchanztes Lager bezogen habe, um Cairo zu decken und den Franzoſen eine Schlacht zu liefern. Als dieſe den zuten Juli ihren Marſch fortſetzten, ſahen ſie die ganze Macht des Feindes vor ſich. Die ganze Streitmacht der Mameluken, von Murad Bey und den andern Bey's befehligt, ſtand, in einem ſchoͤnen Treffen ent⸗ wickelt, da. Ihr rechter Fluͤgel lehnte ſich an das ſchlecht verſchanzte Lager, das mit 20,000 Mann In fanterie und 40 Kanonen beſetzt war. Allein die Iwm fanterie beſtand aus ſchlechtem Geſindel; bei dem Ge⸗ ſchuͤtze fehlte es an Lafetten, und die Kanonen lagen auf plumpen hoͤlzernen Geruͤſten; die Befeſtigung des Lagers war noch nicht vollendet und eben kein bedeu⸗ tendes Hinderniß. Buonaparte traf ſeine Anordnun⸗ gen. Er entwickelte ſeine Schlachtordnung rechts, ſo daß ſie von dem Lager aus nicht beſchoſſen werden konnte und einzig gegen die feindliche Reiterei Front machte. Murad Bey, der dieſe Bewegung ſah, und alle thre Folgen durchſchaute, bereitete ſich zum Angriff mit ſeiner praͤchtigen Reiterei, um die Franzoſen, wie er ſagte, wie Kuͤrbiſſe in Stuͤcke zu hauen. Buona⸗ parte befahl jetzt ſeiner Infanterie, zum Empfange des Feindes Vierecke zu bilden, und rief ſeinen Leu⸗ ten zu:„von jenen Pyramiden dort ſehen zwanzig Jahrhun⸗ 113 5 Jahrhunderte auf euch herab.“ Die Mameluken ritten mit der aͤußerſten Schnelligkeit an, um mit der groͤßten Wuth und mit dem furchterlichſten Geſchrei einzuhauen. Eines der Vierecke gerieth dadurch in Un⸗ ordnung, und waͤre auf der Stelle niedergeſaͤbelt wor⸗ den, wenn nicht die Maſſe dieſer ſchrecklichen Miliz etwas hinter ihrer Vorhut zuruͤckgeblieben waͤre und den Franzoſen Zeit gelaſſen haͤtte, ſich zu faſſen und die Ordnung wieder herzuſtellen. Das Gefecht glich hierauf einigermaſſen demſenigen, welches ungefaͤhr zwanzig Jahre ſpaͤter bei Waterloo Statt fand. Die feindliche Neiterel drang mit der groͤßten Wuth auf die franzoͤſiſchen Vierecke ein und verſuchte dieſelben mit dem unerſchrockenſten Muthe zu durchbrechen; waͤh⸗ rend ein moͤrderiſches Musketen⸗, Kartaͤtſchen⸗ und. Haubitzenfeuer, das ſich in allen Richtungen durch⸗ kreuzte, ihre Kuͤhnheit beſtrafte. Nichts iſt im Krie⸗ ge je verzweifelter geweſen, als der Kampf dieſer Ma⸗ meluken. Man ſah einzelne, weil es ihnen nicht ge⸗ lingen wollte, ihre Pferde vorwaͤrts in die Vierecke zu treiben, dieſelben ſchnell umwenden und hierauf mit ſtraffen Zuͤgeln gegen die Infanterie ruͤckwaͤrts; um dieſe durch das Ausſchlagen der Pferde in Unord⸗ nung zu bringen. In der Wuth der Verzweiſtung, dieſe ſtarren Vierecke nicht durchbrechen zu koͤnnen, ſchleuderten ſie ihre Piſtolen, ihre Dolche und ihre Karabiner gegen dieſelben. Diejenigen, die verwundet vom Pferde fielen, krochen auf dem Boden heran, um W. Scott's Werke. XXXIX. 8 114 mit ihren krummen Saͤbeln nach den Beinen der Fran⸗ zoſen zu hauen. Allein alles dieß war vergeblich. Nach den unerhoͤrteſten Anſtrengungen, um ihren Zweck durchzuſetzen, wurden endlich die Mameluken mit großem Verluſte zuruͤckgeſchlagen und, da ſie kei⸗ ne Schwadronen oder Zuͤge zu bilden wußten, auf ihrer Flucht beinahe voͤllig aufgeloͤst. Der groͤßere Theil wollte nach dem Lager zuruͤcklehren, von jenem In⸗ ſtinkt, wie Napoleon es nennt, getrieben, der Fluͤcht⸗ linge wieder nach dem Orte zuruͤckzieht, von dem ſie hergekommen ſind. Indem ſie dieſen Weg einſchlugen, kamen ſie zwiſchen die Franzoſen und den Nil, und geriethen in ein aͤußerſt moͤrderiſches und anhaltendes Feuer, dem ſie dadurch zu entgehen ſuchten, daß ſie ſich in den Nil warfen, um ſchwimmend das jenſeitige Ufer zu erreichen, ein verzweifelter Verſuch, der nur Wenigen gelang. Ihre Infanterie räumte zu gleicher Zeit das Lager ohne die mindeſte Gegenwehr, fluͤchtete ſich in die Boͤte, um ſich uͤber den Nil zu retten, wobei gleichfalls viele umkamen. Die franzoͤſiſchen Soldaten waren lange nachher noch dam t beſchaͤftigt, die ertrunkenen Mameluken aufzuſiſchen, und fanden bei allen, deren ſie habhaft werden konnten„Geld und andere Koſtbarkeiten. Murad Bey entgieng mit einem Theile ſeiner beſten Mameluken durch eine regelmaͤ⸗ ßigere Bewegung dem Blutbade, und zog ſich durch Gizeh nach Oberaͤgypten zuruͤck. 115 So wurde die ſchoͤnſte Reiterei der Welt, wenn man den einzelnen Mann betrachtet, groͤßtentheils auß gerieben.„Mit einer Infanterie, wie die franzoͤſiſche, „und einer Reiterei, wie die Mameluken,“ ſagte Buonaparte,„wuͤrde ich mir getraut haben, die Welt „zu erobern.“ Die Vernichtung eines Korps, das bisher fuͤr unuͤberwindlich gegolten hatte, verbreitete Schrecken nicht nur in Aegypten, ſondern auch im Binnenlande von Afrika und Aſien, und uͤberall, wo die muhammedaniſche Religion herrſchte; wegen des rollenden Musketenfeuers, durch welches der Sieg be. wirkt worden war, erhielt Buonaparte den orientali⸗ ſchen Namen Sultan⸗Kebir, oder Koͤnig des Feuers, Nach dieſem Gefechte, das Buonaparte, um mehr Eindruck auf die Pariſer zu machen, Schlacht der Pyramiden nannte, ergab ſich Cairo ohne Widerſtand. Die zerſprengten Truͤmmer der Mameluken, die ſich uͤber den Nil gerettet und unter Ibrahim Bey wieder geſammelt hatten, mußten ſich nach Sprien zuruͤck⸗ ziehen. Ein Streifkorps von 300 franzöſiſchen Reitern wagte es, ſie bei Salahieh anzugreifen, wurden aber von Ibrahim Bey und ſeinem Gefolge mit blutigen Koͤpfen zuruͤckgewieſen, worauf letztere ihren Nuckzug ungehindert fortſetzten. Ganz Unteraͤgypten war in der Gewalt der Franzoſen, und in ſoweit die Unter nehmung von Buonaparte voͤllig gelungen. Allein es war nicht der Wille des Himmels, daß ſelbſt der Gluͤc⸗ 8„ 116 lichſte unter allen Sterblichen Unfaͤllen entgehen ſollte, und ein harter wartete auf Napoleon. Viertes Kapitel Das franzöſiſche Geſchwader.— Widerſtreitende Angaben von Buonaparte und dem Admiral Gantheaume in Beziehung auf daſſelbe.— Schlacht bei Aboukir den 15ten Aug. 1798.— Zahl und Stellung der Franzoſen und Engländer.— Einzelnheiten des Gefechts.— Der franzöſiſche Admiral Brüeyes wird getödtet und ſein Schiff, der Orient, fliegt auf.— Der Sieg iſt vollſtändig; nur zwei Schiffe der franzöſiſchen Flotte und zwei Fregatten entkommen am Morgen des 16ten.— Wirkung dieſes Unfalls auf die franzöſiſche Armee,— Mittel, durch welche Napoleon ſich in Aegypten niederzulaſſen gedenkt.— Seine Verwaltung iſt in mancher Hinſicht nützlich und preis⸗ würdig,— in anderer Hinſicht iſt ſein Verfahren unvpolitiſch und ungereimt.— Er will ſich für einen Geſandten Gottes gehalten wiſſen, was ihm aber nicht gelingt.— Eben ſo fruchtlos ſind ſeine Bemühungen, die Pforte zu beſänftigen.— Das Fort El Ariſch fällt in ſeine Hände.— Bluthad von Jaffa;— wird von Buonagparte ſelbſt eingeſtanden.— Seine ründe zur Beſchöniaung deſſelben.— Beantwortung dieſer Gründe.— Allgemeine Schlußfolgen.— Die Peſt bricht unter dem franzöſiſchen Heere aus.— Napoleons Humanität und Furchtloſigkeit bei dieſer Gelegenheit. Nachdem Buonaparte mit ſeiner Armee in Aegyp⸗ ten gluͤcklich gelandet hatte, ſchien die gleichbaldige Zuruͤckſendung des begleitenden Geſchwaders durch die Klugheit geboten. Dec franzoͤſiſche⸗General verſichert — — 117 auch, er habe dem Admiral Bruͤeyes, einem trefflichen von ihm ſehr hochgeſchaͤtzten Offizier*), den beſtimm⸗ teſten Befehl ertheilt, ſeine Kriegsſchiffe in den Ha⸗ fen von Alexandrien einlaufen zu laſſen, oder, falls dies unthunlich befunden wuͤrde, unperzuͤglich nach Corfu unter Segel zu gehen. Der Hafen war nach der Ausſage der turkiſchen Piloten, viel zu ſeicht, um Schiffe, die ſo tief im Waſſer dingen, ohne Gefahr zuzulaſſen, und es dürfte daher keinem Zöweifel unter⸗ liegen, daß Admiral Bruͤeyes wohl gerne nach Corfu geſegelt ſeyn wuͤrde, wenn er dazu ermaͤchtigt geweſen waͤre. Allein die Angabe von Buonaparte iſt wider⸗ legt durch den Bericht des Viceadmirals Gantheaume, der ſelbſt bei der Schlacht von Ahpukir gegenwaͤrtig war, dem Blutbaͤde mit Muͤhe entgieng und von Buonaparte den Auftrag erhielt, den Bericht des Un⸗ gluͤcks, den er dem Krie⸗ gsminiſter uͤberſchickte, abzu⸗ faſſen.„Vielleicht,““ ſo heißt es in dieſem Berichte, wird⸗ man ſagen, man haͤtte die Kuͤſte unmittelbar nach der Ausſchiffung verlaſſen ſollen. Allein in Be⸗ ——ʒ— 3 9 In einem im nonſteur Aarv. 90, Jahr 6, bekannt gemachten Schreiben äußert ſich Buonagparte fehr günſtig über die Feſtigkeit und das Talent des Admirals Brüeyes, ſo wie über die gute Ordnuug, in der er ſein Geſchwader zu erhalten wußte, und ſagt ſchlieg⸗ lich er habe demſelben im Namen des Direktoriums das beſte Fernglas, das in Italien auſzuireiben war⸗ zum Geſchent gemacht. 118 tracht der Befehle des Obergenerals, und der unberechenbaren Staͤrke, welche die Gegenwart des Geſchwaders dem Landheere verlieh, hielt es der Admiral fuͤr ſeine Pflicht, dieſe Gewaͤſſer nicht zu verlaſſen. Wenn wir die Sache naͤher unkerſuchen, die Wahrſcheinlichkeit der fuͤr die Flotte ſo gefaͤhrlichen Ruͤckkehr Nelſon's, ſo wie die Wichtigkeit in Erwaͤ⸗ gung ziehen, welche die Land⸗ und Seeoffiziere gegen⸗ ſeitig auf ihr beſonderes Dienſtfach legen, und wonach ſich dieſelben gegenſeitig geringzuſchaͤtzen pflegen, ſo werden wir auf manche Gruͤnde gefuͤhrt, aus denen Buonaparte das laͤngere Verweilen der Flotte an der Kuͤſte von Aegypten wuͤnſchen konnte. Dagegen iſt wohl kein einziger Grund ausfindig zu machen, war⸗ um Brüͤeyes ſich haͤtte entſchl ießen ſollen, nicht nur vhne Einwilligung Napoleons, ſondern ſogar gegen ſeinen ausdruͤcklichen Befehl. Es iſt dies einer der Fäͤlle, wo auch die groͤßte Liberalitäͤt uns nicht ge⸗ ſtattet, das Zeugniß von Buonaparte, im Widexſpruch mit den umſtaͤnden und der beſtimmten Ausſage von Gautheunne. gelten zu laſſen.— un Wir kommen jetzt auf eine der glaͤnzendſten Tha⸗ den der engliſchen Seemacht, dunter der Anfuͤhrung eines Admirals„ der durch feine, Siege die. Anſprüche Großbrittaniens auf die Herrſchaft der Meere ſo tief begruͤndet hat. Wir werden uns bei der Beſchreibung dieſer glorreichen That, die noch Uange jede engliſche 4 * 2 4 * 119 Bruſt heben wird, nur kurz faſſen, und thun dieſes um ſo williger, als dieſelbe in einer der beſten eng⸗ liſchen Volksſchriften ausfuͤhrlich beſchrieben wird*). Obgleich der franzoͤſiſche Admiral nicht in den Hafen von Alerandrien einlaufen konnte, ſo hielt er doch ſein Geſchwader in der beruͤhmten Bucht von Aboukir hinlaͤnglich geſichert. Es bildete ſolches eine gedraͤngte Schlachtlinie in der Form eines Halbkreiſes, deſſen beide Enden der Untiefe und der Brandung ſo nahe waren, daß man glaubte, es werde zwiſchen den⸗ ſelben und dem Lande kein Schiff durchkommen koͤn⸗ nen und der Feind daher ſeinen Angriff auf den Steuer⸗ bord richten muͤſſen. Am 15ten Auguſt erſchien die brittiſche Flotte, und Nelſon hatte die franzoͤſiſche Stellung nicht ſobald erkundet, als er dieſelbe um je⸗ den Preis zu durchbrechen beſchloß. Wo die franzoͤſiſchen Schiffe ſich ruͤhren koͤnnten, dachte er, da muͤſſe es fuͤr engliſche Schiffe zwiſchen dem Lande und denſel⸗ ben einen Ankerplatz geben. Er gab ſofort das Zeichen zum Angriffe. Als die Schiffe dem franzoͤſiſchen An⸗ kerplatze naͤher kamen, mußten ſie ein heftiges und anhaltendes Feuer aushalten, das ſie nicht erwiedern konnten; ſie fuhren demungeachtet fort, gegen die feind⸗ ——— *) Das Leben des Admiral Nelſon von Hrn. Southey, wo einer, der durch Genie und Gelehrſamkeit ausgezeich⸗ netſten Männer unſers Zeitalters die Thaten des größ⸗ ten Seebelden, der je gelebt hat, berichtet. 120 liche Schlachtlinie anzuruͤcken. Beide Geſchwader zaͤhl⸗ ten ungefaͤhr gleich viele Schiffe. Die Franzoſen hat⸗ ten 13 Linienſchiffe und 4 Fregatten. Die Englaͤnder 13 Lintenſchiffe und ein Schiff von 50 Kanonen. Unter den franzoͤſiſchen Linienſchiffen befanden ſich drei von g0 Kanonen und eines, der Orient, ein praͤch⸗ tiges Schiff, von 120 Kanonen. Die engliſchen Linien⸗ ſchiffe fuͤhrten alle 74 Kanonen. Das Vordertreffen der engliſchen Flotte, aus 6 Schiffen beſtehend, um⸗ fuhr nach und nach die franzoͤſiſche Linie, und begann, zwiſchen ihr und dem Ufer ankernd, ein ſchreckliches Feuer. Nelſon griff mit ſeinen uͤbrigen Schiffen die von der Landſeite gefaßten franzoͤſiſchen Schiffe von vorne an, ſo daß dieſe zwiſchen zwei Feuer kamen, waͤhrend der uͤbrige Theil der franzoͤſiſchen Linie eine Zeit lang nicht im Stande war, an dem Gefechte Theil zu nehmen. Die Schlacht entbrannte mit der 3 hoͤchſten Wuth, und dauerte ſo lange, bis die Nacht eingebrochen und kein Licht mehr zur Fortſetzung des Kampfes, auſſer den Blitzen der beſtaͤndigen Salven, uͤbrig war. Es waren jedoch bereits einige franzoͤſiſche 4 Schiffe genommen, und die Sieger griffen, vorwaͤrts ſegelnd, diejenigen an, die bisher noch nicht hatten fechten koͤnnen. 3 Inzwiſchen brach auf dem franzoͤſiſchen Admiral⸗ ſchiffe, dem Orient, Feuer aus, das, hoch auf⸗ lodernd, ein ſchreckliches Licht uͤber den ganzen Wahl⸗ platz verbreitete. Bruͤeyes ſelbſt war um dieſe Zeit 121 durch eine Kanonenkugel getödtet worden. Das Feuer machte auf dem unermeßlichen Schiffe reißende Fort⸗ ſchritte, und konnte in dem Getuͤmmel des moͤrderi⸗ ſchen Gefechts nicht mehr geloͤſcht werden; der Orient flammte gleich einem Vulkane in der Mitte des Kam⸗ pfes fort, und machte das ſchreckliche Schauſpiel eine Zeitlang ſichtbar. Die Schlacht wuͤthete noch immer fort, bis endlich das brennende Schiff mit einer ſo furchtbaren Ex⸗ ploſion aufftog, daß das Feuer auf beiden Seiten eine Zeitlang eingeſtellt werden mußte und in dem ſchreck⸗ lichen Schlachtgetoͤſe eine Pauſe entſtand. Die hierauf erſt nur langſam und theilweiſe wieder fortgeſetzte Ka⸗ nonade war aber noch vor Mitternacht wieder ſo ſtark geworden, als anfangs. Am Morgen kappten die ziwvei noch unverſehrt gebliebenen franzoͤſiſchen Linien⸗ ſchiffe die Anker und gingen, mit zwei Fregatten be⸗ gleitet, in die hohe See, als die traurigen Reſte der ſtolzen Flotte, die vor kurzem noch Napoleon und ſein Gluͤck uͤber das mittellaͤndiſche Meer geleitet hatte. Ein ſolcher war der Sieg von Aboukir, durch das Wort Sieg, wie Nelſon meinte, nicht genug⸗ ſam als ſolcher bezeichnet und daher von ihm eine Er⸗ oberung genannt. Die Vortheile des Tages, wie groß ſie auch waren, wuͤrden noch weiter getrieben worden ſeyn, wenn Nelſon Fregatten und andere leichte Fahrzeuge zu ſeiner Verfuͤgung gehabt haͤtte. Es waͤre alsdann um die Vorraths⸗ und Transport⸗ 122² ſchiffe im Hafen von Alexandrien geſchehen geweſen. Doch war das Reſultat von der höͤchſten Wichtigkeit, und die Lage der franzoͤſiſchen Armee zum Nachtheil derſelben geaͤndert. Von ihrem Mutterlande abgeſchnit⸗ ten, wurden jetzt die Franzoſen die Bewohner einer iſolirten Provinz, denen keine Huͤlfsquellen blieben, als diejenigen, die ſie mitgebracht hatten, nebſt denen die ſie in Aegypten etwa aufzubringen vermochten. Napoleon ertrug dieſen harten Schlag mit ſelte⸗ nem Gleichmuth. Die von 6000 bis auf 3000 Köͤpfe zuſammengeſchmolzene franzoͤſiſche Schiffsmannſchaft, zufolge eines Kartels ans Land geſetzt, diente zur Verſtaͤrkung ſeiner Streitkraͤfte. Mehr daruͤber be⸗ kümmert, daß er ſeinen Zweck nicht vollſtaͤndig er⸗ reicht hatte, als uͤber ſeinen Sieg erfreut, verließ Nelſon die Kuͤſte, nachdem er die Blokade des Hafens von Alerandrien veranſtaltet hatte. Wir muͤſſen nun die Mittel angeben, durch die Napoleon ſeine Regierung in Aegypten zu begruͤnden und zu befeſtigen gedachte. Es iſt darin viel Gutes und Treffliches, zugleich aber auch eine Verkehrtheit des Geiſtes nicht zu verkennen, die den Ausdruck: Jupiter Scapin, mit welchem Abbé de Pradt dieſen auſſerordentlichen Mann bezeichnet, zu recht⸗ fertigen ſcheint. Er war vor Allem darauf bedacht, die Zuͤgel der Regierung in dem Zuſtande, in welchem ſie den ge⸗ ſchlagenen Bey's entfallen waren, außzufaſſen. Mit 1²3 zwei Volksklaſſen hatte er ein leichtes Spiel. Die Fellahs oder Bauern, uͤberzeugt, in jedem Falle ihren letzten Heller hergeben zu muͤſſen, unterwarfen ſich willig den Eroberern, als dem ſtaͤrkſten Theile, der ſie am beſten beſchuͤtzen konnte. Die Kopten, oder Geſchaͤftsleute, waren nicht minder bereit, der Partei zu dienen, die das Land inne hatte. So wurden die Franzoſen, eben weil ſie die Macht beſaßen, die Her⸗ ren der einen, wie der andern. Allein die Tuͤrken mußten durch andere Mittel gewonnen werden, weil ſie durch ihren Nationalſtolz und durch die Unduldſamkeit des muhammedaniſchen Glaubens der Gewinnſucht, welche die Kopten be⸗ herrſchte, und der Furcht, durch welche die Fellahs beſtimmt wurden, auf gleiche Weiſe unzugaͤnglich wa⸗ ren. Ihrer Eitelkeit zu ſchmeicheln und ihre Vorur⸗ theile zu entwaffnen, erſchien als das einzige Ver⸗ fahren, durch welches ſich Napoleon bei dieſem Theile der Bevoͤlkerung beliebt machen konnte. Zu dieſem Behuf vermied Napoleon, ſich in Aegypten auf ſein Kroberungsrecht zu berufen, obgleich er dieſes Recht faſt in ſeinem ganzen Umfange ausuͤbte. Er fuhr im Gegentheil fort, dem Paſcha alle die ſcheinbare Ge⸗ walt zu goͤnnen, die ihm die Bey's gelaſſen hatten, und ſprach mit vieler Ehrfurcht von der hohen Pforte als ob es ſeine Abſicht geweſen waͤre, derſelben eine wirkliche Gewalt in Aegypten zu geſtatten. Ihre Imaums oder Geiſtlichen, ihre Ulemas oder Rechts⸗ 1²4 gelehrten, ihre Kadis oder Richter, ihre Sheiks oder Oberhaͤupter, ihre Janitſcharen oder privilegirten Sol⸗ daten, wurden insgeſammt von Napoleon mit einer gewiſſen Achtung behandelt; und der Sultan⸗Kebir— wie ſie ihn nannten— gab ſich das Anſehen, als re⸗ giere er gleich dem Großherrn durch Vermittlung eines Diwans. e Dieſer Rath, aus ungefaͤhr 40 Sheiks oder Mos⸗ lems, die ſich durch ihre Geburt oder ihre Wuͤrde aus⸗ zeichneten, beſtehend, hielt ſeine regelmaͤßigen Sitzun⸗ gen zu Cairo; von ihm waren die Provinzialdivans in den aͤgyptiſchen Landesbezirken abhaͤngig. Napoleon verſaͤumte nicht, den Oberdivan zu Rathe zu ziehen und in manchen Faͤllen nach ſeinem, auf das Geſetz des Propheten gegruͤndeten Gutachten, zu verfahren. Bei einer gewiſſen Gelegenheit gab er ihm eine mora⸗ liſche Lehre, die nicht unbemerkt bleiben darf. Ein⸗ Stamm wandernder Araber hatte einen Bauern er⸗ ſchlagen, worauf Napoleon die Moͤrder aufzuſuchen und zu beſtrafen befahl. Einer von dieſen orientaliſchen Rathgebern lachte uͤber den Eifer, welchen der Gene⸗ ral wegen eines ſo geringfuͤgigen Umſtandes an den Tag legte. „Was kuͤmmert Ihr euch um den Tod dieſes Fel⸗ lahs, Sultan Kebir?“ ſagte er ironiſch;„war er ek⸗ wa Euer Vetter?“ „ Er war mehr noch,“ ſagte Napoleon,„er war 1²2⁵ „einer von denen, fuͤr deren Sicherheit ich Gott, der „ mich uͤber ſie geſetzt hat, verantwortlich bin.“ „Er ſpricht wie ein Prophet!“ riefen die Sheiks, die der Schönheit einer moraliſchen Geſinnung ihre Bewunderung nicht verſagen koͤnnen; obgleich ſie, von Leidenſchaften beherrſcht, nicht im Stande ſind, das moraliſche Geſetz auch wirklich zu befolgen. In ſo weit war Napoleon's Betragen bewunderns⸗ wuͤrdig. Er ſchaͤtzte das Volk, uͤber das er Macht hatte, er ehrte deſſen religioͤfe Meinungen, er verwal⸗ tete die Gerechtigkeit nach dem im Lande geltenden Ge⸗ ſetze, bis ein beſſeres an deſſen Stelle geſetzt werden konnte. Durch ſeine gute Verwaltung konnte ſein feh⸗ lerhafter Rechtstitel allerdinas nicht ergaͤnzt werden; es traf ihn noch immer der Vorwurf, Frankreichs aͤlte⸗ ſten Freund zu einer Zeit, wo heide Maͤchte im Frieden mit eingnder waren, mit Krieg uͤberzogen zu haben. Allein da er Aegypten von der Zwingherrſchaft der Bey's befreite, und das Land mit Weisheit und ver⸗ gleichungsweiſe mit Milde regierte, ſo kann dieſes ge⸗ wiſſermaßen als Suͤhne fuͤr ſeine Uſurpation gelten. Er begnuͤgte ſich nicht damit, ſeine Soldaten zur Ach⸗ tung der Landesreligion und ihrer Gebraͤuche anzu⸗ halten, er befolgte auch dieſelbe Maxime der Ppolitik und der Gerechtigkeit dadurch, daß er die zerſtreuten Pilger einer won Mameluken auf ihrer Wallfahrt nach Mekka berief und un ten Caravane wieder zuſammen⸗ Schutz nahm. Sein Betragen 125 geſiel den muhammedaniſchen Theologen ſo ſehr, daß er die Geiſtlichkeit der Moſchee zu dem Gutachten ver⸗ mochte, es ſey dem Geſetze gemaͤß den Franzoſen Tribut zu bezahlen, obſchon eine ſolche Lehre mit dem Koran in geradem Widerſpruche ſteht. In ſoweit waren Na⸗ poleons Maßregeln vernuͤnftig und zweckmaͤßig. Allein er erlaubte ſich auch einen Kunſtgriff, den wir nicht umhin koͤnnen, ruchlos zu nennen, der aber auch zu⸗ gleich etwas Laͤcherliches, und beinahe etwas Kindi⸗ ſches hatte, Buonaparte kam auf den ſeltſamen Gedanken, die Moslems zu uͤberreden; daß er gewiſſermaßen ſelbſt zu ihrer Religion gehoͤre, indem er von Gott auf die Erde geſendet worden ſey, die Lehren des Korans und die Sendung Muhammed's nicht etwa aufzuheben, ſon⸗ dern zu beſtaͤtigen und zu ergaͤnzen. Zur Ausfuͤh⸗ rung dieſes Vorhabens bediente er ſich der ſchwuͤlſtigen Sprache des Orients, deren allegoriſcher und hoch⸗ trabender Styl ohnehin mit ſeiner Schreibart verwandt war; auch trug er kein Bedenken, die aͤußeren Cere⸗ monien der muhammedaniſchen Religion mitzumachen, damit ſeine Handlungen mit ſeinen Worten uͤberein⸗ ſtimmen moͤchten. Der franzoͤſiſche Obergeneral feierte das Jahresfeſt des Propheten mit einigen ausgezeich⸗ neten Sheiks, und nahm an der von dem Koran vor⸗ geſchriebenen Litaney und Gottesverehrung Theil. Er affektir ſogar die Sprache eines begeiſterten Anhaͤngers 127 des Glaubens von Mekka, wovon Folgendes ein merk⸗ wuͤrdiges Beiſpiel iſt. Beim Eintritt in das Grabgewoͤlbe der Pyramide von Cheops rief Buonaparte:„Ehre ſey Allah! es gibt „rkeinen Gott als Gott, und Muhammed iſt ſein Pro⸗ „„phet!“— ein Spruch, der an und fuͤr ſich ein Be⸗ kenntniß des Islamismus iſt.. „Du haſt wie der Gelehrteſte der Propheten ge⸗ ſprochen,“ ſagte der Mufti, der ihn begleitete. „Ich kann befehlen, daß ein Feuerwagen vom Him⸗ „mel herabfahre,“ ſuhr der franzöͤſiſche General fort, nund kann ſeinen Lanf auf Erden leiten und lenken.“ „Du biſt der große Heerfuͤhrer, dem Muhammed „Gewalt und Sieg verleiht,“ ſagte der Mufti. Napoleon ſchloß dieſes Geſpraͤch mit dem eben nicht recht dazu paſſenden vrientaliſchen Sprichworte: „Das Brod, deſſen ſich der Boͤſe mit Gewalt bemaͤch⸗ „itigt, ſoll in ſeinem Munde zu Staub werden.“ Obgleich der Mufti ſeine Rolle in der obigen Szene mit geziemendem Ernſte ſpielte, ſo uͤberſchaͤtzte doch Buonaparte ſein theatraliſches Talent, und ließ der Scharfſicht der Tuͤrken zu wenig Eerechtigkelt wiederfahren, wenn er glaubte, ſie wuͤrden durch ſeine vorgegebene Religionsveraͤnderung wirklich erbaut. Bei ihnen, wie bei uns, wird einer, der die Religion, in der er erzogen worden iſt, verlaͤugnet, wie ein Aus⸗ reißer angeſehen, der die Fahne ſeines Landes verlaͤßt; und obgleich man ſich die Dienſte des Einen wie des 128 Andern gefallen laͤßt, ſo ſind doch beide ein Gegenſtand der Geringſchaͤtzung und Verachtung, ſowohl bei der Partei, zu der ſie getreten, als bei derjenigen, von der ſie ausgetreten ſind. Die Tuͤrken und Araber zu Cairo zeigten bald nachher in einem allgemeinen und unerwarteten Auf⸗ ſtande, in welchem viele Franzoſen erſchlagen wurden, wie wenig ſie durch Napoleon's vorgebliche Auhaͤnglich⸗ keit an ihren Glauben geruͤhrt waren, und wie ſehr ſie ihn als den Feind deſſelben betrachteten. Nachdem aber der Aufſtand durch Gewalt gedaͤmpft war, und das Blut von fuͤnſtauſend Moslems die E ordung von dreihundert Franzoſen geſuͤhnt hatte, fuͤhrte Na⸗ poleon aus Veranlaſſung der neuen Einrichtung, die er dem Oberdivan gab, ig einer Anrede an die Ein⸗ wohner von Cairo noch immer dieſelbe Sprache von ſich ſelbſt und ſeiner Beſtimmung.„Sheriffs, Ule⸗ „mas, Redner der Moſchee,“ ſagte er,„lehrt das „Volk, daß diejenigen, die ſich zu meinen Feinden auf⸗ „werfen, weder in dieſer, noch in jener Welt eine „Zufluchtsſtaͤtte finden werden. Wer iſt blind genug, „um nicht zu ſehen, daß ich der Diener des Schick⸗ „ſals bin, oder unglaͤubig genug, um die Macht des „Schickſals uͤber alle menſchlichen Augelegenheiten in „Zweifel zu ziehen? Sagt dem Volk, daß, ſeitdem „die Welt Welt iſt, es vorher beſtimmt war, daß ich, „nachdem ich die Feinde des Islamismus vernichtet „und 129 „und das Kreuz gebrochen*) haben wuͤrde, vom fer⸗ „nen Abendlande her kommen ſollte, um ein Tagwerk „zu thun— zeigt den Glaͤubigen, daß in mehr als „zwanzig Stellen des Korans mein Kommen geweiſ⸗ „ſagt iſt. Ich kennte jeden von euch wegen ſeiner ge⸗ „heimſten Gedanken zu Rede ſtellen, weil mir nichts „verborgen iſt, allein der Tag wird kommen, wo je⸗ „derman erfahren ſo, von mem ich meine Sendung „habe, und daß alle menſchlichen Anſtrengungen ge⸗ „gen mich nichts vermbgenn. Aus dieſer ſeltſamen Proklamation erhellt, daß Buonaparte geſonnen war, ſich als ein Weſen hoͤher Art verehren zu laſſen, ſobald hiezu Altaͤre errichtet un und Anbeter ſich ſinden wuͤrden. Allein die Tuͤr⸗ und Araber waren weiſer als die Perſer in Vezie⸗ duus auf den jungen Ammon. Der Sheik von Aler⸗ andrien, der große Ergebenheit fuͤr Buonaparte an den Tag legte, ſprach offen und unverh holen uͤber dieſen Punkt mit ihm. Indem er ſich auf den Umſtand be⸗ rief, daß die Franzoſen keinen Gottesdi ienſt feierten, ſagte er:„Warum wollt Ihr Euch daher nicht gera⸗ „dezu zum Islamismus bekennen, und ſo das einzige „Hinderniß zwiſhen Euch und dem Throne des — *) Er ſpielt bier auf die Eroberung von Malta, und auf die Demüthigung des Pabſtes an, die er für einen der muham⸗ medaniſchen Religion erwieſenen Dienſt gehalten wiſſen wollte. W. Scotts Werke XXXIX. 9 „Orients entfernen?“ Buonaparte bemerkte dagegen, daß dieſes wegen des, Mneideeadits und wegen des aͤußern Ritus den Muhammed von der jud ligion entlehnt hatte, ſeine Sutwier chlug vor, den Na⸗h gefaͤllige Sheik ſe Weiſen zuſammenzuberufen 1, und z Proſelyten in den Fundamentalſatzt ten einige Milderung a auszuwirken. nungsvollen Planes haͤtten die Moslems zwei Ha punkte ihrer Religionsvorſchriften aufgeb nur damit die Franzoſen unvollſt la wuͤrden, die mit dem Verbote des 2 Weins— von Muhammed zum Schutze der ſit tichen Tuaend ſeiner Anhaͤnger aufgeſtellte Wache, ver! worfen, zugleich aber die entwuͤrdigende Schickſals zlehre, die zuͤgelloſe Sitte der Vielweiberei, und die abgeſchmackten Hirn⸗ geſpinſte des Korans angenommen haben wuͤrden. Napoleon glaubte, wie es ſcheint, der Vorſchlag des Shai ſey ernſtlich gemeint, was doch ſehr zu be⸗ zweifeln iſt, und betrachtete mit luͤternem Ehrgeize die neuen Ausſichten, die ihm ſeine Bekehrung z1 Islamismus zu eroͤffnen ſchien. In ſo ferne er ſelbſt an eine Vorherbeſtimmng glaubte, konnte er ſich mit der muhammedaniſchen Religion allerdings befrenn⸗ den; fuͤr den Propheten von Mekka ſelbſt hatte er die groͤßte Achtung, weil er der Urheber einer großen und bleibenden Veraͤnderung war. Die Macht, die a hammed uͤber die Seelen, wie uͤber die Leiber d hm eßallen und ih ihn auf 1, Rolle zu redn 1, Zeit, mit dem Karakter nee und mit ſeinem eigenen gar nicht vertrug. t noch niemand gelungen, ſich als ein hoͤheres ſen geltend zu machen, der nicht einigermaßen ſelbſt geglaubt hat, daß er ein ſolches ſey; und der Al⸗ les berechnende, Alles pruͤfende Geiſt Napoleons er⸗ mangelte gaͤnzlich jenes Enthuſiasmus, durch welchen der Menſch, der Andere taͤuſchen will, ſich ſelbſt zu täuſchen vermag. Auf der andern Seite wuͤrden die in der Verachtung jeg gticher Religion erzogenen franzoͤ⸗ ſiſchen Soldaten die An in s Fuͤhrers auf eine abernatuͤrliche Sendung aͤcherlich und ſpaßhaft uden haben; und haͤtte eVannapnted die Rolle eines Alexanders ſpielen wollen, ſb wuͤrden in ſeiner Armee wohl mehr als ein Klitus aufgeſtanden ſeyn, um ſich uͤber ihn luſtig zu machen. Er ruͤhmt ſich zwar, ſo viel uͤber ſeine Soldaten ve rmocht zu haben, daß er ſie durch einen einzigen T ilejeh alle zu Muham⸗ medanern haͤtte machen koͤnnen; e r berichtet uns aber auch zugleich, die Fanzoſen ſeyen in Aegypten zuwei⸗ len mit ihrer Lage ſo unzufrieden geweſen, damit um daß ſie egangen waͤren, mit Gewalt nach Frank⸗ reich zuruͤckzukehren. Was wuͤrden ſie nun, ſo kann man wohl fragen, zu einem Vorſchlage geſagt haden, nach welchem ſie mu MFten Lnro und Franzoſen zu ſeyn, um A 132 benn, 5 eren Land ſie doch zu verlaſſen wuͤnſchten? Durch Erwaͤgung der wahrſcheinlichen Folgen iſt Buonaparte, wie wir glauben, beſtimmt worden, die Anſpruͤche, die er in ſeinen Prokiriantionten und in ſeinen Ge⸗ raͤchen mi ennen escien. nicht weiter ch weit genug gegan⸗ ch Ge viſſenszwei⸗ 5 gen, um zu. ziem daß er 3 ben wuͤrde, und daß ungeachtet ſei⸗ gaben, der 6 unde ſchenver⸗ Behauptung ſo laͤcher r und zu⸗ Anſpruͤche weniger zuruͤchhielt, als u ſollen. Sein Verhaltni iß zu der forte nahm auch bald genug eine Ge⸗ man haͤtte erwo ottomanniſchen ſtalt an, die ſich durch ſeinen Uebertritt zur muham⸗ medaniſchen Nelizion wohl ſch laſſen. 8 Die, edi und ihre Rathgeher ſollten— ſo hatte es das Directorium verſprochen— durch Talleyrand, blich ⸗haͤtte verbeſſern. den ſo gewandten Mliniſter der auswaͤrtigen Angele⸗ genheiten, mit der Occupation von Aegypten verſohnt werden. Allein bieſe er k ejchickie Unterhaͤndler konnte in einem ſo verzweifelten Falle nichts ausrichten; wenn auch Talleyrand ſelb 1 nach Konſtantinopel gegangen märe, wie das Directorium Napoleon, nach deſſen Aus⸗ ſäge, verſprochen hatte, ſo wuͤrde er ganz gewiß nach den ſieben Thuͤrmen gebracht worden ſeyn. Die Pforte hatte ſchon laͤngſt erklaͤrt, daß ſie jeden Angriff auf Aeg durch welches die Straße nach den heiligen Staͤdten 1339 Mekka und Medina fuͤhrt, mit welchem Vorwande men ihn auch bemaͤnteln moͤge, als eine Kriegserklaͤrung anſe⸗ hen werde. Sie betrachtete demnach die Invaſion von Buonaparte als einen von ihr nicht veraulaßten, durch nichts zu entſchul digenden Schimpf. Goſorr er⸗ klaͤrte ſie Frankreich den Krieg, forderte jeden Anhaͤnger des Propheten auf, die S Sache ſeines Stellvertreters auf Erden zu verfechten, ſammelte Streitkraͤfte und drohte mit einer unmittelbaren Expedition zur Vertreibung der Unglaͤubigen aus Aegypten. Der Sieg der Brit⸗ ten bei Aboukir ſteigerte noch ihr Vertrauen. Nelſon wurde mir allen hrenbezeigungen, die der Sultau verleihen konnte, uh berhaͤuft; es wurden alle Anſtak⸗ ten zu einer Operation gegen Buonaparte getroffen, der, mochte er nun Ch brit, Unglaͤubiger oder Rene⸗ gak ſeyn, in allen Faͤllen als s Feind der Pforte betrach⸗ tet wurde. Inzwiſchen war dieſer kuͤhne und raſtloſe Feldherr darauf bedacht, ſeine Vertheidigungs⸗ und A Angriffs⸗ mittel zu veruneh wen⸗ und vo n allem Kenntuiß zu neh⸗ eits Géwonnenen und zur En weiterung hſenes Gebiets dienen konnte. Zum huf des erſten Zwecks wurde in Aegypten Kriegsmannſchaft dnchude zen a und ein Theil davon, um auch in der Wuͤſte gebraucht werden zu koͤnnen, mit Trampelthieren beritten d. anen In Hinuſicht auf den zweiten Zweck unternahm Buonaparte eine Reiſe nach der Landenge von Sue⸗„ die bekanntlich Aßten mit Afrika verbindet; er unterzeichnete den Schutzbr der Marontiten auf dem Berge von Sinai mit groͤßerem Vergnuͤgen, als auch Muhammed dieſe alte urkunde mit ſeiner Unterſchrift bereits beſtaͤtigt hatte. Er beſuchte die beruͤhmten Quellen des Moſes, und waͤre, durch einen Fuͤhrer irregeleitet, in der ſchnell au⸗ wogenden Fluth des rothen Meeres beinahe ertrunken. „Dies wuͤrde,“ bemerkte er,„allen Predigern in Europa einen DText geliefert haben.“ Allein dieſelbe Gottheit, die hier einſt einen Pharao zu Grunde gehen ließ, hatte fuͤr den, der, wie dieſer, ihrer Macht trotzte und ſie verkannte, einen einſamen Felſen in der Mitte des atlantiſchen W S ſtimmt. Auf ſeiner Reiſe in disſe Gegenden, oder gleich an⸗ fangs auf ſeiner Ruͤckkehr von daher, entac Napoleon, daß die Tuͤrken zwei Armeen, die eine auf Rhodus, die andere in Syrien, zur Wiedereroberung von Aegypten verſammelt hatten. In ſeiner Kuͤhnheit ſt darauf bedacht, den Verſuchen des Feindes zuvorzukommen, beſchloß er, mit einer ſtarken Macht nach Syrien zu ziehen, und ſo nicht nur die Tuͤrken durch die Fort⸗ ſchritte, die er in dieſer Provinz zu machen ſchrecken, ſondern auch einem gl eichzeitigen Angriſſe ve zwei tuͤrkiſchen Heeren in 2 Aegypten zu entgehen. Der Anfang war dem kuͤhnen Vorſatze hold. Ein Korys von Mameluken wurde durch eine u nächtlichen Ueberfall aus⸗ inander getrieben. Das Lort El Ariſch, das fuͤr einen — nerme eß⸗ fan Ge⸗ amen von g K welche Lo — rit kitte 5 das Bei feinem E das poleon abermals das nach den. 3⸗ Salahieh Armee na 1 oh ehemalige Stu 1„„. Ward hierau d hinwiderum mit der be groͤßten Tap Tapferkeit und Dis Sturm 136 der Soldaten uͤberlaſſen wurde, die, wie Buonaparte felbſt geſteht, ſich noch nie ſo graͤßlich gezeigt hatte.*) Das iſt die ſtrenge Regel des Kriegs, wird man ſa⸗ gen; und wenn dem ſo iſt, ſo werden die meiſten un⸗ ſerer Leſer dem Marſchall Montluc beiſtimmen, wenn er ſagt:„Wir Soldaten beduͤrfen in der That der „goͤttlichen Barmherzigkeit mehr, als andere Men⸗ „ſchen, da wir im Falle ſind, ſolche Grauſamkeit be⸗ „fehlen n mit anſehen zu muͤſſen.“ Die Graͤuel, die bei Erſtuͤrmung einer Stadt vorfallen, ſind jedoch nicht das Einzige, was hier in Betracht komn ire Buo⸗ naparte wird noch uͤberdies angeklagt, daß ſich eine hoͤchſt ungerechte und barbariſche That habe zu Schul⸗ den kommen laſſen. In Beziehung auf dieſen Punkt wollen wir zuerſt die Anklage ſelbſt, ohne alle Ueber⸗ treibung und Entſtellung, und hierauf Napoleon's ei⸗ gene Antwort anfuͤhren.: Nach Erſtuͤrmung der Breſche fuhr ein Theil der Beſatzung, der von Buonaparte ſelbſt auf 1200 Mann, von Miot auf 2 bis 3000 Mann und von Andern noch hoͤher angeſchlagen wird, fort, ſich zu vertheidigen, zum Theil in den Moſcheen, zum Theil auch in einer Art von Zitadelle, bis er zuletzt, da keine Huͤlfe zu hoffen war, die Waffen ſtreckte, und, wie es ſchien, Pardon erhielt. Die Aegyptier, die ſich unter dieſer Mannſchaft *) Siebe ſeine Depeſche an das Direktorium über den ſyri⸗ ſchen Feldzug. 3 —— 137 befanden, wurden von den Tuͤrken, Maugrabinen und Arnauten ſorgſaͤltig abgeſondert, und bierauf in Frei⸗ beit geſetzt und in ihr Land zuruͤckgeſchickt, waͤhrend die uͤbrigen als Gefangene bewacht blieben. Dieſe erhielten wurden in allen Stuͤcken wie Kriegsgefangene behandelt. Dies geſchah am 18ten Maͤrz. Am eoſten, alſo zwei Tage ſpaͤter, mußten dieſe Gefangenen, in der Mitte eines ſtarken, von dem General Bon befehligten Vier⸗ ecks, die Stadt verlaſſen. Miot verſichert uns, er habe dieſe ungluͤckliche Kolonne zu Pferd begleitet und ſey Zenge des ganzen Hergangs geweſen. Die Tuͤrken ſahen ihr Schickſal voraus, ohne ſich zu Klagen oder Bitten herabzulaſſen. Still und gefaßt ſchritten ſie vorwaͤrts. Die Vornehmeren unter ihnzn ſchienen die andern zu ermahnen, ſich, wie es den Dienern des Propheten zieme, dem Schickſal zu unterwerfen, das nach ihrem Glauben auf ihre Stirne geſchrieben war. Sie wurden nach den Sandhuͤgeln im Suͤdoſten von FJaffa geleitet, daſelbſt in kleine Abtheill ngen getheilt und mit Mus⸗ ketenſchüͤſſen getoͤdtet. Dies dauerte ziemlich lang; den blos Verwundeten gab man, wie bei den Fuſilladen in der Revolution, mit dem Bajonet vollends den Todes⸗ ſtoß. Ihre Koͤrper wurden auf einander geſchichtet und bildeten eine Pyramide, die jetzt noch zu ſehen iſt, und die, wie ſie fruͤher aus blutigen Leichnamen beſtand, jetzt aus menſchlichen Gebeinen beſteht. 13⁸ Man wollte dieſe That, eben weil ſie ſo grauſam 8 2— 7 war, nicht recht glauben, obgleich es an Beweiſen nicht fehlte und die Franzoſen ſelbſt ſte niemals laͤugneten. Allein Napoleon ſelbſt bekannte geradezu die Wahrheit derſelben, ſowohl dem Lord Ebrington, als dem Doktor O⸗Meara. Wohl konnte der Urheber dieſer rauſam⸗ keit dem Direktorium berichten, der Sturm von Jaffa ſey mit Graͤueln begleitet geweſen, wie er noch nie ge⸗ ſehen habe. Buonaparte fuͤhrte zu ſeiner Vertheidigung an, dieſes Blutbad ſey durch die Kriegsgeſetze gerecht⸗ fertigt;— der Gouverneur von Jaffa habe dem Herold,⸗ der ihn zur Uebergabe auffordern ſollte, den Kopf ab⸗ ſchlagen laſſen;— jene Tuͤrken haͤtten zu der Beſatzung von El Ariſch gehoͤrt und ſich verbindlich mehr gegen die Franzoſen zu dienen, und ſeyen dem ungeachtet gleich darauf, gegen die eingegangene Kapi⸗ tulation mit den Waffen in der Hand in Jaffa ange⸗ troffen worden— und haͤtten eben darum nach den Kriegsgeſetzen das Leben verwirkt—„Wellington ſelbſt,“ ſagte er,„wuͤrde in einem ſolchen Falle eben ſo gehandelt haben.“ Hierauf wird ſich etwa Folgendes antworten laſſen: Hatte ſich der tuͤrkiſche Gouverneur wie ein Barbar be⸗ nommen, was ſich durch die Sitte ſeines Landes und durch die Grundſatze ſeiner Religion, zu welcher uͤber⸗ zutreten Napoleon im Sinne hatte, einigermaßen ent⸗ ſchuldigen laͤßt— ſo hatte der franzoͤſiſche Geueral dafuͤr 5. acht, nicht 3 Etadi wohl ge vo n die⸗ ben d ſic laſſen, ſo kor ante die Vertilgr ſeller en in Maſſe ohne alle vorlaͤufige Unterſuchung, ob dieſelben auch in gleichem Maße ſchuldig waren, ſelbſt durch die ſtrer waiatsrſah nicht — rechtfertigt werden. Geſetzt aber auch, ſie e ſeyen alle ich ſt veſte geweſen, ſo war Napoleon a lerdings be⸗ „ſo lange ſie unter den Wa iffen ſtanden, rwei dieſes Recht hoͤrte rfen und ſich ihrer Verthei⸗ ingsmit? el nter de 1eedinuna⸗ die ſich von ſelbſt verſteh t, 85 ihnen wenigſtens das Leben gelaſſen werde. Dieſe blutige That iſt in der Geſchichte Napoleon's ein unausloͤſ⸗ chlicher Flecken. Doch ſind wir damit nicht gemeint, ihm einen Hang zur Grauſamkeit zuzuſchrei⸗ ben; denn ein ſolcher r Hang iſt durch nichts bewieſen, es erhellet im Gegentheil aus man uchen Umſtaͤnden, daß er von Natur menſch t war. Allein er war auch ehr rgeizig trug mit ungeheuren und gi⸗ lich geſi gantiſchen efen und lernte mit leichter Muͤhe das Vergießen enſchenblut mißachten, daß nun ein⸗ mal zur Ausfuͤhrung ſeiner Plane nicht umgangen werden konnte. Er ſcheint nicht ſowohl auf den Ka⸗ 140 eakter der Handlung, als auf die Wirkung geſehen zu haben, die ſie auf ſeine Kombinationen haben konnte. Seine Armee war nur ſchwach; er mußte ſeinen zahl⸗ reichen Feinden Schrecken einjagen, und die angenom⸗ mene Maßregel ſchien geeignet, einen tiefen Eindruck auf alle zu machen, die davon hoͤren wuͤrden. Es ließ ſich noch uͤberdieß vorausſehen, daß dieſe Lenute un⸗ mittelbar nach ihrer Freilaſſung ſich wieder mit ſeinen Feinden vereinigen wuͤrden. Er hatte ihren Muth kennen gelernt; ſie bloß zu entwaffen waͤre vergebliche Muͤhe geweſen, da ſie ſich den Saͤbel, ihre National⸗ waffe, leicht wieder verſchaffen konnten. Sollten ſie kriegsgefangen bleiben, ſo mußte Napoleon ſtaͤrker ſeyn, als er war; auch waͤren dadurch ſeine Truppen in ih⸗ ren Bewegungen gehindeyt und aufgehalten, und ſeine Huͤlfsquellen ſchneller e hoͤpft worden. Jene Art von Nothwendigkeit, in der ſich die Menſchen zu befinden waͤhnen, wenn ſie den Anforderungen einer morali⸗ ſchen Pflicht einen Lieblingszweck nicht zum Opfer brin⸗ gen wollen,— jene Nothwendigkeit, die weit fuͤglicher eine ſchwer zu beſiegende Verſuchung genannt werden koͤnnte,— jene Nothwendigkeit endlich, die man die Tyrannenausflucht genannt hat, war daher die Urſache des Blutbades von Jaffa, und bleibt die einzige Recht⸗ fertigung deſſelben. Es moͤchte ſcheinen, als habe der Himmel das Sie⸗ gel ſeiner Rache auf dieſe Blutthat gedruͤckt, denn um — 141 eben die Zeit, wo dieſelbe veruͤbt wurde, zeigte ſich die Peſt in der Armee. Buonaparte entwickelte bei die⸗ ſer Gelegenheit einen moraliſchen Muth, den wir eben o preiſen muͤſſen, als wir ſeine Grauſamkeit getadelt haben: er ging ſelbſt in die Spitaͤler, und verminderte, indem er ſich ohne Bedenken der 2 ſteckung ausſetzte, das Schreckliche der Krankheit in der Meinun ig ſowohl der Soldaten überh haupt, als auch insbeſondere der Kranken, die dadurch bei gutem Mut he und folglich in der Stimmung bliehen⸗ durch welche die Geneſung von dieſer Krankheit am meiſten bedingt iſt. ——— Subſcriptions⸗Anzeige auf eine Auswahl aus E. T. W. Hoffmann“ „„1 erzaͤhlenden chrift en. Herausgegeben — von ſeiner Wittwe, heline Hoffmann, geb. Rorer. . Nebſt— Hitzigs: Hoffmann's Leben und Nachlaß. ——— Achtzehn Bändchen in Taſchenformat, broſchirt. Von vielen Seiten ber bin ich aufgeford dert worden, das bio⸗ grapyiſche Werk, welches bertrauteſte Freund meines verſtor⸗ benen Ehegatten, naldirektor Big in Berlin, im Jay de 1823 nber denſeiben zu meinem Vorthei dera egeben, in hltrilen Ausaabe, wi ſie das Bedurfnaiß d higen Zeit erdeit, dem Publikum v ulegen Ic entſpreche dieem Verjun⸗ gen gerne und um den Fr inden Hoffmanns ein noch angenedme⸗ res Geſchenk zu machen, habe ich entichloſſen, dieſer Ausgabe Auswanl aus ſeinen f r in ſchenbuchern, Zeitſchriften u. 8. w. zerſtreuten erzaͤhlenden Sch ften beizufügen. s Ganze ſoll in einer Sannnd ag von Bändchen ericheinen, übe 8 Dae Gha Anor e Herren V rleger ſich in der Nach⸗ ſchrift nayer au⸗ f den, weßhalb ich nichts weiter beizu, fugen haͤbe, als die eadan daß dieſelben mir fur den Fall einer neuen d Werkes großmüthig ſoſche Bedingun⸗ 3 ben, daß ich dann einem ſorgenfreien Alter würde önnen Irder, der den Abſatz deſſelben durch Un⸗ ird daher anch ſeinen Theil dazu beitagen, 1 ach beeinträchtiate eutſchen Lieblingsſchriftſelters, der inr nichts binter⸗ laſſen, als m ſte aus ſei geiſtigen euzniſſen noch zu ge⸗ winnen vermag, nicht ganz die Früchte des rurmvollen Lebens ihres Garten verliere. Nr 22 n tcrhriepnii daßt die durch Wittwe eines cheline Hoffmann, geb. Rorer. Zum Lobe Hoſfmnuns oder zur Empfehlung ſeiner Schriſten bier etr zu ſagen, ſcheint uns übe rüſſig. Der Beifall ſeiner Zeitgenoſſen, der ſich v Jahr zu Jahr neigerte und nach einem Tode bei o manchen in 8 zenmuth und Bewunderung überaing, überyebt uns deſſen. In Beziedung auf die vorſte hende offentliche Anzeige ſei en wir hier den Pian mit, nach wei⸗ chem von einem Freunde des Verſtorbenen im Namen ſeiner Wittwe e A1u ten Schrifren Hoffmann's beſorgt ie Auswarl aus den zerſtre wurde, die in unſerm Verlag erſcheinen wird. Nach dieſem Plane würden die erzähnnden Werke und Hitzigs treffliche Biograpoie in. 2 ſechs Lieferungen oder 18 Bändchen erſcheinen und zwar: Erſte Lieferung. Erſtes Bändchen. Meiſter Martin und ſein? Geſellen. Zweit’s—— Der undeimliche Gaſt Die tutomate. Drittes—— Aus Hoffmann's Leben und Nachlaß 1s Bdchen. — Zweite Lieferung. Viertes—— Signor Formica erſte Abtdeilung. 3 Fünftes— Signor Formica zweite Abtheilung.— Spieler⸗ glück. Sechstes— A. H. L. und N. 2s Bändchen. 3 Dritte Lieferung. Siebentes—— Doge und Dogareſſe Achtes—— Rath Kresvel.— Die Fermate. Neuntes—— A. H. L. und N. 38 Vändchen. Mierte Lieferung. Zehntes—— Fräulein Scudery. Erſte Abtheilung. Eilftes—— Fränulein Scudery. Zweite Abth.— Abenteuer 2 dreier Freunde. Zwölftes— A. H. und N.* Bändchen. 1 Fuͤnfte Lieferung. Dreizehntes—— Der Zuſammenhang der Dinge. Bierzehntes— Datura Fastuosa. Fünfzehntes—— A. H. L. und N. 58 Vändchen. Sechste Lieferung. Sechzehntes-— Der Kampfder Sänger.— Der Artushof⸗ Siebzehntes—— Meiſter J mes Wacht. 2 Achtzehntes—— N. H. L. und N. 6s Bändchen. Am lſten Oktober dieſes Jahres erſcheint die erſte Lieferung, und ihr wird von Monat zu Monat immer eine Lieferung folaen, ſo daß die ganze Sammlung im März 1828 vollſtändig in den Händen der Subſcribenten ſeyn wird.. 4 Wir glauben, daß zu einer Fit, wo Hoffmann's Erzäßlungen in mehrere Sprachen überſetzt wurden, und namentlich i England ſo ⸗ großen Beifall fanden, auch ſein Vaterland und ſeine Freunde, die tom ſo manche frohe Stunden danken, den unvergeßlichen Dichter mit nicht nainder warmem Antheil lohnen werde. 5 In der Druckeinrichtung haben wir geſucht, ein anſtändiges un gefaͤlliges Meugere, wovon Proben in jeder Buchhandlung zur din⸗ 3 ſicht vorliegen, mit mörlicſter Wohlfeilheit zu vereinigen. Der Subſcriptionspreis iſt per Bändchen: 2 22 Kreuzer oder 6 Groſchen ſächſ. und 6 Silbrg.⸗ welcher immer nach Empfang der Bändchen zu bezahien iſt 3 Subeeriden snnter rhuttem wenh ſie ſich direkte an un wenden, auf 10 Exemplare das 11te frei..— Jede ſolide Buchbandlung nimmt Subſcription auf das Werk au⸗s Stuttgart, im Juni 1827. 4 mur Gebruͤder Franckh. —ꝛ— —