N N 8 I N N Alſhſtt CeEiii Sat Seeuee Böoſze. Snnnn, All⸗ iiken nena nm Sipee, auke bvie ue, Wimeegtset Lad Walter Scott's ſaͤmmtliche W e r k e, Neu uͤberſetzt. Siebenter Band. Erzaͤhlungen von den Kreuzfahrern. Zweyte Erzaͤhlung. Der Talizman.,. — Zweyter Theil. Stutrtgart, bei Gebruder Franckh. 1 8 2 6. Erzihinngeg von den Kreuzfahrern. Zweyte Erzaͤhlung. Der Talisman. Vom Verfaſſer des Waverle y. —— Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Auguſt Schaͤfer. Zweytes Baͤndchen. —õᷓ — Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1826. V —— Erzaͤhlungen von den Kreuzfahrern. Zweyte Erzaͤhlung. Der Talisman. Erſtes Kapitel. Der Britte auf dem Marſche ſich— Nie ſchloß dem Schotten an, 5 Wunder doch, wenn auf den Straſſen Blut Wie Regenguß nicht rann! Schlacht von Otterbourne. Eine anſehnliche Schaar ſchottiſcher Krieger war zu den Kreuzfahrern geſtoßen, und hatte ſich, wie natuͤr⸗ lich, unter den Oberbefehl des engliſchen Monarchen geſtellt, indem ſie, gleich ſeinen einheimiſchen Trup⸗ pen, dem ſachſiſchen und normaͤnniſchen Stamme an⸗ gehoͤrten, dieſelbe Sprache redeten, zum Theil ſowohl engliſche als ſchottiſche Domainen beſaßen, und in man⸗ chen Faͤllen durch Bande des Blutes und Wechſel⸗Heu⸗ rathen mit einander verbunden waren. Auch gieng der Zeitraum vorher, in welchem der weit ſtrebende Ehr⸗ 8 2. 6 geiz Eduard J. den Kriegen zwiſchen den beyden Na⸗ tionen einen grauſamen und giftigen Charakter lieh; denn die Englaͤnder fochten fuͤr die Unterjochung Schott⸗ innds, und die Schotten mit der ganzen ernſten Ent⸗ ſchloſſenheit und Hartnaͤckigkeit, die ihrer Nation ſtets eigen war, fuͤr die Vertheidigung ihrer Unabhaͤngigkeit, durch die gewaltſamſten Mittel unter den unguͤnſtigſten Umſtaͤnden, und mit der groͤſten Verwegenheit. Bis⸗ her waren die Kriege zwiſchen den beyden Nationen zwar wild und haͤufig, allein doch nach den Grundſaͤtzen offe⸗ ner Feindſeligkeit gefuͤhrt worden, und geſtatteten jene mildernden Schattirungen, wodurch Hoͤflichkeit und die Achtung fuͤr offene und großmuͤthige Feinde die Schre⸗ cken des Krieges lindern. In Friedenszeiten, und be⸗ ſonders wenn beyde Nationen, wie gegenwaͤrtig, in ei⸗ nen Krieg verwickelt waren, der fuͤr eine gemeinſchaft⸗ liche und ihnen durch ihre religioͤſen Ideen theuer ge⸗ wordenen Sache gefuͤhrt wurde, fochten daher die Krie⸗ ger beyder Laͤnder nicht ſelten neben einander, und ihre National⸗Eiferſucht munterte ſie bloß auf, einander in ihren Anſtrengungen gegen den gemeinſchaftlichen Feind zu uͤbertreffen.“ Der offene und kriegeriſche Charakter Richards, der zwiſchen ſeinen Unterthanen, und denen Alexanders von Schottland keinen andern Unterſchied machte, als der aus ihrem Betragen auf dem Schlachtfelde hervorgieng, trug viel dazu bey, die Truppen beyder Nationen mit einander zu verſoͤhnen. Allein in Folge ſeiner Krank⸗ „ 7 heit, und der nachtheiligen Umſtaͤnde, in welche ſich die Kreuzfahrer verſetzt ſahen, begann ſich die Nationalzwie⸗ tracht zwiſchen den verſchiedenen zum Kreuzzuge verei⸗ nigten Corps zu entwickeln, gerade wie alte Wunden am menſchlichen Koͤrper von Neuem aufbrechen, wenn Krankheit oder Schwaͤche auf ſie einwirken. Die Schotten und Englaͤnder, die in gleichem Grade eiferſuͤchtig, ſtolz und leicht zu beleidigen waren,— die erſtern um ſo mehr, als ſie die aͤrmere und ſchwaͤchere Nation waren, begannen den Zeitpunkt, in welchem ihnen der Waffenſtillſtand verbot, ſich gemeinſchaftlich an den Saracenen zu raͤchen, durch innere Zwiſtigkeiten auszufuͤllen. Gleich den kaͤmpfenden, roͤmiſchen Anfuͤh⸗ rern der alten Zeit, wollten die Schotten keine Ober⸗ macht anerkennen, und ihre ſuͤdlichen Nachbarn nichts von Gleichheit wiſſen. Es gab Anklagen und Gegenbe⸗ ſchuldigungen, und ſowohl die gemeinen Soldaten, als ihre Anfuͤhrer und Befehlshaber, die zur Zeit des Sie⸗ ges gute Cameraden geweſen waren, haderten mit ein⸗ ander zur Zeit der Widerwaͤrtigkeit, als ob jetzt ihre Ei⸗ nigkeit, ſowohl zum gluͤcklichen Fortgange ihrer ge⸗ meinſchaftlichen Sache, als auch zu ihrer gemeinſa⸗ men Sicherheit nicht nothwendiger, als je, geweſen waͤre. Dieſelbe Uneinigkeit hatte ſich zwiſchen den Franzoſen und Englaͤndern, den Italienern und den Deutſchen, und ſelbſt zwiſchen den Daͤnen und Schweden zu zeigen begonnen; allein bloß mit derjenigen, welche die bey⸗ den auf Einer Inſel geborenen Voͤlker, die eben deß⸗ 8 wegen feindlicher gegen einander geſinnt zu ſeyn ſchienen, trennte, hat ſich unſere Erzaͤhlung hauptſachlich zu be⸗ faſſen.— Unter allen den engliſchen Edeln, welche ihrem Koͤ⸗ nige nach Palaͤſtina gefolgt waren, war de Vaurx am meiſten gegen die Schotten eingenommen; ſie waren ſeine nahen Nachbarn, mit denen er ſein ganzes Leben hin⸗ durch in geheime oder oͤffentliche Fehden verwickelt ge⸗ weſen war, und denen er manchen Schaden zugefuͤgt, wie auch ſeinerſeits von ihnen nicht wenig erduldet hatte.. Seine Liebe und Exgebenheit gegen den Koͤnig gliech der lebhaften Auhaͤnglichkeit des alten engliſchen Ketten⸗ hundes an ſeinen Herrn, die ihn muͤrriſch und unzu⸗ gaͤnglich gegen alle andern machte, ſelbſt gegen diejeni⸗ gen, welche ihm gleichguͤltig waren, wild und gefaͤhr⸗ lich aber gegen die, wider welche er ein Vorurtheil hegte. De Vaux hatte nie ohne Eiferſucht und Mißfallen auf jedes Zeichen von Gefaͤlligkeit oder Gunſt geblickt, das ſein Koͤnig an die boshafte, truͤgeriſche und wilde Men⸗ ſcheurace verſchwendete, die jenſeits eines Fluſſes, oder einer eingebildeten durch Wuͤſten und Wildniſſe gezoge⸗ nen Graͤnzlinie geboren ward, und er zweifelte ſelbſt an dem Erfolge eines Kreuzzuges, bei welchem ſie die Waf⸗ fen tragen durften, indem er ſie in ſeinem Herzen fuͤr wenig beſſer hielt, als die Saracenen, die er bekaͤmpfen wollte. Es kann hinzugefuͤgt werden, daß er, als ein derber und gerader Englaͤnder, der nicht gewohnt war, 8 4 5 die geringſte Zuneigung von Liebe oder Mißfallen zu ver⸗ bergen, die glattzuͤngige Hoͤflichkeit, welche die Schotten entweder ihren haͤufigen Bundsgenoſſen, den Franzoſen, nachgeahmt, oder in Folge ihres eigenen ſtolzen und zuruͤckhaltenden Charakters ſelbſt angenommen hatten, als ein falſches und hinterliſtiges Zeichen der gefaͤhrlich⸗ ſten Abſichten gegen ihre Nachbarn betrachtete, uͤber die ſie, wie er mit aͤchter engliſcher Zuverſicht glaubte, durch offene Mannhaftigkeit nie einen Vortheil erringen konn⸗ ten. Obgleich jedoch de Vaur dieſe Geſinnungen gegen ſeine noͤrdlichen Nachbarn hegte, und ſie mit geringer Einſchraͤnkung auf alle diejenigen ausdehnte, welche das Kreuz genommen hatten, ſo hinderte ihn doch ſeine Ach⸗ tung fuͤr den Koͤnig und ein gewißes Gefuͤhl der ihm durch ſein Geluͤbde als Kreuzfahrer auferlegten Pflicht, ſie anders, als dadurch an den Tag zu legen, daß er regelmaͤßig allen Verkehr mit ſeinen ſchottiſchen Waffen⸗ bruͤdern vermied— ein muͤrriſches Stillſchweigen beobach⸗ tete, wenn er gelegenheitlich mit ihnen zuſammentraf, und veraͤchtlich und hoͤhniſch auf ſie hinblickte, wenn ſie ihm auf dem Marſche oder im Lager begegneten. Die ſchottiſchen Barone und Ritter waren nicht die Leute, die ſeine Verachtung unbemerkt oder unerwiedert ließen; und es kam ſo weit, daß er als der erklaͤrte und thaͤtige Feind einer Nation betrachtet wurde, die ihm, alles genau erwogen, nur mißfiel, und einigermaßen veraͤchtlich ſchien. Ja, genauere Beobachter bemerkten⸗ 7 10 daß, wenn er nicht die, von der Schrift gebotene Naͤchſtenliebe, welche lange duldet und milde richtet, gegen ſie hegte, er doch keineswegs der untergeordneten und beſchraͤnkten Tugend ermangelte, welche den Beduͤrf⸗ niſſen anderer millddthaͤtig abhilft. Der Reichthum Thomas von Gilsland verſchaffte Mundvorraͤthe und Arzneymittel, und einige davon floſſen gewoͤhnlich durch geheime Canaͤle in die Quartiere der Schotten; ſein muͤrriſches Wohlwollen beruhte auf dem Grund⸗ ſatze, daß naͤchſt dem Freunde eines Menſchen, ſein Feind ihm am wichtigſten ſeyn muͤſſe, und er dabey alle dazwiſchen ſtehenden Verhaͤltniſſe, als keines Ge⸗ dankens wuͤrdig, uͤbergehen muͤſſe. Dieſe Erklaͤrung iſt noͤthig, damit der Leſer voͤl⸗ lig verſtehen kann, was wir jetzt erzaͤhlen wollen. Thomas de Vaux hatte den Eingang des koͤnig⸗ lichen Zeltes noch nicht weit uͤberſchritten, als er wahrnahm, was das weit ſchaͤrfere Ohr des engliſchen Monarchen, der mit der Kunſt der Minſtrels nicht wenig bekannt war, ſogleich entdeckt hatte, nehmlich, daß die Muſik, die bis zu ihnen gedrungen war, von den Pfeifen, Schalmeyen und Pauken der Saracenen herruͤhrte; und im Hintergrunde eines breiten, von den Zelten gebildeten Ganges konnte er einen Haufen muͤßiger Krieger erblicken, die um den Ort verſammelt waren, wo die Muſik gehoͤrt wurde, faſt im Mittelpunkte des Lagers. Auch ſah er, zu ſeinem großen Erſtau⸗ — 4 11 nen, unter dem von den Kreuzfahrern verſchiedener Nationen getragenen Helmen von mannigfaltiger Geſtalt weiße Turbane und lange Piken, was von der Gegenwart bewaffneter Saracenen zeugte, und die großen, unfoͤrmlichen Koͤpfe mehrerer Kameele oder Trampelthiere, die mit Huͤlfe ihrer langen un⸗ verhaͤltnißmaͤßigen Haͤlſe die Menge weit uͤberblickten. Verwundert und mißvergnuͤgt uͤber einen ſo un⸗ erwarteten und ſonderbaren Anblick, ſah ſich der Ba⸗ ron begierig nach jemand um, den er um die Ur⸗ ſache dieſer beunruhigenden und neuen Erſcheinung fragen koͤnnte. Die erſte Perſon, die auf ihn zukam, erkannte er an ihrem gravitaͤtiſchen und ſtolzen Gange ſogleich fuͤr einen Spanier oder Schotten; und unmittelbar darauf murmelte er vor ſich hin—„ein Schotte iſt's— der vom Leoparden,— ihn habe ich, fuͤr ei⸗ nen ſeines Landes wenigſtens, ziemlich gut fechten ſehen.“— Abgeneigt, ſelbſt nur eine fluͤchtige Frage an ihn zu richten, war er im Begriff, an Sir Kenneth mit jener muͤrriſchen und finſtern Miene voruͤberzugehen, die zu ſagen ſchien: ich kenne Dich, aber ich mag keine Gemeinſchaft mit Dir haben;— allein ſeine Abſicht ward durch den Schotten vereitelt, der gerade⸗ wegs auf ihn zuging und ihn mit ſteifer Hoͤflichkeit anredete:„Mein Lord de Vaur von Gilsland, ich habe den Auftrag mit Euch zu ſprechen.“ 12 „Ha!“ erwiederte der engliſche Baron,„mit mir? Allein ſprecht Euer Verlangen aus; nur macht wenig Worte— ich habe einen koͤniglichen Auft rag zu vollfuͤhren.“ 3 „Der meinige beruͤhrt den Koͤnig Richard noch naͤher,“ antwortete Sir Kenneth;„ich bringe ihm, hoffe ich, Geſundheit.“ Der Lord von Gilsland maß den Schotten mit unglaͤubigen Augen und erwiederte:„Du biſt kein Arzt, denke ich, Herr Schotte. Faſt haͤtte ich ge⸗ glaubt, Ihr braͤchtet dem Koͤnige von England Reich⸗ thum.“ 4— Obſchon dem Ritter die Art der Antwort des Barons auffiel, ſo entgegnete er doch in ruhigem Tone:„Geſundheit fuͤr Richard iſt Ruhm und Reich⸗ thum fuͤr die Chriſtenheit.— Allein die Zeit draͤngt mich; ich bitte Euch, kann ich den Koͤnig ſprechen?“ „Sicherlich nicht eher, werther Herr,“ ſagte der Baron,„als bis ich mit Eurem Auftrage ge⸗ nauer bekannt bin. Die Krankenzimmer der Fuͤrſten oͤffnen ſich nicht allen, die es verlangen, gleich ſchot⸗ tiſchen Wirthshaͤuſern.“ „Mylord,“ ſagte Kenneth,„das Kreuz, das ich gemeinſchaftlich mit Euch trage, und die Wichtig⸗ keit meines Auftrags muß mich, fuͤr jetzt, bewegen, ein Betragen zu uͤberſehen, das ich ſonſt nicht erdul⸗ det haben wuͤrde. Frey geſprochen, ich bringe einen 84 3 13 mauriſchen Arzt mit, der eine Kur an Koͤnig Ri⸗ chard vornehmen will.“ „Einen mauriſchen Arzt!“ ſagte de Vaux,„und wer buͤrgt dafuͤr, daß er nicht Gift ſtatt der Arzney bringt?“ „Sein eigenes Leben, Herr Baron,— ſein Kopf, den er als Unterpfand anbietet.“ „Ich habe manchen entſchloſſenen Schurken ge⸗ kannt,“ ſagte de Vaux,„der ſein Leben ſo gering an⸗ ſchlug, als es werth war, und ſo froͤhlich nach dem Galgen zog, als ob der Henker ein Taͤnzchen mit ihm haͤtte machen wollen.“ „Allein die Sache verhaͤlt ſich alſo, Mylord,“ erwiederte der Schotte.„Saladin, dem niemand den Ruf eines edelmuͤthigen und tapfern Feindes ſtreitig machen wird, hat dieſen Arzt mit einem, der hohen Achtung, in welcher El Hakim beim Sul⸗ tan ſteht, angemeſſenen, ehrenvollen Gefolge,— mit Fruͤchten und Erfriſchungen fuͤr des Koͤnigs Privat⸗ zimmer— und einer Botſchaft hierhergeſchickt, die wohl zwiſchen edlen Feinden ſtatt finden kann, indem er ſeine Geneſung wuͤnſcht, damit er um ſo eher im Stande ſey, einen Beſuch anzunehmen, den ihm der Sultan mit ſeinem bloßen Saͤbel in der Hand, und hunderttauſend Streitern hinter ſich, abſtatten will. Wollt Ihr, da Iyr zum geheimen Rathe des Koͤ⸗ 14 nigs gehoͤrt, die Guͤte haben, dieſe Kameele abladen und einige Vorkehrungen zum Empfange des gelehr⸗ ten Arztes treffen zu laſſen?“ 1 „Wunderbar!“ ſagte de Vaux zu ſich ſelbſt.— „Und wer will fuͤr Saladins Ehre buͤrgen, wenn Treuloſigkeit ihn mit Einem Schlage von ſeinem maͤchtigſten Gegner befreyen wuͤrde?“ „Ich ſelbſt will mich mit Ehre, Leben und Gut fuͤr ihn verbuͤrgen.“ „Sonderbar!“ rief de Vaux wieder aus;„der Nordlaͤnder verbuͤrgt ſich fuͤr den Suͤdlaͤnder— der Schotte fuͤr den Tuͤrken!— Darf ich fragen, Herr Ritter, wodurch Ihr veranlaßt wurdet, Euch in dieſe Angelegenheit zu mengen?“ „Ich war,“ erwiederte Sir Kenneth,„auf ei⸗ ner Pilgerfahrt, wobey ich zugleich einen Auftrag an den heiligen Einſiedler von Engaddi hatte.“ „Koͤnnte der Gegenſtand deſſelben, Herr Ritter, und die Antwort des heiligen Mannes mir nicht mit⸗ getheilt werden?“ „Das kann nicht ſeyn, Mylord,“ erwiederte der Schotte. 1 „Ich gehoͤre zum geheimen Rathe von England,“ ſagte der Englaͤnder in ſtolzem Tone. „Dieſem Lande habe ich keinen Gehorſam ge⸗ ſchworen,“ ſagte Kenneth.„Ob ich ſchon dem eng⸗ liſchen Monarchen freywillig in dieſen Krieg gefolgt bin, ſo wurde ich doch von der allgemeinen Raths⸗ 15 verſammlung der Koͤnige, Fuͤrſten und Oberbefehls⸗ haber der Armee des geſegneten Kreuzes abgeſandt, und ihnen allein habe ich Botſchaft zu uͤberbringen.“ „Ha! was ſagſt du?“ erwiederte der ſtolze Ba⸗ ron.„Doch wiſſe, magſt du auch Botſchafter der Kö⸗ nige und Fuͤrſten ſeyn, ſo ſoll ſich doch kein Arzt dem Krankenbette Richards von England naͤhern, ohne daß der von Gilsland ſeine Einwilligung dazu gegeben hat; und wer ſich gegen dieſelbe einzudraͤn⸗ gen wagt, wird mit ſeiner Botſchaft uͤbel ankommen.“ Er wollte ſich ſtolz wegwenden, als der Schotte ihm naͤher und mehr gegenuͤber trat, und ihn in ru⸗ higem, aber ſtolzem Tone fragte, ob der Lord von Gilsland ihn fuͤr einen Edelmann und aͤchten Ritter halte. 4 „Alle Schotten ſind durch ihr Geburtsrecht gea⸗ delt,“ antwortete Thomas de Vaux etwas ironiſch; allein da er ſeine Ungerechtigkeit fuͤhlte und die Gluth auf Kenneths Angeſicht bemerkte, ſo fuͤgte er hinzu: „Es waͤre Suͤnde, zu zweifeln, daß Ihr ein guter Ritter ſeyd, wenigſtens fuͤr den, der Euch Eure Pflicht gut und wacker thun ſah.“ „Gut denn,“ ſagte der ſchottiſche Ritter, durch die Freymuͤthigkeit der letzt ern Erklaͤrung befriedigt, „rlaßt mich Euch nun ſchwoͤren, Thomas von Gils⸗ land, daß, ſo wahr ich ein aͤchter Schotte bin, — was ich fuͤr einen ſo großen Vorzug halte, als meinen alten Adel— und ſo wahr ich ein umguͤr⸗ 16 teter Ritter bin und hierher gekommen, um Lob und Ruhm in dieſem ſterblichen Leben, und Vergebung meiner Suͤnden in dem zukuͤnftigen zu erwerben— ſo wahr, und bey dem geſegneten Kreuze, das ich trage, betheure ich Euch, daß ich nur das Wohl des Richard Loͤwenherz wuͤnſche, indem ich die Dienſte des muſelmaͤnniſchen Arztes empfehle.“ Die Feyerlichkeit dieſer Erklaͤrung verfehlte ihre Wirkung auf den Englaͤnder nicht, und er antwor⸗ tete mit mehr Herzlichkeit, als bisher:„ſage mir, Ritter vom Leoparden, zugegeben(was ich nicht be⸗ zweifle) daß du ſelbſt in dieſer Sache uͤberzeugt biſt, iſt es wohl raͤthlich, in einem Lande, wo die Vergif⸗ tungskunſt ſo allgemein iſt, als die Kochkunſt, dieſen unbekannten Arzt ſeine Arzneywaaren auf einen Mo⸗ narchen anwenden zu laſſen, deſſen Geſundheit der Chriſtenheit ſo theuer iſt?“ „Mylord,“ erwiederte der Schotte,„ich kann nichts antworten, als daß mein Waffentraͤger, der einzige meines Gefolges, den mir Krieg und Krank⸗ heit gelaſſen haben, neulich an demſelben Fieber, das in der Perſon des tapfern Koͤnig Richard das Haupt⸗ glied unſrer heiligen Unternehmung entkraͤftet hat, gefaͤhrlich darnieder lag. Dieſer Arzt, dieſer El Ha⸗ kim, hat kaum ſeit zwei Stunden ſeine Kunſt an ihm verſucht, und bereits iſt er in einen erquickenden Schlaf geſunken. Daß er die verderbliche Krankheit heilen kann, bezweifle ich nicht; daß er auch den Willen 17 Willen dazu hat, iſt glaube ich durch ſeine Sendung vom Sultan verbuͤrgt, der treuherzig und bieder iſt, in ſo weit ein verblendeter Unglaͤubiger es ſeyn kann; und fuͤr den etwaigen Erfolg kann die Gewißheit der Belohnung, im Falle des Gelingens, und die Be⸗ ſtrafung, im Falle eines abſichtlichen Fehlſchlagens, eine hinlaͤngliche Gewaͤhr ſeyn.“ Der Englaͤnder hoͤrte mit zu Boden geſenkten Blicken zu, wie einer, der zweifelt, doch nicht ab⸗ geneigt iſt, ſich uͤberzeugen zu laſſen. Endlich blickte er auf und ſagte:„Kann ich Euren kranken Schild⸗ knappen ſehen, Herr Ritter?“ Der ſchottiſche Ritter zauderte und erroͤthete; doch antwortete er endlich:„ſehr wohl, Mylord von Gilsland; allein Ihr muͤßt Euch erinnern, wenn Ihr mein armſeliges Quartier ſeht, daß die ſchottiſchen Edeln und Ritter nicht ſo gut ſpeiſen, nicht ſo ſanft ſchlafen, und ſich nicht ſo ſehr um die Pracht der Wohnungen bekuͤmmern, als ihre ſuͤdlichen Nachbarn. Meine Wohnung iſt armſeelig, mein Lord von Gilsland;“ fuͤgte er mit einem ſtolzen Nachdrucke hinzu, und fuͤhrte ihn, nicht ohne, einigen Widerwil⸗ len, nach ſeinem einſtweiligen Wohnorte. So groß auch de Vaur's Vorurtheile gegen die Nation ſeines neuen Bekannten waren, und obſchon wir nicht laͤugnen wollen, daß einige derſelben durch die ſpruͤchwoͤrtliche Armuth dieſes Volkes erregt wor⸗ den waren, ſo beſaß er doch zu großen Edelmuth, W. Scott's Werke. VII. 2 18 als daß er ſich uͤber die Demuͤthigung eines biedern Mannes gefreut haͤtte, der ſich gendthigt ſah, eine Duͤrftigkeit aufzudecken, die ſein Stolz gerne ver⸗ borgen haͤtte. „Schande uͤber den Krieger des Kreuzes“ ſagte er,„der an weltlichen Glanz oder wolluͤſtige Bequem⸗ lichkeit denkt, wenn er zur Eroberung der heiligen Stadt vorruͤkt. Mag es uns auch noch ſo hart er⸗ gehen, wir werden doch noch immer beſſer daran ſeyn, als die Schaar der Maͤrtyrer und Heiligen, die vor uns dieſe Gegenden betraten, und jetzt gol⸗ dene Lampen und immer⸗gruͤnende Palmen halten.“ Dieß war die bildlichſte Rede, die man je von de Vaur vernommen hatte, was vielleicht,(wie es manchmal geſchieht) auch daher kommen mochte, daß ſie nicht ganz ſeine eigenen Empfindungen ausdruͤckte, da er einigermaßen ein Freund von Wohlleben und glaͤnzender Einrichtung war. unterdeſſen erreichten ſie den Ort des Lagers, wo der Ritter vom Leopar⸗ den ſeine Wohnung aufgeſchlagen hatte. Der Anſchein ließ in der That keine Verletzung der Buͤßungsgeſetze vermuthen, denen ſich die Kreuz⸗ fahrer, der von Lord Gilsland ausgedruͤckten Mey⸗ nung zufolge, unterwerfen ſollten. Eine Flaͤche, groß genug, um vielleicht nach der von den Kreuzfahrern befolgten Art, das Lager abzumeſſen, dreißig Zelte zu umfaſſen, war zum Theil leer, weil der Ritter aus Prunkſucht ſoviel Raum verlangt hatte, als fuͤr — 19 ſein anfaͤngliches Gefolge hinreichend geweſen waͤre — zum Theil aber auch mit wenigen elenden, aus Zweigen gebauten, und mit Palmblaͤttern bedeckten Huͤtten, beſetzt. Dieſe Wohnungen ſchienen ganz verlaſſen und einige derſelben waren baufaͤllig. Die im Mittelpunkte gelegene Huͤtte, die das Zelt des Fuͤhrers vorſtellte, zeichnete deſſen Fahne in der Ge⸗ ſtalt eines Schwalbenſchwanzes aus; an die Spitze eines Speers befeſtigt, hing ſie regungslos herab, als ob ſie durch die ſengenden Strahlen der aſiati⸗ ſchen Sonne entkraͤftet worden waͤre. Allein weder Pagen noch Schildknappen, ſelbſt nicht ein einziger Waͤchter, befand ſich bey dem Sinnbilde lehensherrlicher Macht und ritterlicher Wuͤrde. Wenn ihr Ruf ſie nicht vor Beſchimpfungen ſicherte, ſo hatte ſie keine andere Schutzwache. Sir Kenneth warf einen ſchwermuͤthigen Blick um ſich her; allein er unterdruͤckte ſeine Gefuͤhle, trat in die Huͤtte, und gab dem Baron von Gilsland ein Zeichen, ihm zu folgen. Auch er warf einen for⸗ ſchenden Blick umher, der ihm Mitleid einfloͤßte, das nicht ganz unvermengt mit Verachtung war, mit der es vielleicht eben ſo nahe verwandt iſt, als mit der Liebe. Er neigte hierauf ſeinen ſtattlichen Helmbuſch, und trat in eine niedrige Huͤtte, die ſeine ſtaͤmmige Geſtalt faſt ganz anzufuͤllen ſchien. Das Innere der Huͤtte war faſt ganz durch zwey 21.. 6 20 Betten eingenommen. Das eine war leer; es be⸗ ſtand aus geſammelten Blaͤttern und war mit einem Antilopen⸗Felle bedeckt. Nach den, neben demſelben liegenden Ruͤſtungsſtuͤcken, und einem orgfaͤltig und ehrerbietig obenan geſtellten ſilbernen Cruzifix zu ur⸗ theilen, ſchien es das Lager des Ritter Kenneth ſelbſt zu ſeyn. Das andere enthielt den Kranken, von dem Sir Kenneth geſprochen hatte; er war ein ſtark ge⸗ bauter Mann mit rauhen Geſichtszuͤgen, und, wie ſeine Blicke bezeugten, uͤber das mittlere Alter hin⸗ aus. Sein Lager war weicher als das ſeines Herrn, und es lag am Tage, daß die feinern Kleider des Letztern, der weite Rock, in dem ſich die Ritter bey friedlichen Gelegenheiten zeigten, und die andern klei⸗ nern Putz⸗ und Kleidungsſtuͤcke von Sir Kenneth zur Bequemlichkeit ſeines kranken Dieners angewendet worden waren. In einem aͤußern Theile der Huͤtte, der noch im Geſichtskreiſe des engliſchen Barons lag, kniete ein Knabe mit Halbſtiefeln von Thierhaͤuten, einer blauen Muͤtze und einem Wamſe, deſſen ur⸗ ſpruͤnglicher Schmuck ſchon ſehr verblichen war, neben einem Kohlbecken, und buck auf einer eiſernen Platte die Gerſtenbrode, die damals, wie jetzt noch, eine Lieblingsnahrung des ſchottiſchen Volkes waren. Ein Stuͤck von einer Antilope hing an einem der Haupt⸗ pfoſten der Huͤtte, und es war nicht ſchwer zu er⸗ rathen, wie man es bekommen hatte; denn ein gro⸗ ßer Jagdhund, edler an Geſtalt und Ausſehen, als 21 ſelbſt diejenigen, welche Koͤnig Richards Krankenbett bewachten, lag da, dem Geſchaͤfte des Brodbackens zuſehend. Das kluge Thier begann bey ihrem Ein⸗ tritte ein dumpfes Knurren, das aus ſeiner tiefen Bruſt gleich einem fernen Donner ertoͤnte. Allein der Hund ſah ſeinen Herrn und gab ſeine Freude uͤber deſſen Gegenwart durch Wedeln und Niederkriechen zu erkennen, indem er ſich dabey jeder ungeſtuͤmmeren und lebhafteren Begruͤßung enthielt, als ob ihn ſein edler Inſtinkt die Schicklichkeit des Stillſchweigens in einem Krankenzimmer gelehrt haͤtte. Neben dem Lager ſaß, auf einem, ebenfalls aus Thierhaͤuten beſtehenden, Polſter, mit uͤbereinander⸗ geſchlagenen Beinen, nach morgenlaͤndiſcher Sitte, der mauriſche Arzt, von welchem Sir Kenneth ge⸗ ſprochen hatte. Das unvollkommene Licht zeigte we⸗ nig von ihm, außer daß der untere Theil ſeines Ge⸗ ſichts mit einem langen ſchwarzen Barte bedeckt war, der bis auf ſeine Bruſt herabreichte, daß er einen hohen Tolpach, eine tartariſche Muͤtze von aſtra⸗ chaner Wolle trug, deren Farbe eben ſo dunkel war, und daß ſein weiter Caftan oder tuͤrkiſcher Rock eben⸗ falls dunkelfarbig war. Zwey durchdringende, unge⸗ mein glaͤnzende Augen, waren die einzigen Punkte ſeines Geſichtes, die in der ihn umgebenden Dunkel⸗ heit unterſchieden werden konnten. Der engliſche Lord blieb mit einer Art ehrfurchtsvoller Scheu ſchwei⸗ gend ſtehen; denn ungeachtet der Rauheit ſeines Be⸗ 22 tragens im Allgemeinen, wuͤrde doch der Anblick ei⸗ ner ſtandhaft und ohne Klage oder Murren ertrage⸗ nen, bedraͤngten und duͤrftigen Lage Thomas de Vaux mehr Ehrfurcht eingefloͤßt haben, als aller Glanz und Prunk eines koͤniglichen Audienz⸗Zimmers, falls dieſes Audienz⸗Zimmer nicht das des Koͤnigs Richard geweſen waͤre. Eine Zeitlang hoͤrte man nichts als das ſchwere und regelmaͤßige Athmen des Kranken, der in tiefer Ruhe zu liegen ſchien. „Er hat ſeit ſechs Naͤchten nicht geſchlafen,“ ſagte Kenneth,„wie mich ſein junger Waͤrter ver⸗ ſichert hat.“ „Edler Schotte,“ ſagte Thomas de Vaur, die Hand des ſchottiſchen Ritters mit groͤßerer Herzlich⸗ keit druͤckend, als er durch Worte an den Tag legen wollte;„der Sache muß abgeholfen werden; Euer Schildknappe wird zu ſchlecht geſpeist und gepflegt.“ In dem letztern Theile dieſer Rede erhob er ſeine Stimme zu ihrem gewoͤhnlichen entſchiedenen Tone. Der Schlummer des Kranken ward dadurch geſtoͤrt. 3 „Mein Herr,“ murmelte er,„edler Sir Ken⸗ neth, ſchmecken Euch nicht wie mir die Waſſer des Clyde kalt und erfriſchend nach den ſalzigen Quellen Palaͤſtinas.“ „Er traͤumt von ſeiner Heimath und iſt gluͤck⸗ lich in ſeinem Traume,“ fluͤſterte Sir Kenneth dem Lord von Gilsland zu. Allein kaum hatte er dieſe 23 Worte geſprochen, als der Arzt ſich von ſeinem Platze erhob, die Hand des Kranken, deſſen Puls er ſorg⸗ faͤltig beobachtet hatte, ruhig auf das Bett nieder⸗ legte, auf die zwey Ritter zuging, beyde bey der Hand faßte, und ſie mit der Bitte, ſtill zu bleiben, nach der Vorderſeite der Huͤtte fuͤhrte. „Im Namen Iſa Ben Mariams,“ ſagte er, „den wir verehren, wie Ihr, obgleich nicht mit dem⸗ ſelben blinden Aberglauben, ſtoͤrt nicht die Wirkung der geſegneten Arzney, die er zu ſich genommen hat. Ihn jetzt aufwecken iſt Tod, oder Beraubung der Vernunft; allein kehrt zu der Stunde zuruͤck, wo der Muezzin vom Minaret zum Abendgebete in der Mos⸗ kee ruft, und wenn er bis dahin ungeſtoͤrt bleibt, ſo verſpreche ich Euch, dieſer nemliche fraͤnkiſche Soldat ſoll, unbeſchadet ſeiner Geſundheit, im Stande ſeyn, ein kurzes Geſpraͤch mit Euch uͤber jeden Gegenſtand zu halten, uͤber den einer von Euch, und beſonders ſein Herr, ihn zu fragen haben mag. Die Ritter zogen ſich in Folge des gebieteriſchen Befehls des Arztes zuruͤck, der die Wichtigkeit des morgenlaͤndiſchen Sprichworts, daß das Krankenzim⸗ mer des Patienten das Koͤnigreich des Arztes ſey, vollkommen zu begreifen ſchien. Sie hielten inne und blieben an der Thuͤre der Huͤtte ſtehen. Sir Kenneth mit der Miene eines Menſchen, der erwartet, daß ſein Beſucher Abſchied nimmt,— und de Vaurx, als ob ihm etwas auf dem 24 Herzen laͤge, das ihn verhinderte, dieß zu thun;— der Hund aber war ihnen indeſſen aus dem Zelte gefolgt, und draͤngte jetzt ſeine lange rauhe Schnautze in die Hand ſeines Herrn, als ob er beſcheiden um ein Zei⸗ chen ſeiner Guͤte nachſuchte. Kaum war ſeinem Wun⸗ ſche durch ein freundliches Wort und eine fluͤchtige Liebkoſung genuͤgt, als er, voll Begierde ſeine Dank⸗ barkeit und Freude uͤber die Ruͤckkehr ſeines Gebie⸗ ters auszudruͤcken, in voller Eile, mit ausgeſtrecktem Schweife, die Kreuz und die Quer, durch die verfal⸗ lenen Huͤtten und die beſchriebene Flaͤche rannte, ohne jedoch den von der Fahne ſeines Herrn beſchuͤtz⸗ ten Umkreis zu uberſchreiten. Nach einigen Spruͤn⸗ gen dieſer Art kehrte der Hund zu ſeinem Gebieter zuruͤck, verfiel aus ſeiner luſtigen Laune wieder in ſeine gewoͤhnliche Ernſthaftigkeit und Nuͤchternheit in Gebaͤrde und Betragen, und ſchien gleichſam daruͤber beſchämt, daß irgend etwas ſeine bedaͤchtige Selbſtbe⸗ herrſchung zu beeintraͤchtigen vermocht hatte. Beyde Ritter ſahen mit Vergauͤgen zu; denn Sir Kenneth war mit Recht ſtolz auf ſeinen edlen Hund, und der engliſche Baron wußte als Jagd⸗ freund die Verdienſte des Thiers gebuͤhrend zu wuͤr⸗ digen. 2 „Ein recht tuͤchtiger Hund“ ſagte er;„ich glau⸗ be, Koͤnig Richard hat keinen Alan, der es mit ihm aufnehmen kann, wenn er ebenſo wacker, als ſchnell iſt. Allein laßt mich Euch in allen Ehren und in al⸗ 25 ler Guͤte fragen, ob Ihr den Befehl nicht kennt, d Niemand unter dem Range eines Grafen im Lager des Koͤnig Richard Jagdhunde halten darf, ohne die koͤnigliche Erlaubniß, die, wie ich glaube, Euch nicht ertheilt worden iſt?— Ich ſpreche als Stallmeiſter.“ „Und ich antworte als ein freyer ſchottiſcher Ritter“ ſagte Sir Kenneth in ernſtem Tone.„Fuͤr jetzt folge ich dem Banner Englands, allein ich kann mich nicht erinnern, daß ich mich je deſſen Forſt⸗ Geſetzen unterworfen haͤtte, auch iſt meine Achtung vor ihnen nicht ſo groß, daß ich mich entſchließen koͤnnte, dieß zu thun. Wenn die Trompete zu den Waffen ruft, ſo iſt mein Fuß im Steigbuͤgel, ſo⸗ bald als nur irgend ein anderer,— wenn ſie zum Angriffe ſchallt, ſo iſt meine Lanze nicht die letzte, die eingelegt wird. Allein was meine freien oder muͤſſigen Stunden betrifft, ſo hat Koͤnig Richard kein Recht, meine Erholung zu beſchraͤnken.“) „Deſſen ungeachtet,“ ſagte de Vaur,„iſt es eine Thorheit, des Koͤnigs Befehle zu mißachten— ich will Euch daher mit Eurer Erlaubniß, da ich in die⸗ ſer Sache ein Wort zu ſprechen habe, einen Freibrief fuͤr meinen Freund da ſenden.“ „Ich danke Euch,“ ſagte der Schotte kalt,„al⸗ lein er kennt das mir zugetheilte Quartier, und in⸗ nerhalb deſſelben kann ich ihn ſelbſt ſchuͤtzen;— und doch,“ ſagte er, ploͤtzlich ſeinen Ton aͤndernd,„dieß iſt bloß eine kalte Erwiederung einer wohlgemeinten 26 Gute. Ich danke Euch recht herzlich, Mylord. Die Stallmeiſter oder Piqueurs des Koͤnigs moͤchten Ros⸗ wal wehrlos finden, und ihm ein Leid zufuͤgen, das ich vielleicht ſchnell raͤchen wuͤrde, und ſo koͤnnte Un⸗ heil daraus entſtehen. Ihr habt ſo viel von meiner Haushaltung geſehen, Mylord,“ fetzte er laͤchelnd hinzu,„daß ich mich nicht zu ſchaͤmen brauche, wenn ich geſtehe, daß Roswal unſer Haupt⸗Lieferant iſt; und ich hoffe unſer Loͤwenherz wird nicht dem Loͤ⸗ wen in der Fabel gleichen, der auf die Jagd ging, und die ganze Beute fuͤr ſich allein behielt. Ich kann nicht glauben, daß er einen armen Edelmann, der ihm treulich folgt, ſein Bischen Jagd⸗Vergnuͤgen und ſein Stuͤckchen Wildpret mißgoͤnt, beſonders wo an⸗ dere Nahrung ſchwer zu bekommen iſt.“ „Bei meiner Treue, Ihr laßt dem Koͤnige bloß Gerechtigkeit wiederfahren,“ ſagte der Baron.„Und doch liegt etwas in den Worten: Jagd und Wildpret, das unſern normaͤnniſchen Fuͤrſten den Kopf ganz ſchwindeln macht.“ „Wir haben,“ ſagte der Schotte,„neulich von Barden und Pilgern gehoͤrt, daß Eure geaͤchteten Freiſaſſen ſich in großen Banden in den Grafſchaf⸗ ten York und Nottingham zuſammengerottet haben, und an ihrer Spitze ein tuͤchtiger Bogenſchuͤtze, ge⸗ nannt Robin Hood, mit ſeinem Lieutenant Little John, ſteht, Ich glaube, es waͤre beſſer, Richard 27 milderte ſein Forſtgeſetzbuch in England, anſtatt daß er es in dem heiligen Lande durchzuſetzen ſucht.“ „Eine boͤſe Sache, Herr Kenneth,“ erwiederte de Vaur, die Achſeln zuckend, wie einer, der einem gefaͤhrlichen oder unangenehmen Thema ausweichen will—„eine tolle Welt, Herr Ritter, ich muß Euch jetzt Lebewohl ſagen, und ſogleich ins Zelt des Ko⸗ nigs zuruͤckkehren. Zur Vesper werde ich, mit Eu⸗ rer Erlaubniß, Euer Quartier wieder beſuchen, und mit jenem unglaͤubigen Arzte ſprechen. Ich wollte Euch indeſſen, wuͤrdet Ihr es nicht als eine Beleidigung anſehen, etwas zur Verbeſſerung Eurer Koſt ſchicken.“ „Ich danke Euch, Mylord,“ ſagte Sir Ken⸗ neth;„aber es braucht das nicht; Roswal hat be⸗ reits meine Speiſekammer fur zwey Wochen verſorgt, da die Sonne Palaͤſtinas zwar Krankheiten verurſacht, aber auch das Wildpret trocknet.“ Die zwey Krieger verabſchiedeten ſich weit freund⸗ ſchaftlicher, als ſie zuſammen gekommen waren; doch ehe ſie ſich trennten, erkundigte ſich Thomas de Vaur genau uͤber die naͤhern Umſtaͤnde der Senbung des morgenlaͤndiſchen Arztes, und erhielt von dem ſchot⸗ tiſchen Ritter das Beglaubigungs⸗Schreiben, das er von Seiten Saladins an den König zu uͤberbringen hatte. 28 Zweites Kapitel. Ein weiſer Arzt, der unſre Wunden heilt, Er nüzt der Menſchheit mehr als Heeresſchaaren. Pope's Iliade. „Das iſt eine ſonderbare Geſchichte, Ritter Thomas,“ ſagte der kranke Monarch, als er die Er⸗ zaͤhlung des treuen Barons von Gilsland angehoͤrt hatte;„biſt Du uͤberzeugt, daß dieſer Schotte ein mackerer und redlicher Mann iſt?“ „Ich kann in dieſer Sache nichts ſagen, mein Gebieter;“ erwiederte der eiferſuͤchtige Graͤnz⸗Nach⸗ bar;„ich wohne ein wenig zu nahe bey den Schot⸗ ten, um große Redlichkeit unter ihnen zu finden, da ich ſie ſtets artig und falſch gefunden habe. Allein dieſer betraͤgt ſich wie ein ehrlicher Mann, waͤre er auch ein Teufel wie er ein Schotte iſt; das muß ich von ihm ſagen, wenn ich gerecht ſeyn will.“ „uUnd ſein Betragen als Ritter— was ſagſt Du davon de Vaux?“ fragte der Koͤnig. „Es iſt mehr Eure als meine Sache, mein Ge⸗ bieter, das Benehmen der Krieger zu beobachten, und ich ſtehe dafuͤr, Ihr habt das Betragen des Ritters vom Leoparden bemerkt. Man hat vortheilhaft von ihm geſprochen.“ „ Und mit Recht, Thomas,“ ſagte der Koͤnig, „wir waren ſelbſt Zeugen. Wir haben in der That, 29 wenn wir uns an die Fronte der Schlachtordnung ſtellen, die Abſicht, zu ſehen, wie unſere Lehensleute und Begleiter ſich benehmen, und hegen keineswegs, wie manche vermuthet haben, den Wunſch, eiteln Ruhm fuͤr uns ſelbſt zu erndten. Wir kennen die Eitelkeit des menſchlichen Lobes, das nur Rauch iſt, und nicht zur Erringung deſſelben, ſondern aus ganz andern Abſichten ſchnallen wir unſere Ruͤſtung an.“ De Vaur war beſtuͤrzt, als er von dem Koͤnige eine Erklaͤrung vernahm, die mit ſeinem Charakter ſo wenig uͤbereinſtimmte, und glaubte anfaͤnglich, daß nichts als die Naͤhe des Todes ihn vermocht ha⸗ ben koͤnne, ſo abſchaͤtzig vom Kriegsruhme zu ſpre⸗ chen, der ſein wahres Lebens⸗Princip war. Als er ſich aber erinnerte, daß er den koͤniglichen Beichtva⸗ ter in dem aͤuſſern Zelte geſehen hatte, ſo war er klug genug, dieſe voruͤbergehende Selbſterniedrigung als eine Folge der Ermahnungen des ehrwuͤrdigen Man⸗ nes zu betrachten, und ließ den Koͤnig ohne Erwie⸗ derung fortfahren. „Ja,“ fuhr Richard fort,„ich habe in der That bemerkt, wie dieſer Ritter ſeine Pflicht thut. Mein Commandoſtab waͤre keinen Pfifferling werth, wenn er meiner Beobachtung entgangen waͤre;— und ſchon fruͤher haͤtte ich ihm Beweiſe meiner Guͤte gegeben, wenn ich nicht auch ſeinen vermeſſenen und kuͤhnen Duͤnkel bemerkt haͤtte.“ 30 „Mein Lehnsherr,“ ſagte der Baron von Gils⸗ land, als er die Veraͤnderung auf dem Geſichte des Koͤnigs bemerkte,„ich fuͤrchte, ich habe Eurem Wil⸗ len zuwider gehandelt, indem ich ſeinen Uebermuth ſelbſt einigermaßen unterſtuͤtzt habe.“ 3 „Wie, de Multon, du,“ ſagte der Koͤnig, die Stirne runzelnd und in einem Tone mißmuthigen Erſtaunens ſprechend—„du haſt ſeine Frechheit unter⸗ ſtuͤtzt!— das kann nicht ſeyn!“ „Eure Majeſtaͤt werden verzeihen, wenn ich in Erinnerung bringe, daß mir mein Amt das Recht verleiht, Maͤnnern von edlem Blute die Freiheit zu gewaͤhren, ſich einen oder zwey Hunde, zum Behufe der edlen Jagdkunſt, innerhalb des Lagers zu halten; und zudem waͤre es Suͤnde geweſen, ein ſo edles Thier, wie der Hund dieſes Ritters iſt, zu beſchaͤ⸗ digen.“ „Iſt er denn ſo huͤbſch?“— ſagte der Koͤnig. „Das vollkommenſte Geſchoͤpf des Himmels,“ entgegnete der Baron, der ein enthuſiaſtiſcher Liebha⸗ ber des Waidwerks war;—„von der edelſten nordi⸗ ſchen Rage— mit tiefer Bruſt— ſtarkem Schweife, ſchwarz von Farbe, ſcheckig auf der Bruſt und an den † Fuͤſſen, nicht weiß gefleckt, ſondern ins Grau ſchattirt — ſtark, um einen Stier zu Boden zu werfen— ſchnell, um eine Gazelle einzuholen.“ Der Koͤnig lachte uͤber ſeine Begeiſterung.„Gut, du haſt ihm die Erlaubniß gegeben, den Hund zu 31 halten, und damit hat die Sache ein Ende. Allein ſey nicht zu freygebig unter dieſen Abenteuerern, die von keinem Fürſten oder Anfuͤhrer abhaͤngen— ſie ſind undankbar, und werden in Palaͤſtina endlich kein Wild uͤbrig laſſen— allein, was den gelehrten Hey⸗ den betrifft— ſagteſt du nicht, der Schotte habe ihn in der Wuͤſte getroſſen?“. „Nein, mein Lehnsherr, der Schotte erzaͤhlte die Sache alſo:— er wurde an den alten Einſiedler von Engaddi abgeſchickt, von dem die Leute ſo viel ſpre⸗ chen—“ „Tod und Hoͤlle!“ rief Richard zuͤrnend aus. „Von wem abgeſchickt, und weßwegen? Wer wagte es, jemanden dorthin zu ſchicken, waͤhrend unſere Koͤ⸗ nigin in dem Kloſter von Engaddi, auf ihrer fuͤr un⸗ ſere Geneſung unternommenen Wallfahrt, war?“ „Die Rathsverſammlung des Kreuzzugs ſandte ihn, mein Gebieter,“ antwortete der Baron de Vaux; „weßwegen, wollte er mir nicht ſagen. Ich glaube, es iſt kaum in dem Lager bekannt, daß Eure koͤnigli⸗ che Gemahlin ſich auf einer Pilgerfahrt befindet,— ich wenigſtens wußte es nicht.“ „Gut, die Sache ſoll unterſucht werden.— Die⸗ ſer Schotte alſo, dieſer Abgeorduete traf einen reiſen⸗ den Arzt in der Grotte von Engaddi“ Micht ſo, mein gnaͤdiger Fürſt, allein er traf in der Naͤhe dieſes Ortes mit einem ſaraceniſchen Emir zuſammen, mit dem er einen Zweykampf be⸗ ————— —:;:ʒ:——— 3² ſtand, und als er ſah, daß er der Geſellſchaft tapfe⸗ rer Maͤnner wuͤrdig war, ſo zogen ſie mit einander, wie irrende Ritter vil gen⸗ nach der Grotte von En⸗ gaddi.“ Hier hielt de Vaux inne; denn er gehoͤrte nicht zu denen, die eine lange Geſchichte in Einem Zuge erzaͤhlen koͤnnen. „Und trafen ſie hier den Arzt?“ fragte Richard ungeduldig. „Nein, mein gnaͤdigſter Fuͤrſt,“ erwiederte de Vaux; ſondern der Saracene, der die ſchwere Krank⸗ heit Eurer Majeſtaͤt erfuhr, verſprach, Saladin zu be⸗ wegen, Euch ſeinen eigenen Arzt, mit vielen Verſi⸗ cherungen ſeiner ausgezeichneten Geſchicklichkeit, zu ſen⸗ den. Der Arzt kam daher zur Grotte, nachdem der Schotte uͤber einen Tag lang auf ihn gewartet hatte. Trommeln und Atabalen und Bediente zu Pferd und zu Fuß begleiteten ihn, als ob er ein Fuͤrſt waͤre; auch hat er ein Beglaubigungsſchreiben von Saladin mitgebracht.“ „Iſt es von Giacomo Loredani unterſucht worden?“ „Ich zeigte es dem Dolmetſcher, ehe ich es hier⸗ her brachte, und hier iſt deſſen Inhalt auf engliſch.“ Richard nahm eine Rolle, die folgende Worte enthielt:—„Der Segen Allah's und ſeines Pro⸗ pheten Mohammed(„fort mit dem Hunde!“ ſagte Richard, mit Verachtung ausſpuckend), Saladin, Koͤ⸗ nig der Koͤnige, Sultan von Aegypten und Symen, 33 das Licht und die Zuflucht der Erde, entbeut dem großen Melech Ric, Richard von England, ſeinen Gruß. Sobald uns kund worden iſt, daß die Hand der Krankheit ſchwer auf dir, unſerem rkoͤniglichen Bruder, laſtet, und daß du nur ſolche chriſtliche und juͤdiſche Aerzte um dich haſt, die ohne den Segen Al⸗ lah's und unſeres heiligen Propheten wirken;— („Verderben uͤber ſein Haupt!“ murmelte der engli⸗ ſche Monarch wieder) haben wir, um dich zu dieſer Zeit zu bedienen und zu pflegen, unſern Leibarzt, Adonebec El Hakim geſandt, vor deſſen Angeſicht der Engel Azrgel ſeine Schwingen ausbreitet und von dem Krankenzimmer weicht, der die Kraͤfte der Kraͤu⸗ ter und Steine, die Bahn ber Sonne, des Mondes und der Sterne kennt, und den Menſchen von allem retten kann, was nicht auf ſeiner Stirne geſchrieben ſteht. Und dies thun wir mit der herzlichen Bitte, ſeine Geſchicklichkeit zu ehren und von ihr Gebrauch zu machen, und zwar nicht nur, damit wir deinem Verdienſte und deiner Tapferkeit, die der Ruhm al⸗ ler Nationen Frangiſtans iſt, dienen, ſondern auch, damit wir den Streit, der gegenwaͤrtig zwiſchen uns herrſcht, entweder durch eine ehrenvolle Uebereinkunft, oder durch einen Verſuch mit unſern Waffen in offe⸗ nem Felde zu einem Ende bringen moͤgen; in Erwaͤ⸗ gung, daß es weder deinem Range noch deinem Mu⸗ the angemeſſen iſt, den Tod eines Sclaven zu ſter⸗ ben, der von ſeinem Zuchtmeiſter zu uͤbermaͤßiger Ar⸗ W. Scort's Werke. VII. 3 34 beit angehalten wurde, noch auch unſerem Ruhme ge⸗ ziemt, daß ein tapferer Gegner durch eine ſolche Krankheit unſerem Schwerdte entriſſen wird. Und daher mag der Heilige— „Halt, halt!“ rief Richard,„ich will nichts mehr von ſeinem huͤndiſchen Propheten wiſſen! Der Ge⸗ danke, daß der tapfere und wuͤrdige Sultan an einen todten Hund glaubt, kraͤnkt mich tief.— Ja, ich will ſeinen Arzt ſehen. Ich will mich dieſem Hakim an⸗ vertrauen— ich will dem edlen Sultan ſeine Groß⸗ muth vergelten,— ich will im Felde mit ihm zuſam⸗ mentreffen, wie er ſo mannhaft vorſchlaͤgt, und er ſoll keine Urſache haben, Richard von England un⸗ dankbar zu nennen. Ich will ihn mit meiner Streit⸗ art zu Boden ſchlagen. Ich will ihn zur heiligen Kirche mit Streichen bekehren, wie er ſelten erduldet hat— er ſoll ſeine Irthuͤmer vor meinem guten Schwerdte widerrufen, und ich will ihn auf dem Schlachtfelde aus meinem eigenen Helme taufen, waͤ⸗ re auch das Reinigungswaſſer mit unſerem Blute vermengt. Beeile dich, de Multon! warum verſchiebſt du einen ſo ergoͤtzlichen Ausgang? Hole den Hakim hierher.“— 1. „Mein Gebieter,“ ſagte der Baron, der vielleicht in dieſem Uebermaaße von Zutrauen eine Mitwirkung des Fiebers erblickte—„Bedenkt, der Sultan iſt ein Heide und Ihr ſeyd ſein furchtbarſter Feind.—“ „Dieß muß ihn um ſd mehr bewegen, mir in 35 dieſer Sache zu dienen, damit nicht ein armſeliges Fieber den Streit zwiſchen ſolchen zwey Koͤnigen be⸗ ende. Ich ſage dir, er liebt mich, wie ich ihn liebe — wie Edle ſtets einander lieben. Bey meiner Ehre, es waͤre Suͤnde, an ſeiner Redlichkeit zu zweifeln.“ „Dennoch, mein gnaͤdiger Fuͤrſt, waͤre es gut, den Erfolg dieſer Arzneien bey dem ſchottiſchen Ritter abzuwarten; mein eigenes Leben haͤngt davon ab; denn werth waͤre ich, wie ein Hund zu ſterben, wenn ich in dieſer Sache voreilig verfahren, und das Wohl des Chriſtenthums Schiffbruch leiden laſſen wuͤr de.“ „So viel ich weiß, haſt du bisher nie aus Furcht vor dem Tode gezaudert, ſagte Richard, im Tone des Vorwurfs.“ „Das wuͤrde ich auch jetzt nicht, mein Lehnsherr,“ erwiederte der ſtarkmuͤthige Baron,„wenn nicht Euer Leben ſo gut als das meinige dabey auf dem Spiele ſtuͤnde.“ „Nun gut, du argwoͤhniſcher Menſch; gehe denn, und beobachte die Wirkungen dieſes Heilmittels. Ich moͤchte faſt wuͤnſchen, daß es mich entweder heilte oder toͤdtete; denn ich bin es muͤde, hier zu liegen, wie ein an der Viehſeuche ſterbender Ochſe, waͤhrend draußen Trommeln wirbeln, Pferde ſtampfen, und Trompeten ſchmettern.“. Der Baron entfernte ſich eiligſt, jedoch mit dem Entſchluſſe, ſeinen Auftrag zuvor einem Geiſtlichen mitzutheilen, da ſich ſein Gewiſſen bey dem Gedanken, 3 „„ 36 daß ſein Gebieter von einem Unglaͤubigen bedient werden ſolle, etwas belaſtet fuͤhlte. Der Erzbiſchoff von Tyrus war der erſte, dem er ſeine Zweifel anvertraute, da er das Auſehen kannte, in welchem er bey ſeinem Herrn, dem Koͤnig Richard, ſtand, der dieſen einſichtsvollen Praͤlaten liebte und ehrte. Der Biſchoff vernahm de Vaur's Zweifel mit jener Schaͤrfe des Verſtandes, wodurch ſich die roͤmiſch⸗katholiſche Geiſtlichkeit auszeichnet⸗ Die religioͤſen Bedenklichkeiten des Barons behandelte er mit ſo großer Sorgloſigkeit, als die Schicklichkeit ihm gegen einen Layen uͤber einen ſolchen Gegen⸗ ſtand an den Tag zu legen erlaubte. „Die Aerzte,“ ſagte er,„ſind gleich den Arz⸗ neyen, die ſie anwenden, oft nuͤtzlich, obſchon die einen durch Geburt oder Sitten die niedrigſten unter den Menſchen ſeyn koͤnnen, wie die Andern in man⸗ chen Faͤllen aus den gemeinſten Stoffen gezogen werden. Die Menſchen moͤgen ſich in ihrer Noth des Beyſtands der Heyden und Unglaͤubigen bedienen, und man hat Urſache zu glauben, daß Ein Grund wenigſtens, warum ihnen geſtattet iſt, auf Erden zu bleiben, darin beſteht, daß ſie zum Wohlſeyn und zur Bequemlichkeit der wahren Chriſten beytragen— ſo machen wir erlaubterweiſe aus heydniſchen Gefange⸗ nen Sclaven.—„Ferner,“ fuhr der Przlat fort, „iſt kein Zweifel, daß die erſten Chriſten von den Dienſten der unbekehrten Heyden Gebrauch machten; 37 — ſo waren in dem Schiffe von Alexandria, auf welchem der heilige Apoſtel Paulus nach Italien ſe⸗ gelte, die Schiffsleute ohne Zweifel Heyden; doch was ſagte der heilige Apoſtel, als ihr Beiſtand noͤthig war? Nisi hi in navi manserint, vos zalvi fleri non poto- stis.— Wenn dieſe Maͤnner nicht im Schiffe blei⸗ ben, ſo koͤnnt ihr nicht gerettet werden; ferner ſind die Juden eben ſo gut Unglaͤubige, als die Maho⸗ medaner. Allein faſt alle Aerzte in dem Lager ſind Ju⸗ den, und dieſe werden ohne Aergerniß oder Beden⸗ ken gebraucht. Deßwegen kann man ſich gar wohl der Dienſte der Mahomedaner in dieſer Hinſicht bedienen. — Quod erat demonstrandum. Dieſe Schlußfolge entfernte die Gewiſſenszweifel des Thomas de Vaur, auf den die lateiniſche Stelle einen beſondern Eindruck machte, weil er kein Wort davon verſtand. Allein weit weniger fließend war des Biſchofs Rede, als er die Moglichkeit eines treuloſen Verfah⸗ rens von Seiten des Saracenen erwog, und hier kam er zu keiner ſo ſchnellen Entſcheidung. Der Baron zeigte ihm das Beglaubigungs⸗Schrei⸗ ben. Er las es, und las es wieder, und verglich das Original mit der Ueberſetzung.„Es iſt ein ſelt⸗ ſam zubereitetes Gericht fuͤr Koͤnig Richards Gaumen, und ich kann nicht umhin, gegen den verſchmitzten Saracenen Verdacht zu hegen. Sie ſind geſchickt in der Kunſt der Vergiftung, und koͤnnen die Giſte ſo 38 miſchen, daß ſie wochenlang auf das Schlachtopfer wirken, waͤhrend welcher Zeit der Thaͤter mit Muße entweichen kann. Sie köoͤnnen Tuch und Leder, ja ſelbſt Papier und Pergament, mit dem feinſten Gifte ſchwaͤngern— Unſere Frau verzeihe mir! Und wa⸗ rum halte ich dieſes Beglaubigungsſchreiben, da ich dieſes doch weiß, ſo nahe an mein Geſicht; nehmt es Sir Thomas, nehmt es geſchwind!“ Mit dieſen Worten uͤberreichte er es dem Ba⸗ ron mit ausgeſtrecktem Arme und mit einem An⸗ ſcheine von Eile.„Allein kommt, mein Lord de Vaur,“ fuhr er fort,„wir wollen zum Felte dieſes kranken Knappen, um daſelbſt zu erfahren, ob dieſer Hakim wirklich die Heilkunſt beſitzt, deren er ſich ruͤhmt, ehe wir uͤberlegen, ob man ihm in Si⸗ cherheit geſtatten kann, ſeine Kunſt an Koͤnig Richard in Ausuͤbung zu bringen. Doch halt! Laßt mich zu⸗ erſt meine Riechbuͤchſe nehmen, denn dieſe Fieber ſind anſteckend wie die Peſt. Ich rathe Euch, getrockneten Rosmarin, in Eſſig getaucht, zu gebrauchen. Auch ich verſtehe etwas von der Heilkunſt. „Ich danke Eur. Hochwuͤrden,“ erwiederte Tho⸗ mas von Gilsland,„allein haͤtte das Fieber Gewalt uͤber mich, ſo wuͤrde ich es ſchon lange am Bette meines Koͤnigs bekommen haben.“ Der Biſchof von Tyrus erroͤthete; denn er hatte ſtets die Gegenwart des kranken Richard zu meiden geſucht, und er bat den Baron, voranzugehen. Als 39 ſie vor der armſeligen Wohnung, in der Kenneth vom Leoparden und ſein Schildknappe wohnten, an⸗ kamen, ſo ſagte der Biſchof zu dem Lord de Vaux: „nun wahrhaftig, Mylord, dieſe ſchottiſchen Ritter bekuͤmmern ſich weniger um ihre Diener, als wir um unſere Hunde, Hier iſt ein Ritter, der, wie man ſagt, tapfer in der Schlacht iſt, und dem zur Zeit des Waffenſtillſtandes wichtige Auftraͤge anvertraut werden koͤnnen; allein ſein Schildknappe wohnt hier ſchlechter, als in dem elendeſten Hundsſtalle in Eng⸗ land. Was ſagt Ihr von Euerm Nachbarn?“ „Daß ein Herr genug fuͤr ſeinen Diener thut, wenn er ihm keine ſchlechtere Wohnung anweist, als ſeine eigene iſt,“ ſagte de Vaurx, und trat in die Huͤtte. Der Biſchof folgte nicht ohne offenbaren Wider⸗ willen; denn ob es ihm ſchon in einigen Hinſichten nicht an Muth fehlte, ſo war dieſer doch durch eine ſtarke und lebhafte Ruͤckſicht auf ſeine Sicherheit ge⸗ mildert. Er erinnerte ſich jedoch an die Nothwendig⸗ keit, die Geſcheclichkeit des arabiſchen Arztes perſön lich zu beurtheilen, und trat mit einer feyerlichen Wuͤrde in die Huͤtte, die, ſeiner Meinung nach, dem Fremden Ehrfurcht gebieten ſollte. Die Geſtalt des Praͤlaten war in der That ehr⸗ furcht⸗erregend. In ſeiner Jugend war er ausgezeich⸗ net ſchoͤn geweſen, und ſelbſt im Alter wollte er noch ſo ſcheinen. Sein biſchoͤfliches Gewand war von der 46 reichſten Art, mit koſtbarem Pelz beſetzt, und mit ei⸗ nem kunſtreich geſtickten Chorrocke umgeben. Die Ringe an ſeinen Fingern waren eine anſehnliche Ba⸗ ronie werth, und ſeine, wegen der Hitze aufgeheftete und zuruͤckgeworfene Muͤtze hatte Schnallen von rei⸗ nem Golde. Sein langer, vom Alter verſilberter Bart wallte uͤber die Bruſt herab. Von zwei jungen Meßdienern, die ihm folgten, erzeugte der eine einen kuͤnſtlichen Schatten, der damals dem Oſten eigen war, indem er uͤber ſeinem Haupte einen Sonnenſchirm von Palmblaͤttern trug, waͤhrend der andere ſeinem ehrwuͤrdigen Herrn mit einem Facher von Pfauenfe⸗ dern Kuͤhlung zuwehte. Als der Biſchoff in die Huͤtte des ſchottiſchen Ritters trat, war der Herr abweſend; und der mau⸗ riſche Arzt, den er zu ſehen gekommen war, ſaß noch in derſelben Stellung, in der de Vaux ihn vor eini⸗ gen Stunden verlaſſen hatte, mit uͤbereinandergeſchla⸗ genen Beinen, auf einer Matte von geflochtenen Blaͤttern, neben dem Patienten, der i ieſem Schlum⸗ wer lag, und deſſen Puls er von Zeit eit befuͤhlte. Der Biſchoff blieb zwei oder drei Minuten ſchwei⸗ gend vor ihm ſtehen, als ob er von Seiten des Sa⸗ racenen eine ehrenvolle Begruͤßung, oder wenigſtens ein ehrfurchtsvolles Erſtaunen uͤber ſeine wurdevolle Erſcheinung erwartete. Allein Adonebeck El Hakim wuͤrdigte ihn blos eines fluͤchtigen Blickes, und als der Praͤlat ihn endlich in der lingua franca begruͤßte, 41 ſo antwortete er blos mit dem gewoͤhnlichen orienka⸗ liſchen Gruße;„Salam Alicum— Friede ſey mit dir!“ „Biſt du ein Arzt, Ungläubiger?“ ſagte der Bi⸗ ſchoff, durch dieſen kalten Empfang etwas gekraͤnkt. „Ich moͤchte mit Dir uͤber die Heilkunſt ſprechen?“ „Wenn du etwas von der Heilkunſt verſtuͤndeſt,“ antwortete El Hakim,„ſo wuͤrdeſt du wiſſen, daß Aerzte keine Berathſchlagungen oder Verhandlungen im Krankenzimmer ihres Patienten halten.„Hoͤre,“ fuhr er fort, als man das dumpfe Knurren des Jagd⸗ hundes aus der innern Huͤtte vernahm,„ſelbſt der Hund koͤnnte Dich Vernunft lehren, Ulemat. Sein Inſtinkt lehrt ihn, ſein Bellen in der Naͤhe des Kranken zu unterlaſſen.— Komme mit mir aus dem Zelte,“ ſagte er aufſtehend und vorangehend, „wenn du mir etwas zu ſagen haſt.“ Trotz der einfachen Kleidung des ſaraceniſchen Arztes, und trotz ſeiner kleinen Statur, in Verglei⸗ chung mit dem hochgeſtalteten Praͤlaten und dem gi⸗ gantiſchen engliſchen Baron, lag doch etwas Ausdrucks⸗ volles in ſeinem Benehmen und ſeiner Geſichtsbil⸗ dung, das den Biſchoff abhielt, ſeinen Unwillen uͤber dieſe ruͤckſichtsloſe Behandlung an den Tag zu legen. Als ſie auſſerhalb der Huͤtte waren, blickte er Adone⸗ bec mehrere Minuten lang ſchweigend an, ehe er uͤber die beſte Art, das Geſpraͤch zu erneuern, einig wer⸗ den konnte. Keine Locken waren unter der hohen le⸗ 4² dernen Muͤtze des Arabers zu ſehen, wodurch auch zum Theil eine Stirne verhuͤllt wurde, die hoch, glatt und frey von Runzeln war, wie die Wangen, da wo ſie unter dem Schatten ſeines langen Bartes geſehen werden konnten. Das Durchdringende ſeiner ſchwar⸗ zen Augen haben wir ſchon fruͤher bemerkt. Der Praͤlat, uͤber ſein jugendliches Ausſehen be⸗ troffen, machte endlich einem Schweigen ein Ende, das der andere eben nicht gar ſchnell unterbrechen zu wollen ſchien, indem er den Araber fragte, wie alt er ſey. „Die Jahre gewoͤhnlicher Menſchen,“ ſagte der Saracene,„werden nach ihren Runzeln, die der Wei⸗ ſen nach jhren Studien gezaͤhlt. Ich wage es nicht, mich aͤlter zu nennen, als Einhundert Umwaͤlzungen der Hegira.*)“ Der Baron von Gilsland, der dieſe Worte buch ſtaͤblich nahm, und deßwegen glaubte, der Saracene behaupte, er ſey 100 Jahre alt, blickte mit zweifelhaf⸗ ten Blicken auf den Praͤlaten, der zwar El Hackim's Meinung beſſer verſtand, allein blos durch ein geheim⸗ nißvolles Kopfſchuͤtteln antwortete. Der Baron nahm wieder eine wichtige Miene an, als er ihn, kraft ſei⸗ nes Amtes, fragte, was fuͤr ein Zeugniß er von ſei⸗ ner Geſchicklichkeit in der Heilkunde aufweiſen koͤnne. ») Er meinte, ſeine Kenntniſſe ſeyen der Art, daß ſie in hun⸗ dert Jahren hätten erlernt werden können. 43³ „Ihr habt das Wort des maͤchtigen Saladin,“ ſagte der Weiſe, ſeine Muͤtze zum Zeichen der Ehr⸗ furcht beruͤhrend,„ein Wort, das nie gegen Freund oder Feind gebrochen wurde. Was verlangſt du wei⸗ ter, Nazarener?“ „Ich moͤchte einen augenſcheinlichen Beweis dei⸗ ner Geſchicklichkeit haben,“ ſagte der Baron,„und ohne dieſen naͤherſt du dich dem Krankenlager des Koͤ⸗ nigs nicht.“ „Der Ruhm des Arztes,“ ſagte der Araber,„be⸗ ruht auf der Geneſung ſeines Kranken. Betrachte dieſen Waffentraͤger, deſſen Blut durch das Fieber vertrocknet war, das euer Lager mit Gerippen gebleicht hat, und gegen das die Kunſt Eurer Nazareneraͤrzte ſo viel vermochte, als ein ſeidenes Wams gegen eine Lanze von Stahl vermag. Betrachte ſeine Finger und Aerme, die gleich den Klauen und Schenkeln des Kranichs abgezehrt ſind. Der Tod hatte ihn dieſen Morgen angepackt, allein waͤre Azrael auf der ei⸗ nen Seite des Lagers geweſen, und ich auf der andern, ſo haͤtte ſeine Seele nicht von ſeinem Koͤrper getrennt werden koͤnnen. Stoͤre mich nicht mit weiteren Fragen, ſondern warte den entſchei⸗ — denden Augenblick ab, und betrachte in ſtiller Bewun⸗ derung den wunderbaren Erfolg.“ Der Arzt bediente ſich nun ſeines Aſtrolabiums, das das Orakel morgenlaͤndiſcher Wiſſenſchaft war, und wartete mit ernſter Aufmerkſamkeit, bis die be⸗ 44 ſtimmte Zeit des Abendgebets gekommen war. Dann ſank er auf die Kniee nieder, das Geſicht gegen Mec⸗ ca gekehrt, und ſagte die Gebete her, die den Arbeits⸗ tag des Moslemah beſchließen. Der Biſchof und der engliſche Baron blickten ein⸗ ander indeſſen mit Zeichen der Verachtung und des Unwillens an, hielten es aber nicht fuͤr rathſam, El Hakim in ſeinen Andachtsuͤbungen zu unterbrechen, ſo unheilig ſie ihnen auch erſchienen. Der Araber erhob ſich von der Erde, auf die er ſich niedergeworfen hatte, gieng in die Huͤtte, in der ſich der Kranke befand, und zog aus einer kleinen ſil⸗ bernen Buͤchſe einen Schwamm, der vielleicht in eine gromatiſche Diſtillation getaucht war; denn, als er ihn dem Schlafenden an die Naſe hielt, nieste derſel⸗ be, wachte auf, und blickte wild umher. Es war ein ſchauerlicher Anblik, als er faſt nackt auf dem Lager ſaß, und ſeine Beine und Knorbeln ſich bem Auge ſo deutlich zeigten, als ob ſie nie mit Fleiſch bekleidet geweſen waͤren. Sein Geſicht war lang und mit Run⸗ zeln durchfurcht, allein ſein Auge, das anfangs unſtaͤt umherſchwaͤrmte, wurde nach und nach ruhiger. Er ſchien die Gegenwart ſeines vornehmen Beſuches zu bemerken, denn er machte einen ſchwachen Verſuch, ſich zum Zeichen der Ehr furcht die Bedeckung von ſeinem Kopfe zu ziehen, als er mit demuͤthiger Stimme nach ſeinem Herrn fragte. „Kennt Ihr uns?“ ſagte der Lord von Gilsland. . 4⁵ „Nicht ganz, gnaͤdiger Herr,“ erwiederte der Schildknappe in ſchwachem Tone.„Mein Schlaf war lang und voll Traͤume. Doch weiß ich, daß Ihr ein großer engliſcher Lord ſeyd, wie ſich dies an dem ro⸗ then Kreuze erkennen laͤßt; und dieſer iſt ein heiliger Praͤlat, um deſſen Segen ich, ein armer Suͤnder, flehe., „Du haſt ihn— Benedictio Domini sit vobis- eum—“ ſagte der Praͤlat, das Zeichen des Kreuzes machend, ohne jedoch dem Bette des Kranken naͤher zu treten. „Eure Augen ſind Zeugen,“ ſagte der Araber, daß das Fieber bezwungen iſt.— Er ſpricht mit Ruhe und Beſinnung,— ſein Puls ſchlaͤgt ſo ruhig, wie der Eurige; unterſucht ſeine Schlaͤge ſelbſt.“ Der Praͤlat lehnte den Verſuch ab, allein der ent⸗ ſchloſſeneré Baron ſtellte ihn an und uͤberzeugte ſich, daß das Fieber in der That verſchwunden war. „Das iſt hoͤchſt wunderbar,“ ſagte der Ritter, den Biſchof anblickend;„der Mann iſt ſicherlich hergeſtellt. Ich muß dieſen Arzt ſogleich in Koͤnig Richards Zelt fuͤhren. Was meinen Eure Ehrwuͤrden?“ „Bleibt, laßt mich die eine Kur vollenden, ehe ich die andere beginne,“ ſagte der Araber;„ich will mit Euch gehen, wenn ich meinem Patienten die zweyte Schaale dieſes heiligen Elerirs gereicht habe. Mit dieſen Worten zog er eine ſilberne Schaale hervor, fuͤllte ſie mit Waſſer aus einer neben dem 45 Bette ſtehenden Kuͤrbisflaſche, nahm dann einen klei⸗ nen, aus Netzwerk gemachten, und mit Silber durch⸗ wirkten ſeidenen Beutel, deſſen Inhalt die Umſte⸗ henden nicht entdecken konnten, tauchte ihn in die Schaale, und blickte ungefaͤhr 5 Minuten lang ſchwei⸗ gend in dieſelbe. Den umſtehenden Zuſchauern ſchien waͤhrend der Operation ein Aufbrauſen ſtatt zu haben, das ſich aber ſogleich wieder legte. „Trink,“ ſagte der Arzt zu dem Kranken— „ſchlafe und erwache munter und geſund.“ G„Und mit dieſem ſo einfach ſcheinenden Tranke willſt du einen Monarchen kuriren?“ fragte der Bi⸗ ſchof.. „Ich habe einen Bettler kurirt, wie Ihr ſehen könnt,“ erwiederte der Weiſe.„Sind die Koͤnige von Frangiſtan aus anderem Thone gemacht?“ „Laßt uns augenblicklich mit ihm zum Koͤnige gehen,“ ſagte der Baron von Gilsland.„Er hat ge⸗ zeigt, das er das Geheimniß beſitzt, das ihm ſeine Ge⸗ ſundheit wieder zu geben vermag. Wenn Richard es verſchmaͤht, ſo glaube ich ſelbſt, daß alle Macht der Arzney an ihm verloren iſt.“ Als ſie im Begriff ſtanden, die Huͤtte zu verlaſ⸗ ſen, erhob der Kranke ſeine Stimme, in ſo weit es ſeine Schwaͤche erlaubte, und rief:„Ehrwuͤrdiger Va⸗ ter, edler Ritter, und Ihr guͤtiger Arzt, wollt Ihr ha⸗ ben, daß ich ſchlafe und geſund werde, ſo ſagt mir um 47 Gottes willen, was aus meinem theuern Herrn gewor⸗ den iſt?“ Er iſt auf einer fernen Reiſe, Freund,“ erwiederte der Praͤlat, auf einer ehrenvollen Sendung, die ihn ei⸗ nige Tage beſchaͤfftigen wird.“ Nein,“ ſagte der Baron von Gilsland,„warum ſollte man den armen Menſchen taͤuſchen?— Freund, Dein Herr iſt ins Lager zuruͤckgekehrt, und du wirſt ihn augenbliklich ſehen.“ Dankbar hielt der Kranke ſeine Haͤnde gen Him⸗ mel empor, und widerſtand nicht laͤnger der einſchlaͤ⸗ fernden Kraft des Elexirs, ſondern ſank in einen ſanf⸗ ten Schlummer. „Ihr ſeyd ein beſſerer Arzt, als ich, Sir Thomas, ſagte der Praͤlat;„eine angenehme Unwahrheit ſchickt ſich beſſer fuͤr ein Krankenzimmer, als eine bittere Wahrheit.“ „Wie meint Ihr das, ehrwuͤrdiger Herr?“ ſagte de Vaux haſtig,„glaubt Ihr, ich werde eine Unwahr⸗ heit ſagen, um das Leben eines Dutzend ſolcher Leute, wie er iſt, zu retten?“ „Ihr ſagtet,“ erwiederte der Biſchoff mit augen⸗ ſcheinlicher Unruhe;—„Ihr ſagtet, der Herr des Schildknappen ſey zuruͤckgekehrt,— den Ritter vom Leo parden meine ich.“— „Ja er iſt zuruͤckgekehrt,“ ſagte de Vaux;—„Ich ſprach erſt vor einigen Stunden mit ihm. Dieſer ge⸗ lehrte Arzt kam in ſeiner Geſellſchaft!“ „Heilige Jungfrau! warum ſagtet ihr mir nichts von ſeiner Ruͤckkehr?“ rief der Biſchoff in ſichtbarer Beſtuͤrzung aus. „Sagte ich nicht, daß ebendieſer Ritter vom Leo⸗ parden in Geſellſchaft dieſes Arztes zuruͤckgekehrt ſeye—. Ich glaube wenigſtens, daß ich es geſagt habe!“ entgegnete de Vaux gleichguͤltig;„doch was hat ſeine Ruͤckkehr mit der Geſchicklichkeit des Arztes oder der Heilung Sr. Majeſtaͤt zu thun?“— „Viel, Sir Thomas, ſehr viel,“ ſagte der Bi⸗ ſchoff, die Haͤnde zuſammenpreſſend, ſeinen Fuß gegen den Boden ſtemmend, und unwillkuͤhrliche Zeichen von Unruhe von ſich gebend.„Doch, wo kann er nun ſeyn, dieſer Ritter?“— — Gott ſey mit uns— hier koͤnnen gefaͤhrliche Irrthuͤmer obwalten!“— „Iener Sklave in dem außern Raume“ ſagte de Vaur, nicht wenig uͤber die Gemuͤthsbewegung des Biſchoffs verwundert,„kann uns wahrſcheinlich ſagen, wohin der Ritter gegangen iſt.“ Der Purſche wurde herbei gerufen, und in einer thnen faſt unverſtaͤndlichen Sprache gab er ihnen end⸗ lich zu verſtehen, daß ein Offizier den Ritter in das koͤnigliche Zelt, einige Zeit vor ihrer Ankunft in dem ſeinigen, gerufen habe. Die Unruhe und Beſtuͤrzung des Biſchoffs ſchien aufs Hoͤchſte zu ſteigen, und fiel ſelbſt dem Baron auf, obſchon dieſer weder ein ſchar⸗ fer Beobachter, noch von Natur aranohniſe war. Allein — . 9 —— „— 49 Allein mit ſeiner Unruhe ſchien ſein Wunſch, ſie zu bezwingen und zu verbergen, zu wachſen. Schnell nahm er von de Vaux Abſchied, der ihm voll Erſtan⸗ nen nachblickte, und nachdem er in ſtiller Verwunde⸗ rung die Achſeln gezuckt hatte, den grabiſchen Arzt in das Zelt des Koͤnigs Richard fuͤhrte. Drittes Kapitel. Verdacht iſt eine ſchwere Rüſtung, und Beläſtigt mehr als ſie beſchützr. 3 Lord Byron. Der Baron von Gilsland gieng langſamen Tritts, und mit bekuͤmmerter Miene nach dem koͤniglichen Zelte. Er ſetzte großes Mißtrauen in ſeine Faͤhigkeit, ausgenommen auf dem Schlachtfelde, und ſich keiner großen Scharfſicht bewußt, begnuͤgte er ſich gewoͤhn⸗ lich damit, uͤber Umſtaͤnde zu ſtaunen, die ein auf⸗ geweckterer Kopf zu erforſchen und zu beg reifen ge⸗ ſtrebt, oder doch zum Gegenſtand des Nachdenkens ge⸗ macht haben wuͤrde. Allein ſelbſt ihm kam es ganz auſſerordentlich vor, daß hie Anfmerkſamkeit des Bi⸗ ſchoffs plötzlich von jeder Betrachtung über die wun⸗ derbare Kur, deren Augenzeugen ſie geweſen waren, und uͤber die dadurch erzengte Wahrſcheinlichkeit der Geneſung Richards durch Erkundigungen uͤber einen bettelhaften ſchottiſchen Ritter abgelenkt wurde, der, in den Angen des Barons, eines der unwichtigſten W. Scott's Werke. VII. 4 1 50. und veraͤchtlichſten Mitglieder des Adels war. Trotz ſeiner Gewohnheit, bei voruͤbergehenden Ereigniſſen eden paſſiven Zuſchauer zu ſpielen, zerbrach ſich da⸗ her der Baron den Kopf mit ungewohnten⸗ Verſuchen“, Muthmaßungen uͤber die Urſache dieſer Erſcheinung anzuſtellen.,— Endlich kam er ploͤtzlich auf den Gedanken, das Ganze könnte wohl eine, innerhalb des Lagers der Verbuͤndeten angezettelte Verſchwoͤrung gegen Koͤnig Richard ſeyn, welcher der Biſchoff, der von manchen als ein weltkluger und eben nicht ſehr bedenklicher Mann. geſchildert wurde, wahrſcheinlicherweiſe bei⸗ getreten war. Zwar gab es, ſeiner eigenen Mei⸗ nung zu Folge, keinen vollkommeneren Charakter, alv den ſeines Herrn; denn Richard war der Spiegel der Ritterſchaft, das Oberhaupt der chriſtlichen An⸗ füͤhrer, und gehorchte in allen. Punkten den Geboten der heiligen Kirche; weiter giengen de Vaux's Ideen von Vollkommenheit nicht. Allein er wußte, daß es, obwohl unverdienterweiſe, ſtets das Schickſal ſei⸗ nes Herrn war, ſich durch ſeine Thaten und ſeine Handlungsweiſe ebenſowohl Vorwuͤrfe und Mißfallen zuzuziehen, als Ehre und Anſehen zu erringen; und daß es im Umkreiſe des Lagers ſogar, und unter den eidlich zum Kreuzzuge verpflichteten Fuͤrſten viele gab, die alle Hoffnungen des Sieges dem Vergnuͤgen aufgeopfert haben wuͤrden, Richard von England ins Merderben zu ſtuͤrzen, oder wenigſtens⸗zu demuͤthigen. 51 „Deßwegen,“ ſagte der engliſche Baron zu ſich ſelbſt,„iſt es keineswegs unmoͤglich, daß dieſer El Hakim mit ſeiner anſcheinenden Kur an dem ſchotti⸗ ſchen Schildknappen nur einen liſtigen Streich ſpielen wollte, an dem der Ritter vom Lepparden, und ſelbſt der Biſchoff von Tyrus, obgleich er Praͤlat iſt, An⸗ theil haben. Dieſe Muthmaßung ließ ſich freilich nicht ſo leicht mit der Beſtuͤrzung vereinigen, die der Biſchoff bei der Nachricht an den Tag legte, daß, ſeiner Erwar⸗ tung zuwider, der ſchottiſche Ritter ploͤtzlich ins Lager der Kreuzfahrer zuruͤckgekommen ſey. Allein de Vaur ſtand blos unter der Herrſchaft ſeiner allgemeinen Vorurtheile, die ihm den ſichern Glauben eingaben, daß ein ſchlauer italieniſcher Prieſter, ein falſchherzi⸗ ger Schotte, und ein unglaͤubiger Arzt, eine Miſchung von Ingredienzen bildeten, aus der alles Boͤſe und nichts Gutes fließen koͤnne. Er beſchloß jedoch ſeine Vedenklichkeiten geradezu dem Könige vorzutragen, von deſſen Beurtheilungskraft er faſt eine eben ſo hohe Meinung hegte, als von ſeiner Tapferkeit. Indeſſen hatten ganz andere Ereigniſſe ſtatt ge⸗ habt, als Thomas de Vaur vermuthete. Kaum hatte er das koͤnigliche Zelt verlaſſen, als Richard, in Folge ſeiner natuͤrlichen, und durch das Fieber noch hoͤher geſteigerten Ungeduld, uͤber ſein langes Ausbleiben zu. murren begann, und ein lebhaftes Verlangen nach ſei⸗ ner Ruͤckkehr an den Tag legte. Er hatte genug ver⸗ 1 1 445. 1 52 ſucht, jene Reizbarkeit zu beſaͤnftigen, wodurch ſein koͤrperliches Uebelbefinden ſo ſehr vergroͤßert wurde. Er hatle ſeine Waͤrter beſtuͤrmt, ihm Unterhal⸗ tung zu verſchaffen, und ſelbſt zum Breviere des Prie⸗ ſters, zur Romanze des Erzaͤhlers und zur Harfe ſei⸗ nes Lieblingsſaͤngers vergebens ſeine Zuflucht genom⸗ men. Endlich, einige Stunden vor Sonnenunter⸗ gang, und folglich lange, bevor er einen genuͤgenden Bericht von dem Erfolge der Kur, die der Araber unternommen hatte, erwarten konnte, ſchickte er, wie wirkbereits gehoͤrt haben, einen Boten nach dem Rit⸗ ter vom Leoparden ab, in der Abſicht durch eine ge⸗ nauere Nachricht uͤber die Urſache ſeiner Abweſenheit vom Lager, und uͤber die Umſtaͤnde ſeines Zuſam⸗ mentreffens mit dieſem Arzte aus dem Munde des Ritters ſelbſt ſeine Ungeduld zu beſaͤnftigen. Der ſchottiſche Ritter erſchien, auf dieſen Be⸗ fehl, vor dem Koͤnige, wie ein Mann, dem ſolche Scenen nicht fremd waren. Er war dem Koͤnige von England, dem Ausſehen nach, kaum bekannt, wie⸗ wohl er, feſt an ſeinem Range haltend, und andaͤch⸗ tig in der Verehrung der Dame ſeines Herzens, nie bei den Gelegenheiten gefehlt hatte, wo die Freigebig⸗ keit und Gaſtfreundſchaft Englands den Hof des Mo⸗ narchen dieſes Landes allen offnete, die einen gewi⸗ ßen Rang in der Ritterſchaft hatten. Feſt blickte der Koͤnig auf den ſeinem Bette ſich naͤhernden Ritter; 5 Sir Kenneth aber bog das Knie auf einen Augen⸗* 3 53 blick, erhob ſich dann und ſtand vor ihm in einer ehrerbietigen, aber nicht unterwuͤrfigen oder demuͤthi⸗ gen Stellung. „Dein Name,“ ſagte der Koͤnig,„Iſt Kenneth vom Leoparden— von wem haſt Du den Ritterrang erhalten?—“ „Vom Schwerdte Wilhelms, des Loͤwen von Schottland,“ erwiederte der Schotte. „Eine Waffe“ ſagte der Koͤnig,„wohl wuͤrdig Ehre zu ertheilen; auch iſt ſie auf keine unwuͤrdige Schulter gelegt worden. Wir haben im Gedraͤnge der Schlacht ritterlich und tapfer dich benehmen geſehen, Wwo Huͤlfe am noͤthigſten war; und laͤngſt haͤtteſt du erfahren, daß deine Verdienſte uns bekannt ſind, wenn nicht deine Anmaßung in andern S icken der Art geweſen waͤre, daß du fuͤr deine Verdienſte kei⸗ nen beſſern Lohn, als Verzeihung für dein Vergehen verlangen kannſt. Was ſagſt Du dazu?“ Kenneth verſuchte zu ſprechen, allein er war nicht im Stande, ſich deutlich auszudruͤcken; das Be⸗ wußtſeyn ſeiner zu hochſtrebenden Liebe, und der ſcharfe Falkenblick, womit Löwenherz ſein Innerſtes zu durchdringen ſchien, ſetzten ihn in Beſtuͤrzung. 1 „Und doch,“ ſagte der Koͤnig;„obſchon Sol⸗ daten dem Befehle gehorchen, und Vaſallen ehrerbie⸗ tig gegen ihre Obern ſeyn ſollen, koͤnnen wir einem tapfern Ritter eine groͤßere Beleidigung verzeihen, 54 als das bloße Halten eines Jagdhundes, waͤre es auch unſerer ausdruͤcklichen Verordnung zuwider.“ Feſt heftete Richard den Blick auf das Geſicht des Schotten, und ſah, mit innerem Laͤcheln, wie ſeine Zuͤge ſich durch die Wendung, die er ſeiner all⸗ gemeinen Anklage gegeben hatte, milderten. „Erlaubt, gnaͤdiger Herr,“ ſagte der Schotte, „Eure Majeſtaͤt muͤſſen gegen uns arme ſchottiſche Edelleute in dieſer Sache nachſichtig ſeyn. Wir ſind ferne von Hauſe, haben geringe Einkuͤnfte, und koͤn⸗ nen uns nicht ſo gut erhalten, wie Eure beguͤterten Edlen, die bey den Lombarden Credit haben. Die Saracenen ſollen unſere Streiche um ſo ſtaͤrker fuͤh⸗ len, da wir von Zeit zu geit ein Stuͤck getrocknetes Wildpret mit unſern Kraͤutern und Gerſtankuchen eſſen.“ „Es liegt nichts daran, um meine Erlaubniß nachzuſuchen,“ ſagte Richard,„da Thomas de Vaux, der, wie alle um mich her, thut, was ihm am Be⸗ ſten duͤnkt, Dir bereits die Erlaubniß zur Jagd und Falkenbeize ertheilt hat!“ „Bloß zur Jagd,“ ſagte der Schotte;„allein wenn Ew. Majeſtaͤt geruhten, mir auch das Privile⸗ gium zur Falkenbeize zu ertheilen, und geneigt ſind, mir einen Falken anzuvertrauen, ſo getraue ich mir, Eure koͤnigliche Tafel mit einigen Waſſerpoͤgeln zu verſehen.“ — . 55 „Ich fuͤrchte, wenn Du nur einmal den Falken haͤtteſt, ſo wuͤrdeſt Du kaum auf die Erlaubniß war⸗ ten. Ich weiß wohl, man hat draußen geſagt, wir von der Linie Anjou ruͤgen Vergehungen gegen unſere Forſtgeſetze ſo ſtark als Hochverrath. Braven und wuͤrdigen Maͤnnern koͤnnen wir aber Vergehungen verzeihen.— Doch genug hievon.— Ich wuͤnſchte von Euch zu erfahren, Herr Ritter, warum und auf weſſen Befehl Ihr unlaͤngſt eine Reiſe nach der Wild⸗ niß von Engaddi und vom todten Meere unternah⸗ met?“ 4 „ Auf Befehl der Rathsverſammlung der Fuͤrſten des heiligen Kreuzzuges,“ erwiederte der Ritter. „„Und wie wagte es jemand, einen ſolchen Be⸗ fehl zu geben, da ich— ſicherlich nicht der Geringſte im Bunde— nichts davon wußte?“ „Erlauben Eure Hoheit,“ ſagte der Schotte, „es war nicht meine Sache, nach ſolchen Umſtaͤnden zu fragen. Ich bin ein Soldat des Kreuzes, der ohne Zweifel gegenwaͤrtig unter dem Banner Eurer Maje⸗ ſtaͤt dient, und auf die Erlaubniß dazu ſtolz iſt, der aber doch immerhin das heilige Symbol fuͤr die Rechte der Chriſtenheit und die Wiedereroberung des heiligen Grabs genommen hat, und daher verpflichtet iſt, ohne Widerrede den Befehlen der Fuͤrſten und Anfuͤhrer zu gehorchen, die das heilige Unternehmen leiten. Daß Krankheit,(doch, wie ich hoffe, nur auf kurze Zeit) Eure Majeſtaͤt von jenen Rathsverſammlungen, in 56. denen Ihr eine ſo maͤchtige Stimme habt, ausſchließt, das muß ich mit der ganzen Chriſtenheit beklagen; allein als Krieger muß ich denen gehorchen, welchen das geſetzliche Recht des Befehlens zuſteht, oder ich wuͤrde ſonſt nur ein ſchlechtes Beyſpiel in dem chriſt⸗ lichen Lager geben.“ 8. „„Du ſprichſt gut,“ ſagte Koͤnig Richard;„und der Tadel faͤllt nicht auf Dich, ſondern auf diejeni⸗ gen, mit denen ich, wenn es dem Himmel gefaͤllt, mich von dieſem verwuͤnſchten Bette der Pein und Unthaͤtigkeit aufſtehen zu laſſen, ſtrenge Rechnung halten werde. Was war der Inhalt Deiner Bot⸗ ſchaft?“ 3 Kenneth,„mir ſcheint es, dieß könnte am beſten von denienigen erforſcht werden, die mich abſandten, und folglich die Gruͤnde meiner Botſchaft angeben koͤnnen; da ich hingegen bloß von der aͤuſſern Form Nachricht geben kann.“ „Hintergehe mich nicht, Schotte!— es waͤre ſchlimm fuͤr Deine Sicherheit;“ ſagte der reizbare Monarch.— „Meine Sicherheit, gnaͤdiger Herr,“ erwiederte der Ritter in feſtem Tone,„habe ich als ein unbe⸗ deutendes Ding hinter mich geworfen, als ich mich dieſer Unternehmung weihte, indem ich mehr meine unſterbliche Wohlfahrt als die Erhaltung meines irdi⸗ ſchen Leibes im Auge hatte.“ „Mit Erlaubniß Ew. Hoheit,“ erwiederte Sir — 57. „Bey der heiligen Meſſe,“ ſagte Koͤnig Richard, „Du biſt ein braver Purſche! Hoͤre Du, Ritter, ich liebe das ſchottiſche Volk: ſie ſind kuͤhn, obgleich muͤrriſch und widerſpenſtig, und ich halte ſie im Gan⸗ zen fuͤr redliche Leute, ohſchon die Nothwendigkeit ſie manchmal zur Verſtellung gezwungen hat. Ich ver⸗ 3 diene einige Liebe von ihnen; denn ich habe freiwil⸗ lig gethan, was ſie weder mir, noch meinen Vorgaͤn⸗ gern durch Waffengewalt haͤtten abdringen koͤnnen.— Ich habe die Feſtungen Rorburgh und Berwick, die England als Unterpfand hatte, wieder in Stand ge⸗ ſetzt.— Ich habe Eure alten Graͤnzen wieder herge⸗ ſtellt— und endlich habe ich einer Huldigung ent⸗ ſagt, die Euch, meiner Meynung nach, ungerechter⸗ weiſe aufgedrungen war. Ich habe mich bemuͤht, achtbare und unabhaͤngige Freunde aus euch zu machen, wogegen fruͤhere Koͤnige von England bloß widerſpen⸗ ſtige und aufruͤhreriſche Vaſallen im Zaume zu halten ſuchten.“ „„ Alles das habt Ihr gethan, mein Koͤnig,“ ſagte Sir Kenneth, ſich verbeugend,„alles das habt Ihr gethan durch Euern koͤniglichen Vertrag mit un⸗ ſerem Souverain zu Canterbury. Deßwegen habt Ihr, im Kriege gegen die Unglaͤubigen, mich und manche beſſere ſchottiſche Maͤnner unter Eurem Ban⸗ ner, die ſonſt Eure Graͤnzen in England verwuͤſtet haben wuͤrden.“ „ ‚Ich gebe dieß zu,“ ſagte der Koͤnig,„und fuͤr 7.58 das Gute, das ich eurem Lande gethan habe, ſolltet ihr bedenken, daß ich, als ein Hauptmitglied des chriſtlichen Bundes, das Recht habe, die Verhand⸗ lungen meiner Verbuͤndeten zu kennen; laßt mir da⸗ her die Gerechtigkeit widerfahren, mir zu ſagen, was ich zu wiſſen berechtigt bin, und was ich von Dir ſicherer, als von anderen erfahren zu koͤnnen, uͤber⸗ zeugt bin.“ 1 „Mein gnaͤdiger Fuͤrſt,“ ſagte der Schotte,„da Ihr mich ſo beſchwoͤret, ſo will ich die Wahrheit reden; denn ich glaube gar wohl, daß Eure Abſichten in Be⸗ treff des Hauptgegenſtands unſerer Unternehmung auf⸗ richtig und ehrlich ſind; und das iſt mehr, als ich mir von andern Mitgliedern des heiligen Bundes zu ſa⸗ gen getraue. Geruhen daher Eure Majeſtaͤt zu ver⸗ nehmen, daß ich beauftragt war, vermittelſt des Ein⸗ ſiedlers von Engaddi, eines heiligen, von Saladin ſelbſt geſchuͤtzten und geehrten Mannes, den Vor⸗ ſchlag— „Zur Fortſetzung des Waffnſtillſtands zu ma⸗ chen, nicht wahr?“ unterbrach ihn Richard haſtig. „ Nein, bei'm heiligen Andreas, Eur. Maje⸗ ſtaͤt,“ ſagte der ſchottiſche Ritter;„ſondern zur Gruͤndung eines dauerhaften Friedens, und zur Zu⸗ ruͤckziehung unſerer Heere aus Palaͤſtina. 24 „Heiliger Georg!“ rief Richard erſtaunt—„ſo ſchlecht ich mit Recht von ihnen gedacht habe, ſo habe ich mir doch nie traͤumen laſſen, daß ſie ſich ſo ſchudſ 59 S lich benehmen würden. Sprich, Ritter Kenneth, uͤbernahmſt Du eine ſolche Botſchaft gerne oder un⸗ gerne?“ 4 „Recht gerne, Mylord“ ſagte Kenneth,„denn, als wir unſern edlen Anfuͤhrer, unter deſſen Leitung allein ich mir Sieg verſprach, verloren hatten, ſo ſah ich keinen, der ihm haͤtte nachfolgen, und uns zum Siege fuͤhren koͤnnen, und unter ſolchen Umſtaͤnden hielt ich es fuͤr gut, eine Niederlage zu vermeiden.“ „Und unter welchen Bedingungen ſollte dieſer vielverſprechende Friede geſchloſſen werden?“ fragte Koͤnig Richard, nur mit großer Muͤhe die Leidenſchaft unterdruͤckend, die ihm das Herz faſt zerſprengte. „Sie wurden mir nicht anvertraut, Mylord. Ich uͤbergab ſie dem Einſiedler verſiegelt.“ „Und fuͤr was haltet Ihr dieſen ehrwuͤrdigen Einſiedler?— fuͤr einen Narren, Verruͤckten, Ver⸗ raͤther oder Heiligen?“ ſagte Richard. 1„Seine Narrheit, Sire,“ erwiederte der ſchlaue Schotte,„halte ich fuͤr angenommen, um ſich Gunſt und Ehrfurcht bei den Heiden zu verſchaffen, die Ver⸗ ruͤckte fuͤr Begeiſterte des Himmels halten; wenigſtens zeigte er ſie nur gelegenheitlich, und ſie hatte nicht, wie der natuͤrliche Wahnſinn, Einfluß auf den allge⸗ meinen Zuſtand ſeines Geiſtes.“ „Schlau geantwortet“ ſagte der Monarch, ſich auf ſein Lager zuruͤckwerfend, von dem er ſich halb erhoben hatte,—„und ſeine Buͤßungen?“ 60 „Seine Buͤßungen,“ fuhr Kenneth fort,„er⸗ ſcheinen mir als aufrichtig, und als Fruͤchte von Ge⸗ wiſſensbiſſen, die ihn, wegen irgend eines furchtba⸗ ren Verbrechens, peinigen, um deſſenwillen er, ſei⸗ ner Meinung nach, zur ewigen Verwerfung verdammt zu ſeyn ſcheint.“ „Und was ſeine Politik betrifft?“ ſagte Koͤnig Richard. „Wie es mir ſcheint, Mylord, verzweifelt er— an der Sicherheit Palaͤſtina's, wie an ſeiner eigenen Rettung, wenn nicht ein Wunder geſchieht;— we⸗ nigſtens ſeit der Arm Richards von Englaud auſge⸗ hoͤrt hat, dafuͤr zu kaͤmpfen.“ „ Und deßwegen gleicht die feige Politik dieſes Einſiedlers der Politik jener elenden Fuͤrſten, die, uneingedenk ihrer Ritterwuͤrde und ihrer Treue, bloß dann entſchloſſen ſind, wenn vom Ruͤckzuge die Rede iſt, und ſtatt gegen einen bewaffneten Saracenen vor⸗ zuruͤcken, auf ihrer Flucht lieber uͤber einen ſterben⸗ den Bundesgenoſſen hinweg trappen wuͤrden.“ „Erlauben Eure Majeſtaͤt,“ ſagte der ſchottiſche Ritter, dieſe Unterhaltung erhitzt nur Eure Krank⸗ heit, den Feind, von welchem die Chriſtenheit mehr Boͤſes fuͤrchtet, als von den Schaaren der Unglaͤu⸗ bigen.“ „Koͤnig Richards Geſicht war in der That roͤther und ſein Gebaͤrdenſpiel fieberhafter und heftiger ge⸗ worden, als er mit geballter Hand, aulogtxecetem— 61 Arme und funkelnden Augen, ſowohl durch koͤrperli⸗ chen Schmerz als durch Gemuͤthspein zu leiden ſchien, waͤhrend ihn ſein kuͤhner und muthiger Geiſt, gleich⸗ ſam beyden zum Trotze, fortzuſprechen bewog. „Ihr koͤnnt ſchmeicheln, Herr Ritter,“ ſagte er;„aber Ihr entwiſcht mir nicht. Ich muß noch mehr von Euch erfahren, als Ihr mir bis jetzt ge⸗ ſagt habt. Sahet Ihr meine köoͤnigliche Gemahlin zu Engaddi?“ „So viel ich weiß, nicht, Mylord,“ erwiederte Sir Kenneth, mit ſichtlicher Verwirrung; denn er erinnerte ſich an die mitternaͤchtliche Prozeſſion in der Kapelle der Felſen. „Ich frage Euch,“ ſagte der Koͤnig in ernſterem Tone,„ob Ihr nicht in der Kapelle der Carmeliter Nonnen zu Engaddi geweſen ſeyd, und da Berenga⸗ rine, die Koͤnigin von England, und ihre Hofdamen geſehen habt, die dahin eine Wallfahrt unternommen haben?“ „Mylord,“ ſagte Sir Kenneth, ich will die Wahr⸗ heit ſprechen, wie im Beichtſtuhle. In einer unter⸗ irdiſchen Kapelle, in die mich der Einſiedler führte, ſah ich ein Chor von Damen einer Reliquie von der groͤſten Heiligkeit ihre Verehrung erweiſen; allein da ich ihre Geſichter nicht ſah, und ihre Stimme nicht hörte, außer in den Hymnen, welche ſie ſangen, ſo kann ich nicht ſagen, en die Koͤnigin von England ſich in ihrer Mitte beſand“ 62 „Und kanntet Ihr keine dieſer Damen?“ Sir Kenneth ſtand ſchweigend da. „Ich frage euch,“ ſagte Richard ſich aufrichten und auf ſeinen Ellenbogen ſtuͤtzend,„als ein Ritter und Edelmann, und ich werde aus eurer Autwort er⸗ kennen, was fuͤr einen Werth Ihr auf beides legt, kanntet Ihr irgend eine Dame unter der Schaar der Andaͤchtigen, oder nicht?“ „Mylord,“ ſagte Kenneth nicht ohne Zaudern, ich könnte muthmaßen.“ 3 „Und ich kann auch muthmaßen,“ ſagte der Koͤ⸗ nig, finſter die Stirne runzelnd;„aber es iſt ge⸗ nug. Huͤtet Euch Herr Ritter, ſo ſehr ihr Leopar⸗ de ſeyd, vor den Klauen des Loͤwen. Ich ſage euch, ſich in den Mond verlieben, waͤre nur eine Handlung der Thorheit; allein von den Zinnen eines hohen Thurmes in der albernen Hoffnung herabſpringen, in ſeine Sphaͤre zu gelangen, waͤre ſelbſt⸗vernichtender Wahnſinn.“ 8 In dieſem Augenblicke wurde ein Geraͤuſch in dem aͤußern Gemache gehoͤrt, und der Koͤnig, der ſchnell die ihm natuͤrlichere Manier annahm, ſagte: „Genug davon— geht— eilt zu de Vaur, und ſen⸗ det ihn mit dem arabiſchen Arzte hierher. Ich laſſe mein Leben fuͤr die Treue des Sultans! Wollte er nur ſein falſches Geſetz abſchwoͤren, ich wuͤrde ihm mit meinem Schwerdte dieſes Geſindel von Franzoſen und Oeſterreicher aus ſeinem Gebiete vertreiben helfen, 63 und Palaͤſtina durch ihn ſo gut regiert glauben, als wenn ſeine Koͤnige auf Befehl des Himmels ſelbſt ge⸗ ſalbt worden waͤren.“ Der Ritter vom Leoparden zog ſich zuruͤck, und bald darauf meldete der Kaͤmmerer eine Deputation von der Bundesverſammlung, die gekommen ſey, um Sr. Majeſtaͤt ihre Aufwartung zu machen. Es iſt gut, daß ſie mich noch unter die Leben⸗ den zaͤhlen“ war ſeine Antwort.„Wer ſind die ver⸗ ehrlichen Geſandten?—“ „Der Großmeiſter der Tempelherrn, und der Marquis von Montſerrat.“ „Unſer Bruder von Frankreich liebt die Kranken⸗ zimmer nicht,“ ſagte Richard,„doch waͤre Philipp krank geweſen, ſchon laͤngſt haͤtte er mich neben ſei⸗ nem Bette geſehen.— Jocelyn, lege mir das Bett zurecht, es iſt untereinander geworfen, wie eine ſtuͤr⸗ miſche See— gib mir jenen Stahlſpiegel— durch⸗ fahre mein Haar und meinen Bart mit dem Kamme; ſie ſehen in der That der Maͤhne eines Loͤwen aͤhnli⸗ cher, als dem Haarwuchſe eines chriſtlichen Menſchen — bring Waſſer.“ „Mein gnaͤdiger Koͤnig,“ ſagte der zitternde Kaͤm⸗ merer,„die Aerzte ſagen, kaltes Waſſer ſey ſchaͤdlich.“ „Zum Teufel mit den Aerzten,“ erwiederte der Monarch;„wenn ſie mich nicht kuriren koͤnnen, glaubſt du, ich werde mich von ihnen quaͤlen laſſen?— Da nimm,“ ſagte er, nachdem er ſiche gswaſchen hatte; 6 4 laß die geehrten Abgeordneten eintreten; ſie werden jetzt, glaube ich, kaum ſehen, daß der Schmerz Ri⸗ chard nachlaͤßig gegen ſeine Perſon gemacht hat.“ Der beruͤhmte Großmeiſter der Tempelritter war ein langer, duͤnner, von den Strapazen des Krieges abgezehrter Mann, mit einem langſamen aber durch⸗ dringenden Blicke, und einer Stirne, auf welche tau⸗ ſend finſtere Intrignen einen Theil ihrer Duͤſterheit eingepraͤgt hatten. Er ſtand an der Spitze jener ſon⸗ derbaren Koͤrperſchaft, der ihr Orden alles, und ihre Individualitaͤt nichts war. Strebend nach der Ver⸗ groͤßerung ſeiner Macht, ſelbſt zum Nachtheile jener Religion, deren Beſchutzung der erſte Zweck der Bruͤ⸗ derſchaft war— der Ketzerei und Zauberei angeklagt, obgleich ſeine Mitglieder ihrem Charakter nach chriſt⸗ liche Prieſter waren— im Verdachte eines geheimen Buͤndniſſes mit dem Sultan ſtehend, obſchon durch ſeinen Eid zur Beſchuͤtzung des heiligen Tempels, oder zu deſſen Wiedereroberung, verpflichtet— war der ganze Orden und der perſoͤnliche Charakter ſeines Ober⸗ hauptes oder Großmeiſters ein Raͤthſel, vor deſſen Loͤ⸗ ſung die meiſten Menſchen zuruͤckſchauderten. Der Großmeiſter war in ſeine weiten Prachtgewaͤnder ge⸗ huͤllt, und fuͤhrte den abacus, einen geheimnißvollen Amtsſtab, deſſen beſondere Form jene ſonderbare Muth⸗ maßungen und Erklaͤrungen veranlaßt hat, die zu dem Verdachte fuͤhrten, daß dieſer Verein chriſtl icher Ritter 4— unter 2 65 ter unter den⸗ſchaͤndlichſten Symbolen des Heidenthums zuſammengetreten ſey. Conrad von Montſerrat hatte ein weit einneh⸗ menderes Aeußeres, als der duͤſtere und geheimniß⸗ volle Prieſterſoldat, der ihn begleitete. Er war ein ſchoͤner Mann von mittlerem Alter, oder etwas uͤber dieſe Zeit hinaus, kuͤhn im Felde, weiſe im Rathe; frohlich und artig bei Feſtlichkeiten; allein anderer⸗ ſeits wurde er der Veraͤnderlichkeit, eines engherzigen, ſelbſtfuͤchtigen Ehrgeizes und des Wunſches angeklagt, ſeine Macht ohne Ruͤckſicht auf das Wohl des lateini⸗ ſchen Koͤnigreichs Palaͤſtina auszudehnen, und ſein Intereſſe durch Privat⸗Unterhandlungen mit Saladin zum Nachtheile der chriſtlichen Verbuͤndeten zu befoͤrdern. Als die gewoͤhnlichen Begruͤßungen von Seiten der Abgeordneten erfolgt, und von Koͤnig Richard hoͤflich erwiedert waren, begann der Marquis von Montſerrat eine Erklaͤrung der Beweggruͤnde ihres Beſuches; ſie ſeyen, ſagte er, von den bekuͤmmerten Koͤnigen und Fuͤrſten, aus denen der Rath der Kreuz⸗ fahrer beſtehe, abgeſchickt worden, um ſich nach dem Befinden ihres großmuͤthigen Verbuͤndeten, des tap⸗ fern Koͤnigs von England, zu erkundigen. „Wir kennen die Wichtigkeit, welche die Fuͤrſten des Raths dem Zuſtande unſerer Geſundheit beyle⸗ gen“ erwiederte der engliſche Koͤnig,„und ſehen wohl ein, wie viel ſie dadurch geduldet haben müſſen, daß ſie alle Neugierde in Beziehung auf denſelben W. Seott's Werke VII. 5 66 vierzehen Tage lang unterdrückten, ohne Zweifel aus Furcht, unſere Krankheit durch die Aeußerung ihrer Beſorgniſſe in Betreff des Ausgangs zu erhoͤhen.“ Da durch dieſe Antwort der Strom der Bered⸗ ſamkeit des Marquis gehemmt, und er ſelbſt in einige Verlegenheit gerathen war, ſo nahm ſein ernſterer Begleiter den Faden der Unterredung auf, und be⸗ lehrte den Koͤnig, mit einer ſo trockenen und ernſten Kuͤrze, als ſich immer nur mit der Perſon vertrug, zu der er ſprach, daß ſie von dem hohen Rathe kommen, um im Namen der Chriſtenheit zu bitten, er moͤchte ſich nicht einem unglaͤubigen Arzte anvertrauen, der von Saladin abgeſchickt ſeyn ſolle, bis der hohe Rath Maaßregeln ergriffen habe, um den Verdacht, der, nach ihrer gegenwaͤrtrigen Meynung, der Sendung einer ſolchen Perſon anhaͤnge, zu entfernen oder zubeſtaͤtigen.“ „Großmeiſter des heiligen und tapfern Ordens der Tempelritter, und Ihr, hoͤchſt edler Marquis von Montſerrat,“ erwiederte Richard,„wenn es Euch beliebt, Euch in das anſtoßende Zelt zu begeben, ſo ſollt Ihr ſogleich ſehen, was fuͤr ein Gewicht wir auf diezaͤrtlichen Vorſtellungen unſerer koͤniglichen und fuͤrſt⸗ lichen Collegen in dieſem hoͤchſt religioͤſen Kriege legen.“ Der Marquis und Grofßmeiſter zogen ſich alſo zuruͤck, und ſie hatten ſich noch nicht lange in dem außern Zelte befunden, als der morgenlaͤndiſche Arzt ankam, begleitet von dem Baron von Gilsland und Kenneth von Schottland. Der Baron trat jedoch et⸗ 67 was ſpaͤter in das Zelt, als die zwey Andern, da er ohne Zweifel ein wenig zuruͤckgeblieben war, um den außen ſtehenden Wachen einige Befehle zu ertheilen. Als der arabiſche Arzt eintrat, machte er dem Marquis und dem Großmeiſter, deren hohe Wuͤrde aus ihrer Haltung und ihrer ganzen aͤußern Erſchei⸗ nung zu erkennen war, nach morgenlaͤndiſcher Art ſeine Verbeugung. Der Großmeiſter erwiederte ſeine Begruͤßung mit geringſchaͤtziger Kaͤlte; der Marquis aber mit der gefaͤlligen Hoͤflichkeit, die er gegen Leute jeden Standes und jeden Volkes an den Tag zu le⸗ gen pflegte. Es fand eine Pauſe ſtatt; denn der ſchottiſche Ritter, der auf die Ankunft de Va.l's wartete, wagte es nicht, ungeheißen in das Zelt des Koͤnigs von England zu treten, und waͤhrend dieſer Zwiſchenzeit fragte der Großmeiſter den Muſelmann in ernſtem Tone:„Unglaͤubiger, haſt Du den Muth, Deine Kunſt an der Perſoͤn eines geſalbten Fuͤrſten der chriſtlichen Heerſchaaren zu verſuchen?“ „Die Sonne Allah's,“ antwortete der Weiſe, „ſcheint auf den Nazarener, wie auf den wahren Glaͤu⸗ bigen, und ſein Diener wagt keinen Unterſchied zwi⸗ ſchen ihnen zu machen, wenn er aufgefordert wird, ſeine Heilkunſt auszuuͤben.“ „„ Unglaͤubiger Hakim,“ ſagte der Großmeiſter, „oder wie man ſonſt Dich ungetauften Sklaven der Finſt rniß nennen mag, weißt Du auch, daß Du 5.. 68 von wilden Pferden zerriſſen werden wirſt, wenn Koͤ⸗ nig Richard unter Deiner Hand ſtirbt?“ „Das waͤre eine ſtrenge Gerechtigkeit,“ antwor⸗ tete der Arzt,„in Erwaͤgung, daß ich nur menſch⸗ liche Mittel anwenden kann, und daß der Ausgang im Buche des Lichts geſchrieben ſteht.“ „Ja, ehrwürdiger und tapferer Großmeiſter,“ ſagte der Marquis von Montſerrat,„bedenkt, daß dieſer gelehrte Mann unſere chriſtliche, in der Furcht Gottes, und zur Sicherheit ſeiner Geſalbten, ange⸗ nommene Ordnung nicht kennt.—„Wiſſet denn, wuͤrdiger Arzt, an deſſen Geſchicklichkeit wir nicht zweifeln, daß Ihr am weiſeſten handelt, wenn Ihr Euch vor den ehrwuͤrdigen Rath unſeres heiligen Bun⸗ des verfuͤgt, und daſelbſt den weiſen und gelehrten Aerzten, die er zu dieſem Ende ernennen wird, Re⸗ chenſchaft uͤber Eure Heilmittel und Eure Verfah⸗ rungsart bey der Behandlung des erlauchten Kran⸗ ken ableget; auf dieſe Art werdet Ihr allen Gefahren entgehen, in die Ihr Euch ſonſt, wenn Ihr eine ſo wichtige Sache ganz allein auf Euch naͤhmet, hoͤchſt wahrſcheinlich ſtuͤrzen wuͤrdet.“ „Meine Herren,“ antwortete El Hakim,„ich verſtehe Euch wohl. Allein die Wiſfenſchaft hat ihre Helden ſo gut, als Eure Kriegskunſt, und bismeilen auch ihre Maͤrtyrer ſo gut, als die Religion. Ich habe von meinem Fuͤrſten, dem Sultan Saladin, den Befehl, dieſen Nazarener⸗Koͤnig zu heilen, und mit —— 69 dem Segen des Propheten will ich ſeinen Geboten gehorchen. Wenn mir die Kur mißlingt, ſo tragt Ihr Schwerdter, die nach dem Blute des Glaͤubigen duͤrſten, und ich biete meinen Leib Euren Waffen dar. Allein ich will mit keinem Unbeſchnittenen uͤber die Kraft der Heilmittel hadern, von denen ich, durch die Gnade des Propheten, Kenntniß erlangt habe, und ich bitte Euch, mich in der Vollziehung meiner Pllicht nicht aufzuhalten.“ „Wer ſpricht von Aufhalten?“ ſagte der Baron de Vaur, ſchnell in das Zelt tretend;„nur zuviel iſt ſchon gezoͤgert worden.— Ich gruͤße Euch, Mylord von Montſerrat, und Euch, maͤchtiger Großmeiſter. Aber ich muß augenblicklich mit dieſem gelehrten Arzt an das Krankenbett meines Herrn.“ „Mylord,“ ſagte der Marquis, in der nor⸗ maͤnniſch⸗franzoͤſiſchen Sprache, oder in der Sprache von ouie, wie man ſie damals nannte;„wißt Ihr wohl, daß wir gekommen ſind, im Namen des Raths der Monarchen und Fuͤrſten des Kreuzzugs, vor der Gefahr zu warnen, einem unglaͤubigen und morgen⸗ laͤndiſchen Arzte zu erlauben, ſeine Quackſalberkunſt an einer ſo ſchaͤtzbaren Geſundheit zu verſuchen, als die, Eures Herrn, des Koͤnigs Richard, iſt?“ „Edler Lord Marquis,“ erwiederte der Englaͤn⸗ der,„ich kann weder viele Worte machen, noch finde ich Vergnuͤgen am Anhoͤren derſelben;— uͤberdieß glaube ich lieber was meine Augen geſehen, als 8 70⁰ was meine Ohren gehoͤrt haben. Ich bin uͤberzeugt, daß dieſer Heide die Krankheit des Koͤnigs Richard heilen kann, und ich glaube, und hoffe, er wird ſich auch bemuͤhen, dieß zu ſthun. Die Zeit iſt koſtbar. Wenn Mohammed,— Gottes Fluch uͤber ihn,— an der Thuͤre des Zeltes mit dem ehrlichen Vorſatze ſtuͤnde, den dieſer Adonebec El Hakim hegt, ſo wuͤrde ich es fuͤr Suͤnde halten, ihn auch nur einen Augenblick aufzuhalten;— ſo behuͤte Euch denn Gott, meine Herrn.“ „Nicht doch,“ ſagte Conrad von Montſerrat, „der Koͤnig ſelbſt ſagte, wir ſollen Zeugen der Kur dieſes Arztes ſeyn.“ Der Baron fluͤſterte dem Kaͤmmerer etwas ins Ohr; wahrſcheinlich wollte er von ihm erfahren, ob der Marquis die Wahrheit geſagt habe. Hierauf er⸗ wiederte er:„Mylords, wenn Ihr Euch ruhig ver⸗ halten wollt, ſo ſeyd Ihr eingeladen, das Zelt mit uns zu betreten; allein wenn Ihr durch irgend eine Handlung oder Drohung dieſen kenntnißreichen Arzt in der Erfuͤllung ſeiner Pflicht unterbrecht, ſo wiſſet, daß ich Euch, ohne Nuͤckſicht auf Enren hohen Nang, aus Koͤnig Richards Zelte jagen werde; denn ſo ſehr bin ich von der wohlthaͤtigen Kraft der Arzney dieſes Mannes uͤberzeugt, daß ich, wenn Koͤnig Richard ſelbſt ſie verſchmaͤhte, bey Unſerer Frau von Laner⸗ coſt es wohl uͤbers Herz bringen koͤnnte, ihn zum Gebrauch dieſer Mittel zu noͤthigen, moͤchte er nun wollen oder nicht.— Komm herbey, El Hakim.“ 71 „Die letzten Worte ſprach er in der lingua franca, und der Arzt gehorchte augenblicklich. Der Großmeiſter blickte den unhoflichen Soldaten finſter an, allein als er ſein Auge auf den Marquis warf, ent⸗ runzelte er ſeine gefaltete Stirne, ſo gut er konnte, und beyde folgten de Vaux und dem Araber in das innere Zelt, wo Richard ſie mit der Ungeduld erwar⸗ tete, womit der Patient die Tritte ſeines Arztes belauſcht. Sir Kenneth, deſſen Gegenwart weder ver⸗ langt, noch verboten ſchien, fuͤhlte ſich, durch die Umſtaͤnde, in denen er ſich befand, berechtigt, dieſen erlauchten Perſonen zu folgen, blieb aber, ſeines nie⸗ dern Ranges und Anſehens ſich bewußt, waͤhrend des naͤchſten Auftritts, in einiger Entfernung. Als ſie in das Gemach traten, rief Richard ſo⸗ gleich aus:„Aha! da kommt eine gute Geſellſchaft, um Richard ſeinen Sprung im Finſtern thun zu ſe⸗ hen.— Meine edlen Verbuͤndeten, ich gruͤße Euch als die Repraͤſentanten unſerer Bundes⸗Verſamm⸗ lung; Richard will wieder, nach ſeiner fruͤhern Wei⸗ ſe, unter Euch ſeyn, oder Ihr ſollt ſeine Ueberreſte ins Grab tragen ſehen.— De Vaur, Du haſt den Dank Deines Fuͤrſten, mag er nun leben oder ſter⸗ ben.— Es iſt noch ein Anderer da;— doch dieſes Fieber hat meine Augen angegriffen;— wie? der kuͤhne Schotte, der den Himmel ohne Leitern erſtei⸗ gen koͤnnte?— Er iſt auch willkommen!— Komm, Sir Hakim, ans Werk, ans Werk!“ 7² Der Arzt, der ſich bereits von den verſchiedenen Symptomen der Krankheit des Koͤnigs unterrichtet hatte, befuͤhlte jetzt ſeinen Puls lange Zeit mit tiefer Aufmerkſamkeit, waͤhrend alles um ihn herum ſchwei⸗ gend und in athemloſer Erwartung daſtand. Der Weiſe fuͤllte jetzt einen Becher mit Quellwaſſer, und tauchte in denſelben den kleinen rothen Beutel, den er, wie fruͤher, aus ſeinem Buſen nahm. Als er das Waſſer hinlaͤnglich mit dem Inhalte des Beutels geſchwaͤngert glaubte, wollte er den Becher dem Koͤ⸗ nig uͤberreichen; dieſer wies ihn aber mit den Wor⸗ ten zuruͤck:„Halt einen Augenblick.— Du haſt meinen Puls befuͤhlt;— laß mich meinen Finger an den Deinigen legen.— Auch ich, wie es einem gu⸗ ten Ritter geziemt, verſtehe etwas von Deiner Kunſt.“ Der Araber reichte ohne Bedenken ſeine Hand hin, und ſeine langen, magern, ſchwarzen Finger waren, einen Augenblick lang, in die große Hand des Koͤnigs Richard eingeſchloſſen, und faſt in derſelben begraben. „Sein Blut ſchlaͤgt ruhig, wie das eines Kin⸗ des;“ ſagte der Konig—„ſo ſchlaͤgt nicht das Blut derer, welche Fuͤrſten vergiften. De Vaur, entlaßt dieſen Hakim, moͤgen Wir nun leben oder ſterben, in Ehre und Sicherheit— empfiehl uns, Freund, dem edlen Saladin. Sterbe ich, ſo ſterbe ich, ohne ſeine Redlichkeit in Zweifel zu ziehen.— Bleibe ich am Leben, ſo werde ich ihm danken, wie einem Krie⸗ ger gedankt werden muß.“ 4 —-— 73 Er erhob ſich hierauf in ſeinem Bette, nahm den Becher in die Hand, und ſagte gegen den Marquis und den Großmeiſter gekehrt„merkt Euch was ich ſage, und laßt meine koͤniglichen Bruͤder mir in Cypern⸗ wein Beſcheid thun,— zur unſterblichen Ehre des erſten Kreuzfahrers, der mit Lanze oder Schwerdt das Thor von Jeruſalem beruͤhrt; und zur Schande und ewigen Schmach eines Jeden, der den Pflug verlaͤßt, an den er die Hand gelegt hat.“ Er trank den Becher rein aus, gab ihn dem Araber zuruͤck, und ſank, wie erſchoͤpft, auf dir Kiſ⸗ ſen, die zu ſeinem Empfange zurecht gelegt worden waren. Der Arzt bedeutete hierauf durch ſtille, aber ausdrucksvolle Zeichen, daß alle das Zelt verlaſſen ſollten, ihn und de Vaux ausgenommen, den keine Vorſtellungen zum Weggehen bewegen konnten. Der Aufforderung des Arztes wurde alsbald Genuͤge ge⸗ leiſtet. Fuͤnftes Kapitel. Und nun eröffn' ich ein geheimes Buch, Und leſ' gefährliche und tiefe Dinge, Die euch mit Unmuth ſchnell erfüllen. Heinrich IV. 1. Thl. Der Marquis von Montſerrat und der Groß⸗ meiſter der Tempelritter ſtanden miteinander vor dem koͤniglichen Zelte, in welchem dieſer ſonderbare Auf⸗ 1 74 tritt ſtatt gehabt hatte, und ſahen eine ſtarke Wache mit Streitaͤrten und Bogen einen Kreis um das Zelt bilden, um alles, was den Schlaf des Mo⸗ narchen ſtoͤren koͤnnte, zu entfernen. Die Soldaten zeigten die niedergeſchlagenen, ſchweigenden und duͤ⸗ ſtern Mienen, mit denen ſie bey einem Leichenzuge ihre Waffen nachſchleppten, und ſchritten mit einer ſolchen Vorſicht und Behutſamkeit umher, daß man keinen Schild klingen, und kein Schwerdt klirren hoͤrte, obſchon ſo viele gewapynete Krieger ſich um das Zelt bewegten. Sie ſenkten ihre Waffen in tiefer Ehr⸗ furcht, allein mit demſelben Schweigen, als die er⸗ lauchten Perſonen durch die Reihen gingen. „Es iſt eine Veraͤnderung mit der Laune dieſer Inſelhunde vorgegangen,“ ſagte der Großmeiſter zu Conrad, als ſie an Richards Wachen vorbey waren. „Was fuͤr ein wildes Laͤrmen und Toben herrſchte ſonſt vor dieſem Zelte! Nichts als Stangenwerfen, Ball ſchlagen, Ringen, Liederbruͤllen und Zechen gab es unter dieſen ungeſchlachten Burſchen, als fei⸗ erten ſie ein Kirchweihfeſt mit einem Mayenbaume in der Mitte, ſtatt einer koͤniglichen Standarte.“ „Kettenhunde ſind eine treue Rage,“ ſagte der Conſtabel,„und der Koͤnig, ihr Herr, hat ſich da⸗ durch ihre Liebe erworben, daß er ſich ſtets bereit zeigte, mit ihnen zu ringen, zu laͤrmen oder zu ſchmauſen, ſo oft die Laune an ihm war.“ „Er iſt ganz aus Launen zuſammengeſetzt,“ — — 75 ſagte der Großmeiſter,„bemerktet Ihr die Geſund⸗ heit, die er uns ſtatt eines Gebetes ausbrachte?“ „ Sie wuͤrde ihm wohl theuer zu ſtehen gekom⸗ men ſeyn,“ ſagte der Marquis,„waͤre Saladin, wie jeder andere Tuͤrke, der je einen Turban trug, oder ſich, auf den Ruf des Muezzin,*) nach Mecca hinwandte. Allein er will fuͤr redlich, ehrliebend und großmuͤthig gehalten werden— Als ob es einem ungetauften Hunde, wie er iſt, zukaͤme, die Tugen⸗ den eines chriſtlichen Ritters auszuuͤben! Man ſagt, er habe von Richard verlangt, in den Schoos der Ritterſchaft aufgenommen zu werden.“ „Bei'm heiligen Bernhard!“ rief der Großmei⸗ ſter aus,„dann waͤre es wahrlich Zeit, daß wir unſer Wehrgehenk und unſere Sporen wegwuͤrfen, unſer Wappen vertilgten, und unſern Sturmhauben entſagten, wenn die hoͤchſte Ehre der Chriſtenheit einem ungetauften Sechs⸗Groſchen⸗Tuͤrken ertheilt wuͤrde.“ „Ihr taxirt den Sultan wohlſeil,“ erwiederte der Marquis;„doch, obgleich er ein artiger Mann iſt, ſo habe ich doch einen geſehen, der um vierzig Groſchen im Bagnio verkauft wurde.“ Sie waren jetzt bey ihren Pferden, die in eini⸗ ger Entfernung von dem kͤniglichen Zelte ſtanden, *) Die Ausrufer der Gebetsſtunden auf den Thürmen oder Minarets der türkiſchen Bethäuſer.(Moſcheen). 8„Anmerk. d. Ueberſetzers. — 76 und unter der ſie umgebenden, ſchoͤn geputzten Schaar von Knappen und Pagen ſtolz ſich baͤumten, als Con⸗ rad, nach einer kurzen Pauſe, den Vorſchlag machte, die Kuͤhle der Abendluft, die ſich erhoben hatte, zu genießen, und ſich, nach Entlaſſung ihrer Pferde und Bedienten, durch die Linien des ausgedehnten chriſt⸗ lichen Lagers zu Fuße nach ihren Quartieren zu be⸗ geben. Der Grofßmeiſter willigte ein; ſie machten ſich daher auf den Weg, vermieden aber, wie durch gegenſeitige Uebereinkunft, die bevoͤlkertſten Theile der leinwandenen Stadt, und zogen uͤber die breite Esplanade, die zwiſchen den Zelten und den aͤußern Vertheidigungswerken lag. Hier konnten ſie im Stil⸗ len und unbemerkt, ausgenommen von den Schild⸗ wachen, an denen ſie von Zeit zu Zeit voruͤber ka⸗ men, ſich mit einander unterhalten. Sie ſprachen eine Zeitlang uͤber allgemeine mi⸗ litaͤriſche Gegenſtaͤnde; allein dieſe Unterhaltung, an der keiner von beyden Antheil zu nehmen ſchien, er⸗ ſtarb endlich, und es trat eine lange Pauſe ein, die ſich dadurch endigte, daß der Marquis von Mont⸗ ſerrat ploͤtzlich ſtehen blieb, wie jemand, der einen ſchnellen Entſchluß gefaßt hat, das dunkle und un⸗ wandelbare Geſicht des Großmeiſters einige Augen⸗ blicke anſtarrte, und ihn endlich mit den Worten an⸗ redete:— 4 „Vertruͤge es ſich mit Eurer Tapferkeit und Heiligkeit, ehrwuͤrdiger Sir Giles Amaury, ſo wuͤrde 77 ich Euch einmal bitten, das dunkle Viſier, das Ihr traget, abzulegen, und unverhuͤllten Angeſichts mit einem Freunde zu ſprechen.“ Der Tempelherr laͤchelte. „Es gibt,“ ſagte er,„ſo gut lichtfaͤrbige Mas⸗ ken, als dunkle Viſiere, und die einen verbergen die natuͤrlichen Geſichtszuͤge ſo vollkommen, als die an⸗ dern.“ „Mag es ſo ſeyn!“ ſagte der Marquis, ſeine Hand an ſein Kinn legend, und ſie wieder mit der Bewegung und Gebaͤrdung eines Menſchen zuruͤck⸗ ziehend, der ſich eine Maske abnimmt;„da liegt meine Verkleidung. Und jetzt, was haltet Ihr von den Ausſichten dieſes Kreuzzuges, in Beziehung auf die Intereſſen Eures Ordens?“ „Das heißt den Schleyer von meinen Gedanken reißen, nicht aber die Eurigen offenbaren,“ ſagte der Großmeiſter;„doch will ich Euch mit einem Gleich⸗ niſſe antworten, d as mir ein Heiliger der Wuͤſte mitgetheilt hat.— Ein gewiſſer Landwirth bat den Himmel um Regen, und als keiner fiel, murrte er in ſeiner Noth. Um ſeine Ungeduld zu beſtrafen, ſandte Allah,“ ſagte der Heilige,„den Euphrat uͤber ſein Gut, und er kam, eben durch die Erfuͤl⸗ lung ſeiner Wuͤnſche, mit allen ſeinen Beſitzun⸗ gen um.“ „Sehr treffend geſprochen,“ ſagte der Marquis; „ich wollte, der Ocean haͤtte neun Zehnthetle von 78 der Kriegsmacht dieſer Fuͤrſten verſchlungen! Der Ueberreſt wuͤrde den chriſtlichen Edelleuten in Palaͤ⸗ ſtina mehr genuͤtzt haben, als das armſelige Ueber⸗ bleibſel des lateiniſchen Koͤnigreichs von Jeruſalem.— Uns ſelbſt uͤberlaſſen, wuͤrden wir dem Sturme aus⸗ gewichen ſeyn, oder, mit Geld und Truppen maͤßig unterſtuͤtzt, Saladin gezwungen haben, unſere Tap⸗ ferkeit zu achten, und uns unter billigen Bedingun⸗ gen Frieden und Schutz zu gewaͤhren; allein die Groͤße der Gefahr, womit dieſer Kreuzzug den Sul⸗ tan bedroht, laͤßt uns nicht annehmen, daß der Sa⸗ racene, wenn ſie voruͤber waͤre, einem von uns ge⸗ ſtatten wuͤrde, Beſitzungen oder Fürſtenthuͤmer in Syrien zu haben; noch weit weniger aber wuͤrde er das Beſtehen der militaͤriſchen Verbruͤderungen dul⸗ den, durch die ſie ſo viel Unheil erlitten haben.“ „Ja,“ ſagte der Tempelherr,„aber dieſen kuͤhnen Kreuzfahrern kann es gelingen, das Kreuz wieder auf den Bollwerken Zions aufzupflanzen.“ „und was kann dieſes dem Orden der Tempel⸗ ritter, oder Conrad von Montſerrat nuͤtzen?“ fragte der Marquis. „Euch kann es wohl etwas nuͤtzen,“ erwiederte der Großmeiſter.„Conrad von Montſerrat koͤnnte Conrad Koͤnig von Jeruſalem werden.“ „Das klingt nicht ſo uͤbel,“ ſagte der Marquis, „und doch klingt es nur hohl.— Gottfried von Bouil⸗ lon moͤchte wohl die Dornenkrone zu ſeinem Sinn⸗ „ 79 bilde waͤhlen. Großmeiſter, ich will es Euch geſte— hen, ich habe einige Neigung zur morgenlaͤndiſchen Regierungsform gewonnen: eine reine und einfache Monarchie ſollte blos aus Köoͤnig und unterthanen beſtehen. Dies iſt die einfache urſpruͤngliche Einrich⸗ tung— ein Hirt und ſeine Heerde. Jene ganze in⸗ nerliche Kette von Lehnsabhaͤngigkeit iſt erkuͤnſtelt und falſch, und ich moͤchte lieber den Stab meines armen Marquiſats mit feſter Hand halten, und ihn nach meinem Belieben ſchwingen, als den Scepter eines Monarchen, der durch den Willen ſo vieler ſtolzen Fendalbarone, als unter der Landeshoheit Je⸗ ruſalems Laͤnder beſitzen, beſchraͤnkt und im Zaume gehalten wird. Ein Koͤnig ſollte frey auftreten koͤn⸗ nen, Großmeiſter, und nicht hier durch einen Gra⸗ ben, und dort durch eine Mauer,— hier durch ein Lehnsvorrecht, und dort durch einen gepanzerten Ba⸗ ron, der zu Vertheidigung deſſelben ſein Schwerdt in der Hand fuͤhrt, beſchraͤnkt ſeyn. Die Hauptſache nicht zu vergeſſen, ich ſehe wohl ein, daß Guy von Luſignans Anſpruͤche auf den Thron den meinigen vorgezogen werden wuͤrden, falls Richard wieder ge⸗ neſen und etwas bey der Wahl zu ſagen haben ſollte.“ „Genug,“ ſagte der Großmeiſter,„Du haſt mich von Deiner Aufrichtigkeit uͤberzeugt. Andere moͤgen dieſelben Geſinnungen nahren; aber welcher unter ihnen wuͤrde ſo frey, wie Conrad von Mout⸗ ſerrat, geſtehen, daß er die Wiederherſtellung des Koͤnigreichs von Jeruſalem nicht wuͤnſcht, ſondern lieber Herr von einem Theile ſeiner Bruchſtuͤcke ſeyn moͤchte; gleich den barbariſchen Inſulanern, die nichts fuͤr die Rettung eines ſchaͤtzbaren Schiffes aus den Wellen thun, ſondern ſich im Gegentheil durch deſſen Schiffbruch zu bereichern ſuchen.“ „Du wirſt doch meine Geſinnungen nicht verra⸗ then,“ ſagte Conrad mit ſcharfem und argwoͤhniſchem Blicke.„Sey uͤberzeugt, daß meine Zunge nie mei⸗ nem Kopfe unrecht thun, noch meine Hand die Ver⸗ theidigung beyder vergeſſen wird. Klage mich an, wenn Du willſt.— Ich bin bereit, mich in den Schranken gegen den beſten Tempelritter zu verthei⸗ digen, der je eine Lanze einlegte.“ „Du beginnſt mit einem ſo kuͤhnen Pferde den Lauf etwas zu raſch,“ ſagte der Großmeiſter.„Doch ſchwoͤre ich Dir, bey dem heiligen Tempel, den unſer Orden zu vertheidigen geſchworen hat, daß ich als ein treuer Camerad Deine Geheimniſſe nicht verra⸗ then werde.“ „Bey welchem Tempel?“ ſagte der Marquis von Montſerrat, deſſen Spottſucht oft ſeiner Klugheit und Beſcheidenheit den Weg vertrat;„Schwoͤrſt Du bey jenem Tempel auf dem Zionshuͤgel, der von dem Koͤnige Salomo erbaut wurde, oder bey jenem ſym⸗ boliſchen und ſinnbildlichen Gebaͤunde, von welchem, wie man ſagt, in den Rathsverſammlungen eſproehen wird ——— ——— 81 wird, die Ihr in den Gewoͤlben Eurer Pfruͤnden zur Vergroͤßerung Eures maͤchtigen und ehrwuͤrdigen Or⸗ dens haltet?”“) Der Tempelritter ſchoß einen finſtern, toͤdtlichen Blick auf ihn, ſagte aber ruhig:„Bey welchem Tem⸗ pel ich auch ſchwoͤren mag, Lord Marquis, ſey ver⸗ ſichert, daß mein Eid heilig iſt.— Ich moͤchte wiſ⸗ ſen, wie ich Dich durch einen gleich ſtarken binden koͤnnte?“ „Ich ſchwoͤre dir Treue,“ ſagte der Marquis la⸗ chend,„bey der kleinen Krone, die ich, ehe dieſe Kriege voruͤber ſind, in etwas Beſſeres zu verwan⸗ deln hoffe. Sie liegt kalt auf meiner Stirne, dieſe unbedeutende Krone; ein Herzogshut waͤre ein beſſe⸗ rer Schutz gegen die Nachtluft, die jetzt weht, und eine Koͤnigskrone, mit ergoͤtzlichem Hermelin und Sammet beſetzt, waͤre noch vorzuͤglicher; mit einem Wort, unſer Intereſſe bindet uns aneinander; denn glaube nicht, Großmeiſter, daß dieſe verbuͤndeten Fuͤr⸗ ſten, falls es ihnen gelaͤnge, Jeruſalem wieder zu er⸗ obern, und einen Koͤnig ihrer Wahl dort hinzuſetzen, deinem Orden mehr als meinem armſeligen Marquiſat die Unabhaͤngigkeit laſſen wuͤrden, die wir jetzt noch beſitzen. Nein! bey unſerer heiligen Jungfrau, in dieſem Falle muͤßten die ſtolzen Ritter von St.” Johann wieder in den Spitaͤlern Pflaſter ſtreichen und Peſtbeulen ver⸗ binden; und ihr, hochmaͤchtige und ehrwuͤrdige Tem⸗ pelritter, zu eurem einfachen Soldatenſtande zuruͤck⸗ W. Scott's Werke. VII. 82 kehren, je drei und drei auf einer Pritſche ſchlafen, und Euer zwei auf Ein Pferd ſteigen, was, wie Euer gegenwaͤrtiges Siegel noch ausdruͤckt, Euer alter ein⸗ fachſter Gebrauch war.“ „Der Rang, die Vorrechte und der Reichthum unſeres Ordens ſchuͤtzen uns vor einer ſolchen Ernie⸗ drigung,“ ſagte der Tempelritter in ſtolzem Tone. „Das iſt eben Euer Ungluͤck,“ ſagte Conrad von Montſerrat,„und Ihr ſo gut, als ich, ehrwuͤrdiger Großmeiſter, wiſſet, daß, wenn die verbuͤndeten Fuͤr⸗ ſten in Palaͤſtina geſiegt haͤtten, es ihre erſte Sorge ſeyn wuͤrde, die Unabhaͤngigkeit Eures Ordens zu ver⸗ nichten, was Euch ohne den Schutz unſeres heiligen Vaters, des Pabſtes, und ohne die Noth wendigkeit, von Eurer Tapferkeit bey der Eroberung Palaͤſtina's Gebrauch zu machen, ſchon laͤngſt widerſahren ſeyn wuͤrde. Laßt ſie einmal vollſtaͤndig den Sieg davon getragen haben, und ihr werdet bey Seite geſchleudert werden, wie man die Splitter einer zerbrochenen Lan⸗ ze aus dem Turnierplatze wirft.“ „Es mag Wahrheit in deinen Worten liegen,“ ſagte der Tempelherr duͤſter laͤchelnd;„allein was waͤ⸗ ren unſere Hoffnungen, wenn die Verbuͤndeten ihre Streitkraͤfte zuruͤckzoͤgen, und Palaͤſtina in Saladin's Gewalt ließen?“ „Groß und ſicher waͤren ſie,“ erwiederte Conrad, „der Sultan wuͤrde große Provinzen geben, um ein Corps wohlausgeruͤſteter krineiſcher Lanzentriurr zu b 83 ſeinem Dienſte zu unterhalten. In Aegypten, in Per⸗ ſien wuͤrden hundert ſolche Huͤlfscorps, in Verbindung mit ſeiner eigenen leichten Reiterey, der furchtbarſten Macht die Spitze bieten. Dieſe Abhaͤngigkeit wuͤrde nur eine Zeitlang dauern— vielleicht ſo lange dieſer unternehmende Sultan lebt— Im Oriente erheben ſich Reiche wie Pilſe. Angenommen, er waͤre todt und wir durch einen beſtaͤndigen Zuwachs an feurigen und kuͤhnen Geiſtern aus Europa verſtaͤrkt, was koͤnn⸗ ten wir nicht zu vollenden hoffen, unbeherrſcht von je⸗ nen Monarchen, deren Wuͤrde uns gegenwaͤrtig in Schatten ſtellt— und die, falls ſie hier blieben, und einen gluͤcklichen Erfolg in dieſem Feldzuge erkaͤmpf⸗ ten, uns auf immer der Entwuͤrdigung und Abhaͤn⸗ gigkeit preiszugeben ſuchen wuͤrden?“ „Ihr ſprecht gut, Marquis,“ ſagte der Großmei⸗ ſter;„und Eure Worte finden einen Wiederhall in meiner Bruſt. Doch muͤſſen wir vorſichtig ſeyn; Philipp von Frankreich iſt ſo klug, als tapfer.“ „Wahr; deſto leichter aber wird er ſich von einem Feldzuge ablenken laſſen, zu dem er ſich in einem Au⸗ genblicke der Begeiſterung, oder von ſeinen Edeln be⸗ ſtuͤrmt, raſch verpflichtete. Er iſt eiferſuͤchtig auf Koͤ⸗ nig Richard, ſeinen natuͤrlichen Feind, und ſehnt ſich nach der Nuͤckkehr, um ehrgeitzige Plane zu verfolgen, die Paris naͤher liegen, als dem heiligen Lande. Er wird jeden ſchicklichen Vorwand ergreifen, um einen Schauplatz zu verlaſſen, auf welchem er, ſeiner Ueber⸗ 3 8.. zeugung nach, die Kraft ſeines Koͤnigreiches ver⸗ geudet.“ „und der Herzog von Oeſterreich?“ ſagte der Tempelherr.. „O,. was den Herzog betrifft,“ erwiederte Conrad, „ſein Eigen duͤnkel und ſeine Thorheit rathen ihm daſ⸗ ſelbe, was dem Koͤnige von Frankreich Politik und Weisheit. Er glaubt, daß er undankbar behandelt werde, weil die Leute, und ſeine eigenen Minneſaͤn⸗ ger ſogar, unaufhoͤrlich nur den Koͤnig Richard loben und preiſen, den er fuͤrchtet und haßt, und uͤber deſ⸗ ſen Ungluͤck er ſich freuen wuͤrde, gleich jenen ungezo⸗ genen, feigen Bauernhunden, die, wenn der vorderſte der, Koppel unter den Klauen des Wolfes leidet, den⸗ ſelben weit eher von hinten anfallen, als ihm zu Huͤlfe kommen.— Doch zu welchem andern Zwecke ſage ich dir dieß, als um dir zu zeigen, daß es mein aufrich⸗ tiger Wunſch iſt, dieſes Buͤndniß moͤchte aufgeloͤst, und das Land von dieſen großen Monarchen mit ih⸗ ren Schaaren befreyt werden? Und du weißt wohl und haſt ſelbſt geſehen, wie alle Fuͤrſten von Einfluß und Macht, Einen ausgenommen, der Wunſch beſeelt, mit dem Sultan Unterhandlungen anzuknuͤpfen.“ „Ich geſtehe es,“ ſagte der Tempelherr;„der muͤßte blind ſeyn, der dieß nicht bey ihren letzten Be⸗ rathungen bemerkt haͤtte. Allein luͤfte deine Maske noch einen Zoll hoͤher, und ſage mir die wirkliche Ur⸗ ſache, warum du ſo eifrig in die Rathsverſammlung 85⁵ drangſt, jenen nordiſchen Edelmann oder Schotten, oder wie Ihr ſonſt ienen Ritter vom Leoparden nen⸗ nen moͤgt, zum Ueberbringer ihrer Vorſchlaͤge zu waͤh⸗ len?2— „Dieß geſchah aus Politik,“ erwiederte der Ita⸗ liener;„ſein Charakter als Eingeborner Britanniens war hinreichend, Saladins Anforderungen zu genuͤ⸗ gen, der wußte, daß er zum Heere Richards gehoͤrte, waͤhrend ſein Charakter als Schotte und gewiſſe an⸗ dere perſoͤnliche Mißhelligkeiten, von denen ich Kennt⸗ niß hatte, es hoͤchſt unwahrſcheinlich machten, daß er auf ſeiner Ruͤckkehr mit dem Krankenbette des Koͤnig Richard in keine Beruͤhrung kommen werde, da die⸗ ſem ſeine Gegenwart ſtets unerwuͤnſcht war.. „O, eine zu fein geſponnene Politik,“ ſagte der Großmeiſter;„glaube mir, italieniſche Spinngewebe werden dieſen ungeſchorenen Simſon der Inſel nie⸗ mals binden— es geht noch gut, wenn Ihr dieß mit neuen Stricken von der zaͤheſten und ſtaͤrkſten Gat⸗ tung zu thun vermoͤgt. Seht Ihr nicht, daß der Ab⸗ geſandte, den Ihr mit ſo großer Vorſicht gewaͤhlt habt, uns in dieſem Arzte das Mittel zur Wiederherſtellung des loͤwenherzigen, ſtierkoͤpfigen Englaͤnders gebracht hat? und ſo bald er wieder fortzuſtuͤrmen im Stande iſt, welcher von den Fuͤrſten wird es wagen, ihn zu⸗ ruͤckzuhalten?— Ja ſie muͤſſen ihm aus Schaam ſelbſt folgen, ob ſie ſchon eben ſo gerne unter dem Ban⸗ ner des Satans weiter ziehen wuͤrden.“ 8⁵ „Seyd zufrieden,“ ſagte Conrad von Mont errat, „ehe dieſer Arzt, wenn er nicht Wunder thut, Ri⸗ chards Heilung vollendet, kann vielleicht ein offener Bruch zwiſchen Philipp, oder wenigſtens zwiſchen dem Oeſterreicher und ſeinen engliſchen Verbuͤndeten be⸗ wirkt werden, und zwar ſo, daß die Entzweyung un⸗ verſoͤhnlich iſt; und Richard ſteht vielleicht von ſeinem Bette auf, um im beſten Falle ſeine eigenen Trup⸗ pen zu befehligen, aber nie wieder, um durch ſeine glleinige Energie die Macht des ganzen Kreuzzuges zu regieren.“ „Du biſt ein williger Bogenſchuͤtze,“ ſagte der Tempelherr,„aber Conrad von M ontſerrat, dein Bo⸗ gen iſt zu ſchlaff, um einen Pfeil ans Ziel zu brin⸗ gen.“ Hier blieb er ſtehen, warf einen argwoͤhniſchen Blick um ſich her, um zu unterſuchen, ob er nicht belauſcht werde, ergriff die Hand des Marquis, und druͤckte ſie heftig, als er dem Italiener ins Geſicht blickte, und langſam wiederholte,—„Richard von ſeinem Bette aufſtehen, ſagſt Du, Con nrad? er darf nie wieder aufſtehen.“ Der Marquis von Montſerrat fuhr erſchrocken auf—„wie!— ſpracht Ihr von Richard von Eng⸗ land— von Loͤwenherz— dem Helden der Chriſten⸗ heit?—⸗ Seine Wange wurde blaß und ſeine Kniee iir terten, waͤhrend er dieſes ſbrch —— 1 87 Der Tempelherr blickte ihn mit ſeinem eiſernen in ein veraͤchtliches Laͤcheln verzogenen Geſichte an. „Weißt du, wem du jetzt aͤhnlich ſiehſt, Sir Kon⸗ rad? Nicht dem weltklugen und tapfern Marquis von Montſerrat, nicht dem, der die Verſammlung der Fuͤrſten leiten, und das Schickſal ganzer Reiche entſcheiden wollte,— ſondern einem Neulinge, der auf eine Beſchwoͤrung im Buche ſeines Lehrers geſto⸗ ßen iſt, und den Teufel herbeigerufen hat, als er es am wenigſten vermuthete, und nun zitternd vor dem Geiſte ſteht, den er herauf beſchworen hat.“ „Ich gebe Euch zu,“ ſagte Conrad, ſich wieder faſ⸗ ſend,„daß, wofern nicht ein anderer ſicherer Weg gefunden werden kann, Du auf denjenigen hingeden tet haſt, der am ſicherſten zu unſerem Ziele fuͤhrt Aber, heilige Jungſrau! wir werden der Fluch von ganz Europa und der Abſcheu Aller werden, von dem Pabſte auf ſeinem Throne bis zu dem Bettler an den Pforten der Kirche, der zerlumpt und ausſaͤtzig, im tiefſten Schlamme des menſchlichen Elends, ſich ſeelig preiſen wird, daß er weder Giles Amaury, noch Con⸗ rad von Montſerrat iſt.“ „Wenn Du es ſo nimmſt,“ ſagte der Großmei⸗ ſter, mit derſelben ruhigen Faſſung, die er im Laufe dieſes ganzen merkwuͤrdigen Geſpraͤchs behauptet hatte, „ſo laßt uns annehmen, daß nichts zwiſchen uns vorgegangen iſt,— daß wir im Schlafe geſprochen ha⸗ 3 88 ben— daß wir aufgewacht ſind, und daß das Geſicht nun verſchwunden iſt.“ „Es kann nie verſchwinden,“ entgegnete Conrad. „Erſcheinungen von Herzogs⸗Kronen und Koͤnigs⸗ binden vertheidigen in der That ihren Platz in un⸗ ſerer Einbildungskraft etwas hartnäͤckig,“ erwiederte der Großmeiſter. 7 „Gut,“ antwortete Conrad.„Laß mich nur zuerſt den Verſuch machen, den Frieden zwiſchen Oe⸗ ſterreich und England zu brechen.—“ 6 Sie ſchieden.— Conrad blieb noch auf dem Platze ſtehen und ſah dem wallenden weißen Mantel des Tempelherrn nach, als dieſer langſam hinweg⸗ ſchritt, und allmaͤhlig in der ſchnell herabſinkenden Dun⸗ kelheit der orientaliſchen Nacht verſchwand. Stolz, ehrgeizig, verſchlagen und eben nicht ſehr gewiſſenhaft war der Marquis doch von Natur nicht grauſam. Er war ein Wolluͤſtling und Epikuraͤer, und, gleich vielen dieſer Sinnesart, ſogar aus ſelbſtſuͤchtigen Be⸗ weggruͤnden, abgeneigt, Andern Schmerzen zu verur⸗ ſachen oder Zeuge von grauſamen Handlungen zu ſeyn; auch naͤherte er ein allgemeines Gefuühl von Achtung fuͤr ſeinen Ruf, was bisweilen den Mangel beſſerer Grundſaͤtze, wodurch ein guter Name erhalten wird, erſetzt.— „Ich habe,“ ſagte er, als ſeine Augen noch nach dem Punkte gerichtet waren, wo er das letzte leichte Wallen vom Mantel des Tempelherrn geſehen hatte, 89 —„ich habe in der That den Teufel ſelbſt herbeige⸗ rufen! Wer haͤtte geglaubt, daß dieſer finſtere, as⸗ cetiſche Großmeiſter, deſſen ganzes Gluͤck oder Ungluͤck mt idem ſeines Ordens verknuͤpft iſt, zu deſſen Wohl⸗ fahrt mehr zu thun geneigt ſeyn wuͤrde, als ich, der ich fuͤr mein eigenes Intereſſe kaͤmpfe. Dieſen wilden Kreuz⸗ zug zu hemmen war in der That meine Abſicht, aber das raſche Verfahren, das dieſer entſchloſſene Prie⸗ ſter anzurathen wagte, kam mir nicht in den Sinn— und doch fuͤhrt es am ſicherſten, und vielleicht auch am leichteſten zum Ziele.“. Solche Betrachtungen ſtellte der Marquis an, als ſein leiſes Selbſtgeſpraͤch durch eine Stimme unterbro⸗ chen wurde, die aus einer geringen Entfernung in dem nachdruͤcklichen Tone eines Herolds die Worte rief: „Gedenke des heiligen Grabes.“ Die Ermahnung wiederhallte von Poſten zu Poſten; denn es war die Pflicht der Schildwachen, dieſen Ruf von Zeit zu Zeit auf ihrer periodiſchen Wache ertö⸗ nen zu laſſen, damit das Heer der Kreuzfahrer den Zweck ſeiner Bewaffnung, nie aus den Augen verlie⸗ ren moͤchte. Allein obſchon Conrad dieſe Sitte kannte, und bei allen fruͤheren Gelegenheiten die warnende Stimme als eine gewohnte Sache-vernommen hatte, ſo kam ſie doch in dieſem Augenblicke in eine ſo ſtar⸗ ke Beruͤhrung mit ſeiner Gedankenreihe, daß ſie in ſeinen Ohren wie eine Stimme vom Himmel klang, die ihn gegen die Ungerechtigkeit warnte, auf die ſein 90 Herz ſann. Er blickte aͤngſtlich umher, als ob er, gleich dem Patriarchen der Vorzeit, jedoch un er ſehr verſchiedenen Umſtaͤnden, irgend einen, in einem Di⸗ ckicht gefangenen, Widder erwartete,— irgend einen Stellvertreter für das Opfer, das ſein Camerad nicht dem hoͤchſten Weſen, ſondern dem Moloch ihres Ehr⸗ geizes, darbringen wollte. Waͤhrend er umherblickte, faßte er die breiten Falten der Fahne von England ins Auge, die ſich ſchwerfaͤllig unter dem Hauche der ſchwachen Nachtluft entfalteten. Sie war auf einem faſt in der Mitte des Lagers beſindlichen, kuͤnſtlichen Walle aufgepflanzt, den vielleicht vor Alters irgend ein hebraͤiſcher Aufuͤhrer oder Held als ein Denkmal ſeines Ruheortes errichtet hatte. War dem ſo, ſo war der Name jetzt vergeſſen, und die Kreuzfahrer hatten ihn St. Georgsberg getauft, weil von dieſer Hoͤhe aus das Panier Englands die vielen ausgezeich⸗ neten, edlen und ſelbſt koͤniglichen Fahnen, die auf niedrigern Standoͤrtern aufgepflanzt waren, weit uͤber⸗ ragte.. Ein ſo ſchneller Verſtand, wie der des Marquis, bildet ſich in einem Nu Ideen. Ein einziger Blick auf die Fahne ſchien die Ungewißheit ſeiner Seele zu zerſtreuen. Er begab ſich nach ſeinem Zelte mit dem eiligen und entſchloſſenen Schritte eines Menſchen, der einen Plan entworfen hat, den er auszufuͤhren entſchloſſen iſt; entließ hierauf ſein faſt fuͤrſtliches Gefolge, und murmelte, als er ſich zu Bette begab, ſeinen ver⸗ 91 beſſerten Entſchluß, daß die mildern Mittel erſucht werden muͤſſen, bevor die verzweifelteren angewendet werden duͤrfen. „Morgen“ ſagte er,„ſitze ich an der Tafel des Herzogs von Oeſterreich— wir wollen ſehen, was ſich zur Ausfuͤhrung unſeres Planes th un laͤßt, bevor wir zu den ſchwarzen Vorſchlaͤgen dieſes Temp elritters unſere Zuflucht nehmen.“ — Sechstes Kapitel. Leopold, Großherzog von Oeſterreich, war der er⸗ ſte Beſitzer jenes edeln Landes, welchem der fuͤrſtliche Rang angehoͤrte. Er war in dem deutſchen Reiche wegen ſeiner nahen Verwandtſchaft mit dem Kaiſer zum Herzoge erhoben worden, und beherrſchte die ſchoͤnſten Provinzen, welche die Donau bewaͤſſert. Sein Charakter iſt in der Geſchichte durch eine gewalttha⸗ tige und treuloſe Handlung befleckt worden, die aus ebendieſen Vorfaͤllen im heiligen Lande entſprang; und doch war die Schande, Richard zum Gefangenen ge⸗ macht zu haben, als er ohne Gefolge-und verkleidet durch ſein Gebiet zuruͤckkehrte, nicht aus Leopolds natuͤrli⸗ cher Gemuͤthsart gefloſſen. Er war mehr ein ſchwa⸗ cher und eitler, als ein ehrgeiziger und tyranniſcher Fürſt. Seine Geiſtesfaͤhigkeiten glichen der Beſchaf⸗ 92 fenheit ſeiner Perſon. Er war groß, ſtark und wohl⸗ geſtaltet, mit einem Geſichte, in welchem Weiß und Roth einen ſtarken Gegenſatz gegen einander bildeten, und hatte lange wallende Locken ſchoͤnen Haares. Al⸗ lein es lag etwas ſo Unbeholfenes in ſeinem Gange, daß es ſchien, als ob ſeine Geſtalt nicht von hinlaͤng⸗ licher Energie beſeelt waͤre, um eine ſolche Maſſe in Bewegung zu ſetzen. Als Fuͤrſt ſchien er zu wenig mit ſeiner eigenen Wuͤrde vertraut, und da er oft nicht wußte, wie er ſein Anſehen geltend machen ſoll⸗ te, wenn es die Umſtaͤnde verlangten, ſo glaubte er ſich haͤufig genoͤthigt, durch unzeitige, gewaltthaͤtige Handlungen und Ausdruͤcke dasjenige wieder zu erlan⸗ gen, was er beim Anfange des Streites durch ein wenig mehr Geiſtesgegenwart leicht, und auf eine gefaͤllige Weiſe, haͤtte behaupten koͤnnen. Nicht nur ſahen Andere dieſe Maͤngel, ſondern der Erzherzog ſelbſt konnte ſich manchmal des peinigen⸗ den Bewußtſeyns nicht erwehren, daß er nicht ganz geeignet war, den erlangten hohen Rang zu behaupten. Hiezu kam noch der ſtarke, und bisweilen gerechte Ver⸗ dacht, daß Andere ihn deßwegen verachten. Als er zuerſt ſich dem Kreuzzuge mit einem hoͤchſt fuͤrſtlichen Gefolge angeſchloſſen hatte, war es ſein in⸗ nigſter Wunſch geweſen, Richards Freundſchaft und Vertrauen zu erlangen, und zu dieſem Ende hatte er Schritte gethan, die der Koͤnig von England der Klugheit gemaͤß haͤtte erwiedern ſollen. Allein obſchon 93 der Erzherzog nicht ohne Tapferkeit war, ſo ſtand er doch dem Loͤwenherz an jenem feurigen Muthe, der um die Gefahr, wie um eine Braut, wirbt, ſo ſehr nach, daß er bei dem Konige bald in eine gewiße Ver⸗ achtung gerieth. Auch verachtete Richard, als ein nor⸗ maͤnniſcher Fuͤrſt, den Hang des Deutſchen zu den Genuͤſſen der Tafel, und beſonders ſeine ungemeine Vorliebe fuͤr den Wein. Aus dieſen und andern per⸗ ſoͤnlichen Gruͤnden blickte der Koͤnig von England auf den oſterreichiſchen Fuͤrſten bald mit Gefuͤhlen der Verachtung, die er keineswegs zu verbergen oder zu mildern ſtrebte, und die deßwegen von dem argwoͤh⸗ niſchen Leopold bald bemerkt, und durch einen tiefen Haß erwiedert wurden. Die Zwietracht zwiſchen ih⸗ nen wurde durch die geheimen und politiſchen Kunſt⸗ griffe Philipps von Frankreich, eines der ſcharfſinnig⸗ ſten Monarchen ſeiner Zeit, angefacht. Dieſer Koͤnig fuͤrchtete den ſtolzen und anmaßenden Cha⸗ rakter Richards, den er als ſeinen natuͤrlichen Nebenbuhler betrachtete, und fuͤhlte ſich uͤberdieß durch die herriſche Art beleidigt, auf die er, ein Vaſall Frankreichs wegen ſeiner Beſitzungen auf dem Feſtlan⸗ de, ſich gegen ſeinen Lehnsherrn betrug. Er ſuchte daher ſeine eigne Parthei zu verſtaͤrken, und die des engliſchen Monarchen zu ſchwaͤchen, indem er die kreuz⸗ fahrenden Fuͤrſten von niederem Range aufforderte, ſich zu gemeinſchaftlichem Widerſtande gegen die uſur⸗ pirende Autoritaͤt des Koͤnigs von England, wie er 94 ſich ausdruͤckte, zu vereinigen. Dieß war die politi⸗ ſche Stellung und Denkart des Erzherzogs von Oeſter⸗ reich, als Conrad von Montſerrat ſich entſchloß, mit Huͤlfe ſeiner Eiferſucht gegen England den Bund der Kreuzfahrer aufzuloſen, oder wenigſtens lockerer zu machen. 1 Er waͤhlte die Mittagszeit zu ſeinem Beſuche, und gab als Grund deſſelben an, er wolle dem Erz⸗ herzog eine vorzuͤgliche Gattung Cypernwein, die ihm kuͤrzlich zugekommen ſey, uͤberreichen, und ſich mit ihm uͤber ſeine Guͤte, in Vergleichung mit dem ungariſchen und dem Rhein wein, beſprechen. Auf eine Er⸗ klaͤrung dieſer Art erfolgte natuͤrlich eine hoͤfliche Ein⸗ ladung, an dem herzoglichen Mahle Theil zu nehmen, und es wurde alles gethan, um es dem Glanze eines ſouverainen Fuͤrſten angemeſſen zu machen. Gleich⸗ wohl aber ſah der verfeinerte Geſchmack des Italieners mehr laͤſtige Verſchwendung, als Eleganz oder Pracht in der Menge der Mundyorraͤthe, unter denen der Tiſch ſeußzte. Die Deutſchen beſaßen zwar noch den offenen und kriegeriſchen Charakter ihrer Vorfahren, die das rö⸗ miſche Neich bezwangen; allein ſie hatten auch keinen geringen Theil ihrer Barbarei beibehalten. Die Ge⸗ braͤuche und Grundſaͤtze des Ritterthums erreichten bei ihnen nicht die feine Hoͤhe, zu der ſie von den fran⸗ zoͤfiſchen und engliſchen Rittern erhoben wurden; auch beobachteten ſie die vorhergeſchriebenen Regeln der Ge⸗ 9⁵ ſellſchaſt nicht, die nach dem Glauben dieſer Natio⸗ nen den hohen Standpunkt der Civiliſation ausdruͤck⸗ ten. Als Conrad an der Tafel des Erzherzogs ſaß, ward er zugleich betaͤubt und beluſtigt durch den Klang teutoniſcher Toͤne, die ſein Ohr von allen Seiten be⸗ ſtuͤrmten, ungeachtet der Feierlichkeit eines fuͤrſtlichen Gaſtmahls. Ihre Tracht ſchien ihm ohne Unterſchied phantaſtiſch; denn viele der oͤſterreichiſchen Edelleute tru⸗ gen lange Baͤrte, und faſt alle von ihnen hatten kurze und buntfarbige Jacken, deren Schnitt und Verzie⸗ rung im weſtlichen Europa etwas Ungewoͤhnliches war. Eine Menge alter und junger Diener warteten ain dem Zelte auf, miſchten ſich manchmal ins Geſpraͤch, eempfiengen von ihrem Herrn die Ueberbleibſel des Gaſtmahls, und verſchlangen ſie im Nuͤcken der Ge⸗ ſellſchaft. Luſtigmacher, Zwerge und Minſtrels waren in ungewoͤhnlicher Anzahl da, und laͤrmender und zu⸗ dringlicher, als ſie in einer beſſer geordneten Geſell⸗ ſchaft ſein durften. Da man ihnen den unbeſchraͤnk⸗ ten Genuß des Weins geſtattete, der in reichlicher Menge rings umher floß, ſo war ihr unbezaͤhmter Tumult um ſo betaͤubender. Dieſe ganze Zeit hindurch, und mitten unter ei⸗ nem Geſchrey und einem Getuͤmmel, das ſich beſſer fuͤr ein deutſches Wirthshaus waͤhrend eines Jahr⸗ markts, als fuͤr das Zelt eines ſouveraͤnen Fuͤrſten ge⸗ ſchickt haͤtte, wurde der Erzherzog mit einer ungemein puͤnktlichen Formlichkeit und einer Ehrerbietung bedient, 1 96 die bewies, wie aͤngſtlich er darnach ſtrebte, den Stand und Charakter, zu dem ihn ſeine Erhoͤhung berechtig⸗ te, ſtrenge zu behaupten. Er wurde auf den Knieen und nur von Edelknaben bedient, ſpeiste aus ſilbernen Schuͤſſeln, und trank ſeinen Tokayer und ſeinen Rhein⸗ wein aus einem goldenen Becher. Sein Herzogsman⸗ tel war prachtvoll mit Hermelin geſchmuͤckt; ſeine Krone kam vielleicht an Werth einer koͤniglichen gleich, und ſeine in Sammetſchuhe(deren Laͤnge mit ſammt den Spitzen etwa 2 Fuß betragen mochte) eingeſchloſ⸗ ſenen Fuͤße ruhten auf einem Fußſchemel von gediege⸗ nem Silber. Allein es verrieth theilweiſe den Cha⸗ rakter des Mannes, daß, obſchon er gegen den Mar⸗ zuis von Montſerrat, den er höflicherweiſe an ſeine rechte Seite geſetzt hatte, Aufmerkſamkeit an den Tag zu legen wuͤnſchte, er doch ſeinen Spruchſprecher, d. h. der unterhaltenden Perſon, die hinter der rechten Schulter des Herzogs ſtand, weit mehr Aufmerkſam keit widmete. Dieſe Perſon war in einen Mantel und ein Wamms von ſchwarzem Sammet gekleidet. Das letztere war mit verſchiedenen Silber⸗ und Goldmuͤnzen go⸗ ſchmuͤckt, die als Andenken an die freigebigen Fuͤrſten, die ihn damit beſchenkt hatten, an daſſelbe angeheftet waren. Ferner trug er einen kurzen Stab, an dem ebenfalls Buͤſcheln von Silbermuͤnzen befeſtigt waren, mit denen er klingelte, um Aufmerkſamkeit zu erre⸗ gen, — — 3 V 97 gen, wenn er etwas ſagen wollte, das er fuͤr merk⸗ wuͤrdig hielt. Dem Range nach ſtand er in dem Haus⸗ halte des Erzherzogs zwiſchen einem Minſtrel und einem Rathgeber; er war abwechslungsweiſe Schmeich⸗ ler, Dichter und Redner, und diejenigen, welche nach der Gunſt des Herzogs ſtrebten, bemuͤhten ſich im Allgemeinen, ſich bei dem Spruchſprecher beliebt zu machen. Damit zu viel von der Weisheit dieſes Dieners nicht etwa ermuͤden moͤchte, befand ſich hinter der andern Schulter des Herzogs ſein Hofnarr, Jo⸗ nas Schwanker genannt, der faſt ebenſoviel Ge⸗ raͤuſch mit ſeiner Narrenkappe und ſeinen Schellen machte, als der Redner oder Spruchſprecher mit ſeinem klingenden Stock. 3 Dieſe zwei Perſonen brachten abwechslungsweiſe ernſthaften und komiſchen Unſinn zum Vorſcheine, indeß ihr Herr lachte, oder ihnen ſelbſt Beyfall klatſchte, jedoch aber ſorgfaͤltig die Mienen ſeines edlen Gaſtes bewachte, um zu entdecken, was fuͤr einen Eindruck dieſe Oeſterreichiſche Beredſamkeit und Witz⸗ kunſt auf einen ſo vollkommenen Ritter machte. Es liſt ſchwer zu beſtimmen, ob der Mann der Weisheit oder der Mann der Thorheit das meiſte zur Unter⸗ haltung der Geſellſchaft beitrug, oder am hoͤchſten in der Achtung ihres fuͤrſtlichen Gebieters ſtund; allein die Einfaͤlle beyder ſchienen ungemein gut auf⸗ genommen zu werden. Manchmal buhlten ſie um die W. Scott's Werke. VII. 2 98 5 Ehre, die Geſellſchaft zu unterhalten, und raſſelten wetteifernd mit ihren Klappern; allein im Allgemei⸗ nen ſtanden ſie mit einander auf einem ſo guten Fuße, und waren ſo ſehr gewoͤhnt, ihr gegenſeitiges Spiel zu ertragen, daß der Spruchſprecher oft ſo gefaͤllig war, die Witzeleyen des Luſtigmachers mit einer Erklaͤrung zu begleiten, um ſie der Faſſungs⸗ kraft der Zuhoͤrer angemeſſener zu machen; ſo daß ſeine Weisheit eine Art von Commentar fuͤr die Narrheit des Poſſenreißers bildete; und bisweilen wuͤrzte der Hofnarr, aus ſchuldiger Dankbarkeit, den Schluß des langweiligen Vortrags des Rebners durch einen kraͤftigen Scherz. 3) Welcher Art auch die wahren Geſinnungen Con⸗ rads ſeyn mochten, ſo trug er doch daffr Sorge, daß ſeine Miene nichts als Zufriedenheit uͤber das, was er hoͤrte, ausdruͤckte, und er laͤchelfe oder klatſchte, allem Anſcheine nach, ebenſo Aaſs, dr als 8* J 1 der Erzherzog ſelbſt, uͤber die feierliche Thorheit des Spruchſprechers, und den kauderwelſchen Witz des Narren. Im Grunde lauerte er auf den Augenblick, 4 wo der eine oder der andere ein Thema vorbri wuͤrde, das der Abſicht, mit der ſich ſein Geiſt jetzt vorzugsweiſe beſchaͤftigte, guͤnſtig waͤre. Bald wurde der Koͤnig von England von dem Luſtigmacher auf's Tapet gebracht, der ſich daran ge⸗ wöhnt hatte, Richard vom Pirzementraut als einen 99 angenehmen und unerſchoͤpflichen Gegenſtand der Be⸗ luſtigung zu betrachten. Der Redner ſchwieg in der That„ und nur als ihn Conrad dazu aufforderte, bemerkte er, die Ge⸗ niſta oder das Pfriemenkraut ſey ein Sinnbild der Niedrigkeit, und es waͤre gut, wenn diejenigen, welche es truͤgen, ſich an die Ermahnung erin⸗ nerten. Die Anſpielung auf das beruͤhmte Kennzeichen Plantagenets wurde hiedurch offenbar genug, und Jonas Schwanker bemerkte, daß die, welche ſich ſelbſt ernie⸗ drigten, ſehr erhoͤht worden waͤren. Ehre, wem Ehre gebuͤhrt,“ antmoxtete der Marguis von Montſerrat; wir haben alle Theil an dieſen Maͤrſchen und Schlachten gehabt und mir ſcheint es, andere Fuͤrſten durften wohl auch eini⸗ gen Antheil an dem Ruhme haben, deſſenn ſich Ri⸗ chard von England unter den Minſtrels und ſaͤngern theilhaftig macht. Hat keiner, der die Wiſſenſchaft ausuͤbt, einen Geſang zum Lobe d koͤniglichen Herzogs von Oeſterreich, unſeres fuͤrſtli⸗ chen Wirthes? Drey Minſtrels traten wetteifernd mit Geſang und Harfe hervor. Zwey wurden mit Muͤhe von dem Spruchſprecher, der den Aufſeher der Luſtbarkei⸗ ten zu ſpielen ſchien, zum Schweigen gebracht, und endlich erhielt der vorgezogene Dichter Gehoͤr, der „.⸗ ☛ 100 nun in hochdeutſcher Sprache ungefaͤhr folgende Stanzen ſang: Wer iſt der Tapfere, der die Schaar 4 Des Kreuzzugs nach dem Oſten führt? Er, deſſen Haupt am höchſten ragt, Er, den der höchſte Helmbuſch ziert. Hier unterbrach der Spruchſprecher, mit ſeinem 5 Stabe klingelnd, den Barden, um der Geſellſchaft mitzutheilen, was ſie ſonſt aus dem Inhalte des 3 Liedes nicht errathen haben wuͤrde, daß ihr koͤnigli⸗ cher Wirth der angedeutete Held ſey, und ein voller r Becher umkreiſte die Tafel unter dem Hoch lebe der Herzog Leopold.“ andere Stanze folgte:„ 1 Wa rrägſt du, warum Oeſtreichs Fahne 8* in höchſten unter allen ſchwebt? 1 Er aunſt du, daß der Lüfte Könia, 4 1 2 Am höchſten ſeinen Flug erhebt? 1 8 „Der Adler,“ ſagte der Ausleger dunkler 7 Spruͤche, viſt das Wahrzeichen unſeres edlen Gebeie: ters, des Erzherzogs— Seiner koͤniglichen Gna⸗ 4„ den,— wollte ich ſagen— und der Adler fliegt unter dem ganzen befiederten Geſchlechte am hoͤch⸗ ſten.“— „Der Lowe hat einen Sprung uͤber den Adler gethan,“ ſagte Conrad nachlaͤßig. Der Erzherzog erroͤthete und heftete den Blick auf den Marquis, waͤhrend der Spruchſprecher nach 101 einem augenblicklichen Nachdenken antwortete:„Der Herr Marquis werden mir verzeihen, ein Loͤwe kann nicht uͤber einen Adler fliegen, weil kein Loͤwe Schwingen hat.“ „Ausgenommen der Loͤwe von St. Marcus,“ ſagte der Luſtigmacher. „Das heißt das venetianiſche Banner,“ ſagte der Erzherzog,„allein ſicherlich wird dieſes Zwitter⸗ geſchlecht, das halb aus Edelleuten und halb aus Kaufleuten beſteht, ſeinen Rang nicht mit dem Unſri⸗ gen in Vergleichung zu bringen wagen.“ 1 „Nein, nicht von dem venetianiſchen Loͤwen, ſprach ich,“ ſagte der Marquis von Montſerrat; „ſondern von den drey ſchreitenden Loͤwen Eng⸗ lands— ehedem ſollen es Leoparden geweſen ſeyn, allein jetzt ſind ſie vollkommene Loͤwen geworden, und muͤſſen vor den vierfuͤßigen Thieren, den Fiſchen, und dem Gefluͤgel den Vorrang haben, und wehe dem, der ſich widerſetzt!“ „Meint Ihr das im Ernſte, Mylord?“ ſagte der Oeſterreicher, der jetzt bedeutend vom Weine erhitzt war;„Glaubt Ihr, daß Richard von Eng⸗ land irgend eine Obergewalt über die freien Fuͤrſten ausuͤbt, die ſich freywillig mit ihm zu dieſem Kreuz⸗ zuge verbunden haben? „Ich kann in dieſer Sache bloß nach den Umſtaͤn⸗ Ueit arcteire, anhivyrtete Courub,“ doyt haͤngt ſein Panier allein in der Mitte unſeres Lagers, als ob er 102 Koͤnig und Generaliſſimus unſers ganzen chriſtlichen Heeres waͤre.“ „Und ertragt Ihr das ſo geduldig und ſprechet ſo kalt davon?“ ſagte der Erzherzog. „Eure Hoheit,“ antwortete Conrad,„es kann dem armen Margqnis von Montſerrat nicht in den Sinn kommen, gegen ein Unrecht zu kaͤmpfen, dem ſich ſo maͤchtige Fuͤrſten, wie Philipp von Frankreich, und Leopold von Oeſterreich, geduldig unterwerfen. Die Schmach, welcher Ihr Euch zu unterwerfen fuͤr gut findet, kann fuͤr mich keine Unehre ſeyn.“ Leopold ballte die Fauſt, und ſchlug heftig auf den Tiſch. „Ich habe Philipp davon geſagt,“ rief er aus; „ich habe ihm oft geſagt, daß es unſere Pflicht ſey⸗ die geringern Fuͤrſten gegen die Anmaßungen dieſes Inſulaners zu beſchuͤtzen—allein er antwortet mir ſtets mit kalten Ruͤckſichten auf ihre Verhaͤltniſſe, als Lehns⸗ herr und Vaſall, und erklaͤrt es fuͤr unpolitiſch, in die⸗ ſem Zeitpunkte einen offenen Bruch mit ihm herbeizu⸗ fuͤhren.“ „Die Welt weiß, daß Philipp weiſe iſt,“ ſagte Conrad,„und haͤlt ſeine Unterwerfung fuͤr Politik.— Was die Eurige betrifft, ſo koͤnnt Ihr allein Rechen⸗ ſchaft davon geben; allein ich zweifle nicht, daß Ihr wichtige Gruͤnde habt, Euch der engliſchen Herrſchaft zu Unicrwerfen.— „Ich mich unterwerfen!“ rief Leopold voll Unwil⸗ .,. —y—— 2 1 103 len— ich, der Erzherzog von Oeſterreich, ein ſo wich⸗ tiges Glied des heiligen roͤmiſchen Reiches— ich mich dieſem Koͤnige einer halben Inſel unterwerfen— die⸗ ſem Enkel eines normaͤnniſchen Baſtards!— Nein beim Himmel! das Lager, und die ganze Chriſtenheit ſoll ſehen, daß ich mir ſelbſt Recht zu verſchaffen weiß, und ob ich dem engliſchen Kettenhund nur einen Zoll breit weiche.— Auf! meine Lehnsleute! auf und fol⸗ get mir! wir wollen, und zwar ohne einen Augenblick zu verlieren, den oͤſterreichiſchen Adler dahin ſtellen, wo er ſo hoch ſchweben ſoll, als je ein Wahrzeichen von Koͤ⸗ nig oder Kaiſer.“ Mit dieſen Worten ſprang er von ſeinem Sitze auf, oͤffnete unter dem tumultuariſchen Freudengeſchrei ſeiner Gaͤſte und Untergebenen die Thuͤre des Zeltes, und ergriff ſein Banner, das vor demſelben aufgepflanzt war. „Nicht ſo, Eure Hoheit,“ ſagte Conrad,„es wird Eure Weisheit zu Schanden machen, wenn Ihr um dieſe Stunde in dem Lager Laͤrmen verurſacht, und vielleicht iſt es beſſer, Englands Anmaßung noch ein Weilchen zu ertragen, als— „Nicht eine Stunde— nicht einen Augenblick laͤn⸗ ger,“ bruͤllte der Herzog; und mit dem Panier in der Hand, und von ſeinen jauchzenden Gaͤſten und Die⸗ nern begleitet, eilte er nach der, im Mittelpunkte des Lagers gelegene, Anhoͤhe, auf der Englands Fahne 104 wehte, und legte die Hand an die Fahnenſtange, als wollte er ſie aus dem Boden reißen. „Mein Herr, mein theurer Herr!“ rief Jonas Schwanker, ſeine Arme um den Herzog ſchlingend— nehmet Euch in Acht,— Loͤwen haben Zaͤhne.“ „ und die Adler haben Klauen,“ ſagte der Herzog, der noch immer die Fahnenſtange umfaßt hielt, allein noch unſchluͤſſig war, ob er ſie aus dem Boden reißen ſollte. Der Spruchſprecher hatte ungeachtet ſeines Berufs doch manchmal Augenblicke, in denen er Beweiße von geſundem Verſtande gab. Er klingelte laut mit ſeinem Stabe, und Leopold kehrte ſich, wie aus Gewohnheit, nach ihm um. „Der Adler iſt Koͤnig unter den Voͤgeln der Luft,“ ſagte der Spruchſprecher,„wie der Loͤwe unter den Thieren des Feldes— jeder hat ſein Herrſchge⸗ biet, das ſo weit von einander getrennt iſt, als Eng⸗ land von Deutſchland.— Beſchimpfe, edler Adler, den fuͤrſtlichen Loͤwen nicht, ſondern laßt eure Paniere friedlich nebeneinander wehen.“ Leopold zog die Hand von dem Bannerſpeere zu⸗ ruͤck, und ſah ſich nach Conradvon Montſerrat um, allein er erblickte ihn nicht; denn ſobald der Marquis den Unfug beginnen ſah, entfernte er ſich aus dem Ge⸗ draͤnge, und aͤußerte allererſt vor verſchiedenen unpar⸗ theiiſchen Perſonen ſein Bedauern daruͤber, daß der Erzherzog die Nachmittagsſtunden gewaͤhlt habe, um —2˙ 105 ein Unrecht zu raͤchen, uͤber das er ſich beklagen zu duͤrfen geglaubt habe. Als der Erzherzog den Gaſt nicht ſah, an den er vorzugsweiſe ſeine Rede zu rich⸗ ten wuͤnſchte, ſo ſagte er laut: es ſey durchaus nicht ſein Wille, Zwietracht in dem Heere der Kreuzfahrer anzuſtiften, ſondern er habe bloß ſeine Privilegien und das Recht vertheidigt, mit dem Koͤnige von Eng⸗ land auf gleicher Stufe zu ſtehen, ohne ſein Panier, das er von Kaiſern, ſeinen Vorfahrern herleite, uͤber das eines bloßen Abkoͤmmlings der Grafen von Anjou ſtel⸗ len zu wollen. Hierauf ließ er ein Faß Wein herbeibrin⸗ gen und anzapfen, um die Umſtehenden zu bewirthen, die bei Trommelſchlag und Muſik manchen Becher ne⸗ ben der oͤſterreichiſchen Fahne leerten. Ddieſe unordentliche Scene hatte nicht ohne einen gewiſſen Laͤrmen ſtatt, der das ganze Lager aufregte. Die entſcheidende Stunde war nun gekommen, in welcher, wie der Arzt den Regeln ſeiner Kunſt zu Fol⸗ ge vorhergeſagt hatte, der koͤnigliche Kranke mit Si⸗ cherheit aufgeweckt werden konnte und der Schwamm zu dieſem Ende gebraucht wurde. Der Arzt verſicherte auch bald darauf den Baron von Gilsland, das Fie⸗ ber ſey gaͤnzlich von ſeinem Herrn gewichen, und ſei⸗ ne Conſtitution ſo ungemein kraftvoll, daß es nicht einmal, wie in den meiſten Faͤllen, einer zweiten Do⸗ ſis von der heilſamen Arznei beduͤrfe. Richard ſelbſt ſchien derſelben Meinung zu ſeyn; denn waͤhrend er ſich aufrichtete und die Augen rieb, fragte er den Ba⸗ 106 ron, wie ſtark die Summe ſey, die ſich gegenwaͤrtig in der koͤniglichen Kaſſe befinde. Der Baron konnte ihm den Belauf derſelben nicht genau angeben. „Gleichviel, ob ſie etwas groͤßer oder kleiner iſt, ſagte Richard; gebt ſie nur ganz dieſem gelehrten Arzte, der, wie ich zuverſichtlich glaube, mich dem Dienſte des Kreuzzuges wiedergeſchenkt hat. Sollte ſie weniger als tauſend Bizantinen betragen, ſo gebt ihm auch noch Juwelen.“ 3 „Ich verkaufe die Weisheit nicht, mit der mich Allah begabt hat,“ antwortete der arabiſche Arzt;„und wiſſe, großer Fuͤrſt, daß die goͤttliche Arznei, die Du zu Dir genommen haſt, ihre Wirkung in meiner unwuͤrdigen Hand verlieren wuͤrde, Falls ich ſie um Gold oder Diamanten vertauſchen wollte.“ „Er ſchlaͤgt eine Belohnung aus!“ ſagte de Vaur zu ſich ſelbſt.„Das iſt noch außerordentlicher, als ſein Alter von hundert Jahren.“ „Thomas de Vaux,“ ſagte Richard,„Du kennſt keinen Muth, ausgenommen den der Schlacht, keine Guͤte und Tugend, ausgenommen die des Ritterthums. Ich ſage Dir aber, dieſer Mohr in ſeiner Unabhaͤn⸗ gigkeit koͤnnte denen zum Beiſpiele dienen, die ſich fuͤr den Kern der Ritterſchaft halten.“ „Es iſt Lohn genug fuͤr mich,“ ſagte der Araber, ſeine Arme uͤber der Bruſt kreuzend und eine ebenſo ehrerbietige als wuͤrdige Stellung behauptend,„daß 107 ein ſo großer Koͤnig, wie der Maleck Rir iſt, ſo von ſeinem Diener ſpricht.— Allein ich muß Euch nun bitten, daß ihr Euch wieder auf Euer Lager zuruͤckle⸗ get; denn obgleich, wie ich glaube, keine Wiederholung des göttlichen Trankes nothig iſt, ſo koͤnnte doch eine zu fruͤhe Anſtrengung Schaden bringen.“ „Ich muß dir gehorchen, Hakim,“ ſagte der Koͤ⸗ nig;„doch glaube mir, meine Bruſt füͤhlt ſich ſo frei von dem verzehrenden Feuer, das ſo viele Tage in ihr gewuͤthet hat, daß es mir gleich gilt, wie bald ich ſie der Lanze eines tapfern Mannes blos ſtelle.— Doch horch! was bedeutet dieſes Jauchzen und dieſe ferne Muſik im Lager?— Geh, Thomas de Vaux, und erkundige dich!“— „Es iſt der Erzherzog Leopold,“ ſagte de Vaux, der nach einer kurzen Abweſenheit zuruͤckkehrte,„der mit ſeinen Zechbruͤdern eine Proceſſion durchs Lager macht.“ „Der trunkene Narr!“ rief Koͤnig Richard aus, „kann er ſeine viehiſche Voͤllerei nicht mit dem Schleier ſeines Zeltes zudecken, daß er ſeine Schande der gan⸗ zen Chriſtenheit zeigen muß?— Was ſagt ihr, Herr Marquis,“ fuͤgte er, den, in dieſem Augenblicke das Zelt betretenden, Conrad von Montſerrat, anredend hinzu.„Soviel, geehrter Fuͤrſt,“ antwortete der Mar⸗ uis,„daß ich mich foone, Eure Majeſtat ſo wohl und ſo weit hergeſtellt zu finden; und das iſt eine lange 108 Rede fuͤr jeden, der an der Gaſtfreundſchaft des Her⸗ zogs von Oeſtreich Theil genommen hat.“ Wie! Ihr habt bei dem teutoniſchen Weinſchlauch geſpeist,“ ſagte der Monarch,„und was fuͤr einen Spaß hat er denn erſonnen, daß er alle dieſe Unordnung verurſacht? Wahrlich, Sir Conrad, ich habe Euch ſtets fuͤr einen ſo guten Schmauſer gehalten, daß ich mich wundere, wie Ihr der Luſtbarkeit ſo bald habt entſagen koͤnnen.“ De Vaur, der ſich ein wenig hinter den Koͤnig ge⸗ ſtellt hatte, bemuͤhte ſich jetzt, durch Blick und Zeichen dem Marquis zu bedeuten, er ſolle dem Koͤnige nichts von dem ſagen, was draußen vorgehe. Allein Con⸗ rad verſtand oder beachtete das Verbot nicht. „Was der Erzherzog thut,“ ſagte er,„iſt fuͤr je⸗ dermann, vorzuͤglich aber fuͤr ihn, von geringer Be⸗ deutung, da er wahrſcheinlich ſelbſt nicht weiß, was er thut,— doch die Wahrheit zu ſagen, es iſt ein Spaß, an dem ich nicht gerne Theil nehmen moͤchte; denn er reißt das Banner Englands vom heiligen Georgsberge nieder, und entfaltet das ſeinige an deſſen ſtatt.“ „Was ſagſt du?“ rief der Koͤnig in einem Tone aus, der die Todten haͤtte erwecken koͤnnen. „Nicht ſo,“ ſagte der Marquis,„erzurnt euch nicht daruͤber, daß ein Thor ſeiner Thorheit gemaͤß handelt.— 3 3„Sage mir nichta“, viof Richaud von ſojnon 04⸗ ger aufſpringend, und ſeine Kleider mit einer faſt 109 wunderbaren Haſt um ſich werfend—„ſage mir nichts, Lord Marquis!— de Moulton, ich gebiete dir, ſprich kein Wort mit mir.— Der, welcher nur eine Sylbe verlauten laͤßt, iſt kein Freund von Richard Planta⸗ genet.— Hakim ſchweig ſtill, ich befehle es Dir.“ Dieſe ganze Zeit uͤber kleidete ſich der Koͤnig ei⸗ lig an, und mit dem letzten Worte ergriff er ſein Schwerdt, das an dem Pfeiler des Zeltes hieng, und ſtuͤrzte ohne andere Waffen und ohne jemands Be⸗ gleitung zu fordern, hinaus. Conrad hielt die Haͤnde, wie aus Erſtaunen, empor, und ſchien ſich mit de Vaur in eine Unterredung einlaſſen zu wollen; allein Sir Thomas ſtuͤrzte, ohne die geringſte Ruͤckſicht auf ihn zu nehmen, an ihm vorbei, und rief einem von des Koͤnigs Stallmeiſtern haſtig zu:„Eile, nach Lord Salisburys Quartier, und ſage ihm, daß er ſeine Leute zuſammen rufen ſolle, und folge mir augenblicklich zum St. Georgsberge.— Sage ihm, das Fieber des Koͤ⸗ nigs habe deſſen Blut verlaſſen, und ſich in ſeinem Gehirne feſtgeſetzt.“ Da der erſchrockene Stallmeiſter de Vaux's haſtige Anrede unvollkommen hoͤrte, und noch unvollkomme⸗ ner verſtand, ſo eilte er mit ſeinen Dienſtgenoſſen in die Zelte des benachbarten Adels, und verbreitete ſchnell unter dem ganzen brittiſchen Heere eine ebenſo allge⸗ meine Beſtuͤrzung, als die Urſache unbeſtimmt ſchien. Die engliſchen Krieger, die aus jener Mittagsruhe aufgeſtoͤrt wurden, die ſie das heiße Klima als eine I110 Art Luxus zu genießen gelehrt hatte, fragten einander haſtig um die Urſache des Tumults, und erſetzten, ohne eine Antwort abzuwarten, durch die Kraft ihrer Phan⸗ taſie, den Mangel an Belehrung. Einige ſagten: die Saracenen ſeyen im Lager; andere, man habe dem Koͤnige nach dem Leben getrachtet; wieder andere, er ſey in der vergangenen Nacht an dem Fieber geſtorben; und viele, der Herzog von Oeſterreich habe ihn meuch⸗ lings ermordet. Die Edelleute und Offiziere, die eben⸗ ſowenig, als die gemeinen Soldaten, die wahre Urſa⸗ che der Unordnung ergruͤnden konnten, bemuͤhten ſich bloß, ihre Untergebenen unter die Waffen und zum Ge⸗ horſam zu bringen, damit nicht ihre Raſchheit dem Heere des Kreuzzuges irgend ein großes Ungluͤck zu⸗ ziehen moͤchte. Die engliſchen Trompeten ſchmetterten laut und anhaltend. Der Waffenruf,„Bogen und Aexte“— erſcholl von Quartier zu Quartier, ertoͤnte wieder und wieder, und ward wieder und wieder von den ſchlagfertigen Kriegern durch den Nationalruf be⸗ autwortet:„der heilige Georg fuͤr's luſtige England.“ Der Aufruf durchlief den naͤchſten Theil des La⸗ gers, und Leute von allen den verſchiedenen Nationen, die hier verſammelt waren, wo vielleicht jedes Volk in der Chriſtenheit ſeine Repraͤſentanten hatte, flogen zu den Waffen, und verſammelten ſich waͤhrend der allgemei⸗ nen Verwirrung, deren Urſache und Zweck ihnen gleich unbekannt war. Es war jedoch bei einem ſo drohen⸗ den Auftritte noch ein gluͤcklicher Umſtand, daß der 111 Graf von Salisbury, als er, gemaͤß der Aufforderung des Barons, nur mit einigen Wenigen der ſchlagfer⸗ tigſten engliſchen Gewappneten forteilte, den Befehl gab, das uͤbrige engliſche Heer ſolle aufgeſtellt und un⸗ ter den Waffen gehalten werden, um im Nothfalle dem Koͤnige zu Huͤlfe zu eilen, jedoch in angemeſſener Ord⸗ nung und unter gebuͤhrendem Commando, und nicht mit der tumultuariſchen Eile, die durch ihre Beſtuͤrzung und den Eifer fuͤr die Sicherheit des Koͤnigs leicht haͤtte herbeigefuͤhrt werden koͤnnen. Indeſſen verfolgte Richard, ohne auch nur einen Augenblick das Geſchrei und den Tumult zu beachten, der ſich um ihn zu verſtaͤrken begann, in ſeinem hoͤchſt unordentlichen Anzuge und mit ſeinem in der Scheide ſteckenden Schwerdte unter dem Arme, in der groͤſten Eile, ſeinen Weg nach dem St. Georgsberge, nur von de Vaur und einigen Dienern ſeines Haushaltes begleitet. Er eilte ſogar dem Laͤrmen voran, den einzig und allein ſein Ungeſtuͤmm erregt hatte, und kam an dem Quartier ſeiner tapfern Truppen aus der Normandie, aus Poitou, Gascogne und Anjou vorbei, ehe der Tu⸗ mult ſie erreicht hatte, obwohl das Getoͤſe, das die ſchmauſenden Deutſchen verurſachten, viele Soldaten be⸗ wogen hatte, ihr Quartier zu verlaſſen, um zuzuhoͤren. Die Handvoll Schotten war auch in der Naͤhe eingelagert, und ebenfalls von dem Aufruhr noch nicht geſtoͤrt worden. Allein die Perſon des Koͤnigs ſo wie ſeine Eile wur⸗ den von dem Ritter vom Leoparden bemerkt. Gefahr 11² ahnend und entſchloſſen, ſie zu theilen, ergriff dieſer Schild und Schwerdt, und ſchloß ſich an de Vaur an, ver nicht ohne Muͤhe mit ſeinem ungeduldigen und feu⸗ rigen Gebieter gleichen Schritt hielt. De Vaur beant⸗ wortete einen neugierigen Blick, den ihm der ſchotti⸗ ſche Ritter zuwarf, mit einem Achſelzucken, und ſie fuhren fort, dem Koͤnige neben einander auf dem Fuße zu folgen. Der Koͤnig befand ſich bald am Fuße des Berges vom heiligen Georg. Die Seiten, wie die Platform deſeelben, waren jetzt dicht vollgedraͤngt, ſowohl von den Leuten des Herzogs von Oeſterreich, die unter lautem Jubelgeſchrei die Handlung feierten, die ſie als eine Verrheidigung der Nationalehre betrachteten, als auch von Zuſchauern aus verſchiedenen Nationen, welche Abneigung gegen die Englaͤnder oder bloße Neugier verſammelt hatte, um den Ausgang dieſes außerordent⸗ lichen Beginnens mit anzuſehen. Durch dieſen verwor⸗ renen Haufen drang Richard, gleich einem trefflichen Schiffe, das ſich mit vollen Segeln durch die rollenden Wogen Bahn bricht, und es nicht achtet, daß ſie brau⸗ ßend in die von ihm gezogene Furche ſtuͤrzen, und ver⸗ einigt hinter ihm her toben. Oben auf der Anhoͤhe befand ſich ein kleiner ebener Platz, auf welchem die wetteifernden Paniere aufge⸗ pflanzt, und noch von den Freunden und dem Gefolge des Erzherzogs umgeben waren. In der Mitte des Kreiſes befand ſich Leopold ſelbſt, noch immer mit Selbſt⸗ 5 113 Selbſtzufriedenheit die verrichtete That betrachtend, und das Beifallgeſchrei anhoͤrend, das ſeine Anhaͤnger nicht ſparſam ertonen ließen. Waͤhrend er ſich in die⸗ ſem ſelbſtgefaͤlligen Zuſtande befand, drang Richard in den Kreis, zwar nur von zwei Maͤnnern begleitet, allein vermoͤge ſeiner wilden und kuͤhnen Kraft einer unbezwingbaren Schaar gleich. „Wer hat es gewagt,“ rief er, ſeine Hand an die oͤſterreichiſche Fahne legend und mit einer Stimme aus, die dem donnernden Knalle glich, der einem Erd⸗ beben vorauszugehen pflegt,„wer hat es gewagt, dieſen armſeligen Lumpen neben Englands Panier zu ſtellen?“ Dem Erzherzoge fehlte es nicht an perſonlichem Muthe, und er konnte eine ſolche Frage unmoglich un⸗ beantwortet laſſen. Doch ſo ſehr ward er durch Richards unerwartete Ankunft uͤberraſcht und von der allgemeinen Ehrfurcht, die ſein feuriger und un⸗ beugſamer Charakter einfloͤßte, ergriffen, daß die Frage zweymal in einem Tone, der Himmel und Erde zum Kampfe zu fordern ſchien, wiederholt wurde, ehe der Herzog mit ſo viel Feſtigkeit, als ihm moͤglich war, antwortete:„Ich war es, ich, Leopold von Oeſterreich.“ „Dann ſoll Leopold von Oeſterreich unverzuͤglich ſehen, welchen Werth ſein Panier und ſeine Anſpruͤche in den Augen Richards von England haben.“ Mit dieſen Worten riß er den Bannerſpeer um, zerſplitterte ihn, warf das Panier ſelbſt auf den Boden, und trat es mit Fuͤßen. W. Scott's Werke. VII. 3 114 „So,“ ſagte er,„trete ich Oeſterreichs Panier mit Fuͤßen. Gibt es einen Ritter unter eurer teutoniſchen Ritterſchaft, der es wagt, mich meiner That wegen zur Rede zu ſtellen?— Eine kurze Stille erfolgte; allein es gibt keine ta⸗ pfern Leute, als die Deutſchen. „Ich,“ und„ich“ und„ich“ riefen mehrere Rit⸗ ter unter dem Gefolge des Herzogs, und er ſelbſt folgte dem Beiſpiele derer, die Richards Herausforderung annahmen. „Was zoͤgern wir,“ ſagte der Graf Wallenrode, ein gigantiſcher Krieger von der ungariſchen Graͤnze, „Bruͤder und edle Herrn, dieſer Mann tritt die Ehre Eures Landes mit Fuͤßen— laßt uns ſie retten und nieder mit Englands Stolze!“ Mit dieſen Worten zog er ſein Schwerdt, und wuͤrde dem Koͤnige einen toͤdtlichen Streich verſetzt ha⸗ ben, haͤtte ihn nicht der Schotte mit ſeinem Schilde aufgefangen. „Ich habe geſchworen,“ ſagte Koͤnig Richard,— und ſeine Stimme uͤbertoͤnte den ganzen Tumult, der jetzt immer wilder und lauter wurde—„nie⸗ mals nach einem zu ſchlagen, deſſen Schulter das Kreuz traͤgt; daher lebe Wallenrode; allein lebe, um dich an Richard von England zu erinnern.“ Mit dieſen Worken faßte er den großen Ungar um den Unterleib, und ſchleuderte ihn, vermoͤge ſeiner un⸗ vergleichlichen Geſchicklichkeit im Ringen, ſo wie in ab⸗ —— 115 len andern kriegeriſchen Uebungen, mit einer ſolchen Gewalt ruͤckwaͤrts, daß die Maſſe aus einer Kriegs⸗ maſchine abgeſendet worden zu ſeyn ſchien, und nicht nur durch den Kreis der Zuſchauer, ſondern auch uͤber den Rand der Platform ſelbſt, und hinab an der ſtei⸗ len Seite des Berges rollte, bis er endlich uͤberpur⸗ zelte, und mit verrenktem Schulterknochen, gleich ei⸗ nem Todten, liegen blieb. Dieſer Beweis von einer faſt uͤbernatuͤrlichen Kraft munterte weder den Her⸗ zog, noch irgend einen ſeines Gefolges auf, einen unter ſo unguͤnſtigen Auſpizien begonnenen perſön⸗ lichen Kampf zu erneuern. Diejenigen, welche in der weiteſten Entfernung ſtanden, klirrten zwar mit ih⸗ ren Schwerdtern, und riefen:„Haut den engliſchen Kettenhund in Stuͤcke!“ allein die Naͤherſtehenden verbargen vielleicht ihre Furcht unter dem Schleyer ei⸗ ner angeblichen Ordnungsliebe und riefen:„Friede! Friede! der Friede des Kreuzes— der Friede der heiligen Kirche und unſeres Vaters, des Pabſtes!“ Dieſe verſchiedenen ſich widerſprechenden Ausrufe der Angreifer zeugten von ihrer Unentſchloſſenheit, waͤhrend Richard, den Fuß noch immer auf dem er⸗ herzoglichen Banner, mit einem Auge umher blickte, das (einen Feind zu ſuchen ſchien, und vor dem die zuͤr⸗ nenden Edelleute, wie vor den drohenden Klauen des Loͤwen, erſchrocken zuruͤckbebten. De Vaux und der Nitter vom Leoparden behaupteten ihre Plaͤtze neben thm; und obſchon ihre Schwerdter noch unentbloͤßt wa⸗ 116 ren, ſo lag es doch am Tage, daß ſie bereit waren, Richards Perſon bis aufs Aeußerſte zu vertheidigen, und ihre Geſtalt und merkwuͤrdige Staͤrke zeigten deut⸗ lich, daß die Vertheidigung eine verzweifelte ſeyn wuͤrde. Salisbury und ſeine Leute ruͤckten nun auch mit geſchwungenen Streitaͤrten und Partiſanen und ſchon geſpannten Bogen herbei. In dieſem Augenblicke kam Koͤnig Philipp von Frankreich, von einigen ſeiner Edeln begleitet, auf die Platform, um die Urſache der entſtandenen Unruhe zu erfahren, und zeigte in Miene und Geberde großes Er⸗ ſtaunen daruͤber, daß er den Koͤnig von England von ſeinem Krankenbette aufgeſtanden, und ihrem gemein⸗ ſchaftlichen Verbuͤndeten, dem Herzog von Oeſterreich, in einer ſo drohenden und beleidigenden Stellung ge⸗ genuͤberſtehend, fand. Richard ſelbſt erroͤthete, daß ihn Philipp, deſſen Scharfſinn er eben ſo ſehr achtete, als ihm ſeine Perſon mißfiel, in einer Lage antraf, die ſich ſo wenig fuͤr ſeinen Charakter als Monarch und als Krenzfahrer ſchickte. Man bemerkte, daß er ſei⸗ nen Fuß, als geſchaͤhe es von Ungefaͤhr, von dem ent⸗ ehrten Banner zuruckzog, und ſeinen von heftiger Ge⸗ muͤthsbewegung zeugenden Blick mit einem, dem An⸗ ſcheine nach, Ruhe und Gleichguͤltigkeit ausdruͤcken⸗ den vertauſchte. Auch Leopold ſuchte einen gewiſſen Grad von Ruhe zu erlangen, ſo ſehr es ihn auch kraͤnk⸗ 1 117 te, daß man ihn die Beſchimpfung des ſtolzen Koͤnigs von England ruhig hatte ertragen ſehen. Philipp, der manche jener koͤniglichen Eigenſchaf⸗ ten beſaß, um derentwillen ſeine Unterthanen ihn den Ehrwuͤrdigen(auguste) nannten, konnte der Ulyſſes, ſo wie Richard unſtreitig der Achilles des Kreuzzuges heißen. Der Koͤnig von Frankreich war ſcharfſichtig, weiſe, beſonnen im Rathe, feſt und ruhig im Han⸗ deln, erkannte die Maßregeln, die dem Intereſſe ſei⸗ nes Koͤnigreichs am foͤrderlichſten waren deutlich, und verfolgte ſie mit Standhaftigkeit— wuͤrdevoll und koͤ⸗ niglich in ſeinem Betragen, war er perſoͤnlich tapfer, aber mehr Staatsmann als Krieger. Zu dem Kreuz⸗ zuge wuͤrde er ſich nicht aus freier Wahl entſchloſſen haben; allein der Geiſt der Zeit war anſteckend, und er wurde zu der Expedition durch die Kirche und den einſtimmigen Wunſch ſeines Adels genoͤthiget. In jeder andern Lage, oder in einem milderen Zeitalter wuͤrde ſein Charakter hoͤher geſtanden ſeyn, als der des kuͤhnen Richard Löwenherz. Allein bei dem Kreuz⸗ zuge, einem an und fuͤr ſich ſelbſt ganz unvernuͤnfti⸗ gen Unternehmen, war ein geſunder Verſtand dieje⸗ nige Eigenſchaft, die unter allen andern am wenigſten geſchaͤtzt wurde, und die ritterliche Tapferkeit, die ſo⸗ wohl das Zeitalter als die Unternehmung forderten, wurde als entwuͤrdiat betrachtet, wenn ihr der aering⸗ ſte Anflug von Weltklugheit beigeſellt war. So er⸗ ſchien Philipps Verdienſt, mit dem ſeines ſtolzen Ne⸗ 118 benbuhlers in Vergleichung gebracht, als die klare aber kleine Flamme einer Lampe neben dem Glanze einer großen brennenden Fackel, die nicht halb ſo nuͤtz⸗ lich iſt, allein zehnmal mehr Eindruck auf das Auge macht. Philipp fuͤhlte den niedrigern Rang, den er in der oͤffentlichen Meinung einnahm, mit dem natuͤr⸗ lichen Aerger eines ſtolzen Fuͤrſten, und man darf ſich daher nicht wundern, wenn er die ſich ihm darbieten⸗ den Gelegenheiten dazu benuͤtzte, ſeinen Charakter in einen vortheilhafteren Contraſt mit dem ſeines Neben⸗ buhlers zu ſetzen. Die gegenwaͤrtige gehoͤrte, wie es ſchien, zu denjenigen, bei welchen Klugheit und Ruhe ſich vernuͤnftigerweiſe den Sieg uͤber Hartnaͤckigkeit und ungeſtuͤme Gewaltthaͤtigkeit verſprechen durften. „Was bedeutet dieſer ungeziemende Streit zwi⸗ ſchen den geſchworenen Bruͤdern des Kreuzes— der koͤniglichen Majeſtaͤt von England und dem fuͤrſtlichen Herzog Leopold? Wie iſt es moͤglich, daß diejenigen, welche die Anfuͤhrer und Pfeiler dieſer heiligen Unter⸗ nehmung ſind— „Still, mit deinen Einwendungen, Frankreich,“ ſagte Richard, innerlich daruͤber ergrimmt, daß er mit Leopold gewiſſermaßen auf gleichen Fuß geſtellt ward, allein nicht wiſſend, wie er ſeinen Zorn daruͤber aus⸗ laſſen ſollte.—„Dieſer Herzog, oder Fuͤrſt, oder Pfeiler, wenn Ihr wollt, war unverſchaͤmt, und ich habe ihn gezuͤchtigt,— das iſt Alles. Hier iſt ein Auf⸗ 119 lauf, weil man einem Hunde einen Tritt gegeben hat!“ „Koͤnig von Frantreich,“ ſagte der Herzog,„ich ap⸗ pellire an Euch, und jeden ſouverainen Fuͤrſten gegen die unwuͤrdige Behandlung, die ich erduldet habe. Die⸗ ſer Koͤnig von England hat mein Panier niedergewor⸗ fen, zerriſſen und mit Fuͤßen getreten.“ „Weil er die Kuͤhnheit hatte, es neben dem Mei⸗ nigen aufzupflanzen,“ ſagte Richard. „Mein Nang, der dem deinen gleich, berechtigte mich dazu,“ erwiederte der Herzog, durch Philipps Ge⸗ genwart kuͤhn gemacht. „Behaupte eine ſolche Gleichheit fuͤr Deine Per⸗ ſon,“ ſagte Koͤnig Richard,„und beim heiligen Georg, ich will mit Dir umgehen, wie mit Deinem geſtickten armſeligen Lappen.“ „Nur Geduld, Bruder von England,“ ſagte Phi⸗ lipp,„und ich will Oeſterreich ſogleich zeigen, daß es in dieſer Sache Unrecht hat.— Glaubt nicht, edler Herzog,“ fuhr er fort,„daß wir, die unabhaͤngigen Fuͤrſten des Kreuzzuges, dem koͤniglichen Richard ir⸗ gend ein Uebergewicht uͤber uns dadurch zugeſtehen, daß wir der engliſchen Standarte erlauben, den hoͤchſten Punkt in unſerm Lager einzunehmen. Es waͤre wider⸗ ſinnig dieß anzunehmen, da ſogar die Oriflamme ſelbſt — das große Banner Frankreichs, gegen das der Koͤ⸗ nig Richard ſelbſt, in Betracht ſeiner franzoͤſiſchen Be⸗ ſitzungen, nur ein Vaſall iſt, gegenwaͤrtig einen nie⸗ drigern Platz, als die Loͤwen Englands einnimmt. Al⸗ lein als geſchworene Bruͤder des Kreuzes, als kriegeri⸗ ſche Pilgrimme, die den Pomp und Stolz dieſer Welt verachten und ſich mit ihren Schwerdtern den Weg nach dem heiligen Grabe bahnen, habe ich ſelbſt und die andern Fuͤrſten dem Koͤnig Richard, aus Achtung fuͤr feinen hohen Ruf und ſeine große Waffenthaten, dieſen Vorrang zugeſtanden, den man ihm ſonſt und aus andern Beweggruͤnden nicht gewaͤhrt haben wuͤrde. Ich bin uͤberzeungt, daß wenn Eure koͤnigliche Gnaden dieß in Erwaͤgung gezogen haben, Ihr Euer Bedauern daruͤber aͤuſſern werdet, daß Ihr Euer Panier an die⸗ ſem Orte aufgepflanzt habt, und daß dann die königli⸗ che Majeſtaͤt von England fuͤr den angethanenen Schimpf Genugthuung geben wird.“ Der Spruchſprecher und der Poſſenreißer hatten ſich beide in eine ſichere Entfernung zuruͤckgezogen, als es zu Schlaͤgen zu kommen ſchien; allein ſie kehrten zu⸗ ruͤck, als ſie ſahen, daß Worte, ihre eigene Wagre, wieder an die Tagesordnung kamen. 4 Der Mann der Sprichwoͤrter war ſo erfreut uͤber Philipps kluge Rede, daß er am Schluſſe derſelben ſei⸗ nen Stab ſchuͤttelte, und der hohen Perſonen, in de⸗ ren Naͤhe er ſich befand, ſo ſehr vergaß, daß er unver⸗ holen erklaͤrte, er habe ſelbſt in ſeinem ganzen Leben nie etwas Weiſeres geſagt. „Das mag ſeyn,“ fluͤſterte Jonas Schwauter, nau —H——:....ͤ—r —————ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ—Y—’—’—’x— ꝑ 121 lein man wird uns peitſchen, wenn Ihr ſo laut ſprecht.“— Der Herzog antwortete verdrießlich, er uͤberlaſſe die Entſcheidung des Streites der Bundesverſammlung des Kreuzzuges— ein Antrag, dem Philipp ſeinen ganzen Beifall ſchenkte, weil er ihn fuͤr geeignet hielt, ein der Chriſtenheit hoͤchſt ſchmerzliches Aergerniß aus dem Wege zu raͤumen. Richard hoͤrte, ſeine bisherige nachlaͤſſige Stellung beibehaltend, dem Koͤnige Philipp zu, bis deſſen Be⸗ redtſamkeit erſchoͤpft ſchien; dann ſagte er laut:„ich bin ſchlaftrunken— dieſes Fieber haͤngt noch an mir, Bruder von Frankreich; Du kennſt meine Laune und weißt, daß ich zu allen Zeiten nur wenig Worte uͤbrig habe— vernimm daher ohne Umſchweife, daß ich eine Sache, welche England ſo nahe angeht, weder einem Fuͤrſten noch dem Pabſte, noch irgend einer Rathsver⸗ ſammlung vorlegen will. Hier ſteht mein Banner— was immer fuͤr eine Fahne drei Schritte von ihr weg aufgepflanzt wird, ja waͤre es die Oriflamme ſelbſt, von der Ihr, glaube ich, ſo eben geſprochen habt, ſie ſoll wie dieſer entehrte Lumpen behandelt werden; auch will ich keine andere Genugthunng geben, als die, wel⸗ che dieſe armen Glieder einem kuhnen Herausforde⸗ rer in den Schranken gewaͤhren koͤnnen, ja waͤre es auch gegen fuͤnf Kaͤmpfer ſtatt gegen einen.“ „Aber das heiße ich,“ fluͤſterte der Luſtigmacher ſeinem Gefaͤhrten zu,„ein ſo muſterhaftes Probe⸗ 122 ſtuͤk von Narrheit, als wenn ich es ſelbſt geſagt haͤtte,— doch kann es vielleicht, denke ich, in dieſer Sache noch einen groͤßern Narren geben, als Ri⸗ chard!“— „uUnd wer mag das ſeyn,“ fragte der Mann der Weisheit? „Philipp“ ſagte der Poſſenreißer,„oder unſer eigener koͤniglicher Herzog; ſollte einer oder der an⸗ dere von ihnen die Herausforderung annehmen.— Aber o, hoͤchſt weiſer Spruchſprecher, was fuͤr treff⸗ liche Koͤnige wuͤrden wir abgegeben haben, da dieje⸗ nigen, auf deren Haͤupter dieſe Kronen zugefallen ſind, den Sprichwortkraͤmer und den Narren eben ſo gut ſpielen koͤnnen, als wir ſelbſt!“ Waͤhrend dieſe Helden ihre Amtsdienſte auf ſolche Art in einiger Entfernung von der Haupt⸗ ſcene verrichteten, antwortete Philipp auf die faſt fehrenruͤhrige Herausforderung Nichards:„Ich kam nicht hieher, um neuen Streit anzufangen, und dadurch unſern Eid und die heilige Sache, der wir uns geweiht haben, zu verletzen. Ich ſcheide von mei⸗ nem Bruder von England, wie Bruͤder von einan⸗ der ſcheiden, und uͤber keinen andern Punkt ſoll zwi⸗ ſchen den Loͤwen wvon England und den Lilien von Frankreich ein Streit ſtatt finden, als daruͤber, wer am tiefſten in die Reihen der Unglaͤubigen eindrin⸗ gen wird.“ 1²3 „Es ſey ſo, mein koͤniglicher Bruder, ſagte Richard, und reichte ihm die Hand mit der ganzen Freimuͤthigkeit und Offenheit, die ſeiner raſchen, aber edeln Gemuͤthsart eigen war;„und bald werden wir Gelegenheit haben, dieſen tapſern bruͤderlichen Wettſtreit zu verſuchen.“ „Laßt dieſen edeln Herzog auch an der Freund⸗ ſchaft dieſes gluͤcklichen Augenblicks Theil nehmen,“ ſagte Philipp; und der Herzog naͤherte ſich halb muͤrriſch, halb willig, um einigen Vergleich mit ihm einzugehen. „Ich achte die Thoren und ihre Thorheit nicht,“ ſagte Richard gleichguͤltig, und der Herzog kehrte ihm den Ruͤcken und entfernte ſich. Richard blickte ihm nach und ſagte:„es gibt eine Art von Gluͤh⸗ wurmsmuth, der ſich bloß bei Nacht zeigt. Ich darf dieſes Panier in der Dunkelheit nicht unbe⸗ wacht laſſen;— bei Tag wird es ſchon der bloße Blick des Loͤwen vertheidigen. Hier, Thomas von Gilsland, deiner Obhut vertraue ich die Fahne an— wache uͤber die Ehre Englands!“ „Englands Sicherheit iſt mir noch theurer,“ ſagte de Vaur„und Richards Leben iſt Englands Sicherheit.— Ich muß mit Eurer Majeſtaͤt in's Zelt zuruͤck, und das ohne weitere Zoͤgerung.“ „Du biſt ein rauher und anmaßender Kran⸗ kenwaͤrter, de Vaur,“ ſagte der König lachelnd, und dann fuͤgte er, ſich an Sir Kenneth wendend, hinzu: 1²4 „tapferer Schotte, ich bin Dir einen Lohn ſchuldig, und ich will Dir ihn reichlich bezahlen. Hier ſteht Englands Banner, bewache es, wie ein junger Krie⸗ ger ſeine Rüſtung in der Nacht, ehe er zum Ritter geſchlagen wird, weiche auf drei Speereslaͤngen nicht von ihm, und vertheidige es mit deinem Koͤrper ge⸗ gen Schimpf und Beſchaͤdigung— Blaſe in dein Horn, wenn du von mehr, als drei Mann zugleich angefallen wirſt. Uebernimmſt du dieſes Amt?“ „Sehr gerne,“ ſagte Kenneth,„und ich will mein Leben verwirkt haben, wenn ich ihm nicht ge⸗ treulich vorſtehe. Ich will nur meine Waffen anle⸗ gen, und werde ſogleich wieder zuruͤckkommen.“ Die Koͤnige von Frankreich und England nahmen hierauf foͤrmlich von einander Abſchied, und verbar⸗ gen unter einem Anſcheine von Höflichkeit die Be⸗ ſchwerden, die ſie gegen einander zu fuͤhren hatten— Richard gegen Philipp wegen der, ſeiner Meinung nach, zudringlichen Vermittlung zwiſchen ihm und dem Herzoge von Oeſterreich, und Philipp gegen Ri⸗ chard, wegen der unehrerbietigen Art, auf welche ſeine Vermittlung aufgenommen worden war. Diejenigen, welche dieſer Auftritt verſammelt hatte, entfernten ſich nun nach verſchiedenen Richtungen, und ließen den beſtrittenen Berg in der Einſamkeit hinter ſich, die bis zu der öͤſterreichiſchen Pralerey darauf ge⸗ herrſcht hatte. Die Leute beurtheilten die Ereigniſſe des Tages nach ihren verſchiedenen Geſinnungen. 12²⁵ Waͤhrend die Englaͤnder den Oeſtreicher beſchuldigten, daß er die erſte Veranlaſſung zum Streite gegeben habe, ſo warfen die Krieger anderer Nationen ein⸗ ſtimmig die groͤßere Schuld auf den inſulariſchen Hoch⸗ muth und den anmaßenden Charakter des Koͤnigs Richard.„Du ſiehſt,“ ſagte der Marquis von Mont⸗ ſerrat zu dem Großmeiſter der Tempelritter,„daß durch Schlauheit und Klugheit ſich mehr ausrichten laͤßt, als durch offene Gewalt. Ich habe die Bande ſchlaffer gemacht, die dieſen Buͤndel von Sceptern und Lanzen zuſammenhielten.— Du wirſt ſie in Kurzem ganz auseinander fallen ſehen.“ 3 „Ich wuͤrde deinen Plan gut genannt haben, ſagte der Tempelherr,“ waͤre nur Ein muthiger Mann unter jenen kaltbluͤtigen Oeſterreichern gewe⸗ ſen, der die Bande, von denen Ihr ſprecht, mit ſeinem Schwerdte zu zerhauen gewagt haͤtte;— ein locker gemachter Knoten kann wieder feſtgeknuͤpft wer⸗ den, allein nicht ſo der in Stuͤcken gehauene Strick. Siebentes Kapitel. — In den Tagen des Ritterthums war ein gefaͤhr⸗ licher Poſten, oder ein gefahrvolles Unternehmen eine Belohnung, die nicht ſelten der kriegeriſchen Tapfer⸗ keit, als eine Verguͤtung fuͤr fruͤhere Pruͤfungen, zu Theil wurde. Es war Mitternacht, und der Mond ſtand 126 4 klar und hoch am Himmel, als ich Kenneth von Schott⸗ land auf dem St. Georgsberge neben dem Banner Englands, eine einſame Schildwache, befand, um das Sinnbild jener Nation gegen die Angriffe zu verthei⸗ digen, auf welche die Tauſende, die ſich Richard durch ſeinen Stolz zu Feinden gemacht hatte, ſinnen moch⸗ ten. Hohe Gedanken ſtuͤrmten nacheinander durch die Seele des Kriegers. Er glaubte einige Gunſt in den Augen des ritterlichen Monarchen gewonnen zu haben, der ihn bisher unter der Menge der tapfern Leute, die ſein Ruhm unter ſeine Fahnen gerufen, noch nicht ausgezeichnet hatte; und er bekuͤmmerte ſich we⸗ nig darum, daß der ihm ertheilte Beweis der koͤnig⸗ lichen Gunſt darin beſtand, daß er auf einen ſolchen gefaͤhrlichen Poſten geſtellt wurde. Die Gluth ſeiner ehrgeizigen und kriegeriſchen Liebe entflammte auch ſeinen Enthuſiasmus. So hoffnungslos auch dieſe Anhaͤnglichkeit faſt in allen denkbaren Umſtaͤnden war, ſo verminderten doch die kuͤrzlich eingetreteren den Abſtand zwiſchen ihm und dem Gegenſtand ſeiner Liebe einigermaßen. Er, dem Richard die Auszeichnung, die er jetzt genoß, verliehen hatte, war nun nicht mehr ein unbedeutender Abentheuerer, ſondern hatte den Blick einer Fuͤrſtin auf ſich gezogen, obſchon er ebenſo wenig, als vorher, auf gleicher Hoͤhe mit ihr ſtand. Ein unbekanntes und dunkles Schickſal konnte nun nicht ſein Loos ſeyn. Wurde er auf den ihm an⸗ gewieſenen Poſten uͤberfallen und getoͤdtet, ſo mußte 1²⁷ ſein Tod— und er war entſchloſſen, ihn glorreich zu machen— ſowohl Richards Lob verdienen, als ſeine Rache erwecken, und das Bedauern, ja ſelbſt die Thraͤnen der hochgebornen Schoͤnheiten des engliſchen Hofes zur Folge haben. Er durfte jetzt nicht mehr fuͤrchten, daß er ſterben werde, wie ein Thor ſtirbt. Sir Kenneth hatte Muße genug, um dieſen und anderen hochfliegenden Gedanken nachzuhaͤngen, die durch jenen wilden, ritterlichen Geiſt genaͤhrt wur⸗ den, der in ſeinen kuͤhnſten und verwegenſten Auffluͤ⸗ gen doch rein von jedem ſelbſtſuͤchtigen Beyſatze war— edel, fromm, und vielleicht nur in ſoweit tadelnswerth, als er Dinge und Unternehmungen vor⸗ ſchlug, die ſich mit den Schwachheiten und Unvollkom⸗ menheiten unſerer Natur nicht vertragen. Die ganze Natur um ihn her ſchlief im ruhigen Mondſcheine, oder im tiefen Schatten. Die langen Reihen der Zelte und Pavillons, die einen lichten oder dunkeln Anblick gewaͤhrten, je nachdem ſie in dem Mondlichte, oder im Schatten lagen, waren ſchweigend und ruhig, wie die Straßen einer verlaſſenen Stadt. Neben dem Bannerſpeere lag der ſchon erwaͤhnte große Jagdhund, der einzige Wachtgefaͤhrte Kenneths, von deſſen Wachſamkeit er zuverſichtlich erwartete, daß er ihn zel tig von der Annaͤherung eines feindlichen Fußtritts ben achrichtigen werde. Das edle Thier ſchien den Zwe ck ihrer Wache zu erkennen; denn es blickte von Zeit zu Zeit auf die reichen Falten der ſchweren Fahne⸗ 128 und wenn der Ruf der Schildwachen von den fernen Linien und Vertheidigungswerken des Lagers ertoͤnte, ſo beantwortete er ihn mit einem tiefen und nicht wie⸗ derholten Bellen, als ob er verſichern wollte, daß auch er wachſam in ſeiner Pflicht ſey. Von Zeit zu Zeit beugte er auch ſeinen hohen Kopf nieder, und wedelte mit dem Schwanze, wenn ſein Herr bey den kurzen Gaͤngen, die er auf ſeinem Poſten machte, an ihm voruͤberſchritt; oder wenn der Ritter ſtill und gedankenvoll daſtand, auf ſeine Lanze gelehnt, und gen Himmel blickend, ſo wagte ſein treuer Be⸗ gleiter manchmal ſeine Gedanken zu ſtoͤren, und ihn aus ſeinen Traͤumereien aufzuwecken, indem er ſeine lange rauhe Schnauze in die mit dem Panzerhand⸗ ſchuhe bekleidete Hand ſeines Herrn ſteckte, um eine fluͤchtige Liebkoſung zu gewinnen. Ploͤtzlich jedoch bellte er fuͤrchterlich, und ſchien im Begriff, dahin zu rennen, wo die dickſte Finſterniß lag; allein er hielt inne, bis er den Wunſch ſeines Herrn erfahren haben moͤchte. „Wer geht da?“ ſagte Sir Kenneth, als er merkte, daß etwas im Schatten vorwaͤrts kroch. „Im Namen Merlins und Maugis“ antwortete eine heißere, widrige Stimme,„binde deinen vier⸗ fuͤßigen Teufel da an, oder ich komme nicht zu Dir.“ „und wer biſt Du, der Du dich meinem Poſten naͤhern willſt?“ ſagte Sir Kenneth, ſo ſcharf, als zhm immer nur moglich war, auf einen Gegenſ tand blicker d, 129 blickend, den er in einiger Entfernung ſich bewegen ſah, ohne jedoch ſeine Geſtalt unterſcheiden zu koͤnnen. „Nimm dich in Acht,— ich bin auf Leben und Tod hier!“ „Nimm den langbeinigen Satanas zu Dir, oder ich werde ihn mit einem Bolzen von meiner Armbruſt beſchwoͤren.“ Zu gleicher Zeit hoͤrte er einen Laut, als ob eine Armbruſt geſpannt wuͤrde. „Lege Deine Armbruſt bei Seite, und komm in das Mondlicht,“ ſagte der Schotte,„oder bei'm heili⸗ gen Andreas, ich will Dich an den Boden heften, was oder wer Du auch ſeyn magſt.“ Mit dieſen Worten faßte er ſeine Lanze in der Mitte, und ſchwang ſie, das Auge feſt auf den Ge⸗ genſtand geheftet, der ſich ihm zu naͤhern ſchien, als ob er ſie fortſchleudern wollte, ein Gebrauch, den man bisweilen, obwohl nur ſelten, von dieſer Waffe machte, wenn ein Wurfgeſchoß nothwendig war. Er ſchaͤmte ſich jedoch ſeines Vorſatzes, und ſenkte ſeine Waffe auf den Boden, als, gleich einem die Buͤhne betretenden Schauſpieler, vom Schatten in's Mondlicht ein verkruͤppeltes haͤßliches Geſchoͤpf trat, das er an ſeinem phantaſtiſchen Anzuge und ſeiner Mißgeſtalt, ſelbſt in einiger Entfernung ſchon, fuͤr die maͤnnliche der beyden Zwergs⸗Geſtalten erkannte, die er in der Kapelle zu Engaddi geſehen hatte. Da er ſich in demſelben Augenblicke an die andern, und ganz verſchiedenen Erſcheinungen jener außerordentli⸗ chen Nacht erinnerte, ſo gab er ſeinem Hunde ein Zeichen. Dieſer verſtand es augenblicklich, kehrte zu der Standarte zuruͤck, und legte ſich mit einem er⸗ ſtickten Knurren neben ſie nieder. Der kleine mißgeſtaltete Miniatur⸗Menſch, der ſich nun gegen einen ſo furchtbaren Feind geſchuͤtzt b, kam keuchend die Anhoͤhe herauf, was die Kuͤrze ſeiner Fuͤße ihm etwas beſchwerlich machte, und 55 er oben auf der Platform angelangt war, nahm er W Scott's Werke. VII. 9 130 die kleine Armbruſt, die dem Spielzeuge aͤhnlich war, womit die Kinder zu jener Zeit kleine Voͤgel ſchießen durften, in die linke Hand, gab ſich ein wuͤrdevolles Anſehen, und reichte dem Ritter ſeine rechte Hand mit großer Anmuth hin, als ob er er⸗ wartete, daß er ſie kuͤſſen werde. Als aber dieß nicht erfolgte, fragte er in einem bittern und argerlichen Tone:„warum bringſt Du dem Nebectamus die ſei⸗ ner Wuͤrde gebuͤhrende Huldigung nicht dar?— oder iſt es moͤglich, daß Du ihn vergeſſen haſt?“ „Großer Nebectamus,“ antwortete der Ritter, der die uͤble Laune des Zwerges zu beſaͤnftigen wuͤnſchte, „das waͤre etwas Schwieriges für jeden, der Dich nur einmal geſehen hat.— Verzeihe mir jedoch, daß ich als Soldat auf meinem Poſten, und mit der Waffe in der Hand, einem Manne von Deiner Macht den Vortheil nicht geben kann, in den Bezirk meiner Wa⸗ che zu kommen, oder ſich meiner Waffe zu bemaͤchtigen. Es genuͤge, daß ich Deine Wuͤrde verehre, und mich Dir ſo demuͤthig unterwerfe, als es einem Krieger an meiner Stelle nur immer moͤglich iſt.“ ⸗ „Es ſoll genuͤgen,“ ſagte Nebectamus,„wenn Ihr mich augenblicklich zu denen begleitet, die mich hieher geſchickt haben, um Euch vorzuladen.“ „Großer und maͤchtiger Herr,“ erwiederte der Rit⸗ ter,„hierin kann ich Dir nicht willfahren; denn ich habe den Befehl, bei dieſem Paniere zu bleiben, bis der Tag anbricht— ich bitte Dich daher, mich auch in dieſer Sache zu entſchuldigen.“ Nachdem er dieſes geſagt, ſetzte er ſein Auf⸗ und Niedergehen auf der Platform fort; allein der Zwerg nef ihn nicht ſo leicht ſeiner Zudringlichkeit aus⸗ weichen. „Hoͤrt,“ ſagte er, ſich vor Sir Kenneth hinſtellend und ihm den Weg vertretend,„entweder gehorcht mir, Herr Ritter, als durch Pflicht gebunden, oder ich will Euch den Befehl im Namen einer Perſon ertheilen, deren Schoͤnheit die Genien aus ihrer Sphaͤre rufen 131 und deren Hoheit das unſterbliche Geſchlecht, von dem ſie abſtammen, beherrſchen koͤnnte.“ Eine kuͤhne und unwahrſcheinliche Muthmaßung ſtieg in der Seele des Ritters auf, allein er unter⸗ druͤckte ſie; unmoͤglich, dachte er, konnte die Dame ſeines Herzens ihm eine ſolche Botſchaft durch einen ſolchen Boten geſchickt haben;— doch zitterte ſeine Stimme, als er ſagte:—„Wohlan, Nebeckamus, ſage mir gerade heraus, und als ein aufrichtiger Mann, ob die erhabene Dame, von der Du ſprichſt, eine andere iſt, als die Houri, mit deren Beiſtand ich Dich die Kapelle zu Engaddi ausfegen ſah?“ „Wie, vermeſſener Ritter,“ erwiederte der Zwerg, „glaubſt Du, die Herrin unſerer koniglichen Neigun⸗ gen, die Theilnehmerin unſerer Groͤße und unſerer Holdſeligkeit wuͤrde ſich ſo ſehr erniedrigen, um einem ſolchen Dienſtmann, wie Du biſt, einen Auf⸗ trag ertheilen zu laſſen! Nein, ſo hoch Du auch ge⸗ ehrt ſeyn magſt, ſo haſt Du doch noch nicht die Auf⸗ merkſamkeit derjenigen verdient, von deren hohem Sitze aus ſelbſt Fuͤrſten nur Pygmaͤen ſcheinen. Aber ſieh' hieher! und je nachdem Du dieſes Zeichen an⸗ erkennſt oder nicht anerkennſt, gehorche oder verſchmaͤ⸗ he die Befehle derjenigen, die in der That ſich herab⸗ gelaſſen hat, ſie Dir zu ertheilen.“ „Mit dieſen Worten legte er dem Ritter einen Rubinring von großem Werthe in die Hand, den er ſelbſt in dem Mondlichte ohne Schwierigkeit fuͤr den erkannte, der gewoͤhnlich den Finger der hochgebohrnen Dame zierte, deren Dienſte er ſich geweiht hatte. Haͤtte er an der Wahrheit des Zeichens zweifeln koͤn⸗ nen, ſo wuͤrde er durch die kleine, aus einem fleiſch⸗ farbigen Bande gebildete Schleife, die an den Ring befeſtigt war, uͤberzeugt worden ſeyn. Dieß war die Lieblingsfarbe ſeiner Dame, und mehr als einmal hatte er der Fleiſchfarbe, indem er ſie fuͤr ſeine eigene Livres annahm, den Triumph uͤber andere Farben in den Schranken und in der Schlacht verſchafft. 9. 13² Der Ritter ward faſt ſprachlos, als er ein ſolches Zeichen in ſolchen Haͤnden ſah, waͤhrend der Zwerg in einem triumphirenden Tone halblaut lachend, und ſeinen großen unfoͤrmlichen Kopf ſchuͤttelnd, ausrief: „Jetzt verſchmaͤhe meine Befehle,— jetzt ſey ungehor⸗ ſam gegen meine Aufforderungen— jetzt zweifle, daß ich Arthur von Tintagel bin, der das Recht hat, der ganzen brittiſchen Ritterſchaft zu gebieten.“ „Im Namen alles deſſen, was heilig iſt, von wem empfingſt Du dieſes Zeichen?“ ſagte der Ritter; „ordne, wenn Du kannſt, Deinen zerruͤtteten Ver⸗ ſrand auf einige Minuten, und nenne mir die Perſon, die Dich geſandt hat, ſo wie den wahren Zweck Dei⸗ ner Sendung, und bedenke wohl, was Du ſagſt; denn dieſe Sache eignet ſich nicht zu Poſſen.“ „ Alberner und naͤrriſcher Ritter,“ ſagte der Zwerg, „willſt Du mehr von dieſer Sache wiſſen, als daß Du mit Befehlen von einer Fuͤrſtin beehrt biſt? Wir ha⸗ ben nicht Luſt, mit Dir weiter zu unterhandeln, ſon⸗ dern befehlen Dir im Namen und bei der Kraft die⸗ ſes Ringes, uns zu der Eigenthuͤmerin deſſelben zu folgen. Jede Minute, in der Du zoͤgerſt, iſt ein Ver⸗ brechen gegen Deinen Huldigungseid.“ „Guter Nebectamus— denke einmal nach,“ ſagte der Ritter,—„Kann meine Lady wiſſen, wo ich dieſe Nacht bin, und welche Pflicht ich zu erfuͤllen ha⸗ be?— Weiß ſie, daß mein Leben— doch was ſpreche ich von Leben— daß meine Ehre verlohren iſt, wenn ich dieſes Banner nicht bis Tages Anbruch bewache— und kann ſie wohl wuͤnſchen, daß ich es verlaſſe, waͤre es auch, um mich zu ihr zu begeben! Es iſt unmoͤg⸗ lich.— Die Prinzeſſinn will mit ihrem Diener ſpaſ⸗ ſen, indem ſie ihm eine ſolche Botſchaft ſendet, und ich muß um ſo mehr dieſen Glauben feſthalten, als ſie einen ſolchen Boten gewaͤhlt hat.“ „Oh! bleibt bei Eurem Glauben,“ ſagte Nebec⸗ tamus, ſich umwendend, als wollte er die Platform verlaſſen;„es gilt mir gleich, ob Ihr Euch als Ver⸗ 133³ raͤther oder als treuer Mann gegen dieſe koͤnigliche Dame betragt— ſo lebt denn wohl!“ „Bleibe, bleibe, ich bitte Dich, bleibe,“ ſagte Sir Kenneth;„beantworte mir nur eine einzige Frage:— befindet ſich das Fraͤulein, das Dich ge⸗ ſchickt hat, in der Naͤhe dieſes Ortes?“ „Was liegt daran,“ ſagte der Zwerg;„ſollte wohl die Treue nach Meilen oder Stunden rechnen, wie der arme Courier, der, je nach dem groͤßern oder kleinern Raume, den er durchreitet, fuͤr ſeine Muͤhe bezahlt wird? Deſſenungeachtet aber ſage ich Dir, Du argwoͤhniſche Seele, daß die ſchoͤne Eigenthuͤmerin des Ringes, der jetzt einem ſo unwuͤrdigen Diener, in welchem ſich weder Treue noch Muth findet, ge⸗ ſandt wurde, nicht weiter von dieſem Orte entfernt iſt, als dieſe unſere Armbruſt mit einem ihrer Bolze reichen kann.“ Der Ritter blickte wieder auf den Ring, als ob er ſich uͤberzeugen wollte, daß das Kennzeichen unmoͤg⸗ lich falſch ſeyn koͤnne.—„Sage mir,“ ſagte er zu dem Zwerge,„wird meine Gegenwart auf laͤngere Zeit erfordert?“ 5 „Zeit!“ antwortete Nebectamus;„was nennt Ihr Zeit? Ich ſehe ſie nicht, ich fuͤhle ſie nicht— es iſt bioß ein Schattenname— eine Reihenfolge von Athemzuͤgen, die des Nachts durch den Schall einer Glocke, und bei Tag durch einen, uͤber ein Zifferblatt ziehenden, Schatten abgemeſſen werden. Weißt Du nicht, daß die Zeit eines aͤchten Ritters bloß nach den Thaten berechnet werden ſollte, die er fuͤr Gott und ſeine Dame verrichtet?“ „ Worte der Wahrheit, obſchon in dem Munde der Thorheit,“ ſagte der Ritter. Und fordert mich meine Dame wirklich auf, irgend eine That in ihrem Namen und fuͤr ſie zu verrichten?— Und kann ſie nicht ein paar Stunden bis zum Anbruche des Tages verſchoben werden?“ „Sie fordert Deine Gegenwart augenblicklich,“ 3 134 ſagte der Zwerg,„und ohne den Verluſt von ſo viel Zeit, als durch zehen Koͤrner der Sanduhr angezeigt wird.— Hoͤre Du, kaltſinniger, und argwohniſcher Ritter; dieß ſind ihre eigenen Worte.„„ ſage ihm, daß die Hand, welche Roſen fallen ließ, Lorbeeren ver⸗ leihen kann.““ 4 Dieſe Anſpielung auf ihr Zuſammentreffen in der Kapelle zu Engaddi, erweckte in Sir Kenneths See⸗ le tauſend Erinnerungen, und uͤberzeugte ihn, daß die Botſchaft des Zwerges aͤcht war. Die Roſenknos⸗ pen, ſo verwelkt ſie auch waren, bewahrte er immer noch unter ſeinem Kuͤraß, und ſeinem Herzen am naͤchſten. Er ſchwieg, und konnte ſich nicht entſchließen, eine Gelegenheit voruͤber zu laſſen, die vielleicht die einzige war, die ſich ihm je darbieten mochte, um Gunſt in den Angen derjenigen zu gewinnen, die er zur Gebieterin ſeiner Neigungen eingeſetzt hatte. Der Zwerg vergroͤßerte ſeine Verlegenheit, indem er dar⸗ auf drang, daß er entweder den Ring zuruͤckgeben, oder ihn augenblicklich begleiten ſolle.„ „Halt! nur einen Augenblick halt!“ rief der Ritter, und murmelte dann vor ſich hin: „bin ich eher der Unterthan oder Sclave des Koͤnigs Richard, als ein freier Ritter, der ſich durch einen Eidſchwur dem Dienſte des Kreuzes gewidmet hat? Und wen gedachte ich zu ehren, als ich mit Lanze und Schwerdt hierher kam? Unſere heilige Sache und meine treffliche Dame!“. „Den Ring, den Ring!“ rief der Zwerg ungedul⸗ dig aus;„falſcher und traͤger Ritter, gib den Ring zu⸗ ruͤck, denn Du biſt unwurdig, ihn zu beruͤhren oder zu be⸗ trachten.“„Nur einen Augenblick, guter Nebectamus,“ ſagte Sir Kenneth;„ ſtoͤre meine Gedanken nicht.— Wie, wenn die Saracenen gerade jetzt unſere Linien an⸗ griefen, ſollte ich hier ſtehen bleiben, wie ein geſchwo⸗ rener Vaſall Englands, und dafür ſorgen, daß deſſen Stolz keine Demuͤthigungen erfuͤhre, oder ſollte ich nech der Breſche eilen, und fuͤr das Kreuz fechten?— Und —. 135 naͤchſt Gottes Sache kommen die Befehle meiner koͤnig⸗ lichen Dame— aber Koͤnig Richards Geheiß— mein eigenes Verſprechen, Nebeckamus, ich beſchwoͤre Dich, ſage mir, ob Du mich weit von hier wegfuͤhrſt?“ „Nur nach jenem Zelte; und da Ihr es nun ein⸗ mal wiſſen muͤßt, erwiederte Nebectamus, der Mond ſchimmert auf die vergoldete Kugel, die ſein Dach kroͤnt, und eines Koͤnigs Loͤſegeld werth iſt.“ „Ich kann in einem Augenblicke zuruͤckkehren,“ ſagte der Ritter, ſich verzweifelnd alle ferneren Ruͤckſich⸗ ten aus dem Sinne ſchlagend.„Ich kann dort das Bellen meines Hundes hoͤren, wenn ſich jemand der Fahne naͤhert— ich will mich meiner Dame zu Fuͤßen werfen, und ſie um die Erlaubniß bitten, zur Vollendung meiner Wache zuruͤckzukehren.— Hier Roswell, ſagte er, ſeinem Hunde rufend und ſeinen Mantel neben dem Bannerſpeer niederlegend, wache Du hier, und laß niemand heran.“ Der majeſtaͤtiſche Hund blickte ſeinem Herrn in's Geſicht, als ob er ihn verſichern wollte, daß er ſeinen Befehl verſtehe. Dann ſetzte er ſich neben dem Man⸗ tel nieder, mit geſpitzten Ohren und aufgerichtetem Kopfe, als ob er recht wohl wuͤßte, zu welchem Zwecke er hier ſey. „Komm jetzt, guter Nebectamus,“ ſagte der Ritter,„wir wollen uns beeilen, die Befehle zu voll⸗ fuͤhren, die Du gebracht haſt.“ „Eile, wer da will,“ ſagte der Zwerg, in muͤrri⸗ ſchem Tone,„Du haſt Dich nicht ſehr beeilt, meiner Aufforderung zu gehorchen; auch kann ich nicht ſchnell genug gehen, um Euren langen Schritten nachzukom⸗ men— Ihr geht nicht wie ein Menſch, ſondern ſpringt, wie ein Strauß in der Wuͤſte.“ Es gab nur zwei Wege, die Hartnaͤckigkeit des Nebectamus zu beſiegen, der waͤhrend des Sprechens ſeinen Gang in einen wahren Schneckenſchritt um⸗ wandelte;— zu Geſchenken hatte Sir Kenneth die Mittel nicht;— zum Schmeicheln hatte er keine „ 136 Zeit;— in ſeiner Ungeduld hob er den Zwerg ſchnell vom Boden auf, und trug ihn trotz ſeiner Bitten und ſeiner Furcht mit ſich fort, bis er dem, von dem Zwerge angezeigten Zelte nahe war. Als er ſich ihm aber naͤherte, bemerkte er, daß eine kleine Wache von Kriegern auf dem Boden ſaß. Verwundert, daß das Klirren ſeiner Ruͤſtung ihre Aufmerkſamkeit noch nicht erregt hatte, und in der Meinung, ſeine Bewegung muͤſſe bei der gegennwaͤrtigen Gelegenheit geheim ge⸗ halten werden, ſetzte er den kleinen keuchenden Fuͤh⸗ rer auf den Boden, damit er wieder Luft ſchoͤpfen und ihm anzeigen moͤchte, was zunaͤchſt zu thun waͤre. Rebectamus war ſowohl erſchrocken als erzurnt; allein er hatte ſich ſo vollkommen in der Gewalt des kraftvol⸗ len Ritters gefuͤhlt, als eine Eule in den Klauen ei⸗ nes Adlers, und mochte ihn daher zu keiner weitern Anwendung ſeiner Staͤrke veranlgſſen. 8 Er beklagte ſich daher nicht uͤber die ihm widerfah⸗ rene Behandlung, ſondern wandte ſich durch das La⸗ byrinth von Zelken und fuͤhrte den Ritter ſtillſchwei⸗ gend zur entgegengeſetzten Seite des Zeltes, was ſie der Beobachtung der Waͤchter entzog, die entweder zu nachlaͤſſig oder zu ſchlaͤfrig ſchienen, um ihre Pflicht ſorgfaͤltig zu erfuͤllen. Hier angekommen erhob der Zwerg den untern Theil der Leinwand des Zeltes, und gab Sir Kenneth durch ein Zeichen zu verſtehen, daß er darunter hinkriechen und ſich ſelbſt ins Innere des Zeltes einfuͤhren ſolle. Der Ritter zoͤgerte; denn er hielt es fuͤr unanſtaͤndig, auf dieſe Weiſe heimlich in ein Zelt zu ſchleichen, das ohne Zweifel zur Bequem⸗ lichkeit edler Damen errichtet war; allein er erinnerte ſich an das ſichere Zeichen, das ihm der Zwerg uͤberge⸗ ben hatte, und zog dann den Schluß, daß es ihm nicht zukomme, den Willen ſeiner Dame n beſtreiten. Er buͤckte ſich alſo, kroch unter dem leinwandenen umhange des Zeltes hin, und hoͤrte, wie der Zwerg ihm leiſe zufluͤſterte:„Bleibe da, bis ich Dich rufe.“