Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von** Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von m Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme s Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe kerlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— r wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —ꝓ———— auf 1 Monat: 1 e— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mek.— Pf. ſſtgeſetzt und n G Wektrue eih en darf, indem Diejenigen, welche d zu ſtehen haben. — ——————— 2—— 5— 8 8 Proteſtantiſche Jeſuiten. Hiſtoriſcher Roman von Jouiſe MRühlbach. Vierter Band. 38b E Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1874. Erſtes Kapitel. Die Nemeſis. Drinnen in ſeinem Gemache iſt der Geheimrath von Tzſchoppe wieder allein geblieben, allein mit ſeiner Erinnerung und mit ſeiner Qual. Er geht haſtig im Zimmer auf und ab, und zuweilen dringt es wie ein lautes Geſtöhn aus ſeiner Bruſt hervor. Ja, die Welt verſpottet und verhöhnt ihn jetzt erzählt ſich jetzt von dem, was er gethan. Einſt ward es ihm zum Ver⸗ dienſte angerechnet, jetzt zum Verbrechen! Und ſie ſind Alle frei, Alle, die er ins Gefängniß gebracht hat, und die nicht darin geſtorben, ſind jetzt wie⸗ der frei, begnadigt durch den König, und Rochow wird gewiß Recht gehabt haben, ſie werden kommen, Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. IV. 1 —— 2 ihn zu faſſen, ſie werden ihn in das Verderben ſtür⸗ zen, ſie werden ihn verbrennen. Er will fliehen, fliehen, und er rennt vorwärts in ſeiner Verwirrung, gerade nach der Wand hin, 28 drüben, wo die Schränke mit den Büchern ſtehen. Da tappt er umher. Da iſt keine Thür! Großer Gott, er iſt ſchon gefangen! Er iſt ſchon im Gefängniſſe! b Es iſt keine Thür, wo er hinaus und entfliehen könnte. Er tappt immer umher und ſucht die Thür. Da! Ein Geräuſch! Da knarrt es hinter ihm, er wendet ſich entſetzt um. Ach, er hat ſich nur geirrt in der Rich⸗ tung; da drüben iſt die Thür ja, und da ſteht ſeine Frau und ſieht ihn an mit freundlichem Geſicht, und er athmet auf und murmelt leiſe:„Gott ſei Dank, daß Du da biſt, Du erlöſeſt mich! Ich war von einem Traume umnebelt, und im Traume war es mir, als ſei ich gefangen! Gott ſei Dank, Du haſt mich erlöſt und befreit.“ Er iſt auf den Lehnſtuhl niedergeſunken und ſie tritt zu ihm und ſtreichelt mit ſanfter Hand ſeine 5 Wangen und ſieht zu ihm nieder mit einem traurigen, wehmuthsvollen Blick. „Armer Mann! Ich weiß, daß Du ſchlimme— Träume haſt; Du ſprichſt oft im Schlaf und jammerſt und klagſt um Deine Vergangenheit. Weißt Du noch, 3 wie oft ich Dich gewarnt, wie oft ich um Mitleid, um Erbarmen gefleht? Aber Du wollteſt mich nicht hören! Armer Mann!“ „Auch Du, Emilie, auch Du kommſt, um mich anzuklagen?“ „Nein“, ſagte ſie ſanft.„Nein, ich kam nur, um Dir zu ſagen, daß es Zeit iſt, in die Geſellſchaft zu gehen. Wir haben es doch verſprochen, daß wir heute zu dem Geheimrath von Werther gehen wollen.“ „Ja, wir wollen es“, ſagte er aufſtehend;„es wird eine Zerſtreuung ſein, und die Leute werden ſehen, daß ich mich nicht vor ihnen fürchte, daß ich mich in meinem Rechte fühle. Ja, Du haſt Recht, Emilie, wir wollen in die Geſellſchaft gehen.“ „Ich habe Dir ſchon Alles hingelegt“, ſagte ſie ſanft.„Gehe nur in Dein Schlafzimmer, da liegt ſchon der Frack und die weiße Halsbinde bereit.“ „Ich danke Dir, Emilie. Ach, Du ſorgſt ſo gut für mich; ich will es Dir auch danken mein Leben lang. Ich glaube, Emilie, ich war oft hart und un⸗ freundlich gegen Dich. Sage, war ich es nicht?“ Er ſieht ſie mit angſtvollen Blicken an und faßt mit zitternder Hand nach der ihren. Sie entzieht ſie ihm leiſe und wendet den Blick zur Seite. 1* 4 „Du ſiehſt mich nicht an, Emilie? Nicht wahr, ich war oft hart gegen Dich und unfreundlich?“ „Ja“, ſagte ſie leiſe.„Aber es iſt jetzt vergeſſen, ich werde meiner Pflicht eingedenk bleiben! Ich habe Dir vor dem Altar Gottes gelobt, treu zu Dir zu halten bis zum Tode.“ „Warum ſprichſt Du vom Tode?“ unterbricht er ſie.„Ich bin ja geſund! Ich fürchte nichts! Ich will von nun an beſſer zu Dir ſein, Emilie; ich will Dir danken, daß Du jetzt ſo gut und freundlich biſt, obwol ich es nicht immer zu Dir war. Ja, ich will mich beſſern, in allen Dingen mich beſſern! Aber jetzt willl ich mich ankleiden zur Geſellſchaft und die weiße Halsbinde umlegen und den Frack anziehen. Du haſt doch alle Orden anheften laſſen?“ „Nein, nicht alle.“ „Gib mir alle Orden, Emilie. Sie ſollen ſehen, daß ich noch immer ein angeſehener Mann bin, der von allen deutſchen Fürſten Orden empfangen hat, weil er bei allen angeſehen iſt!“ Er begab ſich in ſein Schlafgemach und legte die weiße Halsbinde um und zog den Frack an, an wel⸗ chen ihm Emilie noch vier andere Ordenskreuze und Sterne anheften mußte. Es iſt wahr, alle deutſchen Fürſten haben dem — 1 8 5 Herrn Geheimrath von Tzſchoppe ihre Orden verliehen. Sie haben ihn damit belohnt für die Demagogenhetze, die Niemand ſo ſehr verſtanden hat, als er. Mit allen ſeinen Orden tritt der Herr Geheimrath von Tzſchoppe, ſeine Frau am Arme führend, eine Stunde darauf in den Geſellſchaftsſalon des Herrn Geheimrathes von Werther ein. Das war ſonſt ein ſehr guter Freund von ihm. Er hat ihn immer bewundert und belobt um ſeiner Thätigkeit, ſeiner unermüdlichen Verfolgung der Feinde des Vaterlandes willen; er iſt unerſchöpflich geweſen in Verſicherungen ſeiner Freundſchaft, und er dankt es dem Herrn von Tzſchoppe, daß aus dem Regiſtrator ſo nach und nach ein Hofrath und dann ein Geheimer Hofrath geworden, der jetzt ſich kurzweg Geheimrath nennen und große Geſellſchaften geben kann, weil er, Dank dem Geheimrath von Tzſchoppe, ein ſehr gro⸗ ßes Gehalt bezieht. Doch dünkt es den Herrn von Tzſchoppe, als wenn der Herr Geheimrath von ſeiner Facon heute gar nicht ſo verbindlich und eilig wie ſonſt ihm entgegentrete und gar nicht mehr ſo freund⸗ liche Verſicherungen ſeiner Anhänglichkeit für ihn habe. Es dünkt ihn, als ob der Herr Geheimrath von Wer⸗ ther ihm recht langſam entgegenkomme. Er ſcheint gar nicht zu ſehen, daß ihm der Herr von Tzſchoppe die 6 Hand entgegenſtreckt, ſondern er begrüßt ihn nur mit ceremoniellem Neigen des Hauptes und wendet ſich dann von ihm zu einem Anderen hin, mit dem er viel⸗ leicht eben im Geſpräche begriffen war. Es kommt dem Herrn von Tzſchoppe überhaupt ſo vor, als ob er recht einſam ſei, trotzdem es eine große Geſellſchaft iſt, die um ihn her ſich bewegt. Sonſt war er immer der Mittelpunkt eines Kreiſes vornehmer und ange⸗ ſehener Herren, ſonſt— ja das war zu den Zeiten des hochſeligen Königs, und dies iſt heute die erſte große Geſellſchaft ſeit dem Antritt des neuen Königs, in welcher Herr von Tzſchoppe erſcheint. Er ſieht, die Geſellſchaft iſt eine andere geworden, wie auch der König ein anderer geworden iſt. Er bleibt allein. Plaudernde Gruppen ſtehen rings um ihn her; aber ſeltſam: wenn er ſich ihnen nähert, ſchweigen die Herren, und Einer nach dem Anderen entfernt ſich, und er ſteht wieder allein. Es wird ihm unheimlich und er rettet ſich gleichſam in eine Fenſterniſche; da duckt er ſich hin⸗ ter den ſeidenen Vorhängen und ſchaut hervor auf die glänzende Geſellſchaft. Niemand ſcheint ihn zu vermiſſen, Niemand ſich ſeiner Anweſenheit zu erin⸗ nern. Die Herren ſtehen in Gruppen plaudernd um⸗ her oder nähern ſich dem Kreiſe der Damen dort drü⸗ 17 ben und ſprechen verbindlich und angelegentlich mit denſelben. Da ſitzt ſeine Frau. Seltſam, mit ihr ſpricht Keiner, und mitten in dem großen Kreiſe der Damen ſcheint ſie ganz allein zu ſein. Er ſieht es an ihrem Geſichte, daß ſie ſich unheimlich fühlt. Sie hat die Augen niedergeſchlagen, ihre Wange iſt bleich und es zuckt ſchmerzlich um ihre zuſammengepreßten Lippen. Sonſt beeiferten ſich alle Frauen um die Frau Geheimräthin von Tzſchoppe; jetzt— es ſchauert ihn, er zieht ſich tiefer in die Fenſterniſche zurück, er möchte ſich verkriechen wie eine Maus. Da tritt eine hohe Geſtalt an die Fenſterniſche heran, ein Herr aus der Geſellſchaft, welcher ſich nach langem Geſpräche vielleicht einen Augenblick erholen, von der Hitze des Zimmers ausruhen möchte in der Kühle der Fenſterniſche. Er ſchrickt ein wenig zuſammen, wie er den Herrn von Tzſchoppe jetzt gewahrt; doch er iſt höflich genug, ſich nicht gleich umzuwenden, ſondern er bleibt ſtehen und verneigt ſich grüßend. „Sie kennen mich?“ fragt Herr von Tzſchoppe aufathmend. Er verneigt ſich ernſt und feierlich.„Ja, Herr von Tzſchoppe. Ich—“ „Sie wollten ſagen, ich habe die Ehre, nicht wahr?“ fällt er ihm mit ſpöttiſchem Lachen ins Wort. „Nein, Herr von Tzſchoppe, das wollte ich nicht ſagen“, erwiderte Jener mit feſtem Ton.„Ich wollte 8. nur ſagen, daß ich bedauere, Sie geſtört zu haben, f und daß ich nicht wußte, daß Sie ſich hieher zurück⸗ gezogen hatten.“ „Ich habe mich gar nicht zurückgezogen“, ſagte er, ſich zuſammenraffend.„Nein, mein Herr, Sie irren, ich habe mich nicht zurückgezogen. Laſſen Sie uns in die Geſellſchaft zurücktreten und ſagen Sie mir, womit ich Ihnen dienen kann.“ .„Mir?“ fragte Jener mit ſtolzem, faſt verächtli⸗ chem Tone;„mir, Herr von Tzſchoppe? Sie können mir mit gar nichts dienen, und ich kam wirklich nicht, um hier in der Fenſterniſche Ihre Protektion zu er⸗ bitten.“ „Nun“, erwiderte Herr von Tzſchoppe, ſich ſcheu umblickend,„nun, das iſt mir lieb; dann bitte ich Sie um Ihre Protektion, dann bitte ich Sie um eine Gefälligkeit.“ „Um was für eine Gefälligkeit?“ fragte der An⸗ dere kalt. 2 „Ich bitte Sie, mir Ihren Arm zu reichen, denn ich fühle mich ein wenig matt und meine Füße zittern.“ —— 9 Aber der Herr reichte ihm nicht den Arm, er neigte nur das Haupt.„Ich werde Ihnen einen Stuhl holen, damit Sie ſich ſetzen können, Herr von Tzſchoppe.“ „Damit ich mich ſetzen kann und Sie während der Zeit meinen Kerkermeiſter holen können?“ fragte Herr von Tzſchoppe wild umherblickend.„Nein, mein Herr, bleiben Sie hier! Ich will nicht gefangen ſein, laßt mich hinaus! Hinaus!“ Er ſchreit es mit lauter, kreiſchender Stimme, und plötzlich wird es ſtill im Saal. Alle Unterhal⸗ tungen werden unterbrochen, Alles ſchweigt und Aller Blicke wenden ſich auf ihn hin. Frau von Tzſchoppe, welche bisher ſo einſam und verlaſſen im Kreiſe der Damen geſeſſen, ſtürzt zu ihm hin.„Was fehlt Dir?“ fragt ſie ängſtlich. „Was mir fehlt? Mir fehlt die Freiheit! Siehſt Du denn nicht, daß ſie mich gefangen haben? Wo iſt die Thür? Die Thür? Ich kann die Thür nicht finden! Ich will hinaus, ich will fort von hier, denn die Augen ſind Dolche, welche mich tödten wollen! Mich tödten wollen, und was habe ich denn gethan?“ „Um Gotteswillen!“ ruft ſeine Frau entſetzt. „Nimm Dich zuſammen! Wir ſind hier unter Men⸗ ſchen. Komm, laß uns hinausgehen.“ 4½ 8 10 „Ja, hinaus! Aber es iſt keine Thür da, ich bin ein Gefangener!“ Dann ſinkt er mit einem lauten Schrei ohn⸗ mächtig zuſammen. Niemand regt ſich. Lautlos iſt es in dem weiten Salon. Die Lichter des Kronleuchters und die fun⸗ kelnden Kerzen ringsumher beleuchten dieſe ſeltſame ſchauerliche Scene; den Mann mit den blinkenden Ordensſternen auf der Bruſt, der da bleich und be⸗ wegungslos am Boden liegt und neben dem mit lei⸗ ſem Aechzen und Wehklagen ſeine Frau im ſeidenen Gewande, geſchmückt mit Brillanten, das Haupt mit Blumen bekränzt, zuſammengeſunken iſt, und ringsum die glänzende Geſellſchaft ohne Erbarmen, ohne Mitleid niederſchauend zu dem Ohnmächtigen. Dann geht ein Geflüſter durch den Saal, und Einer ſagt zu dem Andern:„Das iſt die Nemeſis, die Nemeſis! Hunderte von jungen Männern hat er in das Gefängniß gebracht und jetzt glaubt er ſich ſelbſt gefangen. Das Schickſal iſt gerecht! Das iſt die Nemeſis!“ Endlich ſchlägt er die Augen auf und richtet ſich empor. Seine Frau, die Frau, die er oft ſo hart und unfreundlich behandelt, reicht ihm ihren Arm dar, ſie ſpricht theilnehmend zu ihm und führt ihn hinaus — — 11 aus demſtillen Saal mit den bewegungsloſen, mit⸗ leidsloſen Gäſten. Er lehnt ſich erſchöpft an ſie, da ſie jetzt im Wa⸗ gen ſitzen und durch die Straßen dahinrollen. Er iſt ſo matt und ſchwach, daß er nicht ſprechen kann. Plötzlich geſchieht etwas Wunderbares. Die Frau fühlt es auf einmal ſo brennend heiß auf ihrer Schulter, auf welcher ſein Haupt ruht, und ſie hört auf einmal ein lautes Schluchzen. Herr von Tzſchoppe weint, und ſeine Thränen ſind es, welche af ver Schulter ſeines Weibes brennen. Sie hat ihn niemals weinen ſehen, und es ſchaudert ſie jetzt, wie ſie dieſe brennenden Tropfen fühlt, denn ſeine Thränen erzählen ihr von der Qual ſeines Gewiſſens. Sie bringt ihn in ſein Gemach und bettet ihn auf den Divan. Vielleicht wird er ſchlafen und dann wird ihm beſſer werden. Es iſt vielleicht nur ein Paroxys⸗ mus einer ausbrechenden Krankheit. Man muß zum Arzte ſchicken und es werden zedi kühlende Umſchläge nöthig ſein. Er hat die Augen geſchloſſen und ſcheimt wirklich zu ſchlafen. Seine Frau ſchleicht leiſe auf den Fuß⸗ ſpitzen durch das Gemach hin, öffnet lautlos die Thür 12 und geht hinaus, um ihre Anordnungen und ihre Be⸗ fehle zu geben. Gewiß, er wird ſchlafen, denn es iſt Alles ſtill in ſeinem Gemach. Er ruft nicht und klingelt nicht. Als der Arzt endlich gekommen, öffnet die Frau Geheimräthin die Thür, um hinein zu blicken und zu ſehen, ob ihr Mann noch ſchlafe. Er iſt nicht mehr auf dem Divan. Sie ſchaut ſich in der Stube um, es iſt Niemand zu ſehen. Sie läßt den Arzt eintre⸗ ten, und dann fragt ſie laut nach ihm und ruft ihn. Endlich hören ſie hinter dem Ofen, der weit in das Gemach hineinragt, ein Geräuſch. Sie treten näher, um zu ſehen, was es ſei, und der Geheimrath von Tzſchoppe ſchaut mit bleichen, verzerrten Zügen dahin⸗ ter hervor. Seine Frau ſtürzt zu ihm hin.„Um Gottes⸗ willen! Was thuſt Du da, was ſuchſt Du da?“ „Ich ſuche nach der Thür! Ich kann die Thür nicht finden, ſie haben mir die Thür vermauert. Ich bin im Gefängniß, ich kann die Thür nicht finden!“ Er ſpringt empor wie ein wildes Thier und tappt an den Wänden umher. „Ich bin ein Gefangener“, ſchreit er jammernd, „ich kann die Thür nicht finden! Wo iſt die Thür?“ Dann ſinkt er in Krämpfen zuckend zu Boden nieder. 8 —ù 13 Der Arzt neigt ſich über ihn, und von ſeinen Lippen tönt's, wie er mitleidslos den Zuckenden an⸗ ſchaut:„Das iſt die Nemeſis! Er hat Hunderte und Hunderte junger Leute in das Gefängniß geworfen, jetzt iſt er ſelber ein Gefangener, ein Gefangener ſeines Gewiſſens.“*)—— *) Und ein Gefangener ſeines Gewiſſens iſt Herr von Tzſchoppe geblieben bis an ſein Lebensende. Er ſtarb nach einem Jahr iu dem Wahnſinn, daß er gefangen ſei und nirgends die Thür finden könne. Zweites Kapitel. Enttäuſchungen eines Königs. König Friedrich Wilhelm hatte mit ſeiner Gemah⸗ lin eine Spazierfahrt gemacht, aber nicht, wie ſein Vater und königlicher Vorgänger, im einfachen, mit zwei Pferden beſpannten Wagen, ſondern im großen, mit ſechs Rappen beſpannten Galawagen und mit zwei Vorreitern, welche ihm vorausjagten.„Das König⸗ thum muß ſich immer in ſeinem Glanze vor der Welt zeigen, und die Leute müſſen auch wiſſen, daß es der König iſt, welcher kommt!“ Nun, ſie haben es gewußt, alle dieſe Leute, welche ſich im Thiergarten auf den Seitenpfaden neben dem Fahrweg auf und nieder bewegten. Es iſt ein gar ſchöner, warmer Wintertag, und dazu ein Sonntag. Die Leute ruhen aus von der Arbeit und erquicken 15 ſich an der friſchen, klaren Winterluft. Es ſcheint aber nicht, als ob ſie ſich auch an dem Anblicke ihres Königspaares erquickten. Kein fröhliches Jauchzen, wie es zu Anfang, gleich in den erſten Wochen ſeiner Regierung, geweſen; kein Stehenbleiben und Hüte⸗ ſchwenken, um mit ſtrahlenden Augen den König zu begrüßen! Die Vorreiter haben es den Leuten auf der Pro⸗ menade gekündet, daß der König kommt in ſeiner glän⸗ zenden Equipage, und die Leute ſind wol ſtehen ge⸗ blieben, um den König vorüberfahren zu ſehen, aber 1 es iſt recht ſtill geweſen auf der Promenade. Es iſt auch recht ſtill Unter den Linden, wo doch an der Seite neben den Häuſern eine ſchwarze Woge von ſonntäglich geputzten Leuten dahinrollt und die Vor⸗ reiter und das Königspaar im offenen, zurückgeſchla⸗ genen Wagen ſieht. Das Angeſicht des Königs iſt finſter. Er hört nicht auf die freundlichen holden Worte, welche ſeine Gemahlin an ihn richtet, und er beantwortet ſie nicht. Als der Wagen in das innere Portal des Schloſſes fährt und neben der großen Treppe anhält, will der alte Lakai die Thür des Wagens öffnen. Die Klinke iſt vielleicht verquollen oder verroſtet, ſie will ſich nicht gleich öffnen. Da tönt ein Wort von den Lippen des 16 Königs, das faſt wie ein Schimpfwort oder wie ein Fluch klingt. Als die Thür ſich endlich öffnet, nach langem Bemühen des alten Lakaien, der daſteht und einige Worte der Entſchuldigung murmelt, ſtößt ihn der König, bevor er den Fuß auf den Tritt ſetzt, mit dieſem Fuße beiſeite und ſteigt aus. Der Lakai tritt mit zuckenden Lippen und mit Thränen in den Augen zurück. Die Königin hat es geſehen, und ſie legt, während ſie herniederſteigt aus dem Wagen, ihre Hand wie zur Stütze einen Moment auf den Arm des Lakaien. „Guter Weber, nicht böſe, guter Weber!“ flüſterte ſie leiſe.„Der König iſt leidend, er hat Zahnweh, und Sie wiſſen, das macht oft den beſten Menſchen verdrießlich.“ Die Thränen ſind ſchon getrocknet in den Augen des alten treuen Dieners. Es iſt den Großen ſo leicht gemacht, durch ein einziges menſchliches Wort zu be⸗ glücken und zu erfreuen! Der König iſt die Treppe hinaufgeſtiegen, und er hört es kaum, wie ſeine Gemahlin, die ihm haſtig ge⸗ folgt, iſt, ihn mit freundlichen Worten ruft. Er achtet wol nicht auf die Bedeutung ihrer Worte.— „Werden Eure Majeſtät mir die Gnade erzeigen, mit mir zu kommen?“ 17 Er denkt in dieſem Moment nicht daran, daß ſeine Gemahlin ihn heute nicht Baron nennt, ſondern Eure Majeſtät, und daß das eine Mahnung für ihn ſein ſoll. Die Königin tritt zu ihm heran und reicht ihm ihren Arm. „Eure Majeſtät vergeſſen Ihren Ritterdienſt gegen Ihre Dame“, ſagte ſie, ihm freundlich zulächelnd. „Erlauben Sie mir deshalb, daß wir unſere Rollen tauſchen und ich Ihnen meinen Arm anbiete.“ Ihr ſanftes, freundliches Wort hat allzeit Macht über ihn. Die Falten auf ſeiner Stirne glätten ſich ein wenig und der düſtere Ausdruck ſeiner Augen mildert ſich. Er ſchaut ſie an und nickt ihr zu. „Majeſtät! Ich begreife! Die Frau Baronin ſind mit mir unzufrieden. War ich heftig? Habe ich Tadel verdient?“ „Ja, lieber Baron“, flüſterte ſie leiſe, indem ſie ſich auf ſeinen Arm lehnte und ſich von ihm bis zu ihren Gemächern begleiten ließ;„ja, lieber Baron, Du warſt recht heftig! Der gute alte Weber hatte Thrä⸗ nen in den Augen.“ „Es thut mir leid, wenn ich ihn gekränkt habe“, ſagte der König mit mildem Ausdruck.„Sage es ihm, Eliſe, laſſe meinen guten Engel für mich reden. Doch nun verzeihe, wenn ich Dich hier vralaſe; iis habe zu Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. IV.. 2. arbeiten. Aber wir gehen heute Abend zuſammen ins Theater, nicht wahr?“ Er nickte ihr zu, wendete ſich dann haſtig um und begab ſich in ſeine Gemächer. „Rochow ſoll kommen!“ befahl er dem Kammer⸗ 3 herrn du jour, welcher in dem Antichambre ihm ent⸗ gegentrat.„Rochow ſoll kommen und ſogleich!“ „Se. Excellenz ſind ſchon im Conferenzzimmer“, meldete der Kammerherr ehrfurchtsvoll.„Se. Excellenz warten auf Eure Majeſtät, denn es iſt die Stunde des gewöhnlichen Vortrags.“ „Es iſt gut“, ſagte der König, mit dem Kopf nickend, und begab ſich zuerſt in ſein Toilettenzimmer. Die Kammerdiener ſtehen ſchon bereit; ſie kennen ſchon die Gewohnheit Sr. Majeſtät, und ſie wiſſen,„ daß er nach jeder Ausfahrt zuerſt in das Toiletten⸗ zimmer kommt. Chrfurchtsvoll, auf den ſtummen Wink des Königs, reicht ihm der Eine die Bürſte dar. Der König fährt ſich damit mit raſcher, haſtiger Hand durch das dünne Haar und bürſtet es ſich über den etwas kahlen Scheitel vornüber. Dann läßt er die Bürſte zur Erde niederfallen. Der zweite Kammer⸗ diener reicht Sr. Majeſtät das weiße Linnentuch und er fährt ſich damit über das Angeſicht, um ſich den 5 Staub der Straße abzutrocknen; nachdem es ge⸗ ſchehen, läßt er das Tuch gleich der Bürſte zur Erde 19 fallen, nimmt das dargereichte Fläſchchen Eau de Cologne, ſpritzt es ſich über die Kleider und wäſcht darin ſeine Hände, pfropft es dann höchſteigenhändig zu und läßt das Fläſchchen, wie die anderen Dinge, zur Erde niederfallen. Es iſt das auch eine Gewohn⸗ heit Sr. Majeſtät, und als er hinausgegangen, leſen die Kammerdiener die gebrauchten Dinge von der Erde auf, demüthige Sklaven ihres ſtolzen Herrn! Se. Majeſtät hat ſich in ſein Cabinet begeben und ruft mit ſeiner dünnen, etwas ſcharfen Stimme in das Vorzimmer hinein:„Der Miniſter von Ro⸗ chow!“ Sogleich öffnet ſich die Thür, und der Gerufene tritt ein mit ſeinem Portefeuille in der Hand. Er neigt ſich demuthsvoll vor Sr. Majeſtät. „Rochow“, ruft ihm der König entgegen, indem er ſich ſchwerfällig auf den Lehnſtuhl niederwirft, der krachend unter ihm zittert,„Rochow, Sie haben mir gelobt, daß Sie mir allezeit die Wahrheit ſagen wollen.“ „Ja, Majeſtät, das habe ich gelobt, und ich werde mein Gelübde halten allezeit“, erwiderte der Miniſter, indem er bedächtig herantrat und ſich auf den Rohr⸗ ſtuhl, auf welchen die Hand des Königs deutete, nie⸗ derließ. 2*½ 20 „Ich mahnte Sie daran, weil ich eben die Wahr⸗ heit wieder einmal von Ihnen hören will. Sagen Sie mir, woher kommt es, daß die Leute auf den Straßen mich nicht mehr ſo freundlich begrüßen, wie ſie es ſonſt gethan in den erſten Wochen meiner Regierung?“ „Thun ſie das nicht, Majeſtät?“ fragte Rochow mit leiſem Achſelzucken. „Nein, ſie thun es nicht“, rief der König,„und wahrlich, dieſe Veränderung muß auffällig ſein, da ich ſie bemerke! Denn Sie wiſſen, ich bin ſehr kurzſichtig, und ich kann daher nicht in den Mienen der Menſchen leſen; aber ich ſehe an ihren Bewegungen, an ihrer Art zu grüßen dennoch ſehr wohl die Veränderung, welche mit ihnen vorgegangen iſt. Sonſt blieben die Leute ſtehen, nicht aus Neugierde, ſondern aus Theil⸗ nahme und Liebe; das ſah ich an der Art, wie ſie mich begrüßten, an dem Hutabnehmen, an den Ver⸗ beugungen. Jetzt bleiben ſie auch ſtehen, aber ſie grü⸗ ßen mich nicht mehr, ſie winken nicht mehr mit ihren Mützen, die Mütter zeigen mich nicht mehr ihren Kin⸗ dern! Die Militärperſonen freilich ſtehen kerzengerade da, wie es ihre Schuldigkeit iſt, aber das Volk küm⸗ mert ſich nicht mehr um mich; ich glaube ſogar, ſie wollen mich ärgern mit ihrem Nichtgrüßen, ſo ſcheint es mir. Woher kommt das, Rochow?“ V V 21 „Eure Majeſtät wiſſen, daß die Zeit gährt und allerlei ſchlimme Dinge in ihr brauſen und kochen“, erwiderte Rochow achſelzuckend.„Es gibt leider Par⸗ teien im Volke; die ſonſtige Einigkeit, der ſonſtige Friede iſt gewichen, und die Sturmfluthen, welche aus dem revolutionären Frankreich herüberbrauſen, haben auch auf uns ihre Wirkung geübt. Die Leute gehor⸗ chen nicht mehr willig wie ſonſt, ſondern, wenn ſie ge⸗ horchen müſſen, ſo raiſonniren ſie wenigſtens; die Dummen halten ſich jetzt klug genug, um über Alles ein Urtheil zu haben.“ „Ja, ja“, ſagte der König mit einem ſpöttiſchen Lächeln,„das iſt die Geſchichte von dem beſchränkten Unterthanenverſtand, mein lieber Rochow. Das Volk will Ihnen beweiſen, daß Sie im Irrthum geweſen, als Sie von dem beſchränkten Unterthanenverſtande ſprächen, und jeder Einzelne will Ihnen zeigen, daß er klug genug iſt, über Alles zu reden.“ „Ja, Majeſtät, über Alles, ſelbſt—“ „Selbſt über mich; das wollten Sie doch ſagen?“ fiel ihm der König raſch ins Wort.„Das iſt es eben, was ich erfahren wollte. Offen und ehrlich, Rochow. Wie denkt das Volk über mich? Wie ſhrict man von mir?“ „Majeſtät“, erwiderte Rochow ausweichend „„d 22 Volk iſt ein bewegliches Ungeheuer mit vielen Köpfen, und es iſt ſchwer zu ſagen, wie das Volk denkt; denn jeder Kopf ſchreit und brüllt anders und äußert ſeine Gedanken auf andere Weiſe.“ 8 „Es gab eine Zeit“, ſagte der König nachdenklich, „eine Zeit, da ſchien es doch, als ob dieſes Ungeheuer mit all den vielen Köpfen, wie Sie ſagen, nur ein und daſſelbe Wort ſprach, das Wort der Liebe für mich. Warum iſt es jetzt anders, Rochow? Was wirft man mir vor?“ „Soll ich Eurer Majeſtät offene Antwort geben?“ „Ja, Rochow, offene und ehrliche Antwort!“ „Dann erlaube ich mir, Eurer Majeſtät ein Ge⸗ dicht zu überreichen, das in tauſend und tauſend Ab⸗ ſchriften in dieſen Tagen in Berlin cirkulirt, und wel⸗ ches die aufrichtigſte Antwort iſt auf die Frage Eurer Majeſtät.“ Er nahm ein Blatt Papier aus ſeiner Bruſttaſche hervor und reichte es mit ehrfurchtsvoller Verbeugung dem König dar. Friedrich Wilhelm hielt es dicht an ſeine Augen und betrachtete es aufmerkſam. „Geſchriebene Schrift“, ſagte er;„Sie wiſſen, meine Kurzſichtigkeit beläſtigt mich ſehr, und es wird mir ſchwer, Geſchriebenes zu leſen. Ich bitte, leſen Sie mir daſſelbe vor, aber überſchlagen Sie mir nichts. 23 Ich will, wie ich Ihnen ſagte, die ganze Wahrheit wiſſen! Alſo leſen Sie.“ „Eure Majeſtät befehlen“, erwiderte Rochow, in⸗ dem er das Blatt Papier wieder zurücknahm.„Es iſt gewiſſermaßen eine Parodie auf das Rheinlied von Becker, welches, wie Eurer Majeſtät bekannt iſt, ſo viele Senſation erregte und ſo ſehr die Begeiſterung der Patrioten erweckte, eine Parodie auf dieſes an die Franzoſen gerichtete Lied:„Sie ſollen ihn nicht ha⸗ ben, den freien deutſchen Rhein!“ „Das iſt auch eine der beliebten Phraſen, mit welchen ſich die Patrioten das Herz erfreuen“, ſagte der König achſelzuckend;„leſen Sie jetzt, leſen Sie!“ Mit feſter Stimme las der Miniſter von Rochow: Wir wollen ihn nicht haben Den Herrn von Haſſenpflug, 5 Wenn gleich die Schaar der Raben Zum Adlerneſt ihn trug. Scheinheiliger Geſpiele Im frommen Knechtlingstroß Von Rochow, Stollberg, Thiele, Von Radowitz und Voß. Den ſtets die Hohen rufen, Den ſtets das Volk verſchmäht, Sei auch auf Thronesſtufen Dein Richterſtuhl erhöht. 24 Wenngleich mit Kreuz und Bändern Mit Schwarz und Roth dich ſchmückt, Du kannſt den Titel ändern, „ Uns haſt du nicht berückt. So lang uns Richter ſchützen, Durch Muth und Geiſt erhellt, Und frei im Rathe ſitzen, Der frei ſein Urtheil fällt; So lang ſtatt anderer Wehre Das Lied iſt unſer Schild, Gefühl für Recht und Ehre Uns für Verfaſſung gilt; Geſchichte wird geſchrieben Mit unentweihter Kraft, So lang ein Mann geblieben Aus preuß'ſcher Ritterſchaft; So wollen wir nicht haben Den Herrn von Haß und Fluch, Den Holland, Heſſen, Schwaben Verdammt mit Einem Spruch! Eine Pauſe trat ein, als der Miniſter ſeine Vor⸗ leſung beendet hatte. Der König hatte das Haupt geſenkt und blickte nachdenklich vor ſich nieder. Nur das leiſe Kniſtern des Papiers, welches Rochow wieder zuſammenfaltete 25 und dann auf den Tiſch des Königs niederlegte, un⸗ terbrach die tiefe Stille. „Alſo“, ſagte der König nach langem Schweigen, „alſo immer noch dieſe Agitation gegen den Herrn von Haß und Fluch, wie es in dem Gedichte heißt! Wes⸗ halb? Was haben die Leute gegen dieſen Mann?“ „Die öffentliche Meinung iſt einmal gegen ihn“, erwiderte Rochow mit feſter Stimme.„Eure Majeſtät fragen, was die Leute gegen dieſen Mann haben? Sie haben gegen ihn zunächſt das, daß er, wie ſie ſagen, ein Heuchler, das heißt, ein Frömmler iſt.“ „Ach, dieſe Erläuterung aus Ihrem Munde klingt ſeltſam“, ſagte der König raſch.„Ein Heuchler, das heißt, ein Frömmler! Als ob das immer gleichbedeu⸗ tend ſei.“ „Majeſtät, ich ſpreche nur im Geiſte des Volkes, nach⸗ deſſen Anſicht Eure Majeſtät die Gnade hatten, mich zu fragen. Ja, bei dem Volk iſt Frömmler und Heuchler gleichbedeutend, und weil man weiß, daß Haſſenpflug, wie das Volk ſagt, ein Frömmler iſt, ſo meinen ſie auch in ihrem Sinne, daß er ein Heuchler ſei, und darum verabſcheuen ſie ihn. Denn das Volk iſt einmal durchaus nicht fromm geſinnt, und wenn Eure Majeſtät meinen, daß es in den letzten Wochen und Monaten mißgeſtimmt geweſen, ſo kommt das 26 eben daher, daß es in der Anſtellung des Herrn Mi⸗ niſters Eichhorn und in der Berufung Haſſenpflug's zu erkennen meint, daß die Frommen jetzt mächtig und einflußreich ſein werden am Hofe ihres Königs. Das beunruhigt die Gemüther. Sie haben auch gehört, daß eine Sonntagsfeier eingeführt werden ſolle nach dem engliſchen Muſter, und dies iſt es zunächſt— da Cure Majeſtät befohlen haben, daß ich die Wahrheit ſage — dies iſt es zunächſt, was das Volk, von Berlin wenigſtens, unwirſch macht.“ „Ah, das Volk von Berlin!“ rief der König. „Das iſt freilich ein ſchlimmes und widerſpenſtiges Volk. Schon Goethe hat es erkannt und von den Berlinern geſagt, daß es ein verwegener Menſchen⸗ ſchlag ſei. Mich dünkt, er hat da ganz das richtige Wort geſagt. Ein verwegener Menſchenſchlag iſt dieſes Volk von Berlin! Nichts Großes, nichts Edles, nichts Heiliges will es anerkennen! Gegen Alles ſträubt es ſich, Alles möchte es zermöbeln und zerreiben, und vor nichts hat es Reſpect, ſelbſt nicht vor Gott im Him⸗ mel. Darum gerade will ich, daß es den Sonntag heiligen ſoll, den Sonntag, welchen Gott ſelber einge⸗ ſetzt hat, daß die Hände ruhen und die Arbeit ſchwei⸗ gen ſoll; den Sonntag, welcher nicht da iſt zu wilden Zerſtreuungen und zur üppigen Luſt, ſondern zum 27 Ausruhen, zum gedankenvollen Inſichgehen, zur Stille und zum Frieden. Wenn es deshalb iſt, daß dieſe obſtinaten Berliner mich nicht grüßen— nun wohl, ſo will ich gern ihrem Gruß entſagen und ihre Liebesbe⸗ zeigungen entbehren. Denn das iſt ſchon richtig, der Sonntag ſoll geheiligt werden, und die Läden, in welchen der Luxus ſeine Goldflitter auslegt oder die mit ihren Schaufenſtern die üppige Luſt des Gaumens reizen, ſollen mir geſchloſſen werden. Ja, das will ich und das ſoll ſein. Und es wird ſicherlich von gutem Erfolg ſein, Rochow. Die Schreier werden freilich zuerſt Zeter brüllen; aber nach und nach wer⸗ den die Gutgeſinnten doch auch ihre Stimme erheben und werden die Anderen zum Schweigen bringen. Das Gute ſiegt doch immer zuletzt und gewinnt die Oberherrſchaft; denn mit dem Guten iſt Gott und der heilige Geiſt! Und ich, das kann ich mit reinem und freiem Gewiſſen von mir ſagen: ich will nur das Gute und das Beſte für mein Volk! Glaubt man das nicht von mir, Rochow?“ „Majeſtät“, erwiderte Rochow nach einer kleinen Pauſe,„Majeſtät, die Leute meinen, daß der König in ſeinen edlen Vorſätzen von ſolchen frommen Herren, wie dieſer Miniſter Eichhorn und dieſer Herr von Haſſenpflug, ſehr gehindert würde.“ 28 „Die Leute, die Leute!“ rief der König ungedul⸗ dig.„Sehen Sie doch, wie dumm die Leute ſind! Haben ſie zum Beiſpiel nicht in dem Gedichte, welches Sie mir eben vorgeleſen, Sie mit den Anderen als einen ſolchen bezeichnet, den ſie auch nicht wollen? Wirft nicht dieſe ſogenannte öffentliche Mei nung Sie in Einen Topf mit Radowitz und Thiele, mit Haſſenpflug und Voß; Sie, der Sie doch ein Gegner aller dieſer meiner edlen und frommen Freunde ſind? Denn ich muß es ja leider bekennen, daß Sie ſich meinen Gegnern zugewendet haben. Sagen Sie doch, Rochow, ſind Sie etwa gar ein Conſtitutioneller ge⸗ worden, das heißt ein Freund meiner Feinde?“ „Ein Freund der Herren von Schön und Hum⸗ boldt?“ fragte Herr von Rochow mit einem leiſen, ver⸗ ächtlichen Lächeln.„Nein, Majeſtät, wahrlich, das bin ich nicht; und was die Conſtitution anbetrifft“, fuhr er mit heftigerer Stimme fort,„ja, was dieſes Unge⸗ heuer anbetrifft, ſo werde ich ſtets zu denjenigen ge⸗ hören, welche bereit ſind, dieſelbe mit Feuer und Schwert zu bekämpfen und, wenn es ſein kann, zu vernichten. In meinen Augen iſt eine Conſtitution ſchlimmer noch als der ſchwarze Tod oder die Peſt, welche einſtmals in Europa wüthete, und man muß ſich, um das Volk vor dieſem Ungeheuer zu bewahren, aller Mittel be⸗ 229 dienen. Wenn die Mittel der Milde, der Ueberredung nicht genügen, nun wohl, ſo greift man zu Feuer und Schwert; denn, das bekenne ich ehrlich und feſt wie ein Mann, das conſtitutionelle Weſen iſt für mich noch ſchlimmer und noch entſetzlicher als jede Frömmelei und jede Heuchelei.“ „Bravo!“ rief der König mit aufleuchtendem An⸗ geſicht.„Bravo, mein lieber Rochow! Ich danke Ihnen für Ihren mannhaften Zorn, den ich von gan⸗ zem Herzen theile. Sie ſind kein Frömmler, das iſt wahr, aber Sie ſind ein edler und tapferer Mann; denn Sie werden, wenn es noththut, den Kampf ge⸗ gen alle Rebellen und Läſterer aufnehmen, das ſehe ich wol, und dafür reiche ich Ihnen meine Hand und wiederhole, ich danke Ihnen. Aber, Freund, ſagen Sie mir nun doch, wenn Sie alſo kein Frömmler und kein gottesfürchtiger Mann ſind, wie es leider den Anſchein hat, und. auch kein Conſtitutioneller, was ſind Sie denn eigentlich?“ „Majeſtät“, ſagte Rochow feierlich,„ich bin ein Royaliſt, weil ich mit meinem Gewiſſen und meinem Kopfe überzeugt bin, daß die Völker nur glücklich ſein können, wenn an ihrer Spitze ein hohes, mächtiges und ſelbſtſtändiges Königthum ſteht. Ich werde alſo auch, ſo lange ich athme und bin, und ſo lange Eure Majeſtät 30 mir die Macht und die Mittel dazu gönnen, Alles thun, um die Krone zu erhöhen und ſie immer glän⸗ zender und mächtiger aufſtrahlen zu laſſen über dem ganzen Volke. Dies, Majeſtät, iſt mein Glaubensbe⸗ kenntniß. Es hört ſich nicht fromm an, aber es iſt fromm gemeint.“. „Und es iſt auch fromm!“ rief der König,„denn es iſt in dem wahren chriſtlichen Geiſte der Demuth und des Gehorſams gegeben. Nochmals danke ich Ihnen und verſpreche Ihnen zugleich, daß ich Sie hal⸗ ten und ſtützen will, weil ich Sie erkannt habe als eine Stütze des Thrones. Fürchten Sie nicht, daß Ihre Gegner und Feinde— denn Sie haben Gegner und Feinde, weil Sie ein bedeutender Mann ſind— fürch⸗ ten Sie nicht, daß dieſe mit ihren Zuflüſterungen Macht über mich gewinnen werden. Ich glaube an Sie, Rochow.“ „Ich danke Eurer Majeſtät, und ich werde mein Leben lang Alles thun, um dieſem Glauben Ehre zu machen“, erwiderte Rochow, ſich tief über die darge⸗ reichte Hand des Königs neigend.„Mein Leben ge⸗ hört meinem König, für den ich alle meine Wünſche zuſammenfaſſe in dem Einen Wort: Möge er geliebt werden als der Vater ſeines Volkes!“ „Vater!“ ſagte der König leiſe und es flog ein 34 wehmuthsvoller Ausdruck über ſein Angeſicht.„Vater, das iſt ein Wort, welches niemals vor meinen Ohren erklungen iſt! Gott hat nicht gewollt, daß ich Vater ſei, und ich unterwerfe mich ſeinem Willen. Da ich nun kein Vater bin“, fuhr er mit gehobener Stimme fort,„ſo kann ich auch nicht der Vater meines Volkes ſein und ich will mich damit begnügen, ſein Lehrer zu ſein. Ja, ein Lehrer meines Volkes in allem Großen und Guten, das iſt mein Ideal! Ich will meinem Volke die Quellen des Wiſſens und der Erkenntniß öffnen; das goldene Zeitalter ſoll für alle Geiſter und für alle Strebenden heraufblühen. Sie ſagen, Rochow, das Volk ſei unzufrieden mit mir, weil ich eine ſtren⸗ gere Sonntagsfeier wünſche? Der Sonntag gehört aber Gott und man ſoll Gott geben, was Gottes iſt; aber ſorge ich nicht auch für die Wochentage? Habe ich es nicht vor aller Welt bewieſen, daß ich nicht blos dem Kirchlichen meine Aufmerkſamkeit zuwende, ſon⸗ dern auch dem Volke geben möchte, was das Volk ge⸗ brauchen kann? Habe ich nicht Künſtler und Gelehrte berufen; habe ich nicht, manchem Theologen zum Aer⸗ gerniß, den Philoſophen Schelling hierherberufen und den Dichter Tieck, den Romantiker? Sind nicht die beiden Grimms gekommen und iſt nicht dem alten Arndt und dem alten Jahn Preußen auch wieder ge⸗ 32 öffnet? Wie kann man mich nun beſchuldigen, daß ich eine Richtung beſonders begünſtige? Sagen Sie, haben Sie jemals gedacht, daß ich ein Pietiſt wäre? Mir iſt der Gedanke ganz neu und ich begreife gar nicht die Möglichkeit, das von mir zu ſagen.*) Sagen Sie mir, Rochow, haben Sie auch gedacht, ich ſei ein Pietiſt?“ „Nein, Majeſtät, ich habe wirklich nicht ſo gefre⸗ velt“, erwiderte Rochow mit einem feinen Lächeln. „Ich habe nur gefürchtet, daß, wenn Eure Majeſtät ſich umgeben mit vielen ſolcher frommen Herren, daß—— 4 „Daß ich angeſteckt werden könne!“ fiel ihm der König mit einem lauten Lachen in das Wort.„Sie halten nicht blos die Conſtitution, ſondern auch die Frömmigkeit für eine Art Peſtkrankheit, welche an⸗ ſteckend iſt! Beruhigen Sie ſich, mein Freund, die Frömmigkeit iſt keine Krankheit, ſondern ſie iſt die Geſundheit des Geiſtes; was aber nun die Sonntags⸗ feier betrifft, ſo thun Sie den Berlinern, ſo viel es mög⸗ lich iſt, kund, daß ich nicht die Abſicht habe, ihnen ihre Sonntagsfreude zu verringern, im Gegentheil, daß ich ſie eher vermehren wolle. Ich bin ja ſelber gern *) Des Königs eigene Worte. ———-— —,— —,— 33 luſtig und zu jedem Scherz geneigt; nur ſoll man nicht an dem Tage des Herrn ſich unedler Luſt weihen und nicht ſeine Erholung auf unwürdige Weiſe anſtreben und ſuchen. Ich glaube, es herrſcht eine recht falſche Meinung von mir, und meine Feinde trachten darnach, dieſe Meinung immer gehäſſiger zu machen und immer weiter auszubreiten unter meinem Volke.“ „Doch ich will deshalb nicht verzagen, nicht klein⸗ müthig werden, ſondern durch Thatſachen die gehäſſige Meinung widerlegen. Vor allen Dingen, Rochow, habe ich beſchloſſen, die Preſſe ein wenig aus den Banden zu erlöſen, mit welchen man ſie umſtrickt hält. Sie ſind darin ein wenig zu weit gegangen, und die Inſtruktionen der Cenſoren ſind wol zu ſtreng geweſen. Man ſoll die Bande lockerer machen, das iſt mein Wille! Inſtruiren Sie die Cenſoren, daß ſie zuweilen ein Auge zudrücken, denn ein männlich wahres Wort, wenn es nicht geradezu rückſichtslos iſt, ſoll nicht un⸗ terdrückt werden.“ „Das heißt, Majeſtät“, ſagte Rochow mit finſte⸗ rer Stirne,„das heißt, Eure Majeſtät wollen der wil⸗ den Meute den Maulkorb abnehmen, damit ſie nicht blos heulen und bellen, ſondern auch beißen kann.“ Der König nickte.„Das Heulen und Bellen wollen wir ihr geſtatten und unſere Nerven zwingen, Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. IV. 3 34 ſich daran zu gewöhnen; wenn aber, wie Sie ſagen, die Meute der liberalen Schreier beißen will, nun, dann werden wir ihr das Beißen ſchon abgewöhnen; dafür habe ich ja meinen lieben Herrn von Rochow, er hat eine ſtarke Hand und einen feſten Willen.“ Der König ſtand auf und gab ſeinem Miniſter mit einem freundlichen Nicken ſeines Hauptes ſeine Entlaſſung. Herr von Rochow nahm ſein Portefeuille wieder auf und ging hinaus, gebeugten Hauptes und ſchweren Herzens. „Vorläufig bleibe ich wol auf meinem Poſten“, ſagte er zu ſich ſelbſt, als er in ſeinem Wagen ſaß und durch die Straßen jagte,„ja, vorläufig bleibe ich wol noch auf meinem Poſten; aber wer weiß wie lange; denn das erkenne ich wohl, der König iſt kein zuverläſſiger Mann. Er iſt ein Phantaſt, und das iſt ſchlimm; er greift hierhin und dorthin. Er möchte Alles thun! Er will Alles, und wird darum gerade das Gegentheil von dem erlangen, was er will oder was er zu wollen meint, weil ſeine Umgebung ihm zugeflüſtert hat, was er wollen ſoll. Ja, ja, der Kö⸗ nig iſt ein Phantaſt.“ Drittes Kapitel. Fromme Phantaſtereien. Hatte er vielleicht Recht? Er würde ſein Wort für beſtätigt gehalten haben, wenn er als heimlicher, ungeſehener Lauſcher hätte in dem Cabinete des Königs bleiben und der Unterredung zuhören können, welche der König mit ſeinem Liebling und Vertrauten, dem General von Thiele, jetzt hatte. Der König hatte den Freund ſofort nach der Entfernung des Miniſters von Rochow zu ſich berufen, und er hatte ihm rückhaltlos wiederholt, was er zu Rochow geſprochen. Er hatte auch zu ihm geklagt, daß das Volk ſich wider ihn wende, hatte auch zu ihm wie zu Rochow geſagt:„Begreifen Sie es, daß man mich für einen Pietiſten hält?“ „Ja,“ erwiderte der General mit ſanftem, from⸗ 3*⅔ 36 mem Ausdruck,„ja ich begreife das, und ich halte es für die höchſte Ehre und die höchſte Anerkennung des frommen Sinnes Eurer Majeſtät. Was verſteht das Volk von Frömmigkeit und von wahrem Gottesglauben? Das Volk, welches in der Sünde befangen iſt und noch nicht durchgedrungen iſt zur Erkenntniß ſeiner eignen Verderbtheit; denn es ſind zunächſt die Frei⸗ gläubigen und diejenigen, welche ſich Liberale nen⸗ nen, welche das Volk in ſeinen Irrthümern beſtärken, Majeſtät.“ „Es iſt wahr!“ nickte der König,„es ſind gar arge Schreier, dieſe Liberalen, und ich haſſe ſie von Grund meines Herzens! Der Liberalismus iſt eine Krankheit gerade wie Rückenmarksdarre! Die bekann⸗ ten Symptome der letzteren aber ſind zum Beiſpiel, daß der ſtarr, convex zu Daumen und Zeigeſinger hervorragende Muskel concav wird bei der Preſſion; zweitens, daß ein Abführungsmittel verſtopft; drittens daß ein Stopfmittel abführt, und in einem ſpäteren Stadium viertens, daß ſich die Beine hoch heben, ohne gehen zu können; daher kann ſolch ein Kranker vor Andern und ſich ſelbſt lange Zeit als geſund gelten. So wirkt der Liberalismus auf die Seele! Der Augen⸗ ſchein wird geleugnet, die Erfüllung von Conſequenzen als längſt klar vorliegende Urſache wird als Aber⸗ 37 glaube abgewieſen; der Geiſt der Zeit wird als gran⸗ dioſe Apologie dahin geſtellt, wo der Herr nicht empfiehlt, ſondern befiehlt, die Sünde zu bekennen; man glaubt ehrlich dem Fortſchritt zu huldigen, ihn mitzumachen, und es geht ventre à terre abwärts in's Verderben. Die ſcheußlichſten Ausgeburten vollendeter Gottloſig⸗ keit ſind das Ringen der geſammten Menſchengefühle zum Edlen, zum Licht; ſchwarz wird weiß, Finſterniß Licht genannt, und die Opfer, die dem ſündigen, gott⸗ verfluchten Wahnſinn fallen, werden faſt oder ganz vergöttert.*) So iſt es gegangen zu allen Zeiten, wenn der ſogenannte Liberalismus die Oberhand gewann; ſo iſt es gegangen in der großen Revolution des vo⸗ rigen Jahrhunderts, und dieſe Scheußlichkeit, welche man vergeblich in den Tagen der Reſtauration zu un⸗ terdrücken ſuchte, hat aufs neue in dem Jahre 1830 ihre Macht bewieſen, hat den Thron der berechtigten und legitimen Könige geſtürzt und dieſen ſogenannten Bürgerkönig an das Ruder gebracht; aber es wird auch ihn wieder ſtürzen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort; denn nichts kann bleiben, was außer Gott iſt, und der Liberalismus iſt außer Gott.“ „Ja, er iſt außer Gott“, ſagte Thiele mit from⸗ *) Des Königs eigne Worte. Siehe Briefwechſel mit Bunſen. 38 mem Aufblick zum Himmel;„es gibt auch gegen den Liberalismus nur eine einzige Medicin, das iſt das Zeichen des heiligen Kreuzes an Bruſt und Stirne. Darum, Majeſtät, muß es ja Ihr heiliges Beſtreben ſein, Ihrem ganzen Volke dieſes heilige Zeichen an Bruſt und Stirne zu geben, damit es geſichert ſei gegen die böſen Einflüſſe des Teufels. Der Teufel geht um, daran iſt nicht mehr zu zweifeln; er zeigt ſich aller⸗ orten und nimmt allerorten eine verſchiedene Geſtalt an, um die Menſchen zu berücken. Heute nennt er ſich Liberalismus, morgen nennt er ſich Wiſſenſchaft und Philoſophie. Er ſchmeichelt heute den thörichten Menſchen mit ſüßen Melodien, zeigt ihnen morgen mit glänzenden Farben das Paradies des Genuſſes und verlockt ſie aus der Kirche in die unſelige Halle der Unkirche, das heißt der weltlichen Luſt! Er treibt überall ſeine berückenden Künſte und leert die Kirchen, um die Tanzſäle zu füllen. Ja, Majeſtät, der Teufel geht umher, die Guten zu verführen und die Böſen mäch⸗ tig zu machen! Ich, der ich hier vor Eurer Majeſtät ſtehe, ich habe ihn geſtern ſelber geſehen.“ „Wie?u fragte der König mit einem leiſen Lächeln, „Sie haben den Teufel geſehen?“ „Ich habe ihn geſehen!“ erwiderte der General von Thiele leiſe.„Er hat ſich mir gezeigt in ſeiner 39 ganzen grandioſen Geſtalt und ich bin zur Erde nie⸗ dergeſtürzt vor Entſetzen und habe meine Bruſt zer⸗ fleiſcht mit meinen Nägeln.“ „Ich verſtehe Sie nicht“, ſagte der König erſtaunt; „Sie reden in Gleichniſſen, deren Sinn ich nicht begreife.“ „Ich rede nicht in Gleichniſſen, ſondern in Wahr⸗ heit“, erwiderte der General von Thiele feierlich;„es iſt die Wahrheit! Ich habe den Teufel geſehen in ſeiner göttlich hölliſchen Nachtgeſtalt.“ „Wo denn?“ fragte der König faſt erſchrocken mit einem zweifelnden Blick auf das begeiſterte Ange⸗ ſicht des Freundes. „Wo, Majeſtät?“ flüſterte General von Thiele ge⸗ heimnißvoll.„Ich habe ihn geſehen bei meinem edlen und würdigen Freunde Haſſenpflug! Er verſteht es, Geiſter zu citiren; er verſteht es, von den Myſterien der ſonſt unſichtbaren Welt den Schleier zu lüften und uns ſchauen zu laſſen, was dahinter iſt: die Geiſterwelt. O, Majeſtät, welch ein erhabener, bedeu⸗ tender, großer Mann iſt dieſer Haſſenpflug, und wie danke ich Gott, daß Eure Majeſtät ihn berufen und ihm Macht gegeben haben, zu allem Guten und Schö⸗ nen hier zu wirken. Ja, ihm thut ſich die Geiſter⸗ welt auf und er hat die Macht, auch Anderen die 40 Augen zu öffnen. Er hat ſie mir geöffnet und ich ſage Eurer Majeſtät, ich habe den Teufel geſehen und ich werde ihn wieder erkennen in den Geſichtern Aller, die er auserkoren hat zu den Seinen und die er ge⸗ zeichnet hat mit dem Zeichen, welches nur dem Einge⸗ weihten und dem Erkennenden ſichtbar iſt. Der große und kluge Mann, dem ich dieſes Myſterium verdanke, wird gerade deshalb natürlich von dem Teufel und ſeinen Dienern verfolgt! Sie ſchreien wider ihn und möchten ihn als einen Unheiligen darſtellen, gerade weil er ein Heiliger iſt! Aber ihn macht es nicht irre, und auch mich wird es fortan nicht irre machen! Je mehr die Welt gegen uns ſchreit, deſto mehr erkennen wir, daß der Teufel uns verfolgt; denn er ſpricht aus den Schreiern, und darum beſchwöre ich Eure Maje⸗ ſtät: horchen Sie nicht auf die Stimmen dieſer Schreier, ſondern wollen Sie die Gnade haben, zu erkennen, daß es der Teufel iſt, der wider uns iſt! Der Teufel auch, welcher den edlen und guten und einſichtsvollen Haſſenpflug verfolgt, den doch Eure Majeſtät durch die Gnade Gottes hierher gerufen haben.“ „Ich habe Haſſenpflug berufen und ich werde ihn ſchützen, und alle Anfeindungen ſeiner Perſon werden nichts über mich vermögen, das verſpreche ich Ihnen“, 41 ſagte der König mit feſter Stimme, indem er dem Freunde die Hand darreichte.„Aber nun, lieber Thiele, ſagen Sie im Ernſt: ſprechen Sie ohne Metaphern? Sie behaupten, daß Sie den Teufel ge⸗ ſehen haben; Haſſenpflug hat Ihnen denſelben gezeigt? Es iſt alſo wahr, was Sie mir erzählten, er verſteht es, Geiſter zu citiren?“ „Ja, Majeſtät, er verſteht es“, erwiderte der General von Thiele feierlich;„er hat mich den Teufel ſehen laſſen, er hat den Geiſt der Unterwelt und der Finſterniß beſchworen mit ſeinem mächtigen Ruf, zu erſcheinen und ſich uns zu zeigen und zu uns zu reden. Oh, Majeſtät, er hat auch andere Geiſter citirt, und ſie ſind gekommen und ſie haben uns Rede ge⸗ ſtanden.“ Es flog ein leiſes Lächeln über das Angeſicht des Königs hin, aber er unterdrückte es ſchnell.„Sie glauben daran?“ fragte er. „Ja, ich glaube daran, Majeſtät.“ „Nun ſo ſagen Sie, wie ſah denn der Teufel aus und welche Geſtalt hatten denn die anderen citir⸗ ten Geiſter?“. „Es gibt keine Worte dafür, Majeſtät; man muß ſchauen, was unausſprechlich und keiner Schil⸗ derung möglich iſt. Man muß dieſe furchtbaren, das 42 Herz bewegenden Stimmen der abgeſchiedenen Geiſter hören, welche aus Nebel und Wolken zu uns ſprechen in ſeltſamen Redeweiſen. Ich beſchwöre Eure Maje⸗ ſtät, daß Sie das thun, daß Sie Haſſenpflug hierher berufen.“ „Nein“, unterbrach ihn der König mit einer ab⸗ wehrenden Bewegung ſeiner Hand,„nein, mein lieber Thiele! Die Welt würde wieder davon erfahren und es würde ein Zetergeſchrei durch alle Lande gehen: der König von Preußen hat mit dem Teufel eine Unterhaltung gehabt und beredet ſich mit abgeſchiede⸗ nen Geiſtern. Nein, nein, es iſt genug, wenn Sie mit Haſſenpflug die Geiſterwelt beſuchen und mir davon erzählen! Ich meinestheils habe mit den weltlichen Dingen noch genug zu ſchaffen und mit den chriſtlichen zu allermeiſt! Aber darin ſollen Sie mir helfen und mir beiſtehen; ſollen mir helfen das Gute zu fördern und den Teufel zu erkennen, da Sie doch nun ſeine nähere Bekanntſchaft gemacht haben.“ „Ja“, murmelte der General von Thiele und ein Schauder durchbebte ſeine ganze Geſtalt,„ja, ich habe ihn geſehen, und noch zittert mein Herz bei der Erin⸗ nerung an dieſe furchtbare Erhabenheit, die mich auf die Kniee geworfen, die mich ihm zu eigen gegeben hätte, wenn Gott in dieſer Stunde der Verſuchung 43 mir nicht nahe geweſen und ſein rettender Engel nicht bei mir geſtanden hätte, daß meine Lippen Worte flüſterten, womit ſie den Teufel bannten.“ „Seltſam, ſeltſam!“ ſagte der König, indem er langſam, die Hände auf den Rücken gefaltet, auf und nieder ging.„Sagen Sie mir, Thiele, Sie waren ganz allein mit Haſſenpflug, als er Sie den Teufel ſehen ließ? Er hatte wol vorher einige Manipulatio⸗ nen mit Ihnen gemacht, hatte Ihnen die Schläfen eingerieben mit irgend einer betäubenden Eſſenz unter dem Vorwande, Sie zu ſtärken für das Ungeheuere, das Sie ſehen ſollten. Nicht wahr, ſo geſchah es?“ „Nein, Majeſtät“, erwiderte Thiele ruhig,„ich erkenne wol die Bedeutung ihrer Frage. Alſo geſchah es in früheren Zeiten, als Caglioſtro den Teufel zeigte und die Menſchen bethörte. Nein, nichts von alledem geſchah mit mir. Ich war ruhig, ohne Aufregung, gefaßt auf Alles, und um mein Blut niederzuſchlagen und mich ganz ruhig zu machen, trank ich vorher ein Glas Waſſer.“ „Das Ihnen Haſſenpflug reichte?“ fragte der König raſch. „Ich bitte um Vergebung, Majeſtät; aber ich ſelber, eben um jedwede Täuſchung unmöglich zu machen, holte mir das Glas Waſſer von dem Brunnen im Hofe.“ 44 „Sie waren allein mit Haſſenpflug bei Ihrer 1 Teufel⸗Erſcheinung?“ „Nein, Majeſtät, auch das nicht. Mein verehrter und würdiger Freund der Oberſt von Gerlach, wohnte dem feierlichen Actus bei, und außerdem noch ein an⸗ derer Herr, welcher ſonſt in ſeinen politiſchen Mei⸗ nungen weit von uns getrennt iſt und der nur den einen Glauben mit uns theilt, den Glauben an die mögliche Erſcheinung der Geiſter. Dieſer Andere, dieſer poli⸗ tiſche Gegner war der General von Pfuel.“ „Wie“, rief der König,„der alte penſionirte Ge⸗ neral, von dem man mir ſagt, daß er zu den Libera⸗ len, ja ſogar zu den politiſchen Schreiern gehört?“ „Ja, derſelbe, Majeſtät. Wir ließen ihn der Teufelsbeſchwörung beiwohnen, gerade um ſeiner libe⸗ ralen, uns entgegenſtehenden Geſinnung wegen. Wenn ſelbſt unſere Feinde für uns Zeugniß ablegen müſſen, ſo fördert das unſere Sache beſſer, als alle Zeugniſſe unſerer Freunde.“ „Da haben Sie freilich Recht“, ſagte der König. „Und auch der General Pfuel hat den Teufel ge⸗ ſehen?“ „Er hat ihn geſehen, und hat gethan, was ich kraft meines Gebetes nicht that. Er iſt auf ſeine Kniee niedergeſtürzt, hat die Hände gefaltet und hat geſchrien: Ich bete dich an, denn du biſt ein gefallener Engel! Ich ſehe an deiner Majeſtät, daß du bei Gott warſt und von Gott ſtammeſt.“*) „Das iſt ungeheuer, das iſt wunderbar!“ rief der König, in heftiger Aufregung wieder auf und nieder gehend; dann blieb er vor dem General ſtehen und reichte ihm die Hand dar.„Mein Freund“, ſagte er mit ſanfter, faſt bittender Stimme,„mein Freund, ich habe um Vergebung zu bitten. Ich geſtehe Ihnen jetzt, ich zweifelte an Ihren Worten. Ich dachte mir, man habe meinen edlen Freund vielleicht mit phantaſtiſchen Schilderungen, vielleicht gar mit Medicamenten um⸗ nebelt und er habe in ſeiner Aufregung geſehen, was nicht geweſen. Doch jetzt erkenne ich meinen Irrthum. Ich weiß, daß nur Worte der Wahrheit von Ihren Lippen kommen, und da Sie mir wiederholen, was dieſer ungläubige Thomas, dieſer General von Pfuel geſagt, ſo muß ich bekennen, daß Sie in Allem die Wahrheit geſprochen. Ich bitte alſo um Vergebung, und geſtehe Ihnen, mir zittert das Herz vor Aufregung und vor Bewegung.“ „Und wollen Eure Majeſtät nun vielleicht einwilli⸗ *) Der General von Pfuel ſelber hat mir dieſe kleine Scene geſchildert. Die Verfaſſerin. 46 gen, ſelber zu ſchauen?“ fragte der General, ſich de⸗ müthig verneigend. „Nein, nein, mein Freund, es bleibt dabei, ich will und ich darf das nicht thun; es würde doch be⸗ kannt werden. Man würde Zeter ſchreien und die Ungläubigen würden mich verhöhnen und verſpotten.“ „Der Spott und Hohn der Ungläubigen iſt Ruhm und Ehre vor den Gläubigen“, erwiderte der General; „doch begreife ich, daß Eure Majeſtät noch zögern, und ich wage nicht mehr, in Sie zu dringen.“ „Ich bitte Sie, ſchweigen Sie darüber“, erwiderte der König, ihm freundlich zunickend.„Ich thäte viel⸗ leicht gern, was ich mir aus Vernunft verſagen muß. Aber erzählen müſſen Sie mir recht oft von dieſen Dingen und mir wiederholen, was Sie erlebt, geſehen und gehört. Haſſenpflug, das verſpreche ich Ihnen aber, bleibt, wie auch die Ungläubigen gegen ihn ſchreien und die Liberalen Zeter brüllen mögen! Er bleibt, und ich hoffe, er wird mit Ihnen wirken und ſchaffen, damit ſich immer mehr der Glaube ausbreite und das Volk immer mehr abgeleitet werde von den Pfaden des Unglaubens und hingeführt werde auf die heiligen Pfade der Erkenntniß! Wir zum mindeſten wollen Alles dazu thun und das Gute fördern, ſo viel in unſeren Kräften ſteht, mit allen Mitteln und allen — 47 Wegen. Das Kreuz muß aufgerichtet werden über der Welt; das Kreuz muß auf Erden ſtehen, ſo glän⸗ zend und ſo ſtrahlend, wie es aufgerichtet iſt dort im Süden, wo der Heiland wandelte und wo es ſo hell am Himmel ſtrahlt, eine Leuchte denen, welche es auf wogender See in finſterer Nacht ſchauen und gläubig ihr Herz davor neigen. So ſoll das Kreuz auch auf Erden ſtehen, eine Leuchte aller Menſchheit! Denn wir Alle, die wir leben und ſind, würden auf ſchwankendem Boot in der wilden See des Zufalls hin und hertreiben, wenn nicht das Kreuz uns ſtrahlte und uns die richtigen Wege zeigte! Dies, Freund, dies iſt mein Ideal, daß ich mein Volk hinführen will zu Chriſtus, daß ich das Kreuz aufrichten und mein Volk fromm und gut auf ſeinen Knieen ſehen will in Begeiſterung und Frömmigkeit und richtiger Erkennt⸗ niß an dieſem Kreuze des Herrn. Und ich wiederhole es Ihnen: Alles, was ich vermag, ſoll dazu geſchehen, daß Ein Hirt und Eine Heerde ſei. Die Ausbreitung des Chriſtenthums liegt mir vor allen Dingen am Herzen, und Miſſionäre wollen wir ausſchicken unter die Heiden, daß ſie ihnen die göttliche Lehre künden und ihre Seele erlöſen von dem Böſen und von dem Uebel!“ „Geſegnet ſei mein frommer und großer König 48 für dieſe Treue, die er dem Herrn beweiſet, für dieſe Güte, die er ſeinem Volke gönnet, ſo wenig es derſel⸗ ben würdig iſt“, ſagte Thiele, mit gefalteten Händen zum Himmel aufſchauend. „Noch wandelt es in Finſterniß“, rief der König begeiſtert,„aber das Licht wird über ihm aufleuchten, und ich ſage, wie unſer Herr und Heiland geſagt hat: „Ueber den Verlornen, welcher zurückgekehrt, wird mehr Freude im Himmel ſein, als über zehn Gerechte und Gute.“ So denke ich, mein Volk wird auch zu⸗ rückkehren zu ſeinem Herrn, wenn wir es nur rufen mit rechter Liebe und mit rechter Treue, und daran will ich es wahrlich nicht fehlen laſſen, ein gutes Bei⸗ ſpiel meinem Volke zu geben. Dies iſt mein heiligſtes Wollen und Wünſchen, von dem mich nichts zurück⸗ halten ſoll; auch nicht die Furcht, mein Freund“, fuhr ter mit einem ſanften Lächeln fort,„auch nicht die Furcht, für einen Pietiſten gehalten zu werden! Ich will Ihnen davon gleich einen Beweis geben; ich habe viel über unſer geſtriges Geſpräch nachgedacht in Be⸗ zug auf den Orient und auf die heiligen Stätten, wo der Erlöſer einſt gewandelt und wo er gelitten und geduldet hat. Daß dieſe Stätten in den Händen der Ungläubigen ſind, iſt wirklich, wie Sie ſagen, ein Ver⸗ brechen, welches die chriſtlichen Mächte begangen oder ſſſ“ — * 49 zum mindeſten geduldet haben. Ich begreife ganz die heiligen Beweggründe, welche in den frommen Zeiten des Mittelalters Könige und Völker antrieben zu den Kreuzzügen, um die Stätten wieder zu gewinnen, die durch den Fuß des Gottesſohnes geheiligt waren. Und Sie haben auch darin Recht, mein Freund, es ſcheint, als wenn jetzt der günſtige Moment gekommen wäre, daß die ganze Chriſtenheit an dem Beſitze des Heiligen Grabes theilnehme. Dies war, das will ich Ihnen jetzt geſtehen, mein heimlicher und verſchwiege⸗ ner Wunſch während dieſer ganzen Unterhandlung mit der Türkei, die ich im Einverſtändniß mit England, Rußland und Oeſterreich geführt. Ich ſuchte die Mächte zu bewegen, daß ſie dem Sultan Beiſtand ge⸗ währen ſollten, gegen den übermüthigen egyptiſchen Vaſallen, der ſeinen Thron wankend gemacht. Ich darf wol ſagen, daß ich Vieles dazu beigetragen, um dieſen wankenden Thron wieder zu befeſtigen; denn ohne mein Zureden bei Rußland und Oeſterreich wäre wol dieſe Convention nicht zu Stande gekommen, welche dem türkiſchen Sultan den Beſitz von Syrien wieder verſchaffte und den übermüthigen Vaſallen von Egyp⸗ ten, den Mehemed Ali, in die Grenzen des Vaſallen⸗ thums zurückdrängte. Ich that es zumeiſt, weil ich eine Erneuerung der großen Allianz erhoffte, Welche Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. IV. 50 die Macht des revolutionären und imperialiſtiſchen Frankreich einmal ſchon erdrückte und es hoffentlich auch zum zweitenmale thun wird. Indem wir Me⸗ hemed Ali, welcher ein Bundesgenoſſe und Schützling Frankreichs war, jetzt zurückwieſen und ſeine Macht brachen, haben wir auch dem revolutionären Frankreich, welches die Legitimität im Jahre 1830 zum zweiten⸗ male geſtürzt hat, eine Drohung in das freche Antlitz geſchleudert, eine Drohung, die es hoffentlich begreifen und verſtehen wird. Und nun, denke ich, ſind wir des Lohnes werth für das, was wir gethan, wir, England und Preußen. Dieſer Lohn aber, ſo hoffe ich, ſoll darin beſtehen, daß man auch uns einen An⸗ theil an den heiligen Stätten von Jeruſalem gewährt und daß nicht blos die griechiſche und lateiniſche Kirche, die überdies in ewigem Hader begriffen ſind, ſich betrachten dürfen als die Hüter des Grabes, ſon⸗ dern daß auch die anglicaniſche und die proteſtantiſche Kirche Theil daran haben kann.“ „Heil ſei meinem Könige! Heil für dieſen großen herrlichen Gedanken!“ rief der General von Thiele mit begeiſtertem Ausdruck.„Das war es, was ich erhoffte, das war es, was ich erſehnte von dem hohen und edlen Geiſte meines Königs! Ich danke Ihnen auf meinen Knien im Namen der ganzen proteſtanti⸗ 51 ſchen Chriſtenheit, im Namen der ganzen Kirche, ich danke Ihnen!“ Und in ſeiner begeiſterten Erregung warf ſich der General vor dem Könige auf die Kniee nieder und hob die gefalteten Hände mit frommem Ausdruck zu ihm empor. Der König neigte ſich zu ihm nieder und bat ihn mit ſanften Worten, ſich zu erheben, zog ihn in ſeine Arme und küßte ihn innig. „Wahrlich, ich danke Ihnen, Freund, denn nun habe ich ſchon im voraus meinen Lohn dafür. Ihr begeiſtertes Angeſicht, Ihre ſtrahlenden Augen, ſind mein beſter und ſchönſter Lohn; denn Sie ſind für mich der Repräſentant der Frömmigkeit und der Güte Nun bitte ich Sie, Freund, ſchreiben Sie in meinem Namen an Bunſen, er ſoll zu mir kommen; ich will ihn nach England ſchicken, um mit der Regierung der guten Königin Victoria zu verhandeln über dieſe Sache. Wir wollen gemeinſam, als Lohn für die Dienſte, welche wir der Türkei geleiſtet, fordern, daß man uns Conceſſionen mache, und daß man von nun an die proteſtantiſche und anglicaniſche Kirche als eben⸗ bürtig im Orient anſehe und uns auch Theil haben laſſe an dem Beſitze der heiligen Stätten. Wir wollen dort gleich der katholiſchen und lateiniſchen Confeſſion 4* unſeren Biſchof haben und einſetzen, den wir, England und ich, gemeinſchaftlich beſolden; wir wollen ein preu⸗ ßiſch⸗engliſches Bisthum in Jeruſalem begründen, da⸗ mit es klar werde vor aller Welt und klar auch vor den Augen der Ungläubigen, daß wir gleichberechtigt ſind mit Jenen und in gleichem frommen und chriſt⸗ lichen Drängen unſer Scherflein gläubig und beglückt niederlegen wollen auf den heiligſten aller Altäre, welcher über dem Grabe des Erlöſers aufgerich⸗ tet iſt. Bunſen ſoll nach England gehen, um dieſe Verhandlungen zu ſichern, und Sie bitte ich, ihn in meinem Namen zu mir zu berufen. Schreiben Sie an ihn ſo bald als möglich.“ „Heute gleich, Majeſtät, ſoll es geſchehen“, er⸗ widerte der General von Thiele mit freudigem An⸗ geſicht. „Nun, wenn es auch erſt morgen iſt“, ſagte der König ihm freundlich zunickend.„Heute möchte ich Ihre Geſellſchaft nicht entbehren, und ich bitte Sie, daß Sie uns in die Aufführung der„Athalia“ begleiten.“ „Ich bitte Eure Majeſtät ehrerbietigſt, mich davon zu entbinden“, erwiderte der General, ſich ehrfurchts⸗ voll verneigend.„Das Gute, das man thun kann, darf man auch nicht einen Moment auſſchieben, und —,— mich dünkt, ich hätte in der Welt nichts Edleres und Beſſeres zu thun, als ſogleich dem Befehl Eurer Ma⸗ jeſtät zu genügen und an den Herrn von Bunſen zu ſchreiben. Was nun aber die Aufführung der„Atha⸗ lia“ anbetrifft, welcher Eure Majeſtät beiwohnen wollen, ſo möchte ich mir in aller Ehrfurcht erlauben, meinen König zu bitten, er möchte heute nicht hingehen.“ „Sie meinen, weil heute Sonntag iſt?“ fragte der König raſch,„und weil ich gewiſſermaßen meinem Volke ein böſes Beiſpiel gebe, wenn ich am Sonntag ins Schauſpiel gehe? Aber mein Freund, obwol ich die Sonntagsfeier verſchärfen will, thue ich es gerade, um dadurch dem Volke zu beweiſen, daß ich nicht zu den Duckmäuſern gehöre, welche meinen, man müſſe am Sonntag mit gefalteten Händen daſitzen und man dürfe ſich kein Vergnügen und keine Zer⸗ ſtreuung gönnen! Darum habe ich gerade an einem Sonntage die erſte Aufführung der„Athalia“ feſtgeſetzt, um dem Volke zu zeigen, daß ich den Sonntag, nach⸗ dem ich am Vormittag dem Herrn gedient habe, recht geeignet halte für eine Zerſtreuung, nur daß dieſe edel und ſinnig ſein muß. In dieſem Sinne wollte ich Sie auch auffordern, mich zu begleiten.“ „Und dennoch möchte ich Eure Majeſtät bitten, heute der Aufführung fernzubleiben“, erwiderte Herr 54 von Thiele leiſe.„Nicht, weil ich mir erlauben wollte, den edlen Abſichten, welche Eure Majeſtät damit ver⸗ binden, entgegenzutreten, ſondern— ich bitte um Ver⸗ gebung, wenn auch ich von dem Geſchwätz des Tages berichten muß— ſondern, weil man mir geſagt hat, daß die Feinde Eurer Majeſtät, welche zugleich die Feinde alles Edlen und Guten ſind, den heutigen Abend zu einer Demonſtration ausbeuten möchten.“ „Wie denn, zu einer Demonſtration?“ fragte der König erſtaunt. „In dem Sinne, daß man das Widerſtreben des Publikums gegen fromme und heilige Poeſie in lauten und deutlichen Zeichen kundthäte.“ „Sie meinen, man könnte die„Athalia“ wie ir⸗ gend ein anderes weltliches Schauſpiel auspfeifen und ausziſchen?“ fragte der König haſtig. „Man hat mir geſagt, daß dies die Abſicht der ſogenannten Liberalen ſei“, erwiderte der General. „Es iſt in den letzten Tagen, wie ich mit Beſtimmt⸗ heit erfahren habe, in allen Kaffeehäuſern, ja in allen Gaſſen nur von der Aufführung der„Athalia“ die Rede geweſen. Man hat überall dagegen ge⸗ ſprochen, man hat Emiſſäre in die Bierhäuſer und Kneipen geſendet, um dem Volke zu ſagen, dieſes fromme Stück werde auf beſonderen Wunſch des 55 Königs gegeben, und die Pfaffen und Frömmler, wie die Leute alle Gläubigen nennen, wollten nun ſogar auch das Schauſpielhaus in eine Kirche verwan⸗ deln. Man hat auf künſtliche Weiſe die Leute gegen das Stück aufgehetzt, von dem ſie ſonſt nichts wußten, und man wird gewiß heute Abend eine De⸗ monſtration machen. Deshalb möchte ich Eure Maje⸗ ſtät beſchwören—“. „Nein, nein“, unterbrach ihn der König haſtig, „mich kann das nicht ſchrecken und nicht hindern! Doch vielleicht wird es der Königin unangenehm ſein, und ihr möchte ich eine ſolche Scene gern erſparen. Ich bitte Sie daher, lieber Thiele, begeben Sie ſich zu der Königin und ſuchen Sie dieſelbe auf feine Weiſe zu bereden, daß ſie heute nicht in das Schau⸗ ſpiel gehe. Aber ſagen Sie ihr nicht, daß ich Sie dazu animirt habe, ſie würde ſonſt meinen, daß ich ihre Begleitung nicht wünſche. Erzählen Sie ihr, was man Ihnen geſagt, und bitten Sie Ihre Majeſtät, lieber zu Hauſe zu bleiben. Am beſten iſt, Sie ſtellen es Eliſen vor, wie es ihrem frommen Sinne gemäß iſt; Sie ſagen ihr, daß ich in das Theater ginge, ge⸗ rade um dem Volke zu beweiſen, daß es nichts von der ſtrengen Sonntagsfeier zu fürchten habe. Sie ſagen der Königin dann, daß Sie, General, mich nicht begleiten wollen, weil Sie den Sonntag heiligen. Vielleicht ſagt dies dem frommen Sinne der Königin zu, und ſie wünſcht auch fern zu bleiben. Verſuchen Sie es, mein lieber General.“ Er nickte ihm freundlich zu und reichte ihm zum Abſchied ſeine Hand dar. Viertes Kapitel. Die Warnung. Als die Thür ſich hinter dem General geſchloſſen, ging der König gedankenvoll und ſinnend noch einige Male in ſeinem Cabinet auf und ab. Dann nach einer Pauſe blieb er ſtehen. „Ja“, ſagte er,„er ſoll es ſein. Einen Bi⸗ ſchof wollen wir uns ernennen in Jeruſalem, und wenn er dort an den heiligen Stätten den Altar der evangeliſchen Kirche aufgerichtet hat, dann wird es mich bedünken, daß ich mir ſelber in frommer Demuth das Heil bereitet habe. Ich will doch lieber ſelbſt an die Königin ſchreiben.“ Er trat haſtig zu ſeinem Schreibtiſch heran und ließ ſich auf den Seſſel vor demſelben nieder. Da fiel ſeim Blick auf ein großes verſiegeltes Schreiben, 58 das dort auf dem Papier auf ſeiner Schreibmappe lag. Er nahm es haſtig und betrachtete die Auf⸗ ſchrift. „Die Handſchrift iſt mir unbekannt“, ſagte er leiſe vor ſich hin, indem er das Siegel brach und das zuſammengefaltete Papier aus dem Umſchlag hervor⸗ zog und auseinanderſchlug. Haſtig überflog er es mit den Blicken, das Papier dicht vor ſeine Augen haltend. Dann, gleichſam als wolle er auch durch das Gehör ſich vergewiſſern, daß ſein Auge richtig geleſen, begann er laut zu wiederholen: „Weil ich als Ihr ergebenſter Diener, Ihr treueſter Unterthan Sie liebe und bewundere, mein König, wage ich es Ihnen zu ſchreiben. Es iſt nicht Hoch⸗ muth und auch nicht Oppoſition, die mir die Feder in die Hand geben: es iſt reine Liebe für Eure Maje⸗ ſtät, es iſt das Erkennen Ihres großen und ſchönen Selbſt, das mich drängt, Eurer Majeſtät zu ſchreiben und zu Ihnen zu flehen: halten Sie an, mein König! Schreiten Sie nicht weiter fort auf dem Wege, den Sie eingeſchlagen und auf welchen Sie die Heuchler und Frömmler geführt. Ja, Majeſtät, die Heuchler und Frömmler, welche die edle, begeiſterte Stimmung des beſten und großherzigſten Königs benutzen möchten, nicht, um den Herrn zu dienen, ſondern um ſich ſelbſt “— ͦ ͦᷣ ůͤõ— ) zu dienen und ſich Macht und Anſehen zu verſchaffen Halten Sie an mein König, und ſchauen Sie um ſich! Schauen Sie mit dem Blicke der Erkenntniß auf die Geſichter dieſer frommen Leute, die im Begriffe ſind, Ihnen die Liebe Ihres Volkes zu entziehen. Das Volk betet Sie an, das Volk war in begeiſterter Liebe Ihnen unterthänig und neigte ſich vor Ihnen mit be⸗ wunderndem Entzücken. Was hat es gemacht, daß das Volk mürriſch beiſeite tritt, wenn der König vor ihm erſcheint; was hat es gemacht, daß alle dieſe Be⸗ geiſterung verblaßt iſt, daß es mürriſch bleibt, wenn der König naht? Die Frömmlinge und die Finſter⸗ linge tragen die Schuld daran zum Schaden mei⸗ nes geliebten Königs! Der König läuft Gefahr, die Liebe ſeines Volkes zu verlieren, wenn er nicht jetzt noch die Finſterlinge und die Frömmler von ſeiner Seite verſtößt und damit ſeinem Volke beweiſt, daß er es liebt! O, mein König und Herr, haben Sie Er⸗ barmen mit ſich ſelbſt und Ihrem Volke; verjagen Sie die Finſterlinge und laſſen Sie es hell werden in den Herzen, in den Köpfen und den Gemüthern. Es heißt ja nicht blos Gott dienen, wenn man die Hände faltet zu frommem Gebet und Opfer niederlegt auf den heiligen Altären: es heißt auch Gott dienen mit heiligen Worten, wenn man Erkenntniß und Wahrheit über 60 alle Welt aufleuchten läßt. Die Wiſſenſchaft ſoll frei ſein. Das Wort ſoll frei ſein, nicht blos für die Gläubigen und die Frommen, ſondern auch für die Ungläubigen. Majeſtät, ich wage es, das Wort des größten deutſchen Dichters, von dem ich weiß, daß auch Sie ihn verehren, Ihnen zuzurufen, dieſes Wort: „Wer Kunſt und Viſeenſchaft liebt, der hat Religion; wer aber beides nicht liebt, der hat keine Religion.“ Oeffnen Sie alſo, mein König und Herr, nicht blos die Hallen der Kirche, ſondern auch die heiligen Hallen der Wiſſenſchaft und Kunſt ihrem Volke; dann hat es Religion, dann wird es beten für ſeinen König und wird fromm ſein und heilig im Weſen und heiligen Sinn. Dies iſt mein Gebet, dies iſt mein Flehen. Möge es nicht unerhört verhallen vor den Ohren meines geliebteſten Königs.“ Der König betrachtete, nachdem er es zweimal ge⸗ leſen, das Papier von allen Seiten. Er prüfte die Handſchrift und wiederholte ſich einige Zeilen, die ihm beſonders gefallen hatten. „Das iſt gut geſchrieben“, ſagte er leiſe vor ſich hin,„gut geſchrieben und gut gemeint. Es ſpricht aus dieſen Zeilen ein Herz, das, wie es mir ſcheint, mich wirklich liebt. Ich möchte wiſſen, wer das ge⸗ ſchrieben hat!“ —— —jj 4— „ 61 Er drückte auf die ſilberne Klingel, welche neben ihm ſtand. Die Thür des Antichambre öffnete ſich ſo⸗ fort und der alte Kammerdiener trat ein. „Weißt Du, wer dieſen Brief hierhergelegt hat?“ fragte der König haſtig. „Ja“, erwiderte der Kammerdiener, ſich demuths⸗ voll verneigend,„ja, Majeſtät! Ich habe es ſelber ge⸗ than.“ „Wie, Du?“ fragte der König.„Du wagteſt das, obwol Du weißt, daß alle Briefe mir nur durch den geheimen Cabinets⸗Secretär übergeben werden dür⸗ fen?“ „Ja, Majeſtät, ich wagte es“, erwiderte der Alte ruhig.„Ich wagte es aus Liebe für Cure Majeſtät, denn man hatte mir geſagt, daß dieſes Schreiben für das Wohlergehen Eurer Majeſtät ſehr wichtig ſei.“ „„Wer hatte es Dir geſagt?“ fragte der König haſtig. „Das weiß ich nicht“, erwiderte der Alte achſel⸗ zuckend.„Ich erhielt den Brief mit der Stadtpoſt. Dabei war ein Schreiben an mich, welches es mir zur heiligen Pflicht machte, den Brief ſo zu übergeben, daß Cure Majeſtät ihn ſelbſt leſen würden.“ „Und Du weißt nicht, von wem das Schreiben iſt?“ 62 „Nein, Majeſtät.“ „Das heißt, Du willſt es mir nicht ſagen, Du verheimlichſt mir etwas! Du weißt ſehr gut, wer Dir den Brief übergeben hat! Das iſt wieder eine Intrigue meiner Feinde, und ſie benützen ſogar meine eigenen Diener dazu.“ „Ich bitte um Vergebung, Majeſtät“, ſagte der alte Diener mit flehendem Ausdruck!„Eure Majeſtät wiſſen wol, daß ich treu bin und ehrlich! Ich bitte um die Gnade, daß ich den Brief holen darf, mit welchem ich das Schreiben erhalten habe.“ „Hole ihn ſogleich“, befahl der König. Während der alte Kammerdiener hinausgegangen war, nahm Friedrich Wilhelm das Schreiben wieder zur Hand, las es noch einmal und wiederholte ſich laut einige Phraſen aus demſelben. Dann, als der Kammerdiener zurückkam, nahm er haſtig das Papier, welches dieſer ihm darreichte, und überlas es aufmerk⸗ ſam; hierauf gab er es dem Alten wieder zurück und nickte ihm freundlich zu: „Du haſt mir die Wahrheit geſagt, das freut mich. Doch ich möchte um Alles gern wiſſen, von wem jenes Schreiben dort gekommen iſt. Suche es zu erforſchen! Ich gebe zweihundert Friedrichsd'or darum, wenn Du ——, 63 mir den Schreiber nachweiſen kannſt*); ja, zweihun⸗ dert Friedrichs'dor, wenn ich den Schreiber dieſer Zei⸗ len erfahren kann. Gib Dir Mühe, Alter; ich ſage Dir, gib Dir Mühe und fürchte nichts. Ich will jenem Manne nicht ſchaden, im Gegentheil, ich möchte ihm meinen Dank ſagen; denn er hat gute Worte ge⸗ ſchrieben, Worte, die aus dem Herzen kommen, und für die bin ich allzeit dankbar. Nun, Eliſabeth“, unter⸗ brach ſich der König, als die Thür ſich öffnete und die Königin jetzt hereintrat,„nun, Eliſabeth? Es iſt wol Zeit, daß wir ins Theater gehen, Du kommſt wol, um mich abzuholen?“ „Nein, liebſter Baron“, ſagte die Königin mit einem ſanften Lächeln,„nein, liebſter Baron, ich komme mit einer Bitte.“ „Nun? die iſt?“ fragte der König freundlich. „Sie legte ſanft ihre Hand auf ſeine Schulter und neigte ihr Haupt dicht an das ſeine. „Ich möchte Dich bitten, theuerſter Freund, daß Du mir heute ein Opfer brächteſt und nicht in das Theater gingeſt.“ „Nicht in das Theater?“ ſagte der König mit einem leiſen Neigen ſeines Hauptes und einem müh⸗ *) Des Königs eigene Worte. Siehe Varnhagen„Tage⸗ bücher“, Th. I. ——r——J— 64 ſam unterdrückten ſpöttiſchen Lächeln.„Und wenn es erlaubt iſt, zu fragen: weshalb möchten wir heute nicht in das Theater gehen?“ „Nun“, ſagte die Königin ein wenig verwirrt, nich habe doch einige Scrupel. Mich dünkt, der König müßte in allen Dingen ſeinem Volke mit einem guten Beiſpiel vorangehen, und da mein König und Herr der Meinung iſt, daß man den Sonntag heiligen und nicht mit weltlichen Luſtbarkeiten entweihen ſoll, ſo müßte der König auch heute nicht in das Theater gehen!“ „Theuerſte Eliſe“, ſagte der König, ſanft ihre Wangen ſtreichelnd,„wie gut biſt Du und wie ſehr be⸗ dacht jede Wolke zu verſcheuchen, die etwa an meinem Horizont ſich zeigen könnte. Aber Geliebteſte, Du darfſt mich nicht mißverſtehen. Ich bin nicht der Meinung, daß jedes Vergnügen dem Sonntag fern⸗ bleiben müſſe. Im Gegentheil, wenn man am Morgen Gott gedient hat, glaube ich, darf man auch am Abend der Kunſt dienen, wenn ſie ſich in edler und keuſcher Form, wie dies in der„Athalia“ der Fall iſt, darſtellt. Es heißt auch Gott dienen, wenn man ſein Herz er⸗ hebt und ſich von edler Poeſie und Kunſt hinreißen läßt. Doch, theuerſte Freundin, wir wollen ganz ehrlich und offen mit einander reden. Es iſt nicht deshalb, weil heute 65 Sonntag iſt, daß meine theure Eliſabeth mich vom Theater fernhalten möchte, ſondern— ſoll ich meine Rede fortſetzen oder verſteht meine theure Eliſe mich ohne Worte?“ „Nun ja denn, ich verſtehe Dich“, ſagte die Königin mit einem freundlichen Neigen ihres Hauptes. „Sondern, wollteſt Du ſagen, weil ich erfahren, daß man heute im Theater Dir vielleicht ärgerliche Scenen veranlaſſen wird“, ſagte der König.„Nun ja, theuerſte Eliſabeth, einige Schreier und Rebellen haben vielleicht die Abſicht, mir ein Aergerniß zu bereiten; aber ich will ihnen gerade durch mein Kommen be⸗ weiſen, daß ich mich durch dergleichen alberne Demonſtrationen nicht ſchrecken laſſe. Doch geſtehe ich Dir ehrlich, ich wünſchte, daß Du zu Hauſe bliebeſt, denn ich möchte nicht Dein edles Angeſicht auch nur von einem Atom der Staubwolke, welche dieſe Schreier aufwühlen, verdüſtert ſehen.“ „Nein, wenn mein geliebter Baron geht, ſo gehe auch ich“, ſagte die Königin.„Wir Beide bleiben heute zuſammen, ſo haben wir es mit einander aus⸗ gemacht, und wenn Du in das Theater gehen willſt, nun, ſo gehe ich auch.“ „Gut denn, Eliſabeth, ſo gehen wir zuſammen“, Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. IV. 5 ſagte der König, ihr freundlich zunickend.„Ich glaube, es iſt ſchon die höchſte Zeit.“ „Herr von Humboldt bittet um die Gnade einer Audienz“, meldete der Kammerdiener du jour, indem er in das Zimmer eintrat. „Humboldt weiß, daß er allezeit willkommen iſt, und das Vorrecht hat, zu jeder Stunde bei mir eintreten zu dürfen“, ſagte der König, dem Kammer⸗ diener eiligſt zuwinkend. Dieſer öffnete die Thür und Alexander von Hum⸗ boldt in ſeiner einfachen kleidſamen Kammerherrn⸗Uni⸗ form trat ein; demüthig, wie es ein Kammerherr nicht beſſer thun kann, blieb er neben der Thür ſtehen und neigte ſich tief zuerſt vor dem König und dann vor der Königin. „Nun, mein Freund“, rief der König ihm zu, in⸗ dem er ihm haſtig entgegentrat,„nun was bringen Sie?“ „Eine Bitte, Majeſtät“, ſagte er, ſich tief ver⸗ neigend. 3 „Möchten Sie mir erlauben, dieſelbe zu errathen?“ Und als Humboldt fragend zu ihm aufſchaute, fuhr er fort:„Sie kommen mit der Bitte, ich möchte heute Abend nicht das Theater beſuchen.“ „Allerdings, das iſt es, um was ich meinen Herrn —ℳ——— 67 und König ergebenſt und unterthänigſt erſuchen wollte“, ſagte der Gelehrte, der wie in allen anderen Sprachen, auch in der Sprache der Höflinge ſehr bewandert ſchien. „Du ſiehſt Eliſabeth“, wendete ſich der König lächelnd an ſeine Gemahlin,„Du ſiehſt, wie gut ich das Herz unſeres berühmten Freundes kenne; er kommt, um mich zu warnen. Sie haben alſo auch gehört, Humboldt, daß man heute eine Demonſtration im Theater beabſichtigt?“ „Ja, Majeſtät, eine lächerliche, kindiſche Demon⸗ ſtration.“ „Da haben Sie die beiden richtigen Epitheta ge⸗ wählt“, rief der König lebhaft.„Lächerlich und kin⸗ diſch! Und das, meinen Sie, ſollte uns abſchrecken? Nein, mein Freund; ich bitte Sie, begleiten Sie uns in das Theater. Es iſt die höchſte Zeit.“ In dieſem Augenblick wurden die beiden Flügel⸗ thüren des Kabinets weit geöffnet. Der Kammerdiener du jour ſtellte ſich neben dieſelbe auf, mit lauter Stimme rufend:„Se. königliche Hoheit der Prinz von Preußen!“ Der König eilte ſeinem Bruder entgegen und reichte ihm beide Hände dar. „Sei gegrüßt, Wilhelm, mein ſchöner und ſtolzer 5* 68 Prinz von Preußen“, rief er mit freundlichem Kopfnicken ihm zu.„Kommſt Du, um mich zum Theater abzu⸗ holen oder“, fuhr er mit einem ſchalkhaften Lächeln fort,„oder kommt mein mannhafter ritterlicher Bruder etwa gar auch, um mir zu ſagen, die Luft im Thea⸗ ter ſei heute etwas ſchwül und könnte meinen Nerven ſchaden?“. „Eigentlich ja“, lächelte der Prinz.„Ich wollte mir erlauben, meinem Herrn und König zu berichten, daß mir eine anonyme Warnung zugegangen. Ich erhielt ſoeben einen Brief, in welchem man mir meldet, daß heute Abend im Theater die Partei der Schreier und Wühler eine Demonſtration beabſichtigt, und daß man—“ „Das edle Stück des großen franzöſiſchen Dichters auspfeifen will“, ergänzte der König lächelnd.„Nicht etwa, weil es dieſen dummen Leuten nicht gefallen möchte, ſondern weil ſie wiſſen, daß es mir gefällt. Und Du meinſt wirklich, Wilhelm, daß ich deshalb nicht in das Theater gehen ſollte? Du meinſt, es wäre an der Zeit, dieſen Leuten zu zeigen, daß ich ſie fürchte?“ „Fürchten?“ fragte der Prinz von Preußen mit einem verächtlichen Lächeln.„Ich weiß wol, daß Eure Majeſtät vor dergleichen elenden Dingen keine — 69 Furcht haben; doch hielt ich es für meine Schuldigkeit zu melden, was ich erfahren. Ich ſehe nun, daß Eure Majeſtät entſchloſſen ſind, das Theater zu be⸗ ſuchen, und ich bitte um gnädige Erlaubniß, Sie be⸗ gleiten zu dürfen.“ „So iſt es recht, ſo freut es mich“, ſagte der König mit einem lebhaften Kopfnicken. Ich ſehe doch mit Befriedigung, daß in der Stunde der Gefahr, oder auch nur der Beängſtigung, oder der kleinen Ge⸗ witterſchauer meine Freunde bereit ſind, ſich um mich zu ſchaaren, und ſo wird denn das Ueble, das mir meine Widerſacher bereiten möchten, zu einer heiligen und ſchönen Genugthuung, zu einer rechten Sonntagsfeier! Ich danke Gott für dieſelbe und werde den Freunden dieſen Moment nicht vergeſſen. Nun alſo, Wilhelm, im Theater ſehen wir uns wieder, und auch Sie, Humboldt, im Theater auf Wiederſehen!“ Fünftes Kapitel. Die Aufführung der Athalia. Vor dem Schauſpielhauſe auf dem Gendarmen⸗ markte herrſchte zu dieſer Stunde eine lebhafte Bewe⸗ gung. Es ſchien, als ob die ganze männliche Jugend von Berlin ſich heute vor dieſem Hauſe ein Rendezvous gegeben hätte. In dichten Gruppen ſtanden hier und dort die Studenten von der Univerſität mit ihren far⸗ bigen Mützen umher und beſprachen ſich eifrig und leb⸗ haft miteinander, oder lauſchten aufmerkſam und ſchwei⸗ gend auf die Worte, welche ältere Herren, die in den Gruppen ſtanden oder von einer zur anderen gingen, zu ihnen ſprachen. „Man muß dem König begreiflich machen, daß dieſe altfranzöſiſchen Zopftragödien nicht nach unſerem Sinne ſind“, rief ein junger Mann mit glühenden —,— 71 Wangen und flammenden Blicken.„Der König will die Zeiten Ludwig's XIV. wieder heraufbeſchwören, die Zeiten des glänzenden Royalismus, in welchen ein König ſagen konnte: L'état GC'est moi. Wir müſſen dem König zeigen, daß wir aber in einer anderen Zeit leben, in einer Zeit, in welcher der Geiſt der eigentliche König der Welt iſt!“ „Merkt wohl auf“, flüſterte in einer anderen Gruppe ein junger Mann,„merkt wohl auf, meine Freunde: ſo oft in dieſer abſcheulichen Tragödie von dem Königthum die Rede iſt, fangen wir an zu ziſcheln und zu lachen, um dem König zu zeigen, daß wir dieſe albernen Tiraden nicht hören wollen, und wenn das Stück zu Ende geht, ſo tragen wir es mit lautem Ziſchen und Fußſtampfen zu Grabe. Dies ſei unſere Sonntagsfeier!“ „Ja, dies ſei unſere Sonntagsfeier!“ wiederholten die Anderen. Sie verloren ſich in der Menge, die ſich jetzt Kopf an Kopf zu beiden Seiten der großen Ein⸗ fahrt des Schauſpielhauſes drängte; denn die Vorreiter ſprengten eben heran und kündeten durch ihr Erſcheinen die nahe Ankunft des Königs. Langſam kam der Wagen jetzt herangefahren. Grüßend neigten der König und die Königin ſich zu beiden Seiten nach dem Publikum hin, aber keine 72 Stimme erhob ſich, um mit lautem Jubelruf, wie es ſonſt geſchehen, den König zu begrüßen. Mürriſche Geſichter, trotzige Mienen überall, und unter dem laut⸗ loſen Schweigen der Menge fuhr der königliche Wagen in den Ueberbau ein. Hinter ihm in dem zweiten offenen Wagen folgte der General von Thiele, ihm zur Seite Alexander von Humboldt. Eben jetzt, wie der König aus dem Wagen ſtieg, hörte er es draußen laut jubeln und ſchreien und eine mächtige laute Stimme rief: „Humboldt lebe hoch! Der Mann der Wiſſenſchaft und der freien Forſchung! Er lebe hoch!“— Und nun hundertſtimmiges lautes Jubeln:„Humboldt lebe hoch!“ 3 Der König hatte es gehört; doch nicht einen Mo⸗ ment wich das freundliche Lächeln aus ſeinen Mienen. Anſtatt weiter zu ſchreiten, blieb er einen Moment ſtehen und winkte Humboldt zu ſich, der mit etwas verlegener Miene herankam. „Das freut mich, Humboldt“, ſagte er mit freund⸗ licher Stimme,„wirklich das freut mich! Die Jugend von Berlin weiß meinen großen und berühmten Freund zu ſchätzen und anzuerkennen.“ Dann bot er der Königin den Arm und ſchritt mit ihr die breite Treppe zu der königlichen Loge hinauf.— 73 Drinnen im Theater herrſchte wie draußen eine ſeltſame, eigenthümliche Bewegung. Kein Platz war heute unbeſetzt geblieben; Kopf an Kopf gedrängt ſtan⸗ den die Studenten unten im Parterre, ſaßen ſie oben auf den Bänken des„Paradieſes“, während in den Logen und auf den Sperrſitzen die Damen und Herren der höheren Geſellſchaft und des oberen Bürgerſtandes ihre Plätze hatten. Niemand hatte ſich bis jetzt auf denſelben niedergelaſſen. Damen ſowol als Herren ſtanden aufrecht nebeneinander und Aller Blicke waren unverwandt auf die königliche Loge hingerichtet. Jeder⸗ mann wußte, daß der König dem Schauſpiel beiwohnen wolle, welches, auf ſeinen beſonderen Wunſch und Befehl von Raupach zur Darſtellung eingerichtet, heute aufge⸗ führt werden ſollte, und Jedermann wußte auch, daß es eine Oppoſition gäbe, welche ſich dieſer Aufführung zu widerſetzen trachtete. Jetzt erſchienen in der großen königlichen Mittelloge die Kammerherren und die Suite des Königs. Dann öffneten ſich die Pforten und der König, an ſeinem Arm die Königin führend, trat ein. Mit ruhigem, lächeln⸗ dem Angeſicht durchſchritt er die Loge und trat dicht heran an die Brüſtung derſelben. „Es lebe der König! Es lebe die Königin!“ rie⸗ fen hier und dort in den nächſten Logen einige be⸗ 74 geiſterte Herren. Aber der Ruf fand keinen Anklang in dem großen Publikum, und die vereinzelten Stim⸗ men erſtarben in verlegenem Schweigen. Der König wendete ſich grüßend nach den Logen hin, aus welchen die Rufe ertönt waren, und ließ ſich dann an der Seite ſeiner Gemahlin nieder. Nun ein Rauſchen und Ziſcheln durch das ganze Haus. Das Publikum nahm ſeine Sitze ein und der Capellmeiſter hob den Taktſtock empor. Jetzt tönten durch den weiten Raum die feierlichen Klänge einer choralartigen Muſik, und dann hob ſich der Vorhang und das Stück begann. Aber wie ſehr die Bühnenkünſtler, wie ſehr die große Schauſpielerin Auguſte Crelinger und ihr würdiger Partner Moriz Stoll ſich auch bemühten, durch ihre begeiſterte Dar⸗ ſtellung, durch ihre prächtige Declamation das ernſte, feierliche Gedicht Racine's zur würdigen Geltung zu bringen, das Publikum blieb kalt und verhielt ſich ſchweigend. Immer höher erglühte, vielleicht gerade durch dieſe Oppoſition, das ſtolze Herz der Künſtlerin, und immer flammender ward ihre Rede, die in begeiſter⸗ ten Worten das Königthum pries und von der Maje⸗ ſtät und Heiligkeit deſſelben ſprach. Der König neigte ſich aus ſeiner Loge vor und rief der Künſtlerin ein lautes Bravo zu. — 75 „Bravo! Bravo!“ wiederholte der Prinz von Preußen, und pflichtſchuldigſt ſchlugen die Kammerher⸗ ren begeiſtert die Hände in einander. Selbſt Alexander von Humboldt hielt es für angemeſſen, ſich von ſeinem Sitze hinter dem König zu erheben und zu applaudiren. Mitten in dieſes Beifallsrufen in der Hofloge miſchte ſich jetzt das laute Ziſchen und Lachen der jungen Leute im Parterre und auf den höchſten Plätzen, und hier und dort im Parquet fand es ſein Echo. Nun wurde das Bravorufen lauter, aber noch lauter und ſtürmiſcher tönte die Abwehr durch das Haus. Die Augen der Künſtlerin ſchoſſen Blitze. Sie wendete ſich mit einem Ausdruck unausſprechlicher Ver⸗ achtung nach dem Parterre hin und wiederholte mit flammender Begeiſterung dieletzten Strophen zur Verherr⸗ lichung des Königthums. Lauter und wüthender tönte der Chor der Ziſcher und der Lacher, das Füßeſtampfen, Murren und Schreien.— Dann trat eine Pauſe ein und das Stück nahm ſeinen Fortgang. Der König ſchaute ruhig und lächelnd hinüber auf die Scene. Das Antlitz der Königin war bleich geworden und nur mühſam hielt ſie die Thränen zurück, die wider ihren Willen aus ihrem Herzen in die Augen getreten waren. 76 Das Stück ward nunmehr nirgend unterbrochen durch Beifall oder Applaus, nur zuweilen begleitet von einem leiſen Murren und verächtlichen Lachen, welches ſich jedesmal erhob, wenn die Dichtung das Königthum und die fromme Hingabe an die Majeſtät Gottes pries. Die Königin athmete erleichtert auf, als jetzt die Vor⸗ ſtellung bis zur Schlußſcene gekommen war. Nur noch einige Minuten und dieſe peinliche Scene wird über⸗ ſtanden ſein. Ach, jetzt tönen ſchon die letzten Strophen von den Lippen der Künſtlerin, nochmals begeiſterte Strophen zur Feier des Königthums und der göttlichen Majeſtät. „Unwillkürlich tönte von den Lippen des Königs wieder ein lautes:„Bravo! Bravo!“ „Bravo! Bravo!“ wiederholte der Prinz von Preußen abermals mit lauter Stimme. Das war für die jungen Leute unten im Parterre das Signal für eine neue Demonſtration. Wie eine ungeheure Sturmeswoge rauſchte und brüllte es jetzt im ganzen Hauſe. Es wirft ſeine Schaumſpritzen hoch hinauf in die oberen Räume, und überall ertönte jetzt das Heulen und Ziſchen, das Stampfen und Wüthen der empörten Menge. Die Königin erhebt ſich von ihrem Sitz und tritt zurück; der König will ihr ſeine Hand reichen, unter —— —,— — 66 dem fortwährenden Brauſen, Ziſchen und Heulen der Menge im Parterre. Der Prinz von Preußen, außer ſich, ſtürzt mit flammenden Blicken an die Logenbrüſtung und ſeine Arme weit ausbreitend, ruft er mit donnernder Stimme hinunter:„Ruhig, ruhig!“ Aber das Wort, welches ſeinen Kriegerſchaaren tiefes Schweigen auferlegt haben würde, fand kein Gehör bei den zornigen Maſſen der jungen Leute da unten. Nur noch lauter und ſtür⸗ miſcher begannen ſie zu ziſchen und zu ſchreien. Da rief mitten in das wüthende Getöſe hinein eine klare, mächtige Stimme drunten im Parterre: „Ruhig, ihr Schreier und Rebellen! Ruhig, wenn der König es befiehlt!“ Die Stimme war ſo laut, ſo gellend, daß Niemand ſie überhören konnte. Mit einem Ausdruck des Erſtaunens und des Spottes wendeten ſich die Geſichter der jungen Leute hin nach dem verwegenen und kühnen Menſchen, der es wagte, in ihrer Mitte ſolchen Ruf ertönen zu laſſen. Es war eine hochgewachſene, ſchlanke Geſtalt mit einem bleichen ruhigen Angeſicht, deſſen große graue Augen mit einem trotzigen Ausdruck in der Menge umher⸗ ſchweiften. „Tödtet mich, wenn ihr wollt“, rief er mit lauter 78 kreiſchender Stimme.„Jetzt aber, ſo lange ich lebe, will ich nicht hören, wie man dies edle und hochherzige Königspaar beſchimpft.“ Die Studenten antworteten nur mit einem lauten Lachen und einem verächtlichen Achſelzucken und wen⸗ deten ſich dann von ihm ab, denn das Schauſpiel war beendet und es bedurfte keiner weiteren Demonſtrationen mehr. Johannes Streber, denn er war es geweſen, wel⸗ cher den Ruf hatte ertönen laſſen, ging mit den An⸗ deren hinaus. Eilfertig drängte er ſich durch die Menge und ſtellte ſich neben der Thür auf, durch welche der König jetzt hinausſchreiten mußte. Zu beiden Seiten derſelben hatte die Menge ſich geſchaart und dazwiſchen ſah man wieder die jungen Leute mit den trotzigen Ge⸗ ſichtern, den düſter flammenden Augen, den entſchloſſenen Mienen, dieſe jungen Leute, welche es für ihre Pflicht erachteten, dem König, wie ſie meinten, die wahre Stimmung ſeines Volkes kundzuthun.— Der Prinz von Preußen hatte vorher den König gebeten, ein wenig früher das Haus zu verlaſſen, aber Friedrich Wilhelm hatte es abgelehnt. „Man ſoll nicht denken, daß ich das Schreien und Ziſchen fürchte, oder daß meine Nerven zu ſchwach wären, es zu ertragen! Im Gegentheil, es ſollen keine —..,— 79 Gendarmen zu beiden Seiten der Pforte ſtehen, das Publikum ſoll mein Spalier bilden, und ich will durch daſſelbe zu meinem Wagen hindurchſchreiten.“ Alſo geſchah es. Mit ruhig lächelnder Miene er⸗ ſchien jetzt der König, ſeine Gemahlin an dem Arm führend, in den breiten, weit geöffneten Thüren, um ſich zu ſeinem Wagen zu begeben. „Es lebe der König!“ rief jetzt eine laute kreiſchende Stimme.„Es lebe der König“, wiederholten hie und da in der Menge einige ſchüchterne Stimmen.„Geſegnet ſei der Geſalbte, der kommt in dem Namen des Herrn!“ wiederholte die erſte Stimme. Der General von Thiele, welcher dem König ge⸗ folgt war, wendete ſich zur Seite und ſchaute mit einem freundlichen Lächeln auf den blaſſen, jungen Mann, der dicht neben der Thür ſtand. Er nickte ihm freundlich dankend zu. Auch der König wendete ſich, indem er im Begriff war, in den Wagen zu ſteigen, zurück, und es ſchien ihn mit Genugthuung zu erfüllen, als jetzt Johannes Streber noch einmal mit ſeiner lauten ſchrillen Stimme rief:„Geſegnet ſei der Ge⸗ ſalbte, der da kommt im Namen des Herrn!“ Der General von Thiele blieb ſtehen, während die Equipage des Königs von dannen rollte, und mit einem 80 Wink ſeiner Hand rief er den jungen Fremden zu ſich heran. „Sie haben viel Muth gezeigt, junger Mann“, ſagte er leiſe,„und ich wünſche, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Kommen Sie morgen früh zu mir; es wird mich freuen, die Bekanntſchaft eines ſo tapferen und, wie mir ſcheint, ſo frommen jungen Mannes zu machen.“ Er nickte ihm freundlich zu und beſtieg dann ſeinen Wagen. Johannes Streber blieb ſtehen und ſchaute ihm nach. Er ſchien die ſpöttelnden Bemerkungen der jungen Leute, welche nahe bei ihm ſtanden, ihn mit zornigen Augen betrachteten und höhnend von Frömm⸗ lern und Heuchlern ſprachen, gar nicht zu hören. Nur jetzt, da ſie ſich immer näher an ihn heran⸗ drängten und die Stimmen des Hohnes und Spottes immer lauter wurden, wendete er ſich zu den jungen Männern hin und neigte tief wie zum ehrerbietigen Gruße ſein Haupt. Dann ſchlich er leiſe mit demü⸗ thiger Miene von dannen, und Niemand hörte, wie er mit triumphirender Miene zu ſich ſelber ſagte: „Ich werde meinen Weg machen, ich werde mein Ziel erreichen. Ja, ich werde meinen Weg machen, ich werde mein Ziel erreichen!“ Das wiederholte Johannes Streber ſich auch am —. 81 andern Tage, als er bei dem General von Thiele ſeinen Beſuch gemacht. Er hatte ihm das geheimnißvolle Fläſchchen mit dem Urwaſſer des Lebens gezeigt und ſich dem General als einen frommen und gläubigen Anhänger Ebel's zu erkennen gegeben. Er hatte dem General, wie jener wenigſtens meinte, ſein ganzes Herz ausgeſchüttet; er hatte ſich ihm als einen frommen, gläubigen Chriſten gezeigt, der nichts wolle und bezwecke, als nur dem Herrn zu gehören und ſeinem Dienſt ſich zu weihen aus reiner edler Begeiſterung. Er hatte ihm ge⸗ ſagt, daß er nach dem Worte, welches Chriſtus zu ſeinen Jüngern geſprochen:„Werfet hin eure Habe und folget mir nach!“ gehandelt habe.„Das hat er ja auch zu mir geſagt“, ſagte Johannes Streber mit begeiſtertem Aufblicken zum Himmel zu dem lauſchenden General.„Und alſo habe auch ich Alles hingewor⸗ fen, um meinem Herrn zu folgen. Ich war Lehrer in einer reichen, vornehmen gräflichen Familie in Preußen, und ich darf ſagen, es war mir dort vor der Welt eine große und glänzende Laufbahn eröffnet. Vor Eurem Auge kann doch nichts verborgen bleiben und Euch darf ich alſo bekennen, was ſonſt ein Geheim⸗ niß iſt vor der Welt. Die Tochter dieſer reichen Gräfin, deren Sohn ich erzog, liebte mich, die Mutter bot mir die Hand ihrer Tochter an; doch ich hatte ſchon die 6 Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten IV weltliche Geſinnung dieſer eitlen und ſtolzen Weltkinder erkannt, und ich wendete mich verächtlich von ihnen und ſchüttelte den Staub von meinen Füßen. Ich lehnte die Hand der weltlichen Tochter des Reichthums und des Luxus ab! Nur dem Herrn will ich dienen, nur Gott mein Herz weihen, und alſo ging ich hinaus aus dem reichen Palaſte in meine Armuth, denn es tönte vor meinem Ohr das Wort des Herrn:„Wirf Alles von dir und folge mir nach.“ Die junge Gräfin iſt in ihrem Zorn und Schmerz mit ihrer Mutter von dannen gegangen, um die Scham der Abweiſung zu verhüllen und zu verbergen. Ich aber, arm und dürf⸗ tig wie ich bin, bin hinausgewandert in die Welt, bin hier in der Fremde und fühle mich doch in der Heimat, denn die Welt iſt mein Vaterhaus, da ſie Gottes iſt, und überall, wo man dem Herrn dient, da bin ich der Prieſter meines Herrn, obwol ich ein armer elender Menſch bin und nichts habe und nichts mein eigen nenne.“ „Sie ſind nicht arm, ſondern Sie ſind reich! Sie ſind nicht elend, ſondern hochbeglückt“, ſagte General von Thiele mit begeiſtertem Blick.„Sie beſitzen den höchſten Schatz der Menſchen: die Frömmigkeit. Auch leſe ich in Ihren Mienen, daß Sie Muth haben und Tapferkeit, um nach dem höchſten Ziele zu ſtreben. —-— 83. Sagen Sie mir nun, was Sie hierherführt zu uns und⸗ was Sie erſtreben.“ „Nicht ich führte mich hierher“, ſagte Johannes Streber mit feierlichem Ton,„Gott iſt es, der mich führt, wie er einſt geführt hat den großen Ignaz Loyola, daß er die ſündige Welt zur Demuth bekehre. So führt er auch mich, und zur Demuth bekehren will ich die Menſchheit, und die Jugend will ich lehren, daß ſie ſich rein fühle und nur ihren Reichthum in Gott finde. Ein Haus möchte ich gründen zur Ehre Gottes, nicht um darin zu predigen, wie es die Diener und Auserwählten des Herrn thun, ſondern darin zu lehren die arme, verwahrloſte Jugend, daß ſie zu Gott ſich wendet; ein Haus, wo die Armuth und Dürftigkeit eine Stätte haben, ein Haus in dem Sinne, wie es der große Wichern angelegt hat. Ein„rauhes Haus“ nennt er es, ich möchte das meine ein„rauheſtes“ nennen, und die Dürftigen und Armen, die Bettler und die Kinder möchte ich zu mir rufen und ſprechen: „Laſſet die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht.“ Ich bin gewandelt durch die Straßen von Berlin, wo die Armuth wohnt und die beſchränkte Dürftigkeit, und ich habe geſehen, welches Elend da herrſcht und daß die Armuth die Immoralität zur Folge hat. Dieſe Kinder der Armuth möchte ich zu mir rufen, 6* — um ihnen eine Stätte zu bereiten, wenn ich nicht ſelber ſo arm wäre, daß ich kaum eine Stätte habe, wo ich mein Haupt niederlegen kann.“ „Ich will Ihnen helfen, mein Freund“, rief General von Thiele freudig.„Ja, ich ſage Ihnen meine Hilfe zu. Ich werde für Sie ſprechen bei dem großen und frommen König, deſſen gnädiger Freundſchaft ich mich rühmen darf. Sie haben ſich ein großes Ziel ſelber geſteckt, und ich wiederhole es Ihnen: ich will Ihnen helfen! Sie ſollen ein„rauhes Haus“ oder, wie Sie ſagen, ein„rauheſtes Haus“ anlegen! Gott wird uns dazu die Mittel geben! Man muß nur geduldig ſein und warten, man muß Schritt vor Schritt nur vor⸗ wärts gehen wollen! Nicht auf einmal läßt ſich das Gute und Große erreichen, es will langſam und in der Dunkelheit vorbereitet ſein. Warten Sie und hoffen Sie! Ihr Ziel iſt edel, und Sie werden es erreichen.“ Als Johannes Streber von dieſem Beſuche bei dem General von Thiele heimgekehrt, als er in dem ärmlichen Kämmerchen, welches er ſich in einem abge⸗ legenen Gaſthauſe gemiethet hatte, allein war, da nahm ſein Angeſicht einen ſtolzen, triumphirenden Ausdruck an. „Ja“, ſagte er mit freudiger Stimme,„ja, ich werde mein Ziel erreichen, ich werde einflußreich und mächtig ſein, ich werde mir einen Namen machen! Und 85 dann“, fuhr er mit leiſer Stimme fort und ſeine Augen nahmen einen gehäſſigen, ſpöttiſchen Ausdruck an,„und dann werde ich dieſe ſtolze Gräfin, welche es wagte, mich zu verachten, zur Demuth zwingen, und ich werde machen, daß ſie flehend und jammernd zu meinen Füßen liegt und mich als ihren Herrn anerkennt.“ Sechstes Kapitel. Bekenntniſſe. „Da ſind wir mein Freund 1“ ſagte die Baronin Olympia, mit ihren Kindern in das Arbeitszimmer ihres Gemahls eintretend.„Du ſiehſt, wir kommen auch als ungebetene Gäſte zu Dir, und vielleicht ſogar als unwillkommene, denn ich ſehe, daß mein theurer Herr beſchäftigt iſt, und doch wage ich es, ihn zu ſtö⸗ ren. Weißt Du, was ich will?“ „Ich weiß es nicht!“ erwiderte der Baron, ſich von ſeinem Sitze vor dem Schreibtiſch erhebend und freundlich den Geliebten zunickend;„ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß Du mir immer das Licht bringſt und die Sonne, und daß mich niemals friert, wenn Deine Augen mir leuchten!“ „Wie galant und wie gütig!“ rief Olympia freund⸗ 87 8 lich, indem ſie ihren Arm um die ſchlanke Geſtalt ihres Gemahls legte und, ihr Haupt an ſeine Bruſt legend, ihn zärtlich küßte. Dann wendete ſie ſich mit einem ſtolzen, glückli⸗ chen Ausdruck zu ihrem Sohne, der neben ſeiner Schwe⸗ ſter ſtand und mit einem zärtlichen Lächeln auf das umſchlungene Paar hinſchaute. „Marco“, ſagte ſie, lerne von Deinem Vater, daß die wahre Liebe auch die ewige Jugend iſt, und erfahre von mir, daß es für ein Weib auf Erden kein höhe⸗ res Glück gibt, als wenn der Gatte nach langen Jahren der Ehe ſich noch ihrer Nähe freut, ihre Schön⸗ heit preiſt, und ſie recht lieb hat. Du lächelſt? Du meinſt, ich ſage das nur, weil ich eine Frau bin und weil die Frauen eitel ſind und von ſolchem Preiſen ſich geſchmeichelt fühlen. Nein, Marco! Nicht aus Fraueneitelkeit, ſondern in rechter zärtlicher Frauen⸗ liebe ſagte ich Dir das. Ein ſo liebes Wort, wie Dein Vater eben ſprach, beweiſt ja nach langen Jahren der Ehe, daß die ewige Jugend und die ewige Liebe aus den Augen des Mannes ſtrahlt, und daß er nichts von den Jahren weiß, welche geweſen, daß er nicht daran denkt, wie wir einſt waren, nicht wie wir jetzt ſind.“ „Du biſt aber, theuerſte Mutter, noch, wie Du einſt warſt, immer die ſchönſte und die herrlichſte der Frauen!“ rief Marco begeiſtert;„die ewige Jugend ſtrahlt wirklich von Deiner reinen Stirne und umgibt Dich wie mit einem Glorienſcheine.“ Sie hob den Finger und drohte ihm lächelnd. „Still, ſtill, Du Läſterer! Was würde Dein frommer Onkel ſagen, wenn er Dich hören könnte?“ „Ich verlange gar nicht, von ihm gehört zu werden, theuerſte Mutter“, ſagte Marco mit um⸗ düſterter Stimme. „Ihm wäre es genug, wenn die Tochter des frommen Onkels ihn hörte“, rief Marie mit heiterem Lächeln.„Ja, ja, Bruder Marco, leugne nur nicht, unſere Couſine Sophie ſcheint Dir doch nach unſerer geliebten Mutter die ſchönſte und die herrlichſte der Frauen.“ „Still, Du übermüthiges Kind“, ſagte der Baron lächelnd;„ſiehſt Du denn nicht, daß Marco erröthet wie ein junges Mädchen?“ „Faſt wie meine Schweſter“, lächelte Marco,„wie meine unartige Schweſter Marie, wenn man von dem Couſin Georg ſpricht.“ „Ruhig, ihr tolles, neckiſches junges Volk!“ lächelte der Baron.„Laßt uns jetzt die Befehle Eurer theuren Mutter empfangen! Denn Du kamſt doch hierher, Olympia 89 um mir Deine Befehle zu ſagen; ſo ſprich jetzt, theure Königin, was iſt es, das Du begehreſt?“ „Ich begehre, daß mein Herr und mein König jetzt endlich es für heute der Arbeit und des Studirens genug ſein läßt“, ſagte Olympia mit neckiſchem Tone. „Ich befehle, daß mein Herr und König ſich gleich uns in den warmen Winterpelz hülle und mit uns eine Spazierfahrt mache. Das Wetter iſt köſtlich. Der Schnee blinkt im Sonnenglanze mit tauſend und aber tauſend Brillanten, und wenn mein König die Gnade haben will, einen Augenblick hinunterzuſchauen aus dem Fenſter, ſo wird er ſeine zwei geflügelten Roſſe mit den Digerdecken ſehen, welche einen goldenen Schwan hinter ſich führen und bereit ſind, uns hinaufzutragen zum Parnaſſus, was, in ehrliche und ſchlichte Proſa überſetzt, ſo viel ſagen will, als: der neue ſchöne Schlitten, den Du in Deiner Großmuth und Güte mir geſchenkt haſt, iſt angeſpannt, und die Roſſe wiehern vor Vergnügen, uns hineinzutragen in die ſchneeige Landſchaft. Komm' mit, mein Herr und Geliebter, Du mußt den ſchönen Schlitten auch einweihen und mit uns eine Spazierfahrt machen!“ „Nein“, lächelte der Baron.„Der goldene Schwan darf nur ſo holde Laſt, wie Frauen es ſind, tragen, und nur für meine Damen iſt er beſtimmt.“ „Du verweigerſt es mir?“ fragte Olympia zärtlich. „Du willſt uns nicht begleiten?“ „Nein, ich kann nicht“, ſagte er ſanft.„Ich habe wirklich zu arbeiten. Du weißt, ich erzählte Dir ſchon, daß ich mit unſerem Juſtizbeamten geſtern eine lange Unterredung über geſchäftliche Dinge hatte, und ich habe damit auch zu thun; ja, ich bin ſogar ſo grauſam, Dich zu bitten, daß Du mir auch Marco hier läſſeſt. Es ſind Geſchäfte, welche keinen Aufſchub dulden, und ich wünſche, daß er mir hilft. Deſto eher werde ich fertig ſein, und ich hoffe, daß unſere Damen, wenn ſie von der Spazierfahrt heimkehren, uns mit Liedern und Muſik erquicken für die halbe Stunde des Allein⸗ ſeins und der Arbeit.“ „Nein“, ſagte Olympia,„wenn Du nicht mit uns geheſt, bleiben auch wir heute zu Hauſe und verſchieben die Ausfahrt bis morgen.“ „Dann würdeſt Du mich zwingen, die nothwendige Arbeit aufzuſchieben und ſogar in der Nacht zu arbeiten“, ſagte ihr Gemahl.„Wenn Du es wünſcheſt, ſoll es geſchehen.“ „Nein“, rief Olympia eifrig,„Du ſollſt bleiben und mit Marco arbeiten. Wir wollen thun, wie Du es wünſcheſt, wir wollen hinausfahren in die ſchöne Winterland⸗ ſchaft; dann, wenn wir heimkehren und die Arbeit zu 91 Ende iſt, ſingen wir Dir die ſchönſten Duette und Arien, ſo viel Du willſt. Gib mir den Abſchiedskuß, und dann, Marie, laß uns eilen, daß wir fortkommen, damit die Arbeit deſto raſcher gefördert werde.“ Sie ſchlang wieder ihre Arme um den Hals des Gemahls und küßte ihn innig, grüßte dann mit einem freundlichen Nicken ihres Hauptes ihren Sohn Marco, nahm den Arm Mariens und eilte mit ihr hinaus. Der Baron ſchaute ihnen nach mit einem langen zärtlichen Blick und trat dann an das Fenſter, welches auf den weiten Platz vor dem Schloſſe hinausführte. Da ſtand der Schlitten in Form eines vergoldeten Schwanes, das Weihnachtsgeſchenk des Barons für ſeine Gemahlin. Die ſchwarzen Roſſe mit den Tiger⸗ decken ſtampften ungeduldig den glitzernden Schnee und weckten mit jeder Bewegung ihres ſtolzen Hauptes das ⸗melodiſche Geklingel der ſilbernen Schellen, die am ſilbernen Bogen über ihren Rücken geſpannt waren. „Es iſt ein prächtiges Gefährte“, ſagte Marco, welcher zu ihm getreten war und mit ihm hinaus⸗ ſchaute,„ich habe ſelbſt in Paris und London kein ſchöneres und geſchmackvolleres Fuhrwerk geſehen. Es würde ſicher Senſation machen, und es iſt ſchade, daß es hier Niemand ſieht.“ „ Doch, ich fürchte, es wird es Jemand ſehen und wird darüber grollen“, ſagte der Baron, leiſe ſein Haupt wiegend.„Der Onkel Paſtor wird ſehr erzürnt ſein, fürchte ich, über dieſes ſündhafte Gefährt und wird es als einen neuen Beweis unſerer weltlichen Geſinnungen betrachten.“ „Und wird vielleicht darüber von der Kanzel donnern“, lachte Marco,„wie er es neulich gethan hat gegen mich und meine Freunde, als wir uns das un⸗ ſchuldige Vergnügen einer maskirten Schlittenfahrt ge⸗ macht hatten. Laß ihn donnern und ſchelten, theurer Vater, was kümmert es uns.“ „Kümmert es Dich ſo ganz und gar nicht, was Dein Onkel meint und ob er Dir zürnt?“ fragte der Baron, mit einem leuchtenden Blick das ſchöne An⸗ geſicht ſeines Sohnes durchforſchend.„Da kommen unſere Damen; wir wollen das Fenſter öffnen und ihnen einen Gruß zurufen.“ Haſtig drehte er den Riegel des Fenſters auf und ſchaute hinunter. Er grüßte die Baronin und ihre Tochter mit einem freundlichen Worte und wünſchte ihnen glückliche Fahrt und nicht zu ſchnelles Wieder⸗ kommen. „Genießt die ſchöne Winterluft!“ rief er mit lauter, ſchallender Stimme ihnen zu,„ihr dürft mir nicht vor einer Stunde heimkehren. Hörſt Du, Johann, 93 eine ganze Stunde ſollen die Damen fahren und nicht früher darfſt Du mit ihnen heimkehren!“ Dann blieb er noch ſtehen und ſchaute ihnen nach wie ſie in dem im Sonnenglanze funkelnden Gefährte dahinflogen über den weißen, glitzernden Schnee. Aber während er ihnen nachſchaute, verſchwand allmälig das Lächeln auf ſeinem Angeſicht und ein wehmüthiges Zucken ſpielte um ſeine Lippen. Er ſchloß das Fenſter mit einem tiefen Seufzer und wendete ſich um, und ging durch das Gemach nach dem Divan drüben an der Wand. „Komm zu mir, mein Sohn“, ſagte er und ſeine Stimme hatte jetzt etwas Ernſtes und Feierliches. Wir ſind allein. Die zärtlichen Augen Deiner Mutter beobachten uns jetzt nicht mehr und ich darf mein Antlitz zeigen, wie es wirklich iſt, traurig und kummer⸗ voll.“ „Wie, mein Vater?“ ſagte Marco angſtvoll. „Traurig und kummervoll? Gibt es etwas, das Dich beunruhigt, kannſt Du wirklich Kummer empfinden, und weshalb? Sage es mir, was beunruhigt Dich? Was iſt es, das Dich auf einmal ſo verändert erſcheinen läßt? Denn es iſt wahr, Deine Miene, welche ich ſonſt immer nur heiter geſehen, iſt auf einmal ver⸗ wandelt und Du ſiehſt traurig und kummervoll aus! 94 Was iſt es, mein Vater, mein theurer, geliebter Vater?“ Er legte, während er ſprach, mit einer zärtlichen Be⸗ wegung ſeinen Arm um den Nacken ſeines Vaters und ſchaute ihm tief und mit feuchten Augen in das edle, bleiche Angeſicht. „Du fragſt, mein Sohn, was es iſt, das mich mit Kummer erfüllt?“ erwiderte der Baron,„und doch weißt Du es! Schau mir in die Augen, Marco; wende Deinen Blick nicht von mir, ſieh mich an und ant⸗ worte mir: nicht wahr, Du weißt, weshalb ich traurig bin und kummervoll?“ Der Sohn antwortete nicht, er vermied es, dem Blick des Vaters zu begegnen, und ſchlug die Augen nieder. Der Baron nickte leiſe.„Höre, Marco! Ich weiß, daß der Arzt mit Dir geſprochen hat“, ſagte er;„ich weiß es, denn ich ſelber war es, welcher ihn dazu er⸗ mächtigte. Ich ſagte ihm, er ſolle Dir die Wahrheit bekennen; er ſolle Dir ſagen, daß ich leidend ſei und daß meine Krankheit leicht—“ „Um Gotteswillen, mein Vater!“ rief Marco mit bleichen Wangen und ſeine Lippen zitterten vor innerer Bewegung,„um Gotteswillen, mein Vater, ſprich es nicht aus!“ „Es muß doch einmal geſprochen werden“, ſagte der Baron mit feſter Stimme.„Der Arzt hat Dir 95 geſagt, daß meine Krankheit leicht einen tödtlichen Ausgang haben könne. Sei gefaßt, mein Sohn, zwinge die Thränen in Dein Herz nieder, wie ich es ſeit langer Zeit gethan habe; ich will nicht, daß Deine Mutter, wenn ſie heimkehrt, Deine Augen ge⸗ röthet ſehe und auf Deinem oder auf meinem Antlitz die Gedanken unſerer Seelen leſe. Darum wollte ich, daß ſie ohne uns ſpazieren fahre; ich wünſchte eine Stunde des Alleinſeins mit Dir, mein Sohn; denn die Zeit iſt gekommen, wo wir, wie es Männern geziemt, der Wahrheit in das Angeſicht ſchauen müſſen, und dieſe Wahrheit iſt leider, daß mein Leben zur Neige geht.“ „Nein, mein Vater, nein, es iſt nur eine Be⸗ fürchtung, ſage nicht, daß es eine Wahrheit iſt!“ rief Marco lebhaft.„Der Arzt hat mir freilich, wie Du es ſelber ſagſt, auf Deinen Befehl gekündet, daß Du krank ſeieſt und leidend, aber er hat mir auch noch Hoffnung gegeben, er hat mir geſagt, daß Deine Manneskraft und Dein guter geſunder Lebenskern Dich vielleicht die Gefahr überwinden laſſen. Nein, geliebter Vater, es iſt nicht eine traurige Gewißheit, daß es, wie Du ſagſt, mit Dir zur Neige geht! Sieh', die Sonne ſcheint ſo hell und ſchön draußen und die Luft wird bald mild und ſanft. Laß nur den Frühling 96 kommen, die Frühlingsſonne wird Dich ſtärken und die Frühlingsluft wird Dich erquicken.“ „Oder ſie wird mich tödten!“ ſagte der Baron feierlich.„Was hilft es, mein Sohn, gegen das Un⸗ vermeidliche ſich zu ſträuben, denn ich ſage Dir Marco: es iſt unvermeidlich! Meine Bruſt iſt todeskrank. Schau' dies.“ Während er ſo ſprach, zog er aus ſeiner Taſche ein weißes Tuch hervor, das ganz von Blut geröthet war. „Das iſt mein Todesurtheil“, ſagte er,„geſchrieben mit meinem eigenen Blute. Deine Mutter ſoll es nicht wiſſen und erfahren; ich will, daß es vor ihr ein Geheimniß bleibe, ſo lange es nur irgend möglich iſt. Ihre ſtrahlenden Augen ſind für mich der einzige Troſt, ihr harmloſes Lächeln für mich der einzige Lohn für die Schmerzen, die ich ihr verberge. Ich befahl dem Arzt, Dir mein trauriges Geheimniß mitzutheilen, aber ich befahl ihm, vor Deiner Mutter und Deiner Schweſter es getreulich zu bewahren, und er mußte es mir mit feierlichem Handſchlag geloben. Laß uns nicht mehr darüber ſtreiten und rechten, ſondern laß uns, wie es Männern ziemt, dem Unvermeidlichen feſt ins Auge ſchauen. Wenn Jemand eine Reiſe thun will, ſo beſtellt er ſein Haus, und da ich nun im Begriff 97 bin, bald eine weite Reiſe zu machen, eine Reiſe in ein ſchönes, unbekanntes Land, ſo will ich es machen, wie es einem Manne ziemt, ich will mein Haus beſtellen. Du, mein Sohn Marco, Du ſollſt mein Teſtaments⸗ Vollſtrecker ſein, auf Dich will ich meine Rechte und meine Pflichten übertragen, und Du wirſt mir ein würdiger Nachfolger ſein! Aber, höre mir nun auf⸗ merkſam zu und vor allen Dingen gelobe mir, daß von dem, was ich Dir jetzt zu ſagen habe, kein Wort über Deine Lippen komme zu Deiner Schweſter oder zu Deiner Mutter. Gib mir die Hand darauf!“ Marco legte mit ernſtem Blick ſeine Hand in die dargereichte Hand des Vaters.„Ich gelobe Dir, mein Vater, daß von Allem, was Du jetzt zu mir ſagen und was Du mir anvertrauen wirſt, kein Wort über meine Lippen kommen ſoll zu meiner Schweſter wie zu meiner Mutter.“ „Wohl denn, ſo höre“, ſagte der Baron. Er er⸗ zählte ihm dann von dem Geſpräch, welches er vor einiger Zeit mit ſeinem Bruder gehabt, und daß dieſer ihn nach ſeinen Papieren gefragt, nach dem Trauſchein mit ſeiner Gemahlin und den Taufſcheinen ſeiner Kinder. „Abſcheulich!“ murmelte Marco leiſe vor ſich hin. „Er iſt ein böſer—— vergib, daß ich es ſagen muß, Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten IV 7 mein Vater, er iſt Dein Bruder, aber er iſt ein böſer Mann und es macht ihm Freude, Dich zu kränken. Wie könnte er ſonſt eine ſolche Frage an Dich ge⸗ richtet haben?“ „Er konnte auch einen anderen Sinn damit ver⸗ binden, mein Sohn“, antwortete der Baron leiſe, als fürchte er, daß ſeine laute Stimme das Geheimniß ſeines Herzens der Luft mittheilen könnte;„ja einen anderen Sinn. Marco, ich muß es Dir leider bekennen, ich ſelbſt mißtraue meinem Bruder und ich kann Deinem Urtheil über ihn leider nicht widerſprechen; er iſt mein Feind, das fühle ich, mein Feind, obwol er mein Bruder iſt, und wir müſſen deshalb gegen ihn gewaffnet und bereit ſein. Ich habe nach meiner Unterredung mit ihm den Juſtizbeamten kommen laſſen, und habe mit ihm geſtern eine lange und ausführliche Beſprechung gehabt. Nachdem mir der Arzt auf mein Begehren offen gekündet hatte, wie es mit mir ſteht, durfte ich dieſe Unterredung nicht länger hinausſchieben, und ich habe ihm offen und ehrlich Alles geſagt.“ „Wir haben, dies muß ich Dir bekennen, einen Fehler gemacht; wir haben in unſerer Unſchuld— ich muß das Wort gebrauchen, obwol es für einen Mann nicht anwendbar iſt— nicht an die Schlech⸗ 99 tigkeit der Welt gedacht. Ich ſtand mit Deiner Mutter vor dem Altar Gottes und es war ein Diener Gottes, welcher unſere Ehe einſegnete und Dich und Deine Schweſter in die Gemeinſchaft der chriſtlichen Kirche aufnahm. Wir dachten, es ſei das genug vor Gott und den Menſchen, wir dachten nicht an die ver⸗ derbliche, mißtrauiſche und boshafte Welt; und als wir unſere Heimat dann verließen— denn ich bekenne es jetzt, daß uns der Süden unſere eigentliche Heimat war und unſer Glück— als wir unſere Heimat dann verließen, da vergaßen wir die irdiſchen Zeugniſſe unſeres Bun⸗ des, Schwarz auf Weiß geſchrieben, mit uns zu nehmen. Sie ſtanden in unſeren Herzen geſchrieben und Gott hatte uns gehört, das war uns genug; ohne die Frage meines Bruders wäre mir niemals der Ge⸗ danke gekommen, daß man ſich unterfangen könnte, Zweifel in unſere CEhre und unſere Tugend zu ſetzen, und daß ein Tag kommen könnte, wo man Deine Nutter fragen dürfte: Wo iſt das Zeugniß Deines Bundes, daß Du eine ehrliche Frau biſt?“ „Wehe denen, welche es jemals wagen könnten, meine Mutter alſo zu fragen!“ rief Marco, indem er mit flammenden Augen und drohenden Mienen von ſeinem Sitze emporſprang, als ſähe er ſich jetzt ſchon dem Feinde gegenüber, der eine ſolche Frage wagen könnte. * 100 „Ruhig, mein Sohn, ruhig“, ſagte der Baron, inden er den Arm ſeines Sohnes faßte und ihn ſanft wieder niederzog.„Glaube mir, es gibt Menſchen, welche ſolche Fragen eines Tages thun werden und welche dazu berechtigt ſind. Und obwol er nicht aus Güte und Liebe ſo gefragt, danke ich doch meinem Bruder, dem frommen Herrn Paſtor, daß er mich an das gemahnt hat, was nothwendig iſt. Der Trauſchein und die Taufſcheine, ſo ſagte er mir, müſſen in das Kirchenbuch eingetragen werden, damit ſie eines Tages für Euch Zeugniß ablegen. Ereifere Dich nicht, mein Sohn, er hat Recht gehabt; der Juſtizbeamte hat es mir beſtätigt. Wenn mein Schickſal ſich erfüllt hat, und wenn meine Augen ſich geſchloſſen haben, dann werden dieſe Leute des Geſetzes und des ſogenannten Rechts kommen, und ſie werden nach den Papieren fragen, welche Dich als meinen rechtmäßigen Erben erkennen laſſen.“ „Mir liegt nichts an dem Erbe!“ rief Marco ungeſtüm,„mir liegt nur an Deiner Ehre und an der Ehre meiner Mutter! Mögen ſie das elende Erbe hin⸗ nehmen, aber Deine Ehre ſollen ſie mir nicht nehmen und nicht die Ehre meines Namens und meiner Mutter. Dafür, mein Vater, bin ich bereit zu kämpfen und Alles zu thun, was Du mir befehlen wirſt.“ —— 101 „Das wußte ich, mein Sohn, und darum ſprach ich mit Dir“, erwiderte der Baron feierlich.„Du haſt Recht, meine eigene Ehre, Dein ehrlicher Name und die Ehre Deiner Mutter ſind in Gefahr; wir müſſen alſo dieſe Papiere haben, welche für uns Zeugniß ab⸗ legen; es genügt nicht an meinem ehrlichen Mannes⸗ wort, es wird nicht genügen an dem Schwur Deiner Mutter; wir müſſen dem Geſetz gegenüber, Schwarz auf Weiß, beſiegelt und beurkundet, beweiſen können, daß Deine Mutter,— möge der Geiſt der Liebe es mir verzeihen, daß ich nur überhaupt das unedle Wort in Bezug auf ſie ſprechen muß,— daß Deine Mutter meine eheliche Gemahlin iſt und ihr Beide meine ehelichen Kinder ſeid. Ich habe, ſo viel an mir lag, ſchon jetzt gethan, um es zu beweiſen; aber es iſt leider ver⸗ geblich geweſen. Du weißt, daß der Graf von Santa⸗ Cruce gleich uns Südamerika verließ und nach Spanien, ſeinem Vaterlande heimkehrte. Er nahm ſeinen treuen Freund, den Prieſter Joſé, mit ſich, und vor einem Jahre noch erhielt ich ein freundliches Schreiben hier⸗ her, worin er wir freilich kündete, daß ihn das Heimweh quäle und daß er in ſeine eigentliche Heimat nach Südamerika zurückzukehren gedenke. Ich glaubte nicht, daß das ſobald geſchehen würde, und ich ließ jetzt von dem Juſtizbeamten an ihn nach Spanien ſchreiben, 4 102 und von dem Prieſter Joſé die nöthigen Zeugniſſe und Papiere einfordern. Geſtern meldete mir der Juſtizjbeamte, daß er von den dortigen Behörden die Antwort erhalten, daß der Graf Santa⸗Cruce mit ſeinem ganzen Haushalt wieder nach Südamerika ausgewandert ſei.“ „Und was gedenkſt Du nun zu thun und was muß geſchehen?“ fragte Marco athemlos. „Ich frage Dich danach, mein Sohn“, erwiderte der Baron, ihm tief in die Augen ſehend;„ich frage Dein Herz und Deinen Kopf: was muß geſchehen und was willſt Du thun?“ „Ich will den Grafen Santa⸗Cruce aufſuchen, ich will von dem Prieſter Joſé die Papiere fordern; ich will noch heute Abend fort, mein Vater, will unauf⸗ haltſam reiſen, um ſobald als möglich zu Dir zurück⸗ zukehren mit den Papieren in der Hand!“ Der Baron nickte gerührt, ſchlang ſeinen Arm um den Nacken des Sohnes und drückte einen langen Kuß auf ſeine Stirn.„Ich ſegne Dich, mein Sohn, ich ſegne Dich zu dieſer heiligen Reiſe! Du haſt Recht, Du mußt heute noch abreiſen, Du mußt ſchnell reiſen, um ſobald als möglich zu⸗ rückzukehren, denn Eile thut noth. Seufze nicht, mein Sohn, und blicke mich nicht ſo traurig an; 103 ſieh, ich bin gefaßt. Ja, ich bin gefaßt, obwol ich weiß, daß der Frühling mir niemals wieder erblühen wird und daß ich meinen letzten Frühling geſehen habe.“ „Oh, mein Vater, Du biſt grauſam, Du biſt er⸗ barmungslos!“ „Meinſt Du denn nicht, daß ich ſelber dabei leide, daß es für mich auch ein unſagbarer Schmerz iſt, das zu denken, was ich doch denken muß? Meinſt Du denn, ich ſterbe gern? Schaue doch um Dich, mein Sohn, und ſieh, wie ſchön die Welt iſt! Meinſt Du, es ſei ſo leicht, von ihr zu ſcheiden? Blicke auf Deine Mutter, auf ihr herrliches, edles, ſchönes Angeſicht, auf Deine liebliche holde Schweſter, und wenn Du auf Dich blicken könnteſt, wie ich es thue, mit den Augen eines zärtlichen Vaters, der jede Stunde, die er nicht mit Dir verbringen kann, als eine verlorne betrachtet, dann wür⸗ deſt Du begreifen und ermeſſen, was ich leide, wenn ich Euch gegenüber an jedem Tage denken muß: dieſer Tag kehrt nicht wieder, er zählt zu den wenigen Tagen, die Dir noch bleiben. Ich ſage Dir, mein Sohn Marco, ich leide zuweilen fürchterlich. Das Leben iſt mir nimmer ſo ſonnig und ſo hell erſchienen, wie jetzt, da ich weiß, daß für mich bald die Dunkelheit des Grabes hereinbrechen wird; ich leide in mancher ſchlafloſen 104 Nacht, weil ich die Stunden, die Minuten und die Secunden zähle, welche langſam mit dem Pendelſchlag der Uhr vorüberrauſchen, und weil ich weiß, ſie bringen mich meinem Grabe näher! Ich ringe mit mir in un⸗ ſäglichen Qualen und möchte zum Himmel aufſchreien: Rette mich, habe Erbarmen mit mir!“ „Das Leben iſt ſo ſchön und es lockt mich mit tauſend und tauſend zärtlichen Stimmen zu ſich, und in dieſer Verlockung gerade liegt meine Verurtheilung. Doch ſtill, ſtill!“ ſagte er dann in ſich zuſammenſinkend. „Ich habe Unrecht gethan, Dir die Qualen zu zeigen, welche mein Herz zerfleiſchen. Es war das erſte⸗ und das einzigemal, daß ich die Wunden ſehen ließ, an denen mein Leben verblutet. Ich bitte Dich, mein Sohn Marco, vergib mir dieſe Schwäche; es iſt eine Schwäche, und ich will und muß ein Mann ſein dem Tode gegenüber. Weine auch nicht, Marco! Es ängſtigt mich, Deine Thränen zu ſehen, und ich fürchte, daß Deine Mutter, deren zärtliches Herz in Deinen Mienen zu leſen verſteht, das Geheimniß, welches nicht für ſie beſtimmt iſt, erkennen möchte in Deinen gerötheten Augen und in Deinem trüben Lächeln! Gib mir die Hand, Marco! Wir reden zuſammen als Männer und wir müſſen dem Tode und dem Leben gegenüber uns als Männer bewähren! Noch lebe ich ja und ich ſage 105 es mit Dir, wer weiß, ob nicht ein Wunder geſchieht, und ob meine geſunde und kräftige Natur nicht das feindliche Klima und den böſen Tod überwindet!“ „Wir wollen es hoffen, aber wir wollen auch im Gegentheil gefaßt dem Tode ins Auge ſehen. Wie Du vorhin ſagteſt, mein Sohn, mußt Du ſchleunigſt ab⸗ reiſen und mußt den Mann aufſuchen, in deſſen Hand die Sicherung Eurer Zukunft liegt. Der Prieſter Joſé muß Dir die beglaubigten und von den Behörden unterzeichneten und unterſiegelten Documente unſerer Trauung und Eurer Taufe ausſtellen, und dann, ſo⸗ bald Du ſie erhalten, mußt Du mit ihnen zurückkehren, ungeſäumt, ohne Aufenthalt, damit Du mich noch lebend findeſt. Ich bin gewiß, der Graf Santa⸗Cruce iſt auf ſeine früheren Beſitzungen zurückgekehrt; er hatte ſie, wie Du weißt, nicht verkauft, ſondern Pächter auf denſelben eingeſetzt, weil er ſchon bei der Abreiſe die Idee hatte, zurückzukehren; er wird alſo dorthin zurückgekehrt ſein. Ich habe Alles genau berechnet und überſchlagen. Du bedarfſt zu Deiner Hinreiſe nach dort fünf Wochen. Ich preiſe und ſegne die eiferſüchtigen Beſtrebungen der Amerikaner und Eng⸗ länder um den Vorrang in der Schnelligkeit der Dampf⸗ ſchiffe. Du wirſt mit einem amerikaniſchen Dampfer Deine Reiſe machen, und während wir vor zwei Jahren 106 noch vier Wochen bedurften, um von Rio nach Sout⸗ hampton zu kommen, wirſt Du in drei Wochen ſchon in Rio ſein. Acht Tage ſpäter wirſt Du dann, ſo Gott es gnädig geſtattet, Dich bei unſerem Freunde, dem Grafen Santa⸗Cruce befinden. Ich zweifle nicht, daß Du ihn findeſt, ihn und den guten Prieſter Joſé; doch bitte ich Dich, mein Sohn, melde es mir, ſobald Du dort angelangt biſt; ſchreibe mir ſogleich, ſende Deine Briefe mit Courierpferden nach Rio, damit ſie mit dem nächſten Dampfer herüberkommen nach Europa.“ „Ich werde ſelbſt dieſer Courier ſein, mein Vater“, ſagte Marco raſch.„In derſelben Stunde noch, in welcher ich den Freund gefunden und den Prieſter Joſé wiederſehe, ſoll er mir die Zeugniſſe ausſtellen und der Graf Santa⸗Cruce wird ſie beſiegeln und unterſchreiben. Dann ſofort werde ich mit Courierpferden nach Rio zurückkehren, um mit dem nächſten Dampfer die Reiſe zu Dir zurück zu unternehmen.“ „Nein, mein Sohn“, erwiderte der Baron ernſt, nich mache es Dir zu einer heiligen Pflicht, Dich zu ſchonen und nicht durch Ueberanſtrengung Deine Ge⸗ ſundheit zu gefährden, wie ich es leider gethan! Be⸗ denke, mein Sohn, daß Du die einzige Stütze Deiner 107 Familie für die Zukunft biſt; bedenke, daß Deine Mutter und Deine Schweſter Fremdlinge ſind in dieſem Lande, und daß ſie Deiner bedürfen, vielleicht ſchon früher, als wir Beide es wünſchen und erwarten. Darum ſollſt Du Dich ſchonen und Deine Geſundheit pflegen; nicht aus Egoismus, ſondern aus hingebender Liebe für die Deinen. Ich verlange von Dir, daß Du es mir meldeſt, ſobald Du unſere Freunde gefunden, aber alsdann bei ihnen bleibſt und acht Tage lang ausruhſt. Dann kehrſt Du zu uns zurück.“ „Ich unterwerfe mich Deinem Willen, mein Vater“, ſagte Marco, ihm die Hand drückend.„Es ſoll Alles ſo geſchehen, wie Du es befiehlſt und mich heißeſt! Was aber werden wir unſerer Mutter ſagen, wie meine ſchleunige Abreiſe entſchuldigen?“ „Ich habe auch ſchon darüber nachgedacht“, ſagte der Baron ruhig.„Wir werden ihr ſagen, daß der Juſtizbeamte mir geſtern die Mittheilung gemacht, daß die Gelder, welche auf unſeren früheren Beſitzungen noch ausſtehen und die, wie Deine Mutter weiß, ſehr bedeutend ſind, ausgeblieben ſeien, und daß wir die Nachricht erhalten hätten, der jetzige Beſitzer unſerer Plantagen habe ſich zahlungsunfähig erklärt. Deine Mutter verſteht gar wenig von ſolchen irdiſchen, welt⸗ lichen Dingen, und ſie unterwirft ſich darin mit edlem Vertrauen ganz meinem Urtheile. Wenn ich ihr ſage, daß Deine ſchleunige Abreiſe nach Amerika nothwendig iſt, ſo wird ſie in ihrer edlen und ſchönen Art, ohne Murren und Widerſtreben, geſchehen laſſen, was ich will, und ihr Mutterherz wird auch den Schmerz der Trennung überwinden aus Liebe zu mir. Es wird alſo nichts Deiner Abreiſe hindernd entgegenſtehen, denn ich habe alle Papiere geordnet und werde Dir nachher die nöthigen Geldanweiſungen übergeben. Du kannſt alſo, wie Du ſagſt, morgen ſchon abreiſen?“ „Ja, mein Vater, morgen ſchon“, erwiderte Marco ernſt;„doch habe ich vorher noch eine Frage und eine Bitte an Dich: ob Du mir erlauben willſt, daß ich außer meiner Mutter und meiner Schweſter noch einem anderen Weſen meine Abreiſe melde und Abſchied nehme.“ „Einem anderen Weſen“, wiederholte der Baron mit einem gütigen Lächeln,„Du meinſt, Du willſt Abſchied nehmen von Sophie? Nicht wahr?“ „Ja, mein Vater.“ „Thue es, mein Sohn; nimm Abſchied von dem Mädchen, welches Du liebſt. Ich begehre auch nicht, daß Du in der Stunde des Abſchieds ihr eine Un⸗ wahrheit ſagſt; ſage ihr alſo, wohin Du gehſt, und indem Du Abſchied nimmſt, ſage ihr: Auf Wieder⸗ 109 ſehen und auf Nimmerverlieren! Denn, nicht wahr, Du denkſt daran, ſie zu Deinem Weibe zu machen?“ „Ja, mein Vater, ich liebe ſie“, ſagte Marco mit aufleuchtendem Angeſicht,„und meine Bitte, die ich an Dich richten wollte, iſt: Gib mir Deinen Se⸗ gen und Deine Erlaubniß, daß ich, bevor ich ſcheide, das offene Bekenntniß meiner Liebe dem Mädchen mache, welches ich allein auf Erden zu meinem Weibe machen werde.“ „Ich gebe Dir meinen Segen und meine Erlaub⸗ niß. Wirb um das Mädchen, welches Du liebſt, und mögeſt Du mit ihr ſo glücklich ſein, wie ich es mit Deiner Mutter war und bin, und ſein werde bis zu meinem Tode!“ Er legte ſeine Arme um den Hals des Sohnes und drückte ihn feſt an ſein Herz. Einen Moment ruhten ſie Bruſt an Bruſt mit ſchweren Seufzern und mühſam unterdrücktem Schluchzen. „Nein, nicht weinen, nicht weinen!“ ſagte der Baron dann, ſich haſtig aus den Armen ſeines Soh⸗ nes aufrichtend.„Die Thränen müſſen in meinem Herzen verborgen brennen, denn ſonſt müßten ſie ohne Ende fließen. Trockne Deine Augen, mein Sohn; denn mich dünkt, ich höre in der Ferne das Schellen⸗ geklingel der Pferde, und ſie kommen heim, die beiden Beiden bis zu meiner Wiederkehr, und dann, mein ——— 110 Frauen, welchen ich jede Thräne erſparen möchte. Trockne Deine Augen und ſage, wie ich, mit freund⸗ licher Stirn und heiterem Lächeln, daß Du abreiſeſt, um bald wieder zu kommen. Und dann, mein Sohn, gehe und nimm Abſchied von dem Mädchen, welches Du liebſt, und ſage ihr, daß Dein Vater ſie ſegnet und ſie dereinſt willkommen heißen wird als ſeine Tochter. Aber ſage, wie wirſt Du es mit dem Vater halten; wirſt Du auch ihm Dich jetzt ſchon offenbaren?“ „Nein!“ ſagte Marco haſtig.„Ich würde meiner armen theuren Sophie dadurch nur böſe Stunden be⸗ reiten! Es wird ein Geheimniß bleiben zwiſchen uns Vater, werde ich ſtolzen Muthes hintreten vor dieſen böſen Mann und werde ihm ſagen: Deine Tochter wird mein Weib; ſie war ſchon lange meine Braut, und ich komme, ſie heimzuholen zu mir und zu meinem Vater!“ Siebentes Kapitel. Liebesbekenntniß. Der Paſtor ſtand am Fenſter ſeines Studirzim⸗ mers und ſtarrte hinaus in den winterlichen Garten, der zu ſeinen Füßen lag. Obwol man ſich ſchon in der Mitte des Monates März befand, hatte es die Nacht doch wieder heftig geſchneit, und die kleinen Blätterknospen der Bäume und die zarten Grashalme, welche die warme Mittagsſonne ſchon in den letzten Tagen hervorgetrieben, waren ganz mit Schnee über⸗ deckt. Der Winter hatte nochmals über den Frühling geſiegt, und die Sonne, welche in den letzten Tagen ſchon Blüthen hervorgerufen, war heute ganz bedeckt von grauen Wolken, die in jedem Augenblicke bereit ſchienen neue Maſſen von Schnee über die erſtarrte Erde auszuſchütten. Der Garten lag da wie mit einem großen Leichentuch bedeckt, und der ſchneidende Oſtwind, welcher von den rauhen Steppen Rußlands herüber⸗ wehte, fuhr heulend und pfeifend durch die ächzenden Bäume und ſchlug wie mit unſichtbaren Geiſterhänden an das Fenſter, hinter welchem der Paſtor ſtand, als wolle er ihn auf ſeine rauhe Zerſtörungsluſt aufmerk⸗ ſam machen, welche höhnend alles Frühlingshoffen und alle Blüthenkeime brach. Der Paſtor dachte auch daran, als er da am Fenſter ſtand und auf das unheimliche Pfeifen des Oſtwindes und auf das unmelodiſche Krächzen einer Krähe horchte, welche nahe bei dem Fenſter auf dem ſchneebedeckten Baume ſaß und ihr Triumphlied über den Sieg des Winters ertönen ließ. Er dachte auch daran, als ſeine Blicke dann weiter über den Garten ſchweiften, hinaus nach dem in einen dicken Schnee⸗ mantel gehüllten Walde und nach dem Hügel und hin⸗ auf nach dem hohen Schloſſe, das ſich wie ein gro⸗ ßer, weiß überdeckter Grabhügel von dem grauen Hori⸗ zont abhob. Seine Blicke hefteten ſich feſt und un⸗ verwandt hin auf dasſelbe, und ſie weilten noch dort als eben der Sturm mit erneuerter Heftigkeit wirbelnd und heulend die Baumſtämme im Garten krachen machte und pfeifend an die Fenſter pochte. „Es iſt gut,“ ſagte er leiſe zu ſich ſelber,„ſehr 113 gut für ihn, daß er nicht nöthig hat hinauszugehen in dieſe Winterkälte! Dieſer Oſtwind würde ihn anhauchen mit dem Athem des Todes,“ wiederholte er ſich ſelber. „Der Arzt hat es mir erſt geſtern wieder geſagt, mein Bruder iſt in Gefahr! Wenn der Frühling bald kommt, wird er ihn vielleicht noch einmal retten von der kal⸗ ten Hand des Todes; aber wenn er noch zögert und wenn der Oſtwind noch lange Macht behält, dann—“ Er zögert und unterbricht ſich ſelber, als habe er ein zu weiches Herz, welches zaudert, den Gedanken auszuſprechen.„Ja dann, dann—“ fährt er nach einer Pauſe mit leiſer und flüſternder Stimme fort, „dann wird es mit ihm zu Ende gehen und er iſt ein verlorener Mann, der höchſtens noch bis zum Herbſte leben kann! Höchſtens noch!“ Freut er ſich deſſen, was er eben leiſe geſagt? Es zuckt einen Moment ein ſpöttiſcher Ausdruck über ſein Geſicht und er horcht auf das triumphirende Ge⸗ krächze der Krähe, welches ihm wie Muſik erklingt, wie die Hymne eines böſen Geiſtes, dem das Unheil willkommen iſt. Aber ſelbſt in dieſer Einſamkeit heu⸗ chelt er noch mit ſeinen eigenen Gedanken, und er zwingt ſeinem Angeſicht einen Schleier auf und nimmt plötzlich eine mitleidsvolle, ſanfte, gerührte Miene an. „Mein armer Bruder! Er iſt wirklich ſehr krank,“ Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. IV. 8 ſagte er leiſe zu ſich ſelber,„mein armer Bruder! Ja, ꝛa, der Arzt hat es mir geſtern geſagt, und er hat mir auch erzählt, wie heldenmüthig Alphons ſeine Leiden erträgt und ſie verbirgt vor ſeiner Familie, vor ſeinen Damen! Sie ſollen es nicht erfahren, daß er ein kran⸗ ker Mann iſt, ein ſehr kranker Mann. Er iſt ſo weichherzig und ſo ſchonend für ſeine Umgebung, er möchte der lieben Frau Baronin jeden Schmerz und jede Aufregung erſparen. Aber wäre es nicht viel⸗ leicht Schuldigkeit, dieſen armen Damen die Augen zu öffnen? Hätte ich nicht eigentlich die Verpflichtung ihnen die Gefahr mitzutheilen? Er iſt doch mein Bruder, und ich wäre wol berechtigt, ihnen meine Liebe und Theilnahme auf dieſe Weiſe zu bezeigen. Ja, er iſt doch mein Bruder!“ Er tritt zurück vom Fenſter und geht langſam in dem Gemach auf und nieder, ſo langſam und vor⸗ ſichtig, wie eine Hyäne dahinſchleicht, wenn ſie auf das Opfer lauert, das ſie in der Ferne wittert. Dann bleibt er wieder am Fenſter ſtehen und ſchaut wieder hinaus, und ſein Angeſicht hat jetzt einen trotzigen, hämiſchen Ausdruck. Es ſieht es ja Niemand, und Niemand wird es erfahren, welche Gedanken in dem frommen Herzen des Paſtors ſich regen. Er blickt wieder hinüber nach dem Schloſſe, und er nickt ihm zu, 115 als grüße er mit ſeinem Herzen den kranken Bruder, welcher vielleicht eben mit ſeinen Leiden und Schmer⸗ zen ringt und zu Gott fleht um Kraft, ſie zu ertragen. Was geht ihn das an, was kümmert ihn der Bruder? Sie ſehen ſich ja nicht mehr, ſie ſind ſo weit und noch weiter getrennt, als ſie es geweſen, da der Bruder, der Herr Baron und jetzige Eigenthümer des ſtolzen Schloſſes, noch in Amerika weilte und mit der Arbeit ſeiner Hände ſich das Leben friſtete. Sie ſind weit, unendlich weit getrennt! Ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihr ganzes Leben iſt verſchieden und paßt nicht eines zum anderen. 4 „Die gute Cornelia kann es nun einmal der Baronin nicht vergeben, daß ſie ſchöner und eleganter iſt, als ſie,“ ſagte der Paſtor leiſe vor ſich hin.„Die Frauen bleiben immer Frauen, wenn ſie auch ſo fromm und tugendhaft ſind, wie es Cornelia wirklich iſt. Sie kann es nicht verwinden und vergeſſen, daß dieſe„her⸗ gelaufene Baronin“, wie ſie dieſelbe nennt, in dem Schloſſe wohnt und ſie, die tugendhafte Frau, mit der langen Reihe ihrer Paſtorsahnen hinter ſich, hier de⸗ müthiglich und ſtill leben muß. Sie iſt immer doch ein Weib, und es wäre beſſer, dem Weibergeſchwätz ein Ende zu machen und die Gemeinſchaft mit den Schloßleuten ganz und gar aufzugeben.“ 8s 116 Wie der Sturm wieder heult und wie die Krähe nahe an ſeinem Fenſter wieder krächzt und ſchreit. Er blickt hinaus in den ſturmbewegten Garten mit dem weißen, ſchneeigen Leichentuch. Was iſt das? Eine dunkle Geſtalt erſcheint plötzlich mitten auf dem weißen Leichentuch und geht haſtigen Schrittes vor⸗ wärts. Wie? Iſt das nicht ſeine Tochter? Iſt das nicht Sophie? Ja, ſie iſt es, ſie läuft durch Schnee und Eis vorwärts dahin und achtet nicht auf den heulenden Sturm und die rauhe Luft. Ihr Herz iſt ſo warm, ſo freudig bewegt. Der Herr Paſtor würde das ver⸗ ſtehen, wenn, er heute dabei geweſen wäre, als der Bote aus dem Schloſſe Sophien die Noten von ihrer Couſine brachte. Er würde es begriffen haben, wenn er das Zettelchen geleſen hätte, welches ſich in der Mitte dieſes Notenbuches befand und nach welchem Sophie mit hochklopfendem Herzen ſpähte. Es war auf dem Zettel nichts weiter geſchrieben, als die Bitte, am Nachmittage um die dritte Stunde die Hinterpforte des Gartens zu öffnen und in dem Gartenhäuschen zu ſein. Es ſtand unter dem Zettel⸗ chen kein Name, aber das Herz Sophiens hatte es ihr doch geſagt, wer jene Worte geſchrieben, und das — 11 raſche, kleine Herz trieb ſie jetzt hinaus in den heu⸗ lenden Sturm durch den Winterſchnee. Wie ſie vorwärts lief, blühten ja die ſchönen Blumen der Hoffnung unter ihren Füßen, und ſie fühlte weder Sturm noch Kälte. Es war ſo warm, ſo blüthenduftig, ſo maienſelig in ihrem Herzen. Der Paſtor ſtand wie gebannt am Fenſter und ſchaute ihr nach. Er ſah, wie ſie ſich nach dem klei⸗ nen Gartenhäuschen am Ende des breiten Weges wandte. In dem Gartenhäuschen befindet ſich ein kleines Zimmer, das Sophien im Sommer zur Wohnung dient und zu welchem ſie den Schlüſſel hat. An der andern Seite des Häuschens iſt eine zweite Thür, die durch ein kleines Vorzimmer in das große Haupt⸗ gemach führt, welches der Paſtor im Sommer be⸗ wohnt und zu welchem er den Schlüſſel hat. Er wen⸗ det ſich um und ſchaut hin nach dem goldknöpfigen Nagel an der Thür, an welchem der Schlüſſel hängt. „Was will meine Tochter zu dieſer Zeit und Stunde in dem Gartenhäuschen!“ ſagt der Paſtor leiſe vor ſich hin.„Was will Sophie da?“ Wie er noch immer fragend hinausſchaut, em⸗ pfängt er die Antwort. Dieſe iſt der Reiter, welcher jenſeits der Gartenmauer über den Schnee dahergejagt kommt. Die Augen des Herrn Paſtors ſind ſehr ſcharf und er erkennt ganz deutlich, daß dieſer Reiter Marco von Schwing iſt. Er ſieht auch, wie er jetzt von dem Pferde niederſpringt und es mit dem Zügel an die Klinke der offenen Gartenthür anbindet. Dann tritt er hinein und verſchwindet in dem Häuschen. „Alſo ein Rendezvous,“ murmelte der Paſtor vor ſich hin. Es müßte ganz intereſſant ſein, zu hören, was die Beiden da ſprechen, und, wenn es nöthig iſt, den Verführer niederzuſchmettern mit dem gerechten Zorne des Vaters. Ich will doch auch ein wenig in den Garten gehen.“ Er wirft' haſtig den Mantel über und nimmt den Schlüſſel vom Nagel. „Die gute Cornelia ſoll nichts erfahren; ich will ihr dieſen Kummer erſparen, wenn es möglich iſt,“ murmelt er vor ſich hin und geht leiſe, vorſichtig die Treppe hinunter. Er weiß ja, Cornelia ruht um dieſe Zeit von den Mühen des Vormittags aus und erfreut ſich ſicherlich, wie immer, eines ruhigen Mittagsſchläf⸗ chens. Sie hört ihn nicht, wie er leiſe die Treppe hinab⸗, leiſe aus der Hinterpforte des Hauſes in den Garten hinausgeht. Er ſchlägt nicht den gewöhnlichen Weg ein, gerade den Hauptweg hinunter, ſondern er 119 macht einen weiten Umweg, um nach der andern Seite des Gartens zu kommen; er geht haſtig am Zaune entlang nach dem Garten⸗ hauſe hin. Die Beiden, welche auf der anderen Seite des Hauſes in dem kleinen Gemache weilen, können ihn hier nicht ſehen, und er wird leiſe, ganz leiſe eintreten. Sie werden ihn nicht hören, denn Liebende haben, wenn ſie bei einander ſind, keine Aufmerkſamkeit für das, was ſich um ſie her begibt. Nein, ſie werden ihn nicht hören, wie er jetzt leiſe und vorſichtig den Schlüſ⸗ ſel in das Schloß ſteckt und die Thür, die nicht knarrt, öff⸗ net. Im kleinen Vorzimmer bleibt er ſtehen und ath⸗ met hoch auf. Er zwingt ſich zur Ruhe, wirft den Mantel ab und tritt dann vorſichtig durch die nur angelehnte Thür in das große Gemach. Die Fenſter⸗ laden darin ſind geſchloſſen, und er muß ſich erſt nach und nach an die Dunkelheit gewöhnen. Er bleibt an der Thür eine zeitlang ſtehen, es könnte ja ſein, daß irgend ein Möbel ihm im Wege ſtände und ein Ge⸗ räuſch verurſachte, wenn er daran ſtieße. Jetzt ver⸗ mag er Alles zu erkennen und er ſchreitet vorwärts, gerade hinüber nach der Thür drüben, die immer geſchloſſen iſt. Sophie weiß nicht, daß ihr vor⸗ ſichtiger Vater in dieſer Thür einige kleine Bohr⸗ löcher angebracht hat, durch welche er ſehr deut⸗ lich das ganze Zimmerchen überſehen kann. Die Laden in dem kleinen Nebengemach ſind ge⸗ öffnet und es iſt hell da drinnen, und hell wie Son⸗ 65 nenglanz iſt es in den Herzen der Beiden, welche 6 in der Mitte des Gemaches Hand in Hand ſtehen und einander anſchauen mit zärtlichem, ſeligem Blick. „Nein, Sophie, ich konnte nicht von hier gehen, ohne Dich noch einmal zu ſehen! Ich konnte nicht fort, ohne Dir aus dem tiefſten Grund meines Herzens ge⸗ ſagt zu haben, daß ich Dich liebe, Dich allein, daß Du für mich das einzige Weib auf Erden biſt, zu welchem ich ſagen möchte: Gib mir Deine Hand und laß uns vereint durch das Leben gehen! Ja, Sophie,* ich liebe Dich! Wenn bisher meine Mutter und Schweſter die einzigen Frauengeſtalten waren, die in meinem Herzen lebten, ſo iſt es mir jetzt, als gäbe es für mich auf Erden nur ein Weib, und das biſt Du! Dein Bild hat mich begleitet, wohin ich ging, es hat in mir geleuchtet bei allen Zerſtreuungen und allen Verwir⸗ rungen des Daſeins. Es hat mich angeſchaut mit einem beſeligenden Lächeln und hat aus meinem Her⸗ zen alle Gedanken, welche vielleicht thöricht und wild waren, verbannt und mich Dir zu eigen gegeben für immerdar! Du biſt meine Madonna, meine Heilige, — 1241 aber ich bete nicht zu Dir mit frommem, ſondern mit ſeligem Herzen, und ich beuge meine Knie nur vor Dir, um Dir zu ſagen: Ich liebe Dich! Sei mein! Sage auch Du mir, daß Du mich liebſt und daß Du mir an⸗ gehören willſt für das Leben!“ Der Herr Paſtor ſieht ſchnell durch das größte ſeiner kleinen Bohrlöcher und ſieht, wie der junge Mann jetzt das Knie beugt vor ſeiner Tochter und wie er flehend die Augen zu ihr erhebt. Er ſieht, wie Sophie jetzt mit glühenden Wangen, mit ſtrahlenden Augen ſich zu ihm niederneigt, ihre beiden Arme um ſeinen Hals ſchlingt und ihn ſanft emporzieht. „Wußteſt Du es nicht, daß ich Dich liebe? Haſt Du es nicht in jedem meiner Blicke, in jedem meiner Worte verſtanden und begriffen, daß ich Dein bin und daß mein ganzes Leben aufgeht in dem einzigen Ge⸗ danken, Dein zu werden und Dir anzugehören für alle Zeit und alle Ewigkeit? Es mag ſein, daß ich das nicht ſo gerade herausſagen ſollte, daß ich zurückhalten ſollte mit dem Bekenntniß meiner Liebe. Aber ſieh, ich bin wie durch eine Wüſte durchs Leben gegangen, und nicht die kleinſte Blume der Freude und Hoff⸗ 2 nung blühte um mich her. Ich war ergeben, ich dachte, es ſei nun einmal mein Loos, ungeliebt und einſam durch dieſe Wüſte dahinzuwandeln. Da, eines Tages, da ſah ich Dich, und wie Dein Auge auf mir ruhte, verwandelte ſich plötzlich die ganze Welt. Aus der Wüſte blühten Blumen auf, und ſeliges Hoffen regte ſich in meinem Herzen. Ich war nicht mehr einſam, ich war nicht mehr verlaſſen, denn Du gingſt mit mir, wo ich auch war! Deine Stimme hörte ich, wenn auch die Stimme meiner Mutter kalt und unfreundlich neben mir erklang! Deine lieben Augen ſah ich, wenn die böſen Augen meines Vaters auf mir verweilten! Dem Lebloſen flößteſt Du Leben ein, dem Gehäſſigen gabſt Du den Schimmer der Liebe und der Güte! Ach, Du weißt es nicht, Marco, wie Du ſo recht mein Wohl⸗ thäter geworden biſt und mein Erlöſer! Ja, mein Er⸗ löſer! Ich weiß wohl, daß mein frommer Vater mich ſchelten würde, wenn er dieſe Worte hörte. Aber erſtens hört er mich nicht, und zweitens ſchilt und zankt er doch mit mir. Ich würde es ihm übrigens auch ſagen, wenn er hier wäre, daß Du mich zu einem Erlöſer hingeführt haſt, und ich erſt fromm bin, ſeit ich Dich liebe! Ich würde ihm ſagen, daß ich durch Dich mein Heil gefunden; denn das Heil iſt für ein Frauenherz die Liebe, und der Meſſias iſt für ſie der Mann, dem ſie ſich zu eigen gibt in Demuth und Ge⸗ horſam und in freudiger Luſt.“ „Oh, Geliebteſte, wie beſeligt mich Dein Bekennt⸗ 8 niß und wie danke ich Dir dafür,“ ruft Marco, die Arme feſter um die ſchlanke Geſtalt des jungen Mäd⸗ chens legend. Sie neigte ihr Haupt an ſeine Bruſt und nun ward es ſtill in dem Gemach. Der Geiſt der Liebe ſchwebt mit unhörbaren Fittigen darin und um die Beiden, die einander umſchlungen halten. Sie ruhen Herz an Herz, und während ihre Lippen ſchweigen, ſprechen ihre Seelen zu einander und künden ſich die heiligen und ſüßen Myſterien der Liebe. „Ich ſchwöre Dir, Sophie, daß ich Dich lieben, Dich hochhalten und Dir treu ſein will mein ganzes Leben lang!“ ſagte Marco mit feierlicher Stimme, ſo ernſt und laut, als ſtände er vor dem Altar Gottes und vermähle ſich ihr zu unauflöslichem Bunde. Sophie verſteht ihn und ſie ſpricht gleich ihm: „Ich ſchwöre Dir, Marco, daß ich Dich lieben und hochhalten, und Dir treu ſein will mein ganzes Leben lang.“ Dann legen ſie ihre beiden Hände in einander und ſchauen ſich mit feſten, leuchtenden Blicken an. Sie haben beide ein Gefühl, als ob ſie in dieſem Au⸗ genblick ihre Ehe geſchloſſen hätten; ſie fühlen, daß ſie durch die heilige Gemeinſchaft ihrer Herzen nun wie durch das Sacrament für das ganze Leben verbunden ſind. 124 „Soll ich zu Deinem Vater gehen?“ fragte Marco nach einer Pauſe,„ſoll ich ihn um ſeine Einwillig⸗ ung für unſeren Bund bitten?“ „Nein, nein!“ ſagte ſie raſch und ängſtlich;„thue es nicht, Marco, denn ich weiß, daß er Dir ſeine Ein⸗ willigung nicht geben wird. Vielleicht der Vater noch eher, aber nicht die Mutter! Sie würde es nimmer thun; ſie hat es mir geſtern erſt mit harten ſpöttiſchen Worten geſagt, daß ſie niemals in eine Verbindung mit den Schloßleuten, wie ſie Euch nennt, willigen würde, und meine Mutter iſt hart und unverſöhnlich!“ „Unverſöhnlich?“ fragte Marco.„Was haben wir ihr denn gethan, das ſie uns nicht verzeihen kann?“ „Was Ihr ihr gethan habt?“ erwiderte Sophie heftig.„Ihr ſeid glückliche Leute aus einer ihr un⸗ bekannten beſſeren Sphäre, die ſie nicht verſteht. Sie begreift den lieben Blick Deiner Mutter nicht, ſie be⸗ greift ihre freundlichen Worte, ihr edles, gutes Thun nicht. Sie beneidet ſie ihrer Schönheit, ihrer unverwelk⸗ ten Jugendblüthe wegen. Was Ihr meiner Mutter gethan habt? Ihr ſeid glücklich, Ihr ſeid reich, Ihr ſeid ſchön! Das iſt es, was ſie Euch nie verzeihen kann. Und wie ſehr mein Vater,“ fuhr ſie zögernd nach einer Pauſe fort,„wie ſehr er ſich auch das Anſehen geben mag, daß er nicht grolle, ſo fürchte ich ſeinen Groll noch weit mehr, als den meiner Mutter. Oh, Marco, zürne mir nicht und ſage nicht, daß ich eine unnatür⸗ liche Tochter bin, weil ich es vermag, ſo von meinen Eltern zu Dir zu ſprechen; aber ſie haben mein ganzes Leben lang nichts für mein Herz gethan und ich bin allein geweſen. Sie haben mich nie geliebt, ſie haben immer mit mir gezürnt und haben mich oft eine un⸗ natürliche Tochter genannt, weil ich nicht war wie ſie, weil ich noch an die Menſchen glaubte, weil ich ſie liebte und weil ich nicht heucheln konnte! Ich war in meiner Heimat eine Fremde; nun habe ich eine Heimat gefunden, einen Bruder, einen Geliebten, einen Freund und Vater, denn dies Alles biſt Du mir, Marco! Mit aller Kraft der Zärtlichkeit hänge ich an Dir! Ich habe keine Geſchwiſter und Heimat außer bei Dir allein! Zu Dir rede ich mit freiem Herzen, denn die Wahr⸗ heit iſt in mir und ſpricht aus mir, wenn ich Dich anſchaue! Ja, Du ſollſt und mußt es wiſſen: ich kann meine Eltern nicht lieben, denn ſie haben mir nie⸗ mals Liebe gezeigt, mich niemals Liebe gelehrt. Ich liebe ſie nicht, aber ich fürchte ſie! Sie ſind grauſam allen denen gegenüber, welche nicht ſind wie ſie, nicht den⸗ ken wie ſie, und nicht beten wie ſie. Sie betrachten alle diejenigen als Feinde Gottes und der Kirche, und ſie halten es für gerecht und für gut, wenn ſie dieſe Feinde auf jegliche Art und Weiſe verfolgen.“ „Und ſie rechnen auch meinen theuren Vater und meine edle Mutter zu ſolchen Feinden?“ fragte Marco ſanft. „Ja, ich fürchte es,“ erwiderte ſie leiſe.„Darum bitte ich Dich, Marco, ſage meinem Vater nichts bis zu Deiner Wiederkehr, bis zu der Stunde, wo Du ihm ſagen kannſt: Ich fordere von Ihnen mein Eigenthum, Ihre Tochter. Denn ich bin Dein Eigenthum, Marco, und ich bleibe Dein In jeder Stunde, wenn Du mich rufſt, zu Dir zu kommen, Dir zu dienen, Dich zu lieben und Dir zu gehorchen, wie es einer Magd geziemt ihrem Herrn gegenüber; denn der Herr biſt Du von dieſer Stunde an, der Herr über mein Leben, mein Denken und Sein; in jeder Stunde bin ich bereit, Dir zu folgen!“ „Du haſt Recht, ich fühle es ſelbſt, Theuerſte, Geliebteſte, es iſt beſſer, daß ſich unſere Liebe jetzt noch mit dem Schleier des tiefſten Geheimniſſes umhülle,“ ſagte Marco, das Haupt der Geliebten feſter an ſeine Bruſt drückend.„Hier ruhe aus, hier iſt Dein Platz, der Altar, auf welchem ich Dich anbete und der Dir allein geweiht iſt. Wiſſe das, Du holdeſtes Kind! Wiſſe, daß meine Gedanken ewig mit Dir ſind und meine Seele wie der Segen Gottes über Dir ſchwebt, wenn ich auch fern bin!“ 35 „So willſt Du alſo wirklich fort? Willſt mich verlaſſen auf lange Zeit?“ fragte ſie mit leiſer kla⸗ gender Stimme. „Ich muß es, Sophie! Es ruft mich eine heilige Pflicht weit, weit von hier fort. Doch ſei gewiß, ich kehre ſo bald als möglich zurück, nun mit doppelt beflügelter Eile; denn, wenn ich heimkehre, komme ich, mein Eigenthum, mein ſchöneres beſſeres Ich, komme ich, Dich zu fordern!“ „Wohin gehſt Du? Darf ich es wiſſen?“ fragte ſie leiſe. „Ich gehe nach Amerika. Erſchrick nicht, Sophie. Die Zeiten ſind vorüber, wo eine ſolche Reiſe Furcht einflößen konnte. Wir haben ſie ja ſchon einmal ge⸗ macht, und ich werde ſie ebenſo glücklich zum zweiten⸗ male zurücklegen!“ „Aber was willſt Du da? Warum mußt Du gehen?“ fragte ſie dringend und ſchmerzlich, indem ſie mit der kleinen, weißen Hand über ſein dunkles braunes Locken⸗ haar dahinſtrich und ihn mit einem zärtlichen Blick anſchaute. „Geliebteſte, ich möchte Dir gern die Wahrheit ſagen, doch es iſt ein Geheimniß meines Vaters. Frage mich alſo nicht. Ich gehe nach Amerika im heiligen Dienſt der Sohnespflicht, aber ſei gewiß, ich kehre bald zurück.“ 128 „Aber Du ſchreibſt mir, Marco?“ „Sicherlich ſchreibe ich Dir. So oft ich an meine theuren Eltern, welche von meiner Liebe zu Dir unter⸗ richtet ſind, ſchreibe, werde ich ein Briefchen an Dich beifügen, und Marie wird es Dir unter irgend einem Vorwand ſenden. Ich kann Dir den Zweck meiner Reiſe nicht ſagen, aber von meiner Reiſe ſelbſt ſollſt Du genau unterrichtet ſein. Auch Du Sophie, wirſt mir ſchreiben und mir durch Marie Deine Briefe ſenden.“ Sie verabreden es miteinander, und der Herr Paſtor hört es ganz deutlich, wie die Notenhefte und die Bücher, welche man vom Schloß und vom Pfarr⸗ hauſe hin und her wechſelt, die geheimen Boten ſein ſollen. Er lächelt hämiſch in ſich hinein; es freut ihn, daß er auf dieſe Weiſe alſo immer erfahren wird, was ſich begibt, und er hört mit kalter Miene und einem ſpöttiſchen Lächeln die zärtlichen Liebesſchwüre des jungen Paares. Es bewegt ſeine Seele nicht, wie ſie in heiliger Begeiſterung ſich ewige Treue und Liebe ſchwören, und es rührt ihn gar nicht, wie ſeine DTochter Sophie mit angſtvoller Zärtlichkeit Marco um⸗ ſchlingt und an ſeinem Herzen zärtliche Thränen der Liebe und des Trennungsſchmerzes weint. Er bleibt in ſeinem dunklen verſchloſſenen Ge⸗ 129 mach, bis er hört, daß die Gartenthür ſich ſchließt und daß Sophie auch auf jener Seite die Thür des Hauſes wieder verſchloſſen hat. Erſt jetzt, als er ganz ſicher iſt, daß ſie ſich nun wieder in das Haus be⸗ geben hat, verläßt er ſein Verſteck und kehrt wieder zurück in ſein Studirzimmer auf demſelben Wege, un⸗ beachtet und ungeſehen. Da ſteht er wieder am Fenſter und ſchaut hinüber nach dem ſchneebedeckten Grabhügel droben am Horizont, nach dem Schloſſe des Bruders. Er erhebt die Hand und droht mit der Fauſt hinauf. Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. W. 9 Achtes Kapitel. Ein frommes Ehepaar. Am anderen Tage trat der Paſtor zu ungewohn⸗ ter Stunde in das Wohnzimmer, in welchem die Pa⸗ ſtorin damit beſchäftigt war, die Rechnungsbücher des eben vollendeten halben Monats abzuſchließen. Sie blickte von ihrer ernſten Arbeit mit etwas ſtrengem Ausdruck zu ihrem Gatten empor, und in ihrem Angeſicht lag die Frage, weshalb er ſie ſtöre und was ihn in dieſer gewichtigen Stunde ihres Rechnungsab⸗ ſchluſſes hierherführe. Er nickte ihr zu und lächelte ironiſch.„Vergib, daß mein ungeweihter Fuß in dieſes Sanctuarium ein⸗ getreten“, ſagte er,„aber ich hatte in dem Augenblicke wirklich vergeſſen, daß dies die Stunde iſt, in welcher 1 1341 meine ſorgliche und pünktliche Hausmutter ihre Rech⸗ nungen macht.“ „Ja, ihre Rechnungen“, ſagte Cornelia mit einem bitteren Lachen;„ich rechne die Pfennige zuſammen in meinen Büchern, indeſſen meine theure Schwägerin die Goldſtücke über den Schnee hinwirft! Sie kam eben vorübergefahren mit ihrer Tochter, im goldenen Schlitten, in lächerlichem Aufzug, die Pferde mit Tiger⸗ fellen und mit Schellengeklingel behangen, als ob es Comödianten wären, die vor dem Bettelvolk ihren Auf⸗ zug halten, um ſich am Abend ſehen zu laſſen. Es iſt wirklich eine Schande, daß unſere Anverwandten ſich ſo comödienhaft lächerlich vor der Welt zeigen und mit ihrem Reichthum prunken, der eigentlich gar nicht ihnen gehört, ſondern uns! Ja, ſieh mich nur ſo groß an, Wilhelm, es iſt doch wahr, Du müßteſt eigentlich da droben auf dem Schloſſe wohnen! Dir gehört Alles; denn biſt Du nicht der älteſte Sohn Deines Vaters?“ „Ja, meine theure Cornelia“, antwortete er mit ſanfter Stimme und einem begütigenden Lächeln,„ja, der älteſte Sohn meines Vaters; aber er iſt der älteſte und einzige Sohn ſeiner Mutter, und ſie war es, welche die Güter an ſich kaufte und——“ „Hat ſie die Güter aber auch nachher erhalten 9* 132 und bewahren können?“ fragte Cornelia ſcharf.„Iſt nicht Alles wieder in Luft aufgegangen und zerronnen, was das Judenkind dem Baron von Schwing einge⸗ bracht hat? Waren nicht die Güter ſubhaſtirt und das 8 ganze Vermögen der Jüdin, welches ſie ihrem Sohne vererbt hatte, in Rauch aufgegangen?“ „Das iſt wahr; aber ihr Sohn kam, um die Schulden zu bezahlen, die Güter wieder an ſich zu nehmen! Er iſt alſo in ſeinem vollen Rechte, wenn er da oben auf dem ſtolzen Schloſſe unſerer Ahnen thront, indeß ich hier im beſcheidenen Pfarrhauſe mühſam von unſerem Gehalte lebe; doch wollen wir nicht vergeſſen, Cornelia, daß mein Bruder bereit geweſen iſt, uns ein bedeutendes Jahresgehalt auszuſetzen, und daß 2 wir es waren, Du vor Allem, meine ſtolze, edle Cor⸗ nelia, welche die Gabe zurückgewieſen.“ „Natürlich“, ſagte ſie mit hartem Ton,„ich wollte nicht Almoſen annehmen von dieſer ſtolzen, lächerlichen Baronin. Ich wollte nicht, daß wir als Bettler de⸗ müthig uns neigen ſollten vor denen, welche vor uns ſich neigen müßten. Es iſt für mich ein ſchweres Un⸗ glück, Wilhelm, daß dieſe Leute zurückgekehrt ſind! Es wäre beſſer geweſen, das alte Ahnenſchloß wäre in Schutt zerfallen und Alles wäre den Todten anheim⸗ gefallen, als daß es wieder auferſtanden iſt in Herr⸗ lichkeit und daß dieſe Weltkinder jetzt da droben wohnen! Sonſt ging ich zuweilen hinauf nach dem alten Ahnen⸗ ſaale mit den verblichenen Möbeln und den zerfetzten Tapeten und horchte auf die traurigen Geſchichten Eurer Ahnen, und erbaute mich an dem Gedanken, daß es die Gerechtigkeit Gottes ſei, welche dieſes ſtolze Adels⸗ geſchlecht geſtraft hätte, und fühlte mich befriedigt in dem frohen Bewußtſein, daß die Paſtorentochter zurück⸗ ſchauen konnte auf ihre Ahnen, die alle edle und wür⸗ dige Männer geweſen und das kärgliche Gut zuſam⸗ mengehalten hatten, welches der Herr ihnen anvertraute! Da droben in dem zerfallenen Schloſſe fühlte ich mich ſtolz und glücklich und demüthig zugleich, und nun leuchten die alten Säle wieder auf in weltlicher Herr⸗ lichkeit, und vergoldete Möbel haben ſie hinaufgetragen, und im vergoldeten, lächerlichen Schlitten gleiten ſie über den glänzenden Schnee dahin, daß er den goldenen Schein ihres phantaſtiſchen Gefährtes wider⸗ ſpiegelt.“ „Cornelia“, ſagte der Paſtor auf einmal mit har⸗ ter und feſter Stimme,„Cornelia, ich habe eine Bitte an Dich.“ „Eine Bitte?“ wiederholte ſie, indem ſie die Feder niederlegte und ſich erhob.„Eine Bitte?“ und in ihrem 134 Tone lag ſchon das Widerſtreben, dieſer Bitte nachzu⸗ kommen. „Ja, eine Bitte, Cornelia! Ich möchte Dich er⸗ ſuchen, daß Du in minder harten und gereizten Aus⸗ drücken von meinem Bruder und ſeiner Gemahlin ſprichſt. Es ziemt ſich wahrlich nicht für die fromme Tochter Deiner Ahnen, wie Du Deine Paſtoren⸗Familie nennſt, und es ziemt ſich auch nicht für die Frau eines Paſtors, der an jedem Sonntage ſeiner Gemeinde die Liebe und die Barmherzigkeit predigt, in ſo harten Worten von den nächſten Anverwandten zu reden.“ Der Ausdruck eines unausſprechlichen Erſtaunens malte ſich in dem hagern, graugelben Geſicht der Frau Paſtorin, und dieſes Erſtaunen war ſo mächtig, daß ihr die Sprache verſagte und ſie nur mit weit geöff⸗ neten Augen auf das Angeſicht des Gatten hinſchauen konnte. „Ich muß Dir ſagen“, fuhr er mit ruhigem Tone fort,„ich muß Dir ſagen und bekennen, Cornelia, daß Du wirklich in Deinem Haſſe und in Deiner Aufregung gegen die Damen des Schloſſes zu weit gehſt, und Du haſt gerade vielleicht dadurch das Gegentheil von dem bewirkt, was Du wollteſt. Du haſt in mir die Oppoſi⸗ tion erweckt und aus der Oppoſition gegen Deinen Haß 135 iſt vielleicht die erneuerte Liebe zu meinem Bruder in mir aufgeleuchtet.“ „Liebe zu Deinem Bruder?“ fragte ſie, wie ver⸗ wirrt und mit leiſer, flüſternder Stimme. „Ja“, nickte er,„die Liebe zu meinem Bruder! Er iſt krank und leidend, das thut mir weh in meinem Herzen und ich fühle es jetzt erſt recht, daß ich ihm, trotz alledem, vom Herzen gut bin; ja, trotz alle⸗ dem, Cornelia! Es iſt wahr, wir haben vielleicht Grund, unzufrieden und mißvergnügt zu ſein; er iſt mein jüngerer Bruder und er lebt in weltlicher Herr⸗ lichkeit und Luſt da droben auf dem Schloſſe der Ahnen, indeß ich nur der Paſtor bin, der demüthige, arme Seelenhirt ſeiner Gemeinde! Aber Du ſollteſt auch bedenken, daß er den Reichthum, deſſen er ſich erfreut, ſich ſelber und ſeiner Energie verdankt, und daß er durch ſeiner Hände Arbeit—“ „Und durch das Glück und den närriſchen Zufall“, unterbrach ſie ihn,„durch das Glück, welches ihn auf ſeinen Beſitzungen Petroleumquellen finden ließ, reich geworden iſt.“ „Nun ja, ich gebe das zu, auch durch das Glück und den närriſchen Zufall iſt er ein reicher Mann ge⸗ worden; aber er iſt es, und er iſt heimgekommen und hat die Gläubiger ſeines Vaters bezahlt, das heißt, er 136 hat die Ehre unſeres Hauſes reingewaſchen, daß kein Flecken auf unſerem Namen iſt, und hat Beſitz genom⸗ men von den Gütern, welche einſt nach dem Willen des Königs Friedrich Wilhelm II. und nach der beſonders darüber ausgeſtellten Urkunde der Baronin von Schwing, ihrem rechtmäßigen Erben, ihrem Sohne, zugeſchrie⸗ ben wurden.“— „Es iſt und bleibt aber ein Scandal und eine grauſame Ungerechtigkeit!“ grollte die Paſtorin. „Füge Dich darein“, ſagte er ernſt und faſt ge⸗ bieteriſch;„ich wiederhole Dir, Cornelia, Du gibſt ein böſes Beiſpiel durch Deinen allzu ſichtbar zur Schau getragenen Haß gegen die Damen des Schloſſes, und ich bitte Dich, ja, wenn es ſein muß, befehle ich Dir, dieſen Haß in Dir zu unterdrücken und aus demſelben Liebe und Theilnahme für unſere nächſten Anverwandten aufblühen zu laſſen.“ „Das wird mir unmöglich ſein!“ ſagte die Pa⸗ ſtorin ſtolz und hochfahrend,„ganz unmöglich! Dein Befehl wird nicht dieſes Wunder in meinem Herzen zu Stande bringen, den Haß in Liebe und Theilnahme zu verwandeln.“ „Nun, dann ſuche wenigſtens ihn in der Tiefe Deines Herzens zu verſchließen und zeige Dich nach Außen hin anders, als Du biſt“, erwiderte der Paſtor ernſt.„Ich weiß, die Leute reden ſchon davon, daß der Pfarrer, welcher die chriſtliche Liebe zu predigen hat, iſt ganz unchriſtlichem Bruderzwiſte lebt, und es gibt Böswillige, welche behaupten, die Frau Paſtorin be⸗ neide ihre ſchöne und liebenswürdige Schwägerin.“ „Das ſind alberne, thörichte Leute“, rief die Pa⸗ ſtorin achſelzuckend.„Ich frage nichts nach ihrem wahn⸗ ſinnigen Geſchwätze.“ „Du ſollſt aber darnach fragen“, erwiderte der Paſtor feſt;„ich bin der Diener des Herrn, ich predige die Liebe, die Verſöhnung, die Vergebung, und es ſtünde wahrlich meinem Hauſe ſchlecht an, wenn die nächſten Angehörigen meines Herzens dieſe Predigten des Paſtors Lügen ſtraften durch ihr Sein und Be⸗ nehmen. Ich wiederhole Dir, Cornelia, ich will Frieden ſchließen mit meinen Anverwandten, und zum Zeichen deſſen will ich jetzt gleich meinen Bruder beſuchen. Du haſt gehört, daß der Doctor geſtern ſagte, er ſei krank und leidend; ich will ihn ſehen, ich will ihm zeigen, daß ich Theilnahme habe für ſein Leiden. Ich wünſche auch, daß unſere Tochter Sophie zuweilen ihrer Couſine und ihrer Tante einen Beſuch macht.“ „Das heißt, Du biſt auf einmal ganz verändert und umgewandelt“, ſagte die Paſtorin, deren ganze Geſtalt jetzt erbebte vor Aerger und Zorn;„das heißt, 138 Du verbirgſt mir irgend ein Geheimniß! Leugne es nicht! Ich laſſe mich von Deiner jetzt zur Schau ge⸗ tragenen Bruderliebe nicht täuſchen; ich kenne Dich beſſer, Wilhelm, und ich weiß, daß, wenn die Liebe Gottes von Deinen Lippen tönt, Du gewöhnlich einen Plan haſt, der—“ „Still!“ unterbrach er ſie faſt zornig;„ich ſehe es wohl, daß der Teufel wieder umgeht, und der Teufel iſt es, der Dich verſucht in dieſer Stunde und mit ſo gehäſſigen und gottesläſterigen Worten ſelbſt gegen Deinen Gatten aus Dir ſpricht! Gehe in Dich, Cor⸗ nelia, und bete zu dem allmächtigen Gott, daß er Dich erlöſe von der Verſuchung des Teufels! Gehe in Dich, Du armes, ſündiges Menſchenkind, und laſſe von den heiligen Händen Deines Gatten den Verſucher von Dir austreiben!“ Er ſchritt mit hochgehobenen Armen zu ihr hin und wollte ihr die Hände auf das Haupt legen; ſie aber trat zurück und wehrte ihn mit einer heftigen Be⸗ wegung ab. „Comödiant!“ ſagte ſie ſpöttiſch.„Wir kennen uns, Wilhelm, und Niemand iſt hier, vor dem wir Comödie zu ſpielen hätten! Ich will Dir etwas ſagen“, fuhr ſie leiſer fort,„etwas, das Dich überraſchen wird; ich durchſchaue Dich, ich weiß, daß Du Deinen Bruder 4 139 noch mehr haſſeſt, als ich Deine Schwägerin! Ich weiß, daß Du ihn ebenſo beneideſt um ſeinen Glanz und ſeinen Reichthum wie ich meine liebe Schwägerin um ihre ſtolzen Manieren, um ihr ſchönes Geſicht und um das Larifari ihrer gräflichen Herrlichkeit. Wir Beide ſollten vor einander wenigſtens nicht Comödie ſpielen, und wenn Du etwas vorhaſt und einen Plan entworfen haſt, ſo ſollteſt Du mich zu Deiner Mitarbei⸗ terin in Deinen Plänen machen und——“ „Still, ſtill“, unterbrach ſie der Paſtor, die Arme und die Blicke gen Himmel hebend,„wahrlich, der Teufel hat Dich zu ſeiner Beute auserkoren! Ich aber will Dich erretten! Weiche von mir, Satanas, denn ich bin der Diener des Herrn, und ich liebe Gott und diene ihm in Ehrfurcht und in Demuth! Mich ſollſt Du nicht verſuchen, Satanas, und wenn Du auch zu mir ſprichſt durch die Lippen meines eigenen geliebten Weibes, ſo erkenne ich Dich doch! Ja, ich erkenne Dich in den Augen dieſer Frau, welche jetzt Worte zu mir ſpricht, von denen ihre reine und keuſche Seele nichts weiß! Ich erkenne Dich in den Ausdrücken dieſer Lippen, die ſonſt Gebete ſprachen und jetzt gezwungen waren, Worte des Haſſes zu reden. Weiche von mir, Satanas! Auf die Kniee, Cornelia, auf die Kniee und laß uns beten!“ 140 Er packte ſie mit beiden Händen an den Schultern und drückte ſie auf die Kniee nieder und hielt ſie feſt, während er ſelber an ihrer Seite kniete und mit lauter Stimme ein Gebet zum Himmel emporrief, ein Gebet um die Austreibung des Satanas. Die Paſtorin wagte nicht mehr zu widerſprechen; ſie fühlte ſeine eiſernen Klammern auf ihren Schultern, und Thränen des Zornes und vielleicht auch des Schmerzes ſtürzten aus ihren Augen nieder über die bleichen, hageren Wangen, und die Worte, welche ihre zuſammengepreßten Lippen leiſe murmelten, waren viel⸗ leicht kein Gebet. Der Paſtor erhob ſich und zog ſie mit ſich empor, ſchlang dann ſeinen Arm um ihren Hals und küßte ihre Lippen. „Ich weiß“, ſagte er ſanft und zärtlich,„jetzt biſt Du wieder mein geliebtes Weib, die Gattin meines Herzens, die mit mir in Eintracht lebt und in der Harmonie der Seelen, und die mit mir ſuchen wird, die wohlberechtigte Verſtimmung gegen die reichen und ſtolzen Anverwandten in ſich zu unterdrücken! Ja, meine liebe Cornelia, ich bin reumüthig zu der Erkennt⸗ niß gekommen, daß ich Unrecht that, dieſer Deiner Ver⸗ ſtimmung nachzugeben und ſelber ſie vielleicht zu theilen! Wir wollen von dieſer Stunde an mit den lieben Ver⸗ 2 141 wandten auf dem Schloſſe in Eintracht leben und in friedlicher Geſinnung! Ich ſelber will eben jetzt zu meinem Bruder hinaufgehen, und ich wünſche auch, daß Sophie öfter ihre Verwandten beſuche; ich fordere nicht von Dir, daß Du es auch thuſt, aber ich erwarte den Tag, wo Du aus freiem Entſchluſſe dem Beiſpiel Deines Gatten folgſt, und dieſer Tag ſoll ein geſegneter ſein!“ „Dieſer Tag wird nimmer kommen!“ ſagte die Paſtorin mit einem letzten Aufflammen ihres energiſchen Haſſes;„ich werde mich fügen, wie Du es wünſcheſt, und Sophie ſoll auf das Schloß gehen, obwol ich Dir ſagen und bekennen muß, daß ich nicht glaube, daß das Beiſpiel dieſer Damen förderlich für Deine Tochter ſei; aber ich will Dir nicht widerſprechen, was ſie und Dich betrifft. Für mich ſelbſt muß ich die Freiheit des Handelns mir bewahren, und es wird vielleicht noch ein Tag kommen, wo Du mir Recht gibſt.“ „Wir wollen jetzt nicht darüber ſtreiten“, er⸗ widerte der Paſtor,„ſondern auf die Zeit hoffen; ſie wird vielleicht milder ſtimmen, liebe Cornelia! Aber jetzt will ich zu meinem Bruder gehen.“ Er nahm ſelbſt aus dem Schranke den langen ſchwarzen Mantel, warf ihn ſich über und ſchob die Peltzmütze über ſeinen etwas kahlen Scheitel; dann 142 nickte er ſeiner Gattin zu, ging hinaus und drückte die Thür leiſe hinter ſich zu. Und während er dann ſchleunig die Landſtraße hinaufſchritt, dem Schloſſe zu, lächelte er in ſich hinein: „Ich habe den Teufel in ihr wieder einmal beſchworen, und er iſt ſtill geworden! Aber ich bin gewiß, er grollt doch fort in ihrem Herzen und wird den Haß gegen die liebe Baronin noch heftiger anſchüren, daß er höher aufflammt! Und das iſt mir gerade recht und das paßt zu meinen Plänen!“— Aber nichts von dieſen Gedanken war auf ſeinem Angeſicht zu leſen, als er jetzt eintrat in das Schloß und den Diener, welcher ihn ganz erſtaunt anſah und ganz überraſcht ſchien von dem ſeltenen Beſuche, be⸗ auftragte, dem Herrn Baron ſeinen Beſuch anzumelden und zu fragen, ob er willkommen ſei; dann blieb er demüthig wie ein Untergebener im Vorzimmer ſtehen und wartete auf die Rückkehr des Dieners. Jetzt that ſich die Thür auf, und die Baronin ſelber kam ihm mit freundlicher Miene und holdſe⸗ ligem Lächeln entgegen und machte ihm ſanfte Vorwürfe, daß er ſo ceremoniell ſich anmelden laſſe, und dankte ihm mit einem warmen Händedruck, daß er gekom⸗ men ſei. 3 „Es wird meinem theuren Alphons Freude machen“, ——— 4 143 ſagte ſie;„ich glaube, er ſehnte ſich zuweilen nach Ihnen, und es that ihm wehe, daß Sie niemals kamen. Heute beſonders bedarf er ſolcher Freude, denn ich will es Ihnen geſtehen, lieber Schwager, wir ſind traurig; Marco iſt heute in der Frühe des Morgeus abge⸗ reiſt.“ Der Herr Paſtor machte ein ſehr erſtauntes Ge⸗ ſicht und fragte lebhaft, wohin der liebe Mareo gereiſt ſei und was ihn zu dieſer Reiſe bewogen. Die Baronin erzählte ihm, daß er wegen Grenz⸗ und Länderſtreitigkeiten und wegen rückſtändiger großer Zahlungen für ſeinen Vater die Reiſe nach Ame⸗ rika habe machen müſſen.„Ich verſtehe nichts von die⸗ ſen Dingen und habe nicht begriffen, was Alphons mir ſagte“, fügte ſie lächelnd hinzu,„aber ich unter⸗ werfe mich in allen Dingen gerne der höheren Einſicht meines Gemahls, und ich weiß, daß Alles ſo ſein muß, wie er es will; doch wollte ich, wir hätten lieber den Beſitzungen, welche wir noch in Südamerika haben, entſagt, als daß wir die Nähe unſeres lieben Sohnes auf viele Wochen jetzt miſſen ſollen.“ Der Baron kam auch ſeinem Bruder mit freund⸗ lichem Geſicht entgegen, als die Baronin jetzt mit dem⸗ ſelben zu ihm eintrat; er reichte ihm beide Hände dar 144 und hieß ihn willkommen, von ganzem Herzen will⸗ köommen. „Da Du aus freiem Willen kommſt, mein lieber Bruder“, ſagte er, ihm zunickend,„ſo denke ich, Du kommſt zu mir auch aus freier Liebe, und das freut mich; denn ich ſehe daran, daß Du mich, vielleicht wider Deinen Willen, doch lieb haſt und nicht vergeſſen kannſt, daß Dein Vater auch der meine war und daß wir Brüder ſind.“ „Ich wünſchte, Du hätteſt nicht daran gezweifelt, Alphons“, erwiderte der Paſtor mit herzlichem Hände⸗ druck;„ich wünſchte, Du hätteſt die feſte Ueberzeugung gehabt, daß ich niemals vergeſſen konnte, daß Dein Vater auch der meine war und daß wir Brüder ſind. Wir können in unſeren Meinungen verſchieden ſein, aber in unſerer Liebe müſſen wir die Gleichen ſein.“ „Aber ich will Dir und auch Ihnen, Frau Schwãä⸗ gerin, ein Bekenntniß machen; ich hielt mich fern, um —— nun ja“, fuhr er nach einer Pauſe zögernd fort, nnun ja, ich will es Ihnen bekennen, und Sie werden mir vergeben, wenn ich nicht viele Worte darüber mache und nicht viel Entſchuldigungen ſage. Ich hielt mich fern um meiner armen lieben Gattin willen! Sie iſt eine edle Seele, aber vielleicht ein beſchränkter Kopf, der ſich nicht zu fügen verſteht in die Neuzeit, und „ „d 145 betrachtet vielleicht die Dinge mit anderen Augen. Ich hielt es eine zeitlang für eine gebotene Conceſſion, daß ich ihr nachgab, und ich weiß jetzt, daß ich recht daran gethan habe; denn Cornelia's Sinn iſt chriſtlich und daher voll Liebe, und ſie hat jetzt in ſich ſelber den ungerechtfertigten— wie ſage ich es nur gleich? Ich will das Kind beim rechten Namen nennen— den ungerechtfertigten Haß überwunden und iſt reumüthig u der Erkenntniß ihres Unrechtes gekommen.“ „Oh, das iſt eine freudige Botſchaft!“ rief die Baronin mit aufleuchtendem Angeſicht;„ja wirklich, mein lieber Schwager, eine freudige Botſchaft, welche Sie mir da bringen! Ihre Gattin will mich nicht mehr haſſen, ſie will mir vergeben, daß ich anders bin wie ſie; ſie will vielleicht meine Liebe annehmen, die ich ihr gewiß aus ehrlichem und treuem Herzen dar⸗ bringe?“ „Gönnen Sie ihr Zeit, liebe Schwägerin“, erwi⸗ derte der Paſtor ſanft;„ſie wird ſicherlich immer mehr zu der Erkenntniß ihres Unrechts kommen, und es kann leicht ſein, daß aus ihrem Widerſtreben gegen Sie ſich die heißeſte und zärtlichſte Liebe entwickelt! Nur gönnen wir ihr Zeit; ſie hat heute aus freiem Antrieb mich ermahnt, zu meinem lieben Bruder zu gehen, und ſie hat auch geſagt, ich ſolle bei Ihnen anfragen, ob unſere Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. IV. 10 146 Tochter Sophie zuweilen ihre geliebte Couſine beſuchen dürfe.“ „Das iſt prächtig! Und ich gehe meine Tochter zu holen, ſie ſoll Ihnen ſelbſt die Antwort geben auf Ihre Frage“, rief die Baronin mit glühenden Wangen, indem ſie mit dem leichten Schritte eines jungen Mäd⸗ chens das Gemach verließ. Als die Thür ſich hinter ihr ſchloß, ſchwand das Lächeln von dem Angeſichte des Barons, und ein ſchwerer Seufzer hob ihm die Bruſt. Mit einem ernſtem Ausdruck wendete er ſich zu ſeinem Bruder hin, der ihn mit aufmerkſamen Blicken betrachtete, als wolle er in ſeinem ſanft gerötheten Angeſicht und in ſeinen ſtrahlenden Augen die Geſchichte ſeiner Krankheit leſen, welche gerade in ſolchen Symptomen ſich kund⸗ gibt. Der Baron verſtand vielleicht dieſen heimlich ſpähen⸗ den Blick, denn ein trübes Lächeln umſpielte einen Moment ſeine ſchmale purpurrothen Lippen, und er neigte leiſe zuſtimmend das Haupt. „Nicht wahr, mein Bruder“, ſagte er dann mit ernſtem Ton,„Du kommſt nicht ſo ſehr aus brüder⸗ licher Liebe, als in Deinem Amtsberufe und in Deiner Paſtorenpflicht?“ „Ich komme in beiden Eigenſchaften, mein theurer —— 147 Alphons“, erwiderte der Paſtor freundlich;„ich komme aus Bruderliebe, aber auch, wie Du richtig ſagſt, in meinem Amtsberufe und in meiner Paſtorenpſticht. Die Seiten in meinem Kirchenbuche ſind noch immer leer, obwol Monate vergangen ſind, ſeit ich Dich daran mahnte.“ „Es iſt wahr“, erwiderte ſein Bruder leiſe,„die Seiten in dem Kirchenbuche ſind noch leer; aber be⸗ ruhige Dich, ich habe meinen Sohn Marco eigens des⸗ halb nach Amerika geſendet, daß er Dir die Urkunden und Documente hole, welche nöthig ſind, um den Herrn Paſtor zu beruhigen und die Seiten in dem Kirchen buche würdig und dem Geſetze gemäß auszufüllen. Be⸗ unruhige Dich alſo nicht, mein lieber Bruder; Marco holt die nöthigen Papiere und er wird zur rechten Zeit zurückkommen; ja, verſtehe mich wohl, zur rechten Zeit. Doch ſtill jetzt, kein Wort weiter, die Damen kommen, wir wollen ihnen ein freundliches Geſicht und eine harmloſe Miene zeigen!“ 10* Neuntes Kapitel. Ein Zeitungsartikel. Von dieſen Tag an kam der Paſtor faſt täglich hinauf in das Schloß; ſein ganzes Weſen ſchien wie verwandelt; ſonſt immer ſo ſtreng und unduldſam in ſeinem Urtheil über diejenigen, welche anders dachten, wie er, ſchien er jetzt ganz erfüllt von freundlicher Duldſamkeit und nachſichtiger Güte. Nie kamen mehr Worte der Drohung, der ſtolzen Selbſtüberhebung von ſeinen lächelnden Lippen. Für Alle hatte er eine mil⸗ dernde Entſchuldigung, eine freundliche Beurtheilung und Alles, was ihm ſonſt widerſtrebt hatte, ſchien ihm jetzt Freude zu machen. Er konnte mit geſpannter Aufmerkſamkeit den Er⸗ zählungen lauſchen, welche ihm ſein Bruder von dem eigen thümlichen Leben der Pflanzer und Anſiedler in 149 Südamerika machte, und ſeine Stirne umwölkte ſich nicht einmal, als er ihm erzählte, daß oft ein ganzes Jahr vergangen ſei, ohne daß ſie nur einen Prieſter geſehen oder eine Kirche beſuchen konnten, ſondern daß ſie ſich begnügen mußten, an jedem Sonntag ſich ſel⸗ ber einen Vortrag zu halten und ein gemeinſames Ge⸗ bet zu ſprechen. Auch an den Beſchäftigungen der Damen daßm der Paſtor einen lebhaften und freudigen Antheil; es ſchien ihm ungeheures Vergnügen zu machen, den Ueberſetzungen zuzuhören, welche Marie aus den itali⸗ eniſchen Dichtern eigens für ihn machte; ſein Angeſicht nahm einen Ausdruck freudigen Entzückens an, wenn die Baronin ihm mit ihrer vollen ſonoren Stimme die ſchönen Volkslieder Neapels ſang, und als eines Ta⸗ ges die Damen ihn damit überraſchten, daß die Ba⸗ ronin mit ſeiner Tochter Sophie das heimlich einge⸗ übte herrliche Stabat mater von Pergoleſe ſang, da äußerte der Herr Paſtor in freuvigen Worten ſein lau⸗ tes Entzücken und ſchloß ſeine Tochter zärtlich an ſein Herz und küßte ihr zum Danke die reine klare Stirn. Aber ſeltſamerweiſe ſchien Sophie gar nicht entzückt von dieſer Zärtlichkeit des Vaters; es war, als ob ein Schauder ihr den Körper durchzitterte, ihre Wangen erbleichten, und mit einem faſt ängſtlichen Ausdrucke 150 ſpähte ſie empor in das lächelnde Antlitz des Vaters, welches ſich über ſie neigte. Er indeß ſchien es nicht zu bemerken; er lobte ſie wegen ihrer ſchönen Stimme und dankte mit freund⸗ lichen Worten der Baronin für die gütige Unterwei⸗ ſung, welche ſie ſeiner Tochter gegeben. Er erzählte ſogar noch zu Hauſe der Paſtorin von dieſem ſchönen Genuß, den man ihm heute droben auf dem Schloſſe bereitet, und achtete gar nicht auf ihr verdüſtertes Ge⸗ ſicht und ihre ſpöttiſche Miene. „Du ſollteſt auch hingehen. Wirklich, Cornelia, ich glaube, es wäre gut für Dich, wenn Du endlich ein wenig Deine ſtrenge Tugend überwändeſt und Dieſe ſo liebenswürdigen, ſo geiſtreichen Damen beſuchteſt“, ſagte er mit faſt bittender Stimme zu ihr.„Frage nur unſere Sophie, wie ſchön und genußreich die Stun⸗ den ſind, welche wir dort verleben.“ „Ja, gewiß, Mutter, ſchön und genußvoll ſind die Stunden“, ſagte Sophie ernſt.„Es iſt für mich ſchon immer eine Freude, wenn ich nur das heitere, ruhige Angeſicht meiner Tante ſehen kann; denn von dieſem Angeſichte ſtrahlt ihre edle Tugend und ihre ſchöne Herzensgüte.“ „Wirklich“, ſagte die Paſtorin achſelzuckend„Du ſprichſt wie ein Liebhaber von ſeiner Geliebten. Und 6 151 ich muß auch Dir geſtehen, lieber Wilhelm“, fuhr ſie feierlich fort, indem ſie ſich dem Paſtor zuwendete, und ihr lächelnder Blick feſt auf ihm ruhte;„ja, ich muß auch Dir geſtehen, daß es mir durchaus nicht gefallen will, Dich in ſolcher ſtets wachſenden Begeiſterung von dieſen Schloßdamen reden zu hören. Dies ſage ich Euch Beiden ein⸗ für allemal, bleibt mir mit Eurem Entzücken fern und verlangt nicht uoch einmal, daß ich die Damen im Schloſſe beſuche.“ „Und weshalb nicht?“ fragte der Paſtor.„Du weißt, ich habe mit Langmuth und Geduld gewartet, daß Du ſelber Dich entſchließen ſollteſt, zu thun, was ich wünſche. Aber ich bin jetzt am Ende mit meiner Langmuth, und ich werde mit Ernſt verlangen, was Du nicht aus Güte für mich thun willſt.“ „Ich rathe Dir nicht, das zu thun“, ſagte die Pa⸗ ſtorin, ſich ſtolz aufrichtend;„ich würde in dieſem Fall auch dem Ernſt widerſtreben und kein Verlangen er⸗ füllen, welches wider mein Gewiſſen iſt. Auch Dir ſage ich dies, Sophie; es iſt wider mein Gewiſſen, Dich hinauf zu laſſen zu dieſen Damen; denn ich ſehe es wohl, ſie geben Dir ein ſchlechtes Beiſpiel, und die Pa⸗ ſtorentochter hat ſich, ſeitdem ſie droben auf dem Schoſſe iſt, zu ihrem Nachtheil verwandelt. Es regen ſich gar weltliche Gedanken und Neigungen in ihr, und ich 152 ſehe es wohl, mit welchem unwirrſchen Geſichte ſich die Paſtorentochter den Beſchäftigungen in der Wirthſchaft hingibt, ſeit ſie geſehen hat, wie die Baronin droben dergleichen unedle Beſchäftigungen ganz von ſich weiſt.“ „Du biſt eben ganz unduldſam in Deiner rauhen Tugend“, ſeufzte der Paſtor achſelzuckend. „Es gehört eben nicht viel rauhe Tugend dazu, um ſich über das Benehmen dieſer Damen empört zu fühlen!“ rief die Paſtorin heftig. „Was haſt Du ihnen vorzuwerfen?“ fragte der Paſtor. „Nun, mit einem Worte, ſie ſind unehrbar! Sie benehmen ſich nicht, wie es Damen geziemt; Sie fügen ſich nicht der Sitte, welche dem Weib, und ſei ſie auch noch ſo hohen Standes, vorſchreibt, alles Aufſehen zu vermeiden und ſuchen ſtatt deſſen mit Fleiß und Abſicht die Augen der Menge auf ſich zu ziehen. Sie fahren im vergoldeten Schlitten dahin und lachen und freuen ſich, wenn ſie angegafft werden von dem ſtaunenden Volke. Ja, ich habe noch etwas Schrecklicheres und Entſetzlich⸗ eres von ihnen gehört; der Kammerdiener des Barons hat es unſerm Kutſcher erzählt, und mich dünkt es ſchon ſchlimm genug, daß die männliche Dienerſchaft den Damen ſo nahe kommen kann, daß ſie weiß, was ſie in ihren Gemächern thun.“ 153 „Und was haben die Damen in ihren Gemächern Entſetzliches gethan, welches von dem Kammerdiener geſehen iſt?“ fragte der Paſtor. „Die Damen rauchen“, erwiderte die Paſtorin mit einem Ausdruck entſetzlichen Abſcheues.„Ja, ſie rauchen! Sie rauchen Cigaretten. Ich muß ſagen, das geht doch über die Grenzen des Schicklichen ſo ſehr hinaus, daß es mich mit wahrem Entſetzen er⸗ füllt.“ „Warum?“ fragte Sophie mit ruhigem Aus⸗ druck in das erregte Angeſicht ihrer Mutter ſehend. „Warum!“ rief die Paſtorin;„Du fragſt mich, wa⸗ rum ich empört bin, daß dieſe Damen rauchen? Nun einfach, weil es unſchicklich, unweiblich, unanſtändig iſt.⸗ „Warum?“ fragte Sophie zum zweitenmale.„O, vergib mir, Mutter, daß ich ſo frage; aber ich möchte mich gern belehren laſſen. Ich möchte gern wiſſen, warum es unſchicklich und unweiblich iſt, daß dieſe Damen, welche von ihrer früheren Jugend an gewöhnt ſind, wie man es in den ſüdlichen Ländern und beſon⸗ ders in Südamerika thut, ihre Cigarette zu rauchen, auch hier die Gewohnheit früherer Jahre fortſetzen und rauchen! Ich möchte von Dir lernen, warum es un⸗ weiblich iſt.“ 154 „Nun, das will ich Dir ſagen“, rief die Paſtorin, von innerem Zorne erbebend;„es iſt darum unweib⸗ lich, weil es keine andere Frau thut und weil man niemals etwas thun muß, was nicht allgemein Ge⸗ brauch iſt.“ „Dann würden alſo niemals Neuerungen einge⸗ führt werden können, und dann würde es niemals eine Sitte oder eine Mode geben“, ſagte Sophie mit ruhigem Lächeln.„Alles bliebe auf demſelben Fleck, wenn man nichts thun dürfte, was dem allgemeinen Gebrauche widerſtrebte und—“ „Ich verbitte mir Deine weiſen Sentenzen“, un⸗ terbrach ſie ihre Mutter.„Es ziemt Dir durchaus nicht, mir gegenüber ein Urtheil haben zu wollen. Die Töchter ſollen ſchweigend gehorchen und ſich den An⸗ ſichten ihrer Eltern fügen in Demuth und Gehorſam; dies merke Dir.“ Sie wendete ſich haſtig um und verließ das Zim⸗ mer, die Thür ſo heftig hinter ſich zuſchlagend, daß die Fenſter klirrten und die Möbel zitterten. Der Paſtor wendete ſich mit freundlichem Lächeln zu ſeiner Tochter hin. „Vergib ihr, Sophie, habe Nachſicht mit der rauhen und ſtrengen Tugend Deiner Mutter! Sie iſt wahrlich von allen Frauen, die ich kenne, die edelſte und die 155 beſte, wenn auch das Kleid, in welches ſich dieſe Tu⸗ gend hüllt, nicht ſo ſchön geformt und ſo geſchmackvoll iſt, wie die Kleider unſerer geliebten Freundinnen da oben. Komm jetzt, meine Tochter, wir wollen gemein⸗ ſam hinaufgehen auf das Schloß und wollen durch eine melodiſche Unterhaltung uns entſchädigen für die Disharmonien, welche wir leider hier gehört haben.“ Droben im Schloſſe kamen ihnen die Damen mit freudigen Mienen entgegen. „Marco hat geſchrieben, ein Brief von Mareo iſt angekommen!“ Das war die Freudenbotſchaft, welche alle Ange⸗ ſichter verklärte und auch über das ernſte Geſicht des Paſtors einen Sonnenſtrahl zu werfen ſchien. Er horchte mit geſpannter, theilnehmender Miene auf die Erzählung, welche man ihm machte aus dem Briefe des jungen Barons. Er befand ſich ſchon ſeit acht Tagen auf der See und ſein Brief war einem Schiffe mitgegeben worden, welches dem Dampfer, auf welchem er fuhr, begegnete. Man wußte jetzt, in vierzehn Tagen werde er den Ort ſeiner Beſtimmung erreicht haben, in vierzehn Tagen werde er ſchon in Rio Janeiro angelangt ſein. Man berechnete eifrig, wie viel Zeit er dann noch gebrauchte, um nach den Pflanzungen zu kommen, wie lange er 156 da bleiben und wie viel Zeit vergehen würde, ehe er zurückkehre. Oh, möchte doch die Zeit Flügel haben, möchten doch die langen Wochen der ſchweren Trennung bald vorüber ſein! Der Paſtor hofft es mit ihnen, und er tröſtet ſie mit freundlichen Worten über die Abweſenheit. Dann erzählt er ihnen, wie ſchnell jetzt die amerikaniſchen Schiffe ſegeln, und wie ſie jetzt Wettkämpfe halten, welche von den amerikaniſchen Compagnien den ſchnell⸗ ſten Dampfer beſitzt. Der Paſtor weiß jetzt viel mehr von der Welt wie ſonſt, er bekümmert ſich viel mehr um Alles, was draußen geſchieht, außerhalb des engen Pfarrhauſes und der engen Welt, in welcher er ſonſt gelebt. Der Baron hält ſich viele Zeitungen, deutſche, franzöſiſche und engliſche, und die engliſchen lieſt der Paſtor vorzugsweiſe gern. Er hat früher als Candi⸗ dat längere Zeit in England gelebt, und die Sprache iſt ihm ſo geläufig wie ſeine Mutterſprache. Deshalb intereſſirt es ihn auch, die engliſchen Zeitungen zu leſen, und er nimmt ſie jeden Tag mit hinunter in das Pfarrhaus und läßt ſich an jedem Morgen von Sophie, welche er ſelber im Engliſchen ſo gut unter⸗ † V V * 45˙ richtet hat, daß ſie die Sprache zu reden weiß, die Zeitungen vorleſen.. Er nimmt auch heute ein ſolches großes Packet engliſcher Zeitungen mit hinunter, als er ſich in das Pfarrhaus begibt, während Sophie noch droben auf Bitten der Baronin zurückgeblieben iſt. Er lächelt vor ſich hin, während er die Landſtraße hinuntergeht, denn er weiß wohl, weshalb die Baronin gebeten hat Sophie noch dort zu laſſen. Sie werden nun nicht nöthig haben, den Brief Marco's in ein Notenheft oder in ein Buch zu legen! Sophie wird ihn eigenhändig em⸗ pfangen; er zweifelt nicht daran, ſie wird einen Brief von Marco bekommen. Und er ſieht es auch, als ſie zurückkommt, ſieht es an ihrem ſtrahlenden Geſicht und ihren glänzenden Augen, an dem glücklichen Lächeln, welches ihre Purpurlippen umſpielt. Ja, Sophie hat einen Brief von Marco empfangen; erneuerte Schwüre ſeiner ewigen Liebe, ſeiner glühenden Sehnſucht nach ihr. Natürlich! Liebende ſchreiben ſo, der Paſtor weiß es aus längſt vergangenen Zeiten, Liebende ſchrei⸗ ben ſo! Er ſelber hat auch droben auf ſeinem Tiſch einen Zrief gefunden, den der Poſtbote für ihn mitgebracht; einen Brief aus Berlin von Johannes Streber, einen ſehr langen, ſehr ausführlichen, ſehr frommen Brief. 158 Johannes Streber ſchildert ihm ſeine Erfolge; er er⸗ zählt ihm, wie gütevoll der General von Thiele gegen ihn geweſen, blos weil er den Muth gehabt, an jenem Abend in der„Athalia“ den Schreiern entgegenzu⸗ treten. Der Paſtor unterbricht ſich, wie er das lieſt, und nickt mit dem Kopfe. „Ja, ja, er iſt ein kluger Mann, er verſteht es, jeden Vortheil zu benützen und überall ſein Häkchen einzuſchlagen, wo er nur ein kleines Löchlein findet. Er wird es weit bringen, der Johannes Streber!“ Dann lieſt er mit athemloſen Intereſſe weiter. Johannes Streber ſchildert ihm die Pläne, welche er hegt, er will ein„Rauhes Haus“ bauen nach dem Muſter des Hamburger Hauſes; es wird Aufſehen machen in der Welt, es ſoll ein Muſterhaus ſein für die Erziehung frommer Seminariſten und Diener des Herrn, gewiſſermaßen ein Miſſionshaus, von welchem aus er die Zöglinge in die Welt ſendet, damit ſie Propaganda machen für die heilige Lehre und das Volk bilden und heranziehen zu demüthigen, zerknirſch⸗ ten Chriſten. Dann weiter ſchreibt ihm Johannes Streber, daß er nur den einen ſehnſuchtsvollen Wunſch hege, ſein theurer Freund, der Paſtor von Schwing, möge bei ihm ſein, um ſein Werk zu fördern,„denn 159 es iſt wahrlich für Sie in den engen Verhältniſſen kein Raum, Ihre großartige Thätigkeit zu entfalten“, ſchreibt Johannes Streber.„Sie würden hier in Ber⸗ lin mit Ihrer Energie, Ihrem feſten Willen, Ihrer Gelehrſamkeit, Ihrer erhabenen Frömmigkeit große Dinge zu leiſten haben und auch große Dinge voll⸗ führen; denn der König iſt ſelber ein ſo genialer, groß⸗ herziger Mann, der alles Geniale zu faſſen verſteht. Er würde ſicherlich Sie zu ſeinem Liebling auserleſen. Sie ſollten nach Berlin kommen, theurer, erhabener Mann und Meiſter! Für Sie wäre hier allein ein richtiges Feld Ihrer frommen Thätigkeit, und hier allein könnten Sie Großes und Gutes ſchaffen.“ Er wiederholt ſich mit lauter Stimme dieſen letz⸗ ten Paſſus und wirft dann mit einer haſtigen Bewe⸗ gung das Papier von ſich. „Es iſt eine Verſuchung“, ſagt er leiſe vor ſich hin,„und ſie tönt mit lockenden Worten an mein Ohr und wiederholt nur, was ich leiſe oft denke. Ich möchte fort von hier, ja ich möchte fort von hier! Weit fort, nicht um deſſentwillen, was mir Johannes Streber ſagt, ſondern—“ Er ſtockt und ſieht mit einem wilden Blick umher. „Ich fürchte mich, hier zu weilen, ich fürchte mich vor meinen eigenen Gedanken. Der Teufel geht um, und 160 ich weiß es ſehr wohl, er lauert auf mich an meiner Stubenthür und tritt mit mir ein in dies Gemach und flüſtert in mein Ohr furchtbare Dinge bei Tag nnd bei Nacht. Ich höre ihn, wenn ich meine Predigten ſchreibe, ich höre ihn, wenn ich meine Predigten ſchreibe, ich höre ihn, wenn ich in dem Worte Gottes leſe; er iſt immer neben mir und er trachtet mich zu verſuchen. Apage, Satanas, apage!“ ruft er ganz laut und ſchauert in ſich zuſammen. „Ich will mich zerſtreuen“, ſagt er dann haſtig zu ſich ſelber.„Ich will anderen Gedanken nachhängen, wir wollen die Zeitungen nicht erſt morgen leſen, ſon⸗ dern heute, heute.“ Und er nimmt die Zeitung wieder vom Tiſch und geht in das Wohnzimmer und fordert Sophie auf, ihm jetzt gleich vorzuleſen. Zuerſt den Spectator, den Sophie ſo gern lieſt, weil er ſo gute Schiffsneuig⸗ keiten enthält und überhaupt ſo viele amüſante Ge⸗ ſchichten weiß. Der Paſtor dehnt ſich behaglich auf dem ledernen Lehnſtuhl aus und hört auf das, was Sophie ihm mit geläufiger Zunge vorlieſt. Kleine Neuigkeiten des Tages, kleine Anekdoten, auch einige Notizen über Schiffe, welche auf der Fahrt nach Amerika untergegangen ſind. Und er lächelt, als 1641 bei dieſer Lectüre die Wangen ſeiner Tochter erbleichen und ihre Stimme ſo ſehr zittert, daß ſie nicht weiter⸗ leſen kann, ſondern die Hände mit dem Zeitungsblatt in den Schoß ſinken läßt. „Nun, was gibt es?“ fragte die Paſtorin, welche an dem Fenſter ſitzt und an dem langen Strumpf für die Heiden in Afrika arbeitet.„Weshalb verſtummt denn Sophie auf einmal?“ „Oh es iſt nichts“, ſagte der Paſtor ruhig,„ſie lieſt nur von einigen Unglücksfällen auf der See, und das erſchüttert ihr weiches Gemüth.“ „Ja natürlich“, höhnt die Frau Paſtorin,„ſie denkt an den Vetter Marco, der wahrſcheinlich an ſie gar nicht denkt.“ „Lies weiter, meine Tochter“, bemerkte der Paſtor gütig. „Und Sophie lieſt: „In den letzten Wochen iſt ganz London erfüllt geweſen von einem intereſſanten Proceß, der alle Ge⸗ müther erregte und zugleich wieder ein trauriges Licht auf unſere engliſchen Juſtizverhältniſſe geworfen hat.“ „Das iſt eine Criminalgeſchichte“, unterbrach ſich Sophie;„ich weiß, daß Du ſolche Geſchichten nicht liebſt, mein Vater; ſoll ich ſie überſchlagen?“ Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. IV. 11 ——— —õ— — —— 162 „Nein, nein“, rief er lebhaft,„lies uns die Ge⸗ ſchichte. Alſo ein Proceß, lies.“ Und Sophie fährt fort zu leſen: „Vor einigen Wochen ſah man in einer der be⸗ lebteſten Straßen der City einen jungen Mann, der halb entkleidet, mit gen Himmel gehobenen Armen da⸗ hinrannte und mit jammernder Stimme flehte:„Er⸗ barmet Euch, rettet mich, laßt mich nicht Hungers ſterben!“ Es war ein herzerſchütternder Ruf, und viele Leute blieben ſtehen, als der junge Mann, nachdem er lange ſo geſchrieen, endlich bebend zuſammenſank auf dem Straßenpflaſter. Es bildete ſich natürlich gleich um ihn ein großer Kreis von Menſchen, und es gab auch ſogar einige Mitleidige, welche ſich ſeiner erbarm⸗ ten und ihn in ein nahegelegenes Haus ſchafften. Als der Ohnmächtige ſich erholt hatte, flößte man ihm ſo⸗ gleich Speiſe und Trank ein, denn er trug die untrüg⸗ lichen Zeichen von Hunger und großen Entbehrungen in ſeinen eingefallenen Augen und ſeinen hohlen Wan⸗ gen. Dann, nachdem der Unglückliche mit ſichtbarer Gier Speiſe und Trank zu ſich genommen, fragte man ihn, woher er komme und was ihn zu dem Hilferuf veranlaßt habe. Er weigerte ſich lange, darauf zu ant⸗ worten, und ſeine ſcheuen Blicke flogen mit dem Aus⸗ druck nnausſprechlicher Angſt in dem Gemach umher, 163 als fürchtete er überall ſeinen Verfolgern zu begegnen. Endlich gelang es, ihn zu beruhigen, und er ſagte dann aus, daß er ſeit ſechs Jahren in einem Gefängniß ſich befunden habe, daß man ihn in demſelben mit Ketten an die Wand geſchloſſen habe und ihn ganz wie einen ſchweren Verbrecher behandelte. Seine Erſcheinung beſtätigte ſeine Ausſage, denn an ſeinen Handgelenken wie an ſeinen Füßen fanden ſich noch die Spuren ver⸗ narbter Wunden, die wol von dem Scheuern der Ket⸗ ten entſtanden ſein mochten. Man übergab natürlich den Unglücklichen der Polizei, und dieſe hielt mit ihm tagelang ausführliche Verhöre. Der Unglückliche zeigte ſich anfangs ſehr wenig bereit, Ausſagen zu machen; es ſchien, als ginge ſein Geiſt wirklich zuweilen irre und wären ſeine Gedanken nicht klar, aber es war vielleicht nur die Furcht vor ſeinen vermeintlichen Ver⸗ folgern, welche ihn die erſten Tage ſo fehr quälte, daß er keine ausführlichen Ausſagen machen wollte. Endlich gelang es, ihn zu beruhigen, und da er⸗ zählte der junge Mann, daß er der einzige Sohn eines Gutsbeſitzers in Wales ſei, und daß die großen Beſitz⸗ thümer des Vaters an ihn, den Sohn zweiter Ehe, nach deſſen Tode übergehen müßten. Die Tochter ſei⸗ nes Vaters erſter Ehe hätte ſich mit einem Verwandten verheirathet, der, wenn ihr Vater ſich nicht zum zweiten 11* 164 Male verheirathet hätte, der Erbnachfolger geweſen wäre und auf den alsdann die Güter und der Name ſeines Vaters übergegangen wären. Dieſe Stiefſchwe⸗ ſter und ihr Gatte hatten daher von ſeiner früheſten Jugend an einen tiefen Haß gegen den jungen, un⸗ willkommenen Stiefbruder gehegt, und mehr als ein⸗ mal hatten ſie ſchon in ſeiner Jugend, ſo behauptete der Unglückliche, verſucht, ihn zu verderben; aber die zärtliche Aufmerkſamkeit ſeiner Mutter hatte ſtets der⸗ gleichen Verſuche unſchädlich gemacht; endlich hatte es geſchienen, als wenn ſeine Stiefſchweſter und ihr Gatte ſich in das Unvermeidliche fügten, und ſie hatten gegen ihren Bruder jetzt eine ſehr freundliche und zärtliche Miene angenommen, hatten ſogar ehrlich bekannt, daß ſie ihn früher gehaßt hätten, daß aber jetzt die zärt⸗ lichſte Liebe für ihn mit ihrem Schickſal ſie verſöhnte. Nun waren ſchöne friedliche Zeiten gekommen, man hatte in der traulichſten Harmonie miteinander gelebt, und ſelbſt die argwöhniſchen Befürchtungen ſeiner Mutter hatten von der theilnehmenden Liebe der Stief⸗ ſchweſter endlich ſich beſiegt gefühlt. Eines Tages for⸗ derte ſein Stiefſchwager ihn auf, mit ihm auf die Jagd ſich zu begeben. Die Jäger hatten einige Füchſe geſtellt, und man wollte ſie heute aus ihrem Bau beraustreiben. Er war gern bereit geweſen, der Auf⸗ 165 forderung Folge zu leiſten. Die Jäger waren ihm vorangeritten in den Wald, und er war mit ſeinem Stiefſchwager alsdann ihnen nachgefolgt. Aber es ſchien, als ob ſein Stiefſchwager des Weges nicht ganz kundig geweſen. Man verirrte ſich in dem Walde, und in dem Beſtreben, die Jäger zu ſuchen, ritt man immer tiefer hinein und kam in immer größeres Dickicht. Da auf einmal ließ der Schwager ein lautes gellendes Pfeifen ertönen, das nahe dabei aus einer Köhlerhütte, die im Walde ſich befand, erwidert ward. Eine ſelt⸗ ſame Angſt überkam, wie der Unglückliche erzählte, auf einmal ſein Gemüth, eine finſtere Ahnung bemäch⸗ tigte ſich ſeiner, und er wollte ſein Roß umwenden und von dannen ſprengen, als ſein Stiefſchwager dem Roß in die Zügel ſiel und dem Bruder gebot, ſtille zu halten. Männer mit verlarvten Geſichtern, ſo er⸗ zählte er, mit unkenntlichen Zügen ſtürzten herbei, überwältigten den jungen Mann, ſo ſehr er ſich auch ſträubte, und als er um Hilfe rufen wollte, drückte man ihm ein Tuch in den Mund und machte ſein Schreien unhörbar. Er verlor die Beſinnung, und was weiter mit ihm geſchah, konnte er nicht melden. Als er wieder zum Bewußtſein erwachte, fand er ſich in einem geſchloſſenem Wagen, die Hände und Füße zuſammengebunden, und ihm gegenüber ſaß ein ihm 166 vollkommen unbekannter Herr mit ernſten, düſteren Mienen, den Blick feſt auf ihu gewendet, einen Revol⸗ ver in der Hand haltend. „Sie wachen und Sie hören mich?“ fragte er, als er geſehen hatte, daß der Unglückliche die Augen öff⸗ nete.„Nicken Sie, wenn Sie mich verſtanden haben, mit dem Kopfe.“ Er nickte, denn das Tuch, welches ſich noch im⸗ mer in ſeinem Munde befand, machte ihm das Spre⸗ chen unmöglich. Und der Fremde fuhr fort:„Hören Sie mich alſo ruhig an! Wenn Sie vernünftig und verſtändig ſind, wird man Ihnen nichts zu Leide thun, aber bei dem erſten Widerſtreben jage ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf. Ich frage Sie alſo, wollen Sie vernünftig ſein? Dann will ich Ihnen das Tuch abnehmen, denn ich ſehe, daß es Sie am Athmen ver⸗ hindert.“ Er nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß er vernünftig ſein wolle und der Unbekannte zog nun das Tuch von ſeinen Lippen fort.„Nun hören Sie wei⸗ ter“, ſagte er dann.„Sie ſind krank, ſehr krank, und diejenigen, welche Sie lieben, wollen Sie heilen, curi⸗ ren laſſen. Man bringt Sie deßhalb in eine Anſtalt, wo es Ihnen an Pflege und Aufmerkſamkeit nicht ge⸗ brechen ſoll. Sie werden dort Ihre Geneſung finden, 167 falls Sie ſich ruhig und anſtändig benehmen und Ihren Pflegern die Dankbarkeit zeigen, welche Sie ihnen ſchul⸗ dig ſind.“ „Aber mein Herr“, hatte der Unglückliche ge⸗ ſagt,„ich verſichere Sie, ich bin durchaus nicht krank.“ „Und das beweiſt eben“, hatte ihn Jener unter⸗ brochen,„wie krank Sie ſind, denn Sie wiſſen gar nicht, daß Sie krank ſind. Das iſt ein gefährliches Symptom Ihrer Leiden, und man wird umſomehr Sorgfalt auf Sie verwenden. Ich ſage Ihnen nur dies, mein Herr, wenn Sie leugnen, krank zu fein, ſo vergrößern Sie dadurch nur Ihre Krankheit und wie ich Ihnen ſage, machten Sie es nothwendig, daß man Sie mit Härte behandeln muß. Bekennen Sie alſo ehrlich, daß Sie krank ſind, wenn Sie nicht gefeſſelt in einſamer Zelle Ihr Leben vertrauern wollen.“ Ein unnennbares Entſetzen hatte ihn ergriffen und er hatte ſchon den Mund geöffnet zu einem Hilfe⸗ ſchrei, als er wieder das Tuch in ſeinem Munde fühlte und den Lauf des Revolvers dicht vor ſeinen Augen ſah. „Sie wollen es nicht beſſer haben“, hatte die drohende Stimme des Fremden zu ihm geſagt.„Wohl! Sie werden jetzt mit Strenge behandelt werden.“ 168 Und dieſes Wort, welches der Fremde ihn zuge⸗ rufen, hatte ſich durch ſechs Jahre bewährt. Man hatte ihn mit Strenge behandelt. Bei jeder Klage, jedem Hilfeſchrei, der ſich ſeiner Bruſt entwand, hatte man ihn aus dem großen, hellen Gemach, in welchem man ihn eingeſchloſſen, in eine dunkle Kammer gewor⸗ fen und ihn in Ketten geſchloſſen. So hatte er lange Jahre vertrauert, bis endlich eine Krankheit ihn er⸗ faßte und ihn auf das Lager niederwarf. Einer von den Krankenwärtern, welcher dieſe ganzen Jahre um ihn geweſen, hatte Mitleid mit dem unverſchuldeten Lei⸗ den des jungen Mannes gehabt, und mit ſeiner Hilfe war es ihm endlich in einer finſteren Nacht gelungen, ſeinem Gefäugniſſe zu entſpringen und ſich frei zu machen. Er hatte gar nicht gewußt, an welchem Orte er ſich befand und wohin man ihn damals geſchleppt. So oft er danach gefragt, war die Antwort auf dieſe Frage ein härteres Gefängniß geweſen. Nun, nachdem er ſich befreit und über die hohe Mauer des Gartens, in welchem er ſo manche furcht⸗ bare Stunde der Erholung zugebracht, hinübergeklettert war, hatte er ſich plötzlich inmitten von Straßen und Plätzen befunden, und als er, Hilfe flehend, in Lon⸗ donſtreet damals erſchienen war, mochten ungefähr zwei Stunden vergangen ſein ſeit ſeiner Befreiung. 7* 3 169 Es war alſo keinem Zweifel unterworfen; das Gefängniß, welchem er entſprungen war, befand ſich in London ſelber, aber es war dem jungen Manne unmöglich, auch nur die Richtung anzugeben, oder ir⸗ gend eine Auskunft zu ertheilen über den Namen deſ⸗ ſen, bei welchem er ſich befunden und der offen⸗ bar der Director und Vorſteher dieſer Anſtalt ſein mußte. Der Unglückliche hatte dieſe Angaben in langen Zwiſchenräumen, oft widerſtrebend, oft ſeine Angaben zurücknehmend, gemacht und es hatte zuweilen den An⸗ ſchein, als ob ſeine Gedanken nicht ganz klar und ſeine Bekenntniſſe nicht zuſammenhängend wären. Die Gerichtsärzte hatten ihn deßhalb längere Zeit beobachten müſſen, um zu prüfen, ob die Erzählungen des armen jungen Mannes vielleicht nur Gebilde ſei⸗ Phantaſie wären und dies umſomehr, weil er ſich mit der größten Hartnäckigkeit weigerte, Auskunft zu er⸗ theilen über ſeine eigene Familie, deren Namen und Wohnungsort. „Ich liebe meine Schweſter und auch meinen Stiefſchwager“, ſagte er mit ſanfter Stimme und mit Thränen in den Augen.„Ich möchte Ihnen um Alles nicht ſchaden, und vor allen Dingen möchte ich nicht, daß der Name meines theueren kranken Vaters 170 öffentlich genannt würde oder in ſeinen langen Leiden durch irgend eine böſe Nachricht beunruhigt werde. Gönnen Sie mir nur die Freiheit und ich will hinaus⸗ gehen in die Welt und für mich arbeiten, um durch meine eigene Kraft mein Daſein zu begründen.“ Indeſſen ſetzte die Polizei ununterbrochen ihre Unterſuchungen fort, ſowol über die Herkunft und Heimat des jungen Mannes, als auch über den Ort, wo er möglicherweiſe in London ſich aufgehalten; denn das ſtand feſt, daß er in London ſelber ſo lange ge⸗ fangen geweſen. Der Gerichtsarzt machte zu dieſem Behufe auch oft mit ihm Fahrten in verſchloſſenen Wagen durch die Umgebungen und die abgelegeneren Straßen von London. Und er beobachtete dann, wäh⸗ rend er den jungen Mann bat, hinauszuſchauen und ſein Gedächtniß zu prüfen, ob er dieſe Gegend ſchon kenne, das Angeſicht deſſelben. So geſchah es eines Tages, daß er, als ſie in einem der kleinen Dörfer, welche weit hinausliegen von dem Mittelpunkt der Stadt und doch noch zu dem Weichbilde Londons ge⸗ rechnet werden, den jungen Mann plötzlich erbeben und mit einem leiſen Aufſchrei zuſammenſinken ſah. Sie fuhren eben an einer hohen Steinmauer vorbei, deſſen oberer Rand mit eiſernen Spitzen gegen jedes Eindringen und Ueberſteigen geſichert war und nur ——— 141 eine einzige, kleine, feſtverſchloſſene eiſerne Thür befand ſich in dieſer Mauer. „Da, da!“ rief der junge Mann, indem er ſich jetzt wieder haſtig emporrichtete und mit zitternder Hand hindeutete auf dieſe lange Mauer. „Was iſt es, was erſchreckt Sie auf einmal?“ fragte der Arzt. Er ſchüttelte ſprachlos das Haupt und vermochte keinen Ton hevorzubringen; nur ſeine Augen waren mit einem Ausdruck unausſprechli⸗ chen Entſetzens immer noch auf die Mauer hin ge⸗ richtet. Der Arzt befahl dem Kutſcher anzuhalten und wollte den Schlag des Wagens öffnen, aber der junge Mann faßte mit krampfhafter Angſt ſeine Hand und hielt ihn zurück. „Um Gottes Willen! Haben Sie Erbarmen!“ murmelte er leiſe, und ſeine ganze Geſtalt erbebte. „Bringen Sie mich nicht wieder dahin! Haben Sie doch Erbarmen mit mir!“ Er kauerte ſich in die Ecke des Wagens, und jetzt hatte er wirklich das Ausſehen eines vollkommen Wahnſinnigen. „Haben Sie keine Furcht“, ſagte der Arzt begüti⸗ ggend,„Sie ſollen nicht mit mir hinausſteigen; ich gebe Ihnen mein Chrenwort, ich ſchwöre Ihnen, wenn es 172 Sie beruhigen kann, bei Gott und Allem, was mir heilig iſt, Sie ſollen nicht wieder gefangen werden; und wenn, wie ich jetzt glaube, dies der Ort iſt, wo man Sie ſo lange und ſo grauſam eingeſchloſſen hatte, dann ſchwöre ich Ihnen, daß Ihr Leiden gerächt wer⸗ den ſoll an den Uebelthätern.“ „Ich will gar keine Rache“, murmelte er mit be⸗ benden Lippen,„nur bringen Sie mich nicht wieder dahin.“ „Sie glauben mir doch, wenn ich Ihnen ſchwöre, daß ich das nicht thue.“ „Ja, ich glaube Ihnen, aber laſſen Sie uns wei⸗ terfahren. Weiter!“ „Nein, armer junger Freund“, ſagte der Arzt, „ich muß zum mindeſten erſt wiſſen, wer in dieſem Hauſe wohnt. Verhalten Sie ſich ruhig, drücken Sie ſich zurück in die Ecke des Wagens, damit Niemand Sie ſieht.“ Er hatte überdies nicht nöthig, dem jungen Manne einzuſchärfen, ſich zu verbergen, denn er kau⸗ erte ſich in der äußerſten Ecke des Wagens zuſammen und mit ſtierem Blicke ſchaute er verſtohlen aus dem Wagen, während der Doctor herniederſtieg und dem Kutſcher befahl, auf ſeine Wiederkehr zu warten 173 und mit entſchloſſenen Schritten nach der Thür in der Mauer hinging und an der Klingel zog. Eine zeitlang blieb er horchend neben derſelben ſtehen. Darinnen regte ſich nichts, man hörte auch nicht den leiſeſten Laut. Nur zuweilen dünkte es dem Horcher, als vernehme er das Murmeln melhrerer Menſchenſtimmen Dann auch mitunter ein ſeltſames Kreiſchen und Lachen, wie es Wahnſinnige auszuſtoßen pflegen. Dann wieder umgab ihn tiefe Stille und es ſchien, als habe man im Innern des Hauſes, von welchem man in einiger Entfernung das Dach über die Mauer hinüberragen ſah, die Töne der Klingel ver⸗ nommen. Der Arzt ſchellte zum zweitenmal, diesmal lauter, energiſcher, und er hörte, wie die Klingel in mehreren Zwiſchenräumen, als wecke ſie ein Echo, widertönte. Aber immer noch ward die Thür nicht geöffnet, und erſt als er zum drittenmal laut und heftig in mehreren Abſätzen die Klingel gezogen, vernahm er drinnen einen langſamen Schritt, der ſich der Thür näherte. „Wer iſt da?“ fragte eine Stimme von Innen. „Ein Fremder, der den Herrn des Hauſes zu ſprechen begehrt.“ „Was will man von ihm?“ fragte die Stimme urück. 174 „Für einen Patienten um Aufnahme bitten“, er⸗ widerte der Arzt;„denn man hat mir geſagt, daß dies ein Krankenhaus ſei, in welchem man Leidende unter⸗ bringen könne.“ „Dann hat man Sie getäuſcht“, rief die Stimme von Innen;„bemühen Sie ſich alſo nicht weiter und erlauben Sie ſich nicht zum zweitenmale, die Ruhe dieſes Hauſes zu ſtören.“ „Abgewieſen“, murmelte der Arzt vor ſich hin,„ja, vollſtändig abgewieſen, und doch bin ich überzeugt, daß der arme Kranke ſich nicht irrt; ſein Entſetzen war zu natürlich, zu ungekünſtelt. Er kennt dieſen Ort und ich muß und will durchaus erfahren, wer hinter dieſer Mauer wohnt.“ Und langſam, gedankenvoll kehrte er zu dem Wagen zurück. Sie fuhren weiter, und bei dem nächſten Hauſe hielt der Doctor wieder an, begab ſich hinein und fragte die Bewohner deſſelben nach ihrem Nachbar, der in ſeinem Hauſe hinter der hohen, ſo ſorgfältig ver⸗ ſicherten Mauer ſich befände. Sie wußten ihm keine Auskuuft zu geben; ſie waren ſelber erſt ſeit einigen Wochen hier eingezogen. Sie hatten ſich außerdem nie⸗ mals veranlaßt geſehen, ſich um ihren Nachbar zu kümmern, denn es ſchien hinter den Mauern ſich ſehr ſtill und ruhig Alles zu begeben, und es war ſehr ſel⸗ 175 ten, daß ſie irgend Jemanden geſehen, der aus der Thür herausgegangen ſei. Aber der Arzt ſetzte nichtsdeſtoweniger ſeine Nach⸗ forſchungen fort. Er fuhr rings in der Umgegend herum, fragte in allen nahegelegenen Häuſern nach der Wohnung, die hinter der großen Mauer ſich befände, erhielt aber nirgends eine genügende Auskunft. Indeſſen mußte der Bewohner des geheimnißvollen Hauſes wol in irgend einem Connex mit ſeinen Nach⸗ barn geſtanden haben, und ſie mochten ihm wol von den Nachforſchungen des Fremden erzählt und ihn da⸗ durch veranlaßt haben, ſelber die Initiative zu ergreifen. Am andern Morgen meldete ſich auf dem Gericht von Kingsbeuch ein Doctor Wilkinſon und verlangte, daß die Polizei in ſeinem Namen Nachforſchungen halte nach einem jungen Manne, der ſich in ſeinem Anfalle von Tobſucht mit der den Wahnſinnigen eigenen Schlauheit und Liſt aus ſeinem Hauſe entflohen ſei. Man fragte ihn nach dem Namen des Unglücklichen, und er nannte ihn ohne Widerſtreben und Scheu. Er erzählte mit ehrlicher und ruhiger Miene, daß dieſer junge Mann ſich ſeit ſechs Jahren im Krankenhauſe befinde, daß ſeine Verwandten ihn wegen Tobſucht ſeiner Pflege übergeben, weil ſie vernommen, daß er auf die Heilung ſolcher Unglücklichen ſich wohl verſtände; 176 aber bei dieſem jungen Manne ſeien alle ſeine Mittel vergeblich und alle ſeine Kunſt erſchöpft geweſen. Es gäbe Momente, in welchen er ſich ganz ruhig verhielte und dann nur die einzige fixe Idee habe, daß man ihn unrechtmäßigerweiſe gefangen halte und daß ſeine Stief⸗ ſchweſter und ſein Schwager ihn aus Bosheit in das Krankenhaus gebracht, um ſein Erbe anzutreten und die Güter ſeines kranken Vaters dereinſt in Beſitz zu nehmen. Die Ausſagen des Doctor Wilkinſon ſtimmten ganz genau mit denen des unglücklichen Mannes über⸗ ein, und die Abgeordneten der Polizei, welche ſich nach Wales begaben, um dort ihre Nachforſchungen nach der Familie zu halten, welche von dem Doctor Wilkinſon genannt worden, fanden auch dort alle Angaben, welche der junge Mann gemacht, und die der Doctor wieder⸗ holt hatte, beſtätigt. Die Leute dort in der Gegend erzählten, daß allerdings vor ſechs Jahren der eigent⸗ liche Erbe der Güter des ſeit langen Jahren kränkeln⸗ den Baronets Mildington verſchwunden ſei. Seine Schweſter hätte überall erzählt, daß ihr Bruder wahn⸗ ſinnig geworden und daß man ihn in eine Heilanſtalt gebracht. Der eigene Arzt des Hauſes hatte dieſe An⸗ gaben beſtätigt, und als ſogar die Juſtizbehörde von Wales, der allerlei unheimliche Gerüchte zu Ohren ge⸗ 4144 kommen ſein mochten, ſich bei dem kranken Baronet ſelber nach dieſer Angelegenheit erkundigte, hatte derſelbe ein von ſeinem Hausarzt beglaubigtes Atteſt vorgezeigt nach welchem wirklich ſein Sohn in eine Heilanſtalt gebracht worden ſei. Kurze Zeit darauf war der Ba⸗ ronet ſeiner zweiten Frau, die, wie man ſagte, vor Gram geſtorben ſei, in die Ewigkeit nachfolgt. Der Gatte ſeiner Tochter hatte alsdann in allen Blättern den conſtatirten Wahnſinn ſeines Schwagers angezeigt, und dem Geſetze gemäß hatte er als Lehensvetter, der zugleich der Schwiegerſohn war, den Beſitz der Güter angetreten. Das waren die Nachrichten, welche die Juſtizbe⸗ amten aus Wales zurückgebracht, und demzufolge ſtrengte nun der Coroner gegen dieſe angeſehene Familie in Wales einen Proceß an. Er klagte den neuen Baro⸗ net an, daß er den eigentlichen Erben der Güter, ſeinen Stiefſchwager, auf gewaltſame Weiſe entfernt, ihn in ein Irrenhaus gebracht und ihn für todt ausgegeben habe, um die Güter deſſelben für ſich in Beſchlag zu nehmen. Der Proceß machte natürlich viel Aufſehen, man ſprach davon in allen Zeitungen, und es gab natürlich wie immer Parteien; die Einen, welche behaupteten, der junge Mann ſei wirklich irrſinnig und durchaus nicht Mühlllach, Proteſtantiſche Jeſuiten. IV. 12 178 fähig, den Beſitz der Güter zu übernehmen, und dem⸗ gemäß fiel nach dem Geſetze die Erbfolge auf den Lehns⸗ vetter; die Anderen, welche behaupteten, der junge Mann ſei auf ganz widerrechtliche Weiſe von ſeiner Familie als 4 Kranker behandelt und auf dieſe grauſame und ſchauerliche Weiſe des Beſitzes ſeiner Güter und vielleicht ſogar auch jetzt ſeiner Vernunft beraubt. Eine dritte Partei dagegen behauptete, daß der junge Mann, der mit ſeiner unglücklichen Geſchichte ſo viel Aufſehens mache, nur ein geſchickter und liſtiger Betrüger ſei, der auf dieſe Weiſe verſuchen wolle, ſich in den Beſitz jener Güter zu ſetzen, und ſich, vielleicht durch irgend eine Aehnlichkeit verleitet, für den verſtorbenen jungen Ba⸗ ronet ausgab. Man ſchrieb in allen Journalen und Zeitungen für und wider, und es war daher natürlich, daß, als der Proceß zur öffentlichen Verhandlung kam, ganz London geſpannt war auf den Ausgang deſſelben. Alle Plätze in dem großen Gerichtsſaal waren ſchon vor der Zeit von einem eleganten und ausgewählten Publikum eingenommen. Und draußen vor der Thür wogte eine Menge Volkes auf und nieder, in großer Spannung jede Nachricht, welche von Kingsbench her⸗ austönte, erwartend. Der Coroner hielt erſt eine lange Anklagerede und dann kamen die Reden der beiden Anwälte für und „— „— 179 wider; glänzende Reden und ſpitzfindige Auseinander⸗ ſetzungen, mit welchen der Eine die Schuld der Ange⸗ klagten, der Andere die betrügeriſche Abſicht des Klägers darzulegen trachtete. Dieſen Reden dann folgte die Vernehmung der Zeugen. Und als jetzt der arme Un⸗ glückliche mit bleichem Geſicht und zitternder Geſtalt eingeführt ward in den Saal, ging ein Gemurmel des Mitleids und der tiefſten Theilnahme durch die Zu⸗ hörerräume, während zugleich andererſeits ein lautes Ziſchen und Grunzen ſeiner Gegner ſich hörbar machte. Der Vorſitzende des Gerichtshofes forderte den jungen Mann auf, ſeine Erlebniſſe in dem Krankenhauſe zu erzählen. Er that das kurz, nur mit ſchlichten Worten, die widerſtrebend von ſeinen bleichen ſchmalen Lippen hervorgingen, und während er ſprach, ſchaute er mit ängſtlicher Miene umher und bebte in ſich zu⸗ ſammen, als er da drüben auf der langen Bank der Angeklagten den Baronet von Mildington mit ſeiner Gattin erblickte, die mit finſteren Blicken und verächt⸗ lichem Lächeln zu ihm hinüberſchauten. Nachdem man die Ausſagen des jungen Mannes vernommen, gebot der Richter, den erſten Angeſchuldigten, den Doctor Wilkinſon, eintreten zu laſſen. Das Publicum erhob ſich von ſeinen Sitzen und ſchaute mit einem Ausdruck unausſprechlicher Neugierde zu dem kleinen, zierlich 12* 180 gekleideten Herrn hin, welcher jetzt mit ruhiger Miene und einen Ausdruck vollkommener Sicherheit in den Gerichtsſaal eingeführt wurde. Kaum aber war dies geſchehen, als der junge Mann mit einem lauten Auf⸗ kreiſchen ſich von ſeinem Sitze erhob, dann wie ein gehetztes Wild durch den Saal dahinrannte und ſich in einer Ecke hinter den dort aufgeſtellten Conſtablern zuſammenkauerte. Der Doctor Wilkinſon ſchaute mit einem triump⸗ hirenden, ſtolzen Lächeln um ſich her.„Meine Herren“, ſagte er dann, ſich zu den Gerichtsherren wendend,„ich glaube, Sie werden ſich jetzt durch den Augenſchein überzeu⸗ gen können, nicht blos, daß dieſer junge Mann wahnſinnig iſt, ſondern auch, das er ſich ſchuldbewußt fühlt. Er ſucht ſich zu verkriechen, weil er weiß, daß ich gekommen bin, meinen Patienten, der meiner Pflege übergeben iſt, zurückzuholen.“ Dann befahl er dem jungen Manne mit gebieteriſcher Stimme, zu ihm zu kommen. Er zögerte anfangs und kauerte ſich nur tiefer hinter den Conſtablern nieder, doch nachdem der Doctor zweimal ſeinen Befehl wiederholt, richtete er ſich ächzend auf und ſchlich, gebeugt und zitternd, zu ihm heran. Es war ein entſetzlicher, furchtbarer Anblick, dieſe Ver⸗ wandlung in dem Geſichte des jungen Mannes zu ſehen und die kriechende Demuth und die angſtvolle 181 Unterwürfigkeit zu beobachten, mit welcher er ſich dem Doctor nahte, demüthig wie ein Sklave, der die Peitſche des Aufſehers fürchtet; dies wenigſtens war das Ge⸗ fühl derjenigen, welche mit mitleidsvollen Augen den Unglücklichen betrachteten. Der Doctor herrſchte den jungen Mann an und fragte ihn mit ſtolzen Worten weßhalb er ſich unterfangen habe, zu entfliehen. Er ſtammelte kaum hörbar:„Ich weiß es ſelbſt nicht. Ich war krank, ſehr krank.“ Und dann auf einmal ſtürzte er auf ſeine Knie nieder und die Hände er⸗ hebend zu dem Doctor, der ſtolz aufgerichtet vor ihm ſtand, rief er mit krächzender Stimme:„Vergebung, Vergebung! Gehe nicht ins Gericht mit mir.“ Die kleinen blitzenden Augen des Doctor Wilkinſon ſchauten hinüber zu den Richtern:„Ich bitte die Herrn von der Juſtiz und den Lord⸗Oberkanzler, die Gerichts⸗ ärzte kommen zu laſſen, damit ſie ihre Ausſagen wie⸗ derholen, dieſer junge Mann ſei nicht wahnſinnig“, ſagte er.„Wir werden das nachher thun“, erwiderte der Lord⸗Oberrichter,„zuerſt wollen wir Ihre Ausſage empfangen.“ Uud es wurden nun an den Doctor die üblichen Fragen gerichtet, nach ſeinem Namen, Herkommen, wo er wohne und welches ſeine Beſchäftigung ſei. Der Doctor erzählte mit ruhiger Miene und voll⸗ 182 kommener Unbefangenheit, daß er hier in London ein Krankenhaus eingerichket habe, daß er ſich hoher und glänzender Kundſchaft erfreue, daß er auch ſehr wähle⸗ riſch ſei mit ſeinen Patienten und nur ſolche in ſeinem Krankenhauſe aufnehme, welche beſonderen und ange⸗ ſehenen Familien angehörten, weil dieſe allein ihm die Garantie gewährten, daß ſeine chriſtliche Liebe und Barmherzigkeit nicht von Betrügern und Schwindlern ausgebeutet werden könne.„Denn ich weiß“, fuhr der Doctor pathetiſch in ſeiner Rede fort,„ich weiß, daß es hier in London zu unſerem Unglück und unſerer Schmach Häuſer gibt, in welchen eigennützige und be⸗ trügeriſche Verwandten ihre Angehörigen heimlich auf⸗ nehmen und verbergen laſſen, um ſich dadurch Vor⸗ 4 theile, ſei es in der Erbfolge oder anderen Dingen zu 1 erwirken. Ich kenne ein Haus, in welchem man jahre⸗ lang eine junge Frau als Wahnſinnige quälte und marterte, indeſſen man ſie draußen in der Welt als geſtorben ausgab und ihr Chegatte, der zugleich ihr Vermögen gewann, ſich anderweitig verheiratet hatte. Die Sache machte damals Aufſehen, weil ſein ange⸗ trautes Weib, die Mutter ſeiner Kinder, die Nichte eines Biſchofs war. Ich kenne eine andere Geſchichte, 5 wo ein reicher Bierbrauer, deſſen Bruder die Baronet⸗ ſchaft geerbt hatte, dieſen unglücklichen Bruder heimlich — — 183 entführte und ihn in daſſelbe Krankenhaus, wo das unglückliche Weib gelitten hatte, brachte, während er vor Gericht einen Brief producirte, in welchem ihm ſein Bruder meldete, daß er nach Amerika auswandern wolle, weil ihn das Leben in England langweile. Man wartete dann zwei Jahre auf die Wiederkehr des Bruders, und als er nicht kam, nahm der Bierbrauer von der Baronie Beſitz und ward Baronet, indeß ſein Bruder als Irrſinniger in jenem Krankenhauſe weilte. Ich kenne alle dieſe Geſchichten, meine Herren und ich weiß, zur Schande unſerer Freiheit, daß gerade unter dem Deckmantel dieſer Freiheit, welche den Eng⸗ länder ſtolz ſagen läßt:„My house is my castle“, die entſetzlichſten Verbrechen begangen werden können gegen die Freiheit der Menſchen. Wenn ich dennoch ſelber in London ein Krankenhaus eingerichtet habe, ſo geſchah es ja gerade, um dieſen heimlichen Ver⸗ brecherſtätten und dieſen unnatürlichen Mordgruben entgegenzutreten und den edlen Familien, welche ihre Kranken würdig unterzubringen trachten, ein Aſyl zu öffnen, in welchem ſie ſicher ſind, ſie mit Liebe und Sorgfalt behandelt zu wiſſen. Ich fordere den Lord Oberrichter auf, ſeinen Beamten in mein Haus zu ſchicken und die Krankenſäle und Zimmer unterſuchen zu laſſen. Man wird dort leider viele Kranke finden, aber keinen, welchen ich der Juſtiz zu verbergen trachte. Daſſelbe gilt von dieſem Unglücklichen hier“, fuhr er fort, indem er hindeutete auf den jungen Mann, der immer noch zu ſeinem Füßen lag und das Haupt in ſeinen Händen verborgen hielt.„Er hat in einem Anfalle des Wahnſinns mit Hilfe eines treuloſen, von ihm beſtochenen Wärters entfliehen können. Ich forſchte in der Stille mehrere Wochen nach ihm und benach⸗ richtigte ganz in der Stille ſeine Familie, denn gerade um dieſer Familie willen ſuchte ich die Oeffentlichkeit zu vermeiden. Dann aber, als es vergeblich war, ihn aufzufinden, wendete ich mich ſelbſt an die Gerichts⸗ behörte und forderte von ihnen, Nachforſchungen zu halten. Man wird mir zugeben, daß ich nichts ver⸗ heimlicht und beſchönigt habe, ſondern frei und offen alle Verhältniſſe darlegte. Und jetzt will man mich anklagen und beſchuldigen? Weßhalb? Ich weiß es nicht. Aber ich erwarte mit Ruhe und in vollem Bewußt⸗ ſein meiner Unſchuld die Entſcheidung unſerer Richter.“ Als er geendet hatte und mit ſtolzem Blicke um ſich ſchaute, ging ein lautes Beifallsgemurmel durch die Reihen der Zuhörer, und der Vorſitzende des Gerichtes mußte mit ſtrengem Tone die Weiſung ergehen laſſen, daß man die Zuhörerräume leeren müſſe, wenn die Zu⸗ 185 hörer ſich nicht fortan ſtill verhielten. Den ganzen Tag hatten die Verhöre, die Reden für und wider ge⸗ dauert, dann hatte die Jury mehrere Stunden lang in 4 ihrem verſchloſſenen Zimmer zugebracht und es war ſſät am Abend, als die harrende ungeduldige Menge ddeen Anſpruch der Jury empfing. Dieſer hieß:„Nicht⸗ ſchuldig“ für den Doctor Wilkinſon, und ſie berechtigte denſelben, nach dem Willen des Baronets ſeinen un⸗ glücklichen, irſinnigen Schwager wieder in ſeine Anſtalt aufzunehmen. Die Menge draußen hatte dieſe Ent⸗ ſcheidung der Jury mit lautem Murren aufgenommen, und noch tagelang nachher war ganz London in Be⸗ wegung geweſen über dieſe Entſcheidung; denn die öffentliche Meinung, obwol die Jury ihn für unſchul⸗ dig erklärt hatte, hielt doch den Doctor Wilkinſon für ſchuldig des angeklagten Verbrechens, einen unſchuldigen und durchaus nicht geiſteskranken Menſchen in ſeine Heilanſtalt aufgenommen zu haben, weil er durch hohe Summen von der reichen Familie des angeblichen Kranken beſtochen ſei, und man trug ſich in London umher mit allerlei ſchauerlichen Geſchichten von dieſem Doctor, der noch andere Opfer ſo grauſamer Verwandten in ſeinem Hauſe berge, obwol die Juſtiz⸗ behörde, welche auf ſeinen eigenen Wunſch das Haus beſuchte, nirgends etwas Verdächtiges gefunden.“ 186 „Das iſt eine ſchauerliche, fürchterliche Geſchichte“, ſagte Sophie, als ſie jetzt das Zeitungsblatt auf den Tiſch niederlegte.„Wirklich, mir zittert das Herz bei dieſer Geſchichte, und ich weiß nicht, mir iſt ſo angſt und weh, daß ich Dich um Verzeihung bitten muß, mein Vater— ich kann nicht weiter leſen.“ „Es iſt auch wahrlich genug an dieſer Schauer⸗ geſchichte“, ſagte der Paſtor mit einem leiſen Lächeln. „Ich beklage es, daß wir gerade einer ſolchen Lectüre begegnen mußte. Ich wollte mich ein wenig von an⸗ ſtrengender Arbeit zerſtreuen, und ſtatt deſſen muß ich erfahren, was mir die Seele erſchauern macht und was mich mit Entſetzen hineinblicken läßt in die Tiefen des Menſchenherzens. Zu ſolchen Abwegen führt der Unglaube, die Eitelkeit der Welt! Denn nur die Eitel⸗ keit iſt es, welche den Baronet verleiten konnte, ſo aller chriſtlichen Liebe und allem Mitleid zu entſagen und in die Netze, welche der Teufel ausgeſpannt hat, ſich verſtricken zu laſſen.“ „Du glaubſt alſo an die Unſchuld des armen jungen Mannes?“ fragte Sophie.„Du glaubſt auch, daß dieſer Doctor Wilkinſon ein furchtbarer Betrüger, ein Mörder des Geiſtes iſt?“ „Ich glaube es, ja ich bin feſt davon überzeugt“, ſagte der Paſtor,„und gerade das erfüllt mich mit 187 Schmerz und Abſcheu, daß ein Arzt, welcher doch den heiligen Beruf hat, das Leben, welches der Herr ge⸗ ſchaffen hat, zu heilen, ſeine unheiligen Mittel an⸗ wendet wider den Geiſt, welcher von Gott iſt. Doch wir wollen gar nicht mehr davon reden! Es betrübt mich, nur daran zu denken, und ich will hinaufgehen und mich erbauen an einer heiligen Lectüre, die allein die Seele erhebt und das Herz erquickt. Ich will in der Heiligen Schrift leſen.“ Er ſtandauf, nahm das Zeitungsblatt, welches Sophie auf den Tiſch gelegt hatte, an ſich und begab ſich wie⸗ der hinauf in ſein Studirzimmer. Er hat wol Recht gehabt: der Teufel erwartet ihn immer an der Schwelle ſeiner Thür; er tritt mit ihm ein in dieſes ſtille Gemach und er flüſterte in ſein Ohr Worte, die nicht in der Heiligen Schrift ſtehen, über welche der Paſtor jetzt ſein Angeſicht niederbeugt während das Zeitungsblatt neben ihm liegt. Er verſucht zu leſen; er möchte ſich vielleicht gerne ſelbſt dieſen unheimlichen Zuflüſterungen entziehen aber er weiß nicht, was er lieſt. Die Worte der Heiligen Schrift ſind für ihn gedruckte Worte, welche die Augen ſehen, aber von denen das Herz nichts be⸗ greift. Endlich ſtößt er das Buch wieder beiſeite, faßt mit krampfhaftem Blicke wieder nach dem Zeitungsblatt ——— 71E 188 und überlieſt die ganze Geſchichte noch einmal. Und der Teufel ſteht hinter ihm und ſchaut ihm über die Schulter und flüſtert in ihm, als er jetzt das Zeitungs⸗ blatt wieder niederwirft und das Haupt zurücklehnt in den Stuhl. Er flüſtert in ihm mit leiſem, unheimlichem Tone. „Wie ſchade, daß du nicht in England biſt! Wie ſchade, daß du den Doctor Wilkinſon nicht kennſt; er könnte dir helfen. Ja, er könnte dir helfen.“ Er ſchauert in ſich zuſammen und liegt da auf dem Lehnſtuhl und träumt mit offenen Augen. Er denkt an den Baronet, welcher ſo kühn und entſchloſſen ſich des läſtigen Verwandten entledigt hatte, der zwiſchen ihm und dem reichen Beſitzthum ſtand. Er malt es ſich aus, der Herr Paſtor, während er da in dem Lehn⸗ ſtuhl liegt, bewegungslos, mit zwei geöffneten Augen; er malt es ſich aus, wie viel Gutes er ſtiften könnte, wenn er reich wäre. Was thut mein Bruder mit ſeinem vielen Gelde und was wird Marco damit thun, Marco, ſein Erbe! Wie ſchade, daß Marco der Erbe meines Bruders iſt!“ Er nimmt das Zeitungsblatt wieder zur Hand und überlieſt es noch einmal, und leiſe wiederholt er ſich:„Ich wollte, daß ich den Doctor Wilkinſon kennte; wie ſchade, daß ich nicht in England bin!“ 189 Er geht lange in ſeinem Gemach auf und ab, ſein Schritt iſt feſt und ſein Fuß ſtrauchelt nicht, obwol der Teufel, wenn er exiſtirt, ſicherlich doch in dieſem Gemach heute ſeine Netze ausgeſpannt hat, damit der fromme Paſtor in dieſelben hineinfalle. Er geht lange und gedankenvoll immer auf und ab feſten Schrittes und horchte auf die Stimmen in ſeinem Innern. Aber er hört auch, was da außen ge⸗ ſchieht, hört, wie die Paſtorin ietzt mit langſam ge⸗ wichtigem Schritt die knarrende Treppe heraufkommt. Da ſpringt er eilig nach der Thür zu und ver⸗ riegelt ſie von innen, und als die Paſtorin anklopft und ihn auffordert, hinunterzukommen zum Abendeſſen, ruft er ihr zu, er habe kein Verlangen nach irdiſcher Speiſe, er ſei mit der Ausarbeitung der Predigt für den künftigen Sonntag beſchäftigt. und man ſolle ihn nicht ſtören. Dann bleibt er ſtehen und horcht auf ihren Schritt, der langſam wieder die Treppe hinuntergeht, und wandert dann wieder auf und ab, raſtlos, als habe er einen Weg abzuwandern in ſeinem Gemach, wie es oft die frommen Katholiken zu thun haben, wenn ſie eine Strafe abbüßen und auf Befehl ihres Beichtvaters in ihrem Gemach die lange Wanderung nach Jeruſalem abzugehen haben als Buße für ihre Sünden. 190 Endlich, ganz erſchöpft und ermattet, ſetzt er ſich nieder vor ſeinen Schreibtiſch und zündet mit dem Streich⸗ holz ſich ſelber die gelbe Schiebelampe an, die ihm zu ſeinen Studien ſo manche Nacht geleuchtet hat auf dieſem Tiſch. Sie leuchtete ihm auch heute zu ſeinen Studien. Aber ſind das wirklich heilige Studien? Iſt er wirklich beſchäftigt mit dem Worte Gottes, wie er der Frau Paſtorin geſagt hatte? Dort liegt es aufgeſchlagen neben ihm, das heilige Buch; aber er ſchaut nicht hinein und wendet den Blick nicht zu ihm hin, ſondern heftet ihn ſtarr und unver⸗ wandt auf das engliſche Zeitungsblatt, das er vor ſich hat, und lieſt die ganze grauenvolle Geſchichte von dem Doctor Wilkinſon, welcher den reichen Erben als Ge⸗ fangenen in ſeinem Krankenhauſe jahrelang beherbergte und aus einem Geſunden einen Kranken machte, lieſt ſie immer wieder und prägt Alles ganz genau ſeinem Gedächtniſſe ein. Die nächſten Tage iſt der Herr Paſtor ſehr ge⸗ dankenvoll und ſtill; er kümmert ſich wenig um das, was außen um ihn geſchieht; er ſcheint ganz vertieft in ſein eigenes Denken und Sinnen und antwortet nur einſilbig auf die theilnahmsvollen Fragen der Paſtorin. — 5 2* 491 Er geht in der nächſten Zeit gar nicht, wie er ſonſt ſo oft gethan, hinauf auf das Schloß, und er fragt auch Sophie nicht, wie es den Verwandten ergehe. Am nächſten Sonntag begibt er ſich in die Kirche und predigt zu ſeiner Gemeinde mit begeiſterten Wor⸗ ten und ſpricht zu ihnen von dem einzigen Gute, nach welchem wir Menſchen alle trachten müſſen, von der Liebe Gottes und von der Barmherzigkeit, und er er⸗ mahnt ſie mit gar frommen Worten, daß ſie ſollen das irdiſche Gut verachten und nur nach dem himmliſchen Gute ſich ſehnen, und daß ſie mit dem Bettler theilen ſollen das letzte Stück Brot, und denen, welche ſie um den Rock bitten, auch den Mantel geben ſollen, wie es der Herr Jeſus Chriſtus befohlen hat in ſeiner Berg⸗ predigt. „Was nützet uns irdiſches Gut und irdiſche Habe, wenn wir nicht beſitzen das einzige unvergängliche Gut: ein reines Gewiſſen, und wenn nicht die Liebe Gottes unſere höchſte Habe iſt?“ Er ſpricht gar gewaltig und gar eindringlich heute der Herr Paſtor, und die armen Bauern, welche ſich mühen die ganze Woche um des Lebens Nothdurft willen, die fühlen ſich heute gar ſtolz und erhoben in dem Bewußtſein ihrer Armuth und ſchauen, als ſie 192 aus der Kirche heimkehren, ſtolzen Blickes hinauf auf dem Schloſſe ihres Gutsherrn. Der Paſtor, als er aus der Kirche heraustritt ſchaut auch empor zu dem Schloß drüben auf dem Hügel, und ein ſeltſames boshaftes Lächeln zuckt einen Moment um ſeine ſchmalen, blutloſen Lippen; dann ſenkt er das Hauqt demuthsvoll nieder, und mit der Bibel in den beiden gefalteten Händen kehrt er heim in das Pfarrhaus. Die Paſtorin kommt ihm entgegen und meldet, daß ein Bote vom Schloſſe gekommen und den Herrn Paſtor mit der Tochter einladet zum Mittageſſen heute. Er lehnt es ab, ihn gelüſtet nicht nach weltlicher Speiſe; aber Sophie mag hinaufgehen. Er ruft ſie zu ſich und trägt ihre zärtliche Grüße auf an ſeinen Bruder und an die edlen ſchönen Damen. Wie er das ſagt, ſchaut er hinüber nach ſeiner Gattin, und er ſieht, wie die Frau Paſtorin verächt⸗ lich mit den Lippen zuckt, und das ruft wieder ein Lächeln auf ſeine Lippen. „Ja, die zärtltchſten und herzlichſten Grüße für meinen theuren Bruder und den Damen vermelde und ſage ihnen, daß ich glücklich ſein würde, ſobald es mir meine Pflichten und meine Studien geſtatten, wieder 193 eine Stunde bei den geliebten Freunden und Verwand⸗ ten dort zuzubringen; das melde dort oben!“ Er nickt ſeiner Tochter zu und ſchreitet dann wie⸗ der die Treppe hinauf nach ſeinem ſtillen Zimmer, und Sophie bleibt drunten an der Treppe ſtehen; gedanken⸗ voll ſchaut ſie dem Vater nach und wiederholt ſich im Geiſte jedes Wort, das er geſprochen und prüft von jedem Worte den geheimen Sinn. Was iſt es mit ihrem Vater, was hat er vor? Sie glaubt nicht an ihn, ſie allein läßt ſich nicht täuſchen von ſeinen Worten; denn die Liebe zu dem einzigen, zu dem fernen theuren Freunde macht ihr den Blick ſcharf und hat den Argwohn in ihr Herz gelegt, den Argwohn gegen den eigenen Vater! „Wehe mir, wehe, daß es ſo iſt; aber ich miß⸗ traue ſeiner Zärtlichkeit und ich glaube nicht an ſeine Liebe!“ So flüſtert Sophie gedankenvoll und ängſtlich in ſich ſelber und ihr Schritt iſt langſam und ſie hat das Haupt geſenkt, als ſie den Weg hinaufgeht zu dem Schloſſe. Aber als ſie am Abend heimkehrt, da iſt ihr Schritt beflügelt, ihr Angeſicht ſtrahlt, ein tiefes glüh⸗ endes Feuer leuchtet aus ihren Augen und ihre Seele iſt voll Freude und Jubel. Es ſteht etwas in ihrem Angeſichte geſchrieben und derHerr Paſtor lieſt es wol Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. IV. 13 194 in demſelben, als ſie eben, da er mit der Gattin ſein Abendbrod einnimmt, zu ihnen eintritt und mit haſti⸗ gen, eilenden Worten ihnen die Grüße von den Ver⸗ wandten meldet. Er wirft einen langen prüfenden Blick in ihr An⸗ geſicht. Aber er fragt ſie nicht, weshalb es ſo leuch⸗ tet und weßhalb ein ſo glückliches Lächeln ihre— Purpurlippen umſpielt. Die Frau Paſtorin aber grollt der Tochter, daß ſie ſo ſpät kommt und daß ſie ihre Zeit vergeude droben im müßigen Geplauder mit den eitlen und faulen Damen. Und ſie verſteht es, die in⸗ nere Freude Sophiens zu dämpfen und den Glanz in ihren Augen und das Lächeln von ihren Lippen zu verdrängen. Der Paſtor unterbricht endlich ſeine keifende Gat⸗ tin, indem er ihr und der Tochter den Abendgruß ſpendet und ſie auffordert, mit ihm das Abendgebet zu beten Dann wünſchte der Paſtor ihnen gute Nacht und geht wieder hinauf in ſein Arbeitszimmer. Die Lampe ſteht auf ſeinem Schreibtiſch und be⸗ leuchtet das Zeitungsblatt und die Bibel, welche dicht. daneben liegt und heute nicht einmal aufgeſchlagen iſt. Durch die unverhüllten Fenſter ſcheint der Vollmond hinein und wirft einen langen ſilbernen Streifen durch das Gemach. Im Hauſe iſt alles ſtill geworden. Die 195 Paſtorin hat ſich längſt zur Ruhe begeben, und auch Sophie iſt ſchon vor langer Zeit hinaufgegangen in ihr Gemach. Er hat es gehört trotz ſeines Auf⸗ und Abwandelns, und er iſt ſtehen geblieben und hat ge⸗ horcht, wie ſie die Thür hinter ſich zudrückte. „Schiebt ſie den Riegel vor?“ Er fragt es, dann lächelt er über ſich ſelber. Er weiß ja, die Frau Pa⸗ ſtorin hat es ihr ſtreng verboten, ſich einzuriegeln, es könnte ein Unglück geſchehen, während der Nacht es könnte Feuer ausbrechen und man könnte ſie vielleicht dann nicht retten. Sie würde es nicht hören, wenn jetzt ihre Thüre geöffnet würde und Jemand zu ihr einträte. Der erſte Schlummer iſt der feſteſte, und zudem iſt der Hausflur, welcher von ſeinem Gemach hinüberführt nach dem ihren, mit einer dicken Strohmatte bedeckt, welche jeden Schritt unhörbar macht. „Ja, ich will hinübergehen!“ flüſterte der Paſtor leiſe in ſich hinein.„Sie hat ſicherlich heute einen Brief von Marco empfangen! Ich las es auf ihrem Angeſicht. Ich will hinübergehen, denn ich muß wiſſen, was er ſchreibt!“ Er öffnet mit einem ſchnellen Ruck vorſichtig ſeine Thür. Sie hat nicht geknarrt, hat kein Geräuſch ge⸗ macht. Der Mond chheint durch die Fenſter über den 13* 196 Vorplatz hin und wirft den Schatten der dahinſchleichen⸗ den Geſtalt bis über die Treppe. Jetzt ſteht der Paſtor an der Thür, die zum Zimmer ſeiner Tochter führt. Still! Er horcht! Es iſt ſo ſtill ringsum, daß er ganz deutlich die leiſen Athemzüge der Schlafenden drinnen in dem Gemach vernimmt. Nun legt er die Hand auf den Drücker und leiſe öffnet er die Thür. Sie hat auch nicht geknarrt. Jetzt ſteht er in dem Gemach. Da liegt auf dem einfach mit weißem Linnen bedeckten Bette ſeine Toch⸗ ter. Der Mond ſcheint durch das Fenſter gerade über das Bett hin. Sie hat die Vorhänge nicht geſchloſſen ſie hat gewiß, bevor ſie einſchlummerte, noch zu dem Monde hinauf die Grüße für den fernen Geliebten geſendet; ſie hat dem Monde erzählt von ihrer Sehn⸗ ſucht, von ihrer Liebe und hat ihm die ſüßen Geheim⸗ niſſe ihres Herzens gekündet. Ja, ein ſeliger Ausdruck liegt noch auf dem Angeſicht der Schlummernden. Wo nur der Brief ſein mag? Das iſt das Ein⸗ zige, welches die Gedanken des Paſtors beſchäftigt, als er jetzt dicht zu dem Bette herangeſchlichen iſt. Sie hat ihn doch ſicherlich ins Bett mitgenommen; es iſt ihr letztes Abendgebet, ihr Roſenkranz der Liebe ge⸗ weſen. Er neigte ſich tief über das Bett. Sophie hat 197 die Hände über der Bruſt gefaltet, und in dieſen ge⸗ falteten Händen ſieht er jetzt beim Mondeslicht ein Stück Papier. Das iſt der Brief, den er ſucht. Er darf es nicht wagen, das Papier, das ſie ſo feſt umſchloſſen hält, ihren Händen zu entreißen; ſie würde dabei er⸗ wachen. Was nun beginnen? Was nun thun? Er bleibt neben dem Bett ſtehen und ſchaut un⸗ verwandt nieder auf die Geſtalt der Schlummernden und ihre unſchuldsvolle Schönheit; ihr lächelndes Ant⸗ litz mit den geſchloſſenen Augen rührt ihn nicht. Er beobachtet nur ihren Schlummer und jetzt leuchtet ein fpöttiſches Lächeln über ſein Angeſicht hin. Sie hat ſich im Schlafe bewegt, ſie hat im Schlafe den Na⸗ men Marco geflüſtert und ſie hat die rechte Hand mit dem Papier zu ihren Lippen geführt und hat es ge⸗ küßt. Dann hat die Hand erſchlafft ſich leiſe geſenkt, das Papier iſt herausgefallen aus den zarten Fingern und ruht jetzt auf ihrer Bruſt. Die Hand des Paſtors ſtreckt ſich darnach aus, wie die Geierkrallen nach der armen Taube, und er erfaßt es ſchnell und ſchleicht hinaus nach ſeinem Gemach. Dort faltet er das Paßia⸗ auseinander und lieſt es beim Schein der Lampe. Ja, er hat ſich nicht getäuſcht, es iſt ein Brief von Marco! Liebesbetheuerungen, Verſicherungen ewiger 198 zärtlicher und ſchmerzlicher Sehnſucht, ſeliger Hoffnung auf das Wiederſehen! Was kümmern ihn die Liebesbetheuerungen! Aber das Wiederſehen, das iſt es, was er wiſſen muß! Ja, er ſchreibt von einem baldigen Wiederſehen; er ſchreibt ihr, daß ſeine Geſchäfte beendet ſind, und daß er in den nächſten Tagen ſchon von Newyork abreiſen wird. „Ich mache mit demſelben Dampfer die Rückreiſe, mit welchem ich die Hinreiſe gemacht habe“, ſo ſchreibt er ihr,„und weißt Du, Geliebteſte, weßhalb? Der Dampfer gehört zu den Wetteompagnien, welche die Fahrt von Newyork nach London machen wollen, um Einer den Andern zu überbieten an Schnelligkeit. Man ſagt mir, daß das Schiff, auf welchem ich reiſen werde, ſicherlich den erſten Preis gewinnen und zuerſt in London ankommen wird. Dies iſt der Grund, weßhalb ich mit ihm reiſe, um ſo raſch wie möglich bei den Meinen und bei Dir zu ſein, Geliebteſte. In vier Wochen ſpäteſtens bin ich bei Dir, das heißt in meinem Paradieſe!“ „In vier Wochen alſo“, murmelte der Paſtor, nachdem er zweimal den Brief geleſen; dann beugt er ſich nieder, nimmt eine Feder und ſchreibt haſtig einige Notizen auf ein Blatt Papier, merkt ſich das Datum, 199 an welchem der Schnellſegler abgehen wird von New⸗ vork und den Namen des Dampfers. Dann faltet er das Papier zuſammen, ſchleicht wieder hinüber und läßt es wie ein welkes Zlatt niederfallen auf die Bruſt der Schlummernden. Am nächſten Morgen ſcheint der Herr Paſtor wie⸗ der ganz verwandelt. Er iſt nicht mehr ſo gedanken⸗ voll und ſo trübe, ſeine Stirn iſt nicht mehr umwölkt, und er iſt nicht mehr ſo ſchweigend und unzugänglich. Er plaudert mit Sophie und ſeiner Gattin beim Kaffee, am Frühſtückstiſch und fragt ſie mit gleichgiltigen Mie⸗ nem, ob man Nachricht habe von Marco. Sophie er⸗ zählt ihm, daß Marco geſchrieben und daß er bald heimkehren werde. „Das iſt ſchön“, erwidert der Herr Paſtor, leiſe das Haupt neigend,„das freut mich für meinen ar⸗ men lieben Bruder.“ 3 „Warum nennſt Du ihn arm?“ fragte die Paſto⸗ rin mit ihrer giftigen Stimme. „Warum? Weil er krank iſt“, antwortete er theil⸗ nahmsvoll,„kränker, als er ſelber glaubt. Doch genug davon, ich habe zu thun, ich will an Johannes Stre⸗ ber ſchreiben; ich verſprach Dir neulich, liebe Cornelia“, fuhr er fort, ſich mit einem ſanften Lächeln an ſeine Frau wendend,„ich verſprach Dir neulich, Dir die 200 Pläne, welche mich beſchäftigen, mitzutheilen; jetzt ſind ſie gereift, ich will an Johannes Streber ſchreiben, und weißt du warum? Ich will ihn bitten, für mich in Berlin Quartier zu bereiten.“ „Du willſt nach Berlin reiſen?“ fragte ſeine Frau mit dem Ausdrucke unausſprechlichen Erſtaunens ihn anſtarrend, während Sophie einen mißtrauiſchen Blick auf ihren Vater heftete. „Ja, nach Berlin“, erwiderte er ruhig.„Ich habe lange mit mir gerungen, ehe ich einen feſten Entſchluß faſſen konnte; jetzt iſt er gefaßt! Johannes Streber ſchildert mir das Leben in Berlin uuter dem frommen, geiſtreichen Könige und er fordert mich auf, hinzukommen und mir dort eine Anſtellung zu ſuchen, welche, wie der gute Mann in ſeiner Vorliebe für mich ſchreibt, beſſer meinen Talenten und meiner Ve⸗ fähigung entſpräche. Ich will hingehen und ſehen, ob Alles ſich ſo verhält, wie er mir ſchreibt, und ob ſich für mich vielleicht da eine Gelegenheit bietet zu einer würdigen Anſtellung.“ „Ich wollte, es gelänge dir“, ſagte die Paſtorin lebhaft,„ich würde glücklich fein, von hier fortzukom⸗ men.“ Der Paſtor hörte nichts von ihren Worten; er wendete ſich an Sophie und ſagte ihr, ſie ſolle hinauf⸗ 201 gehen aufs Schloß und und ſeinem Bruder melden, daß er kommen würde, Abſchied zu nehmen. „Ich bin der Meiuung, daß man das, was man beſchloſſen hat zu thun, nicht aufſchieben ſoll bis mor⸗ gen. Ich reiſe morgen und ſchreibe heute an Johan⸗ nes Streber, daß er mir Quartier bereite.“ Er geht eilenden Schrittes hinaus, um nicht viel⸗ leicht noch die neugierigen Fragen ſeiner Gattin an⸗ hören zu müſſen. Am Nachmittag begibt er ſich hinauf in das Schloß. Der Diener, welcher ihm entgegenkommt, macht ein gar trauriges Geſicht und die Thränen ſtehen ihm in den Augen, als der Paſtor nach dem Herrn Baron fragt. „Ach, Herr Paſtor, es iſt gewiß gut, daß Sie kommen, denn unſer Herr iſt erkrankt. Wir haben ſchon nach dem Doctor ſchicken müſſen, er hat einen Blutſturz gehabt, der arme liebe Herr Baron.“ Der Paſtor ſchreitet haſtig an ihm vorüber, die Treppe hinauf und Niemand hört, wie er leiſe in ſich hineinmurmelt:„Es iſt die höchſte Zeit!“ Die Baronin kommt ihn ſchon an der Treppe entgegen; ſie reicht ihm beide Hände dar, und die Thränen ſturzen ihr aus den Augen. „Mein geliebter Alphons iſt krank! Ach wie gut 202 iſt es, daß Sie kommen, lieber Schwager, wir bedür⸗ ſen ſo ſehr des Troſtes und des Beiſtandes.“ „Es wird hoffentlich vorübergehen! Es wird nichts Schlimmes ſein, beruhigen Sie ſich, liebe, theure Schwägerin! Es hat ein jeder wol einmal einen krankhaften Anfall; aber es wird nicht ſchlimm ſein! Ihre ängſtliche Liebe ſieht Alles nur zu ſchwarz und beunruhigt ſich zu ſehr.“ Der Baron lag lang ausgeſtreckt auf dem Divan als ſein Bruder, gefolgt von der Baronin, zu ihm ein⸗ trat. Sein Angeſicht war bleich, ſeine Augen tief einge— fallen; aber ſie ſchauten zu dem Bruder hin mit freund⸗ lichem Ausdruck, und ſie ſtrahlten höher auf in Liebe und Zärtlichkeit, als die Baronin jetzt zu ihm heran⸗ trat und niederkniete vor ſeinem Lager, ſeine ſchmalen weißen Hände in die ihren nahm und einen Kuß auf dieſelben drückte. „Vergib mir, theuerſte Olympia, daß ich Dir Sorgen bereite“, flüſtert er leiſe,„aber es wird vor⸗ übergehen, bald vorübergehen! Sorgt Euch nicht um mich.“ Olympia ſagt ihm in der Zärtlichkeit ihrer Liebe, daß ſie gar keine Sorge um ihn hat, und ſie bannt ein Lächeln auf ihre Lippen und ſcheint heiter und ruhig, während ſie mit ihm ſpricht. —jj — —— 203 Auch der Paſtor hat eine ganz heitere, ganz ſorg⸗ loſe Miene angenommen und ſpricht mit leiſer ge⸗ dämpfter Stimme zu ſeinem Bruder von gleichgiltigen Dingen. „Man ſoll ſich nicht aufregen, man ſoll ſich hüten vor jeder Exaltation“, ſagt er mit einem frenndlichen Kopfnicken,„ein ſolcher Anfall geht vorüber, und der liebe Alphons iſt ein ſo geſunder kräftiger, noch junger Mann; er wird ſich nach wenigen Tagen ſchon er⸗ holen.“ Der Baron ſtreitet nicht, er lächelt, mit dem Kopfe nickend, ſeine Zuſtimmung und ſchließt dann die Augen; denn er fühle ſſich doch ein wenig matt und leidend, ſagt er. Sie ſchleichen leiſe auf den Fußſpitzen hinaus, vielleicht wird er ſchlafen und der Schlaf wird ibn ſtärken. Eben iſt der Doctor eingefahren in den Hof. Die Baronin geht ihm ſchnell entgegen und fordert ihn auf, ſogleich zu ihrem Gemal zu gehen; dieſer hat es ausdrücklich ſo gewünſcht. Doctor William ſolle ganz allein kommen, von Niemandem begleitet. Doctor William nickt ihr zu und begibt ſich zu dem Baron in das Gemach. Das feine Ohr des Kranken hatte ſchon ſein Kommen gehört, und er ſtreckt ihm beide Hände ent⸗ gegen. Doctor William eilt zu ihm heran und beugt ſich über ihn.„Was war es, Herr Baron? War es ein ſchlimmer Anfall?“ „Jau, ſagt er leiſe,„ein ſehr ſchlimmer Anfall! Ach lieber Doctor, wie beklage ich es, daß meine theure Olympia nun mein entſetzliches Geheimniß er⸗ fahren hat; aber ich konnte es ihr nicht länger ver⸗ bergen. Das Blut flürzte aus meinem Munde hervor, während ſie bei mir war. Arme Olympia!“ Er dachte ſelbſt in dieſer Stunde des Leidens nicht an ſich, nur an ſie, welche er liebte und welche für ihn die Sonne ſeines Daſeins war. „Doctor“, fragte er dann, nachdem der Arzt alle Symptome erforſcht und geprüft hatte,„Doctor, ſagen Sie ehrlich, werde ich jetzt ſchon ſterben?“ „Nein!“ erwiderte Doctor William mit dem Aus⸗ druck der Wahrhaftigkeit,„Sie werden noch nicht ſter⸗ ben, Sie werden ſich erholen, glauben Sie es mir. Die Sonne wird mächtiger und ſtärker, und die Sonne wird Ihnen die Kraft wiedergeben. Nein, fürchten Sie nichts.“ „Ich fürchte nichts“, erwiderte der Baron mit ruhiger Stimme. Nur das eine wünſchte ich noch; ich 205 möchte meinen Sohn wiederſehen; ich möchte die Be⸗ ruhigung haben, daß er das, um welches ich ihn aus⸗ geſchickt, heimbringt. Sagen Sie, Doctor, glauben Sie wol, daß ich noch drei Wochen leben kann, bis daß Marco wieder hier iſt?“ „Ja, ich hoffe es“, erwidert der Doctor, aber er vermeidet es, den großen, feſt auf ihn gerichteten Blicken des Barons zu begegnen. „Sie hoffen es!“ wiederholte er mit einem tiefen Seufzer.„Ich verſtehe, lieber Doctor; Sie hoffen es, aber Sie wiſſen es nicht gewiß. Nun, vieleicht iſt Gott gnädig und gönnt mir das Leben, bis Marco wieder bei mir iſt; aber ſagen Sie nichts von Ihren Befürchtungen zu meiner Gattin; ſagen Sie ihr nur von Ihren Hoffnungen.“ Der Doctor ſagte der Baronin auch nichts davon; er ſagte, ſie ſolle nur Muth faſſen, ſie ſolle nicht wei⸗ nen und ſolle vor allen Dingen dem Baron kein trau⸗ riges Geſicht und keine ängſtliche Miene zeigen, ſondern ihm harmlos und freundlich begegnen. Es werde Alles vorübergehen und der Baron werde wieder geneſen. „Gott gebe es, Gott gebe es“, ſeufzte Olympia mit einem Blick zum Himmel.„Ach, lieber Schwager, ſtehen Sie mir bei und tröſten Sie mich; ich ängſtige mich ſo ſehr! Ach, wenn doch Marco erſt wieder hier wäre——“ „Ach wenn doch Marco erſt wieder hier wäre!“ wiederholte der Paſtor, da er heimgekehrt von ſeinem Beſuche und wieder allein in ſeinem Studirzimmer war.„Ach wenn doch Marco erſt wieder hier wäre!“ ruft er mit bitterem, höhnendem Ausdrucke, als ob vor ſeinem Ohr noch immer die Worte der Baronin wiedertönten.„Ach, wenn doch Marco erſt wieder hier wäre!“ Wie er das zum dritten Male ſagt, lacht er laut auf, und dann erſchrickt er ſelbſt vor ſeinem Lachen und ſchaut in ſeinem Gemach umher, als ſuche er nach dem Teufel, der ſo gelacht und der ſicherlich hinter ihm ſteht in dieſem Zimmer. 5 Er hat das Lachen nicht allein gehört: Sophie, welche drinnen im Schlafzimmer des Vaters beſchäftigt war, ſeinen Koffer zu packen, ſie hat auch das Lachen gehört. Sie hat plötzlich eingehalten und iſt athemlos ſtehen geblieben, nach der Thür hinſchauend und auf die Worte horchend, welche der Vater ſo ſeltſam und mit einem ſo fürchterlichen Lachen geſprochen:„Ach wenn doch Marco erſt wieder hier wäre!“ Es graut ihr vor dieſen Worten ihres Vaters. Was bedeutet es, wie kommen ſolche Worte auf die — 207 Lippen des Paſtors? Sie bedeuten ſicherlich nichts Gutes, und es iſt kein frommer Wunſch, der mit ſol⸗ chen Worten und mit ſolchem Ausdruck höhniſcher Freude von ſeinen Lippen tönt— nein, ſicherlich kein frommer Wunſch! Am nächſten Morgen reiſt der Paſtor ab, ſeine Miene iſt ruhig, ſein ganzes Weſen entſchloſſen und mannhaft. Er trägt Sophien, während er in den Wagen ſteigt, um nach der Eiſenbahn zu fahren, mit herzlichen Worten zärtliche Grüße auf für ſeinen Bru⸗ der. Es iſt eine nothwendige Geſchäftsreiſe, welche er nach Berlin zu machen hat, aber er hofft bald zurück⸗ zukehren und ihn dann geſund wieder anzutreffen. Dann nickt er ſeiner guten Cornelia einen letzten Ab⸗ ſchiedsgruß zu, und der Wagen rollt mit ihm von dannen und bringt ihn nach der Eiſenbahn, die eine Stunde ſpäter nach Berlin abgeht. Wird der Paſtor wirklich nach Berlin reiſen und wird er dort bleiben oder—— oder geht er nach England? Ende der erſten Abtbeilung. Mnnnſnnmſſſſſſſſſſiſſſiſiſſſſſiſſſiſſſinſſſſiſ9 9 1 12 13 14 15 1 8 10 1 6 17 — 8 1 4 1 5„ 8 5 1 4 1 4 4 1