Hiſtriſcher Koman Hiſtoriſch von Jouiſe Mühlbach. Zweite Abtheilung. Zweiter Band. ——=— Leipzig. Ernſt Julius HBünther. “ —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur f Ednard Ollmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen.— 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2,. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 244 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe kinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:“ auf 1 Monat: 1 Nr.— Pf. 1 Mk. 50 3f. 2 Mk.— Pf. 7„„ e 3„=„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene Und Idefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Iunn rlus des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird J. 4 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 für mchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Proteſtantiſche Jeſniten. Hiſtoriſcher Koman von Louiſe Rühlbach. Zweite Abtheilung. Zweiter Band. Ne Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1874. 8* 3 X 8 K„ 4 „ 4 ₰ 1——————— — Erſtes Kapitel. König und Miniſter. Im Miniſterium des Königs von Preußen zeigte ſich das dem Neuen widerſtrebende alte Element noch immer in der Perſon des Herrn von Rochow. Der⸗ ſelbe war und blieb ein entſchiedener Gegner der Rich⸗ tung, welche Eichhorn vertrat. Hartnäckiger Verthei⸗ diger des Beſtehenden, wollte Rochow auch den be⸗ ſtehenden rationaliſtiſchen Beamtenſtaat gegen das neue myſtiſch⸗theologiſche Element ſchützen, das ſich überall einzudrängen ſuchte. Doch ein höherer Wille als der ſeinige lähmte jeden Schritt, den er in dieſer Abſicht that und ſo er⸗ ſchien er dem Publikum, das ſich anfangs in all' den Widerſprüchen nicht zurechtfinden konnte, als der böſe Geiſt und Sündenträger der Regierung. Rochow ver⸗ Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 1 ——————— —— beſſerte aber auch nichts, er ließ noch ſo gebotene Re⸗ formen ruhen, dachte nicht daran, die gewerblichen Zuſtände zu heben, er beſchränkte ſich allein darauf, den beſtehenden Beamtenſtaat intact zu erhalten. Dem Könige ſchwebte das Ideal einer ritterlich⸗romantiſchen Staatsform vor und Cichhorn ſollte beide Ideen, die praktiſche, heſtehende und die ideelle verſchmelzen, den chriſtlichen Staat ſchaffen. Eichhorn und Rochow ſtan⸗ den alſo einander bald feindlich gegenüber, dennoch aber reichten ſich beide ſtets da die Hände, wo es galt, dem Zeitgeiſt und ſeinen Forderungen zu trotzen. Hält man das Bild dieſes Zwieſpaltes im Mini⸗ ſterium feſt, ſieht man über demſelben den ſouveränen königlichen Willen thronen und ſich bald nach dieſer, bald nach jener Seite entfalten, ſo hat man die Cha⸗ rakteriſtik der erſten Regierungsjahre des Königs— das Publikum ward bald des aufregenden Spiels mit politiſchen Nebelbildern müde, erwartete nach all' den ſchönen Reden Thaten, als aber alle Schritte der Re⸗ gierung die Rückkehr von der modernen Wiſſenſchaft zur mittelalterlichen Scholeſtik bekundeten, da waren die Amneſtie⸗Erlaſſe vergeſſen, da bemächtigte ſich eine tiefe Verſtimmung der Gemüther. Alle pietiſtiſchen und ſeparatiſtiſchen Secten wur⸗ den begünſtigt, das Streben der Elementarſchullehrer 9 50 nach höherer geiſtiger Bildung wurde vom Cultus⸗ miniſter getadelt, man ſah die Glaubens⸗ und Ge⸗ wiſſensfreiheit im Staate Friedrich des Großen bedroht und die Wöllnerſchen Zuſtände wiederkehren. Die Cabinetsordre des Königs vom 4. October 1840, welche allen Mahnungen an das Verſprechen einer Verfaſſung ein Ende machen ſollte, war wie ein eiſiger Reif auf die blühenden Hoffnungen der Freunde des Fortſchritts gefallen und wo dieſe jetzt in der Preſſe laut wurden, ſchritt der Kriminalrichter dagegen ein. Die vier Fragen⸗Brochure Johann Jacoby's ward von Herrn von Rochow als ein freches Libell vollen Hoch⸗ verraths bezeichnet, die Brochure des Miniſters von Schön und Moſer und Moſin vertheidigte jedoch jene Schrift, ging ſogar weiter und das mußte zu einer Kriſis führen. Solche Spaltungen konnten auf die Dauer nicht in einem Miniſterium beſtehen, und der König, der dem General von Thile und dem pietiſtiſchen Grafen Stollberg ſein Ohr lieh— entließ Rochow und Schön um— Eichhorn zu behalten. Man kann den König nicht beſſer verſtehen, nicht richtiger beurtheilen, als dies Prutz, der geiſtreiche Biograph deſſelben ge⸗ than. Er nennt ihn eine Künſtlerſeele. „Es iſt etwas Köſtliches ohne Zweifel“, ſchreibt er, „um dieſe Lieblinge der Schöpfung, dieſe weichen zart⸗ * ———— gebauten Seelen, in denen melodiſche Saiten alle Luſt und alles Leid des Lebens verdoppeln, dreifach wiedertönen! Etwas Köſtliches um dieſe leidenſchaftlich ruheloſen Geiſter, die mit ausgeſpannten Fittigen ſchweben zwi⸗ ſchen Erd' und Himmel, von keinem Maß gehalten, keinem Geſetz gehorſam, als allein ihrer eigenen dä⸗ moniſchen Natur!— Um dieſe Gemüther, ſo durch⸗ ſichtig, ſo bildſam, ſo geſchmeidig und doch wieder ſo unergründlich, ſo ſtarr, ſo traumverſunken! Etwas Köſt⸗ liches um dieſe Ueberfülle des Lebens, dieſe ganze Welt voll Widerſprüchen und Räthſeln, die zuſammen⸗ gehäuft liegt in einer Künſtlerſeele! Nur daß Lieblingskinder allemal auch etwas ver⸗ zogen ſind. Wo viel Licht, iſt auch viel Schatten, Niemand darf ungeſtört unter Palmen wandeln und die Kunſt iſt eine ſolche Palme, die mit heißem ſchwel⸗ geriſchen Duft die klaren Sinne überwältigt. Geht die Geſchichte aller Künſtler durch, ſo viel ihrer gelebt: das größte weſentlichſte Kunſtwerk, zu dem alle gleichmäßig berufen ſind: das Leben ſelbſt, iſt zu allen Zeiten Niemand weniger gelungen als ihnen ſelbſt, nirgends findet ihr ſo viele verfehlte Exi⸗ ſtenzen, ſo viel verkümmerte Hoffnungen, ſo viel ge⸗ brochene Herzen, als unter dieſem begabten, dieſem be⸗ vorzugten Geſchlecht der Künſtler. Anwohner des Olymps, — 4— 5 Gaſtfreunde der Götter, ſind ſie Fremdlinge auf Erden, gewöhnt, ſich behaglich zu ſchaukeln in dem leichten widerſtandsloſen Aether der Idee, ſind ſie der Wirk⸗ lichkeit gegenüber unduldſam, eigenſinnig unſtät, unge⸗ ſchickt—— „Und nun über dieſes gähnende Chaos einer Künſtlerſeele gar erſt den Purpur eines Königsmantels gebreitet! An den unbändigen Flug dieſer Phantaſie gar erſt das Schickſal eines Reiches geknüpft! Zum Künſtler nun gar erſt ein Prinz, geſtellt auf die höchſte Höhe der Wirklichkeit— ein Fürſt, berufen zu der äußerſten Bethätigung menſchlicher Praxis, zum Herr⸗ ſchen—— O, in der That, es wird uns bange um dieſen fürſtlichen Knaben mit der weichen dichteriſchen Seele Dieſer Reichthum künſtleriſchen Talents, mit dem die Natur ihn ausgeſtattet, wir fürchten ſehr, es iſt der hungernde Reichthum des Midas und wird verhäng⸗ nißvoll für ihn und ſein Volk! Zwiſchen Künſtler und König, Dichter und Staats⸗ mann liegt eine Kluft— eine Kluft der Talente, Neigungen, Bedürfniſſe, welche nicht ausgefüllt werden kann, der ernſte, praktiſche, aufopfernde Beruf eines Regenten, mit ſeiner ſtrengen Pflichterfüllung, ſeinen unausgeſetzten Sorgen, ſeiner raſtloſen Thätigkeit, iſt —— ———— unvereinbar mit dem ſchönen Müßiggang, den lieb⸗ lichen Täuſchungen, der reizenden Selbſtſucht eines Künſtlerlebens. Wer in dieſem Falle wird ſiegen? Und angenommen, daß Reflexion, Erziehung, Ein⸗ ſicht in das Nothwendige die angeborene Natur auch wirklich überwältigen und daß der Künſtler geopfert wird für den König— wird dieſes Opfer nicht immer ein höchſt gewaltſames, höchſt ſchmerzliches ſein? Wird nicht eine Narbe davon zurückbleiben in der Seele, die ſelbſt durch die Falten des Purpurs hindurchbrennen wird?— Das höchſte Glück, das einem Sterblichen zu Theil werden kann, iſt dasjenige, was die Natur in ihn gelegt, wozu ſie ihn beſtimmt hat, rein und frei, in ungehinderter Entfaltung aus ſich herauszu⸗ leben— während umgekehrt das traurigſte Loos von allen darin beſteht, dem Willen der Natur zuwider ſtets ein Anderer ſein zu müſſen, als man eigent⸗ lich iſt. Und wie denn nun hier? Ein erſticktes Talent, wird es darum weniger zu beklagen ſein, weil es er⸗ ſtickt iſt unter der glänzenden Wucht einer Krone? Eine verkümmerte Exiſtenz, wird ſie darum weniger ſchmerz⸗ lich ſein, weil ſie verkümmert iſt unter der brennenden Sonne der Majeſtät? Ja, und wird ſich die Natur ſo ganz bewältigen — 81 7 laſſen? Werden, o werden nicht Augenblicke kommen, wo ſie gewaltſam wieder in ihre Rechte tritt und der Künſtler in verwegenen Sprüngen die gemeſſenen Bah⸗ nen des Königs kreuzt? Dieſe lebhafte Phantaſie ent⸗ artet und verwildert in der Oede eines fremdartigen Lebens, wird ſie nicht auf Augenblicke die Majeſtät des Königs überraſchen und ſich zu gefährlichem Spiel eines Scepters bemächtigen, das nur von dem beſon⸗ nenen Ernſt, der gewiſſenhaften Einſicht eines Königs geleitet werden darf? Ermüdet von der Arbeit des Herrſchers, erſchöpft, verſtimmt, gelangweilt von der ſpröden Wirklichkeit, wird er ſie nicht wieder in ſich aufſteigen fühlen, wer⸗ den ſie ſich nicht zu ihm ſetzen auf das Polſter ſeines Thrones, ihn begleiten in den Rath ſeiner Miniſter, ſein Ohr gefangen nehmen, ſeine Blicke trüben, jene phantaſtiſchen Träume, jene Täuſchungen und Irr⸗ thümer, jene Grillen und Launen des Künſtlerlebens? Dieſe Herrſchaft über die Sprache ſelbſt, dieſe leichtſtrömende glanzvolle Beredtſamkeit, die den fürſt⸗ lichen Scholaren auszeichnet— wird ſie nicht gefähr⸗ lich werden in einer Stellung, deren Erhabenheit nur eine einzige Sprache verträgt, die Sprache der That? Und wird endlich bei ſo vielen Widerſprüchen und inneren Kämpfen nicht der ganze Charakter Schwan⸗ kungen und Kriſen unterworfen ſein, die zuletzt, in nothwendiger Steigerung, auch die Grundfeſten des Reiches ſelbſt erſchüttern müſſen?“ In dieſer Charakteriſtik liegt die ganze Regierungs⸗ geſchichte, das Walten, Kämpfen und Leiden des Mo⸗ narchen ausgedrückt— Friedrich Wilhelm IV. Begin⸗ nen, Herrſchen und Enden. Und Herr Eichhorn ſollte der Mann ſein, die Ideen des Königs ſtaatlich zu verwirklichen; der chriſt⸗ liche Staat, wie Eichhorn ihn ſich dachte, war nicht der Staat der Duldung und Menſchenliebe, der Frei⸗ heit und Bildung, die reinſte Blüthe des mit ſich ſelbſt verſöhnten, in ſich ſelbſt vollendeten Menſchenthums, es war ein eifervoller ausſchließender Staat, der die ihm fremden Elemente der Wiſſenſchaft und Bildung mit Ingrimm von ſich ſtieß, ein eher jüdiſcher als chriſtlicher Staat. An das Drillen von Beamten gewöhnt, ohne Ahnung von der poetiſchen Schwungkraft des Königs, welche über alle Hemmniſſe hinwegflog und ſeine reli⸗ giöſen Anſichten verklärte, ward alles das, was bei dem Könige poetiſch und phantaſtiſch, voller Lebensfülle, bei ſeinen Feinden nackt, dürre Proſa, eine öde trübe Fläche, ein leerer Bogen Papier, auf dem nichts zu ſehen als die vorſchriftsmäßigen Tabellen bureaukra⸗ 2 9 tiſchen Schematismus. Der König wollte Leben und Bewegung, Eichhorn kannte nur Tod und Stillſtand, der König war vielſeitig und duldſam, er konnte ſich ebenſo für Hengſtenbergs als für Humboldts Anſichten intereſſiren, Eichhorn war ein einſeitiger Nachahmer und Handlanger und verpflanzte dieſe Einſeitigkeit in alle Gebiete ſeines amtlichen Wirkens, in Religion, Kunſt und Wiſſenſchaft. Der König zog Männer der verſchiedenſten religi⸗ öſen Richtung in ſeine Nähe, er ließ den alten Seher Schelbing und den alten Spötter Tieck, die naiven Brüder Grimm und den rationell nüchternen Dahl⸗ mann nach Berlin kommen— Eichhorn ſtellte im Staate neue Leute an, die fromm waren oder es zu ſein heuchelten— nur dieſe wurden befördert. Er vertrieb die Anhänger der Hegel'ſchen Philoſophie aus ihren Aemtern in ungeſchickteſter, ſchroffſter Weiſe und dieſe Unteroffiziermanier, in der er herrſchte, ſchadete dem Könige unendlich. Eine der hellſten Perlen im Diadem der preußiſchen Krone war von jeher die Pflege der Wiſſenſchaften geweſen, Eichhorn machte aus den preußiſchen Univerſitäten Dreſſur⸗Anſtalten, in denen das probemäßige, religiöſe Bekenntniß mehr galt als geiſtige Befähigung und Wiſſen. Er warnte junge Gelehrte durch ein Reſkript, ſich der Carriere als Privat⸗Docenten zu widmen, er beſchränkte den Etat der Univerſitäten. Als Studirende der Univer⸗ ſität Halle um die Berufung des berühmten theologiſchen Kritikus Dr. Strauß petitionirten, beſtrafte der Miniſter die Urheber der Petition mit dem consilium abeundi. Dem derben Bruno Bauer, der die orthodoxe Partei vergeißelt, wurde die Erlaubniß, Vorleſungen zu halten, entzogen. Er forderte von den theologiſchen Facul⸗ täten das Feſthalten am poſitiven Chriſtenthum und ließ in Berlin den Bund für den„hiſtoriſchen Chriſtus“ ſtiften, er ſorgte dafür, daß orthodoxe Candidaten be⸗ ſonders begünſtigt wurden und den Religionsunterricht in den Gymnaſien erhielten. Sein Verdummungsſyſtem, das auf den Grundſätzen mittelalterlichen Kirchenthums baſirte, führte in allen Schulen den geiſtloſeſten Schema⸗ tismus, das Auswendiglernen von Bibelverſen als ein⸗ zigen Religionsunterricht ein. Die Buchſtabengläubigkeit und religiöſer Verfolgungsgeiſt wurden dadurch befördert, daß man die Schule unter Kirchenpolizei ſtellte, Herr Eichhorn geberdete ſich als proteſtantiſcher Papſt und ſetzte die Glaubensnormen feſt, deren Bekenntniß uner⸗ läßliche Bedingung zur Anſtellung und Beförderung eines Geiſtlichen und Lehrers wurden. Die Kirchen⸗ zucht und Kirchenbuße, die Controlle des häuslichen Lebens durch die Prieſter ſollte eingeführt werden. ⁸ 11 Hand in Hand mit dieſen religiöſen Verfolgungen ging die Knebelung der Preſſe. Die Geiſter, die der König durch das Zauberwort der Freiheit heraufbe⸗ ſchworen, die ihn populär machen, ſeinen Herrſcherglanz hatten erhöhen ſollten, ließen ſich von ihm nicht wieder bannen, als ſie ihm läſtig geworden. Die Fluthen aufregender Ideen, welche die Preſſe verbreitete, ver⸗ anlaßten den Sturz Rochows, an ſeiner Stelle ward der Graf von Arnim ernannt, Herr von Kamptz durch Savigny erſetzt, der Pietiſt Stollberg trat an die Stelle Ladenbergs, Uhden, ein anderer Pietiſt, er⸗ hielt die Juſtiz. Graf Arnim ſollte den Drachen des Liberalismus tödten, er unternahm den Kreuzzug gegen die Preſſe, entſetzte Hoffmann von Fallersleben ſeines Amtes, man erfand ein beſonderes Einſchüchterungsſyſtem für Journaliſten, unterdrückte die Blätter der Oppo⸗ ſition, aber die Polizei ſetzte nichts durch, da es an⸗ dererſeits wieder dem Könige widerſtrebte, Alles zurück⸗ zunehmen, was er gegeben. Die Späher der Polizei überwachten ſelbſt Privatgeſpräche, aber die geiſtige Bewegung ließ ſich nicht, am wenigſten in Oſtpreußen unterdrücken. Die Satyre ward immer ſchärfer und bemächtigte ſich der Waffe des Witzes und der Cari⸗ catur. Der König ſelbſt liebte Witz und Satyre, er hatte es in England geſehen, daß die höchſtgeſtellteſten 12 Perſonen dort die Angriffe des Caricaturenzeichners ertrugen und wollte den Witz nicht verboten ſehen. Dieſer begann denn auch zu blühen und dem Grafen Arnim das Leben ſchwer zu machen. Der Zufall wollte es, daß die herrſchenden Perſönlichkeiten Stoff genug zur Caricatur boten und ſo erblickte man bald Jaco⸗ by's ſcharfgeſchnittenes jüdiſches Geſicht mit den vier Fragezeichen, die lange, ſpitze Feder wie eine Lanze vor ſich hertragend. Und welch' glückliche Ironie des Schickſals war es, daß der Cultusminiſter Eichhorn, der neue Oberpräſident Preußens, der Nachfolger Schöns Bötticher, daß ein mißliebiger Schulrath in Königsberg Lucas hießen! Ueberall wohin man ſah, knusperten die Eichhörnchen an den Blättern, bemühten ſich die Bötticher vergebens, mit plumpen Hammer⸗ ſchlägen den gährenden Moſt im Faſſe zurückzuhalten, blökte der Stier des Evangeliſten Lucas den Beſchauer mit Gemüthlichkeit an. Georg Herwegh, deſſen„Gedichte eines Leben⸗ digen“ ungeheures Aufſehen gemacht, kam nach Berlin. Ein Rauſch hatte die ganze Welt ergriffen, man hul⸗ digte ihm, wie es Schiller kaum geſchehen. Der König ließ Herwegh zu ſich kommen, und ſagte zu dem be⸗ rühmten Schwaben, er habe in dieſem Jahre ſchon einen ſeiner Gegner(Thiers) empfangen, aber er gebe 13 dem Beſuch des deutſchen Dichters den Vorzug. Der König hat ſein Amt, der Dichter ſeinen Beruf. Nichts iſt mir ſo zuwider, als Geſinnungsloſigkeit, ich achte auch die Oppoſition, wenn ſie nur geſinnungsvoll iſt. Man ſagt, der König habe dem Dichter auch ſeinen Tag von Damaskus prophezeit, aber hinzugefügt: Inzwiſchen wollen wir ehrliche Feinde bleiben. So ſprach Friedrich Wilhelm IV. zu einem Dich⸗ ter, der geſungen: Zieh heim an Deine Pleiße, Zieh heim an Deine Spree: Nicht jede Fürſtenreiſe Iſt eine Odyſſee. Der gerufen: Und durch Europa brechen wir Der Freiheit eine Gaſſe und endlich die Marſeillaiſe gedichtet: Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle ſollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird's verzeih'n. Laßt, o laßt das Verſeſchweißen Auf den Ambos legt das Eiſen, Heiland ſoll das Eiſen ſein! Herwegh ging nach Königsberg, wo man ihm weiter huldigte, obwohl die Liberalen ihm vorwarfen, daß er vor dem Könige nicht den Marquis Poſa ge⸗ 14 ſpielt und Gedankenfreiheit gefordert. Herwegh erklärte in Königsberg, man müſſe die Freiheit bis zum Wahn⸗ ſinn lieben und als er jetzt erfuhr, daß die preußiſche Polizei ſeine neuen, aber in der Schweiz erſcheinenden Lieder verboten, ſo richtete er an den König ein Schrei⸗ ben, in dem er ſich auf das Verſprechen ehrlicher Feindſchaft berief, er ſei Republikaner, er möge nicht in Staaten leben, wo die Cenſur herrſche, er ſpreche noch dies eine, wenn auch leidenſchaftliche Wort unter vier Augen zum Könige, es ſei das letzte, Denn wer mit ſeinem Gott gegrollt, Darf auch mit einem König grollen. Er ſagte, die Miniſter des Königs hätten auch ſeine erſten Lieder verboten, er ſei aber ſo glücklich, dieſe jetzt in fünfter Auflage erſcheinen zu ſehen, kurz, er begann den Poſa in etwas derber und unpaſſender Manier zu ſpielen und die Antwort war, daß ihn Gensdarmen zur Poſt brachten und ihn bis an die preußiſche Grenze begleiteten. Der Neid der Preſſe zeigte ſich jetzt in boshafter Schadenfreude, ſie fiel über ihn her wie Hunde über den erlegten Hirſch. In ähnlicher Weiſe fertigte der König den Schrift⸗ ſteller Willibald Alexis(Dr. Häring) ab, der ſich über Beſchränkungen der Cenſur brieflich beſchwerte. 45 „Ich habe“, ſo ſchrieb der König,„Ihre Eingabe empfangen und geprüft. Die Cenſoren des mit der⸗ ſelben eingereichten Artikels für die Zeitung haben bei Behandlung deſſelben nicht gegen die Cenſurvorſchriften gefehlt, es iſt alſo kein Grund zur Beſchwerde wegen der geſtrichenen Stellen vorhanden. Glaubten Sie wegen ungebührlicher Verzögerung ſich beklagen zu müſſen, ſo war dieſe Klage zunächſt an den Miniſter des Innern zu richten. Mit Widerwillen habe Ich einen Mann von Ihrer Bildung und literariſcher Be⸗ kanntheit durch jenen Artikel unter der Klaſſe derer gefunden, die es ſich zum Geſchäft machen, die Ver⸗ waltung des Landes durch hohle Beurthei⸗ lung ihres nicht von ihnen begriffenen Gei⸗ ſtes vor der großen, meiſt urtheilsloſen Menge herabzuſetzen, dadurch ihren ſchweren Beruf noch ſchwerer zu machen. Von Ihrer Einſicht, wie von Ihrem Talent hätte ich Anderes erwartet und ſehe mich ungern enttäuſcht.“ An den politiſchen Druck und den Meßzwang war das Volk gewöhnt geweſen, ihm wurden ja nur Hoff⸗ nungen entzogen, die man ihm gemacht. Aber das neue Joch geiſtiger Polizeiwillkühr ward um ſo un⸗ erträglicher. Daß man dem Volke Glaubensformate vorſchrieb— ſagt Förſter— daß man die Freiheit 16 des Gewiſſens antaſtete, duldete ſelbſt der gemeine Mann nicht, der ſich doch ſo manche Unbilden ruhig gefallen ließ. Dieſes künſtliche Syſtem des Luges und Truges mit ſeinem doppelten Maß und Gewicht, dieſe offene Begünſtigung der pietiſchen Secten und Conven⸗ tikelweſens, dieſes dreiſte Rütteln an den Grundlagen der evangeliſchen Union, dieſe ſchamloſen Verſuche, Propaganda zu machen für die„chriſtliche Geſinnung“, dieſe ſchweifwedelnde, glaubenseifrige, unduldſame Kleriſei, die ſich in alle Stellen drängte, an allen Thüren horchte, die Geſinnungen auskundſchaftete und controllirte, alle dieſe neuen widerwärtigen Erſcheinun⸗ gen und der Anblick zahlloſer ähnlicher Mißgeſtalten, die ſich jetzt auf kirchlichem und religiöſem Gebiete zeig⸗ ten, erfüllten nicht allein die Nation mit Haß und Abſcheu gegen den chriſtlichen Staat, ſondern riefen auch in allen Ständen, beſonders aber in den mittleren und niederen Volksklaſſen, einen ganz compakten maſſen⸗ haften Widerſtand gegen die Anmaßungen des Kirchen⸗ regiments hervor. Um ſich der widerſtrebenden Elemente zu entledigen, vielleicht auch, um beſonders kräftige Organe für ihre ſpecifiſch chriſtlichen Tendenzen zu gewinnen, empfahl die Regierung dem Volke die Bildung von Vereinen. Ueberdies regte ſich der Aſſociationstrieb in allen 47 Klaſſen und Ständen und da die religiöſe Oppoſition vom Staate weder Beiſtand noch Schutz erwarten durfte, ſo vereinigte ſie außerhalb der kirchlichen Ge⸗ meinſchaft und unabhängig von den Behörden ihre Kräfte, um Glaubensfreiheit und freien Vernunftge⸗ brauch, dieſe Errungenſchaften der proteſtantiſchen Entwickelung, gegen die hierarchiſchen Angriffe zu ver⸗ theidigen und das ſtaatskirchliche Syſtem zu bekämpfen Der Paſtor Uhlich bildete den Verein der Licht⸗ freunde, Unabhängigkeit und Selbſtgefühl im Volke zu verbreiten. Polizeiliche Maßregeln ſuchten die Ver⸗ ſammlungen der Lichtfreunde zu verhindern, man ſetzte dieſelben hart an der preußiſchen Grenze in Cöthen an. Die Betheiligung wuchs immer mehr, da ſuspendirte man Leiter und Anhänger von ihren Aemtern und ſetzte ſie polizeilicher Willkühr aus. Den erſten Bannſtrahl ſchleuderte der Berliner Vatican gegen den Prediger Wislicenus in Halle*). Die Gemeinde legte beim Kö⸗ nige Fürbitte für ihn ein und ſprach von Sympathien der Bevölkerung. „Sympathie?“ rief der König.„Meinen Sie die fünfundreißig Leute, die Wislicenus Predigten beſuchen? Ja, bei Denen, welche überhaupt die Kirche nicht be⸗ ſuchen, da mag er Sympathie haben. Aber glauben *) J. v. Förſter, Friedrich Wilhelm IV. und ſeine Zeit. Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 2 18 Sie nicht, daß man Mir durch Erklärungen imponirt. Ich laſſe Mir nicht imponiren und wenn ſich noch ſo viele Lichtfreunde in Cöthen und in Wirthshäuſern verſammeln. Ich bin ein mächtiger Herr. Ich ſage es ungern— Ich dulde keine eidbrüchigen Prie⸗ ſter. Oppoſition in dieſem Sinne kann Mich nur zu entgegengeſetzten Extremen führen.“ Die Bewegung ward nun äußerlich unterdrückt, aber ſie wuchs umſomehr. Zweites Kapitel. Der Fof des Königs. Friedrich Wilhelm IV. hatte lange warten müſſen, ehe er zur Regierung kam, er war der verzärtelte Sohn ſeiner edlen Mutter, der durch Huldigungen aller Art verwöhnte Kronprinz geweſen und wo ſein Vater ihm gegenüber Strenge gezeigt, da traf dies nur Ausſchreitungen geiſtvollen Uebermuths, da wies der König nur den Prinzen in ſeine Schranken zurück, beſonders wenn dieſer ſeine Miniſter und Freunde an⸗ griff, niemals war der Kronprinz derart in ſeiner Jugend geleitet worden, wie dies nothwendig geweſen wäre, den Flug träumeriſcher Phantaſie und die Auf⸗ faſſung königlicher Macht in ihm den Begriffen der Wirklichkeit und der Möglichkeit anzupaſſen. 2* 20 Der Kronprinz war von ſeinem Vater oft in Arreſt geſchickt worden. So z. B. ließ Friedrich Wil⸗ helm eines Tages ein blindes, ein lahmes und ein mageres Pferd ſo lange vor dem Palaſte ſeines Va⸗ ters umherführen, bis dieſem der ſeltſame Zug auffiel und er den Kronprinzen fragte, was das bedeute. „Das will ich Ew. Majeſtät erklären“, ſoll der Kronprinz geantwortet haben.„Das magere Pferd iſt das Volk, das von Ihren ſchlechten Beamten ausge⸗ ſogen wird, das lahme das Miniſterium, das nicht zu handeln verſteht und das blinde ſtellt Ew. Majeſtät ſelbſt vor, die nicht ſieht, wie man mit Allerhöchſt derſelben blinde Kuh ſpielt.“ Da gabs nun Arreſt. Dem Kronprinzen, der die Bruſt voll ſchöpferiſcher Ideen hatte, fehlte jeder Wirkungskreis, ſeine Ideen und ſeine Kräfte zu erproben. Friedrich Wilhelm III. ließ Alles nach der alten Schablone gehen und ſo kam es, daß der feingebildete Kronprinz ſich den profanſten, alltäglichſten Vergnügungen in die Arme warf, ſo auswahllos, ſo ohne Rückhalt, als hätte er nie etwas Höheres gekannt, als gäbe es nichts in ihm, was hin⸗ ausreichte über dieſe ſchäumenden Becher, dieſe rollen⸗ den Würfel, dieſe wüſten Scherze der Zechgenoſſen. Und wieder ſatt dieſer Ausſchweifungen, erſchöpft, von 241 Ekel erfüllt, verſenkte ſich derſelbe königliche Spötter, der erlauchte Witzbold in die Nebel der Myſtik und ward ein Frömmler. In jedem Falle war es der Einfluß ſeiner Gemahlin, der ihn ſchließlich ganz hin⸗ überzog in das Lager der Pietiſten, und ſelber kein Heuchler, ſelber ſchwärmeriſch begeiſtert von erhabenen chriſtlichen Ideen, ward er von Heuchlern getäuſcht und wurden dieſe ſeine Räthe und Werkzeuge. Welch' ein Unterſchied zwiſchen ſeinem Hofe und dem ſeines Vaters. Dort war der alte Fürſt Wittgen⸗ ſtein Hausminiſter geweſen, eine ganz ſonderbare Excellenz, aber er charakteriſirte die damalige Hofge⸗ ſellſchaft, er hatte den bedeutendſten Einfluß. Der Fürſt, ſchreibt Veſche, war ein höchſt eigen⸗ thümlicher Charakter, höchſt weltklug und weltgewandt, aber überall von leiſem Auftreten, ſtillem, vorſichtigen, bedächtigen Ganges, trocken und kalt in der Anfühlung, ſehr einfach in ſeinem Aeußeren und ſehr bizarr, na⸗ mentlich war ſeine Perrücke bemerkenswerth, von einem geradezu unmöglichen Haare und nächſt dieſer Perrücke die eigenthümliche feine Stimme, mit der er ſeine eigenthümlichen Bemerkungen losließ. Einſt petitionirte bei ihm ein Privatdocent der Philoſophie an der Univerſität zu Berlin, Baron Kayſerling und klagte ihm aufs Beweglichſte, daß er 22 es zu Nichts bringen könne und doch eine zahlreiche Familie habe. Der Fürſt fragte ihn, wie denn das komme. Es war gerade zur Zeit, als die Philoſophie Hegels unter dem Miniſterium Altenſtein blühte. Der Baron bemerkte, das komme daher, weil er nicht zur herrſchenden Schule gehöre. Ganz trocken antwortete der Fürſt:„Aber mein Gott, warum gehören Sie denn nicht dazu?“ Bonmots und luſtige Einfälle ſtanden ihm immer zu Gebote. Als einmal die alte Gräfin Voß beim Schla⸗ fengehen im Schloſſe beinahe eine Feuersbrunſt anrich⸗ tete und ſich mit den expreſſiven Worten entſchuldigte: j'ai voulu faire de Peau et j'ai fait du feu*), ließ der Fürſt ſie als Feueranſtifterin abconterfeien neben den drei berüchtigſten Brandſtiftern der Welt: Heroſtrat, Oſalif Omar und Roſtopſchin. Wir werden unten ſehen, welche Perſönlichkeiten bei dem neuen Könige die Günſtlinge dieſer Art erſetz⸗ ten. Berichten wir nur noch eine wenig bekannte, aber charakteriſtiſche Geſchichte. Friedrich Wilhelm III. hatte dem erſten Prediger *) Von einer Dritten zu überſetzen. 23 an der Louiſenkirche, dem Paſtor K..... k einen Orden zugedacht und da der Geburtstag des Kronprinzen herannahte, ſo ſollte dem Geiſtlichen die Auszeichnung an dieſem Tage zu Theil werden. Der König befolgte bei dieſem Plane noch einen andern Zweck, er wußte, daß der Kronprinz nicht viel von den Geiſtlichen hielt, daß man ihm vorwarf, die philoſophiſchen Kanzelredner den getreuen Verkündern des Gotteswortes vorzuziehen und indem er den Wunſch ausſprach, daß der Kronprinz K..... k den Orden per⸗ ſönlich überreiche, wollte er damit dieſe Gerüchte wider⸗ legen. Der Kronprinz— ſo erzählte man in der Stadt— wußte, daß man K..... k in der Stadt den Beinamen „der Kartenmiſcher“ gegeben und daß er in ſeiner Ge⸗ meinde nicht beliebt war. „Es gibt würdigere Männer als K..... k“, ſagte er zu ſeinem Vater. Der König antwortete verſtimmt, er ſolle ihm die⸗ ſelben nennen, aber er wiſſe es wohl, daß der Kron⸗ prinz geiſtreiche Phraſenmacherei der wahren Religioſi⸗ tät vorziehe. Der Kronprinz widerſprach nicht, er fügte ſich ſcheinbar in den Willen des Vaters; als der Geburts⸗ eag herankam, gab ihm der König einen Rothen Adler⸗ 24 orden, damit er ihn bei Tafel dem Geiſtlichen über⸗ reiche. K... k und ein anderer Geiſtlicher, der Prediger Richter, ſaßen bei der Tafel dem Kronprinzen gegen⸗ über. Der letztere war auf beſonderen Wunſch des Kronprinzen befohlen worden. K.... k wußte bereits, was ſeiner harre und war ſehr aufgeräumt und ge⸗ ſprächig, Richter einſilbig und beſcheiden. Der König winkte dem Prinzen, als das Eſſen abgetragen, daß es jetzt Zeit ſei, K..... k den Orden zu übergeben und dieſer ſchlug mit dem Meſſer an ſein Glas. „Ich will eine Geſchichte erzählen“, begann er„und bitte um Ihre Aufmerkſamkeit, denn Sie ſollen das Urtheil fällen. Ein junger Fürſt hörte von den Promenaden Herrn Dr. Raſchieds und beſchloß, ein Gleiches zu thun, um die Beamten des Staates und der Kirche zu prüfen. Er zog die Kleider eines Bettlers an, ſchminkte ſein Ant⸗ litz und ging zu einem Prälaten, um ihn um ein Al⸗ moſen zu bitten. Der reiche Diener der Kirche ſaß im Lehnſtuhl, um von den Freuden der Tafel auszuruhen. „Was wünſcht Ihr, lieber Mann,“ fragte er den Armen.„Ihr wollt doch nicht betteln?“ „Ja,“ antwortete der Fürſt,„ich muß betteln. Ich bin ein armer Weber, habe ſechs Kinder; bin durch Krankheit ins Elend gekommen“. 3 25 „Lieber Mann,“ hieß es darauf,„das iſt ſchlimm, die Kirchenkaſſe iſt leer, es ſind viele Arme in der Gemeinde“. „Eine Kleinigkeit, Herr Paſtor, wir haben nichts zu eſſen, meine Kinder hungern“. „Lieber Mann, einige Groſchen nützen Euch nichts, wendet Euch an den Magiſtrat, ich kann Euch nicht unterſtützen. Ich habe einen Sohn, der iſt Cavallerie⸗ offizier und Ihr mögt es vielleicht nicht wiſſen, die Cavallerieoffiziere koſten den Vätern viel Geld. Geht alſo zum Magiſtrat und leſet fleißig in der Bibel, geht in die Kirche, der Herr wird ſich Eurer annehmen. Geht mit Gott, lieber Mann und ſeht zu, daß Ihr Arbeit bekommt, das Betteln iſt verboten!“ „Der Fürſt“, fuhr der Kronprinz fort, ging weiter und kam zu einem Geiſtlichen, der ärmlich wohnte und dachte, du mußt hier zuſehen, ob der Arme wenigſtens Rath findet. Ein blühendes junges Mädchen, rein und friſch wie gefallener Schnee, öffnete ihm die Thür. „Der Vater ſchlummert“, ſagte ſie,„er iſt müde von einem Begräbniß heimgekehrt, ich möchte ihn nicht wecken, aber ſetzt Euch, lieber Mann und wartet, bis er aufwacht“. Damit führte ſie ihn in die Küche und kratzte den Reſt des ärmlichen Mittagbrodes zuſammen und reichte ihm die Schüſſel.„Eßt“, ſagte ſie,„die Mohrrüben ſind 26 noch warm und laßt es Euch ſchmecken, ich werde zu⸗ ſehen, ob der Vater noch ſchläft“. Der Fürſt aß die Mohrrüben und nie hat ihm ein Gericht beſſer gemundet, als dieſes, welches mit ſolcher Liebe gegeben worden. Das Mädchen holte ihn bald hinein, der Vater war erwacht; der Fürſt mußte diesmal ausführlicher die Leidensgeſchichte erzählen, denn der Geiſtliche wollte die Wahrheit der Angaben prüfen. Als er geendet, rieth ihm der Paſtor, die Kirchenkaſſe anzugehen, da dieſelbe ſehr reich ſei. Der Fürſt antwortete, daß er deßhalb vergeblich beim Prälaten geweſen. Der Geiſtliche zuckte die Achſeln und ſagte betrübt:„dann kann ich Euch nur mit dem Wenigen helfen, das ich beſitze. Hier“, ſagte er und zog die Börſe,„nehmt, was ich übrig habe, es ſind nur zehn Groſchen, aber ſie werden Euch für drei bis vier Tage helfen. Dann gib ihm doch— wendete er ſich zu ſeiner Tochter— eine alte Hoſe und ſiehe zu, was von Wäſche da iſt, doch halt, wir haben ja noch Flachs auf dem Boden, den werdet Ihr brauchen können.“ Das Mädchen eilte hinaus und kam bald mit einem Packete wieder. Das Packet erſchien dem Vater ſehr groß und ſie geſtand mit Erröthen, daß ſie noch Einiges von ihren Sachen für die Kinder beigelegt habe. 2,. „Du haſt Recht gethan“, lächelte der Vater.„Daran habe ich nicht gedacht, gib ihm auch noch wollene Socken von mir“. „Papa, Du haſt ja blos zwei Paar“. „Gib ihm die beſten, der Monat iſt bald herum, dann kaufen wir uns Wolle zu neuen“. „Auf dieſe Weiſe“, erzählte der Kronprinz, überboten ſich Vater und Tochter in chriſtlichem Wohlthun, daß dem bettelnden Fürſten die Augen vor Rührung über⸗ gingen. Die Tochter des Geiſtlichen nöthigte ihn beim Hinausgehen, ſeine Mahlzeit zu beenden, damit er nichts mehr für ſich brauche. Der Fürſt aber konnte ſich nicht länger halten vor Bewegung, er ergiff in der Thüre die Hand des Mädchens, drückte ſie und rief: Nicht Gott allein, auch die Menſchen werden Ihnen Ihre Barmherzigkeit lohnen. Wer, meine Herren“, rief der Kronprinz, als er geendet,„iſt nun der Würdigere von Beiden, der hoch⸗ geſtellte Prälat oder der arme Geiſtliche?“ Die Geſellſchaft ahnte nicht, was dieſe Frage be⸗ bedeutete. K.... k, der mit allen Zeichen der Ent⸗ rüſtung dem Anfang der Erzählung gelauſcht, rief zu⸗ erſt:„Natürlich der Mann, der Chriſti Wort übt“. Richter ſprach kein Wort, aber er war ſeltſam bewegt und immer ſchaute er den Kronprinzen an, als wollte er fragen, wie er zu der Geſchichte komme. Es war ihm jüngſt Etwas begegnet, was ſeltſam mit dieſer Geſchichte übereinſtimmte. Ein Bettler, den er Almoſen gegeben, den ſeine Tochter geſpeiſt, der hatte ihr beim Abſchiede dieſelben Worte zugepflüſtert und das Päckchen mit alten Kleidungsſtücken im Flur gelaſſen, ſo daß ſeine Tochter, die Jenen überraſcht angeſchaut, nur ausgerufen:„Vater, das war entweder ein Mann, der uns beſtehlen wollte, oder ein großer Herr“. Sollte der Kronprinz Jemand ausgeſchickt haben, um ihn zu prüfen? Der König winkte dem Kronprinz abermals, den Orden an K..... k zu geben. Der Prinz zog ein Etui aus der Taſche und erhob ſich.„Meine Herren“, ſagte er, indem er ſich zu beiden Geiſtlichen wandte und K... k erhob ſich ebenfalls, da er zu wiſſen glaubte, daß er gemeint ſei,„ich habe jetzt noch die angenehme Pflicht, dem würdigeren Diener der Kirche eine Anerkennung meines Vaters zu überreichen; es iſt mir die ſchönſte Geburtstagsfreude, weil es das wahre Verdienſt iſt, das durch meine Hand belohnt wird“. K... k ſtreckte die Hand aus, indem er ſich tief verbeugte, aber der Kronprinz rief: „Nein, Ihnen, lieber Richter, gebührt der Orden, Ihnen auch eine Anerkennung aus tiefſter Seele. ———— 29 Der König murrte, Alles ſchaute betroffen auf den Prinzen, der augenſcheinlich einen abſichtlichen Irrthum beging, als die Thüre ſich öffnete und ein Lakei mit einem Päckchen Kleidungsſtücken eintrat. „Verzeihen mir Ew. Majeſtät“, wandte ſich der Kron⸗ prinz jetzt zu ſeinem Vater,„daß ich nach Ihren Willen und nicht nach ihren Worten gehandelt habe. K..... k mag ebenfalls einen Orden verdienen, aber ich hatte nur einen und den habe ich an Richter gegeben, denn ich war der Bettler und er war der Mann, der mich ſpeiſte und ſein letztes mit mir theilte. Dort iſt der Anzug, den ich getragen“ Der Kronprinz nannte den Namen des Prälaten nicht, aber Jeder ahnte ihn aus der aſchgrauen Bläſſe, welche bei ſeinen Worten das Antlitz K..... k's über⸗ zog, der, beiläufig geſagt, den heute erwarteten Orden ſpäter erhielt. Der König zürnte dem Prinzen, weil er einen achtbaren Mann bloßgeſtellt, weil derſelbe vielleicht einmal die Pflichten eines Chriſten vernach⸗ läſſigt hatte. Auch in ſcharfem Witze äußerte ſich der geniale Uebermuth des Prinzen. Die Prinzeſſin.... gab einſt in einer Hofgeſellſchaft das Räthſel auf— ſie blickte ſ chmach⸗ tend auf einen Löffel— das ſollte„Silberblick“ be⸗ deuten. Der Kronprinz flüſterte einem jungen Offizier 30 die Löſung„Löffelgans“ zu und zur großen Erheite⸗ rung der Geſellſchaft platzte der Offizier unüberlegt mit dieſer Antwort heraus. Der Graf R., ein ſehr vornehmer Cavalier des Hofes, heirathete eine ſehr reiche Erbin aus dem Pa⸗ tricierſtande einer freien Stadt und führte ſeine Frau zu Hofe. Eine etwas ſcharfzüngige, ſtolze Prinzeſſin fragte die Dame:„Womit handelte Ihr Herr Vater?“ „Mit Geiſt“, antwortete die Dame dreiſt. „Gratulire zur Erbſchaft“, ſagte der Kronprinz, der das Geſpräch gehört, raſch und paſſend. Als König hätte Friedrich Wilhelm IV. der glück⸗ lichſte Menſch ſein können, aber er paßte nicht für die Zeit, nicht für ein großes in ſeiner Entwicklung befind⸗ liches Reich. Das Völkerleben hatte keine Kölner Dom⸗ bauten nöthig, ſah überhaupt nicht gern durch ge⸗ färbte Scheiben. Das Geſicht der öffentlichen Mei⸗ nung, die weiße Frau der Fürſten, ward bald an der Tapete bemerkbar, mitten unter den kunſtvoll geſtickten Bildern und Figuren und dieſes Geſicht machte keinen ange⸗ nehmen Eindruck, man mußte bemerken, daß es bleich war und eine ſehr ernſte Miene zeigte. Die Königin war eine durchaus fromme, in der Frömmigkeit ſehr ſtrenge Dame; ſie übte auf den König eine Herrſchaft, die er ſelbſt vielleicht nicht — 341 merkte. Ließ er ſich hinreißen durch Leidenſchaft, Uebermuth, oder hatte er bei gereizten Nerven die Laune in übelſter Weiſe ſchießen laſſen, dann hatte ſie nachher das Regiment und um ſie zu verſöhnen, that er ihr gern jeden Willen. Es iſt unleugbar, daß ihr Einfluß ſich in allen wichtigen Regierungsangelegen⸗ heiten, auch in der Politik, ſehr bemerkbar machte, ſie war die Schweſter der Erzherzogin Sophie von Oeſter⸗ reich und der Königin von Sachſen; in vielen Perioden preußiſcher Geſchichte ward dieſe Verwandtſchaft ebenſo erkennbar, als ihre Einwirkung auf innere Verhältniſſe. Beſonders hoch ſtand in ihrer Gunſt der Miniſter Uhden. Ganz das Gegenſpiel dieſes königlichen Paares was das fürſtliche des Prinzen von Preußen und ſei⸗ ner Gemahlin. Der Erſtere Soldat durch und durch, ritterlich beide, nichts weniger als phantaſtiſch, mochte dem Idealen ſeines Bruders wenig vertrauen und ein ſcharfer Contraſt der Anſichten mußte zwiſchen ihnen ſpäter zu einer Zeit entſtehen, wo es galt, mit Kraft die Würde der Krone und ſpäter noch, die Ehre Preu⸗ ßens zu wahren. Geradezu fremdartige Elemente einander gegenüber aber waren die Königin und die Prinzeſſin von Preußen. Die Letztere war ſehr ſchön, geiſtvoll und hochgebildet, noch nie, erzählt Sternberg — v“ 32 in ſeinen Memoiren, ſah ich eine Erſcheinung, die in dem Grade alles vereinigt, was die Romantik und Würde ihrer Stellung mit ſich bringt, als dieſe Frau. Sie allein iſt's, die an dieſem Hofe weiß, was repräſen⸗ tiren heißt. Es iſt unmöglich, ſie zu überſehen. Ihr Erſcheinen im Saal iſt jedesmal ein Verdunkeln aller übrigen Fürſtlichkeiten. Wie ſie das anfängt, das iſt ihr Geheimniß. Die Natur hat ihr Vorſchub geleiſtet, aber die Kunſt iſt nicht zurückgeblieben und ſo ſoll es auch ſein. Die äußere Erſcheinung und Kundgebung thut bei Perſonen in dieſer Stellung unendlich viel, es iſt ihnen nicht erlaubt, die einfachen und natürlichen Formen des Privatlebens anzunehmen. Das Portrait, das Winterhalter von ihr gefertigt, zeigt ſie in ihrer ganzen Eigenthümlichkeit: ſtolz⸗graziös, klug. Ihre Toilette iſt immer geſchmackvoll, niemals ſchimmernd und ſie weiß immer die Farben zu finden, die zu dem Emſemble ihrer ganzen Erſcheinung paſſen. Die Körperhaltung, die ſie annimmt, iſt eine ruhige, nicht kühle, die Wendungen ihres Kopfes bilden ſchöne Linien mit Hals und Schultern, überhaupt iſt ihre Büſte von einer antiken Schönheit. Wenn ſie freundlich ſich kundgeben will, deſſen ganzes Intereſſe ruft ſie durch ein bezauberndes Lächeln wach, doch fehlen ihr, wenn ſie will, die ſcharfen Worte und die ſcharfen Blicke 33 nicht. Energiſch in ihrem Wollen und Begehren, weiß ſie ihren Weg ſicher zu verfolgen, wenn ſie auch ſchein⸗ bar klug ausweicht und nachgibt. Ihre Gunſt zu be⸗ ſitzen muß ein Glück ſein. Wenn dieſes ſchöne Haupt dereinſt eine Krone trägt, wirds ſchwer ſein, ſich von dem Glanz dieſes Diadems zu flüchten, ſeine Strahlen werden erwärmend ſelbſt auf die Stirn des finſterſten Fürſtenhaſſers fallen. Ich ward zu einigen Empfangsabenden bei Hofe beſchieden. Ich befand mich einige Abende mit Tieck zuſammen in einem nur kleinen Kreiſe, wo ich den König mit großer Geläufigkeit faſt allein das Wort führen hörte, mit ſeltener Grazie des Vortrags. Tieck ſtand gebückt und mit ſeinen großen geiſtvollen Augen aufmerkſam aufſchauend im Kreiſe der Männer, die ihn Alle körperlich, keiner aber geiſtig überragten. Be⸗ ſonders nach der Tafel, die Kaffeetaſſe in der Hand, wußte ſich der König, hin⸗ und hergehend, mit Ruhe und Behaglichkeit auszuſprechen. Echt Berliner Witze kamen nicht ſelten vor und der damals beliebte Ecken⸗ ſteher Nante, der Großpapa des jetzigen Kladderadatſch, mußte es dulden, daß der fürſtliche Plagiator oft ganze Stellen aus ſeiner claſſiſchen Spottchronik her⸗ ſagte, ohne ſeine Quelle zu nennen. Tieck, der alte Phantaſus lächelte dann, ds wollte Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. er ſagen: Ich habe es mir zu meiner Zeit etwas ſchwerer gemacht, witzig zu ſein. Nie hab' ich bei ſol⸗ chen Gelegenheiten Tieck das Wort ergreifen hören. Er, der ſo laut zu donnern verſtand, wenn er bemerkte, daß irgend ein Unglücklicher bei ſeinen Vorleſungen in Schlummer überzugehen drohte, hier begnügte er ſich zuzuhören oder mit ſeinem Nachbar zu lispeln. Auch geſchah Tieck öfter etwas, was er nicht vertragen konnte, nämlich der König unterbrach ihn, wenn er las und zwar unterbrach er ihn, um irgend etwas bald Dieſem oder Jenem zuzurufen oder eine Frage zu thun. Es war nun aber der König und Tieck war an dieſe Sorte Zuhörer nicht gewöhnt. Gewöhnlich, wenn ein ſoge⸗ nannter kleiner Familienkreis bei Hofe war, ſaß der König und zeichnete, Tieck las, die Damen machten Tapiſſerie und die Herren ſahen heimlich nach der Uhr, um zu forſchen, ob das Souper nicht bald käme. Die Vorliebe für dergleichen Familienabende be⸗ wahrte der König bis in ſeine letzten Jahre, er ſaß dann, am liebſten in Charlottenburg, beim Schein meh⸗ rerer Oellampen mit Lichtſchirmen, in offenem Mili⸗ tair⸗Ueberrocke ohne Epauletten, beſah Kunſtwerke, zeich⸗ nete, plauderte dabei und ließ ſich von Herrn v. Nie⸗ buhr die Zeitungen in Excerpt vorleſen. Das Souper war dann höchſt einfach und wurde dazu ein Stroh⸗ 35 gedeck gelegt, es wurde der Wein nur gläſerweiſe prä⸗ ſentirt und das Eſſen ging raſch weiter. Ueberhaupt war der König mäßig, er trank zwar ſehr viel, aber den Wein, ſogar den Champagner nur mit Waſſer gemiſcht. Der König liebte, im Gegenſatze zu ſeinem Vater, die Pracht, er gab glänzende Feſte und an dem Hofe, wo ſonſt ein ſteifes Ceremoniell geherrſcht, ſah man Gelehrte, Künſtler, Dichter. Das Herz floß ihm über, wenn er vom Throne ſprach und mit fieberhafter Un⸗ geduld durchſtöberte ſein Geiſt das tauſendgliedrige Fachwerk des Staates, um überall zu beſſern und zu helfen und zu ordnen. Es war als brauche der König keinen Schlaf, ſo ſtürmiſch folgten die neuen Verord⸗ nungen auf einander. Der König war eben zu viel⸗ ſeitig, um einſeitig helfen zu können. „Der König“, ſchrieb Humboldt damals,„thut was er gerade will, was aus ſeinen frühbefeſtigten Vor⸗ ſtellungen ſich entwickelt. Er hat nichts aufgegeben von ſeinen bisherigen Vorhaben und kann jeden Augenblick neue Verſuche darin machen, in Be⸗ treff der Juden, der Sonntagsfeier, der engliſchen Bi⸗ ſchofsweihe, der neuen Adelseinrichtungen. Er ſagt Pläne, als ſollte er hundert Jahre alt werden, denkt an ungeheure Bauten, Gartenanlagen, Kunſtausfüh⸗ 3* 36 rungen, auch an Reiſen, ein Beſuch in Athen iſt ſchon oft zur Sprache gekommen, im Hintergrunde ſchlum⸗ mert gewiß eine Wallfahrt nach Jeruſalem! Napoleo⸗ niſche Friedenszüge nach London, St. Petersburg, in den Orient, eroberte Gelehrte und Künſtler anſtatt Länder! Kunſt und Phantaſie auf dem Throne, fana⸗ tiſche Gaukelei umher und heuchleriſcher Mißbrauch in Spielereien! Dabei der Menſch wahrhaft geiſtreich, wahrhaft liebenswürdig, vom beſten Willen beſeelt. Was ſoll aus dieſen Dingen noch werden!“ Ein andermal ſchrieb Humboldt:„es ſei am Ende noch zu befürchten, daß die Pfaffen ſein munteres Naturell doch unterkriegten“. Bei der Aufnahme des Juden Ruß in die Aca⸗ demie fragte der König Humboldt:„Ich hoffe doch nicht, daß Ihr Bruder die Dummheit begangen und in die Statuten geſetzt hat, daß kein Jude in die Academie dürfe“. Trotz dieſer Toleranz griff der Pietismus bei Hofe immer mehr um ſich. Der General Leopold von Gerlach, erzählt Humboldt, fragte mich neckend:„Ew. Excellenz gehen jetzt wohl recht oft in die Kirche?“ Ich antwortete:„das„Jetzt“ iſt ſehr freundlich von Ihnen, Sie wollen mir dadurch den Weg anzeigen, auf dem ich Carrière machen könnte“. 37 Dem Könige antwortete Humboldt eines Tages in ähnlicher Weiſe. Er nannte im Geſpräch mehrmals den Miniſter des Cultus. „Sie irren“, rief ihm der König zu,„Sie verwech⸗ ſeln hier zwei verſchiedene Miniſter, hier handelte nicht der Miniſter des Cultus, ſondern der Miniſter der Aufklärung, der iſt ein Anderer als der des Cultus.“ Man ſprach von ruſſiſchen Verhältniſſen. Hum⸗ boldt ließ ſich durch den Einwand nicht ſtören; ruhig ſagte er: „Alſo nicht der Miniſter des Cultus, ſondern der des Gegentheils“. Derſelbe Monarch, der gern mit Humboldt ver⸗ kehrte, war befreundet mit Herrn v. Bunſen, der die Kunſt als Dienerin der Religion benutzte und mit Herrn v. Radowitz. Ueber dieſen Mann lag ein ge⸗ heimnißvoller Schleier gebreitet, ſowohl über ſeine per⸗ ſönlichen Schickſale als über den eigentlichen Charakter der Freundſchaft, mit der ihn der König beehrte. Herr v. Radowitz war ein wiſſenſchaftlich hochge⸗ bildeter, ja gelehrter Offizier und hatte in Kaſſel bis Beilegung der Zerwürfniſſe zwiſchen dem Kurfürſten und ſeiner Gemahlin, der Schweſter Friedrich Wilhelm III., ſich die Anerkennung des Hofes verſchafft. Bekanntlich hatte der Kurfürſt einem Subalternbeamten ſeine Frau —— 38 abgekauft und dieſe als ſeine Gemahlin zur Gräfin von Hanau erhoben, die preußiſche Prinzeſſin jedoch verſtoßen wollen. Herr v. Radowitz aber war Katholik, fana⸗ tiſcher Katholik, was wollte dieſe ſtolze eherne Geſtalt mit den ſtarren Augen, den eingekniffenen Lippen daher neben dem Schutzherren evangeliſcher Chriſtenheit! Herr v. Arnim, den der König an die Stelle Rochows ſetzte, war auch ein chriſtlicher Romantiker. In den Freiheitskriegen verwundet, kam er ohne Staats⸗ examen in die diplomatiſche Carrière, er war Legations⸗ ſecretair in Neapel, als der Kronprinz Italien be⸗ ſuchte und gab ihm dort ein ſchönes Feſt auf dem Veſuv. Beide befreundeten ſich. Familienunglück machte den Baron Arnim pietiſtiſch, ſchon während ſeines Aufenthalts in Neapel hatte er auf der Inſel Capri den bekannten Sohn der Thereſe Huber zum Proteſtantismus bekehrt. Unter dem Namen„Arm⸗ burg“ von Radowitz in die kronprinzliche Geſellſchaft der Wilhelmsſtraße eingeführt, vertrat er die ariſtokra⸗ tiſch⸗ religiös⸗legitime Richtung in Preußen, er war der Empfehler Haſſenpflugs, er gab 1848 den Rath zum Zurückziehen der Truppen, empfahl den Kaiſerritt. Der däniſche Prinz Bismark⸗Schönhauſen ſagte da⸗ mals„er könne dem Phaötonfluge der preußiſchen Politik nicht mehr folgen“. —— Herr von Arnim war ſehr reich, er war bereits Oberpräſident der Provinz Poſen geweſen, aber noch nicht vierzig Jahre alt, als er ſchon Miniſter wurde, er brachte engliſche Sympathieen ins Cabinet. Der pietiſtiſche Juſtizrath von Gerlach erhielt Auf⸗ trag, in den Rheinprovinzen das Juſtizweſen zu prüfen!—— Drittes Kapitel. Licht und Schatten. Die mit ſchwärmeriſchem Vertrauen auf ſeine Machtvollkommenheiten gegebenen Reformen des Königs mußten, da ſie mit dem ganzen bureaukratiſchen Sy⸗ ſtem der alten Staatsmaſchine nicht harmonirten, wieder fallen gelaſſen werden, es fehlten die Menſchen, ſie auszuführen; der König machte immer neue, ver⸗ gebliche Verſuche, aber es geſchah nichts, ſogar die Provinzial⸗Stände, deren Befugniſſe der König erwei⸗ tern wollte, wurden von der öffentlichen Meinung ver⸗ urtheilt. Es bildete ſich im Volke der Glaube— der ſpä⸗ ter für den König ſo verhängnißvoll werden ſollte, die Perſönlichkeit des Königs ſei den Freiheitsbeſtre⸗ bungen, den Hoffnungen der Liberalen günſtig, bei 41 Hofe wie im Lande bildete ſich aber gleichzeitig eine Oppoſition, welche in der Neuerungsſucht des Königs Gefahren für Thron und Dynaſtie erblickte und den König beſchuldigte, durch ſeine glänzenden Verheißun⸗ gen in poetiſch⸗ſchwunghaften Reden die Unzufrieden⸗ heit des Bolkes mit der Regierung zu nähren, dema⸗ gogiſche Beſtrebungen zu ermuntern. Der König ward von Niemand begriffen, überall mißverſtanden, und er ſelber litt Tantalusqualen; raſt⸗ los bemüht, ſeine völkerbeglückenden Ideen auszufüh⸗ ren, ſtieß er überall auf Hinderniſſe, fand er überall Mißlingen und Undank. Weil er allen Parteien dienen und gerecht werden wollte, genügte er keiner und die Königin war es vielleicht allein, die ihren Gemahl in trüben Stunden zu tröſten, und die Bitterkeit gereizter Laune zu beſchwichtigen verſtand. Der königliche Herr ſtrebte wie jeder Künſtler nach Anerkennung, dieſe ward ihm nicht, man forderte mehr und das reizte ſeine ungeſtüme choleriſch⸗ſangui⸗ niſche Natur. Die Stadt Breslau hatte die Einrichtung allge⸗ meiner Reichsſtände beim Provinziallandtag beantragt, die Stadt ſiel deßhalb in Ungnade und als der König Schleſien beſuchte, verbat er ſich jede feierliche Einho⸗ lung, jedes Feſt von Seiten der Stadt. 42 In loyaler aber feſter Sprache erklärten die Bres⸗ lauer Stadtbehörden Proteſt gegen den Zorn des Kö⸗ nigs, rechtfertigten die Gründe, die ſie zu ihrem Schritt bewogen, der ihnen die Ungnade des Königs zugezo⸗ gen. Der König antwortete, daß da, wo er ſich ein⸗ mal deutlich ausgeſprochen, es ihnen nicht gezieme, eine andere Meinung zu äußern. Schleſien feierte das Jubiläum ſeiner Vereinigung mit Preußen, das königliche Paar erſchien in Bres⸗ lau, ward mit ungeheurem Jubel empfangen, aber un⸗ geheuer ward die Verſtimmung, als der König dem Magiſtrat ziemlich heftig ſagte, er könne die politiſchen Inſtitutionen beſſer beurtheilen, keine Macht der Erde werde ihn zwingen können, gegen ſeine Ueberzeugung zu handeln. Und als wolle der König der Stadt ſeine Un⸗ gnade noch deutlicher und ſchroffer zeigen, entzog er ſich plötzlich allen patriotiſchen Feſtlichkeiten, um nach Warſchau zu eilen und dort den Zaren, den Mann, den man als den bitterſten Feind aller freien Entwicke⸗ lung des Völkerlebens kannte, zu begrüßen. Stumm, bedonnert hatten die Väter der Stadt Breslau dageſtanden, als grell und herriſch die ſonſt ſo klangvolle, bezaubernde Stimme des Königs zu 43 ihnen geſprochen, mit keiner Silbe erwähnte der Kö⸗ nig in den Dankesworten an Schleſien ſeines Em⸗ pfanges in Breslau. Die zweite Stadt des Reiches ward nach kurzem Beſuch verlaſſen, um dem ruſſiſchen Zar ein Compliment zu machen! Noch war die Erinnerung friſch an die Zeiten, wo ruſſiſcher und öſterreichiſcher Einfluß die Dema⸗ gogenhetzen veranſtaltet, wo man die Männer einge⸗ ſperrt, mit deren Namen das Volk die Flammen der Begeiſterung zu den Freiheitskriegen verband, noch dachte man an das Luſtlager zu Kaliſch, wo die Her⸗ ren Offiziere ſich Stanisläuſe, die Soldaten nur Läuſe geholt, und als jetzt der General von Berg dem Kö⸗ nige an dem Denkmal zu Kaliſch die Inſchriften er⸗ klärte und las:„Der Allmächtige wolle ſegnen die Allianz und Freundſchaft zwiſchen Rußland und Preu⸗ ßen, zum Frieden und Gedeihen beider Nationen und zum Schrecken ihrer gemeinſamen Feinde“, als da der König mit dem Finger ein„Amen“ in den Sand gemalt— da fragte man ſich, ob man ſich nicht ſehr geirrt in dieſem Fürſten, wenn man gehofft, ein neues Leben werde unter ihm erwachen. Gleich darauf reiſte der König nach München, die erzbiſchöflichen Streitfragen definitiv beizulegen. Der König that dies durch große Nachgiebigkeit, die 44 Regierung nahm jede Gelegenheit wahr, ſich die katho⸗ liſche Partei zu verbinden, ſelbſt auf die Gefahr hin, die eigenen Freunde damit zu verletzen. Rom beutete natürlich den Sieg aus, den es in dieſem Streite ge⸗ wonnen. Friedrich Wilhelm III. hatte die widerſpen⸗ ſtigen Biſchöfe eingeſperrt, Friedrich Wilhelm ließ ſie frei und bewilligte die anmaßenden Forderungen Roms, der Biſchof Herr von Droſte kehrte im Triumphzuge zurück, man ſchenkte ihm ein 50 bis 60,000 Gulden theures Crucifix, behandelte ihn wie einen Heiligen, ſechshundert Fackelträger begrüßten ihn in Münſter mit der geſammten Geiſtlichkeit und aus mehr als zehntauſend Kehlen erklang es: Gott erhalte Clemens Auguſt, unſerer Kirche Ruhm und Stolz. Die Dom⸗ capitel traten immer anmaßender auf, der Biſchof von Poſen Dunin ernannte einen von der Regierung wegen Renitenz ſuspendirten Offizial zum Weihbiſchof von Gneſten. Nach einem ſolchen Rückzuge der preußi⸗ ſchen Regierung erſchien der Streit als unnütz herauf⸗ beſchworen und es bereiteten ſich natürlich bei der Herrſchſucht Roms neue Kämpfe vor. Der König begab ſich nach England und kaum zurückgekehrt, beſchloß er eine Reiſe nach St. Peters⸗ burg, als wolle er den günſtigen Eindruck verwiſchen, den die Annäherung an England gemacht.„Wir dür⸗ — 45 fen nicht vergeſſen“, ſagte er,„welchen Dank Preußen Rußland ſchuldet. Der Kaiſer von Rußland iſt nicht allein ein Verwandter, er iſt auch der innigſte und beſte Freund, den ich habe, er iſt ein wahrer Freund Preußens.“ Man hoffte, das Ziel dieſer Reiſe werde wenig⸗ ſtens die Aufhebung der Cartell⸗Convention ſein, der ſchmählichen Verpflichtung Preußens, ruſſiſche Deſer⸗ teure zurückzuliefern, man hoffte, es werde eine Er⸗ leichterung der ruſſiſchen Grenzſperre eintreten, durch welche Oſtpreußen und Schleſien immer mehr verarm⸗ ten. Herr von Schön erklärte in einer Denfkſchrift, daß dieſe Grenzſperre die Sicherheit des Staates durch die Exceſſe und Kämpfe zwiſchen Schmugglern und Militair gefährde, und ſchilderte die grauſamen Mar⸗ tern, mit denen Rußland zurückgelieferte Deſerteurs empfange, daß man ſie entweder erſchieße oder zu Tode knute, man dürfe unſere Bauern und Gensdarmen nicht zu einer ſolchen Menſchenhetze verpflichten. Die Königsberger Kaufmannſchaft erklärte, ſie wolle lieber verarmen, als durch das Blutgeld ſolchen Cartellver⸗ trages ſich bereichern. Die Regierung antwortete, noch ehe der König abreiſte, auf dieſe Eingabe,„man werde für den Nutzen des Landes ſorgen, aber Fragen, welche in die Poli⸗ 46 tik hinüber ſpielten, lagen außerhalb des Geſichtskrei⸗ ſes der Unterthanen.“ Da hatte man alſo wieder die Zurechtweiſung an den beſchränkten Unterthanenverſtand— was hatte ſich gebeſſert?! Der König trat ſeine Reiſe an, deren äußerer Zweck die Beiwohnung der ſilbernen Hochzeitsfeier ſei⸗ ner Schweſter, der Zarin, ſein ſollte. Er ward in Poſen und Danzig mit ungeheurem Jubel empfangen; im Hafen letzterer Stadt beſtieg er die ruſſiſche Dampf⸗ fregatte Kamtſchatka— Preußen hatte noch keine Kriegs⸗ ſchiffe— und nach einer überaus ſtürmiſchen Ueberfahrt — ein böſes Omen— erreichte er die Stadt der Za⸗ ren. Man empfing den König mit großer Pracht, aber Alles, was er erreichte, war, daß man preußiſche Unterthanen, welche wegen Zollvergehen zur Deporta⸗ tion nach Sibirien verurtheilt worden und die keinen Schutz bei der preußiſchen Geſandtſchaft in Petersburg gefunden, begnadigte, auch traten einige unbedeutende Handelsvergünſtigungen ein. Mitten in den Glanz der Petersburger Hoffeſte ſchlug die Nachricht vom plötzlichen Tode des Preußen ſo freundſchaftlich geſinnten Herzogs von Orleans wie ein Blitz ein und zeigte, daß alle menſchliche Größe raſch vergänglich, daß jede Berechnung der Zukunft 47 trügeriſch. Frankreich war noch immer ein Krater der Revolution, der Erbe des Königs hatte den Hals ge⸗ brochen. Ganz Europa fühlte die ſchwere Bedeutung dieſes Unglücksfalles, der ja auch die Dauerhaftigkeit des Weltfriedens in Frage ſtellte. Der König reiſte zu Lande nach der Heimath zu⸗ rück und zum erſten Male ſeit der Huldigung, wo er von den thränenreichen Wegen der Könige geſprochen, betrat er wieder Königsberg, die Stadt Kants und der reinen Vernunft. Die liberale Oppoſition hatte hier ihren vorzüglichſten Heerd, die Univerſität hatte gegen die vom Miniſter Eichhorn ihr aufgedrungene Berufung von Gelehrten, beſonders des Profeſſor Eivernick energiſch proteſtirt, die Studenten hatten ſich dem angeſchloſſen und war es auch bei den Er⸗ nennungen des Miniſters geblieben, ſo hatte Niemand die Vorleſungen beſucht und Demonſtrationen und Exceſſe aller Art hatten ſtattgefunden. Civernick war beſonders verrufen als pietiſtiſcher Denunciant verdienſtvoller Männer. Der König gewährte der Deputation der Univer⸗ ſität eine Audienz und ſagte, er habe ihre Beſchwerde erhalten, dieſe ſei nicht nur eine Beſchwerde über Eiver⸗ nick, ſondern auch über ihn ſelber, den König, dem er habe Eichhorns Berufung deſſelben gebilligt. Der Miniſter Eichhorn aber ſei ein„Ehrenmann“, ſo ſehr ihn auch das junge Deutſchland für einen Mucker und Pietiſten verſchreie.„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, er iſt ein Ehrenmann und was er verfügt., hat ganz und gar meinen Beifall. Die Sache mit Eivernick habe ich unterſuchen laſſen. Er hat vor fünfzehn Jah⸗ ren gegen irrreligiöſe Profeſſoren ſich beſchwert, die Sache ſteht nicht ſo, wie Sie glauben, ſtände ſie aber ſo, wer von uns, meine Herren, kann in ſeine Jugend⸗ zeit zurückblicken, ohne ähnliche Verſtöße, vielleicht noch größere zu finden? Man deutet in der Beſchwerde an, der Profeſſor ſei dem evangeliſchen Glauben zu ſehr zugethan. Ich muß Ihnen aber ſagen, meine Herren, daß ich dieſem Glauben ganz und gar zuge⸗ than bin, Ich bin durch viele Irrſale in dieſem Leben gegangen und dennoch zu dieſem Glauben wieder zu⸗ rückgekehrt, fühle Mich glücklich darin und ſtolz und ſo lange Ich das Heft der Regierung in meiner Hand halte, werde Ich dieſen Glauben mit meiner ganzen Macht zu ſchützen wiſſen.“ Der König bemerkte hierauf, die Unterſuchung der Exceſſe ſei nur zum Scheine geſchehen.„Uebrigens“, ſchloß er in erregtem Tone,„verdrießt mich die Sache ſo, daß Ich das Rectorat dieſer Univerſität ſicher nie⸗ 49 dergelegt hätte, wenn mich nicht noch ſo manche ange⸗ nehme Erinnerung aus Meiner Jugendzeit— denn auch Ich habe hier einige Collegia gehört— an die Univer⸗ ſität knüpften. Jetzt habe Ich geſprochen, nun reden Sie.“ Man war angedonnert und ſchwieg. Man er⸗ ſtaunte über die Großmuth des Königs, der ſich zum Schilde für Herrn Eichhorn machte, es war das Schwei⸗ gen an Gräbern von Hoffnungen. Herr Eichhorn aber reiſte kurz darauf nach Bres⸗ lau und ſagte zu den dortigen Jeſuiten: Er freue ſich, den Klerus der Stadt Breslau zu ſehen, der katholiſche Klerus ſei ausgezeichnet durch den Eifer und die Liebe, mit welcher er ſich der Schule und Kirche annehme und hoffe der Miniſter, daß der Klerus ſo fortfahren werde. Gleich darauf empfing er die theologiſch⸗evan⸗ geliſche Facultät der Univerſität und ſagte, es ſei durch Uebelwollende die Meinung verbreitet, er wolle die Lehrfreiheit willkürlich beſchränken. Das ſei nicht des Königs, nicht ſeine Abſicht, freilich fordere man, daß das wirkliche Chriſtenthum gelehrt werde und man ſich aller vom ſchriftgemäßen Chriſtenthum abführender Theorien enthalte. Viele gingen im Begriffe der Lehr⸗ freiheit zu weit, Lehrer der Theologie dürften nur Männer ſein, welche das Poſitive im Chriſtenthum feſthielten. Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 4 50 Was dies Poſitive ſei, erfuhren die Profeſſoren nicht, ebenſo wenig, was der Miniſter für grundloſe und was er für begründete Theorien halte, man konnte das freilich bald erkennen, als er anordnete, daß nur fromme Candidaten Lehrämter in Schulen er⸗ halten ſollten, als Herr von Hengſtenberg die Leitung der theologiſchen Prüfungen erhielt! Wenige Wochen ſpäter, nachdem man ihn in Kö⸗ nigsberg geſehen, war der König mit ſeiner Gemahlin am Rhein. Man hatte beſchloſſen, die Grundſteinle⸗ gung zum Umbau des Domes durch ein nationales Feſt zu feiern, alle deutſchen Fürſten waren dazu ein⸗ geladen und Friedrich Wilhelm IV., der mit Vergnü⸗ gen an eine Reiſe in die Rheinprovinzen, wo er ſtets populär geweſen, dachte, ſchrieb an den Vorſtand des Dombau⸗Vereins, die Einladung annehmend:„Möge es dem Verein gelingen, die Flammen der Begeiſte⸗ rung, welche ihn beſeelt, weit und breit in den Gauen des deutſchen Vaterlandes nicht nur zu vorübergehen⸗ dem Auflodern anzufachen, ſondern dauernd zu näh⸗ ren, damit das erhabene Werk gedeihe und ſich vol⸗ lende, einer großen Vorzeit würdig, der Gegenwart zum Ruhme und der Nachwelt zum bleibenden Vor⸗ bild deutſchen Kunſtſinnes wie deutſcher Frömmigkeit, Eintracht und Thatkraft.“ 51 Man hatte zu Trier einen ungenähten, gewirkten Rock ausgeſtellt, dem man nachſagte, Chriſtus habe ihn auf dem Wege zum Kreuze getragen und er verrichte Wunder— 1,140,000 Menſchen wallfahrteten nach Trier und jetzt— kurz nachher, ſollte die Einweihung eines katholiſchen Domes ein Nationalfeſt für Deutſch⸗ land werden!. Der Domplatz zu Münſter war in einen Blumen⸗ garten verwandelt, als das Königspaar dort eintraf, die Königin legte dort den Grundſtein zu einem Spital. Aller Orten war der Empfang glänzend und voller Begeiſterung, überall hielt der König prächtige Reden, die ſich wie ein goldgeſticktes Band durch dieſe Reiſe ziehen. Im glänzenden Heerlager von Grimmlings⸗ hauſen erſchien die preußiſche Armee im Schmuck der neuen Helme und Waffenröcke, die Gamaſche und mit ihr die alte Zeit ſchienen verſchwunden, der König än⸗ derte, beſſerte Alles. Das alte heilige Köln hatte ſich glänzend zum Feſſte geſchmückt, unter Glockengeläute und Kanonendon⸗ ner erſchien der König, nahm aus des Erzbiſchofs Händen den Hammer und die Kelle, ſtieg zum Grund⸗ ſtein nieder und plötzlich erfolgte, unerwartet, eine jener Scenen, die der König ſo bewunderungswürdig herbei⸗ zuführen verſtand, die ihm den ſtürmiſchen Jubel der 4*. Begeiſterung verſchafften, Jeden bezauberten, Jedem, der ſie erlebt, unvergeßlich geblieben ſind. Mit lauter, weithin tönender Stimme, ſo mächtig und klangvoll wie damals bei der Huldigung zu Kö⸗ nigsberg, rief er: „Ich ergreife dieſen Augenblick, um die lieben Gäſte herzlich willkommen zu heißen, die als Mitglie⸗ der der vielen Dombau⸗Vereine aus unſerem und dem ganzen deutſchen Lande hier zuſammen gekommen ſind, dieſen Tag zu verherrlichen.“ „Meine Herren von Köln. Es begiebt ſich Großes unter ihnen. Dies iſt, Sie fühlen es, kein gewöhn⸗ licher Dombau. Es iſt das Werk des Bruderſinnes aller Deutſchen, aller Bekenntniſſe. Wenn ich das be⸗ denke, ſo füllen ſich meine Augen mit Wonnethränen und ich danke Gott, dieſen Tag zu erleben.“ „Hier, wo der Grundſtein liegt, dort mit jenen Thürmen zugleich ſollen ſich die ſchönſten Thore der Welt erheben. Deutſchland baut ſie— ſo mögen ſie für Deutſchland durch Gottes Gnade Thore einer neuen, großen, guten Zeit werden! Alles Arge, Un⸗ ächte, Unwahre und darum Undeutſche bleibe fern von ihnen! Nie finde dieſen Weg der Ehre das ehrloſe Untergraben der Einigkeit deutſcher Fürſten und Völker, das Rütteln an dem Frieden der Confeſſionen und der —— 53 Stände, nie ziehe jemals wieder der Geiſt hier ein, der einſt den Bau dieſes Gotteshauſes, ja, den des Vaterlandes hemmte!“ „Der Geiſt, der dieſe Thore baut, iſt derſelbe, der vor neunundzwanzig Jahren unſere Ketten brach, die Schmach des Vaterlandes, die Entfremdung dieſer Ufer abwandte, derſelbe Geiſt, der, gleichſam befruchtet von dem Segen des Vaters, des letzten der drei großen Fürſten, vor zwei Jahren der Welt zeigte, daß er in ungeſchwächter Jugendkraft da ſei. Es iſt der Geiſt deutſcher Einigkeit und Kraft. Ihm mögen die Kölner Dompforten Thore des herrlichſten Triumphes werden! Er baue! Er vollende! Und das große Werk verkünde den ſpäteſten Geſchlechtern von einem durch die Einig⸗ keit ſeiner Fürſten und Völker großen, mächtigen, ja, den Frieden der Welt unblutig erzwingenden Deutſch⸗ land!— von einem, durch die Herrlichkeit des großen Vaterlandes und durch eigenes Gedeihen glücklichen Preußen, von dem Bruderſinn verſchiedener Bekenntniſſe, der inne geworden, daß ſie Eines ſind in dem einigen göttlichen Haupte! Der Dom von Köln, das bitte ich Gott— rage über dieſe Stadt, rage über Deutſchland, über Zeiten, reich an Menſchenfrieden, reich an Got⸗ tesfrieden, bis an das Ende der Tage!“ „Meine Herren von Köln! Ihre Stadt iſt durch 54 dieſen Bau hoch bevorrechtet vor allen Städten Deutſch⸗ lands und ſie ſelbſt hat dies auf das Würdigſte an⸗ erkannt. Heute gebührt ihr das Selbſtlob. Rufen Sie mit mir und unter dieſem Rufe will ich die Hammer⸗ ſchläge auf den Grundſtein thun— rufen Sie mit mir das tauſendjährige Lob der Stadt: Alanf Köln!“ Man denke ſich die Scene— ſchreibt Prutz— der weite Platz wimmelnd von Tauſenden von Köpfen, zwiſchen den Glanz der Uniformen und der Pracht des prieſterlichen Ornats unzählige Flaggen, Wimpel, Kränze, rings umher die prächtig verzierten Eſtraden und Tribünen, angefüllt zum großen Theil mit einem glänzenden Damenflor, in der Mitte hochragend der ehrwürdige Dom, gleichſam aus jahrhundertlangem Schlafe zu neuem Leben erwacht, der Krahn, der ſo lange eingeroſtet geweſen, ſich zum erſten Male wieder bewegend und unter Glockengeläute und Kanonendonner den erſten blumengeſchmückten Bauſtein wieder in die Höhe ziehend, dazu aus der Entfernung die Fluth des alten Rheins herüberſchimmernd und über dies Alles der reinſte, heiterſte Sonnenhimmel ſich wölbend, und in der That, es war eine großartige Bühne, werth eines ſo unerwarteten und ergreifenden Ereigniſſes, wie dieſe königliche Rede es war. Der König verſtand es, Begeiſterung zu ent⸗ 55 flammen, Hoffnungen zu erwecken. Er verſprach die Einigkeit deutſcher Fürſten und Völker, ein einiges Deutſchland mit religiöſem und politiſchen Frieden, er ergriff damit das Banner der Ideen, welche die deut⸗ ſchen Patrioten entflammten, er, ein König, mußte da nicht Jeder ahnend hoffen, eine neue, große Zeit werde beginnen?. Aber Viele ſchüttelten auch wohl bedenklich die Köpfe. Wie viele begeiſternde Hoffnungen hatte der Kö⸗ nig ſchon angeregt mit ſeinen Reden und Toaſten und was hatte ſich gebeſſert, was war anders geworden? Wahrlich— der König entzündete, ohne es zu wollen, Begeiſterung für Ideen, die er ſelber nach ſeinem Ermeſſen dann geſtalten wollte und ſein Zorn traf die, welche ſelber die Hand an das Werk legen wollten, zu dem er ſie begeiſtert. Er riß hin, er be⸗ zauberte, aber ſeine Regierung legte dann den Ideen die Zwangsjacke eines knappen Wamſes an und wohl kann man ſagen, viele Enttäuſchungen wären dem Volke erſpart geblieben, viele Bitterkeiten dem Könige, hätte er nicht dieſe Gabe der Rede gehabt. Machte doch der Berliner Witz ſchon aus den Worten des Königs bei der Huldigung,„das gelobe und ſchwöre ich, daß ich das halten werde“, die ſchnöde Verdrehung: „das glaube ich ſchwerlich, daß ich das halten werde.“ 56 Der König war eben Poet, die Phantaſie riß ihn hin. Wohlweislich hatte Oeſterreich zu dem Feſte den nüchternen Erzherzog Johann geſchickt, man wollte ſich von dem königlichen Redner nicht imponiren laſſen. Ein prächtiges Feuerwerk erleuchtete Abends den Rhein und den Dom in zauberhaftem Glanze, wie ein Feenbild erſchien das ſchöne Land am Rhein. Beim Feſtmahl ſagte der König, ihm ſei die Freude geworden, ſeinen erlauchten Gaſt, Erzherzog Jo⸗ hann, in den Farben des Erzhauſes, an der Spitze eines preußiſchen Regiments zu begrüßen, in den ur⸗ alten Farben Habsburgs, die ihren Urſprung nehmen von den Willen von Acre. Der Name des hohen Gaſtes weht uns an, wie die Bergluft der Hochalpen. Der Erzherzog antwortete:„Der Kaiſer, ſein Herr, habe ihn hergeſandt in dieſes Land. Daß des Königs von Preußen Majeſtät ihm ein Regiment zu verleihen geruht, ſei ihm eine große Freude geweſen, denn er ſei dadurch Mitglied eines Heeres geworden, welches in den Zeiten der Noth unerſchütterlich dageſtanden und Großes geleiſtet habe. Vereint haben wir damals den großen Freiheitskampf ſiegreich beſtanden. So lange Preußen und Oeſterreich, ſo lange das ganze übrige Deutſchland, ſo weit die deutſche Zunge reicht, einig ſind, werden wir unerſchütterlich daſtehen. Kein Preußen, 57 kein Oeſterreich! nur ein einiges Deutſchland, feſt und ſtark wie ſeine Berge!“ Dieſer Erzherzog Johann war derſelbe, der einige Jahre ſpäter Reichsverweſer von Deutſchland durch die Revolution werden ſollte und dieſe Rede hatte ihn populär gemacht. Wir haben hiermit eine Schilderung der Situa⸗ tion ſcizzirt, in deren Rahmen unſere Erzählung ſich bewegt, wir mußten es darlegen, wie Zuſtände mög⸗ lich wurden, ähnlich denen, welche wir ausmalen, in einem Lande, wo der Müller von Sansſouci dem großen Könige Friedrich gegenüber ſein Recht durch⸗ geſetzt, wo Bildung, Aufklärung und Rechtsgefühl herrſch⸗ ten und endlich— wo nicht ein Tyrann, nicht ein Menſchenfeind den Thron beſtiegen, ſondern ein Fürſt, der als König das Beſte wollte, als Menſch gerecht und billig dachte. Aber die Geſchichte Friedrich Wilhelm IV. iſt eben die der Contraſte, der bunteſten Wechſelwirkung von Glanz und Elend, Begeiſterung und Enttäuſchung, Schwärmerei und Groll. Der König war ein Chriſt, ein fühlender Menſch, eine gewiß für Elend empfindſame Natur und während er dieſe glänzenden Feſte feierte, coloſſale Prachtbauten ausführte, Kunſtſchätze ankaufte, war es doch möglich, 58 daß in Schleſien unter den Webern die Hungersnoth ausbrach mit allem Schrecken des Menſchenelends. Soll, kann man das ihm zur Laſt legen? Gibt dies nicht wieder den Beweis, daß die Abſichten des wohl⸗ wollendſten Monarchen keinen reellen Werth haben, wenn ſeine Diener doch thun, was ſie wollen? Es gährte im Volke. In den Fabrikbezirken von Bielau und Peters⸗ walde brach ein furchtbarer Aufſtand der Arbeiter aus, der nur mit Militairgewalt unterdrückt werden konnte. Hunger und gänzliche Verwilderung hatten dazu geführt. Nirgends hatte die Entcchriſtlichung tiefere Wurzeln im eigentlichen Volke geſchlagen als hier. Alles ſchau⸗ derte vor dem Elend und vor der thieriſchen Wuth dieſer Menſchen und doch half ihnen Niemand. Nur ein polniſcher Mönch, Brzozowski, der damals durch Oberſchleſien pilgerte und Miſſionspredigten hillt, gab ein großartiges Beiſpiel der Hilfe, indem er die katho⸗ liſche Bevölkerung dahin brachte, dem Branntwein zu entſagen. Mehrere hunderttauſend Menſchen bekehrten ſich dazu und überall verſchwanden die Juden, die Peſt dieſes Landes, weil ihnen die Bauern keinen Branntwein mehr abkauften. Es war entſetzlich, das Elend und die Rohheit zu ſchauen— waren die Segnungen der neuen Regie⸗ rungen zu ſchwach geweſen, bis hieher zu dringen? 59 Und Heinrich Heine ſang das düſtere Lied: „Im düſtern Auge keine Thräne, Wir ſitzen am Webſtuhl und fletſchen die Zähne; Deutſchland, wir weben Dein Leichentuch, Wir weben hinein den dreifachen Fluch: Wir weben, wir weben! „Ein Fluch dem G...., zu dem wir gebeten In Winterskälte und Hungersnöthen; Wir haben vergebens gehofft und geharrt, Er hat uns geäfft, gefoppt und genarrt— Wir weben, wir weben! Ein Fluch dem K...., dem K.... der Reichen, Den unſer Elend nicht konnte erweichen, Der den letzten Groſchen von uns erpreßt Und uns wie Hunde erſchießen läßt. Wir weben, wir weben! „Ein Fluch dem falſchen Vaterlande, Wo nur gedeihen Schmach und Schande, Wo jede Blume früh geknickt, Wo Fäulniß und Moder den Wurm erquickt— Wir weben, wir weben! „Das Schifflein fliegt, der Webſtuhl kracht, Wir weben emſig, Tag und Nacht, Alldeutſchland, wir weben Dein Leichentuch, Wir weben hinein den dreifachen Fluch: Wir weben, wir weben!“ 60 Da waren nun die Frommen am Ruder, die von Gottſeligkeit und Chriſtenthum ſchwatzen und für die armen Negerkinder in Afrika Almoſen ſammeln und mit ungeheuren Koſten junge Prieſter in alle Weltge⸗ genden ſenden, den Heiden ihr Chriſtenthum zu predigen, welches in der Heimath unduldſam und gehäſſig. Da ſorgte die Kirche nicht für die armen Diſtricte Schle⸗ ſiens, da hatten die Seelſorger der Gemeinden nicht dafür geſorgt, den Ausbruch der Hungersnoth zu ver⸗ hindern und doch war die Kirche damals allmächtig, hatte das Ohr eines Königs, der gewißlich geholfen hätte, da ließ die Regierung es ſo weit kommen, daß man Unglückliche niederſchießen mußte, die das Elend zur Verzweiflung, zum Wahnſinn gebracht. Und geſchieht heute nicht faſt das Nämliche von dieſer chriſtlichen Kirche? Die Agitatoren der Social⸗ Demokratie, jene Elenden, die davon leben, daß ſie Arbeiter zu Strikes verführen, die Leute aufſtacheln, immer höheren Lohn zu erpreſſen, weniger zu arbeiten und mehr Lohn zu fordern, wirken dahin, jede Achtung vor dem Geſetz, jede natürliche, geſellſchaftliche Ord⸗ nung zu zerſtören, das Elend ſo weit zu treiben, daß eine Revolution ſie, die Führer der Arbeiter, zeitweilig an die Spitze der Regierung bringt. Sie lehren, daß das erworbene Eigenthum, der erſparte Groſchen des 64 Fleißigen Diebſtahl ſei an dem Faullenzer, ſie mäſten ſich von den Erſparniſſen der Arbeiter, ſie wollen den Umſturz, um die Beſitzenden zu plündern. Und wäh⸗ rend ſolche giftigen, alle Begriffe des Rechts zerſetzen⸗ den, die Vernunft betäubenden Lehren die rohe Menge erregen, ſetzt ſich die Kirche mit dem Staate in Streit, weil der Staat ihr nicht die Macht über die Familien, die Perſonen gönnen darf, die ſie beanſprucht, weil er ihre Unduldſamkeit nicht dulden kann. Und die Prieſter der Kirche, nun man dem Kirchenregiment, ihrer Macht Hemmniſſe in den Weg ſtellt, über Ge⸗ bühr weiter zu greifen, trotzen den Geſetzen, lehren den Gemeinden, die Geſetze zu verachten, der Obrigkeit nicht zu gehorchen! Das iſt der echte Jeſuitismus, er predigt Gehor⸗ ſam gegen den Staat, wo es ihm genehm, und Unge⸗ horſam, wo man ſeinen Intereſſen, nicht denen der Religion, ſondern denen des Kirchenregiments zu nahe tritt. Man ſieht die Abſicht und das Ziel. Die katho⸗ liſche Kirche Roms will ihre Herrſchaft über die Ge⸗ müther behaupten, ſie vertheidigt ihre Exiſtenz— die proteſtantiſche Kirche will neu erkämpfen, was ihr vor⸗ übergehend das Eichhorn'ſche Regiment einräumte— eine Herrſchaft über die Gemeinden durch Kirchenſtra⸗ fen und Kirchenzucht, ſie möchte, wie in der katholi⸗ 62 ſchen Kirche der Papſt ein abſolutes Regiment führt, das Gleiche in der proteſtantiſchen einführen, die Prie⸗ ſterkaſte zur erſten des Staates machen, durch Einfluß auf die Schulen, durch Verweigerung der Trauungen, des Myrthenkranzes, der kirchlichen Begräbnißfeier ꝛc., neben dem ſtaatlichen ein kirchliches Regiment führen, die Menſchen in eine Glaubensjacke zwingen, welche das Kirchenregiment zuſchneidet wie ein Exercier⸗Reg⸗ lement und wo möglich Andersgläubige unter ihre Kriegsartikel bringen. Die Social⸗Demokraten einerſeits, kirchliche Eiferer von der anderen Seite wühlen und wühlen— man ſieht es heute klarer als damals, was die Pietiſten erſtreben, welche Gefahr für alles ſtaatliche Leben, alle ſtaatliche Ordnung in ihrer Anmaßung liegt. Humboldt ſprach damals das Wort: Man muß den Muth einer Meinung haben und dieſes Wort ward das Banner der Oppoſition— ja, aller wahren Patrioten. Viertes Kapitel. Der Intriguant. Wir haben Herrn Johannes Streber auf dem Potsdamer Bahnhofe verlaſſen, als er Schwing in den Cölner Courierzug gebracht, er ſelber kehrte mit dem nächſten Localzuge nach Berlin zurück. Er hatte ſich etwas zu Gute gethan, weil ihn ſeine Erfolge bei ſei⸗ nen hohen Gönnern in eine behagliche Stimmung verſetzt, die Weinlaune hatte dieſelbe gehoben und die Befürchtungen, welche der Paſtor in Bezug auf Frau Heinichen geäußert, ſtörten ihn nicht im Geringſten, er war nicht der Mann, ſich durch ſo unbedeutende Widerwärtigkeiten, wie die Eiferſucht und die Wuth einer betrogenen Frau, in Schrecken ſetzen zu laſſen, er war dergleichen gewöhnt und immer vorbereitet, jeden Hieb zu pariren oder zu erwidern. 64 Wer mit ebenſo großem Raffinement, wie mit rückſichtsloſer Dreiſtigkeit Intriguen ſchmiedet und ge⸗ brochene Menſchenherzen, zertretene Exiſtenzen dabei nicht beachtet, wer herz⸗ und mitleidslos nur ſeine egoiſtiſchen Pläne verfolgt und jeden Schachzug ſtudirt, prüft, überlegt, dabei aber auch ein Menſchenkenner i*ſt, der hütet ſich wohl, Werkzeuge zu gebrauchen, deren er ſich nicht vorher verſichert hat. Streber war eher erfreut als beſtürzt darüber, daß ſeine Wirthin das Geſpräch mit Schwing belauſcht, ſeit er ſich überzeugt, daß der Paſtor deshalb ſein Vorhaben nicht aufgegeben— Schwing war ja da⸗ durch nur um ſo feſter in ſeinen Händen, Streber hatte einen Zeugen gegen ihn, mit dem er den ängſt⸗ lichen Mann bedrohen konnte. Als Johannes Streber in ſeine Wohnung zurück⸗ kehrte, ließ Martha ſich nicht blicken. Die Zofe ſagte ihm, ſein Gaſt wäre in Folge einer Nachricht, die er plötzlich erhalten, abgereiſt, Frau Heinichen habe heftige Kopfſchmerzen. „Der Herr gebe ihr baldige Geneſung!“ ſprach der Candidat ſalbungsvoll und ſetzte ſich an ſeinen Arbeitstiſch, nachdem er bemerkt, er wolle heute faſten und arbeiten, er begehre nur noch friſches Waſſer. Als die Zofe ihm dieſes brachte, lag er auf den Knieen, als müſſe er ſich zur Arbeit durch ein Gebet ſtärken; leiſe verließ ſie das Gemach, den frommen Herrn nicht zu ſtören. Einige Stunden ſpäter, als die Zeit verſtrichen, zu welcher die Magd ſich gewöhnlich zur Ruhe begab, hob er den Schreibtiſch leiſe bei Seite und riegelte die Verbindungsthür auf, welche zum Wohnzimmer Mar⸗ thas führte, ein leiſes Geräuſch von der anderen Seite hatte ihm verrathen, daß man von der anderen Seite ebenfalls die Hinderniſſe beſeitigt hatte und daß der Weg offen war. Er öffnete leiſe die Thür, das Ge— mach war dunkel, die Thüre zum Hinterzimmer offen und dort brannte eine Nachtlampe. Er ſchlich auf den Zehen zum Sopha, dort ſaß bereits die junge Wittwe, aber ſie wehrte ſeine Lieb⸗ koſungen ab und flüſterte, ſie habe wirklich Kopfſchmer⸗ zen und ſei nur da, ihm gute Nacht zu bieten und zu hören, ob er in Potsdam gute Erfolge gehabt. „Die beſten“, erwiderte er.„Ich erhalte eine außerordentliche Anſtellung im geiſtlichen Miniſterio, die glänzendſte Laufbahn iſt mir eröffnet. Meine Ideen finden Anklang, meine Projecte haben den Beifall des Königs, derſelbe intereſſirt ſich ſchon lebhaft für mich.“ „Dann fehlt Dir ja nur noch die Frau.“ „Die fehlt mir ſchon lange, wenn ich mein Herz Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 5 —— 66 frage, aber die Klugheit räth, der begehrenswerthe Schwiegerſohn für Gönner, welche ledige Töchter haben, noch einige Zeit zu bleiben.“ „Johannes, mir iſt es zuweilen, als könnteſt Du mich täuſchen wollen und dann erfaßt mich ein Schmerz, ein Zorn—“ „Der hoffentlich vorüber geht, wenn die böſen Gedanken Dich verlaſſen. Ich werde Dich niemals täuſchen, das wäre ja nur möglich, wenn meine In⸗ tereſſen nicht auch die Deinen und umgekehrt.“ „Du ſprichſt heute anders wie ſonſt. Warum ſagſt Du nicht, daß Du mich liebſt, daß Du mir Liebe und Treue geſchworen?“ „Liebe Martha, die Ueberzeugung, gemeinſame Intereſſen zu haben, iſt mehr werth als ein Dutzend ſolcher ſogenannten Schwüre.“ „Höre mich ruhig an“, fuhr er fort, als ſie eine heftige Geſte machte.„Ein Schwur exiſtirt in Wirk⸗ lichkeit nur da, wo man die Wahrheit über die Ver⸗ gangenheit, die Aufrichtigkeit augenblicklicher Denkungs⸗ weiſe bekräftigt, er kann niemals für die Zukunft binden—“ „Ah 17 „Ich bitte, gedulde Dich, bis ich ausgeſprochen. Ich kann nicht ſchwören, was unmöglich iſt. Niemand — — 67 iſt Herr ſeiner Gefühle. Ich kann nicht ſchwören, daß ich morgen dies oder jenes denken, fühlen werde, denn die Verhältniſſe ändern ſich, ich kann höchſtens feierlich verſprechen, daß ich Dies und Jenes thun werde, ich kann alſo ſchwören, daß ich Dich heirathe, aber nicht, daß ich Dich auch dann noch liebe.“ „Du haſt mir beides mit feierlichem Eide ver⸗ ſprochen.“ „Liebes Kind, ich weiß was ich gethan, ich weiß aber auch, daß geſchrieben ſteht: Du ſollſt nicht ſchwö⸗ ren und ich weiß, daß es eine ſündhafte Vermeſſenheit iſt, zu ſagen: ich will morgen dies oder jenes thun. Hat der Menſch einen Willen, der weiter reicht, als für die Dauer des Augenblicks, kann ich nicht im näch⸗ ſten Moment ſterben? Kann der Herr mir nicht Hin⸗ derniſſe in den Weg legen, die mich zwingen, meinen thörichten Uebermuth zu bekennen? Kann er mich nicht mit Krankheit ſchlagen, mich in die Gewalt meiner Feinde geben?“ „Da nun aber ein Schwur, den man über Zu⸗ künftiges leiſtet, ſündhaft iſt, ſo kann er nur ſo weit gelten, als es in unſerer Macht lag, ihn zu ſchwören, nur für den Augenblick, er bekräftigte alſo nur die Abſicht, die wir im Momente des Schwures gehabt, 5* 68 mit dem ſtillſchweigenden Zuſatz: ſo Gott der Herr will und es duldet.“ Martha hatte ſich in die Kiſſen des Sophas zu⸗ rückgelehnt und die Arme über die Bruſt gekreuzt. Ein unheimliches Feuer glühte in ihren Augen und trotz der Dunkelheit im Zimmer, war es Streber, als ſehe er die giftigen Blicke ihrer Wuth. „Ich verſtehe“, ſagte ſie mit tiefer Bitterkeit in einem Tone, welcher verrieth, daß ſie die aufwallende Leidenſchaft noch bekämpfte,„ich beklage nur, daß Du mir dieſe ſchönen Erklärungen nicht in der Stunde gegeben, wo Du mein unſchuldiges Vertrauen verführt.“ „Theure Martha, das Fleiſch iſt ſchwach, und wenn das Blut lodert, ſo vergeſſen wir die Gebote des Herrn. Aber Du biſt ungerecht, Martha, Deine Schönheit reizte mich, ſetzte mich in Flammen und er⸗ weckte die Begierde. Seit Anbeginn der Welt iſt das Weib der Verführer, nicht der Mann, das Weib bot Adam den Apfel und verleitete ihn zur Sünde.“ „Auch das noch! Gut. Fahre nur fort. Ich bin neugierig, zu hören, welche Schlüſſe dieſer Einleitung folgen werden.“ „Ich freue mich, daß Du der Vernunft Gehör gibſt“, fuhr Streber fort und that, als bemerke er nicht, daß es ſchon in ihr koche.„Ich liebe Dich heute 69 mit derſelben Gluth, wie damals, als wir uns einan⸗ der zuerſt in die Arme ſanken, oder vielmehr, ich liebe Dich heute mit reinerer, edlerer Liebe. Es iſt nicht allein des Weibes unwiderſtehlicher Zauber, der mich in Ketten und Banden hält, ich fühle, daß wir auch durch höhere Intereſſen für immer mit einander eng und unzertrennlich verbunden ſind, daß derjenige von uns, der dies vergäße, eine ſchwere Sünde an ſich ſelber und dem Andern begehen würde.“ „Ja, Johannes“, rief ſie, ein wenig beruhigt, aber keineswegs ohne Argwohn.„Das habe ich mir auch geſagt. Wer Verrath an einem Menſchenherzen übt, der ſoll den Fluch tragen und jede Rache für ſol⸗ chen Frevel iſt erlaubt.“ „Liebe Martha, Du geräthſt in Extaſe. Wer ſpricht von Verrath und Rache! Ich bitte Dich, ver⸗ ſuche mit dem Verſtande meinen Betrachtungen zu fol⸗ gen. Die Liebe verbindet die Herzen, gemeinſame In⸗ tereſſen verknüpfen die Seelen und ſolch' ein Band hat nichts mit der Che zu thun. Es ſind ganz beſondere Wünſche und Hoffnungen oder Bedürfniſſe, die uns zur Eheſchließung bewegen. Eine Freundſchaft, wie ich ſie geſchildert, kann auch zwiſchen Männern oder Frauen unter einander beſtehen.“ „Bleibe bei der Sache, Johannes. Wir ſprachen 70 von Deiner Verpflichtung, meinen ſchon geſchädigten Ruf dadurch wieder fleckenlos zu machen, daß Du mich zum Altare führſt.“ „Und ich ſagte Dir, daß dies vorläufig meinen Intereſſen zuwider, und wer ſagt uns, daß in eini⸗ ger Zeit wir nicht beide über dieſe Sache anders denken?“ „Das werde ich nie. Ich ſage Dir, Johannes, ich laſſe mich nicht betrügen. Ich fordere von Dir den Kaufpreis für meinen geſchädigten Ruf, die Wie⸗ derherſtellung meiner Ehre.“ „Theure Martha, Du ſpringſt mit Deiner lebhaf⸗ ten Phantaſie immer auf andere Felder. Glaubſt Du es ernſtlich, daß Dein Ruf geſchädigt ſei und ich möchte das beſtreiten, ſo müßten wir Mittel finden, ihn wie⸗ der herzuſtellen. Eine Heirath würde gerade das Ge⸗ gentheil beweiſen, würde den Verleumdern Recht geben. Wollen wir es der Welt ſelber ſagen, daß wir einan⸗ der geliebt und ſchwach geweſen, ſo ſteinigt man uns Beide. Ich könnte kein Weib heirathen, deſſen Ruf nicht völlig rein. Hätteſt Du alſo durch Unvorſichtig⸗ keit Jemand verrathen, daß wir ſchwach geweſen, ſo würdeſt Du mich zwingen, noch heute dieſes Haus zu verlaſſen, Dich nie wieder zu ſehen, dann müßte ich 71 den Leuten ſagen, die Furcht vor der Sünde, vor der Verſuchung laſſe mich fliehen—“ Martha lachte wild auf.„Nein“, rief ſie, und jetzt brach die Leidenſchaft alle Dämme,„nein, Herr Johannes Streber, ſo ſollſt Du mich nicht abfertigen, da würde ich doch lieber den frommen Heuchler ent⸗ larven, der mein Brot gegeſſen und mich ſchnöde be⸗ trogen—“ „Du wirſt ſehr laut, Martha“, unterbrach ſie Streber, und jetzt änderte auch er den Ton, ſeine Stimme wurde hart und jedes Wort, das er ſprach, ſchien geſchliffen wie die Klinge eines Dolches.„Hüte Dich, Martha, meine Geduld zu erſchöpfen. Ich habe Buch geführt über die Gelder, die man Dir zu Almo⸗ ſen anvertraut— habe ich Dein Brot gegeſſen? Ich habe auch Buch geführt über die kleinen Veruntreuun⸗ gen, die in der erſten Woche meine Kaſſe trafen, als Du meine kleinen Bedürfniſſe beſorgteſt. Ich bin ge⸗ wöhnt, die Intereſſen derer zu ſchonen, die auch meine Intereſſen berückſichtigen und habe Dir manche Ge⸗ legenheit verſchafft, Deiner Neigung, allzureichliche Spen⸗ den für Arme ein wenig zu beſchränken, fröhnen zu können, obwohl ich weiß, daß das Geſetz ſolche Lieb⸗ habereien ſehr hart, ich ſchaudere bei dem Gedanken!— mit Zuchthaus beſtraft. Ich würde es ſehr ſchmerzlich 72 bedauern, wenn ich aus Nothwehr Deine Anklagen ge⸗ gen mich als einen Act der Rache dafür bezeichnen müßte, daß ich Dir Deine Verbrechen vorgehalten.“ „Du biſt infam! Geh— Du biſt ein Schurke—“ „Still, Martha, nicht ſo laut, meine Liebe!“ flü⸗ ſterte Streber und faßte ſie mit eiſerner Gewalt bei den Armen, als ſie ſich entfernen wollte,„wir werden uns beſſer verſtändigen. Da haſt Du den Beweis, daß Niemand Herr ſeiner Gefühle iſt und nicht in die Zu⸗ kunft hinein ſchwören darf. Geſtern liebteſt Du mich, jetzt iſts damit vorbei. Aber wir ſind doch vereinigt durch gemeinſame Intereſſen, das Band iſt feſter, Du wirſt das ſogleich erkennen. Du ſagſt, Dein Ruf habe gelitten, das darf nicht ſein, was man Dir nachſagt, das wird auch mir vorgeworfen. Sieh, ich habe aber ſchon an ein Heilmittel gedacht. Es wird ein neues, großes Krankenhaus unter Leitung wahrhaft chriſt⸗ licher Frauen geſtiftet, darin ſollen vornehme, fromme Damen freiwillig Samariterdienſte üben. Ich habe Dich in den Vorſtand, ja, zur Oberin vorgeſchlagen. Du erhältſt einen hohen Gehalt, prächtige freie Woh⸗ nung und einen großen, ehrenvollen Wirkungskreis, Einfluß, Anſehen, Macht. Ich kann nur meine beſte, vertrauteſte Freundin zu ſo hoher, wichtiger Stellung empfehlen und wenn es hieße, Frau Martha Heinichen 73 habe meine Hand ausgeſchlagen, um ſich ganz dem frommen Samariterdienſt zu weihen, ſo würde jeder böſe Leumund verſtummen müſſen.“ Streber hatte die ächte Katzennatur, er verſtand zu kratzen und zu ſchmeicheln. Er hatte der Verlockung erſt durch die Drohung den lockeren Boden geſchaffen und die Art, wie er dieſelbe ihr mundgerecht machte, war von überraſchender Wirkung. Sprach Streber die Wahrheit, ſo winkte ihr ein hundert Mal beſſeres Geſchick, als das an ſeiner Seite und diesmal, das wußte ſie, ſprach er die Wahrheit. Er bot ihr Etwas an, was ihm nichts koſtete und je einflußreicher und wichtiger die Stellung war, die er ihr bot, um ſo mehr hoffte er dadurch zu gewinnen, daß er dieſelbe mit einer ihm vertrauten, von ihm ab⸗ hängigen Perſon beſetzte. In dieſer Beziehung konnte ſie alſo unbeſorgt ſein und auch wohl darüber, daß er die Abſicht wirklich hatte, ihr die Stelle zu verſchaffen und ſie darin nicht abermals täuſchte— denn ihm mußte ja daran liegen, ſie zu verſorgen, aber ſie hatte ihn— er ſie bedroht. Gab ſie ihre Waffen gegen ihn einmal aus den Hän⸗ den— und das geſchah, wenn ſie ihn ihr Haus ver⸗ laſſen ließ, ohne ihn anzuklagen, wenn ſie duldete, daß er ſie empfahl— ſo behielt er noch immer ſie in ſeiner Gewalt, ſie mußte ihm nach der heutigen Erfahrung das Schlimmſte zutrauen und dieſer Umſtand ſchwächte ſehr das Verlockende ſeines Antrags. „Du haſt mir bittere, beleidigende Worte geſagt“, verſetzte ſie nach einer Pauſe,„Du haſt mich bedroht, mir Verbrechen vorgeworfen und doch willſt Du mich zu einer Stellung empfehlen, welche die Tugendhafteſte ziert. Wie ſoll ich mir dieſen Widerſpruch erklären? Willſt Du Dich für mich verbürgen, ſo ſage zuvor, daß Du gelogen, dann erſt würde ich mit mir zu Rathe gehen können, ob ich es vorziehe, Dir zu ver⸗ geben und jene Stelle anzunehmen, anſtatt meine Drohungen, die berechtigter ſind als Deine, auszu⸗ führen.“ „Ich kann mich für Dich verbürgen, denn ich kenne Deine Fehler und Vorzüge, nicht die Fehler An⸗ derer. Alle Menſchen ſind ſündhaft.“ „Du weichſt mir aus, ich will nicht von dem Wechſel Deiner Laune abhängig ſein und ſtets vor Dir zittern.“ „Das aber will ich, theure Martha. Ich will Dein Herr ſein, weil ich Dich liebe, weil ich weiß, daß ich Dich ſtets lieben werde. Der Mann ſoll der Herr des Weibes ſein und das Weib ſoll ihm gehorchen. Mar⸗ tha, ich dächte, wir verſtänden jetzt einander und —;yy4 75 könnten ohne Phraſen ſprechen. Du willſt eine Stellung in der Welt, Geld, Genüſſe, Anſehen, Einfluß, ich will daſſelbe, und äußerlich getrennt, können wir Beide das Doppelte von dem erreichen, was wir hätten, wenn Du mit mir theilen müßteſt. Sei vernünftig. Glaubſt Du, ich ſei der Mann, einer Frau zu Füßen zu liegen, die ich geheirathet, um ihr Geld oder um Einfluß zu gewinnen? Wird mir das Weib nicht immer näher ſtehen, deſſen Herz und Liebe ich mir erobert, das mich mit ihrem Zauber gebannt. Du biſt eine Beſtie, Mar⸗ tha, Du haſt Temperament in den Adern, Du hätteſt mich vorher erwürgen, foltern können und ſiehe, das liebe ich an den Weibern mehr als die ewige blutloſe Sanftmuth, die langweilige Tugend. Du biſt pikant, Du biſt ein Satan, Du haſt Witz. Ich weiß es, daß Du den Paſtor belauſcht und hernach in Angſt gejagt haſt—“ Sie hatte ſich nur ſchwach den Liebkoſungen ge⸗ ſträubt, welche dieſe Worte begleiteten. Jetzt fühlte er ſie in ſeinen Armen erbeben. „Ja“, fuhr er lachend fort,„ich ſtehe mit gehei⸗ men Mächten im Bunde und mir bleibt nichts ver⸗ borgen—“ „Du haſt meine Zofe beſtochen und ich werde ſie entlaſſen!“ „Kind, ich bitte Dich, traue mir nichts zu, was grob und ungeſchickt iſt. Eine Zofe beſtechen! Pfui!“ „Dann hat Schwing mich betrogen, der Elende.“ „Das iſt ſchon eher möglich, doch warum zer⸗ brichſt Du Dir deßhalb den Kopf? Ich hoffe, Du wirſt mir nie wieder mißtrauen und wie ich in der Liebe Dein Sclave bin, wirſt Du in allen andern Dingen mir blind gehorchen. Dann werden wir Jeder unſer Reich haben und im ſchönſten Frieden mit einander leben.“ „Das heißt, ich in ſteter Abhängigkeit von Dir!“ murmelte ſie, ihren Widerſtand ſchon halb aufgebend. „Ja, mein Kind, aber dafür auch die Herrin und Königin meines Herzens. Muß ich mich nicht Deiner Gnade verſichern, wenn meine ſchmachtende Sehnſucht einen Kuß von dieſen Lippen erhaſchen will? Und bin ich nicht da, wo ich ſcheinbar zu gebieten habe, recht eigentlich Dein Diener? Sorge ich nicht für Deine Intereſſen?“ „So weit ſie die Deinigen befördern können, glaube ich das gern.“ „Da haſt Du wieder Recht, aber meine Intereſſen ſind ja auch Deine. Wenn Du heute auf meine Em⸗ pfehlung, durch meinen Einfluß eine Stellung erhältſt, um welche viele vornehme und hochgeſtellte Damen 76 Dich beneiden werden, ſo wird es dieſen Neiderinnen gelingen, Dich zu ſtürzen, wenn ich meinen Einfluß verlieren ſollte. Es iſt immer ſehr viel werth, einen zuverläſſigen und ſicheren Hinterhalt zu beſitzen, einen einflußreichen Mann zum Freunde und Helfer in allen Verlegenheiten zu haben.“ 4 „Du wirſt alſo wohl die Tochter Deines Gaſt⸗ freundes, des Paſtors von Schwing heirathen?“ fragte Martha, plötzlich das Thema verändernd. „Biſt Du eiferſüchtig?“ „Ich glaube, ich hätte das Recht dazu.“ „Nein. Du hätteſt dazu Berechtigung, wenn ich Dir in meiner Liebe untreu wäre und das iſt nicht der Fall.“ „Wer weiß—“ „Liebes Kind, das Mädchen beehrt mich mit einem ſehr bitteren Haß, ich glaube ſogar, mit ein wenig Verachtung—“ „Oh! Das iſt ja ſehr ungerecht!“ „Ich glaube, Du ſpotteſt und das freut mich, da ſehe ich Deine gute Laune wiederkehren. Uebrigens habe ich in dieſer Sache noch keinen Entſchluß gefaßt. Der Paſtor iſt ein ganz unzuverläſſiger Mann und ſpielt ein höchſt gewagtes Spiel, ohne daß er gerade beſonderen Muth und großes Geſchick dazu beſitzt. Ge⸗ 78 winnt er ſein Spiel, dann wird freilich ſeine Tochter eine ſo reiche Erbin, daß es ſich der Mühe lohnte, ihre ſchlechte Meinung von mir zu corrigiren, aber daran iſt noch nicht zu denken und ich ſage Dir im Vertrauen, ich will lieber mit zehn Männern als mit einem böſen Weibe zu thun haben. Der Paſtor hat mir ſeine Tochter verſprochen, ich ließe mich vielleicht auch entſchädigen, wenn ich auf dieſe Hoffnung ver⸗ zichte.“ „Johannes—“ „Du ſchauderſt vor mir! Martha, iſt es nicht chriſtlicher gedacht, Geld zu nehmen vom Ueberfluß, als einer Mitgift halber ein Herz zu brechen?“ „Gewiß. Du weißt Alles zu beſchönigen, aber wie kannſt Du den Paſtor zwingen, Dir eine Ent⸗ ſchädigung zu geben?“ „Du haſt uns alſo doch nur zum Theil belauſcht? Oder willſt Du mich ausfragen? Liebes Kind, beküm⸗ mere Dich um dieſe Angelegenheit ſo wenig als mög⸗ lich, es genüge Dir, wenn ich ſage, gäbe der Paſtor mir auch eine halbe Million, er würde damit nicht die Sorge und Unruhe bezahlen, die er mir macht. Glaube nicht, daß ich ſcherze. Ich bin dem Manne Dank ſchuldig, ihm verpflichtet, ihm eng befreundet. Alles das hat mich moraliſch gezwungen, Geheimniſſe, die er 79 mir im Vertrauen aufgedrungen, zu achten, ihm Rath in Dingen zu ertheilen, die leider ſo weit gediehen, daß er nur vorwärts, nicht zurück kann. Ich zittere für ihn. Es war ſein Wunſch, daß ich ſeine Tochter heirathe und wenn er ſein Ziel, von dem ich Dir nur ſagen kann, daß es ihm ungeheure Reichthümer bringt, erreicht, muß er ſeine Tochter Jemand geben, der ihn mehr liebt als dieſe, der unter allen Umſtänden ſein Vertrauen rechtfertigt. Du ſiehſt alſo, daß ich mich nicht ſehr darnach ſehne, Schwings Tochter zu freien. Doch wir reden über dieſe Sache ein andermal, ich ſehe es ſchon, Schwing iſt es allein, der Dir das kleine Taubenherz in Aufruhr verſetzt hat.“ Er küßte ſie und Martha's letzter Widerſtand war gebrochen. Sie fühlte, daß ſie nichts Beſſeres thun könne, als ſich ihm fügen und gute Miene zum böſen Spiele machen. Sie hatte ſich ihm einmal hin⸗ gegeben, das ließ ſich nicht mehr redreſſiren, ſie ſah ein, daß ſie im Kampfe gegen ihn nichts gewinne und bemächtigte ſich ihrer auch bei dem Gedanken, daß er ſie ſchnöde betrogen, ein tiefer Groll gegen ihn, ſo hielt ſie es doch für das Klügſte, denſelben zu ver⸗ bergen und die Sehnſucht, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, auf beſſere Zeiten zu verſchieben.“ Fünftes Kapitel. Connexionen. Die Depeſche, welche der Landrathsamt⸗Verweſer an den Paſtor Schwing nach Berlin geſendet, traf dort etwa vierzehn Tage nach der im vorigen Capitel geſchilderten Scene ein. Streber hatte die Vollmacht von Schwing erhalten, Briefe und Depeſchen für ihn in Empfang zu nehmen, er hatte ihm die eintreffenden Briefe Cornelia's nachgeſchickt, die Briefe des Paſtors nach der Heimath von dieſem erhalten und in Berlin zur Poſt befördert. Der letzte Brief Schwings, der an Streber ge⸗ richtet war und ein Billet an Cornelia als Einlage hatte, war nun geſtern eingetroffen und von London datirt. Schwing meldete darin, daß auf dem Ocean wieder viele Unglücksfälle durch heftige Orcane ſtattge⸗ 81 funden und daß das Gericht ſich verbreitet habe, der amerikaniſche Dampfer, unter deſſen Paſſagieren ſich auch Marco befinde, ſei durch Exploſion eines über⸗ hitzten Keſſels in Brand gerathen und zu Grunde ge⸗ gangen. Er, Schwing, werde noch fünf Tage längſtens in London verweilen, um authentiſche Nachrichten abzu⸗ warten, dann aber heimkehren. Der Brief, deſſen Inhalt wir kurz wiedergegeben, enthielt eine Menge von Phraſen und ſalbungsvollen Redensarten, Betheuerungen, wie ſchmerzlich dem Paſtor jene Nachricht ſei, die ihm den Verluſt eines theuren Verwandten befürchten laſſe und Streber lächelte höhniſch. „Der Narr!“ murmelte er,„bildet er ſich ein, mich zu überlüſten? Ich ſoll alſo nichts Schriftliches von ihm in Händen haben, was ihn compromittiren kann, dazu gibt er ſich die Mühe, heuchleriſche Phraſen zu machen, als ob ich Geſchriebenes brauchte, ihn nach meiner Pfeife tanzen zu laſſen! Doch iſt es mir ſehr lieb, dieſen kleinen Charakterzug zu entdecken. Der Mann wäre alſo doch im Stande, dich fallen zu laſſen, wenn es dir ſchlecht ginge, er ſchwankt noch jetzt, dir volles Vertrauen zu ſchenken, das ſoll er büßen!“ Mit einer Geſte der Verachtung warf Streber den Brief bei Seite und er hatte Recht, noch verächt⸗ 6 Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 82 licher als der freche Böſewicht iſt Derjenige, der ſelbſt ſeinem Spießgeſellen gegenüber unehrliches Spiel treibt, während er ohne denſelben nicht das Verbrechen ge⸗ wagt! Die Nachricht von dem plötzlichen Tode des Barons kam Streber ſehr ungelegen. Das Einſchreiten des Landrath⸗Amtes war durch ſeine Fürſorge höheren Ortes befohlen und beſchleunigt worden, Streber hatte erwartet, der Baron werde an den Bruder telegraphiren und ihn um ſeine Hilfe oder Vermittelung bitten; da hätte dann der Candidat nach ſeinem Plane Gelegen⸗ heit gehabt, ſich ſelber nach Groß⸗Below zu begeben und als Bevollmächtigter Schwings mit deſſen Bruder zu verhandeln. Streber hatte ſich ſchon völlig darauf vorbereitet. Es war zu erwarten, daß der Kranke durch die ſeinem Hauſe drohende Gefahr mürbe gemacht, jeden einiger⸗ maßen annehmbaren Vergleichsvorſchlag acceptiren werde, daß er noch auf dem Sterbebett ſich nachträg⸗ lich trauen laſſen, ſeine Kinder teſtamentariſch legiti⸗ miren werde, wenn Streber ihm, gegen Abtretung einer großen Summe an Schwing, das Verſprechen gab, es werde jedes öffentliche Aergerniß durch An⸗ fechtung der Rechtsgiltigkeit des Teſtamentes vermieden werden. 83 Dieſe Befürchtung, ſo hatte Streber gerechnet, konnte es ja allein geweſen ſein, die den Baron abge⸗ halten, jene Schritte zu thun, der Baron hatte ſeine Familiengeheimniſſe nicht nutzlos preisgeben wollen und nicht geglaubt, daß man ihn ſo raſch angreifen werde. Gelang es aber Streber, Alles ſo zu ordnen, daß ein der Billigkeit gemäßer Ausgleich ſtattfand, ſo konnte Schwing nicht, ohne ſich ſehr zu compromittiren, ihn, Streber anklagen, daß er ohne Vollmacht gehandelt, Alles, was Schwing aber gegen Marco in London unternommen, ward für die Sache ſelbſt nutzlos und nur geeignet, den Paſtor völlig, auf Gnade und Un⸗ gnade, in Strebers Hände zu geben. Dieſer Plan des Candidaten war durch den un⸗ erwartet raſch eingetretenen Todesfall vereitelt und wir hätten keine Erwähnung davon gethan, wenn die Grundidee deſſelben, die Erbſchafts⸗Angelegenheit eigen⸗ mächtig und derart zu ordnen, daß Schwings Attentat auf Marco für die Sache ſelber überflüſſig werde, nicht Streber durchdrungen. Es war dies die einzige Möglichkeit für ihn, wenn das Attentat fehlſchlug, oder entdeckt wurde, den Verdacht einer Mitſchuld daran zurückweiſen zu können und dieſe Vorſicht war geboten, da der Paſtor eine ſchwankende, unzuverläſſige Natur, 6⸗ 84 da er ſchon nahe daran geweſen, mit Martha gemein⸗ ſame Sache gegen Streber zu machen, was der letztere aus dem ganzen Benehmen der Heinichen errathen. Die Depeſche, welche er als Antwort ſchickte, war daher ganz in dieſem Sinne abgefaßt. Er forderte für den Fall, daß Olympia noch der Einſchüchterung bedurfte, ſtrenges Aufrechterhalten der geſetzlichen Maß⸗ regeln, bat aber um Rückſicht gegen dieſelbe und ſprach von einem Vergleich. Auch hier ſollten Drohung und Verlockung gemeinſchaftlich zuſammen wirken. Er rüſtete ſich zur Abreiſe, aber er wollte, ehe er ſich nach Groß⸗Below begab, die Antwort Cornelia's auf ſeinen gleichzeitig abgeſchickten Expreßbrief abwarten und be⸗ gab ſich vorläufig zum General von Thile, den ein⸗ flußreichen Günſtling, ſo weit es ſeinen Plänen nütz⸗ lich, ins Vertrauen zu ziehen und ſich für alle Fälle ſeines Schutzes zu verſichern. „Excellenz“, ſo ſchilderte er dem General die Sach⸗ lage,„es handelt ſich hauptſächlich darum, einen from⸗ men Geiſtlichen, überhaupt die Partei der Frommen im Lande vor böſem Leumund und ſchnöden Verdäch⸗ tigungen zu ſchützen. Der Paſtor von Schwing, der⸗ ſelbe Mann, der bei der Huldigung ſeinem rebelliſchen Bruder gegenüber Sr. Majeſtät Kunde gab von den Geſinnungen der gottesfürchtigen und königstreuen 85 Unterthanen, iſt in einer ſehr ſchwierigen Lage. Ich habe Ihnen die Verhältniſſe, in denen der Baron von Schwing lebt, ſchon früher vorzutragen die Chre ge⸗ habt. Mit ſeltener Entſagung hat der Paſtor ſeine gerechten Anſprüche ſo lange zurückgehalten, bis der Hohn und Uebermuth der Maitreſſe ſeines Bruders ihm dies unmöglich gemacht, ja bis er in Erfahrung gebracht, daß man von jener Seite ſelbſt Verbrechen nicht ſcheuen wird, die ungerechten Forderungen zu vertheidigen. Dies zu verhindern, hat er ſich heimlich nach England begeben, und will dort die Rückkehr Marco's erwarten, den jungen Mann warnen. Ich fürchte, daß er entweder zu nachgiebig iſt, wenn er trotziger Weigerung begegnet, oder daß er in ſeiner gerechten Erregung, in der Beſorgniß, den Namen ſei⸗ nes Bruders, die ganze Familie öffentlich gebrandmarkt zu ſehen, lieber den Gedanken faßt, den Raub dem Räuber zu überlaſſen und auszuwandern, als hier die Schande ſeiner Familie zu ſehen. Ich bin eng mit ihm befreundet, ich kenne die Verhältniſſe genau und würde mich anheiſchig machen, jedem unangenehmen öffentlichen Aerger vorzubeugen, die Angelegenheit für alle Theile befriedigend zu löſen, wenn ich in Groß⸗Below nicht nur als Bevollmächtigter des Paſtors von Schwing, ſondern auch als ſolcher der Regierung auftreten könnte. 86 Ich glaube, daß es im Intereſſe der Regierung liegt, wenn bei der jetzigen Gährung unter den Gemüthern in Oſtpreußen und beſonders nach dem betrübenden Vorfall mit Herrn von Hacke ein ſcandalöſer Proceß vermieden wird, in welchem ein Geiſtlicher der Maitreſſe ſeines Bruders gegenüberſteht. Während die Mißvergnügten gewiß gern die Gelegenheit ergriffen, dem Geiſtlichen nach⸗ zuſagen, er trachte nach irdiſchem Gewinn, werden ſie, falls ein Ausgleich ſtattfindet, zufrieden ſein, wenn das Privatleben eines ihrer Wortführer geſchont wird, ſie werden der Regierung dieſe Rückſicht danken müſſen.“ „Sehr wahr, aber was gibt Ihnen Hoffnung zu dem Gelingen Ihres Werkes? Derartige Perſonen, wie die Geliebte des Baron Schwing ſind ſehr an⸗ ſpruchsvoll, ſie wiſſen, daß ordentliche Leute jeden Scandal ſcheuen und trotzen darauf.“ „Gewiß, Excellenz, und hier weiß die Dame oben⸗ drein, daß ſie auf die Unterſtützung der Oppoſition rechnen kann, welche jetzt überall der Geiſtlichkeit den Krieg erklärt. Hätte ich jedoch eine Vollmacht der Re⸗ gierung, von Sr. Excellenz dem Herrn Miniſter von Eichhorn unterzeichnet, die Sache nach Billigkeitsrück⸗ ſichten im Verein mit dem Landraths⸗Amt zu erledigen und wo ich ungerechtfertigten Widerſtand fände, der nur die Gemüther erregen ſoll, mit allen geſetzlichen 87 Mitteln einzuſchreiten, ſo bin ich überzeugt, daß die Mai⸗ treſſe des verſtorbenen Barons ſehr bald nachgeben wird.“ „Ich werde ſelber mit Eichhorn ſprechen“, ſagte der General, Streber die Hand drückend,„Sie haben ſehr recht, man muß Prozeſſe vermeiden, welche die Gemüther noch mehr aufregen und es kann Ihre Be⸗ ſtellung als Miniſterialrath raſch ausgefertigt werden, damit Sie unter angemeſſenem Titel auftreten.“ Der General hielt Wort, Streber erhielt noch an demſelben Tage den Befehl, ſich andern Morgens beim Miniſter Eichhorn einzufinden und als er ſich dorthin begab, hatte er ſchon das Schreiben Cornelia's in der Taſche, welches ihm die Vorgänge in Groß⸗Below ſchil⸗ derte, Martha aber hatte er die nöthigen Inſtructionen für den Fall ertheilt, daß während ſeiner Abweſenheit ein Doctor Williams nach dem Paſtor von Schwing fragen ſollte. Der Bericht, welche Streber dem Miniſter über die Vorgänge in Groß⸗Below abſtattete, verſetzte Eich⸗ horn derart in Zorn, daß er die Abſicht ausſprach, den Staatsanwalt zum Einſchreiten aufzufordern, Nach⸗ ſicht der Regierung ſolchen Exceſſen gegenüber verrathe Schwäche. Der General von Thile hatte ſeinen from⸗ men Bruder in Chriſto mit ſolcher Wärme empfohlen, ſich für deſſen Zuverläſſigkeit ſo feſt verbürgt, daß 88 Eichhorn keinen Zweifel hegen konnte, überdem wußte er, daß Alles, was Thilo forderte, die Billigung des Monarchen hatte, daß Thile Streber die gewünſchte Vollmacht nur deshalb nicht ſelber ausgeſtellt, weil Streber Beamter im geiſtlichen Miniſterio geworden, alſo im Reſſort Eichhorns. Es gelang Streber, den Miniſter für ein milderes, das heißt nicht öffentliches Einſchreiten zu beſtimmen, ſo daß alſo er, nicht die Gerichte, Vollmacht und Auf⸗ trag zu den nothwendigen Maßregeln erhielt. Die Staatsform war abſolutiſtiſch, was früher die Kamptz und Rochow, waren jetzt die ſchwarzen Eiferer, Streber erhielt Befehl, dem Candidaten Hollmann die Unzu⸗ friedenheit des Miniſters auszudrücken und ihm anzu⸗ zeigen, daß das Conſiſtorium Auftrag erhalten habe, ihn abzuberufen und ſeine Stelle anderweit zu beſetzen, daß er ſich aber ſtrenger Strafe zu gewärtigen habe, wenn er ſein Verhalten bis zur Abberufung nicht ſtreng den Vorſchriften Strebers anpaſſe. Da in der Vollmacht das Einverſtändniß des geiſtlichen Miniſterio mit dem des General von Thile für allgemeine Landesangelegenheiten ausgeſprochen war, hatte auch das Landraths⸗Amt den Anweiſungen des Miniſterialrath Streber Folge zu leiſten und es war Streber eine Machtbefugniß in die Hände gegeben, 89 die noch dadurch erhöht wurde, daß er nur ſeine Vor⸗ geſetzten, nicht die Oeffentlichkeit als Richter über ſich hatte, daß Jeder wußte, eine Beſchwerde über ihn komme in die Hände derjenigen, die ihn durch ihr volles Vertrauen ausgezeichnet hatten und wer da weiß, was es heißt, das beſte Recht heut zu Tage gegen hohe Staatsbehörden verfechten zu müſſen, der wird begreifen, daß damals, wo der Abſolutismus und die Cenſur herrſchten, ein ſolcher Verſuch kraftlos, für einen Beamten aber das Todesurtheil für ſeine Carridre geweſen wäre. Streber kehrte nach ſeiner Behauſung zurück und wie er erwartet, traf er dort den Doctor Williams, der mit dem Courierzuge in Berlin eingetroffen war. Williams hätte ſich vielleicht nicht in der Wohnung aufgehalten, wenn er gewußt, daß er Streber und nicht Schwing dort werde eintreffen ſehen. Martha hatte ihm geſagt, ihre Miethsherren ſeien ausgegangen und ſich weiter in kein Geſpräch mit ihm eingelaſſen; ſie hatte alſo die Inſtructionen Strebers genau befolgt; auf die Frage, ob der Paſtor ſchon ſeit längerer Zeit von ſeiner Krankheit geneſen, hatte ſie kurz erwidert, ſie wiſſe nur, daß er einen Tag zu Bette gelegen. Ehe Streber in ſein Gemach eintrat, ſchaute er Martha forſchend ins Auge und dieſe Prüfung be⸗ 90 ruhigte ihn mehr als ihre Verſicherung darüber, daß ſie diesmal vorſichtiger und gehorſamer geweſen. Er bat ſie, ſein Geſpräch mit Williams hinter der Thür zu belauſchen und ohne ihre überraſchte Miene weiter zu beachten, öffnete er ſein Zimmer. „Ah!“ rief er, als überraſche ihn ein ganz uner⸗ warteter Beſuch,„Herr Doctor Williams! Dieſe Ehre hätte ich mir nicht geträumt.“ „Sie gilt auch nicht Ihnen“, verſetzte der Arzt trocken,„und wenn Sie mir geſagt haben werden, wann und wo ich Schwing treffen kann, werde ich mich entfernen.“ „Herr Doctor“, entgegnete Streber,„ich bin ein geduldiger Mann. Sie haben eines Tages mir unge⸗ ſtraft viel bieten dürfen, da waren Sie aber der Ver⸗ treter einer Dame und damals wollte ich das Bitterſte, ſelbſt das Ungerechteſte hinnehmen. Heute ſind Sie ein Fremder mir gegenüber, ſind in meinem Zimmer und ich bitte Sie daher die Formen zu beobachten, welche allgemein unter gebildeten Menſchen üblich ſind.“ „Sie haben Recht, Herr Streber, Sie ſind in Ihrem Zimmer und können Höflichkeit fordern. Ich bin aber wieder als Bevollmächtigter hier, diesmal geht mein Auftrag freilich an Schwing, nicht an Sie, 91 aber da Sie im Namen meines Schwagers Depeſchen ſchreiben und verſichern, daß er krank iſt, ſo darf ich Sie wohl fragen, wo er ſich befindet.“ „Zu welchem Zweck?“ „Darüber bin ich Ihnen keine Rechenſchaft ſchul⸗ dig.“ „Doch, Herr Doctor, Schwing iſt mein Freund, iſt leidend, ich muß ihn vor Gemüthserregungen ſchützen und da Sie gewöhnlich Vollmachten zu Dingen haben, die unangenehm erregen, ſo verweigere ich vielleicht die Auskunft.“ „Gut. Dann ſagen Sie aber wohl dem Paſtor von Schwing, daß wenn ich nicht das Vergnügen habe, ihn bis drei Uhr in meinem Hotel Stadt Wien bei mir zu ſehen, ich zu Herrn von Rochow fahre und ihn polizeilich ſuchen laſſe.“ „Das iſt ja eine ſehr zärtliche Sehnſucht! Ich fürchte, Herr Doctor, das nimmt er Ihnen übel.“ „Scherzen wir nicht, Herr Streber. Iſt mein Schwager in Berlin oder nicht? Mir liegt viel daran, dies zu conſtatiren und zu erforſchen wo er iſt.⸗ „Das merke ich, denn Sie wollen ihn ja durch die Polizei, vielleicht ſogar ſteckbrieflich ſuchen laſſen.“ „Nur wenn Sie mich dazu zwingen und dann ganz gewiß. Wenn Sie mir befriedigende Auskunft verweigern, ſo gehe ich zu Herrn von Rochow und ſage ihm Folgendes.„Excellenz“, ſage ich, indem ich ihm ein gewiſſes Papier vorlege,„mein Schwager hat ſich durch dieſen Mann, den Sie hier charakteriſirt finden, verleiten laſſen, ſehr gefährliche Bahnen zu betreten. Ich will ihn davon zurückhalten. Ich ver⸗ muthe, Herr Streber verleugnet es, daß Schwing nicht hier, ſondern in London iſt. Ich muß die Adreſſe meines Schwagers wiſſen, muß ihm nacheilen, ein Verbrechen verhüten, wenn das noch möglich iſt.“ „Herr Doctor“, entgegnete Streber, dem das Blut ins Antlitz geſtiegen,„Sie vergeſſen, daß jenes Papier, von dem Sie reden, nicht Ihnen, ſondern einer Andern gehört, daß ich zu Herrn von Rochow ſagen könnte, es wäre mir jene Erklärung nicht abgetrotzt und ab⸗ gerungen worden, wenn ich nicht der Comteſſe Liebe⸗ traut den Schwur geleiſtet hätte, ihr zu Liebe mir jede Demüthigung gefallen zu laſſen, daß ich nun aber, durch Sie gezwungen, die öffentliche Erklärung der Comteſſe hierüber zu meiner Rechtfertigung fordere und die wird ſie mit Freuden geben, wenn ſie ſieht, daß meine Demüthigung nutzlos geweſen, daß ihre Mutter meine Verfolgung duldet.“ Der Doctor knirſchte mit den Zähnen, er grollte ſich ſelber, daß er auf ſolche Schamloſigkeit nicht vor⸗ bereitet geweſen und eine Drohung auszuſtoßen gewagt, die er nicht ausführen durfte, ohne Vertrauen zu verhöhnen. „Ich werde, auch ohne dies Document vorzuzeigen, Sie brandmarken können“, rief er heftig, aber er ver⸗ ſtummte vor dem Blicke Strebers. „Herr“, rief dieſer,„noch ein Wort in dieſem Tone und ich brandmarke Sie, Ihre Schweſter, Ihren Schwager, ich enthülle jene ganze Angelegenheit mit der Gräfin und fordere die Hand der Comteſſe. Den⸗ ken Sie, ich bin Ihr Narr, der ſich Alles gefallen läßt? Wir haben Gott ſei Dank Gerichte, welche Verleumder beſtrafen. Ich glaubte, daß Sie der Freund des Pa⸗ ſtors von Schwing und der Wittwe ſeines Bruders ſeien, als ſolcher in verſöhnlichen Abſichten hierher ge⸗ kommen, ſonſt hätte ich Sie nicht empfangen, ich war von Ihrem Eintreffen in Berlin unterrichtet. Ich bin der Mann, der jeden unangenehmen Scandal gern ver⸗ meidet, ich glaube, Sie wiſſen das, aber meine Geduld hat auch ihre Grenzen. Ich habe mich einmal geopfert und Demüthigungen ertragen, weil ich damals auch einen großen Theil der Schuld trug, aber ich bin ent⸗ ſchloſſen, nie wieder Aehnliches zu dulden.“ Dieſe Sprache machte den Doctor ſtutzig, der Candidat mußte gewiſſe Ausſicht haben, einen möglichen 94 Prozeß ſiegreich durchzukämpfen, da er faſt dazu her⸗ ausforderte. War der Arzt auch davon überzeugt, daß er den Charakter Strebers nicht falſch beurtheilt, wenn er ihn jeder Infamie fähig hielt, ſo war es doch auch möglich, daß bei einer gerichtlichen Unterſuchung der Liebetraut'ſchen Angelegenheit ſowohl als der ſeines Schwagers Streber Umſtände enthüllen konnte, die ihn entſchuldigten und Andere— dort die Comteſſe, hier den Paſtor, ſchlimmer compromittirten als ihn. Da es alſo nicht gelungen, den Candidaten einzuſchüch⸗ tern, ſchien es dem Arzte rathſam, ſich verſöhnlich zu zeigen und auf dieſe Weiſe zu erforſchen, welche Rolle Streber zu ſpielen gedenke. „Herr Candidat“, erwiderte er,„Sie haben ſehr recht, ich bin der Freund der Baronin von Schwing und ſtehe dem Paſtor von Schwing zu nahe, um nicht zu wünſchen, eine Anklage gegen denſelben unterlaſſen zu dürfen. Sie können darüber nicht befremdet ſein, daß ich angenommen, mein Schwager ſei von Ihnen zu ſeiner grauſamen und unchriſtlichen Handlungsweiſe gegen die Wittwe verleitet, denn er war Zeuge einer Scene, die ihn hätte abſchrecken müſſen, Ihnen zu ver⸗ trauen und er ſcheint Ihnen dennoch Vollmacht ge⸗ geben zu haben, für ihn in der Erbſchafts⸗Angelegen⸗ heit zu handeln.“ 95 „Herr Doctor, wenn Sie die Güte haben wollen, in dieſem ruhigen Tone die Verhandlung fortzuführen, ſo freue ich mich, Ihnen zu dienen. Ich bitte, nehmen Sie Platz. Ich habe Ihnen keinen Vorwurf daraus machen können, daß Sie mich in gedachter Scene ſehr verächtlich behandelt haben, ich wußte aber, daß die Zeit kommen werde, wo Sie das bereuen ſollen. Auch heute kann und will ich Ihnen nicht mehr ſagen, als daß ich damals der Comteſſe Liebetraut mein Wort gegeben, jede Demüthigung zu ertragen, daß ich mir ſelber dieſe Strafe dictirt. Der Paſtor von Schwing kennt meine Rechtfertigung, oder richtiger geſagt, die Umſtände, die mich einigermaßen entſchuldigen, er ſchenkte mir ſein doppeltes Vertrauen und ſeine Freund⸗ ſchaft in höherem Maaße als früher, als er ſah, wie ſchwer die Strafe war, die ich erduldet. Sie ſchauen mich ungläubig an, Sie meinen, ich hätte mir meine Schande bezahlen laſſen? Herr Doctor, wie nun, wenn ich ſo handeln mußte, wenn gewiſſe Dinge nur ver⸗ ſchwiegen, ein Mutterherz nur dadurch einigermaßen getröſtet werden konnte, daß ich ganz verächtlich erſchien? Daß ich mich ſo verächtlich als möglich zeigte?!“ „Herr Candidat—“ Der Doctor ſtarrte Streber an, als betäube ihn das Licht, welches derſelbe plötzlich über den Vorgang 96. im gräflichen Schloſſe verbreitete, aber Streber that, als habe er ſchon zu viel verrathen, als ſchäme er ſich ſeiner Schwäche und fuhr eifrig fort. „Ich mußte das ſagen“, rief er,„Ihnen zu er⸗ klären, weshalb der Paſtor mich anders beurtheilte als Sie, aber heute kann ich Ihnen betheuern, ich bereue es ſchwer, aus Rückſichten für meine Carrière Ihrem Schwager ein Geheimniß enthüllt zu haben, ich wollte, dies wäre nie geſchehen, es wäre mir dann erſpart geblieben, jetzt ſein Vertrauter in einer Sache gewor⸗ den zu ſein, die mich ſehr für ihn beunruhigt.“ „Beunruhigt?! Sie billigen alſo ſein Auftreten in der Erbſchaftsangelegenheit nicht und dennoch tele⸗ graphirten Sie in ſeinem Namen?!“ „Herr Doctor, ich muß, um Ihre Frage vollſtän⸗ dig zu beantworten, ein wenig weit ausholen. Ich werde Ihnen— obwohl Sie mir ſehr wenig vertrauen, volles Zutrauen ſchenken, denn ich kann Ihren Cha⸗ rakter nur hochachten. Schwing iſt ehrgeizig und— mögen Sie's nun glauben oder nicht, auch habſüchtig. Er beneidete ſeinen Bruder und war in dem ſteten Kampfe, dieſen Neid als chriſtlicher Prediger verbergen zu müſſen und ſich doch zu ſagen, daß er nur ſich an die Gerichte zu wenden brauche, um der Erbe aller Schätze ſeines Bruders zu werden. In dieſem Kampfe R nun hat die Begierde geſiegt und Leidenſchaften in ihm erweckt, welche ihn alle Pflichten ſeines Amtes, ſeine Würde, die Meinung der Leute, vergeſſen laſſen.“ „Verzeihen Sie, Herr Streber, daß ich Sie unter⸗ breche“, ſagte der Doctor, ihn ſcharf fixirend.„Darf ich um Beantwortung der Frage bitten, ob Sie, der Sie doch Schwings Tochter zu freien hoffen— wie ich gehört— keinen genügenden Einfluß beſaßen, die⸗ ſen Begierden zu ſteuern?“ „Sie berühren da ein difficiles Thema“, entgeg⸗ nete Streber ſehr ruhig.„Ich halte den Mann für beneidenswerth, der Sophiens Gatte wird, wenn er auch ihr Herz beſitzt, dieſer Hoffnung habe ich aber ſtets ſehr fern geſtanden, wenn auch der Wunſch Schwings mir Ausſichten gab. Sehen Sie ſich mein Zimmer an. Ich habe keine Bedürfniſſe, ich trachte nicht nach einer reichen Frau, ich wüßte das Geld nicht anzuwenden, es würde mir nur Sorgen machen. Schwing denkt auch nicht in ſeiner Begierde an die Zukunft ſeiner Kinder, ſondern nur an das eigene Wohlleben und vielleicht an das ſeiner Gattin. Sophie wie Georg würden, ſo wie ich ſie kenne, Bereicherung durch ein der Wittwe des Barons entriffenes Erbe verſchmähen.“ „Ganz gewiß. Darf ich Sie bitten, fortzufahren!“ 7 Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 98 „Sehr gern, doch was ich Ihnen jetzt mittheile, darüber erbitte ich mir Discretion, es ſind auch nur Vermuthungen, die ich ausſpreche, nicht Thatſachen. Um Schwings erregten Leidenſchaften, welche durch den ſteten Anblick des Ueberfluſſes auf dem Schloſſe und der Armuth im eigenen Hauſe ſtets neu angefacht wurden, eine Ableitung zu geben, ertheilte ich ihm den Rath, hierher zu kommen und eine Stellung in Berlin zu ſuchen, die ſeine Verhältniſſe verbeſſere. Er befolgte den Rath, aber er mochte auch gleichzeitig annehmen, daß mit ſeiner Entfernung von der Heimath auch die Rückſicht für den Bruder aufhören könne, denn er hatte, als er hierher kam, ſchon Schritte gethan, vor denen er ſich bisher geſcheut, er war bei Herrn von Hacke geweſen, hatte deſſen Rathſchläge acceptirt und war ſo in die Hände eines Mannes gerathen, der, wie Sie wiſſen, ein ſehr gefährliches Subject iſt.“ „Er war bei Hacke! Ja, dann iſt Alles erklärt“, rief der Arzt beſtürzt,„dann that ich Ihnen doch wohl Unrecht, dann iſt dort die Quelle jener Rathſchläge, die ich Ihnen zuſchrieb.“ „Sehen Sie das endlich ein?“ verſetzte Streber befriedigt,„werden Sie's nun glauben, daß ich in Wahrheit für den Freund beſorgt bin? Und wenn Sie mir jede Schlechtigkeit zutrauen, halten Sie mich doch hoffentlich nicht für ſo unklug, um nicht zu wiſſen, daß ein Geiſtlicher, ſelbſt wenn er das vollſte und klarſte Recht auf ſeiner Seite hat, gewiſſe Dinge, die jedem Andern nachgeſehen werden, nicht vor der Oeffent⸗ lichkeit begehen darf, ohne ſich vor der Gemeinde un⸗ möglich zu machen 12 „Sie haben Recht, ſehr Recht, Herr Streber. Verzeihen Sie mir. Ich fange an, einzuſehen, daß ich Ihnen doch wohl Unrecht gethan habe.“ Streber nickte mit dem Kopfe, er wandte ſich ab, als wolle er ſeine Rührung, ſeine Erſchütterung ver⸗ bergen— als er wieder aufſchaute, glänzte eine Thräne in ſeinen Augen. Sechstes Kapitel. Jeſuit und Ehrenmann. „Herr Streber“, begann der Arzt nach einer Pauſe, „es handelt ſich um ſehr ernſte Gefahren für meinen Schwager. Ich habe leider die traurige Gewißheit, daß er ſehr gefährliche, ſehr gewagte Mittel verſucht, ſeine Ziele zu erreichen. Wollen Sie mir jetzt ſagen, wo er iſt?“ „Ich werde Ihnen ſagen, was ich weiß. Als Schwing hier eintraf, hatte ich bereits mehrere Gönner von mir für ſeine Perſon intereſſirt, ich gab ihm die Adreſſen der Perſonen an, an welche er ſich zu wen⸗ den habe, eine ſehr einträgliche Anſtellung zu erhalten. Er war zerſtreut, er ſagte mir, daß er vor Allem in der Erbſchafts⸗Angelegenheit energiſch vorgehen müſſe, ward aber ſtutzig in ſeinem Vertrauen, als ich dies 101 mißbilligen und ihn auf die Folgen ſolcher Schritte aufmerkſam machen mußte. Von dieſem Augen⸗ blicke an hatte ich ſein Vertrauen verloren. Ich hatte ihm den Rath gegeben, einen ſehr einfluß⸗ reichen Mann, der gerade jetzt am Rheine auf ſeinen Gütern weilt, aufzuſuchen, ehe hier der Poſten definitiv vergeben wird und er bat mich, während ſeiner Abweſenheit etwaige Briefe in der Erbſchaftsange⸗ legenheit für ihn zu beantworten, mich aber genau an ſeine Inſtructionen zu halten, er wolle, daß das Ge⸗ richt entſcheide, die Meinung der Leute ſei ihm gleich⸗ giltig; er erklärte auch, daß er für den Fall des Todes ſeines Bruders keinenfalls nach Groß⸗Below reiſen, ſondern ſich durch Krankheit entſchuldigen werde.“ „Wann iſt er abgereiſt?“ „Genau weiß ich das nicht, er wollte ſich erſt Potsdam anſehen, heute erhielt ich die Nachricht, daß er in einigen Tagen wieder hier ſein will.“ „Von wo war der Brief datirt?“ „Darauf habe ich nicht geachtet, es waren nur wenige flüchtige Zeilen, die ich, wie ich es ſtets mit gleichgiltigen Briefen thue, in den Ofen ge⸗ worfen.“ „Sie wiſſen alſo ſeine Adreſſe nicht?“ „Augenblicklich, nein. Meinen letzten Brief ſollte 102 ich nach Bonn poste restante adreſſiren, er wollte ſich die Rheinufer anſehen.“ „Er war alſo nicht hier, als die Depeſche eintraf, welche den Tod des Barons ankündigte?“ „Nein.“ „Ihre Wirthin ſagte doch—“ „Meine Wirthin iſt von mir inſtruirt. Ich muß ſchon die Unwahrheit ſagen und ihn für krank aus⸗ geben, da er nicht zum Begräbniß in Groß⸗Below er⸗ ſcheinen will. Das iſt die einzige Entſchuldigung, die ihn rechtfertigen kann.“ „Sie haben an die Paſtorin geſchrieben?“ „Ja, per Expreß. Ich mußte ihr die Wahrheit mittheilen und beſchwor ſie, durch ihr Auftreten die Grauſamkeit des gerichtlichen Einſchreitens zu mildern.“ „Ihr Brief hat die entgegengeſetzte Wirkung ge⸗ habt.“ „Das glaube ich. Ich bin überzeugt, daß die Frau Paſtorin einen ſchädlichen Einfluß auf ihren Gatten in dieſer Sache geübt hat, ſie haßt die Gattin ihres Schwagers tödtlich.“ „Sie ſprachen in Ihrer Depeſche von einem Ver⸗ gleichsvorſchlag. Wie ſtimmt das zu Ihren Angaben von den Abſichten Schwings?“ „Ich handelte darin gegen meine Inſtruction, 103 aber ſo wie es mir die Pflicht wahrer Freundſchaft gebot.“ „Sie verſprachen aber Etwas, was Sie nicht halten können, wenn Schwing erklärt, daß Sie Ihre Vollmacht überſchritten.“ „Ich gedenke noch weiter zu gehen und ihn zu zwingen, ſelbſt gegen ſeinen Willen, der Billigkeit nach⸗ zugeben. Ich habe mir die Vollmachten dazu verſchafft, von Regierungswegen die Sache zu erledigen, wie es mir billig und gerecht erſcheint.“ „Sie?!“ „Ja, Herr Doctor. Ich bin Miniſterialrath und vom Herrn Miniſter Eichhorn beauftragt, die Ange⸗ legenheit zu prüfen und zu ordnen. Hier iſt das Diplom.“ Streber reichte dem Arzte das Schreiben und dieſer traute ſeinen Augen nicht. Das Königliche Landraths⸗ Amt und alle Behörden waren darnach gehalten, dem Manne, den Williams noch vor Kurzem wie einen vogelfreien Verbrecher behandelt, zu gehorchen, ihm Vorſchub zu leiſten, ſeine Anordnungen auszuführen. Er wußte es jetzt, daß er ſich mit einer Anklage gegen Streber lächerlich gemacht hätte, wenn er keine Be⸗ weiſe hatte, er wußte ja, was Einfluß in Berlin be⸗ deutete und er ſelber war hier ein unbekannter Menſch. 104 Die Hand mit dem Papiere ſank matt herab, der Mann ſchien wie gebrochen. Wenn er auch geſagt, daß er glaube Streber Unrecht gethan zu haben, ſo hatte er deshalb doch noch kein Vertrauen zu ihm ge⸗ faßt und die ganze Art, wie Streber über die Ab⸗ weſenheit Schwings von Berlin geſprochen, hatte eher neuen Argwohn erweckt, als den alten beſeitigt. Wil⸗ liams war mit dem feſten Entſchluſſe nach Berlin ge⸗ kommen, männlich einzuſtehen für die Intereſſen der Wittwe, jedes Opfer zu bringen, keine Anſtrengung zu ſcheuen, ihr Recht zu vertheidigen und ſah ſich jetzt ohnmächtig. Er hatte Schwing warnen wollen, wenn es noch Zeit, einen Gewaltakt zu begehen, hatte ver⸗ ſuchen wollen, Geſchehenes zu redreſſiren, und jetzt zeigte ihm dieſes Document, daß die Angelegenheit gerade in die Hände des Mannes gelegt war, von dem er das Schlimmſte befürchtet hatte! Es gab für ihn jetzt nur zwei Möglichkeiten. Ent⸗ weder verſuchte er noch jetzt, Streber zu verdächtigen, die Rücknahme dieſer Vollmacht zu veranlaſſen, oder — er mußte heimkehren und abwarten, was Streber that, mußte nöthigenfalls an Ort und Stelle der Wittwe ſeine Hilfe bieten. Das Erſtere erſchien nichts weniger als rathſam. Er konnte jetzt nicht mehr mit gutem Gewiſſen Streber anklagen, denn er war ja in — 105 ſeiner Meinung ſchwankend geworden, es war aber nicht anzunehmen, daß er ſo leicht Jemand werde ver⸗ dächtigen können, der ſo hohe Protectionen, ſo großes Vertrauen beſaß und jeder Verſuch eines feindſeligen Schrittes gegen Streber mußte dieſen reizen, um ſo ſchroffer vorzugehen. Das Gerathenſte ſchien demnach, Streber bei ſei⸗ nem Worte zu halten, daß er verſöhnlich auftrete, nach Geſetzen der Billigkeit entſcheide und es war keine geringe Demüthigung für den ſtreng rechtlichen, ehren⸗ feſten Mann, ſich vor dem Candidaten zu beugen, den er mit Verachtung zu behandeln gewöhnt geweſen und das um ſo mehr, als der flüchtige günſtige Eindruck, den Streber auf ihn gemacht, ſich bei dem Gedanken völlig verwiſchte, Streber habe ihm abſichtlich dies Document ſo ſpät gezeigt, um deſto ſtolzer zu trium⸗ phiren. „Ich bin alſo nutzlos hierher gekommen“, ſagte der Arzt und er war kein ſo vollendeter Heuchler, um ſeine Niedergeſchlagenheit verbergen zu können,„ich kann der Wittwe nur den Troſt bringen, daß Sie mir verſprochen haben, Billigkeitsrückſichten gelten zu laſſen.“ „Ich habe geſagt“, verſetzte Streber,„daß ich dieſen Wunſch hege und eine ſolche Löſung für die 106 günſtigſte in Bezug auf die wahren Intereſſen meines Freundes Schwing halte. Leider höre ich jedoch, daß die Angelegenheit, die gar nicht in die Oeffentlichkeit dringen durfte, ſchon unangenehmes Aufſehen gemacht hat. Es iſt ſehr betrübend, daß die Wittwe das Schloß verlaſſen, und dadurch die Gemüther der Leute erregt hat, ſehr traurig, daß die Paſtorin dies duldete. Die Frau, welche dem Baron im Leben angehört, durfte nicht von der Leiche entfernt werden, wer das ver⸗ ſchuldete, hat die Folgen auf ſeinem Gewiſſen.“ „Wenn Sie das fühlen, wenn Sie alſo denken“, rief Williams mit Wärme,„ſo reiche ich Ihnen meine Hand, dann bin ich überzeugt, Sie werden gerecht urtheilen. Das Gericht forderte, die Verſiegelung vor⸗ zunehmen und da konnte die Baronin nicht anders handeln, als ſie es gethan.“ „Ich glaube doch!“ verſetzte Streber.„Ich kenne zwar die Umſtände nicht, aber ſie hätte ſehr gut um die Reſervirung einiger Zimmer für ſich bitten können.“ „Das widerſtrebte ihrem gerechten Stolz, ihrem Gefühl.“ „Gerechter Stolz! Herr Doctor, Sie nehmen ſehr ſtark Partei. Wo ein Teſtament es anordnet, oder ein Gericht es fordert, müſſen ſich die Erben ſtets die Ver⸗ ſiegelung gefallen laſſen und jeder Proteſt dagegen iſt 107 ſchon eine Demonſtration. Ich habe gewiß die leb⸗ hafteſte Theilnahme für die Hinterbliebenen, mich er⸗ ſchüttert der Gedanke an ihre entſetzliche Lage, aber ich denke, unter den obwaltenden Umſtänden hätten gerade die Hinterbliebenen Alles vermeiden müſſen, was ein peinliches Aufſehen erregen konnte. Doch ich will nicht urtheilen, ehe ich geprüft. Es iſt ja möglich, daß man die Hinterlaſſenen zu ungewöhnlichen Schrit⸗ ten gedrängt hat. Ich fahre mit dem Abendzuge nach Groß⸗Below. Habe ich die Ehre Ihrer Begleitung?“ „Ich danke. Ich bin noch nicht völlig mit mir im Reinen, ob ich nicht beſſer thue, Schwing hier zu erwarten. Sie ſagten, er käme in einigen Tagen?“ „Ja, aber es iſt fraglich, ob meine Mittheilung von den Ereigniſſen zu Groß⸗Below— wenn der Brief ihn rechtzeitig angetroffen— ihn nicht doch be⸗ wegt ſogleich zurückzukehren und die Rheinreiſe aufzu⸗ geben. Vielleicht fährt er dann nur durch Berlin durch, ohne Aufenthalt.“ „Das iſt möglich“, murmelte der Doctor, der es aufgeben mußte, das Innere Strebers aus deſſen Mienenſpiel zu leſen, denn die Züge des Candidaten oder vielmehr des Herrn Rathes blieben undurch⸗ dringlich.„Ja, ich werde reiſen, aber ſ chon mit dem näch⸗ ſten Zuge, er fährt zwar langſamer, aber er iſt billiger.“ 108 „Ich meine theurer, denn Zeit iſt Geld und mehr werth als Geld, aber ich wage es nicht, Ihnen meine Börſe zur Dispoſition zu ſtellen—“ „Ich danke, Herr Streber, ich danke.“ „Der wäre abgefertigt“, murmelte Streber, als der Arzt ihn verlaſſen und ſich diesmal mit allen Formen der Höflichkeit empfohlen.„Ich glaube, er wird reiſen, er ſcheint mir ſeine Entſchlüſſe nicht leicht zu wechſeln, aber Vorſicht iſt in allen Dingen gut.“ Streber ging zum Schreibtiſch und ſetzte einige Zeilen an einen Beamten im Miniſterio Rochows auf, der ihm befreundet war und erſuchte ihn, dafür zu ſorgen, daß ein Doctor Williams, falls er den Mini⸗ ſter zu ſprechen begehre, keine Audienz erhalte, der⸗ ſelbe gehöre zu den Mißvergnügten Oſtpreußens und ſein, Strebers perſönlicher Feind. Die Beſorgniſſe Strebers waren überflüſſig, Wil⸗ liams hatte den Kampf vorläufig aufgegeben und be⸗ ſchloſſen, das Kommende abzuwarten. Das Schlimmſte, was er befürchtet, ein Attentat Schwings gegen Marco, erſchien unwahrſcheinlich. Williams hatte dieſem Arg⸗ wohn überhaupt nur nachgegeben, ſeit er Schwing in dem Netze Strebers wußte, und als verblendetes Werk⸗ zeug dieſes Mannes konnte, ſeiner Anſicht nach, der Paſtor dahin gebracht werden, ein Verbrechen zu be⸗ gehen. Streber hatte nun aber die Vollmacht, die Angelegenheit nach ſeinem Ermeſſen zu ordnen, da be⸗ durfte er keines ſolchen Verbrechens, den Raub zu vollführen und hatte jedenfalls, wenn er einen ſolchen Plan früher gehegt, denſelben wieder aufgegeben. Cs war alſo eigentlich nichts Schlimmeres zu befürchten, als daß man die Baronin mit ihren Kindern des Erbes, oder des größten Theiles deſſelben beraubte, Williams war überzeugt, daß Streber, wenn dies gelang, die äußere Ehre der Wittwe ſchonen werde, daß er ihr auch ſoviel laſſen werde, um exiſtiren zu können und es war daher ſeine Aufgabe zunächſt, die Baronin darauf vorzubereiten, wie hoffnungslos ihre Sache ſtehe, ſelbſt wenn Marco die beſten Erfolge gehabt, denn es lag klar, daß die Gegenpartei die Papiere nicht mehr fürch⸗ tete, die Jener bringen konnte, daß ſie bereits ein rechtliches Gutachten darüber eingezogen, daß ſelbſt ein Trauſchein amerikaniſcher Art bei Miſchehen in Preußen nicht vollgiltig ſei, Erbanſprüche an preußi⸗ ſchen Grundbeſitz zu bekräftigen. Das Klügſte blieb, einen Vergleich einzugehen, der einigermaßen befriedigend war und Streber ſchien ja einen ſolchen anbieten zu wollen! Als der Doctor ziemlich erſchöpft von der weiten Reiſe ſein Haus betrat, hörte er Vieles, was ihm 110 faſt den Muth nahm, die kümmerliche Hoffnung au einen Vergleich im Herzen zu bewahren. Er hörte, wie Sophie aus dem Pfarrhauſe geflüchtet, wie Holl⸗ mann von ſeiner Schweſter Cornelia behandelt worden, daß durch Schuld der Paſtorin die Gemeinde in die höchſte Erregung verſetzt worden und Olympia erklärte ihm, ſie ſei entſchloſſen, den Kampf für die Ehre ihres Namens und ihrer Kinder aufs Aeußerſte zu führen, möge daraus folgen was da wolle, ſie habe bereits an den König geſchrieben und ihn angefleht, die ſtrengſte Unterſuchung zu befehlen, der Candidat Holl⸗ mann habe ihr zu dieſem Schritte gerathen. Sophie war im Hauſe des Arztes. Sie hatte anfänglich weiter flüchten wollen, weil ſie fürchtete, ihre Mutter werde ſie mit Gewalt zurückholen laſſen, aber ſowohl der Candidat, wie Olympia hatten ihr ihre Hilfe verſprochen, die Letztere hatte mit echt ſüd⸗ licher Leidenſchaft erklärt, ſie werde im Nothfall die Gemeinde, die Gutsangehörigen aufrufen, Sophie zu beſchützen, die ſie als Braut ihres Sohnes unter ihre mütterliche Obhut nehme. Williams ſchüttelte den Kopf. Er war von allen dieſen Nachrichten wie betäubt, beruhte doch ſeine beſte und letzte Hoffnung auf den Worten Strebers, daß jeder öffentliche Scandal vermieden werden müſſe 441 und daß er allein aus dieſem Grunde einen Vergleich vorſchlagen werde. Der Scandal war da. Es war dem empörten Gefühl Olympia's gewiß nicht zu verdenken, daß ſie energiſch der Heuchelei Cornelia's gegenüber getreten, aber noch ahnte ſie nicht, wer ſchon mit dem Schieds⸗ richteramt in dieſer Sache von den höchſten Behörden betraut war, ſie ahnte nicht, daß ihr Geſuch an den König dem Miniſter zur Beurtheilung zugehen müſſe, der Streber an Eichhorn empfohlen, den Ebelianer Herrn von Thile! Sophiens Blicke hingen mit zitternd ängſtlicher Frage an dem Oheim, ob er keine Nachricht von Marco bringe, keinen Troſt für ſie in dem gräßlichen Arg⸗ wohn gegen ihren Vater habe— und ihn beſchlich eine unbeſchreibliche Angſt, ein Grauen— konnte Cornelia es wagen, ſo feindſelig aufzutreten, wenn ſie nicht ge⸗ wiß davon überzeugt war, daß Marco, der Anbeter Sophiens, der feurige, thatkräftige Sohn und Rächer ſeines Vaters ohnmächtig gegen ſie ſei— alſo nicht wiederkehren werde?! Was vermochte gegen dieſen entſetzlichen Gedanken der Einwand des Verſtandes, Streber bedürfe keines Verbrechens, hier zu plündern und zu rauben! Es war faſt unzweifelhaft gewiß, daß Cornelia im Auftrage 112 Strebers die Maske abgeworfen, Olympia aufs Aeu⸗ ßerſte gereizt. Jetzt lag die Lüge Strebers, er habe ſie beſchwichtigt in ſeinem Briefe, klar auf der Hand. Seit ſie jenen Brief erhalten, war ihre völlige Um⸗ wandlung geſchehen, ihr Betragen gegen ihn, Williams, war keine Folge gereizten Weſens, der Oppoſitionsluſt, ſchlechter Laune geweſen, ſonſt hätten ſeine Worte ſie gewarnt, ſie war nach ſeiner Abreiſe noch ſchroffer aufgetreten und der Umſtand, daß ſie Sophie nicht holen ließ, zeigte faſt überzeugend, daß ſie auf baldi⸗ gen, beſſeren Triumph rechnete. Der Doctor bat Olympia um ein Geſpräch unter vier Augen, er berichtete ihr ſein Geſpräch mit Stre⸗ ber, ſchilderte ihr, welche Zweifel er in deſſen Charak⸗ ter ſetze, wie verzweifelt er ihre Lage anſehe und daß allein für ſie aus einem Vergleiche etwas zu ſchaffen ſei. Er beſchwor ſie, ſich mit dieſem Gedanken ver⸗ traut zu machen, ſich der eiſernen Nothwendigkeit zu beugen und im Intereſſe ihrer Perſon und ihrer Kin⸗ der wenigſtens zu verſuchen, ob ſie dadurch ein leidlich befriedigendes Reſultat erreiche. Es koſtete dem Arzte einen langen, ſchweren Kampf, der Baronin endlich dies Verſprechen zu entlocken, denn ihr Stolz ſträubte ſich mit edler Leidenſchaft dagegen und ſie ſagte ſchließlich, nur der Gedanke an ihre 113 Kinder könne ſie zu dieſer Nachgiebigkeit, in der faſt ein Hohn gegen den Todten liege, bewegen, ſie ſelber zöge es vor, lieber unverdiente Schande zu tragen, als ihrer Würde etwas zu vergeben. Es ging hieraus hervor, daß Olympia ſchon dar⸗ auf gefaßt war, ihr Vermögen zu verlieren, daß ſie alſo wohl nicht zu einem Vergleiche zu bewegen ſein werde, in welchem die Legitimität ihrer Ehe irgendwie zweifelhaft hingeſtellt werde, dieſer Zweifel aber gab ja ihren Gegnern den einzigen rechtlichen Grund, ſie zu berauben! In ähnlicher Weiſe, wie die Baronin ſich feſt ent⸗ ſchloſſen zeigte, in gewiſſen Dingen nicht nachzugeben, fand der Doctor auch Sophie reſignirt, lieber das Aeußerſte zu wagen, als einen Fingerbreit nachzugeben. Es war nicht Olympia, deren Einfluß derart auf So⸗ phie gewirkt, dieſelbe hatte es ſogar vermieden, ihr Rath zu ertheilen oder ein Urtheil über ihre Hand⸗ lungsweiſe abzugeben und ſich einfach damit begnügt, ihr Schutz gegen Gewaltthätigkeit von Seiten ihrer Mutter zu verſprechen— es war ſeltſamer Weiſe die ſonſt ſo heitere, ſanfte, harmloſe Marie, welche ihre Couſine in ihren Entſchlüſſen beſtärkte und ſie aufge⸗ fordert, mit ihr gemeinſam den Schwur zu leiſten, daß ſie einander in Freud' und Leid fortan zur Seite Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 8 114 ſtehen wollten. Die beiden Mädchen hatten, ohne Je⸗ mand etwas davon zu ſagen, einen Brief an Georg aufgeſetzt und abgeſchickt. Der Paſtor Schwing hatte zwar nicht den Namen des Prinzen in ſeinem Schrei⸗ ben genannt, bei welchem Georg Adjutant geworden und nur angedeutet, daß Georg mit einer königlichen Hoheit nach dem Orient reiſe, aber die Mädchen hatten ſich zu helfen gewußt, ſie hatten nach längerer Berath⸗ ſchlagung den Brief an das Commando des Lehrba⸗ taillons mit der Bitte gerichtet, das Schreiben dem Adreſſaten eiligſt nachzuſenden. Doctor Williams rieb ſich die Hände vor Ver⸗ gnügen über die kluge Handlung der Mädchen, als Sophie ihm den Inhalt des Briefes aus dem Concept deſſelben mittheilte. Die Mädchen hatten es wohl er⸗ wogen, daß Georg, ohne ſich ſehr in ſeiner Carrière zu ſchaden, nicht ſeine Ablöſung oder Zurückberufung beantragen könne, hatten daher mit ſchlauer Umgeh⸗ ung der Wahrheit die Vorfälle nur ſo geſchildert, als ob die Einmiſchung des Gerichtes auch im In⸗ tereſſe des Abweſenden geſchehen, Schwing nichts ohne ſeine Zuſtimmung thun könne oder doch dieſen Vorwand gewählt habe und daß daher eine notariell beglaubigte Erklärung von Georg, auf jeden Erban⸗ ſpruch aus der Nachlaſſenſchaft des Barons für heute und ſpäter zu Gunſten der Hinterlaſſenen deſſelben Verzicht zu leiſten, genüge. Die beiden Mädchen hatten ſich geſagt, wenn der Paſtor von Schwing von ſeinen beiden Kindern höre, daß ſie entſchloſſen ſeien, eine derartige, gleichlautende Erklärung nöthigenfalls dem Landraths⸗Amt einzu⸗ reichen, eine ſolche Drohung ihn zurückſchrecken müſſe, auf der begonnenen Bahn weiterzuſchreiten, da ihm dann vor der Welt die Rechtfertigung fehle, er ſorge für die Zukunft ſeiner Kinder. Dachte der Paſtor noch heute, wenn er von Cornelia die Flucht Sophiens erfuhr, durch Güte, Drohung oder Gewalt ſie anders zu ſtimmen, ſo mußte eine Erklärung Georgs, daß er die Geſinnungen ſeiner Schweſter theile, ihn mit dem Gedanken erſchrecken, daß er durch ſein Auftreten ge⸗ gen die Baronin beide Kinder ſeinem Herzen entfremde und ein ſtiller Nebengedanke der Mädchen war wohl der, daß ein Ausgleich dann leicht dadurch geboten ſei, daß Georg Marie, Marco Sophie heirathe. Wohl hatte Sophie lange geſchwankt, ob ſie einen Schritt thun dürfe, der Georg zur Aufſeſſigkeit gegen ſeinen Vater verleite, ob es nicht Sünde ſei, wenn ſie ihren Einfluß auf den Bruder dazu benutze und ihm ihr Urtheil über die Angelegenheit aufdränge, aber die Angſt um Marco, die Ahnung, daß ihr Va⸗ 8* 116 ter gegen denſelben tückiſche Gewalt übe, ließen jedes Bedenken ſchwinden. „Habe ich gefehlt“, ſagte ſie mit thränenden Au⸗ gen zu ihrem Onkel,„iſt es eine Sünde, daß ich im Argwohn gegen den Vater Georg verleite, meinem Beiſpiel zu folgen, ſo weiß es doch der Himmel, daß ich nur Gefahren und ſpätere Reue von meinem Va⸗ ter abwenden will und lieber auf jedes Glück der Erde, ſelbſt auf die Hoffnung, Marco einmal anzuge⸗ hören, verzichten will, als dem Vater ein Unrecht be⸗ gehen ſehen. Fordert er das Opfer von mir, Marco zu entſagen, als Preis dafür, daß er die Hand von jenem Erbe läßt und die unglückliche Baronin nicht mehr verfolgt, Marco ſein Erbe läſſet, ich will es bringen und ſollte mir auch das Herz darüber brechen. Sage es meiner Mutter, ſage es meinem Vater, ich wiſſe es wohl, daß Gott geſagt, der Segen der Eltern baue den Kindern Häuſer und daß ich nie ohne den Segen meiner Eltern, ohne ihre Zuſtimmung Marco die Hand reichen werde, daß ich aber auch niemals meinen Eid brechen werde, den ich Marco geleiſtet, ihn zu lieben und keinem Anderen als ihm anzugehö⸗ ren. Die Eltern können es mir verſagen, glücklich zu werden, aber mich nicht zwingen, das heiligſte Gefühl zu verrathen und beſchworene Treue zu brechen.“ „Bleibe feſt in dieſem Entſchluſſe, Sophie“, rief der Arzt bewegt,„und Alles kann ſich noch zum Guten wenden, biſt Du aber auch Georgs ſicher, daß er ebenſo entſchieden auftritt, wie Du und ebenſo feſt bleibt?“ Sophie lächelte in Thränen.„Er liebt Marie“, flüſterte ſie leiſe,„und Marie ihn.“ „Dann iſt Alles gewonnen!“ jubelte Williams, „dann lacht hinter ſchwarzen Wolken die Sonne und ſie wird das Gewölk verjagen!“ Siebentes Kapitel. Eine Unterredung. Die frohe Zuverſicht des Arztes ſollte auf eine harte Probe geſtellt werden. Hatte er erwartet, daß Streber ſehr bald nach ihm eintreffen und die ent⸗ ſcheidende Unterredung mit der Baronin nachſuchen werde, ſo täuſchte er ſich; es vergingen mehrere Tage, ohne daß Streber ſich blicken ließ, aber was man von ihm hörte, gab wenig Hoffnung auf eine verſöhnliche Stimmung ſeinerſeits. Einige Blätter hatten die Vorfälle auf Groß⸗ Below, freilich ohne Namen zu nennen, geſchildert, und ſehr bitter beſprochen, ſehr ſcharfe Anſpielungen gegen die Geiſtlichen, welche nach irdiſchem Mammon dürſten, darein verflochten und Partei für die unglück⸗ lichen Hinterlaſſenen, denen grauſame Habgier nicht 119 einmal die Ruhe gelaſſen, ihren Todten zu be⸗ ſtatten. Die Zeitungen brachten jetzt von Amtswegen ihnen zugegangene Berichtigungen, in welchen ihre Schilderun⸗ gen der Vorfälle als thätſächlich unrichtig bezeichnet, die Darſtellung gehäſſig und verleumderiſch genannt wurde; ein Blatt, welches dieſe Berichtigung hatte an⸗ zweifeln wollen, war genöthigt, zu erklären, daß die Cenſur ihm die Beſprechung der Angelegenheit ver⸗ boten. Man erzählte ſich ferner, daß der Candidat Holl⸗ mann einen ſehr ſtrengen Verweis erhalten und ſeine Abberufung zu gewärtigen habe, daß zwiſchen dem Land⸗ rathamts⸗Verweſer, Herrn von Bartenſtein und dem Miniſterialrath Streber eine heftige Scene ſtattgefunden, und der Aſſeſſor infolge derſelben ſich ſehr niederge⸗ ſchlagen und düſter gezeigt. Man hörte, daß der Schulze von Groß⸗Below mehrfach aufs Amt beſchieden worden, daß die Dienerſchaft des verſtorbenen Baron von Schwing mit Entlaſſung und gewaltſamer Ent⸗ fernung nach ihren Heimathsorten bedroht ſei, daß ſogar die Rede gehe, Groß⸗Below ſolle Einquartirung von Soldaten erhalten und zwei Gensdarmen ſollten dort ſtationirt werden. Alle dieſe Gerüchte und Maßregeln bewieſen frei⸗ 120 lich nur, daß der Miniſterialrath mit großer Strenge die Gährung erſticken, die Autorität des Geſetzes auf⸗ recht erhalten wolle, aber da er häufig und zwar mit Oſtentation das Pfarrhaus beſucht, in den wenigen Tagen mehrfach dort vorgefahren war, die Baronin aber nicht aufgeſucht hatte, ſo lag die Befürchtung nahe, daß ſeine Unterſuchung der Vorgänge ſich darauf beſchränke, die Gegner der Baronin zu hören, ihre Freunde einzuſchüchtern. Wie der Doctor es vorher geſagt, erhielt die Baronin— diesmal ungewöhnlich ſchnell— die Antwort auf ihr Geſuch an den König durch ein Reſcript, welches der Miniſter von Thile unterzeichnet, das Geſuch wäre dadurch ſchon erledigt, daß der Miniſterialrath Streber damit betraut ſei. Auf dem Schloſſe hatten Viſitationen der Papiere des Verſtorbenen ſtattgefunden, die Kirchenbücher waren geprüft worden und heute endlich, nachdem alle dieſe Gerüchte die Baronin hinreichend beunruhigt, kam ein Schreiben vom Landraths⸗Amt an dieſelbe mit dem Er⸗ ſuchen, Documente, welche ſich etwa in ihren Händen be⸗ finden ſollten und welche dazu dienen könnten, den Nach⸗ weis zu führen, daß ſie ein Recht habe, den Namen des Verſtorbenen zu führen, ungeſäumt einzureichen, gleich⸗ zeitig aber auch anzugeben, in welchem Kirchſprengel die Trauung ſtattgefunden, in welchem Kirchenbuch 121 dieſelbe amtlich regiſtrirt, wer die Zeugen geweſen, ob ſie einen Ehecontract beſitze, wo ſich die Taufzeugniſſe ihrer Kinder befänden u. ſ. w. Das amtliche Schreiben war von einem Briefe Strebers an den Arzt begleitet, den wir hier wörtlich wiedergeben. Er lautete: „Hochverehrter Herr Doctor! Wollen Sie die Güte haben, Ihrer Schutzbefohlenen, der Frau Baronin von Schwing, zu ſagen, daß die geſetzliche Form die Einforderung der in dem amtlichen Schreiben aufgeführten Papiere nöthig macht, daß ich nach beſten Kräften aber auch Privatbriefen und Zeugniſſen über den etwaigen Verluſt dieſer Papiere gern Geltung verſchaffen werde. Ich bitte Sie, die Dame meiner Theilnahme, meines lebhafteſten Inter⸗ eſſes zu verſichern und ihr die Bitte vorzutragen, ſich morgen um zwölf Uhr auf das Schloß Groß⸗Below behufs Unterredung mit mir und nochmaliger Viſitation des Secretairs des Verſtorbenen bemühen zu wollen. Ich kann den zwiſchen uns erwähnten Vergleichs⸗Vor⸗ ſchlag erſt machen, wenn die amtlichen Feſtſtellungen erfolgt ſind und ich deren Reſultat conſtatirt habe. Derſelbe iſt überdem privater Natur. Ich bin mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebenſter J. Streber.“ 122 Auf den Rath des Arztes antwortete die Baronin ſchriftlich, daß ſie weder im Beſitz der gewünſchten Papiere, Briefe, Privatzeugniſſe u. ſ. w. ſei, noch daß ſich ſolche ihres Wiſſens noch im Secretair ihres Gat⸗ ten befänden. Derſelbe habe auch keine geheimen Fächer, die ſie angeben könne, es wäre alſo nutzlos, daß ſie nach Groß Below komme, welcher Ort überdem für ſie die traurigſten und ſchmerzlichſten Erinnerungen berge. Sie müſſe den Antrag ſtellen, daß die Rückkehr ihres Sohnes, welcher die gewünſchten Documente bringe und der natürliche Stellvertreter ſeines Vaters ſei, ab⸗ gewartet werde, ehe man die Unterſuchung ihrer An⸗ ſprüche abſchließe, ſie proteſtire gegen jedes anderweite Verfahren und bitte überdem in Betracht zu ziehen, daß ſie amerikaniſche Bürgerin ſei, ebenſo ihr Sohn amerikaniſcher Bürger. Wolle Herr Streber in der Abſicht, den Vermittler zwiſchen ihr und dem Paſtor von Schwing zu ſpielen, ſie ſprechen, ſo bitte ſie den⸗ ſelben, ſie in ihrer jetzigen Wohnung bei Dr. Williams aufzuſuchen, ſie erkläre aber ſchon jetzt, daß ſie auf keinen Vergleichs⸗Vorſchlag eingehe, der ihrer Ehre zu nahe trete und ſich auf Annahmen baſire, die ſie als gehäſſige Verleumdungen bezeichne, wohl aber ſei ſie bereit, um einen Proceß zu vermeiden, die im Preu⸗ ßiſchen befindliche unbewegliche Habe, als das Gut des Verſtorbenen freiwillig und ohne Erſatz der von ihrem Gatten angelegten Verbeſſerungen, eingelöſten Hypotheken u. ſ. w. an den Bruder des Verſtorbenen abzutreten. Streber hatte an dem Morgen dieſes Tages, ehe er die Briefe abſandte, eine Depeſche aus Berlin von Schwing erhalten, die ihm deſſen Rückkehr und die ſehr glückliche Erledigung ſeiner Angelegenheiten mittheilte; Schwing fragte gleichzeitig an, ob es nöthig ſei, daß er nach Groß⸗Below komme. Streber antwortete zurück, er ſolle in Berlin blei⸗ ben, ſeine Verſetzungs⸗Angelegenheit beſchleunigen, er werde Cornelia veranlaſſen, nach Berlin zu fahren. Faſt zu derſelben Zeit, wo die Baronin ihre Ant⸗ wort an Streber ſchrieb, war dieſer bei Cornelia und gab ihr den Rath, nach Berlin zu fahren, ohne ſich weiter um Sophie zu bekümmern, dieſe ruhig bei dem Onkel zu laſſen, das werde mehr Eindruck machen, als wenn ſie ihre Autorität vielleicht nutzlos anwende, dieſelbe zu ſich zu berufen. Und ſo war es denn auch. Es wurde Williams ſehr bald hinterbracht, daß die Paſtorin ihre Koffer packe, da ihr Gatte ſie nach Berlin gerufen. Sophie erbleichte bei dieſer Nachricht. Die Mutter betrachtete ſie alſo ſchon als eine Verſtoßene und Verlorene. Der Umſtand, daß der Paſtor nach Berlin zurückgekehrt, daß er, anſtatt nach Hauſe zu fahren, ſeine Frau nach Berlin berief, zeigte Williams nicht nur, daß Schwing die ganze Angelegenheit Streber überlaſſe, ſondern auch, daß Schwing an einer Verſöhnung, einem Vergleich nichts gelegen ſei. Er verließ ſeine Gemeinde, es war ihm gleichgiltig, was man dort leiſe ſprach, Streber ſorgte dafür, daß das Wort des Tadels nicht laut wurde. Noch vor wenigen Stunden hatte er der Baronin gerathen, auf Marco's Rückkehr zu trotzen, jetzt zitterte er, wenn er Sophie anſah, in dem entſetzlichen Arg⸗ wohn, den ſie ihm in die Bruſt gelegt. Wenn Marco nun nicht zurückkehrte! Noch war ihm der Gedanke unfaßbar, daß ſein Schwager ein Criminal⸗Verbrechen verübt haben könne, aber deſto unheimlicher ſtand in geſpenſtiſcher, unklarer Geſtalt der Verdacht vor ſeiner Seele. Sollte auch noch die⸗ ſer Schlag die unglückliche Familie treffen? Der Ge⸗ danke war zu entſetzlich, um ihm nachzuhängen; die Seele von Grauen geſchüttelt, wandte er ſich im Ge⸗ bet gen Himmel, der Allbarmherzige dort oben konnte ſolches nicht dulden! Streber ließ wieder einen Tag vergehen, ehe er auf den Brief der Baronin antwortete, er mochte 125 ahnen, daß die Ungewißheit ſie mürbe machen werde. Die Paſtorin war abgereiſt, ohne ihrem Bruder, ihrer Tochter eine Mittheilung davon zu machen, ſie hatte die Obhut über das Haus Dienſtleuten übergeben. Wie drückende Gewitterſchwüle laſtete es auf allen Herzen im Hauſe des Arztes, Olympia allein zeigte eine Ruhe, eine Zuverſicht, welche die Herzen ihrer Tochter und Sophiens labte. Da kam die Antwort Strebers, er könne nur auf ſeiner Bitte, die Baronin in Groß⸗Below zu ſprechen, beſtehen, eine Ablehnung müſſe er einer Verzichtleiſtung auf jeden Vergleich, einer Zurückweiſung deſſelben gleichſtellen. Es handle ſich um Rückſprache über einige Papiere des Verſtorbenen, die er nicht aus dem Schloſſe entfernen dürfe aber der Baronin vorlegen wolle, auch um Sichtung des Nachlaſſes. Die Baronin möge be⸗ denken, daß ſie das Opfer, welches ſie bringe, ihren Kindern leiſte. Olympia entſchloß ſich, dem Wunſche zu will⸗ fahren, ſo ſchwer ihr auch die Nachgiebigkeit wurde. Der Doctor Williams führte ſie zu der von Streber angegebenen Zeit auf das Schloß, ſie trafen dort einen Gerichtsſchreiber, der ſie empfing und zu dem Miniſte⸗ rialrath führte, der kurz vor ihnen eingetroffen war, Die früheren Diener und Mägde Olympia's hatten ihre Herrin auf dem Hofe begrüßt, es ſchien ihnen ver⸗ boten zu ſein, das Schloß zu betreten, denn ſie kehrten in die Wirthſchaftsgebäude zurück, als Olympia die Schwelle überſchritten. Es war ein trüb ſchmerzlicher, erſchütternder An⸗ blick für Olympia, dieſe verödeten Räume, wo ſie ſo glücklich gelebt, jetzt ausgeſtorben, mit halb verhüllten Fenſtern, verſiegelten Schränken und theilweiſe ver⸗ ſiegelten Thürſchlöſſern zu ſehen, aber feſt entſchloſſen, dem Miniſterialrath mit der Würde des Unglücks, mit dem Selbſtgefühl guter und gerechter Sache zu begegnen, beherrſchte Olympia die Wehmuth, die Bitter⸗ keit, den nagenden Schmerz. Streber erſchien, begleitet von dem neubeſtellten Verwalter des Schloſſes. Er war ſichtlich betroffen und überraſcht von dem Anblick der ſchönen, ſtolzen Frau, ja er war einen Augenblick befangen, außer Faſſung, er ſtarrte ſie an und erröthete und ſenkte das Auge. Der Doctor lächelte triumphirend, das Herz wollte ihm überſtrömen. Ja, dachte er im Stillen, könnte die ganze Welt ſie ſo ſehen, ſelbſt dieſer Menſch erſchrickt bei ihrem Anblick vor der Verleumdung, die ſie anzutaſten gewagt, nur Cornelia, im Neid des Weibes vermochte es, ſie eine Dirne zu ſchelten! „Gnädige Frau“, ſagte Streber, als er ſich gefaßt, „es befinden ſich Papiere hier, über welche Sie allein Auskunft geben können, das zwang mich zu der Bitte, ſich hierher zu bemühen— verzeihen Sie—“ „Ich ſtehe zu Dienſten. Gehen wir in das Zim⸗ mer meines Gatten.“ Sie richtete dieſe Worte mehr an Williams als an Streber. „Gnädigſte Frau“, ſagte der Letztere haſtig,„ich möchte zugleich auch um die Gnade eines Geſpräches unter vier Augen bitten. Ich habe Ihnen etwas vor⸗ zuſchlagen, das nur Sie hören dürfen, was ein Ge⸗ heimniß bleiben muß, wenn Sie nein ſagen.“ Williams lächelte. Er gab Olympia durch einen Wink zu verſtehen, daß ſie den Vorſchlag wenigſtens anhöre. Er hoffte, Schwing werde durch den Mund Strebers in Güte zu erreichen ſuchen, was mit Ge⸗ walt doch gefährlich erſchien. „Auch das will ich gewähren“, verſetzte Olympia. „Man ſoll mir nicht vorwerfen, daß ich durch Stolz oder Hartnäckigkeit eine Ausſöhnung unmöglich gemacht, die Feindſchaft gegen mich zu größerer Bitterkeit gereizt hätte. Ich will den Kelch bis auf die Hefe leeren.“ Die Baronin begleitete Streber in das obere Stockwerk, wo das Arbeitszimmer ihres verſtorbenen Gatten lag. Die Siegel waren entfernt, der Secretär ſtand offen, einige Papiere lagen geordnet da, als ob ſie für dieſe Scene zurecht gelegt wären. Olympia ſtieg das Blut ins Antlitz. Sie erkannte auf den erſten Blick, daß es Briefe waren, die ſie in früherer Zeit geſchrieben, Briefe an ihren Gatten. Die Geheimniſſe ihrer Liebe, ihres Glücks, ihrer Ehe hatte man angetaſtet, fremde Augen laſen dieſe Worte, in denen ihr Herz ſeine wärmſten innigſten Empfindungen ausgeſchüttet. „Mein Herr“, ſagte ſie, kaum im Stande, ihre Empörung zu unterdrücken,„hätte ich ahnen können, daß mein Gatte ſich Briefe von mir aufgehoben, ſo würde ich dieſelben als mein Eigenthum reclamirt haben. Ich finde es ſtark, daß man die Briefe ange⸗ taſtet hat und verbitte mir von vornherein jede Er⸗ örterung des Inhalts derſelben, ich fordere ſie zurück.“ „Hier ſind ſie, gnädigſte Frau und wenn Sie meiner Verſicherung, daß ich die Briefe nicht geleſen, daß Niemand ſie geleſen, Glauben ſchenken wollen, ohne daß ich hinzufüge, daß mir auch die Zeit dazu gemangelt hätte, ſo werde ich doppelt glücklich ſein, ich würde dann nicht nur wiſſen, daß ich Sie beruhigt, ſondern auch, daß Sie mir glauben, wenn ich ſage, es gibt Niemand auf der Welt, der ſo innigen An⸗ theil an Ihren Schickſalen nimmt, als ich, der Ihr gutes Recht ſo gern vertheidigen möchte!“ Obwohl es Olympia nicht gefiel, daß Strebers Blicke unausgeſetzt auf ihr ruhten, obwohl die Dreiſtig⸗ keit deſſelben ihr ſchon peinlich wurde, war ihr Herz doch zu rein, ihr Stolz zu arglos, um ahnen zu kön⸗ nen, es werde Jemand, noch dazu in dieſem Hauſe, es wagen, die Ehrerbietung gegen ſie zu verletzen und in ihrem Kummer, in ihrer Sorge war es ihr ſchon faſt ein Troſt, daß Streber ſo ſprach, es zwang ihn ja Niemand dazu, ihr Hoffnungen zu machen. Sie ſteckte die Papiere zu ſich und ſagte leiſe: Ich danke. Sie nahm den ihr von Streber gebotenen Seſſel ein. „Beweiſen Sie mir Ihre Theilnahme“, ſagte ſie, „dadurch, daß Sie mir offen die Wahrheit ſagen, was ich zu hoffen und was ich zu fürchten habe. Welchen Vergleich ſchlägt man mir vor, was ſind das für Papiere, die ich einſehen ſoll?“ „Gnädigſte Frau, die Papiere betreffen Schulden auf den Gütern, die Ihr Herr Gemahl bezahlt hat. Es iſt wichtig und in Ihrem Intereſſe, nachzuweiſen, daß er das Geld dazu nicht aus Erträgen der Güter, 9 Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. ſondern aus eigenen, mitgebrachten Capitalien genom⸗ men, überhaupt gilt es feſtzuſtellen, wie groß das Vermögen Ihres Herrn Gemahls war, das derſelbe aus Amerika mitgebracht.“ „Ich weiß darüber ſo gut wie gar nichts, ich habe mich um dieſe Angelegenheiten nie bekümmert, die Bücher meines Mannes werden jedoch Alles gewiß ausweiſen, er war ſehr ordnungsliebend.“ „Dann habe ich Bücher“, verſetzte Streber raſch und ſie dabei fixirend,„welche zur völligen Klarlegung der Sache dienen, noch nicht gefunden und muß wei⸗ ter nachſuchen.“ „Herr Rath, die Bücher meines Gatten ſtanden alle zuſammen; nach den laufenden Jahren geordnet, hier, ich weiß das genau.“ „Dann ſind ſie auch da und die Schuld liegt allein an mir. Ich wollte nur fragen, ob Sie kein Inhaltsverzeichniß derſelben haben, das würde die Arbeit erleichtern.“. „Ich bedaure, keins zu beſitzen. Als ich das Schloß verließ, war dieſes Gemach ſchon verſiegelt, ich habe nichts mitgenommen.“ „Gnädige Frau, Sie fragten mich, was Sie zu hoffen und zu fürchten haben, welchen Vergleich man Ihnen anbietet. Ich bedaure, Ihnen ſagen zu müſſen, 131 daß die Bedingungen des Vergleichs erſt nach dem Reſultate der Unterſuchung geſtellt werden ſollen, daß Sie von Ihrem Gegner Alles zu fürchten, ſehr wenig zu hoffen haben, daß derſelbe, erbittert durch das Auf⸗ ſehen, welches die Sache ſchon gemacht hat, darauf ausgeht, Ihre Ehre, das Recht, den Namen Schwing zu führen, die Ehre Ihrer Kinder anzugreifen und daß es nur ein einziges Mittel gibt, dieſer Gefahr zuvorzukommen.“ „Welches Mittel iſt das? Wenn es ehrenvoll iſt, wenn es ſich mit der Würde der Wittwe des Barons von Schwing verträgt, ſo nennen Sie es, ſonſt nicht.“ Die Augen Olympia's ſchienen Flammen zu ſprühen, ſie las in den Augen Strebers lüſterne Begierde, freche Dreiſtigkeit und es ſchien, als wolle ſie ihn mit Blicken niederſchmettern. „Frau Baronin“, verſetzte er,„es kommt Alles darauf an, wie ich entſcheide, ich habe die Voll⸗ macht—“ „Nun? Und weiter?“ Sie blickte ihn mit unbeſchreiblicher Hoheit an, 5 jeder Andere als Streber wäre, wenn er unkeuſche Gedanken gehegt, vor dieſem Zlicke zurückgebebt— Streber aber lächelte frech. „Gnädige Frau, ich war der Freund Schwings, 9* 132 ſein Auftreten gegen Sie hat mich empört, ich könnte ihn deshalb haſſen—— „Fahren Sie fort. Kommen Sie zur Sache.“ „Sie errathen es nicht? Er iſt formell im Recht. Ich müßte Mittel finden, dieſem Recht den Boden zu rauben. Ich würde ſie finden, wäre ich begeiſtert von der Hoffnung, mich Ihren Freund nennen zu dürfen, entflammt—“ „Genug, Herr Streber“, unterbrach ihn Olympia mit eiſiger Strenge.„Ich will Ihren Worten keine andere Deutung geben, als die, welche Sie klar genug ausſprechen. Sie bieten mir an, das Recht zu ver⸗ drehen. Ich werde jedoch jenes Recht nie anerkennen, und mein Recht immer für zu gut und zu heilig hal⸗ ten, um mich unerlaubter Mittel zu ſeiner Vertheidigung zu bedienen. Damit ſind wir wohl fertig?“ Sie wollte ſich erheben, aber er zog ein Papier aus der Taſche.„Sehen Sie her“, ſagte er und ſeine Blicke hatten etwas Stechendes.„Das hier iſt etwas, was alle Hoffnungen vereitelt und ſehr, ſehr grau⸗ ſam iſt.“ 5 „Heiliger Gott— betrifft es Marco?——“ „Es betrifft Sie und Ihre Kinder. Fällt der Spruch gegen Sie, ſo iſt Ihre äußere Ehre vernichtet. Die nothwendige Conſequenz des Verluſtes Ihrer An ſprüche, iſt die Anklage gegen Sie, Mißvergnügen im Kreiſe durch die Erhebung derſelben veranlaßt zu haben und die Ausführung dieſes Zwangspaſſes, der nicht landesangehörige Fremde binnen achtundvierzig Stunden aus der Provinz entfernt und in die Heimath beför⸗ dert. Dies würde bei Ihnen Landesverweiſung ſein.“ Es wäre unbeſchreiblich, die Gefühle Olympia's bei dieſen Worten zu ſchildern und den Ausdruck ihrer Züge wiederzugeben, in welchem ſich der Sturm wie⸗ derſpiegelte, der in ihrem Innern tobte. Sie hatte Streber mit Widerwillen eine Unter⸗ redung vergönnt, ſie war auf Tücke und Heuchelei vorbereitet geweſen, aber, wie geſagt, ſie hatte nichts verſäumen wollen, was eine Verſöhnung hätte herbei⸗ führen können, hatte ihren Gegnern nicht den Schein eines Rechtes zu dem Vorwurf laſſen wollen, es ſei durch ihre Hartnäckigkeit zum Aeußerſten gekommen. Olympia hatte ſich durch das anfängliche Entgegen⸗ kommen Strebers nicht täuſchen laſſen, nach dem Ein⸗ druck, den er auf ſie machte und der ganz der Cha⸗ rakterſchilderung entſprach, die Williams von ihm ge⸗ geben, war ſie vorſichtig in ihrem Vertrauen und er⸗ wartete, daß er einen Preis für das Intereſſe fordern werde, welches er zur Schau trug. Sie war auf Alles gefaßt, darauf, daß er von ihr eine hohe Summe for⸗ dere, ihr eine Unwürdigkeit, eine Verleugnung ihres Stolzes, Verzichtleiſtung auf ein heiliges Recht fordern könne, aber das war ihr nicht in den Sinn gekommen, daß dieſer Menſch mit dem lüſternen Auge die Frech⸗ heit haben werde, ihr, einer Wittwe von wenig Tagen, einer Mutter, einer vornehmen Dame, mit unreinen Gedanken zu nahen. Noch hatte er dieſe Schamloſigkeit nicht klar zu Tage treten laſſen, Olympia fühlte ſie inſtinctmäßig, und in der Bitterkeit ihres Herzens hatte ſie darnach gedürſtet, daß er ihr durch ein freches Wort das Recht gebe, die ſo widerwärtige Unterredung zu beenden, ihm die Thüre zu weiſen. Er mußte ahnen, was in ihr vorging, denn er zeigte ihr, welche Macht er zu infamer Rache beſaß— er drohte. Er zeigte ihr, daß er ſie wie eine Dirne behandeln, aus dem Lande jagen könne, daß ihre äußere Ehre in ſeiner Hand. Das war zu viel. Der entſetzliche Gedanke legte ſich mit aller Wucht ſeiner Conſequenzen auf ihre Seele und wie gebrochen ſaß ſie da, ihr Blick ſtarrte vor ſich hin, ihr Buſen wogte, als wolle er das Ge⸗ wand ſprengen. „Ich kann Sie allein davor beſchützen“, flüſterte Streber, mit heißen Blicken das ſchöne Weib verſchlin⸗ — gend,„ja, ich kann mehr. Ich kann Ihnen den Tri⸗ umph über den Elenden bieten, der Sie verfolgt. Er⸗ wählen Sie mich zu Ihrem Diener und ich will Ihr Sklave ſein, ich bete ſie an——“ Er war vor ihr auf die Knie geſunken und um⸗ faßte ihre Hüfte. Aber die Berührung fühlen und dem Frechen ins Antlitz ſchlagen, war das Werk eines Moments. Wie eine verwundete Löwin ſprang Olym⸗ pia auf und ſtieß den Beſtürzten mit dem Fuße von ſich.„Williams!“ rief ſie, ſo laut, daß man den Ruf durch das ganze Schloß hörte,„Williams!“ Streber fuhr in die Höhe und die flammende Be⸗ gierde verwandelte ſich in lodernden, giftigen Haß. „Schweigen Sie“, flüſterte er,„oder Sie ſollen es bereuen—“ Olympia eilte zur Thür. Er wollte ſie zurück⸗ halten, aber ſie ſtieß den Arm von ſich. „Williams“, rief ſie, als der Arzt jetzt begleitet vom Verwalter und dem Gerichtsſchreiber hereinſtürzten, „der Elende wagt mir ſeine Dienſte anzubieten für einen Preis, den nur eine Dirne zahlt. Das iſt der Vertreter Schwings, der Regierung!“ „Das Weib lügt!“ ſchrie Streber, deſſen Wange von ihrem Schlage glühte.„Ich verhafte ſie, kraft mei⸗ nes Amtes. Gensdarmen ſollen kommen. Gerichts⸗ 136 diener, verhaften Sie die Frau, Verwalter, rufen Sie Gensdarmen.“ Bleich wie der Tod, Schrecken und Empörung im Antlitz, trat Doctor Williams Streber gegenüber.„Sie wagen das nicht!“ ſagte er in einem Tone, der ver⸗ rieth, daß er zum Aeußerſten fähig. „Herr Doctor, hier iſt von keinem Wagniß die Rede. Die Frau hat mir Briefe entriſſen, die ich ihr nicht aushändigen durfte, und mir ins Antlitz geſchla⸗ gen, als ich ſie deshalb bedrohte. Sie hat die Papiere zu ſich geſteckt. Das iſt verſuchte Unterſchlagung von Urkunden, darauf ſteht Zuchthaus.“ Alle ſtarrten Olympia an und ihr Erbleichen ſchien die Worte Strebers zu beſtätigen. Eine ſchamloſe Anklage, die freche Verdrehung der Wahrheit macht den Unſchuldigen erſchrecken, wirkt oft wie betäubend und Streber benutzte das. „Dort in jener Taſche“, ſagte er, auf das Gewand Olympia's ſchlagend,„hat ſie die Papiere. Es ſind beinahe vollgültige Beweiſe in ihnen dafür enthalten, daß ſie nur die Maitreſſe des Barons geweſen, denn ſie nennt ihn darin nur ihren Geliebten, niemals ihren Mann und doch war ſie ſchon ſeit langer Zeit Mut⸗ ter, als ſie die Briefe ſchrieb. In einem Briefe ſchreibt ſie ſogar, der Entſchluß, nach Curopa zu gehen, werde 137 ihr immer ſchwerer, je näher die Zeit heranrücke, dort werde der Geliebte ihr nicht mehr allein angehören, da würden ſeine ſtolzen Verwandten herabſehen auf die Tochter eines Flüchtlings.“ „Dieſe Briefe gehören zu den Acten“, fuhr Stre⸗ ber fort,„ſie dachte ſie mir abzuſchmeicheln und als das nicht gelang, hat ſie dieſelben mir entriſſen und möchte jetzt den Spieß umkehren. Das iſt ein Ma⸗ növer, zu plump, um Jemand zu täuſchen, aber charak⸗ teriſtiſch für ein gefallenes Weib.“ Auf einen Wink Strebers hatte der Gerichtsdiener ſich Olympia genähert und griff nach ihrer Taſche, die Papiere ihr wegzunehmen. Olympia ſtand da, keines Wortes mächtig, wie niedergedonnert, hoffnungslos, als aber der Gerichts⸗ diener nach ihrer Taſche faßte, ſtieß ſie ihn zurück, da erwachte ſie aus ihrer Betäubung, da galt es ihr, ein heiliges Geheimniß zu wahren vor frechen Blicken und gehäſſiger Entſtellung. „Die Briefe ſind mein!“ rief ſie,„ich laſſe ſie mir nicht rauben.“ Der Gerichtsdiener faßte ihren Arm, preßte ihn mit Gewalt und zog triumphirend aus ihrer Taſche das Packet. „Ich beſchwöre Sie, Ruhe! Faſſung!“ flehte der 138 Arzt zu Olympia, während er ſelber vor Erregung zitterte. Leiſten Sie keinen Widerſtand, Sie geben ſich ſonſt völlig in die Hand Ihrer Feinde. Herr Streber, Sie werden Nachſicht haben.“ „Nachſicht? Sie fordern zu viel, Herr Doctor. Ich bin hier als Beamter, als Vertreter der Regierung und ſie hat thätlichen Widerſtand geleiſtet. Sie wiſſen, was darauf ſteht. Ich war ſehr höflich. Ich habe ihr ſogar den Titel Frau Baronin gegeben, der ihr nicht gebührt, um ſie nicht zu reizen.“ „Sie wollen nicht? Sie wollen wirklich nicht—“ Der Doctor ſtieß dieſe Worte mehr hervor, als daß er ſie ſprach, und man ſah es ihm an, daß er ſeine Leidenſchaft nicht länger beherrſchen konnte. „Ihnen zu Liebe“, verſetzte Streber, der wohl wußte, womit ihn dieſes Auge bedrohte,„würde ich es gewiß thun, aber es iſt nicht nur meine Perſon, ſondern auch mein Amt beleidigt. Doch ich will augen⸗ blicklicher Erregung Rechnung tragen. Wenn die Dame binnen einer Viertelſtunde ſich entſchließt, mich um Verzeihung vor dieſen Zeugen zu bitten und ſich auch vor dem Gerichtsdiener zu entſchuldigen, ſo will ich vergeben. Stellen Sie ihr vor, um welche Strafen es ſich handelt. Ich werde eine Viertelſtunde warten.“ Damit drehte Streber Olympia den Rücken und 139 blieb mit dem Verwalter und dem Gerichtsdiener im Gemach, während der Doctor die halb ohnmächtige Olympia in ein Seitenzimmer führte. Streber verſiegelte das Olympia entriſſene Packet in Gegenwart der Zeugen. Achtes Kapitel. Die Spinne bei der Arbeit. Die Viertelſtunde, welche Streber als Termin ge⸗ ſetzt, war noch nicht verronnen, da kehrte der Arzt zu⸗ rück und bat Streber um ein Geſpräch unter vier Augen. Der Letztere bewilligte daſſelbe. Sowohl der Ver⸗ walter, wie der Gerichtsdiener hatten ihn gebeten, Nachſicht mit der Unglücklichen zu üben und er hatte bereits, ſcheinbar dieſen Bitten nachgebend, halb und halb zugeſagt, als der Doctor eintrat. Auf einen Wink Strebers verließen die beiden Perſonen das Gemach und wieder ſtanden einander die Männer gegenüber, von denen der Eine den An⸗ deren ebenſo bitter und tödtlich haßte, wie dieſer ihn verachtete. „Herr Streber“, begann der Arzt, deſſen Züge düſter und ernſt, aber doch nicht ohne den Ausdruck innerer Angſt und Unruhe—,„uns hört jetzt Niemand, Sie werden alſo zugeben, daß Ihre Forderung, die Baronin ſolle Sie um Verzeihung bitten, eine ſehr un⸗ billige iſt.“ „Sie mag hart ſein, aber ſie iſt nicht unbillig. Die Frau hat nach mir geſchlagen.“ „Weil Sie Ihre Keuſchheit beleidigten.“ „Herr Doctor, wenn man einer ſchönen Frau ſagt, daß ſie einem verleiten könnte, vom Wege der Pflicht abzugehen, ſo iſt das ein Compliment, und die Frau konnte daſſelbe einfach mit Worten zurückweiſen.“ „Sie hat Ihnen die Briefe nicht entriſſen!“ „So. Sie glauben alſo ihr mehr wie mir.“ „Ja, ganz gewiß.“ „So kommt es darauf an, ob man höheren Ortes meine dienſtliche Meldung ebenſo leicht nimmt— ich bin darüber ziemlich ruhig.“ „Man wird ſie vielleicht richtig beurtheilen, wenn die Gräfin Liebetraut, die ich bitten werde, Zeugniß abzulegen, Ihren Character ſchildert.“ „Herr Doctor, wir haben das Thema bereits be⸗ ſprochen. Ich habe Ihnen geſagt, daß ich Ihre Drohun⸗ gen nicht zu fürchten brauche.“ 14² 5„Aber die Sache wird Ihnen auch nicht ange⸗ nehm ſein?“ „Das gebe ich zu.“ „Gut. So erlaſſen Sie der Baronin die Bitte um Verzeihung.“ „Sie fordern ſehr viel, das hieße gleichzeitig eine Anklage aufgeben, die mich von einer erbitterten Fein⸗ din für immer befreit. Doch ich will nachgiebig ſein. Sie geben mir jene Schrift zurück, die Sie mir eines Tages abgezwungen und geloben bei Gott und Ihrer CEhre, in jener Angelegenheit mich nie wieder zu be⸗ läſtigen, dafür erlaſſe ich Ihrer Freundin die Anklage wegen Urkundenraub, Beamtenbeleidigung u. ſ. w.“ „Die Schrift will ich dafür bieten, ich habe ſie bei mir, da ich ahnte, es könne hier etwas vorgehen. Das gewünſchte Verſprechen kann ich nur in ſo fern leiſten, als es mich allein betrifft, daß ich alſo mich verpflichte, aus eigenem Antriebe Sie nicht mehr mit der Sache zu bedrohen. Fordert die Gräfin dagegen mein Zeugniß, ſo muß ich daſſelbe leiſten.“ „Ich begnüge mich mit dem, was Sie verſprechen, Ihnen meine Willfährigkeit zu zeigen, aber ich muß be⸗ merken, daß ich Ihre Freundin nur in der mich per⸗ ſönlich berührenden Angelegenheit ſchone, nicht in an⸗ derer Beziehung. Sie muß aus dem Lande.“ 143 „Das iſt Ihre Abſicht— zwingen könnte ſonſt wohl Niemand ſie dazu.“ „Dem Zwangspaß fehlt nur noch meine Unter⸗ ſchrift. Baron Schwing hat für ſich ſelber nicht die Heimathsrechte wieder nachgeſucht, viel weniger für ſeine Angehörigen. Letztere ſind einfach als Fremde zu behandeln, die hier Anſtoß erregt, die Bauern aufge⸗ wiegelt, Mißvergnügen erregt.“ „Sie werden den Zwangspaß nicht unterfertigen, Herr Streber.“ „Wollen Sie etwa wieder drohen?“ „Ja, die Baronin iſt eine entfernte Verwandte von mir, wohnt in meinem Hauſe, eine ſolche Maß⸗ regel würde alſo auch mich beſchimpfen und mich zwin⸗ gen, Genugthuung von der Regierung zu verlangen.“ „Die Regierung gibt keine Genugthuung für Här⸗ ten, welche die Folge ſtricter Ausführung der Geſetze ſind. Die Regierung wünſcht, daß die Sache ohne Scandal erledigt werde, wenn Sie mir alſo garantiren wollen, daß die Frau das Land freiwillig und zwar in kürzeſter Zeit verläßt, ſo bedarf es keiner Zwangs⸗ mittel.“ „Ich übernehme die Bürgſchaft dafür.“ „So ſind wir einig. Ich komme Ihnen in Allem gern entgegen.“ ——— 44 „Die Baronin iſt ſo ziemlich aller Mittel entblößt, ich bin nicht reich. Muß ſie als Bettlerin von dan⸗ nen ziehen?“ „Herr Doctor, es iſt ſo gut wie erwieſen, daß ſie rechtlich gar keine Anſprüche hat, daß ihr nicht ein rother Heller von dem Erbe zuſteht. Ich bin jedoch autoriſirt, zu erklären, daß der Paſtor von Schwing ihr eine lebenslängliche Unterſtützung geben wird, wenn ſie ſich notariell dazu verpflichtet, den Namen Schwing nicht mehr zu führen, zweitens auf alle vermeintlichen Anſprüche in ihrem Namen und dem ihrer Kinder Ver⸗ zicht zu leiſten, drittens ein Schreiben an den Paſtor von Schwing zu richten, in welchem ſie ihm für das Geſchenk, das Almoſen eines bewilligten Jahrgehalts ihren Dank ausſpricht.“ „Sie wird lieber verhungern, als nur eine dieſer Bedingungen eingehen.“ „Das wäre bedauerlich, aber der Paſtor von Schwing muß ſich dagegen ſichern, von ihr beläſtigt und verleumdet zu werden. Er darf ihr nicht noch Geld dazu geben, daß ſie Prozeſſe gegen ihn führt. Nimmt ſie ſein Anerbieten nicht an, ſo wird er dies veröffentlichen, um ſich gegen den Vorwurf zu recht⸗ fertigen, daß er ſie verhungern läßt.“ „Sie zittern nicht vor der Rache Gottes— zittern 145 Sie auch nicht bei dem Gedanken, daß der Sohn des Verſtorbenen den Frevel rächen vird?“ „Herr Doctor, wir haben hier im Lande Geſetze und Polizei, wir leben glücklicherweiſe nicht in Ame⸗ rika. Dort freilich wäre der Gedanke beunruhigend, einen Menſchen zum Todfeinde zu haben, den weder Religion noch Sitte vom Verbrechen zurückſchrecken.“ „Sie wiſſen, daß die Wittwe des Barons Be⸗ glaubigungspapiere für ihre Rechte aus Amerika durch ihren Sohn erwartet. Sie wollen alſo das Urtheil in der Sache fällen, ehe Marco zurückgekehrt iſt— denn eine Landesverweiſung ſcheint dies doch anzudeuten!“ „Die Landesverweiſung iſt die nothwendige Folge des ungebührlichen Auftretens jener Frau, auch den Baron von Schwing hätte ich in ähnlicher Weiſe be⸗ handelt, wenn er Gleiches verſchuldet, die Regierung will jede Aufſäſſigkeit mit Strenge beſtrafen.“ „Der Baron war Mitglied der Stände, ſein Sohn—“ „Der Herr Baron war Flüchtling wegen eines Duells und hatte die Heimathsrechte hier verloren, er dankte es allein ſeinem Bruder, wenn dieſer über die Vergangenheit ſchwieg. Sie ſind ſehr ſchlecht unter⸗ richtet. Man flüchtet wohl nach Amerika, hier der geſetzlichen Strafe zu entgehen, aber wenn man über Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 10 146 zwanzig Jahre dort bleibt und amerikaniſcher Bürger wird, iſt dadurch nicht Alles vergeſſen und vergeben, kann man nicht plötzlich hier wieder als preußiſcher Standesherr auftreten. Was nun Ihre zweite Frage betrifft, ob die Papiere, welche Herr Marco angeblich bringen ſoll, auf meine Entſcheidungen in der Erb⸗ ſchaftsſache Einfluß üben können, ſo verneine ich das. Ich entſcheide nach preußiſchem Recht. Es fehlt ein Teſtament, der natürliche Erbe iſt der Bruder, ein an⸗ derer hat ſich als ſolcher bis jetzt noch nicht legitimirt. Die Baronin, wie Sie ſie nennen, hat ſelbſt geſtanden, daß ihr Gatte weder Trauſchein noch Taufſchein ſeiner Kinder je beſeſſen. Der Baron hat es verſäumt, ſich von der Polizeibehörde ſelber und die Seinen als ſeine Angehörigen zu legitimiren, ich muß alſo annehmen, daß er ſich geſchämt hat, die wilde Ehe zu conſtatiren. Er hat ſich auch nicht, um etwa verloren gegangene Documente zu reclamiren, an amerikaniſche Behörden gewandt, er hat den Sohn übers Meer geſchickt, ver⸗ muthlich damit derſelbe dort durch Beſtechungen ſich nachträglich ſolche Papiere beſchaffe. Mag er vor Ge⸗ richt ſeine Anſprüche geltend machen, das Gericht wird die Echtheit der Papiere prüfen, die er bringt und dar⸗ nach entſcheiden, ich jedoch, ich habe keine Veranlaſſung, Perſonen, die ſich ſelber nicht als Erben legitimiren 147 können und die der Bruder des Verſtorbenen nicht als ſolche anerkennt, Einſprüche gegen die Uebergabe der Hinterlaſſenſchaft an den Paſtor von Schwing machen zu laſſen und zu berückſichtigen. Ich muß noch be⸗ merken, daß die Briefe, welche die heutige Scene veranlaßten, bei den obwaltenden Umſtänden ſehr gravirend für die Hinterlaſſene ſind, nicht einmal nennt ſie in denſelben den Baron ihren Mann, ſie ſpricht Befürchtungen aus, die wirklich ſich beſtätigt haben.“ „Dann hilft alſo nichts, als die Hoffnung auf den Allmächtigen und Allgerechten“, ſeufzte der Arzt „Die Wahrheit wird an den Tag kommen, es rächt ſich jeder Frevel. So denkt auch Olympia, das iſt ihr Troſt. Hier iſt Ihre Schrift— ich werde nicht wie⸗ der damit drohen, ich rechne darauf, daß Sie Ihr Wort halten. In dreien Tagen hat Olympia das Land verlaſſen, dafür will ich mich auch verbürgen. Darf ich jetzt mit ihr ungehindert das Schloß verlaſſen?“ „Ich hindere Sie nicht daran“, verſetzte Streber, haſtig jene Schrift zu ſich ſteckend, die ſeine eigene Schande in eigener Handſchrift documentirte—„ich beklage nur, daß meine Bemühungen zu einem Aus⸗ gleich fruchtlos geblieben ſind. Ich hättte Schwing bewogen, eine große Summe zu zahlen—“ 10* 148 „Herr Streber, ein gut Gewiſſen macht zufriedener als Geld.“ Der Arzt verließ das Zimmer, nachdem er ſich von Streber mit eiſiger Kälte verbeugt hatte und we⸗ nige Minuten ſpäter ſah dieſer vom Fenſter aus den Wagen des Arztes davon fahren. „Ich habe Ihren Bitten nachgegeben“, ſagte Stre⸗ ber zu dem Verwalter und dem Gerichtsſchreiber,„ich habe mehr gethan, ich habe auf die von mir geſtellte Bedingung verzichtet. Thut wohl denen, die Euch haſſen, liebet Eure Feinde und ſo Euch Jemand auf den rechten Backen ſchlägt, ſo bietet ihm den linken dar. Die Frau iſt ſehr unglücklich; in ihrer Bitterkeit hatte ſie ſich vergeſſen, weil ſie nie die rechte Demuth vor Gott gekannt. Der Herr erleuchte ihr Herz und vergebe ihr, wie ich ihr vergeben.“ „Ein frommer Herr!“ flüſterte der Gerichtsſchrei⸗ ber, als er das Gemach mit dem Verwalter verließ, „ein ſehr frommer Herr!“ Streber warf ſich in einen Seſſel.„Ob er wohl Recht hat“, murmelte er,„der alte Mann mit ſeinem kindlichen Glauben? Rächt ſich jeder Frevel?“ „Es mag ſein. Ich glaube es ſelbſt, die Welt müßte zu Grunde gehen, wenn der Mann Unrecht hätte. Aber ſoll man darum wie ein Hund leben, 149 unter Fußtritten und in Armuth und Elend? Was hat nun dieſes Weib davon, daß ſie ihre Würde und ihre Tugend hütet? Iſt das ein Leben, des Daſeins werth, immer zu dulden und zu entſagen, iſt es nicht klüger, der Welt ihre Blumen zu rauben und zu ſchwelgen, ſo lange es geht? Kommt dann die Vergeltung, ſo hat man doch gelebt. Dann iſt es Zeit zur Reue und Buße und ſagt nicht ſelber die Schrift: Wer viel ge⸗ ſündigt, dem wird viel vergeben?“ „Die Naturen ſind verſchieden. Ich trüge es nicht, was dieſes Weib trägt, ohne zuſammen zu bre⸗ chen. Iſt das Tugend, wenn ſie keine Begierden hat?“ „Sie iſt ſchön und wenn ich zu anderer Stunde gekommen— vielleicht—?“ „Sie haßte mich. Williams verſchuldet Alles. Ich fühlte Mitleid für ſie, das Weib hätte viel von mir fordern können—“ Ein Lakai trat ein und brachte ihm einen Brief, der ihm aufs Schloß nachgeſchickt worden, da man ihn hier wußte. Der Brief war vom Paſtor. Schwing dankte Streber in den ſchwülſtigſten Phraſen für die Beweiſe ſeiner Freundſchaft, die er ihm ſowohl in Beziehung auf ſeine Anſtellung in Ber⸗ lin, als in der Erbſchaftsangelegenheit bewieſen. Der 150 Miniſter habe ihm geſagt, daß er die*** Pfarre in Berlin erhalten ſolle und Ausſicht habe, bald ins Con⸗ ſiſtorium zu kommen, Streber möge ſeine Güte voll⸗ enden und die im Pfarrhauſe verbliebenen Möbel und Geräthe, das Vieh ꝛc. zur Verauctionirung bringen.“ „Was die Erbſchaftsſache beträfe, ſo habe ihm Cornelia ſchon erzählt, wie trefflich Streber ſeine In⸗ tereſſen wahrgenommen, er billige von vornherein Alles, was Streber anordne und thue ihm die Abſicht kund, Groß⸗Below zu verkaufen, wo möglich mit allem In⸗ ventar. Schließlich bat er ihn, Sophie wiſſen zu laſſen, daß ihre Eltern ſich um ſie grämten, aber ihr nie ver⸗ zeihen würden, wenn ſie länger trotze.“ In dem ganzen Briefe war der engliſchen Reiſe des Paſtors mit keiner Silbe erwähnt, war neben den Betheuerungen der Dankbarkeit keine Andeutung, wie dieſe Dankbarkeit ſich bethätigen werde. Der Paſtor mußte es wiſſen, daß es für Streber ſehr wichtig war, darüber orientirt zu ſein, ob Marco zurückkehre oder nicht, welche Documente er bringe oder doch beſchafft hatte, das ganze Auftreten Strebers mußte ſich darnach richten, wie groß die Sicherheit in dieſer Beziehung war. Es lag nahe, daß der Paſtor ſich ſcheute, derartige gefährliche Dinge dem Papiere anzuvertrauen. Ein 151 Brief kann verloren gehen oder in fremde Hände fallen. Wollte aber der Paſtor nicht perſönlich nach Groß⸗Be⸗ low kommen, ſo wäre in Anbetracht der Wichtigkeit der Sache es ſeine Pflicht gegen Streber geweſen, demſelben die Reſultate ſeiner Reiſe, die Mittheilung über die gegen Marco gethanen Schritte in einer nur für den Eingeweihten verſtändlichen Weiſe zu ge⸗ ben, es ließ ſich das ſehr gut machen, er brauchte ja nur die Namen fortzulaſſen, oder von Erwartungen zu ſprechen, die ſich erfüllen müßten. Streber hätte dem Paſtor es nicht übel nehmen, ja ſogar nur anerkennen können, wenn derſelbe äußerſt vorſichtig darin war, das Geheimniß nicht in die Hände Dritter gelangen zu laſſen, aber hier lag der Argwohn nahe, der Paſtor brauche dieſe Vorſicht gegen ihn, Streber. Schwing wolle jetzt, wo ſein Ziel erreicht war, ſich von dem vertrauten Genoſſen emancipiren und gegen denjenigen, der ihm die Kaſtanien aus dem Feuer geholt, den Undankbaren ſpielen. Vor der Abreiſe hatte Schwing Streber ſeinen Schwiegerſohn, Sophie deſſen Braut genannt, jetzt ver⸗ mied er es, ſolche Ausdrücke, die Verſprechungen ent⸗ halten, zu wählen. „Der Menſch ſchließt von ſich auf Andere“, ſagt ein altes Sprüchwort und daſſelbe enthält eine tiefe Wahrheit. Was wir in gewiſſen Verlegenheiten uns ſelber zutrauen, deſſen halten wir jeden Anderen in noch ſchlimmerem Maße fähig, wenn wir auch darüber ſittliche Empörung fühlen und bei Anderen das un⸗ verzeihlich nennen, was wir, wenn es von uns be— gangen wird, mit dem Drange der Noth entſchuldigen. Streber hatte den Paſtor für einen unſelbſtſtän⸗ digen, muthloſen Charakter, für ein bequemes und ge⸗ fügiges Werkzeug gehalten, das man nur zu regieren brauche. Er hatte wohl Recht damit gehabt und nur Eines zu beachten vergeſſen— daß ein Menſch, der vor dem erſten Verbrechen unentſchloſſen zurückbebt, ſich völlig verändert, wenn er den entſcheidenden Schritt gethan und derſelbe ihm gelungen iſt. Der plötzlich reich gewordene Paſtor war ein anderer Mann als der, welcher für ſeine Exiſtenz zittert und der Mann, der ſich dem Dämon in die Arme geworfen, ein An⸗ derer, als der, welcher vor dem erſten Verbrechen ge⸗ zittert. Dieſer Gedanke erfüllte Streber, als er den Brief bei Seite warf. War die Befürchtung begründet, ſo war Streber der Narr, ſo war er das Werkzeug Schwings geweſen. Was Streber angeordnet und ge⸗ than, hatte er im Namen Schwings, auf die Vollmacht deſſelben unternommen— der Paſtor konnte es nach⸗ 153 träglich mißbilligen und ſagen, Streber wäre zu weit gegangen, er konnte Olympia verſöhnen, wenn Streber den Stolz derſelben gebrochen, konnte allen Haß gegen dieſen wenden! Streber hatte den Paſtor in Berlin bei allen ſei⸗ nen Gönnern ſo warm empfohlen, deſſen Entſagung, Frömmigkeit, Geduld und ſo weiter derart gerühmt, daß er ſich nur blosgeſtellt hätte, wenn er jetzt das Gegentheil behaupten wollte;— erklärte er ihm den Krieg, ſo ſagte der Pfarrer, Streber zürne ihm, weil er deſſen Härte gegen Olympia gemißbilligt! Das war eine bittere Enttäuſchung, die dieſer Brief gebracht.— Alles hatte Streber erwogen, aber nicht die Möglichkeit, daß der Paſtor den Spieß um⸗ kehren, ſich von ihm losreißen und undankbar ſein könne. Und je länger Streber über dieſe bittere Entdeckung nachdachte, um ſo mehr erfüllte ſie ihn mit Wuth Der Paſtor allein wäre vielleicht nie auf den Gedanken gekommen, ſo aufzutreten— Cornelia hatte ihn dazu bewogen, das war eines Weibes Tücke, die ſich hier zeigte, und Streber hatte ihm noch Cornelia nach Ber⸗ lin geſchickt! Von ihr hatte Schwing gehört, daß ſo⸗ gar alle üblen Gerüchte über ihn erſtickt worden, daß Streber die Preſſe gemaßregelt, Hollmann einen Ver⸗ weis verſchafft, daß er Olympia und Marie durch Zwangspaß auf ein Schiff bringen werde und er mochte annehmen, daß dies letztere ſchon geſchehen ſei, er konnte ja nicht ahnen, daß Streber die Ausführung eines Entſchluſſes verſchoben, den er Cornelia ſchon ſo gut als erledigt mitgetheilt.“ „O“, knirſchte Streber,„warum kam dieſer Brief nicht zwei Stunden früher! Wie anders hätteſt Du mit Olympia geſprochen!“ Der Miniſterialrath hatte wohl Urſache, vor Wuth zu knirſchen. Schwing konnte von ihm Rechnungs⸗ legung fordern und ſtatt mit ihm den Raub zu thei⸗ len, ihn mit einer Bagatelle abfertigen. Um ſeinet⸗ willen hatte Streber ſich den Haß des Arztes, den Fluch Olympia's zugezogen und all' ſeine Mühe, ſeine Arbeit ſollten umſonſt geweſen ſein?! Es kochte in der Bruſt des Intriguanten, der ſeinen Plan ſo ſchlau erſonnen, ſo geſchickt zu Ende geführt und nun ſich durch einen Stümper betrogen ſah, den er für ehrlich und furchtſam gehalten. Er ſchritt im Zimmer auf und ab, er ſtrengte ſein Hirn an, neue Pläne zu ſchaffen, aber vergeblich. Was er auch verſuchte, immer mußte er an dem eige⸗ nen Bau rütteln, immer ſah er ſich durch die Folgen bedroht, er hatte ja geſagt, daß er im Namen Schwings 1 155 und für dieſen handle und Schwing konnte beſtreiten, daß er ſo weit habe gehen wollen, konnte umgekehrt erklären, er bereue es jetzt, Streber zum Vermittler gewählt zu haben. Mit ſolchen Worten fand der Pa⸗ ſtor Glauben bei den Gönnern Strebers und auch bei Williams und Olympia— hatte doch der Arzt es ihm ins Antlitz geſagt— er, Streber verführe Schwing! Und der Paſtor war jetzt nicht mehr der unbe⸗ deutende Landpfarrer, Streber ſelbſt hatte ihm ja die Bahn gebrochen und Streber wußte, daß der reiche Erbe in Berlin eine Rolle ſpielen könne; Geld giebt Macht und Anſehen— ein reicher Geiſtlicher vom Adel, der ſich ſchon als Pietiſt und getreuer Unterthan in Königsberg bei der Huldigung bemerklich gemacht, der konnte eher den Emporkömmling Streber zertreten, als dieſer ihm ein Bein ſtellen. Sollte es noch dahin kommen, daß er, Streber, Johannes Streber ſich beugen ſollte vor dem Pfarrer, den er emporgehoben? Streber hätte weinen mögen vor Wuth und Bit⸗ terkeit— wahrlich, er war ein Thor geweſen, ein Narr! Neuntes Kapitel. Ein hartnäckiger Mann. „Das Glück verläßt den Kühnen nicht“, ſo redet auch ein altes, oft bewährtes Sprichwort und wir hätten dazu nur das zu bemerken, daß der Begriff Glück ein ſehr relativer iſt. Es kann uns der glück⸗ liche Treffer in einem Unternehmen die Quelle bitter⸗ ſten Unglücks werden, heute jubeln oder triumphiren wir über das Glück, welches uns Erfolg verſchafft und morgen wünſchen wir, wir hätten die Sache nie unter⸗ nommen, ſie wäre uns lieber fehlgeſchlagen, als ge⸗ lungen. Streber ſollte das Glück haben, das er in dieſem Augenblicke erſehnte, ein Mittel zu finden, durch wel⸗ ches er ſich für die Undankbarkeit Schwings rächen, 157 ſich dagegen ſichern konnte, von dieſem um den Lohn ſeiner Thätigkeit betrogen zu werden. Es war freilich noch keine Gewißheit, daß alle die Befürchtungen, die Streber vorgeſchwebt, begrün⸗ det, aber man fühlt, man wittert es inſtinktmäßig, wenn ein Freund, auf den wir feſt rechnen, gegen uns den Ton ändert und Streber hatte ja ſchon damals, als der Pfarrer ihn vor der Heimichen gewarnt, den Argwohn ſchöpfen müſſen, daß Jener ſich gegen ihn vorſehe. Der Wagen des Doctors fuhr in den Schloßhof, Williams kehrte zurück— das hatte etwas zu be⸗ deuten. Wäre Streber noch in der Stimmung geweſen, in der er ſich vor Empfang des Schreibens von Schwing befunden, dieſes Erſcheinen des Arztes hätte ihn be⸗ unruhigt, jetzt frohlockte er, ihm war die Gelegenheit geboten, die Karten wieder anders zu miſchen. Die Miene des Arztes verkündete wenig Gutes. Das weiße Haar flatterte im Winde, düſtrer Ernſt ſtarrte aus den Zügen, über welche Kummer und Sorge ihre dunkeln Wolken gebreitet. Der Arzt fragte einen Lakaien Etwas, ehe er aus⸗ ſtieg, ſchaute zu den Fenſtern des Schloſſes hinauf und verließ den Wagen. 158 Er hatte alſo wohl gefragt, ob Streber noch im Schloſſe ſei; er ſuchte Streber auf, er wollte alſo noch einmal mit ihm unterhandeln. Streber eilte dem Arzte entgegen und hieß ihn willkommen; er nahm die Miene an, als ſehe er in ihm, wenn auch nicht einen Freund, ſo doch keinen Feind. Der Doctor verneigte ſich kalt.„Herr Miniſterial⸗ rath“, ſagte er,„ich kehre zurück, um noch einige Vor⸗ ſtellungen zu machen, welche ich in der Eile, die un⸗ glückliche Baronin von dieſem Orte zu entfernen, ver⸗ geſſen.“ „Wenn ich Ihnen dienen kann, ſo wird das mit aufrichtigem Eifer geſchehen.“ „Ich komme als Bevollmächtigter der Frau Baronin — erkennen Sie mich als ſolchen an?“ 3 „Gewiß.“ „Gut. So lege ich im Namen derſelben Proteſt dagegen ein, daß in ihrer Erbſchaftsangelegenheit ein anderes, als ein gerichtliches Verfahren eintritt. Die Frau Baronin wird noch heute den früheren Anwalt ihres Gatten beauftragen, die nöthigen Schritte deshalb zu thun, gleichzeitig ſich auch an den amerikaniſchen Conſul wenden. Ich bitte, dieſen Proteſt, wenn er auch, wie Sie heute andeuteten, von Ihnen nicht 159 reſpectirt zu werden braucht, doch zu Protokoll nehmen zu laſſen, denn die Frau Baronin wird Erſatz für jeden Pfennig fordern, der dem Erbe von Dritten ent⸗ nommen wird.“. „Ich werde Ihren Proteſt, ſo bald Sie wollen, durch den Gerichtsſchreiber protocolliren laſſen, ja, ich werde mehr thun. Sollte von Seiten eines Gerichtes oder des amerikaniſchen Conſul ein Einſpruch gegen die Auslieferung der Erbſchaft von Schwing erfolgen, ſo werde ich in Berlin anfragen, ob es nicht beſſer ſei, die ganze Sache der Entſcheidung der Gerichte zu überlaſſen.“ Der Arzt ſchaute befremdet auf.„Sie wider⸗ ſprechen den Erklärungen“, ſagte er,„die Sie vor einigen Stunden gegeben.“ „Herr Doctor, vor einigen Stunden war auch ich in heftiger Erregung und in der Leidenſchaft geht man oft weiter, als uns hernach, bei ruhiger Ueberlegung, gerecht und billig erſcheint.“ „Herr Streber, es ſoll mich freuen, wenn das ſo iſt, doch laſſen wir jedes Verſprechen, das nicht pro⸗ tocollariſch gegeben wird. Die Baronin hat definitive Entſchlüſſe gefaßt. Sie wird, da ſie das Land ver⸗ t laſſen muß, ſich nach Hamburg und nicht nach Ame⸗ rika begeben. Die freie Reichsſtadt wird ihr ein Aſyl 5——— ——“ 160 nicht verſagen, und ſie muß in der Nähe weilen, um mit Hilfe ihres Sohnes, der hoffentlich ſchon in London iſt, ihren Prozeß energiſch führen zu können.“ Hatte der Doktor erwartet, daß dieſe Nachricht Streber erſchrecken werde, ſo irrte er ſich. Die Ueber⸗ raſchung ſchien nur angenehm zu ſein.„Herr Doctor“, ſagte er,„das ſcheint mir ein ſehr guter Entſchluß.“ „Sie werden alſo nicht verſuchen, ihn zu ver⸗ hindern?“ „Sie verkennen mich durchaus. Ich habe den gemeſſenen Befehl, jede weitere Verbreitung und Stei⸗ gerung des Mißvergnügens in der Provinz zu ver⸗ hüten und deshalb ſogar mit einer Zwangs⸗Ausweiſung der Baronin gedroht. Ich ward durch ihre Nach⸗ giebigkeit in der Erbſchafts⸗Angelegenheit, die für ſie eine Ehrenfrage iſt, noch mehr in dem Glauben beſtärkt, daß ſie keine Anſprüche nachweiſen kann, ſie wollte ja annehmbare Vergleiche acceptiren. Wenn ich nun auch jetzt noch ihre Anſprüche ſtark bezweifle, ſo iſt ihre Erklä⸗ rung, unter allen Umſtänden einen Prozeß zu führen, für mich entſcheidend, ſie mit andern Augen zu be⸗ trachten. Man unternimmt einen ſehr koſtſpieligen Prozeß nur im Bewußtſein des vollſten Rechtes und in der Ueberzeugung, daß das Gericht, welches die Be⸗ weiſe prüft, dieſe anerkennen muß. Die Drohung mit 161 einem Prozeſſe durfte ich nach den feſtſtehenden That⸗ ſachen nur als leere Drohung anſehen, wird aber wirklich die Sache vor Gericht gebracht, ſo muß ich der Gegenpartei ihr Recht laſſen und wenn Sie ſich dafür verbürgen wollten, daß Ihre Clientin nichts unternimmt, die Aufregung unter den Gemüthern zu vermehren, ſo mag ſie ſogar bei Ihnen wohnen bleiben.“ Die Veränderung, die mit Streber vorgegangen, war ſo auffallend, daß der Arzt mißtrauiſch aufſchaute. „Herr Streber“, erwiderte er mit eigenem Lächeln,„ich halte es für beſſer, die Baronin bleibt bei dem ge⸗ faßten Entſchluß, ohne von Ihrer gütigen Sinnesände⸗ rung Gebrauch zu machen.“ Der Arzt fixirte Streber, aber wider ſein Erwarten verſuchte derſelbe nicht, ihn vom Gegentheil zu über⸗ zeugen, ſeltſamerweiſe ſchien es ihm ſogar angenehm zu ſein, daß die Baronin ſich damit der Obhut preu⸗ ſiſchen Polizeiregiments entzog! „In der freien Reichsſtadt“, bemerkte Streber, „iſt die Dame freilich ungenirter, ich wollte auch nur darthun, daß ich keine feindſeligen Abſichten gegen die Perſon Ihrer Verwandten hege.“ Die Ueberraſchung des Arztes wuchs immer mehr. „Der Entſchluß der Baronin“, fuhr er fort und Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 11 4 1 — 162 ſein Blick heftete ſich durchbohrend auf Streber,„iſt vorzüglich dadurch herbeigeführt, daß ich es für gut halte, wenn ich ſelber Marco entgegen eile und ihn, wenn ich ihn nicht ſchon unterwegs treffe, in London aufſuche.“ Ueber Strebers Antlitz flog ein Lächeln der Ueber⸗ raſchung, aber dieſe ſchien eher freudig, als daß ſie Schrecken verrathen hätte. „Wenn Sie einander nur nicht verfehlen“, ſagte er. „Das glaube ich nicht. Marco wollte von London aus ſchreiben, wenn er dort eingetroffen. Noch iſt kein Brief da, ich habe aber an das Bureau der betreffen⸗ den Dampfergeſellſchaft telegraphirt, Marco bei ſeiner Ankunft mitzutheilen, daß er mich erwarten möge. Ich will der Möglichkeit vorbeugen, daß der heftige junge Mann in der Leidenſchaft etwas Unüberlegtes thue.“ „Das iſt ſehr weiſe!“ bemerkte Streber, der faſt gierig auf jedes Wort gelauſcht und eine innere ſchaden⸗ frohe Befriedigung nicht verbergen konnte, zum größeſten Erſtaunen des Arztes, der das Gegentheil erwartet hatte und jetzt ſich enttäuſcht, niedergeſchlagen fühlte. War es Streber angenehm, daß er nach London reiſte, ſo war die Reiſe unnütz, dann hatten die Feinde Olympia's von derſelben nichts zu befürchten. 163 Williams fühlte ein Grauen ſeine Glieder durch⸗ rieſeln. Der Zeitpunkt war verſtrichen, bis zu welchem Marco in London ſein mußte. War ihm ein Unglück begegnet? Wußten Schwing und Streber ſchon, daß Marco ihnen nicht mehr ſchaden könne, war ein Ver⸗ brechen verübt?! „Mein Entſchluß iſt ernſt!“ verſetzte Williams, das letzte Wort betonend.„Und ſollte ich Alles, was ich beſitze, zu Gelde machen müſſen, zum Bettler darüber werden, ich ruhe nicht, bis ich die Sache der Baronin durchgefochten, ja, ſollte ich ſelber nach Amerika reiſen müſſen! Siegt die Baronin und Gott wird ihr dazu helfen, ſo wird ſie mich entſchädigen, denn ihre Ehre ſteht ihr höher als der Reichthum und überdem hat ſie ja noch Beſitzungen in Amerika, die ihr dort Nie⸗ mand ſtreitig macht. Sie ſcheut kein Opfer, ſie würde ihr halbes Vermögen, das ganze hingeben, die ihr widerfahrene Behandlung zu rächen.“ Der Leſer kennt Williams und wird die verſteckte Abſicht dieſer Worte des für ſeine Perſon eher auf⸗ opfernden als intereſſirten Mannes errathen haben, die völlige Umwandlung Strebers bewog ihn, dieſen Verſuch zu machen. Streber horchte auf.„Wie?“ fragte er,„die Ba⸗ ronin hat Beſitzungen in Amerika!“ 11* „Gewiß. Dieſelben ſind verpachtet, aber Baron Schwing bezog eine bedeutende Rente von dort.“ „Das iſt ja ungeheuer wichtig!“ rief Streber, „warum haben Sie das nicht früher geſagt. Der Paſtor erzählte mir, ſein Bruder ſei in Californien durch Goldſuchen reich geworden, habe in Amerika ver⸗ kauft, was er dort beſeſſen.“ „Das iſt wohl ein Irrthum. Uebrigens wenn Sie die Bücher des Barons durchgeſehen haben, können Ihnen dieſe Verhältniſſe unmöglich fremd geblieben ſein.“ Streber erröthete verlegen.„So weit bin ich noch nicht gekommen“, ſtotterte er. In Wahrheit hatte er überhaupt die Bücher gar nicht erſt durchgeſehen. „Sie halten es alſo auch für ſonderbar, daß man hier das Recht der Erbin angreift, welches in Amerika, wo ſie lange gelebt, unbeſtritten iſt?!“ ſagte der Doctor, Streber fixirend. „Die Sache erhält dadurch einen ganz anderen Cha⸗ rakter. Schon der Umſtand iſt wichtig, daß der Ver⸗ ſtorbene noch anſäſſig in Amerika war, daß man alſo erſt bei den dortigen Behörden Recherchen einholen muß, ehe hier etwas entſchieden wird.“ „Die Baronin hat Ihnen geſagt, daß Marco des⸗ halb ſich nach Amerika begeben und hat gefordert, deſſen 165 Rückkehr abzuwarten. Sie hielten das letztere für über⸗ flüſſig.“ „Weil mir Schwing erzählte, ſein Bruder habe in den Urwäldern gelebt, wo kaum ein Prieſter dageweſen, die Trauung zu vollziehen. Hatte aber der Verſtorbene noch Grundbeſitz in Amerika, dann ſteht die Sache ganz anders. Ich fürchte, Schwing hat da ein ſehr ge⸗ wagtes Spiel getrieben, er war ſelber getäuſcht oder hat mich getäuſcht.“ „Der Verſtorbene hat ihm nie volles Vertrauen geſchenkt. Ich ſagte es Ihnen ſchon in Berlin, Schwing wage Gefährliches. Jetzt iſt jede Brücke abgebrochen.“ „Nun, ich trage keine Schuld!“ rief Streber, der tief in Gedanken verſunken geweſen, wie aufathmend, ich habe ihm oft genug vorgeſtellt, er müſſe ſchon ſeines Rufes als Geiſtlicher wegen jeden Skandal ſcheuen und die Habgier unterdrücken. Er hat nicht hören wollen. Er hat mich beſchwatzt, hat mich ſo ſehr von ſeinem Recht überzeugt, daß ich förmlich empört wurde über die Baronin, der ich Erpreſſungsgelüſte zuſchrieb, das Gefühl, das mich für ſie einnahm, hat mich alſo doch nicht getäuſcht!“ „Herr Streber“, nahm der Arzt das Wort, „kommen wir ohne Umſchweife zum Ziel. Wir kennen einander. Sie wiſſen, daß ich ſchweigen kann und daß 166 ich Wort halte. Ich weiß, daß Sie gern Geld ver⸗ dienen.“ „Herr Doktor.“ „Machen wir keine Redensarten. Der Baronin muß viel daran liegen, wenn ſich nach dem, was hier vorgefallen, wenigſtens das Gerücht verbreitet, ihre Sache ſei noch nicht verloren, ſie könne doch ihren Namen zu Recht führen. Es wäre ihr ſehr angenehm, wenn man ihr einige liebe Erinnerungen an ihren Gatten, die für den Paſtor werthlos ſind, nicht vorenthielte und vor Allem dafür ſorgte, daß weder das Gut noch die Effecten darin verkauft werden. Gewinnt ſie ihren Prozeß, ſo würde ſie aus Dankbarkeit für dieſe Ge⸗ fälligkeiten gern zehntauſend Thaler zahlen. Wird meine Nichte Sophie nicht beläſtigt, ſehen wir den Prozeß von Ihnen ohne Feindſeligkeit, ohne Gehäſſigkeit ge⸗ führt, ſo erhöht ſich dieſe Summe, wie dann überhaupt jeder wirklich geleiſtete Dienſt baar und gut bezahlt werden ſoll.“ „Sie faſſen die Sache ſehr practiſch an“, verſetzte Streber, wider Willen lächelnd.„Hätte die Frau Baronin——⸗ „Herr Streber“, unterbrach ihn Williams kurz, „laſſen wir die Frau Baronin ganz aus dem Spiel. Wir beide verhandeln mit einander und ich biete 167 Ihnen mehr, als Schwing zahlen kann und zahlen wird.“ „Herr Doktor—“ „Keine Phraſen, Herr Streber, antworten Sie Ja oder Nein.“ „Nun denn— Ja. Wo ich die Ueberzeugung gewonnen, daß gutes Recht unterdrückt wird, helfe ich dankbaren Perſonen gern. Vertrauen Sie mir, ich halte, was ich verſpreche. Ihre Reiſe nach London alſo—“ „Herr Streber“, unterbrach ihn der Arzt abermals, „wir ſind noch nicht im Klaren. Sie ſprachen von Vertrauen, Sie haben mich alſo mißverſtanden, Ver⸗ trauen iſt ganz überflüſſig. Ich gehe meine Wege, Sie die Ihren, ich kann weder erwarten, noch anneh⸗ men, daß Sie plötzlich von einer Partei ganz und gar zur andern übergehen.“ „Ja“, fuhr er fort, als er bemerkte, wie dieſe Worte Streber ſehr zu enttäuſchen ſchienen,„geſetzt, Ihre innerſte Ueberzeugung veranlaßte Sie auch dazu, ſo wäre es doch nicht klug gehandelt, die Gegenpartei würde ja dadurch gewarnt werden. Was ich bezahlen, gut bezahlen will, iſt die Unterlaſſung von kleinen gehäſſigen Feindſeligkeiten, in denen Sie ſehr erfinderiſch ſind, ferner Ihre Gefälligkeit, in den vorher aufgeführten —— 168 Dingen. Ich bezahle vollendete Thatſachen, brauche ich einen Dienſt, ſo werde ich ihn fordern und nach dem Preiſe fragen, wir werden dann immer mit einander ſo ſtehen, daß der Eine dem Andern nichts ſchuldet.“ Es lag eine ſo ausgeprägte, ſo tiefe Verachtung in dieſem Anerbieten und der ganzen Art, wie es ge⸗ macht wurde, daß ſelbſt Strebers Habgier Anſtand nahm, ſolchen Vertrag einzugehen. Er verlor dadurch jede Ausſicht, irgend welchen Einfluß in der Angelegen⸗ heit zu üben, er war nicht davor geſichert, daß er unan⸗ getaſtet blieb, wenn Schwing etwa wegen eines Ver⸗ brechens zur Rechenſchaft gezogen wurde und noch obenein waren dieſe Verſprechungen darauf baſirt, daß die Baronin ihren Prozeß gewann, was doch noch äußerſt zweifelhaft war. Umgekehrt aber gab die Wendung, welche die Sache genommen, Streber Gelegen⸗ heit, den Paſtor wieder völlig zu beeinfluſſen und ſich den Lohn von dieſem ſicher ſtellen zu laſſen. Streber hätte es zwar vorgezogen, ſich an Schwing zu rächen und den Lohn von der Gegenpartei zu nehmen, aber aus dem ganzen Auftreteten des Arztes ging hervor, daß man ihn wohl bezahlen, aber keinenfalls ſchonen werde. Jener ſagte ja klar und deutlich, man wolle ſich mit ihm ſo ſtellen, daß Keiner etwas vom Andern 169 zu fordern— das hieß alſo, auch keine Rückſicht auf ihn zu nehmen habe! „Herr Doktor“, ſo lautete ſeine Antwort,„ich werde halten, was ich bereits zugeſagt habe und Ihre Wünſche in dieſer Beziehung nach Kräften erfüllen, ich bin aber der Anſicht, daß man in ſolchen Prozeſſen beſtimmt Partei ergreifen muß. Haben Sie nicht das Vertrauen zu mir, mich in Ihre Pläne einzuweihen, mir durch Mittheilung Ihrer Ausſichten, durch welche Mittel der Prozeß zu gewinnen iſt, jeden Zweifel zu benehmen und mich ganz für die Partei der Baronin zu gewinnen, ſo habe ich keine genügende Urſache und Rechtfertigung, die Gegenpartei zu verlaſſen. Zweien Herren aber kann man nicht dienen.“ „So dienen Sie keiner der ſtreitenden Parteien, ſondern allein der Gerechtigkeit, das iſt ja die Pflicht eines Vertreters der Regierung.“ „Sie vergeſſen, daß ich als ſolcher ſchon nach dem mir vorliegenden Material mein Urtheil gefällt. Wie hoch ich auch Ihr Wort ſchätze, kann ich auf Privat⸗ Angaben, die mir ein erklärter Freund der Baronin macht, kein Gewicht legen.“ „Ich habe Ihnen geſagt, daß die Bücher des Ba⸗ rons von Schwing meine Angaben beſtätigen werden. Doch wir kommen ins Gebiet der Phraſen, Sie wiſſen 170 das ſo gut wie ich es weiß, daß die betreffenden Bü⸗ cher verloren ſein werden, wenn das Gericht darnach ſucht und wir uns vorher nicht geeinigt haben.“ „Herr Doktor, Sie gehen zu weit“, rief Streber erröthend,„das iſt eine Beſchimpfung—“ „Die Niemand gehört hat“, unterbrach ihn der Arzt,„und daher für Sie nicht viel bedeutet, ſondern Ihnen nur zeigen mag, daß ich auf Alles gefaßt bin. Spielen wir doch keine Comödie, Herr Streber.“ „Sie machen es mir unmöglich“, verſetzte der Miniſterialrath,„dieſe Unterhandlung fortzuſetzen, ich bedaure das, mögen Sie es niemals bereuen.“ „Ich habe Ihnen meine Vorſchläge gemacht, Sie kennen dieſelben und es bleibt dabei, daß ich jeden Dienſt bezahle, den Sie mir leiſten. Aber andererſeits muß ich auch hinzufügen, daß wenn Sie nach dieſer Verhandlung fortfahren ſollten, die Baronin feindſelig und gehäſſig zu verfolgen, nie wieder eine Verhand⸗ lung zwiſchen uns ſtattfindet, daß Sie mich dann zwingen würden, meinen Schwager ſeinem Schickſale zu überlaſſen, während ich jetzt durch die Verhandlung mit Ihnen mir noch die Möglichkeit offen erhalte, ihm wohlverdiente Conſequenzen ſeiner Handlungsweiſe ſchonender zu geſtalten.“ „Ich verſtehe Sie nicht—“ 171 „Sie werden mich verſtehen, wenn ich Ihnen ſage, daß der Prozeß ſeine ſchließliche Entſcheidung vor dem Criminalgericht finden könnte. Sprechen Sie mit dem Paſtor Schwing darüber, wenn Sie mich wirklich nicht verſtehen, was ich bezweifle und bedeuten Sie denſelben auch gelegentlich, daß die Cenſur in Preußen wohl inländiſche, aber nicht auswärtige Blätter unterdrücken kann. Man ſoll mich nicht zum Aeußerſten treiben, ich bin ein hartnäckiger Mann.“ Williams ſprach dies in einem Tone, der die Drohung noch ernſter machte und Streber hatte ge⸗ wiß keine Urſache, daran zu zweifeln, daß dieſer Mann hartnäckig ſei.⸗ Der Doctor entfernte ſich, das Geſpräch hiermit abbrechend, da auch Streber keine Luſt gezeigt, daſſelbe fortzuſetzen. Jetzt war es Streber zur Gewiß⸗ heit geworden, was er ahnend gefürchtet, daß Schwing durch irgend eine Uebereilung oder Unvorſichtigkeit den Argwohn erweckt, er werde ein Attentat gegen Marco verüben und daß der Doctor nicht aufs Gerathewohl nach London reiſe. Ein Criminal⸗Prozeß! Das iſt eine furchtbare Drohung für ein böſes Gewiſſen. Einen Criminal⸗ Prozeß können ſelbſt Männer wie Herr von Thile nicht niederſchlagen und wenn die auswärtige Preſſe ſich erſt einer Scandalgeſchichte bemächtigt, dann helfen keine hohen Gönnerſchaften. Und iſt die Unterſuchung erſt eingeleitet, dann kommen Dinge aus der Vergangenheit zum Vorſchein, an die Niemand gedacht— dann öffnen ſich Lippen, die bis dahin die Scheu, den Protegirten anzugreifen, ſtumm gehalten. Da iſt eine Anklage nicht abgefertigt mit einem einfachen Bericht an die Regierung, dieſe ſo ſehr beliebte Form, den unzufriedenen Unterthan zum Schweigen zu bringen, da gilt die Ausſage des Beamten in eigener Sache nichts. Wenn ſonſt der Kläger an die höheren Inſtanzen ſich wendet, fordern dieſe von der angeklagten Behörde amtlichen Bericht und weiſen den Kläger ab, wenn der amtliche Bericht der angeklagten Behörde der Klage widerſpricht und der Kläger wird endlich zur Ruhe verwieſen, wohl noch gar wegen Beleidigung oder Verleumdung von Beamten in Anklage geſtellt. Die Staats⸗Anwaltſchaft iſt ja nicht gezwungen, jede Klage anzunehmen, die von Pri⸗ vatleuten kommt, gegen Behörden darf ſie nicht ein⸗ ſchreiten, da wird der Kläger an die Inſtanzen ver⸗ wieſen. 3 Welch' ein Unterſchied aber zwiſchen einer Crimi⸗ nal⸗Unterſuchung und ſelbſt einer Civilgerichtsklage iſt, geht am eclatanteſten daraus hervor, daß zum Beiſpiel Preßvergehen, welche die Staats⸗Anwaltſchaft verfolgt, raſch und hart gerügt werden. Wird aber ein Pri⸗ vatmann von einem ſchmutzigen Blatte öffentlich be⸗ ſchimpft, ſo haben wir Beiſpiele erlebt, daß ſolche Prozeſſe bei Civilgerichten achtzehn Monate geſchwebt haben, ehe eine Entſcheidung erfolgte und wir fragen, wie läßt ſich da noch eine geſchehene öffentliche Ver⸗ leumdung einigermaßen gut machen, wie viele Perſo⸗ nen, die jenes Blatt vor achtzehn Monaten geleſen, erfahren das Urtheil?! Doch wir ſchweifen weit ab. Es ließen ſich Bü⸗ cher über dieſes Sujet ſchreiben, voch Jeder weiß es ja, wie ſchwer es zu allen Zeiten und in allen Lan⸗ den geweſen iſt, gegen den Mächtigen ſein Recht durch⸗ zuſetzen, ganz beſonders wenn dieſer Mächtige eine Staats⸗Behörde iſt, wir wollten nur nachweiſen, daß die Sache ſich mit einem Schlage ändert, wenn die Privatklage ſich in eine Criminal⸗Anklage verwandelt. Und die Geſchichte mit dem Landrath von Hacke hatte erſt kürzlich Streber den Beweis geliefert, daß ſelbſt die höchſten Protectionen dem Manne nichts gegen die Criminal⸗Unterſuchung geholfen, daß da im Lande Preußen denn doch die Allmacht der Behörden und der Günſtlinge aufhörte. Und Williams hatte ſeiner Drohung das beſte Gewicht dadurch gegeben, daß er 174 daran erinnert, die auswärtige Preſſe ſtehe nicht unter Eichhorns Cenſur. Damit fiel auch die Hoffnung zu⸗ ſammen, daß ein rechtzeitiges Auftreten hoher Perſo⸗ nen die Einleitung einer Criminal⸗Unterſuchung ver⸗ hindern könne, und bemächtigte ſich die auswärtige Preſſe einer Scandalgeſchichte, welche die Frommen brandmarkte, ſo war anzunehmen, daß gerade die hoch⸗ geſtellten Pietiſten die Unterſuchung forderten und lie⸗ ber Einzelne aus ihren Reihen opferten, als ihr An⸗ ſehen gefährden ließen. Es handelte ſich hier nicht um politiſchen Einfluß, nicht um ein Verbrechen, das im Intereſſe der Partei geſchehen, ſondern um Geld, um die Bereicherung eines Einzelnen. Die Kamptz und Tzſchoppe hatten viel ver⸗ brochen, hatten auch Criminalverbrechen gegen die Frei⸗ heit von Perſonen verübt, aber ſie hatten damit dem Staate, der herrſchenden Regierungsform gedient— und dennoch hatte der König Friedrich Wilhelm IV. ſie abgedankt. Ebel war des Landes verwieſen wor⸗ den, obwohl Thile ſein Freund und Anhänger— nein— es gab für Schwing keine Rettung, wenn Williams ſein Wort hielt und Johannes Streber kam daher zu dem Entſchluß, ihn fallen zu laſſen, die Verbindung derart zu löſen, daß er in den Sturz Schwings, wenn dieſer erfolgte, nicht mit verwickelt wurde. Zehntes Kapitel. Zwei Betrüger. Paſtor Schwing hatte diesmal in Berlin Quartier in einem kleinen Hotel garni genommen und er mußte ſehr befriedigt von den Reſultaten ſeiner Reiſe, ſehr ſicher darüber ſein, daß man ihm das Erbe des Bru⸗ ders nicht mehr entreißen könne, da er es nicht der Mühe werth hielt, nach Groß⸗Below zurückzukehren, ſeine Effecten, ſeine Möbel ꝛc. von dort abzuholen, ſondern Streber mit dem Verkauf derſelben beauftragte. Die Empfehlungen Strebers hatten Früchte ge⸗ tragen, eine ſehr einträgliche Pfarre war ihm feſt zu⸗ geſagt worden, mit ihr war das Prädicat„Hofpredi⸗ ger“ verbunden, er war alſo jetzt ein einflußreicher Mann, und das Gefühl, über ein ungeheures Privat⸗ vermögen zu verfügen, gab ihm jene übermüthige 176 Sicherheit, welche ſo leicht dazu verleitet, die Perſonen zu verachten, denen man ſein Emporkommen verdankt. Seine Empfehlungen konnte Streber nicht mehr zurücknehmen, ohne ſich ſelber Lügen zu ſtrafen. Noch dachte übrigens der Paſtor auch nicht daran, ſich un⸗ dankbar zu zeigen, aber er fühlte das Bedürfniß, ſich von Streber zu emancipiren und ihm daher zu zeigen, daß er unabhängig von ihm geworden. Streber war ein gefährlicher Menſch und der Paſtor wollte jetzt das, was er erkämpft hatte, in Ruhe genießen, ſich nicht zu neuen Intriguen hergeben, jetzt in Wahrheit der fromme Seelenhirt und Prieſter ſein, der fern von den Streitigkeiten der Parteien in Frieden und Zufriedenheit lebt. Nur auf dieſe Weiſe konnte Schwing alle Gerüchte widerlegen, welche in der Erbſchaftsſache gegen ihn aufgetaucht und, wie Streber richtig ge⸗ rathen, hatte er die Abſicht, von dem Augenblicke an, wo ihm das Erbe des Bruders zugeſprochen, verſöh⸗ nende Schritte Olympia gegenüber zu thun, Strebers Härte zu tadeln. Es war damit nicht geſagt, daß er mit Streber brechen wollte, der Paſtor mochte ihn weder zum Feinde noch zum Freunde haben, er wollte ihn befriedigen und ſich dann von ihm zurückziehen, zur Noth ihn da⸗ für entſchädigen, daß er Sophie nicht zwingen konnte, 16 ihn zu heirathen— kurz, der Paſtor gedachte kein Opfer zu ſcheuen, ſich in gutes Einvernehmen mit Olympia zu ſetzen, ſich von Strebers Vormundſchaft zu befreien, — ihm blieb ja dann noch genug übrig, behaglich leben zu können. Wo ein Gewiſſen ſich belaſtet hat, fühlt das Herz das Bedürfniß, ſich mit ſeinen Feinden zu verſöhnen, mit Jedem gut zu ſtellen, die Seele traut dem Glücke nicht, das ſie ſich durch eine ſchlechte That erworben und ſchwache Charaktere glauben, es genüge, ſich vor Gott auf die Kniee zu werfen und im ſtillen Kämmer⸗ lein um Vergebung der Sünden zu bitten— dann werde Gott dulden, daß ihnen das unrecht erworbene Gut ſtraflos verbleibe. Es iſt das die alte Sache, der Menſch glaubt in ſeiner Selbſtliebe nicht, daß Gott mit ihm ſo ſtrenge ins Gericht gehen könnte, als er es wünſcht und fordert gegen Andere, die ihm Bö⸗ ſes gethan. Gegen dieſe ruft er den Zorn des Him⸗ mels herab und gegen ihn ſoll der Richter Nachſicht üben! Nach den Berichten Strebers und Cornelia's glaubte Schwing ſein Anrecht durchgefochten, nach der Mitthei⸗ lung Cornelia's, Streber habe Olympia zwangsweiſe aus dem Lande zu weiſen verſprochen, hatte er von der Frau ſeines Bruders wohl nichts mehr zu fürchten.— Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 12 178 Streber aber war verantwortlich für Alles, was er gethan, er hatte ja von Schwing nichts Schriftliches aufzuweiſen. Derartiges zu geben, hatte der Paſtor ſorgſam vermieden. Streber war überdem in ſeiner Hand. Es war ſehr günſtig für den Paſtor, daß der Doctor Williams Streber ſchon auf einer Schurkerei ertappt, daß der Doctor in dem Glauben war, Streber habe ihn zu Allem verleitet. Auch Frau Heimichen mußte ſchließ⸗ lich gegen Streber ausſagen, dieſer konnte es alſo nicht wagen, feindſelig gegen ihn aufzutreten, er mußte zufrieden ſein mit dem, was Schwing ihm bot und der Paſtor war, wie geſagt, entſchloſſen, ihn ſehr zu frieden zu ſtellen, wenn Streber nur Geld forderte und verſprach, ihn künftig nicht mehr zu beläſtigen. Der Ton des Briefes an Streber war der Aus⸗ druck dieſer Entſchließungen des Paſtors und Cornelia war ſehr damit zufrieden, daß ihr Gatte Olympia gegenüber Strebers Auftreten mißbilligen wollte und ſie zitterte doch ein wenig vor Williams und hielt es jetzt ebenfalls für unmöglich, ihre Tochter einem ver⸗ haßten Mann als Gatten aufzuzwingen. Das hätte ja jetzt ausgeſehen, als ob Streber nicht in ſeiner Pflicht als Beamter, ſondern als Intereſſirter gehan⸗ delt habe! 179 Der Paſtor fühlte ſich ſicher und ſah einer behag⸗ lichen Zukunft entgegen, da kam ein Brief, der ihn erſchreckte— es zeigte ſich ein Gegner, an den er gar nicht gedacht. Der Brief kam aus dem Orient, er war von Georg und in großer Erregung geſchrieben. Georg wußte es noch nicht, daß man die grauſame Härte gegen Olympia aufs Aeußerſte getrieben, er hatte ja nur von Sophie die Nachricht von dem Tode des Onkels und die Mittheilung erhalten, daß das Gericht auf Anlaß Strebers im Namen von Georgs Vater die Erbſchaft verſiegelt. Dennoch war ſein Brief in leidenſchaftlichem Tone gehalten und er er⸗ klärte dem Vater feierlich, daß er ſich von ihm los⸗ ſagen müſſe, wenn er das Erbtheil der Wittwe an⸗ taſte, er hoffe jedoch zu Gott, daß Sophie ſich in ihrer Angſt und Unruhe getäuſcht habe. Der Prinz, ſein Herr habe die gleiche Anſicht ausgeſprochen und geſagt, er halte es für unmöglich, daß ein Geiſtlicher einen der⸗ artigen Proceß mit Verwandten führen könne, andern⸗ falls würde er Georg nicht den Urlaub verweigern, um ſeine eigene Ehre von jedem Makel frei zu erhal⸗ ten, den eine ſolche Sache auf dieſelbe werfen könnte. Das war ein harter, furchtbarer Schlag für den Paſtor— ſollten ſeine Kinder es ſein, die ihn an den Pranger ſtellten, wenn er die Beute nicht fahren ließ? 12* Sollte er an den Prinzen ſchreiben, damit er Georg die Sache in anderem Licht vorſtelle, oder war es beſſer, wenn er ſich deshalb an den General von Thile wandte? Georg über die Wahrheit zu täuſchen oder ihn in Ungewißheit zu laſſen, war nicht möglich, Sophie oder gar Olympia konnten von Neuem geſchrie⸗ ben haben!. Wo war Streber, daß dieſer ihm Rath ertheilte, der Mann wußte ja in Allen zu helfen! Er konnte ihn doch nicht entbehren, das fühlte er jetzt. Streber kam, wie gerufen. Er hatte ſeine Rück⸗ kehr nicht angemeldet, er trat in das Gemach, wie der Böſe, den ein Gedanke heraufbeſchworen und ein Grauen durchrieſelte Schwing, ſo unheimlich erſchien ihm die⸗ ſes plötzliche Erſcheinen des Mannes, den er fern in Oſtpreußen glaubte. „Es ſcheint keine freudige Ueberraſchung zu ſein, die ich Dir mache,“ begann Streber, mit eigenem Lä⸗ cheln und den durchdringenden Blick des Auges auf Schwing geheftet.„Sollte es war ſein, daß Undank der Welt Lohn?“ Der Paſtor reichte ihm ſtatt der Antwort den Brief Georgs. „Helfe, rathe,“ ſtotterte er,„ſonſt iſt Alles ver⸗ loren.“ —— — 181 Streber las das Schreiben, wie Schadenfreude blitzte es in ſeinen Augen.„Das iſt freilich unange⸗ nehm,“ ſagte er, als er den Brief überflogen,„aber doch nur eine Bagatelle, wenn ſonſt noch Alles gut ſteht. Die Hauptſache bleibt die, ob Marco Documente bringt und was ſie werth ſind. Du ſchriebſt ſehr kurz darüber, oder telegraphirteſt vielmehr nur, Du ſeieſt zu⸗ frieden. Iſt denn die Angelegenheit, die Du in Lon⸗ don beſorgt, für mich ein Geheimniß? „In London? Ich war nicht in London,“ ver⸗ ſetzte der Paſtor haſtig und wider ſeinen Willen er⸗ röthend. „Du warſt nicht in London?“ „Nein,“ erwiderte Schwing, ohne es jedoch zu wa⸗ gen, Streber dabei anzuſehen,„es war nicht nöthig. Ich las in engliſchen Blättern die Beſchreibung vom Un⸗ tergange des Dampfers, mit welchem Marco heim⸗ kehren wollte, ſein Name war unter den Verunglückten, auch iſt vom Schiffsgut nichts gerettet worden, die Papiere ſind alſo auf dem Grunde des Meeres, auch wenn Marco ſie nicht bei ſich getragen.“ „Warum ſchriebſt Du mir das nicht,“ forſchte Streber, keine Miene verändernd, Du wußteſt doch, wie wichtig eine ſolche Nachricht für mich geweſen wäre!“ „Ich dachte, Du würdeſt es dort gehört haben, 182 es wurden ja auf dem Schloſſe die engliſchen Blätter gehalten.“ „Wo erhielteſt Du die Nachricht— das heißt, wo haſt Du die Blätter geleſen?“ „In Calais. Ich kehrte natürlich um und ſuchte den Miniſter in**r auf.“ „Da haſt Du ſehr wohl daran gethan und hof⸗ fentlich wirſt Du das Alles conſtatiren können. Das Fremdenbuch im Hotel muß ja Deinen Namen enthal⸗ ten und das Datum, der Miniſter wird ſich erinnern, an welchem Tage Du bei ihm geweſen. Das iſt vor⸗ trefflich—“ „Was ſoll das?“ fragte der Paſtor, die Farbe wechſelnd.„Hätteſt Du etwa mich verrathen? Wer ſollte darnach forſchen, wo ich geweſen bin?“ „Die Polizei vielleicht. Dein Schwager, Dr. Wil⸗ liams, ſcheint ſehr genau zu wiſſen, daß Du in Eng⸗ land geweſen.“ „Dann haſt Du es ihm geſagt! Ich war nicht in England. Du haſt mein Vertrauen verrathen—“ „Du irrſt Dich. Williams iſt von anderer Seite davon unterrichtet worden, er ſuchte mich ſchon vor meiner Abreiſe nach Groß⸗Below in Berlin auf und wußte es, daß er Dich nicht bei mir finden werde. Ich 183 ſagte ihm, Du wäreſt am Rhein und beredete ihn, mit mir umzukehren.“ „Das iſt unmöglich!“— „Es iſt die volle Wahrheit. Ich wette, Deine Tochter ſteckt dahinter, die iſt klüger, als Du glaubſt.“ Der Paſtor ward kreidebleich. Er wußte es von Cornelia, welche Andeutungen Sophie gemacht, daß ſie vor einem Verbrechen zittere. Jetzt waren dieſelben erklärt. Hatte ſie nicht geſchlafen, als er ihr den Brief entwendet? Schwing zitterte ſo heftig, daß Streber es ſah. „Wie gut,“ ſagte dieſer mit höhniſcher Ironie,„daß Du doch nicht in England warſt. Was beunruhigt Dich? Hört Williams, daß das Schiff geſcheitert iſt, ſo wird er ſich die Reiſe wohl ſparen.“ Schwing war keiner Antwort fähig. Eine furcht⸗ bare Reue mußte in ſeiner Bruſt toben, ſeine Züge waren angſtverzerrt.„Du warſt doch wohl in Eng⸗ land!“ ſagte Streber, ihn mit verächtlichem Blicke muſternd. „Ich war nicht dort, nein!“ rief der Paſtor in einem Tone, der kaum etwas Menſchliches hatte. „Warum zitterſt Du dann wie ein ertappter Ver⸗ brecher?“ Schwing rang nach Faſſung. Er mußte einen 184 Entſchluß gefaßt haben. Es flammte düſter und wild in ſeinen Augen. „Du haſt mich doch verrathen,“ rief er.„Alles Andere iſt nicht möglich. Aber ich habe Dich nur prü⸗ fen wollen, ich habe Dich belogen. Ich war nicht ein ſolcher Thor, Deinen Rathſchlägen zu folgen und ein Verbrechen zu begehen.“ „Meinen Rathſ chlägen?“ „Ich habe Deine Empfehlungen wohl aufbewahrt, die Briefe an Bunſen, an Sir vern, ich habe nichts ab⸗ gegeben, denn ich war nicht dort. Ich wollte nur er⸗ proben, ob ich einen zuverläſſigen Freund in Dir habe, oder einen Feind, der nach meinem Verderben trachtet. Du wünſchteſt es wohl, daß ich ganz in Deine Gewalt käme, daß ich gleich Dir ein Verbrecher würde! Aber ich habe mich davor gehütet!“— Es wäre für einen Charactermaler intereſſant geweſen, den Wechſel des Ausdrucks in den Zügen Strebers zu ſtudiren. Unruhe, Mißtrauen, Bitterkeit, Wuth, Spott, Hohn und Schadenfreude ſpielten darin wie in einem Prisma und doch blieb das Antlitz äu⸗ ßerlich ruhig, es zuckte nur um die Lippe, blitzte nur im Auge. Streber ließ den Paſtor ausſprechen, ohne ihn „ 4 185 zu unterbrechen, aber ſein Blick blieb feſt auf ihn ge⸗ heftet, bald ihm drohend, bald ihn reizend. „Herr Paſtor von Schwing,“ ſagte er, als der⸗ ſelbe geendet und ſein Ton hatte etwas Eiſiges,„ich kann Ihre Vorſicht nur lobenswerth finden, denn wer einen Freund und Vertrauten, der Dank erwarten darf, beſchimpft, der muß ſeiner Sache ſehr ſicher ſein. Ich freue mich aber, daß ich auch vorſichtig geweſen. Was Ihre Bemerkung betrifft, ich ſei ein Verbrecher, ſo rathe ich Ihnen, vorſichtig in beſchimpfenden Ver⸗ leumdungen zu ſein, daß Sie aber jetzt behaupten, ich hätte Ihnen dazu gerathen, in dieſer Erbſchaftsange⸗ legenheit unerlaubte Schritte zu thun, iſt eine Unwahr⸗ heit, ich habe Sie im Gegentheil gewarnt und kann das beweiſen.“ „Sie?“ Der Paſtor lachte höhniſch auf. „Ich kann und werde es beweiſen. Ich habe mich mehrfach darüber geäußert, ich habe überall mein Be⸗ dauern darüber ausgedrückt, daß Sie von vornherein durch Ihren Beſuch bei Herrn von Hacke Ihrem Auf⸗ treten einen herausfordernden gehäſſigen Character ge⸗ geben haben.“ „Das haben Sie verrathen!“ rief der Paſtor er⸗ bleichend,„das iſt infam!“ —— 186 „Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte. Ich mußte mich davor ſchützen, daß mir alle Gehäſſigkeiten in die Schuhe geſchoben wurden. Sie glaubten, meine Wir⸗ thin aushorchen zu können, ſie ließen mich zu früh er⸗ rathen, daß der reiche Paſtor Schwing vergeſſen werde, was der arme und bedrängte verſprochen. Aber noch ſind Sie nicht der Erbe. Nein, Herr Paſtor“, lachte Streber höhniſch, als Schwing bei dieſen Wor⸗ ten betroffen aufſchaute,„Sie haben ſich etwas zu früh demaskirt, ich ahnte dergleichen und habe Alles ſo ar⸗ rangirt, daß Sie nicht undankbar zu werden brauchen, dieſe Sünde will ich Ihnen erſparen. Und ich will nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, ich will keine Geheimniſſe aus dem machen, was ich gethan. Ich habe mit dem Herrn Doctor Williams, Ihrem Schwa⸗ ger, eine Art Alliance geſchloſſen und alle Feindſelig⸗ keiten gegen die Frau Baronin von Schwing eingeſtellt, ich werde meinen Bericht an die Regierung derart abfaſſen, daß auch von jener Seite eine ge⸗ richtliche Entſcheidung jeder andern Art der Erledi⸗ gung vorgezogen wird, da können Sie ja Gelegenheit nehmen, mich anzuklagen, mich, deſſen Empfehlungen Ihnen hier alle Thüren geöffnet haben. Doch ich ſage es Ihnen vorher, ſeien Sie vorſichtig in Verleumdungen, noch bin ich nicht Ihr Feind, aber ich könnte es werden! — 187 Der Paſtor war in den Seſſel zurückgeſunken, das Auge blickte immer glanzloſer, ſtarrer, jedes Wort entriß ihm eine Hoffnung, bedrohte ihn mit neuen Ge⸗ fahren. In der feſten Ueberzeugung, ſchon in den näch⸗ ſten Tagen die Baarſchaften des Erbes zu erhalten, hatte er den Reſt ſeiner durch die Reiſe erſchöpften Kaſſe beinahe ganz ausgegeben, ihn drückten Verpflichtungen, von denen wir ſpäter reden werden, die er in gleicher Hoffnung eingegangen und jetzt wurde ihm die Aus⸗ händigung der Erbſchaft in weite Ferne gerückt! In der Ueberzeugung, daß Olympia's Trotz ge⸗ brochen, daß ſie ſchon das Land verlaſſen, daß Streber als Bevollmächtigter der Regierung die für ihn ſo günſtige Entſcheidung längſt gefällt— Cornelia hatte ihm betheuert, daß dies Alles geſchehen ſei— hatte er ſeinen Ton gegen Streber geändert und jetzt, wo er ihn aufs Höchſte gegen ſich erbittert, eröffnete ihm dieſer höhniſch, daß noch das Gegentheil ſtattfin⸗ den könne, daß er, Streber, noch die ganze Sache in der Hand habe!. Der einzige Mann, der ihm rathend helfen konnte, den hatte er ſich zum Feinde gemacht und er wußte es, daß Streber nach dem, was heute vorgefallen, nie wieder ſein Freund werden, daß er ſich wohl noch be⸗ 188 ſtechen laſſen lönne, aber auch dann unzuverläſſig ſein werde. Und das Schlimmſte— wenn es begründet war, daß Streber ſich mit Williams verſöhnt— ſo fehlte ihm jede Waffe gegen denſelben! Der Paſtor hätte weinen mögen vor Wuth, aber das Gefühl des Haſſes gegen Streber überwog die Angſt und in jener verzweifelten Stimmung eines Menſchen, der da fühlt, daß er rettungslos verloren iſt, wenn er ſich nicht ſelber helfen kann, der ſich ſagt, daß er ſchlimmſten Falles nur Hand an ſich zu legen braucht, allen Gefahren zu entgehen, alſo ſeine Lage nicht mehr verſchli ern, nur verbeſſern kann— antwortete er mit einer Faſſung, die Streber ſtutzig machte, der Herr Miniſterialrath werde thun, was er verantworten könne.„Ich habe Ihr Schreiben“, ſagte er,„worin Sie mir mittheilten, daß der Uebernahme der Erbſchaft nichts mehr im Wege ſtehe, ich habe da⸗ rauf hin meine Frau hierher kommen laſſen, Sie ge⸗ beten, mein dortiges Eigenthum zu verkaufen. Ich werde Sie für jeden Schaden und Nachtheil verant⸗ wortlich machen, der mir daraus erwächſt, daß Sie Ihr amtliches Gutachten plötzlich geändert, daß Sie Perſonen, welche Sie noch jüngſt per Zwangspaß aus dem Lande bringen wollten, jetzt zu einem Prozeſſe er⸗ 189 muthigen und werde die Letzteren eidlich darüber ver⸗ nehmen laſſen, was ihnen die Sinnesänderung des Herrn Miniſterialraths gekoſtet hat.“ Streber biß ſich auf die Lippen. Er hätte alles Andere eher erwartet, als daß der Paſtor es auf einen Proceß ankommen laſſen werde. War er wirklich nicht in England geweſen? War es begründet, daß Marco durch Schiffbruch zu Grunde gegangen? „Meine Sinnesänderung, wie Sie es nennen“, ver⸗ ſetzte er,„datirt einfach von dem Augenblicke an, wo ich entdeckte, daß Sie mir ungenaue und falſche An⸗ gaben in der Sache gemacht. Sie haben es mir ver⸗ ſchwiegen, daß der Baron von Schwing noch Güter in Amerika beſeſſen, daß er alſo und ſein Sohn Marco als amerikaniſche Bürger zu betrachten ſind. Wenn nun aber die amerikaniſchen Behörden Marco als den unzweifelhaften Erben ſeines Vaters anerkenſten, ſo folgt daraus nothwendig, daß Marco auch der Erbe des Vermögens iſt, welches der Baron aus Amerika hierher gebracht hat, gerade weil der Baron es ver⸗ ſäumt hat, ſich hier naturaliſiren zu laſſen und Sie können höchſtens das beanſpruchen, was Ihr Bruder hier vorgefunden, die verſchuldeten Güter, die er aus anderen Händen zurückgekauft. Dies iſt die Anſicht des Doctor Williams und wenn der amerikaniſche 190 Conſul, den die Baronin deßhalb anrufen will, ebenſo denkt, ſo iſt eine Rechtsfrage vorhanden, über die kein Miniſterialbeamter, ſondern nur das Gericht entſcheiden kann. Sie ſehen alſo, daß die Gegenpartei es nicht nöthig hatte, meine Sinnesänderung zu bezahlen.“ Der Paſtor war roth und bleich geworden, aber wider Erwarten Strebers ſchlug ihn dieſe Eröffnung doch nicht ſo tief nieder, als Jener gehofft. Schwing hatte bedeutende Rechtsgelehrte an verſchiedenen Orten, die er bei ſeiner Reiſe berührt, conſultirt und ihnen die Frage vorgelegt, welche Streber jetzt berührte. Wäre ſie ihm bejaht worden, hätte man ihm geſagt, daß die Entſcheidug des Gerichts nur zweifelhaft ſein könne, ſo hätte ja ein Attentat gegen Marco keinen Nutzen gehabt. Man hatte ihm verſichert, er müßte den Proceß gewinnen, wenn derſelbe ihm auch Schwie⸗ rigkeiten in den Weg lege, erben könne immer nur der Erbberechtigte, der Verwandte, ſobald kein Teſtament vorhanden, ſelbſt bei Enterbung ſtehe ihm der Pflicht⸗ theil zu. Es komme daher allein darauf an, ob eine legitime Trauung des Barons nachzuweiſen ſei oder nicht, auch das nordamerikaniſche Recht laſſe dieſe Grundſätze gelten. Der Paſtor war daher nur durch die Erbitterung, daß man ihm dieſe Schwierigkeiten bereite, nicht durch 191 die Beſorgniß, den Proceß zu verlieren, erregt, er ſah, daß man ernſthaft an die Aufnahme eines Prozeſſes denke, daß man alſo auch die Geldmittel dazu ſich be⸗ ſchafft und er war überzeugt, daß Streber hierfür ge⸗ ſorgt, denn Williams war nicht vermögend und auf alle Gelder der Hinterlaſſenſchaft, auf alle derſelben noch zufallenden Einnahmen war ja von Gerichtswegen Be⸗ ſchlag gelegt. „Es ſei!“ rief der Paſtor aufſpringend und düſtre Leidenſchaft flammte aus ſeinen Augen.„Man zwingt mich alſo zum Aeußerſten, ich nehme den Kampf auf und werde mir lieber von Wucherern Vorſchüſſe zahlen laſſen, als einen Vergleich eingehen. Ich hätte nicht gefeilſcht, ich hätte das halbe Erbe und mehr geopfert, einen ſcandalöſen Prozeß mir zu erſparen, jetzt will ich ihn führen, jetzt fordert es meine Ehre, daß ich ihn führe und Georg wird mir beipflichten müſſen. Ihnen danke ich es, daß es dahin gekommen. Ich kenne Sie jetzt. Ich weiß es jetzt, was Sie unter der Bruderliebe verſtehen, welche der Bund fordert.“ „Herr Paſtor“, erwiderte Streber,„ich ſchicke vorher, daß die Rechtfertigung, welche ich zu geben habe, nur dazu dienen ſoll, die Trennung unſerer Verbindung, welche Sie wünſchen, noch entſchiedener zu machen und daß ich ſie nur gebe, weil Sie des geheimen Bundes 492 erwähnt haben, der uns vereinen ſollte. Sie waren in bedrängter Lage, nicht ich, Sie theilten mir Ihre Projecte in Bezug auf die Erbſchaftsangelegenheit mit, Sie boten mir die Hand Ihrer Tochter, Sie machten mich glauben, daß ich Ihr ganzes, ungetheiltes Ver⸗ trauen beſäße und ich habe nach beſten Kräften in Ihrem Intereſſe gehandelt. Sie haben jedoch mich ge⸗ täuſcht, Sie hatten Geheimniſſe vor mir, Sie ſprachen von Ihrer Abſicht, nach England zu gehen, ließen mich in dem Glauben, daß Sie dort ein Attentat gegen Marco verüben wollten und werfen mir jetzt vor, daß ich meine Handlungsweiſe darnach eingerichtet. Jetzt ſagen Sie, Sie hätten mich nur erproben wollen, jeden⸗ falls haben Sie auch nur zu dieſem Zwecke meine Wirthin auszuforſchen verſucht. Sie haben mich jedoch durch Ihr doppelgängiges Weſen, durch die Täuſchung meines Vertrauens in die Lage verſetzt, daß ich jetzt derjenige bin, welchem alles Gehäſſige, was in dieſer Sache geſchehen, zugeſchrieben wird, ich ſtehe in dem Verdacht, Sie zu allen den Maßregeln verleitet zu haben, welche die Baronin von Schwing ſehr hart ge⸗ troffen und Sie zwingen mich jetzt, das Gegentheil da⸗ durch zu beweiſen, daß ich auf die Seite Ihrer Gegner trete. Ich werde jetzt die Sache der Baronin in die Hand nehmen, ich werde nachforſchen, welche Docu⸗ 193 mente Marco aus Amerika gebracht, ich denke, es wer⸗ den ſich glaubwürdige Copien davon beſchaffen laſſen. Sie wollen den Prozeß, Sie machen mir Vorwürfe, anſtatt mir zu danken, Sie ſagen, ich hätte als Ihr Feind gehandelt— gut, Sie ſollen jetzt erfahren, wie ich als Feind handle, Sie ſollen den Unterſchied merken.“ Streber griff nach ſeinem Hute und machte Miene, ſich zu entfernen. Die Drohung, er werde die Copien jener Documente zu beſorgen wiſſen, hatte ihre Wir⸗ kung nicht verfehlt, der Paſtor erbleichte und jetzt, wo Streber ſich entfernen wollte, wo er wußte, daß dieſer, wenn er die Thüre hinter ſich geſchloſſen, davon gehen werde, ſeine Drohung auszuführen, ſchwand ihm der Muth, ſich ſolchem Feind gegenüber zu wiſſen. „Streber,“ ſagte er,„können Sie es mir ins Antlitz leugnen, daß Sie doppeltes Spiel getrieben? Wäre es möglich geweſen, daß Sie ſich mit Williams ausge⸗ ſöhnt, ohne Verrath an mir zu begehen? Leugnen Sie es, daß er von Ihnen meine Abſicht, nach England zu reiſen, erfahren?“ „Ich wiederhole Ihnen, daß ich nie einen Freund verrathe.“ „Und die Drohung, jetzt als mein Feind aufzu⸗ treten, iſt das nicht ein Verrath?“ „Sie zwingen mich dazu, Sie erklärten mir, daß Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 13 wir von einander geſchieden ſeien. Ich will nicht das Odium einer Intrigue tragen, die Sie bereichern ſoll und Undank dafür ernten.“ „Streber, ich hätte mit Ihnen getheilt— ich würde es noch jetzt thun.— Sie können es mir nicht ver⸗ argen, daß ich durch die neu entſtandenen Schwierig⸗ keiten erbittert, gereizt wurde, daß ich dem Verdachte nachhing, Sie hätten, abſichtlich oder nicht, Alles ver⸗ dorben. Es iſt mir unbegreiflich, woher Williams ſonſt ahnen, wiſſen könnte, daß ich nach London ge⸗ gangen.—“ „Ah— Sie waren alſo dort!“ „So mögen Sie denn Alles wiſſen— ja— ich war dort, aber unter fremdem Namen. Es darf zu keinem Prozeſſe kommen, es würde uns beide ins Ver⸗ derben bringen. Helfen Sie mir, Streber. Ihre und meine Exiſtenz ſind auf dem Spiel.“ „Nur die Ihrige, wenn ich auf die Seite Ihrer Gegner trete.“ „Auch die Ihrige und was haben Sie davon, wenn ich zu Grunde gehe? Ich biete Ihnen mehr, als Jene geben können.“ „Wenn ich nachgebe,“ verſetzte Streber, den Mann, der ſich jetzt in zitternder Angſt vor ihm krümmte, mit Verachtung meſſend,„ſo geſchieht es allein, weil — 195 ich nicht will, daß die Gottesleugner triumphiren über die Streiter der Kirche, weil ich die Macht und den Einfluß unſerer Partei nicht erſchüttert ſehen will durch einen ſcandalöſen Prozeß gegen Jemand, der vom Brun⸗ nen des Urquells getrunken. Verſchreiben Sie mir die Hälfte des Erbes, das Ihnen zufällt und ich will hel⸗ fen. Nicht mir und Ihnen, der Partei ſoll das Erbe erhalten bleiben.“ „Ich willige ein— ich—“ „Halt. Ich habe noch eine Bedingung. Sie fügen ſich allen meinen Anordnungen, Sie verpflichten ſich, unweigerlich das zu thun, was ich für gut befinde und geloben feierlich, nichts heimlich, hinter meinem Rücken zu thun.— „Ich will auch das verſprechen, nur retten Sie mich vor Schande, ich würde mir lieber den Tod geben, als ſie ertragen.“ Streber ſchritt einige Male im Zimmer auf und ab und war tief in Gedanken verſunken, plötzlich aber leuchtete es in ſeinem Antlitz— wie ein Lächeln Sa⸗ tans, ſo unheimlich düſter— er hatte einen Entſchluß! 13 Elftes Kapitel. Die Reiſe nach England. Der Paſtor ſah aus, wie ein bebendes Fragezei⸗ chen ängſtlicher Erwartung. Das Strohfeuer des Muthes, den ihm die Leidenſchaft gegeben, war ver⸗ flammt, er hatte ſich wieder dem Dämon in die Arme geworfen, dem er noch eben trotzen gewollt und bereute das beinahe ſchon wieder, denn er zitterte faſt mehr vor Streber als vor dem Gericht. Er hatte ſein Ge⸗ heimniß verrathen, er hatte geſtanden, daß er doch in England geweſen, er war jetzt völlig in der Gewalt dieſes Mannes, den er ebenſo haßte wie fürchtete. Ja, er haßte ihn. Hätte er ihn niemals kennen gelernt! Strebers Glück hatte ihn verleitet, auch vom Pfade des Rechtes abzugehen, die verlockenden Worte dieſes Mannes hatten in ihm die Begierden entflammt, 197 ſein Beiſpiel ihn verleitet, durch ein Verbrechen ſich zum reichen Manne zu machen. Der Pfarrer haßte Streber als den Verführer, den Dämon, deſſen Verlockungen ihn jetzt dahin ge⸗ bracht, daß er Gott gedankt hätte, wenn ſein Bruder noch am Leben, er noch der beſcheidene Pfarrer und alles Vergangene ein böſer Traum. Wie gern hätte er noch größere Armuth ertragen, wenn er ſich damit losgekauft von dieſer Seelenangſt, was waren ſeine früheren Sorgen gegen die, welche ihn jetzt folterten! Vor ihm ſtand das Geſpenſt des Criminalrichters, die Schande. Er ſah ſich verlaſſen von ſeinen Kindern, was nützte ihm da ſein Geld?! Und dann das Gericht Gottes! Mag der Ver⸗ ſtand des Menſchen klügelnd die Ketten ſprengen, welche der Glaube, die Lehre der Religion um ſeine Zukunft ſchlingen, die Seele fühlt ſich doch gebannt, das Gewiſſen bebt.— Der Paſtor war noch nicht verhärtet im Verbrechen, wie Streber, deſſen Egoismus niemals ein Bedenken gekannt, jedes Mittel, das ihm Vortheil brachte, gut zu nennen, in ihm war der Jeſuitismus nicht derart mit dem Charakter verſchmolzen und verwachſen, daß er Gottes Wort im Munde führen konnte, wenn es einen Schurkenſtreich galt, er war trotz Allem, was er 198 begangen, ein Chriſt, Streber aber hatte keine andere Religion als die Lehren des Egoismus; wo Jener noch an einen Gott glaubte, gab es für dieſen nur den Machtbegriff einer herrſchenden Kirche, eines Prieſter⸗ ſtandes, der ſeine Herrſchaft befeſtigen und üben, ſich ſelber bereichern müſſe. Für Streber war Alles, was Schwing noch heilig galt, nur Phraſe, Waffe gegen Thoren; der Paſtor heuchelte oft, das zu glauben und zu ſein, was er predigte und als chriſtlich hinſtellte, für Streber war die Reli⸗ gion nur der Mantel, der ihm die Prieſterwürde, die Macht verlieh. „Der Proceß muß geführt werden“, ſagte Stre⸗ ber nach langer Pauſe.„Wie die Sachen ſtehen, hat⸗ ten Sie ganz Recht, zu bemerken, Ihre Ehre erfordere denſelben und nur auf dieſe Weiſe können Sie Georg beruhigen und von Schritten abhalten, die mehr com⸗ promittiren als ſelbſt der Verlauf des Proceſſes. Doch es iſt ein Unterſchied, ob ein ſolcher Proceß in Erb⸗ ſchaftsangelegenheiten feindſelig geführt wird oder nicht. Schreiben Sie an den Doctor Williams und an die Baronin noch heute. Theilen Sie denſelben mit, daß ich nur in Ihrem Auftrage gehandelt, daß Sie ein perſönliches Auftreten in dieſer Sache geſcheut und doch, Ihrer Kinder wegen, nicht anders hätten vorgehen 199 können. Schreiben Sie, daß Ihnen die Abſicht fern gelegen, die Hinterlaſſenen Ihres Bruders zu verletzen, grauſam zu verfolgen, Sie hätten einfach die geſetz⸗ lichen Schritte thun wollen und deren Tragweite nicht bedacht, Sie hätten es nicht vorherſehen können, daß die Baronin das Schloß verlaſſen, ſich an Andere als an Sie wenden könne, es habe Sie verletzt und ge⸗ kränkt, daß die Baronin nicht an Sie geſchrieben und Zuflucht im Hauſe des Doctor Williams, aber nicht in der Pfarre geſucht.“ „Drehen Sie den Spieß um und ſagen Sie, daß ich Sie erſt darüber unterrichtet, wie troſtlos die Lage der Wittwe ſei, daß Sie eine Fortſetzung alter Ab⸗ neigung und des Argwohns darin geſehen, daß man ſich nicht brieflich an Sie gewandt, daß der Doctor Ihre Gattin bedroht, daß man Ihnen gehäſſige Motive untergeſchoben, Ihren Ruf gefährdet. Es ſei jetzt Ihnen durch Ihre Ehre geboten, die Klage abzuwarten und eine gerichtliche Entſcheidung zu fordern, denn Sie wollten Niemand berauben. Es werde Ihnen jedoch dies ſchwer gemacht, durch den Umſtand, daß Ihre beiden Kinder gegen Sie Partei ergriffen, daß man es verſtanden, Ihnen deren Herzen zu entfremden. Ein Brief Georgs habe Ihnen deutlich dargethan, daß er ſeine Couſine liebe und werde ſchon dadurch, wie auch der Proceß ausfalle, eine glückliche Löſung geboten Die Gründe, welche Sie bewogen, Marco die Hand Ihrer Tochter zu verſagen, käme hier nicht zur Gel⸗ tung. Der Mann erziehe ſich das Weib, das ſein Herz gewählt, Sie hätten Ihre Tochter keinem Manne geben mögen, der eine Pfarrerstochter habe zur Ama⸗ zone machen wollen, der über den frommen Glauben und einfachen Lebenswandel guter Chriſten geſpottet und democratiſche Geſinnungen hege, Sie würden da⸗ gegen die Tochter Ihres Bruders gern an der Seite Georgs ſehen.“ „Schreiben Sie ferner, daß ſowohl Ihnen wie der Gegenpartei die Mittel zu einem langwierigen Prozeß fehlen dürften, Sie machten daher den Vor⸗ ſchlag, daß jede Partei ein rechtliches Gutachten bei⸗ bringe und man ſich dann der Entſcheidung eines beiden Parteien convenirenden Schiedsrichters unter⸗ werfe, ſo würden unnütze Koſten, Weitläufigkeiten und Aergerniſſe vermieden.“ „Fordern Sie endlich“, ſo ſchloß Streber,„daß Sophie in Ihr Haus zurückkehre und geben Sie die Verſicherung, ihr keinen Gatten wider Willen aufzu⸗ drängen, ich denke, man wird ſich ſolchen Vorſchlägen von der andern Seite fügen. Entwerfen Sie ein „. 201 Duplicat dieſes Schreibens und ſenden Sie daſſelbe Ihrem Sohn.“ „Der Vorſchlag iſt gut, und ich werde ihn aus⸗ führen“, erwiderte der Pfarrer,„aber Sie haben Ei⸗ nes nicht in Betracht gezogen.“ „Was iſt das?“ „Wenn Olympia und Williams erfahren, daß Marco noch am Leben—“ „Ah, Sie ſagten mir alſo nicht die Wahrheit?“ „Nicht ganz.“ „So beichten Sie jetzt. Wollen Sie noch Ge⸗ heimniſſe vor mir haben, dann iſt jeder Rath, den ich gebe, unnütz.“ „Ich kann es nicht über die Lippen bringen.“ „Mann, Sie ſind unbegreiflich. Wo fanden Sie den Muth zur That, wenn Sie jetzt wie eine alte Frau darüber jammern. In welches Irrenhaus haben Sie ihn einſperren laſſen?“ Der Paſtor zitterte wie Espenlaub.„Ich will Ihnen Alles erzählen. Mag es denn heraus, ich bin doch verloren, wenn Sie mir nicht helfen. Ich las eines Tages in engliſchen Blättern eine Proceßver⸗ handlung. Man hatte einen Erben ins Irrenhaus geſperrt, um ihn zu berauben, er wurde im Irrenhaus wahnſinnig und die Angeklagten wurden freigeſprochen.“ 202 „Weiter.“ „Ich ſchrieb mir die Namen des Directors der Anſtalt und andere im Prozeß genannten Perſonen auf, welche ähnliche Anſtalten haben. Meine Tochter erhielt einen Brief von Marco, in welchem er ihr ſchriebf wann und mit welchem Dampfer er in Lon⸗ don eintreffen könne.“ „Und den Brief zeigte ſie Ihnen?“ „Nein, ich ſchlich des Nachts in ihr Zimmer und nahm ihn mir von ihrer Bruſt.“ „Hatte ſie etwa auch jenen Zeitungsartikel gele⸗ ſen?“ „Ja.“ „Dann iſt ja Alles erklärt. Dann ahnte ſie Ihr Vorhaben, dann theilte ſie Williams ihren Verdacht mit, dann konnten Beide freilich von Verbrechen re⸗ den! Schwing, das war ſtümperhaft, unverzeihlich leichtſinnig.“ „Ich war wie von Dämonen beſeſſen. Aber Sie irren ſich doch. Hätte Sophie Solches geahnt, ſie hätte ſich mir in den Weg geworfen, als ich abreiſen wollte. Es iſt unmöglich.“ „Der Verdacht iſt wohl erſt ſpäter entſtanden, der kann erſt aufgeſchoſſen als die Verfolgung der Erben eintrat und Marco, der Beſchützer derſelben, 8 5 203 fehlte. Williams fixirte mich ſcharf, als er mich fragte, ob wir nicht den Rächer in dem Sohne des Todten fürchteten. Doch weiter. Es iſt nichts ſo ſchlimm, daß man nicht eine Hinterthür fände, ein Verdacht iſt keine Gewißheit.“ „Ich fuhr von Berlin nach Calais. Dort las ich in den Blättern, daß der Dampfer, mit welchem Marco zurückkehren ſollte, verunglückt ſei, der Keſſel war durch Ueberheizung geſprungen. Es galt einer Wettfahrt zwiſchen engliſchen und amerikaniſchen Dampfern. Unter den Namen der geretteten Paſſagiere ſtand der⸗ jenige Marco's nicht.“ „Nun? Dann iſt er ja doch todt?“ „Nein. So weit ſagte ich Ihnen die Wahrheit. Ich wollte umkehren, aber ein anderes Blatt brachte wenige Stunden ſpäter die Namen anderer Geretteten.“ „Ah, und darunter befand ſich Herr Marco von Schwing?“ „Ja, er befand ſich darunter.“ „Waren Sie in Calais unter Ihrem Namen?“ „Nein. Ich hatte einen Paß auf einen fremden Namen.“ „Sehr gut. Das war geſcheidt. Weiter.“ „Ich mußte mich durch das Intereſſe, welches ich an den Nachrichten über die Schiffbrüchigen nahm, 204 verrathen haben, ein Herr, der in demſelben Hotel wohnte und ſich gleichfalls ein Fahrbillet für den an⸗ dern Tag nach Dover beſtellt hatte und mit dem ich über die Sache geſprochen, ließ mich während der Fahrt nicht aus den Augen, war ſehr zudringlich, bot mir ſeine Hilfe an, als ich ihm geſtanden, ich wollte die Schiffbrüchigen aufſuchen, er war in London, wie er ſagte, orientirt. Ich fragte gelegentlich ſcheinbar harmlos nach der Adreſſe des Doctor Milkinſon, jenes Arztes, der vor den Geſchworenen geſtanden und be⸗ reute das, denn der Fremde ſchien mir die Gedanken aus der Seele zu leſen und ward immer zudringlicher.“ Streber lächelte.„Sie verſtehen es nicht, Ihr Inneres zu verbergen“, ſagte er.„Ich wette, der Mann ſah es Ihnen an, daß Sie einen Helfer brauch⸗ ten.“ „So war es“, ſeufzte der Pfarrer.„Ich wollte mich in London von ihm losmachen, aber er ver⸗ folgte mich heimlich; als ich aus dem Bureau der Dampfer⸗Compagnie trat, wo ich mich nach dem Orte erkundigt, an dem ich die Schiffbrüchigen träfe, ſtand er vor der Thür, redete mich an und gab mir zu ver⸗ ſtehen, daß er für gute Bezahlung jeden Auftrag er⸗ ledige, daß er die Geſetze kenne.“ „Es war die höchſte Eile nothwendig. Der 205 Dampfer, der die Schiffbrüchigen, welche zuerſt geret⸗ tet worden, aufgenommen, lag ſchon auf der Themſe, die Nachricht, daß noch Andere durch ein Segelſchiff gerettet worden, das in Portsmouth anlegen wolle, war durch einen zweiten Dampfer gebracht worden; der Segler konnte ſchon am Abend in Portsmouth eintreffen, Marco von dort nach Hauſe ſchreiben oder telegraphiren.“ „Ich bin der engliſchen Sprache faſt gar nicht mächtig, ich ſpreche ſie wohl, aber verſtehe ſchwer. Ich war fremd im Lande, ich brauchte Hilfe und mir ward ſolche geboten. Ich ging vorſichtig zu Werke, deutete dem Fremden an, ich erwarte einen Verwandten, der für mich ſehr wichtige Papiere bringe, der aber in Feindſchaft mit mir lebe; der Mann kam mir ent⸗ gegen und ſagte, für hundert Pfund verſchaffe er mir die Papiere, falls ſie nicht im Meere lägen, für drei⸗ hundert den Mann als Leiche, für ſechshundert bringe er ihn in beſſeren Gewahrſam, als ich ſolchen bei Milkinſon fände, der müſſe jetzt ſehr vorſichtig ſein.“ „Sie nannten ihm nicht Ihre wahre Adreſſe?“ „Nein.“ „Sie ſind überzeugt, daß er dieſelbe auch nicht in Erfahrung gebracht hat?“ „Nein, denn ich habe ſie Niemand genannt.“ l 206 „Gut. Weiter.“ „Der Gedanke an einen Mord entſetzte mich, ich zog es vor, Marco in eine Irrenanſtalt bringen zu laſſen, ich bot dem Mann Alles, was ich bei mir hatte und verſprach ihm, den geforderten Preis ſpäter zu zahlen.“ „Und da ſollte er ſich über Ihre wirkliche Adreſſe nicht Garantie verſchafft haben?“ fragte Streber den Kopf ſchüttelnd. „Ich zeigte ihm eine landräthliche Beſcheinigung, auf meinen angenommenen Namen lautend, die mir die Vormundſchaft über den„überſpannten“ Marco über⸗ trug und atteſtirte. Es wurde ſchriftlich ausgemacht, daß, wenn binnen drei Monaten nicht die Belohnung bezahlt ſei und das Jahrgeld nicht richtig eingehe, der Kranke als geneſen entlaſſen werden ſolle.“ „Ich verſtehe“, lächelte Streber,„der Mann wußte ſich zu helfen. Doch bitte, fahren Sie fort. Die Ge⸗ ſchichte iſt intereſſant, Sie haben da ein merkwürdiges Glück gehabt.“ „Der Fremde“, ſo erzählte Schwing weiter, „nannte ſich Mr. John Smith, es war dies wohl auch nur ein angenommener Name, aber er führte mich zu einem Winkel⸗Advocaten, wo unſer Vertrag nota⸗ riell abgeſchloſſen wurde, die Sache, um die es ſich 207 handelte, ward einfach mit„ein Herrn John Smith bekannter, zwiſchen ihm und mir verabredeter Auftrag in Familienangelegenheiten“ bezeichnet.“ „Haben Sie eine Abſchrift des Vertrages?“ unter⸗ brach Streber den Erzählenden. „Nein, der Advocat meinte, das ſei nicht nöthig.“ „Glaubs wohl, nicht für Herrn Smith und den Advocaten, aber für Sie. Wie konnten Sie, ohne Co⸗ pie des Vertrages zu erhalten, unterzeichnen!“ „Mich drängte die Noth.“ „Und klügere Leute wußten das zu benutzen. Herr Smith iſt ſicher, daß Sie ihn bezahlen müſſen, aber Sie ſind es nicht, daß er nicht Nachforſchungen anſtellt, ob er mehr dabei gewinnt, wenn er den Kran⸗ ken geneſen läßt. Jedenfalls ſind Sie nicht gegen Erpreſ⸗ ſungen geſchützt. Doch weiter, ich will Ihre Unruhe nicht vermehren. Solche Leute halten auch Kundſchaft, vielleicht macht ſich dadurch Ihr Fehler wieder gut.“ „Wir fuhren nach Portsmouth. Die Segler ka⸗ men bald in Sicht, Smith führte mich beim Hafen in eine Schänke und hieß mich dort verweilen, er habe allerlei Anordnungen zu treffen.“ „Das Schiff hatte ſchon geankert, als er zürück⸗ kehrte. Die Boote wurden ins Waſſer gelaſſen, ich konnte vom Fenſter aus Alles deutlich ſehen. Die 208 Schiffbrüchigen waren leicht zu erkennen, man hatte ihnen allerlei Kleidungsſtücke gebracht, die ſchlecht zu einander paßten, die Wenigſten konnten ohne Hilfe gehen, Viele, darunter auch Marco, wurden getragen, ich hörte ſpäter, daß die Matroſen erzählt, man habe nicht geglaubt, ſie noch am Leben zu erhalten, ſie wa⸗ ren theilweiſe ſchwer verletzt und waren einen Tag und zwei Nächte, an Planken geklammert, auf dem Meere umhergeſchwommen.“ „Die meiſten der Schiffbrüchigen wurden von Ver⸗ wandten erwartet und in Empfang genommen. Als Smith hörte, der von mir Bezeichnete befände ſich un⸗ ter den Kranken, forderte er mich auf, ihm zu folgen. Ich ſollte Marco als meinen Verwandten reclamiren.“ „Das thaten Sie doch nicht? Wozu war er denn da? Wozu wurde er bezahlt?“ „Warum ſollte ich es nicht thun!“ Streber ſtampfte mit dem Fuß.„Das iſt uner⸗ hört!“ murmelte er,„ſich in ſolche Intriguen einzu⸗ laſſen und dabei arglos wie ein Kind zu vertrauen! Ahnten Sie es denn nicht, daß Smith ſich dadurch für den Fall einer Entdeckung ſicher ſtellte, daß er ſagen kann, Sie hätten ihn getäuſcht, er habe nur Ihren Befehlen in gutem Glauben Folge geleiſtet? Und muß die Ausſage Marco's dies nicht beglaubigen, 209 wenn er Sie erkannt hat? Sie werfen eine hohe Summe fort und nehmen dann auch noch jede Verant⸗ wortung auf ſich?!“— „Der Mann iſt entweder zuverläſſig oder nicht“, verſetzte der Paſtor kleinlaut,„wäre er es nicht, ſo hätte ich doch Alles zu befürchten— vorausgeſetzt, daß er jemals entdeckt, wer ich bin.“ „Das iſt noch die beſte Hoffnung, das war die einzige kluge Handlung, daß Sie einen falſchen Paß führten.“ „Wir näherten uns Marco“, fuhr der Geiſtliche fort.„Als ich ihn bleich und elend ſah, ſchnürte es mir das Herz zuſammen. Er ſchlug das Auge auf und ſchien mich zu erkennen, Gott ſei Dank, er konnte nicht ſprechen, meinen Namen nicht nennen.“ „Das wird er wohl ſpäter gelernt haben, aber die Sache für ein Traumgeſicht halten. Sie haben hoffentlich ſich ihm nicht wieder gezeigt?“ Der Paſtor ſchüttelte den Kopf. Die Erinnerung hatte doch noch Erſchütterndes für ihn. „Als ich meinen angenommnen Namen genannt“, fuhr er fort,„wurde mir der Kranke übergeben. Smith flüſterte mir eine Adreſſe zu, die ich den Trägern der Sänfte geben ſolle. Er trat dann zurück, als gehöre er nicht zu mir, folgte aber von Weitem. Plötzlich Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 14 210 kam er heran und rieth mir, die Träger abzulohnen und ſeine Leute zu nehmen. Dies geſchah. Wir änder⸗ ten nun die Richtung und der Kranke wurde in ein kleines Haus gebracht, welches Smith den neuen Trä⸗ gern bezeichnet hatte.“ „Smith übergab ihn einer alten Frau, die uns dort entgegentrat, führte mich durch das Haus und wir erreichten, den Hof paſſirend, einen Ausgang nach einer anderen Straße. Hier zeigte er mir eine Reſtau⸗ ration.„Sie werden dort“, ſagte er,„den heutigen Nach⸗ mittag zubringen, es könnte doch Jemand, der Sie im Hafen geſehen, Sie wieder erkennen und ſich wundern, daß Sie allein abreiſen. Heute Abend wird ein Wa⸗ gen vor der Thür halten, der bringt Sie zur nächſten Station, von dort fahren Sie nach London oder wo⸗ hin Sie wollen. Ich bürge Ihnen dafür, daß der junge Mann Sie nicht wieder im Leben beläſtigt, bleibt er am Leben, ſo glaube ich doch nicht, daß er je wieder von ſeiner Gehirnerſchütterung geneſen wird.“ „Pflegen Sie ihn gut“, bat ich,„erhalten Sie ſein Leben. Dann aber fragte ich nach den Effecten des Kranken. Smith wollte mir dieſelben bringen, aber ich widerſetzte mich, ich wollte ſie mir ſelbſt holen und er mußte nachgeben.“ „Es war thöricht genug, daß Sie das nicht gleich 214 thaten, ehe die Alte mit Marco allein war“, bemerkte Streber. „Das fühlte ich auch, aber ich war zu erregt ge⸗ ſ weſen. Wir kehrten zurück, die Alte hatte mit Hilfe einer andern alten Frau Marco zu Bette gebracht, auf dem Tiſche lag ein Portefeuille, das Marco auf der Bruſt in einer mit waſſerdichtem Stoffe gefütterten Taſche getragen, ebenſo die Börſe— die letztere war wohl ſchon geplündert, aber ich mußte ſie, auf einen bedeutſamen Wink Smiths den Frauen laſſen. Das Portefeuille war nicht geöffnet, es war mit einem kunſt⸗ reichen Schloſſe verſehen, ich mußte es aufſchneiden, um den Inhalt heraus zu bekommen. Ich fand außer den Papieren eine ſehr bedeutende Summe in Bank⸗ noten und Wechſeln, ſo daß ich nicht nur Smith be⸗ zahlen konnte, ſondern auch noch eine bedeutende Baar⸗ ſchaft mitnahm. In der Nacht traf ich glücklich in London ein und kehrte ſchon am andern Morgen nach 4 dem Continent zurück.“ „Haben Sie die Wechſel verſilbert?“ „Smith nahm ſie gegen bedeutendes Agio in Zahlung.“ „Das iſt ſehr gut. Und die Papiere?“ 1„Ich habe ſie vernichtet, nachdem ich ſie geleſen. Es waren beglaubigte Atteſte darüber, daß eine Trau⸗ 14* 212 ung nach katholiſchem Ritus, auch die Taufe der Kinder in dieſer Religion ſtattgefunden, aber es waren keine Zeugen angegeben und die Beglaubigung von demſel⸗ ben Manne, einem Grafen von Santa Cruce ausge⸗ ſtellt, auf deſſen Hacienda die Trauung ſtattgefunden und bei welchem der Prieſter, der die Ehe geſchloſſen, lebt. Es war alſo weder die Copie eines legalen Trauſcheines, noch ein Kirchenſiegel, noch eine amtliche Unterſchrift dabei, es iſt ganz ſo, wie mein Bruder mir geſtanden, eine Ehe ohne Ceremonie geſchloſſen worden, wie ſie in den Prairien und Urwäldern gel⸗ ten mag, aber der gewißlich das Sacrament fehlt. Datirt waren die Atteſte aus der Hacienda des Gra⸗ fen Santa Cruce in Mexico.“ Strebers Blick fixirte den Paſtor ſcharf.„Ich ver⸗ ſtehe nicht recht“, ſagte er,„weshalb Sie die Papiere vernichtet haben, wenn dieſelben wirklich documentirten, daß eine legale Verbindung nicht ſtattgefunden hat.“ Der Paſtor erröthete verlegen.„Ich fürchtete“, ſagte er,„daß bei der beſten Verwahrung ſie doch durch einen unglücklichen Zufall Jemand in die Hände fallen konnten, dann war Alles entdeckt. Mir konnte auf der Reiſe etwas zuſtoßen, in meiner Wohnung kann Feuer ausbrechen— es iſt beſſer ſo, ich könnte ſie doch niemals verwerthen.“ 213 „Vielleicht doch“, murmelte Streber nachdenklich und wie zu ſich ſelber ſprechend,„doch es iſt geſchehen und alſo nicht zu ändern. Gehen wir jetzt ans Werk. Den Kopf hoch, Mann, wir haben die Trümpfe in Händen und es iſt der Bruder Ihrer Frau, die Mutter der Braut Ihres Sohnes, die gegen Sie auftreten, da kann es nicht zum Aergſten kommen. Schreiben Sie die Briefe, ich werde nach Hamburg fahren und das Terrain ſondiren. Williams müßte einen Zau⸗ berſtab und viel Geld haben, wenn er dieſen Smith ausfindig machen ſollte— ſpicken Sie den Mann gut, machen Sie Verheißungen, das iſt das beſte Mittel gegen Verrath.“ ———- Zwölftes Kapitel. Herr Cox. Doctor Williams hatte auf ſeine Anfrage bei der Dampfer⸗Compagnie die Nachricht erhalten, daß das Schiff, auf welchem Marco von Schwing ſich befun⸗ den, zu Grunde gegangen, aber nach den antlich feſt⸗ ſtehenden Ermittelungen der junge Mann von einem Segelſchiffe gerettet nach Portsmouth gebracht worden ſei. Es war das Datum des Tages genau angegeben, an welchem der Segler den Hafen von Portsmouth angelaufen und hätte ſeit dieſer Zeit Marco ſehr gut perſönlich eintreffen können, ſelbſt wenn er gemächlich reiſte, jedenfalls aber hätte ein Brief eintreffen müſſen. Da Sophie in dem Hauſe des Doctors zurück⸗ geblieben und nicht mit nach Hamburg gefahren war, ſo konnte ein etwa dort eingetroffener Brief Marco's 215 nicht die rechte Adreſſe verfehlt haben, der Doctor hatte der Poſtbehörde die genaueſten Inſtructionen für die Nachſendung von Briefen gegeben, er hatte aber auch an die Dampfer⸗Compagnie in London einen Brief für Marco geſandt, der denſelben bei ſeinem Eintreffen davon avertirte, daß ſeine Familie ihn in Hamburg erwarten werde. Es kam jedoch weder ein Brief, der nach Groß⸗ Below gegangen, noch ſonſt eine Nachricht von Marco und Williams beſchloß daher, mit ſeiner Reiſe nach England nicht zu zögern; wenn Marco kein ſchlimmes Unglück begegnet war, ſo lag er vielleicht krank in einem Spital und bedurfte der Hilfe. Williams hatte der Baronin und ihrer Tochter eine kleine Wohnung in Hamburg beſorgt. Er hatte trotz der Verſprechungen Strebers, die Feindſeligkeiten einzuſtellen, den Plan feſtgehalten, die Damen auf ein neutrales Gebiet zu bringen, wo ſie außer dem Bereich der königlich preußiſchen Polizei; Bartenſtein hatte auch dazu gerathen, war es doch jetzt das Prieſterthum, welches die Polizei übte. Den Damen war der Ab⸗ ſchied von Sophie ſehr ſchwer geworden und es hatte Williams viel Mühe gekoſtet, Sophie zu überzeugen, daß nicht nur ihre Pflicht, ſondern auch das Intereſſe am glücklichen Erfolge des Planes ihr gebiete, vor⸗ —— — 216 läufig im Hauſe des Onkels zu bleiben. Sie hatte bei dieſem ein Aſyl ſuchen dürfen, aber mit der Ba⸗ ronin außer Landes gehen, war ſchon ein Schritt weiter in der Oppoſition gegen ihre Eltern, der nicht gerechtfertigt war, ſo lange ſie keine Gewalt bedrohte; wollte aber der Paſtor ſeine Tochter reclamiren, ſo konnte er das viel entſchiedener, wenn Sophie der Baronin nach Hamburg gefolgt war, als wenn die⸗ ſelbe im Hauſe ihres Oheims geblieben, auch hatte er dann einen Vorwand zu neuen Feindſeligkeiten gegen die unglückliche Frau. Als die Baronin hörte, daß Marco in England eingetroffen, aber noch nicht geſchrieben, errieth ſie aus der düſtern Miene, dem zurückhaltenden Weſen des Arztes, daß derſelbe Marco's wegen beunruhigt ſei und wollte durchaus mit ihrer Tochter den Arzt be⸗ gleiten. Williams mußte alle Mittel der Ueberredung aufbieten, ſie von dieſem Gedanken abzubringen, er fürchtete mit Recht, daß er, wenn ſeine Vorahnung, daß ein Attentat ſtattgefunden, ihn nicht täuſche, die Baronin dies bald errathen und daß dieſer Schlag ihr Herz vollends brechen könne. Es war alſo beſſer, ſie vorläufig in Ungewißheit zu erhalten, ob auch die Unruhe und Angſt ſie folterte. Er mußte jedoch er⸗ klären, daß die Geldmittel zu einer Reiſe der Damen nach England ihm fehlten, mußte ſie daran erinnern, daß ſie jetzt arm geworden, um ſein Ziel zu erreichen. Das war eine furchtbare niederſchmetternde Eröff⸗ nung. Die beiden Damen waren bisher an allen Comfort des Reichthums gewöhnt, nie hatten ſie den Werth des Geldes ſchätzen gelernt, denn da ihnen das häusliche Glück, die innere Zufriedenheit mehr gegolten als jeder Genuß anderer Art, da ſie niemals die Be⸗ friedigung hohler Eitelkeit geſucht oder ſtolz auf äußern Glanz geweſen, ſo hatten ſie geglaubt, dieſe Conſequenz ihres Glückwechſels, die Verarmung am leichteſten er⸗ tragen zu können und jetzt mußten ſie die bitterſte Seite der Armuth, die niederdrückendſte, demüthigendſte kennen lernen: die Mutter konnte den Sohn, die Schwe⸗ ſter den Bruder nicht aufſuchen, weil es ihnen an Geld fehlte, die theure Reiſe zu machen! Und dieſer Gedanke wurde um ſo bitterer, wenn ſie in Betracht zogen, daß Marco vielleicht krank und der Pflege bedürftig, wenn ſie an die Zukunft dachten und ſich ſagten, Marco werde für ſie arbeiten müſſen und der Proceß, den ihre Ehre erforderte, werde un⸗ geheures Geld verſchlingen! Der Doctor war ſchon abgereiſt, von den Segens⸗ 6 wünſchen Olympia's und Mariens getragen, war er bereits ſeit einigen Tagen unterwegs, da trafen die — 218 Briefe ein, deren Abſendung und Inhalt wir oben an⸗ gedeutet. Die Briefe an Williams ſchickte Olympia demſelben nach, theilte ihm aber auch gleichzeitig mit, welche Antwort ſie dem Bruder ihres Gatten auf deſſen Schreiben gegeben. Der Vorſchlag Schwings hatte für ſie viel Verlockendes gehabt. Er bot ihr einen Vergleich, er ſicherte ihre Zukunft, er machte ihr Aus⸗ ſicht, einen langwierigen, koſtſpieligen Prozeß zu er⸗ ſparen. Aber nach alle dem, was ſie erlebt und ge⸗ litten, konnten Verſicherungen eines Mannes wie Schwing, das Mißtrauen nicht erſticken, welches ſich mit der Empörung eines ſtolzen, edlen, tief verletzten Gefühls verſchmolzen. Sie antwortete höflich aber kalt, daß der Herr Doctor Williams ihr ganzes Ver⸗ trauen beſitze, daß ſie dieſem die Ordnung ihrer Ange⸗ legenheiten übergeben, er werde dem Herrn Paſtor antworten, ſobald er zurückkehre. Doctor Williams traf glücklich in London ein und von der Anſicht ausgehend, daß man Geld und Zeit ſpart, wenn man zu rechter Zeit und am rechten Orte keine Geldausgabe ſcheut, begab er ſich ſogleich auf das Polizeiamt und bat um einen Beamten, der ihm behilflich ſei, eine in England verſchwundene Per⸗ ſon aufzuſuchen. Man willfahrte ſeinem Wunſch und Herr Cox, 219 ein gewandter Beamter der Sicherheitspolizei, wurde beauftragt, ſich dem Fremden zur Dispoſition zu ſtellen. Herr Cox war ein kleines Männchen mit lebhaften 1 klugen Augen, nichtsſagenden, gewöhnlichen Zügen und einem Aeußern, welches eher einen Gecken als einen Mann verrieth, der das Verbrechen in den Spelunken des Laſters aufſucht. Williams ſchilderte ihm die Sachlage in kurzen Umriſſen. Ein ſehr reicher Mann, ſagte er, fühlt ſein Ende herannahen, da werden ihm Bedenken eröffnet, ob ſeine Che rechtsgiltig, ſeine Kinder legitim. Er hat in den Urwäldern Amerikas eine gemiſchte Che geſchloſſen, ein katholiſcher Prieſter hat den Bund ein⸗ geſegnet, keine Dokumente ausgeſtellt. Der Mann iſt zu ſtolz, für alle Fälle ein Teſtament zu machen, das ſeinen Erben auch dann, wenn man ihre Legitimität bezweifelt, ſein Vermögen ſichert, er ſendet den Sohn nach Amerika, die fehlenden Dokumente herbeizuſchaffen und dieſer berichtet nach ſo und ſo langer Zeit, er kehre mit den Dokumenten zurück und werde dann und dann in London ſein. Der nächſt berechtigte Erbe, ein armer Geiſtlicher, unternimmt plötzlich gerade zu der Zeit, wo die Rückkehr des jungen Mannes erwartet wird, eine heimlich gehaltene weite Reiſe, der Erblaſſer —,— — ͦ————— 220 ſtirbt, Jener hat alle Vorkehrungen getroffen, die Ge⸗ richte einſchreiten zu laſſen, er handelt, als ob es un⸗ möglich ſei, daß Marco giltige Dokumente bringen könne, wagt dabei ſeinen Ruf und— ſonderbar— der rückkehrende Marco von Schwing wird aus dem Schiffbruch gerettet, aber er gibt den Verwandten keine Nachricht! Herr Cox zeigte während dieſer Schilderung keine beſondere Aufmerkſamkeit, wenigſtens ſchien das dem Doctor ſo, er ſpielte mit ſeinem Spazierſtöckchen und als Williams geendet und ein Urtheil erwartete, ſah⸗ er auf, als ob er jetzt erſt die wichtigeren Mittheilungen erwarte. „Ich bin zu Ende“, ſagte Williams erregt.„Ich fürchte, daß gegen den jungen Mann ein Attentat ver⸗ übt worden.“ „So? ein Attentat?!“ „Ja, denn ſonſt würde ich ohne polizeiliche Hülfe zu requiriren, nach Portsmouth gefahren ſein.“ „Mein Herr, dann haben Sie mir die Hauptſache noch nicht geſagt. Wem haben Sie im Verdacht, ein ſolches Attentat verübt zu haben und wie denken Sie ſich daſſelbe? Glauben Sie an einen Mord, oder an Menſchenraub? Welche Gründe haben Sie, das Schlimmſte anzunehmen, ehe Sie nachgeforſcht, ob das 221 Natürlichſte, daß der junge Mann krank im Spital liegt und keine Nachrichten geben kann, nicht meine Begleitung überflüſſig macht?“ „Ich glaubte meinen Argwohn angedeutet zu ha⸗ ben, der Mann, welcher das Erbe an ſich bringen will, iſt, wie ich vermuthe, heimlich in England geweſen.“ „Spricht der Mann engliſch?“ „Er verſteht die Sprache.“ „War er ſchon früher in England?“ „Nein.“ „Sie ſagen, es ſei ein deutſcher Landpfarrer, ein armer Mann?“ „So ſagte ich.“ „Mein Herr, da müſſen Sie für Ihren Argwohn doch ſehr gewichtige Gründe beibringen, ſoll ich ihn nicht für die fixe Idee einer allzu düſter ſchauenden Phantaſie halten. In England iſt es nicht leicht, ein derartiges Verbrechen ohne fertige Kenntniß der Sprache, der Geſetze, der Oertlichkeiten und vor Allem ohne ſehr viel Geld auszuführen, Sie werden ſich das bei einiger Ueberlegung ſelber ſagen müſſen.“ Der Doctor hatte die Mittheilungen, die er von Sophie erhalten, geheim halten wollen, was ihre Angſt gegen den Vater vorgebracht, das betraf ſeinen Schwa⸗ ger und Williams mußte denſelben ſchonen, ſo lange — B es möglich war. Jetzt galt es jedoch, den Beamten zu überzeugen, daß der Verdacht begründet ſei; Williams gab ihm daher im Vertrauen die näheren Aufſchlüſſe und nannte die Gründe, die ihn bewegten, um Scho⸗ nung für den Verbrecher zu bitten, falls dadurch die Rettung des Opfers nicht beeinträchtigt werde. Die Miene des Beamten veränderte ſich. Jetzt glaubte er daran, daß ein Verbrechen vorliege, der Ankläger wollte ja den Schuldigen ſchonen, ihn leitete kein Haß, kein Rachedurſt und er ſagte ſelber auch, er ſei arm, er bringe alſo nicht leichtſinniger Weiſe Opfer. „Alſo die Milkinſon'ſche Prozeßgeſchichte iſt dem Pfarrer durch den Kopf gegangen“, murmelte er,„kann mirs denken, die Jury ſprach ja den Mann frei und da ſehen Sie den Werth der ſo beneideten Einrichtung öffentlicher Gerichtsverhandlungen und der Jury's. Die Verbrecher machen ihre Studien daran, das iſt ihre Hochſchule und ſie wiſſen ganz genau, in welchen Dingen Geſchworene milder oder härter richten als ſtudirte Juriſten. Fahren wir nach Portsmouth. Ich mag zwar noch immer nicht an ein Verbrechen glau⸗ ben, der Pfarrer müßte denn eben ſo viel Glück wie Raffinement beſeſſen haben. Doch zuerſt wollen wir einmal die Fremdenliſten nachſehen, Deutſche kommen nicht ohne Päſſe über den Canal.“ 223 „Da müßten wir doch die Fremdenliſte von Ports⸗ mouth haben!“ „Nein. Dort war er gewiß unter falſchem Namen. Wir haben aber hier die Liſten aller Fremden, welche den Canal paſſirt haben, das iſt beſſer.“ Der Beamte ſchlug nach und notirte ſich mehrere Namen. Dann holte er ein anderes Aktenſtück und ſuchte dort weiter. „Heißt Ihr Schwager Bullmann?“ fragte er plötzlich. „Nein. Er heißt Schwing.“ „Ein Mann Namens Schwing iſt nicht über den Canal in den genannten Tagen gekommen, wohl aber ein gewiſſer Bullmann, Rentier. Derſelbe kommt aus Oſtpreußen mit landräthlichem Paß am Donnerſtag über den Canal und kehrt am Sonnabend wieder zu⸗ rück. Das iſt ein kurzer Aufenthalt in England für einen Reiſenden, der ſo weit herkommt.“ „Warten Sie einen Augenblick.“ Der Beamte ging in ein anderes Zimmer und kehrte nach wenig Minuten zurück.„Der Bullmann“, ſagte er,„hat hier im Hotel St. James gewohnt. Wir wollen dort vorſprechen, wenn wir zur Bahn fah⸗ ren, wir haben noch ſo viel Zeit.“ Der Beamte übergab den Schlüſſel ſeines Zimmers einem Collegen, und Williams verließ in ſeiner Be⸗ gleitung das Polizeigebäude. Die Herren nahmen ein Cab und wenige Minuten ſpäter hielten ſie vor dem Hotel. Der Beamte ſprang aus dem Wagen und trat in das Hotel; als er zurückkehrte, lächelte er trium⸗ phirend.„Ich täuſchte mich nicht“, ſagte er,„wir ha⸗ ben Glück. Der Bullmann iſt hier nur einen Tag ge⸗ weſen, dann nach Portsmouth gefahren, andern Tags zurückgekehrt und gleich weiter nach Dower gefahren. Er trug einen ſehr auffälligen ſchwarzen Vollbart.“ „Mein Schwager trägt keinen Bart und wie ſollte er zu einem Paſſe auf den Namen Bullmann kommen?“ „Herr, Sie fragen naiv. Trauen Sie Ihrem Schwager zu, daß er einen Menſchenraub begeht und denken Sie, er wird das auf ſeinen Namen, ohne Ver⸗ kleidung wagen? Entweder iſt er überhaupt gar nicht hier geweſen, oder er und dieſer Bullmann ſind die⸗ ſelbe Perſon. Bedenken Sie doch! Ein Oſtpreuße kommt nach England auf kaum drei Tage, fährt in dieſer Zeit von London nach Portsmouth gerade an dem Tage, wo das Segelſchiff mit dem Verunglückten dort landet und Sie zweifeln noch?!“ „Ich würde Ihnen ganz gewiß beipflichten, aber was mich zweifeln läßt, iſt etwas ganz Anderes. Mein Schwager iſt ein einfacher, eher ängſtlicher als kühner Mann, er beſitzt weder das Raffinement noch den Muth zu ſolcher That, am wenigſten hätte er es wa⸗ gen können, ſich in Oſtpreußen, ſeiner Heimath, ſich einen falſchen Paß zu verſchaffen. Viel eher glaube ich, daß er oder ein Dritter, der ihm geholfen, Jemand für das Attentat engagirt, daß mein Schwager denſelben nur begleitet!“ „Sie irren ſich. Alle Pſychologie ſcheitert in ihren Schlüſſen da, wo die Verbrecherwuth eine Seele erfaßt. Ich ſage die Verbrecherwuth, denn es iſt eine dämo⸗ niſche Leidenſchaft, die die Seele packt und ſie mit brennender Begierde erfüllt, mit einem Rauſche betäubt, alle Gedanken nach der einen Richtung hin, auf ein Ziel concentrirt. Wir haben Beiſpiele, daß der ſanf⸗ teſte Menſch, eine Natur, die jede Gewaltthat ſcheut, die kein Thier quälen konnte, bei einem Diebſtahle plötzlich ertappt, in der Angſt von Mörderwahnſinn, von Blutgier erfaßt, zum Meſſer, zur Axt greift und mordet. Dann genügt ihm nicht ein Stich, ein Hieb, dann zerfleiſcht ſie das Opfer, als müſſe das Auge immer mehr Blut ſehen. Der Menſch“, fuhr Cox fort, „der ſich erſt dem Dämon hingegeben und über ein Verbrechen brütet, den verwandelt dieſe unheimliche Macht, er wird ein ganz anderer Charakter. Wer von Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 15 226 Jugend auf die Schule der Laſter durchgemacht, der iſt für uns Criminaliſten berechenbar, den erkennen wir an ſeinen Gewohn⸗ und Eigenheiten, da brauchen wir nur das Verbrechen, die Localitäten, die Art, wie das Verbrechen ausgeführt iſt, zu prüfen und wir ſehen, wer dabei geweſen, aber unberechenbar, immer neu und charakteriſtiſch eigenartig ſind die Verbrechen derer, welche eine Fatalität aus glücklicher Ruhe ge⸗ riſſen, mit dämoniſcher Leidenſchaft oder Begierde er⸗ füllt und zum Verbrechen treibt. Da wird das ſchein⸗ bar Unglaublichſte erklärlich, da muß ſich ja der früher gezeigte Charakter verleugnen, er hätte ja ſonſt nicht ſinken können.“ „Sie machen mich zittern, dann bebe ich, daß vielleicht gar ein Mord ſtattgefunden hat.“ Der Beamte zuckte die Achſeln.„Es iſt Alles möglich“, verſetzte er,„aber wenn der Gedanke, das Opfer in ein Irrenhaus zu ſperren, den Mann wirk⸗ lich eingenommen, ſo glaube ich nicht, daß er davon abgegangen. Ich halte das nur für ſehr ſchwer, wenn der Mann hier keine Bekanntſchaften gehabt und die macht man nicht in einem Tage, noch ſchwerer, wenn er nicht mit vielem Geld oder großen Verſprechungen auftreten konnte.“ „Das Letztere vermochte er wohl!“ rief Williams düſter.„Das Erbe beträgt eine Million.“ „In Deutſchland. Hier weiß Jeder, was eine Familie ungefähr beſitzt und was man alſo bieten kann, aber wer traut den Verheißungen eines Frem⸗ den?“ „Ich wünſchte nichts beſſeres, als mich getäuſcht zu ſehen. Sie haben mir für alle Fälle Discretion zugeſagt, gebe Gott, daß ich dieſelbe nur brauche, um allein vor Ihnen, nicht auch vor Andern zu er⸗ röthen. Aber ich konnte nicht anders handeln. Ein inneres Gefühl, eine entſetzliche Angſt trieben mich dazu.“ „Und ich fürchte, dieſe täuſchen Sie nicht. Solche Gefühle kommen ſelten unbegründet. Seit ich Ihre Angſt um Ihren Schwager geſehen, iſt ſein Urtheil ſchon für mich geſprochen. Ich hielt Sie anfänglich für Jemand, der überall Verbrechen wittert. Doch wir ſind in Portsmouth. Hier müſſen wir uns trennen.“ Der Bahnzug fuhr bereits in die Stationshalle. „Weshalb uns trennen?“ fragte Williams über⸗ raſcht. „Es iſt beſſer ſo. Mich kennen ſehr viele Leute und gerade ſolche, die nicht wiſſen dürfen, daß Sie ſchon polizeiliche Hilfe geſucht. Machen Sie Ihre 15* ——— 228 Recherchen. Bieten Sie Belohnungen aus, ich gehe meine beſonderen Wege. Ich finde Sie, wenn ich mir Nachrichten holen will, oder wenn ich Ihnen etwas zu ſagen habe. Handeln Sie ganz ſo wie Jemand, der einen Verſchollenen ſucht und den die Hoffnung, ihn zu finden, noch zögern läßt, ein Verbrechen zu ahnen.“ Der Zug hielt, Cox ſprang aus dem Coupé, nickte Williams einen flüchtigen Gruß zu und verſchwand im Gedränge der ausſteigenden Paſſagiere. Williams ſtand einen Augenblick überraſcht, befremdet, verdrieß⸗ lich da. Er zürnte Cox, daß dieſer ihn nicht wenig⸗ ſtens darauf vorbereitet, daß er ihn plötzlich verlaſſen wolle— hatte der Beamte dabei eine beſondere Ab⸗ ſicht gehabt? Es ſchien ſo. Vielleicht wollte er, daß der Zufall Williams leite, ihn vielleicht in das Hotel führe, wo Bullmann gewohnt, wohin die Packträger Deutſche wieſen. Vielleicht wollte er auch, daß Jedermann auf dem Bahnhofe Williams ſeine Verwirrung anſehe und wenn Jemand da war, der den Beamten kannte, die⸗ ſer dann zweifeln mußte, daß etwas anderes als blo⸗ ßer Zufall beide Reiſende in ein Coupé gebracht. Das Letztere war wohl das Wahrſcheinlichere. Ein Gepäckträger bot Williams ſeine Dienſte an, ſein Auge ſchaute dem entſchwundenen Beamten nach. 229. „Das war ja Herr Cox!“ ſagte er. „Wer iſt das?“ „Ein großer Diebesfänger! Was mag denn hier geſchehen ſein, daß er kommt.“ „Ich weiß es nicht. Führen Sie mich zu einem Hotel.“ Der Packträger ging voran. Williams, war es, als müßten Mehrere Cox erkannt haben, er ſah Per⸗ ſonen mit einander flüſtern und nach dem Ausgange des Bahnhofs zeigen. Der Gepäckträger legte die Effekten des Reiſenden in einen Hotelwagen und bat Williams einzuſteigen, dann entfernte er ſich. Williams mußte jetzt die Vor⸗ ſicht des Beamten loben, hätte der Packträger nur geahnt, Williams ſtehe in Beziehungen zu Cox, ſo hätte er wohl den Hotelkutſcher davon avertirt— der Beamte mußte einen bedeutenden Ruf haben, da ſein Eintreffen in Portsmouth wie ein Lauffeuer verbreitet wurde. Williams wünſchte ſich Glück dazu, daß man eine ſo gute Wahl getroffen und er glaubte jetzt den Plan des Beamten zu errathen. Das Gerücht von ſeiner Ankunft in Portsmouth ſollte Jeden einſchüchtern und erſchrecken, der ein böſes Gewiſſen hatte, Niemand aber ſollte es wiſſen, daß er in Angelegenheiten des Arztes gekommen, der nach dem verſchwundenen jun⸗ gen Mann forſchte. Es lag aber auf der Hand, daß jeder Betheiligte ſich ſagen konnte, Williams könne ſich leicht an Cox wenden, wenn ſeine Nachforſchungen vergeblich und dieſe Befürchtung konnte dieſelben leicht veranlaſſen, einen Vergleich mit dem Manne einzugehen, der für die Auffindung des Verſchwundenen große Be⸗ lohnung verſprach. Dreizehntes Kapitel. Ein tükkiſcher Streich. Der Doktor Williams erhielt ſehr bald feſte Ge⸗ wißheit darüber, daß ſeine Befürchtungen begründet waren und ein Attentat gegen Marco ſtattgefunden habe. Er erfuhr von Leuten, welche die kranken Schiff⸗ brüchigen und einige Waarenballen des Segelſchiffes ans Land gebracht, daß ein junger Mann, deſſen Aeußeres ſeiner Beſchreibung entſprach, von einem Herrn mit großem ſchwarzen Vollbarte als deſſen Ver⸗ wandter reclamirt worden und daß die Leute auch den Namen des Kranken, von Schwing, gehört. Der Doc⸗ tor ermittelte die Träger und hörte, daß der Kranke am Kopfe verbunden geweſen und in Ohnmacht ge⸗ legen, daß man ihnen aber die Trage abgenommen, ſie daher nicht wüßten, wohin der Kranke gebracht worden ſei, ſie ſprachen jedoch die Ueberzeugung aus, daß der Zuſtand des Kranken ſeine Beförderung nach einem anderen Orte wohl nicht erlaubt habe, derſelbe alſo wohl jedenfalls ſich noch in der Stadt befinde. Williams erließ ſowohl in den Portsmouther Blättern als auch in der Times Inſerate. Er ver⸗ ſprach eine hohe Belohnung Jedem, der ihm Auskunft über den jetzigen Aufenthalt des ſchiffbrüchigen Herrn von Schwing geben könne und bemerkte, daß er be⸗ auftragt ſei, den chriſtlich denkenden Samaritern, welche den Kranken in Pflege genommen, alle gehabten Un⸗ koſten zu erſetzen und ihnen den Dank der Familie des Kranken zu überbringen. Das Inſerat in der Times war ſo gefaßt, daß die Baronin, falls ſie daſſelbe in Hamburg las, daraus erſah, daß eine Reiſe nach London ihrerſeits noch nutz⸗ los wäre, er telegraphirte überdem an Olympia, daß er gute Hoffnung habe, Marco bald aufzufinden. Es vergingen einige Tage, ohne daß Williams Cox zu ſehen bekam, umſonſt hatte er alle Spitäler von Portsmouth durchſucht, alle Aerzte befragt, ob ſie einen ſolchen Kranken, wie er ihn beſchrieb, in Behandlung gehabt, vergeblich hatte er auf einen Erfolg ſeiner Inſerate gewartet, da ſollten ihm faſt gleichzeitig mehrere bedeutſame Schreiben durch die Poſt zugehen. Es 233 wurden ihm zunächſt die beiden Schreiben von Streber und von Schwing gebracht, welche ihm die Baronin mit ihrem Begleitbriefe, deſſen wir oben erwähnt, von Hamburg aus nachſchickte. Der Brief von Schwing enthielt faſt daſſelbe, was der Paſtor auf Anrathen Strebers an die Baronin geſchrieben und bittere Vorwürfe darüber, daß ſein Schwager ihn ſehr verkenne und feindſelig gegen ihn auftrete. Das Schreiben von Streber war bedeutungsvoller. Reiſen Sie nicht nach England, hieß es darin, kommen Sie nach Berlin, aber eiligſt. Das Vertrauen, welches Sie mir halb und halb zugewandt, ſoll glänzend ge⸗ rechtfertigt werden. Verlieren Sie aber keine Zeit, es iſt Gefahr im Vorzuge, aus Schwings Brief wer⸗ den Sie erſehen, daß ich das Eiſen geſchmiedet habe, es darf nicht kalt werden! Wollten Sie mir volles Vertrauen ſchenken und das durch umgehendes Hierher⸗ kommen beweiſen, ſo bin ich überzeugt, daß es unſren vereinten Bemühungen gelingen dürfte, ein Unglück zu verhüten, das entweder die Baronin oder Ihren Schwager trifft.“ Der Satz war gewiß bedeutſam, es war abſicht⸗ lich darin unklar gelaſſen, was Streber befürchtete, aber es ſchien daraus auch hervorzugehen, daß der 234 Doktor, wenn er ſich mit Streber einige, daſſelbe in Berlin erreichen könne, was er in England vielleicht nicht erreichte. Das Unglück bedrohte entweder die Baronin oder Schwing. Der Briefſteller konnte hierbei nur Marco im Sinne gehabt haben, er wußte, daß gegen denſelben ein Attentat verübt worden! Noch laſſe ſich das Unglück verhüten!— Dieſe Stelle wog doppelt ſchwer. Sie bedeutete, man habe das Schickſal Marcos in der Hand!—— Williams öffnete den letzten Brief, den der Poſt⸗ bote gebracht, er war aus London und ſichtlich mit verſtellter Handſchrift geſchrieben. „Mein Herr“, ſo lautete derſelbe,„Ihr Inſerat den verſchwundenen Baron von Schwing betreffend, veranlaßt mich, mir die Chre zu geben, Ihnen meine Dienſte anzubieten. Da Sie Ihre öffentliche Aufforde⸗ rung wiederholen mußten, iſt anzunehmen, daß dem jungen Manne ein Unglück zugeſtoßen, daß er viel⸗ leicht in die Hände von Elenden gefallen, die unter der Maske der Barmherzigkeit ihn entführt und be⸗ raubt haben.“ „Ich bin ziemlich gewandt in der Ausführung derartiger Recherchen, ich habe Verbindungen, welche beſſer ſind als die, welche der Polizei zu Gebote ſtehen, 235 ich fordere erſt Bezahlung, wenn ich erfolgreiche Dienſte geleiſtet habe, ſtelle aber eine Bedingung, an der Sie durchaus feſthalten müſſen, wenn Sie mich mit Auf⸗ trägen beehren.“ „Da ich der Polizei ins Handwerk pfuſche, oder vielmehr mit ihr erfolgreich wetteifere, darf dieſe nichts von Ihrer etwaigen Verbindung mit mir erfahren, Sie müßten, falls Sie ſich ſchon an die Polizei gewandt, dies rückgängig machen, oder mir vollſte Discretion garantiren, denn ich will meine Verbindungen nicht der Gefahr ausſetzen, polizeilich überwacht zu werden.“ „Geloben Sie das, ſo verſpreche ich Ihnen, daß Sie mit mir zufrieden ſein ſollen, ja, ich glaube ſogar, ſehr raſch in dieſer Angelegenheit gute Reſultate ver⸗ ſprechen zu können.“ „Eines ſchriftlichen Beſ cheides bedarf es nicht. Wollen Sie meine Dienſte unter ſtricter Befolgung der notirten Bedingungen annehmen, ſo werden Sie mich morgen, am ſechsten, in der Taverne ſtreet N.zu London treffen, ich werde Sie dort anreden, wenn Sie Sich gegen 7 Uhr Abends dort einfinden.“ Der Brief war ohne Unterſchrift. Williams hätte viel darum gegeben, Cox ſprechen, von ihm hören zu können, was er erreicht habe, was er hoffe und rathe. Man rief ihn nach zwei Seiten, 236 ein Ruf ſchien nicht minder beachtenswerth als der andere und doch konnte er nur einem folgen, denn das war anzunehmen, daß der geringſte längere Aufenthalt in England Streber unſchlüſſig machen werde, ihm das angebotene Vertrauen zu ſchenken— jene Partei konnte ja nur unterhandeln, ehe er etwas entdeckt. Wenn dies geſchehen, ſo mußte ſie ſich unterwerfen— wenn ſie ihm nicht zuvorkam und der Tod Marco's die Nachforſchung unnütz machte. Der Wunſch des Arztes ſollte erfüllt werden, aber in anderer Weiſe als Williams gehofft. Cox trat bei ihm ein, begrüßte ihn in eigenthümlicher Weiſe, es war, als ob das Auge des Beamten ihn fixire, ihn wie ei⸗ nen Verbrecher muſtere. Das auffallende Weſen des Beamten machte Wil⸗ liams befangen, er begriff nicht, was dieſe forſchenden Blicke, dieſe Kälte, Gemeſſenheit des Grußes bedeuten ſollten. „Nun, was haben Sie in Erfahrung gebracht?“ fragte Cox und ſetzte ſich ohne Umſtände, ſeine Augen aber ſchweiften jetzt im Zimmer umher und hafteten auf der Briefmappe, in welche Williams die eben er⸗ haltenen Schreiben gelegt. „Das möchte ich Sie fragen“, verſetzte dieſer. „Meine Nachforſchungen beſtätigen Ihre Vermuthungen, “““ 237 ſind aber von kaum nennenswerthen Reſultaten ge⸗ krönt.“ „Dann bin ich glücklicher geweſen“, erwiderte der Beamte mit eigenem Lächeln.„Ich habe erfahren, daß der junge Baron von Schwing von wirklichen Verwandten, von dazu autoriſirten Perſonen in Obhut genommen worden iſt und daß dies geheim geſchah, weil ihm Feinde nachſtellten, die unlautere Abſichten hegen. Mein Herr, wollen Sie mir Ihre Päſſe, Ihre Legitimationspapiere zeigen.“ Der Beamte hatte die letzten Worte mit erhobener Stimme, in drohendem, ſtrengen Tone geſprochen. Williams war betroffen, aber er lächelte bald über einen leicht verzeihlichen Irrthum des Beamten und wies ſeine Papiere vor. Die ruhige Sicherheit des Arztes, des alten Man⸗ nes, deſſen weiße Locken Ehrfurcht geboten, machten Cox doch wohl ſtutzig. Er warf nur einen oberfläch⸗ lichen Blick auf die Papiere. „Es ſtimmt“, ſagte er,„Sie nennen ſich Doktor Williams.“ „Ich ſagte Ihnen nur die Wahrheit. Woher dieſer plötzliche Argwohn?“ „Mein Herr, Sie vertreten eine Sache, die mir von anderer Seite in anderem Licht geſchildert worden 238 iſt und die Ruhe, mit der Sie das thun, ich will keinen ſchärferen Ausdruck wählen, läßt mich vermuthen, Sie nehmen an, die engliſche Polizei müſſe Jedem dienen, der ſie anruft.“ 3 „Sobald es ſich um Entdeckung von Verbrechen 3 handelt, ganz gewiß.“ „Nennen Sie es ein Verbrechen, Jemand daran zu hindern, ſich und ſeine Angehörigen unglücklich durch eine Fälſchung zu machen?“ „Nein, aber davon iſt hier auch nicht die Rede.“ „Sollten Sie ſo arg getäuſcht worden ſein? Der Mann, den zu ſuchen ich Ihnen helfen ſoll, iſt ein Fälſcher, an ihm iſt kein Verbrechen begangen worden, Sie wollen dadurch eins begehen, daß Sie ihm Ihren Schutz, Ihre Hilfsmittel aufdringen möchten.“ „Wer ſagt das?“ rief Williams erröthend vor Empörung.„Hier ſtehe ich und ſage, das iſt eine Lüge. Marco von Schwing war nie ein Fälſcher. Ich ſcheue kein Gericht, ich fordere Unterſuchung— man hat Sie betrogen.“ „Herr Doctor, weshalb wollten Sie denn Die⸗ jenigen ſchonen, welche den jungen Mann entführt?“ „Das habe ich Ihnen geſagt, es ſind Verwandte von mir.“ Der Beamte ſchüttelte den Kopf, er ward völlig 239 irre.„Mein Herr“, ſagte er,„die Quellen, aus denen ich meine Nachrichten ſchöpfe, ſind nicht nur authentiſch, ſie ſind auch maßgebend. Es ſind Winke von Seiten der preußiſchen Regierung an Herrn von Bunſen ge⸗ kommen, Ihrem Treiben hier Einhalt zu thun, Sie nöthigenfalls zu verhaften. Die preußiſche Geſandt⸗ ſchaft hat der Polizeibehörde mitgetheilt, daß Sie hier⸗ her gekommen, das Material für einen ſcandalöſen Prozeß zu ſammeln, der achtbare Familien zwingen ſoll, ſich von Ihnen Geld abpreſſen zu laſſen. Ich will annehmen, daß man Sie nur gemißbraucht hat, daß Sie das unſchuldige Werkzeug Anderer ſind— ich rathe Ihnen, England bald zu verlaſſen, England hat eigenthümliche Geſetze und wenn hier auch die perſön⸗ liche Freiheit beſſer garantirt iſt, als irgendwo, kann ſie doch auch ſehr gewaltſam beſchränkt und aufge⸗ hoben werden. So z. B. genügt eine Schuldforderung, für deren Richtigkeit der Gläubiger Caution ſtellt, Je⸗ mand verhaften zu laſſen, der keine Zahlungsmittel nachweiſen kann und etwas Aehnliches könnte Ihnen begegnen.“ Der Beamte mochte die Betroffenheit des Arztes, welche denſelben ſprachlos, wie betäubt machte, für die Niedergeſchlagenheit, die Verzweiflung eines Mannes halten, deſſen Hoffnungen zuſammenbrechen und ein 240 gewiſſes Mitgefühl ließ ihn einen ſanften, mahnenden Ton wählen. Williams war jedoch nur deshalb ſo tief empört, daß Niedergeſchlagenheit den erſten Ausbruch der Wuth erſtickte, weil es der Gatte ſeiner Schweſter war, den er brandmarken mußte, wollte er ſich rechtfertigen, weil er fühlte, daß man ihn zu einem Kampfe herausfor⸗ derte, in welchem es Wahnſinn geweſen wäre, den Gegner zu ſchonen. „Herr Cox“, ſagte er,„endlich das von Kummer, Sorge, Zorn und Empörung trübe Auge erhebend,„es gibt Angriffe, deren ſchmutzige Infamie uns ſchaudern läßt vor unſern Mitmenſchen. Ich habe Ihnen ange⸗ deutet, welche Beſorgniſſe, welcher Argwohn mich her⸗ geführt, ich kämpfte mit dem Zweifel in der Bruſt und ſcheute mich, Ihnen zu ſagen, daß ich meinem Schwager leider ein Verbrechen zutrauen muß, weil er in den Händen von Menſchen iſt, die kein Mittel ſcheuen, ihre Intriguen durchzuſetzen. Mein Schwager gehört der in Preußen jetzt faſt allmächtigen, pietiſtiſchen Partei an und Jemand, den ich Gelegenheit hatte, als Schur⸗ ken zu entlarven, beſitzt die Protection der Günſtlinge des Königs, er iſt es, der meinen Schwager zu Allem verleitet. Dieſer Mann fürchtete ſich vor mir, als ich die Partei der Verfolgten ergriff und ſuchte den 241 Vermittler zu ſpielen. Hier iſt ein Brief von ihm, den er mir nach Hamburg geſandt, denn früher, als er es gedacht, hatte ich mich hierher begeben. Wie ich aber jetzt ſehe, war er auch darauf vorbereitet und aus Ihrem Auftreten gegen mich erkenne ich den Ein⸗ fluß, die Macht ſeiner Partei.“ Cox nahm den Brief, welchen der Arzt ihm über⸗ reichte. Er war aufs Aeußerſte überraſcht, dieſe Wen⸗ dung der Sache hatte er nicht erwartet, aber da ſie eingetreten, befremdete ſie ihn nicht mehr, denn nach dem ganzen Eindruck, den Williams auf ihn gemacht, war er eher geneigt, Günſtiges als Schlechtes von ihm anzunehmen.“ Der Beamte las den Brief aufmerkſam, es war als prüfe er nicht nur jedes Wort, ſondern auch die Charactere der Schrift, daraus den Brieſſchreiber zu ſtudiren. „Herr Doctor“, ſagte er endlich, den Brief zurück⸗ gebend,„von jener Seite wird gerade daſſelbe Syſtem befolgt, welches ich Ihnen vorwarf— Verdächtigung des Gegners mit vorgeblicher Schonung, Scheu vor der Oeffentlichkeit einer gerichtlichen Unterſuchung.— Sie wollten Ihren Schwager ſchonen, dort ſagt man, Familienrückſichten verböten es, die ganze Strenge der Strafgeſetze walten zu laſſen. Sie behaupten, der Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. 2. Abth. II. 16 — 242 Pfarrer trachte nach fremdem Gut und unterdrücke das Recht geſetzlicher Erben, habe ſogar einen jungen Mann ſeiner Freiheit beraubt.— Dort heißt es, Sie ſeien durch Verſprechungen und durch die Protection einer leichten, aber ſchönen Perſon verleitet worden, dem recht⸗ mäßigen Erben Schwierigkeiten zu machen und durch⸗ die Drohung mit einem ſkandalöſen Proceß Geld von ihm zu erpreſſen. Sie behaupten, Herrn Marco von Schwing ſei Gewalt angethan von deſſen Gegnern, jene Partei behauptet, man habe ihn Ihrem Einfluß ent⸗ ziehen müſſen, ihn vom Verbrechen der Fälſchung ab⸗ zuhalten— was ſoll ich glauben?!“ „Glauben Sie nichts, mein Herr“, verſetzte Wil⸗ liams, der bleich geworden wie der Tod—„nehmen Sie einfach meine Anklage zu Protokoll, jetzt müſſen alle Rückſichten ſchweigen, jetzt rufe ich die Entſcheidung der Gerichte an, fordere die Unterſuchung.“ Cox lächelte. Es lag in ſeinen Zügen ein ſchmerz⸗ liches Wohlwollen.„Mein Herr“, erwiderte er,„ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß ich moraliſch von Ihrem Rechte überzeugt bin, daß ich den innigſten An⸗ theil an Ihnen nehme, aber Sie verkennen die Lage der Dinge, die Befugniſſe, die ich habe.“ „Die ſind doch, ein Verbrechen aufzuſpüren, die Schuldigen vor Gericht zu bringen?“ 2—— 4 — 8 3 —2—— 243 „Ich bitte, hören Sie mich ruhig an und prüfen Sie, was ich ſage, mit dem Kopfe, unbeirrt von der gerechten Empfindlichkeit Ihres Gefühls. Die Gerichte eines Staates und die ihnen unterſtehende Polizei ver⸗ folgen nur Verbrechen, welche im Bezirk ihrer Gerichts⸗ barkeit begangen worden ſind;— auf Ihre Recherche wurde ich daher beauftragt, zu unterſuchen, ob gegen Herrn Marco von Schwing ein verbrecheriſcher An⸗ ſchlag ſtattgefunden. Die Polizeibehörde, der ich an⸗ gehöre, hat nun von anderer Seite und zwar von Behörden, deren Angaben ſie reſpectiren muß, die Mittheilung erhalten, daß Angehörige des Verſchwun⸗ denen auf völlig legale Weiſe den jungen Mann ver⸗ derblichen Einflüſſen entzogen, Einflüſſen, die ihn nach Angabe Jener zu Verbrechen verleiten ſollten. Es iſt keine Gewalt verübt worden, der junge Mann iſt Herrn Bullmann, dem Bevollmächtigten jener Perſonen frei⸗ willig oder doch ohne Widerſtand gefolgt und hat, wie von gegneriſcher Seite behauptet wird, ſchon den engliſchen Boden verlaſſen.“ „Und wenn das Alles Lüge iſt?“ rief Williams heftig. „Wir haben kein Recht, die Angaben deutſcher Be⸗ hörden in Zweifel zu ziehen, Herr von Bunſen hat übrigens dem Chef der Polizei eine landräthliche Voll⸗ 16* 244 macht gezeigt, welche Herrn Bullmann autoriſirte, die Rechte eines Vormunds über den jungen Mann, der übrigens weder getauft noch confirmirt und verwahr⸗ loſt aufgewachſen ſein ſoll— zu üben— der junge Mann ſtand alſo unter Curatel und da wäre ſelbſt Gewalt zu rechtfertigen geweſen. Die engliſchen Behörden ſind ſonach außer Stande, in der Sache et⸗ was zu thun; wollen Sie die Berechtigung der Ver⸗ wandten des jungen Mannes zu den getroffenen Maß⸗ regeln angreifen, ſo müſſen ſie die Klage gegen die⸗ ſelben in Preußen anhängig machen— wohl aber iſt die engliſche Polizei gezwungen, von ſchweren An⸗ klagen gegen ſie Notiz zu nehmen, ſo lange Sie auf engliſchem Boden weilen, beſonders da dieſelben von Herrn von Bunſen, dem Geſandten Ihres Königs, be⸗ glaubigt werden. Es ſchützt Sie freilich das engliſche Geſetz vor Vielem, dem Sie auf preußiſchem Boden aus⸗ geſetzt wären, aber, wie geſagt, es gibt engliſche Ge⸗ ſetze, deren Härte ſich ſehr leicht von Perſonen aus⸗ beuten läßt, welche kein Opfer ſcheuen, einen Unbe⸗ mittelten zu beläſtigen.“ „Dann gibt es alſo auf Erden keine Gerechtigkeit mehr, dann dürfen Mächtige ungeſtraft die ſchnödeſten Gewaltthaten begehen! In Preußen klagen! haha! 245 wo ein Eichhorn regiert, war ein Thile an Stelle der Kamptz und Tzſchoppe getreten!“ „Ich glaube Ihnen, ſolche Zuſtände mögen zur Verzweiflung treiben, und Sie haben nicht einmal das Recht, in einer freien Preſſe an die öffentliche Meinung zu appelliren! Aber als Ihr Freund— erlauben Sie mir, mich ſo zu nennen, muß ich doch noch hinzufügen, — wäre es nicht klüger geweſen, dieſe Zuſtände vorher zu bedenken? Haben Sie Beweiſe, daß wirklich gegen den jungen Mann ein Verbrechen verübt worden iſt Soll ich Ihnen ſagen, was ich fürchte?“ Williams ſtarrte den Beamten an, er war der Sprache nicht fähig. „Ich fürchte“, fuhr Cox fort,„Sie beſchwören ein Verbrechen herauf. Betrachten wir die Sache mit Ruhe, möglichſt unparteiiſch. Nehmen wir an, die Gegenpartei habe mit Marco verhandeln wollen und jenen Bullmann nur für den Fall, daß der junge Mann Schwierigkeiten machte, für Gewaltmaßregeln ausge⸗ rüſtet. Nach den Erkundigungen, die ich eingezogen, iſt Marco in bewußtloſem, bedenklichen Zuſtande ans Land gekommen, er war am Kopfe durch eine Schiffsplanke verwundet. Man hat ihn irgend wohin gebracht, wo er verpflegt wird, Gewalt iſt nicht verübt worden. Aber man hat ihn in der Gewalt. Eine Unachtſamkeit in —— 246 der Pflege kann ihm den Tod zuziehen, man braucht ihn nur durch Mittheilungen, die ihn erregen, zu echauffiren und der Wahnſinn iſt die Folge der Ver⸗ letzung am Kopfe. Der Brief Strebers, den Sie mir 3 gezeigt, verräth, daß man ſich einigen will, aber auch vor dem Kampfe nicht zurückſchreckt und die Maßregeln, die man gegen Sie hier ergriffen, beweiſen, daß man ſich ſchon auf das Aeußerſte vorbereitet. Ich weiß, daß das, was ich Ihnen vorſchlage und allein anrathen kann, eine bittere Selbſtverleugnung fordert, aber ich weiß nichts Beſſeres. Sie müſſen nachgeben, müſſen ſich mit Ihren Gegnern einigen, Sie riskiren ſonſt, daß man 3 jenen jungen Mann opfert, ſich ſelber zu retten und Ihnen noch einen ſchweren Verleumdungsprozeß an⸗ hängt. Jene haben die Macht und gegen die Macht iſt nicht anzukämpfen mit Gewalt, nur mit Liſt. Fügen Sie ſich heute in dem Vertrauen auf Gott, daß das Recht doch ſiegen muß und früher oder ſpäter, denke ich, wird die Wahrheit triumphiren und Sie werden dann volle Genugthuung erhalten.“ Williams drückte die Hand des Beamten, in ſeinen Augen perlte eine Thräne,, eine Thräne, welche die Wuth empörten Herzens einer unerhörten Demüthigung, in der Verzweiflung gekränkten Rechtes und der Ohn⸗ macht, ſich zu helfen, geweint. 247 „Es geſchieht der unglücklichen Wittwe wegen“⸗ ſagte er mit rauher gepreßter Stimme.„Sie haben Recht, ich muß Marco retten, wenn es noch möglich iſt, da iſt kein Opfer zu groß. Ich werde hinreiſen, werde den Stolz des Mannes vor der ſchaamloſen Lüge beugen und wenn Gott im Himmel nicht im Zorne die Welt verlaſſen, ſo wird er dies Bubenſtück ſtrafen und die Unſchuld rächen. Doch noch Eins. Jetzt zweifle ich nicht mehr, ob ich recht thue, Ihnen noch einen Brief zu zeigen, den ich erhalten habe. Bitte, leſen Sie das auch.“ Williams gab dem Beamten das anonyme Schrei⸗ ben, das ihm aus London zugegangen. „Da müſſen Sie hingehen!“ rief der Beamte. „Sollte die Vergeltung ſchon nahen?!“ „Sie glauben, daß ich dort Hilfe finde?“ „Ich kenne die Burſchen, die in der Taverno ver⸗ kehren, ich glaube ſogar zu errathen, wer dieſen Brief ge⸗ ſchrieben, habe ich Recht, ſo iſt er von einem unſerer kühnſten Schwärzer, vielleicht demſelben, der Bullmann ſeine Dienſte geleiſtet.“ „Dann wäre ja doch noch Hoffnung, den Kampf ſiegreich durchzuführen.“ Der Beamte ſchüttelte den Kopf.„Machen Sie ſich keine Illuſionen darüber“, verſetzte er,„die Leute 248 dieſer Sorte betrügen ihre Kunden nicht, ſie halten ihre Verträge. Aber vielleicht hat man von anderer Seite nicht pünktlich bezahlt.“ „Das iſt ſchon möglich!“ „Das wäre der glücklichſte Fall, doch ſage ich Ihnen vorher, auch dann findet von dieſen Leuten kein Verrath ſtatt, ſie würden ſich ja damit fernere Kund⸗ ſchaft verderben und ſich ſelber in Gefahr bringen. Halten Sie das ja feſt. Sie können durch Beſtechung ſo viel erreichen, daß man Ihren Intereſſen dient, jene verläßt, aber nie, daß Ihnen die Mittel geboten werden, einen Mann, mit dem dieſe Schwärzer Vertrag geſchloſſen, vor Gericht zu bringen. Sie können Marco retten, aber Sie würden nichts erreichen, Alles ver⸗ derben, wenn jene Leute ahnten, daß Sie Genugthuung für das Verbrechen fordern. Seien Sie vorſichtig, es kann auch eine Falle ſein, die man Ihnen ſtellt, die Ihre Gegner erſonnen, Sie irre zu führen. Zeigen Sie den Leuten die Maske, daß nur Geld⸗Intereſſen, icht aber ein Gefühl Sie leitet, ſtellen Sie ſich, als ob Sie die Einmiſchung der Polizei eher fürchten als wünſchen, machen Sie die Leute glauben, daß Sie ſelber auf verbotenen Wegen gehen— doch nein⸗ unterbrach ſich der Beamte lächelnd,„das glaubt Ihnen Keiner, das verſtehen Sie nicht. Wählen Sie lieber 249 8 den Vorwand, daß Sie durch Marco's Verſchwinden ruinirt, um Millionen geprellt ſind, das zieht beſſer.“ „Und nun laſſen Sie uns ſcheiden. Ich werde mich für Ihre Sache privatim intereſſiren, das ver⸗ ſpreche ich Ihnen, obwohl Sie mich nicht darum gebeten. Ich habe die Ueberzeugung, daß auch Ihrerſeits ein gutes Recht ſehr ſchwer gekränkt worden iſt.“ Wer da weiß, welchen Balſam es unſeren Herzen gewährt, in ſchweren Stunden der Prüfung ein Herz zu finden, das uns Glauben und Vertrauen ſchenkt, das uns wahrhafte Theilnahme ſchenkt, der wird ſich die Gefühle ausmalen können, mit denen Williams ſeine Hände in die des Beamten legte; die Feder hat für ſolche Momente keine genügenden Farben. * Ende des zweiten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Verlag von Ernſt Zulius Günther in Yeipzig. Lady Audly's Geheimniß. Roman von— M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Aurora 3 Ilopd. Roman von 4 M. E. Braddon, Aus dem Engliſchen von F. Seybold. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 80. Eleg geh. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Lleanor's Hieg. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. ——2 Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Robespierre. Geſchichtlicher Roman von Karl Wartenburg. 2 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. AAI5 F Wilden der G Eine Erzählung von Mar von Schlägel. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. Krieg und Frieden. Novellenbuch von Levin Schücking. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Das Vermüchinis der Millionärin. Roman von R. Waldmüller-Duboc. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. 4 König Auguſt und ſein Goldſchmied. Roman von Franz Carion. 3 Bände. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Chriſtunh Peclin. Eine internationale Liebesgeſchichte von Wilhelm Kaabe. 2 Bände. Eleg. broſch. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. — — — 4 Tſiſimſnnſſſnſ 6 7 8 9 10 11