2 == ☛— —, ch, 7 2 3 n, Zenvn alude, wem ea Kate dr enae aee weu, ſheu, Wi deuue, 2 Seaeeee U — Walter Scott's ſaͤmmtliche W er k e. Neu überſetzt. — ¹ Achter Band. Erzaͤhlungen von den Kreuzfahrern. „ Zweyte Erzaͤhlung. Der Talzsm an. — Dritter Theil. — Stuttgart, bei Gebräder Frauckh. 182 6. —— Erzaͤhlunge von den Kreuzfahrern. Zweyte Erzaͤhlung. Der Talisman. Vom Verfaſſer des Waverley. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Auguſt Schaͤfer. — Drittes Baͤndchen. Stuttgart, bei Gebruͤder Frauckh. 1826. *—— — N 1 Erzaͤhlungen von den Kreuzfahrern. Zweite Erzaͤhlung. Der Talisman. Erſtes Kapitel. 6 Ihr ſprecht von Unſchuld, ſprecht von Fröhlichkeit! Seit dem Genuſſe der unſel'gen Frucht Sind ewig ſie getrennt, und Bosheit iſt Seitdem der ausgelaſſenen Luſt Gefährtin: Vom erſten Augenblicke, wo das Kind Den Schmetterling, mit dem es ſpielt, zerſtört, Bis zu des ſchmöden Knickers letztem Kichern Der ſterbend ſ ines Nachbars Unglück hört, Altes Schauſpiel. Sir Kenneth wurde einige Minuten allein und im Finſtern gelaſſen. Hier gab es eine andere Unter⸗ brechung, die ſeine Abweſenheit von ſeinem Poſten verlaͤngerte, und er bereuete es beinahe, daß er ſich ſo leicht hatte bewegen laſſen, ſich von ihm zu ent⸗ fernen. Allein zuruͤckkehren, ohne Lady Edith geſehen 5 n haben, daran war jetzt nicht zu denken. Er hatte gegen die Kriegszucht gefrevelt, und war nun ent⸗ ſchloſſen, wenigſtens die verfuͤhreriſchen Erwartungen zu verwirklichen, die ihn dazu verleitet hatten. Es war kein Licht da, um ihm zu zeigen, in was fuͤr ein Zimmer er eingefuͤhrt worden war— Lady Edith befand ſich in der naͤchſten Umgebung der Koͤnigin von England— und die Entdeckung, daß er ſo heimlich in das koͤnigliche Zelt geſchlichen war, konnte zu großem und gefaͤhrlichem Verdachte fuͤhren. Waͤh⸗ rend er dieſen unangenehmen Betrachtungen nach⸗ hing, und faſt zu wuͤnſchen begann, er moͤchte unbe⸗ merkt einen Ruͤckzug bewerkſtelligen koͤnnen, hoͤrte er weibliche Stimmen, die in einem benachbarten Zim⸗ mer, von dem er, wie es ihm daͤuchte, nur durch eine duͤnne Scheidewand getrennt ſeyn konnte, lach⸗ ten, fluͤſterten und ſprachen. Es brannten Lampen, wie er dieß aus dem daͤmmernden Lichte erkennen konnte, das ſich bis auf die Seite der Scheidewand verbreitete, an der er ſich befand, und er konnte in dem anſto⸗ ßenden Zimmer Schatten von verſchiedenen ſitzenden und ſich bewegenden Geſtalten gewahren. Man kann es Sir Kenneth in ſeiner Lage nicht als Unhoͤf⸗ lichkeit auslegen, daß er eine Unterredung behorchte, bey der er in einem ſo hohen Grade betheiligt war. „Nufe ſie— Rufe ſie, um unſerer heiligen Jungfrau willen,“ rief eine dieſer lachenden Unſicht⸗ baren.„Nebectamus, Du ſollſt zum Geſandten an — — V— 7— Prieſter Johanns*) Hofe ernannt werden, um ihnen zu zeigen, wie weiſe Du einen Auftrag ausrichten kannſt.“ Die heißere Stimme des Zwergs ertoͤnte, doch ſo gedaͤmpft, daß Kenneth ſeine Worte nicht verſtand. „Allein wie ſollen wir uns den Geiſt vom Halſe ſchaf⸗ fen, den Nebectamus heraufgerufen hat, Maͤdchen?“— „Hoͤrt mich, koͤnigliche Frau,“ ſagte eine an⸗ dere Stimme;„wenn der weiſe und koͤnigliche Ne⸗ bectamus auf ſeine unuͤbertreffliche Braut und Kai⸗ ſerin nicht gar zu eiferſuͤchtig iſt, ſo wollen wir dieſe abſchicken, um uns von dieſem unverſchaͤmten irren⸗ den Ritter zu befreien, den man ſo leicht uͤberzeugen kann, daß hochgeborene Frauen ſeiner vermeſſenen und uͤbermuͤthigen Tapferkeit bedaͤrfen.“ „Es waͤre in der That, glaube ich, nicht mehr, zals billig, daß die Fuͤrſtin Guenever durch ihre Hoͤflich⸗ keit den Ritter entließe, den die Weisheit ihres Ge⸗ mahls hieher zu locken vermochte.“ Durch das Gehoͤrte von Schaam und Unwillen tief ergriffen, war Sir Kenneth im Begriffe, das Zelt um jeden Preis zu verlaſſen, als die Ausfuͤhrung ſeines Vorſatzes durch das Folgende vereitelt wurde, „Ja, wahrhaftig!“ ſagte diejenige, welche zuerſt geſprochen hatte;„unſere Couſine Editha muß erfah⸗ *) Prieſter Joha in, der große Nequs, König oder Kaiſer von Abpſinien. Aumerk. des Ueberſetzers. 8 ren, wie dieſer geruͤhmte Wicht ſich betragen hat, und wir muͤſſen uns die Macht vorbehalten, ihr ei⸗ nen augenſcheinlichen Beweis davon zu geben, daß er ſeine Pflicht vernachlaͤſſigt hat. Das kann eine Lection werden, die ihr von Nutzen ſeyn wird; denn glaube mir, Caliſta, ich habe manchmal geglaubt, ihr Herz neige ſich naͤher zu dieſem nordiſchen Aben⸗ theurer hin, als mit der Klugheit vereinbar iſt.“ Die andere hoͤrte man etwas von Lady Ediths Klugheit und Ein ſicht murmeln. „Klugheit, Maͤdchen! Es iſt bloß Stolz, und der Wunſch, fuͤr ſproͤber zu gelten, als irgend eine von uns. Nein, ich gebe meinen kleinen Vor⸗ theil nicht aus den Haͤnden. Ihr wißt wohl, wenn ſie eine ſchwache Seite an uns entdeckt hat, ſo kann niemand auf eine hoͤfliche Weiſe euch euren Irrthum verſtaͤndlicher machen, als meine Lady Edith— allein hier kommt ſie.“ Eine Geſtalt, die ins Zimmer zu treten ſchien, warf auf die Scheidewand einen Schatten, der lang⸗ ſam hinglitt, bis er ſich mit den andern vermengte. Ungeachtet ſeiner ſchmerzlich getaͤuſchten Erwartung, oder der Kraͤnkung, womit er durch die Bosheit oder wenigſtens durch die bloße Laune der Koͤnigin Be⸗ rengaria(denn er ſchloß ſchon, daß diejenige, welche am lauteſten und in einem gebieteriſchen Ton ſprach, Richards Gemahlin war;) heimgeſucht worden zu ſeyn ſchien, fuͤhlte ſich der Ritter durch die Gewiß⸗ 3 —— 9 heit, daß Edith an dem ihm geſpielten Betruge kei⸗ nen Cheil hatte, ſo ſehr beruhigt, und ſeine Nei⸗ gierde durch die Szene, welche nun folgen ſollte, ſo ſehr aufgeregt, daß er, ſtatt ſich augenblicklich zu entfernen, wie er kluͤglicherweiſe beſchloſſen hatte, ſich nach einer Spalte umſah, damit er vermittelſt der⸗ ſelben ſowohl Augen⸗ als Ohrenzeuge des bevorſte⸗ henden Auftrittes werden koͤnnte. Gewiß, ſagte er zu ſich ſelbſt, die Koͤnigin, der es beliebt hat, meine Ehre und vielleicht mein Leben eines Spaßes wegen in Gefahr zu ſetzen, kann ſich nicht beklagen, wenn ich die von dem Gluͤcke mir dargebotene Gelegen⸗ 4 heit benütze, ihre fernere Abſichten kennen zu lernen. * Es ſchien unterdeſſen, als ob Edith die Befehle der Koͤnigin erwartete, und als ob dieſe nicht ſprechen wollte, aus Furcht, das Lachen nicht halten zu koͤn⸗ nen; denn Sir Kenneth konnte bloß ein unterdruͤck⸗ tes Kichern und Lachen unterſcheiden. „Eure Majeſtaͤt,“ ſagte Edith endlich;„ſcheint in einer frohen Stimmung zu ſeyn, obſchon, wie es mir ſcheint, die Stunde der Nacht zum Schlafen einladen ſollte. Ich hatte gerade ſo recht ganz im Sinne, mich in's Bette zu begeben, als ich den Be⸗ fehl vernahm, vor Eurer Majeſtaͤt zu erſcheinen.“ .„Ich will Euch nicht lange von Eurer Ruhe ab⸗ halten, Couſine,“ ſagte die Koͤniginn,„ob ich ſchon fuͤrchte, Ihr werdet nicht ſo gut ſchlafen, wenn ich Euch ſage, daß Eure Wette verloren iſt./ ———— 10 „Wahrhaftig, meine Koͤnigin“ ſagte Edith,„das heißt, ſich mit einem laͤngſt abgenuͤtzten Scherze ab⸗ geben. Ich habe keine Wette eingegangen, obgleich es Eurer Majeſtaͤt beliebt hat, zu vermuthen oder darauf zu beſtehen, daß ich dieſes that.“ „Nun wahrlich! jetzt hat, trotz unſerer Wall⸗ fahrt, der Satan große Macht uͤber Euch, meine Couſine, und verleitet Dich zum Luͤgen. Koͤnnt Ihr laͤugnen, daß Ihr Euern Rubinring gegen mein gol⸗ denes Armband verpfaͤndet habt, daß jener Ritter vom Leoparden, oder wie Ihr ihn nennt, nicht von ſeinem Poſten weggebracht werden koͤn nne?“ „Eure Majeſtaͤt ſind zu groß fuͤr mich, als daß ich Euch widerſprechen koͤnnte,“ erwiederte Edith,„al⸗ lein dieſe Damen können mir, wenn ſie wollen, das Zeugniß geben, daß Eure Mgjeſtaͤt es waren, die eine ſolche Wette vorſchlugen⸗ und den Ning von meinem Finger nahmen, ſelbſt waͤhrend ich erklaͤrte, daß ich es nicht fuͤr ſittſam halte, ſolcher Dinge wegen irgend etwas zu verpfaͤnden.“ „Ja, meine Lady Edith,“ ſagte eine von dem Maͤd⸗ chen;„allein Ihr muͤßt, mit Eurer Erlaubniß ge⸗ ſprochen, zugeben, daß Ihr ſehr zutrauensvoll von der Tapferkeit dieſes Ritters vom Leoparden ſpracht“ „Und wenn ich es auch that,“ ſagte Edith aͤr⸗ gerlich,„gibt Dir dieß dann einen guten Grund an die Hand, der Laune Ihrer Majeſtaͤt das Wort zu re⸗ den? Ich ſprach bloß von ihm, wie alle Menſchen, — 11 die ihn im Felde geſehen haben, von ihm ſprechen, und hatte kein groͤßeres Intereſſe dabey, ihn zu ver⸗ theidigen, als Du, ihn zu verkleinern— von was kann unſer Geſchlecht in einem Lager ſprechen, als von Kriegern und Kriegsthaten.“ „Die edle Lady Edith,“ ſagte eine dritte,„hat es der Caliſta und mir noch nicht verziehen, daß wir Eurer Majeſtaͤt geſagt haben, ſie habe zwey Roſenknospen in der Kapelle fallen laſſen.“ „Wenn Eure Majeſtaͤt,“ ſagte Edith in einem Tone ehrerbietiger Gegenvorſtellung, wie es dem Rit⸗ ter Kenneth wenigſtens ſcheinen wollte,„mir nichts Anderes zu befehlen haben, als die Spotteleyen Eu⸗ rer Kammerfrauen anzuhoͤren, ſo muß ich um die Erlaubniß bitten, mich entfernen zu duͤrfen.“. „Still, Florica, ſagte die Koͤnigin, laßt Euch durch meine Nachſicht nicht verleiten, den Abſtand zwiſchen Euch und einer Verwandten des Koͤnigs von England zu vergeſſen.— Aber Ihr, meine theure Couſine, fuhr ſie, ihren ſcherzhaften Ton wie⸗ der annehmend, fort:„wie koͤnnt Ihr, da Ihr doch ſo gutherzig ſeyd, uns armen Schelmen ein paar froͤhliche Minuten mißgoͤnnen, da wir ſo viele Tage des Weinens und Zaͤhneknirſchens gehabt haben.“ „Groß ſey eure Freude, meine Koöͤnigin,“ ſagte Edith;„doch wollte ich lieber mein ganzes uͤbrige Leben hindurch nicht mehr lachen, als—“ 12² Sie ſchwieg, wie es ſchien, aus Ehrfurcht; allein Sir Kenneth konnte hoͤren, daß ſie lebhaft aufgeregt war. „Verzeihe mir,“„ſagte Berengaria; eine ſorg⸗ loſe, aber gutmuͤthige Prinzeſſin aus dem Kaiſerlichen Hauſe;„doch was iſt am Ende das große Vergehen? — Ein junger Ritter iſt hieher gelockt worden, hat ſich von ſeinem Poſten geſtohlen, oder iſt von ſeinem Poſten geſtohlen worden, den, einer ſchoͤnen Dame zu Gefallen, in ſeiner Abweſenheit niemand angreifen wird.— Denn, um Eurem Helden Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen, Lady, die Weisheit des Nebectamus konnte ihn in keinem andern Namen, als in dem Eurigen hierher beſchwoͤren.“ „Gnaͤdiger Himmel! Koͤnnen Eure Maieſtäͤt ſo ſprechen?“ ſagte Edith mit einer Stimme, die noch groͤßere Unruhe ausdruͤckte, als ſie bisher an den Tag gelegt hatte;„Ihr koͤnnt nicht ſo ſprechen, ohne die Achtung fuͤr Eure und fuͤr meine Ehre, die Ehre ei⸗ ner Verwandten Eures Gemahls, zu verletzen— ſagt, daß Ihr mit mir geſcherzt habt, meine koͤnigliche Gebieterin, und verzeiht mir, daß ich nur einen Au⸗ genblick lang annehmen konnte, Ihr habet im Ernſte geſprochen.“ „Die Lady Edith,“ ſagte die Koͤnigin in einem mißvergnuͤgten Tone,„mißgoͤnnt uns den Ring, den wir von ihr gewonnen haben.— Wir wollen Euch, holdſeelige Couſine, das Pfand wieder zuſtellen, nur 13 muͤßt Ihr uns einen kleinen Triumph uͤber die Weis⸗ heit nicht mißgoͤnnen, die ſo oft uͤber uns, wie ein Banner uͤber eine Kriegsſchaar, ausgebreitet wurde.“ „Einen Triumph!“ rief Edith unwillig aus— „der Triumph wird auf der Seite des Unglaͤubigen ſeyn, wenn er hoͤrt, daß die Koͤnigin von England die Ehre der Verwandten ihres Gemahls zum Gegen⸗ ſtande eines leichtſinnigen Scherzes machen kann.“ „Ihr ſeyd erzuͤrnt, holde Couſine, weil Ihr Eu⸗ ren Lieblingsring verlieren muͤßt,“ ſagte die Koͤni⸗ gin—„wohlan denn, da Ihr Eure Wette ſo ungern bezahlt, ſo wollen wir auf unſer Recht Verzicht lei⸗ ſten; Euer Name und dieſes Pfand brachte ihn hie⸗ her, und wir bekuͤmmern uns nichts mehr um den Koͤder, wenn der Fiſch gefangen iſt.“ „Madam,“ erwiederte Edith ungeduldig.„Ihr wißt wohl, daß Ihr nichts von allem dem, was mir gehoͤrt, wuͤnſchen koͤnnt, ohne daß es ſogleich das Eu⸗ rige wuͤrde; Allein ich wuͤrde einen ganzen Scheffel Rubinen geben, wenn mein Ring oder mein Name nicht dazu gebraucht worden waͤre, einen tapfern Mann zu einem Fehltritte zu verleiten, und ihm vielleicht ungnade und Strafe zuzuziehen.“ „O, fuͤr die Sicherheit unſers treuen Ritters ſind wir alſo beſorgt!“ rief die Koͤniginn. Ihr habt eine zu geringe Meinung von unſerer Macht, liebe Couſine, wenn Ihr von Verwirkung des Lebens wegen eines unſerer Spaͤſſe ſprecht. O Lady Edith! andere 14 4 haben ſo gut Einfluß auf die eiſerne Bruſt der Krie⸗ ger, als Ihr— ſelbſt das Herz eines Loͤwen beſteht aus Fleiſch, und nicht aus Stein, und glaubet mir, ich habe bey Richard Einfluß genug, um dieſen Rit⸗ ter, fuͤr den Lady Edith ſo aͤngſtlich beſorgt iſt, von der Strafe, zu erretten, die ſonſt wegen des Ungehor⸗ ſams gegen den koͤniglichen Befehl, ſeiner warten wuͤrde.“ „Bey der Liebe fuͤr das heilige Kreuz, meine köͤ⸗ nigliche Gebieterin“ ſagte Edith— und Sir Ken⸗ neth hoͤrte mit unnennbaren Gefuͤhlen, wie ſie ſich der Koͤnigin zu Fuͤßen warf;„Bei der Liebe zu un⸗ ſerer heiligen Jungfrau und jedem Heiligen im Ca⸗ kender, ſehet Euch wohl vor, was Ihr thut! Ihr kennt Koͤnig Richard nicht— Ihr ſend erſt ſeit Kur⸗ tem mit ihm vermaͤhlt— Euer Hauch moͤchte eben⸗ ſowohl den Weſtwind bekaͤmpfen, wenn er am wilde⸗ ſten ſtuͤrmt, als Eure Worte meinen koͤniglichen Ver⸗ wandten vermoͤgen, ein militariſches Vergehen zu ver⸗ zeihen. O! um Gotteswillen, entlaßt dieſen Edel⸗ mann, wenn Ihr ihn in der That hieher gelockt habt.— Ich koͤnnte faſt zufrieden feyn, die Schande, ihn dazu aufgefordert zu haben, auf mir liegen zu laſſen, wuͤßte ich nur, daß er ſich wieder an dem Orte befaͤnde, wohin ihn ſeine Pflicht ruft.“ „Steht auf, Couſine, ſteht auf,“ ſagte Koͤniginn Berengaria,„und ſepd verſichert, daß alles beſſer ge⸗ ben wird, als Ihr glaubt. Ja ſtehet auf, theure 15 Edith, es thut mir leid, daß ich mit einem Ritter meinen Spaß getrieben habe, an deſſen Schickſale ihr ſo tiefen Antheil nimmt.— Nein, ringe die Haͤnde nicht— ich will glauben, daß Du Dich nicht um ihn bekuͤmmerſt— ich will alles lieber glauben, als daß ich ſehen muß, wie Du ſo jaͤmmerlich und klaͤglich ausſiehſt— ich ſage Dir, ich will die Schuld ganz auf mich nehmen, zum Beſten Deines wackern nordi⸗ ſchen Freundes— Deines Bekannten wollte ich ſa⸗ gen, da Du ihn nicht als Freund anerkennſt.— Nein, ſieh nicht ſo erzuͤrnt aus— wir wollen den Nebecta⸗ mus abſchicken, um dieſen Ritter der Standarte wie⸗ der nach ſeinem Poſten abzuſchicken. Ich wette, er lauert in einem benachbarten Zelte.“ „Bei meiner Lilienkrone und meinem gewaltigen Scepter,“ ſagte Nebectamus,„Eure Majeſtaͤt irren ſich; er iſt naͤher bei der Hand, als Ihr glaubt— er liegt hinter jener Scheidewand verſchanzt.“ „Und hat alſo jedes Wort hoͤren koͤnnen, das wir geſprochen haben?“ rief die Königin erſtaunt und in lebhafter Bewegung aus.—„Fort mit Dir, Du Ungeheuer der Narrheit und Bosheit!“ Wahrend ſie dieſe Worte ſprach, floh Nebectamus aus dem Zelte— mit einem Schrey, ber es noch zweifelhaft ließ, ob Berengaria ihren SZerweis auf Worte beſchraͤnkt, oder noch eine nachdricklichere Aeuſ⸗ ſerung ihres Mißfallens beigefügt hatte. „Was iſt nun zu thun?“ fuͤſterte die Koͤnigin 16 ihrer Verwandten in einem Tone unverhehlter Un⸗ ruhe zu? „Was gethan werden muß,“ ſagte Edith mit Feſtigkeit.„Wir muͤſſen dieſen Edelmann ſehen, und uns ſelbſt Verzeihung von ihm erbitten.“ Mitt dieſen Worten begann ſie haſtig einen Vor⸗ hang wegzuziehen, der einen Eingang bedeckte. „ums Himmelswillen haltet ein!— bedenkt,“ ſagte die Koͤnigin,„mein Gemach,— unſere Kleidung, — die Stunde,— meine Chre!“. Alein ehe ſie ihre Gegenvorſtellungen ausfuͤhrlich vorbringen konnte, ſiel der Vorhang, und es war nun keine Scheidewand mehr zwiſchen dem bewaffne⸗ ten Ritter und der Geſellſchaft der Damen. Die Warme einer morgenlandiſchen Nacht war Urſache, daß die Hauskleidung der Koͤnigin Berengaria und ihres Hofſtaats einfacher und unſtudirter war, als es ihr Rang und die Gegenwart eines maͤnnlichen Zu⸗ ſchauerz von Stande erforderten. Daran erinnerte ſich die Koͤnigin, und floh mit einem lauten Schrey aus dem Gemache, in welchem Sir Kenneth ſtand, in ein anderes Zimmer des großen Zeltes. Betruͤb⸗ niß und Unruhe, ſo wie der innige Wunſch, dem ſchottiſchen Ritter eine ſchnelle Erklaͤrung zu geben, ließen vielle icht Lady Edith vergeſſen, daß ihre Locken in groͤßerer Unordnung ihr Haupt umwallten, und ihre Perſon minder ſorgfaͤltig bekleidet war, als es ſich fuͤr hochgeberene Damen in einem Zeitalter ge⸗ ziem⸗ 7 0) ——ᷣ 17 ziemte, das bey Allem dem nicht die ſproͤdeſte oder gewiſ⸗ ſenhafteſte Periode der alten Zeit war. Ein duͤnnes lockeres Gewand von blaßrother Seide machte, nebſt orientaliſchen Pantoffeln, in die ſie geſchwind ihre bloßen Fuͤße geſteckt und einem reichen Shawl, den ſie eilig und nachlaͤßig um ihre Schultern gewor⸗ fen hatte, den Haupttheil ihrer Kleidung aus. Ihr Kopf hatte keine andere Bedeckung, als den Schleyer reicher und ungeordneter Locken, die ihn auf beyden Seiten umwogten, und ein Geſicht halb verbargen, das ein gemiſchtes Gefuͤhl von Sittſamkeit und Un⸗ willen und andere tiefe und ſtarke Affecte mit einem ſchimmernden Hochroth bedeckt hatten. Allein obſchon ſie ihre Lage mit dem ganzen Zart⸗ ſinne fuͤhlte, der die groͤßte Zierde ihres Geſchlechts iſt, ſo ſchien es doch nicht, als ob ſie ihre Schuͤchtern⸗ heit auch nur einen Augenblick mit der Pflicht in Vergleichung bringen wollte, die ſie gegen denjenigen zu haben glaubte, der ihretwegen in Irrthum und Gefahr gerathen war. Sie zog freilich ihren Shawl dichter uͤber ihren Nacken und Buſen, und ſetzte ſchnell eine Lampe aus der Hand, die zuviel Licht uͤber ihre Geſtalt verbreitete. Allein waͤhrend Sir Kenneth re⸗ gungslos auf demſelben Flecke ſtand, auf dem man ihn zuerſt wahrgenommen hatte, trat ſie mehr gegen ihn vor, als vor ihm zuruͤck, indem ſie ausrief: „ilt auf Euren Poſten, tapferer Ritter— man hat W. Scott's Werke. VIIT. 2 18 Euch betrogen, als man Euch hierher fuͤhrte.— Fra⸗ get mich nichts.“ „Ich bedarf keiner Fragen,“ ſagte der Ritter auf ein Knie niederſinkend in der ehrfurchtsvollen De⸗ muth eines Heiligen am Altare, und ſeine Augen auf den Boden heftend, damit ſeine Blicke die Ver⸗ legenheit der Lady nicht noch vergroͤßern moͤchten. „Habt Ihr Alles gehoͤrt,“ fragte Edith ungedul⸗ dig—„guͤtige Heilige! warum verweilt Ihr denn hier, da jede Minute, die voruͤber ſchwindet, mit Schande beladen iſt!“ „Ich habe gehoͤrt, daß ich entehrt bin, Lady, und ich habe es von Euch gehoͤrt. Was kuͤmmert es mich, wie bald die Strafe folgt! Ich habe nur Eine Bitte an Euch, und dann verſuche ich unter den Saͤbeln der Unglaͤubigen, ob Schande iaht durch Blut abge⸗ waſchen werden kann.“ „Thut keines von beydem,“ ſagte die Lady. „Seyd weiſe— zoͤgert hier nicht— Alfes kann noch gut werden, wenn Ihr nicht ſaͤumig ſeyd.“ „Ich warte nur auf Eure Vergebung,“ ſagte der Ritter noch immer knieend,„dafuͤr, daß ich in mei⸗ ner Anmaßung geglaubt habe, meine armſeligen Dien⸗ ſte haben von Euch verlangt oder geſchaͤtzt werden können.“ „Ich vergebe Euch— O ich habe nichts zu verge⸗ hen— vermittelſt meiner ſeyd Ihr beſchimpft wor⸗ den. Aber, o geht, ich will Euch vergeben, ich will. 19 Euch achten, wie ich jeden tapfern Kreuzfahrer achte, wenn Ihr Euch nur fortbegebt.“ „Empfangt zuerſt dieſes koͤſtliche, aber unheilvolle Pfand,“ ſagte der Ritter, den Ring der Lady uber⸗ reichend, die jetzt ungeduldige Gebaͤrden zeigte. „O nein! nein!“ ſagte ſie.„Behaltet ihn, behal⸗ tet ihn, als ein Zeichen meiner Achtung— meines Bedauerns, wollte ich ſagen. O geht, wo nicht um Euret⸗, doch um meinetwillen.“ 8 Fuͤr den Verluſt der Ehre, den ihre Stimme ihm angekuͤndigt hatte, faſt belohnt durch den Antheil, den ſie an ſeiner Sicherheit und Wohlfahrt zu nehmen ſchien, erhob ſich Sir Kenneth, warf einen fluͤchtigen Blick auf Edith, und zog ſich mit einer tiefen Verben⸗ gung zuruͤck. In demſelben Augenblicke trug jene jungfraͤnliche Verſchaͤmtheit, uͤber die Ediths ſtarke Gefuͤhle bisher triumphirt hatten, ihrer eits den Sieg davon; ſie eilte aus dem Gemache, loͤſchte waͤhrend des Gehens ihre Lampe aus, und ließ in Sir Ken⸗ neths Gedanken eine geiſtige und natuͤrliche Dunkel⸗ heit zuruͤck. Ich muß Ihr gehorchen— dieß war der erſte Ge⸗ danke, der ihn aus ſeiner Traͤumerei aufweckte, und er eilte an den Ort, wo er in das Zelt gelangt war. Unter der Leinwand auf die Art, wie er hereingekom⸗ men war, durchkriechen, erforderte Zeit und Aufmerk⸗ ſamkeit. Er machte daher ſchneller eine Oeffnung, in⸗ dem er die linnene Wand mit ſeinem Dolche durch⸗ — 2.. ſchlitzte. Als er in der freien Luft war, fuͤhlte er ſich durch einen Zuſammenfluß widerſtreitender Empfin⸗ dungen zu ſehr betaͤubt und uͤberwaͤltigt, als daß er die wahre Bedeutung des Ganzen haͤtte begreifen koͤn⸗ nen. Er war gendoͤthigt zu eilen, weil er ſich erin⸗ nerte, daß Lady Edith dieß von ihm verlangt hatte. Allein in dem Labyrinthe der Zelte, und gezwungen vorſichtig zu gehen, bis er ſich wieder auf dem Pfade oder Zugange befand, von dem ihn der Zwerg abge⸗ fuͤhrt hatte, um der Beobachtung der Wache vor dem Zelte der Koͤnigin zu entgehen, mußte er langſam und behutſam gehen, damit er durch einen Fall oder das Klirren ſeiner Ruͤſtung keinen Laͤrmen machte. Eine duͤnne Wolke hatte zudem in dem Momente, in welchem er das Zelt verließ, den Mond verdunkelt, und er hatte mit dieſer Unbequemlichkeit in einem Augenblicke zu kaͤmpfen, in welchem der Schwindel ſeines Kopfes und die Fuͤlle ſeines Herzens ihm kanm ſoviel Befonnenheit ließen, daß er ſeine Bewegungen leiten konnte. Allein auf einmal drangen Toͤne zu ſei⸗ nen Ohren, die ihm ploͤtzlich die volle Energie ſeiner Kraͤfte wiedergaben. Sie kamen von dem heiligen Georgs⸗Berge. Er hoͤrte zuerſt ein einzelnes und wildes Bellen, auf das augenblicklich ein Angſtſchrei folgte. Kein Wild ſprang je auf Roswells Bellen wilder und ſchneller auf, als Sir Kenneth bei dem befuͤrchteten Todesſtoͤhnen jenes edlen Hundes, dem keine gewoͤhnliche Beleidigung das geringſte Zeichen — e— 21 von Schmerz abnoͤthigen konnte. Er uͤberſchritt den Raum, der ihn von dem Gange trennte, und nach⸗ dem er ihn erreicht hatte, begann er, obſchon gepan⸗ zert, ſchneller nach der Anhoͤhe zu laufen, als die meiſten Menſchen, ſelbſt ungewappnet, ihm haͤtten folgen koͤnnen; ſogar an den ſteilen Seiten des kuͤnſt⸗ lichen Huͤgels ließ er in ſeinem Laufe nicht nach, und in wenigen Minuten ſtand er auf der Platform. Der Mond brach in dieſem Augenblicke durch die Wolke und zeigte ihm, daß Englands Standarte ver⸗ ſchwunden war, daß der Speer, auf welchem ſie geweht hatte, zerbrochen auf dem Boden, und neben ihm ſein treuer Hund, offenbar in den Zuckungen des Todes, lag. Zweytes Kapitel. Iſt denn der Ehre ganzer Schatz dahin, Den meine Jugend aufgehäuft fürs Alter? Zog denn der Ehre Quell den Strom in ſich? So iſt's.— Der Buben Schaar zieht barfuß drüber, Und ſammelt Kieſel aus der nakten Furth. Don Sebaſtian. Nach einem Strome quaͤlender Gefuͤhle, die ihn anfangs faſt ganz betaͤubt und verwirrt machten, war es Sir Kenneths erſter Gedanke, ſich nach den Urhe⸗ bern der an der engliſchen Fahne veruͤbten Gewaltthat umzuſehen; allein nirgends konnte er eine Spur von 22 ihnen entdecken. Sein naͤchſter Gedanke war— und dies wird einigen Perſonen, ſchwerlich aber denjeni⸗ gen, die unter dem Hundsgeſchlechte Bekanntſchaften angeknuͤpft haben, etwas ſonderbar vorkommen— den Zuſtand ſeines treuen Roswal zu unterſuchen, der, wie es ſchien, bey der Ausuͤbung der Pflicht, von der ſich ſein Herr hatte ablenken laſſen, toͤdtlich verwundet worden war. Er liebkoste das ſterbende Thier, das bis zum letzten Augenblicke getreu, ſei⸗ nen Schmerz uͤber der Freude zu vergeſſen ſchien, mit der ihn die Gegenwart ſeines Herrn erfuͤllte. Er wedelte daher fortwaͤhrend mit dem Schwanze, und leckte ſeinem Gebieter die Hand, ſelbſt waͤhrend er durch ein dumpfes Winſeln zu erkennen gab, daß durch Sir Kenneths Verſuch, das Bruchſtuͤck der Lanze oder des Wurfſpießes, womit er verwundet worden war, aus ſeinem Koͤrper zu ziehen, ſeine Todesqual vergroͤßert wurde; dann verdoppelte er ſeine ſchwachen Liebkoſungen, als fuͤrchtete er, ſeinen Herrn daburch beleidigt zu haben, daß er ein Gefuͤhl des Schmerzes, den er ihm durch ſeine Huͤlfsleiſtung verurſacht hatte, an den Tag legte. Es lag etwas in der Art, wie das ſterbende Thier ihm ſeine An⸗ haͤnglichkeit ausdruͤckte, das dem Gefuͤhle der Schande und Troſtloſigkeit, wodurch ſich Sir Kenneth nieder⸗ gedruͤckt fuͤhlte, einen bittern Beſtandtheil beimiſchte. Sein einziger Freund ſchien ihm nun gerade in dem Augenblicke entriſſen, in welchem er ſich die Verach⸗ —, 23 tung und den Haß aller Andern zugezogen hatte. Die Gemuͤthsſtaͤrke des Ritters wich einem Ausbruche verzagenden Kummers; er ſeufzte und weinte laut. Waͤhrend er ſo ſeiner Traurigkeit nachhing⸗ ſprach eine helle und feierliche Stimme, dicht neben ihm, folgende Worte in dem wohlklingenden Tone der Vorleſer der Moſchee, und in der lingua franca, die von Chriſten und Saracenen gegenſeitig verſtan⸗ den wurde:— „Truͤbſal gleicht der Periode des fruͤhen und ſpaͤten Regens,— kalt, unerquickend und unfreundlich fuͤr Thier und Menſch; doch kommt davon die Bluͤthe und die Frucht, die Dattel, die Roſe und der Gra⸗ natapfel.“ 8 Ritter Kenneth vom Leoparden wandte ſich nach dem Sprechenden um, und erblickte den arabiſchen Arzt, der ſich ihm ungehoͤrt genaͤhert, und ein we⸗ nig hinter ihm mit gekreuzten Beinen niedergeſetzt hatte, und nun mit Wuͤrde, jedoch aber nicht ohne einen gewiſſen mitleidigen Ton, die moraliſchen Troſtſprüche vortrug, die ihm der Koran und ſeine Ausleger darboten; denn in dem Oſten herrſcht die Meinung, daß Weisheit nicht in einer Entwicklung der eigenen Schoͤpferkraft des Weiſen beſteht, ſon⸗ dern in ſeinem fertigen Gedaͤchtniſſe und in einer gluͤck⸗ lichen Anwendung deſſen, was geſchrieben ſteht. Beſchaͤmt, daß er uͤber einem weibiſchen Aus⸗ bruche des Kummers uͤberraſcht worden war, hemmte 24 Sir Kenneth unwillig den Lauf ſeiner Thraͤnen, und beſchaͤftigte ſich wieder mit ſeinem ſterbenden Lieblinge. „Der Dichter hat geſagt,“ fuhr der Araber fort, ohne auf die abgewendeten Blicke des Ritters und ſei⸗ ne truͤbe Stimmung zu merken.—„Der Ochſe fuͤr's Feld und das Kameel fuͤr die Wuͤſte. Waͤre nicht die Hand des Arztes geeigneter, als die des Krie⸗ gers, Wunden zu heilen, obſchon ſie minder faͤhig iſt, ſie beyzubringen? „Dieſem Patienten, Hakim, kann deine Kunſt nichts nuͤtzen,“ ſagte Sir Kenneth;„und zudem iſt er nach deinem Geſetze ein unreines Thier.“ „Wo Allah Leben und ein Gefuͤhl fuͤr Schmerz und Freude zu gewaͤhren gewuͤrdigt hat,“ ſagte der Arzt,„da waͤre es ſtraͤflicher Stolz, wenn der Weiſe, den er erleuchtet hat, ſich weigern wollte, ein, Daſeyn zu verlaͤngern, oder Todtesqualen zu mildern. Laßt mich dieſes verwundete Thier unter⸗ ſuchen.“ Sir Kenneth willigte ſtillſchweigend ein, und der Arzt beſichtigte und behandelte Roswals Wunde ſo ſorgfaͤltig und aufmerkſam, als ob er es mit ei⸗ nem menſchlichen Weſen zu thun gehabt haͤtte. Dann nahm er ein Inſtrumenten⸗Beſteck zur Hand, zog durch die verſtaͤndige und geſchickte Anwendung der Zange das Bruchſtuͤck der Waffe aus der verwunde⸗ ten Schulter, und hemmte durch blutſtillende Mittel und verband die Blutvergießung, die darauf folgte. 25 Das Thier geſtattete die ganze Zeit uͤber geduldig dieſe freundſchaftlichen Dienſte, als ob es die wohl⸗ thaͤtige Abſicht des Arztes erkannt haͤtte. „ Das Thier kann noch geheilt werden,“ ſagte El Hakim, ſich an Sir Kenneth wendend,„wenn Ihr mir erlauben wollt, es in mein Zelt zu nehmen, und mit der Sorgfalt zu behandeln, die ſeine edle Na⸗ tur verdient. Denn wiſſet, daß Euer Diener Adon⸗ bec ſich nicht weniger auf die Abkunft und die Vor⸗ zuͤge guter Hunde und edler Roße, als auf die Krank⸗ heiten verſteht, die das menſchliche Geſchlecht befallen.“ „Nehmt ihn mit Euch,“ ſagte der Ritter.„Ich ſchenke ihn Euch, wenn er genest. Ich bin dir einen Lohn dafuͤr ſchuldig, daß Du meinen Waffentraͤger geheilt haſt, und habe ſonſt nichts, womit ich Dich bezahlen könnte. Was mich betrifft, ſo werde ich nie wieder ins Jagdhorn ſtoßen, oder einem Hunde Halloh zurufen.“ Der Araber antwortete nichts, ſondern gab durch Haͤndeklatſchen ein Zeichen. Sogleich erſchienen zwey ſchwarze Sclaven. Er ertheilte ihnen auf arabiſch ſeinen Befehl, und erhielt die Antwort: hoͤren und gehorchen ſey ihnen eines und daſſelbe. Zu gleicher Zeit nahmen ſie den Hund in ihre Arme, und tru⸗ gen ihn ohne großen Widerſtand hinweg; denn obſchon er die Augen auf ſeinen Herrn richtete, ſo war er doch zu ſchwach, um ſich zu ſtraͤuben. „So lebe denn wohl, Reswal,“ rief Kenneth,— 26 „Lebe wohl, mein letzter und einziger Freund, Du biſt ein zu edles Gut, als daß ein ſolcher Menſch, wie ich in's Kuͤnftige ſeyn werde, Dich behalten duͤrf⸗ te;— ich wuͤnſchte,“ ſagte er, als ſich die Scla⸗ ven entfernten,„ich koͤnnte mit dieſem edeln, ſter⸗ benden Thiere tauſchen.“ „Es ſteht geſchrieben,“ antwortete der Araber, obſchon dieſer Aufruf nicht an ihn gerichtet worden war,„daß alle Geſchoͤpfe fuͤr den Dienſt des Men⸗ ſchen da ſind; und der Herr der Erde ſpricht Thor⸗ heit, wenn er in ſeiner Ungeduld ſeine gegenwaͤrtigen und zukuͤnftigen Hoffnungen mit dem ſclaviſchen Zu⸗ ſtande eines geringern Weſens vertauſchen moͤchte.“ „Ein Hund, der ſtirbt, waͤhrend er ſeine Pllicht erfuͤllt,“ ſagte der Ritter;„iſt beſſer, als ein Menſch, der die ſeinige vernachlaͤßigt. Laß mich zufrieden, Hakim. Du beſitzeſt in dieſem Theile des Wunder⸗ baren die wundervollſte Wiſſenſchaft, die ein Menſch je beſaß; allein die Wunden des Geiſtes liegen auſſer dem Bereiche Deiner Macht.“ „Nicht, wenn der Kranke ſeinen Kummer ent⸗ decken und von dem Arzte geleitet werden will;“ ſagte Adonbec El Hakim. „Wiſſe denn,“ ſagte Sir Kenneth,„da Du ſo zudringlich biſt, daß in der vergangenen Nacht Englands Fahne auf dieſem Huͤgel wehte— mir wurde ſie zur Beſchuͤtzung anvertraut. Der Morgen bricht jetzt an— da liegt der zerbrochene Banner⸗ 27 4 ſpeer— die Standarte ſelbſt iſt fort, und hier ſitze ich und lebe noch.“ „Wie“ ſagte El Hakim, ihn genau beſichtigend; „deine Ruͤſtung iſt unverſehrt, kein Biut klebt au deinen Waffen, und der allgemeine Ruf erklaͤrt Dich fuͤr einen Mann, der nicht ſo aus der Schlacht zu kommen pflegt— Du wurdeſt von Deinem Poſten weggelockt, ja weggelocer durch die roſige Wange d das ſchwarze Auge einer jener Houris, denen ihr Na zarener mehr die Verehrung weiht, die nur dem Alch gebuͤhrt, als die Liebe, die erlaubterweiſe Geſtalten aus Lehm, wie wir ſelbſt ſind, bezeugt werden darf. Ohne Zweifel iſt es ſo geweſen; denn ſo iſt der Mann ſtets gefallen, ſeit Sultan Adams Tagen.“ „Und wenn dem wirklich ſo waͤre, Arzt,“ ſagte Sir Kenneth finſter;„wie helfen?“ „Erkenntniß iſt die Mutter der Macht,“ erwie⸗ derte El Hakim,„wie Tapferkeit Staͤrke verleiht.— Hoͤre mich an: der Menſch iſt nicht wie ein Baum⸗, an einen Fleck Landes gebunden— auch iſt er nicht geſchaffen, um an einem nackten Felſen zu haͤngen, wie das faſt lebloſe Schalthier. Deine eigenen chriſt⸗ lichen Buͤcher gebieten Dir, wenn du in einer Stadt verfolgt wirſt, in eine andere zu fliehen; und wir Muhamedaner wiſſen auch, daß Mohamed, der Pro⸗ phet Allahs, aus der heiligen Stadt Mecca vertrie⸗ ben, in Meding einen Zufluchtsort und Huͤlfsgenoſſen fand.“ 28 „Und was geht das mich an?“ fragte der Schotte. „Sehr viel,“ antwortete der Arzt;„ſelbſt der Weiſe entflieht dem Sturme, den er nicht baͤndigen kann. Beeile Dich daher, und fliehe vor Richards Rache in den Schatten der ſiegreichen Fahne Sala⸗ dins.“ „Ich koͤnnte in der That“ ſagte Sir Kenneth ironiſch,„meine Schande in einem Lager unglaͤu⸗ biger Heyden verbergen, wo nicht einmal dieſer Aus⸗ druck bekannt iſt— aber wuͤrde ich nicht beſſer daran thun, wenn ich an ihrer Schmach vollkommen Theil naͤhme? Geht Dein Rath nicht ſo weit, daß er mir den Turban anempfiehlt? Mir ſcheint es, ich be⸗ darf nur noch des Abfalls von meinem Glauben, um meine Schande zu vollenden?“ „Laͤſtere nicht, Nazarener,“ ſagte der Arzt in ernſtem Tone;„Saladin bekehrt niemand zum Ge⸗ ſetze des Propheten, auſſer den, welchen deſſen Lehren uͤberzeugen. Oeffne Deine Angen dem Lichte, und der Großſultan, deſſen Freigebigkeit ſo graͤnzenlos iſt, als ſeine Macht, ſchenkt Dir vielleicht ein Koͤnigthum; bleibe verblendet, wenn Du willſt, und ein ſolcher, deſſen zweites Leben zum Elende verdammt iſt, Saladin wird Dich doch in dieſer kurzen Spanne Zeit reich und gluͤcklich machen. Aber fuͤrchte nicht, daß man Deine Stirne auſſer mit Deiner freien Zuſtimmung mit dem Turban umwinden wird.“ „Ich wuͤnſchte lieber,“ ſagte der Ritter, nmein 29 verzerrtes Geſicht moͤchte, wie es wohl der Fall ſeyn wird, in der untergehenden Sonne dieſes Abends ſchwarz werden.“ „Doch biſt Du nicht klug, Nazarener,“ ſagte El Hakim,„daß Du dieſes ſchoͤne Anerbieten verwirfſt; denn ich vermag etwas bei Saladin, und kann Dich hoch in ſeiner Gunſt ſtellen. Seht, mein Sohn— dieſer Kreuzzug, wie Ihr Euer wildes Unternehmen heißt, gleicht einem großen Dromond,*) das auf den Wogen auseinander geht. Du ſelbſt haſt die Bedin⸗ gungen eines Waffenſtillſtandes von den Koͤnigen und Fuͤrſten, deren Macht hier verſammelt iſt, dem maͤch⸗ tigen Sultan uͤberbracht, und kannteſt vielleicht ſelbſt den vollen Inhalt Deiner eigenen Botſchaft nicht 2““ „Ich kannte ihn nicht, und bekuͤmmere mich auch nichts darum; was nuͤtzt es mich, daß ich unlaͤngſt der Abgeſandte von Fuͤrſten war, da ich, ehe die Nacht anbricht, ein beſchimpfter Leichnam am Galgen haͤngen werde?“ „Ich ſage Dir aber, daß es Dir nicht ſo ergehen wird,“ ſagte der Arzt.„Saladin wird von allen Seiten ſchmeichelhaft behandelt; die vereinigten Fuͤr⸗ ſten dieſes gegen ihn geſchloſſenen Bundes haben ihm Vertrags⸗ und Friedensvorſchlaͤge gemacht, die er un⸗ ter andern Umſtaͤnden, unbeſchadet ſeiner Ehre, haͤtte *) Die gröſten, damahls hekannten Schiffe wurden Dromonds oder Dromedare genannt. annehmen koͤnnen. Andere haben auf ihre eigene Rechnung Privatanerbietungen gemacht und ſich erbo⸗ ten, ihre Streitkraͤfte von dem Lager der Koͤnige von Frangiſtan zu trennen und ihre Waffen ſogar zur Vertheidigung der Standarte des Propheten zu gebrau⸗ chen. Allein Saladin will aus einem ſo verraͤtheri⸗ ſchen und eigennuͤtzigen Abfalle keinen Nutzen ziehn. Der Koͤnig der Koͤnige will bloß mit dem Loͤwenkö⸗ nige unterhandeln. Saladin will nur mit dem Me⸗ lec Ric einen Vertrag eingehen, und mit ihm unterhandeln wie ein Fuͤrſt, oder kaͤmpfen wie ein Held. Richard will aus freyer Entſchließung Bedin⸗ gungen zugeſtehen, die ihm die Schwerdter von ganz Europa nimmer durch Gewalt oder Schrecken abnoͤ⸗ thigen koͤnnten. Er will eine freye Wallfahrt nach Jeruſalem und allen Oertern, wo die Nazarener anbe⸗ ten wollen, geſtatten; ja, er will ſogar ſeine Herr⸗ ſchaft mit ſeinem Bruder Richard in ſo weit theilen, daß er in den ſechs feſteſten Staͤdten Palaͤſtinas, wo⸗ runter auch Jeruſalem ſeyn ſoll, chriſtliche Beſatzun⸗ gen dulden, und geſtatten will, daß ſie unter dem un⸗ mittelbaren Befehle der Officiere Richards ſtehen. Dem Letztern erlaubt er ſogar, den Namen Schutzkö⸗ nig von Jeruſalem zu fuͤhren. Und ferner, Herr Rit⸗ ter, wiſſet, ſo ſonderbar und unglaublich Euch dieß auch vorkommen mag— denn Eurer Ehre kann ich auch dieſes faſt unglaubliche Geheimniß anvertrauen— wiſſet, daß Saladin auf dieſen geſegneten Bund zwi⸗ 31 ſchen den Tapferſten und Edelſten von Frangiſtan und Aſten ein heiliges Siegel druͤcken will. Er iſt nehm⸗ lich geſonnen, zum Range ſeiner koͤniglichen Gattin eine chriſtliche Jungfrau, eine Blutsverwandte des Konigs Richard, unter dem Namen Lady Edith von Plantagenet bekannt, erheben.“*) „Ha! Was ſagſt du?“ rief Sir Kenneth aus, der den erſtern Theil der Rede El Hakims mit Gleich⸗ guͤltigkeit und Apathie vernommen hatte, allein durch dieſe letzte Mittheilung bis ins Innerſte erſchuͤttert wurde. Dann maͤßigte er durch große Anſtrengung ſeinen Ton, zuͤgelte ſeinen Unwillen, und verbarg ihn unter dem Anſcheine eines geringſchaͤtzigen Unglaubens. So ſetzte er die Unterhaltung fort, um ſoviel als moͤglich von dem Complot unterrichtet zu werden, das, wie er glaubte, gegen die Ehre und das Gluͤck derjenigen geſchmiedet war, die er deßwegen nicht weniger liebte, weil ſeine Leidenſchaft fuͤr ſie dem Anſcheine nach ihm auf einmal Gluͤck und Ehre ge⸗ raubt haͤtte.„Und welcher Chriſt“ ſagte er in einem ziemlich ruhigen Tone,„wuͤrde eine ſo unnatuͤrliche *) Dieſer Vorſchlag erſcheint vielleicht als ſo außerordentlich und unwahrſcheinlich, daß es nothwendig iſt zu ſagen, daß ein ſolcher wirklich gemacht wurde. Die Geſchichtſchreiber nennen jedoch die verwittwete Königin von Neapel, Ri⸗ chards Schweſter, ats Braut, und Saladins Bruder als Bräntigam. Sie ſcheinen nichts von der Exiſtenz einer Edith Plantagenet zu wiſſen. Siehe Mill's history of the Crusa- des, vol. II, p. 61.1 32 Verbindung, wie die einer chriſtlichen Jungfrau mit einem unglaͤubigen Saracenen, billigen?“ „Du biſt bloß ein unwiſſender, blinder Nazare⸗ ner,“ ſagte Hakim.„Siehſt du nicht, wie die maho⸗ medaniſchen Fuͤrſten ſich taͤglich mit den edlen Naza⸗ rener⸗Maͤdchen in Spanien vermaͤhlen, ohne dem Mauren oder dem Chriſten Aergerniß zu erregen? Der edle Sultan will, in vollem Vertrauen auf Ri⸗ chards Gebluͤt, dem engliſchen Maͤdchen die Freiheit geſtatten, die Eure fraͤnkiſchen Sitten den Weibern zuerkennen. Er will ihr die freie Ausuͤbung ihrer Religion zugeſtehen— indem er uͤberzeugt iſt, daß es beinahe gleichgilt, zu welchem Glauben ſich das weibliche Geſchlecht bekennt. Auch will er ihr einen ſolchen Platz und Rang uͤber alle Weiber ſeines Ze⸗ nana anweiſen, daß ſie in jeder Hinſicht ſeine einzige und unbeſchraͤnkte Koͤnigin ſeyn wird.“ „Wie!“ rief Sir Kenneth,„erkuͤhnſt Du Dich, Muſelmann, zu glauben, Richard werde ſeine Ver⸗ wandte, eine edelgeborene und tugendhafte Prinzeſſin hingeben, um im hoͤchſten Falle die erſte Beiſchlaͤferin in dem Harem eines Unglaͤubigen zu werden! Wiſſe, Hakim, der geringſte freigeborene, chriſtliche Edelmann wuͤrde eine ſo glaͤnzende Schmach fuͤr ſein Kind mit Unwillen verwerfen.“ „Du irrſt Dich,“ ſagte Hakim;„Philipp von Frankreich, Heinrich von Champagne und andere von Richards vorzuͤglichſten Verbuͤndeten haben den, Wor⸗ chlag — 33 ſchlag ohne Erſtaunen vernommen, und verſprachen, eine Verbindung, wodurch dieſe verheerende Kriege beendigt werden koͤnnten, ſo weit es in ihrer Macht ſtehe, zu befoͤrdern. Ja, der weiſe Erzprieſter von Tyrus hat ſich erboten, dem Koͤnige Richard den Vorſchlag in der ſicheren Hoffnung zu eroͤffnen, daß eer im Stande ſeyn werde, den Plan zur Ausfuͤh⸗ rung zu bringen. Der weiſe Sultan hat bis jetzt ſeinen Vorſatz vor Andern wie zum Beiſpiel vor dem Marquis von Monſerrat und dem Großmeiſter der Tempetritter, geheim gehalten, weil er weiß, daß ſie durch Richards Tod oder Schande, nicht aber durch ſein Leben oder ſeine Chre, emporzukommen ſu⸗ chen.— Auf daher, Herr Ritter! und zu Pferde ge⸗ ſtiegen! ich will Dir eine Rolle geben, die Dich bey dem Sultan zu einem glaͤnzenden Gluͤcke erheben wird; und glaube nicht, daß Du Dein Vaterland oder deſſen Sache und Religion verlaſſen wirſt, da das Intereſſe der beyden Nationen bald daſſelbe ſeyn wird. Dem Saladin wird Dein Rath ſehr willkommen ſeyn, da Du ihm Manches uber die Ehen der Chriſten, die Behandlung ihrer Weiber und andere Punkte ihrer Geſetze und Gebraͤuche ſa⸗ gen kannſt, die er in dem Laufe einer ſolchen Un⸗ terhandlung nothwendig kennen ſollte. Die rechte Hand des Sultans umfaßt die Schaͤtze des Oſtens, und iſt die Quelle der Freigebigkeit. Oder, wenn Du es wuͤnſcheſt, wird es Saladin, wenn er mit W. Seott's Werke. VIII. 3 ———ꝛ 14 England verbuͤndet iſt, ein Leichtes ſeyn, fuͤr dich nicht nur Verzeihung und Wiedererlangung der verlornen Gunſt, ſondern auch eine ehrenvolle Befehlshaber⸗ ſtelle bei den Truppen zu erhalten, welche von dem Heere des Koͤnigs von England zur Aufrechterhaltung ihrer gemeinſchaftlichen Regierung in Palaͤſtina zu⸗ ruͤckbleiben werden. Auf denn, und zu Pferde! ein offener Weg liegt vor Dir.“ „Hakim,“ ſagte der ſchottiſche Ritter,“ Du biſt ein Mann des Friedens,— auch haſt Du dem Koͤ⸗ nig Richard von England, und meinem armen Waf⸗ fentraͤger Strauchan, das Leben gerettet. Ich habe daher eine Mittheilung bis ans Ende angehöoͤrt, die ich, haͤtte ſie ein anderer Muſelmann, als Du, vor⸗ getragen, mit einem Stiche meines Dolches abge⸗ kuͤrzt haben wuͤrde. Hakim, als Erwiederung Deiner Guͤte, rathe ich Dir, dafuͤr zu ſorgen, daß der Sa⸗ racene, der dem Koͤnige Richard eine Verbindung zwiſchen dem Gebluͤte Plantagenets und dem ſeines verfluchten Geſchlechts vorſchlagen ſoll, ſich mit einem Helme verwahrt, der einen ſolchen Streich mit der Streitart ertragen kann, wie der war, wodurch das Thor von Acre niedergeſchmettert wurde. Im an⸗ dern Falle wird er ſicherlich auſſer den Bereich Dei⸗ ner Geſchicklichkeit geſtellt werden.“ „Du biſt alſo feſt entſchloſſen, nicht zu dem ſa⸗ raceniſchen Heere zu fliehen? allein erinnere Dich, daß Du ſo einem gewiſſen Untergange entgegen ſiehſt, 35 und Deine Geſetzbuͤcher, ſo wie die unſrigen verbie⸗ ten dem Menſchen, in das Heiligthum ſeines Lebens zu brechen. „Gott verhuͤte,“ erwiederte der Schotte, ſich kreuzend;„allein es iſt uns auch verboten, der Strafe zu entfliehen, die unſere Verbrechen verdient haben, und da Ihr ſo armſelige Anſichten von der Treue habt, Hakim, ſo verdruͤßt es mich, daß ich Ench meinen guten Hund geſchenkt habe; denn falls er am Leben bleiben ſollte, wird er einen Herrn haben, der ſeinen Werth nicht zu ſchaͤtzen weiß.“ „Wer ſich wegen einesgegebenen Geſchenks graͤmt, hat daſſelbe ſchon wieder zuruͤckgefordert,“ ſagte El Hakim;„nur ſind wir Aerzte eiblich verpflichtet, keinen Kranken ungeheilt fortzuſchicken. Genest der Hund daher, ſo iſt er wiederum der Deinige.“ „Still damit, Hakim!“ antwortete Sir Kenneth; „der Menſch ſoll nicht von Falken oder Hunden ſpre⸗ chen, wenn zwiſchen ihm und dem Tode nur noch eine Stunde uͤbrig iſt. Verlaß mich, damit ich mich an meine Suͤnden erinnere, und mich mit dem Him⸗ mel ausſoͤhne.“ „Ich verlaſſe Dich in Deiner Verſtockung,“ ſagte der Arzt;„Der Nebel verbirgt denen den Abgrund, die in denſelben hinabzuſtuͤrzen verurtheilt ſind.“ Er zog ſich langſam zuruͤck, wandte ſich aber von Zeit zu Zeit um, gleichſam um zu ſehen, ob ihn der ungluͤckliche Ritter durch Zeichen oder Worte .. 36 nicht zuruͤckrufen werde. Endlich verlor ſich ſeine be⸗ turbante Geſtalt in dem Labyrinthe der Zelte, die in der Tiefe lagen, gebleicht von dem blaſſen Lichte der Morgendaͤmmerung, vor welcher der Mondſchein jetzt hinweg geſchwunden war.. Allein obſchon die Worte des Arztes Adonbec auf Kenneth nicht den von den Weiſen gewuͤnſchten Eindruck gemacht, ſo hatten ſie ihm doch einige Liebe fuͤr das Leben eingefloͤßt, von dein er, da er es fuͤr ganz beſchimpft hielt, ſcheiden wollte, wie von einem beſchmutzten Kleide, das ſich nicht mehr fuͤr ihn ſchickte. Eine Menge Umſtaͤnde, die zwiſchen ihm und dem Einſiedler, ſo wie zwiſchen dem Einſiedler und Scheerk⸗ hoff(oder Ilderim) ſtatt gefunden hatten, und an die er ſich jetzt wieder erinnerte, beſtaͤtigten das, was Hakim von dem geheimen Artikel des Vertrages ge⸗ ſagt hatte. „Der ehrwuͤrdige Beträger!“ rief er aus;„der grauköpfige Heuchler; er ſprach von dem unglaͤubigen Gemahl, der durch das glaͤubige Weib bekehrt wur⸗ de,— und wer weiß, ob der Verraͤther nicht dem von Gott verfluchten Saracenen Edith Plantagenets Reize zeigte, damit der Hund urtheilen moͤchte, ob ſie werth ſey, in das Harem eines unglaͤubigen auf⸗ genommen zu werden? Wenn ich jenen Unglaͤubigen noch einmal, wie unlaͤngſt, in meiner Gewalt haͤtte, ſo ſollte er wenigſtens nie wieder eine Botſchaft uͤber⸗ nehmen, wodurch die Ehre eines chriſtlichen Koͤnigs, 37 oder einer edlen und tugendhaften Jungfrau, gekraͤnkt wuͤrde. Aber ich— meine Stunden ſchmelzen faſt zu Minuten zuſammen— doch ſo lange ich noch Leben und Athem habe, muß etwas gethan werden, und das ſchnell.“ Er hielt einen Augenblick inne; dann warf er ſeinen Helm von ſich, ſtieg die Anhoͤhe hinab, und ſchlug den Weg nach Koͤnig Richards Zelt ein. Drittes Kapitel. 2— — 8 Der Hahn, des Tags Verkündiger, Stieß in ſein munteres Horn, Und zeigt' des Landvolks emſiger Schaar Des Tages Ankunft an. Der König ſah dem Strahl des Lichts Entfliehn das Grau der Nacht, und hörte das Geſchrey des Rabens Der Unheil kündend krächzt'. „„Ja⸗ Du haſt Recht,“ ſagte er;„bei Gott Der hoch im Himmel thront, Carl Bawdwin ſtirbet heute noch, Mit Recht durch Henkers Hand.“ 4 Chatterton. An dem Abende, an welchem Sir Kenneth ſich auf ſeinen Poſten verfuͤgte, hatte ſich Richard nach dem ſtuͤrmiſchen Ereigniſſe, das ſeine Ruhe ſtoͤrte, in dem vollen Selbſtvertrauen zur Ruhe begeben, das ihm ſein unbegraͤnzter Muth und die Ueberlegenheit einfloͤßte, die er bei der Verfolgung ſeines Zieles vor dem ganzen chriſtlichen Heere und deſſen Anfuͤhrern an den Tag gelegt hatte. Wohl wußte er, daß viele der Letztern im Innern ihres Herzens die Beſchim⸗ pfung des Herzogs von Oeſterreich als einen Triumph uͤber ſich ſelbſt betrachteten; und ſein Stolz fuͤhlte ſich dadurch geſchmeichelt, daß er durch die Ueberwaͤlti⸗ gung eines Feindes hundert andere nieder gebeugt hatte. Ein anderer Monarch haͤtte am Abende nach ei⸗ nem ſolchen Auftritte ſeine Wache verdoppelt, und wenigſtens einen Theil ſeiner Truppen unter den Waffen gelaſſen. Allein Loͤwenherz entließ bei dieſer Gelegenheit ſelbſt feine gewoͤhnliche Wache, und ließ Wein unter ſeine Krieger austheilen, um ſeine Ge⸗ neſung zu ſichern, und auf die Fahne St. Georgs zu trinken. Sein Standquartier wuͤrde einen von Wachſamkeit und kriegeriſcher Vorſicht ganz entbloͤß⸗ ten Charakter angenommen haben, haͤtten nicht Sir Thomas de Vaur, der Graf von Salisbury, und einige andere Adeliche Vorſichtsmaßregeln zur Erhak⸗ tung der Ordnung und Mannszucht unter den Schmau⸗ ſenden ergriffen. Der Arzt blieb bei dem Koͤnige, von dem Au⸗ genblicke an, wo er ſich zur Ruhe begeben hatte, bis nach Mitternacht. Waͤhrend dieſer Zeit reichte er ihm zweimal Arznei, wobei er ſtets vorher die Himmels⸗ gegend betrachtete, welche der Vollmond einnahm; 39 denn dieſer uͤbte, wie er behauptete, einen hoͤchſt guͤn⸗ ſtigen oder auch hoͤchſt ſchaͤdlichen Einfluß auf ſeine Kur aus. Es war 3 Uhr nach Mitternacht, als El Hakim ſich von dem ‚oͤniglichen Zelte in dasje⸗ nige begab, das für ihn und ſein Gefolge aufgeſchla⸗ gen worden war. Auf ſeinem Wege dahin trat er in das Zelt des Sir Kenneth vom Leoparden, um zu unterſuchen, wie es mit ſeinem erſten Patienten im chriſtlichen Lager, dem alten Strauchan(ſo hieß der Schildknappe des Ritters) ſtand. Hier fragte er nach Sir Kenneth ſelbſt, und erfuhr, was ihm fuͤr ein Dienſt angewieſen worden war. Dieſe Nachricht ver⸗ anlaßte ihn wahrſcheinlich, ſich nach St. Georgs Berg zu begeben, wo er den Ritter in der unheilvollen Lage fand, deren im vorigen Kapitel Erwaͤhnung ge⸗ ſchehen iſt. Es war um die Stunde des Sonnenaufgangs, als man den langſamen Schritt eines Gewappneten dem koͤniglichen Zelte nahen hoͤrte; und kaum hatte de Vaur, der neben dem Bette ſeines Herrn ſo leicht ſchlummerte, als je ein Schlaf auf den Augen eines Wachthundes ruhte, Zeit gehabt, aufzuſtehen und zu rufen: Wer da? als der Ritter vom Leoparden in das Zelt trat, mit einer tiefen Schwermuth auf ſei⸗ nen maͤnnlichen Geſichtszuͤgen. „Was ſoll dieß kuͤhne Eindringen, Herr Ritter?“ ſagte de Vanr ernſt, doch in einem gedaͤmpften Tone, aus Ruͤckſicht auf den Schlaf des Koͤnigs. ——— S———— 40 „Halt! de Vaux,“ ſagte Richard augenblicklich erwachend;„Sir Kenneth koment, als ein guter Soldat, um von ſeiner Wache Bericht abzuſtatten— ſolchen Leuten iſt das Zelt des Generals nie ver⸗ ſchloſſen.⸗. Dann erhob er ſic aus ſeiner ſchlafenden Stel⸗ lung, ſtuͤtzte ſich auf den Ellenbogen; und heftete ſein großes funkelndes Auge auf den Krieger.„Sprich Schotte, Du kommſt, mir von einer ſichern und eh⸗ renvollen Wache zu berichten, nicht wahr? Das Rau⸗ ſchen des Banners von England waͤre zu ſeinem Schutze ſchon hinreichend geweſen, auch ohne die Gegenwart eines ſolchen Ritters, fuͤr welchen Dich die Leute hal⸗ ten.“ „Fuͤr welchen ſie mich nicht mehr halten werden,— ſagte Sir Kenneth;— meine Wache war weder ſicher, noch ehrenvoll: Englands Fahne iſt geraubt.“ „„Und Du lebſt, mir dieß zu verkuͤndigen?— ſagte Richard in einem Tone ſpoͤttiſchen Unglaubens. „Nein, das kann nicht ſeyn! Man ſieht ja nicht ein⸗ mal einen Riß auf Deinem Geſichte. Warum ſtehſt Du ſo ſtumm hier? ſage die Wahrheit.— Mit ei⸗ nem Köoͤnige iſt nicht gut ſcherzen.— Doch will ich Dir verzeihen, wenn Du gelogen haſt.“ „Gelogen Sir,“ erwiederte der Ritter mit ſtol⸗ zem Nachdrucke, und einem Feuerblicke, der ſeinem Auge ſo hell und voruͤbergehend entfuhr, wie der Blitz, der aus dem kalten und harten Kieſelſteine ſchießt. 41 2— Aber auch dieß muß verſchmerzt werden.„Ich habe die Wahrheit geredet. „Bei Gott und dem heiligen Georg,“ ſagte der Koͤnig, in eine grimmige„Wuth gerathend, die er jedoch augenblicklich zuͤgelte„de Vaur, geh, beſich⸗ tige den Ort. Dieſes Fieber hat ſein Gehirn zerruͤt⸗ tet— das kann nicht ſeyn.— Der Muth des Man⸗ nes iſt probehaltig.— Es kann nicht ſeyn! Geh' eilig— oder ſchicke Jemanden, wenn Du nicht ſelbſt gehen willſt.“ Der Koͤnig wurde durch Sir Heinrich Nevil un⸗ terbrochen, der athemlos kam, und die Nachricht brachte, daß das Banner geraubt, und der Ritter, der es bewacht habe, uͤberwaͤltigt und hoͤchſtwahr⸗ ſcheinlicherweiſe getoͤdtet worden ſey, da ſich da, wo der Bannerſpeer in Stuͤcken liege, eine Lache Blut befinde.. „Allein, wen ſeh ich hier?“ ſagte Nevil, wäͤh⸗ rend ſeine Augen ſich ploͤtzlich auf Sir Kenneth rich⸗ teten. „Einen Verraͤther,“ ſagte der Känig aufſprin⸗ gend, und die Streitaxt ergreifend, die ſtets neben ſeinem Bette lag.„Einen Verraͤther! den Du den Verraͤthertod ſterben ſehen ſollſt.“ Mit dieſen Wor⸗ ten ſchwang er die Waffe ruͤckwaͤrts, als ob er da⸗ mit einen Streich fuͤhren wollte. Entfaͤrbt, aber feſt wie eine Marmorſaͤule, ſtand der Schotte vor ihm, mit ſeinem bloßen unbeſchuͤtz⸗ 3 4 4 4 4 4² ten Haupte, die Augen zur Erde geſenkt, ſeine Lip⸗ pen kaum bewegend, wahrſcheinlich aber Gebete mur⸗ melnd. Ihm gegenuͤber, und gerade in der rechten Entfernung, um einen Streich zu fuͤhren, ſtand Koͤ⸗ nig Richard. Seine große Geſtalt war in die Fal⸗ ten ſeiner Camescia, oder eines weiten linnenen Kleids gehuͤllt; auf der rechten Seite hatte die Hef⸗ tigkeit ſeiner Bewegung Arm, Schulter und einen Theil der Bruſt entbloͤßt, ſo daß man ein Probeſtuͤck von einem Koͤrperbaue gewahren konnte, der den Bei⸗ namen ſeines ſaͤchſiſchen Vorfahrs„Eiſenſeite“ ver⸗ dient haͤtte.. Er ſtand einen Augenblick ſchlagfertig— dann ſenkte er die Waffe auf den Boden, und rief:„aber es war Blut, Nevill, es war Blut an dem Orte. Hoͤre Schotte,— Du warſt einmal tapfer; denn ich ſah Dich fechten— ſage, haſt Du zwei von jenen Hunden bei der Vertheidigung der Fahne erſchlagen— ſage nur Einen— ſage, daß Du nur einen guten Streich zu unſerem Beſten gefuͤhrt haſt, und packe Dich dann aus dem Lager mit Deinem Leben und Deiner Schande.“ „Ihr nanntet mich einen Luͤgner, mein koͤnigli⸗ cher Herr,“ antwortete Kenneth in feſtem Tone; „und hierin wenigſtens habt Ihr mir Unrecht ge⸗ than— wißt— daß kein Blut bei der Vertheidigung der Standarte gefloſſen iſt, ausgenommen das mei⸗ 43 nes armen Hundes, der, treuer als ſein Herr, den Ort vertheidigte, den er verließ.“ „Nun beim heiligen Georg;“ rief Richard, ſei⸗ nen Arm wieder erhebend— aber de Vaux warf ſich zwiſchen den Koͤnig und den Gegenſtand ſeiner Rache, und ſagte mit der ihm eigenen plumpen Freimuͤthig⸗ keit:—„Mein Lehnsherr, das darf nicht hier, und am wenigſten durch Eure eigene Hand, geſchehen. Es iſt ſchon Thorheit genug fuͤr einen Tag und eine Nacht, daß Ihr Eure Fahne einem Schotten anver⸗ traut habt— ſagte ich nicht, ſie ſeyen artig und falſch?““ „ Ja das thatſt Du, de Vaux; Du hatteſt recht, ich bekenne es,“ ſagte Richard.„Ich haͤtte ihn beſſer kennen— haͤtte mich erinnern ſollen, wie mich der ſchlaue Wilhelm in Betreff dieſes Kreuzzuges betro⸗ gen hat!“ „Mein Fuͤrſt,“ entgegnete Sir Kenneth,„Wil⸗ helm von Schottland hat nie betrogen; allein um⸗ ſtaͤnde verhinderten ihn, ſeine Truppen zu ſtellen.“ „Still, Unverſchaͤmter!“ ſagte der Koͤnig,„Du beſudelſt den Namen eines Fuͤrſten, ſelbſt durch das bloße Ausſprechen deſſelben.— Und doch, de Vaur,“ fuͤgte er hinzu,„es iſt ſonderbar, wenn man das Betragen des Mannes beobaͤchtet. Memme oder Ver⸗ raͤther muß er ſeyn; und doch erwartete er den Schlag Richard Plantagenets, als ob wir unſern Arm erho⸗ ben haͤtten, um die Ritterwuͤrde auf ſeine Schul⸗ 3 5 44 tern zu legen. Haͤtte er das geringſte Zeichen von⸗ Furcht merken laſſen— haͤtte nur ein Glied gezittert, oder ein Augenlied gezuckt, ſo haͤtte ich ſeinen Kopf wie einen cryſtallenen Becher zerſchmettert. Allein ich kann nicht zuſchlagen, wo ich weder Furcht noch Widerſtand ſehe.“ Hier trat eine Pauſe ein. „Mylord,“ ſagte Kenneth— „Ha,“ unterbrach ihn Richard,„haſt Du Deine Sprache wieder erlangt? Flehe den Himmel, aber nicht mich um Gnade an; denn England iſt durch dein Verbrechen entehrt, und waͤrſt Du mein eigener und einziger Bruder, Du haͤtteſt dennoch keine Ver⸗ zeihung zu hoffen.“ 3 „Ich ſpreche nicht, um Gnade von einem ſterb⸗ lichen Manne zu erflehen,“ ſagte der Schotte.„Es ſteht in Ew. Majeſtaͤt Belieben, mir Zeit zur Beichte zu gewaͤhren oder zu verweigern. Wenn mir der Menſch die Abſolution verweigert, ſo mag Gott mir ſie gewaͤhren. Aber mag ich nun in dieſem Augen⸗ blicke oder erſt in einer halben Stunde ſterben, in jedem Falle bitte ich Eure Majeſtaͤt, mir nur eine kurze Friſt zu vergoͤnnen, um Eurer koͤniglichen Perſon et⸗ was mitzutheilen, das Euren Ruf als hhriſtlicher Koͤnig ſehr nahe angeht.“ „Sprich,“ ſagte der Koͤnig, nicht zweifelnd, daß er ein Geſtaͤndniß uͤber den Verluſt der Fahne von ihm vernehmen werde. . 45 „Was ich zu ſagen habe,“ fuhr Sir Kenneth fort,„beruͤhrt die koͤnigliche Wuͤrde von England, und darf von keinen andern Ohren, als den Deini⸗ gen vernommen werden. „Begebt Euch hinweg, meine Herrn!“ ſagte der Koͤnig zu Neville, und de Vaur. Der Erſtere gehorchte, allein der Letztere wollte den Koͤnig nicht verlaſſen. „Wenn Ihr ſagtet, daß ich Recht gehabt habe, antwortete de Vaux ſeinem Souverain,„ſo will ich auch behandelt werden, wie einer, dem man Recht gegeben hat— ich will meinen eigenen Willen haben. Ich laſſe Euch mit dieſem falſchen Schotten nicht allein.“ „Wie? de Paur,„ ſagte Richard erzuͤrnt, und hart mit dem Fuße ſtampfend,„wagſt Du es nicht, unſere Perſon einem einzigen Verraͤther auszuſetzen?“ „Umſonſt iſt es, daß Ihr die Stirne runzelt, und mit dem Fuße ſtampft, mein Koͤnig,„Rſagte de Vaurx,„ich uͤberlaſſe einen kranken Mann nicht einem geſunden, noch einen nackten einem voͤllig Gepanzer⸗ ten. „Daran liegt nichts,“ ſagte der ſchottiſche Rit⸗ ter;„ich ſuche keine Entſchuldigung, um Zeit zu ge⸗ winnen— ich will in Gegenwart des Lord Gilsland ſprechen. Er iſt ein guter, ehrlicher Ritter.“ „Vor einer halben Stunde noch,“ ſagte de Vaur, —————— 3 46 init einem Seufzer, der Kummer und Verdruß aus⸗ druͤckte,„haͤtte ich das Naͤmliche von Dir behauptet!“ „Verraͤtherei umgiebt Euch, Koͤnig von England,“ fuhr Sir Kenneth fort. „Es mag ſeyn,“ erwiederte Richard,„ich habe ein uͤberzeugendes Beiſpiel davon.. Verraͤtherei, die Dir mehr ſchaden kann, als der Verluſt von hundert Fahnen. Die— Die— Sir Kenneths Stimme ſtockte, und endlich fuhr er mit leiſerer Stimme fort:„Die Lady Edith.“— „Ha,“ rief der Koͤnig aus, ſich ploͤtzlich in eine aufmerkſamere Stellung werfend, und den Blick feſt auf den vermeinten Verbrecher heftend;„Was iſt mit ihr!— was iſt mit ihr!— was hat ſie mit dieſer Sache zu ſchaffen?“— „Mein Fuͤrſt,“ ſagte der Schotte;—„man geht mit dem Plane um, Euer koͤnigliches Haus zu be⸗ ſchimpfen; denn man will die Hand der Lady Edith dem ſaraceniſchen Sultan geben, und durch die ſchimpf⸗ lichſte Verbindung mit England den ſchimpflichſten Frieden fuͤr die Chriſtenheit erkaufen.“ Dieſe Mittheilung brachte auf Richard Loͤwen⸗ herz eine Wirkung hervor, die gerade das Gegentheil von dem war, was Sir Kenneth erwartet hatte. Ri⸗ chard Plantagenet war einer von denen, die, mit Jagozu reden, Gott nicht dienen wollten, weil es der Teufel war, der ſie darum bat. Der Eindruck, den ein Rath oder eine Belehrung auf ihn machten, ruͤhrte 47 oft weniger von ihrem wirklichen Inhalte her, als von der Farbe, die ſie durch den vermeinten Cha⸗ rakter und die Abſichten der Individuen erhielten, welche ſie ihm mittheilten. Ungluͤcklicherweiſe erneuerte die Erwaͤhnung des Namens ſeiner Verwandten ſeine Erinnerung an das, was er bei dem Ritter von Leo⸗ parden als eine ungeheure Vermeſſenheit betrachtet hatte, ſelbſt als er noch einen hohen Rang unter der Ritterſchaft behauptete, allein in ſeiner gegenwaͤrti⸗ gen Lage als eine Beſchimpfung erſchien, die hinrei⸗ chend war, den feurigen Monarchen in eine wahn⸗ ſinnige Wuth zu verſetzen. „Still,“ ſagte er,„ehrloſer und verwegener Wicht! Beim Himmel, ich laſſe Dir die Zunge mit gluͤhenden Zangen ausreißen, wenn Du den Namen eines edeln chriſtlichen Fraͤuleins noch einmal aus⸗ ſprichſt. Wiſſe! entarteter Verraͤther, daß ich laͤngſt wußte, bis zu welcher Hoͤhe Du Deine Augen zu er⸗ heben wagteſt, und ich duldete es, obſchon es Frech⸗ heit war, ſelbſt als Du uns— denn Du biſt ganz aus Trug zuſammengeſetzt— betrogeſt, indem Du Dich ſcheinbar wie ein Mann von einigem Namen und Rufe betrugſt. Allein jetzt, da Deine Lippen durch das Geſtaͤndniß Deiner Schande befleckt ſind,— das Du jetzt Dich erfrechſt, unſere edle Verwandte als eine Perſon zu nennen, an deren Schickſal Du Antheil haſt, oder Antheil nimmſt! Was geht es Dich an, ob ſie einen Saracenen oder einen Chriſten heu⸗ 4 5 4 4 1 4 5½ rathet? Was geht es Dich an, wenn in einem Lager, wo Fuͤrſten bei Tag zu Memmen und bey Nacht zu Raͤubern werden— wo tapfere Ritter ſich in elende Ausreißer und Verraͤther umwandeln— was geht es Dich an, ſage ich, oder ſonſt Jemand, wenn es mir belieben wuͤrde, mich mit der Treue und Tapferkeit, in der Perſon des Saladin, zu verbinden?“ „Mich,“ antwortete der Schotte kuͤhn,„in der That wenig, da mir die ganze Welt bald ein Nichts ſeyn wird; allein waͤre ich jetzt auf die Folter ge⸗ ſpannt, ich wuͤrde Dir ſagen, daß, was ich Dir mit⸗ getheilt habe, Dein Gewiſſen und deinen Ruf ſehr nahe angeht. Ich ſage Dir, Koͤnig von England, daß wenn Du nur in Gedanken den Vorſatz hegſt, deine Verwandte, die Lady Edith.“— „Nenne ſie nicht, und denke einen Augenblick nicht an ſie;“ ſagte der Koͤnig, und faßte die Streit⸗ art wieder mit einer ſolchen Gewalt, daß die Mus⸗ keln ſeines ſehnigen Armes hervor traten, wie das Gerank, das der Epheu um die Aeſte, der Eiche ſchlingt. „Nenne ſie nicht— denke nicht an ſie!“ antwor⸗ tete Sir Kenneth, deſſen Geiſt, ſo ſehr er durch Selbſterniedrigung betaͤubt war, durch dieſen Streit ſeine Elaſticitaͤt wieder zu erlangen begann,—„Nun, bei dem Kreuze, auf das ich meine Hoffnung ſetze, ihr Name ſoll das letzte Wort in meinem Munde, ihr Bild der letzte Gedanke in meiner Seele ſeyn. — 49 Verſuche deine geprieſene Staͤrke an dieſer entbloͤßten Stirne und du wirſt ſehen, ob du meinen Vorſatz verhindern kannſt.“ „Er wird mich noch wahnſinnig machen,“ rief Richard aus, der wider ſeinen Willen durch die furcht⸗ loſe Entſchloſſenheit des Verbrechers in ſeinem Vor⸗ ſatze wankend gemacht wurde. 4 Ehe Thomas von Gilsland antworten konnte, wurde ein Geraͤuſch von außen gehoͤrt und die An⸗ kunft der Koͤnigin aus dem aͤußeren Theile des Ge⸗ machs gemeldet. 3 „Halte ſie zuruͤck— halte ſie zuruͤck, Nellville,““ ſagte der König;„das iſt kein Anblick fuͤr Frauen. Pfui, daß ich durch einen ſo elenden Verraͤther mich in ſo große Wuth habe bringen laſſen!— Weg mit ihm, de Vaux,“ fluͤſterte er,„durch den hintern Ein⸗ gang unſeres Zeltes— bringe ihn in enge Haft und ſtehe mir fuͤr ſeine ſichere Bewachung mit dem Le⸗ ben.— Und hoͤre— er ſoll augen blicklich ſterben— ſchicke einen geiſtlichen Vater zu ihm— wir moͤchten nicht die Seele mit dem Leibe morden.— Und halt— hoͤre Du, wir wollen nicht, daß er entehrt wird— er ſoll wie ein Ritter ſterben, mit Wehrgehenk und Sporen; denn wenn ſeine Verraͤtherey ſo ſchwarz wie die Hoͤlle iſt, ſo koͤnnte ſeine Kuͤhnheit es mit der des Teufels ſelbſt aufnehmen.“ De Vaur, der wenn je die W W. Scort's Werke. VIII. je die Mabrheit rralhen 50 werden kann, recht froh war, daß ſich die Scene en⸗ dete, ohne daß Richard die unkoͤnigliche Handlung be⸗ gieng, einen Gefangenen, der keinen Widerſtand lei⸗ ſtete, niederzuſchlagen, beeilte ſich, Sir Kenneth durch einen geheimen Ausgang in ein beſonderes Zelt zu fuͤhren, wo er der Sicherheit wegen entwaffnet, und in Feſſeln gelegt wurde. De Vaurx blickte ihn mit feſter und wehmuͤthiger Aufmerkſamkeit an, waͤhrend die Leute des Profoß, denen Sir Kenneth jetzt uͤber⸗ geben wurde, dieſe ſtrengen Vorſichtsmaßregeln er⸗ griffen. Als ſie fertig waren, ſagte er in feierlichem Tone zu dem ungluͤcklichen Verbrecher—„Es iſt Koͤnig Richard's Wille, daß Ihr unentehrt ſterbet— ohne Verſtuͤmmelung Eures Koͤrpers, oder Beſchimpfung Eurer Waffen— und daß euer Kopf durch das Schwerdt des Scharfrichters vom Rumpfe getrennt wird. „Das iſt guͤtig,“ ſagte der Ritter mit leiſer und demuͤthiger Stimme, wie einer, der eine un⸗ erwartete Gunſt empfangen hat;„meine Familie wird doch ſo nicht das Schlimmſte der Erzaͤhlung hoͤren— Oh, mein Vater— mein Vater!“ Dieſer leiſe Ausruf entgieng dem rauhen, aber gutmuͤthigen Englaͤnder nicht, und er fuhr mit dem Ruͤcken ſeiner großen Hand uͤber ſein rauhes Geſicht, bevor er fortfahren konnte. „Weiter iſt es Richard's Wille,“ ſagte er end 51 lich,„daß Ihr Euch mit einem heiligen Manne un⸗ terredet, und ich habe auf meinem Wege hierher einen Carmelitermoͤnch getroffen, der Euch auf Eure Reiſe vorbereiten kann. Er wartet draußen, bis ihr Euch in der zu ſeinem Empfange noͤthigen Gemuͤthsſtim⸗ mung befindet.“ „Laßt ihn augenblicklich hereintreten,“ ſagte der Ritter.„Auch hierin iſt Richard guͤtig. Ich kann zu keiner Zeit geeigneter ſeyn, den guten Vater zu ſehen, als jetzt; denn das Leben und ich— wir ha⸗ ben beyde von einander Abſchied genommen, wie zwei Reiſende, die an dem Kreuzwege angekommen ſind, wo ihre Pfade ſich trennen.“. „Es iſt gut,“ ſagte de Vaur leiſe und feierlich; denn es ſchmerzt mich ein wenig, Euch das ſagen zu muͤſſen, was der Hauptpunkt meines Auftrags iſt. Es iſt Koͤnig Richards Wille, daß Ihr Euch zum augenblicklichen Tode vorbereitet.“ „Gottes und des Koͤnigs Wille geſchehe,“ er⸗ wiederte der Ritter geduldig.„Ich beſtreite weder die Gerechtigkeit des Urtheils, noch verlange ich einen Aufſchub der Hinrichtung.“ De Vaur begann das Zelt, wiewohl ſehr lang⸗ ſam, zu verlaſſen.— An der Thuͤre machte er Halt, und blickte nach dem Schotten zuruͤck, aus deſſen Seele alle weltlichen Gedanken verbannt zu ſeyn ſchienen. Die Gefuͤhle des kraͤftigen ſchottiſchen Barons gehöoͤr⸗ ten im Allgemeinen nicht zu den zarteſten, und doch 4 3 52 6 uͤberwaͤltigte ihn, bei der gegenwaͤrtigen Gelegenheit, ſein Mitleid auf eine ungewoͤhnliche Weiſe. Er kehrte eilig nach dem Buͤndel Schilfrohr, auf welchem der Kranke lag, zuruͤck, ergriff eine ſeiner gefeſſelten Haͤnde und ſagte mit ſo viel Sanftmuth, als ſeine rauhe Stimme auszudruͤcken vermochte:„Sir Ken⸗ neth, Du biſt noch jung— Du haſt einen Vater. Mein Ralph, der, als ich ihn verließ, an dem Ufer der Irthing ſein kleines Pferdchen lenkte, kann ein⸗ mal dein Alter erreichen— und, die letzte Nacht ab⸗ gerechnet, wuͤnſchte ich, daß es Gott gefallen moͤchte, ſeine Jugend ſo vielverſprechend zu machen, als die deinige. Kann nichts fuͤr Dich geſagt, oder gethan werden?“ 1 „Nichts,“ war die wehmuͤthige Antwort.„Ich habe meine Pflicht vernachlaͤſſigt— das mir anver⸗ traute Banner iſt dahin.— Wenn Block und Henker da ſind, ſo iſt mein Kopf und Rumpf bereit.“ „Nun ſo erbarme ſich Gott Eurer!“ ſagte de Vaux;„aber mein beſtes Pferd gaͤbe ich, wenn ich dieſe Wache ſelbſt uͤbernommen haͤtte. Es liegt ein Geheimniß darin, junger Mann, das ein einfacher Mann zwar ahnen, aber nicht erforſchen kann.— Feigheit? Pah! Kein Feiger focht je ſo, wie ich Dich fechten geſehen habe.— Verraͤtherey! Ich kann nicht glauben, daß Verraͤther in ihrer Verraͤtherey ſo ru⸗ hig ſterben. Du biſt von Deinem Poſten durch irgend eine boͤſe Argliſt— irgend eine wohlerſonnene Kriegs⸗ 53 liſt weggelockt worden. Der Schrey irgend einer be⸗ draͤngten Jungfrau hat Dein Ohr erreicht, oder der lachende Blick einer froͤhlichen Dame Deine Augen verblendet. Erroͤthe nicht daruͤber; wir alle haben uns durch ſolchen Tand verfuͤhren laſſen. Komm, ich bitte Dich, entlade vor mir, ſtatt vor dem Prieſter, dein Gewiſſen— Richard iſt gnaͤdig, wenn ſich ſein Zorn gelegt hat. Haſt Du mir nichts anzuvertrauen?“ Der Ungluͤckliche wandte ſich nach dem guͤtigen Krieger um, und antwortete Nichts. De Vaur, der ſeine Ueberredungsgruͤnde erſchoͤpft hatte, ſtand auf und verließ das Zelt, mit uͤbereinan⸗ dergeſchlagenen Armen, und in einer tiefern Schwer⸗ muth, als, wie er glaubte, die Sache verdiente— ja uͤber ſich ſelbſt erzuͤrnt, daß eine ſo einfache Sache, wie der Tod eines Schotten, ihn ſo tief ruͤhrte. „ und doch,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„obgleich die rauchfuͤßigen Schelme in Cumberland unſere Feinde ſind, ſo betrachtet man ſie doch in Palaͤſtina faſt als Bruͤder.“ Viertes Kapitel. Iſt dieß Verſtand? ich wüßte nicht Was wohl gemeiner ſey, Der ganze Witz, der aus ihr ſpricht, Iſt Weiberplauderey. Lied. Die hochgeborene Berengaria, die Tochter des Sanchez, Koͤnigs von Navarra, und koͤnigliche Ge⸗ mahlin des heldenmuͤthigen Richard galt fuͤr eine der ſchoͤnſten Frauen ihrer Zeit. Sie war klein von Ge⸗ ſralt, allein ungemein zart gebaut, und zeichnete ſich durch eine in ihrem Lande nicht alltaͤgliche Geſichts⸗ farbe, eine Fuͤlle ſchoͤner Haare und ſo ungemein ju⸗ gendliche Geſichtszuͤge aus, daß ſie mehrere Jahre juͤnger ſchien, als ſie wirklich war, obſchon ſie nicht uͤber 21 Jahre zaͤhlte. Vielleicht war das Bewußt⸗ ſeyn dieſes ungewoͤhnlich jugendlichen Ausſehens Ur⸗ ſache, daß ſie in ihrem Betragen eine gewiſſe kindiſche Launenhaftigkeit, und einen gewiſſen Eigenſinn an den Tag legte, der, wie ſie glauben mochte, nicht ungeziemend fuͤr eine junge Braut war, die ihr Rang und Alter berechtigten, ihren Grillen ungehindert nachzuhaͤngen. Sie war von Natur vollkommen gut gelaunt, und wenn ihr der gebuͤhrende Antheil von Bewunderung und Huldigung(und ihrer Meinung nach war dieſer gar nicht unbedeutend) pflichtmaͤßig 55 dargebracht wurde, ſo konnte niemand ein beſſeres Temperament, oder eine freundlichere Gemuͤthsart beſitzen; allein dann wuͤnſchte ſie, gleich allen Deſpo⸗ ten, ihre Macht um ſo weiter auszudehnen, je mehr Gewalt man ihr freiwillig zugeſtand. Manchmal, ſelbſt wenn ihr ganzer Ehrgeiz befriedigt war, gefiel es ihr, ein wenig unpaͤßlich und ein wenig unaufgeraͤumt zu ſeyn; und die Aerzte mußten ihrem ganzen Scharf⸗ ſinne aufbieten, um Namen fuͤr eingebildete Krank⸗ heiten aufzufinden, waͤhrend ihre Kammerfrauen ihre Einbildungskraft auf die Folter ſpannten, neue Spiele, neuen Kopfputz, und neue Hofſcan⸗ dale zu erdenken, um dadurch dieſe unangenehmen Stunden, in welchen ihre eigene Lage ſchwerlich ſehr zu beneiden war, zu vertreiben. Meiſt nahmen ſie, zur Vertreibung dieſer Krankheit, ihre Zuflucht zu einem luſtigen oder uͤbeln Streiche, den ſie einander ſpielten; und die gute Koͤnigin unterſuchte, die Wahr⸗ heit geſprochen, bei dem Wiederaufleben ihrer Lebens⸗ geiſter nicht ſorgfaͤltig genug, ob die ſo veruͤbten Streiche ihrer Wuͤrde angemeſſen waren, oder ob der Schmerz derer, denen ſie geſpielt wurden, nicht in einem Mißverhaͤltniſſe mit dem Vergnugen ſtand, das ihr daraus erwuchs. Sie verließ ſich auf die Gunſt ihres Gemahls, ihren hohen Rang, und ihre vermeinte Macht, den Nachtheil, den ſolche Poſſen Andern verurſachten, wieder gut zu machen. Mit einem Worte, ſie ſpaßte mit der Freiheit einer jungen»oͤ⸗ 56 win, die nicht an die Kraft der Klauen denkt, die ſie an diejenigen legt, mit denen ſie Scherz treibt. Die Koͤnigin Berengaria liebte ihren Gemahl leidenſchaftlich; allein ſie fuͤrchtete den Stolz und die Rauheit ſeines Charakters, und da ſie fuͤhlte, daß ſie ihm hinſichtlich des Verſtandes nicht gewachſen war, ſo ſah ſie es nicht gerne, daß er oft vorzugs⸗ weiſe mit Edith Plantagenet redete, blos aus dem Grunde, weil er bei ihr eine groͤßere Unterhal⸗ tungsgabe, einen umfaſſenderen Verſtand, und ed⸗ lere Gedanken und Geſinnungen fand, als bei ſeiner ſchoͤnen Ehegattin. Berengaria haßte deßwegen Edith nicht, und noch weit weniger gieng ſie mit dem Plane um, ihr irgend ein Leid zuzufuͤgen; denn einen ge⸗ wiſſen Grad von Selbſtſucht abgerechnet, war ihr Charakter, im Ganzen genommen, unſchuldig und edelmuͤthig. Allein die Frauen ihres Gefolges, die in ſolchen Dingen eben nicht kurzſichtig waren, hat⸗ ten ſeit einiger Zeit bemerkt, daß Stachelreden auf Unkoſten der Lady Edith ein ſpeziſiſches Mittel gegen die Niedergeſchlagenheit Ihrer Gnaden von England waren, und dieſe Entdeckung erſparte ihrer Einbil⸗ dungskraft manche Muͤhe. Es lag etwas Unedles hierin, weil Lady Edith als eine Waiſe zu betrachten war. Zwar wurde ſie Plantagenet und das ſchoͤne Maͤdchen von Anjou ge⸗ nannt; auch geſtattete ihr Koͤnig Richard gewiſſe, blos * 57 der königl. Familie zugeſtandene, Vorrechte, allein we⸗ nige wußten, und niemand, der mit dem Hofe von Eng⸗ land bekannt war, wagte es zu fragen, in welchem Verwandſchaftsgrade ſie zu Richard Loͤwenherz ſtehe. Sie war mit Eleonoren, der beruͤhmten Koͤnigin Mutter von England, gekommen, und wurde Richard zu Meſſina als eine der Geſellſchaftsdamen der Beren⸗ garia vorgeſtellt, deren Hochzeitsfeyer damals nicht mehr ferne war. Richard behandelte ſeine Verwandte mit ehrfurchtsvoller Aufmerkſamkeit, und die Koͤni⸗ gin machte ſie zu ihrer beſtaͤndigen Begleiterin und behandelte ſie, trotz der bereits erwaͤhnten kleinen Ei⸗ ferſucht, im Allgemeinen mit gebuͤhrender Achtung. Die Frauen des Haus halts vermochten lauge Zeit keinen groͤßern Vortheil uͤber Edith zu erlangen, als den, daß ſie manchmal einen nicht ganz kunſtreich angeordneten Kopfputz, oder ein unpaſſendes Kleid tadeln konnten; denn in dieſe Geheimniſſe war dhe Lady nicht ganz eingeweiht. Die ſtille Huldigung des ſchottiſchen Ritters blieb indeß nicht unbemerkt; ſeine Livereien, ſeine Abzeichen, ſeine Motto's, und De⸗ viſen wurden genau beobachtet und gelegentlich zum Gegenſtande eines fluͤchtigen Scherzes gemacht. Al⸗ lein dann kam die Wallfahrt der Koͤnigin und ihrer Frauen nach Engaddi, eine Reiſe, welche die Koͤni⸗ gin zur Erfuͤllung eines Geluͤbdes fuͤr die Geneſung ihres Gemahls unternommen hatte, und zu deren Ausfuͤhrung ſie von dem Erzbiſchofſe von Tyrus aus 58 einer politiſchen Abſicht aufgemuntert worden war; damals geſchah es, und zwar in der Kapelle jenes hei⸗ ligen Ortes, der von oben mit einem Karmeliter⸗ Nonnenkloſter und von unten mit der Zelle des Ein⸗ ſiedlers zuſammenhieng, daß eine von den Kammer⸗ frauen der Koͤnigin jenes geheime Zeichen, das Edith ihrem Liebhaber gab, bemerkte und nicht ermangelte, Ihre Majeſtaͤt augenblicklich davon in Kenntniß zu ſetzen. Die Koͤnigin kehrte von ihrer Wallfahrt mit dieſem bewundernswerthen Rezept gegen Schwermuth oder Langeweile bereichert, zuruͤck, und ihr Gefolge ward zu gleicher Zeit durch zwei ungluͤckliche Zwerge vermehrt, die ſie von der entfernten Koͤnigin von Jeruſalem erhielt, und die ſo ungeſtaltet und aber⸗ witzig waren(der Vorzug dieſes ungluͤcklichen Ge⸗ ſchlechts!) als irgend eine Koͤnigin ſie nur wuͤnſchen konnte. Eine der eitlen Beluſtigungen der Beren⸗ garia war der Verſuch geweſen, welchen Eindruck die ploͤtzliche Erſcheinung ſo ſchauerlicher und phanta⸗ ſtiſcher Geſtalten auf die Nerven des allein in der Kapelle gelaſſenen Ritters machen wuͤrde; allein der Spaß wurde durch die Faſſung des Schotten und die Dazwiſchenkunft des Einſiedlers verdorben. Sie hatte nun einen andern verſucht, deſſen Folgen ernſthafter zu werden ſchienen. Die Frauen verſammelten ſich wieder, nachdem Sir Kenneth das Zelt verlaſſen hatte. Die Koͤnigin, die anfangs die zornigen Einwendungen der Lady 59 Edith wenig beachtete, antwortete ihr blos dadurch, daß ſie ihr ihre Sproͤdigkeit vorwarf, und ihrem Witze auf Koſten der Tracht, der Nation, und vor allem der Armuth des Ritters vom Leoparden, freien Lauf ließ. Sie legte hiebei ziemlich viel muthwillige Bos⸗ heit mit einiger Laune vermiſcht an den Tag, ſo daß Edith endlich genoͤthigt war, ſich in ihrer Be⸗ klommenheit in ihr beſonderes Gemach zu begeben. Al⸗ lein als am folgenden Morgen ein Frauenzimmer, der Edith den Auftrag gegeben hatte, Erkundigun⸗ gen einzuziehen, die Nachricht brachte, daß die Stan⸗ darte vermißt werde, und ihr Vertheidiger verſchwun⸗ den ſey, ſo drang ſie in das Gemach der Koͤnigin und at ſie flehentlich, ſich unverzuͤglich in das Zelt des Koͤnigs zu begeben und ihre kraͤftige Vermittlung zur Verhuͤtung der boͤſen Folgen ihres Scherzes anzu⸗ wenden. Die Koͤnigin erſchrak ihrerſeits, warf wie gewoͤhn⸗ lich, die Schuld ihrer Thorheit auf ihre Umgebung, und ſuchte durch tauſend ungereimte Beweisgruͤnde Ediths Kummer zu lindern und ihr Mißvergnuͤgen zu beſaͤnftigen. Sie war uͤberzeugt, daß nichts Bö⸗ ſes geſchehen ſey— der Ritter ſchlief, waͤhnte ſie, nach ſeiner Nachtwache; und hatte er auch aus Furcht vor des Koͤnigs Mißfallen mit der Standarte den Ausreiß genommen— ſo war die letztere nur ein Stuͤck Seidenzeug, und er ein armſeliger Abentheu⸗ erer; oder wenn er auch auf eine zeitlang in Ver⸗ 60 wahrſchaft gebracht worden war, ſo konnte ſie ihm in Kurzem bei dem Koͤnige Verzeihung auswirken— man mußte bloß warten, bis Richard ausgetobt hatte. So ſprach ſie durcheinander und haͤufte alle Ar⸗ ten von Widerſpruͤche aufeinander, in der eiteln Hoffnung, ſowohl Edith, als ſich ſelbſt zu uͤberzeu⸗ gen, daß kein Unheil aus einem Scherze entſtehen koͤnne, den ſie jetzt in ihrem Herzen bitter bereute. Allein waͤhrend Edith vergebens bemuͤht war, dieſen Strom eiteln Geſchwaͤtzes aufzuhalten, fielen ihre Augen auf eine der Frauen, die in das Gemach der Königin trat. Tod ſprach aus ihrem ſchreckhaften Ge⸗ ſichte, und Edith waͤre beim erſten Blicke, den ſie auf ſie warf, ploͤtzlich auf die Erde niedergeſunken, haͤtte nicht ſtrenge Nothwendigkeit und ihre eigene Cha⸗ rakterſtaͤrke ſie in den Stand geſetzt, wenigſtens eine aͤußerliche Faſſung zu behaupten. 88 „Madam,“ ſagte ſie zu der Koͤnigin,„verliert⸗ kein Wort mehr, ſondern rettet ein Leben— wenn es anders,“ fuͤgte ſie mit ſchwankender Stimme hin⸗ zu,„noch gerettet werden kann.“ „Es kann noch,“ antwortete Lady Caliſta.„Ich habe ſo eben gehoͤrt, daß er vor den Koͤnig gebracht worden iſt— es iſt noch nicht voruͤber“—„aber,“ fuhr ſie fort, in einen heftigen Thraͤnenſtrom aus⸗ brechend, woran perſoͤnliche Beſorgniſſe einigen An⸗ theil hatten,„es wird bald geſchehen, wenn nicht ein Ausweg gefunden wird.“— 61 „Ich will dem heiligen Grabe einen goldenen Leuchter geloben— ein ſilbernes Reliquienkaͤſtchen Un⸗ ſerer Frau von Engaddi— einen 100 Byzantinen⸗ werthen Mantel dem heiligen Ordez,“ rief die Koͤ⸗ nigin in der hoͤchſten Beaͤngſtigung aus. „Auf, auf, Madam,“ ſagte Edith,„ruft die Heiligen an, wenn ihr wollt, aber ſeyd ſelbſt eure beſte Heilige.“. „Wirklich, Madam,“ ſagte die erſchrockene Die⸗ nerin,„die Lady Edith hat Recht. Auf Madam, laßt uns in Koͤnig Richards Zelt eilen, und um das Leben des armen Edelmanns flehen.“ „Ich will gehen— ich will augenblicklich gehen,“ ſagte die Koͤnigin, die ſich zitternd und bebend erhob, indeß ihre Frauen ebenſo beſturzt, als ſie ſelbſt, nicht im Stande waren, ihr diejenigen Dienſte zu leiſten, die ihre Toilette erforderte. Ruhig, gefaßt, blaß wie der Tod, bediente Edith die Koͤnigin ſelbſt, und ver⸗ beſſerte allein die Nachlaͤſſigkeiten ihrer zahlreichen Dienerinnen. „Was ſoll das, ihr Dirnen,“ ſagte die Koͤnigin, auch jetzt nicht im Stande, ihre leichtſinnigen Bemer⸗ kungen zu unterdruͤcken.„Geſtattet ihr, daß Lady Edith die Pflichten Eures Amtes vollzieht? Du ſiehſt Edith, daß ſie nichts machen koͤnnen— nimmermehr werde ich zur rechten Zeit angekleidet ſeyn; wir wol⸗ len nach dem Erzbiſchoff von Tyrus ſchicken, und ihn als Vermittler gebrauchen.“ 62 „9 nein, nein,“ rief Edith aus—„geht ſelbſt Madam— ihr ſeyd die Urſache des Uebels; wendet auch das Heilmittel an.“ „Ich will gehen, ich will gehen— allein wenn Richard in ſeiner Wuth iſt, ſo wage ich es nicht, mit ihm zu ſprechen— er wuͤrde mich toͤdten.“ „ und dennoch geht, gnaͤdigſte Koͤnigin,“ ſagte die Lady Caliſta, die am beſten das Temperament ihrer Gebieterin kannte;„nicht ein Loͤwe in ſeiner Wuth konnte auf ein ſolches Geſicht und eine ſolche Geſtalt blicken, und auch nur einen einzigen zornigen Gedan⸗ ken beybehalten— wie viel weniger alſo ein Liebes⸗ Ritter, wie der koͤnigliche Richard, dem Euer gering⸗ ſtes Wort Befehl iſt.“ „Glaubſt du dieß Caliſta?“ ſagte die Koͤnigin. „Ach! du kennſt nicht— und doch will ich gehen— aber ſiehſt du— was bedeutet dieß? du haſt mich gruͤn angekleidet, was er nicht dulden kann. Hoͤrt, gebt mir ein blaues Kleid, und ſucht das Rubinge⸗ ſchmeide, das ein Theil der Ranzion des Koͤnigs von Cypern war. Es liegt entweder in dem ſtaͤhlernen Kaͤſtchen, oder ſonſt wo.“ „Dieß und ein Menſchenleben ſteht auf dem Spiele!“ rief Edith unwillig aus,„das geht uͤber menſchliche Geduld. Macht Euch keine Muͤhe, Ma⸗ dam— ich will zu Koͤnig Richard gehen— ich bin dabey bethei ligt— ich will wiſſen, ob man mit der Ehre eines armen Maͤdchens von ſeinem Gebluͤte ſo 63 ſehr ſein Spiel treiben darf, daß man ihren Namen mißbraucht, um einen tapfern Edelmann von ſeiner Pflicht abwendig zu machen, ihn dem Tode und der Ehrloſigkeit Preis zu geben, und zu gleicher Zeit den Ruhm Englands zu einem Gegenſtande des Hohnge⸗ laͤchters ſuͤr das ganze chriſtliche Heer zu machen.“ Bei dieſem unerwarteten, leidenſchaftlichen Aus⸗ falle nahm die Miene der zuhoͤrenden Berengaria den Ausdruck der Furcht und Verwunderung an. Allein als Edith im Begriffe ſtand, das Zelt zu verlaſſen, rief ſie, wiewohl mit ſchwacher Stimme aus:„haltet ſie zuruͤck, haltet ſie zuruͤck.“ „Wirklich, edle Lady, Ihr muͤßt da bleiben,“ ſagte Caliſta, ſie ſanft beim Arm nehmend,„und Ihr, gnaͤdige Koͤnigin, werdet ohne Zweifel gehen, und das ohne weitere Zoͤgerung. Wenn Lady Edith allein zum Koͤnige geht, ſo wird er in eine furchtbare Wuth ge⸗ rathen.“ „Ich will gehen, ich will gehen,“ ſagte die Koͤni⸗ gin, der Nothwendigkeit nachgebend; und Edith blieb widerwillig ſtehen, um ihre Bewegungen zu beobach⸗ ten. Dieſe waren jetzt ſo eilig, als ſie es nur wuͤn⸗ ſchen konnte. Die Koͤniginn huͤllte ſich ſchnell in ei⸗ nen großen weiten Mantel, der alle Maͤngel der toi⸗ lette bedeckte, und begleitet von Edith und ihren Frauen, nebſt einigen Offizieren und Gewappneten, eilte ſie in das Zelt ihres loͤwenartigen Gemahls. Sänites Kapitel. 4 4 Wär nde Saar auf ſeinem Su ein Leben, und flehten ſelbſt viermat ſo viele Seelen, Als dieſer Haare Zahl, um jedes Leben, Doch müßt; ein Leben nach dem andern cchwinden, Wie Sterne, die der Sonne Glanz entſtiehn; Wte Kerzen, die dem Nachtgelag geleuchtet, Und nun verlöſchen nach der Gäſte Scheiden! Altes Schauſpiel. Der Koͤnigin Berangarie wurde der Eintritt in das Innere des koniglichen Zeltes verwehrt— zwar auf die achtungsvollſte und ehrerbietigſte Weiſe— al: lein doch verwehrt durch die Ka Kaͤmmerer, die in dem aͤußern Zelte wachten. Sie konnte den ernſten Be⸗ fehl des Koͤnigs hoͤren, der ihren Eintritt verbot. „Ihr ſeht, ¹¹ſagte der Koͤnig, ſich an Edith wen⸗ dend, als ob ſie alle in ihren Kraͤften ſtehenden Ver⸗ wendungsmittel erſchoͤpft haͤtte.—„Ich pußte e8— Der Koͤnig will uns nicht zulaſſen.“ Zu gleicher Zeit hoͤrten ſie Richard von innen mit Jemand ſprechen,—„Geh, thue Deine Pflicht ſchnell,— Burſche— denn darinn beſteht Deine Gna⸗ de— Zehn Byzantinen, wenn Du ihm mit Einem Streiche den Garaus machſt.— Und hoͤre Du, Schurke, gieb genau Acht, ob ſeine Wage die Farbe verliert, oder ſeine Augen zittern— bemerte mir die geringſte 8— 65 Veraͤnderung ſeines Geſichts, das geringſte Zucken ſeiner Augenlieder— Ich mag gerne wiſſen, wie Koͤpfe und Seelen dem Tod entgegengehen.“ „Wenn er mein Schwerdt uͤber ſeinem Kopfe blicken ſieht, ohne zuruͤckzugehen, ſo iſt er der erſte, der dieß thut,“ antwortete eine rauhe, tiefe Stimme, die mein Gefuͤhl ungewoͤhnlicher Ehrerbietung zu ei⸗ nem viel leiſern Klange herabgeſtimmt hatte, als ſeine gewoͤhnlichen rauhen Toͤue waren. Edith konnte nicht laͤnger ſchweigen.„Wenn Eure Gnaden nicht ſelbſt vordringen, ſo dringe ich fuͤr Euch vor; oder wenn nicht fuͤr Eure Majeſtaͤt, doch wenigſtens fuͤr mich ſelbſt, Kaͤmmerer, die Koͤnigin verlangt den Koͤnig Richard zu ſehen— das Weib begehrt mit ihrem Mann zu ſprechen.“ „„Edele Lady,“ entgegnete der Offizier, ſeinen Amtsſtab wieder ſenkend;„es thut mir leid, daß ich mich Euch widerſetzen muß; allein Se. Majeſtaͤt iſt mit Dingen beſchaͤftigt, bei denen es ſich um Leben und Tod handelt.“ „Und wir wollen auch mit ihm uͤber Dinge ſpre⸗ chen, bei denen es ſich um Leben und Tod handelt,“ ſagte Edith,„ich will Euer Gnaden Eintritt verſchaf⸗ fen.“ So ſprechend ſchob ſie den Kaͤmmerer mit der einen Hand zuruͤck, und faßte den Vorhang mit der andern. „Ich wage es nicht, mich dem Verlangen Enrer Majeſtaͤt zu widerſetzen,“ ſagte der Kaͤmmerer, der W. Scott's Werke. VIII. 5 66 Heſtigkeit der ſchoͤnen Bittenden nachgebend; und da er zuruͤcktrat, ſah ſich die Koͤnigin genoͤthigt, Ri⸗ chard's Gemach zu betreten. Der Monarch lag auf ſeinem Lager und in eini⸗ ger Entfernung ſtand, als erwartete er ſeine weiteren Befehle, ein Menſch, deſſen Handwerk nicht ſchwer zu errathen war. Er trug eine Jacke von rothem Tuche, das ihm kaum bis uͤber die Schultern reichte, und die Arme uͤber die Haͤlfte bloß ließ. Als Ober⸗ kleid diente ihm, wenn er, wie gegenwaͤrtig, im Begriffe ſtand, ſein ſchreckliches Amt zu verrichten, eine Art Waffenrock, ohne Aermel, der einige Aehn⸗ lichkeit mit dem eines Herolds hatte, aus Rindsle⸗ derz verfertigt und vornen mit manchem dunkelrothen Flecken beſchmutzt war. Die Jacke, und der Waffen⸗ rock erreichten uͤber derſelben das Knie, und die Be⸗ deckung der Beine beſtand aus demſelben Leder, wie der Waffenrock. Eine Muͤtze von grobem Pluͤſch ver⸗ huͤllte den obern Theil eines Geſichtes, das ſich, gleich einer Nachtenle vor dem Lichte verbergen zu wollen ſchien— der untere Theil des Geſichtes ward von ei⸗ nem maͤchtigen rothen Barte beſchattet, mit dem ſich borſtige Haare von derſelben Farbe vermiſchten. Die bemerkbaren Zuͤge ſeines Geſichtes waren duͤſter und menſchenfeindlich. Er war klein von Geſtalt, ſtark gebaut, hatte einen Nacken, der dem eines Stiers glich, fehr breite Schultern, große und unverhaͤltniß⸗ maͤßig lange Arme, einen großen vierſchroͤtigen Rumpf, 62 und dicke krumme Beine. Dieſer rauhe Diener lehnte auf einem Schwerdte, deſſen Klinge beinahe vier und einen halben Fuß lang war, waͤhrend das Gefaͤſe von 20 Zoll Umfang, und von einer Reihe Bleikugeln um⸗ geben, um einer ſo ſchweren Klinge das Gegengewicht zu halten, ſich bedentend uͤber des Mannes Kopf er⸗ hob, als er mit dem Arme auf ſein Heft geſtuͤtzt da ſtand, und Koͤnig Richards weitere Befehle erwar⸗ tete. Bei dem ploͤtzlichen Eintritte der Frauen warf ſich Richard, der gerade auf dem Bette lag, das Ge⸗ ſicht gegen den Eingang gekehrt, und, waͤhrend er mit ſeinem griesgramigen Diener ſprach, auf ſeinem Ellenbogen ruhend, ſchnell auf die andere Seite, ſo⸗ wohl mißvergnuͤgt als erſtaunt, wie es ſchien. Er kehrte der Koͤnigin und den Frauen ihres Gefolges den Ruͤcken, und zog die Decke ſeines Bettes um ſich herum, die, kraft ſeines eigenen Willens, oder was wahrſcheinlicher iſt, durch die ſchmeichelnde Wahl ſei⸗ ner Kammerherrn aus zwei groſſen Loͤwenhaͤuten beſtand, die in Venedig mit ſo bewundernswuͤrdiger Geſchicklichkeit zubereitet worden waren, daß ſie wei⸗ cher ſchienen, als das Fell eines Rehs. Berengaria, wie wir ſie beſchrieben haben, kann⸗ te— und welches Weib ſollte das nicht?— ihren Weg zum Siege gar wohl. Nach einem ſchnellen Blicke unverſtellten und unerkuͤnſtelten Schreckens auf den ſurchtbaren Theilnehmer an den gebeimen Berathuu⸗ 68. gen ihres Gemahls, flog ſie ploͤtzlich an Richards Lager, fiel auf ihre Kniee nieder, warf ihren Man⸗ tel von ihren Schultern zuruͤck, und zeigte ſo ihre ſchoͤnen goldenen Locken, die in ihrer vollen Laͤnge herabwallten. Ihr Antlitz glich der Sonne, die durch eine Wolke bricht; doch ſah man auf der blaſſen Stirne Spuren davon, daß ſein Glanz verdunkelt worden war. Sie ergriff die rechte Hand des Koͤnigs, die, als er ſeine gewoͤhnliche Stellung angenommen, dazu gebraucht worden war, die Decke ſeines Bettes uͤber ſich herzuziehen. Sie zog ſie allmaͤhlig mit einer Kraft an ſich, der nur ein ſchwacher Widerſtand geleiſtet wurde, und nachdem ſie ſich ſo in den Beſitz jenes Ar⸗ mes geſetzt hatte, der die Stuͤtze der Chriſtenheit und der Schrecken des Heidenthums war, kerkerte ſie ſie in ihre beiden ſchoͤnen Haͤndchen ein, beugte ihre Stirne auf ſie, und druͤckte ihre Lippen darauf. „Wozu das, Berengaria?“ ſagte Richard, der ihr immer noch den Ruͤcken kehrte, allein ſeine Hand in ihrer Macht ließ. „Schicke dieſen Mann hinweg, ſein Blick toͤdtet mich,“ fluͤſterte Berengaria. „Packe Dich, Burſche! ſagte Richard, das Ge⸗ ſicht noch immer abgewendet“— was ſtehſt Du hier? biſt Du der Mann, der dieſe Frauen anſchauen darf?“ „Eurer Majeſtaͤt Wohlgefallen in Anſehung des Kopfes,“ ſagte der Mann. 69 „Fort mit Dir, Hund, antwortete Nichard— ein chriſtliches Begraͤbniß!“ 3 Der Mann verſchwand, nachdem er auf die ſchone Koͤnigin in ihrem unordentlichen Anzuge und ihrer natuͤrlichen Liebenswuͤrdigkeit einen Blick geworfen hatte, den er mit einem bewundernden Laͤcheln beglei⸗ tete, das in ſeinem Ausdrucke noch graͤßlicher war, als ſelbſt der gewoͤhnliche muͤrriſche Blick, in welchem ſich ſein cyniſcher Haß gegen die Menſchheit ſpiegelte. „Und nun Du Naͤrrin, was wuͤnſcheſt Du?“ ſagte Richard, indem er ſich langſam nach der koͤnig⸗ lichen Bittenden umwandte. Allein es war nicht in der Natur der Dinge gegruͤndet, daß irgend jemand, am wenigſten aber ein Bewunderer der Schoͤnheit, wie Richard, bei welchem ſie den erſten Rang nach dem Ruhme ein nahm, ohne Nuͤhrung das Antlitz und das Zittern eines ſo ſchoͤnen Geſchoͤpfes ſehen, oder ihre Sym⸗ pathie fuͤhlen konnte, daß ihre Lippen und ihre Stirne auf ſeiner Hand ruhten, und dieſe von ihren Thraͤ⸗ nen benetzt war. Nach und nach wandte er ihr ſein maͤnnliches Angeſicht zu, mit dem ſanfteſten Aus⸗ drucke, deſſen ſein großes, volles blaues Auge, das ſo oft von einem unertraͤglichen Glanze ſtrahlte, faͤhig war. Er liebkoſete ihr ſchoͤnes Haupt, miſchte ſeine kraftvollen Finger in ihre ſchoͤnen, zerſtreuten Locken, und erhob ſich ſodann und kuͤßte zaͤrtlich das ſchoͤne Engelsangeſicht, das ſich in ſeine Hand verbergen 70 zu wollen ſchien. Die kraftvolle Geſtalt, die breite edle Stirne, der majeſtaͤtiſche Blick, die bloßen Arme und Schultern, die Loͤwenhaͤute, unter denen er lag, und das ſchoͤne, ſchwache weibliche Geſchoͤpf, das neben ihm kniete, haͤtte zum Modelle des Her⸗ kules dienen koͤnnen, der ſich nach einem Streite wieder mit ſeinem Weibe Dejanira verſoͤhnte. „Und noch einmal, was ſucht die Dame meines Herzens in dem Zelte ihres Ritters, zu dieſer früͤhen, ungewohnten Stunde.“ „Verzeihung, mein gnaͤdigſter Gebieter, Verzei⸗ hung,“ ſagte die Koͤnigin, die ihre Bangigkeit wieder unfaͤhig zur Fuͤrbitte zu machen begann. „Verzeihung! wofuͤr?“ ſagte der Koͤnig. „Erſtens dafuͤr, daß ich ſo kuͤhn und unaufge⸗ fordert in Euer Gemach drang——“ Sie ſtockte.— „Du zu kuͤhn!— Die Sonne koͤnnte ebenſowohl um Verzeihung bitten, daß ihre Strahlen in die Ker⸗ kerhoͤhe eines Verbrechers dringen. Allein ich war mit einem Werke beſchaͤftigt, das ſich nicht fuͤr dein Auge eignet, meine Theure; auch wollte ich nicht, daß Du Deine koſtbare Geſundheit da aufs Spiel ſetzen ſollteſt, wo vor kurzem noch eine ſo betruͤbende und anſteckende Krankheit herrſchte.“ „Allein Du befindeſt Dich jetzt wohl,“ ſagte die Königin, noch immer die Eroͤffnung verzoͤgernd, die ſie ihm zu machen ſich ſcheute. 21 „Wohl genug, um eine Lanze mit dem tollkuͤh⸗ nen Ritter zu brechen, der ſich weigern wuͤrde, Dich ſur die ſchoͤnſte Frau in der Chriſtenheit zu erklaͤren.“ „Du wirſt mir daher eine Gnade nicht verwei⸗ gern— nur eine einzige— nur ein armſeliges Leben? „Hal fahre fort,“ rief Koͤnig Richard, die Stirne runzelnd. „Dieſer ungluͤckliche, ſchottiſche Ritter,“ ſagte die Königin.— „Sprich nicht von ihm, Madam,“ erwiederte Ri⸗ chard finſter;„er ſtirbt— ſein Schickſal iſt ent⸗ ſchieden.“ „Aber mein koͤniglicher Gebieter und vielgeliebter Gemahl, nur eine ſeidene Fahne iſt es ja, was er vernachlaͤſſigt hat— Berengaria wird Dir eine andere, eigenhaͤndig von ihr geſtickte, geben, die reicher ſeyn wird, als irgend eine, die je im Winde flatterte. Jede Perle, die ich habe, ſoll ſie ſchmuͤcken, und mit jeder Perle will ich meinem großmuͤthigen Ritter eine Thraͤne des Dankes vergießen. „Du weißt nicht, was Du ſagſt,“ unterbrach ſie der Koͤnig zuͤrnend“— Perlen! koͤnnen alle Perlen des Oſtens einen Makel an Englands Ehre ſuͤhnen— alle Thraͤnen, die je ein weibliches Auge weinte einen Flecken an Richards Ruhme abwaſchen?— Ma⸗ dam, kennt Euern Ort, eure Zeit, und eure Sphaͤre. Gegenwaͤrtig haben wir Pllichten, an denen Ihr kei⸗ nen Antheil nehmen koͤnnt.. —y 72² „Du hoͤrſt, Edith,“ fluͤſterte die Koͤnigin,„wir werden ihn nur aufbringen.“ „Sey dem auch ſo,“ antwortete Edith, vorwaͤrts⸗ tretend.—„Mylord, ich, eurearme Verwandte, bitte euch nicht ſowohl um Gnade, als um Gerechtigkeit; und dem Rufe der Gerechtigkeit muͤſſen ſich die Ohren eines Monarchen zu jeder Zeit, an jedem Orte und unter jeden Umſtaͤnden, oͤffnen.“ 8 „Ha! unſere Couſine Edith,“ ſagte Richard ſich erhebend und ſich mit ſeiner langen Camescia bedeckt, auf die Seite ſeines Bettes ſetzend—„ſie ſpricht koͤ⸗ niglich, und koͤniglich will ich ihr antworten, wenn ſie keine ihrer oder meiner unwuͤrdige Bitte vorbringt.“ Ediths Schoͤnheit war mehr intellectueller und minder wolluͤſtiger Art, als die der Koͤnigin; allein Ungeduld und Bekuͤmmerniß hatten ihrem Geſichte eine Glut verliehen, deren es zuweilen ermangelte, und aus ihrer Miene ſpracht eine ſo energiſche Wuͤrde, daß ſie ſelbſt einen Augenblick dem Koͤnige Schweigen auferlegte, der, nach ſeinen Blicken zu urtheilen, ſie gerne unterbrochen haben wuͤrde. „Mylord,“ ſagte ſie,„dieſer gute Ritter, deſſen Blut ihr vergieſſen wollt, hat zu ſeiner Zeit der Chri⸗ ſtenheit gute Dienſte geleiſtet. Er iſt zur Vernachlaͤſſi⸗ gung ſeiner Pflicht durch eine Schlinge verleitet wor⸗ den, die man ihm in eitler Narrheit und zur bloßen Beluſtigung legte. Eine Botſchaft, die an ihn im Namen einer, die— warum ſoll ich es nicht ſagen?— 73 in meinem eigenen Namen abgeſchickt wurde, verlei⸗ tete ihn, ſeinen Poſten einen Augenblick zu verlaſſen— und welcher Ritter in dem chriſtlichen Lager haͤtte nicht in ſo weit ſeine Pflicht auf Befehl eines Maͤdchens uͤberſchritten, die, ſo arm ſie auch in andern Hinſich⸗ ten ſeyn mag, doch das Blut Plantagenets in ihren Adern hat.“ „und ihr ſaht' ihn alſo, Couſine,“ erwiederte der Koͤnig, ſich in die Lippen beiſſend, um ſeine Lei⸗ denſchaft zu unterdruͤcken. „Ja ich ſah ihn, mein Gebieter,“ ſagte Edith.— „Es iſt jetzt t nicht Zeit, zu erklaͤren warum— weder um mich zu eutſchuldigen, noch um andere zu tadeln bin ich hier.“ „und wo erwieſeſt Du ihm eine ſolche Gunſt?“ „In dem Zelte Ihrer Majeſtaͤt der Koͤnigin.“ „Unſerer koniglichen Gemahlin!“ ſagte Richard, nun beym Himmel, bei'm heiligen Georg von England, und jedem andern Heiligen, das iſt zu kuͤhn! Ich habe dieſes Kriegers freche Bewunderung einer ſo hoch uͤber ihm ſtehenden Perſon bemerkt und uͤberſehen, und ich mißgoͤnnte es ihm nicht, daß eine meines Blutes von ihrer hohen Sphaͤre eine ſolche Wirkung auf ihn aͤußerte, wie ungefaͤhr die Sonne auf die Welt unter ihr— aber Himmel und Erde! daß ihr ihn bei Nacht und in dem Zelte unſerer koͤniglichen Gemahlin zu einer Audienz zugelaſſen habt, und dieß als eine Eutſchuldigung anzufuͤhren wagt! Bei meiaes 74 Vaters Seele, Edith, du ſollſt dieß dein Lebenlang in einem Kloſter bereuen! „Mein Gebieter,“ ſagte Edith,„Eure Groͤße bevollmaͤchtigt euch zur Tyranney. Meine Ehre, Herr Koͤnig, iſt ſo wenig dabei gekraͤnkt worden, als die eurige, und meine Gebieterin, die Koͤnigin, kann es beweiſen, wenn ſie es fuͤr gut findet. Allein ich habe bereits geſagt, daß ich nicht hier bin, um mich zu entſchuldigen, oder nur andere anzuklagen. Ich bitte euch nur, auf einen Menſchen, der unter ſtarker Ver⸗ ſuchung gefehlt hat, jene Gnade auszudehnen, um die ihr ſelbſt, dereinſt vor einem hoͤheren Richterſtuhle und vielleicht wegen minder verzeihlicher Vergehun⸗ gen werdet flehen muͤſſen.“ „Kann dieß Edith Plantagenet ſeyn?“ ſagte der Koͤnig in bitterem Tone.—„Edith Plantagenet, die Weiſe und Edle!— Oder iſt es eine liebekranke Frau, die ſich nichts um ihren Ruf in Vergleichung mit dem Leben ihres Buhlen bekuͤmmert. Bei Köoͤnig Hein⸗ richs Seele! faſt koͤnnte ich jetzt den Schaͤdel Deines Liebhabars vom Galgen holen, und ihn als eine ewige Zierde neben dem Crucifir in Deiner Zelle aufſtellen laſen!“ „Wenn Du ihn vom Galgen holen, und mir auf immer vor Augen ſtellen laͤßt,“ ſagte Sdith, „ſo will ich ſagen, es iſt die Reliquie eines guten Ritters der grauſamer: und ungerechter Weiſe ge⸗ todtet wurde von—(hier hielt ſie ein wenig inne)— 44 75 von einem, von dem ich bloß ſagen will, daß er rit⸗ terliche Thaten beſſer zu belohnen gewußt haben ſollte— Liebhaber nennſt Du ihn!“ fuhr ſie mit ſteigender Heftigkeit fort;„er war in der That mein Liebhaber und ein hoͤchſt treuer— aber nie ſuchte er durch Wort oder Blick Gnade von mir zu erlangen— er war zu⸗ frieden mit jener demuͤthigen Ehrerbietung, welche die Menſchen den Heiligen bezeugen— und der gute— der tapfere— treue muß deßwegen ſterben!“ „O Friede, Friede, ums Himmels willen,“ fluͤ⸗ ſterte die Koͤnigin,„ihr beleidigt ihn nur noch mehr!“ „Das kuͤmmert mich nicht,“ ſagte Edith;„die reine Jungfrau fuͤrchtet den wuͤthenden Loͤwen nicht. Laßt ihn ſeinen Willen an dieſem wuͤrdigen Ritter vollziehen. Edith, fuͤr die er ſtirbt, wird ſein Ge⸗ dächtniß zu beweinen wiſſen.— Niemand ſoll mir mehr von politiſchen Buͤndniſſen ſprechen, die durch dieſe arme Hand beſiegelt werden ſollen. Ich konnte— wollte ſeine Braut nicht ſeyn, ſo lang er lebte— un⸗ ſer Rang war zu verſchieden. Aber der Tod verei⸗ nigt den Hohen und den Niederen— ich bin daher hinfort die Braut des Todten.“ Der Koͤnig war im Begriff, ihr eine zornige Antwort zu ertheilen, als ein Carmeliter⸗Moͤnch haſtig in das Gemach trat. Sein Kopf und ſeine Per⸗ ſon waren in Tuch von der groͤbſten Gattung gehuͤllt, wodurch ſich ſein Orden auszeichnete. Naſch warf er ſich vor dem Konige nieder, und beſchwor ihn bei je⸗ 76— dem heiligen Wort und Zeichen, die Hinrichtung auf⸗ zuſchieben.„Nun bei'm Schwerdt und Zepter,“ ſagte Richard,„die Welt hat ſich verſchworen, mich wahn⸗ ſinnig zu machen! Narren, Weiber und Moͤnche ver⸗ treten mir bei jedem Schritte den Weg. Wie kommt es, daß er noch lebt?“ 4 „Mein gnaͤdiger Gebieter,“ ſagte der Moͤnch, „ich bat den Lord von Gilsland, die Hinrichtung zu verſchieben, bis ich mich Euer Majeſtaͤt zu Fuͤſſen geworfen haben wuͤrde.“. „Und er war bereitwillig genug, Dir Dein Ge⸗ ſuch zu gewaͤhren?“ ſagte der Koͤnig; allein das haͤngt mit ſeiner gewoͤhnlichen Hartnaͤckigkeit zuſammen— und was haſt Du zu ſagen? ſprich in des Teufels Namen!“.. „Mylord, es iſt ein wichtiges Geheimniß; allein es ruht unter dem Siegel der Beichte, ich wage nicht, es auszuſprechen, oder auch nur zu fluͤſtern— allein ich ſchwoͤre Dir bei meinem heiligen Orden bei dem Kleide das ich trage— bei dem heiligen Elias, unſerm Stif⸗ ter, bei ihm, der ohne die gewoͤhnlichen Schmerzen der Menſchen zu erdulden, verklaͤrt ward— daß die⸗ ſer Juͤngling mir ein Geheimniß anvertraut hat, das Dich, wenn ich es Dir mittheilte, ploͤtzlich von Dei⸗ nem blutigen Vorſatze in Vetreff ſeiner abbriugen wuͤrde.“ e 8 „Guter Vater,“ ſagte Richard,„daß ich die Kirche ehre, das bezeugen die Waffen, die ich jetzt 77 fuͤr ſie trage. Enthuͤllet mir euer Geheimniß, ſo will ich in dieſer Sache thun, was ich fuͤr gut finden werde. Allein ich bin kein blinder Bayard, und habe daher nicht im Sinne von einem Paar Prieſter⸗Sporen angefeuert einen Sprung im Finſtern zu thun.“ „Mylord,“ ſagte der heilige Mann, ſeine Moͤnchs⸗ kappe und ſein Obergewand zuruͤckwerfend, ſo daß er unter der erſtern eine ziegenlederne Kleidung und unter der letztern ein Geſicht enthuͤllte, das durch Clima, Faſten und Buͤßung ſo ſehr verwuͤſtet war, daß er mehr einem lebenden Skelet, als einer Men⸗ ſchengeſtalt glich.„Zwanzig Jahre lang habe ich die⸗ ſen elenden Leib in den Hoͤhlen von Engaddi gemar⸗ tert, um ein großes Verbrechen abzubuͤßen. Glaubt ihr, daß ich, der ich todt fuͤr die Welt bin, eine Luͤge erſinnen werde, um meine Seele in Gefahr zu brin⸗ gen— oder, daß einer, den die heiligſten Eide zu dem Gegentheil verpflichten, daß ein Mann, wie ich bin, der nur einen ſehuſuchtsvollen mit der Erde in Verbindung ſtehenden Wunſch hat, naͤmlich die Wie⸗ deraufbauung unſeres chriſtlichen Zions— die Geheim⸗ niſſe der Beichte verrathen werde? Beides verabſcheut meine Seele.“ „So,“ entgegnete der Koͤnig,„dr biſt der Ein⸗ ſiedler, von dem ſo viel geſprochen wird? Du gleichſt⸗ ich geſtehe es, ziemlich jenen Geiſtern, die an duͤr⸗ ren Oertern wandeln, allein Richard fuͤrchtet keine Poltergeiſter, und zudem biſt Du, wie ich glaube, der⸗ 28 jenige, an welchen die chriſtlichen Fuͤrſten dieſen Ver⸗ brecher abſchickten, um Unterhandlungen mit dem Sul⸗ tan anzuknuͤpfen, waͤhrend ich, den man zuerſt zu Rathe gezogen haben ſollte, auf meinem Krankenbette lag. Du und ſie moͤgen ſelbſt zufrieden ſeyn— ich will meinen Nacken nicht in einen Karmeliter⸗Guͤrtel ſtecken— und was euern Abgeſandten betrifft, ſo ſoll er ſterben, um ſo eher und baͤlder, je mehr Du fuͤr ihn bitteſt. „So ſey Dir Gott gnaͤdig, Koͤnig,“ ſagte der Einſtedler mit großer Nuͤhrung;„Du ſtifteſt jetzt ein Unheil, das Du kuͤnftig verhuͤtet zu haben wuͤnſchen wirſt, haͤtte es Dich auch ein Glied gekoſtet. Toll⸗ kuͤhner verblendeter Mann, laß ab!“ „Fort, Fort!“ rief der Koͤnig mit dem Fuße ſtam⸗ pfend;„die Sonne hat Englands Schande beleuchtet, und ſie iſt noch nicht geraͤcht— Frauen und Prieſter entfernt euch, wenn ihr nicht Befehle horen wollt, die euch mißſallen; denn bei'm heiligen Georg, ich ſchwoͤre— 4 „Schwoͤrt nicht!“ rief die Stimme eines Menſchen, der in dieſem Augenblicke in das Zelt trat. „Hal mein gelehrter Halim,“ ſagte der Koͤnig, „Du biſt, hoffe ich, gekommen, um unſere Großmuth in Anſpruch zu nehmen.“ „Ich komme,“ um euch um eine augenblickliche * 79 „ Unterredung zu bitten; ich habe uͤber hoͤchſtwichtige Dinge mit Euch zu ſprechen. „Blicke zuerſt auf mein Weib, Hakim, und laß ſie in Dir den Retter ihres Gemahls erblicken.“ „Es geziemt mir nicht,“ ſagte der Arzt, ſeine Haͤnde mit orientaliſcher Beſcheidenheit und Ehrfurcht uͤbereinanderlegend, und ſeine Augen auf den Boden heftend,„es geziemt mir nicht, eine unverſchleierte Schoͤnheit in ihrem Glanze anzuſchauen.“ „So entferne Dich denn, Berengaria,“ ſagte der Monarch,„und Du Edith, entferne Dich eben⸗ falls; nein, erneuert Eure Zudringlichkeiten nicht! So viel geſtehe ich euch zu, daß die Hinrichtung nicht vor Nachmittag ſtatt haben ſolle.— Geh, und be⸗ ruhige Dich, theuerſte Berengaria, geh'.— Edith,“ fuͤgte er mit einem Blicke hinzu, der ſelbſt die mu⸗ thige Seele ſeiner Verwandtin mit Schrecken erfuͤllte, „geh, wenn Du weiſe biſt.“ Die Frauen entfernten ſich, oder eilten vielmehr aus dem Zelte, Rang und Anſtand vergeſſend, und einem Zuge zuſammengeſcheuchter Rebhuͤhner aͤhnlich, auf die der Falke ſo eben erſt niedergeſchoſſen iſt. Sie begaben ſich von da in das Zelt der Koͤnigin zuruͤck, um ſich fruchtloſen Klagen, gegenſeitigen Vor⸗ wuͤrfen zu uͤberlaſſen. Edith war die einzige, welche dieſe gewoͤhnlichen Kanaͤle des Kummers zu verſchmaͤ⸗ hen ſchien. Ohne einen Seußzer, ohne ein tadeln⸗ des Wort bediente ſie die Koͤnigin, deren ſchwaches 80 Temperament ihren Kummer in heftigen hyſteriſchen Anfallen und leidenſchaftlichen Hypochondriſchen Aeu⸗ ßerungen an den Tag brachte, wobey Edith ſie emſig und liebevoll bediente.. „Es iſt unmoͤglich, daß ſie dieſen Ritter geliebt haben kann,“ ſagte Floriſa zu Caliſta, der aͤlteren Kammerfrau der Königin;„wir haben uns getaͤuſcht, ſie iſt blos wegen ſeines Schickſals betruͤbt, weil er ihretwegen in Noth und Gefahr gekommen iſt.“ „Ah!“ antwortete die erfahrene und ſchaͤrfer blickende Gefaͤhrtin,„ſie iſt aus dem ſtolzen Hauſe der Plantagenet, die nie geſtehen, daß ſie ein Schmerz zuaͤlt. Man weiß, daß, waͤhrend ſie ſelbſt an ge⸗ fäͤhrlichen Wunden ſich verbluteten, ſie ihren klein⸗ muͤthigern Gefaͤhrten ihre Ritze verbanden.— Flo⸗ riſa, wir haben ſchreckliches Unheil angeſtiftet, und ich für meinen Theil wuͤrde alle meine Juwelen hin⸗ geben, wenn ich unſern unheilvollen Spaß ungeſche⸗ hen machen koͤnnte.. Sechstes Kapitel. Dieß Werk erheiſcht die Kenntniß der Plaueten, Des Juviter und Sob; und dieſe Geiſter Sind ſtolz, phantaſtiſch. Viele Mütze brauchts, Sie ihrer Sphärenteitung zu entlocken, um Sterblichen zu dienen. Albumazar. Der Einſiedler folgte den Frauen aus Richards Zelte, wie der Schatten einem Sonnenſtrahle folgt, wenn 81 wenn Wolken uͤber das Antlitz der Sonne hinziehen. Allein er wandte ſich auf der Schwelle um, und er⸗ hob ſeine Hand gegen den Koͤnig in einer warnen⸗ den und faſt drohenden Stellung, waͤhrend er ſagte: „wehe dem, welcher den Rath der Kirche verwirft, und den falſchen Eingebungen der Ungläubigen folgt. König Richard, ich ſchuͤttle den Staub noch nicht von meinen Fuſſen— das Schwert faͤllt nicht— allein es haͤngt nur noch an einem Haar.— Stolzer Mo⸗ narch, wir treffen uns wieder.“ „Es ſey dem ſo, hochmuͤthiger Prieſter, der Du ſtolzer in Deiner Bockshaut biſt, als Fuͤrſten in Purpur und feiner Leinwand.“ Der Einſiedler verſchwand aus dem Zelte, und der Koͤnig fuhr, an den Araber ſich wendend, fort.— „Stehen die Derwiſche des Oſtens, weiſer Hakim, auf einem eben ſo vertrauten Fuße mit ihren Fuͤr⸗ ſten?“ „Der Derwiſch,“ entgegnete Adonbek,„muß entweder ein weiſer oder ein Wahnſinniger ſeyn; es giebt keinen Mittelweg fuͤr den, der den Khirkhah*) traͤgt, bei Nacht wacht, und bei Tag faſtet, daher iſt er entweder weiſe genug, um ſich in der Ge⸗ genwart von Fuͤrſten beſcheiden zu betragen, oder im andern Falle iſt er, da ihm keine Vernunft ver⸗ *) Wörtlich der Zerriſſene. Das Kleid der Derwiſche wird ſo genannt. 8 4 W. Scott's Werke. VIII. 6 8² liehen wurde, fuͤr ſeine Handlungen nicht verant⸗ wortlich. „Ich glaube, unſere Moͤnche haben den letztern Charakter angenommen,“ ſagte Nichard—„allein zur Sache.— Womit kann ich euch dienen, mein Gelehrter Arzt?“ „Großer Koͤnig,“ ſagte El Hakim, ſich nach der Weiſe der Morgenlaͤnder tief verbeugend,„laßt euern Diener ein Wort ſprechen, und doch leben. Ich moͤchte Dich daran erinnern, daß Du— nicht mir, ihrem niedrigen Werkzeuge— ſondern den hoͤ⸗ heren Weſen, deren Wohlthaten ich den Sterblichen austheile, ein Leben verdankſt.“ „Und ich wette, Du willſt ein anderes zogegen haben?“ ſagte der Koͤnig. „ So lautet meine demuͤthige Bitte an den Melec Ric,“ ſagte Hakim,„ich ſlehe um nichts anders, als um das Leben des guten Ritters, der zum Tode verurtheilt worden iſt, und bloß eines Fehlers wegen, den auch Sultan Adam, mit dem Beinamen Aboul⸗ Beſchar, oder der Vater aller Menſchen, begangen hat.“ „und Deine Weisheit ſollte Dich erinnern, daß Adam deßwegen ſtarb,“ ſagte der Koͤnig in einem etwas finſtern Tone, und begann dann einigermaßen bewegt, den engen Raum ſeines Zeltes zu durchſchrei⸗ ten.„Himmel! ich wußte, was er begehrte, ſobald er ins Zelt trat!— Hier iſt ein armſeliges, mit Recht zur Vernichtung verurtheiltes Leben, und ich 83³ ein Koͤnig und Krieger, auf deſſen Befehl ſchon Tau⸗ ſende fielen, und der mit eigner Hand hunderte niederhieb, ich ſoll keine Macht uͤber daſſelbe haben, obſchon die Ehre meiner Waffen, meines Hauſes und meiner Koͤnigin durch den Verbrecher befleckt, worden iſt.— Bei'm heiligen Georg, ich muß daruͤber lachen! bei'm heiligen Ludwig, dieß erinnert mich an Blondel's Erzaͤhlung von einem Zauberſchloſſe, wo ein Ritter in ſeinem Vorhaben, in daſſelbe hineinzu⸗ gehen, durch Geſtalten gehindert wurde, die einan⸗ der hoͤchſt unaͤhnlich, allein insgeſammt ſeiner Un⸗ ternehmung zuwider waren. Kaum war die eine ver⸗ ſchwunden, ſo erſchien eine andere!— Gattin— Ver⸗ wandte— Einſiedler— jeder erſcheint in den Schran⸗ ken, ſobald der andere beſtegt iſt!“„Ein einziger Ritter kaämpft gegen das ganze Getuͤmmel des Tur⸗ niers— ha! ha! ha!“— und Richard lachte laut auf; denn er hatte in der That ſeine Stimmung geandert, da ſein Zorn wie gewoͤhnlich zu heftig war, als daß er lang haͤtte dauern koͤnnen. Der Arzt blickte ihn indeſſen mit einer Miene an, in welcher ſich Erſtaunen mit Verachtung vermiſcht mahlte; denn die morgenlaͤndiſchen Voͤlker geſtatten ſolche ſchnelle Veraͤnderungen des Temperaments nicht, und betrachten ein lautes Gelaͤchter faſt in allen Faͤl⸗ len als nachtheilig fuͤr die Wuͤrde des Mannes, und blos fuͤr Weider und Kinder ſchicklich. Endlich redete 6 ⸗ 84 der Weiſe den Koͤnig an, als er ſah, daß er ruhi⸗ ger und gefaßter war. „Ein Todesurtheil ſollte nicht aus lachendem Munde kommen.— Laß Deinen Diener hoffen, daß Du ihm dieſes Mannes Leben gewaͤhrt haſt.“ „Nimm ſtatt deſſen die Freiheit von tauſend Ge⸗ fangenen,“ ſagte Richard;„gieb eben ſo viele Dei⸗ ner Landsleute ihren Familien zuruͤck, und Du ſollſt augenblicklich meine Genehmigung dazu haben. Die⸗ ſes Mannes Leben kann Dir nichts nuͤtzen, und es iſt verwirkt.“ „Ein jegliches Leben iſt verwirkt,“ ſagte Hakim, die Hand an ſeine Muͤtze legend.„Aber der große Schoͤpfer iſt barmherzig und fordert das Pfand nicht mit Strenge oder zur Unzeit zuruͤck.“—„Du kannſt mir,“ ſagte Richard,„kein beſonderes Intereſſe zeigen, das Dich bewegen konnte, Dich zum Vermittler zwiſchen mir und der Ausuͤbung der Gerechtigkeit aufzuwer⸗ fen, zu der ich, als ein gekroͤnter Koͤnig eidlich ver⸗ pflichtet bin.“ „Du biſt verpflichtet, ſowohl Gnade, als Ge⸗ rechtigkeit auszutheilen,“ ſagte El Hakim;„allein was Du ſuchſt, großer Koͤnig, iſt die Ausuͤbung Dei⸗ nes Willens. Und was meine Theilnahme bei die⸗ ſem Geſuche betrifft, ſo wiſſe, daß manches Men⸗ ſchenleben von der Gewaͤhrung dieſer Gnade abhaͤngt.“ „Erklaͤre Dich deutlicher,“ ſagte Richard;„aber hoffe nicht, mich durch falſche Vorwaͤnde zu betruͤgen.”“* 85⁵ „Das ſey ferne von Deinem Diener!“ ſagte Adonbec.„Wiſſe denn, daß die Arzney, der Du, großer Koͤnig, und noch manche andere außer Dir, ihre Geneſung verdanken, ein Talisman iſt, der unter gewiſſen Aſpecten des Himmels, wann die goͤtt⸗ lichen Maͤchte am guͤnſtigſten ſind, bereitet wurde. Ich bin bloß der arme Austheiler ſeiner wohlthaͤtigen Kraͤfte. Ich tauche ihn in einen Becher voll Waſſer, beobachte die Stunde, in welchem das Heilmittel dem Kranken gereicht werden muß, und die Kraft des Trankes bewirkt die Kur. „Eine hoͤchſt ſeltene und bequeme Arzney,“ ſagte der Koͤnig;„und da ſie der Arzt in ſeinem Beutel tragen kann, ſo koͤnnte ſie die ganze Caravane von Kameelen erſparen, deren man gewoͤhnlich zur Her⸗ beiſchaffung der Arzneywaren bedarf. Es wundert mich, daß ein anderes Mittel im Brauch iſt.“ „Es ſteht geſchrieben,“ antwortete Hakim mit unwandelbarem Ernſte:„Du ſollſt das Pferd nicht mißhandeln, das Dich aus der Schlacht getragen hat. Wiſſe, daß ſolche Talismane wirklich bereitet wer⸗ den koͤnnen; allein klein war die Anzahl der Adepten, welche ihre Heilkraͤfte anzuwenden wagten. Strenge Beſchraͤnkungen, peinliche Uebungen, Faſten und Buͤ⸗ ßungen ſind von Seiten des Weiſen noͤthig, der ſich dieſer Heilart bedient. Wenn er dieſe Vorbereitungen aus Liebe zur Bequemlichkeit, oder aus Hang zu ſinn⸗ lichen Vergnuͤgungen vernachlaͤßigt, und nicht wenig⸗ 86 ſtens zwoͤlf Perſonen in dem Lauf eines jeden Mo⸗ nats heilt, ſo ſcheidet die Kraft der goͤttlichen Gabe vom Amulet, und ſowohl der letzte Patient, als der Arzt rennen ihrem Ungluͤck entgegen; keiner von ih⸗ nen lebt noch ein Jahrlang. Mir mangelt noch Ein Leben zur Vollmachung der feſtgeſetzten Zahl.“ „Geh hinaus in's Lager, guter Hakim, wo Du ſo manches Leben finden wirſt,“ ſagte der Koͤnig, „und ſuche meinem Scharfrichter ſeine Kunden nicht zu vertreiben; es geziemt ſich fuͤr einen ſo ausgezeich⸗ neten Arzt, wie Du biſt, nicht, einem andern in's Handwerk zu greifen.— Zudem kann ich nicht begrei⸗ fen, wie die Befreiung eines Verbrechers von dem wohlverdienten Tod, die Zahl Deiner Wunderkuren voll machen kann.“ „Wenn Du mir zeigen kannſt, wie ein Trunk kalten Waſſers Dich heilen konnte, nachdem die köͤſt⸗ lichſten Arzneyen nichts gefruchtet hatten,“ ſagte Hakim,„ſo magſt Du von den andern Geheimniſſen, welche mit dieſer Sache in Verbindung ſtehen, reden. Was mich betrifft, ſo bin ich unfaͤhig, zu dieſem gro⸗ ßen Werke, da ich dieſen Morgen ein unreines Thier be⸗ ruͤhrt habe. Richte daher keine weitern Fragen an mich; genug, daß Du, wenn Du auf meine Bitte das Le⸗ ben dieſes Mannes verſchonſt, Dich ſelbſt, großer Koͤnig, und Deinen Knecht von einer großen Gefahr befreiſt.“ „Hoͤre, Adonbec,“ erwiederte der Koͤnig,„ich — 82 habe nichts dawider, daß Aerzte ihre Worte in Dun⸗ kel huͤllen, und ſich durch die Beobachtung der Sterne gewiſſe Kenntniſſe zu verſchaffen behaupten; wenn Ihr aber von Richard Plantagenet verlangt, er ſoll glau⸗ ben, daßr einer eiteln Vorbedeutung oder der Vernach⸗ laͤßigung eines Ceremoniells wegen in Gefahr gera⸗ then werde, ſo ſprecht ihr mit keinem unwiſſenden Sachſen, oder aberwitzigen alten Weibe, die ihren Vor⸗ ſatz aufgiebt, weil ein Haſe uͤber den Weg ſpringt⸗ ein Rabe kraͤchzt, oder eine Katze niest.“ „Ich kann nicht verhindern, daß Ihr an meinen Worten zweifelt,“ ſagte Adonbee;„allein angenommen, mein Herr, der Koͤnig, waͤre verſichert, daß Wahrheit auf der Zunge ſeines Dieners iſt, wuͤrde er es wohl fuͤr billig halten, die Welt und jeden Ungluͤcklichen, der an den Schmerzen leidet, welche ihn ſo eben erſt an dieſes Lager feſſelten, der Wohlthat dieſes heilſamen Talismanns lieber zu berauben, als ſeine Verzeihung auf einen armen Verbrecher auszudehnen? Bedenke, großer Koͤnig, daß Du zwar Tauſende erſchlagen, aber nicht Einem ſeine Geſundheit wieder verleihen kannſt. Die Koͤnige haben wie Satan, die Macht, zu quaͤlen; die Weiſen, wie Allah, die Gabe, zu heilen. Siehe Dich wohl vor, ehe Du der Menſchheit ein Gut raubſt, das Du ſelbſt nicht verleihen kannſt. Du kannſt das Haupt abhauen, allein nicht einmal die Schmer⸗ zen, welche ein Zahn verurſacht, ſtillen.“ „Das iſt mehr als unverſchaͤmt,“ ſagte der Koͤnig, — 88 deſſen Herz ſich verhaͤrtete, als Hakim einen ſtolzern, ja faſt gebietenden Ton annahm.„Wir waͤhlten Dich zu unſerem Arzte, nicht aber zu unſerem Rathgeber, oder Gewiſſensrath.“ „Undivergilt der hochberuͤhmte Fuͤrſt von Fran⸗ giſtan ſo die ſeiner koͤniglichen Perſon erzeigte Wohl⸗ that?“ ſagte El Hakim, die demuͤthige Stellung, in welcher er den Koͤnig bisher angefleht hatte, mit einer ſtolzen und gebieteriſchen Haltung vertauſchend.„So wiſſe denn,“ rief er,„daß Dich an jedem Hofe in Europa und Aſien— bei Muſelmann und Nazarener— bei Ritter und Dame— wo nur die Harfe gehoͤrt, und das Schwerdt getragen, wo Ehre geliebt und Nie⸗ dertraͤchtigkeit verabſcheut wird— daß ich in jedem Win⸗ kel der Welt, Dich, Melec Ric, laut der Undankbarkeit und unedlen Geſinnung anklagen werde; und ſelbſt die Laͤnder, wo dein Ruf nie hingedrungen iſt, ſollen Deine Schande erfahren!“ „Gelten dieſe Ausdruͤcke mir, elender Unglaͤu⸗ biger!“ rief Richard, wuͤthend auf ihn zuſchreitend.— „Biſt Du Deines Lebens muͤde?“. „Schlag zu!“ ſagte El Hakim;„Deine eigene That wuͤrde dann Deine Ruchloſigkeit deutlicher ſchildern, als meine Worte vermoͤgen koͤnnten, wenn auch jeder von ihnen den Stachel einer Horniſſe haͤtte.“ Richard wandte ſich wild von ihm, ſchlug ſeine Arme uͤbereinander, ſchritt, wie vorher, im Zelte auf und nieder, und rief dann aus:„Undankbar und 89 unedel?— eben ſo gut moͤchte man mich feig und un⸗ glaͤubig nennen! Hakim, Du haſt Deinen Lohn ge⸗ waͤhlt, und ob ich ſchon wuͤnſchte, Du haͤtteſt meine Kronjuwelen verlangt, ſo kann ich Dir ihn doch nicht verweigern, wenn ich koͤniglich handeln will. Nimm daher Deinen Schotten— der Profoß wird ihn Dir uͤbergeben, wenn Du ihm dieſes vorzeigſt.“ Er ſchrieb ſchnell ein Paar Zeilen und gab ſie dem Arzte.„Betrachte ihn als Deinen Leibeigenen, und thue mit ihm, was Du willſt.— Nur warne ihn, daß er nicht vor Richards Augen kommt. Hoͤre— Du biſt weiſe— er hat ſich zu kuͤhn unter denen be⸗ tragen, deren ſchoͤnem Blicke und ſchwachem Urtheile wir unſere Ehre anvertrauen, gleichwie ihr Morgen⸗ laͤnder Eure Schaͤtze in Behaͤltniſſen von Silberdrath aufbewahrt, der ſo fein und zerbrechlich iſt, als das Gewebe der Spinne.“ „Dein Knecht verſteht das Wort des Koͤnigs,“ ſagte der Weiſe, auf einmal wieder ſein fruͤheres de⸗ muͤthiges Benehmen annehmend.„Wenn der reiche Teppich befleckt iſt, ſo weiſet der Narr auf den Fleck— der weiſe Mann aber bedeckt ihn mit ſeinem Mantel. Ich habe meines Herrn Willen gehoͤrt, und hören iſt gehorchen.“ „Es iſt gut,“ ſagte der Koͤnig;„er mag auf ſeine Sicherheit bedacht ſeyn, und nie wieder vor mir er⸗ ſcheinen; kann ich Dir noch ſonſt in Etwas willfahren?“ „Die Guͤte des Koͤnigs hat meinen Becher bis zum 90 Rande gefuͤllt,“ ſagte der Weiſe;„ja ſie war reichlich, wie die Quelle, welche im Lager der Nachkommen Ifraels emporquoll; als der Felſen durch den Stab Mouſſa Ben Amrons geſchlagen ward.“ „Ja,“ ſagte der Koͤnig laͤchelnd,„aber es war auch, wie in der Wuͤſte, ein harter Schlag auf den Felſen noͤthig, bevor er ſeine Schäͤtze von ſich gab. Ich wuͤnſchte, ich wuͤßte etwas, wodurch ich Dir ei⸗ nen Dienſt erweiſen, und das ich Dir ſo freiwillig gewaͤhren koͤnnte, als der Quell ſeine Waſſer aus⸗ ſtroͤmt.“ „Laß mich dieſe ſiegreiche Hand beruͤhren,“ ſagte der Weiſe,„zum Zeichen, daß wenn Adonber El Hakim ſpaͤter eine Gabe von Richard von England verlangt, er ſich auf dieſen Ausſpruch berufen darf.“ „Du haſt Hand und Handſchuh darauf, Freund,“ erwiederte Richard;„nur in dem Falle, daß Du die Zahl deiner Patienten vollmachen koͤnnteſt, ohne von mir verlangen zu muͤſſen, daß ich die Verbrecher, die ich in meinen Haͤnden habe, von der verdienten Strafe befreien ſoll, wuͤrde ich meine Schuld lieber in einer andern Form abtragen.“ „Moͤgen eure Tage ſich vervielfaͤltigen,“ antwor⸗ tete Hakim, und entfernte ſich nach einer tiefen Ver⸗ beugung aus dem Gemache. Koͤnig Richard blickte ihm nach, als er wegging, mit dem Ausſehen eines Menſchen, der mit dem Vorgegangenen nur halb zufrieden iſt. 91 „Eine ſonderbare Hartnaͤckigkeit liſt es doch,“ ſagte er,„bei dieſem Hakim, und wie wunderbar die Art, auf welche er ſich zwiſchen dieſen kuͤhnen Schorten und der wohlverdienten Zuͤchtigung zum Ver⸗ mittler aufgeworfen hat. Doch er mag leben! Es iſt dann ein tapferer Mann weiter auf der Welt.— Und jetzt an den Oeſterreicher“— Hel iſt der Baron von Gilsland draußen?“ In Folge dieſer Aufforderung verdunkelte die wohl⸗ beleibte Geſtalt des Sir Thomas von Gilsland ploͤtz⸗ lich den Eingang des Zelts, waͤhrend hinter ihm, un⸗ angemeldet, doch ungehindert, einem Geſpenſte gleich, die wilde Geſtalt des Einſiedlers von Engaddi, in einen ziegenledernen Mantel gehuͤllt, hereinſchluͤpfte. Richard nahm keine Notiz von ſeiner Gegenwart, ſondern begann mit lauter Stimme, an den Baron ſich wendend:„Sir Thomas de Vaux, von Lancer⸗ coſt und Gilsland, nimm Trompete und Herold, und begieb Dich augenblicklich ins Zelt deſſeen, den man Erzherzog von Oeſterreich nennt. Siehe zu, daß dieß geſchieht, wenn das Gedraͤnge ſeiner Ritter und Va⸗ ſallen um ihn am groͤßten iſt,— was wahrſcheinlich zu dieſer Stunde der Fall ſeyn wird; denn der deutſche Eber fruͤhſtuͤckt, ehe er die Meſſe hoͤrt.— Erſcheine vor ihm mit ſo wenig Ehrfurcht, als moͤglich, und klage ihn von Seiten Richards von England an, daß er in dieſer Nacht, durch eigene oder durch fremde Haͤnde Englands Banner von ſeinem Stabe wegge⸗ 92² ſtohlen hat. Deßwegen thue ihm unſern Willen kund, daß er innerhalb einer Stunde von meiner Verkuͤn⸗ digung an, die genannte Fahne mit aller Ehrerbie⸗ tung an ihre vorige Stelle ſetze, daß er ſelbſt und ſeine vornehmſten Barone unterdeſſen mit entbloͤßten Haͤuptern und ohne ihre Staatskleider anweſend ſeyen, und daß er ferner neben das engliſche Banner, auf der ei⸗ nen Seite, ſeine eigene oͤſterreichiſche Fahne, als durch Diebſtahl und Fellonie entehrt, umgekehrt, und auf der andern eine Lanze mit dem blutigen Haupte deſ⸗ ſen aufpflanze, der ſein naͤchſter Rathgeber oder Ge⸗ huͤlfe bey dieſer niedrigen Schmach war.— Und ſage ihm, daß, wenn dieſer unſer Befehl puͤnktlich vollzo⸗ gen wird, wir ihm, um unſeres Geluͤbdes und des Wohls des heiligen Landes willen, ſeine andern Ver⸗ gehungen verzeihen wollen.“ 1 „Und was ſoll geſchehen, wenn der Herzog von Oeſterreich allen Antheil an dieſer boshaften und treu⸗ loſen Handlung ablaäugnet?“ ſagte Thomas de Vaux. „Sage ihm,“ erwiederte der Konig,„wir wol⸗ len es an ſeinem Koͤrper beweiſen— ja, ſtaͤnden ihm auch zwei ſeiner kapferſten Helden bei. Nach Rit⸗ terweiſe wollen wir es ihm beweiſen, zu Fuß oder zu Pferd, in der Wuſte, oder auf dem Felde; Zeit, Ort, Waffen, alles nach ſeiner eignen Wahl.“ „Allein, mein Lehnsherr,“ ſagte der Baron von Gilsland,„ſeyd auf den Frieden Gottes und der Kirche 93 unter dieſen zu dem heiligen Kreuzzuge verbuͤndeten Fuͤrſten bedacht.“ „Und Ihr,— ſeyd darauf bedacht, daß ihr meine Befehle ausfuͤhrt, mein Lehnsvaſall,“ antwortete Richard ungeduldig.„Es ſcheint mir, die Leute hof⸗ fen unſern Vorſatz durch einen bloßen Hauch ver⸗ aͤndern zu koͤnnen, ſo wie Kinder Federn hin und her blaſen— Friede der Kirche!— Sage mir, ich bitte dich, wer ſich darum bekuͤmmert?— Der Friede der Kirche, unter den Kreuzfahrern, begreift Krieg mit den Saracenen in ſich, mit denen die Fuͤrſten einen Waffenſtillſtand abgeſchloſſen haben. Und zu dem ſiehſt du nicht, wie jeder Fuͤrſt nur ſeinen ei⸗ genen Zweck verfolgt? ich verfolge den meinigen auch, und dieſer heißt Ehre. Der Ehre wegen komm ich hierher, und kann ich ſie bei den Saracenen nicht er⸗ ringen, ſo will ich wenigſtens nicht ein Jota derſel⸗ ben aus irgend einer Ruͤckſicht gegen dieſen armſeli⸗ gen Herzog verlieren, und ſollte ihm auch jeder Fuͤrſt des Kreuzzugs Schutz und Schirm gewaͤhren.“ De Vaur wandte ſich um, um des Koͤnigs Be⸗ fehl zu vollziehen; zuckte aber zu gleicher Zeit die Achſeln, da er zu freimuͤthiger Natur war, als daß er haͤtte verhehlen koͤnnen, wie ſehr der Inhalt ſei⸗ ner Botſchaft ſeiner Einſicht zuwiderlief. Allein der Einſiedler von Engaddi trat vor und nahm die Miene eines Menſchen an, der von einer hoͤhern Macht als einem bloß irdiſchen Potentaten Auftraͤge hatte. 94 In der That, ſein zottiger ziegenlederner Anzug, ſein ungekaͤmmtes und ungeordnetes Haar, ſein wilder Bart, ſein abgemagertes und verzerrtes Geſicht, und das faſt wahnſinnige Feuer, das unter ſeinen buſchigen Au⸗ genbraunen hervorblitzte, erinnerten an einen hei⸗ ligen Seher der Bibel, der mit einer hohen Sendung an die gottloſen Koͤnige von Inda, oder Iſrael be⸗ auftragt, von den Felſen und Hoͤhlen, in denen er in ſtiller Einſamkeit wohnte, herabſtieg, um weltli⸗ che Tyrannen mitten in ihrem Uebermuthe zu be⸗ ſchaͤmen, indem er die vernichtenden Drohungen der goͤttlichen Majeſtaͤt uͤber ſie ausſchuͤttete, gleich der Wolke, die ſich der Blitze, mit denen ſie geſchwaͤn⸗ gert iſt, auf die Zinnen und glaͤnzenden Thuͤrme und Pallaͤſte entladet. Selbſt in ſeiner ſinſterſten Stimmung achtete Richard die Kirche und ihre Die⸗ ner. Ob ihn daher gleich das unberufene Eindringen des Einſiedlers in ſein Zelt beleidigte, ſo gruͤßte er ihn doch mit Ehrerbietung; zu gleicher Zeit jedoch for⸗ derte er Sir Thomas de Vaur durch ein Zeichen, auf, ſeinen Auftrag ſchleunigſt zu vollziehen. Allein der Einſiedler verbot dem Baron durch Gebaͤrde, Blick und Wort, ſich einer ſolchen Bot⸗ ſchaft wegen auch nur einen Schritt weiter zu bewe⸗ gen. Er ſtreckte ſeinen bloßen Arm, von dem der bockslederne Mantel durch die Hefuigkeit der Bewe⸗ gung zuruͤckſiel, und der von Hunger abgemagert und 95— mit Spuren der ſtrengen Selbſtpeinigung bezeichnet war, aus und erhob ihn hoch, als er ausrief: „Im Namen Gottes, und des heiligen Vaters, des Stellvertreters der chriſtlichen Kirche auf Erden, unterſage ich dieſe hoͤchſt unheilige, blutduͤrſtige und thieriſche Herausforderung, zwiſchen zwei chriſtlichen Fuͤrſten, deren Schultern mit den geheiligten Zei⸗ chen geſchmuͤckt ſind, bei welchem ſie einander Bruͤ⸗ derſchaft geſchworen haben. Wehe dem, durch wel⸗ chen ſie aufgeloͤst wird!— Richard von England, widerrufe den hoͤchſt unheiligen Auftrag, den Du dieſem Baron ertheilt haſt.— Gefahr und Tod ſind Dir nahe!— Schon blinkt der Dolch an Deinem Halſe!— „Gefahr und Tod ſind Richards Spielgefaͤhrten,“ erwiederte der Monarch in ſtolzem Tone;„und er hat ſchon zu vielen Schwerdtern getrotzt, als das er einen Dolch fuͤrchten koͤnnte.“ „Gefahr und Tod ſind nahe,“ erwiederte der Seher; und ſetzte dann, ſeine Stimme in einen hoh⸗ len, uͤberirdiſchen Ton vertiefend, hinzu:„und nach dem Tode das Gericht.“ „Guter und heiliger Vater,“ ſagte Richard, „ich verehre Deine Perſon und Deine Heiligkeit.— „Nicht mich verehre,“ unterbrach ihn der Ein⸗ ſiedler;„verehre eher das geringſte Inſect, das an dem Ufer des todten Meers kriecht, und von ſeinem verfluchten Schlamme ſich naͤhrt. Aber verehre Ihn, ——— 96 deſſen Befehle ich verkuͤndige.— Verehre ihn, deſſen Grab Du zu befreyen geſchworen haſt.— Achte den Eid der Eintracht, den Du geſchworen haſt, und zerreiß nicht die ſilberne Saite der Einigkeit und Treue, durch die Du Dich mit Deinen fuͤrſtlichen Bundsgenoſſen verbunden haſt.“ „Guter Vater,“ ſagte der Koͤnig,„es ſcheint mir daß Ihr, die Ihr zur Kirche gehoͤrt, Euch auf die Wuͤrde Eures heiligen Charakters zu viel einbil⸗ det, wenn anders ein Laie ſo viel ſagen darf. Ich will Euer Recht, fuͤr unſer Gewiſſen zu ſorgen, nicht beſtreiten, allein ihr ſolltet uns, denke ich, wenig⸗ ſtens die Sorge fuͤr unſere Ehre uͤberlaſſen. „Einbilden!“ wiederholte der Einſiedler“— Kann wohl bei mir von Einbildung die Rede ſeyn, der ich bloß die Glocke bin, die der Hand des Kirchners ge⸗ horcht— bloß die gefuͤhl⸗ und werthloſe Trompete, welche den Befehl deſſen ausfuͤhrt, der in ſie ſtoͤßt? Siehe, ich werfe mich Dir zu Fuͤßen, und flehe Dich an, Mitleid mit der Chriſtenheit, mit England und mit Dir ſelbſt zu haben.“ „Stehe auf, ſtehe auf,“ ſagte Richarb, indem er ihn zum Aufſtehen noͤthigte;„es geziemt ſich nicht, daß Kniee, die ſich ſo oft vor der Gottheit beugen, zur Ehre eines Menſchen den Boden beruͤhren. Was fuͤr eine Gefahr erwartet uns, ehrwuͤrdiger Vater?— und wann ſtand Englands Macht ſo niedrig; daß das Gepolter, durch das dieſer neugeſchaffene Herzog ſein Mißfallen 97 Mißfallen zu erkennen giebt, dieſes Reich oder ſeinen Monarchen in Beſtuͤrzung ſetzen ſollte?““ 98 „Ich habe von meinem Thurme auf das Ster⸗ nenheer des Himmels geblickt, als jeder Stern in ſeinem mitternachtlichen Kreislaufe dem andern Weis⸗ heit, und den wenigen, welche ihre Stimmen verſte⸗ hen, Kenntniß enthuͤllte. Es ſitzt ein Feind in dem Hauſe Deines Lebens, gnaͤdiger Konig, der ſowohl Deinem Ruymeals Deiner Wohlfahrt Verderben droht. Es iſt ein Ausfluß des Saturns, der Dir mit plotz⸗ licher und blutiger Gefahr draut, und wofern Dein Stolz ſich vor der Vorſchrift Deiner Pflicht nicht de⸗ muͤthigt, Dich unverzuglich im Glanze Deines Ruh⸗ mes niederſchmettern wird.. 2 „Hinweg, hinweg— das iſt heidniſche Wiſſenſchaft,“ ſagte der Konig.„Chriſten wenden ſie nicht an— weiſe Maͤnner glauben nicht an ſie, o— alter Mann, Du faſelſt.“„Ich faſele nicht, Richard— ich vin nicht ſo gluͤcklich. Ich kenne meinen Zuſtand, und weiß, daß mir noch einiger Verſtand vergoͤnnt iſt, nicht zu meinem eigenen Gebrauche, ſondern zum Gebrauche der Kirche und zur Beforderung des Kreu⸗ zes. Ich bin der Blinde, welcher andern eine Fackel vortragt, die iym jeloſt nicht leuchter. Befragt mich über Dinge, die das Woyl der Chriſtenheit und die⸗ ſes Kreuzzugs betreffen, und ich will mit Dir ſprechen, wie der weiſeſte Rathgeber auf deſſen Zunge je Ueber⸗ zeugung thronte. Sprich mit mir von meinem eige⸗ nen elenden Weſeu, und meine Worte werden die des wahnſunigen Verſtoßenen ſeyn, fuͤr den ich mich er⸗ are.“ „ Ich wuͤnſche die Bande der Einigkeit unter den Fuͤrſten des Kreuzzugs nicht zu zerreißen,“ ſagte Ri⸗ chard, ſeinen Ton und ſein Beneymen mildernd;„al⸗ lein welche Genugthuung können ſie mir fuͤr die Un⸗ gerechtigkeit und Schmach, die ich erlitten habe, ver⸗ ſchaffen?“ W. Scott's Werke. VIII. 7 98 „Frei davon ſoll ich mit Euch ſprechen, aus Auſtrag der verbuͤndeten Fuͤrſten, die ſich, von Philipp von Frankreich gufgefordert, eiligſt verſammelt ha⸗ ben, um die noͤthigen Maaßregeln in dieſer Hinſicht zu ergreifen.“ 4 „Sonderbar,“ erwiederte Richard,„daß andere, ſich über das berathen, was der verletzten Majeſtaͤt von England gebuͤhrt!“ „Sie ſind Willens, wo moͤglich Euern Forderungen zuvorzukommen,“ antwortete der Einſiedler;„alle haben dafuͤr geſtimmt, daß Englands Banner wieder auf dem heiligen Georgsberge aufgepflanzt werden muͤſſe; ferner haben ſie mit Bann und Verdammniß den ver⸗ wegenen Verbrecher belegt, der dieſen Frevel began⸗ gen hat, und einen koͤniglichen Lohn jedem verſprochen, der des Verbrechers Schuld nachweiſet, damit ſein Fladtch den Woͤlfen und Raben zum Fraße vorgeworfen wuͤrde.“ „Und Oeſterreich,“ ſagte Richard,„ auf welchem in Betreff dieſer That ein ſo ſtarker Verdacht ruht?“ „Um Zwietracht unter dem Heere zu verhindern,“ erwiederte der Einſiedler,„will Oeſterreich ſich von dem Verdachte dadurch reinigen, daß es ſich jedem Gottesurtheil, das der Patriarch von Jeruſalem ihm auferlegen mag, unterwerfen wird.“ „Will er ſich nicht durch einen Zweikampf reini⸗ gen?“ ſagte Koͤnig Richard. „Sein Eid verbietet es ihm,“ ſagte der Einſied⸗ ler,„und die Rathsverſammlung der Fuͤrſten.— „Wird weder den Kampf gegen die Saracenen, noch gegen ſonſt Jemand genehmigen, unterbrach ihn Richard. Ader es iſt genng, Vater Du haſt mir die Widerſinnigteit des Benehmens, das ich in dieſer Sa⸗ che beobachten wollte, gezeigt. Ihr werdet eher Eure Fackel in einer Regenpfutze anzuͤnden, als einer kalt⸗ bluͤtigen Memme einen Funken entlocken. Bei Oeſt⸗ reich iſt keine Ehre zu gewinnen, und ſo mag die Sache hingehn.. Doch will ich ihn meineidig machen; 99 ich will auf dem Gottesurtheile beharren.— Mit welchem Freudengelaͤchter will ich hoͤren, ſeine plumpen Fin⸗ ger ziſchen, wenn er die gluͤhende Eiſenkugel beruͤhrt!— ja, oder wie ſein ungeheurer Mund ſich aufthut, und ſeine Kehle bis zum Erſticken ſchwellt, wenn er das heilige Brod zu verſchlingen ſucht!"“ „Still Richard,“ ſagte der Einſiedler,—„Oh, ſtill, aus Schaam, wenn nicht aus Liebe. Wer wird Furſten preiſen oder ehren, die einander beſchimpfen und verlaͤumden? Ach! daß ein Geſchoͤpf, ſo edel wie Du— ſo vollkommen an Fuͤrſtenſinn und Furſten⸗ groͤße— ſo geeignet, die Chriſtenheit durch hohe Thaten zu ehren, und in Deinen ruhigern Stunden, durch Deine Weisheit zu regieren— daß ein ſolches Geſchoͤpf die thieriſche und wilde Wuth des Loͤwen be⸗ ſitzen ſoll, verbunden mit der Wuͤrde und dem Muthe dieſes Koͤnigs der Waͤlder! Er ſtand einen Augenblick nachſinnend da, mit auf den Boden gehefteten Augen, und dann fuhr er fort:„Allein der Himmel, welcher unſere unvoll⸗ kommene Natur kennt, nimmt auch unſern unvoll⸗ kommenen Gehorſam an, und hat das blutige Ende Deines kuͤhnen Lebens verſchoben, aber nicht abgewen⸗ det. Der Engel der Vernichtung iſt ſtill geſtanden, wie vor Alters der Jebuſite bei Araunah's Treſchtenne, und er haͤlt das entbloͤßte Schwerdt in der Hand, mit welchem er, in einer nicht mehr fernen Stunde, Ri⸗ chard, den Loͤwenherzigen dem niedrigſten Bauern gleich machen wird.“ „Muß es denn ſo bald ſeyn“? ſagte Richard. „Doch, es ſey ſo. Mag mein Lebenslauf glaͤnzend, wenn auch kurz ſeyn!“ „Ach edler Koͤnig,“ ſagte der Einſiedler, und es ſchien, als ob ſich eine Thraͤne(ein ungewohnter Gaſt) in ſeinem ausgetrockneten Auge ſammelte.— Kurz und truͤbe, bezeichnet mit Demuͤthigung, Ungluͤck und Gefangenſchaft, iſt die Spanne, die Dich von dem 7* 100 Grabe trennt, das nach Dir gaͤhnt, einem Grabe, in das Du ſinken wirſt, ohne Nachkommenſchaft zu hinterlaſſen, ohne von einem Volke beweint zu wer⸗ den, das Deine endloſen Kriege erſchoͤpften— ohne die Kenntniß Deiner Unterthanen erweitert, ohne et⸗ was zur Erhoͤhung ihrer Gluͤckſeligkeit gethan zu haben.“ 8.„Allein nicht ohne Nuhm, Moͤnch— nicht ohne die Thraͤnen der Dame meines Herzens! Dieſe Troͤ⸗ ſtungen, welche Du weder kennen noch wuͤrdigen kannſt, begleiten Richard ins Grab. „Den Werth des Lobs eines Minneſaͤngers und die Liebe eines Weibes, und weiß ich nicht Beides zu wuͤrdigen!“ entgegnete der Einſiedler in einem Tone, der einen Augenblick lang mit dem Enthuſiasmus des Koͤnigs Richard ſelbſt zu wetteifern ſchien.„Koͤnig von England,“ fuhr er fort, ſeinen abgezehrten Arm ausſtreckend,„das Blut, das in Deinen blauen Adern kocht, iſt nicht edler, als das, welches in den meini⸗ gen ſtockt. So karg und kalt die Tropfen ſind, ſo ſind ſie doch vom Blute des koͤniglichen Luſignan— des heldenmuͤthigen und tugendhaften Gottfried. Ich bin, daß heißt, ich war, als ich noch in der Welt lebte— Alberich Mortemar— „Deſſen Thaten,“ ſaate Richard,„ſo oft die Po⸗ ſaune der Fama gefuͤllt haben! iſt dem ſo⸗ kann dem wirk⸗ lich ſo ſeyn?— Konnte ein ſolcher Stern, wie der Deinige, vom Horizonte der Ritterſchaft verſchwinden, und die Menſchen doch ungewiß bleiben, wohin ſeine Aſche gefallen iſt?“ 3 *„Suche einen gefallenen Stern,“ ſagte der Ein⸗ ſiedler,„und du wirſt bloß auf eine garſtige Maſſe ſtoßen, die, als ſie durch den Horizont ſchoß, einen augenblicklichen Glanz annahm. Richard, wenn ich glaubte, Dein ſtolzes Herz wuͤrde ſich der Gunſt der Kirche unterwerfen, wenn ich den blutigen Schleyer von meinem ſchrecklichen Schickſale hinwegnähme, ſo koͤnnte ich es wohl uͤber's Herz bringen, Dir eine Geſchichte zu erzaͤhlen, welche ich bisher im Verbor⸗ ** 101 genen an meinen edelſten Lebenstheilen nagen ließ.— So hoͤre denn, Richard, und mag der Kummer und die Verzweiflung, die dieſem elenden Ueberreſte von einem ehemaligen Menſchen nichts nuͤtzen konnen, einem ſo edeln, doch aber ſo wilden Weſen, wie Du biſt, zum maͤchtigen Beiſpiele dienen. Ja— ich will— ich will die langverheimlichten Wunden aufreißen, und ſollte ich mich auch in Deiner Gegenwart zu Tode bluten.“ Koͤnig Richard, auf den die Geſchichte Albe⸗ richs von Mortemar in ſeinen fruͤheren Jahren, als Minſtrels die Hallen ſeines Vaters mit Legenden aus dem heiligen Lande erfreuten, einen tiefen Ein⸗ druck gemacht hatte, horte mit Ehrfurcht einer Er⸗ zaͤhlung zu, die dunkel und unvollkommen entworfen, doch hin aͤnglich die Urſache des theilweiſen Wahnſinns dieſes ſonderbaren und höchſt⸗ ungluͤcklichen Weſens andeutete. 3 „Ich brauche Dir,“ ſagte er,„nicht zu ſagen, daß ich vornehm von Geburt, reich an Gluͤck, ſtark in den Waffen, und weiſe im Rathe war. Alles dieß war ich; allein waͤhrend die edelſten Damen in Pa⸗ laͤſtina wetreiferten meinen Helm mit Blumengewin⸗ den zu zieren, wandte ſich meine Liebe unabaͤnder⸗ lich einem Maͤdchen von niederer Geburt zu. Ihr Va⸗ ter, ein alter Krenzfahrer, ſah unſere Leidenſchaft, und da er den Abſtand zwiſchen uns kannte, ſo ſchien ihm der Schatten des Kloſters die einzige Zuflucht fuͤr die Ehre ſeiner Tochter. Ich kehrte von einer fernen Expedition zuruͤck, mit Beute und Ehre bela⸗ den, und fand mein Gluͤck auf immer vernichtet! Ich begab mich ebenfalls ins Kloſter! und Satan, der mich zu ſeinem Eigenthume erkohren hatte, hauchte meinem Herzen einen Dunſt geiſtigen Stolzes ein, der bloß inſſei⸗ nen höolliſchen Regionen entſprungen ſeyn konnte. Ich war in der Kirche ſo hoch geſtiegen, als zuvor im Stagte— ich war, in der That, der Weiſe, der Selbſt⸗ genuͤgſame, der Unfehlbare!— Ich war der Rathge⸗ ber der Rathsperſammlungen.— Ich war der Fuͤhrer der 102 Praͤlaten.— Wie ſollte ich ſtraucheln— wie ſollte ich Verſuchungen befuͤrchten?— Achl ich wurde Beichtvater einer Schweſterſchaft, und unter dieſer Schweſterſchaft fand ich die Langgeliebte, die Langverlorene. Erſpart mir weitere Bekenntniſſe!— Eine gefallene Nonne, deren Schuld durch Selbſtmord geraͤcht wurde, ſchlaͤft tief in Engaddi's Gewoͤlken, waͤhrend uͤber ihrem Grabe ein Geſchoͤpf wehklagt, ſeufzt und winſelt, dem nur ſo viele Vernunft gelaſſen iſt, als hinreicht, ihm ſein Schichal in ſeinem ganzen Umfange fuͤhlbar zu ma⸗ en. „Ungluͤckſeliger Mann!“ ſagte Richard.„Ich wun⸗ dere mich nun nicht laͤnger über Dein Elend. Wie entgiengſt Du dem Verdammungsſpruche, den die Kir⸗ chengeſetze gegen dein Vergehen ausſprachen?“ 2 „Frage einen, der noch die Galle weltlicher Bit⸗ terkeit ſchmeckt,“ ſagte der Einſiedler,„und er wird von einem Leben ſprechen, das aus perſoͤnlichen Ruͤck⸗ ſichten und hoher Abkunft halber geſchont wurde. Al⸗ lein, Richard, ich ſage Dir, daß die Vorſicht mich erhalten hat, um mich als ein Licht und einen Leucht⸗ thurm zu erhoͤhen, deſſen Aſche, wenn dieſer irdiſche Brennzeug ausgebrannt iſt, noch in den Tophet ge⸗ worfen werden muß. So verwelkt und eingeſchrumpft dieſe armſelige Geſtalt iſt, ſo iſt ſie doch noch von zwei Geiſtern beſeelt— der eine iſt thaͤtig, ſchlau und durch⸗ dringend, um die Sache der Kirche von Jeruſalem zu vertheidigen— der andere aber niedrig verworfen, verzweifelnd und ſchwankend zwiſchen Tollheit und Elend; um uͤber meine eigene Armſeligkeit zu trauern; und heilige Requilien zu bewachen, auf die ich nicht einmal einen Blick werfen darf, ohne mich einer gro⸗ ßen Suͤnde ſchuldig zu machen. Bedaure mich nicht!— es iſt nur Suͤnde, den Untergang eines ſolchen We⸗ ſens zu bedauern.— Bedaure mich nicht, ſondern ziehe Nutzen aus meinem Beiſpiele. Du ſtehſt un⸗ ter den chriſtlichen Fuͤrſten auf der hoͤchſten, aber eben deßwegen auch auf der gefaͤhrlichſten Zinne. Dein Herz 103 iſt ſtolz, locker Dein Leben, und blutig Deine Hand. Lege die Suͤnden von Dir ab, die Dir gleichſam zu Toͤchtern geworden ſind.— Vertreibe dieſe angenom⸗ mene Furien aus Deiner Bruſt, ſo theuer ſie auch dem ſuͤndigen Adam ſind— ich meine Deinen Stolz, Deine Ueppigkeit, Deinen Blutdurſt.“ „’Er rast,“ ſagte Richard, ſich von dem Einſied⸗ ler zu de Vaur wendend; gleich einem, der ſich durch eine Stachelrede verletzt fuͤhlt, die er nicht ahnden kann— dann wandte er ſich ruhig und etwas hoͤh⸗ niſch an den Einſiedler und antwortete:—„Ehr⸗ würdiger Vater, Du haſt eine ſchoͤne Sippſchaft von Toͤchtern fuͤr einen Mann gefunden, der erſt ſeit zwei Monaten verheurathet iſt; allein da ich ihnen den Schutz meines Daches entziehen muß, ſo iſt es in der That Vaterpflicht, ſie mit angemeſſenen Partieen zu verſor⸗ gen. Daher uͤberlaſſe ich meinen Stolz den edeln Dom⸗ herrn der Kirche— meine Ueppigkeit, wie Du Dich ausdruͤckſt, den Ordens⸗Moͤnchen— und meinen Blut⸗ durſt den Rittern des Tempels.“ „O Herz von Stahl, und Hand von Eiſen,“ ſagte der Einſiedler,„fur die ſowohl Beiſpiel als Rath nutzlos ſind!— Doch ſollſt Du noch eine Zeitlang ver⸗ ſchont bleiben, falls Du Dich bekehrſt und thuſt, was in den Augen des Himmels angenehm iſt.— Was mich betrifft, ſo muß ich an meinen Ort zuruͤckkeh⸗ ren.— Kyrie Eleiſon!— Ich bin der, durch wel⸗ chen die Strahlen der goͤttlichen Gnade dringen, wie die Strahlen der Sonne durch ein Brennglas, das ſie auf andere Gegenſtaͤnde concentrirt, bis ſie Feuer fangen und ſich entzuͤnden, waͤhrend das Glas ſelbſt kalt bleibt.— Kyrie Eleiſon!— Der Arme muß her⸗ beigerufen werden; denn der Reiche hat das Mahl aus⸗ geſchlagen.— Kyrie Eleiſon!“ So ſprach er und ſtuͤrzte unter lautem Geſchrei aus dem Zelte. „Ein toller Prieſter!“ rief Richard aus, aus deſ⸗ ſen Seele die fanatiſchen Ausrufungen des Einſiedlers, 10 den durch die Geſchichte ſeines Ungluͤcks erzeugten Ein⸗ druck theilweiſe vertilgt hatten.„Geht ihm nach de Vaux, und ſorge dafür, daß ihm kein Leid wider⸗ faͤhrt; denn ob wir gleich Kreuzfahrer ſind, ſo iſt doch ein Gaukler geachteter unter unſerem Troß, als ein Prieſter oder Heiliger, und ſie koͤnnten wohl gar ihren Spott mit ihm treiben.“ Der Ritter gehorchte, und Richard ließ augen⸗ blicklich den Gedanken freien Lauf, welche die wilde Propheze hung des Moͤnchs in ihm angeregt hatte.„Fruͤh ſterben— ohne Nachkommenſchaft— ohne Wehklage! Ein hartes urtheil, und es iſt noch ein gluͤcklicher Umſtand, daß es von keinem competentern Richter gefaͤllt wurde, Doch die Saracenen, die in geheime Wiſſenſchaft ſo eingeweiht ſind, wollen oft behaupten, daß Er, in deſſen Augen die Weisheit des Weiſen bloß Narrheit iſt, dem Wahnſinnigen Weisheit und die Gabe der Prophezeihung verleiht. Man ſagt, jener Einſiedler leſe auch in den Sternen, eine Kunſt, die in dieſen Laͤndern, wo das Himmelsheer vor Zeiten ein Gegenſtand der Abgoͤtterei war, allgemein ausge⸗ uͤbt wird. Ich wollte, ich haͤtte ihn wegen des Verlu⸗ ſtes meiner Fahne gefragt; denn nicht der heilige Tiſh⸗ bite, der Stifter ſeines Ordens, konnte wilder ent⸗ zuͤckt geweſen ſeyn, oder mit einer mehr Propheten⸗ aͤhnlichen Zunge geſprochen haben.—„Nun, de Vaur, as, ſär Nachrichten bringſt Du von dem tollen Prie⸗ er „FEinen tollen Prieſter nennt Ihr ihn, mein Kö⸗ nig antwortete de Vaux.„Mir ſcheint es, er gleiche mehr dem heiligen Johannes, dem Taͤufer ſelbſt, als eer eben aus der Wuͤſte kam. Er hat ſich auf eine Kriegsmaſchine geſtellt, und prediat von derſelben herab zu den Soldaten, wie nie ein Menſch gepredigt hat, ſeit den Zeiten Peters des Einſiedlers. Das durch ſeine Stimme aufgeregte Lager draͤngte ſich zu Tauſen⸗ den um ihn her; zuweilen laͤßt er den Hauptfaden ſeiner Rede fallen, und redet die verſchiedenen Voͤlkerſchaf⸗ 105 ten, jede in ihrer eigenen Sprache, an, und traͤgt jeder die Gruͤnde vor, die am geeignetſten ſind, ſie zur Beharrlichkeit in Betreff der Befreiung Palaͤſti⸗ na's zu bewegen.“ 7 „Bei dieſem Lichte, ein edler Einſiedler!“ ſagte der Koͤnig Richard.„Aber was konnte auch Ande⸗ res von Gottfried's Gebluͤte kommen? Er verzweifelt an ſeiner Rertung, weil er in fruͤheren Tagen par amours gelebt hat. Ich will den Pabſt bitten, ihm ei⸗ nen gaͤnzlichen Ablaß zu ertheilen, und waͤre ſeine ſchoͤne Freundin eine Aebtiſſin geweſen.“ Waͤhrend er ſo ſprach, begehrte der Erzbiſchof von Tyrus eine Audienz, um Richard zu bitten, einer geheimen Verſammlung der Haͤupter des Kreuzzugs beyzuwohnen, falls es ſeine Geſundheitsumſtaͤnde er⸗ lauben ſollten, und um ihm ferner von den militaͤri⸗ ſchen und politiſchen Vorfaͤllen, die ſich waͤhrend ſei⸗ ner Krankheit ereignet hatten, Bericht abzuſtatten. Siebentes Kapitel. Soll in die Scheide ſchon das Schwerdt, das uns So manchen Sieg erfocht; zurück den Tritt, Der immer vorwärts trug, kühn' überſchritt Des Feindes Nacken, auf des Ruhmes Bahn? Den Harniſch, den mit feſtlichem Gelübde In Gottes eigenem Haus wir angelegt, Den ſolten unſern Schultern wir entreißen? Daß unſer Eidſchwur dem Verſprechen gleiche, Womit die Amme ihre Kinder ſchweigt. Doch deſſen ſpäterhin nicht mehr gedenkt. K Der Kreuzzug, eine Tragödie. Deer Erzbiſchof von Tyrus war ein Abgeſandter, der ganz geeignet war, Richarden Nachrichten mitzu⸗ 106 theilen, die der loͤwenherzige Koͤn ig aus einem andern Munde nicht haͤtte hoͤren koͤnnen, ohne in die grim⸗ migſte Wuth zu gerathen. Selbſt dieſer einſichtsvolle und ehrwuͤrdige Praͤlat konnte ihn nur mit Muͤhe bewegen, Nachrichten anzuhoͤren, die ſeine ganze Hoff⸗ nung vernichteten, das heilige Grab durch Waffenge⸗ walt wieder zu erobern, und den Ruhm zu erwerben, den der allgemeine Zuruf der Chriſtenheit ihm, als dem Verfechter des Kreuzes, zu ertheilen bereit war. Aus dem Berichte des Erzbiſchofs gieng hervor, daß Saladin die ganze Macht ſeiner hundert Staͤmme verſammele, und die Herrſcher Europas aus verſchie⸗ denen Beweggruͤnden gegen den Feldzug, der taͤglich einen gefaͤhrlichern Charakter annahm, eingenommen beſchloſſen hatten, von ihrem Vorſatze abzuſtehen. Hie⸗ zu wurden ſie durch das Beiſpiel Philipps von Frank⸗ reich aufgemuntert, der unter vielen Betheurungen ſeiner Hochachtung, und unter der Verſicherung, daß er nur erſt ſeinen Bruder von England wieder herge⸗ ſtellt ſehen wollte, ſeine Abſicht erklaͤrte, nach Eu⸗ ropa zuruͤckzukehren. Sein großer Vaſall, der Graf von Champagne, hatte denſelben Entſchluß gefaßt; und man wird ſich nicht wundern, daß Leopold von Oeſtreich, in ſofern er von Richard beſchimpft worden war, mit Vergnuͤgen dieſe Gelegenheit ergriff, von einer Unternehmung abzuſtehen, als deren Fuͤhrer ſein uͤbermuͤthiger Gegner zu betrachten war. Andere kuͤn⸗ digten daſſelbe Vorhaben an, und es lag am Tage, daß der Koͤnig von England, wenn er in Palaͤſtina zu blei⸗ ben ſich entſchloͤſſe, nur von ſolchen Freiwilligen unter⸗ ſtuͤtzt werden wuͤrde, die unter ſo niederſchlagenden Umſtaͤnden zur engliſchen Armee ſtoßen koͤnnten; ſo wie durch die zweifelhafte Huͤlfe des Marquis von Montſerrat und der militaͤriſchen Orden der Templer und Johanniter, die zwar geſchworen hatten, gegen die Saracenen zu kaͤmpfen, allein wenigſtens gleich eiferſüchtig auf jeden europaͤiſchen Monarchen waren, der die Eroberung Palaͤſtinas unternahm, wo ſie mit 107 kurzüchtiger und ſelbſtſuͤchtiger Politik unabhaͤngige Reiche fuͤr ſich ſelbſt gruͤnden wollten.. Es bedurfte aber nicht vieler Beweisgruͤnde, um dem engliſchen Könige zu zeigen, in was fuͤr einer Lage er ſich befand; auch ſetzte er ſich nach dem erſten Ausbruche ſeiner Leidenſchaft ruhig nieder, mit truͤ⸗ bem Blicke, niedergebeugtem Haupte, und uͤber der Bruſt gekrenzten Armen, und hoͤrte den Biſchof an, der ihm die Unmoͤglichkeit darzuthun ſuchte, den Kreuz⸗ zug nach dem Abzuge ſeiner Waffengefaͤhrten fortzu⸗ ſetzen. Ja, er unterbrach ſogar den Pralat nicht, als dieſer in abgemeſſenen Ausdruͤcken darauf hindeutete, daß Richards eigene Heftigkeit die Haupturſache der Abneigung der Fuͤrſten gegen den Kreuzzug ſey. 1 „Confideor’“‧— antwortete Richard mit niederge⸗ ſenktem Blicke und einem gewiſſen truͤbſinnigen Laͤcheln; „ich geſtehe es, ehrwuͤrdiger Vater, daß ich in manchen Hinſichten cujpa mea(meine Schuld) ſingen ſollte. Allein iſt es nicht hart, daß meine Temperaments⸗ fehler eine ſo ſchwere Zuͤchtigung treffen ſoll? daß ich einiger leidenſchaftlichen Ausbruͤche wegen verurtheilt ſeyn ſoll, eine ſo reiche Erndte des Ruhmes vor Gott, und der Ehre bei der Ritterſchaft uneingeſammelt da⸗ hin welken zu ſehen?— Allein ſie ſoll nicht hinwel⸗ ken— bei der Seele des Eroberers, ich will das Kreuz auf den Thuͤrmen von Jeruſalem aufpflanzen, oder ſie ſollen es uͤber Richards Grabe aufpflanzen!““ „Du kannſt es thun,“ ſagte der Praͤlat,„allein kein anderer Tropfen chriſtlichen Blutes wird in dem Kampfe vergoſſen werden.“ „Ah, ihr ſprecht von Vergleich, Herr Praͤlat— allein das Blut der unglaͤubigen Hunde muß auch auf⸗ hoͤren zu fließen,“ ſagte Richard. „Es wird des Ruhmes genug ſeyn,“ erwiederte der Erzbiſchof,„von Saladin durch Waffengewalt oder durch die Achtung, die ihm euer Ruf einfloͤßt, Be⸗ dingungen erhalten zu haben, wodurch das heilige Grab ubergeben, das heilige Land den Pilgern geoͤffnet, ihre 108 Sicherheit durch ſtarke Feſtungen verbuͤrgt, und was mehr als alles iſt, fuͤr die Sicherheit der heiligen Stadt durch die Erhebung Richards zum Schutzkoͤnig von Jeruſalem Gewaͤhr geleiſtet wird.“ „Wie,“ rief Richard, indem ſeine Augen von einem ungewoͤhnlichen Feuer funkelten—„ich— ich, der Schutzkoͤnig der heiligen Stadt! der Sieg ſelbſt— wenn es wirklich Sieg iſt, koͤnnte nicht mehr erlan⸗ gen— und kaum ſo viel mit abgeneigten und uneini⸗ gen Streitkraͤften.— Allein will Saladin in dem hei⸗ ligen Lande noch Herr ſeyn?“ 4 „Als ein verbuͤndeter Souverain,“ entgegnete der Praͤlat,„als der geſchworne Verbuͤndeter des maͤch⸗ tigen Richard, ſeines Verwandten— wenn es erlaubt iſt— durch Heurath.“ „Durch Heurath!“ ſagte Richard erſtaunt, jedoch nicht ſo ſehr, als der Praͤlat erwartet hatte.„Ha!— ja— Edith Plantagenet. Traͤumte mir hievon?— oder hat es mir jemand geſagt? Mein Kopf iſt noch ſchwach von jenem Fieber, und iſt zu dem ſehr ange⸗ ſtrengt worden— war es der Schotte, oder Hakim, oder jener heilige Einſiedler, der auf einen ſo raſen⸗ den Anſchlag hindeutete?“ 114 „Hoͤchſt wahrſcheinlich der Einſiedler von Engad⸗ di,“ ſagte der Erzbiſchof;„denn er hat viel in dieſer Sache gethan. Seit ſich Unzufriedenheit unter den Furſten offenbarte, und eine Trennung ihrer Streit⸗ kraͤfte unvermeidlich ſchien, hat er viele Berathungen mit Chriſten und Heyden gehalten, um eine Verglei⸗ chung zu Stande zu bringen, die der Chriſtenheit we⸗ nigſtens theilweiſe die Gegenſtaͤnde verleihen wuͤrde, um derentwillen dieſer heilige Krieg gefuͤhrt wird.“ „Meine Verwandte einem Unglaͤubigen,— ha!“ rief Richard aus, und ſeine Augen begannen zu fun⸗ keln. ti Der Pralat beeilte ſich, ſeinen Zorn zu beſaͤnf⸗ igen. 3 „ Der Pabſt muß ohne Zweifel erſt ſeine Einwil⸗ 109 ligung dazu geben, und der heilige Einſiedler, der in Rom wohlbekannt iſt, will mit dem heiligen Vater gegeben haben,“ ſagte der König. „Sicherlich nicht,“ ſagte der Biſchof in einem ruhigen und einſchmeichelnden Tone;„einzig und allein Vergleiche traͤumen, als von dem Vordertheile meiner Galeere auf die e huͤpfte, wie ein Loͤwe auf ſeine Beute lo Und jetzt— aber fahre fort— ich will De anhoͤren.“ Sowohl erfreut, als ver⸗ daß er ſeine Aufgabe weit leichter fand, als er ſefürchtet hatte, chen, die fuͤr die ganze Chriſtenheit aus der Vereini⸗ gung Richards und Saladins durch ein ſo heiliges Band hervorgehen wuͤrden. Vor allem aber ſprach er mit ſehr großer Lebhaftigteit und Salbung von der Wahrſcheinlichkeit, daß Saladin, falls die vorgeſchla⸗ gene Verbindung zu Stande kaͤme, ſeinen falſchen Glauben gegen den wahren vertauſchen wuͤrde. „Hat der Sultan eine Hinneigung zum chriſtli⸗ chen Glauben gezeigt?“ ſagte Richard;„wenn das iſt⸗ ſo lebt kein Koͤnig auf Erden, dem ich die Hand ei⸗ ner Verwandtin, ja ſelbſt einer Schweſter lieber ge⸗ ben wuͤrde, als meinem edlen Saladin— ja wenn gleich der eine kaͤme, und Krone und Scepter ihr zu Fußen legte, und der andere nichts anzubieten haͤtte, als ſein gutes Schwerdt und ſein beſſeres Herz.“ „Saladin hat unſere chriſtlichen Lehrer,“ ſagte der Biſchof, etwas ausweichend—„mein unwuͤrdiges 110 Selbſt— und andere gehoͤrt, und da er mit Geduld anhört, und mit Ruhe antwortet, ſo kann es wohl nicht anders ſeyn, als daß er wie eine Fackel vom Feuer ergriffen wird. Magna est veritas et praeva- lebit.(groß iſt die Wahrheit, und ſie wird ſiegen.) Zudem iſt der Einſiedler von Engaddi, von deſſen Worte nur wenige nutzlos zu Boden gefallen ſind, vollkkommen uͤberzeugt, daß eine Bekehrung der Sa⸗ racenen und anderer Heyden nahe iſt, wozu dieſe Hei⸗ rath gleichſam die Einleitung bilden wird. Er liest in dem Laufe der Sterne, und da er unter koͤrperli⸗ chen Caſteiungen an jenen heiligen Stellen wohnt, welche die Heiligen vor Alters betreten haben, ſo wurde er vom Geiſte Elias, des Tiſhbiten, des Gruͤn⸗ ders ſeines geſegneten Ordens beſucht, wie einſt der Prophet Eliſa, der Sohn Saphſats, als er ſeinen Mantel uͤber ihn ausbreitete.“ Der Koͤnig Richard hoͤrte den Praͤlaten mit ge⸗ ſenktem Blicke und bekuͤmmerter Miene an. „Ich kann in der That nicht ſagen,“ begann er, „wie es mit mir iſt, allein ich glaube, die kalten Rathſchlaͤge der Fuͤrſten der Chriſtenheit haben auch mich angeſteckt, und meinem Geiſte eine gewiſſe Schlaf⸗ ſucht eingehaucht. Es gab eine Zeit, wo ich einen Laien, der mir eine ſolche Verbindung vorgeſchlagen haͤtte, niedergeſchmettert, und einen Prieſter, der dieß gethan haͤtte, als einen Renegaten und Baals⸗ Prieſter angeſpien haben wuͤrde, doch jetzt klingt die⸗ ſer Rath nicht ſo gar fremd in meinem Ohre; denn warum ſollte ich nicht Bruͤderſchaft ſchließen mit einem Saracenen, der tapfer, gerecht und großmuͤthig iſt,— der einen wuͤrdigen Feind liebt und ehrt, als ob er ein Freund waͤre, waͤhrend die Fuͤrſten der Chriſten⸗ heit von ihren Verbuͤndeten weichen, und die Sache des Himmels und der Ritterlichkeit vergeſſen?— Al⸗ lein ich will Geduld haben, und nicht an ſie denken.— Nur Einen Verſuch will ich machen, wo moͤllich, dieſe tapfere Bruͤderſchaft zuſammenzuhalten; und wenn er 111 mißlingt, Herr Erzbiſchof, ſo wollen wir ein Weite⸗ res von Deinem Antrage ſprechen, den ich fuͤr jetzt weder annehme, noch ganz verwerfe. Laßt uns in die Rathsverſammlung eilen— die Stunde mahnt uns. Du ſagſt, Richard iſt voreilig und ſtolz, Du ſollſt ſehen, wie er ſich gleich dem niedrigen Pfriemkraut de⸗ muthige, von dem er ſeinen Beinamen herleitet.“ Mit dem Beiſtande ſeiner Kammerdiener huͤllte ſich der Koͤnig haſtig in ein Wams und einen Man⸗ tel von dunkler und einfoͤrmiger Farbe, und ohne ir⸗ gend ein Kennzeichen der koͤniglichen Wuͤrde, einen goldenen Reif auf dem Haupte ausgenommen, eilte er mit dem Erzbiſchof von Tyrus in die Verſamm⸗ lung, die nur auf ſeine Ankunft wartete, um ihre Sitzung zu eroͤffnen. Das Pavillon der Rathsverſammlung war ein weites Zelt, vor welchem das große Panier des Kreu⸗ zes aufgepflanzt war, und ein anderes, auf dem eine kniende Jungfrau mit aufgelöstem Haar und ungeord⸗ netem Gewandte abgebildet war, wodurch die verlaſ⸗ ſene und bedraͤngte Kirche von Jeruſalem vorgeſtellt werden ſollte. Als Motto las man die Worte: afflie⸗ tae spansae ne obliviscaris(vergiß nicht der bedraͤng⸗ ten Braut.) Sorgfaltig gewaͤhlte Waͤchter ließen nie⸗ mand in die Naͤhe dieſes Zeltes kommen, damit die Debatten, welche manchmal einen lauten ſtuͤrmiſchen Charakter annahmen, nicht Ohren erreichen moͤchten, fuͤr die ſie nicht beſtimmt waren.. Hier nun waren die Fuͤrſten des Kreuzzugs, Ri⸗ chards Ankunft erwartend, verſammelt. Selbſt der hiedurch veranlaßte kurze Aufſchub wurde von ſeinen Feinden zu ſeinem Nachtheile angewendet. Man ſetzte mehrere Anekdoten von ſeinem Stolze und ſeiner un⸗ gebuͤhrlichen Anſpruͤche auf Vorrang in Umlauf, und ſelbſt die Nothwendigkeit der gegenwaͤrtigen kurzen Ver⸗ zoͤgerung mußte als Beleg hievon dienen. Sie ſuchten einander in ihrer ſchlimmen Meinung zu beſtaͤrken, und rachten die Beleidigung, die jedergerlitten hatte, indem 11² ſie die ernſthafteſten Schluͤſſe auf die geringfuͤgigſten Umſtaͤnde bauten; und doch floß vielleicht alles dieß nur aus dem Bewußrſeyn einer unwillkuhrlichen Ehr⸗ furcht gegen den Koͤnig von England, zu deren Unter⸗ veutung mehr als gewoͤhnliche Anſtrengungen erfordert wurden. Sie hatten daher beſchloſſen, ihn bei ſeinem Eintritte gleichgultig und mit nicht groͤßerer Ehrerbietung zu empfangen, als gerade nothig war, um innerhalb der Granzen eines kalten Ceremoniells zu bleiben. Al⸗ lein als ſie jene edle Geſtalt, jenes furſtliche Antlitz, auf dem noch ein Anflug von Bläͤße von der neuli⸗ chen Krankheit ruhte— das Auge, das von den Min⸗ neſangern der Stern der Schlacht und des Sieges ge⸗ nannt wurde, erblickten— als ſeine Thaten, die alle menſchliche Kraft und Staͤrke uberſtiegen, ſich ihrer Erinnerung aufdraͤngten, ſtanden ſie auf— ſelbſt der eiferſuͤchtige Koͤnig von Frankreich, und der muͤrriſche und gekraͤnkte Herzog von Oeſtreich ſtanden einmuͤthig auf, und die verſammelten Fuͤrſten brachen einſtim⸗ mig in den Ruf aus:„Gott erhalte Koͤnig Richard von England!— Lang lebe der tapfere Loͤwenherz!“ Mit einem Angeſicht, ſo frey und offen, wie die aufgehende Maien⸗Sonne, rheilte Richaro rings um⸗ her ſeinen Dank aus, und wuͤnſchte ſich Gluck dazu, daß er ſich endlich wieder unter ſeinen koniglichen Kreuzfahrern befinde. „Nur wenige Worte wuͤnſche er zu ſagen,“ ſo re⸗ dete er die Verſammlung an,„obſchon uͤber einen ſo unwuͤrdigen Gegenſtand, als er ſelbſt ſey, ſogar auf die Gefahr hin, einige Minuten lang ihre Berathun⸗ gen fuͤr das Wohl und die Befoͤrderung ihres heiligen Unternehmens aufzuhalten.“ Die verſammelten Fuͤrſten nahmen ihre Sitze wieder ein, und es erfolgte eine tiefe Stille. „Heute,“ fuhr der Konig von England fort,„iſt ein hoher Feſttag der Kirche; und woyl geziemt es chriſtlichen 113 chriſtlichen Maͤnnern, zu einer ſolchen Zeit ſich mit ihren Bruͤdern zu verſoͤhnen, und einander ihre Fehler zu geſtehen. Edle Fuͤrſten und Vaͤter dieſes heiligen Feldzugs, Richard iſt ein Krieger— ſeine Hand iſt ſtets raſcher, als ſeine Zunge— und ſeine Zunge iſt nur zu ſehr an die rauhe Sprache des Soldatenſtan⸗ des gewohnt. Allein vergeßt nicht wegen Plantagenets voreiligen Reden und unuͤberlegten Handlungen die edle Sache der Befreiung Palaſtinas— werft nicht irdiſchen Ruhm und ewige Seeligkeit, die, wenn je irgendwo, hier gewonnen werden koͤnnen, deßwegen weg, weil die Handlung eines Kriegers haſtig, und ſeine Sprache ſo hart geweſen ſeyn mochte, als das Eiſen, das er von Kindheit auf trug. Hat ſich Ri⸗ chard gegen irgend einen von euch vergangen, ſo wird ihm Richard durch Wort und Handlung Genugthuung verſchaffen.— Edler Bruder von Frankreich, war ich ſo ungluͤcklich, Euch zu beleidigen?“ „Frankreichs Majeſtaͤt hat keine Genugthuung von England zu verlangen,“ antwortete Philipp mit königlicher Wuͤrde, und nahm zu gleicher Zeit die ihm von Richard dargebotene Hand an.„Und was die Meinung betrifft, die ich hinſichtlich dieſer Unterneh⸗ mung annehmen mag, ſo wird ſie von Gruͤnden ab⸗ haͤngen, die aus dem Zuſtande meines Koͤnigreichs, ſicherlich aber aus keiner Eiferſucht oder Abneigung gegen meinen koͤniglichen und tapfern Bruder entſprin⸗ gen. 4 „Deſtreich,“ ſagte Richard, auf den Erzherzog mit einer Miſchung von Freimuͤthigkeit und Wurde zugehend, waͤhrend Leopold gleichſam unwillkuͤhrlich und wie ein Automate, deſſen Bewegungen von ei⸗ nem aͤußeren Triebe abhaͤngen, von ſeinem Sitze auf⸗ ſtand.—„Oeſtreich glaubt Urſache zu haben, ſich von England beleidigt zu glauben; England aber, ſichuͤber Oeſtreich zu beklagen Wohlan ſie moͤgen einander verzeihen, damit der Friede Euro je Ei 8 Scottis Werke. ders pas und die Ein⸗ 114 tracht dieſes He eres ungeſtort bleibt. Wir ſind jeht vereinte Beſchuͤtzer einer weit glorreichern Fahne, als je eine von einem irdiſchen Fuͤrſten wehete, nämlich der Fahne der Erloͤſung— laßt daher keinen Streit zwi⸗ ſchen uns ſeyn, wegen des Symbols unſerer weltlichen Würden, ſondern Levpold moͤge Englands Fahne zuruͤckge⸗ ben, wenn er ſie in ſeinen Haͤnden hat, und Richard wird, obſchon aus keinem andern Beweggrunde, als aus reiner Liebe zur heiligen Kirche, geſtehen, daß er die Haſtigkeit bereut, mit der er Oeſtreichs Fahne beſchimpfte.“ „Der Erzherzog ſchwieg duͤſter und mißvergnuͤgt, mit dem Blicke auf den Boden geheftet. Auf ſeinem Geſichte las man einen unterdruͤckten Aerger, an deſ⸗ ſen Kundthuung durch Worte ihn Ehrfurcht und Plump⸗ heit verhinderten. Der Patriarch von Jeruſalem beeilte ſich, das beunruhigende Schweigen zu brechen, und dem Erzher⸗ zoge von Oeſtreich zu bezeugen, daß er ſich durch ei⸗ nen feierlichen Eid von dem Verdachte gereinigt habe, mittelbare oder unmittelbare Kenntniß von dem auf Englands Panier gemachten Angriffe gehabt zu haben. „Dann haben wir dem Erzherzog großes Unrecht gethan,“ ſagte Richard,„und indem wir ihn dafuͤr um Verzeihung bitten, daß wir ihm eine ſo feige Be⸗ ſchimpfung zur Laſt gelegt haben, reichen wir ihm die Hand zum Zeichen der erneuerten Eintracht und Freundſchaft.— Doch was iſt das? Oeſtreich ſchlaͤgt unſere unbedeckte Hand aus, wie fruͤher unſern Pan⸗ zerhandſchuh. Wie, ſollen wir weder im Frieden fein Genoſſe, noch im Kriege ſein Gegner ſeyn? Gut, es ſey ſo, wir wollen die geringe Achtung, die er vor uns hat, als eine Strafe fuͤr etwas betrachten, das wir ihm in der Hitze des Blutes angethan haben moͤgen, und die Rechnung zwiſchen uns fuͤr abaeſchloſſen halten.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich vom Erzherzoge mit einer Mine weg, die mehr Wuͤrde, als Verach⸗ tung verrieth, der Oeſtreicher aber fuͤhlte ſich allem — 115 Anſcheine nach durch die Wegwendung ſeines Auges ſo erleichtert, als ein muͤrriſcher und unachtſamer Schulknabe, wenn ſein ſtrenger Lehrer den Blick von ihm wegwendet. 4 „Edler Graf von Champagnen— fuͤrſtlicher Mar⸗ quis von Montſerrat— tapferer Großmeiſter der Tem⸗ pelritter, ich ſtehe hier, wie ein Bußfertiger im Beicht⸗ ſtuhle— hat Einer von euch eine Anklage gegen mich vorzubringen, oder verlangt er von mir eine Genug⸗ thuung?“ „Ich wuͤßte nicht, worauf ihr ſie gruͤnden ſolltet,“ ſagte der glattzuͤngige Conrad,„außer etwa darauf, daß der Koͤnig von England ſeinen armen Waffenbruͤ⸗ dern allen Ruhm wegnimmt, den ſie bei dieſem Feld⸗ zuge zu gewinnen hoffen konnten.“ „Meine Anklage, indem ich aufgefordert werde, eine ſolche vorzubringen,“ ſagte der Großmeiſter der Tempelherrn, iſt ernſthafter und liegt tiefer, als die des Marquis von Montſerrat. Es koͤnnte vielleicht einem kriegeriſchen Moͤnche, wie ich bin, uͤbel ausge⸗ legt werden, daß er ſeine Stimme da erhebt, wo ſo viele edle Fuͤrſten ſchweigen; allein unſerem ganzen Heere, und beſonders dieſem edlen Koͤnige von Eng⸗ land ſelbſt, muß nicht wenig daran gelegen ſeyn, daß ihm jemand die Anklagen, die von nicht Wenigen in ſeiner Abweſenheit gegen ihn vorgebracht werden, ins Angeſicht ſagt. Wir loben und ehren den Muth und die Großthaten des Koͤnigs von England, allein wir fuͤhlen uns tief gekraͤnkt, daß er ſich bei allen Gele⸗ genheiten einen Vorrang und eine Ueberlegenheit uͤber uns anmaßt und behauptet, der ſich unabhaͤngige Fuͤr⸗ ſten ſchicklicher Weiſe nicht unterwerfen koͤnnen. Viel koͤnnten wir ſeiner Tapferkeit, ſeinem Eifer, aus freiem Willen einraͤumen; allein wer alles als ein Recht an ſich reißt, und uns nichts als Gefaͤlligkeit oder Gunſt hinnehmen will, der wuͤrdigt uns von Verbuͤn⸗ deten zu Untergebenen und Vaſallen herab, und be⸗ * 116 fleckt in den Augen unſerer Krieger und Unterthanen den Glanz unſerer Gewalt, die wir nicht laͤnger un⸗ abhaͤngig ausuͤben können. Da der koͤnigliche Ri⸗ chard uns aufgefordert hat, die Wahrheit zu reden, ſo muß er weder erſtaunen, noch ſich gekraͤnkt fuͤhlen, wenn er einen, dem irdiſchen Glanz verſagt, und welt⸗ liche Gewalt nichts iſt, außer in ſofern ſie das Wohl der Kirche Gottes und die Bekaͤmpfung des Loͤwen be⸗ foͤrdert, der herumgeht und ſucht, wen er verſchlin⸗ ge— wenn er, ſage ich, einen, wie mich ihm die Wahrheit auf ſeine Frage ſagen hoͤrt und ich bin uͤber⸗ zeugt, daß dieſe Wahrheit, ſelbſt waͤhrend ich hier ſpreche, von jedem, der mich hort, in ſeinem Innern bertingr wird, mag auch Ehrfurcht ſeine Stimme er⸗ icken. Richard erroͤthete hoch, waͤhrend der Großmeiſter ſo unverholen gegen ſein Betragen zu Felde zog, und das darauf folgende Beifallsgemurmel zeigte deutlich, daß beinahe alle Auweſenden die Gerechtigkeit der An⸗ klage anerkannten. Erbittert und gedemuͤthigt ſah er jedoch voraus, daß er, wenn er ſeinem ſtuͤrmiſchen Zorne freien Lauf ließe, dem kalten und behutſamen Anklaͤger den Vortheil uͤber ſich einraͤumen wuͤrde, deſſen Erlangung die Hauptabſicht des Tempelherrn war. Mit großer Anſtrengung gewann er es daher uͤber ſich ſo lange zu ſchweigen, bis er ein Vaternn⸗ ſer wiederholt hatte; denn dieſes Verfahren hatte ihm ſein Beichtvater zu befolgen gerathen, ſobald der Zorn ſich ſeiner bemeiſtern wolle. Der Koͤnig ſprach dann mit Faſſung, obſchon nicht ohne einige Bitterkeit, be⸗ ſonders im Anfange. 3 „Und verhaͤlt es ſich wirklich ſo, und ſind unſere Bruͤder ſo ſorgfaͤltig bemuͤht die Schwaͤchen unſeres Temperamentes aufzuſuchen, ſo wie die rauhe Haſtig⸗ keit unſeres Eifers, die uns zuweilen verleitet haben mag, Befehle zu ertheilen, wo man wenig Zeit hatte, Rathsverſammlungen zu halten? Ich konnte nicht glanben, daß zufaͤllige und unabſichtige Beleidigun⸗ 117 gen, wie die meinigen ſo tief in dem Herzen meiner Verbuͤndeten wurzeln konnten, daß ſie um meinetwil⸗ len ihre Hand von dem Pfluge abziehen wuͤrden, als ſchon die Furche ihrem Ende nahe war, daß ſte um meinetwillen von dem geraden Pfade nach Jeru⸗ ſalem, den ſich ihre Schwerdter gebahnt haben, ab⸗ lenken wuͤrden. Vergebens ſchmeichelte ich mir, daß meine geringen Dienſte meine Uebereilungen aufwie⸗ gen werden— daß wenn man ſich erinnerte, wie ich mich beim Angriffe ſtets in die erſten Reihen draͤngte, man nicht vergeſſen werde, daß ich ſtets der letzte beim Ruͤckzuge war— daß wenn ich mein Panier auf dem eroberten Schlachtfelde aufpfl anzte, dieß der ein⸗ zige Vortheil war, den ich ſuchte, waͤhrend andere die Beute unter ſich theilten. Ich mag die eroberte Stadt nach meinem Namen genannt haben; allein an⸗ dern uͤberließ ich die Herrſchaft. Wenn ich mit toll⸗ kuͤhnem Muthe verwegene Plane anrieth, ſo ſchonte ich doch, glaube ich, mein eigenes Blut oder das meines Volkes bei der raſchen Ausfuͤhrung derſelben nicht. Oder habe ich in der Schnelligkeit des Marſches, oder im Gedraͤnge der Schlacht uͤber fremde Soldaten den Befehl uͤbernommen, ſo ſind dieſe doch immer wie meine eigenen behandelt worden, wenn ich mit mei⸗ nen eigenen Mitteln Mundvorraͤthe und Arzneien kaufte, die ſich ihre Souveraine nicht verſchaffen konn⸗ ten.— Doch ich ſchaͤme mich, euch an etwas zu er⸗ innern, das alle außer mir ſelbſt vergeſſen zu haben ſcheinen.— Laßt uns eher vorwaͤrts auf unſere kuͤnf⸗ tigen Maasregeln blicken, und glaubt mir, Bruͤder,“ fuhr er mit einem von Ungeſtuͤm und Heftigkeit ent⸗ flammten Geſichte fort,„der Stolz, Zorn, oder Ehrgeiz Richards von England ſoll euch kein Stein des Anſtoßens auf dem Pfade ſeyn, auf den euch die Religion und der Ruhm wie mit der Poſaune eines Erzengels rufen, o, nein, nein! nimmer moͤchte ich den Gedanken uͤberleben, daß meine Fehler und Schwaͤ⸗ chen die Aufloͤſung dieſes edlen Bundes verſammel V 118 ter Fuͤrſten veranlaßt haben. Ich wollte meine linke Hand mit der rechten abhauen, wenn ich dadurch meine Aufrichtigkeit an den Tag legen koͤnnte. Ich will freiwillig jedem Befehle uͤber das Heer, ſelbſt uͤber meine eigenen, durch Lehenspflicht gebundenen, Unterthanen entſagen. Sie ſollen durch Souveraine, die Ihr ſelbſt ernennen moͤgt, angefuͤhrt werden, und ihr Koͤnig, der immer nur allzu bereit war, den Commandoſtab mit des Abentheuerers Lanze zu ver⸗ tauſchen, wird unter der Fahne Beau⸗Seants unter den Templern dienen— ja ſelbſt unter Oeſtreichs Pa⸗ nier, wenn Oeſtreich einen tapfern Mann zur Anfuͤh⸗ rung ſeiner Streitkraͤfte ernennen will. Oder ſeyd ihr ſelbſt dieſes Krieges muͤde und fuͤhlt ihr, daß eure Ruͤſtung eure zarten Koͤrper wund reibt, ſo laßt nur unter Richard 10 oder 15,000 eurer Soldaten zuruͤck, um die Erfuͤllung eures Geluͤbdes zu bewir⸗ ken, und wenn Zion gewonnen iſt,“ rief er, hoch ſeine Hand erhebend aus, als entfaltete er die Stan⸗ darte des Kreuzes uͤber Jernſalem—„wenn Zion ge⸗ wonnen iſt, ſo wollen wir uͤber ſeine Thore nicht den Namen Richard Plantagenets, ſondern die Namen der edelherzigen Fuͤrſten ſchreiben, die ihm die Mit⸗ tel zur Eroberung an die Hand gaben!“ Die rauhe Beredſamkeit und der beſtimmte Aus⸗ druck des kriegeriſchen Monarchen erweckten auf ein⸗ mal die geſunkenen Lebensgeiſter der Kreuzfahrer wie⸗ der, liehen ihrem religioͤſen Sinn neues Leben, lenkten ihre Aufmerkſamkeit auf den Hauptgegenſtand des Feldzugs, und zwangen die meiſten, daruͤber zu er⸗ roͤthen, daß ſie durch ſo geringfuͤgige Beſchwerden ſich ſo tief hatten aufreizen laſſen. Ein Auge entflammte das andere, und eine Stimme lieh der andern Muth. Einmuͤthig ſtimmten ſie das Kriegsgeſchrei an, womit der Aufruf Peters des Einſiedlers wiederhallte, und rie⸗ fen in lautem Jubelton:„fuͤhre uns an, fuͤhre uns an, ritterlicher Loͤwenherz— niemand iſt wuͤrdiger anzu⸗ fuͤhren, wo wackere Maͤnner folgen— fuͤhr uns an— 119 nach Jeruſalem— nach Jeruſalem! Es iſt Gottes Wille— es iſt Gottes Wille! Geſegnet ſey der, wel⸗ cher ſeinen Arm zur Vollbringung des Werkes leiht.“ Dieſer Ruf, der ſo ploͤtzlich und allgemein ertoͤn⸗ te, wurde noch außerhalb des Kreiſes, den die Schild⸗ wachen um das Zelt der Rathsverſammlung gezogen hatten, gehort. Er verbreitete ſich unter die Solda⸗ ten des Heeres, die durch Krankheit und Clima un⸗ thatig und entmuthigt, gleich ihren Anfuͤhrern in ih⸗ rem Entſchluſſe wankend geworden waren; allein die Wiedererſcheinung Richards in erneuerter Lebenskraft, und der wohlbekannte Jubelruf, der von der Verſamm⸗ lung der Fuͤrſten wiederhallte, entflammte auf ein⸗ mal ihren Enthuſiasmus wieder, und Tauſende und aber Tauſende antworteten mit demſelben Freudenru⸗ fe:„Zion, Zion!— Krieg, Krieg— augenblicklichen Kampf mit den Unglaͤubigen! Es iſt der Wille Got⸗ tes— es iſt der Wille Gottes!“ Die Ausrufungen von außen vergroͤßerten ihrer⸗ ſeits den Enthuſiasmus, der innerhalb des Zeltes herrſch⸗ te. Diejenigen, welche die Flamme nicht wirklich er⸗ griffen hatte, fuͤrchteten ſich, wenigſtens fuͤr den Au⸗ genblick, kaͤlter zu ſcheinen, als die andern. Jetzt war von nichts anderem mehr die Rede, als von einem kuͤhnen Vorruͤcken nach Jeruſalem nach dem Verfluſſe der Friſt des Waffenſtillſtandes, und von den Maasregeln, die unterdeſſen zur Ergaͤnzung und Recrutirung des Hee⸗ res ergriffen werden ſollten. Die Verſammlung gieng auseinander, und alle waren, wie es ſchien, von dem⸗ ſelben enthuſtaſtiſchen Vorſatze beſeelt— der jedoch bald in der Bruſt der meiſten erloſch, und in den Herzen anderer nie vorhanden geweſen war. Zu der letzten Klaſſe gehoͤrten der Marquis Con⸗ rad und der Großmeiſter der Tempelherrn, die miß⸗ vergnuͤgt und unzufrieden mit den Ereianiſſen des Ta⸗ ges mit einander in ihre Zelte zuruͤckkehrten. 8 „Ich hab es Dir immer geſagt,“ begann der letz⸗ tere mit dem ihm eigenen, kalten und ſardoniſchen 120 Ausdrucke,„daß Richard durch die unmaͤchtigen Fall⸗ ſtricke, die Du ihm legſt, brechen werde, wie der Löͤ⸗ we durch ein Spinngewebe. Du ſiehſt, er darf nur den Mund aufthun, und ſein Athem treibt dieſe wan⸗ kelmuͤthigen Thoren ſo leicht umher, als der Wirbel⸗ wind zerſtreutes Stroh auffangt und es untereinan⸗ der mengt, oder zerſtreut, wie es ihm beliebt.“ „Wenn ſich der Wind gelegt hat,“ ſagte Conrad, „ſo wird das Stroh, das nach ſeiner Pfeife tanzen mußte, wieder zur Erde niederſenken. „Allein weißt Du denn nicht,“ ſagte der Tem⸗ pelherr,„daß wenn auch dieſer neue Eroberungsplan wieder aufgegeben, und jeder maͤchtige Fuͤrſt der Lei⸗ tung uͤberlaſſen werden ſollte, die ſein eigenes arm⸗ ſeliges Gehirn gewaͤhren kann, doch wahrſcheinlich Ri⸗ chard vertragsweiſe Koͤnig von Jeruſalem werden, und Bedingungen mit dem Sultan eingehen wird, von denen Du glaubteſt, daß ſie der Koͤnig mit Unwillen verwerfen werde.“ Nun, bey Mahomed und Termagaru; denn chriſtliche Eide ſind aus der Mode gekommen,“ ſagte Conrad,„meinſt Du, der ſtolze Koͤnig von England wuͤrde ſein Blut mit einem heidniſchen Sultan ver⸗ einigen? Meine Politik warf dieſen Beſtandtheil hin⸗ ein, damit ihm der ganze Vertrag zum Abſcheu wer⸗ den ſollte,— denn es iſt eben ſo ſchlimm fuͤr uns, wenn er unſer Herr durch Vertrag, als wenn er es durch Sieg wird.“ „Deine Politik hat ſich hinſichtlich der Verdauung Richards arg verrechnet,“ antwortete der Tempelherr, ich kenne ſeine Geſinnung durch eine geheime Mit⸗ theilung des Erzbiſchofs.— Und dann Dein Meiſter⸗ ſtreich mit jener Fahne— ſie iſt dahin geſchwunden, ohne hoͤhere Beachtung, als zwei Ellen geſtickter Seide verdienen. Marquis Conrad, Dein Witz be⸗ Lnnt zu hinken.— Ich will mich nicht laͤnger auf eine feingeſponnenen Anſchlaͤge verlaſſen, ſondern — 121 Weine eigene Geſchicklichkeit verſuchen. Kennſt Du das lk nicht, das die Saracenen Charegiten nennen?“ „Sicherlich,“ antwortete der Marquis;, es ſind verzweifelte und verruͤckte Schwaͤrmer, die ihr Leben der Befoͤrderung der Religion widmen— eine Art Seitenſtuͤck zu den Tempelherrn— nur ſind ſie dafür detaunt daß ſie auf der Bahn ihres Berufes nie inne alten.“ „Scherze nicht,“ antwortete der muͤrriſchblickende Moͤnch;„wiſſe, daß einer von ihnen den blutigen Entſchluß gefaßt hat, jenen Inſelfuͤrſten, als den Haupt⸗ feind des moslemiſchen Glaubens, niederzuhauen.“ „Ein hoͤchſt vernuͤnftiger Heide,“ ſagte Conrad, „Mahomet ſende ihm ſein Paradies zur Belohnung!“ „Er wurde von einem unſerer Waffentraͤger in dem Lager gefangen, und geſtand mir in einem Pri⸗ vatverhoͤre frei und offen ſeinen feſten und unabaͤn⸗ derlichen Entſchluß.“ „Nun verzeihe der Himmel denen, die dieſen boͤchſtverſtaͤndigen Charegiten hinderten, ſeinen Plan in Ausfuͤhrung zu bringen,“ antwortete Conrad. „Er iſt mein Gefangener“ fuͤgte der Tempelherr hinzu,„und der Freiheit beraubt, mit irgend jemand zu ſprechen, wie Du leicht denken kannſt— allein Gefaͤngniſſe wurden durchbrochen.“— „Feſſeln abgeworfen, und Gefangene entwiſch⸗ ten,“— antwortere der Marquis.„Kein ſicherer Kerker außer das Grab! iſt ein altes Sprichwort.“ „Wenn er wieder frei iſt, verfolgt er ſeine Abſicht von neuem; denn es iſt dieſer Art Bluthunde eigen, daß ſie die Faͤhrte der Beute nie verlaſſen, wenn ſie dieſelbe einmal gewittert haben.“ „Nichts mehr davon,“ ſagte der Marquis;„ich erkenne Deine Politik— ſie iſt ſchrecklich, allein die Noth iſt groß.“ „Ich gangte Dir bloß davon, damit Du ſelbſt auf Deiner Hut ſeyn moͤchteſt; denn der Aufruhr wird ſchrecklich ſeyn, und man kaun nicht beſtimmen, an wem 12² die Englaͤnder ihre Wuth auslaſſen werden,— ja, und es iſt noch eine andere Gefahr zu befuͤrchten— mein Page kennt die Geheimniſſe dieſes Charegiten,“ ſagte der Tempelherr;„und zudem iſt er ein muͤrriſcher und eigenſinniger Thor, den ich gerne los ſern moͤchte, da er mir in den Weg tritt, und mit eigenen Au⸗ gen, ſtatt mit den meinigen ſehen will. Allein unſer heiliger Orden verleiht mir die Macht, dieſem Uebel abzuhelfen. Oder halt— der Saracene kann einen guten Dolch in ſeiner Zelle ſinden, und ich ſtehe Euch dafuͤr, er gebraucht ihn, wenn er hervorbricht, und dieß wird gewiß ſobald geſchehen, als der Page mit ſeiner Speiſe eintritt.“ 1 „ Das wird der Sache einen Anſtrich geben,“ ſagte Conrad; und doch“— „Doch und aber,“ ſagte der Tempelherr,„ſind Worte fuͤr Narren— weiſe Maͤnner wiſſen nichts von Zaudern und Ruͤcktritt— Sie beſchließen und fuͤh⸗ ren, au 8. Achtes Kapitel. Nachdem Richard, der argloſe Gegenſtand der ſchwarzen Verrätherey, von der im letzten Theile des vorigen Kapitels Nachricht gegeben iſt, für den Augen⸗ blick wenigſtens die kreuzfahrenden Fürſten zu dem ein⸗ müthigen Entſchluſſe bewogen hatte, den Krieg mit Nachdruck fortzuſetzen, lag es ihm zunächſt am Her⸗ zen, die Ruhe in ſeiner eigenen Familie wieder herzu⸗ ſtellen und, da er jetzt ruhiger urtheilen konnte, die Umſtände, die den Verluſt ſeiner Fahne veranlaßten, ſo wie die Natur und Ausdehnung der Bekanntſchaft zwiſchen ſeiner Verwandten Edith und dem verbannten Abentheurer von Schottland genau zu erforſchen. 123 Dem zu Folge wurden die Königin und ihr Hof⸗ ſtaat durch einen Beſuch des Sir Thomas de Vaur erſchreckt, der die Lady Calyſta von Montgaillard, die erſte Kammerfrau der Königin, aufforderte, augenblick⸗ lich vor König Richard zu erſcheinen. „Was ſoll ich ſagen, Madam,“ ſagte die zitternde Kammerfrau zur Königin;„er wird uns alle umbringen.“ „Fürchtet das nicht Madam,“ ſagte de Vaur, „Sr. Majeſtät ſchonte das Leben des ſchottiſchen Rit⸗ ters, der die größte Schuld auf ſich hatte, und ſchenkte ihn dem mohriſchen Arzte. Er wird nicht ſtrenger ge⸗ gen ein Frauenzimmer ſeyn, wenn ſie auch gefehlt hat.“ „Erſinne irgend eine ſinnreiche Geſchichte, Mäd⸗ chen,“ ſagte Berengaria.„Mein Gemahl hat zu we⸗ nig Zeit, um die Wahrheit genau zu unterſuchen.“ „Erzaͤhle die Geſchichte, ſo wie ſie ſich wirklich zugetra⸗ gen hat,“ ſagte Edith,„oder ich thue es ſtatt deiner.“ „Mit Eurer Majeſtät gnädigſter Erlaubniß,“ ſagte de Vaux,„ich meine, Lady Ediths Rath iſt gut; denn obſchon König Richard geneigt ſeyn mag, zu glauben, was Eure Gnaden ihm zu ſagen belieben, ſo zweifle ich doch, ob er gegen Caliſta, zumal in dieſem beſon⸗ dern Falle, dieſelbe Nachſicht haben wird.“ „Der Lord von Gilsland hat Recht,“ ſagte Lady Caliſta, bey dem Gedanken an die Unterſuchung, die ſtatt haben ſollte, höchlich beunruhigt;„und zudem, wenn ich auch Geiſtesgegenwart genug hätte, um eine ertraͤgliche Geſchichte zuſammen zu ſchmieden, ſo würde ich doch nimmermehr den Muth haben, ſie auch zu erzaͤhlen.“ In dieſer aufrichtigen Geſinnung wurde die Lady Caliſta von de Vaux vor den König geführt, und legte, ie ſie ſich vorgenommen hatte, ein vollſtändiges Ge⸗ idniß von den Lockungen ab, durch die der unglück⸗ liche Ritter vom Leoparden bewogen worden war, ſei⸗ nen Poſten zu verlaſſen. Sie entſchuldigte Lady Edith, die wie ſie wußte, nicht ermangeln werde, ſich ſelbſt zu rechtfertigen, und warf die ganze Schuld auf die Könſgin, ihre Gebieterin, deren Antheil an dem Scherze⸗ 124 wie ſie wohl wußte, in den Augen des Königs am er⸗ ſten Verzeihung erhalten werde. In der That, R⸗ chard war ein verliebter, faſt welberſuͤchtiger Gatte. Der erſte Ausbruch ſeiner Wuth war längſt vorüber, und er war jetzt nicht geneigt, ſtrenge zu ahnden, was nun nicht mehr geändert werden konnte. Die ſchlaue Lady Caliſta, die von ihrer Kindheit an gewohnt war, Hofintriguen zu ergründen, und die Aeuſſerungen der Geſinnung eines Fürſten zu belauern, flog mit der Schnelle eines Kibitz zur Königin zurück, und meldete ihr, daß ſie augenblicklich einen Beſuch vom Könige zu erwarten habe. Dieſer Nachricht fügte die Kam⸗ merfrau eine Erläuterung bey, die auf ihre eigene Be⸗ obachtung gegründet war, und zeigen ſollte, daß Ri⸗ chard nur ſo viel Strenge anzuwenden im Sinne habe, als nöthig ſey, um ſeine königliche Gemahlin zur Be⸗ reuung ihres Einfalls zu vermögen, und dann auf fie und alle Betheiligte ſeine gnädige Verzeihung ausdeh⸗ nen werde. 3 „Bläst der Wind aus dieſer Gegend, Mädchen,“ ſagte die Königin, ſehr erfreut durch dieſe Mitthei⸗ lung;„glaube mir, ein ſo großer Feldherr Richard auch iſt, ſo wird er es doch ſchwer finden, uns in dieſer Sache zu überliſten; denn wie die pyrenaͤiſchen Schafer in meinem Geburtsland Navarra zu ſagen pflegen, mancher kommt um Wolle zu holen und wird ſelbſt geſchoren.“ 3 Nachdem die königliche Berengaria alle Erkundi⸗ gungen eingezogen hatte, welche Caliſta mittheihen konnte, ſo hüllte ſie ſich in ihre anſtändigſten Gewän⸗ der, und erwartete zuverſichtlich die Ankunft des hel⸗ denmüthigen Richard. 3 Er kam an, und fand ſich in der Lage eines Fürſten, der in eine Provinz tritt, die ſich gegen ihn vergangen hat. Er glaubt zuverſichtlich, ſein einziges Geſchäft werde darin beſtehen, Verweiſe zu ertheilen, und Unterwürfigkeitsbezeugungen zu empfangen; da⸗ gegen aber findet er das Land zu ſeinem großen Erſtau⸗ 1²2⁵ nen in vollkommenem Aufruhr. Berengaria kannte die Macht ihrer Reize und die Größe der Liebe Richards wohl, und wußte, daß ſie gewonnenes Spiel habe, ſo⸗ bald nur der erſte furchtbare Ausbruch ſeines Zorns ohne Unheil erfolgt ſey. Weit entfernt, auf den Ver⸗ weis des Königs zu hören, den ihr leichtſinniges Be⸗ tragen mit Recht verdient hatte, vertheidigte ſie ſogar die ganze ihr zur Laſt gelegte Sache als einen harm⸗ loſen Scherz. Sie läugnete ausdrücklich, daß ſie den Nebectamus angewieſen habe, den Ritter uͤber den Rand des Berges, auf dem er Wache hielt, zu locken. Dieß war auch in der That in ſo fern wahr, als fie nicht beſohlen hatte, Sir Kenneth in das Zelt einzu⸗ führen. Mit ſo beredter Zunge auch die Königin ihre eigene Vertheidigung führte, ſo ſteigerte ſich doch ihre Beredtſamkeit noch bedeutend, als ſie Richard der Liebloſigkeit beſchuldigte, indem er ihr eine ſo arniſelige Gabe, als das Leben eines unglücklichen Ritters, ab⸗ geſchlagen habe, der durch ihren unuͤberlegten Streich in Todesgefahr gerathen ſey. Sie weinte und ſchluchzte, als ſie über ſeine Hartherzigkeit ſprach, durch die ſie beinabe auf ihr ganzes Leben unglücklich geworden wäre, wenn ſie hätte denken müſſen, daß ſie argloſerweiſe zu einem ſolchen Trauerſpiele Anlaß gegeben habe. Die Erſcheinung des hingemordeten Schlachtopfers wurde ihre Traͤume beunruhigt haben— ja ſein wirklicher Geiſt, denn ſolche Dinge geſchahen oft, hätte vor ihrem ſchlaf loſen Lager erſcheinen können⸗ 1 3 All' dieſem Jammer war ſie durch die Strenge ei⸗ nes Mannes ausgeſetzt, der von ihrem geringſten Blicke bezaubert zu werden vorgab, allein doch nicht einmal eine armſelige Rache unterlaſſen wollte, obſchon ſie da⸗ doyrch ſo unglücklich gemacht wurde. Dieſer ganze Strom weiblicher Beredtſamkeit war mit den gewöhnlichen Beweis Gründen, mit Thränen und Seutzern begleitet. Ihr Don und ihre Gebärden ſchienen zu ver athen, daß der Unwille der Koͤnigin we⸗ der aus Stolz nochau⸗ Uebellaune entſprungen ſey, ſondern 126 aus der kränkenden Bemerkung, daß ſie weniger uͤber ihren Gemahl vermöge, als ſie erwartet hatie. Der gute König Richard war in nicht geringer Ver⸗ legenheit. Vergebens verſuchte er Vernunftgründe ge⸗ een eine Perſon vorzubringen, welche ihre eiferſüchtige uneigung unfaͤhig machte, auf dieſelben zu hören. Auch vermochte er es nicht über ſich, in befehlendem Tone mit einem Geſchöpſe zu ſprechen, das mitten in ſeinem ungerechten Mißvergnuͤgen ſo reizend war. Er konnte daber blos vertheidigungsweiſe zu Werke gehen, und ſuchte ihren Argwohn zu beſchwichtigen, und ihre üble Laune zu beſänftigen. Er führte ihr auch zu Ge⸗ müthe, daß ſie nicht nöͤthig habe, mit Reue oder über⸗ naturlicher Furcht auf das Vergangene zurückzublicken, da Sir Kenneth noch lebe, und dem großen arabiſchen Arzte übergeben worden ſey, der ihm ohne Zweifel am beſten das Leben zu erhalten wiſſen werde, allein dieß ſchien der härteſte Schlag fuͤr die Königin zu ſeyn; denn ihr Kummer erneuerte ſich bei dem Gedanken, daß ein Saracene— ein Arit— ein Geſchenk erhalten habe, um das ſie ihren Gatten mit bloſem Haupte und auf den Knien vergebens angefleht hatte. Bei dieſer neuen Anklage ermattete Richards Geduld, und er ſagte in einem ernſten Tone,„Berengaria, der Arzt rettete mein Leben; wenn es in Euren Augen einen Werth hat, ſo werdet Ihr ihn auch um eine höhere Belohnung nicht beneiden, als die Einzige, zu deren Annahme ich ihn bewegen konnte.“ „Mein Richard,“ ſagte die Königin,„warum brachtet Ihr jenen Weiſen nicht zu mir, damit Englands Königin hätte zeigen können, wie ſehr ſie den ſchätze, der die Leuchte der Ritterſchaft, den Ruhm Englands und das Licht des Lebens und der Hoffnung der arnen Berengaria vom Untergange retten konnte?“ Mit einem Wort, der eheliche Zwiſt endete ſich; allein damit die Gerechtigkeit nicht leer ausgehen möchte, ſo wurde beſchloſſen, das ganze Vergehen dem Geſchäfts⸗ träger Nebectamus zur Laſt zu legen. Er wurde daher, 1²⁷ da die Königin ohnedieß ſeiner Laune bereits müde war, mit ſeiner königlichen Ehegattin Genevra vom Hofe verbannt, und der unglückliche Zwerg entgieng ei⸗ ner zuſätzlichen Prügelung nur auf die Verſicherung der Königin, daß er bereits eine körperliche Züchtigung erlitten habe. Ferner wurde beſchloſſen, daß, da in Kurzem ein Abgeſandter zu Saladin abgeſchickt werde, um ihn mit dem Entſchluſſe der Rathsverſammlung, gleich nach der Beendigung des Waffenſtillſtandes die Feindſeligkeiten wieder zu beginnen, bekannt zu machen⸗ und da Richard im Sinne habe, dem Sultan ein an⸗ ſehnliches Geſchenk aus Erkenntlichkeit für die hohe durch El Hakims Dienſte ihm zu Theil gewordene Wohlthat zu überſchicken, die unglücklichen Geſchöpfe dieſem Ge⸗ ſchenke als Seltenheiten beigefuͤgt werden ſollen, die vermöge ihres ungemeinen grotesken Ausſehens, und der Verſchobenheit ihres Verſtandes, Gaben waren, die wohl ein Souverain dem andern überſchicken konnte. Richard hatte an dieſem Tage noch einen andern Kampf zu beſteben, allein er gieng ihm vergleichungs⸗ weiſe mit Gleichgültigkeit entgegen. Denn obſchon Edith ſchön war und von ihrem königlichen Verwandten hoch geachtet wurde— ja ob ſie ſchon durch ſeinen ungerech⸗ ten Argwohn das Unrecht wirklich erlitten hatte, über das ſich Berengaria nur ſcheinbar beklagte, ſo war ſie doch weder Richards Weib, noch ſeine Geliebte. Er fürchtete daher ihre Vorwürfe weniger, obſchon ſie ge⸗ ründeter waren, als die der Königin. Auf ſein Ver⸗ angen, mit ihr allein zu ſprechen, wurde er in ihr Ge⸗ mach geführt, das an das Zimmer der Königin, deren zwei coptiſche Sclavinnen während der Zuſammenkunft in dem entfernteſten Winkel auf den Knien blieben. Ein durchſichtiger ſchwarzer Schleier breitete ſeine wei⸗ ten Falten über die ſchlanke und anmuthige Geſtalt des edelgebornen Mädchens aus; denn ſie trug ſonſt keiner⸗ lei Art von Schmuck.. Sdite ſtand auf und verbeugte ſich tief als Richard eintrat, ſetzte ſich auf ſeinen Befehl wieder nieder und 128 erwartete, als er ſich geſetzt hatte, ohne eine Sylbe zu ſprechen, bis er ihr ſeinen Willen mitgetheilt hatte. Richard der, da ſeine Verwandtſchaft ihn dazu be⸗ rechtigte, vertraut mit Edithen zu ſeyn pflegte, fand ſei⸗ nen Empfang kalt und eröffnete etwas verlegen die Un⸗ terredung. „ Unſere ſchöne Nichte“ ſagte er endlich,„iſt boͤſe über uns; und wir geſtehn, daß Umſtaͤnde uns verlei⸗ tet haben, den ungegründeten Verdacht zu hegen, als hätte ſie ſich anderſt betragen, als wir es während der ganzen Zeit ihres Lebens von ihr gewöhnt waren. Aber wahrend wir im neblichen Thale der Menſchlich⸗ keit wandlen, können wir leicht einen Schatten für Wirklichkeit halten. Kann meine ſchöne Nichte ihrem etwas heftigen Freunde Richard nicht verzeihn?“ „Wer kann einem Richard Verzeihung verweigern,“ antwortete Editha,„wenn nur Richard von dem Kö⸗ nige Verzeihung erhalten kann?“ „Komm'— liebe Editha,“ erwiederte Loͤwenherz, „das iſt alles viel zu feierlich. Bei unſerer Dame, das iſt ja eine ganz ſchwermüthige Miene!— und der lange ſchwarze Schleier könnte faſt glauben laſſen, Du wärſt eben zur Wittwe geworden, oder hänteſt wenigſtens einen leiblichen Bruder verloren Sey doch fröhlich— Du haſt gewiß gehört, daß kein Grund zum Trauern vor⸗ banden iſ— warum machſt Du denn noch ein Trauer⸗ geſicht?“. „Wegen der dah'n geſchwundenen Ehre der Plan⸗ tagenets— wegen des Ruhms, der von dem Hauſe meines Vaters gewichen iſt.“ Ric ard fuhr zurück.—„Entſchwundene Ehre! Ruhm, der unſer Haus verlaſſen hat!“— wiederholte er zornig;„aber unſere Nichte iſt ſtark bevorrechtet. Ich habe ſie vorſchnell beurtheilt, ſie hat alſo ein Recht, mich hart zu tadeln. Aber ſage mir wenigſtens, in was ich geſehlt habe.“ „Plantagenet“ ſaate Editha,„hätte entweder das Anrecht verzeihen oder beſtrafen ſollen. Es ſteht ihm 1²9 üͤbel an, freie Männer, Chriſten und tapfere Ritter den Feſſeln der Heiden zu übergeben. Es ſteht ihm das Recht nicht zu, zu beſchimpfen und zu entehren, oder das Leben bei dem Verluſt der Freiheit zu geſtatten. Den Unglücklichen zum Tode zu verurtheilen wäre ſtreng geweſen, hätte aber doch einen Anſchein von Gerechtig⸗ keit gehabt; ihn zur Sclaverey und zur Verbannung zu verdammen war offene Tyranney.“ „Ich ſehe,“ ſagte Richard,„meine ſchöne Nichte gehoͤrt zu den Schönen, welche da glauben, ein abwe⸗ ſender Liebhaber wäre ſo gut wie gar keiner, oder wie ein todter. Sey ruhig; ein halb Dutzend leichter Rei⸗ ter können ihn noch einholen und den Irrthum wie⸗ der gut machen, wenn allenfalls dein Geliebter,im Be⸗ ſitz eines Geheimniſſes ſeyn ſollte, das ſeinen Todt wuͤn⸗ ſchenswerther als ſeine Verbannung machen ſollte.“ „Schweig mit deinen thörichten Späßen!“ ant⸗ wortete Editha, tief erröthend.—„Denke lieber daran, daß du mit der Heftigkeit deines Temperaments ein gu⸗ tes Glied von dieſem großen Unternehmen abgeſondert, daß du dem Kreuze einen ſeiner tapferſten Kämpfer ent⸗ zogen und einen Diener des wahren Gottes in die Hände der Heiden uͤberliefert haſt. Ja du haſt den Gemüthern, die eben ſo argwöhniſch ſind, als du dich in der Sache zeigteſt, ein Recht gegeben zu ſagen, Richard Löwenherz hätte den tapferſten Ritter aus ſeinem Lager verbannt, damit deſſen Ruhm in der Schlacht ſich nicht mit dem ſeinigen meſſen könnte.“ „Ich, ich!“ rief Richard jetzt wirklich tief bewegt aus—„bin ich ein Mann der auf den Ruf Anderer neidiſch zu ſeyn braucht?— Ich wollte er wäre hier, um ſich uns gleich zu ſtellen! Rang und Krone wollt⸗ ich vergeſſen und ihm männlich in den Schranken be⸗ gegnen, damit es ſich zeigte, ob Richard Plantagenet Urſache hat, den Ruf eines Sterblichen zu beneiden. Geh', Editha, Du denkſt nicht, wie du ſprichſt. Laß den Aerger oder den Kummer über die Abweſenheit deines W. Scott's Werke. VIII..9 130 Geliebten Dich lnicht ungerecht gegen deinen Oheim machen, der ungeachtet aller Deiner Eigenheiten Deinen Ruf ſo hoch wie den irgend eines Menſchen hält.“ „Die Abweſenheit meines Liebhabers?“ ſagte Lady Editha.„Doch ja— nenne ihn immerhin mei⸗ nen Geliehten, da er den Ditel ſo theuer zahlen mußte. Wie unwürdig ich auch einer ſolchen Ehre ſey, ſo diente ich ihm doch zum Licht, das ihm vorleuchtete auf dem edlen Pfad des Ritterthums; aber daß ich meinen Rang vergeſſen, oder daß er den ſeinigen außer Acht gelaſſen. das iſt unwahr und wenn ſelbſt ein König es ſpricht.“ „Meine theure Nichte,“ ſagte Richard,„lege mir keine Worte in den Mund, die ich nicht geſprochen habe. Ich ſage nicht, daß Du dieſem Manne holder geweſen biſt als ein guter Ritter, wie niedrig er auch ſtehe, es von ſeiner Dame, und waͤre ſie eine Prinzeſſin, erwarten kann. Aber, bei unſerer lieben Frau, ich verſtehe das Liebesſpiel ein wenig— es fängt mit ſtiller Ehrfurcht und entfernter Hochachtung an; aber wenn die Gelegen⸗ heit ſich darbietet, nimmt die Vertraulichkeit zu und ſo— aber was nützt es mit jemanden zu plaudern der ſich für vernünftiger hält als alle Welt.“ „Gerne höre ich auf den Rath meines Verwandten,“ ſagte Editha,„wenn er von der Art iſt, daß er weder meinen Rang noch meinen Character beleidigt.“ „Könige, meine ſchöne Nichte, rathen nicht, ſon⸗ dern ſie befehlen,“ ſagte Richard. „Sultane befehlen, das iſt wahr,“ ſagte Editha, „aber weil ſie Sklaven zu beherrſchen haben.“ „Ach geh, du wirſt noch deinen Haß gegen die Sul⸗ tanſchaft verlieren, wenn du einen Schottländer ſo höch haliſt,“ ſagte der König.„Ich glaube, Saladin iſt ſeinem Worte getreu, getreuer als William von Schottland, den man doch den Löwen nennen ſoll, obzwar er verrä⸗ theriſch gegen mich gehandelt hat, indem er mir die ver⸗ ſprochenen Hülfstruppen nicht ſandte. Höre,„Editha, wir erleben es noch, daß du einen treuen Türken ei⸗ nem falſchen Schottländer vorziehen wirſt.“ 131 „Nein— niemals!“ antwortete Editha—„und ſollte Richard ſelbſt die falſche Religion annehmen, die aus Paläſtina zu vertreiben er die Meere ſpaltete.“ „Du willſt nun einmal das lezte Wort,“ ſagte Richard,„du ſollſt es haben. Indeſſen denke von mir was du willſt, ſchöne Editha, ich werde nicht vergeſſen, daß dein Vater mein Bruder war.“ Indem er es ſagte, nahm er hoͤflich Abſchied, ob⸗ war er mit dem Erfolg ſeines Beſuchs nicht ſehr zufrie⸗ en war. Es war am aten Tag, nachdem Sir Kenneth aus dem Lager entlaſſen worden war, da ſaß König Richard in ſeinem Zelt und freute ſich am kühlen Weſtwind des Abends, der ungewöhnlich kühl vom fröhlichen Eng⸗ land her den abentheuerlichen Monarch dieſes Reichs zuzuwehn ſchien, der nun nach und nach wieder die volle Stärke erlangte, welche für ſeine Rieſenplane nö⸗ thig war. Niemand war bei ihm, de Vauy hatte er nach Aſkalon geſendet, um Verſtärkung und Mundvor⸗ rath an ſich zu ziehn, und der größte Theil ſeines übri⸗ gen Gefolges war auf verſchiedenen Seiten beſchäſtigt, ſich auf die Wiedereröffnuͤng der Feindſeligkeiten vorzu⸗ bereiten und auf die große Muſterung der Armee der Kreuzfahrer, welche den andern Tag ſtatt ſinden ſollte. Der Kbönig ſaß und horchte auf das geſchäftige Sum⸗ ſen unter dem Soldatenvolke, auf das Hämmern der Schmidte, wo man im Voraus Hufeiſen arbeitete, und die Schläge der Waffenſchmiede, welche Rüſtun⸗ gen ausbeſſerten; auch die Stimmen der Soldaten, wenn ſie kamen und giengen, ertönten laut und fröhlich, und ſchon der bloße Ton ihrer Stimme zeigte von Selbſt⸗ vertrauen und regem Muthe, ein Omen des nahen Sie⸗ ges. Waͤhrend nun Richards Ohr dieſe Töne init Ent⸗ zücken trank, und er ſich ſeinen Träumen von Erobe⸗ rungen und Ruhm überließ, zeigte ihm ein Kämmerer an, daß ein Bote von Saladin draußen warte. 3 9.. 13² „Laß ihn angenblicklich ein,“ ſagte der Koͤnig, „und zwar mit der gebührenden Ehre.“ 7 Der engliſche Ritter führte ihm dem gemäß eine Lerſon vor, welche dem Anſchein nach nur ein nubi⸗ cher Sclade zu ſeyn ſchien, deren Geſtalt aber dem⸗ ungeachtet im höchſten Grad anziehend war. Er war herrlich gebaut und edel geformt, und ſeine gebieteri⸗ ſchen Züge zeigten, obzwar ſie ganz dunkelſchwarzbraun waren, doch keine Spur mohriſcher Abſtammung. Ueber ſeine kohlſchwarzen Locken trug er einen milchweißen Turban, und auf ſeinen Schultern einen kurzen Man⸗ tel von derſelben Farbe, der vorn offen ſtand, und mit einem Leopardenfell gefüttert war, das ihm bis auf eine Hand breit über die Knie fiel. Der übrige Theil ſeines muskulöſen Körpers ſowohl Füße als Arme, war nackt, nur daß er noch Sandalen an den Füßen, und ſilberne Hals⸗ und Armbänder trug. Ein langes, brei⸗ tes Schwerdt, mit einem Griff von Buchsbaumholz, und einer mit Schlangenhaut überzogenen Scheide, hing ihm vom Gürtel herab. In ſeiner Rechten hielt er eine kurze Schleuder, mit einer breiten, glänzenden Stahlſpitze, welche ungefähr eine Spanne lang ſeyn mochte, und an der Linken führte er an einer Schleife von geſchlungener Seide und Gold einen großen, ed⸗ len Jadhund. 1 Der Bote verbeugte ſich, indem er zu gleicher Zeit einen Theil ſeiner Schulter entblößte zum Zeichen der Demuth; und nachdem er mit der Stirne die Erde berührt hatte, erhob er ſich nur ſo weit, daß er auf einem Knie liegen blieb, während er dem Könige ein ſeidenes Duch überreichte, in welchem ſich ein anderes von Goldſtoff befand, das einen Briefrom in arabi⸗ ſcher Sprache enthielt, von welchem die normänniſch⸗ unſere Weiſe etwa ſo wieder gegeben werden. „Saladin, der König der Könige, an den Melec“ Ric, dem Löwen von England. Du haſt, wie wir aus Deiner letzten Botſchaft erſehen, den Krieg lieber als Engliſche Ueberſetzung beigefügt war; er könnte auf S 133 den Frieden gewählt und unſere Feindſchaft lieber denn unſere Freundſchaft. Wir halten Dich in dieſer Sache fuͤr verblendet, und hoffen Dich, mit der Hülfe der unbeſiegbaren Streitkräfte der Tauſende unſerer Män⸗ ner, davon zu überzeugen, wenn Mahomed, der Pro⸗ phet Gottes, und Allah, der Gott des Propheten, un⸗ ſeren Streit richten wird. Im übrigen gedenken wir Deiner achtend, und danken Dir für die Geſchenke, welche Du uns geſchickt haſt, und für die beiden Zwerge, die ſonderbar gebaut ſind wie der Yſop, und luſtig wie die Laute des Iſaac. Zum Dank für dieſe Ge⸗ ſchenke aus der Schatzkammer Deiner Güte ſenden wir Dir hiermit einen nubiſchen Sclaven, Namens Zo⸗ hank, von dem Du nicht nach der Farbe urtheilen wirſt, wie die Thoren der Erde es thun; denn die ſchwärzlichen Früchte ſind die ſüßeſten. Wiſſe, daß er ſo ſtark iſt, den Willen ſeines Herrn zu vollführen, wie Ruſtan von Zableſtan; auch iſt er vernünftig, Rath zu ertheilen, wenn Du einmal gelernt haſt, wie man mit ihm ſpricht; denn der Herr der Sprache hat Still⸗ ſchweigen zwiſchen die elfenbeinernen Wällen ſeines Pa⸗ laſtes gelegt. Wir empfehlen ihn Deiner Sorgfalt, hof⸗ fend, daß die Stunde nicht fern ſeyn wird, an wel⸗ cher er Dir gute Dienſte thun wird. Hiemit ſagen wir Dir Lebewohl, im Vertrauen, daß unſer hochheiliger Prophet Dich doch noch zur Erkenntniß der Wahrheit wird gelangen laſſen, wozu es Dir nur an Einſicht fehlt. Wir hegen Wünſche für die völlige Wieder⸗ herſtellung Deiner königlichen Geſundheit, und wün⸗ ſchen, daß Allah zwiſchen Dir und uns im offenen Schlachtfeld richten möge.“ Der Brief war von des Sultans eigner Hand unter⸗ ſchrieben und beſiegelt. Richard betrachtete den Nubier, der ſtillſchweigend vor ihm ſtand, die Blicke zu Boden geſenkt, die Arme auf der Bruſt gefaltet, dem Anſchein nach eine Stattte von ſchwarzem Marmor von der größten Vollkommen⸗ heit, die nur Leben von den Haͤnden eines Prometheus 134 erwartete. Dem König von England der, wie man prophetiſch von ſeinem Nachfolger Heinrich dem achten ſagte, gern einen Mann ſah, geſiel die Muskelſtär⸗ ke, der Bau und das Ebenmaaß deſſen, den er be⸗ trachtete; er frug ihn in der lingua Franca:„Biſt Du ein Heide?“ Der Seclave ſchüttelte den Kopf, legte die Finger an die Schläfe, bekreuzte ſich zum Zeichen ſeines Chri⸗ ſtenthums und nahm dann wieder ſeine Stellung unbe⸗ weglicher Demuth an. „Ein nubiſcher Chriſt wahrſcheinlich,“ ſagte Ri⸗ chard,„und von den heidniſchen Hunden an den Sprach⸗ werkzeugen verſtümmelt?“ Der Stumme ſchüttelte abermals das Haupt, zum Zeichen der Verneinung, zeigte mit den Fingern auf den Himmel und legte ſie dann an ſeine Lippen. „Ich verſtehe Dich,“ ſagte Richard,„Du leideſt durch ein Verhängniß Gottes und nicht durch die Grauſamkeit der Menſchen. Kannſt Du eine Rüſtung und einen Panzer putzen und im Nothfall auch an⸗ ſchnallen?“ Der Stumme ſchüttelte, ergriff das Panzerhemd, das bei dem Schilde und dem Helm des ritterlichen Mo⸗ narchen auf dem Pfoſten des Zeltes lag, und behan⸗ delte es ſo gewandt, daß man ſah, er verſtehe das Ge⸗ ſchäft eines Schildknappen vollkommen. „Du biſt geſchickt, und wirſt gute Dienſte leiſten— Du ſollſt in meinem Zimmer und um meine Perſon blei⸗ ben,“ ſagte der König,„um zu zeigen, wie hoch ich das Geſchenk, des königlichen Saladin achte. Haſt Du keine Zunge, ſo kannſt Du auch keine Neuigkeiten herumtragen, und mich zu keiner unziemenden Antwyrt verleiten.“ 3 Der Nubier beugte ſich wieder, bis ſeine Stirne die Erde berührte, dann ſtand er auf, trat einige Schritte zurück, als erwarte er die Befehle ſeines Herrn. „Du ſollſt Deinen Dienſt ſogleich beginnen,“ ſagte ☛‿ 135 Richard;„denn ich ſehe einen Roſtflecken auf dieſem Schilde, und wenn ich es vor dem Antlitz des edlen Saladin erhebe, ſoll es glänzen und unbefleckt ſeyn⸗ wie des Sultans eigene Ehre.“ Man hörte draußen ein Horn erſchallen, und im Augenblick darauf trat Sir Henry Neville mit einem Packet Depeſchen ein.„Von England Mylord,“ ſagte er, als er ſie ihm einhändigte. „Von England, von unſerm eigenen England,“ wiederholte Richard im Tone trübſinniger Begeiſterung, „Ach ſie wiſſen nicht, wie hart ihr König von Krank⸗ heit und Sorgen mitgenommen worden iſt.— Falſche Freunde und kühne Feinde.“ Dann, indem er die Depe⸗ ſchen öffnete, ſagte er heftig,„Ha! dieß kömmt von keinem friedlichen Lande, auch ſie haben ihre Fehden. Neville geh', ich muß dieſe Nachrichten allein und mit Muſe durchleſen.“ 3 Neville ging alſo, und Richard war bald in die traurigen Nachrichten vertieft, die ihm von England uͤber die Partheien, welche ſein Erbland in Stücken riſfen, zugekommen waren. Die Uneinigkeit ſeiner Brü⸗ der John und Geoffrey, über den Streit dieſer Beiden mit dem Großrichter Longchamp Biſchof von Ely, über den Druck, welchen die Adelichen gegen die Bauern ausübten, über die Empörung der letztern gegen ihre Herrn, was überall Zwieſpalt und hie und da ſogar Blutvergießen hervorgebracht hatte. Dabei waren Nach⸗ richten über Vorfälle, die ſeinen Stolz demüthigten, und ſeiner Autorität Eintrag thaten, mit dem ernſten Rathe ſeiner weiſeſten und erprobteſten Räthe gepaart, daß er ſogleich nach England zurückkehren ſollte, da ſeine Gegenwart die einzige Hoffnung darböte, das Königreich von allen Schrecken eines Bürgerkrieges zu befreten, den ſich Frankreich und Schottland wahrſchein⸗ lich zu Nutze ziehen würden. Von den ſchmerzlichſten Gefühlen durchdrungen, las Richard die Böſes prophe⸗ zeihenden Briefe immer wieder von vorne, verglich die Nachrichten, welche einige von ihnen enthielten, mit denſel⸗ 136 ben Thatſachen, die in anderen auf eine berſchiedene Weiſe dargeſtellt waren, ſo daß er bald alles um ſich her ver⸗ gaß, ob zwar er der Kälte wegen nahe am Eingang ſeines Zeltes ſaß, von welchem die Vorhänge zurückge⸗ zogen waren; ſo daß er die Wachen und andere die drau⸗ ßen ſtanden, ſehen und wieder von ihnen geſehen wer⸗ den konnte. Tiefer im Schatten des Zeltes, beſchäf⸗ tigt den Auftrag ſeines neuen Herrn zu erfüllen, ſaß der nubiſche Sclave, den Rücken faſt gegen den König gewendet. Er war gerade damit fertig geworden, Pan⸗ zer und Armſchienen zurecht zu machen und zu reinigen, und war nun eifrig damit beſchärtigt, daſſelbe an einem breiten Schilde von ungewöhnlicher Größe zu thun, das mit Stahlplatten bedeckt war, und das Richard oft beim Recognoſciren oder Stürmen befeſtigter Oerter für einen ſicheren Schutz gegen Mauerwaffen hielt, als das kleine dreieckige Schild, das er zu Pferde brauchte. Dieſes Schild trug weder die koͤniglichen Löwen von England, noch irgend einen Wahlſoruch, um die Auf⸗ merkſamkeit der Vertheidiger auf den Wällen, nicht auf den zu ziehen, der ſich ihnen näherte. Es mußte alſo die Sorge des Schildknappen ſeyn, es glänzend hell wie Kriſtall zu machen, was ihm vorzüglich gut zu gelingen ſchien. Neben dem Nubier, kaum ſichtbar von außen, lag der große Hund, den man ſeinen Mit⸗ ſclaven nennen konnte, und der, als fühle er ſich beäng⸗ ſtigt, nun einem königlichen Eigenthümer anzuhören, dicht an der Seite des Stummen lag, Kopf und Ohren auf dem Boden, Füße und Schweif nah unter und um ſich ezogen. 3 Während der Monarch und ſein neuer Diener alſo beſchäftigt waren, trat ein neuer Schauſpieler auf die Bühne; und miſchte ſich unter den Haufen der engli⸗ ſchen Bogenſchützen, welche ungefaͤhr zu zwanzig gegen ihre Gewohnheit in tiefer Stille Wacht hielten, am Eingang des Zeltes ihres Königes, da ſie die ungewöhn⸗ liche nachdenkende Stellung und die eifrige Beſchaͤftigung ihres Souverains bemerkten. Doch waren ſie nicht wachſamer als gewoͤhnlich. Manche ſpielten mit klei⸗ nen Wuͤrfeln Hazardſpiele, andere flüſterten zuſammen von dem herannahenden Schlachttage, und wieder An⸗ dere lagen ſchlafend, ihre dicken Glieder in ihre grünen Mäntel gehuͤllt. Unter dieſen ſorgloſen Wärtern ſchlich ſich ein kleiner alter Türke ein, ärmlich gekleidet wie ein Marabout oder ein Heiliger der Wüſte, eine Art Enthuſiaſten, die ſich manchmal in das Lager der Kreuzfahrer wagten, ob zwar ſie immer verächtlich, manchmal ſogar gewaltthä⸗ tig behandelt wurden. Wirklich hatte der Luxus und die übertriebene Nachſicht der chriſtlichen Heerführer einen unordentlichen Zulauf von Muſikanten, Freuden⸗ maͤdchen, jüdiſchen Kaufleuten, Copten und Türten und dem Ausbund aller morgenländiſchen Nationen veranlaßt; ſo daß der Kaphtan und der Turban, ob⸗ zwar beide aus dem heiligen Land zu treiben, der an⸗ erkannte Zweck des Heerzugs war, denndch weder ein ſeltener noch ein beunruhigender Anblick im Lager der Kreuzfahrer war. Als jedoch die kleine unbedeutende Figur, die wir beſchrieben haben, ſich den Wachen näherte, warf er ſeinen ſchmutzigen gruͤnen Turban vom Kopf, und zeigte, daß ihm Bart und Augenbrau⸗ nen geſchoren waren, wie einem anerkannten Hanswurſt, und daß der Ausdruck ſeiner phantaſtiſchen geſpannten Züge ſowohl, als der ſeines kleinen ſchwarzen Auges, das von wildem Feuer glänzte, von einer überſpannten Einbildungskraft herrührte. „Tanze Marabout,“ ſchrieen die Soldaten, die mit der Weiſe dieſer wandernden Enthuſiaſten bekannt waren,„Tanze, oder wir wollen Dich mit den Stri⸗ cken unſrer Bogen ſchlagen, bis Du Dich herumdrehſt, wie der Kreiſel unter der Peitſche eines Schulbuben.“ So ſchrieen die ſorgloſen Wächter, die eben ſo froh wa⸗ ren, einen Gegenſtand vor ſich zu haben, den ſie pla⸗ gen konnten, wie ein Kind wenn es einen Schmetter⸗ ling fängt, oder ein Schulbube, wenn er ein Vogel⸗ neſt entdeckt. 138 Der Marabont, als freue er ſich, ihren Willen 38 thun, ſprang von der Erde, und beugte ſeine zähen Glie⸗ der mit einer beſonderen Gewandtheit, die ihn, vergli⸗ chen mit ſeiner kleinen unbedeutenden Figur, einem wel⸗ ken Blatte ähnlich machte, das der Hauch des Win⸗ ters nach Willkühr bald hieher bald dorthin beugt. Seine einzige Haarlocke ſtand aufrecht auf ſeinem plat⸗ ten, kahlen Scheitel, als wenn irgend ein Dämon ſie empor hielte; und wirklich ſchien eine übernatürliche Kunſt nöthig, um den wilden Wirbeltanz auszuführen, bei welchem die Ferſe des Tänzers kaum die Erde zu berühren ſchien. Bei dieſen wilden Sprüngen flog er bald hieher bald dorthin, von einem Fleck zum andern, bis er ſich, jedoch faſt unvermerkt, dem Eingange des königlichen Zeltes genähert hatte; ſo daß er zuletzt, als er nach zwei oder drei Sprüngen, welche noch höher, als die vorigen waren, erſchöpft zur Erde ſank, kaum drei Ellen von der Perſon des Königs entfernt war. „Gebt ihm Waſſer,“ ſagte einer der Bogenſchuͤtzen, „ſie verlangen alle nach ihrem fröhlichen Tanze zu trinken.“ „Ach Waſſer,“ ſagſt Du Long Allen?“ rief der andere Schütze aus;„wie würde denn Dir ſolch' ein Drank nach ſo einem Deufelstanz munden?“„Er be⸗ kömmt kein Waſſer hier,“ ſagte ein Dritter,„wir wol⸗ len den leichtfüßigen alten Unglaubigen lehren, ein gl⸗ ter Chriſt zu ſeyn, und Cypernwein zu trinken.“ 8 „Ja ja,“ ſagte ein Vierter,„und wenn er ſich widerſetzt, gebt ihm das Horn des Jägers Dick, wo⸗ mit er ſeine Pferde tränkt.“ 3. Augenblicklich bildete ſich ein Kreis, um den er⸗ ſchöpften, auf der Erde liegenden Derwiſch her, und während ein ſchlanker Yeomen ſeinen ſchwachen Körper vom Boden aufhob, bot ihm ein anderer eine mächtige Flaſche mit Wein dar. Unfahig zu ſprechen, ſchüttelte der alte Mann den Kopf, und ſtieß mit der Hand das von dem Propheten verbotene Getränk zuruͤck; aber die Quälgeiſter waren damit noch nicht zufrieden.„Das 139 Horn, das Horn,“ rief einer aus.„Wenig Unter⸗ ſchied iſt zwiſchen einem Türken und einem türkiſchen Pferde, wir wollen ihn auch ſo behandeln.“ „Beim St. Georg, ihr werdet ihn erſticken,“ ſagte Long Allen;„und überdieß iſt es ja eine Sünde, an ei⸗ nem heidniſchen Hunde ſoviel Wein zu verſchwenden, als einem guten Chriſten zum Nachttrunk dienen könnte.“ „Du kennſt die Natur dieſer Türken und Heiden nicht Long Allen,“ erwiederte Henry Woodſtall;„ich ſage dir Freund, dieſe Flaſche Cypernwein wird ſeinen Kopf gerade zu einer entgegengeſetzten Sache bringen, als zum Wirbeltanz, vielleicht gar zu ſich ſelbſt.“ Er⸗ ſticken?—„er wird ſo wenig daran erſticken, wie ein Hund an einem Kalbsknochen.“ „Und was das Beneiden betrifft, wie kannſt du ſo einen armen Teufel um einen Trunk auf Erden be⸗ neiden, da du weißt, daß er in einer langen Ewigkeit keinen Tropfen bekommen wird, um die Spitze ſeiner Zunge anzufeuchten.“ „Das wäre doch hart,“ ſagte Long Allen,„enn er auf ewig verdammt würde, bloß weil er ein Türte iſt, wie ſein Pater einer war. Ja, wenn er als ein geborner Chriſt ein Heide geworden wäre, dann wäre freilich das heißeſte Eckchen noch ein gutes Winterquar⸗ tier für ihn.“ Halt dein Maul, Long Allen,“ ſagte Henry Wood⸗ ſtall;„wahrhaftig die Zunge iſt nicht der kürzeſte Theil deines Körpers, und ich ſage dir voraus, ſie wird dich noch in Ungnade bei dem Vater Franzis bringen, wie einſt wegen der ſchwarzäugigen ſyriſchen Dirne.— Aber da kommt das Horn. Trinke Freund, willſt du, oder ich reiße dir deine Zähne mit dem Stiel deines Dolches auf.“ „Halt, halt, er läßt mit ſich reden,“ ſagte Tho⸗ mallen;„ſeht, ſeht, er winkt nach dem Becher, macht Platz, ihr Buben. Dop ſey es ſagt der Holländer,— das geht ja hinunter wie Lammwolle! ja, ja, ſie ſind tüchtige Trinker, wenn ſie einmal anfangen, euer Türke ſetzt ja gar nicht ab.“ 2* 140 Wirklich trank der Derwiſch oder was er ſonſt war, die große Flaſche in einem einzigen Zuge bis auf den Boden aus, oder ſchien es wenigſtens zu thun; und als er es, nachdem der ganze Inhalt erſchöpft war, von den Lippen nahm, ſtöhnte er nur mit einem tiefen Seufzer die Worte:„Allah Karem, oder Gott iſt barm⸗ herzig. Es entſtand ein Gelächter unter den Bogen⸗ ſchützen als ſie den tüchtigen Trinker ſahen, und zwar ſo laut und ſchallend, daß es den König in ſeinen Be⸗ trachtungen ſtörte. Er ſtand auf, drohte mit dem Fin⸗ ger, und ſprach ärgerlich:„was ihr Burſche, kein Reſpekt, kein Dienſteifer?“ Da waren ſie plötzlich alle ſtille, da ſie Richards Demperament wohl kannten, das zuweilen die militä⸗ riſche Vertraulichkeit zuließ, zu einer andern Zeit aber den pünktlichſten Reſpekt verlangte, doch war das Letztere ſelten. Sie eilten alſo, ſich in eine ehrfurchtsvollere Ent⸗ fernung von der königlichen Perſon zurückzuziehen, verſuchten es auch, den Marabont mitzuſchleppen, der aber dem Anſcheine nach von ſeiner Anſtrengung er⸗ ſchöpft, oder von dem mächtigen Trank, den er ſo eben zu ſich genommen hatte, überwältigt, ſich mit Stöhnen und Fußtritten wehrte. „Laßt ihn doch liegen, ihr Narren,“ flüſterte Long Allen ſeinen Gehülfen zu;„beim St. Chriſtoph, unſer Alter wird noch außer ſich kommen, ihr werdet gleich ſeinen Dolch glänzen ſehen. Laßt ihn liegen, in einer Minute wird er ſchlafen, wie ein Siebenſchläfer.“ In dieſen Augenblick warf der König von neuem einen ungeduldigen Vlick auf die Bogenſchützen, ſo daß ſich alle eilig zurückzogen und den Derwiſch auf der Erde liegen ließen der, wie es ſchien, unfaͤhig war ein Glied ſeines Körpers zu bewegen. Einen Augenblick darnach war Alles ſtille und ruhig, wie vorher, ehe der Der⸗ wiſch gekommen war. 141 Neuntes Kapitel. —— und aufgeſchreckt von ſeinem heulenden Wäͤchter Dem Wolf, gleich einem Nachtgeſpenſte, geht Fiit groß— weit— ausgeholten Näuberſchritten⸗ Der Mord an ſein entſetzliches Geſchäft«⸗ Maebeth(in der Schiller'ſchen Ueberſetzung.) Ungefähr eine Viertelſtunde oder etwas laͤnger nach dem erzählten Vorfall blieb alles vor der kö⸗ niglichen Wohnung vollkommen ruhig. Der König las, und träumte am Eingang ſeines Zeltes— hin⸗ ter ihm und mit dem Rücken gegen die Thüre ge⸗ wendet, ſaß der nubiſche Sclave, der immer noch das große Schild glänzend machen wollte. Ungefaͤhr hun⸗ dert Schritte von dem Zelte ſtanden, ſaßen oder lagen die Bogenſchützen von der Wache im Gras geſtreckt, aufmerkſam auf ihre eigenen Spiele, die ſie aber in Stille fortfetzten. Auf dem Platze, zwiſchen ihnen und dem Eingang des Zeltes lag, kaum zu unterſcheiden von einem Haufen Lumpen, die bewegungsloſe Ge⸗ ſtalt des Marabout. Aber der Nubier hatte den Vortheib einen Spiegel zu beſitzen, da das hellpolirte Schild nun völlig dazu dienen konnte; dadurch ſah er nun zu ſeinem Schrecken und Erſtaunen, daß der Marabout langſam ſein Haupt vom Boden erhob, ſo daß er alle um ſich überſehen konnte, und ſich dabei mit wohlberechneter Vorſicht nach und nach vorwaͤrts ſchob, was mit dem Zuſtande der Erſchlaffung ganz unerträglich ſchien. Er legte augenblicklich ſein Haupt wieder nieder, als wäre es ihm recht, daß er unbemerkt geblieben ſey, und fing an, ſich, als wäre es zufällig, nach und nach dem Könige immer mehr zu nähern, hielt aber hie und da ein wenig ein und blieb ruhig, wie die Spinne, welche, wenn ſie ſich ihrem Gegenſtande naht, in anſcheinende Lebloſig⸗ keit verfällt, wenn ſie ſich bemerkt glaubt. Dieſe Be⸗ wegungen ſchienen dem Nubier verdaͤchtig, der ſeiner⸗ 142² ſeits ſich eben ſo ruhig wie(möglich vorbereitete, ſobald es nöthig ſeyn ſollte, einzugreifen. Stufenweiſe und unvermerkt gleitete unterdeſſen der Marabout ſchlangen⸗ oder vielmehr ſchneckenartig fort, bis er ungefähr auf zehn Ellen weit von König Nichards Perſon entfernt war; dann erhob er ſich plötz⸗ lich, ſprang mit der Wuth eines Digers vorwärts— kaum einen Augenblick— da ſtand er im Ruͤcken des Königs, und erhob den Dolch, den er in ſeinem Aer⸗ mel verſteckt hatte. Die Anweſenheit ſeiner ganzen Ar⸗ mee hätte den heldenmüthigen Monarchen nicht retten können— aber die Bewegungen des Nubiers waren eben ſo gut berechnet, wie die des Enthuſiaſten, und ehe noch dieſer letztere zuſtoßen konnte, ergriff ihn der erſtere beim Arm. Nun wandte der Charegide ſeine fanatiſche Wuth gegen den, der ſich ſo unerwartet zwiſchen ihm und ſeinem Schlachtopfer gelegt hatte, und brachte dem Nubier elnen Stoß mit dem Dolch bei, welcher jedoch nur den Arm ſtreifte, weil ihn der Aethiopier, der ihm an Körperkraft bei weitem überlegen war, leicht zu Boden warf. König Richard ſtand nun auf, da er das, was borgegangen war, bemerkte, und mit nicht größerem Erſtaunen, Zorn oder Heftigkeit in ſeinen Zuͤgen als ein gewöhnlicher Menſch zeigen wurde, wenn er eine Weſpe wegbläßt und zertritt, ergriff er den Stuhl, auf welchem er geſeſſen hatte, und mit dem Ausruf,„ha du Hund,“ ſchlug er die Hirnſchale des Mörders ſaſt in Stücken, der zweimal, zuerſt laut, dann mit gebro⸗ chener Stimme die Worte ausrief:„Allah Ackbar“ Gott iſt ſiegreich, und zu den Füſſen des Königs verſchied. „Ihr ſeyd mir ſorgſame Wächter,“ ſagte Richard zu ſeinen Bogenſchützen, mit zornigem, vorwurfsvollen Tone, als dieſe geweckt von dem Lärm mit Schrecken und Verwirrung in das Zelt drangen;„wachſame Schildwachen ſeyd Ihr, meinen eigenen Händen ein folches Henkerwerk zu überlaſſen. Seyd nur alle ſtill, und hört mit eurem unſinnigen Geſchrei auf! Habt ihr 143 denn nie zuvor einen todten Türken geſehen? Da, werft den Leichnam aus dem Lager, ſchlagt ihm den Kopf vom Rumpfe, und ſteckt ihn auf eine Lanze, ſorgt aber dafür, daß das Antliz nach Mecca gekehrt wird, damit er dem elenden Betrüger, auf deſſen Eingebung er hieher kam, ſagen kann, wie ſchnell er ſeine Bot⸗ ſchaft verrichtete. Was dich betrifft, mein theurer, ſtiller Freund“, fügte er hinzu, indem er ſich zu dem Aethiopier wandte,„aber was iſt das? du biſt ver⸗ wundet, und gewiß mit einer vergifteten Waffe; denn durch die Kraft ſeines Stoßes konnte ein ſo ſchwaches Thier kaum hoffen, die Löwenhaut zu ritzen. Sauge ihm einer von Euch das Gift aus der Wunde, es iſt unſchädlich fuͤr die Lippen, obgleich es tödlich iſt, wenn es ſich mit dem Blute vermiſcht.“ Die Bogenſchützen ſahen ſich einander verwirrt und zweifelnd an; denn die Angſt vor einer ſolchen Gefahr machte diejenigen ängſtlich, welche keine andere fürchteten. „Nun ihr Herrn“ fuhr der König fort,„habt Ihr ſo zarte, Lippen, oder fürchtet ihr den Tod, daß ihr zögert?“ „Den Tod eines Mannes fürchte ich nicht,“ ſagte Lang Allen, zu welchem der König ſich gewandt hatte, „aber ich möchte doch nicht wegen des ſchwarzen Kerl's da, den man auf dem Markt wie einen Martins⸗Ochſen kauft und verkauft, um den möchte ich doch nicht wie eine vergiftete Ratte ſterben. „Se. Majeſtät befiehlt Männern Blut auszuſau⸗ gen,“ murmelte ein anderer Bogenſchütze,„als wenn ſie ſagte, gehe hin und verſchlucke eine Stachelbeere!“ „Nein,“ ſagte Richard,„ich befahl niemals jeman⸗ den etwas, was ich nicht ſelbſt thun könnte.“ Und ohne wei⸗ tere Ceremonie und trotz der allgemeinen Widerreden der Umſtehenden und des ehrfurchtsvollen Widerſtrebens des Nubiers ſelbſt, legte der König von England ſeine Lippen an die Wunde des ſchwarzen Sclaven, indem er alle Wi⸗ derreden als lächerlich darſtellte, und jeden Widerſtand vergeblich machte. Aber kaum hatte der König eine Pauſe 144 in ſeiner ſonderbaren Beſchäftigung gemacht, als der Nu⸗ bier zurücktrat, eine Schärpe über ſeinen Arm warf, und durch Bewegungen, die ſowohl ſeine Feſtigkeit, als ſeine Achtung beurkundeten, ſeinen Eniſchluß mittheilte, dem Monarchen nicht zu erlauben, eine ſo entwürdi⸗ gende Beſchäftigung zu unternehmen. Auch Long Allen legte ſich ins Mittel, indem er ſagte, daß, wenn es nöthig wäre, um den König zu verhindern, daſſelbe noch einmal zu thun, ſeine Lippen, Zunge und Zähne dem Neger zu Dienſten ſtünden, ja daß er ihn ſogar lieber mit Haut und Haaren aufſpeiſen wolle, als daß der Mund des König Richards ihn wieder berühren ſollte. Neville, der mit andern Hofbeamten eintrat, fügte ebenfalls ſeine Vorſtellungen hinzu. „Nun, nun, macht nur keinen ſo unnützen Lärm wegen einer Spur, die die Hunde verloren haben, oder einer Gefahr, welche vorüber iſt,“ ſagte der König. „Die Wunde iſt unbedeutend, denn kaum fließt Blut; eine wilde Katze hätte tiefer gekratzt; und was mich betrifft, ich brauche nur der Vorſicht wegen eine Drach⸗ me Weinſtein zu nehmen, wenn es ſchon überflüſſig iſt.“ So ſprach Richard, der ſich vielleicht ſeiner eige⸗ nen Herablaſſung ein wenig ſchämte, wenn ſchon, ſo⸗ wohl Menſchlichkeit als Dankbarkeit ſie rechtfertigte⸗ Als aber Neville fortfuhr, Vorſtellungen wegen der Gefahr zu machen, die ſeine königliche Perſon bedroh⸗ te, ſo legte ihm der König Stillſchweigen auf. „Schweig nur ſtill, ich bitte dich, ſprich nichts mehr davon. Ich that es blos, um dieſen unwiſſen⸗ den vorurtheilsvollen Burſchen zu zeigen, wie ſie ſich gegenſeitig helfen können, wenn dieſe feigen Meuchel⸗ morder uns mit vergifteten Pfeilen und Speeren an⸗ greifen.— Aber“ fügte er hinzu,„nimm dieſen Nu⸗ bier mit dir, Neville, ich habe meine Meinung von ihm geändert; ſorge dafür, daß er wohl gehalten wird, aber horch, laß dir ſagen, gib Achtung, daß er dir nicht entläuft— es ſteckt mehr in ihm als da ſcheine⸗ 1 es — 145 Gewähre ihm alle mögliche Freiheit, doch ſorge dafür, daß er das Lager nicht verlaſſen kann Und ihr Fleiſch⸗ freſſende, Wein ſaufende, engliſche Maſtochſen, geht wie⸗ der zu Eurer Wache zurück, und ſorget dafuͤr, daß Ihr ſie aufmerkſamer haltet. Glaubt nur nicht, Ihr wäret in Eurem eigenen ſchönen Lande, wo man ſich erſt beſpricht, ehe man ſchlägt, und ſich die Hände ſchüttelt, ehe man ſich die Gurgel abſchneidet. In unſerem Lande geht die Gefahr offen einher und mit gezogenem Schwerdte, und fordert den Feind auf, den ſie angreifen will. Aber hier fordert man mit ſeide⸗ nen Damen⸗ ſtatt mit Stahl⸗Handſchuhen heraus; ſchneidet Euch die Gurgel mit einer Turteltaubenfeder ab, erſticht Euch mit der Spitze von der Schnalle ei⸗ nes Prieſters, oder erwürgt Euch mit dem Schnürrie⸗ men von der Schnürbruſt einer Danfe. Geht,— hal⸗ tet Eure Augen offen und Eure Mäuler zu,— trinkt weniger und ſeht ſchärfer um Euch; oder ich will Eu⸗ ren ausgeſtopften Magen ſo knapp halten, daß kaum ein geduldiger Schotte es ertragen könnte.“. Die Bogenſchützen zogen ſich beſchämt und reue⸗ voll nach ihren Poſten zurück, und Neville wollte eben ſeinem Herrn die Gefahr vorſtellen, daß er eine Nach⸗ läßigkeit in ihrer Pflicht den Soldaten ſo leicht hin⸗ gehen ließ, und wie nothig es ſey ein Beiſpiel an den Wachen zu ſtatuiren, welche eine ſo ver dächtige Perſon wie den Marabout ſich ſeiner Perſon auf Dolchslänge hatte nähern laſſen, als Richard ihn unterbrach: „Sprich nicht davon Neville— ſollte ich die Gefahr, die meine eigene Perſon lief, ſtrenger beſtrafen, als den Verluſt von Englands Banner? Es iſt geſtohlen worden, geſtohlen von einem Dieb, oder überliefert von einem Verräther, und kein Blut iſt dafür vergoſſen worden.— Mein ſchwarzer Freund, der erlauchte Sul⸗ tan ſagt: Du wäreſt ein Ergründer der Geheimniße; nun wollte ich Dir aber ſo viel Gold geben, wie Du ſelbſt wiegſt, wenn Du mir durch die Künſte eines W. Scott's Werke. VIII. 10. 146 ſchwärzern wie Du, oder durch irgend ein anderes Mittel den Dieb anzeigen könnteſt, der meine Ehre alſo beleidigte. Was ſagſt Du? ha!“ Der Stumme ſchien gerne ſprechen zu wollen, murmelte aber nur jenen unverſtändlichen Laut, der ſeiner trüben Lage angemeſſen war, dann faltete er die Hände, ſah den König an, als verſtünde er ihn, und ſchuͤttelte zur Antwort auf ſeine Frage. „Wie“ ſagte Richard mit freundiger Ungeduld, „willſt Du es unternehmen, mir dieſe Sache zu ent⸗ decken?“ Der nubiſche Sclave wiederholte dieſelbe Bewegung. „ Aber wie ſollen wir einander verſtehen,“ ſagte der Kbnig.„Kannſt Du ſchreiben, guter Burſche?“ Der Sclave ſchüttelte wieder bejahend. „Gib ihm ein Schreibzeug,“ ſagte der König.„Es war zwar in meines Vaters Zelt leichter zur Hand, als in dem meinigen— aber irgendwo muß es doch ſeyn, wenn dieſes glühende Klima die Tinte nicht ausge⸗ trocknet hat. Wahrhaftig dieſer Burſche iſt ein Juwel, ein ſchwarzer Diamant Neville.“ „Wenn ich es aufrichtig ſagen darf, mein gnaͤ⸗ digſter Herr.“ ſagte Neville,„und wenn ich ſprechen darf, wie ich es fühle, ſo iſt das nicht gut gehandelt. Der Mann müßte ein Hexenmeiſter ſeyn, und Hexen⸗ meiſter unterhandeln mit dem boſen Feinde, der den größten Nutzen davon hat, Unkraut unter den Wai⸗ tzen zu ſäen/ Spaltungen in unſern Rath zu bringen⸗ „Still Neville“ ſagte Richard,„ruf deinem nord⸗ ländiſchen Hunde zu, wenn er nah' an der Spur des Wildes iſt, und du kannſt hoffen, ihn zurückzurufen, aber glaube nicht einen Plantagenet aufhalten zu kön⸗ ven adenn er Hoffnung hat, ſeine Ehre wieder zu fin⸗ en. Der Sclave, der während dieſer Unterredung ge⸗ ſchrieben hatte, was ihm ſehr leicht von Statten zu ge⸗ hen ſchien, ſtand nun auf, druͤckte ſeine Schrift an die —— —— 147 Stirne und verbeugte ſich wie gewöhnlich, ehe er ſie dem Könige überlieferte. Die Schrift war auf franzöſiſch ver⸗ faßt, obzwar ihre Unterredung bisher vom Richard in der lingua franca geführt worden war. 4 „An Richard dem eerobernden, unüberwindlichen Konig von England, dieſes von dem niedrigſten ſeiner Sclaven. Geheimniſſe ſind das verſiegelte Schatzkäſtlein des Himmels, aber die Weisheit kann Mittel erdenken, das Schloß zu öffnen. Würde Euer Sclave dahin ge⸗ ſtellt, wo die Fübrer des Heeres in Ordnung bei Euch vorübergingen, ſo zweifelt nicht, daß wenn der, welcher das Verbrechen verübte, worüber ſich mein König be⸗ klagt, unter der Anzahl ſeyn ſollte, er unter ſeiner Larve entdeckt werden ſoll, und wäre er auch unter ſieben Schleier verborgen.“ 5 „Nun beim St. Georg! ¹I ſagte König Richard, „Du haſt ein Wort zur rechten Zeit geſprochen. Du weißt Neville, daß wenn wir morgen unſere Truppen muſtern, die Fürſten ihre Einwilligung dazu gegeben haben, daß die Heerführer bei unſerer neuen Standarte vorbeigehen ſollen, wenn ſie auf dem St. Georgen⸗ Berge weht, um ſie mie der gebührenden Achtung zu begrüßen, und die Beleidigung auszuſöhnen, welche England durch den Diebſtahl ſeines Paniers erlitten hat. Glaube mir, der geheime Verräther wird es nicht wagen, bei einer ſo feierlichen Reinigung zurückzublei⸗ ben, weil ſonſt ſeine Abweſenheit ſelbſt ihn verdächtig machen würde. Dort wollen wir unſen ſchwarzen Rathsmann hinſtellen, und kann ſeine Kunſt den Elen⸗ den entdecken, ſo iſt es meine Sache, fertig mit ihm zu werden.“ „Mein königlicher Herr,“ ſagte Neoille mit der Offenbeit eines engliſchen Freiherrn,„bedenkt wohl, was Ihr da anfangt. Die Einigkeit iſt unerwartet ſchnell in unſerem Bund wieder hergeſtellt worden— wollt Ihr auf einen Verdacht, den ein Neger⸗Sclave hegt, die Wunde wieder aufreißen, die erſt kürzlich 10.. 148 verharſchte,— oder wollt Ihr den feierlichen Aufzug, der zu Eurer Ehre, und zur Wiederherſtellung der Ueber⸗ einſtimmung unter den uneinigen Fürſten angeſtellt wird, zu einem Mittel benutzen, von neuem Urſachen zu Beleidigungen herauszufinden, und einen alten Streit wieder ins Leben zu rufen? Es wäre kaum zu viel, wenn ich ſage, daß es ein Treubruch an der Erklä⸗ rung iſt, welche Eure Majeſtät vor dem verſammelten Rathe des Kreuzzuges abgelegt haben“ „Neville“ ſagte der König, indem er ihn ernſt unterbrach,„dein Eifer macht dich voreilig und un⸗ höflich. Nie verſprach ich, mich irgend eines Mittels zu enthalten, um den niederträchtigen Angreifer mei⸗ ner Ehre zu entdecken. Che ich das gethan hätte, würde ich auf mein Königreich, auf mein Leben verzichtet haben. Alle meine Erklärungen geſchahen unter dieſem nothwendigen, ausdrücklichen Vorbehalt;— blos wenn Oeſterreich vorgetreten wäre, und ſein Unrecht männlich eingeſtanden hätte, ſo würde ich ihm, der Chriſtenheit wegen, verziehen haben.“ 3 „Aber“ fuhr der Baron ängſtlich fort,„es iſt zu erwarten, daß dieſer zauberiſche Sclave des Saladin nicht ehrlich mit Eurer Majeſtät verfahren wird 2 „Stille, Neville,“ ſagte der König;„Du hältſt Dich ſelbſt für gewaltig weiſe, und biſt doch nur ein Narr.— Es ſteckt mehr hinter ihm, als dein weſtmoreländiſcher Witz ſich einbilden kann. Und du ſchwarzer, ſtiller Sclave bereite dich vor, die That auszuüben, die Du verſprochen haſt, und bei meinem königlichen Worte, Du ſollſt Dir deine Belohnung ſelbſt wählen dürfen. Still, er ſchreibt wieder.“ Wirklich ſchrieb der Stumme, und überlieferte dem König auf dieſelbe Weiſe wie zuvor, ein anderes Stück⸗ chen Papier, das folgende Worte enthielt:„Des Kö⸗ nigs Wille iſt des Sclaven Befehl; auch ziemt es ihm nicht, einen Preiß für die Erfüllung ſeiner Pflicht zu fordern.“ 4 „Preiß und Pflicht!“ ſagte der König, indem er 1 149 ſich im Leſen unterbrach und mit Neville engliſch ſprach, —„Diele morgenländiſchen Nationen ziehen Nutzen von den Kreuzfahrern— ſie lernen die Ritterausdrücke. Aber ſieh doch Neville, wie verwirrt der Burſche aus⸗ ſieht— wenn er nicht ſchwarz wäre, ſo würde er, glaube ich, erröthen. Es ſollte mich nicht wundern, wenn er derſtehi, was ich ſage— ſie ſind gefährliche Sprach⸗ enner.“ „Der arme Sklave kann den Blick Ew. Majeſtät nicht ertragen.“ ſagte Neville,„nichts weiter.“ „Gut“ ſagte der König, indem er mit dem Fin⸗ ger auf das Papier ſchlug,„aber dieſe kühne Rolle ſant ferner, daß unſer getreuer Stummer mit einer Bot⸗ ſchaft vom Saladin an die Lady Editha Plantagenet beauftragt iſt, und um Mittel und Gelegenheit bittet, ſie auszurichten. Was hältſt du von ſo einer beſcheide⸗ nen Bitte— was, Neville?“,. „Ich weiß nicht,“ erwiederte jener,„wie Ewr. Gnaden dieſe Frechheit aufnehmen wird; aber das weiß ich, daß der Bote, der eine ſolche Birte von Ewr. Ma⸗ jeſtät an den Sultan brächte, ſicher um einen Kopf klei⸗ ner würde.“ „Nun, ich danke dem Himmel dafür, daß ich kein Gelüſte nach ſeinen ſchwärzlichen Schönheiten habe, ſagte Richard; und den Burſchen zu beſtrafen, der eben ſeines Herrn Botſchaft ausrichtete und zwar in dem⸗ ſelben Augenblick, wo er mir das Leben rettete— höre, das ſcheint mir doch auch eben nicht ganz löblich ge⸗ than. Neville, ich will Dir ein Geheimniß anver⸗ trauen.— Denn obzwar unſer ſchwarzer, ſtiller Freund gegenwärtig iſt, ſo kann er es doch, wie Du wohl weißt, nicht weiter erzählen, ſelbſt wenn er es vielleicht verſte⸗ hen ſollte— ich muß Dir alſo ſagen, daß ich in den letzten vierzehn Tagen einem ſeltſamen Zauber unter⸗ liege, den ich ſehr gern gelößt ſähe. Kaum hat mir jemand einen guten Dienſt geleiſtet, ſieh! ſo ſchadet er ſich gleich mit einer großen Beleidigung, die er mir zufugt; wiederum iſt derienige, welcher wegen eines Un⸗ 15⁰ rechts oder einer Beleidigung den Dod verdient hat, ſicher und gewiß dieſelbe Perſon, die mir eine Verbind⸗ lichkeit auferlegt, die ihr Vergehn überwiegt und dem, trotz ſeines Verbrechens, meine Eyre zur Schuldnerin wird. Siehſt Du, ſo bin ich des ſchönſten Theils meiner königlichen Gewalt beraubt, da ich weder be⸗ ſtrafen noch belohnen kann. Bis nun der Einfluß die⸗ ſes böſen Planeten vorüber iſt, will ich über die Bitte unſeres ſchwarzen Freundes gar nichts weiter ſagen, als daß ſie ungewöhnlich kühn, und daß das beſte Mittel Gnade in unſeren Augen zu finden das iſt, wenn er die Entdeckung, zu der er ſich erboten hat, wirklich zu Stande bringt. Unterdeſſen hab' Acht auf ihn, Ne⸗ ville, und laß ihn ordentlich verſorgen.— Aber horch,“ ſagte er leiſe lispelnd zu ihm,„ſuche mir den Ere⸗ miten von Engaddi auf, und bring ihn her, er ſey nun ein Heiliger oder ein Wilder, ein Toller oder Vernuͤnf⸗ tiger. Führe ihn mir in einer Privatandienz vor.“ Neville verließ alſo nachdem er dem Nubier ge⸗ winkt hatte, das königliche Zelt, erſtaunt über das was er gehört und geſehn hatte, und beſonders über das ungewöhnliche Betragen des Königs. Im Allgemeinen war nichts leichter als dem Strome der Empfindungen und Gefühle zu folgen, welche Richard beſeelten, ob⸗ gleich es in manchen Fällen ſchwer war, ihre Dauer zu be⸗ ſtimmen; denn kein Wetterhahn folgt dem veränder⸗ ten Winde leichter als der König dem Erguß ſeiner Leidenſchaften. Aber bei dieſer Gelegenheit, ſchien er ungewöhnlich zurückhaltend und geheimnißvoll, ſo daß man nicht leicht errathen konnte, ob in ſeinem Betragen gegen ſeinen neuen Diener, und in den Blicken, die er ihm von Zeit zu Zeit zuwarf, Ungnade oder Wohl⸗ wollen vorherrſchte. Der ſchnelle Dienſt, welchen der König dem Nubier geleiſtet hatte, um den ſchlimmen Folgen ſeiner Verwundung vorzubeugen, hätte viel⸗ eicht in ſeinen Augen die Verbindlichkeit aufgewogen, die er ihm ſchuldig war, weil der Sclave den Streich des Mörders aufgefangen hatte; aber es ſchien gls — — 151 wenn eine noch viel ältere Rechnung zwiſchen beiden ab⸗ zumachen ſey, ſo daß der Monarch zweifelte, ob ihn der Abſchluß als Gläubiger oder als Schuldner dar⸗ ſtelle, und daß er ſich unterdeſſen neutral verhalte. Was aber den Nubier betraf, ſo glaubte der Baron (durch welche Mittel der Sclave auch die Kunſt erlernt hätte eine Europäiſche Sprache ſchreiben zu lernen), daß wenigſtens die engliſche Mundart ihm unbe⸗ kannt ſeyn müßte, da er ihn bei dem letztern Theil der Unterredung ſcharf beobachtet hatte, und feſt glaubte, daß es unmöglich wäre, einer Unterredung zuzuhören, deren Gegenſtand man iſt und dabei ſo völlig theil⸗ nahmslos zu ſcheinen. — 5..——* ——