E Prulestautischr 2 Hiſtoriſcher Koman von Jouiſe 2 Kühlhach. Zweite Abtheilung. — 4 3— 2 Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1874 4 S S 7 ——— Leihbibliother. deutſcher, engliſcher umd franzöſiſcher Literatur f Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ kangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Ühr bis Abends 8 hr offen. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von T 2. Lesepreis. jedem Tag 5 Pin bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Veie angenomm 4 laution. Aünbekannse Perſonen müſſen, bei Eutzegernahune ines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruͤckgabe von mir zurüͤckerſtattet wird. 195 honemenle 5 ber oschentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mtr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 5. Auswärtige Abonnenten„baben für Hin⸗ und Zurkekfendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen seh Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— das zerriſſene, beſ mutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines Auüßtten Verkes, ſo iſt der Aüſen zumn Erſatz des Ganzen verpflichtet Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Lage feſäiſeht und. dhe 1 eiterverleihen 564 Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beſonpene vuruf aufmerkſam gemacht, daß das der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, we Ache die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * X—— P roteſtantiſche Jeſniten. 4. Hiſtoriſcher Roman von Louiſe Rühlbach. gZweite Abtheilung. Dritter Band. 0oe⸗ eipzig, Ernſt Julius Günther. 1874. Erſtes Kapitel. Der Vergleich. Die Londoner Taverne haben ihre„Stall's“, hohe Verſchläge, welche die Sitzplätze der Speiſenden oder Trinkenden von einander trennen und Aehnlichkeit mit unſeren Theaterlogen beſitzen. Da ſpeiſt man ſein Roſtbeaf, da trinkt man ſeine Pinte of Porter oder das Gemiſch aus Porter und Ale. Williams hatte zu der im anonymen Brief feſt⸗ geſetzten Zeit kaum in einem ſolchen Stall der Taverne Platz genommen, als ein Herr zu ihm herantrat, der einem Ausſehen nach ein Schiffscapitain niederen Ranges, oder ein Barkenführer ſein konnte. Der Mann hatte in ſeinem Weſen etwas Behä⸗ biges, Joviales und erſt bei ſchärferer Beobachtung entdeckte man, daß in dem Antlitz harte Züge unter Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. der lächelnden Maske verborgen, daß das bewegliche Auge einen lauernden und forſchenden Blick hatte, auch widerſprach der keineswegs wettergebräunte Teint der Kleidung, die ihn als„Theerjacke“ kennzeichnen ſollte. „Herr Doctor Williams?“ fragte er, den Arzt anredend—„oder täuſche ich mich?“ „Sie täuſchen ſich nicht, aber ich bin überraſcht, daß Sie mich kennen.“ „Sah Sie in Portsmouth. Hatten da feine Ge⸗ ſellſchaft, Herrn Cox, wenn ich nicht irre.“ „Sie waren alſo in Portsmouth?“ verſetzte Wil⸗ liams, der Antwort ausweichend,„da hätten Sie mir die Fahrt hierher ſparen können.“ „Man iſt gern an Orten, wo man Alles, was man verabredet, gleich feſt machen kann, hier ſind wir ungeſtört vor unberufnen Lauſchern, ſo ein öffentlich Haus iſt beſſer als ein Hotel oder Privatwohnung mit Tapetenwänden und Hinterthüren. Aber Sie ſagen ja nichts von Herrn Cox. Haben Sie dem Ihr Ver⸗ trauen geſchenkt, ſo bin ich überflüſſig.“ „Mein Herr, ich gehe gern ehrlich zu Werke. Ich bekenne Ihnen daher, daß Herr Cox mir den Rath gegeben, den anonymen Briefſchreiber aufzuſuchen und Ihre Bedingungen zu erfüllen.“ „Verdamme mich Gott, Herr, ich glaub's daß — 3 Sie ehrlich ſind, da Sie mir das geſtehen. Cox hat alſo die Sache aufgegeben?“ „Amtlich ja— und es bleibt hoffentlich unter uns, daß er mir als Freund gerathen, Ihre Hilfe zu ſuchen.“ „Topp, Herr, nun wird der Handel leicht. Wußte es, daß man Ihnen ein Bein ſtellen will und gerade deshalb wandte ich mich an Sie.“ „Sie wußten es, daß man mich zwingen will, England zu verlaſſen? Dann wiſſen Sie auch mehr.“ „Ich weiß ſehr wenig und ſehr viel, ich weiß in der Hauptſache gar nichts, aber ich kenne die Wege, ihr auf den Grund zu kommen und daher kann ich ſagen, meine Hilfe ſei mehr werth als die der Polizei.“ „Sie werden nicht nur ein gutes Werk thun, wenn Sie mir helfen, Sie werden auch klingenden Lohn davon tragen und wenn es gelingt, den Ver⸗ ſchwundenen zu befreien, ihn geſund den Seinigen wie⸗ derzugeben, ſo kann es ſein, daß Sie ſich einen ſehr reichen Mann lebenslänglich verpflichten.“ „Hm, das ſind billige Worte. Will Ihnen ſagen, Herr, ich bin nicht der Mann, der um Geldes willen— ſo gern ich Geld verdiene, einem Andern ſein Geſchäft verdirbt und ſich in fremde Händel miſcht oder gar Jemand vor die Geſchworenen bringt, aber ich habe 1* die Glocken läuten hören, als ob die Frommen einen Teufelsſtreich ſpielen und den Frommen hab' ich's ge⸗ ſchworen, ihnen mich an den Hals zu hängen, wo ich 64 kann, ſie haben mich um viel Geld gebracht.“— „Wir haben es mit Heuchlern der erſten Sorte 8 zu thun, Ihr Wunſch kann erfüllt werden.“ „Gut. So nennen Sie mir zuerſt, was Sie for⸗ dern und was Sie bieten, aber präcis. Mir iſt eine Guinee in der Hand lieber als zehn in der Verheißung.“ „Mein Inſerat ſagt, was ich ſuche— augenblick⸗ lich verfüge ich über fünfzig Pfund, aber ich kann das Dreifache ſicher ſtellen.“ „Ihr Inſerat ſagt, daß ſie einen Verſchwundenen ſuchen, weiter nichts, es iſt aber die Frage, was Sie thun wollen, wenn Sie ihn gefunden. Es kann ſein, daß Sie ihn geſund, krank oder gar todt finden. Und wenn Sie ihn gefunden und erfahren, daß ihm Ge⸗ walt oder Unrecht geſchehen, wollen Sie da die Ge⸗ richte anrufen oder wollen Sie ſchweigen, wollen Sie ſich nur an den Anſtiftern oder auch an den Helfers⸗ helfern rächen, meinen Sie etwa gar, daß eine Aus⸗ kunft, die ich verſchaffe, nur Werth für Sie hat und nur bezahlt wird, wenn ich auch Zeugniß vor Gericht ablege?“ „Mein Herr, die Sache hat eine Wendung ge⸗ — —,— 5 nommen, welche meine Anſprüche ſehr herabgedrückt hat und mich auf jede Rache und Genugthuung gern verzichten läßt, wenn ich dadurch das Leben, die Ge⸗ ſundheit des Opfers retten kann. Sie ſcheinen ſo ge⸗ nau von der Sache unterrichtet zu ſein, daß ich Ihnen nicht verhehle, wie ich, obwohl ſchwer, mich ſchon dazu entſchloſſen, jeden erträglichen Vergleich mit den Per⸗ ſonen einzugehen, welche die Gewaltthat verübt und daß ich Sie nur mit dem Wunſche aufſuche, durch Ihre Hilfe eine Fortſetzung des verübten Verbrechens zu hindern, den jungen Mann zu retten, zu befreien. Ich will jede Bedingung eingehen, die Sie deshalb ſtellen, daß die Werkzeuge des Verbrechens unbeſtraft und unverfolgt bleiben, mich auch dafür verbürgen, daß der junge Mann, wenn er frei geworden, dieſes Verſprechen achtet, ich will nur einer ſchwer gebeugten Mutter den einzigen Sohn wiedergeben und dafür gern Alles opfern, was ich beſitze.“ „Es genügt mir, wenn Sie ſich verpflichten, keine Verfolgung der Helfershelfer eintreten zu laſſen, ſonſt aber denke ich im Gegentheil, wäre es ſündhaft, den frommen Burſchen ihren Raub zu laſſen. Es handelt ſich ja wohl um eine Erbſchaft und es wäre mir ſehr willkommen, einen Extra⸗Verdienſt zu haben, die Sache wird mir viel Mühe machen. Sie deuteten vorher ——— — ſogar Aehnliches an, oder wollten Sie mich nur ködern?“ „Ich halte, was ich verſprochen. Wenn ich auch einen Vergleich eingehen muß, ſo fällt an den jungen Mann genug, um Denjenigen reich belohnen zu können, der ihm Leben und Freiheit gerettet, die Famlie hat auch in Amerika Güter, die ihr nicht von deutſchen Gerichten entzogen werden können.“ „Ah, das iſt etwas Anderes. Setzen wir alſo eine Summe feſt, die ich erhalte, wenn der junge Mann geſund und wohl ſeine amerikaniſche Erbſchaft antritt.“ „Darüber kann ich nichts beſtimmen, aber ich ſage Ihnen, Sie retten einer Mutter den einzigen Sohn und dieſe Frau iſt großherzig und dankbar.“ „Wollens hoffen. Sie haben in Ihren abſchlägi⸗ gen Antworten Etwas, das mehr Vertrauen erweckt, als die ſchönſten Verſprechungen Anderer, man ſieht, daß Sie rechtſchaffen denken. So werde ich denn mein Glück verſuchen, aber vorher ſchließen wir des Lebens und Sterbens halber einen ſchriftlichen Vertrag. Ich habe ſchon ein Formular aufgeſetzt, wir brauchen es nur auszufüllen.“ „Halt!“ unterbrach ihn der Arzt, als der Fremde ſchon vom Kellner Tinte und Feder fordern wollte, „ehe wir dazu ſchreiten, muß ich auch eine Garantie 7 haben. Ich ſagte Ihnen ſchon, daß die Sache eine Wendung genommen, welche mich zu dem Entſchluß gebracht, einen Vergleich einzugehen. Sie begreifen, daß ich nur entweder das Eine oder das Andere thun kann, oder doch, daß ich wiſſen muß, wie ſtark die Hoffnungen ſind, die Sie geben können, ehe ich mich entſchließe, vom Vergleich zurückzutreten. Ich bin offen gegen Sie geweſen, ſeien Sie es auch gegen mich. Können Sie mich überzeugen, daß Ihre Hilfe den ge⸗ wünſchten Erfolg haben muß, ſo nehme ich ſie an und verlaſſe mich darauf, ſonſt aber kann ich es nicht verantworten, einen Vergleich abzulehnen, der meinen Auftraggebern wenigſtens Etwas bietet.“ „Das heißt, ich ſoll Ihnen meine Karten zeigen. Thue ich das, ſo können Sie den Ton ändern, ich verrathe keine Geheimniſſe, die ich verkaufen kann.“ „So bedaure ich, Ihre und meine Zeit vergeudet zu haben“, verſetzte der Arzt in entſchiedenem Tone. „Sie kennen meine Geheimniſſe, ich habe Ihnen ver⸗ traut, Sie fordern Vertrauen und mögen ſelber keins gewähren. Ich habe Ihnen die Gründe auseinander geſetzt, die mich zwingen, die genannte Bedingung zu ſtellen und Sie laſſen ſich durch den Argwohn zurück⸗ ſchrecken, ich könne Sie betrügen wollen. Damit iſt jede weitere Unterhandlung abgebrochen.“ Der Arzt hatte ſich erhoben, aber der Fremde hielt ihn zurück.„Verdamme mich Gott“, ſagte er,„Sie ſetzen mir hart zu, aber das gefällt mir, ich ſehe, mit Ihnen iſt ein Geſchäft zu machen, Sie wiſſen, was Sie wollen und halten daran feſt, Sie werden auch am Lohn nicht feilſchen. Setzen Sie ſich nur wieder hin, ich werde Ihnen erzählen, was ich von der Geſchichte verrathen darf, ohne Andere in Gefahr zu bringen, dann werden Sie ſelbſt ſehen, ob ich helfen kann oder nicht. Ich hatte Geſchäfte in Portsmouth, meine Barke lag draußen, ich laſſe ſie nicht gern durch die Zoll⸗ linie fahren, wenns nicht nöthig iſt. Ein Mann, mit dem ich ſchon Geſchäfte gemacht, kam zu mir und fragte mich, ob ich Geld verdienen wolle, dann ſolle ich mein Barke eine Strecke von Portsmouth dem Lande in der Nacht nahe bringen, ſobald der See ruhig, er werde mit einem Boot mir eine Ladung herausbringen, die ich dort und dorthin, den Ort darf ich nicht nennen, ſchaffen ſolle. Ich ſagte zu, ich verſchmähe keinen Verdienſt. Die Ladung war lebendig, es war ein kranker Herr, den man aufs Schiff brachte, er hatte den Kopf verbunden und phantaſirte ſehr ſtark.“ „Wer brachte ihn? Beſchreiben Sie mir die Leute.“ 9 „Wozu?! Ich ſagte Ihnen, daß ich meine Ge⸗ ſchäftsfreunde nicht verrathe.“ „Ich wünſchte nur zu wiſſen, ob ein Deutſcher dabei war, ein Herr, der das Engliſche gebrochen ſprach.“ „Ich ſollte eigentlich die Frage nicht beantworten, ſie iſt vielleicht verfänglich. Doch ich verlaſſe mich auf Ihr Wort. Wer am Lande dabei geweſen, das weiß ich nicht. In dem Kahn, der den Kranken zum Schiff brachte, waren nur zwei Leute, mein Geſchäftsfreund und ein Factor deſſelben.“ „Ich danke Ihnen, die Notiz iſt für mich ſehr wichtig. Es dient zur Beurtheilung des Characters der Verwandten, die ſich des Kranken angenommen und ihrer Abſichten, wenn ſie ihn fremden Händen anvertraut haben. Wo brachten Sie ihn hin?“ „Das iſt ein Geheimniß, welches zu bewahren ich verſprochen. Es könnte Ihnen auch wenig nützen, denn von dem Orte, wo ich den Kranken wieder ans Land ſetzte, hat man ihn weiter geſchafft.“ „Infam! Halten Sie es für möglich, daß der Kranke die Folgen dieſer Strapazen überwunden?“ „Ich weiß darüber nur das zu ſagen, daß mein Geſchäftsfreund ſehr ängſtlich für ihn beſorgt war und gewiß Alles daran geſetzt hat, ihn hernach in gute Pflege zu bringen, ich kann Ihnen ſogar mittheilen, daß er ſich geäußert, die Höhe ſeines Verdienſtes bei dieſer Sache hänge davon ab, daß der Kranke am Leben bleibe, er erneuerte ihm ſelber den Verband, er wachte an ſeinem Lager, das thut man nicht, wenn man Jemand verderben laſſen will.“ „Gewiß nicht. Aber ſagen Sie mir“, fragte Wil⸗ liams,„wie ſoll ich mir das erklären, daß Sie mir Ihre Hilfe zur Befreiung des Unglücklichen verheißen, wenn Sie Ihre eingegangenen Verpflichtungen Ihrem Geſchäftsfreunde gegenüber ſo ſtreng einhalten. Auf der einen Seite wollen Sie das Geheimniß bewahren, auf der andern die Pläne des Geſchäftsfreundes durch⸗ kreuzen.“ Der Fremde lächelte.—„Sie fragen“, ſagte er, „als ob Sie Juriſt wären und mich ſcharf ins Ver⸗ hör nähmen. Sie haben ganz Recht, es liegt ein Wi⸗ derſpruch darin, aber iſt es etwas ſo Seltenes, daß ein Geſchäft heute gut erſcheint und morgen ſchlecht? Nehmen wir an, meinem Geſchäftsfreunde wären große Verſprechungen gemacht worden und man erfülle die⸗ ſelben ſchlecht, man habe ihn getäuſcht, als man ihn verſichert, die Polizei werde ſich nie in die Sache men⸗ gen und man habe ihn durch dieſe Vorſpiegelung um einen höheren Lohn betrogen, nehmen Sie endlich an, 2— 11 mein Geſchäftsfreund habe ſich nach der Perſon des Auftraggebers erkundigt und erfahren, daß ihm ein fal⸗ ſcher Name genannt worden und er habe einerſeits die Ausſicht, für gute Dienſte ſchlecht bezahlt zu wer⸗ den, andererſeits riskire er, wenn er den Vertrag bricht, denuncirt zu werden und die Sache allein ausbaden zu müſſen. Liegt es da nicht nahe, daß er einen Mit⸗ telweg ſucht und ſich mit den Gegnern ſeines Auftrag⸗ gebers in Unterhandlungen einläßt?“ „Bei Gott, Sie haben Recht, und wenn es ſo ſteht, ſo kann ich viel im Namen des Kranken und ſeiner Familie verſprechen. Retten Sie den jungen Mann, ſagen Sie Ihrem Freunde, er ſolle nicht zu Schaden kommen, wenn er ein gutes Werk an Stelle eines ſchlechten thut. Führen Sie mich zu ihm, ich werde jede Sicherheit dafür geben, daß er ſtraflos aus⸗ gehen ſoll—“ „Halt, Halt! Was ich Ihnen ſagte, Herr, war nur eine Annahme, ich habe nicht geſagt, daß es ſo ſei. Es giebt noch andere Möglichkeiten, z. B. die, daß mein Geſchäftsfreund den jungen Mann Jemand übergeben hat und daß dieſer dem Vertrauen, das man in ihn geſetzt, nicht entſpricht, daß er auch von der Sache profitiren will, und in Uebereinſtimmung mit dem erſten Auftraggeber, an den er ſich vielleicht heimlich gewandt, oder auf eigene Gefahr Projecte ſchmiedet, welche uns Alle leicht vor die Jury bringen können. Nehmen wir dieſen Fall an, ſo läge es im Intereſſe meines Geſchäftsfreundes, wenn ich jenen Drit⸗ ten, der mich nicht kennt, das Handwerk legte und ihm ſeinen Pflegebefohlenen raube, oder ihn zwinge, denſelben frei zu laſſen. Sie ſehen, es gibt da allerlei Möglichkeiten. Doch ich habe Sie nun wohl davon überzeugt, daß ich in der Sache etwas thun kann und ich mache Ih⸗ nen folgenden Vorſchlag. Sie reiſen heim, ſchließen Ih⸗ ren Vergleich oder nicht, wie Sie wollen, und ich ſchreibe Ihnen den Erfolg meiner Anſtrengungen. Sie zahlen mir heute fünfzig Pfund, ſetzen die Belohnung feſt, die ich erhalte, wenn der Verſchwundene aufgefunden und befreit iſt und verpflichten ſich für Ihre Perſon, nichts von unſrer Verabredung, von dem, was ich Ih⸗ nen geſagt oder noch mittheilen werde, vor die Gerichte oder die Polizei zu bringen, dafür zu ſorgen, daß die Familie des Herrn von Schwing keine ſolchen Schritte in der Sache thut und ſich mir, wenn Alles gut ge⸗ gangen, dankbar erweiſt. Ich dächte, hierbei wagen Sie nichts und ſind völlig frei, Ihre Gegner ander⸗ weitig zu belangen.“ „So ſei es“, rief Williams,„den Vertrag gehe ich ein, aber eine Bitte hätte ich noch, deren Erfüllung 13 meine Dankbarkeit bedeutend erhöhen würde. Kann ich nicht zugegen ſein, wenn der junge Mann befreit wird, ich bin Arzt, ich könnte ihm ſogleich meine Hilfe leiſten, die er gewiß in ſolchem Moment neuer Erregung bedarf.“ „Das geht nicht, Herr. Ich muß ſogar darauf dringen, daß Sie England verlaſſen haben, ehe ich die geringſten Schritte in der Sache thue. Es iſt nicht Mißtrauen, welches ich in Sie ſetze, aber ich bin das Andern ſchuldig. Sie haben die Sache mit Cox be⸗ ſprochen. Selbſt gegen Ihren Willen könnte er ſich auf die Lauer legen— kurz, es geht nicht. Aber ich kann Sie beruhigen— es iſt mein Intereſſe, daß der junge Mann geſund zu ſeiner Familie zurückkehrt, auch mein Freund wünſcht daſſelbe, man ſetzt ſich nicht gern für eine ſchlechte Bezahlung der Gefahr aus, umſonſt in die Colonieen zu kommen oder gar noch Schlim⸗ meres zu riskiren. Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich. In vierzehn Tagen, hoffe ich, bringe ich Ihnen ſelbſt den jungen Mann nach Hamburg.“ „Wenn Sie das erfüllen köngten!“ rief Williams und Thränen freudiger Erregung glänzten in ſeinen Augen.„Seien Sie verſichert, Herr, abgeſehen von dem wohlthuenden Gefühl, ein gutes Werk gethan, das ſchwere Leid einer Wittwe gemildert zu haben, ſoll es auch an klingendem Danke nicht fehlen!“ Williams unterzeichnete den Vertrag, welchen der Fremde jetzt vorlegte und hielt demſelben ſein Ver⸗ ſprechen, London und England zu verlaſſen, ohne Cox von Neuem aufzuſuchen. Eine gute frohe Hoffnung ſchwellte ſeine Bruſt bei der Heimreiſe, hatte er auch Marco nicht aufgefunden, ſo konnte er doch der Wittwe den Troſt bringen, daß ihr Sohn lebe und daß ſie hoffen dürfe, ihn in Kurzem wieder zu ſehen. Wir überlaſſen es dem Leſer, ſich die Scene des Wiederſehens auszumalen, als Williams der gebeugten Wittwe, der weinenden Marie die Erlebniſſe ſeiner Reiſe, die bitteren Erfahrungen, die er gemacht und ſeine Hoffnungen ſchilderte. „Ich wußte es“, ſagte Olympia,„ich ahnte es, daß auch in England die dämoniſche Macht dieſes Streber auf Ihre Mühen den verderblichen hemmen⸗ den Einfluß üben werde, der Elende ließ ſich geſtern bei mir melden, er iſt hier in Hamburg und ich bin überzeugt, er arbeitet ſchon daran, mich auch von hier zu vertreiben. Ich ließ ihm antworten, Sie hätten telegraphiſch Ihre Rückkehr angezeigt, Sie würden die Güte haben, ſtatt meiner mit ihm zu verhandeln. Ich bin jetzt ſo weit, daß ich jede Bedingung eingehen möchte, die mich von weiteren Verhandlungen und Beziehungen mit dieſen Elenden befreit. Mögen ſie 15 unſer Geld, unſere Habe nehmen, mögen Sie mir ſelbſt den ehrlichen Namen mit Koth bewerfen, ich will nicht klagen, ich werde es Gott überlaſſen, die Prüfung, die er mir geſandt, zu erſchweren oder zu mildern, nach ſeinem Wollen und Gefallen.“ Williams blickte ſie mit Bewunderung, aber auch mit tiefer Wehmuth an. Was mußte dieſes ſchöne, ſtolze Weib gelitten und gekämpft haben, um alſo ge⸗ brochen zu ſein! Wie mußte die Angſt um den Sohn das Herz der Mutter zerriſſen haben, daß ſie den Kampf aufgeben wollte, den ſie im Gefühl beleidigter Ehre ſo ſtürmiſch gefordert! Wahrlich, hier hatten Kummer, Gram und Sorge das Herz von jedem menſchlichen Fehl geläutert und es zu jener Demuth geführt, welche die Frommen preiſen und heucheln, aber ſo ſelten beſitzen! Ermannt und begeiſtert von dem Gefühle, daß ſeiner Schutzbefohlenen ſelbſt die Trübſal zum Segen gereiche und daß er ein Weſen vertrete, daß den Schutz ſeines Rechtes Gott allein in die Hände glegt, machte ſich Williams auf den Weg, Streber aufzuſuchen. Das Gefühl des Widerwillens und Ekels, das ihn bei dem Gedanken beſchlich, noch einmal dieſen Menſchen ge⸗ genüber ſtehen zu müſſen, ward parallyſirt durch die frohe Zuverſicht, ihn diesmal trotz jeder Maske der Heuchelei vor ſich entlarvt, in ſeiner wahren Geſtalt zu ſehen, und auch mit ihm ein wenig ins Gericht gehen zu können.“ Als Williams das Hotel betrat, in welchem Stre⸗ ber abgeſtiegen, ſagte ihm der Portier, es ſeien zwei Senatoren Hamburgs, ſehr fromme Herren, bei dem Miniſterialrath, es ſei ſchon den ganzen Vormittag Beſuch vornehmer und angeſehener Herren dageweſen. Williams ſchickte ſeine Karte hinauf. Olympia hatte Recht gehabt, auch hier in der freien Reichsſtadt zeigte ſich der Einfluß der Frommen in den Ehren, die man Streber erwies. Der Arzt brauchte nicht lange zu warten. Die Senatoren verließen Streber, der ſie bis zur Treppe geleitete und mit ſalbungsvollen Worten ihre Wege dem Herrn empfahl. Er bot Williams die Hand zum Willkomm, als dieſer aber davon keine Notiz nahm, ſagte er lächelnd:„Wir ſind alſo noch immer Feinde“, und öffnete die Thür ſeines Cabinets, Williams ein⸗ treten zu laſſen. „Sie waren alſo doch in England, Herr Doctor?“ begann er das Geſpräch und ein Triumph ſchaden⸗ froher Ironie zuckte um ſeine Lippen,„ich bedaure das ſehr, denn es iſt dadurch viel koſtbare Zeit verloren gegangen.“ 8 1 47 „Ich weiß, daß Sie ſich Mühe gegeben haben, meine Rückkehr zu beſchleunigen“, verſetzte der Arzt, „aber das wäre auch ohne Ihre Anſtrengungen ge⸗ ſchehen.“— „Meine Bemühungen? Das verſtehe ich nicht. Sie wollen ſagen, meine Wünſche.“ „Ich weiß, was ich ſage, Herr Streber und ich denke, es wird noch einmal die Zeit kommen, wo ein Mißbrauch der Geſandten des Königs durch eine ge⸗ wiſſe Partei ſelbſt von der Regierung des Auslandes gerügt werden könnte.“ Streber wechſelte die Farbe, er war ſichtlich er⸗ ſchrocken, aber er wußte ſich zu faſſen.„Herr Doctor“, ſagte er,„Sie ſprechen gefährliche Dinge, das iſt eine ſchwere Anklage!“ „Ich habe dieſelbe nicht erhoben, ich wiederhole nur Anſichten, die ich drüben gehört.“ „Die Sie aber wohl allein hervorgebracht— ich muß von Ihrer Bemerkung Notiz nehmen. Herr Doc⸗ tor, ich bin Miniſterialbeamter. Wollen Sie vertreten, tuellen Vergleich zu ſchließen.“ Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 2 18 „Herr Doctor, den Ton, den Sie anſchlagen, die Beſchuldigung, die Sie ausſprachen und die eine directe Anklage auch gegen mich oder Schwing enthält, ma⸗ chen mich ſchwankend, ob noch jetzt von einem Ver⸗ gleiche die Rede ſein könne.“ „Dann erſuche ich Sie, ſich das zu überlegen und weder die Baronin noch mich unnütz zu behelligen“, verſetzte der Arzt und machte Miene, ſich zu entfernen. Williams trat abſichtlich mit dieſer Entſchieden⸗ heit auf, er wußte, daß Streber wohl nicht nach Ham⸗ burg gekommen wäre, wenn ihm und Schwing nicht viel an einer gütlichen Auseinanderſetzung gelegen geweſen wäre! Streber hatte das nicht erwartet. Er war über⸗ zeugt geweſen, den Arzt, den er aus England ſo gut wie verwieſen mußte, ſehr nachgiebig zu finden, die Worte deſſelben, welche verriethen, daß man in England ihm gegenüber indiscret geweſen, beunruhigten ihn umſo⸗ mehr, als ſeine Drohung Williams nicht eingeſchüchtert. „Herr Doctor“, ſagte er, denſelben zurückhaltend, „ich kenne die Reſultate Ihrer Reiſe nach England nicht, Schwing iſt entfernt davon, die unglückliche Lage der Wittwe ausbeuten zu wollen, es iſt daher frag⸗ lich, ob Entdeckungen, die Sie gemacht haben, meine Vorſchläge nicht unbillig erſcheinen laſſen.“ 19 „Herr Streber, mein Urtheil über Sie wird ſich nicht ändern, mögen nun dieſe Vorſchläge mir genügen oder nicht. Nennen Sie dieſelben, ich werde ſie an⸗ nehmen oder ablehnen.“ „Sie wollen mir alſo nicht ſagen, was Sie in England erforſcht haben?“ „Nein.“ „So nehme ich an, daß Ihr Argwohn abermals meinem Freunde Unrecht gethan, wie das überhaupt ihm in dieſer Angelegenheit öfter begegnet iſt. Die Vorſchläge, die ich machen ſoll, ſind folgende: Die Ba⸗ ronin von Schwing— ſo ſoll die Wittwe im Vertrage genannt werden, verpflichtet ſich, alle Feindſeligkeiten gegen den Paſtor von Schwing für alle Zeiten zu un⸗ terlaſſen, keinen Prozeß gegen ihn oder mich anzuſtren⸗ gen, welcher Art derſelbe auch immer ſei und ſowohl eine öffentliche Erklärung als eine ſolche an Herrn Georg von Schwing darüber abzugeben, daß die Erb⸗ ſtreitigkeit zur beiderſeitigen Zufriedenheit beigelegt ſei. Sie verpflichtet ſich, allen ihren Einfluß auf ihren Sohn Marco anzuwenden und ihm bei Strafe ihres Fluches zu verbieten, daß derſelbe feindſelige Schritte gegen Schwing oder mich thue. Sie, Herr Doctor, verpflichten ſich zu demſelben und ſorgen ferner dafür, 2*½ daß Sophie Schwing, Ihre Nichte, in das Haus ihrer Eltern zurückkehrt.“ „Als Gegenleiſtung bewilligt der Herr Paſtor von Schwing, daß die Wittwe den Namen ſeines Bruders fortführt, ebenſo ihre Kinder, er verſpricht jede Ver⸗ folgung aufzugeben, der Baronin nach ihrer Wahl Sachen im Werthe von ſechshundert Thalern aus dem Eigenthum des Verſtorbenen zurückzugeben und ihr eine Rente von fünfzehnhundert Thalern jährlich zu zahlen. Erhebt ſie keine Anſprüche anderer Art, verpflichtet ſich Marco, niemals Erbanſprüche zu erheben, ſo ſoll nach Verlauf von drei Jahren die Penſion capitaliſirt, das entſprechende Capital für die Baronin und ihre Kin⸗ der gerichtlich deponirt werden.“ „Ich glaube“, ſchloß Streber,„das ſind Vor⸗ ſchläge, die Sie annehmen können.“ „Ich würde ſie annehmen“, verſetzte der Arzt, „wie gering auch die Entſchädigung im Vergleich zu den Summen iſt, auf welche die Baronin verzichten ſoll, weil es eine große Erleichterung für die Baronin wäre, jede Beziehung zu Ihnen und dem Herrn Paſtor für alle Zeit abzubrechen, aber ich kann Einzelnes darin nicht annehmen, ohne gewiſſe Beſchränkungen. Was die Rückkehr meiner Nichte in ihr elterliches Haus betrifft, ſo kann ich nur verſprechen, ihr dieſen Rath zu er⸗ 21 theilen, nachdem man ihr garantirt hat, daß man ſie zu keiner Ehe wider ihren Willen zwingen wird. Was ferner die Einſtellung aller Feindſeligkeiten, die Ver⸗ zichtleiſtung auf jede Anklage betrifft, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß dieſe Verpflichtung eine gegenſei⸗ tige iſt und aufgehoben wird durch den Bruch des Vertrages von anderer Seite, endlich aber, daß ſie nur gilt, wenn Marco von Schwing nicht durch ein von der Gegenpartei verſchuldetes Verbrechen, an Leben oder Geſundheit geſchädigt iſt.“ „Das iſt ein Argwohn, der Denjenigen beſchimpft, welcher derartiges duldet.“ „Herr Streber, der engliſchen Regierung iſt amt⸗ lich die Nachricht zugegangen, daß Verwandte des Herrn Marco von Schwing ſich ſeiner Perſon bemäch⸗ tigt, dieſelbe ſchädlichen Einflüſſen zu entziehen, dieſe Verwandten bürgen alſo dafür, daß ihm von anderer Seite keine ſchädlichen Einflüſſe geworden 17 22 ausgeſucht. In einem abſoluten Staate— oder auch in einem conſtitutionellen, der vorherrſchend Militair⸗ und Polizeiſtaat iſt, macht jede augenblicklich herr⸗ ſchende Partei Unglaubliches möglich, ſie corrumpirt dabei freilich die Beamten der Executive, aber die Macht tritt an die Stelle des Geſetzes und wer mit der Macht geht und zu ihr hält, der verſteht es kaum, daß anderswo die Beamten nicht ebenſo blinde Werk⸗ zeuge der Regierung ſind als zu Hauſe, ſie begreifen es nicht, daß in einem Lande von höherer ſittlicher Cultur, auch der Polizei⸗Beamte ſeinen Stolz darauf ſetzt, eine von ſeinen Mitbürgern geachtete Perſon und nicht ein bezahlter Scherge zu ſein. „Herr Doctor“, erwiderte Streber, ſeine Verwir⸗ rung bemeiſternd,„wenn ich an dem, was Sie ſagen, nicht zweifeln will, ſo muß ich annehmen, daß ohne mein Wiſſen Schritte gethan und Erklärungen gegeben ſind, die ich nicht rechtfertigen kann. Ich weiß es frei⸗ lich“, ſetzte er raſch hinzu,„daß die Regierung ſcan⸗ dalöſe Scenen und Prozeſſe nicht wünſcht, deren Zweck Herabwürdigung der Autorität der Geiſtlichkeit iſt— Sie ſehen daraus, die Prozeßſucht würde in Preußen keinen guten Boden finden.“ „Ich weiß das, Herr Streber, ſonſt wäre ich nicht hier, ich weiß es, daß Beamte, und Herr Paſtor 23 Schwing iſt jedenfalls ſchon ein ſolcher geworden, den nicht beneidenswerthen Vorzug beſonderer Gerichtsbar⸗ keit haben und weiß auch zu würdigen, worauf Sie und Ihr Freund ſich ſtützen, doch ich bleibe trotz deſſen bei meiner Forderung, ich unterzeichne keinen Vertrag, in welchem dieſelbe nicht zugeſtanden wird.“ „So ſei es darum, ich will nachgeben.“ „Und ich“, rief der Doctor, Streber mit einem Blicke tiefſter Verachtung meſſend,„nehme das nicht umſonſt. Im Namen der Frau Baronin und ihrer Kinder verzichte ich auf jede Penſion, die Erklärung derſelben würde alſo lauten, daß ſie auf alle Erban⸗ ſprüche aus dem Nachlaſſe ihres Gatten in Europa verzichtet hat.“ „Das nehmen wir nicht an— das geht nicht—“ „Wollen Sie Jemand ein Almoſen aufdringen?“ „Die Wittwe ſoll nicht darben—“ „Herr Streber, wollen wir den Vertrag ſchließen oder nicht?“ „Sie werden es bereuen—“ „Nein, Herr Streber, die Baronin hat mir ſogar dieſe Bedingung geſtellt und ich finde ſie ihrer allein würdig.“ Streber ſann eine Weile nach.„Des Menſchen 24 Wille iſt ſein Himmelreich“, ſagte er dann,„ſetzen wir den Vertrag auf, es iſt nicht meine Sache, die Intereſſen der Gegenpartei zu wahren, ich ſetze Ihre Ablehnung ins Protocoll.“ Zweites Kapitel. Gerechter Haß. Es waren einige Wochen vorübergegangen, ſeit der Doctor Williams den Vergleich mit Streber ein⸗ gegangen, welcher dieſen und den Paſtor Schwing vor jeder Verfolgung, jeder Anklage in der Erbſchaftsan⸗ gelegenheit von Seiten der Benachtheiligten ſichert, den Paſtor das reiche Erbe ungetrübt zuſpricht, der Welt zu wiſſen giebt, daß die Baronin mit ihren An⸗ ſprüchen zurückgetreten und Jedem überläßt, darüber zu denken, wie er will. Die öffentliche Meinung huldigt dem Glücklichen, Streber hatte es wohl vorhergeſehen, daß gerade Die⸗ jenigen, welche die Partei der Baronin ergriffen, die einen Prozeß, einen öffentlichen Scandal gewünſcht, ſich enttäuſcht ſahen und jetzt anderer Anſicht wurden. Niemand würdigte den echten Stolz, der ein entwürdi⸗ gendes Almoſen verſchmäht hatte, man ſagte, die Ba⸗ ronin werde wohl keine begründeten Anſprüche gehabt haben, da ſie dieſelben nicht verfochten und jedenfalls habe der Baron von Schwing große Güter in Amerika hinterlaſſen, die ihr der Paſtor gegönnt, um ſie zu beruhigen.. Der Doctor Williams hatte ſein Haus verkauft und war nach Hamburg gezogen, ein wohlhabender College, der ſeine Praxis übernommen, hatte gern einen guten Preis gezahlt. Niemand ſagte, der Doctor wolle nicht mehr in einem Lande leben, in welchem er gutes Recht nicht durchſetzen gekonnt, es hieß, der alte Herr ſei verliebt in die ſchöne Wittwe, er ruinire ſich für dieſelbe, wenn er auch ſeine alte treue Frau damit unter die Erde bringe. Sophie war zu ihren Eltern zurückgekehrt, wir werden ſpäter ſagen, welche ſtille Hoffnung ſie dazu vermocht, nachdem Williams ihr dafür Bürgſchaft gegeben, daß ihre Eltern ſie zu kei⸗ ner Ehe wider ihren Willen zwingen ſollten— was aber endlich das wichtigſte Ereigniß war— Marco war bei den Seinigen! Der Fremde, welcher Williams die Befreiung Mar⸗ co's verſprochen, hatte Wort gehalten, aber ihm war die Arbeit leicht geworden, entweder— weil ihm von 27 der anderen Seite in die Hände gearbeitet wurde, oder weil— und das war das Wahrſcheinlichſte— weil dieſer Mann ein Werkzeug der Vermittlung geweſen und im Auftrage Schwings oder Strebers Williams ſein Anerbieten geſtellt. Lag es doch im Intereſſe der frommen Brüder, nachdem der Vergleich angebahnt, ſich vor ſchweren Verbrechen zu bewahren, die eine nothwendige Folge von einer dauernden Beſchränkung der perſönlichen Freiheit Marco's geweſen wären, hatte man doch erreicht, was man wollte, denn Marco hatte, ehe er freigelaſſen wurde, auch ſich verpflichten müſſen, keine Rache zu ſuchen. Marco war über Alles, was mit ihm ſeit dem Schiffbruch geſchehen, ſehr im Unklaren. Er erinnerte ſich nur deſſen, daß er, an eine Schiffsplanke geklam⸗ mert, im Meere umhergeſchwommen, daß er einen Schmerz im Kopfe verſpürt und ſich deshalb, da er gefürchtet, die Beſinnung und die Kräfte zu verlieren, mit ſeinen Hoſenträgern an die Planke befeſtigt habe. Er hatte eine dunkle Erinnerung, daß er auf ein Schiff gekommen, gepflegt und verbunden worden ſei, dann aber ſich plötzlich in einem Bette, in freundlicher Stube befunden, wo ein Arzt bei ihm geſeſſen, der ihm geſagt, er habe ſchon wochenlang im Fieber ge⸗ legen. 28 Als Williams ihn fragte, ob er nicht zweimal am Lande geweſen, ob er ſich nicht erinnere, daß das erſte Mal ihm ein Bekannter erſchienen, verſetzte er, daß er das geträumt, und daß man ihn überzeugt habe, ſeine erregte Phantaſie gebe ihm ſolche Bilder ein. Nun beſchrieb er ſeinen Traum und erklärte, es ſei ihm ge⸗ weſen, als habe er den Onkel Schwing geſehen, aber dieſer habe einen großen ſchwarzen Bart getragen. Man hatte alſo an dem Orte, wohin Marco zu⸗ letzt gebracht worden, ſeine Erinnerungen bekämpft, welche Abſichten man dabei gehabt, lag auf der Hand. Und es war wirklich ein Irrenhaus, in welches man den jungen Mann gebracht, die Verletzung am Kopfe, das Fieber, welches ihn ergriffen, konnten dies recht⸗ fertigen vor Jedem, der nichts Uebles annehmen wollte. Das Glück hatte die Feinde Marco's ſehr begün⸗ ſtigt und mit teufliſchem Raffinement hatte das Werk⸗ zeug Schwings— Herr Smith alle Möglichkeiten vor⸗ geſehen. Man eröffnete Marco, als ſeine Wunde ge⸗ neſen, daß ſein Vater geſtorben, daß er der Führung eines falſchen Namens angeklagt ſei, daß nur die An⸗ nahme, er ſei geiſteskrank, ihn vor dem Kerker rette. Er hatte getobt, man hatte ihn verhöhnt, ihm die Mauern und Gitterfenſter ſeines Kerkers gezeigt und 29 dann war ein Wärter bei ihm erſchienen, der ſich ge⸗ ſtellt, als habe er Mitleid und wolle ihm zur Flucht verhelfen, wenn er gelobe, die Bedingungen zu erfüllen, die man ihm ſtelle. Es hatte Marco einen ſchweren Kampf gekoſtet, den geforderten Eid zu leiſten, aber man hatte ihm die Unmöglichkeit bewieſen, auf andere Weiſe dem ent⸗ ſetzlichen Schickſal, als Irrſinniger hier behandelt zu werden, zu entgehen, hatte ihm die Sehnſucht ſeiner unglücklichen Mutter und Schweſter geſchildert und auch er hatte ſich gefügt und die Rache einem Höheren überlaſſen.. Er hatte endlich gelobt, auf das Erbe zu verzich⸗ ten, keine Klage zu führen, weder Schwing noch Stre⸗ ber jemals mit Feindſeligkeiten zu beläſtigen, auf jede Rache zu verzichten und dann hatte man die Comödie ausgeführt, als ob eine heimliche Flucht ſtattfinde, er ſollte nicht den Vorwand haben, daß man ihm den Eid erpreßt, dem Helfer hatte er ihn ja freiwillig ge⸗ leiſtet! Jetzt hatte er erfahren, wie man ſeine Mutter und Williams dahin gebracht, Gleiches zu verſprechen und knirſchend vor Wuth, weinend vor Bitterkeit, in Verzweiflung und Schmerz, blieb auch ihm nur der Troſt, daß es einen Gott im Himmel gebe, der 30 Solches nicht dulden könne, ohne den Frevel zu rächen. 3 Die Nachrichten, welche Marco ſonſt brachte, wa⸗ ren wenig troſtreich für die äußere Lage der Familie. Die Beſitzungen in Amerika waren vernachläſſigt von den Pächtern und Marco rieth davon ab, dorthin zu⸗ rückzukehren, die Habgier der Leute könne ſehr leicht den Umſtand ausbeuten, daß man in Europa das Erb⸗ recht der Hinterlaſſenen des Verſtorbenen angefochten, auch habe er alles Geld herausgezogen, welches flüſſig zu machen geweſen ſei. Die Documente, die ihm der Pater Joſé ausgeſtellt und das Geld hätten ſich in einem Portefeuille befunden, das man ihm geſtohlen, oder das er verloren; die Erſteren könne er brieflich neu ausgeſtellt erhalten, das ſei aber auch Alles, Santa Cruce bedaure es, nach Amerika zurückgekehrt zu ſein, die Verhältniſſe hätten ſich dort ſehr geändert. „Bleiben wir hier“, ſo rief Marco und ſein Auge glühte in edler Begeiſterung,„ich kann arbeiten, ich kann, wie der Vater, mir und Euch eine Exiſtenz ſchaf⸗ fen. Und ich halte es für eine heilige Pflicht, hier in Europa, wo man die Ehre des Vaters und die unſere angetaſtet, auszuharren, allen Widerwärtigkeiten zu trotzen, bis Gott ſich unſerer erbarmt.“ „Recht ſo“, ſprach Williams, während Olympia — — — 3 4 341 in ſtolzer Freude den Sohn anſchaute,„das iſt ein tapferer Entſchluß und er wird gelingen. Das hofft auch Sophie—“ „Halt!“ unterbrach ihn Marco und ſein Antlitz ward trübe,„ich bitte Dich, rede nicht von ihr.“ „Wie?“ rief Williams befremdet,„haſt Du nicht von Deiner Mutter gehört, wie treu ihr Herz ſich ge⸗ zeigt, was ſie gelitten um Deinetwillen, willſt Du ſie die Schuld ihrer Eltern entgelten laſſen, wahrlich, das verdient ſie nicht.“ Olympia ſchaute den Sohn befremdet, Marie den Bruder mit faſt angſtvoller Erwartung an, ſie dachte an Georg! Sollte der Bruder verdammen können, was ihr Herz allein noch mit Troſt und Hoffnung er⸗ füllte? „Freund, Mutter, Schweſter“, ſagte Marco und eine wilde Leidenſchaft in ſeinen Zügen zeigte flam⸗ mend, wie furchtbar es in ſeinem Inneren gährte,„der Vater Sophiens hat meinen Vater gemordet. Schlim⸗ mer, als hätte er im jähen Zorn ſein Blut vergoſſen, hat er ihn mit Bedacht durch Gift, durch das Gift der Bosheit, der Lüge getödtet, unſere Chre mit Füßen getreten, auf ihn laſtet ein Fluch, der Alles, was zu ihm gehört, von uns auf ewig ſcheidet. Und müßte ich mir das blutende Herz aus der Bruſt reißen, kann 32 ich das Kind des Mörders meines Vaters anſehen ohne Grauen? Sträubt ſich nicht die Natur dagegen, daß ſie mir mehr ſein kann, als der Schatten eines verlornen Glückes? Weiß ſie, was uns geſchehen, ſo wird ſie ebenſo fühlen, aber Gott möge ſie davor be⸗ wahren, daß ſie je in meine Bruſt ihren Blick ſen⸗ ken und errathen könnte, was dort tobt. Lieber möge ſie an mir verzweifeln. Sprecht mir nicht mehr da⸗ von, der, welcher das Leid über ſie und mich gebracht, wußte was er that, er wollte uns auf ewig trennen und kein Frevel war ihm dazu zu infam.“ Keiner wagte es, ihm zu widerſprechen, leichen⸗ blaß, zitternd ſaß Marie da, ein Grauen hatte ſie er⸗ griffen, hatten die Worte des Bruders doch Schrecken des Todes auch über ihre Sehnſucht gebreitet. Olym⸗ pia wandte das Antlitz ab, die Mutter fühlte das un⸗ endliche Weh, das dem Sohne aus dem Herzen ſchien und Williams ſenkte den Blick zu Boden, er dachte an das arme verlaſſene Mädchen, das er mit den Worten getröſtet und in ihrem Schmerze aufgerichtet: „Marco lebt, Dein Vater wird es bald fühlen, daß er an ihm eine große Schuld zu ſühnen hat!“ Wohl Niemand hatte ſich derart in die Gefühle Mar⸗ co's hinein zu verſetzen verſtanden, wie dies jetzt geſchah, wo er für einen Moment den Schleier an dem Bilde ſeines 33 Inneren fortgeriſſen und Jedem einen Einblick in ſein Herz geſtattet. Hatten Alle ziemlich daſſelbe getragen, ſo erkannte man doch jetzt, daß Marco doppelt ſchwer gelitten, tiefer noch als die Andern verwundet und daß die Laſt, die ferner auf ihm ruhte, ungeheuer. Er hatte dem ſterbenden Vater nicht die Augen zu⸗ drücken, die Seinigen nicht beſchützen können, jeder grauſame Hohn, jeder Schmerz, jede bittere Demüthi⸗ gung, die ihnen geworden, Alles das traf auch ihn, aber nicht allmälig, ſondern mit einem Schlage. Und welch' ein entſetzliches Gefühl mußte es für ihn ſein, daß die ſo bedrängte Familie, der treue Freund ſeiner Mutter, für ihn große Opfer gebracht, ihn aus der Gewalt ſeiner Feinde zu befreien, daß ſie dieſe Sum⸗ men, welche jetzt ihre Exiſtenz hätten decken können, nutzlos fortgeworfen an die Helfershelfer der Betrüger, denn früher oder ſpäter hätte man ihn doch freilaſſen müſſen. Und er, der natürliche Beſchützer der Seinen, der Rächer ſeines Vaters, ihm waren durch tückiſche Liſt die Hände gebunden, alle jene Opfer waren ver⸗ geblich gebracht. Auf ihm laſtete jetzt die Pflicht, dem Doctor Williams die Opfer zu erſtatten, die er ge⸗ bracht, das war das Mindeſte, die Freundſchaft, welche Jener den Seinigen erwieſen, konnte er ja niemals genügend vergelten. Williams ſagte zwar, er habe Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 3 34 keine Bedürfniſſe, aber der alte Mann, der dreißig Jahre im eigenen Hauſe gewohnt, alle Behaglichkeiten dort genoſſen, der mußte jetzt entbehren lernen! Es galt alſo, nicht allein die Mutter und die Schweſter zu ernähren, es war für Marco auch eine heilige Pflicht, für Williams wie für einen alten Vater zu ſorgen. Der junge, thatkräftige, jetzt minder lebensfriſche Mann erbebte nicht vor dieſer Aufgabe, was ihn nie⸗ derdrückte und erbitterte, war, daß die Feinde, die ihm ſein Erbe geſtohlen, ſeine Ehre angetaſtet, ihm auch das Geld geraubt, welches er aus Amerika ge⸗ bracht und das gewiſſermaßen jenes Erbe repräſen⸗ tirte, welches die Gegner ſeiner Mutter in dem abge⸗ ſchloſſenen Vergleich zugeſtanden. Dieſe Summe hätte wenigſtens die Koſten gedeckt, die Williams gehabt; es war wahrlich ein tief bitterer Hohn, bei einem Ver⸗ gleich dem Gegner das zuzugeſtehen, was man ihm bereits heimlich geſtohlen! Hatte Williams und hatte ſelbſt Olympia für den Paſtor von Schwing noch die Entſchuldigung, daß ſeine Habgier den Verlockungen Strebers nicht wider⸗ ſtanden und daß er von dieſem zu Schritten hingeriſ⸗ ſen worden, die wie Glieder einer Kette von Verbrechen nothwendig auf einander folgen mußten, ſo gab es für Marco nichts, was ſeinen Haß, ſeinen Groll, ſeine 35 gerechte Erbitterung gegen den Paſtor mildern konnte, der Mann hatte ihn durch Hinterliſt und Ge⸗ walt zu ſeinem Gefangenen gemacht, ihn durch Tücke um ſeine Rache betrogen; der Paſtor von Schwing hätte jetzt auf den Knieen vor Marco liegen und ihn anflehen können, ihm zu vergeben und Sophie ſeine Hand zu reichen, Marco hätte gerufen:„An Dir haftet der Fluch, wie einen Peſtkranken meide ich Dich und Alles, was Deine Hände berührt haben!“ Entſetzlich, grauenvoll war dieſe Bitterkeit, welche das eigene Herz am tiefſten ſchlug und alle ſüßen Hoffnungen des Glückes darin mit Füßen trat, aber ſelbſt Williams mußte Marco Recht geben, je länger er über die Sache nachdachte, und Marie flüchtete in ihr Kämmerlein und weinte und betete, des Bruders gräßliche Worte hatten auch über das Bild Georgs in ihrem Herzen einen Schleier geworfen, konnte ſie dem Sohne des Mörders ihres Vaters die Hand reichen! Marco gab andern Tages Williams einen Brief mit der Bitte, die Adreſſe Georgs darauf zu ſetzen, die ja dem Arzte bekannt ſei. Der junge Mann war ſehr bleich.„Der beſte Freund, der einzige Freund meiner Mutter und Schweſter“, ſagte er,„ſoll Alles 3*¾ 36 wiſſen, was ich thue. Ich glaube, daß es kein Bruch meines Schwures iſt, gegen den Paſtor von Schwing keine Feindſeligkeiten zu unternehmen, wenn ich eine andere mir obliegende Pflicht erfülle, die übrigens ja nur ſeinen Wünſchen entſpricht. Er hatte mir die Hand ſeiner Tochter verſagt und heimlich, wider ſeinen Willen, hatten wir einander, Sophie und ich, uns ewige Treue gelobt. An Sophie kann ich nicht ſchreiben, einmal weil ſie in dem Hauſe ihres Vaters iſt und der Brief vielleicht nicht in ihre Hände käme, dann aber, weil ich es auch nicht vermag, Worte an ſie zu richten, die, was ich fühle, nur ſehr matt ausdrücken und doch Dolchſtiche für ihr armes Herz wären. Ich habe daher an Georg geſchrieben, ihm geſagt, daß zwiſchen uns ein Abgrund liege, den ein Anderer ge⸗ ſchaffen, den aber nichts überbrücken könne. Ich habe ihn gebeten, Sophien zu ſagen, den Eid, den ich ihr geleiſtet, ſei mir aus dem Herzen geriſſen, ich werde nie ein Weib lieben, nie einem Weibe angehören. Ich habe in dem Schreiben kein Wort von dem geſagt, was mir und den Meinigen widerfahren, nicht einmal, daß ich ſeinem Vater fluche, der Herr Paſtor könnte mir ja ſonſt vorwerfen, ich ſäe Zwietracht in ſeine Familie und bräche mein Wort, ich habe ihm aber geſchrieben, daß ich dem aus ſeinem Blute, ſeiner Fa⸗ 37 milie, der noch ein Wort an die Meinen oder mich zu richten wagt, als einen Frevler behandeln werde, der das Unglück nicht reſpectirt, der den Willen von Unglücklichen verhöhnt.“ „Ich werde ſorgen, daß der Brief ſeine Adreſſe erreicht“, verſetzte Williams tief erſchüttert.„Der arme Georg. Es wird ihn hart treffen, aber Du konnteſt nicht anders handeln, jede Beziehung, jedes Band, das Dich und die Deinen an jene Familie feſ⸗ ſelt, muß zerriſſen werden, ſollen nicht von Neuem ſchändliche Intriguen beginnen. Ich hoffte zwar noch immer, daß die Erkenntniß bei meinem Schwager kommen werde, aber ich dachte da mehr an Sophie als an Dein armes Herz. Jetzt glaube ich es ſelber, daß eine Verſöhnung unmöglich, da Du die einzige Möglichkeit, die es noch dafür gab, mit Füßen von Dir geſtoßen. Ich tadle Dich nicht, Marco, ich achte Dein Gefühl, obwohl es furchtbar und grauſam gegen Dich und Andere iſt, gebe Gott, daß Segen daraus keime.“ „Ja, es wird Segen daraus keimen“, murmelte Williams vor ſich hin, als Marco ihn verlaſſen.„Jede tapfere Selbſtverleugnung, die edlerem Gefühle ent⸗ ſpringt, muß ſich am eigenen Herzen belohnen. Und er ahnt es vielleicht nicht, daß er gerade das anbahnt, 38 was er für immer zu vernichten gedenkt. Kenne ich Georg recht, ſo wird dieſes Schreiben feuriges Ver⸗ langen in ſeine Adern gießen, dem Manne gerecht zu werden, den ſein Vater um Alles gebracht. Und die Nemeſis wird den Verbrecher früher ereilen, als er es glaubt. Seine Kinder wenden ſich mit Grauen von ihm ab und nennen ihn den Mörder ihres Glückes, er ſteht einſam und allein. Kann Ehrgeiz, kann Reichthum dem Herzen Frieden geben? Können ſie es zufrieden machen? Können ſie die Geſpenſter bannen, welche das Gewiſſen aufſchrecken bei Tag und bei Nacht?“ Marco fand in Hamburg bei einem großen Han⸗ delshauſe eine Anſtellung und nach kurzer Probezeit erhielt er einen ſehr einträglichen Poſten. Die Probe⸗ zeit hatte nur ſeiner Befähigung gegolten. Der Han⸗ delsherr hatte die Abſicht gehabt, als Marco ſich bei ihm meldete, den jungen Mann, deſſen Geſchichte er ſoweit kannte, um zu wiſſen, daß er ein Opfer der Frommen, zu unterſtützen und kaum entdeckte er, daß er eine ſehr tüchtige Kraft, einen ſehr befähigten Mann engagirt, ſo gab er ihm auch einen entſprechenden Wirkungskreis. Hatte Streber bei ſeiner Anweſenheit in Hamburg Alles aufgeboten, für den Fall eines Prozeſſes die Meinung der Frommen für ſich zu ge⸗ 39 winnen, ſo brachte das jetzt Marco Nutzen, ein ehr⸗ licher und braver Mann war dadurch auf Marco aufmerkſam geworden, daß die Jeſuiten ſeine Familie anfeindeten. Drittes Kapitel. Ein Exeeß. Der Paſtor von Schwing und Cornelia ſind am Ziele ihrer Wünſche. Der Paſtor iſt Hofprediger ge⸗ worden, er ſteht in hoher Gunſt, er hat eine einträg⸗ liche Stellung und ihm gehört unbeſtritten das reiche Erbe des früher ſo beneideten Bruders, er hat Streber davon ſehr bedeutende Summen gegeben, aber die Erb⸗ ſchaft war groß genug, Schwing iſt doch ein ſteinreicher Mann, denn einmal hat er früher keinen Comfort des Lebens gekannt, und was für Andere nur ein bedeu⸗ tendes Vermögen geweſen wäre, das war für ihn ſchon ein unermeßlicher Schatz, dann aber brachte es ſein Beruf mit ſich, daß er keinen Aufwand zu treiben brauchte, daß er vor den Leuten einen beſcheidenen Haushalt führen mußte, er konnte alſo ſeine Einnahmen 3 41 unbeſchränkt zur Befriedigung ſeiner Gelüſte und Be⸗ gierden, ſeiner Neigungen und Liebhabereien verwenden, im Geheimen ſchwelgen, ſich jeden Wunſch erfüllen, der mit Geld zu befriedigen iſt. Reichthum macht hart. Der Doctor Williams irrte ſich ſehr, wenn er geglaubt, das Gewiſſen werde ſo bald den Pfarrer mürbe machen; gerade deshalb, weil der Pfarrer wußte, daß die Verbrechen, die er begangen, unverzeihlich, trotzte er dem Gewiſſen, weil er fühlte, daß er ſie nicht wieder gut machen konnte, ohne wieder zum Bettler zu werden und möglicherweiſe Zuchthaus⸗ ſtrafe zu erhalten, war er eher entſchloſſen, neue Härten zu üben und neue Verbrechen zu begehen, als ſich den ſchwer errungenen Sieg aus den Händen reißen zu laſſen. Cornelia ahnte es wohl, daß ihr Gatte gefährliche Dinge verübt, aber die Wagniſſe waren gelungen, die verhaßte Olympia und ihr Bruder Williams hatten ſich gebeugt, die öffentliche Meinung hatte über jene den Stab gebrochen, ſie war Frau Hofpredigerin, ſie fuhr jetzt in Carroſſen, ſie wurde zu Tauf⸗ und Hoch⸗ zeitsfeſten bei den vornehmſten Leuten gebeten, ihr Gatte trug einen Orden und durfte die Hoffeſte be⸗ ſuchen— was ſollte ſie ſich da um Vergangenes küm⸗ mern! 42 Sophie war bei ihren Eltern. Sie ſiechte hin, die Eltern bemerkten das kaum— zwiſchen Cornelia und ihrer Tochter war eine eiſige Spannung, ſeit Sophie entflohen, der Vater ging der Tochter aus dem Wege, er wußte ja von ihr, daß ſie ihn an Williams ver⸗ rathen, daß ſie gedroht, vor Gericht gegen ihn zu zeugen! Sophie war ruhiger, gefaßter, ſeit ſie erfahren, daß Marco lebte, daß er nicht irrſinnig gemacht wor⸗ den, daß dieſe furchtbare Ahnung ſich nicht erfüllt. Sie war nicht überraſcht, aus einem Schreiben Georgs zu vernehmen, daß Marco ſich losgeſagt von ihr und den Ihrigen, ſie hatte längſt gefühlt, daß er nicht anders werde handeln können, ſie dankte es Marco im Stillen, daß er nicht den Verſuch gemacht, ſie heimlich wiederzuſehen, das hätte ihr ja nur das Herz noch ſchwerer gemacht, da ſie ihren Eltern hatte geloben müſſen, ihm nicht zu antworten, wenn er ſchreibe, ihn nicht wieder zu ſehen, wenn er ihr heimlich zu nahen verſuchen ſollte Georg hatte ſeinem Vater einen Brief geſandt, in welchem derſelbe erklärte, daß er ſich von ihm los⸗-⸗ ſagen müſſe, er wolle ſich rein und frei halten von dem Fluche, den Jener über ſich heraufbeſchworen.— Schwing hatte auf Anrathen Strebers darauf erwidert, 43 er werde ihm ſo lange jede Zulage entziehen, bis Georg ihn in Demuth um Verzeihung gebeten, er werde je⸗ doch, wenn Georg fortfahren ſollte, trotzigen und un⸗ gehorſamen Sinn zu zeigen, Se. Majeſtät den König bitten, den ungerathenen Sohn auf eine Feſtung zu ſchicken. Georg hatte hierauf nicht geantwortet, obwohl Monate vergangen waren, er weilte noch im Orient und die Rückkehr des Prinzen konnte ſich lange ver⸗ zögern, da demſelben von den Aerzten gerathen wor⸗ den, längere Zeit in dem ſüdlichen Klima zu ver⸗ weilen. „Die Zeit iſt das beſte Heilmittel für Sentimen⸗ talitäten“, ſagte Streber—„im Gefolge des Prinzen braucht Georg keine Zulage, gewöhnt ſich aber ein luxuriöſes Leben an, kehrt er zurück, ſo wird er bald Geld brauchen und ſich wohl dem Vater unterwerfen. Es ſcheint übrigens, als ob er von Marco oder Wil⸗ liams Briefe erhalten hat, die ihn verletzt haben, ſonſt hätte er wohl in leidenſchaftlicher Erregung, ſtatt bit⸗ tere Briefe an den Vater zu ſchreiben, um Urlaub nachgeſucht und wäre heimgekehrt— da dies nicht ge⸗ ſchehen, wird er ſich wohl geben.“ Streber hatte Recht. In dem Briefe Marco's war Vieles, das Georg empören mußte, da er die 44 ganzen Vorgänge nicht kannte, es mußte ihn verletzen, daß der Freund ihm die Freundſchaft aufſagte, ohne zu fragen, ob Georg nicht gegen ſeinen Vater Partei nehmen werde— daß Marco ſich von vornherein jede Antwort verbat, als ob jede weitere Beziehung zu Georg ihn und ſeine Schweſter Marie beſchimpfe. So lebte alſo Schwing in der Ueberzeugung, die Früchte ſeiner Verbrechen ungeſtört genießen zu können. Das Einzige, was ihn an ſeine Schuld mahnte, war die Abhängigkeit von Streber, der immer wieder Geld forderte, obwohl Schwing geglaubt, ihn gut abgefunden zu haben. Schon war er feſt entſchloſſen, Streber bei nächſter Gelegenheit ein entſchiedenes Nein zu ſagen, da ſollte ein unerwartetes Ereigniß ihm zeigen, welche Folgen es hat, wenn man ſich mit gefährlichen Men⸗ ſchen eng verbindet und daß Sünden der Vergangen⸗ heit ſich nicht in Vergeſſenheit begraben laſſen. Es waren Jahre ſeit der Zeit vergangen, wo Streber die Gräfin Liebetraut verlaſſen. Er hatte ſie und ihren Fluch längſt vergeſſen. Er war ein angeſehener hoch⸗ geſtellter Mann, in der Gunſt des Hofes, er kam von Sansſouci, wo er eine Audienz beim Könige gehabt und trat in das Reſtaurationslocal des Bahnhofes von Potsdam, ſich wie gewöhnlich dort ein Diner zu beſtellen. 45 Die Kellner kannten ihn. Der vornehme Mini⸗ ſterialrath brauchte nicht mehr heimlich zu thun, wenn er einmal ſchwelgen wollte, die Kellner wußten, daß er die leckerſten Schüſſeln wählte und gute Trinkgelder zahlte, ſie bedienten ihn gern. Eine Gruppe junger Offiziere ſtand in der Nähe des Eingangs der Reſtauration, dieſelben hatte bis da⸗ hin an einem Fenſter geſeſſen und ſich erhoben, als der Wagen Strebers auf den Perron vorgefahren kam. Die Offiziere hatten ſehr lebhaft aber leiſe mit einander geſprochen, einer von ihnen, ein blutjunger Mann, der wohl erſt kürzlich die Epauletten erhalten und der einen Florſtreifen um den linken Arm, das Zeichen der Privattrauer trug, war beſonders erregt, er ſchien un⸗ ruhig, wurde bald roth, bald blaß und in ſeinem Auge blitzte ein düſteres Feuer. Als Streber in die Reſtauration eintrat, verſperrte die Gruppe ihm den Weg, aber ſie öffnete ſich, als er um Platz bat, ihn durchzulaſſen. Es hat nichts Angenehmes, durch eine Reihe von fremden Perſonen, die uns neugierig oder dreiſt mu⸗ ſtern, hindurchzugehen und ſo zu ſagen, unter ihren Blicken Spießruthen zu laufen, die Sache wird aber noch peinlicher, wenn man eine gehäſſige Abſicht dabei vorausſehen muß. 46 Streber trug noch das Haar fromm geſcheitelt, man ſah ihm den Mucker an und er fühlte ſich ſchon ſo allmächtig, daß er vorausſetzte, Jeder müſſe ihn kennen. Es war ihm bekannt, daß in der Armee vor⸗ züglich viel über die jetzige pietiſtiſche Richtung geſpöt⸗ telt wurde, es waren doch immer nur einzelne Offi⸗ ziere, die durch Schauſtellung ganz beſonderer Frömmig⸗ keit und chriſtlicher Demuth eine gewaltſame Carrière zu machen hofften, nur Einzelne, die ſich beiſpielsweiſe mit Sammelbüchſen an die Kirchthüren ſtellten, wenn der Hof das Gotteshaus beſuchte— die große geſunde Mehrzahl verachtete das jetzt im Lande modern gewor⸗ dene Heucheln. Es gehörte auch wohl Talent dazu, ſich ſo fromm zeigen zu können, wie der General von Thile, der dann auch den beſondern Segen erntete, daß er im Lande faſt allmächtig wurde und lauter Söhne hatte, die eine vorzügliche Carrière machten. Viele waren vielleicht ſehr ſtrenge, ſehr gute und noch frömmere Chriſten, aber ſie gingen nicht in die Kirchen, wo ſie auch von den Leuten geſehen wurden und hul⸗ digten weder einem Eichhorn noch einem Haſſenpflug. Johannes Streber fühlte ſein Blut wallen dieſe jungen Leute wollten ihn verhöhnen, ihn, den der Mo⸗ narch ſo eben mit einer Audienz ausgezeichnet! Es iſt bekanntlich eine alte Erfahrung, daß der 47 ärgſte Tyrann oft nicht ſo viel Unheil anrichtet, als ein wohlmeinender Fürſt, der ſein Vertrauen Elenden geſchenkt, weil er noch an die Menſchheit glaubt und Heuchelei nicht ahnt, weil er glaubt, daß ſeine Diener ſo ſind, wie ſie ihm erſcheinen, werden ſie ſeine Günſt⸗ linge und Günſtlinge ſind wie Maitreſſen die Vampyre am lebendigen Körper des Staates. Ein Colier von Parteigenoſſen umgarnt den Fürſten, läßt die Stimme der Wahrheit nicht an ſein Ohr dringen und beſchul⸗ digt Diejenigen, welche Mißvergnügen über ihre Will⸗ kührherrſchaft zeigen, der Undankbarkeit gegen den Monarchen, der ſein Volk glücklich zu machen träumt. Und dieſen herrſchſüchtigen Günſtlingen dienen Werk⸗ zeuge von der Sorte Strebers, ja mehr noch, dieſe ſcheinbaren Werkzeuge ſind eigentlich die Herren, denn Phraſen machen, Alles Widerwärtige dem Unglauben zuzuſchreiben, der da iſt die Mutter der Zwietracht, der Rebellion und aller Sündhaftigkeit im Munde der Frommen. Wir meinen, der fromm geſcheitelte Herr Streber 48 hätte echt chriſtliche Demuth gezeigt, wenn er die jun⸗ gen Leute nicht beachtet, ihnen den Uebermuth ver⸗ geben hätte, aber wir wollten das Charakteriſtiſche an ſolchen pietiſtiſchen Günſtlingen erklären; daß ſie eben nicht duldſam ſind, daß ſie da, wo ſie die Macht ha⸗ ben und glauben, ſich rächen zu können, ihre Maske abwerfen, ohne Scheu, ſich dadurch vor ihren Gönnern zu compromittiren. Johannes Streber blieb ſtehen, maß die jungen Offiziere mit ſtolzem, hochfahrendem Blick und ſagte: „Ihr Betragen iſt unpaſſend, ich werde das Ihrem Chef anzeigen—“ Er ſtockte plötzlich. Sein Blick fiel auf jenen Offizier, welcher am linken Arme den Florſtreifen trug, dieſer ſtand, die Arme verſchränkt, ein wenig entfernt von der Gruppe, aber ſo, daß Streber ihm begegnen mußte, wenn er weiter ſchritt. Das Antlitz des jungen Mannes mußte ihm be⸗ kannt vorkommen, mußte unangenehme Erinnerungen in ihm erwecken, ohne daß er jedoch wußte, wo er das Geſicht ſchon geſehen. Er ſtockte, er wurde unſicher, der Blick des jungen Mannes hatte etwas, daß ih erbeben machte. „Mein Herr“, antwortete einer der Offiziere, „Ihre Ausdrücke ſind beleidigend. Wer ſind Sie?“ 49 „Ich bin der Miniſterialrath Streber—“ „Das iſt wohl eine Lüge“, nahm jetzt der junge Offizier, der Streber mit flammenden Blicken maß, das Wort,„im Königreich Preußen macht man keine Schurken zu Beamten.“ Das Publikum drängte ſich hinzu, ein Murren ward laut. „Meine Herren“, wandte ſich Streber zu den Civilperſonen, denn alle Offiziere waren ein wenig zurückgetreten, ihm Platz zu machen,„ich bitte, daß einige von Ihnen die Güte haben, mir als Zeugen dienen zu wollen, ich werde hier angefallen und be— ſchimpft.“ „Nicht angefallen, nur geſtellt“, rief der junge Offizier,„und Sie werden keinen Zeugen brauchen, denn ich werde es überall wiederholen, was ich hier geſagt. Ich bin der Graf Kurt von Liebetraut, er⸗ kennen Sie mich etwa nicht mehr! Sie ſind ein Elen⸗ der, nicht werth, daß ich Ihnen ins Antlitz ſchlage, aber ich ſpeie vor Ihnen aus!“ Der junge Mann that, wie er geſagt. Einige ältere Herren wollten ſich ins Mittel legen, ihn war⸗ nen, aber er zeigte mit dem Finger auf Streber. „Sehen Sie den Menſchen an“, ſagte er bebend vor Erregung,„fragen Sie ihn, ob er es wagt, mir ins Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 4 50 Antlitz zu leugnen, daß er wie der elendeſte Schurke das Vertrauen meiner Mutter betrogen, meine Familie unglücklich gemacht. Sehen Sie ihn an, das Ver⸗ brechen hat ihn gebrandtmarkt, die heuchleriſche Maske iſt gefallen.“ Strebers Antlitz war aſchfarben, Entſetzen malte ſich in ſeinen Zügen, als Kurt ſeinen Namen genannt, und vergeblich rang er nach Faſſung, Aller Blicke wa⸗ ren auf ihn geheftet und ſchienen ihn zu verurtheilen, denn was der junge Offizier ſagte, ſchien zu unerhört, um erfunden zu ſein und man ſah es ihm an, daß er nur vor Empörung zitterte, nicht in niederer Leiden⸗ ſchaft. „Das ſollen Sie büßen“, ſchäumte Streber in Angſt und Wuth zitternd,„das iſt ein feiger Angriff, zehn Bewaffnete gegen einen Wehrloſen.“ Der General von Thile, der ſoeben von Sans⸗ ſouci gekommen, trat hinzu, betroffen von der Scene, drängte er ſich durch die Menge. „Was geht hier vor?“ herrſchte er, die Offiziere mit ſtrengem Blicke muſternd,„Herr Streber, hätte Jemand gewagt, Sie zu beleidigen?“ „Schützen Sie mich, Excellenz, ich bin auf das Unerhörteſte beſchimpft.“ „Von wem?“ 51 „Von mir, Excellenz“, ſagte Kurt vortretend,„ich wiederhole an Ew. Excellenz, daß ich dieſen Elenden bei ſeinem Namen genannt.“ „Herr Lieutenant, dieſer Herr iſt Miniſterialrath Sr. Majeſtät und mein Freund. Bitten Sie ihn auf der Stelle um Verzeihung, es muß ein grober Irr⸗ thum ſein, der Sie getäuſcht, jedenfalls wird die ſtrengſte Unterſuchung folgen.“ „Ich bitte um die Unterſuchung, Excellenz, wenn dieſer Bube ſich in Ihr Vertrauen geſchlichen—“ „Kein Wort mehr. Ich befehle es. Sie begeben ſich augenblicklich in Stubenarreſt. Das Weitere wird folgen.“ Kurt ſalutirte militäriſch und in militäriſchem Gehorſam entfernte er ſich ohne Widerrede, aber in feſter Haltung ſchritt er davon und Jeder, der Zeuge der Scene geweſen, Jeder, der ihn jetzt ſo furchtlos ſah, fühlte, daß das gute Recht auf ſeiner Seite. „Vergebet Euren Feinden“, ſagte Streber,„ſo heißt es in der Schrift, Excellenz, ich bitte um Nach⸗ ſicht für den jungen Mann.“ „Das wird ſich finden, lieber Streber. Kommen Sie mit mir—“ Der General reichte Streber die Hand, aber das Publikum ließ ſie nicht ungeſtört ziehen. 4* 52 „Der Lieutenant wird wohl Recht haben! Hätten wir nur öffentliche Gerichte— die Frommen halten zuſammen!“ Solche und ähnliche Rufe trafen das Ohr des Generals. Die Excellenz winkte einem Gensdarmen, der in die Thür getreten. „Verhaften Sie die Perſonen“, ſagte er,„welche es wagen, hochverräthiſche Reden zu führen.“ Ein Hohngelächter erſcholl durch den Saal, dann ward es ſtill. Die Leute ſetzten ſich, der Gensdarm notirte ſich mehrere Namen. „Erklären Sie mir, Streber, was war das?“ fragte der General, den Miniſterialrath in ein ſeparar⸗ tes Cabinet führend,„ich muß dem Könige von dieſem Vorfall Meldung machen.“ Der Ton des Generals war nicht ganz ſo wohl⸗ wollend als ſonſt— die ganze Art und Weiſe des Grafen Liebetraut mußte ihn ſtutzig gemacht haben, da dieſelbe nichts weniger als Unſicherheit verrathen und hier alſo von einem Exceß aus Uebermuth nicht die Rede ſein konnte. „Cxcellenz“, erwiderte Streber,„ich glaube nicht, daß die Sache dazu angethan iſt, der allerhöchſten Entſcheidung unterbreitet werden zu müſſen, ich glaube, daß eine ernſte Zurechtweiſung den jungen Mann ver⸗ 53 anlaſſen wird, ſein Unrecht einzuſehen, ich möchte nicht die Urſache ſein, daß er in ſeiner Carrière Nachtheile erleidet.“ „Herr Streber“, entgegnete der General, die Stirne runzelnd,„ich kann Ihnen in keiner Weiſe beipflichten Der junge Offizier lehnte meine Forderung, Ihnen Abbitte zu leiſten, in einer Weiſe ab, welche jede wei⸗ tere Nachſicht ausſchließt, er forderte die Unterſuchung und da wäre es ein böſes Beiſpiel, das wir der Welt geben, wollten wir ſie ihm verweigern.“ „Und wenn ſich ein Kind in den Brunnen ſtürzen will, Excellenz, hindert man es nicht mit Gewalt da⸗ ran, hätte es uns auch vorher mit Steinen geworfen?“ „Herr Streber, abgeſehen davon, daß ich hier chriſtliche Nachſicht für Schwäche und Sünde halten würde, muß ich Sie über einen Irrthum aufklären. Ich habe keine Strafgewalt über Offiziere; wenn ich das Recht habe, Offiziere, die einen Exceß begehen, in Arreſt zu ſenden, ſo muß ich davon Anzeige machen und dem betreffenden Commandeur die weitere Ver⸗ folgung der Sache überlaſſen. Ein Offizier iſt aber auch nicht mit einem Kinde zu vergleichen, mag er noch ſo thöricht gehandelt haben, er trägt die Uniform und wird als Offizier behandelt. Der Vorfall ſelber erfor⸗ dert aber ſchon an ſich die Unterſuchung. Ein Offizier 54 ſtellt öffentlich einen Beamten, um ihn zu beſchimpfen. Die Religion verbietet Ihnen das in ſolchen Fällen leider übliche Duell, um ſo ſchmählicher iſt die Heraus⸗ forderung, um ſo mehr gebietet es aber Ihre perſön⸗ liche Ehre und die des Beamten, den Schuldigen zur Rechenſchaft zu ziehen. Ich bitte Sie daher um die nöthigen Aufklärungen.“ „Euere Excellenz ſind nicht nur mein gnädiger Gönner, Sie ſind auch mein erleuchteter Bruder, der mit mir vom Urquell getrunken, Ihnen kann ich daher m Vertrauen Dinge enthüllen.“ „Lieber Streber“, unterbrach ihn der General ungeduldig,„davon ein andermal. Ich bin von vorn⸗ herein davon überzeugt, daß Sie hier das Opfer der Bosheit ſind, darum handelt es ſich nicht. Ich darf keine Zeit verlieren. Schon in dieſem Augenblicke iſt vielleicht der Commandeur des Garderegiments davon unterrichtet, daß ich einen ſeiner Offiziere in Arreſt geſchickt, ich behalte die Sache nur in der Hand, wenn ich jedem Andern zuvorkomme, ſagen Sie mir alſo nur ſolche Dinge, die ich auch dem Könige mittheilen kann, für vertrauliche Mittheilungen haben wir ein andermal Zeit.“ „Excellenz, ich kann die Sache eben nur auf ver⸗ trauliche Weiſe erklären und muß es dann Ihrem Er⸗ 55 meſſen anheim geben, von meinen Eröffnungen ſo weit Gebrauch zu machen, als es Ihnen gut erſcheint. Ich war der Erzieher des jungen Mannes, war Hauslehrer auf dem Schloſſe ſeiner Mutter.“. „Ah, ich errathe. Der Unſinnige rächt ſich jetzt für Ihre Strenge, die doch nicht ausgereicht, ihn zu beſſern!“ „Excellenz, der junge Mann hat eine ältere Schwe⸗ ſter. Dieſelbe— ich muß die Wahrheit bekennen— fand an mir Gefallen. Sie iſt ſchön, ſie ſah in mir einen Apoſtel, der das Gotteswort in ihr elterlich Haus getragen— ich widerſtrebte dem, obwohl mein ganzes Herz ihr gehörte, hielt ich es doch für eine Verletzung heiliger Pflichten, ein Liebe zu genießen, zu dulden, welche die geſellſchaftlichen Verhältniſſe einmal nicht geſtatten. Da kam mir von unſerm Meiſter Ebel, den ich um Rath gefragt, der Befehl, die Gefühle der jun⸗ gen Comteſſe nicht zurückzuweiſen, ich könne dadurch jeſuitiſchen Umtrieben, welche die aus dem Oeſter⸗ reichiſchen gebürtige Familie in ihr Netz zu ziehen trachteten, ein Ziel ſetzen. Ach, Excellenz, die Aufgabe war zu ſchwer für einen ſchwachen Menſchen, der es damals noch nicht gelernt, das Fleiſch zu kreuzigen, ich erlag einer Verſuchung, gegen die ich lange ver⸗ geblich gekämpft, in böſer Stunde— die Comteſſe * 56 ſuchte mich in meinem Schlafgemach auf unter dem Vorwando, ſie zittere für mein Leben— es war ihr nicht entgangen, daß ich abgemagert und daß ich krän⸗ kelte— der Adelsſtolz der Mutter verſagte mir, der Geliebten die Hand zu reichen, ihr Gatte zu werden. Jetzt wiſſen Sie Alles. Der herangewachſene Bruder der Comteſſe iſt jedenfalls arg im Irrthum über den Grad meiner Schuld. Ich will daher gern die Be⸗ ſchimpfung, die ich erlitten, als eine verdiente Buße hinnehmen, ich kann und darf um der Ehre der noch immer Heißgeliebten willen es nicht zu einer Unter⸗ ſuchung kommen laſſen.“ „Das iſt eine fatale, ſehr fatale Geſchichte“, mur⸗ melte der General.„Das kann unſeren Feinden wieder Stoff zu gehäſſigen Verleumdungen geben. Sie haben Recht, eine Unterſuchung würde Alles nur verſchlim⸗ mern. Der junge Mann wird das auch einſehen müſ⸗ ſen, er kann doch nicht die Schande ſeiner Schweſter veröffentlichen wollen. Die Sache iſt ſehr fatal, ſehr. Ich bin überzeugt, daß Sie nur menſchlich gefehlt, daß die Verſuchung Sie übermannt— ich werde das dem Könige vortragen, er wird einſehen, daß hier ein Macht⸗ ſpruch für alle Theile das Beſte iſt.“ Der General reichte Streber die Hand. So feſt war ſein Vertrauen auf dieſen Mann, ſein Glaube an 57 deſſen Wahrheitsliebe und Frömmigkeit, daß ihm nicht der leiſeſte Zweifel darüber kam, Streber könne ein härterer Vorwurf als der treffen, daß er menſchlicher Schwäche nach vergeblichem Kampfe erlegen— ſchien es doch natürlich, daß eine adelsſtolze Gräfin lieber die Schande ihrer Tochter geheim hielt, als dieſelbe einem Candidaten zur Ehe gab, ſchien es doch wahr⸗ ſcheinlich, daß Kurt von Liebetraut in der Leidenſchaft des Haſſes, ohne an die Folgen zu denken, Streber beſchimpft— vielleicht in dem Glauben, der Miniſte⸗ rialrath werde ſich mit ihm duelliren und er ihn nieder⸗ ſchießen können. 5„ Viertes Kapitel. Innere Genoſſenſchaft. Die Aeußerung des General Thile, daß ein Wahr⸗ ſpruch des Königs in dieſer Sache das beſte ſei, hatte Streber völlig beruhigt, er konnte ja auf den Einfluß des Generals bauen und wußte, daß die ganze Par⸗ tei der Frommen bloßgeſtellt war, wenn man ihm einen ſcandalöſen Prozeß machte. Stand er doch an der Spitze ſo und ſo vieler Vereine, galt er doch als ein Muſter und Führer der Frommen. Knirſchend gedachte er der Beleidigung, die ihm geworden und grübelte nach, wie er ſich heimlich rächen, Kurt verderben könne. Er gedachte ſich mit Wucherern in Verbindung zu ſetzen, den jungen Mann zu Ehrenſchulden zu verleiten, er leiſtete ſich den Schwur, nicht zu ruhen, bis er ihn — 59 entehrt, aber ſo leicht, wie er es gehofft, war die Sache nicht erledigt, man war dem General Thile zuvorge⸗ kommen, Kurt von Liebetraut hatte nicht übereilt, ſon⸗ dern nach vorbedachtem Plane gehandelt und vor allen Dingen war ein Umſtand eingetreten, an den Streber gar nicht gedacht— das Weſen, um deſſen Chre es ſich handelte— war nicht mehr am Leben! Die Comteſſe Lucie war in Italien eines todten Kindes geneſen, war in Folge der Niederkunft ſchwer erkrankt und endlich, nachdem man ſie auf den Rath der Aerzte nach der Schweiz gebracht, dort vor Kurzem ihren Leiden erlegen. In jenen Tagen, als die Intrigue Strebers die Familie Schwing ins Elend gebracht, hatte der Doctor Williams an die Gräfin Liebetraut geſchrieben, ihr die neuen Verbrechen Strebers geſchildert und angefragt, ob und wie weit ſie ihm geſtatte, ſich auf ihr Zeug— niß zu berufen, wenn es gelte, den Charakter Strebers vor Gericht zu kennzeichnen und Unglückliche vor ſei⸗ nen Verfolgungen zu retten. Der Brief war nach Italien gegangen, dann nach Schloß Liebetraut in Preußen zurück, dann erſt nach der Schweiz der Gräfin von ihrem Schloßverwalter nachgeſchickt worden. Er traf die Gräfin, während ihre Tochter im Sterben lag. Sie verſchob die Ant⸗ 60 wort, bis der Himmel über das Schickſal ihrer Toch⸗ ter entſchieden und als dieſelbe ſtarb, hatte die Gräfin keinen Anlaß mehr, den Verbrecher zu ſchonen, der Lucie gemordet. Sie ſchrieb an Williams, daß ſie ſich nach Berlin begebe, dem Könige das an ihrer Tochter begangene Verbrechen vorzutragen und um die Beſtrafung Strebers zu bitten. Dieſer Brief ging nach der früheren Hei⸗ math des Arztes und wurde von der Poſtbehörde an die Abſenderin zurückgeſchickt, da der Adreſſat fortgezogen und ſein Aufenthalt unbekannt. Die Gräfin war mittlerweile in Berlin einge⸗ troffen und hatte dort ihrem jetzt erwachſenen Sohne das Geheimniß, das auf Lucien gelaſtet, mitgetheilt. Ihr Sohn garniſonirte in Potsdam. Während die Gräfin, noch erſchöpft von der weiten Reiſe und den Gemüthserregungen, die ſie erlitten, einige Tage damit zögerte, um eine Audienz nachzuſuchen, hatte Kurt, leiden⸗ ſchaftlich erregt, den Entſchluß gefaßt, ſelbſtändig zu handeln. Er hatte Nachrichten über Streber eingezogen und ältere Offiziere um Rath gefragt, dieſe hatten ihm vorgeſtellt, welchen Einfluß Streber beſitze, wie eine Audienz ſeiner Mutter vielleicht ganz nutzlos ſein werde, da die Frommen ſchon Streber helfen würden, ſich rein zu waſchen und hatten ihm gerathen, für alle 64 Fälle die ganze Sache ſeinem Regiments⸗Commandeur anzuvertrauen. Kurt befolgte dieſen Rath. Wie leidenſchaftlich er auch erregt war, wollte er doch möglichſt ſicher gehen. Er trug ſeinem Oberſten die Sache vor. Der⸗ ſelbe war durch und durch ein Ehrenmann und ob er auch Commandeur eines Garde⸗Regiments war, doch kein Freund der herrſchenden Richtung bei Hofe, er haßte dieſe heuchleriſchen Beter, die den König immer mehr ſeinem Volke entfremdeten. „Herr Graf“, ſagte er, als Kurt geendet,„ich mag und will Ihnen keinen Rath geben, wie und auf welche Weiſe Sie die Ehre Ihrer Schweſter rächen und ſich perſönliche Genugthuung verſchaffen, wollen Sie deshalb Rath, ſo gehen ſie zu älteren Kamera⸗ den, ich als Ihr Vorgeſetzter kann Sie nur warnen, nicht mehr zu thun, als Sie vertreten können und Ihnen verſprechen, daß ich für Sie eintreten werde, als wären Sie mein eigener Sohn.“ Der Regiments⸗Commandeur hatte Wort gehalten und da man ihn ſehr raſch von der Arretirung Kurts in Kenntniß geſetzt, war er bereits in Sansſouci, als der General von Thile dort eintraf, er begegnete demſelben im Veſtibul des Schloſſes; da die Majeſtäten bei Tafel waren, hatte er ſich noch nicht anmelden laſſen können. 62 Was zwiſchen den beiden hohen Offizieren vorge⸗ fallen und verabredet worden, wird der Leſer aus Folgendem erſehen. Noch am Abende deſſelben Tages erſchien Streber im Cabinet des General von Thile zu Berlin, er war eiligſt dorthin beſchieden worden. Das Weſen des Generals war ſehr verändert, er bot Streber bei deſſen Eintritt nicht ſeine Hand, nicht einmal einen Stuhl. Seine Miene war düſter.„Herr Miniſterialrath“, ſagte er,„die Sache iſt mir von anderer Seite anders geſchildert worden. Auf Wunſch und Forderung des betreffenden Vorgeſetzten des Gra⸗ fen Liebetraut iſt derſelbe ſeines Arreſtes entlaſſen worden, ich habe Sr. Majeſtät noch keinen Vortrag über die Angelegenheit gehalten, weil ich Sie vorher nochmals hören wollte. Es wird mir verſichert, daß Sie das junge Mädchen verführt, daß Sie eine Geld⸗ entſchädigung dafür gefordert und erhalten haben, daß Sie Ihr Verbrechen verſchweigen, daß Sie eine Schrift unterzeichnet haben, in der Sie Ihr ſchmähliches Ver⸗ brechen eingeſtanden, was haben Sie zu erwidern?“ Streber lächelte, obwohl ſeine Wange bleich ge⸗ worden.„Excellenz“, erwiderte er,„ich würde auf ſolche Beſchuldigungen, welche nur die Bosheit meiner Feinde erfunden, keine Antwort geben, läge es mir 63 nicht daran, Zweifel zu zerſtreuen, welche ein gnädiger Gönner zu hegen ſcheint. Mögen meine Feinde mich anklagen, mögen ſie ihre Behauptungen beweiſen. Ha⸗ ben ſie eine Schrift von mir, welche ein Geſtändniß von Dingen enthält, welche ich begangen haben ſoll, ſo mögen ſie dieſelbe vorzeigen, ich gebe nur das Eine zu, daß ich eine Geldentſchädigung gefordert und er⸗ halten habe, dieſe betraf aber nur das Honorar, das man mir als Lehrer ſchuldete, ich forderte es, um jede Verleumdung zu widerlegen, daß man mich in Unehre entlaſſen könne und dürfe, übrigens kann ich nach⸗ weiſen, daß ich das Geld einer frommen Stiftung zu⸗ gewandt habe.“ „Herr Streber, es ſoll mir lieb ſein, wenn Sie den Proceß gewinnen, der, ſo traurig es auch iſt, nicht vermieden werden kann. Die Gräfin Liebetraut iſt in Berlin. Ihr Sohn iſt ihr nur zuvorgekommen. Sie fordert Ihre Beſtrafung. Die Comteſſe Lucie iſt todt und ſoll auf ihrem Sterbebette eine amtlich beglau⸗ bigte Erklärung abgegeben haben, daß Sie alle Künſte der Verführung angewandt und endlich durch Liſt und Ueberrumpelung ſie entehrt.“ Streber hatte ſein Erſchrecken bei der Nachricht vom Tode Lucie's nicht verbergen können, aber auch das brachte ihn nicht aus der Faſſung.„Da haben 64 Sie ja den Beweis“, ſagte er,„daß meine Feinde mich aus Bosheit und Rache verleumden. Aber ich weiß es, das gilt nicht mir, ſondern der Partei, der ich diene. Warum klagte man mich nicht bei Lebzeiten der Geliebten an, ſtellte ſie mir gegenüber?! Man hat das unglückliche Weſen geknechtet und bedrängt durch Ränke aller Art, ihre Leiden benutzt, ſie irre zu machen an ſich ſelber. Excellenz, welchen Werth kann eine ſolche Ausſage haben, in welcher eine Kranke ihre eigene Ehre zu retten ſucht! Eine Kranke, die während langen Leidens unter dem Einfluſſe der Jeſuiten und einer ſtolzen, herrſchſüchtigen Mutter geſtanden!“ Der Blick des Generals fixirte den Miniſterial⸗ rath ſcharf, aber dieſer bot demſelben Trotz. „Sie ſcheinen beinahe einen Proceß nicht zu fürch⸗ ten?“ forſchte der General. „Ich ſtehe in Gottes Hand und werde in De⸗ muth tragen, was ſein heiliger Wille über mich ver⸗ hängt. Gälte es mir allein, ſo würde ich meinen Feinden den rechten Backen bieten, nachdem ſie mich auf den linken geſchlagen, meine Hoffnung iſt nicht von dieſer Welt. Aber was mich beunruhigt und be⸗ kümmert, was mich tief niederbeugt, das iſt der Ge⸗ danke, daß eine Sünde von mir, für welche ich ſeit Jahren Buße gethan, den Feinden der Kirche und des 65 wahren Glaubens Gelegenheit und Vorwand bietet, in mir die Geiſtlichkeit und meine hohen Gönner, denen ich Alles verdanke, was ich bin, zu verhöhnen und mit Verleumdungen anzugreifen. Weil die Gottesfürchtigen jetzt mächtig geworden durch die Gnade Gottes im Staate, naht ihnen die Verleumdung, wären wir un⸗ terdrückt, ſo ſchwiege der Haß. Man geht ſyſtematiſch zu Werke. So griff man den edlen, frommen Paſtor von Schwing an, ſo ergeht es jetzt mir und ich müßte mich ſehr irren, wenn die Gräfin Liebetraut nicht den Doctor Williams zum Zeugen gegen mich aufrufen ſollte, der ſein Vaterland verlaſſen hat, um der Strafe für die Erregung von Aufruhr zu entgehen, den ich mit Nachſicht hehandelt, als ich die Pflicht gehabt hätte, ſtrenge zu ſein. Man ſcheut aber keine Mittel, dem Monarchen die Perſonen zu verdächtigen, weil man der von ihnen vertretenen Sache nicht ſchaden kann. Im Intereſſe der Partei allein fürchte ich einen Proceß; was mich angeht, ſo ſtelle man mich vor ein Conſiſtorium, unterſuche und richte, ich werde Rechen⸗ ſchaft geben über jeden Tag meines Lebens, vor Gott bin ich ein großer Sünder, vor den Geſetzen dieſer Erde aber fühle ich mein Gewiſſen rein.“ „Sie haben Recht“, ſagte der General wieder in wohlwollendem Tone, denn die zuverſichtliche Ruhe Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 5 und Sicherheit Strebers ſchlugen ſeine Zweifel nieder, „man möchte die Perſonen verderben, da man die Sache nicht antaſten kann und was Sie bedroht, das bedroht unſere Partei. Ich habe auch Beiſpiele da⸗ von, wie die Verleumdung und Bosheit mich und alle Diener des Königs angreifen, die Gottesfurcht und Religion dem Volke zurückgeben wollen. Es iſt betrü⸗ bend, daß immerhin eine Schuld, wenn auch eine ver⸗ zeihliche, Sie trifft und damit es nicht heiße, die Die⸗ ner der Kirche bleiben von ſtrenger Gerechtigkeit ver⸗ ſchont, werde ich den König bitten, die Unterſuchung auf dem Disciplinarwege gegen Sie einleiten zu laſ⸗ ſen, werden Sie dann freigeſprochen, wie ich hoffe und erwarte, ſo müſſen Ihre Ankläger beſtraft werden.“ Streber biß ſich auf die Lippen, er hatte einen günſtigeren Ausgang dieſer Unterredung erwartet. „Excellenz“, erwiderte er,„ich danke Ihnen mit freudigem Herzen für dieſes Wort, ich werde die Lä⸗ ſterungen meiner Feinde zu Schanden machen. Aber um Eines möchte ich noch bitten. Es iſt eine große Gunſt, ein großer Vorzug, dem Ohr des Königs ſeine Sache vorzutragen. Der Monarch hat ein weiches, edles Herz, er glaubt nicht an die Heuchelei und Bos⸗ heit der Menſchen. Sollen meine Ankläger dem Kö⸗ nige nahen, ohne daß ich mich vertheidigen kann?“ 67 „Nein, das wäre unbillig. Was in meinen Kräf⸗ ten ſteht, dies zu verhindern, ſoll geſchehen und an⸗ dernfalls werde ich für Sie das Wort führen. Ver⸗ laſſen Sie ſich darauf. Herr Streber, ich habe Ihnen mein ganzes Vertrauen geſchenkt. Sollten Sie mir doch irgend Etwas in dieſer Sache verſchwiegen haben, bekennen Sie es lieber offen, als daß Sie mich täu⸗ ſchen.“ „Excellenz, ich wäre deſſen nicht fähig. Ich habe die Wahrheit bekannt, das weiß Gott, der in die Her⸗ zen der Menſchen ſchaut.“ „So wird der Herr Sie nicht verlaſſen in dieſer Prüfung.“ Der General reichte Streber wieder die Hand, ſeine Zweifel waren geſchwunden. Von Seiten der Polizei war die Cenſurbehörde veranlaßt worden, keine Beſprechung des in Potsdam erfolgten Exceſſes zu dulden, der Vorfall durfte nur mit der Bemerkung angedeutet werden, daß eine ſtrenge Unterſuchung ſtattfinden werde. Wir können ſchon jetzt verrathen, daß der Gräfin Liebetraut eine Audienz beim Könige mit der Notiz verſagt wurde, ihre Ange⸗ legenheit und die ihres Sohnes ſei den Behörden zur Recherche übergeben, der Lieutenant Kurt von Liebe⸗ 5*½ traut werde nach dem Ergebniß dieſer Unterſuchung ſein Urtheil erhalten. Johannes Streber hatte den General wuthknir⸗ ſchend verlaſſen. Das waren alſo ſeine Freunde und Gönner, die über ihn eine Unterſuchung verhängten, während es ihnen doch nur geringe Mühe gekoſtet hätte, durch eine Vorſtellung der Sache beim Könige Alles durch einen Machtſpruch zu erledigen. War es dieſe Partei werth, daß er ſich ihrem Dienſte ergeben und heuchelte und Geld an fromme Stiftungen opferte? War das die Macht, die er erreicht zu haben glaubte? Streber eilte in höchſter Erregung zu Schwing. Die Sache ſtand für ihn ziemlich bedrohlich. War er auch deſſen gewiß, daß man Richter unter den Con⸗ ſiſtorialräthen wählen werde, die günſtig für ihn ge⸗ ſtimmt, ſo mußten dieſe doch nach den Zeugenaus⸗ ſagen und Actenſtücken urtheilen. Das Zeugniß der Gräfin war nicht zu fürchten. Sie war Partei in der Sache und er konnte ſagen, daß jetzt auch das Intereſſe der Mutter, den Sohn vor Strafe zu be⸗ wahren, vorherrſche. Die Ausſage Lucie's auf dem Sterbebett ließ ſich anfechten, wenn ſie auch amtlich beglaubigt war, es blieben alſo noch Schwing und Williams übrig. Williams konnte ebenfalls als par⸗ teiiſcher Zeuge angefochten werden, überdem hatte Stre⸗ 69 ber von ihm das Document, in welchem der Arzt ſich feierlich verpflichtet hatte, ihn weder mit Feindſelig⸗ keiten und Gehäſſigkeiten zu verfolgen, noch jemals klagbar gegen ihn zu werden. Streber konnte die Sache umdrehen und ſagen, Williams habe ihm dies verſprechen müſſen, weil er Dinge begangen, wegen denen Streber ihn hätte vor Gericht ſtellen können, Streber konnte behaupten, die Schrift, welche Jener von ihm beſeſſen, ſei von Williams gefälſcht geweſen, darum habe er ſie auch zurückgegeben, wenn er Schwing das Zeugniß gab, das Streber von ihm fordern wollte! Ein ſolches Zeugniß mußte aber beeidet werden und nicht ohne lebhafte Unruhe ſagte ſich Streber, es werde ſehr ſchwer halten, Schwing zu einem Meineide zu bewegen. Der Charakter Schwings ließ dieſe Beſorgniß ſehr lebhaft werden. Es war damals noch nicht wie heute der Meineid modern. Wenn man heute Richter in großen Städten fragt, wie dieſe oder jene Klage ſich ſtellen wird, ſo lautet leider die Antwort, daß es in den meiſten Fällen darauf ankommt, wer zum Eide zugelaſſen wird, daß man ſelbſt, wo es ſich um Ba⸗ gatellen handelt, trotz aller immer häufiger werdenden Beſtrafung des Meineides, die Eide in der leichtfertig⸗ ſten Art abgegeben ſieht. Wir glauben nun freilich, daß hierzu ſehr viel die Vergünſtigung, welche Polizei⸗Beamte haben, ihre Ausſage auf den Dienſteid nehmen zu können, beiträgt. Ob mit Recht oder Un⸗ recht— es iſt im Volke der Glaube verbreitet, daß Angeklagte hierdurch benachtheiligt werden, hört man doch die Redensart„auf den Dienſteid will ichs nehmen, beſchwören kann ichs nicht“— die eine Poſſe als Witz⸗ wort gebracht— überall im Munde des Volkes. Die Eide der Beamten wiegen vor Gericht oft ſchwerer als die der Zeugen und die Lectüre der Gerichtsver⸗ handlungen aller Prozeſſe, in denen früher unbeſchol⸗ tene Leute auf den Eid eines Polizeibeamten hin ver⸗ urtheilt worden, reizt zu natürlicher Oppoſition. Der Eid, anſtatt nur in den ſeltenſten Fällen gebraucht zu werden, gehört jetzt faſt zu jedem Prozeß, das Feier⸗ liche, das die Abnahme des Eides haben ſoll, ſchwin⸗ det ganz, wo die Uebernahme auf den Dienſteid ge⸗ ſchieht und wird durch die Häufigkeit, mit der man Eide bei jeder Bagatelle fordert, beinahe ganz aufgehoben. Wird der Eid ein bequemes Mittel, ein raſches Urtheil fällen zu können, ſo darf man ſich darüber nicht wundern, daß er auch leichtfertig und gewiſſen⸗ los in ſehr vielen Fällen abgelegt wird, beſonders von Leuten, die fortwährend Klagen und Prozeſſe führen. 71 Der Meineid wurde zu der Zeit, in welcher un⸗ ſere Erzählung ſpielt, noch mit Ausſtellung am Pran⸗ ger beſtraft, ein Strafmittel, welches gewiß das einzig Richtige für den Zweck iſt, den Meineid als verächt⸗ lich zu brandmarken, freilich dürfte dann dieſes Mittel nicht auch für andere Verbrechen gelten, damit es ſich nicht abnutzt, der Meineid müßte eben ſeine beſondere entehrende, öffentliche Strafe haben, und weil das Volk durch Meineide ſeine Intereſſen geſchädigt weiß, würde in dieſem Falle die Prangerſtrafe wirkungsvoll ſein und ein abſchreckendes Beiſpiel geben. Der Verbrecher aus beſſeren oder bevorzugteren Ständen wagt ſelten Etwas, wofür er mit einer öf⸗ fentlich entehrenden Strafe bedroht wird. Dies war es aber nicht allein, was nach der Anſicht Strebers den Paſtor zurückhalten konnte, einen falſchen Eid zu leiſten. Schwing hatte, trotz Allem, was er verbrochen, ein Gewiſſen, das hatte ſich darin gezeigt, daß er Marco nicht hatte ſterben laſſen, daß er es für einen Mord gehalten, wenn er den Kranken durch Entziehung der Pflege dem Tode preisgegeben hätte. Streber hielt es daher für nothwendig, mit den äußerſten Mit⸗ teln vorzugehen, er zeigte ſich dem Paſtor in höchſter Erregung,„ſammeln Sie alles baare Geld, welches Sie aufbringen können“, ſagte er,„wir müſſen fliehen!“ 72 Der Paſtor ſchaute mit Entſetzen auf, er ward bleich wie der Tod. „Fliehen?“ ſtotterte er,„warum, was iſt ge⸗ ſchehen?“ „Die Liebetraut iſt hier, Lucie iſt todt, ſie will mich verklagen. Ihr Sohn hat mich öffentlich be— ſchimpft.“ „Die Sache geht mich nichts an“, verſetzte Schwing aufathmend. Streber lachte bitter auf und ſein Auge erhielt etwas diaboliſches.„Geht Sie nichts an!“ rief er mit Ironie und Spott.„Mann, glauben Sie, ich wäre Ihr Werkzeug geweſen, damit Sie gemächlich leben können? Wir ſind an einander geſchmiedet und fällt der Eine, ſo fällt auch der Andere.“ „Sind Sie wahnſinnig, Streber? Was kann ich dafür, daß Sie die Comteſſe verführt—“ „Und was kann ich dafür, daß Sie einen Men⸗ ſchenraub, Unterſchlagung von Documenten und Erb⸗ ſchleicherei begingen? Ich dächte, wenn wir abrechnen, find Sie mir mehr ſchuldig, als ich Ihnen. Ich habe Ihnen in jenem Prozeß geholfen, jetzt fordere ich Glei⸗ ches von Ihnen.“ „Um Gotteswillen Streber, ſprechen Sie nicht ſo laut. Ich will Ihnen ja helfen. Wollen Sie fliehen? 73 Brauchen Sie Geld, ich werde Ihnen ſolches ge⸗ ben— ⸗ „Nein, beſter Herr Paſtor von Schwing, wir fliehen Beide, oder Keiner. Ich kann mich nun ein⸗ mal von Ihnen nicht trennen, Sie ſind mir ans Herz gewachſen.“ „Streber, ich kenne Sie nicht wieder. Nehmen Sie doch Vernunft an. Fliehe ich, ſo gehen alle Ca⸗ pitalien verloren, die ich nicht gleich flüſſig machen kann, da iſt jede Anklage ſo gut wie erwieſen, da triumphiren unſere Feinde. Gott im Himmel, was iſt es denn Großes, daß Sie ein Mädchen verführt. Das haben hohe Herren auch gethan. Die Sache muß ſich doch drehen laſſen.“ „Der Schimpf iſt es, der mich wie raſend macht“, erwiderte Streber und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne.„Der Bube hat mich öffentlich beſchimpft. Aber Sie haben Recht. Es wäre feige, zu fliehen, die Sache iſt nicht ſo ſchlimm. Ueberdem, ja richtig, o, daß ich das vergeſſen, ich habe den Schein von Wil⸗ liams zurück, und da kommt es ja allein auf Ihre Ausſage an. Ich war wie geiſtesabweſend. Lachen wir, Cumpan, wir helfen Beide einander und werden abermals triumphiren. Sie ſchelten Williams einen Lügner, der aus Haß und Rache redet, wenn er von 74 der Schrift ſpricht, es war ja kein anderer Zeuge da.“ „Ich werde meine Ausſage beeiden müſſen. Be⸗ denken Sie, Streber, Williams kann die Schrift An⸗ deren gezeigt haben. Nein. Wäre es nicht beſſer, Sie ſagen, er habe die Schrift von Ihnen erpreßt, oder noch beſſer, Sie hätten ſich in der Zerknirſchung Ihres Herzens Allem gefügt.“ „Williams hat die Schrift Keinem gezeigt, er mußte die Ehre Liebetrauts ſchonen, er wagte es ja nicht, damit zu drohen, als er Alles daran ſetzte, Ihnen meine Hilfe zu entziehen. Wir ſtempeln ihn direct zum Lügner, Ihre Ausſage entſcheidet.“ „Meine Ausſage?! Streber, Sie können Alles von mir verlangen, aber nicht, daß ich wiſſentlich einen falſchen Eid leiſte, das werde ich niemals thun.“ „Niemals? Sind der Herr Paſtor jetzt plötzlich ſo gewiſſenhaft geworden?“ „Streber, echauffiren wir uns nicht gegen einan⸗ der. Es hat Alles ſeine Grenzen, auch die Opferwil⸗ ligkeit für den Freund. Ihnen bleiben hundert andere Wege, ſich zu retten, es iſt wahrlich kein Beweis der Freundſchaft, daß Sie von mir fordern, ich ſoll ein Verbrechen begehen, mich entehrender Strafe ausſetzen.“ „Da haben wirs. Als ich Ruf und Stellung 75 für Sie aufs Spiel ſetzte, da war kein Freundſchaſts⸗ dienſt zu groß. Aber der Herr Paſtor von Schwing iſt jetzt ein reicher, angeſehener Mann durch mich ge⸗ worden und der Mohr hat ſeine Schuldigkeit gethan, er kann gehen. Ich werde gehen, Herr College. Ich werde Herrn Doctor Williams ſagen, wer der Herr Bullermann geweſen iſt, der Marco von Schwing ſeine Papiere und ſein Geld geſtohlen hat. Ich werde das anzeigen und dann brauchen Sie keinen Eid zu leiſten, denn Diebe kommen nicht zum Schwur. Das iſt auch ein Mittel, mich zu retten.“ Der Paſtor ſtarrte zu Boden, ſein Antlitz ward aſchfahl, im Auge war jeder Glanz erloſchen.„Mir ahnte es“, murmelte er,„daß es ſo kommen werde. Gott iſt gerecht. Aber könnte ich Sie retten, Streber, mit einem Aufheben des Armes, jetzt thäte ich es nicht mehr. Sie haben mir in dieſer Stunde gezeigt, was ich von Ihnen zu erwarten habe, wenn ich nicht Ihr Werkzeug, Ihr Sklave ſein will. Was Sie mir heute drohen, werden Sie morgen bei anderer Gelegenheit wiederholen. In dieſer ſteten Angſt zu leben, das iſt gräßlicher als der Tod. Ich habe Ihnen Geld gege⸗ ben, ſo viel Sie gefordert, ich will jetzt Ruhe haben vor Ihnen oder lieber mein Leben enden. Thun Sie Ihr Aergſtes, ich belaſte mein Gewiſſen nicht weiter. 76 Gönnen Sie mir es nicht, daß ich in Frieden vor Ihnen lebe, ſo— darauf gebe ich Ihnen mein Wort — lege ich lieber Hand an mein Leben, als daß ich Ihr Spielwerk bin und mich von Ihnen tiefer in den Abgrund reißen laſſe. Das iſt mein letztes Wort. Das Leben iſt mir ſchon oft zur Qual geworden, Sie wollen es mir ganz unerträglich machen. Ich ſage nein, und abermals nein.“ Streber ward bleich, die faſt tonloſe Stimme, das düſtere Ausſehen des Paſtors verriethen, daß ſein Entſchluß feſt. „Pah!“ ſagte der Miniſterialrath, ſich zu einem Lächeln zwingend,„ſich das Leben nehmen iſt leichter geſagt als gethan und immer eine Thorheit und da wir ja Chriſten ſind, auch eine Sünde. Sie verken⸗ nen mich, Schwing. Ich bin über gewiſſe Scrupel hinweg und was ich von Ihnen erbitte, das würde ich für Sie ohne Redensarten thun. Daß ich in mei⸗ ner bedrohten Lage heftig werde und Drohungen aus⸗ ſtoße, können Sie mir nicht verargen, ich habe mich um Ihretwillen auch Gefahren ausgeſetzt. Ich denke nicht daran, Ihnen das Leben zu verbittern, ich habe der Hand Ihrer Tochter entſagt, Ihnen keine Schwie⸗ rigkeiten zu bereiten, jetzt frage ich Sie, hätte ich Sie bei Ihrem Worte gehalten, wäre ich der Gatte Ihrer 77 Tochter, würden Sie da wieder Ihren Schwiegerſohn zeugen? Es macht mich bitter, daß Sie jetzt, wo Sie mir ſo viel verdanken, gleichgiltig gegen mich geworden und ſo reden, als wäre ich Ihr Verführer, Ihr Feind geweſen— haben Sie keine Furcht. Ich verrathe nie Jemand, ſelbſt den nicht, der mit Undank lohnt. Aber triumphiren Sie nicht zu früh. Es kann die Stunde kommen, wo Sie mich wieder brauchen, da wird Ihnen Johannes Streber fehlen, da werden Sie es bereuen, Jemand, der für Sie nichts geſcheut, gleichgültig im Stich gelaſſen zu haben.“ „Ich laſſe Sie nicht gleichgiltig im Stich, wahr⸗ lich, nein. Könnte ich Ihnen helfen, ich thäts, aber noch ein Verbrechen auf meine Seele laden, das ver⸗ mag ich nicht. Es muß andere Mittel geben, Sie aus Ihrer Lage zu reißen, die mir gar nicht ſo verzweifelt erſcheint. Wer will Ihnen beweiſen, daß Sie die Comteſſe durch unerlaubte Mittel verführt, daß Sie nicht umgekehrt verführt worden ſind, und daß man jetzt, nach Jahren, nur die Sache verdreht? Ich kann nicht für Sie zeugen, wohl aber jedes Zeugniß in der Sache verweigern, da ich Verſchwiegenheit Ihnen ge⸗ lobt. Ich kann ausſagen, daß Sie die Abſicht gehabt, der Comteſſe Ihre Hand zu reichen, daß Sie ſehr niedergeſchlagen geweſen, daß ich kein Bedenken ge⸗ tragen, Ihnen nach Kenntniß jener Vorfälle, die Hand meiner Tochter zu geben. Das muß den Richtern ge⸗ nügen.“ „Wollen Sie das thun?“ rief Streber, beide Hände des Paſtors ergreifend, als ob er mehr erlangt, als er gehofft,„dann that ich Ihnen Unrecht, verzeihen Sie mir. Schwing, dann bin ich mehr als zufrieden. Ich fürchtete ja nur, daß Sie gegen mich ausſagten.“ „Das werde ich nicht, verlaſſen Sie ſich darauf.“ Als Johannes Streber den Paſtor verließ, ſchien es, als ſei zwiſchen Beiden das alte Einvernehmen wieder hergeſtellt, aber während Streber innerlich vor Wuth knirſchte, daß er ſeinen Willen nicht durchgeſetzt, und Schwing Rache ſchwur, machte ſich dieſer keine Illu⸗ ſionen darüber, daß er Streber, wie dieſer geheuchelt, zufrieden geſtellt. Die Furien der Nemeſis hatten ihre Klauen in ſein Herz gedrückt, verſchwunden war der kalte Sonnenſchein ſcheinbarer Zufriedenheit, äußerer Be⸗ haglichkeit, jene Stürme begannen zu toben, welche oft den, welchen Menſchen oft wegen ſeiner äußerlich glück⸗ lichen Lage beneiden, elender machen, als den ärmſten Bettler.“ Fünftes Kapitel. Fluch der Schuld. Wir wollen den Leſer nicht mit der ausführlichen Schilderung des Verlaufs der gegen Streber einge⸗ leiteten Disciplinarunterſuchung ermüden. Es lag einerſeits im Intereſſe der herrſchenden Partei, im ganzen Princip der Eichhornſchen Regierung, derartige Angriffe gegen Geiſtliche und Beamte möglichſt zu unterdrücken und öffentliches Aergerniß zu vermeiden, auch ferner im Intereſſe der frommen Umgebung des Königs, ſolche Angriffe als gehäſſige Verleumdungen darzuſtellen, andrerſeits aber waren die geiſtlichen Räthe, welche die Unterſuchung führten, von der Fröm⸗ migkeit, der Tugend und Unſchuld Strebers ebenſo überzeugt, als ſie deſſen Widerſacher für Feinde der Kirche hielten. Es ſprach für Streber, daß man Jahre lang gewartet, ehe man eine Anklage erhoben, daß dieſe mit einer öffentlichen Inſulte begonnen, daß man als einzigen Zeugen einen Mann aufrief, der in der Schwing'ſchen Angelegenheit die Partei einer in wilder Ehe lebenden Perſon lebhaft ergriffen, Exceſſe veranlaßt und dann doch ſein Unrecht in dem Vergleiche einge⸗ ſtanden. Es ſprach für Streber, daß Williams die Schrift nicht beibrachte, welche er Streber abgezwungen und Strebers Behauptung, er habe ſelber eingeſehen, daß ihm Unrecht geſchehen, fand Glauben. Es erſchien den Richtern wahrſcheinlicher, daß die junge Dame in Schwärmerei für den Lehrer, ſinnliche Be⸗ gierden in ihm erweckt, als daß er ſie verführt, denn er hätte ſich ja bei ſolchen Verſuchen einem keuſchen Weſen gegenüber der Gefahr ausgeſetzt, Ehre und Amt zu verlieren, dem Haſſe der ſtolzen Mutter aber war es wohl zuzutrauen, daß ſie, die Streber nach dem Vorgefallenen doch noch die Hand ihrer Tochter ver⸗ weigert, Lucie durch alle Künſte der Ueberredung da⸗ hin gebracht, auf dem Sterbebette, vielleicht unter An⸗ drohung des mütterlichen Fluches, ihren Liebhaber als Verführer anzuklagen. Es blieb immer entſcheidend, daß Streber der Verführten ſeine Hand angeboten, daß Schwing und 8¹ ſelbſt Williams dies beſtätigten, daß der Letztere zu⸗ geben mußte, Streber habe ihm erklärt, er unterziehe ſich jeder Demüthigung als Buße für ſeine That. Das Gericht ſchloß die Acten und nahm an, daß Streber zwar einen Fehltritt begangen, der, obwohl er durch die menſchliche Schwäche entſchuldigt, doppelt ſchwer wiege, da er ein geiſtlicher Lehrer, ein Candidat des Predigtamtes geweſen, daß er aber denſelben ſchwer gebüßt durch die Gewiſſensbiſſe, daß er Reue gezeigt und durch die öffentliche Beſchimpfung von Neuem be⸗ ſtraft ſei, bei dieſer aber habe er ſich würdig und als echter Chriſt benommen, Demuth gezeigt, und ſein ganzes Leben bethätige, daß er ſich zum Herrn gewandt. Da er überdem in die Verwaltungsbehörde überge⸗ treten und ihm keine Gemeinde zur Seelſorge anver⸗ traut ſei, die an den Vorgängen Anſtoß nehmen könne, ſo ſei die Unterſuchung als geſchloſſen aufzuheben, die Regierung aber aufzufordern, von der Militairbehörde die Beſtrafung des Leutnants Grafen Liebetraut zu fordern, da derſelbe ſich eigenmächtig Hilfe verſchafft, ein öffentliches Aergerniß hervorgerufen und nicht nur die Perſon des Herrn Streber, ſondern auch den Be⸗ amten des Miniſterium beſchimpft habe. Das letztere erfolgte und wieder konnte Streber triumphiren. Er war freigeſprochen, er blieb im Amte, Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 6 82 ſeine Feinde hatten ſeine Macht fühlen gelernt. Freilich, der Nimbus der Unbeſcholtenheit, der Heilig⸗ keit ſeines Lebenswandels war verloren und— was Niemand wußte, was er allein fühlte, die Gunſt ſeiner hohen Gönner begann zu erkalten, aber dieſer Verluſt ward ihm reichlich erſetzt durch eine noch einflußreichere Gunſt— die der Frauen. Er war durch ſeinen Prozeß ein intereſſanter Mann geworden, er galt für einen Märtyrer der Liebe und da er das Gerücht geſchickt zu verbreiten wußte, daß nur die Discretion, die Scho⸗ nung für die Geliebte ihn verhindert, ſich weit glänzen⸗ der zu rechtfertigen, ſo ward er bald der Günſtling ſchöner, vornehmer, äußerlich frommer und dabei heiß⸗ blütiger Frauen. Sein Glück ſchien gemacht, durch andere Hinterthüren als früher ſchwang er ſich em⸗ por. Ganz das Gegentheil fand mit dem Paſtor von Schwing ſtatt. Williams war nur auf kurze Zeit nach Berlin gekommen, ſich dem Disciplinar⸗Gerichtshof zu ſtellen, er hatte natürlich das Haus Schwings nicht beſucht und war ſeinem Schwager nur vor Gericht be⸗ gegnet. Ein Blick eiſiger Verachtung des alten Mannes hatte den Paſtor ins innerſte Herz getroffen. Der Bruder ſeiner Frau hatte ihn wie einen Fremden be⸗ handelt und doch hatte Schwing das Gefühl gehabt, 83 als ob es Williams ſchmerze, ihm nicht die Hand reichen zu können, er war niedergeſchmettert, nicht beleidigt, er fühlte, daß er einſam daſtand in der Welt, verachtet von denen, die ihm befreundet geweſen, die ihm nahe ſtanden. Er war kein junger Mann, wie Streber, der emporrang, den eitle Hoffnungen beſchäftigten, er wurde alt und ſehnte ſich nach Ruhe und Frieden. Er hatte ſeinen Prozeß gewonnen, er war ein ange⸗ ſehener Mann, aber er hatte nicht die Gabe, ſich be⸗ liebt zu machen, jetzt weniger als je— ſeine Gemeinde war ihm fremd, er war in vornehmen Häuſern ein Gaſt, wenn er traute oder taufte, aber nirgends wurde er heimiſch und ſtets war es ihm, als leſe er es in den Blicken der Leute, das man ihn nicht achten könne, daß man doch an ihm zweifle. Die Genüſſe, die ihm der Reichthum bot, waren durchgekoſtet, er war ihrer ſatt geworden und geſtand ſich ſelber oft, daß er in der beſcheidenen Armuth früher ſich glücklicher ge⸗ fühlt. Von Georg hatte er ſeit dem letzten Aufſagebrief kein Schreiben erhalten, obwohl faſt ein Jahr ſeitdem vergangen; Strebers Troſt, der Trotz werde brechen, bewahrheitete ſich nicht. Sophie welkte hin im ſtummen Gram, ohne Klagen, aber es war ihm, wenn er ſie anſah, als morde er ſein Kind. Der Haß war ver⸗ 6* 84 geſſen, die Sehnſucht wieder erwacht, aber er wagte es nicht, ſeinem Kind ſich zu nahen, ſollte er ihr geſtehen, daß er ein Verbrecher? Cornelia mochte ſich noch unglücklicher fühlen als er, das zeigte ihre Laune, die immer unerträglicher wurde. Auch für ſie war der Traum des Glückes raſch verblichen. Sie hatte ihre Eitelkeit befriedigen können, aber hier in Berlin gab es Tauſende, gegen die ſie doch zurückſtehen mußte, ſie hatte ſogar ſpöttelnde Worte über ihre unpaſſende Putzſucht hören müſſen, die Dienſtboten hinterbrachten ihr das Geklatſch der Leute. Auf dem Dorfe war ſie ehedem die hochan⸗ geſehene und gefürchtete Frau Pfarrerin geweſen, hier fand ſie keine Domeſtiken, die ihre Launen ertrugen und der öftere Wechſel derſelben beſchämte ſie vor der Gemeinde, es kamen Tage, wo ſie ohne Mädchen war, und ſelber die Arbeiten derſelben verrichten mußte. Und es war ihr, als durchſchaue Jedermann das trübe Verhältniß zu ihrer Tochter, als ſchiebe man ihr die Schuld daran zur Laſt, Sophie wurde da herzlich empfangen, wo man ſie kalt begrüßte. „Das muß anders werden“, ſagte ſie zu ihrem Gatten.„Käme Georg zurück und nicht in unſer Haus, ſo ſtänden wir wie am Pranger.“ „Du haſt es ſo gewollt“, verſetzte Schwing trübe, 8 „Dein Wille war es, daß wir die Herzen unſerer Kin⸗ der, ihre Liebe entfremdeten. Wollte Gott wir hätten damals anders gedacht, es wäre Vieles anders ge⸗ kommen, viel Weh und Leid erſpart!“ „Den Kindern einer Buhlerin konnten wir unſere Kinder nicht geben.“ „Cornelia!“ „Ich haſſe dieſes Weib noch heute, bitterer als je, Sie allein verſchuldet Alles. Ihr Hochmuth forderte heraus, reizte, empörte mich. Ja, wenn ſie noch eine ehrliche Frau geweſen wäre. Aber mit dem Bewußt⸗ ſein des Gegentheils die Verwandten ihres Geliebten wie Bettler zu behandeln, das iſt eine Frechheit, welche die tiefſte Demüthigung verdiente.“ „Cornelia und wenn ſie nun doch die rechtmäßige Gattin meines Bruders geweſen wäre?!“ „Dann hätte ſie immer manierlicher und beſchei⸗ dener auftreten können. Aber wozu dieſe Betrachtung. Es iſt ja erwieſen, daß ſie nur ſeine Geliebte war.“ „Wer ſagt das?“ „Willſt Du ſcherzen über ein ernſtes Thema? Hätte ſie den Prozeß aufgegeben, wenn nur ein Schein des Rechtes auf ihrer Seite geweſen wäre?“ „Sie hat ſich mit mir verglichen und durchgeſetzt, — 86 was ſie vorzüglich forderte, ſie nennt ſich noch heute Baronin von Schwing.“ „Wilhelm, Du ſprichſt heute ganz ſonderbar. Daß Du in dieſer Sache nachgegeben haſt, mochte klug ge⸗ weſen ſein, aber es war immer Schwäche und hätteſt Du es nicht gethan, wer weiß, ob die Leute heute nicht beſſer über uns ſprächen.“ „Cornelia— ich habe Dir ein Geſtändniß zu machen. Ich muß meine Seele davon befreien— Olympia war die Frau meines Bruders.“ „Wilhelm. Um Gotteswillen, was ſprichſt Du da!“ „Die Wahrheit.“ „Das iſt unmöglich—“ „Höre mich an, Cornelia. Ich reiſte nach England, um mich der Documente zu bemächtigen, welche Marco heim brachte. Ich war überzeugt, daß ſie vor Gericht nicht ausreichen würden, die Erben als ſolche zu legi⸗ timiren, aber nach Allem, was ſchon geſchehen, durfte ich es nicht zu einem Prozeß kommen laſſen, mein Ruf wäre vernichtet geweſen und es hätten mir auch die Mittel gefehlt, den Prozeß zu führen. Ich ſetzte mich im Beſitz der Documente und— Cornelia— jetzt war es zu ſpät, das Geſchehene rückgängig zu machen!“ 87 „Allmächtiger Gott, ſo hätte Sophie Recht gehabt mit ihrer Ahnung und wenn die Sache ans Licht kommt, ſo ſind wir Bettler!“ „Sie wird nicht ans Licht kommen, Cornelia, wenn ich es nicht will, aber ſiehe, ich wollte gern zum Bettler werden, könnte ich mein Gewiſſen frei machen von jener Schuld!“ „Du redeſt im Wahnſinn. Es waren ja die über⸗ zeugendſten Beweiſe vorhanden, daß im beſten Falle eine Trauung ſtattgefunden, die in Europa vor dem Geſetz nicht giltig. Und hätte Marco ſonſt nicht ſich neue Papiere aus Amerika kommen laſſen?“ „Die Ehe war in Amerika giltig und mein Bruder war amerikaniſcher Bürger geblieben. Es iſt möglich, vielleicht wahrſcheinlich, daß die Gerichte mir ſeine hie⸗ ſigen Beſitzthümer zugeſchrieben, aber ich hätte dann Alles bezahlen müſſen, was er hinein geſteckt und da wäre wenig übrig geblieben. Und hätte ich als Pre⸗ diger gegen die Wittwe meines Bruders ſolchen Prozeß führen können, ohne des Amtes entlaſſen zu werden! Streber hat mich von Schritt zu Schritt auf die ab⸗ ſchüſſige Bahn geführt und jede Umkehr unmöglich gemacht. Er hat die Bücher meines Bruders ver⸗ ſchwinden laſſen, in denen nachgewieſen, was Jener aus Amerika herüber gebracht. Er hat die Begierde 88 in mir erweckt und jetzt hat er mich in ſeiner Gewalt. Summen auf Summen hat er von mir gefordert, er hat mich ſogar bedroht, der Tag kann wieder kommen, wo er mir das Meſſer an die Kehle ſetzt und ſagt: Begehe ein Verbrechen, um mich zu retten, oder ich denuncire Dich als Verbrecher. Du ahnſt nicht, Cor⸗ nelia, was ich gelitten, wie ich in ſchlummerloſen Rächten von Angſt und Unruhe gemartet werde. Aber ich ſehe kein Mittel, keinen Weg, das Unrecht zu ſühnen.“ „Das iſt entſetzlich, ich erſchrecke vor Dir. Bete Wilhelm, bete, daß Gott Dir vergebe. Dich ſelber an⸗ klagen, jenen Leuten, die uns jetzt tödtlich haſſen, einen Schritt entgegen gehen, das hieße, ſich ihrer Rache preisgeben. Was geſchehen iſt, iſt geſchehen—“ „Ich hoffte lange, daß Georg das Mittel zur Ver⸗ ſöhnung ſein werde, er liebt ja Marie, oder daß Marco Sophie nicht vergeſſen habe. Auf den Knieen wollte ich Gott danken, wenn ein neues verwandt⸗ ſchaftliches Band mir geſtattete, unbeſorgt vor äußern Folgen eine Verſöhnung anbahnen zu können, aber jene Familie hat uns und unſern Kindern geflucht und der Fluch frißt an unſerm Lebensmark, wir Beide ſind einſam, Sophie welkt hin, ihr Herz iſt uns fremd gewor⸗ 89 den und Georg hat ſich von mir losgeſagt. Es heißt, der Prinz, den er begleitet, kehre zurück, ich zittere, Georg kommt nicht in unſer Haus und dann iſt der Stab über uns vor aller Welt gebrochen.“ Cornelia ſenkte den Blick zu Boden, ihre Züge verriethen, daß der Paſtor eine Saite angeſchlagen, die auch ſchon in ihrer Bruſt getönt. „Wilhelm“, rief ſie plötzlich,„ich weiß ein Mittel — ich ſchreibe an meinen Bruder!“ „Was willſt Du ſchreiben und wird er Dir ant⸗ worten? Bedenke wohl, jeder Schritt, den wir thun, iſt, wenn er mißlingt, eine Waffe, die wir Denen geben, die uns haſſen.“ „Ich werde ihm ſchreiben, daß ich mich nach Ver⸗ ſöhnung mit ihm ſehne, ich weiß es, ihn bekümmert es, daß ſeine einzige Schweſter ihm fremd geworden — er wird die Hand zur Verſöhnung annehmen, die ich ihm biete, wenn er ſieht, daß ich es ehrlich meine.“ „Verſuche es, aber was ſoll das mir nützen! Er kann Dir vergeben, nicht mir.“ Dem Paſtor wurde ein Brief gebracht, der die Schriftzüge Georgs trug. Seine Hand zitterte, er war unfähig, den Brief zu leſen. Die Schrift flimmerte ihm vor den Augen. — 90 „Lies Du, Cornelia“, ſagte er,„lies Du, und gebe der barmherzige Gott, daß der Brief nicht neues Unheil verkünde.“ „Mein Vater“, ſo lauteten die Zeilen, die Cornelia mit bebender Stimme las,„Du haſt auf die Erklärung in meinem letzten, vor langer Zeit geſchriebenen Briefe nicht geantwortet. Ich habe leider ſeitdem in Erfah⸗ rung gebracht, daß die Dinge, welche jene Erklärung hervorriefen, ſchlimmer ſtehen, als ich damals glaubte. Ich wähnte, die Erklärung Deines einzigen Sohnes, niemals einen Groſchen von dem Gelde zu nehmen, welches der Wittwe meines Onkels geraubt worden iſt, mich von meinem Vater losſagen zu müſſen, deſſen Handlungsweiſe meinem Rechtsgefühl, meinen Begriffen von Chre widerſpricht— daß dieſe feſte Erklärung Dich bewegen könne, jenen Unglücklichen die verſöhnende Hand zu bieten. Das iſt nicht geſchehen, und wer meinen Namen hört, der wendet ſich ab von mir, ich gelte in den Augen von Ehrenmännern für den Sohn eines Mannes, der das Erbe ſeines Bruders deſſen hinterlaſſenen Waiſen entriſſen, der mit einem Streber gemeinſam Intriguen ſchmiedet, der in einer infamen Schurkerei Strebers dieſem Elenden als Zeuge gedient. Das Offiziercorps wenigſtens iſt der Anſicht, daß der Graf von Liebetraut nur ein Opfer der jetzt leider —, —⸗— ¹ — 91 herrſchenden Partei iſt, daß ein Bube durch tückiſche Waffen ſeine gerechte Anklage niedergeſchlagen.“ „Mein Vater, ich darf mich nicht zum Richter über Deine Handlungen aufwerfen und erwähne dies Alles nur, nicht um Dich anzuklagen, ſondern um mich zu rechtfertigen, wenn ich Dir erklären muß, daß es meinem Gefühl und meiner Ehre widerſtrebt, den Namen von Schwing länger zu führen und gar womöglich für einen Protegirten der jetzt herrſchenden Partei zu gelten. Der Prinz, der mit meinen Anſichten völlig harmonirt, hat die Gnade gehabt, mir die Entlaſſung aus der Armee zu erwirken, ich habe dies ohne Dein Vorwiſſen gethan, um allen Schwierigkeiten vorzubeugen, die Du mir vielleicht in den Weg gelegt hätteſt, ich werde im Auslande mir mein Brot zu erwerben ſuchen.“ „Fluche mir nicht, mein Vater, ich handle alſo nicht aus Trotz, ich folge nach ſchwerem Kampfe der Stimme meines Inneren.“ Der Paſtor von Schwing lag in ſeinem Seſſel wie gebrochen und geknickt, das Auge ſtarrte glanzlos vor ſich hin, aber plötzlich flammte darin eine helle Gluth auf.„Schreibe an Williams“, ſagte er mit hohl klingender Stimme zu der geängſtigten Gattin,„beeile Dich und ſende mir Sophie.“ „Was haſt Du, Wilhelm.“ 92 „Sende mir Sophie!“ unterbrach er ſie haſtig,„ge⸗ horche. Schreibe an Deinen Bruder, beeile Dich!“ Er ſchritt zu ſeinem Secretair. Die Kniee wankten ihm, aber der Wille beherrſchte den Körper. Er nahm aus einem geheimen Fache des Secretairs ein Packet Papier und ſchrieb auf die Umhüllung einige Worte. Er hielt das Packet in den zitternden Händen, als Sophie eintrat; ſie ſtaunte beſtürzt den Vater an, es war ihr, als ſehe ſie eine wandelnde Leiche. Ein Schrei entglitt ihren Lippen.„Mein Vater, biſt Du krank?!“ Er reichte Sophie das Päckchen. „Sophie“, ſagte er leiſe und in ſeinem Auge war etwas ſeltſam erſchreckend Starres,„die Mutter darf nichts davon wiſſen. Umhülle dieſes Päckchen und ſende es nach Hamburg als Werth⸗Packet an Marco von Schwing. Schreibe ihm, ich ſei ein gebrochener, bald todter Mann.“ Sophie ſchaute mit unbeſchreiblicher Angſt den Vater an, die gräßliche Ahnung, er ſei irre geworden, durchbebte ihr Herz. Da las ſie die Worte, die ihr Vater auf das Packet geſchrieben und deren Schriftzüge noch feucht. „Dieſe Papiere und das beigelegene Geld“, ſo lauteten die Worte,„habe ich Marco von Schwing 93 geſtohlen, als ich den Kranken ſeiner Freiheit gewaltſam beraubt, ihn und ſeine Familie um ihr rechtmäßig Erbe zu bringen. Gott gehe mit mir nicht ins Ge⸗ richt. Wilhelm von Schwing.“ Der Paſtor ſank auf die Kniee, Sophien brach ein Strom von Thränen aus den Augen, ſie jauchzte und ſchluchzte, ſie warf ſich an des Vaters Bruſt:„Gott wird Dir vergeben, Vater und Marco auch, ja, ich ſende ihm das, er hat ein großes edles Herz und wird Dir verzeihen.“ Sie ſtürzte zum Schreibtiſch und warf einige haſtige Zeilen auf das von ihren Thränen benetzte Papier, legte das Billet auf das Päckchen und ſiegelte das Packet in einen Umſchlag, eilte hinaus, das Packet zur Poſt befördern zu laſſen. Als ſie zurückkehrte, ſah ſie ihren Vater, mit der linken Hand ſich auf einen Tiſch ſtützend, mit der rechten ſchüttete er ein Pulver in ein Glas Waſſer. Von unerklärlicher Vorahnung ergriffen, ſtürzte ſie hin und ergriff das Glas. Sie ſah ihren Vater zuſammenſchrecken, ſeine Züge waren verzerrt. „Was iſt das, Vater? Was willſt Du hier nehmen? Darf ich dieſen Trank koſten?“ „Taſte das Glas nicht an.“ Sophie ſchaute ihn an mit thränenden Augen, ſchmerzlich traurigem Blick. „Mein Vater“, ſagte ſie,„was Du eben gethan, daß muß Dich mit Deinem Gott verſöhnen, das hat Dir mein ganzes Herz wieder gewonnen! Mein guter Vater, brauchſt Du einen heilſamen beruhigenden Trank, ſo will ich ihn Dir bereiten.“ „Sophie, in dem Glaſe iſt, was mir helfen kann.“ Der Paſtor ſprach das unſicher, zögernd, Sophie zweifelte nicht mehr, daß ihre Ahnung ſie recht ge⸗ leitet. „Mein Vater, dann will ich es koſten.“ Sie hob das Glas, als wolle ſie trinken. Er griff darnach, ſie wich ihm aus, ſie öffnete die Ofenthüre und ſchüttete den Inhalt in die Aſche. Dann kehrte ſie zu ihrem Vater zurück, der in ſeinen Seſſel geſunken und ſich das Antlitz mit den Händen verhüllte. Sie ſchlang ihren Arm um ſeinen Nacken. „Mein Vater“, ſprach ſie ſanft,„ich bin oft ver⸗ zagt und mein Glaube hat mich getröſtet und wunder⸗ bar hat mir der Herr geholfen, konnte ich jemals ahnen, daß Du thun würdeſt, was heute geſchehen und daß ich wieder an Deinem Herzen werde ruhen können? Mein Vater, was Du gethan, das iſt Gott wohlgefällig, willſt Du eine neue Sünde begehen? Haſt Du kein rtrauen 95 zu Gott! Und haſt Du, um den ewigen Richter zu ver⸗ ſöhnen, Deine Schuld gebeichtet, willſt Du den irdiſchen Richter fürchten und um ihm zu entgehen, Dich mit ſchwerer Sünde belaſten? Aber fürchte nichts, wer ein menſchlich Herz hat, der wird anerkennen, was Du freiwillig gethan und glaube mir, Marco denkt groß⸗ herzig genug, um in edler Weiſe zu antworten. Thäte er das aber auch nicht, ſo glaube mir, Alles was die Erde an Schrecken hat, läßt ſich leicht ertragen, wenn das Herz den Troſt hat, daß Gott der Herr ihm ſeine Schuld vergeben. Mein Vater, ich will Dich auf den Händen tragen, Dich tröſten und pflegen und nicht von Dir weichen und Alles mit Dir tragen, was Dir be⸗ ſchieden und es Dir tragen helfen, aber gelobe mir, daß Du Dich dem Herrn beugen willſt und in Geduld hinnehmen willſt, was er Dir ſendet.“ Der Paſtor umſchlang ſein Kind, er weinte laut. Das Herz ging ihm auf und in all' ſeiner Noth fühlte er ſich freier, wohler, getröſteter als je.„Sophie“, ſchluchzte er,„Sophie!“„Ja, ich will meinem Gotte vertrauen! O, hätte Dein Herz mir nie gefehlt, hätte ich es früher erkannt! Wie glücklich und zufrieden hätte ich werden können, anſtatt jetzt in Schande verſunken, einſam, von den Menſchen verachtet und von Gott gerichtet dazuſtehen. Siehe, es iſt ein Schritt, ein Ge⸗ 96 danke, der uns in die Gewalt des Dömons bringt und dann folgen alle übrigen wie in einer Kette und un⸗ widerſtehlich reißt die unſinnliche Gewalt uns fort. „Herr, Herr, führe uns nicht in Verſuchung!“ Der Paſtor ſprach das in einer unnatürlichen Er⸗ regung, er ſtieß die Worte krampfhaft heraus. Das war nicht die weiche Stimmung eines Reuigen, der Verſöhnung ahnt, es war als ob eine Saite klirre, die jeden Augenblick zerſpringen wolle. Dabei zitterte er und ein kalter Schweiß perlte ihm von der Stirn. Es war ein Proxysmus, in dem er ſich befand. Was Jahre hindurch in der Bruſt verſchloſſen, dort gegohren, was ihm oft das Herz zu erſticken gedroht in furchtbaren Beängſtigungen, was er als erdrückende Laſt getragen, das machte ſich plötzlich Luft, brach ge⸗ waltſam ſich Bahn und als er endlich das Auge gen Himmel erhob, ſchaute das Auge wie verklärt in Schmerz und Friedensahnung, dann aber wankte er plötzlich und Sophie mußte ihn halten, daß er nicht zuſammenbrach. Die Tochter führte ihn zu ſeinem Lager. Das Herz war ihr voll zum Ueberſtrömen und ernſtlich, rein und edel, frei von jeder Selbſtſucht war der Jubel ihres Herzens, ſie dachte nicht an Marco, dachte nicht an die Folgen dieſer Stunde, ihre Seele dankte Gott, daß 97 ſie den Vater wieder habe, daß er ſich mit Gott und den Menſchen verſöhnt, ja, ſie zitterte nicht einmal, als ſie die erſchreckliche Veränderung ſeiner Züge ſah, in denen alles Leben plötzlich erloſchen ſchien, wie er jetzt bleich und athmend dalag, ſie dankte und betete—“ Cornelia trat ein. Es waren Stunden verfloſſen, ſeit ſie gegangen, ihren Brief zu ſchreiben. Drei, vier Mal hatte ſie angeſetzt, immer wieder begonnen, der Brief war ihr ſauer und ſchwer geworden, aber end⸗ lich hatte auch bei ihr das Herz ſich Bahn gebrochen. Was Angſt und Unruhe nicht zu geſtehen gewagt, was Scheu und falſche Schaam niederzuſchreiben ſich geſträubt, das floß ihr plötzlich aus der Feder, als das Herz gerufen:„Es iſt Dein Bruder, an den Du ſchreibſt, er iſt ein alter Mann, ſoll er von der Erde ſcheiden, ehe Du ihn verſöhnt und Dich anklagen vor Gottes Richterſtuhl?“ Das Herz ging ihr auf und da ward ihr das Schreiben leicht, da wog nicht die Empfindſamkeit und Scheu jedes Wort und da ward auch das Auge feucht und die Wärme des Gefühls goß ſich in ihre Zeilen. Sie war zufrieden, als ſie den Brief beendet, ſie fühlte ſich freilich beängſtigt, der Bruder könne ſie doch mißverſtehen und ihr nicht trauen, aber ſie ſandte den Brief fort, damit kein Bedenken ſie abhalten Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 7 98 könne, den Schritt zurückzunehmen, den ſie gewagt. Sie ſuchte ihren Gatten, ihm zu ſagen, daß ſie ſich⸗ freier und wohler fühle, daß ſie hoffe und glaube, den rechten Weg eingeſchlagen zu haben, da fand ſie ihn nicht im Cabinet, ſie eilte weiter bis ins Schlafzim⸗ mer und ſah ihn auf dem Bette liegen, Sophie auf den Knieen vor ihm, ſie ſchrie auf— der Paſtor ſchien kalt und ſtarr, ſeine Züge hatten etwas Leichen⸗ haftes, ſie taſtete ihn an und ein Grauen erfaßte ſie, die Hand war kalt und feucht.“ Sie zog die Schelle, ſie befahl einen Arzt zu ho⸗ len. Sie ſank neben ihrer Tochter auf die Kniee und⸗ drückte ihr weinend Antlitz in die Kiſſen vom Lager des Kranken. Sechstes Kapitel. Ein Abgedankter. In einem kleinen Gaſthofe in der Nähe des Lands⸗ berger Thores von Berlin iſt ein Fremder eingekehrt, deſſen ganzes Weſen den Wirth mißtrauiſch machen könnte, wenn nicht in ſeiner Begleitung ſich ein junges Mädchen befunden hätte, das ihn Vater nennt. Der Mann iſt lang und hager, das Antlitz von Pockennarben entſtellt, die Miene finſter, verſchloſſen, der Blick ſcheu, es konnte Einem unheimlich werden bei ſeinem Anblick und der Wirth des kleinen Gaſt⸗ hofs fragte ſich wohl, iſt das ein Verbrecher oder nur ein Unglücklicher? Wohl nur ein Unglücklicher, Verbrecher lieben wohl nicht die Begleitung erwachſener Töchter bei ei⸗ n 100 nem düſteren Vorhaben, es müßten denn dieſe ihre Gehilfinnen ſein bei einem Schwindel, einem Dieb⸗ ſtahl. Der Mann ſah nicht aus, wie ein Schwindler. Dieſe haben gefällige Manieren, beſtechendes in ihrem Weſen, Gewandtheit, ſie plaudern viel, um dabei viel zu erforſchen, ſie ſuchen den Umgang von Menſchen, um dieſe auszuhorchen. Ein Dieb war der Mann wohl noch weniger. Die gerade Haltung verrieth den früheren Militair, Alles an ihm war ſauber, adrett, wenn auch ärmlich. Er bezahlte ſeine geringen Bedürfniſſe aus einer alten Ledertaſche mit Scheidemünze. Der Mann ſchien arm zu ſein, aber ehrlich. So mager auch die Geldtaſche war, er ließ nichts auf Rechnung ſchreiben. Er hatte ſich im Fremdenbuch als Lieutenant außer Dienſten und als Bürgermeiſter außer Dienſten eingetragen. Zwei verſchiedene Titel, aber dort wie hier außer Dienſten. Der Mann war noch rüſtig. Fehlte es ihm an Arbeit, an Brot? Sah er deshalb ſo düſter aus, weil er nicht mehr Lieutenant und auch nicht mehr Bürgermeiſter war? Es gab damals noch viele Kämpfer aus den Be⸗ freiungskriegen, welche in der Schlacht zu Offizieren avancirt waren, im Kriege als Offiziere genügt, nach ͤnn 101 dem Frieden aber abgedankt wurden. Das waren dann meiſt bürgerliche Perſonen, welche von geringer Her⸗ kunft, jetzt nicht mehr für die adligen Cameraden paßten. Man gab ihnen dann wohl in beſonderen Fällen Anſtellungen als Poſtmeiſter und Steuerein⸗ nehmer, die Meiſten mußten ſehen, wo ſie blieben, fanden auch wohl untrüglichere und ihnen angenehmere Stellungen, aber ſie nannten ſich doch noch nebenbei mit Stolz: Lieutenant a. D. Hatten ſie doch für das Vaterland gefochten und geblutet. Und Niemand war vielleicht ſtolzer auf die militairiſche Vergangenheit, als dieſe abgedankten Offiziere, die jetzt Schulmeiſter oder Subaltern⸗Beamte geworden. Sie trugen freilich oft ihren Kriegsorden in der Taſche und nur des Sonntags am guten Rock. Sie ſchämten ſich, ihren Stolz und ihre Armuth vereint zur Schau zu tragen und wehl mit tiefer Bitterkeit ſah Mancher auf die adligen jungen Offiziere, die jetzt im Frieden in ſchmucken Uniformen einherſtolzirten, ſich mit dem Ruhme der Armee brüſteten, den jene Tapferen mit ihren älteren Kameraden geſchaffen. Der Fremde war auch wohl ſo ein abgedankter Offizier, er war dann Bürgermeiſter geworden und wieder abgedankt. Das mochte ihn hart getroffen haben und der Wirth der Herberge hätte ihm ſein Mitleid⸗ 10² ſeine Theilnahme ſchenken können, hätte er gedrückt und unglücklich ausgeſehen. Aber in den Zlicken dieſes Mannes lag etwas Düſteres, Unheimliches, das uns zurückſchaudern läßt, wo wir Theilnahme zeigen möchten,. mit Grauen haben wir das Gefühl, als komme ſie zu ſpät, als müßten wir den Unglücklichen fliehen, damit er uns nicht mit in ſein Verderben reiße, als habe er die Peſt und ſeine Berührung ſtecke auch uns mit der Seuche an. In ſolchen Fällen übt man Mitleid mit abge⸗ wandtem Geſicht— da ſpendet man Hilfe und ent⸗ flieht.—— Die Tochter des Fremden iſt nicht gerade ſchön, aber ihre Züge haben etwas Intereſſantes, Etwas, das uns feſſelt. Es lodert in dieſen dunklen Augen eine Leidenſchaft, die einen edlen, ſtolzen, vielleicht zu ſtolzen Charakter verräth, einen Charakter, bei dem ungemeſſe⸗ nes Selbſtgefühl und zu reizbare Empfindlichkeit den Stolz dahin bringen kann, daß er das Edle verleug— net und ſich in Trotz verwandeln kann. Das Mädchen war ihrem Vater Alles, ſeine Ver⸗ 3 traute, ſeine Pflegerin, ſeine Tröſterin, ſie half ihm ſein Leid tragen, ſie fühlte mit ihm, was ihn erbitterte und niederdrückte, ſie glaubte wohl an ihn wie das Weib an den Geliebten, deſſen Hoffen ihr Hoffen, deſſen —— —— 103 Groll ihr Groll, den Niemand bei ihrem Herzen ver⸗ keumden kann. Solche Freundſchaft mag dem Herzen angenehm zein, aber ſie iſt gefährlich, wo finſtere Leidenſchaften grübeln. Statt aufrichtiger, wohlmeinender Rathſchläge beſtärkt die Verehrung das erbitterte Herz in ſeinem Groll über die Ungerechtigkeit des Schickſals, der Menſchen, da vertieft ſich die Seele des Unglücklichen dann immer mehr in den Fatalismus, gibt das Hoffen auf und verſteckt ſich in die Bitterkeit des Haſſes und den Groll der Verzweiflung. Der Fremde weilt nun ſchon mehrere Tage in Berlin. Am erſten Tage iſt er aufs Miniſterium ge⸗ gangen und hat dort einen Brief abgegeben, da man ihm eine Audienz beim Miniſter abgeſchlagen. Jeden Vormittag iſt er wieder hingegangen, ſich den Beſcheid zu holen und hat den Beamten im Bureau ſein finſteres Geſicht gezeigt. Das Drängen iſt nie günſtig für den Bittenden, aber der düſtere Mann ſagt, er wolle keine Gnade, er fordere ſein Recht und die Beamten des Staates ſeien dazu da, es ihm zu verſchaffen.„Ich habe nicht die Mittel“, ſagte er, „hier lange Pflaſter zu treten. Ich muß im Gaſthof wohnen, da iſts theuer. Man gebe mir Antwort, ich bin hergekommen, weil ich zu Hauſe auf eine Antwort 104 eines Geſuchs drei Wochen umſonſt gewartet. Ich bettle nicht um Almoſen, ich fordere mein Recht. Ich habe dem Vaterlande als Soldat gedient, man hat mich abgedankt. Ich habe dem Staate als Beamter gedient, man hat mich entlaſſen. Ich habe nichts ver⸗ brochen, kein Gericht hat mich beſtraft, nur die Will⸗ kür der Vorgeſetzten. Ich will leben, will eine Tochter und mich ernähren. Ich will arbeiten fürs Brot, aber ich will Brot. Der Staat iſt es mir ſchul⸗ dig, für mich zu ſorgen, er hat meine Dienſte zwanzig Jahre gebrauchen können. Ich will mein Recht.“ Der Herr Miniſter gab dem drängenden Bittſteller die Antwort, die Jeder hiernach wohl erwarten kann Der Beamtenſtaat fordert von ſeinen Offizianten nicht nur Gehorſam, ſondern demüthige Unterwürfigkeit, das Amt, das den Subalternen Brot gibt, ſoll ihm eine Chre, eine Gnade, kein Recht ſein, eine Gnade, die man ihm entzieht, wenn er nicht genügt oder nicht gefällt. Soll die Maſchine glatt gehen, ſo dürfen alle die klei⸗ nen Räder nicht kratzen oder ſtocken, ſie müſſen ſich drehen und bewegen und arbeiten, wie das größere Rad es fordert. Der Miniſter gab die Antwort, die Entlaſſung ſei zu Recht und nach beſtehenden Geſetzen geſchehen, Grund zur Beſchwerde nach ſorgfältiger Prüfung der Sache nicht vorhanden. Der Beſcheid war wohl ſchroffer abgefaßt, als dies ſonſt der Fall geweſen, wenn der Mann beſcheiden ge⸗ beten, anſtatt grob gedrängt hätte. Hier konnte nur eben Mikleid noch etwas thun und das wollte der Bittſteller nicht, er wollte Recht. So wurde ihm denn Recht nach dem Buchſtaben der Vorſchriften, die ſehr hart für ſtörriſche Beamte ſind. Der Fremde zeigte ſeiner Tochter den Beſcheid, den er erhalten. Seine Miene war noch finſterer, ſein Antlitz noch bleicher als vorher. Ein Lachen verzerrte ſeine Züge, das war das Lachen der Verzweiflung. „Abgewieſen“, ſagte er.„Ich wußte das vorher. Damals war ich gut, als man Kanonenfutter brauchte. Und als man mir das Almoſen der Bürgemeiſterei gab, dachte man, ich ſei der Gaul in der Tretmühle und könne ziehen unter der Peitſche des Aufſehers bis ich erepire, ich ſollte mit dem Soldatenrock auch den Stolz des Mannes, des Offiziers, des Soldaten aus⸗ ziehen. Konnte ich das nicht, ſo jagt man mich weg. Das iſt geſchehen, das iſt mein Recht, daß ich jetzt betteln oder verhungern kann. Aber ich werde das dem Könige ſchreiben. Er iſt auch Soldat, Offtzier. Er würde morgen den Stolz nicht abſtreifen mit dem Rock, 106 wenn er abdankte. Er wird mich verſtehen. Ich werde bei ihm mein Recht ſuchen und nicht eher will ich ver⸗ zweifeln, als bis auch er mich zurückweiſt. Ich will doch wiſſen, ob er es dulden mag, daß man alte Die⸗ ner des Staates wie Hunde von der Schwelle jagt.“ „Schreibe an ihn“, ſagte die Tochter.„Bitte ihn um Gehör. Er iſt ein edler, großmüthiger, gerechter Herr.“ G Der Mann lachte.„Er ſoll es ſein, ja und ich glaube auch, daß er es iſt. Aber wer hütet die Thüren ſeines Schloſſes? Schlemmer und Paraſiten, die ſich ſelber mäſten und keinem Anderen das liebe Brot gön⸗ nen, wenn er nicht vor ihnen wedelt. Bezahlte La⸗ kaienſeelen mit hochklingendem Titel, die keinen Mannes⸗ ſtolz dulden, weil ſie vor ihm erröthen müßten. Ich werde an den König ſchreiben, ich will nichts unver⸗ ſucht laſſen, er ſoll mir nicht nachſagen, daß ich die Geduld zu früh verloren.“ Der Mann ſchrieb an den König, er gab ſein Schreiben im Palaſte ab und ſchlich heim, der Ant⸗ wort zu harren. Das Schreiben ging in die Kanzlei. Der Mo⸗ narch kann nicht die tauſend Bittſchriften leſen und prüfen, die er aus allen Theilen ſeines Reiches täg⸗ lich erhält, er hat Regierungsgeſchäfte und auch 107 Beſchäftigungen, bei denen ſeine Nerven ſich er⸗ holen. Die Bittſchrift des Fremden ward dem Reſſort des Miniſters überwieſen, der ſchon in der Sache ver⸗ fügt. Sie kam wohl nicht vor die Augen des Königs, vielleicht war ſie auch nicht dazu angethan. Der Fremde ſchrieb, wie er dachte. Er war zu ſpröde, um ſich beugen zu können, er bat nicht, er forderte. Nun gibt es aber in Preußen ein Geſetz, wonach unermüdliche Bittſteller und Beſchwerdeführer als Quärulanten beſtraft werden können. Das Geſetz iſt hart, aber es hat ſeine Berechtigung. Es iſt hart gegen die, welche Recht haben und kein Recht bekommen können, zweckmäßig aber da, wo Bittſteller und Be⸗ ſchwerdeführer fortwährend die Beamten beläſtigen, wo Recht und Geſetz oder gerechter Wille entſchieden— jede Sache muß doch einmal ihr Ende finden. Falſch iſt es nur, daß dieſelbe Behörde oft die ſchließliche Entſcheidung behält, die ſchon die erſte gegeben, da wird freilich das Recht der Beſchwerde illuſoriſch. Und ſo geht es bei faſt allen Beſchwerden über Ver⸗ waltungsbehörden. Die obere Inſtanz läßt ſich von der angeklagten Bericht erſtatten und entſcheidet darauf hin, die höhere Inſtanz gibt ſehr ſelten der oberen Un⸗ recht; wendet ſich der Beſchwerdeführer an ein anderes 108 Miniſterium oder an den Monarchen, ſo geht die Be⸗ ſchwerde reſſortgemäß wieder zur Erledigung oder Be⸗ richterſtattung an die Behörde, die ſchon entſchieden und ſelbſt wenn der Monarch das Schreiben geleſen, muß er doch dem Miniſter mehr trauen als dem unbe⸗ kannten Bittſteller, es müßten beſondere Umſtände vor⸗ liegen, wenn er veranlaßt werden ſollte, eine beſondere Unterſuchung zu befehlen. Thäte er das ſtets, ſo wür⸗ den aber Tauſend beſondere Richter dazu gehören, man ſieht es ja bei alltäglichen Prozeſſen, daß ſelten Je⸗ mand ſein Unrecht einſieht oder die Nothwendigkeit einer ihn treffenden Härte begreift. Der Fremde hatte eine Vorahnung, daß ihm auch das Schreihen an den König nichts nützen werde. „Dort Oben“, ſagte er,„ſtecken ſie Alle zuſammen, die Stimme des Armen, des Bedrängten dringt nicht hin bis zum Throne. Aber ich werde doch durchdringen, ich werde Alles daran ſetzen, ſie ſollen ſehen, daß ich nicht der Mann bin, der ſich treten läßt wie ein Wurm.“ Ein Miniſterialdiener brachte ein Schreiben in das Hötel am Landsberger Thor. Er gab es ab und ließ ſich den Empfang quittiren. Der Fremde ſchrieb die Empfangsbeſcheinigung mit zitternder Hand. Das unheimliche Blitzen ſeiner Augen hatte in dieſem Augenblick geradezu etwas Dia⸗ 109 boliſches. So düſter, ſo finſter ſtarrte er drein, als ahne er ſchon den Inhalt des Schreibens und das war auch erklärlich. Hätte der König ihm geantwortet, ſo würde nicht ein Miniſterialdiener das Schreiben ge⸗ bracht haben, dann wäre ein Diener des Hofes, die Ordonnanz eines Flügel⸗Adjutanten, ein Armee⸗Gens⸗ darm gekommen. So aber war die Antwort vom Miniſterium gegeben, der König hatte daſſelbe wohl zum Bericht aufgefordert, daſſelbe hatte natürlich un⸗ günſtig gelautet und ſein Geſuch war abgewieſen! Der Miniſterialdiener entfernte ſich, er hatte ſeine Pflicht erfüllt. Der Fremde nahm den Brief, ohne ihn zu öffnen drehte er ihn nach allen Seiten und ein gräßliches Lachen verzerrte ſeine Züge. „Die Antwort des Königs!“ ſagte er,„das wäre nun die letzte Inſtanz. In dieſem Schreiben liegt viel⸗ leicht das Urtheil, ich ſoll Hungers ſterben.“ „Oeffne den Brief, Vater“, ſprach die Tochter. „Sei ein Mann, halte Dich an die Wirklichkeit.“ Der Mann öffnete das Schreiben, er las es, er knirſchte mit den Zähnen und ſchlug eine helle Lache an.„So iſt es recht“, ſagte er,„die Canaille wird zur Ruhe verwieſen. Das Maul gehalten, Lump, der Du hungerſt, warum biſt Du ein Lump! Warum haſt 110 Du Kinder, wenn Du ſie nicht ernähren kannſt, warum lebſt Du, warum biſt Du auf der Welt, wenn Du nicht reich geboren!“ Die Tochter griff nach dem Briefe, die Beſtürzung in ihren Mienen verwandelte ſich in den Ausdruck der Empörung. Es war Gift und Haß, was aus ihren dunklen Augen ſprühte, ſie zerknitterte das Papier in der Hand und Leichenbläſſe bedeckte ihr Antlitz. Der ehemalige Bürgermeiſter und Lieutenant a. D. — ſo lautete der Inhalt des Schreibens— hat es ſich ſelber zuzuſchreiben, daß er außer Brot iſt, ein noch⸗ maliges Anrufen der königlichen Gnade wird ihm hier⸗ mit bei Androhung der Einſchließung unterſagt.“ „Auf Befehl“. Das Schreiben war von einem Rath unterzeichnet. Der Bittſteller war nicht nur abgewieſen, man verbot es ihm, an die königliche Gnade zu appelliren, man verſchloß ihm das Ohr ſeines Königs, man bedrohte ihn mit dem Kerker. Der finſtere Mann erhöb ſich, er griff nach ſeinem Hute. „Was willſt Du beginnen, Vater, was haſt Du vor?“ fragte die Tochter. „Ich will mir eine Waffe, Pulver und Blei kaufen. Ich will ſterben wie ein Soldat, nicht wie ein Lump.“ 111 „Vater, theurer Vater, verzweifle nicht. Dieſer Wiſch kann nicht ein Todesurtheil für Dich ſein. Das kann der König nicht wollen, daß man ſeine alten Offiziere und Beamten wie Hunde behandelt. Er weiß nichts von Deinem, weiß nichts von dieſem Schreiben. Das iſt das Werk der Elenden, die zwiſchen ihm und ſeinem Volke ſtehen und das Land verderben. Ehe Du Dir das Leben nimmſt, wage Dein Leben und durchbrich die Schranken. Erzwinge Dir den Weg zum Könige, ſtehle Dich durch dieſe Menge von Lakaien und rede zu ihm als ein echter Mann aus dem Volke, ſchildere ihm die Noth, ſage ihm, was Du geduldet, was Du gelitten und daß man es wagt, Dir zu ver⸗ bieten, was jedem Menſchen geſtattet iſt— was ſelbſt der zum Tode verurtheilte Verbrecher darf— ſeine Gnade anzurufen. Er wird Dir anders antworten, als der Miniſter. Er wird die Unterſuchung befehlen. Du darfſt nicht verzweifeln, ehe Dir nicht der König ſelber geſagt, daß Du nichts mehr zu hoffen haſt.“ „Bei Gott, Du haſt Recht, mein Kind. Er ſelber ſoll es mir ſagen, daß ich verhungern oder betteln mag, daß er mir nicht helfen will, daß es kein Recht mehr gibt in dieſem Lande. Ich werde mich hindurch ſtehlen zu ihm, es iſt kein Verbrechen, den höchſten Richter anzurufen. Ich werde zu ihm ſprechen, wie ein Sterbender, den nur er noch retten kann. Er ſoll mit eigenen Ohren den Nothſchrei von Tauſenden aus meinem Munde hören und erſt, wenn er mich zurückweiſt, will ichs glauben, daß auch der König ſeine treuen Diener verläßt, daß ich ein Verlorener bin!“ Der Fremde ſchlang ſeinen Arm um den Nacken der Tochter. Sein Antlitz ward plötzlich milde, der Ausdruck ſeiner Züge ſanft.„Du haſt mir einen guten Rath gegeben, nun aber bete für mich, bete für das Gelingen. Bete zu dem Gotte, der ein Beſchützer der Unglücklichen, ein Vater der Verlaſſenen iſt, daß er mir Bahn breche, bis ich vor dem Könige ſtehe, daß er mir das Ohr des Königs zuwende. Bete, mein Kind, bete. Es iſt ein ſchwerer Gang, den ich verſuche, denn tauſend Wächter umgeben des Königs Perſon und die Armuth iſt für den, der dem Palaſte naht, ſchon ein Peſtflecken, der ihn brandmarkt, der ihm jedem Arg⸗ wohn, jeder Verleumdung ausſetzt. Wenn ſie mich ergreifen, ehe ich zum Könige gedrungen, ſo ſperren ſie mich in den Kerker. Dann verſuche Du es, zum Kö⸗ nige zu dringen, ſage Du ihm, was geſchehen. Doch ich hoffe, ihn zu treffen. Man erzählte mir, daß er oft des Abends einſam im Schloßpark von Charlotten⸗ burg umherwandelt. Der Garten iſt durch Poſten be⸗ wacht, ſobald der König ſpazieren geht, aber am Tage ſteht er dem Publikum offen. Es muß dort einen Ver⸗ ſteck geben, wo ich mich verbergen kann. Will es Gott, ſo treffe ich ihn, allein, ohne Zeugen, unter freiem Himmel, der Menſch den Menſchen, der Arme den Reichen, der Verzweifelnde den Mächtigen und ich werde ihm ausmalen, was Elend heißt, was Menſchen in ſeinem Reiche leiden! Hat er Erbarmen, ſo wird er mich hören— halt— der Todestag ſeines Vaters iſt heute, er wird heute zur Grabſtätte wandern, er wird heute, an dem Tage, wo er erfahren, daß auch Könige ſterblich, daß auch Könige vor den ewigen Richter müſſen, Erbarmen mit dem Unglück haben!“ „Ja, Vater, gehe, ich werde beten. Aber mein Vater, vergiß es nicht, daß es der König iſt, dem Du ohne ſeine Erlaubniß nahſt. Ich habe gehört, der König iſt ſtolz auf ſeine Macht, er läßt ſich nichts ab⸗ trotzen, er duldet keinen Widerſpruch. Er iſt gut und gerecht und mild, wo man ihn aber reizt, ſoll er ſehr heftig ſein. Fordere nichts— bitte! Demüthige Dich, denke, es iſt der König, für den Du heute Dein Leben laſſen würdeſt, wie Du es im Kriege für ihn aufs Spiel geſetzt—“ „Ich thats— heute thäte ich es nicht wieder!“ murmelte der Mann düſter,„auch nicht für das Vater⸗ land wagte ich einen Blutstropfen, geſchweige denn Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 114 das Leben. Ich ſehe und erfahre ja, wie man treue Dienſte belohnt. Aber fürchte nichts, ich werde bitten, werde flehen, als ſtände ich nicht vor einem Menſchen, ſondern vor einem Gott. Siehe, nicht um meinet⸗, um Deinetwillen zage ich für das elende Daſein und bettle und flehe. Ich würde wahrlich, ſtände ich allein, mir ſchon längſt das Leben genommen oder einen die⸗ ſer Elenden, die mich wie einen Hund abweiſen, nie⸗ dergeſchoſſen haben. Um Deinetwillen, Kind, kann ich mich demüthigen!“ „Nicht um meinetwillen, Vater, ſage das nicht nie würde ich das dulden. Lieber wollte ich bei Frem⸗ den als Magd dienen, als den Vater für mich betteln ſehen! Nein, Du ſollſt Dich demüthigen vor dem ober⸗ ſten Richter und Herren des Landes und ihm zeigen, daß Du Dein Recht ohne Trotz forderſt, daß ſie lügen, die Dich einen Mißvergnügten, einen Raiſonneur ſchel⸗ ten. Auch Gott darf man nur bittend nahen und der König ſoll ja wie ein Stellvertreter Gottes auf Erden Gnade üben, wo das Geſetz zu hart. Ruf die Gnade Deines Königs an, Vater, nimm als Gnade hin, was eigentlich Dein gutes Recht wäre, es iſt ja einmal im Lande nicht anders.“ „Kind— und wenn mir auch die Gnade verſagt wird, wenn man mir antwortet, mein Recht ſei mir geworden und die Gnade hätte ich nicht verdient— dann wäre ich tiefer gedemüthigt, als wenn ich nur mein gutes Recht gefordert. Das darf ich erbitten, fordern— eine Gnade, die ich erbettle und die nicht bewilligt wird— o, ich will nicht denken, was ich dann thäte!“— „Denke es nicht, Vater, es iſt ja unmöglich. Errege nicht Deine Leidenſchaften durch Mißtrauen und Zwei⸗ fel. Wie könnte der König das, was Dein gutes Recht iſt, Dir als Gnade verſagen! Man gibt ja dem Bettler ein Stück Brot und Niemand, der ein Herz hat, wird hart ſein gegen den, der zu bitten verſteht. Geh, mein Vater, ich bete für Dich und Gott im Him⸗ mel wird mein Flehen erhören, er wird die Prüfung beenden, die er uns geſandt.“ Siebentes Kapitel. Vor dem Mauſoleum. Der Baron ſaß in einem kleinen halbrunden Ca⸗ binet im Thurmbau des Schloſſes von Charlottenburg und plauderte mit der Baronin. Gaben der König und die Königin ſich im trau⸗ lichen Verkehr unter vier Augen dieſen einfachen Titel, ſo nannte man ſie im Schloſſe in ähnlicher Weiſe. Man ſprach nur von der allergnädigſten Herrſchaft, vom Herrn. Nach den Begriffen der Dienerſchaft, wozu wir natürlich auch die höheren der Kammerherren und Hofsamen rechnen, nach dem ganzen Character dieſes Privatlebens der Majeſtäten, machte es den Ein⸗ druck, als ſei das Land Preußen ein großes Ritter⸗ gut, der König der Beſitzer, die Miniſter und Räthe die Inſpectoren. Beim Morgen⸗Kaffee wurden die 117 Dispoſitionen für den Tag getroffen, ob ein Spital, ein Regiment, ein Bau, eine Gallerie beſichtigt, ob ein Ausflug hier⸗ oder dorthin unternommen werden ſoll, ob man in Charlottenburg, Berlin, Potsdam oder Sansſouci ſpeiſen, wo der Herr die Vorträge entgegen⸗ nehmen werde und von dieſen beim Kaffee getroffenen, oft noch ſpäter abgeänderten Dispoſitionen griff manche tief in das Räderwerk der Staatsmaſchine. Das war Alles nicht wie früher, wo die ſolda⸗ tiſche Pünktlichkeit des hochſeligen Herrn Alles auf das Peinlichſte und Genaueſte geordnet, wo wohl nie eine Parade abbeſtellt oder ſpäter angeſagt wurde als zu⸗ erſt beſtimmt, wo jede Reiſe ein Ereigniß geweſen. Heute hatte der Hof, wie gewöhnlich am Sterbe⸗ tage Friedrich Wilhelm III. den Manen des Todten in ernſter Feier eine Huldigung gebracht, die Majeſtä⸗ ten hatten mit den Gliedern ihrer Familie allein, der Hof an der Marſchallstafel geſpeiſt, der König war, nachdem die Prinzen und Prinzeſſinnen Charlottenburg verlaſſen, zu ſeiner Gemahlin gegangen und Beide ſprachen über ſo Manches, was in den vier Jahren ihrer Regierung geſchehen, was dem Könige für Hoff⸗ nungen geſcheitert, welche trüben und herben Erfah⸗ rungen er gemacht, wie bittere Enttäuſchungen ihm geworden, wie das Volk, das er ſo liebte, das glücklich 118 zu machen er gern ſein Leben geopfert, ihn nicht ver⸗ ſtehe, ihn verkenne, ſich ihm mehr und mehr entſremde. Der König wußte das, hat er doch ſelbſt ſcherz⸗ weiſe einmal geäußert: Zuerſt wollten die Leute mich vor Liebe aufeſſen und jetzt thut es ihnen leid, daß ſie es nicht gethan haben.“ „Dem Gerechten vor Gott wird ſelten der Dank dieſer Welt“, ſagte die Königin,„und wer nach dem Ruhme dieſer Welt trachtet, der hat ſeinen Lohn hin⸗ weg.“ Der König ſchien nicht gelaunt, ſich auf dieſe Weiſe tröſten zu laſſen.„Er iſt ein Racker von Staat“, verſetzte er,„er verträgt keine Güte und bockt gegen die Strenge. Ich habe die freiſinnigſten Männer nach Berlin gerufen, habe die Göttinger Profeſſoren ange⸗ ſtellt, die Preſſe ihrer Ketten entledigt, Arndt und Jahn frei gelaſſen, weil ich aber den Unglauben, die Gottesleugner nicht dulde, verſchreit man mich als Pietiſt.“ „Das Eine paßte eben nicht zu dem Andern. Ich warnte Dich, den Unzufriedenen die verſöhnende Hand zu reichen, ſie fordern als ihr Recht, was ſchon als Gnade zu viel. Und wenn der König ſelber Zweifel ſäet, will er da Vertrauen erndten? Wenn Du dieſem Humboldt es geſtatteſt, ehrwürdige Männer zu verſpotten, 119 zu ſagen, man mache nur durch Heuchelei an unſerm Hofe Carrière, ſoll man Dir da glauben, daß es Dir heiliger Ernſt iſt, dem Lande Gottesfurcht und Kir⸗ chenzucht wieder zu geben?“ „Eliſe, das iſt das alte Thema, von dem ich nichts wiſſen will. Da ſind und bleiben wir verſchiedener Anſicht. Ein König ſoll allen Parteien gerecht wer⸗ den, über allen ſtehen. Der Wiſſenſchaft gebührt die ihr geziemende Achtung. Man erziehe die Jugend in ſtrenger Gottesfurcht, predige der Einfalt das wahre Chriſtenthum— reifere Geiſter müſſen ſich durchkämpfen durch alle Zweifel, bis der Herr ſie wieder zurückführt zum kindlichen Glauben. Auch ich war ein Zweifler und keine Macht der Erde hätte mich bekehrt, die er⸗ weckt nur Oppoſition, Gott der Herr hat mir den in⸗ neren Frieden wiedergegeben nach ſchwerem Kampf.“ „Die Leute aber“, verſetzte die Königin,„die nicht in Dein Herz ſehen, die nur hören, daß der König, welcher ſich heute offen zum Herrn bekannt, morgen die Feinde der Kirche begünſtigt und ehrt, werden an ihm irre, ſie ſagen, der König denke freiſinnig, ſei mit dem Herzen der Ihre, aber ſeine Umgebung bethöre, täuſche ihn, ſtehe zwiſchen ihm und ſeinem Volke Die treuen Männer, welche die Regierung leiten, werden verleumdet, werden ſelbſt an Dir irre—“ 120 „Genug, Madame“, unterbrach ſie der König. „Mit Eichhorn und Uhden, Thile und Gerlach kann ich nicht über den Kosmos, über die Entdeckungen auf dem Gebiete menſchlichen Wiſſens ſprechen und der Geiſt fordert noch andere Nahrung als die, welche er in der Kirche findet. Ich habe große Luſt, dem Drän⸗ gen des Volkes nachzugeben und Landſtände zu be⸗ rufen.“ „Was! Du wollteſt—“ „Kein Blatt Papier zwiſchen mir und meinem Volke, keine ſogenannte Conſtitution, keine geſchriebene Verfaſſung. Nein, Eliſe, aber ich will dem Drängen der Zeit nachgeben und mein Volk allmälig zur Ent⸗ wicklung führen, ich will Vermittler zwiſchen dem Throne und dem Volke, mögen die Stände denn das Wohl der Provinzen gemeinſam berathen—“ „Und die Gefahr dieſer Neuerung ſchreckt den König nicht zurück, der ſchon ſo viel bittere Enttäu⸗ ſchungen erlebt?“ „Ich bin mir der Wichtigkeit, der Folgenſchwere dieſes Entſchluſſes bewußt und werde die Ausführung nicht überſtürzen.“ „Ich fürchte, je näher Du Dich mit dem Gedanken vertraut zu machen ſuchſt, um ſo größere Reize wird er für Dich gewinnen, um ſo mehr wirſt Du die Schat⸗ 3 121 tenſeiten unberückſichtigt und Dich durch die Lichtſeiten gewinnen laſſen.“ „Das fürchteſt Du? Theure Baronin, treibſt Du jetzt Politik?“ „Theurer Baron, ich weiß es aus der Geſchichte, daß der unglückliche Märtyrer Ludwig XVI., deſſen Schickſale allen Monarchen als düſtere Warnung vor Augen ſtehen ſollten, aus Herzensgüte, aus Verſöh⸗ nungsliebe, aus edlem Vertrauen der Oppoſition auch entgegenkam, anſtatt den Geiſt des Ungehorſams mit des Schwertes Macht bei Zeiten zu erſticken und daß er mit der Berufung einer Notablen⸗Verſammlung nur den Ausbruch der Revolution beſchleunigte, anſtatt ihm vorzubeugen. Die Menſchen ſind heute nicht mehr mit dem zufrieden, was ſie geſtern gewollt, und je mehr man ihnen nachgibt, um ſo weiter gehen ihre For⸗ derungen. Iſt ein König nichts weiter als ein erſter Beamter des Staates, ſo muß er freilich allen For⸗ derungen Rechnung tragen, betrachtet er ſich aber als Stellvertreter Gottes, faßt er ſeinen Beruf heiliger auf, ſo darf er ſich nicht durch Zeitſtrömungen ſchwan⸗ kend machen laſſen, da ſoll er nach ſeinem Gewiſſen und nach ſeiner Ueberzeugung handeln und Gott dem Herrn das Kommende überlaſſen. War es Deine Ueber⸗ zeugung, die Dich erklären ließ, das Verſprechen Deines ————— 2muu—ͤſͤſͤſſſ 122 Vaters, eine Verfaſſung zu geben, ſei für Dich unver⸗ bindlich, hat der hochſelige König es gefühlt, daß ſeine Pflicht dieſem Verſprechen entgegenſtehe, darf da, kann da das Geſchrei von Menſchen, die Alles bekriteln, Alles antaſten, denen ſelbſt der liebe Gott nicht mehr heilig iſt, den ſtarken König von Preußen irre machen? Hat er nicht die Pflicht, die Macht zu üben, die ihm der Herr anvertraut und ſeine Krone unverſehrt ſeinem Nachfolger zu hinterlaſſen? Hat er nicht die heilige Pflicht auch gegen ſeine Bundesgenoſſen, die Beherrſcher von Oeſterreich und Rußland, gegen die deutſchen Herr⸗ ſcher ſein Land vor Erſchütterungen zu bewahren, welche auch die Ruhe anderer Staaten gefährden, wenn man ihnen nicht gleich einen Damm entgegen⸗ ſtellt? Ich meine, derartige Neuerungen könnten nur durch Vereinbarung aller Fürſten gegeben werden, der Einzelne, der einer Schwäche folgend, ſie einführt oder einführen läßt, erregt die Unzufriedenheit anderer Völ⸗ ker mit ihren Regierungen. Das ſind meine Bedenken, vor Allem aber lege ich Gewicht darauf, daß wie es nur einen Gott und einen Glauben geben kann, wie eine Gemeinde nicht rechten darf mit ihrem Seelenhir⸗ ten, es auch einem Volke nicht zuſteht, von ſeinem Könige zu fordern, daß er ſich eines Theils ſeiner Macht entkleide. Er iſt entweder Stellvertreter Gottes, König von Gottes Gnaden und hat ſich nur vor Gott und ſeinem Gewiſſen zu verantworten, oder er iſt ein König von der Menſchen Gnaden und Jeder, der die Macht dazu hat, darf über ihn richten.“ Der König war nachdenklich geworden. Die Er⸗ innerung an Ludwig XVI., der mit der Berufung der Notablen das Schickſal ſeiner Dynaſtie entſchieden, die Worte, daß er die Pflicht habe, ſeine Krone unverſehrt dem Nachfolger zu überlaſſen, daß er nur ein König von Gottes— oder von der Menſchen Gnaden ſein könne, entſprachen ganz ſeinen eigenen Anſchauungen.“ „Du haſt mich mißverſtanden“, ſagte er.„Ich denke nicht an eine Beſchränkung der Macht, die mir Gott verliehen, denke nicht daran, eine Stufe vom Throne herabzuſteigen, dem Trotze nachzugeben. Aber ich will meinem Volke das Recht gewähren, durch weiſe, rechtſchaffene Vertrauensmänner mir ſeine Wünſche vorzutragen, mit mir die Wege zur Beſſerung aller Zuſtände zu berathen. Ich will in Frieden leben mit meinem Volke, will, daß Jeder einſehe, wie gut ichs mit ihm meine. Es widerſtrebt mir, immer nur der ſtrafende Herr zu ſein, iſt es nicht ſchöner, die Irren⸗ den ſanft auf den rechten Weg zu führen? Soll mir die Krone eine noch ſchwerere Laſt werden?“ „Unſer blödes Auge errathet nicht, was der Herr 124 in ſeinem wunderbaren Walten uns für Prüfungen ſendet und wir ſollen tragen, was er uns beſcheidet, nicht aber uns klug dünken und ihm vorgreifen. Will Er, daß dieſer Geiſt des Unglaubens, des Ungehorſams und der Verderbniß durch das Schwert gebrochen wird, ſo iſt es vermeſſen, wenn der Mann, der das Schwert Gottes auf Erden trägt, den Streich zu hart findet. Das Gebot Gottes heißt: Seid unterthan der Obrig⸗ keit, denn ſie führt das Schwert nicht umſonſt, es for⸗ dert alſo von der Obrigkeit, daß ſie Ungehorſam nicht dulde. Und der Herr ſendet Jedem ſeine Prüfungen, auch denen, die ihn lieben, auch denen, die eine Krone tragen. Es iſt uns geſagt: Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er und der Herr nimmt keinen an, den Er nicht vorher ſtäupete. Trübſale muß leider Jeder, der mit ſeinem Herrn den Weg nach dem neuen Je⸗ ruſalem pilgert und gekrönt kann Keiner werden, der nicht zuvor das Kreuz getragen hat. Hiob war auch ein Fürſt in Arabien und doch mußte er in der Aſche ſitzen und ſich ſeine Schwäre ſchaben. David, der Mann nach dem Herzen Gottes, war ein ſehr mächtiger Kö⸗ nig, und vor dem Heere ſeines eigenen Sohnes mußte er über den Jordan fliehen und anhören, wie Simei ihm fluchte und drohte. Du wirſt auch dieſen Weg gehen und Viele, die Dein Brot eſſen, die Du erhöhet 125 und mit Titeln und Ehren bedacht, werden Dich ſchmähen und verrathen.“ Der König erhob ſich. Sein Blick war trübe. Ja, ſie ſprach die Wahrheit, das fühlte er ſchon jetzt. Wo er mit vollem, warmen Herzen ſeinen Gegnern die Hand gereicht, hatten ſie ihn verſpottet, wo er das Füllhorn ſeiner Gnade ausgegoſſen, fand er Undank. Herwegh, den er ſo herzlich empfangen, wie hatte der Dichter dieſe Großmuth aufgenommen? Den Gelehrten und Künſtlern hatte er ſeine Paläſte erſchloſſen, ſie zu ſich gerufen, ihnen in Berlin Winterquartiere des Alters, die Sonne königlicher Huld geboten. Wie viele waren gekommen und was thaten ſie? Tieck las ſeine lang⸗ weilig gewordenen Sachen vor, Schelling gab confuſe Vorleſungen zum Beſten, die Niemand beſuchte, Cor⸗ nelius malte freilich ſeine Apocalipſen⸗Bilder, die der König beſtellt— aber Rückert, anſtatt den geiſtreichen Hof zu verherrlichen, ſchrieb ſtachliche Epigramme auf Berlin. Andere kamen nicht, die Freiheit war ihnen lieber als die Gunſt des Hofes, Tieck that aber nichts fürs Theater, Schelling nichts für die Wiſſenſchaft, Cornelius fügte ſich nicht den Anſchauungen der Neu⸗ zeit und Rückert zeigte deutlich, man ſolle ihn in Ruhe laſſen! Der König, der die Wiſſenſchaften liebte, ſah 126 überall die Gelehrten und die Univerſitäten in offene Oppoſition gegen ſeine liebſte Idee, die vom chriſtlichen Staate, treten, die deutſche Jugend, die er begeiſtert mit ſeinen Worten, ſie folgte jetzt anderen Führern, wo er ſich hatte an die Spitze ſtellen wollen, da ſah er ſich verlaſſen, eine Illuſion ſchwand nach der an⸗ dern in bitterer Enttäuſchung. Wer da weiß, was es heißt, wenn wir mit über⸗ ſtrömendem Gefühl Jemand die Hand reichen, ihm Gutes thun, ihn verſöhnen wollen und der Andere hebt ſeine Hand nicht, die unſere zu ergreifen, wem einmal in ſolchem Augenblick das Herz unter kaltem Schauer gefröſtelt, der mag ſich erklären, was der König fühlte, der Mann, der im Purpur vom Thron herab dem Ge⸗ fühl des Herzens freie Bahn gab und überall, wo er anfänglich Alles begeiſtert, jetzt der Kälte, dem Undank, ſogar dem Trotz begegnete! Im Schloßpark zu Charlottenburg liegt einſam das Mauſoleum. Am 23. December 1811 führte Herzog Karl von Mecklenburg den Sarg ſeiner verklärten Schweſter, der unvergeßlichen Königin Louiſe von der Domkirche, wo er ſeit dem 19. Juli 1810, dem Todestage der Königin geſtanden, nach der neu erbauten Todtengruft. Es war Morgens vier Uhr, da ſchmetterten die Trompeten der 127 Garde de Corps in gedämpften, langgezogenen Tönen und den Herzog an der Spitze führte die königliche Leibwache den Sarg ins Mauſoleum, in das ſtille, kühle Grabgewölbe unter ernſten Tannen und duften⸗ den Blumen. Im Oectober 1813 legte der König Friedrich Wil⸗ helm III. auf den Sarg ſeiner Gemahlin den Lorbeer⸗ kranz von Leipzig, da weinte er an ihrem Grabe— das Unglück Preußens hatte ihr das Herz gebrochen, ſie ſollte den Tag der Befreiung nicht erleben. Von Rauch's Meiſterhand ſind die Statuen der Königin und nun auch die des Königs gebildet, der jetzt an der Seite ſeiner Gattin ruht. Zu dieſen Gräbern pilgert der König. Er war der Liebling ſeiner todten Mutter, er hat die trübſte Zeit Preußens mit erlebt, er hat den Tag der Be⸗ freiung geſehen, die Begeiſterung des Volkes, die Treue, die Thatkraft deſſelben. Und dieſes Volk, das verehrt noch heute ſeine Mutter wie eine Heilige, als die Schußgöttin Preußens. Und dieſes Volk hat den todten König dort gefürchtet, geachtet und geliebt, bis zu ſeinem Ende, obwohl der ſtrenge Herr ihm die Verfaſſung verſagt, obwohl er allen Neuerungen abhold geweſen, obwohl er die Volks⸗ männer aus den Freiheitskriegen hatte verfolgen, die 128 deutſche Jugend hatte in die Zwangsjacke des Beam⸗ tenſtaates ſtecken laſſen. Das Volk hatte um den König wie um einen Vater getrauert. Und Friedrich Wilhelm IV. hatte als Kronprinz mit dem Volke gefühlt, deſſen Leiden erkannt, hatte darnach getrachtet, ihm jeden Druck zu nehmen und mit vollem überſtrömenden Herzen ihm zugerufen, er wolle ihm ein guter und gerechter, ein liebender König ſein. Hatte der Vater mit ſeinem einfachen Verſtande, mit ſeinem feſten, wenn auch einſeitigen Character, es doch beſſer verſtanden, die Menſchen zu behandeln, das Volk zu regieren, als er, der geiſtreiche, geniale Mann? Jener hatte faſt ein halbes Jahrhundert regiert und ſich die Liebe des Volkes, die Achtung bewahrt und er ſaß jetzt vier Jahre auf dem Throne und überall gährte es im Lande, überall war Mißvergnügen und Zwietracht, Oppoſition und offener Trotz und die Wo⸗ gen der Begeiſterung, die ſo hoch geſchlagen, waren längſt verfluthet! Wahrlich, ſolche Gedanken mußten den König bit⸗ ter ſtimmen. Waren es kalte Figuren, nicht Menſchen, mit denen er rechtete, Menſchen, die doch von Andern ein warmes Entgegenkommen fühlen, warum nicht auch von einem Könige? — 129 War es der Purpur, der ihn den Menſchen ent⸗ fremdete, daß ſie ihn mißtrauiſch und hart beurtheilten, oder waren die Menſchen ſchlechter geworden in wenig Jahren, war dies Volk ein anderes als das, welches am Grabe ſeines Vaters gebetet? Die Menſchen waren wohl ſchlechter geworden. Der böſe Dämon hatte ſie verführt, die Niedertracht Einzelner hatte das Herz des Volkes vergiftet, den Geiſt des Undankes, des Unglaubens, des Mißvergnü⸗ gens verbreitet— Der König ſchreitet raſch durch die einſamen Gänge des Gartens. Immer mehr erregen ihn ſeine eigenen Gedanken, die Empfindſamkeit, die reizbare Phantaſie gaukeln ihm Bilder vor die Seele, die ihn erbeben machen— es iſt ein gräßlicher Gedanke, ein König zu ſein, den ſein Volk haßt. Und wie der König ſo dahin ſchreitet, löſt ſich plötzlich aus dem Gebüſch ein Schatten, er hört ein kniſterndes Geräuſch, ein Menſch trat ihm in den Weg. Der König iſt kurzſichtig, er iſt vor allen Dingen nervös. Ihn erſchreckt die plötzliche Begegnung. Er ſieht kaum die Geſtalt, er weiß nicht, wen er vor ſich hat, er weiß nur, daß hier Niemand wandeln darf, daß alſo Jeder, der ihm begegnet, ſeinen ſtrengen Be⸗ fehlen trotzt. Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 9 130 Er will hier allein ſein und doch iſt er es nicht. Dem Könige darf Niemand ohne Erlaubniß nahen, hier ge⸗ ſchieht es doch. Die körperliche Schwäche, welche ein ſchlechtes Auge mit ſich bringt, erhöht für den König das Peinliche der Situation, der Schrecken ſpannt die gereizten Nerven noch höher. Der Mann wirft ſich vor ihm auf die Kniee und reicht ihm ein Schreiben. Der König prallt einen Schritt zurück. „Hinweg!“ ſagt er mit ſchneidender, erregter timme—„aus dem Wege.“ Niemand iſt Zeuge deſſen geweſen, was weiter geſchehen, aber viele Vermuthungen ſind laut gewor⸗ den, Vermuthungen, welche ſich auf die Leidenſchaft⸗ lichkeit des Königs, auf die Ausdrucksweiſe deſſelben bei anderen Gelegenheiten ſtützen. Die ſpätere Unter⸗ ſuchung ward unter dem Schleier des tiefſten Geheim⸗ niſſes geführt. Der Mann hatte ſich dem Könige in den Weg geworfen, hatte Gehör ertrotzen wollen, er war damit ein Verbrecher, er beleidigte die Majeſtät. Ob die Ver⸗ zweiflung ihn dahin gebracht, war zur Sache gleich⸗ giltig, die Gewaltſamkeit dieſes Attentats erregte den König aufs Aeußerſte. Hat er den Mann bei Seite geſtoßen, hat er nur die Bewegung mit dem Fuße gemacht, die, wie wir Oben ſchilderten, einen Kammerdiener einſt tief verletzt, oder hat der Unglückliche dies ſpäter behauptet, ſeine Wuth zu rechtfertigen? Der König kehrte unverſehrt ins Schloß zurück, aber wehenden Haares, ſtieren Blicks ſtand dort, hinter den Büſchen die Geſtalt, die vor ihm gekniet, hoch auf⸗ gerichtet und ballte die Fauſt und murmelte einen gräß⸗ lichen Fluch. 8 Achtes Kapitel. Der Königsmörder. Die Polizei ſtellte Recherchen an, wer ſich dem Könige genaht, wo der Mann geblieben, aber ſie fand keine Spur. Auch jener Fremde, der am Landsberger Thore gewohnt, war abgereiſt, war doch nicht mehr in dem alten Hotel. Der König hatte den Verwegenen, der ihm in den Weg getreten, damit beſtraft, daß er ihn nicht angehört. Hatte er aber den Ruf vernommen: Ich war Offizier?! Ahnt er es, daß der Unglückliche nun in doppelter Bitterkeit der Verzweiflung anheimge⸗ geben iſt? Es vergehen Wochen. Der König will mit ſeiner Gemahlin nach Schleſien reiſen. Im Portale des Schloſſes ſteht der königliche Reiſewagen, da harrt 133 eine zahlreiche Menge der Majeſtäten, ihnen ein Lebe⸗ wohl zuzurufen. Der König und die Königin ſteigen in den Wa⸗ gen; kaum haben ſie Platz genommen, da ſtürzt ein langer, in einen Mantel gehüllter Mann aus der Menge hervor und feuert auf den Monarchen ein mit zwei Kugeln geladenes Doppelterzerol ab. Gensdarmen und Wachen ſtürzen ſich auf den Thäter und ergreifen ihn. Die eine Kugel iſt über dem Kopfe der Königin in den Wagen eingeſchlagen, die andere hat den König getroffen, iſt aber, durch den Mantel und die ſtark wattirte Uniform geſchwächt, kaum bis zur Haut vor⸗ gedrungen. Das Königspaar beruhigt das beſtürzte, empörte Volk und tritt die beſchloſſene Reiſe an. In dem Mann, welcher auf den König geſchoſſen, erkennt man den abgewieſenen Bittſteller, dem man es bei Strafe der Einſchließung verboten, die Gnade des Königs anzurufen, den Lieutenant a. D. und ehemaligen Bürgermeiſter des Städtchens Storkow— im Pots⸗ damer Regierungsbezirk— Heinrich Ludwig Tſchech. Als die Kunde von dieſer Unthat— ſchreibt För⸗ ſter— durch die Provinzen flog, ſchien die Nation vor Schreck und Entſetzen im erſten Augenblick zu er⸗ ſtarren, aber bald wiederhallte das ganze Land von leidenſchaftlichen Verwünſchungen gegen einen Mörder, 134 der es gewagt hatte, ſeine verruchte Hand gegen das geweihte Haupt ſeines Monarchen zu erheben. Der patriotiſche Stolz fühlte ſich gedemüthigt durch ein Verbrechen, das in Preußen unerhört war und von Allen als ein unauslöſchlicher Schandfleck auf der Nationalehre beklagt war. Der Mörder ward ausge⸗ ſtoßen aus der Genoſſenſchaft des Volkes und für einen Slaven erklärt. Der Abſcheu gegen den Königs⸗ mörder überwog die ſittliche Entrüſtung über das Ver⸗ brechen und es zeigte ſich bei dieſer Gelegenheit, daß in Preußen jedes Herz noch für den König ſchlug. Nur Jeſuitismus kann ſagen, daß der Zweck das Mittel heiligt, nur ein ſehr infamer Jeſuitismus kann ganzen Parteien ein Verbrechen zur Laſt legen, das ein Einzelner in Verblendung, Rachſucht oder Leiden⸗ ſchaft begeht. Als Napoleon Herr der Welt war und Deutſch⸗ land knechtete, wollten preußiſche Offiziere ihn in Er⸗ furt ermorden. Sehr richtig aber ſagte man ihnen, mit einem Verbrechen löſcht man die Schande nicht, wehe dem Volke, das ſeine Freiheit Verbrechen ver⸗ dankt. Die Blutſchuld, die Frankreich an Ludwig XVI. begangen, laſtete als Fluch auf der jungen Republik. Wo nun aber ein einzelner Unzufriedener die Hand gegen einen Monarchen erhebt, den ſein Volk liebt, da iſt das Verbrechen tauſend Mal größer. Wer hat das Recht, eine momentane Unzufriedenheit, ein Mißver⸗ gnügen als Vorwand eines Verbrechens zu mißbrauchen? Und gibt es leider ſolche Wahnſinnige, ſolche verblendete Phantaſten, ſolche Elende— iſt es da nicht ein Schimpf für die Nation, eine blutige Beleidigung, ihr zu ſagen, daß die Partei der Mißvergnügten das Verbrechen verſchulde? Das iſt aber ein beſonderer Fluch, der auf ſolchen Verbrechen laſtet, daß man ſie ausbeutet im Partei⸗ kriege und das geſchah auch hier. Die wenig beliebte Regierung ſuchte aus der loyalen monarchiſchen Stim⸗ mung, die jetzt wieder friſch und lebendig geworden, Nutzen zu ziehen. Durch ihre Organe in der Preſſe ließ ſie umſtändlich den Zuſammenhang erörtern, der angeblich zwiſchen den gottloſen deſtructiven Lehren der Oppoſitionsliteratur und dem Tſchech'ſchen Mord⸗ anfall beſtand und war auf dieſe Weiſe bemüht, die Verantwortung für das Attentat auf die gehaßten und gefürchteten Oppoſitionsſchriftſteller zu wälzen. Allein dieſer perfide Verſuch, der ſelbſt in conſer⸗ vativen Kreiſen nur bedenkliches Kopfſchütteln oder mitleidiges Lächeln hervorrief, hatte auf das Publikum nicht den geringſten Erfolg. Bei dieſem galt es für 6 4 1 136 ausgemachte Sache, daß allein perſönlicher Rachedurſt den Arm Tſchechs gegen den König bewaffnet hatte. Man wußte, daß der König ſein wiederholtes Bittge⸗ ſuch um Wiederanſtellung zurückgewieſen und verſchie⸗ dene Anzeichen ſprachen dafür, daß der Mörder ein vermeintlich erlittenes Unrecht zu rächen beabſichtigt hatte. Dazu kam— ſo berichtet Förſter— daß glaub⸗ würdige Nachrichten über die Beweggründe zu Tſchechs Attentat bei der damals noch herrſchenden Heimlichkeit des Unterſuchungsverfahrens nicht in die Oeffentlich⸗ keit gelangten. Wahrſcheinlich waren dieſelben poli⸗ tiſcher Natur, da Tſchech von Allen, die ihn kannten, als ein politiſcher Schwärmer und Idealiſt geſchildert wird. Starr und unbeugſam in ſeinen Ueberzeugungen, von finſterer rachſüchtiger Gemüthsart, ergrimmt über eine vermeintliche Zurückſetzung, die er als Beſtrafung ſeines Freiheitsſtrebens anſah, wähnte er in ſeinem bornirten Fanatismus dem Vaterlande einen Dienſt zu erweiſen, wenn er das mächtige Haupt fällte, das ſeinem perſönlichen Anliegen und den allgemeinen Frei⸗ heitsentwürfen kein Gehör ſchenkte. Zum Tode verurtheilt, verſchmähte er es, ſich die in Ausſicht geſtellte Begnadigung durch das Bekennt⸗ niß der Reue zu erkaufen. Bis zum letzten Augenblicke zeigte er den düſtern Fanatismus, die unbeugſame 137 Entſchloſſenheit, die ihn zu der gräßlichen That getrie⸗ ben hatte. Er wollte ſterben, wie er den König hatte tödten wollen! So weit der Hiſtoriker. Er gibt es zu, daß die Beweggründe der Handlung nie ganz aufgeklärt wur⸗ den und das beſtätigen auch andere Geſchichtsſchreiber. Im Munde des Volkes hat ſich die Sache romantiſcher ausgeſchmückt und C. Pitawell gibt uns darüber fol⸗ genden Bericht. Die Unterſuchung, ſchreibt er“), dauerte mehrere Monate, da Niemand dem offenen Geſtändniß des Mörders traute und ihm politiſche Motive unterſchob. Das ſchroffe abſtoßende Weſen Tſchechs erſchien als Hartnäckigkeit, man bezweifelte, daß ein Mann, nur aus dem Grunde, weil er vorgab, perſönlich beleidigt zu ſein, den Königsmord unternommen habe. Der Einzige, der ſeiner Ausſage Glauben ſchenkte, war— nach dem Folgenden zu urtheilen— der König. Die Unterſuchung hatte kein Reſultat; man fand weder Mitſchuldige, noch irgend ein Anzeichen, welches den Verdacht beſtätigte, daß Tſchech eine politiſche Handlung mit dem Morde beabſichtigte— ſein Ge⸗ *) Königsfeinde. E. Pitawell. 138 ſtändniß, daß er Privatrache beabſichtigt habe, ſprach ihm das Urtheil. Der Gerichtshof verurtheilte ihn zum Tode durch das Rad und Schleifung des Körpers nach der Richt⸗ ſtätte. Der Miniſter legte das Urtheil dem Könige zur Beſtätigung vor. Wenn das Gericht ſein Urtheil fällt, ſo ſpricht es nach dem Buchſtaben des Geſetzes, es hat keine Ver⸗ antwortung als die, dem Geſetze genügt zu haben. Ob das Geſetz hart iſt oder milde, das berührt nicht das Gewiſſen des Richters; für ihn iſt der Verbrecher ein Mann, deſſen Name, ſobald das„Schuldig“ er⸗ wieſen iſt, nur in dieſe oder jene Rubrik der Strafen des Geſetzbuches einzutragen iſt— der König aber hat das Recht— oft auch die Pflicht der Gnade. Er hat das Recht der Begnadigung, denn dieſes iſt ihm vom Geſetze gegeben, und das Wort der Gnade wird Pflicht, wo die Umſtände es erwieſen, daß die ſtrenge Form des Geſetzes den Schuldigen härter trifft, als der Geſetzgeber es wollte. Der König hat das Recht und die Pflicht der Gnade, aber er hat auch die Pflicht, der Gerechtigkeit freien Lauf zu laſſen, wo dies nöthig iſt, denn das Geſetz ſoll ſtrafen und durch Strafen warnen. Das 139 Geſetz wäre überflüſiſg, wenn der König ſtets Gnade übte. Der König iſt Herr über Tod und Leben in ſol⸗ cher Stunde, der Menſch in ihm möchte oft verzeihen, wo der König es nicht darf— Herz und Pflichtgefühl ſtehen einander gegenüber. Wie ſchwer es aber dem Monarchen werden mag, durch den Federſtrich ſeiner Unterſchrift das Beil des Henkers in Bewegung zu ſetzen— fürchterlich muß es ihm ſein, wenn er ſelbſt bei der Sache betheiligt iſt, wenn er zugleich der Be⸗ leidigte und der Vollſtrecker des Geſetzes iſt. Der König richtet über den Königsmörder. Das Geſetz fordert den Tod des Schuldigen— er möchte Gnade üben, aber er darf es nicht, als König. „Aber der beabſichtigte Mord hatte keine politiſchen Urſachen, es war Privatrache und ich will verzeihen!“ ruft Friedrich Wilhelm IV.„Ich will nicht, daß er ſtirbt.“ „Majeſtät, das Verbrechen iſt unerhört in der 4 preußiſchen Geſchichte“, antwortet der Miniſter,„Gnade wäre hier Schwäche, ja, ſie wäre Pflichtverletzung. — Die Majeſtät iſt beleidigt, nicht die Perſon, die Maje⸗ ſtät muß gerächt werden vor dem Volke. Der Ver⸗ brecher bittet nicht einmal um Gnade, iſt verſtockt. Er 1 fordert ſein Recht, laſſen Sie ihm ſein Recht werden.“ ———* 440 Der König ſchiebt das Pergament bei Seite. „Kommen Sie heute Abend wieder“, ſagt er,„bis dahin werde ich mich entſcheiden!“ Der Gefangene ſitzt mit Ketten beladen im Kerker. Es raſſelt im Schloſſe, die Eiſenthüre geht auf, ein Mann tritt ins Gefängniß— der Ordensſtern auf ſeiner Bruſt verräth, daß er dem Throne nahe ſteht. „Tſchech“, redet er den Gefangenen an,„Sie wiſſen, daß Ihnen das Urtheil geſprochen iſt. Bitten Sie um Gnade und der König wird das Urtheil nicht unterzeichnen.“ „Ich bitte nicht“, antwortet der Mörder ſtolz. „Ich habe einmal gebeten und darauf wurde mir eine Beleidigung. Ich konnte nicht Genugthuung dafür fordern und deshalb habe ich geſchoſſen.“ „Tſchech, denken Sie ſich in die Lage des Königs. Sie ſind in Gedanken, ein Mann wirft ſich Ihnen in den Weg. Es kann ein Mörder ſein. Sie ſind er⸗ ſchrocken, Sie erzwingen ſich den Weg in Ihrem eigenen Garten. Der Mann ſteht tief unter Ihnen, Sie den⸗ ken nicht daran, ihn beleidigen zu wollen, denn Sie ſind beleidigt— hat der Mann dadurch ein Recht, zum Mörder zu werden? Es iſt der König, auf den Sie geſchoſſen, ein Mann, der Millionen angehört, an 141 deſſen Leben oder Tod vielleicht die Wohlfahrt des Staates abhängt, an dem darf ein Einzelner nicht Privatrache üben, er iſt der Geſalbte des Herrn. Ueberlegen Sie ſich das und erklären Sie nur, daß Ihnen das leid thut, was Sie gethan und der König wird Sie begnadigen. Er will Sie begnadigen, aber er muß doch ein Recht dazu durch Ihre Reue erhalten. Thut es Ihnen leid, Tſchech?“ „Ja“, fuhr der Gefangene auf und ſeine Augen blitzten in düſterem Feuer,„ſagen Sie dem Könige, es thut mir leid, daß ich ihn nicht getroffen habe, daß ich fehlgeſchoſſen.“ Der Beamte ſchaudert und verläßt den Kerker— ein gellendes höhniſches Lachen ſchallt hinter ihm her. Die Miniſter ſind wieder verſammelt. „Der König darf ihn nicht begnadigen“, rufen ſie einſtimmig,„es wäre unerhört— ſo darf man des Rechtes nicht ſpotten.“ Der Juſtizminiſter tritt in das Cabinet. Noch immer iſt der König unentſchloſſen, noch immer ſträubt ſich ſein Gefühl gegen die eiſerne Pflicht. Der Miniſter drängt. „Majeſtät“, ſagt er,„ſelbſt abgeſehen von Ihrer Perſon, verdiente ein Mann den Tod, welcher den 142 Vorſatz des Mordes nicht bereut, der den Mord für ſein Recht hält!“ Der König ſträubt ſich noch immer, trotz Allem. Er zieht alle ſeine Miniſter, ſeine Freunde zu Rathe— der Abend bricht herein— er tritt in ſein Gemach um zu beten— endlich kehrt er zurück. Er ſtreicht die Strafe des Rades und der Schlei⸗ fung, die den Königsmörder treffen und unterſchreibt das Todesurtheil, wie es den einfachen Mörder trifft, Tod durch das Beil. Die Miniſter ſind entlaſſen. Der König läßt den Unterſuchungsrichter kommen, der zugegen ſein ſoll bei der Vollſtreckung der Strafe. Er gibt ihm ein Blatt, worauf er die Begnadigung verzeichnet. „Fragen Sie ihn angeſichts des Todes“, ſagte der König,„ob er bereut, und macht er nur Miene dazu, dann ſoll er nicht ſterben. Ich wünſche es, Gnade zu üben, ich erwarte es, zu hören, daß er im letzten Augenblick ſeine Schuld eingeſehen.“ Der Unterſuchungsrichter geht— draußen ſtehen die Miniſter. Sie befragen ihn um ſeinen Auftrag, er zeigt ihnen die Begnadigung. „Das darf nicht ſein!“ rufen ſie,„dieſe Schwäche des Königs kann die unglücklichſten Folgen haben. 143 Es iſt ein entſetzlicher Geiſt des Unglaubens im Lande, ein warnendes Beiſpiel thut noth. Stellen Sie dem Manne die Frage ſo, daß ſein Trotz ſich nicht beugt, er muß ſterben. Der König iſt zu weich, er darf einen Mörder nicht bitten, daß er Gnade annehme. Wir ſchauen wieder in die düſtere Zelle des Ver⸗ brechers. Das Todesurtheil iſt ihm verkündigt, die weinende Tochter hat mit ihren Armen den Vater umſchlungen, ihre Thränen machen ihn weich. „Soll ich um Gnade betteln, wie ein Verbrecher?“ frägt er.„Sprichſt Du das Urtheil? Soll ich den, der mich beleidigte, bitten, daß er mir verzeihe? That ich Unrecht, wenn ich für die gekränkte Ehre zur Waffe griff? Ich lag auf den Knieen— die Noth, das Elend, die welken Wangen ließen mich das ſtolze Knie beugen und er ſtieß mich zurück, er behandelte mich wie einen Vagabunden, mich, der für das Vaterland gefochten!?“ „Er kannte Dich nicht, Vater. Und ſiehe, er ver⸗ langt ja nur, daß Du bloß eine Form erfüllſt—“ „Dieſe Form iſt eine neue Demüthigung—“ „Nicht vor ihm, ſondern vor dem Geſetz, das Selbſthilfe und Mord verbietet. Wenn man eine an⸗ dere Demüthigung forderte, dann würde ich Dir zu⸗ rufen: Stirb, aber beuge Dich nicht!“ 144 „So will ich es denn verſuchen“, lächelte er trübe, „um Deinetwillen!“— Der Tag iſt kaum angebrochen, aber der König hat ſich ſchon von ſeinem Lager erhoben. Er wandelt im Garten. Die Miniſter kommen, er arbeitet mit unruhiger Haſt. Endlich um zehn Uhr wird der Unterſuchungs⸗ richter gemeldet. Der König verläßt eilig ſein Cabinet und eilt ihm entgegen. „Nun?“ ruft er,„es ſteht gut— nicht wahr? Er hat bereut?—“ „Majeſtät,'s iſt vorüber, der Gerechtigkeit iſt Genüge geſchehen.“ „So— alſo doch!“— murmelt der Monarch, wendet dem Beamten den Rücken und kehrt in ſein Cabinet zurück. Der Hoffourier erhält Befehl, die heute zur Tafel befohlenen Gäſte abzubeſtellen. „Ich wollte eine Million darum geben, hätte ich meinen Namen nicht unter das Urtheil geſchrieben!“ ſoll der König geſagt haben. Die Hinrichtung hatte in Spandau vor nur wenig Zeugen ſtattgefunden, man hatte abſichtlich Tag und Stunde derſelben dem Publikum geheim gehalten. 145 Die Tochter Tſchechs wies mit undankbarem Hohn die königliche Gnade zurück, welche für ihre Zukunft ſorgen wollte, die Polizei mußte ſie unter Aufſicht ſtellen und nach Hamm verweiſen, da Mißvergnügte Oſtentation durch Beileidsbeſuche bei ihr machten. Die öffentliche Aufmerkſamkeit war durch dieſen Prozeß von Neuem auf die Mängel des Criminalver⸗ fahrens hingelenkt worden. Die gerichtlichen Verhöre, der Gang und die Er⸗ gebniſſe der Unterſuchung waren natürlich Aktengeheim⸗ niſſe geblieben und die Regierung hatte mit ängſtlicher Sorgfalt darüber gewacht, ſei es, weil ſie den Blicken der Menge einen Mann zu entziehen wünſchte, in welchem ſich politiſcher Fanatismus mit verhängniß⸗ voller Thatkraft paarte, oder weil ſie durch ſtumme und geheime Gerechtigkeitspflege abzuſchrecken glaubte. Sie hatte ſich begnügt, die geſetzlich vorgeſchriebene Warnung zu erlaſſen, um das Publikum von der er⸗ folgten Verurtheilung und Strafvollſtreckung in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Die unwürdige Form— ſchreibt För⸗ ſter— und der dürftige Inhalt dieſer amtlichen Bekannt⸗ machung erſchienen der öffentlichen Meinung, die ſich mit Entſchiedenheit zu Gunſten der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Criminalverfahrens erklärt hatte, als eine Verhöhnung der Nation und ihre wohlbegrün⸗ Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 10 1 146 deten Klagen über die Gebrechen der Juſtizverfaſſung. Schon längſt war der Ruf nach Feſtſtellung einer zeit⸗ gemäßen, ſowohl von den Schlacken mittelalterlicher Barbarei, als auch von den willkürlichen Abſtractionen des Beamtenſtandes freier Geſetzgebung erſchollen. Das Bedürfniß einer ſolchen war von dem Könige und von den höchſten Staatsbeamten anerkannt worden. Die Regierung arbeitete an einem Straf⸗Codex, an dem Eherecht, ſowie an einem Theile des bürgerlichen Ge⸗ ſetzbuches. Allein auf die Forderungen der Zeit, Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des gerichtlichen Ver⸗ fahrens, Geſchwornengerichte, Aufhebung der Patri⸗ monialgerichte und des privilegirten Gerichtsſtandes ging ſie nicht ein und ihre Juſtizreformen beſchränkten ſich, bei Lichte beſehen, auf Beſtätigung von ſolchen, meiſt nur formellen Mängeln, deren Beibehaltung nicht länger zu entſchuldigen war. Der Juſtizminiſter Mühler war ein freiſinniger Mann, aber es gelang ihm nicht, den Widerſtand des frommen Herrn von Savigny zu brechen; dieſer mit der Geſetzreviſion betraute Miniſter ſah in allen Re⸗ formen nur modiſche Entartungen des Rechtsbegriffs. Durch ſein Geſetz über Eheſcheidung und ſeinen Straf⸗ geſetzentwurf kamen die geheimen Tendenzen einer Ge⸗ ſetzreviſion an den Tag, die vom grünen Tiſch im 147 Dunkel des Cabinets und unter der Leitung eines Mannes ſtattfand, welcher der Zeit allen Beruf für Geſetzgebung abſprach und geradezu läugnete, daß wir Deutſche eine Sprache hätten, in der ein Geſetzbuch geſchrieben werden könnte. Der chriſtliche Polizeiſtaat ſollte auch in der Geſetzgebung verkörpert werden, die letzten Bollwerke gegen die Uebergriffe des Abſolutis⸗ mus und die bureaukratiſche Allmacht ſollten fallen, die Unabhängigkeit des Richterſtandes in ihren Grundfeſten erſchüttert werden. Als das Gericht den Dr. Johann Jacoby freiſprach, verbot die Regie⸗ rung die Veröffentlichung des Erkenntniſſes und erließ ein Disciplinargeſetz, wonach das Miniſterium das Recht erhielt, Richter ohne Urtel und Recht ge⸗ gen ihren Willen abzuſetzen!— 10* Neuntes Kapitel. Ein Sonnenblick. In einer beſcheidenen, aber freundlich eingerichteten Wohnung zu Hamburg, in demſelben Hauſe, in wel⸗ chem ſich auch der Doctor Williams ein kleines Quar⸗ tier gemiethet, leben die Hinterlaſſenen des Barons Alfons von Schwing, den Verhältniſſen entſprechend außerordentlich glücklich. Wir können nicht ſagen, glücklicher als je, obwohl es ja bekannt iſt, daß das Gefühl des Glückes und der Zufriedenheit immer ein höheres und edleres wird, wenn das Herz ſich aus ſchweren Kämpfen und Prü⸗ fungen wieder emporgerungen, ein ſolches Glück, ein ſolcher Frieden hat eine andere Natur als jener Son⸗ nenſchein des Lebens, der noch nie die ſchweren, düſte⸗ 149 ren Wolken des Daſeins gekannt, den der Gram, der Kummer, die Bitterkeit noch nicht verdunkelt. Die Hinterlaſſenen hatten das theuerſte geliebteſte Glied ihrer Familie verloren; wie Ranken, denen man den Stamm entriſſen, um welchen ſie ſich vereint ge⸗ ſchlungen, nun unter einander ſich um ſo inniger ver⸗ ſchlingen, hatten Olympia, Marco und Marie in dieſer Vereinigung der Seelen manchem Sturm getrotzt und ertragen. Und die Mutter wußte es, daß ihre Kinder die ſchönſten Blüthen ihres Herzens geknickt, ihrer Sehnſucht, ihren Hoffnungen auf das Glück der Liebe entſagt, weil das Schickſal unerbittlich dies von ih⸗ rem Gefühl gefordert. Jedes von den Dreien kannte das Weh und Leid des Anderen, Jeder achtete aber auch den Anderen, weil deſſen Herz dieſelben Opfer gebracht wie er und denſelben Kampf ſiegreich durch⸗ fochten. So waren die Bedingungen einer immer glücklichen Zufriedenheit erfüllt, die Harmonie der Seelen vorhanden und da die Zeit alle Wunden, wenn nicht heilt, ſo doch vernarben läßt und die Schmerzen mildert, ſo konnte jenes Wohlbehagen edlerer Natur die Herzen erfüllen, welches zwar nicht die Mienen in luſtiger Heiterkeit ſtrahlen, aber doch in ſanfter, mild ernſter Verklärung erglühen läßt. Die äußere Lage der Familie geſtaltete ſich im⸗ mer günſtiger. Marco hatte ſchon eine ſehr reichliche Einnahme und Marie hätte es nicht nöthig gehabt, ſich Geld zu verdienen, wenn ihr dies nicht Freude gemacht. Der Doctor Williams hatte raſch ſich eine bedeutende Praxis durch glückliche Kuren in reichen Patricierfamilien erworben, er hatte Marie in einzel⸗ nen dieſer Familien eingeführt, Marie hatte anfänglich nur Converſationsſtunden in engliſcher Sprache geben wollen, aber als man ihren Geſang einmal hörte, da beſtürmte man ſie mit Bitten, ſich öfter hören zu laſ⸗ ſen und ſagte ihr die ſchmeichelhafteſten Dinge. Die Stimme Mariens hatte außerordentlich an Wohlklang gewonnen, die Wehmuth, die ſie beſchlich, wenn ſie Lieder oder Geſänge vortrug, die in glückli⸗ chen Tagen mit Sophie und ihres Bruders Begleitung den Vater ſo oft erfreut, gab ihrem Vortrag einen unbeſchreiblichen Reiz und nachdem ſie einige Male in Dilettanten⸗Concerten zu wohlthätigen Zwecken öffent⸗ lich aufgetreten, erhielt ſie Engagements⸗Anerbietungen aller Art. Sie wies Alles zurück, was ihrer Kunſt einen gewerblichen Charakter geben konnte, ſchlug es aber nicht aus, zuweilen in Concerten zu ſingen, wo auch den Virtuoſen ein Theil der Einnahme gezahlt wurde und das immerhin hohe Honorar ſie in Stand ſetzte, 451 der Mutter eine Erleichterung zu verſchaffen. Da ſie jedoch grundſätzlich nur an ſolchen Concerten ſich be⸗ theiligte, wo wenigſtens ein Theil der Einnahme zu edlen Zwecken verwandt wurde, ſo achtete man ſie um ſo höher in einer Stadt, in welcher man ihre be⸗ drängte Lage kannte, wo Jeder nach Erwerb dürſtete und man wußte, daß es nur an ihrem Willen lag, ſich Reichthümer zu erwerben. So waren denn auch die materiellen Sorgen be⸗ ſeitigt und hätten die Herzen der Geſchwiſter nicht noch immer gefühlt, was ſie verloren, ſo wäre die Erinne⸗ rung an den Raub ihres Erbes von der Verachtung für den Räuber erſtickt geweſen, ſie hätten an den⸗ ſelben vielleicht ſo wenig gedacht, wie an einen Dieb, der ihnen vor Jahren eine Uhr entwendet. Ein einzig Mal hatte Marie durch eine Andeu⸗ tung leiſe verrathen, daß ſie im Stillen gehofft, Georg werde auf Marco' Brief antworten, werde es nicht ſchweigend hinnehmen, daß man ſich von ihm losge⸗ ſagt. Da aber hatte ihr Marco erklärt, er habe Georg es unmöglich gemacht, dies zu thun, denn da eine Verhandlung mit ihm doch nur wieder zu Reibungen mit ſeinem Vater führen müſſe, ſei es ihm geboten geweſen, die ſchroffeſten Worte zu wählen.„Ich mußte“, ſagte er,„es dem Sohne des Paſtors möglich machen, mit uns zu brechen, es iſt beſſer, er hält uns für ungerecht, als daß uns ſein Vater vorwerfen kann, wir wollten ihm den Sohn entfremden.“ Ob Marco nicht aber im Stillen ebenſo dachte, wie Marie? Wer will das ſagen! Das menſchliche Herz iſt ein wunderbares Räthſel ſelbſt für den, in deſſen Bruſt es ſchlägt. Wer weiß es heute, was er im Sturm der Gefühle geſtern gewollt, ja, was er heute will? Die Wünſche fliegen wie die Sonne die Verhältniſſe färbt und was wir heute nach unſerem Gefühl als richtig erkennen, erſcheint uns morgen an⸗ ders und oft wünſchten wir, daß das, was wir wünſch⸗ ten nicht in Erfüllung gehe und Beſſeres komme auf eine Art, die wir einem glücklichen Zufall anheim ſtel⸗ len. Setzte ſich Marco in die Lage Georgs, ſo fühlte er, daß ihn ein Brief, wie er ihn geſchrieben, nicht bewogen hätte, den Bruch geduldig hinzunehmen, daß er Rechenſchaft gefordert hätte, aber Georg liebte viel⸗ leicht weniger heiß als er, Georg zitterte vielleicht da⸗ vor, gegen den eigenen Vater in die Schranken zu treten! Aber es war beſſer ſo! Das mußte ſich Marco ſagen, denn welche unabſehbaren Schwierigkeiten wären entſtanden, wenn Georg leidenſchaftlich aufgetreten wäre! Es hätte das zu neuen Kämpfen und Bitter⸗ 153 keiten Veranlaſſung gegeben und doch nichts gefruchtet, denn das fühlte Marco, ſeine Schweſter durfte ebenſo wenig dem Sohne, wie er der Tochter des Mannes die Hand reichen, der ihre Ehre angeriffen, ihre Mut⸗ ter aus dem Schloſſe des Gatten, von deſſen Leiche hinweggetrieben! Die Zeit hatte auch dieſe Wunde vernarbt. Marco hatte Georgs faſt vergeſſen, wenigſtens dachte er nicht mehr daran, von demſelben einen Brief oder ſonſtige Nachricht zu erhalten, da ſtand Georg plötzlich vor ihm. Das Zimmer Marco's lag hart am Hausflur, Georg war eingetreten, ohne ſich anmelden zu laſſen, ohne anzuklopfen, vermuthlich war er ihm von der Straße her gefolgt, denn Marco war erſt eben vom Geſchäfte heimgekehrt. Marco erkannte Georg auf den erſten Blick, ob⸗ wohl dieſer Civilkleider trug, von der orientaliſchen Sonne gebräunt und ſein Bart ſtark gewachſen war. Er ſtand verwirrt, betroffen da. „Herr Baron von Schwing“, nahm Georg das Wort, und ſeine Stimme bebte leiſe,„als ich Ihren letzten Brief erhielt, der mir mit Drohungen es ver⸗ bot, Sie oder die Ihrigen zu beläſtigen, kannte ich die näheren Umſtände der Vorfälle nicht, welche Sie zu dieſem Schritte bewogen und ich fragte mich daher, womit ich es verdient, daß ein Freund und Bruder mich alſo behandle, von mir vorausſetze, daß ich an ihm verübte Verbrechen billigen oder dulden könne und in der Bitterkeit darüber, gab ich keine Antwort, erklärte aber meinem Vater, daß ich mich von ihm los⸗ ſage—“ „Georg—“ „Herr Baron, ich bitte, laſſen Sie mich ausreden. Ich habe jetzt erſt bei meiner Rückkehr nach Europa Alles erfahren, ich habe gehört, was Ihnen und den Ihrigen geſchehen, ich war über die Sache getäuſcht und ich mußte jetzt einſehen, daß Sie nicht anders handeln konnten. Ich ſuche Sie auf, um Ihnen zu ſagen, daß ich kein Richter über meinen Vater bin, aber auch kein Theilnehmer an ſeiner Schuld, daß ich den Namen von Schwing abgelegt habe, weil ich nicht als Mitſchuldiger meines Vaters gelten mag, daß ich den Abſchied genommen habe und arbeiten werde, um — ſo weit ich es vermag, Ihnen das zu erſetzen, was Ihnen mein Vater geraubt—“ „Georg“, rief Marco, der ſich nicht länger zu halten vermochte,„Georg, Du biſt hart und grauſam, ſieh, ich handelte, wie es mir die tobende Leidenſchaft— rieth, ich will Deinem Vater vergeben, wenn Du 155 mir vergibſt und mir Deine Hand wieder reichen willſt.“ „Marco, auf den Knieen müßte der Sohn des Verbrechers—“ „Schweige, Georg, ſchweige. Rede nicht von ihm, ſieh in mir den Sohn des Mannes, der Dich auch geliebt und denken wir, Alles ſei ein böſer Traum geweſen—“ Marco ließ Georg nicht zu Worte kommen, er umfaßte ihn, er preßte ihn an ſeine Bruſt und laut nach der Mutter, der Schweſter rufend, zog er den Widerſtrebenden mit ſich. Die Frauen eilten auf den Ruf herbei und da kam es zu keinem Erklären. Marco duldete es nicht. „Der Böſewicht“, ſagte er,„er ſpricht von Schuld ab⸗ tragen, er nannte mich Sie. Mutter, Marie, erinnert ihn daran, daß unſer ſeliger Vater ſein Onkel.“ Die Scene ward unbeſchreiblich. Wo Georg zit⸗ ternd genaht, da ſtrömten ihm übervolle Herzen ent⸗ gegen, da las er in Mariens Augen, daß ihr Herz ihn nie vergeſſen. Wo er tief Gedrückte, Grollende erwartet, ſah er glückliche Menſchen, die ſich frei ge⸗ rungen von der Bitterkeit. Man rief Williams und der Alte umarmte und küßte ſeinen Neffen und konnte ſich nicht ſatt ſehen an ihm. 156 Marco duldete es nicht, daß Erklärungen das Wiederſehen trübten, er drang darauf, daß Keiner der Vergangenheit Erwähnung thue und mit Thränen der Rührung ſchaute Marie den Bruder an, der Alles vergaß, nun er ſie wieder glücklich wußte. „Das muß Gott Dir lohnen!“ flüflerte ſie ihm zu, „Marco, mein Bruder, auch Du wirſt glücklich werden—“ Da klingelte es, der Poſtbote brachte ein Werth⸗ packet an Marco. Wir kennen den Inhalt. Der Le⸗ ſer mag ſich die Erſchütterung ausmalen, die Alle er⸗ griff. Georg gab die Erklärung, daß er geſtern ſeinem Vater ſeine Entſchlüſſe mitgetheilt, hier war die Ant⸗ wort oder vielmehr die Frucht ſeines Briefes. Da lagen die Documente Marco's, da das Geſtändniß der Schuld des Räubers. Und es kam noch eine beſſere Erklärung. Sophie hatte nur wenig Worte geſchrie⸗ ben, ſie hatte darin Marco gebeten, ſein Recht ſcho⸗ nend zu verfolgen, Erbarmen zu haben, wo man ihm und den Seinigen keines gezeigt, aber jetzt erhielt auch Williams den langen Brief Cornelia's und dieſer ver⸗ 3 rieth, daß Schwing und ſeine Frau ſchon vor dem Eintreffen des Briefes ihres Sohnes Gewiſſensbiſſe gefühlt und den Weg zur Verſöhnung geſucht. Wenn auch Cornelia ſich, was die Sache ſelber anbetraf, ſehr vorſichtig äußerte und nur im Allgemeinen von 157 traurigen Differenzen ſprach, ſo fühlte doch Williams aus ihrem Briefe die tiefe Niedergeſchlagenheit und Zerknirſchung ihrer Seele, war es ja doch für dieſen Charakter ſchon viel, daß Cornelia ſich überhaupt ent⸗ ſchloſſen, einen verſöhnlichen und bittenden Brief zu ſchreiben, daß ſie erklärte, ihr Gatte habe ſie erſt heute über Manches aufgeklärt, was, wenn ſie es früher ge⸗ wußt, ſie abgehalten hätte, in ein ſchroffes Verhältniß zu ihrer Schwägerin zu treten. Aus dem Briefe Cornelia's ging hervor, daß ſie von dem Abſenden des Packetes mit Documenten durch Sophie nichts wußte, es lag alſo auf der Hand, daß der Paſtor und Sophie heimlich vor ihr dieſen Schritt gethan und daß ſie die Wahrheit ſagte, wenn ſie ſchrieb, aus wahrem Herzensbedürfniß und überzeugt, daß ihr Gatte ihren Schritt billigen werde, ſchrieb ſie an ihren Bruder, der ihr ja von Kindheit an ein treuer Freund und Rathgeber geweſen und den ge⸗ kränkt und beleidigt zu haben, ſie tief betrübe. Man berieth hin und her, welche Antwort man geben ſolle. Die einfache Mittheilung an Schwing, daß man die Documente erhalten, von jeder Benutzung derſelben aber ebenſo, wie von einer Rückſendung des Erbes abſtehe, daß man jetzt freiwillig, wie früher ge⸗ zwungen das Vergangene der Vergeſſenheit übergebe, ——ö ͤ 158 erſchien als ein zu kaltes und hartes Wort auf eine That, die jedenfalls ſchwere Selbſtüberwindung ge⸗ koſtet, andernfalls aber widerſprach es dem Gefühl Marco's, mehr zu thun, als was die Chriſtenpflicht gebot und wohl gar Beziehungen wieder anzuknüpfen, welche, ſelbſt wenn jeder Zweifel daran, daß Schwing jetzt ſeinem Herzen und nicht der Klugheit oder Noth⸗ wendigkeit gefolgt war, immer höchſt peinlich geweſen wären. Die Intrigue kann auch auf Großmuth und Weichherzigkeit ſpeculiren und die Vorſicht nicht allein, ſondern auch das innerſte Gefühl geboten, Schwing nicht zu leicht zu vertrauen. Schwing war der Freund, der Schüler Strebers, des ſchleichenden Jeſuiten, der es ſo wohl verſtand, alle Regungen eines Menſchenherzens auszubeuten. Man hat dem katholiſchen Orden der Jeſuiten wohl Vieles nachgeſagt, was ihn unverdient belaſtet und fordert es die Gerechtigkeit, zu ſagen, daß es trotz der Tendenzen des Ordens, trotz der von ſeinen Oberen befolgten Principien durchaus nicht nothwendig iſt, daß jeder Jeſuit und Pater ein abſoluter Böſewicht ſein muß. Wer freilich principiell Alles nach einem Syſteme dreht, jedes Mittel heilig findet, das dem Zwecke des Ordens dient, wer darin geübt und erzo⸗ gen iſt, kein anderes Gewiſſen zu haben, als das, 159 welches den blinden Gehorſam gegen ſeine Oberen fordert und jede unmoraliſche oder unredliche Hand⸗ lung, jede Täuſchung des Vertrauens, jede Ausbeutung harmloſer Einfalt durch Liſt und Ränke, die im Dienſte römiſcher Hierarchie gefordert werden, als Pflicht des Glaubensſtreiters erkennt, der vermag nach unſeren Begriffen kein Chriſt und kein Tugendheld zu ſein. Schlimmer jedoch als dieſe Jeſuiten, welche doch nur ihrer Glaubensregel folgen, die in den düſterſten Zei⸗ ten des religiöſen Fanatismus erfunden und die doch nicht ſelbſtiſchen, ſondern allgemeinen Zwecken dienen, ſind die proteſtantiſchen Jeſuiten, dieſe heuchleriſchen Prieſter oder Laien, welche äußerlich dem Bekenntniſſe Luthers folgen, die gereinigte Lehre chrichſtlicher Dul⸗ dung anerkennen und in Wirklichkeit eine ſchlimmere Prieſterherrſchaft, eine ſchlimmere Verdummung des Volkes und Knechtung der Menſchen anſtreben, als je⸗ mals die römiſche Hierarchie verſuchte, ehe ſie zum Kampfe herausgefordert wurde durch das Erwachen der Geiſter. Dieſe Prieſterbüttel, die das Wort„lie⸗ bet Euch“ im Munde führen und fanatiſchen Haß ge⸗ gen Andersgläubige predigen, die Jeden als Ungläu⸗ bigen verdammen, der nicht in ihre Kirche geht und ſie als Apoſtel anſtaunt, die am heiligen Orte frevelnd die Hand gegen die Verlobte Anderer erheben und ihr 160 die Myrthe abreißen und den erſten Stein werfen auf eine Reuige, die Unfrieden ſäen in den Familien, indem ſie ſich an die Weiber machen und ihnen vor⸗ jammern, welche Höllenqualen die Männer und Söhne auszuſtehen haben werden, wenn ſie nicht ſingen und beten, wie der Herr Pfarrer es ihnen vorſchreiben möchte, die ſtatt Seelſorger, die Seelenrichter in der Gemeinde ſpielen möchten, Todte im Sarge beſchimpfen, das Weh der Trauernden in Bitterkeit gegen ſolchen Prieſterhohn verwandeln, dieſe egoiſtiſche, herrſchſüch⸗ tige, unduldſame Sippſchaft— das ſind ſchlimmere Jeſuiten, als die des Ordens des Loyala, denn ihr Wirken und Treiben ſanctionirt kein Papſt, nicht das allgemeine Intereſſe der Kirche, es entquillt jenen Be⸗ gierden und Gelüſten, welche das Jeſuitenthum ſprich⸗ wörtlich der Verachtung preisgeben. Und dieſe proteſtantiſchen Jeſuiten, wie konnten ſie beſſer charakteriſirt werden, als durch die Herrſchaft, die ſie übten, ſobald ein frommgläubiger König ſich ihrem Einfluſſe hingegeben. Da gedeihen Phraſenthum und Heuchelei, da ſchmarotzerten die Paraſiten, da wurde die natürliche Oppoſition durch Knechtung der Geiſter in einer Weiſe heraufbeſchworen, daß das kö⸗ nigstreueſte, das von Natur royaliſtiſche Volk reif. wurde, eine Revolution zu machen und daß ſelbſt die 161 beſten, edelſten Elemente des Volkes nur in einer Ver⸗ änderung der Verfaſſung, in gewaltſamer Beſchränkung der Regierungsmacht Hilfe und Rettung für das Land 1 ſahen, damit nicht auch noch der geſunde Kern ver⸗ gällt werde durch das Treiben der ſchwarzen Geſellen. Der Blick des Patrioten ſah die Zukunft ſehr düſter, wenn dieſem Treiben nicht bald Einhalt gethan werde, die Knechtung der Geiſter unterwühlt den Damm, welchen in bewegten Zeiten der geſunde Bürgerſinn rohen Elementen im Ausbruch der Leidenſchaft entgegenſetzt. Es fiel Marco um ſo ſchwerer, die gebotene Hand zur Verſöhnung nur kalt berühren zu können, als Georg Zeuge dieſer Verhandlungen in der Familie war, aber er ſagte es offen, ehe er nicht die Garan⸗ tie habe, daß jedes Band zwiſchen Streber und der Familie ſeines Onkels für immer zerriſſen ſei, glaube er an keine dauernd ehrliche Verſöhnung und Williams pflichtete ihm bei. Da brachte man noch am ſpäten Abend eine De⸗ peſche an den Arzt. Cornelia telegraphirte, ihren Gat⸗ ten habe ein Schlaganfall getroffen, der herbeigerufene Arzt fürchte, Schwing nur noch das Leben friſten, ihn aber nicht mehr retten zu können.„Erleichtere ihm das Sterben, ſo gut Du es kannſt“, ſo ſchloß die Depeſche. Georg ward todtenbleich, ein Grauen ſchüttelte Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 11 162 ihn, daß ſein Brief den Vater getödtet, aber Williams tröſtete ihn.„Das war es nicht“, ſagte er,„Dein Brief hat ihm das Eis vom Herzen ſchmelzen laſſen, denn nachdem er ihn erhalten, ſandte er die Papiere an Marco. Ich begleite Dich. Wer hilft mir noch, dem Kranken das Herz zu erleichtern?“ „Wir Alle!“ ſprach Olympia und ein edles Feuer glühte in ihrem Auge. „Wir Alle!“ wiederholte Marco leiſe,„wenn er uns ſehen will und wir erklären ſeiner Frau, daß wir ihr Alles von Herzen gönnen, was er ihr hinterläßt.“ „Pfui, Marco“, rief Marie,„das wirſt Du ihr nicht ſagen, ſie wird mit uns und wir werden mit ihr theilen!“ „Nicht einen Heller wird meine Mutter behalten vom unrechten Gut!“ rief Georg düſter,„ich hoffe zu Gott, daß mein Vater nicht von der Erde geht, ehe er dafür geſorgt, daß hierüber kein Zweifel iſt.“ „Und ich erkläre“, nahm Marco das Wort, aber Williams ſchnitt ihm daſſelbe ab.„Du wirſt nichts erklä⸗ ren“, ſagte er,„und Du auch nicht, Georg. Wollt Ihr Euch um ein Erbe zanken, ehe noch der Erblaſſer todt?“ Marco ſchwieg, aber Georg, der bei den Worten leichenblaß geworden, ſchüttelte den Kopf.„Ich werde mich in dieſer Sache von Keinem bevormunden laſſen“, 163 ſagte er mit düſterer Entſchloſſenheit,„verzeihe mir Onkel, aber wie gut Du es auch mit mir meinſt, wir müſſen klar in der Sache werden, ehe ich an das Krankenbett 9 des Vaters trete. Ich ahne es, ich glaube es ſogar zu wiſſen, daß mein Vater in dieſer Sache abhängig von Streber iſt und deshalb muß ich in meinen Ent⸗ ſchlüſſen ſchon jetzt klar werden. Mag kommen was da will, ich bleibe bei der Erklärung, die ich meinen Eltern gegeben und kehre nur unter der Bedingung ins Vater⸗ haus zurück, daß meine Eltern Euch Allen gerecht werden. Konnte Marco ſeine Mutter und Schweſter ernähren, ſo kann ich das auch und unter keinen Umſtänden will ich es dulden, daß der Wunſch meines Vaters, ſeine . Schuld zu büßen, den er darthut durch die Sendung der Documente, unerfüllt bleibe aus Rückſichten für Streber oder aus Furcht vor demſelben. Begangenes Unrecht gut zu machen, iſt eine heilige Schuld und es handelt ſich hier nicht um das Geld allein, ich glaube es Marco gern, daß er darauf keinen Werth legt, es handelt ſich um das, was er großmüthig verſchweigt, um die 3 Genugthuung für die Kränkungen der Ehre ſeiner Eltern, ſeines Namens, der Verfolgungen, die er und die Seinen erlitten. Bleibt mein Vater am Leben, was der barmherzige Gott mir und ihm gewähre, ſo gibt es für ihn nur eine Art, Euch allen gerecht zu 11* 164 werden, er bekennt offen ſeine Schuld; vergönnt der Himmel ihm nicht, dieſe Buße zu thun, ſo erbe ich die Pflicht, alſo für ihn zu handeln und ich würde mich ſo lange ſelbſt für ehrlos halten müſſen, als ich mich ſcheue, ein begangenes Unrecht gut zu machen.“ Marie ſchaute wie verklärt auf den Geliebten, ſtolz blickte ſie Marco und ihre Mutter an, als wolle ſie ſagen:„Das iſt der Mann, den ich liebe!“ „Georg hat Recht“, ſprach Olympia und ihr Auge ruhte mit unbeſchreiblichem Ausdruck auf dem jungen Mann,„er hat Recht, wenn er alſo um ſeinetwillen handelt, nicht um unſertwillen Unſere Sache aber wird es ſein, ihm dieſe bittere Aufgabe zu verſüßen, ſie ihm zu erleichtern. Wir fahren Alle nach Berlin. Georg wird thun, was er für richtig hält, was ihm die Seele frei macht von jedem Druck, wir Andern thun, was uns paſſend erſcheint, ihm darzuthun, daß unſere Herzen mit ihm fühlen, mit ihm tragen, was ihm ſchwer wird; wir werden ihn nicht hindern, ſeine Entſchlüſſe durchzuführen, er uns aber auch nicht darauf zu antworten.“ Die Glieder der Familie trennten ſich, da es ſchon ſpät geworden und man andern Tags mit dem Frühzuge nach Berlin zu reiſen gedachte; auf dem Bahnhofe wollte Georg ſeine Verwandten treffen. Zehntes Kapitel. Am Krankenbett. Sophie ſaß am Bette des kranken Vaters, die Mutter ihr gegenüber an der andern Seite. Beide fühlten, daß die Kluft, die lange Zeit zwiſchen ihnen gelegen, nie ganz ausgefüllt, wohl aber überbrückt werden könne, wenn dies jetzt geſchehe, jetzt, ehe von anderer Seite etwas in Folge ihrer Schreiben geſchah. Sophie ahnte nicht, daß ihre Mutter ſchon ver⸗ ſöhnende Worte an Williams gerichtet, ehe ſie die Depeſche abgeſchickt, Jene wußte nicht, welche gewich⸗ tige Sendung Sophie im Auftrage des Vaters an Marco geſchickt. Beide fühlten das Bedürfniß, einen Verſöhnungsverſuch zu machen. um, wenn irgend mög⸗ lich, vereint in der folgenden Kriſis zuſammenzuſtehen, Sophie aber ſcheute ſich, der Mutter zu ſagen, welch' 166 entſcheidender Schritt gethan worden, dieſe ſchämte ſich, der Tochter zu geſtehen, daß ſie ſündhaft gehan⸗ delt und jetzt bereue. Der Arzt kam in kurzen Zwiſchenräumen mehr⸗ mals, düſter brannte die Nachtlampe in dem ſtillen Zimmer, ſchweigend ſaßen die bei dem Kranken wachen⸗ den Frauen und vereinten ihre Hilfsleiſtungen zu deſſen Pflege, aber noch immer war zwiſchen ihnen ſelber das Eis nicht gebrochen. Stunde auf Stunde vertann. Der Arzt hatte erklärt, daß er kaum dafür einſtehen könne, den Kran⸗ ken am andern Morgen noch am Leben zu finden, er hatte aber verboten, einen Geiſtlichen zu rufen, der Kranke dürfe die Gefahr ſeines Zuſtandes nicht ahnen, ede Erregung ſei tödtlich. Ein College Schwings, den man ſchon gerufen, hatte den Frauen ſeinen Troſt zugeſprochen und erklärt, er werde zu jeder Stunde der Nacht bereit ſein, dem Kranken das letzte Sacrament zu reichen, ſobald man ihn holen laſſe. Das Licht der Nachtlampe flackerte, ein Luftzug kann ein ſolches Licht verlöſchen und ſo verendet auch ein Menſchenleben! Der Kranke war eingeſchlafen, das war ein gutes 167 Anzeichen, das gab eine leiſe Hoffnung, die Medica⸗ mente hatten doch noch gewirkt. Die Glocke ſchlug drei Uhr. Die Nacht war bald vorüber, ſollte ſie ganz vorübergehen, ohne daß Mutter und Tochter ſich die Hände gereicht?— Da treffen zufällig die Blicke der Mutter die der Tochter und diesmal ſchauen beide nicht raſch wieder fort, es iſt als hätten beide ſich vorgenommen, dies ſcheue Ausweichen zu bekämpfen. Auge blickt in Auge und die Seelen reden, erſt leiſe, ſcheu, dann lauter, mächtiger, als Worte es vermögen. „Sophie“, flüſtert die Mutter endlich—„Sophie, ſollen wir einſam werden, einſam bleiben?“ Sophie erhebt ſich, ſie geht leiſe um das Bett und ſinkt zu den Füßen der Mutter nieder. „Vergib mir, wo ich Dich gekränkt!“ Die Mutter umfaßt ihre Tochter und preßt ſie an ſich mit krampfhafter Gewalt. Thränen brechen aus ihren Augen.„Vergib Du mir, Sophie, Du mir. Ich habe geſündigt an Dir.“ „Meine Mutter! O Gott, wollteſt Du mich wie⸗ der lieben?“ Die Mutter antwortet nicht ſogleich. Sie umhalſt, ſie küßt ihre Tochter, netzt Sophiens Antlitz mit ihren Thränen. 168 „Ich habe auch meinen Bruder um Vergebung gebeten“, ſagt ſie plötzlich, ganz leiſe. „O, Mutter!“ Sophie blickt auf wie verklärt.„Dein Vater und ich, wir wollen Alles wieder gut machen, Alles.“ „Du auch! O, Gottes Güte iſt groß und ſeine Wege unerforſchlich. Mutter, Du nimmſt mir von der Seele eine ſchwere Laſt. Ich habe im Auftrage des Vaters an Marco geſchrieben— nichts von mir, Mutter— nur in der Erbſchaftsſache.“ „An Marco!“— Cornelia erbebt leiſe. „Fürchte nichts, Mutter, er iſt großmüthig und edel.“ Cornelia ſchüttelte den Kopf. Wie ein Schatten war es über ihr Antlitz geglitten, aber ſie zwang das Beben nieder.„Was der Vater gethan, iſt gut. Er weiß es am beſten, was er Jenen ſchuldet. Aber rede nicht von Großmuth— ich verdiene ſie nicht und will ſie nicht. Die bitterſte Strafe, die härteſte Buße mag uns treffen, in Demuth vor Gott will ich Alles tragen, nur keine Großmuth von Denen annehmen, die ich gehaßt— die ich noch haſſe, die zu unſerem Fluche geboren. Fluch ihrem Gelde, das uns verlockte und uns in Elend und Schande gebracht.“ —— ——— 169 „Fluche nicht, Mutter, Du weißt nicht, was Du thuſt.“ „Du haſt recht, Sophie, wir ſollen nicht fluchen und nicht ſchwören, der Herr hat es verboten. Ich will mich beugen unter ſeinen Willen, er gehe nicht mit mir ins Gericht. Laſſe uns nicht mehr davon reden. Sieh, ich habe bis heute geglaubt, die ſtolze Frau ſei kein ehrlich Weib geweſen. Das hat meinen Haß bitter, den Neid boshaft gemacht, das hat in mir ſelbſt das Mitleid mit dem Unglück erſtickt. Ich wußte es, daß ich ſündigte mit dem Neid und der Schadenfreude, aber der Dämon in mir war ſtärker als des Gewiſſens Kraft. Ich habe geſündigt und will in Demuth tragen, was Gott über mich verhängt. Und ſiehe, Sophie, daß Dein Herz wieder an dem meinen ruht, das macht mich ſo glücklich, daß ich ſelbſt den Haß bezwinge. Kann Dein Herz nicht leben ohne Marco, ſo will ich Euch ſegnen, aber rede mir nicht von ſeiner Mutter, nicht von ihm, nicht von ihren Tugenden und Vorzügen. Jedes Wort ſtachelt die alten Leidenſchaften wieder auf und das iſt nicht gut, ich will nicht mehr haſſen!“ „Du gute Mutter! Wie würdeſt Du lieben kön⸗ nen, wo Du jetzt haſſeſt, wäreſt Du nicht verblendet von einem Vorurtheil. Doch ich will ſchweigen und Gott 170 dem Herrn für ſeine unendliche Liebe danken, die es dahin gebracht. Und nie werde ich einem Manne an⸗ gehören, der nicht Deinem Herzen ein lieber Sohn, der uns von einander trennt. Du ſollſt nicht einſam leben, Mutter, Dein Kind bleibt an Deinem Herzen!“ Der Kranke ſchlug das Auge auf, es war matt, aber es ſchien doch, als verkläre ein Lächeln die Züge, er ſah Mutter und Tochter mit einander verſöhnt.— Der Arzt kam am frühen Morgen. Er konnte jetzt einige Hoffnung geben. Der Kranke konnte zwar nicht ſprechen, aber er ſchrieb die Worte:„Abendmahl, Teſtament“ auf eine Tafel, die man ihm reichte. „Thuen Sie, was er fordert“, ſagte der Arzt. Man ſchickte nach dem Geiſtlichen und nach einem Notar. Wilhelm von Schwing hatte bereits das heilige Abendmahl empfangen und der Notar war bei ihm, das Teſtament aufzunehmen. Dem Kranken ſchienen neue Lebenskräfte gekommen, denn er konnte ſeinen Willen in kurzen Sätzen auf die Tafel niederſchreiben, der Notar darnach das Teſtament aufſetzen, da meldete die Magd Cornelia, Herr Streber begehre dringend ſie zu ſprechen und laſſe ſich nicht— wie die Paſtorin befohlen, abweiſen. Es hatte ſchon in den Morgenblättern geſtanden, daß den Hoſprediger ein Schlaganfall getroffen. Cornelia beſorgte, Streber könne in das Kranken⸗ zimmer dringen und ging hinaus, ihn abzufertigen. Der Miniſterialrath war in großer Erregung, das be⸗ wies die zuſammengekniffene Lippe, das geröthete Ant⸗ litz, die ſichtlich erzwungene Ruhe, mit der er auftrat, und die haſtige Art, mit der er ſprach. „Ich bin aufs Aeußerſte beſtürzt!“ ſagte er. „Schwing iſt gefährlich erkrankt und Sie laſſen mich abweiſen, mich, ſeinen beſten Freund.“ „Herr Streber, der Arzt hat jeden Beſuch ver⸗ boten.“ „So konnten Sie mich doch vorlaſſen.“ „Herr Streber, ich gehöre ins Krankenzimmer, Schwing kann jeden Augenblick abberufen werden.“ „Steht es wirklich ſo ſchlimm? Ich hörte doch, ein Notar ſei hergerufen und jetzt bei ihm.“ „Schwing ſchreibt ſeinen letzten Willen nieder, er kann nicht ſprechen.“ „Seinen letzten Willen. Iſt das nicht eine unnütze Plage, wo Sie die natürliche Erbin ſind? Ich möchte ihn ſehen.“. „Das iſt unmöglich, Herr Streber.“ „Unmöglich! Weshalb?“ 172 „Weil der Arzt jede Erregung für höchſt gefähr⸗ lich erachtet.“ „Ich werde ihn nicht erregen.“ „Herr Streber, das iſt unvermeidlich. Verzeihen Sie, aber die Pflicht ruft mich ans Krankenbett.“ „Ich begleite Sie dahin. Niemand ſoll mich ab⸗ halten, den Freund noch einmal zu ſehen.“ „Herr Streber“, verſetzte Cornelia und ihr Auge flammte, als ſie ſah, daß er wider ihren Willen Miene machte, weiter vorzudringen,„ich habe Ihnen die Gründe geſagt, die das verbieten und ich dringe dar⸗ auf, daß Sie dieſelben reſpectiren.“ „Das klingt, als ob ich nicht mehr wie früher Ihr Freund; Frau Paſtorin, Sie wiſſen, es herrſchen zwiſchen uns Beziehungen, die man nicht ſo ſchroff abbrechen kann, ohne es zu bereuen.“ „Ich breche ſie ab.“ „Ah— das iſt alſo der Kern der Sache— ich ahnte es. Schwing iſt weich geworden, er zittert vor dem Richter drüben und läßt die Freunde fallen, die ihm hier geholfen. Das eben wollte ich verhindern. Frau Paſtorin, ich begreife zwar nicht, was Sie plötz⸗ lich auch umgeſtimmt, aber ich gebe Ihnen zu er⸗ wägen, daß Sie noch vor den irdiſchen Richter treten könnten Ich dulde es nicht, daß ein letzter Wille *. 173 früher geſchloſſene Verträge aufhebt oder illuſoriſch macht.“ „Herr Streber, wollen Sie mich jetzt verlaſſen oder nicht?“ verſetzte Cornelia, in der die Leidenſchaft kochte und griff nach der Klingel. „Wünſchen Sie, daß Ihre Briefe an mich, welche die Erbſchleicherei anbetreffen, vor den Unterſuchungs⸗ richter kommen? Sie machten wiſſentlich falſche An⸗ gaben, darauf ſteht Gefängniß.“ Cornelia ließ die erhobene Hand ſinken, ſie er⸗ bleichte. „Ich würde Sie nicht ſchonen“, fuhr Streber fort, als er die Wirkung ſeiner Drohung bemerkte. „Ich würde Sie anklagen. Ich handelte als Beamter. Ich mußte den Angaben einer Predigersfrau Glauben ſchenken, Ihr Zeugniß war für mich giltig. Ich weiß nicht, ob Schwing es direct verſchuldet oder nicht, aber die Gunſt des Hofes, die ich beſaß, wird lau, es hat mich wieder Jemand angeklagt, ich errathe das aus den Mienen früherer Gönner, ich hörte, daß wieder von der Erbſchaftsgeſchichte geſprochen worden. Schwing gelobte, mit mir das Erbe zu theilen, falls ich nicht ſein Schwiegerſohn würde. Ich habe nur etwas er⸗ halten, ich kann noch fünfzigtauſend Thaler fordern und dieſe brauche ich, wenn meine Stellung hier un⸗ haltbar wird, mich wo anders niederzulaſſen. Ein Teſta⸗ ment ſoll mir nicht ungeſtraft rauben, was mir ge⸗ bührt. Sie können den Abſchluß deſſelben noch hin⸗ dern, falls Schwing ſeine Schuld an mich vergißt, oder können dafür ſorgen, daß es noch geändert wird. Ich rathe Ihnen, tragen Sie dieſe Sorge und laſſen Sie mich zu dem Kranken.“ Cornelia war von der Drohung, daß er ſie ins Gefängniß bringen könne, wie niedergeſchmettert ge⸗ weſen, aber ſie hatte ſich wieder geſammelt. Sie erin⸗ nerte ſich deſſen, was ſie Sophie verſprochen, auch deſſen, daß die Angelegenheit ſchon in die Hände ihres Bruders und die Marco's gelegt worden. Es erbitterte ſie, daß der Elende ihr zu drohen wagte und ſeine Bemerkung, daß ſeine Stellung erſchüttert ſei, befeſtigte ihr das Gefühl, daß ſie nicht nachgeben dürfe. „Herr Streber“, erwiderte ſie,„Schwing ſoll vor jeder Erregung bewahrt werden, ſelbſt wenn ich es wollte, könnte ich es nicht hindern, daß er ſeinen Willen niederſchreibt. Ihre Drohungen, der Ton den Sie wählen, Alles zeigt mir, daß ich Sie nicht in das Krankenzimmer laſſen darf, erlaubt es der Zuſtand meines Mannes, ſo werde ich ihm Ihre Forderung vortragen. Alles Uebrige überlaſſe ich Gott und mei⸗ nem Bruder, den ich hierher gerufen.“ 175 „Ihren Bruder!“ knirſchte Streber, ſeiner Wuth nicht mehr mächtig, als er ſah, daß ſeine Drohungen nichts gefruchtet,„alſo darauf liefs hinaus. Sie ſind ebenſo erbärmlich wortbrüchig und undankbar wie Schwing. Damals prügelten Sie Ihre Tochter—“ „Hinaus!“ rief Cornelia kirſchroth vor Zorn, „hinaus, heimtückiſcher Schleicher und Heuchler, oder ich rufe die Leute, Sie die Treppe hinabzuwerfen.“ Streber packte ihren Arm, er wollte ſie gewaltſam beruhigen, denn ihre Stimme drang durch das Haus, da erſchien der Notar auf der Schwelle. „Befreien Sie mich von ihm“, ſagte Cornelia, „er will den Kranken ſtören, will ihn zwingen, ſein Teſtament zu ändern—“ Streber hatte den Arm der Paſtorin losgelaſſen, er war erſchrocken, aber die Geiſtesgegenwart verließ ihn nicht. „Die armeFrau“, ſagte er,„ſie raſt. Der All⸗ mächtige vergebe ihr, was ſie redet, ohne zu wiſſen, was ſie ſpricht. Im Namen der frommen Stiftungen wollte ich meinem ſterbenden Freunde Dank ſagen für das, was er ihnen gegeben und verheißen, aber es ſoll die Hinterlaſſenen nicht beeinträchtigen— ich ahnte nicht, daß die Seele der Frau Paſtorin hängt an ir⸗ diſchem Gut 176 „Mein Herr“, verſetzte der Beamte, Streber mit kaltem verächtlichem Blicke meſſend,„ich hörte eine Dame und eine Frau, deren Gatte ſchwer krank iſt, Sie auffordern, hinauszugehen, wollen Sie dieſem Ge⸗ bote nicht gehorchen?“ „Nein, denn es iſt niedere Habſucht, welche mich fernhalten will vom Lager des Freundes und ich komme im Namen von Vereinen, denen das unſterb⸗ liche Theil des Kranken angehört.“ „Er lügt!“ rief Cornelia. „Mein Herr“, verſetzte der Notar, ohne Cornelia's Ruf zu beachten,„Sie verletzen hier jedenfalls das Hausrecht. Um Sie jedoch zu beruhigen, kann ich Ihnen ſagen, daß der Erblaſſer Ihnen und Ihren Vereinen nichts entzieht, da er nichts zu vergeben hat. Und jetzt muß ich Sie bitten, ungeſäumt dies Haus zu verlaſſen, oder ich nehme von dem Rechte Gebrauch, das mir die Frau Paſtorin gegeben, da ſie meinen Schutz angerufen.“ „Soll das vielleicht heißen, daß Sie einen Beam⸗ ten des Miniſterio antaſten wollen?“ „Es bedeutet, daß ich Gensdarmen rufen und Sie kraft meines Amtes verhaften laſſe. Sie ſtören die Ruhe in einem Sterbehauſe.“ „Die Diener Gottes ſtören die Ruhe in einem 177 Pfarrhauſe! Das iſt neu! Doch, ich gehe. Die Folgen über Sie!“ Streber entfernte ſich, wuthknirſchend aber die Hände gefaltet. „Das iſt ja wohl der berüchtigte Miniſterialrath Streber?“ fragte der Notar Cornelia. „Er iſt es. Wollte Gott, ich hätte ihn nie ge⸗ ſehen.“ Der Notar empfahl ſich, Cornelia kehrte an das Krankenbett ihres Mannes zurück. Einige Stunden ſpäter und Georg und Williams hören von ihr, daß ſie Streber die Thüre gewieſen, daß dieſer ſie bedroht, ſie aber dennoch feſt geblieben. Auf ſeinen Knieen liegt Georg am Sterbebett des Vaters, der Kranke ſegnet ihn; daß der Sohn ihm die Hand drückt und küßt, das breitet ein Lächeln des Friedens über ſein Antlitz. G Muühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. Elftes Kapitel. Vor dem Sturm. Das Geſetz, welches die Gerechtigkeit dem Miß⸗ brauch zu augenblicklichen Regierungszwecken preisge⸗ geben, welches die Unabhängigkeit der Richter abſchaffte, erregte eine unbeſchreibliche Gährung im Lande. Der Miniſter Uhden trug kein Bedenken, daſſelbe anzuwenden, wo er es brauchte. Der tapfere Kämpe, Heinrich Simon in Breslau mußte ſein Amt niederlegen, aber faſt alle Provinziallandtage baten um Zurücknahme des Geſetzes und die öffentliche Meinung trat mit Entſchiedenheit auf ihre Seite, dennoch mußte erſt der Sturz der ab⸗ ſoluten Monarchie erfolgen, ehe dieſer gerechte Wunſch befriedigt wurde. Die Aufregung der Gemüther erreichte jedoch eine ſolche Höhe und die öffentliche Meinung erhob ſich mit v 179 ſolcher Entſchiedenheit gegen das ganze von der Geiſt⸗ lichkeit, der Bureaukratie, der Militairgewalt getragene Regierungsſyſtem, daß der König es fühlte, es müſſe etwas geſchehen, eine Verſöhnung herbeizuführen. Der König berief einen allgemeinen Landtag der Stände der Monarchie und er glaubte damit dem Volke ſehr viel zu geben, aber die Oppoſition erklärte ſchon jetzt, daß dieſe Conceſſion nicht genüge, eine Ver⸗ faſſung ſei verſprochen, eine den Abſolutismus be⸗ ſchränkende Reichsverſammlung, nicht aber ein nur be⸗ rathender Landtag. Nach feierlichem Gottesdienſt wurde in dem präch⸗ tigen weißen Saale des Schloſſes der Landtag mit allem Pomp des Königthums eröffnet. Ueber dem pur⸗ purnen Faltenwurf des Thronſeſſels lagen Krone, Scepter und Reichsapfel. Das Reichspanier wehte, in fun⸗ kelndem Harniſch mit blitzendem Schwerte, den Adlerhelm auf dem Haupte ſtanden die königlichen Leibgarden und in den altpreußiſchen Grenadiermützen die Garde⸗ Unteroffiziere der Kronengarde, die Prinzen und Prinzeſſinen, die Großen des Reiches umgaben den Thron. Der König hielt, auf dem Throne ſitzend, den Helm auf dem Haupte, jene berühmte Rede, in der er gewiſſermaßen ſein ganzes politiſches Glaubensbekennt⸗ niß abgab. 12* 180 „Der edle Bau ſtändiſcher Freiheiten“, rief er vom Throne,„deſſen acht mächtige Pfeiler(die acht Provin⸗ ziallandtage) der hochſelige König tief und unerſchütter⸗ lich in die Eigenthümlichkeiten ſeiner Länder gegründet hat, iſt heute durch Ihre Vereinigung vollendet. Segnen wir noch heute das Gewiſſen des treuen lieben Herrn, der eigene frühe Triumphe verſchmähte, um ſein Volk vor ſpäterem Verderben zu bewahren und ehren wie ſein Andenken auch in dem Stück, daß wir ſein eben vol⸗ lendetes Werk nicht gleich durch ungenügſame Neue⸗ rungsſucht in Frage ſtellen.“ „Als Erbe einer ungeſchwächten Krone, die ich meinen Nachfolgern ungeſchwächt bewahren muß und will“, ſagte er weiter,„weiß ich mich zwar vollkommen frei von jeder Verpflichtung gegen Nichtausgeführtes, vor Allem gegen das, vor deſſen Ausführung mein erhabener Vorgänger ſein eigenes, wahrhaftlandesväterliches Ge⸗ wiſſen bewahrt hat. Dies Geſetz iſt aber in allen ſeinen weſentlichen Theilen ausgeführt, ein Rechtsgebäude iſt darauf gegründet, Eide ſind darauf geſchworen und es hat ſich, auch unvollendet wie es iſt, durch ſiebenund⸗ zwanzig Jahre als ein weiſes Geſetz bewährt. Ich bin aber unverſöhnlicher Feind jeder Willkürlichkeit und mußte es vor Allem der Gedanke ſein, eine ſtändiſche Ver⸗ ſammlung künſtlich und willkürlich zuſammenzuſetzen, 181 welche die edle Schöpfung des tbeuren Königs, die Provinziallandtage entwerthet hätte. Es war daher ſeit vielen Jahren mein feſter Entſchluß, dieſe geſetzlich ge⸗ botene Verſammlung nur durch die Vereinigung der Provinziallandtage ſelbſt zu bilden.“ „Dieſe Verſammlung“, ſprach der König weiter,„ſei ge⸗ bildet und habe Rechte, weit über die Verheißungen des hoch⸗ ſeligen Königs hinaus. Er wiſſe, daß er mit dieſen Rechten ein koſtbares Kleinod der Freiheit den Ständen anvertraut, aber er wiſſe auch ebenſo gewiß, daß Manche dieſes Klei⸗ nod verkennen, daß es Vielen nicht genüge. Ein Theil der Preſſe fordere von ihm geradezu Revolution in Kirche und Staat, Viele und unter dieſen ſehr redliche Männer, ſuchen das Heil in der Verwandlung des natürlichen Ver⸗ hältniſſes zwiſchen Fürſt und Volk in ein conſtitutionelles Weſen, durch Urkunden verbrieft, durch Eide beſiegelt. Möchte doch das Beiſpiel des einen glücklichen Landes, deſſen Verfaſſung die Jahrhunderte und eine Erbweis⸗ heit ohne Gleichen, aber kein Stück Papier gemacht haben, für uns unverloren ſein und die Achtung finden, die es verdient. Fänden andere Länder auf anderem Wege, als jenes Volk und wir, nämlich auf dem Wege gemachter und gegebener Conſtitutionen ihr Glück, ſo müſſen und wollen wir ihr Glück aufrichtig mit ihnen preiſen. Wir wollen mit gerechteſter Bewunderung das erhabene Beiſpiel betrach⸗ 182 ten, wenn es einem ſtarken Willen, eiſerner Conſequenz und hoher Weisheit gelingt, Bedenkliches in dieſen Zu⸗ ſtänden aufzuhalten, zurückzudrängen und zu beſchwichti⸗ gen, vor Allem aber, wenn es zum Heile Deutſchlands und zur Aufrechterhaltung des europäiſchen Friedens gereicht.“ „Preußen aber, meine Herren, kann dieſe Zuſtände 3 nicht ertragen. Fragen Sie mich warum? ſo antworte ich, werfen Sie einen Blick auf die Karte von Europa, auf die Lage unſeres Landes, auf unſere Zuſammen⸗ ſetzung, folgen Sie den Linien unſerer Grenzen, wägen Sie die Macht unſerer Nachbarn, vor Allem, thun Sie einen geiſtigen Blick in unſere Geſchichte! Es iſt Gottes Wohlgefallen geweſen, Preußen durch das Schwert groß zu machen, durch das Schwert des Kriegers 3— nach Außen, durch das Schwert des Geiſtes nach Innen, aber wahrlich nicht des verneinenden Geiſtes der Zeit, ſon dern des Geiſtes der Ordnung und der Zucht.“ „Ich ſpreche es aus, meine Herren, wie im Feld⸗ lager ohne die allerdringendſte Gefahr und größte Thor⸗ heit nur ein Wille gebieten darf, ſo können dieſes Landes Geſchicke, ſoll es nicht augenblicklich von ſeiner Höhe fallen, nur von einem Willen geleitet werden.“ 5 „Es drängt mich zu der feierlichen Erklärung, daß es keiner Macht der Erde je gelingen ſoll, mich zu be⸗ wegen, das natürliche, gerade bei uns durch ſeine —-——— 183 innere Wahrheit ſo mächtig machende Verhältniß zwiſchen Fürſt und Volk in ein conventionelles, conſtitutionelles zu verwandeln und daß ich es nun und nimmer⸗ mehr zugeben werde, daß ſich zwiſchen unſerem Herr⸗ gott im Himmel und dieſes Land ein beſchriebenes Blatt gleichſam als eine zweite Vorſehung eindringe, um uns mit ſeinen Paragraphen zu regieren und durch ſie die alte heilige Treue zu erſetzen.“ „Zwiſchen uns ſei Wahrheit. Von einer Schwäche weiß ich mich gänzlich frei. Ich ſtrebe nicht nach eitler Volksgunſt. Und wer könnte das, der ſich durch die Ge⸗ ſchichte hat belehren laſſen? Ich ſtrebe allein darnach, meine Pflicht nach beſtem Wiſſen und nach meinem Gewiſſen zu erfüllen und den Dank meines Volkes zu verdienen und ſollte er mir auch nimmer zu Theil werden.“ Die Preſſe ſei ihm, dem Könige, Dank ſchuldig. „Edle Herren und getreue Stände. Ich fordere Ihre Herzen auf, dieſen Dank zu würdigen! Bei aller Aner⸗ kennung des ehrenhaften Strebens, die Preſſe durch einen edlen und gewiſſen Geiſt zu heben, iſts doch unzweifel⸗ haft, daß in einem Theile derſelben ein finſterer Geiſt des Verderbens herrſcht, ein Geiſt der Auflockerung zum Umſturz und frechſten Lüge, ſchmachvoll für die deutſche Treue und die preußiſche Ehre. Ich weiß, daß der reine Volksſinn feſt ſteht, aber täuſchen wir uns darum 184 ja nicht über die argen Früchte des argen Baumes, die uns unter der Geſtalt der Verſtimmung, des Mißtrauens und trauriger Einſchüchterung von Seiten des Liberalis⸗ mus entgegen treten und ſogar an der Hand noch ſchlim⸗ merer Erfahrungen, offenen Ungehorſams, geheimer Ver⸗ ſchwörung, erklärten Abfalls von Allem, was guten Men⸗ ſchen heilig iſt, verſuchten Königsmordes. Ja, bis in unſere Landeskirche hinein zeigen ſich dieſe Fürchte neben dem zweifachen Tode in Gleichgiltigkeit und Fanatismus.“ „Aber das Kirchliche gehört nicht vor die Stände. Es hat in beiden Confeſſionen ſeine rechtmäßigen Organe. Ein Bekenntniß vermag ich doch heute unmöglich zu unterdrücken, eingedenk des entſetzlichen Beginnens, ein Volk um ſein heiligſtes Kleinod zu betrügen, um den Glauben an ſeinen und unſerer Aller göttlichen Heiland, Herrn und König. Dies Bekenntniß aber lautete: Der König erhob ſich bei dieſen Worten. „Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen!“ Er wende jedoch den getrübten Blick auf das Ganze ſeines Volkes und ſein Blick verkläre ſich da in Freudenthränen, ſein Volk ſei noch das alte chriſtliche, biedere, treue Volk, das die Schlachten ſeiner Väter ge⸗ ſchlagen und ſich nicht habe verführen laſſen.„Darum hören Sie es und möge durch Sie es das ganze Lande —— 185 erfahren; vor den Unwürdigkeiten, die ich und mein Re⸗ giment ſeit ſieben Jahren erfahren, appellire ich an mein Volk. Vor allen ſchnöden Erfahrungen, die mir vielleicht noch vorbehalten ſind, appellire ich im voraus an mein Volk. Mein Volk kennt mein Herz, meine Treue und Liebe zu ihm und hängt mit Treue und Liebe an mir, mein Volk will nicht das Mitregieren von Repräſen⸗ tanten, die Schwächung der Hoheit, die Theilung der Souveränität, das Brechen der Vollgewalt ſeiner Könige, die ihm ſeine Geſchichte, ſeine Freiheit, ſeinen Wohlſtand begründet und ſeine theuerſten Errungen⸗ ſchaften allein ſchützen können und ſie ſchützen werden, ſo Gott gnädig iſt wie bisher.“ Der König ſagte, er habe die Geſinnungen ſeines Volkes in der ſchönen Freude, in den naſſen Augen bei ſeiner und der Königin wunderbaren Lebens⸗ rettung geleſen. Er ſagte den Ständen, es ſei nicht ihr Beruf, Meinungen zu repräſentiren, das ſei un⸗ deutſch und unpraktiſch, die Krone müſſe nach den Geſetzen Gottes und des Landes, nicht aber nach dem Willen von Majoritäten herrſchen, wenn Preußen nicht ein leerer Klang in Europa werden ſolle. Der Eindruck dieſer Rede war ein gewaltiger, die Oppoſition war nur mit Mühe zu bewegen, nicht ſo⸗ fort nach Hauſe zu reiſen. In einer Adreſſe reclamirte h 186 und verwahrte man ſich die Rechte einer künftigen Repräſentativverfaſſung. Die Vorboten eines Sturmes waren unverkenn⸗ bar, der König aber in der beſten Laune. Er machte ein Künſtler⸗Atelier aus ſeiner Reſidenz, verheirathete Prinzeſſinnen ſeines Hauſes ganz ſeinen Wünſchen ge⸗ mäß und Sternberg erzählt uns eine charakteriſtiſche Geſchichte von der Laune des Königs bei einer dieſer Vermählungen. Es iſt ein alter Gebrauch, daß bei jeder Hochzeit im regierenden Königshauſe die Kron⸗ juwelen aus dem Souterrain des Schloſſes mit großer Feierlichkeit, vom Garde de Corps mit gezogenen Schwertern geleitet, hervorgebracht und, nachdem ſie ihren Dienſt verrichtet, ebenſo feierlich wieder an Ort und Stelle hingelegt werden. Jedesmal wird ein Ver⸗ zeichniß der abgelieferten Stücke beigegeben mit der Unterſchrift des Miniſters des königlichen Hauſes und des Schloß⸗Intendanten. Ein eigener Wagen ſteht be⸗ reit und die Krone fährt im Rückſitz, während zwei Kammerherren den Vorſitz einnehmen, dem Orte ihrer jedesmaligen Beſtimmung entgegen. Diesmal war es ein ſehr liebliches Haupt, das ſich unter ihr erheben ſollte. Als Alles abgethan iſt, ſollen die Juwelen in der Frühe wieder nach Berlin (von Charlottenburg) zurückgebracht werden. Man ſucht ————— — “ 187 ſie zuſammen, alle Stücke ſind da, nur eines fehlt— der Fächer. Der König iſt ſelbſt ſehr eifrig im Suchen; man durchläuft das Schloß, alle Winkel— der Fächer iſt fort. Die Kutſche, mit der die Krone zurückfahren ſoll, iſt angeſpannt, man macht den Vorſchlag, die Haupt⸗ ſtücke einſtweilen abzuliefern, der König will aber, daß der Fächer dabei ſein ſoll. Neues Suchen. Nachdem alle Combinationen, wohin das Stück gekommen, erſchöpft ſind, bleibt kein anderer übrig, als das junge Chepaar, das ſich be⸗ reits ſchon ſeit einer Stunde ins Brautgemach zurück⸗ gezogen, müſſe es dorthin mitgenommen haben, aber wer könnte es wagen, an die verſchloſſene Thür zu pochen! Der König ſchreitet vor, Alles beſtürmt ihn mit Bitten, doch die Ruhe der Glücklichen nicht zu ſtören. Aber der König fingirt eine maßloſe Gewiſſenhaftigkeit in der Ablieferung der Kronjuwelen und klopft an. Das erſte Mal wird nicht geantwortet, bei dem zweiten Male antwortet eine weibliche Stimme, die da fragt, wer klopfe. Der König mit verſtellter Stimme antwortet, daß er den Kronjuwelenfächer ſuche und daß er abgeſchickt ſei, ihn hier zu ſuchen. 188 Eine kleine Pauſe, dann eine zürnende, wenig höfliche Antwort, die zum großen Ergötzen aller An weſenden Etwas enthält, was der König an ſich ſelbſt zu beſtellen bekommt. Neues Klopfen— keine Antwort. Es rauſcht von Innen an der Thür und die Stimme der Prinzeſſin, die ſchon die richtige Vermuthung gefaßt hat, wer der Fragende ſei, verſichert in ſehr beſcheidenen Ausdrücken, aber doch mit einer vor Verdruß bebenden Stimme, daß der Fächer nicht da ſei und daß ſie ihn, wie ſie ſich zu erinnern glaube, an die Oberhofmeiſterin abgegeben. Dieſe verſichert nun, ihn nicht erhalten zu haben. Neue Pauſe, während immer im Gemach geſucht wird. Endlich erſcheint eine zarte Hand zwiſchen der Thür⸗ ſpalte und in dieſer Hand blitzt der ominöſe diamantene Fächer. „Hier iſt er“, ruft die Prinzeſſin„und haben Sie die Güte, Sr. Majeſtät zu ſagen, daß ich weiß, wer ihn hier verſteckt hat, um dieſe Scene herbeizu⸗ führen.“ Der Ruf: Es muß anders werden! ging durchs Land, die Regierung hatte keine Ahnung davon, wie groß die Erbitterung in allen Kreiſen. Alexander von Humboldt glaubte ſchon vor Berufung des Landtages an eine Revolution. Humboldt, ſchreibt Varnhagen, — — 189 ſieht die hieſigen Sachen ſo verzweifelt an als ich, tröſtet ſich aber damit, daß die geſchenkten Verfaſſungen von Hauſe aus nichts taugen und daß am Ende ſchon etwas Gutes hervorgehen wird, er iſt auf Heftigkeiten aller Art, Polizeigrimm, Volkswuth, Truppeneinrücken gefaßt. Der König, meinte er, ahnt dergleichen nicht, iſt ſeelenvergnügt, hat ſeine Eröffnungsrede fertig. Humboldt, fährt Varnhagen fort, ſagte mir geſtern noch, der König glaube feſt an Don Miguel, Don Carlos, an den Sturz der Juli⸗Dynaſtie und daß er noch werde nach Paris reiſen können, den rechtmäßigen Herrſcher zu begrüßen. Ferner— er ſelber, Humboldt, gelte für einen Jacobiner, der die dreifarbige Fahne in der Taſche habe. Der Adel iſt furchtbar aufgeregt, er iſt plötzlich ein anderer geworden, das Selbſtgefühl empört ſich mit Macht. Der Teufel ſelbſt hätte kein wirkſameres Mittel finden können, um dieſe ganze Klaſſe feindſelig zu ſtimmen, als dieſen mißgebornen Herren⸗ ſtand. Am 31. März 1847 ſchrieb Varnhagen in ſein Tagebuch folgenden Traum nieder: Ich ſah den König, furchtbar weinend, indem er ausrief:„Alſo dahin iſt es gekommen! Nun, ich weiche. Laßt meinen Bruder Alles übernehmen und möge es ihm beſſer als mir gelingen!“ 190 Der Traum ſollte bis zu einem gewiſſen Punkte in Erfüllung gehen. Der König ahnte nicht, daß er durch ſeine Großherzigkeit den Undank von allen Seiten heraufbeſchwor, der ſpäter wie ſchleichendes Gift an ſeinem Herzen fraß. Er gab dem Volke einen Theil ſeiner königlichen Rechte aus freien Stücken, als er die Macht beſaß, Mißvergnügen zu erſticken und Unzufriedene einzuſperren— man empfing die Gabe ohne Dank— der Adel ſchaute grollend drein, daß der König nach⸗ gab, die Oppoſition ſagte, er gebe nicht genug. Der Glanz des Hofes war ein wahrhaft blendender. Die Feſte, die kurz vor der dunklen Ziffer 1848 ge⸗ feiert wurden, erinnerten an die ſchönen Tage, wo der preußiſche Adler zum erſten Male ein königliches Scepter in der Kralle fühlte. „Der Adel der Provinzen“, erzählt Sternberg,„war herbeigekommen, um ſich im Glanze zu zeigen, aber was kümmerte mich das Alles? Ich ſuchte nur Einen in dem fluthenden Gedränge und dieſer Eine war nicht zu ſehen. Da öffente ſich mit einem Male eine Straße, als wich der Menſchenknäuel auseinander: die Reihe der Säle entlang kam ein Mann in einem ſchwarzen flatternden Mäntelchen(es war ein Maskenball), die Lorgnette vor dem Auge und hier und da leicht, aber mit großer Freundlichkeit grüßend. Dieſer ſchwarze, — o 191 Spitzengehüllte war Seine Majeſtät, die einzige ſchwarze flatternde Geſtalt unter all' den bunten Menſchentulpen. 3 Es konnte nicht anders kommen, die Richtung der Lorgnette mußte auch auf mich treffen. Der König blieb ſtehen und ſagte mir einige freundliche Worte über ein Buch. Dieſe Worte waren wirklich freundlich, was die ſogenannten freundlichen Worte der Fürſten nicht immer ſind. Ich habe früher keinen Mann ge⸗ kannt und ſpäter keinen gefunden, der in Mienen und Wort eine ſo gewinnende Weiſe des Ausdrucks gezeigt, als es dieſer Fürſt in ſeiner Gewalt hat. Man wird unwillkürlich zu dem Glauben verleitet, es handle ſich hier um ein wirkliches Intereſſe, das an Perſon und Sache gefaßt worden, während man bei ſonſtigen Ge⸗ legenheiten dieſer Art im Voraus überzeugt iſt, daß nur ein compentionelles Lippenbewegen mit obligaten Nich⸗ tigkeitsphraſen dem in einer Verbeugung Zuhörenden geſpendet wird. Die Perſönlichkeit des Königs iſt im höchſten Grade gewinnend, wenn er den wohlwollenden, freund⸗ lichen, heitern Ausdruck in Rechnung bringt. Dieſer Ausdruck des Heitern und Befriedigtſein zeigte der Fürſt damals vorherrſchend, man konnte ſagen, man ſah es ihm an, wie glücklich er war, König zu ſein. Er befand ſich im Vollgefühl aller ſchönen Illuſionen, 192 er wußte und ſah es, daß ſeiner perſönlichen Liebens⸗ würdigkeit alle Herzen ſich zuneigten. Macht haben, Macht ausüben, iſt Götterglück. Es hat vielleicht wenig Fürſten gegeben, die ſo eifer⸗ ſüchtig waren auf dieſe Macht, die ſo ſehr zum Abſolu⸗ tismus neigten, als dieſer König und deshalb wurde es ihm doppelt ſchwer, Conceſſionen zu machen, die dieſe Macht ſchwächten; die Zeit legte ihm hier eine harte Prüfung auf, indem ſie ihn zwang, ein Blatt Papier zwiſchen ſich und ſein Volk aufzunehmen. Wie die großen Fürſten des Mittelalters, wollte er in prächtiger Erſcheinung als ein Ritter der Ritter vom Throne herab ſegnend und gnädig das Geſchenk einer Verfaſſung geben und dieſer ſchöne Act, der mit echt fürſtlicher Poeſie vielleicht ſchon lange ſich mit ihm herumgetragen, wurde durch die„gemeine Wirklichkeit der Dinge“ zu Boden geworfen und zertreten. Grade dieſe Zeit und dieſer König paßten nicht zuſammen. Nicht er gab, ſondern es wurde von ihm genommen. Er dachte königlich und erhaben und die Zeit handelte practiſch und genau. König Ludwig Philipp von Frankreich ward ab⸗ genutzt, er fiel wie eine faule Frucht vom Baume, ein Pöbelhaufen drang in die Tuilerien und rief: Herr, Sie müſſen abdanken. 193 Der König that dies und ſetzte eine Regentſchaft ein, aber jetzt hieß es: Die ganze Monarchie muß fort. Bleich und verſtört rief der kleine Thiers: Die Fluth ſtürzt, ſie ſtürzt! Ein Proletarier ſchwenkte die rothe Fahne über den Thron in den Tuilerien, Lamar⸗ tine proclamirte die democratiſche Republik, Louis Philipp floh nach England. In Berlin war Herr von Minutoli Polizeipräſident, die Nachrichten, die ganz Europa in Flammen ſetzten, machten auch Berlin unruhig. Man rieth dem Könige die verſchiedenſten Maßregeln, um einem Aufſtande in Preußen, der bei der Gährung im Volke zu erwarten war, vorzubeugen. Jeder hielt ſeinen Vorſchlag für den einzigen Rettungsanker, Jeder zitterte für das Wohl des Vaterlandes. „Die Truppen müſſen conſignirt werden und die geringſte Unruhe mit Gewalt niederſchlagen“, riethen die Einen, Andere meinten, es wäre nothwendig, jetzt die Wünſche des Volkes zu erfüllen, nur durch das Ge⸗ ſchenk einer Verfaſſung könne man der Revolution vor⸗ beugen— Andere wieder lachten und ſagten, in Preußen ſei eine Erhebung unmöglich, man provocire ſie, wenn man von dem Uebermuth einiger Straßenjungen und dem Geſchrei der jüdiſchen Preſſe Notiz nehme. Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 13 194 Der König ließ den Polizeipräſidenten in ſein Cabinet treten. „Es muß zu einem Cravall kommen“, flüſterte ein höchſtgeſtellter Herr dem Präſidenten zu, ehe dieſer in das Cabinet trat,„es iſt nothwendig, daß die Regie⸗ rung ſich einmal auf gewaltſame Weiſe Achtung er⸗ zwingt, die Krone hat bei einem Kampfe nichts zu be⸗ fürchten.“ Der Präſident nickte bejahend zu, machte eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung vor dem hohen Herrn und trat in das Cabinet des Monarchen. „Wie ſteht es in der Stadt?“ fragte der König. „Die Gemüther ſind ſehr aufgeregt, aber es iſt doch wohl nichts zu befürchten?“ „Die Aufregung, Majeſtät, iſt natürlich“, ant⸗ wortete der Präſident.„Der ſcandalſüchtige Pöbel wird ſie zu Demonſtrationen benutzen, vielleicht hier und da einen Crawall hervorrufen, aber ich halte die Stimmung Berlins nicht für bedenklich. Der gute Geiſt iſt vorherrſchend in der Stadt.“ „Das weiß ich“, erwiderte der Monarch,„mein Volk iſt treu und nur Verirrte und Leichtſinnige laſſen ſich zum Ungehorſam verleiten. Ich habe Beweiſe von der Liebe meines Volkes und von der treuen Anhäng⸗ lichkeit meiner Stadt Berlin. Aber es ſind fremde Un⸗ 195 ruheſtifter hier, polniſche und franzöſiſche Emiſſaire, die Juden ſind unzufrieden und der ſchlechte Geiſt eines großen Theils der Preſſe verſucht die Bande des Ge⸗ horſams zu lockern. Sie deuteten mir neulich an, daß die Möglichkeit eines Aufſtandes nicht wegzuleugnen ſei, was ſagen Sie heute?“ „Majeſtät, es ſind ſchlechte Elemente vorhanden, die den Wunſch eines großen Theils der Bevölkerung nach einer Conſtitution benutzen, um eine feindliche Stimmung gegen die Regierung zu erzeugen— „Und die Stimmung? In einem hohen Grade iſt vorhanden? Läßt ſich ein ernſter Angriff gegen die Ordnung befürchten?“ „Majeſtät, es wäre gut, auch hierauf vorbereitet zu ſein.“ Der König entließ den Präſidenten. Eine Stunde blieb er allein— es ward Niemand vorgelaſſen. Ging der König mit ſeinem Gewiſſen zu Rathe, läuterte er ſeine Seele im Gebet? Wieder wurden die Miniſter beſchieden. „Meine Herren“, ſo lautete das Wort des Königs, „ich beabſichtige mein Volk im ruhigen Fortſchritt allmälig zum Vollgenuß der ſtändiſchen Freiheiten zu führen. Arbeiten Sie eine Vorlage aus, in welcher 13* 196 ſchon jetzt die Wünſche des Volkes Gewährung finden, ich will lieber freiwillig geben als mit Forderungen unterhandeln. Sie aber—“, ſo lautete der Befehl an den Commandeur der Truppen,„Sie mache ich ver⸗ antwortlich für die Ruhe der Stadt. Ich werde mir niemals etwas abtrotzen laſſen und ich wünſche nicht, daß die Stadt auch nur einen Augenblick vor Pöbel⸗ haufen zu zittern hat. Verfahren Sie mit Strenge, aber vergeſſen Sie dabei nicht, daß die Zeitumſtände eine große Aufgeregtheit mit ſich bringen— der Waffen⸗ gebrauch darf immer nur das allerletzte Mittel der Regierung ſein!“ Der Hof hatte anfänglich den Sturz der Juli⸗Dy⸗ naſtie ſehr kalt beurtheilt. Man ſagte vornehm: Durch Barrikaden erhoben, durch Barrikaden geſtürzt. In allen deutſchen Ländern wogten die Fluthen der Völker⸗ bewegung hoch auf, man hob die Cenſur auf, ohne den Bundestag zu fragen, der Landtag ward in Preußen einberufen, aber noch immer dachte man, der Bewe⸗ gung Herr bleiben zu können.„Wenn es überall koche und ſiede“, ſagte der König gleichſam entſchuldigend, „ſo ſei es nicht zu verlangen, daß die Stimmung in Berlin unter dem Gefrierpunkte ſtehe. Noch am 14. März ſcherzte der König in heiterſter Laune über die Revolutioſi der Kölner. Während die ſiegreiche Re⸗ 19/ volution in Wien das Metternich'ſche Syſtem zerbrach und ihr Banner von den Zinnen der Hofburg wehte, kam es in Berlin nur zwiſchen den Truppen und un⸗ bewaffneten Volkshaufen zu Reibungen, deren furcht⸗ bare Conſequenzen Niemand ahnen ſollte. Das Mili⸗ tär war verhaßt. Es ſpielte eine glänzende und ge⸗ bietende Rolle, es zeigte ſich übermüthig. Die häufigen Reiſen der Prinzen nach Petersburg, der Pomp, mit dem man die Beſuche des Zaren militäriſch feierte, erweckten wie ſo manche andere Sympatien die Vor⸗ liebe der Armee für alles Ruſſiſche, war doch der Herr Zaar ſelbſt das prächtigſte Muſterbild eines Soldaten. Das Volk aber haßte Rußland und die Männer der Befreiungskriege ließen ſich nicht imponiren von dem jungen Adel in der Armee, den bartloſen Lieutenants, welche ſich kaſtenmäßig vom Volke abſchloſſen. Die Bevorzugung des Adels in der Armee that das Uebrige und das intelligente Volk fühlte die Demüthi⸗ gung, unter dem Druck der Bajonette zu ſtehen. Dies benutzten die Aufwiegler des Pöbels, ſie reizten das Volk gegen die Truppen und dieſe wiederum tagelang conſignirt oder auf den Straßen zum Patrouilliren verwandt, wurden derart erbittert, daß— wo der Befehl zum Einſchreiten gegeben wurde, die ärgſten Exceſſe ſtattfanden. Die Garde⸗Küraſſire hieben faſt 198 ohne Veranlaſſung mit blanker Waffe auf friedliche Bürger ein, Frauen wurden dabei verletzt und ſelbſt der loyale Theil der Bürgerſchaft forderte das Zurück⸗ ziehen der Truppen als Bürgſchaft der Ruhe. Der Haß gegen die Militärherrſchaft nahm einen wahrhaft fanatiſchen Character an, der ſich beſonders gegen die Garde und ſomit auch gegen deren Führer, den Bruder des Königs, den Prinzen Wilhelm richtete, den man überdem für den Vertreter der ariſtokratiſchen Rück⸗ ſchrittspartei hielt. Es bildeten ſich Schutzcommiſſionen. Selbſt die ruhigſten Bürger, ſagt Förſter, in deren Adern kein Tropfen politiſchen Blutes rollte, ſprachen laut und in den heftigſten Ausdrücken ihre Entrüſtung über die Schmach aus, die durch das Tödten und Niederhauen wehrloſer Menſchen ihrer Stadt angethan ward. Tag für Tag in Lebensgefahr ſchweben zu müſſen, weil der hochmüthige Cavalier nicht zugeben wollte, daß der König ſeinem Volke diejenigen Frei⸗ heiten gewährte, welche die übrigen Völker Deutſch⸗ lands, ja ſogar die Oeſterreicher bereits erlangt hatten, das ſchien denn doch den Berliner Weißbierphiliſtern zu viel und das Gefühl— dieſen Zuſtänden müſſe ein Ende gemacht werden, hatte ſich Aller bemächtigt. Der Miniſter von Bodelſchwingh verſicherte dem ruſſiſchen Geſandten, er könne getroſt nach Petersburg Ben 199 ſchreiben, in Berlin ſei die Sache abgemacht und den⸗ ſelben Tag telegraphirte er folgende claſſiſche Depeſche an den Regierungspräſidenten in Cöln: „An drei Abenden zog der Pöbel in Trupps durch die Straßen. Die Bürgerſchaft nickte beruhigend. Seit geſtern iſt Alles ruhig und kein Zeichen der Erneuerung vorhanden.“ Berlin war ruhig, aber in der Stadt herrſchte die Schwüle und die unheimliche Stille vor einem Ge⸗ witter.— Zwölftes Kapitel. Verſöhnung. Wir ſind mit der Darſtellung der hiſtoriſchen Er⸗ eigniſſe vorausgeeilt, der Ausbruch der Revolution muß unſerem Werke einen natürlichen Abſchluß geben. Die proteſtantiſchen Jeſuiten verloren mit dem Jahre 1848 die Macht, welche ſie ſeit der Thronbeſteigung des Königs ſich erworben, ſich angemaßt und beſeſſen. Es haben mit der Revolution die proteſtantiſchen Jeſuiten nicht aufgehört zu exiſtiren, Einfluß bei Hofe, Macht im Staate zu gewinnen, im Gegentheil— während der Reactionsperiode ſtifteten dieſe ſchwarzen Burſchen wieder viel Unheil und noch heute halten ſie zuſam⸗ men, in dunklen Winkeln, heimlich, in den Stuben alter Jungfern oder fromm gewordener Koketten, von Mißvergnügen, Neid oder Bosheit, die geſchmeidige 201 Waffe des Pietismus, ergriffen, da brüten ſie ihre Pläne aus und in dem bekannten Prozeß gegen den Prediger Sydow im Jahre 1872—73 zeigten ſie ſich der Welt abermals in voller Uniform als Leibgarde jenes Lucifer, der der Menſchheit keinen Frieden, keine ruhige Entwicklung gönnt— aber wenn das Volk dieſe Geſellen jetzt noch duldet, ſo liegt die Schuld an ſeiner Schlaffheit und Indolenz, die Regierungsform hat gewechſelt, der Abſolutismus gibt dieſen Jeſuiten nicht mehr die Macht, jeden Widerſtand zu brechen, die Unabhängigkeit der Richter anzugreifen, ihren Wil⸗ len durch Maßregelung und Polizeiwillkür durchzuſetzen. Duldet ein Mann ſolchen Schleicher in ſeinem Hauſe, der ſich unter der Maske eines Troſt⸗ und Se⸗ genſpenders zuerſt der Frau naht, durch ſie auf den Gatten und die Kinder wirken möchte, Tractätchen vertheilt und die alten Jeſuitenkunſtſtücke nach der Schablone beginnt, ſo hat er es ſich ſelber zuzuſchrei⸗ ben, wenn er plötzlich ſich wie von hundert Spinnen umſponnen ſieht, wenn ſeine Freunde wegbleiben und ſtatt ihrer Prieſter zu Dutzenden das Haus beſuchen, die frohe geſunde Heiterkeit der Glieder ſeiner Fa⸗ milie wie weggezaubert iſt, Alles die Köpfe hängen läßt, ſchwülſtige ſalbungsvolle Redensarten macht und ſchließlich die Familie zerriſſen, die heiligſten Bande 202 verleugnet werden, wenn ein oder mehrere Glieder die Gäſte nicht vertragen können, die, wo ſie ſich einmal eingeſchlichen, ſehr bald herrſchen. Wir haben zahlloſe Beiſpiele davon gehabt, wie gefährlich dieſe frommen Schleicher dem Familienfrieden, dem Staatsleben, der fortſchrittlichen Entwicklung ſind, wir haben aber auch aus den verſchiedentlichſten Ge⸗ richtsverhandlungen, aus der Gerichtschronik aller Länder geſehen, daß die unnatürlichſten Laſter, jene geſchlecht⸗ lichen Ausſchweifungen, welche geſunde Menſchen nicht begreifen und vor denen uns Grauen, Schauder und Entſetzen ergreift, faſt immer von Leuten ausgeführt werden, welche die Maske der Frömmigkeit tragen, ſchleichende Betbrüder, dem Scheine nach gottſelige Menſchen ſind. Es gibt nun einmal keine beſſere Maske, das Ungeheuerlichſte zu verbergen, als durch den Schein ganz beſonderer Frömmigkeit jedem möglichen Zweifel von vornherein zu begegnen. Daß die Prieſter übri⸗ gens von jeher ganz beſonders zu geſchlechtlichen Aus⸗ ſchweifungen hingeneigt, iſt bekannt und auch erklär⸗ lich. Die verbotene Frucht reizt am meiſten und die Verführung iſt um ſo größer, als Frauen und Mäd⸗ chen ſich mit beſonderm Vertrauen dem Geiſtlichen nahen und ihre Liebe, Verehrung und Bewunderung für die Perſon hier rückhaltsloſer als anderswo glauben zeigen — — 203 zu dürfen. In den Schulen und in den Beichtſtüblen nahte oft genug ſchon Kindern die Verſuchung von Seiten dieſer Frommen und wie oft ſolche ſcandalöſe Exceſſe auch bekannt geworden, mehr noch hat man wohl vor der Oeffentlichkeit noch die Entdeckung zu verbergen gewußt. Der Miniſterialrath Streber mochte, als er das Haus Schwings verließ, fühlen, daß ſeine Rolle in Berlin ausgeſpielt ſei. Der Prinz, deſſen Adjutant Georg geweſen, hatte wohl die Veranlaſſung dazu ge⸗ geben, daß die Gönner des frommen Mannes, die ſchon bei der Affäre Liebetraut ein wenig irre an demſelben geworden, ſehr nahe liegende Bedenken fühlten, ihm weiteres Vertrauen zu ſchenken. Das böſe Gewiſſen wittert einen eintretenden Wechſel der Dinge. Streber konnte ſich ſagen, daß ſeine Herrlichkeit ſehr raſch zuſammenbrechen werde, wenn ſie erſt einmal gründlich erſchüttert worden. Die plötzliche gefährliche Erkrankung Schwings ließ ihn ah⸗ nen, daß dieſe Stunde gekommen ſei. Schwing war ein Menſch, der ſich vor dem ewigen Richter fürchtet, obwohl er den Geſetzen deſſelben offen Trotz geboten— er war dem Tode nahe, es ließ ſich alſo erwarten, daß er Schritte thun werde, ſich mit Gott und ſeinen Feinden zu verſöhnen. 204 Hatte Streber noch gehofft, Cornelia durch Ver⸗ ſprechungen oder Drohungen für ſich zu gewinnen, ſo ſah er ſich bitter getäuſcht. Ihm blieb jetzt nur zweier⸗ lei übrig— entweder jeder Gefahr die Stirn zu bie⸗ ten und ſich darauf zu verlaſſen, daß ſeine Gönner ihn nicht völlig im Stich laſſen konnten, ohne ſich ſel⸗ ber und ihre ganze Partei zu compromittiren, oder— ſich jeder Verantwortung durch die Flucht zu entziehen — es war ja leicht möglich, daß Georg von ihm Rech⸗ nungslegung über die Gelder forderte, die er im Na⸗ men ſeines Vaters aus der Erbſchaftsmaſſe gezogen. Streber fühlte ſich ziemlich ſicher, im erſteren Falle den nöthigen Schutz zu finden, der ihn vor Verhaf⸗ tung und Unterſuchung rettete, aber er wußte, daß die Frommen ſehr bald einen anderen, weniger ſcan⸗ dalöſen Vorwand finden würden, ihn aus jeder ein⸗ flußreichen Stellung zu beſeitigen, ihn mit einem miſe⸗ rablen Gnadenbrot abzufertigen, er entſchloß ſich da⸗ her zur Flucht und das um ſo lieber, als er die Mittel hatte, ſich für dieſen Fall eine behagliche Exiſtenz zu verſchaffen, er war Curator mehrerer Kaſſen frommer Vereine und konnte die bei ihm von der Frau Hei⸗ nichen niedergelegten Baugelder für das neue Kranken⸗ haus flüſſig machen. Er verfaßte mehrere Schreiben, theils an ſeine 205 Gönner, theils an einflußreiche Perſonen, die den from⸗ men Vereinen nahe ſtanden, ſetzte an Frau Heinichen, an die Paſtorin Schwing und an Georg Briefe auf, welche ſämmtlich entweder mehr oder minder brutal oder mehr oder minder heuchleriſch erklärten, man habe ihn dazu gezwungen, vor böſem Leumund die Flucht zu ergreifen, ſollte er verfolgt werden, ſo ſehe er ſich genöthigt, Enthüllungen zu machen. Georg be⸗ drohte er damit, ſeinen Vater öffentlich zu brandmarken, der Paſtorin und der Frau Heinichen, daß er über ihr Privatleben keine Discretion bewahren könne, wenn er vor Gericht gezogen werde, den hochgeſtellten Per⸗ ſönlichkeiten ſagte er in den Briefen, wie ſchmerzlich es ihm auch ſein werde, aber ſtelle man ihn vor Ge⸗ richt, ſo werde ſein Prozeß einen politiſchen Character erhalten, er könne ſich nur rechtfertigen, wenn er die Partei und ihre Beſtrebungen, ihre Mittel, ihr Wirken charakteriſire. Streber plünderte die Kaſſen, fuhr nach der bel⸗ giſchen Grenze und dort gab er alle ſeine Briefe auf die Poſt. In einem kleinen Orte, jenſeits der Grenze wartete er ab, was geſchah, welche Wirkung ſeine Drohungen hatten, nach dem Erfolge deiſoihen wollte er ſeine weitere Flucht arrangiren. Er hatte ſich nicht in der Erwartung getäuſcht, 206 daß man ſich hüten werde, ihn zu verfolgen. In den Blättern erſchien eine halbamtliche Notiz, daß der Mi⸗ niſterialrath Streber ſeine Entlaſſung nachgeſucht habe, da ſeinen ſtrengen religiöſen Anſichten und Ueberzeu⸗ gungen das Syſtem der Regierung, welches milderen Principien huldige, nicht zuſage, er beabſichtige jen⸗ ſeits des Ocean als Miſſionär aufzutreten. Die Kaſſen⸗ defecte blieben ſo ſehr ein offenes Geheimniß, daß nicht eingeweihte Perſonen in frommer Schwärmerei Unter⸗ ſtützungen für den Mann ſammelten, der Brot und Amt aufgegeben, lieber den heidniſchen Indianern als ungläubigen Chriſten das Evangelium zu predigen. Man deckte die den Kaſſen fehlenden Summen und ſorgte durch Verbindungen in Amerika dafür, daß Streber dort der möglichſte Vorſchub von den Conſu⸗ len geleiſtet wurde und wenige Monate ſpäter hörte man aus der neuen Welt die Kunde, daß die religiöſen Vorträge des geiſtreichen, frommen Herrn Streber in New⸗York ungeheures Aufſehen gemacht, daß man ihn gebeten habe, den Vorſitz des dortigen inneren Miſ⸗ ſions⸗Vereins zu übernehmen und nicht unter die In⸗ dianerſtämme als Miſſionär zu gehen, wie dies an⸗ fänglich ſein edles Vorhaben geweſen. Einige Jahre ſpäter kam freilich eine andere Nachricht, aber da war der Name Streber von den Meiſten ſchon vergeſſen 207 und die Botſchaft machte daher unter den Frommen keine beſondere Wirkung, Streber hatte wegen Betrug und Fälſchung verhaftet werden ſollen, war aber ent⸗ flohen, hatte in einer Farm des Weſtens ein Aſyl ge⸗ funden und dem Beſitzer durch Verführung ſeiner Frau ſich dankbar gezeigt. Der Mann hatte kurze Juſtiz geübt, ihn niedergeſchoſſen und an einen Baum ge⸗ knüpft. Den Paſtor von Schwing erlöſte der Tod nicht ſo bald von ſeinen Leiden, als man das erwartet, er war nur vom Schlage gelähmt, die ewige Gerechtigkeit ließ ihn den Kelch der Buße bis auf die Neige leeren. Dem Geſunden— vielleicht auch dem Sterbenden ge⸗ genüber hätte Marco's Stolz ſich nicht gebeugt und ihm nicht geſtattet, durch Rückgabe des Erbes ſeine Schuld äußerlich zu ſühnen, dem Siechen, der das Mitleid erweckte, konnte er dieſen Troſt nicht verſagen und am Bette des Kranken reichte er Sophien ſeine Hand. Sophie wußte es zu verſtehen und zu würdi⸗ gen, warum Marco damit gezögert— nie hatte ſie an dem Herzen des Geliebten gezweifelt, der ihr Liebe und Treue geſchworen, aber was Williams und Georg nicht begriffen hatten, das hatte ihre wie Marco's Seele mit einem Schlage durchzittert— er hatte ihr ſeine Hand nicht eher reichen dürfen, als bis der letzte trübe Schatten in der wirklichen vollen Verſöhnung mit ihrem Vater geſchwunden. So waren denn zwei liebende Paare vereint, Marco und Georg doppelt mit einander verſchwägert und ſeltſam genug ſind die Räthſel des Menſchenher⸗ zens, auch Olympia iſt Cornelia näher getreten. Pein⸗ lich für beide Theile war die erſte Annäherung gewe⸗ ſen— vielleicht für Olympia, die ſo viel zu vergeben hatte, noch ſchwerer und peinlicher als für die Paſto⸗ rin, denn eine edle Natur ſträubt ſich dagegen, dem beſiegten Feind ihr ſtolzes Antlitz zu zeigen und wie Fremde waren ſie einander geblieben, auch da noch, als ihre Kinder ſich ſchon vor dem Altare vereint. Der Paſtor von Schwing fühlte ſich eines Tages ſehr ſchlecht, Cornelia ſaß weinend an ſeinem Bette, da erblickte ſie plötzlich ihre Schwägerin und ſah, daß auch ihr Auge in Thränen glänzte. Sie eilte auf Olym⸗ pia zu und wollte ihre Hände ergreifen. Dieſe aber ſchloß ſie in ihre Arme, zog ſie an ihre Bruſt— und von dieſer Stunde ab war Cornelia nicht mehr ein⸗ ſam und oft konnte man ſehen, wie ihr Auge an Olym⸗ pia mit einer faſt ſchwärmeriſchen Bewunderung, in⸗ niger Zärtlichkeit hing— Olympia's hohe Seelengröße war der Baum, in deſſen erquickendem Schatten Cor⸗ nelia's Herz Troſt und Frieden fand. Dreizehntes Kapitel. Derachtzehnte März. Wie ein rother Faden zog ſich durchs ganze deutſche Land der zwiſchen den Demagogen geſchloſſene Bund— die Magyaren erhoben ſich für ihre Natio⸗ nalität, die Polen ſandten eine Deputation zum Kö⸗ nige und aus den Rheinlanden kam eine ſolche nach Berlin, dem Könige mit dem Abfall der Provinzen und ihrem Anſchluß an Frankreich zu drohen, wenn er nicht die Wünſche des Volkes erfülle. Ueber Nacht kam der Sturm, der dieſen ſchönen, blühenden Königsbaum brechen ſollte, der Friedrich Wilhelm IV. nach dem 18. März iſt ein anderer Mann, nur ein matter Abglanz von dem glänzenden, poetiſchen, ſtrahlenden Herren vor dieſem Tage des Sturmes. Zwei Gewalten beſtürmten den König und er ſchwankte Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 14 ——ÿ 2 8 — 210 zwiſchen beiden, er vertraute der Einen wie der An⸗ deren. Die Reaction will den Kampf, das Volk will Freiheit— der König will Frieden und Verſöhnung und dort heißt es: Du mußt die Rebellion nieder⸗ ſchmettern, dort: zieht die Truppen zurück, werfe Dich Deinem Volke in die Arme. Dem Könige fehlte ein Diener, der ihm nicht gehorchte, der ſich opferte, der die Rebellion niederwarf und dann ſich desavouiren ließ. Am Abend des 17. März ſind beim Könige die Prinzen, die Miniſter und Glieder des Staatsrathes, Generäle und hohe Würdenträger verſammelt. Die Camarilla rathet, daß der König das Schwert gebrauche, die Miniſter rathen, nachzugeben und das Volk zu be⸗ ruhigen, der Erfolg habe gezeigt, daß das Einſchreiten der Truppen nur erbittere. „Ganz richtig,“ ließ ſich jetzt die Stimme eines dem Throne nahe ſtehenden Mannes vernehmen,„man V hat durch das bisherige Einſchreiten der Truppen die Rache verſchlimmert, dem Pöbel Muth gegeben und die Krone blosgeſtellt. Die Truppen ſind nicht dazu da, ſchonend aufzutreten, Polizeidienſte zu verrichten und Beſchimpfungen hinzunehmen, entweder brauche W man ſie gar nicht und laſſe den Pöbel ſich austoben, oder man führe offenen Krieg. Ein Handgemenge mit 211 flachen Säbelhieben und Kolbenſtößen ſchmälert den Reſpect vor der Truppe des Königs, führt zu Bruta⸗ litäten einzelner Soldaten, die erbittern. Wo die Truppe überhaupt auftritt, darf ſie nur einen Feind vor ſich erblicken, den ſie mit allen Waffen bekämpft, einen Gegner, den ſie raſch und unerbittlich nieder⸗ wirft, eine Truppe iſt nicht im Stande einen Pöbel⸗ auflauf zu verhindern, aber ſie kann eine rebelliſche Stadt im Zaume halten, oder ſie züchtigen. Die Herren Miniſter mögen ſich nur das klar machen, ob wir Tumulte zu bekämpfen haben, oder eine Rebellion. Ich warne Se. Majeſtät, die Truppen in der bisherigen Art weiter zu gebrauchen, der Pöbel wird nicht an den Ernſt der Regierung glauben, man verſpottet ſolche Befehle, denen nicht genügend Geltung verſchafft wird und dieſe Metzeleien koſten Blut, ohne daß das Ge⸗ ringſte damit erreicht wird.“ „Wenn die Truppen die Feuerwaffe gebrauchen ſollten, was Gott verhüte!“ ſagte ein alter würdiger Herr mit dem ſchwarzen Adlerorden auf der Bruſt, „dann haben wir eine Revolution.“ „Deſto beſſer!“ rief ein General.„Lieber offenen Krieg, als dies Spiel mit dem Volke. Sind Elemente zur Revolution vorhanden, ſo iſt es beſſer, ſie heute zu vernichten, als das Gift weiter freſſen und die 14* 212 Adern des ganzen Körpers verpeſten zu laſſen. Durch Strenge, eiſernen Willen und ernſtes Auftreten wird immer größeres Blutvergießen geſpart.“ „Dazu iſt es zu ſpät! Drohen und warnen hilft nicht mehr“, verſetzte ein Miniſter, den Kopf ſchüt⸗ telnd. „Gut, dann ein Aderlaß. Volle Geneſung oder Tod.“ „Se. Majeſtät wollen durchaus jedes Mittel ver⸗ ſuchen, dem Lande einen Bürgerkrieg zu erſparen.“ „Wohl denn, ſo ziehe man alle Truppen zurück und rufe ſie erſt, wenn man ſie ernſtlich braucht.“ Die Folge dieſer Conferenz war der Befehl, die Truppen in den Caſernen zu conſigniren und in Allarm⸗ häuſern zu verſammeln. Das Schloß wurde mit ſechs⸗ tauſend Mann beſegt. Der Kommandant von Berlin, der Geiſterſeher General von Pfuel wurde ſeiner Stelle enthoben und dieſelbe dem General von Prittwitz über⸗ tragen, einem Manne von eiſerner Energie, unbeug⸗ ſamen Character und kaltem, ſoldatiſchem Gehorſam. Der König empfing die Deputation der Stadt Köln und ſagte ihr huldvoll, daß er volle Preßfreiheit und ſofortige Einberufung des Landtags bewillige— ihm ward die Antwort, daß dieſe Verſicherung durch⸗ aus nicht genüge, die Zukunft der Provinz ſtehe auf 213 dem Spiel und die Wichtigkeit der obwaltenden Ver⸗ hältniſſe bedinge einen augenb licklichen hochherzigen Entſchluß. „Zum erſten Male“, ſchreibt Förſter,„fühlte der König, wie der eiſige Hauch des Volkesmißtrauens ſein Herz erſtarren machte, ſeinen bebenden Lippen entfloh der verzweifelte Ausruf:„Alſo ſo weit iſt es gekom⸗ men?“ Am 18. März erſchien die Proclamation des Kö⸗ nigs, welche indirect die Gewährung einer Verfaſſung verſprach, die der Landtag berathen ſolle und gleich⸗ zeitig erklärte, daß Preußen ſich an die Spitze der deutſchen Bewegung ſtellen werde. Alles Volk ſtrömte in feſtlicher Stimmung, in lautem Jubel zum Schloß⸗ platz, dem Könige, der freiwillig eine Verfaſſung ver⸗ heißen, ein donnernd Lebehoch zu bringen. Der König erſcheint auf dem Balcon, brauſend und ſtürmiſch dringt der Jubel zu ihm hinauf, er will reden, aber ſeine Stimme dringt nicht durch, Graf Arnim ruft aber herab: Der König bewilligt Alles, eine Verfaſſung, Preßfreiheit! Die Menge jubelte, doch, ſehen wir uns zuvor dieſe Menge an, ehe wir das Folgende ſchildern. Berlin zerfällt in zwei verſchiedene Stadttheile, hier Geräuſch, dort vornehme Ruhe, hier wirres, leben⸗ — —— diges, überſtürzendes Treiben, dort ariſtokratiſch oder bureaukratiſch gemeſſene Bewegung, hier ein Gewirr von Häuſern, Armuth und prangendem Reichthum, Schmutz und Gold, die Nuancen des Handels vom Pfennigſchacher bis zur Million, dort die Straßen wie mit dem Lineal gezogen, vornehme Anmuth oder Reichthum mit Grazie und Eleganz, Beamtenleben, Actenſtöße, Paläſte und künſtlich aufgebaute hiſtoriſche Monumente, Geſchichte im Excerpt, Leben ohne Wahr⸗ heit, Alles bemalt, übertüncht, für das Auge be⸗ rechnet. Man ſieht es weder dieſem noch jenem Stadttheil an), daß hier die Helden gezeugt wurden, welche dort in Marmor prangen, der neue Stadttheil iſt aber neben den alten gepflanzt, Erinnerungen ſind hier durch⸗ geſträut wie fremde Pflanzen, ſie verkümmern im Sande, denn auf dieſem Boden hat keine Geſchichte geſpielt und hat ſie es, dann liegt ſie dort im Schmutz der alten Stadt begraben und ihre Denkmale ſchauen fin⸗ ſter aus dem niedrigen, eklen Treiben. Die neue Stadt gehört zur alten, wie der Garten eines engliſchen Lords, der in Egypten Kunſtſchätze ge⸗ ſammelt hat, zur Trödelbude eines Schacherjuden, wie *) Vergl. Eugen Herrmann, deutſche Revolution. 215 Lumpen, Uniform und ein mittelalterlich Panzerſtück zuſammen.— Heute iſt es, als habe ſich der wüſte Haufen, das ſchachernde Volk der alten Stadt erhoben, die vornehme Hälfte zu überfluthen und zu erdrücken. Von dorther ſind ruhige Bürger mit weißer Friedensbinde zum Schloſſe gekommen, aber aus der alten Stadt, aus allen Schlupfwinkeln der kleinen Gaſſen, aus den Cloaken der Vorſtädte und den finſteren, halb verwit⸗ terten Häuſern, aus dem Schmutz der Keller und der ärmlichen Dachſtube ſtrömt das Geſindel— das Laſter brachte ſeine Ekel und die Armuth ihr Elend, die Ge⸗ meinheit ihre ſcheußlichen, Schrecken erregenden Ge⸗ ſtalten zu Tage.—— Und mitten in dieſem Gewühl roher Menſchen, denen Emiſſaire Geld und Branntwein gegeben, heute das Volk zu ſpielen, ſieht man die Führer dieſer Maſſen, Polen und Juden. Die Menge auf dem Schloßplatz war ein mit Brandſatz gefüllter Feuerwerkskörper, ein Funke konnte, mußte zünden. Der König macht wieder eine Geſte, daß er reden will— da brüllt unten eine Stimme:„Militär fort!“ Das iſt das Signal.„Militär fort!“ donnert es aus abertauſend Kehlen zum Schloſſe hinauf und die ———ÿÿ— —. —— — Erbitterung des Volkes legt in dieſen Ruf den Ton der Wuth. Der König legte die Hand auf die Bruſt und rief: Friede. Aber Niemand hörte mehr, immer lauter, un⸗ heilſchwangerer ward das Gebrüll der Menge. Unwillig und erzürnt trat der König vom Balcon zurück. Abgeſpannt von Arbeit und Erregung, ſah er, daß man ihm nicht einmal dankte für das, was er mit Widerſtreben, nach hartem ſchweren Kampfe mit ſich ſelber bewilligt. Das düſtere Gefühl des Miß⸗ muths beſchlich ſein Herz. Hatte die Camarilla doch Recht gehabt, daß man ſeine Gnade für Schwäche halten und immer weiter gehen werde? War dieſe Menge dort unten, die ihn nicht anhören wollte, ſein treues Volk, oder waren es Rebellen? Der Stolz des Königs war tief verletzt. Er trat ins Gemach des Schloſſes zurück und jetzt umgab ihn die Camarilla.„Das iſt nicht die Bürgerſchaft von Berlin!“ hieß es da.„Fremde Emiſſäre wiegeln das Geſindel auf und ſind die Truppen erſt fort, ſo iſt jede Ordnung, jedes Geſetz dem Pöbel preisgegeben.“ Der König iſt nervös. Das Gebrüll unten wird immer ſtärker.„Schaffen Sie Ruhe, ich will Ruhe!“ befiehlt er und Adjutanten eilen hinab, dem Comman⸗ den der Truppen den Befehl zu überbringen. 217 Wenige Minuten ſpäter und Garde⸗Infanterie rückt aus den Portalen des Schloſſes, im Trabe, mit eingeſtecktem Säbel ſchwenkt eine Abtheilung Garde⸗ Dragoner vom Luſtgarten her zum Schloßplatze ein. Die Schutzbürger ſtellen ſich den Truppen ent⸗ gegen und rufen:„Militär fort! Es lebe der König! War es Zufall— war es Abſicht— zwei In⸗ fanterie⸗Gewehre entluden ſich, die Schüſſe gingen in die Luft, ohne Jemand zu verletzen. Man hat Ge⸗ wicht darauf gelegt, daß die Gewehre dem Bataillon gehörten, welches der Major Vogel von Falkenſtein (der ſpäter ſo berühmte General) commandirte. Andrer⸗ ſeits aber war es merkwürdig, daß bei dem Knall dieſer beiden Schüſſe, die bei dem Gebrüll nicht über⸗ all zu hören waren, ſofort Abertauſende auf dem Schloßplatz und in den angrenzenden Straßen;„Ver⸗ rath!“ ſchrieen.„Verrath! Man ſchießt uns nieder! Waffen, Barricaden!“ Die Camerilla hatte den Kampf gewollt, ebenſo gut aber hatten ihn auch die Führer des Pöbels er⸗ ſehnt, jene Emiſſaire, welche die Brandfackel der Re⸗ volution durch alle Länder getragen. Faſt gleichzeitig, während vor dem Schloſſe ſich zwei Gewehre entluden, ſprang aus der Zeitungshalle der Reſſource, in welcher ſich die Liberalen ſchlechteſter Sorte, Reformjuden und allerlei Mißvergnügte ver⸗ ſammelten, eine Rotte auf den Wachtpoſten der könig⸗ lichen Bank, ihm das Gewehr zu entreißen. Das arme Kind Schleſiens, der Grenadier Theiſſen kämpfte mit der Wuth der Verzweiflung gegen die Uebermacht, blutig, zerfleiſcht brach er durch die Mörder, die Fauſt des Unglücklichen umklammerte, als er die Wache er⸗ reichte, den verborgenen eiſernen Lauf der Waffe. „Das iſt die Glocke der Revolution“, rief ein junger Mann, den Stockdegen ziehend, als vom Schloſſe her der Ruf: Verrath! ertönte und wenige Minuten ſpäter wuchſen überall Barricaden aus der Erde, be⸗ waffnete Strolche ſtanden neben der ſtudentiſchen Ju⸗ gend und dem empörten Bürger, der den Betrug glaubte— die Stadt ſtand in Waffen, der Aufſtand war organiſirt— aber— die Truppen griffen nicht an! Die Glocken läuteten Sturm.„Es iſt ein Miß⸗ verſtändniß, ein unſeliges Mißverſtändniß“, rief der König ſeinen Miniſtern in höchſter Erregung zu.„Sa⸗ gen Sie das dem Volke. Es iſt kein Befehl zum Feuern gegeben, ich will keinen Kampf.“ Graf Arnim ſprengt durch die Straßen, das Miß⸗ verſtändniß aufzuklären, man trägt Friedensbanner umher mit der Inſchrift: Ein Mißverſtändniß— man tritt das Banner mit Füßen. —— — Der König gibt jetzt dem Drängen der Camarilla nach, er iſt empört. Er hat ſich eine Verfaſſung ab⸗ trotzen laſſen, Blutvergießen zu erſparen und doch er⸗ ſtehen überall Barricaden. Eine Deputation der Stadt bittet den König, das Militär zu entfernen. „Nicht einen Zoll breit wird es zurückgehen“, ant⸗ wortet der Monarch und als der Biſchof Neander die Bitte unterſtützt, verſetzt er gereizt und bitter:„Was wollen Sie? Es iſt eine ſehr einfache Geſchichte. Ich ſaß bei ernſten und ſehr wichtigen Arbeiten, da ka⸗ men die Leute mir vor die Thüre und ſtörten mich. Das kann ich nicht dulden. Uebrigens, daß ein paar Gewehre losgegangen ſind, dafür kann ich nicht und ohne Säbel wird Keiner verwundet. Und der Säbel iſt nicht gezogen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Uebrigens geht mich die Sache nichts an. Ich habe dem Commandanten meine Befehle gegeben und der Commandant thut ſeine Schuldigkeit. Ich habe nur eine Bombe in die Königſtraße werfen laſſen und die Straße gehört mir. Schaffen Sie mir dort die Fahne aus den Augen!“ Die letzten Worte des Königs bezogen ſich darauf, daß Artillerie aufgefahren war und mit einer Kanonen⸗ kugel die Straße geſäubert hatte, in welcher man das 220 ſchwarz⸗roth⸗goldene Banner auf der Barricade ent⸗ rollt hatte. Alexander von Humboldt bittet vergebens— er zittert vor Alter und Furcht, er hat die große Pariſer Revolution geſehen, der Freiherr von Vincke, der Sohn des berühmten Oberpräſidenten von Weſtfalen bittet den König, Gnade walten zu laſſen. „Ah“, ſagte der König,„Sie glaubten wohl, in eine rathloſe Geſellſchaft gekommen zu ſein? Sie ſehen, daß Sie ſich geirrt haben. Ich will die Unterwerfung der Stadt. Auf mein Volk würde ich nicht ſchießen laſſen, aber das iſt eine Bande von fremden Emiſſären, Polen, Juden und Franzoſen!“ Der Kampf mit der Stadt begann, auf ausdrück⸗ lichen Befehl des Königs jedoch wurde er noch immer mit Schonung geführt, die Artillerie feuerte während des ganzen Kampfes nur fünf Granatſchüſſe, während ſie bei ernſtem Einſchreiten in zwei Stunden die ganze Stadt hätte niederſchießen können. Wir erwähnen dies ausdrücklich, um ein wahr⸗ heitsgetreues Bild der Vorgänge zu geben. Wo der Artillerie nicht Geſchütze gegenüber geſtellt werden können, wo keine Erdwälle die Kugeln auffangen, wo im Gegentheil die letzteren die Straßen hinabfegen, da iſt, wo ſie auftritt, ein Widerſtand undenkbar, ſie hat die Mittel, alles zu zerſtören und zu vernichten. Der König wollte jedoch nur die Autorität der Regierung, ſeiner Krone wahren, nicht ſeine Reſidenz zerſtören. Man hatte ihn zum Kampfe herausgefordert, aber der Monarch zog edler Weiſe in Betracht, daß bei ſolchen Kämpfen in Städten der Schuldige weniger als der Unſchuldige leidet, er ließ daher nur die größten Barri⸗ caden durch einige Artillerieſchüſſe ſäubern, ſonſt aber die Infanterie allein wirken, obwohl der Gegner hier⸗ bei den Vortheil hatte, geſchützt aus den Häuſern auf die Truppen zu feuern. Dennoch aber mußte auch ſo die Stadt unterliegen. Wo die Truppen treu blei⸗ ben und nicht wie in Frankreich es ſtets geſchehen, zum Volke überlaufen, wo ſie ſogar zum Kampfe erbittert werden, vermag man ihnen nicht auf die Dauer zu wider⸗ ſtehen. Kalt und eiſern tönt das Commando, die Trommel raſſelt zum Sturm und vorwärts geht die Colonne, die Pionire brechen durch die Häuſerwände und von ihren Führern verlaſſen, weichen die Auf⸗ ſtändiſchen. Der fanatiſche Rebell, der empörte Bür⸗ ger, die begeiſterte Jugend ſterben wohl auf der Barri⸗ cade, hier aber waren es nur bezahlte und trunken gemachte Pöbelrotten und dieſe leiſten keinen Wider⸗ ſtand, höchſtens der Feige, der nur aus gedeckter Stellung kämpft und dann flüchtet. Man lud Stahl⸗ 222 federn in die Flinten, goß ſiedend Oel auf die Trup⸗ pen, zündete Caſernen an, am Firmament loderte der Flammenſchein und der bleiche Mond warf dunkle Schatten zwiſchen Volk und Heer. Eine tiefe, athemlos ſpannende Ruhe wechſelte bis Mitternacht mit kurzem tobenden Kampfe. Niemand legte in dieſer Nacht das Haupt zur Ruhe. Dort betete die Wittwe, die Kranke, dort kochte man Tod am feindlichen Heerde und dort rang der Sterbende in Verzweiflung. Die Fenſter klirrten und zerſplitter⸗ ten, heimtückiſch knatterten Flintenſchüſſe aus den Häuſern, Musketenſalven antworteten, auf den Dächern ſchleichen vermummte Geſtalten mit Büchſen hin, ein Opfer auf der Gaſſe zu erſpähen. Und unten die Truppen. Es lag etwas Grauen⸗ erregendes und doch Erhabenes in dieſer Ruhe der Disciplin, dieſem kalten Starren der Gewalt. Gar Mancher mochte zittern, daß drüben den Vater, den Bruder eine Kugel treffe, die Aufſtändiſchen hatten ja mit Gewalt die Häuſer erbrochen, aber unbeweglich ſtand die Maſſe, bis das Commando ihr Leben und Bewegung gab. Doch werfen wir einen Blick ins Schloß. Die Camarilla zürnt, daß man noch immer nicht die Ar⸗ tillerie ernſthaft gebrauchen will, dem Trotz ein Ende 223 zu machen. Die Barricade am Kölniſchen Rathhauſe iſt mit großem Blutverluſt genommen, die Stadt faſt überall in den Händen der Truppen, nur in den engen Gaſſen der Königſtadt weht noch das dreifarbige Banner. Der König iſt furchtbar erſchöpft, nervös, gereizt. Von allen Seiten mit den verſchiedenſten Bitten, Vor⸗ ſtellungen, Beſchwörungen und Warnungen beſtürmt, frägt er bei jeder Salve, ob denn das Schießen noch immer nicht aufhören kann. Sein Herz blutet, es iſt doch ſein Volk, auf welches man feuert. Die Königin liegt krank darnieder, ihre Thränen ſuchen den Monarchen weich zu machen. Graf Arnim warnt den König vor der Fortſetzung eines Kampfes, in dem er die Krone ver⸗ lieren könne. Die Fürſtenburg— ſchreibt der Autor— der deutſchen Revolution glich einer mächtigen Citadelle, ſie ſtrotzte von Truppen aller Gattungen. Auch ſie hatte ihr Ausſehen geändert. Geſtern noch ein ſtolzes impoſantes Gebäude, ruhig daliegend in der Glorie ihrer Geſchichte, bot ſie heute einen verwilderten, wü⸗ ſten Anblick. Die Fenſter waren zerſprungen, auf dem Schloßhofe lagen Stroh, Menſchen und Pferde wie im Bivouac durcheinander, dort geſchloſſene Maſſen, dort geſchloſſene Maſſen, dort buntes Getriebe, hier der müde Soldat im Schlummer, Offiziere aller Waffen 224 durcheinander, dort ſtand der Flügel⸗Adjutant in Pa⸗ rade⸗Uniform, die er ſeit geſtern noch nicht abgelegt hatte, neben dem Offizier in Mantel und Feldmütze, Galla und Bivouac durcheinander. Dort fuhr man einen Brotkarren, dort einen Munitionskarren heran und hier brachte ein Piquet eine Abtheilung Gefangene, wilde und trunkene Geſellen in die Kellerräume. 4 Ein Greis ſchritt ins Portal und wollte in den Schloßhof treten, Grenadiere geboten ihm Halt. „Melden Sie Ihrem Offizier, daß ich zum Mo⸗ narchen will“, bat er und nannte einen Namen, deſſen Ruhm den Kindern der Dörfer unbekannt war, obwohl er leuchtete, daß es dem Manne unheimlich werden konnte, ihn zweimal zu nennen. Wie oft war er in dieſe Hallen getreten und die Wachen hatten präſentirt vor dem kleinen gelehrten Mann mit dem weißen Haar und dem großen Ordens⸗ ſtern, der den Kosmos geſchrieben?! „Schon wieder Jemand, der parlamentiren will“ brummen die Offiziere,„gibt der Fürſt nach, ſo iſt er verloren—“ Die Prunkſäle waren angefüllt mit Perſonen aller Stände; Miniſter, Generäle, Geiſtliche, Deputirte der Stadt, ſelbſt Frauen wogten durcheinander, Prinzeſ⸗ ſinnen, Hofdamen— die Luft war ſo ſchwül und ge⸗ — 225 drückt, jeder Laut flößte Schrecken ein, jeder Laut machte erbeben und in jeder Miene war Aufregung, Leiden⸗ ſchaft, bange Erwartung zu leſen. Eine ſehr ſtolze, ritterliche Geſtalt überſchritt die Schwelle zum Gemach des Königs. Energie lag in den Zügen, Feſtigkeit im Auftreten, Selbſtgefühl und ruhige Zuverſicht in der ganzen Erſcheinung dieſes fürſtlichen Herrn. Drinnen im Zimmer rief eine ſcharfe, ſchneidende, erregte Stimme: „Mein Gewiſſen ſpricht mich frei, ich will Gehorſam!“ „Es iſt das Blut Ihrer verblendeten Unterthanen!“ „Das Blut von Verbrechern!“ ſagt der Eintretende kalt und feſt.„Emiſſaire fremder Nationen und Mein⸗ eidige haben dieſen Kampf heraufbeſchworen, er muß durchgeführt werden.“ Im Vorſaale ſteht eine hohe, ſtolze, ſchöne Frau, ſie hört dieſe Worte ihres Gemahls und ihr Auge blickt ſtolz und triumphirend— da ſchlägt eine Kugel ins Gemäuer und wirft ihr den Kalk ihrer Stamm⸗ burg ins Antlitz.— Die hohe Frau zuckt nicht zuſammen, aber ihr Auge ſchießt Blitze edlen Zornes. Der Greis, den wir im Portal ſahen, will ſich in das Gemach des Königs begeben. Da trat ihm der General von Prittwitz entgegen, deſſen Antlitz feſt wie Marmor, davon zeugte, daß die Schrecken dieſer Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 15 3 226 Nacht keinen Nerv dieſer feſten, gedrungenen Geſtalt zucken ließen— er war der Typus des Geiſtes, der die Armee beſeelte. „Excellenz“, redet er den Greis mit kalter Höf⸗ lichkeit an,„Se. Majeſtät haben noch keinen Augenblick Ruhe genoſſen, die ſchwierige Lage zu erwägen, der Prinz iſt augenblicklich bei ihm, um mit ihm zu be⸗ rathen. Ich warte auf meine Ordre; jede Verzögerung koſtet nur noch mehr Blut. Wir müſſen Ernſt machen.“ „Sie irren ſich“, entgegnet der Greis.„Wenn Sie auf Ihre Gewaltmittel trotzen. Augenblicklich ſteht Ihnen nur die Hefe des Volkes gegenüber, ſehr bald aber könnte ſich die ganze Stadt erheben.“ „Wohl denn“, rief der General mit finſterem Ernſt, „ſo trägt die Stadt die Schuld daran, wenn ſie zu Grunde geht.“ „Ihre Truppen ſind erſchöpft. Was wollen Sie gegen eine halbe Million Menſchen?“ „Das wird ſich zeigen, wenn ich Ordre habe. Das Leben des Monarchen, die Ehre des Thrones ſind mehr werth, als ein Dutzend rebelliſcher Städte.“ Der Greis ſchüttelte den Kopf. „Dieſer Starrſinn“, murmelte er,„dieſe Verblen⸗ dung verderben Alles.“ 22⁷ Im Cabinet des Monarchen wird das Geſpräch laut und heftig. Ein Deputirter ruft:„Sire, die Bürgerſchaft wird ſich bis auf den letzten Blutstropfen vertheidigen. Be⸗ denken Sie, was dann Ihr Loos ſein wird.“ „Bube!“ donnert der Prinz. „Ich weiß es, was auf dem Spiele ſteht“, ver⸗ ſetzt der König kalt.„Ich bin auf Alles vorbereitet. Ich bin zu jedem gütlichen Vergleiche bereit, ſobald die Bürger die Waffen niederlegen.“ Einige Minuten ſpäter und der Prinz bringt dem General Prittwitz die Ordre— dieſer will den Saal verlaſſen, da krachen unten neue Salven. „Ich will dieſes entſetzliche Schießen nicht mehr“, ruft der König,„man ſoll aufhören.“ Alles ſteht beſtürzt, erſchrocken. Fußfälle und Beſchwörungen haben den König weich gemacht. Der General erhält eine zweite Ordre, welche die erſte widerruft. Er lieſt die Ordre, die Miene bleibt unbe⸗ weglich, aber das Antlitz wird bleich. Der Prinz drückt ihm die Hand, beide ſprechen kein Wort, aber dieſer Händedruck zeigte dem General, daß der Prinz mit ihm fühle. Der ganze Saal gerieth in Bewegung. Die ſtolze Prinzeſſin ſchritt, gefolgt von ihren Damen hinaus, 15* 228 ihr Antlitz glühte, der ſtolze Blick des Auges war ge⸗ brochen. Eine halbe Stunde ſpäter und ſchweigend, ſtumm wie ein Leichenzug verließen die Truppen das Schloß — der König, der Kriegsherr hatte es ſo befohlen, er wollte ſich nicht mehr ihnen, er wollte ſich ſeinem Volke anvertrauen. Die Deputation der Stadt hatte ſich dafür verbürgt, daß ſofort, wenn man die Truppen zurückziehe, Ordnung und Ruhe hergeſtellt ſein werde. Der Pöbel riß einen General vom Pferde, der das weiße Tuch in der Hand die Waffenruhe verkün⸗ dete und nahmen ihn gefangen, man zerriß die Procla⸗ mation des Königs und trat ſie mit Füßen. Auf Befehl des Königs mußten die ſiegreichen Truppen die Stadt verlaſſen und es ward ihnen ſtrenge anbefohlen, ſich Alles gefallen zu laſſen. Der Pöbel ſpie Offizieren ins Antlitz. Bewaffnete Studenten es⸗ cortirten die Garde⸗Bataillone aus der Stadt, während der Pöbel dieſelben verhöhnte. Niemals zeigte ſich eiſerne Disciplin in ſo glänzendem Lichte als hier, man ließ ſich Alles gefallen, denn man wußte, daß der König in der Gewalt des Pöbels, daß dieſer an dem Monarchen Rache nehmen werde, wenn man den eiſernen Befehl nicht befolge. Der Pöbel nahm am 19. März die Leichen der 229 Gefallenen auf, legte ſie auf Bahren, trug ſie mit Blumen bekränzt vors Schloß, blutbefleckte zornglühende Geſellen umgaben dieſe Leichen, ihr Wuthgebrüll er⸗ füllte die Lüfte, man rief den König. Er erſchien, am Arme die weinende Königin, tief gebeugt, das Antlitz bleich und entſtellt, die Stirn vom Gram durchfurcht. Man ſchrie hierauf, er ſolle das Haupt vor den Todten entblößen, er that es. Man hob die entſtellten Leichen empor, dieſe zerfetzten blutigen Körper. Der König wollte ſprechen, aber der Pöbel brüllte. Der König mußte jetzt das Vertrauen büßen, das er in die Stadt geſetzt. Er that es in Demuth wie ein echter Chriſt, aber dieſer Tag, dieſe Zeit hat den ganzen Mann gebrochen, ihn welk gemacht, wie der Froſt eine Blüthe. Man zwang ihn, die Volksbewaff⸗ nung zu verordnen, die Miniſter abzudanken, volks⸗ thümliche zu erwählen. Es gelang, den ganzen Haß, den man gegen den König getragen, auf den Prinzen von Preußen, das Haupt der Militärpartei zu ſchie⸗ ben Das Volk ſchrieb ſich den Sieg zu, aber es ver⸗ rammelte die Thore Berlins bei dem bloßen Gerücht, der Prinz käme mit den Ruſſen. Das Drohgeſpenſt der Truppen vor den Thoren hielt den Pöbel ab, noch Schlimmeres zu wagen, als am 19. März geſchehen 230 mit vollem Recht ſagt Sternberg über die Leichenparade: Dieſe über alle Beſchreibung widrige Scene durfte un⸗ ter keiner Bedingung ſtattfinden, es rührte ſich aber kein Arm, als man den König zu dieſem Anblick hin⸗ aus nöthigte. Wo war da die preußiſche Chre? Ein König, der ſeine Leibwache fortſchickt, ſich unbewaffnet dem Schutze ſeiner Bürger, ſeiner Landeskinder hingibt, und dieſe laſſen ihn vom berauſchten Pöbel beſchimpfen! Man hat Ludwig XVI.„le roi martyr“ genannt, hier war ein König, der dieſen Beinamen in dieſem Augenblicke mehr verdiente!“ Man zwang den König, ſich mit den Farben zu ſchmücken, unter welchem man ihn bekämpft, alſo durch die Stadt zu reiten und da riefen die Studenten: Es lebe der deutſche Kaiſer! Die Flitterwochen der Revolution gingen bald vorüber. Heute iſt Jederman courfähig, ſchrieb Eugen Hermann, denn man machte dem Volke die Cour. Bei Hofe ſiehts wunderbar aus. Die alten Hofdamen zittern vor dem unparfürmirten Publikum des ſonſt ſtreng ariſtokratiſchen Parquets, ſie müſſen Handarbei⸗ ten für die deutſche Flotte und Krankenhäuſer liefern, Bürgerwehrparaden anſehen, ihr Dienſt iſt derſelbe, aber nicht ſo anmuthig wie früher, ihm fehlt der Nimbus. 231 Die Prinzen ſind bei den Truppen, von den al⸗ ten Lieblingen ſieht man nur wenige, ſie nahen nur heimlich, der volksthümliche Miniſter macht ſich breit, die Eintags⸗Excellenz parodirt die Grandezza des alten, ſchwerbeladenen Pairs. Alles iſt Carricatur und fühlt ſich unbehaglich, ſelbſt der alte Kammerherr weiß ſich nicht mehr für alle Fälle zu ſichern. Der Nothbehelf geht aus, es exiſtiren keine Ceremonienbücher für vor⸗ übergehende Revolutionsperioden. Der Kammerherr iſt in einer Lage, wie der Fiſch auf dem Lande, er fühlt ſich unbehaglich, faſt entbehrlich, er ſchaudert und kein Auge fühlt Mitleid bei ſeinem unnatürlichen Zappeln. Er hat nichts als ſeinen alten Namen und ſeine alte Treue. Eide ſind aber heute außer Cours Die Revolution kann nicht vorwärts. Der alte Staat war nicht zertrümmert und wo die Revolution bauen wollte, ſtanden die alten, feſten Grundmauern im Wege. Die Reaction hatte ihre Anhänger in der Armee und überall auf dem flachen Lande. Es gab eine Scheinregierung in Berlin, eine Camarillaregie⸗ rung in Potsdam, beide bekämpften einander. Die Bürgerwache vermochte nicht den Pöbel in Ordnung zu halten. Handel und Verkehr ſtockten, die Gewerbe und Induſtrie lagen darnieder. Der Einfluß der Reactionspartei ſiegte endlich. 232 Wie ſie waren, konnten die Zuſtände nicht bleiben. Sah der König, was die Demüthigungen, die er er⸗ litten, für Früchte getragen, ſo erſchrak er. Er hatte das Aeußerſte mit Langmuth hingenommen, aber ſtatt ihm zu danken, zerrte man immer mehr an dem Pur⸗ pur. Der Präſident Grabow brachte ihm am 15. Oct. die Glückwünſche zu ſeinem Geburtsag, in der Natio⸗ nalverſammlung hatte man das Königthum von Gottes Gnaden angegriffen, alle Stützen des Thrones unter⸗ miniren wollen. Der König hielt ſich nicht länger, das Herz ging ihm über. Mit Stolz und Zorn rief er:„Vergeſſen Sie nicht, daß wir Etwas vor Andern voraus haben, eine Macht, die man dort(im Parla⸗ ment) nicht mehr anzuerkennen ſcheint, eine angeſtammte Obrigkeit von Gottes Gnaden. Danken Sie Gott, daß Sie noch eine ſolche Obrigkeit haben.“ Grabow ſenkte den Blick zur Erde. „Halten Sie den Kopf oben! Ich habe einen ſtar⸗ ken Arm.“ Drohend und heftig ſagte er zur Deputation der Bürgerwehr:„Vergeſſen Sie nicht, daß ich es bin der Ihnen die Waffen in die Hände gegeben hat.“ Hiermit war die Gegenrevolution angekündigt. So lange hatte der Pöbel Berlin tyranniſirt, an ſei⸗ ner Spitze den Straßen⸗Demagogen Held und Conſor⸗ 233 ten. Die letzten Entſchlüſſe der Nationalverſamm ung hatten Unwillen im ganzen Lande erregt, die Geduld des Königs war erſchöpft. Der Pöbel Berlins führte den Bürgerwehr⸗Geſetzentwurf, den letzten Beſchluß der National⸗Verſammlung, auf einem Eſel durch die Stadt und verbrannte ihn dann. Waldeck ſtellte den Antrag, Preußen ſolle den bedrängten Wienern gegen ihren Kaiſer zu Hilfe eilen. Der Pöbel bedrohte die Abgeordneten der Rechten mit dem Galgen. Der Jude Jacoby erlaubte ſich dem Könige ins Antlitz zu rufen: „Das iſt das Unglück der Könige, daß ſie die Wahr⸗ heit nicht hören wollen!“ Friedrich Wilhelm IV. ernannte das Miniſterium Brandenburg⸗Manteuffel zur rettenden That, Hinckeldey ward Polizeipräſident von Berlin, General Wrangel Oberbefehlshaber in den Marken. „Ich bin conſtitutioneller als die Abgeordneten ſelber“, ſagte der König zu einer Deputation.„Ich habe mich nun einmal auf dieſes conſtitutionelle Schein⸗ und Schaukelſyſtem eingelaſſen und ſo will ich denn vor der Hand noch dabei bleiben. Sie, meine Herren, ſind fünf Monate alt, für Ihre Verhältniſſe iſt das ſchon ein recht hübſches Alter, aber meine Dynaſtie iſt vier Jahrhunderte alt und ebenſo alt iſt auch die 234 3 ſtändiſche Gliederung. Und ſo wahr Gott lebt, meine Herren, Sie ſollen ſie wieder haben.“ Das war die Antwort auf den Antrag, den Ader abzuſchaffen. Die Truppen rückten in Berlin ein, ohne Wider⸗ ſtand zu finden. Herr Held, der Pöbelführer, wollte zwar trotzen und Berlin verproviantiren aber der Straßenwitz lachte ihn aus und ſagte:„Berlin, ver⸗ proviantire Dir, Dein großer Held hat Hunger.“— Die Bürgerſchaft war die republikaniſche Comödie ſatt und Dank dem bewundernswerthen Edelmuth des Kö⸗ nigs, deſſen Herz kein Rachegefühl für die erlittenen Demüthigungen kannte, der ſeine Macht ſchonend übte 7 und den ſtrengen Befehl gegeben, milde aufzutreten, 6 blieb dem Lande Blutvergießen erſpart. Die Nationalverſammlung und die Bürgerwehr wurden aufgelöſt, die Truppen hatten keine Arbeit— leider aber eine nur zu große und eifrige— die Po⸗ lizei. Herr von Hinckeldey ſchuf ein Polizeiſyſtem, wel⸗ ches die gefährlichſte Macht im Staate wurde, mäch⸗ tiger als die Regierung, ſie leitete dieſelbe oft. Hinckel⸗ dey's Vortrag beim Könige ward entſcheidend für die Stimmung des Monarchen, und er hatte ſtets Schreck⸗ geſpenſter bei der Hand, ſeinen Willen durchzuſetzen. Gewiß von den beſten Abſichten beſeelt, ward Hinckel⸗ 235 dey ein Tyrann, der nicht nur der Schrecken der Uebelgeſinnten, ſondern auch ein drückender Despot für jedes ihm nicht huldigende Element wurde. Er ſetzte Männer zu Polizeivorſtehern ein, wie z. B. den Director Maaß in Charlottenburg! Seine Beamten kannten keinen Vorgeſetzten als ihn, fürchteten kein Gericht, kein Geſetz, reſpectirten kein Recht, keine Ver⸗ faſſung. Menſchen verſchwanden in den Kerkern der Stadtvoigtei und wurden dort feſtgehalten ohne Ver⸗ hör, Leute wurden ausgewieſen ohne Richterſpruch. Der Polizeirath Stieber hatte noch im Jahre 1860 die kühne Offenheit, von dieſem Syſteme vor Gericht einzugeſtehen, daß er keine Mittel ſcheute, zum Zweck zu gelangen, daß er, wenn ihm Hinckeldey befohlen hätte, den Miniſter von Manteuffel zu verhaften, er im Nothfalle das ganze Miniſterium arretirt hätte. Ein ehemaliger Lieutenant, Namens Patzke ward Oberſt der Schutzmannſchaft, wie ein Paſcha vollzog er die Befehle ſeines Sultans und paradirte in den Straßen, als wäre die Polizei und er von Gottes Ungnaden auf die Erde geſchneit, die Menſchen zu richten und zu ſtrafen. Das National⸗Parlament in Frankfurt am Main bot Friedrich Wilhelm IV. die deutſche Kaiſerkrone an. Der König lehnte ſie ab.„Das iſt auch eine Eigen⸗ 236 thümlichkeit der heutigen Zeit“, ſagte er zu Raumer, „daß man mehr gibt und anbietet, als man ſelbſt beſitzt und zu vergeben hat.“ Dem alten Patrioten Arndt ſchrieb der König als Antwort auf deſſen ſchriftliche Bitte, die Krone anzunehmen: „Zuvörderſt Dank aus der Fülle des Herzens, denn das iſt ein rechter und echter deutſcher Mann, der mir ſchreibt. Mit einem ſolchen, der der Geſchichte ſeines Vaterlandes Ehre gibt und gelernt hat, was ein deut— ſcher Fürſt iſt, kann ich von Herz zu Herz, von Kopf zu Kopf reden. Nun, Sie bitten ihn(den Fürſten) er ſolle eine ihm gebotene Krone annehmen. Hier verlangt es jedes Alter, das mehr denn vierzehn Jahre zählt, zu fragen, zu prüfen, zu wägen, erſtens: Wer bietet, zweitens: Was wird geboten? Zuvörderſt das Bekenntniß, daß der ſcheußliche, ekle Schlamm des Jahres 1848 mir die Taufgnade nicht abgewaſchen habe und wo es noch nöthig, noch abwaſche. Doch zur Sache. Der König führt aus, daß die Verſammlung in Frankfurt nur eine Verfaſſung zu berathen habe und fährt fort:„Wo iſt der Auftrag, der dieſe Männer be⸗ rechtigt, über die rechtmäßigen Obrigkeiten, denen ſie geſchworen, einen Kaiſer zu ſetzen? Wo iſt der Rath — 237 der Könige und Fürſten Deutſchlands, der nach hun⸗ dertjährigem Herkommen dem heiligen Reich ſeinen König ſtört und die Wahl dem Volke zur Beſtätigung vorlegt? Auf eine Botſchaft, wie ſie mir aus Frank⸗ furt droht, den Zeitungen und Ihrem Briefe zufolge, gebührt mir das Schweigen. Ich darf und werde nicht antworten, um Männer, die ich ehre und liebe, auf die ich, wie Sie ſelbſt, mein alter Freund, mit Stolz, ja mit Dankbarkeit blicke, nicht zu betrüben. Denn was wurde mir geboten? Iſt dieſe Geburt des gräßlich keifenden 1848ſten Jahres eine Krone? Das Ding, von dem wir reden, trägt nicht das Zeichen des heiligen Kreuzes, drückt nicht den Stempel: Von Gottes Gnaden aufs Haupt, iſt keine Krone. Es iſt das eiſerne Halsband einer Knechtſchaft, durch welches der Sohn von mehr als vierundzwanzig Regenten, Kurfürſten und Königen, das Haupt von ſechszehn Mil⸗ lionen, der Herr des treueſten und tapferſten Heeres der Welt, der Revolution zum Leibeigenen gemacht werden würde und das ſei ferne! Die Revolution iſt das Aufheben der göttlichen Ordnung, das Verachten, das Beſeitigen der rechten Ordnung, ſie lebt und athmet ihren Todeshauch, ſo lange noch unten oben und oben unten iſt. Als deutſcher Mann und Fürſt, deſſen Ja ein Ja vollkräftig, deſſen Nein —— 238 herrlich Vaterland verkleinert und daſſelbe dem gerech⸗ ten Spotte ſeiner Nachbarn, dem Gerichte der Welt⸗ geſchichte preisgibt, nehme ich nichts an, was meinen 4 angeborenen Pflichten nicht ebenbürtig iſt, oder ihnen 1 hindert entgegentritt.“ „Oft unterbrochen, ſchließe ich dieſe Zeilen am Jahrestage des verhängnißvollen Achtzehnten, Ihnen, dem Dichter des begeiſterten Liedes, daß vom März⸗ Kaiſer ſo wenig erklingen durfte als die Marſeillaiſe von dem Juli⸗Könige, Ihnen, theuerſter Arndt, biete ich die Hand aus Herzensgrund als Ihr wohlgemäßer König und guter Freund.“ Das deutſche Parlament ward aufgelöſt, die Re⸗ volution überall niedergeſchlagen. Dem König Friedrich Wilhelm nahte ein zweiter Mörder und die Camarilla, die Polizei, die Kreuzzeitungspartei beuteten das Attentat eines Wahnſinnigen oder eines Schurken dazu aus, die Reaction drückender zu geſtalten. Die Gerichte neigten ſich unwillkürlich einer größeren Strenge zu, die Verfolgungsſucht ward immer dreiſter, pietiſtiſche Neigungen machten ſich von Neuem und immer ſtärker geltend. Wieder kamen die proteſtantiſchen Jeſuiten ans Ruder, die Kreuzzeitungspartei mit ihren gedungenen Denuncianten regierte. Von Hengſtenbergs Studirzim⸗ ein Nein bedächtig, gehe ich in Nichts ein, was mein 239 mer aus durch Gerlach— ſo ſchreibt Bunſen, gehe Alles auf Verdummung und Verfinſterung los, man werde dieſe trübe Zeit des geiſtreichſten Königs noch viel ärger beklagen und verurtheilen als Wöllmers; Alles habe zugleich den politiſch reactionären Character der Junkerpartei— mit Garden und Polizei könne man ja politiſch thun, was man wolle— ſo lange es dauert— allein die Verachtung des Geiſtes habe der Deutſche nie ertragen und ſein Fluch folge durch Jahrhunderte allen denen, die ſie geſucht haben. Die Folge des neuen Mordanfalls war, wie Förſter beſtätigt, Iſolirung des Königs von ſeinem Volke durch den Hof, verſteckter Polizeidruck im Lande, willkürliche Verhaftungen, Hausſuchungen in der Hauptſtadt, Knech⸗ tung der Preſſe, Parteilichkeit in den Gerichtsſälen, Einfluß der frommen Cleriſei. Seglältig hinterbrachte man dem Könige jede niebrige Schmähung ſeiner Perſon. Damit er ja, da er ſelbſt nicht hart zu ſein verſtand, ſtatt ſeiner die Junker und Prieſter regieren laſſe. Daß man ihn mit keiner, ſein Herz kränkenden Verleumdung verſchonte, beweiſen ſeine Worte an den Treubund: So gar ſo weit ſei man gegangen, daß man ſich nicht entblödet habe, ihn der Unmäßigkeit im Genuſſe des Weines zu beſchuldigen! Seit die Leute ſich nun über⸗ 240 zeugt, daß er größtentheils Waſſer trinke, ſchwieg man davon ſtill. Dieſe Lügen ſeien aber nicht zufällig ent⸗ ſtanden, ſondern planmäßig erſonnen. Die Lüge, das er und die Königin katholiſch werden wollten, beruhe 3 auf einem förmlichen, in London gefaßten Beſchluſſe der Demokratie. Friedrich Wilhelm IV. wurde von ſeinem Volke verkannt und endlich dahin gebracht, daß auch er ſein Volk verkannte. Je weniger er jedoch von der großen Maſſe verſtanden wurde, deſto höher ward er von denen verehrt, die ihn kannten und ſinnige Huldigungen von Perſonen, die ihm fern ſtanden, thaten oft ſeinem Herzen wohl, daß ſich ſchon faſt ganz in den Kreis ſeiner Freunde und ſeiner Familie zurückgezogen. Frau von Chezy ſang ihm ihr Schwanenlied, die große Künſtlerdin Rachel, die den König ſo entzückt, daß er von ihr ge⸗ ſagt haben ſoll, man könne ſich ihr zu Füßen legen, erklärte, daß ſie in ganz Europa keinen geiſtreicheren Mann gefunden habe. Eine überaus ſinnige Huldigung war aber folgende: Der König verweilte am 17. Auguſt 1851 einen* Tag und eine Nacht in Stolzenfels. Mitternacht war vorüber und der König noch in ſeinem Zimmer beſchäftigt, als plötzlich in der Stille der Nacht eine reine und helle Stimme im Walde er⸗ — 2441 tönte, welche das alte deutſche Lied:„Die Frühlings⸗ göttin“ ſang. Der König eilte, durch dieſen bezaubernden nächt⸗ lichen Geſang bewegt, an das Fenſter und bemerkte auf einem mit Bäumen umgebenen Felſen eine auf⸗ rechtſtehende, in weiße Gewänder, wie ein Geſpenſt ge⸗ kleidete Frauengeſtalt. Sie ſchien ſchön zu ſein und trat auf dem dunklen Waldesgrunde beſonders lieblich hervor. Sie ſang weiter und je weiter ſie ſang, deſto reiner und beſtrickender wurde ihr Vortrag. Der von Zeit zu Zeit aus dunklem Gewölk hervortretende Mond warf auf die geheimnißvolle Sängerin bleiche, melancholiſche Strahlen. Der Horizont verfinſterte ſich, Blitze zuckten, der ferne Donner rollte und beglei⸗ tete in eigener Weiſe den Geſang, der immer ſchöner klang. Der König ſandte ſofort nach der Sängerin, man durchſuchte das Gehölz vergebens— das Gewitter war unterdeſſen mit voller Heftigkeit heraufgezogen und machte den Nachforſchungen ein Ende. Zwei Jahre ſpäter war der König in Potsdam und wollte ſich gerade zur Ruhe begeben, als er ur⸗ plötzlich in der Stille der Nacht abermals die himmel⸗ anſteigende Stimme der Fee vernahm. Er ſchellt— Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. III. 16 242 von allen Seiten ſucht man die Sängerin, aber auch diesmal vergebens, die Sylphide war verſchwunden. Eines Tages endlich erfuhr der König, daß die Sängerin einen italieniſchen Namen habe und ſich in einer ſeiner Reſidenzen befinde. Er überſandte ihr ein huldvolles Schreiben mit dem koſtbaren Geſchenke einer goldenen Lyra, über deren Saiten ein Diamantſtein prangte. Er hörte ſie dann noch in einem Concert, ſchenkte ihr ein Diamant⸗Bracelet und ſah ſie nicht wieder. Dieſe myſteriöſe Sängerin war eine vornehme Pariſerin, eine der eleganteſten Weltdamen, eine Kö⸗ nigin der Mode. Durch Mißgeſchick verlor ſie eines Tages ihr Vermögen und ſie wurde Künſtlerin. Sie war Donizetti's einzige Schülerin, unter dem Namen Fanny Oldi erwarb ſie ſich einen glänzenden Ruf— der König aber nannte ſie nur die Nachtigall von Stolzenfels“). Die äußere Politik des Königs, zu der Herr von Arnim ſo viel gethan, machte überall Fiasco. Schleswig⸗Holſtein wurde im Stich gelaſſen, Herr von Radowitz, der den König verleitet, ſich an die Spitze der Bewegung zu ſtellen, erhielt ſeinen Abſchied, als die deutſchen Bundesſtaaten, zum Danke dafür, daß Preußen den ſächſiſchen und badenſchen Thron geret⸗ *) Vergl. Stille Stunden. I. „ — 243 tet, daß der König die Kaiſerkrone ausgeſchlagen, plötzlich ihre Armeen mobiliſirten und gegen Preußen ins Feld ſchickten. Manteuffel machte den ſauren Gang nach Olmütz. Der erſte Miniſter des Staates Friedrich des Großen ſagte zu Oeſterreich das demüthige pater peccavi, der friedliebende König, der, ſelbſt loyal, auch auf Loyalität baute, war nicht zum Kriege gerüſtet und Preußen ward factiſch aus der Reihe der euro⸗ päiſchen Großmächte geſtrichen. Man erzählte ſich, daß eine hohe fürſtliche Frau Thränen empörten Stolzes vergoſſen, daß ihr Gemahl die Epauletten ſich abgeriſſen habe. Prieſter und Jun⸗ ker hatten den Staat an den Rand des Abgrundes gebracht und während jedes patriotiſche Herz knirſchte, erlaubte ſich kirchlicher Fanatismus in einem Lande, dem die eigenen Miniſter die Hände gefeſſelt, die Macht des Staates gegen Unterthanen zu zeigen, man erklärte die Ehen, welche 1848 innerhalb der vom Staate an⸗ erkannten freien Gemeinden geſchloſſen waren, für illegal, die Kinder aus denſelben waren illegitim. Von den chriſtlichen Kanzeln herab wütheten die Prieſter im Parteihaß, hielten politiſche Reden und predigten den Haß gegen Demokraten. Ein fanatiſcher Heuchler, ein beſonderer Günſtling des Herrn von Manteuffel, der fromme Herr Malmann, ſchmiedete Kinder an Klötze, 16* 244 ließ ſie unter Peitſchenhieben beten und kaſteite ſie durch grauſame Mißhandlungen, bis endlich das Ge⸗ richt einſchritt und den frommen Erzieher, der Krüppel aus Geſunden machte, zur Rechenſchaft zog. Die Polizei⸗Gewalt gerieth endlich mit dem Junker⸗ thum in Streit, ſie dünkte ſich allmächtig und Herr von Hinckeldey verſprach dem Könige, gewiſſe vornehme Herren aus dem Adelsclub und aus Berlin zu entfer⸗ nen, an welche ein deutſcher Prinz, ein Verwandter des Königs, mehr Geld verloren, als ſein kleines Vaterland bezahlen konnte. Der Polizei⸗Präſident ſchickte einen Polizeilieutenant in die geſchloſſene Ge⸗ ſellſchaft, Herr von Rochow beklagte ſich darüber im Namen derſelben bei Herrn v. Hinckeldey, dieſer gab vertrauliche Erklärungen, die er ſpäter gegeben zu haben beſtritt. Jetzt war entweder Herr von Hinckeldey ein Lüg⸗ ner oder Herr v. Rochow war ein Lügner. Die ganze Junkerpartei ſtand zu Herrn v. Rochow und behandelte den Präſidenten wie einen Entehrten, Verpeſteten. Man beſuchte nicht mehr ſein Haus, man verließ das Eiſen⸗ bahn⸗Coupé, in welches er ſich ſetzte, weil es nicht mehr dort anſtändig ſei, der König wollte ein Carouſſel⸗ Reiten mit Hinckeldey beſuchen, man erklärte, nicht reiten zu wollen, ſobald Herr v. Hinckeldey erſcheine. 245 Der Herr v. Hinckeldey wollte nicht nur der all⸗ mächtige Polizei⸗Miniſter ſein, er wollte auch daneben noch Cavalier ſein und wenn der Polizei⸗Präſident auch Duellanten arretiren ſoll, ſo gilt es bei Cavalieren als Ehrenſache, für jeden Schimpf blutige Genugthuung zu fordern.— Herr v. Hinckeldey, der Polizei⸗Präſident von Berlin, ſchickte Herrn v. Rochow und dem Herrn v. P...... z eine Forderung, reichte aber gleichzeitig dem Könige ſeine Entlaſſung ein. Herr v. Hinckeldey übte ſich einige Tage im Piſtolenſchießen, der Oberſt Patzke von der Polizei lehrte ihm die Kunſt. Er war der unbemittelte Vater von ſieben Kindern, auch Herr v. Rochow war Familienvater, ein Baron der kgl. Re⸗ ſidenz Charlottenburg, in der Jungfernhaide fand das Duell ſtatt— dem Präſidenten ſecundirte der Geh. Ober⸗Regierungsrath v. Münchhauſen, dem Herrn v. Rochow deſſen Bruder, Offizier des Gardes du corps, Schiedsrichter war ein Herr v. d. Marvitz. Hinckeldey hatte den erſten Schuß. In der Auf⸗ regung ſchoß er vor dem Commando und fehlte. Herr von Rochow bewilligte ihm einen zweiten Schuß, der erſte ſollte nicht gelten. „Jetzt halte ich Scheibe!“ ſagte Hinckeldey, ſchoß abermals und er fehlte. Herr von Rochow ſchoß und ſeine Kugel traf tödtlich. 246 Herr v. Rochow war als Mitglied des Herren⸗ hauſes unantaſtbar, als Landwehr⸗Offizier ſtand er in Ehrenſachen unter Militär⸗Gerichtsbarkeit. Trotz alle⸗ dem verhaftete ihn der Polizeirath in ſeiner Wohnung wie einen Verbrecher. Hätte derſelbe Beamte unngekehrten Falls wohl den Präſidenten verhaftet? Es lag ein eigenthümliches Walten der Nemeſis darin, daß der Mann willkürlicher Polizeiherrſchaft, der der Junkerpartei den Triumph verſchafft, durch dieſe fiel, als er ſie anzugreifen wagte, daß er im Duell, durch ein mittelalterliches Gewaltmittel der Nothwehr fiel! Man ſieht hieraus, Cavalier und Poliziſt laſſen ſich nicht in einer Perſon gut vereinigen. Ein echter Cavalier kann kein guter Poliziſt, ein guter Poliziſt nicht das ſein, was wir in der guten Geſellſchaft von einem anſtändigen Menſchen verlangen. Iſt es doch Pflicht des Poliziſten, ſelbſt unbedachte Aeußerungen ſich zu merken, Perſonen argwöhniſch zu überwachen, Geheimniſſe auszuſpüren— von anſtändigen Menſchen fordern wir Discretion in allen vertraulichen und Pri⸗ vat⸗Angelegenheiten. Politiſche Duelle ſollten durch dieſes modern werden. Der Abgeordnete Tageſtan ſchlug ſich ſpäter mit dem General von Manteuffel, der Lieutenant Graf Schlieffen mit dem Abgeordneten —— ——— 4 247 v. Satory, der Lieutenant Jachmann mit dem Geneval v. Plehner. Der König erlebte noch den harten Schlag, daß der Canton Neuenburg ſich von Preußen losſagte und daß ſeine deutſchen Bundesgenoſſen ihn bedrohten, als er zum Kriege rüſtete. Der Canton hatte die Roya⸗ liſten unter Pourtalis gefangen geſetzt und Frank⸗ reichs Einfluß war es, der ſie befreite. Der Fürſt von Hohenzollern dagegen trat ſeine Lande an die Krone Preußen ab. Der König war alt und krank geworden. Die Folgen der Wunden, die ihm das Jahr 1848 geſchla⸗ gen, traten immer düſterer hervor, die Harmonie ſo vieler glänzender Eigenſchaften in dieſem Monarchen war zerſtört. Waren es die Havelbäder, die ihm nicht bekamen oder der Umſtand, daß er bei kaltem Wetter den König von Sachſen baarhaupt zum Wagen gelei⸗ tet, ihn traf ein Schlaganfall, nachdem er ſchon früher an plötzlichen Zerſtörungen gelitten. So hatte er eines Tages bei einem Toaſt plötzlich in der Rede ab⸗ brechen müſſen und ſpäter geſagt, er hätte in allen anderen Sprachen fortfahren können, die deutſchen Worte aber hätten ihm plötzlich gefehlt. Er reiſte mit der Königin nach Italien, aber er fand dort keine Geneſung. Im unſcheinbaren bürger⸗ 248 lichen Kleid, die Wange abgemagert, das Auge faſt er⸗ loſchen, ſo ſaß er neben der Königin, die ihn gepflegt, wie das ärmſte Weib den kranken Gatten, die ausge⸗ harret und geduldet, alle Launen des Kranken ertragen und ihn beherrſchte durch die Macht der Liebe. Schon im Jahre 1857 war dem Prinzen von Preußen die Regentſchaft übertragen worden. Zwei Jahre ſchwankte er zwiſchen Geneſen und Nichtgeneſen. „O Gott, was bin ich für ein armer und elender Mann!“ ſo hörte man ihn in manchen Momenten klagen. Sein ſo klarer Geiſt, berichtet Schmettau, wurde immer dunkler, ſein ſo ſtarkes Gedächtniß wurde immer ſchwächer, ſeine Theilnahme an den Dingen um ihn her immer geringer. Aber eines iſt ihm geblieben bis zuletzt, ſein Glaube. Als die Sprache, die er einſt ſo meiſterhaft zu führen verſtand, ihm ſchon den gewohnten Gehorſam mehr und mehr verſagt, da hat er immer noch gebetet. Seine Blicke ſuchten den Himmel, ſein, Heimath. Als er ſehr ſchwach war, unterhielt ſich die Königin, die ihn nie verließ, mit einem Geiſtlichene der gekommen war, um ihn, wenn möglich, geiſtlichen Troſt zu bringen. Er ſprach zu der hohen Frau von Jeruſalem, da erwachte der König plötzlich aus ſeiner Theilnahmsloſigkeit und ſagte:„Sie ſprachen von dem Jeruſalem da Oben, das iſt ſchön, da wird Freude —= —„ — ₰ 249 ſein, ja, große Freude.“ Dann verſank er wieder in ſein früheres Schnieben. Man beſtattete den Monarchen, als derſelbe am 2. Januar 18641 in der Frühe heimgegangen, in der von ihm ſelbſt erbauten Friedenskirche zu Potsdam. Nach ſeinem Willen ward ſein Herz in ein Herz von märkiſchem Granit und zu Füßen ſeiner königlichen Eltern im Mauſeleum zu Charlottenburg niedergelegt, der Leib aber vor den Altarſtufen in der Friedenskirche beigeſetzt. Deerr Tod des Königs rief das Volk wieder zu dem ſchon faſt vergeſſenen Monarchen. Das Volk dankte ihm viel. Eiſenbahnen und Kunſtbauten waren unter ihm erſtanden, eine Marine hat er zu ſchaffen begon⸗ nen, die Armee in vielfacher Weiſe verbeſſert. Er hatt ſein Volk mit einer Wärme geliebt, wie ſelten ein Fürſt, er hatte bittere Demüthigungen ertragen, um dem Lande den Frieden zu erhalten, den äußeren wie den inneren, und vor Allem keine Brigittenau, kein blutiges Schaffot erinnerten an die Rache eines Königs, dem man vorübergehend ſeine Gewalt entrungen. Wer den König aus politiſchen Rückſichten nicht anerkennen will, der muß ihn doch als Menſchen an⸗ erkennen, ihm Achtung und Bewunderung zollen. Das iſt das Ende eines Königs, den ſein Volk 250 mit unbeſchreiblicher Begeiſterung als Monarchen be⸗ grüßte. Die bitterſten Enttäuſchungen, die er erlebt⸗ die ärgſte Verkennung, die ihm von ſeinem Volke wurde, die blutigſten Härten, die man ihm unverſchul⸗ det zuſchrieb— wer verſchuldete ſie? die proteſtan⸗ tiſchen Jeſuiten, die frommen, ſcheinheiligen Schleicher und ſie ſind nicht ausgeſtorben, nicht verbannt aus dem Lande; wie die katholiſchen Jeſuiten, im Dunkeln, wagen ſie noch heute am geſunden Marke des Volkes zu lauern auf die Zeit, wo es ihnen wieder gelänge, die Stufen des Thrones hinanzukriechen, mit ihren düſteren, ſchmutzigen Geweben Scepter und Schwert und die Waage des Thrones zu umſpinnen. Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. V —— Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Robespierre. Geſchichtlicher Roman von Karl Wartenburg. 2 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. 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