Walter Scott's ſaͤmmtliche r ——;— Neu uͤberſetzt. Neunter Band. 1 Erzaͤhlungen von den Kreuzfahrern. 8 Zweite Erzaͤhlung. 8 Der Talismam„ 8 Vierter Theil. 3—õõ—C—Pn . Stuttgart, 4 bei Gebruder Franckh. 8 V V V —— —— ᷣ Er A h lun g e n Kreiz ſahrern. Zweite Erzaͤhlung. Der Talisman. Vom Verfaſſer des Waverley. Aus dem Engliſchen frei uͤberſetzt — von Auguſt Schaͤfer. — Biertes Baͤndchen. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1,32 6. Erzaͤhlungen von den Kreuzfahrern. Zweite Erzaͤhlung. Der Talisman. Erſtes Kapitel. — Wer iſt da?— nur herbei!— ja wahrlich! Es iſt mein ſehr gelehrter Arzt und Freund. Sir Euſtach Grey. Unſere Erzaͤhlung kehrt zu einer Periode zuruͤck, die den zuletzt erwaͤhnten Vorfaͤllten kurz vorangieng. Der Leſer wird ſich erinnern, daß der ungluͤckliche Ritter vom Leoparden, den Koͤnig Richard dem arabiſchen Arzte mehr als einen Sclaven, denn in irgend einer andern Eigenſchaft, geſchenkt hatte, aus dem Lager der Kreuzfahrer verwieſen wurde, in deren Reihen er ſich ſo oft und ſo glaͤnzend ausgezeichnet hatte. Er folgte ſeinem neuen Herrn, denn ſo muͤſſen wir jetzt Hakim nennen, zu den Mohrenzelten, die deſſen Ge⸗ folge und Eigenthum enthielten, mit der Betaͤubung eines Menſchen, der von dem Gipfel eines Abgrundes .— 6. herabgeſtuͤrzt, mit dem Leben davon gekommen, und kaum noch im Stande iſt, ſich von dem unheilvollen Orte wegzuſchleppen, jedoch ohne die ganze Groͤße des erlittenen Verluſtes berechnen zu können. In dem Zelte angekommen, warf er ſich, ohne den geringſten Laut von ſich zu geben, anf ein Lager von gehoͤrig zubereiteter Buͤffelhaut, das ihm ſein Fuͤh⸗ rer angewieſen hatte, verbarg das Geſicht in den Haͤn⸗ den und ſeufzte tief, als ob ihm das Herz brechen wollte. Der Arzt hoͤrte ihn, als er ſeiner zahlreichen Dienerſchaft den Befehl ertheilte, die noͤthigen Vor⸗ kehrungen zu ihrem Aufbruche zu treffen, der den naͤch⸗ ſten Morgen vor Tages Anbruch ſtatt haben ſollte. Von Mitleid geruͤhrt, unterbrach er ſeine Beſchaͤfti⸗ gung, ſetzte ſich mit uͤber einander geſchlagenen Beinen neben ſein Lager nieder, und ſuchte ihn auf orienta⸗ liſche Weiſe zu troͤſten. 3 „Mein Freund“, ſagte er,„ſey gutes Muths— denn was ſagt der Dichter— es iſt beſſer, daß der Menſch der Diener eines guͤtigen Herrn, als der Sclave ſeiner eigenen wilden Leidenſchaften iſt. Noch einmal, ſey gutes Muths; denn wurde Yſuf Ben Pagube von ſeinen Bruͤdern an einen Koͤnig, und zwar an Pha⸗ rao, Koͤnig von Egypten, verkauft, ſo hat Deln Koͤ⸗ nig Dich einem Manne geſchenkt, der Dir ein Bru⸗ der ſeyn will.“ Sir Kenneth bemuͤhte ſich, Hakim zu danken; al⸗ lein ſein Herz war zu voll und die unverſtaͤndigen 7. Laute, die ſeine mißlingenden Verſuche begleiteten, bewogen den guͤtigen Arzt, von ſeinen allzufruͤhen Troͤ⸗ ſtungsverſuchen abzuſtehen. Er ließ ſeinen neuen Die⸗ ger, oder Gaſt, ruhig ſeinem Kummer nachhaͤngen, und nachdem er alle noͤthigen Anordnungen zu ihrer Abreiſe am nächſten Morgen getroffen hatte, ſetzte er ſich auf den Teppich des Zeltes nieder, und genoß eine maͤßige Mahlzeit. Nachdem er ſich ſo erfriſcht hatte, wurden dem ſchottiſchen Ritter aͤhnliche Speiſen vor⸗ geſetzt; allein obſchon ihm die Sclaven zu verſtehen gaben, daß am kommenden Tage die Sonne weit vor⸗ rüͤcken werde, ehe ſie Halt machen wuͤrden, um Erfri⸗ ſchungen zu genießen, ſo konnte doch Sir Kenneth ſein Abneigung gegen jede Art von Speiſe nicht uͤberwin den, und zu nichts, als zu einem Trunke kalten Waß⸗ ſers, bewogen werden. Er war noch wach, lange nachdem ſein arabiſcher Wirth ſeine gewoͤhnlichen Andachtsuͤbungen verrichten, und ſich zur Ruhe begeben hatte. Auch hatte der Schlaf ſeine Augenlieder um Mitternacht nicht be⸗ ſucht, wo unter dem Geſinde eine Bewegung entſtand, die, obſchon von keinem Geſpraͤch und nur von wenigem Geraͤuſche begleitet, ihn wahrnehmen ließ, daß ſie die Kameele luden, und Anſtalten zum Aufbruche trafen. Im Laufe dieſer Vorkehrungen war, den Arzt ſelbſt ausgenommen, der Ritter von Schottland die letzte Perſon, die geſtoͤrt wurde. Ungefaͤhr um 3 Uhr Mor⸗ gens kuͤndigte ihm eine Art Major⸗Domus oder Haus⸗ 8— hofmeiſter an, d3 er aufſtehen muͤſſe. Er that es ohne weitere Antwort, und folgte ihm im Mondlichte da⸗ hin, wo die Kameele ſtanden, von denen die meiſten ſchon beladen waren; nur eines lag noch auf den Knieen, um ſeine Ladung vollends zu erhalten. In einiger Entfernung von den Kameelen ſtand eine Anzahl bereits geſattelter und gezaͤumter Pferde, und Hakim ſelbſt erſchien und ſchwang ſich auf eines derſelben mit ſo viel Behendigkeit, als der ernſte An⸗ ſtand ſeines Charakters es erlaubte, und ertheilte den Befehl, daß ein anderes, das er genau bezeichnete, Sir Kenneth vorgefuͤhrt werden ſollte. Ein engliſcher Offi⸗ zier war bei dem Gefolge, um ſie durch das Lager der Kreuzfahrer zu geleiten, und ſich zu uͤberzeugen, daß ſie es in Sicherheit verließen. Das Zelt, das ſie ver⸗ laſſen hatten, wurde indeſſen mit großer Eile abgebro⸗ chen, und die Pfaͤhle und Bedeckungen machten die Ladung des letzten Kameels aus. Der Arzt recitirte nun in feierlichem Tone den Vers des Koran:„Gott ſey unſer Fuͤhrer, und Muhamed unſer Beſchuͤtzer in der Wuͤſte, wie auf der waſſerreichen Flur.“ Die ganze Cavalcade ſetzte ſich hierauf augenblicklich in Bewe⸗ gung. 3 Als ſie das Lager durchzogen, wurden ſie von den verſchiedenen Schildwachen angerufen, die daſelbſt auf⸗ geſtellt waren; ſie wurden entweder ſchweigend voruͤberge⸗ laſſen, oder hoͤrten einen Fluch auf ihren Propheten mur⸗ meln, wenn ſie an dem Poſten eines eifrigern Kreuz⸗ 9 3 3 fahrers vorbei kamen. Endlich hatten ſie die letzten Verſchanzungen im Ruͤcken und der Zug formirte ſich zum Marſche mit militaͤriſcher Vorſicht. Zwei oder drei Reiter ritten als Vortrab voran; ein paar andere blieben eine Bogenſchußweite als Nachtrab hinter dem Trupp zuruͤck, und wo es der Boden nur zuließ, wur⸗ den andere detaſchirt, um die Flanken zu decken. Auf dieſe Weiſe ruͤckten ſie vorwaͤrts, waͤhrend Sir Ken⸗ neth, auf das mondbeleuchtete Lager zuruͤckſchauend, ſich jetzt, da er der Ehre und Freiheit zugleich beraubt war, in der That von den glaͤnzenden Panieren, unter denen er neuen Ruhm einzuaͤrndten gehofft hatte, und von den Zeltwohnungen der Ritterſchaft der Chriſten⸗ heit und der Edith Plantagenet verbannt denken konnte. Hakim, der neben ihm ritt, bemerkte nach ſeiner gewoͤhnlichen Spruchweisheit:„es iſt nicht weiſe, ruͤck⸗ waͤrts zu ſchauen, wenn die Reiſe vor uns liegt;“ und waͤhrend er dieß ſagte, machte das Pferd des Ritters einen ſo gefaͤhrlichen Fehltritt, daß es dem Spruche eine praktiſche Moral beizufuͤgen drohte. 3 Der Ritter ward durch dieſen Wink bewogen, der Leitung ſeines Pferdes mehr Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken; denn es bedurfte mehr als einmal der Huͤlfe des Zaums, obſchon in andern Hinſichten nichts leichter und zugleich behender ſeyn konnte, als der Paß, in welchem das Thier(eine Stute ſeines Geſchlechts) vorwaͤrts ſchritt. — 10 „Mit dieſem Pferde“ bemerkte der ſpruchreiche Arzt,„verhaͤlt es ſich gerade, wie mit dem menſchli⸗ chen Schickſale; denn waͤhrend das Thier in dieſem ungemein ſchnellen und leichten Schritte vorwaͤrts eilt, muß der Reiter gegen einen Sturz auf ſeiner Hut ſeyn, und wenn unſer Gluͤck die hoͤchſte Stufe erreicht hat, ſollte unſere Klugheit wachſam und vorſichtig ſeyn, um Ungluͤck zu verhindern.“ Dem überladenen Appetit eckelt auch vor der Hy⸗ nigſcheibe, und man darf ſich kaum wundern, daß der durch Ungluͤck und Erniedrigung gekraͤnkte und ermat⸗ tete Ritter endlich etwas ungeduldig daruͤber wurde, daß ſeine ungluͤckliche Lage bei jeder Gelegenheit zur Grundlage von Spruͤchwoͤrtern und Sinnſpruͤchen ge⸗ macpt wurde, ſo richtig und paſſend ſie auch ſeyn mochten. „Ich glaube“, ſagte er ſehr verdrießlich,„ich be⸗ darf keiner weitern Erlaͤuterung der Unbeſtaͤndigkeit des Schickſals; gleichwohl aber wuͤrde ich Dir fuͤr die Wahl des mir angewieſenen Pferdes danken, wenn die Maͤhre nur einmal ſo kraͤftig ſtolpern wurde, daß ich und ſie den Hals braͤche.“ „Mein Bruder“, antwortete der arabiſche Weiſe mit unwandelbarem Ernſte,„Du ſprichſt wie einer von den Thörichten. Du ſagſt in Deinem Herzen, der Weiſe haͤtte einem, der ſein Gaſt iſt, das juͤngere und beſſere Pferd geben, und das aͤltere fuͤr ſich behalten ſollen; aber wiſſe, daß die Maͤngel des aͤlteren Pfer⸗ — ꝗ ͦꝗͦ—— ʒ— II des durch die lebendige Kraft des jungen Reiters auf⸗ gewogen werden koͤnnen, wogegen die Heftigkeit des jüngern Pferdes durch das kalte Temperament des aͤl⸗ tern Reiters gemaͤßigt werden muß.“ So ſprach der Weiſe; allein auch auf dieſe Be⸗ merkung gab Sir Kenneth keine Antwort, die zu ei⸗ ner Fortſetzung ihrer Unterhaltung haͤtte fuͤhren koͤn⸗ nen, und der Arzt, der es vielleicht muͤde war, einen Menſchen zu troͤſten, der nicht getroͤſtet ſeyn wollte, winkte einem ſeines Gefolges. „Haſſan“, ſagte er,„haſt Du nichts, wodurch wir uns den Weg verküͤrzen koͤnnen?“. Haſſan, ein Maͤhrchen⸗Erzaͤhler und Dichter von Profeſſion, beeilte ſich, dieſer Aufforderung Genuͤge zu leiſten:„Herr des Lebens⸗Pallaſtes“, ſagte er, ſich an den Arzt wendend,„Du, vor welchem der Engel Az⸗ eael ſeine Schwingen zur Flucht ausbreitet— Du, der weiſer iſt, als Solimaun ben Darud, auf deſſen Sie⸗ gelring der wirkliche Name geſchrieben ſtand, der die Geiſter der Elemente beherrſcht— der Himmel ver⸗ huͤte, daß, waͤhrend Du auf der Bahn des Wohl⸗ wollens wandelſt, und wohin Du kommſt, Heil und Hoffnung bringſt, Deine Reiſe aus Mangel an Er⸗ zaͤhlung und Geſang verduͤſtert werde. Siehe, waͤhrend Dein Diener an Deiner Seite iſt, wird er die Schaͤtze ſeines Gedaͤchtniſſes ausgießen, wie die Quelle ihren Strom neben den Fußpfad ausſendet, zur Erquickung deſſen der daſelbſt wandelt.“ 12² Nach dieſem Eingange erhob Haſſan ſeine Stimme und begann eine Erzaͤhlung von Liebe und Zauberei, die mit kriegeriſchen Thaten untermiſcht und mit reich⸗ lichen Citationen aus den perſiſchen Dichtern, mit de⸗ ren Werken der Erzaͤhler bekannt ſchien, ausgeſchmuͤckt war. Das Gefolge des Arztes, diejenigen ausgenom⸗ men, welche nothwendig bei den Kameelen bleiben muß⸗ ten, draͤngte ſich um den Erzaͤhler, und kam ihm ſo nahe, als es die Achtung gegen ſeinen Herrn erlaubte, um das Vergnuͤgen zu genießen, das den Bewohnern des Oſtens dieſe Art von Darſtellung ſtets verurſacht hat. Zu einer andern Zeit wuͤrde Sir Kenneth, unge⸗ achtet ſeiner unvollkommenen Kenntniß der Sprache, nicht ohne Antheil den Vortrag gehoͤrt haben, der, obwohl von einer ausſchweifendern Einbildungskraft eingegeben, und in einer hochtrabendern und verbluͤm⸗ teren Sprache ausgedruͤckt, doch große Aehnlichkeit mit den Rittergeſchichten hatte, die damals in Europa Mo⸗ de waren. Allein ſo wie die Sachen jetzt mit ihm ſtanden, bemerkte er kaum ſo viel, daß ein Mann, in der Mitte der Cavalcade, in einem gedaͤmpften Tone ungeſaͤhr zwei Stunden lang erzaͤhlte und ſang, und dabei ſeine Stimme, je nach den verſchiedenen Leiden⸗ ſchaften, die im Laufe der Erzaͤhlung vorkamen, mo⸗ dulirte, und dagegen ſeinen Zuhoͤrern bald ein leiſes Beifallsgemurmel, bald Ausdrücke der Verwunde⸗ rung, bald Seußzer und Thraͤnen, und zuweilen, was 13 bei einer ſolchen Zuhoͤrerſchaft weit ſchwieriger war, ſogar ein Laͤcheln oder ſelbſt ein Gelaͤchter entlockte. Waͤhrend der Erzaͤblung wurde die Aufmerkſam⸗ keit des Verbannten, obſchon ſie durch tiefen Kummer ab⸗ gelenkt war, gelegenhetlick durch das dumpfe Geheul ei⸗ nes Hundes erweckt, der in einem Behaͤlter von Weiden auf einem der Kameele eingeſchloſſen war. Als ein erfahrner Waidmann wußte er ſogleich, daß das Ge⸗ heul von ſeinem eigenen treuen Hunde herruͤhrte, und an ſeinem winſelnden Tone erkannte er, daß er die Naͤhe ſeines Herrn inne geworden war, und ihn nun auf dieſe Weiſe um Huͤlfe zu ſeiner Errettung an⸗ flehte. „Ach armer Roswal!“ ſagte er,„Du rufſt einen, der ſich in noch ſtrengerer Gefangenſchaft befindet, als du ſelbſt, um Huͤtfe und Mitleid an. Ich will deine Zuneigung nicht erwiedern, und mich ſtellen, als ob ich deinen Ruf nicht gehoͤrt haͤtte; denn dieß wuͤrde unſere Trennung nur noch mehr verbittern.“ So verfloſſen die Stunden der Nacht und der dunkeln, nebeligen Daͤmmerung, die das Zwielicht ei⸗ nes ſyriſchen Morgens ausmacht. Allein als der erſte Umriß der Sonnenſcheibe am Horizonte emporzuſteigen begann, und der erſte Strahl, im Thaue ſchimmernd, laͤngs der Oberflaͤche der Wuͤſte hinblitzte, welche die Reiſenden jetzt erreicht hatten, ſo unterbrach die wohl⸗ toͤnende Stimme des El Hakim den Vortrag des Maͤhrchen⸗Erzaͤhlers, indem er laͤngs der Sandwuͤ⸗ 14 ſten die feierliche Aufforderung ertoͤnen ließ, welche die Mezzins des Morgens von dem Minaret jeder Mo⸗ ſchee herab donnern. „Zum Gebet— zum Gebet! Gott iſt der allei⸗ nige Gott.— Zum Gebet— zum Gebet! Mahomed iſt der Prophet Gottes.— Zum Gebet— zum Gebet! Die Zeit flieht von uns.— Zum Gebet— zum Ge⸗ bet! Das Gericht iſt uns nahe!“ In einem Nu warf ſich jeder Muſelmann vom Pferde, wandte ſein Angeſicht gegen Mekka, und voll⸗ zog mit Sand eine Nachahmung jener Reinigungen, die ſonſt mit Waſſer vorgenommen werden muͤſſen, waͤhrend jedes Individuum, in kurzen aber inbruͤnſti⸗ gen Ausrufungen, ſich ſelbſt der Fuͤrſorge, und ſeine Suͤnden der Verzeihung Gottes und des Propheten an⸗ empfahl. Selbſt Sir Kenneth, deſſen Vernunft und Vorurtheile einen Anſtoß daran nahmen, daß er ſeine Reiſegefaͤhrten eine Handlung verrichten ſah, die er fuͤr Abgoͤtterei hielt, konnte nicht umhin, die Aufrich⸗ tigkeit ihres irregeleiteten Eifers zu achten. Ihre in⸗ bruͤnſtige Andacht reizte ihn unwillkuͤhrlich, Gebete in ei⸗ ner reineren Form gen Himmel zu ſenden; und er ver⸗ wunderte ſich zuweilen uͤber die ungewohnten Gefuͤhle, die ihn bewegen konnten, mit denſelben Saracenen, deren heidniſchen Gottesdienſt er fuͤr ein Verbrechen hielt, welches das Land entehrte, in dem der Morgen⸗ ſtern der Erlöſung aufgegangen und hohe Wunder ge⸗ 15 ſchehen waren, gemeinſchaftlich, obſchon mit abwei⸗ chender Anrufung, zu beten. Obſchon dieſe Handlung der Andacht in einer ſolchen Geſellſchaft verrichtet wurde, ſo war ſie doch der reine Ausbruch ſeines natuͤrlichen religioͤſen Pflicht⸗ gefühls, und hatte, wie gewoͤhnlich, die Wirkung, daß ſie ein Gemuͤth beruhigte, das durch eine ſo raſche Folgenreihe von Unfaͤllen tief erſchuͤttert worden war. Die aufrichtige und ernſthafte Annaͤherung des Chri⸗ ſten zum Throne des Allmaͤchtigen iſt am geeignetſten⸗ Troſt in Widerwaͤrtigkeiten zu verleihen; denn wuͤrden wir nicht die Gottheit mit unſern Gebeten verſpotten, wenn wir ſie durch Murren gegen ihre Beſchluͤſſe be⸗ leidigten, oder wie? waͤhrend unſere Gebete faſt in jedem Worte die Eitelkeit und Nichtigkeit der irdi⸗ ſchen Dinge in Vergleichung mit dem himmliſchen zu⸗ geſtehen, ſollten wir die Hoffnung hegen koͤnnen, den Herzenskündiger zu betruͤgen, indem wir wenige Au⸗ genblicke nach der Beendigung unſerer Andachtsüͤbun⸗ gen der Welt und den weltlichen Leidenſchaften er⸗ laubten, ihre ſtuͤrmiſche Herrſchaft in unſerer Bruſt zu erneuern; es gab und giebt vielleicht noch Perſo⸗ nen, die ſo widerſinnig ſind, daß ſie die irdiſche Lei⸗ deuſchaft, unmittelbar nachdem ſie ſich ernſt und feierlich an den Himmel gewendet haben, die Zuͤgel wieder ergreifen laſſen; allein Sir Kenneth gehoͤrte nicht zu dieſen. Er fühlte ſich getroͤſtet und geſtaͤrkt 16 und beſſer vorbereitet, alles, was ihm das Schickſal auferlegen wuͤrde, zu thun oder zu leiden. Inzwiſchen warfen ſich die Saracenen wieder in ihre Saͤttel, und ſetzten ihren Weg fort. Der Maͤhr⸗ chen⸗Erzaͤhler Haſſan faßte den Faden ſeiner Erzaͤh⸗ lung wieder auf; allein ſeine Zuhoͤrerſchaft widmete ihm nicht mehr dieſelbe Aufmerkſ kſamkeit. Ein Reiter, der rechts von der kleinen Colonne einen Huͤgel erſtie⸗ gen hatte, war in eiligem Galopp zu El Hakim zu⸗ ruͤckgekehrt, und hatte ihm etwas mitgetheilt. Vier oder fuͤnf andere Reiter waren hierauf abgeſchickt wor⸗ den, und die kleine Bande, die ungefaͤhr aus zwanzig oder dreißig Perſonen beſtehen mochte, folgte ihnen nun mit ihren Blicken, wie Maͤnnern, aus deren Geber⸗ den, Vorrüͤcken oder Zuruͤckziehen Gutes oder Boͤſes gemuthmaßt werden konnte. Haſſan, der bei ſeiner Zuhoͤrerſchaft Mangel an Aufmerkſamkeit verſpuͤrte, oder wohl ſelbſt durch die zweifelhaften Erſcheinungen auf der Flanke von der Ausübung ſeiner Kunſt ab⸗ geleitet wurde, hemmte ſeinen Geſang, und ſchweigend ruͤckte der Zug vor; nur hie und da rief ein Kameel⸗ treiber ſeinem geduldigen Thiere zu, oder fluͤſterte ein angſtlicher Begleiter des Hakim ſeinem naͤchſten Nach⸗ bar etwas eilig und leiſe ins Ohr. Dieß dauerte fort, bis ſie auf einer aus Sandhuͤ⸗ geln beſtehenden Erhoͤhung ankamen, die ihrem Haupt⸗ corps bisher den Gegenſtand verborgen hatte, wo⸗ durch ihre Streifwachen in ſolche Beſtuͤrzung gera⸗ 17 then waren. Sir Kenneth konnte in einer Entfernung von ungefaͤhr einer halben Stunde einen dunkeln Ge⸗ genſtand erblicken, der ſich raſch vorwaͤrts bewegte. Sein geuͤbtes Auge erkannte in ihm eine Abtheilung Reiterei, die ihnen an Zahl weit uͤberlegen war, und nach den ſtarken und haͤufigen Blitzen, welche die Strahlen der aufgehenden Sonne zuruͤckwarfen, lag es am Tage, daß es Europaͤer in ihrer voͤlligen Ruͤſtung waren. Die aͤngſtlichen Blicke, welche die Reiter des El Hakim jetzt auf ihren Fuͤhrer warfen, ſchienen tiefe Beſorgniß anzudeuten; er aber ſchickte mit unwandel⸗ barem Ernſte zwei ſeiner beſt berittenen Reiter mit der Weiſung ab, ſich dieſen Wanderern der Wuͤſte ſo weit zu naͤhern, als es die Klugheit erlaube, und ihre Zahl, ihren Charakter und, wo moͤglich, ihren Vorſatz genau zu erforſchen. Die Annaͤherung der Gefahr, oder was man als ſolche fuͤrchtete, wirkte wie ein belebender Trank auf einen Betaͤubten, und brachte Sir Kenneth wieder zu ſich ſelbſt, und zum Bewußtſeyn ſeiner Lage. „Was fuͤrchtet ihr von dieſen chriſtlichen Reitern; denn folche ſcheinen es doch wohl zu ſeyn?“ ſagte er zu Hakim. „Fuͤrchten!“ ſagte El Hakim, unmuthig das Wort wiederholend—„der Weiſe fuͤrchtet nichts, als den Himmel, allein er erwartet ſtets von ſchlechten Menſchen das Schlimmſte, was ſie thun koͤnnen.“ W. Seott's Werke. IX. 2 A 18 „Er ſind Chriſen e, ſagte Sir Kenneth,„und es iſt gegenwaͤrtig Waffenſtillſtand— warum ſolltet ihr einen Dreubruch befuͤrchten?“ „Es ſind die prieſterlichen Soldaten des Groß⸗ neiſters der Tempelritter“, antwortete El Hakim,„die 9 durch ihre Geluͤbde verpflichtet ſind, gegen die Ver⸗ ehrer des Islams weder Waffenſtillſtand noch Treue zu beobachten. Moͤge der Prophet ſie ausrotten mit Wurzel, Aſt und Zweig!— Ihr Friede iſt Krieg, und ihre Treue Falſchheit. Andere, welche in Palaͤ⸗ ſtina einfallen, haben ihre Zeiten, in denen ſie hoͤflich und gefaͤllig ſind. Der Loͤwe Richard wird ſchonen, wenn er geſiegt hat— der Adler Philipp wird ſeine Fluͤgel einziehen, wenn er Beute gemacht hat— ſelbſt der oͤſtreichiſche Baͤr wird ſchlafen, wenn er ſich ge⸗ ſaͤttigt hat; allein dieſe Horde immer hungriger Woͤlfe kennt in ihrem Raube weder Stillſtand noch Saͤtti⸗ gung.— Siehſt Du nicht, daß ſie einen Theil von ihrem Hauptcorps abſondern, und eine oͤſtliche Rich⸗ tung nehmen? Dort ſind ihre Pagen und Schild⸗ knappen, die ſie in ihren verfluchten Myſterien un⸗ terweiſen, und die ſie nun, da ſie leichter bewaffnet ſind, abſchicken, um uns unſern Brunnen abzuſchneiden. Allein ihr Unternehmen ſoll ihnen nicht gelingen, ich kenne den Krieg der Wuͤſte beſſer als ſie.“ Er ſprach wenige Worte mit ſeinem erſten Offi⸗ zier, und ſein ganzes Benehmen und Ausſehen ver⸗ aͤnderte ſich auf einmal. Die feierliche Ruhe eines — 19 morgenlaͤndiſchen Weiſen, der mehr an die Beſchau⸗ ung, als an's Handeln gewohnt iſt, wandelte ſich in den raſchen und ſtolzen Ausdruck eines ritterlichen Kriegers um, deſſen Energie durch die Naͤhe einer Gefahr erwacht, die er vorausſieht und verachtet. Sir Kenneths Augen bot die herannahende Kri⸗ ſis einen ganz andern Anblick dar; und als Adon⸗ bek zu ihm ſagte:„Du mußt dicht neben mir blei⸗ ben“, ſo gab er in feierlichem Tone eine verneinende Antwort. „Dort“, ſagte er,„ſind meine Waffengefaͤhrten — die Maͤnner, mit denen ich zu fechten oder zu fallen geſchworen habe— auf ihrem Banner leuchtet das Zeichen unſerer ſeligen Erloͤſung— ich kann nicht in Geſellſchaft des Halbmondes vor dem Kreuze flie⸗ hen.“ „Chor!“ ſagte Hakim,„ihre erſte Handlung wuͤrde ſeyn, Dir das Leben zu nehmen, waͤre es auch nur, um ihre Verletzung des Waffenſtillſtandes zu verbergen.“ „Was dieß betrifft, ſo muß ich es darauf ankom⸗ men laſſen; allein ich trage die Bande der Unglaͤubi⸗ gen keinen Augenblick mehr, wenn ich im Stande bin, ſie abzuwerfen.“ „Dann werde ich Dich zwingen, mir zu folgen“, ſagte El Hakim. „Zwingen?“ antwortete Sir Kenneth zornig! „Waͤrſt Du nicht mein Wohlthaͤter, oder einer, der 24.. 20 wenigſtens den guten Willen dazu gezeigt hat, und verdankte ich nicht Deinem Zutrauen die Freiheit die⸗ ſer Haͤnde, die Du mit Feſſeln haͤtteſt belaſten koͤn⸗ nen, ſo wollte ich Dir, obſchon unbewaffnet, zeigen, daß es kein leichtes Geſchaͤft iſt, mich zu zwingen.“ „Genug, genug!“ erwiederte der arabiſche Ardt; „wir verlieren Zeit, wann ſie koſtbar iſt.“ Mit dieſen Worten erhob er ſeinen Arm, und ließ einen lauten, durchdringenden Schrei ertoͤnen, als Zeichen fuͤr diejenigen ſeines Gefolges, die ſich au⸗ genblicklich auf der Oberſtaͤche der Wuͤſte nach ſo ver⸗ ſchiedenen Richtungen zerſtreuten, als ein Roſen⸗ kranz, wenn die Schnur zerriſſen iſt. Sir Kenneth hatte keine Zeit, um das zu bemerken, was nun folg⸗ te, denn in demſelben Augenblicke ergriff Hakim den Zuͤgel ſeines Pferdes, und ſpornte ſein eigenes an. Beide flogen nun wie der Blitz, und mit einer Schnel⸗ ligkeit dahin, die den ſchottiſchen Ritter beinahe des Athems beraubte, und ihn durchaus unfaͤhig machte, den Lauf ſeines Fuͤhrers zu hemmen, wenn er es ge⸗ wünſcht haͤtte. So geuͤbt auch Sir Kenneth von ſei⸗ ner fruͤheſten Jugend an in der Rettkunſt war, ſo war doch das ſchnellſte Pferd, das er je beſtiegen hatte, nur eine Schildkroͤte in Vergleichung mit de⸗ nen des arabiſchen Weiſen. Sie warſen den Sand hinter ſich und ſchienen die vor ihnen liegende Wuͤſte zu verſchlingen.— Meilen flogen wie Minuten hin⸗ weg, und doch ſchien ihre Kraft ungeſchwaͤcht und ihre —, ——— 21 Reſpiration noch ſo frei zu ſeyn, als ob ſie ihren wundervollen Lauf ſo eben erſt begonnen hiktten. Auch glich die eben ſo leichte, als reißende Bewegung mehr einem Fluge durch die Luft, als einem Ritte auf der Erde, und war von keinem unangenehmen Ge⸗ fuͤhle begleitet, ausgenommen die natuͤrliche Furcht, die derjenige fuͤhlen muß, der ſich mit einer ſo er⸗ ſtaunlichen Schnelligkeit vorwaͤrts bewegt, ſo wie die Schwierigkeit des Athemholens bei ihrem raſchen Flu⸗ ge durch die Luft. Erſt nachdem dieſe ungeheure Bewegung eine Stunde lang gedauert hatte, und als alle menſchliche Verfolgung weit, weit hinter ihnen war, ließ Hakim endlich mit ſeiner Eile nach, verwandelte den Lauf der Pferde in einen kurzen Galopp, und begann mit einer ſo geſetzten Stimme, als ob er in der letztver⸗ floſſenen Stunde blos einen Spazierritt gemacht haͤtte, ein Geſpraͤch uͤber die Vortrefflichkeit ſeiner Pferde mit dem Schotten, der durch die Schnelligkeit dieſes ſonderbaren Rittes athemlos, halb blind, halb taub und ganz ſchwindelig, kaum die Worte vernahm, die den Lippen ſeines Gefaͤhrten ſo leicht und raſch ent⸗ ſtroͤmten. „Dieſe Pferde“, ſagte er,„ſind von der ſoge⸗ nannten gefluͤgelten Rare, die an Schnelligkeit mit nichts, als dem Borak des Propheten zu verglei⸗ chen ſind. Sie werden mit der goldenen Gerſte von Yemen gefuͤttert, die mit Gewuͤrz und einer kleinen 22 Portion getrockneten Schoͤpſenfleiſches vermiſcht iſt. Koͤnige haben Provinzen um ihren Beſitz hingegeben, und ihr Alter iſt ſo thaͤtig als ihre Jugend. Du, Nazarener, biſt der erſte, außer einem aͤchten Glaͤu⸗ bigen, der je ein Thier dieſer edlen Race unter ſei⸗ nen Lenden gehabt hat; der Prophet ſelbſt hat ſie dem heiligen Ali, ſeinem Verwandten und Stellvertreter, mit Recht Gottes Loͤwe genannt, geſchenkt. Die Zeit beruͤhrt dieſe Thiere ſo unmerklich, daß das Pferd, auf welchem Du ſitzeſt, fuͤnfmal fuͤnf Jahre uͤber ſich hinſchwinden ſah, und doch noch ſeine fruͤhere Schnel⸗ ligkeit und Lebendigkeit beſitzt; nur daß beim ge⸗ ſtreckten Galopp die Huͤlfe eines Zuͤgels, der von ei⸗ ner erfahrnern Hand, als der Deinigen, geleitet wer⸗ den muß, nothwendig geworden iſt. Geſegnet ſey der Prophet, der den wahren Glaͤubigen die Mittel zum Vorruͤcken und Zuruͤckziehen verliehen hat, wobei ihre ſtahlbedeckten Feinde durch ihr eigenes Gewicht er⸗ muͤdet werden! Wie muͤſſen die Pferde jener huͤndi⸗ ſchen Tempelritter geſchnauft und gekeucht haben, wenn ſie bis an das Hufhaar im Sande, nur den ein und zwanzigſten Theil des Raumes durchlaufen ba⸗ ben, den dieſe wackern Roſſe hinter ſich ließen, ohne Herzklopfen, oder auch nur einen Tropfen Feuchtig⸗ keit auf ihrer glatten und weichen Haut zuruͤckzu⸗ laſſen.“ Der ſchottiſche Ritter, der jetzt wieder zu Athem und zur Beſinnung gekommen war, konnte nicht um⸗ . 23 hin, in ſeinem Herzen den großen Vortheil anzuer⸗ kennen, den dieſen morgenlaͤndiſchen Kriegern der Be⸗ ſitz einer Thierart verlieh, die zum Vorruͤcken und Zuruͤrkziehen gleich geeignet, und fuͤr die Ebenen und ſandigen Wuͤſten Arabiens und Syriens ſo wunder⸗ bar paſſend war. Allein er hatte nicht im Sinne, den Stolz des Muſelmannes durch die Anerkennung ſei⸗ ner ſtolzen Anſpruͤche auf Ueberlegenheit zu erhoͤhen, und deßwegen ließ er das Geſpraͤch ſinken, und konnte jetzt, als er bei dem langſameren Schritte ihrer Pferde rings umher blikkte, wahrnehmen, daß er ſich in ei⸗ ner ihm nicht unbekannten Gegend befand. Die oͤden Geſade und truͤben Waſſer des todten Meeres, die ſteile und unebene Kette der links ſich erhebenden Berge, und die zwei oder drei Palmbaͤu⸗ me, die den einzigen grünen Fleck auf der Oberflaͤche der ungeheuren Wuͤſte bildeten— Gegenſtaͤnde, die einmal geſehen, ſchwerlich vergeſſen werden konnten— zelgten ihm, daß ſie ſich der Quelle nahten, die der Diamand der Wuͤſte genannt wurde, und die bei ei⸗ ner fruͤhern Gelegenheit der Schauplatz ſeiner Zuſam⸗ menkunft mit dem ſaraceniſchen Scheerkoff, oder Ilde⸗ rim, geweſen war. In wenigen Minuten machten ihre Pferde neben der Quelle Hal, und Hakim forderte Sir Kenneth auf, abzuſtelgen, und bier, als an einem ſichern Orte, auszuruhen. Sie zaͤunten ibre Pferde ab, und El Hakim bemerkte, fernere Sorge ſuͤr ſie ſey unnoͤthig, da einige ſeiner beſtberittenen Sclaven unverzuͤglich zu ihnen ſtoßen und das Uebrige thun werden. 24 „Indeſſen“, ſagte er, einige Nahrung auf das Gras hinlegend,„iß und trink, und laß den Muth nicht ſinken. Das Schickſal mag die gewoͤhnlichen Men⸗ ſchen erheben, oder niederſchlagen, allein der Weiſe und der Soldat ſollten ſich ſeiner Herrſchaft nicht unter⸗ werfen.“ Der ſchottiſche Ritter ſuchte ſich aus Dankbarkeit gegen Hakim gelehrig zu zeigen, allein ſo ſehr er ſich auch Müͤhe gab, aus Höͤflichkeit zu eſſen, ſo kam doch der ſeltſame Contraſt zwiſchen ſeiner gegenwaͤrtigen La⸗ ge, und derjenigen, in welcher er ſich auf demſelben Flecke, als Abgeſandter von Fuͤrſten, und Sieger im Kampfe befunden hatte, wie eine Wolke uͤber ſeine Seele, und Faſten, Muͤdigkeit und Ermattung laͤhmten ſeine körperliche Kraft. El Hakim beobachtete ſeinen ſchnellen Puls, ſein rothes und enfflammtes Auge, ſeine erhitzte Hand und ſeinen kurzen Athem. „Der Geiſt wird weiſe durch Wachen“, ſagte er, „allein ſein Bruder, der Köwper, der aus gröberen Stoffen beſteht, bedarf der Rohe und Erquickung. Du mußt ſchlafen, und damit Du dieß zu Deiner Erfri⸗ ſchung thun kannſt, mußt Ou einen mit dieſem Elixir vermiſchten Schluck Waſſer nehmen.“ 3 Er zog mit dieſen Worten aus ſeinem Buſen ein kleines kryſtallenes Flaͤſchchen bervor, das in einem Futterale von ſilberner Kligran⸗Arbeit ſtekte, und troͤ⸗ pfelte in einen kleinen goldenen Becher einen geringen Cheil einer dunkelfarbigen Flüſſigkeit. 25 „Dieß“, ſagte er,„iſt eines von den Erzeugniſſen, die Allah zum Seegen auf die Erde gefandt hat, ob⸗ ſchn dit Schwaͤche und Verderbtheit des Menſchen es manchmal in Fluch verwandelt hat. Es vermag, wie der Weinbecher des Nazareners, den Vorhang uͤber das ſchlafloſe Auge zu ziehen, und die Buͤrde des uͤberla⸗ denen Buſens zu erleichtern; wird es aber zur Schwel⸗ gerey und zur Ueppigkeit angewendet, ſo ſchwaͤcht es die Nerven, zerſtoͤrt die Kraft, richtet den Verſtand zu Grunde, und untergraͤbt das Leben; allein ſcheue Dich nicht, Dich ſeiner wohlthaͤtigen Kraͤfte zur Zeit der Noth zu bedienen, denn der weiſe Mann erwaͤrmt ſich an demſelben Feverbrand, mit welchem der Raſende das Zelt anzundet. „Ich habe ſchon zu viele Proben von Deiner Geſchicklichkeit, weiſer Hakim“, ſagte Sir Kenneth⸗ „als doß ich Dein Geheiß bekaͤmpfen ſollte;“ mit dieſen Worten trank er das Schlafmittel, das mit einigem Waſſer von der Quelle vermiſcht war, huͤllte ſich dann in den Haik oder arabiſchen Mantel, der an ſeinen Sattelknopf befeſtigt geweſen war, und legte ſich nach der Anweiſung des Arztes bequem in den Schau⸗ ter, um die verheißene Ruhe abzuwarten. Anlaͤnglich kam kein Schlaf, ſondern an deſſen Statt eine Reihe angenehmer, jedoch nicht aufregender oder erweckender Gefuͤhle. Hierauf folgte ein Zuſtand, in welchem der Ritter, obſchon ſeiner Identitaͤt und ſeiner Lage bewußt,⸗ ſich in den Stand geſetzt füͤhlte, ſie nicht nur ohne Be⸗ trühniß und Gram, ſondern auch ſo ruhig zu betrach⸗ . 26 ten, als ob man die Geſchichte ſeines Ungluͤcks auf ei⸗ ner Bühne anfgeruͤhrt haͤtte, oder vielmehr, wie ein entkoͤrperter Geiſt die Handlungen und Vorfaͤlle ſeines fruͤheren Daſeyns betrachten wuͤrde. Aus dieſem Zuſtande der Ruhe, die faſt einer gaͤnz⸗ lichen Apathie hinſichtlich der Vergangenheit gleich kam⸗ wurden ſeine Gedanken vorwaͤrts nach der Zukunft hin⸗ geriſſen, die trotz alles deſſen, wasgihm die Ausſicht haͤtte verduͤſtern ſollen, in einer Farbenpracht erglänz⸗ te, welche ſelbſt unter weit gluͤcklichern Anzeigen ſeine ungereizte Einbildungskraft in ihrem exaltirteſten Zu⸗ ſtande nicht zu erzeugen vermocht haͤtte. Freyheit, Ruhm, gluͤckliche Liebe ſchienen die gewiſſe und nicht ferne Aus⸗ ſicht des in der Sclaverey ſchmachtenden Verbannten, des entehrten Ritters, ja ſelbſt des verzweifelnden Lieb⸗ habers zu ſeyn, der die Hoffnungen ſeiner Gluͤekſelig⸗ keit ſo weit uͤber jede Moͤglichkeit der Erfuͤllung hinaus⸗ geſetzt hatte. Allmaͤhlig, ſo wie ſeine Vorſtellungen ſich umnebelten, verdunkelten ſich dieſe heitern Viſtonen, wie die erloͤſchenden Farben der untergehenden Sonne, bis ſie endlich in gaͤnzliche Vergeſſenheit ſanken; und Sir Kenneth lag zu El Hakims Fuͤßen ausgeſtreckt, allem Anſcheine nach, ſein tiefes Athemholen abgerech⸗ net, ein lebloſer Koͤrper, als ob das Leben wirklich ent⸗ flohen waͤre. e — Z weytes Kapitel. — Hier ſchwingt der gewaltige Zauber ſeinen Stab Und zaubert bunte Geſtalten herauf und hinab, Bis all' das wirre Getümmel um uns her Rur Traum uns däucht und eltle verlogene Mähr'. eiſtokpha, eine Romanze. Als der Ritter vom Leoparden aus ſeinem langen und tiefen Schlafe erwachte, befand er ſich in Umſtaͤn⸗ den, die ſo ganz von denen verſchieden waren, in wel⸗ chen er ſich zur Ruhe niedergelegt hatte, daß er zwei⸗ felte, ob er nicht noch traͤume, oder ob die Scene nicht durch Zauberey geaͤndert worden ſey. Anſtatt auf dem feuchten Graſe, lag er auf einem Bette von mehr als morgenlaͤndiſcher Ueppigkeit, und freundliche Haͤnde hat⸗ ten ihn waͤhrend ſeines Schlummers des gemmsledernen Roeks entkleidet, den er unter ſeiner Ruͤſtung trug, und ihm dafuͤr ein Nachtgewand von der feinſten Leinwand und ein weites ſeidenes Obergewand angelegt. Zuvor hatten ihn blos die Palmbaͤume der Wuͤſte üͤberſchattet; aber jezt ruhte er unter einem ſeidenen Zelte, das von den reichſten Farben des chineſiſchen Webeſtuhls glaͤnz⸗ te, waͤhrend ein leichter Vorhang von Gaze, um ſein Lager gezogen, darauf berechnet war, ſeine Ruhe gegen die Inſecten zu ſchützen, deren beſaͤndiges und leiden⸗ des Opfer er ſeit ſeiner Ankunft unter dieſem Himmels⸗ ſtriche geweſen war. Er blickte umher, als ob er ſich gberzeugen wollte, daß er wirklich wach war, und al⸗ 28 les, was ſich ſeinem Anbli ke darbot, zu dem Glanze ſeines Schlafgemachs gehoͤrte. Ein tragbares Bad von Cedernbolz, mit Silber ausgelegt, ſtand zum Ge⸗ brauche dereit, und duftete von den Wohlgeruͤchen, die bey ſeiner Bereitung angewendet worden waren. Auf einem kleinen Tiſche von Ebenholz neben ſeinem Bette ſtand eine ſilberne Vaſe, die eiskalten Sherbet von der ausgeſuchteſten Gattung enthielt, deſſen Genuß der Durſt, der auf den Gebrauch des ſtarken Schlaf⸗ mittels folgte, beſonders angenehm machte. Um die letzten Spuren jener Berauſchung zu vertilgen, be⸗ ſchloß der Ritter, das Bad zu gebrauchen, und fuͤhl⸗ te, indem er dieß that, die angenehmſte Erfriſchung. Nachdem er ſich mit Handtuͤchern von indianiſcher Wolle abgetrocknet hatte, wuͤrde er gerne wieder ſei⸗ ne eigenen groben Kleider angelegt haben, um fortzu⸗ gehen und zu ſehen, ob die Welt außer alb ſeines Ruheortes ſich eben ſo ſehr veraͤndert habe, als in⸗ nerhalb deſſelben. Allein dieſe waren nirgends zu ſe⸗ hen, und ſtatt ihrer fand er einen ſaraceniſchen An⸗ zug von reichem Stoſſe, mit Saͤbel und Dolch, und allem, was ſich fuͤr einen vornehmen Emir ſchickt. Er konnte fuͤr ſich ſelbſt keinen Grund dieſes Ueber⸗ maßes von Sorgfalt auffinden; allein er hegte den Argwohn, dieſe Aufmerkſamkeiten erweiſe man ihm in der Abſicht, ihn in ſeinem Glauben wankend zu machen, da es in der That allgemein bekannt war, —— —,—— — ——— —-— 29 daß den Sultan ſeine hohe Achtung fuͤr europaͤiſche Kenntniß und Tapferkeit zu einer graͤnzenloſen Frei⸗ gebigkeit gegen diejenigen bewog, die ſich, nachdem ſie ſeine Gefangenen geworden waren, hatten verleiten laſſen, den Turban zu nehmen. Sir Kenneth be⸗ kreuzte ſich daher andaͤchtig und beſchloß, allen die⸗ ſen Fallſtricken Trotz zu bieten; und damit er dieſes um ſo ſtandhafter thun könnte, nahm er ſich feſt vor, ſo wenig als moͤglich von der verſchwenderiſchen Frei⸗ gebigkeit ſeines Gebieters Gebrauch zu machen. Da er ſich jedoch noch ſchlaͤfris fuͤhlte, und auch einſah, daß er in ſeinem gegenwaͤrtigen leichten Anzuge ſchick⸗ licherweiſe draußen nicht erſcheinen koͤnne, ſo lehnte er ſich wieder auf ſein Lager zuruͤck, und ſank aber⸗ mal in die Arme des Schlummers. Allein dießmal blieb ſein Schlummer nicht un⸗ geſtoͤrt; denn er wurde durch die Stimme des Arztes aufgeweckt, der, an der Thuͤre des Zeltes ſtehend, ſich nach ſeinem Beſinden erkundigte, und ihn fragte, ob er hinlaͤnglich geruht habe. „Darf ich in Euer Zelt treten?“ fragte er zu⸗ jetzt;„denn der Vorhang iſt vor den Eingang ge⸗ zogen.“ 4 „Der Herr“, er wiederte Sir Kenneth, entſchloſ⸗ fen, zu zeigen, daß er ſeine Lage nicht vergeſſen habe, „braucht nicht um Erlaubniß zu fragen, wenn er in das Zelt des Sclaven treten will.“ 7 30 „Aber wenn ich nicht als Herr komme?“ ſagte El Hakim, noch immer nicht eintretend. „Der Arzt“, erwiederte Sir Kenneth,„hat freien Zutritt zu dem Bette ſeines Patienten.“ „Ich komme jetzt auch nicht als Arzt“, erwie⸗ derte El Hakim; und deswegen bitte ich noch immer um Erlaubniß, ehe ich unter die Decke Deines Zel⸗ tes trete.“ 4. „Wer als Freund kommt“, ſagte Sir Kenneth, „und als einen ſolchen haſt Du Dich mir bisher ge⸗ zeigt, dem ſteht die Wohnung des Freundes immer offen.“ „Noch einmal“, ſagte der Weiſe nach der um⸗ ſchreibenden Weiſe ſeiner Landsleute,„angenommen, daß ich nicht als Freund komme?“ „Komm', als was Du willſt“, ſagte der ſchot⸗ tiſche Ritter, etwas ungeduldig uͤber dieſes Wortge⸗ dehne,„ſey was Du willſt— Du weißt wohl, daß es weder in meiner Macht ſteht, noch mein Wille iſt, Dir den Eintritt zu verweigern.“ „Nun denn“, ſagte El Hakim,„ich komme als Euer alter Feind; aber als ein tedliche und groß⸗ muͤthiger Feind.“ Mit dieſen Worten trat er in das Zelt; und als er an Sir Kenneths Bette ſtand, war ſeine Stim⸗ me noch immer die Stimme Adonbecks, des arabi⸗ ſchen Arztes; allein ſeine Geſtalt, Kleidung und Ge⸗ ſichtsbildung gehoͤrten Ilderim von Kurdiſtan, ge⸗ 3 4 31 nannt Scheerkhof, an. Sir Kenneth blickte auf ihn, als erwartete er, diez Erſcheinung ſolle als etwas, das ſeine Einbildungskraft geſchaffen hatte, ver⸗ ſchwinden. „Wunderſt Du Dich“, ſagte Ilderim,„Du der Du ein erprobter Krieger biſt, daß ein Soldat etwas von der Heilkunde verſteht?—. Ich ſage Dir, Nazarener, ein vollendeter Ritter ſollte nicht nur wiſſen, wie ſein Pferd geritten, ſondern auch wie es abgerichtet werden muß; nicht nur wie ſein Schwerdt in der Schlacht gehand⸗ habt, ſondern auch wie es auf dem Ambos geſchmie⸗ det werden muß; nicht nur wie ſeine Waffen getragen, ſondern auch wie ſie glaͤnzend gemacht werden muͤſſen, und vor allen Dingen ſollte er Wunden nicht nur bei⸗ zubringen, ſondern auch zu heilen wiſſen.“ Waͤhrend er ſo ſprach, ſchloß der Chriſt zu wieder⸗ holtenmalen ſeine Augen, und ſo lange ſie geſchloſſen blieben, ſchwebte das Bild El Halkim's mit ſeinen langen, dunkeln Gewaͤndern, ſeiner hohen Tartarmüͤtze, und ſeinen wuͤrdevollen Gebaͤrden vor ſeiner Einbildungs⸗ kraft; allein ſo bald er ſieoͤffnete, kuͤndigten der zierliche und reich mit Edelſteinen verzierte Turban, der reiche, aus Stahl⸗ und Silberringen beſtehende Panzer, der ſchimmernd glaͤnzte, ſo oft er jeder Beugung des Koͤr⸗ pers gehorchte, das Angeſicht, frey von ſeinem feier⸗ lichen Ausdrucke, minder ſchwaͤrzlich und nicht lmehr beſchattet von der unordentlichen Menge Haare(die 32 ſich jetzt auf einen gut aufgeſtutzten Bart beſchraͤnkten) — den Krieger und nicht den Weiſen an. „Biſt Du noch immer ſo verwundert“, ſagte der Emir,„und biſt Du mit ſo wenig Aufmerkſamkeit in der Welt umhergewandert, daß es Dich befremden kann, daß die Menſchen nicht immer ſind, was ſie ſcheinen? — Du ſelbſt— biſt Du, was Du ſcheinſt?“ „Nein, beym heiligen Andreas!“ rief der Ritter aus;„denn dem ganzen chriſtlichen Lager ſcheine ich ein Verraͤther, und ich ſelbſt weiß, daß ich ein treuer, ob⸗ ſchon fehlerhafter Mann bin.“ „Gerade ſo urtheilte ich von Dir“, ſagte Ilderim, „und da wir mit einander Salz gegeſſen hatten, ſo hielt ich mich fuͤr verpflichtet, Dich von Tod und Schmach zu erretten— Allein warum liegſt Du noch auf dieſem Lager, da doch die Sonne ſchon hoch am Himmel ſteht? oder ſind die Kleider, die meine Saumthiere gebracht haben, unwurdig, daß Du ſie traͤgſt?“ „Sicherlich nicht unwuͤrdig, allein unpaſſend fuͤr mich“, erwiederte der Schotte;„gieb mirzdie Kleidung eines Sclaven, edler Ilderim, und ich werde ſie mit Vergnügen anlegen; allein ich kann es nicht uͤbers Herz bringen, das Gewand des freyen, morgenlaͤndiſchen Krie⸗ gers mit dem Turban des Muſelmanns zu tragen.“ „Nazarener“, antwortete der Emir,„Deine Na⸗ tion naͤhrt ſo leicht Argwohn, daß es wohl ſie ſelbſt verdaͤchtigen kann. Habe ich Dir nicht geſagt, daß Saladin nur Diejenigen bekehren will, welche der hei⸗ 33 lige Prophet ſelbſt geneigt macht, ſich ſeinem Geſetze zu unterwerfen? Gewalt und Beſtechung ſind ſeinem Plane, den wahren Glauben auszubreiten, gleich fremd. Hoͤre mich an, mein Bruder. Als der blinde Mann durch ein Wunder ſein Geſicht wyieder erhielt, fielen die Schup⸗ pen nach Gottes Rathſchluſſe von ſeinen Augen— glaubſt Du, daß ein irdiſcher Arzt ſie haͤtte entfernen koͤnnen? Nein, ein ſolcher Arzt würde den Kranken mit ſeinen Werkzeugen gequaͤlt, oder ihm vielleicht mit ſei⸗ nem Balſam und ſeinen Herzſtaͤrkungen Linderung ver⸗ ſchafft haben, allein blind wie er war, haͤtte der blinde Mann bleiben muͤſſen; und eben ſo verhaͤlt es ſich auch mit der Blindheit des Verſtandes. Wenn es unter den Franken Leute giebt, die irdiſchen Gewinnſtes wegen den Turban des Propheten genommen, und die Vor⸗ ſchriften des Islams befolgt haben, ſo muß ihr eigenes Gewiſſen ſie tadeln. Sie ſuchten die Lockſpeiſe— ſie wurde ihnen von dem Sultan nicht in den Weg ge⸗ worfen. Und wenn ſie dereinſt als Heuchler in den un⸗ terſten Schlund der Hoͤlle, noch unter Chriſten, Juden, Zauberer und Goͤtzendiener hinabgeworfen und verurtheilt werden, die Frucht des Baumes Yacrum, der die Quelle der Teufel iſt, zu eſſen— ſo haben ſie ſich ſelbſt, nicht aber dem Sultan ihre Schuld und Beſtrafung zuzumef⸗ ſen.— Deßwegen trage ohne Bedenken die fuͤr Dich berei⸗ tete Kleidung; denn wenn Du Dich in Saladins Lager begiebſt, ſo wird Deine Landestracht Dich Unannehm⸗ lichkeiten, und vielleicht ſogar Beleidigungen ausſetzen.“ W. Scott's Werke 1K.. 3 34 „Wenn ich in Saladins Lager gehe“, ſagte Sir Kenneth, die Worte des Emir wiederholend;„ach! kann ich frei handeln, oder muß ich nicht vielmehr ge⸗ hen, wohin Ihr mich ſendet?“ „Dein eigner Wille mag Deine eignen Bewegun⸗ gen leiten“, ſagte der Emir,„ſo frei als der Wind, der den Staub der Wuͤſte hinweht, wohin er will. Der edle F Feind, der es mit meinem Schwerdte aufnahm, und es beinahe uͤberwaͤltigte, kann nicht mein Sclave werden, wie der, der ſich unter demſelben kruͤmmte. Wenn Reichthum und Macht Dich verleiten koͤnnten, Dich mit unſerem Volke zu vereinen, ſo koͤnnte ich Dir ihren Beſitz ſichern; allein der Mann, der die Gunſt des Sultans ausſchlug, als das Beil uüͤber ſeinem Haupte ſchwebte, wird ſie, fürchte ich, nicht annehmen, wenn ich ihm ſage, daß er ſeine freie Wahl hat.“ „Vollendet Eure Großmuth, edler Emir“, ſagte Sir Kenneth,„indem Ihr Euch enthaltet mir eine Vergeltung zu zeigen, die ſich nicht mit meinem Gewiſ⸗ ſen vertraͤgt. Erlaubet mir vielmehr, meine Dankbar⸗ keit fuͤr dieſe hoͤchſt ritterliche Guͤte, dieſe unverdiente Großmuth auszudruͤcken.“ 7 „Sage nicht unverdient“, erwiederte der Emir Ilderim,„war es nicht eine Folge Deiner Unterredung und Deiner Schilderung der Schoͤnheiten, welche den Hof des Melec Ric zieren, daß ich mich verkleidet dort⸗ hin wagte, und mir dadurch den ſeligſten Anblick ver⸗ ſchaffte, deſſen ich mich je erfreut habe, und je erfreuen 35 werde, bis die Herrlichkeiten des Paradieſes mir ent⸗ gegen ſtrahlen werden.“ „Ich verſtehe Euch nicht“, ſagte Sir Kenneth, bald hoch erroͤthend, bald tief erblaſſend, wie einer, der fuͤhlte, daß die Unterredung höchſt feine Saiten zu beruͤhren be⸗ gann.„Wie? Du verſtehſt mich nicht!“ rief der Emir aus.„Wenn der Anblick, den ich im Zelte des Koͤnigs Richard genoß, Deiner Beobachtung entgieng, ſo muß dieſe ſtumpfer ſeyn, als die Schneide des hoͤlzernen Saͤbels eines Poſſenreiſſers. Es iſt wahr, das Todes⸗ urtheil war damals uͤber dich ausgeſprochen; allein was mich betrifft, waͤre ſelbſt mein Kopf vom Rumpfe geflo⸗ gen, ſo wuͤrden noch die letzten geſpannten Blicke meiner Aug⸗Apfel mit Vergnügen eine ſo liebenswürdige Erſchei⸗ nung unterſchieden haben, und mein Haupt waͤre nach der unvergleichlichen Houris hingeroüt, um mit ſeinen zuckenden Lippen den Saum ihres Kleides zu kuͤſſen. — Jene Koͤnigin von England, die ihrer ungemeinen Liebenswuͤrdigkeit wegen Koͤnigin der Welt zu ſeyn ver⸗ dient— welche Zaͤrtlichkeit in ihrem blauen Auge— welcher Glanz in dem Golde ihrer zerſtreuten Locken! Bey dem Grabe des Propheten— ich glaube kaum, daß die Houris, welche mir die Demand⸗Schaale der Unſterblichkeit reichen wird, eine ſo warme Liebkoſung verdient.“ „Saracene“, ſagte Sir Kenneth finſter,„Du ſprichſt von der Gemahlin Richards von England, von 1 3.. 36 welcher Maͤnner nicht wie von einem Weibe, um deren Gunſt gebuhlt werden kann, ſondern wie von einer Koͤ⸗ nigin, die verehrt werden muß, denken und ſprechen.“ „Ich bitte Euch um Verzeihung“, ſagte der Sa⸗ racene,„ich hatte Eure abergläubiſche Verehrung des andern Geſchlechts vergeſſen, von dem Ihr glaubt, daß man es nicht ſowohl freyen und beſitzen, als anſtaunen und anbeten ſolle. Ich wette— da Du eine ſo tiefe Ehrfurcht fuͤr jenes zarte und gebrechliche Weſen for⸗ derteſt, bey der jede Bewegung, jeder Tritt und Blick das eigentliche Weib verraͤth— daß Der mit den dun⸗ keln Flechten und dem edel ſprechenden Auge nichts anders, als unbedingte Anbetung gewidmet werden muß. Sie hat in der That, ich will es geſtehen, in ihrer edlen Haltung und majeſtaͤtiſchen Miene eine gewiſſe Reinhelt und Feſtigkeit, doch auch ſie wuͤrde, wenn Gelegenheit und ein feuriger Liebhaber ſie dazu aufforderten, dieſem in ihrem Herzen mehr Dank wiſ⸗ ſen, wenn er ſie nicht ſowohl als Goͤltin, ſondern als Sterbliche behandelte.“ „Achte die Verwandte des Loͤwenherz“! ſagte Sir Kenneth in einem Tone unterdrückten Zornes. „Sie achten!“ antwortete der Emir ſpoͤttiſch— „Bey der Caaba, und— wenn ich ſie achte, ſo gehte ich ſie als Saladins Braut.“ „Der unglaubige Sultan iſt nicht wuͤrdig, auch nur den Fleck zu kuͤſſen, den der Fuß der Edith Plan⸗ 37 tagenet betreten hat!“ rief der Chriſt aus, von ſeinem Lager aufſpringend. „Hal was ſagte der Giaour?“ rief der Emir aus, ſeine Hand an das Heft ſeines Dolchs legend, waͤhrend ſeine Stirne, wie blinkendes Kupfer, gluͤhte, und die Muskeln ſeiner Lippen und Wangen krampfhaft ſich bewegten, bis jede Locke ſeines Bartes ſich zu drehen und zuſammenzupreſſen ſchien, als ob eine inſtinctmaͤſ⸗ ſige Wuth ſie beſeelt haͤtte. Allein der ſchottiſche Rit⸗ ter, der Richards Loͤwengrimme Stand gehalten hatte, erblaßte nicht bey der tigerartigen Wuth des erhitzten Saracenen. „Was ich geſagt habe“, erwiederte er⸗ mit furcht⸗ loſen Blicken und übereinander geſchlagenen Armen, „wurde ich zu Fuß oder zu Roß gegen alle Sterblichen behaupten, und ich wuͤrde es nicht fuͤr die denkwuͤrdigſte That meines Lebens halten, es mit meinem guten Saͤ⸗ bel gegen hunderte dieſer Sicheln und Nadeln(er deu⸗ tete hier auf den Saͤbel und Dolch des Emirs) durch⸗ zuſetzen.“ Der Saracene faßte ſich, waͤhrend der Chriſt ſprach, wieder in ſo weit, daß er die Hand von ſeiner Waffe zuruͤckzog, als ob die Bewegung ohne Bedeutung gewe⸗ ſen waͤre; allein er war noch immer hoͤchlich erzuͤrnt. „Bey dem Schwerdte des Propheten“, ſagte er, „das der Schluͤſſel zu Himmel und Hoͤlle iſt, derjeni⸗ ge, Bruder, ſchaͤtzt ſein Leben nicht hoch, der eine ſol⸗ che Sprache fuͤhrt, wie Du„Glaube mir, waͤren Deine 38 Haͤnde frei, wie Du Dich ausdruͤckſt, ſo wuͤrde ein ein⸗ ziger wahrer Glaͤubiger ihnen ſo viel zu thun geben, daß Du bald wünſchen wuͤrdeſt, ſie wieder mit eiſernen Schellen gefeſſelt zu ſehen.“ „Eher wollte ich wuͤnſchen, ſie waͤrem am Schul⸗ terblatte abgehauen“, erwiederte Sir Kenneth. „Gut, Deine Haͤnde ſind ſuͤr jetzt gefeſſelt“, ſagte der Saracene in einem freundlichern Tone,„gefeſſelt durch Dein eigenes Gefuͤhl fuͤr Recht und Schicklichkeit; auch habe ich im Augenblicke nicht im Sinne, ſie von ihren Banden zu befreien. Wir haben einander un⸗ laͤngſt hinlaͤngliche Beweiſe von unſerer Staͤrke und un⸗ ſerem Muthe gegeben, und koͤnnen einander wieder im offenen Felde treffen;— und Schande dem, welcher zuerſt von ſeinem Feinde weicht! Aber jetzt ſind wir Freunde, und ich ſuche eher Beiſtand, als harte und herausfordernde Worte bei Dir.“ „Wir ſind Freunde“, wiederholte der Ritter, und es trat eine Pauſe ein, waͤhrend welcher der feu⸗ rige Saracene das Zelt gleich dem Loͤwen durchſchritt, der nach einer heftigen Entruͤſtung dieſe Methode, wie man ſagt, waͤhlt, um ſein Blut abzukühlen, ehe er ſich in ſeiner Hoͤhle zur Ruhe niederlegt. Der kaͤltere Eu⸗ ropaͤer veraͤnderte weder Stellung noch Ausſehen; doch war er ohne Zweifel ebenfalls bemüht, die zornigen Ge⸗ fuͤhle zu bezwingen, die ſo unerwarteter Weiſe in ihm erregt worden waren. „Laßt uns ruhig hieruͤber ſprechen“, ſagte der Sa⸗ —— —4 2 39 racene;„ich bin ein Arzt, wie Du wohl weißt, und es ſteht geſchrieben, daß der, welcher ſeine Wunde ge⸗ heilt haben will, nicht zucken darf, wenn der Arzt ſie unterſucht und verbindet. Siehſt Du, daß ich im Be⸗ griffe ſtehe, meinen Finger an das Geſchwür zu legen. Du liebſt dieſe Verwandte des Melec Ric, ziehe den Schleier weg, der deine Gedanken verhuͤllt— oder ziehe ihn nicht weg, wenn Du willſt, denn meine Au⸗ gen ſehen durch dieſe Decke.“ „Ich liebte ſie“, antwortete Sir Kenneth nach ei⸗ ner Pauſe,„wie ein Menſch die Gnade des Himmels liebt, und ſuchte um ihre Gnade, wie um die Verzei⸗ hung des Himmels nach.“ „Und Ihr liebt ſie nicht mehr?“ ſagte der Sa⸗ racene. „Ach“, antwortete Sir Kenneth,„ich bin nicht mehr wuͤrdig, ſie zu lieben.— Ich bitte Dich, ende dieſes Geſpraͤch— Deine Worte ſind Dolchſtiche für mich.“ 3 „Verzeihe mir nur einen Augenblick“, ſuhr Ilde⸗ rim fort.„Als Du ein armer und unbekannter Sol⸗ dat Deine Liebe einem ſo hohen Gegenſtande zuzuwen⸗ den wagteſt, ſage mir, wie ſtand es da mit Deinen Hoffnungen?“ „Liebe beſteht nicht ohne Hoffnung“, erwiederte der Ritter;„allein die meinige graͤnzte ſo nahe an Ver⸗ zweiflung, als die des Seemanns, der ſein Leben durch Schwimmen zu retten ſucht. Dieſer erblickt, indem 40 er Welle um Welle uͤberwindet, zuweilen einen Schim⸗ mer des entfernten Leuchtthurms, der ihm zeigt, daß Land in der Naͤhe iſt; obwohl ſein ſinkendes Herz und ſeine muͤden Glieder ihn verſichern, daß er es nie er⸗ reichen wird.“ „Und jetzt“, ſagte Ilderim,„ſind dieſe Hoffnun⸗ gen verſunken, dieſes einſame Licht iſt auf ewig ver⸗ loͤſcht?“ „Auf ewig“, antwortete Sir Kenneth mit einem Tone, der wiederhallend aus einem zerfallenen Grab⸗ male herauf zu dringen ſchien. „Ich glaube“, ſagte der Saracene,„wenn alles, was Dir mangelt, bloß in jenem entfernten meteoriſchen Schimmer von Gluͤckſeligkeit beſteht, deſſen Du Dich früher erfreuteſt, ſo kann das Licht eines Leuchtthurms wieder angezuͤndet, Deine Hoffnung aus dem Ocean, in den ſie verſunken iſt, wieder aufgefiſcht, und Du ſelbſt, guter Ritter, der Beſchaͤftigung und dem Ver⸗ gnügen wieder geſchenkt werden, Deine Liebe von einer ſo unweſentlichen Koſt, als das Mondlicht iſt, zu naͤh⸗ een; denn wenn Du morgen in demſelben Rufe ſtaͤn⸗ deſt, wie fruͤher, ſo wuͤrde doch die, welche Du liebſt, nichts deſto weniger eine Fuͤrſtentochter und Saladins auserwaͤhlte Braut ſeyn.“ „Ich wollte, es wäre dem ſo“, ſagte der Schotte, „Fund wenn ich nicht—“ℳ Er hielt hier inne, wie ein Mann, der erſchrickt, daß er ſich unter Umſtaͤnden, welche die Ausſuͤhrung 41 aicht erlanben, geruͤhmt hat. Der Saracene laͤchelte, als er den Satz alſo ſchloß:„Du wuͤrdeſt den Sultan zum Zweikampfe fordern?—“ „Und wenn ich es thaͤte“, ſagte Sir Kenneth ſtolz, „ſo wuͤrde er weder der erſte, noch der letzte Turban ſeyn, nach dem ich mit meiner Lanze gezielt habe.“ „Allein ich glaube, er wuͤrde es fuͤr eine zu un⸗ gleiche Art halten, die Hoffnung auf eine koͤnigliche Praut und den Erfolg eines großen Kriegs aufs Spiel zu ſetzen“, ſagte der Emir. „So mag ich ihn an der Spitze der Schlacht tref⸗ fen“, ſagte der Ritter, und ſeine Augen funkelten von dem Gedanken, den ihm dieſe Idee zuſtroͤmte. „Hier iſt er immer zu finden geweſen“, ſagte Il⸗ derim;„auch iſt es nicht ſeine Gewohnheit, ſein Pferd vor irgend einem tapfern Angreifer umzulenken.— Al⸗ lein nicht von dem Sultan wollte ich ſprechen. Mit Einem Worte, wenn Du mit dem Rufe zufrieden biſt, den Du Dir durch die Entdeckung des Diebes erwer⸗ ben kannſt, der Englands Banner geſtohlen hat, ſo kann ich Dich zur Löſung dieſer Aufgabe auf einen guten Weg fuhren, das heißt, wenn Du Dich leiten laſſen willſt; denn was ſagt Lokman,„wenn das Kind gehen will, muß die Amme es leiten“— wenn der Unwiſſende verſtehen will, ſo muß ihn der Weiſe un⸗ terrichten.“ „Und Du biſt weiſe, Ilderim“, ſagte der Schotte, „weiſe, obſchon ein Saracene,⸗ und großmuͤthig, obſchon — — ——·— 4² ein Unglaͤubiger. Ich weiß es aus Erfahrung, daß Du beides biſt. Uebernimm die Leitung dieſer Sache; und wofern Du nichts von mir verlangſt, das meine Lehenspflicht und meinem chriſtlichen Glauben zuwider iſt, ſo will ich Dir pünktlich gehorchen. Thue, was Du geſagt haſt, und nimm mein Leben, wenn es voll⸗ endet iſt.“ „So hoͤre mich denn“, ſagte der Saracene,„Dein edler Hund iſt wieder hergeſtellt durch den Segen je⸗ ner gottlichen Arznei, die Menſch und Thier heilt, und durch ſeine Spurkraft ſollen Diejenigen, welche ihn an⸗ griffen, entdeckt werden.“ „Ha“, ſagte der Ritter,„ich glaube, ich begreife Dich— wie thoͤricht war ich, daß ich nicht hieran dach⸗ te!— „Aber ſage mir“, fuͤgte der Emir hinzu,„haſt Du einige Geſaͤhrten oder Untergebene in dem Lager, de⸗ nen das Thier bekannt iſt?“ „Ich entließ“, ſagte Sir Kenneth,„meinen alten Waffentraͤger, Deinen Patienten, mit einem Diener, der ihn pflegte, zu der Zeit, als ich die Todesſtrafe er⸗ wartete, und gab ihm Briefe an meine Freunde in Schott⸗ land mit— ſonſt weiß ich niemand, dem der Hund be⸗ kannt waͤre. Aber meine eigene Perſon iſt wohl bekannt — ſelbſt meine Sprache wuͤrde mich in einem Lager ver⸗ rathen, wo ich mehrere Monate lang keine unbedeu⸗ tende Rolle geſpielt habe.“ ————᷑—ÿ—ÿ—ÿ—x———;— 43 „Ihr Beide ſollt ſo verkleidet werden, daß Ihr der ſtrengſten Unterſuchung trotzen koͤnnt.“— „Ich ſage Dir“, ſagte der Saracene,„daß nicht Dein Waffenbruder— nicht Dein leiblicher Bruder Dich entdecken ſoll, wenn Du durch meinen Rath gelei⸗ tet wirſt.— Er, der den Sterbenden aus der Finſter⸗ niß der Schatten des Todes rufen kann, iſt leicht im Stande, den Lebenden einen Nebel vor die Augen zu machen. Aber hoͤre mich.— Mit dieſem Dienſte iſt noch die Bedingung verbunden, daß Du einen Brief von Saladin an die Nichte des Melec Ric uͤberlieferſt⸗ deren Name für unſere morgenlaͤndiſchen Lippen und Zungen ſo ſchwer auszuſprechen iſt, als ihre Schoͤnheit unſre Augen entzuͤckt. Sir Kenneth beſann ſich eine Zeitlang, ehe er ant⸗ wortete, und der Saracene, der ſein Zoͤgern bemerkte, fragte ihn, ob er ſich fürchte, dieſe Botſchaft zu uͤber⸗ nehmen. „Nein, und ſollte auch ihre Erſuͤllung mir den Tod bringen“, ſagte Sir Kenneth;„ich denke bloß nach, ob es ſich mit meiner Ehre vertraͤgt, den Brief des Sultans zu uͤberbringen, oder mit der Ehre der Lady Edith, ihn von einem heidniſchen Fuͤrſten anzu⸗ nehmen.“ „Bei dem Haupte Mohameds, und bei der Ehre eines Kriegers— bei dem Grabe zu Mekka, und der Seele meines Vaters“ ſagte der Emir,„ſchwoͤre ich Dir, daß der Brief in aller Ehre und Ehrerbietung . 44 geſchrieben iſt. Der Geſang der Nachtigall wird eher die Roſenlaube, die ſie liebt, verletzen, als die Worte des Sultans die Ohren der liebenswuͤrdigen Ver⸗ wandten des engliſchen Koͤnigs beleidigen werden.“ „Dann“, ſagte der Ritter,„will ich des Sul⸗ tans Brief getreulich uͤberbringen, als ob ich ſein ge⸗ borner Vaſall waͤre, vorausgeſetzt, daß er außer dieſer einfachen Dienſtleiſtung am wenigſten unter allen Menſchen von mir Vermittlung oder Rath bei dieſer ſonderbaren Werbung erwarten kann.“ „Saladin iſt edel“, antwortete der Emir,„und wird ein edles Pferd nicht zu einem Sprunge an⸗ ſpornen, dem es nicht gewachſen iſt.— Komm mit mir in mein Zelt“, fuͤgte er hinzu,„und Du ſollſt augenblicklich mit einer Verkleidung verſehen wer⸗ den, die ſo unausforſchlich ſeyn ſoll, als die Mit⸗ ternacht. Dann kannſt Du durch das Lager der Na⸗ zarener gehen, als ob Du an Deinem Finger den Siegelring des Giaougi*) haͤtteſt.“ *) Vielleicht daſſelbe, was Gyges. 45 Drittes Kapitel. — Ein Körnchen Staub, Das unſern Becher trübt, verleidet uns Den Trank nach dem wir lange dürſteten; Ein roſt'ger Nagel, der am Compaß liegt, nacht dieſen falſch, und läßt das Laſtſchiff ſcheitern⸗ So wird ein kleiner Anlaß zum Verdruß Der Freundſchaft Bande zwiſchen Fürſten löſen, Und ihre edelſten Entwürfe hemmen. Der Kreuzzug. Der Leſer kann nun nicht mehr ungewiß ſeyn, wer der nubiſche Sclave wirklich war; in welcher Abſicht er ſich in Richards Lager begeben hatte; und warum und mit welcher Hoffnung er ſich jetzt neben der Perſon des engliſchen Monarchen befand, als dieſer, umgeben von ſeinen tapfern Pairs von Eng⸗ land und der Normandie auf dem Gipfel des heili⸗ gen Georgsbergs ſtand, die Fahne von England ne⸗ ben ſich, die von dem vortreffllichſten Manne in dem Heere getragen wurde, naͤmlich von ſeinem natuͤrli⸗ chen Bruder Wilhelm mit dem langen Schwerdte, Grafen von Salisbury, einer Frucht der Liebe Hein⸗ richs II. zu der beruͤhmten Roſamunde von Wood⸗ ſtock. In Folge verſchiedener Aeußerungen in den Un⸗ terredungen des Koͤnigs mit Neville am vorhergehen⸗ 46 den Tage, beunruhigte den Nubier die aͤngſtlichſte Ungewißheit, ob ſeine Verkleidung nicht entdeckt wor⸗ den ſey, beſonders da der Koͤnig zu wiſſen ſchien, auf welche Art der Hund den Dieb des engliſchen Banners entdecken ſollte, obſchon der Umſtand von der Verwundung eines ſolchen Thiers bei jener Ge⸗ legenheit kaum in Richards Gegenwart erwaͤhnt wor⸗ den war. Da ihn jedoch der Koͤnig nicht anders zu behandeln fortfuhr, als ſein Aeußeres erforderte, ſo blieb der Nubier immer noch ungewiß, ob er ent⸗ deckt waͤre oder nicht, und beſchloß ſeine Verkleidung nicht freiwillig abzulegen. Unterdeſſen zogen die Streitkraͤfte der berſchiede⸗ nen Fuͤrſten des Kreuzzugs, unter Anfuͤhrung ihrer koͤniglichen und fuͤrſtlichen Befehlshaber, in langer Reihe um den Fuß des kleinen Huͤgels; und als die Truppen der verſchiedenen Laͤnder vorbeikamen, ſtiegen ihre Anfuͤhrer ein paar Schritte den Huͤgel hinauf, und bezeigten Richard und der Standarte Englands ihre Ehrerbietung,„zum Zeichen der Ach⸗ tung und Freundſchaft“, wie das Protokoll der Ce⸗ remonie weislich beſagte,„nicht der Unterwerfung oder Dienſtbarkeit.“ Die geiſtlichen Wuͤrdetraͤgey die in jenen Tagen ihre Muͤtzen vor keinem erſchaffenen Weſen abnahmen, brachten dem Koͤnige und dem Sinnbilde ſeiner Herrſchaft ihren Segen ſtatt der Verbeugung dar. . 47 So marſchirten die langen Reihen auf, und er⸗ ſchienen, ſo verringert ſie auch aus ſo manchen Ur⸗ ſachen waren, doch noch als eine eiſerne Schaar, der die Eroberung Palaͤſtina's eine leichte Aufgabe dun⸗ ken mochte. Die Krieger ſaßen, begeiſtert durch das Bewußtſeyn ihrer vereinigten Kraͤfte, aufrecht in ih⸗ ren ſtahlbedeckten Saͤtteln, waͤhrend die Trompeten noch froͤhlicher zu ſchmettern ſchienen, und die Roſſe, durch Ruhe und Futter erfriſcht, in den Zuͤgel biſ⸗ ſen, und ſtolzer einhertrabten. Voruͤberzogen ſie Trupp nach Trupp, mit flatternden Fahnen, blin⸗ kenden Speeren, und wogenden Federbuͤſchen in lan⸗ ger Linie— ein Heer von verſchiedenen Nationen, Farben, Sprachen, Wafſen und Trachten— aber alle, in dieſem Augenblicke wenigſtens, von dem hei⸗ ligen und ritterlichen Vorſatze angefeuert, die be⸗ draͤngte Tochter Zion aus ihrer Knechtſchaft zu er⸗ retten, und die heilige Erde, auf der ein mehr als ſterbliches Weſen gewandelt war, von dem Joche der unglaͤubigen Heiden zu befreien. Und man muß ge⸗ ſtehen, daß wenn unter andern Umſtaͤnden die Hul⸗ digung, die dem Koͤnige von England von ſo vielen Kriegern dargebracht wurde, von denen er keinen Ge⸗ horſam fordern konnte, fuͤr etwas Erniedrigendes haͤtte betrachtet werden koͤnnen, doch die Beſchaffen⸗ heit und Natur des Krieges ſeinem ausgezeichnet rit⸗ terlichen Charakter und ſeinen beruͤhmten Waffentha⸗ ten ſo angemeſſen war, daß Anſpruͤche, die man an⸗ 48 derwaͤrts beharrlich vertheidigt haben wuͤrde, hier ver⸗ geſſen wurden, und der Tapfere gerne dem Tapfer⸗ ſten bei einem Unternehmen huldigte, zu deſſen gluͤck⸗ lichem Erfolge der furchtloſeſte und kraftvollſte Muth nothwendig war. Der gute Koͤnig ſaß, ungefaͤhr in der Mitte der ſteilen Seite des Huͤgels, zu Pferde, eine von einer Krone uͤberragte Sturmhaube auf dem Haupte, die dem allgemeinen Anblicke ſein maͤnnliches Angeſicht darbot, als er mit kaltem und bedaͤchtigem Blicke je⸗ des an ihm vorüberziehende Glied muſterte und den Gruß der Anfuͤhrer erwiederte, Seine Tuͤnika beſtand aus himmelblauem Sammet, mit Silber galonirt, und ſeine Beinkleider waren von carmoſinrother Sei⸗ de und mit Goldſtoff bedeckt. Neben ihm ſtand der ſcheinbar aͤthiopiſche Sclave, den edlen Hund an ei⸗ nem Riemen haltend, wie es in der Waidmannskunſt üblich war. Dieß war ein Umſtand, der kein Auf⸗ ſehen erregte, denn viele Fuͤrſten des Kreuzzuges hatten ſchwarze Sclaven, zur Nachahmung des bar⸗ bariſchen Glanzes der Saracenen, an ihrem Hofſtaat, aufgenommen. Ueber dem Haupte des Koͤnigs wall⸗ ten die weiten Falten des Banners; und als er von Zeit zu Zeit nach demſelben hinblickte, ſo ſchien er eine Ceremonie, dle fuͤr ſeine Perſon ſelbſt gleichgil⸗ tig war, in ſo fern fuͤr wichtig zu halten, als ſie für das Suͤhnopfer einer Schmach galt, die dem Koͤ⸗ nigreiche, das er beherrſchte, angethan worden war. ———— 49 Im Hintergrunde und auf dem eigentlichen Gipfel des Huͤgels enthielt ein zu dieſem Zwecke eigens er⸗ richtetes hoͤlzernes Thuͤrmchen die Koͤnigin Berenga⸗ ria und die vornehmſten Damen des Hofes. Nach dieſem blickte der Koͤnig von Zeit zu Zeit hin, und zuweilen richtete er ſeine Augen auf den Nubier und den Hund, allein dieß geſchah nur, wenn ſich ſolche Anfuhrer naͤherten, die er wegen ihres fruͤheren Ue⸗ belwollens im Verdachte der Entwendung der Fahne hatte, oder die er eines ſo niedrigen Verbrechens fuͤr faͤhig hielt. So blickte er nicht nach jener Richtung hin, als Philipp Auguſtus von Frankreich ſich an der Spitze ſeiner ritterlichen Schaar naͤherte— ja, er kam den Bewegungen des Koͤnigs von Frankreich zuvor, in⸗ dem er den Berg herab ſtieg, als der letztere ihm entgegen ritt, ſo daß ſie in dem mittleren Raume zuſammentrafen, und ihre Gruͤſſe ſo freundlich wech⸗ ſelten, als waͤren ſie in bruͤderlicher Eintracht zuſam⸗ mengekommen. Der Anblick der zwei groͤßten Fuͤr⸗ ſten in Europa, ſowohl hinſichtlich des Rangs, als der Macht, die ihre Eintracht auf dieſe Weiſe oͤſ⸗ fentlich an den Tag legten, entlockte dem Heere der Kreuzfahrer einen donnernden Jubelruf, der ſich auf eine Entfernung von wenigſtens einer Stunde ver⸗ breitete, und die herumſtreifenden arabiſchen Patroufl⸗ len der Wuͤſte veranlaßte, das Lager des Saladin mit der Nachricht zu beunruhigen, daß das Heer der W. Seott's Werke. IXN. 4 50 8 Chriſten in Bewegung ſey. Doch wer als der Koͤnig der Koͤnige kann in den Herzen der Monarchen leſen? Unter dieſem gefaͤlligen Anſcheine von Hoͤflichkeit naͤhrte Richard Unwillen und Verdacht gegen Philipp, und Philipp war darauf bedacht, ſich und ſeine Truppen von dem Heere der Kreuzfahrer zuruͤckzuziehen, und den Koͤnig Richard mit ſeinen eigenen, ununterſtüͤtz⸗ ten Kraͤften ſeine Unternehmung gluͤcklich oder un⸗ gluͤcklich— verfolgen zu laſſen. Verſchieden war Richards Benehmen, als die dunkelbewaffneten Nitter und Knappen der Tempel⸗ herren ſich naͤherten. Maͤnner mit Geſichtern, die van der Sonne Palaͤſtina's bis zur aſiatiſchen Schwaͤr⸗ ze gebraͤunt waren, und mit Pferden, die ſogar die der auserleſenſten Schaaren Frankreichs und Eng⸗ lands weit uͤbertrafen. Der Koͤnig blickte ſchnell ſeit⸗ waͤrts; aber der Nubier ſtand ruhig da, und ſein treuer Hund ſaß ruhig zu ſeinen Fuͤßen, und be⸗ lauerte mit durchdringendem, aber ruhigem Blicke, die Reihen, die jetzt an ihnen voruͤberzogen. Des Koͤnigs Blick wandte ſich wieder auf die ritterlichen Dempelherren, als der Großmeiſter ſeinen doppelten Charakter benutzend, dem Koͤnige ſeinen Segen als Prieſter ertheilte, anſtatt ihm als kriegeriſcher Anfuͤh⸗ rer ſeine Ehrfurcht zu bezeigen. „Der ſtolze und amphibiſche Schurke ſpielt den Maͤnch gegen mich“, ſagte Richard zum Grafen Sa⸗ lisbury.„Aber Langſchwerdt, wir wollen es ihm hin⸗ 5¹ gehen laſſen. Eine Empfindlichkeit darf die Chriſten⸗ heit der Dienſte dieſer erfahrnen Lanzen nicht berauben, weil ihre Siege ſie uͤbermuͤthig gemacht haben.— Seht, da kommt unſer tapferer Gegner, der Herzog von Oeſt⸗ reich, bemerkt ſeine Manier und ſeine Haltung, Lang⸗ ſchwerdt— und Du Nubier, laß den Hund ihn recht ins Auge faſſen. Beym Himmel, er bringt ſeine Poſſen⸗ reißer mit ſich!“ Leopold war wirklich, ſey es nun aus Gewohnheit, oder, was wahrſcheinlicher iſt, um Verachtung gegen die von ihm zu beobachtende Ceremonie an den Tag zu legen, von ſeinem Spruchſprecher und ſeinem Hofnarren begleitet, und als er ſich Richard naͤherte, ſo pfiff er, was ſeine Gleichguͤltigkeit anzeigen ſollte, obſchon ſeine groben Geſichtszuge die mit Furcht gemiſchte Verdrießlichkeit verriethen, womit man einen faulen Schulknaben ſeinem Lehrer entgegen kommen ſieht. Als der widerſtrebende Herzog mit verſtoͤrter und muͤrriſcher Miene die gefor⸗ derte Verbeugung machte, ſo ſchuͤttelte der Spruchſpre⸗ cher ſeinen Stab, und verkündigte gleich einem Herold, daß, was der Erzherzog von Oeſtreich jetzt thue, nicht als eine Beeintraͤchtigung ſeines Ranges und ſeiner Vorrechte als eines ſouverainen Fuͤrſten, zu betrachten ſey, worauf der Poſſenreißer mit einem wohlklingenden Amen ant⸗ wortete, was unter den Umſtehenden großes Gelaͤchter erregte. Koͤnig Richard blickte mehr als einmal auf den Nu⸗ bier und ſeinen Hund, allein jener ruͤhrte ſich nicht, und 42— 5² dieſer zerrte nicht an dem Riemen, ſo daß Richard etwas hoͤhniſch zu dem Sclaven ſagte:„Dein Gluͤck in dieſem Unternehmen, mein ſchwarzer Freund, wird dich, fürchte ich, nicht hoch unter den Zauberern ſtellen, oder Deine Verdienſte um unſere Perſon ſehr erhöhen, obſchon die Klugheit Deines Hundes Deine eigene unterſtuͤtzt.“ Der Nubier antwortete, wie gewoͤhnlich, bloß durch eine tiefe Verbeugung. Unterdeſſen zogen die Truppen des Marquis von Montſerrat in gebuͤhrender Ordnung vor dem Koͤnige von England voruͤber. Dieſer maͤchtige und verſchmitzte Baron hatte ſie, um ſich beſſer mit ſeiner Macht brüſten zu koͤnnen, in zwei Corps getheilt. An der Spitze des erſtern, das aus ſeinen Vaſallen und ſolchen Kriegern, die in ſeinen ſyriſchen Beſitzungen ausgehoben worden waren, beſtand, kam ſein Bruder Enguerrant, und er ſelbſt folgte, als Anfuͤhrer einer tapfern Schaar von 1,200 Stradioten, eine Art leichter Reiterei, welche die Vene⸗ tianer in ihren dalmatiſchen Beſitzungen ausgehoben, und dem Oberbefehle des Marquis, mit dem die Repu⸗ blik in mannigfachen Verbindungen ſtand, anvertraut hatten. Dieſe Stradioten waren auf eine etwas euro⸗ paͤiſche, im Ganzen aber doch morgenlaͤndiſche Art ge⸗ kleidet. Sie trugen zwar kurze Cuüraſſe; allein uͤber denſelben hatten ſie buntfarbige Gewaͤnder von reichen Stoffen; auch trugen ſie große, weite Beinkleider und Halbſtiefeln. Als Kopfbedeckung dienten ihnen gerade, aufrechtſtehende Mützen, denen der Griechen aͤhulich; 5³ und ſie fuͤhrten kleine, runde Schilde, Bogen und Pfeile, Saͤbel und Dolche. Sie ſaßen auf Pferden, die ſorgfaͤl⸗ tig auserleſen, und auf Koſten des venetianiſchen Staa⸗ tes unterhalten wurden; Sattel und Geſchirr glich dem tuͤrkiſchen, auch ritten ſie, wie dieſe, in kurzen Steigbuͤ⸗ geln und auf einem hohen Sattel. Dieſe Truppen lei⸗ ſteten in den Scharmuͤtzeln mit den Arabern gute Dien⸗ ſte; konnten aber nicht, wie die ſtahlbedeckten Gewapp⸗ neten des weſtlichen und noͤrdlichen Europa's, zum na⸗ hen und engen Gefechte gebraucht werden. An der Spitze dieſer trefflichen Schaar ritt Conrad, in derſelben Tracht, wie die Stradioten, doch mit ſo rei⸗ chen Stoffen bedeckt, daß er von Gold und Silber blitzte, und der milchweiße Federbuſch, der mit einer diamante⸗ nen Schnalle an ſeinen Hut befeſtigt war, ſchien hoch ge⸗ nug, um die Wolken zu beruͤhren. Das edle Roß, das er lenkte, baͤumte und ſchwenkte ſich, und zeigte eine Ge⸗ wandtheit und einen Muth, die einen minder geſchickten Reiter beunruhigt haben wuͤrde. Der Marquis aber lenkte es anmuthig mit der einen Hand, waͤhrend die an⸗ dere den Stab hielt, der eine unumſchraͤnkte Herrſchaft üͤber die ihm gehorchenden Reihen auszuuͤben ſchien. Doch war ſeine Gewalt uͤber die Stradioten mehr ſchein⸗ bar, als wirklich; denn neben ihm ritt auf einem im Paß gehenden Zelter vom ruhigſten Temperamente, ein kleiner, alter, ganz ſchwarz gekleideter Mann, ohne Bart oder Knebelbart, und von einem ganz gemeinen und unbedeutenden Ausſehen, in Vergleichung mit dem ihn 54 umgebenden blendenden Glanze. Allein dieſer unbedeu⸗ tend ausſehende alte Mann war einer von jenen Ab⸗ geordneten, welche die venetianiſche Regierung in die La⸗ ger abzuſchicken pflegte, um das Betragen der Generale, denen die Anfuͤhrung uͤbertragen war, zu beobachten, und ſo jenes eiferſuͤchtige Syſtem des Auskundſchaftens und der Aufſicht zu erhalten, das lange Zeit die Politik der Republik ausgezeichnet hatte. Conrad, der bey Richard eine gewiſſe Gunſt erlangt hatte, weil er ſeiner Laune zu ſchmeicheln wußte, war ihm kaum zu Geſicht gekommen, als er einige Schritte herab trat, um ihn zu empfangen, und zu gleicher Zeit ausrief:„Ha, Lord Marquis, Du an der Spitze der flinken Stradioten, und Dein ſchwarzer Schatten beglei⸗ tet Dich wie gewoͤhnlich, mas nun die Sonne ſcheinen, oder nicht!— koͤnnte man Dich nicht fragen, ob der Schatten oder die Weſengeſtalt das Commando uͤber die Truppen fuͤhrt?“ Conrad wollte ſeine Antwort eben mit einem Laͤcheln beginnen, als Roswal mit einem wuͤthenden und wilden Geheul hervorſprang. Der Nubier ließ zu gleicher Zeit den Riemen los; ſo ſtuͤrzte der Hund fort, ſprang auf Conrads edlen Renner, faßte den Marquis bey der Keh⸗ le, und warf ihn aus dem Sattel auf den Boden nie⸗ der. Der Reiter mit ſeinem Helmbuſche waͤlzte ſich nun im Sande, und das ſcheu gewordene Pferd rannte in wildem Galopp durch das Lager. „Ich wette, Dein Hund hat die rechte Beute ge⸗ ⸗ ——ÿ—ÿ—ꝛ—x—x̃— — — 55 faßt“, ſagte der Koͤnig zum Nubier,„und ich ſchwoͤre beim heiligen Georg, er iſt ein Hirſch von zehen Zinken! — Reiße den Hund weg, damit er ihn nicht erwuͤrgt.“ Der Aethiopier machte dem zu Folge, obwohl nicht ohne Schwierigkeit, den Hund von Conrad los, und band ihn wieder an, allein er war noch immer hoͤchſt er⸗ grimmt, und zerrte wuͤthend an dem Riemen. Indeſſen draͤngten ſich viele herbei⸗ beſonders Conrads Vaſallen und Offiziere der Stradioten, die, als ſie ihren Anfuͤh⸗ rer wild gen Himmel blickend da liegen ſahen, ihn unter dem Ruſe aufhoben:„Haut den Sclaven und ſeinen Hund in Stuͤcke!“ Allein Richards Stimme uͤbertoͤnte laut und hell den ganzen tobenden Laͤrm:„Der ſtirbt des Todes, der dem Hund ein Leid zufuͤgt! Er hat bloß ſeine Pflicht gethan, nach der edeln Kraft, die Gott und die Natur dem wackern Thiere verliehen haben.— Tritt hervor, als falſcher Verraͤther, Du Conrad, Graf von Mont⸗ ſerrat ich klage Dich der Verraͤtherei an.“ Verſchiedene der ſyriſchen Anfuͤhrer waren jetzt her⸗ bei gekommen, und Conrad rief⸗ wahrend Aerger, Scham und Verwirrung mit einer ungeſtuͤmen Heftigkeit in ſeiner Stimme und ſeinen Gebaͤrden rangen:„Was be⸗ deutet das?— was legt man mir zur Laſt?— woiu dieſe niedere Behandlung und dieſe ſchmaͤhenden Aus⸗ druͤcke— iſt dieß der Bund der Eintracht, der ſo eben erſt mit England wieder erneuert worden iſt?“ „Sind die Fuͤrſten, des Kreuzzugs Haſen oder Rehe 56 in Koͤnig Richards Augen geworden, daß er Hunde auf ſie hetzt?“ rief die Grabesſtimme des Großmeiſters der Tempelritter. „Es muß ein arger Vorfall, ein unheilvolles Miß⸗ verſtaͤndniß ſeyn“, ſagte Philipp von Frankreich, der in demſelben Augenblicke herbeiritt⸗ „Irgend ein Betrug des Feindes“, ſagte der Erz⸗ biſchof von Tyrus. „Eine Kriegsliſt der Saracenen“, rief Heinrich don Champagne aus,—„es waͤre gut, wenn man den Hund aufhaͤngte, und den Sclaven auf die Folter ſpannte.“ „Keiner lege Hand an ſie“, ſagte Richard,„wenn ihm ſein Leben lieb iſt.— Conrad, tritt hervor, wenn Du es wagſt, und widerlege die Anklage, die dieſes ſtumme Thier kraft ſeines edeln Inſtincts gegen Dich vorgebracht hat— nemlich die Anklage des ihm angethanen Un⸗ rechts, und der an England veruͤbten ſchmaͤhlichen Handlung“ „Ich beruͤhrte das Banner nie“, ſagte Conrad ha⸗ ſtig · „Deine Worte verrathen Dich, Conrad“, ſagte Ri⸗ chard,„denn wer anders, als Dein ſchuldbewußtes Ge⸗ wiſſen ſagte Dir, daß von dem Banner die Rede iſt?“ „Haſt Du denn das Lager nicht aus dieſer und kei⸗ ner andern Urſache in Bewegung geſetzt?“ antwortete der Marquis Conrad;„und legſt Du einem Fuͤrſten und Verbuͤndeten ein Verbrechen zur Laſt, das am Ende von einem hungrigen Schurken wegen der Goldfaͤden an 57 der Fahne begangen worden iſt? Oder willſt Du auf das bloße Zeugniß eines Hundes hin, einen Verbuͤndeten anklagen!“ Jetzt war der Laͤrm allgemein geworden, ſo daß Philipp von Frankreich ſich ins Mittel ſchlug. „Fuͤrſten und Edle“ ſagte er,„Ihr ſprecht in Ge⸗ genwart von Leuten, deren Schwerdter bald gegen ein⸗ ander gezuͤckt ſeyn werden, wenn ſie ihre Anfuͤhrer ſo ge⸗ gen einander verfahren ſehen. Ins Himmels Namen laßt uns unſere Truppen hinwegfuͤhren, und uns dann in das Zelt der Rathsverſammlung begeben, um in die⸗ ſem neuen Zuſtande der Verwirrung einige Maaßregeln zu ergreifen.“ „Ich bin es zufrieden“, ſagte Koͤnig Richard,„ob⸗ ſchon ich dieſen Schurken gerne ausgefragt haͤtte, waͤh⸗ rend ſeine zierliche Jacke noch mit Sand beſchmutzt ge⸗ weſen waͤre; allein Frankreichs Wille ſoll in dieſer Sache entſcheiden.“ Die Anfuͤhrer trennten ſich dem zu Folge, und jeder Fuͤrſt ſtellte ſich an die Spitze ſeiner Streitkraͤfte. Dann höͤrte man von allen Seiten das Feldgeſchrei und den Sammelruf der Hoͤrner und Trompeten, wodurch die verſchiedenen zerſtreuten Soldaten unter die Fahne ihres Fuͤrſten gerufen wurden. Bald ſah man die Druppen in Bewegung, und auf verſchiedenen Wegen durch das Lager nach ihren Quartieren zuruͤckkehren. Allein obſchon auf dieſe Art jede unmittelbare Gewaltthat verhindert ward, p war doch der ſtatt gehabte Vorfall jedem Gemuͤthe 58 eingepraͤgt, und diejenigen, die an dieſem Morgen den Koͤnig Richard als den wuͤrdigſten Anfuͤhrer ihres Heers begrüßt hatten, nahmen jetzt wieder ihre Vorurtheile gegen ſeinen Stolz und ſeine Unduldſamkeit an, waͤh⸗ rend die Englaͤnder, die einſahen, daß die Ehre ihres Landes mit dem Streite in Verbindung ſtehe, von dem mancherlei Geruͤchte in Umlauf gekommen waren— die Eingeborenen anderer Laͤnder fuͤr eiferſuͤchtig auf den Ruhm Englands und ſeines Koͤnigs, und für geneigt hielten, denſelben durch die niedrigſten Umtriebe zu un⸗ tergraben. Und mancherlei Geruͤchte verbreiteten ſich hei dieſer Gelegenheit; zu dieſen gehoͤrte auch das, daß die Koͤnigin und ihre Damen durch den Tumult in große Beſtuͤrzung gerathen, und eine derſelben in Ohnmacht geſunken ſey. Der Rath verſammelte ſich zur beſtimmten Stunde. Conrad hatte indeſſen ſeine beſchimpfte Kleidung und mit ihr die Scham und Verwirrung abgelegt, die ihn trotz ſeiner Talente und ſeiner Geiſtesgegenwart anfaͤng⸗ lich uͤberwaͤltigt hatten, was der Seltſamkeit des Zufalls und der Raſchheit der Anklage zuzuſchreiben war. Er war nun wie ein Fuͤrſt gekleidet, und trat in das Zelt der Rathsverſammlung, begleitet von dem Erzherzoge von Oeſtreich, den beiden Großmeiſtern des Tempel⸗ und des heiligen Johannitter⸗ Ordens, und verſchiede⸗ ner anderer Potentaten, die, vielleicht hauptſaͤchlich aus politiſchen Gruͤnden, oder aus perſoͤnlicher Feind 59 ſchaft gegen Richard, ſich das Anſehen gaben, ihn be⸗ ſchüͤtzen und ſeine Sache verfechten zu wollen. Dieſe anſcheinende Verbindung zu Gunſten Conrads machte nicht den geringſten Eindruck auf den Koͤnig von England. Er trat in die Rathsverſammlung mit ſeiner gewoͤhnlichen Sorgloſigkeit, und in derſelben Klei⸗ dung, in der er ſo eben vom Pferde geſtiegen war. Er warf einen unbekuͤmmerten und etwas veraͤchtlichen Blick auf die Anfuͤhrer, die ſich um Conrad geſtellt hatten, als ob ſie ſeine Sache zu der ihrigen gemacht haͤtten; und beſchuldigte Conrad von Montſerrat in den beſtimm⸗ teſten Ausdruͤcken, daß er die Fahne von England ge⸗ ſtohlen, und das treue Thier, das ſie venheidigte, ver⸗ wundet habe⸗ Kuͤhn erhob ſich Conrad, um dem Koͤnige von Eng⸗ land zu antworten, und erklaͤrte, wie er ſich ausdruͤckte, „trotz Menſch, Thier, Koͤnig, oder Hund“ ſeine Un⸗ ſchuld hinſichtlich des ihm zur Laſt gelegten Verbre⸗ chens. „Bruder von England“, ſagte Philipp, der gerne die Rolle eines Vermittlers in der Verſammlung uͤber⸗ nahm,„das iſt eine ungewoͤhnliche Anklage. Wir hoͤ⸗ ren Euch nicht beweiſen, daß Ihr genau von dieſer Sa⸗ che unterrichtet ſeyd, ſondern Euch nur ſtets auf das Be⸗ tragen dieſes Hundes gegen den Marquis von Mont⸗ ſerrat berufet. Sicherlich ſollte das Wort eines Ritters und Fuͤrſten mehr gelten, als das Bellen eines Hundes.“ „Koͤniglicher Bruder“, erwiederte Richard,„be⸗ 60 denkt, daß der Allmaͤchtige, der uns den Hund zum Ge⸗ faͤhrten unſerer Vergnuͤgungen und unſerer Beſchwer⸗ den gab, ihn mit einer edlen und des Betrugs unfaͤhigen Natur begabt hat. Er vergißt weder Freund noch Feind — und erinnert ſich mit der hoͤchſten Genauigkeit ſowohl an Wohlthaten, als an Beleidigungen. Er hat etwas von der Einſicht des Menſchen, nicht aber von ſeiner Falſchheit. Ihr koͤnnt einen Krieger beſtechen, einen Menſchen mit ſeinem Schwerdte niederzuhauen, oder einen Zeugen, ſeinem Nebenmenſchen durch eine falſche Anklage das Leben zu rauben; allein Ihr koͤnnt einen Hund nicht bewegen, ſeinen Wohlthaͤter zu zerreißen — er iſt der Freund des Menſchen, ausgenommen wenn der Menſch ſich ſeine gerechte Feindſchaft zuzieht. Huͤllt jenen Marquis in was fuͤr Flittergewaͤnder ihr wollt— veraͤndert ſeine Geſichtsfarbe mit Schminke und Beize, verſteckt ihn unter hundert Menſchen— ich will doch meinen Scepter verpfaͤnden, daß der Hund ihn entdeckt, und ſeinen Groll ausdruͤckt, wie Ihr heute geſehen habt. Dieß iſt kein neuer, obwohl ein ſonderbarer Vorfall. Moͤrder und Raͤuber ſind ſchon vor alten Zeiten durch ſolche Beweiſe uͤberfuͤhrt, und zum Tode verurtheilt wor⸗ den, und die Menſchen haben den Finger Gottes darin erkannt. In Deinem eigenen Lande, koͤniglicher Bru⸗ der, und bei einer ſolchen Gelegenheit wurde die Sache durch einen feierlichen Zweikampf zwiſchen dem Men⸗ ſchen und dem Hunde, als Verklagten und Klaͤger, bei der. Beſchuldigung einer Mordthat, entſchieden. Der 61 Hund ſiegte, der Menſch wurde beſtraft, und das Ver⸗ brechen eingeſtanden. Glaube mir, koͤniglicher Bruder, daß verborgene Verbrechen oft ſogar durch das Zeugniß lebloſer Dinge ans Licht gebracht wurden, ſolcher Thiere, die dem Hunde, dem Freunde und Gefaͤhrten unſeres Geſchlechtes, an inſtinctmaͤßigem Scharfſinn nachſtehen, nicht zu gedenken.“ „Ein ſolcher Zweikampf hat in der That ſtatt ge⸗ habt, mein koͤniglicher Bruder“, antwortete Philipp, „und zwar unter der Regierung eines unſerer Vorfahren, dem Gott gnaͤdig ſeyn moͤge. Allein es geſchah in alten Zeiten; auch koͤnnen wir dieß bei der gegenwaͤrtigen Ge⸗ legenheit nicht zum Muſter nehmen. Der Verklagte in jenem Falle war ein Privatmann von geringem Range und Anſehen; ſeine Angriffs⸗Waffen beſtanden bloß in einer Keule, und ſeine Vertheidigungs⸗Waffen in einer ledernen Jacke. Allein wir koͤnnen einen Fuͤrſten nicht zu ſo rohen Waffen, oder zu einem ſolchen Kampfe her⸗ abwuͤrdigen.“ „Ich verlange dieß auch nie“, ſagte Koͤnig Richard. „Es waͤre ein falſches Spiel, wenn man das Leben des guten Hundes gegen das eines ſo doppelzüngigen Ver⸗ raͤthers, wie dieſer Conrad iſt, aufs Spiel ſetzen wollte. Allein da liegt unſer eigener Handſchuh! Wir fordern ihn zum Kampfe auf, in Hinſicht des Zeugniſſes, das wir gegen ihn vorgebracht haben— ein Koͤnig iſt in je⸗ dem Falle mehr noch, als der Mann, der es mit einem Marquis aufnehmen darf.“ 62² Conrad beeilte ſich nicht allzuſehr, den Fehdehand⸗ ſchuh zu ergreifen, den Richard mitten in die Verſamm⸗ lung geworfen hatte, ſo daß Koͤnig Philipp Zeit hatte, zu antworten, ehe noch der Marquis eine Bewegung machte, den Handſchuh aufzuheben. „Ein Koͤnig“, erwiederte der Beherrſcher von Frank⸗ reich,„iſt um ſo viel mehr einem Marquis ebenbuͤrtig, als es ein Hund weniger iſt. Koͤniglicher Richard, das darf nicht geſchehen. Du biſt der Fuͤhrer unſeres Heeres — Schwerdt und Schild des Chriſtenthums.“ „SIch lege hiermit gegen einen ſolchen Zweikampf feierlich Proteſt ein“, ſagte der venetianiſche Abgeord⸗ nete,„bis der Koͤnig von England die 50,000 Byzan⸗ tiner zuruͤckgezahlt hat, welche er der Republik ſchuldig iſt. Es iſt genug, daß wir Gefahr laufen, unſere Schuld zu verlieren, wenn unſer Schuldner von den Haͤnden der Heiden fallen ſollte, als daß wir noch fuͤrchten muͤſ⸗ ſen, er koͤnnte, der Hunde und Banner wegen, im Streite mit Chriſten umkommen.“ „Und ich“, ſagte William mit dem langen Schwerd⸗ te, Graf von Salisburv,„ich lege meiner Seits Proteſt dagegen ein, daß mein koniglicher Bruder ſein Leben-in einer ſolchen Sache wage, da es ein Eigenthum des eng⸗ liſchen Volkes iſt.— Hier, mein edler Bruder, nimm Deinen Handſchuh zuruͤck, und ſtelle Dir vor, der Wind haͤtte ihn nur weggeweht; der meinige ſoll ſeine Stelle einnehmen; ein Koͤnigsſohn, und waͤre auch ein ſchwar⸗ 63 zes Feld in ſeinem Wappen, iſt wohl einem ſolchen Fant von einem Marquis ebenbuͤrtig.“ „Ihr Fuͤrſten und Edelleute“, ſagte Conrad,„ich nehme Koͤnig Richards Herausforderung nicht an. Er iſt zum Fuͤhrer unſeres Heeres gegen die Saracenen er⸗ waͤhlt worden, und wenn auch ſein Gewiſſen den Vor⸗ wurf auf ſich nehmen kann, einen Verbuͤndeten im Felde uͤber eine ſo laͤcherliche Beſchuldigung zu fordern, ſo kann doch wenigſtens das meinige ſich das Unrecht nicht aufbuͤrden, die Herausforderung anzunehmen. Aber gegen ſeinen natuͤrlichen Bruder William von Woodſtock, oder gegen jeden andern Ritter, der ſeine hoͤchſt luͤgen⸗ hafte Anklage zu ergreifen und zu vertheidigen Luſt hat, will ich meine Ehre in den Schranken vertheidigen, und den, welcher mich der That beſchuldigt, wer es auch ſey, will ich als einen niedrigen Luͤgner darſtellen.“ „Der Marauis von Montſerrat“, ſagte der Eri⸗ biſchof von Tyrus,„ſpricht wie ein weiſer und ruhiger Edelmann, und ich daͤchte, der Streit koͤnnte, ohne der Ehre der einen oder der andern Partei zu nahe zu tre⸗ ten, bei dieſem Punkte ſtehen bleiben.“ „ ch glaube, er koͤnnte fuͤglich hier enden,“ ſagte der Koͤnig von Frankreich,„wenn Koͤnig Richard ſeine Anklage als ungegruͤndet zuruͤcknehmen wollte.“ „Philipp von Frankreich,“ erwiederte Loͤwenherz, „nie werden meine Worte mit meinen Geſinnungen im Widerſpruch ſtehen. Ich habe jenen Conrad dort ange⸗ klagt, unter dem Schleier der Nacht, diebiſcher Weiſe 64 das Sinnbild der Wuͤrde meines Englands geſtohlen zu haben. Noch jetzt glaube ich es und klage ihn deſſen an, und wenn der Dag des Kampfes feſtgeſetzt iſt, ſo werde ich wohl(da jener Conrad es ausſchlaͤgt, mit unſerer eigenen Perſon zu kaͤmpfen) einen Kaͤmpfer finden, der unſere Klage mit den Waffen vertheidigen wird; denn Du, William, darfſt ohne unſere beſon⸗ dere Erlaubniß, in dieſem Streit Dein langes Schwerdt nicht ziehn.“ „Da mein Rang mich zum Schiedsrichter in die⸗ ſer unſeligen Sache macht,“ ſagte Philipp von Frank⸗ reich,„ſo beſtimme ich den fuͤnften Tag nach heute, an welchem nach ritterlichem Brauch, die Sache durch den Zweikampf entſchieden werden ſoll, und zwar— Ri⸗ chard, Koͤnig von England, als Klaͤger, durch einen ritterlichen Kaͤmpen vertreten, und Conrad, Marquis von Montſerrat in eigner Perſon, als Vertheidiger. Doch muß ich eingeſtehn, daß ich keinen neutralen Grund und Boden kenne, wo ſolch ein Streit fuͤglich ausgefochten werden kann; denn in der Naͤhe dieſes Lagers darf es nicht ſtatt finden, weil ſonſt die Sol⸗ daten auf beiden Seiten Partie ergreifen wuͤrden.“ „Es waͤre wohl gethan,“ ſagte Richard,„wenn wir uns an die Großmuth des koͤniglichen Saladin wendeten; denn wenn er ſchon ein Heide iſt, ſo kenne ich doch keinen Ritter, der ein edleres Gefuͤhl im Bu⸗ ſen truͤge, oder auf deſſen Treue wir einſtweilen ſo ſicher bauen koͤnnten. Ich ſage das zur Beruhigung 65 derjenigen, die Verrath fuͤrchten moͤgen, denn was mich betrifft— der Ort, wo ich meinen Feind treſſe, es ſey auch wo es wolle, das iſt mein Schlachtfeld.“ „Es ſey alſo,“ ſagte Philipp,„wir wollen dem Saladin die Sache kund thun, obgleich wir dadurch dem Feinde den ungluͤckſeligen Geiſt der Zwietracht zei⸗ gen, den wir, waͤre es nur moͤglich, ſo gerne vor uns ſelbſt verbergen moͤchten. Einſtweilen entlaſſe ich dieſe Verſammlung und bitte Euch alle, als Chriſten und edle Ritter, die unſelige Fehde nicht weiter im Lager ausbruͤten und gaͤhren zu laſſen; ſondern ſie als eine Sache zu betrachten, welche feierlich einem Gottesur⸗ thel uͤbergeben iſt, fuͤr welches jeder beten muß, daß der Sieg im Kampfe nach der Wahrheit im Recht aus⸗ fallen moͤge. Und ſomit geſchehe nach des Ewigen Willen!“ „Amen, amen!“ ertoͤnte es von allen Seiten; unterdeſſen fluͤſterte der Tempelherr dem Marquis zu: „Conrad, willſt Du nicht eine Bitte einlegen, auf daß Du befreit wirſt aus der Gewalt des Hundes, wie der Pſalmiſt ſagt?“ „Schweig' Du nur ſtill,“ erwiederte der Mar⸗ quis;„es geht ein wandernder Daͤmon umher, der unter anderen Nachrichten auch erzaͤhlen kann, wie weit Du das Motto Deines Ordens— PFeriatur Leo — treibſt.“ „Wirſt Du die Herausforderung annehmen?“ frug der Tempelherr. W. Scotd Werke. IX. 5 66 „Zweifle nicht daran,“ ſagte Conrad,„ich waͤre freilich nicht gern mit dem ehrenen Arm des Richard zuſammengeſtoßen, und ich ſchaͤme mich nicht es ein⸗ zugeſtehn, daß ich mich freue, gluͤcklich davon erloͤßt zu ſeyn. Aber von ſeinem B Baſtarden-Bruder an ab⸗ waͤrts, athmet kein Mann in ſeinem Lager, den ich im Kampfe fuͤrchten müßte.“ „Es iſt gut, daß Du ſo zuverſichtlich auf Deine Sache bau'ſt,“ fuhr der Tempelherr fort,„denn in dieſem Fall haben die Krallen des Hundes mehr dazu beigetragen, das Fürſtenbuͤndniß außuloͤſen, als Dein Wahlſpruch und der Dolch des Charcgiten. Siehſt Du, wie Philipp unter ſeiner ſorgſam gefurchten Stir⸗ ne, kaum die Freude verbergen kann, welche ihm die Hoffnung einfloͤßt, ſich von dem Buͤndniß, das ſo ſchwer auf ihm laſtete, losreißen zu koͤnnen? Bemerke doch, wie Heinrich von Champagne in ſich lacht, wie ein ſchaͤumender Becher ſeines Landweins— ſieh des Oeſt⸗ reichers Herzensfreude, der da hofft, ſein Streit wuͤrde nun, ohne ſeine Gefahr und ſein Bemühn, einen Raͤ⸗ cher finden. Still, er koͤmmt.— Eine ſchlimme Sa⸗ che, mein koͤniglicher Herzog, um dieſe Breſche in den Waͤllen unſeres Zions.“— 8 „Wenn Du damit dieſen Kreuzzug meinſt,“ er⸗ wiederte der Herzog,„ſo wuͤnſche ich, er moͤchte voll⸗ ends in Stuͤcken zerfallen, und wir waͤren alle ſicher daheim.— Ich ſpreche im Vertrauen.“ „Aber,“ ſagte der Marquis von Montſerrat,„wer 67 haͤtte denken ſollen, daß dieſe Uneinigkeit von Koͤnig Richard entſtehen ſollte, um deſſen Vergnuͤgen willen wir uns ſo Vieles gefallen ließen; dem wir gehorchten wie Sclaven ihrem Herrn, hoffend, daß er ſeine Ta⸗ pferkeit gegen unſere Feinde gebrauchen ſollte, ſtatt ſie gegen Freunde auszuuͤben!“ „Ich ſehe nicht, warum er ſo viel tapferer ſeyn ſoll, als andere,“ ſagte der Erz⸗Herzog.„Ich glau⸗ be, wenn der edle Marquis ihn in den Schranken ge⸗ troffen haͤtte, er wuͤrde die Oberhand behalten haben; denn wenn der Inſulaner auch tuͤchtige Puͤffe mit dem Morgenſtern zu fuͤhren verſteht, ſo iſt er doch nicht ſehr gelenk in der Handhabung der Lanze. Ich haͤtte mir wenig daraus gemacht, mich bei unſerem alten Streit ſelbſt mit ihm zu meſſen, wenn das Wohl der Chriſtenheit es erlaubt haͤtte, daß zwei ſouveraine Fuͤr⸗ ſten ſich in den Schranken herumſchluͤgen.— Wenn Du es wuͤnſcheſt, edler Ma quis, ſo will ich Dein Stell⸗ vertreter in dieſem Gefechte ſeyn.“ „Das will ich auch,“ ſagte der Großmeiſter. „Kommt, Ihr Herren, und nehmt in unſerem Zelt zu Mittag vorlieb,“ ſagte der Erz⸗Herzog,„wir wollen bei einem Glaſe aͤchten Nierenſteiner uͤber die Sache plaudern.“ Sie giengen alſo hinein. „Was ſchwatzte denn unſer Herr und die vorneh⸗ men Leute da zuſammen?“ ſagte Jonas Schwanker zu ſeinem Gefaͤhrten, dem Spruchſprecher, der ſich 68 die Freiheit herausgenommen hatte, ſich nah' an ſei⸗ nen Herrn zu draͤngen, als der Rath entlaſſen worden war, waͤhrend der Spaßmacher in weiterer Ferne ehr⸗ furchtsvoll wartete. „Diener der Thorheit,“ ſagte der Spruchſpre⸗ cher,„maͤßige Deine Neugierde— es ziemt ſich nicht, daß ich Dir die Rathſchlaͤge unſeres Herrn verrathen ſollte.“ „Mann der Weisheit, Du irrſt Dich,“ zantwor⸗ tete Jonas,„wir ſind beide die beſtaͤndigen Gefaͤhrten unſeres Herrn, und es iſt uns beiden wichtig zu wiſſen, ob Du oder ich— Weisheit oder Thorheit— mehr auf ihn wirken.“ „Er ſagte dem Marquis und dem Großmeiſter,“ antwortete der Spruchſprecher,„daß er dieſes Krieges uͤberdruͤßig und herzlich froh waͤre, wenn er gluͤcklich zu Hauſe ſey.“ „Das iſt ein geſprungener Wuͤrfel, der zaͤhlt fuͤr nichts im Spiel,“ ſagte der Spaßmacher,„es war wohl ſehr weiſe, ſo zu denken, aber auch ſehr thoͤricht, es anderen zu ſagen— weiter.“ „Ha, hem!“ ſagte der Spruchſprecher;„dann ſagte er ferner zu ihnen, Richard waͤre nicht tapfe⸗ rer, als andere, auch nicht gar ſehr gewandt im Tur⸗ nier.“ „Himmel ſteh' mir bei,“ rief Schwanker aus; „das war uͤber die Maaßen dumm. Was kaͤmmt jetzt?“ —̃ 69 „Ach nichts, ich vergeſſe alles ſo leicht,“ erwie⸗ derte der Weisheitsmann—„er lud ſie zu einem Be⸗ cher Nierenſteiner ein.“ „Nun, da liegt etwas Vernuͤnftiges drin,“ ſagte Jonas;„magſt's einſtweilen in Dein Credit bringen; trinkt er aber zu viel, wie es hoͤchſt wahrſcheinlich iſt, ſo geht's in das meinige uͤber. Noch etwas?“ „Nichts Bemerkenswerthes,“ antwortete der Red⸗ ner;„nur wuͤnſchte er die Gelegenheit benutzt zu ha⸗ ben, um den Richard in die Schranken zu fordern.“ „Alle Welt! das iſt zu arg!“ ſagte Jonas— „das iſt ſolch eine Portion von Narrheit, daß ich mich faſt ſchaͤme, das Spiel zu gewinnen.— Doch wollen wir ihm nachgehn, mein weiſeſter Spruchſprecher, ſo thoͤricht er auch iſt, um unſeren Theil von dem Nie⸗ renſteiner zu bekommen.“ —ꝛ— Viertes Kapit e. — Wie unbeſtändig er auch ſey, Verehren mußt Du ihn; Denn wär' er ſeiner Liebe treu, So wär' die Ehre hin. Montroſe's Lieder. Als Koͤnig Richard in ſein Zelt zuruͤckgekehrt war, befahl er, den nubiſchen Sclaven vorzufuͤhren. Er trat 70 mit ſeinen gewoͤhnlichen, umſtaͤndlichen Verbeugungen ein, und nachdem er ſich tief zur Erde gebuͤckt hatte, blieb er vor dem Koͤnige in der Stellung eines Sclaven ſtehn, welcher die Beſehle ſeines Herrn erwartet. Es war vielleicht gut fuͤr ihn, daß er, um ſeine Rolle zu behaupten, die Augen unterſchlagen mußte, weil er ſchwerlich die feurigen Blicke haͤtte ertragen koͤnnen, die Richard ihm von Zeit zu Zeit zuwarf. „Du verſtehſt Dich auf das Waidwerk,“ ſagte der Koͤnig,„haſt Deinen Hirſch aufgeſtoͤbert und weidlich gehetzt, als haͤtte Triſtrem ſelbſt es Dich gelehrt. Doch damit iſt's noch nicht gethan— er muß mit Gewalt niedergeworfen werden. Ich haͤtte wohl ſelbſt gern mein Jagdſpieß an ihm verſucht. Doch giebt es, ſcheint's, Verhaͤltniſſe, die das verhindern. Du mußt alſo in das Lager des Sultans zuruͤckgehn und einen Brief dorthin tragen, der ihn bittet, fuͤr dieſe Ritterthat z einen neutralen Grund und Boden zu beſtimmen und ihn einladet, wenn es ihm gefaͤllig iſt, dem Schau⸗ ſpiel beizuwohnen. Ich hoffe, Du wirſt in ſeinem La⸗ ger wohl auch einen Ritter finden, der aus Liebe zur Wahrheit und zur Vermehrung ſeines eigenen Ruhms, mit dieſem Verraͤther Montſerrat kaͤmpfen wird. Der Nubier erhob ſeine Augen und richtete ſie mit Blicken voll des heftigſten Eifers auf den Koͤnig, dann erhob er ſie mit feierlicher ernſter Dankbarkeit gen Him⸗ mel, daß das Waſſer hervortrat— beugte ſein Haupt, als verſtaͤnde er Richards Wuͤnſche, und nahm ſeine — — . 71 gewoͤhnliche Stellung unterwuͤrſiger Aufmerkſamkeit wieder an. „Es iſt ſchon gut,“ ſagte der Koͤnig,„ich ſehe, Du wuͤnſch'ſt mir in dieſer Sache gefaͤllig zu ſeyn Darin liegt auch, ich muß es ſelbſt geſtehn, der Vor⸗ zug ſolcher Diener, wie Du biſt, der weder die Spra⸗ che hat, unſeren Willen zu bekaͤmpfen, noch die Faͤ⸗ higkeit, uͤber unſeren Entſchluß Auskunft zu verlangen Ein engliſcher Diener wuͤrde mir, an Deiner Stelke, den Rath gegeben haben, mit einer guten Lanze von meinem Hofe das Gefecht zu wagen, denn von meinem Bruder Langſchwerdt an bis herunter, gluͤhen ſie alle, fuͤr mich zu fechten; ein neugieriger Franzoſe haͤtte tauſend Plaͤne geſchmiedet, um zu entdecken, warum ich mir grade aus dem Lager der Unglaͤubigen einen Kaͤmpfer ausſuchen will. Du aber, mein ſtiller Ge⸗ ſchaͤftsfuͤhrer, kannſt meinen Auftrag erfuͤllen, ohne zu fragen und ohne zu gruͤblen; bei Dir iſt das Hoͤren ſchon Gehorchen.“ Eine Verbeugung mit dem Koͤrper und ein Fuß⸗ fall war die paſſende Antwort des Aethiopiers auf dieſe Bemerkung. „Nun, von einer anderen Sache,“ ſagte der Koͤ⸗ nig ploͤtzlich und raſch—„haſt Du Editha Plantage⸗ net ſchon geſehn?“ Der Stumme erhob ſich, als wollte er ſprechen— ja ſeine Lippen hatten ſchon deutlich eine Verneinung 72 begonnen— aber der unartikulirte Laut verhallte in einem unvollſtaͤndigen Gemurmel. „Ei, ſchaut doch her!“ rief der Koͤnig,„ſchon der bloße Laut des Namens eines koͤniglichen Fraͤu⸗ leins von ſo außerordentlicher Schoͤnheit wie unſere liebenswuͤrdige Nichte, ſcheint faſt im Stand zu ſeyn, einem Stummen die Sprache wieder zu geben. Wel⸗ ches Wunder wird nicht erſt ihr Auge bei dieſem Gegenſtand verrichten! Ich will den Verſuch wagen, Freund Sclave. Du ſollſt die auserwaͤhlteſte Schoͤn⸗ heit unſeres Hofes ſehn und den Auftrag des fuͤrſtli⸗ chen Sultans ausrichten.“ Wieder ein freudiger Blick— wieder eine Knie⸗ beugung— aber, als er ſich wieder erhob, legte der Koͤnig ſeine Hand ſchwer auf ſeine Schulter, und fuhr mit ſtrengem Ernſte alſo fort,—„Laß Dich in einer Sache warnen, mein ſchwarzer Abgeſandter. Sollteſt Du ſelbſt fuͤhlen, daß der guͤnſtige Eindruck derjenigen, welche Du nun bald ſehn ſollſt, die Ban⸗ den Deiner Zunge loͤßt, die jetzt, wie der gute Sul⸗ tan ſich ausdruͤckt, gefangen iſt in den elfenbeinernen Waͤllen ihres Schloſſes, huͤte Dich, Deine ſchweigende Rolle zu verletzen, oder in ihrer Gegenwart ein einzi⸗ ges Wört zu ſprechen, wenn Dir ſelbſt durch ein Wunder die Kraft verliehen wuͤrde, es zu koͤnnen. Glaube mir, ich würde Dir Deine Zunge bis zur Wurzel herausreißen und ihren elfenbeinernen Palaſt, das ſind wohl die Reihen Deiner Zaͤhne, wie ich mir —,— 73 denke, einen nach dem andern, herausziehn laſſen. Alſo ſey vernuͤnftig und bleib' fein ſtumm.“ 3 Kaum hatte der Koͤnig ſeine ſchwere Hand von den Schultern des Nubiers weggethan, als dieſer das Haupt beugte, und die Hand an die Lippen leg⸗ te, als ein Zeichen ſeines ſtummen Gehorſams. Aber Richard legte abermals, jedoch ſanfter, ſeine Hand auf ihn und fuͤgte hinzu:„dieſe Bedin⸗ gung legen wir Dir als Sclave auf. Waͤrſt Du Rit⸗ ter und Edelmann, ſo wuͤrden wir Dein Ehrenwort zum Pfand Deines Stillſchweigens annehmen, das eine aus⸗ druͤckliche Bedingung unſeres jetzigen Zutrauens iſt.“ Der Aethiopier erhob ſtolz ſeinen Koͤrper, ſah dem Koͤnige feſt in's Geſicht und legte ſeine rechte Hand an ſein Herz. „HKierauf rief Richard ſeinen Kaͤmmerer. „Neville, gehe mit dieſem Sclaven in das Zelt unſerer koͤniglichen Gemahlin und thue ihr unſeren Wunſch zu wiſſen, daß dieſer Sclave eine Audienz — eine Privat⸗Audienz bei unſerer ſchoͤnen Nichte Editha haben ſoll. Er hat Auftraͤge an ſie. Du kannſt ihm auch den Weg zeigen, falls er eines Wegweiſers beduͤrfen ſollte, obſchon Du wohl bemerkt haben wirſt, wie wunderbar bekannt er mit den Gaͤngen unſeres La⸗ gers zu ſeyn ſcheint.—„Und Du, Freund Aethio⸗ pier,“ fuhr der Koͤnig fort,„was Du zu thun haſt, thue ſchnell, und komme binnen einer halben Stunde wieder zuruͤck.“ 74 „Ich bin entdeckt,“ dachte der anſcheinende Nu⸗ bier bei ſich, als er mit niedergeſchlagenen Blicken und unterſchlagenen Armen, den ſchnellen Schritten Nevilles folgend, ſich dem Zelte der Koͤnigin Beren⸗ garia naͤherte.„Ich bin, ohne Zweifel, von Koͤnig Richard entdeckt und erkannt worden; doch kann ich nicht bemerken, daß er ein Gefuͤhl der Rache gegen mich im Herzen truͤge. Verſtehe ich ſeine Worte recht, und wahrlich es iſt unmoͤglich, ſie falſch auszulegen, ſo giebt er mir auf eine edle Weiſe Mittel an die Hand, meine Ehre in dem Kampf mit dem falſchen Marquis wieder herzuſtellen. Roswal, treulich haſt Du Dei⸗ nem Herrn gedient, und theuer ſoll Deine Verwun⸗ dung geraͤcht werden! Aber was ſoll die Erlaubniß, die er mir ertheilt, ſie jetzt zu ſehn, welche wieder zu erblicken ich ſchon verzweifelte? Und wie kann der koͤ⸗ nigliche Plantagenet mir die Erlaubniß ertheilen, ſeine goͤttliche Anverwandte zu ſehn, es ſey nun als Bote des Heiden Saladin, oder als der ſchuldige Verbann⸗ te, den er erſt kürzlich aus ſeinem Lager ſtieß, da ja das kuͤhne Geſtaͤndniß der Liebe, die ſeinen Stolz aus⸗ macht, das groͤßte Verbrechen iſt, deſſen man ihn be⸗ ſchuldigt? Daß Richard ihr erlauben ſollte, einen Brief von einem unglaͤubigen Liebhaber, von den Haͤn⸗ den eines anderen zu empfangen, der in Rang ſo tief unter ihr ſteht, iſt hoͤchſt unglaublich und unwahrſchein⸗ lich. Aber wenn Richard nicht von heftigen Leiden⸗ ſchaften bewegt wird, ſo iſt er freiſinnig, großmuͤthig —— —— — und wahrhaft edel; ſo will auch ich gegen ihn handeln, ich will mich ſeinen deutlichen und verborgenen Ver⸗ haltungsbefehlen unterwerfen, und will nicht mehr zu erfahren ſuchen, als ſich ohne thaͤtige Nachfrage von ſelbſt darbietet. Demjenigen, der mir ſo edelmuͤthig eine Gelegenheit anbot, meine befleckte Ehre zu recht⸗ fertigen, bin ich Dankbarkeit und Gehorſam ſchuldig, und, wie ſchmerzlich es auch ſey, die Schuld muß abgetragen werden. Und dennoch,—„ſo fuhr ſein hoch ſchlagendes Herz weiter zu denken fort“—„doch koͤnnte Loͤwenherz, wie man ihn nennt, die Gefuͤhle anderer nach ſeinen eigenen abgemeſſen haben. Ich ſollte es wagen, ſeine Anverwandte anzureden! Ich, der ich kein Wort ſprechen konnte, als ich einen koͤnig⸗ lichen Preiß aus ihren Haͤnden empfing— als ich nicht als der Niedrigſte in ritterlichen Thaten unter den Ver⸗ theidigern des Kreuzes gezaͤhlt wurde! Ich ſollte mich ihr in einer niedrigen Verkleidung, im Sclavenkleide nah'n— und ach, wenn mein jetziger Stand der eines Sclaven iſt, laſtet ein Fleck der Unehre auf dem, der einſt mein Stolz geweſen iſt! Ich ſollte das thun! Er kennt mich wenig. Doch danke ich ihm fuͤr die Ge⸗ legenheit, welche uns alle beſſer bekannt zuſammen macht.“ Als er zu dieſer Schlußbetrachtung gelangte, blie⸗ ben ſie am Eingang des Zeltes der Koͤnigin ſtehen. Nach einiger Zeit wurden ſie von den Wachen ein⸗ gelaſſen und Neville, der den Nubier in einem kleinen 75 Gemache oder Vorzimmer ließ, welches dieſer nur zu gut wieder erkannte, ging in das, welches der Koͤni⸗ gin gewoͤhnlich zum Audienzzimmer diente. Er theilte den Willen ſeines koͤniglichen Herrn mit tiefer und ehr⸗ furchtsvoller Stimme mit, die von der Derbheit des Thomas de Vauy ſehr verſchieden war, der den Koͤnig Richard fuͤr Alles, den ganzen übrigen Hof, Beren⸗ garia ſelbſt mit gerechnet, fuͤr Nichts achtete. Ein lau⸗ tes Gelaͤchter entſtand nach der Mittheilung ſeiner Bot⸗ ſchaft. „Was iſt denn das fuͤr ein nubiſcher Sclave, der als Geſandter des Sultans in einer ſolchen Botſchaft erſcheint?— ein Mohr, de Neville, nicht wahr?“ ſagte eine weibliche Stimme, welche man leicht fuͤr die der Berengaria erkennen konnte.„Nicht wahr, ein Neger iſt es mit ſchwarzer Haut, einem Widderkopf, einer aufgeworfenen Naſe und mit dicken Lippen— nicht wahr, wuͤrdiger Sir Henry?“ „Vergeſſen Ew. Majeſtaͤt das Schienbein nicht,“ ſagte eine andere Stimme,„das wie das Ende eines Saracenenſchwerdtes auswaͤrts gebogen iſt.“ „Eher noch wie ein Bogen des Cupido, da er ja Liebeslotſchaften uͤberbringt,“ ſagte die Koͤnigin.„Lie⸗ ber Neville, Du biſt ja immer bereit, uns Weibern ein Vergnügen zu verſchaffen, um unſere muͤßigen Augen⸗ blicke zu verkuͤrzen. Wir muͤſſen den Liebesboten be⸗ trachten. Tuͤrken und Mauren habe ich ſchon genug seſehn, aber einen Neger noch nie.“) 77 „Ich bin ja dafuͤr geboren, um Ew. Majeſtaͤt Be⸗ fehle zu gehorchen, wenn Ihr es nur bei meinem Herrn und Koͤnig auf Euch nehmen wollt,“ antwortete der dicke Ritter.„Aber glauben mir Ew. Gnaden, Ihr werdet etwas ganz Anderes ſehn, als Ihr erwartet.“ „Deſto beſſer— noch haͤßlicher, als die Phanta⸗ ſte es ſich ausmalen kann und doch der erwaͤhlte Liebes⸗ bote des galanten Sultans.“ „Gnaͤdigſte Frau,“ ſagte Lady Caliſta,„duͤrfte ich Euch nicht bitten, dem guten Ritter zu erlauben, ſeinen Boten gerade zu Lady Editha zu fuͤhren, an die er Auftraͤge hat? Wir ſind bei einer aͤhnlichen Sache nur mit Muͤhe durchgekommen.“ „Durchgekommen?“— wiederholte die Koͤnigin zornig.„Doch magſt Du mit Deiner Vorſicht biel⸗ leicht Recht haben, Caliſta. Laſſe den Nubier, wie Du ihn nennſt, erſt unſerer Nichte ſeinen Auftrag mittheilen.— Er iſt noch ſtumm dazu— nicht wahr?“ „So iſt es, meine huldreichſte Koͤnigin,“ antwor⸗ tete der Ritter. „Ein koͤnigliches Loos iſt doch dieſen Morgen⸗ laͤnderinnen zu Theil geworden,“ ſagte Berengaria, „daß ſie von Menſchen bedient werden, vor welchen Sie alles ſagen, die aber nichts weiter berichten koͤn⸗ nen. In unſerem Lager dagegen tragen, wie der Praͤ⸗ lat von Sanct Juda zu ſagen pflegt, die Voͤgel in den Luͤften die Neuigkeiten herum.“ 78 „Weil Ew. Majeſtaͤt vergißt, daß ſie nur zwiſchen leinenen Waͤnden ſpricht,“ ſagte de Neoille Nach dieſer Bemerkung ſprach man lelſer, und nach einigem Liſpeln kam der engliſche Ritter wieder zu dem Aethiopier zuruͤck, und machte ihm ein Zei⸗ chen, ihm zu folgen. Er that es, und Neoille fuͤhrte ihn in ein Belt⸗ das etwas entfernt von dem der Koͤ⸗ nigin, zur Bequemlichkeit der Lady Editha und ihres Gefolges, aufgeſchlagen war. Eine von ihren Diene⸗ rinnen empfteng die Botſchaft, welche Sir Henry Ne⸗ ville ihr mittheilte, und nach einigen Minuten ward der Nubier zu Editha zugelaſſen, indeß Nebville vor dem Zelt wartete. Der Selave, der ihn einfuͤhrte, zog ſich auf ein Zeichen ſeiner Gebieterin zuruͤck; und mit Zerke airſchung nicht allein in ſeinem Aeußern, ſondern im tiefſten Innern ſeiner Seele, warf ſich der ſo ſelt⸗ ſam verkleidete, unglüͤckliche Ritter auf die Kniee, die Blicke zur Erde geſenkt, und die Arme auf dem Bu⸗ ſen verſchraͤnkt, wie ein Verbrecher, der den Gnaden⸗ ſtreich erwartet. Editha war ſo gekleidet, wie damals, als ſie den Koͤnig Richard empfing; ein langer, durchſichti⸗ ger ſchwarzer Schleier ſiel von ihrem Haupte herab, wie der Schatten einer Sommernacht auf einer ſchoͤnen Landſchaft ruht, deren Schoͤnheit er zwar undeutlich machen und verſinſtern, aber nicht verbergen kann. Sie hielt eine ſilberne Lampe in ihrer Hand, welche mit wohlduftendem Oele gefuͤllt war, das ungewoͤhn⸗ lich hell brannte. 3 79 Als Editha ſich dem knieenden, bewegungsloſen Sclaven bis auf einen Schritt naͤherte, hielt ſie das Licht gegen ſein Angeſicht, als wollte ſie ſeine Zuͤge aufmerkſamer unterſuchen, dann wandte ſie ſich von ihm und ſtellte ihre Lampe ſo, daß der Schatten von ſeinem Geſichte im Profil auf den Umhang neben ihm fiel. Endlich ſprach ſie mit geſetzter, doch tief beweg⸗ ter Stimme: „Seyd Ihr es?— Seyd Ihr es wirklich, tapfe⸗ rer Ritter vom Leoparden— edler Sir Kenneth von Schottland— ſeyd Ihr es wirklich?— ſo ſclaven⸗ maͤßig verkleidet— umgeben von hunderten von Ge⸗ fahren?“ Als er ſo unerwartet die Stimme ſeiner Dame hoͤrte, die ſich mit einem Ton, in dem Mitleiden, ja faſt Zaͤrtlichkeit lag, an ihn wandte, da ſchwebte eine aͤhnliche Antwort auf den Lippen des Ritters. Kaum konnte Richards Befehl, kaum ſein eigenes verſproche⸗ nes Stillſchweigen ihn zuruͤckhalten, ihr zu antworten, daß der Anblick, den er jetzt ſaͤhe, die Toͤne, die er eben gehoͤrt, ſchon hinreichten, die Sclaverei eines ganzen Lebens aufzuwiegen und die Gefahren, die in jeder Stunde dieſes Leben bedrohten. Doch ermannete er ſich, und ein tiefer, leidenſchaftlicher Seufzer war die einzige Antwort, welche er der edelgebornen Editha geben konnte. 1 „Ich ſehe— ich habe alſo recht vermuthet“— fuhr Editha fort.„Ich bemerkte Euch bei Euerem 4 80 erſten Erſcheinen bei der Plattform, auf welcher ich mit der Koͤnigin ſtand. Auch Eueren tapferen Hund habe ich wieder erkannt. Das iſt keine treue Dame, und unwerth waͤre ſie der Dienſte eines Ritters wie Du, die ihren treuen Diener nicht im veraͤnderten An⸗ zug und mit veraͤndertem Angeſicht erkennt. Sprich alſo furchtlos mit Editha Plantagenet. Sie weiß einen guten Ritter im Ungluͤck zu belohnen, der, als das Gluͤck ihm laͤchelte, in ihrem Namen diente, ihn ehrte und Waffenthaten ausuͤbte.— Immer noch ſtill! Iſt es Furcht oder Scham, die Dich dazu bewegt? Furcht ſollte Dir unbekannt ſeyn, und ſchaͤmen moͤgen ſich die, welche Dir Unrecht thaten.“ Der Ritter, in Verzweiflung, in einer ſo anzie⸗ henden Unterhaltung den Stummen ſpielen zu muͤſſen, konnte ſeinen Kummer nur dadurch ausdruͤcken, daß er tief ſeufzte, und ſeine Finger an die Lippen legte. Editha trat, faſt etwas unwillig, zuruͤck. „Was,“ ſagte ſie,„der ſtumme Aſiate der That wie der Kleidung nach?— Das erwartete ich nicht.— Oder biſt Du vielleicht boͤſe auf mich, daß ich ſo kuͤhn eingeſtehe, daß ich die Chrenbezengungen, welche Du mir leiſteteſt, ſorgfaͤltiglich gemerkt habe? Denke dar⸗ uͤber nichts Unwuͤrdiges von Editha. Wohl kennt ſie die Schranken und Banden, die Zuruͤckhaltung und Beſcheidenheit einem edlen Fraͤulein auferlegen, wohl weiß ſie, wann und wie weit ſie ihrer Dankbarkeit freien Lauf laͤßt— oder ihrem aufrichtigen Wunſche 7 81 die Macht zu beſitzen, Dienſte zu zahlen und Beleidi⸗ ungen wieder gut zu machen, die aus der Ergebenheit ihres getreuen Ritters gegen ſie entſtanden ſind. War um falteſt Du Deine Haͤnde, warum ringſt Du ſie ſo leidenſchaftlich? Waͤre es moͤglich“— fuͤgte ſie hinzu, indem ſie bei dem Gedanken zuruͤckſchauderte—„daß ihre Graufamkeit Dich wirklich Deiner Sprache beraubt haͤtte? Du ſchuͤttelſt Dein Haupt. Sey es nun ein Zau⸗ ber— ſey es Eigenſinn, ich frage Dich nicht mehr; entledige Dich Deines Auftrags nach Deiner Weiſe. Auch ich kann ſtumm ſeyn.“ Der verkleidete Ritter machte eine Bewegung, als bejammere er ſeine eigene Lage und baͤte ſie inſtaͤndig, ihm nicht zu zurnen, waͤhrend er zugleich den Brief des Sultans uͤberreichte, der, wie gewoͤhnlich, in Seide und Goldſtoff verhuͤllt war. Sie nahm ihn, uͤberblickte ihn nachlaͤſſig, legte ihn bei Seite, neigte ihr Auge abermals dem Ritter zu, und ſprach mit leiſer Stim⸗ me:„Beſiehlt Dir Dein Auftrag nicht ein Wort an mich?“. Er druͤckte beide Haͤnde gegen die Stirne, als wollte er damit den Seelenſchmerz ausdruͤcken, den es ihm verurſachte, ihr nicht antworten zu koͤnnen. Sie aber wandte ſich im Zorne von ihm weg. „Hinweg!“ ſagte ſie,„ich habe genug geſprochen — mehr als genug— zu Jemanden, der mich keines Wortes als Antwort würdigen will. Hinweg!— wiſ⸗ ſe, daß, wenn ich Dir Unrecht that, ſ habe ich jetzt W. Scott's Werfe. N. 6 8² Buße gethan; ich war unglücklicher Weiſe ldie Urſache, welche Dich von Deinem ehrenvollen Poſten verfuͤhrte; ich habe bei dieſem Beſuch meinen eigenen Werth ver⸗ geſſen, und mich in Deinen und meinen Augen herab⸗ gewuͤrdigt.“ Sie bedeckte ihre Augen mit ihrer Hand, und ſchien tief bewegt. Sir Kenneth wollte ſich ihr pahen, ſie aber winkte ihm zuruͤck zu bleiben. „Bleib! Du, deſſen Seele der Himmel zu feinem neuen Stande beſtimmt zu haben ſcheint! Der niedrig⸗ ſte, furchtſamſte Sclave haͤtte doch ein dankbares Wort geſprochen, waͤre es nur, um mich mit meiner eigenen Erniedrigung auszuſoͤhnen. Auf was warteſt Du?— geh!“ Der verkleidete Ritter ſah faſt unwillkührlich auf den Brief, als entſchuldige der ſein laͤngeres Dableiben. Sie ergriff ihn, indem ſie hoͤhniſch ſprach:„Ja, ich hatte es vergeſſen— der gehorſame Sclave erwartet Antwort auf ſeine Botſchaft.— Was iſt das— vom Sultan!“ Sie uͤberlas den Inhalt, der in arabiſcher und fran⸗ zöſiſcher Sprache ausgedruͤckt war, flüchtig; nach Be⸗ andong deſſelben lachte ſie bitter.. „Nein, das uͤberſteigt alle Einbildung! Kein Ta⸗ ſchenſpieler konnte ein ſo zauberhaftes Verſtummen her⸗ vorbringen. Er kann Zechinen und Byzantiner in Stuͤber und Maravedis verwandeln; aber kann ſeine Kunſt auch einen chriſtlichen Ritter, der ſtets zu den 83 3 Tapferſten des heiligen Kreuzzugs gerechnet ward, in den Staubküſſenden Sclaven eines heidniſchen Sultans verwandeln— in den Ueberbringer frecher Vorſchlaͤge an eine chriſtliche Jungfrau— kann er ihn die Geſetze des ehrenwerthen Ritterthums ſowohl, als die ſeiner Religion vergeſſen machen! Aber wozu nuͤtzt es, mit dem gehorſamen Sclaven eines heidniſchen Hundes zu ſprechen. Sage Deinem Herrn, wenn ſeine Peitſche Dir den Gebrauch der Sprachwerkzeuge wieder gibt, was Du mich jetzt thun ſiehſt.“ Indem ſie das ſprach, warf ſie den Brief des Sultans zur Erde, und trat darauf.—„Sage ihm auch, daß Editha Plantagenet die Ehrenbezeugung eines ungetauften Heiden verachtet.“ Mit dieſen Worten wollte ſie von dem Ritter hin⸗ weg eilen, als dieſer, in bitterer Todesangſt zu ihren Fuͤßen knieend, es wagte, ſeine Hand an den Saum ihres Kleides zu legen, und ſich ihrem Fortgehen zu widerſetzen. „Haſt Du nicht gehoͤrt, was ich ſagte, niedriger Sclave?“ rief ſie leidenſchaftlich aus, indem ſie ſich raſch umwandte:„ſage dem Heiden⸗Sultan, Deinem Herrn, daß mir ſeine Antraͤge eben ſo gehaͤſſig ſind, als ich die Fußfaͤlle eines unwuͤrdigen Renegaten an Religion und Ritterthum— an Gott und ſeiner Dame — verachte.“ So ſprechend ſtuͤrzte ſie hinweg, riß ihr Kleid aus ſeinen Haͤnden, und verließ das Zelt. . 6„ Zugleich rief ihn Neoilles Stimme von außen. Er⸗ ſchoͤpft und betaͤubt von dem Kummer, den er waͤhrend dieſes Beſuches erduldet hatte, und von dem er ſich nur durch einen Treubruch an dem Worte haͤtte losrei⸗ ßen koͤnnen, das er dem Koͤnig Richard gegeben hatte, ſchwankte der ungluͤckliche Ritter hinter dem engliſchen Baron einher, bis ſie das koͤnigliche Zelt erreichten, vor welchem gerade eine Anzahl Reiter abgeſtiegen war. Im Zelte ſah man mit Lichtern hin und her gehen, und als Neville mit ſeinem verkleideten Gefaͤhrten eintrat, fanden ſie den Koͤnig, der nebſt einigen Edelleuten ſei⸗ nes Hofes, die Neuangekommenen bewillkommte. Fuͤnftes Kapitel. Die Thränen, die vom Auge ſließen, Sie gelten nicht dem fernen Freund, Zur Zeit kann Schön'res noch entſprießen, Getrennte Lieb' wird einſt vereint. Die Thränen ſtrömen nicht um Leichen, Die fühlen Sorge nicht und Schmerz;. Und Lieb' und Gram und Kummer ſchleichen Sich nicht in das erſtarrte Herz. Sie weint um Ferne nicht und Leichen, Weint um des Freund's beſleckten Ruhm; Den Fürſtenſtolz kann Schimpf nur beugen An des Geliebten Ritterthum. 2 Ballade. Die freie, kuͤhne Stimme Richards ertoͤnte in freu⸗ digen Glückwuͤnſchen. 85 „Chomas! de Vaux! kraͤftiger Tom von Gills! Beim Haupt des Koͤnigs Heinrich, Du biſt mir ſo will⸗ kommen, als nur je eine Flaſche Wein einem Drinker war! Ich haͤtte kaum gewußt, wie ich eine Schlacht⸗ linie anordnen ſollen, wenn mir nicht Deine ſtaͤmmige Geſtalt als ein Graͤnzzeichen in's Auge gefallen waͤre. Wir werden wohl noch Streiche zu fuͤhren bekommen, Thomas, wenn die Heiligen uns gnaͤdig ſind, und wenn ich in Deiner Abweſenheit gekaͤmpft haͤtte, ſo wuͤrde ich, glaub' ich, gehoͤrt haben, Du haͤtteſt Dich an eine Eiche gehaͤngt. „Ich wuͤrde, hoffe ich, meine getaͤuſchte Erwartung mit groͤßerer und chriſtlicherer Geduld ertragen haben“, ſagte Thomas de Vaux,„als den Dod eines Apoſtaten zu ſterben. Aber ich danke Ew. Majeſtaͤt fuͤr meinen Will⸗ komm', der um ſo viel großmuͤthiger iſt, da er ein Gaſt⸗ mahl von Kaͤmpfen betrifft, von welchem Ihr, mit Eu⸗ rer Erlaubniß geſagt, Euch immer den groͤßten Theil zueignet; aber hier bringe ich Euch jemanden, den mein huldreicher Koͤnig wohl noch herzlicher empfangen wird.“ Die Perſon, die nun vortrat, ſich vor Richard zu verbeugen, war ein junger Mann, von kleiner Sta⸗ tur und ſchlanker Geſtalt. Seine Kleidung war eben ſo beſcheiden, als ſeine Geſtalt unbedeutend war; aber an ſeiner Muͤtze trug er eine goldene Schnalle mit einem Edelſteine, mit deſſen Feuer nur der Glanz des Auges wetteifern konnte, das die M ütze beſchattete. Es war das einzige Außerordentliche in ſeinem Geſichte; aber wenn 86 es einmnah bemerkt wurde, ſo verfehlte es ſelten, einen tiefen Eindruck auf die Umſtehenden zu machen. Ein Stimmſchluͤſſel ſuͤr ſeine Harfe von gediegenem Golde hing an einem himmelblauen ſeidenen Bande von ſei⸗ nem Hals herab. Dieſe Perſon wollte ehrfurchtsvoll vor Koͤnig Ri⸗ chard hinknieen, aber der Monarch hob ſie freudig auf, druͤckte ſie herzlich an ſeinen Buſen, und kuͤßte ſie auf beide Wangen. „Blondel de Neſle!“ rief er freudig aus,„will⸗ kommen von Cyprus, mein Koͤnig aller Minneſaͤnger! Sey ldem Koͤnige von England herzlich willkommen, der ſeine Wuͤrde nicht hoͤher achtet, als die Deinige. Ich war krank, Freund, und bei meiner Seele, ich glaube, weil Du mir fehlteſt, denn wenn ich ſchon auf halbem Wege zum Himmel waͤre, Deine Saiten koͤnnten mich wieder zuruͤckrufen.— Was Neues, mein edler Meiſter, im Lande der Leyer? Etwas Friſches von den Trouveren der Provence? oder etwas von den Minſtrels der froͤhlichen Normandie? Biſt Du vor Al⸗ lem recht fleißig geweſen?— Aber was brauche ich erſt zu fragen, Dn kannſt nicht muͤßig feyn, ſelbſt wenn Du wollteſt. Deine edle Seele iſt ein brennendes Feuer in Deinem Innern, das Dich zwingt, Dich in Muſik und Geſaͤngen zu ergießen.“ „Etwas habe ich gelernt, und Etwas ſelbſt gedich⸗ tet, mein edler Koͤnig, antwortete der beruͤhmte Blon⸗ del, mit ſchuͤchterner Beſcheidenheit, die ſelbſt Richards begeiſterte Bewunderung nicht verſcheuchen konnte. 87 „Ich will Dich hoͤren, Freund— wir wollen Dich augenblicklich hoͤren“, ſagte der Koͤnig;— dann be⸗ ruhrte er freundlich die Schultern des Blondel und fuͤgte hinzu,„wenn Du naͤmlich nicht von der Reiſe ermuͤdet biſt; denn lieber wollte ich mein beſtes Pferd zu Tode reiten, als eine Note Deiner Stimme verletzen.“ „Meine Stimme ſteht, wie immer, meinem koͤnig⸗ lichen Goͤnner zu Gebote, aber Ew. Majeſtaͤt“, ſagte Blondel, indem er auf einige Papiere ſah, welche auf dem Tiſche lagen,„ſcheint wichtiger beſchaͤftigt zu ſeyn, und es wird ſchon ſpaͤt.“ „Nicht im Geringſten, Freund, nicht im Gering⸗ ſten, mein theuerſter Blondel. Ich machte nur den Entwurf zu dem Plan einer Schlacht gegen die Sarace⸗ nen, das iſt nur das Werk eines Augenblicks.“ „Doch ſcheint es mir“, fagte Thomas de Vaux, „es waͤre nicht uͤberfluͤſſig, ſich zu erkundigen, welche Soldaten Ew. Majeſtaͤt dazu beſtimmen kann. Ich bringe Berichte darüͤber von Askalon.“ „Du biſt ein Maulthier, Thomas“, ſagte der Koͤ⸗ nig,„ein wahres Maulthier in Thorheit und Eigenſinn. Kommt, Ihr Edlen, bildet einen Halbeirkel— ordnet Euch um ihn her— Gebt dem Blondel das Tabou⸗ ret— wo iſt ſein Harfentraͤger?— oder ſtill— leiht ihm meine Harfe, die ſeinige kann von der Reiſe gelit⸗ ten haben.“ „Ich wollte, Ew. Majeſtaͤt naͤhme meinen Bericht an“, ſagte Thomas de Vaux,„ich bin weit geritten, 88 und ſehne mich mehr nach meinem Bette, als nach Ohrenkitzel.“ „Deine Ohren kitzeln!“ ſagte der Koͤnig;„das muͤßte mit Hahnenfedern geſchehen, und nicht mit lieb⸗ lichen Toͤnen. Hoͤre Thomas, kann Dein Ohr Blon⸗ dels Geſang von dem Gaͤhnen eines Eſels unterſihei⸗ den?“ „In Wahrheit, mein gnaͤdigſter Herr“, ewiebertt Thomas,„kann ich es nicht eigentlich ſagen; denn ohne von Blondel zu ſprechen, der ein geborner Edelmann und Zweifels ohne von hohen Dalenten iſt, muß ich doch geſtehn, daß ich nie einen Minſtrel ſehen kann, ohne an einen Eſel zu denken.“ „Haͤtte denn Deine ſeine Lebensart“, ſagte Richard, „nicht auch mich ausnehmen koͤnnen, der ich eben ſo gut, wie Blondel, ein geborner Edelmann, und wie er, ein Zunftgenoſſe der joyense science(der freudigen Kunſt) bin.— „Ew. Majeſtaͤt ſollte bedenken“, ſagte de Vaur laͤchelnd,„daß man von einem Maulthier vergeblich feine Lebensart fordert.“ „Sehr wahr geſprochen,“ ſagte der König;„und ein ſchlecht beſtelltes Thier biſt Du.— Aber komm' her, Meiſter Maulthier, und laß Dich abladen, damit Du in die Federn koͤmmſt, ohne Muſik hoͤren zu muͤſſen. Unterdeſſen gehe Du, mein guter Bruder von Salis⸗ bury, in das Zelt unſerer Gemahlin, und ſage ihr, daß Blondel mit einem Buͤndel neuer Minnelieder ange⸗ 4 89 kommen ſeye.— Bitte ſie, hieher zu kommen, begleite ſie, und hab' Acht, daß unſere Nichte Editha Planta⸗ genet nicht zuruͤcke bleibt.“ Dann verweilte ſein Auge einen Augenblick auf dem Nubier, mit dem zweifelnden Blick, den er annahm, wenn er ihn betrachtete. „Ha, iſt unſer ſtiller und geheimer Bote zuruͤckge⸗ kehrt?— Stehe auf, Sclave; ſtelle Dich hinter de Ne⸗ ville, und Du ſollſt jetzt Toͤne hoͤren, daß Du Gott dan⸗ ken wirſt, daß er Dich ſtumm und nicht taub gemacht hat.“ Indem er das ſagte, wandte er ſich von der uͤbrigen Geſellſchaft weg, dem de Vaux zu, und war augenblick⸗ lich in dem militaͤriſchen Bericht vertieft, den der Ba⸗ ron ihm vorlegte. . Als ungeſaͤhr der Lord von Gilsland ſeinen Bericht beendigt hatte, zeigte ein Bote an, daß die Koͤnigin und ihr Gefolge ſich dem königlichen Zelte naͤhere.—„He da, Wein her!“ rief der Koͤnig,„von des alten Koͤnigs Iſaac's lang erſpartem Cypernwein, den wir eroberten, als wir Famagouſta erſtuͤrmten— kredenzt dem ehrenwer⸗ then Lord von Gilsland, Ihr Edlen— einen ſorgfaͤlti⸗ geren, treueren Diener hat noch nie ein Fuͤrſt gehabt.“ „Es freut mich“, ſagte Thomas de Vaux, daß mein huldreicher Gebieter findet, daß das Maulthier ein nuͤtzlicher Sclave iſt, wenn ſchon ſeine Stimme nicht ſo muſikaliſch, wie Roßhaare oder Darmſaiten iſt.“ „Was, kannſt Du denn den Mauleſel nicht ver⸗ 2 90 dauen?“ ſagte Richard.„Trink' ihn hinunter mit ein em Becher ſchaͤumenden Weins, Freund, oder Du wirſt daran erſticken.— Recht ſo— wacker geſchluckt! und nun ſieh', Du biſt ein Soldat, ſo gut, wie ich, und wir muͤſſen unſere Scherze in der Halle eben ſo ertra⸗ gen, wie unſere Stoͤße im Turnier, und uns um ſo viel lieber haben, je heftiger wir ſtoßen. Denn bei meiner Treu', wenn Du bei unſerm letzten Zuſammentreffen nicht ſo heftig auf mich zuſtießeſt, als ich es gegen Dich that, ſo gabſt Du Deinen Verſtand zum Beſten. Sieh, darin liegt der ganze Unterſchied zwiſchen Blondel und Dir. Du biſt nur mein Gefaͤhrte, ich moͤchte faſt ſagen mein Zoͤgling in der Kriegskunſt; Blondel aber iſt mein Mei⸗ ſter im Minneſang und in der Muſik. Dir erlaube ich alle Freiheiten einer innigen Freundſchaft— ihm muß ich, als meinen Vorgeſetzten in der Kunſt, Achtung be⸗ zeugen. Komm', Freund, ſey nicht eigenſinnig, ſon⸗ dern bleibe und hoͤre unſern Geſang.“ „Um Ew. Majeſtaͤt guter Laune zu ſehen“, ſagte der Lord Gilsland,„koͤnnte ich, bei meiner Treu, da bleiben, bis Blondel die große Romanze von Koͤnig Ar⸗ thur beendigt haͤtte, die drei Tage dauert.“ „So hart wollen wir Deine Geduld nicht auf die Probe ſtellen“, ſagte der Koͤnig.„Aber ſieh, dort glaͤn⸗ zen Fackeln, ein Zeichen, daß unſere Gemahlin ſich naht — Voran ſie zu empfangen, Freund, und gewinne Dir Gnade von dem ſchoͤnſten Auge der Chriſtenheit.— Ach bleib nur nicht zuruͤck, um Deine Kleidung zu ordnen. ——— . 91 Schau, Du haſt Neville zwiſchen den Wind, und den Segeln Deiner Galeere kommen laſſen.“ „Auf dem Schlachtfelde kam er mir nie zuvor“, ſagte de Vaux“, den es nicht ſehr erfreute, ſich von dem ſchnellern Kammerherrn uͤberflügelt zu ſehen. „Nein, weder er noch irgend jemand kam Dir da zuvor, mein guter Tom von Gils“, ſagte der Kö⸗ nig,„ausgenommen wir ſelbſt hie und da ein Mal.“ „Verzeiht, gnaͤdiger Herr, laßt uns auch dem Un⸗ gluͤcklichen Gerechtigkeit erzeigen auch der unglückliche Ritter vom Leoparden iſt mir zuweilen zuvorgekommen; denn ſeht, er iſt minder ſchwer bewaffnet und ſo—“ „Hſch!“ unterbrach ihn der Koͤnig befehlend, „nicht ein Wort von ihm—“ und augenblicklich trat er hervor, ſeine koͤnigliche Gemahlin zu empfangen; als er es gethan hatte, ſtellte er ihr den Blondel, als den Koͤnig des Minneſanges und als ſeinen Leh⸗ rer in der gaya scienca vor. Berengaria, die wohl wußte, daß ihres königlichen Gemahls Leidenſchaft für Poeſie und Muſik faſt ſeinem Durſt nach kriegeriſchem Ruhme gleich kam, und daß Blondel ſein beſonderer Liebling war, trug aͤngſtliche Sorge, dieſen mit allen den ſchmeichelhaften Auszeichnungen zu empfangen, wel⸗ che demjenigen gebuͤhren, an deſſen Ehre ſich der Koͤnig erfreut. Doch war es ſehr deutlich zu erkennen, daß, obſchon Blondel auf die Hoͤflichkeiten, mit welchen die königliche Schoͤnheit ihn uͤberhaͤufte, ſehr geziemde Ant⸗ worten gab, er doch mit tieferer Ehrfurcht und ergebe⸗ 92² bener Dankbarkeit das einfache, liebreiche Willkommen der Editha erwiederte, deren liebreicher Gruß ihm wahr⸗ ſcheinlich nach Verhaͤltniß ſeiner Kuͤrze und Einfachheit um ſo viel aufrichtiger ſchien. Sowohl die Koͤnigin, als ihr koͤniglicher Gemahl be⸗ merkten dieſe Auszeichnung, und da Richard, welcher ſah, daß ſeine Gemahlin etwas beleidigt uͤber den Vor⸗ zug war, den Blondel ihrer Nichte einraͤumte, und wobei er ſich ſelbſt wahrſcheinlich nicht ſehr geſchmeichelt fuͤhlte, ſagte, ſo daß beide es hoͤren konnten:„Wir Minſtrels, Berengaria, weihen, wie Du aus dem Betragen unſeres Meiſters Blondel erſehen kannſt, einem ſtrengen Richter, wie unſere Verwandte, eine groͤßere Ehrfurcht, als ei⸗ nem guͤtigen, parteliſchen Freunde, wie Du, der un⸗ ſeren Werth auf Treu' und Glauben annimmt.“ Editha war empfindlich gegen den Spott ihres lö⸗ niglichen Verwandten, und antwortete, ohne zu zau⸗ dern:„raſch und ſchnell zu richten waͤre nicht nur ihr allein von allen Plantagenets eigen.“ Sie haͤtte wahrſcheinlich noch mehr unzugeſigt, da ſie auch etwas von der Gemuͤthsart des Hauſes be⸗ ſaß, welches, obgleich ſein Name und ſein Wappen⸗ ſchild von dem niedrigen Guͤnſter(Planta Genista) herruͤhrte, den es als ein Symbol der Demuth ange⸗ nommen hatte, doch vielleicht eine der ſtolzeſten Fami lien war, die je uͤber England geherrſcht haben. Aber ihr Auge, das bei der Antwort funkelte, traf plöz⸗ lich das des Nubiers, der ſich vergeblich hinter den 93 Edelleuten zu verſtecken geſucht hatte; da mußte ſich Editha unwillkuͤhrlich auf einen Stuhl niederlaſſen, und wurde ſo bleich, daß die Koͤnigin Berengaria ſelbſt, nach Waſſer und wohlriechendem Oele rief, und alle Ceremonien mit ihr durchzugehn fuͤr nöthig hielt, die bei der Ohnmacht einer Dame gebraͤuchlich ſind. Ri⸗ chard, der Editha's Seelenſtaͤrke beſſer kannte, befahl dem Blondel ſich niederzulaſſen und ſeinen Geſang zu beginnen; denn Minneſang, ſprach er, wiegt jedes an⸗ dere Recept auf, um eine Plantagenet in's Leben zu⸗ ruͤck zu rufen. G —=„Singe uns den Geſang von dem blutigen Kleide, von dem Du mir den Inhalt erzaͤhlteſt, ehe ich Cyprus verließ; jetzt mußt Du ihn vollkommen in Deiner Ge⸗ walt haben, oder, wie unſere Schützen ſagen, der Bo⸗ gen iſt gebrochen.“. Indeſſen verweilte das aͤngſtliche Auge des Minſtrels noch immer auf Editha'n, und nicht eher gehorchte er den wiederholten Befehlen des Koͤnigs, bis er bemerk⸗ te, daß ſie ihre Farbe wieder bekam. Dann, indem er ſeine Stimme mit der Harfe begleitete, jedoch ſo, daß der Sinn des Liedes dadurch lieblich erhoben ward, und nicht verloren gieng, beſang er in einer Art von Reci⸗ tativ, eins jener alten Ritter⸗ und Liebesabentheuer, welche in den Tagen der Vorzeit die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit zu feſſeln pflegten. Kaum aber hatte er zu praͤludiren angefangen, als die anſcheinende Kleinheit ſeiner Perſon zu verſchwinden ſchien, und ſein Antlitz 94. von Kraft und Begeiſterung ergluͤhte. Seine volle, maͤnnliche, ſchmelzende Stimme, in den hoͤchſten Toͤnen ſtets vollkommen rein, ruͤhrte jedes Ohr und jedes Herz. Richard, erfreut, wie nach einem Siege, rief mit den Worten um Stille: „Horcht auf, Ihr Lords, in Burg und Zelt.“ waͤhrend er mit dem Eifer eines Goͤnners und Schüͤlers zugleich, den Kreis einrichtete, und alles zur Stille ver⸗ wieß. Dann ſetzte er ſich ſelbſt mit Blicken voll Theilnah⸗ me und Erwartung nieder, welche jedoch ein wenig mit dem Ernſte eines erklaͤrten Critikus gemiſcht waren. Die Höͤflinge wandten ihr Auge auf den Koͤnig, um den Eindruck, welchen ſie in ſeinen Zuͤgen bemerken wür⸗ den, zu entraͤthſeln und nachzuahmen, waͤhrend Tho⸗ mas de Vaur furchtbar gaͤhnte, wie jemand, der ſich ungern einer beſchwerlichen Buße unterwirft. Blondels Geſang war in Normaͤnniſcher Sprache gedichtet, doch moͤgen die folgenden Verſe Sinn und Manier ſo ziem⸗ lich ausdruͤcken. 27 Das blutige Nachtkleid). Nah' bei der Stadt Benevent, die Schöne genannt, Als die Sonne ging unter im Purpurgewand, Und die Ritter auf weit und breit im Land Zum Turniere ſich ſchmückten nach Adel und Stand; 8) Die Ueberſetzung der Ballade iſt uns von einer andern Hand zugekommen. 4 95 Kam ein zierlicher Jüngling lan des Lagers Rand, Ein Page war's, von der Fürſtin geſandt. Durchwandert das Lager, frug:„Iſt's Euch bekannt, Wo Thomas von Kent wohnt, vom Brittenland?“ Geht weit, und ſtets weiter und weiter in's Feld, Bis er findet ſein niedriges, einfaches Zelt, Gar dürftig und ſpärlich von Innen beſtellt. Und weil für den Schmiedt es ihm fehlte an Geld, So ſteht er mit nackenden Armen und hält Hammer und Feil', und die Rüſtung beſtellt. Es hämmert und ſchmiedet und freut ſich der Held, Für ſeine Dame zu kämpfen vor Gott und der Welt. Und der Page der ſpricht:„Meine Dame gebeut!“ Und der Ritter das Antlitz zur Erde neigte weit; „Beneventens Fürſtin bin ich, ſo ſagte Deine Maid, Und Ihr von den Rittern der Niedrigſte ſeyd. Willſt koſten die Frucht Du, die ſich Dir beut, Mußt kühn überſpringen die Kluft, die Dir dräut; Mußt wagen und kämpfen und zeigen zur Zeit, Daß Du werth biſt der Jungfrau, um die Du gefreit.“ Der Page ſagt ferner:„So ſpricht meine Dame zu Dir!“ Und der Ritter horcht knieend mit freud'ger Begier. „Den Panzer wirf weg, der dich ſchützet, und hier Hier haſt Du mein Nachtkleid, das trage dafür, Statt eiſerner Schienen, den Reifrock zur Zier; Und alſo gekleidet im heißen Turnier Wo Blut ſtrömt, laß ſtattern Dein Ritterpanier, Dann ſtirb, oder hole den Kampfpreiß von mir.“”“ Und die Bruſt ſich erhebet dem Ritter und glüht Vor Freud, als das Nachtkleid der Dame er ſieht; Er küßt es mit Achtung und ruft:„Heil und Fried Beglücke die Dame, die gütig mir riet! — — 1 1 96 Im Nachtrock gekleidet, ſo kämpf ich, es flieht Der Muth nie im Buſen wenn Minne uns blüht. Nur zahl' ſie den Lohn, wenn ſie ſtegreich mich ſteht.“ Ihr Edlen, hier endet vom blut'gen Nachtkleid das erſte Lied. „Du haſt unvermerkt das Versmaaß geaͤndert, mein Blondel“, ſagte der Koͤnig. „Sehr wahr, mein gnaͤdiger Herr“, ſagte Blon⸗ del. Ich gab die Verſe aus dem Italieniſchen eines alten Harfners wieder, welchen ich in Cyprus traf; und da ich weder Zeit hatte, ſie genau zu üͤberſetzen, noch ſie mir ſicher in das Gedaͤchtniß zu praͤgen, ſo mußte ich wohl Muſik und Poeſie ſo gut ergaͤnzen, als es mir moͤglich war; ſo wie Ihr die Bauern die Loͤ⸗ cher ihrer zerfallenen Huͤtten mit Reisbündeln verſtopfen ſeht.“. „Nein, auf mein Wort“, ſagte der Koͤnig;„ich liebe dieſe kuͤhndonnernden Alexandriner, es kommt mir vor, als paßten ſie genauer zur Muſik, als jenes kuͤrzere Versmaaß. „Beide ſind erlaubt, wie Ew. Majeſtaͤt wohl be⸗ kannt iſt“, antwortete Blondel. „So iſt es, Blondel“, ſagte Richard,„doch ſcheint es mir, daß die Scene, wo das Gefecht wohl vorgeht, am beſten mit eben dieſen donnernden Alexandrinern be⸗ ſchrieben wird, die wie das Stampfen der Cavallerie toͤnen, waͤhrend das andere Versmaaß nurz dem zarten Tritt des Zelters einer Dame gleicht. „ 97 „Wie es Euer Majeſtaͤt beliebt“, erwiederte Blon⸗ del, und fing von neuem an zu praͤludiren. 3 „Nein, erſt erfriſche Deine Phantaſie m it einem Glaſe feurigen Chierweins“, ſagte der Koͤnig;„und hoͤre doch, ich wuͤnf ſchte, daß Du dieſe neue Art von Zwang da wegwuͤrfeſt, in immer gleichen und ahnlichen Reimen zu endigen. Sie hindern den freien Erguß Deiner Phan⸗ taſie, und machen, daß Du einem Manne gleichſt, der mit Feſſeln tanzt.“ „Wenigſtens ſind die Feſſeln leicht abgeworfen“, ſagte Blondel, der wieder mit dem Finger uͤter die Sai⸗ ten fuhr, wie Jemand, der lieber ſpielen will, als eine Kritik höͤren. 2 „Aber warum legſt Du ſie denn an, Freund d7 fuhr der Koͤnig fort,„warum zwingſt Du Deinen Ge⸗ nius in eiſerne B Banden? Ir h wundere mich, wie Du damit fertig wirſt.— Ich waͤre ſicher nicht im Stande, auch nur eine Stanze in jenem verwickelten Versmaaße zu dichten.“ Blondel ſaß zur Erde, und machte ſich mit den Sai⸗ ten feiner Harfe etwas zu thun, um ein unwillkuͤhrli⸗ ches Laͤcheln zu verbergen, das über ſein Antlitz ſchweb⸗ te; aber es entging Richarden nicht. „Bei meiner Treu', Du lachſt mich aus, Blondel“, ſagte er,„und wahrlich verdient es Jedermann, der den Meiſter ſpielen will, wo er der Sculer ſeyn ſollte; aber wir Könige nehmen leicht die ſchlimme Senohaieit an, eine große Meinung von uns zu haben. mm, gieb uns Dein Lied, thetterſter. Blondel, nach D Deinet eigenen Art und Weiſe; da wird's doch beſſer, als wenn wir Dir ſie vorſchreiben, wenn wir ſchon nothwendi⸗ gerwe ſe ſchwatz en m üͤſſen. 42 Blondel ergriff den Faden des Liedes von Neuem; aber da en gewoͤhnt war, aus dem Stegreifsu dichten, o fügt e er ſich willig dem Wunſche des Koͤ is: viel⸗ leicht nicht mißvergn uͤgt daruͤber, daß er zeigen k onnte, wie leicht es ihm war, ein Gedicht umzuarbeiten, ſelbſt waͤhrend dem er es vortrug. W. Seott's Werke. IX..— 7 . 98 Das blutige Nachtkleid. Zweiter Geſang. Der Morgen des Feſtes des Täufers fand Den einen geehrt, und den andern im Sand; Da glänzte die Lanze, zerſplittert' der Stab, Den Sieger lohnt Ruhm, den Beſiegten das Grab. Die Ritter, ſie kämpften gar tapfer und kühn, Es flimmern die Schwerdter, daß Funken ent prüh'n⸗ Doch keiner von allen ſo mächtiglich ſchlug, Als der, der zur Rüſtung ein Nachtkleid trug. Zwar traf und verwundet' ihn Lanze und Schwerdt, Doch mancher das Nachtkleid der Dame verehrt Sie ſprachen:„er hat ein Girübde gethan⸗ Kein Rittersmann greifet den Wehrloſen an.“ Der Fürſt, der beendigt das heiße Turnier, Und hemmet der Ritter Kampfesbegier, Und Jedermann ſagt's, und der Richter erklärt, Daß dem Ritter im Nachtkleid der Kampfpreiß gehört. Die Veſperglock' weckte der Gläubigen Sinn, Da tritt vor die Fürſtin ein Edelknecht hin, Er reicht ihr ein Kleid hin, von niedrigem Werth, Vom Schwerdte zerhauen, vom Speere zerſtört; Zerfetzt und zerriſſen, noch triefend von Blut Und vom Schaum der Pferde, das Zeichen von Muth; Beſchmutzt und befleckt, daß der Dame Hand Kein Fleckchen, das Kleid zu ergreifen, fand. „Das Kleid hier, es ſchicket Sir Thomas von Kenm Zurück Dir, Prinzeſſin vom Land Benevent; Wer Bäume erſteigt, hat ein Recht auf die Frucht⸗ Gewähr' mir den Kampfpreiß in Mitme und Zucht. nit Lebensgefahr trug den Preiß ich davon, Es ſey jetzt die Treue der Liebſten mein Lohn. In Tod und Gefahr führteſt Du mich hinein, So geſteh' jetzt die Lieb' mir auch öffentlich ein. Das Kleid, daz ich trug, bier haſt Du es nun; Doch bitt' ich Dich, Fürſtin, daſſelbe zu thun; 99 5 Geß', trag es! Der Schmutz beſchinpft nicht den Muth, Von Schande iſt's rein, wenn's auch roth iſt von Blut.“ Die Fürſtin erröthet— doch drückt ſie mit Luſt Das blutige Nuchtkleid an Lippen und Bruſt. „Geh', ſag' meinem Ritter, am heil'gen Altar Bring' ich für das Blutkleid den Kampfpreiß ihm dar.* Es kam jetzt die Stunde, da ruft man zum Mahl Den glänzenden Adel im gothiſchen Saal; In Purpur und Gold die Prinzeſſin voran, Doch über dem Gold hat das Nachtkleid ſie an. In der glänzenden Halle, bey'm Kerzenſchein, Da kniet ſie vor'm Vater, kredenzt ihm den Weinz Doch über dem Gold und dem Fürſtenornat Da trug ſie das blutige Nachtkleid zum Staat. Es flüſtern die Herren nach löblichem Brauch, Und die Damen erwiedern und blinzeln auch; Und der Fürſt, der voll Scham zur Erde geſchaut, Erhebt jetzt die Stimme verzweifelt und laut: „Dieweil Deine Thorheit und Schuld Du bekannt, Da Blut nun gefloſſen, ſo reich' ihm die Hand! Doch in's Elend wandert von Stadt Benevent, Weil Iyr Beide die Kindspflicht nicht achtet und kennt.n⸗ Und Thomas erhob ſich, denn ſtark blieb ſein Herz, Selbſt wenn auch den Körper durchzuckte der Schmerze „Wenn auch für die Tochter mein Blut ich vergoß, Wie der Wein aus der Flaſche, o reichlich es floß; Wenn darum Dein ZJorn Deine Tochter verſtößt, So ſind wir fürwahr nicht von Mitteln entblößt; Vergeſſen wird leicht ſie die Sradt Benevent, Wenn England ihr huldigt, als Gräfin von Kent.“ Ein beifaͤlliges Gemurmel durchlief die Verfamm⸗ lung, welche dem Beiſpiele Richards folgte, der ſei⸗ nen Lieblings⸗Minſrrel mit Lobpreiſungen uͤberhäufte und ihm zuletze einen Ring von bedeutendem Werthe anbot. Die Koͤnigin beeilte ſich, den Günſtling mit 7.. 100 einem reichen Armband zu beehren, und viele der an⸗ 3 weſenden Adlichen folgten dem koͤniglichen Beiſpiel. „Iſt unſere Nichte Editha“ ſagte der Koͤnig,„fuͤr die Toͤne der Harfe, welche ſie einſt ſo ſehr liebte, un⸗ empfindlich geworden?“ „Sie dankte dem Blondel fuͤr ſein Lied“ erwie⸗ derte Editha,„aber doppelt der Guͤte ihres Verwand⸗ ten, der den Anlaß dazu gab.“ „Du biſt boͤſe, Bichte“ ſagte der Koͤnig,„weil Du von einer Frau lobender haſt ſprechen hoͤren, als von dir ſelbſt. Aber Du entgehſt mir nicht; ich will Dich ein Stuͤck Wegs nach Hauſe begleiten, bis an das Zelt der Koͤnigin.— Wir muͤſſen noch eine Unterre⸗ dung zuſammen haben, ehe die Nacht ſich in den Mor⸗ gen verwandelt.“— Die Koͤnigin und ihr Gefolge brachen nun auf, und die uͤbrigen Gaͤſte zogen ſich aus dem koͤniglichen Zelte zuruͤck. Ein Fackelzug und eine Bedeckung von Bogenſchuͤtzen erwartete Berengaria vor dem Zelte, und bald war ſie auf dem Wege nach Hauſe. Richard ging, wie er verſprochen hatte, neben ſeiner Verwand⸗ ten, und bat ſie, ſeinen Arm zur Stuͤtze anzunehmen, damit ſie zuſammen ſprechen koͤnnten, ohne daß man es hoͤre.. „Welche Antwort ſoll ich dem edlen Sultan ge⸗ ben?“ ſagte Richard.„Die Koͤnige und Fuͤrſten fal⸗ len von mir ab, Editha— dieſer neue Streit hat ſie alle zumal gegen mich aufgebracht. Ich moͤchte Vertrags⸗ weiſe etwas für das heilige Grab thun, wenn es nicht mit dem Schwerdte geht; aber leider haͤngt das Gelin⸗ gen meiner Plaͤne von den Launen eines Weihes ab. Ich wollte lieber meinen Speer gegen zehen der beſten Lanzen in der ganzen Chriſtenheit einlegen, als mit einem eigenſinnigen Maͤdchen ſtreiten, die nicht weiß, was fuͤr ihr eigenes Beſtes iſt. Kurz, welche Antwort ſoll ich dem Sultan geben? Sie muß entſcheidend ſeyn.“ „Sage ihm“ erwiederte Editha,„daß die Aermſte der Plantagenets ſich lieber mit dem Elende, als mit dem Unglauben vermaͤhlen wird.“ 4 * 101 „Soll ich ſagen mit Sclaverei, Edithaz, er⸗ wiederte der Koͤnig,„ich glaube, dies liegt wohl Dei⸗ nen Gedanken naͤher?“ „Ihr habt keinen Grund“ ſagte Editha,„dieſen Verdacht zu hegen. Sclaverei des Koͤrpers kann be⸗ mitleidet, Sclaverei der Seele kann nur verachtet wer⸗ den. Schaͤme Dich, Koͤnig des froͤhlichen Englands! Du haſt Koͤrper und Geiſt eines Ritters in Feſſeln ge⸗ ſanaen, der einſt kaum weniger berühmt war, als Du e „Haͤtte ich meine Verwandte nicht verhindern ſol⸗ len, Gift zu trinken, indem ich das Gefaͤß beſudelte, das es enthielt, da ich kein anderes Mittel ſah, ſie zu verhindern, das toͤdtliche Getraͤnk zu genießen?“ er⸗ wiederte der Koͤnig. „Du ſelbſt biſt es,“ antwortete Editha,„der mich verleiten moͤchte, Gift zu trinken, weil es in gold'ner Schaale dargeboten wird.“ „Editha,“ ſagte Richard,„ich kann Dich nicht zwingen, aber hüte Dich, daß Du Dir das Thor des Himmels nicht zuſchlaͤgſt. Der Eremit von Engaddi, er, den Paͤbſte und Conſilien für einen Propheten ge⸗ halten haben, hat in den Sternen geleſen, daß Deine Heirath mich mit einem maͤchtigen Feinde verſoͤhnen, und daß dieſer, Dein Gatte, ein Chriſt ſeyn ſoll, was den ſchoͤnſten Grund zu hoffen giebt, daß die Bekeh⸗ rung des Sultans und die Zuruͤckkehr der Soͤhne Is⸗ maels unter den Hirtenſtab der Kirche, eine Folge Dei⸗ ner Heirath mit Saladin ſeyn wird. Komm, Du mußt lieber einige Opfer bringen, als ſolch eine gluͤck⸗ liche Ausſicht verfinſtern.“ „Ziegen und Widder kann man wohl opfern,“ ſagte Editha,„aber weder Ehre noch Gewiſſen. Ich habe gehort, daß es die Entehrung einer chriſtlichen Jung⸗ frau war, welche die Saracenen nach Spanien brachte. — Die Schande einer Anderen iſt keine paſſende Art, ſie aus Palacina zu vertreiben.“ „Nennſt Du es Schande⸗ eine Kaiſerin zu wer⸗ den?“ ſagte der Koͤntg. — 102 „Ich nenn' es Schande und Unehre, ein chriſtli⸗ ches Sacrament zu entweihen, indem ich es mit einem Unglaͤubigen eingehen ſollte, den es nicht binden kann; ich nenne es niedrige Unehre, daß ich, die Dochter ei⸗ ner chriſtlichen Fuͤrſtin, aus freiem Willen das Haupt eines Harems heidniſcher Concubinen werden ſollte.“ „Gut, Nichte,“ ſagte der Koͤnig nach einer Pauſe, „ich kann nicht mit Dir zanken, obſchon ich glaube, meine abhaͤngige Lage haͤtte Dir mehr Gefaͤlligkeit vor⸗ ſchreiben ſollen.“ „Mein gnaͤdigſter Herr,“ erwiederte Editha,„Ew. Majeſtaͤt hat wuͤrdig die Macht, die Würde und die Beſitzungen des Hauſes Plantagenet geerbt,— bringt alſo Eure arme Verwandte nicht um einen kleinen An⸗ theil an dem Stolze dieſer Familie.“ „Bei meiner Treus, Maͤdchen,“ ſagte der Koͤnig, „Du haſt mich mit dem einen Worte aus dem Sat⸗ tel gehoben; komm, gib mir einen Kuß, wir wollen Freunde ſeyn. Ich will augenblicklich einen Boten mit Deiner Antwort an den Saladin ſchicken. Aber hoͤre, waͤre es nicht beſſer, Deine Antwort aufzuſchieben, bis Du ihn geſehen haͤtteſt? Man ſagt, er waͤre außeror⸗ dentlich ſchoͤn.“ 1 „Ich ſehe keine Moͤglichkeit, ihn zu treffen, gnaͤ⸗ diger Herr,“ ſagte Editha. „Beim St. Georg, wir haben die Gewißheit in Haͤnden, daß es bald geſchehen kann,“ ſagte der Koͤ⸗ nig,„denn Saladin wird uns ohne Zweifel ein freies Feld gewaͤhren, um dieſen neuen Kampf um die Stan⸗ darte auszukaͤmpfen, und wir ſelbſt wollen Zuſchauer dabei ſeyn. Berengaria iſt ſehr begierig es ebenfalls zu ſehen, und ich darf wohl ſchwoͤren, daß Du nicht zuruͤckbleiben wirſt; Du am wenigſten, ſchoͤne Nichte. Aber komm, wir haben das Zelt erreicht, und muͤſſen uns trennen; jedoch nicht in Unfriede— nein, Du mußt es mit Deinen Lippen ſowohl, als mit Deiner Hand beſtegeln, liebe Editha. Ich habe als Lehensherr das Recht, meine ſchoͤne Vaſallin zu kuͤſſen.“ 7 103 Er umarmte ſie ehrfurchtsvoll und liebreich, und kehrte beim Mondſchein in ſein Zelt zuruͤck, indem er einzelne aufgefangene Strophen, deren er ſich von Blondels Geſang noch erinnern konnte, fuͤr ſich brumm⸗ te. Bei ſeiner Ankunft verlor er keine Zeit, die De⸗ peſchen fuͤr den Saladin zurecht zu machen, und ſie dem Nubier mit dem Auftrag zu uͤbergeben, beim An⸗ bruch des Tages zum Saladin zuruͤckzukehren. — Sechstes Kapitel. — Wir hörten den Tecbir,— ſo nennt der Araber Das Kampfgeſchrei, wenn er mit lauter Stimme Den Himmel bittet, Sieg zu ſenden. Belagerung von Damaſkus. Am andern Morgen ward Richard zu einer Con⸗ ferenz von Philipp von Frankreich eingeladen, in wel⸗ cher der letztere mit vielen Ausdruͤcken ſeiner hohen Achtung vor ſeinem Bruder von England ihm in ſehr hoͤflichen, aber deutkichen Ausdruͤcken ſeinen feſten Ent⸗ ſchluß mittheilte, nach Europa und nach feinem Koͤnig⸗ reiche zuruͤckzukehren; da er an dem ferneren gluͤckli⸗ chen Erfolg ihres Unternehmens bei ihren verringerten Streitkraͤften und inneren Zwiſtigkeiten gaͤnzlich ver⸗ zweifle. Richard machte Gegenvorſtellungen— aber umſonſt; daher empfing er, als die Berathung been⸗ digt war, ohne zu erſtaunen, ein Manifeſt des Erz⸗ herzogs von Oeſterreich und verſchiedener anderer Fuͤr⸗ ſten, die ihm daſſelbe in nicht ſehr gemaͤßigten Aus⸗ druͤcken anzeigten. Der Grund, warum ſtie die Sache des Kreuzes verließen, laͤge in dem ungezuͤgelten Ehr⸗ geize und in der willkührlichen Herrſchaft des Richards von England. Alle Höffnungen, den Krieg ferner mit einigen Ausſichten auf weitere gluͤckliche Fortſchritte fortzufuͤhren, waren nun dahin, und waͤhrend Richard 1⁰4 bitt're Thraͤnen uͤber ſeine getaͤuſchten Hoſſnungen auf Ruhm vergoß, gereichte ihm die Erinnerung nicht ſehr zum Troſte, daß das Mißlingen gewiſſermaßen dem Vortheil zugeſchrieben werden konnte, den er ſeinen Feinden, durch ſein eigenes heftiges und unvorſichti⸗ ges Betragen gegeben hatte. 4„Sie haͤtten es nicht gewagt, meinen Vater ſo zu verlaſſen,“ ſagte er zu de Vaux in der Bitterkeit ſeines Herzens.„Sie haͤtten keinen Makel an einem ſo weiſen Koͤnig, der Chriſtenheit glauben machen koͤnnen, waͤhrend ich Thor ihnen nicht allein einen Vorwand in die Haͤnde lieferte, mich zu verlaſſen, ſondern ſogar einen Anſchein, den ganzen Dadel des mißlungenen Unternehmens auf mein ungluͤckſeliges Temperament zu werfen.“ Dieſe Gedanken kraͤnkten den Koͤnig ſo bitter, daß de Vaux ſich herzlich freute, als die Ankunft ei⸗ nes Geſandten von Saladin ſeine Betrachtungen auf einen anderen Gegenſtand richtete. Dieſer neue Abgeſandte war ein, von dem Sul⸗ tan ſehr geachteter Emir, Namens Aldallah el Hadgi. Er leitete ſeine Abkunft von der Familie des Propheten und von dem Geſchlecht oder dem Stamme der Haſchem ab, und zum Beweiſe ſeiner hohen Geburt, trug er einen gruͤnen Turban von maͤchtiger Groͤße. Auch hatte er dreimal die Reiſe nach Mekka gemacht, woher ſein Beiname El Hadgi, oder der Pilger, kerkam. Unge⸗ achtet aller dieſer Anſpruͤche auf Heiligkeit war Abdal⸗ lohl(fuͤr einen Araber) ein luſtiger Gefaͤhrte, der die Freuden einer auten Safel zu ſchaͤtzen wußte, und ſo⸗ gar ſeinen Ernſt ſo ſehr ablegte, daß er willig eine Fla⸗ ſchei Wein leerte, wenn es im Geheim geſchehen konnte. Auch war er ein Staatsmann, deſſen Kaͤhigkeiten Saladin ſchon bei verſchiedenen Unterhandlungen mit chriſtlichen Fuͤrſten und beſonders mit Richard erprobt hatte, der den El Hadgi perſoͤnlich kannte und ſchaͤtzte.. Erfreut uͤber die willige Erlaubniß, mit welcher 1 „. 105 der Abgeordnete des Saladin ein freies Feld fuͤr das Gefecht, und Sicherung fuͤr alle diejenigen bewilligte, welehi es ſehen wollten, und ſeine eigene Perſon als rge fuͤr die Treue anbot; vergaß Richard bald ſeine gatduſchten Hoſſnungen, und die nahe Aufloͤſung des chriſtlichen Bundes bei den anziehenden Unterhandlun⸗ gen, welche ein Gefechte in den Schranken noͤthig macht. Die Oaſe, der Demant der Wuͤſte genannt, ward zu dem Ort beſtimmt, wo man ſich treffen ſollte, da ſie von dem chriſtlichen und ſaraceniſchen Lager gleich weit entfernt war. Man kam uͤberein, daß Conrad von Montſerrat der Vertheidiger, mit ſeinem Se⸗ kundanten, dem Erzherzog von Oeſterreich und dem Großmeiſter des Tempelherrn⸗ Ordens an dem zum Kampf beſtimmten Tag mit ungefaͤhr hundert bewaßfne⸗ ten Reiſigen und nicht mehr ſich einfinden ſollten; und daß Richard von England und ſein Bruder Salisbu⸗ ry, welche die Anklage aufrecht erhielten, mit derſel⸗ ben Anzahl erſcheinen ſollten, um ihren Kaͤmpen zu beſchützen. Daß ferner der Sultan eine Leibwache von fuͤnfhundert auserwaͤhlten Dienern mitbringen ſollte, die man damals gegen zweihundert chriſtlicher Lanzen fuͤr gleich hielt. Diejenigen Standesperſonen, die ein jeder Theil dazu einladen wollte, ſollten keine anderen Waffen, als ihre Schwerdter tragen und ohne Verthei⸗ digungswaffen erſcheinen. Der Sultan nahmes uͤber ſich, die Schranken ge⸗ hoͤrig zu ordnen, und fuͤr alle Bequemlichkeiten und Erfriſchungen für diejenigen zu ſorgen, die der Fejerlieh⸗ keit beiwohnen würden Dabei druͤckte ſein Brief mi vieler Höfli chkeit das 2 Vergnuͤgen aus, das er ſchon ſn Voraus genoͤſſe, friedle ch und perſönlich mit dem Me⸗ lec Ric zuſammen zu treffen, und ſeine aͤngſtliche Sorg⸗ falt, ſeinen Empfang ſo angenehm wie moͤglich zu machen. Da nun alle vorlaͤufigen Maaßregeln getroffen, und dem Vertheidiger und ſeinem Sekundanten mitge⸗ theilt worden waren, ward Abdallah El Hadgi zu ei⸗ 106 ner Privat⸗Audienz zugelaſſen, wo er mit Entzuͤrken die Toͤne der Harfe des Blondel belauſchte. Nachdem er zuerſt ſorgfaͤltig ſeinen gruͤnen Turban abgezogen, und eine griechiſche Muͤtze daſuͤr aufgeſetzt hatte, ver⸗ galt er die Muſik mit einem Trinklied aus dem Perſiſchen, und leerte eine tuͤchtige Flaſche Cypernwein, um zu zei⸗ gen, daß ſeine Praris ſeinen Grundſaͤtzen glich. Am andern Tage beugte er ernſt und nuͤchtern, wie der Waſſertrinker Mirglip ſeine Stirne vor dem Fuß⸗Sche⸗ mel des Saladin bis auf die Erde, und ſiatkete dem Sultan Berichte von ſeiner Geſandtſchaft ab. An dem Tage, der dem Kampfe vorherging, brachen Conrad und ſeine Freunde mit Tagesanbruch auf, um ſich auf den beſtimmten Platz hin zu begeben; auch Ri⸗ chard verließ das Lager zu derſelben Stunde, und in derelben Abſicht. Aber, wie übereingekommen, ſchlug er einen andern Weg ein, eine Vorſicht, die man für noͤthig erachtet hatte, um der Moͤglichkeit eines Strei⸗ tes zwiſchen ihrem bewaffneten Gefolge zuvor zu kommen. Der gute Koͤnig ſelbſt war gar nicht gelaunt, mit Jemanden Haͤndel anzufangen. Nichts haͤtte das Vergnuͤgen vergroͤzern koͤnnen, das er im Voraus ge⸗ noß, einem blutigen verzweifelten Kampf in den Schran⸗ ken zuzuſehen, außer wenn ſeine eigene koͤnigliche Per⸗ ſon ſelbſt haͤtte mitkaͤmpfen koͤnnen; ſo daß er ſich ſo⸗ gar mit dem Conrad von Montſerrat in feinem Her⸗ zen halb und halb wieder ausgeſoͤhnt hatte. Leicht bewaffnet, reich gekleidet, froͤhlich wie ein Braͤutigam am Vorabende ſeiner Hochzeit, galopirte Richard ne⸗ ben der Saͤnfte der Königin Berengaria her, zeigte ihr die verſchiedenen Landſchaften, durch welche ſie kamen, und erfreute mit Erzaͤhlung und Geſang das Herz der unfreundlichen Einöde. Der Weg, den die Köͤnigin früher auf ihrer Pilgerſchaft nach Engaddi eingeſchlagen hatte, lag auf der andern Seite der Bergkette, ſo daß den Damen der Anblick der Wuͤſte fremd war. Obgleich nun Berengarig die Stimmung ihres Gatten zu gut kannte, als daß ſie nicht tiefen Antheil an allem dem 107 zu nehmen ſchien, was er erzaͤhlte oder ſang, ſo konnte ſie doch eine weibliche Furcht nicht unterdrücken, als ſie ſich in dem Geheule der Einoͤde bei einer ſo kleinen Bedeckung ſah, welche faſt ein beweglicher Fleck an dem Buſen der Ebene ſchien. Dazu wußte ſte noch, daß ſie nicht weit vom Lager des Saladin entfernt waͤren, und jeden Augenblick von der alles uͤberfluͤgeln⸗ den leichtfuͤßigen Cavallerie des Feindes uͤberfallen und fortgefuͤhrt werden koͤnnten, wenn allenfalls der Heide treulos genug ſeyn ſollte, eine ſo reizende Gelegenheit zu benuͤtzen. Als ſie aber dieſen Verdacht dem Richard zu verſtehen gab, verwarf er ihn mit Mißfallen und Verachtung.„Es waͤre aͤrger, als Undankbarkeit“, ſagte er,„an der Treue des großmuͤthigen Sultans zu zweifeln.“ Doch ſtiegen⸗Zweifel und Furcht mehr als einmal nicht allein in dem aͤngſtlichen Gemuͤthe der Koͤnigin auf, ſondern auch in der feſteren, wohlwollenderen Seele der Editha Plantagenet, die kein ſolches Ver⸗ trauen in die Treue der Mosleminen ſetzte, um ſich in ihrer Gewalt ganz ſicher zu glauben. Aber ihr Erſtaunen wurde nicht geringer als ihr Schrecken, als die Wuͤſte umher ploͤtzlich mit dem Geſchrei„Allah Hu“, wiederhallte, und eine Bande arabiſcher Cavak⸗ lerie, wie Geier auf ihre Beute, bei ihnen vorbei⸗ jagte. Auch ward ihr Verdacht nicht verringert, als ſie, als der Abend herannahte, einen einzelnen arabi⸗ ſchen Reiter bemerkten, den ſein Turban und ſeine lange Lanze kenntlich machten, und der auf der Spitze eines kleinen Huͤgels, wie ein Falke in der Luft ſchweb⸗ te; aber ſobald er den koͤniglichen Zug herannahen ſah, mit der Schnelligkeit eines Vogels davon eilte, und ſich aus dem Geſichtskreiſe verlor.— „Wir müſſen dem Sammelplatz nahe ſeyn“, ſagte Roͤnig Richard;„jener Reiter dort ſcheint ein Vor⸗ poſten des Saladin,— es daͤucht mir, ich hoͤrte das Geraͤuſch der Wohriſchen Hoͤrner und Cimbeln. Stellt Euch in Ordnung meine Freunde, und ſchließt euch um die Saͤnkten der Damen feſt und ſoldatenmaͤßig.“ 108 Kaum hatte er es geſprochen, als jeder Ritter, Edelknecht und Bogenſchutze ſich ſchnell in die Linie begab, ſo daß ſie in gedraͤngter Schlachtordnung fort⸗ zogen, wodurch ihre Anzahl immer noch kleiner erſchien; und wirklich lag, wenn auch nicht Furcht, doch ſo⸗ wohl Angſt, als Neugierde in der Aufmerkſamkeit, mit welcher ſie auf den wilden Ausdruck der türkiſchen Muſik horchten, der immer deutlicher von dem Orte her ſchallte, wohin ſie den arabiſchen Reiter hatten ei⸗ len ſehen.. 3 De Vauyx fluͤſterte dem Koͤnige zu:„Waͤre es nicht wohl gethan, gnaͤdigſter Herr, einen Pagen auf jenen Sandhügel zu ſchicken? oder wollt Ihr, daß ich vorausreiten ſoll. Wenn ich nach all' dem Sang' und Klang' urtheilen ſoll, ſo muͤſſen, wenn nicht mehr als fünfhundert Mann jenſeits der Sandhugel ſich aufhalten, wenigſtens die Haͤlfte von dem Gefolge des Sultans Trommier und Cimbelſchlaͤger ſeyn. Soll ich voraus galopiren?“ Der Baron hatte ſchon ſeinem Pferde die Zuͤgel ſchießen laſſen, und wollte es gerade anſpornen, als der Koͤnig ausrief:„Ums Himmels willen, laß es blei⸗ ben. Dieſe Vorſicht wuͤrde einen Verdacht verrathen, und doch einen Ueberfall nicht verhindern koͤnnen, den ich uͤbrigens auch nicht fürchte.“ Sie gingen alſo demzufolge in geſchloſſener be⸗ ſter Ordnung vorwärts, bis ſie die niedrigen Sand⸗ huͤgel uͤberſtiegen hatten, und nun den feſtgeſetzten Sammelpylatz uͤberſehen konnten, wo ſie ein glaͤnzender, aber zugleich Furcht erregender Anblick erwartete.- Der Demant der Wuͤſte, der vor kurzem noch eine einſame Quelle, die ſich in der großen Einoͤde nur durch einige Palmbaͤume auszeichnete, war nun der Mittelpunkt einer Lagerſtaͤtte, deren geſtickte Fah⸗ nen und vergoldete Zierrathen auf weit und breit in's Auge ſielen, und deren tauſendfache reiche Farben ſich in der untergehenden Sonne wiederſpielten. Die Be⸗ deckung der großen Zelte war ſcharlach, hellgelb, him⸗ 8 109 melblau und von anderen in's Auge fallenden Farben; die Knoͤpfe der Pfeiler oder Zeltſtangen waren mit gol⸗ denen Granataͤpfeln zund kleinen ſilbernen Faͤhnchen geziert. Aber neben dieſen ausgezeichneten Zelten wa⸗ ren, wie Thomas de Vaux bemerkte, eine unendliche Anzahl gewoͤhnlicher ſchwarzer grabiſcher Zelte aufge⸗ ſchlagen, welche, wie er ungefaͤhr fuͤr ſich berechnete, eine Armee von fuͤnftauſend Mann beherbergen konn⸗ ten. Eine Anzahl Araber und Curten, die voͤllig mit den Zelten der Lagerſtaͤtte uͤbereinſti n mten, Perſaunſeſ⸗ ten ſich eilig, ein jeder das Pferd am Zügel. Die Muſterung war von einem bebeutenden Laͤrm ihrer Kriegs⸗Inſtrumente begleitet, welche zu allen Zeiten den Heereszügen der Araber ein reges Leben gaben. Bald fanden ſte eine große, verwirrte Menge von Reitern vor dem Lager, die mit einem gellenden Ge⸗ ſchrei, das das Toben der Muſik noch uͤbertaͤubte, ſich ſogleich in den Sattel warfen. Eine Staubwolke, die bei dieſem Manoͤore aufſtieg, entzog den Blicken Richards und ſeiner Gefahrten das Lager, die Palmbaͤume und die fernen Bergreihen ſowohl, als die Truppen, deren ploͤtzliche Bewegung die Staub⸗ wolke verurſacht hatte. Wieder ein gellendes Geſchrei ward von den ſtaubigten Huͤtten her gehoͤrt Es war das Signal fuͤr die Cavallerie, ſich zu naͤhern, was ſie in vollem Galopp that, indem ſie ſich zu gleicher Zeit ſo vertheilten, daß ſie der kleinen Leibwache Richards in die Fronte, die Flanken und in Ruͤcken fielen; ſo daß dieſe umzingelt, und von der dichten Staubwolke faſt erſtickt wurde, durch welche man bie und da einmal die verzerrten Formen und die wil⸗ den Geſichter der Sararenen ſehen konnte, die ihre Lanzen nach jeder Richtung hin ſchwenkten, wobei ſie ein wildes Geſchrei und Halloh erhoben, und oft ihre Pferde erſt dann umwandten, wenn ſie auf Lanzen⸗ weite von den Chriſten kamen. Die im Ruͤcken ſchoſ⸗ ſen unterdeſſen dicke Wolken von Pfeilen uͤber beide Partheyen hin. Einer dieſer Pfeile traf die Saͤnfte 110 der Koͤnigin, welche laut aufſchrie; im Augenblicke ward Richard roth bis auf die Stirne. „Ha, Saint Georg“, rief er aus, wir muͤſſen doch Maaßregeln gegen dieſen unglaubigen Haufen ergreifen!“ Aber Editha, deren Saͤnfte nahe dabei war, beugte ſich heraus, hielt in der einen Hand den Griff eines Pfeils und rief aus;„Koͤniglicher Richard, ſieh doch zu, was Du thuſt! bemerkſt Du denn nicht, daß dieſe Pfeile keine Spitzen haben!“ „Edles, geiſtreiches Maͤdchen!“ rief Richard aus; „beim Himmel, Du beſchaͤmſt uns alle mit der Schnel⸗ ligkeit Deines Geiſtes und Deines Auges. Laßt's Euch nicht kümmern, meine Freunde“, rief er ſeinem Gefolge zu,„ihre Pfeile haben keine Widerhaken und auch ihren Speeren fehlt die Stahlſpitze. Es iſt bloß ein wilder Empfang nach ihrem rohen Brau⸗ che, obſchon ſie ſich ohne Zweifel freuen wuͤrden, uns ernſtlich angreifen zu koͤnnen⸗ Vorwaͤrts, langſam und ruhig.“ 5 Der kleine Phalanx bewegte ſich alſo langſam vor⸗ waͤrts, von allen Seiten von den Arabern begleitet, die ein gellendes durchdringendes Geſchrei ausſtießen. Unterdeſſen zeigten die Bogenſchützen ihre Geſchicklich⸗ keit, indem ſie ſo nahe als moͤglich bei den Chriſten vorbei ſchoſſen, ohne ſie zu treffen; die Lanzenreiter dagegen gaben ſich ſolche tuͤchtige Schlaͤge mit ihren langen Waffen, daß mehr als einer aus dem Sattel ſiel, und bei der wilden Jagd faſt das Leben verlor. Obſchon nun das alles ein herzliches Willkommen be⸗ deuten ſollte, ſo ſchien es doch den Europaͤern ſehr zweideutig. Als ſie ſich dem Lager auf halbem Wege genaͤ⸗ hert hatten, ertoͤnte abermals ein gellendes Geſchrei, und alſobald bildeten die wild umherſtreifenden Ara⸗ ber eine lange, unuͤberſehbare Reihe, die langſam und ſchweigend den Truppen Nichards nachzvg. Nun zer⸗ theilte ſich der Staub, und bald zeigte ſich ein Hau⸗ 111 fen Streiter von anderer regelmaͤßigerer Art, der voll⸗ kommen bewaffnet war, und dem ſtolzeſten der orien⸗ taliſchen Monarchen wohl haͤtte zur Leibwache dienen koͤnnen. Ein jedes Pferd bei dieſer Truppe, die aus fünthundert Mann beſtand, war das Loͤſegeld eines Grafen werth. Die Reiter felbſt waren georgiſche und Cerafiſche Sclaven, in der erſten Bluͤthe ihrer Ju⸗ gend; Helme und Schilde von polirtem Stahl, ſo glaͤnzend, daß ſie von Silber zu ſeyn ſchienen; die Roͤcke von den lebhafteſten Farben, manche ſogar von Gold⸗ und Silberſtoff; die Guͤrtel waren mit Seide und Gold umwunden, die reichen Turbane mit Federn und Juwelen geziert; Schwerdter und Dolche von Damascener Stahl waren am Griff und an der Scheide mit Gold und Edelſteinen geziert. Dieſe glaͤnzenden Truppen nahten ſich bei dem Kiangs. militaͤriſcher Muſik, und als ſie den chriſt⸗ lichen Heerhaufen begegneten, oͤffneten ſie ihre Reihen rechts und links, und ließen ſie durchziehen. Nun nahm Richard die vorderſte Stelle bei ſeinen Truppen ein, da er ſich dachte, daß nun Saladin ſelbſt erſchei⸗ nen wuͤrde. Auch dauerte es nicht lange, als in der Mitte ſeiner Leibwache und umgeben von jenen widri⸗ gen Negern, welche im Orient die Waͤchter der Ha⸗ rems ſind, und deren uͤbel gebaute Geſtalt durch den Neichthum ihres Anzugs noch midriger gemacht wur⸗ de, der Sultan erſchien, mit dem Blicke und der Art und? Meiſeins Mannes⸗ auf deſſen Stirne die Natur geſchrieben hat:„Das iſt ein Koͤnig“. In ſeinem ſchneeweißen Turban, ſeinem Oberkleide und ſeinen weiten morgenlaͤndiſchen Beinkleidern, mit ei⸗ nem Gürtel von ſcharlachrother Seide ohne weitern Schmuck, ſchien Saladin am einfachſten von ſeiner Wache gekleidet zu ſeyn. Aber bei genauerer Betrach⸗ tung bemerkte man in ſeinem TDurban jenen unſchaͤtz⸗ baren Edelſtein, welchen die Dichter das Meer des Lichtes nannten; der Diamant, auf welchem ſein Wap⸗ pen eingegraben war, und den er in einem Ringe trug, 11² hatte wahrſcheinlich einen groͤßern Werth, als alle Edelſteine der engliſchen Krone, und ein Saphir, der ihm zum Degenknopf diente, war von nicht geringerem Werthe. Ferner muß man hinzufuͤgen, daß, um ſich vor dem Dunſt zu ſchuͤtzen, welcher in der Naͤhe des todten Meeres der feinſten Aſche gleicht, oder vielleicht aus orientaliſchem Stolze, der Sultan einen Schleier trug, der an ſeinem Turban befeſtigt, den Anblick ſei⸗ ner edlen Zuͤge ein wenig verfinſterte; er ritt einen milchweißen Araber, der ihn trug, als waͤre er ſich ſeiner edlen Laſt bewußt, und ſtolz darauf. Es bedurfte keiner ferneren Einleitung; die zwei heldenmüthigen Monarchen, denn beide waren es wirk⸗ lich, ſprangen zu gleicher Zeit vom Pferde, die Trup⸗ pen machten halt, die Muſik verſtummte ploͤtzlich. Sie naͤherten ſich einander mit tiefer Stille, und nach einer hoͤflichen Verbeugung von beiden Seiten umarmten ſie ſich wie Bruͤder und Freunde. Kun zog die Pracht und der Aufwand nicht ferner mehr von beiden Seiten die Aufmerkfamkeit auf ſich, jedermann ſah nur Richard und Saladin, und beide ſchienen auch nur ſich gegenſeitig zu betrachten. Doch lag in den Blicken, mit welchen Nichard den Saladin beſchaute, mehr wirkliche Neu⸗ gierde, ats in denen, welche der Sultan auf ihn rich⸗ tete; auch brach der Sultan zuerſt das Stillſchweigen. „Willkommen iſt der Melec Ric dem Saladin, wie Waſſer dieſer Wuͤſte. Ich hoffe, er hegt kein Miß⸗ trauen uͤber dieſes zahlreiche Gefolge. Dte bewaffneten Sclaven meines Hofſtaats ausgenommen, ſind die, welche Dich mit bewundernden und bewillkommenden Augen betrachten, bis auf die Niedrigſten herab, die bevorrechteten Adelichen meiner tauſend Staͤmme; denn wer, der ein Recht haͤtte, gegenwaͤrtig zu ſeyn, wuͤrde zu Hauſe bleiben, wenn er einen Fuͤrſten ſehen kann, wie Richard, mit der Fuͤrcht vor deſſen Namen bis in den Sandwuüſten von Yemen die Ammen ihre Saͤug⸗ linge beſchwichtigen, und der freie Araber ſein ſtaͤttiges Pferd zum Laufe bewegt.“ 113 „Und ſind dieß lauter Adeliche Arabiens?“ ſagte Richard, indem er auf die wilden Geſtalten ſchauete, welche ihn umgaben; mit Zuͤgen ſchwarz gebrannt von der Sonne, mit Zaͤhnen ſo weiß wie Elfenbein, mit ſchwarzen Augen, welche mit ſtolzem, kuͤhnem Feuer unter dem Turban hervorglaͤnzten, und im All⸗ gemeinen einfach, ſelbſt niedrig gekleidet. „Sie machen alle Anſpruch auf dieſen Rang“, ſagte Saladin; aber wenn ſchon ihrer viele ſind, ſo ſind ſie doch in den Bedingungen des Traktates eingeſchloſ⸗ ſen, und tragen keine anderen Waffen, als den Saͤbel — ſelbſt das Eiſen ihrer Lanzen wurde zuruͤckgelaſſen.“ „Ich fuͤrchte“, fluͤſterte de Vaux auf engliſch,„ſie haben ſie liegen laſſen, wo ſie leicht wieder zu finden ſind.— Eine glaͤnzende Pairskammer, das muß ich geſtehen— doch duͤrfte Weſtminſter⸗Hall etwas zu eng für ſie ſeyn.“ „Still, de Vaux“, ſagte Richard,„ich befehle Dir es;“„Edler Saladin“, ſagte er,„Verdacht und Du koͤnnen nicht zuſammen auf einem Boden wohnen. Siehſt Du“, fuͤgte er hinzu, indem er auf die Saͤnften zeigte,„auch ich habe vielleicht gegen den Friedens⸗ bund einige Kaͤmpfer mitgebracht, die ſchwer bewaffnet ſind, denn ein ſchoͤnes Auge und ein ſ oͤnes Geſicht ſind Waffen, die man nicht wohl zuruͤck laſſen kann.“ Der Sultan wendete ſich gegen die Saͤnfte, machte eine ſo tiefe Verbeugung, als ſchaue er gen Mekka, und kuͤßte den Sand, zum Zeichen ſeiner Ehrfurcht⸗ „Nicht doch“, ſagte Richard,„ſie werden auch ein naͤheres Zuſammentreffen nicht fuͤrchten, mein Bruder; wenn Du zu den Saͤnften hinreiten willſt, ſo werden die Vorhaͤnge ſogleich zurückgezogen werden.“ „Das moͤge Allah verhuͤten“, ſagte Saladin,„da kein Araber es zuſehen wuͤrde, der nicht die edlen Ba⸗ men für beſchimpft hielte, welche man mit unverſchleler⸗ tem Geſichte angeſehen haͤtte.“ „Du ſollſt ſte alſo in Geheim ſehen, Bruder“, er⸗ wiederte Richard. W. Scott's Werke I1. 8 114 „Wozu das“, antwortete Saladin traurig,„Dein letzter Brief war fuͤr die Hoffnungen, die ich hegte, wie das Waſſer fuͤr das Feuer; warum ſollte ich alſo eine Flamme wieder anzünden, die mich wohl verzeh⸗ ren, aber nicht erfreuen kann?— Will mein Bruder nit in das Zelt eintreten, das ſein Diener fuͤr ihn bereitet hat? Mein erſter Negerſclave hat den Befehl erhalten, die Fuͤrſtinnen zu empfangen— Die hoͤchſten Beamten meines Hofſtaats werden Deine Diener be⸗ gleiten, und wir ſelbſt wollen der Kaͤmmerer des koͤ⸗ niglicen Richards ſeyn.“ „Er fuͤhrte ihn alſo in ein glaͤnzendes Zelt, wo alles bereit ſtand, was ein koͤniglicher Luxus nur erden⸗ ken Lonnte. De Vaux, welwer den Dienſt hatte, nahm dem Koͤnige die Capa oder den langen Reitermantel ab, den dieſer trug, ſo daß Richard vor dem Saladin in dem engen Kleide da ſtand, wel hes vortheilhaft die Muskelnkraft und das Sbenmaaß ſeiner Perſon zeigte, waͤhrend ſie auf der andern Seite ſtark mit dem flie⸗ genden Kleide abſtach, welches die duͤnne Perſon des vrientaliſ en Monarchen umgab. Vorzuͤglich zog Ri⸗ chards zweihaͤndiges Schwerdt die Aufmerkſamkeit des Saracenen auf ſiy; es war eine breite, ſchwere Klin⸗ ge, deren anſcheinend unmaͤßige Laͤnge faſt von den Shultern bis zu den Ferſen deſſen, der ſie trug, herab⸗ reichte. 7 „Haͤtte ich nicht“, ſagte Saladin,„dieſen euern Fackelbrand flammen ſehen, an der Spitze der Schlacht, gleich dem des Azrael, ſo haͤtte ich kaum geglaubt, daß ein menſchliher Arm ihn fuͤhren koͤnnte. Duͤrfte ich wohl den Melec Rie bitten, nun einmal damit ei⸗ nen Streich im Frieden zu fuͤhren, zum bloßen Be⸗ weis ſeiner Staͤrke?“ „Sehr gerne, edler Saladin“, antwortete Richard; und als er um ſih ſhaute, um etwas zu ſinden, wo⸗ ran er ſeine Kraft erproben konnte, ſah er eine eiſerne Keule, welche einer der Diener trug, und deren Griff von demſelben Metall ungefaͤhr 1 /2 Zoll dick war.— Dieſen ſtellte er auf einen Holzblock. 115 De Vaupx's Aengſtlichkeit verleitete ihn, dem Ri⸗ chard auf engliſch zuzufluͤſtern—„Um der hochgebene⸗ deiten Jungfrau willen, bedenkt doh, was Ihr da be⸗ ginnt, mein gnaͤdigſter Herr! Ihr habt noch Eure volle Kraft niert wieder— gebt doch dem Unglaͤubigen keinen Triumpf uͤber Euch.“ „Still doch!“ ſagte Richard, der feſt auf ſeinem Boden ſtand, und kuͤhn umherſchaute,„glaubſt Du, in ſeiner Gegenwart koͤnnte es mir fehlen?“ Das glaͤnzende, breite Schwerdt, gefuͤhrt mit beiden Haͤn⸗ den, erhob ſich zur linken Schulter des Koͤnigs, be⸗ ſchrieb einen Kreis um ſeinen Kopf, fuhr mit ſchreck⸗ lichem Sauſen herab, und die eiſerne Stange rollte in zwei Stücken zu Boden, wie ein Foͤrſter einen Sproͤß⸗ ling mit einer Waldaxt theilt. „Beim Haupte des Propheten, ein hoͤchſt wunder⸗ barer Hieb!“ rief der Sultan, na hdem er puͤnktlich und ſorgfaͤltig den eiſernen Block unterſucht hatte, welcher zerſchnitten worden war; auch war die Klinge des Schwerdtes ſo gut gearbeitet, daß ſie von der That, die ſie veruͤbt hatte, nicht das geringſte Zeichen trug. Dann nahm er des Koͤnigs Hand, betra htete die Groͤße und Muskelkraft, welche ſich daran zeigte, und la hte, als er die ſeinige daneben legte, da ſie ſo ſchmal und duͤnn, und ſo viel ſchmaͤchtiger in Mus⸗ keln und Sehnen war. „ Ja, ja betrachte ſie nur recht“, ſagte de Vaux auf engliſch,„es wird lang waͤhren, bis Deine lan⸗ gen Afſenfinger ſolch' eine That mit Deinem fein ver⸗ goldeten Flederwiſch da thun koͤnnen.“ „Still, de Vaux“, ſagte. Richard,„bei unſren lieben Frauen, er verſteht und errathet Deine Mei⸗ nung— ſey doch nicht ſo vorlaut, ich bitte Dich.“ Wirklich ſagte der Sultan im Augenblicke—„Et⸗ was moͤcht' ich wohl auch verſuchen, aber— wofür ſollte der Schwache ſeine geringere Kraft in Gegen⸗ wart des Starken zeigen? Doch hat ein jedes Land ſeine eigenen Kunſtfertigkeiten, und dieſe mag vielleicht 3 . 4 116 dem Melec Nic neu ſeyn.“— Indem er das ſagte, nahm er ein ſeidenes, mit Eiderdonen gefuͤlltes Kiſſen vom Boden, und ſtellte es auf der einen Seite in die Hoͤhe,—„Kann Dein Schwerdt dieſes Kiſſen zer⸗ theilen?“ ſagte er zu Koͤnig Richard. „Nein, gewiß nicht“, erwiederte der Koͤnig,„kein Schwerdt auf Erden, waͤre es ſelbſt der Excalibar des Koͤnigs Arthur, kann das zerſchneiden, was kei⸗ nen Widerſtand leiſtet.“ „So merk' alſo auf“, ſagte Saladin; ſtreifte die Aermel ſeines Kleides in die Hoͤhe, und zeigte ſeinen zwar langen und magern Arm, den aber eine beſtaͤn⸗ dige Uebung in eine Knochen⸗Sehnen⸗ und Muskeln⸗ Maſſe verhaͤrtet hatte. Er zog ſein Schwerdt, eine gebogene ſchmale Klinge, die zwar nicht duͤnn war, nicht wie die Schwerdter der Franken glaͤnzte, ſon⸗ dern im Gegentheil von dunkelblauer Farbe war, be⸗ zeichnet mit Millionen von geſchlaͤngelten Linien, wel⸗ che zeigten, wie ſorgfaͤltig das Metall von dem Waf⸗ fenſchmied behandelt worden war. Indem er nun ſeine Waſſe, welche ſo unanſehnlich erſchien, wenn man ſie mit der des Richard verglich, ſchwang, ſtellte ſich der Sultan ſo, daß das ganze Gewicht ſeines Koͤr⸗ pers auf dem linken Fuße ruhte, der ein wenig vorſtand; er balancirte ſich, als wollte er das Ziel ins Auge faſſen, trat dann ploͤtzlich vor, zog das Schwerdt durch das Kiſſen, wobei er die Schneide ſo gewandt, und mit ſo anſcheinend geringer Anſtren⸗ gung, anwendete, daß das Kiſſen mehr auseinander zu fallen, als mit Gewalt getrennt zu feyn ſchien. „Es iſt ein Taſchenſpielerſtreich“, ſagte de Vaux, indem er vorfprang, und die Cheile des Kiſſens, das zerſchnitten worden war, aufhob, um ſich von der Wirklichkeit der That zu uͤberzeugen,—„es muß eine Taͤuſchung vorgehen.“ Der Sultan ſchien ihn zu verſtehen, denn er nahm den Schleier, den er bis⸗ her getragen hatte herunter, legte ihn doppelt auf die Schneide ſeines Saͤbels, ſtreckte dann das Schwerdt 4 ½ 117 aus, und indem er es ploͤtzlich durch den Schleier zog, obwohl dieſer ganz los auf der Klinge lag, theilte er ihn ebenfalls in zwei Theile, welche nach verſchiedenen Sei⸗ ten des Zeltes hinflogen, und ſowohl die Vorzuglichkeit und die Schaͤrfe der Waffe, als die außerordentliche Ge⸗ wandtheit deſſen bezeugte, der ſie fuͤhrte. „Nun, auf mein Wort, mein Bruder,“ ſagte Ri⸗ chard,„Du biſt unvergleichlich in der Handhabung des Schwerdtes, und recht gefahrlich waͤre es, Dir zu be⸗ gegnen! Doch hab' ich immer noch einiges Vertrauen auf einen tüͤchtigen engliſchen Hieb, und was wir nicht mit Gewandtheit ausfaͤhren koͤnnen, das fähren wir mit Stärke aus. Doch biſt Du in Wahrheit eben ſo gewandt, Wunden zu ſchlagen, als mein weiſer Hakem, ſie zu hei⸗ len. Ich hoffe, ich werde den gelehrten Mann noch ſe⸗ hen— ich bin ihm zu viel Dank ſchuldig, und habe einige kleine Geſchenke fuͤr ihn mitgebracht.“ Als er das ſprach, verwechſelte der Sultan ſeinen Turban mit einer Tartaren⸗Muͤtze. Er hatte es kaum gethan, als de Vaux auf einmal ſein breites Maul und ſeine großen runden Augen öffnete, und Richard mit nicht geringerer Verwunderung hinſchaute, waͤhrend der Sultan mit ernſter veranderter Stimme ſprach:„Der Kranke, ſagt der Dichter, kennt den Arzt an ſeinem Tritt; aber wenn er geneſen iſt, ſo kennt er ſelbſt ſein Geſicht nicht mehr, wenn er ihn anſieht.” „Ein Wunder! Ein Wunder!“ rief Richard aus, „von Mahomed ohne Zweifel!“ ſagte Thomas de Vaux. „Daß ich meinen gelehrten Hakem verlieren ſollte,“ ſagte Richard,„bloß weil ihm Mutze und Rock fehlte, um ihn in meinem koniglichen Bruder Saladin wieder zu finden!“ „So iſt der Gang der Welt,“ antwortete der Sul⸗ tan;„das beſchmuzte Kleid macht nicht immer den Derwiſch aus.“ „Und es war durch Deine Vermittlung,“ ſagte Ri⸗ chard,„daß jener Rirter vom Leoparden vom Tod er⸗ rettet ward— und auch Dein Kunzgriff, daß er ver⸗ kleidet mein Lager wieder beſuchte?“ ———— 2 2 2.— —, 118 „So iſt es,“ erwiederte Saladin;„ich war Arz: genug, zu wiſſen, daß, wenn die Wunde ſeiner bluten⸗ den Ehre nicht geheilt wuͤrde, ſeiner Lebenstage nur wenig mehr waͤren. Seine Verkleidung ward leichter erkannt, als ich es nach dem Erfolg der meinigen er⸗ wartet hatte.“ „Ein Zufall“— ſagte Koͤnig Richard(womit er wahrſcheinlich den Umſtand meinte, daß er ſeine Lip⸗ pen an die Wunde des ſeyn ſollenden Nubiers gelegt hatte),„ließ mich zuerſt erfahren, daß ſeine Haut kuͤnſtlich gefaäͤrbt war; und da ich einmal das wußte, ſo war die Entdeckung nicht ſchwer, denn ſeine Geſtalt und ſeine Perſon vergißt man nicht leicht. Ich erwarte zutrauensvoll, daß er worgen kaͤmpfen wird.“ „Weiß er nun,“ ſagte König Richard,„wem er ſeinen Dank ſchuldig iſt?“ „Er weiß es,“ erwiederte der Saracene.—„Ich war gen thigt, mich zu erkennen zu geben, als ich ihm meine Abſicht enthuͤllte.“ „Hat er Euch ſonſt noch etwas geſtanden?“ ſagte der Koͤnig von England. „Deutlich nichts,“ erwiederte der Sultan;„aber nach dem zu urtheilen, was zwiſchen uns vorging, ſo glaube ich, iſt ſeine Liebe zu hoch geſtellt, als daß ſie in ihrem Erfolg glucklich ſeyn konnte.“ „Und wußteſt Du, daß ſeine kuͤhne unverſchaͤmte Leidenſchaft ſich mit Deinen eigenen Wuͤnſchen kreuz⸗ te?“ ſagte Richard. „ Ich konnte wohl ſo etwas vermuthen,“ ſagte Sa⸗ ladin—„aber ſeine Leidenſchaft beſtand, ehe ich noch dieſe Wuͤnſche hegte— und ich muß hinzufuͤgen, ſie wird ſie wahrſcheinlich auch uͤberleben. Ich kann mich rechtmaͤßig nicht an dem raͤchen, der an dem Fehlſchla⸗ gen meiner Bitte nicht Schuld iſt. Oder wenn dieſe hochadeliche Dame ihn mehr liebt als mich, wie kann ich fagen, daß ſie einem Ritter keine Gerechtigkeit er⸗ zeigt, der voll edler Geſinnungen iſt?“— „Aber aus zu niedrigem Geſchlechte, um ſich mit 119 dem Blute der Plantagenets zu vermiſchen,“ ſagte Ri⸗ chard ſtolz. ¹ „Das moͤgen Eure Grundſätze in Frangiſtan ſeyn,“ erwiederte der Sultan.„Unſere Dichter des Morgen⸗ landes ſagen, ein tapferer Cameeltreiber iſt wuͤrdig, die Lippen einer ſchoͤnen Koͤnigin zu kuͤſſen, waͤhrend ein feiger Prinz nicht wuͤrdig iſt, den Saum ihres Kleides zu gruͤßen. Aber mit Eurer Erlaubniß, mein edler Bru⸗ der, ich muß fuͤr jetzt Abſchied nehmen, um den Herzog von Oeſterreich und jenen Nazarener⸗Ritter zu empfan⸗ gen, die freilich meiner Gaſtfreundſchaft viel w niger werth ſind, die aber doch ſtandesgemaß behandelt wer⸗ den muͤſſen, nicht ihretwegen, ſondern um meiner eige⸗ nen Ehre willen.— Denn was ſagt der weiſe Lockman?“ „Sage nicht, daß die Speiſe für Dich verloren iſt, die Du dem Fremden gibſt— denn wenn ſein Kuͤrper dadurch geſtärkt und fett gemacht wird, ſo wird Deine eigene Ehre und Dein guter Name nicht minder dadurch verehrt und bluͤhend gemacht.“ Der Saracenenfäͤrſt verließ Koͤnig Richards Zelt, nachdem er ihm mehr mit Zeichen, als mit Worten den Ort angezeigt hatte, wo das Zelt fuͤr die Koͤni⸗ gin und ihr Gefolg aufgeſchlagen war, ging er nun, den Marquis von Montſerrat und ſein Gefolge zu em⸗ pfangen, fur deren Bequemlichkeit der prachtliebende Sultan mit minder gutem Willen, aber mit gleichem Glanz geſorgt hatte. Alle moglichen Erfriſchungen, nach orientaliſcher und europaiſcher Weiſe, wurden den koͤ⸗ niglichen und fuͤrſtlichen Gaͤſten des Saladin, jedem in ſeinem beſonderen Zelte vorgeſetzt; und ſo aufmerkſam war der Sultan auf den Gebrauch und den Geſchmack ſeiner Gaͤſte, daß er fuͤr griechiſche Sclaven geſorgt hatte, welche das Getraͤnk anboten, welches der Secte des Mahomed ein Graͤuel iſt. Ehe noch Richard ſein Mahl geendigt hatte, trat der alte Omrah herein, der⸗ ſelbe, der den Brief des Sultans in das chriſtliche La⸗ ger gebracht halle, und brachte die Vorſchrift fuͤr die 120 Ceremonien, welche bei dem morgenden Gefechte beob⸗ achtet werden ſollten. Richard, der den Geſchmack ſei⸗ nes alten Freundes kannte, lud ihn ein, eine Flaſche Chier⸗Wein mit ihm zu leeren; aber Abdallah gab ihm mit ſorgſamen Blicken zu verſtehen, daß unter den ge⸗ genwaͤrtigen Umſtaͤnden die Selbſtenthaltſamkeit eine Sache ſey, wobei ſein Leben im Spiel waͤre; denn ob⸗ ſchon Saladin in vieler Hinſicht ſehr duldſam war, ſo hiel und handhabte er doch ſtreng die Geſetze des Pro⸗ pheten. „Nun dann,“ ſagte Richard,„wenn er den Wein nicht liebt, den Erfreuer des menſchlichen Herzens, dann iſt ſeine Bekehrung nicht zu hoffen, und die Prophezei⸗ hung des tollen Prieſters von Engaddi verfliegt wie Spreu im Wind.“ Dann berathete ſich der Koͤnig mit ihm, um die Kampfregeln feſtzuſetzen; was bedeutend viel Zeit erfor⸗ derte, da es bei manchen Punkten noͤthig waͤr, ſowohl die andere Partei als den Sultan zu befragen. Endlich kam man daruͤber uͤberein, und ſetzte ſie in einem Protocoll in franzoͤſtſcher und arabiſcher Spra⸗ che feſt, das vom Saladin als Kampfrichter, und von Richard und Leopold als Buͤrge fuͤr die beiden Kaͤmpfer unterſchrieben ward. Als Omrah ſich endlich Abends ben dem Koͤnig Richard verabſchiedete, trat de Vaux erein. 1 „Der gute Ritter,“ ſagte er,„welcher morgen kämpfen ſoll, wuͤnſcht zu wiſſen, ob er die Erlaubniß habe, heute Nacht ſeinem koͤniglichen Sekundanten ſeine Aufwartung zu machen?“ „Haſt Du ihn geſehn, de Vaux?“ ſagte der Koͤ⸗ nig laͤchelnd;„und erkannteſt Du einen alten Freund?“ „Bei unſerer lieben Frau von Lanercoſt,“ antwor⸗ tete de Vaux;„es gibt ſo viele Ueberraſchungen und Verwechſelungen in dieſem Lande, daß mir mein armer Verſtand ſchwindelt. Kaum erkannte ich den Sir Ken⸗ neth von Schottland wieder, bis ſein guter Hund, wel⸗ cher eine Zeitlang meiner Sorgfalt anvertraut war, zu 121 mir kam und mich leckte; und ſelbſt da erkannte ich den treuen Yorkshire⸗Hund erſt an der Woͤlbung ſeiner Bruſt, an der Rundung ſeiner Fuͤße und ſeiner Art zu bellen; denn der arme Kerl war bemahlt wie ein Vene⸗ tianiſches Freudenmaͤdchen.“ „Du verſtehſt Dich beſer auf Thiere als auf Men⸗ ſchen, de Vaux,“ ſagte der Koͤnig. „Ich will's nicht leugnen,“ ſagte de Vaux,„ daß ich ſchon oft gefunden habe, daß ſie ehrlichere Thiere ſind. Auch beliebt es Ew. Majeſtaͤt, mich ſelbſt manch⸗ mal ein Thier zu heißen. Uebrigens diene ich ja dem Loͤwen, den jedermann fuͤr den Koͤnig der Thiere er⸗ kennt.“ „Wahrhaftig, da brichſt Du Deine Lanze ganz rit⸗ terlich gegen unſere Stirn,“ ſagte der Konig.„Ich hab's ja immer geſagt, Du haͤtteſt doch eine gewiſſe Art von Witz, de Vaux; das Schlimmſte iſt nur, daß man mit einem Schmiedehammer darauf ſchlagen muß, bis daß er ſprüht. Aber, um von unſerer Sache zu ſpre⸗ chen— iſt der gute Ritter gehoͤrig bewaffnet und equi⸗ irt?. „Vollkommen, geſtrenger Herr, und prachtvoll,“ antwortete de Vaux;„ich kenne die Ruͤſtung recht wohl— es iſt dieſelbe, welche der Venetianiſche Com⸗ miſſaͤr Ew. Hoheit fuͤr fuͤnfhundert Byzantiner anbot, ehe Ihr krank wurdet.“ „Und gewiß hat er ſie fuͤr einige Dukaten mehr und gegen baare Bezahlung dem ungläaͤubigen Sultan verkauft? Wahrhaftig, dieſe Venetianer wuͤrden das heilige Grab ſelbſt verkaufen.“ „Sie wuͤrde nie in einer edleren Sache getragen worden ſeyn,“ ſagte de Vaux. „Danke es der Großmuth des Saracenen,“ ſagte der Koͤnig,„und nicht dem Geize der Venetianer.“ „Wollte Gott,“ ſagte der aͤngſtliche de Vaux, „Ew. Majeſtaͤt waͤre vorſichtiger.— Hier ſind wir, wegen Beleidigung, welche dem einen oder dem ande⸗ ren zugefuͤgt wuͤrde, von allen unſeren Alliirten ver⸗ ———————— 122 laſen; wir haben keine Hoffnung, im Lande mehr viel ausrichten zu koͤnnen, und wir muͤſſen nun nur nrch mit der Amphibien⸗Republik in Haͤndel gerathen, um auch die Mittel zu einem Ruͤckzug zur See zu ver⸗ lieren!“ „Ich will dafuͤr ſorgen,“ ſagte Richard ungedul⸗ dig;„aber ſchulmeiſtere mich nicht laͤnger. Sage mir lieber etwas Anziehenderes, hat der Ritter einen Beicht⸗ vater?“ „Ja, gnaͤdigſter Herr,“ antwortete de Vaux;„der Eremit von Engaddi, der ihm zuerſt dieſen Dienſt lei⸗ ſtete, als er ſich zum Tode vorbereitete, ſorgt auch jetzt für ihn; das Geruͤcht vom Zweikampf hat auch ihn hie⸗ her gebracht.“ „Gut,“ ſagte Richard,„nun zu der Bitte des Ritters. Sage ihm, Richard wuͤrde ſeinen Beſuch beim Demant der Wuͤſte empfangen, wenn er ſich da⸗ ſelbſt ſeiner Pflicht entledigt und ſeinen Fehler beim St. Georg⸗Berg wieder gut gemacht hat. Wenn Du durch das Lager gehſt, ſo benachrichtige zugleich die Koͤnigin davon, daß ich ſie in ihrem Zelte beſuchen wolle.— Gebiete auch dem Blondel, dort mit mir zuſammenzutreffen.“ De Vauy ging, und eine halbe Stunde nachher wandelte Richard, in ſeinen Mantel gehüllt und die Guitarre in der Hand, dem Zelte der Koͤnigin zu. Meh⸗ rere Araber gingen an ihm vorbei; aber immer mit weggewendetem Haupte und zur Erde geſenkten Blicken, wiewohl er bemerken konnte, daß ihm alle aufmerkſam nachſahen, wenn er voruͤber war. Dieß brachte ihn auf die richtige Vermuthung, daß ihnen ſeine Perſon be⸗ kannt ſeyn muͤſſe; aber daß entweder des Gultans Be⸗ fehl, oder ihre eigene orientaliſche Höflichkeit ihnen ver⸗ biete, einen Regenten zu betrachten, der Incognito zu bleiben wuͤnſchte. 4 Als der Koͤnig das Zelt der Koͤnigin erreichte, fand er es von jenen ungluͤcklichen Dienern bewacht, Helche die morgenlaͤndiſche Eiferſucht um das Zenana 123 oder Harem ſtellt. Blondel ſpazierte vor der Thuͤre herum, und beruͤhrte von Zeit zu Zeit ſeine Leier auf eine Weiſe, welche ſelbſt die Afrikaner bewog, ihre elfenbeinernen Zaͤhne zu zeigen, ihre Geſichtszuͤge zu verziehen und ihre gellende, unnatuͤrliche Stimme vor Freude zu erheben. „Was machſt Du da bei dieſer Heerde von ſchwar⸗ zem Vieh, 2 londel?“ ſagte der Konig,„warum gehſt Du nicht in das Zelt?“ 4 „Weil ich bei meinem Handwerke weder den Kopf noch die Finger entbehren kann,“ ſagte Blondel;„und dieſe ehrlichen Mohrenkerls drohen, mich Glied vor Glied zu zerhauen, wenn ich vordringe.“ „Gut, ſo gey' mit mir hinein,“ ſagte der Koͤnig, „ich will Dein Beſchützer ſeyn.“— Demzufolge beugten die Schwarzen ihre Piken und Schwerdter vor dem Konig Richard, und ſchlugen die Augen zu Boden, als waͤren ſie unwuͤrdig, ihn anzu⸗ fehen. Im Inneren des Zeltes fanden ſie den Thomas de Vaux im Geſpraͤch mit der Konigin. Waͤhrend Berengaria den Blondel bewillkommte, ſprach Konig Richard eine Zeit lang geheim und allein mit ſeiner ſchenen Verwandten. Endlich:„Sind wir noch immer Gegner, meine ſchoͤne Editha?“ ſagte er liſpelnd. 3 „Nein, mein gnaͤdigſter Herr,“ ſagte Editha, mit einer Stimme, die leiſe genug war, um die Muſik nicht zu unterbrechen.—„Niemand kann eine Feind⸗ ſchaft gegen Konig Richard im Herzen tragen, wenn dieſer ſich zeigen will, wie er wirklich iſt, großmuͤthig und edel ſowohl, als tapfer und ehrenwerth.“ Indem ſie das ſagte, reichte ſie ihm die Hand. Der König kuͤßte ſie, zum Zeichen der Verſohnung, und fuhr dann fort.. „ Du denkſt, meine ſchone Nichte, mein Zorn in dieſer Sache waͤre nur anſcheinend geweſen; aber Du irrſt Dich. Die Strafe, welche ich dem Ritter aufer⸗ legte, war gerecht; denn er hatte das Heiligthum verra⸗ 124 then(mir liegt nichts daran, wie man einen ſchöͤnen Juͤngling in Verſuchung fährt, ſchoͤne Nichte), das ihm anvertraut war. Aber ich freue mich, ſo viel wie Du, daß ihm der morgende Tag vielleicht das Gluͤck ſchenken wird, das Feld zu gewinnen, und ſo den Schimpf, der eine Zeit lang ſeinen Namen befleckte, auf den wirklichen Dieb und Verraͤther werfen kann. Nein! — die kuͤnftigen Zeiten megen vielleicht den Richard wegen ſeiner thoͤrichten Heftigkeit tadeln, aber ſie ſol⸗ len auch ſagen, daß er im Gericht gerecht war, wo er ſollte, und gnaͤdig, wo er konnte.“ 7 „Lobe Dich nicht ſelbſt, Oheim Koͤnig,“ ſagte Editha;„ſie moͤchten vielleicht Deine Gerechtigkeit, Graufamkeit— Deine Gnade, Laune nennen.“ „Und auch Du ſey noch nicht ſo ſtolz,“ ſagte der Koͤnig,„als wenn Dein Ritter, der ſeine Ruͤſtung noch nicht angeſchnallt hat, ſich ſchon, ſtegreich entwaff⸗ nete— Conrad von Montſerrat wird fuͤr einen tuͤchti⸗ gen Kaͤmpfer gehalten. Wie, wenn der Schotte es ver⸗ lieren ſollte?“ „Es iſt unmoͤglich!“ ſagte Editha feſt.„Meine eigenen Augen ſahen jenen Conrad erzittern und erblei⸗ chen wie einen niedrigen Dieb. Er iſt ſchuldig— und der Urtheilsſpruch im Gefecht iſt eine Anrufung der Gerechtigkeit Gottes. Ich ſelbſt wollte ihm in einer ſolchen Sache ohne Furcht entgegen treten.“ „Bei der Meſſe, ich glaube, Du waͤrſt es im Stande, Maͤdchen,“ ſagte der König,„und wuͤrdeſt ihn auch wohl noch obendrein zu Boden ſchlagen. Denn nie athmete ein aͤchterer Plantagenet, als Du.“ Er machte eine Pauſe, und fuͤgte dann mit ſehr ernſter Stimme hinzu:—„Sieh nur darauf, daß Du fortfaͤhrſt, Dich der Pflichten zu erinnern, welche Deine Geburt Dir auferlegt.“ 3 „Was will dieſer Rath, der ſo ernſt und in dieſem Augenblick gegeben wird?“ ſagte Editha.„Bin ich ſo leichtſinniger Natur, meinen Namen, meinen Stand zu vergeſſen?“ ———— 125 „Ich will offen mit Dir reden, Editha,“ antwor⸗ tete der Koͤnig,„wie ein Freund. Was wird Dir die⸗ 8 Ritter ſeyn, wenn er als Sieger die Schranken ver⸗ laͤßt?“ „Mir?“ ſagte Editha, indem ſie vor Scham und Mißvergnuͤgen tief erroͤthete,—„was kann er mir mehr ſeyn, als ein geehrter Ritter, einer jeden Gnadenbezeu⸗ gung wuͤrdig, wie ſie ſelbſt die Koͤnigin Berengaria ihm erweiſen wuͤrde, wenn er ſie zu ſeiner Dame erwaͤhlt haͤtte, ſtatt einem unwuͤrdigeren Gegenſtand? Der nie⸗ drigſte Ritter darf ſich dem Dienſte einer Kaiſerin wid⸗ nen, aber der Ruhm ſeiner Wahl“ fuͤgte ſie ſtolz hin⸗ zu,„muß auch ſein Lohn ſeyn.“ „Doch hat er Dir gedient und ſo viel fuͤr Dich ge⸗ litten,“ ſagte der Koͤnig. „Ich habe ſeine Dienſte mit Ehre und Beifall ge⸗ lohnt, und ſeine Leiden mit Thraͤnen,“ antwortete Edi⸗ tha.„Haͤtte er eine andere Belohnung gewuͤnſcht, ſo wuͤrde er in ſeinem eigenen Rang geliebt haben.“ „Du wuͤrdeſt alſo das blutige Nachtkleid um ſeinet⸗ willen nicht getragen haben?“ ſagte der König. „So wenig,“ antwortete Editha,„als ich von ihm verlangt hatte, ſein Leben bei einer That zu wagen, die mehr verruͤckt als ehrenvoll war.“ „Maͤdchen ſprechen immer ſo,“ ſagte der Koͤnig, „aber wenn ihr Geliebter ſie hart draͤngt, ſo ſagen ſie ſeufzend, in ihren Sternen ſey es anders verhaͤngt wor⸗ den.“ „Ew. Majeſtaͤt hat mir jetzt ſchon zum zweitenmal mit dem Einfluſſe meines Horoſkops gedroht,“ erwie⸗ derte Editha mit Wuͤrde.„Glaubt mir aber, mein gnaͤdigſter Herr, wie groß auch der Einfluß der Geſtirne ſeyn moͤge, ſo wird Eure arme Verwandte doch niemals weder einen Unglaͤubigen, noch einen obſcuren Abenteu⸗ rer heirathen.— Erlaubt mir, auf die Muſik des Blondel zu horchen denn die Toͤne Eurer koͤniglichen Senuaunagen klingen doch kaum ſo lieblich fuͤr das r. 126 Der Schluß des Abends bot nichts Bemerkens⸗ werthes dar.— Siebentes Kapitel. Hort ihr das Toben,— das Schlachtgetöße, Lan; an Lanz, und Pferd an Pferd? Gray. Man war, der Hitze des Klimas wegen uͤbereinge⸗ kommen, daß der rechtsentſcheidende Kampf, der die Urſache der Verſammlung der verſchiedenen Nationen beim Demant der Wuͤſte war, eine Stunde nach Son⸗ nenaufgang Statt finden ſolle. Die geraͤumigen Schran⸗ ken, welche unter der Aufſicht des Ritters vom Leopar⸗ den erbaut worden waren, ſchloſſen einen Raum von 120 Ellen in der Laͤnge und 50 in der Breite ein, der mit hartem Sand bedeckt war. Sie dehnten ſich in der Lange von Norden nach Suͤden aus, um beiden Par⸗ theien den gleichen Vortheil der aufgehenden Sonne zu gewaͤhren. Der koͤnigliche Sitz des Saladin war auf der weſtlichen Seite der Umzaͤunung errichtet, gerade im Mittelpunkt, wo ſich im heftigſten Kampfe die Strei⸗ ter wahrſcheinlich treffen wuͤrden. Dieſem gegenuͤber war eine Gallerie mit Gitterfenſtern ſo eingerichtet, daß die Damen, fuͤr deren Standort er beſtimmt war, das Gefecht ſehen konnten, ohne den neugierigen Blicken ausgeſetzt zu ſeyn. An beiden Enden der Schranken waren Schlagbaͤume, welche man nach Willkuͤhr oͤffnen und ſchließen konnte. Auch Throne waren errichtet, aber als der Erzherzog bemerkte, daß der ſeinige nie⸗ driger war, als der des Königs Richard, ſo verweigerte er, ihn einzunehmen; und Loͤwenherz, der ſich gar vie⸗ lem unterworfen haͤtte, um nur den Kampf nicht zu ſieren, war es gerne zufrieden, daß die Sekundanten waͤhrend des Gefechts zu Pferde bleiben ſollten. An dem einen Ende der Schranken ſtand das Gefolge Ri⸗ chards, ihnen gegenuͤber am andern Ende diejenigen, welche den Vertheidiger Conrad begleitet hatten. Vor dem fer den Sultan beſtimmten Thron war ſeine glaͤn⸗ zende Leibwache geordnet, und der ubrige Raum der Um⸗ zaunung ward von chriſelichen und mahomedaniſchen Zu⸗ ſchauern eingenommen. Noch lange vor Tagesanbruch wurden die Schran⸗ ken von einer noch groͤßern Anzahl von Saracenen um⸗ geben, als Richard am vergangenen Abend geſehen hatte. Als der erſte Strahl des glaͤnzenden Sonnen⸗ zirkels die Wuͤſte beleuchtete, ertoͤnte aus dem Munde des Sultans ſelbſt der Ruf:„Zum Gebet! zum Ge⸗ bet!“ und ward von Andern wiederholt, welchen ihr Rang und ihr Eifer ein Recht gab, den Dienſt der Muezzin zu verſehen. Aber als ſie ſich von der Erde er⸗ poben, ſchienen die Stratzlen der Sonne, die nun glaͤn⸗ zend leuchteten, die Vermuthung zu beſtaͤtigen, welche der Lord von Gilsland in der vergangenen Nacht ge⸗ außert hatte. Sie glaͤnzte nehmlich von den Spitzen vieler Speere wieder, denn die ſtachelloſen Lanzen des vergangenen Tages waren es nun nicht mehr. De Vaux zeigte es ſeinem Herrn, welcher ungeduldig erwiederte: „Er habe vollkommenes Zutrauen auf die Treue des Sultans; aber wenn de Vauy fuͤr ſeinen dicken Koͤrper beſorgt waͤre, ſo koͤnne er in Gottes Namen gehen.“ Bald hernach hoͤrte man das Geraͤuſch der Cim⸗ beln, worauf ſich alle ſaraceniſchen Reiter von ihren Pferden zur Erde warfen, als waͤre es ein zweites Morgengebet. Das ſollte aber der Koͤnigin Gelegen⸗ heit geben, aus dem Zelte, in die fuͤr ſie beſtimmte Gallerie zu gehen. Fünfzig Waͤchter von Saladins Serail begleiteten ſie mit gezogenem Schwerdte, und hatten den Auftrag, jeden in Stuͤcke zu hauen, er eye Fuͤrſt oder Bauer, der es wagen wuͤrde, die Da⸗ men anzuſchauen, wenn ſie voruͤber gingen, oder der nur den Kopf erhob, ehe das Aufhoͤren der Mu⸗ uk jedermann kund thaͤte, daß ſie bereits in ihren Gallerien waͤren, wo kein neugieriges Auge ſie mehr treffen konnte. 3 Dieſe aberglaͤubiſche Beobachtung der morgenlaͤn⸗ 128 diſchen Ehrfurcht gegen das ſchoͤne Geſchlecht, bewog die Koͤnigin Berengaria zu einigem Tadel uͤber den Sultan und ſein Land. Aber da ihre Zelle, wie die koͤnigliche Schoͤne ſie nannte, von den ſchwarz en Scla⸗ ven ſorgfaͤltig verſchloſſen und bewacht wurde, ſo war ſie genoͤthigt, ſich mit dem Sehen zu begnuͤgen, und fuͤr jetzt dem groͤßern Vergnuͤgen, geſehen zu werden, zu entſagen. Unterdeſſen gingen die Sekundanten der beiden Kaͤmpfer, wie es ihre Pflicht erforderte, um zu ſe⸗ hen, ob dieſe gehoͤrig bewaffnet und zum Kampfe vor⸗ bereitet waͤren. Der Erzherzog von Oeſterreich beeilte ſich nicht eben ſehr, dieſen Theil der Ceremonie zu erfuͤllen, weil er ſich am vergangenen Abend einen et⸗ was ungewoͤhnlich ſtarken Rauſch an dem Chierweine des Sultans geholt hatte. Aber der Großmeiſter des Dempelherrn⸗Ordens, dem der Ausgang des Gefech⸗ tes wichtiger war, befand ſich ſchon fruͤhe vor dem Zelte des Marquis von Montſerrat. Zu ſeinem großen Erſtaunen verweigerten ihm die Wachen den Zutritt. „Kennt Ihr mich nicht, Ihr Schurken?“ ſagte der Großmeiſter im hoͤchſten Zorne. „Wohl kennen wir Euch, mein tapferer und ver⸗ ehrter Herr“, antwortete Conrads Edelknappe;„aber ſelbſt Ihr duͤrft jetzt nicht hinein— der Marquis iſt im Begriff zu beichten.“ „Zu beichten!“ rief der Tempelherr mit einem Tone aus, in welchem Unruhe mit Erſtaunen gepaart ſchien—„und wem, ums Himmels willen?“ „Mein Herr befahl mir, es zu verſchweigen“, fagte der Edelknecht, aber der Großmeiſter ſtieß ihn zu⸗ ruͤck, und trat in das Zelt. Der Marquis von Montſerrat kniete zu den Fü⸗ ßen des Eremiten von Engaddi, und war eben im Begriff, ſeine Beichte zu beginnen.. „Was heißt das/ Marquis?“ fagte der Großmei⸗ ſter;„Auf, ſchaͤme Dich, oder, wenn Du denn doch beichten mußt, bin ich nicht da?“ . 129 „Ich habe Dir nur zu oft gebeichtet,“ erwiederte Conrad, mit bleicher Wange und zitternder Stimme. „Um Gottes willen, Großmeiſter, geh, und laß mich dieſem heiligen Manne mein Gewiſſen offenbaren.“ „In was iſt er heiliger als ich?“ ſagte der Groß⸗ meiſter,—„Einſtedler, Prophet, Unſinniger— ſage, wenn Du es weißt, in was uͤbertriffſt Du mich?“ „Kuͤhner, boshafter Mann!“ erwiedente der Ein⸗ ſiedler,„wiſſe, daß ich das Gitterfenſter bin, wodurch das heilige Licht faͤllt, um andere zu erlen zchten, obſchon es mir leider ſelbſt nicht hilft. Du aber biſt das eiſerne Kerk erfenſter, das weder ſelbſt Licht empfangen, noch es anderen mittheilen kann.“ „Schwatze nicht mit mir, ſondern entferne Dich aus dem Zelte,“ ſagte der Großmeiſter,„der Mar quis wird heute Mor gen nicht beichten, es waͤre denn in meinem Buſen, d denn ich weiche nicht von ſeiner Seite.“ „Iſt das Euer Wille?“ ſagte der Ereyiit zu Con⸗ rad,„denn glaudt nicht, daß ich dieſem ſtolzen Manne gehorchen werde, wenn ihr ferner meinen Beiſtand ver⸗ langt.“ „Ach!“ ſagte Conrad unentſchloſſen,„was ſoll ich ſagen?“,— lebt wohl, fuͤr eine Zeit— wir wer⸗ den uns ſpaͤt er ſp⸗ echen.“ „Ach Aufſchub!“ rief der Eremit aus,„Du biſt ein Seelen moͤrder! unglüͤcklicher Mann lebe wohl— nicht fuͤr eine Zeitlang, ſondern bis wir uns treffen— was liegt dran, wo.— Und was Dich betrifft,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich zu dem Großmeiſter wandte, „Du zitterel“ „Zittern!“ erwiederte der 2 Dempelherr veraͤchtlich, „ich kann nicht, wenn ich ſelbſt wollte“ Der Eremit hoͤrte die Antwort nicht, weil er das Selt ſchon verlaſſen hatte. „Nun, komm, mach Dich eilig dran,“ ſagle d Großmeiſter,„wenn Du denn doch durchaus dieſe S hor heit machen willſt. Hoͤr'— ich glaube, ich weiß die meiſten Deiner Verbrechen auswendig, da koͤnnten twir W. Scort's Werke. IX. 9 130 das Naͤhere ſparen das ungewoͤhnlich lang dauern moͤchte, und koͤnnen mit der Abſolution anfangen. Wo⸗ zu nuͤtzt es, die Schmutzflecken zu zaͤhlen, die wir eben von unſerer Hand abwaſchen wollen 1* „Da Du weißt, was Du ſelbſt biſt,“ ſagte Con⸗ rad,„ſo iſt es eine Gotteslaͤſterung, davon zu reden, Andern zu verzeihen.“ „Das iſt nicht nach dem Canon, Herr Marquis,“ ſagte der Tempelherr—„Du biſt ſorgfaͤltiger, als Du rechtglaͤubig biſt. Die Abſolution des verworfen⸗ ſten Prieſters iſt eben ſo wirkſam, als waͤre er ein Hei⸗ liger— denn ſonſt moͤge Gott den armen Buͤßenden beiſtehen! Fraͤgt denn der Verwundete, ob der Arzt, der ſeine Wunde verbindet, reine Haͤnde hat oder nicht?— Komm, ſollen wir ans Werk gehen?“ „Nein,“ ſagte Conrad,—„ich will lieber ſterben, ohne gebeichtet zu haben, als des Satramentes ſpotten.“ „Komm, edler Marquis,“ ſagte der Dempelherr, „faſſe Muth, und ſprich nicht alſo. In einer Stunde wirſt Du ſiegreich in den Schranken ſtehen, oder, wie ein tapferer Ritter im Panzer beichten.“ 1 „Ach Großmeiſter,“ antwortete Conrad,„alles phrophezeiht Boͤſes in der Geſchichte. Die ſonderbare Ent⸗ deckung durch das Inſtinkt des Hundes— das Wieder⸗ aufſtehen dieſes ſchottiſchen Ritters, der wie ein Geſpenſt in den Schranken erſcheint— alles ſagt Boͤſes voraus.“ „Ach was,“ ſagte der Tempelherr,„ich habe Dich im Schimpf ſchon kuͤhn Deine Lanze gegen ihn ein⸗ legen ſehen, und mit gleichem Erfolge— Denke Dir, du waͤreſt bloß in einem Turnier, und wer bietet ihm in den Schranken beſſer die Stirne als Du? Kommt Ihr Edelknechte und Schildknappen, Euer Herr muß zum Kampfe gewappnet werden.“ Die Diener traten ein, und fingen an, dem Marquis die Ruͤſtung anzulegen. „Ftas fuͤr Wetter haben wir heute Morgen?“ fragte Zonrad. „Die Sonne geht trübe auf,“ antwortete ein Edel⸗ knecht. . 131 „Du ſiehſt, Großmeiſter,“ ſagte Conrad,„daß Nichts uns zulaͤchelt.“ „Du wirſt dann im Kuͤhlen kaͤmpfen, mein Sohn,“ antwortete der Keinpelher,„danke es dem Himmel, der die Sonnenglut Palaͤſtina's zu Deinen Gunſten ge⸗ maͤßigt hat.“ So ſcherzte der Großmeiſter; aber ſeine Witze hat⸗ ten ihren Einfluß auf das Gemuͤth des Marquis verlo⸗ ren, und ungeachtet ſeiner Bemuͤhungen, froͤhlich zu ſcheinen, theilte ſich doch ſein truͤber Geiſt ſelbſt dem Großmeiſter mit. „Die Memme,“ dachte er,„wird den Tag in lau⸗ ter Schwaͤche und Feigheit des Herzens verlieren, was er ein zartes Gewiſſen nennt. Ich, den Erſcheinungen und? Vorbedeutungen nicht erſchuͤttern— ich, der ich feſt in meinem Vorſatze bin, wie ein lebendiger Fels— ich haͤtte den Kamf felbſt ausgefochten. Wenn ihn nur der Schottlaͤnder gleich auf der Stelle todtſchlaͤgt, wenn er nicht den Sieg davon traͤgt, ſo waͤr' das das Beſte. Aber komme, was da will, einen andern Beichtvater als mich, darf er nicht haben.— Unſere Suͤnden ſind zu gemeinſchaftlich, und er moͤchte meinen Theil mit dem ſeinigen beichten.“ Waͤhrend dieſe Gedanken ihn durchkreuzten, fuhr er fort, dem Marquis ſtillſchweigend beizuſtehen, ſich zu ruͤſten. Endlich kam die Stunde heran, die Trompeten er⸗ toͤnten, die Ritter ritten vollſtaͤndig bewaffnet in die Schranken, wie Maͤnner, die fuͤr die Ehre eines Kö⸗ nigreichs kaͤmpfen. Mit aufgehobenem Viſir ritten ſie dreimal um die Schranken und zeigten ſich den Zu⸗ ſchauern. Beide waren von anſehnlicher Geſtalt, der Adel lag in ihren Zuüͤgen. Aber auf der Stirne des Schot⸗ ten lag ein Zug maͤnnlichen Selbſtvertrauens— ein Strahl von Hoffnung, der ſeine Zuͤge bis zum Ausdruck der Froͤhlichkeit ſteigerte⸗ waͤhrend um Conrads Stirne immer noch eine Boͤſes verkuͤndigende Wolke ſchweyw, wenn ſchon Stolz und Anſtrengung ſeinen ngtuürlichen Muth etwas in's Leben zuruͤckgerufen hatten. Selbſt 9.. 132 ſein Pferd ſchien bei dem Trompetenſtoß weniger leicht und kraftig aufzutreten, als der edle Araber, den Sir Kenneth ritt. Auch ſchuͤttelte der Spruchſprecher be. denklich den Kopf, indem er bemerkte, daß waͤhrend der Herausforderer den Strahlen der Sonne nach, d. h. von der Rechten zur Linken die Schranken umritt, der Vertheidiger hingegen ſeinen Weg von der Linken zur Rechten nahm, was man in den meiſten Laͤndern fuͤr eine boͤſe Vorbedeutung haͤlt. Unter der Gallerie der Koͤnigin war fuͤr dieſe Gele⸗ genheit ein Altar erbaut worden, hinter dem der Ere⸗ mit in ſeiner Ordenskleidung als Carmeliter⸗Moͤnch, ſtand. Auch andere Geiſtliche waren zugegen. Vor dieſen Altar trat der Herausforderer und der Vertheidi⸗ ger, einer nach dem anderen, ein jeder geführt von ſei⸗ nen Sekundanten. Ein jeder Ritter ſtieg vom Pferde, be⸗ kraͤftigte die Gerechtigkeit ſeiner Sache mit einem feierli⸗ chen Eid auf das Evangelium, und belete zu Gott, daß ſein Erfolg ſeyn moͤchte, nach der Wahrheit oder Falſch⸗ heit deſſen, was er eben beſchworen habe. Ferner mußten ſie beſchwer daß ſie in ritterlicher Tracht und mit den gewohnli Waffen kaͤmpfen wollten, und allen Zau⸗ berkuͤnſten entſoagten, um ſich des Sieg da ch zuzu⸗ ziehn. Der Herausforderer leiſtete ſeinen Eid mit fe⸗ ſier maͤnnlicher Stimme, mit kuhnem und froͤhlichen Ausdruck. Als die Ceremonie geendigt war, ſah er nach der Gallerie und neigte ſein Haupt, zur Ehre der unſicht⸗ baren Schenheiten zur Erde, wolche ſie verbarg. Dann, beladen mit der Roöſtung wie er war, ſpuang er auf das Pferd, ohne ſich des Steigbuͤgels zu bedienen, und noͤ⸗ thigte ſeinen Renner, ihn mit kuͤhnen Spruͤngen zu ſei⸗ nem Standort am fſtlichſten Ende der Schranken zu tragen. Arch Conrad trat ziemlich kuͤhn vor den Atar hin; aber gls er den Eid ablegte, tente ſeine Stinme hohl und ſchien ſich im Helm zu verlieren. Die Lip⸗ pen, mit welchen er den Himmel bat, der gerechten Sache den Sieg zu verleihen, erbleichten, als ſie dieſen gotteslaſterlichen Spott ausſprachen. Er wandte ſich, ——— — 133 um ſein Pferd wieder zu beſteigen, da draͤngte ſich der Großmeiſter zu ihm, als wolle er etwas an dem Ring⸗ kragen zurecht legen und fluͤſterte ihm zu:—„Thoͤ⸗ richte Memme! fa ſe Dich, und kampfe mir tapfer, oder, beim Himmel, wenn Du ihm entgehſt, ſo ent⸗ gehſt Du doch mir nicht.“ Der wilde Ton, mit welchem dieſes geſprochen wurde, brach e den Marquis nun gar vollig in Ver⸗ wirrung, er ſtrauchelte, als er aufſteigen wollte; doch hielt er ſich noch, ſprang mit ſeiner gewoͤhnlichen Ge⸗ wandtheit außs Pferd, und legte ſeine Reitkunſt an den Tag, als er ſeine Stellung dem Herausforderer gegen⸗ uͤber, einnahm. Nachdem der Prieſter ein feierliches Gebet ausge⸗ ſprochen hatte, damit Gott das Recht offenbaren moͤchte, ſo zog er ſich aus den Schranken zuruͤck. Dann blies der Trompeter des Herausforderers einen Tuſch, und ein Waſfenherold am oͤſtlichen Ende der Schranken rief aus:—„Hier ſteht ein tapferer Ritter, Sir Kennet von Schottland, Kaͤmpe des majeſtaͤtiſchen Koͤnigs Ri⸗ chard von England, der den Conrad, arquis von Montſerrat, des Hochverraths und der Beſchimpfung gegen beſagten Konig, anklagt.“ Als das Wort Kenneth von Schottland, Namen und Stand des mpen verkuͤndete, der bisher noch nicht allge hekannt war, da erſchallte ein lautes, froͤhliches llrufen von dem Gefolge 3 Richards, ſo daß man, trotz des wiederholten Be zum Still⸗ ſchweigen, kaum die Antwort des Vertheidigers horen konnte. Dieſer alſo vertheidigte ſeine Unſchuld und er⸗ bot ſich, es im Kampf zu beweiſen. Nun traten die Gries wirtel hinzu, handigten ihnen Schild und Lanze ein, und halfen ihnen, das Erſtere um den Hals zu haͤngen, damit beide Haͤnde frei blieben— die eine, um den Zuͤgel, die andere, um die Lanze zu fuͤhren. Das Schild des Schottlaͤnders trug noch das alte Wappen, den Leoparden, nur war noch ein Halsband und eine zerbrochene Kette hinzugefuͤgt, als eine Anſpie⸗ 134 lung auf ſeine neuliche Gefangenſchaft. Das Schild des Marquis aber zeigte einen einſamen, felſigen Berg. Jeder ſchwenkte ſeine Lanze, als wolle er Schwere und Harte pruͤfen, und legte ſie dann zum Angriff bereit. Jetzt verließen Sekundanten, Herolde und Grieswaͤrtel die Schranken, und die Kaͤmpfer ſaßen ſich gegenuͤber, mit eingelegten Lanzen, mit geſchloſſenem Viſir, die menſchliche Geſtalt ſo vollkommen eingehuͤllt, daß ſie mehr Statuen von gegoſſenem Eiſen, als Weſen von Fleiſch und Blut glichen. Nun verbreitete ſich eine all⸗ gemeine, erwartungsvolle Stille. Alles athmete tiefer, die Seelen der Zuſchauer ſchienen in den Augen zu woh⸗ nen, nicht ein Laut ward vernommen, nur das Wiehern der muthigen Pferde unterbrach die allgemeine Stille, denn die Renner erwarteten den Kampf mit Ungeduld. So ſtanden ſie vielleicht drei Minuten, als auf ein, von dem Sultan gegebenes Signal, hundert Inſtrumente mit tönendem Laͤrm die Luft erſchuͤtterten— da ſpornten die Kaͤmpen ihre Pferde machtiglich an, ließen ihnen die Bindel ſchießen im vollen Galopp— die Renner mit Hlitzesſchnelle auf und davon, und mitten auf dem Kampfplatz da ſtießen ſie zuſammen mit dem Krachen des Donners. Der Sieg war nicht zweifelhaft— nein keinen Augenblick. Zwar hatte Conrad ſich als ein ge⸗ uͤbter Krieger gezeigt; denn er traf ſeinen Gegner in die Mitte ſeines Schildes, und fuͤhrte feine Lanze ſo grad und feſt, daß ſie in tauſend Stuͤcke zerſplitterte bis her⸗ ab an den Handſchuh. Sir Kenneths Pferd wich zwei oder drei Schritte zuruͤck und fiel auf die Huͤften, doch der Reiter erhob ſich leicht wieder mit Zuͤgel und Hand. Fuͤr Conrad aber gab's keine Rettung. Sir Kenneths Lanze hatte ihm das Schild durchbohrt, war durch ei⸗ nen Panzer von Mailaͤndiſchem Stahl gedrungen, durch ein ſogenanntes Secret oder Panzerhemd, das er unter dem Panzer trug und hatte ihn tief in das Herz geſto⸗ ßen, und die Spitze der Lanze zuruͤckgelaſſen. Sekun⸗ danten, Herolde, Saladin ſelbſt, alles verſammelte ſich um den verwundeten Ritter; aber Sir Kennetb, der ſein — ner ganz huͤlll chen zu geſtehen. Schnell loͤßte man den Helm, der Verwundete bliekte wild gen Himmel und rief aus. „Was wollt Ihr noch?— Gott hat gerecht gerichtet — ich bin ſchuldig— aber es gibt in dieſem Lager ei⸗ nen noch argeren Verraͤther, als ich.— Um meiner Seele willen, gebt mir einen Beichtvater.“ Als er dieſe Worte hervorgebracht hatte, ſchien er wieder aufzu⸗ leben.. „Den Talisman— den maͤchtigen Talisman, koͤ⸗ niglicher Bruder,“ ſagte Richard zum Saladin. „„Es waͤre faͤr den Verrather geziemender,“ ant⸗ wortete der Sultan,„aus den Schranken zum Galgen geführt zu werden, als die Wunderkraft des Talis⸗ man zu verſuchen; und doch,“ fuͤgte er hinzu, nach⸗ dem er den Verwundeten genau betrachtet hatte; „wenn ſchon ſeine Wunde geheilt werden kann, ſo liegt de das Siegel des Azrael auf der Stirne des Schur⸗ en.“ „Dennoch,“ ſagte Richard,„bitte ich Dich, fuͤr ihn zu thun, was Du kannſt, daß ihm wenigſtens Zeit zur Beichte bleibt.— Morde nicht Seele und Koͤrper zu⸗ gleich! Fuͤr ihn mag vielleicht eine halbe Stunde Zeit mehr werth ſeyn, als das Leben des alteſten Patriar⸗ chen.“ 3 9„Meines koͤniglichen Bruders Wille ſoll geſche⸗ hen,“ ſagte Saladin.„Sclaven, tragt dieſen verwun⸗ deten Mann in unſer Zelt!“ „Nicht alſo,“ ſagte der Tempelherr, der bis da⸗ her ſtillſchweigend und verwirrt zugehort hatte.„Der koͤnigliche Herzog von Oeſterreich und ich ſelbſt, wer⸗ den nicht zugeben, daß man dieſen ungluͤcklichen chriſt⸗ lichen Fuͤrſten den Saracenen ubergibt, damit ſie ihre Zauberkuͤnſte an ihm verſuchen. Wir ſind ſeine Sekun⸗ danten, und verlangen, daß er unſrer Sorge uͤberlie⸗ fert werde. 3 „Das heißt mit anderen Worten, ihr weißt das — ⁰— ——— —. 136 ſichere Mittel zuruͤck, das ſich zu ſeiner Geneſung dar⸗ bietet?“ ſagte Richard. „Nicht doch,“ ſagte der Großmeiſter ſich faſſend. „Wenn der Sultan geſetzmaͤßige Arzneimittel gebraucht, ſo mag er den Kranken in meinem Zelte bedienen.“ „Mein guter Bruder, ich bitte Dich, thue es,“ ſagte Nichard zu Saladin,„wenn ſchon die Erlaubniß unfreundlich gegeben vurde.— Nun aber an ein freu⸗ digeres Werk.— Ertöoͤnt Trompeten— ſtoßt in die Poſaunen— fuͤr England, zur Ehre von Englands Kaͤmpen!“ 4 Trommeln, Poſaunen, Trompeten und Cymbeln ertoͤnten zumal, und der tiefe regelmaͤßige Duſch, der ſchon ſeit Jahrhunderten das engliſche Beifallszeichen iſt, hallte unter dem gellenden unregelmaͤßigen Beifalls⸗ rufen der Araber, wie die Toͤne eines Inſtruments un⸗ ter dem Heulen des Sturms. Endlich war die Stille wieder hergeſtellt. „Dapferer Ritter vom Leoparden,“ rief Liwen⸗ herz aus,„Du haſt gezeigt, daß der Aethiopier ſeine Haut und der Leoparde ſein Fell veraͤndern kann, wenn ſchon Uebergelehrte uns die Unmoͤglichkeit beweiſen wol⸗ len. Doch hab' ich Dir noch mehr zu ſagen, wenn ich Dich zu den Damen gefuͤhrt habe, welche die beſten Nichter und die beſten Belohner der Ritterthaten ſind.“ Der Ritter vom Leoyarden verbeugte ſich tief. „ und auch Du, fuͤrſtlicher Saladin, wirſt ihnen Deine Aufwartung machen. Ich gebe Dir mein Wort darauf, daß unſere Koͤnigin ſich nicht for willkommen halten wird, wenn ihr die Gelegenheit fehlt, ihrem ki⸗ nialichen Wirthe, fuͤr ihren mehr als fuͤrſtlichen Em⸗ pfang zu danken.“ 3 3 Saladin beugte anmuthig das Haupt, ſchlug aber die Einladung ab. 4 „Ich muß den verwundeten Mann bedienen;“ ſaate er.„Der Arzt verläßt ſo wenia ſeinen Kranken, wie der Kaͤmpter die Schranken, ſelbſt wenn er zu ei⸗ nem dem Paradieſe aͤhnlichen Orte eingelgden waͤrde. „ 137 iſſen, koͤniglicher Richard, daß das ut in Gegenwarn der Schönheit nicht wie das Eures Landes. Denn wie „ihr Auge iſt wie die Schneide des Schwerdtes des Propheten; wer ſollte dahin ſchauen? e, der ſich nicht brennen will, vermeidet es, ſche zu berühren— der Weiſe breitet ſeinen icht vor einer flackernden Fackel aus“— der agt ferner:„der um einen Schatz gekommen Ferner mußt Du w 55 Bl G morgenlaͤndiſ 1 lien Dichter: ir Mittagszeit,“ ſagte der Eultan,„beim Scheiden werdet Ihr hoffentlich alle eine Erfriſchung unter dem Zelte von ſchwarzem Kameelfell eines Haͤupt⸗ lings v urdiſtan annehmen.“ Dieſelbe Einladung ward allen Chriſten mitgetheilt, naͤmlich denienigen, die man fuͤr wichtig genug hielt, bei einem fuͤr die Fuͤrſten beſtimmten Mahle zugegen zu ſeyn. „Horch.“ ſagte Richard,„die Cymbeln kuͤndigen uns an, daß unſere Königin und ihr Gefolge die Gal⸗ verlaͤßt.— Schaut, wie die Turbane zur Erde inken, als waren ſie von dem Todesengel zu Boden geſchlagen worden. Sie liegen alle auf den Knieen, als wenn der Blick eines arabiſchen Auges die Wan⸗ gen einer Dame beſchmutzen könnte? Kommt, wir wol⸗ z Zelt, und unſern Sieger im Triumph dahin fuͤhren. bemitleide ich den edlen Sultan, der von der Liebe nichts kennt, als was auch den niedri⸗ geren Naturen von ihr hekannt iſt!. Blondel ſchlug die kuͤhnſten Accorde auf ſeiner Har⸗ fe, zum leomm, als man den Sieger in das Zelt der Königin Berengaria einfuhrte. Er trat ein, ge⸗ fährt von ſeinen Sekundanten, Richard und Thomas — 138 Langſchwerdt, und ließ ſich anmuthig vor der Koͤnigin auf das Knie, wenn ſchon dieſe Ehrenbezeugung zur Haͤlfte der Editha galt, die ihr zur Rechten ſaß. , Entwappnet ihn, meine Damen,“ ſagte der Kö⸗ nig, der mit Wonne die ritterlichen Gebraͤuche ausuͤben ſah.„Die Schoͤnheit ehret das Ritterthum! Schnalle ihm die Sporen ab, Berengaria; wenn Du ſchon eine Koͤnigin biſt, ſo biſt Du ihm doch jede Gunſtbezeugung ſchuldig, die Du nur gebaͤhren kannſt.— Loͤß ihm den Helm, Editha, mit dieſer Haad ſollſt Du es thun, und waͤreſt Du die ſtolzeſte Plantagenet unſers Ge⸗ ſchlechts und er der aͤrmſte Ritter auf Erden!“ Beide Damen gehorchten dem koͤniglichen Befehl; Berengaria mit geſchaͤftigem Eifer, aͤngſtlich den Wuͤn⸗ ſchen ihres Gemahls zuvorzukon amen, und Editha, bald erröthend, bald erbleichend, als ſie langſam und aͤngſt⸗ lich mit Langſchr werdts Hul fe das Sturmband loͤßte, das den Helm unter dem Kinn befeſtigte. „Und was dug arbet ihr Euch unter dieſem ehernen Helm?“ ſagte Richard, als bei der Wegnahme des Vi⸗ ſirs das volle Antlitz des Sir Kenneth ſichthar ward, das vor Anſtrengung und vor innerlicher Bewegung gluͤhte.„Was haltet Ihr von ihm, Ihr ſchoͤnen Da⸗ men?“ ſagte Richard.„Gleicht er wohl einem aͤthio⸗ piſchen Sclaven, oder ſcheint er ein unbekannter namen⸗ loſer Abenteurer? Nein, bei meinem guten Schwerdte: Hier endigen ſeine vielfachen Verkleidungen. Er knieete vor Euch, unbekannt, außer durch ſeinen inneren Werth. — Er ſteht auf, gleich ausgezeichnet durch Geburt und Stand. Der abenteuerliche Ritter Kenneth erhebt ſich dlae pheih Graf v. Huntingdon, Kronprinz von Schott⸗ land!“ Ein allgemeiner Schrei des Erſtaunens ward in der Verſammlung gehoͤrt, und Editha ließ den Helm aus ihrer Hand fallen, den ſie ehen empfangen hatte. „Ja, meine Herrn, agte der Koͤnig,„ſo iſt's; ihr wißt, wie Schottland uns hinterging, als es uns anbot, dieſen tapfern Grgfen mit einer kuͤhnen Geſell⸗ — 139 ſchaft ſeiner Beſten und Edelſten zu ſenden, unſern Waffen bei der Eroberung Palaͤſtina's belzuſtehen, daß es aber ſeinen Verbindlichkeiten nicht nachkam. Die⸗ ſer edle Juͤngling, unter den ſich die ſchottiſchen Kreuz⸗ fahrer haͤtten reihen ſollen, hielt es fuͤr ſchimpflich, ſei⸗ nen Arm dem heiligen Kreuzzug zu entziehen, er holte uns in Sicilien mit einer kleinen Anzahl ergebener und getreuer Diener ein, die noch durch viele ſeiner Lands⸗ leute vermehrt ward, denen der Rang ihres Füͤhrers un⸗ bekannt war. Die Vertrauten des Kronprinzen waren alle, einen alten Diener ausgenommen, in verſchiede⸗ nen Schlachten gefallen, als ſein Geheimniß, das nur zu gut verwahrt war, faſt dazu gefuͤhrt haͤtte, daß ich in einem ſchottiſchen Abenteurer eine der edelſten Hoff⸗ nungen von Europa vernichtet haͤtte. Warum entdeck⸗ tet Ihr Eunren Stand nicht, edler Huntingdon, als mein haſtiger, leidenſchaftlicher Urtheilsſpruch Euer Le⸗ ben gefahrdete? Geſchah es vielleicht deßwegen, weil Ihr den Richard fuͤr fahig hieltet, einen Vortheil zu mißbrauchen, den ich uͤber den Erben eines Koͤnigs be⸗ ſaß, der ſich oft feindſelig gegen mich gezeigt hatte?“ „Ich war nicht ſo ungerecht gegen Euch, königli⸗ cher Richard;“ antwortete der Graf von Huntingdon, „aber mein Stolz ließ es nicht zu, daß ich mich als Prinz von Schottland entdecken ſollte, um mein Leben zu retten, das durch einen Fehler in der Dienſtpflicht ge⸗ faͤhrdet war. Ueberdieß hatte ich ein Geluͤbde gethan, meinen Stand unbekannt zu laſſen, bis der Kreuzzug beendigt waͤre; auch erwaͤhnt ich ihn nur in articulo mar- tis, unter dem Siegel der Beichte, jenem ehrwuͤrdigen Eremiten.“ „Es war alſo die Kunde dieſes Geheimniſſes, die den guten Mann bewog, ſo in mich zu dringen, meinen ſtrengen Urtheilsſpruch zuruͤckzunehmen?“ ſagte Ri⸗ chard.„Mit Recht, ſagte er, daß wenn dieſer gute Ritter auf meinen Befehl fiele, ich die That gern unge⸗ ſchehen wuͤnſchen wuͤrde, und wenn es mich ſelbſt ein Glied koſten wuͤrde.— Ein Glied.— Gern hatte ich 140 3 mein Lebe n gegeben, es ungeſchehen zu machen— weil die Wel t gefa ai haben wuͤrde, Richard haͤtte den Zuſtand mißbraucht, i elchem ſich der Erbe Schottlands, im Vertrauen auf ſeine Großmuth ihm ubergeben haͤtte.“ „Ouͤrfen wir aber Ew. Majeſtaät fragen, durch wel chen ſonderbaren und glaͤcklichen Zufal ſich der Lnoren endlich! lücte?“ ſagte die Koͤnigin Berengaria. „Briefe, welche wir von England empfingen,“ ſagte der Konig,„ benachrichtigten uns unter andern unange⸗ nehmen rachrichtan, daß der Konig von Schottland drei Perſonen aus dem höchſten Adel Englands auf einer Pilgerfahrt nach St. Ninian hatte ergreifen laſſen; und zur Urſache angegeben, daß ſein Erbe, von dem man zermueſen habe, daß er in den Reihen der Deutſchor⸗ dens⸗Ritter gesen die heidniſchen Preußen kaͤmpfe, in Wirk kliche eit in unſerem Lager un nd in un iſerer Gewalt waͤre; und darum wolle William dieſe Edlen als Geißel fuͤr ſeine Sicherheit behalten. Dieß g gab mir das erſte Licht uͤber den wahren Rang des Leoparden⸗Ritters, und meine Vermuthungen wurden noch von de Vaux be⸗ ſtaͤtigt, der, als er von Ascalon zuruͤckkam, den einzi⸗ gen Diener des Grafen von Huntingdon, einen dickkoͤ⸗ pfigen Sclaven, mit brachte, der 30 Meilen weit gegan⸗ gen war, um dem de Vaux ein Geheimniß mitzutheilen, das er eeigentlich mir haͤtte ſagen ſollen.“ „Der alte S traughan iſt zu entſchuldigen. ſagte der Lord von Gilsland.„Er wußte aus Erfahrung, daß mein Herz etwas ſanfter iſt, als wenn ich mich Plantagenet ſchriebe.“ „Dein Herz ſanft! Du alte eiſerne Boͤchſe!— Du kumberlaͤndiſcher Kieſelſtein, der Du biſt!“ rief der Koͤ⸗ nig aus.„Wir gerade, die Plan tagenets ſind es, die wir uns ruͤhmen, ſanften und gefuͤhlvollen Herzens zu ſeyn, nicht wahr Editha?“ ſagte er, indem er ſich zu ſeiner Nichte wandte, mit einem Ausdruck, der ihr das Blut in die Wangen ſchießen ließ.—„ Gib mir Deine Hand, meine ſchoͤne Nichte, und Du Prinz von Schuft⸗ land die Deinige.“ V 141 „Behuͤte Gott, mein gnaͤdigſter Herr,“ ſagte Edi⸗ tha zuruͤcktretend, indem ſie verſuchte, ihre Verwirrung damit zu verbergen, daß ſie uͤber die Leichtglaͤubigkeit ihres königlichen Verwandten ſpottete.„Erinnert Ihr Euch nicht mehr, daß meine Hand das Mittel ſeyn ſoll⸗ te, um Saracenen und Araber, den Saladin und ſeine helerbanden Heerſchaaren zum chriſtlichen Glauben zu ekehren?“ „Ach, der Wind der Prophezeihung hat ſchon aus⸗ geweht und blaͤst nun von einer andern Seite her,“ er⸗ wiederte Richard. „Spotte nicht, ſonſt moͤchten Deine Banden enger werden,“ ſagte der Eremit, indem er vortrat.„Die himmliſchen Heerſchaaren ſchreiben nur hrheit in ih⸗ ren glaͤnzenden Bahnen— nur das menſchliche Auge iſt zu ſchwach, ihre Buchſtaben genau zu leſen. daß als Saladin und Sir Kenneth in nſinennehn liefen, ich in den Sernen, las, daß r Dache ein Fuͤrſt ruhe, der natuͤrliche Fe den das Schickſal mit Eha Plantagen det3 verei migen wurde. Konnte ich zweifeln, d daß es der Sultan ſeyn ſeen Rang mir wohlbekannt war, da er oft cht hatte, um ſich mit nir uͤber den ſchen Koͤrper zu. unterhalten?— Wi deten die Lichger des Firm anents, da die⸗ — ſer rs ſeyn folte; daraus auf die gure Eigenſchaften ihn ſchon oft dem b neigt zu machen ſchienen. Das Gefuͤhl meiner Schwaͤ⸗ che hat mich in vden S taub erniedrigt, aber in dem Staub habe ich Beruhigung g⸗ funde n! Ich habe das Schiekſa Anderer nicht recht gele eſen.— Wer kann mir die Zuſicherung geben, daß ich mich nicht auch bei dem meinigen verrechnet habe? Gott will es icht⸗ daß wir in fein Rathhaus dringen, oder daß wir ſeine ver⸗ brrgenen Geheimniſſe oſſenbaren. Mir muͤſſen die Zeit üubwarten, mit N tachtwachen und Gebet— mit Furcht zleger ſchloß aladin. deſſen huum g de 2s eahe 3 142 und Hoffnung. Ich kam hieher, der kuͤhne Seber— der ſtolze Prophet— glaubte mich im Stande, Fuͤrſten zu unterrichten— hielt mich mit uͤbernatüclicher Macht begabt,— aber mit einem Gewichte belaſtet, von dem ich glaubte, daß keine Schulter, außer der meinigen, es tragen koͤnne. Aber meine Binde iſt herabgeriſſen! Ich gehe von hier, gedemüthigt in meiner Unwiſſenheit, büßend— aber nicht hoffnungslos.“ Bey dieſen Worten entfernte er ſich von der Ver⸗ ſammlung; und man erzaͤhlt, daß ihn von dieſer Zeit an, die wahnſinnigen Anſaͤlle ſeltener heimſuchten, und daß ſeine Buße einen milderen Charakter annahm, begleitet von beſſeren Hoffnungen fuͤr die Zukunft. So viel Eigendünkel liegt ſelbſt in der Verrücktheit ver⸗ ſteckt, daß die Ueberzeugung, eine ungegruͤndete Pro⸗ phezeihung mit ſolcher Heftigkeit gehegt und ausgedruͤckt zu haben, wie der Blutverluſt bei dem menſchlichen Koͤrper, dazu beigetragen hatte, das geiſtige Fieber zu mäßigen und zu daͤmpfen. Es iſt wohl unnoͤthig, den Unterredungen. in dem koͤniglichen Zelte noch weiter zu folgen, oder zu unter⸗ ſuchen, ob David, Graf von Huntingdon, in der Ge⸗ genwart der Editha Plantagenet noch eben ſo ſtumm war, wie der unbekannte, namenloſe Abenteurer Ken⸗ neth. Man wird es ſich wohl von ſelbſt denken, daß er alsdann mit geziemendem Ernſte die Leidenſchaft ausdrückte, die er fruͤher mit Worten 5 ſchwer hatte beſchreiben koͤnnen. Die Mittagsſtunde nahete ſich, und Saladin er⸗ wartete die chriſtlichen Fürſten in einem Zelte, das ſich nur in der Groͤße von dem gewoͤhnlichen Obdach eines gemeinen Curden oder eines Arabers unterſchied. Aber unter der breiten, ſchwarzen Decke war ein Gaſtmahl, nach der üppigen Weiſe des Morgenlandes, auf Teypichen von den reichſten Stoffen bereitet; rings herum lagen Kiſſen fuͤr die Gaͤſte. Wir koͤnnen uns hier nicht damit aufhalten, den Gold⸗ und Silberſtoff — die koſtbaren Stickereien der Arabesken— die Shawls ——— 143 von Caſchmere— und die indiſchen Muſſeline zu be⸗ ſchreiden, die hier mit all ihrem Glanze entfaltet wa⸗ ren; noch weniger aber koͤnnen wir die vielen fuͤßen Gerichte herzaͤhlen, oder die mit vielfaͤrbigem Reis ge⸗ zierten Braten, und alle Leckerbiſſen der orientaliſchen Kuͤche. Gebratene ganz. Laͤmner, Wildpret und Ge⸗ flügel in Saͤulen aufget) ürmt, ſtanden da in goldenen, ſilbernen und porcellanenen Gefaͤßen, und wechſelten mit großen Trinkſchaalen, mit Scherbet gelullt, ab, der mit Schnee und mit Eis von den Höhlen des Berges Li⸗ banon gekuͤhlt war. Am oberſten Ende ſchien ein pracht⸗ voller, erhabener Sitz fuͤr den Herrn des Feſtes und fuͤr diejenigen Fuͤrſten beſtimmt zu ſeyn, die er zu die⸗ ſem Ehrenplatze fuͤhren wuͤrde; aber von dem Dache des Zeltes wehten überall, und beſonders uͤber dieſem Sitze, eine große Anzahl von Fahnen und Panieren, die Trophaͤen gewonnener Schlachten, und umgeſtuͤrzter Koͤnigreiche. Aber über Alle— trug eine lange Lanze ein Lei⸗ chentuch, das Panier des Todes mit dieſer bedeutungs⸗ vollen Inſchrift:„—— Saladin⸗der Koͤnig der Koͤnige— Saladin der Sieger der Sieger, — Auch Saladin muß ſterben.“ Bei dieſen Vorbereitungen ſtanden die Sclaven, welche die Er⸗ triſchungen zugerichtet hatten, mit gebeugtem Haupte und gefaltetem Arme ſtumm und bewegungslos, wie die Statuen eines Denkmals, oder wie Automaten⸗ welche die Beruͤhrung des Künſtlers erwarten, um ſich in Bewegung zu ſetzen. Waͤhrend er nun der Ankunſt ſeiner fuͤrſtlichen Gaͤſte entgegen ſah, beſchaͤftigte ſich der Sulran einſtweilen mit einem, zu ſeiner Zeit gewoͤhnlichen Aberglauben, und betrachtete ſein Horoſcop und eine beig fänte Rol⸗ le, welche ihm von dem Eremiten von Engodat zuge⸗ ſchickt worden war, als dieſer das Lager verlaſſen hatte. „Sonderbare, geheimnißvolle Wiſſenſchaft,“ ſo mur⸗ melte er vor ſich hin,„welche, indem ſie vorgibt, den Schleier der Zukunft hinwegzuziehen, Diejenigen irre 144 — fͤhrt, die ſie zu leiten ſcheint, und die Landſchaft ven⸗ dunkelt, die ſie erhellen zu ioͤnnen vorgibt! Wer würde nicht geſagt haben, daß ich der ge faͤhrlichſte Feind Ru⸗ Uards waͤre, deſſen Feindſchaft ſich durch eine Heirath mit ſeiner Verwandten endigen wuͤrde? D och ſcheint es mir, daß eine Verhindung zwiſchen dieſem ritterli⸗ chen Grafen und der Dame, Freund dſch haft 3 lſch en Ri⸗ chard und Schottland ſtiften wird, das ihm ein viel gefaͤhrliche rer Feind iſt, als ich, da eine wilde Katze im Zimmer mehr zu fürchten iſt, als ein Loͤ ve in ei ner fernen Wuͤſte.— Dann aber,“ ſo fuhr er mit ſich ſelbſt zu ſprechen fort,„zeigte die Conſtellation, daß dieſer Gatte ein Chriſt ſeyn ſollte.— Ein Chriſt?“ wiederholte er nach einer Pauſe—„D Das gab zu der unſinnigen, fanatiſchen Hoffaung Anlaß, daß ich mei⸗ nem Glauben entſagen würde. Aber ich, der getreue Diener unſeres Propheten— mich ſollte es ent. aͤuſcht haben. Da liege, 1 myſt ſteriſche Rolle⸗ fuͤgte er hinzu, indem er ſie unter den Pfeiler einer Ottomanne ver⸗ barg.„Sonderbar ſind Beine Vora ausſagungen und ge⸗ faͤhrlich, da ſie, ſelbſt wenn ſie in Iich wahr ſind, auf Diejenigen, welche ihre Deutung entraͤthſeln wolen, den⸗ noch die Wirlung einer falſchen Prop) zeihung heroor⸗ bringen.— Was gibts, was wil das Puͤrſchlein?“ Er ſorach zu dem Zwerg Nebecdamus, der ſich von Fuürcht bewegt in das Zelt geſchlichen hatte, und deſſen ſonderbare, ungleichm aͤßigen Züze vor Entſetzen in die entſetzlichſte Haͤßlichkeit ausarteten— die Augen offen, den Mund geſpaltet, die Kaͤnde mit ihren knoö⸗ chernen unfoͤrmlichen Fingern wild aus oeſtrche „Nun was gibts?“ ſagte der Sultan ernſt. „Aocipe 1oc! ſeoͤhnte der Z werg. „Wie, was ſagſt Du?“ frug der Sultan. „Accipe hoc,“ erwiederte das ſchreckenbleiche Ge⸗ ſchbf—, das wahrſcheinlich nicht wußte, daß es dieſelben Worte wiederhole, „Sör, ich bin nicht zu Thorheiten gelaunt.“ „Auch bin ich kein Thor mehr,“ ſagte der Zwerg, 4 145 „zu meinem Witz noch meine Thorheit zu Huͤlfe zu rufen, um mein Brod zu verdienen, ich armes hülfo⸗ ſes Geſchoͤpf! Hoͤr' mich, ach hoͤre mich an, großer Sultan!“ „Nun, wenn Du Dich uͤber ein wirkliches Unrecht zu beklagen haſt, ſagte Saladin,„ſeyſt Du nun ein Thor oder ein Weiſer, Du haſt ein Recht, Gehoͤr von dem Koͤnige zu verlangen. Komm' mit herein;“ und er fuͤhrte ihn in das innere Zelt. Worauf ſich auch immerhin ihre Unterredung bezie⸗ hen mochte, kurz, das Schmettern der Trompeten, wel⸗ ches die Ankunft der verſchiedenen chriſtlichen Fuͤrſten bezeichnete, machte ihr bald ein Ende, denn Saladin bewillkommte ſie in ſeinem Zelte mit einer koͤniglichen Hoͤflichkeit, die ſowohl ſeinem als ihrem Range ziemte; vorzuͤglich aber gruͤßte er den jungen Grafen von Hun⸗ tingdon, und wunſchte ihm großmuͤthigerweiſe zu den Ausſichten Gluͤck, mit denen er ſich ſelbſt geſchmei⸗ chelt, und von welchen ihn der Kronprinz verdraͤngt und verdunkelt hatte. 3 „Glaube aber nicht, edler Juͤngling,“ ſagte der Sultan,„daß der Prinz von Schottland dem Sala⸗ din willkommener iſt, als Kenneth dem einſamen Ilde⸗ rim, als ſie ſich in der Wuͤſte trafen, oder der ge⸗ beugte Aethiopier dem Hakem Adonbeck. Ein wackeres edelmuͤthiges Herz, wie das Deinige, hat einen Werth, der ungbhaͤngig iſt von Stand und Geburt; ſo wie der kuͤhle Trank, den ich Dir hier reiche, koſtlich iſt, aus irdenen Gefaͤßen, wie im Becher von Gold.“ Der Graf von Huntingdon antwortete geziemend, wobei er die vielen bedeutenden Dienſte anerkannte, welche er von dem großmuͤthigen Sultan empfangen hat⸗ te; aber als er dem Saladin mit einer Schaale Scher⸗ bet Beſcheid that, welche der Sultan ihm angeboten hatte, ſo konnte er ſich nicht enthalten, mit einem Laͤ⸗ cheln zu bemerken:„Der tapfere Ritter Ilderim kannte die Entſtehung des Eiſes nicht; aber der erlauchte Sul⸗ tan kuͤhlt ſeinen Scherbet mit Schnee.“ W. Scott's Werke IX.. 10 146 „Soll denn ein Araber oder ein Curde ſo weiſe wie Hakem ſeyn?“— ſagte der Sultan.„Wer eine Ver⸗ kleidung anlegt, muß die Gefuͤhle des Herzens und das Wiſſen des Kopfes mit der Verkleidung, die er anlegt, uͤbereinſtimmend annehmen. Ich wuͤnſchte zu ſehen, wie ein wackerer einfacher Ritter von Frangiſtan ſich im Kampf mit einem Haͤuptling betragen wuͤrde, wie ich damals ſchien; und ich bezweifelte die Wahrheit einer wohlbekannten Thatſache, um zu ſehen, mit welchen Gruͤnden Du ſie vertheidigen wuͤrdeſt.“ Waͤhrend ſie ſo ſprachen, ward der Erzherzog von Oeſterreich, der nicht weit davon ſtand, bei der Erwaͤh⸗ nung des Eis⸗Scherbets aufmerkſam, und ergriff mit vielem Vergnuͤgen und ziemlicher Toͤlpelhaftigkeit den großen Becher, den der Graf von Huntingdon eben wie⸗ der hingeſtellt hatte. „Sehr koͤſtlich!“ rief er nach einem tuͤchtigen Zuge aus, welchen die Hitze des Wetters und die Fie⸗ bergluth(eine Folge ſeiner geſtrigen Ausſchweifung), ihm doppelt angenehm gemacht hatte. Seufzend haͤn⸗ digte er die Schaale dem Großmeiſter des Tempelherrn⸗ ordens ein. Saladin machte dem Zwerg ein Zeichen, welcher hervortrat und mit rauher Stimme die Worte ausrief:„Accipe hoc!“ Der Tempelherr fuhr zuruͤck, wie ein Pferd, das einen Loͤwen in dem Gebuͤſche neben ſich verſteckt ſieht. Aber augenblicklich faßte er ſich wie⸗ der, und wahrſcheinlich, um ſeine Verwirrung zu ver⸗ bergen, erhob er den Becher, und wollte ihn an die Lip⸗ pen ſetzen— aber dieſe Lippen beruͤhrten nie den Rand des Bechers. Das Schwerdt des Saladin verließ die Scheide, wie der Blitz die Wolken verlaͤßt. Es dürch⸗ ſpaltete die Luft,— und das Haupt des Großmei⸗ ſters fuhr in die Ecke des Zeltes, waͤhrend der Rumpf, den Becher feſt in der Hand, eine Sekunde ſtehen blieb, dann umſtuͤrzte, daß das Getraͤnk ſich mit dem Blute dermiſchte, das aus ſeinen Adern ſpritzte. Ein allgemeiner Schrei,„Verrath!“ erſchallte, und der Oeſterreicher, der dem Saladin mit dem blu⸗ 147 tigen Saͤbel am naͤchſten ſtand, fuhr zuruͤck, als fuͤrchte er, daß jetzt die Reihe an ihn kame. Richard und die uͤbrigen legten die Hand an's Schwerdt. „Fuͤrchte nichts, edler Herzog von Oeſterreich,“ ſagte Saladin ſo ruhig, als waͤre gar nichts vorgefal⸗ len,„und Du erlauchter Koͤnig von England, ereifre Dich nicht uͤber das, was Du geſehen. Nicht ſeiner vielfachen Verraͤthereien wegen— nicht wegen des Ver⸗ ſuchs, den er, wie ſein eigener Edelknecht geſteht, gegen das Leben des Koͤnigs Richard machte;— nicht, weil er den Prinzen von Schottland und mich ſelbſt in der Wuͤſte verfolgte, wo uns nur die Schnelligkeit unſrer Pferde rettete,— nicht, weil er bei eben dieſer Gele⸗ genheit die Maroniden verleitete, uns anzugreifen, und ich unerwartet ſo viele Araber auftrieb, daß ſein Plan mißlang;— nicht wegen eines von allen dieſen Verbre⸗ chen liegt er nun da, wenn ſchon ein jedes, dieſes Schick⸗ ſal verdient haͤtte;— ſondern weil er vor einer halben Stunde, ehe er uns mit ſeiner Gegenwart entehrte, wie der Samum die Atmosphare vergiftet, weil er eben erſt ſeinen Gefaͤhrten und Mitſchuldigen, Conrad von Montſerrat erdolchte, damit er das niedertraͤchtige Complott nicht entdecke, in welchem ſie beide verwickelt waren.“ „Was? Conrad ermordet?— Und von dem Großmei⸗ ſter, ſeinem Sekundanten und vertrauteſten Freunde!“ rief Richard aus.„Edler Sultan, ich will keinen Zwei⸗ fel in Deine Ausſagen ſetzen— doch muß das bewieſen werden, ſonſt“—— „Da ſteht der Zeuge,“ ſagte Saladin, indem er auf den erſchrockenen Zwerg zeigte.„Allah, der das Johanniswuͤrmchen ſchickt, um die Nacht zu erleuch⸗ ten, kann geheime Verbrechen durch die unbedeutend⸗ ſten Mittel an den Tag bringen.“ Der Sultan erzaͤhlte jetzt die Geſchichte des Zwergs, die ſich folgendermaßen zutrug.— In ſeiner thoͤrichten Neugierde, oder wie er zum Theil geſtand, mit einigen Abſichten, etwas zu mauſen, hatte ſich Nebecdamus in 10** 148 das Zelt Conrads geſchlichen, der von allen ſeinen Dienern verlaſſen war, da einige von ihnen abweſend waren, um ſeinem Bruder die Nachricht von ſeinem Un⸗ terliegen zu bringen, und die Uebrigen ſich der Speiſen bedient hatten, mit welchen Saladin ſie verſorgte, um damit zu zechen. Der Verwundete ſchlief durch den wun⸗ derbaren Einfluß des Talisman's des Saladin, ſo daß der Zwerg Gelegenheit hatte, nach Herzensluſt herumzu⸗ ſtoͤbern, bis ihn der Klang eines ſchweren Trittes zwang, ſich zu verbergen. Er ſchluͤpfte hinter einen Vorhang, konnte aber doch alle Bewegungen ſehen, und die Worte des Großmeiſters hoͤren, welcher eintrat und den Um⸗ hang des Zeltes ſorgfaͤltig verwahrte. Sein Opfer fuhr vom Schlafe auf, und es ſchien, daß er augenblicklich die Abſicht ſeines alten Gefahrten vermuthete, denn er frug mit unruhigem Ton, warum er ihn ſtore? „Ich komme, Dir die Beichte abzunehmen, und Dir die Abſolution zu geben,“ antwortete der Groß⸗ meiſter.. Von ihrer weiteren Unterredung erinnerte ſich der erſchrockene Zwerg wenig; nur daß Conrad den Groß⸗ meiſter bat, ein verletztes Rohr nicht zu brechen, und daß der Tempelherr ihm mit einem tuͤrkiſchen Dolche das Herz durchbohrte, wobei er die Worte ausſprach:„ac⸗ cipe hoc’“— Worte, die noch lange in der erſchrocke⸗ nen Einbildungskraft des verborgenen Zeugen wieder⸗ allten. „Um der Wahrheit auf den Grund zu kommen,“ ſagte der Sultan,„ließ ich den Leichnam unterſuchen, und dieſes ungluͤckliche Weſen, das Allah zum Entde⸗ cker des Verbrechens beſtimmt hat, in Eurer Gegenwart die Worte wiederholen, welche der Moͤrder ſprach; Ihr ſelbſt habt die Wirkung geſehen, die es auf ſein Gewiſ⸗ ſen hervorbrachte.“ Der Sultan ſchwieg, und der Koͤnig von England brach die Stille.— „Wenn es wahr iſt(wie ich es nicht bezweifle), ſo ben wir eine gerze Handlung der Gerechtigkeit geſe⸗ 3 hal ₰ 149 hen, wenn ſie ſchon im Anfang anderſt ſchien. Aber warum in dieſer Geſellſchaft, warum mit Deinen eige⸗ nen Haͤnden?“ „Ich hatte mir es quch anders vorgenommen,“ ſagte Saladin;„aber haͤtte ich ſein Schickſal nicht beſchleunigt, ſo waͤre es ganz von ihm abgewendet ge⸗ weſen; denn haͤtte ich ihm erlaubt, aus meiner Schaale zu koſten, wie er es thun wollte, wuͤrde ich ihn dann, ohne die Rechte der Gaſtfreundſchaft zu verletzen, zu dem wohlverdienten Tode verdammen koͤnnen? Haͤtte er meinen Vater ermordet, und dann meinen Becher mit mir getheilt, ſo wuͤrde ich kein Haar von ſeinem Kopfe beleidigt haben. Aber genug von ihm,— ſein Leichnam und ſein Andenken verſchwinde unter uns“ Der Koͤrper ward weggeſchafft, und die Zeichen der Ermordung mit einer ſolchen ſchnellen Gewandtheit weg⸗ gewaſchen und verborgen, daß man wohl ſah, daß der Fall nicht ſo ſelten vorkomme, als daß er Sala⸗ dins Diener erſchrecken konnte. Aber die chriſtlichen Fuͤrſten fuͤhlten, daß die Erin⸗ nerung an das, was ſie eben geſehen, ſchwer auf ihnen laſte, und obſchon ſie, auf die hoͤfliche Einladung des Sultans ihre Sitze bei dem Gaſtmahle wieder einnahmen, ſo geſchah es doch mit einem verwundernden, zweifeln⸗ den Stillſchweigen. Richards Geiſt allein uͤberwand jeden Grund zum Verdacht und Verlegenheit. Doch ſchien auch er uͤber irgend einen Vorſchlag zu bruͤten, als wün chte er ihn, auf die einſchmeichelndſte und an⸗ nehmlichſte Weiſe, die nur moͤglich waͤre, vorzubringen. Endlich trank er einen großen Humpen Weins aus, und wandte ſich an den Sultan, von dem er zu wiſ⸗ ſen wünſchte, ob es wahr waͤre, das er den Grafen den Huntingdon mit einem perſoͤnlichen Zweikampf be⸗ ehrt hatte. Saladin antwortete laͤchelnd: er haͤtte ſein Schwerdt und ſeine Waffen mit dem Kronprinzen von Schottland gemeßen, wie Ritier es zu thun pflegten, wenn ſie ſich in der Wute treffen,— dann fuͤgte er ferner beſcheiden I 50 hinzu, obgleich das Gefecht nicht gerade entſcheidend geweſen waͤre, ſo haͤtte er doch ſeiner Seits nicht viel Grund, auf den Ausgang ſtolz zu ſeyn. Der Schotte dagegen wieß den ihm zugeſprochenen Vorrang zuruͤck, und wollte ihn dem Sultan uͤbertragen. „Genug Ehre haſt Du in dem Zweikampf gehabt,“ ſagte Richard,„und ich beneide Dich mehr daruͤber, als um das Zulaͤcheln der Editha Plantagenet, wenn es ſchon die Thaten eines blutigen Tages belohnen kann. Aber was ſagt Ihr, Ihr edlen Fuͤrſten, ziemt es ſich, daß ſolch ein koͤniglicher Ritterkreis verſammelt ſey, ohne daß etwas geſchehe, das werth iſt, daß man in künftigen Zeiten davon ſpricht? Was iſt der Tod eines Verraͤthers fuͤr einen ſchoͤnen Ehrenkranz, wie der ge⸗ genwaͤrtig verſammelte, und der ſich nicht trennen ſoll⸗ te, ohne etwas zu ſehen, was ſeiner Blicke wuͤrdig waͤre? Wie meinſt Du, fuͤrſtlicher Sultan— wie waͤre es, wenn wir zwei, in eben dieſem Augenblicke vor die⸗ ſer ſchoͤnen Geſellſchaft den lang gefuͤhrten Streit um dieſes Land Palaͤſtina entſchieden und ſo auf einmal dieſen blutigen Krieg beendigten? Dort ſind die Schran⸗ ken bereit, auch kann das Heidenthum keinen beſſern Kaͤmpen, als Dich, zu ſinden hoffen. Ich, freilich ein viel Unwuͤrdigerer, erbiete mich, meinen Handſchuh der Chriſtenheit wegen hinzuwerfen, und mit aller Liebe und Ehre wollen wir um den Beſitz von Jeruſalem auf Lod und Leben kaͤmpfen.“ d Eine tiefe Stille herrſchte, als man des Sultans Antwort erwartete. Seine Wangen und ſeine Stirne roͤtheten ſich, und viele Anweſende glaubten, er habe eſchwankt, ob er nicht die Herausforderung annehmen ile Endlich ſagte er:„wenn ich für die heilige Stadt egen Diejenigen kaͤmpfe, die wir als Goͤtzendiener und Anbeter von Hol; und Stein und ausgehauenen Bil⸗ dern betrachten, ſo kann ich wohl hoffen, daß Allah meinen Arm ſiaͤrken wird; oder wenn ich unter dem Schwerdte des Melec Ric falle, ſo kann ich durch kei⸗ nen glaͤnzenderen Tod ins Paradies gelangen. Aber Al⸗ — —nnee 151 lah hat den Rechtglaͤubigen Jeruſalem ſchon eingege⸗ ben, und es hieße den Gott der Propheten verſuchen, wenn ich auf meine perſoͤnliche Staͤrke und Gewandt⸗ heit das wagen würde, was meine groͤßere Macht mir ſchon zuſichert.“ 3.. „Nun, wenn's denn nicht um Jeruſakem iſt,“ ſagte Richard, mit dem Tone eines Menſchen, der von einem vertrauten Freunde eine Gunſtbezeugung erbittet, „ſo laß uns denn aus Liebe zur Ehre wenigſtens drei Zuͤge mit eingelegter Lanze machen?“ „Auch das,“ ſagte Saladin, uͤber Richard Loͤwen⸗ herzens heftige Kampfluſt halb laͤchelnd,„ſelbſt das kann ich geſetzmaͤßig nicht thun. Der Herr beſtellt den Schaͤfer über ſeine Heerde, nicht um des Schaͤfers, bendenn um der Schaafe willen. Haͤtte ich einen Soen, en Scepter zu fuͤhren, ſo haͤtte ich, wenn ich ſiele, die Freiheit, wie ich den Willen habe, dieſem kuͤhnen Zweikampf entgegen zu gehen. Aber Eure eigene Schrift ſagt, daß wenn der Hirt erſchlagen wird, die Heerde ſich zerſtreut.“ „Du haſt eben das Gluͤck allein gehabt“, ſagte Richard, indem er ſich ſeufzend zum Grafen von Hun⸗ tingdon wandte.„Ich haͤtte das beſte Jahr meines Le⸗ bens für die eine halbe Stunde bei dem Demant der Wüſte gegeben!“ Doch Richards kuͤhner Rittergeiſt ermunterte die Verſammlung, und als ſie endlich zum Abſchiede auf⸗ anden, trat Saladin vor, und nahm den Loͤwenherz ei der Hand:„Edler Koͤnig von England,“ ſagte er, Zwir trennen uns, um uns nie wieder zu begegnen. Daß Euer Buͤndniß aufgeloͤßt iſt, und nie wieder ber⸗ einigt werden wird, daß Eurer eignen Truppen zu wenig ſind, um Euch in den Stand zu ſetzen, Euer Unternehmen zu vollenden, weiß ich eben ſo gut, wie Du ſelbſt. Ich kann Euch das Jeruſalem, das Ihr ſo ſehr nuͤnſcht, nicht abtreten. Es iſt eine heilige Stadt für uns, wie für Euch. Ader was Richard ſonſt von Saladin’ ver⸗ jangt, ſoll ihm ſo gern bewilligt werden, wie jene 15² Quelle ihr Waſſer hervorſprudelt. Ja, daſſelbe wird auch Saladin bewilligen, wenn Richard in der Wuͤſte ſtaͤnde, und nur zwei Bogenſchuͤtzen hinter ihm. Deer andere Tag ſah Richard in ſein Lager zu⸗ ruͤckkehren, und kurze Zeit hernach heirathete der junge Graf von Huntingdon die ſchoͤne Editha Plantagenet. Zum Hochzeitsgeſchenk ſandte der Sultan den beruͤhm⸗ ten Talisman; aber obgleich viele Curen damit in Eu⸗ ropa bewerkſtelligt wurden, ſo hatte doch keine den glaͤnzenden Erfolg und den Ruhm derer, welche der Sultan angeſtellt hatte. Noch jetzt exiſtirt er, da ihn der Graf von Huntingdon einem tapferen ſchottiſchen Ritter, dem Sir Mungo von der Lilie uͤbertrug, in deſ⸗ ſen alter Familie er noch aufbewahrt wird; und wenn ſchon bezauberte Steine aus unſerer neuen Apotheker⸗ kunſt entlaſſen worden ſind, ſo gebraucht man ihn den⸗ noch bis auf den heutigen Tag zum Blutſtillen und gegen die Hundswuth. Hier endigt unſere Erzaͤhlung, denn die Bedingun⸗ gen, unter welchen Richard Palaͤſtina raͤumte, kann man in jedem Geſchichtsbuche der damaligen Zeit finden. Ende des vierten und letzten Theils. — — * 2 2 ſſſſſſſſſſſtnnnnnnſnnnin ſſſſſſſſiſſſſſſſſſſſſſſſſſnnſſſinſthneiniiiit 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 — —— 4 8 —