——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ 8. ven angenommen. 4 p 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— BX Beler. auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3.„—„ und Zurückſendung 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. 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Aus dem Engliſchen uͤberſetzt — von Auguſt Schaͤfer. — Erſtes Baͤndchen. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 82 8——— — „ 8 3 8 . 4 1 1 5 —-——— — Erzaͤhlungen von den Kreuzfahrern. Zweite Erzaͤhlung. Der Talisman. Erſtes Kapitel. — In die Wildniß zogen ſich Zurück die beyden, doch nicht unbewaffnet. Miltons verlorenes Paradies. Die brennende Sonne Syriens hatte noch nicht ihren hoͤchſten Punct am Horizonte erreicht, als ein Ritter des rothen Kreuzes, der ſeine ferne noͤrdliche Hei⸗ math verlaſſen, und ſich mit dem Heere der Kreuz⸗ fahrer in Palaͤſtina vereinigt hatte, langſam durch die San dwuͤſten zog, die in der Naͤhe des rothen Meeres, oder des ſogenannten asphaltiſchen Sees liegen, wo die Waſſer des Jordan ſich in einen Landſee ergießen, der keinen Abfluß hat. Der kriegeriſche Pilger hatte ſich waͤhrend des fru⸗ hern Morgens uͤber ſteile Anhoͤhen und jaͤhe Abſchuͤße muͤhſam gewunden, ſpaͤterhin aber dieſe gefaͤhrlichen Wege verlaſſen und jene große Ebene betreten, auf der die fluchbelaſteten Staͤdte in alten Tagen die ſchreckliche Rache des Allmaͤchtigen auf ſich luden. Die Beſchwerden, der Durſt und die Gefahren des Weges wurden vergeſſen, als der Reiſende⸗ ſich an die ſchreckliche Cataſtrophe erinnerte, die das ſchoͤne und fruchtbare Thal Siddim, das einſt ſo angenehm durchwaͤſſert geweſen war, in eine duͤrre und zu ewi⸗ ger Unfruchtbarkeit verdammte: Wildniß umgewandelt hatte. Der Wanderer kreuzte ſich, als er die dunkle Maſſe der wallenden Gewaͤſſer erblickte, die an Farbe und Beſchaffenheit denen jedes andern Sees ſo unaͤhnlich ſind; und er ſchauderte unwillkuͤhrlich bey der Erin⸗ nerung, daß unter dieſen traͤgen Wellen die einſt ſo herrlichen Staͤdte der Ebene lagen, deren Grab der Donner des Himmels oder der Ausbruch eines unter⸗ irdiſchen Feuers gegraben hatte, und deren Ueber⸗ bleibſel in einem See verborgen lagen, der keinen lebenden Fiſch in ſeinem Schvoſe naͤhrt, kein Schiff auf ſeiner Oberflaͤche traͤgt, und, als ob ſein furcht⸗ bares Bett der einzige geeignete Behaͤlter fuͤr ſeine truͤben Waſſer waͤre, dem Ocean den gebraͤuchlichen Tribut verweigert. Das ganze Land umher war, wie in den Tagen Moſes,„Schwefel und Salz; es wird nicht beſaͤt, traͤgt nichts, und ſelbſt kein Gras waͤchst auf ihm.“ Das Land kann ſo gut als der See todt 4 — — —y . 27 genannt werden, da alle Vegetation von ihm verbannt iſt. Die Luft ſelbſt war ihrer gewoͤhnlichen befluͤgel⸗ ten Einwohner beraubt, die wahrſcheinlich durch den pech⸗ und ſchwefelartigen Geſtank abgeſchreckt wurden, den die brennende Sonne den Waſſern des Sees in dampfenden Wolken, die haͤufig die Geſtalt von Waſ⸗ ſerhoſen annahmen, entlockte. Große Maſſen der ſchleimigen und ſchwefeligen, Naphtha genannten, Subſtanz, die auf den truͤben und traͤgen Wellen muͤßig umherwogte, verſah dieſe aufſteigenden Wol⸗ ken mit neuen Duͤnſten, und ſchien die Wahrheit der moſaiſchen Erzaͤhlung furchtbar zu vergewiſſern. Auf dieſem Schauplatze der Veroͤdung brannte die Sonne faſt unertraͤglich heiß, und jede lebende Crearur ſchien ſich vor ihren Strahlen verborgen zu haben, die einſame Geſtalt ausgenommen, die lang⸗ ſam uͤber den ſtaͤubenden Sand hinglitt, und das ein⸗ zige athmende Weſen auf der weiten Oberflaͤche der Ebene zu ſeyn ſchien. Die Kleidung des Reiters und das Geſchirr ſeines Pferdes ſchienen, als im hoͤchſten Grade unpaſſend fuͤr den Reiſenden in einem ſolchen Lande, vorſaͤtzlich gewaͤhlt zu ſeyn. Ein aus Ringen beſtehender Panzerrock, mit langen Aermeln, Blechhand⸗ ſchuhen und einem ſtaͤhlernen Bruſtſchilde war fuͤr den Ritter noch nicht ſchwer und druͤckend genug; um ſeinen Nacken hieng auch noch ein dreieckigter Schild; dazu kam ſein gegitteter Helm von Stahl, wel⸗ chen eine Panzerkappe und ein Kragen umwallte, der die Schultern und die Kehle des Kriegers um⸗ ſchloß und den leeren Raum zwiſchen dem Kuͤraß und dem Helme ausfuͤllte. Seine untern Gliedmaßen wa⸗ ren, gleich ſ einem Oberleibe, in biegſamen Panzer ge⸗ huͤllt, und dieſe ſchuͤtzten die Schenkel und Schienbei⸗ ne, indeß die Fuͤße in plattirten Schuhen ruhten, die den Panzerhandſchuhen entſprachen. Ein langer, breiter, ge⸗ rader und zweyſchneidiger Pallaſch mit einem kreuzartigen Griffe konnte als Seitenſtuͤck zu einem großen Dolche auf der andern Seite gelten. Die eigentliche Waffe des Ritters war die lange mit der Stahlſpitze verſe⸗ hene Lanze. An ſeinen Sattel befeſtigt, und mit. dem einen Ende in dem Steigbuͤgel ruhend, zog ſie ſich, waͤhrend er ritt, hinter ihm her, und entfaltete ihr kleines Faͤhnlein, um mit dem ſchwachen Hauche des Windes zu taͤndeln, oder in der regungsloſen Ruhe und Stille niederzuſinken. Zu dieſem laͤſtigen Anzuge kam noch ein ziemlich abgetragener Ueberrock von geſticktem Tuche, der inſofern nuͤtzlich war, daß er die brennenden Strahlen der Sonne von der Ruͤ⸗ ſtung verbannte, die dem Eigner ſonſt unertraͤglich geweſen ſeyn wuͤrde. Der Ueberrock trug an manchen Orten das Wappen des Beſitzers, das aber faſt ggnz unkenntlich war. Es ſchien ein liegender Leoparde zu ſeyn, mit dem Motto:„Ich ſchlafe, wecke mich nicht auf.“ Derſelbe Sinnſpruch mochte auch auf ſeinem Schild geſtanden haben, allein mancher harte Schlag hatte die Zuͤge ſaſt ganz vertilgt. Das flache obere 9 Ende ſeines gewichtigen cylinderfoͤrmigen Helms war mit keinem Buſche geſchmuͤckt. Waͤhrend die noͤrdli⸗ chen Kreuzfahrer ihre plumpe und ſchuͤtzende Ruͤſtung beybehielten, ſchienen ſie der Beſchaffenheit des Kli⸗ ma und des Landes, in das ſie, des Kriegfuͤhrens we⸗ gen, gekommen waren, Trotz zu bieten. Das Geſchirr des Pferdes war faſt eben ſo plump und ſchwerfaͤllig, als die Ruͤſtung des Reiters. Das Thier trug einen ſchweren, mit Stahl belegten Sat⸗ tel, der vorn mit einer Art von Kuͤraß, und hinten mit einer Vertheidigungs⸗Ruͤſtung, welche die Lenden beſchuͤtzen ſollte, zuſammenhieng. Dann hieng eine ſtaͤhlerne Art, oder Hammer, Streitkolben genannt, am Sattelbogen. Die Zuͤgel waren durch Kettenwerk geſchuͤtzt, und der Stirnriemen des Zaumes beſtand aus einer ſtaͤhlernen Decke mit Oeffnungen fuͤr die Augen und Naſenloͤcher; in der Mitte hatte ſie einen kurzen ſcharfen Stachel, der auf der Stirne des Pfer⸗ des, gleich dem Horne des fabelhaften Einhorns, her⸗ vorragte. Allein die Gewohnheit hatte die Ertragung dieſer laͤſtigen Ruͤſtung ſowohl dem Ritter als ſeinem mu⸗ thigen Roſſe zur zweiten Natur gemacht. Unzaͤhlige von den Kriegern, die aus dem Weſten nach Palaͤſti⸗ na eilten, ſtarben zwar, ehe ſie ſich an das heiße Kli⸗ ma gemoͤhnen konnten, allein fuͤr andere war dieſes Klima nicht nur nicht ſchaͤdlich, ſondern ſogar wohl⸗ thaͤtig, und unter die Zahl dieſer Gluͤcklichen gehoͤrte der einſame Reiter, der am Ufer des todten Meers hinritt. Die Natur, die ſeinen Gliedern eine ſo ſeltene Kraft verliehen hatte, daß er ſeinen gegliederten Kuͤraß ſo leicht trug, als ob die Maſchen aus Spinnweben be⸗ ſtanden haͤtten, hatte ihn mit einer Conſtitution begabt, die, nicht minder ſtark als ſeine Glieder, faſt allen Wechſeln des Klima, und allen Arten von Entbeh⸗ rungen und Beſchwerden trotz bot. Seine Ge⸗ muͤthsart ſchien gewiſſermaßen an der Beſchaffenheit ſeines Leibes Theil zu haben, und wie dieſer große Staͤrke und Ausdauer, nebſt der Faͤhigkeit zu großen Kraftaͤußerungen beſaß, ſo hatte jene unter einem ru⸗ higen und leidenſchaftloſen Auſſenſcheine viel von dem wilden und enthuſiaſtiſchen Nuhmesdurſte, der die Haupteigenſchaft des beruͤhmten normaͤnniſchen Stam⸗ mes ausmachte, und ihn in jedem Winkel Europa's, wo er ſein abentheuerliches Schwerdt zog, zum Herr⸗ ſcher erhob. Doch nicht dem ganzen Geſchlechte hatte bhus Gluͤck einen ſo reitzenden Preis beſchieden; und der, welchen der einſame Ritter waͤhrend eines zweijaͤhrigen Auf⸗ enthalts in Palaͤſtina errungen hatte, beſtand bloß in zeitlichem Ruhme, und wie er zu glauben gelehrt wor⸗ den war, in geiſtlichen Vorrechten. Inzwiſchen war ſein kleiner Geldvorrath um ſo eher zuſammengeſchmol⸗ zen, als er die Mittel verſchmaͤhte, wodurch die Kreuz⸗ fahrer gewoͤhnlich ihre verminderten Huͤlfsquellen, auf 5— 11 Koſten des Volkes von Palaſtina, erſetzten. Er drang den ungluͤcklichen Eingebornen keine Geſchenke fuͤr das Verſprechen ab, ihre Beſitzungen im Kriege mit den Sarazenen zu ſchonen, auch hatte er nie die Gelegen⸗ heit genoſſen, ſich durch Auslöſung vornehmer Gefan⸗ gener zu bereichern. Der kleine Zug, der ihm aus ſeinem Geburtslande gefolgt war, hatte ſich allmaͤhlig vermindert, ſo wie die Mittel zu ſeinem Unterhalte verſchwanden. Der einzige Knappe, den er noch hatte, lag auf dem Krankenbette und war nicht im Stande, ſeinen Herrn zu begleiten, der, wie wir geſehen ha⸗ ben, allein umher wanderte. Dies focht aber den Kreuzfahrer wenig an, der ſein gutes Schwerdt als ſeine ſicherſte Schutzwache, und fromme Gedanken als ſeinen beſten Gefaͤhrten zu betrachten gewohnt war. Jedoch aber forderte die Natur auch fuͤr den ei⸗ ernen Koͤrperbau und die geduldige Sinnes⸗Art des Ritters vom ſchlafenden Leoparden Ruhe und Erquickung; und zur Mittagszeit, als das todte Meer in einiger Entfernung zu ſeiner Rechten lag, jubelte er bey dem Anblicke von zwey oder drey Palmbaͤumen, die ſich neben der Quelle erhoben, wo ihm ſein Mit⸗ tagsaufenthalt angewieſen war. Auch ſein gutes Pferd, das mit der feſten Ausdauer ſeines Herrn vorwaͤrts getrabt war, hob jetzt ſeinen Kopf empor, dehnte ſeine Naſenloͤcher aus, und beſchleunigte ſei⸗ nen Schritt, als ob es in der Ferne ſchon das rie⸗ ſelnde Waſſer eingeſchnupft haͤtte, in deſſen Naͤhe 12² der Ruhe⸗ und Erquickungs⸗Ort ſeyn ſollte. Allein Gefahren und Muͤhen mußten noch beſtanden wer⸗ den, bevor das Pferd und der Reiter den erwuͤnſchten Ort erreichten.. Als der Ritter vom ſchlafenden Leoparden ſeine Augen auf die fernen Palmbaͤume richtete, ſo ſchien es ihm, als ob ſich unter und neben ihnen ein Ge⸗ genſtand bewege. Die ferne Geſtalt trennte ſich von den Baͤumen, die ihre Bewegungen theilweiſe verbar⸗ gen, und naͤherte ſich dem Ritter mit einer Eile, die ihn bald einen Reiter gewahren ließ, den ſein Tur⸗ ban, langer Spieß und im Winde flatternder gruͤner Caftan, bey groͤßerer Annaͤherung, fuͤr einen ſarace⸗ niſchen Ritter erklaͤrte.„In der Wuͤſte,“ ſagt ein morgenlaͤndiſches Spruͤchwort,„begegnet niemand ei⸗ nem Freunde.“ Dem Kreuzfahrer galt es ganz gleich, ob der Unglaͤubige, der ſich jetzt auf ſeinem muthi⸗ gen Roſſe, wie von Adlersfittigen getragen, naͤherte, als Freund oder Feind kam— vielleicht haͤtte er als geweihter Streiter des Kreuzes das Letztere am lieb⸗ ſten geſehen. Er machte ſeine Lanze vom Sattel los, ergriff ſie mit der rechten Hand, legte ſie mit halb erhobener Spitze ein, faßte die Zuͤgel mit der linken Hand, feuerte das Roß mit den Sporen an, und machte ſich bereit, den Fremden mit dem ruhigen Selbſtvertrauen eines Kriegers, der in vielen Kaͤmp⸗ fen den Sieg errungen hat, zu empfangen. Der Saracene ſprengte in dem eiligen Galopp 3 — — 13. eines arabiſchen Reiters herbey, und lenkte ſein Roß mehr durch ſeine Glieder und die Beugungen ſeines Koͤrpers, als durch die Zugel, die ſo ſchlaff in ſei⸗ ner linken Hand hiengen, daß er im Stande war, ſei⸗ nen leichten runden Schild von Rinoceroshaut, mit Silberborten verziert, zu regieren, und ihn ſchwang, als ob er ſeine dunne Scheibe dem furchtbaren Stoße der abendlaͤndiſchen Lanze entgegen ſetzen wollte. Sein eigener langer Speer war nicht eingelegt, gleich dem ſeines Gegners, ſondern er hatte ihn mit ſeiner Rech⸗ ten in der Mitte gefaßt, und ſchwang ihn in Arms⸗ laͤnge uͤber ſeinem Kopf. Als der Ritter ſich in vol⸗ lem Gallopp ſeinem Feinde naͤherte, ſchien er zu er⸗ warten, der Ritter vom Leoparden werde ſein Pferd ebenfalls anſpornen, und ihm entgegenrennen. Allein der chriſtliche Ritter, wohlbekannt mit den Gewohn⸗ heiten der morgenlaͤndiſchen Krieger, hatte nicht im Sinne, ſein Pferd durch eine unnothige Anſtrengung zu erſchoͤpfen; er blieb im Gegentheile regungslos ſtehen, uͤberzeugt, daß wenn ſein Feind zum wirkli⸗ chen Angriffe herbeyrenne, ſein eigenes Gewicht und das ſeines gewaltigen Roſſes ihm hinreichenden Vor⸗ theil verſchaffen werde, und er daher des Nachdrucks einer raſchen Bewegung nicht beduͤrfe. Dieſen wahr⸗ ſcheinlichen Erfolg vorherſehend, wandte der ſaraceni⸗ ſche Ritter, als er ſich dem Chriſten bis auf 2 Spee⸗ reslangen genaͤhert hatte, ſein Pferd mit unnachahm⸗ licher Gewandtheit zur Linken, und ritt zweymal um 14 ſeinen Gegner herum; dieſer wandte ſich um, ohne ſeinen Platz zu verlaſſen, und vereitelte, ſeinem Feinde ſtets die Stirne bietend, deſſen Verſuch, ihn auf einem unbeſchuͤtzten Punkte anzufallen, ſo daß der Saracene umkehren, und ſich in eine Entfernung von ungefaͤhr 100 Schritten zuruͤckziehen mußte. Ein zweytesmal erneuerte der Mohr gleich einem Falken, der einen Geyer anfaͤllt, den Angriff, und ein zweytesmal mußte er ſich zuruͤckziehen, ohne handgemein: zu wer⸗ den. Zum drittenmale naͤherte er ſich auf dieſelbe Weiſe, als der chriſtliche Ritter, der dieſem Spiegelge⸗ fechte, bey dem er endlich doch durch die rege Thaͤtig⸗ keit ſeines Feindes haͤtte ermuͤdet werden koͤnnen, ein Ende zu machen wuͤnſchte, ploͤtzlich die an ſeinem Sattelbogen haͤngende Keule ergriff, und ſie mit ſtar⸗ ker Hand und ſicherer Richtung gegen den Kopf des Emir ſchleuderte; denn ein ſolcher, und nicht weniger war, wie es ſich zeigte, ſein Gegner. Der Saracene bemerkte die furchtbare Waffe noch zeitig genug, um ſeinen leichten Schild zwiſchen die Keule und ſeinen Kopf bringen zu koͤnnen; allein der gewaltige Schlag ſtieß den Schild auf ſeinen Turban zuruͤck, und ob⸗ ſchon auch dieſe Bedeckung die Macht des Stoßes ein wenig laͤhmte, ſo fiel der Saracene doch vom Pferde. Ehe aber der Chriſt dieſen Unfall benuͤtzen konnte, ſprang ſein flinker Feind vom Boden auf, rief ſein williges Pferd zuruͤck, ſchwang ſich, ohne den Steig⸗ buͤgel zu beruͤhren, auf daſſelbe, und erlangte ſo alle — ——— 15 Vortheile wieder, deren ihn der Ritter vom Leopar⸗ den zu berauben hoffte. Allein dieſer hatte ſich indeſ⸗ ſen ſeiner Keule wieder bemaͤchtigt, und der morgen⸗ laͤndiſche Ritter, der ſich an die Kraft und Gewändt⸗ heit erinnerte, mit der er ſie nach ihm geworfen hatte, hielt ſich vorſichtig außer dem Bereiche diefer Waffe, deren Macht er ſo eben erſt empfunden hatte, und zeigte die Abſicht, mit feinen Wurfgeſchoſſen in der Ferne zu kaͤmpfen. Er ſteckte ſeinen langen Speer in einiger Entfernung von dem Kampfplatze in den Sand, ſpannte mit großer Gewandtheit einen Bogen, den er auf dem Ruͤcken trug, ſpornte ſein Pferd zum Galloppiren an, und beſchrieb noch einmal zwey oder drey Kreiſe von groͤßerer Ausdehnung, als fruͤher, um den Ritter; wobey er ſechs Pfeile ſo geſchickt und ſicher nach dem Chriſten abſandte, daß dieſen blos die Trefflichkeit ſeiner Ruͤſtung vor eben ſo vielen Wun⸗ den ſchuͤtzte. Der ſiebente Pfeil fand, wie es ſchien, einen weniger vollkommenen Theil des Harniſches, und der Chriſt fiel ſchwerfaͤllig vom Pferde. Allein wie erſtaunte der Saracene, als er vom Pferde her⸗ abgeſtiegen, um den Zuſtand ſeines hingeſtreckten Gegners zu unterſuchen, ſich ploͤtzlich von dem Euro⸗ paͤer ergriffen fand, der zu dieſer Liſt ſeine Zuflucht genommen hatte, um ihn in ſein Bereich zu bringen. Allein ſelbſt bey dieſem todtlichen Raufen rettete den Saracenen ſeine Behendigkeit und Geiſtesgegenwart. Er knuͤpfte das Wehrgehaͤnge los, an welchem der 16 Ritter vom Leoparden ihn feſt hielt, und entgieng ſo ſeiner todtbringenden Umarmung. Hierauf beſtieg er ſein Pferd wieder, das ſeine Bewegungen mit der Einſicht eines menſchlichen Weſens zu bewachen ſchien, und ritt davon. Allein bey dem letzten Kampfe hatte der Saracene ſein Schwerdt und ſeinen Koͤcher ver⸗ loren, die beyde an das Wehrgehaͤnge, das er zuruͤck⸗ laſſen mußte, befeſtigt waren. Auch ſeinen Turban hatte er im Handgemenge eingebuͤßt. Dieſe Nach⸗ theile ſchienen den Muſelmann zu einem Wafefenſtill⸗ ſtande geneigt zu machen. Er naͤherte ſich dem Chri⸗ ſten mit ausgeſtreckter Rechte, doch nicht mehr in drohender Stellung. „Es iſt Waffenſtillſtand zwiſchen unſeren Natio⸗ nen,“ ſagte er, in der bei Unterredungen mit den Kreuzfahrern uͤblichen Frankenſprache(lingua franca), ⸗warum ſollte denn zwiſchen dir und mir Krieg ſeyn? Laßt uns Frieden mit einander ſchließen.“ „Ich bin es zufrieden,“ antwortete der Ritter vom Leoparden;„allein wodurch verbuͤrgſt du mir die Beobachtung des Waffenſtillſtands?“ „Nie ward das Wort eines Anhaͤngers des Pro⸗ pheten gebrochen,“ antwortete der Emir.„Von dir, tapferer Nazarener, ſollte ich Buͤrgſchaft verlangen, wuͤßte ich nicht, daß Treuloſigkeit und Tapſerieit ſel⸗ ten beiſammen wohnen.“ Der Kreuzfahrer fuͤhlte ſich durch das Zutrauen des Muſelmanns uͤber ſeine eigenen Zweifel beſchämt „Bei — 5 17 „Bei dem Kreuze meines Schwerdtes,“ ſagte er, die Hand an die Waffe legend,„ich will dir ein treuer Gefaͤhrte ſeyn, ſo lange das Schickſal will, daß wir beiſammen bleiben.“ 3 „Bei Mahomed, dem Propheten Gottes, und bei Allah, dem Gotte des Propheten,“ erwiederte ſein vormaliger Feind,„rin meinem Herzen wohnt keine Falſchheit gegen dich, und jetzt wollen wir zu jener Quelle gehen; denn die S zunde der Ruhe iſt gekom⸗ men, und kaum hatte der Strom meine Lippen be⸗ ruͤhrt, als ich durch deine Annaͤherung zum Kampfe gerufen wurde.“ Der Ritter vom ſchlafenden Leoparden gab willig und hoͤflich ſeine Einwilligung; und die neuerlichen Feinde ritten nun neben einander ohne einen zorni⸗ gen Blick oder eine Gebehrde des Mißtrauens bis zu der kleinen Gruppe der Palmbaͤume. —— Zweites Kapitel. — Bey Gefährten, Die mit einander leben und verkehren⸗ Und deren Seelen einer Liebe Joch Ertragen, da muß Gleichheit ſeyn. An Geiſt und Herz, an Körperform und Sitten. Shakspeaßre. Gefahrvolle Zeiten haben ſtets, und in einem be⸗ ſondern Grade, ihre Augenblicke des Wohlwollens W. Scott's Werke. VI. 2 und der Sicherheit; dieß war vorzuͤglich der Fall in den alten Zeiten des Lehenweſens, in denen, da Krieg fuͤr die hauptſaͤchlichſte und wuͤrdigſte Beſchaͤftigung des Menſchen galt, die Zwiſchenraͤume des Friedens, oder vielmehr des Waffenſtillſtandes, jenen Kriegern, denen ſie ſelten zu Theil wurden, hoͤchſt erwuͤnſcht wa⸗ ren, und durch ihre nur voruͤbergehende Dauer noch verſuͤßt wurden. 5 Es war nicht der Muͤhe werth, eine fortdauernde Feindſchaft gegen einen Feind zu unterhalten, mit dem ein Kriegsheld heute gefochten hatte, und gegen den er morgen vielleicht wieder die blutige Waffe fuͤh⸗ ren mußte. Zeit und Gelegenheit gewaͤhrten heftigen Leidenſchaften einen ſo großen Spielranm, daß die Menſchen, wenn ſie nicht beſonders feindſelig gegen einander geſiunt oder durch die Erinnerung au indivi⸗ duelle Kraͤnkungen erbittert waren, in gegenſeitiger Geſellſchaft die kurzen Zwiſchenzeiten friedlichen Ver⸗ kehrs, welche ein kriegeriſches Leben geſtattete, froh genoſſen. je Anhaͤnger des Kreuzes und bes ander entſlammte, ward ſehr gemildert durch ein edlen Kaͤmpfern ſo natuͤrliches Gefuͤhl, das beſonders durch den Geiſt der Ritterlich⸗ keit genaͤhrt wurde. Dieſer letztere maͤchtige Antrieb hatte ſich allmaͤhlig von den Cyriſten auf ihre Tod⸗ feinde, die Saracenen in Spanien und Palaͤſtina, ſche Eifer, welcher d Halbmondes gegen ein Die Verſchiedenheit der Religion, ja der fanati⸗ 8 19 ausgedehnt. Die Letztern waren in der That nicht mehr die fanatiſchen Wilden, die aus dem Mittel⸗ punkte der arabiſchen Wuͤſten, das Schwerdt in der einen, und den Koran in der andern Hand, gedrun⸗ gen waren, um den Tod oder den Glauben Moha⸗ meds oder, im gluͤcklichſten Falle, Sklaverey und Zins⸗ barkeit uͤber alle diejenigen zu verhaͤngen, welche ſich dem Glauben des Propheten von Mecca zu wider⸗ ſetzen wagten. In der That nur dieſe traurige Wahl war den unkriegeriſchen Griechen und Syriern gelaf⸗ ſen worden; allein im Kampfe mit den abendlaͤndi⸗ ſchen Chriſten, die von einem eben ſo feurigen Eifer beſeelt waren, und ihnen an Muth und Waffenkunſt nichts nachgaben, nahmen die Saracenen allmaͤhlig einen Theil ihrer Sitten und beſonders jener ritter⸗ lichen Gebraͤuche an, die ſo ſehr geeignet waren, den Geiſt eines ſtolzen und eroberungsſuͤchtigen Volkes zu bezaubern. Sie hatten ihre Turniere und Ritterſpie⸗ le; ſie hatten ſelbſt ihre Ritter oder Perſonen von aͤhnlichem Range; vor allem aber hielten die Sarace⸗ nen ihr gegebenes Wort mit einer Gewiſſenhaftigkeit, die bisweilen die Bekenner einer beſſern Religion be⸗ ſchaͤmen konnte. Ihre Waffenſtillſtaͤnde, mochten ſie nun Nationen oder Individuen betreffen, wurden treu beobachtet; und ſo kam es, daß der Krieg, der an und fuͤr ſich ſelbſt vielleicht das groͤßte Uebel iſt, Ge⸗ legenheit gab, Treue, Edelmuth, Milde und ſelbſt freundliche Geſinnungen an den Tag zu legen, die 2⸗, ſeltener in ruhigen Zeiten vorkommen, wo die Leiden⸗ ſchaften der Menſchen, die Kraͤnkungen erleiden, oder in Streitigkeiten verwickelt ſind, die ſich nicht augen⸗ blicklich entſcheiden laſſen, lange Zeit im Herzen derer, die ungluͤcklicherweiſe von ihnen beherrſcht werden, fortzuglimmen pflegen. Angeregt von ſolchen milden Geſinn ungen, welche die Schrecken des Krieges lindern, ritten der Chriſt und der Saracene, die ſo eben erſt ihrer ganzen Kraft aufgeboten hatten, um ſich gegenſeitig zu ver⸗ nichten, langſamen Schrittes nach der Quelle der Palmbaͤume hin, nach welcher ſich der Ritter vom lie⸗ genden Leoparden begeben hatte, als er durch ſeinen ſchnellen und gefaͤhrlichen Gegner unterbrochen wor⸗ den war. Jeder war eine Zeit lange in Gedanken verſunken und ſchoͤpfte Athem nach einem Geſechte, das fuͤr den einen oder fuͤr beide toͤdtlich zu werden gedroht hatte. Ihre guten Pferde ſchienen nicht we⸗ niger die Zwiſchenzeit von Ruhe zu genießen. Das Pferd des Saracenen aber, obgleich es in weit hefti⸗ gere Bewegung geſetzt worden war, ſchien weniger ermuͤdet zu ſeyn, als das Streitroß des europäiſchen Ritters. Das Letztere war noch mit Schweiß bedeckt, als das edle arabiſche Thier ſchon voͤllig trocken war, die Schaumflocken ausgenommen, die noch an dem Zaume und der Satteldecke hiengen. Der lockere Bo⸗ den, auf welchem man vorwaͤrts ſchreiten mußte, ver⸗ groͤßerte die Muͤdigkeit des durch ſeine Nuͤſtung und —y—— — 21 das Gewicht des Reiters ſchwer belaſteten chriſtli⸗ chen Pferdes ſo ſehr, daß dieſer vom Sattel ſprang, und ſein Roß durch den tiefen Staub des lehmigen Bodens führte, der von der Sonne in eine noch fluͤch⸗ tigere Subſtanz, als der feinſte Sand, vern wandelt wurde. So verſchaffte er dem treuen Thiere zu ſei⸗ nem eigenen Nachtheile einige Erleichterung; denn in ſeiner eiſernen Nuͤſtung ſank er bei jedem Schritte bis uͤber die Panzerſchuhe in den leichten und nach⸗ giebigen Grund. „Ihr thut wohl daran,“ ſagte der Saracene— und es war das erſte Wort, das ſeit dem Abſchluße ihres Waffenſtillſtandes geſprochen wurde—„Euer ſtarkes Pferd verdient Eure Sorgfalt; allein was thut Ihr mit einem Thiere in der Wuͤſte, das bei jedem Schritte bis uͤber das Hufhaar ſinkt, als wollte es jeden Fuß ſo tief einpflanzen, wie die Wurzel eines Dattelbaums.“ „Du ſprichſt gut, Saracne,“ ſagte der chriſtliche Ritter, keineswegs uͤber den Ton erfreut, in welchem der Unglaͤubige ſein Lieblingspferd bekrittelte,„gut, nach deiner Kenntniß und Beobachtung. Aber mein gutes Pferd hat mich vordem in meinem Lande uͤber einen ſo breiten See getragen, als du dort hinter uns ausgebreitet ſiehſt, und doch kein Haar uͤber ſeinem Hufe naß gemacht.“ Der Saracene blickte ihn mit ſo viel Erſtaunen an, als ihm ſeine Sitten an den Tag zu legen er⸗ 22 laubten. Er druͤckte es nehmlich bloß durch eine leichte Annaͤherung an ein veraͤchtliches Laͤcheln aus, das den breiten, dicken Knebelbart, der ſeine Oberlippe beſchat⸗ tete, kaum merklich kraͤuſelte. „Mit Recht heißt es“ ſagte er, augenblicklich ſei⸗ nen gewohnten heitern Ernſt wieder annehmend— „horche auf einen Franken und hoͤre eine Fabel.“ „Du biſt nicht ſehr hoͤflich, Jerglaͤubiger“ er⸗ wjederte der Kreuzfahrer,„daß du an dem Worte ei⸗ nes aͤchten Ritters zweifelſt, und wuͤßte ich nicht, daß dn aus Unwiſſenheit, nicht aber aus Bosheit ſo ſprichſt, ſo haͤtte unſer Waffenſtillſtand ein Enbe, ehe er recht begonnen hat. Glaubſt du, ich luͤge dir eine Unwahrheit vor, wenn ich dir ſage, daß ich in Geſell⸗ ſchaft von 500 Reitern in voller Ruͤſtung und mei⸗ lenweit auf einem Waſſer geritten bin, das ſo feſt wie Cryſtall und zehenmal weniger ſproͤde war?“ „Was willſt du mir da ſagen?“ antwortete der Muſelmann,„jener Laudſee, auf den du zeigſt, hat das Eigene, daß er durch einen beſondern Fluch Got⸗ tes nichts in ſeine Wellen verſinken laͤßt, ſondern al⸗ les hinwegſpuͤlt und an ſein Ufer treibt; allein weder das todte Meer, noch einer der ſieben Oceane, welche die Erde umgeben, wird auf ſeiner Oberflaͤche den Druck eines Pferdehufs ertragen, eben ſo wenig als das rothe Meer das Vorſchreiten Pharao's und ſei⸗ nes Heeres ertrug.“ „Ihr habt Recht, nach eurer Kenntniß, Sarace⸗ — &— 23 ne“ ſagte der chriſtliche Ritter,„und doch glaubt mir, ich fable nicht nach der meinigen. Die Hitze verwandelt dieſen Boden in etwas faſt ebenſo Unhalt⸗ bares und Nachgiebiges, als das Waſſer, und in mei⸗ nem Lande verwandelt die Kaͤlte das Waſſer oft in eine felſenharte Subſtanz. Wir wollen nicht weiter davon ſprechen; denn der Gedanke an den ruhigen, klaren und blauen Schein eines Winterſees, der den Sternen und dem Mondlichte entgegen flimmert, ver⸗ mehrt nur das Grauenvolle dieſer wilden Einöde, wo die Luft ſelbſt, die wir einathmen, dem Dampfe eines „ 14 ſiebenmal geheizten Schmelzofens gleicht. Der Saracene blickte ihn mit einiger Aufmerk⸗ ſamkeit an, als wollte er entdecken, in was fuͤr einem Sinne er Worte zu nehmen habe, die ihm entweder etwas Geheimnißvolles oder Betrug zu enthalten ſchei⸗ nen mußten. Endlich ſchien er ſich entſchieden zu ha⸗ ben, wie er die Sprache ſeines neuen Gefaͤhrten auf⸗ nehmen muͤſſe. 1 „Ihr ſeyd“ ſagte er,„von einer Nation, die gerne lacht, und Ihr ſcherzt mit Euch ſelbſt und mit andern, indem Ihr ſagt, was unmoͤglich iſt, und erzaͤhlt, was ſich niemals zugetragen hat. Du biſt einer von den Rittern Frankreichs, die ſich einen Zeitvertreib daraus machen, von Heldentha⸗ ten, die menſchliche Kraͤfte uͤberſteigen, zu fabeln(ga⸗ — 24 ber*)). Ich haͤtte daher Unrecht, wenn ich dich jetzt wegen deiner Sprache anfeinden wollte, da Prahlerei dir natuͤrlicher iſt, als Wahrheit.“ 2 „Ich bin weder ans ihrem Lande, noch iſt mir ihre Sitte eigen“ ſagte der Ritter,„die, wie du richtig bemerkt haſt, darin beſteht, daß ſie von Din⸗ gen ſchwatzen, welche ſie nicht zu unternehmen wagen, oder falls ſie ſie unternehmen wuͤrden, nicht ausfuͤh⸗ ren koͤnnten. Aber darin habe ich ihre Thorheit nach⸗ geahmt, tapferer Saracene, daß ich mit dir von Din⸗ gen ſprach, die du nicht begreifen kannſt, und ſo, un⸗ geachtet ich die einfachſte Wahrheit redete, in deinen Augen als ein ausgemachter Großſprecher erſchien; ich bitte Euch daher, laß meine Worte hingehen.“ Sie waren jetzt bei den Palmbaͤumen und der Quelle angekommen, die unter ihrem Schatten in reich⸗ licher Fuͤlle hervorſtroͤmte. Wir haben von einem Augenblicke des Waffen⸗ ſtillſtands mitten im Kriege geſprochen, und dieſer ſchoͤne Fleck mitten in einer unfruchtbaren Wuͤſte war der Einbildungskraft kaum weniger theuer. Es war ein Schauplatz, der anderswo wenig Aufmerkſamkeit verdient haͤtte; allein es war der einzige Ort in ei⸗ nem graͤnzenloſen Umkreiſe, der kuͤhlende Schatten *) Gaber. Dieſes franzöſiſche Wort bezeichnet eine Art von Spiel, das bei der franzöſtſchen Ritterſchaft üblich war. Es handelte ſich dabei davon, daß einer den andern in aben⸗ theuerlichen Aufſchneidereien übertraf. 25 und erfriſchendes Waſſer verſprach. Dieſe Segens⸗ gaben, die, wo ſie in Fuͤlle vorhanden ſind, gering geſchaͤtzt werden, machten den Quell und ſeine Nach⸗ barſchaft zu einem kleinen Paradieſe. Eine großmuͤ⸗ thige oder mildthaͤtige Hand hatte, ehe noch die boͤſen Tage Palaͤſtina's begannen, den Quell ummauert und uͤberwoͤlbt, damit er nicht von der Erde eingeſogen, oder durch die fliegenden Staubwolken, womit der ge⸗ ringſte Windeshauch die Wuͤſte bedeckte, verſtopft wur⸗ de. Der Bogen war jetzt theilweiſe eingebrochen und verfallen, dehnte ſich aber doch noch ſoweit uͤber die Quelle hin, daß er großentheils die Sonne von ihrem Waſſer verbannte, das, kaum von einem einſamen Sonnenſtrahle beruͤhrt, waͤhrend alles umher gluͤhte, in ſicherer Ruhe da lag, fuͤr Auge und Einbildungs⸗ kraft gleich ergoͤtzlich. Unter dem Bogen hervorſchlei⸗ chend wurde es zuerſt in ein Marmorbecken gufge⸗ nommen, das zwar ſchon ſehr entſtellt war, allein das Auge doch noch ſehr ergoͤtzte, da es zeigte, daß der Platz ehedem als ein Ruheort betrachtet wurde, daßdie Hand des Menſchen da war, und daß man einigermaßen fuͤr die Bequemlichkeit des Menſchen geſorgk hatte. Der durſtige und muͤde Wanderer wurde durch dieſe Zeichen erinnert, daß andere mit aͤhnlichen Schwierig⸗ keiten gekaͤmpft, an derſelben Stelle ausgeruht, und ohne Zweifel ihren Weg in ein fruchtbares Land in Sicherheit gefunden hatten; ferner diente der kleine kaum ſichtbare Strom, der aus dem Becken floß, zur Naͤhrung der wenigen Baͤume, welche die Quelle um⸗ gaben, und wo er in den Boden ſank und verſchwand, ward ſeine erfriſchende Gegenwart durch einen Teppich von ſammetartigem Gruͤn bezeugt. An dieſem ergoͤtzlichen Orte machten die zwey Krieger Halt, und jeder begann, nach ſeiner eigenen Art, ſein Pferd von Sattel, Gebiß und Zaum zu be⸗ frepen, und es aus dem Becken trinken zu laſſen, ehe er ſelbſt ſich aus der Quelle erfriſchte, die unter dem Gewoͤlbe hervorquillte. Dann ließen ſie ibre Pferde frey herumgehen, uͤberzengt, daß ihr eigener Vortheil und ihre Zucht ſie verhindern werden, ſich von dem reinen Waſſer und dem friſchen Graſe zu entfernen. Der Chriſt und der Saracene ſetzten ſich ſodann auf den Raſen nieder, und zogen die kleinen Vorraͤ⸗ the hervor, die jeder zu ſeiner Erquickung bei ſich hatte. Doch ehe ſie gegenſeitig ihr ſyaͤrliches Mahl begannen, blickten ſie einander mit jener Neugierde an, welche der nahe und gefaͤhrliche Kampf, in den ſie kurz zuvor mit einander verwickelt geweſen waren, einfloͤßen mußte. Jeder wuͤnſchte die Staͤrke eines ſo furchtbaren Gegners zu ermeſſen, und ſich ein Ur⸗ theil uͤber ſeinen Charakter zu bilden; und jeder mußte bekennen, daß, waͤre er im Kampfe gefallen, er durch eine edle Hand gefallen waͤre. Die Kampfhelden bildeten hinſichtlich ihrer Per⸗ ſon und ihrer Geſichtszuͤge einen ſchneidenden Con⸗ traſt gegen einander, und haͤtten vielleicht beyderſeits fuͤr keine unpaſſenden Repraͤſentanten ihrer Nationen gelten koͤnnen. Der Franke erſchien als ein kraftvol⸗ ler, nach der alten gothiſchen Form gebauter, Mann mit braunem Haar, das man, wenn er⸗ ſeinen Helm abgelegt hatte, in dicken und reichen Locken uͤber ſein Haupt hinwallen ſah. Sein Geſicht hatte durch das heiße Klima eine weit dunklere Farbe erhalten, als diejenigen Theile des Halſes, welche ſeltener ſicht⸗ bar waren, oder als ſein vollesund offenes blaues Auge, und die Farbe ſeines Haares und des Knebelbartes, der ſeine Oberlippe ſtark beſchattete, waͤhrend ſein Kinn nach normaͤnniſcher Sitte ſorgfaͤltig vom Barte gerei⸗ nigt war, bezeugten. Seine wohlgeſtaltete Naſe hatte die griechiſche Form; ſein Mund war verhaͤltnißmaͤßig etwas breit, allein mit gleichſtehenden ſtarken und wei⸗ ßen Zaͤhnen angefuͤllt; ſein kleiner Kopf ruhte mit großer Anmuth auf dem Nacken. Sein Alter konnte nicht uͤber dreißig ſeyn, allein wenn man die Wirkun⸗ gen des Klima und der mannigfaltigen Beſchwerden in Anſchlag brachte, ſo mochte er wohl noch drei oder vier Jahre juͤnger ſeyn. Seine Geſtalt war hoch, kraft⸗ voll und athletiſch. Obwohl geeignet, in ſpaͤtern Jah⸗ ren ſchwerfaͤllig zu werden, war ſie doch bisher mit Leichtigkeit und Regſamkeit vereinigt. Seine Haͤnde, wenn er die Panzerhandſchuhe abgezogen hatte, waren lang, ſchön und gut proportionirt, die Handgelenko beſonders breit und ſtark, und die Arme ſelbſt waren in einem vorzuͤglichen Grade wohlgebildet und musklig. 28 Eine kriegeriſche Kuͤhnheit und eine ſorgloſe Freiheit des Ausdrucks bezeichneten ſeine Sprache und ſeine Be⸗ wegungen; ſeine Stimme hatte den Ton eines Man⸗ nes, der mehr zu gebieten, als zu gehorchen gewohnt war, und ſeine Geſinnungen laut und kuͤhn auszuſpre⸗ chen pflegte, allenthalben, wo er dazu aufgefordert wurde.. Deer ſaraceniſche Emir ſtach ſonderbar gegen den abendlaͤndiſchen Kreuzfahrer ab. Sein Wuchs gieng zwar uͤber die mittlere Groͤße hinaus, allein er war wenigſtens drei Zoll kleiner, als der Europaͤer, deſſen Groͤße faſt gigantiſch war. Seine ſchmaͤchtigen Beine und langen magern Haͤnde und Arme ſtanden zwar im Verhaͤltniß zu ſeiner Perſon und ſeiner Geſichtsbildung, allein ſie verſprachen beim erſten Anblicke nicht die Kraft und Gewandtheit, die der Emir kurz zuvor an den Tag gelegt hatte. Bei naͤherer Betrachtung aber fand man ſeine Glieder da, wo ſie unverhuͤllt geſehen werden konnten, von allem Fleiſchigen und Laͤſtigen entbloͤst, ſo daß nichts uͤbrig blieb, als Bein, Muskel und Sehne, und daher ſeine Leibesgeſtalt weit geeig⸗ neter zu Anſtrengungen und zur Ertragung von Be⸗ ſchwerden war, als die eines ſtarkbeleibten Kriegers, deſſen Kraft und Groͤße in ſeiner Schwere ein Gegen⸗ gewicht finden, und der durch ſeine Anſtrengungen leicht erſchoͤpft wird. Die Geſichtsbildung des Saracenen hatte natuͤrlich eine allgemeine Nationglaͤhnlichkeit mit dem morgenlaͤndiſchen Stamme, aus welchem er ent⸗ 29 ſproſſen, und war den uͤbertriebenen Schilderun⸗ gen, welche die Minſtrel jener Zeit von den unglaͤubi⸗ gen Kriegern zu entwerfen pflegten, und der fabelhaf⸗ ten Beſchaffenheit, welche eine Schweſterkunſt ihnen noch jetzt auf Graͤnzſaͤulen leiht, ſo unaͤhnlich als moͤg⸗ lich. Sein Geſicht war klein, wohlgebildet und zart⸗ doch von der Sonne des Orients ſtark gebraͤunt, und endigte mit einem wallenden und gekraͤuſelten, ſchwar⸗ zen Barte, der mit beſonderer Sorgfalt aufgeſtutzt zu ſeyn ſchien. Die Naſe war gerade und regelmaͤßig, die Augen ſcharf, tiefliegend, ſchwarz und gluͤhend, und ſeine Zaͤhne wetteiferten an Schoͤnheit mit dem Elfen⸗ beine ſeiner Wuͤſten. Kurz, die Perſon und Propor⸗ tionen des Saracenen, der neben ſeinem maͤchtigen Gegner auf dem Raſen ausgeſtreckt lag, haͤtten ſich mit ſeinem glaͤnzenden, durch ſeine ſchmale und leichte, aber blanke und ſcharfe Damascenerklinge, ausgezeich⸗ neten Krummſaͤbel vergleichen laſſen, im Contraſte mit dem langen und gewichtigen gothiſchen Schlachtſchwerdte, das losgeſchnallt auf demſelben Raſenplatze lag. Der Emir war in der Bluͤthe ſeiner Jahre, und haͤtte viel⸗ leicht ausgezeichnet ſchoͤn genannt werden koͤnnen, waͤre nicht ſeine Stirne zu ſchmal, und ſein Geſicht et⸗ was zu mager geweſen, wenigſtens nach europaͤiſcher Beur kthe ilung der Schoͤnheit. e Sitten des morgenlaͤndiſchen Kriegers waren aumut hie, ernſt und anſtaͤndig, zeigten aber doch in einigen Einzelnheiten den gewoͤhnlichen Zwang, welchen 30 ſich Leute von hitzigem und choleriſchem Temperamente oft als Schutzwache gegen ihre natuͤrliche Heftigkeit auferlegen, und zu gleicher Zeit ein Gefuͤhl ſeiner Wuͤr⸗ de, die ihm eine gewiſſe Foͤrmlichkeit des Betragens zu gebieten ſchien. Dieſes ſtolze Gefuͤhl der Ueberlegenheit wohnte auch in der Bruſt ſeines neuen europaͤiſchen Bekann⸗ ten; allein die Wirkung war verſchieden, und daſſelbe Gefuͤhl, das dem chriſtlichen Ritter ein kuͤhnes, drei⸗ ſtes und etwas ſorgloſes Betragen vorſchrieb, da er ſich ſeiner Wichtigkeit zu ſehr bewußt war, als daß er ſich um die Meinungen Anderer ſehr bekuͤmmert haͤtte, ſchien dem Saracenen eine mehr ſtudirte und feyerli⸗ che Hoͤflichkeit zu gebieten. Beyde waren hoͤflich, al⸗ lein die Hoͤflichkeit des Chriſten ſchien ihre Quelle mehr in einem gutmuͤthigen Gefuͤhle deſſen zu haben, was Anderen gebuͤhrt, die des Muſelmanns aber in einem bohen Gefuͤhle deſſen, was von ihm ſelbſt erwartet werben konnte.— 4 Der Mundvorrath, welchen ein jeder zu ſeiner Erfriſchung bei ſich hatte, war einfach; das Mahl des Saracenen aber in einem hohen Grade maͤßig. Eine Handvoll Datteln und ein Stuͤch grobes Gerſtenbrod reichte hin, um ſeinen Hunger zu ſtillen, da ihn ſeine Erziehung an die Koſt der Wuͤſte gewohnt hatte, ob⸗ ſchon die einfache Lebensart der Araber nach ihren ſy⸗ riſchen Eroberungen haͤufig der ungezuͤgeltſten Schwei⸗ gerey Platz machte. Wenige Zuͤge aus dem lieblichen 31 Quell, in deſſen Naͤhe ſie ausruhten, vollendete ſeine Mahlzeit. Die Koſt des Chriſten war zwar grob, al⸗ lein ſtaͤrkender und kraͤftiger. Getrocknetes Schweine. fleiſch, der Graͤuel der Muſelmannen, bildete den Haupt⸗ theil ſeines Mahles, und ſein Getraͤnk floß aus einer ledernen Flaſche, die etwas Beſſeres, als bloß reines Waſſer enthielt. Er aß mit groͤßerem Appetit, und trank mit groͤßerem Behagen, als der Saracene bei ei⸗ ner bloß leiblichen Verrichtung fuͤr ſchicklich hielt, und ohne Zweifel wurde die geheime Verachtung, die je⸗ der gegen den andern, als gegen den Anhaͤnger einer falſchen Religion, hegte, durch die hervorſtechende Ver⸗ ſchiedenheit ihrer Koſt und ihrer Lebensart erhoͤht. Al⸗ lein jeder hatte den ſchweren Arm ſeines Gegners ge⸗ fuͤhlt, und die wechſelſeitige Achtung, die ihnen der harte Kampf eingefloͤßt hatte, war hinreichend, dieſe und andere unbedeutendere Vetrachtungen zu unter druͤcken. Doch konnte der Saracene nicht umhin, die Punkte, die ihm in dem Benehmen des Chriſten mißfielen, dieſem mitzutheilen, und nachdem er eine Zeitlang ſchweigeud den ſtarken Appetit beobachtet hatte, der die Mahlzeit des Ritters weit uͤber die Dauer ſeiner eigenen verlaͤngerte, redete er ihn folgenderma⸗ ßen an:. „Tapferer Nazarener, iſt es wohl ſchicklich, daß ei⸗ ner, der wie ein Mann fechten kann, wie ein Hund oder Wolf ißt? Selbſt ein unglaͤubiger Jude wuͤrde vor der Nahrung zuruͤckſchaudern, die Ihr verzehrt 32 als ob ſie auf den Baͤumen des Paradieſes gewachſen waͤre?“ „Tapferer Saracene,“ antwortete der Chriſt, mit einigem Erſtaunen uͤber die ſo unerwartet gegen ihn vorgebrachte Anklage aufblickend,„wiſſe, daß ich von meiner chriſtlichen Freiheit Gebrauch mache, indem ich etwas genieße, das den Juden verboten iſt, die, wie ſie ſelbſt geſtehen, unter der Knechtſchaft des alten mo⸗ faiſchen Geſetzes ſtehen. Wir, Saracene, merke es dir, haben eine beſſere Gewaͤhr fuͤr das, was wir thun— Ave Maria!— wir wollen dankbar ſeyn. Und der Bedenklichkeiten ſeines Gefaͤhrten gleichſam ſpottend, beſchloß er ein kurzes lateiniſches Tiſchgebet mit einem langen Zuge aus der ledernen Flaſche. , Das heißt Ihr auch einen Theil Eurer Freiheit,“ fagte der Saracene,„und wenn Ihr Euch gleich den Thieren fuͤtteet, ſo wuͤrdigt Ihr Euch zu dem viehiſchen Zuſtande herab, indem Ihr trinkt, was ſelbſt ſie ver⸗ ſchmaͤhen.“ „Wiſſe, thoͤrichter Saracene,“ erwiederte der Chriſt ohne Zaudern,„daß du die Gaben Gottes laͤ⸗ ſterſt, wie ſie dein Vater Ismael gelaͤſtert hat. Der Saft der Traube iſt dem, der ihn weiſe genießen will, als etwas gegeben, das des Menſchen Herz nach der Arbeit erfreut, ihn auf dem Krankenbette erquickt, und im Kummer troͤſtet. Wer ihn ſo genießt, kann Gott fuͤr ſeinen Weinbecher, wie fuͤr ſein taͤglich Brod, danken; und wer die Gabe Gottes mißbraucht, iſt kein groͤßerer 33 groͤßerer Thor in ſeiner Berauſchung, als du in deiner Enthaltſamkeit.“ Wild funkelte das ſcharfe Auge des Saracenen bei dieſem bittern Spotte, und ſeine Hand ſuchte das Heft ſeines Dolches. Es war dieß jedoch nur ein fluͤchriger Gedanke, der bei der Erinnerung an den gewaltigen Kaͤmpfer, und an das verzweifelte Raufen, deſſen Nachwehen er noch jetzt empfand, g gaͤnzlich verſchwand. Er begnuͤgte ſich daher, den Streit mit Worten fort⸗ zuſetzen, wie es Zeit und Umſtaͤnden angemeſſener war. „Deine Worte, o Nazarener“ ſagte er,„konn⸗ ten Zorn erwecken, wuͤrde deine Unwiſſenheit nicht Mitleid erregen. Siehſt du nicht, o du, der du blin⸗ de biſt, als ein Bettler an der Thuͤre der Mhuſee, daß die Freiheit, mit der du prahlſt, gerade in den jenigen beſchraͤnkt iſt, was das hoͤchſte Gluͤck des Mhen⸗ ſchen iſt; und daß dein Geſetz, wenn du es ausuübſt, dich in der Ehe an eine einzige Eattin bindet, mag ſie uun krank oder geſund, fruchtbar oder unfruchtbar ſeyn, Freude und Gluͤck, oder Geſchrei und Streit an deinen Tiſch und in dein Bett bringen?“ Das, Na⸗ zarener, nenne ich in der That Sklaverei; wogegen der Prophet den Glaͤubigen die patriarchaliſchen Vor⸗ rechte unſers Vaters Abraham, und Salomons, des weiſeſten der Menſchen verliehen, und uns hienieden eine Reihe von Schoͤnheiten, die wir nach unſerem Belieben waͤhlen konnen, und jenſeits des Grabes die ſchwarzäugigen Houris des Paradieſes, Beben hat.“ Wulter Scott's Werke. VI, „Nun bei Seinem Namen 7 gegen den ich im Himmel die meiſte Ehrfurcht hege,“ ſagte der Chriſt, „und bei Ihrem, die ich auf Erden am meiſten ver⸗ ehre, du biſt bloß ein verblindeter und verwildeter Unglaͤubiger. Dieſen Ning von Diamanten, den du an deinem Finger traͤgſt, haͤltſt du gewiß fuͤr un⸗ ſchaͤtzbar an Werth?“ „Balſora und Bagdad koͤnnen nichts aufweiſen, das ihm gleich kaͤme“ erwiederte der Saracene,„al⸗ lein was bedeutet das hier?“— „Sehr viel“ erwiederte der Franke,„wie du ſelbſt bekennen wirſt. Nimm meine Streitart, und zerſpalte den Stein in zwanzig Splittern;— Wuͤrde wohl jedes Bruchſtuͤck ſo viel werth ſeyn, als der ur⸗ ſpruͤngliche Edelſtein, oder wuͤrden ſie alle zuſammen den zehenten Theil ſeines Werthes haben.“ „Das iſt eine Kinderfrage“ antwortete der Sa⸗ racene;„die Bruchſtucke eines ſolchen Steines wuͤr⸗ den dem ganzen Kleinode in dem Grade von hundert gegen eins gleich kommen.“ „Saracene“ erwiederte der chriſtliche Krieger, „die Liebe, welche einen aͤchten Ritter an eine einzi⸗ ge und treue Schoͤne bindet, iſt der ganze Edelſtein; die Liebe, welche du an deine ſklaviſchen Weiber und halbverheuratheten Sclavinnen vergeudeſt, iſt ohne Werth, gleich den funkelnden Splittern des Edel⸗ ſteins.“ 4 35 „Nun, bei der heiligen Caaba*)“ ſagte der Emir,„du biſt ein Wahnſinniger, der ſeine eiſernen Ketten kuͤßt, als ob ſie von Gold waͤren. Sieh nur naͤher her; dieſer Ring wuͤrde die Haͤlfte ſeiner Schoͤn⸗ heit verlieren, waͤre das Inſiegel nicht von dieſen ge⸗ ringern Brillianten eingefaßt, die es zieren und her⸗ vorheben. Der Diamant in der Mitte iſt der Mann, feſt und ganz, indem ſein Werth nur auf ihm ſelbſt beruht; und dieſer Kreis von geringern Juwelen ſind Weiber, die ihren Glanz von ihm borgen, und denen er ihn ertheilt, wie er es ſeinem Vergnuͤgen oder ſei⸗ ner Bequemlichkeit am angemeſſenſten findet. Nimm den mittleren Stein von dem Ringe weg, und der Diamant bleibt ſo ſchaͤtzbar wie immer, waͤhrend die geringern Edelſteine vergleichungsweiſe wenig Werth haben. Dieß iſt der wahre Sinn deiner Parabel. Denn der Dichter Manſour ſagt:„Die Gunſt des Mannes iſt es, die dem Weibe Schoͤnheit und An⸗ muth verleiht; wie der Strom nicht mehr glaͤnzt, wenn die Sonne zu ſcheinen aufhoͤrt.“ „Saracene,“ erwiederte der Kreuzfahrer,„du ſprichſt wie einer, der nie ein Weib ſah, das die Lie⸗ be eines Soldaten verdiente. Glaube mir, köonnteſt du die Frauen Europa's ſehen, denen wir vom Rit⸗ terorden, naͤchſt Gott, Treue und Ergebenheit gelo⸗ ben, du wuͤrdeſt auf immer einen Eckel gegen die arm⸗ *) Mahomeds Geburtshaus. 3 0 36 ſeligen ſinnlichen Sclavinnen faſſen, die deinen Ha⸗ rem ausmachen. Die Schoͤnheit unſerer Jungfrauen ſpitzt unſere Speere und ſchaͤrft unſere Schwerdter; ihre Worte ſind uns Geſetze, und eben ſo wenig wird eine unangezuͤndete Lampe leuchten, als ein Ritter, der keine Geliebte ſeines Herzens ha⸗ ſich durch Waf⸗ fenthaten auszeichnen.“ „Ich habe von dieſem Wahnſinne unter den Krie⸗ gern des Abendlandes gehoͤrt“ ſagte der Emir,„und ihn ſtets fuͤr ein begleiten des Anzeichen jenes Wahn⸗ ſinns gehalten, der euch hieherFtreibt, um ein leeres Grab zu erobern. Allein die Franken, mit denen ich zuſammengetroffen bin, haben die Schoͤnheit ihrer Weiber ſo hoch erhoben, daß ich es wohl zufrieden waͤre, mit meinen eigenen Augen jene Reize zu ſe⸗ hen, die ſo tapfere Krieger in Werbengt ihres Ver⸗ gnuͤgens umwandeln koͤnnen.“ „Tapferer Saracene“ ſagte der Ritter,„waͤre: ich nicht auf einer Pilgerfahrt nach dem heiligen Gra⸗ be, ſo wuͤrde ich es mir zum Stolze rechnen, euch ins Lager Richards von England; zu fuͤhren. Nie⸗ mand weiß beſſer, als er, einen edſen Freund zu ehren, und obſchon ich arm und unbegleitet bin, ſo habe ich doch Einfluß genug, dir, oder irgend einem andern Manne deiner Art, nicht bloß vollkommene Sicherheit, ſondern auch Achtung und Anſehen zu verſchaffen. Da wuͤrdeſt du mehrere der reizendien Schoͤnheiten Franireichs und Britanniens einen Kreis bil den ſ⸗ 37 hen, deſſen Glanz zehentauſendmal den Schimmer gan⸗ zer Gruben von Diamanten, wie der Deinige iſt, uͤberſtrahlt.“. „Nun bei'm Eckſteine der Caaba,“ ſagte der Sa⸗ racene,„ich will deine Einladung ſo frei annehmen, als ſie ausgeſprochen worden iſt, wenn du deine jetzi⸗ ge Abſicht verſchieben willſt; und glaube mir, tapfe⸗ rer Nazarener, es waͤre beſſer fuͤr dich, wenn du dein Pferd nach dem Lager deines Volkes umlenkteſt; denn ohne Paß nach Jeruſalem reiſen, heißt dein Leben vorſaͤtzlich wegwerfen.“ „Ich habe einen Paß“ antwortete der Ritter, ein Pergament hervorziehend,“ von Saladin eigen⸗ haͤndig unterſchrieben, und mit ſeinem Siegel ver⸗ ſehen.“ Der Saracene beugte den Kopf tief zur Erde nieder, als er das Siegel und die Handſchrift des be⸗ ruͤhmten Sultan von Egypten und Syrien erkannte, und nachdem er die Schrift mit tiefer Ehrfurcht ge⸗ kuͤßt hatte, druͤckte er ſie an ſeine Stirne und gab ſie dem Chriſten mit den Worten zuruͤck:„Raſcher Fran⸗ ke, du haſt gegen dein und mein Blut geſuͤndigt, daß du mir dieß nicht zeigteſt, ehe wir zuſammentrafen.“ „Ihr kamt mit erhobenem Speere,“ ſagte der Ritter;„haͤtte eine Schaar Saracenen mich ſo ange⸗ fallen, ſo wuͤrde es ſich wohl mit meiner Ehre ver⸗ tragen haben, des Sultans Paß zu zeigen, allein diß 38 kann nie einem einzigen Manne gegenuͤber der Fall ſeyn. „Und doch war ein einziger Mann“ ſagte der Saracene im ſtolzen Tone,„im Stande, eure Reiſe zu unterbrechen.“ „Wohl wahr, tapferer Muſelmann“ erwiederte der Chriſt;„allein ſolche, wie du biſt, giebt es weni⸗ ge. Solche Falken fliegen nicht ſchaarenweiſe, oder wenn ſie es thun, ſo fallen ſie nicht einen einzigen in Maſſe an.“ „Du laͤßſt uns bloß Gerechtigkeit widerfahren,“ ſagte der Saracene, augenſcheinlich durch das Com⸗ pliment erfreut, wie er fruͤher durch die uͤbermuͤthige Prahlerei des Europaͤers erzuͤrnt worden war,„von uns wuͤrde dir kein Unrecht widerfahren ſeyn; allein gut war es fuͤr mich, daß ich dich nicht erſchlug, da deine Perſon durch einen Geleitsbrief des Koͤnigs der Koͤnige beſchuͤtzt iſt. Gewiß haͤtte die Schnur oder der Saͤbel gerechterweiſe einen ſolchen Frevel geraͤcht.“ „Mit Freuden hoͤre ich, daß mir dieſer Paß von einigem Nutzen ſeyn kann“ ſagte der Ritter;“ denn ich habe gehoͤrt, daß der Weg durch Raͤuberbanden, die ihrer Raubſucht alle Ruͤckſichten aufopfern, unſicher iſt.“ „Man hat dir die Wahrheit geſagt, wackerer Chriſt,“ ſagte der Saracene;„aber ich ſchwoͤre dir bei dem Turban des Propheten, ſollteſt du in einen Schlupfwinkel dieſer Schurken gerathen, ſo will ich ſelbſt mit 5000 Reitern dich rachen: ich will alles 39 maͤnnliche Geſchlecht derſelben niederhauen, und ihre Weiber in eine ſo entfernte Gefangenſchaft ſchicken, daß der Name ihres Stammes nie wieder innerhalb 500 Meilen von Damaskus gehoͤrt werden ſoll. Ich will den Grund ihres Dorfes mit Salz beſaͤen, und kein lebendes Weſen ſoll fortan da wohnen.“ „Ich wuͤnſchte die Muͤhe, welche Ihr Euch verur⸗ ſachen wollt, gaͤlte einer andern Perſon, als mir, edler Emir,“ erwiederte der Ritter; aber der Himmel ge⸗ denkt meines Geluͤbdes, mag es nun zum Guten oder zum Boͤſen fuͤhren, und ich muß Euch dafuͤr verpflich⸗ tet werden, daß Ihr mir den Ort zeigt, wo ich dieſen Abend ausruhen ſoll. „Dieſen ſollt Ihr unter der ſchwarzen Decke des Zeltes meines Vaters finden.“ „Dieſe Nacht,“ erwiederte der Chriſt, muß ich unter Gebet und Buße bei einem heiligen Manne, Theodorich von Egaddi, zubringen, der unter dieſen Wilden wohnt, und ſein Leben dem Dienſte Gottes widmet.“ „Ich will Euch wenigſten s ſicher dahin gelangen ſehen,“ ſagte der Saracene. „Das wuͤrde mir eine angenehme Vegleitung ſeyn,“ ſagte der Chriſt,„koͤnnte aber die kuͤnftige Si⸗ cherheit des guten Vaters gefaͤhrden; denn die grau⸗ ſame Hand Eures Volkes hat ſich mit dem Blute der Diener des Herrn geroͤthet; deswegen koramen wir in Harniſch und Panzer, mit Schwerdt und Lante 40 hierher, um den Weg zu dem heiligen Grabe offen zu erhalten, und die auserwaͤhlten Heiligen und Ein⸗ ſiedler zu ſchuͤtzen, die noch in dieſem Lande der Ver⸗ heißungen und der Wunder wohnen.“ ben die Griechen und Syrier viel uͤber uns gelogen; denn wir handeln blos nach dem Worte Abubeker Al⸗ wakels, des N achfolgers des Propheten, und des erſten Oberhaupts der wahren Glaͤubigen nach ihm.„Zie⸗ het aus,“ ſagte er,„Yezed Ben Sophian,“ als er dieſen beruͤhmten General abſchickte, um Syrien den Unglaͤubigen zu entreißen;„betragt euch als Maͤnner in der Schlacht, allein toͤdtet weder Alte noch Schwa⸗ che, noch Weiber und Kinder. Verheeret das Land nicht, und zerſtoͤret auch nicht die Saaten und Frucht⸗ baͤume, deun ſie ſind Allah's Gaben. Hal tet Wort, wenn ihr einen Vertrag geſchloſſen habt, ſelbſt wenn es euch auch zum Schaden gereichte. Wenn ihr heili⸗ ge Maͤnner findet, die mit ihrer Hand arbeiten, und Gott in der Wuͤſte dienen, ſo fuͤget ihnen kein Leid zu, und zerſtoͤret ihre Wohnungen nicht. Allein, wenn ihr ſie mit geſchorenem Scheitel ſindet, ſo ge⸗ hoͤren ſie zur Synagoge des Satans. Haut mit dem Saͤbel auf ſie ein, ſchlachtet ſie, hoͤrt nicht auf, bis ſie glaͤubig oder zinsbar geworden ſind.— Wie der Caliph, der Gefaͤhrte des Propheten, uns geboten hat, ſo haben wir gethan, und die, auf welche unſer gerech⸗ ter Zorn gefallen iſt, ſind blos Satansprieſter. Aber „Nazarener,“ ſagte der Muſelmann,„hierin ha⸗ 41 den guten Menſchen, die nicht Volk gegen Volk auf⸗ hetzen, und aufrichtig in ihrem Glauben Iſſa Ben Mariam anbeten, ſind wir ein Schild und Schatten; unnd da der, welchen Ihr ſucht, ein ſolcher iſt, obſchon das Licht des Propheten ihn nicht erleuchtet hat, ſo wird ihm von mir blos Liebe, Gunſt und Achtung zu Theil werden. „Der Einſiedler, den ich beſuchen will,“ ſagte der kriegeriſche Pilger,„iſt, wie ich gehoͤrt habe, kein Prie⸗ ſter, allein gehoͤrte er zu dieſem geſalbten und geweih⸗ ten Stande, ſo wuͤrde ich mit meiner guten Lanze ge⸗ gen Heiden und Unglaͤubige beweiſen—“ „Laßt uns ei nander nicht herausfordern, Bruber. unterbrach ihn der Saracene;„wir beide werden Fran⸗ ken und Muſelmaͤnner genug finden, an denen wir Schwerdt und Lanze verſuchen koͤnnen. Dieſer Theo⸗ dorich wird ſowohl von Tuͤrken als Arabern beſchuͤtzt; und ob er ſchon von Zeit zu Zeit ſonderbaren Anfaͤl⸗ len unterworfen iſt, ſo betraͤgt er ſich doch im Gan⸗ zen genommen, als Anhaͤnger ſeines eigenen Prophe⸗ ten, ſo gut, daß er den Schutz deſſen verdient, der ge⸗ ſandt wurde—“ „Bei unſerer lieben Frauen, Saracene, wenn du es wagſt, in einem und demſelben Athemzuge den Kameel⸗Treiber von Mecca und— Ein electriſcher Schlag durchſchauerte den Emir; allein er war bloß voruͤbergehend, und in ſeiner ruhi⸗ gen Antwort lag ſowohl Wuͤrde als Vernunft. Laͤ⸗ 42 ſtere den nicht, ſagte er, den du nicht kennſt; um ſo mehr, da wir den Stifter deiner Religion verehren und bloß die Lehren verdammen, welche eure Prieſter aus ihr hergeleitet haben. Ich will dich zur Hoͤhle dieſes Eremiten fuͤhren, die du ohne meine Huͤlfe nicht ſo leicht erreichen wuͤrdeſt. Und auf dem Wege woollen wir es den Mollahs und Moͤnchen uͤberlaſſen, Üüber die Goͤttlichkeit unſeres Glaubens zu diſputiren, und uͤber Gegenſtaͤnde ſprechen, die fuͤr jugendliche Krieger paſſen, uͤber kuͤhne Schlachten, ſchoͤne Weiber, fiouij Schwerdter und glaͤnzende Ruͤſtungen. Drittes Kapitel. Die Krieger erhuben ſich nach einer kurzen Ruhe und einfachen Erfriſchung, und ſtanden einander ge⸗ faͤllig bey, waͤhrend ſie ihren treuen Roſſen das Ge⸗ ſchirr, wovon ſie ſie eine Zeit lang befreyt hatten, ſorgfaͤltig wieder anlegten. Jeder ſchien mit einem Geſchaͤfte vertraut, das zu jener Zeit eine nothwendi⸗ ge und faſt unerlaͤßliche Pflicht war. Jeder ſchien auch, in ſo weit es der Unterſchied zwiſchen dem Ge⸗ ſchlechte der Thiere und dem der vernuͤnftigen Weſen geſtattete, das Zutrauen und die Zuneigung des Pfer⸗ des zu beſitzen, das der ſtete Gefaͤhrte ſeiner Reiſen und Feldzuͤge war. Bei dem Saracenen war dieſe 43 Vertraulichkeit ein Theil ſeiner fruͤhern Gewohnheit; denn in den Zelten der morgenlaͤndiſchen, kriegeri⸗ ſchen Staͤmme nimmt das Pferd des Kriegers den naͤchſten Rang nach ſeinem Weibe und ſeiner Familie ein; ja es ſteht faſt hinſichtlich der Wichtigkeit auf gleicher Stufe mit ihnen; und bei dem europaͤiſchen Krieger erhuben gebieteriſche Umſtaͤnde ſein Streitroß faſt zu nichts Geringerem, als zu ſeinem Waffenbru⸗ der. Ruhig geſtatteten daher die Pferde, daß man ſie ihrem Futter und ihrer Freiheit entriß, und wie⸗ herten und ſchnaubten zutraulich um ihre Gebieter, als dieſe ihr Geſchirr zur weiteren Reiſe und Muͤhe zurechtlegten. Jeder Krieger betrachtete bei der Ver⸗ richtung ſeines eigenen Geſchaͤftes, oder der gefaͤlligen Huͤlfleiſtung, die er ſeinem Gefaͤhrten erwies, mit aufmerkſamer Neugierde das Pferdgeſchirr ſeines Rei⸗ ſegefaͤhrten, und merkte ſich, was ihm in der Art, wie er ſeinen Reitzeug anordnete, gls eigenthuͤmlich auffiel. Ehe ſie zur Fortſetzung ihrer Reiſe zu Pferde ſtiegen, benetzte der chriſtliche Ritter nochmals Lippen und Haͤnde mit dem friſchen Quellwaſſer, und ſagte zu ſeinem heidniſchen Reiſe⸗Gefaͤhrten:„ich wuͤnſchte, ich wuͤßte den Namen dieſes ergoͤtzlichen Quells, um ihm ein dankbares Andenken zu weihen; denn nie⸗ mals loͤſchte Waſſer einen brennenderen Durſt köͤſtli⸗ cher, als heute dieſer Quell den meinigen.“ 44 „Er hat“ antwortete der Saracene⸗„in der ara⸗ biſchen Sprache den Namen; Diamant der Wuͤſte.“ „Und mit Recht heißt er ſo,“ erwiederte der Chriſt;„die Thaͤler meines Geburtslandes haben tau⸗ ſend Quellen, allein keiner einzigen derſelben werde ich ein ſo koſtbares Andenken weihen, als dieſem ein⸗ ſamen Brunnen, der ſeine fluͤſſigen Schaͤtze ausſtroͤmt, wo ſie nicht bloß erquſckend, ſondern faſt unentbehr⸗ lich ſind.“ 3 „Ihr habt Recht“ ſagte der Saracene; denn noch laſtet ein Fluch auf jenem See des Todes, und weder Menſch noch Thier trinkt aus ſeinen Fluthen, noch aus dem Fluſſe, der ihn naͤhrt, ohne ihn zu fuͤl⸗ len, bis dieſe ungaſtliche Wuͤſte durchzogen iſt.“ 8 Sie ſtiegen zu Pferde, und ſetzten ihren Weg durch die ſandige Wuͤſte fort. Die Hitze des Mittags war jetzt voruͤber, und ein leichter Wind milderte ein wenig die Schreckniſſe der Einoͤde; gleichwohl aber trug er auf ſeinen Schwingen einen feinen Staub, den der Saracene wenig beachtete, ſein ſchwerbewaff⸗ neter Gefaͤhrte aber ſo peinigend empfand, daß er ſei⸗ nen eiſernen Helm an ſeinen Sattelbogen hieng, und die leichte Reitmuͤtze aufſetzte, die in der Sprache je⸗ ner Zeit, wegen ihrer Aehnlichkeit mit einem gewoͤhn⸗ lichen Moͤrſer, Mortier genannt wurde. Sie rit⸗ ten eine zeitlang ſchweigend neben einander her. Der Saracene machte den Fuͤhrer der Reiſe, indem er an den fernen Huͤgeln, denen ſie ſich allmaͤhlig naͤherten, 45 gemiſſe kleine Zeichen wahrnahm. Eine kleine Weile ſchien er ganz in dieſes Geſchaͤft vertieft, gleich einem Steuermanne, der ſein Schiff durch einen gefaͤhrli⸗ chen Kanal leitet; allein kaum waren ſie eine halbe Stunde vorgeruͤckt, als er ſeines Weges ganz gewiß⸗ und geneigt ſchien, ſich mit groͤßerer Offenheit, als ſeiner Nation eigen war, ins Geſpraͤch einzulaſſen. „Ihr habt“ ſagte er„nach dem Namen einer ſtummen Quelle gefragt, die den Schein, nicht aber die Wirklichkeit eines lebenden Weſens hat. Verzeiht mir, daß ich nach dem Namen des Gefaͤhrten frage, mit dem ich heute in Gefahr und Ruhe zuſammen⸗ gekommen bin, und den ich ſelbſt hier in den Wuͤſten Palaͤſtina's nicht fuͤr unbekannt halten kann?“ „Er iſt noch nicht werth, bekannt gemacht zu werden,“ ſagte der Chriſt.„Wißt jedoch, daß ich unter den Kriegern des Kreuzes Kenneth genannt werde— Kenneth vom liegenden Leoparden. Zu Hauſe habe ich andere Titel, allein in einem morgenlaͤndi⸗ ſchen Ohre wuͤrden ſie hart klingen. Tapferer Sara⸗ gene, laßt mich fragen, von welchem arabiſchen Stam⸗ me Ihr Eure Abkunft herleitet, und unter welchem Namen Ihr bekannt ſeyd?“ 3 „Sir Kenneth,“ ſagte der Muſelmann,„ ich freue mich, daß meine Lippen Euren Namen leicht ausſprechen koͤnnen. Was mich betrifft, ſo bin ich kein Araber, doch ſtamme ich von einem Geſchlechte her, das nicht minder wild noch kriezeriſch iſt. Wißt, 46 Herr Ritter vom Leoparden, ich bin Sheerkohf, der Loͤwe des Gebirges, und Kurdiſtan, mein Geburtsland, haͤlt keine Familie fuͤr edler, als die Seliookiſche.“ „Ich habe gehoͤrt,“ antwortete der Chriſt,„daß Euer großer Sultan ſein Blut aus derſelben Quelle herleitet.“ „Dank dem Propheten, der unſere Berge ſo ſehr geehrt hat, daß er aus ihrer Mitte Ihn ſandte, deſ⸗ ſen Wort Sieg iſt. Ich bin blos ein Wurm vor dem Koͤnige von Aegypten und Syrien, und doch gilt mein Name in meinem Lande etwas— Fremdling, mit wie viel Leuten kamſt du hieher?“ „Bei meiner Treu,“ ſagte Sir Kenneth,„mit Huͤlfe meiner Freunde und Verwandten brachte ich mit Muͤhe zehen wohl ausgeruͤſtete Lanzentraͤger mit noch etwa fuͤnfzig Mann, Bogenſchuͤtzen und Knechte mit eingeſchloſſen, zuſammen. Einige haben meine ungluͤckliche Fahne verlaſſen;— andere ſind in der Schlacht gefallen;— Manche ſtarben an Krankheiten, und ein treuer Waffentraͤger, fuͤr deſſen Leben ich meine jetzige Wallfahrt unternommen habe, liegt auf dem Krankenbette.* „Chriſt,“ ſagte Sheerkoohf,„hier habe ich fuͤnf Pfeile in meinem Koͤcher, deren jeder mit Adlersfe⸗ dern befiedert iſt. Wenn ich einen von ihnen in mein Zelt abſende, ſo ſteigen 1000 Krieger zu Pferde — wenn ich einen andern abſende, ſo erhebt ſich eine gleiche Macht— Durch die Abſendung der fuͤnf Pfeile 47 kann ich 5000 Mann befehligen, und ſende ich mei⸗ nen Bogen, ſo erſchuͤttern 10,000 wohlberittene Krie⸗ ger die Wuͤſte. Und mit deinen 50 Begleitern biſt du gekommen, ein Land zu erobern, in welchem ich einer der Geringſten bin?“ „Nun, beim heiligen Kreuze, Saracene,“ erwie⸗ derte der abendlaͤndiſche Krieger,„du ſollteſt, ehe du dich ruͤhmeſt, wiſſen, daß ein Stahlhandſchuh eine ganze Handvoll Horniſſe zermalmen kann.“ „Ja, aber er muß ſie zuerſt ergriffen haben,“ ſagte der Saracene mit einem Laͤcheln, das vielleicht ihr neues Buͤndniß gefaͤhrdet haben wuͤrde, haͤtte er nicht den Gegenſtand des Geſpraͤchs veraͤndert, und hinzugefuͤgt:„und wird die Tapferkeit unter den chriſtlichen Fuͤrſten ſo hoch geſchaͤßt, daß du, ein an Mitteln und Leuten ſo armer Ritter, dich, wie neu⸗ lich, erbieten kannſt, mir in dem Lager deiner Bruͤder Schutz und Sicherheit zu verſchaffen?“ „Wiſſe, Saracene,“ ſagte der Chriſt,„daß der Name eines Ritters und das Blut eines Edelmanns jeden berechtigen, ſich mit Souverainen, ſelbſt vom er⸗ ſten Range, in Allem, was nicht koͤnigliche Gewalt und Herrſchaft betrifft, auf eine und dieſelbe Stufe zu ſtel⸗ len. Wuͤrde Richard von England ſelbſt die Ehre ei⸗ nes ſo armen Ritters, wie ich bin, verletzen, ſo koͤnnte er ihm, den Geſetzen der Ritterlichkeit zu Folge, den Zweikampf nicht verweigern.“ „Ich glaube, ich wuͤrde nicht ungerne eine ſo ſon⸗ 48 derbare Scene mit anſehen,“ ſagte der Emir,„n. ein lederner Gurt und ein paar Sporen den Aermſten zum Nange des Maͤchtigſten erheben.“ 1„Ihr muͤßt hinzufugen, freies Blut und ein furcht⸗ loſes Herz,“ ſagte der Chriſt,„dann habt Ihr vielleicht nicht unwahr geſprochen.“ 4„Und miſcht Ihr Euch vielleicht eben ſo frey unter die Frauen Eurer Anfuͤhrer und Befehlshaber?“ fragte der Saracene. „Gott verhuͤte“ ſagte der Ritter vom Leoparden, „daß der aͤrmſte Ritter in der Chriſtenheit nicht die Freiheit haben ſollte, in jedem ehrlichen Dienſte, ſein ker und Sch werdt, den Ruhm ſeiner Thaten, und die beſtimmte Neigung ſeines Herzens der ſchoͤnſten Prinzeſſin zu weihen, die je eine Krone auf i ihrer Stirne trug.“ „Allein vor einer kurzen Weile, ſagte der Sara⸗ cene,„be ſchriebet ihr die Liebe als den hoͤchſten Schatz des Herzens. Die deinige iſt ohne Zweifel einem bohen und edlen Gegenſtande gewidmet worden?“ 8„Fremdling„ antwortete der Chriſt tieferroͤthend, „wir geſtehen nicht zu vorſchnell, wo wir unſern theu⸗ erſten Schatz niedergelegt haben,— es iſt genug fuͤr dich zu wiſſen, daß meine Liebe, wie du ſagſt, einem hohen und edlen Gegenſtande gewidmet iſt— ja, ei⸗ nem ſehr hohen— ſehr edeln! Willſt du aber von Liebe und gebrochenen Lanzen hoͤren, ſo wage dich ins Lager der Kreuzfahrer, und du wirſt fuͤr deine Oh⸗ ren, 49 ren, und wenn du willſt, auch fuͤr deine Haͤnde Be⸗ ſchaͤftigung finden.“ Der morgenlaͤndiſche Krieger erhob ſich in ſeinem Steigbuͤgel, ſchwang ſeine Lanze hoch empor, und er⸗ wiederte:„Schwerlich, fuͤrchte ich, werde ich einen mit einem Kreuze auf der Schulter finden, der es mit mir im Wurfſpießwerfen wird aufnehmen wollen?“ „Dafuͤr ſtehe ich nicht“ erwiederte der Ritter,“ doch gibt es in dem Lager gewiße Spanier, die ſich recht gut auf eure morgenlaͤndiſche Gewohnheit, den Wurfſpieß zu werfen, verſtehen. „Hunde und Soͤhne von Hunden”“ rief der Sa⸗ racene aus,„was kommen dieſe Spanier hieher, um die wahren Glaͤubiger zu bekaͤmpfen, die in ihrem ei⸗ genen Lande ihre Herrn und Zuchtmeiſter ſind. Mit ihnen werde ich mich in kein kriegeriſches Spiel einlaſſen.“ 4 „Laßt die Ritter von Leon oder Aſturien nicht hoͤren, daß Ihr ſo von ihnen ſprecht,“ ſagte der Rit⸗ ter vom Leoparden,„aber,“ ſetzte er, bey der Erin⸗ nerung an das Morgengefecht, laͤchelnd hinzu,„wenn Ihr ſtatt eines Pfeiles geneigt ſeyd, den Schlag einer Streitart auszuhalten, ſo werdet Ihr abendlaͤndiſche Krieger genug finden, die euer Verlangen erfuͤllen werden.“ 8 „Bei dem Barte meines Vaters, Ritter,“ ſagte der Saracene, kaum merklich laͤchelnd,„das Spiel iſt zu rauh als bloße Beluſtigung.— Nie werde ich W. Scott's Werke VI. 4 50— dem Kampfe mit ihnen ausweichen, aber mein Kopf,“ fuhr er, die Hand an die Stirne druͤckend, fort; „wird mir eine Zeitlang nicht erlauben, ſie zum Spiele aufzufordern.“ „Ich wuͤnſchte, Ihr haͤttet die Art des Koͤnigs Richard geſehen“ antwortete der abendlaͤndiſche Krie⸗ ger,„gegen welche die meinige ſo leicht iſt, wie eine Feder.“ „Wir hoͤren viel von dieſem Inſel⸗Fuͤrſten,“ ſagte der Saracene,„biſt du einer leiner Untertha⸗ nen?“ „Einer ſeiner Begleiter bin ich fuͤr dieſen Feld⸗ zug“ antwortete der Ritter,„aber nicht ſein gebohr⸗ ner Unterthan, vögleiih von der Inſel gebuͤrtig, auf der er herrſcht.“ „Wie meint Ihr das“ ſagte der morgenlaͤndiſche Krieger,„habt Ihr denn zwei Koͤnige auf Einer armſeligen Inſel?“ „Wie du ſagſt“ antwortete der Schotte; denn ein ſolcher war Sir Kenneth,„ſo iſt es, und obſchon die Bewohner der beiden aͤußerſten Enden jener Inſel in haͤufige Kriege mit einander verwickelt ſind, ſo kann doch das Land, wie du ſieh'ſt, eine Menge Krie⸗ ger ausſenden, die ſtark genug ſind, um die unheilige Gewalt zu erſchuͤttern, die ſich euer Gebieter uͤber die Staͤdte Zions angemaßt hat.“ „Bey dem Barte Saladins, Nazarener, waͤre das nicht eine ſinnloſe und kindiſche Narrheit, ſo 51 koͤnnte ich uͤber die Einfalt eures Groß⸗Sultans la⸗ chen, der hieher kommt, um Wuͤſten und Felſen zu erobern, und den Beſitz derſelben denen ſtreitig zu machen, die uber zehenfaͤltige Schaaren zu gebieten haben, indeß er einen Theil ſeines Inſelchens, auf welchem er als Souverain geboren worden iſt, der Herrſchaft eines andern Scepters als des ſeinigen uͤberlaͤßt. Sicherlich, Ritter Kenneth, ſolltet Ihr und die andern guten Leute eures Landes euch der Herr⸗ ſchaft des Koͤnig Richard unterworfen haben, ehe ihr Euer mit ſich ſelbſt uneiniges Geburtsland verließet⸗ um hieher zu ziehen.“ Haſtig und ſtolz war Kenneths Antwort:„Nein, bei dem hellen Lichte des Himmels! Wenn der Koͤnig von England nicht eher zum Kreuzzuge aufgebrochen waͤre, als bis er ſich die Herrſchaft uͤber Schottland errungen haͤtte, ſo koͤnnte der Halbmond fuͤr mich und alle auf⸗ richtigen Schotten fuͤr immer auf den Mauern Zions ſchimmern.“ So weit war er gekommen, als er ploͤtzlich ſich ſammelnd murmelte:„mea culpa! mea culpa! Was habe ich, ein Krieger des Kreuzes, mich an Kriege zwi⸗ ſchen chriſtlichen Nationen zu erinnern!“ Der raſche Ausbruch des Gefuͤhls, das durch die Gebote der Pflicht zurecht gewieſen wurde, entgieng dem Muſelmann nicht, der, wenn er auch nicht ſeine ganze Bedeutung verſtand, doch dadurch zu der Ueber⸗ zeugung gelangte, daß Chriſten ſo gut, als Muſelmaͤn⸗ 4.. 52 ner, ihre perſoͤnlichen Feindſeligkeiten und National⸗ zwiſte haben, die nicht ganz ausgeglichen werden koͤn⸗ nen. Allein die Saracenen waren ein Voͤlkerſtamm, der vielleicht ſo fein ausgebildet, als es ihre Religion immer nur erlaubte, und beſonders faͤhig war, hohe Ideen von Hoͤflichkeit und Artigkeit zu unterhalten. Geſinnun⸗ gen der Art verhinderten ihn, den Widerſpruch zu be⸗ merken, der in den Geſuͤhlen des Ritters Kenneth, als eines Schotten und eines Kreuzfahrers, herrſchte. unterdeſſen begann ſich die Gegend um ſie her zu veraͤndern. Sie wandten ſich jetzt oſtwaͤrts, und hat⸗ ten die Reihe ſteiler und unfruchtbarer Huͤgel erreicht, die daſelbſt die nackte Ebene beſchließt, und Mannig⸗ faltigkeit in die Oberflaͤche der Gegend bringt, ohne jedoch ihren unfruchtbaren Charakter zu veraͤndern. Starre und felſige Anhöhen erhoben ſich nun rings⸗ umher, und in kurzer Zeit boten jaͤhe Abhaͤnge von furchtbarer Hoͤhe und mit ſchmalen gefaͤhrlichen Pfaden den Reiſenden ganz andere Schwierigkeiten dar, als diejenigen waren, mit denen ſie bisher zu kaͤmpfen gehabt hatten. Finſtere Hoͤhlen und Schluchten zwi⸗ ſchen den Felſen, jene ſo oft in der heiligen Schrift er⸗ waͤhnten Grotten, gaͤhnten ſie auf beiden Seiten ih⸗ res Pfades furchtbar an, und der ſchottiſche Ritter erfuhr von dem Emir, daß ſie oft der Zufluchtsort von Raubthieren oder noch wilderen Menſchen waren, die durch den beſtaͤndigen Krieg und die von den Rittern des Kreuzes ſowohl, als des Halbmondes, veruͤbten 53 Plackereien zur Verzweiflung gebracht, Raͤuber gewor⸗ den waren, und bei ihren Pluͤnderungen weder auf Rang, noch auf Religion, noch auf Geſchlecht oder Al⸗ ter Ruͤckſicht nahmen. Gleiehguͤltig hoͤrte der ſchottiſche Ritter die Erzaͤh⸗ lungen von den Verheerungen an, welche wilde Thiere oder boͤſe Menſchen angerichtet hatten; ſo ſicher fuͤhlte er ſich in ſeiner Tapferkeit und perſoͤnlichen Staͤrke; allein ein geheimnißvoller Schrecken befiel ihn, als er ſich erinnerte, daß er ſich jetzt in der furchtbaren Wild⸗ niß des vierzigtaͤgigen Faſtens und auf dem Schauplatze der wirklichen perſoͤnlichen Verſuchung befinde, womit das boͤſe Prinzip den Sohn des Menſchen angreifen durfte. Allmaͤhlig entzog er ſeine Aufmerkſamkeit der leichten und weltlichen Unterhaltung des unglaͤubigen Kriegers, und ein ſo angenehmer Geſellſchafter er ihm anderswo, ſeines Frohſinns und ſeiner Bravheit we⸗ gen, geweſen ſeyn wuͤrde, ſo glaubte der Ritter Ken⸗ neth doch, daß in dieſen Wildniſſen— dieſen wuͤſten und duͤrren Gegenden— wo die boͤſen Geiſter, nach ihrer Vertreibung aus den von ihnen beſeſſenen Men⸗ ſchenkoͤrpern, umherzuwandern pflegten, ein baarfuͤßi⸗ ger Moͤnch ein beſſerer Gefaͤhrte fuͤr ihn geweſen ſeyn wuͤrde, als der froͤhliche aber unglaͤubige Heide. Dieſe Gefuͤhle beunruhigten ihn um ſo mehr, als die frohe Stimmung des Saracenen mit der Reiſe zu⸗ zunehmen ſchien, und je weiter ſie in die finſtern 54 Schluchten des Gebirges eindrangen, deſto luſtiger ſeine Unterhaltung, und als er keine Antwort erhielt, deſto lauter ſein Geſang wurde. Sir Kenneth verſtand genug von den morgenlaͤndiſchen Sprachen, um ſich uͤberzeugen zu koͤnnen, daß er Liebesſonette ſang, die voll von dem gluͤhenden Lobe der Schoͤnheit waren, in woelchem die morgenlaͤndiſchen Dichter ſo gerne aus⸗ ſchweifen, und das deßwegen in einem beſondern Grade unpaſſend fuͤr ernſte und andaͤchtige Gefuͤhle war, die ſich am beſten fuͤr die Wildniß der Verſuchung ſchickten. Der Saracene ſang auch, unſchicklich genug, Loblieder auf den Wein, den fluͤſſigen Rubin der perſiſchen Dich⸗ ter, und ſeine Froͤhlichkeit ſtand endlich in einem ſol⸗ chen Widerſpruche mit den entgegengeſetzten Empfin⸗ dungen des chriſtlichen Ritters, daß, falls ſie ſich nicht gegenſeitig Freundſchaft zugefagt gehabt haͤtten, Sir Kenneth ihn wahrſcheinlich zum Schweigen gebracht haben wuͤrde. Er glaubte, was auch wirklich der Fall war, einen luſtigen und ausgelaſſenen boͤſen Feind neben ſich zu haben, der durch Eingebung leichtſinniger Ge⸗ danken von irdiſcher Luſt ſeine Seele zu verfuͤhren und ſein ewiges Heil zu zerſtoͤren trachtete, und zu⸗ gleich ſeine Andacht zu einer Zeit befleckte, wo ſein Glaube als Chriſt und ſein Geluͤbde als Pilger ihn zum Ernſte und zur Reue verpflichteten. Er war hoͤchſt verlegen und unentſchloſſen, was er thun ſolle. Endlich unterbrach er in mißmuthiger Haſt das Lied des beruͤhmten Rudpiki, in welchem dieſer das 55 Maal an der Bruſt ſeiner Geliebten allen Schaͤtzen von Bockhara und Samarcand vorzieht. 3 „Saracene,“ rief der Kreuzfahrer in duͤſterem Tone aus,„obſchon du verblendet und in die Irrthuͤ⸗ mer eines falſchen Geſetzes verſunken biſt, ſo ſollteſt du doch begreifen, daß es Oerter giebt, die heiliger ſind, als andere und daß an einigen der Boͤſe mehr als gewöhnliche Macht uͤber ſuͤndige Sterbliche beſitzt. Ich will dir nicht ſagen, aus welchem ſchrecklichen Grunde dieſer Platz— dieſe Felſen— dieſe Hoͤhlen mit ihren duͤſtern Gewoͤlben, die wie es ſcheint, bis zum Abgrunde der Hoͤlle fuͤhren, fuͤr einen beſondern Aufenthalt Satans und ſeiner Engel gehalten wer⸗ den. Es iſt genug, daß ich von heiligen Maͤnnern, denen die Eigenſchaften dieſer unheiligen Gegend wohl bekannt ſind, oftmals vor dieſem Orte gewarnt wor⸗ den bin. Deßwegen, Saracene, laß deinen thoͤrichten und unzeitigen Leichtſinn, und wende deine Gedanken auf Gegenſtaͤnde, die dem Orte angemeſſener ſind; obſchon, wehe dir! deine beſten Gebete nur Gotteslaͤ⸗ ſterung und Sunde ſind.“ Der Saracene hoͤrte mit einigem Erſtaunen zu und erwiederte dann mit froher Laune, die er nur in ſo weit zuruͤckhielt, als es die Hoͤflichkeit erforder⸗ te.„Guter Sir Kenneth, mir duͤnkt, Ihr verfahret ungeziemend mit eurem Gefaͤhrten, oder Hoͤflichkeit und Artigkeit muͤßte unter euern abendlaͤndiſchen Staͤmmen nur unvollkommen gelehrt werden. Ich 55 aͤrgerte mich nicht, als ich euch Schweinefleiſch ver⸗ ſchlucken und Wein trinken ſah und ließ euch ein Mahl genießen, das Ihr einen Theil eurer chriſtlichen Freiheit nanntet, indem ich mich darauf beſchraͤnkte, euch in meinem Herzen eurer ſchlimmen Zeitvertrei⸗ be wegen zu bemitleiden.— Warum ſollteſt du alſo ein Aergerniß daran nehmen, daß ich nach meinen beſten Kraͤften einen duͤſtern Weg durch liebliche Lieder an⸗ genehm zu machen ſuche? Was ſagt der Dichter?— „Geſang gleicht dem Thaue des Himmels, der auf die Wuͤſte ſaͤllt; er kuͤhlt den Pfad des Wanderers.“ „Freund,“ fagte der Chriſt,„ich tadle nicht die Liebe zur frohen Wiſſenſchaft; ungeachtet wir nur zu viel unſere Gedanken auf ſie richten, wenn ſie beſſern Dingen gewidmet ſeyn ſollten. Allein Ge⸗ bete und heilige Pſalmen ſind mehr an ihrem Orte, als Liebesgeſaͤnge oder Trinklieder, wenn Menſchen in dieſem Thale des Todes wandeln, das voll von Daͤmonen iſt, welche die Gebete heiliger Maͤnner aus den Wohnſitzen der Menſchheit vertrieben haben, um an Oertern umherzuwandern, die ſo verflucht ſind, wie ſie.“ „Sprich nicht ſo von den Genien, Chriſt,“ ent⸗ gegnete der Saracene;„denn wiſſe, du ſprichſt mit einem, deſſen Geſchlecht und Nation aus dem un⸗ ſterblichen Stamme entſproſſen iſt, den eure Secte fuͤrchtet und laͤſtert.“ „Ich war immer der Meinung,“ antwortete der Kreuzfahrer„daß euer blindes Geſchlecht von dem 57 boͤſen Feinde abſtammen muͤſſe, ohne deſſen Huͤlfe Ihr nie im Stande geweſen ſeyn wuͤrdet, dieſes geſegnete Land gegen ſo viele tapfere Krieger Gottes zu be⸗ haupten. Ich ſpreche nicht von dir insbeſondere ſo, Saracene, ſondern von deinem Volke und deiner Re⸗ ligion im Allgemeinen. Sonderbar kommt es mir jedoch vor, nicht daß Ihr von dem Boͤſen abſtammt, ſondern daß Ihr euch deſſen ruͤhmt.“ „Darf ſich wohl der Tapferſte nicht ruͤhmen, daß er von ihm, abſtammt welcher der Tapferſte iſt,“ ſagte der Saracene;„von wem koͤnnten die Stolzeſten ih⸗ ren Urſprung ſo gut herleiten, als von dem finſtern Geiſte, der eher durch Gewalt hinſturzen, als freiwil⸗ lig ſeine Knie beugen wuͤrde? Eblis kann gehaßt, aber er muß gefuͤrchtet werden, Fremdling; und wie Eblis, ſo ſind ſeine Nachfolger in Kurdiſtan.“ Geſchichten von Zauberkunſt und Geiſterbannung waren ein hauptſaͤchlicher Theil der Gelehrſamkeit je⸗ ner Zeit, und Sir Kenneth vernahm die Erklaͤrung ſeines Gefaͤhrten, daß er von Teufeln abſtamme, ohne unglaͤubigkeit oder groſſe Verwunderung, nicht aber ohne geheimen Schauder daruͤber, daß er ſich an die⸗ fem furchtbaren Orte in der Geſellſchaft eines Men⸗ ſchen befand, der ſelbſt ſeine Verwandſchaft mit einem ſolchen Geſchlechte bekannte⸗ Allein von Natur un⸗ empfaͤnglich fuͤr die Furcht bekreuzte er ſich, und bat den Saracenen in feſtem Tone um einen naͤhern Be⸗ 58 richt uͤber die Abkunft, deren er ſich geruͤhmt hatte. Der Letztere willigte ſogleich ein. „Wiſſe, tapferer Fremdling,“ ſagte er,„als der grauſame Zohauk, ein Abkoͤmmling Giamſchid's, auf Perſiens Throne ſaß, ſchloß er ein Buͤndniß mit den Maͤchten der Finſterniß in den geheimen Gewoͤlben von Iſtakhar, die von den Haͤnden der Elementar⸗Geiſter lange vor Adams Entſtehung in Felſen gehauen wur⸗ den. Hier ernaͤhrte er mit Menſchenblut zwei gefraͤ⸗ hige Schlangen, die, den Dichtern zu Folge, ein Theil ſeines Selbſts geworden waren, und zu deren Erhal⸗ tung er einen Tribut von taͤglichen Menſchenopfern erhob, bis die erſchoͤpfte Geduld ſeiner Unterthanen einige bewog, das Schwerdt des Widerſtandes zu er⸗ greifen, wie z. B. der muthige Hufſchmid und der ſiegreiche Feridoun, von denen der Tyrann endlich entthront, und auf ewig in die ſchrecklichen Hoͤhlen des Berges Damavend eingekerkert wurde. Allein ehe dieſe Befreiung ſtatt hatte, und waͤhrend die Macht des blutduͤrſtigen Tyrannen auf ihrer hoͤchſten Hoͤhe ſtand, ſchleppte die Schaar der raͤuberiſchen Sclaven, welche er ausgeſchickt hatte, um Schlachtopfer zu ſei⸗ nen taͤglichen Metzeleyen herzuſchaffen, in die Gewoͤl⸗ be des Pallaſtes von Iſtakhar ſieben Schweſtern von ſo ausgezeichneter Schoͤnheit, daß ſie ſieben Houris zu ſeyn ſchienen. Dieſe ſieben Maͤdchen waren die Toͤch⸗ ter eines Weiſen, der keine andern Schaͤtze hatte, als dieſe Schoͤnheiten und ſeine Weisheit. Die letztere 59 hatte nicht hingereicht, dieſes Ungluͤck vorherzuſehen; die erſtern ſchienen unvermoͤgend, es zu verhindern. Die Aelteſte war nicht uͤber zwanzig Jahre alt, die Juͤngſte hatte kaum ihr dreyzehntes erreicht, und ſo aͤhnlich waren ſie einander, daß ſie bloß durch ihre verſchiedene Groͤße unterſchieden werden konnten; denn in leichter Abſtuffung erhoben ſie ſich allmaͤhlig uͤber einander, gleich der Anhoͤhe, welche zu den Pforten des Paradieſes fuͤhrt. So lieblich waren dieſe ſieben Schweſtern, als ſie in dem finſtern Gewoͤlbe ſtanden, von aller Kleidung entbloͤßt, ein weißes ſeidenes Ober⸗ gewand ausgenommen, daß ihre Reitze die Herzen de⸗ rer ruͤhrten, die nicht ſterblich waren. Der Donner rollte, die Erde erbebte, die Mauer des Gewoͤlbes zerſpaltete ſich, und aus der entſtandenem Spalte trat ein Mann in Jaͤgerstracht hervor, mit Bogen und Pfeilen, und von ſechs andern, ſeinen Bruͤdern, ge⸗ folgt. Es waren große Leute, und obgleich von ſchwar⸗ zer Farbe doch lieblich anzuſchauen; allein ihre Augen hatten mehr den Glanz der Todten, als das Licht, das unter den Augenliedern der Lebendigen wohnt. „Zeineb,“ ſagte der Anfuͤhrer der Bande— und waͤh⸗ rend er ſprach, nahm er die aͤlteſte Schweſter bei der Hand, und ſeine Stimme war ſanft, gedaͤmpft und ſchwermuͤthig.—„Ich bin Cothrob, Koͤnig der unter⸗ irdiſchen Welt, und Oberhaupt von Ginniſtan. Ich und meine Bruͤder gehoͤren zu denen, die aus dem reinen Elementarfeuer geſchaffen, ſelbſt auf des All⸗ 60 maͤchtigen Gebot, es verſchmaͤhten, einem Erdenkloße zu huldigen, weil er Menſch genannt wurde. Du haſt vielleicht gehoͤrt, daß wir grauſam, unerbittlich und rachſuͤchtig ſeyen. Dieß iſt falſch. Wir ſind von Natur guͤtig und großmuͤthig, bloß rachſuͤchtig, wenn wir gehoͤhnt, bloß grauſam, wenn wir beſchimpft wer⸗ den. Wir ſind treu gegen die, welche uns trauen, und wir haben das Flehen deines Vaters, des weiſen Mithraſt, gehoͤrt, der weislich nicht nur den Urſprung des Guten, ſon dern auch die Quelle des Boͤſen ver⸗ ehrt. Ihr und eure Schweſtern ſeyd eurem Tode nahe; allein jede von Euch gebe uns ein Haar von ihren ſchoͤnen Flechten, zum Zeichen der Treue, und wir wollen Euch viele Meilen von hier an einen Ort— der Sicherheit fuͤhren, wo Ihr Zohauk und ſeinen Dienern trotzen koͤnnt.“ Die Furcht vor nahem To⸗ de, ſagt der Dichter, iſt gleich dem Stabe des Pro⸗ pheten Haroun, der alle andern Staͤbe verſchlang, nach⸗ dem ſie vor dem Koͤnige Pharao in Schlangen ver⸗ wandelt waren; und die Toͤchter des perſiſchen Wei⸗ ſen waren weniger als andere faͤhig, uͤber die Anrede eines Geiſtes zu erſchrecken. Sie entrichteten den Tribut, den Cothrob verlangte, und in einem Augen⸗ blicke waren die Schweſtern in ein Zauberſchloß auf den Bergen von Tugrut in Kurdiſtan verſetzt, und nie hat ſie ein ſterbliches Auge wieder erblickt. Allein im Verlaufe der Zeit erſchienen ſieben Juͤng⸗ linge, die ſich im Kriege und auf der Jagd beſon⸗ 61 ders auszeichneten, in der Naͤhe des Schloſſes der Doͤmonen. Sie waren ſchwaͤrzer, ſchlanker, ſtolzer und entſchloſſener, als alle die zerſtreuten Bewohner der Thaͤler von Kuͤrdiſtan. Sie nahmen ſich Weiber und wurden Vaͤter von den ſieben Staͤmmen der Kurt⸗ mannen, deren Tapferkeit durch die ganze Welt be⸗ kannt iſt. Der chriſtliche Ritter hoͤrte mit Verwunderung die ſonderbare Geſchichte an, deren Spuren Kurdiſtan jetzt noch traͤgt, und erwiederte nach einem augenblick⸗ lichen Nachdenken:„Wahrhaftig, Herr Ritter, Ihr habt gut geſprochen; eure Genealogie mag gefuͤrchtet und gehaßt, eber ſie kann nicht verachtet werden. Auch wundere ich mich jetzt nicht mehr uͤber die Hart⸗ naͤckigkeit, mit der Ihr einem falſchen Glauben an⸗ haͤngt; denn ohne Zweifel iſt ſie ein Theil der teufli⸗ ſchen, von euern Vorfahren, jenen hoͤlliſchen Jaͤgern, geerbte Neigung, die Falſchheit mehr zu lieben, als die Wahrheit; und es befremdet mich nicht mehr, daß euer Geiſt ſich ſtolz erhebt, und Verſe und Geſaͤnge ausſtroͤmt, wenn Ihr Euch den Aufenthaltsoͤrtern boͤ⸗ ſer Geiſter naht, was in Euch das frohe Gefuͤhl er⸗ regen muß, das andere empfinden, wenn ſie ſich dem Lande ihrer menſchlichen Vorfahren naͤhern.“ „Bei dem Barte meines Vaters, ich glaube du haſt recht!“ rief der Saracene aus, mehr ergoͤtzt als beleidigt durch die Freimuͤthigkeit, mit welcher der Chriſt ſeine Anſichten ausgeſprochen hatte;„denn 62 obſchon der Prophet,(geſeegnet ſey ſein Nahme!) den Saamen eines beſſern Glaubens, als unſere Vorfah⸗ ren in den Geiſterhallen von Tugrut lernten, unter uns ausgeſtreut hat, ſo ſind wir doch nicht, gleich an⸗ dern Muſelmaͤnnern, geneigt, ein allzuſchnelles Ver⸗ dammungs urtheil uͤber die erhabenen und maͤchtigen Elementargeiſter, von denen wir unſern Urſprung herleiten, auszuſprechen. Dieſe Genien ſind, unſerem Glauben und unſern Hoffnungen zufolge, nicht ganz verworfen, ſondern noch auf dem Wege der Pruͤfung, und koͤnnen dereinſt beſtraft oder belohnt werden. Ueberlaſſen wir dieß den Mollahs und Imaums, Genug, daß bei uns die Ehrfurcht gegen dieſe Gei⸗ ſter, durch das, was wir von dem Koran gelernt ha⸗ ben, nicht ganz erloſchen iſt, und daß viele von uns noch, zum Andenken an den aͤltern Glauben unſerer Vaͤter, Verſe ſingen, wie dieſe.“ Nun begann er Verſe zu ſingen, die in Bau und Sprache ſehr alt waren, und die einige den Vereh⸗ rern des Ahrimanes, oder des boͤſen Prinzips, zuſchrei⸗ ben wollen. Ahriman.“ Du Ahriman, den Irak noch Für alles Uebels Urſprung hält! Wenn wir vor dir uns beugend Die Welt mit trübem Blicke ſchau'n Wo ſeh'n wir unterm weiten Himmel Ein Reich, das deinem gleicht? 2 63 Wenn die allgüt'ge Macht den Quell In wilder Oede fiießen heißt, Des Wandrers Durſt zu kühlen, So ſtürmt auf Felſen deine Flut Und fürchterlich rast dein Orkan, Daß Schiff auf. Schiff verſinket. und wenn ſie aus der Erde ruft⸗ Den Balſam, der die Sinne ſtärkt, Wie wenige rettet er Von wilder Pein und Todesqual Von Fieber und von Peſtilenz— Den Pfeilen deines Köchers. Tief herrſcht Du in des Menſchen Bruſt Oft wenn vor einem andern Thron Wir flehend knien; So iſt, wie es auch ſcheinen mag Doch des Gebets geheimer Sinn⸗ 9 Ahriman der Deine. Haſt du Gefühl, Sinn und Geſtalt; Iſt Sturm Gewand dir, Donner Stimme Wie Weiſe uns geſagt; Haſt du ein Herz voll Haß und Groll Haſt Schwingen Du und ſpitze Krallen⸗ Zu würgen deinen Fang? Biſt du mit der Natur vermiſcht, Und eine Kraft die ewig ſchafft⸗ Aus Gutem Böſes macht;⸗ Biſt du ein böſes Urding, das— Mit unſerm beſſern Schickſal kämpft, und wehe!— immer ſiegt. 64 Doch wie es ſey, umſonſt iſt Streit Von auſſen führeſt du den Zepter Von innen minder nicht; Jedwede ird'ſche Lerdenſchaft Furcht, Freude, Ehrgeiz, Lieb und Haß Schaffſt du in Sünde um. Wo nur ein ſonn'ger Strahl erglänzt Zu hellen unſer Thränenthat, Da biſt du in der Näh, Bei unſers Lebens kurzem Troſt 4 Schaffſt du des Gaſtmahls Meſſer ſelbſt 8 In Todeswaffen um. Vom erſten Augenblick des Seyns Bis ihn der Pfeil des Todes trifft, Lenkſt du des Menſchen Loos; Der letzten Stunde Angſt und Pein Bereiteſt du und wer ſagt uns Ob deine Macht hier endet?* *) Der würdige und gelehrte Geiſtliche, von welchem dieſe Art von Hymne überſetzt worden iſt, wünſcht, um Mißver⸗ ſtändniſſe zu verhüten, der Leſer möchte ſich ſtets erinnern, daß ſie von einem Heiden verfaßt iſt, dem die wahren Ur⸗ ſachen des moraliſchen und pbyſiſchen Uebels unbekannt ſind, und der ihr Uebergewicht in dem Syſteme des Weltalls ſieht, wie dieſe erſchreckende Thatſache alle diejenigen ſehen müſſen, welche der Wohlthaten der chriſtlichen Offenbarung entbehren. Was uns betrifft, ſo glauven wir, daß der Styl des Ueberſetzers zu umſchreibend iſt, als diejenigen billigen können, welche mit der ungemein merkwürdigen urrſchrift be⸗ kannt ſind. Der Ueberſetzer ſcheint die Hofnung aufgegeben zu 65 Dieſe Verſe moͤgen vielleicht die natuͤrliche Er⸗ gießung eines halberleuchteten Philoſophen geweſen ſeyn, der in der fabelhaften Gottheit Ahrimanes nur die Uebermacht des moraliſchen und phyſiſchen Ue⸗ bels erblickte; allein auf den Ritter von Leoparden machten ſie eine andere Wirkung, und da ſie von einem Manne geſungen wurden, der ſich ſeiner Abkunft von Daͤmonen ſo eben erſt geruͤhmt hatte, ſo klan⸗ gen ſie in ſeinen Ohren wie ein an den Erzeeind ſelbſt gerichtetes Gebet; er uͤberlegte bei ſich ſelbſt, ob nach der Anhoͤrung einer ſolchen Gottes⸗Laſterung in der Wuͤſte, wo Satan mit ſeinen Anſpruͤchen auf Anbe⸗ tung abgewieſen wurde, ein ploͤtzlicher Abſchied von dem Saracenen hinreiche, um ſeinen Abſcheu auszu⸗ druͤcken, oder ob ihn nicht vielmehr ſein Geluͤbde als Kreuzfahrer noͤthige, den Unglaͤubigen auf der Stelle zum Kampfe herauszufordern, und ihn den Thieren der Wildniß zum Fraße zu uͤberlaſſen, als ſeine Auf⸗ merkſamkeit ploͤtzlich durch eine unerwartete Erſchei⸗ nung in Anſpruch genommen wurde. Der Tag neigte ſich jetzt, doch konnte der Rit⸗ ter noch unterſcheiden, daß ſie beide nicht mehr allein in dem Walde waren, ſondern ſehr nahe und aufmerk⸗ zu haben, den hohen Schwung der morgenländiſchen Poeſie in ſeine Verſe überzutragen, und da er es vielleicht, gleich manchen gelehrten und ſinnreichen Männern, unmöglich fand, den Sinn der uUrſchrift aufzufinden, ſo mag er ihn wohl ſtillſchweigend durch ſeinen eigenen erſetzt haben. W. Scott's Werke. VI. 4 66 ſam von einer langen und magern Geſtalt belauſcht wurden, die uͤber Felſen und Buͤſche mit einer Be⸗ hendigkeit huͤpfte, welche, in Verbindung mit ihrem zot⸗ tigen Aeußern, ihn an die Faunen und Waldgoͤttern erinnerte, deren Bilder er in den alten Tempeln Roms geſehen hatte. Da der gutherzige Schotte kei⸗ nen Augenblick gezweifelt hatte, daß dieſe Goͤtter der alten Heiden wirkliche Teufel ſeien, ſo trug er auch jetzt kein Bedenken, zu glauben, daß der gotteslaͤſter⸗ liche Geſang des Saracenen einen hoͤlliſchen Geiſt heraufgerufen habe. „Allein was kuͤmmert das mich,“ ſagte Sir Ken⸗ neth, bei ſich ſelbſt;„nieder mit dem Feinde und ſei⸗ nen Verehrern!“ Err hielt es jedoch nicht fuͤr nothwendig, zwei Feinde auf dieſelbe Weiſe herauszufordern, auf die er ohne Zweifel einen Einzigen herausgefordert haben wuͤrde. Seine Hand lag auf ſeiner Keule, und viel⸗ leicht waͤre der ſorgloſe Saracene auf der Stelle fuͤr ſeine perſiſche Poeſie durch die Zerſplitterung ſeines Hirnſchaͤbels bezahlt worden, ohne den geringſten Grund dafuͤr erfahren zu haben; allein dem ſchotti⸗ ſchen Ritter wurde eine Handlung erſpart, die ein wuͤſter Fleck in ſeinem Wappenſchilde geweſen ſeyn wuͤrde. Die Erſcheinung, auf die ſeine Augen eine zeitlang geheftet waren, hatte zuerſt, hinter Felſen und Gebuͤſchen, ihrem Wege zu folgen geſucht, wobei ſie die Vortheile des Bodens mit großer Geſchicklich⸗ — . 67 keit benuͤtzte, und ſeine Gefahren und Beſchwerden mit erſtaunlicher Gewandtheit uͤberwand. Endlich, gerade als der Saracene ſeinen Geſang beendigt hatte, ſprang die Geſtalt,— ein langer, mit Ziegenfellen be⸗ kleideter Mann,— in die Mitte des Weges, und er⸗ griff einen Zuͤgel von dem Zaume des Saracenen mit jeder Hand, dem edlen Roße ſo gegenuͤbertretend, und es zuruͤckdraͤngend. Nicht im Stande, die Art und Weiſe zu ertragen, auf welche die ſeltſame Geſtalt an dem langen Gebiße und dem ſcharfen Kapzaume zerrte, der, nach morgenlaͤndiſcher Sitte aus einem feſten eiſernen Ringe beſtand, baͤumte ſich dieſes, und fiel endlich ruͤckwaͤrts auf ſeinen Herrn, der ſich jedoch behend auf eine Seite warf, und ſo der Gefahr des Falles entgieng. Den Zaum des Pferdes fahren laſſend, ergriff nun der kuͤhne Angreifer den Reiter an der Keh⸗ le; warf ſich uͤber den kaͤmßfenden Saracenen, und hielt ihn trotz ſeiner Jugend und Behendigkeit nie⸗ der, ſeine langen Arme um die ſeines Gefangenen ſchlingend, der zornig, und doch zugleich halblachend ausrief:—„Hamako— Narr— Naß mich los— das geht uͤber dein Recht— laß mich kos, oder ich ge⸗ brauche meinen Dolch.“ „Deinen Dolch, unglaͤubiger Hund!“ rief die Geſtalt in den Ziegenfellen,„halte ihn feſt, wenn du kannſt,“ und in demſelben Augenblicke zog er ihm 5.. 68 den Dolch aus der Hand, und ſchwang ihn uͤber ſei⸗ nem Kopfe. „Hilf, Nazarener“ rief Scheerkoff jetzt ernſtlich beſtuͤrzt aus,„hilf, oder der Hamako ermordet mich!“ „Dich ermorden?“ erwiederte der Bewohner der Wuͤſte,„wohl haft du den Tod durch deine gotteslaͤ⸗ ſterlichen Geſaͤnge verſchuldet, die du nicht allein dei⸗ nem falſchen Propheten, der der Vorlaͤufer des boͤſen Feindes iſt, ſondern auch dem Urheber alles Boͤſen zu Ehren geſungen haſt.“ 5 Der Chriſt hatte bisher in einer Art von Be⸗ taͤubung zugeſehen; ſo ſehr hatte dieſes Ereigniß in ſeinem Fortgange und Erfolge allen ſeinen Vermu⸗ thungen widerſprochen. Er fuͤhlte jedoch endlich, daß die Ehre ihm gebiete, ſeinem uͤberwundenen Gefaͤhr⸗ ten zu helfen; errichtete daher an die ſiegreiche Ge⸗ ſtalt in den Ziegenfellen die Worte: „Wer du auch ſeyn magſt, gut oder boͤſe, wiſſe, daß ich geſchworen habe, dem Saracenen, den du zu Boden geworfen haſt, ein treuer Gefaͤhrte zu ſeyn; ich bitte dich daher, laß ihn aufſtehen, wo nicht, ſo werde ich mit dir ſeinetwegen kaͤmpfen.“ „Und in der That hoͤchſt ſchicklich und geziemend waͤre es, fuͤr einen ungetauften Hund mit einem ſei⸗ nes eigenen heiligen Glaubens zu kaͤmpfen! Biſt du in die Wildniß gekommen, um fuͤr den Halbmond ge⸗ gen das Kreuz zu fechten? Fuͤrwahr ein trefflicher 8 69 Krieger Gottes biſt du, daß du auf diejenigen hoͤrſt, welche das Lob des Teufels beſingen! Doch ſtand er, waͤhrend er diß ſprach, auf, ließ den Saracenen auch aufſtehen und gab ihm ſeinen Dolch zuruͤck.““ „Du ſiehſt, in welche Gefahr dich deine Kuͤhn⸗ heit geſtuͤrzt hat, fuhr der in den Ziegenfellen, ſich an Scheerkohf wendend, fort, und durch welche ſchwa⸗ che Mittel deine erfahrene Geſchicklichkeit und geruͤhm⸗ te Gewandtheit uͤberwunden werden koͤnnen, wenn es des Himmels Wille iſt. Deßwegen huͤte dich, o Il⸗ derim! denn wiſſe, waͤre nicht ein Schimmer in dem Sterne deiner Geburt, der dir etwas, das gut und angenehm in des Himmels guter Zeit iſt, verheißt, ſo waͤren wir beide nicht geſchieden, bevor ich dir die Kehle zerriſſen haͤtte, die vor Kurzem ſo abſcheuliche Gotteslaͤſterungen ſang.“ „Hamako“ ſagte der Saracene,„ohne irgend eine Empfindlichkeit über die heftige Sprache und den noch heftigern Anfall, den er erlitten hatte, an den Tag zu legen. Ich bitte dich, guter Hamako, dein Vorrecht nie mehr zu uͤberſchreiten; denn ob ich ſchon ſchon, als ein guter Muſelmann, diejenigen achte, welche der Himmel der gewoͤhnlichen Vernunft beraubt hat, um ſie mit dem Geiſte der Weiſſagung zu bega⸗ ben, ſo finde ich es doch gar nicht nach meinem Ge⸗ ſchmacke, daß andere Leute ihre Haͤnde an den Zaͤgel meines Pferdes legen. Sprich daher, was du willſt; 7⁰ du haſt keinen Groll von meiner Seite zu befuͤrchten. Allein ſammle deine Gedanken ein wenig, um begrei⸗ fen zu koͤnnen, daß ich dir, falls du wieder Gewalt⸗ thaͤtigkeiten an mir veruͤben ſollteſt, deinen zottigen Kopf von deinen magern Schultern ſchlagen werde. Und dir, Freund Kenneth, fuhr er, ſein Roß wieder beſteigend, fort, muß ich ſagen, daß mir an einem Gefaͤhrten, der mich durch die Wuͤſte begleitet, freund⸗ ſchaftliche Thaten lieber ſind, als ſchoͤne Worte. Von den letztern haſt du mir genug gegeben, allein es waͤre beſſer geweſen, wenn du mir im Kampfe mit dieſem Hamako, der mir in ſeinem Wahnſinne beinahe das Leben genommen haͤtte, ſchleuniger geholfen haͤtteſt.“ „Bei meiner Treue,“ ſagte der Ritter,„ich ver⸗ fehlte mich hierin ein wenig— zauderte ein wenig, dir ſogleich zu helfen; allein das Seltſame des An⸗ greifers, das Ploͤtzliche des Auftritts— es war als ob Dein ruchloſes Lied den Teufel unter uns gerufen haͤtte— und ſo groß war meine Beſtuͤrzung, daß zwei oder drei Minuten verſtrichen, ehe ich zu mei⸗ ner Waffe greifen konnte.“. 1 „Du biſt ein kalter und bedaͤchtlicher Freund,“ ſagte der Saracene,„und waͤre der Hamako um ei⸗ nen Gran wahnſinniger geweſen, ſo wuͤrde Dein Ge⸗ faͤhrte, zu Deiner ewigen Schande, neben Dir erſchla⸗ gen worden ſeyn, ohne daß Du einen Finger fuͤr ihn geregt haͤtteſt, obſchon Du beritten und bewaffnet ihm zur Seite warſt.“ 1 71 „So wahr ich lebe, Saracene“ ſagte der Chriſt, „ich glaubte, deutlich geſprochen, die ſeltſame Geſtalt ſey der Teufel, und da Du ein Verwandter zu ihm biſt, ſo wußte ich nicht, was fuͤr Familien⸗Geheim⸗ niſſe Ihr einander mitzutheilen hattet, als Ihr Euch ſo zaͤrtlich auf dem Sande umherwaͤlztet.“ „Dein Spott iſt keine Antwort, Bruder Ken⸗ neth,“ ſagte der Saracene,„denn wiſſe, waͤre mein Angreifer wirklich der Fuͤrſt der Finſterniß gewefen, ſo haͤtte Dich das nicht der Verpflichtung enthoben, zur Rettung Deines Kameraden mit ihm zu kaͤmpfen. Wiſſe auch, daß alles Teufelmaͤßige und Arge, das dem Hamako anklebt, mehr zu Deinem, als zu mei⸗ nem Geſchlechte gehoͤrt; denn dieſer Hamako iſt in Wahrheit der Einſiedler, den Du beſuchen willſt.“ „Dieſer!“ ſagte Sir Alan, die vor ihm ſtehende athletiſche, aber abgemagerte Geſtalt betrachtend— „Dieſer!— Du ſcherzſt, Saracene,— dieß kaun nicht der ehrwuͤrdige Theodorich ſeyn!“ „Frage ihn ſebſt, wenn du mir nicht glauben willſt,“ antwortete Scheerkohf; und ehe er ſeinen Mund geſchloſſen hatte, beſtaͤtigte der Einſ ſiedler ſeine Ausſage. „Ich bin Theodorich von Engaddi,“ ſagte er— „ich bin der Wanderer der Wuͤſte— ich bin der Freund des Kreuzes und die Geißel aller Unglaͤubigen, Ketzer und Teufelsverehrer. Zuruͤck, zuruͤck!— nie⸗ 7²— der mit Mohaound, Termagount und allen ihren Anhaͤngern!“ Mit dieſen Worten zog er unter ſei⸗ nem zottigen Gewande eine Art Dreſchflegel, oder eine mit Eiſen beſchlagene gegliederte Keule hervor, und ſchwang ſie mit ungemeiner Gewandtheit um ſein Haupt. „Da ſiehſt du deinen Heiligen,“ ſagte der Sara⸗ cene, zum erſtenmal uͤber das unbegraͤnzte Erſtaunen lachend, womit der Ritter Kenneth die wilden Ge⸗ baͤrden Theodorichs betrachtete, und ſein ſinnloſes Murren anhoͤrte. Der Einſiedler aber, nachdem er ſeine Keule nach allen Richtungen geſchwungen hatte, ganz unbekuͤmmert, wie es ſchien, ob er den Kopf des einen oder des andern ſeiner Gefaͤhrten traf, zeigte endlich ſeine Kraft, und die Feſtigkeit ſeiner Waffe, indem er einen großen Stein, der neben ihm lag, da⸗ mit zerſchmetterte. „Dies iſt ein Verruͤckter,“ ſagte Sir Kenneth. „Und nichts deſto weniger ein Heiliger,“ erwie⸗ derte der Muſelmann, nach dem wohlbekannten mor⸗ genlaͤndiſchen Glauben, daß Verruͤckte unter dem Ein⸗ fluſſe unmittelbarer Eingebung ſtehen.„Wiſſe Chriſt, wenn das eine Auge vertilgt iſt, wird das andere deſto ſchaͤrfer; wenn die eine Hand abgehauen iſt, waͤchst die Kraft der andern; ſo auch, wenn unſere Vernunft in menſchlichen Dingen verwirrt oder zer⸗ ſtoͤrt iſt, wird unſer Blick nach dem Himmel ſchaͤrfer und vollkommener.“ 1 Hier wurde die Stimme des Saracenen von der 73 des Einſiedlers uͤbertoͤnt, der in einem wilden, ſingen⸗ den Tone laut zu ſchreien begann—„ich bin Theo⸗ dorich von Engaddi— ich bin der Fackelbrand der Wuͤſte— ich bin die Geißel der Unglaͤubigen! Der Loͤwe und der Leoparde ſollen meine Gefaͤhrten ſeyn, und in meiner Zelle ein Obdach ſinden; und der Zie⸗ genbock ſoll ſich vor ihren Krallen nicht fuͤrchten— ich bin die Fackel und die Laterne! Kyrie Eleiſon!“ Er beſchloß ſeinen Geſang mit einem kurzen Lau⸗ fe, und endete dieſen wieder mit drey Spruͤngen, welche ihm in einer gymnaſtiſchen Academie großes Anſehen verſchafft haben wuͤrden, fuͤr ſeinen Einſiedlerſtand aber ſich ſo wenig geziemten, daß der ſchottiſche Ritter in das groͤßte Erſtaunen gerieth. Der Saracene ſchien ihn beſſer zu verſtehen. „Ihr ſeht,“ ſagte er,„er erwartet, daß wir ihm in ſeine Zelle folgen, die in der That unſer einziger Zu⸗ fluchtsort fuͤr dieſe Nacht iſt. Ihr ſeyd der Leoparde, des Bildniſſes auf Eurem Schilde wegen— ich bin der Loͤwe, wie mein Name beſagt, und unter dem Ziegenbocke meint er ſich ſelbſt, indem er auf ſein Ge⸗ wand von Ziegenfellen anſpielt. Wir muͤſſen ihn je⸗ doch im Geſichte behalten; denn er iſt ſo flink, wie ein Dromedar.“ In der That, die Aufgabe war ſchwierig; denn obſchon der ehrwuͤrdige Fuͤhrer von Zeit zu Zeit Halt machte, und mit der Hand winkte, als wollte er ſie aufmuntern, ihm zu folgen, ſo fuͤhrte er doch, wohlbe⸗ kannt mit allen Schluchten und Engpaͤſſen der Wuͤſte, und mit einer ungewoͤhnlichen Behendigkeit begabt, die vielleicht ſein zerruͤtteter Gemuͤthszuſtand in ſteter Mebung erhielt, die Ritter durch Kluͤfte und auf Fuß⸗ wegen, wo ſelbſt der leichtbewaffnete Saracene mit ſeinem geuͤbten Roſſe in bedeutender Gefahr ſchwebte, und wo der mit Eiſen bedeckte Europaͤer und ſein ſchwer belaſtetes Pferd ſich in einer ſo gefaͤhrlichen und mißlichen Lage beſanden, daß der Reiter ſie ger⸗ ne mit den Gefahren eines allgemeinen Gefechtes ver⸗ tauſcht haben wuͤrde. Sehr erfreut war er daher, als er endlich nach dieſem wilden Laufe den heiligen Mann, der ihr Fuͤhrer geweſen war, mit einer großen Fackel in der Hand, vor einer Hoͤhle ſtehend, erblickte. Die Fackel beſtand aus einem in Erdharz getauchten Stuͤck Holz, und verbreitete ein helles und flackerndes Licht, das von einem ſtarken Schwefelgeruche begleitet war. Unabgeſchrekt durch den erſtickenden Dampf, warf ſich der Ritter vom Pferde, und trat in die Hoͤhle, die geringe Bequemlichkeit darbieten zu koͤnnen ſchien. Die Zelle war in zwey Theile getheilt; in der aͤuſſeren befand ſich ein ſteinerner Altar und ein Ernzifix aus Schilfrohr; ſie diente dem Einſiedler als Kapelle. Auf der einen Seite dieſer aͤuſſern Hoͤhle band der Ritter, ob⸗ wohl nicht ohne einige Bedenklichkeit, die ihren Grund in einer religioͤſen Ehrfurcht gegen die ihn umgeben⸗ den heiligen Gegenſtaͤnde hatte, ſein Pferd an, und beſorgte es fuͤr die Nacht, nach dem Beiſpiele des —,— — 75⁵ 3 Saracenen, der ihm zu verſtehen gegeben hatte, daß dies die Sitte des Ortes ſey. Der Einſiedler war in⸗ deſſen damit beſchaͤftigt, ſein inneres Gemach zur Auf⸗ nahme ſeiner Gaͤſte in Ordnung zu bringen, und da⸗ ſelbſt trafen ſie auch bald mit ihm zuſammen. Im Hintergrunde der aͤußern Hoͤhle fuͤhrte eine kleine Oeffnung, die mit einer Thuͤre aus rohen Brettern verſchloſſen war, in das Schlafgemach des Einſiedlers, das ein wenig bequemer eingerichtet war. Der Fuß⸗ boden war durch die Arbeit des Bewohners ein wenig geebnet, und dann mit weißem Sand beſtreut wor⸗ den, den er taͤglich mit dem Waſſer einer nahen Quelle benetzte, die in einem Winkel aus dem Felſen hervorſprudelte, und in dieſem erſtickenden Klima ſo⸗ wohl das Ohr als den Gaumen ergoͤtzte. Matratzen aus geflochtenen Binſen lagen an der Seite der Zelle. Die Seiten waren, wie der Fußboden, in eine rauhe Form gebracht worden, und verſchiedene Kraͤuter und Blumen hiengen an denſelben umher. Zwey Wachs⸗ kerzen, welche der Eremite anzuͤndete, gaben dem Orte ein heitres Anſehen, und ſein Wohlgeruch und ſeine Kuͤhle machten ihn angenehm.— In dem einen Winkel des Gemachs gewahrte man Arbeitswerkzeuge, in dem andern befand ſich eine Niſche fuͤr eine rohe Bildſaͤule der heiligen Jungfrau. Ein Tiſch und zwei Stuͤhle zeigten, daß der Eremit ſie ſverfertigt haben muͤſſe, da ihre Form nicht orientgliſch war. Der erſtere war nicht nur mit 76 Kraͤutern und Gemäͤße, ſondern auch mit getrock⸗ netem Fleiſche beſetzt, das Theodorich geſchaͤftig auf eine ſolche Art hinzulegen ſuchte, daß es den Appetit ſeiner Gaͤſte reizen konnte. Dieſe, obwohl ſtumme, und blos durch Gebaͤrden ausgedruͤckte Hoͤflichkeit ſchien dem Ritter Kenneth ganz un vereinbar mit ſeinem fruͤheren wilden und gewaltthaͤtigen Betragen. Die Schritte des Einſiedlers waren ruhig, und augenſchein⸗ lich war blos ein Gefuͤhl religioͤſer Demuͤthigung Ur⸗ ſache, daß ſein, durch die ſtrenge Lebensart abgemer⸗ geltes, Geſicht nicht als majeſtaͤtiſch und edel erſchien. Er gieng in ſeiner Zelle umher, wie einer, der zum Gebieten geboren zu ſeyn ſchien, allein ſeiner Herr⸗ ſchaft entſagt hatte, um der Diener des Himmels zu werden. Doch mußte man zugeben, daß ſeine Rieſen⸗ geſtalt, die Laͤnge ſeiner Haare und ſeines ungeſchore⸗ nen Bartes, und das Feuer ſeines tiefliegenden und wilden Auges mehr Eigenſchaften eines Kriegers als elnes Klaußners waren. Selbſt der Saracene ſchien den Einſiedler mit ei⸗ niger Ehrfurcht zu betrachten, waͤhrend er ſo beſchaͤf⸗ tigt war, und fluͤſterte dem Ritter Kenneth zu:„Der Hamako iſt jetzt in ſeiner beſſern Stimmung, allein er wird nichts ſprechen, bevor wir gegeſſen haben.— Denn dieß iſt ſein Geluͤbde.“ Stillſchweigend bedeutete daher Theodorich dem Schotten, auf einem der niehrigen Stuͤhle Platz zu nehmen, waͤhrend Scheerkohf ſich nach der Sitte ſeiner — 77 Nation auf ein Polſter von Matten ſetzte. Der Ein⸗ ſiedler hub nun beide Haͤnde empor, als wollte er die Erfriſchungen, die er ſeinen Gaͤſten vorgeſetzt hatte, ſegnen, und dieſe aſſen nun mit derſelben tiefen Stille, die er ſelbſt beobachtete. Dem Saracenen war dieſer Ernſt natuͤrlich, und der Chriſt ahmte ſein Schweigen uach, indem er ſeine Gedanken auf die Sonderbarkeit ſeiner Lage richtete, und den Contraſt zwiſchen den wilden, wuͤthenden Geberdungen, dem lauten Geſchrei, und den grimmigen Handlungen Theodorichs, als ſie zuerſt mit ihm zuſammentrafen, und zwiſchen der ern⸗ ſten feierlichen und anſtaͤndigen Emſigkeit, mit der es jetzt die Pflichten der Gaſtfreundſchaft erfuͤllte. Als ihr Mahl beendigt war, entfernte der Ein⸗ ſiedler, der ſelbſt keinen Biſſen genoſſen hatte, die Ue⸗ berbleibſel von dem Tiſche, und ſetzte dem Saracenen einen Krug Sherbet, dem Schotten aber eine Flaſche Wein vor. „Trinket, meine Kinder,“ ſagte er— und dieß waren die erſten Worte, die er ſprach—„die Gaben Gottes darf man genießen, wenn man ſich haber an den Geber erinnert.“ Nachdem er dieß geſagt hatte, zog er ſich in die aͤußere Kapelle zuruͤck, wahrſcheinlich um ſeine An⸗ dachts Rebungen zu verrichten, und ließ ſeine Gaͤſte in dem innern Gemache, wo Kenneth durch verſchiedene Fragen von Scheerkohf zu erfahren ſuchte, was dieſer Emir in Betreff ſeines Wirthes wußte. 8 78 Bei dieſen Nachforſchungen leitete ihn mehr, als bloße Neugierde. So ſchwer es war, das gewaltthaͤ⸗ tige Betragen des Klausners bei ſeiner erſten Erſchei⸗ nung mit ſeinem gegenwaͤrtigen, demuͤthigen und ru⸗ higen Betragen zu vereinigen, ſo ſchien es doch noch unmoͤglicher, es mit der hohen Achtung, in welcher, wie Sir Kenneth gehoͤrt hatte, dieſer Einſiedler bei den erleuchtetſten Geiſtlichen der chriſtlichen Welt ſtand, in Uebereinſtimmung zu bringen. Theodorich, der Einſiedler von Engaddi, war in dieſem Charaker der⸗ Correſpondent von Paͤbſten und Concilien geweſen, denen ſeine, von gluͤhendem Eifer und feuriger Be⸗ redtſamkeit uͤberſtroͤmenden, Briefe das Elend geſchil⸗ dert hatten, in das die Unglaͤubigen die lateiniſchen Chriſten im heiligen Lande geſtuͤrzt hatten. Daß der Chriſt in einer ſo ehrwuͤrdigen und ſo geehrten Per⸗ ſon die wahnſinnigen Gebaͤrden eines tollen Fakir fand, das bewog ihn, ſich noch eine Zeitlang zu beſin⸗ ¹nen, bevor er den Entſchluß faßte, ihm gewiſſe wich⸗ tige Dinge mitzutheilen, mit benen er von einigen Anfuͤhrern des Kreuzzuges beauftragt worden war. Es war ein Hauptzweck ſeiner, auf einem ſo un⸗ gewoͤhnlichen Wege unternommenen, Wallfahrt gewe⸗ ſen, ſolche Eroͤffnungen zu machen; allein was er dieſe Nacht geſehen hatte, bewog ihn, ſich zu bedenken, be⸗ vor er zur Vollfuͤhrung ſeines Auftrags ſchritt. Von dem Emir konnte er bloß Folgendes erfahren:— Wie er gehoͤrt hatte, war der Einſiedler ehedem ein tapfe⸗ — 79 rer und muthiger Soldat geweſen, weiſe im Rathe, und gluͤcklich in der Schlacht.— Das Letztere konnte ber in Betracht der großen Staͤrke und Gewandtheit, die er ihn oft an den Tag legen geſehen hatte, leicht glauben; ſodann war er nicht als Pilger in Jeruſalem erſchienen, ſondern mit dem Entſchluſſe, den Neſt ſei⸗ nes Lebens in dem heiligen Lande zuzubringen. Kurz nachher ſchlug er ſeinen Wohnſitz an dem veroͤdeten Orte auf, wo ſie ihn jetzt fanden, geachtet von den Lateinern, ſeiner ſtrengen Froͤmmigkeit wegen, nnd von den Tuͤrken und Arabern wegen der an ihm wahrgenom⸗ menen Anzeichen von Wahnſinn, den ſie goͤttlichen Eingebungen zuſchrieben. Von ihnen hatte er den Na⸗ men„Hamako“ erhalten, der in der tuͤrkiſchen Sprache einen ſolchen Charakter bezeichnet. Scheerkohf ſelbſt wußte nicht, was er von ihrem Wirthe halten follte.„Er war,“ ſagte er,„ein weiſer Mann gewe⸗ ſen, und konnte oft ſtundenlang Lehren der Tugend und Weisheit ertheilen, ohne die geringſte Spur von Unrichtigkeit; zu andern Zeiten war er wild und ge⸗ waltthaͤtig, allein nie zuvor hatte er ihn in einer ſo boshaften Stimmung geſehen, als an dieſem Tage. Seine Wuth wurde hauptſaͤchlich durch Beſchimpfungen ſeiner Religion erregt; und es gab eine Geſchichte von einigen wandernden Arabern, die ſeinen Gottesdienſt gehoͤhnt, und ſeinen Altar beſchaͤdigt hatten. Dieſe hatte er angefallen, und mit dem kurzen Knittel, den er ſtatt aller andern Waffen bei ſich fuͤhrte, erſchlagen. Dieſer 80 Vorfall hatte großes Aufſehen erregt, und es war eben ſo wohl Furcht vor der eiſernen Keule des Einſiedlers, als Achtung gegen ihn, als einen Hamako, was die herumſchwaͤrmenden Horden bewog, ſeine Wohnung und ſeine Kapelle in Ehren zu halten. Sein Ruf hatte ſich ſoweit verbreitet, daß Saladin durch beſon⸗ dere Befehle geboten hatte, ihn zu ſchonen und zu ſchuͤtzen. Er ſelbſt, und andere Muhamedaner von Stande hatten ſeine Zelle mehr als einmal beſucht, theils aus Neugierde, theils aber auch in der Hoff⸗ nung, von einem ſo gelehrten Manne, wie der chriſt⸗ liche Hamako war, einige Kenntniß von den Geheim⸗ niſſen der Zukunft zu erlangen.„Er hatte,“ fuhr der Saracene fort,„ein Raſ hid oder Obſervatorium von großer Hoͤhe zur Betrachtung der Himmelskoͤrper und beſonders des Planetenſyſtems, nach deſſen Be⸗ wegungen und Einfluͤſſen, wie Chriſten und Muha⸗ medaner glaubten, der Gang der menſchlichen Ereig⸗ niſſe ſich ordnete, und ſelbſt vorhergeſagt werden konn⸗ Ste. 3 Dieß war das Weſentlichſte der Mittheilung des Emir Scheerkohf, und es ließ Sir Kenneth im Zwei⸗ fel, ob der Charakter des Wahnſinns aus dem manig⸗ maligen uͤbertriebenen Eifer des Eremiten entſpraͤn⸗ ge, oder ob er nicht gaͤnzlich erdichtet, und nur we⸗ gen der Vorrechte, die mit ihm verbunden waren, an⸗ genommen ſey. Wenn er jedoch den Fanatismus der Anhaͤnger Muhameds in Erwaͤgung zog, in deren 3 4 Mit⸗ 81 Mitte er lebte, obgleich er der erklaͤrte Feind ihres Glaubens war, ſo ſchien es ihm, als ob ſie ihrer Ge⸗ faͤlligkeit gegen ihn eine hoͤchſt ungewoͤhnliche Ausdeh⸗ nung gegeben haͤtten. Auch glaubte er, es herrſche eine groͤßere Bekanntſchaft und Vertraulichkeit zwiſchen dem Eremiten und dem Saracenen, als ſich aus den 5 Worten des Letztern ſchließen ließ; und es war ihm nicht entgangen, daß der erſtere dem letztern einen andern Namen gegeben, als den er ſelbſt angenom⸗ men hatte. Alle dieſe Betrachtungen forderten ihn zur Vorſicht, wo nicht zum Argwohne auf. Er beſchloß, ſeinen Wirth genau zu beobachten, und ſich nicht allzueilig des ihm anvertrauten wichti⸗ gen Auftrags gegen ihn zu entledigen. „Merke auf, Saracene,“ ſagte er,„ich glaube, unſer Wirth faſelt eben ſo wohl in Betreff der Namen, als in Betreff anderer Dinge.“ „Dein Name iſt Scheerkohf, und ſo eben nannte er Dich anders.“ „Mein Name hieß,“ erwiederte der Kurdmann, „als ich mich noch in dem Zelte meines Vaters be⸗ fand, Ilderim, und bei dieſem Namen werde ich noch von Vielen genannt. Im Felde und den Soldaten bin ich als der Lowe des Gebirgs bekannt; denn die⸗ ſen Namen hat mir mein gutes Schwerdt errungen; aber ſtill! der Hamako kommt— er wird uns auf⸗ fordern, uns zur Ruhe zu begeben— 19 kenne ſeine Walter Seott's Werke. VI. 8² 3 Gewohnheit. Niemand darf ſeinen Vigilien beiwoh⸗ nen. 3 Der Einſiedler trat ein, kreuzte ſeine Arme auſ der Bruſt, und ſagte mit feierlicher Stimme:„Ge⸗ ſegnet ſey der Name deſſen, der die ruhige Nacht dem geſchaͤftvollen Tage folgen hieß, und den ſanften Schlaf verliehen hat, um die muͤden Glieder zu erquicken und den bekuͤmmerten Geiſt zu beruhigen.“„ Beide Krieger erwiederten:„Amen,“ ſtanden von dem Tiſche auf, und bereiteten ſich, das Lager einzu⸗ nehmen, das ihnen ihr Wirth durch einen Wink mit der Hand angewieſen, und ſich hierauf, nach einer Verbeugung gegen Jeden, wieder aus dem Gemache entfernt hatte. Der Ritter vom Leoparden legte nun ſeine ſchwere Ruͤſtung ab; ſein ſaraceniſcher Gefaͤhrte ſtand ihm bei dieſem Geſchaͤfte gefaͤllig bei, bis er nur noch die enge gemslederne Kleidung um ſich hatte, welche Rit⸗ ter und Gewappnete unter ihrem Harniſche zu tragen pflegten. Wenn der Saracene fruͤher die Staͤrle ſei⸗ nes Gegners, als dieſer mit Stahl bedeckt war, be⸗ wundert hatte, ſo erſtaunte er jetzt nicht weniger uber das Ebenmaaß ſeiner nervigen und wohlgebauten Ge⸗ ſtalt. Als dagegen der Ritter, um die Hoͤflichkeit des Saracenen zu erwiedern, dieſem ſeine Obergewaͤnder abnehmen half, damit er bequemer ſchlafen moͤchte, konnte er faſt nicht begreifen, wie eine ſo ſchmaͤchtige Geſtalt ſich mit der Kraft vereinen ließ, die er in 2* — 83 ſeinem perſoͤnlichen Kampfe mit ihm an den Tag ge⸗ legt hatte. Jeder Krieger verrichtete ſein Gebet, bevor er ſich zur Ruhe begab. Der Muhamedaner wandte ſich nach ſeinem Kebla, dem Punkte, nach welchem jeder betende Anhaͤnger des Propheten ſich wenden muß, und murmelte ſeine heidniſchen Gebete, waͤhrend der Chriſt ſich aus der befleckenden Naͤhe des Un⸗ glaͤubigen entfernte, ſein großes, mit einem Kreuz⸗ hefte verſehenes Schwerdt aufrecht ſtellte, und vor ihm, als vor dem Zeichen der Erloͤfung, niederknie⸗ end, ſeinen Roſenkranz mit einer Andacht betete, die durch das Andenken an die manigfaltigen Ereigniſſe und die gluͤcklich uͤberſtandenen Gefahren des Tages erhoͤht wurde. Beide durch Beſchwerden aller Art ermuͤ⸗ det, ſchliefen bald feſt ein, jeder auf ſeinem beſondern Lager. Viertes Kapitel. In Oeden, wo kein ird'ſcher Laut erklang, Ein frommer Klausner lebt' ſein Lebenlang; Sein Bett war Moos, die Höhle ſeine Zelle. Er aß nur Früchte, trank des Bornes Welle. Mit Gott lebt' er in ſtilter Einſamkeit Der Buße nur und dem Gebet geweiht. Parnell. Kenneth, der Schotte, wußte nicht, wie lange ſein efer Schlaf gedauert hatte, als er dnrch ein druͤcken⸗ 84 des Gefuͤhl auf ſeiner Bruſt zur Beſinnung kam, das zuerſt einen fluͤchtigen Traum von einem Kampfe mit einem maͤchtigen Gegner herbeifuͤhrte und ihn endlich wieder zum vollen Bewußtſeyn brachte. Er war im Begriff zu fragen, wer da waͤre, als er, die Augen oͤffnend, die Geſtalt des Klausners gewahrte, der fin⸗ ſtern und wilden Blickes, wie wir ihn beſchrieben ha⸗ ben, neben ſeinem Lager ſtand und ihn mit der rech⸗ ten Hand auf die Bruſt druͤckte, waͤhrend er in der linken eine kleine ſilberne Lampe hielt.„Sey ſtill“ ſagte der Einſiedler, als der hingeſtreckte Ritter mit Erſtaunen aufblickte;„ich habe Dir etwas zu ſagen, was jener Unglaͤubige nicht hoͤren darf.“ Dieſe Worte ſprach er in franzoͤſiſcher Sprache, nicht aber in der lingua franca, oder jener Miſchung von morgenlaͤndiſchen und europaͤiſchen Mundarten, deren ſie ſich bisher bedient hatten. „Stehe auf“ fuhr er fort,„lege deinen Man⸗ tel um— ſprich nichts, tritt leiſe und folge mir.“ Sir Kenneth erhob ſich, und nahm ſein Schwerdt. „Das bedarf es nicht“ fluͤſterte ihm der Einſied⸗ ler zu;„wir gehen dahin, wo geiſtliche Waffen viel gelten, die fleiſchlichen aber nur dem Schilfrohr und ver welkten Kuͤrbiſſen gleichen.“ Der Ritter legte ſein Schwerdt wieder neben ſein Lager, und bloß mit ſeinem Dolche bewaffnet, von dem er ſich in dieſer gefaͤhrlichen Gegend nie trennte, 85 ſchickte er ſich an, ſeinen geheimnißvollen Wirth zu begleiten. 3 4 Der Einſiedler bewegte ſich nun langſam vor⸗ waͤrts, von dem Ritter gefolgt, der noch immer un⸗ gewiß war, ob die ſchwarze Geſtalt, die vor ihm hin⸗ gleitete, um ihm den Weg zu zeigen, nicht wirklich das Geſchoͤpf eines geſtoͤrten Traumes ſey. Wie Schatten begaben ſie ſich in das aͤuſſere Gemach, ohne den Heiden Emir zu ſtoͤren, der noch in tiefem Schlafe lag. Vor dem Kreuze und Altare, in dem aͤuſſern Zimmer, brannte noch eine Lampe, ein Meßbuch war aufgeſchlagen, und auf dem Boden lag eine Buͤßungs⸗ geiſel aus Stricken und Drath, an der man noch fri⸗ ſche Blutflecken gewahrte, was ohne Zweifel ein Be⸗ weiß von den ſtrengen Kaſteyungen des Klausners war. Hier kniete Theodorich nieder, und gab dem Ritter ein Zeichen, ſich neben ihm auf die ſpitzigen Kieſelſteine niederzulaſſen, die abſichtlich hieher ge⸗ bracht zu ſeyn ſchienen, um die Stellung der Andaͤch⸗ tigen ſo beſchwerlich als moͤglich zu machen. Er las verſchiedene Gebete der katholiſchen Kirche, und ſang mit leiſer aber ernſter Stimme drey Buß⸗Pſalmen, die er mit Seufzern und Thraͤnen, und krampfhaf⸗ tem Schluchzen vermiſchte, woraus ſich erkennen ließ⸗ wie tief er die goͤttliche Poeſie fuͤhlte, die er vorlas. Der ſchottiſche Ritter wohnte dieſen Andachts⸗Uebun⸗ gen mit aufrichtigem Herzen bey, und ſeine Meinung von ſeinem Wirthe begann eine ſolche Veraͤnderung 86 zu erleiden, daß er zweifelte, ob er ihn nicht der Strenge ſeiner Buͤßungen und der Inbrunſt ſeiner Gebete wegen fuͤr einen Heiligen halten ſollte, und als ſie ſich von dem Boden erhoben, ſo ſtand er mit einer tiefen Ehrfurcht vor ihm, wie ein Zoͤgling vor einem geehrten Lehrer. Der Einſiedler dagegen blieb einige Minuten ſchweigend und in ſich vertieft. „Blicke in jene Ecke, mein Sohn“ ſagte er, nach einem Winkel der Zelle weiſend,„dort wirſt du einen Schleyer finden, bringe ihn hieher.“ Der Ritter gehorchte, und in einer kleinen— in die Wand gehauenen und mit einer weiten Thuͤre verſehenen Oefnung fand er den verlangten Schleyer. Als er ihn anseicht brachte, entdeckte er, daß er zer⸗ riſſen und an einigen Stellen mit einer ſchwarzen Subſtanz befleckt war. Der Einſiedler betrachtete ihn mit einer tiefen, aber unterdruͤckten Ruͤhrung, und ehe er mit dem ſchottiſchen Ritter ſprechen konnte, mußte er ſeinen Gefuͤhlen durch ein krampfhaftes Stoͤhnen Luft machen. „Du ſteh'ſt jetzt auf dem Punkte, den reichſten Schatz zu ſehen, den die Erde beſitzt“ ſagte er end⸗ lich;„wehe mir, daß meine Augen nicht wuͤrdig ſind, ihn zu betrachten! Ach! ich bin nur das ſchlechte und verachtete Zeichen, das dem muͤden Wanderer eine Staͤtte der Ruhe und Sicherheit zeigt, das aber ſelbſt ſtets des Obdachs entbehren muß! Vergebens bin ich bis in die Tiefen der Felſen und in den Mittelpunkt — ,— 87 der durſtigen Oede geflohen. Mein Feind hat mich gefunden— ja er, den ich verlaͤugnet habe, hat mich bis zu meinen Feſtungen verfolgt.“ Er ſchwieg einen Augenblick, und ſagte dann, zu dem ſchottiſchen Ritter ſich wendend, in einem feſtern Tone:„Ihr bringt mir einen Gruß von Richard von England?“ „Ich komme aus der Rathsverſammlung der chriſtlichen Fuͤrſten“ ſagte der Ritter,„da aber der Koͤnig von England unpaͤßlich iſt, ſo haben mich Se. Majeſtaͤt mit keinem Auftrage beehrt.“ „Euer Zeichen?“ fragte der Einſiedler. Sir Kenneth zauderte; denn der fruͤhere Arg⸗ wohn und die Zeichen des Wahnſinns, die er unlaͤngſt an dem Klausner bemerkt hatte, drangen ſich ploͤtzlich ſeinem Geiſte auf; allein wie ſollte er gegen einen Mann Verdacht hegen, deſſen Sitten ſo heilig waren —„Mein Loſungswort“ ſagte er,„heißt: Koͤnige bettelten von einem Bettler.“ „Es iſt richtig,“ ſagte der Einſiedler,„ich kenne Euch wohl, allein die Schildwache muß auf ihren Po⸗ ſten— und der meinige iſt ein wichtiger— ruft ſo⸗ wohl Freund als Feind an.“ Er bewegte ſich hierauf mit der Lampe vorwaͤrts, und fuͤhrte ihn in das Gemach zuruͤck, das ſie ſo eben verlaſſen hatten. Der Saracene lag auf ſeinem La⸗ ger noch feſt eingeſchlafen. Der Einſiedler blieb ne⸗ ben ihm ſtehen, und blickte auf ihn nieder. 88 „IEr ſchlaͤft,“ ſagte er,„in der Finſterniß, und darf nicht aufgeweckt werden.“ Die Stellung des Emirs zeugte in der That von tiefer Ruhe. Ein Arm, den er uͤber den Leib gewor⸗ fen hatte, wie er mit dem Geſichte halb gegen die Wand gekehrt da lag, verbarg mit ſeinem langen und weiten Aermel den groͤſten Theil des Geſichts; allein die hohe Stirne war noch ſichtbar. Ihre Nerven, die waͤhrend ſeines Wachens ſo ungemein thaͤtig waren⸗ zeigten ſich jetzt ſo regungslos, als ob das Geſicht aus dunklem Marmor beſtanden haͤtte, und ſeine lan⸗ gen ſeidenen Augenwimper verſchloſſen ſeine durch⸗ dringenden Falkenaugen. Die offene und ſchlaffe Hand und der tiefe, regelmaͤßige und ſanfte Athem gaben alle Zeichen der tiefſten Ruhe. Der Schlaſende bil⸗ dete eine ſonderbare Gruppe mit der hohen Geſtalt des Einſiedlers in ſeiner zottigen Kleidung von Zie⸗ genfellen, mit der Lampe in der Hand, und dem gi⸗ gantiſchen Ritter in ſeinem engen ledernen Anzuge; der erſtere mit einem ſtrengen Ausdrucke aſcetiſchen Truͤbſinns, der letztere mit ſtarken Anzeichen von aͤngſtlicher Neugierde auf ſeinem maͤnnlichen Geſichte. „Er ſchlaͤft feſt,“ ſagte der Einſiedler in demſel⸗ ben leiſen Tone wie zuvor, und die Worte wiederho⸗ lend, ſie jedoch ſtatt in dem woͤrtlichen Sinne, in ei⸗ nem metaphoriſchen nehmend;„Er ſchlaͤft in der Fin⸗ ſterniß, allein der Tag wird fuͤr ihn anbrechen.— O, Ilderim, deine wachende Gedanken ſind noch ſo eitel 89. und wild, als die ihren Wirbeltanz in deinem ſchla⸗ fenden Gehirne halten; allein die Trompete ſoll ge⸗ hoͤrt werden, und der Traum verſchwinden.“ So ſprechend, und dem Ritter winkend, ihm zu folgen, wandte ſich der Einſiedler nach dem Altare, begab ſich hinter denſelben, druͤckte eine Feder, die oh⸗ ne Geraͤuſch aufſpringend eine kleine eiſerne Thuͤre zeigte, welche an der Seite der Hoͤhle ſo angebracht war, daß ſie nur durch die ſtrengſte Unterſuchung bemerkt werden konnte. Ehe der Einſiedler die Thuͤre voͤllig oͤffnete, troͤpfelte er aus ſeiner Lampe etwas Oel auf die Angeln. Als die eiſerne Thuͤre endlich gaͤnzlich geoͤffnet war, ſo zeigte ſich eine kleine in den Felſen gehauene Treppe. 1 „Nimm den Schleyer, den ich in der Hand ha⸗ be,“ ſagte der Einſiedler, in melancholtſchem Tone; „und verbinde mir die Augen damit; denn ich kan den Schatz, den du jetzt ſehen ſollſt, nicht ohne Suͤnde und Vermeſſenheit erblicken.“ Ohne zu antworten, verhuͤllte der Ritter eilig das Geſicht des Einſiedlers mit dem Schlever, und der letz⸗ tere begann die Treppe hinauf zu ſteigen, wie einer, der zu ſehr an den Weg gewoͤhnt iſt, als daß er da⸗ bei eines Lichtes beduͤrfte; zugleich leuchtete er dem Schotten, der ihm nun viele Stufen der engen Trep⸗ pe hinauf folgte; endlich hielten ſie in einem kleinen Gewoͤlbe von unregelmaͤßiger Form, in deſſen einer Ecke die Treppe endigte, waͤhrend man in einer an⸗ 90 dern eine entſprechende Treppe ſah, die weiter hin⸗ auf fuͤhrte. In einem dritten Winkel befand ſich eine gothiſche Thuͤr, die hoͤchſt roh mit den gewoͤhnlichen Attributen von Saͤulen⸗Gruppen und Schnitzwerk verziert, und durch ein mit Eiſen beſchlagenes und mit groſſen Naͤgeln beſetztes Pfoͤrtchen geſchuͤtzt war. Nach dieſem letztern Punkte wandte der Klausner ſeine Tritte, welche zu wanken ſchienen, als er ſich ihm naͤherte.. „Lege deine Schuhe ab,“ ſagte er zu ſeinem Be⸗ gleiter,„der Boden, auf welchem Du ſteh'ſt, iſt hei⸗ lig; verbanne aus dem Innerſten deines Herzens je⸗ den weltlichen und fleiſchlichen Gedanken, denn ſich mit einem ſolchen an dieſem Orte beſchaͤftigen, waͤre Todſuͤnde.“ 3 Wie ihm geboten war, legte der Ritter ſeine Schuhe ab, und der Einſiedler ſtand indeſſen da, als ob er im Stillen betete, und als er ſich wieder in Bewegung ſetzte, ſo gebot er dem Ritter dreimal an das Pförtchen zu klopfen. Er that es. Die Thuͤre oͤfnete ſich von ſelbſt, wenigſtens ſah Sir Kenneth niemand und auf einmal drang ſich ihm ein Strom des reinſten Lichtes und ein ſtarker, und faſt betaͤu⸗ bender Duft des koſtbarſten Rauchwerks entgegen. Er trat zwei oder drei Schritte zuruͤck, und es dauerte einige Minuten, ehe er ſich von den blendenden und uͤberwaͤltigenden Wirkungen des ploͤtzlichen Uebergangs von der Finſterniß zum Lichte erholen konnte. 91. Als er das Gemach betrat, in welchem dieſer Glanz verbreitet war, entdeckte er, daß das Licht von einer Verbindung ſilberner Lampen herruͤhrte, die, mit dem reinſten Oele genaͤhrt, und die reichſten Wohlgeruͤche ausſendend, an ſilbernen Ketten von ei⸗ ner kleinen gothiſchen Kapelle herabhiengen, die, gleich dem groͤſten Theile der ſonderbaren Behauſung des Einſiedlers, in den ſtarken und feſten Felſen gehauen war. Allein, wenn an jedem andern Orte, den Sir Kenneth bisher geſehen hatte, die Bearbeitung des Felſen von der einfachſten und roheſten Art war, ſo war bei dieſer Kapelle die Erfindungskraft und der Meißel der geſchickteſten Architekten thaͤtig geweſen. Die mit Rippen verſehenen Decken erhuben ſich auf jeder Seite auf ſechs mit der ſeltenſten Geſchicklichkeit gearbeiteten Saͤulen; und die Art, auf welche die Bo⸗ gen untereinander mit angemeſſenen Zierden verbun⸗ den waren, verrieth den feinſten Styl der Architek⸗ tur und des Zeitalters. Entſprechend der Reihe von Pfeilern, befanden ſich auf jeder Seite ſechs ſchoͤn gearbeitete Niſchen, deren jede das Bild eines der zwoͤlf Apoſtel enthielt. Am obern und oͤſtlichen Ende der Kapelle ſtand der Altar, hinter welchem ein reicher, rauh mit Gold geſtickter, Vorhang von perſiſcher Seide eine Vertie⸗ fung verhuͤllte, die ohne Zweifel ein Bild oder eine Reliquie von ungewoͤhnlicher Heiligkeit enthielt, der zu Ehren dieſer Ort der Verehrung errichtet worden. —— 9² war. In der Ueberzeugung, daß dieß der Fall ſeyn muͤſſe, naͤherte ſich der Ritter der Blende, kniete vor ihr nieder, und wiederholte ſeine andaͤchtigen Gebete mit Inbrunſt. Allein ploͤtzlich ward ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit dadurch geſtoͤrt, daß der Vorhang aufgezogen oder weggeſchoben wurde, wie, oder durch wen, ſah er nicht; allein in der Niſche, die jetzt enthuͤllt war, erblickte er einen Schrank von Silber und Elfenbein mit einer doppelten Fluͤgelthuͤre; das Ganze im Klei⸗ nen einer gothiſchen Kirche nachgebildet. Waͤhrend er mit aͤngſtlicher Neugierde nach der Blende blickte, flogen auch die beiden Fluͤgelthuͤren auf, und zeigten ein großes Stuͤckh Holz, mit der In⸗ ſchrift: Vera Crax, und zu gleicher Zeit ſang ein Chor weiblicher Stimmen: Gloria patri. Sobald der Geſang aufgehoͤrt hatte, ſchloß ſich der Schrank wieder, und der Vorhang fiel herab; der Ritter, der am Altare kniete, konnte nun ſeine Andachtsuͤbungen zur Ehre der heiligen Reliquie, die ſich ſo eben ſei⸗ nem Anblicke entzogen hatte, ungeſtoͤrt fortſetzen. Er that dieß mit dem tiefen Gefuͤhle eines Menſchen, der mit eigenen Augen einen Cyrfurchterregenden Be⸗ weis von der Wahrheit ſeiner Religion wahrgenom⸗ men hat, und es verfloß einige Zeit, ehe er ſein Ge⸗ bet beſchloß, aufſtund und ſich nach dem Eremiten umzuſehen wagte, der ihn an dieſe heilige und ge⸗ heimnißvolle Staͤdte gefuͤhrt hatte. Er ſah ihn, den Kopf noch immer in den Schleyer gehuͤllt, den er ihm „— 93 ſelbſt umgebunden hatte, und, gleich einem gezankten Hunde, auf der Schwelle der Kapelle liegend. Wie es ſchien, wagte er ſie nicht zu uͤberſchreiten. Die heiligſte Ehrfurcht, die tieſſte Reue druͤckte ſich in ſei⸗ ner Stellung aus, welche die eines Menſchen war, der durch die Laſt ſeiner innern Gefuͤhle zu Boden gedruͤckt wurde. Dem Schotten ſchien es, daß nur das Gefuͤhl der kiefſten Reue und Demuͤthigung ein ſo ſtarkes Weſen und einen ſo ſtolzen Geiſt ſo nieder⸗ geſchmettert haben koͤnne. Er naͤtzerte ſich ihm, um ihn anzureden, allein der Klausner kam ſeinem Vorſatze zuvor, und mur⸗ melte hinter der ſeinen Kopf umgebenden Huͤlle in erſtickten Tͤnen, die unter einem Mumiengewande hervorzukommen ſchienen, die Worte:—„Bleibe, bleibe, gluͤcklich biſt du, daß du kanuſt— das Geſicht iſt noch nicht zu Ende.“ Mit dieſen Worten erhob er ſich vom Boden, begab ſich von der Schwelle, auf der er bisher ge⸗ legen hatte, weg, und verſchloß die Thuͤre der Kapel⸗ le, die von innen durch einen Federriegel verwahrt war, deſſen Losſchnappen durch die Kapelle ertoͤnte, die ſo ſehr ein Theil des Felſen zu ſeyn ſchien, in den die Hoͤhle gehauen war, daß Kenneth kaum un⸗ terſcheiden konnte, wo die Oeffnung geweſen war. Er war jetzt allein in der erleuchteten Kapelle, welche die Reliquie enthielt, der er ſo eben ſeine Huldigung dargebracht hatte, ohne eine andere Waffe, als ſeinen 94 Dolch, oder ohne einen anderen Gefaͤhrten, als ſeine frommen Gedanken und ſeinen unerſchrockenen Muth. Uungewiß, was jetzt geſchehen werde, aber ent⸗ ſchloſſen, den Gang der Ereigniſſe abzuwarten, ſchritt Sir Kenneth in der einſamen Kapelle bis zur Zeit des fruͤheſten Hahnenſchrey's umher. Um jene ſtille Zeit, wo Nacht und Morgen zuſammentreffen, hoͤrte er— aus welcher Gegend konnie er nicht unterſchei⸗ den— den Klang eines Silbergloͤckchens, gleich dem, welches bey der Erhebung der Hoſtie, waͤhrend der Ceremonie, oder des ſogenannten Opfers der Meſſe gelaͤutet wird. Die Stunde und der Ort machten den Klang furchtbar feyerlich, und ſo kuͤhn der Ritter war, ſo zog er ſich doch in den entfernteſten Winkel der Kapelle an das dem Altare gegenuͤberſtehende Ende zuruͤck, um ungeſtoͤrter die Folgen dieſes unerwarte⸗ ten Zeichens abzuwarten. Er hatte noch nicht lange gewartet, als der ſei⸗ dene Vorhang wieder weggezogen wurde, und die Re⸗ liquie ſich ſeinem Anblicke wieder darbot. Waͤhrend er auf ſein Knie niederſank, hoͤrte er die Toͤne der laudes, oder des fruͤheſten Gottesdienſtes der katholi⸗ ſchen Kirche. Sie wurden von weiblichen Stimmen geſungen, die ſich, wie bey dem fruͤheren Gottesdienſte, zu dieſem Zwecke vereinigt hatten. Der Ritter bemerkte bald, daß die Stimmen nicht auf einer und derſelben Stelle blieben, ſondern ſich der Kapelle naͤherten und lauter wurden, als eine Thuͤre, die, zugeſchloſſen, eben ſo 95.. unbemerkbar war, als die, durch die er hereingekom⸗ men war, ſich auf der andern Seite des Gewoͤlbes oͤffnete, und den Toͤnen des Chors mehr Raum gab, laͤngs der gerippeten Woͤlbungen der Decke anzu⸗ ſchwellen. Mit athemloſer Aengſtlichkeit heftete der Ritter den Blick auf die Oeffnung, und immer noch in der andaͤchtigen Stellung knieend, welche der Ort und die Scene erforderten, erwartete er den Erfolg dieſer Vor⸗ bereitung. Eine Prozeſſion zeigte ſich, die auf dem Punkte ſtand, aus der Thuͤre zu treten. Zuerſt be⸗ traten vier ſchoͤne Knaben, deren bloße Arme, Nacken und Fuͤße die bronceartige Farbe des Oſtens zeigten, und mit ihren ſchneeweißen Kleidern im Gegenſatze ſtanden, paarweiße die Kapelle. Das erſte Paar trug Rauchpfannen, die ſie von Seite zu Seite ſchweng⸗ ten, und wodurch die Wohlgeruͤche, mit denen die Kapelle bereits geſchwaͤngert war, noch vermehrt wur⸗ den; das zweite Paar ſtreute Blumen aus. Nach ihnen folgten in gebuͤhrender und majeſtaͤti⸗ ſcher Ordnung die Frauen, welche den Chor bildeten. ſechs, die ihre ſchwarzen Scapuliere und ſchwarzen Schleyer uͤber ihren weißen Gewaͤndern fuͤr Nonnen vom Berge Carmel erklaͤrten, und eben ſo viele, die ihre weißen Schleyer als Novizen oder gelegenheitli⸗ che Bewohner des Kloſters, die noch durch kein Ge⸗ luͤbde an daſſelbe gebunden waren, zu erkennen gaben. Die erſten hielten große Roſenkraͤnze in ihren Hän⸗ 96 den, waͤhrend jede der juͤngern und leichtern Geſtal⸗ ten, welche auf ſie folgten, einen Kranz von rothen und weißen Roſen trug. Sie bewegten ſich in Pro⸗ zeſſion um die Kapelle, ohne, wie es ſchien, die ge⸗ ringſte Kenntniß von Kenneth zu nehmen, obſchon ſie ihm ſo nahe kamen, das ihre Gewaͤnder ihn faſt be⸗ ruͤhrten. Waͤhrend ſie zu ſingen fortfuhren, zweifelte der Ritter nicht, daß er ſich in einem jener Kloͤſter befinde, wo die edlen chriſtlichen Maͤdchen ſich fruͤher dem Dienſte der Kirche gewidmet hatten. Die mei⸗ ſten derſelben waren ſeit der Eroberung Palaͤſtina's durch die Mahomedaner unterdruͤckt worden, allein viele, die ſich durch Geſchenke Nachſicht erkauft, oder ſie durch die Gnade oder Verachtung der Sieger er⸗ halten hatten, fuhren noch fort, im Geheimen die Ge⸗ bräͤuche zu beobachten, zu denen ihr Geluͤbde ſie ver⸗ pflichtet hatte. 2 Allein obgleich Kenneth wußte, daß dieß der Fa war, ſo brachte doch die Feierlichkeit des Ortes und der Stunde, das Erſtaunen uͤber die ploͤtzliche Erſchei⸗ nung dieſer Geweihten und die geiſterartige Weiſe, auf die ſie an ihm voruͤberzogen, einen ſolchen Ein⸗ druck auf ſeine Einbildungskraft hervor, daß er kaum glauben konnte, die ſchoͤne Prozeſſion, die er erblickte, beſtehe aus Geſchoͤpfen dieſer Welt; ſo ſehr glichen ſie einer Schaar uͤberirdiſcher Weſen, welche dem all⸗ gemeinen Gegenſtande der Anbetung ihre Huldigung darbrachten. Dieſe— 97 Dieſe Idee drang ſich dem Ritter zuerſt auf, als der an ihm voruͤberziehende Zug Haͤnde und Fuͤße nur ſo viel bewegte, als zu ihrem Vorwaͤrtskommen noͤthig war, ſo daß ſie in dem daͤmmernden und religioͤſen Lichte, das die Lampen durch die, das Gemach verdun⸗ kelnden, Weihrauchwolken warfen, mehr zu ſchweben, als zu gehen ſchienen. Als ſie aber zum zweitenmale bei ihrem Umzuge an die Stelle kamen, wo der Ritter knieete, ſonderte eine der weißgekleideten Jungfrauen, waͤhrend ſie an ihm voruͤberglitt, von ihrem Kranze eine Roſenknospe ab, die vielleicht ohne ihr Wiſſen, oder ohne ihren Willen, ihren Fingern entſank, und zu den Fuͤſſen Sir Kenneths niederfiel. Der Ritter fuhr zuſammen, als ob ihn ein Pfeil getroffen haͤtte; denn wenn die Seele zu einer groſſen Hoͤhe des Gefuͤhls und der Erwar⸗ tung empor getrieben iſt, ſo entzuͤndet der geringſte Vorfall, wenn er unerwartet iſt, den Schwefelfaden, welchen die Einbildungskraft bereits gelegt hat. Al⸗ lein er unterdruͤckte ſeine Bewegung, indem er ſich erinnerte, wie leicht ein ſo gleichguͤltiger Vorfall ſich habe zutragen koͤnnen, und daß bloß die einfoͤrmige Bewegung der Chorſaͤngerinnen dieſen Zufall einiger⸗ maßen bemerkenswerth mache. Noch waͤhrend die Prozeſſion das drittemal die Kapelle umzog, folgten Kenneths Gedanken und Au⸗ gen ausſchließlich derjenigen unter den Novizen, wel⸗ che die Roſenknospe hatte fallen laſſen. Jor Schritt⸗ W. Scott's Werke. VI. 2 — 3 98 ihr Geſicht, ihre Geſtalt waren denen der uͤbrigen Chorſaͤngerinnen ſo aͤhnlich, daß es unmöglich war, das geringſte Zeichen von Eigenthuͤmlichkeit zu bemer⸗ ken, und doch kloyfte Kenneths Herz wie das eines Vogels, der aus ſeinem Kafige brechen moͤchte, gleich als wollte er ihn durch ſeine ſympathetiſchen Einge⸗ bungen verſichern, das Maͤdchen an der rechten Linie der zweiten Reihe der Novizen waͤre ihm theurer, nicht nur als alle gegenwaͤrtigen, ſondern auch als das ganze Geſchlecht uͤberhaupt. Die romantiſche Lei⸗ denſchaft der Liebe, die durch die Geſetze des Ritter⸗ thums aufgemuntert, und ſogar geboten wurde, ließ ſich ganz wohl mit den, nicht minder romantiſchen Gefuͤhlen der Andacht vereinigen, und man kann ſa⸗ gen, daß ſie einander mehr ſteigerten, als hinderten. Mit gluͤhender Erwartung, die ſelbſt einigermaßen religioͤſer Natur war, erwartete daher Sir Kenneth, den ſeine Gefuͤhle vom Herzen bis in die Fingerſpitzen durchbebten, ein zweites Zeichen von einer, die, wie er glaubte, ſchon das erſte gegeben hatte. So kurz auch der Zeitraum war, in welchem die Prozeſſion einen dritten Umzug vollendete, ſo erſchien er doch dem Ritter Kenneth als eine Ewigkeit, Endlich naͤ⸗ herte ſich ihm die Geſtalt, die er ſo unverwandten Blickes beobachtet hatte. Es war kein Unterſchied zwi⸗ ſchen dieſer eingehuͤllten Figur, und den andern, mit denen ſie ſich gemeinſchaftlich und gleichfoörmig beweg⸗ ten, bis, alss ſie zum drittenmale an dem knieenden 99 Kreuzfahrer voruͤber zog, ein Theil einer kleinen Hand, deren ungemein ſchoͤne Bildung die hoͤchſte Idee von den vollkommenen Proportionen der Geſtalt, wel⸗ cher ſie angehoͤrte, erregen konnte, durch die Fal⸗ ten der duͤnnen Gaze hervorſchimmerte, wie ein Mond⸗ ſtrahl durch die ſanften Woͤlkchen einer Sommernacht, und wiederum eine Roſenknospe zu den Fuͤßen des Ritters vom Leoparden lag. Der zweite Wink konnte nicht zufaͤllig ſeyn— ſie konnte nicht zufaͤllig ſeyn die Aehnlichkeit jener halbgeſehenen, aber ſchoͤnen weib⸗ lichen Hand mit einer, die ſein Mund einmal be⸗ ruͤhrt, und deren liebenswuͤrdigen Eigenthuͤmerin er ewige Treue geſchworen hatte. Haͤtte es eines weite⸗ ren Beweiſes bedurft, ſo lieferte ihn der Glanz jenes unvergleichbaren Rubins an dem ſchneeweißen Finger, deſſen unſchaͤtzbaren Werth Kenneth doch geringer ge⸗ ſchaͤtzt haben wuͤrde, als das geringſte Zeichen, das ihm dieſer Finger haͤtte geben koͤnnen, und obſchon ſie verſchleiert war, ſo konnte er doch durch Zufall oder Gunſt eine Locke von den ſchwarzen Geflechten ſehen, von denen jedes einzelne Haar ihm hundert⸗ mal theurer war, als eine Kette von gediegenem Golde. Es war die Geliebte ſeines Herzens! Aber daß ſie hier ſeyn ſollte, in der wilden und einſa⸗ men Oede, unter Veſtalinnen, die in Wuͤſten und Hoͤhlen wohnten, um heimlich die chriſtlichen Ge⸗ braͤuche auszuuben, die ſie nicht oͤffentlich zu vollzie⸗ hen wagten— daß dieß ſo ſeyn ſollte, in Wahrheit . 100 und Wirklichkeit— das ſchien ihm zu unglaublich— es mußte ein Traum ſeyn— ein truͤgeriſches Spiel ſeiner Einbildungskraft. Waͤhrend dieſe Gedanken durch Kenneths Seele gingen, nahm die Chorſaͤngerinnen derſelbe Weg, auf welchem ſie in die Kapelle gekommen waren, bei ihrer Ruͤckkehr wieder auf. Die jungen Kirchendiener, die ſchwarzen Nonnen, verſchwanden nach und nach durch die offene Thuͤre,— endlich glitt auch die, von welcher er den doppelten Wink erhalten hatte, hin⸗ weg,— doch wandte ſie im Weggehen den Kopf, zwar leicht, aber doch merklich, nach dem Orte, wo er regungslos wie eine Bildſaͤule zuruͤckblieb. Er be⸗ merkte das letzte Wallen ihres Schleyers,— es war voruͤber,— und auf ſeine Seele ſank eine Dunkelheit nieder, die kaum weniger dicht war, als die, von der ſein aͤußerer Sinn faſt in demſelben Augenblicke um⸗ huͤllt wurde; denn kaum hatte die letzte Chorſaͤngerin die Schwelle der Thuͤre uͤberſchritten, als ſich dieſe mit einem lauten Schalle ſchloß, und zu gleicher Zeit die Stimmen des Chors verſtummten, die Lichter der Kapelle auf einmal erloſchen, und Sir Kenneth ein⸗ ſam und in gaͤnzlicher Finſterniß zuruͤckblieb. Allein fuͤr Kenneth waren Einſamkeit und Finſterniß, und die ungewißheit ſeiner geheimnißvollen Lage ein Nichts: — Er dachte nicht daran,— kuͤmmerte ſich nicht darum— kuͤmmerte ſich um nichts in der Welt, als um die fluͤchtige Erſcheinung, die ſo eben an ihm 10T voruͤbergezogen war, und um die Zeichen von Gunſt, die ſie ihm gewaͤhrt hatte.— Auf dem Fußboden nach den Knospen greifen, die ſie hatte fallen laſſen— ſie an ſeine Lippen druͤcken— an ſeine Bruſt— bald einzeln, bald zuſammen— ſeine Lippen an die kalten Steine heften, die ſie, ſeiner Beurtheilung nach, ſo eben erſt betreten hatte— ſich alle Thorheiten erlau⸗ ben, zu welchen innige Zaͤrtlichkeit diejenigen hin⸗ reißt, welche ſich ihr uͤberlaſſen, dieß waren blos Zei⸗ chen leidenſchaftlicher Liebe, wie ſie allen Zeitaltern eigen ſind. Allein es war eine Eigenthuͤmlichkeit der Zeiten des Ritterthums, daß der Ritter in ſeiner wildeſten Entzuͤckung an keinen Verſuch dachte, dem Gegenſtande einer ſolchen roͤmantiſchen Anhaͤnglichkeit zu folgen oder nachzuſpuͤren, daß er an ſie wie an eine Gottheit dachte, die, nachdem ſie ſo herablaſſend geweſen war, ſich ihrem ergebenen Anbeter einen Au⸗ genblick zu zeigen, wieder in die Dunkelheit ihres Heiligthums zuruͤckgekehrt war,— oder wie an einen einflußreichen Planeten, der, nachdem er in einem gluͤcklichen Augenblicke einen guͤnſtigen Strahl ausge⸗ 4 ſandt hat, ſich wieder in ſeinen Wolkenſchleyer huͤllt. Die Bewegungen der Dame ſeines Herzens betrach⸗ tete er als die eines hoͤhern Werens, das ſich ohne Wache oder Aufſicht bewegen, ihn durch ihre Erſchei⸗ nung ergoͤtzen oder durch ihre Abweſenheit nieder⸗ ſchlagen, durch ihre Guͤte aufmuntern, oder durch ihre Grauſamkeit zur Verzweiflung bringen durfte.— 102 Alles nach ihrem freien Willen, und ohne eine andere Einſprache, als die, welche ſich in den treueſten Dien⸗ ſten des Herzens und Schwerdtes des Ritters aus⸗ druͤckte, deſſen einziger Lebenszweck darin beſtand, ihre Befehle zu erfuͤllen, und durch den Glanz ſeiner Tha⸗ ten ihren Ruf zu erhoͤhen. . Dieß war den Regeln des Ritterthums und der Liebe, die deſſen herrſchendes Princip war, gemaͤß. Allein Sir Kenneths Anhaͤngigkeit wurde durch an⸗ dere und noch eigenthuͤmlichere Umſtaͤnde romantiſch gemacht. Noch nie hatte er den Klang der Stimme ſeiner Dame gehoͤrt, obwohl ihre Schoͤnheit oft mit Entzuͤcken betrachtet. Sie bewegte ſich in einem Krei⸗ ſe, dem er ſich, in Betracht ſeines Ritterranges, wohl naͤhern, in den er ſich aber nie ſelbſt miſchen durfte, und obſchon er ſeiner kriegeriſchen Thaten und ſeiner Entſchloſſenheit wegen in großem Anſehen ſtand, ſo ſah ſich doch der arme ſchottiſche Krieger gezwun⸗ gen, ſeine Goͤttin in einer faſt eben ſo großen Ent⸗ fernung zu verehren, als die iſt, welche einen Per⸗ ſer von der Sonne trennt, die er anbetet. Allein, wann war das Auge des Weibes zu ſtolz, um die leidenſchaftliche Ergebenheit eines Liebhabers zu be⸗ achten, ſo gering auch ſeyn Stand ſeyn mochte?— Ihr Auge hatte im Turniere auf ihm geruht, ihr Ohr den Ruhm, den er ſich in den taͤglichen Gefech⸗ ten erfocht, vernommen; und waͤhrend Grafen, Her⸗ zoge und Lords um ihre Gunſt ſtritten, wandte ſie —2 103 4 ſich, anfangs obne ihren Willen, oder ſelbſt ohne ihr Wiſſen, dem armen Ritter vom Leoparden zu, der zur Behauptung ſeines Ranges wenig mehr hat⸗ te, als ſein Schwerdt. Wenn die Lady umher blickte und horchte, ſah und hoͤrte ſie genug zur Aufmunte⸗ rung einer Vorliebe, die ſie anfangs unbemerkt be⸗ ſchlichen hatte. Wenn eines Ritters perſönliche Schoͤn⸗ heit geprieſen wurde, ſo pflegten ſelbſt die ſproͤdeſten Damen des kriegeriſchen Hofes von England eine Ausnahme zu Gunſten des ſchottiſchen Kenneth zu machen, und oft geſchah es, daß ungeachtet der gro⸗ ßen Geſchenke, welche Fuͤrſten und Pairs an die Min ſtrels verſchwendeten, ein unpartheiiſcher Geiſt der Unabhaͤngigkeit ſich des Dichters bemaͤchtigte, und die Harfe dem Edelmuthe eines Kriegers zu Ehren ertoͤnte, der weder Zelter noch Gewaͤnder fuͤr den ihm gezollten Beifall ſpenden konnte. Die Augenblicke, in denen ſie die Lobeserhebun⸗ gen ihres Liebhabers anhoͤrte, wurden der hochgebor⸗ nen Edith immer theurer, indem dieſelben ſie von der Schmeicheley, deren ihr Ohr muͤde war, befrey⸗ ten, und ihr einen Gegenſtand geheimer Betrachtung darboten, welcher, der allgemeinen Meynung zufolge, über alle diejenigen hervorragte, die hinſichtlich des Ranges und der Gaben des Gluͤckes uͤber ihm ſtan⸗ den. Waͤhrend ſich ihre Aufmerkſamkeit beſtaͤndig, doch vorſichtig, auf Kenneth richtete, verſicherte ſie ſich immer mehr von ſeiner perſoͤnlichen Anhaͤnglichkeit 104 3 an ſie, und gelangte immer mehr zu der ſichern Ue⸗ berzeugung, daß ſie in Kenneth von Schottland den Ritter erblicken muͤffe, den das Schickſal dazu be⸗ ſtimmt habe, in Wohl und Wehe— und die Ausſich⸗ ten waren duͤſter und gefaͤhrlich— die leidenſchaft⸗ liche Anhaͤnglichkeit mit ihr zu theilen, welcher die Dichter jenes Zeitalters eine ſo allgemeine Herr⸗ ſchaft zuſchrieben, und die deſſen Lebensart und Sit⸗ tenlehre faſt auf gleichen Fuß mit der Andacht ſelbſt ſetzten. Wir wollen unſern Leſern die Wahrheit nicht verhehlen. Als Edith den Zuſtand ihres Herzens wahrnahm, ſo gab es, obwohl ihre Geſinnungen ritter⸗ lich waren, wie es ſich fuͤr ein Maͤdchen geziemte, das nicht ferne vom Throne Englands ſtand, und ihr Stolz ſich durch die zwar ſtumme, allein ununterbro⸗ chene Huldigung des von ihr ausgezeichneten Ritters geſchmeichelt fuͤhlen mußte, doch Augenblicke, wo die Gefuͤhle der liebenden und geliebten Jungfrau ſich gegen den Zwang, zu dem ſie ſich verurtheilt ſah, auflehn⸗ ten und ſie faſt die Schuͤchternheit ihres Liebhabers tadelte, der die beengenden Schranken nicht zu durch⸗ brechen entſchloſſen ſchien. Die Etikette, um mich eines neuern Ausdrucks zu bedienen, die Etikette der Geburt und des Rangs hatte einen magiſchen Geiſt um ſie gezogen, uͤber den ſich Sir Kenneth zwar hin⸗ beugen und blicken durfte, in dem er aber eben ſo wenig ſich bewegen durfte, als ein beſchworner Geiſt 105 die Graͤnzen, die ihm der Stab eines maͤchtigen Zau⸗ berers vorgezeichnet hat, uͤberſchreiten darf. Unwill⸗ kuͤhrlich draͤngte ſich ihr der Gedanke auf, ſie ſelbſt, waͤre es auch nur mit der Spitze ihres ſchoͤnen Fußes, muͤſſe ſich uͤber die vorgeſchriebene Graͤnze wagen, wenn ſie je einem ſo zuruͤckhaltenden und ſchuͤchternen Liebhaber die gewuͤnſchte Gunſt erweiſen, und ſihm auch nur die Gelegenheit zum bloßen Kuͤſfen ihrer Schuhriemen geben wolle. Es gab ein Beyſpiel, nehmlich das bekannte der Königstochter von Ungarn, die den Ritter von niederem Nange ſo edelmuͤthig auf⸗ munterte, und Edith, obſchon aus koͤniglichem Blute entſproſſen, war keine Koͤnigstochter, eben ſo wenig als ihr Liebhaber von niederem Stande war. Das Schich⸗ ſal hatte ihrer Liebe keine ſo großen Hinderniſſe ent⸗ gegengeſtellt. Etwas jedoch, in des Maͤdchens Her⸗ zen— jener beſcheidene Stolz, der ſelbſt der Liebe Feſſeln anlegt, verbot ihr, ihrer hoͤhern Stellung un⸗ geachtet, dieſen erſten Schritt zu thun, den das Zart⸗ gefuͤhl in jedem Falle von dem maͤnnlichen Liebhaber fordert; vor allem aber war Sir Kenneth ein ſo edler und trefflicher Ritter, und, wie ihr wenigſtens ihre Einbildungskraft ſagte, ſo vollkommen mit dem ſtreng⸗ ſten Gefuͤhle deſſen ausgeſtattet, was ihm und was ihr gebuͤhrte, daß ſo eingeſchraͤnkt auch ihre Stellung ſeyn mochte, waͤhrend ſie ſeine Anbetungen gleich dem Ebenbilde einer Gottheit empfing, von dem man we⸗ der Gefuͤhl, noch eine Erwiederung der ihm darge⸗ . 1⁰6 3 brachten Huldigung erwartet, das Jdol doch befuͤrch⸗ tete, es moͤchte ſich durch ein zu fruͤhes Herabtreten von dem Piedeſtal in den Augen ſeines Anbeters herabwuͤrdigen. Doch der andaͤchtige Verehrer eines wirklichen Idols kann ſelbſt in den ſtarren und un⸗ beweglichen Geſichtszuͤgen einer marmornen Statue Zeichen der Billigung entdecken, und es iſt daher kein Wunder, daß etwas, das eben ſo guͤnſtig aus⸗ gelegt werden konnte, aus dem hellen Auge der lie⸗ benswuͤrdigen Edith ſchimmerte, deren Schoͤnheit mehr in jener Macht des Ausdrucks, als in einer vollkom⸗ maenen Regelmaͤßigkeit der Umriſſe, oder dem Glanze der Geſichtsfarbe, beſtand. Einige unbedeutende Merk⸗ male von Auszeichnung waren ihr trotz ihrer eifer⸗ ſuͤchtigen Wachſamkeit entſchluͤpft; denn wie haͤtte un⸗ ſer Kenneth ſonſt ſo ſchnell und ſicher die liebenswuͤr⸗ dige Hand, von der kaum zwei Finger ſichtbar gewor⸗ den waren, wieder erkennen koͤnnen? oder wie koͤnnte er ſo feſt uͤberzengt geblieben ſeyn, daß zwei auf eine und dieſelbe Stelle nach einander niedergeworfene Blumen eine Wiedererkennung von Seiten ſeiner Ge⸗ liebten bezwecken ſollten? Durch welche Art der Be⸗ obachtung— durch welche geheime Zeichen, Blicke oder Geberden— durch welche inſtinktmaͤßige Frei⸗ maurerei der Liebe dieſer Grad von Einverſtaͤndniß zwiſchen Edith und ihrem Liebhaber ſich anknuͤpfte, koͤnnen wir nicht beſtimmen; denn wir ſind alt, und ſolche feine Spuren von Zuneigung werden zwar von 107 jüngern Augen raſch entdeckt, trotzen aber der Kraft der unſrigen. Genug, daß eine ſolche Zuneigung zwiſchen zwei Perſonen beſtand, die nie miteinander geſprochen hat⸗ ten, obwohl man bekennen muß, daß ſie von Seiten Ediths durch ein tiefes Gefuͤhl der Schwierigkeiten und Gefahren, welche die fernern Fortſchritte derſel⸗ ben nothwendig begleiten mußten, in Schranken ge⸗ halten wurde, und von Seiten des Ritters durch tau⸗ ſend Zweifel und Beſorgniſſe, er moͤchte die ihm von der Lady gegebenen fluͤchtigen Zeichen von Aufmerk⸗ ſamkeit uͤberſchaͤtzt haben, da ſie wie natuͤrlich mit lan⸗ gen Zwiſchenraͤumen von anſcheinender Kaͤlte abwech⸗ ſelten, in denen entweder die Furcht, die Aufmerkſam⸗ keit Anderer zu erregen, und ſo ihrem Liebhaber Ge⸗ fahren zu bereiten, oder die Beſorgniß, ſie moͤchte durch eine zu willige Hingebung in ſeiner Achtung ſinken, ſie bewog, ein gleichguͤltiges Betragen gegen eihn anzunehmen, und ſich zu ſtellen, als ob ſie ſeine Gegenwart gar nicht bemerkte. Dieſe Auseinanderſetzung die vielleicht manchen langweilig erſcheinet, jedoch aber von der Geſchichte erfordert wird, kann zur Erklaͤrung des Einverſtaͤnd⸗ niſſes,—(wenn je eine ſo ſtarke Benennung hier an ih⸗ rem Orte iſt,) dienen, das zwiſchen den Liebenden herrſchte, als Ediths unerwartete Erſcheinung in der Kapelle eine ſo ſtarke Wirkung auf die Gefuͤhle ihres Ritters hervorbrachte. Fuͤnftes K a pitel. Umſonſt die Kobolds hierher ziehn⸗ Gleich zwingt ſie unſer Wort zum Fliehn. Wir treiben mit Euch unſern Spott, % Termagount und Aſchtaroth. Warton. Die tiefſte Stille, die dickſte Finſterniß herrſchte uͤber eine Stunde lang in der Kapelle, in der wir den Ritter vom Leoparden ließen, noch immer knieend, und bald dem Himmel, bald ſeiner Geliebten fuͤr das Gluͤck dankend, das ihm zu Theil geworden war. Seine eigene Sicherheit, ſein eigenes Schickſal, das ihn zu allen Zeiten wenig bekuͤmmerte, hatte in der Wagſchaale ſeiner Gedanken nicht einmal das Gewicht eines Sandkoͤrnchens. Er befand ſich in der Naͤhe der Lady Edith, er hatte Beweiſe von ihrer Gunſt erhal⸗ ten, er befand ſich an einem Orte, der durch Reliquien von der hoͤchſten Heiligkeit geweiht war. Ein chriſt⸗ licher Krieger, ein treuer Liebender konnte nichts fuͤrch⸗ ten, an nichts denken, als an ſeine Pflicht gegen den Himmel, und an ſeine Schuldigkeit gegen ſeine Dame. Nach Verfluß der von uns angegebenen Zeit hoͤrte man ein gellendes Pfeifen, dem aͤhnlich womit ein Fal 1⁰9 konier ſeinen Falken ruft, die gewoͤlbte Kapelle durch⸗ dringen. Es war ein Ton, der nicht fuͤr den Ort paßte, und den Ritter erinnerte, wie nothwendig es fuͤr ihn ſey, auf ſeiner Huth zu ſeyn. Er fuhr von ſeinem Knie auf, und legte die Hand an ſeinen Dolch. Ein knarrender Laut, wie von einer Schraube oder einem Kloben erfolgte; und ein aufwaͤrtsſtroͤmendes Licht, das von einer Oeffnung in dem Fußboden her⸗ zuruͤhren ſchien, zeigte, daß eine Fallthuͤre erhoben oder niedergelaſſen werden war. In weniger als ei⸗ ner Minute erhob ſich ein langer hagerer Arm, der theils nackt, theils in einen Aermel von rothem Sam⸗ met gehuͤllt war, aus der Oeſſnung eine Lampe ſo hoch empor haltend, als es ihm immer nur moͤglich war. Die Geſtalt, welcher der Arm gehoͤrte, ſtieg Tritt fuͤr Tritt bis zur gleichen Flaͤche mit dem Fußboden der Kapelle empor. Die Geſtalt und das Geſicht des We⸗ ſens, das ſo erſchien, zeigten einen ſchrecklichen Zwerg mit einem großen Kopfe, einer phantaſtiſch mit drei Pfauenfedern verzierten Muͤtze, und einem Gewande von rothem Sammet, deſſen Reichthum ſeine Haͤßlichkeit noch ſtaͤrker hervorhob. Seine Arme zierten goldene Armbaͤnder und ſeinen Leib umgab eine weiße ſeidene Schaͤrpe, in der er einen Dolch mit einem goldenen Hefte fuͤhrte. Dieſe ſonderbare Geſtalt hatte in ihrer linken Hand eine Art Beſen. Sobald ſie von der Oeffnung, aus der ſie ſich erhoben hatte, weggetreten war, ſiand ſie ſtill, und bewegte, als wollte ſie ſich 110 deutlicher zeigen, die Lampe langſam uͤber ihr Geſicht und ihre Perſon, und beleuchtete nach und nach ihre wilden und phantaſtiſchen Geſichtszuͤge, und mißgeſtalte⸗ ten aber nervigen Glieder. Obſchon unverhaͤltnißmaͤ⸗ ßig gebaut, war der Zwerg doch nicht ſo verwachſen, daß es ihm an Staͤrke oder Thaͤtigkeit gemangelt haͤtte. Waͤhrend Sir Kenneth dieſen wilden Gegen⸗ ſtand anſtaunte, fiel ihm der Volksglaube in Betreff der Gnomen oder Erdgeiſter bei, die in den Hoͤhlen der Erde wohnen; und ſo ſehr entſprach dieſe Geſtalt ſeinen Ideen von ihrem Ausſehen, daß er mit einem Widerwillen auf dieſelbe hinblickte, der zwar nicht mit Furcht, allein mit jener Art Scheu vermiſcht war, welche die Gegenwart eines uͤbernatuͤrlichen We⸗ ſens ſelbſt in der kraͤftigſten Bruſt erregt. Der Zwerg pfiff wieder, und rief einen Gefaͤhr⸗ ten herauf, der an Haͤßlichkeit mit ihm wetteiferte. Dieſe zweite Geſtalt ſtieg auf dieſelbe Weiſe, wie die erſte, herauf. Allein es war dießmal ein weiblicher Arm, der die Lampe aus dem unterirdiſchen Gewoͤlbe, dem dieſe Geſtalten entſtiegen, emporhielt und eine weibliche Geſtalt, an Koͤrperbau und Ausſehen der er⸗ ſten ſehr aͤhnlich, die ſich langſam aus dem Fußboden erhob. Ihr Kleid, das ebenfalls aus rothem Sammt beſtand, hatte einen hoͤchſt phantaſtiſchen Schnitt, und glich der Tracht von Gauklern und Poſſenreißern, und mit der Genauigkeit ihres Vorgaͤngers hielt ſie ihre Lampe uͤber ihr Geſicht und ihre Perſon, die an 111 Haͤßlichkeit mit der des maͤnnlichen Zwergs zu wett⸗ eifern ſchien. Allein ungeachtet dieſes hoͤchſt mißfaͤl⸗ ligen Aeuſſern gewahrte man in der Geſichtsbildung beyder einen Zug, der einen ſehr hohen Grad von Ver⸗ ſtand und Behendigkeit ausdruͤckte. Dieß zeigte ſich in dem Glanze ihrer Augen, die tief unter ſchwarzen und buſchigen Augenbraunen liegend, ſo lebhaft fun⸗ kelten, daß ſie, gleich dem Glanze im Auge der Kroͤte, die ungemeine Haͤßlichkeit ihrer Geſichtsbildung und Geſtalt einigermaßen zu verguͤten ſchienen. Ritter Kenneth blieb wie feſt gebannt, waͤhrend dieſes unliebenswuͤrdige Paar, das ſich dicht nebenein⸗ ander in der Kapelle umher bewegte, das Geſchaͤft des Ausfegens derſelben, nach Art der Dienſtboten, zu verrichten ſchien; allein da ſie bloß Eine Hand gebrauch⸗ ten, ſo gewann der Fußboden nicht viel durch ihre Bemuͤhungen, die ſie mit den ſeltſamſten, ihrem bi⸗ zarren und fantaſtiſchen Aeußern angemeſſenen, Gri⸗ maſſen begleiteten. Als ſie, im Laufe ihres Geſchaͤf⸗ tes, dem Ritter nahe kamen, hoͤrten ſie auf, ihre Be⸗ ſen zu gebrauchen, ſtellten ſich beide nebeneinander, Sir Kenneth gerade gegenuͤber, und brachten ihre Lampen langſam wieder in eine ſolche Stellung, daß er Geſichtszuͤge, denen eine groͤßere Naͤhe keine hoͤhe⸗ ren Reize verlieh, deutlich uͤberſchauen und die unge⸗ meine Lebhaftigkeit und Schaͤrfe, mit der ihre ſchwar⸗ zen und glaͤnzenden Augen das Licht der Lampen zu⸗ ruͤckſtrahlten, bemerken konnte. Sie wandten hierauf 112 den Schein beider Lichter auf den Ritter, und nach⸗ dem ſie ihn ſorgfaͤltig gemuſtert hatten, kehrten ſie einander das Geſicht zu, und brachen in ein lautes gellendes Gelaͤchter aus, das in ſeinen Ohren nach⸗ hallte. Der Schall war ſo graͤßlich, daß Sir Ken⸗ neth erſchrocken auffuhr, und haſtig im Namen Got⸗ tes fragte, wer diejenigen waͤren, die dieſen heiligen Ort durch ſo ſeltſame Grimaſſen und ein ſo abſcheu⸗ liches Geſchrei entweihten. „Ich bin der Zwerg Nebectamus,“ ſagte die maͤnnliche Mißgeburt, mit einer Stimme, die ſeiner Figur entſprach, und dem Geſchrei des Nachtraben aͤhnlicher war, als irgend ein Laut, der am hellen Tage gehoͤrt wird. 4 „Und ich bin Guenevra, ſeine Frau und Ge⸗ liebte,“ erwiederte die weibliche Figur in noch gellen⸗ deren und wilderen Toͤnen. „Was thut Ihr denn hier,“ fragte der Ritter wieder, noch nicht ganz uͤberzeugt, daß er menſchliche Weſen vor ſich ſah. „Ich bin,“ verſetzte der Zwerg mit angenomme⸗ ner großer Ernſthaftigkeit und Wuͤrde,„der zwoͤlfte Imaum— ich bin Mahommed Mohadi, der Fuͤhrer und Wegweiſer der Glaͤubigen. Hundert Pferde ſte⸗ hen fuͤr mich und mein Gefolge geſattelt in der heili⸗ gen Stadt, und eben ſo viele in der Stadt der Zu⸗ flucht. Ich bin der, welcher Zeugniß geben ſoll, und dieſe iſt eine meiner Houris.“ „Du 113 „Du luͤgſt,“ antwortete das Weib in noch ſchril⸗ lenderen Toͤnen;„ich bin keine von deinen Houris, und du biſt kein ſo unglaͤubiger Auswurf, als der Mahommed, von welchem du ſprichſt. Moͤge mein Fluch auf ſeinem Sarge laſten!— Ich ſage dir, du Eſel von Iſſachar, du biſt Koͤnig Arthur von Britan⸗ nien, den die Feen aus dem Felde Avalon wegſtahlen; und ich bin Dame Gneneyra, beruͤhmt wegen ihrer Schoͤnheit.“ „Aber in Wahrheit, edler Ritter,“ ſagte der Mann,„wir ſind bedraͤngte Fuͤrſten, die unter dem Fluͤgel des Koͤnigs Guy von Jeruſalem wohnten, bis er durch die ſchaͤndlichen Unglaͤubigen— der Donner des Himmels zermalme ſie— aus ſeinem Neſte ver⸗ trieben wurde.“ 4 „Still,“ rief eine Stimme auf der Seite, wo der Ritter eingetreten war—„ſtill ihr Narren, und packt euch; euer Dienſt iſt zu Ende.“ Kaum hatten die Zwerge den Befehl gehoͤrt, als ſie mit mistonendem Geſchnatter ihre Lampen auf einmal ausbließen, und den Ritter in der groͤßten Dunkelhei zurückließen, die, als auch das Gerlapper ihrer Tritte verhallt war, bald von dem geeignetſten ihrer Gefaͤhrten, einer gaͤnzlichen Stille, begleitet ward. Der Nitter betrachtete die Entfernung dieſer un⸗ gluͤcklichen Geſchoͤpfe als eine wirkliche Erleichterung. Er konnte nach ihrer Sprache, ihrem Ausſehen, und W. Scotus Werke. VI. 8 114 ihren Manieren nicht zweifeln, daß ſie zu der herab⸗ gewuͤrdigten Klaſſe von Weſen geboͤrten, welche Haͤß⸗ lichfeit der Geſtalt und Schwaͤche des Verſtandes in die ſchmerzliche Lage brachten, zum Haushalte gro⸗ ßer Familien zu gehoͤren, denen ihre Figur und ihre Schwaͤche Stoff zur Beluſtigung gaben. In keiner Hinſicht uͤber den Ideen und Sitten ſeiner Zeit ſte⸗ hend, wuͤrde der ſchottiſche Ritter durch den Aufzug dieſer armſeligen Bilder der Menſchheit zu einer andern Zeit nicht wenig ergoͤtzt worden ſeyn, allein jetzt unter⸗ brach ihre Erſcheinung, ihre Gebaͤrdung und Sprache die tiefen und feierlichen Gefuͤhle, die ſeine Bruſt erfuͤll⸗ ten, und er freute ſich daher uͤler ihr Verſchwinden. Wenige Minuten nach ihrer Entfernung oͤfnete ſich die Thuͤre, durch welche er hereingekommen war, langſam, und zeigte, da ſie halb offen blieb, ein ſchwaches Licht, das von einer, auf die Schwelle ge⸗ ſtellten, Laterne herkam. Ihr zweifelhafter und mat⸗ ter Schein ließ den Ritter eine dunkle, neben dem Eingange, doch noch außerhalb des Gemachs, hinge⸗ lehnte Geſtalt entdecken, in der er bei groͤßerer An⸗ naͤherung den Einſiedler erkannte, der in derſelben demuͤthigen Stellung dalag, die er anfangs angenom⸗ men, und ohne Zweifel die ganze Zeit uͤber, in der ſich ſein Gaſt in der Kapelle befand, beibehalten hatte. „Alles iſt vorbei,“ ſagte der Einſiedler, als er den Ritter auf ſich zukommen hoͤrte,—„und der Mendene unter den ärdiſchen Suͤndern muß ſich, mit 115 dem, der ſich fuͤr den geehrteſten und gluͤcklichſten un⸗ ter dem Menſchengeſchlechte halten ſollte, von dieſem Orte entfernen. Nimm das Licht, und fuͤhre mich hinab; denn ich mag meine Augen nicht enthuͤllen, bevor ich ferne von dieſer heiligen Staͤtte bin.“ Der ſchottiſche Ritter gehorchte ſchweigend; denn ein feierliches, und ſelbſt bis zur Verzuͤckung geſtet⸗ gertes Gefuͤhl des ſo eben Geſehenen hatte ſelhſt die⸗ ſtarken Regungen der Neugierde eingeſchlaäfert. Er fuͤhrte den Einſiedler mit großer Sorgfalt durch die verſchledenen geheimen Gaͤnge und Treppen, auf denen ſie hinaufgekommen waren, bis ſie ſich endlich in der aͤuſſern Zelle der Einſiedelei befanben. „Der verdammte Verbrecher iſt ſeinem Kerker wiedergegeben, und erhaͤlt von einem elenden Tage zum andern Aufſchub, bis der furchtbare Richter end⸗ lich den wohlverdienten Ausſpruch vollziehen laſſen wird.“ 3 Mit dieſen Worten legte er den Schleier, der. ſeine Augen verhuͤllte, hinweg, und blickte ihn mit ei⸗ nem erſtickten und hohlen Senßzer an. Kaum hatte er ihn wieder an den Ort zuruͤckgelegt, woher ihn der Schotte hatte bringen muͤſſen, ſo rief er ſeinem Ge⸗ fährten haſtig und ernſt zu:—„Geht, geht,— zur Ruhe, zur Ruhe. Ihr werdet ſchlafen wollen;— Ihr koͤnnt ſchlafen;— ich mag und kann nicht.“ Die tiefe Bewegung, womit dieß geſprochen wurde, achtend, zog ſich der Ritter nach der Vnner n Zelle zu⸗ „ 116 ruͤck; allein als er beim Hinaustreten aus der aͤuſ⸗ ſern Grotte zuruͤckblickte, ſo ſah er den Einſiedler mit wahnſinniger Haſt die zottige Decke von ſeinen Schultern ziehen, und ehe er die ſchwache Thuͤre, welche die zwei Gemaͤcher von einander trennte, ſchlie⸗ ßen konnte, hoͤrte er die Geiſelhiebe und das Aechzen des Opfers unter dieſer ſelbſtaufgelegten Buͤßung. Ein kalter Schauder uͤberlief den Ritter, als er be⸗ dachte, wie ſchwer die Suͤnden und wie tief die Ge wiſſensbiſſe ſeyn muͤſſen, die ſich durch eine ſo ſtrenge Buße weder ſuͤhnen noch mildern laſſen. Andaͤchtig betete er ſeinen Roſenkranz und warf ſich auf ſein rauhes Lager nieder, nachdem er einen Blick auf den noch immer ſchlafenden Muſelmann geworfen hatte; und ermuͤdet von den mannigfaltigen Scenen des Tages und der Nacht ſchlief er bald ſo feſt ein, wie ein Kind. Nach ſeinem Erwachen am folgenden Morgen hielt er gewiſſe Berathungen uͤber wichtige Gegen⸗ ſtaͤnde, die ihn noch zwei Tage laͤnger in der Grotte zu bleiben nothigten. Regelmäͤßig verrichtete er, wis es einem Pilger geziemte, ſeine Andachtsuͤbungen; allein in die Kapelle, wo er ſo viele Wunder geſehen hatte, ward er nicht wieder eingelaſſen. —— 112 Sechstes Kapitel. Die Szene wechsle jetzt— das Hüfthorn töne, Denn aus dem Lager muß der Löwe auf. Altes Schauſpiel. Die Scene muß nun wechſeln, wie unſere Auf⸗ ſchrift angekuͤndigt hat, und ſich von der gebirgigen Wildniß des Jordans ins Lager des Koͤnigs Richard von England verlegen, das damahls zwiſchen Jean d'Acre und Ascalon aufgeſchlagen war, und daslenige Heer enthielt, mit welchem ſich Richard Loͤwenherz . einen ſiegreichen Marſch nach Jeruſalem verſprach, was ihm wahrſcheinlich gelungen ſeyn wuͤrde, waͤre er nicht durch die Eiferſucht und Feindſeligkeit der mit dem gleichen unternehmen beſchaͤftigten chriſtlichen Fuͤrſten gehindert worden, die uͤber den unbezaͤhmren Stolz des engliſchen Monarchen und die Verachtung, welche er gegen die, ihm an Nang gleichen, allein an Muth, Kuͤhnheit und kriegeriſchem Talente weit nachſtehenden, Souveraine an den Tag legte, hoͤch⸗ lich erbittert waren. Solche Mißhelligkeiten, und beſonders die zwi⸗ ſchen Richard und Philipp von Frankreich, erzengten Streitigkeiten und Hinderniſſe, welche jede, von dem heldenmuͤthigen, aber ungeſtümmen Richard vorgeſchla⸗ gene kraͤftige Maaßregel hemmten, waͤhrend die Rei⸗ hen der Kreuzfahrer von Tag zu Tag duͤnner wur⸗ 118 den, nicht bloß durch das Entlaufen Einzelner, ſon⸗ dern ſelbſt ganzer Corps unter der Anfuͤhrung ihrer Lehnsherrn, die ſich aus einem Kampfe zuruͤckzo⸗ gen, von dem ſie ſich keine gluͤcklichen Erfolge mehr verſprachen. Die Wirkungen des Himmelſtrichs wurden wie gewoͤhnlich den Soldaten aus dem Norden verderb⸗ lich, um ſo mehr, als die zuͤgelloſe und ausſchweifende Lebensart der Kreuzfahrer, die ſonderbar gegen die Grunbſaͤtze und Abſichten ihrer Bewafſnung abſtach, ſie noch ſchneller zu Opfern des ungunſtigen Einfluß ſes der brennenden Hitze und des kalten Thaues machte. Zu dieſen entmuthigenden Urſachen des Ver⸗ luſtes kam noch das Schwerdt des Feindes. Saladin, deſſen Namen kein anderer in der morgenlaͤndiſchen Geſchichte uͤberſtrahlt, hatte zu ſeinem Nachtheile die Erfahrung gemacht, daß ſeine leicht bewaffneten Krie⸗ ger nicht ſehr im Stande waren, es im nahen Kam⸗ pfe mit den ſtahlbedeckten Franken auszuhalten, und zu gleicher Zeit hatte er auch den unternehmenden Charakter ſeines Gegners Richard fuͤrchten gelernt. Al⸗ lein, wenn ſeine Heere mehr als einmal durch große Nie⸗ derlagen zuſammenſchmolzen, ſo verſchaffte ihm doch ſeine Uebermacht in jenen unbedeutendern Scharmuͤt⸗ zeln, von denen viele unvermeidlich waren, den Vor⸗ theil. Als die Armee ſeiner Angreifer abnahm, wur⸗ den die Unternehmungen des Sultans in dieſer Art des Kriegfuͤhrens zahlreicher und kuͤhner. Das Lager ——— 4 119 der Kreuzfahrer war umgeben und feſt belagert von Wolken leichter Reiterei, welche Weſpenſchwaͤrmen glichen, die, wenn man ſie einmal ergriffem hat, leicht zu erdruͤcken ſind, allein mit Huͤlfe ihrer Fluͤ⸗ gel hoͤherer Staͤrke ausweichen, und mit ihren Sta⸗ cheln Schaden und Unheil anrichten. Beſtaͤndig hat⸗ ten Gefechte mit Vorpoſten und Fouragierern ſtatt, durch die manches ſchaͤtzbare Leben verloren ging⸗ ohne daß ein entſprechender Vortheil gewonnen wurde. Zuſuhren wurden aufgefangen und Verbindungen ab⸗ geſchnitten. Die Kreuzfahrer mußten die Mittel zur Erhaltung ihres Lebens mit dem Leben ſelbſt erkau⸗ fen, und das Waſſer wurde, wie das vom Bronnen zu Bethlehem, nach welchem Koͤnig David ſchmachte⸗ te, damals, wie zuvor, nur durch Blutvergießen er langt. Dieſe Uebel wurden groͤßtentheils durch die ernſte Entſchloſſenheit und raſtloſe Thaͤtigkeit des Koͤnigs Richard aufgewogen, der mit einigen ſeiner beſten Ritter ſtets zu Pferde ſitzend bereit war, nach je⸗ dem Orte zu eilen, wo Gefahr drohte, und oft nicht nur den Chriſten unerwartete Huͤlfe brachte, ſondern auch die ⸗Unglaͤubigen ſchlug, wenn ſie den Sieg ſchon in Haͤnden zu haben glaubten. Allein ſelbſt die eiſerne Natur des Koͤnigs von England konnte nicht ohne Nachtheil die Wechſel des ungeſunden Klimas, in Verbindung mit unaufhoͤrli⸗ chen Anſtrengungen des Geiſtes und Koͤrpers, er⸗ 120 tragen. Er wurde von einem jener ſchleichenden und verzehrenden Fieber, welche Aſien eigenthümlich ſind, befallen, und trotz ſeiner großen Staͤrke und ſeines noch groͤßern Muthes, wurde er zuerſt unfaͤhig, zu Pferde zu ſteigen, und ſpaͤterhin, dem Kriegsrathe heizuwohnen, welchen die Kreuzfahrer von Zeit zu Zeit hielten. Es war ſchwer zu beſtimmen, ob dem engliſchen Monarchen ſein unthaͤtiger Zuſtand durch den Beſchluß des Kriegsrathes, mit dem Sultan Sa⸗ labin einen dreißigtaͤgigen Waffenſtillſtand zu ſchlie⸗ ßen, druͤckender oder ertraͤglicher gemacht wurde; denn wenn er einerſeits uͤber den Aufſchub erzuͤrnt war, den dieſer Umſtand dem Fortſchritte des großen Un⸗ ternehmens in den Weg legte, ſo ward er auf der an⸗ dern Seite durch das Bewußtſeyn etwas getroͤſtet, daß ſich andere keine Lorbeeren erwarben, waͤhrend er unthaͤtig auf dem Krankenbette lag. Was aber Loͤwenherz am wenigſten entſchuldigen konnte, war die allgemeine Unthaͤtigkeit, die in dem Lager der Kreuzfahrer herrſchte, ſobald ſeine Krank⸗ heit ein ernſthaftes Ausſehen annahm; und die Ge⸗ ruͤchte, die er ſeinen Leuten entlockte, ließen ihn mer⸗ ken, daß die Hoffnungen des Heeres im Verhaͤltniß zu ſeiner Krankheit geſunken waren, und daß der Waffenſtillſtand nicht zur Ergaͤnzung ihrer Reihen, zur Wiederbelebung ihres Muthes, zur Naͤhrung ih⸗ res Eroberungsgeiſtes und zur Vorbereitung auf ein ſchleuniges und entſchloſſenes Vorruͤcken nach der hei⸗ 8 121 ligen Stadt,(was der Zweck ihres Zuges war) be⸗ nuͤtzt wurde, ſondern vielmehr zur Deckung des La⸗ gers durch Laufgräben, Palliſaden und andere Befe⸗ ſtigungswerke, als ob ſie ſich nicht ſowohl zur An⸗ nahme des ſtolzen Charakters von Eroberern und An⸗ greifern, als zur Zuruͤckſchlagung eines Angriffs von Seiten maͤchtiger Feinde bereiteten. Der engliſche Koͤnig tobte bei dieſen Berichten wie der gefangene Loͤwe, der ſeine Beute durch die eiſernen Staͤbe ſeines Käfigs erblickt. Von Natur raſch und ungeſtuͤmm, zehrte die Reizbarkeit ſeines Temperaments ſich ſelbſt auf. Er ward von ſeinen Dienern gefuͤrchtet, und ſelbſt der aͤrztliche Bey⸗ ſtand! ſcheute ſich, das Anſehen anzunehmen, das ein Arzt nothwendig, ſeinem Patienten gegenuͤber, behaupten muß, wenn er dieſem von Nutzen ſeyn will. Ein treuer Baron, der, vielleicht ſeiner ver⸗ wandten Gemuͤthsart wegen, der Perſon des Koͤnigs aufrichtig ergeben war, wagte es allein, ſich zwiſchen den Drachen und ſeine Wuth zu ſtellen, und behaup⸗ tete ein ruhiges, aber feſtes Uebergewicht uͤber den gefaͤhrlichen Kranken, das wohl kein anderer auszu⸗ uͤben gewagt haben wuͤrde, und zu dem ſich Thomas de Multon blos deßwegen entſchloſſen hatte, weil er das Leben und die Ehre ſeines Herrn hoͤher anſchlug, als den Grad von Gunſt, den er verlieren, oder die Gefahr, in die er gerathen konnte, wenn er einen —ÿ ꝗꝓ-ÿ 12²² ſo widerſpenſtigen Kranken pflegte, deſſen Mißfallen ſo gefaͤhrlich war. Sir Thomas war Lord von Gilsland, in Eum⸗ berland. Er wurde von den Normaͤnnern Lor) de Vaur und im Engliſchen von den Sachſen, die an ihrer Mutterſprache hingen, und ſtolz auf den An⸗ theil ſaͤchſiſchen Blutes waren, das in den Adern die⸗ ſes berühmten Kriegers rellte, Thomas, oder ver⸗ traulicher, Thom von Gills oder Narrow⸗Valley genannt, wovon ſeine ausgedehnten Beſitzungen ihre wohlbekannte Benennung ableiteren. Dieſer Krieger hatte faſt in allen Kriegen mit⸗ gekaͤmpft, die entweder zwiſchen England und Schott⸗ land, oder unter den verſchiedenen einheimiſchen Par⸗ theyen gefuͤhrt wurden, und in allen hatte er ſich ſowohl durch ſeine kriegeriſchen Talente als durch ſeinen perſönlichen Muth ausgezeichnet. Er war in andern Hinſichten ein rauher Soldat, plump und ſorglos in ſeinem Betragen, verſchloſſen, ja faſt muͤrriſch im ge⸗ ſellſchaftlichen Kreiſe und, wie es ſchien, ganz unbe⸗ kannt mit Hoͤflichkeit und feiner Lebensart. Es gab jedoch Leute, die tiefer in ſeinen Charakter einge⸗ drungen ſeyn wollten. Dieſe behaupteten, der Lord de Vaur ſey nicht weniger ſchlau und hochſtrebend, als plump und kuͤhn, und glaubten, daß, indem er die Dreiſtheit und Kuͤhnheit im Charakter des Koöͤ⸗ nigs nachahme, dieß wenigſtens einigermaßen in der Abſicht geſchehe, ſeine Gunſt zu begruͤnden, und ſo 123 ſeine weit ausgeſponnenen ehrgeizigen Plane zu be⸗ ſoͤrdern. Niemanden kam es in den Sinn, ſeine Ent⸗ wuͤrfe, wenn er ſolche hatte, dadurch zu ſtoren, daß er mit ihm um die gefaͤhrliche Beſchaͤftigung buhlte, taͤglich das Krankenbett eines Patienten zu bewachen, deſſen Krankheit fuͤr anſteckend erklaͤrt worden war; vorzuͤglich aber, wenn er bedachte, daß der Kranke Richarb Loͤwenherz war, der unter der ganzen wuͤ⸗ thenden Ungeduld eines von der Schlacht zuruͤckge⸗ haltenen Kriegers, und eines in der Ausuͤbung ſei⸗ ner Gewalt gehemmten Fuͤrſten litt. Die gemneinen Solbaten, wenigſtens beim engliſchen Heere, waren im Allgemeinen der Meinung, de Vaux pflege den Koͤnig wie ein Kamerad den Kameraden, mit der redlichen und uneigennuͤtzigen Offenheit einer zwi⸗ chen Kriegern und Theilnehmern taͤglicher Gefahren geſchloſſenen Freundſchaft. Es war am Abende eines ſyriſchen Tages, als Richard auf ſeinem Krankenbette lag, das ſein Geiſt eben ſo ſehr verwuͤnſchte, als ſeine Krankheit daſſelbe ſeinem Koͤrper beſchwerlich machte. Sein helles blaues Auge, das zu allen Zeiten einen ungemein lebhaften Glanz hatte, zeigte eine durch Fieber und Ungeduld geſteigerte Lebhaftigkeit, und ſtrahlte unter den gekraͤu⸗ ſelten und unbeſchnittenen Locken gelben Haars ſo glaͤn⸗ zend und lebhaft hervor, als die letzten Strahlen der Sonne durch die Wolken eines herannahenden Gewit⸗ terſturms ſchießen, die jedoch von ihrem Schimmer 124 noch vergoldet werden. Seine maͤnnlichen Geſichtszuͤge verriethen die Fortſchritte der verheerenden Krankheit, und ſein vernachlaͤſſigter und unaufgeſtutzter Bart hatte Lippen und Kinn uͤberwachſen. Er warf ſich von einer Seite zur andern, zog die Decke in dieſem Augenblicke an ſich, und ſtieß ſie in dem naͤchſten eben ſo ungedul⸗ dig von ſich, ſo daß ſein zerruͤttetes Lager und ſeine ungeduldigen Geberden zugleich die Energie und die raſtloſe Ungeduld einer Gemuͤthsart zeigten, deren na⸗ tuͤrliche Sphaͤre die der thaͤtigſten Anſtrengung war. Neben ſeinem Lager ſtand Thomas de Vaux, an Geſicht, Haltung und Benehmen der ſtaͤrkſte Contraſt gegen den kranken Monarchen. Seine Leibesgroͤße naͤ⸗ herte ſich dem Rieſenhaften, und ſein dickes Haar haͤtte mit dem Haare Simſons verglichen werden koͤnnen, jedoch nur nachdem die Locken des israelitiſchen Helden unter die Scheere der Philiſter gekommen waren; denn de Vauv's Locken waren kurz beſchnitten, um von ſeinem Helme bedeckt werden zu koͤnnen. Das Licht ſeines hellen, großen, nußbraunen Auges glich dem des Herbſtmorgens, und es wurde nur auf einen Augen⸗ blick getruͤbt, wenn es auf Richards heftige Unruhe und Gemuͤthsbewegung blickte. Seine Geſichtszuͤge, die nicht minder plump waren als ſeine Perſon, mochten ſchoͤn geweſen ſeyn, ehe ſie durch Narben entſtellt wur⸗ den; ſeine Oberlippe war, nach der Sitte der Nor⸗ manen, mit einem dicken Knebelbarte bedeckt, der ſo lang und uͤppig wuchs, daß er ſich mit ſeinem Haupt⸗ — — 125* haare vermengte; gleich dem letztern war er ſchwarz⸗ braun und nur leicht grau gefleckt. Sein Koͤrperbau ſchien zu jener Gattung zu gehoͤren, die am leichteſten den Beſchwerden und dem Klima trotzt; denn er hatte duͤnne Seiten, eine breite Bruſt, lange Arme, gute Lungen und ſtarke Gliedmaßen. Sein buffelledernes Wamms, welches das Kreuz auf der Schulter zeigte, hatte er ſeit mehr als drey Naͤchten nicht abgelegt; denn er genoß nur die voruͤbergehende Ruhe, die der Waͤrter eines kranken Monarchen gleichſam nur im Fluge erhaſchen kann. Er veraͤnderte ſelten ſeine Stel⸗ lung, außer wenn er dem Koͤnige Arzney oder Erfri⸗ ſchungen reichte, die zu nehmen den ungeduldigen Mo⸗ narchen keiner ſeiner minder beguͤnſtigten Diener be⸗ reden konnte; und es lag etwas Ruͤhrendes in der freund⸗ lichen, doch aber unbeholfenen Art, auf welche er Ge⸗ ſchaͤfte verrichtete, die ſo ſtark gegen ſeine plumpen krie⸗ geriſchen Sitten und Gewohnheiten abſtachen. Das Zelt, in welchem ſich dieſe Perſonen befanden, trug, wie es ſich ſowohl fuͤr die Zeitumſtaͤnde als auch fuͤr Richards perſonlichen Charakter ſchickte, mehr ein krie⸗ geriſches, als aufwandvolles und koͤnigliches Gepraͤge. Angriffs⸗ und Vertheidigungs⸗ Waffen, von denen viele auf eine ſeltſame und neue Art verfertigt waren, lagen in dem Zelte umher, oder hiengen an den Pfeilern, die daſſelbe trugen; Felle auf der Jagd erlegter Thiere wa⸗ ren auf dem Bonen oder an den Seiten des Gezelts ausgebreltet, und auf einem Haufen dieſer Beute des Waldes lagen drey ſogenannte Alane(Wolfswindhun⸗ de) von der groͤßten Gattung, und ſo weiß wie Schnee. Ihr mit mancher Narbe von Klauen und Hauern be⸗ zeichnetes Geſicht verrieth ihren Antheil an der Erwer⸗ bung der Trophaͤen, auf welchen ſie ausruhten, und ihre von Zeit zu Zeit mit einem ausdrucksvollen Gaͤhnen auf das Bett Richards gehefteten Augen zeigten ihre Verwunderung und ihren Verdruß uͤber die ungewohnte Unthaͤtigkeit, die ſie mit ihrem Gebieter theilen mußten. Dieß war bloß, was der Krieger und Jaͤger bedurfte; allein auf einem kleinen Tiſche, nahe bey dem Bett, lag ein ſtaͤhlerner und dreieckiger Schild mit den drey ſchrei⸗ tenden Loͤwen, die der ritterliche Monarch zuerſt ange⸗ nommen hatte, und vor ihm der goldene Ring, der ziemlich einer Herzogskrone glich, vorn jedoch hoͤher war, als hinten, und mit der purpurſammetnen und geſtickten Tiara geſchmuͤckt damals das Sinnbild der Souverainitaͤt Englands bildete. Daneben lag, gleich⸗ ſam zur Vertheidigung des koͤniglichen Symbols, eine gewaltige Streitart, die den Arm eines Jeden, den des Richard Loͤwenherz ausgenommen, ermuͤden mußte. In einer aͤußern Abtheilung des Zeltes befanden ſich zwey oder drey Ofſiziere vom koͤniglichen Hofſtaate, die traurig und niedergeſchlagen, und wegen des Ge⸗ ſundheitszuſtandes ihres Gebieters, ſo wie wegen ihrer eigenen Sicherheft, im Falle eines Ablebens, tief be⸗ kummert waren Ihre truͤben Deſorgniſſe theilten ſich —— 127 den draußen ſtehenden Wachen mit, die, in trauriges Nachdenken verloren, ſchweigend umherſchritten, oder, auf ihre Hellebarden geſtuͤtzt, regungslos auf ihren Po⸗ ſten ſtanden, mehr bewafſneten Trophaͤen, als lebenden Kriegern aͤhnlich. „So haſt du mir keine beſſern Nachrichten von draußen zu uͤberbringen, Sir Thomas“ ſagte der Ko⸗ nig, nach einem langen und unruhigen Schweigen, das er bey der fieberhaften Bewegung, die wir oben zu be⸗ ſchreiben verſucht haben, beobachtet hatte. „Alle unſere Ritter ſind zu Weibern, und unſere Damen zu Betſchweſtern geworden, und nirgends ein Funke von Tapferkeit und Galanterie, um ein Lager zu erhellen, das den Kern der europaͤiſchen Ritterſchaft enthaͤlt!— ha!“ „Der Waffenſtillſtand, mein Gebieter,“ ſagte de Vaux mit derſelben Geduld, womit er ſchon mehr als zwanzigmal dieſe Erklaͤrung wiederholt hatte—„der Waffenſtillſtand haͤlt uns ab, uns als Maͤnner und Krieger zu betragen; und was die Damen betrifſt, ſo bin ich, wie Eure Majeſtaͤt wohl wiſſen, kein großer Freund von Luſtbarkeiten, und vertauſche ſelten Stahl und Buͤffelleder gegen Sammct und Gold— aber ſo viel weiß ich, daß unſere auserleſenſten Schoͤnheiten die Köͤ⸗ niginn Majeſtaͤt und die Prinzeſſinn auf einer Pilger⸗ fahrt nach dem Kloſter von Engaddi begleiten, um ihr —— V 128 Geluͤbde fuͤr die Befreyung Ihrer Hoheit von dieſer Krankheit zu erfuͤllen.“ „Und iſt es an dem“ ſagte Richard ungeduldig, „daß koͤnigliche Matronen und Maͤdchen ſich da in Ge⸗ fahr begeben, wo die Hunde, die das Land beflecken, eben ſo wenig Treue gegen Menſchen, als Glauben ge⸗ gen Gott zeigen.“ „Mein Gebieter“ ſagte de Vaux,„ ſie haben Sa⸗ ladins Wort fuͤr ihre Sicherheit.“ „Wahr, wahr!“ erwiederte Nichard,„ich that dem heydniſchen Sultan Unrecht— ich bin ihm Genug⸗ thuung dafuͤr ſchuldig— wollte Gott, ich waͤre nur im Stande, ſie ihm an meinem Korper zwiſchen den zwey Heeren anzubieten, vor den Augen der Chriſtenheit und des Heydenthums.“ Bey dieſen Worten ſtreckte Richard ſeinen, bis an die Schulter entbloͤßten, rechten Arm aus dem Bette, richtete ſich muͤhſam auf ſeinem Lager empor, ſchuͤttelte ſeine geballte Hand, als ob er das Schwert oder die Streitaxt hielte, und ſie dann uͤber dem, mit Juwelen geſchmuͤckten Turban ſchwenkte. Nicht ohne einige Ge⸗ walt, die der Koͤnig von einem Andern ſchwerlich erdul⸗ det haben wuͤrde, noͤthigte de Vaux, in ſeiner Eigenſchaft als Krankenwaͤrter, ſeinen koͤniglichen Gebieter, ſich wieder ins Bett zuruͤck zu legen, und bedeckte ihm den nervigen Arm, ſo wie Nacken und Schultern mit der — 129 Sorgfalt, die eine Mutter einem ungeduldigen Kinde widmet. „Du biſt ein rauher Krankenwarter, obſchon ein bereitwilliger, de Vaux,“ ſagte der Koͤnig, bitter laͤchelnd, waͤhrend er ſich der Kraft unterwarf, der er nicht zu wiederſtehen vermochte;„ich glaube eine Haube wuͤrde deinem truͤben Geſichte ſo gut ſtehen, als ein Kinder⸗ muͤtzchen dem meinigen. Wir ſollten ein Kind und ein⸗ Amme ſeyn, um die Maͤdchen zu erſchrecken.“ „Wir haben zu unſrer Zeit Maͤnner erſchreckt, mein Lehensherr,“ ſagte de Vaux,„und ich hocfe, wir werden noch ſo lange am Leben bleiben, um ſie noch ein⸗ mal zu erſchrecken. Was iſt ein Fieberanfall, daß wir ihn nicht geduldig ertragen ſollten, um deſſelben bald los zu werden?“— „Fieberanfall!“ rief Richard mit Ungeſtuͤmm aus; du magſt, und zwar mit Recht, glauben, daß bey mir ein Fieberanfall ſtatt hat, allein was iſt es bey allen andern chriſtlichen Fuͤrſten— bey Philipp von Frankreich — bey jenem dummen Oeſterreicher— bey dem von Montſerrat— bey den Hoſpital⸗Rittern— bey den Tempelrittern— was iſt es bey allen dieſen?— ich will es Dir ſagen— es iſt eine kalte Laͤhmung— eine todte Schlafſucht— eine Krankheit, die ihnen Rede und Handlung raubt,— ein Krebs, der alles gefreſ⸗ ſen hat, was edel und ritterlich und tugendhaft unter ihnen iſt— der ſie untren gegen das edelſte Geluͤbde ge macht hat, das Ritter je geſchworen haben!— W. Scott's Werke, VI. 3 9 V 7 13⁰° 3 „Ums Himmels willen, mein Lehensherr,“ ſagte de Vaux,„nicht ſo ungeſtümm— man wird euch drauſ⸗ ſen hoͤren, wo ſolche Neden unter den gemeinen Sol⸗ daten nur zu ſehr ſchon im Umlauſe ſind, und Zwie⸗ tracht und Streit unter dem chriſtlichen Heere erzeugen. Bedenkt, das Eure Krankheit das Haupttriebwerk ih⸗ rer Unternehmung laͤhmt: eher wird eine Steinſchleuder ohne Schraube und Hebel Dienſte thun, als das chriſt⸗ liche Heer ohne Koͤnig Richard etwas ausrichten.“ „Du ſchmeichelſt mir, de Vaux,“ ſagte Richard; und nicht ganz unempfindlich gegen die Macht des Lo⸗ bes, legte er den Kopf auf das Kiſſen zuruͤck, und zeigte einen feſtern Entſchluß auszuruhen, als bisher. Allein Thomas de Vaux war kein Hofmann; der Ausdruck war ihm ungeſucht in den Mund gekommen, und er wußte nun nicht, wie er das gefaͤllige Thema weiter ausſpin⸗ nen ſollte, um die Stimmung, die er erregt hatte, zu verlaͤngern. Er ſchwieg daher, bis der Koͤnig wieder in ſeine duͤſtern Vetrachtungen zuruͤckſank, und ihn in heftigem Tone fragte: „Fuͤrwahr, das ſind ſchoͤne Worte, um einen Kran⸗ ken zu beruhigen, allein verliert ein Monarchenbund, eine Verſammlung von Edeln, ein Verein der ganzen europaͤiſchen Ritterſchaft alle Kraft und Thaͤtigkeit mit der Krankheit eines Einzigen, mag dieſer auch der Kö⸗ nig von England ſeyn? Warum ſollte Richards Krank⸗ heit, oder Richards Tod die Thatkraft von 50,000 Mann laͤhmen, die ſo tapfer find, als er ſelbſt? Wenn der — — 131 Anfuͤhrer der Hirſche zu Boden geworfen iſt, ſo zer⸗ ſtreut ſich die Heerde nicht— wenn der Falke den An⸗ fuͤhrer der Kraniche erlegt hat, ſo uͤbernimmt ein an⸗ derer die Leitung der Schaar.— Warum treten die Maͤchte nicht zuſammen, und erwaͤhlen irgend Einen, dem ſie den Oberbefehl uͤber das Heer anvertrauen koͤn⸗ nen?“ „Erlauben Eure Majeſtaͤt,“ ſagte de VYaux,„wie ich hoͤre, haben die koͤniglichen Anfuͤhrer in einer ſolchen Abſicht gehalten.“ „Ha!“ rief Richard aus, deſſen erwachte Eiferſucht ſeiner Erbitterung eine andere Richtung gab—„bin ich von meinen Bundsgenoſſen vergeſſen, ehe ich das letzte Sacrament genommen habe? Halten ſie mich ſchon fuͤr todt?— Aber nein, nein, ſie haben recht,— und wen waͤhlen ſie zum Anfuͤhrer des chriſtlichen Heeres?— „Nang und Wuͤrde,“ ſagte de Vaux,„„weiſen auf den Koͤnig von Frankreich.“ „O ja!“ antwortete der engliſche Monarch,„Phi⸗ lipp von Frankreich und Navarra— Dennis Montioie — Seine allerchriſtliche Majeſtaͤt— welche bedeutungs⸗ vollen Worte! Nur eine Gefahr moͤchte zu fuͤrchten ſeyn — er koͤnnte vielleicht die Worte en arrièére und en avant mit einander verwechſeln, und uns nach Paris, ſtatt nach Jeruſalem, fuͤhren. Sein politiſcher Kopf hat einſehen gelernt, daß ſich durch die Unter⸗ druͤckung ſeiner Lehensleute und die Pluͤnderung ſeiner Verbuͤndeten mehr gewinnen laͤßt, als durch den Kampf mit den Tuͤrken um das heilige Grab.“ Berathungen 132 „Sie koͤnnten den Erzherzog von Oeſterreich waͤhlen,“ fagte de Vaux. „Wasl! weil er fett und plump iſt, wie Du, Tho⸗ mas— faſt eben ſo dickkoͤpfig, doch nicht ſo gleichguͤltig gegen Gefahren und Beleidigungen? Ich ſage Dir, daß Oeſterreich an dieſer ganzen Fleiſchmaſſe nichts Muthi⸗ geres und Lebendigeres beſitzt, als was die Graͤmlich⸗ keit der Weſpe, und der Muth eines Zaunkoͤnigs gewaͤh⸗ ren kann. Fort mit ihm!— Er ein Fuͤhrer der Rit. terſchaft zu ruhmvollen Thaten!— Gebt ihm eine Fla⸗ ſche Rheinwein, um ſie mit ſeinen ſchmutzigen Baͤren⸗ haͤutern und Lanzenknechten zu leeren.“ „Da iſt der Großmeiſter der Tempelritter,“ fuhr der Baron fort, nicht ungerne die Aufmerkſamkeit ſei⸗ nes Herrn von ſeiner Krankheit auf andere Gegenſtaͤnde hinlenkend, obſchon auf Koſten des Charakters von Fuͤr⸗ ſten und Potentaten—„da iſt der Großmeiſter der Tempelherren,“ fuhr er fort,„unerſchrocken, einſichts⸗ voll und tapfer in der Schlacht und weiſe im Nathe; auch hat er keine beſondern Koͤnigreiche, die ihn von ſeinen Bemuͤhungen zur Eroberung des heiligen Landes abhalten koͤnnten.— Was halten Eure Majeſtaͤt von dem Großmeiſter, als einem allgemeinen Anfuͤhrer des chriſtlichen Heeres?“ „Ha, Beau⸗Seant!“ entgegnete der Koͤnig. „O gegen Bruder Giles Amaury kann nichts eingewen⸗ det werden— er verſteht ſich auf die Anordnung einer Schlacht, und weiß in der Fronte zu fechten, weun ſie ————ᷓꝑ 133 beginnt. Aber, Sir Thomas, waͤre es wohl raͤthlich, dem heydniſchen Saladin, der alle Tugenden beſitzt, durch die ſich ein nichtchriſtlicher Menſch auszeichnen kann, das heilige Land zu nehmen, und es dem Giles Amaury zu geben, einem noch aͤrgern Heyden, als er ſelbſt,— einem Goͤtzendiener— einem Teufelsanbeter— einem Schwarzkuͤnſtler, der die unnatuͤrlichſten und ſcheußlich⸗ ſten Verbrechen in den Gewoͤlben und an den geheimen Oertern des Abſcheu's und der Finſterniß veruͤbt.“ „Der Ruf des Großmeiſters der Hoſpitalritter des heil. Johannes zu Jeruſalem iſt weder durch Ketzerey noch Zauberey befleckt,“ ſagte Thomas de Vaux. „„Allein iſt er nicht ein ſchmutziger Filz!“ ſagte Richard haſtig;„ſtand er nicht im Verdachte— ja mehr als im Verdachte— den Unglaͤubigen die Vortheile ver⸗ kauft zu haben, die ſie nie durch Waffengewalt errun⸗ gen haben wuͤrden?— Pah! Freund, beſſer waͤre es, die Armee an venetianiſche Schiffer und lombardiſche Kruͤmer zu verhandeln, als ſie dem Großmeiſter des heil. Johannes anzuvertrauen.“ „Wohl denn; ich will nur noch Eine Muthmaßung wagen,“ ſagte der Baron de Vaux.—„Was ſagt Ihr zu dem tapfern Marquis von Montſerrat, der ſo weiſe, ſo elegant und ein ſo guter Krieger iſt?“— „Weiſe!— verſchlagen,— haͤttet Ihr ſagen ſollen,“ erwiederte Richard;„elegant im Kabinette einer Dame, wenn Ihr wollt. Ja! Conrad von Montſerrat, wer kennt nicht den Papagay? Poaltiſch und wandelbar, wird 134 er Euch ſeine Vorſaͤtze ſo oft veraͤndern, als die Zier⸗ rathen ſeiner Weſte, und Ihr werdet nie im Stande feyn, die Farbe ſeiner innern Gewaͤnder aus ihrem aͤuf⸗ ſern Ausſehen zu errathen. Ein Krieger! Ja, eine ſchoͤne Geſtalt zu Pferde, und er kann ſich ziemlich wak⸗ ker auf dem Turnierplatze und in den Schranken be⸗ nehmen, wenn die Schwerdter an der Spitze und Schneide ſtumpf gemacht ſind und die Speere hoͤlzerne nicht aber ſtaͤhlerne Spitzen haben. Warſt du nicht bey mir, als ich zu eben dieſem zierlichen Marquis ſagte:„„hier ſind wir, drey gute Chriſten, und auf jener Ebene dort reitet eine Horde von etwa ſechszig Saracenen; wie, wenn wir ſie raſch angriffen? Es kommen blos zwanzig Unglaͤubige auf jeden aͤchten Ritter?““ „So viel ich mich erinnere,“ ſagte de Vaux,„ant⸗ wortete der Marquis, ſeine Glieder ſeyen von Fleiſch, und nicht von Thon, und er wolle lieber das Herz ei⸗ nes Menſchen, als einer Beſtie, wenn auch dieſe Beſtie der Loͤwe waͤre. Aber ich ſehe, wie ſich die Sache ver⸗ haͤlt, wir werden enden, wie wir begonnen haben, und der Hoffnung, an dem heiligen Grabe zu beten, entſa⸗ gen muͤſſen, bis der Himmel dem Koͤnige Richard ſeine Geſundheit wieder geſchenkt hat.“ 1 3 Bey dieſer ernſten Bemerkung brach Richard in ein herzliches Gelaͤchter aus, das erſte, dem er ſich ſeit einiger Zeit uͤberlaſſen hatte.„Was iſt es doch für eine ſonderbare Sache uen das Gewiſſen, daß ein ſo plumpwitziger nordi⸗ ſcher Lord, wie Du biſt, vermittelſt deſſelben ſeinen Fuͤr⸗ —— 135 7 ſten zum Geſtaͤndniß ſeiner Thorheit bringen kann. Wahr iſt es, hielten ſie ſich nicht fuͤr faͤhig, meinen Herr⸗ ſcherſtab zu fuͤhren, ſo wuͤrde es ineine geringſte Sorge ſeyn, den Puppen, welche du mir nach der Reihe vor⸗ gefuͤhrt haſt, die ſeidenen Zierrathen abzureißen. Was eht es mich an, in was fuͤr feinen Flittergewaͤndern e einherſtolziren, wenn ſie nur nicht als Nebeubuhler in dem glorreichen Unternehmen, dem ich mich geweiht habe, genannt werden? Ja, de Vaux, ich bekenne meine Schwachheit und die Hartnaͤckigkeit meines Ehrgeizes. Das chriſtliche Lager enthaͤlt ohne Zweifel manchen beſ⸗ ſern Streiter als Richard von England, und es waͤre weiſe und lobenswerth, dem Beſten von ihnen den Oberbefehl uͤber das Heer anzuvertrauen.—„Aber,“ fuhr der kriegeriſche Monarch fort, ſich in ſeinem Bette erhebend, und die Decke von ſeinem Kopfe ſchuͤttelnd, waͤhrend ſeine Augen funkelten, wie am Vorabende ei⸗ ner Schlacht,„wuͤrde ein ſolcher Ritter das Banner des Kreuzes auf dem Tempel von Jeruſalem aufpflan⸗ zen, waͤhrend ich nicht im Stande waͤre, das Meinige zu dem edlen Werke beyzutragen, ſo wuͤrde ich ihn, ſo⸗ bald ich meine Lanze einlegen koͤnnte, zum Kampfe auf Leben und Tod fordern, deßwegen, weil er meinen Ruhm geſchmaͤlert haͤtte, und meinem Vorhaben zu⸗ vorgekommen waͤre. Allein horch! was ſind das fuͤr Trompeten, die in der Naͤhe ſchmettern?“ „Die des Königs Philipp, wie ich vermuthe, mein Lehensherr,“ autwortete der handfeſte Englaͤnder. „Du biſt dickohrig, Thomas,“ ſagte der Koͤnig, indem er aufzuſpringen verſüchte,„hoͤrſt du das Geraſ⸗ ſel nicht? Beym Himmel, die Tuͤrken ſind im Lager. 77 Ich hoͤre ihr Kriegsgeſchrey! Wiederum verſuchte er, aus dem Bette zu entkom⸗ men, und de Vaux ſah ſich genothigt, ſeiner ganzen großen Kraft aufzubieten, und auch noch die Huͤlfe der Kammerdiener, die ſich im innern Zelte befanden, in Anſpruch zu nehmen, um ihn zuruͤck zu halten. 135 „Du biſt ein falſcher Verraͤther!“ ſagte der empoͤrte Monarch, als er, athemlos und erſchoͤpft, ſich gezwun⸗ gen ſah, einer groͤßern Macht zu weichen, und ruhig auf ſein Lager niederzuliegen.„Ich wollte, ich waͤre — ich wollte, ich waͤre ſtark genus, um Dir mit mei⸗ ner Streitart die Hirnſchaale zu zerſchmettern.“ „Ich wuͤnſchte, Ihr haͤttet die Kraft, mein Lehns⸗ herr, ſagte de Vaux, und ich wollte mich ſodann ſelbſt der Gefahr ausſetzen, ſie ſo angewendet zu ſehen. Hoͤchſt vortheilhaft wuͤrde es fuͤr die Chriſtenheit ſeyn, wenn Thomas Multon todt und Richard Lowenherz wieder er ſelbſt waͤre!“ „Mein ehrlicher, treuer Diener!“ rief Richard aus, ſeine Hand ausſtreckend, die Richavd ehrfurchtsvoll kußte, „Verzeihe Deinem Herrn ſeine Heftigkeit, das bren⸗ nende Fieber iſt es, das Dich ſchilt, nicht aber Dein guͤtiger Herr, Richard von England. Aber gehe, ich bitte Dich, und benachrichtige mich, was fuͤr Fremde in dem Lager ſind. Denn jene Toͤne gehoͤren nicht der Chriſtenheit an.“ De Vaux verließ, den erhaltenen Auftrag zu er⸗ füllen, das Zelt, und waͤhrend ſeiner Abweſenheit, die ſeiner Abſicht nach nur von kurzer Dauer ſeyn ſollte, be⸗ fahl er den Pagen und Dienern des Kammerherrn, ihre Aufmerkſamkeit auf ihren Gebieter zu verdoppeln und drohte ihnen, ſie zur Verantwortung zu ziehen, was ihre aͤngſtliche Furchtſamkeit bey der Erfullung ihrer Pflicht mehr vergroͤßerte, als verminderte; denn naͤchſt dem Zorne des Mongrchen fuͤrchteten ſie vielleicht den ſtrengen und unerbittlichen Lord von Gilsland am meiſten. V b