utſcher, engliſcher und fran cher Literatur Be Nl de nne ize der aur Sduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Keih- und JCeſebedingungen. K- 6 S) ffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ₰ ee und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens bends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von C edem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 1 (aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme tes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe terlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— 1 Mr 1 Mk. 55 Pf. 2 Nk. Tf. Pnbte, ver⸗ Werkes, ſo iſt 4 3 ——— Proteſtantiſche Jeſuiten. Hiſtoriſcher Roman von Louiſe Mühlbach. Dritter Band. 55 Oe d⸗ Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. Erſtes Kapitel. Sonntagsfeier. Die breiten Flügelthüren, welche von dem Muſik⸗ ſaale hinausführten auf den Perron, waren geöffnet und gewährten einen weiten, freien Blick in den Park hinaus. Gerade dem Saal gegenüber, inmitten eines Raſenplatzes, auf deſſen Grün der Morgenthau noch in tauſend und tauſend Brillanten funkelte, erhob ſich ein kleiner Tempel von carrariſchem Marmor, deſſen weißes Kuppeldach von einer Inſchrift umſäumt war. Die Morgenſonne beleuchtete die goldenen Lettern und ließ mit hellem Glanze die Worte aufleuchten:„Ge⸗ denke der Heimgegangenen!“ Jenſeits des Tempels bildete das dichte, vielge⸗ färbte Gebüſch eine prächtige Decoration, und über demſelben breitete ſich in reiner Klarbeit der wolken⸗ Mühlbach, Poteſtantiſche Jeſuiten III. 1 —ſſ“ . 5 5 2 loſe Himmel aus. Oben auf dem Perron ſtanden auf den zierlich geformten Beeten die vielfarbigen Herbſtblumen in ſtolzer Blüthenpracht, und zu beiden Seiten des Perrons ſchloß ein dichtes Gebüſch von Cypreſſen und Taxus das Bild ab. Friede und ſanfte Stille ruhten über dem Park und Friede und ſanfte Stille herrſchte auch in dem Muſikſaal, in welchen der Baron mit ſeiner Gemahlin jetzt eintrat. Es war ein weiter, prächtiger Raum, dem ge⸗ rade ſeine einfache Decoration einen feierlichen und zu⸗ gleich heiteren Ausdruck verlieh. An der breiten, langen Wand, den geöffneten Flügelthüren gegenüber zog ſich ein langer Divan von blauem Seidenzeuge hin. Die hohen, von weißem Stuck überzogenen Wände trugen weiter keinen Schmuck, als einen breiten ver⸗ goldeten Fries, an welchen ſich die himmelblaue, mit goldenen Sternen überſäete Decke anſchloß. In der Mitte des Saales ſtand ein prächtiger großer Flügel, Notenpulte in den Ecken des Gemaches, und daneben waren auf einigen Marmortiſchen allerlei Inſtrumente aufgeſtellt, während in den weißen pracht⸗ vollen Marmor⸗Regalen Muſikalien und Bücher in präch⸗ tigen Einbänden aufgeſtellt waren. Der Baron nahm an dem Flügel ſeinen Platz ein und ließ dann aus demſelben leiſe, harmoniſche 3 Accorde ertönen. Dann allgemach geſtalteten aus den Accorden ſich feierliche, ernſte Choralſätze, immer höher anſchwellend, immer mächtiger ertönend. Während dieſer feierlichen Käänge war Marie mit ihrem Bruder Marco leiſe eingetreten, und vor⸗ ſichtig auf den Zehen, um die feierliche Muſik durch kein Geräuſch zu ſtören, waren ſie näher herangetreten zu ihrer Mutter, welche hinter dem Stuhle des Barons ſtand, auf die feierlichen Klänge horchend, das ſchöne edle Angeſicht hingewendet nach Außen, hin, nach dem Tempel, deſſen goldene Inſchrift in Sonnenglanz leuchtete. Sie grüßte die Kinder mit einem leichten Neigen und hob dann den Arm empor und deutete hin nach der Inſchrift. Und ſie verſtanden wohl, was die Mutter meinte, und neigten, wie zum ehrfurchtsvollen Gruße die ſchönen, jugendlichen Häupter. Jetzt waren es nicht mehr Choral⸗Melodien, welche des Vaters kunſtgeübte Finger den Taſten entlockten, ſondern in mächtigen, gewaltigen Tönen rauſchte die jubelnde, feierliche Muſik dahin. Dann allgemach ſänftigten ſich die gewaltigen Tonmaſſen zu milderen Klängen und nahmen jetzt eine einfachere, ſchlichtere Form wieder an. Olympia verſtand die Melodien, welche jetzt aus den Taſten hervortönten, und flüſterte leiſe der Tochter 1* —y— 4 ein Wort zu. Marie eilte unhörbaren Schrittes zu dem Marmor⸗Notenpult und nahm aus demſelben ein großes Notenbuch hervor, das ſie, während der Baron weiter ſpielte, geräuſchlos auf dem Pulte des Flügels niederlegte und aufſchlug. Er nickte mit einem freundlichen Lächeln der Tochter zu, und auf die Noten hinſchauend, begann er dann die einfache, edle Melodie des Pergoleſe'ſchen Duetts aus dem Stabat Mater zu ſpielen, vielfach die Melodien verſchränkend und im ſtrengen Fugenſatz ſie durcheinanderſchiebend, bis daß er dann wieder über⸗ ging zu dem einfachen Satze, wie Pergoleſe ihn ge⸗ ſchrieben. Und nun hoben die Stimmen der beiden Frauen ſich empor, und mächtig und ſtark in vollen Accorden tönte von ihren Lippen das luxta crucem dolorosa. Herrlich klangen die beiden reinen und prächtig ge⸗ ſchulten Frauenſtimmen in dem weiten Raume wieder, und der Wind, welcher draußen ſich erhob und mit lautem Rauſchen durch die Bäume dahinzog, bildete ein wunderbar feierliches Accompagnement zu dem ſchö⸗ nen Geſange. Als das Duett geendet war, wendete der Baron mit einem dankbaren Blicke ſich um zu den beiden Frauen und grüßte ſie mit einem ſanften Lächeln. — 5 Dann heftete er das Auge auf den Sohn hin und ſagte nur das Eine Wort:„Lotti.“ Marco holte aus dem Muſtkſchranke ein anderes Heft hervor, das er auf das Muſikpult legte.„Singet uns das Duett“, ſagte der Baron leiſe. Marco winkte der Schweſter, und mit lauten Jubeltönen und dann wieder in Klagen verhallend und zitternd in Schmerz und Wehmuth, die wieder dann dem begeiſterten Jubel des frommen Gemüthes weichen mußte, ſangen ſie Beide das große Duett von Lotti, die Klage um die Heimgegangenen, um die geliebten Todten, die fromme Zuverſicht auf ein Wiederſehn dort oben. Als die beiden Stimmen verhallt waren in einem letzten, jubelnden Accord, verſtummte das Inſtrument und der Vater erhob ſich von demſelben. „Gedenket der Heimgegangenen“, ſagte er mit ernſter Stimme und neigte tief ſein Haupt.„Grüßet diejenigen, welche nicht mehr ſichtbar bei uns und doch immer von uns geſchieden ſind. Grüßet ſie mit andächtigem Herzen; gedenket der ſchönen Tage, die wir im ſeligen Frieden in dem großen Dome Gottes, in dem Urwalde, verlebten. Damals waren diejenigen, deren wir heute gedenken, noch bei uns und ihre Ge⸗ ſichter leuchteten uns entgegen und ihre Augen weilten 6 auf uns mit Liebe. Jetzt ſind ſie von uns gegangen. Wohin? das iſt die große Frage, welche von Geſchlecht zu Geſchlecht die Menſchen beſchäftigt und auf welche weder die Gelehrten noch die Philoſophen eine genü⸗ gende Antwort geben können. Jeder ſtellt die Frage an ſich ſelbſt und Jeder muß ſie beantworten aus ſich ſelbſt heraus. Doch dünkt mich, es iſt ein ſchönes Wort:„Die Heimgegangenen.“ Und dem gläubigen Gemüth gibt es die Antwort auf die Frage: Wo ſind die Geſtorbenen, die Heimgegangenen? Eben in der Heimat. Doch wo iſt die Heimat für die Geſtorbenen? Der Eine ſucht ſie tief unten in Grabe, von wo keine Wiederkehr iſt und er ſagt: Die Geſtorbenen ſind heimgegangen zu dem ewigen Urquell alles Beſtehenden, zu der Natur. Aus Erde waren ſie gebildet und zur Erde ſind ſie zurückgekehrt, um Samen zu werden für neue Ge⸗ ſchlechter, zu neuem Entſtehen und neuem Vergehen. Der Andere ſucht ſich ſeine Heimgegangenen nicht unter der Erde und in der irdiſchen Gruft, ſondern er hebt den Blick empor zu dem blauen, urewigen Dome dort oben, welchen wir Menſchen in unſeren kindlichen Be⸗ griffen den Himmel nennen, und er ſagt und hofft: Dorthin ſind ſie gegangen, dorthin nach oben, wo Gott thront in urewiger Herrlichkeit. Und wieder Andere, die ſprechen und ſagen: Die Geſtorbenen ſind — — ſ 7 heimgegangen in den ewigen Frieden und in den ewigen Schlaf, und deren einziges Leben iſt in uns ſelber, in unſerem Herzen, in unſeren Erin⸗ nerungen. Und wieder Andere kommen und ſa⸗ gen Euch: Die Geſtorbenen ſind heimgegangen zu dem Sohne Gottes, und ruhen aus in dem Schoße Chriſti.— Laßt ſie Alle ſagen und ſtreiten wie es ihnen das Herz eingibt und der Glaube es ihnen geſtattet. Wir wiſſen, daß die Heimgegangenen bei uns ſind allezeit; wir wiſſen, ſie leben in unſeren Herzen und wir beugen uns in Liebe und Zärtlichkeit vor ihren geweihten Angeſichtern!— Und ſo gehört auch für uns zu den Heimgegangenen derjenige, welchen die Frommen vorzugsweiſe den Sohn Gottes nennen, obwol wir vermeinen und hoffen, daß wir Alle die Kinder Gottes ſind und daß er uns Alle geſchaffen aus ſeinem Athem und ſeinem Willen. Aber obwol Jeſus Chriſtus für uns nur der Sohn Gottes iſt in dem Sinne, wie wir Menſchen es Alle ſind, ſo neigen wir doch in demüthiger Ehrerbietung uns vor dem Angedenken deſſen, der uns auch ein Heimgegangener iſt und an den wir denken in dieſer Stunde, vor Jeſum Chriſtum, dem Erlöſer! denn ein Erlöſer war er uns Allen! Er erlöſte die Völker von dem Haß und dem Zorne Gottes und gab ihnen das ewige, urheilige, himmliſche Geſetz von der Liebe Gottes.— Indem wir jetzt in dieſer ſeierlichen Stunde der Heimgegan⸗ genen gedenken, wollen wir vor Allem dasjenigen ge⸗ denken, der um ſeines Glaubens und ſeiner Treue willen gelitten hat, was ein Menſch nur hiernieden leiden kann an Schmerz und Qual, an Enttäuſchung, Verrath und Treuloſigkeit. Die ganze Menſchheit mit allen ihren Leiden, ihren Freuden, ihrer Begeiſterung und ihrem Todesmuth iſt incarnirt in der Geſtalt deſſen, den wir Jeſus Chriſtus nennen. Geiſtiges und körperliches Leid hat er getragen, wie es die ganze Menſchheit von Anbeginn an erlitten hat. Ab⸗ gefallen von ihm ſind ſeine Freunde und haben ihn verrathen um ſchnöden Geldes willen; irre geworden ſind ſelbſt die Beſten an ihm, weil ſie ihn nicht ver⸗ ſtanden, und überliefert haben ihn die Feigen und die Böſen der tyranniſchen Gewalt, die auf Erden herrſcht. Das Volk hat ihn verhöhnt, nachdem es ihm entgegen⸗ gejubelt; verläſtert haben ihn heute diejenigen, welche er geſtern geſegnet. Aber die Liebe hat ihn hinweg⸗ elragen über alles Leid, und größer und erhabener iſt uns darum die Geſtalt des menſchlichen Chriſtus, weil er in Liebe den Haß überwunden, als uns der göttliche ſein würde, der nichts zu überwinden hatte und der als eine Offenbarung über alles irdiſche Leid 9 ſich erhob. Der menſchliche Chriſtus, der in ſich ge⸗ tragen hat alles menſchliche Leid und an ſich erduldet hat alle menſchliche Pein, den grüße ich mit meinen Gedanken und neige vor ihm in andächtiger, ehrfurchts⸗ voller Bewunderung mein Haupt. Und von dem menſchlichen Chriſtus will ich Euch einen Gruß künden, indem ich hinſchaue zu den goldnen Lettern, welche die Sonne erglänzen läßt und uns zuruft:„Gedenke der Heimgegangenen.“ Ich gedenke an Jeſum Chriſtum und ſpreche zu Euch mit ſeinen Worten und künde Euch die himmliſche Lehre des größten Menſchenſohnes. Und alſo ſpricht er zu Euch.“ Er nahm das heilige Buch, welches Olympia ihm darreichte, und ſchlug es auseinander, und ſeine laute, feierliche Stimme erhob ſich inmitten des tiefen Schweigens, welches in dem Saal und draußen in der großen, freien Gotteswelt herrſchte. Die Bergpredigt des Evangeliums Matthäi las er den andächtig Lauſchenden, die Berzpredigt, dieſe heiligſte uud erhabenſte Offenbarung des größten Geiſtes und des reinſten Herzens. Zuerſt die ſchönen Worte, welche handeln und ſprechen von der Seligkeit inmitten der Trübſal. Dann, wie er weiter las, wendete er einmal den Blick hin auf ſein Weib und ſeine Tochter und mit tiefer Betonung las er: 10 Ihr habt gehört, daß zu den Alten geſagt iſt, du ſollſt nicht tödten. Wer tödtet, der ſoll des Gerichtes ſchuldig ſein. Ich aber ſage euch, wer Racha zu ſeinen Bruder ſagt, der iſt des Rathes ſchuldig. Wer aber ſagt, du Narr, der iſt des hölliſchen Feuers ſchuldig. Darum, wenn du deine Gaben auf dem Altare opferſt und wirſt allda eingedenk, daß dein Bruder etwas wider dich habe, ſo laß allda auf dem Altare deine Gabe und gehe zuvor hin und verſöhne dich mit deinem Bruder, und alsdann komme und opfere deine Gabe. Sei willfährig deinem Widerſacher bald, dieweil du noch bei ihm auf dem Wege biſt, auf daß dich der Widerſacher nicht dermaleinſt über⸗ antworte dem Richter, und der Richter überantworte dich dem Diener und wirſt in den Kerker geworfen. Ich ſage dir wahrlich, du wirſt nicht von dannen herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlt haſt. Ihr habt gehört, daß da geſagt iſt: Aug' um Aug“, Zahn um Zahn; ich aber ſage euch, daß ihr nicht widerſtreben ſollt dem Uebel, ſondern ſo dir Jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, den biete den anderen auch dar, und ſo Jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem laſſ' auch deinen Mantel; und ſo dich Jemand nöthigt eine Meile, ſo gehe mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und 41 wende dich nicht von dem, der dir abborgen will Ihr habt gehört, daß geſagt iſt: Du ſollſt deinen Nächſten lieben und deinen Feind haſſen; ich aber ſage euch: Liebet eure Feinde, ſegnet, die euch fluchen; thut wohl denen, die euch haſſen; bittet für die, ſo euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder ſeid eures Vaters im Himmel. Denn er läßt ſeine Sonne aufgehen über die Böſen und über die Guten, und läßt regnen über Gerechte nnd Ungerechte. Denn ſo ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Thun daſſelbe nicht auch die Zöllner? Und ſo ihr auch nur zu euren Brüdern freundlich thut, was thut ihr Sonder⸗ liches? Thun nicht die Zöllner auch alſo? Darum ſollt ihr vollkommen ſein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen iſt. Und wenn ihr betet, ſollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden, denn ſie meinen, ſie werden erhört, wenn ſie viel Worte machen. Darum ſollt ihr ihnen nicht gleichen; euer Vater weiß, was ihr bedürfet, ehe denn ihr bittet. Darum ſollt ihr alſo beten.“ Er legte das heilige Buch beiſeite und faltete die Hände, und mit lauter Stimme ſprach er das Gebet aller Gebete: das Vaterunſer. Sein Weib und ſeine Kinder ſprachen wie in 42 einem heiligen Dreiklang es ihm nach:„Vater unſer, der du biſt im Himmel!“ Dann ſchwiegen ſie Alle; eine feierliche Stille trat ein, nur der Morgenwind rauſchte in feierlichen Accorden durch die Bäume, und plötzlich einten ſich mit ihm die Klänge der Glocke, die von dem Thurme der Dorfkirche eben den Schluß des Gottesdienſtes kündete, mit feierlich ſanft verhallenden Klängen. Sie ſchauten einander an mit zärtlichen, liebe⸗ vollem Blick, dann auf einmal breitete der Vater ſeine Arme weit aus, und Olympia und die beiden Kinder ſchmiegten ſich an ihn und neigten in feierlicher Rührung ihre Häupter an ſeine Bruſt. Sie ſahen nicht, mit welchem Ausdrucke ſchmerzlicher Wehmuth die Augen des Vaters hingerichtet waren auf die goldenen, ſonnenſtrahlenden Lettern. Sie wußten nichts von den Gedanken, die ſeine Seele tief bewegten und zu ihm flüſterten vom baldigen Heimgange, von baldiger Trennung. Aber ſie fühlten plötzlich, wie ſeine Geſtalt ſchwankte, und wie Olympia zu ihm aufſchaute, ſah ſie, daß ſeine Wangen bleich geworden waren und ſah auch die Thränen, die langſam über dieſelben hin⸗ rollten. Zum erſtenmale ging ein Weh durch ihre Seele hin, zum erſtenmale bekam ſie eine furchtbare 4☛‿ Ahnung davon, das ein Entſetzliches, Furchtbares bald ihr bevorſtände. „Du biſt krank?“ fragte ſie mit bebendem, leiſem Ton, und auch ihre Wange erblaßte auf einmal. Er zwang ſich zu einem Lächeln, und die Liebe in ihm überwand die körperliche Schwäche. „Nein“, ſagte er mit voller zuverſichtlicher Stimme, „nein, Olympia, ich bin nicht krank. Es ſind nur die Erinnerungen, welche über mich kommen und welche mich erſchüttern. Die Erinnerungen an die ſchönen Tage, welche geweſen, und ich gedenke deines theuren Vaters, den ich geliebt habe, als wäre er mein eigener Vater. Vergebt mir die augenblickliche Schwäche. Es gibt Momente, in denen auch der Mann ſich ſeiner Schwäche als einer Stärke bewußt ſein kann. Weil ich ſtark war in Liebe, war ich ſchwach an Körper. Nun, Olympia, nun bitte ich Dich“, fuhr er dann fort,„ſinge mir die Lieblingsarie deines Vaters. Ich habe ein Gefühl, als wäre er bei uns in dieſer Stunde, und ſo wollen wir ihn grüßen mit Deiner Stimme und mit den heiligen Tönen, die er ſo ſehr geliebt.“ Sie verſtand ihn und wußte, was er meinte. Sie eilte zu dem Notenſchrank hin, um aus demſelben den 14 „Meſſias“ von Händel hervorzuholen und auf das Notenpult hinzulegen. „Jetzt laß mich egoiſtiſch ſein“, ſagte er,„laß mich nur hören und in Andacht lauſchen. Marco wird das Accompagnement übernehmen.“ Der Sohn nahm den Platz des Vaters an dem Flügel ein und begann mit vollen Accorden die Ein⸗ leitung der großen Arie, mit welcher Händel ſeinen „Meſſias“ begonnen. Hinter ſeinem Stuhl, Arm in Arm ſtanden die Mutter und die Tochter, während der Vater leiſe zu dem Divan hingegangen war und dort ſich niedergelaſſen hatte. Ein Strahl der Sonne, welche jetzt höher hinauf⸗ geſtiegen war und hineinſchaute in das weite Gemach, fiel gerade über ſeine edle hohe Geſtalt und beleuchtete ſein bleiches ſchönes Angeſicht wie mit einem glänzenden himmliſchen Lichte, während ſein ſtrahlender Blick mit einem Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit zu den Sängerinnen ſich hinwendete, welche jetzt mit ſilber⸗ heller Stimme zu ſingen begannen:„Tröſtet, tröſtet Zion!“ Zweites Kapitel. Die ungleichen Brüder. Mitten in dem Geſange wurden ſie unterbrochen durch das Geräuſch der haſtig geöffneten Ausgangsthür, und auf der Schwelle derſelben erſchien jetzt im vollen geiſtlichen Ornate, im lang wallenden ſchwarzen Gewande, das Haupt bedeckt mit dem ſchwarzen Baret, die Bibel in der Hand, der Paſtor von Schwing. Olympia ſchien ſein Kommen indeß nicht gehört zu haben und ſang mit vollen, mächtigen Tönen weiter. Einen Moment blieb der Paſtor, wie gebannt von dem Geſange, auf der Schwelle ſtehen, dann ſchritt er vorwärts, nicht achtend, daß ſein Bruder, der ſich von dem Divan erhoben hatte, ihm mit der Hand ſchweigend 16 zuwinkte; nicht achtend der Störung, die ſein geräuſch⸗ volles Weiterſchreiten jetzt hervorbringen mochte. „Alſo hier finde ich Dich und Deine Familie, hier im Muſikſaal!“ rief der Paſtor und ſein harter, vor⸗ wurfsvoller Ton machte jetzt Olympia's Geſang ver⸗ ſtummen;„hier alſo ergötzt Ihr Euch mit weltlicher Muſik und mit eitler Kunſt! Ich ſuchte meinen Bruder und ſeine Familie vergeblich in der Kirche; die Angſt trieb mich her, ich glaubte, Du ſeieſt krank, und nun finde ich Dich hier, nicht allein vollkommen geſund, ſondern auch recht in weltlichem Frohſinn, abgewendet dem heiligen Ernſte des heiligen Tages.“ „Ja, geſund ſind wir, Gott ſei Dank, Alle“, be⸗ ſtätigte der Baron mit einem leiſen Lächeln;„aber darin haſt Du Unrecht, Bruder, daß Du uns abge⸗ wandt nenneſt dem heiligen Tage. Wärſt Du minder geräuſchvoll gekommen, ſo würdeſt Da vernommen haben, daß Olympia aus einem Werke, das nicht min⸗ der heilig iſt, als die Choräle und frommen Kirchen⸗ lieder, uns eine ſchöne Arie geſungen, und vorher, ver⸗ ſpotte mich nicht, mein Bruder, daß ich es gewagt, von meinen weltlichen Lippen heilige Worte ertönen zu laſſen, vorher habe ich den Meinen aus dem Buche der Bücher, aus der heiligen Schrift vorgeleſen.“ „Weshalb, wenn ihr doch meint, den Sonntag zu 17 heiligen, weshalb kamet ihr alsdann nicht in die Kirche?“ fragte der Paſtor mit harter Stimme. „Weil wir gewiſſermaßen einen Gottesdienſt der Erinnerung hielten!“ erwiderte ſein Bruder ſanft. „Schaue dorthin, Wilhelm, lies auf jener Marmorkuppel dort die Buchſtaben, welche die Sonne ſo hell be⸗ leuchtet. Vermögen Deine Augen die Schrift zu leſen?“ Der Paſtor preßte die Brauen feſter über den Augen zuſammen und blickte aufmerkſam hin nach dem Tempel.„Ja wol“, ſagte er dann, haſtig nickend,„ja wol, ich vermag das ſehr gut zu leſen; es ſteht dort geſchrieben:„Gedenket der Heimgegangenen!“ „Und wir gedachten ihrer“, ſagte der Baron. „Wir erinnerten uns der Zeiten, da wir unſeren Sonntagsgottesdienſt inmitten der freien Natur unter dem Dome der grünen Bäume hielten, und da der Vater meiner Olympia mit ihren Brüdern bei uns weilte. Es gab für uns damals keine Kirche; aber wir feierten unſeren Sonntag mit andächtigem Herzen, und unſer Vater übernahm die Stelle des Prieſters. Wir wollten heute einmal einen Sonntagsgottesdienſt feiern, wie wir es jahrelang im Urwald gethan, und das iſt die Urſache, weshalb wir heute nicht in der Kirche erſchienen ſind.“ Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. III 2 18 „Aber das iſt heidniſch!“ rief der Paſtor,„das iſt gottlos! Es ziemet den Kindern dieſer Welt nicht, die Stelle des Prieſters willkürlich und wie zum Hohn und Spott zu übernehmen. Das iſt der Dünkel der Weltkinder, daß ſie vermeinen, Alles zu können, und daß nichts ihnen ſo hoch und ſo erhaben dünkt, das ſie ergreifen könnten mit ihren irdiſchen Händen. Und doch“, fuhr er dann ſanfter fort,„und doch will ich mich freuen, daß Du geſund biſt, mein Bruder, und will Dir auch in chriſtlicher Liebe die ſchwere Kränkung verzeihen, die Du mir heute bereitet haſt.“ „Was für eine Kränkung?“ fragte der Baron, während Olympia einen raſchen, zornigen Blick auf das ſtrenge Antlitz des Paſtors warf und dann, zu dem Baron heranſchreitend, ſeine Hände mit ſanfter Liebkoſung an ihre Bruſt zog. „Du fragſt noch, mein Bruder? und Sie, Frau Baronin, ſehen mich zürnend an, als hätte ich irgend eine Beleidigung ausgeſprochen, und doch bin ich allein der Beleidigte und ich allein habe das Recht zu zür⸗ nen“, ſagte er.„Es iſt Sitte und Brauch in der ganzen chriſtlichen Welt auf dem Lande, daß der Guts⸗ herr ſeinen Untergebenen voranſchreitet mit einem guten Beiſpiel, das heißt, daß er den Sonntag heilige und Gott gebe, was Gottes iſt, wie er auch verlangt, daß 49 man ihm, dem Gutsherrn, gebe, was des Gutsherrn iſt. So hätte der Baron von Schwing als der Patro⸗ natsherr wol die Verpflichtung gehabt, mit ſeiner Fa⸗ milie heute wie immer, ſeine Plätze einzunehmen auf dem hohen Chor der Kirche. Die Bauern und Bäue⸗ rinnen ſchauten verwundert und erſtaunt, wie ich ſehr wol bemerkte, hinauf nach dem Chor und vermißten da den Gutsherrn und ſeine Familie. Ich ſelber fühlte mich ganz verwirrt von Eurer Abweſenheit, und es ſtörte mich in meinen frommen Gedanken, Dich nicht zu ſehen, mein Bruder, und glauben zu müſſen, daß Du ſchwer erkrankt ſeieſt, da Niemand von den Eurigen erſchien. Ich war feſt davon überzeugt, und um Dich zu entſchuldigen bei denen, die mich nach beendigtem Gottesdienſte fragten, weshalb der Gutsherr nicht er⸗ ſchienen ſei, ſagte ich den Leuten, daß Du plötzlich heute Morgens erkrankt ſeieſt. Es war zum mindeſten eine fromme Bemäntelung Deiner unverzeihlichen Ab⸗ weſenheit.“ „Vergeben Sie mir, verehrter Herr Schwager“, ſagte Olympia raſch,„vergeben Sie mir, wenn ich Sie, falls es Ihrer chriſtlichen Liebe wiederum noth⸗ wendig erſcheinen möchte, aus Schonung für uns eine ſolche chriſtliche Unwahrheit zu ſagen, dann lieber nicht meinen Gemahl als den Kranken und Leidenden zu 2* 20 nennen, ſondern lieber mir die Krankheit aufzubürden! Mich ängſtigt es allemal, wenn ich nur den Gedanken ausſprechen höre, daß mein theurer Gemahl krank und leidend ſein könnte, und man ſagt, die böſen Geiſter nehmen ſolche unwahre Worte von den Lippen der Menſchen und verwandeln ſie in Wahrheit.“ „Beruhigen Sie ſich, Frau Baronin und Schwä⸗ gerin“, erwiderte der Paſtor mit ſtolz erhobenem Haupte, „die böſen Geiſter ſind niemals nahe dem Manne, wel⸗ cher der Diener Gottes iſt, und bei welchem daher nur die guten Geiſter weilen können! Wenn die Frau Ba⸗ ronin aber mich einer chriſtlichen Unwahrheit zeiht, ſo haben Sie darin Recht; eine Unwahrheit ſprach ich, aber es war eine chriſtliche, das heißt,— war ge⸗ boten von dem Geiſte der Liebe! Um keine böſe Nach⸗ rede kommen zu laſſen auf meinen Bruder und ſeine Familie, gab ich mich demüthiglich dazu her, etwas zu ſagen, was mein Herz fürchtete, was ich aber freilich nicht beſtimmt wußte. Doch jetzo bin ich nicht mehr der Pfarrer, ſondern ich bin der Bruder, und als ſolcher freue ich mich, daß es Ihnen Allen wohl geht.— Und als ſolcher“, fuhr er fort, in⸗ ſdem er ſich wieder ſeinem Bruder zuwenbtte,„als olcher komme ich, Dir meinen Dank zu ſagen, Alphons.“ 21 „Ich wüßte nicht, wofür Du mir zu danken hätteſt“, ſagte der Baron lächelnd.„Und ich bitte Dich, ſprich kein Wort weiter darüber.“ „Doch, ich will es ſagen und bekennen, daß ich Dir dankbar bin“, ſagte der Paſtor feierlich.„Es ziemt dem guten Chriſten, die Wohlthaten anzuerkennen, welche ihm erzeugt werden, und der Patronats⸗ und Gutsherr Baron von Schwing hat ſeinem Paſtor eine Wohlthat erzeigt. Es war in der That eine angenehme Ueberraſchung, als ich heute Morgens ſtatt des halb blinden, alten und ſteifen Pferdes vor meinem Wagen, der mich in der Frühe des Morgens nach der Filial⸗ kirche trug, ein Paar ſchöne Rappen angeſpannt fand; ich fragte verwundert, woher ſie kämen, und mein alter Kutſcher Melchior erzählte mir mit dem Ausdrucke des höchſten Erſtaunens, daß er ſie heute Morgens, als er in den Stall trat, an der Krippe befeſtigt gefunden habe; auf dem Tiſche neben der Thür aber hatte er einen großen Zettel gefunden, den er mir übergab und auf welchem geſchrieben ſtand:„Zwei Wagenpferde für Herrn Paſtor von Schwing!“ Nun meine ich, Deine Handſchrift erkannt zu haben, und ich wüßte un nicht, wer ſonſt ſich erlauben könnte und Aidehie, mir ein ſolches Geſchenk darzubringen.“ „Nun denn ja; da Du es wiſſen willſt, ich er⸗ 22 laubte es mir“, ſagte der Baron.„Marco erzählte mir geſtern, daß Du geſagt, Deine alten Pferde ſeien ſteif und faſt untauglich, und da hoffte ich, Du würdeſt dieſe kleine Gabe Deines Bruders von mir annehmen, wenn Du auch ſonſt mir Alles verweigerſt, was ich ſo gerne Dir bieten möchte.“ „Es ziemt mir, demüthig zu ſein und nicht nach irdiſchen Gütern zu trachten“, erwiderte der Paſtor fromm.„Doch dieſe Gabe, welche Du eine kleine, ich eine ſehr große nenne, die nehme ich dennoch von Dir an, da ſie mich führen ſoll zu den Werken meines heiligen Berufes und mich geleiten ſoll auf heiligen Wegen. Ich danke Dir alſo, mein Bruder.“ „Und ich“, rief Olympia, ihre Arme um den Hals des Gatten legen und ihn zärtlich küſſend,„ich danke Dir auch, mein theurer, geliebter Alphons, daß Du in ſo zartſinniger Liebe es verſtanden haſt, Deinen Bru⸗ der zu erfreuen. Denn nicht wahr, Herr Schwager, Sie haben ſich gefreut, und wenn Sie es thaten, ſo werden Sie mir jetzt auch eine Freude bereiten, als Dank für meinen lieben Alphons.“ „Und was, Frau Baronin, könnte ich, der demü⸗ müthige Knecht des Herrn, vollbringen, um Ihnen eine Freude zu machen?“ Sie trat dicht zu ihm heran und reichte ihm ihre 23 beiden Hände dar:„Sie könnten mich dadurch erfreuen, daß Sie jetzt auch das Geſchenk, welches wir für Ihre Tochter beſtimmt hatten, annehmen möchten.“ „Sie meinen doch nicht das Reitpferd?“ fragte der Paſtor, indem er, wie von Schrecken ergriffen, ſich von ſeinem Sitz neben dem Bruder erhob. „Ja, das meine ich, lieber Herr Schwager, und ich bitte Sie recht herzlich, geſtatten Sie Ihrer Tochter, mit ihrer Couſine, hier, wo Niemand es ſieht und wo Niemand die jungen Mädchen beobachtet, durch Wald und Feld zu jagen. Es iſt ein köſtliches Vergnügen und wer es erſt einmal kennen gelernt hat, der weiß wie ſchön es iſt; alſo geſtatten Sie Ihrer lieben Toch⸗ ter, daß ſie das ſanfte Thier, welches wir ihr zum Reit⸗ pferd beſtimmt haben, annehmen darf.“ „Es thut mir leid, Frau Baronin“, erwiderte der Paſtor mit ſtrenger Stimme;„es handelt ſich hier nicht blos um ein großes Geſchenk, das ich annehmen ſoll, ſondern es handelt ſich um ein Princip. Nach meinen Grundſätzen ziemt es ſich überhaupt nicht für Frauen, hoch zu Roß vor den neugierigen Augen der Menſchen, und ſeien dieſe auch nur demüthige Dorf⸗ bewohner, ſich darzuſtellen; am allerwenigſten aber ziemt es ſich für eine Pfarrerstochter, ſo in ganz un⸗ paſſendem Aufzug zu erſcheinen; und wäre ich ſelbſt 24 ſchwach genug, wie ich es hoffe, nicht zu ſein, wäre ich es aber und wollte nachgeben den Bitten und Beſchwö⸗ rungen meiner Tochter und ihr das Vergnügen gewähren, ſo würde ihre Mutter niemals einwilligen, ſolches zu thun. Meine Cornelia iſt aus einem frommen, gottes⸗ fürchtigen Hauſe und vielleicht nach den Begriffen der Damen, die in der Welt gelebt, hat ſie kleinliche und beſchränkte Anſichten. Aber es ziemt ſowol mir, ihrem Gatten, als ihrer Tochter dieſe Anſichten der Frau und Mutter zu ehren und ſich ihnen zu unterwerfen; dem⸗ gemäß wird meine Tochter niemals ein Reitpferd be⸗ ſteigen dürfen. Ich bitte, Frau Baronin, ſprechen wir nicht weiter darüber.“ „Nun gut denn, ſprechen wir nicht weiter darüber“, ſagte die Baronin lächelnd,„aber ſprechen wir darüber, weshalb Sie allein gekommen und nicht Ihre Familie mit ſich gebracht haben? Es wäre ſo hübſch und es dünkt mich auch ſo natürlich, daß die Brüder mit ihren Familien an den Sonntagen zuſammen wären und ſich der ſchönen Stille und des Friedens mit einander er⸗ freuten.“ „Es wäre natürlich, wenn es gegenſeitig ſein könnte“, ſagte der Paſtor,„doch dürfen wir nicht wa⸗ gen, die Frau Baronin in unſer niederes und einfaches Haus einzuladen zu einem frugalen bürgerlichen Mahle, 25 wie ſolches einem Paſtor geziemt, und darum müſſen wir auch uns die Freude verſagen, ſo oft wir es möch⸗ ten, zu Ihnen zu kommen.“ „Ich wollte, Sie thäten das nicht“, ſagte ſie ſanft; „ich wollte, Sie rechneten nicht ſo und meinten nicht, daß eine ſolche Gegenſeitigkeit nothwendig wäre; ich weiß, daß wir die Paſtorin beläſtigen würden, wenn wir oft kommen; Sie aber wiſſen, daß Sie uns ſtets willkommen ſind. Man lernt in den Urwäldern die Gaſtfreundſchaft, Herr Schwager, und das iſt wenig⸗ ſtens eine Tugend, die wir von dort mit hergebracht haben in dieſe Welt. Wollen Sie erlauben, daß mein Marco hinunterreite in das Pfarrhaus und die Damen und den Sohn bitte, hierherzukommen und heute mit uns vereint zu bleiben.“ „Bedaure“, erwiderte der Paſtor achſelzuckend, „wir haben ſelber heute einen Gaſt zum Mittagsmahl, einen jungen frommen Geiſtlichen, der auf dem Schloſſe der Gräfin von Liebetraut bis jetzo als Hauslehrer thätig wirkte und jetzt, da er dieſen Poſten verläßt, zum Ab⸗ ſchied zu uns geladen iſt.“. „Ah, der würdige Candidatus Johannes Streber“, ſagte der Baron lächelnd.„Ich geſtehe Dir, mein Bruder, daß das ein Gaſt iſt, um den ich Dich nicht beneide.“ und den Deinen zu gefallen“, erwiderte der Paſtor mit leiſe gerunzelter Stirn.„Er machte Dir ſeinen Beſuch und auch Deinem Sohn Marco; doch ihr er⸗ widertet ihn nicht und fandet es auch nicht der Mühe werth, den jungen Mann einzuladen. Er iſt freilich nur ein Candidat der Theologie, aber ein ſehr würdiger und gelehrter junger Mann.“ „Mag ſein, daß er gelehrt iſt“, ſagte der Baron, „doch ob er würdig iſt, das wage ich nicht zu ent⸗ ſcheiden.“ „Ich aber erlaube mir, das Gegentheil zu behaup⸗ ten“, ſagte Marco raſch;„ich weiß, daß dieſer Herr Candidatus Johannes Streber ein Heuchler iſt und ganz in der Stille, während er Ihnen, meinem lieben Oheim, gegenüber eine fromme und gottſelige Miene annimmt, ein ziemlich unregelmäßiges Leben führt und ein rechtes Weltkind im ſchlimmſten Sinn des Wortes iſt. Ich wage nicht weiter in Gegenwart der Damen von dem, was ich dem Herrn Johan⸗ nes Streber vorzuwerfen habe, zu ſprechen, denn es würde unſchicklich ſein; doch wenn mein lieber Onkel von mir erfahren will, was ich dem Herrn Johannes Streber zum Vorwurf zu machen habe, und wie wenig er den Namen eines heiligen und würdigen Gottes⸗ „Ich weiß, er hat nicht das Glück gehabt, Dir mannes verdient, dann bin ich allezeit bereit dazu und kann auch die Thatſachen meiner Anklagen wider ihn beſtätigen.“ „Nicht nöthig“, ſagte der Paſtor ruhig;„ich weiß, daß die Kinder dieſer Welt immer geneigt ſind, die frommen und gläubigen Chriſten mit Hohn und Spott zu verfolgen, und ich kann mir daher denken, daß man es auch verſuchen wird, über dieſen würdigen, gelehrten und frommen jungen Candidaten ſo ſchlimme Dinge auszuſprechen. Doch bei mir werden ſolche Dinge keinen Glauben finden, und ich entſage daher gerne der Kunde von den Dingen, die man wider Johannes Streber ſpricht, und da dieſer Herr Candidat heute mein will⸗. kommener Gaſt iſt, ſo kann ich die Einladung der Frau Baronin weder für mich, noch für meine Frau und Tochter annehmen. Doch ich vergaß“, fuhr er mit haſti⸗ ger Stimme fort,„ich vergaß, daß mein Sohn Georg mit mir gekommen iſt.“ „Georg?“ fragte Marco haſtig,„wo iſt er?“ „Er wollte Dich in Deinen Zimmern aufſuchen, lieber Neffe, um Dich zu bitten, mit ihm zu den Damen zu gehen. Er kommt, um Abſchied zu nehmen, da er morgen von hier geht, um ſich nach Berlin zu be⸗ geben.“ „Abſchied?“ fragte Marie haſtig und eine Purpur⸗ 28 röthe überlief ihre Wangen,„Georg kommt, um Ab⸗ ſchied zu nehmen? Ich wußte nicht, daß er——“ Sie verſtummte plötzlich und ſenkte wie beſchämt die Augen nieder. Olympia ließ ihre Blicke mit einem leiſen Lächeln auf dem errötheten Angeſicht Mariens einen Moment ruhen und legte dann ihre Hand ſanft auf den Arm der Tochter.„Komm Marie“, ſagte ſie,„wir wollen hinuntergehen in den Garten! Die Sonne ſcheint ſo hell und prächtig und die Luft iſt ſo balſamiſch; wir woelen Alle zuſammen einen Spaziergang machen. Marco geht, den lieben Couſin Georg zu holen und er führt ihn zu uns in den Garten.“ 4 Und während Marco, dem Befehl der Mutter ge⸗ mäß, von dannen eilte, wendete ſich Olympia zu dem Prediger:„Sie begleiten uns, nicht wahr, Herr Pa⸗ ſtor?“ „Ich habe nur wenige Minuten noch“, erwiderte der Pfarrer;„man ſpeiſet nicht zu ſo vornehmer Stunde drunten im Pfarrhaus, und Cornelia, meine Gattin, würde mir zürnen, wenn ich über die Zeit hinaus bliebe. Ich bitte daher die Frau Baronin, mich heute zu ent⸗ ſchuldigen und mir zu vergeben, wenn ich meinen Herrn Bruder bitte, mir einige Augenblicke allein zu ſchenken; ich habe in geſchäftlichen Dingen mit ihm zu reden.“ 29 „In geſchäftlichen Dingen? Dann ziehe ich mich ſchleunig zurück. Komm', Marie, wir dürfen den Herrn Paſtor, wenn er kommt, mit ſeinem Bruder von Ge⸗ ſchäften zu reden, nicht ſtören! Komm'!“ Sie grüßte ihn mit einem ſanften Neigen ihres ſchönen Hauptes und begab ſich dann mit ihrer Toch⸗ ter hinunter in den Garten. Drittes Kapitel. Rückerinnerungen. Der Baron ſchaute den beiden ſchlanken ſchönen Frauengeſtalten mit einem zärtlichen Blicke nach, und erſt, als man ſie nicht mehr ſah, als ſie den Garten hinuntergeſchritten waren, wendete er ſich wieder ſei⸗ nem Bruder zu.„In geſchäftlichen Dingen haſt Du mit mir zu reden, Bruder?“ „Ja“, erwiderte der Paſtor mit ernſtem Neigen des Hauptes,„ja, ich komme heute nicht blos als Dein Bru⸗ der, ſondern auch als der Pfarrer zu ſeinem Gutsherrn.“ „Und was haſt Du mir als ſolcher zu ſagen?“ „Ich habe zuerſt mich einer ſchweren Nachläſſig⸗ keit anzuklagen“, ſagte der Paſtor langſam;„dieſe Nacht, als ich in heiligen, ernſten Betrachtungen allein war in meinem Studirzimmer gedachte ich Deiner und 2 ——— 31 unſerer Familie und ganz zufällig geſchah es, daß ich da das Kirchenbuch, welches ich im Dienſte des Herrn gebraucht hatte, aufſchlug und meine Augen hinwen⸗ dete auf die Namen unſerer Väter und die lange Liſte unſerer Ahnen mit prüfenden Blicken betrachtete. Da auf einmal gewahrte ich etwas, was ich bis dahin nicht beachtet hatte.“ „Nun, und was war das?“ fragte der Baron, als ſein Bruder jetzt innehielt. „Das war, mein Bruder, daß ich etwas vermißte in den Namensliſten unſeres Hauſes. Ich vermißte den Namen Deiner Kinder im Kirchenbuche und ebenſo die Namen Deiner Gemahlin.“ „Du vermißteſt ſie?“ fragte der Baron ganz er⸗ ſtaunt,„und inwieferne?“ „Inſoferne, lieber Bruder, als die Namen nicht in das Kirchenbuch eingetragen ſind. Das kommt da⸗ her, daß Du ſo viele Jahre abweſend warſt, und als Du vor zwei Jahren endlich wiederkehrteſt, ſchon mit Frau und Kindern kamſt. Leider ſind die heiligen Ceremonien Deiner Trauung, ſowie der Taufe Deiner Kinder ja nicht auf dem Gute Deiner Väter vorge⸗ nommen, ſondern fern von uns auf fremdem Boden. Damit allein iſt es zu entſchuldigen, daß wir nicht, wie es das Geſetz erfordert und die heilige Sitte es 32 verlangt, Deine Trauung, ſowie die Taufe Deiner Kinder nebſt den Zeugen eingetragen haben in das Kirchenbuch. Aber wir müſſen jetzt nachholen, was wir verſäumten, und ich komme, wie es meiner Pflicht geziemt, als Pfarrer Deiner Kirche zu dem Gutsherrn, um nachträglich ihn zu erſuchen, mir ſeinen Trauſchein und die Taufſcheine ſeiner Kinder zu übergeben, da⸗ mit ich, unſerem Geſetze gemäß, die Trauung, ſowie die Taufe eintrage in das Kirchenbuch.“ „Wozu das?“ fragte der Baron haſtig;„ich hoffe doch, daß Niemand ſich erlauben wird, zu zweifeln an meiner Trauung ſowol, wie an der richtigen Taufe meiner Kinder!“ „Gewiß wird Niemand das wagen“, erwiderte der Paſtor ruhig;„doch ich wiederhole, das Geſetz er⸗ fordert ſolche Eintragung in das Kirchenbuch. Das Geſetz ſowol, wie die Kirche verlangen Beweiſe der Trauung und der Taufe.“ „Beweiſe!“ rief der Baron achſelzuckend;„die Be⸗ weiſe ſind vorhanden; der Beweis iſt, daß die Baro⸗ nin von Schwing meine Gemahlin hier iſt, und eben ſo, dünkt mich, geben meine Kinder den Beweis ihres Daſeins durch ihr Daſein eben.“ „Ich erlaube mir zu bemerken, daß dieſe Beweiſe nicht genügend ſind“, erwiderte der Paſtor mit einem ———— 33 ſanften Neigen ſeines Hauptes, während ein raſcher flammender Blitz ſeiner Augen ſich auf das Angeſicht ſeines Bruders heftete und ſehr wol den Ausdruck von Verlegenheit auf demſelben bemerkte. „Es iſt wahr!“ ſagte der Baron nach einer Pauſe, „ihr Frommen haltet die Menſchen ja alle für verderbt und lügenhaft, und deshalb iſt auch das Wort eines Mannes nicht Beweis genug, wenn er Euch ſagt, daß er mit ſeinem Weibe getraut und daß ſeine Kinder die heilige Taufe empfangen haben.“ „Es ſind nicht blos die Frommen, welche andere Beweiſe verlangen“, erwiderte der Paſtor, deſſen Stimme immer ſanfter tönte, je heftiger und gereizter die Stimme ſeines Bruders ward,„auch die Männer des Geſetzes verlangen andere Beweiſe, als blos das Wort eines Mannes. Sie verlangen ſchriftliche Beweiſe, und es wäre gewiſſenlos von mir gehandelt, wollte ich das Geſetz auf ſolche Weiſe umgehen, indem ich auf Dein Bruderwort, wie ich es ſonſt ſicherlich in tiefſter Seele thue, und auf Deine bloßen Angaben hin, die Namen in das Kirchenbuch eintragen wollte. Es bedarf dazu durchaus des Trauſcheines, ſowie der Taufſcheine Dei⸗ ner Kinder.“ „Aber wozu?“ fragte der Baron gereizt;„mich dünkt, das iſt eine ganz oberflächliche Formalität, und Mühlbach, Proteſtanti ſche Jeſuiten. III. 3 34 ich wüßte nicht, zu welchem Zwecke die Eintragung in das Kirchenbuch, welche Du beabſichtigſt, überhaupt nöthig iſt.“ „Wozu dies nöthig iſt?“ fragte der Paſtor ſanft, „das will ich Dir ſagen, lieber Bruder! Ich nehme den Fall an, der hoffentlich noch in weiter Ferne iſt, den Fall, daß Du denen Dich anreihen könnteſt, welche Du dorten auf dem heidniſchen Tempel mit den gol⸗ denen Lettern angerufen haſt, den Heimgegangenen; dann würde man Deinen Erben fragen, ob er ſich ausweiſen könne mit ſeinen Papieren als Dein wirk⸗ licher Erbe; man würde auch mich danach fragen und von mir, dem Kirchenbuche gemäß, Zeugniß ſeines legitimen Urſprungs verlangen. Ich aber wäre nicht im Stande, ein ſolches Zeugniß abzulegen.“ „Du kommſt alſo, mich zu fragen, auf Gewiſſen und Chre zu fragen, ob ich verheiratet bin? Nicht wahr, das meinſt Du doch?“ fragte der Baron gereizt. „Ich würde mir nicht erlauben, eine ſolche Frage an Dich zu richten“, erwiderte ſein Bruder mit immer ſanfter werdender Stimme;„nein, ich bin in meinem Gewiſſen davon feſt überzeugt, daß Du verheiratet biſt, daß Deine Kinder legitim ſind, und nicht der leiſeſte Zweifel waltet darüber ob in meinem Herzen. Doch es iſt meine Schuldigkeit, als Diener der Kirche Zeug⸗ — —y — niß und Beweiſe zu verlangen, nur der äußeren Form wegen, denn der äußeren Form muß auch in den hei⸗ ligen Dingen genügt werden.“ „Du haſt vielleicht Recht“, ſagte ſein Bruder hoch aufathmend,„ja, ich fürchte ſogar, Du haſt Recht und wir haben da ein Verſehen begangen.“ „Ein Verſehen, das ſich indeſſen leicht wieder gut⸗ machen läßt“, ſagte ſein Bruder mit dem Tone ſanfter Beruhigung.„Es iſt ja nur nöthig, daß Du nach den Papieren ſchreibſt und ſie von dem Pfarrer, der Euch getraut und der Deine Kinder taufte, begehrſt. Darüber vergehen höchſtens acht Wochen, dann iſt Alles in Ordnung und ich denke, Du wirſt Deinem liebenden Bruder alsdann danken, daß er Dich an dieſe kleine Formalität gemahnt hat.“ „Ja, wenn es nur ſo leicht wäre, dieſe Forma⸗ lität zu beobachten“, ſagte der Baron gedankenvoll, indem er mit raſchen Schritten in dem weiten Raum auf und nieder ging. Eine zeitlang ſchwiegen Beide. Während von ferne aus dem Garten her die fröhlichen Stimmen der Damen und der jungen Männer, deren Geſtalten man nahe an dem Tempel jetzt erſcheinen ſah, ertönten, ging der Baron mit ineinander gefalteten Armen, in tiefes Nachſinnen verloren, auf und ab und bemerkte 3*½ 36 nicht, wie ſein Bruder zuweilen mit einem raſchen be⸗ obachtenden Blitz ſeiner Augen ihn anſchaute und dann wieder demüthiglich geſenkten Hauptes ſeine Anrede erwartete. Jetzt nach einer langen Pauſe blieb der Baron vor ſeinem Bruder ſtehen.„Seltſam“, ſagte er,„wir feierten heute unſeren Gottesdienſt der Erinnerung, und es ſcheint mir, Du ſeieſt auch gekommen, um die⸗ ſen Gottesdienſt noch mit mir fortzuſetzen. In längſt vergangene Zeiten führt mich Deine Frage zurück, und ich gedenke der Tage, welche geweſen, der Tage, da ich ein armer, hilfloſer Flüchtling in den Urwäldern Amerikas arbeitete im Schweiße meines Angeſichtes, um mir mein kärgliches Brot zu verdienen. Das waren ſchlimme und harte Zeiten, mein Bruder, und es ge⸗ ſchah oft, daß ich mich Abends mit nagendem Hunger niederlegte, weil die Jagd nach irgend einem genieß⸗ baren Wild vergeblich geweſen oder der fiſcharme Bach mir keine ſeiner Inſaſſen hatte hergeben wollen. Vieles habe ich damals ertragen und entbehrt. Mein Leben war nicht blos harte Arbeit und forigeſetzte Noth, ſon⸗ dern ſchlimmer noch war bie Entbehrung alles Ver⸗ kehrs mit den Menſchen, viel ſchlimmer und härter dieſe furchtbare Einſamkeit, dieſe Todesſtille um mich her, die tagelang durch nichts unterbrochen ward, als 37 durch das Gekreiſch irgend eines Raubvogels oder das dumpfe Gebrüll eines in dem nahen Urwald auf Beute lauernden Unthiers. Wer wie ich und wie viele mei⸗ ner Landesgenoſſen in den Urwäldern, in dem großen natürlichen Zellengefängniß gelebt hat, der allein kann ermeſſen, welche entſetzliche Grauſamkeit in dieſem neuen Syſtem der Zellengefängniſſe liegt. Wir wenigſtens hatten doch die freie Natur, wir hatten den Himmel über uns, und wir hörten zum mindeſten das Gebrüll der Thiere und den Wind, der durch die uralten, tau⸗ ſendjährigen Bäume rauſchte. Wir waren freilich allein und in der Einſamkeit; aber die Einſamkeit hatte doch wenigſtens eine Stimme, ſie ſprach mit uns durch die Natur. Wie entſetzlich, wie furchtbar aber iſt dieſe Einöde in den Zellen, wo der Menſch wie ein einge⸗ fangenes wildes Thier bewacht wird und nichts zu ihm ſpricht, ſelbſt nicht einmal die Natur!— Grau⸗ ſame Zeiten waren für mich vergangen; ich zählte die Monate nach den Einſchnitten, die ich mir in einen Baum machte und nach denen ich berechnete, wie die Zeit verging in Arbeit und Mühſal. Doch ich war jung und mein Arm war ſtark, und da ich nicht ſtarb in der Einſamkeit und Oede, mußte und konnte ich endlich die Laſt ertragen und mich aus der Einſamkeit herausarbeiten. Der Arbeiter iſt zum mindeſten dort 38 in den Urwäldern und in den öden Steppen ſeines endlichen Lohnes gewiß!“ „Warum aber hatteſt Du nöthig, ſo hart zu ar⸗ beiten?“ fragte ſein Bruder achſelzuckend.„Ich meine doch, gehört zu haben, daß unſer Vater Dich mit hin⸗ länglichem Reiſegelde verſorgte; er nahm dazu die letzte Hypothek auf unſer verſchuldetes Gut auf.“ „Du haſt recht gehört. Er gab mir eine hinläng⸗ liche Summe mit“, erwiderte der Baron mit einem leiſen, ſpöttiſchen Lächeln.„Doch in Amerika wiſſen ſie noch beſſer wie hier den Werth des Geldes zu ſchätzen, und ich war noch arglos, ich vertraute noch den Menſchen. Einer, der ſich meinen guten Freund nannte, beraubte mich meiner ganzen Habe, und ich ſtand arm wie ein Bettler eines Tages auf der Straße von Chicago. Aber ich wollte nicht betteln, und ſo verkaufte ich das Letzte, was mir noch geblieben, einen Ring meiner Mutter, ſchaffte mir dafür einige noth⸗ wendige Werkzeuge an und wanderte von dannen, nach dem Urwalde und ward zuerſt Holzfäller. Ich will Dir nichts erzählen von Allem, was ich gelitten; es iſt überwunden, und ich ſchaue jetzt mit heiterem Blicke zurück auf dieſe Zeiten und freue mich, daß ſie gewe⸗ ſen. Denn ſie haben mich zu einem Manne geſtählt. Allgemach ging es mir etwas beſſer. Ich war nicht 39 mehr ſo ganz allein in der Oede des Daſeins; die Umgegend, in welcher ich der erſte Einwanderer geweſen, bevölkerte ſich allgemach. Es kamen zuweilen in mein armes Blockhaus Wanderer, die ich bewirthete und mit denen man ſprechen konnte. Anſiedler be⸗ völkerten die Gegend und ich hatte endlich Nachbarn. Du weißt nicht, wie himmliſch dieſes einzige Wort dem Anſiedler klingt in dem Urwald: Nachbarn! Doch freilich hatte Jeder genug zu kämpfen mit der Noth des Daſeins, und das harte Leben trieb Jeden zu här⸗ terer Arbeit. Aber man trug doch mit ſich das Ge⸗ fühl herum: Du biſt nicht mehr ganz einſam! Du haſt Nachbarn! Eines Tages war ich in dem Urwalde wei⸗ ter vorgedrungen zum Vogelfang; denn ein Wanderer hatte mir geſagt, daß ein reicher ſpaniſcher Gutsherr, der einige Tagemärſche weiter hinein ſeine Hacienda hatte, ein beſonderer Liebling von blaßrothen Papa⸗ geien ſei, und ich hatte einen ſolchen auf dem Gipfel eines rieſengroßen Tulpenbaumes bemerkt. Mit meinem Gewehr bewaffnet, machte ich mir Bahn in den Ur⸗ wald hinein, und alle Wunder und alle Herrlichkeiten deſſelben thaten ſich vor mir auf. Jetzt wußte ich nicht, daß ich einſam ſei; denn es ſprachen zu mir die tauſendjährigen Bäume, an denen ſich die Lianen hin⸗ aufrankten und wieder von ihnen hinunter ſich rankten, um thr⸗ Wurzeln einzubohren in die Erde und natür⸗ liche Lauben und Grotten zu bilden von einer Herr⸗ lichkeit und Pracht des Blüthenglanzes und der üppi⸗ gen Vegetation, wie man ſie ſonſt in der Welt nicht kennt und von der man keinen Begriff hat, wenn man es nicht mit eigenen Augen geſchaut. Ich ſelbſt war ganz entzückt, ganz beſeligt von all dieſen Blättern und Blüthen, die ich bis dahin nie geſehen, von den Colibris und Papageien, welche durch das Blätterge⸗ zweige wie prächtige Rieſenblumen hervorfunkelten, und ich wanderte weiter und weiter, und ſuchte und fand der Herrlichkeiten ſo viele, daß ich nur das Eine ver⸗ gaß: an die Rückkehr zu denken. Ich verirrte mich in dem Urwalde; drei Tage lang wanderte ich darin umher, vergeblich nach Menſchen, nach Hilfe rufend, vergeblich nach Nahrung ſuchend! Endlich, mit dem vollen Bewußtſein, daß ich dem Tode verfallen, daß nichts mich mehr retten konnte, ſank ich zu Boden und übergab mich dem Schutze Gottes, dem Schutze der Natur! Wie lange ich da gelegen, das weiß ich nicht! Als ich erwachte, neigte ſich über mich das edle ſchöne Angeſicht eines Mannes mit langem, weißen Haar, der mitleidig mich betrachtete. Neben ihm knie⸗ ten zwei Jünglinge, deren Augen mit ſanfter Theil⸗ nahme mir zugewendet waren. Ich konnte nicht ſprechen, 441 meine Lippen waren ausgedörrt und ich fühlte wieder die Qualen des Hungers. Sie begriffen Alle, was mir fehlte, ſie labten mit einem Tropfen Wein, aus einer Feldflaſche mir dargereicht, die verdorrten Lippen, ſie ſtärkten mich mit Nahrung. Ich wollte aufſtehen, ich wollte ihnen danken, aber ich ſank erſchöpft und todes⸗ matt zurück, und jetzt erſt empfand ich ein furchtbares Brennen auf meiner ganzen Haut, und als ich mein Geſicht, das wie Feuer brannte, mit meinen Händen berührte, fühlte ich, daß es hoch aufgeſchwollen war und daß meine Augen nur wie aus einem Vorhang hervor⸗ ſchauten. Die Ameiſen hatten mich als gute Beute betrachtet, und nur die unerwartete Hilfe, welche mir die drei Fremden gewährt, hatte mich dem ſicheren Tode entriſſen. Ich konnte nicht gehen; ſie hoben mich empor und trugen mich auf ihren Schultern und ſpra⸗ chen zu mir gar manches ſanfte und tröſtende Wort, und das machte, daß ich, der lange nicht ſolche Worte vernommen, in Thränen ausbrach. Die Thränen thaten mir freilich weh, ſie brannten wie Salz in den offenen Wunden, aber meinem Herzen thaten ſie doch unaus⸗ ſprechlich wohl, und ich weiß noch, wie ich die Arme um den Hals des Greiſes ſchlang und mit leiſen Worten ihm ſchwur, daß ich von nun an ihn lieben wolle wie meinen Vater und daß ich ihm dankbar ſein 42 wolle mein ganzes Leben lang. Er nickte mir freund⸗ lich zu, aber er ſagte kein Wort, und ſie trugen mich weiter und betteten mich endlich in ihrem Blockhauſe, zu dem ſie mich hingetragen. Ihr Diener, ein alter Indianer, war wie alle dieſe Leute auf den Anſiedlungen, zugleich ein weiſer Arzt, wohl vertraut mit den Kräutern und Heilmitteln der Natur. Seinen Salben und Tränken verdanke ich, daß ich nach acht Tagen mich von meinem Moos⸗ lager erheben konnte; und die beiden jungen Männer, welche treulich jeden Tag gekommen waren, mich zu begrüßen, gaben mir den Arm und führten mich hinaus aus der Blockhütte. Wie ſegnete ich an jenem Tage das Andenken meiner Mutter; denn ſie war es geweſen, die darauf drang, daß ich mancherlei Spra⸗ chen lernen ſollte. Sie hatte mir in unſeren glücklichen Tagen einen italieniſchen Kammerdiener gehalten, und von ihm hatte ich die melodiſche Sprache ſeines Landes gelernt. Die jungen Männer, welche ſo hilfreich mir beigeſtanden, waren Italiener, und während ich an ihrem Arm dahinwandelte durch ihre kleine Anſiedlung, erzählten ſie mir, daß ihr Vater ein italieniſcher Flücht⸗ ling ſei, der vor dem grauſamen Henkerbeil des Kö⸗ nigs Ferdinand geflüchtet ſei in den Urwald. Unter⸗ wegs waren ſie geſcheitert, und von ihrem Hab und — ——y 43 Gut hatte ihr Vater nichts gerettet als ſeine Familie. Aber er nannte ſie ſeine größten Schätze und dankte Gott, daß ihm dieſe erhalten waren! Ein vorüberfah⸗ rendes Schiff hatte ſie auf der Klippe entdeckt, auf welche ſie von dem geſcheiterten Fahrzeug ſich gerettet, und ſie mitgenommen nach Rio, wohin ſeine Fahrt gegangen. Aber freilich, in der großen und theuren Stadt war ihres Bleibens nicht lange geweſen. Die Mutter hatte die wenigen Koſtbarkeiten, die ſie beim Schiffbruch an ſich getragen, ebenſo der Vater ſeine Uhr und die Uhren ſeiner Töchter verkauft, und das war die ganze Habe, mit welcher ſie dann als An⸗ ſiedler weiter hineinwanderten nach Südamerika. Das hatten mir die beiden jungen Männer unterwegs er⸗ zählt, während ſie uns nach dem großen Blockhaus führten, in welchem der Vater mit ſeiner Tochter wohnte. Vor der Thür trat mir der Graf Apponi, das war ſein Name, mit freundlichem Gruß entgegen und hieß den Gaſt willkommen in ſeinem Hauſe, und führte mich ein in daſſelbe. Und da ſah ich Olympia zum erſtenmal! Es war ein ſchöner, ein wundervoller Moment, und Alles, was ich gelitten, und Alles was ich erduldet, das war vergeſſen in dem Einen Augen⸗ blick, da ich ſie zuerſt erſchaute! Nichts weiter davon! Es ſteht mit unvergeßlich ſtrahlenden Lettern in mei⸗ 44 nem Herzen geſchrieben. Nun leuchtete für mich eine neue Welt auf, und Alles war für mich im Sonnen⸗ glanz einer erſten Liebe ſtrahlend. Zum Glück war die Anſiedlung des italieniſchen Grafen nicht gar ſo fern von meinem Blockhauſe. Ich konnte doch nach gethaner Arbeit an den Sonntagen, die uns ſelbſt in der Oede des Urwaldes heilig waren, zu ihnen hin⸗ wandern, und ich fand ſtets freundliche Aufnahme und fühlte, daß ich ein willkommener Gaſt ſei. Sie nah⸗ men mich auf wie ein Mitglied ihrer Familie; wir hatten kein Vaterland, keine Heimat, die Liebe gab uns ein Vaterland, eine Heimat wieder, und wir konn⸗ ten einander erzählen von Allem, was wir entbehrten, von der Heimat, nach der wir uns oft ſchmerzlich ſehn⸗ ten. Die Liebe gab mir Heimat und Glück! Aber ich wollte ihr widerſtehen. Ich war arm, ich beſaß nichts, als meine Hände, die ſpärlich genug oft das Brod für mich verdienten; ich konnte nicht daran denken, mir eine Genoſſin zu wählen, ich durfte nicht wagen um die eben zur ſechzehnjährigen Jungfrau aufgeblühte Tochter des Grafen Apponi zu werben. So beſchloß ich denn, dieſer Liebe zu widerſtehen. Ich trennte mich von den theuren Freunden, Gott weiß, welche Qual ich mir bereitete. Aber ich liebte dieſes junge Mäd⸗ chen ſo unausſprechlich, ſo glühend heiß, daß ich ihr „—— 45 völlig mein eigenes Lebensglück zum Opfer darbringen wollte. An einem Sonntagmorgen vollbrachte ich die⸗ ſes Opfer. Auf ein Blatt Papier, das letzte, das ich noch in meiner Brieftaſche fand, ſchrieb ich mit dem Safte der Tamarinde, welchen wir als Tinte gebrauch⸗ ten, dem alten Grafen meine letzten Abſchiedsgrüße. Ich bekannte ihm ehrlich und offen, weshalb ich von dannen ginge und wie unausſprechlich ich ſeine Tochter liebe, und wie gerade dieſe Liebe mir die Kraft gäbe, mich von ihr zu trennen, weil ich ihr nichts zu bieten habe, als Arbeit und Noth. Den Brief trug ich, die Sonne war kaum dämmernd aufgegangen, hin zu dem Blockhaus der geliebten Freunde und legte ihn auf die Schwelle ihrer Thür hin, und neben dieſer Thür auf meine Kniee niederſinkend, weinte ich bitterlich. Dann ſtand ich auf und trocknete die Thränen aus meinen Augen fort als ein Mann, der ſich ſelbſt überwunden hat und der ſich nun geſtählt fühlt gegen alles Leid der Erde. Den ganzen Tag wanderte ich dahin, nicht ach⸗ tend des Weges, nicht achtend, wohin der Zufall mich führte. Ich wußte nur, daß ich fort wollte, weit fort von jenem Ort, wohin meine Gedanken doch immer zurückkehrten und nach welchem all meine Sehnſucht gerichtet war. Ich hungerte nicht, ich durſtete nicht, 46 ich war gleichſam all dem Irdiſchen entrückt. Der Kummer ſättigte mich und meine Thränen tränkten mich, nur fühlte ich zuletzt, daß meine Füße mich nicht weiter tragen wollten, oder es kam vielleicht daher, daß mein Herz ſo ſchwer war und meine Geſtalt ſchwanken machte unter der Laſt des Kummers! Tau⸗ melnd faßte meine Hand nach dem herabhängenden Aſte einer großen Tamarinde. Ich kletterte mühſam an derſelben hinauf und bettete mich in dem dich⸗ ten, grünen Laub; dann fiel ich in jenen tiefen, traum⸗ loſen Schlaf, welchen der barmherzige Gott als ein beſonderes Labſal den Traurigen und Betrübten ſen⸗ det. Oft, wenn ich in ſpäten Tagen jener Nacht ge⸗ dachte, erinnerte ich mich der Worte in der Heiligen Schrift, wo erzählt wird, wie die Jünger den Heiland vor der Nacht ſeines Todes hinaufbegleiteten nach dem Oelberg. Während er droben betet und ringt mit ſei⸗ ner Qual und ſeiner menſchlichen Schwäche, liegen drunten am Fuße des Berges ſeine Jünger, und es ſteht geſchrieben:„Sie ſchliefen ein vor Traurigkeit.“ Solch ein Schlaf der Traurigkeit war es, der ſich über mich ſenkte da droben auf dem Gipfel des Tamarin⸗ denbaumes, und der ſeinen Balſam und ſein Labſal mir ſo lange ſpendete, daß, als ich endlich erwachte, die Morgenſonne ſchon ziemlich hoch heraufgeſtiegen 47 war. Ich verließ mein grünes Laubbett und wanderte weiter in den Wald hinein. Jetzt, da der Schlaf mich geſtärkt, war ich feſt entſchloſſen, mein Leid zu tragen und ſtark zu ſein, wie es einem Manne ziemt. Am Abende dieſes Tages gelangte ich auf einen ſchmalen Fußpfad, der mitten durch den Urwald ſich dahin⸗ ſchlängelte; er ſagte mir, daß ich den Wehnungen der Menſchen und dem Ende des Waldes nahe ſei, und als die Sonne niederſank, ſtand ich wirklich am Ein⸗ gange des Waldes, und vor mir lag inmitten einer köſtlichen Ebene ein ſchönes Haus— ein gaſtliches Haus, die Hacienda des Spaniers, für den ich damals die blaßrothen Papageien fangen wollte. Ich fand in dem Hauſe freundliche Aufnahme, nicht blos als Gaſt, ſondern auch als Arbeiter; denn in jenen Gegenden ſind die Hände eines ſtarken und geſunden Mannes für ihn ein Kapital, das man überall anerkennt und deſſen man ſich gern und willig bedient. Der Herr des Hauſes, den auch die politiſchen Wirren aus ſei⸗ nem Vaterlande fortgetrieben, war ein edler, großmü⸗ thiger Mann, ein echter Spanier an Hochherzigkeit der Geſinnung, leutſelig, freundlich und wohlwollend. Ehre ſeinem Andenken! Ich danke ihm Vieles, ich danke ihm zum Theil das, was ich heute bin: ein wohlhabender und, wenn Du willſt, ein reicher Mann! Drei oder 48 vier Tage war ich in dem Hauſe des Spaniers ge⸗ weſen und ſaß Abends, von der Arbeit ruhend, auf der kühlen hölzernen Bank, die ich ſelber um den großen Aſt eines Trompetenbaumes, der unweit von dem Hauſe ſtand, mir gezimmert hatte; da hörte ich einen Hund anſchlagen, und dieſer einzige Ton weckte mich aus der inneren Lethargie, die ſich meines Weſens bemäch⸗ tigt hatte. Dieſer einzige Ton machte mein Herz höher ſchlagen und trieb das Blut mir glühend in die Wan⸗ gen, von denen der Spanier mir geſagt, daß ſie unge⸗ wöhnlich bleich wären. Ich kannte dieſes Gebell; es war der große Bernhardinerhund meines Freundes, der jetzt über das niedere Gehege in den Hof ſprang und mit lautem Gebell zu mir hinſtürzte. Und ich, ich breitete meine Arme aus und ſchlang ſie um das Thier und lehnte mein Haupt an ſeinen Kopf und weinte laut vor Freude! Und wahrlich, ich hatte Grund, vor Freuden zu weinen; denn als ich endlich von die⸗ ſem Krampfe der Freude und des Schmerzes mich er⸗ holte und mich aufrichtete, da ſtanden vor mir meine drei Freunde, der alte Graf mit ſeinen beiden Söhnen und hinter ihnen der Indianer, der mit Hilfe des Hun⸗ des ſie hergeführt hatte. Es war ein ſchönes, himm⸗ liſches Wiederſehen, und ich ſchämte mich gar nicht, daß auch jetzt noch meine Thränen floſſen, ich ſchämte „ „ 49 mich nicht, daß ich am Halſe des Grafen weinte, wie ein kleiner verſtoßener Knabe, der verirrt geweſen in der Wüſte und nun von denen, die er liebt, gefunden und zurückgeführt wird in die Heimat. Ja, zurückgeführt war ich in die Heimat, das wußte ich, das fühlte ich, als der Graf mir ſeine Hände auf das Haupt legte und mir leiſe zuflüſterte: „Du böſer, geliebter Sohn, wie viel Thränen haſt Du uns gekoſtet, wie viel Thränen Deiner Braut, meiner Tochter Olympia!“ „Du wollteſt uns entfliehen, wir aber halten Dich und laſſen Dich nicht.“ Und wie gerne ließ ich mich halten, wie ſelig war ich, als ich am nächſten Tage zu den Freunden wie⸗ der eintrat in das geliebte Blockhaus, das mir wahr⸗ lich wie ein Feentempel weit ſchon aus der Ferne ent⸗ gegenleuchtete. Wie ſelig, als Olympia verſchämt er⸗ röthend ihr Haupt an meine Bruſt legte und mir leiſe zuflüſterte, daß ſie mich liebe. Ich legte meine Hand auf dieſes geliebte theure Haupt und ſchwur ihr und ihrem Vater mit lauter Stimme, daß mein ganzes Leben ihr gehören und daß es meine einzige und höchſte Pflicht von nun an ſein ſollte, ſie glücklich zu machen.“ Mühlbach, Poteſtantiſche Jeſuiten III. Viertes Kapitel. Glückliche Vergangenheit. „Schöne und herrliche Tage waren es, die nun folgten. Es läßt ſich nichts von ihnen erzählen und ſagen, denn das Glück hat keine Worte, und es gibt keine Schilderungen für die herrlichſten und theuerſten Gefühle des Herzens. Einige Tage ſpäter kam der Spanier, der mich bei ſich aufgenommen, der junge Marcheſe von Pom⸗ ballio, uns nach; er hatte mich liebgewonnen, und unſere Freude des Wiederſehns hatte ſein Herz ſo ſehr gerührt, daß er ſelber geweint hatte. Die Einſamkeit und die Abgeſchiedenheit von der Welt macht, daß die Menſchen ſich ſchneller und feſter an einander ſchließen, wie das ſonſt wol Gebrauch im Blockhauſe ſaß. Wunſche geneigt, und wir willigten ein. 51 iſt, und es dünkte uns, nun erſt ſei unſere Familie vollſtändig und unſer Glück ganz ohne Schatten, als der liebe Marcheſe mit uns an der einfachen Tafel Er kam uns eine Bitte vorzutragen:„wir ſollten ihm ein Feſt bereiten“, ſo ſagte er, und ſollten unſer Hochzeitsfeſt in ſeinem Hauſe ſtattfinden laſſen. Es ſollte für die ganze Anſiedlung, für alle ſeine Diener und Sklaven ein Tag der Freude, der Ruhe der Er⸗ holung ſein, und obwol wir ſelber vielleicht gewünſcht hätten, unſer Glück in der Stille ſegnen zu laſſen und in der Stille zu genießen, ſo machte gerade dieſer Gedanke, daß das Feſt unſerer Liebe zugleich den Sklaven ein Tag der Ruhe ſein ſollte, uns ſeinem Acht Tage ſpäter fand auf der Hacienda des Marcheſe von Pomballio unſere Verheiratung ſtatt. Der ſpaniſche Prieſter, der mit dem Marcheſe ausge⸗ wandert und ſein bleibender Hausgenoſſe war, ſegnete unſere Ehe ein.“ „Alſo eine katholiſche Ehe?“ fragte der Paſtor raſch.„Ihr wurdet nach katholiſchem Ritus getraut?“ „Ja, das heißt, es war eine Trauung, wie ſie jeder chriſtliche Prieſter, nach welchem äußern Glaubens⸗ bekenntniß er ſich auch benennen möge, würde ver⸗ 4* ——— richtet haben; eine einfache ſchmuckloſe Ceremonie; der gute Prieſter mahnte uns an die heiligen Pflichten, welche wir jetzt übernähmen, mahnte uns daran, daß wir eintreten wollten in eine Gemeinſchaft, die von keinem Menſchen und von keiner Obrigkeit zerriſſen werden könne, eintreten in die Ehe, die ein Werk und.— ein Befehl Gottes und daher von keinem Menſchen gelöſt werden könne. Er mahnte uns an unſere Pflich⸗ ten und fragte uns, ob wir derſelben eingedenk ſein wollten unſer Lebenlang. Und wir beſtätigten es an Eidesſtatt mit einem lauten feierlichen Ja; dann legte er unſere Hände in einander, ließ uns die Ringe wechſeln, und Hand in Hand vor ihm niederkniend, empfingen wir den Segen des Prieſters der Kirche und, wie ich hoffe, auch unſeres Gottes. Das war unſere Trauung; vielleicht hätte man, wäre ſie ſtatt in der kleinen Capelle auf der Hacienda, in einer großen, feierlichen Kirche, inmitten Eurer Städte abgehalten worden, mehr Worte gemacht, mehr Ceremonien beoachtet. Indeß, es war eine Trauung recht in dem chriſtlichen Geiſte, recht in der Weiſe, wie ſie einſt die Urchriſten gefeiert haben mochten, da ſie noch in der Verborgenheit ihrem Gotte hul⸗ digten und keine Kirchen und keine Altäre hatten außer der großen Kirche der Natur und außer den —.— 9 55 Altären, die ſie in ihren eigenen Herzen aufbauten für den Gott, an den ſie glaubten. Es war ein ſchönes Feſt, und bis ſpät in die Nacht hinein dauerte der Jubel und das Entzücken der kleinen und großen Kinder, der Sklaven auf der Hacienda, die nicht müde werden konnten, meine ſchöne Braut in ihrem grünen Myrtenkranze zu bewundern und in ihren großen ſtrahlenden Augen ihr Glück zu leſen. Einige Tage ſpäter kehrten wir heim in unſere Wohnung, die von nun an unſere Heimat ſein ſollte. Der Wald tönte wider von unſeren Jubel⸗Liedern, als wir dahin zogen, ſchäkernd und lachend, geleitet von einer ganzen Karavane der ſpaniſchen Diener, welche Leckerbiſſen und Lebensmittel aller Art nach unſerem Blockhauſe trugen. Was ſoll ich Dir noch erzählen von den ſeligen Tagen unſeres Glückes; es erſchien mir ſo ſtrahlend, ſo unermeßlich, daß gar keine Steigerung möglich war, und ich ängſtigte mich faſt, weil ich meinte, wir ſtänden auf der Höhe des Glücks und es möchte nun ein Herabſteigen folgen. Und doch gab es noch eine Steigerung des Glücks, das war, als nach einen Jahre Olympia mir einen Sohn ſchenkte und mir eine neue heilige Würde verlieh, die Würde eines Vaters.“ 54 „Und dieſer Sohn ward getauft?“ fragte der Paſtor raſch. „Gewiß!“ lächelte der Bruder,„gewiß ward er getauft.“ „Und von wem?“ „Von demſelben guten, ſanften und vorurtheils⸗ freien Prieſter, der unſere Ehe eingeſegnet hatte und den man rings in der Gegend nur„den heiligen Mann“ nannte um ſeiner Sanftmuth und Güte willen. Er hat zwei Jahre ſpäter auch meine Tochter getauft und er iſt uns in allen Lagen des Lebens ein Freund ein Berather, ein Beiſpiel der Seelengüte, Reinheit und Unſchuld geweſen.“ „Jedoch hat er ſich nicht als Euer wahrer Freund bewährt!“ ſagte der Paſtor mit rauher Stimme.„Er war doch in der Welt und hätte Euch daran mahnen müſſen, zu thun, was Ihr in Eurer Argloſigkeit und in der Fülle Eures Glückes vergaßt: er hätte Euch die ſchriftlichen Beweiſe Eurer Trauung und der Taufe geben ſollen.“ „Er dachte daran wol ſo wenig, als wir ſelber“, lächelte der Baron;„im Urwald, fern von allen menſch⸗ lichen Städten und Geſetzen denkt man an dergleichen äußerliche Dinge nicht. Wozu hätten wir auch ſchreiben ſollen? Es ſtand in unſeren Herzen geſchrieben, daß „»—— —— —„»—————— — 55 wir einander für ewig Treue gelobt, und wir wußten, daß wir ſie halten würden. Der Segen Gottes und des guten Prieſters und der Segen unſerer Liebe ruhte auf uns und den Unſeren; es ging uns gut und wir hatten an dem Marcheſe von Pomballio einen hilf⸗ reichen und fördernden Freund. „ Er war lange vor uns in die Anſiedlung gekommen und hatte nicht gelitten, was wir zu leiden hatten, denn er hatte hinlänglich Geldmittel mitgebracht. Wir baten ihn nicht um Unterſtützung, er drängte ſie uns auf; er lieh uns eine Summe Geldes, damit wir uns mehr Arbeiter anſchaffen konnten, und mit ihrer Hilfe gehörte nach einigen Jahren ſchon unſere Anſiedlung zu den beſteingerichteten und einträglichſten. Niemand war darüber ſo glücklich als unſer ſpaniſcher Freund, und wenn er zu uns kam und uns ſelber und unſere Kinder geliebkoſt hatte, dann war ſein wichtigſtes Geſchäft, in unſere aus rohen Blöcken zuſammengeſchlagenen Viehſtälle zu gehen, das wohlgemäſtete Vieh zu bewundern, dann ſich des Kornes auf unſeren wohlbeſtellten Aeckern zu freuen und zuletzt in dem Garten, der unter Olympia's ſpecieller Aufſicht ſtand, ſich zu erquicken an dem Duft der Blumen und dem herrlichen Stand der Gemüſe; ————— — 56 dann leuchteten ſeine Augen vor Freude und in unſerm Glücke ſchien er ſelber doppelt glücklich zu ſein. Aber es kamen ſchlimme Zeiten. Das Glück iſt von ſo flüchtiger Dauer, und wir durften uns ſchon als bevorzugt preiſen, daß es zehn ſchöne, ſonnenhelle Jahre bei uns geblieben war. Dann brach das Un⸗ glück herein und der Kummer ſenkte ſich über uns. Der Vater meiner Olympia ſtarb nach langem Kränkeln, die beiden Brüder meiner Frau folgten ihm bald nach und ich ſelber fühlte mich oft todesmatt und erſchöpft zum Sterben, und es geſchah zuweilen, daß das Blut aus meiner Bruſt emporſtieg und meine Lippen netzte. Unſer ſpaniſcher Freund ruhte nicht eher, als bis wir die Hilfe ſeines Arztes auf längere Zeit annahmen und ihm geſtatteten, daß er bei uns in unſerem Hauſe wohnte. Er beobachtete und forſchte nach den Urſachen und Quellen der Krankheit, welche unſere Geliebten fortgeriſſen und mich nachzuziehen ſchien. Endlich ſtellte er feſt, daß die immer größer werdenden Sümpfe und Moräſte, die nicht weit von unſerer Hütte ſich befanden, die Luft mit ſchlechten Dünſten verpeſteten, und er erklärte uns, daß wir nicht länger dort bleiben und wohnen könnten. 3 Wieder war es unſer ſpaniſcher Freund, der —jfꝛ — j— .— 57( uns hilfreich ward; er kaufte meine Anſiedlung, die jetzt ſchon einen bedeutenden Werth hatte, und beſtand darauf mit der entſagungsfreudigen Kraft ſeiner eigenen Liebe, daß wir von dannen zögen. Einige von den Seinen waren nach Californien gegangen, und er ſchlug uns vor, uns auch dahin zu wenden, ja in ſeiner ſorgenden Liebe gab er uns einige von ſeinen treuſten Dienern und unſeren beſten Freund, den guten Prieſter Fernando, mit, der ſollte bei uns bleiben, bis das er uns gut eingerichtet und wohl verſorgt fände und dann heimkehrend unſerem Freunde melden könne, daß nichts zu unſerem Wohl⸗ ſein mangle. Wir hatten uns ein bedeutendes Stück Land in Californien gekauft und unſer Wohnhaus war ſchon bequem eingerichtet, als der Prieſter uns verließ Damals war Californien noch nicht das Eldorado der goldgierigen Welt; wenige wußten von den un⸗ geheuren Schätzen, die in der Tiefe der Erde ruhten und die Wenigen bewahrten das als ein tiefes Ge⸗ heimniß, weil ſie die Geldgier der Welt kannten und wohl wußten, daß der Friede und die Einſamkeit ihres Lebens dann zerſtört ſeien. Ich ſelber hatte keine Ahnung von dieſem Geheimniß der alten Ein⸗ wanderer, als ich mir mein Land kaufte und das 58 Stück Wald, durch welches ein breiter Bach fröhlich dahin floß. Aber eines Tages ſah ich auf dem Grunde dieſes Baches im Sonnenglanze die Steine funkeln mit anderen Lichtern und anderem Glanz als ich ſonſt geſehen, und als ich neugierig herantrat an den Rand des Baches, ſah ich mit ſtaunender Verwunderung es wie lauteres, pures Gold auf dem Grunde des⸗ ſelben erglänzen. Das war der Anfang vom Ende, es war Gold, welches der Bach im Sande dahin⸗ 4 ſpülte. Ich hätte es auch gern als Geheimniß bewahrt, doch man hatte ſchon hie und da weiterhin an dem Bache Goldſand gefunden und es war jetzt ſchon zu ſpät, das Geheimniß zu hüten. Ich ſage, es war der Anfang von dem Ende; das Gold war gefunden, und das Ende war, daß ich nach fünf Jahren, überdrüſſig dieſer Maſſen goldieriger Menſchen, die ſich jetzt wie eine klaffende Meute nach Californien ſtürzten, überdrüſſig der ſteten Gefahren mit den Verbrechern und Elenden, dem aus der civi⸗ liſirten Welt ausgeſtoßenen Geſindel, zugleich Alles verkaufte und zu Gelde machte, was ich beſaß. Ich verließ Californien als ein reicher Mann; doch glaube ich, wenn ich dort geblieben wäre bis jetzt, würde ich mir viele Millionen haben erwerben 59 können; aber mich widerte dieſes Leben an und ich wollte nicht, daß meine beiden Kinder verkümmerten in der Nähe dieſes goldgierigen Geſindels, und daß ſie nichts weiter lernten und wüßten, als daß man nach Gold gräbt und nach Geld ſich ſehnt. Ich begab mich mit meiner Familie nach New⸗ Orleans; dort traf ich mit dem Freunde, dem Mar⸗ cheſe Pomballiv, und dem Prieſter zuſammen: auch er hatte ſich von den ſich weiter in das Land hinein⸗ ziehenden Sümpfen vertreiben laſſen, auch er hatte ſeine Anſiedlung verkauft und ſich in New⸗Orleans niedergelaſſen. Wir lebten noch einige ſchöne Jahre miteinander als eine gemeinſame Familie und dann geſchah, was den Menſchen, beſonders Deutſchen, zuletzt immer geſchieht: es übermannte mich eine unausſprechliche Sehnſucht nach der Heimat; der Gedanke an das Schloß unſeres Vaters, an die Ahnen, an die Kirche mit ihrem ſpitzen Thurm, an den Park, in welchem ich ſo ſchöne Kinderjahre verlebt hatte, verließ mich Tag und Nacht nicht mehr und endlich bekannte ich es den Meinen nnd ſie gaben freudig meinem Wunſche nach. So kamen wir hieher, und was von da an ge⸗ ſchehen, das weißt Du.“ 60 „Ja wol, das weiß ich“, ſagte der Paſtor nach⸗ denklich;„es war eine wunderbare Ueberraſchung, als Du eines Tages zu mir eintrateſt; ich erkannte Dich gleich.“ „Und doch mußte ich denken, ich ſei Dir ganz fremd“, ſagte ſein Bruder leiſe;„Du hießeſt mich kaum willkommen, Du erſchrakſt vor meinem Anblick.“ „Ich hatte Dich todt geglaubt“, erwiderte der Paſtor,„und ſo ſehr man auch immer mit den über⸗ irdiſchen Dingen ſich beſchäftigt und ſich den Gedanken an den Tod ſtets gegenwärtig hält, ſo erſchrickt man doch, wenn man einen Todtgeglaubten ſo plötzlich vor ſich ſieht. Doch ſei gewiß, daß ich mich Deiner freute und Deine Wiederkehr von Herzen willkommen hieß.“ „Ich danke Dir für die Erzählung von Deiner Vergangenheit, nach der ich ſchon oft Verlangen ge⸗ tragen, doch muß ich Dir bekennen mein Bruder, daß dieſe Erzählung mich zugleich trübe geſtimmt hat.“ „Und weshalb?“ ſagte ſein Bruder erſtaunt. „Nun, weil ſie mir keine genügende Antwort und Auskunft gegeben hat auf die Frage, welche ich ge⸗ than!“ „Ach, wegen der Papiere!“ ſagte der Baron; „Du beharrſt alſo noch immer dabei? Es ſcheint Dir 641 immer noch ein ſchlimmer Umſtand, daß wir ſie nicht haben?“ „Ja in der That ein ſehr ſchlimmer Umſtand“, erwiderte der Paſtor mit gewichtiger Stimme.„Ich wiederhole, das Geſetz verlangt ſchriftliche Beweiſe für Alles, was dem Geſetze unterworfen iſt, und das Wort eines Mannes genügt nicht, um die Obrigkeit und die Kirche zu überzeugen von dem, was ſie wiſſen wollen; es müſſen die ſchriftlichen Beweiſe da⸗ bei ſein.“ „Und was thut es, wenn ſie fehlen? fragte der Baron lächelnd. Der Paſtor ſah ihn mit dem Ausdruck ſtaunender Verwunderung an.„Wirklich“, ſagte er,„der Urwald hat Dich in großer Unerfahrenheit gelaſſen; Du fragſt, was es thut, wenn die Papiere fehlen? Nun, es könnten doch Umſtände eintreten, daß man Deine Gattin und Deinen Sohn fragt nach dieſen Papieren, welche Deine Gattin als Deine legitime Frau, Deinen Sohn als Deinen legitimen Erben ausweiſen.“ Er hatte, während er ſo ſprach, die Augen nieder⸗ geſchlagen, als wolle er es vermeiden, dem Blicke ſeines Bruders zu begegnen, und unter dieſem Blicke, der feſt und forſchend auf ſein Antlitz gerichtet war, 62 ſtieg jetzt plötzlich eine ſeltſame Röthe auf ſeinem Ant⸗ litz auf und färbte ſeine Wange und ſeine Stirne. Der Baron bebte leiſe zuſammen und dieſes Er⸗ röthen ſeines ſonſt ſo harten Bruders und dieſe nieder⸗ geſchlagenen Augen ſprachen beredter zu ihm, als alle Worte es vermocht hätten. „Ich begreife, ja ich begreife“, ſagte er jetzt leiſe, „dieſe Umſtände, welche Du andeuteſt, würden dann eintreten, wenn—— wenn ich ſtürbe.“ „Gott möge geben, das dieſe Zeit noch in unend⸗ licher Ferne liegt“, ſagte der Paſtor ſalbungsvoll. „Aber Du haſt Recht; wenn Gott, was ich nicht fürchten mag und kaum denken kann, wenn Gott Dich abruft, ſo würden dieſe Umſtände eintreten. Und ſo meine ich denn“, fuhr er ſalbungsvoll fort,„daß es meine heilige Pflicht war und daß es gehandelt war im Geiſte unſeres Vaters, im Geiſte unſerer Ahnen, daß ich meinen Bruder mahne an das, was geſchehen muß. Es wird Dir ſicherlich nicht ſchwer werden, dieſe Papiere, dieſe Zeugniſſe Deiner Trauung und der Taufen Deiner Kinder, Dir zu beſchaffen. Der Prieſter welcher die Ceremonie vollzog, lebt doch noch, nicht wahr?“ Er hatte die Frage wider ſeinen Willen haſtig und raſch ausgeſtoßen und wider ſeinen Willen zeigten 63 ſeine Mienen die ungeheure Spannung, mit welcher er der Antwort entgegenharrte. Mit athemloſer Neu⸗ gierde heftete er den Blick auf die Lippen ſeines Bruders, als wolle er von dieſen jedes Wort haſtig hinuntertrinken. Der Baron ſah ihn mit einem langen forſchenden Blick an, und ein ſeltſames Lächeln, faſt ein verächt⸗ liches, umſpielte einen Moment ſeine Lippen. „Ja!“ ſagte er dann leiſe, jedes Wort betonend, „ja, beruhige Dich, mein lieber Bruder; der Prieſter, der meine Ehe eingeſegnet und meine Kinder getauft hat, lebt noch und ich denke, es wird mir wol gelingen, ſchriftliche Zeugniſſe von ihm zu erhalten, bevor noch die Zeiger meiner Lebensuhr ſtille ſtehen. Ich hoffe, ich werde dem Geſetze die ſchriftlichen Be⸗ weiſe meiner Trauung und der Legitimität meines Sohnes hinterlaſſen, damit die Erbſchaft nicht in Frage komme und Niemand behaupten könne, Marco von Schwing ſei nicht der legitime Sohn ſeines Vaters und nicht der berechtigte Erbe ſeiner Güter.“ „Das freut mich, das freut mich wirklich von ganzem Herzen“, ſagte der Paſtor, indem er ſich erhob. „Ich denke nun, es wird für mich die höchſte Zeit ſein, heimzukehren; mein Weib wird mit dem Mittagseſſen warten und der Gaſt wird wol auch ſchon gekommen 64 ſein; ich wollte aber eine heilige Pflicht, die ich als ſolche ſelbſt erſt in dieſer Nacht erkannt hatte, nicht länger hinausſchieben. Ich dachte, Gott würde es mir vergeben, daß ich mit geſchäftlichen Dingen ſeinen heiligen Tag entheiligte; darum kam ich her, um Dir dieſe Frage vorzulegen.“ „Und ich danke Dir dafür“, ſagte ſein Bruder, ihm die Hand darreichend; ich bin überzeugt, daß es nur Deine aufrichtige Liebe und Theilnahme war, die Dich alſo handeln ließ, und ich danke Dir nochmals für die Warnung, die Du mir ertheilteſt; denn Du haſt Recht, der Urwald hat mich in Unerfahrenheit und kindlichem Vertrauen erhalten über Vieles, was in der Welt wichtg zu ſein pflegt; ich werde von jetzt an lernen, bedächtiger zu werden.“ „Es ſoll mich freuen, wenn ich dazu die Veran⸗ laſſung geworden bin“, ſagte der Paſtor mit einem leiſen Neigen ſeines Hauptes und mit einem gezwungenen Lächeln.„Jetzt lebe wohl; ich denke, mein Sohn wird es vorziehen, noch bei Deinen Damen zu bleiben; ich will indeß mich beeilen, zur rechten Zeit heimzu⸗ kehren, denn Du weißt, doch vielmehr Du weißt es nicht— denn Deine Gemahlin hat nicht nöthig, ſich um dergleichen Dinge zu bekümmern, welche den wirk⸗ lichen Hausfrauen ſehr wichtig ſind— die Hausfrauen haben es nicht gern, wenn ihre Männer ſie mit dem Mittagseſſen warten laſſen; deshalb will ich gehen! Begleite mich nicht, erwarte die Deinen, indeß ich auf den Hof eile und von den ſchönen Rappen, Deinem Ge⸗ ſchenke, mich hinunterfahren laſſe in das Pfarrhaus. Er grüßte den Baron mit einem raſchen Kopf⸗ nicken und eilte davon. Als er allein dann in ſeinem Wagen war und die Rappen ihn hinuntertrugen den Weg entlang nach dem Pfarrhauſe, da wich der glück⸗ ſelige Ausdruck aus ſeinen Mienen und ſeine Stirn verfinſterte ſich.„Ich glaube“, murmelte er,„ich glaube, da hat meine unzeitige Neugierde mir einen ſchlimmen Streich geſpielt! Es wäre beſſer geweſen, ich hätte dieſe Frage unterlaſſen. Doch freilich, jetzt iſt es zu ſpät; wer konnte auch glauben, daß dieſer eitle Thor wirklich keine Zeug⸗ niſſe beſäße. Ich wünſchte, ich hätte ihn nicht darauf aufmerkſam gemacht, es wäre für mich und meine Pläne förderlicher geweſen. Wäre er geſtorben“, flüſterte er leiſe in ſich hinein und ein ſeltſames Blitzen war in ſeinen kleinen Augen,„ja wäre er ge⸗ ſtorben unvorbereitet, dann, wäre ich——“ Er ſagte nichts weiter, aber ſeine Augen funkelten höher auf und ein triumphirender Ausdruck ſprach aus ſeinen Mienen.. ☛ Nühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten III. Fünftes Kapitel. Geſtändniſſe. „Warum weinſt Du, mein geliebtes Kind?“ fragte Olympia am Nachmittage dieſes Tages, als ſie die Tochter allein im Gartenſalon fand. Marie erhob ſich von dem Flügel, auf dem ſchon lange ihre Hände geruht, ohne zu muſiciren. „Ich weine nicht, liebe Mutter“, ſagte ſie leiſe. Olympia nahm mit einem ſanften Lächeln die Hand der Tochter und führte ſie nach dem großen Spiegel hin, die zwiſchen den breiten Fenſterpfeilern angebracht waren. „Schau' Dich an, Marie“, ſagte ſie,„und dann wiederhole mir, daß Du nicht geweint haſt.“ Marie warf nur einen flüchtigen Blick auf ihr erröthendes Spiegelbild und dann mit einem leiſen ——— „— — 67 Seufzer ſchlang ſie die Arme um den Hals ihrer Mutter und barg ihr Haupt an deren Schulter. „Du weinſt ſchon wieder, Marie? Ich will Dir ſagen, was aus Deinen Lippen nicht hervorgehen will; ich will Dir ſagen, warum Du weinſt: Du haſt Ab⸗ ſchied genommen von Deinem lieben Vetter Georg und haſt gefühlt, daß er Dir mehr iſt, als ein Verwandter, haſt gefühlt, daß Du mit einer anderen glühenderen Liebe an ihm hängſt. Sage, iſt es nicht ſo?“ „Ja, meine theure Mutter, ja Du verſtehſt es, in meinem Herzen zu leſen, Du kennſt meine Seele, mein Herz und alle Gedanken“, flüſterte Marie, ſich inniger an ſie ſchmiegend. „Und er“, flüſterte Olympia leiſe,„er hat Dir geſagt, daß er ebenſo empfinde, nicht wahr?“ „Er hat mir geſagt, daß er mich liebt, und dann—“ „Und dann?“ fragte die Mutter, als ſie ſtockte. „und dann“, rief Marie, indem ſie das Haupt erhob und mit ſtrahlendem Lächeln ihrer Mutter in das Angeſicht ſchaute, dann, meine theure Mutter, haben wir die Hände ineinander gelegt und haben uns geſchworen, daß wir uns ewig lieben und unſere Eltern anflehen wollen, uns miteinander zu ver⸗ binden.“ 5* 68 „Und warum iſt denn Georg nicht gekommen und hat bei Deinem Vater um Dich geworben?“ fragte Olympia.— „Oh, er iſt ehrgeizig“, erwiderte Marie mit einem Ausdruck freudigen Stolzes;„er verſchmäht es, wie er ſagt, als ein armer Lieutenant zu dem reichen Baron von Schwing zu kommen, um zu werben um ſeine Tochter. Es könnte ausſehen“, ſo ſagt er,„als ob er die reiche Mitgift wohl bedacht hätte. Er will nicht eher kommen, um mich zu werben, bevor er nicht ſelber im Stande iſt, einen Hausſtand zu begründen und ein Weib zu ernähren. Und ich, meine Mutter, ich habe ihm darin Recht geben müſſen! Ich fühle wie er, und ich will nicht, daß man ſagen könnte, der junge Lieutenant von Schwing hat ſich eine reiche Frau gewählt. Darum warte ich lieber in ſtolzer, glücklicher Liebe, warte bis aus dem jungen Lieutenant ein Haupt⸗ mann geworden, dem man zugeſtehen muß, daß er aus Liebe geworben und nicht aus Egoismus.“ „Stolzes, liebes, thörichtes Kind“, ſagte Olympia lächelnd.„Weßhalb denn aus eitler, recht weltlicher Urſache ein Glück, das man heute haben kann, bis morgen, bis übermorgen verſchieben? Das Glück, mein Kind, geht auf flüchtigen, leicht beſchwingten Sohlen, und indem man es zu faſſen trachtet, iſt es vielleicht 69 ſchon entſchwebt. Darum, wenn es ſich uns naht, ſollen wir mit eiligen, freudigen Händen es erfaſſen und ihm ſagen:„Bleibe bei uns, wenn auch nur eine kurze Viertelſtunde; wir wiſſen, daß Du Gottes Engel biſt und wir wollen Dich genießen in gottſeliger An⸗ dacht und Freude!“ Warten wollt Ihr, bis Dein Georg weiter hinaufgeſtiegen iſt auf der Stufenleiter militäriſcher Grade? Haben wir gewartet, Dein Vater und Deine Mutter, als wir im Urwalde uns begegneten und fanden, haben wir gewartet, bis daß aus dem Blockhaus ein ſchönes Wohnhaus geworden, bis die Wälder ſich in Aecker und Gärten verwandelten? Das Glück muß man ergreifen, wenn es ſich darbietet. Und ſo will ich auch nicht, daß meine Tochter warte mit der Erfüllung ihres Wunſches. Weiß ich erſt, wie Dein Vater denkt und ob ihm der Schwiegerſohn willkommen, dann wollen wir nicht zögern, Dich glücklich zu machen. Ich gehe ſogleich zu Deinem Vater. Erwarte mich hier, und wenn er, wie ich nicht zweifle, Deine Liebe billigt, ſo wollen wir gleich heute, da Georg noch da iſt“, fügte ſie lächelnd hinzu,„gleich heute hinunterfahren nach dem Pfarrhauſe, und ich will verſuchen, die El⸗ tern Georg's für uns günſtig zu ſtimmen. Denn Du weißt wol, Kind, nicht wir ſind es, welche dem herz⸗ lichen Einvernehmen zwiſchen der Paſtorsfamilie und 70 der unſeren widerſtehen; nicht wir ſind die Stolzen und Hochmüthigen. Aber keine Vorwürfe jetzt, erwarte mich.“ Und Olympia begab ſich hinauf in das Wohnge⸗ mach ihres Gatten, den ſie an ſeinem Schreibtiſche be⸗ ſchäftigt fand. „Störe ich Dich?“ fragte ſie zögernd an der Thür ſtehend. Er erhob ſich ſogleich und legte die Feder nieder und ſchaute zu ihr hin mit einem glücklichen Lächeln. „Du ſtörſt mich niemals, Olympia, Du bringſt immer das Glück und die Freude mit.“ „Und jetzt hoffe ich, daß ich es doppelt thue“, ſagte ſie, indem ſie zu ihm heranſchritt und ſich zärt⸗ lich an ihn ſchmiegte:„Es iſt nicht blos für uns Beide das Glück und die Freude, die ich bringen möchte, ſondern das Glück für zwei andere zärtliche und liebende Herzen. Marie hat mir eben ein Geſtänd⸗ niß gemacht, mein Freund; Georg liebt ſie und ſie er⸗ widert ſeine Liebe.“ „Ich ahnte das längſt“, nickte der Baron.„Ich ſah ſchon in Königsberg, mit welcher zärtlichen Gluth ſein Auge auf ihr ruhte.“ „Und ſie erwidert ſeine Liebe“, ſagte Olympia lächelnd.„Sie haben einander, wie es Liebende thun, geſchworen, daß ſie ſich treu ſein und nimmer von 71 einander laſſen wollen. Aber der liebe Georg iſt ſtolz und er will nicht kommen, jetzt ſchon um unſere Toch⸗ ter zu werben, weil er nur ein kleiner Lieutenant iſt. Er will warten, bis er einen höheren Grad erreicht hat.“ „Das gefällt mir an ihm“, ſagte der Baron mit einem freundlichen Kopfnicken.„Das zeigt, daß er ein edles Herz und einen ſtolzen Sinn hat; jetzt erſt recht heiße ich ihn willkommen als unſeren Sohn, wenn Du mit mir übereinſtimmſt.“ „Gewiß, von ganzem Herzen“, ſagte Olympia, „die Hauptſache iſt, die jungen Leute lieben ſich; alles Andere wird ſich dann fügen. Nun bleibt nur noch zu erörtern, ob ſeine Eltern auch ihre Einwilligung geben. Du weißt, ſie ſind hartherzig und ſtolz und kalt; ſie ſind Beide neidiſch auf Dich über das, was Du Dir in ſchwerer Arbeit und jahrelanger Mühſal erworben und errungen, obwol ſie ihren Neid und ihre Mißgunſt unter frommen, demüthigen Worten verhüllen. Vergib mir, daß ich ſo ſpreche; aber ich thue es nur, weil ich das ernſte Beſtreben habe, ein gutes Ver⸗ nehmen mit unſeren Verwandten wiederherzuſtellen, und weil man deshalb mit klarem Blick ihre Schwächen ſich bewußt machen muß. Du ſollſt heute nicht umſonſt uns aus dem heiligen Buche vorgeleſen haben. Ich ſah wol, mein theurer Freund, wie Deine Blicke ſich auf mich wandten, als Du aus der Bergpredigt die ſchönen Worte laſeſt, die ich mir tief im Herzen be⸗ wahre und die alſo lauten: So ihr liebet, die Euch lieben, was werdet ihr für Lohn davon haben! Thun nicht daſſelbe auch die Zöllner? Und ſo ihr nur zu euren Brüdern freundlich ſeid, was thut ihr Sonder⸗ liches? Thun nicht die Zöllner auch alſo? Sei will⸗ fährig Deinem Widerſacher bald, dieweil Du mit ihm auf dem Wege biſt, auf daß Dich der Widerſacher nicht überantworte dem Richter und der Richter überantworte Dich dem Diener. Darum wenn Du Deine Gabe auf dem Altar opferſt und wirſt allda eingedenk, daß Dein Bruder etwas wider Dich habe, ſo laß allda auf dem Altar Deine Gabe und gehe zuvor hin und verſöhne Dich mit Deinem Bruder und alsdann opfere Deine Gabe. Und ſo will ich denn“, fuhr Olympia mit ſtrahlenden Augen fort,„ſo will ich denn, bevor ich hingehe und opfere auf dem Altar Gottes, welcher die Liebe iſt, opfern die Tochter, die er uns gegeben und die er durch die Liebe von uns führen will; ſo will ich denn hingehen und verſuchen, unſeren Bruder und unſere Schweſter zu verſöhnen und aus ihrer Miß⸗ ſtimmung ſie und uns zu erlöſen. Darum komme ich zuerſt zu Dir, um zu fragen, ob Du Deine Einwilli⸗ gung geben, und ob Du es mir geſtatten willſt, zuerſt die liebe Frau Paſtorin gewiſſermaßen zu ſondiren, dann ſie nach und nach zu verſöhnen und unſeren VWinſchen geneigt zu machen“, ſagte Olympia mit ſcherzhaftem Tone. „Ich überlaſſe Dir Alles“, erwiderte er mit einem Kuß auf ihre ſchönen Augen, die zu ihm emporgerichtet waren.„Du weißt es wohl, Olympia, Deine Augen ſind wie die Sterne, und ſie ſchauen hinein in die Herzen der Menſchen und verſtehen, darin zu leſen. Darum thue, wie Du willſt, und wiſſe, daß ich in Allem mit Dir Eins bin und Aien meine Zuſtimmung gebe, was Du beſchloſſen haſt „Ich danke Dir, Alphons“, ſagte ſie, mit ihrer kleinen Hand zärtlich ſeine Wangen ſtreichelnd.„So will ich nun gleich mit Marie hinunterfahren in den Pfarrhof. Ich gönne den jungen unſchuldigen Herzen noch ein Wiederſehen, noch ein letztes Abſchiednehmen, bevor Georg morgen von dannen zieht. Ich denke, daß es in allen Dingen heißen muß, wie Chriſtus ſprach: „Was Du thun willſt, thue bald.“ Und ſo will ich denn gleich mein Werk der Verſöhnung beginnen, wenn es auch nicht leicht ſein wird. Die gute Frau Paſtorin hat mich kränken wollen, ſie hat eine Gabe, die ich ihr aus zärtlicher Zuneigung ſendete, zurückgewieſen.“ „Und davon ſagteſt Du mir nichts 2 74 „Weshalb?“ fragte ſie.„Weshalb mit den kleinen Tracaſſerien und Nadelſtichen, mit denen Weiber ſich zu verletzen trachten, auch Dich, meinen edlen Herrn, beunruhigen? Ich werde auch der Frau Paſtorin kein Wort davon ſagen, ſondern verſuchen, ob ich mit Freund⸗ lichkeit und Milde ihren Mißmuth ſänftigen kann.“ „Ich denke wol, es wird Dir gelingen mit dieſen Augen und dieſem holden Lächeln“, ſagte ihr Gemahl, ſie zärtlich an ſich drückend.„Geh', Olympia, und in der That, wenn es Dir nicht gelingt, den Teufel des Hochmuths und des Neides in dieſer frommen, chriſt⸗ lichen Frau zu beſiegen und zu beſchwören, dann iſt ſie wahrlich dem Teufel verfallen, ſo ſehr ſie auch meint, eine rechte, fromme und chriſtliche Paſtor'sfrau zu ſein.„Geh, meine theure Olympia.“ Eine Viertelſtunde ſpäter rollte der offene Kaleſch⸗ wagen, in welchem die Baronin mit ihrer Tochter in den Pfarrhof fuhr von dem Schloß hernieder. Der Baron ſtand am Fenſter und ſah ihnen nach, ſo lange, bis in dem aufwirbelnden Staube in der Ferne das Bild ihm entſchwand. Ein wehmüthiger Ausdruck ſprach aus ſeinen Mienen und ein ſchwerer Seufzer hob ihm die Bruſt. „Sie ſind die beiden Engel meines Daſeins“, ſagte er leiſe zu ſich ſelber.„Das Leben mit ihnen — „— — „— 75 ſcheint mir ſo ſonnig, ſo ſchön und herrlich, daß ich meine, im Paradieſe zu ſein, und daß ich bei ihnen zuweilen ein Gefühl habe, als möchte ich die Augen ſchließen und ſo in ſeliger Stille nur immer weiter athmen und träumen. Muß denn dieſes Glück ſchon ſo bald ſchwinden“, fragte er mit leiſem, ſchmerzlichem Tone,„muß ich ſie denn ſo bald verlaſſen? Ach, der Schmerz hier in meiner Bruſt gibt mir Antwort; er ſagt:„Ja, Du mußt! Aber ich will nicht, ich will nicht!“ ſchrie er dann auf einmal mit lauter Stimme. „Nein, ich will leben, ich will nicht von hinnen gehen! O Gott, das Leben iſt ja ſo ſchön, liegt in ſo ſonniger Herrlichkeit vor mir! Muß denn der Schatten des Todes ſchon über demſelben hingehen? Ich bin ja noch in dem kräftigen Mannesalter und ſollte ſtark ſein und in der Fülle der Geſundheit und Kraft. Was habe ich denn gethan, daß ich ſo leiden muß? Und weshalb ſtellt ſich meinem ſonnigen Glücke der Tod in ſo finſterer Geſtalt gegenüber? Weshalb muß ich an das Sterben denken, da Alles mich zum Glück, zur Freude lockt? O ſtill, ſtill, mein Herz“— unterbrach er ſich dann auf einmal—„Du wirſt es lernen müſſen, dem Unvermeidlichen, dem Entſetzlichen feſt ins Auge zu ſchauen! Du mußt auch dem Tode gegenüber ein Mann ſein, und vielleicht“, fügte er aufathmend hinzu, „vielleicht ſehe ich die Dinge auch ſchwärzer als ſie ſind vielleicht gibt es noch für mich Geneſung. Ich will darauf hoffen. Man hofft ja ſo gern, was man ſehn⸗ lichſt wünſcht! Ja, ich will darauf hoffen! Morgen wird der Arzt kommen und ich werde ganz rückhaltslos mit ihm ſprechen und begehren, daß er rückhaltslos und ehrlich mir antworte. Still, mein Herz, hoffe noch.“ Die Damen ahnten nichts von den traurigen Ge⸗ danken, mit welchen der Baron ihnen nachſchaute. Sie plauderten herzlich und lächelnd mit einander auf dem Wege zum Pfarrhauſe. Dann, unweit von demſelben, ſtiegen ſie aus, bedeuteten dem Kutſcher, nach einer Stunde hierher zurückzukommen und ſie zu erwarten. „Wir wollen zu Fuß zu ihnen gehen“, ſagte Olym⸗ pia,„zu Fuß, um der lieben Frau Paſtorin keinen An⸗ ſtoß zu geben.“ „Laß uns hier in den Garten eintreten, theuerſte Mama“, ſagte Marie, indem ſie die kleine Seitenthür öffnete, welche in den Gemüſegarten führte.„Ich kenne hier alle Wege und Stege“, fuhr ſie fort, indem ſie die Mutter lächelnd durch das Gebüſch führte, welches den Gemüſegarten von dem Blumengarten trennte.„Dort am Ende des Weges, in der breiten Laube, ſitzt die Familie bei einander. Komm, wir wollen zu ihnen gehen.“ 77 Als ſie jetzt den breiten Weg hinaufgingen, tönte aus der Laube ein freudiger Schrei und mit ausge⸗ breiteten Armen ſtürzte Sophie ihnen entgegen. „Willkommen, von ganzer Seele! Willkommen, theure Tante und Du meine geliebte Couſine“, rief ſie mit freudeſtrahlendem Angeſicht, ſie Beide umſchlingend. „Ach, welch' ein himmliſcher Gedanke von Euch, daß Ihr zu uns kommt! Laß mich Deine lieben Hände küſſen, Tante Olympia, und Du, Marie, laß Dir ge⸗ ſagt ſein, daß Ihr mir den Sonntag zu einem Glücks⸗ tag macht und—“ „Aber Sophie! Wie kann man nur ſo ſtürmiſch ſein!“ rief die Paſtorin aus der Ferne ihr zu.„Und wie kannſt Du nur gegen alle Form und Sitte Deinen Eltern voranſchreiten. Mir ziemt es, zuerſt die Frau Baronin zu begrüßen in unſerem beſcheidenen und arm⸗ ſeligen Heim und der Frau Baronin zu ſagen, wie ſehr ich mich geehrt fühle durch dieſen unerwarteten Beſuch.„Freilich, es wäre mir lieber geweſen, wenn die Frau Baronin ſich ſchon vor einigen Stunden hätte bei mir anmelden laſſen; ich hätte dann meine Vorbereitungen machen können.“ „Liebe Schwägerin“, unterbrach ſie Olympia, in⸗ dem ſie ihr die Hand mit einem ſanften Lächeln auf den Arm legte,„liebe Schwägerin, weshalb denn ſo 78 förmlich? Sind unſere Männer nicht Brüder, wollen wir alſo nicht Schweſtern ſein?“ Es lag etwas ſo Liebliches, Sanftes in der Art, mit welcher ſie ſprach, es leuchtete eine ſo edle Milde aus ihrem Angeſicht, daß Sophien Thränen der Rüh⸗ rung in die Augen ſtiegen. Aber die Frau Paſtorin ſchaute ſie an mit einem harten und kalten Aus⸗ druck. „Sehr gütig, liebe Baronin“, ſagte ſie,„aber ich fürchte, der Reſpect vor meiner Gutsherrin wird mich nicht dazu kommen laſſen, in meiner Demuth mich ſelber ſo ſehr zu vergeſſen, daß ich mir erlauben könnte, Sie meine„Schweſter“ zu nennen.“ „Aber liebe Schwägerin“, lächelte Olympia,„ich bitte, daß Sie es verſuchen wollen.“ Sie reichte ihr ihre beiden Hände mit einem zärt⸗ lich bittenden Ausdruck hin. Doch die Paſtorin ſchien dieſe Hände gar nicht zu ſehen, ſondern neigte nur ſtolz wie zum gnädigen Gruße das Haupt ein wenig. „Ich will mir alle Mühe geben, meine chriſtliche Demuth zu bezwingen“, ſagte ſie,„ohne doch den Ab⸗ ſtand zu vergeſſen, der zwiſchen Ihnen, der Frau Ba⸗ ronin, und mir, der demüthigen Paſtorin, herrſcht.“ „Und Sie, lieber Schwager“, ſagte die Baronin, ſich an den Paſtor wendend, der langſam jetzt hinter 79 ſeiner Frau herangekommen war,„heißen Sie mich will⸗ kommen oder ſtöre ich Sie in Ihrem ſtillen Sonntags⸗ glück? Dann ſagen Sie es und wir wollen gleich wie⸗ der von dannen gehen.“ „Gewiß nicht, Frau Baronin, im Gegentheil“, ſagte der Paſtor, mit ſtolzer Würde ſich vor ihr nei⸗ gend,„wir fühlen uns beglückt, ſehr geehrt durch Ihren Beſuch, und nichts kann uns ſtören in unſeren Sonn⸗ tags⸗Empfindungen; denn in uns iſt Alles ſtill und rein und keine Störung der Außenwelt kann dieſe Sonntagsſtille unterbrechen. Seien Sie alſo herzlich willkommen, und wenn es Ihnen gefällig iſt, ſo neh⸗ men Sie mit uns Platz in der ſchattigen Laube. „Ach, das war ein gutes Wort, ich danke Ihnen dafür“, ſagte Olympia hoch aufathmend.„Geben Sie mir den Arm, lieber Schwager, und führen Sie mich, wohin Sie wollen. Ich folge Ihnen gerne.“ Sie nahm den Arm des Paſtors, den er ihr nicht darreichte, und ging mit ihm den Weg hinauf, gefolgt von der Paſtorin, die mit düſterem Blicke die ſchöne Erſcheinung betrachtete. Unfern von der Laube blieb die Baronin indeß ſtehen und ſchaute ein wenig be⸗ fremdet hin auf die Geſtalt, welche ſich jetzt in der Laube zeigte. Es befand ſich ein junger Mann darin von hoher, ſchlanker Geſtalt, ein jugendliches, obwol 80 bleiches Geſicht, über der breiten Stirn die langen lockigen Haare geſcheitelt, wie man es auf den Chriſtus⸗ bildern ſieht, unter dichten Augenbrauen ein Paar große blaue Augen mit ſeltſam forſchendem Blicke. Die große, fein gebogene Naſe gab dem ſchmalen Geſichte einen ſcharfen, adlermäßigen Ausdruck, und eigenthümlich con⸗ traſtirte zu dieſem Obergeſicht der große Mund mit en aufgeworfenen dicken Lippen, um welche ein ſpöt⸗ tiſches Lächeln ſpielte; das ſtark hervorragende Kinn war glatt und bartlos. Stirn und Auge zeigten von Geiſt und Energie, Mund und Kinn verriethen gemeine Sinnlichkeit und gemeinen Sinn. Die hohe, breitſchul⸗ terige Geſtalt hatte etwas Elegantes und Einnehmen⸗ des und würde jedem ariſtokratiſchen Salon Ehre ge⸗ macht haben, wenn ſie in einem modiſchen Anzuge ſich dargeſtellt hätte. Aber während der Obertheil ganz nach der neuen Mode ſich präſentirte mit der weißen, untadeligen Kravatte, der ſeidenen Weſte, aus welcher ein ſpitzenbeſetztes und gekniffenes Jabot hervorſchaute, gab ihr der lange ſchwarze Rock zugleich etwas ſeltſam Ehrwürdiges, welches weder zu der Geſtalt, noch zu dem jugendlichen Angeſicht paßte und einen eigenthüm⸗ lichen Eindruck machte: den Eindruck der Abſichtlichkeit und der Heuchelei. „Kommen Sie näher, mein Freund“, ſagte der 81 Paſtor, dem jungen Manne zuwinkend,„und Sie, liebe Schwägerin, erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Freund vorſtelle, den Herrn Candidaten Johannes Streber, Hauslehrer in dem nahe gelegenen Schloſſe der Frau Gräfin Liebetraut.“ Der junge Mann kam langſam herangeſchritten und verbeugte ſich vor der Frau Baronin. „Ich habe ſchon die Ehre gehabt, mich auf dem Schloſſe des Herrn Baron von Schwing zu präſentiren“, ſagte er mit etwas ſchnarrender Stimme.„Aber ich habe keine Gnade gefunden. Man hat mich nicht an⸗ genommen.“ „Wir leben ſehr zurückgezogen“, ſagte die Baronin, „wir ſehen niemals Geſellſchaft bei uns.“ „Das iſt ja der Kummer des hohen Adels in der ganzen Umgegend“, erwiderte Johannes Streber.„Alle Welt ſpricht von dem liebenswürdigen freiherrlichen Paare, welches hier auf dem Schloſſe reſidirt, und alle Welt wäre neugierig, die intereſſante Bekanntſchaft zu machen, aber alle Welt wird leider enttäuſcht. Die Frau Gräfin, meine Herrin, iſt ganz entzückt von der Frau Baronin von Schwing und ihrer Tochter, welche ſie in Königsberg, wenn auch nur von fern geſehen hat, und ſie ſagte, daß ſie glücklich ſein würde, wenn Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. III. 6 82 es ihr geſtattet wäre, einen ſo intereſſanten Umgang zu kultiviren.“ „Das iſt ſehr gütig von der Frau Gräfin von Liebetraut“, erwiderte Olympia lächelnd,„indeß ich wiederhole, wir lieben die Zurückgezogenheit, an welche wir durch unſeren langen Aufenthalt in dem Urwald gewöhnt ſind. Und jetzt, liebe Schwägerin“, fuhr ſie fort, ſich an die Paſtorin wendend,„jetzt bitte ich Sie, geben Sie mir eine Taſſe von dem Kaffee, der mir ſo prächtig entgegenduftet.“ Während die Baronin ihren Platz in der Laube ein⸗ nahm, waren die jungen Mädchen wieder zurückge⸗ gangen in den Garten; Arm in Arm wandelten ſie die breite Allee hinunter, nur zuweilen ſich zunickend und lächelnd, aber ſchweigend, als fürchteten ſie immer noch, daß die ſcharfen Ohren der Paſtorin ſie hören möchten: Doch jetzt, als ſie in das Gebüſch eintraten und als die grünen Zweige ſie verbargen vor den Ohren und Augen der Lauſcher, da blieben ſie ſtehen und ſchauten einander an mit zärtlichem Blick und freundlichem Lächeln. „Meine Schweſter, meine liebe Schweſter!“ flüſterte Marie mit einem ſeligen Ausdruck die Freundin um⸗ ſchlingend. 83 „Schweſter?“ fragte Sophie ſanft.„Darf ich Dich verſtehen Marie?“ Sie lehnte ihr erröthendes Geſicht auf die Schul⸗ ter Sophiens. „Georg liebt mich! Er hat es mir heute geſagt, und ich habe ihm geſtanden, daß ich ihn wieder liebe, und dann haben wir uns geſchworen, daß wir einan⸗ der treu ſein wollen, ſo lange wir leben.“ „O ihr Glücklichen, ihr Geſegneten ¹“ rief Sophie mit aufſtrahlendem Angeſicht.„Ich wußte wol, daß Georg Dich liebt; aber ich fürchtete, er würde nicht den Muth haben, es Dir zu ſagen, und ich wußte auch nicht, ob Du ſeine Liebe erwiderteſt. Und nun hat ſich Alles ſo herrlich und köſtlich gefügt! Nun ſcheint es mir, als ob ein Strahl Eures Glückes über mein armes gequältes Herz hinzöge. Aber ſprechen wir nicht von mir! Ihr ſeid glücklich, denn ihr liebt Euch Möge nun ein gütiges Geſchick geben, daß nichts Euer Glück trübe. Sage mir“, fragte ſie leiſe und gedanken⸗ voll,„ſage mir, glaubſt Du denn, daß Deine Eltern einwilligen werden? Glaubſt Du denn, daß Deine Mutter ſo mild und groſ müthig ſein könnte, zu vergeſſen, was meine Mutter ihr Schlimmes ge⸗ than?“ „Meine Mutter willigt ein“, lächelte Marie.„Ich 6* inneres Leben, all meine Gedanken und all mein Em⸗ habe kein Geheimniß vor ihr; ich habe gleich, nachdem Georg fort war, ihr Alles geſagt, und ſie ſprach mit meinem Vater. Ach, ſie Beide lieben mich ſo ſehr, daß ſie meinem Glücke kein Hinderniß in den Weg ſetzen wollen; Du ſiehſt es, denn wir ſind hier.“ „Ja, Ihr ſeid hier“, ſagte Sophie gedankenvoll, „das heißt, Deine Mutter iſt in ihrer edlen Großmuth gekommen, um diejenigen zu verſöhnen, welche ſie nie beleidigt hat. Aber meine Mutter! Glaubſt Du, Marie, daß meine Mutter einwilligen wird? Ach, Du glückſelige Tochter, Du ſagſt, daß Du kein Geheimniß vor Deiner Mutter haſt! Und ich? Mein ganzes pfinden iſt ein Geheimniß vor meiner Mutter, und ich muß ſorgſam bemüht ſein, daß ſie es nicht erkennen und enträthſeln kann; denn ich weiß, daß ſie mir zür⸗ nen, mich verſpotten und verhöhnen würde. O, Marie“, ſagte ſie mit ſchmerzlich zitternder Stimme,„ich bitte 3 Dich, denke nicht ſchlecht von mir, ſage nicht, daß ich eine böſe Tochter bin, weil ich ſo zu Dir rede. Aber ſieh, ich bin allein, ganz allein in der Welt! Ich habe, Niemand, mit dem ich ſprechen, dem ich meine Noth. klagen, dem ich mich anvertrauen könnte! Und ich bin doch ſo unglücklich! Du ſprichſt mit Deiner Mut⸗ ter, Du vertrauſt ihr die tiefſten Geheimniſſe Deines E 85 Herzens, und ich muß darnach trachten, Alles zu unter⸗ drücken und zu verbergen, was mein Herz bewegt, da⸗ mit die ſcharfen Blicke meiner Mutter nicht darüber hinfahren, wie der Sturmwind über die jungen Saa⸗ ten, und Alles vernichten. Glaube mir“, fuhr ſie mit glühenden Wangen fort,„ich zürne mir, daß ich ſo ſprechen kann; aber es iſt nicht meine Schuld, daß ich ſo bin, wie ich bin! Es iſt nicht meine Schuld, daß ich in dieſem chriſtlichen Hauſe geboren bin! Meine Hände wollen ſich nicht zum Gebete falten, meine Ge⸗ danken wollen ſich nicht immer auf die düſteren Bilder, die man mir darſtellt, auf die Vergänglichkeit alles Irdiſchen richten. Ich kann nicht immer vom „Jammerthal“ ſprechen, während mir doch die Welt ſo glücklich und herrlich erſcheint, und während ich ſie mit allen meinen Sinnen doch genießen möchte!“ „Ja, Du haſt Recht, meine theure, geliebte Freun⸗ din“, ſagte Marie, mit ſanfter Hand die erglühten Wangen Sophiens ſtreichelnd,„Du haſt Recht, die Welt iſt ſo ſchön, und ſie iſt ſo gemacht, damit die Menſchen glücklich ſein ſollen.“ „Glücklich?“ fragte Sophie mit ſpöttiſchem Aus⸗ drucke; wenn meine Mutter uns hörte, ſo würde ſie Dir ſagen und erklären, daß es kein Glück gibt! Nein, man ſoll im Staube liegen und beten, ſich die Bruſt 86 zerſchlagen und ſich anklagen als Sünder; die Welt verachten und alle Anderen, welche glücklich und zu⸗ frieden ausſchauen, verdammen und ſie Sünder nennen. Das iſt das Glück, das wahre Chriſtenthum; ſo ſpricht meine Mutter und ſo lehrt es mein Vater. Und ich kann es nicht glauben, kann es nicht!“ rief ſie ganz laut.„Früher, da wußte ich nicht, wie unglücklich ich ſei! Ich verſtand nicht die tiefe Traurigkeit meines Weſens; ich ging dahin wie unter einer düſteren Wolke, die über mir hing, und dachte, daß es ſich gar nicht der Mühe verlohne, zu leben; klagte nur zu Gott, den ich nicht begreifen konnte, weil die ganze Natur in ihrer Schönheit und Pracht ſo wenig ſtimmte zu dem düſteren traurigen Gotte, den man mich kennen gelehrt; klagte über meine unſelige Einſamkeit und über mein eintöni⸗ ges Daſein und bat ihn, mich von hinnen zu nehmen, da man mir geſagt, dort oben ſei die Heimat der un⸗ glückſeligen Menſchen. Da auf einmal, da kommt Ihr Und wie ich Eure lieben zärtlichen Geſichter ſah, wie ich Euch zu einander ſprechen hörte in Freudigkeit und in Liebe, da war es mir, als ginge plötzlich die Sonne auf, und Alles ſchien mir neu und verwandelt. Und ich ſagte zu mir: Es iſt nicht wahr, daß die Men⸗ ſchen böſe ſind; es iſt nicht wahr, daß die ganze Menſch⸗ heit in Sünden liegt und daß die Welt ein Jammer⸗ thal iſt. Seitdem bin ich vielleicht noch unglücklicher, aber ich habe doch den Troſt, daß man aus dieſem Unglück herauskommen kann, daß es eine Welt da draußen gibt, die ſo ſonnig iſt und hell, in der die Blumen blühen und die Vögel ſingen, wo die Men⸗ ſchen lachen und fröhlich ſind, ohne zu denken, daß das eine Sünde ſei. Ja, Ihr habt mir den Tag aufgehen laſſen, und dafür danke ich Euch, danke Euch mit den Thränen, die ich in mancher ſtillen Nacht weine. Aber“, fuhr ſie fort, indem ſie mit haſtiger Hand ſich die Thränen aus den Augen forttrocknete,„es iſt un⸗ recht, und egoiſtiſch, daß ich von mir ſpreche und da mein Leid und meinen Jammer klage, während ich mich doch nur freuen ſollte über Dein Glück. Wir wollen miteinander verabreden, was wir thun können, um den harten Sinn meiner Mutter zu ſänftigen, daß ſie keinen Schatten über Euer junges Liebesglück werfe!“ „Sage mir nur, was thaten wir eigentlich, das Deine Mutter gegen uns erbittert hat?“ fragte Marie leiſe.. „Was Ihr thatet?“ erwiderte Sophie mit einem ſpöttiſchen Ausdruck.„Ihr waret glücklich, Marie! Die Augen meiner armen Mutter ſind geblendet von der trüben Dämmerung, welche immer in unſerem Hauſe 88 herrſcht, und es thut ihr deshalb in den Angen weh, Andere glücklich und im Sonnenglanze daſtehen zu ſehen. Vergib es ihr, ſie hat vielleicht eine trübe Ju⸗ gend gehabt! Man hat in dem frommen, cchriſtlichen Pfarrhauſe, aus dem ſie ſtammt, wol alle Blüthen ihrer Jugend in dem Keime ſchon erſtickt und aus ihr eine fromme, gottſelige Frau gemacht. Ich wollte, ich hätte von ihr die fromme Gottſeligkeit geerbt; es würden dann keine Kämpfe in mir ſein; ich wäre vergnügt in dieſer trüben Atmoſphäre, in der ich lebe und von der ich fürchte, daß ſie mich beſtimmt haben, darin weiter⸗ zuleben.“ „Wie meinſt Du das?“ fragte Marie, verwundert aufſchauend in das Angeſicht der Freundin, deren Wangen bleich geworden und deren Mienen einen ge⸗ häſſigen Ausdruck angenommen hatten. „Wie ich das meine?“ fragte Sophie haſtig.„Ich will Dir's ſagen, denn ich muß meinen Jammer, mei⸗ nen Zorn und meine Verzweiflung wenigſtens aus⸗ ſprechen können. Haſt Du den Menſchen geſehen, der in der Laube ſtand, während wir den Weg herauf⸗ kamen?“ „Ja, und ich bekenne auch, daß er mir nicht ſehr gefiel“, erwiderte Marie. „Es iſt der Candidat Johannes Streber“, rief — ꝙ7 89 Sophie,„dieſer heuchleriſche Menſch, der mit frommen Worten und lüſternen Blicken umhergeht, der in Gegen⸗ wart meiner Eltern ſtets den chriſtlichen jungen Prieſter ſpielt, und wenn er allein mit mir iſt, ſich nicht entblö⸗ det, mit frecher und widerlicher Aufdringlichkeit von ſeiner Liebe zu mir zu reden. O, es iſt empörend, nur das Wort auszuſprechen, wenn man ſeinen Namen nennt! Und denke nur Marie, dieſer Menſch mit dem lüſternen Geſicht und den ſcheinheiligen Mienen, dieſer Menſch erlaubt ſich zu denken, daß er mein Gatte werden, daß ein Tag kommen könnte, wo ich meine Hand in die ſeine legen und mit ihm zum Altare treten könnte—“ „Still, ſtill!“ unterbrach ſie Marie haſtig. In demſelben Augenblick theilte ſich hinter ihnen das Gebüſch und Herr Johannes Streber ſchaute mit ſanftem Blick und lächelndem Munde hervor. „Ich bitte um Vergebung, daß ich mich erfreche, das ſüße Geheimniß dieſer Laube zu ſtören“, ſagte er, und es klang ein wenig wie Spott und Hohn in ſei⸗ ner Stimme.„Ich komme aber nicht im eigenen frechen Erdreiſten, ſondern ich komme im Auftrag der Frau Paſtorin, welche die jungen Damen erſucht, in die vordere Laube zu kommen und dort den Kaffee zu trinken.“ „Ich bitte, daß Sie die Güte haben wollen, uns 90 zu entſchuldigen“, erwiderte Marie raſch.„Wir wollen keinen Kaffee; wir ſind zufrieden, wenn wir die ſchöne, friſche Gottesluft trinken können.“ Er neigte leiſe ſein Haupt. „Ich wollte, ich wäre die Luft, die von dieſen Lippen getrunken wird“, ſagte er lächelnd. Wie, mein Herr“, rief Sophie mit einem ſpöttiſchen Lachen,„wie, an einem heiligen Sonntage wagen Sie es, ſo weltliche, unheilige Worte zu ſprechen?“ „Unheilige Worte?“ ſagte er, ſein Auge mit einem raſchen Blitz auf Sophiens Antlitz heftend.„Warum nennen Sie Worte der Liebe unheilige Worte, da ſie doch einem Herzen voll Reinheit und Tugend entſtrö⸗ men, und wie ich hoffe, an ein Herz voll Reinheit und Tugend ſich wenden, das—“ „Genug, Herr Johannes Streber, genug!“ unter⸗ brach ihn Sophie mit ſtolzem Ausdrucke.„Sie ſind ein Mann Gottes, und Sie verſtehen gar nichts von der Liebe! Ihnen iſt die Welt ein Jammerthal, und ich hörte Sie erſt vorhin mit meinem Vater darüber ſprechen, daß die Menſchheit in Sünde verfallen ſei, und daß die Erde nichts weiter ſei als ein großes Zuchthaus für dieſe ſündige Menſchheit. Nun will ich Ihnen nur ſagen, daß mir die Welt ganz anders er⸗ ſcheint, und daß wir daher gar nicht für einander „— „——— 91 paſſen, weder mit unſeren Gedanken, noch mit unſeren Wünſchen, noch mit unſeren Plänen und unſeren An⸗ ſichten.— Siehe, da kommen unſere Brüder!“ unterbrach ſie ſich auf einmal, und über das erzürnte Geſicht flog ein Strahl der Freude.„Willkommen, Georg! Will⸗ kommen Marco!“ Sie ſtreckte den beiden jungen Männern, die eben durch das Gebüſch heranſchritten, ihre beiden Hände entgegen und nickte ihnen freundlich zu. Marco und Georg begrüßten die Damen mit freundlichen Worten und erzählten ihnen von dem langen Spazierritt, den ſie miteinander gemacht. In ihrem fröhlichen Geplauder ſchienen ſie den Herrn Candidatus Johannes Streber, der mit ſeinem ſüßlichen Lächeln und ſeiner uner⸗ ſchütterlichen Ruhe immer noch am Eingang der Laube ſtand, gar nicht zu bemerken. „Weißt Du, Sophie“, ſagte Georg, ſich an ſeine Schweſter wendend, während er ſich doch eilends an die Seite von Marie begeben hatte,„weißt Du, die Mutter ſchickt uns, Euch nach der Laube zu holen; doch wir erfrechten uns, zu erwidern, daß Ihr gar nicht Luſt hättet, Kaffee zu trinken, und wir kommen vorzuſchlagen, daß wir miteinander hinaufgehen in Dein Zimmer, um ein wenig zu muſiciren.“ „Ja, das iſt ein herrlicher Gedanke“, nickte Sophie 92 „komm, Marie, wir wollen hinaufgehen und mit den Brüdern muſiciren.“ Herr Johannes Streber trat ihr entgegen und ſein Angeſicht hatte einen entſchloſſenen, feſten Aus⸗ druck angenommen. „Einen Augenblick, meine theure Freundin“, ſagte er mit vollkommen ruhiger Stimme,„einen Augenblick! Ich begreife, daß Sie in der Freude des unerwarteten Wieder⸗ ſehens mit den vielleicht ſchon lange vermißten Herren eine ſo armſelige Perſon, wie ich es bin, vergeſſen haben. Doch Sie werden entſchuldigen, wenn ich aus dieſem Vergeſſen hervorgehen möchte und Sie bitte, mich mit den beiden Herrn näher bekanntzumachen.“ „Nicht nöthig, mein Herr Candidat Johannes Streber“, ſagte Marco, ſein Haupt ſtolz zurückwerfend. „Ich zum mindeſten bin mit Ihnen bekannt und weiß genug von Ihnen.“ „Ich habe auch das Vergnügen, den Herrn Can⸗ didaten Johannes Streber zu kennen“, ſagte Georg mit einem ſpöttiſchen Ausdruck, das Haupt neigend. „Ich weiß, daß derſelbe ein Freund meines Vaters i*ſt, und ich werde natürlich als ſolchen ihn ehren und anerkennen. Jetzt, meine Damen, jetzt laßt uns hin⸗ aufgehen in Dein Zimmer, Sophie, um zu muſiciren.“ „Fräulein Sophie“, ſagte Johannes Streber mit 8„ „A ——— ſeiner unerſchütterlichen Ruhe,„erlauben Sie, daß ich Ihnen den Arm biete, um Sie hinaufzuführen in Ihr 1 Zimmer, denn Sie werden es mir nicht verſagen, daß ich theilnehme an Ihren muſikaliſchen Genüſſen. Ich ſelber liebe die Muſik und— 1 Aber ſie hörte ihn nicht mehr; die jungen Mädchen waren Arm in Arm an ihm vorübergeſchlüpft, und die beiden jungen Männer eilten ihnen nach und ver⸗ tieften ſich mit ihnen in ein ſo raſches und angelegent⸗ liches Geplauder, daß er gar keine Gelegenheit fand, ſich in das Geſpräch zu miſchen. Aber er war ent⸗ ſchloſſen, ſich von dem Ignoriren ſeiner beiden Gegner gar nicht beirren zu laſſen, und das holdſelige Lächeln wich nicht einen Moment aus ſeinen Mienen; mit un⸗ befangener Ruhe folgte er den jungen Leuten, als ſie jetzt in das Zimmer Sophiens eintraten. „Ich weiß wol“, ſagte er zu Sophien, die ihn be⸗ fremdet anſah, als er die Thür, welche ſie geſchloſſen hatte, wieder öffnete und eintrat,„ich weiß wol, Fräu⸗ lein Sophie, daß es eigentlich für einen jungen Mann ein Sacrilegium iſt, in das Heiligthum, in Ihr jung⸗ fräuliches Gemach einzutreten, indeß ich folge nur dem Beiſpiel des jungen Herrn, den man in der Umgegend als ein Muſter chevaleresker Tugend preiſt, dem Bei⸗ ſpiel des jungen Barons Marco von Schwing, und 8 94 da für dieſen jungen Herrn die Thür nicht geſchloſſen war, hoffe ich, daß ſie es auch nicht für den Gaſt Ihres Herrn Vaters iſt.“ Sie antwortete ihm nur mit einem leiſen Neigen ihres Hauptes und wendete ſich dann an Marie, um mit ihr zu beſprechen, was ſie ſingen und welche Muſikſtücke ſie wählen wollten. „Wir wollen ein Concert geben nach allen Regeln der Kunſt“, ſagte Marie lächelnd,„alſo zuerſt eine Ouvertüre. Sieh' da, die Ouvertüre zu Mozart's „Don Juan“, vierhändig geſetzt, die ſpielt uns Sophie mit meinem Bruder Marco.“ „Ja, Sophie, das wollen wir! Komm', laß uns ſpielen.“ Marco legte mit freudigem Eifer die Noten auf das Pult und führte Sophie dann zu ihrem Sitze. Wie ſtrahlten jetzt ihre Augen, wie glühten ihre Wangen und welch ein ſeliges Lächeln umſpielte ihre Lippen, als ſie jetzt neben einander ſaßen und ihre Hände, über die Taſten gleitend, oft ſich berührten, während ſie die ſchönen Melodien Mozart's aus den Saiten hervorzauberten! Und wie glühten die Wangen der beiden jungen Leute, die da in die Fenſterniſche ſich zurückgezogen hatten und leiſe mit einander flüſternd ſich an⸗ — —— ſchauten und ſich die ſeligen Geheimniſſe ihres Ferzens in das Ohr flüſterten. Ernſt und, mit düſterer Miene ſtand Johannes Streber in der anderen Fenſterniſche und ſchaute mit einem faſt drohenden Ausdruck auf das junge Paar, welches an dem Pianino ſaß und lächelnd und entzückt, die ganze Welt vergeſſend ſich begegnete in den prachtvollen Klängen und Accorden des großen Maeſtro Mozart! M Drunten im Garten hatte man indeß vergeblich die jungen Leute erwartet, und der Herr Paſtor hatte ſich endlich erhoben, um, wie er ſagte nach ſeinem lieben und werthen Gaſte, dem Herrn Candidaten Johannes Streber zu ſehen, der ſicherlich unter dem jungen Volk mit ſeiner weltlichen Luſt ſich als ein heiliger, dem Ernſte des Lebens zugewendeter junger Mann recht unbehaglich fühlen müſſe. Die Baronin nahm den Arm der Frau Paſtorin und bat ſie mit ſo holden, eindringlichen Worten ihr die Schätze ihres Gartens zu zeigen, die ſchönen Ge⸗ müſe, an denen ſie ſchon vorher bewundernd flüchtig vorübergangen, daß das ſtolze Herz der Paſtorin ſich doch davon geſchmeichelt fühlte und ſie mit freudiger Miene die Schwägerin hingeleitete nach dem Gemüſe⸗ garten. Olympia plauderte mit ihr harmlos und —— 96 freundſchaftlich. Sie erzählte ihr von vergangenen Zeiten, von der Noth und den Bedrängniſſen ihrer Jugendjahre; erzählte ihr, wie ſie ſelber im Garten thätig geweſen und mit welcher Sorge es ſie oft er⸗ füllt habe, wenn das Gewürm ihren Kohl zerfreſſen, auf deſſen Ertrag ſie gehofft, und den ſie ſelber zur Stadt gebracht, um ihn zu verhandeln. Sie ſprach abſichtlich von den Jahren der Kümmer⸗ niß und der Demüthigung; ſie hoffte, daß das viel⸗ leicht das ſtolze Herz der Paſtorin erweichen möchte und daß ſie ihr die jetzigen guten Tage vielleicht ver⸗ zeihen würde um der vielen ſchlimmen Tage, die ſie früher erduldet. Es ſchien wirklich, als ob die Paſtorin mit recht innigem Behagen dieſer Erzählung von den früheren ſchlimmen Tagen zuhörte und als ob ſie ſich recht beglückt fühlte von der Angſt und Sorge, welche das Gewürm dem Kohl der armen Baronin bereitet hatte. Sie ſchaute mit liebkoſendem Blicke auf die ſtolzen Kohlköpfe hin, neben welchen ſie ſtanden, als plötzlich der Windhauch die Töne der Muſik aus dem Pfarrhauſe zu ihnen hinübertrug. Eine Wolke flog über die Stirn der Paſtorin. „Mein Gott, was das für weltliche Muſik iſt!“ ſagte ſie unwillig.„Wie kann Sophie ſich nur er⸗ lauben, an einem Sonntag aus dem Pfarrhauſe ſolche 97 Melodien hören zu laſſen?“ Ich glaube wahrhaftig ſie ſingen eine Arie.“ „Sie ſingen das Briefduett aus dem„Figaro“, ſagte Olympia lächelnd.„Hören Sie nur, liebe Schwägerin, wie prächtig die Stimmen klingen.“ „Ich höre, was ſich nicht ziemt! An einem Sonn⸗ tag in einem Parrhauſe zu ſingen! Ich glaube, meine Schwägerin wird mir verzeihen, wenn ich gehe, und—“ „Bitte, bleiben Sie noch einen Augenblick“, unter⸗ brach ſie Olympia, indem ſie ſanft ihre Hände er⸗ griff;„wollen wir doch die jungen Leute nicht ſtören in ihrem Glück, und wollen wir denen, welchen heute der Schmerz der Trennung das Herz bedrückt wenigſtens nicht den letzten Moment des Glückes verkümmern.“ „Glauben Sie denn, daß meine Tochter Sophie ein ſo empfindliches und zimperliches Herz hat, daß ihr die Trennung von ihrem Bruder Georg ſo ſchwer werden ſollte? fragte die Paſtorin achſelzuckend. „Ich ſpreche nicht von dem Geſchwiſterpaar, liebe Schwägerin“, flüſterte Olympia, ihr ſanft die Hände ſtreichelnd,„ich ſpreche von dem Liebespaar.“ „Von welchem Liebespaar?“ fragte die Paſtorin unwirſch. „Ich ſpreche von Georg und von Marie“, flüſterte Mühlbach, Poteſtantiſche Jeſuiten III. 1 98 Olympia, mit einem faſt bittenden Ausdruck in das ernſte düſtere Angeſicht der Paſtorin ſehend. „Von Georg und der jungen Baroneß Marie?“ fragte die Paſtorin. „Ja, von ihnen. Sie lieben ſich Beide!“ „Georg und Marie?“ fragte die Paſtorin haſtig; „das wäre ein Unglück, an welches ich nicht glauben will und nicht glauben mag.“ „Und weshalb?“ fragte Olympia, die jetzt, ihrer Sanftmuth und Freundlichkeit ein wenig vergeſſend, ſich höher aufrichtete.„Ich komme, Frau Schwägerin um Ihnen des Geheimniß der jungen Leute zu ſagen, weil ich es nicht paſſend finde, daß ſolche Geheimniſſe zwiſchen jungen Leuten ſtattfinden. Dies iſt die Ur⸗ ſache meines Beſuches; ich komme, Ihnen zu ſagen, daß meine Tochter mir geſtanden—“ „Ich bitte Sie“, unterbrach ſie die Paſtorin ſtrenge,„ſagen Sie mir nicht, was Ihre Tochter Ihnen geſtanden. Mir hat Niemand etwas geſtanden und ich wünſche auch nicht, daß mir etwas geſtanden werde. Ich wünſche nicht zu hören von Dingen, die unmöglich ſind.“ Unmöglich?“ „Das war mein Wort, Frau Baronin: Unmöglich! Ich hoffe, das weder mein Sohn, noch meine Tochter ſo weit der heiligen Gebote Gottes vergeſſen würden, — — ——— —— 99 daß ſie eine Verbindung eingehen könnten ohne den Segen ihrer Eltern. Und ich, das muß ich Ihnen ſagen und bekennen, Frau Baronin, ichwerde niemals meinen Segen und meine Einwilligung geben zu einer Verbindung, welche meine Kinder in eine andere Sphäre brächte, als in die chriſtlicher und gottſeliger Demuth und Niedrigkeit, wie ſie dem Menſchen ziemt. Mein Sohn hat leider eine weltliche Carridre eingeſchlagen und ſtatt des ſchwarzen heiligen Rockes, welcher dem Diener Gottes gebührt, ſich den bunten Rock ſeines Königs angezogen. Ich habe mich darein gefügt, aber ich verlange von meinem Sohne, daß er wenigſtens in ſeinem Leben ſonſt chriſtlich nnd demüthig bleibe und nicht im hochmüthigen Ueberheben um eine Dame werbe, die durch ihren Reichthum und ihre äãußere Stellung in der Welt über ihm ſteht.“ „Das iſt Ihr letztes Wort, Frau Schwägerin?“ fragte Olympia mit bittender Stimme. „Ja, mein letz es Wort, meine liebe Frau Schwä⸗ gerin“, ſagte die Paſtorin mit ſtrengem Ton. Er⸗ lauben Sie mir jetzt, daß ich hingehe, meine Kinder in dieſem weltlichen Geſange zu unterbrechen, der ſich wahrlich nicht ziemt für die Kinder eines frommen Pre⸗ digers.“. „Geſtatten Sie mir zum mindeſten, daß ich Sie be⸗ 7* 100 gleite“, ſagte Olympia, der Paſtorin, die mit raſchen Schritten von dannen gegangen war, folgend.„Ichglaube, es wird Zeit ſein, mit meinen Kindern zu ihrem Vater zurückzukehren.“ Während die Damen durch den Gang dahingingen nach dem Pfarrhauſe, war Herr Johannes Streber wieder in den Garten hinuntergegangen und begegnete an der Thür desſelben dem Herrn Pfarrer, der ihm freundlich die Hand entgegenſtreckte. „Da ſind Sie ja, mein Herr Johannes Streber ich wollte gehen, Sie zu ſuchen, da es Ihnen ſicher nicht behaglich und angenehm ſein konnte zwiſchen dieſen oberflächlichen jungen Leuten.“ „Ich danke Ihnen, daß Sie an mich dachten“, erwiderte der Sandidat, ſeine langen kalten Finger gleichgiltig einen Moment durch die Hand des Pfarrers ziehend:„indeß ich bin nicht gegangen, weil ich nicht Gefallen gefunden hätte in der Geſellſchaft dieſer jungen ſchönen Leute, ſondern ich bin gegangen, weil ich glaubte läſtig zu ſein, und ſo ſehr ich auch demüthig bin und in chriſtlicher Geduld Vieles ertragen kann, ſo ſchmerzte es mich doch ſehr, zu ſehen, daß Ihr Fräulein Tochter für mich gar keine Beachtung und keinen Blick hatte.“ „Zürnen Sie ihr deshalb nicht“, ſagte der Paſtor. „Die jungen Mädchen ſind oft ſo wunderlich und 2 401 verkennen ihr eigenes Glück und auch ihr eigenes Emp⸗ ſinden. Dies viele Zuſammenſein mit den weltlichen Leuten auf dem Schloſſe, die weder zu meinem noch zu dem Glück meiner Kinder meine Verwandten ſind, hat einen nicht ganz guten Eindruck auf meine Tochter gemacht. Sie wird ſich indeſſen wieder finden. Ihre Mutter und auch ich, wir werden ihr die Hand reichen, um ſie wieder zurückzuführen von dem Pfade, auf welchem ſie ſich verirren könnte, und ſie geleiten auf einen anderen Weg, auf welchem ſie, wie ich hoffe, Ihnen noch ferner begegnen wird. Vergeben Sie das Verirren dem jungen Mädchen, ſie wird ſchon auf dem richtigen Pfad geführt werden.“ „Ich hoffe dabei auf Ihre Güte und Ihre Freund⸗ ſchaft für mich“, ſagte Herr Johannes Streber leiſe. „Aber ich geſtehe, daß für den Augenblick meine Seele ein wenig beunruhigt und mein Herz voll Trübſal iſt, und alſo iſt es wol beſſer, mich zu entfernen, und in der Einſamkeit die Wunden bluten zu laſſen, die ich empfangen, und Gott zu bitten, daß er mir Kraft und Demuth verleihe. Ah, da kommen die jungen Leute und mit ihnen die ſtolze Frau Baronin von Schwing. Ich entferne mich, mein theurer, edler und geliebter Freund! Crüßen Sie von mir in chriſtlicher Ergebenheit die Frau Paſtorin, und, wenn ſie es nicht 102 verſchmäht empfehlen Sie mich Ihrer Fräulein Tochter.“ Er grüßte mit frommer, demüthiger Miene den Herrn Paſtor und ging dann eilends von dannen wandelte haſtig den breiten Weg hinunter, um durch die hintere Pforte des Gartens hinauszugehen und den jungen Leuten nicht mehr zu begegnen. Ge⸗ ſenkten Hauptes ging er dann auf die Straße hinaus, grüßte die Leute, welche im Sonntagsſchmuck, der Ruhe es Tages genießend, auf dem Wege ſpazieren gingen, mit gottſeliger Miene, und bewahrte dieſe Miene, bis er endlich eingetreten war in den Wald da draußen. Aber jetzt, da ihn Niemand ſah und Niemand hörte, blieb er ſtehen. Jetzt veränderte ſich ſeine Miene, und mit einem Blick voll Haß wendete er ſich um und ſchaute nach dem Pfarrhauſe hin, das noch durch die Bäume in der Ferne ſchimmerte. „Elendes, ſtolzes und hochmüthiges Geſindel Alle zuſammen!“ ſagte er mit lauter kreiſchender Stimme.„Ich haſſe euch Alle! Ich verwünſche euch Alle! Sowol die ſtolzen Schloßleute, als euch, die demüthigen, ſtolzen, chriſtlichen Heuchler und Betrüger. Ja, ich haſſe euch Alle miteinander, und ich benütze euch nur, weil ich vorwärts will! Vorwärts! Meint dieſer Paſtor wirklich, daß ich mich in allem Ernſte von ſeiner Tochter unter die Füße treten laſſe, weil — 10³ ich ſie liebe? Ich thue es, weil ich ihn und ſie be⸗ nützen will. Und dieſe Baronin! Meint ſie in ihrem ſtolzen Hochmuth, daß ſie den Cand daten verachten und wie ein Gewürm beiſeite ſchieben kann? Oh, ich haſſe ſie; ich haſſe alle dieſe Ariſtokraten, meine theure Gräfin von Liebetraut mit eingerechnet! Sie vielleicht am allermeiſten! Ach! wird das eine Wonne ſein“, fuhr er nach einer langen Pauſe mit einem lauten, höhniſchen Lachen fort,„eine Wonne, dieſe ſtolze Frau, für die ich nichts war als ein bezahlter Bedienter, der auf ſilbernen Tablett ihrem Sohne die Wiſſenſchaften n Staube vor mir zu ſehen! präſentiren mußte, in Sie ſoll noch kommen, mich zu bitten, daß ich mich herablaſſen wolle, ihre Tochter— Doch ſtill, ſtill Streber, denke daran, daß Dein Name zu Deiner Seele paßt. Du biſt ein Streber, Du willſt vorwärts. Du haſt angeſpannt mit ariſtokratiſchen und mit from⸗ men Pferden, ſie ziehen Deinen Wagen und ſie ſollen ihn vorwärts ziehen, damit aus dem demüthigen Streber ein großer, frommer Mann werde. Du haſt dop⸗ pelt angeſpannt, ſo zieht man leichter durch den Sand.“ Und indem er weiterging, ſummte er leiſe vor ſich hin die reizende Melodie aus der weltlichen Oper Grétry's:„Hat man doppelt angeſpannt, kommt man leichter durch den Sand.“ 104 Am Abende dieſes Tages, als ſie allein mitein⸗ ander waren, erzählte die Frau Paſtorin ihrem Gatten das Geſpräch, welches ſie im Gemüſegarten mit der Ba⸗ ronin gehabt und wie ſie das freundliche Entgegenkommen der Frau Schägerin mit ſtolzem Nein abgewieſen hätte. Der Paſtor hörte ihr lächelnd und kopfnickend zu. „Das war ſehr klug von Dir gehandelt, Cornelia“, ſagte er.„Sehr klug und ſehr weiſe! Fahre ſo fort. Es iſt gut, daß wir dieſen hochmüthigen Weltkindern unſere chriſtliche Demuth entgegenſtellen. Es iſt gut von mancherlei Geſichtspunkten aus, von Geſichts⸗ punkten, welche die liebe Baronin nicht ahnen kann! Ja, ja!“ fuhr er gedankenvoll fort,„ihr Auge ſtrahlt ſo hell und ihre Stirn iſt ſo rein und klar, als meinte ſie, daß es für ſie nur Sonnenſchein und Glück gäbe! Es kann doch der Tag kommen, wo dieſer Sonnenſchein von finſteren Wolken ſo beſchattet wird, daß ihre Stirn davon gefurcht wird und ihr Rücken ſich unter dieſer Laſt beugt!“ „Was meinſt Du damit?“ fragte die Paſtorin, mit ihren ſcharfen Augen ihn verwundert betrachtend. „Von was für Wolken ſprichſt Du, und was meinſt Du Wilhelm?“ „Was ich meine?“ fragte er gedankenvoll.„Hm! Ich überlege nur, daß Du den Antrag, den die Baronin 105 Dir gemacht, abgelehnt haſt, und es freut mich, daß Du es thateſt. Wenn Du ihn angenommen hätteſt, ſo würdeſt Du mir damit meine Pläne zerſtört haben.“ „Willſt Du mir ſagen, was das für Pläne ſind, fragte die Paſtorin neugierig. Er ſchüttelte langſam das Haupt. „Es iſt noch zu früh“, ſagte er.„Doch ich habe Pläne. Sage mir Cornelia, wenn Dir Jemand ein Geſchenk aus Gnaden darbringt, Dir aus ſeiner reich gefüllten Börſe ein Goldſtück geben wollte, Du aber hätteſt Grund zu glauben, daß alles Geld, welches in der Börſe ſich befindet, Dein Eigenthum ſei, würdeſt Du nicht dann das Geſchenk ſtolz ablehnen?“ „Gewiß würde ich das“, erwiderte die Paſtorin haſtig. „Nun aus dieſem Grunde bin ich zufrieden, daß Du das Geſchenk der Liebe, welches die Baronin Dir anbot, verſchmäht und zurückgewieſen haſt. Wenn wir in dieſe Verbindung willigen, ſo würde ſicherlich mein lieber, freigebiger Bruder in Gnaden erklärt haben, daß er ſeiner Tochter und ſeinem Schwieger⸗ ſohne von ſeinem Reichthum ein Jahrgeld geben würde! Ein Goldſtück aus ſeiner reich gefüllten Börſe. Wir weiſen es zurück und denken, daß dieſe reich gefüllte Börſe eines Tages unſer Eigenthum ſein wird. Wir hoffen darauf und warten.“ Sechstes Kapitel. Ein trauriges Geheimniß. Die Gräfin von Liebetraut, die„hohe Principalin“ des Candidaten von Streber, wie er ſie gerne nennt, wenn er ſich erlaubt, von ihr zu ſprechen, die Gräfin war rings in der Gegend bekannt als eine ſehr wohl⸗ thätige, ſehr fromme, aber auch ſehr ſtolze Dame. Sie gehörte von Seite ihres verſtorbenen Gemahls zu den älteſten Adelsfamilien der preußiſchen Provinz. Sie ſelber war eine Prinzeſſin, die Tochter eines nicht an Geld, aber an Ahnen reichen Fürſtenhauſes. Ihre Ahnen hatten einſt zu Wien am Hofe des römiſchen Kaiſers eine bedeutende Rolle geſpielt und hatten zu den größten und reichſten Magnaten des Böhmerlandes gehört bis zur Zeit der Reformation, wo der Fürſt von Werneburg zu den Erſten gehörte, ———2 „ 107 welche ſich von der katholiſchen Religion abwendeten und zur Reformation, zur Lehre Luther's ſich bekann⸗ ten. Es war, wie die frommen Räthe kaiſerlicher Majeſtät zu Wien und wie der fromme Kaiſer Ferdi⸗ nandus ſelber ſagten,„ein ſehr böſes Beiſpiel gewe⸗ ſen“, welches der Fürſt von Werneburg dem hohen böhmiſchen Adel gegeben, und es mußte darum auf das ſtrengſte geahndet und geſtraft werden. Der Fürſt von Werneburg hatte alſo zu denen gehört, welche von dem blutdürſtigen und rachſichtigen Diener kaiſerlicher Majeſtät, dem Fürſten von Liech⸗ tenſtein zu Prag, zum Tode verurtheilt wurden, und nur unter großen Gefahren hatte er vor dieſem ſtren⸗ gen Urtheil ſich mit den Seinen durch die Flucht ge⸗ rettet. Seine Güter waren eingezogen, ſein Name mit dem der anderen hohen und höchſten Adelsfamilien, welche es gewagt, ihrer freien Geſinnung zu folgen und den alten Glauben abzuſchwören, um zu dem neuen ſich zu bekennen, an den Galgen geſchlagen worden. Er ſelber aber, der Fürſt von Werneburg, hatte mit ſeiner Familie bei dem freiſinnigen und edlen Markgrafen von Brandenburg gaſtliche Aufnahme gefunden, und war in den Kämpfen der Reformirten gegen die Katholiſchen im dreißigjährigen Kriege ein tapferer und edler Führer geweſen. 108 Seit dem Tage hatte die Familie in Preußen ge⸗ lebt und war von dem Kurfürſten, ſowie von dem nachfolgenden Könige ſtets mit Gnade und Auszeichnung behandelt worden. Man hatte ihnen nicht blos Aem⸗ ter gegeben, um davon ſtandesgemäß zu leben, ſondern der freigebige und prachtliebende König Friedrich I dem es wohlgefiel, einen Fürſten, welchen Oeſterreich verjagt hatte, in Preußen zu ehren und anzuerkennen, hatte dem Urenkel des geflüchteten Fürſten ein ſchönes Gut in Preußen verliehen. Dann war wieder eine Zeit des Wohllebens und des Glanzes für die Fami⸗ lie von Werneburg gekommen. Aber in den ſpäteren Zeiten, in den Zeiten der napoleoniſchen Kriege, war auch dieſer letzte Glanz wieder umdüſtert, und es war der Wittwe des letzten Fürſten von Werneburg ergan⸗ gen, wie ſo vielen adeligen Familien in der Provinz Preußen; die franzöſiſchen Barbaren hatten ihr Gut überfluthet, mit hohen, gewaltſam erpreßten Contribu⸗ tionen ſie um ihr Hab und Gut gebracht und endlich in habgierigem Zorn, da die arme verwittwete Fürſtin nichts mehr gab, weil ſie nichts mehr zu geben hatte, das alte Schloß ſowol, wie auch die Wirthſchaftsge⸗ bäude und Scheunen in Brand geſteckt. Da war es nun für die arme, verwittwete Fürſtin, welche einſam und zurückgezogen mit ihrer einzigen 109 Tochter in Königsberg lebte, ein rechtes Glück gewe⸗ ſen, daß der reiche Graf von Liebetraut ſich in ihre Tochter, ein ſchönes, junges Mädchen von achtzehn Jahren, trotz ſeiner ſechzig Jahre ſo glühend verliebte, daß er um ihre Hand warb und ſie zu ſeiner Gemah⸗ lin begehrte. Für das junge Mädchen, die arme Prin⸗ zeſſin von Werneburg, war es in der That ein großes Glück, durch eine ſo reiche Partie ſich den Demüthi⸗ gungen und Kränkungen zu entziehen, zu welchen ihre Dürftigkeit, die ſo ſchecht zu ihrem vornehmen Titel paßte, ſie ſonſt verdammt hätte, und ſie dankte es dem Grafen Liebetraut dadurch, daß ſie Alles that, um ihn glücklich zu machen. Und was ſie mit edlem und tapfe⸗ rem Herzen gewollt, war ihr gelungen. Der Graf von Liebetraut lebte an ihrer Seite ſchöne und glück⸗ liche Jahre, und er wiederum war ihr dankbar dafür. Das bewies er noch nach ſeinem Tode durch das Teſta⸗ ment, in welchem er ſeine Gemahlin zur einzigen Er⸗ bin ſeines großen Vermögens ennſetzte, und ihr freie Beſtimmung über daſſelbe bis zu ihrem Lebensende verlieh. Nur hatte er ſelber eine einzige Bedingung dem großen Erbe beigefügt und feſtgeſetzt, daß die Gräfin mit ihren beiden Kindern, einer Tochter und einem Sohne, ihren bleibenden Wohnſitz ſo lange auf dem Schloſſe Liebetraut nehmen ſolle, bis die Tochter 140 erwachſen und der Sohn eine genügende Vorbildung. erhalten habe, um in Berlin in das Cadetencorps eintreten zu können, da er durchaus wünſche, daß ſein Sohn Officier werden ſolle, und er hoffe, daß weder Mutter noch Sohn dieſem ſeinem letzten Wunſche wi⸗ derſprechen würden. Die Gräfin von Liebetraut hatte in allen Dingen den letzten Willen ihres Gemahls befolgt. Sie hatte ihren bleibenden Wohnſitz in Schloß Liebetraut behalten, und ſie hatte ihr ganzes Leben nur der Erziehung ihrer beiden einzigen Kinder gewidmet. Die Tochter erhielt Gouvernanten und Lehrerinnen; dem Sohne wurde aus der Univerſitätsſtadt Königsberg ein Lehrer beſorgt, der dem Willen ſeines verſtorbenen Vaters gemäß ihm eine genügende Bildung geben ſollte, um ihn zum Cadettencorps vorzubereiten. Die Gräfin von Liebetraut war, wie geſagt, in der ganzen Gegend bekannt als eine ſehr wohlthätige, ſehr fromme, aber auch ſehr ſtolze Dame. Wer ſie jetzt eben geſehen, wie ſie da lag in ihrem einſamen Zimmer, da lag auf ihren Knien, das Antlitz bleich, die Augen von Thränen verdüſtert, bald ächzend, bald leiſe Gebete murmelnd, bald in athemloſer Angſt die Blicke nach der Thür gerichtet, der hätte wohl ge⸗ ſehen, daß ſie eine fromme Dame geweſen wäre, aber 144 er würde ſie nicht für ſtolz und hochfahrend gehalten, ſondern er würde erkannt haben, daß ſie demüthigen Sinnes ſei. „O Gott, erbarme Dich meiner!“ flüſterte ſie mit bebenden Lippen.„Richte Deinen gnädigen Blick auf Deine demüthige Magd, wende das Unheil von uns Allen ab! Sei barmherzig und gnädig und nimm mir nicht meine einzige Tochter, mein ſchönſtes Glück!“ Auf einmal unterbrach ſie ſich mitten in ihrem Gebet, denn ſie hatte geſehen, daß der Drücker der Thür ſich bewegte. Sie ſprang empor und ſtürzte nach der Thür hin, um ſie zu öffnen, als dieſelbe ſich aufthat, und ein alter Herr von kleiner Geſtalt, mit gebeugtem Rücken, das gute freundliche, von Runzeln bedeckte Geſicht, von langem weißen Haar, wie von einem Heiligenſchein umrahmt, in das Gemach eintrat. Die Gräfin war ihm entgegengeſtürzt und ſchaute ihn mit angſtvollem Blick in das Angeſicht. 1 „Nun Doctor?“ fragte ſie,„hat Lucie Ihnen Rede geſtanden, oder hat ſie auch gegen Sie dies ge⸗ heimnißvolle Weſen bewahrt, mit welchem ſie mich erſchreckte?“ Er ſchüttelte langſam das Haupt. „Nein, liebe Gräfin“, erwiderte er, aber in ſeiner Stimme lag etwas ſo Trauriges, Bewegtes, daß die 112 Gräfin davon ihr Herz erſchreckt fühlte.„Nein, Grä⸗ fin, Sie wiſſen ja, die Comteſſe Lucie hat von jeher Vertrauen zu mir gehabt. Das macht, ich kenne ſie ſeit ihrer Geburt und ſie kennt mich, ſeitdem ſie ihre ſchönen, großen, blauen Augen zum Leben aufgeſchla⸗ gen hat. Sie betrachtet mich faſt wie einen Vater oder einen alten Onkel, zu dem man Vertrauen hat und dem man nichts verbirgt.“ „Alſo hat ſie mit Ihnen geſprochen?“ fragte die Gräfin.„Sie hat Ihnen alle ihre Leiden bekannt? Mein Gott, welche Qual habe ich ertragen in dieſen letzten vier Wochen, wo ſie ſichtbar leidend war, wo ſie oft ohnmächtig zuſammenſtürzte und dann, wenn ich ſie fragte, mir nur mit einem Lächeln abwehrend antwortete. Und nun ſagen Sie mir, theurer Doctor, iſt meine Lucie wirklich krank?“ Er ſenkte den Blick nieder und nickte ſtatt aller Antwort nur leiſe bejahend mit dem Haupte. „Alſo doch!“ ſeufzte die Gräfin.„Sie ſt krank! Ich dachte, es ſei vielleicht nur die Vollblütigkeit der Jugend, welche ſie krank mache, und nun iſt es wirk— lich ein Leiden. Ein beſtimmtes Leiden, Doctor?“ Ihre Augen, halb von Thränen umdüſtert, hefteten ſich mit einem ſolchen Ausdruck innerer Seelenangſt 85 113 auf das Geſicht des Doctors, daß er es nicht ertragen konnte und den Blick zur Seite wendete. „Ja Gräfin“, ſagte er nach einer Pauſe langſam und leiſe,„ja, ein beſtimmtes Leiden! Doch geſtehe ich Ihnen, daß ich über die Urſache deſſelben noch im gZweifel bin, und darum, Gräfin, frage ich Sie, ob Sie Vertrauen zu mir haben.“ „Gewiß und von ganzem Herzen, das wiſſen Sie“, erwiderte ſie, ihm mit freundlichem, faſt zärtlichem Blicke ihre Hände darreichend. „Und Sie wollen ehrlich und offen mir auf alle meine Fragen antworten?“ „Ja, lieber Doctor, ehrlich und offen! Fragen Sie, und mein ganzes Herz will ich Ihnen darlegen.“ „Nun denn: Haben Sie bemerkt, daß die Com⸗ teſſe Lucie für irgend einen jungen Mann ihrer Be⸗ kanntſchaft vielleicht ein näheres Intereſſe hegte?“ „Sie glauben, Doctor, daß ſie eine unglückliche Liebe hätte?“ fragte die Gräfin mit einem ungläubigen Lächeln.„Nein, lieber Doctor, darüber kann ich Sie vollſtändig beruhigen! Meine Tochter Lucie hat gar keine Bekann ſchaft mit jungen Männern. Sie hat gar keine Gelegenheit gehabt, ſich in irgend Jemanden nur zu verlieben, wie junge, thörichte Mädchen es wol leicht thun. Sie wiſſen es ja, wir haben hier ſeit Wühlvach, Proteſtantiſche Jeſuiten III 8 114 dem Tode meines Mannes in ſtillſter Zurückgezogen⸗ heit gelebt, und ich will Ihnen auch ſagen, weshalb. Ich verſtand ſehr wohl die Beſtimmung in dem Deſta⸗ mente meines edlen, theuren Gemahls, dem ich für mein ganzes Leben zu Dank verpflichtet bin. Sie wiſſen, er ernannte mich zu ſeiner alleinigen Erbin un⸗ ter der einzigen Bedingung, daß ich, bis meine Toch⸗ ter erwachſen ſei, hier meinen bleibenden Wohnſitz behalten ſolle.“ „Ich weiß“, nickte der alte Srenr„und ich ge⸗ ſtehe Ihnen, Gräfin, daß ich das ein wenig grauſam gefunden habe. Sie waren noch ſehr jung, als Ihr Gemahl ſtarb, eine Wittwe von kaum zweiunddreißig Jahren. Sie hätten vielleicht, nachdem Sie Ihre Ju⸗ gend einem älteren Manne gewidmet, noch eine Partie nach Ihrem Herzen machen können.“ „Das war es eben, lieber Doctor“, unterbrach ihn die Gräfin,„ich verſtand, wie ich Ihnen ſagte, dieſe Beſtimmung in dem Teſtamente meines Gemahls. Er liebte mich, und ich will ihn nicht anklagen, indem ich das ſage: er war eiferſüchtig, eiferſüchtig über das Grab hinaus, und gerade das, was Sie als eine Möglichkeit hinſtellten, das wollte er vermeiden. Deſſen war ich mir bewußt, als ich dieſe Beſtimmung in ſei⸗ nem Teſtamente las, und ich wollte mich ihm dankbar 115 bezeigen, ſelbſt über das Grab hinaus. Aus Dank⸗ barkeit für das hohe und ſchöne Vertrauen, welches er mir ſtets bewieſen, lebte ich nach ſeinem Willen weiter, das heißt, ich lebte einſam und zurückgezogen hier auf meinem Schloſſe. Obwol ich glaube, daß man in der Nachbarſchaft ſich zuweilen darüber ge⸗ wundert und mich vielleicht gar des Geizes und der Abſonderlichkeit geziehen hat, ſo blieb ich doch dem Geiſte meines Gemahls getreu und ſah auf Schloß Liebetraut niemals Geſellſchaft. Daher, lieber Doctor, kann ich Ihnen der Wahrheit gemäß Ihre Frage be⸗ antworten: Nein, Lucie hat nicht einmal Gelegenheit gehabt, ſich in irgend einen jungen Mann ihrer Be⸗ kanntſchaft zu verlieben. Jetzt zum erſtenmale ſind wir, wie Sie wiſſen, aus unſerer Einſamkeit hervor⸗ gegangen, als wir uns nach Königsberg zur Huldigung des neuen Herrſchers begaben. Ich hielt das für meine Schuldigkeit; meine Familie und die meines Gemahls haben vom preußiſchen Königshauſe ſo viel Huld und Gnade ſtets erfahren, daß ich bei dieſer Gelegenheit es für meine Pflicht erachtete, mich ſelber, ſowie meine Tochter dem Königspaare vorzuſtellen und ihm meine Huldigung darzubringen. Aber wir haben uns auch dort nur bei der großen Hofcour der Königin gezeigt und konnten an den Hoffeſten und an dem Ball ſchon 8** 116 deshalb keinen Theil nehmen, weil die Kränklichkeit meiner Tochter, welche ja ſchon wochen⸗ und monate⸗ lang vorherging, dies ganz unmöglich machte. Sie wiſſen, ich ſagte Ihnen ſchon: ihre ganze Natur iſt wie umgewandelt und verkehrt, und ich fürchtete das Schlimmſte!“ Der Doctor ſchien ihre letzten Worte gar nicht gehört zu haben. Er blickte gedankenvoll vor ſich hin und ſchien tief in ſeinem Innern zu überlegen und zu erwägen. „Alſo wirklich“, ſagte er nach einer Pauſe, indem er langſam das Auge zu den angſtvollen Blicken der Gräfin erhob,„alſo wirklich, Sie ſind überzeugt, Grä⸗ fin, daß es gar keinen jungen Mann in Ihrer Be⸗ kanntſchaft gibt, dem Ihre Tochter ihre Auszeichnung, ja ihre Liebe zuwendet?“ „Ich wiederhole Ihnen, lieber Doctor, ich bin ſo feſt von dem Gegentheil überzeugt, wie man eben von Unmöglichkeiten überzeugt iſt. Ich wiederhole Ihnen, meine Tochter kennt Niemand, und ich möchte be⸗ haupten, der einzige junge Mann, mit dem ſie geſpro⸗ chen, mit dem ſie überhaupt verkehrt hat, iſt der Haus⸗ le hrer ihres Bruders, der Candidat Johannes Streber.“ Der Doctor bebte leiſe zuſammen und ein düſte⸗ rer Schimmer flog über ſein Angeſicht hin. . 2 117 „Der Hauslehrer, der Candidat Johannes Stre⸗ ber?“ wiederholte er.„Gab er Ihrer Tochter Unter⸗ richt?“ „Ja“, ſagte ſie,„ich hielt es für wünſchenswerth, daß meine Tochter neben dem Unterricht der Lehrerin⸗ nen und Gouvernanten auch männlichen Unterricht erhalte. Er unterrichtete meine Tochter in der Mathe⸗ matik und in den Naturwiſſenſchaften, und ſie zeigte gerade für dieſe eine beſondere Lebhaftigkeit und Liebe. Sie liebte es, in Begleitung ihrers Lehrers und ihres Bruders oft tagelang in den Wald zu gehen, um zu botaniſiren; und es hat mir oft die größte Freude bereitet, zu ſehen, mit welcher Sorgfalt ſie ihre Pflan⸗ zen ordnete, und wie ſie mit außerordentlichem, ja ſtaunenswerthem Eifer den Unterricht ihrers Lehrers in ſich aufnahm.“ „Ich begreife“, ſagte der Doctor nachdenklich. „Sie zeigte alſo einen beſonderen Eifer für die natur⸗ wiſſenſchaftlichen Studien, welche ſie mit dem Herrn Candidaten unternahm? Zeigte auch Ihre Tochter in den anderen Lehrſtunden bei den Gouvernanten dieſe große Lernbegierde und dieſen lebhaften Eifer?“ „Nein“, erwiderte die Gräfin nach kurzem Beſin⸗ nen,„nein; ſie war namentlich in der letzten Zeit läſſig geweſen und zeigte eine beſondere Abneigung 118 gegen die engliſche Gouvernante, welche die letzten Jahre bei uns gelebt hatte. Sie behauptete, ſie käme ſich immer wie eine Gefangene vor, die mit ihrem Gefangenwärter umhergehen müſſe.“. „Da gaben die Frau Gräfin dieſen Behauptun⸗ gen Gehör“, unterbrach ſie der Doctor,„und entließen die engliſche Gouvernante, nicht wahr?“ „Ja, ich that es, denn ich bekenne Ihnen, mir ſelber war dieſe Dame nicht ſympathiſch, und da der Hauslehrer ſich erbot, meiner Tochter noch weiteren Unterricht in dem, was ihr vielleicht an ihrer Bildung noch fehlte, zu geben, ſo war ich herzlich damit ein⸗ verſtanden, entließ die Gouvernante, und der Candidat gab ihr Unterricht.“ „Und Sie, Gräfin, waren bei den Unterrichts⸗ ſtunden immer gegenwärtig?“ „Ja, immer gegenwärtig“, erwiderte die Gräfin befremdet. „Und Sie begleiteten auch Ihre Fräulein Tochter auf den Excurſionen, welche ſie mit dem Hauslehrer und dem Bruder in den Wald zum Botaniſiren un⸗ ternahm?“ 3 „Nein, lieber Doctor“, lächelte die Gräfin,„das wäre von meiner Trägheit zu viel verlangt geweſen. Nur zuweilen, wenn ſie große Ausflüge machten, ver⸗ 119 abredeten wir einen Punkt im Walde, wo ich ſie am dämmernden Abend mit meinem Wagen abholte.“ „Ja, ja“, murmelte der alte Doctor leiſe vor ſich hin,„ich fange an, zu begreifen. Nur noch eine Frage, Frau Gräfin: Der Bruder, war der beſtändig bei dieſen Excurſionen gegenwärtig?“ „Gewiß“, antwortete die Gräfin mit immer grö⸗ ßerem Erſtaunen in ihren Blicken;„gewiß! Er be⸗ gleitete meine Tochter beſtändig auf ihren Excurſionen mit dem Hauslehrer; nur zuweilen geſchah es, daß er früher heimkehrte, weil ihn dieſe botaniſchen Studien langweilten.“ „Ah, nun begreife ich“, ſagte der alte Doctor hoch aufathmend, und eine tiefere Bläſſe übergoß ſeine Wangen.„Gräfin“, ſagte er dann nach einer Pauſe feierlich,„ich begreife und verſtehe jetzt Alles, und ich beklage, daß ich Ihnen jetzt einen großen Schmerz zu bereiten habe. Hören Sie, ich will Ihnen ſagen, was die Krankheit Ihrer Tochter bedeutet. Es iſt eine ſchlimme, traurige Krankheit, und ich fürchte mich, es Ihnen zu bekennen und es laut zu ſagen; denn ich meine, ſelbſt die Wände dieſes Zimmers ſollten nicht hören, was ich Ihnen jetzt von der Comteſſe von Lie⸗ betraut zu bekennen habe. Neigen Sie Ihr Ohr dicht 120 zu mir heran, ganz dicht, und vergeben Sie einem alten Mann, was er Ihnen jetzt zu ſagen hat.“ „Doctor“, ſagte die Gräfin hoch aufathmend,„ich weiß nicht, es packt eine furchtbare Angſt mein Herz, und mir iſt, als ſollte ich ſterben in dieſem Augen⸗ blicke. Doch ich will Muth faſſen. Sprechen Sie.“ Sie neigte ihr Ohr dicht an die Lippen des alten Mannes, und er flüſterte leiſe und haſtig einige Worte. Ein Schrei, ein lauter entſetzlicher Schrei tönte jetzt von den Lippen der Gräfin, und wie vom Zlitz zer⸗ ſchlagen, wie vernichtet ſank ſie zur Erde nieder. Der alte Doctor verſuchte nicht, ſie zu beruhigen, er ver⸗ ſuchte ſelbſt nicht, ſie emporzuheben. Er blieb neben ihr ſtehen, faltete die Hände ineinander und blickte mit mitleidigem Auge zu ihr nieder, die jetzt zuckend und dann die Arme hoch emporhebend immer noch am Boden lag. Dann auf einmal ſprang ſie empor, ihre Augen flammten, und ihr Angeſicht war leichenblaß. „Es iſt unmöglich, unmöglich!“ ſchrie ſie.„Nein, Doctor, nein, Sie haben ſich geirrt! Das iſt unmög⸗ lich! Das kann ja nicht ſein!“ „Es iſt, Gräfin“, ſagte er leiſe.„Faſſen Sie ſich, ſeien Sie ruhig um Ihrer ſelbſt, um Ihrer Toch⸗ ter willen, und, Gräfin, verſtehen Sie mich wol, um der Ehre Ihres Hauſes willen. Seien Sie ruhig, und ——— —4y— — —) —— 121 ſchauen Sie dem Unvermeidlichen feſt in das An⸗ geſicht.“ „Ach, dieſer Schlag tödtet mich!“ murmelte ſie, indem ſie wie gebrochen auf einen Seſſel niederſank. „Sprechen Sie zu mir, ſprechen Sie, Doctor, damit ich nicht glaube, ich bin wahnſinnig geworden; damit ich nicht meine, es ſei der Wahnſinn, der mir dieſe Worte zuflüſterte. Sprechen Sie! Sagen Sie mir noch einmal das Unerhörte, das Entſetzliche.“ „Liebe Gräfin, faſſen Sie ſich! Das Unglück iſt über Sie hereingebrochen, und Sie werden in Ihrem reinen Bewußtſein und der Frömmigkeit Ihres Her⸗ zens den Muth finden, ihm zu widerſtehen und es abzuwenden.“ „Ich habe nicht mehr die Kraft dazu“, ſagte ſie mit leiſem Aechzen.„Ich bin gebrochen, vernichtet.“ „Nein Gräfin, nein! Sie als die Wittwe Ihres edlen verſtorbenen Gemahls, Sie als die Tochter eines fürſtlichen Hauſes, Sie als die Mutter Ihres Sohnes, als die Mutter Ihrer Tochter, Sie müſſen die Ehre Ihres Namens ſchützen. Richten Sie Ihr Haupt auf und ſeien Sie ſtark.“ „Ja, Sie haben Recht, Sie haben Recht“, mur⸗ melte ſie leiſe.„Nur das Eine ſagen Sie mir, Doctor—“ 122 Sie vermochte nichts zu ſagen, ihre Lippen ſchie⸗ nen ſich zu ſträuben, die Frage auszuſprechen, die in ihrem Herzen brannte. Der Arzt aber verſtand ſie ohne Worte. Er neigte ſich wieder zu ihr und flüſterte ihr einen Namen in das Ohr. Sie ſprang empor wie eine gereizte Tigerin. „Er! Wehe über ihn! Wehe ihm! Ich werde ihn unter meine Füße treten, ich werde ihn zermal⸗ men, ich!“ „Still, ſtill, Gräfin“, ermahnte er leiſe.„Sie werden das Alles nicht thun. Sie werden zuerſt zu ihrer Tochter gehen und werden mit ihr ſprechen, ver⸗ traulich, zärtlich, wie es einer Mutter geziemt, die ihre Tochter liebt. Gräfin, bedenken Sie Alles, und ſeien Sie barmherzig! Bedenken Sie, daß Ihre Tochter nur ſchuldig iſt, weil ſie zu unſchuldig war; daß ſie noch nicht einmal das Unglück ahnt, welches über ſie hereinbricht, und ich glaube, wenn ich ſie recht begrif⸗ fen habe, ſie würde nicht einmal verſtehen, was dieſes Unglück bedeutet.“ „Armes, armes beklagenswerthes Kind!“ rief die Gräfin mit ſchneidendem Ton. „Gehen Sie zu Ihrer Tochter“, ſagte der Arzt, ſanft die Hand auf ihren Arm legend.„Seien Sie, ich bitte Sie darum, ſeien Sie barmherzig! Ihre Tochter iſt keine Schuldige, das wiederhole ich Ihnen, und ſie weiß nicht, was ſie gethan hat. Chriſtus aber ſprach am Kreuze:„Vater, vergieb ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun.“ Alſo flehe ich von Ihnen auch Vergebung für Ihre Tochter, denn ſie weiß nicht, was ſie gethan. Sie iſt unſchuldig; dies, Gräfin, ſei Ihnen Balſam für die Wunde, die ich Ihnen geſchla⸗ gen kraft meines Amtes und Berufes als Arzt.“ „O, Doctor, dieſe Wunde ſchmerzt fürchterlich!“ ſchrie die Gräfin, ihre Hände ringend.„Sie haben Recht, Ihre Worte ſind ein Balſam für dieſe Wunde; doch ſie brennt unausſprechlich, und gerade das, was Sie mir ſagen, gerade daß meine Tochter unſchuldig iſt, das macht den Schmerz noch furchtbarer, noch entſetzlicher! Wie ſoll ich ihn tragen, wie ſoll ich das Entſetzliche überleben?“ „Sie ſollen es mit der Kraft eines ſtarken Mut⸗ terherzens tragen“, ſagte er energiſch.„Ich ſpreche in dieſer Stunde nicht als der Arzt, ſondern als Freund Ihres Hauſes. Betrachten Sie mich als ſolchen, Grä⸗ fin, und Alles, was ich thun kann, wird geſchehen. Ich will mit Ihnen überlegen und berathen; wir wollen mit Ruhe und Beſonnenheit handeln. Das Geheimniß muß bewahrt werden, dies iſt die Haupt⸗ ſache.“ 124 „Ja, dies iſt die Hauptſache!“ ſagte die Gräfin mechaniſch.„Ich werde meine Thränen in der Stille weinen, ich werde meine Flüche in der Stille austö⸗ nen laſſen! Ich werde“— ſie unterbrach ſich—„erſt muß ich das Furchtbare wiſſen, muß ich erfahren, ob meine Tochter dieſen Mann liebt.“ „Sie haben Recht“, ſagte der Doctor gedanken⸗ voll.„Dies müſſen wir zuerſt erfahren. Doch ich muß Ihnen ſagen, Gräfin, ich glaube es nicht. Es gibt ſolche Probleme in der Menſchennatur— doch“, unterbrach er ſich ſelber,„wir werden dieſes Problem von Ihrer Tochter ſelber am beſten gelöſt ſehen. Gehen Sie, Gräfin, ſprechen Sie zu ihr, ſeien Sie milde und zärtlich, verſchüchtern Sie das arme, ihrer ſelbſt ſich nicht bewußte Kind nicht durch Vorwürfe, nicht durch ernſte und ſtrenge Mienen, ſondern machen Sie, daß ſie Ihnen ihr Herz öffne und daß ſie in ihrer Mutter ihre erſte und beſte Freundin erkenne. Gehen Sie zu ihr.“ „Aber, Doctor, Sie werden mich nicht verlaſſen?“ fragte die Gräfin angſtvoll mit beiden Händen ſeine Arme ergreifend.„Sie werden mich dieſen ganzen Tag nicht verlaſſen; Sie werden nicht eher gehen, bis Alles ſich entwirrt und gelöſt hat. Ich werde in allen Dingen Ihren Rath befolgen, und Sie werden mich 125 auch beſchützen gegen dieſen furchtbaren Menſchen, mit dem ich keine Nacht mehr unter Einem Dache leben kann, wenn ich nicht ſeine Mörderin. werden ſoll.“ „Ja, Gräfin, ich werde bei Ihnen bleiben, bis Alles ſich gelöſt hat, und nun gehen Sie zu Ihrer Tochter.“ Siebentes Kapitel. Der Fluch. Sie hatte ihr Herz überwunden, ihre Thränen verſchluckt und ihren Jammer tief und wortlos in ihrer Seele gebettet. Es war doch ein Troſt, welchen der Doctor dem gepeinigten Mutterherzen gegegen, ein Balſam für die furchtbare Wunde, welche er ihr hatte ſchlagen müſſen: ihre Tochter war unſchuldigen nnd reinen Herzens geblieben trotz alledem; ſie war ein Opfer des Laſters, keine Laſterhafte. „Vergib ähr, denn ſie weiß nicht, was ſie thut!“ dieſe Worte flüſterte die Gräfin leiſe in ihrem Herzen, als ſie die Thür zu dem Gemach ihrer Tochter öffnete, als ſie hinſchritt zu dem jungen Mädchen, welches bleich wie eine gebrochene, geknickte Lilie auf dem Divan lag 127 und der Mutter gleichſam hilfeflehend ihre beiden Arme entgegenſtreckte. Sie beugte ſich nieder, und als ſie ihre Lippen auf die Stirn ihrer Tochter drückte, fiel eine Thräne ſchwer und heiß wie ein Tropfen ihres Herzblutes auf das Haupt ihres armen Kindes, das ſo ahnungs⸗ los und unbewußt dem Unheil entgegenging. Dann hatte ſie mit ihrer Tochter eine lange Unterredung. Es war nur die Liebe und Zärtlichkeit einer beſorgten Mutter, welche aus ihr ſprach, und ihre Worte waren der Zauberſchlüſſel, welcher dem ſcheuen, vor ſich ſelbſt erſchreckten Mädchen das Herz aufſchloß, daß ſie ihrer Mutter Alles ſagte, Alles bekannte: daß ſie ihr er⸗ zählte von den Spaziergängen im tiefen, einſamen Walde, und wie ſeltſam befangen ſie anfangs geweſen, wenn Bruder Kurt von dannen ſprang und ſie allein ließ mit dem Hauslehrer; aber wie er dann ſo ſchöne und wunderbare Dinge zu ihr geſprochen, daß ſie wider ihren Willen ihm lauſchen mußte; wie er ihr erzählte von dem Paradieſe auf Erden, welches nur den Gottgeliebten bereitet ſei und in welches nur die frommen und gottſeligen Diener des Herrn ihre Seelen⸗ bräute an ihrer Hand einführen könnten mit dem Zauberworte der heiligſten Liebe. Die Gräfin hatte den Muth, ihre Thränen Bin⸗ 128 unterzuſchluken und die Erzählung ihrer Tochter mit keinem einzigen Aufſchrei des Zornes oder des Schmerzes zu unterbrechen, ſondern ihr ruhig bis ans Ende zu⸗ zuhören. Dann ſprach ſie zu Lucie von ihrer Krank⸗ heit, von ihrem Leiden. Sie ſah, daß die Stirn des ſechzehnjährigen Kindes ganz klar und wolkenlos war, und ſie fühlte mit freudigem Schmerz, daß der Doctor Recht gehabt, als er ihr geſagt, ihre Tochter ſei un⸗ ſchuldig und rein geblieben. Das gab ihr Kraft, muthig auszuharren bis ans Ende und ihre Thränen ſtandhaft hinunterzuſchlucken. „Der Doctor behauptet, Du wäreſt wirklich krank“, ſagte ſie mit einem wehmüthigen Lächeln,„und denke nur, er meint, es würde nöthig ſein, daß wir von hier fortgingen.“ Seltſam, es flog wie ein freudiger Schreck über das blaſſe Geſicht des jungen Mädchens, und ihre Augen glänzten höher auf, als ſie mit bebender Stimme fragte:„Fort? Und wohin?“ „Ich weiß nicht“, erwiderte ihre Mutter leiſe;„ich glaube nach Italien.“ „Nach Italien!“ wiederholte Lucie wie mit einem Aufſchrei der Freude. Wie ſie ſich jetzt von dem Divan em porrichtete, war ſie nicht mehr das kranke, leidende Mädchen, nicht mehr die geknickte Lilie; voll Freudig⸗ keit und Kraft und wie mit erneuerter Lebensluſt ſagte ſie haſtig, athemlos:„Ja, Mutter, laß uns fort⸗ gehen! Fort, weit fort in die Fremde! Oh, das wäre himmliſch ſchön, nach Italien zu gehen mit Dir, meine geliebte Mutter! Aber mit Dir allein!“ fügte ſie ganz leiſe, flüſternd hinzu.„Oh, wenn das möglich wäre, meine theure Mutter, daß wir nach Italien gingen! aber heimlich, hörſt Du, daß Niemand es wüßte, daß Niemand davon erführe, mit Dir ganz allein!“ „Ganz allein?“ fragte ihre Mutter,„und möchteſt Du nicht, daß Dein Bruder mit uns ginge und— und ſein Lehrer?“ fügte ſie mit kaum hörbarer Stimme hinzu.„Sein Lehrer, der Candidat Johannes Streber?“ „Nein!“ rief Lucie leidenſchaftlich,„nein, Mutter, Niemand de mit uns, laß' ihn mit meinem Bruder hier auf dem Schloß! Wir wollen fortgehen, weit, weit fort, ohne daß er weiß, wohin wir gehen, daß er uns nicht folgen kann!“ „Wie?“ fragte ihre Mutter athemlos, ihre beiden Hände feſt auf ihr Herz drückend, weil ſie ein Gefühl hatte, als ob es ihr zerſpringen wolle,„Du möchteſt nicht, daß Dein Bruder und ſein Lehrer mit uns gingen? Ich habe geglaubt, du——“" ſie ſtockte, das Wort wollte nicht über ihre Lippen. „Was haſt Du geglaubt?“ fragte Lucie athemlos Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. III. 9 130 und ein ſeltſames Feuer glühte jetzt in ihren Augen auf. „Ich habe geglaubt, Du liebeſt den Herrn Streber.“ „Ich ihn lieben!“ rief Lucie mit einem Ausdruck leidenſchaftlichen Zornes.„Ich ihn lieben, Mutter? Indem Du das eben ſagſt, fühle ich, wie es in mir iſt, werde ich mir deſſen bewußt, was lange in mir gelegen hat, ohne das ich wußte, was es war, was mich die Nächte lang gequält hat wie ein furchtbares Unglück. Jetzt, indem Du mich fragſt, ob ich dieſen Herrn Streber liebe, jetzt weiß ich, daß ich ihn haſſe. Ja, Mutter, ich muß es Dir ſagen, es Dir bekennen, ich fühle es jetzt, ich haſſe ihn, ich verabſcheue ihn. Wenn er ins Zimmer eintritt, habe ich ein Gefühl, als ob das Herz ſich in mir zuſammenzieht. Wenn er mich anſieht mit dieſen ſchrecklichen Augen, muß ich ſeinem Blick begegnen, und mein Herz ſteht ſtill, ich weiß nicht, ob vor Angſt oder Wonne. Wenn er dann zu mir ſagt:„Komm, wir wollen in den Wald gehen, wir wollen Blumen ſuchen“, dann möchte ich ihm mit der Hand ins Geſicht ſchlagen, und doch muß ich ihm folgen wider meinen Willen. Aber wenn ich fühle, daß ich das muß, möchte ich ihn ermorden, und ich fühle doch, daß er mein Herr und Meiſter iſt, und ich beuge mich vor ihm. Mutter, ich weiß es jetzt, er iſt ein — — 134 Dämon, ein böſer Zauberer, und er hat mich bezaubert und zu ſeiner Sklavin gemacht, aber indem ich ſeine Sklavin bin, möchte ich ihn erwürgen mit meinen eigenen Händen, möchte—— Ihre Wangen bedeckte Todtenbläſſe; ſie taumelte zurück und ſank ohnmächtig auf dem Divan nieder. Ihre Mutter ſtand neben ihr und legte die Hände auf ihr Haupt, als wolle ſie ſie ſegnen und beſchützen zugleich. Gelobt ſei Gott!“ ſagte ſie leiſe, geſegnet ſei ſeine Barmherzigkeit und ſeine Gnade, denn ſie iſt rein und unſchuldig geblieben. Sie liebt ihn nicht! Geſegnet ſei Gott, der Allmächtige, der trotz des furchtba⸗ ren Unglücks, das uns betroffen, dennoch barmherzig iſt. Ich will ſie nicht wecken“, ſagte ſie dann nach einer Pauſe, die thränenglühenden Augen auf ihre Tochter gerichtet,„nein, ich will ſie nicht wecken. Sie wird ſchon wieder erwachen, und möge ſie denken, daß ſie geträumt hat. Ich will zu unſerem guten und hilf⸗ reichen Freunde gehen.“——— Der Doctor trat ihr entgegen, als die Gräfin bleich und doch mit einem ſeltſam gehobenen Aus⸗ druck in ihrem Weſen und in ihren Mienen wieder zu ihm eintrat. Er richtete keine Frage an ſie, ſondern er heftete 132 nur ſeine guten, milden, blauen Augen auf ihre Lippen und fragte ſie mit den Blicken. Sie verſtand ihn ohne Worte und nickte ihm zu. 1 Sie haben Recht gehabt in Allem, Doctor, in Allem“, ſagte ſie,„auch darin, daß Sie meinten, meine Tochter liebe ihn nicht. Sie haßt ihn, ſie ver⸗ abſcheut ihn! Gott ſei Dank, und nun laſſen Sie uns Alles, was noth iſt, beſprechen. Sie ſagten vorher, Sie wären heute nicht bei mir als Arzt, ſondern als Freund; ich weiß, Sie werden ſich als ſolcher be⸗ währen. Sie haben meinen Gemahl, Sie haben auch meine theure Mutter gekannt, Sie haben Beiden die Augen zugedrückt; mir ſollen Sie helfen, die Augen aufzuhalten und zu ſehen; mir ſollen Sie helfen, das Leben zu ertragen, wie ich es muß.“. „Hier meine Hand, Gräfin“, ſagte der alte Doctor Williams, mit einem ſanften und liebevollen Lächeln ihr die Hand darreichend,„ich bin der Ihre mit Allem, was ich habe und thun kann! Nun laſſen Sie uns über⸗ legen.“ Sie ſprachen und überlegten lange mit einander, ordneten die Zukunft und machten mit feſten und ent⸗ ſchloſſenem Sinn den Plan für Alles, was geſchehen mußte und konnte. „Wir ſind alſo einig“, ſagte die Gräfin am — V 133 Ende ihrer langen Unterredung. Ich erkenne es als eine beſondere Gnade Gottes, theurer Freund, daß ich Sie an meiner Seite habe, und dann, ja, dann danke ich es beſonders noch meinem Gemahl, daß er mich zum Vormund meiner Kinder ernannt und daß er mir die freie Verfügung über das ganze Vermögen gegeben hat. Ich bin Niemand Rechenſchaft ſchuldig, ich kann und will noch heute abreiſen, Niemand wird mich hindern können. Ich werde, wie wir es verab⸗ redet, meinen Sohn nach Berlin bringen, und dann werde ich mit meiner Tochter nach Italien gehen. Es wird auch gut ſein, daß wir das junge Mädchen vorher noch in Berlin in der Geſellſchaft ſehen laſſen; man wird dann nicht wagen, über die Comteſſe von Liebetraut irgend böſe Gerüchte zu verbreiten. Es ſoll Alles geſchehen, wie wir verabredet. Jetzt habe ich noch eine Bitte an Sie, Doctor: Wir ſind einig, daß dieſer Menſch, dieſer fürchterliche Menſch gleich heute mein Haus verläßt. Sie werden die Güte haben, es ihm zu ſagen. „Ich, Gräfin?“ fragte der Doctor Williams kopf⸗ ſchüttelnd.„Nein, das müſſen Sie ſelber thun! Es iſt eine letzte ſchwere Pflicht, die Sie zu erfüllen haben, aber Sie müſſen ſie erfüllen. Sie werden ruhig und kalt mit ihm reden; Sie werden ihm die Gründe 134 ſagen, die wir verabredet haben; Sie werden den Muth haben, Ihren Zorn zu unterdrücken und ihm nichts ahnen zu laſſen von Allem, was wir heute mit einander erfahren und beſprochen haben; es iſt des⸗ halb ſchon nöthig, daß ſie ihn ſelber ſprechen.“ „Es iſt unmöglich, guter Doctor, ganz unmöglich! Wenn ich ihn ſehe, ſo werde ich ein Gefühl haben, aals müßte ich ihn erwürgen mit meinen Päbenen Händen. 5 2 „Sie werden das Gefühl unterdrücken!“ ſagte der Doctor Williams ruhig nnd feierlich. Ich fordere das von Ihnen im Namen ihrer erlauchten Ahnen, im Namen Ihres Gemahls, der Ihnen ſeinen Namen ſtolz und rein übergeben hat; Sie müſſen Alles thun, Gräfin, um keinen Schatten auf denſelben kommen zu laſſen. Es iſt Ihre Pflicht, ich fordere das von der Gräfin von Liebetraut, ich fordere das von der Mutter dieſes unglücklichen jungen Mädchens.“. „Wohl denn, ich beuge mein Haupt!“ ſagte ſie hoch aufathmend.„Sie haben mich angerufen in dem Namen meines Mannes, dem ich Dank ſchuldig bin, und welcher der Vater meiner Kinder iſt, ich unter⸗ werfe mich! Ich werde mit dieſen Menſchen ſprechen, ſo wie wir verabredet haben. Gleich ſoll es geſchehen; jetzt in dieſer Stunde habe ich noch die Kraft, und 135 Ihre Nähe ſoll mich ruhig machen; ich bitte Sie, Doctor, bleiben Sie bei mir. Ich werde ihn rufen laſſen, und wenn er kommt, dann treten Sie in das nächſte Gemach. In dem Bewußtſein, daß Sie mir nahe ſind, werde ich Stärke und Kraft gewinnen.“ „Gut, es ſei ſo, wie Sie wollen, Gräfin“, ſagte, Williams ruhig.„Sie haben Recht; was geſchehen ſoll muß gleich geſchehen.“ Er ging in das Vorzimmer und beauftragte den alten Kammerdiener, welchen er dort fand, den Herrn Candidaten Streber ſogleich zu der Frau Gräfin zu beſcheiden; ſie habe mit ihm von wichtigen Dingen zu reden; dann kehrte er zurück zur Gräfin. Sie ſaß gebeugten Hauptes mit gefalteten Händen auf dem Divan und murmelte leiſe Gebete. Er unter⸗ brach ſie mit keinem Worte; er ging zu der gegenüber⸗ liegenden Thür hin und öffnete ſie. Dann blieb er ſtehen und wartete, bis die andere Thür ſich öffnete und der Kammerdiener den Hauslehrer anmeldete. Noch einen Augenblick“, ſagte ſie.„Ich laſſe ihn bitten, daß er noch einen Augenblick im Vorzimmer warte. Ich werde ſogleich öffnen.“ Der alte Kammerdiener ging hinaus. Sie erhob ſich von dem Divan und ſchritt haſtig zu der Thür hin, in welcher der Doctor ſtand.„Ich kann nicht, 136 es iſt unmöglich“, ſagte ſie;„bleiben Sie bei mir, bleiben Sie bei mir, bleiben Sie hier, Doctor.“ „Nein, nein!“ ſagte er ruhig.„Sie werden ge⸗ faßter ſein, wenn ſie allein mit ihm ſind, wenn Sie fühlen, daß Sie auf ſich ſelber angewieſen ſind und auf Gottes Beiſtand. Nun rufen Sie ihn.“ Er drückte ihr leiſe die Hand und trat dann in das nächſte Gemach, deſſen Thür ſich hinter ihm ſchloß. „Nun denn“, ſagte ſie, hoch aufathmend zu ſich ſelber,„nun denn, es muß ſein. Mit entſchloſſenen Schritten ging ſie durch das Gemach und öffnete die Thür des Vorzimmers. „Treten Sie ein, Herr Johannes Streber.“ Sie trat von der Thür weit zurück mit haſtigem Schritt, als fürchte ſie ſeine Annäherung. Als er eintrat, ſtand ſie neben dem Tiſch, der ſich inmitten des Gemaches befand, und ſtützte ſich mit beiden Händen darauf, während ſie ihm entgegen⸗ ſchaute. Er drückte die Thür leiſe hinter ſich zu und blieb mit einem ſanften, ſüßen Lächeln auf den dicken, wulſtigen Lippen, an der Thür ſtehen. Seine großen dunkelgrauen Augen flogen mit einem lauernden Blick durch das ganze Gemach hin, als ſpähten ſie nach irgend 137 einem Lauſcher. Dann ſenkten ſie ſich demüthig und fromm nieder. Die Gräfin hatte die Lippen feſt aufeinander ge⸗ preßt. Erſt nach einer Pauſe hatte ſie die Kraft die Augen aufzuſchlagen und den Blick auf den jungen Mann zu richten, der mit gottſeliger, frommer Miene und mit ehrfürchtigem Weſen daſtand und ihre An⸗ rede erwartete. „Herr Johannes Streber“, ſagte ſie athemlos, nach Faſſung ringend. Er ſchien wie aus einem Traume zu erwachen, richtete das geſenkte Haupt empor und ſah mit einem ſanften Lächeln zu ihr hin, während er leiſe ein paar Schritte vorwärts that. Sie hob den einen Arm empor und ſtreckte ihn aus, als wolle ſie ſeine Annäherung zurückweiſen. Er verſtand ſie und blieb ſtehen. „Herr Johannes Streber“, ſagte ſie wieder nach einer Pauſe, nach Athem ringend,„ich habe mit Ihnen zu reden. „Das habe ich mit dankbarer Freude er⸗ fahren“, ſagte er langſam und mit ſchmeichelnder Stimme.„Der gute alte Ludwig ſagte mir, daß meine gnädige Frau Principalin mir die Ehre einer Unterredung gönnen wollte, und deshalb beeilte ich 138 mich, hier einzutreten.„Und“, fuhr er dann nach einer Pauſe, da die Gräfin immer noch nicht wieder ſprach langſam und lächelnd fort,„und darf ich mir nun auch erlauben, zu fragen, was die Frau Gräfin, meine Principalin, mit mir zu reden und zu be⸗ ſprechen haben?“ „Ja, Sie dürfen fragen, und ich will Ihnen Antwort geben“, ſagte ſie, aber ihre Geſtalt ſchwankte ſo, daß ſie die Arme feſter, auf den Tiſch lehnte um ſich zu halten. Er eilte lautloſen Schrittes herbei, brachte ihr einen Stuhl und bat ſie, ſich niederzulaſſen. Sie warf einen großen Blick voll Haß und Zorn auf ihn, aber ſie nahm den Stuhl an und ließ ſich auf denſelben nieder. Er blieb vor ihr ſtehen nnd fragte wieder mit leiſer, ſchmeichelnder Stimme, was die Frau Gräfin ihm zu ſagen habe. „Es iſt wenig“, ſagte ſie,„aber für mich viel be⸗ deutend.“ „Dann für mich natürlich auch“, ſagte er ſchmeichelnd und freundlich. „Vielleicht, und ich hoffe, es wird Ihnen will⸗ kommen ſein“, ſagte ſie, und nach und nach ward ihre Stimme ruhiger und feſter.„Meine Tochter iſt ſeit einiger 139 Zeit leidend, und ich habe deshalb den Doctor ge⸗ rufen und ſeinen Rath begehrt. „Der gute, liebe Doctor“, ſchaltete er ein.„Er iſt ein ſo erfahrener Arzt und ſicher auch ein ſo ver⸗ ſchwiegener Freund Ihres Hauſes. Wieder traf ein flammender Blick ihrer Augen ſein lächelndes Angeſicht, und ein Wort des Zornes ſchwebte auf ihren Lippen, aber ſie überwand ſich und nahm ſich zuſammen. „Ja, er iſt ein erfahrener Arzt“, ſagte ſie,„und ſein Blick hat das Uebel, an welchem meine Tochter leidet, ſofort erkannt. Es iſt das Uebel, welches in meiner Familie erb⸗ lich iſt, ſie leidet an der Lunge, und der Doctor hat es darum für nothwendig erkannt, daß wir, bevor noch der Winter mit ſeinem Schnee und ſeinem Eis herein⸗ bricht, dieſes rauhe Klima verlaſſen und nach Italien gehen. Sie können denken, daß ich dieſen Rath des Arztes mit Begierde ergriffen habe. Da mich alſo nichts zurückhält, und da mich, Gott ſei Dank, nichts bindet, ſo werde ich noch heute aufbrechen, noch heute dieſes Haus und dieſe Gegend verlaſſen, um nach Italien zu gehen und dort den Winter zuzubringen.“ „Nach Italien“, ſagte er leiſe mit dem Haupte nickend.„Der liebe Doctor hat gewiß Recht, das ſüdliche Klima wird den angeriffenen Lungen der 140 lieb en jungen Comteſſe Lucie ſehr wohl thun, und ſie wird im Frühling als vollkommen geſund zurückkehren. Ja, ich bin überzeugt davon“, wiederholte er,„ſie wird im Frühling als vollkommen geſund zurückkehren, denn die Frau Gräfin bleibt ohne Zweifel bis April oder villeicht gar bis zum Mai in Italien?“ „Ja, es iſt möglich“, ſagte ſie,„vielleicht gar bis zum Mai.“ „Und darf ich fragen, oder vielmehr ich darf fragen“, ſagte er dann,„ich bin ja der Lehrer und ſomit ein halber Vormund Ihres Sohnes, der ein Recht hat, zu fragen. Ich erlaube mir daher zu fragen: Was ſoll aus dem jungen Grafen werden, und was haben die Frau Gräfin über ihn und auch über mich beſtimmt?“ „Ueber Sie?“ fragte die Gräfin mit kaltem, ſcharfem Ton,„über Sie, Herr Candidat Johannes Streber, habe ich weder zu beſtimmen, noch möchte ich zu beſtimmen haben. Was meinen Sohn aber betrifft, ſo will ich, weil Sie die Ehre hatten, der Lehrer des jungen Grafen von Liebetraut zu ſein, Ihnen ſagen, was mit ihm geſchehen ſoll. Es ſteht in dem Teſtament meines verſtorbenen Gemahls ausdrücklich angegeben, daß mein Sohn ſo lange hier in dem Schloß ſeiner Väter bleiben ſoll, bis er eine genügende Bildung erhalten habe, 0— 8— 0—— — 141 um in das Cadetencorps eintreten zu können. Nun haben Sie, Herr Candidat, mir ja oft genug die Fähigkeiten meines Sohnes gelobt und mir geſagt, daß er ſchon reif ſei für das Cadetencorps; ich will in dieſem Punkte Ihren Worten glauben und will annehmen, daß Sie in dieſem einen Falle die Wahrheit geſagt haben, und wäre es ſelbſt nicht ſo, ſo wird mein Sohn in Ver⸗ lin in der Cadetenſchule ſeine Studien fortſetzen. Er wird in meiner Begleitung nach Berlin gehen, ich werde ihn dort ſelbſt in die Cadetenſchule bringen und werde von da aus mit meiner Tochter dann weiter reiſen nach Italien, nachdem ich ſie vorher bei Hofe präſentirte.“ „Sehr ſchön, ſehr ſchön und weiſe ausgedacht“, bemerkte der Candidat, ſich leiſe verneigend.„Und was meine armſelige Perſon betrifft, wie haben die Frau Gräfin über dieſe verfügt?“ „Gott wolle verhüten, daß ich nöthig hätte, über Sie und Ihre Perſon zu verfügen“, ſagte die Gräfin ſtolz, indem ſie aufſtand und jetzt hoch aufgerichtet ſich Johannes Streber gegenüberſtellte.„Sie ſind der Lehrer meines Sohnes geweſen, ich habe mit Ihnen ein beſtimmtes Jahrgeld ausgemacht und Sie auf drei Jahre engagirt. Es ſind ſreilich, ſeitdem Sie in mein Haus eintraten, kaum zwei Jahre vergangen 142 doch ich werde niemals meinem Worte ungetreu werden. Sie ſollen keinen Schaden haben, Herr Johannes Streber, und werden auch für das nächſte Jahr be⸗ zahlt werden.“ „Nur mit der ausbedungenen Gage, Frau Gräfin?“ fragte er und ſeine Miene nahm jetzt einen ſtrengen, harten Ausdruck an;„ich bitte, ſagen Sie mir, Sie wollen mich entlaſſen, wie man einen Dienſtboten, deſſen man überdrüſſig geworden iſt, entläßt? Sie kündigen mir den Dienſt auf, als wäre ich eben nur ein Stallknecht oder höchſtens ein Lakai Ihres Hauſes? Sie weiſen mir, wie ich zu verſtehen glaube, die Thür und wollen mir dafür nur die ausbedungene Gage die Sie mir pflichtſchuldigſt zu zahlen haben, für das nächſte Jahr geben? Sie meinen wirklich Frau Gräfin, daß dieſe genüge, um mir den Schmerz der Trennung und die Demüthigung ſo plötzlicher Entlaſſung zu er⸗ ſparen?“ „Ah“, ſagte ſie aufathmend und ein flammender Blick ihrer Augen traf jetzt ſein heuchleriſches Geſicht, „ah, Herr Johannes Streber, ich danke Ihnen! Sie ſind wahrlich noch ſchlechter und erbärmlicher, als ich geglaubt habe! Sie wollen bezahlt ſein? Nun ja, Sie ſollen bezahlt werden! Nennen Sie mir Ihren Preis ſagen Sie, wieviel ich Ihnen geben ſoll, damit Sie 143 auf der Stelle, heute noch, mein Haus verlaſſen, auf Nimmerwiederſehen verlaſſen.“ „Auf Nimmerwiederſehen?“ fragte er, jede Silbe betonend.„Das iſt freilich ein ſehr hartes, trauriges Wort, und ich geſtehe Ihnen, Frau Gräfin, daß ich nicht glaube, daß es mir möglich iſt, mich dieſem ſtren⸗ gen Befehl zu unterwerfen. Auf Nimmerwiederſehen! Ich habe ein ſo weiches, warmes Herz für Sie und Ihr Haus; es hängt mit ſolcher Liebe und ſolcher Treue an Ihnen und Ihrer Familie, daß ich es für ganz undenkbar halte, mich von Ihnen auf Nimmer⸗ wiederſehen zu trennen, für ganz undenkbar, Frau Gräfin!“ „Und dennoch muß es und ſoll es ſein“, ſagte ſie gebieteriſch mit hochgehobenem Haupte.„Auf Nimmerwiederſehen trennen wir uns, Herr Candidatus Johannes Streber! Sagen Sie alſo Ihren Preis für dieſes Nimmerwiederſehen.“ „Es gibt gar keinen Preis, welcher mir dieſen Schmerz bezahlen könnte“, ſagte er.„Ich werde der Studien, der Zerſtreuungen, der Reiſen bedürfen, um mich über dieſen Schmerz, über dieſe Enttäuſchung hin⸗ wegzubringen. Aber Zerſtreuungen und Reiſen koſten ſehr viel Geld.“ 144 „Fordern Sie, fordern Sie“, rief ſie, bebend vor Ungeduld und innerem Zorn. „Ich überlege nur, Frau Gräfin“, ſagte er voll⸗ kommen ruhig und lächelnd;„ich nehme an, daß ich zwei Jahre auf Reiſen zubringen werde, um dieſen Schmerz zu betäuben. Ich glaube, es iſt beſcheiden, wenn ich kalkulire, daß ich im Jahre fünfzehnhundert Thaler zu ſolchen Reiſen bedarf. Das wäre alſo auf zwei Jahre——“ „Dreitauſend Thaler“, unterbrach ſie ihn haſtig. „Wohl, mein Herr, Sie ſollen dieſe dreitauſend Thaler haben; ich werde Ihnen heute eine Anweiſung auf meinen Banquier geben, die Sie in Königsberg prä⸗ ſentiren können.“ „Das wird mir angenehm ſein“, ſagte er mit einem ſanften Lächeln;„denn es wird zugleich ge⸗ wiſſermaßen ein Beweis ſein, wie ſehr die Frau Gräfin mit meinen Leiſtungen zufrieden iſt, wenn ſie dieſelben ſo hoch honorirt. Ich hoffe, Ihr Banquier wird das auch ſo anſehen, wenn ich ihm die Anweiſung präſen⸗ tire über—— wie viel ſagten doch die Frau Gräfin?“ „Dreitauſend Thaler.“ „Nehmen wir an, über viertauſend Thaler! Es wird das ein lautes Zeugniß ſein, wie ſehr dankbar die Frau Gräfin mir für den Unterricht ſind, den ich dem jungen Grafen ertheilte, und auch der jun⸗ gen—— „Still!“ unterbrach ſie ihn mit gebieteriſcher Stimme, und ein flammender zorniger Blick traf ihn; „ſtill, Herr Candidatus Johannes Streber. Ich bezahle Sie für den Unterricht, den Sie meinem Sohne ertheilt haben, und bezahle, wie ich glaube, gut mit viertauſend Thalern, wie Sie es begehren. Nun, denke ich, haben wir keine weiteren Verhandlungen mit einander mehr zu führen. Ich werde Ihnen durch den Doctor Wil⸗ liams die von mir ausgeſtellte und ausgefertigte An⸗ weiſung an meinen Banquier übergeben und Sie wer⸗ den noch heute mein Haus verlaſſen.“ „Wenn es ſo ſein muß, noch heute. Sie werden alſo die Güte haben, mich bis zur nächſten Station fahren zu laſſen?“ „Ich habe mit Doctor Williams geſprochen“, ſagte ſie keuchend und ihrer kaum mehr mächtig,„er wird die Güte haben, Sie ſelber auf den Bahnhof zu fahren.“ „Ach, ich begreife“, unterbrach er ſie mit einem Lächeln,„die Frau Gräfin wollen Ihrer Sache ganz gewiß ſein und der gute Doctor Williams ſoll mich an die Eiſenbahn abliefern. Er ſoll vermuthlich auch da ſtehen bleiben und warten, bis ich abgereiſt bin, nicht Mühlbach, Poteſtantiſche Jeſuiten III. 10 wahr? Er ſoll vielleicht erſt, wenn ich im Waggon ſitze, mir die Anweiſung übergeben?“ „Ja, Sie haben Recht, Herr Johannes Streber“, ſagte ſie ſtolz,„ganz Recht! Wir verſtehen einander, und Sie begreifen mich ganz wohl. Ja, ich werde, ob⸗ wol ich dieſen feinen Kunſtgriff nicht kannte und ihn erſt von Ihnen erfahre, von Ihnen, dem weltklugen und viel erfahrenen Mann, darnach handeln. Der Doctor ſoll Ihnen die Geldverſchreibung, wie Sie es mir vorſchlagen, erſt übergeben, wenn Sie in dem Eiſenbahn⸗Coupé ſitzen. Alſo wir ſind zu Ende! Gehen Sie, Herr Johannes Streber, und ich ſage Ihnen zum Abſchied nur:„Auf Nimmerwiederſehen! Gehen Sie!“ „Eure gräfliche Gnaden werden mir zum Abſchied doch die Hand reichen und mich nicht wie einen Lakaien entlaſſen, ſondern mit Ehren und huldvoll, wie es meiner Stellung geziemt. Sie werden mir die Hand reichen, Frau Gräfin?“ Er fragte es faſt mit gebieteriſchem, drohendem Ton, indem er dicht zu ihr herantrat. Sie wich faſt entſetzt von ihm zurück.„Nein, ich werde Ihnen nicht die Hand reichen. Es iſt genug der Worte, gehen Sie.“ Johannes Streber ſchien von dem gebieteriſchen Weſen der Gräfin wie zerſchmettert, und gehorſam 147 Ihrem Befehle wandte er ſich um und ſchlich gebeug⸗ ten Hauptes nach der Thür hin. Sie ſchaute ihm nach mit einem zornigen Blitzen in ihren Augen und ſchien in athemloſer Spannung ſein Hinausgehen zu erwar⸗ ten. Aber als er ſchon die Hand auf die Thürklinke gelegt hatte, blieb er zaudernd ſtehen, wandte ſich um und kehrte langſam wieder zu der Gräfin zurück. Seine Mienen waren jetzt trotzig und entſchloſſen. „Frau Gräfin“, ſagte er mit feſter Stimme,„es ſcheint mir unnatürlich, daß wir auf dieſe Weiſe ſchei⸗ den, da wir doch durch die Verhältniſſe ſo nahe zu einander geſtellt ſind. Ich mache Ihnen noch einen gütlichen Vorſchlag. Ich erkläre mich bereit, Alles, was in meinen Kräften ſteht, zur Wiederherſtellung der bedrohten Ehre zu thun und derſelben meine Per⸗ ſon und meine Freiheit zum Opfer zu bringen. Ich willige daher meinerſeits in eine ſofortige Verheirathung mit Ihrer Tochter.“ Sie ſtieß einen Schrei aus. Dann tönte ein höh⸗ niſches wildes Lachen von ihren Lippen, und ſie ſtürzte vorwärts mit dem flammenden Zornesblicke einer Tigerin. 3 „Wirklich?“ ſagte ſie mit heiſerer ſchriller Stimme. „Sie erklären ſich bereit zu einer Verheirathung? Sie wollen alſo die Schonung, die Barmherzigkeit, welche 10* 148 ich, nicht gegen Sie, ſondern gegen ein anderes ge⸗ liebtes Weſen übe, nicht annehmen? Sie wollen, daß ich meinen ganzen Zorn Ihnen in das elende, jammer⸗ volle Antlitz ſchleudere? Sie haben die Frechheit, zu mir zu ſagen, daß Sie in eine Verheirathung willigen? Wiſſen Sie denn, was Sie damit ſagen? Sie ſagen damit, daß ich einwilligen ſoll, die Unſchuld, die Rein⸗ heit, die verführte, betrogene Tugend an die Seite des heuchleriſchen, erbärmlichen, feigen Laſters zu ſtellen! Sie willigen in eine Verheirathung? Sie wagen es, auf Ihre ehrloſen, ſchändlichen Lippen den Namen meiner Tochter zu bringen? Hätte meine Tochter einen Vater, ſo würde er Sie mit der Fauſt in das Angeſicht ſchlagen und würde Sie einen Buben nennen! Hätte ſie einen Bruder, der erwachſen wäre, ſo würde er mit den Waffen in der Hand ſich Ihnen gegenüber ſtellen und würde Sie zur Rechenſchaft ziehen, und Gott würde geben, daß er Sie todt zu ſeinen Füßen niederſtrecke, zur Strafe Ihres Verbrechens! Ich bin nur ein Weib und kann Sie nicht zur Rechenſchaft ziehen; ich muß ſogar zu dem Entſetzlichen ſchweigen. Aber das ſollen Sie wiſſen, daß ich Ihnen fluche! Das ſollen Sie wiſſen, daß von nun an meine Ge⸗ Gedanken immer bei Ihnen ſind, daß Sie immerdar der Fluch eines gekränkten Mutterherzens begleitet! 149 Das ſollen Sie wiſſen, daß das Damoklesſchwert immerdar über Ihnen hängt und Sie unter ihm hin⸗ gehen ſollen wie der geächtete, zum Tode verurtheilte Verbrecher! Stürzen Sie ſich immerhin in Zerſtreuung, reiſen Sie, mein Herr, Sie werden doch wiſſen, daß mein Fluch Sie begleitet. Sie ſollen wiſſen, daß es keine Stunde in Ihrem Leben gibt, da nicht in meinem Herzen eine Verwünſchung gegen Sie tönt; Sie ſollen wiſſen, daß, wenn Unheil Sie betrifft und ich davon erfahre, dies Balſam ſein wird für mein Herz! Sie ſollen wiſſen, daß jeder Schmerz, den Sie erfahren, eine Strafe iſt von Gott und eine Rechtfertigung für mich! Sie ſollen wiſſen, daß mein Fluch Sie verfol⸗ gen wird bis an das Grab und über das Grab hin⸗ aus! Sie wagen es von einer Verheirathung zu ſprechen? Und wären Sie reich wie Kröſus und ange⸗ ſehen vor aller Welt, wie es leider gar oft die Heuch⸗ ler und die Böſewichter ſind, und wären Sie der höch⸗ ſten und angeſehenſten Männer Einer und wäre ich arm und elend, ſo wollte ich lieber mit meiner Tochter vor den Thüren betteln gehen oder wollte lieber leben von der kümmerlichen Arbeit meiner Hände, als daß ich einwilligte, daß meine Tochter Ihre Gattin würde! Ich würde mich nicht entehrt fühlen, wenn ſie einen niedrigen Arbeiter liebte und mit ihm verheirathet 150 3 würde, wenn er ein rechtlicher Mann wäre. Sie aber, mein Herr, Sie ſind ein frommer Schurke, weiter nichts! Und einem Schurken vermähle ich meine Toch⸗ ter nicht!“ „Madame!“ rief Johannes Streber mit flammen⸗ den Augen, indem er mit erhobenen Händen vorwärts ſchritt,„Madame Sie wagen es— „Still, ſtill!“ rief jetzt eine Stimme hinter ihm, und in der offenen Thür des Nebengemachs erſchien hoch aufgerichtet mit flammenden Augen der alte Doc⸗ tor Williams.„Unterſtehen Sie ſich nicht, mein Herr, auch noch ein einziges Wort zu der Gräfin zu ſprechen! Sie hat Ihnen befohlen, hinauszugehen. Gehen Sie alſo! Da iſt die Thür. Begeben Sie ſich auf Ihr Zimmer, packen Sie Ihre Sachen zuſammen; in einer Viertelſtunde komme ich, Sie abzuholen. Ich werde in dieſer Zeit mit der Frau Gräfin Ihre Geldangelegen⸗ heiten ordnen.“ „Ach“, ſagte der Candidat mit einem ſpöttiſchen Lächeln,„der Herr Doctor Williams hat ſich alſo herabgelaſſen, zu horchen?“ „Nicht zu horchen, mein Herr, ſondern auf der Wacht zu ſein! Ich wußte, daß die Gräfin mit einem böſen, giftigen Inſekt zu thun hatte, und ich wollte ſie mit meiner unſichtbaren Nähe beſchützen, um in dem —, 151 Augenblicke der Gefahr mit meiner Hilfe herbeieilen zu können. Gehen Sie.“ „Nur noch ein letztes Wort“, ſagte Johannes Streber wieder mit ſeinem ruhigen, tückiſchen Tone; „ich werde gehen, ſobald meine Geſchäfte hier geordnet ſind, Herr Doctor. Aber ich will nicht anders gehen, als wie es mir geziemt: in Ehren.“ „Sie in Ehren!“ wiederholte der Doctor mit einem verächtlichen Blick ſeine ganze Geſtalt über⸗ fliegend. „Wir wollen hier keine Erörterungen machen“, erwiderte Johannes Streber;„ich will auch Ihnen gegenüber nicht verſuchen, mich zu rechtfertigen oder zu entſchuldigen. Ich wiederhole nur: ich will, daß man mich in Ehren entläßt, und darum verlange ich, daß ich Abſchied nehmen darf von meinen Zöglingen, ſowol von dem jungen Grafen, als auch—“ „Genug!“ ſagte der Doctor, während die Gräfin mit einem leiſen Aechzen auf den Divan niederſank und ihr Geſicht mit ihren Händen bedeckte.„Es iſt genug, Herr Johannes Streber! Ich ſah den jungen Grafen ſoeben mit dem Jäger über den Hof gehen, er hat ſich auf die Jagd begeben. Was die junge Gräfin anbetrifft, ſo haben Sie bereits erfahren, daß dieſelbe krank und nicht im Stande iſt, irgend Jemand zu 152 ſehen. Nun, zum letzten Male, gehen Sie, mein Herr, und ordnen Sie Ihre Sachen. Ich habe nicht mehr lange Zeit, und Sie wiſſen, ich begleite Sie.“ „Es iſt grauſam“, ſeufzte Johannes Streber;„ich habe zwei der beſten Jahre meines Lebens hier zum Opfer dargebracht, ich habe meinen Pflichten mein be⸗ ſtes Wiſſen und Erkennen geopfert, und dies iſt nun mein Dank. Es iſt grauſam, ſehr grauſam in der That.“ Während er ſo ſeufzte und klagte, hatte der Doc⸗ tor ruhig ſeine Hand gefaßt, führte ihn zu der Thür hin, die er jetzt öffnete und ſtieß ihn mit einem heftigen Ruck hinaus. „Gott ſei gelobt! Endlich, endlich iſt er fort!“ rief die Gräfin, als die Thür ſich wieder hinter dem Verhaßten ſchloß, und ſie ſprang empor, und mit aus⸗ gebreiteten Armen zu dem alten Mann hineilend, um⸗ ſchlang ſie ihn feſt, legte ihr Haupt an ſeine Schulter und weinte bitterlich. „Arme Frau, arme Mutter!“ ſagte der Doctor mitleidsvoll.„Weinen Sie ſich aus mein armes Kind; denn wahrlich in dieſer Stunde bin ich wie Ihr Va⸗ ter. Mein weißes Haar gibt mir das Recht, Sie meine Tochter zu nennen, und das Unglück und der Schmerz gleicht alle Standesunterſchiede aus. Thränen ——-—. 153 thuen einem armen Mutterherzen wohl, und der Schmerz willl auch ſein Recht haben. Was aber dieſe giftige Viper betrifft, Frau Gräfin“, fuhr er dann nach einer Pauſe fort, während ſie ſtill weinend immer noch ihr Haupt an ſeine Schulter gelehnt hatte,„was dieſe gif⸗ tige Viper anbetrifft, ſo überlaſſen Sie dieſelbe mir, und ſeien Sie gewiß, ich will ſie noch ein wenig auf das tückiſche Haupt treten. Sie ſollen wenigſtens ſicher ſein, daß ſie Ihnen nichts mehr ſchaden kann.“ Eine Viertelſtunde ſpäter trat der Doctor reiſe⸗ fertig in das Gemach des Herrn Candidaten ein. Er fand ihn noch eifrig damit beſchäftigt, mit Hilfe des Dieners ſeine Sachen zu packen. „Ich hoffe, Sie ſind fertig?“ fragte der Doctor, mit ungeduldiger Miene nach dem noch offenen Koffer hinſehend.— „Ja, Sie haben Recht, ich bin ſchon fertig“, er⸗ widerte Johannes Streber lächelnd;„das beweiſt, daß ich arm und mittellos von hier fortgehe, ſo wie ich gekommen. Eine Viertelſtunde hat dem armen Candi⸗ daten Johannes Streber genügt, alle ſeine Sachen ein⸗ zupacken, und Sie ſehen, der Koffer iſt noch nicht ein⸗ mal gefüllt. Ja, ja, unſer Reich iſt nicht von dieſer Welt, und wir, die wir im Geiſte arbeiten, bleiben arm wie eine Kirchenmaus, mit der ich mich auch am —— 154 liebſten vergleiche. Ja, ja, mein lieber Doctor, arm bin ich wie eine fromme Kirchenmaus; das ſehen Sie an meinem nur halb gefüllten Koffer, in dem ſich nichts als meine Kleider und einige gelehrte Bücher befinden.“ „Ich habe keine Zeit mehr, über Sie nachzudenken“, rief der Doctor ungeduldig.„Der Wagen ſteht bereit und meine Kranken warten. Ich muß Sie aber vorher noch zur Eiſenbahn fahren. Schließen Sie den Koffer, Lebrecht“, wendete er ſich an den Diener,„tragen Sie ihn hinunter und ſetzen Sie ihn auf meinen Wagen.“ Er blieb am Fenſter ſtehen, bis er vom Zufallen der Thür hörte, daß der Diener hinausgegangen war, dann wendete er ſich zu dem Candidaten hin, der an dem Schreibtiſche ſtand. „Und die Anweiſung?“ fragte der Candidat mit einem höhniſchen Lächeln. „Ja, die Anweiſung. Die fromme, arme Kirchen⸗ maus denkt doch an dergleichen“, erwiderte Doctor Williams verächtlich.„Die Anweiſung! Es ſind dazu noch einige Präliminarien nöthig. Sie haben ſelber die kluge Auskunft getroffen, daß ich Ihnen die An⸗ weiſung erſt übergeben ſoll, wenn Sie im Coupé der Eiſenbahn ſitzen, und es ſoll ſo ſein! Aber vorher haben Sie auch Ihrerſeits mir noch eine Anweiſung und einen Schein auszuſtellen. — †—y 155 „Wie ſo?“ fragte der Candidat befremdet.„Ich armer Mann ſoll auch eine Anweiſung ausſtellen?“ „Ja, auf das Kapital Ihres Geiſtes, Ihrer Heu⸗ chelei und Bosheit ſollen Sie eine Anweiſung aus⸗ ſtellen, mein Herr! Aber nicht hier. Die Frau Gräfin wünſcht, ſo bald als möglich von Ihrer Anweſenheit befreit zu ſein. Wir werden alſo das Geſchäftliche nicht hier beſorgen.“ „Und was für Geſchäftliches, wenn ich fragen darf?“ „Sie werden das ſpäter erfahren. Sie wiſſen, der Weg zur Eiſenbahn führt uns durch das Gut des Barons von Schwing, und Sie ſind ja ein lieber und gerne geſehener Freund meines Schwagers, des Predigers von Schwing. Sie werden alſo wahrſcheinlicherweiſe gerne dort Abſchied nehmen wollen, bevor Sie ſich aus der Umgegend für immer entfernen. Sie werden Ab⸗ ſchied nehmen und wir werden dort zu gleicher Zeit unſere Geſchäfte ordnen. Jetzt kommen Sie, mein Herr.“ Er winkte ihm mit dem Kopfe gebieteriſch zu, wie man einem Diener winkt, dem man befiehlt, zu folgen, und dann ſchritt er hinaus und die Treppe hinunter, ſich zunächſt nach dem Candidaten umſchauend, der mit lächelnder ruhiger Miene ihm folgte. Drunten neben dem Wagen ſtanden die Diener des Hauſes, um Abſchied zu nehmen von dem Herrn 156 Candidaten, der ihnen mit ſalbungsvollen Worten ſein Lebewohl ſagte. Aber keiner von den Dienern zeigte ein betrübtes Geſicht. Alle ſchienen ſie erfreut, daß ſie jetzt von dieſem ſcheinheiligen, frommen Geſicht befreit werden ſollten, und als der Wagen über den Hof dahinrollte, blickten ſie ihm lachend nach, und Einer ſagte es zum Andern:„Gott ſei Dank, daß der elende heuchleriſche Menſch nicht wiederkehrt.“ Droben aber an ihrem Fenſter ſtand die Gräfin von Liebetraut. Mit bleichem Angeſicht, mit flammen⸗ den Augen ſchaute ſie dem dahinrollenden Wagen nach. Sie hob die Hand drohend empor, und ihre Lippen flüſterten leiſe:„Mein Fluch wird Dir folgen auf allen Deinen Wegen, und Nachts im Schlafe ſollſt Du meine Augen ſehen, die wie Dolche ſich in Dein Herz bohren! Du ſollſt wiſſen und empfinden in jeder Stunde Dei⸗ nes Daſeins, daß der Fluch einer Mutter Dir folgt, und möge Dein Leben vergiftet ſein von dieſem Fluch!“ Schweigend ſaßen die Beiden nebeneinander in dem offenen Wagen, der raſch mit ihnen die Straße hinunterflog. Zweimal verſuchte es der Candidat, den Doctor anzureden; der ſchien aber vollkommen taub, wendete mit gleichgiltigem Geſicht ſeinen Blick in die ferne Landſchaft hinaus und ſchien gar nicht gehört zu haben, daß man an ihn eine Frage richtete. Als 157 aber Herr Johannes Streber zum dritten Male ver⸗ ſuchte, ein Geſpräch zu eröffnen, befahl der Doctor dem Kutſcher anzuhalten. „Ich will zu Dir auf den Bock hinaufſteigen!“ rief er ihm zu;„es iſt da oben bei Dir eine beſſere Luft, als hier.“ Er kletterte haſtig über den Rückſitz des Wagens hinüber auf den hohen Kutſchbock und da blieb er ſitzen, bis der Wagen in den Pfarrhof einfuhr und vor demſelben ſtill hielt. Der Herr Paſtor von Schwing eilte aus ſeinem Hauſe herbei und begrüßte die Ankömmlinge mit frohen Worten und mit lächelndem Munde. „Welch ein ſeltſamer Aufzug, mein lieber Schwa⸗ ger Doctor“, rief er lachend.„Wie kommt es, daß Du droben auf dem Kutſchbocke ſitzeſt?“ „Ich wollte den Gang meines neuen Handpferdes beobachten“, ſagte der Doctor ruhig, indem er mit jugendlicher Lebhaftigkeit über das Rad hernieder zur Erde ſprang. „Seien Sie willkommen, mein lieber Freund“, wendete der Paſtor ſich jetzt mit ſalbungsvollem freund⸗ lichem Gruße an den Candidaten, der langſam und geſenkten Hauptes aus dem Wagen ſtieg. „Sie heißen mich willkommen?“ ſagte er dann mend.„Ich komme in trauriger Sache.“ „Wie, in trauriger Sache?“ fragte der Paſtor. „Ihnen iſt doch nichts Uebles widerfahren? Wirklich, Sie ſehen bleich und angegriffen aus und Ihre Miene iſt traurig!“ 4 „Natürlich“, rief der Doctor mit lauter Stimme, als hoffe er, daß noch andere Ohren, als die des Herrn Paſtors, ſeine Worte vernehmen ſollten,„natür⸗ lich iſt der liebe Candidat, Herr Johannes Streber, traurig, denn er kommt, um von Ihnen, mein Herr Schwager, und von Ihren Damen Abſchied zu nehmen.“ „Abſchied?“ fragte der Paſtor erſtaunt.„Sie ver⸗ laſſen alſo das Haus der Gräfin Liebetraut?“ „Ja, er verläßt es“, erwiderte ſtatt des Candi⸗ daten, der traurig ſeufzend ſein Haupt ſenkte, Doctor Williams,„er verläßt es ſehr wider ſeinen Willen. Es iſt eine traurige Nothwendigkeit, mein Herr Schwa⸗ ger, eine Nothwendigkeit, die ich gewiſſermaßen ver⸗ ſchuldet habe. Die junge Comteſſe iſt krank und ich habe befohlen, daß die Damen gleich heute von hier abreiſen und nach Italien gehen. Das iſt die Veran⸗ laſſung, weshalb der liebe und würdige Herr Candidat Johannes Streber kommt, um Abſchied zu nehmen.“ „Seltſam“, ſagte der Paſtor leiſe und gedanken⸗ die dargereichte Hand des Pfarrers in die ſeine neh⸗ 159 voll, und ein ſchiefer Blick ſeiner kleinen grauen Augen traf das Geſicht des Candidaten, der traurig, mit niedergeſchlagenen Augen daſtand, befangen und ver⸗ wirrt, weil er ſich nicht klar war über die Situation, in der er ſich befand, und nicht wußte, was der Doctor weiter über ihn beſchloſſen hatte. „Wirklich zu ſeltſam und eigenthümlich.“ „Zerbrechen Sie ſich nicht den Kopf, mein lieber Schwager“, ſagte der Doctor mit einem anſcheinend unbefangenen Lachen.„Es geht Alles ganz natürlich und einfach zu. Aber wo ſind denn Ihre Damen? Wo iſt meine liebe Schweſter Cornelia, die ſicherlich wieder gern bereit iſt, ihrem gottloſen Bruder, wie ſie mich immer zu nennen beliebt, einige Leviten zu leſen, weil ich ſo lange nicht hier geweſen bin. Und wo iſt denn mein liebes Nichtchen, deren Stimme mir immer klingt wie Lerchenlied?“ „Meine gute Frau befindet ſich mit ihrer Tochter im Garten, Herr Schwager“, ſagte der Paſtor zerſtreut; „ſie ſind in den Gemüſegarten gegangen, um die letz⸗ ten Bohnen zu pflücken.“ „Ah, in den Gemüſegarten! Sie wiſſen gewiß den Weg, mein lieber Herr Johannes Streber; gehen Sie und verabſchieden Sie ſich bei den Damen. Und Sie, Herr Schwager, haben wol die Güte und erlau⸗ 160 ben mir auf ein paar Minuten, in Ihr würdiges chriſtliches Studirzimmer hinaufzugehen. Ich habe da eine kleine Schrift aufzuſetzen, und ich bitte den Herrn Candidaten, ſobald er mit ſeinem Abſchiednehmen fer⸗ tig iſt, ſich zu mir begeben zu wollen. Es betrifft nur“ wendete er ſich an den Paſtor, der ganz erſtaunt bald den Candidaten, bald den Doctor anſah,„es betrifft nur eine Geldangelegenheit. Die Frau Gräfin hat mich zu ihrem Geſchäftsmanne auserſehen, da ihr Ju⸗ ſtitiarius nicht hier war. Gehen Sie, Herr Johannes Streber, verabſchieden Sie ſich von den Damen. Ich werde das Nöthige vorbereiten und erwarte Sie, wenn es der Herr Paſtor erlaubt in ſeinem Studirzimmer. „Ja, gehen Sie, mein lieber Freund“, ſagte der Paſtor;„ich will nur mit meinem Herrn Schwager hinaufgehen, um zu ſehen, ob auch Alles für ihn vor⸗ handen iſt, was er bedarf, und ich folge Ihnen dann ſogleich.“ Johannes Streber verneigte ſich ſtumm und ſchritt dann haſtig über den Hausflur, den Weg nach dem Garten dahin. „Gehen wir alſo hinauf, lieber Herr Schwager“, ſagte der Doctor leiſe,„ich habe einige Worte mit Ih⸗ nen zu reden.“ Er ſtieg haſtig wie ein junger Mann die knarrenden Stufen der hölzernen Treppe hinauf 161 und trat, ohne die Erlaubniß des Paſtors abzuwarten, in deſſen Studirzimmer ein. Der Paſtor folgte ihm mit neugieriger, gedanken⸗ voller Miene. „Ich begreife Sie nicht, lieber Herr Schwager; Sie kommen mir vollkommen verändert vor, ſo aufge⸗ regt, ſo ſeltſam leidenſchaftlich. „Bin ich auch!“ ſagte der Doctor haſtig.„Haben Sie jemals ein Gefühl gehabt, daß ſich ein giftiges Inſekt in Ihrer Nähe befinde, von deſſen Anweſenheit Sie wol Kenntniß hatten, von dem Sie aber nicht wußten, wie Sie es verſcheuchen und unſchädlich ma⸗ chen konnten? Sind Sie ſchon jemals vielleicht mit ei⸗ ner giftigen Spinne zuſammen geweſen?“ „Nicht, daß ich wüßte“, erwiderte der Paſtor ru⸗ hig.„Sie müſſen nach ſolchen Dingen meinen Herrn Bruder fragen, der in den Urwäldern wol allerlei In⸗ ſekten begegnet ſein mag. Waren Sie ſchon bei mei⸗ nem Bruder und können Sie mir ſagen, wie es mit ſeiner Geſundheit ſteht?“ „Ich werde Ihnen das morgen oder übermorgen ſagen“, erwiderte der Doctor ungeduldig;„es iſt von Ihrem lieben Bruder jetzt nicht die Rede. Ich fahre, wenn ich meine Geſchäfte beendigt habe, hnut Abend Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. III. zu ihm, und morgen auf dem Rückweg werde ich Ihre Frage beantworten. Jetzt handelt es ſich um andere Dinge. Nun, ich hatte das Gefühl ſeit langer Zeit, ſo oft ich mich mit dieſem Candidaten zuſammenbefand, ja ſo oft ich nur an ihn dachte; ich wußte, daß er eine giftige Spinne iſt; aber ich konnte den Beweis nicht führen, auch nicht Ihnen gegenüber, mein Herr Schwa⸗ ger, der Sie allerdings ganz andere Anſichten von die⸗ ſer giftigen Spinne, Johannes Streber hatten.“ „Hatten?“ fragte der Paſtor ſanft;„ich habe noch jetzt eine ſehr gute Anſicht von dem edlen und wür⸗ digen Candidaten Johannes Streber, und ihre Mei⸗ nung über ihn wird, glaube ich, dieſe Anſicht nicht ändern. Ich kenne ihn; ich weiß, daß er ein gottes⸗ fürchtiger, frommer Mann, dabei ſehr gelehrt iſt und recht eine Leuchte der Kirche ſein wird! Davon bin ich überzeugt.“ „Nun, ich meinestheils würde danken, dieſe Leuchte auf den Altar irgend einer Kirche zu ſtellen“, ſagte der Doctor trocken.„Und ich will auch Sie davon überzeugen, daß eine giftige Spinne ſich nicht in eine Altarkerze umwandeln läßt. Ich will Sie davon über⸗ zeugen, mein Herr Schwager, nicht um Ihretwillen, ſondern— verſtehen Sie mich wol, Herr Schwager, ſondern um Ihrer lieben, guten Tochter willen. Ich 163 bitte, glauben Sie nicht, daß ſie je zu mir geklagt hat; aber ich habe, ſo oft ſich ihr dieſe Spinne genaht hat, den Ausdruck des Entſetzens, der Furcht an ihren Mienen bemerkt und ich habe auch geſehen, wie die Augen ih⸗ rer Mutter ſich dann drohend auf ſie hefteten! Um Ihrer Tochter willen wünſche ich, daß Sie Herrn Jo⸗ hannes Streber erkennen ſollen als das, was er iſt. Still, ich höre ſeine Schritte auf der Treppe. Ich bitte, gehen Sie ihm entgegen und ſchleichen Sie dann zurück, dort hinein in Ihr Schlafzimmer, lieber Schwa⸗ ger, und lehnen Sie die Thür an, aber nur ſo weit, daß Sie hören können, was hier geſprochen wird. Es iſt freilich eine nicht ganz würdige Situation für einen Pfarrer, zu horchen, aber Sie thun es um des guten Zweckes willen; Sie thun es deshalb, weil es die ein⸗ zige Art iſt, wie Sie etwas erfahren können.“ „Gehen Sie ihm alſo entgegen, er muß gleich hier ſein, und dann durch den anderen Eingang kehren Sie leiſe in Ihr Schlafzimmer zurück. Hören Sie aber noch dies“, fuhr er dann ernſt fort,„vorher for⸗ dere ich von Ihnen Ihr Wort, hören Sie, Herr Schwa⸗ ger, Ihr feierliches Wort, als Diener Gottes und der Kirche, und als Ehrenmann, daß Sie von Allem, was Sie hören und erfahren werden, keinem Men⸗ ſchen auf der Welt, ſelbſt nicht meiner lieben, theueren Schweſter Cornelia, ein Wort verrathen, oder auch nur das, was Sie erfahren, andeuten wollen!“ „Ich gebe Ihnen mein Wort darauf“, erwiderte der Paſtor„mein Wort als Diener der Kirche und Ehrenmann, daß ich von Allem, was ich hören und er⸗ fahren werde, zu keinem Menſchen auf der Welt ein Wort nur ſagen oder andeuten werde.“ Er reichte dem Doctor ſeine Rechte dar, welcher dieſer feſt in der ſeinen drückte. „Gut denn, mein Herr Schwager, wir ſind einig. Gehen Sie ihm entgegen, es iſt die höchſte Zeit.“ Der Paſtor nickte ihm zu und ſchritt dann hinaus dem Candidaten entgegen, welcher eben leiſe und lang⸗ ſam die Treppe heraufkam. „Ich habe meinem Schwager Doctor Alles bereit gelegt, mein lieber Freund“, ſagte der Paſtor ihm zu⸗ nickend, indem er an ihm vorüberſchritt.„Er erwar⸗ tet Sie ſchon mit Ungeduld; Sie wiſſen ja, er hat trotz ſeiner weißen Haare immer noch ſein jugendliches Feuer, eilen Sie zu ihm. 1 Der Herr Paſtor ſtieg die Treppe weiter hinunter, während Johannes Streber in das Zimmer zu dem Doctor eintrat. „Sie haben mich recht lange warten laſſen, Herr 165 Candidat Johannes Streber“, ſagte der Doctor, ihn mit einem haſtigen Kopfnicken begrüßend. „Es iſt wahr“, erwiderte er mit ſeiner weichen ſchmeichleriſchen Stimme,„ja es iſt wahr, und ich beklage es tief, aber die Frau Paſtorin hielt mich feſt; ſie iſt immer ſehr freundlich und ſo ſehr gütig, ja ſo ſehr zuvorkommend gegen mich. Ach, wie wenig gleicht ihr Herr Bruder der lieben Paſtorin! Sie iſt meine Freun⸗ din und liebt mich ein wenig, während ihr Herr Bru⸗ der leider zu meinen Feinden und Verfolgern gehört, der—“ „Sparen Sie ſich doch mit mir die hochtönenden Redensarten, Herr Candidatus“, unterbrach ihn der Doctor ungeduldig.„Es iſt ja Niemand hier, auf den Ihre gottſeligen Mienen und Ihre demüthigen Phraſen Eindruck machen könnten! Alſo ſprechen wir ohne Rückhalt und kommen wir zur Sache.“ „Ja, kommen wir zur Sache“, wiederholte der Candidat.„Ich geſtehe, daß ich in der That neugie⸗ rig bin, zu erfahren, was ich mit Ihnen, Herr Doc⸗ tor, noch zu beſprechen habe, nachdem ich mit der Frau Gräfin von Liebetraut, meiner verehrten Princi⸗ palin, Alles abgemacht habe.“ „Noch nicht Alles, Herr Candidat“, rief der Doc⸗ t or achſelzuckend.„Man muß Ihnen gegenüber auf 166 ſeiner Huth ſein, wie man allemal, wenn man mit ei⸗ nem Gift zu thun hat, ſich mit einem Gegengift ver⸗ ſehen muß. Es kommt alſo darauf an, Ihnen gegen⸗ über ſich mit einem Antidotum zu bewaffnen, und dies ſollen Sie uns ſelber geben, Herr Candidat.“ „Ich geſtehe“, ſagte er, leiſe das Haupt neigend, „ich geſtehe, daß ich kein Wort von dem, was Sie mir da ſagen, begriffen habe, lieber Doctor.“ „Lieber Doctor!“ rief Doctor Williams ungeduldig, vich bitte, erſparen Sie ſich dieſes Epitheton für mich! Nennen Sie mich kurzweg Herr Doctor, denn ich wünſche, um die Wahrheit zu ſagen, mit Ihnen nicht die entfernteſte Bekanntſchaft, ſondern ich wünſche nur von Ihnen mit derjenigen Höflichkeit behandelt zu werden, wie ſie unter ganz fremden Menſchen Gebrauch iſt, und Sie haben gar nicht nöthig, irgend einen zärt⸗ lichen Ausdruck meiner Benennung hinzuzufügen. Alſo, da Sie mich nicht verſtanden haben, will ich mich ganz kurz und deutlich ausdrücken. Man bezahlt Sie, um Sie los zu ſein; aber man will zugleich eine Quittung in Händen haben, welche Ihnen ein weiteres Andringen und weiteres Begehren unmöglich macht und welche im Nothfall Sie gleich ausweiſt als das, was Sie ſind: ein Schurke!“ „Welch entſetzliches Wort das iſt und wie ver⸗ —— 167 wundet es mein Herz, wie mit einem Dolchſtich“, rief der Candidat.„Doch ich weiß, daß ich in dieſer Stunde ein Märtyrer bin, und ich werde meinen ge⸗ rechten Zorn zurückdrängen in mein Herz und mich der Demüthigung, welche Gott mir auferlegt hat, willig und von jetzt an ohne Widerſtreben unterwerfen. Ich will Ihr ſchlimmes Wort nicht gehört haben, und bitte Sie, Alles zu ſagen, was weiter geſagt werden muß.“ „Sie ſind ein ungemein ſchlauer Kerl“, ſagte Doctor Williams mit einem verächtlichen Lächeln. „Alſo Sie haben mich jetzt begriffen? Es handelt ſich jetzt darum, eine Quittung auszuſtellen über die vier⸗ tauſend Thaler, welche die Frau Gräfin Ihnen geben will und mit welchen ſie ſich loskauft von Ihrer wider⸗ wärtigen Gemeinſchaft.“ „Eine Quittung? Nun wohl! Sie verlangen doch von mir, daß ich dieſe Quittung hier ſchreibe, und ich werde Sie ihnen dann auf dem Bahnhofe übergeben, nachdem ich von Ihnen die Anweiſung erhalten habe.“ „Wenn Sie im Stande wären, mich zu beleidigen, ſollten das dieſe Worte wol bezwecken“, ſagte der Doe⸗ tor achſelzuckend;„doch zu Ihrem Glücke iſt das Ihnen ganz vollkommen unmöglich, und ich erwidere Ihnen nur das: Ich werde Ihre Quittung ſchon jetzt nehmen und Sie werden von mir auf der Eiſenbahn die An⸗ 168 weiſung erhalten. Jetzt ſetzen Sie ſich hin und ſchrei⸗ ben, Sie.“ „Gut denn, ich ſchreibe“, ſagte der Candidat ruhig.„Ich Endesunterzeichneter habe von dem Herrn Doctor—“ „Nein, nein“, unterbrach ihn der Doctor,„Sie werden ſchreiben, was ich Ihnen dictire: „Ich Endesunterzeichneter beſcheinige hierdurch Folgendes: Ich habe in dem Hauſe der Frau Gräfin von Liebetraut, in welchem ich die Ehre hatte, als Hauslehrer aufgenommen zu werden, das Vertrauen, welches die Frau Gräfin mir ſchenkte, und die Ehre, welche ſie mir erzeigte, indem ſie mich zum Lehrer ihres Sohnes, des jungen Grafen, ernannte und mich als ſolchen ſtets mit Achtung und Auszeichnung be⸗ handelte, auf eine nichtswürdige und ſchändliche Weiſe vergolten—“ Der Candidat, der anfangs haſtig den Worten des Doctors gefolgt war und ſie niedergeſchrieben hatte, hielt an und blickte erſchrocken zu dem Doctor auf, der neben ihm ſtand. „Sie werden nicht verlangen, daß ich das ſchrei⸗ ben ſoll“, ſagte er und ſeine Stimme war einen Mo⸗ ment gar nicht freundlich und milde wie ſonſt. „Ich verlange es nicht blos, ſondern ich beſtehe 169 darauf, und ich rathe Ihnen, daß Sie ohne Umſchweife und ohne Widerſpruch meine Worte niederſchreiben, wenn Sie überhaupt das Geld, welches Ihnen die Frau Gräfin beſtimmt hat, erhalten wollen.“ „Ach, ich vergaß“, ſeufzte der Candidat,„es regt ſich in mir noch immer der Menſch, und der Mann will immer noch nicht vergeſſen, daß er ein Märtyrer iſt und irdiſche Schmach tragen muß um ſeiner from⸗ men Geſinnung willen. Gut, mein Herr, ich ſchreibe.“ „Gut, Sie ſchreiben— auf eine nichtswürdige und ſchändliche Weiſe vergolten habe, indem ich das Vertrauen der Frau Gräfin betrog, indem ich unter der Miene eines frommen Heuchlers—“ „Es iſt hart, ſehr hart“, ächzte der Candidat, „ſehr hart! Doch Gott will es, daß ich leiden ſoll, und ich ſchreibe— unter der Miene eines frommen Heuchlers—“ „Weiter alſo!— unter der Miene eines frommen Heuchlers, mit der Frivolität eines laſterhaften Welt⸗ kindes Ehre und Tugend, Sitte und Anſtand betrog und das heilige Gaſtrecht mit Füßen trat. Ich erkenne hierdurch, daß ich als ein Chrloſer gehandelt habe.“ „Das iſt unmöglich“, rief Johannes Streber, die Feder beiſeite werfend,„ich kann das nicht ſchreiben.“ 170 Er wollte aufſtehen, doch der Doctor drückte ihn mit eiſerner Fauſt wieder auf ſeinen Sitz zurück. „Sie können das ſchreiben, mein lieber gottes⸗ fürchtiger Mann! Entſinnen Sie ſich, daß Sie ein Märtyrer ſind, und bringen Sie Ihr Martyrium zu Ende, denn das Ende wird ſein, daß Sie viertauſend Thaler erhalten.“ „Gut, ich bringe mein Martyrium zu Ende“, ächzte der Candidat.„Dictiren Sie weiter.“ Schreiben Sie weiter“, befahl der Doctor.„Ich bereue tief, was ich gethan, und es ſoll ein Ausdruck meiner Reue ſein, daß ich mich den Bedingungen der Frau Gräſin von Liebetraut füge, den Bedingungen, welche ſie geſtellt hat und um derentwillen ſie mich nicht der öffentlichen Strafe übergeben und mich nicht bei der hohen Kirchenbehörde verklagen will, damit ich nicht, wie ich es verdiene, ausgeſtoßen würde von dem heiligen Beruf, dem ich mich gewidmet habe. Dieſe Be⸗ dingung iſt, daß ich niemals wieder einen Verſuch mache, mich irgend einem Mitgliede der gräflich von Liebetrautſchen Familie zu nähern, auch zu keinem Menſchen je von ihnen ſpreche oder mich deſſen rühme, daß ich in ihrem Hauſe geweſen. Ich ſchwöre bei Allem, was mir heilig ſein ſollte, aber es leider bis jetzt nicht geweſen, daß ich von nun an niemals es 171 wagen werde, auch nur daran zu denken, daß ich im Hauſe der Gräſin von Liebetraut gelebt habe und die⸗ ſer hohen Familie bekannt bin. Nur unter dieſer Be⸗ dingung hat die Frau Gräfin von Liebetraut mir ver⸗ geben, und um das Maß ihrer Güte und Langmuth voll zu machen und mich nicht ganz in den Staub darniederzudrücken, hat die Frau Gräfin, wenn ich dieſe Bedingung erfülle und dieſes Alles ſchriftlich ausſpreche und mit meiner Namensunterſchrift verſehe, mir ein Gnadengeſchenk von viertauſend Thalern bewilligt, weil ich doch einmal die Ehre gehabt, die ich ſo wenig ver⸗ diente, die Ehre, der Lehrer ihres Sohnes zu ſein und in ihrem Hauſe zu leben. Solches bezeuge ich mit meiner Unterſchrift.“ „Es iſt zu viel!“ ächzte Johannes Streber;„ich fühle, daß es mir unmöglich iſt, dieſes furchtbare Do⸗ cument zu unterzeichnen! Wirklich ganz unmöglich, es überſteigt meine Kraft. Ich geſtehe Ihnen, daß ich lieber Elend und Noth ertragen, lieber vor den Thü⸗ ren betteln gehen, als dieſes furchtbare Document mei⸗ ner Schmach unterzeichnen will!“ „Ich dachte mir ſchon, daß es ohne Selbſtkämpfe nicht abgehen könnte“, ſagte der Doctor achſelzuckend „und ich habe in dieſem Falle von der Frau Gräfin Vollmacht erhalten. Sie verweigern Ihre Unterſchrift?“ 172 „Ja, ich verweigere ſie“, ſagte Johannes Streber mit mattem Tone. „Sie verweigern es für viertauſend Thaler“, nickte der Doctor.„Sie ſollen ſehen, mein lieber Candidat Johannes Streber, daß ich Sie richtig erkannt und durchſchaut habe. Sie haben die Anweiſung für vier⸗ tauſend Thaler geſchrieben; für Ihre Unterſchrift be⸗ willigt Ihnen die Frau Gräfin außerdem noch fünf⸗ hundert Thaler.“ „Fünfhundert Thaler dafür, daß ich meine Ehre vernichte, indem ich meinen Namen unter dies Docu⸗ ment ſchreibe?“ rief Johannes Streber, die Augen und Arme gegen Himmel erhebend.„Fünfhundert Thaler für ſolche Schmach! Nein, nein, wenn ich dies nieder⸗ ſchreibe, muß ich ja für immer aus der Welt ſcheiden und in die Weite flüchten, in ferne Welttheile, wo mich Niemand kennt. Es iſt dann nicht genug an dem, was mir die grauſame Gnade der Gräfin bewilligt.“ „Ich ſehe, wir verſtehen uns vollkommen“, lachte der Doctor.„Mein Herr, das letzte Wort! Wir han⸗ deln ja miteinander um Ehre und guten Namen, wie es nur die Juden und Wucherer können. Das letzte Wort: unterſchreiben Sie und Sie erhalten für Ihre Unterſchrift tauſend Thaler, zuſammen fünftauſend Thaler.“ 173 „Ich kann es nicht ertragen, dieſe Verhandlungen weiterzuführen“, ſagte Johannes Streber ächzend.„Um nur von dieſem grauſamen Manne loszukommen und um mein Martyrium zu enden, damit ich nicht ſterbe in dieſer ſchrecklichen Qual, will ich unterzeichnen.“ Er nahm die Feder und ſchrieb mit raſchen Zü⸗ gen:„Johannes Streber, Candidat der Theologie!“ „Candidat der Theologie!“ wiederholte der Doc⸗ tor mit ſpöttiſchem Lachen.„Fügen Sie noch Ihrer⸗ ſeits hinzu: Für dieſe meine Unterſchrift erhalte ich tauſend Thaler.“ „Gut, ich ſchreibe auch das noch. Und nun ſind wir fertig!“ rief Johannes Streber, indem er aufſprang und zugleich nach dem Papiere griff; aber der Doc⸗ tor entzog es ihm haſtig und faßte es mit beiden Händen. „Dieſes koſtbare Document gehört mir, Herr Candi⸗ dat“, ſagte er,„und wir ſind noch nicht ganz fertig. Ich werde vor Zeugen Ihnen das Document vorleſen, da⸗ mit Sie hören, was Sie geſchrieben. Es bedarf für ein ſolches Document der Zeugen.“ Er durchſchritt das Gemach und öffnete die Thür des Schlafzimmers. „Mein Herr Schwager, Sie haben doch wol Alles gehört?“ 174 „Ja“, ſagte der Paſtor, indem er bleichen Ange⸗ ſichts, mit verſtörter Miene eintrat.„Ja, zu meinem tiefen Leidweſen habe ich Alles gehört. Herr Candidat Johannes Streber“, fuhr er fort, indem er mit hoheits⸗ voller Miene ſich an den Candidaten wendete,„ich bekenne, daß ich ein unſichtbarer Zeuge deſſen geweſen bin, was ſich hier begeben. Mein Herr Schwager forderte es von mir, und ich willigte ein, dort in mei⸗ nem Schlafzimmer zu bleiben und zuzuhören. Ich habe leider gehört, was ich nicht für möglich gehalten, wenn ich es nicht mit meinen eigenen Ohren von Ihren Lippen vernommen hätte.“ „Oh Gott, mein Gott! Sende mir einen Deiner heiligen und gnädigen Blitzſtrahle, daß er mich tödte und zerſchmettere!“ rief der Candidat mit ſchmerzlicher Stimme, die Arme zum Himmel emporhebend.„Tödte mich, mein Gott, denn dieſen Jammer und dieſe Schmach ertrage ich nicht. Es dunkelt vor meinen Augen; ich fühle, daß Gott gnädig iſt und mein Flehen erhört. Ich ſterbe, ich ſterbe!“ rief er, indem er taumelnd auf einen Stuhl niederſank und nach Athem zu tingen ſchien. Die beiden Männer blieben mitleidslos, hoch auf⸗ gerichtet, weit von ihm entfernt ſtehen und ſchauten mit ſtrengen Blicken zu ihm hin. Johannes Streber 405 lehnte ächzend und ſchwankend auf dem Seſſel. Nach einer Pauſe griff er mit zitternder Hand an ſeine Bruſt 6 V und zog langſam ein kleines, mit einer weißen Flüſſig⸗ keit gefülltes Fläſchchen hervor. „Dies iſt Balſam; Balſam, damit ich nicht ſterbe. Balſam“, ſagte er mit ſeltſamen Blick, indem er das Fläſchchen emporhob. Der Paſtor ſtieß einen Schrei aus und trat einige Schritte näher, die Augen feſt auf das Fläſchchen hin⸗ gerichtet. „Es iſt— ich erkenne es“, ſagte er dann leiſe, .„ja ich erkenne es.“ Mit einer haſtigen Bewegung wendete er ſich zu dem Doctor, der ihn mit erſtaunten Blicken betrachtete. „Ich bitte Sie, mein Herr Schwager“, ſagte er ſchnell, ventfernen Sie ſich auf einige Augenblicke. Ich habe mit dem Herrn Candidaten zu ſprechen.“ „Seltſam, in der That, ſehr ſeltſam!“ ſagte der Doctor kopfſchüttelnd.„Doch verzeihen Sie mir, lieber Schwager, ich liebe es, die Geſchäfte ordentlich und regelrecht zu Ende zu führen. Ich werde das Zimmer verlaſſen, nachdem ich zuvor mein Geſchäft mit dem Candidaten beendet habe, das heißt, nachdem ich ihm in Ihrer Gegenwart das Document vorgeleſen habe.“ „Das iſt ja unnöthig“, erwiderte der Paſtor un⸗ 176 geduldig.„Ich habe, wie ich hiermit bezeuge, jedes Wort deſſen, was Sie dem Herrn Candidaten dictirt haben, gehört, und weiß, daß er es niedergeſchrieben.“ „Und Sie wiſſen auch, daß er es für tauſend Thaler mit ſeiner Unterſchrift verſehen hat?“ fragte der Doctor ſpöttiſch lächelnd. „Ich weiß auch das. Ich war Zeuge der ganzen unglückſeligen und beklagenswerthen Scene.“ „Gut denn“, ſagte der Doctor, indem er das Pa⸗ pier zuſammenfaltete und in ſeine Bruſttaſche ſchob, „mein Geſchäft iſt jetzt beendet und da Sie es wün⸗ ſchen, laſſe ich Sie allein mit dem Herrn Candidatus Johannes Streber. Ihm aber ſage ich, daß ich nur noch eine Viertelſtunde Zeit habe. Meine Kranken er⸗ warten mich, und um eines Menſchen, wie dieſer iſt, will ich ſie nicht noch länger warten laſſen. Beeilen Sie ſich alſo, mein Herr Schwager, mit dem, was Sie ihm zu ſagen haben Ich gehe hinunter zu Ihren Damen.“ Er nickte dem Paſtor zu und ging dann hinaus, die Thür ſo heftig in das Schloß werfend, daß die Fenſter klirrten, und in ſo haſtigen Sätzen die Treppe hinunterſpringend, daß die Stufen knarrten und das alte Geländer, an welchem er ſich hielt, in Gefahr war, zuſammenzubrechen. 177 „Sophie“, rief er mit lauter Stimme,„Sophie, mein Kind, wo biſt Du?“ Sophie ſprang ihm aus dem Wohnzimmer entgegen. „Hier lieber Onkel, hier, und ich habe Dich er⸗ wartet, wie Du mir geheißen hatteſt.“ „Komm in den Garten, komm, mein Kind“, ſagte er, haſtig ihren Arm nehmend;„ich muß in die friſche freie Gottesluft, ich muß Athem ſchöpfen und mich überzeugen, daß die Sonne noch ſcheint und daß der liebe Gott wirklich ſie ſcheinen läßt über die Gerechten und die Ungerechten.“ „Aber Onkel, was iſt Dir? Was haſt Du nur?“ fragte ſie beſorgt. Er antwortete nicht, ſondern zog ſie vorwärts über den breiten Hof dahin, und erſt als ſie im Garten waren, weitab von der Thür, blieb er ſtehen, ſchaute ſie an, und nickte ihr zu mit einem freundlichen Lächeln. „Sage mir, mein Kind“, murmelte er haſtig, „nicht wahr, Deine Mutter liebt den Herrn Johannes Streber?“ „Ja, ich fürchte es, ſie liebt ihn ſo ſehr, daß—“ „Sie ihn zu ihrem Schwiegerſohn haben möchte“, lächelte der Doctor.„Nun gerade darum habe ich Dich gerufen, um Dir einen Troſt zu ſagen, mein Kind; ich habe Dir dieſen Freier glücklich aboperirt, und Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. III 12 178 von ihm haſt Du nichts mehr zu fürchten. Das iſt Alles, was ich Dir zu ſagen habe. Und nun bitte ich Dich, gib mir einen herzhaften Kuß dafür und entſün⸗ dige meine Lippen von Allem, was Sie haben ſagen müſſen.“ Die beiden Herren hatten ſich indeß droben auf dem Studirzimmer des Herrn Paſtors ſtumm einige Zeit lang gegenüber geſtanden. Der Candidat hielt immer noch das Fläſchchen in der erhobenen Hand und blickte jetzt, als ſie allein waren, mit faſt gebieteri⸗ ſchem Ausdruck auf den Paſtor. „Sie kennen dieſes Zeichen?“ fragte er dann nach einer Pauſe mit leiſer Stimme. Der Paſtor neigte ſein Haupt. „Ja, ich kenne es und beſitze ſelbſt ein ſolches Fläſchchen.“ Der Candidat ſchüttelte langſam das Haupt. „Sie irren, mein Freund; Sie beſitzen ein Fläſch⸗ chen ähnlicher Art, nicht eben ein ſolches. Ihr Fläſch⸗ chen iſt bezeichnet mit einem grünen Bande; das meine trägt, wie Sie ſehen, zwei Bänder, ein grünes und ein blaues, und es iſt mit einem weißen Siegel verſehen. Dieſes bedeutet, daß ich bis zu dem höchſten Grade vorgeſchritten bin und daß ich zu den Auserleſenen und Auserkorenen gehöre, welche ſtehen in dem inneren 179 Heiligthume, welche berufen ſind zu den höchſten Wür⸗ den, und welche die auserkorenen Jünger ihres Mei⸗ ſters Wilhelm Ebel ſind, deſſen Johannes ich mich nennen darf, das heißt den Jünger, welcher ruht an der Bruſt des Heilandes, des neuen Meſſias, welchen Gott geſendet hat zur Erlöſung der Menſchen.“ „Ich beuge mein Haupt in Demuth vor dem Auserkorenen, vor dem Geweihten und Berufenen“, ſagte der Paſtor tief ſein Haupt neigend. „Sie beugen Ihr Haupt, mein theurer Freund“, ſagte Johannes Streber ſalbungsvoll.„Wahrlich, ich erkenne, daß Ihr Glaube mächtig iſt, und daß Sie ſich nicht beirren laſſen vom äußeren Schein, denn Sie haben von mir Entſetzliches und Schlimmes erfahren, und nach deen Urtheil der Welt hätten Sie mich der Sünde und des Verbrechens überführt geſehen. Ihre Augen aber ſind geöffnet und die Erkenntniß iſt bei Ihnen. Sie wiſſen, daß oft als Sünde erſcheint vor dem weltlich Geſinnten, was geboten iſt durch die hei⸗ ligen Myſterien des inneren Tempels. Sie ſollen al⸗ ſo meine Rechtſertigung erfahren: Ich war geſandt von meinem Meiſter Ebel in das Haus der Gräfin von Liebetraut, um dieſe be zu gewinnen für das heilige Werk, dem wir Alle dienen. Die Familie iſt mächtig, groß und angeſehen hier in der Gegend; ſie ſollte 12* 180 ein Stab werden, auf welchen wir uns lehnten. Dies war meine Sendung. Durch die Frauen ſoll das Himmelreich auf Erden gepredigt werden, und ich war geſandt in dieſes Haus, um die Frauen zu bekehren und ſie zu gewinnen für das heilige Werk. Mein großer Meiſter Ebel hatte dieſe junge Comteſſe zur Begnadigten auserkoren und mir befohlen, ſie zu mei⸗ ner Seelenbraut zu machen durch alle Myſterien der Natur. Ich that es mit Widerſtreben; ich fügte mich dem Willen des Meiſters, wie es uns Allen geziemt. Ich warb um die junge Gräfin, ich machte ſie zu mei⸗ ner Seelenbraut, indeß mein Herz und meine Liebe mich ganz wo anders hinwies, hierher in Ihr Haus, zu Ihrer Tochter! Aber ich unterwarf mich und diente zu⸗ erſt dem Meiſter und dem Herrn. Ich that wie mir befohlen und einte mich der Seelenbraut. Doch ſelbſt der Meiſter und Herr iſt nur ein Menſch und ſeine Augen, welche den Himmel ſchauen und erkennen, täu⸗ ſchen ſich doch zuweilen über die Dinge der Erde. So iſt es uns geſchehen in dieſer Sache. Dieſe Gräfin von Liebetraut iſt zu irdiſch und zu weltlich geſinnt, als daß ſie ſchon fähig wäre, in den Tempel des Herrn einzutreten. Sie weiſt die Begnadigung von ſich und nimmt das Gericht auf ſich! Sie iſt nicht würdig, zu den Unſern zu gehören, und ich wende mich von ihr; 184 ich habe um ihretwillen auf mich genommen die Schmach der Erde und habe um der heiligen Sache willen ſelbſt die anſcheinende Ehrloſigkeit begangen, mit Geld mich abkaufen zu laſſen. Nun haben Sie mein ganzes Be⸗ kenntniß empfangen; nun frage ich Sie, Herr Paſtor von Schwing, ob Sie mich verſtanden und begriffen haben, oder ob Sie mich noch für einen Chrloſen halten, welcher das heilige Gaſtrecht mit Füßen getre⸗ und das Vertrauen, welches man ihm dargebracht, ſchändlich hintergangen hat?“ „Ich glaube an die hohe Beſtimmung des Mei⸗ ſters, der Sie geſendet hat, zu thun, was Sie gethan“⸗ ſagte der Paſtor.„Die Wege des Herrn ſind wunder⸗ bar und dem Menſchen oft unverſtändlich; ſo geht es mir in dieſem Augenblicke. Ich verſtehe nicht, doch ich demüthige mich. Sie gehören zu den Berufenen und Begnadigten, und Ihnen iſt der Tempel ſchon geöffnet, vor deſſen Pfortem ich demüthig ſtehe.“ „Sie ſollen nicht lange mehr draußen ſtehen“, ſagte der Candidat.„Ich weiß, daß Sie eine Leuchte ſein werden für unſeren Bund, und weiß, daß Sie zu großen Dingen auserkoren ſind. Ich wende mich jetzt von hier fort und gehe nach Berlin; dort finde ich un⸗ ter den mächtigen Schützern unſeres Bundes Beiſtand und Hilfe, das weiß ich. Mit ihrer Hilfe und mit — 182 dem Gelde, welches ich zu dem heiligen Dienſt den un⸗ heiligen Menſchen hier abgenommen habe, werde ich ein frommes Miſſionshaus errichten zur Erziehung für gläubige Diener unſeres Herrn. Das iſt mein Plan, der noch dunkel vor mir ſchwebt. Ich werde dann erſt zu meinem Meiſter gehen, welcher jetzt in Stutt⸗ gart verweilt, und dort werde ich von ihm meine Be⸗ fehle empfangen. Ich ſage Ihnen aber dies, mein Freund, auch Sie dürfen hier nicht lange verweilen⸗ Dies iſt kein Wirkungskreis für Ihre hohen Fähigkeiten. Sie ſind auserkoren, eine Stütze zu ſein für die Unſern; Sie ſind ein hochbegabter, edler und frommer Mann und ich frage Sie auf Ihr Gewiſſen, können Sie wirk⸗ lich zufrieden ſein mit dem Wirkungskreis, den Sie hier haben?“ „Und ich antworte Ihnen als ein ehrlicher Mann; ich kann es nicht, ich bin nicht zufrieden“, ſagte der Paſtor feierlich.„Ich fühle, daß ich zu höheren Dingen berufen bin, und ich ſehe, wie tief Ihr Zlick iſt und wie ſehr Sie es verſtehen, in meinem Herzen zu leſen. Ja, ich will von hier fort, und ich hoffe, daß wir uns in Berlin bald wiederſehen werden. Dort blüht für uns jetzt eine neue und eine große Zeit auf, und wir werden und müſſen ſie benützen. Ich gedenke mich bald nach Berlin zu begeben, um dort einen paſſenden 183 Wirkungskreis zu ſuchen und von hier erlöſt zu wer⸗ den. Gehen Sie mir voran, mein Freund, und erwar⸗ ten Sie mich in Berlin, dort—“ „Herr Candidat Johannes Streber!“ rief von unten herauf die laute, heftige Stimme des Doctors. Herr Candidat, es iſt die höchſte Zeit, wir müſſen fort.“ „Sie hören“, ſagte Johannes Streber,„die Welt ruft mich. Das Weltkind gebietet dem Auserkorenen und er muß ſich fügen. Leben Sie wohl, Herr Paſtor; in Berlin ſehen wir uns wieder.“ Achtes Kapitel. Haſſenpflug. „Haben Sie ſchon gehört, Excellenz“, rief der Miniſter von Rochow dem Miniſter von Kamptz zu, der ihm bis in das Vorzimmer entgegengekommen war, „haben Sie ſchon gehört, Excellenz? Ich bin außer mir, ganz außer mir; ich weiß nicht, ob vor Wuth, vor Schmerz oder vor Schadenfreude. Ich mußte zu Ihnen kommen, um mein Herz zu erleichtern und mit Ihnen mich über dieſes neue, abſcheuliche Ereigniß zu unterhalten.“ „Was für ein Ereigniß?“ fragte Herr von Kamptz erſtaunt.„Jeder Tag iſt jetzt ſo reich an Ereigniſſen und Neuigkeiten, daß man kaum noch Platz in ſeinem Gehirnkaſten hat für Alles, was er aufnehmen ſoll. 185 Alſo, mon cher ami, ſagen Sie mir, was für ein neues Ereigniß erregt Sie ſo?“ „Wie, Euer Excellenz wiſſen es noch nicht?“ ächzte Herr von Rochow, indem er neben dem Freund auf den Divan niederſank.„Excellenz haben noch gar nichts gehört? Man hat Ihnen noch nicht das neue Ereigniß, welches alle Gemüther in Aufregung verſetzt, mitgetheilt? Sie haben noch nichts von der An⸗ ſtellung dieſes Heuchlers und Frömmlers gehört?“ „Dieſes Herrn von Eichhorn“, nickte Kamptz. „Mein Freund, Sie ſcheinen in der That zu glauben, ich lebte mitten im Strome der Zeit wie in einer Wüſte! Ich dächte doch, ich hätte in den letzten vier⸗ zehn Tagen nichts weiter gehört, als nur von der Anſtellung dieſes Herrn von Eichhorn, dieſes Heuch⸗ lers, dieſes Frömmlers, wie Sie ſagen.“ „Ach, Excellenz, wer redet von Eichhorn“, rief Rochow achſelzuckend,„das iſt bereits ein Fait ac- compli, dem man ſich wahrſcheinlich fügen muß, da man es nicht unter ſeinen Füßen zertreten kann. Aber dieſer Andere!—“ „Wie“, fragte Herr von Kamptz erſchrocken,„wie, Sie ſprechen noch von einem anderen Frömmler, von einem anderen Heuchler? Von wem denn? „Von wem? Von Haſſenpflug!“ rief Herr von 186 Rochow mit einer ſo lauten, heftigen Stimme, als wäre das Wort ein Piſtolenſchuß, der von ſeinen Lippen tönte. „Haſſenpflug?“ wiederholte Herr von Kamptz. „Sie können doch nicht den Haſſenpflug meinen, der früher heſſiſcher Staatsminiſter war, der in ſtetem Kampfe mit dem ganzen Volke lag, und es verſtand, ſich endlich auch bei dem Kurfürſten ſo verhaßt zu machen, daß er ihn mit einem Fußtritte von dannen jagte; der alsdann in Lauenburg in der höheren Ver⸗ waltung eine bedeutende Anſtellung fand, und den man auch dort verwünſchte und zugleich verlachte we⸗ gen ſeiner Albernheit?“ „Ja, ja, von dem, Excellenz, von dem weggejag⸗ ten Miniſter von Haſſenpflug rede ich.“ „Und was iſt mit ihm?“ fragte Kamptz athemlos. „Nun, es iſt mit ihm das, Excellenz, was mit dem Herrn von Bunſen, dem Herrn von Radowitz, dem Herrn von Thiele, dem Herrn von Eichhorn iſt“, rief Rochow bebend vor Wuth. Er wird an dem Hofe des Königs von Preußen ein angeſehener Mann werden. Er befindet ſich in Berlin und wird hier eine Anſtellung bekommen.“ „Iſt das denn wirklich ein ſo großes Unglück?“ fragte Herr von Kamptz gedankenvoll.„Sie ſagen 187 ſelbſt, er iſt in derſelben Lage wie der Herr von Ra⸗ dowitz, der Herr von Bunſen und alle die anderen frommen oder vielmehr frömmelnden Herren, die jetzt im Augenblick Gewalt haben über das Gemüth des Königs und ſich einbilden, das Staatsruder in ihre Hände zu bekommen. Aber ich glaube, mein Freund, dieſe Leute werden ſich irren! Der König ſpielt mit ihnen, es iſt eine augenblickliche Laune; er wird gar bald zur Erkenntniß kommen. Der König gibt ſehr viel auf die öffentliche Meinung; man muß alſo Alles dazu thun, daß er erfahre, die öffentliche Meinung ſei durchaus gegen die Frömmler. Das iſt Ihre Sache, mein Freund, Sie haben die Pflicht, den König über die öffentliche Meinung aufzuklären, offen und rück⸗ haltlos, wie es einem treuen Staatsdiener geziemt, mit ihm zu ſprechen.“ ⸗ „Das iſt eine traurige Pflicht“, ſeufzte Herr von Rochow,„aber ich werde ſie erfüllen! Werde ſie er⸗ füllen, ſo lange ich noch Athem habe, um zu leben. Doch ich weiß im voraus, daß es leider vergeblich iſt. Der König fragte mich vor einigen Wochen nach die⸗ ſem Herrn von Haſſenpflug, und ich gab ihm eine ehrliche und offene Antwort. Ich ſagte ihm, daß er nicht blos in Heſſen und Lauenburg, wo er angeſtellt war, verhaßt und verabſcheut war, ſondern daß er in ganz Deutſchland einen haſſenswürdigen und verachte⸗ ten Namen führe.“ „Und was antwortete Ihnen Se. Majeſtät da⸗ rauf?“ „Er ging, wie er das zu thun pflegt, die Hände auf den Rücken gefaltet, einigemale in dem Zimmer auf und ab und ſagte leiſe vor ſich hin:„Seltſam, ſeltſam! Thiele hat mir ganz anders berichtet.“ Dann blieb er vor mir ſtehen, nickte mir zu und ſagte:„Ich danke Ihnen für Ihre Offenherzigkeit, ich werde wei⸗ tere Recherchen anſtellen laſſen.“ „Dieſe Recherchen ſcheinen alſo ſehr günſtig ge⸗ weſen zu ſein für den Herrn von Haſſenpflug“, ſagte Herr von Kamptz nachdenklich.„Ich geſtehe Ihnen auch, lieber Freund, ich begreife Ihre heftige Auf⸗ regung nicht; denn ſo viel ich mich erinnere, galt Herr von Haſſenpflug doch auch zugleich für einen ſehr thätigen Beamten, der es verſtände, die revolutionären Elemente und die ſogenannten liberalen Schwärmer im Zaume zu halten.“ „Aber, Excellenz“, rief Rochow ungeduldig,„glau⸗ ben Sie mir, nicht deshalb iſt Herr von Haſſenpflug hierher berufen, ſondern es iſt der Herr General von Thiele, ſein Freund, der ihn um ganz anderer Eigen⸗ ſchaften willen hieher citirt hat. Und wiſſen Sie, um 189 welcher Eigenſchaften willen?“ fuhr Herr von Rochow mit lautem, ſpöttiſchem Lachen fort.„Herr von Haſſen⸗ pflug glaubt an Hexen und ſieht Geiſter und Geſpenſter. Der König iſt neugierig, er will ein wenig aus der Geiſterwelt erfahren! Man ſoll ihm Geiſter citiren. Denn darin ſoll Herr von Haſſenpflug ungemein be⸗ wandert ſein! Es bedarf nur eines Wortes von ihm, und die Dichter aller Zeiten ſind beglückt, zu erſchei⸗ nen und ſich mit ihm zu unterhalten und ſich ihm dienſtbar zu zeigen.“ „Unſinn!“ lachte der Miniſter von Kamptz.„Mein Freund, Sie ſind wirklich zu ängſtlich! Das iſt ja doch nur zum Lachen und nicht zum Aergern und Fürchten. Der Herr von Haſſenpflug alſo ſieht Ge⸗ ſpenſter und glaubt an Hexen. Nun, vielleicht hat ihm ſeine Frau dieſen Glauben beigebracht und iſt eine Verkörperung deſſelben? Der König liebt, wie Sie wiſſen, ſich zu amüſiren. Er hat blos zu ſeinem Amüſement den Herrn Auguſt von Schlegel hierher berufen, weil er den alten Gecken mit ſeinen geſchmink⸗ ten Wangen, ſeiner Lockenperrücke, ſeiner Doſe, auf welcher ſich ein Spiegel befindet, und ſeinen lächerli⸗ chen Eitelkeiten als einen Hofnarren um ſich ſehen will. Das iſt auch ein Geſpenſt der Vergangenheit, welches der König zu ſeinem perſönlichen Amüſement 190 hierher berufen hat, und ſo wird er es auch mit dem Herrn von Haſſenpflug gemacht haben. Der König amüſirt ſich gerne, und wenn er ſich genug amüſirt hat, ſo wird er es mit dem Herrn von Haſſen⸗ pflug machen, wie er es mit dem alten Narren Schlegel gemacht hat, er wird ihn mit Lachen davon⸗ jagen!“ „Nein, Pardon, Sie irren. Herr von Haſſenpflug iſt hierher berufen, um als Tribunalsrath eine An⸗ ſtellung zu finden, und der General von Thiele iſt es, der ihn ſchützt; dieſer General, von dem ich Ihnen ſagen kann, daß der König ihn zu ſeinem Staatsrath ernennen und ihn in ſeinen geheimen Rath berufen wird.“ „Wirklich!“ rief Herr von Kamptz, und ſein vor⸗ her ſo lächelndes Geſicht nahm jetzt einen ernſten, trüben Ausdruck an.„So weit hat dieſer fromme Herr es ſchon gebracht? In den Staatsrath wird er aufgenommen, Staatsminiſter ſoll er werden? Ja, mein Freund, dann muß ich Ihnen zugeben, daß Ihr Blick ſchärfer war als der meine, und ich verſtehe jetzt Ihr Entſtzen über die Ernennung des Herrn von Haſſenpflug. Der General von Thiele iſt ein ſchlauer Kopf. Er baut nach und nach einen Kreis um den König— einen Kreis von Betern, Frömmlern und 1941 Geiſterſehern, und in dieſen Kreis wollen ſie den König bannen, daß er nicht mehr heraus kann, und wollen ſeinen ſonſt ſo freien Willen und ſeinen ſonſt ſo ſchar⸗ fen Geiſt mit den Wolken der Frömmelei umnebeln. Sie wollen ihn beſchäftigen und amüſiren, damit ſie an ſeiner Statt regieren können, und damit dieſe Frommen die Macht und die Gewalt bekommen! Sie haben Recht; dieſe Ernennung des Herrn von Haſſen⸗ pflug war nach der Ernennung des Herrn von Eich⸗ horn ein zweites Unglück.“ „Ja, ein zweites, ein großes Unglück!“ ſeufzte Herr von Rochow.„Radowitz, Thiele, Bunſen, Eich⸗ horn und nun auch noch Haſſenpflug! Geiſter⸗ und Geſpenſterſeher, Leute, die an einen perſönlichen Teu⸗ fel glauben und denen ſogar dieſer fromme Heuchler und Wollüſtling Ebel ein Freund und eine anbetungs⸗ würdige Perſon, ja ein Meſſias und Heiland iſt. Ich geſtehe Ihnen, Excellenz, mir blutet das Herz, wenn ich das Alles bedenke. Und auch ich will es Ihnen ehrlich bekennen, ich fühle mich des Kämpfens müde mit ſolchen mir widerſtrebenden Gewalten! Ich möchte fort, kurz herausgeſagt, ich müchte meinen Abſchied nehmen.“ „Das iſt nicht Ihr Ernſt“, erwiderte der Miniſter von Kamptz kopfſchüttelnd;„nein, da kenne ich Sie 192 beſſer! Es iſt eine augenblickliche berechtigte Verſtim⸗ mung, welche Sie ſo reden läßt; aber im Ernſte kön⸗ nen Sie nicht daran denken, Ihren Abſchied zu neh⸗ men, ebenſowenig, wie ich es kann und will. Wir müſſen ausharren, wir müſſen zeigen, daß wir den Muth haben, dem Ungemach zu trotzen und dem Un⸗ recht die Stirne zu bieten. Wem haben wir den Eid der Treue geleiſtet? Doch nicht dem König, welcher vergänglich iſt und morgen ſchon einen Nachfolger haben kann? Wir haben unſeren Eid dem Princip, der Idee des Königthums, der Idee des Staates, dem wir dienen und dem wir unſere Kraft geweiht haben, geleiſtee. Wie? Wäre das ein pflichtgetreuer Capi⸗ tän, der im Sturme das Schiff verläßt und es den Wogen preisgibt? Nein, mein Freund! Wenn es um uns ſtürmt, und wenn die Wogen das Schiff um⸗ brauſen, welchem wir zugeſchworen haben, es treu durch alle Stürme hindurch zu geleiten, dann gerade müſſen wir unſere Hände nur um ſo feſter an das Ruder legen und müſſen ſagen: wir können ſterben, aber wir wollen nicht fliehen.“ „Ja, wenn es wenigſtens ſtürmte“, ſeufzte der Miniſter von Rochow;„wenn die Wogen wenigſtens brauſten und ihr wildes Geheul uns umrauſchte, dann wäre es doch ein Kampf, der einem Manne geziemt! 193 Aber dieſes fromme Geheul, dieſes niederträchtige Ge⸗ winſel und Gebete, dieſe Scheinheiligkeit, dieſe from⸗ men, niedergeſchlagenen Augen und dieſe gefalteten Hände, welche doch ſo gern nach dem Ruder griffen — ſehen Sie, das iſt, was mich empört, was mich außer mir bringt. Ich kann einmal die Betbrüder nicht leiden; ich glaube wahrhaftig, ich haſſe ſie noch mehr, als ich die Revolutionäre und Rebellen haſſe.“ „Mir wird doch zwiſchen Beiden die Wahl etwas ſchwer,“ ſagte Herr von Kamptz lächelnd.„Ich weiß wirklich nicht: haſſe ich die Betbrüder mehr oder die Rebellen. Aber das weiß ich, daß ich Muth und Trotz genug in mir fühle, nachdem ich gegen die Re⸗ bellen und gegen die Revolutionäre, gegen die ſchreien⸗ den und ſchwatzenden Liberalen ſo lange gekämpft habe, nun auch ein Gleiches gegen die Betbrüder und Heuchler und Ebelianer zu thun. Ich kann mich rüh⸗ men, mein Freund, daß ich Hunderte von dieſen ſcan⸗ dalmachenden Rebellen und Aufrührern, von dieſen ſchwatzenden Demagogen ſtill gemacht und hinter Schloß und Riegel gebracht habe. Wer weiß, ob wir nicht bald auch dieſen heulenden Betern, dieſen ſcheinheili⸗ gen Frömmlern ein gleiches Loos bereiten, und ob wir ſie nicht auch ſtill machen und den König auf die richtigen Wege zurückführen können. Ich meine, wir Mühl bach, Proteſtantiſche Jeſuiten III. 13 194 ſind Männer genug, und ich meine auch, daß es für uns ein würdiger und ein ſchöner Beruf iſt, der ne⸗ benbei auch ſein Intereſſantes hat, dieſen Kampf mit den Frömmlern und Winſelern aufzunehmen! Ich verlange von Ihnen, mein Freund, verlange es von Ihnen im Namen des hochſeligen Königs, der uns zu unſerem Poſten berufen hat und dem wir zugeſchwo⸗ ren haben, treu nach unſerer Pflicht zu handeln, ver⸗ lange es um unſerer Ehre und des preußiſchen Staa⸗ tes willen, daß Sie ausharren mit mir bis zu Ende. Wir wollen nicht fahnenflüchtig werden. Will man uns nicht, ſo ſoll man uns gehen heißen, und wenn man uns entläßt, werden wir dem Volke gegenüber darin eine Rechtfertigung haben! Geſetzt der Fall, daß es hier immer ſchlimmer geht, ſo ſchlimm, daß dieſe Frömmler die ganze Gewalt in Händen haben und man uns nicht mehr brauchen kann, ſo werden wir dann dem Volke gegenüber gewiſſermaßen zu Mär⸗ tyrern der Freiheit, was allerdings für uns Beide ſeine komiſche Seite hat! Doch bei mir ſteht es feſt, ich gehe nicht; ich bleibe auf meinem Poſten, wie ich geſchworen habe, zu thun. Ich bleibe meinen Prin⸗ cipien treu und vertrete und verfechte ſie bis zum letzten Moment. Alſo, Herr Miniſter von Rochow, ſollen auch Sie es thun! Treu Ihren Principien 195 ſollen Sie ausharren und dieſelben verfechten bis zum letzten Momente! Verſprechen Sie mir, daß Sie es thun wollen, daß Sie mit mir Hand in Hand das alte gute Princip vertreten und verfechten wollen die⸗ ſen frommen Heuchlern gegenüber, welche uns bis jetzt verfolgt und verläſtert haben, dem Volk und den Liberalen gegenüber.“ „Wohl, Sie haben Recht“, ſagte Herr von Ro⸗ chow, leiſe das Haupt neigend,„es iſt eine Miſſion, aber keine erfreuliche! Doch will ich Ihnen mein Wort geben, wie Sie es fordern, Excellenz: Ich will Ihrem Beiſpiel folgen, ich will auf meinem Poſten ausharren, will verſuchen meine Stimme ſo laut durch das Gewinſel und die Gebete und durch die frommen Litaneien hindurchtönen zu laſſen, daß ſie zuweilen noch das Ohr des Königs trifft. Ich nehme den Kampf mit den frommen Günſtlingen des Königs auf, und ich will ihn führen, bis daß man mich gehen heißt. Ich verſpreche es Eurer Exeellenz, ich will es machen wie Sie, ich will mich nur entfernen laſſen, und will mich nicht ſelbſt entfernen.“ „Geben Sie mir die Hand darauf, mein Freund“, ſagte der Miniſter mit feierlicher Stimme, indem er Rochow die Hand darreichte. Herr von Rochow legte mit einem feſten, ernſten 13* 196 Blick ſeine Hand in die dargebotene Rechte des Miniſters und nickte ihm zu:„Wir wollen aus⸗ harren!“ „Ja, wir wollen ausharren“, wiederholte Herr von Kamptz;„ich meinestheils, den man ſo oft geläſtert und verleumdet hat, ich kann von mir ſagen, daß ich Alles, was ich gethan habe, nicht aus Haß, aus Bos⸗ heit oder Menſchenverachtung, ſondern aus der Er⸗ kenntniß meiner Pflicht und um des Princips willen, das ich zu vertreten habe, gethan habe. Ich vertrete das monarchiſche Princip gegenüber allen ſeinen Fein⸗ den, und zu den Feinden gehören nicht blos die De⸗ magogen, ſondern auch die Frömmler, und darum bleibe ich auf meinem Platze!“ „Ach, ich danke Ihnen, mein theurer, werther Freund!“ rief Herr von Rochow, dem Miniſter die Hand drückend.„Sie haben mir unendlich wohl ge⸗ than und eine ſchwere Laſt von meinem Herzen ge⸗ nommen. Ich fühle mich faſt freudig und ganz ge⸗ hoben. Ich ſehe es ein, wir haben Beide Höheres zu vertreten, als nur unſer eigenes Wünſchen. Wir müſſen uns der Pflicht und dem Princip opfern! Ich verſpreche Ihnen, ich will nun wieder den Kampf aufnehmen mit all den finſtern Gewalten, und es ſoll mir eine Luſt ſein, hie und da zum mindeſten den — —— —— 197 Heuchlern und Frömmlern ihre Masken abzureißen und dem König ihr wirkliches Antlitz zu zeigen. Ich fühle den Muth dazu in mir, mag der König mir dann zürnen; mag er, wenn er die Wahrheit nicht hören will, mich verſtoßen, ich habe dann doch meine Pflicht gethan.“ „So iſt es recht; nun ſehe ich Sie wieder als den energiſchen, kühnen Mann, der Sie wirklich ſind. Wir wollen ſo lange zuſammenhalten, ſo lange, als es den Frömmlern nicht gelingt, uns beiſeite zu ſchie⸗ ben. Noch haben wir die Macht, und wer weiß, ob wir ſie uns nicht bewahren!“ „Ja, wer weiß“, nickte Herr von Rochow;„ich will wenigſtens das Meine thun, ſie nicht aus den Händen zu laſſen. Vielleicht gibt es eine Stunde, da dieſe frommen Herren alle in ihre Gebete allzu ver⸗ tieft ſind, und wenn ihnen dann das Ruder entſchlüpft, faſſen wir es mit um ſo feſteren Händen und halten es feſt.“ „Ja, halten es feſt“, wiederholte Herr von Kamptz, indem er feſter die Hand des Freundes drückte.“ „Nun will ich zurückkehren und meine Geſchäfte wieder mit neuem Eifer aufnehmen“, ſagte Herr von Rochow, nach ſeinem Hute greifend.„Ich habe mor⸗ 198 gen Vortrag beim König. Nun, ich will ihm vortra⸗ gen, was ſeinen frommen Freunden nicht angenehm ſein wird, und er ſoll meine Stimme wenigſtens hören in Bezug auf dieſen Herrn von Haſſenpflug.“ zimmer bereit, um ſeinem Chef den Vortrag zu halten. Sa gen Sie mir, haben Sie die geheimen Aufträge, die Neuntes Kapitel. Eine geſtürzte Größe. Mit entſchloſſenen Mienen und einem freudigeren Geſicht, als er gekommen war, verließ Herr von Ro⸗ chow den Miniſter der Juſtiz und kehrte in ſein Pa⸗ lais zurück. Der Herr Geheimrath von Tzſchoppe, ſein erſter vortragender Rath, hatte ſchon lange auf ihn gewartet und ſtand mit dem großen Bündel Akten im Geſchäfts⸗ Als er eben damit beginnen wollte und ſchon die Akten auseinandergeſchlagen hatte, unterbrach ihn Herr von Rochow mit einem heftigen Winken ſeiner Hand. „Davon nachher, Herr Geheimrath; zuerſt wollen wir eine vertrauliche Beſprechung miteinander halten. 200 ich Ihnen gab, erfüllt; haben Sie Alles das, was Sie über den Herrn von Eichhorn ausgeforſcht hatten, zu Papier gebracht und aufgezeichnet?“ Die kleinen grauen Augen des Herrn Geheimraths von Tzſchoppe hefteten ſich einen Moment mit einem raſchen, tückiſchen Aus⸗ druck auf das Angeſicht des Miniſters, dann ſenkte er ſie ſchweigend nieder. „Sie ſchweigen?“ fragte Herr von Rochow un⸗ geduldig.„Ich bitte Sie, Herr Geheimrath, haben Sie die Güte, mir als Ihrem Chef wenigſtens Antwort zu geben. Ich erſuchte Sie, mir die Mittheilungen, welche Sie über den Herrn von Eichhorn gemacht, nie⸗ derzuſchreiben. Haben Sie das gethan?“ „Verzeihung, Excellenz“, erwiderte Herr von Tzſchoppe leiſe und langſam.„Sie erſuchten mich allerdings darum, aber es war nicht der Chef, der mir dieſen Auftrag gab, denn es gehörte nicht zu meinen Dienſtpflichten; Excellenz erſuchten mich darum als um eine außerdienſtliche Sache.“ „Ah ſo! Sie wollen das als eine perſönliche Ge⸗ fälligkeit, die Sie mir leiſten, betrachten.“ „Nein“, erwiderte Herr von Tzſchoppe nach einer kurzen Pauſe,„nein Excellenz, ich bitte um Vergebung, ich kann das gar nicht leiſten. Es läßt ſich Manches von Mund zu Mund berichten, ohne daß es ſchädlich 201 iſt; wenn man es aber Schwarz auf Weiß verzeichnet, ſo kann aus den kleinen Buchſtaben eine Waffe ge⸗ macht werden, welche tödtlich verwundet, und zwar den tödtlich verwundet, der die Buchſtaben auf das Papier geſetzt hat. Dies bedenkend, habe ich mich nicht entſchließen können aufzuſchreiben, was ich Eu⸗ rer Excellenz geſagt habe. Aber wenn meine Nach⸗ richten über den Miniſter von Eichhorn Eurer Excellenz wichtig ſind und Sie Ihrem Gedächtniß dieſelben ein⸗ prägen möchten, ſo bin ich gerne bereit, ſie noch ein⸗ mal zu wiederholen und Ihnen zu ſagen, was ich weiß, nämlich, daß der Miniſter von Eichhorn nicht immer der fromme, tugendhafte Mann geweſen iſt, als welcher er jetzt erſcheinen will; daß der Miniſter Eich⸗ horn eine tolle, wilde Jugend verlebt und mancherlei geſündigt hat; daß, wenn er jetzt ſo ehrbar erſcheint und mit ſo frommem Entſetzen über diejenigen ſpricht welche nicht ſo ſind, wie ſie ſein ſollen, er nicht bedenkt, daß er vor noch nicht langer Zeit auch noch nicht ſo war, wie es dem jetzigen Eichhorn gefallen haben würde. Ich belegte dies mit Beiſpielen, die ich bereit bin, zu wiederholen.“ „Genug“, unterbrach ihn Herr von Rochow;„ich habe Ihre Beiſpiele nicht vergeſſen, ſie haben ſich in meinem Gedächtniß genug eingeprägt. Aber gerade 202 dies Schwarz auf Weiß zu haben, von anderer Hand, als von meiner geſchrieben, geſchrieben von einem ſo mächtigen, einflußreichen Herrn, das gerade war mir von Wichtigkeit, und ſie verweigern es mir!“ „Ich bedauere, Excellenz“, erwiderte Tzſchoppe, ſich demüthig verneigend! ich bedauere es aus tiefem Herzen, aber ich habe auch Pflichten gegen mich und gegen meine Familie zu erfüllen. Ich kann nicht, Ex⸗ cellenz, für Andere die Kaſtanien aus der Aſche holen und, damit dieſe Anderen ſich nicht die Finger ver⸗ brennen, die meinen opfern.“ Miniſter von Rochow lachte laut auf. „Ah, Sie ſind ängſtlich und vorſichtig geworden, Herr von Tzſchoppe! Sie waren das früher nicht und gingen mit kühnem Muthe allen Ihren Feinden entge⸗ gen. Man weiß davon zu erzählen und diejenigen, welche ſie ſo lange hinter Schloß und Riegel gehalten, werden mit hundert und hundert Stimmen es der ganzen Welt berichten, wie der Herr von Tzſchoppe, ſeine Feinde und wie er ſie zu beſeitigen verſtand Ja, ja, mein lieber Herr von Tzſchoppe, Sie haben vielleicht Recht, jetzt ſo vorſichtig zu ſein und Ihren Feinden kein neues Aergerniß geben zu wollen. Sie haben wirklich vielleicht Recht; denn man hat mir ge⸗ ſagt, daß Ihre Feinde unter einander recht befreundet 203 ſind und daß ſie darüber nachdenken, wie ſie dem lieben Herrn von Tzſchoppe vergelten wollen, was er ihnen gethan.“ „Alſo wirklich, es bleibt noch immer dabei?“ ächzte Herr von Tzſchoppe, deſſen Wangen bleich ge⸗ worden waren und deſſen ganze Geſtalt ſchwankte und zitterte.„Euer Excellenz meinen alſo wirklich, daß man gegen mich ein Complott gemacht habe? Es war nicht nur eine Drohung, welche Excellenz zum Scherz, um mich zu ängſtigen, geſagt haben?“ „Nein, mein lieber Herr von Tzſchoppe“, erwi⸗ derte Herr von Rochow mit einem boshaften Lächeln, „es war nicht eine bloße Drohung und nicht mein Scherz. Im vollen Ernſte rathe ich Ihnen, ſeien Sie auf Ihrer Huth. Die wilde Meute Ihrer Feinde, welche Sie lange Zeit ſo feſt hinter Schloß und Rie⸗ gel gehalten haben, iſt jetzt wieder losgelaſſen und ſie ſinnt auf einen Meiſtercoup 14. „Iſt es noch immer der Fackelzug?“ fragte Herr von Tzſchoppe mit faſt weinerlicher Stimme.„Euer Excellenz ſagten es mir ja ſchon vor Monaten, als der König die Amneſtie beſchloſſen hatte, dieſe Leute wollten mir einen Fackelzug bringen aus Hohn und Bosheit?“ „Ja, ja“, nickte Herr von Rochow, dem es eine 204 grauſame Freude machte, den Mann, welcher ſonſt mit ſo hartem Herzen und ſo mitleidsloſer Ruhe allen ſeinen Feinden und der öffentlichen Meinung getrotzt hatte, jetzt zum Dank für ſein Widerſtreben, ihm zu dienen, ein wenig zu ängſtigen;„ja, ja, es wird wol dahin kommen. Sie werden in den nächſten Tagen einen grandioſen Fackelzug bekommen, dargebracht von all den Hunderten, welche Sie in die Gefängniſſe be⸗ fördert haben.“ „Aber Euer Excellenz werden mich ſchützen“, rief Herr von Tzſchoppe, die Hände flehend nach dem Mi⸗ niſter ausſtreckend!„Euer Excellenz werden mich ſchützen gegen dieſe Uebelthäter, gegen dieſe losgelaſſene Meute. Euer Excellenz werden es nicht dulden, daß einem Ihrer Räthe ein ſolcher Hohn und Schimpf geſchehe?!“ „Hohn und Schimpf?“ fragte Herr von Rochow, beluſtigt von der zitternden Geſtalt des Geheimraths. „Hohn und Schimpf? Wer wird es denn wiſſen und wer kann es ermeſſen, ob es ſo iſt? Man wird Ihnen eine Ehrenbezeigung darbringen, die freilich damit en⸗ den kann, daß, wenn Sie die Herren zu ſich beſchei⸗ den, um ihnen Ihren Dank zu ſagen, man Sie er⸗ greift und Sie hinausſchleppt, um Sie auf die zu⸗ ſammengelegten Fackeln zu werfen.“ — — — 205 „Herr Gott im Himmel, das wäre entſetzlich!“ ſchrie Herr von Tzſchoppe.„Aber Sie können es ja nicht dulden, Excellenz! Wir haben ja immer ſo treu zuſammengehalten, haben immer zuſammen gearbeitet. Was ich gethan, that ich ja nicht für mich, nicht aus eigenem Antrieb, ich that es in Ihrem Auftrag und Befehl! Darum werden Sie mich jetzt ſchützen und werden es nicht dulden, daß man ſo ſchändlich mit mir verfahre. Sagen Sie es mir zu meinem Troſt, nicht wahr, Sie werden mich ſchützen?“ Herr von Rochow lachte laut auf; es ſchien ihm ergötzlich, daß der ſonſt ſo kluge und ſchwer zu über⸗ liſtende Tzſchoppe wirklich das Märchen vom Fackel⸗ zug glauben konnte. „Ich Sie ſchützen, mein Lieber?“ fragte er.„Sie kennen doch die Geſchichte von der eiſernen Jungfrau, welche diejenigen, die man in ihre Arme warf, mit tauſend Schwertern zerfetzte. Nun, mein Lieber, die öffentliche Meinung iſt ſolch eine eiſerne Jungfrau, und man muß ihr zuweilen ein Opfer in die Arme werfen, damit ſie an dem ihre Luſt kühle— die Schwerter ihrer Zunge wetze. Es kann geſchehen, daß Sie ein ſolches Opfer für dieſe eiſerne Jungfrau, dieſe „öffentliche Meinung“ ſein müſſen. Und ſagen Sie ſelbſt, wie ſollte ich dazu kommen, Sie zu ſchützen Sie, 206 da Sie mir gewiſſermaßen den Dienſt aufkündigen und nicht thun wollen, um was ich Sie bitte? Oder werden Sie ſich noch entſchließen, werden Sie mir die Aufzeichnung machen, die Sie mir verweigerten?“ „Nein, Excellenz, nein“, ſagte Tzſchoppe zitternd und ächzend;„nein, ich kann es nicht! Ich kann mir unmöglich ſelbſt den Scheiterhaufen aufrichten, auf welchem man mich als Opfer verbrennen will. Ich will es abwarten, was geſchieht. Ich bitte, Excellenz, mich für heute zu entlaſſen; ich fühle mich krank und leidend, ich bedarf der Ruhe.“ „Ich denke mir, Sie werden ſie bald erhalten! Vielleicht mehr Ruhe, als Sie wünſchen und er⸗ warten.“ Mit dieſem letzten drohenden Worte wendete Ro⸗ chow Herrn von Tzſchoppe den Rücken und begab ſich in ſein Privatkabinet. Der Geheimrath von Tzſchoppe ſchaute ihm mit einem langen Blicke nach und ſeine Augen wurden immer ſtarrer, immer gläſerner. „Mehr Ruhe, als ich bedarf!“ ſagte er leiſe vor ſich hin.„Das heißt, ſie wollen mich entlaſſen, oder ſie wollen mich der eiſernen Jungfrau, wie er ſagt, zum Opfer bringen. Ja, ja, es wird wol ſo kom⸗ men!“ Er nahm ſein Aktenbündel wieder unter den Arm —— 207 und ging langſam hinaus und ſchritt langſam durch das Vorzimmer dahin. Im Vorbeigehen warf er einen flüchtigen Blick auf die kleineren Beamten, welche da⸗ ſtanden und warteten, und es ſchien ihm, als beugten ſie ſich heute nicht ſo ehrfurchtsvoll vor ihm, wie ſie es ſonſt gethan. Es ſchien ihm auch, als ob der Portier, welcher ihm unten die Thür öffnete, ihn mit einem ſpöttiſchen Lächeln anſchaute, als wollte er ſagen:„Ich weiß es ſchon, du biſt gefallen, und wir haben dich gar nicht mehr zu fürchten.“ Selbſt die Leute draußen auf der Straße, ſo kam es ihm vor, ſchauten ihn mit ſpöttiſchen Geſichtern an und nahmen nicht ſo freundlich und ehrfurchtsvoll den Hut vor ihm ab, wie ſonſt. Ah, da kam ein Bekannter her. Er will doch ſehen, ob er ſich nicht täuſcht, ob man ihn wirklich nicht mehr ſo hoch achtet wie ſonſt. Es iſt Herr Varnhagen von Enſe, der dort geht. Er iſt ihm oft in Geſellſchaften begegnet und hat ihm die Hand ge⸗ drückt. Er geht hinüber auf die andere Seite, bleibt ſtehen und nimmt den Hut ab. „Ah, guten Tag, Herr Varnhagen von Enſe!“ Doch dieſer Herr, der ihm bis jetzt immer ſo freund⸗ lich begegnete, ſchaut ihm gerade ins Geſicht, wendet das Antlitz nach der anderen Seite und geht an ihm 208 vorüber, als habe er ſeinen Gruß gar nicht gehört. „Ja, es iſt wirklich ſo!“ ſeufzte Herr von Tzſchoppe in ſich hinein.„An dem ſehe ich es, ich bin ge⸗ ſtürzt! Denn warum ſollte dieſer Mann, dem ich nie etwas Böſes zufügte, mich jetzt ſo beleidigen, wenn ich nicht geſtürzt wäre! Es iſt vorbei mit mir, vorbei!“. Seine Kniee zitterten ſo ſehr unter ihm, daß er fühlte, er könnte den Weg bis zu ſeiner Wohnung nicht zurücklegen. Er lehnte ſich an die Mauer eines Hauſes und wartete, bis eine Droſchke vorüberkam. Er winkte ihr zu, ſtieg zitternd und ſchwankend ein und hatte kaum die Kraft, dem Kuſſcher zu ſagen, wohin er zu fahren habe. Da ſaß er in der Droſchke, das Aktenbündel feſt in ſeinen Händen preſſend, mit ſtarrem Blick vor ſich hinſchauend. Er merkte es gar nicht, daß das Fuhrwerk anhielt und daß er ſchon an ſeinem Hauſe angekommen war. Endlich erwachte er wie aus einem tiefen Traum und griff nach der Thür. Aber ſeine Hand war ſo ſchwach, daß er den Drücker nicht bewegen konnte, und da ging ein Zittern durch ſeine ganze Geſtalt. Die Thür ging nicht auf. Sollte man ſie vielleicht von Außen verriegelt oder vernagelt haben, oder war er vielleicht in einem Gefängniß, aus dem er niemals wieder herauskommen konnte? Ja, 209 im Gefängniß, und ſie wollten ihn darin umkommen laſſen! Nein! Jetzt wurde die Thür geöffnet, und das mürriſche Antlitz des Droſchkenkutſchers erſcheint in derſelben. „Wollen Sie denn nicht ausſteigen?“ fragte dieſer mit ärgerlicher Stimme. Dem Geheimrath aber klingt es wie Muſik. Es war nur eine Täuſchung, er iſt nicht gefangen. Er gibt dem Droſchkenkutſcher doppelten Lohn für ſeine Fahrt, und mit haſtigem, geflügeltem Schritt, als wäre er einer ſchlimmen Gefahr entronnen, begibt er ſich in ſein Haus. Es iſt ihm eine Erleichterung, als er die Glocke an ſeiner Wohnung zieht und ſie ſo friſch und fröhlich erklingt. Er iſt auch immer noch ein freier Mann und er kann die Thür öffnen und ſchließen laſſen nach ſeinem Belieben. Und da erſcheint jetzt ſein Diener und neigt ſich tief vor ihm und tritt zur Seite um den Herrn Geheimrath einzulaſſen. Er iſt immer noch der Herr in ſeinem Hauſe und er iſt auch immer noch ein willkommener Mann; denn ſeine Ge⸗ mahlin kommt ihm entgegen mit heiterem, freundlichem Geſicht und grüßt ihn und nimmt ihm mit alter, ge⸗ wohnter Freundlichkeit den Hut aus der Hand und fragt ihn mit herzlicher Stimme, wie es ihm gehe und ob er nun zu Ende ſei mit den Geſchäften des Tages Muüylb ach, Proteſtantiſche Jeſutten. III. 14 und ob er ſie heute Abend in die Geſellſchaft beglei⸗ ten werde. Ja, er wird ſie begleiten. Er will nur erſt aus— ruhen in ſeinem Gemach und dann will er den gan⸗ zen Abend bei ihr bleiben, und ſie werden recht ver⸗ gnügt ſein heute Abend; denn ſie begeben ſich in eine große Soirée, und dort wird er viele Bekannte und Freunde ſehen. Es wird eine angenehme Zerſtreuung für ihn ſein; er will ſich aber noch ein wenig aus⸗ ruhen in ſeinem ſtillen Zimmer. Wie ſtill iſt es da, wie friedlich und angenehm! Hier iſt er doch allein; hier hört er nicht mehr die harte, höhniſche Stimme des Herrn Miniſters, und ſein grauſames, ſpöttiſches Lachen klingt nicht mehr wider in dieſem friedlichen Raume. Hier kann ihm Niemand etwas anhaben, bis hierher kann ihn Nie⸗ mand verfolgen. Es führt nur eine Thür in dieſes trauliche, weite Zimmer und zu dieſer Thür kann Niemand gelangen, den der Bediente nicht erſt ange⸗ meldet hat, und der Bediente iſt ihm treu. Ja, ge⸗ wiß, er iſt ihm treu und wird ihn nicht verrathen, wird keinem ſeiner Feinde den Zutritt geſtatten. Wenn es wirklich wahr iſt, daß ſeine Feinde ihm einen Fackelzug bringen, und wenn ſie kommen wollen, — 211 ihn zu ergreifen, dann wird ſein treuer Diener Fried⸗ rich ſie nicht einlaſſen, denn er liebt ſeinen Herrn. „Ich bin immer gut und freundlich mit ihm ge⸗ weſen“, ſagt Tzſchoppe zu ſich ſelbſt und nickt ſich haſtig ſelbſt einen Gruß zu;„ja, ich bin immer freund⸗ lich und gut mit ihm geweſen. Ich gab ihm mehr Lohn, als er ſonſt irgendwo bekäme; ich habe ſeiner alten Mutter eine Stellung im Hoſpitale verſchafft, und ich habe ſeinem Vetter durchgeholfen damals, als er auch mit den rebelliſchen Studenten auf dem Ham⸗ bacher Feſte geweſen war.“ „Ja, ich habe ihm durchgeholfen!“ ſagte er ganz freundlich und laut.„Hätte ihn anklagen und ver⸗ haften laſſen können; aber ich ließ mich erweichen von den Klagen und den Bitten meines Dieners, und that für ihn, was eigentlich pflichtwidrig war: ich ließ einen Rebellen laufen. Ah, es iſt alſo nicht wahr, daß ich unerbittlich bin und daß ich niemals Mitleid geübt habe. Ich habe einen Rebellen laufen laſſen und bin gegen ihn gnädig geweſen, und das war ein Vetter von meinem guten Friedrich, und der Friedrich wird mich alſo gewiß nicht verrathen und verlaſſen.“ Er athmet hoch auf, wie er das denkt, läßt ſich auf den Lehnſtuhl nieder und ſtreckt ſich behaglich in demſelben aus. Ach, wie wohlthuend das iſt, welch 1⁴* eine friedliche Stille ihn umgibt. Draußen auf der Straße rollen die Wagen auf und nieder, da iſt Geſchrei und Geräuſch aller Art, und er horcht darauf mit dem glücklichen Bewußtſein, daß all dieſes wilde Ge⸗ treibe draußen vor den Mauern des Hauſes verhallt und nichts von dem wilden Wogen des Lebens hier in das Gemach hineinbrauſen kann. „Mögen die Menſchen da draußen ſich plagen und ſich abmühen und abhetzen um ihres Lebens Nothdurft und Begehr! Mein Tagewerk iſt vollbracht und der Abend macht aus mir einen freien Menſchen, der ſich ſſelbſt leben kann.“ „Ja, einen freien Menſchen!“ ruft er ganz laut und triumphirend ſich ſelber zu. Dann bebt er leiſe zuſammen bei dem Tone ſeiner Stimme und wirft einen ſchnellen, forſchenden Blick durch das dunkle Gemach umher. Ach, wie thöricht, zu erſchrecken vor dem Worte; es iſt ja wirklich wahr, er iſt ja frei, frei und allein. „Ja, frei und allein!“ Er wiederholt ſich das mehrmals mit ſeligem Behagen und lehnt das Haupt in die Polſter des Seſſels zurück. Iſt er allein oder gibt es wirklich Geſpenſter, wie der Herr von Haſſenpflug behauptet? Herr von Tzſchoppe möchte gerne ſchlafen, er 213 ſchließt die Augen, und es war ja ſo ſtill um ihn her, was konnte ſeinen Schlummer ſtören? Nein, es iſt nicht ſtill und er iſt nicht allein. Die Erinnerungen an die Vergangenheit umrauſchen und umflüſtern ihn, und ſie ſprechen zu ihm mit lau⸗ ten und klagenden, mit drohenden und wilden Stim⸗ men! Sie zeigen ihm trübe und entſetzliche Bilder; und ob er auch die Augen geſchloſſen hat, er muß ſie doch ſehen. Sie ſprechen zu ihm mit wilden Ver⸗ wünſchungen und jammernden Tönen, und ob es auch ſtill um ihn iſt, in ſeinem Herzen klingt es und tönt es laut, und er muß hören, was die Stimmen zu ihm ſprechen. Sie klagen ihn an, daß er auf bloßen Verdacht hin gar Viele beſchuldigt und in die Gefängniſſe ge⸗ bracht hat.„Und warum haſt du es gethan?“ ſo fragen ſie ihn.„Du haſt es gethan, um dich unent⸗ behrlich zu machen, um deinen Eifer für die Sache zu zeigen, welche du die gute nennſt! Du haſt es ge⸗ than, um emporzuſteigen, um mächtig und groß zu werden, und du biſt es geworden!“ ſo ſchreien ſie ihm zu.„Du biſt groß und mächtig geworden durch unſer Unglück! Unſer Jammer und Elend haben dich emporgetragen, und aus dem kleinen Schreiber, aus dem unbedeutenden Mann iſt ein angeſehener und . 214 mächtiger Herr, ein wirklicher Geheimrath geworden! Vor dir haben ſich die Mächtigen und Großen gebeugt, weil du Einfluß hatteſt und weil es gefährlich war, dich zum Feinde zu haben. Aber die Zeit der Rache iſt gekommen, und du ſollſt deinen Lohn empfangen für unſeren Jammer und für unſer Elend.“ „Entſinnſt du dich noch“, fragte ihn jetzt mit lei⸗ ſem, ziſchelndem Ton eine Stimme in ſeinem Herzen, „entſinnſt du dich noch, wie du mich verhaften ließeſt? Mich, der ich zu den Univerſitäts⸗Ferien zurückkehren wollte in die Heimat zu dem Vater, der mich hatte rufen laſſen, weil eine ſchwere Krankheit ihn danieder⸗ geworfen? Mein Vater war ein ehrlicher und braver Mann, ein hoher Beamter, der dir widerſtrebt hatte; der nicht, wie du gewollt, in ſeinem Kreiſe eine Re⸗ bellenhetze geſtattete, und der zweimal junge Leute, welche du gefangen nehmen wollteſt, entſchlüpfen ließ. Du ſchwureſt Rache, und du übteſt Rache, indem du mich verhaften ließeſt, blos weil man dir geſagt, ich hätte an einer unerlaubten Studentenverbindung theil⸗ genommen. Ich betheuerte dir bei dem Geiſte meiner Mutter, daß ich unſchuldig ſei und keiner Verbindung angehörte. Da lachteſt du, lachteſt laut und ſpöttiſch und ſagteſt zu mir: Wenn Sie erſt ſechs Wochen im Gefängniß geſeſſen haben, wird es ſchon zu Tage — 245 kommen, daß Sie ein Verbrecher ſind. Weißt du es noch? Ich ſank nieder vor dir, auf meine Kniee, in Angſt und Verzweiflung und ſagte dir, daß mein Vater todkrank, vielleicht auf ſeinem Sterbebette läge, und daß er mich habe rufen laſſen! Ich beſchwor dich mit Thränen, du ſollteſt mich zu ihm abreiſen laſſen, um ſeinen letzten Segen zu empfangen, und ich ſchwur dir, daß ich dann zurückkehren und willig in die Gefangenſchaft gehen wollte. Aber du, du lachteſt über das, was du einen kindiſchen Vorſchlag nannteſt, und ließeſt mich verhaften! Als mein Vater das er⸗ fuhr, da tödtete ihn der Schlag und er ſtarb, und mich ließeſt du ſechs Jahre im Gefängniß ſchmachten, obwol mir nichts bewieſen werden konnte. Und ich ſäße noch im Gefängniß, wenn mich der König nicht begnadigt hätte. Wehe dir! Wehe dir!“ Er ſchrickt zuſammen und öffnet die Augen. Hat wirklich eine Geſtalt vor ihm geſtanden, hat er wirklich dieſe Stimme gehört? Nein, es iſt Alles ganz ſtill! Niemand iſt da. Nur der Abend iſt mit ſeinen Schatten hereingebrochen, ſonſt iſt Niemand da, Niemand! Es iſt dunkel! Das iſt gut, da wird er dieſe ſchrecklichen Bilder nicht mehr ſehen. Jetzt wird er ſchlafen können. Er ſchließt die Augen. Aber in ihm iſt es nicht 216 dunkel, da iſt es helle und licht. Bilder ſteigen vor ihm auf, neue furchtbare Bilder. Jetzt ſieht er eine Frau, eine bleiche Frau mit edlen, ſchönen Mienen, mit von Thränen gerötheten Wangen zu ihm eintreten, und mit leiſer zitternder Stimme ſpricht ſie zu ihm. Sie ſagt ihm, daß der junge Student, welchen er vor einigen Tagen in Ber⸗ lin hat verhaften laſſen, ihr Sohn ſei, und ſie fleht zu ihm um Barmherzigkeit. Ihr Sohn iſt gewiß un⸗ ſchuldig, er hat gewiß keine ſchlimmen Gedanken ge⸗ habt! Es mag ſein, daß er ſich in geheime Verbin⸗ dungen eingelaſſen hat; es mag ſein, daß er unter denen, welche man in Frankfurt verhaften und im Stadtgefängniß ſchmachten ließ, Freunde gehabt und. deshalb einen Verſuch gemacht hat, ſie zu befreien. Es war Jugendübermuth; aber es war kein böſer und ſchlechter Gedanke in ihrem Sohne! Ihr Sohn iſt ein guter Menſch und ſicherlich hat er keine mörderiſchen Gedanken gehegt; er iſt noch ſo jung, er wird ſein Unrecht einſehen und ſich beſſern. Er hört ihre flehende Stimme, und es iſt wun⸗ derbar, er hört ſich ſelbſt antworten mit grollender, harter Stimme:„Sich beſſern? Ja, Madame, wir wollen ja, daß er das ſoll, und darum werden wir ihn in die Schule nehmen. Im Gefängniß wird er — ——— 217 ſchon lernen, ſich zu beſſern. Sie ſagen, er habe keine böſen Gedanken? Er hat gefangene Rebellen befreien wollen! Nennen Sie das keine böſen Gedanken? Nun, ſo waren es böſe Thaten, und wir werden ihn dafür beſtrafen. Sie ſagen, er habe nichts Böſes gethan? Bei dem Verſuche, die Gefangenen in Frankfurt zu befreien, welchen er mit ſeinen Freunden und mit Andern unternommen, iſt die Schildwache erſchoſſen worden.“ „Aber nicht von ihm, nicht von meinem Sohne!“ ruft die Mutter, mit flehender, bebender Stimme. „Ich war eben bei ihm in ſeinem Gefängniß; ich habe ihn gefragt bei Allem, was ihm heilig iſt, bei der Erinnerung an ſeinen Vater, und er hat mir geſchwo⸗ ren, daß er es nicht geweſen, welcher auf die Sehild⸗ wache geſchoſſen.“ „So ſoll er denjenigen nennen, der es gethan!“ hörte Herr von. Tzſchoppe ſich ſelber mit barſcher Stimme ſagen. „Das will er nicht und das kann er nicht!“ ruft die Frau ihm mit ſtolzem Ausdruck entgegen und ein edles Feuer blitzte aus ihren Augen.„Nein, Herr Geheimrath, nie wird mein Sohn ſich ſo erniedrigen, daß er, um ſich zu befreien, einen Anderen ins Ver⸗ derben ſtürzt! Er ſagt, er weiß es, wer es gethan; 218 aber er iſt bereit, auf die Bibel zu ſchwören, daß er es nicht geweſen.“ „Das glaube ich wol“, hört er ſich ſelber höhnen, „das glaube ich wol. Auf einen Meineid kommt es dieſen Rebellen nicht an. Wenn Ihr Sohn nicht ſagen will, wer der Mörder der Schildwache iſt, ſo wird er als ihr Mörder beſtraft.“ „O, um der heiligen Barmherzigkeit willen!“ hört er die Frau rufen, indem die Thränen ihr aus den Augen ſtürzen.„Erbarmen! Es iſt wahr, es iſt wahr, es iſt Jemand erſchoſſen worden, aber Sie können es nicht eine Mordthat nennen! Die jungen Leute waren gekommen, ihre Freunde zu befreien; die Schildwache ſchoß auf ſie und packte ſie an und rief um Hilfe. Da in der Nothwehr riß der junge Menſch ſich los und ſeine Piſtole entlud ſich und ſtreckte die Schildwache nieder. Das, ſo hat mein Sohn mir geſchworen bei dem Andenken an ſeinen Vater, das iſt der eigentliche Hergang der Sache.“ „Gut ausgedacht!“ hört er ſich ſelber antworten, „wirklich gut ausgedacht! Nur bedauere ich, daß das Märchen nicht geglaubt wird. Ihr Sohn ſoll den Mörder nennen, oder, ich wiederhole es Ihnen, er wird ſelber als der Mörder angeklagt, und auf dem Rad ſoll er es büßen, was er gethan.“ 219 Er hört noch jetzt den furchtbaren Schrei der ge⸗ quälten Mutter, und er ſieht, wie ſie vor ihm nieder⸗ kniet mit gerungenen Händen, und er hört ſie flehen mit jammernden Tönen:„Erbarmen, Erbarmen!“ Es iſt ja ihr Sohn und er iſt unſchuldig! Sie iſt Wittwe und hat elf Kinder, und dieſes iſt ihr älteſter Sohn, und er hat ſeine Studien vollendet, und ſie hoffte nun, daß er die Stütze ihrer ganzen Familie ſein ſolle. Erbarmen, Erbarmen für den älteſten Sohn! Er iſt ja unſchuldig, er kann doch nicht mit einem Verrath ſich ſelber das Leben erkaufen; er kann doch nicht ein Böſewicht werden, um ſich zu erretten! Wie furchtbar dieſe Stimme in ihm jetzt wider⸗ klingt; er ſieht die Mutter zu ſeinen Füßen liegen und ſieht, wie ſie jetzt, da er mit harten Worten ſie zu⸗ rückweiſt, ſich das Tuch an die Augen drückt und an die Lippen, um ihr lautes Schluchzen und ihr krank⸗ haftes Weinen zu erſticken. Aber es hat ihn damals nicht gerührt, nein, nicht im mindeſten! Er hat kein Erbarmen gehabt, und er hat ihr mit hartem Ton geſagt, ſie ſolle aufſtehen, es ſei genug des unnöthigen Klagens und Winſelns. Da iſt ſie aufgeſtanden, die Frau mit dem blei⸗ chen Geſicht und mit den von Thränen überflutheten Wangen, und da hat ſie ſich vor ihm aufgerichtet, 220 groß und ſtolz, und hat aus ihren dunklen Augen ihn angeſchaut mit einem flammenden Blick. „Sie haben kein Erbarmen, mein Herr?“ hat ſie geſagt.„Nun wohl! Ich künde Ihnen, daß auch für Sie eine Stunde kommt, wo man kein Erbarmen mit Ihnen haben wird und wo Ihre Klagen vergceblich ertönen. In dieſer Stunde werden die Schmerzen, die Sie mir bereitet haben, gerächt ſein!“ Dann hat ſie ſich abgewendet, ſtolz, hoch aufge⸗ richtet, und iſt hinausgegangen.*) Ihre Worte haben ihn erſchüttert wider ſeinen Willen und es iſt ihm einen Moment ganz angſt und wehe geworden, und er hat ſie zurückrufen wollen. Dann hat er über ſich ſelber gelächelt und ſich wieder auf den Lehnſeſſel niedergelaſſen, auf denſelben, auf welchem er jetzt ſitzt, und da hat er vor ſich auf der Diele etwas Weißes geſehen und er hat es aufgehoben. Es iſt das Tuch, welches die arme Frau zurückgelaſſen, das Tuch, welches ſie an ihre Augen gedrückt. Es iſt ganz naß von ihren Thränen, und von dieſen Thränen einer unglücklichen Mutter ſind ſeine Hände feucht geworden. Ihm hat es das Herz damals durch⸗ *) Dieſe ganze Scene enthält die Wahrheit, und es war meine theure, edle Mutter, welche ſie erlebte und ſie mir erzählte, Die Verf. . 221 ſchauert, und er hat das Tuch weit von ſich geworfen auf den Schreibtiſch, denn die feuchten Mutterthränen haben auf ſeiner Hand gebraunt wie Feuer. Am an⸗ dern Tage hat die Dame ihren Diener geſendet und nach dem Tuche fragem laſſen; es lag noch da auf ſeinem Schreibtiſche— aber es war ſeltſam; er mochte ſich nicht von dieſem Tuche trennen, und ganz wider ſeinen Willen, ganz unbewußt antwortete er dem eintretenden Diener, es habe ſich hier nichts gefunden, ſie müſſe das Tuch anderswo verloren ha⸗ ben. Dann hat er das Tuch haſtig genommen und hat es in ſeinen Schreibtiſch eingeſchloſſen in ein ge⸗ heimes Fach. Warum hat er es gethan? Er hat ſich das zu⸗ weilen ſpäter oft ſelbſt gefragt und hat ſich keine Antwort darauf zu geben gewußt. Es war wie ein Zauber, und das Tuch kam ihm vor wie eine Reliquie, von der er ſich nicht wieder trennen mochte; aber derjenige, für welchen die jam⸗ mernde Mutter damals vergeblich gefleht, der iſt jetzt auch wieder frei! Zum Rad war er verurtheilt, be⸗ gnadigt dann zu zwanzig Jahren Feſtung, und nun iſt er wieder frei! Der König hat auch ihn amneſtirt und man hat ihm neulich in einem anonymen Briefe gemeldet, daß dieſer, der härteſt Beſtrafte von allen 222 den Unglücklichen der Vergangenheit, nun nach Berlin kommen werde und daß er es ſei, der den Fackelzug veranſtalten wolle, den Fackelzug, den furchtbaren Fackelzug. Es muß wahr ſein! Hat Herr von Rochow nicht auch ſchon davon geſprochen? Wenn es nun heute geſchehe, wenn ſie ihm heute ſchon den Fackelzug brächten? Wenn— ah! was iſt das? Er ſchreit auf und ſpringt von ſeinem Seſſel empor, denn es dringt ein Feuerſchein in ſein Zimmer herein.„Sind ſie ſchon da mit den Fackeln?“ Nein, es iſt nichts, es iſt nur der Diener, der alte Friedrich, der den Armleuchter hereinbringt. „Wie kannſt Du mich nur ſo erſchrecken, Fried⸗ rich?“ Der Diener ſieht ihn ganz verwundert an und ſetzt den Leuchter mit den Lichtern langſam auf den Tiſch nieder. „Verzeihung, Herr Geheimrath, es iſt dunkel und Sie haben befohlen, daß, ſobald es dunkelt, man Ihnen Licht bringen ſoll.“ „Ja, es iſt wahr. Vergib, lieber Friedrich, daß ich ſo heftig war. Ich glaube, ich habe geſchlafen“, ſagte er begütigend;„ich war ſo erſchrocken, aber ich 223 weiß ja, Du biſt ein guter Diener und Du biſt mir treu.“ Er ſieht dem Diener feſt in die Augen, aber die⸗ ſer weicht ſeinen Blicken aus und ſchlägt ſeine Augen nieder.. „Warum ſiehſt Du ſo verlegen aus, Friedrich? Biſt Du mir etwa nicht treu? Gehörſt Du etwa auch zu meinen Feinden und meinen Verfolgern?“ fragte er mit lauter, drohender Stimme. „Nein, Herr Geheimrath, gewiß nicht“, erwiderte der alte Friedrich immer noch mit niedergeſchlagenen Augen,„niemals könnte ich zu Ihren Feinden, zu Ihren Verräthern, wie Sie ſagen, gehören; aber—“ „Nun, aber—?“ „Aber ich wollte den Herrn Geheimrath doch bitten, daß er mir meinen Entlaſſungsſchein ſchreibe.“ „Wie denn, einen Entlaſſungsſchein?“ „Das Quartal iſt um, und ich bitte um Ver⸗ zeihung, ich möchte den Dienſt verlaſſen.“ „Wie, Friedrich?“ fragte der Herr Geheimrath, in ſich erbebend, und legte die Hand auf die Lehne des Fauteuils, weil er fühlte, daß ſeine Geſtalt ſchwankte;„wie, Friedrich, Du willſt mich verlaſſen?“ „Ja, Herr Geheimrath, ich möchte in einen an⸗ deren Dienſt gehen.“ „Weshalb? Gebe ich Dir nicht Lohn genug? Sage es und ich werde Dir eine Zulage geben.“ „Nein, Herr Geheimrath, ich weiß, daß ich nir⸗ gends wieder ſo einen guten Dienſt bekommen werde; aber—“ „Was iſt es ſonſt?“ unterbricht ihn ſein Herr ungeduldig,„ſprich doch, Friedrich! Sage doch, wes⸗ halb Du gehen willſt. Vielleicht läßt es ſich ändern! Ich möchte einen ſo treuen Diener, wie Du es immer geweſen, nicht gerne verlieren. Sage, worüber biſt Du unzufrieden, und wir wollen uns bemühen, Dir gefällig zu ſein.“ „Herr, ich bitte, fragen Sie mich nicht weiter, ich kann's nicht ſagen; ich bitte nur um meine Ent⸗ laſſung.“ „Du kannſt es nicht ſagen?“ fragte der Geheim⸗ rath zornig und angſtvoll zugleich.„Es iſt alſo etwas ſehr Schlimmes; Du haſt wol auch gehört, daß ſie mir einen Fackelzug bringen wollen?— Nein“, unter⸗ bricht er ſich ſelbſt,„es iſt Thorheit! Sage mir ehr⸗ lich, Friedrich, weshalb willſt Du gehen? Ich ver⸗ lange es von Dir; ich habe Dich immer gut gehalten, und ich bin Dir ein guter Herr geweſen. Iſt das nicht wahr?“ 225 „Ja, Herr, das iſt wahr. Sie ſind mir ein guter Herr geweſen.“ „Nun alſo! Und doch willſt Du mich verlaſſen? Sage mir die Wahrheit, Friedrich! Weshalb?“ „Der Herr Geheimrath befehlen, daß ich die Wahr⸗ heit ſage?“ „Ich befehle es Dir.“ „Nun denn, Herr Geheimrath, dann bitte ich um Verzeihung; aber ich kann es nicht aushalten! Alle Bedienten verhöhnen und verſpotten mich, daß ich in Ihrem Dienſte bleibe; ſie ſagen, ganz Berlin ſchelte auf Sie und nennen Sie einen Menſchenſchinder und Mörder, und ſie erzählen ſich ſchreckliche Geſchichten von Ihnen, wie Sie die jungen Leute gehetzt und in das Gefängniß gebracht haben, um ſich beliebt bei den Herren Miniſtern zu machen und dem hochſeli⸗ gen König zu beweiſen, daß es lauter Rebellen gäbe, und daß Sie ein gar treuer und eifriger Diener wären. Ganz furchtbare Geſchichten erzählt man ſich von Ihnen. Seit der König die Amneſtie gegeben hat, der neue König, ſagen ſie, wäre es nun aus mit Ihnen, und jeder Menſch dürfe es jetzt zeigen, daß er Sie verachte; früher hätte man ſo etwas nicht ſagen dürfen, weil Sie mächtig waren und man dann von Ihnen in das Gefängniß gebracht worden wäre.— Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. III. 15 226 Meine Kameraden ſehen mich über die Achſeln an, weil ich noch in Ihren Dienſten bin, und das kann ich nicht ertragen! Lieber weniger Lohn und mehr Ehre! Vergeben Sie mir, Herr Geheimrath, daß ich das ſo herausſage; aber Sie haben es mir befohlen.“ „Du haſt Recht gethan, Friedrich“, ſagte Tzſchoppe leiſe,„Du ſollſt Deinen Entlaſſungsſchein haben und magſt Dir einen anderen Dienſt ſuchen.“ Der Diener ſchlüpfte haſtig hinaus, froh, ſein Ziel erreicht zu haben, und draußen meldete er es triumphirend dem anderen Dienſtperſonale, daß er das Haus verlaſſen werde, das Schiff, welches im Sinken begriffen ſei. Ende des dritten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. ſſſiliigt ſfſſſſſſſſſnſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 ———— — 9. 8 2 4 5 1 4 f 4 4 1 5 3 1 1 8 8 ——————