Walter Scott's ſaͤmmtliche W e r — Neu uͤberſetzt. — Acht und dreißigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Neun,ter Theil. Sturtgarr, bei Gebru½ͤder Franckhh. 1827. —— L eben von Napoleon Buongparte, Kaiſer von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoſiſchen Revoln⸗“ tion. Von Walter Scor. Aus dem Engliſchen uberſetzt von General J. v. Theobald. —-— Neunter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1827. Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel. Unbeugſamkeit Oeſterreichs.— Wurmſer wird mit neu gewor⸗ benen Truvpen verſtärkt.— Schlacht bei Roveredo.— Die Fran⸗ zoſen ſtegen, und Maſſena beſetzt Trient.— Buonaparte ſchlägt Wurmſer bei Primolano und bei Baſſano den 8. September.— Wurmſer flieht nach Vicenza.— Schlacht bei Areola.— Wurm⸗ ſer wird zuletzt in der Feſtung Mantua eingeſchloſſen. Das Auffallendſte in dieſen Feldzuͤgen aber iſt die Unbeugſamkeit Oeſterreichs, das, durch das Vor⸗ ruͤcken von Moreau und Jourdan in die Enge getrie⸗ ben, dennoch uͤberall Widerſtand leiſtete und durch außerordentliche Anſtrengungen es dahin brachte, daß VWurmſer, mit 20,000 Mann friſcher Truppen ver⸗ ſtarkt, die Offenſive wieder ergreifen und aus dem Tyrol vorbrechen konnte. Wurmſer, durch ſein Un⸗ W. Scott's Werke. XXXVIII. 1 3 6 klͤck vorſichtiger geworden, hoffte jetzt, Mantua zum zweiten Mal auf eine weniger gefaͤhrliche Weiſe da⸗ durch entſetzen zu koͤnnen, daß er ſeinen Weg von Trient durch das Thal der Brenta dahin nahm. Dieſes Mandver gedachte er mit 30,000 Mann aus⸗ zufuͤhren, waͤhrend General Davidowich mit 20,000 Mann in einer ſtarken Stellung zunaͤchſt bei Rove⸗ redo ſtehen blieb, um Tyrol zu decken, wo ein Ein⸗ fall der Franzoſen den durch das Vorruͤcken von Mo⸗ reau und Jourdan in Deutſchland entſtandenen pani⸗ ſchen Schrecken noch vermehrt haben wuͤrde. Buonaparte, der die Abſicht des alten Feldmar⸗ ſchalls errieth, ließ ihn ungeſtoͤrt nach Baſſano an der Brenta ziehen und dort ſeine gewaͤhlte Operations⸗ linie faſſen. Er behielt ſich aber doch insgeheim vor, ſelbſt die Offenſive zu ergreifen, und uͤber Davido⸗ wich herzufallen, ſobald die Verbindung zwiſchen die⸗ ſem und Wurmſer durch den Marſch des letztern aufgehoͤrt haben wuͤrde. Er ließ den General Kil⸗ maine, einen Offizier von irlaͤndiſcher Abkunft, auf den er großes Vertrauen ſetzte, mit ungeſaͤhr 3000 Mann zuruͤck, um die Belagerung von Mantua in einer Stellung unter den Waͤllen von Verona zu decken, waͤhrend er ſelbſt mit ſeiner Hauptmacht den Marſch nach Roveredo antrat, einer Stadt, die, in dem Etſch⸗Thale gelegen, die feſte Stellung von Calliano im Ruͤcken hat. Die Hauptſtraße von Tri⸗ ent fuͤhrt durch dieſe Stadt, und Davidowich ſtand — 73. hier mit 25000 Oeſterreichern, um Tyrol zu decken, waͤhrend Wurmſer an der Brenta hinabzog, die in derſelben Richtung wie die Etſch fließt, aber etwa dreißig italieniſche Meilen von derſelben entfernt iſt, ſo daß Wurmſer und ſein Generallieutenant ſich nicht gegenſeitig unterſtuͤtzen konnten. Auf Dayido⸗ wich nun wollte Buonaparte zuerſt ſeine Blitze ent⸗ laden. Die Schlacht von Roveredo, am 4. September geſchlagen, war eine der ſchoͤnſten Waffenthaten die⸗ ſes groſſen Feldherrn. Ehe er ſich der Stadt naͤhern konnte, mußte eine ſeiner Diviſionen das ſtark ver⸗ ſchanzte Lager von Mori erſtuͤrmen, wo der Feind einen verzweifelten Widerſtand leiſtete. Eine andere griff die Oeſterreicher auf dem jenſeitigen Ufer der Etſch an(denn das Geſecht fand auf beiden Uſern Statt), bis endlich die Oeſterreicher unter ſtetem Gefechte zuruͤckwichen. Napoleon befahl dem Gene⸗ ral Dubois, mit dem erſten Huſaren⸗Regimente ein⸗ zuhauen; er that es, durchbrach die feindliche Linie, fank aber, von drei Kugeln toͤdtlich getroffen, nieder, unter den Worten:„Ich ſterbe fuͤr die Republik,— laßt mich nur wiſſen, daß der Sieg unſer iſt.⸗⸗ Der Feind wurde auf ſeinem Nuͤckzuge durch die Stadt Roveredo getrieben, unvermoͤgend, dieſe zu behaupten. Dieſe ſo außerordentlich feſte Stel⸗ lung von Calliano ſchien aber den Fliehenden einen 3 1. 2 8 ſichern Zufluchtsort gewaͤhren zu muͤſſen. Die ſtei⸗ len Bergwaͤnde treten hier der Etſch ſo nahe, daß zwiſchen ihr und ihnen nur ein Paß von etwa vierzig Klaftern uͤbrig bleibt, der ruͤckwaͤrts durch ein Dorf, ein feſtes Schloß und eine uͤber dem Felſen ange⸗ brachte wohlbeſetzte Schanze vertheidigt war. Allein alle dieſe Hinderniſſe konnten dem Siegeslaufe der Franzoſen keinen Einhalt thun. Es wurden acht leichte Feldſtuͤcke vorgebracht, unter deren Schutz die Infanterie die feſte Stellung erſtuͤrmte. So wenig vermoͤgen die Vortheile des Bodens, wenn die Ueber⸗ zeugung, daß er unwiderſtehlich ſey, ſich des Angrei⸗ fers bemaͤchtigt hat, und der Muth des Vertheidi⸗ gers dagegen durch eine lange Reihe von Unfaͤllen gebrochen iſt. Sechs⸗ oder ſiebentauſend Gefangene und fuͤnfzehn Geſchuͤtze waren die Fruͤchte dieſes glaͤnzenden Sieges, und Maſſena nahm den andern Tag Beſitz von Trient, dieſer alten Burg, wo Wurmſer ſo lange ſein Hauptquartier gehabt hatte. Die Truͤmmer des Heeres von Davidowich zo⸗ gen ſich tiefer ins Tyrol zuruͤck, und zwar in die Stellung von Laviſa, einem kleinen Dorfe an einem Fluſſe gleichen Namens, etwa drei Meilen noͤrdlich von Trient, auf der Hauptſtraße, die Brixen mit Innsbruck verbindet. Buonaparte folgte ihnen auf dem Fuße mit der Diyiſion Vaubois und ging mit ſeiner Reiterei uͤber die Laviſa, waͤhrend der Feind durch einen Angriff guf die Bruͤcke hingehalten wur⸗ 9 de. So vertrieb er ſie aus ihrer Stellung, die, als der Eingang eines der Hauptpaͤſſe des Tyrols, be⸗ ſetzt werden mußte, und von der ſiegreichen Diviſion Vaubois auch wirklich beſetzt wurde. Buonaparte, der in ſeiner gegenwaͤrtigen Lage die kriegeriſchen Bewohner des Tyrols fuͤr ſich zu gewinnen wuͤnſchte, erließ an ſie eine Proklamation, in der er ſie ermahnte, die Waffen niederzulegen, und nach Hauſe zu gehen, ihnen Schutz gegen mili⸗ taͤriſche Gewaltthaͤtigkeiten zuſicherte, und ſie zu uͤberzeugen ſuchte, daß ſie in dieſem, nur gegen den Kaiſer und ſeine Regierung, nicht aber gegen ſeine Unterthanen gefuͤhrten Kriege nicht betheiligt ſeyen. Um ſein Betragen mit ſeinen Worten in Einklang zu bringen, ſprach er in einem Edikt die Trennung des Fuͤrſtenthums Trient vom deutſchen Reiche aus. Die Bewohner ſollten die Oberherrlichkeit der fran⸗ zoͤſiſchen Republik anerkennen, ihre eigenen Angele⸗ genheiten aber ſelbſt beſorgen, oder doch zu beſorgen ſcheinen. Gaben, von einem bewaffneten Feinde angebo⸗ ten, mußten den Tyrolern ſehr verdaͤchtig ſcheinen. Es entging ihnen nicht, daß der Befehl eines fran⸗ zoͤſiſchen Offiziers, ſo lange die Franzoſen im Lande die Oberhand hatten, mehr gelten wuͤrde, als alles, was die von ihnen ſelbſt gewaͤhlte Obrigkeit ſagen konnte. Was die Proklamation betrifft, ſo haͤtte der franzoͤ⸗ ſiſche Feldherr ſeine Beredſamkeit mit gleichem Er⸗ 10 folge an die Felſen des Landes verſchwenden koͤnnen. Das Tyrol, eine der fruͤheſten Beſitzungen des Hau⸗ ſes Oeſterreich, war von den öſterreichiſchen Fuͤrſten ſtets mit Achtung der den Einwohnern zuſtehenden Privilegien regiert worden; letztere waren bereits im Genuſſe perſoͤnlicher Freiheit. Geſichert in allen zu ihrem Wohl erforderlichen Gerechtſamen, konn⸗ ten dieſe klugen Bauern aus der Hand eines frem⸗ den Generals nichts erwarten, als was Buonaparte ſelbſt die vom Kriegszuſtande unzertrennlichen Plak⸗ kereien genannt hatte, worunter alles Ungemach zu verſtehen iſt, was einem Lande aus der Habſucht des darin gebietenden Generals, aus dem nothwendigen Bedarf der Soldaten erwachſen mag, der groͤberen Mißhandlungen, die ſich Pluͤnderer und Nachzuͤgler gegen die Einwohner erlauben moͤgen, nicht zu ge⸗ denken. Außerdem, daß die Tyroler dieſe Folgen in ihrer Klugheit zu berechnen wußten, waren ſie zu⸗ gleich auch von einem edlen Geiſte der Nationalun⸗ abhaͤngigkeit beſeelt; und ſo beſchloſſen ſie, ihre Ge⸗ birge nicht durch die Erſcheinung eines fremden Hee⸗ res entehren zu laſſen und ihren heimathlichen Bo⸗ den mittelſt ihres nie fehlenden Geſchoſſes vor die⸗ ſer Schmach zu bewahren. Sie trafen alle Anſtal⸗ ten zu ihrer Vertheidigung; damals wurden am Nande jener ſteilen Abſtuͤrze, die das Innthal und. andere Tyrolerpaͤſſe begrenzen, jene Maſſen von Felsſtuͤkken und Baumſtaͤmmen aufgehaͤuft, wo ſie 11 verderbentraͤchtig liegen blieben, bis ſie im Jahre 1809 von dem wackern Hofer und ſeinen Waffenge⸗ faͤhrten zur Vertilgung der eingedrungenen Franzo⸗ ſen und Baiern herabgerollt wurden. Gluͤcklicher mit dem Schwerte als mit der Fe⸗ der, war Buonaparte mit Davidowich und ſeinem Heere kaum fertig geworden, als er ſeine Operatio⸗ nen gegen Wurmſern ſelbſt begann, der um dieſe Zeit die Nachricht erhielt, daß die Diviſion Davi⸗ dowich aufgerieben worden und daß Trient im Be⸗ ſitz der Franzoſen ſey. Der oͤſterreichiſche Feldmar⸗ ſchall dachte ſofort, daß der franzoͤſiſche Feldherr durch die erhaltenen Vortheile bewogen werden wuͤr⸗ de, Italien hinter ſich zu laſſen und nach Innsbruck vorzuruͤcken, um mit Moreau und Jourdan, die jetzt raſch ins Herz von Deutſchland eindrangen, in Ver⸗ bindung zu kommen. Statt daher ſeinen Plan, Mantua zu entſetzen, aufzugeben, glaubte Wurmſer im Gegentheil, die Zeit zu deſſen Ausfuͤhrung ſey gekommen. Er fuͤhrte daher ſeine Armee nicht nach Friaul, auf die Verbindungslinie mit Wien, zuruͤck, ſondern beging den großen Fehler, ſich in die ſuͤdlich gelegenen Paͤſſe Italiens noch tiefer zu verwickeln, um mit geſchwaͤchten Kraͤften etwas zu beginnen, was er nicht haͤtte ausfuͤhren koͤnnen, ſelbſt wenn ſeine Armee doppelt ſo ſtark geweſen waͤre, als die franzoͤſiſche. Zufolge dieſes ſchlecht berechneten Plans entſandte er die Diviſion Mezaros gegen Verona, 4 — 12 wo Napoleon, wie wir geſehen haben, Kilmaine auf⸗ geſtellt hatte, um die Belagerung, oder vielmehr die Blokade von Mantua zu decken. Mezaros verließ Wurmſer bei Baſſano an der Brenta, nahm ſeinen Weg in ſuͤdweſtlicher Richtung nach der Etſch und griff Kilmaine an, der unter dem Schutze der Fe⸗ ſtungswerke von Verona entſchloſſenen Widerſtand leiſtete. Da der oͤſterreichiſche General ſah, daß der Platz mittelſt eines Handſtreichs nicht zu nehmen ſer, entſchloß er ſich, anderswo uͤber die Etſch zu gehen, und traf bereits die hiezu noͤthigen Anſtal⸗ ten, als er von Wurmfer den dringendſten und be⸗ ſtimmteſten Befehl erhielt, unverzuͤglich wieder zu ihm zuruͤckzukehren. Sobald Buonaparte erfuhr, daß Wurmſer ſich abermals durch die Entſendung einer Diviſion ge⸗ ſchwächt hatte, erkannte er die Moͤglichkeit, den Feld⸗ marſchall ſelbſt zu ſchlagen, ihn aus ſeiner Stellung von Baſſand zu verdraͤngen und dadurch die Diviſion Mezaros, die zu weit gegen Suͤdweſten vorgeruͤckt war, abzuſchneiden und aufzureiben. Sollte dieſer Plan gelingen, ſo mußte er mit der aͤuſſerſten Schnelligkeit ausgefuͤhrt werden, denn wenn Wurmſer, vom Anmarſche Napoleons benach⸗ richtigt, noch Zeit behielt, die Diviſion Mezaros wie⸗ der an ſich zu ziehen, ſo war er wieder ſo ſtark, daß man nicht hoffen konnte, ihn mit Erfolg anzu⸗ greifen. Von Trient bis Baſſano ſind es zwanzig 13 franzoͤſiſche Meilen, und dieſer Raum mußte auf aͤu⸗ ßerſt ſchlechten Gebirgswegen in Zeit von hoͤchſtens zwei Tagen zuruͤckgelegt ſeyn. Allein gerade unter ſolchen Umſtaͤnden wußte Napoleon den Enthuſias⸗ mus ſeiner Soldaten aufs hoͤchſte zu ſteigern und dieſelben zu den unglaublichſten Leiſtungen zu ver⸗ moͤgen. Er verließ Trient den 6. September mit Tagesanbruch, und kam am Abend dieſes Tages nach Borgo di Val Lugano, das zehn franzoͤſiſche Meilen von Trient entfernt iſt. Ein aͤhnlicher Ge⸗ waltmarſch von fuͤnf Meilen und daruͤber brachte ihn den andern Tag bei guter Zeit nach Primolano, wo Wurmſers Vortrab ſehr vortheilhaft aufgeſtellt war. Durch den uͤberraſchenden und ungeſtuͤmmen An⸗ griff der Franzoſen wurden alle Vortheile dieſer Stellung beſiegt. Drei franzoͤſiſche Kolonnen durch⸗ brachen die beiden Treffen der Oeſterreicher,— die Reiterei ſchnitt ihnen auf der Hauptſtraße den Ruͤck⸗ zug nach Baſſano ab;— kurz der oͤſterreichiſche Vor⸗ trab wurde gaͤnzlich aufgerieben und mehr als 4000 Mann mußten das Gewehr ſtrecken. Von Primola⸗ no ruͤckten die Franzoſen, alles, was ſie vor ſich fan⸗ den, niederwerfend, bis nach Cismone, einem Dorfe vor, wo ein Bach gleichen Namens in die Brenta faͤlt. Dort machten ſie Halt, von Muͤdigkeit er⸗ ſchoͤpft, und in dieſer Nacht hat wohl keine Schild⸗ poche in der ganzen Armee mehr Mangel gelitten 14 als Napoleon ſelbſt, der ohne Gefolge, ohne Gepaͤcke ſein Nachtquartier bezog, und gerne von einem ge⸗ meinen Soldaten ein Stuͤck Brod annahm, woran der arme Teufel ſeinen General in der Folge, als er Kaiſer geworden war, erinnerte. Cismone liegt nur etwa vier Meilen von Baß⸗ ſano, und Wurmſer vernahm mit Beſtuͤrzung, daß der franzoͤſiſche General, von dem er glaubte, daß er ſchon tief in den Tyroler⸗Engniſſen ſtecke, ſei⸗ nen Vortrab aufgerieben habe und jetzt ſeine eigene Hauptſtellung bedrohe. In dieſer Beſtuͤrzung hatte er an Mezaros den Befehl erlaſſen, mit ſeiner Diviſion unverzuͤglich wieder zum Hauptheere zu ſtoßen. Allein es war ſchon zu ſpaͤt; Mezaros ſtand in der Nacht vom 7. September vor Verona, in einer Entfer⸗ nung von beinahe fuͤnfzehn Meilen von Baſſano, wo⸗ hin die Franzoſen jetzt von Cismone aus nur fuͤnf Meilen hatten. Der entſandte General konnte mit der aͤußerſten Anſtrengung am 8. September nur bis Montebello kommen; an dieſem Tage aber ſchien ſich das Schickſal ſeines ungluͤcklichen Obergenerals durch die Schlacht von Baſſano entſcheiden zu muͤf⸗ ſen. Und wirklich war auch der Sieg von Baſſano ſo entſcheidend, als irgend einer der fruͤhern. Das Dorf Salagna wurde zuerſt im Sturme genommen, worauf die franzoͤſiſche Armee ihren Marſch durch die Paͤſſe der Brenta weiter fortſetzte, um bei Baſ⸗ ſano das Hauptkorps von Wurmſer, das er daſelbſt 85 1 15 befehligte, anzugreifen. Augereau drang rechts, Maſ⸗ ſena links in die Stadt. Sie warfen Alles uͤber den Haufen, nahmen das zur Vertheidigung der Bruͤcke aufgeſtellte Geſchuͤtz trotz des Feuers der oͤſterreichiſchen Grenadiere, welche die Wache ihres Obergenerals und ſeines Generalſtabs, die ſich nun auf die Flucht begeben mußten, bildeten. Der Feldmarſchall ſelbſt fiel mit der Kriegskaſſe den Franzoſen beinahe in die Haͤnde und ob er gleich fuͤr diesmal noch entkam, ſo wurden doch ſeine Trup⸗ pen faſt ganz aufgeloͤst. Sechstauſend Oeſterreicher ſtreckten das Gewehr vor Buonavarte; Quaedano⸗ wich zog ſich mit drei⸗bis viertauſend Mann in nord⸗ oͤſtlicher Richtung zuruͤck, und erreichte das Friaul, waͤhrend Wurmſer ſelbſt, da er es unmoͤglich fand, auf eine andere Weiſe zu entkommen, nach Vicenza in der entgegengeſetzten Richtung floh und dort die zerſtreuten Haufen, die ihm gefolgt waren, mit der Diviſion Mezaros vereinigte. Als dieſes geſchehen war, hatte der bejahrte Marſchall von den 60,000 Mann, mit denen er kaum eine Woche zuvor den Feldzug eroͤffnet hatte, noch etwa 19,000 Mann un⸗ ter ſeinen Befehlen. Das Material ſeines Heeres, Geſchuͤtz und Gepaͤcke war verloren,— ſein Ruͤck⸗ zug nach den oͤſterreichiſchen Erblanden abgeſchnit⸗ ten,— die Bluͤthe ſeines Heeres vernichtet, aller Muth und alles Selbſtvertrauen dahin; es gab fuͤr ihn, wie es ſchien, kein anderes Mittel, als lich 16 dem jungen Sieger zu ergeben, durch deſſen Trup⸗ pen er ſich nicht wohl durchſchlagen konnte. Allein das Schickſal ſelbſt ſchien ſich zuletzt dieſes ehrwuͤr⸗ digen und tapfern Greiſes zu erbarmen; es vertagte nicht nur ſeinen Fall, ſondern vergoͤnnte ihm auch noch, einige fluͤchtige Lorbeeren zu pfluͤcken. So pflegten die Prieſter der Vorzeit die Opferthiere mit Blumenkraͤnzen zu ſchmuͤcken, kurz vorher, ehe ſie hingeopfert wurden. Von Gefahren umringt, von jedem Ruͤckzugs⸗ punkte abgeſchnitten, faßte Wurmſer den mannhaf⸗ ten Entſchluß, ſich mit dem Reſte ſeiner Truppen nach Mantua zu werfen, und das Schickſal dieſer belagerten Stadt, die er vergeblich zu entſetzen geſucht hatte, zu theilen. Um aber dieſen Entſchluß auszufuͤhren, mußte man uͤber die Etſch gehen, und man wußte nicht recht, wie dies anzufangen ſey. Verona, ein Uebergangspunkt, war durch Kilmaine vertheidigt, der bereits die Diviſion Mezaros zuruͤck⸗ getrieben hatte. Legnago, wo ſich eine Bruͤcke befand, war ebenfalls von den Franzoſen beſetzt, und Wurmſer hatte ſeine Schiffbruͤcke in der Schlacht von Baſſano ver⸗ loren. Bei dem Dorfe Albarado befand ſich jedoch eine Faͤhre, mit der zwar ein noch ſo betraͤchtliches Korps nicht in der Eile ſeinen Uebergang bewerkſtelligen konnte, deren ſich aber Wurmſer doch bediente, um zwei Schwadronen auf das jenſeitige Ufer zu icde mit 17 mit dem Auftrage, die Blokade von Mantua zu re⸗ kognosciren und zu unterſuchen, wie man in die Fe⸗ ſtung kommen koͤnne. Dieſe Vorſichtsmaßregel ret⸗ tete fuͤr den Augenblick den Feldmarſchall und den Reſt ſeines Heeres. Das Gluͤck, das im Kriege uͤberall eine ſo große Rolle ſpielt, fuͤgte es, daß Kilmaine aus Beſorg⸗ niß, Wurmſer moͤchte bei Verona einen Uebergang durchzuſetzen verſuchen, um einer ſo bedeutenden Macht beſſer zu widerſtehen, den Befehl gegeben hatte, daß die 400 Mann, welche die Bruͤcke zu Legnago beſetzt hielten, nach Verona abruͤcken und in ihrem bisherigen Poſten durch eine eben ſo ſtarke Abthei⸗ lung von dem Blokadekorps von Mantua erſetzt wer⸗ den ſollten. Der erſte Theil dieſes Befehls war befolgt worden und die Garniſon von Legnago be⸗ reits auf dem Marſche nach Verona; allein die Ab⸗ loͤſungsmannſchaft war zwar auf dem Wege nach Leg⸗ nago, aber noch nicht daſelbſt eingetroffen. Die oͤſterreichiſche Reiterel, die bei Albarado uͤbergegan⸗ geu war, traf auf dieſes Korps, nahe bei Mantua, griff es muthig an und machte einen großen Theil deſſelben nieder. Der Chef des franzoͤſiſchen Ba⸗ taillons, durch dieſe Erſcheinung verbluͤfft, folgerte daraus, daß die ganze oͤſterreichiſche Armee bereits auf dem rechten Ufer der Etſch ſeyn und er daher nothwendig abgeſchnitten werden muͤſſe, wenn er W. Scott's Werke. XXXVII. 2 18 .. 1 ſeinen Marſch nach Legnago fortſetze. So blieb die⸗ ſer Uebergangspunkt ohne alle Vertheidigung, und Wurmſer, von dieſem ſo unerwarteten und guͤnſti⸗ gen umſtande benachrichtigt, ſaͤumte nicht, ſich des Dorfes und der Bruͤcke zu verſichern. Buonaparte, der indeſſen in der Verfolgung des geſchlagenen Feindes von Baſſano bis nach Aro⸗ gela kommen war, erfuhr in letzterem Orte, daß Wurmſer noch in Legnago verweile, vielleicht, um ſeinen erſchoͤpften Truppen einige Ruhe zu goͤnnen, vielleicht auch, um zu ſehen, ob er nicht jetzt noch den franzöſiſchen Diviſionen, von denen er um⸗ ringt war, entſchluͤpfen, und durch einen ſchnellen Nuͤckmarſch nach Padua die Verbindung mit den Erblanden wieder gewinnen koͤnnte, ſtatt ſich in Mantua einzuſchließen. Buonaparte beeilte ſich, dieſe Augenblicke der unſchluͤſſigkeit zu benußen. Au⸗ gereau mußte auf der Straße von Padua nach Leg⸗ nago marſchiren, ſo daß Wurmſer ſich ſchlechterdings nicht mehr in dieſer Richtung zuruͤckziehen konnte; Maſſena dagegen erhielt die Weiſung, mit ſei⸗ ner Diviſion bei Ronco mittelſt einer Faͤhre uͤber die Etſch zu gehen, um den General Kilmaine zu verſtaͤrken, der bereits den kleinen Bach Molinella, zwiſchen Legnago und Mantun, beſetzt hatte. Wenn. dieſe Stellung behauptet wurde, ſo glaubte man⸗ daß der oſterreichiſche General, in der Unmoͤglichkeit⸗ Mantug zu erreichen ader hei Legnage Stand zu 19 halten, ſich jetzt noch mit ſeiner Armee wuͤrde uͤber⸗ geben muͤſſen. Am 12. September trat Wurmſer ſeinen Marſch an. Er fand den erſten Widerſtand bei Corea, wo Murat und Pigeon ihre Truppen vereinigt hatten. Allein Wurmſer traf ſeine Anordnungen und griff mit einer ſo unwiderſtehlichen Wuth an, daß der Feind zerſtiebte, und ihm das Dorf uͤberließ. In der Hitze des Gefechtes, und gerade in dem Augen⸗ blick, als die Franzoſen wichen, kam Buonaparte nach Corea, um ſelbſt nachzuſehen, welche Anſtal⸗ ten man getroffen habe, um Wurmſern den Ruͤckzug abzuſchneiden; er hatte es aber nur der Schnellig⸗ keit ſeines Pferdes zu verdanken, daß er nicht in die Haͤnde des Generals fiel, deſſen voͤlligen Untergang herbeizufuͤhren er befliſſen war. Wurmſer kam we⸗ nige Minuten nachher auf denſelben Fleck, und gab 7 Befehl, ihn in allen Richtungen zu verfolgen, jedoch mit der ausdruͤcklichen Weiſung, den franzoͤſiſchen General wo moͤglich lebendig einzufangen,— ein merkwuͤrdiger umſtand, der den oͤſterreichiſchen Ge⸗ neral ermaͤchtigte, uͤber das Loos desjenigen zu ver⸗ fuͤgen, von dem vorher und nachher ſein eigenes Schickſal abhing. Nachdem ihm dieſe koͤſtliche Beute entgangen war, ſetzte Wurmſer ſeinen Marſch die ganze Nacht fort; von der Heerſtraße ablenkend, die ihm durch das 3 2. 4 20 Blokadekorps verſperrt war, gelang es ihm, ſich bei dem Dorfe Villa Impenta einer Bruͤcke uͤber die Molinella zu bemaͤchtigen und dadurch die Truppen von Kilmaine zu vermeiden. Eine Abtheilung fran⸗ zoͤſiſcher Reiterei, die man ihm nachgeſchickt hatte, um ſeinen Marſch aufzuhalten, wurde von der oͤſterreichiſchen Reiterei zuſammengehauen. Am 14. September erhielt Wurmſer einen aͤhnlichen Vor⸗ theil bei Caſtel⸗Dul, wo ſeine Kuͤraſſiere eine Ab⸗ theilung franzoͤſiſcher Infanterie niedermachten. Nach⸗ dem er ſich ſolchergeſtalt die Verbindung mit Man⸗ tua eroͤffnet hatte, bezog er zwiſchen der Vorſtadt St. George und der Citadelle ein Lager, um in Verbindung mit dem platten Lande zu bleiben und Lebensmittel und Fourage aufzutreiben. Allein Buonaparte war gar nicht geſonnen, ihn in einer ſo bequemen Stellung ungeſtoͤrt zu laſſen. Nachdem er ein ͤſterreichiſches Korys, das in Porto Legnago zuruͤckgelaſſen worden, in Empfang genom⸗ men und noch manche Truͤmmer von Wurmſers Ar⸗ mee, die auf dem ſchnellen Marſche zuruͤckgeblieben waren, wie Aehren auf einem Erntefeld aufgeleſen hatte, beſchloß er noch einmal ſich des Seraglio, der Inſel, auf welcher Mantua erbaut iſt, zu be⸗ maͤchtigen, und die Beſatzung in die Waͤlle der Feſtung einzuſchließen. Am 15. September nahmen die Franzoſen nach einem ſehr hitzigen und bluti⸗ gen Gefechte Beſitz von der Vorſtadt St. George 21 und von der Citadelle La Favorite, worauf es noch zu vielen heftigen Angriffen und Ausfaͤllen kam, die, ſo tapfer auch die Oeſterreicher fochten, doch zu ihrem Nachtheile ausſchlugen, ſo daß ſie zuletzt ſich auf die Feſtung und das Schloß beſchraͤnken mußten. Und nun ſollten ſie den Krieg in einer weit graͤßlicheren Geſtalt ſehen, als ſelbſt auf dem offe⸗ nen Felde. Als Wurmſer ſich nach Mantua warf, mochte die Beſatzung auf etwa 26,000 Mann anſtei⸗ gen; aber noch vor der Mitte des Oktobers war nicht uͤber die Haͤlfte davon dienſtfaͤhig. Ungefaͤhr 9,000 Mann lagen krank in den Spitaͤlern,— an⸗ ſteckende Krankheiten, Entbehrungen aller Art, die ungeſunde Luft in dieſer ſumpfigten, von Seen um⸗ ſchloſſenen Gegend hatte die uͤbrigen aufgerieben. Auch die Franzoſen hatten viele Leute verloren; aber die Sieger konnten doch ihre Siege herzaͤhlen, und daruber den Preis vergeſſen, um den ſie er⸗ kauft worden. Es war gewiß fuͤr den Nationalſtolz ſehr ſchmei⸗ chelhaft und gewiſſermaßen eine Entſchaͤdigung fuͤr ſo manchen Verluſt, daß der Kriegsminiſter, als er Marmont, einen der damaligen Adjutanten Napo⸗ leons, der die dem Feinde abgenommenen Fahnen und Standarten uͤberbrachte, dem Directorium vor⸗ ſtellte, in ſeiner Rede an dieſes mit Recht ſagen konnte:„Im Laufe eines einzigen Feldzugs iſt Ita⸗ 22 lien erobert,— ſind drei ſtarke Armeen gaͤnzlich aufgerieben,— mehr als fuͤnfzig feindliche Fahnen genommen worden,— 40,000 Oeſterreicher haben das Gewehr ſtrecken muͤſſen, und, was gewiß nicht uͤberſehen werden darf, alles dieſes iſt das Werk einer Armee von nicht mehr als 30,000 Franzoſen und eines Generals, der kaum ſechsundzwanzig Jahre alt iſt.“ Z weites Kapitel. Korſika wird wieder mit Frankreich vereinigt.— Kritiſche Lage Buonaparte's in Italien in dieſem Zeitpunkte.— Der öſter⸗ reichiſche General Alvinzi erhält den Befehl über ein neues Heer.— Verſchiedene Gefechte ohne ein bedeutendes Reſultat. — Mangel an Einverſtändniß zwiſchen den öſterreichiſchen Ge⸗ neralen.— Die franzöſiſche Armee fängt an zu murren.— Er⸗ ſte Schlacht bei Arcola.— Napoleon in perſönlicher Gefahr.— Kein entſcheidendes Reſultat.— Zweite Schlacht von Arcola.— Die Franzoſen ſiegen.— Abermaliges Mißverſtändniß zwiſchen den öſterreichiſchen Generalen.— Allgemeine Ueberſicht der militäriſchen und politiſchen Angelegenheiten nach dem Schluſſe des vierten italie⸗ niſchen Feldzugs.— Oeſterreich beginnt einen fünften Feldzug, hat ſich aber durch die Erfabrung nicht belehren laſſen.— Schlacht bei Rivoli und Sieg der Franzoſen.— Fernerer Sieg bei La Favorite.— Die Franzoſen gewinnen das verlorne Ter⸗ rain in Italien wieder.— Uebergabe von Mantua.— Beiſpiele von Napoleons Edelmuth. Um dieſe Zeit fand die Wiedervereinigung von Kor⸗ ſika mit Frankreich Statt. Buonaparte trug zu die⸗ 23 ſer Veraͤnderung der politiſchen Verhaͤltniſſe ſeines Ge burtslandes mittelbar durch das ſtolze Gefuͤhl bei, das er durch ſeine glaͤnzenden Thaten in ſeinen Lands⸗ leuten nothwendig erwecken mußte, aber auch auf ei⸗ ne unmittelbare Weiſe dadurch, daß er ſich der Stadt und des Hafens von Livorno verſicherte und denjeni⸗ gen Korſikanern, die durch die engliſche Parthei aus ihrem Vaterlande vertrieben worden waren, wieder zur Ruͤckkehr dahin verhalf. Er vermeldete dieſes dem Direktorium mit dem Zuſatze, daß er den Buͤrger Gentili, den angeſehenſten Anhaͤnger der Franzoſen, einſtweilen zum Gouverneur der Inſel beſtellt habe, und daß auch Salicetti dahin abgehen werde, um an⸗ dere noͤthige Anſtalten daſelbſt zu treffen. Dieſe Mel⸗ dung iſt in einem froſtigen Tone abgefaßt, und Na⸗ poleon laͤßt ſich durch die Liebe zu ſeiner Heimath*) nicht verleiten das Direktorium auf die Wichtigkeit *) Wir haben geſagt, Buonaparte habe nach ſeiner Erhebung ſich nicht viel aus ſeinem Geburtslande gemacht und darum auch die Zuneigung der Einwohner eben nicht ſehr beſeſſen. In ſeinen auf St. Helena verfaßten Memoiren gibt er aber eine kurze geographiſche und hiſtoriſche Beſchreibung von Korſika, und macht mehrere Vorſchläge, welche die Beför⸗ derung der Civiliſation unter ſeinen Landsleuten betreffen; — einen dieſer Vorſchläge, der dahin geht, die Korſikaner, die ſtets in Waffen ſind, zur Ablegung derſelben zu nöthigen, mag zweckmäßig ſeyn, iſt aber vielleicht nicht ausführbar, wenigſtens mit großen Schwierigkeiten verbunden. Wenn er aber an einer andern Stelle ſagt:„die Krone von Korſika müſſe durch die temporäre Verbindung dieſer Inſel mit Groß⸗ 8 24 dieſer Erwerbung aufmerkſam zu machen, obgleich die⸗ ſe Behoͤrde in der Folge gar ſehr daruͤber frohlockte. Allein er war durch ſein Geſchick auf eine viel zu ho⸗ he Stufe berufen, als daß er großen Werth anf ſein unberuͤhmtes Geburtsland haͤtte legen koͤnnen. Er glich dem jungen Loͤwen, der, waͤhrend er Jaͤger zer⸗ reißt und Heerden erwuͤrgt, nicht der Waldhoͤhle ge⸗ denkt, wo er zuerſt das Tageslicht erblickt hat. Uebrigens war die Lage Napoleons damals bei allem Gkanze doch ſehr kritiſch und mußte alle ſeine Gedanken in Anſpruch nehmen. Mantua hielt ſich noch, und es ſchien nicht, daß es ſich ſobald ergeben werde. Wurmſer hatte ungefaͤhr drei Viertel ſeiner Kasvalleriepferde ſchlachten und einſakzen laſſen, und dadurch die Mundvorraͤthe ſeiner Beſatzung bedeutend vermehrt. Sein Muth und ſeine Entſchloſſenheit wa⸗ ren erprobt, und da er nun im Falle war, eine Fe⸗ ſtung nach den gewoͤhnlichen Regeln der Kunſt, die er vollkommen verſtand, zu vertheidigen, ſo lief er nicht Gefahr, durch das neue taktiſche Syſtem, das ihm in offenem Felde ſo verderblich geworden war, uͤbervortheilt und zu Grunde manoͤvrirt zu werden. britannien überraſcht worden ſeyn, in den Beſitz eines Nach⸗ folgers von Fingal zu kommen, ſo iſt dies eine etwas ſon⸗ derbare Bemerkung, und nicht viel witziger, ats wenn man ſagen wollte, das Diadem von Frankreich und die eiſerne Knone von Itatien hätten geſtaunt, als ſie auf dem Haupt eines emporgeſtiegenen korfiſchen Soldaten zuſammentrafen⸗ 25 Waͤhrend ſolchergeſtalt das letzte Unterpfand der aſterreichiſchen Herrſchaft in Italien ſich in ſichern Haͤnden befand, waren der Kaiſer und ſeine Miniſter eifrig darauf bedacht, zur Wiedereroberung der itn⸗ lieniſchen Erbſtaaten neue Anſtrengungen zu machen. Die Niederlagen von Jourdan und der Ruͤckzug von Moreau hatten den Kaiſerkichen freiere Haͤnde ver⸗ ſchafft und ſie in den Stand geſetzt, durch ſtarke Aus⸗ hebungen in dem kriegeriſchen Illyrien und durch Contingente, die von der Rheinarmee geſtellt wur⸗ den, eine neue Armee zum Behuf der Wiedererobe⸗ rung der italieniſchen Provinzen und des Entſatzes von Mantua ins Feld zu ſtellen. Auf Befehl des Hofkriegsraths wurden zwei Armeen an der itali⸗ eniſchen Grenze zuſammengezogen, eine im Friaul, wohin ſich Quasdonowich nach der Schlacht von Baſ⸗ fano zuruͤckgezogen hatte, die andere im Tyrol. Bei⸗ de ſollten gemeinſchaftlich operiren und von Alvinzi befehligt werden, einem General von hohem und, wie man damals glaubte, wohlverdientem Rufe. So ſollte Napoleon zum vierten Mal um den⸗ felben Preis auf demſelben Boden mit neuen, von demſelben Feinde entwickelten Streitkraͤften kaͤm⸗ pfen. Er hatte jedoch auch Verſtaͤrkungen aus Frank⸗ reich, und zwar zwoͤlf Bataillons von den Truppen, die fruͤher in der Vendée gedient hatten, erhalten. Die Armee war in dem eroberten reichen Lande gut gekleidet, verpflegt und mit Allem gehoͤrig verſehen 26 worden, und hing mit Begeiſterung an dem Feld⸗ herrn, der ſie von den unwirthſamen Alpen in die⸗ ſes gelobte Land gefuͤhrt und ihre Leiſtungen ſo ge⸗ ſchickt geleitet hatte, daß ihr unter ſeiner Fuͤhrung „bis jetzt Alles gelungen war. Napoleon hatte auch die guten Wuͤnſche, wenn auch nicht aller Italiener, doch eines großen Theils derſelben, beſonders in der Lombardei, fuͤr ſich; Freun⸗ de und Feinde glaubten unbedingt an ſeinen Gluͤcks⸗ ſtern. Fruͤher, als Wurmſer noch im Felde ſtand, war dies nicht der Fall geweſen; damals hatten die Nachrichten von dem Vorruͤcken der Oeſterreicher an manchen Orten Aufſtaͤnde gegen die Franzoſen und uͤberall die Offenbarung feindlicher Geſinnungen ge⸗ geen dieſelben veranlaßt. Jetzt aber, wo jedermann den Sieg Napoleons vorausſagte, verhielten ſich die Anhaͤnger Oeſterreichs ruhig, und die zahlreiche Klaſſe derjenigen, die in ſolchen Faͤllen es mit dem gewin⸗ nenden Theil halten wollen, gab durch ihre Aeuße⸗ rungen zu Gunſten der Franzoſen den wirklichen Freunden Frankreichs ein neues Gewicht. Es ſcheint jedoch, die Siegesgoͤttin habe, gleichſam daruͤber er⸗ zuͤrnt, daß Sterbliche ihre Launen berechnen wollten, ſich vorgenommen, ſelbſt ihren groͤßten Liebling dies⸗ mal etwas ſproͤder zu behandeln, als vordem, und ihn zu groͤßeren Anſtrengungen zu noͤthigen, als ſelbſt zu der Zeit, wo die Wuͤrfel ihm unguͤnſtiger waren. Davidowich befehligte das oͤſterreichiſche Korps — 27 im Tyrol, das zum Theil aus der trefflichen Miliz dieſes kriegeriſchen Landes beſtand. Es hielt nicht ſchwer, dieſe Landwehrmaͤnner zu einem Zug nach Italien zu bereden, zumal da ſie uͤberzeugt waren, daß ihre Nationalunabhaͤngigkeit in Gefahr ſey, wenn die Franzoſen im Beſitze der Lombardei bleiben ſoll⸗ ten. Buonaparte hatte ſeinerſeits den General Vau⸗ bois in den Paͤſſen an der Laviſa, oberhalb Trient, aufgeſtellt, um dieſe neue Beſitzung der franzoͤſiſchen Republik zu decken, und Davidowich im Zaume zu halten. Es war der Plan von Alvinzi, vom Friaul aus ſich Vicenza zu naͤhern, und ſich dort mit Da⸗ vidowich, der an der Etſch herabziehen ſollte, zu ver⸗ einigen. Er wollte dann mit ſeiner geſammten Macht nach Mantua, dem ſteten Ziele der blutigſten Kaͤm⸗ pfe vorruͤcken. Im Anfang des Oktobers 1796 trat er ſeinen Marſch an. Sobald Buonaparte dies erfuhr, erließ er den Befehl an Vaubois, Davidowich anzugreifen,— an Maſſena, gegen Baſſano an der Brenta vorzuruͤcken, und dort dem oͤſterreichiſchen Obergeneral die Spitze zu bieten. Beide Maßregeln ſchlugen fehl. Vaubois griff zwar an, aber mit ſo ſchlechtem Erfolg, daß er nach einem zweitaͤgigen Gefechte vor den Oeſterreichern weichen, die Stadt Trient raͤu⸗ men und ſich in die bereits von uns bezeichnete fe⸗ ſte Stellung von Calliano zuruͤckziehen mußte. Da 28 er es groͤßtentheils mit Tyrolern zu thun hatte, die ſich auf den Gebirgskrieg gar ſehr verſtehen, ſo ſah ſich Vaubois genoͤthigt, dieſe faſt unuͤberwindliche Stellung zu verlaſſen, und ſein Gegner, der jetzt auf dem rechten Ufer der Etſch hinab zog, ſchien ge⸗ gen Montebalto und Rivoli manoͤvriren und dadurch die Verbindung mit Alvinzi eroͤffnen zu wollen. Auf der andern Seite hatte Maſſena, der ſich in kein Gefecht einließ, zwar keinen Verluſt erlit⸗ ten, aber bei Annaͤherung der uͤberlegenen Macht von Alvinzi Baſſano raͤumen und dem Feind das Thal der Brenta uͤberlaſſen muͤſſen. Buonaparte fand ſich dadurch bewogen, mit der Diviſion Auge⸗ reau aufzubrechen, und dem oͤſterreichiſchen Oberge⸗ neral eine Schlacht zu liefern, um ihn an die Piave zuruͤckzuwerfen, ehe noch Davidowich eintreffen konn⸗ te. Allein er fand einen ungemeinen Widerſtand, und mitten unter Klagen uͤber die Witterung, uͤber Unfaͤlle und Mißgriffe aller Art, eignet er ſich in ſeinem erſten Gefechte mit Alvinzi den Sieg nur in ſehr unbeſtimmten Ausdruͤcken zu. Er hatte offen⸗ bar einen verzweifelten, aber mißlungenen Verſuch gemacht, den öͤſterreichiſchen General aus Baſſano zu vertreiben, und ſich nach Vicenza zuruͤckziehen muͤſ⸗ ſen. Es iſt ferner klar, daß Buonaparte ſelbſt ein⸗ fah, wie dieſer Ruͤckzug mit ſeinem angeblichen Sie⸗ ge ſich nicht recht vertrage. Er ſagt auch auf eine naive Weiſe, die Einwohner von Vicenza ſeyen er⸗ 29 ſtaunt geweſen, als die Franzvſen, deren Sieg am vorigen Tage ſie geſehen hatten, ſich wieder durch Vicenza zuruͤckzogen. Sie haͤtten allerdings Grund gehabt, daruͤber zu erſtaunen, wenn ſie von dem Siege der Franzoſen ſo uͤberzeugt geweſen waͤren, als Buonaparte angibt. Die Wahrheit iſt, daß Buo⸗ naparte, in der Ueberzeugung, der geſchlagene Vau⸗ bois muͤſſe unterliegen, wenn er nicht unterſtuͤtzt werde, ſich beeilte, ihm entgegen zu gehen und da⸗ durch Huͤlſe zu bringen. Durch ſeine eigene ruͤck⸗ gaͤngige Bewegung bis Verona gab er indeſſen das ganze Land zwiſchen der Brenta und der Etſch den Oeſterreichern Preis; und wer die Geſchichte dieſes Feldzugs liest, wird auch nicht begreifen, warum Davidowich und Alvinzi, die doch kein franzoͤſiſches Korps zwiſchen ſich hatten, nicht ſogleich ihre Ope⸗ rationen auf eine gemeinſchaftliche Baſis gegruͤndet haben. Allein es war der Hauptfehler der oͤſterreich⸗ iſchen Taktiker waͤhrend des ganzen Krieges, daß ſie die Verbindung zwiſchen ihren getrennten Diviſionen, und die Zuſammenziehung derſelben zum Behuf ei⸗ nes gemeinſchaftlichen Zweckes, durch welche der gluͤck⸗ liche Erfolg eines Feldzugs ſo fehr bedingt iſt, ver⸗ nachlaͤßigten. Vor Allem aber kannten die oͤſterreich⸗ iſchen Generale, wie Buonaparte ſelbſt bemerkt, in ihren Kriegsunternehmungen den Werth der Zeit nicht.. Nachdem Napoleon ſeinen Nuͤckzug nach Verona 30 bewerkſtelligt hatte, wo er mittelſt der Bruͤcke nach Gefallen die Offenſive wieder ergreifen oder in ei⸗ ner Stellung hinter der Etſch den Feind erwarten konnte, nahm er ſofort die Stellungen von Rivoll und Corona, wohin die von Davidowich geſchlagenen Truppen ſich zuruͤckgezogen hatten, in Augenſchein. Dieſe Truppen erſchienen vor ihm mit niedergeſchla⸗ genen Blicken, und Napoleon machte ihnen Vor⸗ wuͤrfe wegen ihres Betragens.„Ich bin mit Euch unzufrieden,“ ſagte er;„Ihr habt weder Kriegs⸗ zucht, noch Ausdauer, noch Tapferkeit bewieſen. Ihr habt Euch aus Stellungen vertreiben laſſen, in denen eine Handvoll tapferer Maͤnner eine ganze Armee haͤtte aufhalten koͤnnen. Ihr ſeyd nicht laͤn⸗ ger franzoͤſiſche Soldaten; man ſchreibe auf Eure Fahnen:„„Sie gehoͤren nicht zu der Armee von Italten!““ Thraͤnen des Kummers und der Be⸗ ſchaͤmung erwiederten dieſe Rede— aber ſelbſt die Regeln der Kriegszucht konnten den Ausbruch eines tief verletzten Gefuͤhls nicht ganz verhindern; meh⸗ rere Grenadiere, die ſich in fruͤhern Gelegenheiten Ehrenzeichen verdient hatten, riefen aus dem Glied: „General, wir werden verkannt; ſtellen Sie uns in das vorderſte Treffen, und Sie ſollen ſehen, ob wir zur italieniſchen Armee gehoͤren oder nicht!“ Buo⸗ naparte, der nun die bezweckte Wirkung hervorge⸗ bracht hatte, ſprach hierauf in einem mildern Tone zu ihnen, und die Regimenter, die einen ſo ſtren⸗ „ 31 gen Werweis erhalten hatten, benahmen ſich in dem uͤbrigen Theile des Feldzugs ganz vortrefflich. Waͤhrend Napoleon raſtlos beſchaͤfrigt war, ſeine Truppen auf dem rechten Ufer der Etſch zuſammen⸗ zuziehen, und ſie mit ſeinem eigenen Unternehmungs⸗ geiſte zu beſeelen, hatte Alvinzi ſeine Stellung auf dem linken Ufer, Vero gegenuͤber, genommen. Seine Armee hielt die ſogenannten Hoͤhen von Caldiero beſetzr, auf deren linker Seite und etwas ruͤckwaͤrts das kleine Dorf Arcola zwiſchen Suͤmpfen liegt, die den Fuß dieſer Anhoͤhen umfaſſen. Hier hatte ſich der oͤſter⸗ reichiſche Obergeneral hingeſtellt, wahrſcheinlich um abzuwarten, bis Davidowich am rechten ufer der Etſch herabkomme, die Stellung des franzoͤſiſchen Generals auf dieſem Ufer bedrohen, und ihm(Al⸗ vinzi) Gelegenheit geben wuͤrde, ſeinen Uebergang, zu erzwingen. Buonaparte beſchloß in der ihm eigenen raſchen Weiſe den oͤſterreichiſchen Feldherrn noch vor der An⸗ kunft von Davidowich aus ſeiner Stellung von Cal⸗ diero zu vertreiben. Allein auch diesmal war ihm das Gluͤck nicht hold. Eine ſtarke franzoͤſiſche Divi⸗ ſion unter Maſſena griff die Hoͤhen waͤhrend eines Platzregens an, konnte aber, ungeachtet aller An⸗ ſtrengungen doch nichts ausrichten, und der fran⸗ zoͤſiſche General mußte, um dieſe Schlappe zu be⸗ ſchoͤnigen, wie er bei allen Unfaͤllen zu thun ge⸗ mohnt, war, auf die Elemente ſchelten. 3² Die Lage der Franzoſen wurde kritiſch, und, was noch ſchlimmer war, die Soldaten merkten es. Sie klagten, daß ſie die Laſt des Krieges allein tra⸗ gen, eine Armee nach der andern bekaͤmpfen und zu⸗ letzt unter den ſtets wiederholten, unermuͤdlichen Anſtrengungen der Oeſterreicher erliegen muͤßten. Buonaparte ſuchte dieſe Klagen, ſo gut er konnte, zu beſchwichtigen, und verſprach, daß die Eroberung von Italien durch die Niederlage dieſes Alvinzi in der kuͤrzeſten Zeit beſiegelt werden ſolle; er nahm auch die ganze Kraft ſeines Genies zuſammen, um ein entſcheidendes Gefecht, herbeizufuͤhren, worin er von ſeinen eigenen Talenten und dem durch ſo viele Siege geſtaͤhlten Muthe ſeiner Armee, trotz aller Ueberlegenheit des Feindes, den Sieg erwartete. Allein es war keine leichte Aufgabe, eine Angriffs⸗ weiſe zu erſinnen, die auch nur einige Hoffnung ei⸗ nes gluͤcklichen Erfolges gab. Ging er in noͤrdlicher Richtung auf dem rechten Etſchufer vorwaͤrts, um Davidowich aufzuſuchen und zu vernichten, ſo mußte er feine Linie an der Etſch ſchwaͤchen, und Alvinzi konute ſodann einen Uebergang erzwingen und Man⸗ tuag entſetzen. Daß aber die Hoͤhen von Caldiero, welche die oͤſterreichiſche Hauptmacht beſetzt hatte, unangreifbar ſeyen, war bereits durch eine traurige Erfahrung bewieſen. In dieſer Verlegenheit gerieth der franzoͤſiſche General 33 General auf den kuͤhnen Gedanken, daß die Stel⸗ lung von Caldiero, obſchon ſie nicht im Sturm ge⸗ nommen, doch umgangen werden koͤnnte, und daß er durch die Beſetzung des Dorfes Arcola, welches links und im Ruͤcken von Caldiero liegt, die Oeſterreicher zwingen koͤnnte, unter unguͤnſtigen Umſtaͤnden zu fechten. Allein der Gedanke, Arcola anzugreifen, war in ſeiner Art ſo einzig, daß auſſer Napoleon wohl kein anderer General darauf gekommen ſeyn würde. Arcola liegt an dem kleinen Bache Alpon, der ſich durch wuͤſte, in verſchiedenen Richtungen von Daͤmmen und Graͤben durchſchnittene Suͤmpfe in die Etſch ergießt. Im Falle eines mißlungenen Angriffs konnten die Angreifenden hier leicht aufgerleben wer⸗ den. Schlug man von Verona aus den Weg von Arcola ein, ſo wurde Alvinzi und ſeine ganze Armee dadurch aufmerkſam gemacht; Geheimniß und Schnel⸗ ligkeit aber ſind die Seele jeder Unternehmung. Doch alle dieſe Schwierigkeiten wurden durch das Genie Napoleons beſeitigt. Man muß ſich erinnern, daß Verona auf dem linken Ufer der Etſch liegt, auf demſelben Ufer, wo ſich auch das von Buonaparte gewaͤhlte Operations⸗ objekt befand. Bei einbrechender Nacht ſtanden alle Truppen in Verona unter dem Gewehr; Buonaparte W. Seott's Werke. XXXVIII. 3 34. ließ eine Beſatzung von 1500 Mann unter Kilmaine zuruͤck, mit dem Beſehl, die Thore zu ſchließen und zu verhindern, daß der Feind von der naͤchtlichen Un⸗ ternehmung Kenntniß erhalte. Nachdem dies ge⸗ ſchehen war, trat er ſeinen Marſch zuerſt ruͤckwaͤrts, in der Richtung von Peschiera, an, was zu beweiſen ſchien, daß er auf die Eroberung von Mantua ver⸗ zichte und vielleicht ganz Italien zu verlaſſen geſon⸗ nen ſey. Die Stille, mit welcher marſchirt wurde, die Beſeitigung alles Laͤrms, der bei den Franzoſen ſonſt einer Schlacht voranging, und der entmuthigen⸗ de Stand der Dinge deuteten auf einen aͤhnlichen Ausgang. Nachdem aber die Truppen eine kurze Strecke in dieſer Richtung zuruͤckgelegt hatten, muß⸗ ten die Kolonnenſpitzen links und von der Ruͤckzugs⸗ linie abſchwenken und an der Etſch bis nach Ronco hinabziehen, wo ſie noch vor Tagesanbruch ankamen. Hier war bereits eine Bruͤcke geſchlagen, uͤber die ſie auf das jenſeitige Ufer gingen, wo auch Arcola etwas unterhalb der Hoͤhen von Caldiero liegt. Es fuͤhren drei Kunſtſtraßen durch zden Sumpf von Arcola, die von eben ſo vielen Kolonnen gefaßt wurden. Die mittlere Kolonne ruͤckte auf der nach dem Oorfe Arcola fuͤhrenden Straße vor. Die Daͤm⸗ me und Straßen waren nicht beſetzt; das Dorf und die Bruͤcke aber durch zwei Baraillons Kroaten und zwei Kanonen, welche die Straße beſtrichen, ver⸗ theidigt. Dieſe empfingen die franzoͤſiſche Kolonne 35 mit einem ſo heftigen und umfaſſenden Feuer, daß ſie in Unordnung zuruͤckwich. Augereau drang mit ſeinen beſten Grenadieren vorwaͤrts auf die Bruͤcke, von wo ſie jedoch durch das moͤrderiſche Feuer auf ihr Hauptkorps zuruͤckgeworfen wurden. Alvinzi, der das Ganze nur fuͤr tein Vorpoſten⸗ gefecht hielt, ſandte einige Truppen nach dem Sum⸗ pfe ab, um die Daͤmme und Straßen, die durch den⸗ ſelben fuͤhren, von den Franzoſen zu reinigen. Jene ſtutten nicht wenig, als ſie ſo ſtarke feindliche In⸗ fantertekolonnen vor ſich ſahen, ſetzten aber dem un⸗ geachtet das Gefecht mit ungeſchwaͤchtem Muthe fort. Nach dem Plane Napoleons mußte Arcola durchaus genommen werden; aber das Feuer war ſchrecklich. Um nun ſeine Soldaten zu einer letzten Anſtrengung zu ermuthigen, ergriff er eine Fahne und pflanzte ſie mit eigener Hand auf der Bruͤcke auf. In dieſem Augenblicke erhielten die Heſter⸗ reicher Verſtaͤrkung, und das Feuer wurde moͤrde⸗ riſcher, als je. Erſt wichen die Hinterſten, und als dieſe ſich nicht mehr unterſtuͤzt ſahen, auch die Vorder⸗ ſten. Doch wollten ſie ihren General aicht im Sti⸗ che laſſen und trugen ihn auf ihren Haͤnden auf dem mit Todten und Sterbenden bedeckten Wege durch das Feuer und den Rauch zuruͤck. In der Verwirru ig gerieth er zuletzt in den Sumpf; ſchon waren die Oeſterreicher zwiſchen ihm und ſeinen Trup⸗ 3.. 36 pen, und er ware nothwendig getoͤdtet oder gefan⸗ gen worden, wenn nicht die Grenadiere die Gefahr, in der er ſchwebte, bemerkt haͤtten. Sofort erhob ſich das Geſchrei:„Vorwaͤrts! vorwaͤrts! rettet den General!“ Die Liebe zu ihm that mehr, als ſeine Be⸗ fehle und ſelbſt ſein Beiſpiel vermocht hatten. Sie grif⸗ fen nochmals an und vertrieben dieOeſterreicher endlich aus dem Dorfe, aber nicht eher, als bis ein franzoͤſi⸗ ſches Korps unter General Guieur die Stellung umgan⸗ gen und im Ruͤcken genommen hatte. Dieſe Huͤlfstrup⸗ pen waren mittelſt der Faͤhre von Alborado uͤber die Etſch gekommen, und die Franzoſen blieben endlich im Beſitze des lang beſtrittenen Dorfes. Es war fuͤr den Augenblick ein hoͤchſt wichtiger Punkt, der es dem franzoͤſiſchen Feldherrn erlaubte, wenn die Oeſterreicher in ihrer Stellung blieben, auf ihre Verbin⸗ dungslinien mit der Brenta zu wirken, ſich zwiſchen Alvinzi und ſeine Reſerven zu ſtellen und ſeinen Ar⸗ tilleriepark aufzuheben. Allein der oͤſterreichiſche Feld⸗ marſchall entging noch zur rechten Zeit dieſer Gefahr. Alvinzi hatte nicht ſobald erfahren, daß eine ſarke franzoͤſiſche Diviſion ſich in ſeinem Ruͤcken be⸗ finde, als er, ohne ihr Zeit zu ferneren Operationen zu laſſen, ſogleich aufbrach und die Stellung von Ca⸗ diero durch einen wohl geordneten Ruͤckzug raͤumte. Buonaparte mußte zu ſeinem Aerger ſehen, wie die Oeſterreicher dieſes Manoͤver mittelſt einer Bruͤcke aͤber den Alpon ausfuͤhrten, die er hatte beſetzen 7 37 wollen, um ihren Ruͤckzug, wo nichk unmoͤglich, ſo doch ſehr verderblich fuͤr ſie zu machen. Wie jetzt die Sachen ſtanden, verlor das Dorf von Arcola ſei⸗ ue Bedeutung, da es nach dem Ruͤckzug von Alvinzt nicht mehr im NRuͤcken, ſondern vor der Fronte des Feindes lag. Buonaparte erinnerte ſich, daß er ſowohl auf dem rechten, als auf dem linken Ufer der Etſch Fein⸗ de habe, und daß Davidowich den General Vaubois noch einmal werfen koͤnne, da er zu weit von ihm entfernt war, um ihm beiſtehen zu koͤnnen. Er raͤumte daher Arcola und das zunaͤchſt dabei liegende Dorf Porcil, zog ſich wieder nach Ronco und uͤber die Etſch zuruͤck, und ließ nur zwei Halbbrigaden auf dem linken ufer ſtehen. Die erſte Schlacht von Arcola, merkwuͤrdig durch die Hartnaͤckigkeit, mit der auf beiden Seiten ge⸗ fochten wurde, und durch den Verluſt ſo vieler ta⸗ pfern Offiziere und Soldaten, fuͤhrte ſonach zu kei⸗ nem entſcheidenden Reſultate. Doch hatte ſie dem oͤſterreichiſchen Feldmarſchall in etwas die Luſt be⸗ nommen, gegen Verona zu operiren, und die Ver⸗ einigung der oͤſterreichiſchen Hauptarmee mit der vom Tyrol weiter hinausgeſchoben; ſie hatte aber vorzuͤglich das Talent des franzoͤſiſchen Generals und die Tapferkeit ſeiner Truppen in einem furchtbaren Lichte gezeigt, und letzteren ihr altes Selbſtvertrauen wieder gegeben.— 38 Buonaparte blieb bis den andern Tag um fuͤnf Uhr bei Ronco ſtehen, wo er erfuhr, daß Davidowich ſich in ſeiner alten Stellung ruhig verhalte, daß fuͤr Vaubois nichts zu fuͤrchten ſey, und daß er daher mit aller Sicherheit gegen Alvinzi overiren koͤnne. Dies war um ſo leichter(16. November), weil der oͤſterreichiſche Feldherr, nicht wiſſend, daß Buonaparte bei Ronco Halt gemacht hatte, und in der Meinung er ſey mit der Zuſammenziehung ſeiner Truppen in einer Mantua naͤher gelegenen Stellung beſchaͤftigt, — ſich beeilte uͤber ſeinen Nachtrab herzufallen, den er bei der Faͤhre zu finden glaubte. Buonaparte er⸗ ſparte ihm die Muͤhe, naͤher an die Etſch heranzu⸗ kommen, indem er ſelbſt auf das jenſeitige Ufer zu⸗ ruͤckging und mit ſeinen Kolonnen nochmals auf den Daͤmmen und Straßen, die den Sumpf von Arcola durchſchneiden, vorruͤckte. Auf einem Bo⸗ den, wo die Kolonnen ſich eben nur ſo weit ent⸗ wickeln konnten, als es die Breite der Straßen zu⸗ ließ, hatten die ſieggewohnten franzoͤſiſchen Sol⸗ daten großen Vortheil uͤber die dſterreichiſchen Neu⸗ linge; denn ſo zahlreich dieſe auch ſeyn mochten, ſo hing doch in dieſem Falle der Sieg von der per⸗ ſoͤnlichen Ueberlegenheit derjenigen ab, welche die Spitzen der Kolonnen bildeten. Die Franzoſen hat⸗ ten daher anfangs den Vortheil, und trieben die Oeſterreicher nach dem Dorfe Arcola zuruͤck; allein hier lag wieder, wie am vorigen Tage, die Staͤrte 39 threr Stellung, die Alvinzi mit der aͤußerſten Hart⸗ naͤckigkeit vertheidigte. Nach mehreren fruchtloſen Frontalangriffen auf eine ſo feſte Stellung verſuchte Napoleon dieſelbe mittelſt eines Uebergangs uͤber den Alpon, zunaͤchſt bei ſeiner Einmuͤndung in die Etſch, zu umgehen. Er ließ zum Behuf des Uebergangs Faſchinen in dieſen Bach legen, aber ohne Erfolg, und die Nacht kam heran, ohne daß etwas Weſentliches entſchie⸗ den worden waͤre. Beide Theile zogen ab: die Franzoſen nach Ronco, wo ſie wieder uͤber die Etſch gingen,— die Oeſterreicher in eine Stellung hinter dem Dorfe Arcola, das ſie ſo ſtandhaft behauptet hatten. Die Schlacht vom 16. November war den Fran⸗ zoſen in ſofern guͤnſtig, als die Oeſterreicher zuruͤck⸗ getrieben und ihnen gleich anfangs viele Gefangene abgenommen hatten; allein auch ihr Verluſt war ſehr bedeutend, und obgleich Napoleon den Tag uͤber Boden gewonnen hatte, ſo hielt er es doch fuͤr ge⸗ rathen, in der Nacht wieder in ſeine Stellung zu⸗ ruͤckzukehren, damit nicht Davidowich Vaubois ſchla⸗ gen und dann entweder Mantua entſetzen, oder nach Verona marſchiren koͤnnte. Am 17. ſollte mehr ent⸗ ſchieden werden. Das Schlachtfeld und die Einleitungs⸗Manoͤ⸗ vers waren ungefaͤhr dieſelben wie am vorigen Tage; doch hatten die Franzoſen den Unfall, daß einer der 40 Kaͤhne von ihrer Schiffbruͤcke unterſank. Die Oe⸗ ſterreicher gingen ſogleich auf die auf dem linken Ufer zur Deckung der Bruͤcke aufgeſtellte Halbbrigade los; nachdem aber die Franzoſen die Bruͤcke wieder hergeſellt hatten, ruͤckten ſie hinwiederum auch vor, und zwangen die Oeſterreicher, ſich nach dem Sumpfe Zuruͤckzuziehen. Maſſena richtete ſeinen Angriff auf Porcil, General Robert drang gegen Arcola vor; allein Buonaparte wollte vorzuͤglich an dem Punkte, wo er uͤber den Alpon zu gehen gedachte, ſich einer entſcheidenden Ueberlegenheit verſichern, und ver⸗ band zu dieſem Behuf die Liſt mit der Kuͤhnheit. Als er bemerkte, daß eine ſeiner Angriffskolonnen, die zuruͤckgeſchlagen worden war, ſich auf dem Damm⸗ wege zuruͤckzog, ſtellte er das zweiunddreißigſte Re⸗ giment hinter das Dickicht von Weiden zunaͤchſt dem Bache ins Verſteck, wo es den nachſetzenden Feind mit einem ganz in der Naͤhe angebrachten moͤrde⸗ riſchen Feuer begruͤßte und dann ſogleich mit dem Bajonett auf denſelben eindrang, ſo daß eine Ko⸗ lonne von ungefaͤhr 3000 Kroaten in der Flanke ge⸗ faßt und in den Sumpf getrieben wurde, wo die meiſten von ihnen umkamen. und jetzt, wo der Feind durch den vielfachen Verluſt, den er erlitten, bedeutend geſchwaͤcht und ſein Muth nothwendig gebrochen war, glaubte Na⸗ poleon ſeine Operationen nicht laͤnger auf die Daͤmme beſchraͤnken, ſondern auch auf den feſten und trocke⸗ 3 41— nen Boden jenſeits des Alpon ausdehnen zu muͤſ⸗ ſen. Er ging auf einer in der Nacht zu dieſem Zwecke angefertigten proviſoriſchen Bruͤcke uͤber den Bach; und von nun an wuͤthete die Schlacht auf dem trockenen Plan eben ſo heftig, als vorher auf den Daͤmmen und in den Suͤmpfen. Die Oeſterreicher fochten mit Entſchloſſenheit, um ſo mehr, als ihr linker Fluͤgel, der auf hartem Boden ſtand, zugleich durch einen Sumpf gedeckt war, den Buonaparte nicht umgehen konnte. Ob⸗ gleich es ſich nun wirklich ſo verhielt, ſo glaubte Napoleon ſeinen Zweck dadurch zu erreichen, daß er den Feind glauben machte, er habe wirklich das gethan, was er eigentlich nicht thun konnte. Zu dieſem Zwecke ſchickte er einen entſchloſſenen Offizier mit ungefaͤhr 3o von ſeinen Guiden(die man ſeine Leib⸗ wache nennen kann) und mit 4. Trompetern durch den Moraſt oder um denſelben herum, mit der Weiſung, unter Trompetenſchall anzugreifen. Da nun Augereau zu gleicher Zeit den feindlichen lin⸗ ken Fluͤgel angriff und ein friſches Truppenkorps von Legnago herankam, ſo wurden zwar die Oeſter⸗ reicher zum Weichen gebracht, aber noch nicht in die Flucht geſchlagen. Alvinzi raͤumte jetzt allmaͤhlig das Feld und trat ſeinen Ruͤckzug auf Montebello an, der unter dem Schutze von 7000 Mann, die ſtaffelfoͤrmig aufge⸗ ſtellt waren, ohne großen Verluſt bewerkſtelligt 4² wurde; allein die feindlichen Reihen waren durch die drei Schlachttaͤge von Arcola bereits ſehr gelich⸗ tet. Der oͤſterreichiſche Verluſt wird auf 8000 Mann geſchaͤtzt. Die Franzoſen muſſen durch die vielen unnd blutigen Angriffe auf die Doͤrfer gleichfalls ſehr gelitten haben. Buonaparte geſteht dies in einer ſehr kraͤftigen Sprache:„Nie,“ ſo ſchreibt er an Carnot,„iſt ein Schlachtfeld heftiger beſtrit⸗ ten worden. Ich habe faſt keine Geuerale mehr— ich verſichere Sie, daß der Sieg um keinen wohl⸗ feilern Preis errungen werden konnte. Der Feind war zahlreich und verzweifelt entſchloſſen.“ Die Wahrheit iſt, daß Napoleons Methode, durch moͤr⸗ deriſche und verzweifelte Frontalangriffe auf ſtarke Stellungen den Feind zu ſchrecken, ein Flecken in ſeinem Syſteme war. Sie koſteten viele Leute und gelangen nicht immer. Der Angriff auf Arcola er⸗ wies ſich als ein zweckloſes Blutbad, bis die Kunſt der baaren Gewalt zu Huͤlfe kam und die Stellung am erſten Tage durch Guleux, am dritten Tage durch die Truppen umgangen wurde, die den Alpon uͤberſchritten hatten. Das langſame Verfahren von Davidowich in den drei Tagen eines unentſchiedenen und moͤrde⸗ riſchen Kampfes iſt merkwuͤrdig und muß geruͤgt werden. Es ſcheint, daß es vom 10. an in der Ge⸗ walt dieſes Generals ſtand, die Diviſion, die er bis jetzt vor ſich her getrieben hatte, anzugreifen, 43 und daß er dies erſt am 16. verſuchte; erſt am 18., d. h. einen Tag nach dem Ruͤckzuge von Alvinzi⸗ ruͤkte er auf dem rechten Etſchufer gegen Verona vor. Waͤre dies vor dem Ruͤckzuge dieſes Generals, oder auch an einem der drei Tage, wo die Franzo⸗ ſen ſich vor Arcola abmuͤhten, geſchehen, ſo wuͤrde es gewiß wichtige Folgen gehabt haben. Als aber Davidowich ſah, daß Alvinzi ſich bereits zuruͤckgezo⸗ gen hatte, that er das Gleiche und kehrte in die Gebirge zuruͤck, nur wenig geneckt von den Franzo⸗ ſen, die ſeine Armee in den vorigen Gefechten zu achten gelernt hatten und ſelbſt ihren neueſten Ver⸗ luſt allerdings fuͤhlten. Der Mangel an Einverſtaͤndniß und Zuſam⸗ enſicht bei den oͤſterrelchiſchen Generalen iſt durch einen andern Vorgang nicht minder erwieſen. Wurm⸗ ſer, der, ſo lange Alvinzi und Davidowich in der Naͤhe waren, ſich in Mantua ruhig verhalten hatte, that am 23. November einen kraͤftigen Ausfall, das heißt zu einer Zeit, wo er keine Unterſtuͤtzung er⸗ halten und alſo nichts ausrichten konnte. So endete der vierte, wegen der oͤſterreichtſchen Beſitzungen in Italien unternommene Feldzug. Er hatte fuͤr Buonaparte nicht ganz ſo guͤnſtige Folgen, als die drei erſten. Mantua war zwar nicht ent⸗ ſetzt worden, und ſo der Hauptplan der Oeſterrei⸗ cher mißlungen. Allein Wurmſer war der Mann, die Vertheidigung bis auf den letzten Augenblick 44 fortzuſetzen, und hatte, um die Berechnung der Franzoſen zu Schanden zu machen, ſeine Mannſchaft auf reducirte Rationen geſetzt; auch waren die Ar⸗ meen vom Friaul und Tyrol ſeit dem letzten Feld⸗ zuge im Beſitze von Baſſano und Trient geblieben, wodurch die Franzoſen abgehalten wurden, das Ge⸗ birge, und ſömit den Zugang in die oſterreichiſchen Erblande, zu gewinnen. Und dann hatte Alvinzi doch keine ſo bedeutende Niederlage erlitten, als Beaulieu und Wurmſer, ſeine Vorgaͤnger; Davido⸗ wich digegen war immer gluͤcklich geweſen, obgleich er ſeine Siege nicht zu benuͤtzen wußte. Uebrigens hatte es keinen Anſchein, daß die Oeſterrelcher, noch ehe ſie verſtaͤrkt wurden, die Franzoſen in dem ru⸗ higen Beſitze der Lombardei ſtoͤren wuͤrden. In den zwei Monaten, die auf die Schlacht von Arcolas und den Ruͤckzug der Oeſterreicher folg⸗ ten, gerieth der bisher in Italien mit ſo vieler Lebhaftigkeit gefuͤhrte Krieg gewiſſermaßen in Still⸗ ſtand, und Buonaparte befaßte ſich mehr mit Staats⸗ angelegenheiten,— mit dem franzoͤſiſchen Intereſſe in Beziehung auf die verſchledenen Staaten Italiens, mit dem Kongreſſe in der Lombardei, mit der Bil⸗ dung und Errichtung der ſogenannten trauspadani⸗ ſchen Republik, die aus den Bezirken Bologna, Fer⸗ rara, Reggio und Modena gebildet wurde. Es ſoll davon ſpaͤter die Rede werden, da wir es nicht fuͤr zweckmaͤßig halten, unſere Kriegsannalen zu unter⸗ 4⁵ brechen, bevor wir auf den letzten Verſuch der Oe⸗ ſterreicher, Mantua zu entſetzen, gekommen ſind. Es iſt fuͤr's Erſte zu bemerken, daß Frankreich, ſey es aus Eiferſucht, oder aus Mangel an Mit⸗ teln, ſeine Armee in Italien nur ſehr ſparſam un⸗ terſtuͤtzt hatte. Etwa 7000 Mann, die dahin ge⸗ ſchickt wurden, dienten kaum zum Erſatz des in den neueſten blutigen Feldzuͤgen erlittenen Verluſtes. Da nun um dieſelbe Zeit die Unterhandlungen mit der roͤmiſchen Regierung abgebrochen wurden, und der Pabſt hierauf die Lombardei mit einem anſehn⸗ lichen Heere bedrohte, ſo ſuchte Buonaparte die Verſtaͤrkungen, die ihm verſagt wurden, durch die Errichtung einer Legion zu erſetzen, die in der Lom⸗ bardei ausgehoben und zu der eine bedeutende An⸗ zahl von Polen getheilt wurde. Dieſes Korps konnte zwar nicht gegen die Oeſterreicher gebraucht werden, war aber mehr als hinreichend, um die Truppen des paͤbſtlichen Stuhles hinzuhalten, die ſchon lange her in keinem hohen Rufe ſtanden. Inzwiſchen ergaͤnzte Oeſterreich, das wie ein Sterbender mit krampfhafter Hand Italien feſthal⸗ ten zu wollen ſchien, zum fuͤnften Male ſeine Ar⸗ meen an der Grenze; Alvinzi ward nochmals an die Spitze von 60,000 Mann geſtellt, mit dem Auf⸗ trag, in Italien die Offenſive wieder zu ergreifen. Die letzten Niederlagen hatten den oͤffentlichen Cwiſt in Oeſterreich eher gehoben, als gebengt. Ein Korps 45 von Freiwilligen, aus achtbaren und angeſehnen In⸗ dividuen beſtehend, zog ins Feld, um die Natio⸗ nalehre wo moͤglich mit ſeinem Blute zu retten. Wien allein ſtellte vier Bataillons, die von der Kamſerin mit einer Fahne, die ſie mit eigner Hand fuͤr ſie geſtickt hatte, beſchenkt wurden. Auch die Tyroler draͤngten ſich wieder unter die Fahnen ih⸗ res Landesherrn, ungeſchreckt durch die Proklama⸗ tion, die Buonaparte nach ſeinem Ruͤckzuge von Ar⸗ cola erlaſſen, und worin er, wiewohl auf eine grau⸗ ſame Weiſe, den kriegeriſchen Werth dieſer braven Schuͤtzen anerkannt hatte.„Jeder Tyroler,“ ſo hieß es in dieſer ſchrecklichen urkunde,„der ſich mit den Waffen in der Hand betreten laͤßt, ſoll au der Stelle mit dem Tode beſtraft werden.“ Alvinzi erklaͤrte hierauf in einer Gegenproklamation,„daß er fuͤr jeden auf die angedrohte Weiſe behandelten Tyro⸗ ler einen franzoͤſiſchen Offizier aufknuͤpfen laſſen wuͤrde.“ Buonaparte erwiederte,„daß er, falls der oͤſterreichiſche General ſich ſolche Repreſſalien erlauben ſollte, unter den gefangenen oͤſterreichiſchen Offizteren einen nach dem andern, und zwar zuerſt den Neffen von Alvinzi, wuͤrde niederſchießen laſ⸗ ſen.“ In einer etwas ruhigeren Stimmung ſa⸗ hen jedoch beide Theile ein, wie grauſam es ſeyn wuͤrde, die ohnehin ſo ſtrengen Kriegsgeſetze noch zu verſchaͤrfen, und die gedrohten militaͤriſchen Hin⸗ richtungen fanden nicht Statt. 427 Wie ſehr aber auch die oͤſterreichiſche Nation ihren vaterlaͤndiſchen Sinn auf dieſe Weiſe an den Tag legen mochte, ſo ſcheinen doch die Fuͤhrer der⸗ ſelben durch die Erfahrung nicht kluͤger geworden zu ſeyn. Die Niederlagen von Wurmſer und Alvinzi hatten ihren letzten Grund in der Vertheilung ihrer Streitkraͤfte auf zwei Operationslinien, zwiſchen de⸗ nen keine rechte Verbindung beſtand. Und doch ward der neue Feldzug wieder nach denſelben verderbli⸗ chen Grundſaͤtzen entworfen. Waͤhrend die eine Ar⸗ mee aus dem Tyrol nach Montebaldo vorruͤckte, follte die andere auf dem Gebiete von Paduag an der Brenta hinabziehen, und dann an der untern Etſch operiren, ſich dieſer Stellung bemaͤchtigen und ſofort Mantua entſetzen. Nach dem Plane des Hof⸗ kriegsraths ſollten beide Armeen wo moͤglich vor der belagerten Feſte zuſammentreffen und dem gemaͤß ihre Bewegungen einrichten. Gelang es ihnen, die Belagerung aufzuheben, ſo unterlag es wohl keinem gweifel, daß die Franzoſen Italien raͤumen muß⸗ ten; gelang dieſer Plan aber auch nur zum Theil, ſo konnte Wurmſer noch immer mit ſeiner Reiterei aus der Feſtung in das paͤbſtliche Gebiet entkommen und mit Huͤlfe der Offiziere ſeines Generalſtabs die paͤbſtliche Armee organiſiren und dieſelbe unter ſeinen Befehl nehmen. Ein gewandter Agent ward abgeſchickt, um Wurmſer'n hievon in Kenntniß zu ſeen. 48 Dieſer fiel in die Haͤnde der Belagerer. Umſonſt verſchlang er ſeine in eine Wachskugel eingeſchloſ⸗ ſenen Depeſchen; man fand Mittel, die Wachskugel wieder an den Tag zu foͤrdern. Sie enthielt ein von dem Kaiſer eigenhaͤndig unterzeichnetes Schrei⸗ ben, worin Wurmſer den Befehl erhielt, ſich in keine Kapitulation einzulaſſen, ſondern ſo lange wie moͤg⸗ lich den Entſatz abzuwarten; im Fall er Mantua verlaſſen muͤßte, ſich zu keinen Bedingungen zu ver⸗ ſtehen, ſondern ſich einen Weg in die Romagna zu bahnen, und dort den Oberbefehl uͤber die paͤbſtliche Armee zu uͤbernehmen. So erfuhr Buonaparte, was ihm bevorſtehe und welcher Sturm demnaͤchſt uͤber ihn ausbrechen ſollte. Alvinzi ruͤckte mit der Hauptarmee von Baſſano nach Roveredo vor. Provera, durch ſeine tapfere Vertheidigung von Coſſaria in der Schlacht von Mileſimo, ruͤhmlich bekannt, befehligte die Divi⸗ ſionen, die an der untern Etſch operiren ſollten, und giug bis Bevi l'Acqua vor, waͤhrend ſein Vortrab unter dem Fuͤrſten von Hohenzollern ein franzöͤſi⸗ ſches Korps zwang, ſich auf das rechte Etſchufer zu⸗ ruͤckzuziehen.. Buonavparte noch ungewiß, auf welchen von bei⸗ den gegen ihn eingeleiteten Angriffen der Feind den Accent legen wuͤrde, zog ſeine Armee bei Verona zuſammen, das in den vorigen Feldzuͤgen als Cen⸗ tral⸗ 49 tralpunkt immer ſehr wichtig geweſen war, und von wo er nach Gefallen entweder Fluß aufwaͤrts gegen Alvinzi ziehen, oder Fluß abwaͤrts den Verſuchen von Provera begegnen konnte. Er glaubte, daß Jou⸗ bert, der Corona, ein vor kurzem ſtark befeſtigtes Staͤdtchen, beſetzt hielt, dieſen Poſten einſtweilen werde behaupten koͤnnen. Ein bis Caſtel⸗Nuovo vorgeſchobenes Korps ſollte Joubert im Nothfalle unterſtuͤtzen; allein er trug noch Bedenken, mit der Hauptmacht diefelbe Richtung zu nehmen, bis er am 13. Jaͤnner, Abends um 10Uhr, erfuhr, daß Jou⸗ bert bei La Corona von einer uͤberlegenen Macht angegriffen worden ſey, nur mit Muͤhe den Tag uͤber ſeine Stellung habe behaupten koͤnnen und nun im Begriff ſtehe, den Ruͤckzug anzutreten, um die wichtige Hoͤhe von Rivoli, den Schluſſel ſeiner ganzen Stellung, zu beſetzen. Buonaparte, der aus dieſem Berichte ſchloß, daß die Hauptgefahr an der obern Etſch zu beſtehen ſey, ließ nur die Diviſion Augerau zur Beobachtung von Provera an der untern Etſch ſtehen. Es lag ihm ſehr daran, ſich der Alles beherrſchenden Stellung von Rivoli zu bemaͤchtigen, ehe noch der Feind ſel⸗ ne Reiterei und ſein Geſchuͤtz heranziehen konnte. Napoleon hoffte, den Feind, noch ehe dieſes geſche⸗ hen war, zum Gefecht bringen zu koͤnnen. Er be⸗ ſchleunigte deßhalb ſeinen Marſch, und war ſchon am W Scott's Werke. XXXVIII. 4 d 50 14. um 2 Uhr des Morgens auf der Hoͤhe von Ri⸗ voli, wo er bei hellem Mondſcheine die Bivaks des Feindes in fuͤnf beſondern, von einander getrennten Gruppen abgetheilt ſah. Er ſchloß daraus, daß der Feind im Sinne habe, ihn den andern Tag in eben ſo viel Kolonnen anzugreifen. Aus der Entfernung, in welcher ſich die Bivaks des Feindes von der Stellung Joubert's befanden ſchloß Napoleon ferner, daß dieſer nicht vor 10 Uhr Morgens anzugreifen geſonnen ſey, um vorher noch ſeine Reiterei und ſein Geſchuͤtz an ſich zu ziehen. Da Joubert ſo eben beſchaͤftigt war, die Stellung, die er nur noch durch einen Nachtrab beſetzt hielt, zu raͤumen, ſo befahl ihm Buonaparte, unverzuͤglich wieder umzukehren, und die wichtige Stellung von Nivolt zu beſetzen. Einige Kroaten, die der franzoͤſiſchen Stellung nahe genug gekommen waren, um wahrzunehmen, daß Joubert's leichte Truppen die St. Markuskapelle verlaſſen hatten, beſetzten dieſe ſofort, wurden aber von den Franzoſen wieder daraus vertrieben. Das Streben beider Theile, dieſen Poſten wieder zu neh⸗ nen und zu behaupten, fuͤhrte nun zu einem hitzigen Gefechte, vorerſt mit dem Regiment, zu dem dieſe Kroaten gehoͤrten, und nachher mit der ganzen oͤſter⸗ reichiſchen Kolonne, welche dieſem Punkte am naͤch⸗ ſten und von Ocskay befehligt war. Letztere wurden zuruͤckgedraͤngt, aber die Kolonne von Kobler ruͤckte 31 zu ihrer Unterſtuͤtzung vor, gewann dlie Anhoͤhe und griff zwei franzoͤſiſche Regimenter, die mit zwei Batterien dort aufgeſtellt waren, an. Eines von dieſen Regimentern wich, und Buonaparte ſelbſt jagte im Galopp davon, um Verſtaͤrkung zu holen. Die naͤchſten franzoͤſiſchen Truppen gehoͤrten zu der Diviſion Maſſena, und hatten, vom Nachtmarſche er⸗ ſchoͤpft, ſich niedergelegt, um ein wenig auszuruhen. Auf Napoleons Befehl rafften ſie ſich jedoch ſogleich auf, langten auf dem Wahlplatze an und in einer halben Stunde war Kobler geſchlagen und zuruͤckge⸗ worfen. Dagegen ruͤckte nun die Kolonne von Lip⸗ tay vor, und als Quasdonowich bemerkte, daß Jou⸗ bert, um ſeinen Vortheil uͤber die Diviſion Ocskay zu verfolgen, ſich vorwaͤrts bewegt und die Kapelle preis gegeben hatte, ſchickte er drei Bataillons ab, um den Huͤgel zu erſteigen und den Poſten zu be⸗ ſetzen. Waͤhrend die Oeſterreicher den Huͤgel, auf welchem die Kapelle lag, auf der einen Seite erſtie⸗ gen, bemuͤhten ſich drei franzoͤſiſche Bataillons, die Joubert zur Vereitlung des Vorhabens von Quas⸗ donowich zuruͤckbeordert hatte, die ſteile Anhoͤhe auf der entgegengeſetzten Seite zu erklimmen. Durch ihre Ruͤhrigkeit gelang es den Franzoſen zuerſt hin⸗ aufzukommen, wo ſie den Vortheil des Bodens fuͤr ſich hatten und mit leichter Muͤhe die noch herauf⸗ ſteigenden Oeſterreicher durcheinander den Hugel hin⸗ 4.. 5² abwerfen konnten. Zu gleicher Zeit donnerten die Batterien der Franzoſen auf die zeriſſenen Kolon⸗ nen des Feindes, ihre Reiterei wiederholte mehrere Angriffe und alle Oeſterreicher, welche in das Gefecht verwickelt waren, geriethen in die groͤßte Unordnung. Ihre vorderſten Kolonnen erlitten eine gaͤnzliche Niederlage, und die zuruͤckgebliebenen waren in ei⸗ nem Zuſtande, der ihnen keinen Angriff geſtattete. Mitten in dieſer Verwirrung hatte die Diviſion Luſignan, die als die hinterſte von den oͤſterreich⸗ iſchen Kolonnen, die Artillerié und das Gepaͤck der Armee decken mußte, nach Vollziehung dieſes Auf⸗ trags die Hoͤhen von Rivoli erſtiegen und ſich ſihtm Ruͤcken der Franzoſen aufgeſtellt. Haͤtte dieſe Ko⸗ lonne den genannten Punkt noch waͤhrend der Dauer des Frontalgefechts erreicht, ſo wuͤrde ſie ohne allen Zweifel daſſelbe zum Nachtheile Napoleons entſchie⸗ den haben. Auch jetzt noch wuͤrde ſie gegen weniger brave, weniger auf ihren General vertrauende Trup⸗ pen allerdings etwas ausgerichtet haben; aber Na⸗ poleons Soldaten begnuͤgten ſich, auszurufen:„Hier kommt friſche Waare auf unſern Markt.)“ So fehr waren ſie uͤberzeugt, daß ihr General nicht ab⸗ manoͤvrirt werden koͤnne. Die oͤſterreichiſche Divi⸗ ſion dagegen, die nach verlorner Schlacht ohne Ge⸗ ſchuͤz und Reiterei angekommen war, und einen Theil ihrer Mannſchaft hatte zuruͤcklaſſen muͤſſen, um eine franzoͤſiſche Brigade im Schach zu halten, 1 53 ſah es wohl ein, daß ſie, weit entfernt, die im Frontalgefecht bereits ſiegreichen Franzoſen im Ruͤcken/ angreifen und abſchneiden zu koͤnnen, von ihrer ge⸗ ſchlagenen Armee ſelbſt abgeſchnitten ſey. Die Di⸗ viſion Luſignan kam in das Feuer der franzoͤſiſchen Reſerveartillerie und ſah ſich bald genoͤthigt, das Gewehr zu ſtrecken. So kritiſch iſt der Ausgang der Kriegsunternehmungen, daß eine Bewegung, die, zu. rechter Zeit ausgefuͤhrt, den Sieg verſchafft haben wuͤrde, einen Augenblick ſpaͤter vielleicht das groͤßte Unheil herbeifuͤhren kann ⁵). Die Oeſterreicher ha⸗ ben bei dieſer ſowohl als bei andern Gelegenheiten den Ausſpruch Napoleon's bewaͤhrt, daß ſie ſich naͤm⸗ lich im Kriege auf den Werth der Zeit nicht recht verſtehen. Das Schlachtfeld von Rivoli war eines der ſchwie⸗ rigſten, das Buonaparte je behauptet hat; er ver⸗ dankte den Sieg allein ſeiner uͤberlegenen Kriegskunſt, nicht der Uebermacht ſeiner Streitkraͤfte, wie man von ihm hat ausſagen wollen. Es wurden ihm waͤh⸗ *) Nach einigen militäriſchen Berichten ſoll die Diviſton, welche im Rücken der Franzoſen erſchien, zum Armeekorps von Pro⸗ vera gehört haben, und von ihm über die Etſch entſandt worden ſeyn, Alllein Napoleon's Denkwürdigkeiten von St. Helena beweiſen das Gegentheil; Provera ging erſt am 14. Jänner über dieſen Fluß, und am Morgen deſſelben Tages hatte Napoleon die fünf Diviſionen von Alvinzi, wozu auch die von Luſignau gehörte, in einem Halbkreiſe um die Stel⸗ lung von Joubert gelagert geſehen. 54. rend des Gefechts mehrere Pferde verwundet, und der mußte ſich der ganzen Macht ſeiner Perſoͤnlichkeit bedienen, um die Truppen zu rechter Zeit uͤberall hin zu bringen, wo es noͤthig war. Der Hauptfehler, den Alvinzi beging, beſtand in der Vorausſetzung, daß nur die unbedeutende Macht von Joubert bei Rivoli ſtehe, und daß dieſe dem⸗ nach mit aller Bequemlichkeit aufgerieben werden koͤnne. Ihm, der das geſchwinde Weſen der Franzo⸗ ſen wohl kannte, haͤtte es einfallen ſollen, daß Na⸗ poleon durch einen Nachtmarſch den Kern ſeiner Ar⸗ mee auf einen Punkt bringen koͤnne, wo der Feind nur ſchwachen Widerſtand erwartete, und daß er als⸗ dann im Stande ſey, eine weit zahlreichere Armee die von verſchiedenen Punkten ausgegangen war, kein Geſchuͤtz und keine Reiterei ſoglelch zur Hand hatte, deren verſchiedene Kolonnen ohne Uebereinſtim⸗ mung handelten, voͤlllg zu ſchlagen. In der Aus⸗ fuͤhrung ſeiner trefflichen Manoͤvers ſah ſich Napo⸗ leon durch die Hingebung ſeiner Generale und den Muth ſeiner Soldaten auf das beſte unterſtuͤtzt; Maſ⸗ ſena beſonders leiſtete ſeinem Obergeneral ſo wichtige Dienſte, daß dieſer ihn zur Zeit des Kaiſerthums aus dankbarer Erinnerung zum Herzog von Rivoli ernannte. Dieſer wichtige Sieg war beinahe noch nicht entſchieden, als Nachrichten eingingen, durch welche Napoleon auf einen andern Punkt gerufen wurde. Am Tage dieſer Schlacht ſchlug Provera, den wir an 55 der untern Etſch gelaſſen haben, eine Bruͤcke uͤber dieſen Fluß, an einem Punkte, wo es die Franzoſen nicht verhindern konnten, und ruͤckte ſofort auf Man⸗ tua los, das er mittelſt einer Liſt beinahe entſetzt haͤtte. Eines ſeiner Reiterregimenter, das, wie das iſte franzoͤſiſche Huſarenregiment weiße Maͤntel trug, erſchien in der Vorſtadt St. Georg, die da⸗ mals nur durch eine einfache Umwallungslinie gedeckt war. Man war eben im Begriff, dieſes Regiment ohne allen Verdacht einzulaſſen, als ein alter ge⸗ ſcheuter franzoͤſiſcher Feldwebel, der außerhalb des Walls Holz auflas, zu bemerken glaubte, daß die Maͤntel dieſes Regiments doch neuer waͤren, als die der franzoͤſiſchen Huſaren von Berchini, fuͤr die es gehalten wurde. Er theilte ſeinen Verdacht ei⸗ nem Tombour mit, der ſich bei ihm befand; hierauf eilten beide in die Vorſtadt, riefen zu den Waffen, und die feindliche Reiterei, die ſich unter dem Man⸗ tel der Freundſchaft einzuſchleichen im Begriff ſtand, wurde nun mit Kanonenſchuͤſſen zuruͤckgewieſen. Waͤhrend dies vorging, traf Buonaparte in Ro⸗ verbella ein, das von Mantua etwa zwoͤlf Meilen entfernt iſt; er war mit unglaublicher Eile von dem Schlachtfelde abmarſchirt, nachdem er die Generale Maſſena, Murat und Joubert beauftragt hatte, durch eine raſche Verfolgung des Feindes den Sieg zu vervollſtaͤndigen. Mittlerweile ſetzte ſich Provera auf der See⸗ 56 ſeite mit der Beſatzung von Mantua in Verbindung und verabredete mit Wurmſer die zum Erſatze der Feſtung noͤthigen Maßregeln. Am 16. Jaͤnner, dem Tage nach der Schlacht von Rivoli und nach dem mißlungenen Ueberrumpelungsverſuche von Provera, machte die Beſatzung einen ſtarken Ausfall und ſtellte ſich auf der Hochſtraße von La Favorite auf, welcher Poſten allein durch ein Reduit vertheidigt war. Na⸗ poleon, der an der Spitze ſeiner ſiegreichen Schaa⸗ ren zuruͤckkam, umzingelte die Truppen von Provera und griff ſie mit Wuth an, waͤhrend die ausgefal⸗ lene Beſatzung von dem Blokadekorps mit dem Ba⸗ jonet in die Feſtung zuruͤckgeworfen wurde. Provera, der vergeblich, obgleich mit vieler Entſchloſſenheit und Tapferkeit, den Entſatz von Mantua verſucht hatte, woran dem Kaiſer, ſeinem Herrn, ſo viel gelegen war, mußte mit den 5000 Mann, die er noch bei⸗ ſammen hatte, das Gewehr ſtrecken. Das Korps⸗ das er zur Deckung ſeiner Bruͤcke und der ruͤckwaͤr⸗ tigen Paͤſſe zuruͤckgelaſſen hatte, erlitt daſſelbe Schick⸗ ſal. So ward eine Diviſion, die erſt am 7. Jaͤn⸗ ner auf dem Kriegsfelde erſchienen war, noch vor Ablauf von zehn Tagen eine Beute des Siegers. Der Hauptarmee unter Alvinzi erging es nicht beſ⸗ ſer; von dem Blutfelde bei Rivoli auf den Ferſen verfolgt, konnte ſie nicht mehr zu Athem kommen und ihre Ordnung nicht wieder herſtellen; ganze Korps, die abgeſchnitten wurden, ergaben ſich,— 57 ein Fall der bei den Oeſterreichern jetzt ſo haͤufig vorkam, daß er nicht mehr ſchimpflich war. Doch verdient folgendes Beiſpiel angefuͤhrt zu wer⸗ den, zum Beweis, wie ſehr die Oeſterreicher durch ihre ſchreckliche Niederlage betaͤubt waren, und wie dagegen die franzoͤſiſchen Offiziere durch ihre unauf⸗ hi ichen Siege an Selbſtvertrauen und Alles wa⸗ gender Kuͤhnheit gewonnen hatten. René, ein jun⸗ ger Offizier, der das Dorf Garda, am See gleichen Namens beſetzt hielt, gewahrte, als er ſeine Vor⸗ poſten beſichtigte, einige herannahende Oeſterrei⸗ cher, die er von ſeinen Leuten ſofort entwaffnen und als Gefangene abfuͤhren ließ. Als er nun wei⸗ ter uͤber ſeine Vorpoſten hinausging, traf er un⸗ vermuthet auf die Spitze einer oͤſterreichiſchen Ko⸗ lonne von etwa 1800 Mann, die er wegen einer Wendung der Straße fruͤher nicht geſehen hatte und von der er jetzt kaum zwanzig Schritte entfernt war.„Weg mit den Waffen!“ rief ihm der oͤſter⸗ reichiſche Befehlshaber zu, worauf René mit der groͤßten Keckheit erwiederte:„An Euch iſt es, das Gewehr zu ſtrecken! Ich habe Eure Avantgarde auf⸗ gehoben, wie dieſe Gefangenen beweiſen— noch einmal, ſtreckt das Gewehr, oder Ihr ſeyd alle ver⸗ loren!“ Die franzoͤſiſchen Soldaten wiederholten den Ruf ihres Offiziers:„Nieder mit den Waffen!“ und der oͤſterreichiſche Befehlshaber wurde unſchluͤſſig und ſchlug eine Capitulation vor. René aber wollte 58 nichts davon wiſſen, und beſtand auf unverzuͤglicher, unbedingter Unterwerfung. Sein Gegner verlor den Muth und uͤberreichte ſeinen Degen, indem er ſei⸗ nen Soldaten befahl, ein Gleiches zu thun; dieſe aber ſchoͤpften Verdacht, wurden widerſpenſtig und verweigerten ihrem Fuͤhrer zu gehorchen, zu dem jetzt René mit der groͤßten ſcheinbaren Faſſung fol⸗ gende Worte ſprach:„Mein Herr! Sie ſind Offi⸗ „zier und ein ‚Mann von Ehre; Sie kennen die „Kriegsgeſetze; Sie haben ſich ergeben und ſind „daher mein Gefangener. Allein ich vertraue Ih⸗ „rem Worte,— hier gebe ich Ihnen Ihren Degen „zuruͤck; zwingen Sie Ihre Leute zum Gehorſam, „oder gewaͤrtigen Sie, daß ich eine Diviſion von „6000 Mann, die unter meinen Befehlen ſteht, ge⸗ „gen Sie anruͤcken laſſe!“ Der Oeſterreicher, durch die Berufung auf ſeine Ehre und durch die Dro⸗ hung eines Angriffs von 6000 Mann in die groͤßte Verlegenheit geſetzt, betheuerte, daß René ſich auf ſein Wort verlaſſen koͤnne und vermochte endlich ſeine Soldaten durch ſein Zureden die Waffen nie⸗ derzulegen; und es zeigte ſich bald, daß ſie ſich ei⸗ nem Feinde, der nur den zwoͤlften Theil ſo ſtark war, ergeben hatten. unter ſo unglaublich gauͤnſtigen Umſtaͤnden muß⸗ ten die Franzoſen den Boden, den ſie in Italien verloren hatten, bald wieder gewinnen. Trient und Baſſano wurden wieder von ihnen beſetzt, ſammt 59 allen den feſten Poſten, die ſie an der italieniſchen Grenze vor der Ankunft von Alvinzi innegehabt hat⸗ ten. Sie wuͤrden auch wahrſcheinlich noch weiter in das deutſche Gebirgsland eingedrungen ſeyn, wenn nicht der tiefe Schnee alle Paͤſſe unzugaͤnglich ge⸗ macht haͤtte. Die Siege von Rivioli und La Favorite wurden endlich gekroͤnt durch die Uebergabe der Feſtung Man⸗ tua, die ſo viel Blut gekoſtet und ſo hartnaͤckigen Widerſtand geleiſtet hatte. Nach den genannten, ſo entſcheldenden Siegen, die ihm alle Hoffnung eines Entſatzes benahmen, ſetzte Wurmſer die Vertheidigung des Platzes noch einige Tage fort, in dumpfer, aber ehrenwerther Verzweiflung, wie ſie ſich fuͤr einen tapfern Vete⸗ ranen ziemte, der ſeinen Poſten bis auf das Aeu⸗ ßerſte behaupten wollte, aber auch einſah, daß durch den Mangel an Lebensmitteln der Widerſtand zweck⸗ los geworden ſey. Endlich ſandte er ſeinen Adju⸗ tanten Klenau, einen in der Folge beruͤhmt gewor⸗ denen Mann, in das Hauptquartier von Serrurier, um wegen der Uebergabe zu unterhandeln. Klenau ſprach, wie man in ſolchen Faͤllen thut; er verſi⸗ cherte, daß ſich Mantua noch lange halten koͤnne, daß aber Wurmſer, im Zweifel, zu rechter Zeit ent⸗ ſetzt zu werden, je nach den Bedingungen, die ihm die franzoͤſtſchen Generale bewilligen wuͤrden, die 60 Feſtung entweder ſogleich zu uͤbergeben, oder auch noch laͤnger zu vertheidigen gedenke. Ein franzoͤſiſcher Offizier von hohem Range war gegenwaͤrtig; in ſeinen Mantel gehuͤllt ſtand er in einiger Entfernung von den unterhandelnden Offizie⸗ ren, aber ſo, daß er alles, was geſprochen wurde, hoͤren konnte. Als jene geendet hatten, trat der Offizier vor, nahm eine Feder und ſchrieb die Be⸗ dingungen nieder, die Wurmſern bewilligt werden ſollten,— Bedingungen, die weit ehrenroller und vortheilhafter waren, als Wurmſer ſie in ſeiner Lage er⸗ warten konnte.„Dieß ſind,“ ſagte der unbekannte Offi⸗ zier zu Klenau,„die Bedingungen, die Wurmſer jetzt haben kann, und die er, wenn immer er laͤngern Wi⸗ derſtand unmoglich findet, fruͤher oder ſpaͤter, gleich⸗ falls erhalten ſoll. Wir achten ihn zu ſehr, um zu glau⸗ ben, daß er eine ſo lang und ſo ehrenvoll vertheidigte Feſtung uͤbergeben werde, wenn er ſie noch behaup⸗ ten kann. Reichen ſeine Vertheidigungsmittel noch aus fuͤr eine Woche, einen Monat, ſogar noch zwei Monate, ſo bleiben meine Bedingungen dieſelben. Bis morgen bin ich uͤber dem Po und auf dem We⸗ ge nach Rom.“ Klenau, der jetzt merkte, daß er mit dem franzoͤſiſchen Obergeneral ſpreche, bekannte ge⸗ radezu, daß die Beſatzung ſich nicht laͤnger halten koͤnne, indem ſie nur noch auf drei Tage zu leben habe.. Dieſer Zug von Edelmuth gegen einen tapfern, aber 8 61 — ungluͤcklichen Feind iſt fuͤr Napoleon ſehr ruͤhmlich. Die Verhuͤllung in den Mantel, um groͤßeren Effe kt hervorzubringen, zeugt vielleicht nicht von dem beſten Geſchmacke; allein ſeine Hochachtung fuͤr ſeinen wuͤr⸗ digen Gegner und ſein Mitleiden fuͤr ihn iſt auch noch auf andere Weiſe beurkundet. Er ſchrieb an das Direktorium, er habe dem General Wurmſer Bedingungen zugeſtanden, wie ſie ſich uͤr den Edel⸗ muth der franzoͤſiſchen Nation gegen einen Feind ziemten, der, nachdem er durch Ungluͤck ſein ganzes Heer verloren, mit Nichtachtung ſeiner perſoͤnlichen Sicherheit ſich durch die Blokadetruppen einen Weg gebahnt und aus freien Stuͤcken alle Entbehrungen eines bis zur Aufzehrung des letzten Biſſens verlaͤn⸗ gerten Widerſtandes ertragen habe. Der junge Sieger bewies aber gegen den alten Wurmſer eine noch weit edlere Schonung dadurch, daß er nicht gegenwaͤrtig ſeyn wollte, als dieſer mit ſeiner Garniſon von 20,000 Mann, worunter aber nur noch 10,000 Dienſttuͤchtige waren, auszog, um die Waffen niederzulegen. Dieſe Selbſtverlaͤugnung 2 Napoleons, die fuͤr ihn beinahe ſo ruͤhmlich iſt, als ſein Sieg, darf in einer Geſchichte nicht verſchwie⸗ gen werden, die ſeinen Ehrgeiz und die verderbli⸗ chen Folgen deſſelben oft zu ruͤgen hat, darnm aber nicht weniger bereit ſeyn muß, ſolchen wuͤrdigen und hochherzigen Gefuͤhlen Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen. Die Geſchichte dieſes außerordentlichen Man⸗ 6² nes erinnert uns eher an die abentheuerlichen und kaum glaublichen Siege der Helden des romantiſchen Zeitalters als an den ritterlichen Geiſt, der ihnen zugeſchrieben wird. Das Benehmen Napoleons in dieſem Falle gegen Wurmſer kann aber fuͤglich dem⸗ jenigen des ſchwarzen Prinzen gegen ſeinen hohen Gefangenen, den Koͤnig Johann von Frankreich, zur Seite geſtellt werden. Serrurier, Befehlshaber der Belagerungsarmee, hatte die Ehre, die Feſtung Mantua in Beſitz zu nehmen, und zwar nach einer ſechsmonatlichen Be⸗ lagerung, in welcher die Beſatzung, nach der Ver⸗ ſicherung Napoleons, durch Krankheit und in zahl⸗ reichen und blutigen Ausfaͤllen 27,000 Mann verlo⸗ ren haben ſoll. Dieſes entſcheidende Ereigniß machte dem Kriege in Italien ein Ende; der Streit mit Oeſterreich ſollte fortan in den Erblanden dieſer ſtol⸗ zen Macht gefuͤhrt werden. Einwal im Beſitze dieſer langerſehnten Beute, entwickelten die Franzoſen gar bald die Eigenthuͤm⸗ lichkeiten ihres Nationalkarakters. Sie zeigten ihre militaͤriſche Vorausſicht und Klugheit, indem ſie durch einen der beruͤhmteſten Ingenieurs, die Be⸗ feſtigung von Mantuag, das man die Citadelle von Italien nennen kann, auf das vollkommenſte herſtel⸗ len ließen. Sie ſetzten buͤrgerliche Feſte ein, und unter andern eines zu Ehren Virgil's, der, ob⸗ gleich der Lobſaͤnger eines Kaiſers, ohne weiteres 63 zum Schußgeiſt einer entſtehenden Republik gewaͤhlt wurde. Ihre Habſucht gab ſich kund durch das Be⸗ ſtreben ihrer Kuͤnſtler, die Freskogemaͤlde von Ti⸗ tian, den Krieg der Goͤtter und der Giganten vorſtel⸗ lend, von den Waͤnden abzuloͤſen, auf die Gefahr hin, etwas ganz Unerſetzliches zu zerſtoͤren. Es iſt ein Gluͤck, daß dieſes Vorhaben als unausfuͤhrbar wieder aufgegeben wurde. Zweites Kapit el. Lage und Abſichten Napoleons in dieſer Periode des Feldzugs.— Sein politiſches Benehmen gegen die Italiener.— Seine Po⸗ pularität.— Harte Friedensbedingungen, die dem Pabſte vor⸗ gelegt werden.— Deren Verwerfung.— Napoleon iſt verſchie⸗ dener Meinung mit dem Direktorium.— Neue Unterhandlun. gen werden angeknüpft.— Wieder ohne Erfolg.— Der Pabſt bringt ſeine Armee auf 40,000 Mann.— Napoleon überzieht das päbſtliche Gebiet.— Niederlage der päbſtlichen Truppen bei Imola,— bei Ancona.— Deſſen Einnahme.— Einnahme von Loretto.— Buonaparte's Milde gegen die widerſpenſtigen fran⸗ zoſiſchen Geiſtlichen.— Der Friede von Tolentino.— Napoleons Schreiben an den Pabſt.— San Marino.— Ueberſicht der Lage der verſchiedenen italieniſchen Staaten;— Rom;— Nea⸗ pel;— Tosrcana;— Venedig. Die Augen von ganz Europa waren jetzt auf Napoleon Buonaparte gerichtet, der ſich ſo ſchnell zum Schre⸗ cken der Laͤnder und zum Gruͤnder neuer Staaten erhoben,— der die ausgezeichnetſten Generale und die trefflichſten Truppen von Europa in wenigen 64 Monaten beſiegt hatte und zuerſt als ein Gluͤcksrit⸗ ter aufgetreten war, der mehr ein gewoͤhnliches Fortkommen, als Ruhm und Auszeichnung zu ſu⸗ chen ſchien. Ein ſo raſches Emporkommen war bis jetzt hoͤchſtens bei halbwilden Voͤlkern, zufolge gro⸗ ßer Volksaufſtaͤnde und verderblicher Umwaͤlzungen, in dem civiliſirten Europa dagegen niemals bemerkt worden. Der ploͤtzlich ſo hoch Geſtlegene hatte uͤber⸗ dies ſo manche Pruͤfung beſtanden, daß er ſich be⸗ hanpten zu muͤſſen ſchien. Napoleon ſtand da wie ein Fels, gegen den die Stuͤrme nichts vermoͤgen; die Mittel zu ſeiner Erhebung mußten, wie es ſchien, auch zu ſeiner Erhaltung dienen. Er hatte den von ihm befehligten Armeen ein ſolches Vertrauen auf ſeinen Genius, eine ſolche Liebe zu ſeiner Perſon eingefloͤßt, daß es ihm, ſelbſt bei den ſchwierigſten Unternehmungen, an bereitwilligen Werkzeugen nie fehlen konnte; es war ſogar ein Theil ſeiner un⸗ ermuͤdlichen Thaͤtigkeit und ſeiner Gewandtheit auf feine Soldaten uͤbergegangen. Auf jenen langen und gewaltigen Maͤrſchen, die in ſeinem Kriegsſyſteme eine Hauptrolle ſpielten, war er gewohnt ſeine Sol⸗ daten mit den Worten zu ermuntern:„Ich will den Sieg lieber Euren Beinen, als Eurem Blute zu danken haben!“ Die Franzoſen ſchienen unter ſeiner Lei⸗ tung ganz die Maͤnner zu werden, wie er ſie zu haben wuͤnſchte, und aufgeregt durch die Kriegser⸗ eigniſſe 65 eigniſſe, von Siegeshoffnungen beſeelt, alle Muͤh⸗ ſale und Entbehrungen zu vergeſſen. In einer ſeiner Meldungen an das Direktorium waͤhrend des erſten Feldzugs von Italien hat Napoleon ſelbſt den fran⸗ zoͤſiſchen Soldaten auf folgende Weiſe geſchildert: „Wollte ich alle diejenigen nennen, die ſich durch „perſoͤnliche Tapferkeit ausgezeichnet haben, ſo mußte nich alle Grenadiere und Schuͤtzen des Vortrabs „nennen. Sie ſcherzen mit der Gefahr und ſpotten „des Todes, und wenn je etwas ihrer Unerſchrocken⸗ „heit gleich kommt, ſo iſt es der Frohſinn, mit dem „ſie, unter dem Geſange von Liebesliedern und pa⸗ „triotiſchen Hymnen, die gewaltigſten Maͤrſche zu⸗ „ruͤcklegen. Im Nachtlager angekommen, legen ſie „ſich nicht, wie man erwarten ſollte, zur Ruhe; Reder erzaͤhlt auf ſeine Weiſe die Geſchichte des „Schlachttages und ſagt ſeine Meinung daruͤber, „was am folgenden Tage geſchehen wird, und manche „von ihnen urtheilen auch ſehr richtig uͤber militaͤ⸗ „riſche Gegenſtaͤnde. Als ich neuerlich eine Halb⸗ „brigade beſichtigte, und dieſelbe an mir vorbeizie⸗ „ihen ließ, trat ein gemeiner Jaͤger auf mich zu „und ſagte:„„General! Sie ſollten das und je⸗ „nes thun-⸗--““„Ich erwiederte ihm:„Halt „dein Maul, Burſche!““—„Er verſchwand ſo⸗ „gleich, und ich habe ihn ſeitdem nicht mehr aus⸗ „efindig machen koͤnnen; allein das von ihm empfoh⸗ W. Scott's Werke. XXXVIII. 5 66 „lene Manoͤver war ganz daſſelbe, das ich bei mir „beſchloſſen hatte.——“ Zur Fuͤhrung dieſer ruͤhrigen, geſcheuten und unerſchrockenen Soldaten hatte Buonaparte Offiziere, die der Sache ganz gewachſen waren,— junge oder doch noch nicht bejahrte Maͤnner, denen die Revo⸗ lution und der durch ſie herbeigefuͤhrte Krieg eine grenzenloſe Bahn eroͤffnet hatte,— die durch die Entwuͤrfe ihres Feldherrn und durch das Gelingen derſelben begeiſtert wurden. Buonaparte, der jeden Einzeinen ins Auge faßte, verſaͤumte niemals, Be⸗ lohnung und Strafe, Lob und Tadel zu ſpenden, oher die Befoͤrderung der Offiziere, die ſich beſon⸗ es ausgezeichnet hatten, faſt immer mit Erfolg getreiben. Er uͤbernahm es gerne, diejenigen zu en, deren Verwandte unter ſeinen Fahnen ge⸗ fallen waren. Sein Troſtſchreiben an General Clarke, wegen des Todes des jungen Clarke, ſeines Nef⸗ fen, der bei Arcola umkam, iſt in Wahrheit ruͤh⸗ rend, und beweist, daß er mitten in ſeinen Sie⸗ gen wohl wußte, daß er ſtrenge beurtheilt und ge⸗ tadelt werde*). Seine uͤbergroße Empfindlichkeit ge⸗ ²) Brief Napoteon's an den General Clarke; vom 25. Bru⸗ maire, 5. Jahr der Republik.„Ihr Neffe iſt auf dem Schlacht⸗ felde von Arcola gefallen. Der junge Mann hatte ſich mit dem Kriegsweſen vertraut gemacht; er diente oft als Kolon⸗ nenführer und wäre mit der Zeit ein tüchtiger Offuier gewor⸗ den. Er iſt rühmlich im Angeſichte des Feindes geſtorsen, 67 gen die Angriffe der Preſſe hat ihn durch ſein gan⸗ zes Leben begleitet und ſchien ihn, wie der Sklave hinter dem Siegeswagen, daran zu mahnen, daß er nur ein ſterblicher Menſch ſey. Es iſt ferner zu bemerken, daß Napoleon all den mannigfachen Verſuchen der Kommiſſaͤre und ande⸗ rer Geſchaͤftsleute, ſich der fuͤr die Armee beſtimm⸗ ten Gelder zu bemaͤchtigen, entſchloſſen und kuͤhn entgegentrat. In ſeiner oͤffentlichen, beſonders aber in ſeiner Privatkorreſpondenz, beklagt er ſich gar ſehr uͤber dieſe Agenten, ob es ihm gleich nicht ver⸗ borgen ſeyn konnte, daß er durch die Bekaͤmpfung dieſes Uebels, Leuten vom groͤßten Einfluſſe, die insgeheim bei dergleichen Unternehmungen bethei⸗ ligt waren, mißfallen mußte. Allein ſein militaͤri⸗ ſcher Ruhm hatte ihn bereits unentbehrlich gemacht, und hat keinen Augenblick gelitten— Wer wird ihn nicht um einen ſolchen Tod beneiden? Wer ſollte es nicht als ein. Glück anſehen, auf dieſe Weiſe aus einer ſo verächtlichen Welt zu kommen?— Wer von uns hat es nicht ſchon hun⸗ dertmal bedauert, daß er den Angriffen der Verläumdung, des Neides und alter der gehäſſtgen Leidenſchaften, die, wie es ſcheint, das Menſchengeſchlecht beherrſchen, nicht auf die⸗ ſem Wege hat entgehen können?— Dieſes in mancher Hinſicht merkwürdige Schreiben erinnert den engliſchen Le⸗ ſer gewiß an Addiſon's Cato, der die Leiche ſeines Sohnes mit den Worten begrüßte: „„Wer möchte nicht dieſer Jüngling ſeyn!““ 5.— 68 und ſo konnte er es ſich allerdings erlauben, der Feindſchaft ſolcher Perſonen, die in der Regel eben ſo feig, als ſchmutzig ſind, Trotz zu bieten. Von Barras, dem ehemaligen Goͤnner Napoleons, glaubte man, daß er dieſe Art des Erwerbs nicht ver⸗ ſchmaͤhe. Gegen ſeine Generale aͤnderte Buonaparte ſein Benehmen in dem Maße, als das Gefuͤhl ſeiner perſoͤnlichen Wichtigkeit in ihm erwachte. Ein Offi⸗ zier vom hoͤchſten Range hat uns berichtet, Napo⸗ leon habe in ſeinen fruͤheren Feldzuͤgen dieſe Maͤn⸗ ner ſehr freundlich und als Seinesgleichen behan⸗ delt. Einige Zeit nachher benahm er ſich gegen ſie mit der Offenheit eines Kriegers, der die Verdienſte ſeiner Untergebenen zwar achtet, aber ſie doch fuͤh⸗ len laͤßt, daß er ihr Vorgeſetzter ſey. Spaͤter beob⸗ achtete er gegen ſeine Generale jene abgemeſſene Hoͤflichkeit, mit welcher Fuͤrſten ihre Unterthanen behandeln, und gab ihnen dadurch zu verſtehen, daß er in ihnen nicht mehr ſeine Gefaͤhrten, ſondern ſeine Diener erkenne*). *) Graf Las Caſes führt einen ähnlichen Fall an.— Ein Ofſt zier, welcher vor Touton im vertrauteſten Verhältniſſe mit Buonaparte ſtand, hatte ſich, als dieſer den Oberbefehl über die Heere in Italien erlangte, auf den Weg gemacht⸗ um in die Arme ſeines alten Kameraden zu fliegen. Bald aber erkannte er in den Blicken und der ganzen Hqttung des Generals, daß es mit der Vertraulichkeit zu Ende 69 Das Betragen Napoleons gegen die Italiener war in den meiſten Faͤllen hoͤchſt klug und politiſch, und, wie es die aͤchte Politik fordert, auch den Vorſchriften der Gerechtigkeit und Maͤßigung ange⸗ meſſen. Er entwaffnete dadurch zum Theil den Haß, den er ſich durch die Entfuͤhrung der Kunſtwerke und auch durch ſeine Eingriffe in das katholiſche Kir⸗ chenthum zugezogen hatte. In Beziehung auf den letzten Punkt wurde der General beſonders vorſichtig. Seine Abneigung ge⸗ gen die roͤmiſche Kirche, oder vielmehr ſeine Ver⸗ achtung derſelben ſprach ſich nicht mehr ſo derb aus, wie fruͤher; ſie nahm im Gegentheil die Geſtalt philoſophiſcher Gleichguͤltigkeit an. Waͤhrend Napo⸗ leon die Geiſtlichkeit der Sorgen, die mit dem welt⸗ lichen Beſitze verbunden ſind, enthob, vermied er den Fehler der Jakobiner; er focht ihre Lehren nicht an, nahm die Individuen derſelben in Schutz und erklaͤrte ſich als den Freund allgemeiner Duldung in allen Gewiſſensangelegenheiten. Im Punkte der Politik ſowohl, als der Reli⸗ gion ſchien Buonaparte ſeine Meinung gar ſehr ge⸗ aͤndert zu haben. Es iſt in der That ſehr zu be⸗ zweifeln, ob er ſich je im Ernſte zu den uͤberſpann⸗ ten Meinungen der Jakobiner bekannt habe, aber er muß doch dieſe Meinungen, ſey es unn im Ernſte ſey, und daß ſeit jener Zeit der Karakter ſeines Freundes mit deſſen Erhöhung ſich geändert habe. 7⁰ oder nicht, geaͤußert haben, als er zuerſt durch den Einfluß des juͤngern Robespierre, eines Salicetti, eines Barras, der ſpaͤter ein Thermidoriſt, vor Toulon noch Sansculotte war, befoͤrdert wurde*). Mit ſeinem hellen und geſunden Menſchenverſtande mußte Buonaparte bald einſehen, daß der eben ſo tolle, als unvernuͤnftige Verſuch, die Weisheit, das Eigenthum und alle Geiſtesbildung unter das Joch des großen Haufens zu beugen, keinen wohlge⸗ ordneten Staat begruͤnden koͤnne. Obgleich damals Napoleon ein Republikaner von der Parthei der Thermidoriſten war und die uͤbliche Redensart von Freiheit und Gleichheit im Munde fuͤhrte, *) Selbſt vor Toulon ward er von hellſehenden Menſchen nicht für einen rechtgläubigen Jakobiner gehalten. Als Ge⸗ neral Cartaux, jener ſtupide Sansculotte, unter welchem Napoleon zuerſt diente, mit vielen Lobeserhebungen von dem jungen Artillerie Kommandanten ſprach, bemerkte ſeine Frau⸗ die zu Haus das Regiment führte,„daß man nicht zu ſehr auf den jungen Mann rechnen dürfe, weil er zu viel Ver⸗ ſtand habe, um lange Sanseulotte zu bleiben.“—„Ver⸗ ſtand? Frau Bürgerin!“ erwiederte der beleidigte Ge⸗ mahl—„Sind wir denn Dummköpfe?”“—„Keines⸗ wegs,“ antwortete die Dame,„aber ſein Verſtand iſt von anderer Art, als der eurige.“ Las Caſes Tagebuch, I. Band⸗ In demſelben Werke wird angegeben, daß Lueian ein heftigerer Jakobiner war, als Napoleon ſelbſt. Mehrere dem letzteren zugeſchriebene Aufſätze mit der Unterſcheift: Brutus Buonaparte, ſollen beſtimmt von Lueian her⸗ rühren. 71 keine hoͤhere Wuͤrde, als die des Buͤrgers er⸗ kannte, und mit Du und Dich um ſich warf, ſo nahm er ſich doch heraus, in dieſe demokratiſchen Formen ein liberales Weſen zu legen. Das repu⸗ blikaniſche Glaubensbekenntniß glich in der That all⸗ maͤhlig dem Schurzfell jenes Keſſelflickers, der im Orient der Stifter einer Dynaſtie war. Seine Nachkommen behielten daſſelbe als Fahne bei, uͤber⸗ luden es aber ſo ſehr mit Edelſteinen und Sticke⸗ reien, daß von dem urſpruͤnglichen Stoffe nicht viel mehr zu ſehen war. Der Jakobinismus, zum Beiſpiel, der darauf hinausgeht, den Nationalkarakter in die rohe Un⸗ wiſſenheit der unteren Volksklaſſen herabzuziehen, war eben darum der natuͤrliche Feind der ſchoͤnen Kuͤnſte und Wiſſenſchaften. Die Sansculotten be⸗ griffen nichts von den Erzeugniſſen derſelben und zerſtoͤrten dieſe aus denſelben aufgeklaͤrten Gruͤn⸗ den, wegen denen die Anhaͤnger von Jack⸗Cade den Schreiber von Matham mit ſeinem Tintenfaſſe und ſeiner Feder um den Hals, aufknuͤpften. Buonaparte dagegen ſah ein, daß Wiſſenſchaft, von welcher Art ſie auch ſey, Macht gewaͤhre; er zeichnete ſich eben darum mitten in ſeinen Siegen auf eine ehrenvolle Weiſe dadurch aus, daß er den Umgang vorzuͤgli⸗ cher und wiſſenſchaftlich gebildeter Maͤnner ſuchte, und eine Vorliebe fuͤr die Alterthuͤmer und Selten⸗ heiten der Staͤdte, in die er einzog, zeigte, was 7² kuͤr die Bewohner derſelben nicht anders als ſchmei⸗ chelhaft ſeyn konnte. In einem oͤffentlichen Schrei⸗ ben an den beruͤhmten Sternkundigen Oriani verſi⸗ chert er ihn, daß alle Maͤnner von Geiſt, alle aus⸗ gezeichneten Gelehrten, wo ſie auch geboren ſeyn moͤgen, als Franzoſen angeſehen werden ſollen.„Bis jetzt,“ ſagte er,„ſtanden die italieniſchen Gelehr⸗ „ten nicht in der Achtung, die ſie verdienten; ſie „verſchloſſen ſich in ihre Studirſtuben und Biblio⸗ „theken, und ſchaͤtzten ſich gluͤcklich, wenn ſte von „den Koͤnigen und den Prieſtern nicht bemerkt und „eben deßwegen auch nicht verfolgt wurden. Jetzt iſt „es nicht mehr ſo; es glbt keine Inquiſition, keine „despotiſche Gewalt mehr. Der Gedanke iſt frei „in Italien; ich lade die Schriftſteller und alle, die „ſich den Wiſſenſchaften widmen, ein, ſich mit ein⸗ „ander zu berathen, und mir Vorſchlaͤge zu machen, „wie den ſchoͤnen Kuͤnſten und Wi enſchaften neues „Leben gegeben werden koͤnne. Alle diejenigen, „welche Frankrelch ſehen wollen, ſollen von der Re⸗ „gierung mit Auszeichnung aufgenommen werden. „Das franzoͤſiſche Volk iſt ſtolzer darauf, einen ge⸗ „ſchickten Mathematiker, einen beruͤhmten Mahler, „irgend einen ausgezeichneten Gelehrten in die Zahl „ſeiner Mitbuͤrger aufzunehmen, als ſein Gebiet „burch Einverleibung einer großen und reichen Stadt nzu vergroͤßern.— Ich erſuche Sie, mein Herr, „dieſe meine Geſinnungen den vorzuͤglichſten Ge⸗ 73 „lehrten im mallaͤndiſchen Gebiete bekannt zu ma⸗ „chen.“ An die Municipalitaͤt von Pavia ſchrieb er, die Lehrer dieſer beruͤhmten Hochſchule moͤchten ihre Vorleſungen unter ſeinem Schutze mit aller Sicher⸗ heit wieder eroͤffnen und ihm die Mittel zur Em⸗ porbringung dieſer Anſtalt bezeichnen. Um den regen Antheil, den er an der Littera⸗ tur und den wiſſenſchaftlichen Inſtituten Italiens nahm, zu zeigen, geſtattete er allen Maͤnnern vom gelehrten Fache ſreien Zutritt zu ſeiner Perſon. Dieſer Umgang war fuͤr ihn um ſo anziehender, als er ſelbſt aus Itallen ſtammte, die ſchoͤne Sprache dieſes Landes von ſeiner Kindheit an fertig ſprach und ſich darin mit großer Leichtigkeit ausdruͤcken konnte. Wir koͤnnen hier im Voruͤbergehen bemer⸗ ken, daß Napoleon in der Perſon des Abbate Gre⸗ gorio Buonaparte den letzten Zweig jener florenti⸗ niſchen Familie fand, von der die korſiſche Linie die juͤngere war. Er hatte ſeinen Wohnſitz zu San Mi⸗ niato, war Domherr, ſtand bereits in hohem Alter und galt fuͤr ſehr reich. Die Verwandtſchaft ward ſehr gerne anerkannt, und der General nahm mit ſeinem ganzen Stabe bei dem Domherrn Gregorio das Mittagsmahl ein. Alles Dichten und Trachten des alten Mannes war darauf gerichtet, die Hei⸗ ligſprechung eines Bonaventura Buonaparte zu be⸗ wirken, der im ſiebzehnten Jahrhundert als Ka⸗ puziner im Geruche der Heiligkeit geſtorben, deſſen 74 Recht auf dieſe Beehrung aber bis jetzt noch nicht anerkannt war. Es muß unterhaltend geweſen ſeyn, zu hoͤren, wie der alte Mann einen fuͤr Napoleon ſo wenig intereſſanten Gegenſtand abhandelte, und wie er den franzoͤſiſchen Obergeneral dringend um ſeine Verwendung bei dem Pabſte bat. Es unter⸗ liegt auch wohl keinem Zweifel, daß der heilige Vater, um andere Forderungen zu beſeitigen, ein ganzes Regiment von Carmagnolen kanoniſirt, und jener alten Kalendermiliz der ſogenannten thebani⸗ ſchen Legion beigeſellt haben wuͤrde. Allein Napo⸗ leon begriff, daß eine Bitte dieſer Art, von ihm vorgebracht, etwas Laͤcherliches haben wuͤrde*). Der Umſtand, daß ſich Buonaparte bei den Ita⸗ lienern beliebt zu machen wußte, trug nicht wenig dazu bei, den neuen, durch die franzoͤſiſche Revo⸗ lution aufgekommenen Lehren in Italien Eingang zu verſchaffen. Zu dieſem Behuf ſchien er auch großes *) Las Caſes berichtet, daß nachher der Pabſt ſelbſt dieſen Ge⸗ genſtand ſeiner Aufmerkſamkeit gewürdigt habe, und ge⸗ neigt geweſen ſey, in dem unmittelbaren Schutze des hei⸗ ligen Bonaventura den Grund von dem großen Glücke Napoleons zu finden.— Man ſagt von dem großen Kir⸗ chenfreunde, dem Könige David von Schottland, er ſey ein guter Heiliger für die Krone geweſen; gewiß muß der heilige Bonaventura ein guter Heiliger für den päbſtlichen Stuhl geweſen ſeyn.— Der alte Abbate vermachte ſein gan⸗ zes Vermögen an Napoleon, der es einer öffentlichen An- ſtalt ſchenkte. . 75 Vertrauen in die Italiener zu legen. Er behielt ſich allerdings bei allen wichtigen Dingen die letzte Entſcheidung vor; in allen minder bedeutenden An⸗ gelegenheiten aber ließ er die Eingebornen ſelbſt handeln und ermunterte ſie ſogar dazu, auf eine Weiſe, an die ſie unter ihren deutſchen Gebietern gar nicht gewoͤhnt waren. Die innere Verwaltung ihrer Staͤdte war proviſoriſchen, ohne alle Ruͤckſicht auf Rang gewaͤhlten Vorſtehern anvertraut; die be⸗ waffneten Buͤrger oder Nationalgarden hatten die oͤffentliche Sicherheit zu handhaben. Sie erkannten gar bald den Werth dieſer Vorrechte und ſehnten ſich bereits nach einem Zuſtande von Nationalfrei⸗ helt; die Bewohner der Lombardei beſonders dran⸗ gen mit leidenſchaftlichem Ungeſtuͤm auf die Erklaͤ⸗ rung ihrer Unabhaͤngigkeit; Napoleon konnte ſich ih⸗ rer kaum erwehren, und es blieb ihm keine andere Wahl, als ſie durch Entſchuldigungen und Verſpre⸗ chungen hinzuhalten, wodurch ihre Ungeduld nur noch hoͤher geſteigert wurde. Andere Staͤdte von Italien(denn dieſe Stimmung zeigte ſich vorzuͤglich unter den Staͤdtebewohnern) bezeugten allmaͤhlig auch den Wunſch, ihr Regiment nach dem revolu⸗ tionaͤren Syſteme zu modeln; dies war beſonders auf der Suͤdſeite des Po der Fall. Man wird ſich erinnern, daß Napoleon mit dem Herzog von Modena einen Vertrag geſchloſſen und demſelben gegen die Bezahlung großer Geld⸗ 4 76 ſummen und die Auslieferung ſeiner vornehmſten Kunſtſchaͤtze ſein Fuͤrſtenthum garantirt hatte. Dem gemaͤß ward es dem Herzog geſtattet, ſeine Staa⸗ ten durch eine Regentſchaft verwalten zu laſſen, waͤh⸗ rend er ſelbſt ſeinen Aufenthalt in Venedig nahm. Allein ſeine zwei groͤßten Staͤdte, Reggio und Mo⸗ dena, beſonders die erſte, kamen auf den Einfall, ſich der herzoglichen Regierung zu entziehen. Auf die Zuſtimmung des franzoͤſiſchen Obergenerals und ſeiner Regierung voraus rechnend, ſtanden die Buͤr⸗ ger von Reggio auf, vertrieben die herzoglichen Trup⸗ pen aus der Stadt und pflanzten einen Freiheits⸗ baum mit dem Entſchluſſe, wie ſie ſagten, unter dem Schutze der franzoͤſiſchen Regierung einen Frei⸗ ſtaat zu bilden. um Modena von einem aͤhnlichen Verſuche abzuhalten, ließ hierauf die herzogliche Regierung Geſchuͤtz auf die Waͤlle der Stadt fuͤhren und traf noch andere Vertheidigungsanſtalten. Napoleon ſtellte ſich, als ſehe er in dieſen An⸗ ſtalten eine feindliche Maßregel gegen die Franzo⸗ ſen; er ſchickte ſofort ein Truppenkorps nach dieſer Stadt, nahm Beſitz von derſelben ohne allen Wi⸗ derſtand, beraubte den Herzog aller der Vortheile, welche er durch die Vermittlung des beruͤhmten St. Jerome theuer erkauft hatte, und erklaͤrte, die Stadt ſtehe fortan unter franzoͤſiſchem Schutze. Bologna und Ferrara, zwei Legationen des paͤbſtlichen Stuhls⸗ waren bereits von den Franzoſen beſetzt und wur⸗ 77 den von einem Ausſchuſſe ihrer Buͤrger regiert. Man munterte ſie jetzt auf, mit Reggio und Mo⸗ dena gemeinſchaftliche Sache zu machen; ein Kon⸗ greß von hundert Abgeordneten wurde aus dieſen vier Bezirken einberufen, um eine Regierung, die uͤber Alle Gewalt haͤtte, einzuſetzen. Dieſer Kongreß fand Statt und faßte den Beſchluß, daß die genannten Gebiete einen einzigen Staat, nach ſeiner geographiſchen Lage die transpadaniſche Republik genannt, bilden ſollten. Somit nahmen ſie den Karakter der Unabhaͤngigkeit an, waͤhrend ſie der That nach unter der Gewalt Buonapartes verblieben, gleich dem Thon in den Haͤnden des Toͤpfers, der denſelben geſtalten kann, wie es ihm beliebt. Der General aber ſchaͤrfte dieſen Abgeord⸗ neten den Grundſatz ein, daß alle Freihoit nur durch den Gehorſam gegen die Geſetze bedingt ſey.„Ver⸗ „geſſet niemals,“ ſo antwortete er auf die Zuſchrift, worin ſie ihn von ihrem Beſchluſſe in Kenntulß ſetz⸗ ten,„daß alle Geſetze nichts ſind, wenn es an der „Kraſt zu deren Handhabung fehlt. Denkt auf die „Errichtung einer anſehnlichen Streitmacht. Gluͤck⸗ „licher, als das franzoͤſiſche Volk, werdet Ihr zur „Freiheit gelangen, ohne die Feuerprobe einer Re⸗ „volution beſtehen zu muͤſſen.“ Dies war nicht die Sprache eines Jakobiners, und begruͤndet den Glauben, daß Napoleon gerade jetzt, wo er aͤußerlich dem republikaniſchen Syſteme 78 ergeben war, große Veraͤnderungen in Frankreich vorzunehmen im Sinne hatte. Indeſſen ſahen die Lombarden mit Verdruß, daß ſie auf der Bahn der Revolution und der ſcheinba⸗ ren Unabhaͤngigkeit hinter ihren Nachbarn zuruͤckge⸗ blieben waren. Die Municipalitaͤt von Mailand ſchritt nun zur Abſchaffung aller, ein Feudalverhaͤlt⸗ niß bezeichnenden Ehrentitel und erwies ſich ſo un⸗ geduldig, daß Buonaparte, um ſie zu beſchwichti⸗ gen, die baldige Einfuͤhrung einer republlkaniſchen Verfaſſung feierlich verſprechen mußte und es fuͤr gerathen hielt, eine proviſoriſche Reglerung einzu⸗ ſetzen, deren Mitglieder aus allen Klaſſen, mit Einſchluß der Bauern, gewaͤhlt wurden. Dieſe Maßregel bewies zur Genuͤge, daß die Gruͤnde, wodurch die franzoͤſiſche Regierung beſtimmt worden, die Anerkennung der ſogenannten Unab⸗ haͤngigkeit der Lambardei zu verzoͤgern, viel von ih⸗ rem Gewicht verloren hatten; denn bald darauf ſetzte die proviſoriſche Regterungsbehoͤrde von Mai⸗ land, nach einigen beſcheidenen Zweifeln uͤber ihre Vollmachten, das ganze Land in Revolutionszuſtand, und rief die Bildung der transpadaniſchen Republik aus, die ſpaͤter dieſen Namen wieder ablegte und mit der cispadaniſchen zu einem einzigen Freiſtaat, die cisalpiniſche Republik genannt, vereinigt wurde. Dieſer eutſcheidende, Schritt geſchah am 3. Jaͤnner 1797. Einige, etwas demokrattſche Dekrete, mußten 29 der Unabhaͤngigkeitserklaͤrung zur Einleitung dienen; in der Revolution ſelbſt war jedoch eine gewiſſe Maͤ⸗ ßigung nicht zu verkennen. Der Adel, obwohl der Lehnsrechte und ſeiner Titel beraubt, verlor doch ſeine ſtaatsbuͤrgerlichen Rechte nicht; die Reforma⸗ tion der Kirche ward nur leiſe, unter Vermeidung alles deſſen, was den Umſturz derſelben haͤtte be⸗ ſorgen laſſen koͤnnen, angedeutet. In dieſen Stuͤ⸗ cken blieben die Italiener weit hinter ihrem fran⸗ zoͤſiſchen Vorbild.— Wenn auch Buonaparte der Wortbruͤchigkeit beſchuldigt werden mag, weil er dem Herzog von Modena den Schutz wieder entzog, den dieſer um einen ſo theuren Preis von ihm erkauft hatte, ſo trifft ihn doch nicht der gleiche Vorwurf in Hinſicht auf die transpadaniſche Republik, inſoferne durch die Errichtung derſelben die Legationen von Ferrara und Boldgna von den Beſitungen des roͤmiſchen muuts abgeriſſen wurden. Die Franzoſen hatten ſich dieſe groͤßtentheils vorbehalten, um daruͤber, im Falle einer endlichen Uebereinkunft der Republik mit dem Pabſte nach Umſtaͤnden zu verfuͤgen. Die Friedensunterhandlungen hatten ſich jedoch in die Laͤnge gezogen, und es ſchien, daß ſie ſich, ohne Hoffnung einer Wiederanknuͤpfung, zerſchlagen muͤßten. Wenn die Angabe Napoleons, wie wir glauben, Grund hat, ſo faͤllt das Hinhalten eines Friedens⸗ ſchluſes mit dem roͤmiſchen Hofe, vornehmlich dem 80 Direktorium zur Laſt, deſſen Habſucht und Erwerb⸗ luſt zu jener Zeit auf's hoͤchſte geſtiegen waren. Nach⸗ dem unter der Vermittlung des ſpaniſchen Both⸗ ſchafters Azara dem Pabſte, der dafuͤr große Sum⸗ men erlegen, koſtbare Gemaͤlde und Statuen aus⸗ liefern, auch die Legationen Ferrara und Bologna abtreten mußte, ein Wafefenſtillſtand bewilligt wor⸗ den war, ſchickte Seine Heiligkeit zwei Bevollmaͤch⸗ tigte zur Abſchließung des Friedens nach Paris. Allein die Bedingungen waren ſo hart, daß der Pabſt, ſo verzweifelt auch ſeine Lage war, dieſelben ſchlechterdings nicht annehmen zu koͤnnen glaubte. Er ſollte zehn Jahre lang eine große Menge Ge⸗ treides liefern, ſechs Jahre lang einen Tribut von fechs Millionen roͤmiſcher Kronen bezahlen, die Haͤ⸗ fen von Ancona und Civita⸗Vecchia auf immer an Frankreich abtreten, und die Unabhaͤngigkeit von Ferrara, Bologna und Ravenna anerkennen. Um zur Unterdruͤckung noch die Schmach zu fuͤgen, wurde die gaͤnzliche Auslieferung des clementiniſchen Mu⸗ ſeums gefordert, und nebenbei noch beſtimmt, daß Frankreich, unter der Aufſicht ſeines Geſandten, zu Rom einen eigenen Gerichtshof und ein eigenes Theater haben ſollte. Endlich ſollte die weltliche Herrſchaft uͤber den Kirchenſtaat durch einen Senat und eine Volksverſammlung ausgeuͤbt werden. Man haͤtte ſich in dieſe Bedingungen noch fuͤgen koͤnnen 81 koͤnuen, obgleich ſie darauf angelegt waren, Seine Heiligkeit aller weltlichen Herrſchaft zu berauben; allein es wurden noch andere Dinge gefordert, die der Pabſt als Oberhaupt der Kirche, nicht be⸗ willigen konnte, wenn er anders noch die Rechte, die mit dieſer Wuͤrde verbunden ſind, anſprechen wollte. Er ſollte alle ſeit 1789 gegen Frankreich er⸗ laſſene Breven zuruͤcknehmen, dem Konſtitutionseid, wodurch die franzoͤſiſche Geiſtlichkeit die Verbindung mit dem roͤmiſchen Stuhle aufgab, Geſetzeskraft ver⸗ leihen und die Einziehung der Kirchenguͤter geneh⸗ migen. Allein Schaͤtze moͤgen vom Pabſte ausgelie⸗ fert, weltliche Wuͤrden abgelegt und Provinzen ab⸗ getreten werden, das jedoch, was den Lehrſaͤtzen der Kirche, deren Vertreter er iſt, ſchnurſtracks zuwider⸗ laͤuft, konnte er nicht thun. Nur wenige Geiſtliche in Frankreich hatten Anſtand genommen, ihre Erge⸗ bung gegen die rͤmiſche Kirche dadurch zu bezeugen, daß ſie das Loos der Verbannung der Leiſtung des Konſtitutionseides vorzogen. Es war jetzt an dem Oberhaupte der Kirche, dieſelbe uneigennuͤtzige Hin⸗ gebung durch ſein perſoͤnliches Benehmen zu beur⸗ kunden. 3 Nachdem daher das Kardinals⸗Kollegium die An⸗ traͤge Frankreichs, als das Gewiſſen verletzend, ver⸗ worfen hatte, erklaͤrte der Pabſt ſeinen feſten Ent⸗ ſchluß, eher das Aeußerſte zu erdulden, als Bedin⸗ W. Scott's Werke. XXXVIII. 6 ———— 8² gungen einzugehen, die er fuͤr vernichtend, enteh⸗ rend und ſelbſt fuͤr gottlos halte. Das Direktorium beſchloß nun hinwiederum den gaͤnzlichen Untergang des Pabſtes und die Vernichtung ſeiner Gewalt, der geiſtlichen ſowohl, als der weltlichen. Napoleon dachte nicht wie die Regierung. In moraliſcher Beziehung wuͤrde eine Ausſoͤhnung mit dem Pabſte von großem Nutzen fuͤr Frankreich ge⸗ weſen ſeyn, daſſelbe wieder mit andern katholiſchen Nationen befreundet und den Abſcheu, den es wegen ſeines ruchloſen und atheiſtiſchen Strebens geweckt hatte, gemildert haben. Selbſt die Armee des heiligen Stuhles war nicht ſo ganz zu verach⸗ ten, wenn naͤmlich in dem Kriege mit Oeſterreich ein Unfall eintreten ſollte. Aus dieſen Gruͤnden be⸗ wog er das Direktorium, in Florenz neue Unter⸗ handlungen anzuknuͤpfen. Als aber die franzoͤſiſchen. Bevollmaͤchtigten in ſechzig vorlaͤufigen und unabaͤnder⸗ lichen Artikeln dieſelben Bedingungen wieder vorbrach⸗ ten, die der Pabſt, als ſeinem Gewiſſen zuwider⸗ laufend, bereits verworfen hatte, ſo wurden die Verhandlungen wieder abgebrochen, und der Pabſt beſchloß in ſeiner Verzweiflung mit dem Hauſe Oe⸗ ſterreich gemeinſchaftliche Sache zu machen und, was der roͤmiſche Stuhl ſchon lange nicht mehr gethan. hatte, Waffengewalt zu gebrauchen. Es war ein Fall der aͤußerſten Noth; allein die Schilderhebung der paͤbſtlichen Regierung, deren. —— —— Kriegsmacht ſchon laͤngſt der Gegenſtand des Spot⸗ tes geweſen war,*) gegen den Beſieger von fuͤnf oͤſterreichiſchen Armeen erinnert und an den Priamus, den ungluͤcklichen Greis, der ſeine roſtige Ruͤſtung an⸗ legte, um die Schwaͤche ſeines hohen Alters mit der ju⸗ gendlichen Kraft des Pyrrhus zu meſſen*).— Doch benahm ſich Pius VI. energiſch genug; er ließ einen Transport von ſechszehn Millionen, die ſo eben in die franzoͤſiſche Kriegskaſſe abgeliefert werden ſoll⸗ ten, wieder nach Rom zuruͤckfuͤhren, und bot allem auf, ſeine Armee zu verſtaͤrken, die durch die Ver⸗ mittlung der ausgezeichneten roͤmiſchen Familien auch wirklich auf 40,000 Mann gebracht und unter den Befehl deſſelben Generals Colli geſtellt wurde, der in dem Feldzuge auf den Alpen, die ſardiniſchen Truppen mit Auszeichnung befehligt hatte. Die Geiſtlichkeit gab ſich die groͤßte Muͤhe, den bevor⸗ ſtehenden Krieg als einen Kreuzzug darzuſtellen und die Wuth des Landvolks in den Appenninen aufzu⸗ *) Voltaire nennt in einem ſeiner Romane den Pabſt einen alten Herrn, der eine Leibwache von hundert Mann halte, welche die Wache mit Regenſchirmen beziehen und mit niemand Krieg führen. .. ) Arma diu senior desueta, trementibus aevo Cirsumdat nequicquam humeris, et. inutile ferrum Gingitur—— 3 Aeneid“, Lib. II. 6..„ 94 regen, welches die Franzoſen nicht nur als Fremde, ſondern auch als Ketzer haßte. Der Pabſt ſuchte ſich auch mit dem Koͤnig beider Sicilien auf das engſte zu verbinden, und dieſer verſprach insgeheim, Rom mit einer Armee von dreißigtauſend Mann zu decken. Auf die Treue des Hofes von Neapel konnte man ſich freilich nur wenig verlaſſen; der franzoͤſi⸗ ſche Geſandte verglich aber den Pabſt mit einem Menſchen, der, um nicht in einen Abgrund zu fal⸗ len, ſich ſogar an einem otholühenden Eiſen feſt⸗ halten wuͤrde. Waͤhrend der roͤmiſche Hof ſich ſolchergeſtalt ruͤ⸗ ſtete, machte es Napoleon der franzoͤſiſchen Regie⸗ rung zum Vorwurf, die Unterhandlungen abgebro⸗ chen zu haben; er meinte, man haͤtte den Ausgang von Alvinzi's Operationen, oder wenigſtens die Ab⸗ lieferung von jenen ſechzehn Millivnen, deren er fuͤr ſeine Armee ſo ſehr bedurfte, abwarten ſollen. Er erhielt zufolge dieſer Vorſtellungen die Erlaub⸗ niß, die Unterhandlungen nach etwas veraͤnderten Bedingungen wieder anzuknuͤpfen. Der Pabſt war jedoch ſchon zu weit gegangen; ſelbſt der Sieg von Arcola und die Drohungen Napoleons, an der Spitze eines fliegenden Korps gegen Rom zu ziehen, ver⸗ mochten nicht, ſeinen Entſchluß zu aͤndern.„Mag der franzoͤſiſche General bis nach Rom kommen,“ ſagte der paͤbſtliche Miniſter,„der heilige Vater kann allenfalls ſeine Hauptſtadt verlagen, je weiter —— wehrte den Uebergang. 85 1 „ſich dagegen die Franzoſen von der Etſch entfer⸗ „nen, deſto naͤher ſind ſie ihrem Verderben.“ Na⸗ poleon ſchloß aus dieſer feindſeligen Antwort, daß der Pabſt noch immer auf den Entſatz von Mantua hoffe; um ihn aber zu zuͤchtigen, mußte er erſt mit Alvinzi und Provera fertig geworden ſeyn. Nach den entſcheidenden Schlachten von Rivoli und La Favorita hatte es aber Napoleon in ſeiner Gewalt, die Macht des heiligen Stuhles, wie ſie eben war, zu brechen. Zu dieſem Ende trug er dem General Vic⸗ tor auf, mit einer franzoͤſiſchen Diviſion von 4000 Mann und mit etwa eben ſo viel Italienern, die von der Lombardei und der transpadaniſchen Repu⸗ blik geſtellt wurden, auf der Straße von Imola in den Kirchenſtaat einzufallen. Mittlerweile hatte die Geiſtlichkeit in der Ro⸗ magna das Aeußerſte gethan, um die Bauern zu einem Aufſtande in Maſſe zu vermoͤgen; bei dem Schall der Sturmglocke erhoben ſich auch viele von ihnen. Ein ſolches Aufgebot iſt aber mehr dazu ge⸗ eignet, durch die Operationen des kleinen Krieges, der in der Flanke und in dem Ruͤcken des Feindes gegen ſeine Huͤlſsquellen gefuͤhrt wird, einer regel⸗ maͤßigen Armee Abbruch zu thun, als dieſelbe auf offe⸗ nem Felde zu bekaͤmpfen. Die eigentliche paͤbſtliche Armee, aus etwa 7⸗bis 8000 Mann beſtehend, hielt den Senio, ſuͤdlich von Imola, beſetzt, und ver⸗ Am Ufer waren Kanonen 86 aufgeſtellt; da aber der Bach ungewoͤhnlich ſeicht war, ſo gingen die Franzoſen anderthalb Meilen oberhalb dieſer Stellung auf das andere Ufer, grif⸗ fen die roͤmiſche Armee im Ruͤcken an, die nach ei⸗ nem kurzen Widerſtande nach allen Richtungen zer⸗ ſtiebte. Einige hundert wurden getoͤdtet, und un⸗ ter dieſen befanden ſich mehrere Moͤnche, die, mit dem Krucifix in der Hand, ſich in die Reihen ge⸗ ſtellt hatten, um die Soldaten anzufeuern. Faenza leiſtete Widerſtand und ward mit Sturm genom⸗ men; die Großmuth oder die Klugheit Napoleons aber hielt die Soldaten von der Pluͤnderung ab, und die Kriegsgefangenen wurden entlaſſen, um von ih⸗ rer eigenen Niederlage, von der unwiderſtehlichen Uebermacht des franzoͤſiſchen Heeres, und von der Milde des ſiegreichen Generals im Innern des Lan⸗ des die Kunde zu verbreiten. Den Tag darauf wurden 3000 Mann paͤhſtlicher Truppen in einer vortheilhaften Stellung, gegen⸗ uͤber von Ancona, von Colli befehligt, ohne einen Schuß zu thun, zu Kriegsgefangenen gemacht; An⸗ cona, ein ziemlich feſter Ort, ergab ſich nach kur⸗ zem Widerſtande. Es war hier ein ſeltſames Stuͤck⸗ chen von Pfaffenliſt geſpielt worden, um das Volk zum Widerſtande zu ermuthigen. Man ſah ein wun⸗ derthaͤtiges Marienbild Thraͤnen vergleßen, und die franzoͤſiſchen Kuͤnſtler konnten nicht entdecken, wie es damit zuging, bis man daſſelbe ins Hauptgar⸗ 87 tier brachte und die Glasſcheibe abnahm, durch wel⸗ che die Taͤuſchung vermittelt wurde. Die Madonna ward der Kirche, der ſie gehoͤrte, zuruͤckgegeben, hatte ſich aber wahrſcheinlich mit den fremden Pil⸗ gern ausgeſoͤhnt, denn ſie weinte fortan nicht mehr. Am 10. Febr. kamen die Franzoſen, die ihre Schritte beſchleunigten, nach Loretto, wo die be⸗ ruͤhmte Santa Caſa, fuͤr den Katholiken ein Gegen⸗ ſtand des Trlumphs oder des geheimen Spottes iſt, je nachdem Glaube oder Zweifelſucht bei ihm vor⸗ herrſcht. Die Schaͤtze, die dieſem Heiligthume von den Glaubigen geſchenkt worden ſeyn ſollen, waren von Colli fortgeſchafft worden, wenn ſie anders nicht ſchon weit fruͤher nach Rom gekommen waren. Doch fiel noch an edlen Metallen und an Edelſteinen ein Werth von einer Million Livres den Franzoſen in die Haͤnde, ſammt dem Bilde unſerer lieben Frauen von Loretto, dem Topfe und dem Nachtgewande von ſchwarzgefaͤrbtem haͤrenem Zeuge, deren die gebe⸗ nedeite Jungfrau ſich bedient haben ſoll. Das Bild, ein, wie man glaubt, im Himmel ſelbſt verfertigtes Kunſtwerk, mußte nach Paris wandern, ward aber im Jahre 1802 dem Pabſte wieder zuruͤckgegeben,— ob zugleich mit den Schaͤtzen, dem Eigenthume der Madonna, haben wir nicht in Erfahrung bringen koͤnnen. Waͤhrend die franzoͤſiſche Armee auf dem roͤ⸗ miſchen Gebiete vorruͤckte, ward mit einer Einſchrei⸗ 88 tung des Koͤnigs von Neapel gedroht, die bemer⸗ kenswerth iſt, weil ſie einerſeits den Karakter die⸗ ſes Hofes bezeichnet, andererſeits die Gewandtheit beweist, mit der Napoleon die Kuͤnſte der Diplo⸗ matic vorauszuſehen und zu vereiteln wußte. Der Prinz Belmonte⸗Pignatelli, der ſich in dem franzoͤſiſchen Hauptquartier aufhielt, mehr viel⸗ leicht in der Eigenſchaft eines Beobachters, als eines neapolitaniſchen Geſandten, erbat ſichvon dem Oberge⸗ neral eine geheime Audienz, und zeigte ihm im groͤß⸗ ten Vertrauen einen Brief der Koͤnigin beider Sicilien, worin der Aufbruch einer Armee von 30,000 Mann gegen Rom in Anregung gebracht war.„Ich werde Ihr Vertrauen erwiedern,“ ſagte Buonaparte, der mit Einem Blick den Zweck dieſer Mittheilung durch⸗ ſchaute;—„Sie ſollen erfahren, was ich in einem „ſolchen Falle ſchon laͤngſt zu thun beſchloſſen ha⸗ „be!“— Er ließ ſich ſofort das Portefeuille rei⸗ chen, das die Papiere in Betreff Neapels enthielt, und theilte dem verbluͤfften Prinzen die Abſchrift einer im November geſchriebenen Depeſche mit, wo⸗ rin folgende Stelle vorkam:„Das Anruͤcken von „Alvinzi ſollte mich nicht abhalten, zur Zuͤchtigung „des roͤmiſchen Hofes 6000 Mann zu verwenden; „da aber die neapolitaniſche Armee demſelben Bei⸗ „ſtand leiſten koͤnnte, ſo denke ich dieſe Unterneh⸗ „mung zu verſchieben, bis Mantua in unſern Haͤn⸗ „den ſeyn wird. Sollte der Koͤnig von Neapel ſich eidſcheuen Prieſter, die jetzt, eingedenk der in Frank⸗ 89 „alsdann ruͤhren, ſo kann ich 25,000 Mann eruͤbrigen, „die ihm ſeine Hauptſtadt nehmen und ihn ſelbſt „nach Sicilien vertreiben werden.“— Der Prinz war mit dem Erfolge dieſer gegenſeitigen Mitthei⸗ lung ſehr zufrieden, und es verlautete ferner nichts mehr von einer bewaffneten Einſchreitung der Nea⸗ politaner. Von Ancona aus zog die Diviſion Victor links gegen Foligno, um ſich mit einer andern franzoͤſi⸗ ſchen Kolonne, die uͤber Perugia in den Kirchenſtaat eindrang, zu vereinigen, was auch ohne weiters geſchah. Aller fernere Widerſtand ſchien jetzt unnuͤtz; es half nichts, daß der Pabſt ſeine Unterthanen aufforderte, ſich gegen den zweiten Alarich, der jetzt die heilige Stadt bedrohte, zu erheben; ſie hoͤrten nicht auf ſeine Ermahnungen, obgleich dieſelben im Namen der heiligen Jungfrau, im Namen der Apo⸗ ſtelfuͤrſten Petrus und Paulus geſchahen, die in dergleichen Bedraͤngniſſen ſeit undenklichen Zeiten als die Beſchuͤtzer der Hauptſtadt der chriſtlichen Welt galten. Nur Schrecken und Beſtuͤrzung herrſch⸗ ten jetzt in St. Peters Erbtheil, dem einzigen Ge⸗ biete, das ſeinem Stellvertreter geblieben war. Aber in Rom hatte eine ungluͤckliche Klaſſe von Menſchen, die aus Pflichttreue ihre Heimath und alle ihre Huͤlfsquellen verlaſſen hatten, Zuflucht und Aufnahme gefunden. Wir meinen die franzoͤſiſchen 90 reich erlittenen ſchrecklichen Verfolgung, kaum ein beſſeres Loos erwarteten, als, wie jener iſraeliti⸗ ſche Feldhauptmann, an dem Altare ſelbſt, zu dem ſie geflohen waren, abgeſchlachtet zu werden. Einer von ihnen, durch die Gefahr, von der er, wie er glaubte, bedroht war, verruͤckt geworden, ſoll ſich zu dem franzoͤſiſchen Obergeneral begeben, ſeinen Namen und Stand bekannt und nur um eine ſchleu⸗ nige Hinrichtung gebeten haben. Napoleon ergrif dieſe Gelegenheit, um nochmals zu zeigen, daß er den grauſamen Verfolgungsgeiſt der Jakobiner nicht theile. Er erließ eine Proklamation, worin er, un⸗ ter Voranſtellung des Satzes, daß die eidſcheuen Prieſter, obgleich aus Frankreich verbannr, doch be⸗ fugt ſeyen, ſich in den Laͤndern, wohin der Krieg die Franzoſen etwa fuͤhren moͤge, aufzuhalten, ſeine Zufriedenheit uͤber das Betragen derſelben bezeugte. In dieſer Proklamation wird ſodann dem franzoͤſi⸗ ſchen Militaͤr, unter Androhung der ſtrengſten Stra⸗ fen verboten, dieſen Ungluͤcklichen Verbannten guch nur das geringſte zu Leid zu thun. Zugleich wur⸗ den die Kloͤſter angewieſen, ihnen Obdach und Nah⸗ rung zu geben, und jedem monatlich fuͤnfzehn Livres abzureichen, wofuͤr die Prieſter verbunden waren, Meſſen ad valorem zu leſen. So wurde den ita⸗ lieniſchen Kloͤſtern ihre Gaſtfreundſchaft in derſel⸗ ben Muͤnze vergolten, mit der ſie die Laien zu be⸗ zahlen pflegten. 91 Vielleicht ſollte der Pabſt durch dieſes milde Be⸗ nehmen bewogen werden, ſein Schickſal der Groß⸗ muth Frankreichs zu uͤberlaſſen, wozu ihm Napoleon in einer vertraulichen, durch den Vorſtand des Ca⸗ maldulenſerordens beſorgten Mittheilungen, und of⸗ fentlich in einem an den Kardinal Mattei gerichte⸗ ten Schreiben bereits gerathen hatte. Der Koͤnig von Neapel that nichts zu ſeinen Gunſten. Nach langem Beſinnen, und als der Wagen, der ihn nach Neapel bringen ſollte, ſchou bereit war, dachte der Pabſt endlich, daß Widerſtand und Flucht gleich ver⸗ geblich ſeyn moͤchten, und fuͤgte ſich in das demuͤthi⸗ gende Loos einer gaͤnzlichen Ergebung in den Willen des Siegers. Es war die Abſicht des Direktoriums, die weln⸗ liche Herrſchaft des Pabſtes gaͤnzlich zu vernichtet und ihn alles zeitlichen Beſitzes zu berauben. Allein Buonaparte ſah voraus, daß die Vereinigung des Kirchenſtaates mit der neuen transpadaniſchen Repu⸗ blik, oder auch die Umbildung deſſelben in einen be⸗ ſondern Freiſtaat einen Krieg mit Neapel herbeifuͤh⸗ ren muͤßte, noch ehe die Verhaͤltniſſe im noͤrdlichen Italien es geſtatten wuͤrden, mit hinreichender Si⸗ cherheit ein franzoͤſiſches Truppenkorys bis an das ſuͤdlichſte Ende der Halbinſel zu ſchicken, wo die Eng⸗ laͤnder ſo leicht landen und Aufſtaͤnde erregen konn⸗ ten. Dieſe Aufſtaͤnde mußten, wie Napoleon voraus⸗ ſah, um ſo gefaͤhrlicher und um ſo unbezwinglicher — 9² werden, als er den Pabſt wohl ſeiner weltlichen, aber nicht ſeiner geiſtlichen, von jedem Katholiken aner⸗ kannten Herrſchaft berauben konnte. Letztere mußte an Bedeutung und Einfluß gewinnen, wenn ſie von einem apoſtoliſchen Wanderer, einem Maͤrtirer ſeines Glaubens, geuͤbt wurde; ſie ward unſchaͤdlicher, wenn der Vater der Glaͤubigen ſich in die Umſtaͤnde fuͤgte und ſo viel des irdiſchen Gutes beibehielt, als ihm die Milde des Siegers geſtatten mochte. Durch dieſe Betrachtungen bewogen, bewilligte Buonaparte dem Pabſte einen Frieden, der zu To⸗ lentino zu Stande kam und durch welchen Pius VII. ſeine politiſche Eriſtenz um den hoͤchſten, kaum zahl⸗ baren Preis erkaufte. Napoleon fuͤhrt, als einen Be⸗ weis des verſchmitzten und uͤber alle ſittlichen Mo⸗ tive ſich wegſetzenden Karakters, der Neapolitaner den Umſtand an, daß derſelbe Pignatellt, von dem bereits die Rede geweſen iſt, ſich waͤhrend der Ver⸗ handlungen zu Tolentino auf das engſte an die Be⸗ vollmaͤchtigten anſchloß und um in ſeinem Eifer zu entdecken, ob in dem Vertrage zwiſchen Seiner Hei⸗ ligkeit und Buonaparte kein geheimer Artikel, zum Nachtheile ſeines Herrn beliebt wuͤrde, beharrlich an der Thuͤre des Gemaches lauſchte, wo die Unterhand⸗ lungen gepflogen wurden. — Zufolge der Friedensbedingungen mußte der Pabſt die Gafſchaſt Avignon, deren Vereinigung mit Frank 93 reich bis jetzt nicht anerkannt worden war, foͤrmlich abtreten, auf die Legationen Bologna, Ferrara und Romagna Verzicht leiſten, die Beſatzung von Ancona, mit Ausnahme von Venedig des einzigen Hafens am adriatiſchen Meere, geſtatten, dreißig Millionen Livres in klingender Muͤnze oder in vollguͤltigen Brie⸗ fen bezahlen, endlich die Beſtimmungen des Waffen⸗ ſtillſtandes von Bologna, in Beziehung auf die Ab⸗ lieferung von Gemaͤlden, Manuſcripten und ſonſti⸗ gen Kunſtgegenſtaͤnden, ihrem ganzen Inhalte nach vollziehen, und ſich noch zu andern, nicht minder ſtren⸗ gen Bedingungen verſtehen. Ein Gegenſtand, auf warchem bei dieſem Ver⸗ trag ein großes Gewicht gelegt wurde, war die Auf⸗ hebung der Inquiſition, wovon Buonaparte aber ab⸗ ging, nachdem er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß dieſelbe nicht mehr als ein Gerichtshof in Reli⸗ gionsſachen, ſondern blos zur Handhabung der oͤffent⸗ lichen Sicherheit noch beſtehe. Das Gewiſſen des heili⸗ gen Vaters war bei dem Vorſchlage hieruͤber ſo tief verwundet, daß man es raͤthlich fand, ſolchen nicht weiter zu beruͤhren. Dieſelbe Depeſche, in welcher Buonaparte dem Direktorium vermeldete„der ihm zugegebene Kuͤnſt⸗ lerausſchuß habe auf dem paͤbſtlichen Gebiete eine reiche Ernte von Gemaͤlden und Kunſtwerken, der ſeltenſten, die es mit Ausnahme einiger in Turin 94 und Neapel befindlicher Gegenſtaͤnde, gebe, einge⸗ ſammelt,“— dieſelbe Depeſche enthielt noch eine Beilage ganz anderer Art: das ſehr ehrerbietige und beinahe unterwuͤrfige Schreiben von Napoleon an den Pabſt, worin er Seine Heiligkeit erſucht, denjenigen Perſonen, welche die aufrichtigen Geſinnungen Frank⸗ reichs verdaͤchtigen moͤchten, kein Gehoͤr zu ſchenken, und die Verſicherung beifuͤgt, daß die franzoͤſiſche Re⸗ publik ſich gegen Seine Heiligkeit jederzeit redlich erweiſen werde, daß er ſelbſt die groͤßte Verehrung fuͤr Dieſelbe hege und nichts ſehnlicher wuͤnſche gls ſolche zu bethaͤtigen. Dieſer Brief ward zu jener Zeit fuͤr ſehr ergetz⸗ lich gehalten, in ſoferne er nicht ſowohl die Geſin⸗ nungen eines Sansculottengenerals, ſondern vielmehr diejenigen eines civiliſirten Wegelagerers offenbarte und an jenen Macheath erinnerte, der die Reiſen⸗ den, die er gepluͤndert, nie anders entließ, als mit den beſten Wuͤnſchen fuͤr ihr gutes Fortkommen. Weit edler und liebenswuͤrdiger erſcheint das Bo⸗ tragen Napoleons gegen die kleine aber intereſſante Republik San Marino. Dieſer Staat, der den Pabſt nur als ſeinen Beſchuͤtzer, nicht als Oberherrn aner⸗ kennt, hatte in einer langen Zeit eine Unabhaͤngig⸗ keit behauptet, die von allen Eroberern, ſey es aus Geringſchaͤtzung oder aus Achtung verſchont worden war. Er beſteht aus einem einzigen Berge und aus 95 einer einzigen Stadt, und zaͤhlt etwa 7000, durch ihre eigenen Geſetze regierten Einwohner. Buͤrger Monge, Vorſteher des Ausſchuſſes der zum Einſam⸗ meln der Kunſtwerke aufgeſtellten Kuͤnſtler, wurde nach San Marino geſendet, um die Bande der Freund⸗ ſchaft zwiſchen den beiden Republiken enger zu knuͤp⸗ fen, wobei man an ein Buͤndniß zwiſchen Liliput und Brobdignag erinnert werden mochte. In dieſer klei⸗ nen Republik gab es keine Gemaͤlde, wodurch der Buͤrger Kunſtſammler haͤtte in Verſuchung gefuͤhrt werden koͤnnen. Das Volk von San Marino benahm ſich auf eine ſehr vernuͤnftige Weiſe, und, obgleich gegen Napoleon noch weit artiger, als einſt Dioge⸗ nes gegen Alexander, von dem er in ſeinem Faſſe einen Beſuch erhielt, ging es in dieſem Stuͤcke doch nicht zu weit. Dieſe Buͤrger lehnten auf das ehrer⸗ bietigſte jede Vergroͤßerung ihres Gebietes ab, durch die ſie nur in der Folge mit dem Staate, auf deſ⸗ ſen Koſten ſie geſchah, in Haͤndel verwickelt worden waͤren. Sie nahmen blos als Ehrengeſchenk vier Feldſtuͤcke an, die einen ihrer Kriegsmacht angemeſ⸗ ſenen Artilleriepark bildeten und von denen die Ober⸗ haͤupter dieſes zufriedenen Staates hoffentlich nie werden Gebrauch machen muͤſſen. Nom konnte, wenigſtens fuͤr den Augenblick, als voͤllig unterjocht gelten. Neapel war im Friedens⸗ zuſtand, wenn anders die Unterzeichnung eines Ver⸗ trags Frieden ſchaffen kann. Von Rom ſo weit ent⸗ 96 fernt und nach der Niederlage der paͤbſtlichen Kriegs⸗ macht noch ſchaͤrfer bewacht,— in der Furcht, daß die engliſche Seemacht, die ohnehin von dem Kriegs⸗ ſchauplatze zu weit entfernt war, aus dem mittellaͤn⸗ diſchen Meere vertrieben werden moͤchte, wagte es der Koͤnig beider Sicilien, oder vielmehr ſeine Ge⸗ mahlin, die ſtolze Tochter der Marie Thereſie, nicht, den Vorkehrungen des franzoͤſiſchen Generals das mindeſte in den Weg zu legen. Toscana hatte ſich, wie es ſcheint, darein gefuͤgt, ſein politiſches Daſeyn der Gnade oder der Verachtung Napoleons verdanken zu muͤſſen, und verhielt ſich, in der Hoff⸗ nung, daß irgend eine Uebereinkunft zwiſchen den Franzoſen und Englaͤndern dem Großherzog wieder zum Beſitz von Livorno verhelfen wuͤrde, ſtill und ruhig wie ein Todter. Nur die Republik Venedig, die ihre ehemalige Wichtigkeit nicht vergeſſen konnte, und ſich doch ihrer gegenwaͤrtigen Ohnmacht bewußt war, gab ſich alle Muͤhe wieder eine ehrfurchtgebie⸗ tende Stellung anzunehmen. Dieſe weiland ſo maͤch⸗ tige Stadt, das Tyrus des Mittelalters, deren Buͤr⸗ ger Furſten, deren Kaufleute die geehrteſten der Welt waren, hatte, ſo tief ſie auch gefallen war, noch immer einen Schein von Kraft beibehalten. Ihre oligarchiſche Regierung, ſo lange beruͤhmt und ge⸗ fuͤrchtet wegen ihrer eiferſuͤchtigen Wachſamkeit ihrer Staatsklugheit, der undurchdringlichkeit ihrer Plane und — — 97 und ihrer unbeugſamen Strenge, zeigte in ihrer Hal⸗ tung gewiſſermaßen einen Karakter von Unabhaͤngig⸗ keit und verſaͤumte nicht, durch Errichtung neuer ſla⸗ voniſcher Regimenter, durch militaͤriſche Abrichtung ihres ſehr kriegeriſchen Bauernvolks und durch Bil⸗ dung betraͤchtlicher Kriegsmagazine das Anſehen ei⸗ ner Macht zu gewinnen, um deren Freundſchaft man ſich bewerben, deren Feindſchaft man fuͤrchten muͤſſe. Es war bereits nicht zu verkennen, daß die Oeſter⸗ reicher, ungeachtet ihrer neueſten Niederlagen, ſich an ihrer italieniſch deutſchen Grenze von Neuem aufſtellen wuͤrden und daß die Neutralitaͤt von Ve⸗ nedig fuͤr Frankreich Werth haben mußte, in ſoferne Napoleon im Vorruͤcken gegen das Friaul eben nur mittelſt dieſer Neutralitaͤt die eine Flanke ſeiner Ope⸗ rationen decken konnte. Unter ſolchen Umſtaͤnden und wenn man erwog, daß die ehemalige Beherrſcherin des adriatiſchen Meeres noch uͤber 50,000 Mann, die groͤßtentheils aus ruͤſtigen und kriegeriſchen Sla⸗ voniern beſtanden, gebot, war Venedig auch jetzt noch eine Macht, die man nicht gegen ſich aufbringen mußte. Aber die Inwohner waren nicht gleichen Sinnes, beſonders diejenigen der Terra firma, oder des Feſt⸗ landes, die, weil ihre Namen nicht in dem goldnen Buche des veuetianiſchen Inſularadels ſtanden, ſich unzufrieden zeigten, und durch die neugeſchaffenen Republiken am Po noch aufgemuntert wurden„ ſich W. Scott's Werke. XXXVIII. 7 98 der Herrſchaft von Venedig zu entziehen. Brescia und Bergamo insbeſondere erhoben ein Unabhaͤngig⸗ keitsgeſchrei. In dieſem Zuſtand von Zwietracht ſah Napoleon⸗ fuͤr ſich ein bereits gewonnenes Spiel; waͤhrend er einerſeits den Eifer der Patrioten einſtweilen zu maͤ⸗ ßigen ſuchte, gab er ſich auf der andern Seite alle Muͤhe, den Senat von Venedig zu uͤberzeugen, daß es fuͤr ihn keine andere Politik gebe, als mit Frank⸗ reich ein Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß zu ſchließen und 8 ſeine Truppen mit derjenigen Armee zu vereinigen, die jetzt im Begriffe war, den Oeſterreichern zu Leibe zu gehen. Er erbot ſich unter dieſen Bedingungen der Republik ihre Beſitzungen zu garantiren, ohne auf irgend eine Modifikation ihrer oligarchiſchen Ver⸗ faſſung zu beſtehen. Aber die Venetianer wollten ſich durchaus neutral verhalten, und zwar, wie ſie ſagten, in Gemaͤßheit ihrer althergebrachten, ſo wei⸗ ſen Politik, von der ſie nicht laſſen koͤnnten.„Es ſey ſo!“ erwiederte Napoleon,„bleibt neutral! Ich habe nichts dagegen; ich ziehe gegen Wien, laſſe aber franzoͤſiſche Truppen zuruͤck, um Eure Republik im Auge zu behalten.— Entlaſſet jedoch Eure neu⸗ erlich ausgehobenen Truppen, und wiſſet, daß waͤh⸗ rend meines Aufenthalts in Teutſchland auf Eurem Gebiete meine Verbindungen, meine Zuzuͤger, meine Zufuhren unterbrochen, angegriffen, aufgehoben wer⸗ . 99 den ſollten, die letzte Stunde Eurer Republik geſchlagen hat, und ſie ſelbſt ihren Untergang ver⸗ ſchuldet haben wird.“. Damit dieſe Drohungen in ſeiner Abweſenheit nicht vergeſſen wuͤrden, legte er Beſatzungen in die vortheilhafteſten Poſten an der Etſchlinie; und nun,. zum Theil auf dieſe, zum Theil auf die Inſurgen⸗ ten von Bergamo und Breſcia, die gegen ihre ehe⸗ maligen Herren ſich noͤthigenfalls ſelbſt wehren muß⸗ ten, zaͤhlend, ließ Napoleon abermals ſeine Banner wehen und ruͤckte zu neuen Siegen uͤber noch unge⸗ pruͤfte Gegner vor. DOrittes Kapitel. — Erzherzog Kael;— Vergleichung deſſelben mit Napoleon;— Er iſt durch den Hofkriegsrarh beſchränkt.— Napoleon geht mit⸗ telſt einer Kriegsliſt über den Tagliamento, und zwingt den Erz⸗ derzog zum Rückzuge.— Erſtürmung von Gradiseg.— Chiuſa Veneta wird von Maſſena genommen;— Die Oeſterreicher bü⸗ ßen zooo Mann, Geväcke, Kanonen u. d. gl. ein.— die Fran⸗ zoſen bemächtigten ſich der Seehäfen von Trieſt und Fiume.— Venedig bricht die Neutralität, und eröffnet die Feindſeligkeiten 7.. 100 durch das! Niedermetzeln von hundert Franzoſen zu Verona;— Beſtürzung deſſelben bei der Nachricht, daß zwiſchen Oeſterreich und Frankreich ein Waffenſtillſtand abgeſchloſſen ſey.— Umſtän⸗ de, die dieſen herbeiführen.— Der Erdzherzog zieht ſich eiligſt nach Wien zurück.— Seine Ausſichten, daſſelbe mit Erfolg zu vertheidigen.— Unſchlüſſigkeit der Regierung und des Volks;— Anterzeichnung des Vertrags von Leoben.— Durch ſeine Siege am Rhein, durch ſeine Be⸗ liebtheit bei den Soldaten erſchien der Erzherzog Karl als der geeignetſte Feldherr zur Bekaͤmpfung des jungen Generals der franzoͤſiſchen Republik, der, wie der Guͤnſtling einer Fee, alle Gegner, die gegen ihn aufgetreten waren, niedergeworfen hatte. Eu⸗ ropa verſchob ſein Urtheil uͤber den wahrſcheinlichen Ausgang dieſes Kampfes. Beide Feldherren waren jung, ehrgeizig, begeiſtert fuͤr ihren Beruf, angebe⸗ tet von ihren Soldaten. Beider Ruhm war in die weite Welt erſchollen, und obgleich Buonaparte ſte⸗ tiger geſiegt hatte, ſo war doch nicht zu laͤugnen, daß die Plane des Erzherzogs, wenn auch nicht ſo glaͤnzend und originell, wie jene ſeines großen Geg⸗ ners, doch richtig und tief gedacht waren, und oft große Reſultate bewirkt hatten, wie z. B. die Nie⸗ derlage von Jourdan und den Ruͤckzug von Moreau. Hinſichtlich zweier Punkte ſtand jedoch der oͤſten⸗ reichiſche Prinz weit hinter Napoleon: er hatte nicht, wie dieſer, das lebendige, unwandelbare Selbſtver⸗ trauen, das den guͤnſtigen Augenblick zur Ausfuͤh⸗ 101 rung wohlerwogener Plane zu ergreifen weiß; er war uͤberdieß, ungeachtet ſeines hohen Ranges, in einer gewißen Abhaͤngigkeit von dem Hofkriegsrathe, der zu Wien, dem Schauplatze des Krieges, entruͤckt, doch durch die alten argwoͤhniſchen Geſetze des oͤſter⸗ relchiſchen Kaiſerſtaats befugt war, eine Aufſicht uͤber den Feldherrn zu uͤben und im voraus den Armeen ihre Bewegungen vorzuſchreiben, waͤhrend die mit der Ausfuͤhrung beauftragten Generale ſich in den meiſten Faͤllen lediglich an thre Inſtruktlonen halten mußten, wie ſehr auch die Umſtaͤnde ſich aͤndern und ein anderes Verfahren gebieten mochten. Obgleich aber das Aufeinandertreffen dieſer zwei jungen und ausgezeichneten Generale hoͤchſt intereſ⸗ ſant iſt, ſo geſtattet uns doch der Raum nicht, den Feldzug in Oeſterreich eben ſo ausfuͤhrlich abzuhan⸗ deln, wie diejenigen in Italien. Mit dem letztge⸗ nannten eroͤffnete Buonaparte ſeine militaͤriſche Lauf⸗ bahn; in keiner der folgenden Perioden ſeines Le⸗ bens hat er unter ſo unguͤnſtigen Umſtaͤnden und mit fo geringen Mitteln ſo Unerhoͤrtes geleiſtet. Wir konnten auch nicht umhin, in der Einleitung ſeiner militaͤriſchen Geſchichte den Karakter ſeiner Kriegs⸗ manier genau anzugeben und jenes Syſtem der Maſ⸗ fenbildung ins Licht zu ſetzen, wodurch er, die End⸗ punkte einer weit ausgedehnten Operationslinie ver⸗ nachlaͤßigend, wie ein kuͤhner und gewandter Fechter ſeine ganze Kraft zu Einem Stoße zuſammennahm, ⸗ 102 der, gegen das Herz des Gegners gerichtet, wenn er traf, toͤdtlich ſeyn mußte. Nachdem jetzt die er⸗ ſtaunliche Raſchheit ſeiner Bewegungen, die unge⸗ ſtumme Lebhaftigkeit ſeiner Angriffe in ſo vielen ein⸗ zelnen Faͤllen gezeigt worden iſt, koͤnnen wir uns be⸗ gnuͤgen, dieſelben fortan nur anzudeuten. Auch wol⸗ len wir unſere Leſer, wie uns ſelbſt, mit einer zu genauen Beſchreibung der Stellungen verſchonen und dieſe Blaͤtter nicht mit den Namen von unbekannten Doͤrfern anfuͤllen, es ſey denn, daß irgend ein be⸗ deutendes und ausgezeichnetes Gefecht eine Ausnahme gebiete. — Nach der Weiſung des Hofkriegsraths hatte der „Erzherzog Karl ſeine Stellung in Friaul genommen, wo die ſechste oͤſterreichiſche Armee, gegen Napoleon und zur Vertheidigung der italieniſch⸗deutſchen Grenze beſtimmt, ſich verſammeln ſollte. Es muß auffallen, daß dieſe Stellung vor derjenigen im Tyrol gewaͤhlt wurde, wo der Erzherzog zehn Tage fruͤher ſich mit den 40,000 Mann, die ihm von der Rheinarmee zu⸗ kommen ſollten, haͤtte vereinigen koͤnnen. Dieſe Trup⸗ pen hatten unter ſeiner Anfuͤhrung gefochten!und ge⸗ ſiegt; jene im Friaul und an der Piave dagegen ge⸗ hoͤrten zu den ungluͤcklichen oͤſterreichiſchen Armeen, die unker Beaulieu, Wurmſer und Alvinzi in allen Gefechten gegen Napoleon mehr oder weniger den Kuͤrzern gezogen hatten. 3 3 103 Waͤhrend der Erzherzog die Verſtaͤrkungen, die den Kern ſeiner Armee bilden ſollten, erwartete, hatte ſein thaͤtiger Gegner mehr als 20,000 Mann von den franzoͤſiſchen Rheinarmeen an ſich gezogen und ſich dadurch fuͤr den Augenblick uͤber ſeinen Geg⸗ ner den Vortheil der Mehrzahl verſchafft. Statt da⸗ her, wie in fruͤhern Faͤllen, die Eroͤffnung des Feld⸗ zugs von Seiten der Oeſterreicher abzuwarten, be⸗ ſchloß Napoleon, dem Erzherzog noch vor dem Ein⸗ treffen ſeiner Verſtaͤrkungen entgegen zu gehen, ihn aus ſeiner Stellung an der ktalieniſchen Grenze zu vertreiben und ihm nach Deutſchland und ſelbſt bis nach Wien zu folgen. Auch das kuͤhnſte war fuͤr ihn nicht zu kuͤhn, auch das Schwerſte nicht unausfuͤhr⸗ bar, und ſeine Soldaten, die ſich in die Tiefen ei⸗ nes unermeßlichen Reiches wagen und ſich durch Ge⸗ birgsketten von allen ihren Huͤlfsquellen abgeſchnitten ſehen ſollten, vertrauten ſo ſehr den Talenten ihres Fuͤhrers, daß ſie, ſchon des Sieges gewiß, ihm zu folgen kein Bedenken trugen. Buonaparte hatte von dem Direktorium die Zuſage erhalten, daß die Rhein⸗ armeen, wie im vorigen Feldzuge, ihrerſeits auch vorruͤcken und zu ſeinen Gunſten eine Diverſion ma⸗ chen wuͤrden. Buonaparte ruͤckte zu Anfang des Maͤrz nach Baſſano vor. Die Oeſterreicher hatten ein Obſerva⸗ tionskorps unter Luſignan an der Piave, ihre Haupt⸗ nacht aber ſtand an dem Taglinmento, einem mit 104 der Piave dreißig Meilen weiter oſtwaͤrts derſelben parallel kaufenden Fluſſe. Auf den Ebenen an dem Tagliamento konnte der Erzherzog ſeine treffliche Reiterei verwenden, die von jeher der Stolz der oͤſterreichiſchen Armeen geweſen iſt. Sollte er aus dem an feſten Stellungen ſo reichen Gebirgslande, das er inne hatte, und wo er die Straße, die, zwiſchen dem Gebirge und dem adriatiſchen Meere hinziehend, eine Verbindung zwiſchen Wien und Italien durch das Kaͤrnthnerland einleitet, deckte, vertrieben werden, ſo mußte man ihn nicht nur in der Fronte angreifen, was Buonaparte ſich ſelbſt vorbehielt, ſondern auch durch Bedrohung ſeines rech⸗ ten Fluͤgels auf der Gebirgsſeite zu einem uͤberell⸗ ten Ruͤckzuge zwingen. Letzteren Auftrag erhielt Maſſena mit ſeiner Diviſion, und er vollzog denſel⸗ ben mit der groͤßten Geſchicklichkeit und Tapferkeit. Am 11. Maͤrz ging er uͤber die Piave und an die⸗ ſem Fluſſe hinauf in das Gebirge gegen Belluno, indem er das kleine Obſervationskorps von Lufig⸗ nan vor ſich her trieb und ſo lebhaft draͤngte, daß der Nachtrab deſſelben, der aus 500 Mann beſtand, lic ergeben mußte.* Der Erzherzog Karl behauptete indeſſen ſeine Stellung an dem Tagliamento, und die Franzoſen, von Napoleon ſelbſt gefuͤhrt, naͤherten ſich dem rech⸗ ten Ufer dieſes Fluſſes und ſchienen den Uebergag mit Gewalt erzwingen zu wollen. Dies war jedoch nicht 1 105 ſo leicht, denn das jenſeitige Ufer war mit Batte⸗ rien und Infanterie beſetzt, und hinter ihnen ſtand eine zahlreiche Reiterei in zwei Treffen, bereit, uͤber diejenigen, die es wagen wuͤrden uͤberzugehen, fogleich herzufallen. Eine ganz gewoͤhnliche Kriegsliſt machte dieſe Anordnungen zu Schanden. Nach einer Kanonade aus ziemlicher Entfernung und einigem Geplaͤnkel ging die franzoͤſiſche Armee, gleichſam, als gebe ſie die Hoffnung eines Uebergangs auf, in etwas zu⸗ ruͤck, um wie es ſchien, ihr Nachtlager zu bezie⸗ hen. Hiedurch getaͤuſcht und in der Meinung, die Franzoſen, welche die ganze vorige Nacht auf dem Marſche zugebracht hatten, ſeyen ermuͤdet, zog ſich der Erzherzog auf dem linken Ufer gleichfalls in ſein Lager zuruͤck. Allein zwei Stunden ſpaͤter, als Al⸗ les ruhig ſchien, trat die franzoͤſiſche Armee wieder ploͤtzlich unter das Gewehr und ruͤckte mit raſchen Schritten in zwei Treffen wieder an dus ufer vor, noch ehe die uͤberraſchten Oeſterrelcher ſich wieder in der vorigen Schlachtordnung aufſtellen konnten. Am Uferrande angekommen, bildete das erſte Tref⸗ fen ſofort mehrere Kolonnen, die ſich in den Fluß warfen und auf den Flanken durch Reiterei gedeckt, vorwaͤrts ſchritten und das jenſeitige Ufer erreich⸗ ten. Die oͤſterrelchiſche Reiterei griff dieſelben zwar zu wiederholtenmalen an, allein zu ſpaͤt— ſie be⸗ haupteten ihre Stellung. Ein Verſuch des Etzher⸗ 106 zogs, ſie in der Flanke zu nehmen, ward durch das zweite Treffen und die Reiterei von der Reſerve vereitelt. Der Prinz mußte ſich zuruͤckziehen und dem Feinde Kanonen und Gefangene uͤberlaſſen. Dies war das erſte ungluͤckliche Zuſammentreffen des Erzherzogs Karl mit ſeinem kuͤnftigen Neffen. Dem Erzherzog wiederfuhr noch ein anderes Ungluͤck: Maſſena war auf den erſten Kanonenſchuß am Tagliamento, etwas oberhalb der oͤſterreichiſchen Stellung, uͤber dieſen Fluß gegangen, hatte alle Truppen, die ihm in den Weg kamen, aufgerieben, die Paͤſſe der juliſchen Alpen, an der Quelle des Fluſſes, beſetzt, und ſich demnach auf der kuͤrzeſten Verbindungslinie zwiſchen Wien und dem rechten oͤſterreichiſchen Fluͤgel aufgeſtellt. Der Erzherzog ſah ein, daß er ihn hier nicht ſtehen laſſen duͤrfe und daß Gefahr auf dem Verzug hafte, er nahm daher ein ſchoͤnes Grenadierkorps, das ſo eben vom Rhein her in Klagenfurth eingetroffen war, mit noch an⸗ dern Truppen, um Maſſena mit der groͤßten Wuth anzugreifen, wobei er ſein Leben wie ein gemeiner Soldat wagte und einigemal beinahe in Gefangen⸗ ſchaft gerathen waͤre. Allein vergebens, es half Alles nichts!— Er griff nacheinander zu wiederhol⸗ tenmalen an; er fuͤhrte ſelbſt ſeine letzte Reſerve ins Gefecht, konnte aber dem Schickſal des Tages keine andere Wendung geben. 2 Der Erzherzog hoffte, in dem Gebirgslande, 107 durch das er ſich zuruͤckzog, einige natuͤrliche oder kuͤnſtliche Stuͤtzpunkte zu finden, obgleich er ſeinen Gegner, wenn dieſer einmal die Grenzbezirke zu⸗ ruͤckgelegt hatte, den Weg in die fruchtbarſten Pro⸗ vinzen des von ſeinem Bruder beherrſchten Kaiſer⸗ ſtaats nicht mehr verſperren konnte. Zwar ſchien der Liſonzo, ein ſonſt tiefer und reißender, von un⸗. zugaͤnglichen Bergen eingefaßter Strom, ſeinen kuͤh⸗ nen Verfolgern ein unbeſiegliches Hinderniß in den Weg legen zu muͤſſen. Allein ſowohl die Natur als die Zufaͤlle ſtritten gegen die Oeſterreicher. Der Strom, durch den Froſt ſeichter geworden, hatte mehrere Furthen, die von den Franzoſen benutzt wurden. Die Stadt Gradisca, zur Verſtaͤrkung der Stellung am Liſonzo durch Feldſchanzen gedeckt, ward uͤberfallen und von den Diviſionen Bernadotte und Serrurier im Sturme genommen, die Beſatzung von 2500 Mann mußte ſich ergeben. Von allen Seiten gedraͤngt, erlitten die Oe⸗ ſterreicher mit jedem Tage neue und immer empfind⸗ lichere Verluſte. Die feſte Burg von Chiuſa⸗Ve⸗ neta ward von Maſſena genommen, der ſeine Ope⸗ rationen gegen den rechten Fluͤgel der zuruͤckweichen⸗ den Armee ohne Unterlaß und unermuͤdlich fortſetzte. Der Fall von Chiuſa⸗Veneta war die Veranlaſſung, daß eine ganze oͤſterreichtſche Diviſion eingeſchloſſen, zerſtreut und gefangen genommen wurde; 5000 Mann ergaben ſich; ihr Gepaͤcke, ihr Geſchuͤtz, ihre Fah⸗ 108 nen, ſammt allem, was ſie zu einer organiſirten Diviſion machte, ward eine Beute des Siegers. Un⸗ ter den Gefangenen befanden ſich vier Generale; viele Bergbewohner aus Krain und Kroatien, die ſich aus reiner Kriegsluſt an die oͤſterreichiſche Armee angeſchloſſen hatten, wurden mißmuthig, als ſie fahen, daß das Gluͤck von den Kaiſerlichen gewichen ſey; ſie loͤsten ſich auf, um einzeln in ihre Doͤrfer zuruͤckzukehren. Um von ihrer Muthloſigkeit Vortheil zu ziehen, bediente ſich Buonaparte des Mittels der Prokla⸗ mationen, einer Art von Waffe, von der er eben ſo viel erwartete, als von ſeinem militaͤriſchen Rufe. Er verſicherte ſie, daß die Franzoſen nicht in ihr Land gekommen ſeyen, um ihre Rechte zu ſchmaͤ⸗ lern, oder ihre Religion und Gewohnheiten anzu⸗ taſten; er ermahnte ſie; ſich nicht in einen Krieg zu miſchen, der ſie nicht betreffe, forderte ſie aber zugleich auf, ihm Vorſchub zu leiſten, und die fran⸗ zoͤſiſche Armer zu verpflegen, wofuͤr ſie aus der Steuerkaſſe ihres Landes bezahlt werden ſollten. Dieſe Vorſchlaͤge ſcheinen die Kaͤrnthner mit der Gegenwart der Franzoſen ausgeſoͤhnt zu haben, d. h. ſie fuͤgten ſich in die Erpreſſungen, denen ſie ſich mit Gewalt nicht entziehen konnten. Zu gleicher Zeit nahmen die Franzoſen Beſitz von Trieſt und Fiu⸗ me, den einzigen Seehaͤfen, die den Oeſterreichern gehoͤren, und griffen daſelbſt viele engliſche Waaren 1⁰9 auf, die ihnen ſtets eine willkommene Beute waren, auch bemaͤchtigten ſie ſich der Queckſilberbergwerke von Idria, wo ſie reichen Vorrath dieſes Minerals vorfanden. Napoleon ließ die Feſtungswerke von Klagen⸗ furth wieder herſtellen und machte dieſe Stadt zu ei⸗ nem trefflichen Waffenplatz, und zu ſeinem Haupt⸗ quartier. In einem Zeitraum von kaum zwanzig Ta⸗ gen hatte er die Oeſterreicher in zehn Gefechten ge⸗ ſchlagen, in welchen der Erzherzog wenigſtens den vierten Theil ſeiner Armee einbuͤßte. Die Franzo⸗ ſen hatten die ſuͤdliche Kette der juliſchen Alpen uͤber⸗ ſtiegen; die noͤrdliche konnte, wie es ſchien, den un⸗ widerſtehlichen General wohl nicht aufhalten. Der Erzherzog, der Stolz und die Hoffnung der oͤſterrei⸗ chiſchen Armeen, hatte ſich hinter die Muhr zuruͤck⸗ gezogen und war, wie es ſchien, außer Stand, Wien zu decken. 3 Doch fanden auch andere, den Franzoſen weniger guͤnſtige Ereigniſſe Statt, die wir hier nicht uͤber⸗ gehen duͤrfen. Bei Eroͤffnung des Feldzugs ſtand General Joubert mit ſeiner Diviſion in Tyrol, jen⸗ ſeits Trient, an der Leviſa, in derſelben Stellung, die im vorigen Winter verloren und wieder genom⸗ men worden war. Er hatte die oͤſterreichiſchen Ge⸗ nerale Kerpen und Laudon gegen ſich, die ihre aus einigen Linienregimentern beſtehenden Streitkraͤfte durch ein ſtarkes Aufgebot der Tyroler⸗Landwehr, die 110 in ihren Gebirgen wenigſtens eben ſo furchtbar, als das regelmaͤßige Militaͤr, verſtaͤrkt hatten. Beide Theile hatten ſich im Anfange blos gegenſeitig beob⸗ achtet, allein die am Tagliamento gewonnene Schlacht war fuͤr Joubert das Zeichen zum Angriffe. Er war angewieſen, im Tyrol bis nach Brixen vorzudringen, woſelbſt Napoleon Nachricht von dem Vorruͤcken der franzoͤſiſchen Rheinarmeen, die ihn in ſeinen Opera⸗ tionen gegen Wien unterſtuͤtzen ſollten, zu erhalten hoffte. Allein das Direktorium, das vielleicht Beden⸗ ken trug, beinahe die ganze Kriegsmacht der Repu⸗ blik einem einzigen General anzuvertrauen, der ſo gluͤcklich und ehrgeizig war, wie Buonaparte, hatte in dieſem Stuͤck ſeine Zuſage nicht erfuͤllt. Die Ar⸗ mee von Moreau war noch nicht uͤber den Rhein ge⸗ gangen. Joubert, auf dieſe Weiſe in ſeiner Erwartung getaͤuſcht, ſah ſich nun in einer mißlichen Lage. Die ganze Gegend umher war im Aufſtande, und eine ruͤckwaͤrtige Bewegung auf derſelben Linie, auf der er vorgeruͤckt war, wuͤrde ihm großen Nachtheil ge⸗ bracht, wo nicht ſeine voͤllige Aufloͤſung herbeigefuͤhrt haben. Er entſchloß ſich daher, dem Feinde auszu⸗ weichen, und, an der Drau hinabziehend, eine Ver⸗ einigung mit ſeinem Obergeneral zu bewirken. Auf dieſem beſchwerlichen Marſche ſuchte er ſich gegen den nachſetzenden Feind dadurch zu decken, daß er die Brucken hinter ſich abbrach. Nur mit Muͤhe und 111 nicht ohne Verluſt gelang es ihm indeſſen, ſeine Vereinigung auszufuͤhren, und ſein Ruͤckzug aus dem Tyrol ermuthigte nicht nur die kriegeriſchen Tyro⸗ ler, ſondern auch alle Anhaͤnger Oeſterreichs im noͤrd⸗ lichen Italien. General Laudon brach mit einer an⸗ ſehnlichen Macht aus dem Tyrol hervor, und zwang das ſchwache franzoͤſiſche Korps unter Balland, ſich in die Feſtungen zu werfen, ſo daß die Oeſterreicher jetzt wieder in einem Theile der Lombardei geboten. Sie nahmen auch wieder Beſitz von Trieſt und Fiu⸗ me, wo Napoleon nur wenig Truppen gelaſſen hatte; der Ruͤcken der franzoͤſiſchen Armeekſchien hiedurch gefaͤhrdet zu werden. In dieſer Kriſis, die fuͤr ihre Republik ſo ver⸗ derblich wurde, wenn anders der Untergang derſel⸗ ben nicht ſchon laͤngſt beſchloſſen war, vernahmen die Venetianer mit Wonne die uͤbertriebenen Geruͤchte, daß die Franzoſen aus dem Tyrol vertrieben worden ſeyen und daß die Oeſterreicher im Begriffe ſtuͤnden, an der Etſch hinabzuruͤcken, um ihre italieniſchen Pro⸗ vinzen wieder in Beſitz zu nehmen. Die Mitglieder des Senats waren uͤberzeugt, daß weder ihre Regie⸗ rung, noch ſie ſelbſt dem franzoͤſiſchen Obergeneral angenehm ſeyen, und daß ſie ihn durch die Ableh⸗ nung des angetragenen Buͤndniſſes und durch die Verweigerung der von ihm verlangten Truppen un⸗ verſoͤhnlich beleidigt haͤtten. Er war von ihnen ge⸗ ſchieden, unter Drohungen, deren. Bedeutung keinem 112 Zweifel unterlag. Sie glaubten, daß ſeine Rache, wenn auch aufgeſchoben, darum noch keineswegs auf⸗ gegeben ſey; ſie meinten, daß jetzt, wo er, nach ih⸗ rer Vorausſetzung, im Herzen von Deutſchland von dem Landſturme aus dem kriegeriſchen Ungarn und Kroatien umgeben war, ihr eigenes Gewicht in die Wagſchale gelegt, den vortheilhafteſten Ausſchlag geben muͤſſe. Daß ſie bei dieſer Gelegenheit auch ihre aufruͤhreriſchen Unterthanen in Bergamo und Brescia zuͤchtigen koͤnnten, kam nebenbei auch in Be⸗ tracht. 3 In ihrer Art, den Krieg zu fuͤhren, war jenes rachſuͤchtige Weſen, deſſen man ihre Landsleute von jeher beſchuldigt hat, nicht zu verkennen. In allen Bezirken, die Venedig noch auf dem Feſtlande be⸗ ſaß, wurde insgeheim ein Aufſtand eingeleitet, der, wie die beruͤchtigte ſicillaniſche Vesper, mit Blut⸗ vergießen und Metzeleyen ausbrach. In Verona wur⸗ den mehr als hundert Franzoſen, von denen die mei⸗ ſten als krank im Spital lagen, niedergemacht,— eine abſcheuliche Grauſamkeit, die dem ganzen Un⸗ ternehmen den Fluch zuziehen mußte. Fioravanta, ein venetianiſcher General, berennte mit einem Korps Slavonier die Forts von Verona, in die ſich die noch uͤbrigen Franzoſen geworfen hatten, und wo ſie ſich vertheidigten. Da jetzt auch Laudon mit ſeinen Oeſterreichern und Tyrolern erſchien, ſo gewann es das — 113 das Anſehen, als ſey das Gluͤck von Napoleon pii⸗ lich gewichen. Aber das Erwachen aus dieſem lieblichen Trau⸗ me war eben ſo ploͤtzlich als ſchrecklich. Es erſcholl die Kunde, daß die Friedenspraͤliminarien zwiſchen Frankreich und Oeſterreich zu Stande gekommen und zwiſchen beiden Maͤchten ein Waffenſtillſtand geſchloſ⸗ ſen worden ſey. Laudon zog ſich daher mit ſeinen Truppen, auf deren Beiſtand die Venetianer ſo ſehr gerechnet hatten, von Verona zuruͤck. Die Lombarden ſchickten den Franzoſen Huͤlfe, die Sclavonier, unter Fioravante, nachdem ſie ſich wacker geſchlagen, muß⸗ ten ſich ergeben, und die aufruͤhreriſchen Staͤdte Vicenza, Treviſo und Padua wurden wieder von den Republikanern beſetzt. Das Geruͤcht verkuͤndete die ſchreckliche Zuruͤckkunft Napoleons und ſeiner Armee; der uͤbel berathene Senat von Venedig gerieth in die groͤßte Beſtuͤrzung und hatte kaum noch ſo viel Beſinnungskraft, um zwiſchen unbedingter Unter⸗ werfung und hoffnungsloſem Widerſtande zu waͤhlen. Es war einer der groͤßten politiſchen Kunſtgriffe Napoleons, dem Feinde, wenn er einen den ganzen Feldzug entſcheidenden Vortheil uͤber ihn erhalten hatte, ſofort den Frieden anzubieten und zwar unter billigeren Bedingungen, als dieſer erwarten mochte. Dadurch verſicherte er ſich die naͤchſten und unſtreit⸗ baren, durch den Frieden anerkannten Vortheile ſei⸗ W Seott's Werke. XXXVIII. 8 114 nes Sieges, und aller der Mittel, die ihm gelegen⸗ heitlich zu weiteren Vortheilen verhelfen konnten. Zudem ewarb er ſich dadurch den Ruhm der Groß⸗ muth und vermied in dem vorliegenden Falle die Gefahr, eine Macht, wie Oeſterreich, aufs Aeußerſte zu treiben und zu einem Schritte der Verzweiflung zu bringen. In dieſer Abſicht und indem er zum erſten Mal das gewoͤhnliche Hofceremoniel und die politiſche Eti⸗ quette, auf die er ſpaͤterhin ſo fehr den Accent legte, vernachlaͤfſigte, ſchrieb er in Beziehung auf den Frie⸗ den einen eigenhaͤndigen Brief an den Erzherzog Karl. Dieſer Brief iſt in jenem abgebrochenen lakoni⸗ ſchen Style geſchrieben, der an die Stelle der Gruͤnde allgemeine und abgedroſchene philofophiſche Maximen ſetzt und die uͤblichen ausgearbeiteten Phraſen ver⸗ ſchmaͤht, mit denen gewoͤhnlich Politiker ihre Frie⸗ densvorſchlaͤge einzuleiten pflegen.„Der rechte Krie⸗ ger,“ ſagt er,„muß zwar den Krieg fuͤhren, aber „zuglelch auch den Frieden wuͤnſchen. Der gegen⸗ „waͤrtige Kampf hat bereits ſechs Jahre gedauert. „Haben wir nicht Menſchen genug geopfert, der „Menſchheit nicht genug des Leides zugefügt? Man „will uͤberall den Frieden. Europa hat weit umher „die Waffen niedergelegt; Ihre Nation allein ſetzt „die Feindfeligkeiten fort, und das Blut fließt haͤn⸗ „figer als je. Dieſer ſechste Feldzug hat unter be⸗ 115 „deutungsvollen Umſtaͤnden begonnen.— Er mag „enden, wie man will, ſo werden einige tauſend „Menſchen mehr auf beiden Seiten umkommen, „und am Ende wird man ſich doch verſtehen muͤf⸗ „ſen; denn Alles nimmt ein Ende, ſelbſt die ge⸗ „haͤſſigen Leidenſchaften der Menſchen. Das Direk⸗ „torium hat dem Kaiſer ſeinen Wunſch zu erkennen „gegeben, dem Kriege, welcher beide Laͤnder ver⸗“ „heert, ein Ziel zu ſetzen; allein der Hof von Lon⸗ „don iſt dagegen. Gibt es denn kein Mittel uns „zu verſtaͤndigen, und ſollen wir fortfahren, einau⸗ „der die Haͤlſe zu brechen, einzig wegen der In⸗ „tereſſen und der Leidenſchaften einer Nation, die „won dem Ungluͤcke, das den Krieg begleitet, ſelbſt „nichts weiß?— Sie, der Obergeneral, der durch „ſeine Geburt dem Throne ſo nahe ſteht und uͤber nalle die kleinlichen Leidenſchaften der Miniſter und „Mitglieder der Regierung erhaben iſt,— moͤch⸗ „ten Sie nicht der Wohlthaͤter des Menſchenge⸗ „ſchlechts und der wahre Retter Deutſchlands wer⸗ „den? Ich bitte Sie, zu glauben, daß ich damit „nicht ſagen will, es ſey Ihnen unmoͤglich, mit „Waffengewalt fortan etwas auszurichten; geſetzt „aber auch, das Gluͤck beguͤnſtige Sie von Neuem, „ſo wird Deutſchland darum nicht minder verheert „werden.— General! was mein eigenes Gefuͤhl „betrifft, ſo wuͤrde ich, wenn es mir gelaͤnge, durch 8.. 116 „dieſen Vorſchlag das Leben auch nur eines einzi⸗ „gen Meuſchen zu retten, die mir dafuͤr gebuͤh⸗ „rende Buͤrgerkrone dem traurigen Kriegsruhme „vorziehen, der die Frucht des Sieges iſt!“ Der ganze Ton dieſes Briefes iſt hoͤchſt ſinn⸗ reich darauf berechnet, dem Vorſchlage den Karakter von Maͤſſigung zu geben, und zugleich den Aus⸗ druck der Zudringlichkeit zu vermeiden. Nach Ablauf von zwei Tagen erfolgte die Antwort des Erzher⸗ zogs, worin der Vorſchlag Napoleons ſeiner Ver⸗ goldung beraubt und wie ein gewoͤhulicher Friedens⸗ antrag einer Parthei, die dadurch ihr Intereſſe be⸗ foͤrdern will, behandelt wird. Dieſe Antwort lau⸗ tet, wie folgt:„Auch ich, mein Herr! wuͤnſche „wenn ich auf das Gebot der Pflicht und der Ehre „den Krieg fuͤhre, den Frieden nicht weniger als „Sie, zum Gluͤck des Volks und der Menſchheit. „Da ich mich aber in meiner Stellung nicht fuͤr „befugt halte, die Streitfrage zwiſchen den krieg⸗ „fuͤhrenden Maͤchten zu eroͤrtern und zu beſtimmen, „auch von dem Kaiſer durchaus nicht zu Unterhand⸗ „lungen bevollmaͤchtigt bin, ſo werden Sie mich nentſchuldigen, wenn ich nicht mit Ihnen auf Un⸗ „terhandlungen uͤber elnen Gegenſtand eingehe, n„der zwar hoͤchſt wichtig iſt, aber außer meinem Be⸗ „reich liegt.— Mag ſich aber ereignen, was da „will, in Hinſicht der Wechſelfaͤlle des Krleges, „oder der Ausſicht auf Frieden, ſo bitte ich Sie ——— 117 nauf jeden Fall, ſich meiner ausgezeichneten Achtung „werſichert zu halten.“ Der Erzherzog haͤtte gerne einigen Nutzen aus dieſem Vorſchlage gezogen, naͤmlich einen Waffen⸗ ſtillſtand von nur fuͤnf Stunden, in denen er ſeine Vereinigung mit dem Korps von Kerpen, das aus dem Tyrol zum Beiſtande ſeines Obergenerals ge⸗ kommen und nur noch wenig entfernt war, haͤkte bewerkſtelligen koͤnnen. Allein Buonaparte huͤtete ſich, durch irgend ein ſolches unzeitiges Zugeſtaͤndniß ſich die Haͤnde binden zu laſſen; es gelang ihm nach ei⸗ nem hitzigen Gefechte, das wie gewoͤhnlich zum Vor⸗ theil der Franzoſen ausfiel, jene Vereinigung zu hintertreiben. Bei Neumark und Unzmark fanden noch zwei Gefechte Statt, worin die oͤſterreichiſche Armee aber⸗ mals ſo litt, daß ſie ihren Ruͤckzug fortſetzen mußte. Und jetzt draug der franzoͤſiſche General auf der Hauptſtraße von Wien in Gebirgspaͤſſen und Eng⸗ niſſen vor, die er unter andern Umſtaͤnden haͤtte umgehen muͤſſen. Allein dieſe natuͤrlichen Hinder⸗ niſſe wurden nicht laͤnger zur Vertheidigung benutzt; Judenburg, die Hauptſtadt von Oberſteitermark, ward den Franzoſen ohne Schwertſtreich uͤberlaſſen, und bald darauf zog Napoleon ohne groͤßern Widerſtand zu finden, in Gratz, der Hauptſtadt von Unterſteier⸗ mark, ein. 3 Der Erzherzog gab fortan ſeine alte Kriegs⸗ 118 weiſe auf; er ging nicht mehr unter ſteten Gefech⸗ ten Schritt fuͤr Schritt zuruͤck, ſondern beſchleunigte ſeinen Marſch nach Wien, entſchloſſen, die letzten Streitkraͤfte, die der weitlaͤufige Kaiſerſtaat auf⸗ bringen konnte, dort zu verſammeln, und wenn es ſeyn muͤßte, die Krone ſeines Bruders in einer letzten Schlacht unter den Waͤllen der Hauptſtadt zu verfechten. So gewagt dieſer Entſchluß auch ſcheinen mag, ſo war er doch des hochherzigen Prin⸗ zen, der ihn faßte, wuͤrdig und vielleicht noch durch andere Gruͤnde, als durch Kriegerſtolz und Fuͤrſten⸗ wuͤrde, empfohlen. Die Armee, mit welcher der kuͤhne franzoͤſiſche General von dem Gebirge herab in das Herz von Deutſchland einzudringen bereit war, hatte ſeit der Eroͤffnung des Feldzugs bedeutend gelitten, nicht nur durch das Schwert, ſondern auch durch die un⸗ guͤnſtige Witterung und durch die ungeheuren An⸗ ſtrengungen auf den anhaltenden Maͤrſchen, durch welche der Sieg geſichert wurde; auch hatten die franzoͤſiſchen Rheinarmeen noch keinen Schritt vor⸗ waͤrts gethan, wie es in deni Plane des Feldings feſtgeſetzt war. Auch konnte Buonaparte in dem Lande, das er jetzt mit geſchwaͤchten Kraͤften zu betreten im Be⸗ griffe war, nicht auf jenes moraliſche Element rech⸗ nen, das ihm ſo oft den Weg zum Siege gebahnt hatte. Die Oeſterreicher leben zwar unter einer 1¹9 despotiſchen Regierung, fuͤhlen ſich aber nicht durch dieſelbe gedruͤckt, und ſind dem Kaiſer herzlich er⸗ geben, der aus eigner Neigung traulich unter ſei⸗ nem Volke lebt, an den oͤffentlichen Vergnuͤgungen Theil nimmt und auf oͤffentlichen Spaziergaͤngen, wie ein Vater in der Mitte ſeiner Familie, er⸗ ſcheint. Der Adel war eben ſo bereitwillig, als in fruͤhern Zeiten, ſeine Vaſallen aufzubieten, und mit der Mannszucht iſt der deutſche Bauer einiger⸗ maßen ſchon vertraut, da ſie einen Theil ſeiner Er⸗ ziehung ausmacht. In Ungaru lebte noch das Ge⸗ ſchlecht jener hochherzigen Barone und Ritter, die auf dem großen Reichstage von 1740 ſich zumal er⸗ hoben und ihre Saͤbel ſchwangen unter dem be⸗ ruͤhmt gewordenen Ausruf:„Meoriamur pro rege „nostro, Maria Theresia!“ Im Tyrol, dem Va⸗ terlande der tapferſten Maͤnner, ſtand Alles unter den Waffen, und den Einwohnern war es wenig⸗ ſtens gelungen, die Diviſion Joubert aus ihren Ber⸗ gen zu vertreiben. Im Ruͤcken der franzoͤſiſchen Ar⸗ mee waren Trieſt und Fiume wieder genommen wor⸗ den. Von Italien geſchieden, hatte Buonaparte keine Verbindungslinie mehr, und keine andere Huͤlfs⸗ quelle, als ein Land, das hinter ihm und auf ſeinen Flanken ſich bald erheben mußte. Der Verluſt einer Schlacht, wo es keine Stuͤtze, keine Reſerve, keinen naͤhern Waffenplatz, als Klagenfurth, gab, war gleich bedeutend mit voͤlliger Vernichtung. Zu dieſem kam⸗ 1 20 noch die Nachricht, daß die Republik Venedig eine furchtbare, feindliche Stellung in Italien gewonnen hatte, durch welche, ſo wie durch den Ausbruch ei⸗ nes religioͤfen und politiſchen Fanatismus die fran⸗ zoͤſiſche Sache in dieſem Lande ſehr gefaͤhrdet wurde. Es waren der Anhaͤnger des alten Syſtems dort ſo viele, daß bei dem großen Einfluſſe der katholiſchen Geiſtlichkeit das ſchnelle Umſichgreifen einer Empoͤ⸗ rung ſehr moͤglich ſchien. In dieſem Fall war Ita⸗ lien nicht laͤnger ein Zufluchtsort fuͤr Buonaparte und ſeine Arme.— Der Erzherzog machte das Wie⸗ ner Kabinett auf alle dieſe Vortheile aufmerkfam und ermunterte daſſelbe, die letzte Entſcheidung des blutigen Wuͤrfels abzuwarten. Ein ſo kuͤhner Entſchluß ward jedoch nicht ge⸗ faßt. Die Hauptſtadt, die ſo lange keinen Feind ge⸗ ſehen hatte, gerieth in Schrecken und Verwirrung, als der unbeſiegte General ſich ihr nahte, und, wie vom Schickſal gefuͤhrt, nach der Vertilgung von fuͤnf der ſchoͤnſten oͤſterreichiſchen Armeen die Truͤmmer der ſechsten vor ſich her und ihren Waͤllen zutrieb, obgleich dieſe von dem Prinzen befehligt war, in wel⸗ chem man die Hoffnung und die Bluͤthe der vater⸗ laͤndiſchen Kriegsmacht verehrt hatte. Der Laͤrm war allgemein und zwar bei Hofe zuerſt, wo die beſte Habe und Schaͤtze eingepackt wurden, um nach Ungarn gefluͤchtet zu werden, wohin auch die katſerliche Fa⸗ milie ſich retten wollte. Es iſt bemerkenswerth, daß 121 unter den Fluͤchtlingen der kaiſerlichen Familie ſich auch die Erzherzogin Marie Louiſe befand, die als ein Kind von fuͤnf bis ſechs Jahren ſich vor eben dem boͤſen General ſehr gefuͤrchtet hahen mag, dem ſie ſpaͤter in einer aͤhnlichen Kriſe ihre Hand zu rei⸗ chen beſtimmt war. Die wohlhabenden Buͤrger riefen einmuͤthig nach Frieden. Der Feind war noch vierze hn bis fuͤnfzehn Tagmaͤrſche entfernt, auch hatte die Stadt, vielleicht zu ihrem Gluͤck, keine ſolchen Feſtungswerke, die ihr, zufolge der neuen Kriegsweiſe, auch nur einen ein⸗ taͤgigen Widerſtand erlaubt haͤtten. Auch im Kabi⸗ nett ſtimmte eine Parthei fuͤr den Frieden; mit Ei⸗ nem Worte, diejenigen, die Vieles zu verlieren hat⸗ ten und darum um ſo furchtſamer waren, erhielten die Oberhand uͤber diejenigen, die, es mochte kom⸗ men, wie es wollte, zu einem hartnaͤckigen und ent⸗ ſchloſſenen Widerſtande riethen. Es bedurfte noch mancher Lektion, um die Voͤlker, wie die Herrſcher zu uͤberzeugen, daß es beſſer iſt, Alles aufs Spiel zu ſetzen und ſogar Alles zu verlleren, als ſich in ei⸗ nen Zuſtand zu fuͤgen, worin man zu verſchiedenen Seiten und nach und nach, ſogar unter dem Vorwande der Freundſchaft und des Wohlwollens, ausgezogen wird. Der Aſt eines Baumes, der mit Gewalt zu⸗ ruͤckgebogen wird, erhaͤlt leicht ſeine natuͤrliche Lage wieder, iſt er aber ſo ſchwach, daß er dem Drucke 12²² zu leicht nachgiebt, ſo wird er ſeine Schnellkraft nie wieder gewinnen. Wie aber die Oeſterreichiſchen Angelegenheiten ſtanden, ſo iſt es ſchwer, zu entſcheiden, ob die Par⸗ tei, die den Frieden wuͤnſchte, um dem bedraͤngten Lande einige Erholung zu verſchaffen, oder ob die entgegengeſetzte Partet, die unter den oben angege⸗ benen Ausſichten auf der Fortſetzung des Krieges beſtand, die am wenigſten verderbliche Maßregel vor⸗ geſchlagen habe. Der Wiener⸗Hof waͤhlte den Weg eines Vertrags, und der von Leoben ward eingelei⸗ tet.— Die Generale Bellegarde und Merfeld fanden ſich am 13ten April 1797 im franzoͤſiſchen Hauptquar⸗ tier ein, um anzuzeigen, daß der Kaiſer, ihr Herr, den Frieden wuͤnſche. Buonaparte bewilligte einen Waffenſtillſtand, der zuerſt nur auf fuͤnf Tage gelten ſollte, in der Folge aber verlaͤngert wurde, als die Wahrſcheinlichkeit eines endlichen Friedensſchluſſes gegeben war. Man verſichert, daß bei allen Verhandlungen uͤber dieſen hochwichtigen Waffenſtillſtand Napoleon eine gewiſſe Unabhaͤngigkeit von der franzoͤſiſchen Re⸗ gierung behauptet habe, ohne Zweifel im Bewußt⸗ ſeyn, daß alle ſeine Siege ſein eigenes Werk ſeyen, daß er ſeine Armee aus den Huͤlfsquellen der ero⸗ berten Laͤnder verpflegt und bezahlt, von ſeiner Re⸗ gierung erſt ſpaͤt und nicht ohne Schwierigkeit Unter⸗ — ———— — 123 ſtuͤtzung erhalten, und ſich in den neuen italieniſchen Republiken ſelbſt neue Streitkraͤfte geſchaffen hatte. Er benahm ſich zu jener Zeit mit einer Freimuͤthig⸗ keit und mit einer Eigenmaͤchtigkeit, die dem volks⸗ thuͤmlichſten General unter der Herrſchaft von Dan⸗ ton und Robespierre ohne allen Zweifel den Kopf gekoſtet haben waͤrde. Allein, ooögleich nur allmaͤh⸗ lig, und in ſtetem Widerſtreit mit dem einſt ſo all⸗ maͤchtigen und noch immer ſehr bedeutenden demo⸗ kratiſchen Einfluß erworben, war die Macht Napole⸗ on's in der That ſehr groß, wie dann der Einfluß, den ein ſiegreicher Feldherr auf ſeine Soldaten aus⸗ uͤbt, fuͤr die Regierung uͤberall furchtbar wird, wo das Intereſſe des Krieges nicht auf das innigſte mit dem des Staatsbuͤrgers verknuͤpft iſt. Man muß aber nicht glauben, daß Napoleon oͤf⸗ fentlich jenen Geiſt der Unabhaͤngigkeit gezeigt habe, den das Direktorlum zu fuͤrchten ſchien, und der daſ⸗ ſelbe, wie er ſelbſt verſicherte, beſtimmt hat, die Ope⸗ rationen der Rheinarmeen ſo lange zu vertagen. Er verwahrte und behauptete im Gegentheile die Rechte der Republik auf die entſchiedenſte Weiſe. Zum Beweiſe mag Folgendes dienen: Die Oeſterreicher hatten, in Hoffnung einer guͤnſtigen Aufnahme, und als Zugeſtaͤndniß von Wichtigkeit, das Friedensin⸗ ſtrument mit der Erklaͤrung eingeleitet, daß Seine kaiſerliche Majeſtaͤt die franzoͤſiſche Republik in ih⸗ rem gegenwaͤrtigen Zuſtande anerkenne. 124. „Streichen Sie das!“ rief Buonaparte fogleich in ernſtem Tone;„die franzoͤſiſche. Republik iſt wie die Sonne am Himmel; nur die Blinden ſehen ſie nicht!“ In der That eine maͤnnllche Sprache! Wie ſonderbar iſt es aber, daß derſelbe Sprecher drei oder vier Jahre ſpaͤter auf eine dieſer Sonnen ein Loͤſch⸗ horn ſetzen konnte, ohne daß eine Sonnenfinſterniß erfolgt waͤre.*) Eben ſo bemerkenswerth iſt es, daß, waͤhrend Buonaparte, unter Fremden die hohe Wuͤrde der Re⸗ publik ſo kraͤftig behauptete, er die den hoͤchſten Be⸗ hoͤrden derſelben ſchuldige Achtung ſo ſehr hintan⸗ ſetzte. Die Friedenspraͤliminarten wurden am 18ten April zur Unterzeichnung vorgelegt; allein General Clarke, den das Direktorium hiezu bevollmaͤchtigt hatte, war noch in Turin zuruͤck. Er ward fuͤr den innigen Vertrauten der Direktorem gehalten und ſoll die Weiſung gehabt haben, die Schritte Buonapar⸗ te's zu bewachen, ja ſogar ihn in Haft zu nehmen, falls er Urſache zu haben glaubte, ſeine Treue gegen die Regierung in Zweifel zu ziehen. Demungeach⸗ tet trug Napoleon kein Bedenken, ſeine eigene Un⸗ terſchrift und Zuſage anzubieten, und dieſe wurden *) Buonaparte gibt zuerſt an, daß dieſer umſtand zu Leoben, und ſpäterhin, daß er zu Campo Formio ſtatt gefunden habe. Es iſt gleichviel, wenn nur die Worte wirklich geſprochen worden find. 4 — 125 von den oͤſterreichiſchen Bevollmaͤchtigten ohne wei⸗ ters angenommen. Es war wohl ein bedenkliches Vorzeichen des Verfalls der Direktorlalmacht, daß ein General, ohne Mitwirkung der Regierungs⸗Ve⸗ vollmaͤchtigten oder der Prokonſuln, wie man ſie nannte, einen ſo hochwichtigen Vertrag durch ſeine Unterſchrift beſtaͤtigen konnte. Es wurde, wie es ſcheint, gar nicht in Zweifel gezogen, daß er dem, was er zugeſagt, Kraft zu geben wiſſe, und die Rolle, die er ſpielte, iſt um ſo merkwuͤrdiger, wenn man den hohen Auftrag des Generals Clarke in Erwaͤ⸗ gung züieht. Die Artikel des Vertrags von Leoben blieben lange gehelm, wahrſcheinlich weil die hohen kontrahi⸗ renden Theile nicht haben wollten, daß zwiſchen den urſpruͤnglichen Praͤliminarartikeln und den gewaltigen Veraͤnderungen, die damit zu Campo⸗Formio vorge⸗ nommen wurden, eine Vergleichung angeſtellt wurde. Dieſe beiden Vertraͤge wichen von einander in Be⸗ ziehung auf das Maaß und die Weiſe ab, wie eine Theilung des Gebiets von Venedig, der cisalpiniſchen Republik und anderer kleiner Staaten, zum gegen⸗ ſeitigen Vortheile Oeſterreichs und Frankreichs Statt finden ſollte. Es erhellet daraus die traurige, aber wichtige Wahrheit, daß die Sicherheit der Staaten zweiten Nanges in keinem Augenblike mehr gefaͤhr⸗ det ſey, als wenn maͤchtigere Staaten in ihrer Nach⸗ barſchaft im Begriffe ſind, Frieden zu ſchließen. Es —— 126 iſt ſo leicht, den Streit zwiſchen den Staaten auf Koſten der Schwaͤcheren, die nirgends klagen, auch ſich ſelbſt nicht Recht ſchaffen koͤnnen, auszugleichen, daß in dem eiſernen Zeitalter, in welchem wir leben, die Ungerechtigkeit einer ſolchen Maßregel bei dem Vortheil, den ſie verſchafft, gar nicht in Betracht kommt, wie ſehr ſich auch das Voͤlkerrecht dagegen erklaͤren mag. Es thut nicht noth, die Praͤliminarien von Leo⸗ ben hier ausfuͤhrlich abzuhandeln, wir wollen dieß verſchieben, bis wir auf den Vertrag von Campo For⸗ mio kommen, in welchem dieſelben modiſicirt und berichtiget worden ſind. Wir koͤnnen aber nicht um⸗ hin, zu bemerken, daß Buonaparte von dem Direktorium und andern Staatsmaͤnnern ſcharf getadelt wurde, daß er auf ſeiner Eroberungsbahn ſtille geſtanden ſey, und dem Hauſe Oeſterreich Bedingungen bewilliget habe, nach welchen es noch immer eine fuͤr Frankreich furcht⸗ bare Macht blieb; dieſe Tadler meinten, mit einem Siege mehr wuͤrde er den allzeit fertigen und maͤch⸗ tigſten Feind der franzoͤſiſchen Republik aus der Liſte der europaͤiſchen Maͤchte geſtrichen, oder ihn wenig⸗ ſtens doch auf ſeine deutſchen Erblande beſchraͤnkt ha⸗ ben. Auf dergleichen Ruͤgen erwiederte Buonaparte in einer von Leoben aus an das Direktorium gerich⸗ teten Depeſche:„Haͤtte ich bei der erſen Eroͤffnung „der italienifchen Feldzuͤge Turin zu meinem Opera⸗ „tionsobjekt gemacht, ſo wuͤrde ich nie uͤber den Po — 127 „gekommen feyn;— waͤre ich zu fruͤh nach Rom ge⸗ „gangen, ſo wuͤrde ich Malland nicht behauptet ha⸗ „ben;— haͤtte ich es mir endlich in den Kopf geſetzt, „nach Wien zu gehen, ſo wuͤrde ich die Republik zu „Grunde gerichtet haben.“ So geſchickt wußte er das Syſtem zu vertheidi⸗ gen, nach welchem er durch freiwillige Verzichtung auf einen wahrſcheinlich noch erreichbaren Punkt von dem eingeſchuͤchterten Feinde Vortheile erhielt, die ihm der aufs Aeußerſte Gebrachte und darum Verzwei⸗ felnde verſagt haben wuͤrde. Das merkwuͤrdigſte iſt, daß die Kataſtrophe Napoleons nur ein Corollar die⸗ ſer von ihm aufgeſtellten Lehre iſt; denn waͤre er nicht darauf beſtanden, bis nach Moskau vorzudrin⸗ gen, ſo iſt gar nicht abzuſehen, warum er ſich auf dem franzoͤſiſchen Throne nicht haͤtte behaupten ſollen. Die Bedingungen des Vertrags von Leoben, ſo weit ſolche den Vertretern der franzoͤſiſchen Nation von dem Direktorium bekannt gemacht wurden, betrafen die Abtretung der belgiſchen Provinzen, und einer Grenzlinie am Rhein zu Gunſten Frankreichs, ferner die oͤtterreichiſche Anerkennung einer einzigen aus den bisherigen proviſoriſchen Republiken zu bil⸗ denden italieniſchen Republik. Bald darauf verlau⸗ tete aber, daß Mantua, der Zankapfel ſo vieler blu⸗ tigen Kaͤmpfe, und, wie es ſich aus der Geſchichte dieſer moͤrderiſchen Feldzuͤge ergeben hatte, das wahre Bollwerk von Italien, wieder an Oeſterreich, dem es 128 geben werden ſoll. Dies war hoͤchſt unpopulaͤr; und beim Abſchluſſe des Friedens an die Stelle von Man⸗ tua ein Object zu ſetzen, das er nicht haͤtte anbieten und Oeſterreich nicht haͤtte annehmen ſollen. blik hatte ſich gegen die Franzoſen in ihrer Abweſen⸗ heit erhoben; ihr rachſuͤchtiges Volk hatte viele der⸗ ſelben niedergemacht. Die franzoͤſiſchen Soldaten waren daruͤber aufs Aeußerſte ergrimmt, und die Ve⸗ netianer konnten die Milde ihres Generals nicht in Anſpruch nehmen. Der Vertrag von Lroben entzog dem Senat dieſes alterthuͤmlichen Staates jede Stuͤtze; zwar hatte ſich Oeſterreich, wie man nachher erfuhr, eine Zeit lang fuͤr denſelben verwendet, zuletzt aber einen Theil der Beute fuͤr ſich bedungen, der ihm in einem geheimen Artikel auch zugeſagt worden. ——— mit ſo vieler Muͤhe entriſſen worden war, zuruͤckge⸗ es wird ſich zeigen, daß Buonaparte klug genug war, Und jetzt ſollte Venedig zittern. Dieſe Repu⸗ ſſſiſſnn nſnſſeminniji 10 11 12 13 14 ſiſſſiſſſſiſſſſim minniin 15 16 17