deutſcher, eng Eduard Scloß Leih- und Ceſebedingun 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliot fangnahme und Rück abe der Bücher jeden Uyr bis Abends 8 Uhr offen. 3 4 2. Lesepreis. Bei Nickänbe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruückerſtattet eelbe muß voraus bezahlt werden und 6 Bücher: gaſſe Lit. A. Nr. 256. gen. ek ſteht zur Em⸗ ag von Morgens wird. 4. Abonnement. Daſſe beträgt: 4 Bücher: für wöchentlich 2 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mi. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. en 5 n Koſte auf 1. iytt da Proteſtantiſche Jeſuiten. — N d Hiſtoriſcher Roman von Louiſe Mühlbach. Zweiter Band. , Teipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. „ * —— 3— 8—— —————.— Erſtes Kapitel. Johaun Wilhelm Ebel. Die Lichter auf den Kronleuchtern und Kandela⸗ bern, die heute im Schloſſe zu Königsberg bei dem Abſchiedsfeſte des Königs geleuchtet, waren eben— erloſchen; das königliche Paar hatte ſich in ſeine Ge⸗ mächer znrückgezogen, der Hof war für heute entlaſſen, das heißt, die Damen und Cavaliere konnten jetzt ihrem eigenen Belieben folgen und waren für heute an kei⸗ nen Dienſt mehr gebunden. Der General⸗Adjutant von Thiele kehrté eben von dem Abendgebet, welches in dem Gemach der Oberhof⸗ meiſterin Ihrer Majeſtät der Königin gewiſſermaßen als eine Reinigung von den weltlichen Feſten dieſer Tage ſtattgefunden, in ſeine Gemächer zurück, als der Kammerdiener vorſichtig und leiſe zu ihm eintrat und Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. II. 1 2 ihm meldete, der Herr, welchen ſeine Majeſtät erwar⸗ teten, ſei ſoeben angelangt. Die Excellenz befahl, den Herrn ſogleich eintreten zu laſſen, und ging ihm dann mit im annlidem Gruße bis an die Thür entgegen. „Wirklich, Herr von Schwing, wirklih, es iſt außer⸗ ordentlich liebenswürdig von Ihnen, daß Sie ſich zu mir bemühen.“ „Euer Excellenz hatten mir einen Auftrag gegeben“, erwiderte der Paſtor mit einem tiefen verbindlichen Neigen ſeines Hauptes.„Es iſt daher natürlich, daß ich mich beeile, demſelben nachzukommen. Euer Excel⸗ lenz wünſchten, einem Gottesdienſte, wenn ich es ſo nennen darf, einem Gottesdienſte des frommen und würdigen Archidiaconus Ebel beizuwohnen.“ „Ah, mein lieber Herr“, lächelte der General⸗Ad⸗ jutant,„Sie geben dieſem Herrn da die Titel, welche ihm von rechtswegen aberkannt worden ſind.“ „Das heißt aberkannt worden ſind nach dem ir⸗ diſchen und weltlichen Rechte“, erwiderte der Paſtor, nach dem Rechte, wenn ich ſo ſagen darf, nach dem Rechte des Teufels, welcher Gewalt hatte über die Richter, daß ſie es wagen durften, den Reinen und Heiligen und Hohen anzuklagen.“ „Herr von Thiele ſchaute mit einiger Verwunde⸗ * 3 rung auf das von Begeiſterung ſtrahlende Angeſicht des Redners empor. „Wie, mein Herr, Sie glauben alſo an dieſen Mann?“ „Ich glaube und ich bekenne“, erwiderte Herr von Schwing emphatiſch,„ich glaube und ich weiß! Ich erkenne es als eine Gnade, daß ich dem Erleuchteten gegenübergeſtanden und daß ein Strahl ſeines himm⸗ liſchen Glanzes mich begnadigt hat zur Erkenntniß. Doch Euer Excellenz werden ſelber ſehen und hören! Es findet heute Abends, wie ich zu melden komme, eine Andacht ſtatt, und wie ich befürchte“, ſetzte er mit leiſer, zerknirſchter Stimme hinzu,„wie ich befürchte eine letzte Andacht. Denn es hat der hohe Geiſt be⸗ ſchloſſen, uns zu verlaſſen und abzuwenden ſein An⸗ geſicht von uns.“ „Ich meine wol, er hat das nicht beſchloſſen“, lächelte der General,„ſondern es iſt ihm alſo befoh⸗ len worden.“ Der Paſtor ſchüttelte leiſe das Haupt. „Der Erhabene und Hohe hat nicht nöthig, ir⸗ gend einem Befehle ſich zu unterwerfen. Er will, was er will, und thut, was er thun will, und es muß ſich ihm fügen das Irdiſche. Aber grade das iſt das Hohe und Heilige in ihm, d er das Göttliche ver⸗ — 4 birgt und ſeine Allmacht verſchließt in menſchlicher Schwäche und alſo ſich unterwirft den Geſetzen, wie irrig ſie auch ſein und wie ſehr ſie auch dem Teufel entſprungen ſein mögen. Es findet heute Abend, wie ich Euer Excellenz zu melden komme, eine Andacht ſtatt. Und ich darf hinzufügen, daß, wenn Sie der⸗ ſelben beiwohnen wollen, wir keine Zeit mehr zu ver⸗ lieren haben. Die Erleuchtung iſt über unſern Herrn gekommen, wie ſie es zu thun pflegt, ganz plötzlich und wie ein Ausfluß der göttlichen Sonne. Und ſo hat er in aller Eile berufen die Seinen, ſo daß Niemand es wußte. Wenn Euer Excellenz alſo der Andacht bei⸗ wohnen wollen, ſo muß ich künden, daß es Zeit iſt.“ „Nun wohl, wir gehen“, ſagte der General. „Doch“, fügte er ein wenig verlegen hinzu,„gönnen Sie mir ſo viel Zeit, mein lieber Herr Paſtor, daß ich meine Uniform ablege. Ich möchte durch dieſelbe nicht Anſtoß erregen und möchte auch nicht, daß es bekannt würde, ich hätte theilgenommen an dieſer An⸗ dacht. 1 Ein ſpöttiſches Lächeln flog einen Moment über das Angeſicht des würdigen Herrn von Schwing, und er neigte gnädig und demüthig das Haupt. „Verhüllen ſich Euer Excellenz“, ſagte er leiſe, „und nehmen Sie zu, die Verſicherung, daß durch — mich Niemand erfahren ſoll, wen ich die Ehre habe, in das Bethaus zu begleiten. Der General nickte ihm freundlich zu und eilte dann in das Nebengemach, um nach kurzer Zeit im ſchlichten, dunklen Civilanzug zu dem Herrn Paſtoi von Schwing zurückzukehren. „Jetzt bin ich bereit“, ſagte er;„nur möchte ich mir noch einige Fragen erlauben. Ich möchte Sie bitten, mich noch näher einzuweihen, damit ich nicht als ganz Unwürdiger, in der Finſterniß Befangener dem einen Akte beiwohne. Ich bitte, wenn es ſich thun läßt, ſagen Sie mir in kurzen Worten, welches iſt denn eigentlich die Lehre Ebel's?“ „Wie, Euer Excellenz, Sie der Erleuchtete, der Auserkorne, Sie fragen mich danach, den armen Jün⸗ ger ſeines Herrn, der noch außen ſteht in den Vor⸗ hallen und wenig weiß von den großen Dingen?“ „Sie ſind ſehr demüthig“, ſagte der General raſch.„Doch glauben Sie mir, mir gebührt noch mehr Demuth, denn ich gehöre zu den Uneingeweihten. Alſo ſprechen Sie mit mir wie mit Einem der von nichts weiß.“ „Das Nichtwiſſen iſt das Allwiſſen“, erwiderte der Paſtor ſalbungsvoll.„Es iſt die Lehre von der Natur, von Gott und von der Heiligung des Menſchen, 6 die Ebel, der Gottmenſch, uns kündet. Es iſt die Lehre von der Erkenntniß der Wahrheit. Wer an Ebel glaubt, der hat die Wahrheit gefunden und den reinen erhabenen Menſchen, welcher zugleich Chriſtus iſt. Wer an ihm zweifelt der iſt noch in den Banden des Teufels. Denn der Teufel iſt nicht ein Gedanke, ſondern ein Weſen; er wandelt umher unter den Menſchen, um ſie zu verſuchen und abzuwenden von dem Heiligen und der Wahrheit. Und dies nun iſt die heilige Offenbarung Ebel's, daß er den Teufel zu finden und ihn auszurotten weiß. Dazu bedarf er freilich ſeiner Erzengel, und dieſe Erzengel, das ſind ſeine Frauen.“ „Wie ſeine Frauen?“ fragte der General ganz erſchrocken. „Ja, ſeine Frauen“, wiederholte der Paſtor. „Aber es iſt dieſes Wort nicht menſchlich zu nehmen, ſondern nur im höchſten, reinſten Sinne der Erkennt⸗ niß! Denn nichts Menſchliches und Fleiſchliches iſt in dem Gottgeſandten und an ſeinen Frauen zu finden. In der Erkenntniß, in der ewigen Liebe, in der rei⸗ nen Sphäre des Ueberſinnlichen leben ſie und gehören ſie ſich einander, und ſo erleuchten ſie alle die, welche ſich ihnen nahen. Es läßt ſich dies Alles mit Worten nicht faſſen und ſagen, Excellenz, es in beſſer, Sie — ſchauen und hören. Und alſo, wenn es Ihnen gefäl⸗ lig iſt, treten wir unſere Wanderung an.“ „Thun wir das, kommen Sie, mein Herr. Ge⸗ ben Sie mir den Arm und laſſen Sie uns gehen. Mein Kammerdiener kennt die alten Gänge und Kor⸗ ridore des Schloſſes ganz genau, und ich habe ihn beauftragt, uns durch eine Hinterthür hinauszulaſſen, damit wir nicht an den Schildwachen vorüberzugehen haben. Gehen wir alſo.“ Sie traten in das kleine Nebengemach ein, in welchem der Kammerdiener ihrer wartete. Leiſe ſchlüpf⸗ ten ſie dem Voraneilenden naͤch durch die Korridore und über die engen Treppen bis zu der Seitenthür, welche hinausführte auf eine kleine dunkle Quer⸗ gaſſe. „Wir haben nicht weit zu gehen Excellenz“, flüſterte der Paſtor, indem er haſtig mit dem General dahinging.„Nur noch wenige Minuten und wir bie⸗ gen in die alte Langgaſſe ein.“ „Hält denn Ebel heute wieder ſeine Andacht in der altſtädtiſchen Kirche, deren Archidiaconus er war?“ fragte Thiele. „Nein, Excellenz, man hat den Hohen und Herr⸗ lichen ja ſeines Pfarramtes entſetzt und ihm die Kirche, die Stätte ſeiner erhabenen Triumphe, verſchloſſen. Aber nahe bei dieſer Kirche ſteht eine ſchöne Kapelle, geſegnet ſchon aus den Zeiten der deutſchen Ritter, welche vor den Verfolgungen der Andersgläubigen ſich hieher retteten und in der heiligen Kapelle der reinen Lehre ihres Glaubens huldigten. Jetzt gehört dieſe Kapelle der Brüdergemeinde und dort hat der fromme Archidiaconus für ſich und die Seinen eine Zuflucht gefunden. Dies beweiſt, Excellenz, daß es den Gläubigen nie an Muthefehlt, und daß ſelbſt die⸗ jenigen, welche ſich nicht zu dem Archidiaconus beken⸗ nen, doch ihn erkannt haben als einen reinen und edlen Geiſt. Hier ſind wir in der Langgaſſe, Excellenz. Nun noch einige Minuten und wir haben unſer Ziel erreicht.“ Schweigend und eilig gingen ſie weiter und ſtanden jetzt vor der düſteren kleinen Kapelle der Vrüderge⸗ meinde. Einem Manne, der an der Pforte derſelben ſtand, flüſterte der Paſtor leiſe und haſtig einige Worte zu. Er öffnete ſofort die Thür und hieß ſie eintreten. Eine ſchmale knarrende Holztreppe hinauf geleitete er ſie in einen kleinen düſteren Raum, in welchem ſich nichts weiter befand als ein hölzerner Riegel an der Wand, an welchem ſchon viele Klei⸗ dungsſtücke und Hüte aufgehangen waren. „Laſſen wir hier unſere Sachen, denn nur unbe⸗ 9 deckten Hauptes und unverhüllten Angeſichtes dürfen wir uns dem Heiligen nahen“, flüſterte der Paſtor. „Und jetzt, wenn Euer Excellenz belieben, treten wir durch dieſe Seitenpforte in den Saal ein, damit unſer Eintreten kein Aufſehen erregt und nicht vieleeicht, was Euer Excellenz verhüten wollen, die Aufmerkſam⸗ keit auf Euer Excellenz ſich richtet.“ Leiſe öffnete er die Thür und geräuſchlos traten ſie ein. Tiefe Stille umgab ſie, nicht das leiſeſte Ge⸗ flüſter, kaum ein hörbarer Athemzug unterbrach das feierliche Schweigen, und doch war der Betſaal ganz angefüllt von Menſchen. Aber ſie ſchienen der Erde gleichſam entrückt, ſie hörten und dachten nicht, ihre Seele, ſo ſchien es, lag in ihren Augen, und die Au⸗ gen Aller waren hingerichtet auf eine kleine, braune, ge⸗ ſchnitzte Holzthür mit einem Ausdruck, als erwarteten ſie, daß ihnen von dort das Heil und die Glückſelig⸗ keit erſcheinen ſollen. Ein ſchmuckloſer einfacher Raum war dieſer Saal, in welchem, ſeit der Archidiaconus vor drei Jahren ſeines Amtes entſetzt worden, ſeine Jünger und Jüngerinnen um ihn verſammelten, um von ihm„die Lehre der Weisheit und die Offen⸗ barung ſeines übermenſchlichen Geiſtes“ zu empfangen. Die hohen Wände waren bis zur Decke hinauf mit Eichenholz getäfelt, auf welchem hier und dort ſich 10 4 einige ziemlich kunſtlos ausgeführte Oelgemälde befan⸗ den, die irgend einen bibliſchen Gegenſtand aus dem alten Teſtament darſtellten. Von der geſchwärzten, ſchmuckloſen Kalkdecke hing an eiſernen Ketten ein ei⸗ ſerner Kronleuchter nieder, deſſen geſchwärzte Arme die dicken ſechs Wachskerzen trugen, welche allein die Erleuchtung des ganzen Saales ausmachten, außer den Kerzen auf den beiden ſilbernen Leuchtern, welche dort drüben auf dem kleinen Tiſche in der Mitte der Wand ſtanden, zu beiten Seiten des mit mattem grü⸗ nen Sammet überzogenen Pultes, neben welchem ein Glas Waſſer ſtand. An der hintern Seite des Saales zog ſich eine kleine Eſtrade, durch ein niedriges klei⸗ nes Holzgitter abgeſondert von dem übrigen Raume, hin. Das war die Abtheilung für die Frauen, für die auserkornen Frauen, während die anderen mit den Männern den übrigen Raum erfüllten, in welchem ſich gar keine weiteren Sitze befanden. Aber in dieſem einfachen ſchmuckloſen Raume war eine Geſellſchaft verſammelt, deren einzelne Mit⸗ glieder die höchſten und gefeiertſten Namen des Adels vertraten. Nur in der Elite der Geſellſchaft hatte Ar⸗ chidiaconus Ebel ſeine Jünger und Jüngerinnen, und keiner war unter dieſen Herren, welche dort in dicht gedrängten Gruppen zuſammenſtanden, keiner, dem ,— 44 nicht in der Welt Titel und Rang gehörten, dem nicht die Bruſt mit Orden geſchmückt war. Draußen in der Welt, da ſind ſie mächtig und bedeutſam, und es neigen ſich vor ihnen die Menſchen und erkennen an ihre Chren und Würden; hier aber, hier ſind ſie nichts und wollen nichts ſein, als die Jünger ihres Herrn, als demüthige Schüler und Diener des erhabenen Lehrers, auf deſſen Worte ſie lauſchten in andachtsvoller Beſcheidenheit. Die meiſten dieſer Männer tragen auf ihrer Bruſt das Zeichen ihrer Tapferkeit, das Eiſerne Kreuz, ſie haben dem Feinde da draußen muthig und ſtolz und kühn in das Auge geſehen, jetzt wollen ſie von Ebel lernen mit eben dem Muth und Stolz einem andern Feind in das Auge zu ſchauen und ihn beſiegen mit den Waffen des Geiſtes und der Frömmigkeit. Dieſer Feind iſt der Teufel, von welchem ihr hoher Meiſter ihnen gekündet, daß er einherwandle in Menſchengeſtalt und daß man ihn betrügen müſſe, ihn, den andern Gott, den Gott des Böſen. In dem abgeſchloſſenen Raume, dort am Ende des Saales ſitzen die Frauen in dunklen beſcheidenen Gewändern, ſchmucklos das Haar geſcheitelt über der Stirn. Da draußen in der Welt ſind die Frauen ge⸗ wöhnt, in ſeidenen Schleppgewändern daherzurauſchen 12 durch die geſchmückten Säle, und Grafenkronen ſtrah⸗ len von ihren Stirnen; ſelbſt Fürſtinnen zählen ſie in ihren Reihen. Aber hier ſind ſie Alle auch nur Dienerinnen ihres Herrn, freudig bereit, ihm zu gehor⸗ chen, als Mägde ihm zu dienen mit ihrem Leben, ihrem Gut und Blut. Drei Frauen ſitzen außerhalb der Galerie, abge⸗ ſondert von den anderen; auf ſchlichten ungepolſterten Holzſchemeln ſitzen ſie da, dicht neben der kleinen, braunen, getäfelten Thür, die Hände gefaltet, hinſchau⸗ end nach der Thür, durch welche das Heil ihnen kom⸗ men ſoll. Dieſe drei Frauen ſind die Seelenbräute des „erhabenen Menſchen“ in dem Gott ſich offenbart hat ſeinen Anhängern. Die erſte von ihnen, die kleine unſcheinbare Geſtalt mit dem ruhigen, gleichmüthigen Geſicht, das iſt die weltliche Frau, die vom weltlichen Prieſter ihm angetraute, das iſt, wie Ebel ſagt„die Umfaſſung.“ Neben ihr ſitzt eine noch anmuthige, jugendliche Geſtalt mit ſanftem Antlitz, mit demüthiger Miene; nur in den großen blauen Augen ein ſchwärmeriſches Feuer, das iſt Emilie von Schröter, die zweite Auser⸗ korene, die„Seelenbraut“ Ebel's, die er benennt die „Finſternißnatur.“ * —⸗ * 4³ 15 Und nun dicht neben der Thür ſtrahlend das An⸗ geſicht, ein Lächeln um den ſchönen Mund, ſitzt die erſte Seelenbraut,„die Lichtnatur“, Gräfin Ida von der Gröben; die Auserkorene, die Erhabene, der Mund ihres Herrn, durch welchen er kündet ſeine Befehle, ſeine Weisheit und ſeine Lehre. Er ſelbſt iſt zu er⸗ haben und zu groß, um mit irdiſchen Dingen ſich zu befaſſen, um in irdiſche Worte ſeine Wünſche, ſeine Befehle einzukleiden. Ida, die Seelenbraut, die Lichtnatur, die iſt ihres Herrn erſte Jüngerin, und ſie pflegt zu ſagen:„Ihm bin ich, was der Jünger Johannes war, als er, der Meſſias, zum erſtenmale den Menſchen erſchien.“ Nun, bei ſeinem zweiten Kommen und Erſcheinen, nun wählte der Sohn des Menſchen, welcher zugleich der Sohn Gottes iſt, ſich ein Weib zu ſeinem Liebling, und die Nächſte iſt ſie ſeinem Herzen. Durch ſie kün⸗ det er der Welt das Geſetz der Liebe, das Geſetz des Gehorſams und der Treue. Viel hat ſie gelitten in jüngeren Tagen, die Grä⸗ fin Ida von der Gröben; ein großer Schmerz iſt durch ihr Leben gezogen, gleich am Beginne desſelben. Der Mann, den ſie geliebt, dem ſie als fünfzehnjähriges Mädchen ihre Hand gegeben, folgte wenige Tage ſchon nach ihrer Vermählung dem Rufe ſeines Vater⸗ landes und ſeines Königs und zog hinaus zur Schlacht wider den franzöſiſchen Tyrannen. Wenige Wochen ſpäter brachte man ihn als Leiche heim in die Arme ſeiner trauernden jungfräulichen Wittwe. Da ſenkte eine Wolke der Traurigkeit ſich über ſie, und einſam und im tiefen Jammer klagte ſie nur Gott ihr Leid und ſchloß ſich ab von den Menſchen in ihres Herzens düſterer Traurigkeit. Aber da war es Gott, welcher ihr Hilfe und Troſt ſendete in der Geſtalt des frommen, jungen Predigers Johann Wilhelm Ebel. Er nahm von ihrer Stirne die Wolke der Traurigkeit; er lehrte ſie auf⸗ blicken zu Gott dem Erhabenen; er lehrte ſie, daß man fröhlich ſein müſſe in der Traurigkeit und muthig in der Entbehrung; er ſtählte ihr Herz mit freudigem Nuth; er begeiſterte ſie zu neuem Glauben und zu neuer Liebe. Und in dieſer heiligen, reinen, übermenſch⸗ lichen Liebe ging ſie ein in das neue Leben, welches Ebel ihr geſchaffen als ein neues Weib: ein Weib des Lichtes, ein Weib der Klarheit, der Begeiſterung. Und die Jahre flatterten an ihr vorüber und ließen keine Spur zurück auf ihrer Stirne. Immer noch er⸗ ſchien ſie als ein junges, ſchönes Mädchen, obwohl ſchon mehr als vierzig Jahre an ihrem Haupte vor⸗ übergezogen waren. 15 Die Liebe, die Begeiſterung erhielten ſie jung und wehrten dem Alter, daß es keine Runzeln zurück⸗ laſſen durfte, und leuchteten über ihrem Angeſicht, daß es immer ſtrahlte mit den Roſen der Jugend. Das ſagte Ida von der Gröben zu denen, welche ihre Schönheit und ihre ewige Jugend prieſen. „Es iſt der Glaube der mich jung erhält, es iſt die Liebe, die mich nicht altern läßt.“ Und dieſer Glaube und dieſe Liebe ſtrahlen in heiligem Entzücken auch jetzt von ihrem Angeſicht, jetzt, da ſie ihn erwartet, ihn, der ihres Lebens Licht und Sonne iſt! Jetzt, da ſie ein Geräuſch hört hinter der Thür, jetzt fliegt es wie ein Sonnenglanz über ihr Geſicht hin und ganz unwillkürlich hebt ſie ſich empor von ihrem Seſſel und ſtarrt mit freudeſtrahlendem Geüüht nach der Thür hin. Und da öffnet ſich die Thür und da erſcheint zu⸗ erſt der erſte ſeine Jünger,„der Siegelbewahrer aus der Apokalypſe“, der tapfere und wortemächtige Dieſtel.— Die Frauen erheben ſich bei ſeinem Erſcheinen, die Männer neigen ehrfurchtsvoll das Haupt. Er geht langſamen Schrittes hin nach dem Tiſche und bleibt neben demſelben ſtehen. 16 Aber nun auf einmal geht ein Rauſchen und Murmeln durch den ganzen Saal, und es flüſtern die beſehligten Lippen der Frauen, und es murmeln die ehrfurchtsvollen Lippen der Männer: Er kommt! Er iſt da! Eine große ſchlanke Geſtalt im lang wallenden ſchwarzen Gewande tritt jetzt durch die Thür herein, neben welcher die drei Frauen, die drei Seelenbräute ſtehen mit weit geöffneten Armen, mit ſelig ſtrahlen⸗ dem Angeſicht. Er neigt ſich zu ihnen und küßt jede von ihnen mit dem ſeraphiſchen Kuß, mit dem Kuſſe, der nichts an ſich hat von weltlicher Luſt und welt⸗ licher Liebe, der wie Blumengeſäuſel hinſtreift über die Lippen und eine Verkündigung des heiligen Se⸗ raph iſt. Dann neigte er ſich zu den andern Frauen hin und grüßt ſie mit der Hand und ſchreitet nun vorwärts, ſtolz, hoch aufgerichtet. Wie ein Gott, dünkt es den Frauen, wallt er dahin, wie ein Gott der Liebe, der Schönheit und der ewigen Jugend! Mit dieſer Schön⸗ heit, die ſo voll männlicher Kraft und edler Würde iſt, hat er die Herzen aller Frauen beſiegt, und mit der Stimme, die ſo weich und lind iſt, hat er ſelbſt die Herzen der Männer bezaubert. Langſam wallt er dahin durch die Reihen der Gläubigen, die tief geneigt 17 zu beiden Seiten des Weges ſtehen. Glücklich Jeder, auf den ſein Auge fällt, glücklich Jeder, den er eines Winkes würdigt! Jetzt läßt er ſich nieder, auf den hölzernen Schemel vor dem Tiſche, und dem Siegel⸗ brecher Dieſtel, welcher neben ihm ſteht, gibt er mit der Hand ein gnädiges Zeichen. „Sprich, mein Bruder, rede zu den Unſern und künde ihnen, was geweſen iſt und ſein wird!“ Und Dieſtel erhebt die mächtige Stimme und weit durch den Raum ſchallte ſein Wort und fällt wie ein erquickender Regen nieder in jedes Herz. Er kündet ihnen den Gruß des Auserkorenen, er blickt zurück auf die Zeiten, weiche geweſen, und ſpr den, welche der„Herr und Meiſter“ getragen hat um öt von den Lei⸗ ſeiner Lehre willen.„Sie haben ihn angeklagt und geſagt, daß ſeine Lehre ſündig ſei und ſein Wandel ſchlecht. Sie haben ihn bezichtigt, daß er vor den Augen der M und die Tu ſie haben nſchen die Sitte höhne gend. Sie haben von ihm geſagt, daß er außerhalb der Kirche. Und weil ihre nicht zu ſchauen vermochten den Ur⸗ grund der Dinge, und weil ihr weltlicher Sinn das habene nicht zu beg greifen verſtand und das Ueber⸗ ſinnliche nur anſchaute mit den ſinnlichen Augen, ſo haben ſie ihn verurtheilt, ihn und den demüthigſten Mühlhach, Proteſtantiſche Jeſuiten. II. 2 E ————— 18 ſeiner Jünger, mich, den Siegelbrecher Dieſtel. Aus⸗ geſtoßen waren wir Beide aus der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft, kein Amt ſollten wir fürder mehr verwal⸗ ten können, und die Gemeinden, welche uns Beide als Prediger zu ihren Hirten gewählt, ſollten gezwun⸗ gen werden, andere Hirten ſich zu wählen und zu ent⸗ ſagen ihren Lehrern. Aller bürgerlichen Ehren in der Welt ſollte der große Prophet in der heiligen reinen Lehre entſetzt werden und mit ihm ſein demüthiger Jünger; nimmer ſollten ſie Beide ein öffentlich Amt begleiten dürfen. Und, o Gräuel aller Gräuel, ſo weit war das öffentliche Gericht in ſeiner Blindheit gegangen, daß es den Hochwürdigſten aller Hochwür⸗ digen, den Archidiaconus Ebel, verdammen wollte, in einer Strafanſtalt zu bleiben,„ſo lange“, wie dieſe Verſtockten ſagten,„ſo lange, bis er ſich gebeſſert habe.“ Alſo hat gelautet das Urtheil, welches das Criminal⸗ gericht zu Berlin im vorigen Jahre, dem Jahre 1839 erlaſſen hat. Aber Gott hat ſeine Hand ſchützend ausgebreitet über den Märtyrer der heiligen Sache. Gott hat nicht gewollt, daß das unheilvolle, ungerechte weltliche Urtheil zur Ausführung komme. Roch ehe es geſchehen konnte, ſendete Gott den Tod, daß er das ewige Leben ſchütze. Die Thronbeſteigung des Königs Friedrich Wilhelm IV. hat die Gnade und die 19 Liebe gebracht, und die Gnade und die Liebe leuchtet nun wieder über dem Haupte des edelſten der Men⸗ ſchen. In zweiter Inſtanz iſt der Prozeß unſeres Meiſters verhandelt worden, und umgeſtoßen hat die zweite Inſtanz alle die Srafurtheile der erſten. Jeder Makel an ſeiner Ehre iſt zurückgenommen, aufgehoben iſt die Strafe des bürgerlichen Todes; wiedergegeben iſt der geliebte Herr den Seinen, und die Wolke des Unmuthes iſt von ſeinem Haupte genommen. Nur das Eine hat das Wort den Gnade nicht vollbringen können, nur wieder einſetzen in ſein Amt konnte es den Archidiaconus nicht, da die eigene ſtädtiſche Be⸗ hörte ſolches nicht zulaſſen möchte. Und ſo werden wir denn“, ruft der Paſtor Dieſtel,„von nun an ſein die trauernden Hirten ohne ihre Heerde, wie ihr ſein werdet die trauernde Heerde ohne ihren Hirten!“ Und da jammerte es und ſchluchzte es in dem weiten Raume. „Nein, wir wollen nicht ſein die trauernde Heerdeohne ihre Hirten! Ihr ſollt bei uns bleiben, bei uns bleiben!“ Und wie ſie weinen und klagen, richtet der Hirt ſich empor von ſeinem Sitze und breitet die Hände aus.— Und Alles wird ſtill auf einmal. Als er dann ſpricht, klingt es vor ihrer aller Ohren wie heilige himmliſche Muſik. 5* Zweites Kapitel. Das Bundeszeichen. „Ich muß von Euch gehen“, ſagte Ebel.„Ich werde von hinnen getrieben und hier iſt meines Blei⸗ bens nicht mehr. Geſchmäht haben mich die Böſen! Wie einen Ausſätzigen haben ſie mich behandelt, wie einen Narren mich verhöhnt! Der Weg, den ich hier zu wandeln hatte, war mit Hohn und Spott bezeichnet. Und außerdem ſollt Ihr wiſſen, daß es mir geboten iſt, dieſe Stätte zu meiden, auf welcher ich Gutes zu ſchaffen hoffte und auf welcher der Teufel mich beſiegt hat. Meines Bleibens iſt hier nicht mehr, und ich bin gekommen, Abſchied zu nehmen von Euch Allen. Ja, von Euch Allen, und allein muß ich hinausziehen in die Fremde! Aber Ihr ſollt deshalb nicht ver⸗ meinen, daß ich einſam gehe, denn es geht mit mir 21 die heilige Lehre der Erkenntniß und es folget mir der Teufel, den ich zu bekämpfen haben werde allerorten. Und ich will ihn bekämpfen und will meine Lehre hinaustragen in die Welt, die Lehre von der göttlichen Liebe, welche den Teufel austreibt. So habe ich Euch Alle noch einmal um mich verſammelt, um Euch zu künden das große Wort: Dienet Gott in Liebe und bekämpfet den Teufel in Zorn mit Haß und mit Liſt. Dies ſei die große Lehre, welche ich tief einſenke in Euer Herz: Seid klug wie die Schlangen, ſeid imner eingedenk deſſen, daß man mit allen Mitteln den Teu⸗ fel angreifen und verfolgen muß. Die Wahrheit iſt es, welche unſer oberſtes Geſetz iſt, und darum dürft Ihr alle Mittel anwenden, um die Lüge, welche der Teufel iſt, zu bekämpfen. Der Teufel aber beherrſcht alle die, die nicht in der Erkenntniß der Wahrheit ſtehen, und demgemäß müſſen alle mit Liſt behandelt werden, damit der Teufel in ihnen bekämpft werde. Im Dienſte der Wahrheit dürft Ihr die Lüge nicht ſcheuen und ſie darf Euer Gewiſſen nicht belaſten! Jedes Mittel iſt recht, um den Teufel zu bekämpfen, und was Ihr thut im Dienſte der Wahrheit, ſei es in den Augen der irdiſchen Menſchen ein Unrecht, ſo⸗ gar ein Verbrechen, es iſt recht vor Eurem Gewiſſen und recht vor mir! Viel Leides iſt mir, Eurem Lehrer, 22 dem geringſten Knecht Gottes, geſchehen! Alles Wehe der Welt habe ich auf mich genommen um der Wahr⸗ heit willen. Die Schmach Chriſti war es, die ich zu tragen hatte, und die ich willig und freudig auf mich nahm. Es wird eines Tages, ſo hoffe ich, auch die Erlöſung über mich kommen und gen Himmel werde ich fahren in dieſen Zeiten wieder, wie ich es einſt ge⸗ than habe vor den Augen der Gläubigen. Dieſer mei⸗ ner Worte erinnert Euch, wenn ich fern von Euch bin! Denn in die Ferne gehe ich und loslöſe ich mich um der Wahrheit willen von Euch Allen! Gedenket mein in Euren beſten Stunden, und wenn Euer Herz voll Kummer iſt, ſo richtet Euch auf in dem Glauben an die Wahrheit! Gedenket mein und lebt wohl.“ Er hob die beiden Arme empor und wendete ſich, Segen ſpendend, nach allen Seiten hin, und nichts hörte man als Schluchzen und Seufzen und Weinen. Da auf einmal ſchwebte, wie von ihrer eigenen Begeiſterung getragen, kaum mit den Füßen den Boden berührend, Ida von der Gröben zu ihm heran. Die Arme weit ausgebreitet, ihn nur ſchauend, ihm nur lächelnd, ſo ſank ſie vor ihm nieder auf die Kniee. „Du gehſt? Ich gehe mit Dir in die Fremde! Wollen ſie Dich hinausſtoßen in die Fremde, ſo werde ich mit Dir gehen, mit Dir leben, mit Dir ſterben! 23 Nichts habe ich auf Erden, als Dich, allein! Du biſt mein Freund, mein Heiland, mein Geliebter, mein Er⸗ löſer, mein Erretter, mein Gott, mein Heil! Dir zu dienen iſt meine Freiheit, an Deiner Seite ſein iſt mein Leben. Mein heißeſter, ſehnlichſter Wunſch wäre, wenn ich für Dich ſterben, für Dich ans Kreuz geſchlagen werden könnte. Gib mir, daß ich leben kann, denn ich ſterbe ohne Dich. Gib mir, daß ich hoffen kann, denn ich verzweifle ohne Dich. Laß mich mit Dir gehen in die Ferne und in die Weite.“ Ein göttlicher Strahl der Freude flog über das ſchöne Antlitz Ebel's hin; er neigte ſich zu der Knien⸗ den und hob ſie in ſeine Arme und zog ſie enger an ſein Herz und nannte ſie mit lauter freudiger Stimme ſeine Seelenbraut, ſeine verkörperte eigene Seele und begnadigte ſie, indem er ihr ſagte, daß ſie ihm folgen ſolle hinaus in die Fremde, und daß die Fremde Hei⸗ mat für ſie ſein werde allüberall, wohin ſie kämen Hand in Hand. Ein Gemurmel des Entzückens ging durch den Saal, und von den Lippen aller Gläubigen tönte es: „Heil ſei den Beiden! Heil dem Meiſter und ſeiner Seelenbraut!“ „Heil ihm, dem Meiſter, dem Meſſias!“ rief Ida in ſtrahlender Begeiſterung.„Er iſt mein Glaube! 24 Er iſt meine Zuverſicht! Ich war es, die ihn zuerſt erkannte! Ich ſah in ihm den Menſchen, den Heiland, den Gott; und ſo will ich ihn verehren und anbeten und lieben mein Leben lang. Und ich ſage es Euch Allen, wer an ihn glaubt, der wird ſelig werden.“ „Wir glauben, wir glauben!“ riefen Alle wie in Verzückung.„Wir glauben, auf daß wir ſelig werden.“ „Dieſe Stunde iſt himmliſcher Lohn für Alles, was ich gelitten“, ſagte Ebel, nachdem die Wogen der Rührung und Begeiſterung ſich gedämpft hatten.„Dieſe Stunde nehme ich mit mir als ein köſtliches G eſchenk, und wenn ich auch arm ſein werde und vielleicht auch zu leiden haben werde in Dürftigkeit und irdiſchem Jammer, ſo hat doch dieſe Stunde mich reich gemacht für alle Zeit.“. „Du ſollſt nicht arm ſein, Du ſollſt nicht von der Dürftigkeit der Welt zu leiden haben, mein Herr und Meiſter“, rief Ida.„Alles, was mein iſt, gehört Dir, ich lege es nieder zu Deinen Füßen und folge Dir nach. Und Ihr Alle, Freunde“, rief ſie mit ſtrahlenden Au⸗ gen, ſich an die Verſammelten wendend,„Ihr Alle, meine Freunde, ſollt begnadigt werden, Cuer Geſchent der Liebe darzubringen unſerem Herrn und Meiſter.“ „Wir wollen es thun, wir wollen es mit Freuden thun. Unſer Meiſter ſoll nicht darben, unſer Meiſter ſoll nicht in der Dürftigkeit leben!“ riefen die Männer und die Frauen, Alle mit freudeſtrahlendem Geſicht. Und Graf Kanitz war der Erſte, welcher aus ſeinem Portefeuille ein Blatt herausriß und mit dem Crayon haſtig einige Worte darauf ſchrieb. Dann reichte er es dem Nachbar hin, und das Blatt ging von Hand zu Hand, und Jeder ſchrieb einige Worte auf daſſelbe. Und dann, als dieſes vielbeſchriebene Blatt dem Graſen Kanitz wieder zurückkam, trat er mit demſelben zu Ida von der Gröben hin und reichte es ihr dar. So „Sage Du, chweſter und Seelenbraut, Du, die Künderin des Guten und Schönen, ſage Du unſerem Herrn und Meiſter, daß er nicht wird zu leiden haben von irdiſcher Noth. Hier auf dieſem Blatte haben wir das verzeichnet, von welchem wir flehen, daß er es annehmen möge von uns als ein Scherflein der Witwe. Es ſind im Ganzen etwa hunderttauſend Thaler. Bitte für uns zu dem Meiſter, daß er dieſes armſelige Ge⸗ ſchenk annehme von ſeinen Jüngern. Und Ida übernahm die Fürbitte und flehte zu dem erhabenen Meiſter, der gnädig und ſanft Ge⸗ währung nickte. Als er dann lächelnd den Verſam⸗ melten ſich zuwendete und ſie grüßte mit einem Neigen ſeines Hauptes, da fühlten ſie ſich Alle reich belohnt 26 und ſelig durch ſein Lächeln und ſeinen ſtummen Dank. „Und ſoll das Gebäude, welches Du aufgerichtet, nun zuſammenbrechen, Meiſter und Herr?“ fragte Graf Kanitz, indem er demuthsvoll herantrat zu dem Meiſter. „Sollen wir wirklich wie eine Heerde ohne Hirten hier verbleiben und in der Irre uns verlieren und in der Wüſte der Welt zu Grunde gehen?“ Er ſchüttelte langſam das Haupt. „Ihr ſollt verbleiben in der Gemeinſchaft und ſollt Euch verſammeln zur Erbauung und zur Erkennt⸗ niß, wie Ihr es bisher gethan. Ihr ſollt meiner Lehre eingedenk bleiben und ſollt den Teufel bekämpfen, wo Ihr ihn findet und in welcher Geſtalt er ſich immer Euch nahe. Die Kinder dieſer Welt behaupten und vermeinen, der Erlöſer ſei nur des Menſchen Sohn, und Fabel und Gedicht ſei Alles, was die Schrift Euch kündet. Es iſt der Teufel, der ſo aus ihnen ſpricht. Ihr aber ſollt bekämpfen den Teufel mit Liſt, mit Gewalt und Schmeichelei! Jede Lüge iſt erlaubt, iſt geboten im Kampfe mit dem Teufel, denn Ihr lügt im Namen der Wahrheit und Ihr betrüget um des Glaubens und um der Treue willen! Seid ehrgeizig! Strebet darnach, mächtig, reich und angeſehen zu wer⸗ den vor der Welt, denn dadurch bekommt Ihr die ————— ———— — —— 27 Mittel in die Hände, Großes und Gutes zu wirken und immer weiter auszudehnen unſere Macht, das heißt die Herrlichkeit Gottes. Jeder, der nicht denkt wie Ihr, der iſt der Feind Gottes; Jeder, der ſich nicht zu Euch bekennt, der ſteht in dem Dienſte des Teufels, und alſo müßt Ihr ihn bekämpfen, damit ihr den Teufel bekämpft. Ich wiederhole es Euch, als einen Theil meiner großen Lehre, als meinen Befehl: Seid ehr⸗ geizig, ſtrebet nach Aemtern und Würden! Strebet dar⸗ nach, dem Höchſten der Höchſten, dem Stellvertreter Gottes auf Erden, Eurem Herrſcher und König, wer er auch ſei und wo er auch wohne, dem Erſten des Landes Euch zu nahen und Euch ihm wichtig zu ma⸗ chen. Und wenn Ihr es erlangt habt und wenn Ihr allerorten in Würden und Ehren ſeid, dann gebrauchet dieſe Würde und verwendet dieſe Ehre für unſere Brüder und Schweſtern, auf daß zuletzt, wie es heißt in der Schrift, nur ein Hirt und eine Heerde ſei! Jeder helfe dem Andern, dann hilft er ſich ſelber und fördert das große Werk der Liebe und des Heilandes. Wir bauen Alle an der unſichtbaren Kirche, welche ſich auf Eure Schultern lehnen und hinaufreichen ſoll bis zum Himmel! Ihr ſollt deren geweihte Träger ſein; ich der ergebenſte Knecht ſeines Herrn, der Diener der Wahrheit, ich bin ihr Bauherr! Die Menſchen werden 28 Euch verſuchen und Euch abzuwenden trachten von dem Heile! Widerſteht ihnen! Sie werden Euch verſpotten und werden Euch hohnlachend bezeichnen mit dem Na⸗ men, welchen der Feind unſerer Treue uns gegeben, mit dem Namen„Mucker“. Nehmt ihn hin als eine Ehre, und wenn ſie trachten wollen, Euch damit zu verhöhnen, ſo hebt Euer Haupt höher empor und ſchaut auf zu dem Himmel und leſet es dorten in den Ster⸗ geſchrieben, das Wort der Verklärung, welches ne ſein ſoll die Ueberſetzung dieſes Spottnamens, das Wort„Auserkorene“. So oft Euch einer ſpöttiſch nennt mit dieſem Hohnesworte des Teufels, ſo erwidert ihm ſtolz und ruhig:„Das heißet Auserkorene!“ Und Ihr werdet ſehen, daß er verſtummt und beſchämt zur Seite tritt. Ich gehe von Euch, aber ich bleibe doch bei Euch allezeit, und wenn ich auch fern bin, ſo ge⸗ denket, daß ich wiederkehre, und thut nach meinen Lehren und verbreitet unſere Lehre und baut an der unſichtbaren Kirche, damit, wenn ich wiederkehre, ich das kleine Bethaus verwandelt finde in einen heiligen Dom, in welchem die Größten und Mächtigſten der Erde knieend anbeten, auf daß das Himmelreich komme auf Erden. Schwört mir, daß Ihr darnach trachten wollt, Ihr Alle, Männer und Weiber, Ihr Alle.“ ——V—V—V—:ʒ3;——ę—;—,˖/OVOQñQ—FQ—᷑—/—Z—y—U 29 „Wir ſchwören es! Wir ſchwören es!“ riefen Alle mit lauter feierlicher Stimme. Er neigte ſein Haupt mit gnädigem Gruß, und dann nach einer Pauſe begann er aufs neue: „Ihr habt mir gegeben ein Geſchenk Eurer Liebe, und ſolches ſollt Ihr nun auch empfangen von mir. Zugleich ſoll es ſein ein Zeichen der Erkennung, ein Zeichen für Euch Alle, an welchem, wie ſehr Ihr auch zerſtreut ſein möget in der Welt, Ihr Euch einander klar werdet und wiſſet von Eurer Brüdergemeinſchaft. Man muß überall zu lernen ſi von dem Teufel, und nichts darf man verſchmähen, was die heilige Guße fördert. So wie die Freimaurer Zeichen haben, an welchem ſie Ainande er erkennen und wiſſen von ihrer wollen auch 8 wir uns nen von der hchen“, fuhr „kaum einen halben Fin⸗ t Na eee S 0 Liſt des Teufels. Seht hier dieſ es er fort, indem er ein kleines ger dickes, rund geſchliffenes Flacon hervorzog und es hoch in die Höhe bielt. duſes Fläſchchen ſei ein (6., n für Euch Alle und e äglaic ein An⸗ denken meiner Liebe. Seht hier auf dem ſilbernen Deckel, welcher es ſchließt, iſt der Anfangsbuchſtabe meines Namens eingeſchnitten, und gefüllt iſt dieſes Fläſchchen mit dem Stoffe, welcher der Urſtoff aller Erkennungszeiche 30 Dinge, das weibliche Prinzip in der Schöpfung iſt, mit Waſſer! Das Feuer iſt das männliche Prinzip, das Waſſer iſt das weibliche! Wir beten an die Gött⸗ lichkeit in der Weiblichkeit, und alſo ſei das Waſſer unſeres Bundes Zeichen! Es iſt klar wie die Luft und doch inhaltsvoll. Aus ihm erzeugt ſich Alles, was lebt und iſt, und es war da im Anfang der Welt, als nichts vorhanden war, außer Gott und das Waſſer, zu welchem ſein Auge herniederſchaute. Dies nun ſei unſeres Bundes Zeichen. Geht nun, Ihr, meine Seelenbräute, Ihr, welche das Auge Gottes ge⸗ bildet hat, da es herniederſchaute auf das Waſſer, geht und holet für meine Freunde das letzte Geſchenk mei⸗ ner Liebe.“ Die drei Frauen traten hinaus aus der kleinen Thür und kehrten dann nach kurzer Pauſe wieder, Alle drei tragend an einem großen, mit Lilien und Waſſerpflanzen umrankten Korb, in welchem ſich viele hundert ſolcher kleiner, mit Urſtoff gefüllter, weißer Kryſtallflaſchen befanden. In der Mitte des Raumes ſtellten ſie ihn nieder auf die Erde, und alle Drei knieten ſie an der Seite des Korbes. Ebel trat zu ihnen heran, breitete die Hände über den Korb aus und ſegnete ihn mit heiligen, lauten Worten. Und ringsumher knieten die Männer und die Frauen und beteten leiſe und andachtsvoll während des Segens. Ein wunderbares Bild wäre es geweſen für einen Maler, dieſen Raum zu ſchauen. In der Mitte der blumengeſchmückte Korb, um ihn knieend die drei Frauen; hell beleuchtet das ſchöne Angeſicht Ida's von den Kerzen des eiſernen Kronleuchters, deren Licht hie und da mit einem grellen Aufleuchten das Geſicht irgend eines Beters traf und daneben wieder tiefe Schatten werfend über die Angeſichter Anderer. Ebel und Die⸗ ſtel, hoch aufgerichtet in vollem Glanze des Kerzenlichtes über all den Knieenden daſtehend; Ebel mit begeiſtertem Blicke emporſchauend zum Himmel, die Hände ſegnend ausgebreitet über dem Korb. Nun, auf ein Zeichen ihres Herrn, traten ſie einer nach dem andern— erſt die Frauen, dann die Männer— heran und empfingen aus Ida's Händen das Geſchenk der Liebe und des Angedenkens: das kleine, mit Waſſer gefüllte Kryſtallfläſchchen. „Nehmet hin und traget es zu meinem Angeden⸗ ken“, ſagte Ebel jedesmal bei Ueberreichung dieſes Fläſchchens. Und dann, als die Ceremonie beendet war, winkte er Allen, ſich zu erheben. „Und nun hört meinen letzten Befehl: Weder Tag noch Nacht darf dieſes Symbol unſeres Glaubens von 32 Euch weichen. Ihr traget es, wenn Ihr in einſamer Kammer und auch, wenn Ihr im glänzenden Feſtſaale ſeid. Ihr traget es bei Euch allerorten; wenn Ihr in Gefahr ſeid, ſo hebet es empor und es wird ſich irgend einer finden, der Euch beiſteht; wenn Ihr der Hilfe bedürft, ſo zeiget es in Euren Händen und einer von den Euren wird es verſtehen und Euch helſen. So⸗ bald Ihr aber neue Jünger gefunden unſerem Bunde, und ſobald neue Gläubige ſich zu Euch wenden, ſo geht zu unſerem Siegelbrecher, der hier bleibt, und fordert von ihm das Zeichen unſeres Bundes, das Fläſchchen. Er hat eine Niederlage davon, und er wird Euch geben, was Ihr bedürfet. Und nun, Ihr Freunde, lebet wohl. Weinet nicht, klaget nicht, ſon⸗ dern ſinget und jubiliret, denn wer in Anfechtung kommt, der iſt von Gott erſehen zu dem Höchſten, zu der Reinigung ſeiner Seele. Und dieſe Reinigung auf Erden erlangen wir Alle nur durch den Schmerz! Durch den Schmerz, den wir überwunden haben in Freude. Laſſet Euer Antlitz nicht in Trübſal ver⸗ düſtert ſein, ſondern aufſtrahlen in Freude, und zeiget mir dadurch, daß Ihr Euch ſelbſt überwunden habt. Heil, heil ſei dem Glauben! Heil unſerem Gott! Selig, die da leiden für ihn! Selig die Märtyrer der Wahr⸗ heit Und alle mit leuchtendem Angeſicht und ſtrahlen⸗ den Mienen riefen und jubelten:„Selig, die da leiden um der Wahrheit willen! Selig die Märtyrer! Heil, Heil unſerem Meiſter!“ Während ſie Alle in Verzückung noch alſo riefen und ſangen, wanderte Ebel, gefolgt von den drei Frauen, langſam durch den Saal dahin und verſchwand mit ihnen durch die kleine Thür. Aber als dieſe ſich nun geſchloſſen hatte, als ſie fühlten, daß ſie allein waren, daß der belebende Geiſt nicht mehr unter ihnen war, da hörte man nichts mehr als Klagen und Schluchzen und Jammern. Und in tiefer Reuigkeit und bitterem Schmerzge⸗ fühl umarmten ſich die Brüder und Schweſtern, wein⸗ ten Einer an dem Halſe des Andern und gaben ſich einander den ſeraphiſchen Kuß in ſeliger Reuigkeit, in frommer Zärtlichkeit einander umſchlingend. Durch das Gedränge der Weinenden und Klagen⸗ den machte jetzt der General von Thiele ſich Bahn bis zu dem Siegelbrecher Dieſtel, der neben dem Korbe ſtand, deſſen Inhalt noch nicht ganz geleert war. Das ſcharfe Auge des Siegelbrechers ſchaute ihm entgegen; er erkannte in ihm einen Fremden und miß⸗ trauiſch ward ſein Blick und zürnend ſeine Miene. Mühlbach, Poteſtantiſche Jeſuiten II. 3 34 „Wer biſt Du?“ fragte er. Ich erkenne Dich icht. Was willſt Du hier?“. „Wer ich bin?“ erwiderte Thiele ſanft,„ein de⸗ müthiges Menſchenkind, welches die Ruhe ſucht und ſelig iſt, ſie hier gefunden zu haben. Ich wandelte in der Finſterniß, jetzt bin ich hindurchgedrungen zu der Frkenntniß und einer von den Euren will ich ſein.“ „Du biſt es, wenn Du glaubſt“, erwiderte Dieſtel leiſe, das Haupt neigend. „Ich glaube und will meinen Glauben bekennen end will ihn hinaustragen in die Welt und will, wenn ich es kann, für ihn wirken“, erwiderte Thiele mit feſter Stimme. Ich bitte Dich, den Erzengel aus der Apokalypſe, Dich, den Siegelbrecher, Dich, den Be⸗ wahrer der großen Geheimniſſe des Glaubens, nimm nich auf in Euren Bund, und gib mir zum Zeichen deſſen das Bundesſymbol, das Andenken an den Mei⸗ ſter und Herrn.“ Und er ſtreckte mit einem flehenden Blicke die Hand aus nach dem Fläſchchen. Dieſtel reichte ihm ein ſolches dar.. „Trage es zum Andenken an den, welcher nicht bei uns iſt und doch bei uns iſt in allen Tagen. Trage s als ein Zeichen der erhabenen Lehre und kämpfe für dieſelbe, wo und wie Du kannſt.“ 35 „Alles, was ich vermag, will ich thun“, erwiderte er ruhig und feſt.„Von dieſer Stunde an gehöre ich zu Euch, und was an mir iſt, ſoll geſchehen, um Euch Alle zu fördern und zu helfen.“ Die Grafen und Barone und die vornehmen Herren, Alle gaben ſich wol das Anſehen, denjenigen nicht zu erkennen, der eben eingetreten war in ihren Bund. Aber ſie traten doch zu ihm heran und reichten ihm ihre Hände und grüßten ihn als ihren Bruder und hießen ihn willkommen in ihrer Mitte. Und als ſie dann heimgingen ſpät in der Nacht aus dem Bet⸗ ſaal, da flüſterte wol einer dem andern zu: „Viel haben wir heute gewonnen und mächtiger ſind wir geworden heute, als ſeit langen Zeiten. Denn nahe dem Throne werden wir jetzt einen Freund haben, und er wird uns helfen und fördern Viel haben wir gewonnen und nicht ausſterben wird die heilige Lehre, ſondern erhöht wird ſie werden, und mächtig und ſtark in kommenden Tagen werden diejenigen ſein, welche die Kinder der Welt die Frommen, die Mucker und die Pietiſten nennen! Wir werden uns dieſes Namens freuen können, denn die Macht wird unſer ſein!“ Während die Gläubigen noch zuſammengeblieben waren in dem Bethaus, war Ebel mit ſeinen Seelen⸗ 36 bräuten in dem bereitſtehenden Wagen der Gräfin Ida von der Gröben von dannen gefahren. Vor dem Hauſe des Fräuleins von Schröter, der Jungfrau⸗Seelenbraut, hielt der Wagen an, und in Thränen aufgelöſt, ſtieg ſie an der Hand Ebel's aus demſelben hernieder. „Ich ſoll Dich alſo nicht r ſehen, mein Mei⸗ ſter und mein Herr?“ ſchluchzte ſie leiſe.„Ich ſoll zurückbleiben fern von Dir?“ „Es muß ſein“, erwiderte er ſanſt.„Die Jungfrau gehört dem Vaterhauſe.“ „Mein Vaterhaus iſt nur bei Dir“, ſagte ſie ſchluchzend. „Und ich bleibe bei Dir, ob ich auch in die Ferne gehe. Ich laſſe Dich hier zurück, daß Du ſollſt aus⸗ breiten unſere Lehre. Vielleicht gelingt es auch Deinem Wort, Dir von Deinem Vater die Erlaubniß zu er⸗ flehen, daß Du zu uns kommen darfſt. Wir werden Dir Nachricht geben von allen Orten, wohin wir gehen, und wenn die Stunde der Erlöſung gekommen, und wenn das Wort Deines Vaters Dich freigegeben hat, dann wirſt Du uns nachfolgen. Es darf nicht geſagt werden, daß ich den Eltern ihre Tochter entziehe, daß ich ſie entführe von ihrer Pflicht und ihrer Ehre. Nur, wenn Dein Vater es Dir erlaubt, darfſt 37 Du mir folgen. Bis dahin lebe wohl und weine nicht.“ „Nein, ich weine nicht“, ſagte ſie, ihre Thränen unterdrückend.„Ich will jauchzen und jubiliren, denn Trübſal iſt über mich gekommen und Trübſal iſt Glück.“ Er neigte ſich zu ihr und drückte einen Kuß auf ihre Stirne.„Lebe wohl, Du Braut meiner Seele! Auf Wiederſehen!“ Und während ſie haſtig, um nicht ihr Schluchzen hören zu laſſen, in das Haus hineinſchlüpfte, ſtieg der Prophet wieder in den Wagen zu den anderen zwei Seelenbräuten und fuhr mit ihnen weiter nach dem Hauſe der Gräfin Ida von der Gröben hin, in welchem Ebel in der ganzen Zeit ſeiner Verfolgung gewohnt hatte mit ſeiner Frau und in welchem ſie nun die letzte Nacht zubringen wollten. Morgen ſchon, in der Frühe bevor der Tag graute, ſollte die Abreiſe ſtattfinden; denn ausdrücklich war es von dem Magiſtrat befohlen worden, daß alles Aufſehen und alle öffentlichen Demonſtrationen bei der Abreiſe Ebel's ſtreng zu vermeiden ſeien. Darum auch hatte man in der Stadt überall das Gerücht verbreitet, Ebel werde in der Mittagsſtunde Königs⸗ berg verlaſſen; aber es ſollte die Abreiſe, um die ſtattfinden. Niemand im Hauſe begab ſich daher für dieſe Nacht zur Ruhe. Die Diener und die Dienerinnen der Gräfin waren mit dem Packen ihrer Koffer be⸗ ſchäftigt, und ſie weinten dabei ſtill vor ſich hin, denn Ida hatte ſich von ihnen Allen losgeſagt, ließ Alle zurück, nachdem ſie ſie reichlich beſchenkt und großmüthig ihnen Lohn gegeben noch für die nächſte Zeit. Aber von nun an wollte ſie nicht mehr die Gräfin ſein, ſondern nur noch„die demüthige Magd ihres Herrn.“ Alles, was ihr gehörte, das hatte ſie ihm gegeben! Nachfolgen wollte ſie ihm, wie die Jünger es dem Meſſias gethan in alten Zeiten. Nun haben ſich die alten Zeiten erneuert, der Meſſias iſt wieder da und die Urweſen, die Blüthen des Waſſers, des erſten Erd⸗ ſtoffes, ſammeln ſich um ihren Meſſias und ſind ſeine Jüngerinnen. Und die Erſte von Allen iſt ſie; ihr ziemt es und ihr gebührt es, ihm zu folgen, abzuwer⸗ fen alles Irdiſche und ganz ſeinem Dienſte ſich hinzu— geben. Wozu alſo bedarf es der irdiſchen Dinge und der Diener und Dienerinnen? Wozu der herrlichen Stoffe und Kleider? Alles, was in den Kiſten und Koffern verpackt iſt, das ſoll nur ſo verpackt ſtehen bleiben bei Neugierigen zu täuſchen, in ſo früher Morgenſtunde —zy —— 39 der Gräfin Kanitz, die ja auch eine von den Seelen⸗ bräuten iſt, und da ſoll es bleiben, bis eines Tages vielleicht Ida anders darüber beſtimmen wird. Sie will nichts mit ſich nehmen, als ein paar unſcheinbare ſchwarzwollene Kleider und einige andere Nothwendigkeiten. Das feine Linnenzeug, die ſchönen Spitzen und Alles, was zum Luxus gehört, das iſt in ihren Koffern verpackt. Das harte grobe Linnenzeug, das ihre ſchlanken Glieder umhüllen ſoll, wird ihrer zarten feinen Haut wohl etwas wehe thun und ſie be⸗ drücken und ſie blutrünſtig machen, aber Ida wird ſich deſſen freuen, und die härenen Gewänder, die ihr Schmerzen bereiten werden, ſollen ſie daran erinnern, daß ſie eine Auserkorene iſt, eine Märtyrerin um ihres Glaubens, ihres Meiſters und ihrer Liebe willen. Aber für ihn, für den Meiſter, ſoll Alles ſchön und prächtig ſein. Das feinſte Linnenzeug, geſtickt und prächtig ausſtaffirt, daß muß für ihn ſein; vom fein⸗ ſten Tuche die Gewänder, von den prächtigſten Stoffen Alles, was er trägt und was ihn umgibt. Deshalb, während in Ida's Zimmer nur ein klei⸗ nes Kofferchen mit wenig Habſeligkeiten gepackt wird, befinden ſich in dem Gemache der anderen Frau, der „Umfaſſung“, zwei große, mächtige Koffer und emſig iſt die irdiſche Frau damit beſchäftigt, in denſelben das 40 ſchöne Linnenzeug, die feinen Kleider und all die an⸗ deren prächtigen Sachen für den Herrn und Meiſter zu ordnen und zu verpacken.. Ida hat nichts zu thun damit; dieſe irdiſchen Dinge ſtehen ihr fern, und in ihrer Verzückung und Verklärung erſcheint es ihr zuweilen als Spott des erhabenen Meiſters, daß er überhaupt noch eine Erden⸗ geſtalt beſitze und daß der Körper ihn, den Himmliſchen, noch binde an die Erde. Sie denkt an ihn, wie ſie jetzt im engen Gemach um offenen Fenſter ſteht und hinaufblickt zum Himmel, von welchem Millionen funkelnder Sterne zu ihr her⸗ niederſchauen. Die Sterne der Heimat! Sie ſchauet ſie heute zum letzten Male, ſie nimmt Abſchied von ihnen mit frommem Gruß und zärtlichem Lächeln. „Nein, nicht Abſchied“, flüſtern ihre Lippen,„ihr geht mit mir, ihr Sterne der Heimat! Wohin wir ziehen in die Ferne und in die Weite, da werdet ihr mir leuchten und mir ſtrahlen und werdet die Heimat mir wiederbringen. Wo iſt die Heimat mir anders, als nur bei ihm! Wo iſt die Liebe mir anders, als nur bei ihm, dem Einzigen, dem Seligen, dem Ueber⸗ menſchlichen!“ Und ganz verzückt und begeiſtert hebt ſie die Arme empor und ſchaut zu den Sternen hinauf und ſieht in 41 ihren Blicken nur ſeine Augen ihr entgegenſtrahlen. Es zieht ſie zu ihm hin mit gewaltiger Sehnſucht und unüberwindlicher Zärtlichkeit. Sie wendet ſich um und tritt zurück vom Fenſter und ſchwebt leiſe durch das Gemach dahin, leiſe und unhörbar. Denn ſie weiß, im nächſten Gemach weilt Er, und kein Menſch darf ihn ſtören in ſeinen Betrachtungen. Denn er ſpricht mit Gott in dieſer Sternennacht und trennt ſich in ſeiner Andacht und Verzückung von dem Schmerz des Lebens und von dem Scheiden aus der Heimat. Es drängt ſie zu ihm hin mit himmliſcher Ge⸗ walt! Aber nicht will ſie hingehen, um ihn zu ſtören, nur ihn zu ſchauen, nur ſeines himmliſchen Anblickes ſich zu freuen! Leiſe, ganz leiſe ſchlägt ſie die Portière zurück, leiſe, ganz leiſe öffnet ſie die Thür, ohne irgend ein Geräuſch, ohne nur mit dem leiſeſten Tone der Außenwelt die feierliche Stille zu unterbrechen, die ihn umgeben in der Stunde der Nacht und der Ver⸗ klärung! Ja, dort ſitzt er an dem Tiſch, der mit Büchern und Papieren hoch bedeckt iſt. Er lieſt in den heiligen Büchern und belebt ſeinen Geiſt in Andacht und zu⸗ gleich in erhabener Gelehrſamkeit und tiefem Wiſſen. 42 Ida ſchaut nur zu ihm hin und ihre ganze Seele liegt in ihren Augen, wenn ſie ihn daſitzen ſieht, das ſchöne Angeſicht beleuchtet von dem Scheine der Kerzen, die ſein langwallendes Lockenhaar wie mit einem Silber⸗ glanz übergießen. Wie ſchön er iſt, wie himmliſch ſchön! Jetzt ſpricht er! Gewiß, es ſind Worte der Ver⸗ kündigung, die von ſeinen Lippen fallen! Sie ſinkt faſt in die Knie vor Andacht und Begeiſterung.„Horch, er ſpricht!“ „Ja“, ſagt er mit freudiger Stimme, und ſein Antlitz ſtrahlt höher auf,„ja, die Noth des Lebens weichet nun von mir für immerdar.“ „O welch eine köſtliche Zuverſicht!“ flüſtert Ida leiſe in ihrem Herzen.„Alle weinen um ihn; er aber ſpricht, daß alle Noth von ihm gewichen iſt.“ „Ich werde nicht mehr zu darben und mich zu ängſtigen haben um den nächſten Tag“, fährt Ebel triumphirend fort.„Geſichert habe ich wenigſtens meine Zukunft und reich bin ich, reich und aller Erdennoth überhoben. Da ſteht es geſchrieben: hundert und zehn⸗ tauſend Thaler haben ſie für mich gezeichnet. Ich werde ein reicher Mann ſein! Ja, da ſteht es ge⸗ ſchrieben. Und wenn ich die Zinſen mir berechne und von den Zinſen wiederum die Zinſen“— — Ein lauter Schrei machte ihn zuſammenſchrecken und wie er hinblickt, ſieht er da Ida mit bleichem, verſtörten Angeſicht, und fie eilt auf ihn zu und legt die Hände auf ihn. „Fahre von ihm! Fahre aus, Satanas; denn Du verſuchſt meinen Herrn und Meiſter!“ Er ſchaut ſie an und es zieht ein göttliches Lächeln über ſein Angeſicht. „Dank ſei Dir, Du Seelenbraut, Dank ſei Dir, daß Du kommſt in der Stunde der Anfechtung und Verſuchung, da Satanas Gewalt über mich hat. Denn ich fühle es jetzt, es war eine düſtere unheilvolle Stunde. Sage mir, was ſprachen dieſe Lippen? Ich war ab⸗ weſend und wie von einem Krampfe war mein Geiſt befangen, denn der Satanas hatte ſeine Krallen auf mich gelegt!“ „Du ſprachſt von irdiſchen Dingen und Satanas jubelte aus Dir, daß Du reich geworden.“ „Ja, ſo iſt es!“ rief er entſetzt.„Ja und ich glaube ſogar, der Satan hat geſchrieben, hier auf die⸗ ſes Blatt geſchrieben! Komm, laß es uns leſen! Ja, ſiehſt Du wol, das ſind Zahlen, irdiſche Zahlen und da iſt gerechnet von irdiſchen Dingen. Komm, Seelen⸗ braut, laß Dich umarmen und laß mich Dich ſegnen, 44 denn Du haſt die Verſuchung des Teufels bezwungen mit Deiner göttlichen Nähe und Deinem Wort der Beſchwörung! Nun bin ich wieder der Heilige, der Reine, und Du haſt mich erlöſet, Du geliebteſte Seelen⸗ braut, Du Lichtnatur des Glaubens.“ Drittes Kapitel. Im Pfarrhauſe. Herr Paſtor von Schwing war heimgekehrt von ſeiner Reiſe nach Königsberg. Spät in der Nacht war er im Pfarrhauſe angelangt; aber ſeinem aus⸗ drücklichen Befehle gemäß hatte Niemand ſeine Heim⸗ kehr erwarten dürfen, und nicht blos ſeine Gattin und ſeine Tochter, ſondern auch ſeine Dienſtleute hatten ſich zur Ruhe begeben müſſen. Der Herr Pfarrer hatte ja als ordentlicher und gewiſſenhafter Hausherr den Hausſchlüſſel immer in ſeiner Taſche und. konnte da⸗ her jederzeit in ſein Haus gelangen, ohne irgendwen in ſeiner Ruhe zu ſtören. Alles war wohlgeordnet in dem ſtillen, geräuſchloſen Pfarrhauſe; ja ſelbſt der Hund, welcher Nachts auf dem Hausflur ſein Wächteramt übte, durfte ſich nicht erlauben, durch irgend eine Freu⸗ 46 denbezeugung, ein Winſeln oder Bellen, zu erkennen zu geben, daß er der Wiederkehr des Herrn ſich freue. Er war ruhig auf ſeiner Strohdecke liegen geblieben, als der Herr Paſtor in die leiſe geöffnete Hausthür eintrat, die vom Mondlichte hell beleuchtete Treppe hin⸗ aufging und ſich in ſein Studirzimmer, welches zugleich ſein Schlafgemach war, zurückzog. Am Morgen, als die Frau Paſtorin aus ihrem Schlafzimmer hervorkam und über den Vorflur dahin⸗ ging, um ſich in das Wohnzimmer zu begeben, bemerkte ſie dort auf dem Vorflur einen kleinen, mit Seehunds⸗ fell bezogenen Koffer, und der ſagte ihr, daß ihr Mann alſo wieder daheim ſei. Ohne eine Miene zu verziehen, lenkte die Frau Paſtorin ſtatt nach dem Wohngemache zuerſt ihre Schritte nach der Küche, und dort gab ſie mit ruhiger Stimme der Köchin den Befehl, den Kaffee etwas ſtärker zu machen und eine Taſſe mehr mit demſelben hereinzu⸗ bringen.— Ja, er war wieder da! Als die Frau Paſtorin in das Wohnzimmer eintrat, ſah ſie ihn dort drüben auf dem mit ſchwarzem Leder überzogenen Divan ſitzen. Er blickte bei ihrem Eintreten von dem großen Gebet⸗ buche, das er eben in der Hand hielt, empor und nickte ihr zu. „Guten Morgen, liebe Cornelia.“ „Guten Morgen, lieber Wilhelm“, erwiderte ſie vollkommen ruhig. In dieſem Augenblicke ward die Thür des Vor⸗ zimmers geöffnet, und ein junges Mädchen, ſchön und blühend wie eine Mairoſe, trat ein. Als ſie den Herrn Pfarrer erblickte, tönte ein Ausruf der Ueberraſchung von ihren Lippen, und mit ausgebreiteten Armen flog ſie durch das Gemach zu ihm hin. „Willkommen, willkommen, mein lieber Vater! Ach, wie ſehr habe ich Dich erſehnt; wie glücklich bin ich, daß Du wieder da biſt!“ rief ſie, indem ſie ihre Arme um den Hals des Paſtors ſchlang. Er aber wehrte ſie faſt unwillig zurück, und eine Wolke ſtand auf ſeiner Stirn.. „Sophie“, ſagte er mit harter Stimme,„wie oft ſoll ich Dir ſagen, daß ich dies heftige, leidenſchaft⸗ liche Weſen nicht liebe. Es ziemt ſich nicht für die Tochter eines Pfarrers, in ſo weltlicher Freude aufzu⸗ brauſen bei jeder Gelegenheit. Eine tiefe Purpurröthe übergoß das Angeſicht des jungen Mädchens und das Lächeln erſtarb auf ihren Lippen. „Ich bitte um Vergebung“, ſagte ſie leiſe, mit zitternder Stimme.„Aber es iſt doch ſo natürlich, 48 daß ich mich freue, wenn der Vater wieder heimgekehrt iſt und— „Das Natürliche iſt nicht immer ſchön“, unter⸗ brach ſie der Vater mit harter Stimme.„Im Gegen⸗ theil, es iſt die Aufgabe des Me enſchen, das Natürliche von ſich abzuſtreifen und das Göttliche in ſich zu bil⸗ den. Wir müſſen den Morgen beginnen, wie es jedes frommen Chriſten Pflicht iſt, mit Gebet und Andacht. Ich hoffe doch, liebe Cornelia“, wendete er ſich an ſeine Frau,„ich hoffe doch, Du haſt in der Zeit meiner Abweſenheit meine Stelle vertreten und die Andachts⸗ übungen ſtatt meiner mit dem Geſinde abgehalten?“ „Ja wohl, das iſt ſelbſtverſtändlich, lieber Wil⸗ helm“, erwiderte ſie ruhig.„Geh', Sophie, und rufe das Geſinde.“ Das junge Mädchen ging langſam, ohne ein Wort der Erwiderung hinaus, aber der Herr Paſtor blickte ihr mit düſterer Miene nach. „Sie gefällt mir nicht, Cornelia“, ſagte er;„ihr Weſen wird alle Tage ungeſtümer und leidenſchaft⸗ licher.“ „Es iſt wahr“, erwiderte die Frau Paſtorin düſter, „der Umgang mit den Schloßleuten thut ihr nicht gut, und in dieſen zwei Jahren, ſeit die wieder hier ſind, hat ſich Sophie gar ſchlimm verändert. Es iſt, als 49 ob dies heftige, leidenſchaftliche Weſen der Leute dort oben wie eine anſteckende Krankheit auf Sophie wirkte. Früher war es mir doch gelungen, ihre Heftigkeit und ihr leidenſchaftliches Weſen zu zügeln und ſie zu dem Ernſte des Lebens anzuhalten. Aber ſeit dieſe vor⸗ nehme und geniale Schloßherrſchaft da iſt, bemühe ich mich vergeblich, Sophie zu einer würdigen Tochter des Pfarrhauſes zu erziehen.“ „Es iſt wahr“, ſeufzte der Paſtor,„dieſe Wieder⸗ kehr meines Bruders iſt nicht zu unſerem Glück gewe⸗ ſen, und es wäre mir allerdings auch lieber, wenn wir den Umgang mit ſeiner Familie ganz meiden könnten.“. „Mir wäre es nicht blos lieber“, rief die Paſto⸗ rin mit ausbrechender Heftigkeit,„mir wäre es eine Wohlthat. Denn ich geſtehe Dir, mein lieber Wilhelm, daß dieſer Umgang mit der Frau Baronin, die ſich ſo groß und vornehm dünkt, mir durchaus nicht zu⸗ ſagt. Ich haſſe ihr aufgeblaſenes, ſtolzes Weſen und kann nimmer und nimmer mit dieſer Frau in Frieden leben, welche ſich ſo erhaben dünkt über alles Welt⸗ liche, daß ſie jedes Geſpräch über Wirthſchaft und der⸗ gleichen Dinge, die allein für eine Frau geeianet ſind, abſichtlich vermeidet. Sie gibt wahrlich ein böſes Bei⸗ ſpiel und ich wünſchte vom Herzen, daß Du mir er⸗ Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. II. 4 50 3 lauben möchteſt den Umgang mit dieſer Schloßherr⸗ ſchaft ganz und gar abzubrechen. Es wäre für mich eine Wohlthat und für Sophie eine Nothwendigkeit.“ „Und dennoch, mein Kind“, ſagte der Paſtor, ruhig ſein Haupt ſchüttelnd, dennuch muß ich Dich bitten, daß Du den Umgang mit der Familie meines Bruders nicht allein fortſetzeſt, fondern ſogar, wenn es Dir möglich iſt, Deinen gerechten Unwillen be⸗ bekämpfeſt und dieſer Frau Baronin ein freundliches Geſicht zeigſt. Aus Klugheit, mein Kind, aus Welt⸗ klugheit! Der Baron, mein Bruder, hat es verſtanden, in dieſen zwei Jahren, daß er zurück iſt, ſich hier all⸗ gemein beliebt zu machen. Das Landvolk in der Um⸗ gegend liebt und preiſt und ſegnet ihn.“ „Jawohl preiſt und ſegnet es ihn“, fiel ihm die Paſtorin ſpöttiſch ins Wort,„er iſt e in Verſchwender, er gibt das Geld mit vollen Händen hin. Wer etwas von ihm fordert, der erhält es. Da iſt es natürlich, daß man ihn lobt und preiſt. Das Geſindel preiſt immer diejenigen am meiſten, die in dummer Ver⸗ ſchwendung, ohne zu prüfen und zu ſondern, die dar⸗ gereichten Hände füllen. 4 „Man preiſt auch die Baronin“, ſagte der Paſtor mit einem leiſen Achſelzucken.„Ich verſichere Dich, wohin ich komme, rings in der Umgegend iſt alle Welt —— 51 entzückt von der Baronin. Die Damen ſprechen von ihrem feinen Anſtand, von ihren noblen Manieren, die Herren bewundern ihr feines Converſations⸗Ta⸗ lent, und die jungen Leute ſind entzückt von der Schönheit der jungen Baroneſſe und von ihrem aus⸗ gezeichneten Geſang. Man muß alſo vorſichtig ſein, mein Kind. Die Leute könnten ſonſt vermeinen, ich ſei etwa gar unzufrieden mit der Heimkehr mei⸗ nes Bruders, und ich beneidete ihn vielleicht um ſei⸗ nes Reichthums willen. Solche böſe Reden muß man vermeiden, und doch— ſtill— wende Dein Herz zu Gott und laſſ' von irdiſchen Dingen uns abkehren“, fügte er mit ſalbungsvoller Miene hinzu, da jetzt die Thür ſich öffnete und Sophie, gefolgt von den Dienſt⸗ leuten des Hauſes, hereintrat. Still und geräuſchlos nahmen die Köchin und das Hausmädchen, der Kutſcher und der Knecht ihre Plätze ein auf den binſengeflochtenen Stühlen zu beiden Sei⸗ ten der Thür. Die Frau Paſtorin ſetzte ſich zu ihrem „Manne“ auf das Sofa und ihr zur Seite ließ So⸗ phie ſich auf einem kleinen Schemel nieder. Eine Pauſe trat ein, und in ſtillem Gebet neigten ſich alle Häupter. Wie düſter, mißvergnügt alle dieſe Geſichter waren, wie ernſt die Mienen und wie freudlos! Nur auf dem Angeſichte des jungen Mädchens 52 leuchtete immer noch ein Strahl der Jugend, und die urſprüngliche heilige Friſche ihres Geiſtes ſtrahlte noch von ihrer reinen ſchönen Stirn und zuckte in einem leiſen Lächeln um ihre purpurnen Lippen. Nachdem das ſtille Gebet beendet war, nahm der Herr Paſtor die große Poſtille zur Hand, und mit lauter, feierlicher, näſelnder Stimme las er aus der⸗ ſelben die in ſehr myſtiſchen und emphatiſchen Aus⸗ drücken ſich ergehende Morgenandacht vor. Dann folgte wieder ein ſtilles Gebet, und als es geendet, verließ das Geſinde wieder ſtill und geräuſchlos, wie es ge⸗ kommen, das Gemach, in welchem der Herr Paſtor un wieder mit ſeiner Frau und Tochter allein blieb. „Jetzt, da wir Gott die Ehre gethan, dürfen wir auch den Bedürfniſſen des irdiſchen Leibes ſein Recht werden laſſen“, ſagte der Herr Paſtor mit einem Nei⸗ gen ſeines Hauptes zu ſeiner Tochter. Sie ſchlüpfte eilends hinaus und kam dann mit dem Kaffeebrett zurück, auf welchem das Frühſtück ſer⸗ virt war. „Und nun, mein lieber Vater“, ſagte ſie dann, indem ſie lächelnd dem Paſtor ſeine Taſſe darreichte, „nun bitte, befriedige auch meine recht kindiſche Neu⸗ gierde und erzähle uns von den Feſten. Wie war der 84 53 König und wie ſah die Königin aus? Was für ein Kleid trug ſie bei der großen Huldigungsfeier?“ „Still!“ unterbrach ſie der Vater kopfſchüttelnd; „ich bemerke mit Bedauern, daß Du immer noch den weltlichen Dingen zu ſehr anhängſt.“ „Immer noch?“ ſagte die Paſtorin achſelzuckend; „ſage lieber, mehr als je, Vater. Ich muß mich wirk⸗ lich bei Dir über unſere Tochter bitter beklagen.“ „Mein Gott, liebe Mutter“, ſagte Sophie mit leiſer, zitternder Stimme und ihre großen, dunklen Augen füllten ſich mit Thränen,„mein Gott, was that ich denn ſchon wieder?“ „Was Du thateſt?“ erwiderte ihre Mutter ernſt, „ich will es Dir ſagen, und will es auch dem Vater ſagen, wie ich es Dir geſtern ſchon gedroht habe. In dieſen acht Tagen, daß Du verreiſt warſt, konnte ich Sophie kaum zu den gewöhnlichen häuslichen Beſchäf⸗ tigungen anhalten. Sie ſitzt immer oben auf ihrem Zimmer und lieſt und zeichnet und malt; ja, eines Tages ertappte ich ſie dabei, wie ſie an dem Clavier, welches ihr zu ihrem Unglück der Herr Onkel geſchenkt hat, nicht blos Choräle ſpielte, ſondern, ich ſchäme mich, daß ſo etwas in einem Pfarrhauſe paſſiren kann⸗ ſondern ein ganz weltliches Lied ſang.“ „Ich bitte um Verzeihung, lieber Vater; es war allerdings kein Choral, was ich ſang, es war eine Arie von Mozart.“ 33 muß Dich ſehr bitten, daß Du dergleichen nicht wieder thuſt“, ſagte der Paſtor ernſt.„Ein jeder Ort hat ſeine Beſtimmung; droben im Schloſſe mögen ſie weltliche Arien ſingen, hier an dieſem ſtillen Orte chriſtlicher Frömmigkeit dürfen nur Choräle und geiſt⸗ liche Lieder geſungen werden!“ In dieſem 2 Augenblicke ward haſtig die Thür ge⸗ öffnet und ein junger Officier trat herein „Mein Bruder, mein lieber Bruder Georg!“ rief Sophie, in deren Augen ſchnell die Thränen getrocknet waren. Und mit ausgebreiteten Armen flog ſie dem jungen Manne entgegen und drückte ihn feſt an ihr Herz. Selbſt die Frau Paſtorin ſchien einen Augenblick freudig erregt von dem unerwarteten Anblick des ein⸗ zigen Sohnes, und auch ſie eilte ihm entgegen und ſchloß ihn an ihr Herz. „Willkommen, willkommen, Georg! Wo kommſt Du her?“ Dll 3 „Ja, das frage ich Dich auch“, ſagte der Vater, ihm die Hand darbietend.„Wo kommſt Du denn herſ?“ „Es iſt mir alſo gelungen, Euch zu, überraſchen“, A 55 9* lachte der Sohn.„Ihh ſagte Dir abſichtlich nichts da⸗ von, dnn ich einen kleinen Abſtecher hierher machen würde, lieber Vater, und ſtatt mit Dir zu fahren, zog ich es vor, mit meinem lieben Couſin Marco hier⸗ herzukommen. Sein Vater war geſtern ſchon voraus⸗ gefahren; wir blieben noch einen Tag länger in Kö⸗ nigsberg, um dem großen Ball im Caſino beizuwoh⸗ nen. Nun bin ich da, und nun von Herzen: guten Tag, liebe Mutter, guten Tag, meine liebe Sophie. Der tauſend, wie biſt Du ſchön geworden und wie ſchlank und prächtig anzuſchauen!“. „Still!“ unterbrach ihn die Mutter; es fehlte nur noch, daß auch der Bruder ſie in ihrer weltlichen Ei⸗ telkeit beſtärkt.“ „Aber ich habe ſie ja ſo lange nicht geſehen; es iſt ein Jahr her, daß ich zum letztenmal bei Euch war“, ſagte Georg, indem er zärtlich den Arm um die ſchlanke Taille der Schweſter legte und ihr freund⸗ lich zunickte.„Es iſt doch natürlich, daß ich mich freue, meine liebe Schweſter ſo ſchön wiederzufinden. Sie iſt jetzt eine vollkommene junge Dame geworden.“ „Da haſt Du ein wahres Wort geſprochen, mein Sohn“, ſagte ſeine Mutter herb.„Eine vollkommene junge Dame! Aber die vollkommene junge Dame paßt nicht in dies chriſtliche Pfarrhaus. Doch wir reden b8 2 davon ein andermal; jetzt ſage uns, Georg, woher kommt uns dieſe Ueberraſchung?“ „Ja, ſage uns das“, ergänzte der Paſtor. „Das iſt ganz einfach, meine lieben Eltern“, er⸗ widerte der junge Mann lächelnd. Ich bin nach Ber⸗ lin zum Lehr⸗Bataillon commandirt, habe zu der Reiſe acht Tage Urlaub erhalten, und da zog es mich denn gewaltig hin nach dem lieben, grauen Paſtorhauſe, nach der Mutter, nach der Schweſter und nach Feld und Garten. Wer weiß, wann ich von Berlin wieder herkommen kann, ſo dachte ich, und deshalb wollte ich den Umweg machen und den Meinen doch Adieu ſagen.“ „Uud das war ſchön und prächtig von Dir, mein lieber Bruder“, rief Sophie mit aufleuchtendem Ange⸗ ſicht.„Sage mir, wie lange wirſt Du bleiben, damit ich mir die Tage nach Stunden und Minuten der Freude eintheilen kann: „Drei Tage kann ich bleiben, wenn es der Herr Paſtor und die Frau Paſtorin erlauben wollen“, ſagte der junge Mann lächelnd. Sie nickten Beide gnädig. „Du weißt, mein Sohn, daß Du uns ſtets will⸗ kommen biſt“, ſagte der Paſtor. „Und es iſt ſchön von Dir, daß Du gekommen biſt“, fügte ſein⸗ Mutter mit einem ſo freundlichen „ — 88 57 Blick hinzu, wie man ihn ſonſt nie in ihren Augen zu ſehen gewohnt war. „Und ich gebe Dir mein Zimmer, ſo lange Du hier biſt“, ſagte Sophie.„Du ſollſt es gut haben, lieber Bruder, und ich will Dich pflegen und hätſcheln ſo ſehr, daß Du vielleicht noch einen Tag länger bleibſt. Ich gehe ſogleich, Dir mein Zimmer einzurichten.“ Und dem Bruder zärtlich zunickend, eilte das junge Mädchen hinaus. Georg ſchaute ihr mit bewundern⸗ den Blicken nach. „Wirklich, ſie iſt ſchön und reizend!“ ſagte er. „Und ich denke mir, ihr müßt eine rechte Freude ha⸗ ben an meiner lieben Schweſter.“ Sie antworteten Beide nur mit einem düſtern Kopfſchütteln und einem leiſen Seufzer. „Dieſes Weſen paßt nicht in das Pfarrhaus“, ſagte der Paſtor dann, ſchwer aufathmend.„Aber laß uns zuerſt von Dir ſprechen, Georg. Alſo Du biſt nach Berlin beordert?“ „Ja, nach Berlin!“ Und ein Strahl der Freude glänzte in ſeinen blauen Augen.„Nach der Reſidenz! Ich geſtehe Euch, meine lieben Eltern, daß dies ſeit langer Zeit meine größte Sehnſucht war. Aber ich wagte die Erfüllung dieſes Wunſches gar nicht zu hoffen, und es überraſchte mich ganz außerordentlich.“ 58 „Und mich wiederum mein Sohn“, ſagte der Pa⸗ ſtor ernſt,„mich überraſcht Deine Freude. Was iſt es denn Beſonderes, daß Du nach Berlin gehſt und dort zum Lehr⸗Bataillon commandirt wirſt? Dies geſchieht ſehr vielen jungen Männern, aber ich kann es nicht als einen Grund zur Freude betrachten. Im Gegen⸗ theil, gerade Deine Freude macht mich beſorgt. Du haſt, wie es mich bedünken will, leider auch einen ge⸗ wiſſen Hang zu irdiſchem und weltlichem Leben. Du freuſt Dich nicht, daß Du nach Berlin kommſt, um dort viel zu lernen, ſondern um viel zu ſehen.“ „Ja, gewiß!“ lachte der junge Mann;„ich be⸗ kenne es ehrlich, ich freue mich, in Berlin viel zu ſehen, freue mich auf die vielen, unbekannten Genüſſe, auf die vielen Zerſtreuungen, die ich mich ſehne, kennen zu lernen. Es iſt in Königsberg wirklich ein recht lang⸗ weiliges, eintöniges Leben! Es ſchaut nicht immer ſo aus, lieber Vater, wie in dieſen Tagen der Feſtlich⸗ keiten, in welchen Du die Stadt geſehen. Es iſt ſonſt ſo einſam und ſo langweilig da, und es wird einem jungen Manne nicht zu verargen ſein, daß er ſich freut, in die große Welt zu kommen.“ „Die große Welt, mein Sohn“, ſagte der Pfarrer kopfſchüttelnd,„die große Welt iſt voll Gefahren und Verführungen, und gar viele unſichtbare Abgründe ſind — 59 dort in der großen Stadt, in welche ein junger, uner⸗ fahrener Menſch, wie Du es biſt, gar leicht hinein⸗ ſtürzen kann, wenn er nicht in ſich den Halt trägt, der ihn ſichert, und wenn nicht das Wort Gottes ſtets in ihm ſo lebendig iſt und ſo laut ertönt, daß er dar⸗ über die Sirenenſtimmen der Welt nicht hört! Ach, mein Sohn, ich beklage ſchmerzlich, daß Du nicht mei⸗ nem Rathe gefolgt und gleich Deinem Vater ein Theo⸗ log geworden biſt.“ „Aber wirklich, mein lieber Vater, ich paſſe nicht dazu“, rief der junge Mann lächelnd.„Vergib mir, daß ich es ſagen muß; aber die Idee, nach ſo und ſo viel Jahren des Kandidatendienſtes endlich auf einem ſtillen Pfarrhofe für mein ganzes Leben angekettet zu ſitzen, hat für mich nichts Reizendes und Verlockendes.“ „Du biſt alſo ehrgeizig?“ fragte ſein Vater. „Nun ja, wenn ich es geſtehen darf, ja, ich bin ehrgeizig“, erwiderte Georg lebhaft. Der Paſtor nickte leiſe. „Dann ſage ich umſomehr: es iſt ſchade, daß Du kein Theolog geworden biſt. Es war eine unglückliche Idee von Dir, Officier zu werden.“. „Aber weshalb, metn Vater?“ fragte Georg ach⸗ ſelzuckend.„Etwas muß man doch werden, und da 60 ich nun leider zum Theologen wirklich keine Neigung hatte, ſo ſcheint es mir, daß ich als Officier am beſten doch Carrière machen werde. Als Officier hilft mir zum wenigſten unſer vornehmer Name, und ich bin überzeugt, daß ich nur dieſem es verdanke, daß ich nach Berlin berufen werde.“ „Gerade um Carrière zu machen, wäre es jetzt gut geweſen, daß Du Theolog wäreſt“, ſagte ſein Vater gedankenvoll.„Ich ſage Dir, mein Sohn, es blüht jetzt eine neue Zeit auf. Eine Zeit des Heils, der Erkenniniß, der Frömmigkeit und der Tugend und Sitte. Der König, welcher jetzt dem Willen Gottes gemäß auf dem Throne Preußens ſitzt, iſt ein gar frommer Herr. Und die Bedeutung, welche unter dem früheren Regiment vielleicht die Uniform hatte, wird jetzt das Prieſterkleid bekommen. Sonſt war der Ge⸗ neral der erſte Mann am preußiſchen Hofe; jetzt, unter dem neuen König, wird der geiſtliche General, der Biſchof und der Superintendent und der Paſtor der Mächtige ſein, das glaube mir. Und darum gerade, weil Du ehrgeizig biſt, darum beklage ich es, daß Du nicht Theolog geworden biſt. Doch was hilft es, über Dinge zu ſprechen, die nicht mehr zu ändern ſind; Gott will, daß wir uns in die Wege ſchicken, die er uns zeiget und die er uns zu gehen auferlegt hat 61 Auch ich werde meinen Weg gehen, und vielleicht bringt er uns auch noch zu höheren Stellen und Ehren.“ „Wie, mein Vater“, ſagte Georg lebhaft, Du könn⸗ teſt daran denken?“ 8 „Von hier fortz ukommen?“ unterbrach ihn ſein Vater.„Ja wohl, ich könnte daran denken, obwol es mir ein bitterer Schmerz wäre“, fuhr er ſalbungs⸗ voll fort; ein bitterer Schmerz, meine theure Gemeinde zu verlaſſen. Aber es gibt andere Dinge, welche mir das Leben hier verbittern und verleiden.“ „Ja, es gibt andere Dinge“, ſeufzte die Paſtorin. „Ach, ich verſtehe“, ſagte Georg lebhaft; ihr ſeid alſo noch immer nicht in gutem Einvernehmen mit meinem Onkel und ſeiner Familie? Und doch ſagte mir Marco—“ „Ich bitte Dich, wiederhole das nicht, was Marco ſagte“, fiel ihm ſeine Mutter ärgerlich in das Wort. „Der iſt nun gar der Schlimmſte von der ganzen Fa⸗ milie; ein hochmüthiger junger Baron, der das Leben nach jeder Richtung hin genießt, von deſſen weltlichen Feſten und wilden Orgien man ſich in der ganzen Umgegend erzählt.“. „Verzeihung, liebe Mutter“, rief Georg lebhaft, „da, glaube ich doch, hat man Dich falſch unterrichtet. Mein Vetter iſt ein edler, hochgebildeter, herrlicher 62 junger Mann. Ja, ich kann ſagen, ich liebe ihn wie einen Bruder, ich bin ſtolz auf ihn. Er iſt trotz ſeiner Jugend ernſt und beſonnen, trotz ſeines Reichthums und— laßt es mich hinzuſetzen— trotz aller Schmei⸗ cheleien der Frauen doch ein beſcheidener, ſittiger junger Mann. Und wer da geſagt hat, liebe Mutter, daß man in ſeinem Schloſſe Orgien feiert, der hat wahr⸗ lich meinen theuren Vetter ſchlimm verläſtert. Das weiß ich beſſer; denn, liebe Mutter, junge Leute haben keine Geheimniſſe vor einander und erzählen ſich ohne Scheu Alles, was ſie thun. Ich kenne meinen Vetter Marco, und wenn man böswillige Dinge, die ſich nicht ziemen, von ihm erzählt, ſo könnt ihr von vornherein anneh⸗ men, daß es Lügen und Verleumdungen ſind.“ „Wirklich, Du ſprichſt ganz in der Weiſe Deiner Schweſter Sophie! Auch ſie iſt immer des Lobes voll von ihrem jungen Couſin und preiſt ihn als ein Ideal der Schönheit und der ritterlichen Tugend.“ „Und daran thut ſie recht“, rief Georg lebhaft. „Er verdient jedes Lob. Ich kann nicht ſo ſtolz ſpre⸗ chen, wie Alexander es that:„Wäre ich nicht Alexan⸗ der, ſo möchte ich Diogenes ſein“, ſondern ich ſage es ehrlich heraus, ich möchte, ich wäre wie Marco.“ „Und Du möchteſt ferner auch wol, Deine Schwe⸗ ſter wäre wie Leonore?“ rief die Paſtorin ärgerlich. 63 „Ja, gewiß, das möchte ich“, rief Georg;„oder vielmehr es will mich bedünken, daß meine liebe Schwe⸗ ſter Sophie es ganz würdig iſt, an der Seite Leono⸗ rens zu ſtehen. Ich muß Cuch ſagen, meine theuren Eltern, daß die Baroneſſe Leonore in Königsberg eine wahrhafte Senſation erregt hat. Alle Welt war ent⸗ zückt von ihrer Schönheit, ihrer Liebenswürdigkeit, und es war wirklich ſchade, daß ſie nur ein paar Tage mit ihrer Mutter zu der Huldigungsfeierlichkeit blieb. Sie machte Aufſehen, ſage ich Euch, und ich war ganz ſtolz darauf, daß ſie mir erlaubte, ihr den Arm zu bieten, um ſie auf die Tribüne bei der Huldigung hinaufzuführen. Alle Welt ſtaunte uns an, und ich hörte um uns murmeln:„Wie ſchön ſie iſt!“ Aber ich ſage Euch, ſie iſt nicht blos ſchön, ſie iſt auch lieb und gut.“ „Du liebſt ſie“, unterbrach ihn ſein Vater.„Ja, ja, Du liebſt ſie! Es iſt in der That ein ſeltſames Geſchick, daß unſere Kinder durchaus nicht die Neigun⸗ gen und Abneigungen ihrer Eltern theilen und gerade dem ſich hinneigen, dem Deine Mutter und ich uns abwenden möchten.“ „Wie, Du liebſt alſo Deinen Bruder nicht?“ fragte Georg erſtaunt.„Er redet immer von Dir mit ſolcher Liebe und Zuneiaung, und auch meine Tante ſpricht immer von Dir, meine Mutter, mit der wärm⸗ ſten Theilnahme. Und Ihr erwidert das nicht?“ „Nein, um Dir die Wahrheit zu geſtehen, wir er⸗ widern das nicht“, ſagte der Paſtor, indem er auf⸗ ſtand und langſam, die Hände auf dem Rücken gefaltet, in dem Gemache auf und ab ging.„Wir müſſen uns darüber verſtändigen, mein Sohn, und es iſt gut, daß man ſich alle Verhältniſſe klar macht. Ich ſage Dir alſo ehrlich, ich liebe meinen Bruder nicht und es kann kommen, daß ich jeglichen Verkehr mit ihm und ſeiner Familie abbreche. Ich mache Dich darauf aufmerkſam, damit Du in Deiner Zuneigung zu dieſer Familie nicht zu weit gehſt, und ich will deshalb ehrlich und aufrichtig mit Dir ſprechen. Ja, ich halte es ſogar für gut, daß bei dieſen meinen Auseinanderſetzungen auch Deine Schweſter zugegen ſei. Hole Sophie! Sie ſoll hören, was ich Euch Beiden zu ſagen habe.“ Georg eilte hinaus, ſeine Schweſter zu ſuchen. Er fand ſie droben in ihrem Zimmer, das ſie für ihn her⸗ richten wollte. Aber als Georg die nur angelehnte Thür öffnete, ſah er das junge Mädchen auf ihren Knieen liegen, das Antlitz verhüllt in die Kiſſen des Bettes, vor welchem ſie niedergeſunken war, vielleicht um das Schluchzen zu unterdrücken, welches wider ihren Willen aus ihrer Bruſt hervordrang. 65 Georg eilte zu ihr hin und hob ſie mit ſanfter Gewalt von ihren Knieen auf. „Wie? Du weinſt, Sophie, meine arme Schwe⸗ ſter“, ſagte er mitleidsvoll,„Du weinſt? Und wes⸗ halb?“ „Ich weiß es nicht, mein Bruder“, ſagte ſie auf⸗ athmend,„ich bin unglücklich! Die Eltern ſchelten mit mir und nichts mache ich ihnen recht. Ach ja, ich bin tief unglücklich und ich wünſchte zuweilen, ich wäre todt.“ „Oh ſtill, ſtill“, flüſterte Georg, indem er ſanft das Haupt des jungen Mädchens an ſeine Bruſt drückte. „Weine nicht, Sophie, ſage mir, was iſt es denn?“ „Haſt Du es nicht geſehen?“ fragte Sophie mit leidenſchaftlicher Heftigkeit;„haſt Du es nicht geſehen gleich bei Deinem Kommen, wie verdrießlich und böſe ſie mich Beide anblicken, wie jedes Wort, das ich ſpreche, ihnen zuwider iſt? Ach, mein Bruder, ich ging ſo eilends hinaus, weil ich meine Thränen nicht län⸗ ger zurückhalten konnte. In dieſem Zimmer darf ich wenigſtens ungeſtraft weinen! Sie ſchelten mich um mein Weinen, ſie ſchelten mich um mein Lachen, ich kann nichts mehr ihnen recht machen. Oh, ich bin un⸗ glücklich, ſehr unglücklich!“ „Um Gotteswillen, ſprich leiſe“, flüſterte ihr Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. II. 5 66 Bruder.„Ich weiß es ja, die Mutter kann Deine Thränen nicht leiden.“ „Oh, wenn ich alt geboren wäre, dann würden ſie mich lieb haben, und wenn ich kein Lachen und keine Thränen mehr hätte, und wenn das ganze Leben mir ſo grau erſchiene, wie es ihnen erſcheint, und wenn ich die Sonne haßte und die Blumen verabſcheute und nur fromme Gebete pſaltete, dann wäre ich ihnen recht und lieb“, rief Sophie leidenſchaftlich.„Aber ich kann es nicht, mein Bruder, ich kann es nicht! Ich wollte, ich wäre das Bettlerkind, das geſtern vor unſerer Thür ſtand! Oh, wie beneidete ich es.“ „Um Gotteswillen, weine nicht! Sie haben mich hierhergeſchickt, um Dich herunterzuholen“, beſänftigte ihr Bruder ſie, indem er leiſe mit der Hand über ihr Geſicht hinfuhr. „Ja, ja, Du haſt Recht, ich darf nicht weinen“, ſagte ſie aufathmend. „Sophie“, rief von außen eine gebieteriſche Stimme, „Sophie und Georg, der Vater wartet auf Euch!“ „Wir kommen, Mutter, wir kommen“, rief Georg. Und dann wendete er ſich wieder haſtig ſeiner Schweſter zu.„Armes Kind, trockne Deine Thränen. Wir ſprechen noch weiter davon. Komm, der Vater erwartet uns. Wir müſſen hinuntergehen.“ Viertes Kapitel. Familien⸗Conferenz. „Ich habe Euch rufen laſſen“, ſagte der Paſtor, als die Geſchwiſter jetzt in das Wohnzimmer eintraten, „ich habe Euch rufen laſſen, damit Ihr Beide, meine Kinder, vernehmet, was ich Euch zu ſagen habe und wozu die Verhältniſſe mich drängen. Setzt Euch nie⸗ der und hört mir aufmerkſam zu.“ Die Geſchwiſter nahmen auf den Stühlen dicht an der Thür, auf welche die Hand das Paſtors hin⸗ gewieſen hatte, ihre Plätze ein, während die Frau Paſtorin ſich auf dem lederbezogenen Lehnſtuhl vor dem Fenſter niederließ und das lange wollene Strick⸗ zeug, welches immer bereit lag, ergriff, um an dieſen Strümpfen, die für die Heiden in Südafrika beſtimmt waren, eifrig zu ſtricken. 5* 68 Eine Pauſe trat ein. Der Paſtor ging, die Hände auf den Rücken gefaltet, langſam in dem Zimmer auf und ab und man vernahm nichts als das leiſe Klir⸗ ren und Raſſeln der dicken Stricknadeln der Frau Paſtorin. Endlich nach einer langen Pauſe blieb der Paſtor mitten im Zimmer ſtehen und mit dem Tone und der Geberde, als ſtünde er auf der Kanzel ſeiner Gemeinde gegenüber, begann er zu ſprechen. „Ich muß zuerſt von vergangenen Zeiten re⸗ den“, ſagte er.„Ich muß Euch Dinge klar machen, die Euch bis jetzt dunkel waren. Ihr habt niemals gehört von den Tagen, welche geweſen; Ihr wißt nicht, was wir gelitten und geduldet und wie in der Ver⸗ gangenheit alle unſere Wege mit Dornen beſtreut waren, mit Dornen, die oft unſere Füße blutig ritzten und unſeren Seelenfrieden trübten, aber dennoch zum Heile für uns waren. Ihr habt in neugieriger Kin⸗ derart oft gefragt, woher es komme, daß wir nicht droben auf dem Schloſſe wohnen, daß die Güter, die jetzt dem Baron von Schwing, meinem jüngeren Bru⸗ der, gehören, nicht die meinen ſind. Ihr habt Euch auch wohl gewundert, daß ich nie von meinem Vater oder meinen Verwandten überhaupt geſprochen, daß es ſchien, als ob wir ganz allein und verwandtenlos, ohne Familie in der Welt ſtänden. Es ziemte uns „ ——— — 69 nicht, zu Kindern zu ſprechen von dem Schmerze, welchen unſere Familie uns bereitet. Aber anjetzo ſeid Ihr erwachſen, und es dünkt mich nöthig, daß Ihr die Verhältniſſe Eures Hauſes, Eurer Eltern, ſowie auch Eure Verwandten genau kennt, Euch klarmacht, was iſt, was geweſen und auch was ſein wird. So ſollt Ihr nun vernehmen von dem zuerſt, was gewe⸗ ſen. Die Barone von Schwing haben ſeit Jahrhun⸗ derten in Glanz und Herrlichkeit gelebt, früher in Littauen; von dort wanderten ſie aus nach Preußen, kauften ſich hier viele Güter und waren die anerkann⸗ ten Herren großer Majorate. Mein Großvater gehörte zu den Reichen und Mächtigen des Landes, und ich entſinne mich noch aus meiner Kinderzeit her, daß droben auf dem Schloſſe gar prächtige Feſte gefeiert wurden, und daß rings aus der Umgegend und noch von weiter her die Grafen und Barone gern einſpra⸗ chen auf dem gaſtlichen Schloſſe in Groß⸗Below. Aber nach und nach ward es ſtiller auf dem Schloſſe, und die Feſte wurden ſeltener, denn mein Großvater verlor viel von ſeinen Reichthümern, verlor ſie durch eigene Schuld. Es gab eine ſchlimme und unglückſelige Leidenſchaft, welche ihn beherrſchte: das war die Spiel⸗ ſucht, und, leider daß ich es ſagen muß und daß ich die heiligen Gebote der Schrift mißachten muß in 70 dieſem Momente, weil ich Euch die Wahrheit bekennen muß, leider war dieſe unglückſelige Leidenſchaft ein Erbtheil, welches auch meinem Herrn Vater überkam. Die Reichthümer begannen ſchon abzunehmen, als mein Großvater ſtarb, ſie ſchwanden mehr und mehr zur Zeit meines Vaters. Er hatte ſich verheirathet mit einem altadeligen Fräulein, verheirathet, wie ich leider befürchten muß, ohne Liebe, und darin nur dem Wunſche ſeines Vaters nachgebend, welcher die Tochter ſeines beſten Freundes mit ihm zu verheirathen trachtete. Die beiden Väter fröhnten derſelben unglückſeligen Leidenſchaft und warfen das Erbtheil ihrer Kinder in den Abgrund ihrer Leidenſchaft. Ich will mich nicht darüber beklagen; es iſt geſchehen und von den Todten ſoll man nichts Uebles reden. Mein Vater war ſicher⸗ lich ſonſt ein edler und ein genialer Mann, aber er war nicht dazu geſchaffen, ein Hausvater zu ſein! Er lebte nicht glücklich in ſeiner Ehe und machte auch nicht glücklich. Seine Gemahlin ſtarb zwei Jahre nach ihrer Verheirathung, nachdem ſie ihrem Manne einen Sohn geboren. Dieſer Sohn einer traurigen, kurzen Ehe, der bin ich. Ich habe meine Mutter nie gekannt und doch habe ich ſie geliebt und mich als Knabe oft mit heißen Thränen zu ihr hingeſehnt in das Grab. Mein Vater verheirathete ſich bald zum x— 774 zweitenmale und diesmal nicht mit einer Frau aus ſeinem Stande, nicht mit einem hochadeligen Fräulein, wie es meine Frau Mutter war, ſondern mit einer Bürgerlichen, ja, um Euch die ganze Wahrheit zu ſagen, mit einer getauften Jüdin. Aber ſie war reich, ſie war ſchön und ich glaube, mein Vater liebte ſie trotz ihres Reichthums. Sie iſt die Mutter meines Bruders, des jetzigen Herrn Barons von Schwing, des Beſitzers von Groß⸗Below und der anderen drei Güter unſeres Hauſes. Seine Mutter, die reiche Erbin ihres Vaters, kaufte die verfallenen Güter des Großvaters, * und bezahlte alle Schulden an die Gläubiger unter der einzigen Bedingung, daß ihr Sohn, mein Herr Bruder, der Erbe der Güter und der Nachfolger ſeines Vaters ſein ſollte. Das war, wie Ihr erkennen müßt, eine Ungerechtigkeit, denn nach dem Geſetze konnte nur der älteſte Sohn der Erbe der Majoratsgüter ſein; nach dem Geſetze wäre alſo ich es geweſen. Mich ausſtoßen und die Güter dem zweiten Sohne geben, hieß den erſten Sohn für illegitim erklären und nur den Sohn zweiter Ehe für legitim anerkennen. Doch es gab lei⸗ der in dem preußiſchen Staate eine Zeit, wo das Geſetz wenig galt und die Willkür ſich zum Geſetze erhob. Das waren die Zeiten unter dem üppigen, laſterhaften und leichtſinnigen König Friedrich Wil⸗ helm II. Günſtlinge und Maitreſſen beherrſchten da⸗ mals den Staat, und auf Schleichwegen und durch Intriguen erreichte meine Stiefmutter ihr Ziel. Der König Friedrich Wilhelm II. erließ eine Kabinetsordre, laut welcher der zweite Sohn des Barons von Schwing als der Nachfolger in dem Majorat ſeines Vaters, als der Erbe ſeiner Güter, welche der Mutter ver⸗ ſchrieben waren, anerkannt ward. Nur eine Klauſel ward in jenen Erlaß aufgenommen: Wenn der junge Baron von Schwing unverheirathet bliebe, oder ohne Erben ſtürbe, oder auch eine nicht ſtandesgemäße Ehe einginge, ſo ſollte in dieſem Falle der ältere Bruder des Barons, alſo ich, der Erbe der Güter ſein. Bald, nachdem die Baronin, meine Stiefmutter, dieſe ſelt⸗ ſame königliche Ordre erwirkt und demgemäß auch ihr Teſtament gemacht hatte, ſtarb die Frau. Es ſchien, als hätte ſie nur ſolange gelebt, um die Zukunft ihres einzigen, angebeteten und verzärtelten Sohnes zu ord⸗ nen und zu regeln. Ich weinte nicht an ihrem Sarge, denn ſie hatte mir niemals Liebe erzeigt und auch von mir niemals Liebe begehrt. Es kamen unglückliche Zeiten— laßt mich über ſie ſchweigen! Mein Vater hatte ſeine zweite Frau wirklich geliebt, und dies war vielleicht, um ſich in ſeinem Kummer über ihren Ver⸗ luſt zu tröſten, daß er ſich mehr und mehr dem Spiel 73 ergab. Alles verſchlang dieſe unheilvolle Leidenſchaft. Als er kein Vermögen, keine beweglichen Güter mehr beſaß, nahm er Schulden auf ſeine Güter auf, und in den Sälen, in welchen ſonſt Grafen und Barone an ſeiner Tafel ſaßen, befanden ſich jetzt gar oft Wucherer und Geldleute. Ich als ſein älteſter Sohn wagte es, ihm Vorwürfe zu machen. Es kam zu heftigen und ſtürmiſchen Scenen, ſie endeten damit, daß der Vater ſeinem Sohne die Thür wies und ihn verſtieß aus dem Vaterhauſe. Ich ging hinaus in die Welt, und da mich die Menſchen verließen, wendete ich mich zu Gott. Ich begab mich in eine Univerſitätsſtadt, friſtete mein Leben durch Unterrichtgeben und ſtudirte Theo⸗ logie. Dann ward ich der Adjunkt des erſten Predi⸗ gers an der Hauptkirche in einer kleinen Stadt. Er war der Vater Eurer Mutter, ein edler, verehrungs⸗ würdiger Mann. Ich ward ſein Nachfolger und wir lebten dort in der kleinen Stadt einige ſtille, glückliche Jahre. Da brach das Unheil herein über uns und unſer Land. Ganz Preußen ward überſchwemmt von dem franzöſiſchen Eroberer und ſeinen wüſten Schaa⸗ ren. Laßt mich ſchweigen von dieſen düſteren Zeiten; ich hörte nur von fern, daß mein Vater ſchwer davon betroffen worden. Seine Güter wurden geplündert, die Saaten auf dem Felde zerſtampft von den Heer⸗ ſchaaren des Eroberers, und was von der unglückli⸗ chen Leidenſchaft vielleicht noch zurückgelaſſen, wurde zerſtört von dem Feinde. Ich vernahm das von mei⸗ nem Bruder, der ſich zuweilen meiner erinnerte und uns beſuchte in unſerer ſtillen Zurückgezogenheit. Er kam eines Tages gerade, da Du, mein Sohn Georg, geboren worden, und der junge Herr Premier⸗Lieute⸗ nant erbot ſich, Pathenſtelle bei Dir zu übernehmen. So iſt es gekommen, daß er Dein Pathe geworden. Einige Jahre ſpäter trat eine Kataſtrophe ein, die ihn betraf und ihn aus Deutſchland, ja aus Europa ver⸗ trieb. Er hatte in einem Duell, welches er für unſe⸗ ren beleidigten und angegriffenen Vater gehabt, ſeinen Gegner getödtet und ward zu langer Feſtungsſtrafe verurtheilt. Unſer Vater ermöglichte ſeine Flucht und gab ihm Geldmittel, um der gerechten Strafe zu ent⸗ fliehen. Kaum ein Jahr nach dieſem Ereigniß ſtarb mein Vater. Auf ſeinem Sterbebette erinnerte er ſich ſeines verſtoßenen Sohnes und rief mich zu ſich. Doch Gott hat nicht gewollt, daß der in ſeinen heiligen Rechten ſo ſchwer gekränkte Sohn dem reuigen Vater Vergebung gewähren konnte. Als ich hier anlangte und das Gemach meines Vaters betrat, hatte er ſchon ſeinen letzten Seufzer ausgehaucht! Friede ſeiner Aſche! Man ſoll von den Todten nichts Uebles reden, ich wiederhole daher: Friede ſeiner Aſche! Kaum ein Jahr nach dem Tode meines Vaters ſtarb der alte Pfarrer, der hier in Groß⸗Below ſeit dreißig Jahren das heilige Amt eines Seelenhirten verwaltet hatte. Ich meldete mich zu ſeinem Nachfolger und erhielt die Stelle. Seitdem wohnen wir in dem Pfarrhauſe, und ich darf ſagen, Gott ſegnete meinen Weg und übte Gnade an mir, denn es waren ſchöne und reiche Jahre des Heils, die wir hier verlebten. Es war mein in⸗ nigſtes Bemühen, die unter meinem Vater von dem ſchlechten Regiment und dem böſen Beiſpiel verwilderte Gemeinde wieder zurückzuführen zu Gott, zu der Tu⸗ gend und zur Sitte. Ich mußte zuweilen ein ſtrenger Lehrer ſein und mußte hart ins Gericht gehen mit den verwilderten Menſchen; doch ſie erkannten meine Liebe, die mich ſtreng ſein ließ, und mein Erbarmen, welches mich hart erſcheinen ließ, und allgemach konnte ich Sitte und Tugend hier wieder zu Anſehen bringen. Darin half mir Eure edle, tugendreiche, gute Mutter, der Ihr in allen Dingen Ehrfurcht, Liebe und Hoch⸗ achtung ſchuldet.— Doch wir hatten zuerſt auch ſchlimme und demüthigende Zeiten durchzumachen. Nach dem Tode meines Vaters ergab es ſich, daß nichts übrig geblieben war von Allem, was wir einſt beſa⸗ ßen, nichts von den Reichthümern, den Schätzen, die 76 mein Herr Bruder erben ſollte. Die Gläubiger nah⸗ men die Güter in Beſchlag und ich mußte die tiefe Demüthigung ertragen, nicht einmal den Gläubigern meines Vaters gerecht werden zu können, ſondern mich loszuſagen von der ganzen Erbſchaft, da ich ſelber nichts beſaß, als was ich mir erwarb durch meines Amtes Pflicht, und alſo nicht geben konnte, was Euch gehörte, Euch, meinen Kindern. Es war eine Zeit der Demüthigung und Heimſuchung, eine harte und bittere Zeit! Doch es war auch eine Zeit des Heils. Denn ſie lehrte mich erkennen die Nichtigkeit alles irdiſchen Beſitzes und lehrte mich mit Verachtung blicken auf die Dinge dieſer Welt. Die Armuth führte mich zu Gott, und als er mich ſchlug, fühlte ich freudig, daß ich ſein Kind ſei und er mein Vater im Himmel.“ Und wie der Herr Paſtor alſo ſprach, zitterte ſeine Stimme vor gewaltiger Rührung und er hob mit pathetiſchem Ausdruck ſeine Arme empor und legte die Hand über ſeine Augen, um die Thränen, welche viel⸗ leicht darin waren, fortzutrocknen. Indem er das that, warf er einen raſchen Blick hinüber auf ſeine Kinder, und er ſah, daß ſeine Tochter Sophie nicht weinte und daß ſein Sohn Georg mit ziemlich gleichgiltigem Aus⸗ druck die Augen niedergeſchlagen hielt, während ſeiner Gattin das Strickzeug hatte fallen laſſen und lau -—— — — ———]ÿõ ſchluchzend ihr Angeſicht mit ihren Händen bedeckte. Eine Wolke flog über die Stirne des Paſtors hin; mit pathetiſchen Schritten ging er zu der Frau Paſtorin hin und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Mein theures Weib, Geliebte in dem Herrn“, ſagte er mit zärtlicher Stimme,„weine nicht, trockne Deine Thränen und ſchaue hin auf Deine Kinder, ſie haben ungerührt die Klagen ihres Vaters und die Thränen ihrer Mutter geſehen. Sei alſo auch Du ſtark, meine Cornelia, und laß uns an der Hartherzig⸗ keit unſerer Kinder lernen, ſelber auch nicht weich zu werden.— Hört nun weiter! Ich will Euch nichts weiter ſagen von dem, was wir gelitten, denn ich ſehe und erkenne wohl, daß dies Eure Herzen nicht rührt zund Euch nicht zur Zerknirſchung bringt. Ich will Euch nur erzählen, wie aus dem Unheile das Heil erblühte und wie es nach und nach dem demüthigen Knechte ſeines Gottes gelang, die verwilderte Gemeinde zurückzuführen zu dem Herrn. Ich ſäete mit Liebe und mit Strenge und ich erntete gute Frucht. Längſt hatte ich gelernt, zu den düſtern Mauern des Schloſſes dro⸗ ben auf dem Hügel, das einſt meines Vaters Haus geweſen und in welchem jetzt die Gläubiger eine Fabrik angelegt hatten, mit gleichmüthigen Augen hinzuſchauen, und es nicht mehr als einen Schmerz zu empfinden, 78 daß das Schloß der Barone von Schwing uns ent⸗ fremdet worden. Da vor zwei Jahren nahm plötzlich Alles eine andere Geſtalt an, und ein neues Weſen that ſich auf hier in der ſtillen Gegend. Mein Bruder, von dem ich, ſeit unſer Vater geſtorben, kaum jemals irgend eine Nachricht erhalten und den ich längſt todt glaubte, mein Bruder kehrte zurück, kehrte zurück als ein reicher Mann; die Leute ſagen als ein Millionär, was weiß ich, aber als ein reicher Mann gewiß! Er that, was ich leider nicht vermocht hatte: er bezahlte die Gläubiger unſeres Vaters, kaufte die Güter zu⸗ rück und zog ein als Erbe und als vornehmer Mann in das Stammſchloß ſeiner Ahnen— während ich, der ältere Bruder, in Demuth und Ergebenheit hier unten in dem grauen Pfarrhauſe wohnt. Er war der Herr, und ich—“ Er verſtummte und bebte leiſe in ſich zuſammen, denn der zornige Ton ſeiner eigenen Stimme hatte ihn erſchreckt und lehrte ihn, daß er den heimlichen Haß, der ſeine Seele erfüllte, verrathen hatte in dieſem Tone. Haſtig ging er einigemale in dem Gemach auf und ab, hochaufathmend und ringend mit den düſteren Gewalten, die in ſeiner Bruſt ſich regten. Aber während er ſchwieg, ſprach die Paſtorin, —— 79 denn ſie vermochte es nicht, den Zorn, der ihre Seele erfüllte, zu unterdrücken. „Und Du“, ſagte ſie mit haſtiger nnd harter Stimme, ſeinen Satz vollendend,„und Du warſt der Herr Paſtor, welcher Sonntag die Ehre haben konnte, demüthiglich zu Fuß hinaufzuſteigen auf das Schloß, um unten an der Tafel des reichen Herrn Gutsbe⸗ ſitzers Deinen Platz einzunehmen, Dich zu erlaben an den herrlichen Genüſſen, und der Frau Baronin de⸗ müthig die Hand zu küſſen, wie es dem Pfarrer ziemt der Gutsherrin gegenüber.“ „Nein“, ſagte der Paſtor, der ſich jetzt wieder zur Ruhe geſänftigt hatte,„nein, Du thuſt doch meinem Bruder ein wenig unrecht, Cornelia. Er gab ſich wirklich den Anſchein, als wolle er in brüderlicher Freundſchaft mit mir leben. Er kam, bevor er noch ſein Schloß in Beſitz genommen, hierher zu mir und ſchien ſich wirklich des Wiederſehens zu freuen. Er bot mir ſogar an, ich ſollte die Pfarrſtelle aufgeben und mit meiner Familie zu ihm hinaufziehen in das Schloß; wir wollten dort in glücklicher Familieninnig⸗ keit miteinander leben“, ſo ſagte er. Eine ſchöne Familieninnigkeit wäre es geworden“, höhnte die Frau Paſtorin;„wir hätten Alle die de⸗ müthigen Diener der ſtolzen Frau Baronin ſein können, 80 der gebornen Gräfin von Apponi. Unſere Tochter hätte das Geſellſchaftsfräulein der Baroneſſe Marie ſein können und unſer Sohu der Stallmeiſter des jungen Herrn Baron.“ „Vergebung, liebe Mutter, gewiß hat der Onkel das nicht beabſichtigt und nicht gewollt“, rief Georg lebhaft.„Er iſt ein ſo guter, edler und großmüthiger Herr, und er liebt unſeren Vater mehr, als Ihr es glaubt. Er hat niemals anders als mit der größten Zärtlichkeit von ihm und auch von Dir, liebe Mutter, geſprochen und—“ „Es iſt gut“, unterbrach ihn der Paſtor ſtrenge. „Es ziemt Dir nicht, mein Sohn, Deiner Mutter zu widerſprechen und mit ſolcher Heftigkeit den Anwalt ihr gegenüber abzugeben. Ich habe Euch, Dich und Deine Schweſter, hierher beſchieden, um zu hören und Euch in Demuth unſerem Willen unterzuordnen, nicht um zu plaidiren. Ich fahre fort in meinen Mitthei⸗ lungen. Mein Bruder alſo geruhte mir anzubieten, ich ſolle die Pfarrſtelle aufgeben und mit den Meinen hinaufziehen in das Schloß, um mit ihm ſeine Herr⸗ lichkeit und ſeinen Reichthum zu theilen. Es war wol ein Gefühl des großen Unrechtes, welches mir, dem Erſtgebornen, durch das Teſtament ſeiner Mutter und durch die erſchlichene Kabinets⸗Ordre Friedrich Wil⸗ 81 helm's II. angethan worden, welches ihn beſtimmte, alſo zu handeln. Ich aber lehnte Alles ab, was er mir bot.“ „Und daran thateſt Du recht!“ rief die Frau Paſtorin.„Ich habe Dich nie zärtlicher geliebt, mein theurer Wilhelm, als an dem Tage, da Du von dem Schloſſe kamſt und mir ſagteſt, was Du gethan. Ja, Du thateſt recht, keine Wohlthaten anzunehmen von dieſer ſtolzen Gutsherrſchaft, ſondern zu bleiben, was Du warſt, der hochehrwürdige Herr Paſtor von Schwing. „Hochehrwürdig“, das iſt wenigſtens ein Titel, den dieſer Baron von Schwing niemals haben wird! Es iſt noch kein Tag geweſen, wo ich nicht Deinen da⸗ maligen Entſchluß geprieſen hätte! Wenn ich die Frau Baronin in ihrer glänzenden Karroſſe daherfahren ſehe mit der jungen, aufgeputzten Baroneſſe, dann freue ich mich in Demuth, daß ich nicht bin wie ſie, und meine Armuth und unſere beſcheidene Weiſe wird mir zum Stolz und zum Genuß ihrem hochfahrenden Weſen gegenüber. Nein, lieber will ich trockenes Brot eſſen, das wir uns ſelbſt in unſerer Scheune gedroſchen, als Zuckerbrot, für welches ich der ſtolzen Baronin dank⸗ bar ſein ſoll und das doch nur ein Gnadenbrot wäre.“ „Mutter!“ rief Sophie auffahrend. Dann plötzlich ſchwieg ſie und ſenkte vor dem Mühlbach, Poteſtantiſche Jeſuiten II. 6 82 Zornesblick ihres Vaters, der feſt auf ihr ruhte, die Augen beſchämt zu Boden. „An dieſem Ausruf ſehe ich, daß die ſchlimmen Ahnungen, welche ich gleich bei dem Erſcheinen meines Bruders hatte, ſich bewahrheiten“, ſagte der Paſtor mit ſtrenger Stimme.„Dieſer eine Ausruf ſchon war eine Oppoſition der Tochter gegen die Anſichten ihrer Mutter, und es ſteht doch geſchrieben, daß die Kinder ihren Eltern Ehrfurcht ſchulden und ihrem Beiſpiele folgen ſollen! Ihr Beide, Ihr habt Euch ſchon ver⸗ locken laſſen von dem Teufel, welcher in Menſchenge⸗ ſtalt einherwandelt und welcher Euch verführen und verleiten will mit ſchmeichleriſcher Stimme zu den Lüſten und der Eitelkeit dieſer Welt. Ja, Ihr habt Euch ſchon verführen laſſen von dem Teufel, der dro⸗ ben auf dem Schloſſe ſeine Feſte feiert und mit welt⸗ licher Stimme Euch zu ſich lockt. Ich aber, meine Kinder, ich habe Euch hierher gerufen im Namen Gottes, um Euch zu warnen, daß Ihr nicht hören ſollt auf die Stimme des böſen Geiſtes und des Teu⸗ fels der Prunkſucht. Ich habe Euch gerufen, um Euch zu ermahnen zur Tugend und Euch zu ſagen: Ihr ſollt auf Eurer Huth ſein vor dem böſen Teufel. Denn nachdem ich bis jetzt zu Euch geſprochen von der Vergangenheit, will ich anjetzo reden von der Ge⸗ — — genwart und von der Zukunft. Ich will Euch ſagen, daß nun eine neue Zeit beginnt, daß die Tage der Trübſal vorüber ſind und daß dieſes düſtere Pfarr⸗ haus vielleicht bald heller ſtrahlen wird, als das glän⸗ zende Schloß da droben. Dieſe Tage der Feier in Königsberg ſind die Morgendämmerung einer neuen Zeit. Die Sonne, welche jetzt aufgeht über Preußen, wird zuerſt ſtrahlen über den Thürmen, Zinnen und Kuppeln der Kirchen und der Pfarrhäuſer, und es werden vielleicht die Kaſernen und Freudentempel in den Schatten geſtellt werden. Es iſt ein frommer und gottſeliger Herr, welcher jetzt auf dem Thron von Preußen ſitzt, und fromme und gottſelige Diener um⸗ geben ihn und ſtreben nach dem höchſten Ziele, nach der Herrſchaft der Kirche und des Glaubens im preu⸗ ßiſchen Staate. Was die Uniform bisher bedeutete, das mag vielleicht von jetzt an der Talar bedeuten, und wenn bis jetzt der General der Erſte war an dem Hofe des Königs, ſo wird von nun an vielleicht der fromme Diener Gottes der Erſte ſein am Hofe des frommen, gottſeligen Königs, der es ſich zur Ehre rechnet, ſich auch als den Knecht ſeines Herrn und Gottes zu fühlen. Der Baron und der Pfaurrer von Schwing waren Beide jetzt in Königsberg und ihre Wege waren dort ſehr getrennt. . 6* 84 Der Baron verſtand es, ſich unbeliebt zu machen durch ſein ungebührliches Betragen, durch die Frech⸗ heit, mit welcher er ſeinem König gegenüber im Namen aufrühreriſcher und übermüthiger Parteigenoſſen For⸗ derungen zu ſtellen wagte, die ſich nicht geziemten. Der Paſtor ſtand auch vor ſeinem König, ſtand da mit gläubigen Dienern des Herrn und flehte nur zu dem frommen Stellvertreter Gottes, daß er die Kirche aufrichten und den Glauben ſtärken möge in ſeinen Landen. Und er fand Gnade vor dem Angeſicht ſei⸗ nes Königs, und der König ſagte ihm, daß er um ſeinetwillen dem Bruder verzeihen wolle, was er ihm Böſes gethan. Ja, wir ſtanden Beide dort in Königs⸗ berg auf der Wagſchale der Zukunft, mein Bruder und ich. Die Wagſchale, auf welcher der Herr Baron und Gutsbeſitzer ſtand, ſtieg ein wenig empor, die meine ſank ein wenig herunter. Es kann kommen, meine Kinder, daß ſie immer mehr und mehr ſinkt und immer ſchwerer ins Gewicht fällt, während die Wag⸗ ſchale, auf welcher der Herr Baron ſteht, immer höher emporſchnellt, bis daß er aus derſelben hinunterge⸗ ſchleudert wird in den Abgrund. Auch ich bin ehr⸗ geizig, nicht für mich, aber für die Wahrheit, für das Reich Gottes, das ich helfen will immer mehr auszu⸗ breiten auf Erden zum Wohle der Menſchheit. Im 85 Dienſte des Herrn kann ich vielleicht zu höherem Wir⸗ kungskreiſe berufen werden, die Gnade des Königs kann mich auserleſen zu wichtigerem Dienſte für das Wohl der Menſchheit. Und falls ſie mich ruft, würde ich ein ſchlechter, ungehorſamer Knecht ſein, wenn ich es wagen wollte abzulehnen, weil die Arbeit vielleicht ſchwerer und der Dienſt belaſtend iſt. Es würde aber dann hinderlich ſein meinem Zwecke und den heiligen Wegen, die ich zu wandeln habe, wenn es verlautete, daß ich und die Meinen in inniger, zärtlicher Gemein⸗ ſchaft mit dieſem Herrn Baron leben, der es verſtan⸗ den hat, ſich ſeinem König mißliebig zu machen. Alſo ſage ich: Zieht Euch zurück:“ „Ich meinestheils habe das ſchon gethan“, ſagte die Paſtorin ernſt.„Ich verabſcheue die Lüge, wie es einer frommen Chriſtin geziemt, und alſo kann ich mich dieſer Baronin, deren ganzes Weſen mir wider⸗ ſtrebt, nicht freundlich bezeigen.“ „Alſo, mein Vater“, ſagte Georg mit verdüſterter Stimme,„Du verlangſt, daß ich unſere Verwandten, die ſich ſtets gegen uns nur gütig gezeigt, nicht mehr ſehen ſoll?“ „Nein“, ſagte der Paſtor raſch,„nein, das ver⸗ lange ich durchaus nicht. Ich meine nur, Du ſollſt Dich innerlich zurückziehen von der Schloßfamilie. Ver⸗ 86 ſtehe mich wohl, mein Sohn, und begreife, daß ich Dich verſtanden habe.“ „Mein Vater“, ſagte Georg verwirrt,„ich weiß nicht—“ „Ich aber weiß, mein Sohn“, ſiel ihm der Vater emphatiſch in die Rede,„ich weiß, und dieſes Wiſſen macht mir Kummer. Ich will mich ganz deutlich aus⸗ drücken, und Ihr ſollt mich Beide verſtehen. Hört alſo: Liebet, wenn Ihr es nicht laſſen könnt, die Kinder meines Bruders, da ſie doch einmal durch veerwandtſchaftliche Bande mit Euch vereint ſind, liebet ſie wie Eure Verwandten, aber nicht mehr, denn zu einem Mehr würde ich als Euer Vater niemals meine Zuſtimmung geben.“ „Und ich als Mutter würde nicht blos Euch meine Zuſtimmung verſagen“, rief die Paſtorin heftig, „ſondern ich würde Euch verſtoßen aus meiner Liebe und aus meinem Herzen. Es kann niemals ein an⸗ deres Band zwiſchen meinen Kindern und denen der Frau Baronin, gebornen Gräfin von Apponi, geknüpft werden, als das, welches die Natur leider zu meinem tieſtſten Bedauern zwiſchen Euch geſchaffen hat. Warum weinſt Du, Sophie?“ wendete ſie ſich mit hartem Tone an das junge Mädchen, über deren Antlitz die Thrä⸗ nen niederfloſſen. 87 „Ja, das frage auch ich?“ ſagte der Paſtor haſtig. „Vorher, als Deine Eltern Thränen der Rührung in den Augen hatten, da blieben Deine Augen trocken, und jetzt fließen heiße Thränen aus denſelben hernie⸗ der. Sage mir, warum weinſt Du?“ Das junge Mädchen athmete hoch auf, und plötz⸗ lich mit einer raſchen Bewegung trocknete ſie die Thrä⸗ nen aus ihren Augen fort und blickte mit feſtem, entſchloſſenen Ausdruck auf ihren Vater und ihre Mut⸗ ter hin. „Nun denn“, ſagte ſie hoch aufathmend und mit leidenſchaftlicher Innigkeit,„nun denn, Ihr verlangt es und alſo will ich es Euch ſagen, mein Vater und meine Mutter. Ich will es Euch ſagen, warum ich weine. Ich weine, weil ich meine Couſine Marie liebe, weil ſie für mich, die Vereinſamte und Freudloſe, immer wie eine zärtliche Schweſter geweſen iſt. Ich weine, weil Ihr mir verſagen wollt, meinen Onkel und meine Tante zu lieben, da doch Beide ſo gut und liebreich und freundlich gegen mich geweſen ſind, wie es bis dahin kein anderer Menſch auf Erden war. So! Nun wißt Ihr es, nun ſcheltet mich, nun zürnt mir, denn ich weiß wohl, ich habe es verdient, ich erſcheine herzlos und undankbar! Aber ich weiß doch, daß der liebe Gott im Himmel in mein Herz ſchaut, 88 mich verſteht und Mitleid hat mit meinem armen traurigen Herzen. Ich konnte nicht anders, Du haſt es begehrt, mein Vater, daß ich es Dir ſagen ſollte, warum meine Thränen floſſen. Ich mußte Euch die Wahrheit bekennen, wie Du, mein Vater und meine Mutter ſagten, daß ich es thun ſollte.“ „Wohl“, ſagte ihre Mutter mit höhniſchem Aus⸗ druck,„bekenne die Wahrheit, aber wenn Du es thuſt, bekenne ſie ganz. Du haſt von Deiner Couſine Leo⸗ nore, von Deinem Onkel und Deiner Tante, die ſtets ſo gütig gegen Dich geweſen, geſprochen, aber Du haſt vergeſſen, auch Deinen lieben Couſin Marco zu nen⸗ nen. Auch er gehört zu der Familie, die Du liebſt, und ich glaube leider, daß er nicht in Deiner Liebe der Letzte iſt. Ich glaube leider, daß meine unglück⸗ ſelige Tochter Sophie mehr an ihren Couſin Marco, als an die Tante und den Onkel und die Couſine Marie dachte, als ſie eben weinte.“ „O, meine Mutter, wie grauſam Du biſt!“ mur⸗ melte das junge Mädchen leiſe und ihr Angeſicht er⸗ glühte purpurroth und ſchamvoll ſenkte ſie die Augen. „Ja, das iſt es“, fuhr die Paſtorin mit harter, unerbittlicher Ruhe fort,„das iſt es, was Du ver⸗ ſchweigſt. Dein Couſin Marco, der iſt es, welcher Dein eitles und thörichtes Herz verführt hat. Ich 89 ſage Dir, Vater, ſie denkt an ihn; ſie bildet ſich in ihrem eitlen und thörichten Sinn ein, dieſer Sohn der Tollheit, der eitlen Weltluſt und des Uebermuthes könnte ſeine ſtolzen Augen auf ſie werfen. Sie wäre ihm vielleicht gut genug zum Spielwerk eines luſtigen Tages, er könnte in der Landeinſamkeit ſich mit ihr vielleicht einen kleinen Roman geſtatten, und dann, wenn die thörichte Paſtorstochter ihm geholfen, ſich auf angenehme Weiſe einige Tage zu zerſtreuen, dann würde er lachend von dannen gehen.“ „O Vergebung, liebe Mutter, daß ich mir erlau⸗ ben muß Dir zu widerſprechen“, rief Georg lebhaft. „Aber ich kann es und mag es nicht dulden, daß Du meinen lieben Vetter Marco alſo verleumdeſt. Denn, vergib, daß ich es ſagen muß, es iſt Verleumdung, wenn Du meinſt, er könnte mit dem Herzen eines jungen Mädchens ſein Spiel treiben und ſie hohn⸗ lachend dann verlaſſen. Ich weiß nicht, ob mein Vetter Marco Sophie liebt und will nicht verſuchen, in ſein Vertrauen mich einzudrängen, aber das weiß ich, wenn Marco ſie liebt, ſo wird er als Ehrenmann handeln, und thut er es nicht, ſo würde ich der Erſte ſein, welcher als ſein Feind ihm entgegenträte. Die Hand des Bruders würde den Verräther ſchlagen, der es wagte, ſeine Schweſter zu beſchimpfen.“ 90 „Genug, genug, mein Sohn“, ſagte der Paſtor hoheitsvoll, indem er ſeine Hand wie beſchwichtigend auf die Schulter ſeines Sohnes legte.„Wir wollen nicht mehr ſtreiten und es ſoll dieſen Leuten nicht gelingen, Zank und Zwiſt in unſere Familie zu brin⸗ gen. Ich warnte Euch und ich weiß, daß meine Worte wider Euren eigenen Willen doch in Euren Herzen haften und Euch zur Beſonnenheit und Ueberlegung anreizen werden, damit Ihr Euch nach und nach ab⸗ wendet von den Weltkindern, die nicht zu Euch und nicht zu uns paſſen. Aber nur innerlich ſollt Ihr Euch von ihnen abwenden! Aeußerlich ſoll nichts ge⸗ ändert werden. Dies fordere ich von Euch als Euer Vater! Auch ſoll nichts von allem dem, was wir hier geſprochen, nur mit einem Worte hinaustönen von hier, und nichts in Eurem äußeren Weſen darf ſich verändern meinem Bruder und ſeiner Familie ge⸗ genüber! Denn es würde zu Mißdeutungen Anlaß geben können, und es würde ein ſchlechtes Licht auf den Lehrer der chriſtlichen Liebe werfen, wenn er den Haß ausſtreuen wollte in ſeiner eigenen Familie. Seid klug, meine Kinder, klug wie die Schlangen, und haltet Eure Augen offen, damit ihr dem Teufel, der umherwandelt in Menſchengeſtalt, nicht zum Opfer fallt. Ich wende mich noch einmal an Dich, mein 91 Sohn Georg! Ich habe bisher zu Deinem Herzen geſprochen, jetzt ſpreche ich zu Deinem Kopfe! Du biſt ehrgeizig, Du willſt Carriere machen! Laſſe Dir ge⸗ ſagt ſein, mein Sohn, daß Du Deine Carriere jetzt in der neuen Zeit, die auftagt über Preußen, beſſer ma⸗ chen wirſt als der Sohn des frommen Herrn Paſtors von Schwing, denn als der Neffe des liberalen und radikalen Barons und Gutsbeſitzers von Schwing. Dies merke Dir und laſſe Dich gewarnt ſein.“ „Und ich wende mich an dich, Sophie“, ſagte die Paſtorin ſtrenge,„ich will auch zu Deinem Kopfe re⸗ den und ich will Deinen Verſtand anrufen, damit er Dir ſage, daß Dein thörichtes und eitles Herz ſich in Träume einwiegt, welche ſich nimmer verwirklichen können. Der Sohn des reichen Barons von Schwing, eitel, thöricht und hochfahrend, wie er iſt, wird nimmer den Gedanken faſſen, ſich mit der Tochter des Pfarr⸗ herrn zu verheirathen, und darum warne ich Dich, reiße das Unkraut der Liebe, wenn es ſchon in Dei⸗ nem Herzen zu wuchern begann, aus demſelben fort und tritt es unter Deine Füße und bedenke wol, daß für die Tochter eines Pfarrherrn ſich am beſten auch ein Pfarrherr als Gatte ziemt, und daß es außerdem einer Tochter Pflicht iſt, gehorſam dem Wunſche ihrer Eltern ſich unterzuordnen und die Hand des Mannes 92 anzunehmen, welchen ſie vielleicht für ſie beſtimmt haben. Dieſes aber ſage ich Dir und ſchwöre ich Dir: die Hand des Barons Marco von Schwing iſt es nicht, welche wir für Dich beſtimmt haben, und nim⸗ mer, nimmer werden wir, ſolltet Ihr Euch verbinden wollen, unſern Segen dazu geben! Dies merke Dir und überlege es. Und jetzt, denke ich, iſt es Zeit, daß wir ein Jeglicher an ſeine Arbeit gehen“, ſchloß die Paſtorin.„Der Tag iſt dazu da, daß man arbeite und ſchaffe und daß ein Jeglicher vollbringe, was ſei⸗ nes Amtes iſt. Mein Amt iſt es, für das Haus zu ſorgen, wie es der Hausfrau gebührt, und Du, Sophie, Du weißt, was Du heute zu thun haſt; ich habe es Dir geſtern ſchon geſagt. Es geht heute Mittag ein Bote in die Stadt. Gehe alſo in den Garten und pflücke die letzten jungen Schoten und die erſten reifen Birnen und verpacke das wohl in Körben. Der arme Paſtor muß daran denken, durch den Erlös ſeines Gartens die Wirthſchaftskaſſe zu füllen, damit darin ein Ueberſchuß bleibe für die Armen und Kranken der Gemeinde, die auf die Hilfe und den Beiſtand des Pfarrhauſes angewieſen ſind. Erfülle Deine Pflicht und thue, was ich Dir geſtern ſchon ge⸗ heißen und was Du heute früh ſchon hätteſt thun können. 2 4 93 „Ich bitte um Vergebung, liebe Mutter“, ſagte Sophie ſanft,„ich habe ein wenig die Zeit ver⸗ ſchlafen.“ „Ja wol, Du haſt die Zeit verſchlafen, weil Du geſtern Abend bis in die Nacht hinein auf Deinem Klavier Uebungen gemacht haſt, die wahrlich recht überflüſſig waren. Das war ein Geklimper und ein Geduſel, ich hörte es in meinem Schlafzimmer und es verhinderte mich einzuſchlafen. Es war, als ob Seiltänzer und Springer ihre luſtigen Weiſen trom⸗ melten, und wahrlich, ich ſchämte mich in meinem Geiſte, daß ſolch Geklingel in dem Pfarrhauſe er⸗ tönte. Nun gehe, ſtreite nicht und ſuche nicht immer Dich zu vertheidigen! Geh' und thu' Deine Pflicht.“ Das junge Mädchen neigte leiſe und demüthig ihr Haupt und verließ das Gemach. Draußen auf dem Vorflur blieb ſie einen Augenblick ſtehen und es ſchien, als ob ſie ganz von innerem Schmerz über⸗ wältigt ſei, denn ihre Füße trugen ſie kaum noch und ſie mußte ſich an das Geländer der Treppe halten, um nicht zuſammenzuſinken. Aber als jetzt die Thür ſich öffnete und die Frau Paſtorin erſchien, raffte das junge Mädchen ſich haſtig zuſammen und nahm den breitgeränderten groben Strohut, der dort auf dem weiß geſcheuerten Tiſch neben dem Korbe lag, ſetzte ihn mit zitternder Hand über ihr braunes geſcheiteltes Haar, und den Korb auf den Arm nehmend ging ſie eilig hinaus. Fünftes Kapitel. Auf dem Virnbaum. Als ſie aus dem Hauſe heraustrat in den Hof hinter demſelben, eilten ſchnatternd und mit freudigem Gequitſch die Gänſe, die Hühner und die Enten her⸗ bei, ſie zu begrüßen; aber Sophie, die ſonſt immer für die gefiederten Bewohner des Hofes, ihre Pfleglinge, ein freundliches Auge und irgend einen Leckerbiſſen hatte, Sophie ging heute achtlos an ihnen vorüber und eilte nach dem Gitterthor hin, welches den Hof vom Garten trennte. Erſt als ſie eingetreten war in den Garten und das Thor ſich hinter ihr geſchloſſen, erſt da wagte ſie es, rückwärts zu blicken durch die Gitterthür, und als ſie ſah, daß Niemand ihr folgte, daß ihre Mutter drinnen geblieben in dem Hauſe, und ſie allein war, da ver⸗ 96 ſchwand der Ausdruck der Angſt und Furcht aus ihren Mienen, und hochaufathmend ſchritt ſie weiter vorwärts, hinein in den Garten. Sie war jetzt zum mindeſten allein, kein ſcharfes Auge beobachtete ſie hier, kein böſes Wort mahnte ſie an ihre Pflicht. Sie war allein. Geſegnetes Alleinſein; ſie em⸗ pfand es wie einen Troſt, wie eine bittere Freude in ihrem armen gekränkten Herzen. Und doch ſelbſt hier, ſelbſt inmitten der großen Stille und des Friedens der Natur, wagte ſie es doch nicht, ihrem Schmerze Ausdruck zu geben; man konnte ſie in der breiten Allee, welche ſie jetzt herunterging, vom Hauſe her noch be⸗ obachten. Sie wußte, daß dort am Eckfenſter gewiß jetzt ihre Mutter ſtand und ihr nachſpähte und ſie be⸗ obachtete, ob ſie auch den richtigen Weg einſchlüge, nach den Beeten mit den Erbſen hin. Es war ihr, als fühle ſie auf ihrem Nacken den brennenden ſchar⸗ fen Blick aus den Augen ihrer Mutter, und haſtiger ging ſie vorwärts, ohne nur zurückzuſchauen. Jetzt war ſie am Ende der breiten Allee ange⸗ langt und bog ein in das dichte Gebüſch, welches den Blumengarten des Paſtors von dem Gemüſegarten der Paſtorin trennte. Nun hier im Gebüſche blieb ſie ſte⸗ hen und ein Schrei tönte von ihren Lippen, ein lauter, herzzerreißender Schrei. Dann ſank ſie nieder zur Erde 97 und warf ihre Hände über ihr Angeſicht und weinte laut. „Ich wollte, ich wäre todt! Ich wollte, mein Grab öffnete ſich hier unter mir und ich könnte hinunterſin— ken zum ewigen Schlummer, zum ewigen Vergeſſen!“ jammerte ſie leiſe in ſich hinein.„O grauſames, grauſames Daſein! Gehaßt, geſcholten immer von de⸗ nen, die ich lieben ſoll, und geliebt nur und freundlich behandelt von denen, die ich haſſen ſoll! Aber nein, nein“, ſagte ſie nach einer langen Pauſe zu ſich ſelbſt, „ich darf nicht weinen, und ich darf auch nicht kla⸗ gen. Sie könnte kommen und ſie würde ſchelten, wenn ſie ſähe, daß ich nichts gethan. Ihre Worte ſind ſo hart und thun ſo weh, und ich möchte doch ſo gerne meine Mutter lieben können. Ach, und doch fühle ich es in meinem Herzen mit jedem Tage mehr, daß ich es nicht vermag. Oh, ſtill, ſtill, unnatürliche Tochter, wage es nicht, ſolche Gedanken zu haben. Trockne deine Augen und ſei ſtill.“ Sie ſprang haſtig von der Erde empor, nahm den Korb auf und eilte hin zu den Beeten, auf wel⸗ chen die grünen Geſträuche um die abgeſtorbenen Wei⸗ denſträuche ſich rankten, und begann mit haſtigen Hän⸗ den ihr Wirthſchafts⸗Tagewerk, ſuchte von den letzten grünen Herbſtſchoten die dünnſten und zarteſten Früchte Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. II. 7 98 aus und füllte damit den Korb, der an ihrem Arm hing. Allgemach bei der einfachen ſtillen Arbeit ward es ſtill in ihr, und all die kleinen, verſchwiegenen Blüthen ihres Herzens welche unter den harten Worten ihrer Eltern niedergetreten waren, richteten ihre Veilchenau⸗ gen wieder auf und erfüllten wieder mit Troſt und Hoffnung ihr verwundetes Gemüth. Die Liebe iſt ſo ſtark und die Jugend iſt ſo hoff⸗ nungsreich, und Liebe und Jugend leuchteten von So⸗ phiens unſchuldsvollem Angeſicht und ſtrahlten jetzt wieder aus ihren dunklen braunen Augen. Als ſie mit dieſer Arbeit fertig war, eilte ſie wei⸗ ter hin nach dem Ausgang des Gartens, dorthin, wo die Bäume mit dem reifenden Obſte dicht aneinander ſtanden neben dem Zaun, welcher den Garten von der Welt da draußen trennte. Aus dem Holzverſchlag an der Ecke des Zaunes holte ſie die kleine Leiter herbei, uud nachdem ſie un⸗ ter den im Schmuck der Früchte prangenden Bäumen denjenigen ausgeſucht, deſſen Früchte die reifſten zu ſein ſchienen, lehnte ſie die Leiter an den dicken glat⸗ ten Stamm und ſtieg mit ihrem halb von grünen Erbſen gefüllten Korbe empor. Jetzt ſaß ſie droben, mitten in der großen Blätterkrone des Baumes, abge⸗ —⁊— — 99 trennt von der Welt da unten, in luftiger Höhe. Ein Gefühl unendlicher Heiterkeit, ſeligen Friedens blühte auf in dem Herzen des jungen Mädchens und ſtrahlte wider aus ihrem reinen, unſchuldsvollen An⸗ geſicht. Wie leuchteten die großen braunen Augen, als ſie jetzt ihre Blicke durch das Gezweige hinſtreifen ließ über die duftige, große friedvolle Welt da draußen! Welch ein reizendes Lächeln umſpielte da den kleinen Mund mit den purpurrothen, geſchwellten Lippen und dem Roſa⸗Grübchen in dem runden, energiſchen Kinn. Sie athmete hoch auf, als fühle ſie ſich wieder wie von einer drückenden Laſt befreit, und an den Stamm des Baumes gelehnt, die kleinen Füße in den ſchwar⸗ zen Stiefelchen auf dem fruchtbehangenen Aſte unter ihr aufgeſtellt, verſank ſie in ſüße Träumereien. Tiefe Stille herrſchte um ſie her; nur zuweilen zirpten in den nahen Bäumen die Vögel, welche unter dem lauſchigen Blätterdach ſich bargen, oder kam eine geſchäftige Biene aus einem in einer reifen Birne ge⸗ bohrten Loche hervor und umſchwirrte mit leiſem Ge⸗ brumme das Haupt des jungen Mädchens; zuweilen auch ging ein Windhauch durch die Baumkronen, und mit leiſem Geräuſch ſanken dann hier und dort einzelne vergilbte Blätter langſam zur Erde nieder X 7 100 Die erſten Blätter des Herbſtes! Aber in der Bruſt des jungen Mädchens war Alles noch Frühling und Hoffnung, und wie ſie da hinüberſchaut in die Welt, die jen ſſeits des Pfarrgartens liegt, überkommt ſie eine ſchmerzlich ſüße Sehnſucht. Wohin und Wonach? Die Natur da draußen erſcheint ihr viel ſchöner, viel duftiger und herrlicher, als hier in dem Garten des Pfarrhauſes. Hier iſt Alles ſo regelrecht, ſo ſtreng geordnet! Die ſchmalen Beete laufen zu beiden Seiten des mit Kiesſand beſtreuten Weges dahin und ſind ſo ordnungsgemäß mit dem ſtarren Buchsbaum eingefaßt; auf den Beeten ſtehen die Blumen ſo ehrbar und or⸗ dentlich da, als wüßten ſie ſchon, daß ſelbſt die Blu⸗ men fein ſittſam ſein müſſen im Hauſe des Pfarrherrn. Und die Bäume und die Geſträuche, die dahinterſtehen, ſind ſo ordentlich und regelmäßig verſchnitten, und keiner von ihnen wagt auch nur mit einem kleinen übermüthigen Gezweige hervorzuſchießen. Alles iſt re⸗ gelrecht und ordentlich. Und nun erſt im Gemüſegar⸗ ten! Wie ſtreng geordnet ſtehen die langen Beete da mit den Bohnen, aus denen die braunen Stangen hoch emporſchießen. Selbſt der Kohl, der Salat, die Wur⸗ zeln und die Zwiebeln ſtehen reglementsmäßig in pfarr⸗ häuslicher Ehrbarkeit aufgereiht. 401 Da draußen aber, da draußen in der ſchönen lich⸗ ten Welt, da iſt Alles ungezwungen, ſo wie Gott und die Natur es geſchaffen. Die Wieſe iſt ſo duftig grün und die Blumen wagen es, hervorzuſchauen nach ihrem Belieben, oder ſich tief zu verſtecken. Der kleine Bach rauſcht ſo luſtig mitten durch die Wieſe dahin. Wo⸗ her kommt er? Er könnte der Einſamen erzählen mit ſeinem Gemurmel von der Welt da draußen, könnte mit ihr ſprechen von den Wegen die er ſo luſtig wei⸗ ter plätſchert. Ach und vor allen Dingen könnte er ihr erzählen, woher er kommt. Woher? Von dort oben kommt er, von dem kleinen Hügel jenſeits der Wieſe, von dem Hügel, auf welchem das Schloß liegt! Murmele, du Bächlein, murmele nur weiter, und hört das junge Mädchen, das hinſchaut nach dem ſil⸗ bernen Bande, welches ſich dort durch die grünen Wie⸗ ſen ſchlängelt, hört es auch nicht dein Murmeln, ſo hört es doch die murmelnden Stimmen, die leiſe in ſeinem Herzen flüſtern. Aber nicht nach dem Schloſſe ſchaut ſie hinüber, ſondern ſie wendet den Blick zuerſt hin nach dem großen, ſchönen Walde am Ende der Wieſe. Maler Herbſt hat ihn ſchon mit bunten Far⸗ ben gefärbt und ſchattirt. Er könnte ſie mahnen an die Vergänglichkeit aller 102 Blüthen und aller Pracht; doch ſie hört ſolches Mah⸗ nen nicht, denn jetzt richtet ſie ihren Blick hin nach dem Schloſſe; ihr Herz klopft und ein leiſes Zittern geht durch ihre ganze Geſtalt. Denkt ſie an die herben Worte, welche ſie vorher vernommen, an die düſteren Warnungen ihres Vaters und ihrer Mutter? Mahnt ſie ſich ſelber mit dieſen Warnungen, nimmer zu ver⸗ geſſen, und innerlich wie es der Vater geſagt hat, ſich zurückzuziehen von denen, welche da droben wohnen? Nein, ein ſüßes Lächeln umſpielt ihre Lippen und höher ſtrahlt ihr Auge auf, je länger ſie dort hinſchaut. Nun auf einmal ſchrickt ſie zuſammen und richtet ſich höher empor und ihr Blick wird ſtarrer und der Athem ſtockt in ihrer Bruſt, als ſie ſich vorwärts neigt, das Haupt ganz hervorſchiebend durch das Wläterne⸗ zweige. Ja, ſie hat ſich nicht getäuſcht! Ja, dort aus dem Schloßhof rollt eine Equipage hervor und ein Reiter ſprengt zur Seite des Wagens den Hügel herunter. Dort in dem offenen Wagen ſitzen zwei Damen, das iſt die liebe gute Tante Baronin und an deren Seite die Couſine Marie, ihre Herzensſchweſter. Und wer iſt der Reiter dort an der Seite des Wagens? Sie fragt es nicht, ihr Herz ſagt es ihr und ſie weiß es, daß es Marco iſt, Marco! 103 „Athemlos, ganz Auge, ganz Aufmerkſamkeit, ſchaut Sophie hinüber zu der heranrollenden Equipage. Sie weiß es nicht, daß, wenn irgend ein aufmerkſamer Blick ſich hinüberrichtet nach dem Pfarrgarten, man ſicherlich die Geſtalt auf dem Baume erkennen kann; ſie weiß nur, daß ſie ſieht, und ahnt nicht, daß ſie auch geſehen wird. Sie ſieht es wol, wie der Reiter ſich zu den Damen wendet und einige Worte mit ih⸗ nen wechſelt, dann grüßt er ſie mit einem freundlichen Neigen ſeines Hauptes. Während die Equipage jetzt ſich links wendet, über den Wieſenweg zu dem Walde hin, ſprengt der Reiter gerade über die Wieſe, gerade zu dem Zaun des Pfarrgartens heran. „Mein Gott, hat er ſie denn erſpäht, weiß er, daß ſie ihn geſehen?“ Wie ſie ängſtlich das ſich ſelber fragt, will ſie ſich zurücklehnen; doch er winkt ihr mit der Hand. „Sophie! Sophie!“. Seine Stimme iſt wie ein Zauberſpruch und bannt ſie, daß ſie nicht mehr zurückweichen kann. Er ſetzt ſeinem Roſſe die Sporen in die Seite, und mit haſtigen Sprüngen kommt es heran, und jetzt hält es ſchnaubend, die Nüſtern dehnend, neben dem Zaune. „Wie ſchön er iſt!“ denkt Sophie bei ſich ſelber. 104 „Wie ſchön Du biſt, und wie freue ich mich, Dich zu ſehen“, ruft er laut mit entzücktem Antlitz zu ihr empor.„Sei gegrüßt, Du holde Nymphe des Baumes.“ Sie neigt ſich zu ihm nieder und nickt ihm lächelnd zu. Vergeſſen iſt Alles, was die Mutter warnend ge⸗ ſprochen; vergeſſen, was der Vater zürnend geſagt; ſie ſieht nur ihn, und weiß nur, daß Glück und Wonne bei ihr iſt in dieſem glücklichen Momente! „Sage mir, Prinzeſſin vom grünen Blätterthrone dort oben“, ruft Marco lächelnd empor,„willſt Du mich nicht begnadigen mit einem Zeichen Deiner Huld?“. Sie pflückt lächelnd eine von den reifen Birnen und läßt ſie hinabfallen in ſeine Hand. „Da haſt Du ein Zeichen, einen Gruß von dem König Herbſt, als deſſen ergebene Dienerin ich hier oben die Früchte ſammle, die er gereift hat.“ „Die Dienerin des Herbſtes nennſt Du Dich? Nein, allerſchönſte Prinzeſſin, Du biſt der Frühling ſelber, biſt die duftende Roſenknospe, biſt Hoffnung, Glück und Liebe! O ziehe Dich nicht zurück; bleibe ſo und laß Dich anſchauen und bewundern. Ein herrliches Ge⸗ mälde, welches Gott und die Natur geſchaffen. Wenn ich Dich ſo ſchaue, Sophie, ſo zwiſchen dem grünen — 105 Blätterwerk, erinnerſt du mich an Daphne, die ſich in einen Baum verwandelte, um dem Apollo zu entfliehen. Mein geliebtes, holdes Weſen, verwandle Dich nicht in einen kalten grünen Baum! Ich bin kein Apoll, kein böſer Mädchenräuber. Ich neige mich in Ehrfurcht vor Dir, Prinzeſſin Frühling, und Du ſollſt niemals nöthig haben vor mir Dich zu verwandeln.“ Ein Schatten fliegt über ihr roſiges, lächelndes Angeſicht hin, denn dieſe Worte Marco's erinnern ſie unwillkürlich an das, was ihr Vater heute zu ihr ge⸗ ſagt. Doch die Sonne, die in ihr ſtrahlt und die aus ſeinen Augen ihr entgegenleuchtet, die Sonne verweht ſchnell jeden Schatten wieder von ihrem roſigen Ange⸗ ſicht und ſie neigt ſich lächelnd zu ihm nieder und nickt ihm zu. „Ich weiß es, Marco, und fürchte nichts. Doch ja“, fährt ſie nach einer Pauſe fort,„ich fürchte für Dein Pferd, wenn es länger dort am Zaune hält⸗ Sieh' nur den Schwarm von Bienen, die ſich ihm auf den Hals geſetzt haben. Das iſt gefährlich, Marco; reite ſchnell von dannen, damit die Bienen Deinem Pferde nichts zu Leide thun. Es iſt ein ſo ſchönes, prächtiges Thier!“ „Gefällt es Dir?“ fragte er, indem er liebkoſend ſeine Hand über die Mähne hinſtreichen läßt, liebko⸗ 106 ſend vielleicht nur, weil ihr Blick auf dem Thiere ruht. „Ja, es gefällt mir ſehr!“ ſagte ſie mit kindlicher Freude.„Ach, wie beneidenswerth ſeid Ihr doch, Ihr Männer, daß Ihr auf den ſchönen prächtigen Roſſen frei durch die Welt dahinjagen könnt!“ „Und warum nur die Männer?“ fragte er lä⸗ chelnd;„die Frauen können ja auch reiten, und beſon⸗ ders hier draußen in der ſtillen, einſamen Natur. Der Vater hat erſt jüngſt die ſchönſten und ſanfteſten Da⸗ menpferde kommen laſſen und dazu die prächtigſten engliſchen Sättel. Schweſter Marie verſteht ſich gar gut auf das Reiten, und ich denke, ſie wird ihre liebe Couſine einweihen in die Geheimniße der Reitkunſt und wird ihre Lehrerin werden.“ Ein heiteres Lachen tönte von Sophiens Lippen- „Mich einweihen in die Reitkunſt? Und meint der Herr Couſin vielleicht, daß ich den alten Michel, den alten Gaul, der für uns ſeit zehn Jahren die Milch und das Gemüſe nach der Stadt führt, reiten ſoll? „Nein“, lachte Marco, das meine ich nicht, aber“ — er unterbricht ſich, als wolle er nicht verrathen, was ſein Herz denkt—„aber ich muß zuerſt meine Botſchaft ausrichten. Ich habe der erlauchten Prinzeſ⸗ —õ———— — ·2· — 107 ſin vom Birnbaum zu verkünden und zu vermelden, daß die armen Menſchenkinder, welche da oben in dem ſteinernen Hauſe wohnen, ſich erlauben wollen, nach ihrer Spazierfahrt hierherzukommen und der Prinzeſſin ihren Beſuch zu machen, wenn ſie gnädigſt geruhen will, von ihrem Throne herniederzuſteigen.“ „Das heißt mit andern dürren Worten, lieber Ritter, daß die Frau Baronin von Schwing und ihre Tochter im kleinen demüthigen Pfarrhaus ihren Beſuch machen wollen?“ fragte Sophie. und wieder zieht eine Wolke über ihre Stirn hin. „Ja, ſo heißt es mit andern dürren Worten, und ich frage ergebenſt an, ob die Erdenkinder der Prinzeſ⸗ ſin der Luft und der Sonne willkommen ſein werden.“ Die Wolke auf der Stirn des jungen Mädchens wird dunkler und das Lächeln erſtirbt auf ihren Lippen. Der ſchöne Traum iſt aus und die Wirklichkeit übt wieder ihre ernſten, und herben Rechte auf ſie! „Marco“, ſagte ſie leiſe und ſinnend,„Marcs, ſendet Dich wirklich die liebe Tante, um ihren Beſuch zu melden?“ „Ja, wundert Dich das?“ fragte der junge Baron, erſtaunt zu ihr aufblickend.„Wir waren Alle verreiſt, 108 wie Du weißt, haben die Feierlichkeiten in Königsberg mitgemacht, und da iſt es natürlich, daß wir, heimkeh⸗ rend, die lieben Verwandten begrüßen.“ „Ja wol, natürlich dünkt es auch mich“, ſagte ſie leiſe, und ich würde mich ſehr freuen, Marie wieder⸗ zuſehen und der lieben Tante die gütige Hand zu küſ⸗ ſen; doch—“ „Nun, warum ſtockſt Du, Sophie? Meinſt Du, unſer Beſuch wäre ſonſt nicht angenehm und im Pfarr⸗ hauſe nicht willkommen?“ fragte er haſtig. Sie antwortete nicht ſogleich, ſchaute nur ernſten, traurigen Blickes zu ihm nieder. „Marco, nicht wahr, die Tante weiß, wie ſehr ich ſie liebe? Marie weiß das auch und der Onkel auch— und Du. Ihr wißt es Alle, wie ſehr ich Euch liebe und wie ſehr auch mein Bruder Georg Euch liebt. Doch—“ „Ah, ich verſtehe“, erwiderte Marco leiſe;„doch Dein Vater und deine Mutter, nicht wahr, Sophie, Du wollteſt ſagen, die Beiden theilen nicht Eure Liebe?“ „Ja“, flüſterte ſie ganz leiſe, das wollte ich ſagen! Aber vergib es mir!“ „Oh, ich wußte das längſt, ich habe es längſt gemerkt“, ſagte Marco haſtig, aber ich—“ „Oh, ich bitte Dich“, unterbrach ſie ihn leiſe, 109 „zürne ihnen nicht. Mein Vater hat viel von der Noth des Lebens gelitten, er iſt außerdem ein ſtrenger Pfarrherr und—“ „Und wir ſind ihm zu eitle Weltkinder“, ergänzte Marco mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Er ſieht mit ſtolzer Verachtung auf uns nieder und meint, daß wir ſeiner nicht werth ſind. Nicht wahr, Sophie, das wollteſt Du ſagen und Du wollteſt hinzufügen, es wäre vielleicht beſſer, daß meine Mutter und meine Schwe⸗ ſter heute nicht einen Beſuch im Pfarrhauſe machten? „Ja leider, Marco, wollte ich das ſagen, muß ich das ſagen“, rief Sophie ſchmerzlich.„Aber ich bitte Dich noch einmal, zürne meinen Eltern nicht, und wenn Du mir wirklich gut biſt, o, ſo bitte ich Dich noch um das Eine, ſage es nicht in böſen Worten Deiner theuren Mutter, daß es beſſer wäre, ſie käme heute nicht! Ich glaube, unſere Väter ſind in Königs⸗ berg ſich nicht auf denſelben Wegen begegnet—“ „Nein, wahrlich nicht auf denſelben Wegen!“ rief Marco mit flammenden Augen.„Mein Vater ging den Weg des Rechts, der Ehre und der Freiheit und — doch ſtille! Dein Vater ging den Weg, welchen mit ihm viele fromme Prediger machten, die wol wußten, daß jetzt für ſie die Zeit des Heils gekommen iſt. Ja, Du haſt Recht, es möchte wohl beſſer ſein, 110 daß unſere Väter ſich heute nicht begegneten. Aber mein Vater würde ja nicht mit den Damen gekommen ſein. Er iſt leider, wie jetzt ſo oft, unpäßlich. Die Reiſe hat ihn angegriffen, mehr als es ſeinem Alter angemeſſen iſt. Ach, Sophie, Dir will ich geſtehen, was ich Niemandem ſonſt ſage“, fuhr er mit leiſer, trauriger Stimme fort, „ich fürchte zuweilen für die Zukunft, wenn ich mei⸗ uen Vater anſehe! Seine hohe Geſtalt, die ſonſt ſo ſtolz aufgerichtet war, iſt jetzt gebeugt, nicht von der Laſt der Jahre, ſondern, wie ich fürchte, von der Krankheit, die ſeine Lebenskraft aufzehrt und die er uns verheimlichen will. Seine Wangen ſind bleich und in ſeinen Augen iſt ein ſo wunderſames Leuchten und Glänzen, das mich zuweilen an die Sterne des Himmels gemahnt. Ich fürchte mich, Sophie! denn Du weißt, ich liebe meinen Vater zärtlich; er iſt für mich das Ideal aller Männlichkeit, und mein eigenes Leben könnte ich hingeben, um das ſeine zu lämen und zu erquicken.“ „Oh, wie ſchön muß es ſein, ſo geliebt zu wer⸗ den!“ flüſterte Sophie leiſe in ſich hinein, während langſam ein Paar Thränen aus ihren Augen nieder⸗ glitten über ihre Wangen; dann, von den Wangen ſich ablöſend, fallen ſie nieder auf die Lippen des jungen Mannes, der zu ihr empor ſchaut. Er trinkt die bei⸗ 144 den glänzenden Tropfen, die aus ihren Augen hernie⸗ derfallen, und Lethe ſind ſie für ihn, Lethe, welche alle Schmerzen ihn vergeſſen läßt und alle Sorge und Angſt um ſeinen Vater auslöſcht. Er iſt jetzt ganz wieder der junge Mann, der zärtlich und beſeligt hinſchaut zu dem ſüßen Antlitz, das ſich aus dem Blättergezweig zu ihm niederneigt. „Sophie!“ „Marco!“ Nichts weiter ſagten ſie! Kein Wort unterbricht die Stille, die jetzt in ihnen und rings um ſie her iſt. Kein Wort von den Lippen und doch ſprechen ſie zu einander mit ſo beſeligten glücklichen Gefühlen. „Meinſt Du wirklich, Sophie“, ſagte er nach einer langen Pauſe,„daß es beſſer iſt, die Mutter und Schweſter kommen heute nicht ins Pfarrhaus?“ „Ja, Marco, ja! Ich will nicht klagen und nicht erzählen von Allem, was ich heute ſchon gelitten! Es wäre unrecht und als gute rechtſchaffene Tochter muß ich meiner Pflicht eingedenk bleiben. Fordere alſo nicht von mir, daß ich Dir von dem erzähle, was ich heute erfahren und was geredet worden. Glaube an mich und glaube an meinen Bruder. Und wißt, Ihr alle, die Ihr droben im Schloſſe wohnt, wißt, daß wir Beide immer bei Euch ſind in Liebe, Zärtlichkeit und Treue, und für alles Andre laßt den lieben Gott ſor⸗ gen und laßt die Zeit verſöhnen.“ „Ach, Sophie, ich fürchte nur, die Zeit wird, ſtatt zu verſöhnen, immer weiter entfernen“, ſagte er leiſe.„Doch Du haſt Recht! Warten wir ab, was da kommt.“ „Ja, warten wir es ab und ſeien wir geduldig und ſtark im Hoffen.“ „Und feſt im Leben!“ fügte Marco mit einem leuchtenden Blicke hinzu.„Sage, Sophie, was ſoll ich der Mutter ſagen, weshalb es beſſer wäre, nicht zu kommen?“ „Sage ihr, der Vater ſei mit dem Ausarbeiten ſeiner Predigt beſchäftigt und die Mutter habe un⸗ aufſchiebbare Geſchäfte in der Wirthſchaft, und deshalb ſei es beſſer, einen andern Tag zu wählen und—“ Sie unterbrach ſich, verſchwand plötzlich in dem Blättergezweige und wendete ſich nach rückwärts. Es war ihr geweſen, als habe ſie dort ein Geräuſch gehört. Ja, dort am Eingange des Gartens, dort ſah ſie die lange hagere Geſtalt daherkommen, die Geſtalt ihrer Mutter! Haſtig wendete ſie ſich wieder ab, und ihr roſiges Angeſicht erſchien dem jungen Manne wie⸗ der zwiſchen dem Gezweig. —..— 113 „Jetzt, Marco, lebe wohl, denn es kommt Jemand. Sporne Dein Roß, daß es fliege, fliege weit hinaus. Ach, ich wollte, ich könnte gleich Dir auf ſchäumendem Roſſe hinausreiten in die Welt, weit, weit fort, daß ich niemals wiederkehrte! Lebe wohl, Marco!“ „Lebe wohl, lebe wohl, Sophie!“ Er ſpornt ſein Roß, daß es dahin ſprengt, als hätte es wirklich Flügel. Weit iſt es ſchon fort, als die Frau Paſtorin unter dem Baume ſteht und mit harter Stimme hinauf fragt, ob Sophie noch nicht fertig ſei mit ihrer Arbeit; der Bote warte ſchon, es ſei die höchſte Zeit, die Früchte in die Stadt zu ſenden. Mühlbach, Poteſtantiſche Jeſuiten II 8 Seihätes Larſene Das Reitpferd. Die Morgenandacht war beendet, die Dienſtboten mit den gottſeligen mürriſchen Geſichtern, den freud⸗ loſen Mienen hatten eben das Wohngemach verlaſſen, und Sophie war jetzt damit beſchäftigt, den Eltern aus der großen braunen Kaffeekanne den dünnen Kaffee einzuſchenken. Die Paſtorin ſaß auf ihrem Platz am Fenſter, und während ſie wieder eifrig an dem langen, wollenen Strumpf für die Heiden in Südafrika ſtrickte, ſchaute ſie mit ihren blitzenden Augen hinaus in den Hof, wo der Kutſcher Melchior eben damit beſchäftigt war, den alten Schimmel zu ſtriegeln und zu glätten. Ein ſchwerer Seufzer entrang ſich der platten Bruſt der Frau Paſtorin. Der Herr Paſtor hob von dem Gebetbuch, in 115 welchem er geleſen hatte, die Augen empor und ſchaute zu ſeiner Frau hinüber. „Warum ſeufzeſt Du, Cornelia, und was betrübt Deinen frommen Sinn?“ fragte er theilnahmsvoll. Die Stricknadeln der Frau Paſtorin bewegten ſich raſcher und klirrten heftiger aneinander. „Ich betrachte mir eben den alten Schimmel“, ſagte ſie mit kläglicher Stimme.„Wir haben ihn nun ſchon ſeit zehn Jahren, und ſeit zehn Jahren trägt er den frommen Paſtor von Groß⸗Below zu ſeinem hei⸗ ligen Dienſt, zu den Armen und Kranken. Und wie ich ihn ſo anſchaute, da dachte ich daran, daß ich ge⸗ ſtern die Frau Baronin und ihre Tochter in ihrer glänzenden vierſpännigen Equipage habe dahinfahren ſehen, und unwillkürlich ſtellte ich einen Vergleich an. Sie fahren in ihrer Eitelkeit und ihrem ſtolzen Müßig⸗ gang mit vier prächtigen Roſſen, und Du, im Dienſte des Herrn, mußt Dich begnügen laſſen mit einem alten, ſteifbeinigen Schimmel und mit dem polterigen, alten Chaiſewagen. Es that mir weh im Herzen, da⸗ ran zu denken, und ſo ſehr ich auch die Eitelkeit der Welt verachte, ſo bekümmert es mich doch, daß Du unter der Ungerechtigkeit des Zufalls ſo bitter zu lei⸗ den haſt.“ Der Paſtor ſchüttelte ſtolz das Haupt. 8* „Meine heure Cornelia, es gibt keinen Zufall, denn Alles, was iſt, wird beſtimmt, entweder von der Gnade Gottes oder von der Bosheit des Teufels, der viel Macht über uns hat und den wir bekämpfen müſſen mit aller unſerer Kraft! Und, mein theures Weib, vergib mir, wenn ich es ſagen muß, mich will bedünken, daß der Teufel Dich verſucht und Dir ſolche Gedanken des Neides in die Seele geflüſtert hat. Was kümmern uns die prächtigen Roſſe und die ſtolze Equi⸗ page des Baron von Schwing, der da oben reſidirt auf dem Schloſſe ſeiner Ahnen! Ich diene dem Gott, der die Ahnen zerbröckelt wie Staub, und dem die Roſſe nicht mehr ſind als der geringſte Wurm, den ich unter meine Füße trete! Gar ſtolz und hoheitsvoll komme ich mir vor, wenn ich mit dem alten Schim⸗ mel fahre und ſehe den Baron in ſtolzer irdiſcher Ei⸗ telkeit daherfahren, und es freuet ſich dann meine Seele in Demuth!“ „Du haſt Recht“, ſeufzte die Paſtorin;„es iſt vielleicht von mir ein eitler Gedanke; doch verſichere ich Dich, Wilhelm, es iſt nicht der Neid, der aus mir ſpricht. Ich dachte nur daran, daß wir leider doch von dieſen irdiſchen Dingen abhängig ſind und daß wir uns bequemen müſſen, uns nach einem anderen Pferde umzuſchauen, denn der alte Schimmel wird es 114 nicht mehr lange machen. Der Melchior hat es mir geſtern ſchon geklagt, er will nicht mehr vorwärts auf den ſchlechten Landwegen, die Du im Dienſte des Herrn doch oft zu fahren haſt, während die ſtolzen Roſſe Deines Herrn Bruders ſich begnügen, auf der Chauſſee dahinzufahren.“ „Ja, das iſt freilich eine ſchlimme Ausſicht!“ ſeufzte der Paſtor.„Eines Pferdes bedarf ich allerdings im frommen Dienſte, und es iſt ärgerlich und zeigt von wenig gottſeligem Sinne, daß man das Geſetz abgeſchafft hat, welches die Gemeinde verpflichtet, ihrem Pfarrer alle drei Jahre ein neues Geſpann zu liefern für den Dienſt des Herrn. Sie ſagen freilich, daß ſie ſeitdem(das Gehalt der Paſtoren um ſo viel erhöht haben, als das Anſchaffen eines Gefährtes kommen würde. Doch das ſind eitle Ausflüchte; die Lebensbe⸗ dürfniſſe ſind um ſo viel theurer geworden, daß die Zulage des Gehalts, die wir ſeit acht Jahren beziehen, dadurch vollkommen abſorbirt wird, und ſo wird denn dieſe Ausgabe für ein neues Pferd uns allerdings recht ſchwer fallen.“ „Und wenn man nun bedenkt“, ſagte die Paſto⸗ rin mit ärgerlicher Stimme und ihre Stricknadeln ſchlugen klirrender aneinander, wenn man nun bedenkt, daß in den Ställen Deines Bruders zum mindeſten 118 ein Dutzend Pferde ſtehen, die nichts Anderes zu thun haben, als die Herrſchaften auf ihren unnöthigen Spa⸗ zierfahrten zu tragen, ſo—“ „Still, ſtill, Cornelia“, unterbrach ſie der Paſtor, „mich dünkt, Du biſt ſeit einiger Zeit ſehr heftig er⸗ regt und ich möchte wiſſen, ob irgend etwas Beſon⸗ deres geſchehen, was Dein frommes Gemüth ſo in Wallung gebracht hat gegen die Leute da oben auf dem Schloſſe.“ „Nun ja, allerdings iſt etwas Beſonderes ge⸗ ſchehen!“ ſagte die Paſtorin eifrig.„Dieſe Baronin ſucht mich auf alle Weiſe zu kränken. Ich hatte be⸗ ſchloſſen, Dir gar nichts davon zu ſagen, was in Dei⸗ ner Abweſenheit geſchehen iſt; aber damit Du nicht glaubeſt, ich ſei nur vom Teufel verſucht und es ſei nur irdiſcher Neid, der mich bedrängt, ſo will ich Dir geſtehen, daß ſie mich aufs neue bitter gekränkt hat. Du weißt, ich vermeide es ſo viel als möglich, nach dem Schloſſe zu gehen, aber wir treffen uns doch an den Sonntagen zuweilen in der Kirche, und da mag es der Frau Baronin vielleicht unangenehm aufgefallen ſein, daß ich neben ihr geſeſſen in meinem alten ſchwarz⸗ ſeidenen Kleide, während ſie in veilchenblauem Sammet neben mir thronte. „Das kam daher, liebe Mutter“, ſagte Sophie 119 leiſe,„daß meine Tante mit Marie gleich von der Kirche aus zu einem Diner bei der Gräfin Bernen⸗ thal fuhr, und daher war ſie ſchon in großer Toilette.“ „Ich finde das ſehr unpaſſend“, bemerkte die Pa⸗ ſtorin ſcharf.„Es wäre, dünkt mich, Zeit geweſen, nach der Kirche ihre„große“ Toilette anzulegen und ſich im Hauſe des Herrn demüthig und beſcheiden zu zeigen; aber ſie wünſchte natürlich, gerade der Gemeinde ihre ſchönen Anzüge zu zeigen und mit dem Kleider⸗ prunk vor den Leuten zu glänzen. Genug, ich glaube, daß mein ſchlichtes, ſchwarzes Seidenkleid der Frau Baronin unangenehm war. Und denke Dir, was nun geſchah: In den Tagen, da Du verreiſt warſt, und die Damen vom Schloſſe in eitler Weltluſt auch nach Königsberg gefahren waren, kommt plötzlich hier an mich ein Koffer an, an mich ausführlich adreſſirt, ſo daß klar war, es lag kein Irrthum, kein Verſehen vor, und in dem Koffer, denke Dir nur, lag ein ſchwarz⸗ ſeidenes Kleid mit einem Zettel daran, auf welchem geſchrieben ſtand:„Der lieben Frau Paſtorin ein Kleid zum frommen Kirchgang!“ „Seltſam“, ſagte der Paſtor gedankenvoll,„Du glaubſt wirklich, daß die Baronin—“ „Ich bin überzeugt“, unterbrach ihn ſeine Frau lebhaft,„ſie wollte mich damit höhnen und ſpotten über mein altmodiſches Kleid! Sie wollte als meine Wohlthäterin erſcheinen! Deshalb hat ſie aus ihrer glänzenden Garderobe von ihrem Ueberfluß mir gege⸗ ben; ein altes, abgelegtes Kleid, das für ſie nicht mehr gut genug, für mich aber außerordentlich ſchön war.“ „Um Vergebung, liebe Mutter“, ſagte Sophie mit ſanfter Stimme,„ich ſagte es Dir ſchon, als das Kleid ankam, und ich muß mir erlauben, es Dir zu wieder⸗ holen, Du biſt wirklich im Irrthum, wenn Du ver⸗ meinſt, daß die Tante ſich erlaubt habe, von ihren Kleidern, welche ſie ſchon getragen, Dir zu geben. Ich weiß es genau, daß dies nicht der Fall iſt, und zwar daher, weil die Tante mich heimlich gebeten hatte, ihr ein Kleid von Dir zu geben. Sie hoffte Dir eine an⸗ genehme Ueberraſchung zu bereiten, und nach dem Muſter Deines Kleides wollte ſie Dir ein neues Kleid machen laſſen.“ „Und Du gabſt ihr ein ſolches Kleid Deiner Mut⸗ ter?“ fragte der Paſtor. „Ja, lieber Vater, ich that das“, ſagte Sophie; „ich meinte, daß es wirklich eine angenehme Ueber⸗ raſchung für die Mutter ſein würde und—“ „Und deshalb ließeſt Du Dich verſuchen, Geheim⸗ niſſe hinter dem Rücken Deiner Mutter anzuſpinnen“, ſagte der Paſtor ſtreng.„Wahrlich, wahrlich, es will 42¹ mich vedünken, daß unſere Tochter ſich weit abwendet von den Wegen des Gehorſams und der Pflicht; und ich danke es dieſer Frau, die ſich zur Wohlthäterin Deiner Mutter auflehnen will, wahrlich nicht, daß ſie meine Tochter zu Geheimniſſen hinter dem Rücken ihrer Eltern verleitet. Was thateſt Du nun, Cornelia, mit dem Kleide, welches unſere unberufene Wohlthäterin Dir gab?“ „Ich that, was allein mir paſſend und recht ſchien“, ſagte die Paſtorin.„Ich packte das Kleid wieder zu⸗ ſammen, ſchrieb auf die andere Seite des Zettels: „Ich bin keine Bettlerin und bedarf keiner abgelegten Kleider“, und dann ſendete ich den Kaſten in das Schloß an die Frau Baronin, welche meine Sendung bei ihrer Heimkehr aus Königsberg wol bekommen hat. Nun, mein lieber Freund, wirſt Du begreifen, weshalb ich ſo gereizt bin gegen die eitle Schloßdame. Sie hat mich beleidigt, und obwol ich nicht eine ge⸗ borne Gräfin bin, und obwol mein Vater nur ein demüthiger Prediger und Diener des Herrn war, fühle ich mich doch zu ſtolz, um Wohlthaten anzunehmen von der Frau Baronin von Schwing, gebornen Gräfin von Apponi.“ „Darin muß ich Dir vollkommen Recht geben“, ſagte der Paſtor mit einem leiſen Neigen ſeines Hauptes. „Ja, vollkommen Recht. Die Kleider, ſo ſagt ein altes Sprichwort, machen Leute, und dieſes Sprichwort be⸗ ſtätigt ſich allerorten. Wenn Du in Deinem einfachen, alten Seidenkleide in der Kirche ſitzeſt, ſo wird die ganze Gemeinde ſehen, daß die Frau Paſtorin demüthig iſt und ſich nicht kehrt an den Prunk und Luxus der Welt, ſondern aus ihrem alten, fadenſcheinigen Sei⸗ denkleide ſich einen Purpurmantel der Frömmigkeit und Demuth ſchafft. So macht Dein beſcheidenes Kleid Dich zu einer ehrbaren, tugendhaften Hausfrau und Mutter, während die prunkenden Kleider der Baronin und ihrer Tochter ſie erſcheinen laſſen als das, was ſie ſind: als eitle dem Aeußern zugewendete Weltkin⸗ der, die—“ Die Thür wurde haſtig aufgeriſſen und Georg trat herein. Er kam aus dem Garten, ſein Antlitz war freudig erregt, und mit lachendem Munde eilte er zu ſeiner Schweſter hin. „Sophie, liebe Sophie, komm!“ „Mein Sohn“, unterbrach ihn ſein Vater mit ſtrengem Ton,„Du vergißt, daß Du Deinem Vater noch nicht den Morgengruß gegeben haſt. Es thut mir leid, daß ich Dich daran mahnen muß.“ „Es iſt wahr, lieber Vater“, erwiderte Georg, indem er zu ihm herantrat und ihm ſeine Hand dar⸗ 1 123 reichte,„ich bitte um Vergebung. Ich habe die Mut⸗ ter ſchon vor einer Stunde in der Speiſekammer be⸗ grüßt, als ſie mir den Morgenimbiß gab, und ich ver⸗ gaß allerdings, daß ich Dich noch nicht geſehen. Noch⸗ mals, ich bitte um Vergebung.“ „Aber mein Gott“, rief die Frau Paſtorin mit einem Ausdruck des Entſetzens,„was iſt denn das für ein Geruch? Wie, mein Sohn Georg, ich glaube wirk⸗ lich, Du erlaubſt Dir mit einer Cigarre hier zu er⸗ ſcheinen!“ Ja, es war nicht zu leugnen, der Sohn hatte ſich wirklich erlaubt, einzutreten, während er die brennende Cigarre noch in der linken Hand hielt und verſuchte jetzt vergeblich, ſie hinter ſeinem Rücken zu verbergen. Der bläuliche Rauch, welcher aus derſelben hervorſtieg, verrieth ſeiner Mutter doch das Verbrechen. „Dahin iſt es alſo ſchon gekommen“, ſagte ſie ärgerlich und traurig zugleich,„dahin, daß der Sohn des Pfarrhauſes wie die Weltkinder ſeine Eigarre raucht.“ „Liebe Mutter“, ſagte Georg lächelnd,„Du ver⸗ gißt, daß der Sohn des Pfarrhauſes jetzt ein Welt⸗ kind geworden und daß er dem Soldatenſtand ange⸗ hört. Nun ſiehſt Du, liebe Mutter, im Dienſte iſt es uns verſagt, zu rauchen, auch auf der Straße darf 124 kein Officier ſich mit einer Cigarre zeigen. So benützen wir denn, wir armen Weltkinder, gern jede Stunde, die ſich uns darbietet, um der lieben Cigarre uns zu⸗ zuwenden, und ich dachte, im Vaterhauſe würde es mir ſchon erlaubt ſein, dem unſchuldigen Genuß mich hinzugeben.“ „Das nennſt Du einen unſchuldigen Genuß?“ ſagte ſein Vater mit ſpöttiſchem Achſelzucken.„Freilich, es erſcheint wol ſo, doch ſollteſt Du bedenken, mein Sohn, wie viel Hohn und Spott des göttlichen Ge⸗ ſetzes darin liegt, wenn ihr dem eitlen Genuſſe des Rauchens Euch hingebt. Es gehen darbend und elend Tauſende von Bettlern durch die Straßen der großen Städte dahin, während ihr im Uebermuth Eure Ci⸗ garren raucht, deren Preis vielleicht genügen würde, einem Armen für einen Tag Brot zu ſchaffen. Ja“, fuhr er pathetiſch fort,„wenn man alle Diejenigen, welche dem Laſter des Rauchens ſich hingeben, dazu anhalten wollte, den Preis, welchen ſie jährlich für dieſe gottloſe Sitte dahingeben, auszuzahlen für die Armen, ſo würden ſie Zeter und Mordio ſchreien, und ſich beklagen über die Tyrannei der Obrigkeit, während ſie jetzt in die Luft in eitlem Genuß das Geld verdampfen und nichts von den koſtbaren Ci⸗ garren übrig bleibt als elende Aſche. Du irrſt alſo, 125 mein Sohn, wenn Du vermeinſt, das Rauchen ſei ein unſchuldiges Vergnügen! Es iſt eine vom Teufel er⸗ fundene Verſuchung der Menſchen, und es hatten da⸗ her die frommen Prieſter vergangener Tage ſehr Recht, wenn ſie gegen das Rauchen predigten, und wenn ſelbſt ein heiliger Papſt zu Rom den Bannſtrahl ſchleu⸗ derte gegen Diejenigen, ſo dieſem eitlen Teufelsgenuſſe ſich hingaben. Den Heiligen und Frommen iſt auch noch anjetzo das Rauchen ein Gräuel, und wer lebt in der Gemeinſchaft der Chriſten in frommem, andäch⸗ tigem Weſen, der meidet ſtrenge dieſen eitlen Weltge⸗ nuß und würde ſich niemals erlauben ſein Geld oder das ſchwer erworbene Geld ſeiner Eltern und Ange⸗ hörigen alſo in höhnendem Uebermuth in die Luft zu verpuffen.“ „Ich bitte um Vergebung, lieber Vater“, ſagte Georg raſch,„aber ich habe wirklich nichts von dem gütigen Zuſchuß, den Du mir zu meiner Lieutenants⸗ Gage gibſt, zu dieſen Cigarren verwendet; ſie ſind ein Geſchenk meines lieben Vetters Marco, der mich in die genußreichen Myſterien des Rauchens überhaupt eingeführt hat. Du weißt, in Amerika iſt das Rau⸗ chen eine ſo allgemein verbreitete Sitte, daß ſelbſt die Damen dort ohne Scheu ſich dieſem angenehmen Laſter hingeben, und ſeit ich rauche, habe ich noch niemals einen Groſchen für eine Cigarre ausgeben müſſen. Der Onkel bekommt ganze Ladungen von Cigarren aus Südamerika geſchickt und Marco verſorgt mich über⸗ reichlich damit.“ „Immer dieſes Schloßgeſindel!“ murmelte die Pa⸗ ſtorin mit düſterer Miene. „Und jetzt, liebe Sophie“, ſagte Georg, ſich an ſeine Schweſter wendend,„jetzt bitte ich Dich, komm mit mir in den Garten! Ich habe Dir da etwas Wun⸗ derbares und Schönes zu zeigen, komm!“ Und ohne die Erlaubniß der Eltern abzuwarten, nahm er den Arm ſeiner Schweſter und führte ſie hin⸗ aus. Als ſie dann Beide Arm in Arm dahineilten durch das düſtere Haus, über den Hof und nach dem Garten hin, verwandelte ſich das Angeſicht Sophiens wie mit einem Zauberſchlage. Vorher ſo traurig und ergeben, war es jetzt wie von einem Sonnenſtrahl er⸗ hellt, und die Augen, die ſie vorher niedergeſchlagen gehalten, wendeten ſich jetzt mit einem ſtrahlenden Blick auf ihren Bruder hin.— „Oh, Bruder Georg, warum biſt Du nicht immer hier! Mich dünkt, die ganze Welt iſt anders, wenn Du da biſt; es gibt doch frohe Stunden—“ „Still, ſtill, Schweſter, ich habe Dir etwas Schö⸗ nes, etwas Merkwürdiges zu zeigen.“ 42⁷ Und er flog mit ihr den breiten Weg hinunter durch den Garten bis zu der Stelle, wo die kleine Ausgangsthür im Zaune ſich befand, nahe bei dem Birnbaume, auf welchem geſtern Sophie geſeſſen, als ſie mit Marco ſprach. „Was iſt denn das? Die Thür iſt geöffnet, zu welcher die Mutter allein den Schlüſſel hat?“ „Ich ſtieß ſie mit dem Fuße auf“, lachte Georg. „Das alte, roſtige Schloß gab nach und wehrte ſich nicht. Die ſchöne Gotteswelt will hineinſchauen in den düſteren Pfarrgarten. Komm, komm, Sophie!“ Er öffnete die Thür und drängte ſie ſanft hin⸗ aus. Und nun tönte ein Schrei von Sophiens Lippen, ein Schrei der Ueberraſchung und der Freude. Denn da draußen nahe am Zaune, an derſelben Stelle, wo er geſtern mit ſeinem Rappen gehalten, da draußen ſtand Marco. Er war von ſeinem Pferde herniebergeſtiegen, das der Reitknecht hielt; aber nicht dieſes Pferd allein, ſondern ein zweites, kleines, mit anderem Sattelzeug aufgezäumtes hielt er an der Hand. Und zu dieſem zweiten, kleineren Pferde führte jetzt Marco das junge Mädchen hin. „Ich ſagte Dir geſtern, daß unſer Vater meiner Schweſter Marie zwei Reitpferde geſchenkt habe“, ſagte er leiſe und lächelnd.„Es war dies ein Irrthum, 128 liebe Sophie. Das eine Pferd war für meine Schwe⸗ ſter beſtimmt, und das andere—“ „Nun, das andere?“ fragte ſie athemlos, die leuch⸗ tenden Augen feſt und erwartungsvoll auf ihn ge⸗ richtet. „Das andere war für meine liebe Couſine Sophie beſtimmt“, flüſterte er leiſe. „Ja, denke nur, Schweſter“, rief Georg lachend, „denke nur, für Dich iſt dieſer kleine wundervolle ara⸗ biſche Schimmel beſtimmt; der Onkel ſendet ihn Dir, und Du Glückliche, ſollſt ihn reiten.“ „Und das ſoll mein ſein?“ rief Sophie, indem ſie ihre beiden Arme um den Hals des Thieres ſchlang und ihren Kopf an denſelben lehnte.„Wirklich, Marco, Du ſpotteſt nicht über mich, weil ich geſtern Dich be⸗ neidete, als Du ſo ſtolz zu Roſſe ſaßeſt? Wirklich, ſag' es mir noch einmal, es iſt kein Spott, und dieſes ſchöne, prächtige Thier ſoll mir gehören?“ „Der Vater bittet ſeine liebe Nichte, es als Ge⸗ ſchenk von ihm anzunehmen, und er bittet ferner, daß Du mit meiner Schweſter Leonore täglich einen Spa⸗ zierritt machen wollteſt. Es iſt wirklich gar ſo ſchön, durch Feld und Wald in freier Ungebundenheit dahin zu ſtreifen, und ich denke mir, meine liebe Sophie 129 wird ſich gar herrlich ausnehmen auf dem ſchönen Pferde. Laß es uns gleich einmal verſuchen. „Ja, laß es uns verſuchen!“ rief ſie eifrig,„Du ſollſt mich lehren, wie man zu Pferde ſitzt und wie man reitet.“ „Wol denn, ſo laß mich gleich den Dienſt begin⸗ nen“, ſagte Marco, indem er neben dem Steigbügel auf die Erde niederkniete. Nun komm, ſetze Deinen kleinen Fuß auf meinen Rücken und ſchwinge Dich hinauf.“ Aber jetzt zögerte Sophie und eine Purpurröthe übergoß ihre Wangen. „Nein“, ſagte ſie ſchüchtern,„nein, das iſt un⸗ möglich! Es würde ſich nicht ziemen.“ „Tritt zurück, Marco, und laß mich den Ritter⸗ dienſt für meine Schweſter thun; bei mir wird ſie ſchon finden, daß es möglich iſt“, lachte Georg. Er ſchob mit ſanfter Gewalt Marco zurück, und ſeine beiden Arme um die Taille der Schweſter ſchlin⸗ gend, hob er ſie kräftig empor und ließ ſie auf dem engliſchen Sattel niederſitzen. „So laß mich wenigſtens Dein Stallmeiſter ſein und Dir die Zügel geben“, ſagte Marco, indem er Sophien die purpurrothen Zügel darreichte. Mühlbach, Poteſtantiſche Jeſuiten II. 9 „Oh Sophie, wie prächtig ſiehſt Du aus! Wie eine Königin der Luft und der Freiheit! Wie blitzen Deine Augen, wie glühen Deine Wangen und wie ſchön und herrlich biſt Du anzuſchauen. Oh fürchte nichts, Sophie“, fuhr er fort, als das ſchöne Thier mit dem ſtolzen Haupte nickte,„fürchte nichts, Alman⸗ ſor iſt ein ſanftes und ſchönes Damenpferd, und Du kannſt Dich ihm ganz überlaſſen. Es verſteht ſeine Kunſt, und Du biſt auf ſeinem Rücken ſo ſicher wie im Lehnſtuhl.“ „Ich fürchte mich auch nicht“, rief ſie mit glän⸗ zenden Augen,„mir iſt, als wäre ich in eine neue Welt verſetzt. Ich bitte Euch, laßt mich einen Mo⸗ ment ſo recht in friſcher Fröhlichkeit von dannen jagen. Marco, ich weiß noch nicht, wie man das Pferd wol antreibt. Gib mir ein Zeichen, daß es mit mir in fröhlicher Luſt dahinjage.“ „Wol denn, Couſine Sophie; faſſe die Zügel feſt in Deine Hände und halte Dich recht kräftig und gerade im Sattel. Nun, Almanſor, nun fliege, fliege.“ Und Almanſor ſpreizte die kleinen zierlichen Füße und flog wie mit Windeseile dahin über die Wieſenfläche, weit, weithin bis an den Rand des Waldes. Die beiden jungen Männer ſtanden und blickten mit leuch⸗ tenden Augen der lieblichen Erſcheinung nach. 131 „Sie ſitzt prächtig zu Pferde, wie eine eingeübte Reiterin“, rief Marco mit ſtrahlenden Augen. „Aber was iſt das? Was geht hier vor?“ rief plötzlich hinter ihnen eine ſchrille, kreiſchende Stimme. Wie ſie ſich umwandten, ſahen ſie in der offenen Gartenthür die Frau Paſtorin und hinter ihr mit ent⸗ ſetztem Geſicht die lange Geſtalt des Paſtors. „Wo iſt Sophie? Und was bedeutet es, daß die Gartenthür offen iſt? Ich frage nochmal, was geht hier vor?“ „Ja, das frage auch ich“, ſagte der Paſtor, mit ſtrenger Miene vorwärtsſchreitend.„Guten Morgen, Herr Neffe Marco; wir haben uns noch nicht geſehen ſeit jener Stunde, da Du mit Deinem Herrn Vater Dich zum Könige begabſt, und ich meine wol, Dein Beſuch wäre richtiger nicht hier an der Gartenthür, ſondern drinnen in meinem Zimmer geweſen.“ „Ich dachte auch, ihn Dir heute zu machen, mein lieber Onkel“, ſagte Marco, den Paſtor und ſeine Frau ehrerbietig begrüßend;„doch zuvor wollte ich meiner lieben Couſine Sophie ein Geſchenk von meinem Vater überbringen.“ „Und was für ein Geſchenk?“ fragte der Paſtor heftig. — „Und ich frage nochmals, wo iſt Sophie?“ rief die Paſtorin. „Dort, liebe Mutter, ſieh nur, wie ſie daherkommt auf dem prächtigen Pferde.“ „Und dieſes Pferd iſt juſt das Geſchenk, welches der gute und allezeit großmüthige Onkel meiner Schwe⸗ ſter ſchickt.“ „Wie, Sophie zu Pferde? Sie reitet? Um Gottes⸗ willen, laßt ſie hierherkommen, laßt dieſen Scandal ein Ende haben. Sophie! Sophie!“ Sie hörte wol die ſchrille, kreiſchende Stimme, und der Sonnenglanz in ihren Augen verblich. „Ich wollte, das Pferd trüge mich von dannen, ſo weit, ſo weit, daß ich niemals wieder heimkehren könnte!“ ſagte ſie zu ſich ſelber. Aber Almanſor vernahm das Zeichen von den Lippen ſeines Herrn und gehorſam wendete er ſich um und ging langſam im gemeſſenen Tempo vorwärts ge⸗ rade auf ſeinen Herrn zu, der freilich ſeiner ſchönen Couſine nicht geſagt, daß Almanſor ein Geſchenk von ihm ſei und daß er ſeit Monaten ſchon das kluge Thier zum Dienſte für die junge Herrin eingeübt. „Was muß ich erleben?“ rief die Paſtorin, als jetzt das Pferd bei ihnen angelangt war und wie ein gehorſames Hündchen neben Marco ſtehen blieb.„Was 133 muß ich erleben? Meine Tochter zu Pferde? Die Toch⸗ ter des Pfarrhauſes hat ſich in eine Kunſtreiterin ver⸗ wandelt? Oh Gott, es iſt nun alſo vorbei mit aller Ehrbarkeit und Sittſamkeit, und meine Tochter wird nun in der ganzen Umgegend verſchrien werden, und man wird über ſie klatſchen und höhnen allerorten!“ „Vergebung, liebe Tante“, ſagte Marco, zu der Paſtorin herantretend, während Georg ſeiner Schweſter vom Pferde half.„Vergebung, liebe Tante, es wird Niemand davon erfahren! Schade nur um Dich, es iſt nirgends ein Menſch ſichtbar und Niemand hat etwas geſehen von dem erſten kleinen Spazierritt Sophiens.“ „Aber Gott hat es geſehen!“ ſagte der Paſtor ſalbungsvoll.„Ja, Gott hat es geſehen und ihre El⸗ tern wiſſen davon, daß ſie zum mindeſten die Gelegen⸗ heit gegeben, über ſie zu ſpotten und zu höhnen und ihren Ruf unter den Füßen dieſes Pferdes zu zertre⸗ ten, welches ſie ſich vermeſſen hat, zu beſteigen. Eine Pfarrerstochter hoch zu Roß! Der Teufel geht um, und das iſt der erſte Schritt zum Unheil, das iſt der kleine Finger, welchen er meiner Tochter darreicht, und bald wird er ihre ganze Hand faſſen und wird ſie von dannen ziehen, wenn ich ſie nicht errette!“ „Oh ſei nicht böſe, lieber Vater“, flüſterte Sophie, mit Thränen in den Augen zu ihm herantretend;„ich bitte Dich, zürne mir nicht, daß ich mich hinreißen ließ von der Freude über dieſes herrliche Geſchenk und ohne Deine Erlaubniß das Pferd gleich verſuchte. Ich will Dir auch verſprechen, lieber Vater, und auch Dir, liebe Mutter, ich will Euch recht feſt und ernſt verſprechen, daß ich niemals wieder, wenn ihr es nicht billigt, draußen, außerhalb des Gartens das ſchöne Thier beſteigen will. Unſer Garten iſt ja groß und dort hinten, dort wo der Garten bis zu dem kleinen Gehölz hinanſteigt, dort werdet ihr mir ſicherlich er⸗ lauben, daß ich mein Pferd reiten darf.“ „Dein Pferd?“ ſagte der Paſtor ſtrenge,„Du haſt kein Pferd und wirſt kein Pferd haben! Dies merke Dir wohl und wage nicht, ein Wort mehr da⸗ rüber zu reden. Dein Vater, der Paſtor von Schwing, beſitzt ein armes, elendes, ſteifes Thier, das ihn zu ſeinen heiligen Berufspflichten tragen muß, und das halb blind und kaum noch im Stande iſt, die ſteifen Füße zu bewegen. Ihm muß es genügen, und es wäre wahrlich ein ſchöner Anblick, wenn der Paſtor von Schwing mit ſeiner alten Roſinante und mit ſei⸗ nem alten knarrenden Kutſchwagen dahinführe, wenn ſeine Tochter daherbrauſte auf einem ſchönen arabiſchen Hengſte, vielleicht in Begleitung einiger Cavaliere oder 135 einiger geputzten Damen, um irgend einem Vergnügen nachzujagen, während ihr Vater mit den Sterbeſacra⸗ menten oder mit den heiligen Taufbecken ſich zu den bedürftigen, frommen Mitgliedern der Gemeinde be⸗ gibt.“ „Ich darf das Geſchenk des lieben, guten Onkels alſo nicht annehmen?“ fragte Sophie, mit Thränen in den Augen und mit leiſer, zitternder Stimme. Der Paſtor antwortete ihr nicht, ſondern wendete ſich mit einer ſtolzen Kopfbewegung zu Marco hin. „Mein Herr Neffe“, ſagte er,„ich bitte, daß Du Deinem Reitknecht befiehlſt, das Pferd wieder von dan⸗ nen zu führen, dorthin, wohin es gehört, auf das Schloß des Barons von Schwing. Hierher in den dumpfen niedrigen Stall des armen Paſtors gehört es nicht. Es wäre wohl Platz für zwei Pferde da, und mir wäre es wohl gelegen, auch ein Paar ſchöne ſtolze Roſſe im Stalle zu haben zum Dienſte für den Pfarrer, doch für ein Reitpferd mit Damenſattel iſt wahrlich kein Platz in dieſer niederen Hütte. Das ſage von mir Deinem Herrn Vater und ſage ihm zugleich, ich könnte ihm nicht danken für dieſes Geſchenk, wel⸗ ches er meiner Tochter habe bringen wollen. Es ſei vielleicht ein Zeichen ſeiner Liebe für meine Tochter, doch nicht ein Zeichen ſeiner Liebe für ſeinen Bruder; denn er hätte es wiſſen müſſen, daß er in die Noth⸗ wendigkeit verſetzt war, grauſam gegen die eitle Tochter zu erſcheinen, die ſich des weltlichen Genuſſes freuen möchte.“ „Sicherlich hat mein Vater das nicht geahnt“, ſagte Marco, und ſeine Stimme war ein wenig herb und ſein Angeſicht nahm einen ſtolzen Ausdruck an. „Nein, mein würdiger Herr Oheim, ſicherlich hat mein Vater keine Ahnung davon gehabt, daß dieſes Geſchenk, welches er in dem Drange ſeines liebenden Herzens ſeiner Nichte darbrachte, dem Bruder als ein Zeichen ſeiner Liebloſigkeit erſcheinen könnte.“ „Er konnte indeß wiſſen“, rief der Paſtor heftig, „ja, er konnte es wiſſen, daß es ganz unmöglich iſt in hieſiger Gegend, daß ein Mädchen, welches ehrbar und ſittſam ſein will, ſich auf hohem Roß den Men⸗ ſchen darſtellt!“ „Ich bitte, mir die einzige Bemerkung zu erlau⸗ ben“, ſagte Marco mit noch herberer Stimme,„daß meine Mutter und meine Schweſter, Beide reiten, und ich hoffe, daß Niemand es wagen würde, an ihrer Chr⸗ barkeit und Sittſamkeit zu zweifeln, weil ſie aus den fernen Ländern, von denen wir hergekommen, wo man die perſönlichen Freiheiten des Menſchen achtet und keine ſo engherzigen Anſichten und Sitten hat, die Ge⸗ 137 wohnheiten des Landes hierhergebracht haben. Mit der langen Abweſenheit meines Vaters aus dieſem dunklen, nordiſchen, kalten Klima, aus dieſem Lande der Vor⸗ urtheile und perſönlichen Knechtſchaft bitte ich Dich auch, mein lieber Herr Onkel, dieſen Fehlgriff meines Vaters zu entſchuldigen. Er wollte ſeiner Nichte eine, wie mich dünkt, unſchuldige Freude bereiten, und er ahnte nicht, daß dieſe beabſichtigte Freude zum Aerger⸗ niß für ſeinen Bruder werden könnte. Es liegt wahr⸗ haftig nicht an ihm, wenn hier in dieſem Hauſe an ſeiner Bruderliebe vielleicht gezweifelt wird, und es liegt überhaupt nicht an uns, wenn das Einverneh⸗ men zwiſchen den beiden ſo nahe verwandten Familien nicht ſo herzlich und innig iſt, als wir es ſicherlich wünſchen!“ „Auf alle dieſe ſchönen Worte erlaube ich mir nur die einzige Erwiderung“, ſagte der Paſtor mit leichtem Achſelzucken,„die einzige Erwiderung: Unſere Wege ſind verſchieden, mein lieber Neffe. Das hätteſt Du vor allen Dingen in dieſen Tagen in Königsberg gewahren können. Du gingſt mit Deinem Vater zu dem erhabenen König, um ihm Vorwürfe zu machen; ich ging mit den frommen Pfarrern, die gleich mir denken, zu dem frommen und erlauchten Monarchen, um uns in Demuth zu unterwerfen und ihn unſerer unerſchütterlichen Treue zu verſichern. Ihr wandeltet Beide auf den Wegen der Rebellion und Oppoſition, ich wandelte in Demuth auf den Wegen des Herrn!“ „Wer ſagt, daß der Weg, den Du mit den from⸗ men Predigern wandelſt, der Weg des Herrn ſei?“ fragte Marco lebhaft und ein höheres Feuer blitzte in ſeinen Augen auf.„Ihr frommen Herren ſeid allezeit geneigt, Euch zu verwechſeln mit dem großen und gü⸗ tigen Gott im Himmel! Die Wege, die ihr wandelt nach Eurem Ermeſſen, die nennt ihr die Wege des Herrn. Wer aber bürgt Euch dafür, daß auf dieſe Wege Gott ſein Auge gerichtet und es ſeine Wege ſind?“ 3 „Das iſt Läſterung!“ rief der Pfarrer, die auf⸗ gehobene Hand gegen ſeinen Neffen wendend.„Ich bitte Dich, lieber Neffe, laß uns über dieſe Dinge kein Wort mehr wechſeln. Du biſt zu jung, um mit mir in ſolche Disputationen eingehen zu können; und der Pfarrer, der ſeit zwanzig Jahren im Dienſte des Herrn thätig iſt, kann mit einem jungen Menſchen, welcher kaum erſt geboren war, als er ſchon die heilige Prie⸗ ſterweihe erhalten hatte, und bis jetzt noch nichts ge⸗ than hat, als ſich mit den Vergnügungen der Welt zu beſchäftigen, nicht ſtreiten. Ueberdies bleibt mir heute keine längere Zeit, um hier zu disputiren und 8 139 als Hausvater aufzutreten. Ich bitte Dich, laß das ſchöne Pferd zurückführen auf das Schloß. Ich muß mein armes ſteifes, halb blindes Pferd inzwiſchen aus dem Stall herausführen laſſen, um zu einer Sterben⸗ den auf Dein Gut, lieber Marco, hinauszufahren und ihr den Troſt des Abendmahls mitzugeben auf den Weg zum Himmel. Dann habe ich noch meine Pre⸗ digt für morgen zu memoriren und muß die Nacht zu Hilfe nehmen, um ſie zu vollenden. Du wirſt es alſo wohl natürlich finden, wenn ich Dir Lebewohl ſage.“ Er nickte ſtolz mit dem Kopfe, wendete ſich um und ging langſam den Weg zwiſchen den geraden, mit Buchsbaum eingefaßten Blumenbeeten zurück. Wie jetzt eben ein Windhauch durch die Blumen dahinfuhr und ſie ſchüttelte, daß ſie ihre Häupter neigten, da mochte der erhabene Diener des Herrn wohl meinen, es beug⸗ ten in anbetender Unterwürfigkeit die Pflanzen ſelbſt ihre duftenden Blüthenkronen; denn er wendete ſich nach rechts und links und ſchaute mit einem leichten Neigen ſeines Hauptes zu ihnen nieder. Die Paſtorin nahm jetzt den Arm ihrer Tochter und wollte ſie mit heftiger Geberde in den Garten hineinziehen. „Komm, Sophie, auch für uns iſt es nicht länger Zeit, hier zu ſtehen und zu plaudern. Es ziemt weder einer Hausfrau noch einem jungen Mädchen, ſo müßig dazuſtehen. Komm, wir haben zu thun.“ „Und ich ſoll wirklich das Geſchenk nicht anneh⸗ men?“ rief Sophie, ſich heftig von ihrer Hand los⸗ machend und mit gefalteten Händen flehend zu ihrer Mutter aufſchauend.„Ich bitte Dich, liebe Mutter, ſei gütig, gönne mir dieſe einzige Lebensfreude, gönne mir, daß ich dieſes Geſchenk annehme. Ich will Dir auch verſprechen, ganz früh in der Morgendämmerung, ehe noch Jemand aufgeſtanden und ehe ich noch ſonſt etwas zu thun habe, in den Stall zu gehen und es zu beſuchen. Ich möchte es ſo gerne haben.“, „Unmöglich! Dein Vater hat geſprochen, und was er geſagt, das bleibt, und dieſes Pferd wird niemals Aufnahme in dem Stall des Pfarrhauſes finden.“ „Nur noch einen Augenblick, nur noch, daß ich Abſchied nehme“, rief Sophie, und nicht achtend des zürnenden Blickes ihrer Mutter, flog ſie zu dem Pferde hin, warf ihre beiden Arme um den ſchlanken, lockigen Hals des Thieres, und ihr Haupt an ſeine lange Mähne lehnend, weinte ſie laut. „Aber das iſt thöricht, das iſt kindiſch!“ rief die Paſtorin, zu ihr hintretend. Doch ihr Sohn Georg trat ihr in den Weg und faßte ihre Hand. „Mutter“, ſagte er mit ſanfter Stimme,„Mutter, 141 vergib mir, aber mich dünkt, ihr ſeid gegen meine arme Schweſter ſehr hart und ſehr grauſam.“ „Du willſt mir Vorwürfe machen“, rief die Pa⸗ ſtorin,„weil ich, wie es ſich ziemt, meine Tochter zu einer ehrbaren, ſtillen und ſittſamen Jungfrau heran⸗ bilden will? Wahrlich, ſie macht uns dieſe Erziehung ſehr ſchwer und vertreibt mit ihrer Widerſpenſtigkeit die Liebe aus unſerem Herzen!“ „Was thut ſie denn?“ fragte Georg.„Inwiefern habt Ihr Euch über ſie zu beklagen? Sie iſt beſchei⸗ den, ſie iſt fleißig, und wie ſchwer es ihr auch viel⸗ leicht wird, ſo unterwirft ſie ſich doch Eueren An⸗ ordnungen.“ Während Georg, vielleicht um ſeiner Schweſter Zeit zu gönnen, ſich zu ſammeln und Abſchied zu neh⸗ men von dem Thier, ſich in eine lebhafte Discuſſion mit ſeiner Mutter einließ, ſtand Sophie noch immer neben dem ſchönen Almanſor und ſtreichelte die lange, prächtige Mähne und ſchaute tief in die großen, ſanf⸗ ten Augen des Thieres. „Wie gut Du mich anſiehſt und wie lieb!“ ſagte ſie leiſe mit von Thränen erſtickter Stimme.„Laß Dir ſagen, Almanſor, ich danke Dir die ſchönſte und prächtigſte Viertelſtunde meines ganzen Lebens. Ich habe mich, wie Du mich dahintrugſt wie ein Vogel, der zum erſtenmal aus ſeinem Käfig kommt und ſieht, wie die Gotteswelt ſo ſchön iſt, ſo ſonnig und ſo hell, mich ſo frei und glücklich, ſo ſelig gefühlt, wie noch nie. Und ich will dieſe Viertelſtunde in meinem Herzen tragen mein ganzes Leben lang. Wenn ich wieder hineinkriechen muß in den alten, dunklen Käfig, ſo will ich daran denken, daß ich doch einmal glücklich war und daß ich dies Glück Dir dankte.“ Sie neigte ſich und drückte mit ihren purpurnen Lippen einen Kuß auf die Mähne des Pferdes. Neben ihr hörte ſie jetzt leiſe eine ſanfte Stimme, die ihr Herz erbeben machte. „Theure, geliebte Sophie, weine nicht, ſei muthig und ſtark. Sie ſagen, daß es für eine Pfarrerstochter ſich nicht zieme, zu reiten und ſich der ſchönen Welt zu freuen. Nun wol, ich hoffe, Sophie, Du wirſt nicht immer die Pfarrerstochter bleiben, Du—“ „Sophie!“ rief eben die harte, barſche Stimme ihrer Mutter.„Sophie, komm her! Es iſt die höchſte Zeit, daß wir gehen!“ Sie hatte ihr erröthendes Angeſicht tiefer in die Mähne des Pferdes verborgen; jetzt hob ſie es empor, und es ſtanden in ihren Augen keine Thränen mehr, und ihre Miene war nicht mehr traurig, ſondern ein zu Marco wendete. „Ich will ſtark ſein und hoffen und glauben“, ſagte ſie mit voller lauter Stimme. Dann grüßte ſie ihn mit einem leichten Nicken ihres Hauptes und wen⸗ dete ſich um und eilte zu ihrer Mutter hin. Den gan⸗ zen Tag kam kein Wort der Klage mehr über ihre Lippen. Geſchäftig war ſie bei ihrer Arbeit, gehorſam dem ſtrengen Willen ihrer Mutter. Wenn dennoch zu⸗ weilen ſich eine Thräne aus ihrem Herzen heiß und glühend in ihre Augen drängte, ſo fuhr ſie raſch mit der Hand darüber hin und wiſchte ſie fort. Sie wollte nicht weinen, ſie wollte muthig ſein, hoffnungsvoll und ſtark. Der Tag wird ja auch vorübergehen, und nach ſeinen Geſchäften und ſeinen armſeligen Thaten wird ſie doch auf ihrem Zimmer allein ſein können und da wird ſie ihren Gedanken, ihren Hoffnungen für die Zukunft nachhängen, und da hat ſie das ſchöne In⸗ ſtrument, dem ſie all ihre Luſt und ihr Leid klagen kann. Es iſt ihre einzige Freundin, ihre einzige Ver⸗ traute, und was ſie Niemandem ſagen kann, das wird in dieſer Nacht aus den Saiten zu Gott emportönen. leiſes Lächeln umſchwebte ihre Lippen, als ſie ſich jetzt Siebentes Kapitel. Nachtgedanken. Spät in der Nacht iſt der Herr Paſtor in ſeinem Studirzimmer noch wach. Er hat ſeine Predigt me⸗ morirt und iſt jetzt damit fertig, das heißt, er hat den Text auswendig gelernt; aber es bleibt doch noch etwas für die morgende Predigt zu thun übrig, etwas ſehr Wichtiges. Der Herr Paſtor elels ſich von ſeinem Lehnſeſſel und geht zu ſeinem Schreibſecretär hin. Aus der großen Schatulle, die er mit einem Schlüſſel, den er ſtets bei ſich trägt, immer feſt verſchloſſen hat, holt er jetzt ein ziemlich großes, viereckiges, in Papier ein⸗ gewickeltes Packet hervor. Die geſtrenge und ernſte Frau Paſtorin würde ſehr erſtaunt ſein, den Gegenſtand zu ſehen, welchen 145 der Herr Paſtor jetzt aus dem Papier hervorholt und den er ſich von ſeiner jüngſten Reiſe aus Königsberg mitgebracht hat. Es iſt ein Spiegel, ein ziemlich großer ſchöner Spiegel in ledernem Futteral. Sonſt befindet ſich in dem Studirzimmer des Herrn Paſtors nicht ſolch weltliches Möbel. Was hat der fromme Diener des Herrn auch zu ſchaffen mit ſolchen überflüſſigen eitlen Dingen! Was kümmert es ihn, ſich zu betrach⸗ ten und mit der Citelkeit der Welt ſich zu beſchäf⸗ tigen! Es iſt genug, daß drunten im Beſuchzimmer der Frau Paſtorin ein ſolches überflüſſiges Möbel vorhan⸗ den. In dem Studirzimmer des Paſtors, in welchem ſich nichts befindet als der große, mit Papieren be⸗ ladene Schreibtiſch und die ſchweinsledernen hundert und hundert Bücher in den hölzernen Regalen an den Wänden, und der große altmodiſche Schreibſekretär mit dem lederbezogenen Lehnſtuhl davor, in dieſem ſtreng asketiſchem Zimmer iſt kein Raum und keine Stelle für den Spiegel geweſen. Aber jetzt in dieſer nächtlichen Stunde leuchtet es plötzlich auf in dem as⸗ ketiſchen Gemach und es ſpiegeln ſich in ihm die bei⸗ den Talglichter auf dem Schreibtiſche des Herrn Pa⸗ ſtors, und die Bücher und Regale ſchauen verwundert hinein in das glänzende Glas und fragen ſich, ob ſie Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. II. 10 146 das ſind, ſie mit ihrem Staub und ihrer altmodiſchen Herrlichkeit, die ihnen da entgegenſtrahlen. Der Paſtor ſetzt den fremden Kaſten, der wie ein Paradiesvogel in Lappland ſich ausnimmt, auf den Abſatz des Schreibſekretärs und dann ſtellt er ſich vor denſelben hin und beginnt mit lauter Stimme zu ſprechen. Was ſchadet es, wenn man es auch hört? Man weiß ja, daß er memorirt. Er beginnt mit lau⸗ ter Stimme die Kraftſtellen aus ſeiner morgenden Pre⸗ digt, und während er die Arme emporhebt und ſie dann zurückwirft auf ſeine Bruſt, beobachtet er ſich im Spiegel, um zu prüfen, ob die Mimik würdig ſei der frommen Rede, und ob ſie ſeine Gedanken wieder⸗ gibt und künſtleriſch ſchön ſeine Worte unterſtützen könne. „Flieht, flieht, meine Theuren“, ruft er jetzt mit lauter emphatiſcher Stimme und ſtreckt die Hände ab⸗ wehrend von ſich aus,„flieht den Teufel, der in Men⸗ ſchengeſtalt Euch verfolgt.“ Sehr gut!“ unterbrach er ſich ſelber, indem er ſich in dem Spiegel betrachtete.„Mich dünkt, dieſer Ausdruck des Entſetzens mit den weitaufgeriſſenen Augen wird einen großen Eindruck machen! Ich will mir das merken.“ Er wiederholte noch einmal dieſes rhetoriſche Kunſt⸗ 147 werk und nickte ſich dann ſelber zu.„Ich erkenne erſt jetzt, wie wichtig ſolche Studien ſind. Ich habe das geſehen an meinem erhabenen und würdigen Meiſter, dem großen, klugen und weitſchauenden Meiſter Ebel. Er verſteht die Kunſt der Rhetorik aus dem Grunde, und nicht blos mit ſeinen Worten, ſondern auch mehr noch vielleicht mit ſeinen Mienen und ſeinem gottſeligen ſchönen Angeſichte gewinnt er Jünger für ſeine heilige Lehre. „Und für ſich ſelbſt Jüngerinnen“, flüſtert der Herr Paſtor mit einem leiſen Lächeln. Er iſt ein weiſer Hirt und ein frommer Diener ſeines Herrn und er weiß, wie man die Welt ſich zu eigen macht durch die Frauen.“ Er erſchrak vor ſeinen eigenen Worten und warf einen ſcheuen Blick in dem Gemach umher. Dann, als er ſah, daß nirgends die kleinen grauen Augen der Paſtorin ſichtbar waren, wiederholte er mit leiſem Kopfneigen noch einmal. „Durch die Frauen! Jüngerinnen führen Jünger herbei. Und wie Ebel ſagt, die Seelenbräute führen die Welt zu der heiligen Hochzeit des Glaubens und der Kirche. Er kennt die Frauen und weiß, welche Macht ſie beſitzen, und weiß auch, welche Macht ein ſchönes, ausdrucksvolles Männerangeſicht über ſie be⸗ 10* 148 ſitzt. Ausdrucksvoll ſei Deine Geberde, ſo ſagte er zu mir bei unſerem Scheiden. Erhaben ſei Deine Miene und nicht verſchmähen darfſt Du es als ein guter Prediger, auch ein guter Schauſpieler zu ſein. Schon manches Frauenherz iſt durch eine edle Geberde ge⸗ wonnen worden; die großen, zum Himmel aufgeſchla⸗ genen Augen eines frommen Predigers haben ſchon manches Weib zur Zerknirſchung und zur Reue geführt, und ſie hat in den Augen des Mannes den Himmel geſehen, zu dem er hinblickt. Ich habe mir dieſe Worte des frommen und klugen Ebel wol gemerkt und ich will von ihm lernen die edle Geberde und das aus⸗ drucksvolle Mienenſpiel.“ Er begann wieder mit lauter Stimme ſeine Pre⸗ digt zu deklamiren, während er aufmerkſam dabei ſeine Mienen ſtudirte und einzelne Stellen, bei welchem ihm die Mimik noch mangelhaft und nicht ausdrucksvoll genug erſcheinen mochte, mehrfach wiederholte und in verſchiedener Weiſe probirte. Auf einmal unterbrach er ſich wieder in ſeinen rhetoriſchen Studien, ſchüttelte unwillig über ſich ſelbſt ſein Haupt und machte ſeinem Spiegelbild ein düſteres Angeſicht:„Ich erkenne Dich gar nicht“, ſagte er zu ihm,„Dein Angeſicht iſt ſonſt ſo ausdrucksvoll, Deine Miene iſt ſo beweglich und Du verſtehſt es ſo gut, ———— 149 eine ſtolze, hoheitsvolle und edle Miene anzunehmen, warum will denn das Schmachtende, Entzückte, Him⸗ melſtürmende Dir gar nicht gelingen? Ebel iſt darin Meiſter und die Frauen finden ihn unwiderſtehlich, wenn er ſo ganz wie in Verzückung die Augen gegen den Himmel wendet. Das mußt Du lernen! Wir ha⸗ ben es nach dem Vortrag von Ebel mehrmals ſtudirt und geübt! Ja, ja, das mußt und das ſollſt Du ler⸗ nen, denn ſolche Mienen entzücken die Frauen. Und die Baronin“, fuhr er mit leiſe gedämpfter Stimme fort,„die Baronin zudem iſt eine Italienerin, und die Italienerinnen lieben das lebhafte Mienenſpiel. Sie verſtehen es, zuweilen ganz ohne Worte zu reden. Ich möchte dieſe Frau gewinnen, ich möchte ſie für mich begeiſtern, und wäre es auch nur, um meinem lieben Herrn Bruder damit ein Aergerniß zu bereiten; er hat mir deren ſo viel bereitet, und die Rache iſt ſüß im Herrn! Alſo ſtudiren wir nochmals den begeiſternden Augenaufſchlag und das ſelige Lächeln der Ver⸗ klärung.“ Lange noch ſetzte der Herr Paſtor ſeine Studien fort und dann, als ſie beendet waren, als der Herr Paſtor vorſichtig ſeinen Spiegel wieder verhüllt und ihn ſorgfältig wieder in der Schatulle des Sekretärs ver⸗ borgen hatte, nickte er mit einem befriedigten Ausdrucke. 150 „Ich werde morgen Eindruck machen“, ſagte er lächelnd zu ſich ſelber,„die Männer werden bei den Kraftſtellen, wo ich die Augen rolle und die Stirn in Falten lege und drohend die beiden Fäuſte erhebe, in Entſetzen gerathen, und die Frauen werden entzückt ſein von meinen himmelwärts gerichteten Augen. Ja, ja, ich werde morgen Eindruck machen. Und nun“, ſagte er dann mit verändertem Tone zu ſich ſelber, „nun darf ich mir auch erlauben, eine Viertelſtunde noch Menſch zu ſein und Mann! Das heißt ein Mann, welcher auch ein wenig dem Vergnügen ſich hingibt, welches jetzt die Wonne aller Männer iſt, ein Mann, welcher ſeine Cigarre raucht.“ Wenn er ſich jetzt hätte im Spiegel ſehen können, ſo würde er ſeinem Bilde dort die höchſte Zufrieden⸗ heit haben ausdrücken können über das beſeligte Lächeln, welches eben über ſeine ſonſt ſo ſtarren und feierlichen Züge flog. Mit dieſem beſeligten Lächeln öffnete er eine an⸗ dere verborgene Schatulle in ſeinem Schreibſekretär und nahm daraus ein braunes, längliches Käſtchen hervor, deſſen Deckel er öffnete, mit liebkoſendem Blicke den Inhalt betrachtend. „Wie lieblich, wie ſchlank und glatt und duftend ſie daliegen“, ſagte er lächelnd;„wirklich es war eine 151 prächtige Idee von dem lieben Candidaten Johannes Streber, mir dieſe Cigarren zu bringen, und auf welche liebenswürdige feine Weiſe er mir das Geſchenk anbot! ,..—.„ 4 ₰. Ja, ja, er iſt ein feiner Kopf und er verſteht es, die heimlichen Gelüſte der Menſchen zu beobachten und ihnen zu huldigen! Sagte mir mit entrüſteter Miene, er habe ſeinen Zögling, den jungen Grafen von Liebe⸗ traut getroffen, wie er eine Cigarre rauchte, und da 8 habe er in ſeiner Entrüſtung ihm die ganze Kiſte mit Cigarren fortgenommen und ihn verklagt bei der Frau Gräfin. Die Frau Gräfin war ſehr zufrieden mit ihm und bat ihn die ſchönen Cigarren zu behalten und aufzubewahren. Und da kam nun die Verſuchung über den guten Candidaten Streber— ſo ſagte er mir we⸗ nigſtens— und er fühlte ſich vom Geruche der Ci⸗ garren wie bezaubert, daß er wider ſeinen Willen da⸗ nach griff— und wider ſeinen Willen von den ſchö⸗ nen Cigarren rauchte. Es war eine Verſuchung des Teufels, ſo ſagte mir der junge Johannes Streber, und er geſtand mir, daß er ihr nicht widerſtehen könnte. Deshalb rettete er ſich vor der Verſuchung, indem er mir die Cigarren brachte und mich bat, ſie aufzubewahren.“ „Ja, ja, es war eine feine Art, ein Geſchenk zu machen und ſich den Anſchein zu geben, als wüßte er —— 152 nicht, daß ich leider auch zuweilen vom Teufel ver⸗ ſucht werde und dieſen höchſt ſinnlichen Genüſſen mich hingeben muß wider meinen Willen!“ Er nahm aus dem kleinen Kiſtchen eine dieſer „lieblichen, ſchlanken, glatten und duftenden Dinger⸗ chen“ hervor und brachte es mit dem ſchnell angezün⸗ deten Schwefelholz in Brand. Aber als das erſie blaue Wölkchen fröhlich emporzog, erſchrak der Herr Paſtor ſelber vor dieſer blauen Dampfwolke und ſchaute angſtvoll in dem Gemache umher. „Wenn nur Cornelia morgen nichts merkt“, ſagte er; ſie hat eine ſo ſcharfe Naſe und wittert Alles aus. Es würde einen großen Scandal geben, wenn ihre ſcharfe Naſe die Unthat röche, die ich eben, der Ver⸗ ſuchung des Teufels erliegend, begehe. Aber freilich“, tröſtete er ſich ſelbſt,„wenn es geſchähe, ſo bleibt mir noch übrig es nicht zuzugeben und der guten frommen Spürnaſe begreiflich zu machen, daß der Teufel ſie neckt und ihrer ſpottet!“ Er athmete wie erleichtert auf und fuhr lächelnd fort:„Sie kennt zum Glück dieſes geheime Fach in meinem Schreibſekretär nicht, denn dieſes Möbel iſt der einzige ſichere Aufbewahrungs⸗ ort für meine kleinen Geheimniſſe. Ich trage den Schlüſſel zu demſelben immer bei mir und ich hoffe wol, daß Cornelia niemals wagen würde, denſelben 153 von mir einzufordern. Alſo keine Furcht! Geben wir uns ganz den Genüſſen des Augenblickes hin! Doch öffnen wir lieber beide Fenſterflügel, damit der Dampf hinausgehe!“ Er ſchlich leiſe mit der Cigarre im Munde über den knarrenden Sand des weißen deckenloſen Fußbodens hin und öffnete leiſe auch den zweiten Fenſterflügel. Draußen lag die Welt in ſchweigender Ruhe da, und der ſchwarze ſternenfunkelnde Mantel der Nacht hatte ſich niedergeſenkt über alles Leid und alle Freude; über die, welche im glücklichen Schlaf auf ihren Betten ruhten, wie über die, welche ſchmerzgepeinigt die Hände emporrangen zu Gott; hatte ſich niedergeſenkt auf die Guten und Böſen und die Bilder des Entſetzens wie des Glücks mit ihren erſchütternden und glänzenden Farben alle ihres Glanzes und ihrer Farbe beraubt und ſie eingehüllt in die ſchwarze Farbe des Todes. Er blieb am Fenſter ſtehen und ſchaute hinaus in den dunklen ſchweigenden Garten, der vor ihm lag und deſſen Todesſtille nur zuweilen durch das Rauſchen der Blätter, durch welche der Nachtwind dahin fuhr oder durch das heiſere Gekrächze einer Krähe unter⸗ brochen ward, welche auf einem halb ſchon entblätter⸗ ten Baume ſaß und ihr Triumphgeſchrei über den kom⸗ menden Herbſt und Winter ertönen ließ. 154 Und wie der Herr Pfarrer ſo hinausblickte in den Garten, gedachte er der Scene des heutigen Morgens, als ſein ſchöner Neffe Marco mit ſeinem koſtbaren Geſchenke abgewieſen ward. Es freute ihn, daran zu denken, und er nickte ſich ſelber ſeine Befriedigung zu. „Dieſe ſtolzen Leute, welche vermeinen, daß ſie berechtigt ſind, uns Geſchenke darzubringen! Eine lächerliche Idee, einer jungen Predigerstochter ein Reitpferd zu ſchenken! Sieht aus wie Hohn, und es war doch ernſthaft gemeint in ſeiner Naivetät. Sie kennen ſo wenig von unſerer Welt und unſerem nor⸗ diſchen Leben, dieſe heißblütigen, ſtolzen, reichen Süd⸗ amerikaner, und ſie meinten, aus einer Paſtorstochter ihresgleichen machen zu können, das heißt weltlich ge⸗ ſinnte, an Glanz und Luxus hängende Menſchen!— Freilich“, ſagte er dann, indem er einen langen Zug aus ſeiner Cigarre that und das blaue Rauchwölkchen hinausblies in den dunklen Garten,„freilich, es muß ſchön ſein, reich zu ſein; es muß himmliſch ſchön ſein, unabhängig zu ſein von aller Welt, ſeinen Wünſchen, ſeinen Begierden allein Gehör geben zu können. Warum iſt es mir verſagt, warum muß ich der ältere Bruder, in demüthiger Abhängigkeit den elenden Gehalt eines Dorfpfarrers annehmen und mir noch das Anſehen geben, als ſei ich ganz zufrieden damit, während der 455 jüngere Bruder unabhängig iſt, in Herrlichkeit und Pracht und Reichthum dort oben thront auf dem Schloß unſerer Ahnen! Mein war die Stelle, mir gebührt ſie allein, und ich habe ſie nicht und ich muß meinen Zorn hinunterwürgen in meine Bruſt und muß noch demü⸗ thig, chriſtlich und zufrieden erſcheinen! Es nagt an meinem Herzen und ich hale zuweilen das Gefühl eines ſolchen tollen, glühenden Haſſes, daß ich meine Fauſt aufheben und ihn niederſchlagen möchte!— Still, ſtill“, unterbrach er ſich dann,„ſelbſt die Nacht darf nicht ſolche Worte vernehmen, mit welchen der Teufel mich verſucht. Sei ſtill, du böſer Feind, verlocke nicht mein Gemüth und zwinge mich nicht, die heimlichſten und fürchterlichſten Gedanken meines Herzens zu verrathen! Und doch“, fuhr er wieder lebhafter fort,„ich fühle es, daß ich ihn haſſe! Ja, und wenn wir uns dort un Südamerika oder dort im Walde begegnet wären und Niemand wäre bei uns, dann— ich glaube es zu meinem eigenen Schmerze— dann würde ich meine Fauſt aufheben und würde ihn niederſchlagen wie einen tollen Hund! Ah, ich würde vielleicht nicht einmal Gewiſſensbiſſe darüber empfinden; ich würde ſein Erbe, ich würde reich ſein, ein Millionär! Das heißt, mir würde die Welt gehören! Und wie wollte ich meinen Reichthum anwenden? Mein Gott, ich wollte ihn ja 156 nicht für mich, wollte ihn ja nur für die Leidenden, für die Unglücklichen, wollte ihn nur für die Verherr⸗ lichung des Glaubens, wollte mir nur durch die Reich⸗ thümer die Herzen der Menſchen gewinnen, daß ſie ſich bekehren zum Glauben!— Stlll, ſtill, ihr böſen Ge⸗ danken! Ich will euch nicht haben! Ich wollte mich nur des ſchönen Momentes freuen und ich habe meine herrliche Cigarre faſt vergeſſen. Nehmen wir alſo eine andere, und ſie ſoll mir die Mordgedanken in Schlaf einlullen.“ Er warf die halb ausgebrannte Cigarre hinunter in den Garten.„Das iſt nicht unbeſonnen und nicht gefährlich“, ſagte er lächelnd.„Findet meine gute Cor⸗ nelia morgen die Cigarre, ſo kommt ſie auf Rechnung unſeres Sohnes.“ Er nahm eine zweite Cigarre und zündete ſie an und ſetzte ſich mit derſelben nieder auf den Großvater⸗ ſtuhl neben ſeinem Schreibſekretär, und mit innigem Behagen gab er ſich jetzt ganz dem Genuſſe hin, ſog aus der prächtigen reinen Havanna den Duft in lan⸗ gen Zügen ein und ließ dann langſam die blauen Wölkchen aus ſeinen Lippen hervorquellen. „Ich wäre doch neugierig“, ſagte er dann nach einer langen Pauſe lächelnd zu ſich ſelbſt,„wirklich neugierig zu wiſſen, ob die Cigarren, welche Georg von 157 dem lieben Couſin Marco erhalten hat, auch ſo präch⸗ tig und ſo duftig ſind? Ich werde morgen einen klei⸗ nen Coup machen, er wird vielleicht wieder mit der Cigarre erſcheinen, und ich werde dann empört ihm ſagen, daß er die Sonntagsfeier mit ſo weltlichen Dingen entheiligt hat und werde ihm zur Strafe ſeine Cigarren abnehmen und ſie verſchließen.— Ja, ja das geht“, fuhr er lächelnd fort;„ich habe von mei⸗ nem Johannes Streber gelernt, wie man die Welt überliſtet und ihnen dieſe ſchönen Cigarren entzieht. Ja, ich werde morgen Georg's Cigarren mit Beſchlag belegen; vielleicht wird er ſie, wenn er übermorgen abreiſt, wieder fordern; aber ich werde ſie unter irgend einem Scherzwort zurückbehalten und Niemand wird etwas davon merken!“ „Aus Südamerika“, ſo ſagte Georg,„erhält mein lieber Bruder, der Baron, ſeine Cigarren. Ja, er darf das thun, er dar ſich ſonder Scheu allen irdiſchen Genüſſen hingeben. Er iſt ſehr glücklich, beneidens⸗ werth glücklich, und dann beſitzt er noch eine Tugend, die ich leider nicht habe, oder vielmehr es fehlt ihm eine Tugend, die ich beſitze; er iſt nicht ehrgeizig! Ihm genügt es, droben auf ſeinem Schloſſe zu ſitzen, mit vier Pferden durch die Welt zu fahren und das zu ſein, was er einen freien Mann nennt; ihm iſt's ge⸗ 158 nug, reich zu ſein; er dürſtet nicht nach Ehre und Anſehen, nach Titeln und Orden, wie ich es thue im Dienſte Gottes. Ich will vorwärts, ich muß hinaus in die Welt; ich habe es jetzt wieder gefühlt, da wir zu Königsberg waren. Dieſe elende Pfarrſtelle genügt nicht meinen Wünſchen und meinen Talenten. Als ich den Biſchof ſah in ſeinem Talar mit dem goldenen Ordenskreuz vor der Bruſt, als ich ſah, wie alle Pre⸗ diger ſich vor ihm neigten, wie der König ſelber mit ehrfurchtsvollem Gruße ihm entgegenging und ſein Haupt vor ihm neigte, da fühlte ich es in meinem Herzen wie Feuer aufflammen, und da ſagte ich mir: du biſt aus demſelben Holz, aus welchen man die Bi⸗ ſchöfe macht, und du mußt hinauf zu Ruf und Ehr, zu Amt und Anſehen! Hätte ich die Millionen des Barons von Schwing, wahrlich ich würde in kurzer Zeit aufwärts ſteigen; denn ich weiß es wohl, Nie⸗ mand iſt unempfänglich gegen Geld und Niemand iſt unbeſtechlich! Es kommt nur darauf an, wie hoch die Summe iſt, die man zu bieten vermag. Er hat große Summen, mein Bruder Alphons; was könnte aus mir und was aus meinem Sohne werden, wenn wir ſo reich wären! Auch Georg iſt ehrgeizig, er hat es mir ſelbſt geſagt, er will Carrière machen. Ach, wie an⸗ ders dieſer Marco dieſer ſchöne, junge, reiche Baron, 159 dem alle Welt entgegenlächelt, der nur die Hand aus⸗ zuſtrecken braucht, um Alles ſein Eigen zu nennen, was er begehrt! Und der Menſch iſt zufrieden in ſeiner Familie zu leben, auf ſeinen Gütern Freunde um ſich zu ſehen und der Mäcen zu ſein für die jungen Leute, die ſeiner luculliſchen Mahle ſich freuen. Ja, dieſer Marco!“ fuhr er mit einem gehäſſigen Ausdrucke fort, „ich glaube, er kann Unheil für uns bringen! Er gibt ſich den Anſchein, meine Tochter zu lieben, und ſie, das fürchte ich, liebt ihn wirklich!— Nun!“ rief er mit einem heiſeren Hohnlachen,„nun, es wäre ja eine ganz hübſche Partie! Die Tochter zöge dann hinauf auf das Schloß, und der Paſtor und die Frau Pa⸗ ſtorin könnten dann Sonntags unten an ihrem Tiſche ihre Plätze nehmen und ein üppiges Mahl als Gnaden⸗ geſchenk der Liebe annehmen! Das würde mir gerade paſſen, den Marco zu meinem Schwiegerſohn zu haben und mich beugen zu müſſen vor ſeinem Geld, und meine Tochter als die Schloßherrin anzuerkennen! Ich, der arme demüthige Pfarrer, ich und meine Frau, wir könnten uns noch freuen, wenn ſie die Verwandtſchaft mit uns anerkennten, und es wäre für mich noch eine große Huld, wenn ich die Ehre haben könnte, die Kinder zu taufen und ihre Namen ins Kirchenbuch einzutragen!“ Er ſchlug mit der geballten Fauſt heftig auf das 4 160 Kirchenbuch, welches neben ihm auf dem Schreibtiſch lag und in welches er zuvor einige neugeborene Mit⸗ glieder der Gemeinde eingetragen hatte.„Ja, ja! Da drinnen ſteht ſie geſchrieben die ganze Herrlichkeit“, fuhr er mit gehäſſigem Tone fort,„mit großer Fraktur⸗ ſchrift ſind da auf den erſten Seiten die Barone von Schwing verzeichnet und alle ihre Kinder! Es iſt eine lange Reihe von Ahnen; ich erquicke mich zuweilen daran, ſie anzuſchauen!“ Ganz unwillkürlich ſchlug er das große lederge⸗ bundene Buch auf und heftete einen Blick auf die große Frakturſchrift der erſten Seite, auf welche die halb niedergebrannten Talglichter in den gelben Leuchtern einen matten zitternden Schein warfen.„Da ſteht unſer Vater verzeichnet“, ſagte er,„hier die bei⸗ den Söhne, Wilhelm, der Erſtgeborene, und Alp der Zweitgeborene. Wilhelm iſt der Sohn einer hoch⸗ adeligen Mutter und er iſt Paſtor geworden, nichts weiter als Dorfpfarrer, und Alphons, der Sohn der getauften Jüdin, iſt Gutsherr, Patronatsherr, ein rei⸗ cher Mann! Gott hat uns Beide gleicherweiſe geſegnet, denn er gab uns Beiden einen Sohn und eine Tochter; warum hat er uns nicht auch gleicherweiſe hons, geſegnet mit Glücksgütern?— Hier ſtehen meine Kinder, die Kinder des Pfarrers, Georg und Sophie.“— 164 Plötzlich zuckte er zuſammen und ſtarrte auf den Namen ſeines Bruders hin.„Da fehlt etwas!“ ſagte er haſtig;„merkwürdig, daß ich bis jetzt nicht daran gedacht! Das iſt ein ſchlimmer Fehler in meinem Kirchenbuch; ich habe vergeſſen, die Frau und die Kin⸗ der meines Bruders pflichtſchuldigermaßen einzutragen in das Kirchenbuch. Ja, pflichtſchuldigermaßen! Denn er iſt heimgekehrt und iſt wieder der Guts⸗ und Pa⸗ tronatsherr, und die Bücher müſſen ordnungsgemäß ſein! Das würde ſonſt einmal, wenn ich hier fort⸗ ginge, ein ſchlechtes Licht auf den Herrn Paſtor wer⸗ fen, wenn ich das Kirchenbuch nicht in Ordnung hielte! — Das habe ich vergeſſen ¹“ rief er, indem er aufſtand und haſtig auf und nieder ging.„Es iſt ein großer Fehler. Ich muß meinen Herrn Bruder auffordern, mir ſeinen Trauſchein und die Taufſcheine ſeiner Kin⸗ der zu geben.“ Auf einmal blieb er ſtehen, und ein ſeltſames Blitzen war in ſeinen Augen. „Wie, wenn er nun den Trauſchein nicht hätte und nicht den Taufſchein, welcher den Sohn ausweiſt als ſeinen legitimen Erben?“ Er ſchwieg und horchte auf die böſen und ver⸗ lockenden Stimmen, welche in ſeinem Innern zu flü⸗ ſtern begannen. Jetzt dachte er nicht daran, daß es Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten II. 11 der Teufel war, der ihn verſuchte und mit böſen Ge⸗ danken ihn verlockte. „Es ſteht in dem Teſtamente ſeiner Mutter und ſeines Vaters alſo geſchrieben“, flüſterte er leiſe:„Der* Baron Alphons von Schwing erbt von ſeiner Mutter die Güter, die ſie gekauft und an ſich gebracht und deren Erbfolge, welche kraft der Zuſtimmung des Königs, auf ihn übergeht. Seine Söhne werden die Nachfolger des Majorats; nur eine Ausnahme gibt es: wenn der Baron keine legitimen Erben hat, oder wenn er eine nicht ſtandesgemäße Ehe eingegangen iſt, fallen die Güter an den älteren Bruder. Auch dann erhält er ſie, wenn der Baron Alphons von Schwing keine männlichen Erben hat.— Ja, ja, ganz genau ſo lau⸗ 3 tet das Teſtament! Es ſteht mit feurigen Lettern in meinem Herzen eingezeichnet, ſo lautet es. Es iſt aalſo ſchon deshalb dringend nöthig, daß der Baron ſeine legitimen Erben in das Kirchenbuch eintragen läßt und den Trauſchein mir übergibt, auf daß ich die Baronin von Schwing, geborene Gräfin von Apponi, 5 auch eintrage in das Kirchenbuch. Ich will das be⸗ ſorgen, es ſoll ſchon in den nächſten Tagen geſchehen, und— o Gott“, rief er auf einmal ganz laut und ein Beben ging durch ſeine hagere Geſtalt hin,„o Gott, wenn er nun nicht im Stande wäre, mir dieſen 3 163 Trauſchein zu übergeben und den Taufſchein ſeiner Kinder! Wenn er in ſeiner vornehmen Nachläſſigkeit dorten in den Urwäldern dergleichen irdiſche Dinge ganz überſehen und ganz vergeſſen hätte, wenn—— doch nein, nein, es kann nicht ſein“, unterbrach er ſich ſelbſt,„ſie haben, wie es ſcheint, ein ganz gutes Ge⸗ wiſſen, denn ihre Angeſichter ſtrahlen in friedlicher Ruhe und die Baronin iſt ſo ſtolz und ruhig, daß man wol ſieht, ſie fürchtet nichts, weder für ſich noch für ihre Kinder. Nein, nein, es war ein eitler Ge⸗ danke, der mich verlockte. Es wird Alles in Ordnung ſein, Alles! Doch erkundigen will ich mich, und gut iſt es in jedem Falle, daß Alles dem Geſetze gemäß regulirt werde. Ich will nicht zweifeln, daß mein Bruder ſeinen Trauſchein hat; ich will nicht zweifeln, ſo gern ich es auch möchte; ich will auch nicht zwei⸗ feln, daß ſein Sohn ein legitimer Erbe iſt. Ein ein⸗ ziger Sohn! Wenn er ſtürbe, ſo wäre ich der Erbe, ich und nach mir mein Sohn! Werde ich es noch er⸗ leben? Ich bin der ältere Bruder, aber ich bin ein geſunder Mann, und der Herr Baron von Schwing, mein jüngerer Bruder, iſt ein kranker Mann, wie er ſelber weiß; das hat mir der gute Doctor Berthold im Vertrauen ſchon geſagt, daß mein Bruder nicht mehr lange zu leben hat! Wenn Marco nicht wäre, 112 dann würde ich der Erbe ſein! Ja, wenn Marco nicht wäre!“ Und wie er ſo ſprach, hatte er ganz ſeine Cigarre vergeſſen. Er warf ſie achtlos bei Seite und hob die beiden Hände, zur Fauſt geballt, drohend zum Himmel auf, dann ließ er ſie langſam wieder niederſinken und athmete hoch auf, und ſeine blitzenden Augen verhüll⸗ ten ſich und ſein erregtes Geſicht nahm einen milderen Ausdruck an. „Ich will zu Bette gehen“, ſagte er dann;„der Teufel iſt lebendig in dieſer Nacht und ich fühle, er iſt bei mir und verſucht mein chriſtliches Gemüth. Weiche von mir! Apage, apage Satanas! Ich will noch ein Vaterunſer beten, bevor ich zur Ruhe gehe, das wird mich ſänftigen und mich wieder zu mir ſelber machen, zu einem chriſtlichen, demüthigen Diener Gottes!“ Er faltete ſeine Hände und begann laut zu beten: „Vater unſer, der du biſt im Himmel!“ ————— — 3— — Achtes Kapitel. Ein letzter Sonntag. Der Sonntagmorgen war angebrochen; hell war die Sonne aufgegangen und ihre Strahlen verwandel⸗ ten alle Thautropfen, die in den Aſtern und Georginen des Parkes hingen, in funkelnde Brillanten und über⸗ goſſen das altersgraue Schloß mit einem leuchtenden goldenen Jugendglanz. Der Schloßherr, Baron von Schwing, ſtand an dem geöffneten Fenſter, und mit innigem Behagen athmete er die reine morgenfriſche Luft ein und freute ſich des ſchönen erquicklichen Bildes, das weit vor ihm ſich ſeinen Blicken auſthat. Hier von dem einen Fenſter ſeines Eckzimmers aus hatte er den Anblick des ſchönen Parkes, deſſen dichtes Gebüſch ſich gefärbt hatte mit allen glänzenden ———— uu 166 Farben des Herbſtes; dort ſah er auf dem Teiche das Schwanenhaus, in der Mitte deſſelben die kleine zier⸗ liche Gondel, welche auf den von dem Morgenwinde gekräuſelten Wellen tanzte; weiter hin ſah er die lange Allee, zu deren beiden Seiten die letzten Herbſtblumen in ihren grellen Farben leuchteten, auf dem Wege das gelbe Laub, welches der Nachtwind von den Bäumen niedergeweht. Aus dem anderen Fenſter dagegen hatte er einen weiten Blick in die Landſchaft hinaus; zur Linken dort die gelben Stoppelfelder, auf denen die Schafe die letzte friſche Nahrung ſuchten; dort der grüne Wald auf dem Hügelgelände, daneben die Wieſen, an welche ſich der große Garten des Pfarrers mit ſeinem dichten Gebüſch anſchloß, und am Ende deſſelben das große Pfarrhaus. Unweit davon die Kirche mit ihrem ſpitzen Thurm inmitten des Todtenackers, deſſen Kreuze im Sonnenglanze leuchteten. Als der Blick des Barons ſich hinwendete auf dieſes Pfarrhaus, zuckte er leiſe zuſammen. „Ich weiß nicht“, murmelte er vor ſich hin,„ich weiß nicht, warum der Anblick dieſes Hauſes mich immer mit Schrecken erfüllt! Es iſt doch mein Bru⸗ der, welcher darin wohnt, mein Bruder, den ich wahr⸗ lich von Herzen liebe, obwol unſere Anſichten ſo ver⸗ 167 ſchieden ſind und obwol ich glaube, er erwidert meine Liebe nicht.“—— Ein leiſes Huſten unterbrach ihn in ſeinem Selbſt⸗ geſpräch und es ward ihm auf einmal ſo ſeltſam heiß und die Füße zitterten unter ihm. Er ſtützte ſich mit beiden Armen auf das Fenſter⸗ ſims und lehnte das Haupt hinaus, um die friſche Morgenluft einzuathmen. Aber gerade dieſe friſche, morgendliche Herbſtluft ſchien ſeiner armen Bruſt nicht wohl zu thun, denn der Huſten verſtärkte ſich und machte ſeine ganze hohe Geſtalt erbeben; auf einmal ſtieg es ihm wie glühendes Feuer aus der Bruſt empor auf die Lippen; mit einer haſtigen Bewegung zog er ſein Taſchentuch hervor und drückte es auf die Lippen, und dann, als er es zurückzog, war dieſes Tuch von Blut geröthet. „Schon wieder“, ſagte er mit einem tiefen Seuf⸗ zer zu ſich ſelbſt, indem er mit einem wehmüthigen Blicke hinſchaute auf das traurige Zeichen ſeiner Krank⸗ heit.„Schon wieder Blut! Der Tod ſendet mir ſeine Herolde, daß ſie mir ſagen ſollen, er werde bald zu mir kommen.“ „Ja, die Heimath tödtet mich mit ihrem rauhen Klima, an welches ich ſo lange Jahre nicht gewöhnt war, die Heimath tödtet mich; und doch ſehnte ich mich inmitten der herrlichſten, bezaubernſten Natur immer nach dieſen öden, rauhen Stätten meiner Fu⸗ gend! Nun bin ich da, und ſie werden mir den Tod bringen!— Ich will zum Arzt ſchicken, ich will ihm meine Leiden klagen; aber er ſoll wie zufällig kommen, Olympia darf nichts davon wiſſen; ſie hat um meinet⸗ willen ihre Heimath, ihre Jugenderinnerungen verlaſſen. Ich bin ihre Heimath, und ſie würde zittern für unſer Glück, wenn ſie wüßte—— nein, nein, ſie darf nichts wiſſen!“ Und der Baron ſchob das blutgeröthete Tuch tief in ſeine Bruſttaſche und trat vom Fenſter zurück an den Schreibtiſch, vor welchem er ſich niederließ und raſch einige Zeilen auf das Papier warf; dann klin⸗ gelte er dem alten ergrauten Diener, der ſofort in das Gemach eintrat; er winkte ihn dicht zu ſich heran: „Ludwig“, ſagte er,„nicht wahr, Du biſt mir treu und Du biſt verſchwiegen?“ „Ich denke, Euer Gnaden wiſſen das, ſagte der alte Mann mit einem faſt zärtlichen Blicke auf ſeinen Herrn.„Ich bin durch die ganze Welt mit Cuer Gnaden gewandert und hoffe, mich allerorten als treu bewährt zu haben, und ich denke, mein Alter wird mich auch vor unzeitiger Schwatzhaftigkeit bewahren. „— „. 169 Der Herr Baron können mir ſagen, was Sie wollen, ich werde verſchwiegen ſein.“ „Gut denn, Ludwig“, ſagte der Baron init leiſer Stimme, indem er haſtig das Tuch hervorzog und es dem Alten darreichte,„nimm dieſes Tuch und beſorge ſeine Reinigung, ohne daß Jemand ſieht und weiß, von wem es kommt.“ „Ach Gott“, ſeufzte der alte Mann mit einem tiefen Aechzen,„ſchon wieder, Herr Baron? Und ich muß immer vergeblich bitten, daß Sie der Frau Ba⸗ ronin—“ „Still, ſtill“, unterbrach er ihn;„das iſt es eben, Ludwig, Du ſollſt verſchwiegen ſein, Du ſollſt weder meiner Frau, noch meinen Kindern irgend etwas ſagen; doch will ich das, um was Du mich ſo oft bitteſt, erfüllen: ich will den Doctor kommen laſſen und mit ihm reden. Du ſollſt mich nachher in Gegenwart meiner Frau um die Erlaubniß erſuchen, in die Stadt zu gehen, und Du wirſt dann zu dem Herrn Doctor gehen und ihm ſagen, er ſolle hierherkommen. Aber ſchärfe ihm ja ein, daß er ſich den Anſchein geben ſolle, als komme er nur beſuchsweiſe.“ Er reichte dem alten Manne die Hand dar, und als dieſer ſie an ſeine Lippen drückte, fiel eine glühende Thräne auf dieſe Hand. 170 4 7 „Du liebſt mich?“ ſagte der Baron mit ſanfter Stimme,„Du liebſt mich und Du fürchteſt für mich?“ „Ja, ich fürchte, daß dieſes rauhe Klima Ihnen ſchadet, und ich möchte Euer Gnaden beſchwören, daß Sie es verlaſſen und wieder heimkehrten nach dem ſchönen Süden.“ „Haſt alſo auch Sehnſucht nach dem Süden?“ lächelte der Baron.„Ja, ja, man wandelt nicht un⸗ geſtraft unter Palmen! Mich ſtraft die Heimath da⸗ für, daß ich es ſo lange that; ſei aber ruhig, Ludwig, wir wollen auch fortziehen von hier, ich habe es be⸗ ſchloſſen und Alles bedacht! Ja, wir wollen fortziehen, mit dem nächſten Frühling ganz gewiß.“ „Warum nicht jetzt, Herr Baron?“ flehte der alte Mann;„die rauhen Herbſtſtürme beginnen ſchon zu heulen und zu pfeifen in der Nacht, daß es Einem grauſt in den Betten, und daß man ſich gar nicht mehr retten kann vor Froſt und Kälte. Aber es wird noch viel ärger kommen, viel ärger! Sie wiſſen ja, wie es voriges Jahr war, daß man wochenlang nicht aus dem Hauſe kommen konnte und wochenlang der Froſt mit ſo dicken Eisblumen an den Fenſtern ſaß, daß man nicht hinausſchauen konnte.“ „Ich weiß, guter, alter Ludwig! Man ſollte mei⸗ nen, Du wäreſt ein Kind des Südens; aber wir haben 174 es Beide in zwanzigjähriger Abweſenheit verlernt, Nord⸗ länder zu ſein! Uns friert, Ludwig, wir wollen von dannen ziehen. Doch nun beeile Dich, guter Ludwig, mache Alles bereit, und ich wiederhole Dir, ſei ver⸗ ſchwiegen, ſprich zu Niemandem von Deinen Befürch⸗ tungen und zeige Niemand das Tuch. Still, verbirg es raſch, ich höre die Stimme meiner Frau.“ Der alte Ludwig hatte kaum noch Zeit, das blut⸗ getränkte Tuch in ſeiner Taſche zu verbergen, als die Thür haſtig geöffnet ward und zwei Damen in der⸗ ſelben erſchienen, Beide mit lachenden Geſichtern, mit fröhlichen Mienen, Beide jung und ſchön, als wären 1 es zwei Schweſtern, und doch war die eine die Mutter der anderen. Dieſe ſchöne, ſchlanke Geſtalt, die zuerſt eintrat, dieſe Frau mit dem ſchwarzen, glänzenden Haar, mit den großen, flammenden ſchwarzen Augen, mit den roſigen Wangen und der klaren, hohen Stirn, das war die Mutter, das war Olympia, die Gemahlin des Baron von Schwing; und dieſe kleinere, jugendlichere Geſtalt mit dem lichtbraunen Haar und den großen blauen Augen ihres Vaters, mit den ſanft gerötheten Wangen und den purpurrothen Lippen, das war die Tochter Marie, das Kind des Nordens und des Sü⸗ dens zugleich; von dem Vater hatte ſie die blauen, großen Augen und das lichte Haar, von der Mutter die glühende Seele und das leidenſchaftliche Herz. Die beiden Damen waren in einfacher ſchwarzer Toilette, ohne irgend welchen anderen Schmuck, als ihre Schönheit und ihre Jugend; denn wer hätte Olympia, dieſe ſchöne Frau von achtunddreißig Jah⸗ ren, wol für eine Matrone halten mögen? Der Ba⸗ ron Alphons von Schwing würde Jeden, der das gewagt hätte, für einen Frevler erklärt haben! Ihm erſchien ſie noch immer in dem Strahlenglanze der Jugend und Schönheit, und er liebte ſie heute noch ſo feurig, wie er es damals gethan, damals, gleich in den erſten Tagen, da er ſie geſehen in den Urwäldern Südamerikas. Der Baron ſtreckte ſeine beiden Hände den gelieb⸗ ten Frauen entgegen und ſie eilten mit frohem Gruße zu ihm heran und ſchlangen Beide ihre Arme feſt um ſeine Geſtalt. Keine von ihnen konnte jetzt ahnen, daß er krank ſei und leidend; denn die Freude röthete ſeine Wangen und ſtrahlte in hellem Glanze aus ſeinen Augen. Er küßte ſeine Tochter auf die Stirne und wollte Olympia's Hand an ſeine Lippen ziehen, aber ſie bot ihm lachend ihren roſigen Mund dar.„Küſſe mich, Alphons, denn mich dünkt immer, wenn ich am Mor⸗ 173 gen Deinen Kuß auf meine Lippen empfange, iſt der ganze Tag für mich ein glücklicher und ein geſegneter! Küſſe mich, Alphons!“ Sein Kuß war heute glühender, länger; vielleicht dachte er, indem er dieſe geliebten Lippen feſt an die ſeinen preßte, daß er nicht mehr lange Zeit haben werde, ihr ſo das Siegel ſeiner Liebe auf den Mund zu drücken, und vielleicht trug dieſer Gedanke die Schuld, daß er jetzt, da er ſich wieder von ihr wandte, tief und ſchmerzlich aufſeufzte; aber er unterdrückte raſch dies Gefühl und bannte ein Lächeln auf ſeine Lippen. „Ihr kommt, mich zur Kirche abzuholen und zum Gottesdienſte, nicht wahr?“ fragte er. „Zum Gottesdienſte, ja!“ ſagte Olympia lächelnd; „aber es fragt ſich, ob es nöthig iſt, daß wir zum Gottesdienſte gerade in die Kirche gehen!“ Der Baron ſah ſie fragend an und blickte dann auf ſeine Tochter, die lächelnd ihm zunickte: „Ja, theuerſter Vater, das fragt ſich! Muß man denn in die Kirche gehen, um Gott zu dienen? In die von Menſchenhänden erbaute Kirche?“ Der Baron lächelte und hob drohend die Hand auf.„Still, ſtill“, ſagte er heiter,„das ſind gar weltliche Gedanken, würde mein frommer Bruder ſagen.“ 174 „Sicherlich, das würde er ſagen!“ rief Olympia und ihre Wangen flammten auf.„Ja, der Paſtor von Schwing würde das ſagen, aber nicht ſein edler geliebter Bruder! Die Kirche, in welche er uns rufen will, iſt wahrlich nur von Menſchenhänden gebaut, und mir ſcheint immer, Gott wohnt nicht in dieſer Kirche, denn Gott iſt die Wahrheit, und der Gott, von welchem Dein Bruder predigt, der weiß nichts von Wahrheit, nichts von Liebe und nichts von Freiheit! Es iſt ein Gott der Lüge, welcher die Menſchen zwin⸗ gen will, anders zu ſein, als ſie ſind: wir ſollen glau⸗ ben, daß dieſe Welt, die Gott ſo ſchön gemacht, nur ein Zuchthaus ſei für dieſe Sträflinge, aus welchen nach Deinem Bruder die ganze Menſchheit beſteht; wir ſollen auch nicht glauben an die allgemeine, ewige, allumfaſſende Liebe! Wir ſollen nur diejenigen lieben, welche die Hände falten und betend, mit frommen Redensarten auf der Lippe, ſich darſtellen, und wir ſollen haſſen und verfolgen die, welche anders denken, als wir. Das eben empört mich, wenn ich ihn ſo von der Kanzel donnern höre! Es iſt keine Frömmigkeit in all ſeinen frommen Worten; er iſt ein Eiferer, aber kein wahrhaft frommer Menſch, und darum vergib mir, theuerſter Alphons, daß ich es Dir ehrlich ſagen muß, darum gehe ich nicht gern in die Kirche! Ich bin — 175 nicht fromm, wenn ich alle dieſe heuchleriſche, unduld⸗ ſame, chriſtliche Herrlichkeit da auskramen höre; ich ärgere mich, und das iſt doch wirklich nicht chriſtlich. Ich kann dieſes zelotiſche Weſen nicht vertragen und auch nicht begreifen, und ich geſtehe Dir, mein theurer Freund, es will mich dedünken, daß gerade der Zorn und die Heftigkeit Deines Bruders ſpeciell gegen mich gemünzt ſind. So oft er ſein Anathema gegen die Kinder dieſer Welt richtet und von den Leichtſinnigen und Lebensluſtigen ſo verachtend ſpricht, wendet er die Augen auf mich hin und ſein Blick iſt dann ſo drohend und zugleich ſo anmaßend, daß ſich mein Herz davor empört. Er haßt mich, der fromme Prediger, ja er haßt mich, und ich will es Dir bekennen, ich liebe ihn auch nicht. „Ich auch nicht, lieber, guter Vater“, rief Marie, die Hände zu ihm aufhebend und mit einem köſtlichen Lächeln ihn anſchauend,„ich liebe ihn auch nicht. Ja, ich geſtehe es Dir ehrlich und offen, er verleidet mir das Gebet; ich empfinde in der Kirche immer nur Oppoſition und ich möchte oft rufen:„Es iſt nicht wahr, was Du da redeſt; die Welt iſt kein Jammer⸗ thal, Gott hat ſie zur Freude geſchaffen!“ „Ja, Gott hat ſie zur Freude geſchaffen!“ rief Olympia mit aufleuchtendem Angeſicht,„und dieſer 4 176 Mann, welcher ſich einen Mann Gottes nennt, einen Auserwählten des Herrn, dieſer Mann will den armen, gequälten Menſchen nicht einmal eine Stunde des Glückes und der Freude gönnen! Sie ſollen zerknirſcht auf ihren Knien rutſchen und ſich nur dünken als die erbärmlichen, verachteten Geſchöpfe des Teufels, die b nur zu Gott kommen können durch Heulen und Win⸗ ſeln und durch Händefalten und Beten! Ach, ich glaube, der liebe Gott ſieht ein fröhliches Geſicht viel lieber als ein zerknirſchtes, und jedes glückliche Lachen 3 der Menſchen iſt ihm ein Gebei! Aber, mein Freund, wenn Dein Bruder dieſe Worte hörte, ſo würde er mich, wenn er es auch mit Worten vielleicht nicht thäte, doch ſicherlich in ſeinem Herzen, als ein verirr⸗ tes Schaf betrachten, als eine vom Teufel Verſuchte und Verfluchte, und würde glauben, das Recht zu b haben, mich zu verdammen. Er iſt ein Proteſtant, das heißt, er proteſtirt gegen alles Schöne und Poe⸗ tiſche, gegen alles Gute und auch— vergib mir, wenn ich es wage, ſo zu ſprechen— auch gegen alle Wiſſen ſchaft! Denn keine Wiſſenſchaft kann es geben, welche mir beweiſen will, daß ein ſolcher Gott des Zornes und der Verdrießlichkeit exiſtirt.“ „Bravo! Bravo!“ ſagte der Baron;„wilklich, Du biſt ein beredter Anwalt für Deinen Gott der 177 Freude und der Liebe, und doch, Olympia, ſind es nicht blos die proteſtantiſchen Prediger, welche von dem Gotte des Zornes und der Rache ſprechen, ſon⸗ dern auch die Prieſter Deines Glaubens, auch die Ka⸗ tholiken, thun daſſelbe.“— „Bin ich denn eine Katholikin?“ fragte ſie mit hochgehobenem Haupte und lächelndem Blick.„Wie, Alphons, bin ich denn eine Katholikin? Freilich, ich bin auferzogen und geboren in dieſer Religion; aber Du weißt, ich war kaum ein kleines Mädchen von zehn Jahren, als meine Familie aus Italien fliehen mußte, weil der blutgierige König Ferdinand meinen edlen Vater als einen Hochverräther zum Tode ver⸗ urtheilt hatte. Im Urwald aber, unter den rauſchen⸗ den Bäumen und den ſingenden Vögeln, im Urwald gibt es keine katholiſche und keine proteſtantiſche Kirche. Im Urwald, Alphons, lernten wir uns kennen, und als wir da unter dem grünen Dome der hundert⸗ und tauſendjährigen Bäume ſtanden, als wir uns unſere Liebe bekannten und zum ewigen Bunde und zum ewi⸗ gen Schwur der Treue unſere Hände ineinander leg⸗ ten, da gab es keine proteſtantiſche, keine katholiſche Kirche, da gab es nur einen Gott, der uns hörte, einen Gott, der alle Menſchenkinder liebt und ſie glück⸗ lich ſehen will.“ Mühlbach, Poteſtantiſche Jeſuiten II. 12 2 178 „Ja, Olympia, Du haſt Recht, da gab es nur einen Gott der Liebe“, ſagte der Baron, den Arm um die Geſtalt ſeines Weibes ſchlingend und ſie dicht an ſich drückend.„Zu dieſem großen, allmächtigen Geiſte der Liebe beteten wir damals und glaubten an ihn und ſchwuren ihm, daß wir ihm treu ſein wollten, das heißt treu der Liebe und uns ſelbſt! Und wir haben den Schwur gehalten, Olympia, bis zu dieſer Stunde und ſind durch das Leben gewandelt Hand in Hand in ſeligem Frieden, in ſeligem Glück. Es war ein ſchöner Tag, Olympia, da ich Dich fand, und wie ich eintrat in die armſelige Blockhütte Deines Vaters und Dich ſchaute, da war es mir, als wäre ich plötz⸗ lich in einen Zauberpalaſt verſetzt, und eine gute glück⸗ liche Fee trat mir leuchtend entgegen und grüßte mich und kündete mir das Glück meiner Zukunft! O, ich danke Dir, Olympia, daß Du mich gemahnt haſt an jene ſchöne Zeit.“ „Ja, es war eine ſchöne Zeit und es iſt noch eine ſchöne Zeit!“ flüſterte Olympia, mit Thränen der Rührung zu ihm aufblickend,„und nun komme ich, Alphons, mit einer recht großen Bitte an Dich, oder vielmehr wir Beide kommen mit dieſer Bitte, ich und Deine Tochter, und ſicherlich auch würde Marco ein⸗ ſtimmen, wenn er bei uns wäre.“ 179 „Nun“, fragte der Baron,„und worin beſteht dieſe Bitte?“ „Darin, Du Geliebter, daß Du uns wolleſt heute einmal wieder Gottesdienſt halten laſſen, wie wir es ſonſt gethan, ſonſt, da wir noch nicht mitten in der Civiliſation waren, wie es die klugen Leute nennen, das heißt mitten in der Proſa und in den gemauer⸗ ten Häuſern!“ „Weißt Du noch, Alphons, wie wir lange Jahre hindurch, als wir noch im Urwald lebten, unſern Sonntags⸗Gottesdienſt hielten? Der Urwald war un⸗ ſere Kirche, mein theurer Vater unſer Prediger, wir Beide mit meinen zwei Brüdern bildeten den Sänger⸗ chor, und unſere beiden Kinder waren die dienſtthuen⸗ den Chorknaben in der heiligen Kirche der Natur.“ „Ja, ich weiß es auch noch“, rief Marie mit einem glücklichen Lächeln,„ich erinnere mich noch ganz gut dieſer Sonntage, auf die wir Kinder uns die ganze Woche ſchon freuten. Ich verſichere Dich, lieber Vater, es geſchieht mir noch oft im Traume, daß ich uns ſehe in dem dunkeln weiten grünen Urwald, und ich wache dann auf vor Entzücken, wenn ich die Mut⸗ ter mit, ihrem Bruder und mit Dir ſingen höre, und es wird mir ganz traurig und melancholiſch zu Sinne, wenn ich erwachend merke, daß das Alles nur ein 180 Traum iſt! Laß uns einmal wieder ſolch einen Got⸗ tesdienſt feiern, lieber Vater, wie wir ihn in den Ta⸗ gen unſerer Kindheit in den Urwäldern Südamerikas feierten.“ „Ein ſeltſam Wünſchen, meine Theuren!“ ſagte der Baron mit einem trüben Lächeln.„Sagteſt Du nicht ſelbſt, Olympia, Dein Vater war der Prieſter, Deine Brüder waren mit uns die Sänger? Und wo ſind ſie jetzt? Alle hinuntergegangen in das Grab!“ „Nein, mein theuxrer Freund“, rief Olympia be⸗ geiſtert,„nein, ſie ſind Alle hinaufgegangen in den Himmel zu Gott, und Alle ſchauen ſie jetzt zu uns nieder mit ſeligen Blicken, mit einem freundlichen Erinnern, und Alle werden ſie bei uns ſein, wenn wir heute einmal wieder unſeren Gottesdienſt halten in unſerer Weiſe; glaube mir, Freund, da drinnen in der kalten Kirche, von Feldſteinen aufgebaut, mit dem ſcheinheiligen Pfarrer auf der Kanzel, der donnernd gegen das fröhliche Menſchenthum ſeine Hände erhebt und allen denen flucht, die nicht denken wie er, da drinnen ſind ſie nicht bei uns. Aber hier ſind ſie bei uns, und hier, wenn wir beten, wie wir ſonſt gebetet haben und andächtig ſind in unſerer Weiſe, hiex werden ſie uns ſchauen und wir werden ihre Nähe fühlen. Es iſt wahr, meine Brüder ſind todt, und 184 mein Vater, welchen ich den Prieſter nannte, der iſt auch nicht mehr ſichtbar zu ſchauen; aber unſere eigene Jugend lebt wieder auf in unſeren Kindern und dieſe werden ſingen, was wir einſt mit unſeren Brüdern ſangen, und Du mußt meines Vaters Stelle einneh⸗ men und Du mußt der Prieſter ſein, der uns das heilige Wort kündet aus ſeinem heiligen Buche. Marie verſteht die Muſik und ſie ſingt Dir die ſchönſten Arien unſerer großen Meiſter, wie ich ſie Dir einſt ſang.“ „Als ob Du nicht ſelbſt noch ſo ſchön zu ſingen verſtändeſt“, ſagte der Baron, ſie zärtlich anſchauend, „als ob Deine Stimme nicht noch ſo jung wäre, wie Dein ſchönes Angeſicht! Ich willige in Alles unter der Bedingung, daß Du mir heute von den Lieblings⸗ Arien Deines Vaters ſingſt, wie Du es ihm an je⸗ dem Sonntage thateſt, wenn wir ausruhten von der Arbeit und uns erinnern durften, daß wir noch etwas Anderes wären, als Tagelöhner, welche im Schweiße ihres Angeſichtes um ihr Leben arbeiteten.“ „Ich will ſingen, wenn Du es wünſcheſt“, rief Olympia zärtlich.„Meine ſchönſten und beſten Arien will ich Dir ſingen, mein Geliebter, und wir wollen Marco rufen, daß er mit Marie die Duette ſinge, die wir einſt ſangen; die ewige unſterbliche Muſik eines 182 Pergoleſe, eines Lotti und Händel ſoll uns heute wie⸗ der erklingen, wenn Du einwilligſt, daß wir fern blei⸗ ben von dem gemauerten Gotteshaus und unſere An⸗ dacht in unſerer Kirche, das heißt, in der Familie feiern.“ „Nun wol denn, ich willige ein!“ ſagte der Ba⸗ ron, mit einem zärtlichen Lächeln den beiden Frauen zunickend;„ja, ich willige ein, und ich will es Euch nur geſtehen, ihr bereitet mir wahrlich ein Labſal, obwol ich weiß, daß mein Herr Bruder uns zürnen wird, und obwol ich fürchte, daß er zu uns kommen mag, um uns eine Scene zu bereiten. Aber wir wer⸗ den daran gedenken, wenn er donnert, daß wir glück⸗ lich waren, und werden ihm vergeben, wenn er kommt, uns zu ſagen, daß wir ganz verlorene Menſchenkinder ſind. Laßt uns alſo hinuntergehen nach dem Muſik⸗ ſaale, da wollen wir unſeren Gottesdienſt feiern.“ Mit einem ſanften Lächeln nahm der Baron den Arm Olympia's und führte ſie hinaus, während Marie von dannen eilte den Bruder Marco zu holen. Ende des zweiten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. —— ————— —————— 5 U ſffffffffſſſſſſfſſſi 7 8 9 10 11 12 13 ſſſnſnſin 14 15 16 17