Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —☛ Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 4. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wrk.— Pf. 1 Wrr. 50 Pf. 2 wer.— Pf. 3„„„ 3„ 6 7 3 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zuruückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines großeren Werkés, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ A —— Walter Scott“s ſaͤmmtliche W e r k e. —— Neu uͤberſetzt. Ein und dreißigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Seiebenter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 8 2 7. L eben von Napoleon Buonagparte, Kaiſers von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion. Von Walter Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Siebenrer Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1832 7ö Leben von Napoleon Buonaparte. Fortſetzung des im lezten Baͤndchen ab⸗ gebrochenen Kapitels. ———— An dieſem ereignißvollen Tage kam Robespierre in den Konvent, und ſah den Berg in dichter Schlachtordnung und vollſtaͤndig beſezt, waͤhrend, wie bei Catilina, die Bank, auf welche er ſelbſt ſich ge⸗ woͤhnlich ſezte, abſichtlich leergelaſſen ſchien, Saint Juſt, Couthon, Le Bas, ſein Schwager und der juͤn⸗ gere Robespierre waren die einzigen Deputirten von Nuf, welche zu ſeiner Unterſtuͤtzung bereit ſtanden. Sollte er aber mit Erfolg fechten, ſo mußte ihm Huͤlfe werden von dem knechtiſchen Barrere, einer Art von Belial in dem Konvent, dem niedertraͤch⸗ tigſten, wenn ſchon nicht unfaͤhigſten unter dieſen gefallenen Geiſtern, der mit großer Gewandtheit W. Scott's Werke. XXXI. 1 3 . 6 und Scharfſinn, ſo wie mit Witz und Beredtſamkeit die Gelegenheiten ergriff, wie ſie ſich darboten, und ausnehmend geſchickt war, ſtets ſtark auf der ſtaͤrk⸗ ſten, und ſicher auf der ſicherſten Seite zu ſeyn. In ſo gefaͤhrlichen Zeiten war eine ziemlich zahlreiche Parthei bereit, ſich an Barrere anzuſchließen, als an einen Fuͤhrer, der ſie zur Sicherheit, wenn auch nicht zur Ehre, zu leiten verſprach; und das Daſeyn dieſer ſchwankenden und unbeſtimmten Menge, deren lezte Bewegungen man nie berechnen konnte, machte es unmoͤglich, den Ausgang irgend einer Debatte im Konvent waͤhrend dieſer gefaͤhrlichen Periode mit Sicherheit vorauszuſagen. Saint Juſt erhob ſich im Namen des Wohl⸗ fahrtsausſchuſſes, um auf ſeine eigene, nicht in deſſen Weiſe, Bericht uͤber Robespierre's Rede am vorigen Abend abzuſtatten. Er hatte eine Rede im Tone ſeines Schutzherrn begonnen, und erklaͤrt, daß, wenn die Tribune, auf der er ſtehe, ſelbſt der tar⸗ peiſche Felſen ſeyn ſollte, er darum doch nicht we⸗ niger ſeiner patriotiſchen Pflicht genuͤgen wuͤrde.— „Ich bin im Begriff,“ ſagte er,„den Schleier zu luͤften.“—„Ich reiße ihn entzwei,“ rief Tallien, ihn unterbrechend.„Das oͤffentliche Wohl wird auf⸗ geopfert durch einzelne Menſchen, welche hieher ge⸗ kommen ſind, um ausſchließlich in ihrem eigenen Namen zu ſprechen, und ſich zu benehmen, als ſeyen ſie die Herren des ganzen Konvents.“ Er 7 zwang Saint Juſt von der Tribune herabzuſteigen, und eine heftige Debatte erſolgte. Billaud Varennes zog die Aufmerkſamkeit der Verſammlung auf die Sitzung des Jakobinerklubbs am vorigen Abend. Er erklaͤrte, die bewaffnete Macht von Paris ſtehe unter Heuriot, einem Ver⸗ raͤther und Vaterlandsmoͤrder, der bereit ſey ſeine Truppen gegen den Konvent zu ſuͤhren. Er klagte KRobespierre'n ſelbſt als einen zweiten, ebenſo ſchlauen, als ehrgeizigen Catilina an, deſſen Syſtem es ge⸗ weſen ſey, im Konvent Eiferſucht zu naͤhren, und Zwietracht zu entflammen, Partheien und einzelne Menſchen miteinander zu verunreinigen, ſie einzeln anzugreifen, und ſo die getrennten Gegner zu ver⸗ nichten, deren vereinter Kraft er nicht zu wider⸗ ſtehen gewagt haben wuͤrde. Der Konvent wiederhallte vom Beifall bei jedem heftigen Ausdruck des Redners, und als Robespierre ſich auf die Tribune ſchwang, wurde ſeine Stimme durch das allgemeine Geſchrei uͤberwaͤltigt:„Nieder mit dem Tyrannen.“ Tallien trug auf die Anklage Robespierre's, auf die Verhaftung Henriots, ſeiner Stabsoffiziere und einiger Andern an, welche bei der entworfenen Gewaltthat gegen den Konvent be⸗ theiligt waren. Er habe es unternommen, den An⸗ griff gegen den Tyrannen zu leiſten, und ihn im Konvent ſelbſt niederzuſtoßen, wenn die Mitglieder nicht Muth genug zeigen ſollten, gegen ihn das 8 Geſetz in Ausfuͤhrung zu bringen. Mit dieſen Wor⸗ ten ſchwang er einen entbloͤßten Dolch, als wolle er ſeine Worte durch die That beſtaͤtigen. Robespierre kaͤmpfte fort, um ſich Gehoͤr zu verſchaffen, aber die Tribune wurde Barrere zuerkannt; und daß dieſer ſchlangenglatte und ſelbſtſuͤchtige Staatsmann gegen den gefallenen Diktator auftrat, war das ſicherſte Zeichen, daß ſein Sturz unwiderruflich ſey. Ein Strom von Verwuͤnſchungen wurde jezt von allen Seiten des Saals gegen den losgelaſſen, der ſonſt mit einem einzigen Wort jede Zunge laͤhmte. Der Auftritt war ſchrecklich, jedoch nicht ohne Intereſſe fuͤr diejenigen, die darin eine auſſerordent⸗ liche Kriſts, wo alle menſchliche Leidenſchaften in Widerſtreit gerathen, ſehen moͤchten. Waͤhrend die Gewoͤlbe des Saals von den Ausrufungen derer wie⸗ derhallten, die bisher die Mitſchuldigen, die Schmeich⸗ ler, die Anhaͤnger, oder wenigſtens die furchtſamen und eingeſchuͤchterten Jaherrn des entthronten De⸗ magogen geweſen waren,— verſuchte er ſelbſt athem⸗ los, ſchaͤumend, erſchoͤpft, gleich dem Jaͤger des klaſſiſchen Alterthums, als er auf dem Puukt ſtand, von ſeinen eigenen Hunden oͤberwaͤltigt und in Stuͤcke zerriſſen zu werden, vergebens jene kraͤchzenden Eulentoͤne zu erheben, wodurch er ehedem den Kon⸗ vent erſchreckt und beſchwichtigt hatte. Er wandte ſich um Gehoͤr an den Praͤſidenten der Verſammlung, an die verſchiedenen Partheien, aus denen ſie be⸗ 9 ſtand. Zuruͤckgewieſen von den Bergmaͤnnern, ſeinen fruͤhern Genoſſen, welche jezt zuerſt das Geſchrei gegen ihn erhoben, wandte er ſich an die Girondi⸗ ſten, ſo gering an Zahl und ſchwach ſie auch waren, und an die zahlreichen, aber ebenſo huͤlfloſen De⸗ putirten der Ebene, in deren Mitte jene Schutz ſuchten. Jene wieſen ihn mit Abſchen, dieſe mit Entſetzen von ſich. Vergebens erinnerte er einzelne, daß er ihr Leben geſchont habe, als es in ſeine Ge⸗ walt gegeben war. Dies galt aber von jedem Mit⸗ glied des Hauſes, von jedem einzelnen Menſchen in ganz Frankreich; denn wer hatte ſeit zwei Jahren anders gelebt, als mit der Erlaubniß Robespierre's? Und ſchwer mag er jetzt in ſeinem Innern die Mil⸗ de, wie er es nannte, bereut haben, daß er ſo viele Kehlen verſchont hatte, die jetzt ihn anbellten. Allein ſeine heſtigen und wiederholten Aufforderungen wur⸗ den von einigen mit Unwillen, von andern mit fin⸗ ſterem, oder verlegenem und ſurchtſamem Schweigen erwiedert. Ein engliſcher Geſchichtſchreiber muß ſagen, daß ſelbſt Robespierre zu ſeiner Vertheidigung haͤtte ge⸗ hoͤrt werden ſollen, und daß eine ſolche Ruhe dem Konvent Ehre gemacht, und ſeinem endlichen Ver⸗ dammungsurtheil Wuͤrde verliehen haben wuͤrde. Wie die Sachen ſtanden, behandelten ſie den Schul⸗ digen, wie er es verdiente; aber ſie vergaßen jenes gelaſſene und ſtandhafte Benehmen, das ſie ſich 10 ſelbſt und dem Geſetze ſchuldig waren, und das der Beſtrafung des Demagogen das Gewicht eines feier⸗ lichen und uͤberlegten Urtheilsſpruchs gegeben haben wuͤrde, ſtatt daß es jetzt das Reſultat eines mit Haſt und Ungeſtuͤm ergriffenen Vortheils zu ſeyn ſchien. Eile war indeſſen noͤthig, und mußte in einer ſolchen Kriſis noh nothwendiger erſcheinen, als es wirklich der Fall war. Vieles muß man dem Schrecken des Augenblicks, dem entſetzlichen Ka⸗ rakter des Schuldigen und der dringenden Noth⸗ wendigkeit, es zu einer Entſcheidung zu bringen, zu gute halten. Man hat uns berichtet, ſeine lezten hoͤrbaren Worte, die er unter dem allgemeinen Ge⸗ ſchrei, und dem unaufhoͤrlichen Gelaͤute der Praͤſi⸗ dentenglocke, mit ſeiner gellenden Stimme im Tone der hoͤchſten Verzweiflung ausgerufen, ſeyen gewe⸗ ſen:„Praͤſident dieſer Moͤrderverſammlung, ich ver⸗ lange zum letztenmal gehoͤrt zu werden—!“ Dieſe Worte ſollen Vielen, die ſie gehoͤrt, lang im Ge⸗ daͤchtniß geblieben ſeyn, und ſie in ihrem Schlafe aufgeſchreckt haben; nach dieſer lezten Anſtreugung wurde ſein Athem beengt, und als er hierauf noch einige gebrochene Worte und heiſere Toͤne ausſtieß, riefen die Mitglieder des Bergs aus: Das Blut Dantons erſticke ſeine Stimme. Der Tumult endete ſich mit einem Verhafts⸗ delret gegen Robespierre, ſeinen Bruder, Couthon 11 und Saint Juſt; Le Bas wurde auf ſeinen eigenen Antrag mit eingeſchloſſen, und in der That haͤtte er auch kaum dem Schickſal ſeines Schwagers ent⸗ gehen koͤnnen, obgleich er damals und nachher mehr Feſtigkeit zeigte, als die andern. Couthon, ſein kleines Wachtelhuͤndchen, auf das er gewoͤhnlich das Uebermaaß ſeiner geheuchelten Empfindſamkeit aus⸗ goß, liebkoſend, berief ſich auf ſeine Schwaͤche und frug: ob er, deſſen Glieder und Thaͤtigkeit gelaͤhmt ſeyen, erd ichtigt werden koͤnne, gewaltſame oder ehrgeizige Plane zu hegen.—„Elender,“ ſagte Le⸗ gendre,„du biſt ſtark, wie Herkules, wenn ein Ver⸗ brechen veruͤbt werden ſoll.“ Dumas, Praͤſident des Revolutionsgerichts, Henriot, Kommandant der Nationalgarden, und andere Satelliten Robespierre's wurden in das Urtheil der Verhaftung mit einge⸗ ſchloſſen. Die Dienſtmaͤnner des geſetzgebenden Koͤrpers erhielten Befehl, Hand an Robespierren zu legen, aber ſo groß war der Schrecken ſeines Namens, daß ſie noch zauderten; und das Widerſtreben ſeiner eige⸗ nen unmittelbaren Untergebenen war fuͤr den Kon⸗ ent eben nicht die beſte Vorbedeutung, daß ſein gegen dieſen maͤchtigen Demagogen erlaſſenes Dekret außerhalb der Thuͤren geachtet werden wuͤrde. Die nachfolgenden Ereigniſſe ſchienen eine Zeitlang die diesfallſigen Beſorgniſſe zu beſtaͤtigen. 1² Der Konvent hatte ſeine Sitzungen fuͤr perma⸗ nent erklaͤrt, und alle Vorſichtsmaßregeln getrof⸗ fen, um ſich des Schutzes der großen Maſſe von Buͤrgern zu verſichern, welche, der Herrſchaft des Schreckens muͤde, ihr auf jede Gefahr ein Ende zu machen wuͤnſchten. Es fanden ſich bald Deputatio⸗ nen von einigen der naͤchſten Sektionen ein, welche ihre Anhaͤnglichkeit an den Nationalkonvent bezeug⸗ ten, zu deſſen Schut ſie ſich bewaffneten, und(ohne Zweifel großentheils ſchon vorher geruͤſtet) in aller Eile herbeikamen. Aber es ging auch die wenig troͤſtliche Nachricht ein, daß Henriot, der jene Buͤr⸗ ger, die, wie wir oben bemerkt haben, die Hinrich⸗ tung der achtzig Verurtheilten verhindern wollten, zerſtreut, und dieſe letzte Unthat durchgeſetzt hatte, ſich den Tuillerien, dem Orte ihrer Sitzung, mit einem zahlreichen Stab, und ſo vielen bewaffneten Jakobinern, als in der Geſchwindigkeit aufzutreiben waren, mit ſtarken Schritten naͤhere. Zum Gluͤck fuͤr den Konvent war dieſer Kom⸗ mandant der Nationalgarden, von deſſen Geiſtesge⸗ genwart und Muth vielleicht das Schickſal Frank⸗ reichs in dieſem Augenblicke abhing, ebenſo dumm und feig, als er unmenſchlich und grimmig geweſen war. Er ließ ſich ohne Widerſtand durch wenige Gensd'armen, der unmittelbaren Wache des Ken⸗ vents, verhaften, die von zweien ſeiner Mitglieder 13 befehligt war, welche ſich bei dieſem Vorfalle mit eben ſo viel Vorſicht als Muth benahmen. Aber das Gluͤck oder der Daͤmon, dem er ge⸗ dient, bot Robespierre'n noch einen Weg zur Ret⸗ tung, oder gar zur Herrſchaft an; denn die Augen⸗ blicke, welche ein Mann von Entſichloſſenheit zum Entkommen benuͤtzt haͤtte, wuͤrde ein Mann von verzweifeltem Muth zur Erkaͤmpfung des Siegs ver⸗ wendet haben, der dem kuͤhnſten Bewerber vielleicht nahe lag, wenn man den getheilten und ungeord⸗ neten Zuſtand der Hauptſtadt in Erwaͤgung zieht. Die verhafteten Deputirten wurden von einem Ge⸗ faͤngniß zum andern gefuͤhrt, da alle Kerkermeiſter ſich weigerten, Robespierre'n und die, welche ihm behuͤlflich geweſen waren, ihre dunkeln Behauſun⸗ gen mit einer ſolchen Fluth von, Bewohnern zu fuͤl⸗ len, unter ihren Gewahrſam zu nehmen. Endlich wurden die Gefangenen in der Geſchaͤftsſtube des Wohlfahrtsausſchuſſes untergebracht. Aber waͤhrend dieſer Zeit war großer Laͤrm auf dem Gemeindehaus von Paris, wo Fleuriot, der Maire, und Payan, der Nachfolger Hebert's, den Buͤrgerausſchuß zu⸗ ſammenriefen, Municipalbeamte abſchickten, um Stadt und Vorſtaͤdte in ihrem Namen zum Auf⸗ ſtand zu bringen, auch die Sturmglocke laͤuten lie⸗ ßen. Payan brachte ſchnell eine hinreichende Macht zuſammen, um Henriot, Robespierre'n und die an⸗ dern verhafteten Deputirten zu befreien und ſie 14 nach dem Hotel de Ville zu fuͤhren, wo ungefaͤhr 2000 Mann, meiſt Artilleriſten und Inſurgenten aus der Vorſtadt Saint Antoine verſammelt waren, und bereits davon ſprachen, gegen den Konvent zu ziehen. Aber der ſelbſtſuͤchtige und feige Karakter Robespierre's taugte nicht zu dieſer Kriſis. Er ſchien uͤberwaͤltigt und vernichtet durch das, was um ihn vorgegangen war, und noch vorging; nicht Eines von allen den Opfern der Schreckensherrſchaft⸗ fuͤhlte ihre laͤhmende Wirkung ſo vollkommen, als er, der Deſpot, der dieſelbe gefuͤhrt hatte. Es fiel ihm nicht einmal ein, Geld, woran es ihnen nicht feh⸗ len konnte, in hinreichender Menge auszutheilen, wodurch er ſich ohne Zweiſel den Beiſtand des re⸗ volutionaͤren Geſindels geſichert haben wuͤrde. Un⸗ terdeſſen fuhr der S Konvent fort, die kuͤhne und ge⸗ bietende Stellung zu behaupten, die er in einem ſo kritiſchen Augenblick ploͤtzlich angenommen hatte. Als er die Flucht der verhafteten Deputirten, und den Aufſtand beim Hotel de Ville erfuhr, erließ er ſogleich ein Dekret, wodurch Robespierre und ſeine Gefaͤhrten nebſt dem Maire von Paris, den Proku⸗ rator und andere Mitglieder des Gemeinderaths in die Acht erklaͤrt, und zwoͤlf Konventsmitglieder, die kuͤhnſten, die man finden konnte, beauftragt wurden, mit Waffengewalt den Spruch zu vollſtre⸗ cken. Die Trommeln der Nationalgarden riefen in allen Sektionen, die es mit dem Konvent hielten, 15 zu den Waffen, waͤhrend die Sturmglocke unauf⸗ hoͤrlich mit ihrer ehernen Stimme zur Huͤlfe fuͤr Robespierre'n und die ſtaͤdtiſche Obrigkeit auffor⸗ derte. Alles ſchien eine gewaltſame Kataſtrophe zu drohen, bis man deutlich ſah die oͤffentliche Stimme erklaͤre ſich, beſonders unter den Nationalgarden, allgemein gegen die Terroriſten. Das Hotel de Ville wurde ungefaͤhr mit 1500 Mann berennt, und Kanonen gegen ſeine Thore ge⸗ richtet. Die Angreifenden waren eben nicht zahl⸗ reich, aber ihre Fuͤhrer Maͤnner von Muth, und die Nacht verbarg ihre Schwaͤche. Die dazu beauftragten Deputirten laſen das Dekret der Verſammlung denjenigen vor, welche ſie vor dem Rathhaus verſammelt fanden, unb dieſe gaben den Verſuch auf, daſſelbe zu vertheidigen; einige vereinigten ſich mit den Angreifenden, an⸗ dere legten ihre Waffen nieder und zerſtreuten ſich. Unterdeſſen benahm ſich die verlaſſene Rotte der Terroriſten im Innern wie Scorpionen, die, in ei⸗ nen Feuerkreis gebannt, ihre Stacheln gegeneinan⸗ der und gegen ſich ſelbſt kehren ſollen. Dieſe elen⸗ den Menſchen machten ſich unter einander die hef⸗ tigſten Vorwuͤrfe.„Elender! ſind dies die Mittel, die du zu liefern verſprochen haſt?“ ſagte Payan zu Henriod, der berauſcht und jedes Entſchluſſes, jeder Anſtrengung unfaͤhig war; mit dieſen Worten er⸗ griff er den Revolutionsgeneral und warf ihn zum 16 Fenſter hinaus. Henriot uͤberlebte den Fall nur, um in eine Gaſſe zu kriechen, wo er nachher ent⸗ deckt und zur Hinrichtung abgefuͤhrt wurde. Der juͤngere Robespierre ſtuͤrzte ſich ſelbſt zum Fenſter hinaus, hatte aber auch nicht das Gluͤck, den Hals zu brechen. Es ſchien, als ob ſelbſt der traurige Ausweg des Selbſtmords, dieſe letzte Zuflucht der Schuld und Verzweiflung, Maͤnnern verſperrt ſeyn ſollte, die ſo lange ihren Mitgeſchoͤpfen alles Mit⸗ leid verſagt hatten. La Bas allein hatte Faſſung genug, ſich mit einem Piſtolenſchuß aus der Welt zu ſchaffen. Saint⸗Juſt bat zuerſt ſeine Genoſſen flehentlich, ihn zu toͤdten, verſuchte dann, ſich das Leben zu nehmen, was ihm aber nicht gelang. Cou⸗ thon lag unter dem Tiſche, ein Meſſer ſchwingend, womit er ſich ſelbſt mehrere Wunden verſetzte, aber es doch nicht wagte, ſich daſſelbe vollends ins Herz zu ſtoßen. Ihr Haupt, Robespierre, hatte in ei⸗ nem ungluͤcklichen Verſuche, ſich zu erſchießen, nur ſeine untere Kinnlade auf eine ſchreckliche Weiſe zerſchmettert. So fand man ſie gleich Woͤlfe in ihrem La⸗ ger, bluttriefend, verſtuͤmmelt, verzweifelnd, und doch nicht im Stande zu ſterben. Robespierre lag auf einem Tiſche in einem Vorzimmer, mit dem Haupt auf einem Schreibpult, und ſein haͤßliches Geſicht mit einem blutigen und ſchmutzigen Tuche halb⸗ 17 halbbedeckt, das er um das zerſchmetterte Kinn ge⸗ bunden hatte*). Die Gefangenen wurden im Triumph in den Konvent gefuͤhrt, der, ohne ſie vor die Schranken zu laſſen, ſie als Geaͤchtete augenblicklich hinzurichten befahl. Als man ſie auf Karren nach der Guillotine fuͤhrte, wurden ſie, aber beſonders Robespierre, mit Verwuͤnſchungen von den Freun⸗ den und Verwandten der Schlachtopfer uͤberhaͤuft, die von ihnen nach demſelben Platze geſchickt wor⸗ den waren. Die Beſchaffenheit ſeiner Wunde, von der das Tuch noch nicht abgenommen war, bis es der Henker wegriß, vermehrte noch die Quaal Ro⸗ bespierre's. Die zerſchmetterte Kinnlade fiel herab, und der Elende ſchrie laut auf, zum Schrecken der Anweſenden.**) Ein Abdruck dieſes ſchrecklichen Ge⸗ ſichts wurde lange Zeit in verſchiedenen Laͤndern Eu⸗ ropas gezeigt, und machte durch ſeine Haͤßlichkeit und den ſataniſchen Ausdruck in den durch den To⸗ *) Das Schickſa l keines Tyrannen in der Geſchichte hat einen ſo abſcheulichen Schluß, das von Jugurtha vielleicht ausge⸗ nommen. *½) Es entging den nahen Beobachtern dieſer Scene nicht, daß er noch das Piſtolenhulfter in der Hand hielt, worauf die Worte ſtanden: Au grand Monarque, was ohne Zweifel den Aushängeſchild des Waffenſchmids andeutete, der die Waffe verkaufte aber ſonderbarer Weiſe auf die hohen An⸗ ſprüche des Käufers ſich anwenden ließ. W. Scott's Werke. XXXI. 2 deskampf verzerrten Zuͤgen alle ſchaudern⸗ die es anſahen. So fiel Maximilian Robespierre, nachdem er beinahe zwei Jahre lang die erſte Perſon in der franzoͤſiſchen Republik geweſen war, und dieſelbe nach den Grundſaͤtzen eines Nero oder Caligula be⸗ herrſcht hatte. Seine Erhebung zu dieſem Poſten enthaͤlt mehr Widerſpruͤche, als vielleicht irgend ein aͤhnliches Ereigniß in der Geſchichte. Einem Ty⸗ rannen von niederer Geburt und gemeinem Sinne war es geſtattet, mit der Ruthe des ſchrecklichſten Despotismus ein Volk zu beherrſchen, das aus Be⸗ gierde nach Freiheit kurz vorher die Herrſchaft ei⸗ nes menſchlich geſinnten und geſetzlichen Souverains nicht hatte ertragen koͤnnen. Ein elender Feigling erhob ſich zur Herrſchaft uͤber eines der tapferſten Voͤlker der Welt, und unter den Auſpicien eines Mannes, der kaum ein Piſtol abzufeuern wagte, betraten die groͤßten Feldherrn Frankreichs zuerſt die Siegesbahn. Er hatte weder Beredtſamkeit noch Einbildungskraft, und erſetzte dieſelben durch einen elenden, affektirten, ſchwalſtigen Styl, der ihn dem allgemeinen Gelaͤchter bloßſtellte, bis andere Umſtaͤnde ihm Wichtigkeit gaben. Und doch hatten gegen einen ſo armſeligen Redner die ganze Beredt⸗ ſamkeit der philofophiſchen Girondiſten und die furcht⸗ bare Gewalt Dantons in den Volksverſammlungen nichts auszurichten vermocht. Es mag kaum bemer⸗ 19 kenswerth ſcheinen, daß in einem Lande, wo liebens⸗ wuͤrdige Sitten und gefaͤllige Formen ſo ſehr zur Empfehlung dienen, der Mann, dem die hoͤchſte Ge⸗ walt zu Theil geworden, von Perſon unanſehnlich und gemein, linkiſch in ſeinem Benehmen, unfaͤhig zu gefallen, auch wenn er es darauf anlegte, und faſt ebenſo langweilig, als haſſenswuͤrdig und herz⸗ los war. Alles, was ihm abging, erſetzte Robespierre nur durch einen unerſaͤttlichen Ehrgeiz, erzeugt durch⸗ die eitle Meinung, daß er im Stande ſey, die hoͤchſte Stelle auszufuͤllen. Dies gab ihm Keckheit zu einer Zeit, wo Keckheit oft zum Ziele fuͤhrte. Er verband mit einer falſchen, uͤberſpannten, ader ziemlich fließenden, hoͤchſt ſchwuͤlſtigen Beredtſam keit die groͤbſten Schmeicheleien gegen die nieder⸗ ſten Volksklaſſen, die ihm hinwiederum das Lob, das er ſich unablaͤſſig ſelbſt ſpendete, zu gut hiel⸗ ten. Sein kluger Entſchluß, ſich mit dem Weſen der Macht zu begnuͤgen, ohne ſich nach den aͤußern Formen derſelben zu ſehnen, war ein anderer Kunſtgriff, um den großen Haufen fuͤr ſich zu ge⸗ winnen. Sein wachſamer Neid, ſeine langverſcho⸗ bene, aber ſichere Rache, ſeine Schlauheit, die bei gemeinen Seelen die Stelle der Weisheit vertritt, waren ſeine einzigen Mittel, ſeine ausgezeichneten Gegner und Mitbewerber zu verdraͤngen, und es 2.. 20 ſcheint eine verdiente Beſtrafung der Mißbraͤuche und Ausſchweifungen der franzoͤſiſchen Revolution geweſen zu ſeyn, daß dieſe das Land in einen Zu⸗ ſtand von Anarchie brachte, wo es einem ſo elen⸗ den Wicht gelingen konnte, woͤhrend einer gerau⸗ men Zeit uͤber deſſen Schickſal zu gebieten. Blut war ſein Element, wie das der andern Terroriſten, und er blickte nie mit ſolcher Luſt auf ein neues Schlachtopfer, als wenn ſolches zugleich einer ſeiner alten Genoſſen war. In einer Grabſchrift, wovon der folgende Vers als Ueberſetzung gelten mag, wird ſein Leben als unvertraͤglich mit dem Daſeyn des Menſchengeſchlechts dargeſtellt: Hier liegt Robespierre, dein Aug' ſey thraͤnenleer, O Leſer! wenn er lebte, ſo lebteſt du nicht mehr. In dem uͤber die Verbrechen Nobespierres an den Konvent erſtatteten Bericht, worin derſelbe mit vollem Recht der Abſicht beſchuldigt wird, die Regierung an ſich zu reißen, kommt auch noch die ungereimte Beſchuldigung vor, daß er ſich zur Wie⸗ derherſtellung der Bourbons verſchworen habe; zum Beweis ward angefuͤhrt, es ſey ein Siegel mit ei⸗ ner Lilie auf dem Hotel de Ville gefunden worden. An den Verbrechen Robespierre's war es alſo noch nicht genng, ſie mußten noch durch eine Neigung zum Royalismus verſchaͤrft werden. Man kann ſagen, daß mit dieſem beruͤhmten Demagogen die Schreckensherrſchaft ein Ende er⸗ 21 reicht hat, obglelch diejenigen, die ſeinen Sturz bereiteten, d. h. die vorzuͤglichſten Mitglieder des Sicherheits⸗ und Wohlfahrtsausſchuſſes, und als ſolche die Theilnehmer an jeder revolutivnaͤren Aus⸗ ſchweifung, eben ſo gut Terroriſten waren, als er ſelbſt. Unter den Thermidoriſten, wie ſich die Sie⸗ ger Nobespierre's nannten, gab es Namen, die faſt eben ſo ſchrecklich waren, als der des Dikta⸗ tors, und fuͤr welche der ote Thermidor die Be⸗ deutung der Idus des Maͤrzmonats hatte. Was ließ ſich hoffen von einem Collot d'Herbois, dem Schlaͤchter der Lyoner,— was von Billaud Varen⸗ nes,— was von Barras, welcher die Hinrichtun⸗ gen zu Marſeille nach deſſen kurzem Aufſtande ver⸗ anſtaltet hatte,— was von Tallien, deſſen Arme von der Fingerſpitze an bis zum Ellenbogen mit dem Blut der zu Quiberon in Gefangenſchaft gerathe⸗ nen ungluͤcklichen Edelleute gefaͤrbt war? Es ſchien nur ein neuer Stamm von Septembermoͤrdern auf den abgegangenen gefolgt zu ſeyn, und derſelbe ſchreckliche Regierungsgrundſaß behauptet werden zu wollen, nur von andern Haͤuptern; die um nichts beſſer waren, als der hingerichtete Tyrann. Man blickte hoffnungslos auf den Konvent, wie auf den Leichnam einer geſetzgebenden Verſamm⸗ lung, die waͤhrend ihres ſcheinbaren Lebens, gleich dem vermeintlichen Vampyr, von einem ihr frem⸗ den hoͤlliſchen Geiſte beſeelt, und zum Bluttrinken 22 angetrieben war, jetzt aber, von dem belebenden Daͤmon verlaſſen, wie man glaubte, in huͤfloſer Un⸗ faͤhigkeit erſtarren mußte. Was war von einem Barrere zu erwarten, dem allzeit fertigen Lobredner Robespierre's, dem Wegweiſer, der den Schwachen immer genau den Punkt angab, wo ſie um ihrer ei⸗ genen Sicherheit willen in die Reihen der Boͤſen und Starken uͤbertreten mußten? Aber trotz dieſer entmuthigenden Umſtaͤnde begannen die Gefuͤhle der Menſchlichkeit und der Sinne fuͤr Selbſterhaltung, der einen entſchloſſenen Widerſtand gegen die Er⸗ neuerung des ſchrecklichen Syſtems gebot, unter dem das Land ſo lange gelitten hatte, ſich innerhalb und außerhalb des Konvents zu zeigen. Ermuthigt durch den Fall Robespierre's erhoben ſich die Kla⸗ gen gegen ſeine Agenten von allen Selten. Es kam eine Deputation von Cambrai, um bei dem Non⸗ vent eine Klage gegen Lebon anzubringen, der, als er die Tribune zu ſeiner Vertheidigung beſteigen wollte, allgemein als der Henker Robespierre's be⸗ gruͤßt wurde. Das Ungeheuer war frech genug, ſich vertheidigen zu wollen, und als man ihm vorwarf, er habe den gemeinen Nachrichter zu ſeinem Tiſch⸗ genoſſen gehabt, erwiederte er:„das moͤgen zart⸗ fuͤhlende Leute fuͤr Unrecht halten; allein Lequinio (ein anderer jakobiniſcher Prokonſul von ſchrecklicher Beruͤhmtheit) habe denſelben nuͤtzlichen Buͤrger zum Geſellſchafter in den Stunden ſeiner Muße und Er⸗ 23 holung gehabt.“ Er bekannte mit demſelben Gleich⸗ muth, einen zum Tod verurtheilten Ariſtokraten gezwungen zu haben, unter dem Beil der Gulllo⸗ tine, das er vor Augen hatte, in der Todesangſt zwiſchen Zeit und Ewigkeit, ſo lange auf den Ruͤcken zu liegen, bis er ihm aus der Zeltung einen Be⸗ richt von den Siegen der republikaniſchen Armee vorgeleſen hatte. Dieſes Ungeheuer wurde nebſt Heron, Roſſignol und andern, in engere Verbindung mit Robespierre geſtandenen Schreckensmaͤnnern ver⸗ haftet und bald darauf hingerichtet. Tallien und Barras wollten hier dem Ruͤckblick in die Vergan⸗ genheit eine Graͤnze geſetzt wiſſen; allein aͤhnliche Anklagen erhoben ſich jetzt von allen Seiten, und mußten, wenn ſie einmal Gehoͤr fanden, die allge⸗ meine Aufmerkſamkeit im hoͤchſten Grade auf ſich ziehen. Von denen, die um Rache ſchrieen, unter⸗ ſtuͤtzte, indem ſie dies thaten, einer den andern;— die allgemeine Stimme der Menſchen war mit ihnen, und einige Haͤupter, die an den Ausſchweifungen der Schreckenszeit Theil genommen hatten, began⸗ nen trotz dem, daß ſie Thermidoriſten waren, zu fuͤrchten, ſie moͤchten unter den Truͤmmern der von ihnen geſtuͤrzten Macht ſelbſt begraben werden. Mit Tallien, der in der letzten, ſo aͤußerſt ge⸗ faͤhrlichen Zeit das Schiff des Staates als Steuer⸗ mann geleitet hatte, ſchien eine Veraͤnderung vor⸗ gegangen zu ſeyn, die ihn der Sache der Menſch⸗ 24 heit geneigt machte. Hiezu ſoll ſeine erſt kuͤrzlich erfolgte Verheurathung mit Madame Fontenai vie⸗ les beigetragen haben. Dieſe, als Royaliſtin gebo⸗ ren und erzogen, war ſelbſt ein Opfer des Geſetzes uͤber die Verdaͤchtigen geweſen, und aus dem Ge⸗ faͤngniß entlaſſen, um ſich mit einem republikani⸗ ſchen Staatsmann zu vermaͤhlen, und dadurch auch auf ſein oͤffentliches Leben Einfluß zu uͤben. Bar⸗ ras, der, weil er am 9ten Thermidor die bewaff⸗ nete Macht befehligt hatte, der Held dieſes Tages genannt werden kann, galt gleichfalls fuͤr einen Mann, der ſich zur Menſchlichkeit und Maͤßigung hinneigte. So geneigt Tallien und Barras aber auch ſeyn mochten, das monſtroͤſe Syſtem, das in Frankreich Wurzel gefaßt hatte, das ſich aber ſchlechterdings nicht laͤnger behaupten ließ, abzu⸗ ſchaffen, ſo mußten ſie doch auch hinwiederum dar⸗ auf bedacht ſeyn, der Rachſucht Graͤnzen zu ſetzen, zu einer Zeit, wo, wenn begangene Gewaltthaten mit zu großer Strenge unterſucht und beſtraft wur⸗ den, wie Carrier ſagte, in dem ganzen Konvent vielleicht nur der Stuhl des Praͤſidenten und ſeine locke unſchuldig befunden werden duͤrften. Die Thermidoriſten waren hievon dergeſtalt uͤberzeugt, daß ſie Lecointre nicht unterſtuͤtzen wollten, als er eine allgemeine Anklage gegen den Wohlfahrts⸗ und Sicherheitsausſchuß vorbrachte, worin er, trotz ih⸗ res letzten Kampfes mit Robespierre, ihre enge 25. Verbindung mit demſelben, und ihr vereintes Han⸗ deln in allem bewies, was ihm als Schuld ange⸗ rechnet worden war. Aber es war noch nicht an der Zeit, mit einer ſolchen allgemeinen Anklage her⸗ vorzutreten, und ſie wurde darum auch von dem Konvent mit allen Zeichen der Mißbilligung zuruͤck⸗ gewieſen. Doch die allgemeine Stimme der Menſchlichkeit verlangte noch eine weitere Suͤhne fuͤr zwei Jahre der aͤußerſten Mißhandlung, und die Thermidori⸗ ſten ſahen ſich genoͤthigt, unter denen, die mit Ro⸗ bespierren in genauerer Verbindung geſtanden, noch einige Schlachtopfer auszuſuchen, waͤhrend ſie ſich bemuͤhten, allmaͤhlig eine Parthei zu bilden, die, von dem Grundſatz der Amneſtie und Vergeſſenheit des Vergangenen ausgehend, in Zukunft einige Ruͤckſicht auf die Erhaltung des Lebens und Eigen⸗ thums der Regierten nehmen ſollte, die in jedem andern Syſtem, außer in dem ſo eben in Frankreich geſtuͤrzten, als der Hauptzweck der buͤrgerlichen Re⸗ gierung betrachtet wird. In der Abſicht, dieſer Parthei eine Stuͤtze zu geben, wurde den Maͤnnern von Talent und Kenntniſſen, die unter der Herr⸗ ſchaft Robespierre's hatten ſchweigen muͤſſen, von neuem geſtattet, in ihrer Sphaͤre fuͤr die Sache der buͤrgerlichen Ordnung und der Religion zu wir⸗ ken. Marmontel, La Harpe und Andere, die in ihrer Jugend die Juͤnger Voltaire's und der unglaͤubigen En⸗ 26 eyklopaͤdiſten geweſen waren, thaten jetzt Buße fuͤr ihre Jugendſuͤnden als Befoͤrderer der Moral und einer geſetzlichen Regierung. Endlich folgte jene allgemeine und langerſehnte Maßregel der Freilaſſung von vielen Tauſenden durch Aufhebung des Geſetzes gegen die Verdaͤchti⸗ gen, und die damit verbundene Oeffnung der Ker⸗ ker, die ihre auf einander folgenden Bewohner bis⸗ her nur an die Gulllotine abgeliefert hatten. Die Erzaͤhlungen dieſer Schlachtopfer des Jakobinismus, die jetzt die Geheimniſſe ihres Gefaͤngniſſes enthuͤll⸗ ten, die moraliſche Wirkung einer ſolchen allgemeinen Ausleerung der Gefaͤngniſſe und die dadurch bewirkte Wiedervereinigung von ſo lange getrennten Freunden und Verwandten ſtaͤrkte die Macht der Thermidoriſten, die ſich dieſes Namens jetzt ruͤhmten, und trug dazu bei, eine vernuͤnftige und gemaͤßigte Parthei in der Hauptſtadt und in den Provinzen zu ſtiften. Es iſt indeſſen nicht zu verwundern, daß die befreiten Dul⸗ der Rachgier fuͤhlten, der die Befreier Einhalt thun mußten, damit ſie nicht auf ſie ſelbſt zuruͤck⸗ fiele. Doch vereinigten ſich beide Partheien gegen die Reſte der Jakobiner. Dieſe Ruͤckkehr zur Ciykliſation und Ordnung wurde durch eine Streitmacht etwas ſeltſamer und trauriger Art beſchuͤtzt, die, unter den Waiſen und jugendlichen Freunden der unter der Gutlllotine ge⸗ fallenen Schlachtopfer aufgeboten, aus 2 bis 3000 27 jungen Leuten beſtand, die in Uebereinſtimmung handelten, ſich in ihrer Kleidung durch einen ſchwar⸗ zen Kragen auszeichneten und ihre Haare à la vie- time, wie Schlachtopfer, die zur Guilllotine ge⸗ fuͤhrt werden, aufgeſchlagen hatten; durch dieſe Tracht ſollte die traurige Veranlaſſung zu ihrer Ver⸗ bindung angedeutet werden. Dieſe Freiwilligen wa⸗ ren nicht regelmaͤßig bewaffnet und disciplinirt, ſon⸗ dern bildeten eine Art von Freikorps, das ſich be⸗ reitwillig und wirkſam den Jakobinern widerſetzte, wenn ſie ihre gewoͤhnliche Revolutionstaktik verſuch⸗ ten, partielle Aufſtaͤnde erregten, und die ordnungs⸗ liebenden Buͤrger durch Geſchrei und Gewaltthaͤtig⸗ keit einſchuͤchterten. Dieſe Partheien geriethen nicht ſelten an einander, und zwar mit abwechſelndem Erfolg; doch ſchienen zuletzt die jungen Raͤcher durch ihren entſchloſſenen Muth immer mehr das Ueber⸗ gewicht zu erhalten. Die Jakobiner wagten nicht, ſich blicken zu laſſen; d. h. ihre Grundſaͤtze an den oͤffentlichen Vergnuͤgungsorten, im Palais Royal oder in den Tulllerien, den Schauplaͤtzen ihrer fruͤ⸗ heren Siege, offen zu bekennen. Sie hielten nun ihre Verſammlungen mehr insgeheim, in etwas ab⸗ gelegenen Straßen, mit einer verminderten Keck⸗ heit, die unverkennbar bewies, daß der Muth der Parthei gaͤnzlich gebrochen ſey. Doch blieben der Jakobinerparthei noch furcht⸗ bare Fuͤhrer an Villaud Varennes und Collot d'Her⸗ 28 bois, die mehr als einmal verſuchten, die ſchreckliche Thatkraft derſelben von neuem zu beleben. Dieſe Demagogen hatten allerdings zum Sturze Robes⸗ pierre's beigetragen, aber in der Erwartung, daß auf einen Amurath wieder ein Amurath,— auf ei⸗ nen Jakobiner wieder ein Jakobiner folgen wuͤrde,— keineswegs aber in der Abſicht, die Zuͤgel der Re⸗ volutionsregierung nachzulaſſen, oder gar den Karak⸗ ter derſelben zu veraͤndern. Man muß dieſe Vete⸗ ranen der Revolution nicht mit den Thermidoriſten verwechſeln, obgleich ſie zu der Revolution des oten Thermidors mitgewirkt hatten. In ihren Augen waren Legendre, Lecointre und andere, beſonders aber Tallien und Barras, Ueberlaͤufer und Abtruͤn⸗ nige, weil ſie auf dem Hochpunkt ihrer Laufbahn ſtille geſtanden waren, um Athem zu ſchoͤpfen, und nun ſich bemuͤhten, einen Gang einzuſchlagen, der von dem bisher betretenen ſo ganz verſchieden war. Dieſe aͤchten Sanscuͤlotten wollten ihre Macht und Popularitaͤt auf dieſelbe Baſis, wie vormals, gruͤnden. Sie eroͤffneten wieder die Sitzungen des Jakobinerklubbs, der am 9ten Thermidor geſchloſſen worden war. Dieſe alte Revolutionshoͤhle ertoͤnte wieder von Denunciationen, worin Vadier, Billaud Varen⸗ nes und andere ihrer ehemaligen Gefaͤhrten Lecoin⸗ tre ſammt jenen, die, wie ſie ſagten, alle redlich geſinnten Republikaner in die gegen Robespierre'n und ſeine Freunde vorgebrachten Klagen zu verwi⸗ 29 ckeln ſuchten, den finſtern Maͤchten der Hoͤlle weih⸗ ten. Doch auf dieſe Drohungen ſieten jetzt nicht mehr ſo geſchwind jene Donnerkeule, die ſonſt die Blitze jakobiniſcher Beredſamkeit zu Tdeisſ pfleg⸗ ten. Die Wohnungen der Menſchen waren jetzt vergleichungsweiſe ſicher. Es konnte Jemand in ei⸗ nem Jakobinerklubb als ein Ariſtokrat, als ein Ge⸗ maͤßigter bezeichnet werden, und doch am Leben bleiben. Den Demagogen war es jetzt eigentlich mehr darum zu thun, ſich Strafloſigkeit fuͤr ihre begangenen Verbrechen zu ſichern, als zu neuen Beſchuldigungen Anlaß zu geben. Die Fluth der oͤffentlichen Meinung wogte gegen ſie an, und ein beſonderer Umſtand verſtaͤrkte ihren Stoß, und machte ſie unwiderſtehlich. Die Pariſer konnten, wie man leicht begreift, denken, daß die Provinzen noch ſchrecklichere Fre⸗ vel, noch graͤßlicheres Unheil geſehen haben ſollten, als die Hauptſtadt ſelbſt. Aber durch die Ankunft von achtzig, zufolge des Geſetzes gegen die Verdaͤch⸗ tigen verhafteten Buͤrgern aus Nantes wurden ſie eines andern belehrt. Man hatte dieſe Gefangenen nach Paris abgefertigt, wo ſie vor das Revolutions⸗ tribunal geſtellt werden ſollten. Gluͤcklicherweiſe ka⸗ men ſie erſt nach dem Sturze Robespierre's an, und wurden ſofort mehr als Unterdruͤckte, denn als Werbrechar, mehr als Klaͤger, denn als Beklagte, de ſich zu rechtfertigen hatten, angeſehen. 3⁰ und jetzt hoͤrte die Hauptſtadt zum erſtenmal von den Graͤueln, die wir fruͤher kaum angedeutet haben, von jenen Buͤrgerſchaaren, die, der republika⸗ niſchen Ordnung der Dinge groͤßtentheils ergeben, ge⸗ gen die Vendéer, als ſie Nantes angegriffen, ge⸗ fochten hatten, und dann aus den nichtswuͤrdigſten, ganz unerweislichen Gruͤnden in Kerker geworfen wurden, wo die Luft durch den Unflath, durch das Verweſen der Leichname, und die anſteckenden Aus⸗ duͤnſtungen der Sterbenden verpeſtet war. Jebt hoͤrte man zu Paris von republikaniſchen Tauſen und republikaniſchen Hochzeiten,— von Maͤnnern, Weibern und Kindern, die, wie Kroͤten und Froͤ⸗ ſche im Fruͤhjahr, in der Loire zappelten, weil ſie in dem zu ſeichten Waſſer nicht ſogleich den Tod fanden. Man hoͤrte noch von hundert apdern Ab⸗ ſcheulichkeiten,— wie diejenigen, die in der ſter⸗ benden Maſſe ſich zu oberſt befanden, flehentlich baten, in tieferes Waſſer geworfen zu werden, nur um ſterben zu koͤnnen,— und noch von vielem an⸗ dern, das ſich gar nicht erzaͤhlen laͤßt, und woge⸗ gen der ſcharfe, ſchnelle und ſichere Schlag der Pa⸗ riſer Gurllotine eine wahre Gnade war. Die Bekauntmachung dieſer Graͤuel mußte noth⸗ wendig Folgen haben; aus der Reibung der Ther⸗ midoriſten, die durch die oͤffentliche Meinung und die allgemeine Entruͤſtung vorwaͤrts getrieben wur⸗ den, mit dem Ueberreſte der jakobiniſchen Faktien 31 entſtand die Anklage von Carrier, als demjenigen Könventsdeputirten, unter welchem ſo unerhoͤrte Graͤuel veruͤbt worden waren. Die Beſtrafung die⸗ ſes Elenden ward ſo laut und mit ſolchem Unge⸗ ſtuͤmm verlangt, daß ſie ſelbſt von denjenigen einfluß⸗ reichen Maͤnnern nicht abgelehnt werden konnte, denen Alles daran gelegen war, Gegenbeſchuldigun⸗ gen zu verhuͤten, und die darum auch gerne einen Schleier uͤber das Vergangene gezogen haben wuͤr⸗ den. Waͤhrend dieſes ganzen Prozeſſes ſtanden die Thermidoriſten auf dem ſchluͤpfrigſten Boden; ſo Entſetzliches er auch gethan, ſo konnte er ſich dabei immer auf die ihm ertheilten Verhaltungsbefehle berufen. So ward zum Beiſpiel ein an den Gene⸗ ral Haxo gerichtetes Schreiben vorgelegt, worin es hieß:„Es iſt mein Plan, aus dieſem verfluchten Lande alle Lebensmittel, alle Vorraͤthe fuͤr Menſchen oder Vieh, alle Fourage,— mit Einem Wort, Al⸗ les und Jedes fortzuſchaffen;— alle Haͤuſer muͤf⸗ ſen in Brand geſteckt, alle Einwohner vertilgt wer⸗ den. Laß ihnen zur Friſtung ihres Lebens nicht Ein Koͤrnchen Getreides zukommen. Ich gebe dir hiezu den beſtimmteſten und ausdruͤcklichſten Befehl. Du ſtehſt von dieſem Augenblicke an fuͤr die Vollziehung dieſes Befehls. Mit Einem Wort, laſſe nichts in dieſem geaͤchteten Lande,— laſſe die Mittel zum Unterhalt, Vorraͤthe, Fourage, Alles,— durchaus Alles. nach Nantes bringen.“ Die Repraͤſentanten 3² vernahmen mit Schauder einen ſo hoͤlliſchen Auf⸗ trag; aber mit welchem Gefuͤhle von Schaam und Demuͤthigung muͤſſen ſie die Vertheidigung Car⸗ rier's angehoͤrt haben, als dieſer bewies, daß er nur buchſtaͤblich die Dekrete deſſelben Konvents voll⸗ zogen habe, der jetzt uͤber ihn richten wollte! Ein Wahnſinniger, der in einem lichten Augenblicke die Verbrechen und Grauſamkeiten vernimmt, die er in ſeiner Naſerei begangen hat, mag vielleicht etwas aͤhnliches fuͤhlen. Sie waren nichts deſto weniger verbunden, in der Unterſuchung fortzufahren, ſo ent⸗ ehrend auch die einzelnen Umſtaͤnde fuͤr ſie ſeyn mochten, und Carrier's Anklage und Verurtheilung wurden jetzt der Scheidepunkt zwiſchen den Thermi⸗ doriſten und denjenigen, die auf dem alten uͤber⸗ ſpannten Syſteme beharren wollten. Der abſcheuliche Carrier wurde von dem Jako⸗ binerklubb geradezu in Schutz genommen, vor dem er ſich unter Beifallsbezeugungen vertheidigte. Er bekannte ſeine Graͤuel, ruͤhmte ſeinen patriotiſchen Eifer, und machte ſich uͤber diejenigen luſtig, die ſich darum kuͤmmerten, ob ein Ariſtokrat durch ei⸗ nen einzigen Streich, oder eines langſamen To⸗ des ſterbe; er erhielt rauſchenden Beifall, und der einſt ſo furchtbare Klubb verſicherte ihn ſeines Schutzes. Aber der Zauber ſeines Eiufluſſes war geloͤst,— ſeine beſten Redner waren nach einander durch 33 durch gegenſeitige Anklagen gefallen,— und von ſeinen thaͤtigſten Boͤſewichtern waren einige ermor⸗ det, oder hingerichtet, andere entflohen, oder ver⸗ ſteckt, viele lagen im Gefaͤngniß, und der Reſt war eingeſchuͤchtert. Es gab kaum einen in der franzoͤ⸗ ſiſchen Revolution ausgezeichneten Mann, der nicht den Beifall dieſer in ihrer perfoͤnlichen Gunſt ſo wan⸗ delbaren und in ihren abſcheullchen Grundſaͤtzen ſo beharrlichen Demagogen genoſſen, kaum einen, zu deſſen Sturz ſie nicht beigetragen hatten. Dem ungeachtet wagten es diejenigen Mitglie⸗ der der revolutionaͤren Ausſchuͤſſe, die zur Entthro⸗ nung Robespierre's, des lezten Goͤtzen der Jakobi⸗ ner, mitgewirkt hatten, den Schuz derſelben fuͤr ſich und fuͤr ihren Gehuͤlfen anzufeuern. In einer Zuſchrift an die Jakobiner ſprach Billaud Varennes von den Mitgliedern des Konvents, als von Menſchen, die waͤhrend der Herrſchaft Robespierre's durch ihre Milde gerettet worden ſeyen, zum Dank dafuͤr aber jezt die Bergmaͤnner Bluthunde nannten, und den Un⸗ tergang der wuͤrdigen Patrioten, Joſeph Lebon und Carrier, beſchloſſen haͤtten:„Dieſe portrefflichen Buͤr⸗ ger,“ ſagte er,„werden blos darum verfolgt, weil ihr Eifer fuͤr die Republik etwas heftig,— ihr Ver⸗ fahren etwas raſch und ſtreng war.“ Er meinte, der Loͤwe ſolle erwachen,— das Volk ſich nochmals erheben, um diejenigen zu zerfleiſchen, das Blut de⸗ rer zu trinken,(dieß waren ſeine eigenen Worte, 20. Scott's Werke XXXl. 5 — die es wagten, ihnen Trotz zu bieten. Die Ver⸗ ſammlung ging aus einander unter Jauchzen, und gelobte, dem Jagdruf der Fuͤhrer zu folgen. Aber die Gegenpartei hatte gelernt, daß man den Erfolg ſolcher Drohungen nicht abwarten, und dann die Kraft der Gruͤnde oder den Schuz der Ge⸗ ſetze gegen Menſchen verſuchen muͤſſe, fuͤr welche die groͤßere Gewalt der einzige genuͤgende Grund iſt. Wohl organiſirt und großentheils durch Offiziere befehligt, erſchienen ſtarke Banden von Antijakobinern, wie man die bereits erwaͤhnten Freiwilligen nennen kann, in der Nachbarſchaft der Vorſtaͤdte, und hiel⸗ ten die zuruͤck, von welchen der Mutterklubb die ſtaͤrkſte Huͤlfe erwartete, waͤhrend die Hauptmacht der jungen Raͤcher gerade auf die Citadelle des Fein⸗ des losging, und den Klubb ſelbſt waͤhrend ſeiner Sitzung uͤberraſchte. Dieſe Demagogen wehrten ſich nur ſchwach, als ſie ſolchergeſtalt mit der Volksge⸗ walt, ihrer bisher ausſchließlichen Waffe, angegriffen wurden; und die Leichtigkeit, mit der ſie unter Ge⸗ laͤchter und Schimpf aus einander gejagt wurden, zeigte, wie leicht bei fruͤheren Gelegenheiten das ge⸗ genſeitige Einverſtaͤndniß und die muthvolle Anſtren⸗ gung wohlgeſinnter Maͤnner jederzeit die verbreche⸗ riſche Gewaltthaͤtigkeit haͤtte verhindern koͤnnen, die Oberhand zu gewinnen. Waͤre Lafayette gegen den Jakobinerklubb marſchirt, und haͤtte ihn geſchloſſen⸗/ ſo waͤren der Welt gewiß viele Graͤuel erſpart wor⸗ 35 den, und es wuͤrde ihm wahrſcheinlich eben ſo gut gelungen ſeyn, als es jezt einer Schaar entruͤſteter Juͤnglinge gelang. Es iſt empoͤrend, wenn man vernimmt, daß die weiblichen Jakobiner ſich mit ihren maͤnnlichen Ge⸗ noſſen verbanden und ſie unterſtuͤzten, und daß meh⸗ rere von ihnen verhaftet und auf eine Art geſtraft wurden, die zwar ihrer Verdienſte vollkommen wuͤr⸗ dig ſeyn mochte, die aber zelgt, daß die jungen Scher⸗ gen zur Erhaltung der Ordnung zu wenig ariſtokra⸗ tiſch waren, um ſich ſtreng an die Regeln der ritter⸗ lichen Galanterie zu halten. Man kann ihnen jedoch die bei dieſer merkwuͤrdigen Gelegenheit gehand⸗ habte Baſtonade nicht ſo ſehr verargen. Als die Jakobiner auf ſolche Art in dem Volks⸗ kampf unterlegen waren, konnten ſie wenig gluͤckli⸗ chen Erfolg in der Verſammlung erwarten; um ſo weniger, da die allgemeine Stimmung dafuͤr war, mit Umſtoßung ihrer Achtserklaͤrung, die Ueberreſte der unglücklichen Girondiſten und andere Mitglieder, die am 31ſten Mai willkuͤrlich proſcribirt worden wa⸗ ren, in die Mitte der Verſammlung zuruͤck zu ru⸗ fen. Die Maßregel wurde auf einige Zeit aufge⸗ ſchoben, da ſie eine Veraͤnderung in der Zuſammen⸗ ſetzung der Kammer herbeifuͤhren mußte, was die berrſchende Partie nicht zutraͤglich finden mochte. Enolich wurden mehr denn ſechzig Deputirte vor erſt aus der Acht erklaͤrt und ſodann wieder in den Schooß 3.. 36 der Verſammlung aufgenommen, da ihre Koͤpfe zu lang in Gefahr geſtanden, als daß ſie nicht großen Theils in ihrem Eifer fuͤr politiſche Theorien abge⸗ kuͤhlt worden waͤren. Mittlerweile brachte die Regierung, vermittelſt eines Revolutions⸗Tribunals, obgleich mit mehr le⸗ galer Formalitaͤt und Vorſicht, als die unter Robes⸗ pierre, den oͤffentlichen Wuͤnſchen ein Racheopfer. Lebon, Carrier, deren wir bereits erwaͤhnten, Fouquier, der oͤffentliche Anklaͤger unter Robespierre und ein paar Andre aus derſelben Klaſſe wurden wegen ihrer beſonderen Sch euslichkeit und veruͤbten Grauſamkeit zur Genugthuung fuͤr die beleidigte Menſchheit verurtheilt und hingerichret. Die Thermidoriſten haͤtten wahrſcheinlich ge⸗ wuͤnſcht, hier der Reaktion ein Ziel zu ſtecken; al⸗ lein es war unmoͤglich. Barras und Thallien erfuhren deutlich, daß, mit welcher Vorſicht und Schonung ſie lauch gegen ihre alten Verbuͤndeten vom Berge verfahren moch⸗ ten, an keine Verſoͤhnung zu denken war, und daß ihre beſte Politik darin beſtand, ſich dieſelben ſo bald und ſo wenis auffallend als moͤglich, vom Hals zu ſchaffen. Der Berg fuhr, gleich der Hyder, deren Koͤpfe der Mythe zu ans eben ſo ſchnell wieder empor wuchſen, als ſie abgehauen wurden, fort die Regierung mit nnermüdedcr Bosheit anzuziſchen, und die Hauptſtadt mit ihren Intrignen in Bewe⸗ —— 8½ ͤ—— ð 37 gung zu ſetzen, die ſich um ſo leichter ſpielen ließen, da der Winter ſtreng war, das Brod kaͤrglich und theuer und das gemeine Volk demnach verdrießlich und unzufrieden war. Mangel iſt jederzeit dasjenige Uebel, welches den niederern Klaſſen am meiſten fuͤhlbar werden muß; und wenn man ſich erinnert, daß Nobespierre, obgleich mit der groͤßten Ungerech⸗ tigkeit gegen den uͤbrigen Theil des Koͤnigreichs, den Brodpreiß in der Hauptſtadt immer unter ei⸗ nem gewiſſen Maximum zu halten wußte, ſo wird man ſich nicht daruͤber wundern, daß die Bevoͤlkerung von Paris diejenigen, welche ſeine Grundſaͤtze be⸗ folgten, gern beguͤnſtigte. Dieſe Stimmung, verei⸗ uigt mit den Umtrieben der Jakobiner, ſprach ſich in mannichfachen Anordnungen aus. Durch Scham auf der einen und durch Furcht auf der andern Seite, ſah ſich der Konvent zu kraͤf⸗ tigen Maßregeln gendthigt und beſtimmte eine Kom⸗ miſſion, das Benehmen der vier ſchaͤdlichſten Jako⸗ blnerhaͤuptlinge Callot d'Herbols, Billaud Va rennes, Vadler und Barrere, zu unterſuchen und daruͤber Bericht zu erſtatten. Der Bericht fiel nicht zu ih⸗ ren Gunſten aus; allein der Konvent begnuͤgte ſich, ſie zur Deportation nach Cayenne zu verurtheilen. Dieſer, in Vergleichung mit denen, welche man fruͤ⸗ her zu faͤllen pflegte, ſo milde Urtheilſpruch fand zwar einigen Widerſtand, er ward aber uͤberwunden und die Seutenz in Ausfuͤhrung gebracht. Callot 38 d'Herbois, der Pluͤnderer und Zerſtoͤrer von Lyon, ſoll eine ganze Bouteille ſtarken Spiritus auf ein⸗ mal ausgetrunken haben und an den Folgen davon in einem oͤſſentlichen Spital geſtorben ſeyn. Billaud Varennes vertrieb ſich ſeine Zeit damit, die unſchul⸗ digen Papagaien von Guiana das furchtbare Kauder⸗ welſch des Revolutionsausſchuſſes zu lehren; und kam am Ende im Elend um. Dieſe Menſchen gehoͤrten beide zu der Klaſſe von Gotteslaͤugnern, welche zum Himmel aufblickend die Gottheit laut und buchſtaͤblich herausforderten, ihr Daſeyn dadurch kund zu geben, daß ſie ihre Don⸗ nerkeulen auf ſie niederſchmettere. Wunder geſche⸗ hen eben ſo wenig auf die Ausforderung eines Got⸗ teslaͤſterers als auf den Befehl eines Skeptikers; allein dieſe beiden ungluͤcklichen Menſchen hatten ohne Zweifel noch vor ihrem Tode Urſache, zu bekennen, daß da⸗ durch, daß der Elende ſeinem eigenen freien Willen uͤberlaſſen wird, ſolchem ſchon in dieſem Leben eine groͤßere Strafe zu Theil wird, als wenn es der Vor⸗ ſehung gefallen haͤtte, ſie mit der unmittelbaren Strafe zu belegen, die ſie ſo laͤſterlich herausgefor⸗ dert hatten. Ein noch verzweifelterer Verſuch zur Volksauf⸗ wiegelung, ſchloß zum groͤßten Theil die Geſchichte des Jakobinismus und des Bergs, oder derjenigen, die ſich zu den gewaltſamſten Doktrinen bekannten, und als eine politiſche Macht betrachtet wurden. Die 4 39 zunehmende Theurung bot ihnen immer noch bereite Veranlaſſung, den unzufriedenen Theil der Bevoͤlke⸗ rung aufzuwiegeln, der nicht allein uͤber die Schmaͤh⸗ lerung der Mittel zum Wohlleben, ſondern ſogar zum Lebensunterhalt aͤußerſt ungehalten war. Es war daher den Jakobinern ein Leichtes, ei⸗ nen Aufſtand von derſelben Art, wie jene zu erre⸗ gen, die zu wiederholtenmalen das Schickſal der Re⸗ volution beſtimmt hatten; und in der That ſchritt ſie auch zu ſtaͤrkeren Gewaltſtreichen, als jede fruͤhere. Das Looſungswort des Poͤbels war:„Brod und die demokratiſche Konſtitution von 1793!“ eine Kon⸗ ſtitution, welche die Jakobiner entworfen, nie aber im Ernſt verſucht hatten, in Kraft zu ſetzen. Kein Aufſtand war jedoch furchtbarer durch ſeine Groͤße, noch beſſer unterſtuͤzt durch Piken, Musketen und Kanonen. Ohne wirkſamen Widerſtand zu finden, berennten ſie den National⸗Konvent), drangen in den Saal, ermordeten den Deputirten Ferrand durch einen Piſtolenſchuß, ſteckten ſein Haupt vor ſeinen zitternden Bruͤdern auf eine Pike, und trugen es im Triumph durch die benachbarten Straßen und Um⸗ gebungen. Sie uͤbergaben dem Praͤſidenten— Boiſſy d'Anglas die Motionen, von denen ſie verlangten, daß ſie durchgehen follten; wurden aber durch die *) 20. Mai 1795.— 40 Feſtigkeit, womit er ſein Leben ſeiner Pflicht zum Opfer bot, aus dem Feld geſchlagen. 4 Die Standhaſtigkeit des Konvents gab endlich den Freunden der guten Ordnung wieder Vertrauen. Die Nationalgarden begannen ſich zu verſam⸗ meln, und die Aufruͤhrer den Muth zu verlieren. Trotz der furchtbaren Stellung, in welcher ſie auftraten, wurden ſie mit geringer Muͤhe zerſtreut. Die Unruhen wurden jedoch an den zwei folgen⸗ den Tagen wieder erneuert; bis man endlich allge⸗ mein die Nothwendigkeit einſah, die geeigneten Maß⸗ regeln zu treffen, ihnen auf immer ein Ende zu machen. Der Eroberer Hollands, Pichegru, der zu jener Zeit gerade in Paris anweſend war, wurde an die Spitze der Nationalgarden und der Freiwilligen ge⸗ ſtellt, deren Karakter wir ſchon anderswo geſchildert haben. An der Spitze dieſer Macht zog er in militaͤrk⸗ ſcher Ordnung gegen Fauxbourg Saint Antoine, das zu wiederholtenmalen die Banden der bewaffneten Aufruͤhrer, welche die Hauptmacht der Jakobiner aus⸗ machten, ausgeſtrömt hatte. 3 Nach einem kurzen Verſuche zur Vertheidigung ſahen ſich die Bewohner dieſer ausſchweifenden Vor⸗ ſtadt endlich gezwungen, ihre Waffen jeder Art zu uͤbergeben. Dieſe Piken, welche ſo oft das Schick⸗ ſal von Frankreich enkſchieden hatten, wurden guf 41 Karren ausgeliefert; und ſo jeder Verſuch zu einem Aufſtand fuͤr die Zukunft ſchwieriger und gefaͤhrlicher gemacht. Ermuthigt durch den Erfolg dieſer ent⸗ ſcheidenden Maßregel, ſchritt die Regierung gegen einige der Terroriſten ein, die ſie bisher verſchont hatte; ihr Untergang ward nun beſchloſſen, um ihre Partei in Schrecken zu ſezen. Sechs Jakobiner, welche fuͤr die trozigſten galten, wurden als Anſtif⸗ ter des lezten Aufſtandes verhaftet und vor ein Kriegsgericht geſtellt. Sie waren alle Deputirte vom Berg. Ihrer Verurtheilung gewiß, faßten ſie einen verzweifelten Entſchluß. Sie hatten alle nur ein Meſſer, und dieſes ſollte ihnen allen zum Werkzeug des Selbſtmords dienen. Im Augenblick, in welchem ihr Urtheil ausgeſprochen war, erſtach ſich einer mit dieſer Waffe, ein zweiter ergriff das Meſſer aus der ſterbenden Hand ſeines Genoſſen, ſtieß es ſich in die Bruſt, und haͤndigte es dem dritten ein, der dieſem furchtbaren Vorgang folgte. So groß war die Beſtuͤrzung ihrer Waͤrter, daß ihnen keiner dieſe furchtbare Waffe entriß; alle fielen todt oder toͤdtlich verwundet, zu Boden— nur der lezte ſtarb unter der Gulllotine. Nach dieſem entſcheidenden Sieg, und dieſer lezten furchtbaren Kataſtrophe, kann man von dem Jakobinismus als reiner und unvermiſchter Partei behaupten, daß er in Frankreich nie wieder ſein Haupt erhob, obgleich ſein Gaͤhrungsſtoff mehr denn 4² eine der verſchiedenen Parteien, die ihr folgten, anſteckte und charakteriſirte. Als politiſche Sekte koͤnnen die Jakobiner mit keiner jemals beſtandenen verglichen werden; denn nur ſie hatten ein organiſirtes, regelmaͤßiges Syſtem, die Reichen zu morden und zu pluͤndern, um durch dieſe Beute den Unbemittelten die Mittel zur Schwel⸗ gerei zu verſchaffen. Sie koͤnnen jedoch mit den fanatiſchen Anhaͤngern des Hans von Leyden, und Knipperdolling in etwas verglichen werden, die im ſiebenzehnten Jahrhundert ſich MMuͤnſters bemaͤchtigten, und im Namen der Religion dieſelben wahnſinnigen Graͤuel, wie die franzoͤſiſchen Jakobiner in dem der Freiheit veruͤbten.— In beiden Faͤllen waren die Handlungen, die dieſe Parteien begingen, mit den von ihnen ange⸗ fuͤhrten Beweggruͤnden ihres Verfahrens, durchaus unvereinbar, und ſolchen voͤllig fremd. Die Wiedertaͤufer veruͤbten jede Art von Frevel und Grauſamkeit, zu Folge einer, wie ſie ſagten, goͤttlichen Eingebung— die Jakobiner kerkerten 300,000 ihrer Landsleute im Namen der Freiheit ein, und brachten mehr als die Haͤlfte unter der Sanktion der Freiheit und Gleichheit ums Leben. Nun begann die Geſellſchaft wieder einen ordent⸗ lichen Kreislauf anzunehmen, und die Beſchaͤftigungen und Verbindungen des Lebens folgten einander, wie gewoͤhnlich. Allein ſelbſt die geſellſchaftlichen Beluſti⸗ 43. gungen brachten ſeltſame und truͤbe Ideen⸗Verbin⸗ dungen mit dem Thale der Schatten mit ſich, durch welches Frankreich in ſeiner lezten Pilgerreiſe ge⸗ wandert war. Eine Tanzgeſellſchaft, die von jungen Leuten beiderlei Geſchlechts ſehr beſucht war, und wobei es aͤußerſt manierlich herging, ward„der Opfertanz“ genannt. Nur diejenigen wurden dabei zugelaſſen, welche einen nahen und angeſehenen Verwandten oder Freund in der lezten Schreckens⸗ periode verloren hatten. Das Haar und der Haupt⸗ ſchmuck war ſo angeordnet, daß er den Vorberei⸗ tungen fuͤr die Guillotine glich, und der Wahlſpruch ward angenommen„wir tanzen unter Graͤbern.“ In keinem Lande als in Frankreich konnte man auf einen ſolchen Gedanken kommen, und auch nur in Frankreich ſolchen auf dieſe Art aus fuͤhren. Allein es iſt Zeit, von der Betrachtung der Re⸗ gierung Frankreichs im Innern auf ſeine Verhaͤlt⸗ niſſe nach Außen uͤberzugehen; hier hatte der Glanz dieſes Landes eine ſo ausgezeichnete Hoͤhe erreicht, daß es ſchwer wird, dieſe beiden Gemaͤlde der Na⸗ tion in Einklang zu bringen, wie ſolche auf jedem Punkte uͤber das verbuͤndete Europa triumphirend, ſolche Anſtrengungen machte, und ſolche Siege er⸗ rang, wie die Geſchichte bisher noch keine aufzu⸗ weiſen hatte; waͤhrend zu derſelben Zeit ſeine An⸗ gelegenheiten im Innern von wilden, blutduͤrſtigen Barbaren, wie Robespierre, geleitet wurden. 44. Wenn man die Republlk nach ihren aͤußern und inneren Beziehungen betrachtet, ſo kann ſie auf das treffendſte mit dem Grabmahl eines Helden ver⸗ glichen werden, das nach außen die Trophaͤen und Embleme des Sieges beut, indeſſen in ſeinem Innern der verſtuͤmmelte, vermoderte Leichnam liegt. Zweites Kapitel. Rückblick auf die äußeren Verhältniſſe Frankreichs.— Sein großes Waffenglück.— Woher es kam.— Wirkung der Zwangse⸗ aushebungen.— Das militäriſche Genie und der militäriſche Charakter der Franzoſen.— Franzöſiſche Genergale.— Neue Art, die Truppen zu exerziren.— Leichte Truppen,— Erfolg⸗ reiche Kolonnen⸗Angriffe.— Anhänglichkeit der Soldaten an die Revolution.— Auch der Generale.— Carnot.— Eindruck der franzöſiſchen Grundſäze, in den von ihren Aurmeen ange⸗ griffenen Ländern gepredigt.— Schluß der Revolution mit dem Falle Robespierre's.— Bemerkungen über das, was folgen mußte. Man kann das, was ein Engliſcher Satyriker von dem Reichthum ſagt, auch auf den Sieg an⸗ wenden, daß er in dem Auge der Gottheit von keiner großen Bedeutung ſeyn kann, wenn man betrachtet, in welch' unwuͤrdigen Haͤnden er oft gefunden wird. Waͤhrend die Machthaber Frankreichs das Daſeyn eines Gottes laͤugneten, ſchien es, als ob ihre Armeen unter dem beſondern Schuze der Vorſehung ſtuͤnden. 4⁵ Unſer fruͤherer Ruͤckblick gab uns eine kurze Stizze von der bedenklichen Lage Frankreichs im Jahre 1792, wie es an allen Gränzen von Feinden umge⸗ ben war, und nur mit Muͤhe ihnen Stand halten mochte; nach dem Verlauf zweier Jahre finden wir es uͤber alle triumphirend. An ſeiner nordoͤſtlichen Graͤnze hatten die Eng⸗ laͤnder nach einer Reihe heftiger Kaͤmpfe nicht allein Flandern, wo ſie, als wir ſie verließen, Fortſchritte machten, ſondern auch Holland verloren, und ſahen ſich am Ende genoͤthigt, mit großem Verluſt den Kontinent zu verlaſſen. Der Koͤnig von Preußen hatte als Hauptheld der Coalition, bei ſeinem erſten Feldzug bekannt gemacht, und beſchloſſen, daß ſein General, der Herzog von Braunſchweig, die Revo⸗ lution in Frankreich ſo leicht als die in Holland unter⸗ druͤcken ſollte. Da er aber fand, daß die von ihm gemachte Unternehmung ſeine Kraͤfte uͤberſtieg, daß ſeine aufgehaͤuften Schaͤze in einem fruchtloſen Krieg vergendet wurden, und daß Oeſterreich nicht Preußen, als das Haupt der Coalition betrachtet ward, ſo zog er ſeine Streitkraͤfte, nachdem ſie durch mehr als eine Niederlage geſchwaͤcht worden waren, zuruͤck und ſchloß einen Separatfrieden mit Frankreich, indem er alle jene preußiſchen Landestheile, welche jenſelts des Rheins lagen, an die neue Republik abtrat. Um ſich fuͤr dieſe Verluſte zu entſchaͤdigen, betrat er ein eintraͤglicheres, obwohl minder ainde ehrenyolles Feld, und vereinigte ſich mit Rußland und Oeſterreich, als Eroberer die endliche Theilung und Einverlelbung Polens nach denſelben gewiſſenloſen Ruͤckſichten zu bewerkſtelligen, die ſte gleich anfangs geleitet hatten. Spanien, anfangs ſiegreich, war am Ende ſo ungluͤcklich gegen die franzoͤſiſchen Armeen, daß viele der Meinung wurden, der Charakter der Tapferkeit und des Patriotismus ſey fuͤr immer von ihnen ge⸗ wichen. Katalonien wurde von den Republikanern uͤberzogen, Roſas eingenommen, und keine Armee ſtand zwiſchen den Siegern und Madrid; der Koͤnig von Spanien ſah ſich genoͤthigt mit den Moͤrdern feines Verwandten, Ludwig XVI. zu unterhandeln, die franzoͤſiſche Republik anzuerkennen, und ſich von der Coalition zuruͤckzuziehen. Oeſterreich hatte ſeinen alten Ruhm ſowohl durch die Tapferkeit ſelner Truppen, als auch die Entſchloſſenheit des Kabinets, und die Talente eini⸗ ger ſeiner Generale, des Erzherzog Karl insbeſon⸗ dere, und des Veteranen Wurmſer behauptet. Und dennoch unterlag es der republikaniſchen Uebermacht. Belgien, wie die Franzoſen Flandern nannten, ging wie wir ſchon erwaͤhnten, gaͤnzlich verloren; und den Krieg laͤngs dem Rheine fuͤhrte Oeſterreich mehr zur Vertheidigung als aus Hoffnung auf Sieg. So ſehr und ſo allgemein hatte ſich das Kriegs⸗ gluͤck auf allen Punkten zu Gunſten Frankreichs ent⸗ ſchleden, waͤhrend es ſelbſt die außerſten Drangſale 47 durch die ſchrecklichſte Tyrannei erlitt. Es muͤſſen ſich ohne Zweifel fuͤr den gluͤcklichen Erfolg, womit die Waffen der Republik ſo allgemein gekroͤnt wurden, etnige Gruͤnde angeben laſſen, da ſie ſich nicht auf eine beſondere Armee, oder einen ausgezeichneten General beſchraͤnkten. Die erſte und maͤchtigſte Urſache iſt in der au⸗ ßerordentlichen Energie der republikaniſchen Regie⸗ rung zu ſuchen, die von Anfang an alle untergeordne⸗ ten Ruͤckſichten bei Seite ſetzte, und alle Quellen des Landes zu ſeiner militaͤriſchen Vertheldigung aufbot. Damals lernte Frankreich in vollem Umfang die Bedeutung des Wortes„Requiſition“ ken⸗ nen, was das bedeutet, was der Staat bedarf, und unter allen Umſtaͤnden geleiſtet werden muß. Es wurden allgemein Zwangs⸗Aushebungen veranſtaltet; und das unbeſtreitbare Recht des Staates, alle ſeine Unterthanen zur Vertheidigung der Geſammtheit auf⸗ zubieten, ward ſo weit ausgedehnt, daß ihnen die Macht eingeraͤumt wurde, ſolche auf ferne Erobe⸗ rungs⸗Expeditionen auszuſenden. Im Monat Maͤrz 1793 ward eine Aushebung von 200,000 Mann feſtgeſezt und vorgenommen; durch ein ſpaͤteres Dekret vom 21ſten Auguſt deſſel⸗ ben Jahres verfiel man auf eine noch rieſenartigere Rekrutirungsweiſe. Jeder waffenfaͤhige Franzoſe wurde unter die Befehle der Regierung geſtellt, und in eine Klaſſe eingetheilt; die juͤngſten, die ſich auf 500,000 —. 48 Mann beliefen, und ſpaͤter bis auf eine Million ſtie⸗ gen, wurden befehligt, unmittelbar ins Feld zu zie⸗ hen. Der Reſt der Geſellſchaft wurde in ſolche Ver⸗ faſſung geſezt, daß er die Bewegungen der in Thaͤ⸗ tigkeit geſezten Kaͤmpfer auf das Beſte unterſtuͤtzen konnte. Die Verheiratheten mußten Waffen berei⸗ ten, und zu Bedeckungen dienen— die Weiber Uni⸗ formen machen— die Kinder Leinwand zupfen— und die Alten Republikanismus predigen. Alles Ei⸗ genthum war auf gleiche Weiſe der Unterhaltung des Krieges gewidmet— alle Gebaͤude zu militaͤriſchen Zwecken benuzt— alle Waffen zum Dienſte des Staa⸗ tes in Anſpruch genommen— und alle Pferde, die nicht fuͤr den Ackerbau noͤthig waren, fuͤr die Reite⸗ rei und zu andern kriegeriſchen Dienſten weggenom⸗ men. Volksvertreter wurden ernannt, die bei den verſchiedenen Aushebungen zugegen ſeyn mußten.— Dieſe furchtbaren Kommiſſaͤre beſtraften kein Ver⸗ gehen anders als mit dem Tode. Keine Entſchul⸗ digung galt fuͤr Mangel an Gehorſam gegen die Re⸗ quiſition perſoͤnlichen Dienſtes— kein Aufſchub ward geſtattet— keine Stellvertretung angenommen, per⸗ ſönliche, buchſtaͤbliche Folgeleiſtung ward von jedem Stande und Rang verlangt. Ausgehobene, welche nicht erſchienen, ſich wider⸗ ſetzten, oder fluͤchtig wurden, verſielen denſelben Strafen, die auf Auswanderung ſtanden. Durch ſolche peremtoriſche Dekrete, die von der vollen 49 vollen Energie revolutionaͤrer Gewalt in Kraft ge⸗ ſezt wurden, gelang es der Regterung, eine Macht ins Feld zu ſtellen und zu unterhalten, die diejenige ihrer maͤchtigen Feinde mehr als um das T Doppelte uͤberſtieg, und dieſelben Huͤlfsmittel— namentlich willkuͤhrliche Requiſition— die ſie aufbrachten, er⸗ hielten ſie auch waͤhrend des Feldzugs, ſo, daß der Soldat bei dem beſtaͤndigen Vorrath von Proviant und Kleidung jeder Art, ſicher ſeyn durfte, den er⸗ forderlichen Unterhalt, Sold und die noͤthige Kleidung zu haben. Es giebt jedoch Laͤnder, in welchen die große nu⸗ meriſche Uebermacht, welche auf ſolche Weiſe erhal⸗ ten wird, von keinem bedeutenden Nutzen iſt, wenn ein unordentliches Aufgebot in Waſſe von neuer, unerfahrner und undiſciplinirter junger Mannſchaft den Schlachtreihen einer zwar viel geringeren, aber regulaͤr und gut diſciplinirten Axrmee, wie in jeder Hinſicht die oͤſterreichiſche iſt, entgegegen geſtellt wird. Bei ſolchen Faͤllen faͤllt einem die Spoltred⸗ Blarichs bei,—„je dichter das Heu, um ſo leichter zu maͤhen.“ Allein dieß fand nicht bei der Jugend Frankreichs ſtatt, welche ſich die fuͤr einen Soldaten erforderlichen Fertigkeiten mit beſonderer Leichtigkeit und Gelehrigkeit aneignete. Der Kriegsdienſt war zu allen Zeiten unter ih⸗ nen volksthuͤmlich geweſen; und die Erzaͤhlungen des W. Seott's Werke. XXXI. 4 50 Großvaters in der franzoͤſiſchen Bauernhuͤtte hatten immer den Zweck, in dem nachwachſenden Geſchlechte, dem Kriegsdienſt befreundete Ideen zu erhalten. Das Soldatenleben erſcheint ihnen nicht als ein gewalt⸗ ſames Heraustreten aus den Verhaͤltniſſen des Le⸗ bens, mit dem ſie ſich nicht fruͤher befreundet hat⸗ ten, wo ihnen alles neu und furchtbar erſcheint; es iſt ihnen eine Pflicht, zu deren Erfuͤllung jeder Fran⸗ zoſe verpflichtet iſt, und die ihm ſo natuͤrlich als ſei⸗ nem Vater und Großvater erſcheint. 1 Mitt dieſem Hang verbindet ſich bei den jungen Franzoſen jene natuͤrliche Gemuͤthsſtimmung, die bei dem Soldaten ſo wuͤnſchenswerth iſt. Er iſt gewohnt, kaͤrglich zu leben, ſich vielfach zu uͤben, ſich auf jede Weiſe zu helfen, und gelegentliche Entbehrungen ge⸗ duldig zu ertragen. Seine gluckliche Lebhaftigkeit macht ihn gleichguͤltig gegen Gefahr, ſeine gute Laune geduldig im Ungemach. Seine Leichtfertigkeit hilft und vergnuͤgt ihn lin den verſchiedenen Lagen eines unſteten Lebens. Er macht mit Leichtigkeit den Koch oder Handwerker, oder was immer die Gelegenheit von ihm erheiſcht. Auch zum wirklichen Kriege hat er die entſchledenſten Talente. Er dringt mit Muth vor, zieht ſich in Ordnung zuruͤck,— der Franzoſe iſt einer der beſten Soldaten von der Welt; und wenn es die Noth erfordert, zeigen oft die Gemei⸗ nen in ihrer Armee einen Grad von Einſicht und Er⸗ ahrung in dem Kriegshandwerk, doß ſie in andern —— — u—* 8& —₰— at 51 Dienſten zu einem hoͤhern Rang emporgeſtlegen waͤren. 3 Wenn ſie auch nicht durchaus Waſſertrinker ſind, ſo ſind ſie doch bei weitem weniger dem Trunk er⸗ geben, als der engliſche Soldat, der vielleicht gegen die vielfachen Vortheile von Seiten ſeines Gegners nur die Beharrlichkeit und Entſchloſſenheit des Bul⸗ lenbeißers in die Wagſchale zu legen hat, womit er bei jedem Nachtheil an Menge und Lage ſeinen An⸗ griff wiederholt, und mit groͤßerer Beharrlichkeit fort⸗ ſezt. Die Lebhaftigkeit des Franzoſen, wie wir ihn be⸗ ſchrieben haben, ſchuͤzt ihn gegen zu ſtarke Sehnſucht nach ſeiner Heimath. Wir haben ungluͤcklicherweiſe auch bei unſeren eigenen Matroſen ein Beiſpiel, wie wenig ſich der Muth der Leute abſchrecken laͤßt, wenn ſie zu gefahrvollen Dienſten genoͤthigt werden. Al⸗ lein, wo bei der troſtloſen Lage Frankreichs, und dem peinlichen Schauſpiel, das ſich taͤglich vor Augen ſtell⸗ te, da uͤberdieß alle Wege zu buͤrgerlichem Fortkom⸗ men verſchloſſen waren, Alles feil geworden war, bei einer Nation, die nur ein ödes Lager geworden, ſo war die Jugend froh, wenn ſie dem Anblick der Zerſtoͤrung in der Heimath entfliehen, und eine Lauf⸗ bahn betreten durfte, in der ſie entweder der Tod oder Befoͤrderung erwartete, auf dem einzigen Wege, der etwas ſicher und unbeſtritten ehrenvoll war. Die Armcen, welchen dieſe neue Ankoͤmmlinge 52 einverleibt wurden, wurden allmaͤhlich mit den beſten Offizieren beſezt. Die Aufhebung der alten Nang⸗ unterſchiede hatte denen, welche nach Befoͤrderung trachteten, eine freie Bahn eroͤffnet; und bei Gele⸗ genheit hitziger Kaͤmpfe zeichneten ſich Maͤnner von Verdienſten aus, und wurden weiter befoͤrdert. Die Stimme des Soldaten fuͤhrte oft die Befoͤrderung des Offiziers herbei; und dieſer war Augenzeuge, daß er ſolchen Vorzug verdiente. Die Revolutions⸗ haͤupter, obgleich blutduͤrſtig, waren freigebig bis zum Uebermaß in ihren Belohnungen, und ſparten weder Gold noch Dolche, weder Auszeichnung noch Drohung, ihre Generale zum Siege anzuſpornen, oder ſie vor den Folgen der Niederlage zu warnen. Unter dieſer ſtrengen Zucht, die keine Entſchul⸗ digung fuͤr das Mißlingen kannte, und alle Gelegen⸗ heit bot, ſich den Preis des kuͤhnſten Ehrgeizes zu erringen, erſtand eine Schule von Generalen, wie ſie die Welt kaum jemals ſah und die gewiß zu kei⸗ ner Zeit in ſolcher Anzahl in demſelben Lande bluͤhte. Ein ſolcher war Bonaparte; ſolcher Pichegru und Mo⸗ rean; die in ſeinem Aufſteigen ihren Untergang fan⸗ den. Solche waren die Marſchalle und Generale, die ſein glaͤnzendes Gluͤck mit ihm theilen und gleich den Paladinen um Karl den Großen oder gleich den ortttiſchen und armorikaniſchen Kaͤmpen um die Ta⸗ felrunde von Uthers fabelhaftem Sohne, ſeinen kunf⸗ tigen Thron umgeben ſollten. In dieſen fruͤhern 53 Kriegen, und aufgeboten durch die ſtrenge Aushebung, wurden Murat, deſſen Hoͤhe und Fall ein Seiten⸗ ſtuͤck zu ſeinem Schwager bildete— Ney, der Tapferſte der Tapfern— der ruhige ſcharfſinnige Macdonald— Joubert, der beinahe die fuͤr Napoleon beſtimmte Rolle vorweg genommen— Maſſena, das beraubte Gluͤckskind— Augereau, Berthier, Lannes und viele andere gebildet wurden, deren Namen den franzoͤ⸗ ſiſchen Soldaten wie der Klang der Trompete durch⸗ drang. Dieſe Abentheurer des Ruhms gehoͤrten zum Theil, wie Macdonald, der alten Kriegsſchule an, zum Theil kamen ſie, wie Moreau, aus der buͤrger⸗ ichen Klaſſe der Geſellſchaft; manche erhoben ſich aus den niederſten Staͤnden, und waren um ſo mehr entſchiedene Kinder der Revolution. Dieſes große Erdbeben hatte dadurch, daß es alle Scheidewaͤnde von Geburt und Rang niederriß, Hinderniſſe entfernt, die beinahe das Gedeihen aller dieſer ausgezeichneten Maͤnner verhindert haͤtten; und deßhalb waren ſie zum groͤßten Theil der neuen Ordnung der Dinge, die ihnen ſo vollen Spielraum fuͤr ihre Talente bot, mit Leib und Seele zugethan. Die franzoͤſiſchen Armeen, ſo rekrutirt und fo befehligt, waren auf eine Weiſe disciplinirt, die gane zu den Beſtandtheilen paßte, aus denen ſie zuſammengeſezt waren. Man hatte weder Zeit noch Gelegenheit, die neuen Rekruten all dem kleinlichen 54— Erercitium zu unterwerfen, welches die pedantiſche Förmlichkeit der alten Kriegsſchule erforderte. Du⸗ mouriez gab das Beiſpiel, und zeigte, wie das Prinzip der Revolution mit Vortheil ſelbſt in die Kriegs⸗ kunſt eingefaͤhrt werden koͤnnte, und daß der Unter⸗ ſchled zwiſchen den Neuconſcribirten und den alten Truppen, welchen ſie entgegengeſtellt wurden, durch Erwerbungen der urſpruͤnglichen einfacheren Regelu der Kriegskunſt mit Uebergehung der mancherlei Foͤrm⸗ lichkeiten„welche nicht zum großen Werk des Kriegs fur weſentlich erachtet wurden, ſehr verringert wer⸗ den koͤnnte. Es iſt ein beſtaͤndiger Irrthum be⸗ ſchraͤukter Koͤpfe, daß ſie Dinge, die der bloßen Gewohnheit angehoͤren, fuͤr eben ſo wichtig halten, als die weſentlichen Erforderniſſe, und vor einer unordentlichen Kleidung ebenſo erſchrecken, wie vor einem verwirrten Manoͤvre. Es gereichte den fran⸗ zoͤſiſchen Generalen, als Maͤnnern von Genie, zur Ehre, daß ſie in der Stunde der Gefahr ſich nicht an ſolche Handwerksvorurtheile, die ſo gut als an⸗ derswo pedantiſch ſind, hielten, und blos einer ſolchen Disciplin folgten, die ſie dem Charakter der Rekruten und dem Drange der Umſtaͤnde angemeſſen fanden. Die Poſſen des Handerercitiums wurden uͤbergangen und Alkes blos auf die wenigen fuͤr den Gebrauch der Muskete und des Bajonets nothwen⸗ digen Bewegungen eingeſchraͤnkt. Leichtere und ein⸗ fachere Manoͤvres traten an die Stelle der ſchwieri⸗ 4 55 gern und verwickeltern; und wenn nur die Linie oder Kolonne ſchnell gebildet und die Ordnung im Zuge erhalten ward, ſo wurde nach der Etikette der mi⸗ litaͤriſchen Bewegungen nicht mehr gefragt. Die Anzahl der leichten Truppen wurde gegen die bei den europaͤiſchen Nationen gewoͤhnliche um ein be⸗ deutendes vermehrt. Die Oeſterreicher, welche aus Tyrol und dem wilden Kroatenlande die beſten leich⸗ ten Truppen von der Welt bezogen, hatten damals viele derſelben in Linientruppen umgewandelt und ſo ihre Ueberlegenheit in einer Truppengattung ver⸗ mindert, die von Tag zu Tag groͤßere Wichtigkeit erhielt. Die Franzoſen dagegen zogen unzaͤhlige Abtheilungen ihrer Konſeribirten zu unregelmaͤßigen Truppen und Scharfſchuͤzen. Ihre Anzahl und ihr Pläntlerfeuer hinderten oft ihre disciplinirten Gegner an Rekognoscirungen, wodurch ſie uͤber die Anzahl und Stellung der Franzoſen genau unterrichtet werden konnten; waͤhrend die republikaniſchen Linientruppen, durch dieſen Wespenſchwarm gedeckt, Zeit, Ort und Art zum Kampfe vorzuruͤcken, oder ſich zuruͤckziehen, waͤhlen konnten. Wahr iſt es, daß dieſe Art Krieg fuͤhren, eine Unzahl Menſchen koſtete; allein die franzoͤſiſchen Generale wußten, daß das Menſchen⸗ leben eine Waare war, welche die Republik gar nicht hoch anſchlug, und daß waͤhrend dem Tod von einem Ende Frankreichs bis zu dem andern ſo große Ban⸗ kette gegeben wurden, ihm in ſeinem eigenthuͤmlichen 56 Bankettſaal, dem Schlachtfelde, keine Graͤnze geſezt werden durfte. Die naͤmlichen Umſtaͤnde geboten eine andere Veraͤnderung oder Neuerung in der frau⸗ zoͤſiſchen Taktik, die den Verluſt an Menſchen um ein bedeutendes erhoͤhte. Die Armeen, mit welchen ſie zu thun hatten, mußten durch die bedeutende Ueberlegenheit der gegenuͤberſtehenden Maſſen außer Faſſung gebracht, und durch die Thaͤtigkeit der fran⸗ zoͤſiſchen leichten Truppen außer Stand geſezt, die noͤthige Kunde einzuziehen, ſich ſehr oft blos defenſiv halten, eine feſte Stellung einnehmen und verſchan⸗ zen und ſo erwarten, bis die feurige Jugend von Frankreich kam, um mit ihren Tauſenden uͤber ihre Batterien herzufallen. So geſchah es denn, daß die franzoͤſiſchen Generale zuerſt jene Kollonnenangriffe aufbrachten, wo eine Truppenabtheilung nach der andern ununterbrochen und ohne auf den Verluſt au Mannſchaft zu achten, anruͤckt, bis die Armee der Vertheidiger vom Morden muͤde ſind, und ihre Linie auf der einen oder andern Seite durch die Unmoͤg⸗ lichkeit, einem ſo unaufhoͤrlichen und verzweifelten Angriff zu widerſtehen, gebrochen ſind, die Schlacht ver⸗ loren iſt und die Armee ſich zum Ruͤckzug genoͤthigt ſieht, indem die Sieger mit den Maſſen der in's Feuer gefuͤhr⸗ ten Soldaten den furchtbaren Siegespreis bezahlen. Auf dieſe Weiſe verwendeten die franzoͤſiſchen Generale ganze Kollonnen junger Rekruten, die 57 deßhalb Kanonenfutter(chair à canon) genannt wurden, ehe Krankheiten ſie der koͤrperlichen Be⸗ hendigkeit beraubten, oder Erfahrung die Gefahren des Handwerks gelehrt hatte, in das ſie mit der gedankenloſen Lebhaftigkeit von Schulknaben einge⸗ ſanden waren. So geſchah es denn auch oft, daß die Franzoſen, wenn ſie auch im Ganzen nicht an Zahl uͤberlegen waren, durch die Schnelligkeit ihrer Bewegungen und die Geſchicklichkeit, womit ſie ſolche erdachten und ausfuͤhrten, im Stande waren, an einem Punkte, den ſie anzugreifen gedachten, ploͤz⸗ lich eine ſolche Ueberzahl zu konzentriren, daß ſie denſelben Vortheil davon hatten. In Aufzaͤhlung der Urſachen, welche die allgemein guͤnſtigen Erfolge der republikaniſchen Waffen herbeifuͤhrten, duͤrſten wie des moraliſchen Moments— des Intereſſes, nicht vergeſſen, das die Truppen an der Sache des Krieges nahmen. Die Armee genoß einen augenblicklichen aͤußerſt einladenden Vortheil von der Revolution, was man, den Landmann ausgenommen, kaum von elner andern Menſchenklaſſe in Frankreich ſagen konnte. Ihr Sold ward erhoͤht, und ihre Wichtig⸗ keit wuchs. Keinem Gemeinen war das Emporſtei⸗ gen zu dem hoͤchſten Range im Heere verſperrt, und manche gelangten zu ihm. Maſſena war anfangs ein Tambour, Ney ein gemeiner Huſar, und viele andere erhoben ſich zum Kommando von Armeen aus den Reihen der Gemeinen. Das war eine Re⸗ 58 gierung fuͤr einen Soldaten, unter der er leben und gedeihen mochte, ſeine Lage erſchien um ſo vortheil⸗ hafter, wenn ſie mit dem alten monarchiſchen Sy⸗ ſteme in Vergleich kam, nach welchem die Vorrechte der Geburt jeden Augenblick mit den Anſpruͤchen des Verdienſtes kollidirten, wo der Buͤrgerliche (rotuier) ſich nicht über den Rang eines Subalternen echeben konnte, und wo alle Stellen von Auszeich⸗ nung als Erbgut ausſchließlich fuͤr den hohen Adel vorbehalten wurden; allein auger dieſen Belohnungen⸗ die den Soldaten erwarteten, hatte der Dienſt der Republik noch jenen unwiderſtehlichen Zauber— er war ſiegreich. Die Siege, welche ſie erfochten, und die Beute, welche im Gefolge derſelben waren, feſſelten die Sieger an ihre Fahnen, und verſam⸗ melten um ſie neue Schaaren aus ihrem Vaterland. „Vive la Rep ablique!“ wurde ein Feldgeſchrei⸗ das dem Heere ſo theuer war als in fruͤhern Zeiten die Loſung Dennis Mountjoie! und die drei⸗ farbige Fahne vertrat die Stelle der Oriftamme. Au die Stelle der Verwirrung, Unterdruͤckung und des Blutbads der zevolution kehrten ſich die Sol⸗ daten nur wenig. Sie hoͤrten von eingekerkerten und guillotinirten Freunden*); allein der Kriegsmann laͤßt gleich dem Moͤnch alle Sorgen der buͤrgerlichen —— *) Dieß war Moreau's Schickfal, der am Abend eines ſeiner glänzendſten Siege erfahren mußte, daß ſein Vater ent⸗ hauptet worden war. 59 Welt hinter ſich, und indeß er das blutige Spiel fuͤr ſein Leben oder ſeinen Tod mit dem Feinde ſpielt, der ihm gegenubertritt, hat er wenig Zeit an das zu denken, was ſich in dem Heimathlande zutraͤgt, das er hinter ſich gelaſſen. Ohne weitere Kenntniß von oer Politik der Republik zu nehmen, waren ſie den blumichten Vortraͤgen in dem Konvent, die von dem Lobe der Truppen wiedertoͤnten, und den Reden der Repraͤſentanten verbunden, welche die Armeen begleiteten, und es niemals fehlen ließen, ſich durch Schmeichelei und Freigebigkeit die Erge⸗ benheit der Soldaten zu erhalten, die ſo weſentlich fuͤr ihre Sicherheit war. Dieß gelang ihnen auch in ſolchem Grad, daß die Armeen, waͤhrend die Re⸗ publik noch bluͤhte, der beſtehenden Ordnung der Dinge ſo ſehr anhingen, daß ſie zu wiederholten Malen ihre beliebteſten Anfuͤhrer Preis gaben, wenn ſie bei der wuͤthenden Demokratie Verdacht er⸗ regten. 3 Die Generale hatten oft erfahren, daß die Re⸗ publik eben ſo ſtreng, ja noch ſtrenger gegen ihre militaͤriſchen als gegen ihre buͤrgerlichen Unterthanen ſeyn konnte, wenn ſie ſahen, wie ſie auch nur bei einem Schatten von Vorwand ohne Erbarmen ver⸗ hoftet und hingerichtet wurden. Und doch vermochte dieſes den Eiſer der Ueberlebenden nicht zu ſchwaͤchen. Wenn die revolutionaͤre Regierung enthauptete, ſo belohnte, verſprach und befoͤrderte ſie auch; unter 60 den vielfachen Gefahren des Soldatenlebens war die der Guillotine, nur eine geringe Zugabe zu denen des Schwerts und der Muskete), die fuͤr den Muth und den Ehrgeiz, vereint mit dem Vertrauen jedes Einzelnen auf ſein gutes Gluͤck, ſeine unſichere Stellung nicht viel verſchlimmerte. Wenn ſolche Strafe eintrat, unterwarfen ſich ihr die Generale als einem der Zufaͤlle, die im Gefolge des Krieges ſind; und die Ueberlebenden dienten der Republik ebenſo willig und unbedingt. Bei dieſen bewundernswuͤrdigen Eigenſchaften und Talenten, dieſer Denkart und Handlungsweiſe, welcher die republikaniſchen oder vielmehr revolntio⸗ naͤren Armeen folgten, bedurfte es nur des leiten⸗ den Genies eines beruͤhmten Mannes wie Carnot, *) Die Gefahr erſchien als erwas ganz Natürliches Madam La Roche Jacquelin berichtet uns, daß General Quentineau⸗ ein republikantſcher Offizier, der ſich mit vieler Menſchlich⸗ keit in der Vendee benommen hatte, als er in die Hände der Inſurgenten fiel, von L'Esvoure, der dieſe kommandinte, angelegentlich gebeten wurde, nicht nach Paris zurückzukeh⸗ ren.„Ich kenne die Verſchiedenheit unſrer politiſchen Anſich⸗ ten,“ ſagte der Royaliſt;„aber warum wollten Sie Ihr geben in die Macht von Menſchen geben, bei denen das Miß⸗ lingen eines Unternehmens ein hinlänglicher Grund ſeyn wird, es abzukürzen?“—„Sie haben Recht,“ entgegnete Quentineau;„aber als Mann von Ehre muß ich mich zur Vertheidigung meines Benehmens ſtellen, wo es auch immer mag angeſchuldigt werden?“ Er ging ab, und kam ſonach un⸗ 8 ter der Guillotine um.— ₰ 61 der ein Zoͤgling der Ingenieurſchule, einer der beſten Taktiker von der Welt war, um ihnen den gehoͤri⸗ gen Wirkungskreis anzuweiſen. Er war ein Mit⸗ glied des furchtbaren Ausſchuſſes der oͤffentlichen Si⸗ cherheit; allein es wird zu ſeiner Vertheidigung an⸗ gefuͤhrt, daß er keinen Theil an ſeinen Graͤueln nahm, und ſich einzig auf das Departement des Kriegs beſchraͤnkte, wofuͤr er ſo großes Talent zeigte, daß ſeine Kollegen es ſeiner ausſchließlichen Leitung uͤberließen. Er vereinigte in ſeiner Perſon das ganze militaͤriſche Buͤreau oder Kriegsdepartement des Aus⸗ ſchuſſes fuͤr die oͤffentliche Sicherheit, beaufſichtigte und leitete die Bewegungen der Armeen, als ob er von der Gottheit des Sieges ſelbſt inſpirirt wuͤrde. Er war der erſte, der die natuͤrlichen(das heißt, die angemeſſenſten) Graͤnzen fuͤr Frankreich in An⸗ ſpruch nahm. Den Rhein, die Alpen und die Pyrenaͤen bezeichnete er als die Graͤnze ſeines Gebietes, und behauptste, daß, was innerhalb derſelben andern Maͤchten angehore, Frankreich widerrechtlich entriſſen werden ſey, und demnach unbedenklich demſelben wle⸗ der einverleibt werden muͤßte; und ſein Genie ſetzte ſich in Beſitz der Lande, die ſein Ehrgeiz angeſpro⸗ chen. Belgien ward ein integrirender Theil der⸗ franzoͤſiſchen Republik— Holland als Schutzwehr fuͤr die große Nation zu einem wenig abhaͤngigen Frei⸗ ſtaat erhoben— die Oeſterreicher an dem Rheine be⸗ ſiegt— der Koͤnig von. Sardinien aus Savvyen vev⸗ 62 trieben— und Plane realiſirt, von denen ſich Lud⸗ wig XIV. nichts hatte traͤumen laſſen. Zum Dank fuͤr dieſe Gefaͤlligkeit, die ihm der Ausſchuß erwies, ſprach er keine Skrupel, wenn er ſolche hatte, uͤber die Art aus, auf welche ſie das Innere dieſes un⸗ gläͤcklichen Landes regierten. Trotz ſeiner Geſchick⸗ lichkeit und Vorſicht, hatte ihn Robespierre beſtaͤn⸗ dig im Auge, gleich der Schlange, die auf ihr Opfer lauert. Er konnte der Talente Carnots in der Lauf⸗ bahn des Sieges nicht entbehren; aber gewiß iſt, daß, wenn ſeine Plane auch nur einziges Mal miß⸗ gluͤckt waͤren, ſein Haupt außerſt unſicher geſtanden haͤtte. Man muß jedoch geſtehen, daß die franzoͤſi⸗ ſchen Armeen, obgleich ſie der Republik anhingen, und gewoͤhnlich unter der Leitung eines Mitglieds des Wohlfahrtsausſchuſſes handelten, dennoch die Be⸗ fehle deſſelben nicht nach all ihrer grauſamen Aus⸗ dehnung, in Hinſicht des Vertilgungskrieges befolg⸗ ten, zu dem ſie von ihren Gebietern aufgefordert wurden. Es erging einmal ein Dekret, zu Felge deſſen den Gefangenen der verbuͤndeten Truppen kein Pardon gegeben werden ſollte; allein die fran⸗ zoͤſiſchen Soldaten konnten nicht zu einem Schritte vermocht werden, der die gewohnten Schrecken des Krieges noch ſo furchtbar vermehren nußte. Wenn wir betrachten, wie die franzoͤſiſche Regierung ver⸗ fuhr, als die Soldaten dieſem Beſchluſſe ihre Zuſtim⸗ mung verweigerten, ſo ſcheint es, als ob die Menſch⸗ — 63 lichkeit aus den Staͤdten und den friedſamen Woh⸗ nungen der Menſchen geflohen waͤre, um in den La⸗ gern und Schlachten eine Heimath zu ſuchen. Wir brauchen hier einen bedeutenden Theil un⸗ ſerer Geſchichte nur kurz zu beruͤhren. Wir meinen die großen Vortheile, die fuͤr die franzoͤſiſchen Waf⸗ fen aus der Aufnahme entſprangen, die ihre politi⸗ ſchen Lehren zu dieſer Zeit unter den von ihnen an⸗ gegriffenen Voͤlkern fanden. Sie proclamirten laut, daß ſie nur gegen Schloͤſſer und Palaͤſte Krieg fuͤhr⸗ ten, mit den Huͤtten aber im Frieden ſtünden; und wie man ſagt, daß bei Gelegenheit die belagernden Generale den Befehlshaber des Plaßzes damit beſtachen, daß ſie ihm verſprachen, die Kriegskaſſe der Garniſon unangefochten zu laſſen, ſo ſpiegelten die Franzoſen bei allen Gelegenheiten der Menge die Pluͤnderung ibres eigenen Adels vor, um ſie zu vermoͤgen, ih⸗ ren Angriff auf ihr Land, wo nicht zu beguͤnſtigen, doch demſelben ſich nicht zu widerſetzen. So gingen ihren Armeen immer ihre Grundſaͤtze voran. In ledem Nachbarſtaate bildete ſich eine franzoͤſiſchge⸗ ſinnte Partei, und hoͤrte mit Entzücken auf die Leh⸗ ren von Freiheit und Gleichheit, ſo daß die Macht der angegriffenen Nation durch das Bewußtſeyn von Unzufriedenheit und Zwietracht im Innern gebrochen und ihr Muth herabgeſtimmt war. Die Franzoſen wurden oft zugleich ols Sieger und Befreier von den Landern, die ſie angriffen, aufgenommen; und hei⸗ 64 nahe in allen Fällen waren die Regierungen, welche ſie bekriegten, genoͤthigt, ſich ausſchließlich den re⸗ gelmaͤßigen Truppen anzuvertraben, die ſie ins Feld ſtellen konnten, indeß ſie des unſchaͤtzbaren Votheils einer allgemeinen Ergebenheit ihrer Unterthanen be⸗ raubt waren. Nicht lange waͤhrte es, bis die Bo⸗ wohner dieſer betrogenen Laͤnder fanden, daß die Fruͤchte des ſogenannten Freiheitsbaumes denen gli⸗ chen, die an dem todten Meere der Sage nach wachſen — ſchoͤn und gut fuͤr das Auge, allein unangenehm und bitter fuͤr den Geſchmack. Wir ſchließen unſere Schilderung der franzoͤſiſchen Revolution, da der Fall Robespierres der Zeitpunkt iſt, mit welchem ihre Schrecken zu ebben und zu ſin⸗ ken anfangen, und nie wieder zu der naͤmlichen Hoͤhe ſtiegen. Wenn wir auf den ganzen Verlauf der Um⸗ waͤlzung von der Zuſammenberufung der Notabeln bis auf den 9ten Thermidor, wie der Zeitpunkt von dieſes Mannes Fall genannt wurde, zuruͤckblicken, ſucht unſer Auge umſonſt einen Punkt, der Wahr⸗ ſcheinlichkeit faͤr Gruͤndung einer feſten und bleiben⸗ den Regierung gab. Die drei nach einander folgen⸗ den Konſtituttonen von den Jahren 1791, 1793 und 1794, das Werk der Konſtitutionellen, Girondiſten und Jakobiner nacheinander, hatte nicht mehr Macht, die Gewalt des revolutionaͤren Impulſes zu be⸗ ſchraͤnken oder aufzuhalten, als ein Brombeer⸗ oder Doornſtrauch den Lauf eines. Felsſtuͤcks hemmt, Idas 3————— hee ee bcriKA — in die Tiefe ſtuͤrzt. Obgleich beſtaͤtigt und beſchwo⸗ ren mit aller Foͤrmlichkeit und Feierlichkeit, blieben ſie alle nur todter Buchſtabe. Frankreich war dem⸗ nach in den Jahren 1794 und 1795 eine Nation ohne regelmaͤßige Kot ſtitution oder Regierung, an deren Spitze der Ueberreſt einer Verſammlung, Konvent genannt ſtand, die ihre Sitzungen fortſezte, blos weil die Kriſis ſie im Beſitz ihrer Sitze fand, und die Regierung vermittelſt proviſoriſcher Ausſchuͤſſe leitete, deren Beſehlen ſich aber unbedingt fuͤgte; die Ausſchuͤſſe waren es, die, obwohl im Namen des Konvents, das Ganze leiteten. Im Verlaufe dieſer außerordentlichen Auftritte hatte Frankreich ſeinen Koͤnig und ſeine Notabeln⸗ ſeine Kirche und ſeine Geiſtlichkeit, ſeine Richter, Gerichtshoͤfe und Obrigkeiten, ſeine Kolonien und ſeinen Handel verloren. Der groͤßte Theil ſeiner Staatsmaͤnner und Großen war durch Proſcription verloren und die Stimme ihrer Redner vor dem Beil der Guillotine verſtummt. Es hatte keine Fi⸗ nanzen— die Bande der buͤrgerlichen Geſellſchaft ſchien blos noch Gewohnheit zu halten. Eine ein⸗ zige maͤchtige Maſchine beſaß die Nation noch, die Frankreich ſein eigen nannte, eine einzige Macht, die ſie zu Thaten rief— ſeine Armee und ſeinen Ehrgeiz. Es glich einem Kranken, der in der Fie⸗ berhitze alle K Kleidung der Scham und Nothdurft von ſich geworfen, und in der Hand ein blutiges Schwert M. Seott's Werke. XXXI. 5 66 zuͤckt; indeß alle, die ſeiner Wuth Einhalt zu thun ſich beſtrebten, um ihn im Blute liegen. Nie fan⸗ den ſo große Ereigniſſe nach einander in der Mitte einer Nation ſtatt, ohne ein feſtes oder beſtimmtes Reſultat in der Gegenwart oder in der Zukunft zu bieten. Immer ſagten ſich denkende Maͤnner— dieſer unerhoͤrte Zuſtand der Dinge, in dem Alles provi⸗ ſoriſch und revolutionaͤr erſcheint, wird nicht, kann nicht von Dauer ſeyn;— nach dem Falle Robes⸗ pierres mußte nothwendige eine neue Umgeſtaltung der Dinge herannahen. Dieſe, welche dieſes Werk vollendet hatten, behielten ohne irgend eine Sicher⸗ heit die zeitige Macht in Haͤnden, die ſolches ihnen verſchafft hatte. Sie behaupteten ihren Einfluß mehr durch die Eiferſucht zweier Parteien, als durch das in ſie geſezte Vertrauen. Diejenigen, welche ſo empfindlich unter der Zuchtruthe der revolutionaͤren Regierung gelitten hatten, mußten die Thermidori⸗ ſten als regulaͤre Jakobiner bearggohnen, die alle Exceſſe der Schreckensperiode gethellt, und nun ihre Macht zum Schutze derer gebrauchten, die ſie veruͤbt harten. Auf der andern Seite konnten es diejeni⸗ gen Revolutionsmaͤnner, welche noch in der Jakobi⸗ nerverbindung geblieben, Tallten und Barras nicht zerzeihen, daß ſie die Jakobinerklubbs geſchloſſen, Callot d'Herbois und Billaud Varennes verbannten, ſo viele andere Patrioten zum Tode fuͤhrten und 7 — —— .—— 67 das Syſtem der revolutionaͤren Regierung voͤllig zer⸗ ſtoͤrten. In Wahrheit, wenn dieſe ausgemachten Revolutionsmaͤnner die Herrſchaft von Tallten und Barras ertrugen, ſo geſchah es einzig, weil ſolche ſie vor Reaktion und vor Maßregeln ſchuͤzte, womit ſie die gemaͤßigte Partei bedrohte. Die Sachen konn⸗ ten, dachten ſie, nicht lange in dieſem ungewiſſen Zuſtande bleiben, noch konnte dieß gegenwaͤrtige Zwi⸗ ſchenſpiel der Regierung lange auf der Buͤhne blei⸗ ben. Allein durch wen ſollte der naͤchſte Aufzug er⸗ oͤffnet werden? ſollte ein Ruͤckſchritt zu alten Erin⸗ nerungen das Volk, das ſo viel durch Neuerung ge⸗ litten hatte, vermoͤgen, das verbannte Geſchlecht ih⸗ rer alten Fuͤrſten unbedingt oder bedingt wieder zu⸗ ruͤckzurufen, oder ſollte es dem Himmel gefallen, ein neues Strafgericht ergehen und eine neue Bande Revolutionsmaͤnner auf der Buͤhne erſcheinen zu laſ⸗ ſen? ſollte die hoͤchſte Gewalt einem unternehmen⸗ den Soldaten wie Caͤſar, oder einem intriganten, verſchmizten Staatsmann wie Octavius, als Kampf⸗ preis anheimfallen? ſollte Frankreich einem Cromwell oder einem Moͤnch unterliegen, oder von der Kabale abgefaͤumter Staatsmaͤnner beherrſcht, oder das In⸗ ſtitut einer philoſophiſchen Theorie oder eines anar⸗ chiſchen Klubhs von Jakobinern werden? Dieß wa⸗ ren die Betrachtungen, die alle Koͤpfe beſchaͤftigten. Mleln die Hand des Schickſals griff in den Vorhang F re 68 und war im Begriff, einen nenen Aufzug zu Tage zu foͤrdern.— Zweites Kapitel. Korſika.— Buonaparte's Familie.— Napoleon wird den 15ten Auguſt 1769 geboren.— Seine krühen Gewohnheiten.— Er wird in die königliche Kriegsſchule zu Brienne geſchickt.— Seine großen Sortſchritte in der Mathematik.— Seine geringere Be⸗ kanntſchaft mit der klaſſiſchen Literatur.— Schul Anekdoten von ihm.— Er wird in die Hauptſchule zu Paris geſchickt.— Er wird im 17ten Jahre zum Unterlieutenant der Artillerie er⸗ nannt.— Seine frühern politiſchen Anſichten.— Er wird Hauptmann.— Pascal Paoli.— Napoleon hält es mit der franzöſiſchen Regierung gegen Paoli.— Er wird mit ſeinem Bruder Lucian aus Korſika verbannt.— Er beſucht dieſe In⸗ ſel nie wieder.— Er iſt daſelbſt nie beliebt. Die Inſel Korſika, in fruͤheren Zeiten als So⸗ neca'³ Verbannungsort merkwuͤrdig, ward in dem letzten Jahrhunderte durch die Tapferkeit beruͤhmt⸗ mit der die Eingebornen ihre Freiheit gegen die Ge⸗ nueſer und Franzoſen in einem Kriege vertheidigten, der dazu diente, den hohen und unbaͤndigen Geiſt dieſer Inſelbewohner, ſo wie ihren feurigen und rach⸗ fuͤchtigen, durch das Klima bedingten Karakter ins Licht zu ſetzen. Auf dieſer Inſel, die dazu beſtimmt war, ihre kuͤnftige Wichtigkeit hauptſaͤchlich dieſem Umſtande —j— ⸗ 69 zu verdanken, wurde Napoleon Buonaparte, oder Bonaparte) geboren. Seine Familie war von Adel, obſchon nicht ſehr ausgezeichnet, ſondern viel⸗ mehr in ihren Vermoͤgensumſtaͤnden zuruͤckgekom⸗ men. Die Schmeichelei hat ſich nachher bemuͤht, den durch ihn beruͤhmt gewordenen Namen in den fruͤheſten Zeiten aufzuſuchen. Es wurden alte Chro⸗ niken nachgeſchlagen, um ausfindig zu machen, daß einmal ein Buonaparte ein Buch geſchrieben,— ein anderer einen Vertrag unterzeichnet,— eine weibliche Perſon deſſelben Namens einen Pabſt zur Welt geboren habe, nebſt andern kleinlichten Anſpruͤ⸗ *) Es wurde ehedem ein lächerlicher Streit über die Recht⸗ ſchreibung des Namens geführt, der, wie dies oft bei Klei⸗ nigkeiten der Fall iſt, eine Art Parteifrage wurde. Buo⸗ naparte hatte das von ſeinem Vater beibehaltene u wegge⸗ taſſen, und eine neuere Schreibaxt angenommen⸗ Dies wurde auf der einen Seite als ein Verſuch dargeſtellt, ſei⸗ uen Namen der franzöſiſchen Mundart näher zu bringen; und der Vokal wurde, als ob es eine Sache von der höch⸗ ſten Wichtigkeit geweſen wäre, hartnäckig von einer gewiſ⸗ ſen Klaſſe von Schriftſtellern beibehalten, die es ihrer Po⸗ litik für angemeſſen hielten, nicht zu erlauben, daß der ſieg⸗ reiche General das geringſte Merkmal ſeiner italieniſchen Abkunft, die er, in jedem Betracht, unmöglich weder ver⸗ wehlen noch läugnen konnte, ſelbſt wenn er es gewollt bätte, austilgen ſollte. In ſeinem Taufſchein iſt ſein Name ge⸗ ſchrieben Napoleon Bonaparte, obſchon der Vater unter⸗ ſchreibt Carlo Buonaparte. Die Schreibart des Namens ſcheint ganz gleichgültig geweſen zu ſein. 70 cchen auf Auszeichnung, die Napoleon mit Recht als gemein und unbedeutend anſah. Er antwortete dem Kaiſer von Oeſterreich, dem es einfiel, die Abkunft ſeines Schwiegerſohns von einem der kleinen Sou⸗ veraine von Treviſo ableiten zu wollen, er ſei der Rudolph von Habsburg ſeiner Familie; und einem Geneaglogiſten, der ſich's zum Verdienſte rechnete, ihn als den Sproͤßling eines al. en gothiſchen Fuͤr⸗ ſtenſtammes darzuſtellen, ließ er den Beſcheid geben, er rechne ſein Adelsdiplom von der Schlacht von Mon⸗ te⸗Notte, d. h. von ſeinem erſten Siege, an. Al⸗ les, was man von Napoleons Familie mit Gewiß⸗ heit weiß, laͤßt ſich mit wenigen Worten ſagen. Die dieſen Namen fuͤhrten, waren ein in dem Mittel⸗ alter ziemlich ausgezeichnetes Geſchlecht; ihre Na⸗ men ſind in das goldene Buch zu Treviſo eingeſchrie⸗ ben, und ihr Wappenſchild iſt an verſchiedenen Haͤu⸗ ſern in Florenz zu ſehen. Da ſie aber waͤhrend des Buͤrgerkriegs es mit den Gibellinen hielten, ſo wur⸗ den ſie von den Guelphen verfolgt; und nach ihrer Vertreibung aus Toskana fluͤchtete ſich einer von ih⸗ neu noch Korſika, wo er ſich niederließ; ſeine Nach⸗ kommen, regelmaͤßig in das Verzeichniß der Edel⸗ leute eingetragen, genoſſen auf dieſer Inſel alle Vor⸗ rechte des Adels. Der Vater Napoleons, Karl Buonaparte, war der ausgezeichnetſte Abkoͤmmling dieſer verbannten Familie. Er wurde zu Piſa zum Studium der Rechts⸗ 71 wiſſenſchaft angehalten und war, wie man verſichert, ein Mann von einnehmender Geſtalt, großen Red⸗ nertalenten und ſehr lebhaftem Verſtande, der ſich auch auf ſeinen Sohn fortgeerbt hat. Er war auch Patriot und Krieger, und befand ſich unter der Zahl derer, die unter Paoli den Franzoſen einen ſo tapfern Widerſtand leiſteten. Man ſagt, er ſei geſonnen geweſen, mit Paoli, ſeinem Freunde, und wie man glaubt ſeinem Verwandten, auszuwandern, aber durch ſeines Vaters Bruder, Lucian Buonaparte, der Ge⸗ neralvikar an der Stiftskirche zu Ajaccio und das reichſte Glied der Familie war, zuruͤckgehalten worden. Mitten unter Buͤrgerzwieſpalt, Gefechten und Scharmuͤtzeln heirathete Karl Buonaparte Laͤtitia Ramolini, ein durch Schoͤnheit und durch Karakter⸗ feſtigkeit auf der ganzen Inſel ausgezeichnetes Frauen⸗ zimmer. Sie theilte die Gefahren ihres Gemahls waͤhrend des Buͤrgerkriegs, und ſoll ihn bei einigen militaͤriſchen Expeditionen oder Wanderungen, kurz ehe ſie von dem kuͤnftigen Kaiſer entbunden wurde, zu Pferde begleitet haben. Obſchon in der Bluͤthe ihres Lebens Wittwe geworden, hatte ſie ihrem Ge⸗ mahl doch bereits 13 Kinder geboren, von denen ihn fuͤnf Soͤhne und drei Toͤchter uͤberlebten. I.) Jo⸗ ſeph, der aͤlteſte, der, obgleich von ſeinem Bruder als eingedrungener Koͤnig von Spanien in eine miß⸗ liche Lage gebracht, doch den Ruf eines rechtſchaffe⸗ nen und gemaͤßigten Mannes behauptete. II.) Na⸗ 22 pooleon ſelbſt. III.) Lucian, der ſeinem Bruder an Talent und Chrſucht wenig nachgab. IV.) Ludwig, deſſen Karakter ſich durch ein anſpruchloſes Verdienſt auszeichnet, und der lieber einer Krone entſagen, als ſeine Unterthanen unterdruͤcken wollte. V.) Hie⸗ ronymus, deſſen Gemuͤthsart ſich hauptſaͤchlich durch einen gewiſſen Hang zur Verſchwendung ausgezeich⸗ net haben ſoll. Die weiblichen Individuen waren: I.) Maria Anne, nachmahlige Großherzogin von Tos⸗ kana, unter dem Namen Eliſa bekannt. II.) Maria Anonciada, nachmahlige Maria Pauline, Prinzeſſin von Vorgheſe. III.) Carlotta, oder Caroline, Mu⸗ rat's Gemahlin und Koͤnigin von Neapel. Nach der Auswanderung von Paoli mit der fran⸗ zoͤſiſchen Regterung wieder ausgeſoͤhnt, genoß die Fa⸗ milie Buonaparte den Schutz des Grafen von Mar⸗ boeuf, des franzoͤſiſchen Gouverneurs von Korſika, durch deſſen Verwendung Karl Mitglied einer aus dem Adel der Inſel gewaͤhlten, im Jahre 1776 an Ludwig XV. abgeſandten Deputation wurde. In Folge dieſer Sendung erhielt er eine Stelle bei dem Gerichtshofe von Ajaccio, und damit die Mittel, ſeine zunehmende Familie zu erhalten, was ihm, bei ſeinem geringen Vermoͤgen und einigem Hang zur Verſchwendung, ſchwer geworden ſeyn wuͤrde. Karl Buonaparte, Napoleons Vater, ſtarb in einem Alter von ungefaͤhr 40 Jahren, an einem Magenge⸗ ſchwuͤre, den 24ſten Februar 1785. Seinem beruͤhm⸗ ro,— 8 73 ten Sohne brachte dieſelbe Krankheit den Tod. Zur Zeit der Groͤße Napoleons ſprach die Gemeine von Montpellier den Wunſch aus, Karl'n Buonaparte ein Denkmal zu ſetzen. Napoleons Antwort war eben ſo verſtaͤndig, als angemeſſen:„Waͤre mein Vater geſtern geſtorben,“ ſagte er,„ſo haͤtte es ſich fuͤr mich geziemt, ſein Andenken auf eine meiner gegenwaͤrtigen Stellung angemeſſene Weiſe zu ehren. Allein ſeit ſeinem Tode ſind zwanzig Jahre verfloſ⸗ ſen, und dieſes Ereigniß kann dem Publikum gleich⸗ guͤltig ſein. Laſſen wir die Todten in Ruhe!“ Napoleon wurde, den beſten Nachrichten und ſei⸗ ner eigenen Angabe zufolge, den 15ten Auguſt 1769 zu Ajaccio, im Hauſe ſeines Vaters, das eine Seite eines aus der Karlsſtraße fuͤhrenden Hofes bildete*), geboren. Wir leſen mit Theilnahme, daß ſeine Mutter, eine muthvolle und lebeuskraͤftige Frau, die, obgleich ihrer Entbindung ſo nahe, am Himmel⸗ melfahrtstage zur Meſſe gegangen war, von den We⸗ hen befallen, ſchnell wieder nach Hauſe zuruͤckkehren mußte, und dort, weil fuͤr dieſen Fall nichts bereit war, auf einem in der Eile zugerichteten Lager, das mit einem, die Helden der Iliade darſtellenden Tep⸗ piche uͤberdeckt war, von dem kuͤnftigen Sieger ent⸗ bunden worden iſt. Das Kind erhielt in der Taufe den Namen Napoleon, der nicht mehr im Kalender vor⸗ *) Siehe Benſon's Skizzen von Korſtka, Seite 4. 74 kommt, ſo daß Napoleon in der Folge nicht wußte, an welchem Tage er das Feſt ſeines Schutzheiligen feiern ſolle. Von dem Biſchoffe, der ihm die Fir⸗ mung ertheilte, diesfalls befragt, antwortete er et⸗ was unwillig, es gebe eine große Anzahl von Hei⸗ ligen und nur 365 Tage, die unter ſie vertheilt wer⸗ den koͤnnen. Der Pabſt war ſo hoͤflich, den Heiligen der Vergeſſenheit zu entziehen und ihm aus Achtung fuͤr den nach ihm Genannten eine Stelle im Kalen⸗ der anzuweiſen. Der Pabſt that noch mehr: er ver⸗ legte den Feſttag dieſes Heiligen auf den 15ten Au⸗ guſt, den Geburtstag des Kaiſers und den Tag der Unterzeichnung des Konkordats, ſo daß Napoleon die ſeltene Ehre zu Theil ward, ſeinen Schutzheili⸗ gen zu befoͤrdern. Der junge Napoleon erhielt die einfache und abhaͤrtende Erziehung, die in Gebirgslaͤndern und beſonders auf ſeiner vaterlaͤndiſchen Inſel uͤblich iſt. In ſeiner Kindheit zeichnete er ſich blos durch ſeine Lebhaftigkeit des Temperaments, jenen Eigenſinn und jenen Widerwillen gegen das Nichtsthun aus, die man bei Kindern von gluͤcklichen Anlagen und großer Lebhaftigkeit gewoͤhnlich bemerkt. Den Win⸗ ter brachte der Vater mit ſeiner Familie meiſtens in Ajaccio zu, wo jezt noch das omindſe Kinderſpiel⸗ zeug Napoleons, eine kleine metallene Kanone, von — etwa 30 Pfund im Gegwicht*), gezeigt wird. Die *) Skizzen von Korſika, K. 4. — 75 Philoſophen moͤgen unterſuchen, ob die nachherige Kriegsluſt des Kindes durch den zufaͤlligen Beſiz dieſes Spielzeuges, oder ob die Wahl dieſes Spiel⸗ zeuges durch den Keim jener Luſt veranlaßt worden iſt⸗ oder ob endlich zwiſchen der Natur des Zeitvertreibs und dem Geſchmacke, der ihn waͤhlte, nicht eine Wirkung und Ruͤckwirkung beſtanden und beide auf dieſe Art zur Bildung eines ſo kriegeriſchen Karakters beigetragen haben. Derſelbe Reiſende, welcher die obigen Anekdoten mittheilt, gibt uns auch eine anziehende Beſchreibung von dem Sommerſize der Buonapart'ſchen Familie. Wenn man laͤngſt der Seekuͤſte von Ajaccio in der Richtung der Inſel Sanguiniere fortgeht, trifft man, ungefaͤhr eine Meile von der Stadt, auf zwel ſteinerne Pfeiler, die Ueberbleibſel eines Thorweges, der nach einer verfallenen Villa, dem ehemaligen Wohnſize eines Halbbruders der Madame Buona⸗ parte, des bekannten Kardinals Feſch*), fuͤhrte. Der Zugang zu dem Hauſe iſt mit Cactus und andern in einem warmen Klima wuchernden Geſtraͤuchen ein⸗ gefaßt und uͤberwoͤlbt. Das Haus hat einen Garten und eine umzaͤunte Wieſe, die noch die Spuren ehemaliger Schoͤnheit zeigen, und iſt von Strauch⸗ *) Die Mutter der Lätitia Ramolini, der Gattin von Carlo Buonaparte, heirathete nach dem Tode des Vaters der Lä⸗ titia einen Schweizeroffizer in franzöſiſchem Dienſt, mit Na⸗ men Feſch. 76 werk umgeben, das ſich ungehindert und uͤppig nach allen Seiten ausbreitet. Dieſes war der Sommer⸗ ſiz der Madame Buonaparte und ihrer Familie. Beinahe ganz unter wilden Oelbaͤumen, dem Cactus, der Waldrebe und dem Mandelbaum erhebt ſich ein ſonderbarer, ganz iſolirt ſtehender Granitfels(Na⸗ poleous Grotte genannt), welcher der Zerſtoͤrung und Verwilderung, die um ihn vokgegangen iſt, wider⸗ ſtanden zu haben ſcheint. Unter dem Felſen gewahrt man die Ueberreſte eines kleinen Sommerhauſes, deſſen Eingang durch einen uͤppigen Feigenbaum bei⸗ nahe verſchloſſen iſt. Dieß war oft Napoleons Auf⸗ enthaltsort, wenn er in den Schulferien ſeine Hei⸗ math beſuchen konnte. Wie muͤht ſich die Einbil⸗ dungskraft ab, um ſich einen Begriff von den Ge⸗ danken zu machen, die auf dieſem einſamen und romantiſchen Flecke dem kuͤnftigen Helden von hun⸗ dert Schlachten vorgeſchwebt haben moͤgen! Der bereits als Gouverneur von Korſika ange⸗ fuͤhrte Graf von Marboeuf, verwendete ſich ſo ſehr fuͤr den jungen Napoleon, daß er ihm einen freien Plaz in der koͤniglichen Militaͤrſchule zu Brienne verſchaffte, wo junge Lente auf Koſten des Staates fuͤr das Ingenieur⸗ und Artilleriefach gebildet wur⸗ den. Dieſe Verwendung haben einige gleichzeitige Geſchichtſchreiber einem zaͤrtlichen Verhaͤltniß zwi⸗ ſchen dem Grafen und Madame Buonaparte zuſchrei⸗ ben wollen; allein jener war bereits in einem Alter⸗ 4 * 77 wo dergleichen nicht zu vermuthen iſt, auch hat dieſe Nachrede in Alaccio niemals Glauben geſunden. Nichts konnte den Anlagen des jungen Buonaparte angemeſſener ſein, als die ihm ſolchergeſtalt eroͤffnete Laufbahn, Seine Liebe zu den abſtrakten Wiſſen⸗ ſchaften war beinahe leidenſchaftlich mit der gluͤcklichen Anlage verbunden, dieſelben auf das Kriegsweſen anzuwenden. Zugleich wurde die Aufmerkſamkeit, die er einem ſchon an und fuͤr ſich ſo anziehenden und unerſchoͤpflichen Studium widmete, noch durch ſeinen natuͤrlichen Ehrgeiz und ſeine Begierde nach Auszeichnung erhoͤht. Beinahe alle wiſſenſchaftlichen Lehrer zu Brienne, die gewoͤhnt waren, den Karak⸗ ter ihrer Zoͤglinge zu ſtudiren, und die Obliegen⸗ heit hatten, gelegenheitliche Berichte uͤber dieſen Gegenſtand abzuſtatten, ſprachen von Buonaparte's Talenten und den Fortſchritten in ſeinen Studien mit Bewunderung. Angaben von ſehr verſchiedener Art, entweder uͤbertrieben oder auch ganz erdichtet, ſind in Beziehung auf die Jugendjahre eines ſo außer⸗ ordentlichen Mannes in Umlauf gekommen; die fol⸗ genden ſollen dagegen guten Grund haben.*) *) Sie wurden dem Verfaſſer ſchon vor mehreren Jahran von den Herren Joſeyh und Ludwig Law, den Brüdern des Generals, Baron Lauriſton, Buonaparte's Lieblingsadinn⸗ tanten, mitgetheilt. Dieſe Herren, wenigſtens Joſeph⸗ wurden zu Brienne aber ſpäter als Napoleon, ihr ausge⸗ zeichneter Bruder hingegen zu gleicher Zeit mit ihm, erzogen. 78 Napoleon betrug ſich unter ſeinen Gefaͤhrten als fleißiger und zuruͤckgezogener Zuͤngling, widmete ſich mit allem Ernſte ſeinen Studien und ſuchte nicht ſowohl, ſondern vermied vielmehr alles, was ihn davon abbringen konnre. Er hatte wenige Freunde und keine Vertraute; gleichwohl aber uͤbte er zu⸗ weilen, wenn es ihm darum zu thun war, einen bedeutenden Einfluß auf ſeine Mitſchuͤler aus, und wenn irgend ein gemeinſchaftlicher Plan ausgefuͤhrt werden ſollte, wurde er nicht ſelten zum Diktator der kleinen Republik gewaͤhlt. Waͤhrend des Winters bewog Buonaparte ein⸗ mal ſeine Gefaͤhrten, aus Schnee eine Feſtung zu erbauen, die nach den Regeln der Kunſt durch Waͤlle und Bollwerke vertheidigt war. Die Feſtung, durch welche ſich das große Talent des jungen Ingenieurs in ſeinem Berufsfache kund gab, wurde von den Schuͤlern, die ſich zu dieſem Zwecke in zwei Par⸗ theien theilten, angegriffen und vertheidigt, bis das Gefecht ſo ſehr eraluͤhte, das die Vorgeſezten einen Waffenſtillſrand gebieten zu muͤſſen glaubten. 1 Bei einer andern Veranlaſſung zeigte der junge Buonaparte gleichfalls ſeine Gewandtheit und ſeinen Unternehmungsgeiſt. In der Naͤhe von Brienne wurde ein Jahrmarkt gehalten, auf dem die Zoͤglinge der Kriegsſchule gewoͤhnlich einen luſtigen Tag zuzubrin⸗ gen pflegten; allein in Folge eines Streites zwiſchen ihnen und dem Landvolke bei einer fruͤheren Gele⸗ 79 genheit oder irgend einer ſolchen Urſache wegen, hatten die Vorſteher der Anſtalt den Befehl gegeben, es ſollte den Schuͤlern an dem Tage des Jahrmarkts nicht erlaubt ſein, ihren, mit einer Mauer umge⸗ benen Bezirk zu uͤberſchreiten. Allein unter der Leitung des jungen Korſikaners hatten die Schuͤler bereits einen Anſchlag gefaßt, durch den ſie ſich ihre gewoͤhnliche Beluſtigung ſichern wollten. Sie hatten die Mauer ihres Bezirks mit ſolcher Geſchicklichkeit und ſolcher Verborgenheit untergraben, daß ihre Operationen bis zum Morgen des Markttages voͤllig unbekannt blieben. Nun fiel aber ein Theil der Schranke unerwarteterweiſe nieder und verſchaffte den Schuͤlern einen freien Ausgang, den ſie auch ſogleich benuzten, und ſpornſtreichs an den verbote⸗ nen Beluſtigungsort eilten. Obgleich aber Buonaparte bei dieſen und viel⸗ leicht bei andern Gelegenheiten etwas von einem jugendlichen Frohſtun blicken ließ, den er mit jenem Erfindungsgeiſte und jener Herrſchergabe zu verbin⸗ den wußte, durch die er ſich in der Folge ſo ſehr ausgezeichnet hat, ſo war doch ſein Leben auf der Schule im Ganzen genommen dasjenige eines zuruͤck⸗ gezogenen und ernſthaften Schuͤlers, der durch die Uebung ſeiner Urtheilskraft und durch die Ausſtat⸗ tung ſeines Gedaͤchtniſſes mit aͤchten Kenntniſſen ſich jene faſt unbegraͤnzte Kombinationsgabe erwarb, durch welche es ihm in der Folge moͤglich geworden 80 iſt, die ſchwierigſten und verwickeltſten Unterneh⸗ mungen auf den einfachſten und kuͤrzeſten Ausdruck zu bringen. Sein mathematiſcher Lehrer war ſtolz auf den jungen Inſulaner, die Zierde ſeiner Schule, und ſeine andern wiſſenſchaftlichen Lehrer hatten eben ſo viele Urſache, zufrieden zu ſein. In den Sprachen machte Buonaparte weniger Fortſchritte, und brachte es nie zu einer Fertigkeit im Schreiben oder Sprechen des Franzoͤſiſchen, oder gar in einer andern fremden Sprache; auch hatten die Moͤnche von Brienne keine Urſache, auf die klaſ⸗ ſiſche Bildung ihres Zuͤglings ſtolz zu ſein. Da die volle Kraft ſeines Geiſtes auf die Wiſſenſchaften⸗ die mit ſeinem gewaͤhlten Beruf in Beziehung ſtan⸗ den, gerichtet war, ſo blieb ihm wenig Zeit und Luſt zu anderweitigen Studien. Obſchon von italieniſcher Abkunft, hatte Buonaparte doch keinen entſchiedenen Geſchmack an den ſchoͤnen Kuͤnſten, und ſchien ſich zum Grotesken und Schwuͤlſtigen hinzuneigen. Er bediente ſich ſtets der uͤbertriebenſten Redensarten; in ſeinen Kriegsberichten findet man hoͤchſt ſelten, und vielleicht niemals, jene auf die Wuͤrde und Ein⸗ fachheit des Ausdrucks gegruͤndeten Zuͤge des Erha⸗ benen. Bei aller aͤußern Ruhe und Zuruͤckhaltung in feinem Betragen hatte er, der zu ſo großen Dingen beſtimmt war, ſchon als Zoͤgling zu Brienne, jene Sehnſucht nach Auszeichnung, die vor der Schande zuruͤck⸗ —,— 81 zuruͤckbebt, jene raſtloſe und leidenſchaftliche Ruhm⸗ begier, die zu außerordentlichen Unternehmungen antreibt. Dieſe Sinnesart gab ſich zuweilen kund⸗ Bei einer gewiſſen Gelegenheit legte ein ſtrenger Oberaufſeher dem kuͤnftigen Kaiſer, eines unbedeu⸗ tenden Fehlers wegen, die Strafe auf, ein Bußkleld zu tragen, um, von dem Tiſche ſeiner Mitſchuͤler aus⸗ geſchloſſen, ſein Mahl allein zu verzehren. Der ſtolze Juͤngling nahm ſich dieſen Schimpf ſo ſehr zu Her⸗ zen, daß ein heftiger Nervenanfall die Folge davon war,— ein Uebel, dem er, bei einem ſonſt ruͤſtigen Koͤrper, in Augenblicken außerordentlicher Aufregung unterworfen war. Vater Petrault, Lehrer der Ma⸗ thematik, beeilte ſich, ſeinen Lieblingszoͤgling von der Strafe zu befreien, die ſo ſark und ſo nachthei⸗ lig auf ihn wirkte. Buonaparte ſoll ſich auch ſchon zu Brienne durch ein fruͤhes Hinneigen zu der Volksſache ausgezeich⸗ net haben. Pichegruͤ, in der Folge ſo beruͤhmt, und (ein ſonderbarer Umſtand) ſein Vorgeſetzter in der Kriegsſchule, gab Zeugniſſe von ſeinen fruͤhern Grund⸗ ſaͤtzen, ſo wie von der beſondern Feſtigkeit und Be⸗ harrlichkeit ſeines Karakters. Als Pichegruͤ ſpaͤter⸗ hin gefragt wurde, ob es nicht moͤglich waͤre, den Anfuͤhrer der italieniſchen Heere in das koͤnigliche Intereſſe zu ziehen, ſo gab er zur Antwort:„Es waͤre nur verlorene Zeit, es zu verſuchen. Ich kann⸗ te ihn in ſeiner Jugend— ſein Karakter iſt unbeug⸗ W. Seott's Werke. XXXI. 6 ſam— er hat ſich fuͤr ſeine Parthei entſchieden, und wird nicht mehr daven abgehen.“ Im Jahr 1283 ward Napoleon Buonaparte, damals erſt vier⸗ zehn Jahre alt, obſchon er das dazu gehoͤrige Alter noch nicht errelcht hatte, von Herrn von Ke⸗ ralio, dem Oberaufſeher der zwoͤlf Kriegsſchulen des Koͤnigreichs, als einer von denen gewaͤhlt, die in die Hauptſchule nach Paris geſchickt werden ſollten, um da ihre Erziehung zu vollenden. Es war dies eine ſchmeichelhafte Anerkennung, der fruͤhen Reiſe ſei⸗ nes außerordentlichen mathematiſchen Talents und ſeines unverdroſſenen Fleißes. Zu Paris zog er die⸗ ſelbe Aufmerkſamkeit, wie in Brienne auf ſich. Er beſuchte unter andern Geſellſchaften auch die des beruͤhmten Abbé Raynal und ward zu ſeinen litera⸗ riſchen Unterhaltungen beigezogen. Sein Geſchmack wurde nicht dadurch verbeſſert, allein ſeine Wißbe⸗ gierde in allen Zweigen der Wiſſenſchaft ſehr erhoͤht. So viel er auch taͤglich las, ſo war ſein Gedaͤchtniß doch ſtark genug, um die Kenntniſſe, die er ſich auf dieſem Wege erwarb, ſeſt zu halten, und ſeine urtheilskraft reif genug, um ſie zu ordnen und zu verdauen. Die Kenntniſſe ſtanden ihm daher waͤh⸗ rend ſeines ganzen uͤbrigen, thatvollen Lebens ſtets zu Gebot. Plutarch war ſein Lieblingsſchriftſteller; nach ihm hatte er ſeine Meinungen und ſeine Denk⸗ art ſo ſehr gemodelt, daß Paoli ſpaͤterhin erklaͤrte: / 83 er ſei ein junger Mann von antikem Guß und gleiche den klaſſiſchen Helden. Einige ſeiner Biographen haben ihm um dieſe Zeit die Anekdote eines gewiſſen jungen Zoͤglings der Kriegsſchule beigeſchrieben, der auf dem Schiffe eines Ballons mit dem Luftſegler Blanchard aufſtei⸗ gen wollte, und durch die ihm ertheilte abſchlaͤgige Antwort ſo ſehr entruͤſtet wurde, daß er den Ballon mit ſeinem Saͤbel zu zerhauen verſuchte. Die Wahr⸗ heit dieſer Geſchichte iſt nur ſchwach verbuͤrgt, und ſtimmt auch nicht mit dem Karakter des Helden uͤberein, der tief und nachdenkend, ſo wie kuͤhn und entſchloſſen und nicht dazu aufgelegt war, ſeine Kraft durch nutzloſe Abentheuer zu vergeuden. Beſſer begruͤndet iſt die Anekdote, daß er ſich um die Zeit in einem Brief an ſeine Familie auf eine unehrerbietige Weiſe uͤber den Koͤnig geaͤußert habe. Dem Gebrauche der Schule gemaͤß mußte er den Brief der Durchſicht des Herrn Domairon, des Lehrers der ſchoͤnen Wiſſenſchaften, unterwerfen. Die⸗ ſer beſtand darauf, daß der Brief, der beleidigenden Stelle wegen, verbannt werden ſollte, und fuͤgte ei⸗ nen derben Verweis hinzu. Lange nachher im Jahr 1802 erhielt Herr Domairon den Befehl, Napoleons Lever beizuwohnen, um einen Zoͤgling in der Perſon des Hieronymus Buonaparte in Empfang zu neh⸗ men. Der erſte Konſul erinnerte bei dieſer Gele⸗ genheit ſeinen alten Vormund in Inter Laune, daß 84 ſich die Zeiten ſeit dem Verbreunen des Briefes be⸗ deutend geaͤndert haͤtten. Napoleon Buonaparte ward in ſeinem ſieben⸗ zehnten Jahre zuerſt als Unterlieutenant in einem Artillerieregiment angeſtellt, und faſt unmittelbar darauf zum Oberlieutenant bei dem in Valence lie⸗ genden Korps befoͤrdert. Er beſuchte, nach ſeiner Anſtellung bei dem Regimente, mehr, als bisher, die Geſellſchaft, nahm an oͤffentlichen Beluſtigungen Theil, und entwickelte die Gabe, zu gefallen, die er, wenn er ſie geltend machen wollte, in einem un⸗ gewoͤhnlichen Grade beſaß. Seine ſchoͤnen und geiſt⸗ reichen Geſichtszuͤge, ſeine ruhige und nette, ob⸗ gleich etwas ſchmaͤchtige Geſtalt, empfahlen ihn noch mehr. Sein Benehmen konnte nicht wohl elegant genannt werden; allein er erſetzte das, was ihm an Grazie und Glaͤtte abgieng, durch Lebhaftigkeit und Mannigfaltigkeit im Ausdrucke, und oft durch eine große Feſtigkeit und Energie. Er buhlte auch um die Ehren der Literatur, und bewarb ſich anonym um den Preis, den die Lyoner Akademie uͤber Raynals Frage:„welches ſind die Grundſaͤtze und Inſtitutionen, durch deren Vermitt⸗ lung das menſchliche Geſchlecht den hoͤchſten Grad von Gluͤckſeligkeit erreichen kann?“ ausgeſetzt hatte. Der Preis wurde dem jungen Krieger zuerkannt Man kann ſich der Neugierde nicht erwehren, die jugendlichen Regierungstheorien desjenigen kennen „ — 85 zu lernen, der es ſpaͤter in ſeiner Gewalt hatte, al⸗ les, was ihm beliebte, in Ausfuͤhrung zu bringen. Wahrſcheinlich ſtimmten ſeine fruͤhern Ideen nicht mit ſeiner reifern Handlungsweiſe uͤberein; denn als Talleyrand viele Jahre nachher den Verſuch aus den Berichten der Akademie ans Licht brachte, und dem Verfaſſer wieder zuſtellte, ſo zerriß Buonaparte die Schrift, nachdem er kaum einige Zeilen geleſen hatte. Er hatte auch im Sinne, eine Reiſe auf den Berg Cenis, in der Manier von Sterne zu ſchreiben, was er jedoch gluͤcklicherweiſe nicht Bhat. Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß der gezierte Styl von Sterne natuͤrlicher geworden waͤre. Ernſtere Zeiten nahten ſich mit ſchnellen Schrit⸗ ten, und die Nation war nun voͤllig in jene Par⸗ theien getheilt, welche die Revolution erzeugten. Auch die Offiziere bei Buonaparte's NRegiment wa⸗ ren in Royaliſten und Patrioten getheilt; und es laͤßt ſich leicht denken, daß der junge und unbefreun⸗ dete Fremdling und Abentheurer dielenige Parthei zu ergreifen geneigt war, zu der er bereits einige Neigung gezeigt hatte, und die denen, die ſich blos auf ihr Verdienſt ſtuͤtzen konnten, die weiteſte Lauf⸗ bahn zu eroͤffnen verſprach.„Waͤre ich General,“ ſoll er ſich geaͤußert haben,„ſo wuͤrde ich es mit dem Koͤnige gehalten haben; als untergeordneter Offizier ſchließe ich mich an die Patrioten an.“ Es ging die Sage, Buonaparte habe ſich in ei⸗ 86 nem politiſchen Streite mit einigen Offizieren ſeines Regiments ſo beleidigender Ausdruͤcke bedient, daß ſie iyn in die Rhone warfen, wo er beinahe umge⸗ kommen waͤre. Allein dies iſt eine unrichtige Dar⸗ ſtellung eines Vorfalls der ihn wirklich betroffen hat. Er wurde, als er im Fluſſe badete, vom Krampfe befallen, und von ſeinen Kameraden mit Muͤhe ge⸗ rettet. Dieſe Gefahr war aber blos Werk des Zufalls. Napoleon hat ſelbſt verſichert, er ſei waͤhrend der ganzen Sitzung der Nationalverſammlung ein war⸗ mer Patriot gewefen, ſei aber nach dem Zuſammen⸗ tritte der geſetzgebenden Verſammlung in ſeinen Meinungen wankend geworden. Wenn dem ſo iſt, ſo hat er ſeine erſten Geſinnungen wieder angenom⸗ .. 7 men; denn wir ſehen ihn bald nachher als einen der heftigſten Revolutionaͤrs. Zu Anfang des Jahrs 1792 ruͤckte Napoleon nach dem Dienſtalter zum Artilleriehauptmann vor, und in demſelben Jahre war er zu Paris Zeuge der zwei Aufſtaͤnde vom 21. Junius und 20. Auguſt. Er war gewoͤhnt, von den Inſurgenten als von den veraͤcht⸗ lichſten Bauditen zu ſprechen, und zu erklaͤren, daß ein entſchloſſener Offizier dieſe ſcheinbax fuͤrchterli⸗ chen, allein der That nach feigen und unlenkſamen Maſſen mit der leichteſten Muͤhe haͤtte baͤndigen koͤnnen. Allein mit welch einem verſchiedenen An⸗ theile wuͤrde Napoleon auf dieſen wuͤthenden Poͤ⸗ bel geblickt haben— auf jene immer noch kaͤmpfen⸗ * . 87. den, obſchon uͤberwaͤltigten Schweizer, auf jenen brennenden Pallaſt,— haͤtte irgend ein Zuſchauer ihm zugefluͤſtert:„Kuͤnftiger Kaiſer, all dieſes Blut, all dieſes Gemetzel ſoll nur Ihre kuͤnftige Herrſchaft vorbereiten!“ Den maͤchtigen Einfluß, welchen die Ereigniſſe jener Zeit auf ſein eigenes Schickſal haben wuͤrden, wenig ahnend, und fuͤr das Schickſal ſeiner Mutter und ſeiner Familie beſorgt, wuͤnſchte jetzt Buona⸗ parte den Aufenthalt in Frankreich gegen den in Korſika zu vertauſchen, wo dieſelben Auftritte, nur auf einer kleinern Buͤhne, Statt ſanden. Es war ein auffallender Zug in der franzoͤſiſchen Revolution, daß ſie den beruͤhmten Pascal Paoli wie⸗ der aus ſeiner Zuruͤckgezogenheit hervorrief. Lange ſchon aus Korſika verbannt, deſſen Freiheit und Un⸗ abhaͤngigkeit er ſo tapfer vertheidigt hatte, kehrte er aus ſeiner Verbannung mit der ſchmeichelhaften Hoffnung zuruͤck, noch Zeuge von den Fortſchritten der Freiheit in ſeinem Vaterlande zu werden. Als er Paris beſuchte, wurde er mit enthuſiaſtiſcher Ver⸗ ehrung empfangen. Die Nationalverſammlung und die koͤnigliche Familie wetteiferten mit einander, ihm die groͤßte Ehre zu bezeugen. Er wurde zum Praͤſidenten des Departements und zum Befehlsha⸗ ber der Nationalgarde ſeiner Geburtsinſel ernannt, und uͤbte die ihm anvertraute Gewalt mit großer Weisheit und Vaterlandsliebe aus. 88 Allein Paoli's Anſichten von Freiheit ſtimmten nicht mit denen uͤberein, die ungluͤcklicherweiſe in Frankreich volksthuͤmlich zu werden begannen. Er wuͤnſchte jene Freiheit begruͤndet zu ſehen, die das Eigenthum beſchuͤzt, nicht aber zerſtoͤrt, und praktiſche Gluͤckſeligkeit verleiht, ſtatt nach theoreliſcher Voll⸗ mmenheit zu ſtreben. Mit einem Worte, er ſuchte Korſika von der wachſenden Anſteckung des Jakobinismus frei zu erhalten, und als Lohn dafuͤr wurde er bei der Verſammlung angeklagt. Paoli, aufgefordert, zu erſcheinen, um ſich gegen die wider ihn vorgebrachte Anſchuldigung zu vertheidigen, lehnte die Reiſe ſeines Alters wegen ab, erbot ſich aber, die Inſel zu verlaſſen. Eine große Anzahl der Einwohner traten auf die Seite des bejahrten Helden ihrer Freiheit, waͤhrend der Convent eine Expedition abſchickte, an deren Spize La Combe, Saint Michael und Sali⸗ cetti, einer von den an den Konvent abgeorneten Korſikanern, mit den gewoͤhnlichen auf Mord und Pluͤnderung lautenden Vorſchriften ſich befanden. Buonaparte war um dieſe Zeit in ſeiner Heimat) auf Urlanb, und obgleich er mit Paoli bisher auf freundſchaftlichem Fuße geſtanden, und ſelbſt eini⸗ germaßen mit ihm verwandt war, ſo zoͤgerte der junge Artillerieoffizier doch keinen Augenblick ſeine Partei zu waͤhlen; er griff diejenigen des Konvents mit Herz und Hand an, und verdiente ſich ſeine 89 erſten Sporen in dem Buͤrgerkriege auf ſeiner Ge⸗ burtsinſel. Im Jahre 1703 wurde er von Bastia, das in den Haͤnden der franzoͤſiſchen Parthei war, abgeſchickt, um ſeine damals von Paoli oder ſeinen Anhaͤngern beſezte Vaterſtadt zu uͤberfallen. Buona⸗ parte war zum einſtweiligen An fuͤhrer eines Batailons der Nationalg arde er nannt. Er landete in dem Meerbuſen von Ajaccio, mit! ungefaͤhr 50 Mann, um von einem Thurm, Torre di Capitello genannt, der auf der entgegengeſezten Seite des Meerbuſens und faſt im Angeſichte der Stadt lag, Beſiz zu nehmen. Es gelang ihm, dieſen Poſten zu nehmen; allein, da ſich ein Wind erhob, der ſeine Verbindung mit der Fregatte, die ihn ans Land geſezt hatte, ab⸗ ſchnitt, ſo wurde er in dem eroberten Thurme von der Gegenp arthe belagert und ſo ſehr in die Enge getrieben, daß er und ſeiné kleine Beſazung ſich von Pferdefleiſch naͤhren mußten. Nach fuͤuf Tagen wurde er durch die Fregatte entſezt, und raͤumte den Thurm, nachdem er zuvor vergebens ge⸗ ſucht hatte, ihn in die Luft zu ſprengen. Der Torre di Capitello zeigt noch Spuren von den damals er⸗ littenen Beſchaͤdigungen und kann als eine Sehens⸗ wuͤrdigkeit betrachtet werden, da er der erſte Schau⸗ plaz der Kaͤmpfe desjenigen war, vor welchem —„Tempel und Thurm in die Erde verſanken,— Ein Verwandter Napoleons, mit Namen Maſ⸗ 90 ſerio, vertheidigte wirklich Ajaccio gegen die von dem Nationalkonvente abgeſchickte Macht.*)— Da Paolis Macht ſtieg, und die Englaͤnder ſich anſchickten, ihm beizuſtehen, ſo war Korſika nicht laͤnger ein ſicherer oder angemeſſener Aufenthalt, fuͤr die Buonapartiſche Familie. In der That, ſowohl Napoleon als ſein Bruder Lucian, die ſich als Anhaͤnger der Franzoſen ausgezeichnet hatten, wurden durch ein Dekret von ihrer Geburtsinſel verbannt, Madame Buonaparte mit ihren drei Toͤchtern und Hieronimus, der noch ein Kind war, ſegelten unter ihrem Schuze ab, um ſich zuerſt in Nizza, und hierauf in Marſeille nie⸗ derzulaſſen, wo die Familie in kuͤmmerlichen Um⸗ ſtaͤnden gelebt haben ſoll, bis Napoleons Gluͤcksſtern aufging, und dieſer im Stande war, dieſelbe zu unterſtuͤzen. *, Solerzählen die Korſtkaner dieſe erſte That ihres berühmten Landsmanns. S. Benſons Skizzen, S. 4. Allein man hat Urſache zu glauben, daß Buonaparte im Febr. 1793 ſchon in Thätigkeit war. Admiral Truguet war mit einer anſehnlichen Flotte, die ein bedeutendes Korps an Vord hatte, mehrere Wochen in den korſikaniſchen Häfen vor Anker gelegen, und hatte Miene gemacht, in Sardinien zu landen. Nachdem er endlich Verſtärkungen erhalten hatte, ſegelte er zu dieſer Expedition ab. Buonaparte begleitete, wie man glaubt, dieſen Admiral, von deſſen Talenten und Urtheilskraft er im Manuſkript von St. Helena mit großer Verachtung ſpricht. Es gelang Buonaparten einige Batterien in der Gegend von St. Bonifacio zu nehmen; allein da die Expedition mißlang, ſo wurde ſie ſchnell wieder verlaſſen. 7 —————⏑—ꝛz’ — 4 91— Napoleon ſah ſeit jener Zeit Korſika nicht wie⸗ der, und ſcheint nichts fuͤr daſſelbe gefuͤhlt zu haben. Eine kleine Quelle in Alaccio wird als die einzige Zierde bezeichnet, mit der ſeine Guͤte ſeinen Geburts⸗ ort ſchmuͤckte. Er hielt es vielleicht fuͤr unklug, irgend etwas zu thun, wodurch das von ihm be⸗ herrſchte Land erinnert worden waͤre, daß er nicht ſein Kind, ja ſogar beinahe ein Auslaͤnder ſei; denn Korſika iſt erſt im Juni 1769, nur wenige Wochen vor Napoleons Geburt mit Frankreich vereinigt wor⸗ den. Dieſer Flecken wurde ihm von ſeinen Gegnern zu wiederholtenmalen zum Vorwurf gemacht. Einige tadelten ſogar die Franzoſen laut, daß ſie einen Herrn von einem Lande angenommen haͤtten, aus dem die alten Roͤmer nicht einmal einen Sklaven nehmen wollten. Napoleon mag dieſes in ſo ferne beachtet haben, daß er es vermied, irgend eine Vorliebe fuͤr den Ort ſeiner Geburt zu zeigen, die jenen Umſtand der großen Nation, mit der er und ſeine Familie unaufloͤslich verbunden zu ſein ſchien, deut⸗ lich haͤtte vor Augen ſtellen koͤnnen. Aber wie ein bereits angefuͤhrter Reiſender, der die beſte Gele⸗ genheit hatte, ſich mit den Geſinnungen der ſtol⸗ zen Inſulaner vertraut zu machen, ſich ausdruͤckte, —„die Korſikaner ſind noch in einem hohen Grade patriotiſch, und beſizen eine ſtarke Anhaͤnglichkeit an ihr Vaterland“— und die Verachtung, die Jemand gegen das Land ſeiner Geburt hegt, kann ihrer 92 Meinung nach durch keine andern Eigenſchaften ge⸗ ſuͤhnt werden. Napoleon war daher ſicherlich in Korſika nicht beliebt; auch wird ſein Andenken da⸗ ſelbſt nicht ſehr werth gehalten.*) Unnatuͤrliches. Napoleon, der in ſeinem eigenen Geburtslande wenig betheiligt, in ſeinem adoptiven Vaterlande ein unermeßliches Gluͤck gemacht hatte, das er entweder behaupten oder verlieren mußte**), befolgte darum eine dieſer Stellung angemeſſene Politik; wer mag es dagegen den hochherzigen In⸗ ſulanern verargen, daß ſie die von ihrem hochge⸗ ſtiegenen Landsmann gegen ſie bewieſene Gleich⸗ guͤltigkeit mit denſelben Geſinnungen erwiederten? *) Siehe Benſons Skizzen von Korſika, Seite 121. *) Doch nicht ganz buchſtäblich; denn es muß bemerkt weeden, daß, nachdem er die höchſte Gewalt erlangt hatte, ſeiner Familie ein Erbaut in der Nähe von Aiaccio zufiel und un⸗ ter ſte vertheilt wurde. Der erſte Konſul oder Kaiſer erhielt als Antheil einen Olivengarten.— Skizzen von Korſika. In den Gefuͤhlen beider Theile war hiebei nichts Drittes Kapitel. Belagerung von Toulon.— Buonaparte wird zum Artilleriema⸗ jor und zum Artilleriekommandanten bei der Belagerung von Toulon ernannt.— Er findet Alles in Unordnung.— Sein Plan, die Uevergabe der Feſtung zu bewirken.— Er wird an⸗ genommen.— Anekdoten während der Belagerung.— Die ver bündeten Truppen beſchließen, Toulon zu räumen.— Schreck⸗ liche Umſtände bei dieſer Räumung.— England wird bei dieſer Gelegenheit getadelt,— Lord Lynedoch.— Buonapartes Ruf wächſt, und er wird zum Batallionschef bei der italieniſchen Ar⸗ mee ernannt.— Er trift in dem Hnuptquartier zu Nizza ein.— Nach Robespierres Fall wird Napoleon außer Thärigkeit ge⸗ ſezt.— Er komnit im May 1795 nach Paris, und ſucht um eine Anſtelung nach.— Sein Wunſch wird nicht erfüllt.— Talma— Rückblick auf die Verhandlungen der Nationalver⸗ ſammlung.— Schwierigkeiten bei der Entwerfung einer neuen Verfaſſung.— Einſetzung des Direktorrums— Des Rathes der Alten und der Fünfhundert.— Ihre Anſprüche erwecken den Unwinen der Nation im Allgemeinen und der Hauptſtadt insbeſondere— Die Pariſer verſammeln ſich in den Sektionen. — General Danican wird zu ihrem Overbefehlshaber ernannt. — Menon erhält von dem Direktorium den Auſtrag, die Na⸗ tionalgarden zu entwaffnen— wird aber ſeiner Unfähigkeit we⸗ gen abgeſezt— Buonaparte tritt an ſeine Stelle.— Tag der Sektionen— Kampf zwiſchen den Truppen des Narivnalkon⸗ vents unter Buonapart« und den Truppen der Sektionen von Paris unter Danican.— Der Letztere wird mit großem Ver⸗ luſt geſchlagen.— Buonaparte wird zum zweiten Befehlshaber der Armee des Innern ernannt— Dann zum Obergenernl.— Er heirathet Madame Beauharnois.— Ihr Karakter.— Bno. naparte geht unmittelbar nachher zur italieniſchen Armee ab. Die Belagerung von Toulon war der erſte wich⸗ 94 tige Vorfall, der Napoleon in den Stand ſezte, ſich in den Augen der franzoͤſiſchen Regierung und der Welt uͤberhaupt auszuzeichnen. Wir haben bereits erwaͤhnt, daß ein allgemei⸗ nes Mißtrauen, und Furcht vor den Umtrieben der Jakobiner, in Verbindung der Intriken mit den Gi⸗ rondiſten, nach dem Falle der lezteren mehrere der vorzuͤglichſten Staͤdte Frankreichs bewogen hatte, die Waffen gegen den Nationalkonvent, oder vielmehr gegen die jakobiniſche zhartei⸗ die denſelben ganz be⸗ herrſchte, zu ergreifen. Wir haben gle eichfalls be⸗ morkt, daß Toulon, ene ihaſernen als ſelbſt Marſeille oder Lyon, ſich fuͤr den Koͤnig und die Verfaſſung von 1780 erklaͤrt, und die Huͤlfe der engliſchen und ſpaniſchen Geſchwader, die an der Kuͤſte kreuzten, angerufen hatte. Es erfolgte eine Ausſchiffung, und eine vermiſchte Schaar von Spaniern, Sardiniern, Neapolitanern und Englaͤndern wurde in die Feſtung gelegt. Dies war eine jener kritiſchen Perioden, wo kraͤftige Maßregeln von Seiten der Alllirten zu gro⸗ ßen Reſultaten fuͤhren konnten. Toulon, das Zeug⸗ haus der franzoͤſiſchen Seemacht, enthielt damals, nebſt unermeßlichen Vorraͤthen von Schiffsbeduͤrfniſe ſen, eine Flotte von 17 ſegelfertigen Schiffen und 13 oder 14 andern, die ausgebeſſert werden mußten. Der Beſitz dieſer Seeſtadt war von der groͤßten Wichtigkeit; und mit einer hinreichend ſtarken Be⸗ „— 2 1 ſatzung, oder vielmehr einer Armee zur Deckung der wichtigſten Punkte außerhalb der Stadt, haͤtten ſich die Englaͤnder daſelbſt behaupten koͤnnen, wie ſie ſich ſpaͤter zu Liſſabon und Cadir zu behaupten wußten. Die See wuͤrde den Belagerten, wenn ſie die zur Beſchuͤtzung der Rhede noͤthigen Vertheidigungsli⸗ nien erhalten haͤtten, ganz offen geblieben ſein, und ſie haͤtten alle noͤthigen Mund⸗ und Kriegsvorraͤthe aus Sicilien, oder den Staaten der Barbarei be⸗ ziehen koͤnnen, waͤhrend den Belagerern die Erhal⸗ tung ihrer Armee,— ſo groß war zu dieſer Zeit die Theurung in der Provence,— ungemeine Schwie⸗ rigkeiten verurſacht haben wuͤrde. Allein, um ein ſo kuͤhnes Splel zu ſpielen, mußte man, ſtatt weni⸗ ger Bataillons eine Armee unter dem Befehl eines tuͤchtigen Obergenerals haben. Es war dies um ſo nothwendiger, weil Toulon zufolge ſeiner Lage durch Poſtengefechte vertheidigt werden mußte, wozu be⸗ ſondere Gewandtheit, Klugheit und⸗ Wachſamkelt ge⸗ hoͤrt. Auf der andern Seite waren mehrere Um⸗ ſtaͤnde der Vertheidigung ſehr guͤnſtig, falls ſie mit Talent und Nachdruck gefuͤhrt wurde. Um Toulon auf der rechten und linken Seite zugleich einzuſchlie⸗ ßeu, waren zwei beſondere Blokadearmeen noͤthig, und dieſe konnten nicht leicht mit einander in Ver⸗ bindung bleiben, da ſie durch einen ſteilen Gebirgs⸗ ruͤken, Pharon genannt, getrennt worden waͤren. Dies verſchafte den Belagerten Gelegenheit, ihre 96 Kraft zu vereinigen, und bei ihren Ausfaͤllen den Angriffspunkt zu waͤhlen, waͤhrend dagegen die bei⸗ den Heere der Belagerer ihre Operationen nicht wohl, es ſei zum Angriffe oder zur Vertheidigung, vereinigen konnten. Lord Mulgrave, der in der Stadt ſelbſt den Be⸗ fehl fuͤhrte, begann, ungeachtet der gemiſchten Be⸗ ſatzung und anderer unguͤnſtigen Umſtaͤnde, die Ver⸗ theidigung mit vieler Einſicht. Auch ſchlug Sir Georg Keith Elphinſton die Republikaner in dem Gebirgspaſſe Ollioulles. Die Englaͤnder hielten die⸗ ſen wichtigen Paß eine Zeitlang beſetzt, wurden aber zulezt wieder daraus vertrieben. Cartaux, ein be⸗ reits erwaͤhnter republikaniſcher General, ruͤckte nun auf der Weſtſeite von Toulon, an der Spite einer ſehr bedeutenden Heeresmacht vor, waͤhrend General Lapoype die Stadt auf der Oſtſeite mit einem Theile der italieniſchen Armee berennte. Die Franzoſen hatten die Abſicht, ſich der Stadt Toulon auf bei⸗ den Seiten des Gebirgsruͤckens Pharon zu naͤhern; allein im Oſten war die Stadt durch das ſtarke und regelmaͤßige Fort La Malgua gedeckt, und auf der Weſtſeite der Rhede durch ein minder furchtbares Werk, Malbosquet genannt. Um Malbos⸗ quet zu behaupten, und den Eingang der Rhede und des Hafens zu beſchuͤtzen, befeſtigten die engli⸗ ſchen Ingenieurs einen Hoͤhepunkt, hauteur do Grasse genannt, mit großer Geſchicklichkeit. Dieſe Anhoͤhe 97 Anhoͤhe ſenkte ſich in elne Art Bucht hinab, de⸗ ren zwei Vorgebirge durch die Redouten Egulllotte und Balaginere beſchuͤtzt waren, die, mit dem neuen Werk von den Englaͤndern das Fort Mulgrave ge⸗ nannt, in Verbindung ſtanden, und dieſelbe be⸗ ſchuͤtzten. Es hatten mehrere Ausfaͤlle und Scharmuͤtzel ſtatt, in denen die Republikaner meiſtens geſchlagen wurden. Generallieutenant O'Hara kam aus Gibral⸗ tar mit Verſtaͤrkungen an, und uͤbernahm den Ober⸗ befehl. Von dem guten Einverſtaͤndniſſe unter den Be⸗ fehlshabern in Toulon laͤßt ſich wenig ſagen; doch gluͤckten ihre Unternehmungen in ſo weit, daß die Franzoſen uͤber die langſamen Fortſchritte der Bela⸗ gerung beſtuͤrzt zu werden anfingen. Die Lebens⸗ mittel wurden immer ſeltener, und die Unzufrieden⸗ heit des Volkes in der Provence nahm mit jedem Tage mehr zu; die Katholiken waren in den benach⸗ barten Bezirken von Vivaraies und der niedern Languedoc zahlreich; Barras und Freron ſchrieben von Marſeille aus an den Konvent, und gaben zu verſtehen, daß die Belagerung von Toulon aufgeho⸗ ben und die Belagerungsarmee hinter die Durance verlegt werden muͤſſe. Waͤhrend aber ſchwaͤchere Ge⸗ muͤther die Hoffnung aufgaben, bereiteten ſich Talente vom erſten Range, die Eroberung von Toulon zu bewirken. W. Scott's Werke. XXXI. 3 2 98 Buonaparte ſcheint ſeit ſeiner Nuͤckkehr aus Korſika einige unterſtuͤtzung von ſeinem Landsmanne Sallicetti erhalten zu haben, dem einzigen korſiſchen Abgeordneten, der fuͤr den Tod des Koͤnigs ſtiaunte, und einem Manne, der den jungen Artillerieoffizier waͤhrend des Burgerkriegs auf ſeiner Geburtsinſel kennen gelernt hatte. Napoleon hatte in einer klei⸗ nen jakobiniſchen Schrift, Le souper de Beaucaire genannt, Meinungen geaͤußert, die mit den damals herrſchenden uͤbereinſtimmten. Dieſe Schrift beſtand in einem politiſchen Zweigeſpraͤche zwiſchen Marat und einem Foͤderaliſten, in welchem der leztere durch die Beweisgruͤnde und die Beredtſamkeit des Volks⸗ freundes beſiegt, und zum Schweigen gebracht wurde. Dieſer jugendlichen Arbeit ſchaͤmte ſich Buvnaparte nachher ſo ſehr, daß er die Exemplare ſammeln, und gaͤnzlich vertilgen ließ⸗ ſo daß ſchwerlich mehr eines derſelben zu ſinden ſeyn wird. Es iſt auffallend, daß er in den Manuſcripten von St. Helena dieſe Schrift als ein Produkt erwaͤhnt, in welchem er die Maske der jakobiniſchen Grundſaͤtze bloß angenom⸗ men habe, um die Girondiſten und Royaliſten zu uͤberzeugen, daß ſie eine unpaſſende Zeit zum Auf⸗ ſtande gewaͤhlt haͤtten, und keine Hoffnung zu einem gluͤcklichen Erfolge fuͤr ſie vorhanden ſei. Er fuͤgt noch hinzu, daß er dadurch viele zu dieſer Meinung bekehrt habe.— Buonaparte's kriegeriſche Talente bewaͤhrten ſich —. — 99 noch beſſer, als die Richtigkeit ſeiner pelitiſchen Grundſaͤtze; uͤber jene koͤnite eigentlich gar kein Zweifel ſtatt finden. In den, von den Vorgeſezten der Kriegsſchule ſtets aufbewahrten Bemerkungen uͤber die Faͤhigkeiten ihrer Zoͤglinge iſt er als ein Gente vom erſten Range aufgefuͤhrt; dieſem Zeug⸗ niſſe verdankte er jezt ſeine Erhebung zum Range eines Artilleriemajors und den Oberbeſehl uͤber die Artillerie waͤhrend der Belagerung von Toulon. Als er an Ort und Stelle die Poſten der Be⸗ lagerungsarmee beſichtigt hatte, fand er ſo viele Zei⸗ chen von Unfaͤhigkeit, daß er ſein Erſtaunen nicht verhehlen konnte. Man hatte Batterien zur Zerſtoͤ⸗ rung der engliſchen Flotte errichtet; allein ſie wa⸗ ren drei Schußweiten von dem Punkte entfernt, den ſte beherrſchen ſollten. Gluͤhende Kugeln wurden in Bereitſchaft geſezt; allein nicht in Oefen zunaͤchſt den Batterien gluͤhend gemacht, ſondern in einer laͤcher⸗ lichen Entfernung davon, in einigen Landhaͤuſern der Umgegend, als ob man ſie auf die leichteſte und gewoͤhnlichſte Weiſe haͤtte herbeiſchaffen koͤnnen. Mit Muͤhe erhielt Buvnaparte von dem General Cartaux die Erlaubniß, zum Behufe eines Verſuchs einige Schuͤſſe zu thun; und als ſie ihr Ziel nicht einmal halb erreichten, ſo konnte der General ſich blos da⸗ durch entſchuldigen, daß er gegen die Ariſtokraten los zog, die ihm, wie er ſagte, ſein Schießpulver verdorben haͤtten. 3 2* 100 Der junge Artillerieofſizier machte auf eine kluge und zugleich muthige Weiſe dem Mitgliede des Na⸗ tionalkonvents, Gasparin, der Zeuge des Verſuchs geweſen war, ſeine Vorſtellungen, und bewies die Nothwendigkeit, ein ſyſtematiſcheres Verfahren an⸗ zunehmen, wenn man je etwas zu Stande bringen wolle. In einem Kriegsrathe, in welchem Gasparin den Vorſitz fuͤhrte, wurden die Verhaltungsbefehle des Sicherheitsausſchuſſes vorgeleſen, die dahin gin⸗ gen, daß die Belagerung von Toulon, den gewohn⸗ ten Formen gemaͤß, mit der Berennung der Stadt ſelbſt begonnen werden ſolle. Die Befehle des Si⸗ cherheitsausſchuſſes ließen eigentlich keine Eroͤrterung oder Kritik zu, ſondern mußten in der Regel blind⸗ lings befolgt werden; dennoch wagte es Buonapar⸗ te, diesmal eine Ausnahme in Vorſchlag zu brin⸗ gen. Sein umfaſſender Geiſt hatte ſogleich das Mit⸗ tel ausfindig gemacht, nicht geradezu, ſondern ge⸗ wiſſermaßen auf einem kleinen Umweg, in den Beſitz der Feſtung zu kommen. Er rieth, ſich mit der Stadt ſelbſt nicht zu befaſſen, dagegen aber das Vorgebir⸗ ge, die Hoͤhe de Graſſe genannt, zu nehmen und zu dieſem Zwecke die Belagerten aus dem Fort Mulgrave und den beiden Redouten Egulllette und Balagniere zu vertreiben, wodurch die Englaͤnder die Flotte und die Rhede gedeckt hatten. Er empfahl zugleich ei⸗ nen Angriff auf die Feſte Malbosguet, die gleichfalls —— 101 ein hoͤchſt wichtiger punkt war. Er wies nach, daß die Belagerer durch die Wegnahme dieſer feſten Punkte die Rhede, wo die engliſche Flotte lag, voll⸗ kommen beherrſchen, und dieſe noͤthigen wuͤrde, un⸗ ter Segel zu gehen, daß ſie eben ſo den Eingang in die Bucht beſtreichen, und der Stadt alle Zufuh⸗ ren von der See her abſchneiden wuͤrden. Er meinte, daß, wenn die Beſatzung ſich einmal in der Gefahr ſehe, die Verbindung mit ihren Schiffen ganz zu verlieren, ſie es vorziehen wuͤrde, Toulon ganz zu raͤumen, um nicht darin eingeſchloſſen und ausgehun⸗ gert zu werden. Der Plan wurde von dem Kriegsrathe nach lan⸗ gem Zoͤgern angenommen, und der junge Offizier, der ihn entworfen hatte, erhielt die Vollmacht, den⸗ ſelben auszufuͤhren. Er brachte eine Anzahl von treff⸗ lichen Artillerieoffizieren und Soldaten zuſammen, wußte ſich einen Belagerungspark von mehr als zwei⸗ hundert wohlbedienten Geſchuͤtzen zu verſchaffen, und ſtellte ſie ſo vortheilhaft auf, daß er den engliſchen Schiffen auf der Rhede großen Schaden zufuͤgte, noch ehe die Batterien fertig waren, mit denen er die Hauptdeckung der engliſchen Flotte, das Fort Mul⸗ grave und Malbosquet zu nehmen hoffte. Indeſſen hatte General Doppet, ein ehemaliger Arzt, den General Cartaur abgeloͤſt, der ſeine Un⸗ faͤhigkeit nicht laͤnger durch ſeine Prahlereien ver⸗ bergen konnte; und, wie ſonderbar, der Exarzt haͤtte 12 Toulon beinahe zu einer Zeit genommen, wo er am wenigſten daran dachte. Ein ungeſtuͤmer Angriff ei⸗ niger junger Carmagnolen auf die ſpaniſchen Trup⸗ pen, die das Fort Mulgrave beſetzt hielten, waͤre beinahe gelungen. Buonaparte jagte im Galopp auf den Fleck hin, riß ſeinen zoͤgernden General mit ſich fort und ließ zur Unterſtuͤzung des Angriffs Huͤlfstruppen nachruͤcken. Da aber jezt ein Adjutant von Doppet zur Seite ſeines Generals durch einen Schuß getoͤdtet wurde, ſo hielt der ehemalige Arzt dieſes fuͤr ein ſchlimmes Symptom, erklaͤrte den Fall fuͤr unheilbar und befahl, ſo ſehr auch Buonaparte daruͤber entruͤſtet war, den Ruͤckzug. Nachdem ſich nun Doppet eben ſo unfaͤhig gezeigt hatte, als Car⸗ taur, ſo kam jezt der Oberbefehl an Dugommier, einen Veteranen von fuͤnfzig Dienſti ahren, der mit Narben bedeckt und ſo brav war, wie ſein Degen. Von dieſer Zeit an zweifelte der Artilleriekom⸗ mandant der nun die vollkommene Zuſtimmung ſei⸗ nes Generals hatte, nicht mehr an einem gluͤcklichen Erfolge. Um jedoch denſelben zu ſichern, ließ er es an Wachſamkeit und Muͤhe nicht fehlen, und wagte ſeine Perſon bei allen Gelegenhelten. Er gerieth einmal in eine Gefahr von eigener Art. Als ein Artilleriſt, waͤhrend Napoleon eine Batterie beſuchte, neben der Kanone, die er bediente, erſchoſſen wurde, ſo hob der Arrilleriekommandant das Ladezeug des getoͤdteten Mannes auf, und lud, — 8 103 um die Soldaten zu ermuthigen, die Kanone zu wie⸗ derholtenmalen mit eigenen Haͤnden. In Folge des Gebrauchs dieſes Werkzeugs erhielt er ein anſtecken⸗ des Hautuͤbel, das, ungeſchickt bohandelt, und, nach innen getrieben, ſeiner Geſundheit großen Schaden brachte, bis es nach ſeinen italieniſchen Feldzuͤgen von Herrn Corviſſart voͤllig geheilt wurde. Von dem an zeigte er allmaͤhlig jene Dickleibigkeit, die man in ſeinen ſpaͤtern Jahren an ihm bemerkt hat. Bei einer andern Gelegenheit, wo Napoleon den Bau einer Batterie betrieb, welchen der Feind durch ſein Feuer zu verhindern ſuchte, verlangte er Jemanden, der ſchreiben koͤnne, um ihm einen Befehl zu dikti⸗ ren. Hierauf trat ein junger Soldat hervor, und legte Papier auf die Bruſtwehr und fing an zu ſchrei⸗ ben. Kaum war er fertig, ſo ſchlug eine feindliche Kugel auf der Bruſtwehr auf und bedeckte den Brief mit Erde.—„Schoͤnen Dank,“ rief der kriegeriſche Briefſteller,„wir brauchen diesmal keinen Streu⸗ ſand.“ Durch dieſen frohſinnigen Muth zog der junge Mann die Aufmerſanikeit Buonapartes auf ſich; derſelbe war kein Anderer, als der beruͤhmte General Junot, nachmaliger Herzog von Abrantes. Waͤhrend dieſer Belagerung lernte er auch die Talente Duroc's kennen, der in der Foige ſein getreueſter Anhaͤnger wurde. In dieſen und andern Faͤllen zeigte Napoleon ſeine große Menſchenkenntniß, vermittelſt welcher er diejenigen ausfindig zu machen, und ſich 104 zu verpflichten wußte, die zufolge ihrer Faͤhigkeiten ſeine Zwecke am beſten befoͤrdern konnten. Bei allem Einfluße, den ſich der Artillerie⸗ kommandant verſchafft hatte, ſah er ſich doch manch⸗ mal die Haͤnde gebunden, durch die bei der Bela⸗ gerungsarmee anweſenden Konventsdeputirten, d. i. durch Freron, Ricors, Salicetti und den jungen Robespierre. Im Bewußtſein, daß ihnen ihr Amt die hoͤchſte Gewalt uͤber die Heere und ihre An⸗ fuͤhrer verlieh, ſchienen dieſe Volksrepraͤſentanten niemals erwogen zu haben, ob ſie durch Natur oder Erziehung auch geeignet ſeien, dieſelbe zum Beſten des Vaterlands und zu ihrem eigenen Ruhme guszuuͤben. Sie tadelten Napoleons Angriffsplan, weil ſie es nicht begreifen konnten, wie ſeine gegen abgeſonderte und von der Feſtung entfernte Werke gerichteten Operationen ihnen zum Beſiz der Stadt ſelbſt verhelfen ſollten. Allein Napoleon war ge⸗ duldig und wußte ſich nach den Umſtaͤnden zu richten. Da er Salicetti's Zuſtimmung hatte, und mit dem jungen Robespierre auf einem etwas vertrauten Fuße ſtand, ſo brachte er es dahin, daß die Bela⸗ gerung nach ſeinem Plane ausgefuͤhrt wurde. Die Anmaßung dieſer Volksrepraͤſentanten be⸗ wog ihn, ſeine Operationen zu beſchleunigen. Er wollte vorerſt die gegen das Fort Mulgrave entwor⸗ fenen Angriffswerke vollenden, ehe er die ganz im Stillen, gegen Malbosquet aufgefuͤhrte und mit —y 105 vielem Geſchuͤz beſezte Batterie ſpielen ließ, ſo daß der Feind durch gleichzeitige Eroͤffnung ſeines Angriffs in die groͤßte Beſtuͤrzung gerathen mußte. Die Arbeiten durch eine Olivenpflanzung maskirt, waren fertig geworden, ehe es die Englaͤnder be⸗ merkt hatten, die nach Buonaparte's Plan zumal⸗ angegriffen werden ſollten. Als aber die Herren Freron und Robespierre die militaͤriſchen Poſten be⸗ ſichtigten, ſo kamen ſie auch zu dieſer Batterie, da ſie nun nicht begreifen konnten, warum vier Moͤrſer und acht Vierundzwanzigpfuͤnder unthaͤtig bleiben ſollten, ſo befahlen ſie, das Feuer gegen Malbosquet ſofort zu beginnen, 3 Erſtaunt, dieſen wichtigen Poſten einem ſo furchtbaren und unerwarteten Feuer blosgeſtellt zu ehen, beſchloß General O'Hara, die franzoͤſiſche Batterie durch einen Gewaltſtreich zu nehmen. Dreitauſend Mann wurden bei dieſem Ausfalle ver⸗ wendet, und der General beſchloß, ſich ſelbſt an ihre Spize zu ſtellen, obgleich ſich dieſes eigentlich mit der Pflicht, die ihm als Befehlshaber eines wichtigen Poſtens oblag, eben nicht vertrug. Dieſer Ausfall gelang zuerſt vollkommen; waͤh⸗ rend aber die Englaͤnder den Feind, im vollen Ver⸗ trauen auf einen vollſtaͤndigen Sieg, zu weit ver⸗ folgten, benuzte Buonaparte eine Vertiefung des Terrains, um die fluͤchtigen wieder zu fammeln, friſche Truppen heranzubringen und die Englaͤnder 106 in der Flanke und im Ruͤcken zu nehmen. Es ent⸗ ſpann ſich ein hiziges Gefecht, worin Napoleon ſelbſt einen Bajonetſtich in den Schenkel erhielt, wodurch er jedoch, ſo bedeutend die Wunde auch war, doch nicht auſſer Gefecht geſegt wurde. Die Englaͤnder flohen in der groͤßten Unordnung, unter Zuruͤcklaſſung ihres verwundeten Generals, der in Gefangenſchaft gerieth. Es iſt ſonderbar, daß Napoleon, waͤhrend der langen und vielen Kriege, die er fuͤhrte, nie perſoͤnlich gegen die Britten focht, ausgenommen, in ſeinem erſten und zu Waterloo, in ſe inem lezten fuͤr ihn ſo verderblichen Kanpfe. Die Beſtuͤrmung von Acre macht, was ſeine eigene Yerſon betrifft, kaum eine Ausnahme. 1 Die Gefangennehmung von O' Hara und die Leb⸗ haftigkeit des darauf folgenden Angriffs ſcheinen den Muth der Beſazung zulezt voͤllig gebrochen zu haben. Fuͤnf Batterten wurden gegen das Fort Mulgrave eroͤffnet, deſſen Beſiz Napoleon fuͤr entſcheidend hielt. Nach einem vierundzwanzigſtuͤndigen Feuer beſchloſſen Dugommier und Napoleon, einen allgemeinen Angriff zu wagen, an dem die Volksrepraͤſentanten eben kein Behagen fanden. Die Angriffskolonnen ruͤckten vor Tagesanbruch, waͤhrend eines ſtarken Regen⸗ guſſes, vor. Sie wurden anfaͤnglich auf allen Punk⸗ ten durch den enſchloſſenſten Widerſtand zuruͤckgeſchla⸗ gen; und als Dugomier ſeine Truppen in der groͤß⸗ ten Verwirrung fliehen ſah, rief er, wohl wiſſend, 3 3 —— 107 was einem ungluͤcklichen republikaniſchen General be⸗ vorſtehe, aus:„ich bin verloren!“ Aber erneuerte Angriffe gaben endlich doch den Sieg. Die ſpaniſchen Artilleriſten wichen auf einem Punkte zuruͤck, und das Fort fiel in die Haͤnde der Franzofen, die alles, was ſich vorfand, uiedermachten.„51 M. Wie Buonaparte verſichert hat, erſchienen die Volksrepraͤſentanten drei Stunden nach der Ein⸗ nahme des Forts mit gezogenen Schwertern in den Laufgraͤben, um den Soldaten zu ihrer ſiegreichen Tapferkeit Gluͤck zu wuͤnſchen und von dem Avtillerie⸗ kommandanten die wiederholte Verſicherung zu hoͤren, daß nun, nachdem dieſes entlegene Fort genommen ſei, Toulon ihnen gehoͤre. In ihrem Bericht an den Konvent wußten die Deputirten ihre eigenen Thaten beſſer zu ruͤhmen, indem ſie anfuͤhrten, Ricors, Salicetti und der junge Robespierre haͤtten den Angriff der Truppen mir dem Saͤbel in der Fauſt geleitet, und dieſen den Weg zum Siege ge⸗ zeigt. Dagegen erwaͤhnten ſie Buonaparte's, dem man den Sieg allein zu verdanken hatte, auch nicht mit Einer Sylbe. 1. Indeſſen war die Vorausſage Napoleons durch den Erfolg bewaͤhrt. Die Offiziere der verbuͤndeten Truppen faßten, nach einem in der Eile gehaltenen Kriegsrathe den Entſchluß, Toulon zu raͤumen, weil die Franzoſen von den gewonnenen Punkten aus die engliſchen Schiffe von ihrem Ankerplaze vertreiben, 108 und hiedurch der Beſazung den einzigen moͤglichen Ruͤckzugsweg abſchneiden konnte, wenu man nicht den entellenden Augenblick benuͤze. Lord Hood allein drang auf einen kuͤhnen Entſchluß, und rieth, zu Wiedereroberung des Forts Mulgrave einen ver⸗ zweifelten Verſuch zu machen. Allein ſein muthiger Rath wurde verworfen, und die Raͤumung beſchloſſen, die ohne die Feſtigkeit der brittiſchen Seeleute, des paniſchen Schreckens der fremden Truppen, beſon⸗ ders der Neapolitaner wegen, noch ſchrecklicher ge⸗ worden waͤre. Die Rettung der ungluͤcklichen Buͤrger, die frem⸗ den Schuz angerufen hatten, wurde ſelbſt in der Verwirrung des Ruͤckzugs nicht vernachlaͤſſigt. Die zahlreichen Handelsſchiffe und andere Barken boten allen denen, welche Toulon zu verlaſſen wuͤnſchten, weil ſie die Rache der Republikaner zu fuͤrchten hatten, die Mittel zur Flucht dar. So groß war die Furcht vor der Grauſamkeit der Sieger, daß gegen 14,000 Perſonen zu die ſem traurigen Mittel ihre Zuflucht nahmen. Inzwiſchen gab es noch Andene Arbeit.: Man hatte beſchloſſen, das Zeughaus und die Schiffsvorraͤthe, ſammt denjenigen franzoͤſiſchen Schiffen, die die See nicht halten konnten, zu zer⸗ ſtoͤren, und ſteckte ſie deswegen in Brand. Dieſes Geſchaͤft wurde großentheils dem furchtloſen Sir Sydney Smith uͤbertragen, der es, Alles genau er⸗ 109 wogen, mit einer faſt bewunderungswuͤrdigen Ordnung vollzog. Die Spanier boten ihre Dienſte an, die auch angenommen wurden. Sie unterzogen ſich dem Ge⸗ ſchaͤfte, zwei, als Pulvermagazine gebrauchte, Schiffe zu verſenken, und einen Theil der abgetackelten Schiffe zu zerſtoͤren. Der Brand loderte immer heller auf und glich endlich einem großen Vulkane, worin die brennenden Maſten und Segelſtangen lange geſehen wurden, waͤhrend die gegen die Feſtung anwogenden republikaniſchen Truppen wie in einem Helldunkel erſchienen. Die Jakobiner in der Stadt erhoben ſich allmaͤhlig, um uͤber die fliehenden Royaliſten her⸗ zufallen. Ein furchtbares Rachegeſchrei und revolutio⸗ naͤre Choͤre miſchten ſich in die Klagelaute und Bitten der Fluͤchtlinge, die ſich noch nicht hatten einſchiffen koͤnnen. Das Geſchuͤz das von dem Fort Malbosquet, welches jezt im Beſize der Franzoſen war, auf die Stadt herabdonnerte, ſteigerte die Verwirrung. Auf einmal war nichts mehr zu hoͤren, als die den Boden erſchuͤtternde Exploſion von vielen hundert Pulverfaͤſſern, wobei tauſend brennende Truͤm⸗ mer zum naͤchtlichen Himmel hinaufflogen, und Ver⸗ derben drohend wieder herabftelen. Eine zweite Ex⸗ ploſion erfolgte mit den naͤmlichen furchtbaren Wir⸗ kungen, als das andere Magazin aufflog. Dieſer Zuwachs von Schreckniſſen war die Folge davon, daß die Spanier die Magazinſchiffe in Brand ſteckten, ſtatt dieſelben, dem entworfenen Plane gemaͤß, zu 110 verſenken. Aus boͤſem Willen, aus Sorgloſigkeit oder aus Furcht benahmen ſie ſich eben ſo ungeſchickt bei dem ihnen gleichfalls aufgetragenen Geſchaͤfte, die abgetackelten Schiffe zu zerſtoͤren, die ſomit den Franzoſen faſt unverſehrt in die Haͤnde fielen. Die brittiſche Flotte, die den mit Fluchtlingen angefuͤll⸗ ten Fahrzeugen zur Eskorte diente, verließ Toulon ohne Verluſt, unter den ſchlecht gerichteten Schuͤſſen aus den von den Franzoſen genommenen Batterien. In dieſer Nacht des Schreckens, des Brandes, des Blutvergießens und der Thraͤnen ſtieg Napoleons Stern zuerſt am Horizont auf; und ohgleich er noch manche Schreckensſzene beleuchtete, ehe er wieder unterging, ſo iſt es doch zweifelhaft, ob er je ſein Licht auf eine graͤßlichere herabgegoſſen hat. Der Fall von Toulon zerſtoͤrte mit einemmale alle in dem Suͤden von Frankreich genaͤhrten Hoff⸗ nungen, den Jakobinern Widerſtand zu leiſten. Es erhob ſich ein ſtarkes Mißtrauen gegen England, dem man die Abſicht Schuld gab, es habe den Aufſtand dieſer ungluͤcklichen Buͤrger blos zur Schwaͤchung und Zerſtoͤrung der franzoͤſiſchen Seemacht benuͤzen, keineswegs aber den Royaliſten beiſtehen wollen. Dies war grundlos, obgleich nicht gelaͤugnet werden kann, daß der Schein dafuͤr ſprach. Wenn man ſich einmal darauf einließ, eine Stadt, in der Lage, in welcher ſich Toulon befand, in Schuz zu nehmen, ſo mußte dies mit einer Energie geſchehen, die des 7 — „1II 1 Landes wuͤrdig war, deſſen Schuz man angerufen, und das denſelben zugeſagt hatte. Dieß geſchah aber nicht; und der bewilligte Beiſtand ward ſowohl ohne Talent geleiſtet, als durch Uneinigkeit verkuͤmmert⸗ Die Truppen erwieſen ſich tapfer; aber die Anfuͤhrer, mit Ausnahme der Seeoffiziere, zeigten wenig krie⸗ geriſche Geſchicklichkeit, und hatten beinahe gar keinen gemeinſchaftlichen Vertheidigungsplan angenommen. Ein einziger Englaͤnder von Stande, der damals zu⸗ faͤlligerweiſe in Toulon als Privatmann lebte, zeich⸗ nete ſich als Freiwilliger aus, und hat ſich ſeitdem in der brittiſchen Armee hoch emporgeſchwungen.*) Waͤre er, oder ein Mann wie er, an der Spize der Beſazung geſtanden, ſo waͤren die Waͤlle vor Toulon einer Schlacht gleich der von Baroſſa geweſen, und die Belagerung wuͤrde wahrſcheinlich einen ganz andern Ausgang genommen haben. Von den Buͤrgern von Toulon, die Antheil an dem lezten Widerſtande genommen hatten, waren ſo viele durch die Huͤlfe der Englaͤnder entkommen, daß die republikaniſche Rache ſich nicht mit ſo vielen Schlachtopfern, als gewoͤhnlich, ſaͤttigen konnte. Gleichwohl aber wurden viele erſchoſſen, und man *) Herr Graham von Balgowan, jezt Lord Lynedoch. Er wohnte einem Ausfalle bei, und als das Gefecht heiß wurde, ergriff er die Muskette und Patrontaſche eines gefallenen Soldaten, und gab den Truppen ein ſoiches Beiſpiel von Tapferkeit, daß ſie hauptſächlich hiedurch ihren Zweck erreichten, 3 112 hat behauptet, Buonaparte habe das Geſchuͤz be⸗ fehligt, durch welches ſie, wie die Lyoner, vertilgt wurden, und einen Brief an Freron und den juͤngern Robespierre geſchrieben, worin er ſich ſelbſt und ihnen wegen der Vertilgung dieſer Ariſtokraten Gluͤck wünſchte, und ſich Brutus Buonaparte, Sans- culdtte unterſchrieb. Wenn er wirklich bei dieſer Hinrichtnng den Befehl fuͤhrte, ſo konnte er dieſe That nur durch die armſelige Vertheidigung beſchoͤ⸗ nigen, daß er dieß thun, oder ſelbſt umkommen mußte; waͤre aber die That wirklich geſchehen, und der Brief aͤcht geweſen, ſo haͤtte man ſeit ſeinem Falle Zeit genug gehabt, die Wahrheit der Anklage darzuthun, und ſicherlich fehlte es nicht an Schrift⸗ ſtellern, die geneigt geweſen waͤren, dieſe Beweiſe zur Oeffentlichkeit zu bringen. Er ſelbſt laͤugnete die Sache auf das Beſtimmteſte, und behauptete, die Schlachtopfer ſeien durch eine Abtheilung der ſogenannten Reyolutionsarmee, nicht aber durch die Lintentruppen erſchoſſen worden. Dieß halten wir fuͤr ſehr wahrſcheinlich. Buonaparte hat zudem ver⸗ ſichert, er habe, weit entfernt, die Rache der Ja⸗ kobiner zu ſchaͤrfen, oder als ihr Gehuͤlfe zu handeln, vielmehr ſelbſt auf die Gefahr hin, denen zu miß⸗ fallen, deren Zuͤrnen Tod war, durch ſeinen Schuz die ungluͤckliche Familie Chabrillant, Emigranten und Ariſtokraten, gerettet, die, kurz nach der Be⸗ lagerung von Toulon durch einen Sturm 84 die 3 1 ran⸗ 113 franzoͤſiſche Kuͤſte geworfen, der Todesſtrafe durch die Gutllotine verfallen waren, die er aber rettete, in⸗ dem er ihnen die Mittel verſchaffte, auf der See zu entkommen. Unterdeſſen gelangte der junge Artilleriekomman⸗ dant ſchnell zu einem großen Nufe. Das ihm ge⸗ buͤhrende, von den Volksrepraͤſentanten ihm ver⸗ ſagte Lob wurde von dem wackern Veteranen Du⸗ gommier nicht geſpart. Buonapartes Name kam auf die Liſte derjenigen, die er zur Befoͤrderung empfahl, mit der Bemerkung, daß derſelbe, wenn man nicht Nuͤckſicht auf ihn nehme, ſich ſchon Bahn zu machen wiſſen wuͤrde. Er wurde daher in ſeiner proviſoriſchen Stelle eines Bataillonschefs beſtaͤtigt, und erhielt die Weiſung, in dieſer Eigenſchaft zur Armee von Italien abzugehen. Ehe er jedoch dahin abging, erhielt er von dem Konvent den Auftrag, die Kuͤſten des mittellaͤndiſchen Meeres zu beſichtigen und in Vertheidigungsſtand zu ſezen,— ein ver⸗ drießliches Geſchaͤft, das ihn in unangenehme Be⸗ ruͤhrungen mit den Lokalbehoͤrden kleiner Staͤdte und Doͤrfer, ja ſelbſt Weiler brachte, die alle zu ihrem beſondern Schuze, ohne Ruͤckſicht auf die allgemeine Sicherheit, Batterien haben wollten, wodurch er ſelbſt mit dem Konvent in eine gefaͤhrliche Colliſion gerieth. Der Bataillonschef verfußr nach den Regeln der Wiſſenſchaft. Er theilte die enothwndigen Beſeſti⸗ W. Seott's Werke⸗ XXXI. 8 gungen in drei Klaſſen. Er unterſchied naͤmlich die zur Beſchuͤzung von Haͤfen und Rheden beſtimmten von denen, die blos zur Vertheidigung minder be⸗ deutender Ankerplaͤze dienen ſollten, und beide von der dritten Klaſſe, die auf unbeſtimmten Punkten angelegt werden, und partielle Landungen eines auf der See gebietenden Feindes verhindern ſollten. Napoleon diktirte dem General Gourgaud einige Andeutungen, dieſen Gegenſtand betreffend, die fuͤr Seckuͤſten, die dergleichen Befeſtigungen beduͤrfen,, allerdings wichtig ſind. Nachdem Buonaparte dem Konvente ſeinen Be⸗ richt abgeſtattet hatte, ging er in das Hauptquartier der franzoͤſiſchen Armee, die damals bei Nizza, von den Oeſterreichern und Sardiniern gar ſehr beengt, im Lager ſtand. Dieſe waren nach einigen vergebli⸗ chen Verſuchen vom General Brunet, der ſie zuruͤck⸗ werfen wollte, im Beſiz des Col di Tenda, der untern Alpenpaͤſſe und der von Turin uͤber Saorgio nach Nizza fuͤhrenden Straße, geblieben. Buonaparte hatte Einfluß genug, um dem Ge⸗ 3 neral Dumorbion und den Volksrepraͤſentanten Ricors und Robespierre mit Erfolg einen Operationsplan zu empfehlen, nach welchem der Feind aus ſeiner Stellung vertrieben, uͤber den Gebirgsruͤcken, der Alpen geworfen und Saorgio genommen werden follte. Alles dieſes gelang, wie er es vorhergeſagt hatte. Saorgio fiel. mit vielem Gepaͤcke und Vor⸗ — 88 115 räthen aller Art in die Haͤnde der Franzoſen, dle ſich zugleich der hoͤhern Alpenkette bemaͤchtigten.*) Da dieſe ſich durch die Vertheidigung weniger und ſchwieriger Paͤſſe behaupten ließ, ſo konnte ein großer Toheil der italieniſchen Armee(wie man ſie bereits, obſchon nur auf der Graͤnze, naunte), zum aktiven Dienſt verwendet werden. Indem Buonaparte die⸗ ſen gluͤcklichen Erfolg herbeifuͤhrte, machte er ſich zu gleicher Zeit vollkommen mit jenem Alpenlande bekannt, wo er bald in ſeinem eigenen Namen und nicht fuͤr Andere, die nur nach ſeiner Anweiſung handelten, die ſchoͤnſten Siege erringen ſollte. Allein waͤhrend er auf dieſe Art beſchaͤftigt war, wurde er in eine Anklage vor dem Konvente verwvickelt, die ihm, waͤre er nicht in dem Rufe eines erprob⸗ ten Patrioten geſtanden, theuer zu ſtehen gekommen ſeyn wuͤrde. In ſeinen Planen zur Vertheidigung der Kuͤſte des mittellaͤndiſchen Meeres hatte Napoleon den Vorſchlag gemacht, ein altes Staatsgefaͤngniß in Marſeille, das Fort St. Nicolaus genannt, in ein Pulvermagazin umzuwandeln. Dieſen Plan begann ſein Nachfolger auszufuͤhren, und erregte dadurch den Verdacht der Patrioten, die den damals in Marſetlte ſih beſindenden Artilleriekommandanten *) Die Sardinier wurden den 7. Mai 1794 aus dem Col di Tenda vertrieben. 4 8* 116 bezuͤchtigten, er wollte dieſes Fort als eine Baſtille zur Unterdruͤckung der guten Buͤrger wieder herſtek⸗ len. Vor die Schranken des Konvents gerufen, be⸗ wies der Offizier, daß nicht er, ſondern Buonaparte, den Plan entworfen habe. Die Repraͤſentanten bei dem italieniſchen Heere verwendeten ſich indeſſen bei dem Konvente fuͤr ihn, weil ſie ſeiner Dienſte nicht entbehren konnten, und gaben uͤber den Ur⸗ ſprung und Zweck des Unternehmens eine ſolche Aus⸗ kunft, daß ſelbſt der argwoͤhniſche Sicherheitsaus⸗ ſchuß damit zufrieden war. Waͤhrend der uͤbrigen Zeit des Jahres 1794 ſiel bei der italieniſchen Armee nichts Erhebliches vor, und den 9. und 10. Thermidor(27. und 28. Julius) dieſes Jahrs erfolgte der Fall Robespierre's und drohte Buonaparte'n verderblich zu werden, da er der Freund des Bruders des Tyrannen geweſen war, und im Verdachte ſtand, an dem uͤbertriebenen Patriotismus ſeiner Parthei Theil genommen zu haben. Er ſuchte ſich durch Vorſchuͤzung ſeiner Un⸗ bekanntſchaft mit den eigentlichen Zwecken der ge⸗ fallenen Parthei zu vertheidigen,— eine Apologie, die ſich in die gewoͤhnliche Entſchuldigung aufloͤste, daß er ſich in der Perſon ſeiner ehemaligen Freunde geirrt habe. In Gemaͤßheit dieſes Vertheidigungs⸗ ſyſtems eilte er, jeden Antheil an den politiſchen Plaͤnen, deren ſie beſchuldigt wurden, von ſich abzu⸗ lehnen.„Das Schickſal des jungen Robespierre,“ — 117 ſchieb er einem Korreſpondenten,„hat mich einiger⸗ maßen geruͤhrt, aber, waͤre er auch mein Bruder geweſen, ſo wuͤrde ich ihn doch mit eigner Hand erdolcht haben, haͤtte ich gewußt, daß er mit tyranni⸗ ſchen Planen umgehe.“ Dergleichen Betheuerungen ſcheinen anfangs keinen rechten Glauben gefunden zu haben. Seine Lage war jezt unſicher und wurde es noch mehr, als die von den Jakobinern vertriebenen Mitglieder des Konvents ihre Size wieder einnahmen. Die Re⸗ aktion der gemaͤßigten Parthei, begleitet von furcht⸗ baren Erinnerungen der Vergangenheit und Beſorg⸗ niſſen fuͤr die Zukunft, aͤußerte ſich jezt immer ſtaͤr⸗ ker, je zahlreicher ſie in dem Konvente wurde. Diejenigen Offiziere, die es mit den Jakobinern gehalten hatten, mußten nun ihren Groll fuͤhlen. Zudem ſuchte die gemaͤßigte Parthei die Heere ſo viel als moͤglich von denen zu reinigen, die ſie als ihre eigenen und der guten Ordnung Fein de anſahen um ſo eher, da die jakobiniſchen Grundſaͤze bei der Armee mehr Eingang gefunden hatten, als im Innern des Landes. Auf die Urſachen hievon haben wir bereits an⸗ geſpielt; allein es iſt wohl nicht unnoͤthig, zu wie⸗ derholen, daß die Soldaten alle Vortheile jener wilden und energiſchen Regierung erfahren hatten, von der ſie zum Siege ausgeſandt und mit allen⸗ Mitteln dazu verſehen worden waren; auch hatten 118 ſſie die im Innern veruͤbten Greuel nicht geſehen. Die gemaͤßigte Partei wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als den Einfluß der Jakobiner bei dem Heere durch die Entlaſſung derjenigen Offiziere, die man ihren Grund⸗ ſͤtzen am meiſten zugethan glaubte, zu vermindern. Buonaparte ward nebſt Andern ſeiner Stelle ent⸗ ſezt und auf einige Zeit verhaftet, doch durch die Verwendung ſeines Landsmanns Salicetti, der im⸗ mer noch einigen Einfluß auf die Thermidoriſten behauptete, wieder freigelaſſen; und Napoleon ſcheint Marſeille beſucht zu haben, obſchon er ſeiner Fa⸗ milie wenig Troſt a gewäͤhren, oder von ihr Auͤyſangen konnte. Im Mai 1795 kam er nach Paris, um eine An⸗ ſtellung in ſeinem Fache zu verlangen. Er fand ſich verlaſſen und huͤlflos in einer Stadt, deren Beherr⸗ ſcher er in Kurzem werden ſollte. Doch gingen ihm keinige Individuen an die Hand, unter andern der beruͤhmte Schauſpieler Talma, der ihn ſchon in der Kriegsſchule gekannt, und ſchon damals große Er⸗ wartungen von der Rolle gehegt hatte, die der kleine Buonaparte(le petit Bonaparte) auf der Buͤhne des Lebens einſt ſpielen wuͤrde. Auf der andern Seite ſezte ein Mann von bedeutendem Einklluſſe ſei⸗ nen Bewerbungen um eine Anſtellung, ſeiner angeb⸗ llichen Vorliebe fuͤr die Jakobiner wegen, einen ent⸗ * Nach der Ausſage des verſtorbenen Johann Philipp Kemble⸗ — 119 ſchloffenen Widerſtand entgegen. Dies war Aubry, ein alter Artillerieoffizier, und Praͤſident des mili⸗ taͤriſchen Ausſchuſſes. Durch einen Spruch dieſes Ausſchuſſes von der Artillerie in die Infanterie ver⸗ ſezt, machte Buonaparte die ſtaͤrkſten Vorſtellungen gegen eine ſolche Veraͤnderung, und als ihm Aubry in der Hitze des Streits ſeine Jugend vorwarf, er⸗ wiederte er, daß wirkliche Dienſtleiſtung im Felde die Zahl der Dienſtjahre wohl aufwiegen muͤſſe. Der Praͤſident, der im Felde nicht lange gedient hatte, bezog dieſes auf ſich und ſah darin eine perſoͤnliche Beleldigung; Napoleon aber, eine weitere Erklaͤrung verſchmaͤhend, gab ſeine Entlaſſung ein, die aber nicht angenommen ward, ſo daß er noch immer in der Zahl der diſvontblen Offtziere blieb, deren Wieder⸗ anſtellung durch ihr Benehmen und ihre Verdienſte bedingt ſeyn ſollte. Buonaparte hatte in ſeiner Gemuͤthsart einen vaterlaͤndiſchen Karakterzug— er vergaß weder Wohl⸗ thaten noch Beleidigungen. Er war, ſo lange er auf der Hoͤhe ſeines Gluͤckes ſtand, ſtets beſonders guͤ⸗ tig gegen Talma, und beehrte ihn ſogar mit einer gewiſſen Freundſchaft. Aubry dagegen, der ſpaͤter als Anhaͤnger Pichegruͤ's nach Cayenne verbannt wur⸗ de, ſah ſich von dem Dekrete ausgenommen, das— dieſen ungluͤcklichen Verbannten die Ruͤckkehr geſtat⸗ tete, und mußte zu Demerari ſterben. Indeſſen wurde Buonaparte's Lage immer un⸗ 7 120 3 freundlicher; er bat daher Barras und Freron, die als Thermidoriſten ihren Einfluß behauptet hatten, ihm eine Anſtellung, in welchem Zweige ſeines Stan⸗ des es auch ſeyn moͤge, zu verſchaffen; ja er unter⸗ handelte ſogar um die Erlaubniß, in den tuͤrkiſchen Dienſt treten zu duͤrfen, um die Muſelmaͤnner den Gebrauch der Artillerie zu lehren. Eine lebhafte Einbildungskraft moͤchte geneigt ſeyn, ihn dort bis zum Range eines Paſcha, oder auch noch hoͤher zu erheben; denn, wo er auch hinging, auf einer mitt⸗ lern Stufe konnte er nicht ſtehen bleiben. Er ſelbſt hatte aͤhnliche Gedanken.„Wie ſonderbar,“ ſagte er,„waͤre es, wenn ein kleiner korſiſcher Artillerie⸗ offizier Koͤnig von Jeruſalem wuͤrde!“ Man bot ihm ein Kommando in der Vendée an, er ſchlug es aber aus, und ward endlich zum Kommandanten einer Artilleriebrigade in Holland ernannt; aber das Schick⸗ ſal wollte es, daß er in Frankreich ſelbſt, wo es noch ſo viele getrennte und widerſtreitende Parteien gab, unter den Kaͤmpfen ſeiner Landsleute, auf ihren Schultern und uͤber ihre Koͤpfe hinweg die hoͤchſte Stufe erſteigen ſollte auf die das Gluͤck einen Sterb⸗ lichen ſtellen kann. Die Zeiten forderten ein Talent, wie das ſeine, und die Gelegenheit, daſſelbe geltend zu machen, blieb nicht lange aus. Die franzoͤſiſche Nation war, im Ganzen genom⸗ men, des Nationalkonvents muͤde, der durch wieder⸗ holte Proſcriptionen ſeine fruͤhern Talente, Beredt⸗ — 121 ſamkeit und Energie ganz verloren hatte. Dieſe Verſammlung hatte ſich den Haß und die Verachtung Aller dadurch zugezogen, daß ſie ſich zwei Jahre lang zum blinden Werkzeuge der Terroriſten gemacht hatte. Es entging Niemanden, daß, wenn ſie die gehoͤrige Feſtigkeit gezeigt haͤtte, die am oten Ther⸗ midor bewirkte Revolution eben ſo gut im Anfange der Schreckenszeit, als erſt nach zwei Jahren uner⸗ hoͤrter Drangſale haͤtte zu Stande gebracht werden koͤnnen. Der Nationalkonvent erhielt, ſelbſt durch die Ruͤckkehr ſeiner verbannten Mitglieder, keinen großen Zuwachs von Talenten; er hatte mit einem Wort das Vertrauen der Nation gaͤnzlich verloren. Er ſchickte ſich daher an, dem allgemeinen Wunſche zu willfahren und ſich ſelbſt aufzuloͤſen. Allein ehe er ſeine ſcheinbare Macht niederlegte, mußte irgend eine Regierung eingeſezt werden. Die jakobiniſche Konſtitution von 1792 beſtand zwar immer noch auf dem Papiere; allein obſchon das Geſetz, das die Todesſtrafe uͤber jeden verhaͤngte, der den Vorſchlag machen wuͤrde, dieſe Regierungs⸗ form zu aͤndern, noch nicht zuruͤckgenommen war, ſo ſchien doch niemand geneigt, dieſelbe als wirklich be⸗ ſtehend und rechtskraͤftig zu betrachten. Ungeachtet der Feierlichkeit, mit der dieſe Verfaſſung angenom⸗ men und durch die Stimme der Nation gutgeheißen worden war, trug man gar kein Bedenken, dieſelbe hintanzuſetzen und durch zeine ſtille Uebereinkunft 122 gaͤnzlich abzuſchaffen. Auch von der girondiſtiſchen Konſtitution von 1793 wollte man eben ſo wenig et⸗ was, als von der demokratiſchen Monarchie von 1792, der einzigen Staatsform, von der man behaupten kann, daß ſie einige Monate lang beſtanden habe. Da nun, wie bei einer neuen Geſtaltung der Welt, alles fruͤher Beſtandene abgeſchafft werden mußte, ſo mußte hinwiederum auch Alles von Neuem geſchaf⸗ fen werden. Jede dieſer Regierungsformen war durch den Eid der Nation und die bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten uͤblichen feierlichen Aufzuͤge geheiligt worden; jezt galt aber allgemein die Meinung, daß keine von ihnen auf die rechten Grundſaͤtze geſtuͤzt und im Stande ſei, ſich ſelbſt gegen Eingriffe zu vertheidi⸗ gen, und das Leben und die Rechte der Unterthanen zu beſchuͤtzen. Auf der andern Seite erſchrak jeder, der nicht an der lezten Anarchie und ihren blutigen Graͤueln, dem wahren Weſen derſelben, Theil ge⸗ nommen hatte, vor dem Gedanken, eine Regierung wieder ins Leben zuruͤckzurufen, die weiter nichts war, als ein fortgeſezter Deſpotismus, der ſtets im Gefolge einer Revolution iſt, und in allen geſitteten Laͤndern mit den Umſtaͤnden, welche die Revolution veranlaßt haben, enden muß. Die revolutionaͤre Re⸗ gierung uͤber die Dauer dieſer Umſtaͤnde hinaus ver⸗ laͤngern zu wollen, waͤre nicht viel kluͤger geweſen, als das Verfahren eines Quackſalbers, der darauf beharren wuͤrde, einen geneſenden Kranken derſelben —— 1²³ erſchoͤpfenden und gefaͤhrlichen Kur zu unterwerfen, die ein verſtaͤndiger Arzt aufhoͤrenslaͤßt, ſobald die Krankheit zu einer guͤnſtigen Kriſis gebracht iſt. Man ſcheint es allgemein gefuͤhlt und erkannt zu haben, daß die Vereinigung der vollziehenden und geſezgebenden Gewalt, nach dem von dem Kon⸗ vente befolgten Syſteme zu einer unausſtehlichen Tyrannei fuͤhre und daß es zur Gruͤndung einer fe⸗ ſten Regierung noͤthig ſei, die Vollziehung der Ge⸗ ſetze und die Verwaltung der miniſteriellen Funktio⸗ nen beſondern Individuen, oder einer Anzahl von Individuen, anzuvertrauen, die zwar der geſetzge⸗ venden Behoͤrde verantwortlich, aber nicht unter ih⸗ rer unmittelbaren Leitung ſtehen, und von ihr nicht voͤllig abhaͤngig, ſondern gewiſſermaßen ſelbſtſtaͤndig ſeyn muͤſſen. Zu dieſen Betrachtungen geſellten ſich noch andere uͤber die Zweckmaͤßigkeit, die geſetzge⸗ bende Koͤrperſchaft in zwei beſondere Verſammlun⸗ gen abzutheilen, wovon die eine die andere als Zwi⸗ ſchengewalt maͤßigen, den raſchen Gang einer einzi⸗ gen Kammer hemmen, das Aufkommen leines Dik⸗ tators in derſelben und folglich uͤber den ganzen Staat, verhindern koͤnnte. So mußten dann die Franzoſen, ſpaͤt und ungern, ihre Blicke auf die brit⸗ tiſche Konſtitution und auf das Syſtem von Gegen⸗ gewalten und Gleichgewichten werfen, worauf die⸗ ſelbe gegruͤndet iſt und wodurch die Freiheit beſchuͤzt, aber auch die Ordnung erhalten wird. Denkende 4 1²4 Maͤnner waren allmaͤhlig zu der Ueberzeugung ge⸗ kommen, daß ſie bei dem Verſuche, etwas zu liefern⸗ das beſſer waͤre, als ein durch die Erfahrung von Jahrhunderten bewaͤhrtes Syſtem, nur eine Reihe von Muſtern, die der Reihe nach bewundert, gebil⸗ ligt, vernachlaͤßigt und vernichtet wurden, ſtatt ei⸗ ner einfachen und gutgehenden Maſchine, hervorge⸗ bracht hatten. Haͤtten dieſe im Anfange der Revo⸗ lution von Mounier und Andern aufgeſtellten Anſich⸗ ten ſogleich Eingang gefunden, ſo waͤre Frankreich und Europa mit den Drangſalen von zwanzig Kriegs⸗ jahren und allen den Uebeln, welche die Revolution begleiteten, verſchont geblieben. Frankreich hatte damals einen Koͤnig, und einen Adel, aus deſſen Mitte ein Senat, und eine Menge von tuͤchtigen Nannern, aus denen ein Unterhaus, oder ein Haus der Gemeinen, haͤtte gebildet werden koͤnnen. Al⸗ lein man ließ die goldene Gelegenheit unbenuͤzt vor⸗ uͤbergehen; und als die Baumeiſter vielleicht geneigt waren, den beabſichtigten neuen Bau nach dem Plane einer beſchraͤnkten Monarchie aufzufuͤhren, waren die Materialien zur Errichtung deſſelben nicht mehr vorhanden. Es gab zwar noch einen geſezmaͤßigen Koͤnig von Frankreich, aber er lebte als Verbannter im Auslande⸗ Der Adel, aus deſſen Mitte eine Pairskammer oder ein erblicher Senat hauptſaͤchlich haͤtte gewaͤhlt werden muſſen, war blos in fremden Dienſten zu finden 125 und durch ſeine Leiden zu ſehr erbittert, als daß ver⸗ nuͤnftigerweiſe zu hoffen geweſen waͤre, er werde ſich in irgend einen Vergleich mit denen einlaſſen, die ihn aus ſeinem Geburtslande vertrieben und ſein Familieneigenthum eingezogen hatten. Ohne dieſe Umſtaͤnde, und die Folgen, die ſich daraus ergaben, haͤtte, wie es ſcheint, der Strom der oͤffentlichen. Meinung, der ganz gegen die Jakobiner gerichtet war, von einer geſchickten Hand zum Vortheil der Bourbons geleitet werden koͤnnen. Denn obgleich ein ſchmerzliches Gefuͤhl vorherrſchte, erzeugt durch die Vergleichung der friedlichen Tage der Monarchie mit denen der Schreckenszeit.— der Regierung Ludwigs XVI. mit der von Robespierre,— durch das Andenken ehemaliger Ruhe und Sicherhelt, die noch friſche Erinnerung an Mord und Raub,— ſo ſcheint dieſes Gefuͤhl ſich mehr nach der Bildung ei⸗ ner royaliſtiſchen Partei geſehnt, als das Daſeyn einer ſolchen vorausgeſezt zu haben. Es fehlte nicht an Brennſtoff, um dem Feuer der Loyalitaͤt Nahrung zu geben; allein die Zuͤndruthe war noch nicht an⸗ gelegt; und es traten dieſer allgemeinen Tendenz die furchtbarſten Hinderniſſe in den Weg. Wir haben zuvoͤrderſt die Umſtaͤnde ſchon bezekch⸗ net, durch welche die franzoͤſiſchen Heere mit ſtarken Banden an den Namen der Republik gefeſſelt wur⸗ den, fuͤr die ſie in allen Kriegen ſo ruͤhmlich geſoch⸗ ten hatten, deren kraͤftige und durchgreifende Regis⸗ 126 rung ihnen zu Statten kam, waͤhrend ſie das Un⸗ gluͤck, unter dem die uͤbrige Nation litt, weder ſa⸗ hen, noch fuͤhlten. Aber der franzoͤſiſche Soldat hatte nicht allein zu Gunſten der Demokratie, ſondern wirklich und a sdruͤcklich gegen das Koͤnigthum ge⸗ kaͤmpft. Da die Republik ſein Kriegsgeſchrei war, ſo fand er in der Vendée, am Rhein und anderswo Gegner, die ihn unter dem Geſchrei:„Es lebe der Koͤnig!“ manchmal beſiegten und zum Weichen brach⸗ ten. Die Royaliſten waren in der That die furcht⸗ barſten Gegner des kriegeriſchen Theils der franzoͤ⸗ ſiſchen Nation; und ſo gehaͤſſig war in dieſem Zeit⸗ punkte den leztern der Gedanke, wieder unter das alte Syſtem zuruͤckzukehren, daß ein General, der in den Verdacht gekommen waͤre, die Rolle eines Monk's zu ſpielen, wahrſcheinlich das Schickſal von Lafayette und Dumouriez erfahren haben wuͤrde. Ein zweites, faſt unbeſtegbares, gegen die Wie⸗ derherſtellung der Bourbons gerichtetes Hinderniß lag in der großen Veraͤnderung, die mit dem Eigen⸗ thum vorgegangen war. Waͤre die verbannte Familie zuruͤckgeruſen worden, ſo haͤtte ſie in dieſem Zeit⸗ punkte nicht umhin koͤnnen, Forderungen zu Gunſten ihrer ergebenen Gefaͤhrten zu machen, und auf der Verguͤtung oder Zuruͤckgabe der, bei der Vertheidi⸗ gung ihrer Sache verwirkten Guͤter zu beharren. Da⸗ durch waͤren aber alle Kaͤufer von Nationalguͤtern zu N 4 —— — 127 Schaden gekommen und alles Eigenthum im ganzen Koͤnigreich in ſeiner Grundlage erſchuͤttert worden. Daſſelbe galt von den Kirchenguͤtern. Der aller⸗ chriſtlichſte Koͤnig konnte ſeinen Thron nicht wieder einnehmen, ohne das Kirchengut, wo nicht ganz, doch wenigſtens zum Theil, wieder herzuſtellen. Die Maſſe derjenigen laͤßt ſich gar nicht berechnen, die als Beſitzer der Nationalguͤter, d. h. des Eigenthums der Kirche und der Emigranten zunaͤchſt durch ihr Intereſſe beſtimmt wurden, ſich der Wiederherſtellung der Bourbons zu widerſetzen. Die revolutionaͤre Negierung hatte die gemeine und grelle, aber hoͤchſt ſtaatskluge Marime des ſchottiſchen Reſormators be⸗ folgt.„Reißt die Neſter nieder,“ ſagte Knor, als er die Menge aufforderte, die Kirchen und Abteien zu zerſtoͤren,„und die Kraͤhen werden davon fliegen.“ Durch die Vergendung und Verſchleuderung der Emigranten⸗ und Kirchenguͤter hatte die franzoͤſiſche Regierung die Ruͤckkehr der urſpruͤnglichen Beſitzer faſt unmoͤglich gemacht. Die ſogenannten Kavaliers in dem großen Buͤrgerkriege Englands waren zwar ausgeſaugt und arm gemacht worden; allein ſie hat⸗ ten, im Ganzen genommen, ihre Guͤter dennoch be⸗ halten; und ſie behaupteten, obſchon unterdruͤckt und arm, den Einfluß einer zwar verringerten, aber nicht vernichteten Nationalariſtokratie. In Frankreich da⸗ gegen war der Einfluß, den das Grundeigent hum ge⸗ waͤhrt, in ganz andere Haͤnde gekommen, die das Ere 8 128 worbene feſthielten, und entſchloſſen waren, ſolches gegen die Anſpruͤche der fruͤheren Beſitzer zu ver⸗ theidigen. Endlich mußten die damaligen ſchuldbewußten Gewalthaber in Frankreich in der Wiederherſtellung der verbannten koͤniglichen Familie die groͤßte Gefahr fuͤr ſich ſehen. Derſelbe Konvent, der noch immer das Ruder fuͤhrte, hatte Ludwig XVI. hinrichten laſſen;— was konnte er ſich verſprechen, wenn er ſeinen Bruder auf den Thron rief? Seine Mitglie⸗ der hatten foͤrmlich, und in voller Verſammlung, dem Glauben an das Daſeyn einer Gottheit ent⸗ ſagt,— wie konnten ſie daher konſequenterweiſe in die Wiederherſtellung einer Nationalkirche willigen? Es gab Republikaner aus Ueberzeugung, aber die meiſten Deputirten konnten die demokratiſchen Grund⸗ ſäͤtze nicht abſchwoͤren, ohne damit zu bekennen, daß alles, was ſie zur Durchſetzung derſelben gethan hat⸗ ten, Staatsverbrechen und Hochverrath war. Dieſe Furcht einer Wiedervergeltung war im „Nationalkonvente allgemein. Die Thermidoriſten insbeſondere, die Verderber und Nachfolger Robes⸗ pierre's, mußten jede gegenrevolutionaͤre Bewegung weit mehr fuͤrchten, als die Maſſe der Repraͤſen⸗ tanten, von denen viele an den Thaten von Barras und Tallien nicht den geringſten Antheil genommen hatten. Die furchtſame Parthei der Ebene konnte durch den ruͤckkehrenden Fuͤtſten eingeſchüchter ider — 8 A 129 klaͤgliche Ueberreſt der Girondiſtenparthei ohne Ge⸗ fahr verachtet werden. Die Thermidoriſten dage⸗ gen waren wichtig genug, um ſowohl Abſcheu als Eiferſucht zu erregen; ſie beſaßen eine Macht, die fuͤr den wiederhergeſtellten Monarchen ein Gegen⸗ ſtand des Argwehns ſeyn mußte; ſie ſtanden uͤber⸗ dieß auf einem unſichern Boden; zwiſchen dem Haſſe der gemaͤßigten Parthei, die in ihnen die Kollegen eines Nobespierre's und eines Danton's ſah,— und dem Haſſe der Jakobiner, in deren Augen Barras und Tallien Abtruͤnnige und die Zerſtoͤrer der Sansculottenmacht waren. Sonach mußten ſie allerdings beſorgen, daß ſie der Macht, die ſie hand⸗ habten, beraubt, die unbedauerten und huͤlfloſen Suͤhnboͤcke aller Graͤuel der Revolution werden wuͤrden. So konnte keine fuͤr die Sache der Bourbons guͤnſtige Meinung aufkommen:’ 1. wegen ihrer Unbeliebtheit bei den Armeen; H. wegen der Furcht vor der Verwirrung und der Noth, die aus einer allgemeinen Veraͤnderung des Eigenthums entſtehen konnten; und IlI. weil mehrere ſchuldbewußte und einflußreiche Maͤn⸗ ner ihre eigene Sicherheit durch die Beibehaltung des republikaniſchen Syſtems bedingt ſahen. und doch galt die Monarchie ſo allgemein als die zweckmaͤßigſte Forin, gute Ordnung und eine feſte Regierung wieder herzuſtellen, daß einige W. Seurt's Werfe. XXI. 9 1 130 Staatsmaͤnner vorſchlugen, die monarchiſche Form wieder einzufuͤhren und nur die Dynaſtie zu ver⸗ aͤndern. Dieſe Anſicht wurde verſchiedenen Perſonen von denjenigen beigebracht, welche der Meinung waren, durch Uebergehung des geſezmaͤßigen Thron⸗ erben koͤnnten die mit ſeinen Koͤnigsrechten und Anſpruͤchen verbundenen Gefahren vermieden und die gefuͤrchteten Maßregeln der Reaktion und Zu⸗ ruͤckforderung verhuͤtet werden. Man nannte den Sohn des Herzogs von Orleans; allein die Schaͤnd⸗ lichkeit ſeines Vaters klebte ihm an. Einer andern kuͤhnen Hipotheſe zufolge wurden der Herzog von York, oder der Herzog von Braunſchweig als Fuͤrſten bezeichnet, die fuͤr Frankreich als konſtitutionelle Koͤnige taugen moͤchten. Selbſt Abbé Sieyes ſoll ſich, ſagt man, zu Gunſten des leztgenannten Prinzen geaͤußert haben.*) Allein ohne die Wuͤnſche oder Meinungen des Volkes zu beachten, beſchloß der Konvent, eine Ver⸗ faſſung einzufuͤhren, die geeignet waͤre, in das re⸗ publikaniſche Syſtem etwas von der Stetigkeit der „Monarchie zu bringen und dadurch fruͤhere Mißgriffe wieder gut zu machen, und zugleich den Anſchein ²) In den Denkwürdigkeiten, die unter Fouche's Namen er⸗ ſchienen ſind, wird dieſes behauptet. Obſchon aber dieſes Werk eine genaue Bekanntſchaft mit der geheimen Geſchichte dieſer Zeit verräth, ſo iſt ſich doch nicht ganz darauf zu verlaſſen. 131 eines konſequenten Verfahrens in den Augen von Europa zu bewahren. Zu dieſem Ende erhielt ein aus eilf Mitglie⸗ dern, die groͤßtentheils aus Girondiſten gewaͤhlt wurden, beſtehender Ausſchuß den Auftrag, eine neue Verfaſſung nach einem neuen Princip zu entwerfen, die abermals von ganz Frankreich gebilligt und be⸗ ſchworen und nach kurzer Zeit in dieſelbe Vergeſſen⸗ heit wie alle fruͤhern, gerathen ſollte. Die Aufgabe war, in der neuen Verfaſſung die Feſtigkeit der mo⸗ narchiſchen Regierung mit dem Namen und den For⸗ men einer Demokratie zu vereinigen. Damit das neue Syſtem den Beſtimmungen der Nation entſprechen und ihrer Eitelkeit ſchmeicheln moͤchte, ward daſſelbe der roͤmiſchen Republik nach⸗ gebildet, obgleich dieſe Nachahmungsſucht bereits viele Fehlgriffe und viele Verbrechen der Revolution veranlaßt hatte. Die vollziehende Gewalt wurde ei⸗ nem Rathe von fuͤuf Mitgliedern, Direktoren ge⸗ nannt, uͤbertragen, denen die Leitung der Friedens⸗ und Kriegsangelegenheiten, die Vollziehung der Ge⸗ ſetze und die allgemeine Staatsverwaltung zuſtand, die aber keinen Antheil an der geſetzgebenden Ge⸗ walt hatten. Dieſe Einrichtung ward beliebt, um die Eifer⸗ ſucht derjenigen zu beſchwichtigen, die in einem ein⸗ zigen Direktor, der viel Aehnlichkeit mit dem ehe⸗ maligen Statthalter in Holland, oder dem Praͤſiden⸗ 9.. ten der Vereinigten Staaten gehabt haͤtte, das mo⸗ narchiſche Princip allzuſehr gewittert haben wuͤrden. Man ſagt in der That, Louvet habe vor einer ſol⸗ chen Stelle gewarnt, und verſichert, daß die Nation wegen des Individunms, das dieſelbe bekleiden ſollte, befragt, den bourboniſchen Erben waͤhlen wuͤrde. Durch eine ſo zahlreiche vollziehende Behoͤrde ſchien eine Spal⸗ tung, und folglich eine Minoritaͤt und Majoritaͤt in dem erſten Staatskoͤrper, wo Einyeit und Schnell⸗ kraft herrſchen ſollten, oder aber auch die uͤberwie⸗ gende Gewalt eines einzigen oder zweier der geſchick⸗ teſten und ſchlaueſten Direktoren geſezt, die dann ihre uͤbrigen Kollegen mehr wie ihre Diener, als wie Ihresgleichen behandeln wuͤrden. Alleln obgleich die Geſezgeber wohl wußten, daß das ganze roͤmiſche Reich dem unerſaͤttlichen Ehrgeize dreier Maͤnner nicht genuͤgt hatte, ſo ſchieuen ſie ſich doch der Hoſſ⸗ nung zu uͤberlaſſen, daß die Eintracht und Einmuͤ⸗ thigkeit ihrer Direktoren nicht waͤrde geſtoͤrt werden⸗ obſchon ſie nur eine Nation zu regieren hatten; demgemaͤß entſchieden ſie auch. Was nun den geſezgebenden Koͤrper betrifft, ſo ſollte er aus zwei Vereinen ober Naͤthen beſtehen: aus dem ſogenannten Rathe der Alten, der gleich⸗ ſam das Oberhaus vorſtellte, und aus einem Rathe der Jungen, der nach der Zahl ſeiner Mitgliedes der Rath der Fuͤnfhundert genannt wurde. Beide waren waͤhlbar, und die Verſchiedenbeit des Alters 133 war der einzige Umſtand, der einen Unterſchied zwi⸗ ſchen ihnen begruͤndete. Die Mitglieder des Raths der Fuͤnfhundert mußten wenigſtens das Alter von 25 Jahren, und nach dem ſiebenten Jahre der Re⸗ publik fortan das dreißigſte Jahr vollendet haben. In dieſer Verſammlung ſollt jen die Geſetze zuerſt vorgeſchlagen, und nachdemn ſie ihre Billigung erhal⸗ ten hatten, dem Rathe der Alten vorgelezt werden. Um einen Siz in dem kentrn Senate koͤunen, mußte man das vierzigſte haben, und ein verheuratheter hraan oder ſeyn. Hageſtolzen, wenn ſie auch aͤlter wa ten nicht gewaͤhlt werden, viellelcht weil Erfahrung des haͤuslichen Lebens abging. Der Rath der Alten wur befugt, die ihm von dem Rathe der Fuͤnfhundert vorge legten Vorſchlag zu verwerfen oder ihnen durch die Billigung und nahme derſelben Geſetzeskraft zu, geben. Dieſe richtungen gewaͤhrten ohne Zweifel dadurch, daß ſie jede Maßregel der Gefezgebung; zwei beſondern Koͤr⸗ perſchaften, und folglich einer reifen und beſonnene n Ueberlegung, unterwarfen, einen großen Vortheil⸗ Zwar hatte keiner dieſer belden Naͤthe einen belon⸗ dern Karakter oder ein getrenntes Intereſſe, n vodurch die Alten, als ein Verein, veranlaßt oder in Stand geſezt werden konnten, die Fuͤnfh hundert zu einer an⸗ dern als der erſten Betrachtungsweiſe irgend einer Maßregel zu bewegen. Es ließen ſich daher hier ten zu 4 134 verſchiedene Anſichten nicht erwarten, die in und zwiſchen Verſammlungen entſtehen, welche, aus Leu⸗ ten von verſchiedenem Range und Vermoͤgen zuſam⸗ mengeſezt, einen und denſelben Gegenſtand aus ganz entgegengeſezten Standpunkten betrachten. Allein es ward doch Aufſchub und nochmalige Erwaͤgung dadurch bewirkt, ehe das unwiderrufliche Es werde uͤber Maßregeln von Bedeutung ausgeſprochen wurde; und in ſoferne war ſchon Vieles gewonnen. Ein gewiſ⸗ ſer Redner glaubre, alle Einwuͤrfe gegen das Syſtem der zwei Naͤthe dadurch zu widerlegen, daß er den Rath der Jungen als die Einbildungskraft, den Rath der Alten als den Verſtand der Nation bezeichnete; jener ſollte die Maßregeln des Nationalwohls erfin⸗ den und angeben, dieſer ſollte daruͤber urtheilen und entſcheiden. Dagegen ließ ſich nun gar manches ein⸗ wenden, aber es war doch eine ſinnreiche Erklaͤrung; allein eine Erklaͤrung iſt kein Beweis, obſchon ſie oft dafuͤr gilt. 3 Im Ganzen zeigte die Form der Konſtitutton des Jahrs 3, d. h. 1794, einen hoͤhern Grad von praktiſcher Bedeutung, Verſtand und Konſequenz, als irgend eine ihrer Vorgaͤngerinnen. In der Ein⸗ leitung fand man zwar die gewoͤhnliche Erklaͤrung der Rechte des Menſchen; allein ſeine Pflichten ge⸗ gen die Geſetze und das geſellſchaftliche Syſtem wa⸗ ren auch zum erſtenmale in einer maͤnnlichen und traͤftigen Sprache aufgezaͤhlt, die den Wunſch der 13⁵ uUrheber zu erkennen gab, fortan der ravolutionaͤren Gewalt ein Ende zu machen. Allein dieſe jezt proklamirte Verfaſſung hatte mit allen fruͤhern den Fehler gemein, daß ſie, ganz neu, weder durch die Erfahrung von Fronkreich, noch irgend eines andern Landes gepruͤft, ein reiner po⸗ litiſcher Verſuch war, deſſen Ergebniß erſt die Zeit lehren konnte, ſo daß die Verfaſſung noch manche Jahre lang mehr ein Gegenſtand der Kritik, als der Verehrung ſeyn mußte. Weiſe Geſezgeber bemuͤhen ſich, auch wenn durch den Lauf der Zeit, durch ver⸗ aͤnderte Sitten, durch freiſinnigere Anſichten, ent⸗ ſprechende Veraͤnderungen in den von den Vaͤtern ererbten Inſtitutionen nothwendig werden, ſo viel als moͤglich die alte Form und den alten Karakter dieſer Geſeze beizubehalten, und in dieſelben einen Geiſt und Grundſaͤtze, wie ſie den Beduͤrfniſſen und der Denkart des Zeitalters angemeſſen ſind, zu gie⸗ ßen. Es gibt im Patriotismus eben ſongut einen Enthuſiasmus, als in der Religion. Wir ſchäͤtzen Staatseinrichtungen nicht blos, weil ſie die unſrigen ſind, ſondern auch, weil ſie diejeuigen unſerer Vaͤter waren. Boͤte man uns daher eine neue Verfaſfung an, ſo wuͤrde es, wenn ſie auch vielleicht in theoreti⸗ ſcher Hinſicht mehr Ebenmaß zeigen ſollte, als die bisherige, doch eben ſo ſchwer ſeyn, das Volk fuͤr ſie zu gewinnen, als es ſchwer fallen wuͤrde, einem modernen Madonnenbilde zu Saragoſſa von Seiten 136 der Einwohner dieſelbe Verehrung zu verſchaffen, welche dieſe fuͤr ihr altes Palladium, Unſerer lie⸗ ben Frau zum Pfeller, von jeher gehegt haben. Doch wuͤrde die Verfaſſung vom Jahre 3, bei all ihren Maͤngeln, als eine Schutzwehr gegen den revylutionaͤren Sturm von der Nation im Ganzen genommen, bereitwillig angenommen worden ſeyn⸗ haͤtten nicht die Thermidoriſten in ihrer anmaßenden Selbſtſucht dieſelbe gleich anfangs verſtuͤmmelt und gelaͤhmt, und zum Werkzeug ihrer willkuͤhrlichen Ge⸗ walt gemacht. Es darf nie vergeſſen werden, daß ſie an allen Schandthaten Robespierre's Antheil ge⸗ nommen hatten, ehe ſie ſeine perſoͤnlichen Feinde geworden waren; und daß ſie, wenn ſie ihre Stel⸗ len und ihren Einfluß verloren, was wohl durch eine frei und ohne Umtriebe gewaͤhlte repraͤſentative Koͤr⸗ perſchaft geſchehen mußte, große Gefahren fuͤr ſich zu beſorgen hatten. Entſchloſſen, die Gewalt feſtzuhalten, ließen es daher die Thermidoriſten mit einer faſt bis zur Ver⸗ achtung geſteigerten Gleichguͤltigkeit geſchehen, daß das Verfaſſungsgeſez im Konvente durchging und genehmigt wurde. Allein unter dem Vorwande, daß es hoͤchſt unpolitiſch ſeyn wuͤrde, die Nation der Dienſte von Maͤnnern zu berauben, die an die oͤf⸗ fentliche Geſchaͤftsfuͤhrung gewoͤhnt ſeyen, wußten ſie zwei Dekrete durchzuſetzen, des Inhalts, daß die Wahlverſammlungen zu den, durch die neue Verfaſ⸗ — 137 ſung geſchaffenen, Verſammlungen wenigſtens zwei Drittel der Mitglieder aus dem Konvente zu waͤh⸗ len haͤtten, widrigenfalls der Konvent berechtigt ſeyn ſollte, die leeren Stellen mit ſeinen eigenen Mit⸗ gliedern zu beſetzen, und demnach ſeine Nachfolgen in der Geſezgebung ſelbſt zu ernennen. Dieſe Dekrete wurden den Urverſammlungen zugeſchickt, und zugleich alle Kuͤnſte verſucht, dieſel⸗ ben geltend zu machen. Allein die Nation, und insbeſonbete die Buͤrger⸗ ſchaft von Paris, empoͤrte ſich gesen dieſe Verlaͤn⸗ gerung der NillEüihrllchen Gewalt. Man erinnerte ſich, daß all der durch ihre Talente ſo ausgezeichne nſtitulrenden Verſammlung als ſol⸗ che nicht n Lactbanzun zweiten geſezgebenden Verſamm⸗ lung erklaͤrt worden waren; und jezt wollten Maͤn⸗ ner, die den Kollegen eines Mirabeau, eines Moͤu⸗ nier, und anderen großen Namen ſo ſehr nachſtan⸗ den, nicht blos wieder waͤhlbar ſeyn, ſondern ſie wag⸗ ten es ſogar, zu beſtimmen, daß zwei Drittel von ihnen ſchlechterdings in die neue geſezgebende Ver⸗ ſammlung aufgenommen werden mußten, die doch den Worten und dem Geiſte der Verfaſſung gemaͤß, durch die freie Stimme des Volkes gewaͤhlt werden ſollte. Die Waͤhler, und beſonders die der Sek⸗ tionen von Paris, ſtellten voll Unmuth die Frage auf, mit welchen dem Vaterlande geleiſteten Dien⸗ ſten die Mitglieber des Konvents denn ein ſo un⸗ ¹ 138 gerechtes und ganz fremdartiges Vorrecht verdient haͤtten. In den naͤchſten Urhebern und thaͤtigſten Befoͤrderern dieſer Maßregel erkannten ſie blos ei⸗ nige wenige bekehrte Terroriſten, die ſich im Beſitze der willkuͤhrlichen Gewalt behaupten wollten, obgleich ſie geneigt waren, dieſelbe mit Maß zu gebrauchen⸗ — Naͤnner, die, wenn ſie ihre Stellen verloren, Gefahr liefen, auch ihre Koͤpfe zu verlieren. In den uͤbrigen Mitgliedern des Konvents ſahen die Wahlmaͤnner nichts, als eine Schaar von muthloſen Heloten, die ſtets bereit waren, ihrer eigenen Si⸗ cherheit Ehre und Pflicht zum Opfer zu bringen. In dem ganzen Konvente dagegen, der eine ſo große Anzahl ſeiner Mitglieder als unumgaͤnglich noth⸗ wendig fuͤr den Staatsdienſt erklaͤrte, konnten ſie, zufolge ſeines bisherigen Betragens, nur ein zum Theil aus Eiſen, zum Thell aus Lehm zuſammen⸗ geſeztes und mit dem Blute vieler tauſend Schlacht⸗ opfer beſudeltes Bild erblicken,— ein willenloſes Phantom, das, von den ſchlechteſten Menſchen auf⸗ gefordert, die ſchlechteſte That zu befoͤrdern ſich ſtets bereit gezeigt hatte;— einen Moloch, deſſen Prie⸗ ſter in ſeinem Namen die grauſamſten Opfer erzwun⸗ gen hatten. Mit einem Worte, dieſe erfahrnen Staatsmaͤnner, ohne deren Vermittlung, wie man vorgab, die oͤffentlichen Angelegenheiten nicht beſorgt werden konnten, konnten ſich gegen die Beſchuldigung der groͤßten Ruchloſigkeit nur durch das Geſtaͤndniß 139 ihrer graͤnzenloſen Feigheit vertheidigen; ſie muß⸗ ten bekennen, daß ſie zwei Jahre lang unter einem Syſteme des Zwanges und Schreckens Sitzungen ge⸗ halten, berathſchlagt und geſtimmt hatten. Dieje⸗ nigen, die einer ſolchen Niedertraͤchtigkeit faͤhig wa⸗ ren, verdienten nicht einmal zu leben, geſchweige denn zu herrſchen; und doch ſollten zwei Drittel von dieſen Elenden, zufolge ihrer eigenen Beſchluͤſſe, der Nation als ein unentbehrlicher Theil ihrer re⸗ praͤſentativen Behoͤrde aufgedrungen werden. Dies war die Sprache der Sektionen von Pa⸗ ris, die durch ſolche herrſchſuͤchtige Anmaßungen um ſo mehr aufgebracht wurden, weil ſie nicht vergeſſen konnten, daß der Konvent ſeine Rettung mehr als einmal ihrer Verwendung und ihren Nationalgarden zu verdanken gehabt hatte. Mittlerweile gingen unaufhoͤrlich Berichte von den Urverſammlungen ein, worin dieſe faſt einmuͤ⸗ thig ihre Annahme der Konſtitution, in Beziehung auf die beiden Dekrete wegen der Wiedererwaͤhlung von zwei Dritteln der Mitglieder des Konvents aber ihre ſehr von einander abweichenden Meinungen aus⸗ druͤckten. Der Konvent, entſchloſſen, die von ihm vorgeſchlagene, unbillige und willkuͤhrliche Maßregel um jeden Preis mit Gewalt durchzuſetzen, ermangelte nicht, dieſe Berichte ſo zu modeln, wie er ſie wuͤnſchte, und erklaͤrte, daß die Dekrete durch die Majoritaͤt der Urverſammlungen angenommen worden ſeyen. 140 Die Buͤrger von Paris beſtritten die Wahrheit die⸗ ſer Angaben;— ſie behaupteten, die Berichte ſeyen verfaͤlſcht worden,— verlangten eine genaue Unter⸗ ſuchung und boten dem Konvente offen Troz. Die ihnen zufolge der Berufung an das Volk zugeſtan⸗ dene Beſugniß, ſich in ihren Sektionen zu verfam⸗ meln, verſchaffte ihnen Gelegenheit, ihre Staͤrke keunen zu lernen und ſich durch Rede und Beifall gegenſeitig aufzumuntern. Sie wurden noch kuͤhner gemacht durch Maͤnner von literariſchem Talente, die durch die Freiheit der Preſſe wieder zu einer Macht erwachſen waren. Zulezt erklaͤrten ſie ihre Sitzungen fuͤr permanent, und erkannten ſich das Recht zu, die Freiheiten Frankreichs zu beſchuͤtzen. Der groͤßte Theil der Nationalgarden nahm bei die⸗ ſer Gelegenheit Partei gegen die beſtehende Regie⸗ rung; man ſprach ſogar ſchon davon, daß ſie von ih⸗ ren Waffen und von ihrer Anzahl Vortheil ziehen, gegen die Tutlllerien vorruͤcken und dem Konvente mit ihren Musketen Geſetze vorſchreiben ſollten, wie der revolutionaͤre Poͤbel in den Vorſtaͤdten mit ſei⸗ nen Picken es oft gethan hatte. Der Konvent, ſelbſt unpopulaͤr und in eine un⸗ popyulaͤre Sache verwickelt, fing an, ſich aͤngſtlich nach Huͤlfe umzuſehen. Cr rechnete vorzuͤglich auf den Beiſtand von etwa 5000 Mann geregelter Truppen, die in und um Paris verſammelt waren. Dieſe er⸗ klaͤrten ſich um ſo berrütpilizer fuͤr die Regierung, 141 als der Aufſtand ganz einen ariſtokratiſchen Karakter hatte und die franzoͤſiſchen Heere, wie wir bereits bemerkt haben, der Republik anhingen. Ueberdies hegten dieſe Soldaten von Handwerk die gewoͤhn⸗ liche Verachtung gegen die Nationalgarden, und wa⸗ ren ſchon darum bereit, den Uebermuth der Pekins*) oder Muskadins**) zu beſtrafen, die ſich herausnah⸗ men, auch Soldaten ſeyn zu wollen. Noch hatte der Konvent einige hundert Artilleriſten zu ſeiner Verfuͤgung, die ſeit der Einnahme der Baſtille ſtets eifrige Demokraten geweſen waren. An dieſer Macht genuͤgte es dem Konvent noch nicht; beſorgt wegen des Ausgangs, bot er noch eine andere, von weit ominoͤſerer Bedeutung auf: ein Korps von etwa 150 Freiwilligen, das man die heilige Bande oder die „Patrioten von 1780 nannte. Dieſe Freiwilligen, aus den Vorſtaͤdten und den Gefaͤngniſſen zuſammenge⸗ rafft, waren die Ueberbleibſel der Inſurrektionsba⸗ taillons, welche die Leibwache Hebert's und Robes⸗ pierre's gebildet und auf deren Geheiß ſo viele Graͤuelthaten veruͤbt hatten. Der Konvent erklaͤrte ſie fuͤr Maͤnner vom 10ten Auguſt;— ohne Zweifel waren ſie aber auch Septembermaͤnner. Man glaubte, * Pekins, ein Schimpfwort, mit welchem die Soldaten dieje⸗ utgen bezeichneten, die nicht zu ihrem Stande gehörten. **.) Muskadins, vdder Gecken,— eine Bezerchmung der beſſern Klaſſe der Sanseulorten. 14² der Anblick einer ſolchen Koppel von Bluthunden, die in jedem Augenblicke losgelaſſen werden konn⸗ ten, wuͤrde die Buͤrger von Paris mit Schrecken er⸗ fuͤllen. Es war ſo; aber dieſer Anblick weckte auch neuen Haß, und da die Zahl und der Eifer der Buͤr⸗ ger, die Wuth der Terroriſten und die Disciplin der regelmaͤßigen Truppen gewiſſermaßen aufwogen, ſo ſchien ein heißer und zweifelhafter Kampf bevor⸗ zuſtehen. Vieles, dies lag am Tage, mußte von dem Muthe und dem Betragen der Anfuͤhrer abhaͤngen. 4 Die Sektionen ernannten zu ihrem Obergeneral den General Danican, einen gedienten Offizier, der zwar keinen großen militaͤriſchen Ruf hatte, aber doch ein Ehrenmann war. Der Konvent waͤhlte zus: erſt den General Menou, und befahl ihm, mit einer bedeutenden Streitmacht nach der Sektion Le Pe- lettier zu marſchiren und die Nationalgarde dieſes Bezirks zu entwaffnen. Dieſe Sektion iſt eine der reichſten und folglich auch eine der am meiſten ariſto⸗ kratiſch geſinnten in Paris; denn ſie wird von Ban⸗ kiers Kaufleuten, den wohlhabendſten Handwerkern, und uͤberhaupt von der beſſern Volksklaſſe bewohnt. Die Bewohner derſelben hatten fruͤher das Natio⸗ nalgardenbataillon des Filles Saint Thomas gebil⸗ det, das einzige, das an dem merkwuͤrdigen loten Auguſt Theil an der Vertheidigung der Tuillerien nahm, und daher das Schickſal der Schweizergarden 143 theilte. Dieſe Sektion war noch gleich geſinnt, und als Menon, an der Spitze ſeiner Truppen, von La Porte, einem Mitgliede des Konvents begleitet, da⸗ ſelbſt erſchien, fand er die Buͤrger unter den Waf⸗ fen, und zum Widerſtande ſo entſchloſſen, daß er es fuͤr angemeſſen hielt, nach einem kurzen Wortwech⸗ ſel ſich zuruͤckzuziehen, ohne einen Augriff zu ver⸗ ſuchen. 5 Menou, der durch ſeine Unentſchloſſenhelt be⸗ wieſen hatte, daß er den Ereigniſſen nicht gewachſen ſey, wurde von dem Konvent ſeiner Stelle entſezt und verhaftet, worauf Barras die Leitung ſaͤmmtli⸗ cher Konventstruppen erhielt; allein die Ausſchuͤſſe, die das Ruder fuhrten, ſahen ſich in ihrer Angſt nach einem General um, der unter Barras in einer ſo kizlichen Lage und in einer ſo gefaͤhrlichen Zeit die bewaffnete Macht mit der gehoͤrigen Entſchloſſenheit und Energie zu fuͤhren verſtuͤnde. Und jezt entſchie⸗ den einige Worte von Barras an ſeine Kollegen, Carnot und Tallien, uͤber das Schichſal von Europa fuͤr eine Zeit von faſt zwanzig Jahren.„Ich habe,“ ſagte er,„den rechten Mann, den wir brauchen;— einen kleinen korſiſchen Offizter, der nicht viel Um⸗ ſtaͤnde machen wird.“ Barras und Buonaparte hatten ſich, wie wir bereits geſagt haben, bei der Belagerung von Tou⸗ kon kennen gelernt; und jener hatte den erfindungs⸗ reichen und entſchloſſenen jungen Offizier, dem die 144 Eroberung dieſer Stadt zu verdanken war, noch nicht vergeſſen. Von Barras empfohlen, wurde Buonaparte herbeigerufen. Er war Zeuge von dem Ruͤckzuge Me⸗ nou's geweſen, und erklaͤrte auf die einfachſte Weiſe die urſache dieſes Unfalls, und was im Falle des befuͤrch⸗ teten Angriffs gethan werden muͤſſe. Man war mit dem, was er ſagte, zufrieden, und Buonaparte, au die Spitze der Konventstruppen geſtellt, traf jezt alle Anſtalten zur Vertheidigung deſſelben Pallaſtes, der am 10ten Auguſt unter ſeinen Augen von Iu⸗ ſurgentenhaufen angegriffen und genommen worden war. Allein er war weit reicher an Vertheidigungs⸗ mitteln, als der ungluͤckliche Ludwig. Er hatte 200 Kanonen, die er, vermittelſt ſeines großen kriegeri⸗ cen Talentes, auf das vortheilhafteſte zu verwen⸗ den wußte. Er hatte mehe als 5000 Mann regel⸗ maͤßiger Truypen, und ungefaͤhr 1500 Frelwillige, und war demnach im Stande, den gauzen Umfang der Tuillerien zu vertheidigen, auf allen dahln füh⸗ renden Zugaͤngen Poſten aufzuſtellen, die Bruͤcken zu beſetzen und ſo die auf beiden Seiten des Fluſſes gelegenen Sektionen von einander getrennt zu hal⸗ ten, und endlich noch eine ſtarke Reſerve auf dem Platze Ludwigs XV., oder dem ſogenannten Revolu⸗ tionsplatze aufzuſtellen. Alle dieſe Anordnungen muß⸗ ten in wenigen Stunden getroffen werden; denn Buonaparte wurde erſt ſpaͤt in der Nacht vor dem Ein Gefechte zum Nachfolger Menou's eruannt. —— 147 Ein blos aus Buͤraern beſtehendes Heer, dem es an Geſchuͤtz fehlte(denn die Feldſtuͤcke, von denen jede Sektion zwei beſaß, hatten bei der Entwaffnung der Vorſtadt St. Antoine an den Konvent ausgelie⸗ fert werden muͤſſen), haͤtte ſich mit dem Angriff ei⸗ nes ſo ſtark befeſtigten und furchtbar vertheidigten Poſtens, wie die Tuillerien waren, nicht abgeben, ſondern ſich begnuͤgen ſollen, wie einſt in den Tagen Heinrichs II., die Straßen uͤberall zu ſperren und die Truppen des Konvents in ihrer defenſiven Stel⸗ lung einzuſchließen, bis ſie durch den Mangel an Le⸗ bensmitteln genoͤthigt wurden, unter fuͤr ſie nach⸗ theiligen Umſtaͤnden Ausfaͤlle zu machen, oder das Gewehr zu ſtrecken. Allein bewaffnete Volkshaufen zoͤgern gewr alich nicht lange. Sie waren durch den Räͤckzug Menou's kuͤhn geworden und hatten auch einigen Grund, zu befuͤrchten, die Sektionen moͤch⸗ ten, wenn ſie ihre Macht nicht vereinigten, einzeln angegriffen und entwaffnet werden; ſie beſchloſſen deber, auf den Konvent loszugehen, denſelben zur Zurüuͤckunme der verhaßten Dekrete, und zur Aner⸗ kennung der Wahlfreiheit zu zwingen. Am z8ten Vendematre, der dem aten Oktober entſpricht, hatte die Rauferet, die man gewoͤhnlich den Tag der Sektionen nennt, Statt. Meyr als 30,000 Nationalgarden verſammelten ſich, hatten aber kein Geſchuͤz; auf verſchiedenen Straßen in dicht geſchloſſenen Kolonnen vorruͤckend, fanden ſie W. Seott's Werke. XXXI. 10 148 uͤberall den furchtbarſten Widerſtand. Eine ſtarke Abtheilung beſezte die Quais auf dem linken Ufer der Seine, und bedrohte von daher den Pallaſt. Eine andere ſtarke Diviſion ruͤckte Hauf der Straße St. Honoré gegen die Tuillerien vor, in der Abſicht, durch die Straße L'Echelle den Pallaſt, wo der Kon⸗ vent ſeine Sitzungen hielt, zu faſſen. Sie bedachten hiebei nicht gehoͤrig, daß ſie auf den meiſten Punk⸗ ten von ſtarken Poſten, die in den Nebengaͤßchen und Kreuzſtraßen aufgeſtellt und mit Geſchuͤz ver⸗ ſehen waren, in der Flankegenommen werden mußten · Der Kampf nahm in der Straße St. Honorè ſeinen Anfang. Buonaparte, der den Cul- dersac Dauphine, gegenuͤber der Kirche St. Roche, ſtark mit Truppen und auch mit zwei Kanonen beſezt hatte, ließ die unvorſichtigen Pariſer ihre tiefen und dich⸗ ten Kolonnen ungeſtoͤrt durch die engen Straßen vorſchieben, bis eine Grenadierabtheilung derſelben vor der Kirche, gegenuͤber dem Cul-de-sac, Stellung nahm. Jede Partei beſchuldigt, wie gewoͤhnlich, die andere, den Buͤrgerkampf, zu dem doch beide ſich geraͤſtet hatten, zuerſt begonnen zu haben. Alle aber ſtimmen darin uͤberein, daß zuerſt mit Muske⸗ ten gefeuert worden ſey. Augenblicklich folgte Trau⸗ ben⸗ und Kartaͤtſchenfeuer, das gegen die dichten Ko⸗ lonnen der Nationalgarden, auf den Quais und in den engen Straßen gerichtet, eine gewaltige Nieder⸗ lage unter ihnen anrichtete. Die Nationalgarden I 149 hielten ſich brav, und verſuchten ſogar, die Kanonen mit ſtuͤrmender Hand zu nehmen. Allein ein Ver⸗ ſuch dieſer Art, der ſchon im offenen Felde mißlich genug iſt, wird unausfuͤhrbar, wenn der Angriffs⸗ weg durch enge Straßen fuͤhrt, die bei jedem Schuſſe mit Kartaͤtſchen wie gefegt werden. Die Buͤrger wurden zum Weichen gebracht. Durch eine verſtaͤn⸗ digere Verwendung ihrer Streitkraͤfte waͤre vielleicht ein anderes Reſultat bewirkt worden; allein wie haͤtte es Danican uͤberhaupt mit Buonaparte aufnehmen koͤnnen? Das Gefecht, in welchem mehrere hundert Menſchen getoͤdtet und verwundet wurden, war in ungefaͤhr einer Stunde entſchieden. Die ſiegreichen Truppen des Konvents zogen in die verſchiedenen Sektionen und vollendeten die Zerſtreuung und Ent⸗ waffnung ihrer Gegner,— eine Operation, welche bis ſpaͤt in die Nacht dauerte. Der Konvent benuzte ſeinen Sieg mit einer durch die Erinnerung an die Schreckensregierung ge⸗ botenen Maͤßigung. Nur zwei Maͤnner wurden mit dem Tode beſtraft. Einer von ihnen, La Fond, ein ehemaliger Leibgarde, hatte ſich durch ſeine Uner⸗ ſchrockenheit ausgezeichnet, und die Nationalgarden zu wiederholtenmalen im Kartaͤtſchenfeuer geſammelt. Verſchiedene andere Perſonen, die entflohen waren, wurden in ihrer Abwe enheit zum Tode verurtheilt, aber eben nicht ſehr ſtrens aufgeſucht. Andere wur⸗ den mit Verbannung beſtraft. Die Angeklagten hat⸗ 5 10. 150 ten dieſe Milde vorzuͤglich der Vermittlung derjeni⸗ gen Mitglieder des Konvents zu verdanken, die am 3 ſten Mai ſelbſt verbannt und verfolgt worden wa⸗ ren, und daher Erbarmen gelernt hatten. Der Konvent erwies ſich zu gleicher Zeit ſehr dankbar gegen ſeine Retter. General Berruyer, Kommandant der Freiwilligen von 1789, und andere Generale, die an dem Tage der Sektionen Dienſte geleiſtet hatten, wurden hochgeprieſen und befoͤrdert. Allein dem Helden des Tages, Buonaparte, ward ein beſonderer Triumph zuerkannt. Fuͤnf Tage nach dem Gefechte lenkte Barras die Aufmerkſamkeit des Konvents auf den jungen Offizier, durch deſſen raſche und geſchickte Anordnung die Tuillerien am 1 ten Vendemaire behauptet worden waren, und ſchlug vor, denſelben als zweiten General bei der Armee des Innern, die unter ihm(Barras) ſtand, anzu⸗ ſtellen. Dies ward unter allgemeinem Beifalle ſo⸗ gleich genehmigt. Der Konvent zuͤrnte noch immer auf Menou, der ihm der Verraͤtherei verdaͤchtig ſchien. Da aber Buonaparte ſich ſeiner annahm, ſo verzleh er ihm. Nach dieſem entſcheidenden Siege uͤber ſeine Gegner legte der Konvent ſcheinbar ſeine Gewalt nieder, trat in ſeinem bisherigen Karakter von der Buͤbne ab, um ſogleich wieder in der Geſialt einer Urverſammlung zu erſcheinen, und diejenigen ſeiner Mitglieder zu waͤhlen, die nach den Dekreten der 151 ſogenannten zwei Drittel als Mitglieder des Rathes der Alten und der Fuͤnfhundert noch laͤnger auf der Buͤhne bleiben ſollten. Nach dieſer Veraͤnderung der Namen und der Kleidungen, wodurch man an eine wandernde Schauſpie⸗ lerzeſellſchaft erinnert werden konnte, uͤbernahmen die zwei Drkttel des alten Konvents, durch ein Drittel von neugewaͤhlten Mitgliedern ergaͤnzt, die Verwal⸗ tung des neuen Verfaſſungsſyſtems. Die zwei von Neuem gewaͤhlten Drittel waren der Haupttheil der neuen NRaͤthe, und glichen gewiſſermaßen jenen un⸗ gluͤcklichen Weibsbildern, die man zuweilen in den Gefaͤngniſſen und auf den Straßen der Hauptſtadt aufrafft und in entlegene Kolonken ſendet, wo ſie, wie liederlich ſie auch geweſen ſeyn moͤgen, ſich beſ⸗ ſern, und auf einem veraͤnderten Schauplaz, in ei⸗ ner andern Lage nicht ſelten zu ertraͤglichen Mitglie⸗ dern der Geſellſchaft werden. Das Direktorium beſtand aus Barras, Sieyes, Reubel, Letourneur de la Manche, und Reveilliere Lepaux. Tallien war ausgeſchloſſen, was er höͤchſt uͤbel nahm. Vier von dieſen Direktoren waren be⸗ kehrte Jakobiner oder Thermidoriſten; der fuͤnfte, Reveilliere Lepaur, galt fuͤr einen Girondiſten. Sieyes, der mehr Geſchmack an der ſpekutativen als an der praktlſchen Polltik fand, lehnte ein ſeiner Meinung nach gefaͤhrliches Amt ab. An ſeine Stelle trat Carnot. 15⁵² Der Aufſtand der Sektionen hatte eigentlich ganz keine royaliſtiſche Farbe; allein da mehrere der Anfuͤhrer Royaliſten waren, ſo wuͤrde er, wenn er gelungen waͤre, wahrſcheinlich dieſen Karakter an⸗ genommen haben. Rapoleon begann demnach ſeine Laufbahn mit der Zerſtoͤrung der Hoffnungen des Hauſes Bourbon, durch deſſen uͤberwiegenden Ein⸗ fluß er hinwiederum zwanzig Jahre ſpaͤter ſelbſt ge⸗ ſtuͤrzt wurde. Allein der lange Pfad, der ſo duͤſter und traurig endete, oͤffnete ſich ihm jezt in heiterer Freude. Durch die großen Dienſte, die er geleiſtet, durch den Rang, zu dem er ſich aufgeſchwungen hat⸗ te, war jezt Napoleon ein junger Mann, der Alles hoffen, Alles anſprechen konnte, der mit den Ge⸗ walthabern auf dem beſten Fuße ſtand und nicht mehr wie ein vernachlaͤßigter Fremdling im Falle war, ſich von einer Geſchaͤftsſtube zur andern ſchleppen zu muͤſ⸗ ſen, um angeſtellt oder befoͤrdert zu werden. Der neue General ward bald zum Obergeneral der Armee des Innern ernannt, da Barras gefun⸗ den hatte, daß er in ſeiner Stellung als Direktor nicht wohl ein militaͤriſches Kommando mehr fuͤhren koͤnne. Der eben ſo raſtloſe als gruͤndliche Mann war jezt darauf bedacht, den Zuſtand der Kriegs⸗ macht zu verbeſſern, und damit nicht Aufſtaͤnde, wie der vom 13ten Vendemaire und andere fruͤhere⸗ ſich wiederholen moͤchten, beſtellte und organiſirte er 153 zum Schuz des repraͤſeutativen Koͤrpers ein beſonde⸗ res Korps. Da die Theuerung der Lebensmittel und andere Urſachen des Mißvergnuͤgens immer noch aufruͤhre⸗ riſche Bewegungen in Paris veranlaßten, ſo ſah ſich der General des Innern zuweilen genoͤthigt, mit der bewaffneten Macht einzuſchreiten. Man ſagt, daß, als Buonaparte bei einer ſolchen Gelegenheit die verſammelte Volksmenge ermahnt habe, aus ein⸗ ander zu gehen, ein ſtark beleibtes Weib aufgetreten ſei, um das Gegentheil zu rathen.„Achtet nicht auf dieſe Stutzer mit den Epauletten,“ ſagte ſie, „es liegt ihnen wenig daran, ob wir alle verhungern, wenn nur ſie ſich voll und dick freſſen koͤnnen.“— „Seht mich einmal an, gutes Weib,“ ſagte Buona⸗ parte, der damals ſo duͤnn wie ein Schatten war, „und ſagt mir, wer von uns beiden am fetteſten iſt.“ Dies gab die Amazone dem altgemeinen Ge⸗ laͤchter preis, und das Geſindel lief in guter Laune aus einander. Wenn dieſer Sieg Napoleons nicht unter ſeine ausgezeichnetſten gehoͤrt, ſo iſt er doch darum merkwuͤrdig, weil er mit dem geringſten Opfer erkauft worden iſt. Inzwiſchen fuͤhrten Umſtaͤnde, die wir nach ſei⸗ ner eigenen Angabe erzaͤhlen wollen, den jungen Ge⸗ neral zu einer Bekanntſchaft, die großen Einfluß auf ſein kuͤnftiges Gluͤck gehabt hat. Ein huͤbſcher Knabe von zehn bis zwoͤlf Jahren erſchien in dem 154 Morgenzirkel des Generals des Innern, um eine unge⸗ woͤhnlich intereſſante Bitte vorzubringen. Er ſagte, er nenne ſich Eugen Beauharnois, und ſei der Sohn des ehe aligen Vicomte Beauharnols, der als ein Anhaͤn⸗ ger der Revolution, in der republikaniſchen Armee am Rhein gedient, dort den grundloſen Verdacht des Sicherheitsausſchuſſes auf ſich gezogen habe, hierauf vor das Revolutionstribunal geſtellt, von dieſem verurtheilt und vier Tage vor dem Sturze Robespierre's bingerichtet worden ſei. Eugen war gekommen um den General des Innern zu bitten, er moͤchte ſich dafuͤr verwenden, daß ihm der Saͤbel ſeines Vaters zuruͤckgegeben werde. Das Geſuch des jungen Bittſtellers war eben ſo intereſſant, als ſein Betragen einnehmend, und Napoleon fand ſo großen Gefallen an ihm⸗ daß er dadurch veranlaßt ward, Bekanntſchaft mit Eugens Mutter, der nach⸗ maligen Kaiſerin Joſephine, zu machen. Dieſe Dame war eine Kreolin, die Tochter eines Pflanzers auf St. Domingo. Ihr vollſtaͤndiger Name war Marie Joſephe Roſe Taſcher de la Pagerie⸗ Sie hatte durch die Revolution viel gelitten, und war nach der Abſetzung ihres Gemahls, des Gene⸗ rals Beauharnois, als verdaͤchtig verhaftet und bis zur Stunde der allgemeinen Befreiung, die auf die Revolution vom oten Thermidor folgte, feſtgehalten worden. Waͤhrend ihrer Gefangenſchaft hatte Ma⸗ dame Beauharnois eine enge Freundſchaft mit ihrer 155 Ungluͤcksgefaͤhrtin, Madame Fontenai, jezt Madame Tallien, geſchloſſen, die ihr nach der Verheirathung ihrer Freundin ſehr zu Statten kam. Durch eine ſehr einnehmende Geſtalt, liebenswuͤrdige Sitten und eine ſtets heitere Laune eignete ſich Madame Beauharnois zu einer Zierde der Geſellſchaft. Bar⸗ ras, der Held des Thermidors, ſelbſt ein ehemaliger Adeliger, liebte die Geſellfchaft, wuͤnſchte ſie auf eine angenehme Art zu genießen, und den Schlamm abzuwaſchen, mit dem der Jakobinismus die ange⸗ nehmſten Verhaͤltniſſe des Lebens beſudelt hatte. Er liebte nicht minder den Glanz und Vergnuͤgen, und konnte jezt beide Neigungen befriedigen, ohne in den Verdacht der Unbuͤrgerlichkeit zu fallen, der in der Schreckenszeit von jedem Verſuche, den ge⸗ ſellſchaftlichen Umgang durch Eleganz zu wuͤrzen, unzertrennlich war. In den Gemaͤchern, die er als Direktor in dem Pallaſt Luxemburg bewohnte, ließ er ſeinem natuͤrlichen Geſchmacke freien Lauf, und verſammelte eine angenehme Geſellſchaft beiderlei Geſchlechts. Madame Tallien und ihre Freundin waren die Seele dieſer Zirkel, und man vermuthet, Barras ſey gegen die Reize der Madame Beauhar⸗ nois nicht unempfindlich geweſen,— ein Geruͤcht, welches, es mochte nun Grund haben dder nicht, bald entſtehen mußte.— Buonaparte verſichert uns, und wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln, daß er blos durch die perſoͤnlichen Reize der Madame 156 Beauharnois, die zwar zwei bis drei Jahre aͤlter als er*), aber noch in der vollen Bluͤthe iyrer Schoͤnheit und Liebenswuͤrdigkeit war, bewogen wor⸗ den ſey, ihr ſeine Hand, ſein Herz und ſein Gluͤck an⸗ zuhieten, von dem er begreiflicherweiſe nicht ahn⸗ dete, zu welcher Hohe es ſteigen wuͤrde. Obſchon Buonaparte ein Fataliſt geweſen ſeyn ſoll, der an das Schickſal und an den Einfluß ſeines Sternes glaubte, ſo wußte er doch wahrſcheinlich nichts von der Prophezeihung einer afrikaniſchen Wahrſagerin, die, als Marie Joſephe noch ein Kind war, vorher⸗ fagte, ſie werde noch vornehmer werden, als eine Koͤnigin, aber noch vor ihrem Tode von dieſer Hoͤhe herabfallen**).. Ddies war eine jener leeren Weiſſagungen von Narren oder Betruͤgern, die das Schickſal in ſeiner **) Buonaparte war damals 26 Jahre alt. Joſephine gab ſich in dem Ehekontrakte ein Alter von 28 Jahren. **½) Eine Dame von hohem Range, die zufällig in einem und demſelben Kloſter mit Joſephine erzogen wurde, hörte aus ihrem eigenen Munde die Prophezeihung, und ſagte ſie dem Verfaſſer zur Zeit der italieniſchen Expedition, als Buona⸗ parte gerade Aufſehen zu machen anfing. Man fügt gewöhn⸗ lich der Prophezeihung noch die Klauſel bei, daß die fragliche Perſon in einem Hoſpitale ſterben werde, unter welchem ſpä⸗ terhin Malmaiſon verſtanden wurde. Dies har der Verfaſſer nicht aus derſelben Quelle. Die genannte Dame ſprach mit der höchſten Begeiſterung von den einfachen Sitten und der großen Herzensgüte der Madame Beauharnois. 157 Laune manchmal mit einem entſprechenden Ausgang zu kroͤnen beliebt. Allein Bnonaparte kann zu die⸗ ſer Wahl eben ſo gut durch Ehrgeiz als durch Liebe beſtimmt worden ſeyn, auch wenn er den Weiſſagungen der afrikaniſchen Sibille keinen Glauben beigemeſſen hat. Die Heirath mit Madame Beauharnois war ein Mittel, ſein Gluͤck mit dem von Barras und Tallien zu verbinden, von denen der erſte, als einer der Direktoren, Frankreich beherrſchte, und der zweite durch ſeine Talente und politiſchen Verbindungen kaum weniger vermochte. Er hatte ſich durch ſein Betragen an dem Tage der Sektionen um beide ſchon verdient gemacht, aber er bedurfte ihres Schutzes, um noch hoͤher zu ſteigen. Ohne daher die Verdienſte der Braut herabzuſetzen, duͤrfen wir annehmen, daß ihr Einfluß in der Geſellſchaft jener Maͤnner den Abſichten ihres Liebhabers entſprach. Es iſt jedoch gewiß, daß er ihr ſtets ſehr gewogen war, daß er auf ihr Schickſal vertraute, das mit dem ſeinigen auf das vortheilhafteſte verkettet war, daß er endlich von Joſephinens Takt und Gewandtheit in politiſchen Geſchaͤften die beſte Meinung hatte. Sie beſaß zu allen Zeiten die Kunſt, ſein heftiges Temperament zu beſchwichtigen, die raſchen Entſchluͤſſe, die er bei ſchlimmer Laune faßte, nicht durch direkten Wider⸗ ſtand, ſondern allmaͤhlig auf eine ausweichende Weiſe zu entwaffnen. Zu ihrem großen Lobe muß noch bemerkt werden, daß ſie die Sache der Menſchlich⸗ 158 keit ſtets in Schuz zu nehmen bereit war, und dies nicht ſelten mit gluͤcklichem Erfolge that. Sie wurden den 9ten Maͤrz 1706 vermaͤhlt. Die Mitgift der Braut war der Oberbefehl uͤber die ita⸗ lieniſchen Heere, wor urch dem Ehrgeize des jugend⸗ lichen Generals eine freie Bahn geoͤffnet wurde. Buonaparte blieb nur drei Tage naͤch ſeiner Ver⸗ beirathung bei ſeiner Gemahlin, eilte dann zu ſei⸗ ner Familie nach Marſeille, wo er das Vergnuͤgen genoß, ſich in derſelben Stadt, die er vor kurzem noch als ein armer Abentheurer verlaſſen hatte, als den Guͤnſtling des Gluͤckes zu zeigen, und dann un⸗ geſaͤumt, ſeinem Schickſale folgend, wieder abreiste, um den Oberbefehl uͤber die italieniſche Armee zu uͤbernehmen.— Subſcriptions⸗Anzeige auf eine Auswahl . E. T. B. Hoffmann's erzaͤhlenden Schriften. Herausgegeben vo n. ſeiner Wittwe, Micheline Hoffmann, geb. Rorer. Nebſt Hitzigs: Hoffmann's Leben und Nachlaß. Achtzehn Bändchen in Taſchenformat, broſchirt. Von vielen Seiten her bin ich aufgefordert worden, das blo⸗ graphiſche Werk, welches der vertrauteſte Freund meines verſtor⸗ eenen Ehegatten, Herr Criminaldirektor Hitzig in Berlin, im Jahre 1823 über denſelben zu meinem Vortheil herausgegeben, in einer wohlfeilen Ausgabe, wie ſie das Bedureniß der jetzigen Jeit erheiſcht, dem Publikum vorzulegen. Ich entſpreche dieſem Vepian⸗ gen gerne und um den Freunden Hoffnanns ein noch anaarhme⸗ res Geſchenk zu machen, habe ich mich entſchloſſon, er Ausgabe eine Auswayl aus ſeinen früher in Taſchenbucern, Zeitſchriften. u. ſ. w⸗ zerſtreuten erzählenden Schriften serzufügen. „Das Ganze ſoll in einer Sawaetung von Bändchen erſcheinen, über deren Anordnung u. w. die Herren Verleger ſich in der Nach⸗ ſchrift näher ausſprechen werden, weßhalb ich nichts weiter beizu⸗ fügen habe, ats die Bemerkung, daß dieſelben mir für den Fanl einer neuen Auflage dieſes Werket großmüthig ſolche Bedingun⸗ gen geſtellt haben, daß ich dann einem ſorgenfreien Alter würde entgegenſehen können. Jeder, der den Abſatz deſſelben durch Unterzeichnung fördert, wird daher auch ſeinen Theil dazu beitragen⸗ daß die durch Nachdruck undauf andre Weiſe vielfach beeinträchtiate Wittwe eines deutſchen Lieblingsſchriftſtellers, der ihr nichts hinter⸗ laſſen, ais was ſie aus ſeinen neiſtigen Erzeuaniſſen noch zu gewinnen vermag, nicht ganz die Früchte des ruhmvollen Lebens ihres Gatten verliere. Micheline Hoffmann, geb. Norer.. Zum Lobe Hoffmanns oder zur Emyfehlung ſeiner Schriften kier etwas zu ſagen, ſcheint uns überflüſig. Der Beifall ſeiner Zeitgenoſſen, der ſich von Jahr zu Jaͤhr neinerte und nach ſeinem Tode bei ſo manchen in Sehmurh und Bewunderung überaing, üverhebruns deffen. In Beziehung aut die vorſtehende öffentliche Anzeige ſeiner Wittwe, theilen wir hier den Plan mit, nach welchem von eune Freunde des Verſtorbenen im Namen ſeiner Wittwe die Auswah⸗ aus den zerſtreuten Schriſten Hoffmann's veſorgt wurde, die in becerm Verlag erſcheinen wird. den die erzählenden Werke und Hitzigs Nach dieſem Plane wür treffliche Biograpbie in . ſechs Lieferungen oder 18 Bändchen erſcheinen und zwar: Erſte Lieferung.. Erſtes Bändchen. Meiſter Martin und ſeine Geſellen. Hrehtes chen: Der unheimliche Gaſt.— Die Automate. rittes— Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß 18 Bdchen⸗ Zweite Lieferung Viertes—— ²⁴ Signor Formica erſte zbtheitung⸗ Fünftes—— Sianor Formiea zweit⸗ Abtheitung. lergluck. Sechsts—— A. H L. und N. as Bändchen. Dritte Lieferung. - Spie⸗ Siebentes—— Doage und Dogareſſe Achtes—— NRaty Kresvel.— Die Fermate. . L. und N. 38 Bändchen. Neuntes—— 21. H Vierte Lieferung. Zehntes— Fräulein Scudery. Erſte Abtheilung. Eilftes—— Fraul in Scudery. Zweite Abth.— 8— teuer dreier Freunde. Zwölftes—— A. H. L und N. 48 Bändchen. Fuͤnfte Lieferung. Drwahntes— Der Zuſamwenhang der Dinge⸗ Vierzehnee Datura Fastuosa. Fünfzehntes—— S¹. L. und N 58 Bändchen. 4 echste Lieferung. Sechzehntes—— Der Kowyf eſ u 1— Der Artushol. Siebzehntes— Meiſter Joyvannes Wacht. Achtzehntes— A. H L und N. 6s Bändchen. Am iſten Oktober dieſes Jahr erſcheint die erſte Lieferung, und ihr wird von Monat zu Monat immer eine Lieferung folgen, 0 da die ganze Sammlung im März 1828 vollſtändig in den Händen der Subſeribenten ſeyn wird. ZZir glauben, daß zu einer Zeit wo Hoffmann's Erzählungen in mehrere Sprachen überſezt wurden, und namenttich in Englan ſo aroßen Beifall fanden, auck ſein Vaterland und ſeine Freunde⸗ die inm ſo manch⸗ frohe Stunden donken⸗ den unvergeßlichen⸗ Dichter mit nicht minder warmem Antheil lohnen werde.. In der Druckeinr ichtune haben wir geſucht, ein anſtändiges und aefälliaes Aeußere, wovon Proben in jeder Buchhandlung lur Anſicht vorliegen, mit nöglichſter Wohlfeilheit zu vereinigen. Der Subſcriptionspreis iſt per Bandcken: 4 24 Kreuzer oder 6 Groſchen ſaͤchſ. und 63 Silbrg., welcher immer nach Empfang der Bändchen zu bazahlen iſl. Subſcribentenſamm er erhalten, wenn ſie ſich direkte an uns wenden, auf 10 Exemplare das Iite frei. Jede ſolide Buchhandlung nimmt Subſeription auldas Werk an. Stuttgart, im Juni 1827. 2 Gekruͤder Fran ckh. —— Aben⸗