cher, engliſcher und franzöſiſcher Lite 3 veoen Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ieſebedingungen. 1. 0Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens vfan bis Abends 8. Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von L. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. ÜUnbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 3 1 bachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Nrt.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und d Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der adenpreis erſetzt werden.— Iſt das erriſſent, beſchnthte⸗ ver⸗ Voder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſer ſum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und w inders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen B icht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche d dafür zu ſtehen haben. n i mir geliehen, — 7 4 Hiſtoriſcher Roman von Louiſe Mühlbach. Erſter Band.* 2AH Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. prroteſtantiſche Jeſniten. — Erſtes Kapitel.. Cela va mal. Auf dem weiten Platze vor dem Palais des Kö⸗ nigs Friedrich Wilhelm III. drängt ſich die Menge. Tauſende und aber Tauſende ſtehen da, dicht an ein⸗ ander gepreßt, und immer größer werden die Schaaren des Volkes. Was bedeutet das? Kommen ſie immer noch, um die Stätte zu beſichtigen, die vor wenigen Tagen eine ſo feierliche Weihe erhalten hat? Kommen ſie, nur um zu ſchauen nach dem viereckigen eiſernen Gitter, welches ſich da am Ende der Linden, gerade dem Pa⸗ lais des Prinzen Wilhelm gegenüber erhebt? Innerhalb dieſes Gitters hat man vor acht Ta⸗ gen den Grundſtein gelegt zu dem Denkmal, welches auf Befehl des Königs ſeinem erhabenen Oheim, Frie⸗ drich dem Großen, errichtet werden ſoll. Aber er ſelbſt Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten I. 1 „ — 2 2 hat dem eingeſenkten Steine und der Urkunde doch nicht mehr die Weihe geben können. Sein Sohn, der Kronprinz, hat es gethan an ſeiner Statt. Und die 2 Glocken haben dazu geläutet und die Kanonen haben es laut verkündet, das herrliche Feſt der Erinnerung— das letzte, welches der König Friedrich Wilhelm III auf Erden begehen ſoll! Nein, nicht um des Denkmals willen, nicht um zu ſchauen nach dem eiſernen Gitter, ſind die Tauſende hier verſammelt auf dem weiten, ungeheuren Platze. Sie ſind gekommen, um Nachricht von dem Leben und Sterben des Königs zu erhalten. 1 „Der König iſt krank, der König liegt im Ster⸗ ben.“ Dieſe Kunde iſt in den letzten Tagen durch ganz Berlin gedrungen, und ſie hat die Leute aus den Häuſern hinausgetrieben, hin auf den weiten Platz vor dem Hauſe des Königs. Vornehm und gering, ſie Alle haben ſich beeilt, heute, da es heißt:„Der König wird heute ſterben“, hier zu ſein, um ſelber Nachricht zu erhalten, um ihr Beileid, ihre Theilnahme durch ihre Gegenwart zu zeigen. Vornehm und gering! Heute gibt es keine Stan⸗ desunterſchiede. In den dichigedrängten Maſſen dort ſteht der Graf neben dem armen Arbeiter, der Frei⸗ herr neben dem Taglöhner, und Einer fragt den 3 Andern theilnahmsvoll, mit betrübtem Blick:„Habt Ihr etwas gehört? Wie geht es dem König?“ Vornehm und gering ſteht da nebeneinander und ſchaut empor nach den Fenſtern des Palais, an dem ſich heute nicht wie ſonſt das Angeſicht des Königs zeigt, um die Vorbeigehenden zu grüßen. Sie haben dieſes Antlitz zuletzt geſehen an dem Tage der Grundſteinlegung von Friedrich des Gro⸗ ßen Denkmal. Einen Moment iſt es da erſchienen, bleich, eingefallen, mit erſterbendem Blick, und man hat dann geſehen, wie es zurückſank, dieſes Haupt, an die Bruſt der treuen Pflegerin, der Fürſtin Liegnitz. Heute zeigt ſich Niemand an dem Fenſter, und doch ſchauen die Menſchen mit fragenden Blicken empor. Zuweilen öffnet ſich die große Hausthür in der Mitte der Rampe des Palais. Irgend Jemand kommt heraus, und dann drängt ſich die Maſſe bis zu ihm heran und Jeder fragt:„Wie geht es dem Könige?“ Und das Kopfſchütteln und der traurige Blick ſind die nicht mißzuverſtehende Antwort. Die Tauſende wiſ⸗ ſen es jetzt Alle:„Der König liegt im Sterben. Hier und dort vor dem Palais haben ſich Gruppen gebildet von ernſt blickenden Männern, aus deren Geſichtern Muth und Energie ſpricht, und ſie ſtehen da und ſprechen leiſe miteinander.„Der König 1* wird ſterben und eine neue Zeit wird aufgehen über Preußen. Gott gebe, daß ſie Gutes bringe!“ „Und was glaubt man von dem Kronprinzen?“ fragt Einer in ſolcher Gruppe mit leiſer, gedämpfter Stimme. 1 „Es wird ein neues Regiment beginnen“, mur⸗ melte der Andere,„ein Regiment der Freiheit. So hat es der Kronprinz ſeinen Vertrauten und Freun⸗ den verſprochen und geſagt er will das Licht aufleuch⸗ ten laſſen über Preußen.“ „Gott gebe, daß es nicht blos das Licht von Altarkerzen iſt! Der Kronprinz iſt ein gar frommer Herr!“ „Fromm ſein iſt gut ſein“, bemerkte ein Anderer „wenn fromm ſein auch wahr ſein heißt. In der wahren Frömmigkeit liegt auch die wahre Freiheit“ Aber man munkelt allerlei und—“ „Was munkelt man?“ fragten Mehrere, ſich dicht herandrängend zu der Gruppe. „Man munkelt, daß der Kronprinz, wenn er Kö⸗ nig geworden iſt, vielleicht allzuſehr die Finſterlinge begünſtigen wird, obwol er ſagt, daß er das Licht bringt. Man munkelt, daß der Kronprinz den Pieti⸗ ſten, den Muckern geneigt ſei.“— „Die Zeit der Mucker iſt vorüber“, ſagt ein An⸗ 5 derer mit leiſem Kopfſchütteln.„Ihr wißt es ja, man hat das ganze Neſt der Mucker in Königsberg aufge⸗ hoben. Der Mucker⸗Apoſtel, der Archidiaconus Ebel, iſt ſchwer verurtheilt.“ „Aber das Urtheil wird nicht vollſtreckt werden“, ſagt ein Andrer achſelzuckend.„Glaubt es mir, es nahen ſchlimme Zeiten.“ „Nein, glaubt es nicht“, verſichert ein Anderer, ſes nahen gute Zeiten. Der Kronprinz iſt ein Mann des Lichtes.“ „Habt Ihr ſchon gehört“, fragt in einer andern Gruppe ein junger Mann die um ihn Stehenden, habt Ihr ſchon gehört, man ſagt, die Stadtverordne⸗ ten wollen, ſobald der König geſtorben iſt, ſich in corpore zu dem neuen König begeben und wollen ihn bitten um eine Conſtitution für das Volk?“ „Nein, nicht in corpore, ſie wollen eine Adreſſe an den König richten und ihn beſchwören, daß er das Wort erfülle, welches Friedrich Wilhelm III. 1813 ſeinem Volke gegeben: eine Ständeverſammlung beru⸗ fen zu wollen. Und dann werden wir ja ſehen, was der König darauf erwidert.“ „Der König!“ ſagt ein Anderer.„Noch lebt Friedrich Wilhelm III., und wer weiß, es kann ja 2 ein Wunder geſchehen. Seht, dort kommt wieder Einer aus dem Palais heraus.“— „Es iſt der Kammerherr v. Schmettau. Wie traurig er ausſieht!“ Nein, es iſt keine Hoffnung mehr, keine Hoff⸗ nung. Es ſteht ſo geſchrieben in dem blaſſen, traurigen Angeſichte des Kammerherrn. Keine Hoffnung! Und tiefere Stille trit ein in der Menge. Die Tauſende ſtehen und ſchauen zu dem Fenſter empor.„Der König liegt im Sterben!“ Das hat der Kammerherr den Nächſtſtehenden gekündet; und ſie iſt da⸗ hingefahren, die ſchmerzliche Kunde, über den Häuptern all der Tauſende, und leiſe rauſcht es wie mit den Schwingen des Todesengels über ihren Häuptern: „Der König liegt im Sterben.“ Hier und dort hört man leiſe Gebete murmeln, hört leiſes Schluchzen. Es find alte Männer, welche ſo wei⸗ nen. Sie weinen um den König, mit dem ſie einſt in ſchö⸗ nen Tagen ausgezogen ſind, zu kämpfen für die Freiheit des Vaterlandes. Sie tragen ihre Wunden auf der Stirne, ſie haben gekämpft als Helden, und ſie weinen jetzt als Helden, die ihrer Thränen ſich nicht zu ſchämen haben um den, der mit ihnen gekämpft hat. Auf einmal jetzt wird die tiefe Stille unterbrochen durch ein lautes donnerndes Geräuſch. Es iſt ein Wagen, der die Linden herunterrollt. 7 „Still, ſtill!“ ruft es aus der Menge. Und dro⸗ hende Fäuſte heben ſich empor gegen denjenigen, der es wagen kann, durch ſo lautes Geräuſch die feier⸗ liche Stille zu unterbrechen. Doch der Wagen donnert lauter heran, und jetzt dicht vor dem Palais hält er an. Einige von den Leuten erkennen jetzt den, welcher im Wagen ſitzt. Ein Murmeln geht durch die Menge. „Das iſt der Kaiſer von Rußland. Er kommt, ſeinen Schwiegervater noch zu begrüßen.“ Ja, es iſt der Kaiſer Nicolaus von Rußland. Er ſchaut auf die Menge und ſein Geſicht wird blei⸗ cher. Und ehe noch der Lakai Zeit hat, vom Wagen zu ſpringen und den Kutſchenſchlag zu öffnen, hat ſich die ſchlanke, ſtolze Geſtalt im Wagen ſchon erhoben und iſt haſtig aus dem Wagen geſtiegen. In dieſem Moment iſt ſelbſt der Kaiſer nur ein Leidtragender und ein Trauernder. Mit einem leichten Neigen ſeines Hauptes wendet er ſich zu der Menge hin und ruft mit lauter Stimme:„Der König lebt noch?“ „Ja, ja“, tönt es ihm entgegen von tauſend und tauſend Lippen,„der König lebt noch!“ Es bildet ſich ſchnell eine Gaſſe zu beiden Seiten der Rampe. Der Kaiſer, eng in ſeinen Militairman⸗ tel gehüllt, ſchreitet hindurch, die Rampe herauf und verſchwindet jetzt in der Thür des Palais, die ſich leiſe hinter ihm ſchließt. Drinnen iſt Alles ſtill. Die Lakaien, welche weinend auf dem Vorplatz ſtehen, neigen ſich in tiefer Ehrfurcht vor dem Kaiſer, er winkt ihnen mit der Hand zu und ſchreitet hinauf die mit Teppichen belegte Treppe, tritt ein in das Vorzimmer, in welchem die Diener auf den Knien liegen und weinen. Sie achten nicht auf den hohen Herrn, der an ihnen vorüberſchrei⸗ tet, hinein durch die offene Thür in das Gemach, in welchem eben ein König ſterben will! Dort auf dem einfachen Feldbett, dort liegt lang ausgeſtreckt eine bleiche Geſtalt, auf welche der Tod ſchon ſeine Hand gelegt. Die Augen ſind geſchloſſen, der Athem geht ſchwer hervor aus den bläulichen, zuckenden Lippen. Rings um das Lager ſtehen ſeine Kinder. In dieſem Augenblicke ſind ſie nicht Kaiſerinnen und Kö⸗ niginnen, nicht Fürſten und nicht Prinzen, es ſind die Kinder des Sterbenden. Ihre Augen ſind alle umdüſtert von Thränen; ihre Hände ſind gefaltet, ſie ſchluchzen und weinen leiſe. Nur zwei Augen ſind geöffnet, groß geöffnet und ſchauen nieder zu dem Sterbenden. Das ſind die großen, tiefen blauen Augen jenes Chriſtuskopfes, der 9 an der Wand über dem Sterbelager hängt und den man dort hingebracht hat auf den Wunſch des Königs. Aus der kleinen Hauskapelle hat man dies Bild holen müſſen, um es zur Seite über dem Lager des Ster⸗ benden aufzuhängen. Er hat dieſes Bild geliebt in guten und in in glücklichen Tagen, es hat zu ihm niedergeſchaut, ſo oft er in der kleinen Hauskapelle das Abendmahl genommen. Es hat auch zu ihm nieder⸗ geſchaut, als er es geſtern empfing aus den Händen des Biſchofs Eylert, hier auf ſein Sterbelager, das Schweißtuch der heiligen Veronica, welches Correggio gemalt und auf welchem in wunderbarer Verklärung das bleiche, blutbetröpfelte, dornengekrönte Antlitz des Erlöſers zu ſchauen iſt. Das Antlitz allein blickt ruhig, ernſt und erhaben nieder auf den Sterbenden. Seine Hände waren gefaltet; jetzt auf einmal öff⸗ nen ſie ſich und fahren zuckend nieder über ſeine Lagerdecke. Dieſe Lagerdecke, das iſt ein türkiſcher Shawl, welchen einſt diejenige getragen, die der König auf Erden am meiſten geliebt: die ſchöne, die edle, die tu— gendhafte Königin. Dieſer Shawl, welcher ihre Schul⸗ tern einſt bedeckte, ruht jetzt zur letzten Decke über der verfallenden Geſtalt ihres ſterbenden Gemahls. Eine leiſe Bewegung entſteht jetzt in dem ſtillen Trauergemach, als der Kaiſer auf der Schwelle er⸗ ſcheint. Die ſchlanke, luaewenhe bleiche Dame, die zu den Häupten ihres Vaters in ſtiller Trauer geſeſſen, hebt ſich empor und tritt dem Kaiſer entge⸗ gen. Sie reicht ihm beide Hände dar und aus ihren Augen ſtürzen die Thränen hernieder. Der Kaiſer legt. ſanft ſeinen Arm um ihre Geſtalt und drückt ſie an ſich und küßt die zuckenden Lippen ſeiner Gemahlin, der geliebteſten Tochter des ſterbenden Königs. Die andern„Kinder“, der Kronprinz Friedrich Wilhelm, die Großherzogin von Mecklenburg, die Prin⸗ zeſſin Louiſe und die Söhne des Königs wollen Alle dem Kaiſer entgegentreten. Er winkt ihnen leiſe mit der Hand, zu bleiben an der heiligen Stelle neben dei Sterbenden. Und nun tritt er ſelbſt heran, neigt ſich zu dem König nieder. Wie anders iſt jetzt die Begrüßung, als ſonſt in glücklichen Tagen! Sonſt, wenn der Kaiſer Nikolaus, der geliebte Schwiegerſohn des Königs zu ihm eintrat, nickte er ihm zu mit einem glücklichen Lächeln und reichte ihm die Hand dar und hieß ihn willkommen! Heute iſt er ganz gleichgiltig, ganz ſtill, und die Au⸗ gen, die ſich eben öffnen, ſtarren mit kaltem Blick zu ihm empor, zu ihm, der ſich tiefer neigt, um mit zärtlichen Worten ihn zu begrüßen. 44 14 Doch allmählich glänzt wieder ein Strahl des Lichtes, der Erkennntniß auf in den Augen des Kö⸗ nigs, und es ſcheint, er erkenne den Kaiſer, welchen er ſo geliebt hat. Nikolaus neigt ſich tiefer zu ihm nieder. „Comment cela va-t-il?“ fragt er mit ſanftem Ton. Und die bleichen, kaum noch beweglichen Lippen des Königs murmeln:„Cela va mal! Cela va mall,— Dann wird Alles ſtill. Es tönt wie Geiſterge⸗ flüſter noch in den Ohren aller Anweſenden wieder, dieſes letzte Wort, dieſer letzte Seufzer des Sterben⸗ den: Cela va mal! Niemand bewegt ſich! Athemlos iſt die Stille! Ja, athemlos! Der Leibarzt tritt heran und hält einen kleinen Handſpiegel vor den offenen Mund des Königs. Der Spiegel verdüſtert ſich nicht. Athemlos iſt die Stille! Er legt die Hand auf das Herz des Königs, und legt dann ſein Ohr an dasſelbe. Das Herz ſchlägt nicht mehr. Da richtet der Leibarzt ſich auf und ſagt mit fei⸗ erlicher Stimme: „Der König iſt todt!“ Nun ein lauter Aufſchrei des Schmerzes, Thränen ſtürzen aus den Augen aller ſeiner Kinder.„Der König iſt todt!“ Der Kaiſer Nikolaus wendet ſich um und reicht demjenigen, welcher eben noch der„Kronprinz“ Fried⸗ rich Wilhelm war, die Hand dar und ſagt mit lauter Stimme: „Dieu bénisse le gouvernement de Votre Ma- jesté!“ Ein franzöſiſcher Gruß, ein franzöſiſches Segens⸗ wort iſt das erſte, welches vor den Ohren des neuen Königs ertönt. Er achtet nicht darauf und ſinkt neben dem Lager des Geſtorbenen auf ſeine Kniee nie⸗ der und hebt die Arme hoch empor und betet laut: „Vater Unſer, der du biſt im Himmel“, und alle an⸗ dern Geſchwiſter folgen ſeinem Beiſpiel und beten alle laut:„Vater Unſer, der du biſt im Himmel.“— Im Nebenzimmer öffnet einer der Kammerherrn des geſtor⸗ benen Königs das Fenſter und winkt hinaus mit einem ſchwarzen Tuch.— Nun ward es draußen le⸗ bendig unter der Menſchenmenge, die hinaufgeſtarrt zu den Fenſtern. Sie wiſſen es jetzt, der König iſt todt, und das Volk bringt ſeinem Könige jetzt die letzte Huldigung dar! Von einem einzigen gemeinſamen Gefühl ergriffen, heben alle die Tauſende ihre Hände 13 und Arme empor und beten laut zu Gott für den Geſtorbenen. Auf einmal ertönt über den Häuptern der beten⸗ den Menge ein dumpfes Geräuſch, ein lauter Kanonen⸗ donner, und dann klingt es durch die Luft mit feier⸗ lichem Glockengeläut! Kanonen und Glocken künden es denen in den Vorſtädten und tönen es weiter hin⸗ aus:„Der König iſt todt! Es lebe der König Fried⸗ rich Wilhelm IV! Die neue Zeit iſt da! Möge ſie eine große, eine gute, eine ſegenbringende ſein!“ — Zweites Kapitel. Der König und der Czar. Die Trauer⸗Ceremonie war beendet. Der König Friedrich der III. iſt beſtattet. Sie haben ihn zuerſt gebettet drüben in den Dom und von dort in der Nacht ihn hingeführt nach Charlottenburg zum letzten Ausruhen an der Seite ſeiner Louiſe. Aber in dieſer Nacht der Beſtattung hat Berlin nicht geſchlafen. Die jungen und die alten Männer, ſelbſt die Frauen und Mädchen aus dem Volke ſind freiwillig gekommen, ihrem König das letzte Geleit zu geben. Unter dumpfem Trommelwirbel und Glockengeläute iſt die ſchweigende Menge dem königlichen Sarge ge⸗ folgt den langen Weg hinunter. Wie eine ungeheure ſchwarze Rieſenſchlange bewegte ſich der ſtille Zug, von 15 Fackeln geleitet, durch den nächtigen ſchwarzen Thier⸗ garten dahin, und nichts hat man vernommen, als Wei⸗ nen und Klagen, als leiſes Schluchzen und Gebetmurmel Und jetzt iſt Alles vorüber. Das Leben hat wie der ſeine Rechte und ſeine Anſprüche und fordert die Lebenden auf zu ihren Pflichten. Wen wohl mehr, als den Nachfolger des Königs Friedrich Wilhelm III, den jungen König, der, freilich ſchon ein Mann in ſeinem ſechsundvierzigſten Lebens⸗ jahre, aber als König noch ſo jung, ſo unerfahren iſt! Er fühlt und weiß es ſelbſt, und es beengt ihm die Seele. „Aber ich habe ja den beſten Willen“, ſagte er zu ſeinem Schwager, dem Kaiſer Nikolaus von Ruß⸗ land, der eben zu ihm eingetreten iſt, um vor ſeiner Abreiſe eine letzte Unterredung, ein letztes unbeobach⸗ tetes Abſchiednehmen von ſeinem königlichen Schwager zu haben. „Ja, ich habe den beſten Willen, meine Pflichten getreulich zu erfüllen, meinem Volke ein guter Köni zu werden, damit es einſt ſo um mich trauern und. klagen ſoll, wie es in dieſen Tagen getrauert hat um meinen edlen Vater. Ja, ich will der Vater meines Volkes ſein, ich will es glücklich machen. Ich habe mir das eben gelobt, da ich vielleicht zum zwanzigſten 16 Male das heilige Teſtament meines geliebten Vaters las.“ Der Kaiſer nickte leiſe und einen Moment flog ein ſeltſamer, ſpöttiſcher Ausdruck über ſein ſtolzes, ſchönes Geſicht hin. „Glücklich“, ſagte er, leiſe das Haupt wiegend, halb zu ſich ſelber und halb zu dem König.„Glück⸗ lich! Ja, wenn man nur erſt wüßte, wo das Glück zu finden iſt und worin es beſteht! Wiſſen Sie das, mein theurer Bruder?“ „Nun, ich denke, es beſteht darin, daß Jeder ſich ruhig und zufrieden fühlt“, erwiderte der König raſch. „Es beſteht darin, daß Jeder nach ſeinem Behagen leben kann.“ „Das wäre freilich ein paradieſiſcher Zuſtand“, erwiderte der Kaiſer lächelnd.„Jeder nach ſeinem Behagen leben? Wo könnte das ſein? Gibt man dem Einen Behagen, empfindet der Andere es als Unbeha⸗ gen; gibt man dem Einen ſein Recht, verletzt man da⸗ durch vielleicht die Rechte eines Anderen. Ich habe über dieſes Wort und noch zwei andere Worte viel nachgedacht“, fuhr er ſinnend fort.„Sie beſchäftigen mich ſeit dem Tage, da ich zur Regierung gelangt bin. Ich weiß für dieſe drei Worte immer noch keine rechte Deutung und Löſung. Da iſt zuerſt das Wort„Glück.“ 17 Ich bin dahin gekommen, es für eine Chimäre zu hal⸗ ten, und ich ſetze für dieſes Wort den Begriff„Pflicht“ und ſage zu mir ſelber: Ich will meine Pflicht als Kaiſer erfüllen und will meine Unterthanen lehren, auch von ihrer Seite aus ihre Pflicht zu erfüllen. Dann wollen wir verſuchen, ob in der Erfüllung der Pflicht das große Wort Glück zu finden iſt. Und ſo werden auch Sie es zuletzt erkennen müſſen, mein theu⸗ rer Freund und Bruder! Die Pflichterfüllung gibt ein reines Bewußtſein und dieſes reine Bewußtſein allein gibt dasjenige, was wir vielleicht Glück nennen mögen.“ Er neigte ſich und überflog mit ſeinem ſcharfen Adlerblick das große Blatt Papier, welches auf dem Schreibtiſche des Königs lag und über welches auch der König das Haupt geneigt hatte bei dem Eintritte ſeines Schwagers. Es war das große gedruckte Teſtament des Königs Friedrich Wilhelm III., von welchem der König ſelber eben die Correctur geleſen, und das beſtimmt war, an allen Straßenecken Berlins angeſchlagen zu werden als ein letzter heiliger Gruß des verſtorbenen Königs an ſein Volk. Der Kaiſer überlas haſtig die Zeilen und deu⸗ tete dann mit dem ſchlanken Vorderfinger ſeiner Rech⸗ ten auf eine Stelle des Teſtaments hin. Mühlbach, proteſtantiſche Jeſuiten I. 2 geſchrieben:„Hüte Dich jedoch vor der ſo allgemein um ſich greifenden Neuerungsſucht; hüte Dich vor un⸗ praktiſchen Theorien, deren ſo unzählige jetzt im Um⸗ ſchwunge ſind; hüte dich aber auch zugleich vor einer faſt ebenſo ſchädlichen, zu weit getriebenen Vorliebe für das Alte. Denn nur dann, wenn du dieſe beiden Klippen zu vermeiden verſtehſt, nur dann ſind wahr⸗ haft nützliche Verbeſſerungen gerathen.“ „Sie deuten mit ihrer verſtändnißvollen Hand ge⸗ rade auf dieſe Stelle hin, welche mir, ich leugne es nicht, eine Wunde geſchlagen hat“, ſagte der König ſeufzend.„Mein erhabener Vater räth mir, nicht vor⸗ wärts zu gehen und nicht zurückzuſchreiten, das heißt mit anderen Worten: ſtehen zu bleiben. Und doch iſt der Stillſtand immer kein Vorwärtsſchreiten und wird leicht zum Rückwärtsſchreiten, welches vom Uebel iſt. Aber doch“, fuhr der König haſtiger fort, indem er weiterhin auf eine andere Stelle des Papiers deutete, „aber doch, im Stillſtehen und Beharren räth mir der König auch zum Vorwärtsſchreiten. Sehen Sie da: „Verabſäume nicht, die Eintracht unter den europäiſchen Mächten, ſo viel in deinen Kräften, zu fördern! vor Allem möge Preußen ſich hüten, Rußland und Oeſter⸗ reich von einander zu trennen, ihr Zuſammenhalten „Sehen Sie da, mein theurer Bruder, da ſteht es⸗ 9 — 19 iſt als der Schlußſtein der großen europäiſchen Allianz zu betrachten.“ In dieſen Worten iſt das Stillſtehen und doch auch das Vorwärtsſchreiten in der Liebe geboten, und die Liebe und Freundſchaft zwiſchen uns iſt als ein erneuertes Bündniß der Eintracht und des Friedens zu betrachten. Nicht wahr, mein Bruder, ſo wollen wir Beide es verſtehen: Stehen bleiben und doch vorwärts ſchreiten in Liebe, in Eintracht! Nicht das alte Vergangene wollen wir heraufbeſchwören und als Beiſpiel betrachten, ſondern aus dem Beſte⸗ henden die Zukunft ſich entwickeln laſſen. Ich baue auf Gott und gedenke und hoffe, nichts zu thun ohne ſeinen Segen und außer ſeinem Willen. Und in die⸗ ſem freudigen Wollen und Denken meine ich, wird es mir gelingen, mein Volk glücklich zu machen. Ein Vorwärtsſchreiten freilich iſt dabei nothwendig, das habe ich wol ſchon erkannt. Die Feſſeln waren vielleicht zu ſtramm angezogen, mit welchen man den Geiſt des Volkes einzuengen trachtete, und es wird wol nöthig ſein, den Geiſtern etwas mehr Freiheit zu gewähren.“ „Freiheit!“ rief der Kaiſer haſtig,„Sie ſprechen da von den drei Worten, die mich ſo oft zum Nach⸗ denken zwingen, das zweite große aus, das Wort Frei⸗ heit. Ja freilich, es iſt jetzt ſo Sitte und Brauch, daß man ſchreit, es gebühre den Völkern mehr Freiheit, und 2* ich habe meine Gelehrten oft darüber gefragt, was ſie darunter verſtehen. Ich frage Sie jetzt, mein theurer Schwager, Sie, welcher auch ſagt, es gebühre dem Volke mehr Freiheit: Sagen Sie mir doch, was iſt Frei eit? Ich habe dieſen Begriff nicht faſſen und ver⸗ ſtehen können. Was iſt Freiheit?“ Und die großen tiefblauen Augen des ruſſiſchen Kaiſers richteten ſich mit einem ſeltſamen Ausdrucke, halb voll Spott und halb voll Sorge, auf das gut⸗ müthige, behäbige Angeſicht des Königs. „Allerdings iſt es ſchwer, den Begriff ſo in eini⸗ gen Worter zu erörtern. Was iſt Freiheit?“ ſagte der König ſinnend.„Was iſt Freiheit? Nun,“ fuhr er dann raſcher fort,„nun, ich glaube, es iſt das ungehinderte Recht, zu denken, und was man denkt, zu ſprechen und nach dem, wie man denkt und ſpricht, zu handeln.“ „Das hieße dann mit andern Worten, es ſolle keine Geſetze, keine Schranken mehr geben in der Welt“, rief der Kaiſer, leiſe das Haupt neigend.„Das Recht, ungehindert zu denken! Nun wohl, wer könnte das den Menſchen verkümmern? Aber ungehindert ſeine Gedan⸗ ken auszuſprechen, das hieße doch, einen Krieg Aller gegen Alle predigen. Und dann zuletzt das Recht, nach ſeinen Gedanken und ſeiner Redeweiſe auch zu handeln? Das hieße, alle Geſetze umſtoßen und den Bruderkampf 21 in der ganzen Welt entzünden! Wäre das die Freiheit, dann wahrlich könnte es keine Geſetze mehr geben, keine Eigenthum, keine Sitte und keine Morall„Die Frei⸗ heit“, ſo ſagte mir einſt ein Gelehrter,„die Freiheit beſteht darin, daß nicht eines Einzelnen tyranniſches Wort Tauſenden gebieten kann, ſondern daß das Volk ſich ſelber ſeine Geſetze machen hilft und ſich über dieſelben berathen kann mit ſeinem Herrn und Fürſten.“ Das iſt nun weiter nichts als eine Conſtitution, eine ſoge⸗ nannte conſtitutionelle Monarchie. Und da haben Sie nun, mein theurer Bruder, das dritte Wort, welches ich nicht verſtehe. Conſtitution! Das iſt von aller Räthſeln der Sphinx für mich das geheimnißvollſte. Die Monarchie verſtehe ich, die Republik kann ich auch begreifen, wenn es ſein muß! Was ich aber nicht be⸗ greifen kann, das iſt ein conſtitutionelles Syſtem. Ein Sy⸗ ſtem der Lüge, der Unfreiheit, des Despotismus der Maſſen! Conſtitution iſt die große Lüge, unter welcher jetzt die Wühler, Rebellen ſich bergen und welche ſie ihren auf⸗ rühreriſchen Gelüſten vorantragen als ihre heuchleriſche Fahne. Conſtitution! Ich wäre im Stande, einer Republik, wenn ſie ſich an mich wendete, meinen Schutz zu verſprechen. Ich bin jederzeit bereit, eine Monarchie, wenn ſie meiner bedarf, mit ſtarkem Arme aufrechtzuhalten. Aber wenn eine econſti⸗ 22 tutionelle Macht mich anrufen ſollte um meinen Bei⸗ ſtand, dann würde ich mich von ihr verachtend ab⸗ wenden und würde mit ihren Feinden, wenn ich es könnte, mich verbünden, um ſie unter die Füße zu treten, die große rebelliſche Lüge der Conſtitution.“ Das Angeſicht des Kaiſers war bleich geworden vor Erregung, und ſeine Augen leuchteten mit einem ſol⸗ chen Blitze des Zornesauf, daß der König wie geblendet ſeine kleinen Augen abwendetevon dem Antlitze ſeinesSchwagers. „Ich verſtehe“, ſagte er dann nach einer kleinen Pauſe,„ja mein theurer Bruder, ich verſtehe ganz wohl! Sie zeigen mir da ein Schreckbild, weil es hier an meinem Hofe gute ſchreckhafte Seelen gibt, welche be— fürchten, ich ſelber betrachtete das Schreckbild„Conſti⸗ tution“ nicht mit ihren Augen. Nicht wahr“, fuhr der König mit einem freundlichen Lächeln fort,„nicht wahr, ich habe es errathen? Man hat Ihnen, meinem theu⸗ ren Schwager, von dem man weiß, wie große Hoch⸗ achtung ich vor ihm hege, wie ſehr ſein Wort bei mir ins Gewicht fällt, man hat Ihnen geſagt, der junge König wäre ein Phantaſt, er möchte ſein Volk glücklich machen auf die neue und moderne Weiſe und möchte ihm die Freiheit geben und eine Conſtitution? Aber ich bitte Sie, Nikolaus, ſagen Sie denjenigen, welche in ängſtlicher Liebe und Sorge vielleicht ſo geſprochen, — 23 oder denjenigen, welche mich bei Ihnen verläſtern und verleumden wollen, ſagen Sie es Allen, daß es durch⸗ aus nicht meine Abſicht iſt, ein ſolches elendes Blatt Papier zwiſchen mich und mein Volk zu ſtellen! Ich will der Nächſte meinem Volke, ich will ſein Vater ſein, wie es mein edler Vater geboten hat in ſeinem Teſtament: der Vater meines Volkes. Ich will lauſchen auf ſeine Bedürfniſſe, ſeine Nothwendigkeiten, lauſchen auf die Möglichkeit, es glücklich zu machen Ich will mein ganzes Leben hingeben für mein Volk, will hö⸗ ren auf feine bittenden Stimmen, aber ich will kein Blatt Papier zwiſchen mir und meinem Volke hemmend aufrichten laſſen, keine Conſtitution.“ „Ich danke Ihnen für dieſes Wort, Friedrich“, rief der Kaiſer mit einem aufſtrahlendon Lächeln „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, und ich geſtehe es Ihnen, es ſind einige flüſternde Stimmen vor mei⸗ nem Ohr ertönt und haben mir geſagt: der König will ſeinem Volke eine Conſtitution geben.“ „Sie haben ſich getäuſcht“, rief der König haſtig. „Ich will meinem Volke das Glück geben! Doch frei⸗ lich, Sie ſagen, es gibt kein Glück! Nun denn, ich will verſuchen, dieſes Räthſel von dem Glücke der Völ⸗ ker vielleicht zu löſen!“ „Und ich ſage Ihnen im Voraus, mein theurer 24 Freund, es wird Ihnen nicht gelingen“, erwiderte der Kaiſer ſeufzend.„Wir wollen unſere Pflicht thun, unſere Pflicht gegen unſere Unterthanen, aber auch zugleich gegen unſere Familie, gegen unſere Ahnen und gegen unſere Kinder die uns einſt folgen werden. Sie freilich, mein theurer Bruder, Sie haben eine viel leichtere Aufgabe, als wie ſie das Schickſal mir zuertheilte. Sie können ſich begnügen, zu erhalten und zu befeſtigen; Sie haben nicht nöthig, wie es ja auch Ihr edler Vater ſagt, Neues zu ſchaffen. Im Erhalten liegt bei Ihnen die Sicherung der geordneten Zuſtände. Mir hat das Schickſal eine andere Aufgabe geſtellt. Ich muß ſchaffen, muß Neues begründen, muß mein Volk erheben! Bis zu meiner Zeit waren die Beherr⸗ ſcher meines Landes keine Ruſſen, ſie waren Ausländer und fühlten ſich als ſolche. Mein Vorgänger und ge⸗ liebter Bruder war ein edler, hochherziger Mann, ein großer Kaiſer von Rußland, aber er war kein echter, ruſſiſcher Kaiſer, wie es einſt Peter der Große geweſen. In ſeine Fußſtapfen bin ich ge⸗ treten, ein ruſſiſcher Kaiſer will ich ſein! Das Fremdländiſche will ich verbannen, das Heimathliche erheben! Meine Ruſſen ſollen meine Beamten ſein, keine Fremden! Meine Ruſſen ſollen Gelehrte werden und Künſtler. Das iſt meine Aufgabe, und darum —- 25 muß ich vorwärtsſchreiten auf dem Wege der Natio⸗ nalität, welcher bis jetzt nur erſt ein ſchmaler unge⸗ ebneter Fußpfad iſt, den ich aber weiter ebnen und ausarbeiten will zu einem prächtigen breiten Wege! Der ruſſiſche Kaiſer will ſeinem Volke die Achtung aller anderen Nationen, die höchſte Bedeutung erobern, und die ruſſiſche Sprache ſoll ſo hoch geachtet werden und ſo bedeutend ſein, wie nur irgend eine andere Sprache der Welt! Die griechiſche Kirche ſoll ihre Dome aufſtrahlen laſſen über alle Welt neben den ka⸗ tholiſchen und evangeliſchon Domen, gleich berechtigt, gleich mächtig, gleich ſtark! Dieſes iſt meines Lebens Ziel und Zweck, und ich trage die Fahne meines Ruſ⸗ ſenthums, ſo weit ſie mir zu tragen vergönnt iſt und ſo lange mein Arm ſie halten kann. Darum kann ich auch keine conſervative, ſondern muß eine erobernde Macht ſein. Und darin unterſcheiden wir uns, wir Rußland und Preußen. Sie haben zu erhalten, ich habe zu erobern.“ „Wäre ich Friedrich der Große, ſo würde ich vielleicht anderer Meinung ſein, und würde auch an Eroberungen denken. Sie ſind viel glücklicher daran, wie ich, Nikolaus; Sie haben ein einiges großes Reich, ich habe hüben nnd drüben ein ſchönes Land, aber was in der Mitte liegt, ſehen Sie, das iſt der ſchwie⸗ † 132 r 26 rige Punkt, was in der Mitte liegt, das fehlt mir, und damit fehlt meinem Lande die Einheit und die Einigung.“ „Wahrlich“, lächelte der Kaiſer,„es iſt gut, daß Niemand uns hört, ſonſt würde man Sie für einen argen Rebellen halten müſſen. Was in der Mitte liegt, das ſind Königreiche und Fürſtenthümer, das iſt Heſſen, Naſſau und Hannover.“ „Hannover!“ ſeufzte der König,„Hannover mit meinem Oheim Ernſt Auguſt, der mir freilich jetzt auch viel Sorge bereitet!“ „Den ich aber von Herzen liebe“, unterbrach ihn der Kaiſer haſtig.„Der König Ernſt Auguſt von Han⸗ nover iſt ein tapferer Mann, und er ſcheut es nicht, dem Geſchrei und dem Gebelfer der ſogenannten Libe⸗ ralen ſeines Landes entgegenzutreten; er ſcheut es nicht, die ſieben Profeſſoren abzuſetzen und hinauszu⸗ jagen, die von Conſtitution und Freiheit ſprechen. Sagen Sie mir nichts gegen Ihren lieben Oheim und bedrohen Sie mir nicht das Land, das„in der Mit⸗ ten liegt“, denn es iſt das Land des Königs von Han nover und er iſt ein guter Mann. Ich kann nicht conſervativ ſein, ich der Ruſſe, aber ich will zum mindeſten der Freund aller conſervativen Leute ſein und darum auch der Freund des Königs von Hanno⸗ „— 27 1 ver, der Freund des Kaiſers von Oeſterreich und, nicht wahr, auch der Freund des jungen Königs Friedrich Wilhelm IV.?“ „Ja, bleiben Sie das“, rief Friedrich Wilhelm innig,„bleiben Sie immer der Freund des Königs von Preußen, der im guten und rechten Sinne gewiß immer conſervativ ſein und bleiben wird und alſo Ihres Schutzes gewiß.“ Sie reichten ſich beide die Hände dar und grüß⸗ ten ſich mit einem freundlichen Blick. „Und jetzt“, ſagte der Kaiſer dann, ſeinem Schwa⸗ ger zunickend,„jetzt will ich zu meinem Geſandten gehen und einige Audienzen noch vor meiner Abreiſe ertheilen. Vergeben Sie es mir, daß ich ſo lange blieb. Aber dieſe Unterredung hat mir wohl gethan. Ich kam mit ſchwerem Herzen, ich geſtehe es Ihnen, doch ich gehe mit einem freudigen Herzen. Aber ich glaube“, fuhr er lächelnd fort,„mein Fortgehen wird einem Andren das Herz leicht machen.“ „Wem denn?“ fragte der Köuig lebhaft. „Nun“, erwiderte der Kaiſer,„dem kleinen weiß⸗ haarigen Manne mit dem großen Herzen und den jugendlich leuchtenden Augen, dem Manne, der ſchwatzt wie ein altes Weib, und von dem doch jedes Wort von Gelehrſamkeit und Wiſſen ſtrotzt.“ „Ach, ich verſtehe!“ rief der König lachend.„Sie entwerfen da mit der genialen Hand eines Künſtlers ein Portrait, daß ſo ähnlich iſt, daß man es nicht ver⸗ kennen kann! Nicht wahr, Sie meinen Alexander v. Humboldt?“ „Ja“, nickte der Kaiſer,„er ſtand im Vorzimmer, als ich vorüberging, und erzählte vielleicht den Kam⸗ merherren von den Herrlichkeiten des Orients oder von der tiefen Weisheit der Schiwmſprache, wobei er ganz vergißt, daß ſein Auditorium nicht aus profunden Ge⸗ lehrten beſteht, die ſich ſeiner Kenntniſſe freuen, ſondern aus leichtfertigen Cavalieren, welche dieſelben verſpot⸗ ten. Aber ich mache ihm Platz und ich bitte, ſagen Sie Sr. Herrlichkeit, dem großen Gelehrten, er ſolle mir vergeben. Nun leben Sie wohl! Ohne Umſtände! Beweiſen Sie mir, daß Sie mich wirklich als Ihren Bruder betrachten und bleiben Sie hier.“ Der König ſchlang ſeine Arme um den Nacken des ſtolzen Czar und küßte zärtlich ſeine Lippen. „Ich küſſe den Bruder“, ſagte er,„aber ich geleite wie es mir geziemt, den ruſſiſchen Kaiſer bis zum Aus⸗ gang hin. Sie müſſen mir doch die Freude gönnen“, fuhr er lächelnd fort, als der Kaiſer ihm abwehren wollte,„wirklich, Sie müſſen mir die Freude gönnen, daß ich den Lauſchern und Spionen, welche da drau⸗ 29 8 ßen in dem Vorzimmer ſtehen, daß ich ihnen beweiſe, daß wir beide in ganz gutem Einvernehmen ſtehen. Glauben Sie mir, die Kunde dovon wird vor Ihnen herfliegen wie ein Bote des Friedens, und Eliſabeth wird davon erfahren, noch ehe Sie kommen, meine theure Gemahlin zu beruhigen. Kommen Sie, wir wollen der Welt zeigen, daß die Heilige Allianz zwi⸗ ſchen uns noch immer beſteht.“ Drittes Kapitel. Alexander von Humboldt. Arm in Arm gingen die beiden Herrſcher durch die Reihe der Säle dahin. Die Kammerherren und Hofchargen, welche in den Vorzimmern ſtanden, neig⸗ ten ſich tief bis zur Erde vor den Vorüberſchreitenden, und wenn der Kaiſer hier und dort vor einem der Herren ſtehen blieb und ein raſches gnädiges Wort an ihn richtete, ſo ſtrahlte ſein Angeſicht auf und eine unendliche Beſeligung malte ſich in ſeinen Zügen. Während die beiden Herrſcher ſo dahingingen und mit gnädigen Worten wie mit goldenem Regen die beglückten Sterblichen überſtrömten in den Vorzimmern, öffnete ſich in dem Arbeitszimmer des Königs leiſe eine kleine Seitenthür und der Kämmerer des Königs ſchlüpfte hinein in das Gemach. 31 Sorgfältig ſchaute er ſich um nach allen Seiten, dann trat er zu dem Tiſch des Königs hin und legte das Papier, welches er mit ſich gebracht, auf denſel⸗ ben nieder, gerade auf das Teſtament des„hochſeligen“ Königs. Dann blieb er noch einen Moment ſtehen, ſchaute lauſchend nach der Thür hin, und als dort noch Alles ſtill war, ſchlüpfte er leiſe auf den Zehen wieder durch das Gemach dahin, und die Seitenthür ſchloß ſich wieder hinter ihm. Wenige Minuten ſpäter, und die große Thür ward haſtig wieder aufgeriſſen und der König trat herein.. Von unten her vernahm man lautes Trommelwir⸗ beln und die ſchmetternden Klänge dreimaliger Fan⸗ faren der Huſaren, welche heute in dem zweiten Hofe, den der Kaiſer eben ohne Zweifel paſſirte, die Wache hielten. Der König nickte leiſe und ein ſeltſames Lächeln flog über ſein Antlitz hin. „Apage, Satanas“, ſagte er leiſe lächelnd.„Ja, er trat zu mir heran als der Verſucher, um mir die Welt anzubieten, wenn ich dafür den Kantſchu adop⸗ tiren wollte. Der Kantſchu und ſein abſcheuliches Sibirien, das iſt ſeine Welt. Er ſollte einmal ſelber nach Sibirien gehen, mein theurer Schwager, und die 2 32 0 gepeinigte Menſchheit dort ſollte er fragen um die Lö⸗ ſung des Räthſels von den drei Worten, die der ruſ⸗ ſiſche Czar nicht verſteht. Ach“, fuhr der König dann nach einer kleinen Pauſe nachdenklich fort,„ach, was kümmern mich die Räthſel des ruſſiſchen Czarens, auch mir wird das Leben viele Räthſel aufgeben— doch“, unterbrach er ſich plötzlich haſtig, indem er leiſe zu⸗ ſammenſchrak,„doch, ich vergeſſe die erſte Pflicht der Könige. Hat doch ſchon Ludwig XIV. geſagt:„Die erſte Pflicht der Könige iſt die Höflichkeit, daß man nicht auf ſich warten läßt.“ Und der ruſſiſche Czar hat es mir ja geſagt, Alexander v. Humboldt wartet.“ Er trat zu der Handklingel und drückte leiſe an dieſelbe, jetzt öffnete ſich wieder die kleine Seitenthür und Schöning trat ein, aber mit ganz verändertem Geſicht, ganz Demuth, ganz Ergebenheit, ein ſchmerz⸗ liches, ſanftes Lächeln auf den Lippen. „Schöning“, rief der König,„ich grüße Deine Herrlichkeit! Haſt heute mit mir geſchmollt und gegrollt, Du Alter.“ „Gott mag verhüten, daß ich ſolcher Rebellion jemals mich erdreiſten ſollte“, rief Schöning mit dem Ausdriick des Entſetzens. „Ja, ja, kenne die Redensarten“, ſagte der König, haſtig ihm mit der Hand winkend,„kenne die Redens⸗ arten von Devotion und Ergebenheit und allerhöchſtem Reſpekt, und weiß doch, daß Du heute Morgens im tiefſten Grunde Deiner Seele empört warſt. Aber ich bleibe doch dabei, die Chocolade ſchmeckte erbärmlich und ich hatte Grund, empört zu ſein, wenn ich auch zugeſtehen will, daß ich nicht nöthig gehabt hätte, Dir die Taſſe vor die Füße zu werfen. Die Taſſe konnte nichts dafür.“ „Und Majeſtät“, unterbrach ihn Schöning mit unterwürfiger Stimme,„es war Eurer Majeſtät Lieb⸗ lingstaſſe! Ein Angedenken an die hochſelige Königin.“ „Wirklich, es war meine Lieblingstaſſe!“ rief der König ganz erſchrocken.„Du ſiehſt, Schöning, da bin ich nun gleich beſtraft für meine Heftigkeit, und Du haſt gar nicht mehr nöthig, ein ſo unglückliches, be⸗ trübtes Geſicht zu machen. Passons laà-dessus, hoch⸗ ehrwürdiger Tempelherr. Da haſt Du meine Hand, ich werde ein andermal vorſichtiger ſein, und wenn Du mich wieder zwingſt, meine verdorbene Chocolade zu verſchmähen, ſo werde ich ſie Dir vor die Füße ſchütten, aber die Taſſe in der Hand behalten. Und nun gehe, Du Alter, und hole mir Se. Excellenz den Herrn von Humboldt her.“ Der Kämmerer eilte auf den Fußſpitzen von dan⸗ nen, wenige Minuten ſpäter öffnete ſich die Thür und Se. Excellenz der Freiherr von Humboldt trat herein. Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. I. 3 34 Wirklich, dieſer Mann mit dem demüthig geneig⸗ ten Haupte, mit den lächelnden Lippen, in der roth verbrämten Kammerherrn⸗Uniform, das war nicht der kleine Gelehrte, deſſen Ruhm die ganze Welt erfüllte, das war nur Se. Excellenz der Kammerherr Freiherr Alexander von Humboldt. „Humboldt“, rief ihm der König mit haſtigem Kopfnicken entgegen,„ich ſoll Sie im Namen des Czar um Vergebung bitten, daß er ſo lange bei mir gewe⸗ ſen iſt.“ „Im Gegentheil“, erwiderte der Kammerherr, ſich tief verneigend,„ich gratulire Sr. Majeſtät dem ruſ⸗ ſiſchen Kaiſer, daß er ſo lange bei Ihnen war, denn ich hoffe, daß es Sr. Majeſtät dem ruſſiſchen Czar er⸗ gehen wird, wie es einem Cactus erging, den ich einſt auf dem Chimborazo fand. Dieſe Blume gehörte ur⸗ ſprünglich zu dem Geſchlechte der Melocacten, hatte kleine Blätter mit Rändern ſo ſcharf und ſchneidend wie ein Dolch, eine kleine, faſt ſchwarze Blüthe; da fand ich ſie inmitten einer Gruppe von Opuntien, und zu meinem Erſtaunen waren die kleinen Blätter weich und wie abgeſchliffen und die dunkle Blüthe hatte et⸗ was Farbenſchimmer und Duft gewonnen. Ich konnte mir das Räthſel lange nicht erklären, bis ich endlich, dem ewigen Naturgeſetze ein wenig näher tretend, ent⸗ ——— 35 deckte, daß die ſtete Gemeinſchaft mit den ſchöneren und ſanfteren Opuntien ſelbſt auf die ſcharfen Melo⸗ cacten Einfluß ausgeübt, und daß aus den vollen Blüthen der ſchönen Opuntien einige befruchtende Sa⸗ menkörner in den Kelch des Melocactus gefallen und ihn ſchön gemacht hatten. Und daraus ſchließe ich nun“, fuhr der Gelehrte fort, und ſein Antlitz hatte jetzt plötzlich ſein höfiſches Lächeln verloren, und ſein Haupt war nicht mehr geneigt, ſondern ſtolz erhoben, und die Augen, welche ſo ſanft vorher lächelten, wa⸗ ren jetzt mit faſt ernſtem Ausdruck in das Weite ge⸗ richtet,„daraus ſchließe ich nun, daß die ewigen Ge⸗ ſetze der Natur—“ „Lieber Humboldt“, unterbrach ihn der König lächelnd,„ich habe Sie bitten laſſen, zu mir zu kom⸗ men, weil ich etwas Gutes thun möchte. Sie wiſſen ja, wenn ich Sie rufen laſſe, ſind immer gute Ge⸗ danken in mir und ich möchte dann immer in Ihrem Sinne Gutes thun. Was freilich nicht immer Gutes thun in dem Sinne der Anderen heißt“, fügte der König lächelnd hinzu.„Sie wiſſen doch, daß es hier Viele gibt, welche das, was Sie Gutes nennen, ge⸗ rade für das Gegentheil halten.“ „Ich weiß das, Majeſtät“, erwiderte Humboldt lächelnd, nich bin keine Persona grata, und wenn die 3* 3 36 Sonne Ihrer Gnade nicht über mir leuchtete, ſo würde ich mich hier wie in Spitzbergen befinden, wo die Sonne bekanntlich in vier Monaten gar nicht aufgeht.“ „Bekanntlich!“ lachte der König.„Sie ſind ein großes gelehrtes Kind, eine wahre Encyklopädie von Wiſſen, und Sie meinen, Sie gutes Kind, es wäre nur das ABC, welches alle Menſchen wiſſen und Al⸗ len ganz bekanntlich ſein müßte. Aber das will ich Ihnen verſprechen, lieber Humboldt, Sie ſollen hier nicht wie in Spitzbergen leben, wo„bekanntlich“ die Sonne in vier Monaten gar nicht aufgeht. Wir wol⸗ len ein Uebereinkommen mit einander treffen; ich laſſe, um in Ihrer ſchönen Phraſe zu bleiben, ich laſſe die Sonne meiner königlichen Gnade über Ihnen leuchten, und Sie laſſen dafür die Sonne Ihrer Gelehrſamkeit über mir leuchten. Und noch Eins, das Wichtigſte: Sie laſſen mich immer die Wahrheit hören. Wollen Sie mir das verſprechen?“ „Ja, Majeſtät“, ſagte Humboldt mit feſtem, freu⸗ digem Ton,„ja, Majeſtät, das will ich verſprechen. Ich will Ihnen ſtets die Wahrheit ſagen, wenn Eure Majeſtät geruhen wollen, mich um dieſelbe zu fra⸗ gen.“ „Sie ſollen Sie mir auch ſagen, ſelbſt wenn ich nicht darnach frage!“ rief der König raſch.„Sie ſol⸗ 37 len mir immer Ihren Rath ertheilen. Ich gebrauche ihn immer und jetzt gerade ſehr.“ Und der König faltete die Hände auf dem Rücken und ging nachdenklich ein paarmal haſtig in dem weiten Gemach auf und ab. Dann trat er ans Fen⸗ ſter und, den Rücken ſeinem Zuhörer zugekehrt, als wolle er es vermeiden, ſeinem Blicke zu begegnen, ſprach er weiter. „Humboldt“, ſagte er mit raſcher, haſtiger Stimme, „Sie wiſſen, wie ſehr ich den hochſeligen König, mei⸗ nen Vater, geliebt und verehrt habe, und Sie ſollen nicht denken, daß ich mir erlauben möchte, irgend et⸗ was zu tadeln, was er gethan; doch Sie wiſſen auch, daß Alles, was im Namen des Königs geſchieht, doch nicht durch ihn ſelbſt geſchieht. Sie kennen die ſchlim⸗ men Räthe, von denen er umgeben war; das conſer⸗ vative Element ging in den letzten Jahren bis zur Grauſamkeit, bis zur Tyrannei. Die Demagogenrie⸗ cherei des Herrn Miniſters von Kamptz und ſeiner elenden Conſorten hatte mein Herz in den letzten Jah⸗ eren oft mit Sorge, Schmerz und Kummer erfüllt, und ich konnte doch nichts dagegen thun. Nichts weiter, als mir im Innern meines Herzens geloben, daß es einſt anders werden ſolle. Der Kamptz und ſein Ge⸗ lichter malten meinem theuren Vater in den letzten ————*— 38 Jahren allerlei Schreckgeſpenſter vor, und er, welcher nichts wollte und erſtrebte, als das Wohl und das Glück ſeines Volkes, er mußte dahin kommen, daß er die Geſpenſter, die man ihm vormalte, für wirkliche Mordungeheuer, für wirkliche Rebellen und Unmenſchen hielt! Um ſein Volk vor den Böſen zu bewahren, gab er nach und geſtattete, daß die Demagogenriecher über⸗ all ihre Hetze treiben und die Gefängniſſe füllen durf⸗ ten! Es war eine Schmach und— ſprechen wir nicht weiter davon! Ich weiß aber“, fuhr der König fort, und jetzt wendete er ſich um und ſcheute nicht mehr den Blick ſeines Zuhörers,„ich weiß aber, daß ich in dem Sinne meines edlen und guten Vaters handle, wenn ich danach trachte, wieder gut zu machen, was die ſchlechten Räthe böſe gemacht, wenn ich verſöhne und wenn ich im Geiſte und Sinne meines Vaters das Wort der Gnade ausſpreche. Es ſoll der erſte Segensgruß ſein, den ich meinem Volke zurufe im Na⸗ men des hochſeligen Königs.“ „Oh, Majeſtät!“ rief Humboldt mit freudeſtrah⸗ lendem Angeſichte, indem er, ganz der kammerherrlichen Etikette vergeſſend, näher zu dem Könige herantrat und ſeine Hand erfaßte.„Oh, Majeſtät, laſſen Sie mich der Erſte ſein, der Ihnen dankt! Hören Sie durch mich die Stimme Ihres ganzen Volkes, welches Ihnen „,— — und man hört gleich wieder den alten Demagogen, dankt, daß Sie die politiſchen Märtyrer, wenn ich Sie recht verſtehe, begnadigen wollen.“ „Humboldt“, rief der König, ihm lächelnd mit dem Finger drohend,„Humboldt, Sie verrathen ſich, der Sie ſind.„Politiſche Märtyrer“, mein Freund, gibt es gar nicht. Politiſche Verbrecher, ſo ſagt man, merken Sie ſich das! Aber freuen dürfen Sie ſich doch immer in Ihrem Sinne, denn ich will die politiſchen Verbrecher und überhaupt alle diejenigen begnadigen, welche nicht wirkiche Verbrecher ſind und ſich nicht ver⸗ gangen haben gegen die Geſetze der Moral. Ja, ſie ſollen Alle frei werden. Schade, daß mein Bruder von Rußlaud nicht hier iſt“, fuhr der König lächelnd fort,„ſchade, daß er nicht dieſe kleine Illuſtration zu dem Worte Freiheit hat. Er würde vielleicht nach Sibirien gehen und ſich dort eine weitere Illuſtration dieſes Wortes gönnen. Sie waren ja wol in Sibi⸗ rien, Humboldt?“ „Ja, Majeſtät, ich war dort. Und ich habe dort unter vielen Wundern eines der größten geſehen. Ich habe geſehen, daß da, wo die Pflanzenwelt ſtirbt, die Natur erſtarrt iſt in ewigem Schnee und ewiger Kälte, daß ſelbſt da doch das Herz des Menſchen noch warm ſchlagen kann, und daß der große Gedanke der Frei⸗ 40 heit, um deſſentwillen man die Menſchen dorthin ver⸗ bannt hat, doch als das heilige Feuer noch in ihnen fortbrennt und ſtrahlt und leuchtet, und nicht unter dem Eis und der Kälte erſtarrt iſt.“ „Oh, um Gotteswillen, ſchweigen Sie“, unterbrach ihn der König haſtig,„reden Sie mir nichts gegen den Czar und nichts für die Freiheit. Die Wände haben Ohren und Ihre Feinde ſchelten Sie überdies ſchon den Freigeiſt, den Teufelsleugner. Sie wiſſen doch, daß Sie Feinde haben, Humboldt?“ „Ja, Majeſtät, ich weiß es“, lächelte Humboldt, „die Schwarzen haſſen mich, und es ergeht mir mit ihnen, wie es mir einſt dort unten tief in Südamerika erging, wo die armen Neger, die bis dahin noch nie⸗ mals einen Europäer geſehen hatten, bei meinem An⸗ blick mit lautem Geſchrei von dannen liefen, und die Arme erhebend zu dem großen unſichtbaren Gotte, den ſie anbeten, um Schutz flehten gegen den„weißen Teu⸗ fel.“ Ich weiß es, ich bin für die Schwarzen auch hier in Europa„der weiße Teufel.“ „Für Ihrer Freunde und für die ganze Menſch⸗ heit ſind Sie aber ein großer Geiſt, der Vieles und Herrliches denkt“, ſagte der König.„Und für Ihre Freunde ſollen Sie auch jetzt zu einem gutem Geiſte werden, der ihnen die Freiheit und einen Schimmer 41 von Glück bringt. Oder nennen Sie den alten Arndt und den guten Vater Jahn nicht Ihre Freunde?“ „Sie haben Gutes gewirkt in großen Zeiten“, erwiderte Humbold ausweichend. „Und man hat ihnen dafür ſchlecht gelohnt in böſen Zeiten; nicht war, das meinen Sie“, fügte der König haſtig hinzu.„Ja, ja, der alte Arndt und der tapfere Jahn waren in den Tagen der Bedrängniß wie aufleuchtende Fackeln, denen die Jugend mit Be⸗ geiſterung folgte und von denen ſie Licht empfing. Und das ſchien wieder den Demagogenriechern, den Dunkelmännern, den Herrn von Kamptz und Conſorten eine gar gefährliche Fackel; ſie löſchten ſie aus und hätten gern mit dem Fuße darauf getreten. Ich will wieder gut machen, Arndt und Jahn ſollen zurück⸗ gerufen werden in mein Land. Nun, Humboldt, paßt Ihnen das, Sie guter, lieber, weißer Teufel?“ „Majeſtät, es paßt mir nicht blos, es macht mich glücklich“, rief Humboldt,„und nun fehlt nur noch, daß Eure Majeſtät—“ Er ſtockte und blickte etwas Knailia 5 dem König hin. „Fahren Sie doch fort“, ſagte der König gütig. „Ich verſtehe Sie doch! Es fehlt nur noch, daß ich die ſieben Profeſſoren aus Cöttingen berufe, welche 42 mein Herr Oheim, der ſtarrköpfige Autokrat, verdonnert und verjagt hat. Aber Sie müſſen Mitleid mit ihm haben! Der König von Hannover verſteht es nicht, die Deutſchen zu behandeln! Er weiß nicht, wie man ſie gewinnt, wenn man den Augenblick gemüthlicher Erregung zu benützen verſteht! Ich würde an dem Tage, wo die Nachricht von der endlichen Wahl in Göttingen nach Hannover kam, einen Adjutanten oder Civil⸗Staatsbeamten nach Göttingen geſendet haben um den Profeſſoren zu danken und ſie zu befragen, ob es ihnen angenehm wäre, daß ich allen ſieben Profeſſoren ihre früheren Stellen wiedergebe. Hätte der alte Ernſt Auguſt das gethan, ſo hätte er ſich damit eine Glorie um das Haupt gewunden und ſo den ſogenannten ſieben Märtyrern die Glorie der Freiheit und des Rechtes wie eine verbrauchte Schlaf⸗ mütze von ihren Häuptern genommen. Alſo, nicht wahr, Sie meinen doch, ich ſollte die ſieben Profeſſoren berufen? Nur Einige von ihnen, mein lieber Freund, Einige wollen wir berufen! Um Ihretwillen, Humboldt, vor Allen die beiden Grimms! Wir ſprechen noch davon, Humboldt! Ich denke noch an ſie, und glauben Sie mir, ich werde es nicht vergeſſen, für ſie etwas zu thun. Ich denke, ich werde meinen Miniſter des Cultus beauftragen, den beiden Grimms zu offeriren, 43 ſie möchten als Akademiker nach Berlin kommen, und wir werden ihnen dann eine Penſion anbieten, die hinlänglich iſt für die beiden gelehrten Akademiker, um davon zu leben. Sie ſehen, ich habe mich ſchon mit dieſer Sache beſchäftigt, und es ſoll ein Weiteres bald geſchehen. Auch den Profeſſor Albrecht wollen wir zu gewinnen ſuchen. Aber dafür müſſen Sie mir den Dahlmann beiſeite laſſen. Es iſt etwas Hoch⸗ müthiges, Trotziges, Philiſterhaftes in dem Mann, welches mir nicht gefällt. Nun ſagen Sie“, fuhr der König mit einem freundlichen Lächeln fort,„habe ich Ihnen nicht einen ganzen Sack voll guter Nachrichten ausgeſchüttet?“ „Eure Majeſtät haben das Füllhorn des Segens und des Glückes über mich ergoſſen“, rief Humboldt freudig. „Und ich erlaube Ihnen, einige von den Blüthen deſſelben hinauszuſtreuen in die Welt, damit mein liebes Volk Gutes von mir höre und Gutes von mir erfahre“, ſagte der König lächelnd.„Doch Eine Nach⸗ richt habe ich Ihnen noch mitzutheilen, und Sie mögen ſie nun einſchmuggeln unter die Blumen, wenn Sie von mir reden, denn ſie wird Manchem als eine Neſſel erſcheinen. Wiſſen Sie Humboldt, ich bin jetzt mit mir einig, wen ich zu meinem Cultusminiſter er⸗ nennen ſoll. Wollen Sie es erfahren, wen?“ g. 8 5 8 „Wenn Eure Majeſtät die Gnade haben wol⸗ len.“ „Nun denn“, ſagte der König, mit einem kleinen boshaften Lächeln dem Gelehrten ins Angeſicht ſchauend, „nun denn, ich ernenne den Geheimrath Eichhorn zu meinem Cultusminiſter.“ Humboldt ſchrak zuſammen und ein Ausdruck des Schreckens ſprach aus ſeinen Zügen. „Majeſtät!“ rief er,„der Geheimrath Eichhorn ſoll Cultusminiſter werden?“. „Ja“, nickte der König.„In dem Ton Ihrer Frage liegt übrigens eine ganze Reihe von Anſchuldi⸗ gungen und Anklagen gegen den Mann, welchen ſeine Gegner einen Pietiſten zu nennen belieben. Aber ich ſage Ihnen, der Eichhorn iſt ein braver Mann, ein guter Beamter, eine edle Seele und zugleich ein frommer Chriſt. Nehmen Sie ihn unter die Blumen und ſtreuen Sie ihn mit aus, damit er nicht allzu ſchlimm erſcheint.“ „Aber jetzt“, fügte der König raſch hinzu, als wolle er jede weitere Erörterung abſchneiden,„jetzt muß ich, ſo weh es auch meinem Herzen thut, mich verabſchieden von meinem lieben weißen Teufel, um wieder ganz des Teufels, d. h. des Herrn v. Rochow, zu ſein. Ich hatte ihn zur elften Stunde herbeſtellt, — .- 45 und die Pendule dort zeigt auf zwölf. Ja, ja, ſo Einer kommt immer um die zwölfte Stunde und kommt immer noch zu früh. Nicht wahr, das ſagen Sie jetzt innerlich zu ſich ſelber, Humboldt?“ „Majeſtät“ erwiderte Humboldt lächelnd,„dem Herrn Miniſter v. Rochow gegenüber habe ich gar keine Meinung und gar keinen Verſtand, mir eine Anſicht zu bilden.“ „Ah, ich verſtehe!“ lachte der König;„Sie ſpielen da an auf die Erfindung des Herrn von Rochow: die Erfindung von dem beſchränkten Unterthanenverſtand. Ja, ja, dieſes geflügelte Wort hat dem Manne den Ruhm geſichert, den er ſonſt durch alle ſeine übrigen Thäaten nicht erworben hätte. Er hat ſich unſterblich gemacht durch dieſes geflügelte Wort. Aber ich ver⸗ gebe es ihm, er iſt ſonſt ein guter, praktiſcher Beamter und ein tapferer Arbeiter. Ich darf ihn um ſeiner vielen Arbeiten willen auch in der That nicht länger warten laſſen. Denn nicht wahr, er befand ſich ſchon im Vorzimmer, als Sie kamen?“ „Ja, Majeſtät, ich glaube, er war ſchon dort“, erwiderte Humboldt lächelnd. „Sie glauben!“ wiederholte der König.„Ach, es würde meinen ſtolzen Miniſter empfindlich kränken, wenn er dieſes Wort hörte, welches ihm ſagt, daß 46 Humboldt kaum ſeiner Gegenwart ſich bewußt iſt. Ich bitte Sie, Humboldt, gehen Sie dort hinaus, dort durch die kleine Seitenthür und durch Schöning's Zimmer, und haben Sie die Güte, ſagen Sie dem Schöning, er möge den Miniſter Rochow benachrichten daß ich ihn erwarte.“ Viertes Kapitel. Der Polizeiminiſter von Rochow. „Arbeit, viel Arbeit!“ rief der König dem ein⸗ tretenden Miniſter des Innern und der Polizei ent⸗ gegen.„Zürnen Sie mir nicht, Herr von Rochow, wenn ich Sie aufs Neue belaſten muß mit ganzen Actjenſtößen.“ „Je mehr Arbeit, Majeſtät, deſto mehr Thaten“, erwiderte der Miniſter, ſich leicht verneigend,„und deſto ſüßer der kurze Schlaf nach der langen Ar⸗ beit.“ „Ich will aber, daß Sie mehr ſchlafen und nicht ſo lange Arbeit haben ſollen“, ſagte der König gütig. „Ich bedarf Ihrer, Rochow, und Sie ſollen ſich nicht vor der Zeit aufreiben in zu großer Anſtrengung. —— 74 Man hatte Ihnen mehr aufgebürdet, als der beſte und tapferſte Arbeiter,— und das ſind Sie wahrlich— ausführen kann. Sie verwalten annoch das Cultus⸗ miniſterium; ich muß Ihnen eine Erleichterung ſchaffen und ich werde es thun! Umſomehr, da ich weiß, Sie ſind kein frommer Mann, und die Verwaltung des Miniſteriums der geiſtlichen Angelegenheiten wird Ihnen daher nicht ganz bequem ſein. Ich hoffe, es wird Ihnen auch deßhalb ſehr willkommen erſcheinen, wenn ich Ihnen recht bald Ihren Nachfolger ernenne.“ „Ich werde Eurer Majeſtät dankbar ſein für Alles, was Ihnen beliebt, in dieſer Sache zu thun“, rerwiderte Herr von Rochow ruhig. Der König nickte leiſe. „Sie ſollen einer der Erſten ſein, welcher erfährt, wen ich zu Ihrem Nachfolger beſtimmt habe. Rathen Sie einmal, wer denken Sie wol, wer der neue Cultusminiſter wird? Rathen Sie doch.“ „Ich weiß nicht, Majeſtät“, ſagte Herr von Rochow zögernd.„Man munkelt ſo allerlei! Die Einen ſagen, Eure Majeſtät werden den Herrn von Bunſen zum Cultusminiſter ernennen.“ „Meinen lieben treuen Freund und dienſtwilligen Geſandten“, ſagte der König,„den Herrn von Bunſen, welchen man beliebt, einen frommen Mann zu nennen? 1 4 3 49 Nun weiter, denn Sie haben doch noch weitere Namen auf Ihrer Liſte.“ „Ja, Majeſtät. Andere behaupten, es wäre der Freiherr von Humboldt zu dieſem wichtigen Poſten auserkoren.“ „Ach ich ſehe an Ihrer Miene und höre an Ihrem Ton, daß Ihnen dieſer Name viel unbequemer wäre“, lachte der König.„Freilich würden dafür Andere ihn mit Freuden willkommen heißen.“ „Gewiß Majeſtät, die Liberalen, die Freiſinnigen, die Gottesleugner würden ſich dieſer Wahl außerordent⸗ lich freuen, denn ſie würden dann denken, daß ihre Zeit gekommen ſei.“ „Das heißt, die Zeit des Unglaubens und der Gottloſigkeit“, ſagte der König mit umdüſterter Stirn. „Und weiter nun, wen haben Sie noch ſonſt auf Ihrer Liſte des On dit des Tages?“. „Einige nennen auch den Herrn von Rado⸗ witz.“ Das beweiſt nur, daß man die Contraſte liebt“, lachte der König.„Auf eine Liſte Radowitz und Hum⸗ boldt zu ſtellen, hat wahrlich etwas Komiſches. Ich will Ihnen nun ſagen, wen Sie als Vierten auf dieſe Liſte ſtellen können, oder vielmehr, wer allein auf der Liſte meines Cultusminiſters ſtehen ſoll. Ich beab⸗ Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten I. 4 50 ſichtige, den Herrn Geheimrath Eichhorn zu meinem Cultusminiſter zu ernennen.“ „Wie Majeſtät?“ rief Herr von Rochow mit einem Ausdrucke des Erſtaunens und des Schreckens zugleich,„wie, Eure Majeſtät, den Geheimrath Eichhorn ernennen Sie zu Ihrem Miniſter?“ „Wahrhaftig“, rief der König lachend,„ich be⸗ merke eine ſeltſame Sympathie zwiſchen Ihnen und Herrn von Humboldt, denn gerade ſo erſchrak er, wie ich ihm dieſen Namen nannte. Ja, der Geheimrath Eichhorn ſoll mein Cultusminiſter werden, und ich ſage Ihnen, was ich dem Humboldt ſagte: er iſt ein redlicher Mann, ein treuer Arbeiter, ein edler und ein frommer Mann; hören Sie dies vor allen Dingen, ein frommer Mann. Mich dünkt, gerade die Angele⸗ genheiten des geiſtlichen Miniſteriums müſſen frommen und geiſtlichen Händen übergeben werden, denn der Unglaube ſoll nicht herrſchen in meinen Landen, und das Kreuz des Heilandes ſoll nicht niedergeriſſen, ſon⸗ dern höher aufgerichtet werden in meinen Staaten.“ „Wohl, Majeſtät“, ſagte Rochow, ſich tief ver⸗ neigend,„der Wille Eurer Majeſtät ſoll geſchehen, doch⸗ ich bleibe eingedenk deſſen, was Euer Majeſtät mir vor einigen Tagen ſagten und zur Pflicht mach⸗ kesi. 51 „Daß Sie mir die Wahrheit allezeit ſagen ſoll⸗ ten“, ſchaltete der König ein. „Und in dieſem Sinne erlaube ich mir zu be⸗ merken, daß, wie ich überzeugt bin, die Ernennung des frommen und frömmelnden Geheimraths Eichhorn zum Cultusminiſter keinen guten Eindruck bei dem Volke machen wird. Man weiß, daß der Geheimrath Eich⸗ horn ſchon länger bei Eurer Majeſtät in Gnaden ge⸗ ſtanden, und man fürchtet daher die Möglichkeit einer ſolchen Ernennung. Ich verſichere Eure Majeſtät, ſchon bei dieſer Möglichkeit verdüſterten ſich die Geſichter, als ob man ein heranziehendes Ungewitter erblicke. Das Volk iſt in dieſen Zeiten ſehr aufgeregt, Maje⸗ ſtät, und leicht zu ſchlimmen Ahnungen geneigt. Ich fürchte, man würde Eure Majeſtät ſelber für einen—“ „Nun, Sie ſtocken“, ſagte der König ruhig,„er⸗ lauben Sie, daß ich ergänze, wo Sie ſtocken. Man würde mich ſelbſt für einen Frömmler und einen Fin⸗ ſterling halten. Doch beruhigen Sie ſich, ich werde eine ſolche falſche Anſicht, noch ehe ſie entſtehen lönnte, zu unterdrücken wiſſen durch das, was ich ſonſt zu thun gedenke. Wir wollen dem Volke gegen das Gift der Ernennung des Cultusminiſters ein Antidotum geben, welches ihm dieſe krankhaften Befürchtungen ſogleich vertreibt und ihm zeigt, daß ſein König nach 4* allen Richtungen hin den Anforderungen ſeines Volkes gerecht zu ſein gedenkt, daß er hofft, ein Beſchützer zu ſein der Kirche ſowol wie der Künſte, ein Beſchützer des Glaubens wie der gelehrten Forſchung, ein Be⸗ ſchützer der Wahrheit und des Rechtes nach allen Sei ten, und vor allen Dingen, daß ſein König über allen Parteien ſteht. Deß zum Beweiſe will ich auch eine Amneſtie geben! Sie erſchrecken doch nicht vor dem Worte, Rochow?“ „Nein, Majeſtät, ich erwartete dieſes Wort; aber ich möchte mir erlauben, Eure Majeſtät zu fragen, wie weit die Amneſtie ihanea⸗dehen werden ſoll, oder ob ſie etwa überhaupt alle Gefangenen betrifft?“ „Alle Grnrſennn. fragte der König lächelnd. „Beruhigen Sie ſich, Rochow, ich werde nicht daran denken, eine Amneſtie zu geben auch für die Räuber, die Diebe und die Einbrecher, ſondern nur eine für die politiſchen Gefangenen.“ „Majeſtät“, rief Rochow lebhaft,„das ſind die ſchlimmſten Räuber, Diebe und Einbrecher, ſchlimmer als alle die Anderen, welche vielleicht nur die Noth des Lebens zum Verbrechen getrieben hat.“ „Ah, mein lieber Miniſter“, rief der König la⸗ chend,„das iſt ein hartes, grauſames Wort, und wenn das Ihre Feinde hörten, würden ſie darin Stoff fin⸗ den zu neuen Anſchuldigungen wider Sie! Denn Sie wiſſen doch, Rochow, daß Sie Feinde haben?“ „Ja, Majeſtät, ich weiß, daß ich Vielen ein Dorn im Auge bin und daß ſie—“ „Und daß ſie darüber den Balken in ihrem eige⸗ nen Auge gar nicht ſehen“, lachte der König.„Be⸗ ruhigen Sie ſich, meine Augen ſehen klar und ſind nicht von Dornen und Balken getrübt. Wir begna⸗ digen die politiſchen Gefangenen. Es iſt der letzte Segensgruß meines hochſeligen Vaters. So will ich, daß man es betrachten ſoll.“ „Majeſtät“, ſagte Rochow mit dumpfer, grollen⸗ der Stimme,„ich erlaube mir zu bemerken, daß die⸗ jeni en, welche Eure Majeſtät jetzt begnadigen und aus dem Gefängniß befreien wollen, doch auf Befehl Sr. Majeſtät, des hochſeligen Königs, im Gefängniß weren, und daß—“ „Still“, unterbrach ihn der König mit ſtolzer Miene,„mein Entſchluß ſteht feſt und ich weiß, daß ich im Sinne meines Vaters handle, meines theuren Vaters, deſſen Milde und hochherzige Güte man frei⸗ lich oft verdunkelt hat. Doch reden wir nicht davon. Sie kennen jetzt meinen unabänderlichen Entſchluß, eine Amneſtie zu geben für alle politiſchen Gefangenen.“ Der Miniſter neigte leiſe ſein Haupt. 1 ——ÿ—ÿ—ꝛ———õqöy——— 54 „Darf ich mir erlauben, einige Erörterungen von Eurer Majeſtät zu erbitten?“ ſagte er mit dumpfem Ton. „Fragen Sie und erörtern wir“, rief der König, indem er fich auf einen Fauteuil vor ſeinem Schreib⸗ tiſch niederließ, ein Blatt Papier nahm und mit der kleinen, fein zugeſpitzten Rabenfeder, wie ſolche ſich immer auf ſeinem Schreibtiſch befinden mußte, zu zeichnen begann „Erörtern wir alſo.“ „Zunächſt denn erlaube ich mir, Eure Maje⸗ ſtät zu fragen, ob die Amneſtie ohne Einſchränkung 3 iſt:“ „Ohne Einſchränkung“, erwiderte der König, in⸗ dem er haſtig weiter zeichnete.„Ich will Ihnen ſagen, wie ungefähr der Erlaß zu formuliren ſein wird und wie ich ihn mir gedacht habe, oder beſſer, ich laſſe Sie das Concept leſen, welches ich mir heute Morgens ſchon aufgeſetzt habe.“ Er hielt einen Augenblick inne in ſeinen Zeich⸗ nungen, öffnete haſtig die große Schatulle ſeines Ti⸗ ſches und nahm daraus ein Blatt Papier hervor, wel⸗ ches er dem Miniſter darreichte. „Haben Sie die Güte, lieber Rochow, leſen Sie mir das, was auf dem Papier ſteht, vor. Ich kann .55 dann beſſer beurtheilen, ob es richtig und gut iſt, und Sie werden mir Ihre Bemerkungen und Zuſätze — machen. Leſen Sie alſo.“ 8 Er nahm wieder ſeine kleine Rabenfeder und be⸗ gann eifrig weiter zu zeichnen an dem großen Thurme, den er vorher ſchon mit einigen Contouren begonnen hatte. „Leſen Sie alſo!“ Fünftes Kapitel. Die Amneſtie. Der Miniſter v. Rochow überflog mit eiligem Blicke das Papier, und ſeine Miene ward düſter und ſeine Stimme zitterte zuweilen, als er las: „Eingedenk der königlichen Worte der Verzeihung und der letztwilligen Verordnung meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, will ich hiemit allen denen, welche während der Regierung meines Herrn Vaters in Verkennung der dem angeſtammten Landesherrn ſchuldigen Treue und Ehrerbietung des Hochverrathes, des Landesverrathes, der Majeſtäts⸗Beleidigung, der Theilnahme an unerlaubten Verbindungen, der Er⸗ regung von Mißvergnügen gegen die Regierung ſich ſchuldig gemacht haben, die wider ſie verhängten Freiheits⸗ und noch unvollſtreckten Vermögensſtrafen, 5 mit Einſchluß der ihnen auferlegten und der noch nicht eingezogenen Unterſuchungskoſten erlaſſen; in Anſehung derjenigen aber, gegen welche noch nicht rechtskräftig erkannt iſt, die eingeleiteten oder noch einzuleitenden Unterſuchungen niederſchlagen und auch allen denen, die der Anſtellungs⸗Fähigkeit für verluſtig erklärt ſind, ſolche wieder gewähren. Ich rechne auf keinen perſön⸗ lichen Dank, glücklich in dem Gefühle, das heilige Ver⸗ mächtniß des Königs erfüllt und an ſein Andenken neuen Segen geknüpft zu haben.“ „Nun fragte der König, immerfort weiter zeichnend, „nun ſagen Sie mir ehrlich, Rochow, iſt noch etwas hinzuzufügen an dieſen Erlaß, oder ſind Sie, wie er da iſt, mit ihm einverſtanden?“ Der Miniſter athmete nochmals hoch auf, bevor er zu antworten vermochte. 3 „Ich glaube es iſt noch Einiges hinzuzufügen“, ſagte er dann.„Es fehlt da noch die Anführung der Geſetzesſtellen, kraft deren diejenigen, welche Eure Majeſtät begnadigen wollen, verhaftet worden ſind. Es wäre ſchon deshalb nothwendig, weil es ſonſt den Anſchein haben könnte, als wären alle die Verhaftungen und Anſchuldigungen wider Recht und Geſetz ge⸗ weſen.“ „Ah, ich begreife“, ſagte der König.„Nun ich übergebe Ihnen im vollen Vertrauen den Erlaß. Fügen Sie die nöthigen Geſetzesſtellen, die zu Ihrer und des Herrn v. Kamptz Rechtfertigung nothwendig ſind, hinzu. Iſt das Alles?“ „Nein, Majeſtät! Auch ferner muß ich noch fragen, ob auch diejenigen, welche vor der gerechten Strafe in das Ausland geflohen ſind, jetzt begnadigt und zur Rückehr berechtigt ſein ſollen?“. „Nein“, ſagte der König,„den Feigen welche flohen, darf man nicht dieſelbe Gnade erweiſen, wie den Tapferen und Muthigen, welche ſich der Strafe nicht entzogen. Auch das fügen Sie noch hinzu.“ „Und dann weiter“, ſagte der Miniſter,„ſollen die Gefangenen gezwungen werden, die Befreiung an⸗ zunehmen?“. „Nein, mein lieber Freund, ich will Niemanden zu ſeinem Glücke zwingen“, rief der König lachend, „fügen Sie auch das noch hinzu; wer nicht frei ſein will, mag gefangen bleiben. Alſo ordnen Sie mir das, und bringen Sie mir das corrigirte und weiter ausgeführte Aktenſtück alsdann nach Sansſouci, wo⸗ hin ich heute mich zu begeben gedenke. Es ſoll dann dieſe Amneſtie ſofort publizirt werden. Ich wünſche, daß es geſchieht, noch bevor ich mich mit meiner Ge⸗ mahlin nach Königsberg zur Huldigung begebe. Für 59 die genaue Ausführung und Befolgung der Amneſtie bürgt mir Ihre bekannte Rechtlichkeit und Gewiſſen⸗ haftigkeit.“ „Doch müſſen mir Eure Majeſtät erlauben, noch einige Fragen zu thun“, ſagte Herr von Rochow auf⸗ athmend.„Ich muß wiſſen, wie eng oder wie weit Eure Majeſtät die Grenze der politiſchen Verbrechen zu ziehen befehlen. Gehören zum Beiſpiel die ge⸗ fangenen Biſchöfe von Köln und von Poſen auch zu denen, welche in Freiheit geſetzt werden ſollen?“ „Gewiß“, rief der König raſch,„vor allen Dingen gehören ſie dazu, ſie, die Märtyrer ihres Glaubens und ihrer religiöſen Anſichten, welche in der Gefangen⸗ ſchaft ſchmachten um ihres Glaubens und ihrer Reli⸗ gion willen; ſie ſollen die Freiheit haben. Ich will Frieden machen, hören Sie wohl, Rochow, Frieden mit der ganzen Welt und mit allen Gewiſſen. Mit. allen Gewiſſen; deshalb ſollen die Biſchöfe nicht allein befreit werden, ſondern ich will auch, was an mir iſt⸗ dazu thun, daß ſie und die frommen Katholiken alle verſöhnt werden. Sie haben gekämpft für ihre Rechte, das heißt für die Rechte ihrer Kirche, die man ihnen, wie ich glaube, in unſeren Landen allzu ſehr beſchrän⸗ ken wollte. Die Kirche muß vor allen Dingen frei ſein; ſie iſt ein Staat für ſich und kann ſich dem po⸗ 60 litiſchen Staat nicht unterordnen, ſondern in Freiheit und Gleichheit müſſen beide neben einander beſtehen. So verſtehe ich es, und darum werde ich auch mit freier Gewiſſensüberzeugungnachgeben in dieſem Streite der Biſchöfe! Das Placetum regium ſoll abgeſchafft werden, die Biſchöfe ſollen nicht mehr gehalten ſein, für die päpſtlichen Verordnungen in Kirchenſachen erſt die Genehmigung des Staates einzuholen, bevor ſie dieſelbe in ihren Kirchen publiziren dürfen. Und ferner will ich auch darin nachgeben, daß die Kirche die Ehe nur auf ihre eigenen Bedingungen einſegnen darf, wie ſolches die frommen Biſchöfe verlangen und als ihr heiliges Recht begehren. Der Staat hat ſich in dieſe Gewiſſens⸗ und Geiſtesangelegenheiten gar nicht einzumiſchen und muß es den Prieſtern über⸗ laſſen, ſich in dieſen Dingen zu einigen mit dem Volke. Ich will die Gewiſſen frei machen, hören Sie wohl, Rochow. Und aus denſelben Grunde, aus welchem ich allen Biſchöfen und der katholiſchen Kirche ihre Rechte wiedergebe, will ich auch den Lutheranern ihre Rechte ſichern und wiedergeben. Alle Gottes⸗ häuſer waren bedroht und überall loderten die Flammen der Zwietracht auf; ich will alle Gotteshäuſer ſchützen und will die feindſeligen Flammen mit Liebe Gottes dämpfen und zur Ruhe bringen. Die Lutheraner 61 ſollen nicht mehr gezwungen werden, ſich der reformirten Landeskirche anzuſchließen. Wir werden ihnen eine General⸗Conceſſion ertheilen, durch welche ſie vor allen Verfolgungen geſchützt werden und frei in ihrer irfen zu dem Herrn, ihrem Gott, wie es ihnen beliebt. Ich wi ill gerecht ſein, wie Sie ſehen Rochow, gerecht nach allen Seiten hin. Ich will aber auch zugleich ein Zeugniß geben, daß mir der Glaube und die Kirche heilig ſind. Ich habe viel geforſcht, dieſe Fragen viel erwogen und viel gelernt aus den mendlich zu der feſten Buchern der Geſch und unerſchütterlichen Ue berzeugung gekommen, daß gegen die Schäden der Zeit kein anderes M ittel mehr wirkſam iſt, als das wahr haft lebendige Chr riſtenthum, mag es nun ſich lutheriſch, evangeliſch oder katholiſch nennen. Ich weiß, was die Revolution iſt, und ich habe es aus den Büchern der Geſchichte klar erkannt, daß gegen die Revolution nicht zu ſtreiten iſt mit menſchlichen Waffen, daß nur Einer ihr Meiſter und ſtark genug iſt, ſie zu bändigen; dieſer Eine iſt Jeſus Chriſtus, der Gekreuzigte! Dem diene ich aus treuem Herzen, und deſſen Kirche zu ſchützen und zu ſchirmen, das habe ich mir ſelbſt da ich von Gott und dem Seiland berufen war, die Krone Preußens zu aden Und dieſes Gelübde, das deüde in der erſten Stunde, 62 glauben Sie mir, Rochow, das werde ich halten bis zu der letzten Stunde meines Lebens. Chriſto, dem Gekreuzigten, will ich dienen mit meinem ganzen Hauſe. Die Religion iſt die einzige und beſte Schutz⸗ wehr gegen das Böſe, und der Teufel wird machtlos und ohnmächtig, wenn man ihm das heilige Zeichen des Kreuzes hinhält.“ Und während der Königs ſo ſprach, ſtrahlte ſein Angeſicht in frommer Begeiſterung, und ſeine Augen hefteten ſich mit einem entzückten Ausdrücke auf das Bild dort drüben, auf die ſchöne und iwelgelningen⸗ Copie der Disputa von Rafael. „Sehen Sie“, rief der König mit lauter Stimme, „ſehen Sie, dies iſt das Ideal, dem ich nachſtrebe, und das immer vor meinem inneren Auge ſtrahlt und glänzt! Wie dort Chriſtus ſitzt inmitten der Gewaltigen und der Großen, ſie alle überſtrahlend und Allen doch ausſtrahlend von ſeinem Lichte, ſie Alle ſo überragend daß vor ihm die Großen zuſammenſchrumpfen zu Zwergen und die Klugen verdummen und von ihm ihre Weisheit erhalten, ſo ſoll auch in meinem Staate Chriſtus ſitzen inmitten all der Großen und Mächtigen, ſoll da ſitzen auf ſeinem Throne, und wir wollen uns neigen vor ſeiner Majeſtät und ſeiner Herrlichkeit. Dahin gedenke ich mein Volk 63 zu führen, daß es mit mir gläubig, ſelig und beglückt durch ſeine Nähe auf ſeinen Knien liegt vor dem gei⸗ ſtigen Chriſtus und anbetet in dem Sohne die Herr⸗ lichkeit des Vaters und empfangen will von ihm die Läuterung und die Weihe des Glaubens und der Er⸗ kenntniß, in welcher untergehen alle Vernunft und aller Verſtand.“ Er hob die beiden Arme zu dem Bilde empor, und in ſeiner Verzückung hatte der König es ganz ver⸗ geſſen, daß er nicht allein war, nicht mit ſich ſelber und dem Chriſtus dort auf dem Bilde ſprach. Er ſtand immer noch da in ſeliger Begeiſterung und achtete gar nicht auf dieſen Mann, der hinter ihm nahe an der Thüre ſtand und mit gerunzelter Stirn und düſterer Miene hinſchaute auf den begeiſterten König. Ein leiſes Hüſteln erinnerte Friedrich Wilhelm endlich daran und rief ihn zurück in die Gegenwart. Er ließ die erhobe⸗ nen Arme ſinken und trat von dem Bilde zurück. „Sie wiſſen nun, was mein Ideal iſt“, ſagte er kurz und haſtig.„Wollen Sie mir helfen, es auszu⸗ führen?“ „Ich kann nur thun, was in meinen Kräften iſt“, erwiderte der Miniſter, ſich verneigend. „Und was meinen Sie, daß in Ihren Kräften iſt?“ fragte der König. 64 „Ich kann nur danach trachten, die Ordnung auf⸗ recht zu erhalten und darüber zu wachen, daß der Geiſt der Rebellion und Revolution nicht ſein Haupt erhebe und ſich die Macht anmaße. Aber“, fügte der Mini⸗ ſter mit leiſer Stimme hinzu,„aber, das wird freilich ſchwierig werden, wenn Eure Majeſtät ſelber dieſen Geiſt des Aufruhrs und der Rebellion begnadigen und ühn ſomit befreien von den Feſſeln, welche wir geglaubt haben, ihm anlegen zu müſſen. Es ſind zu viele auf⸗ rühreriſche Köpfe unter den Gefangenen, die nun durch das Gnadenwort Eurer Majeſtät befreit werden ſollen. und—⸗ „Genug, genug“, unterbrach ihn der König,„ich habe keine Furcht vor den aufrühreriſchen Köpfen und es hilft Ihnen nichts, mich daran zu erinnern. Ich bin entſchloſſen, die Amneſtie zu geben. Alſo laſſen wir das und führen Sie aus, was ich Ihnen geſagt. Fügen Sie die nöthigen Geſetzesſtellen, welche Sie zur Rechtfertigung der vorigen Regierung nothwendig hal⸗ ten, hinzu und dann legen Sie mir das Papier zur Unterſchrift vor. Geben Sie ſich nicht die Mühe, än⸗ dern zu wollen oder zu glauben, daß ich noch anderen Sinnes werden möchte. Ich habe mir in der Stunde, da ich mich zum erſtenmale als König denken mußte, dieſes Gelübde gethan, daß ich verſöhnen will, was 65 wielleicht allzu hart geſchehen iſt, und ich breche meine Gelübde nie. Es muß alſo ſein. Fügen Sie ſich darein, Rochow!“ „Ich bitte Eure Majeſtät, mir nur noch eine Frage zu geſtatten, zur Erläuterung jenes wichtigen Doku⸗ ments.“ „Nun denn, fragen Sie! Ich glaubte mich deut⸗ lich und klar ausgedrückt zu haben, und ſehe doch nun zu meinem Erſtaunen, daß ſich überall deuteln und überall Unklares heraustüfteln läßt. Alſo fragen Sie.“ „Ich erlaube mir noch die eine Frage, ob unter denen, die befreit, und unter denen, welchen die Strafe erlaſſen iſt, auch die Königsberger Mucker miteinbe⸗ griffen ſind?“ „Mucker!“ rief der König unwillig.„Was iſt das für ein dummes Wort. Ein Wort ganz ohne Sinn und ohne Begriff.“ „Ich bitte um Vergebung, Majeſtät“, erwiderte Rochow ehrerbietig.„Es iſt indeſſen dieſem Worte Inhalt und Begriff genug gegeben worden in Königs⸗ berg. Der Ober⸗Präſident von Schön hat unter die⸗ ſem Namen die Sekte bezeichnet, welche in Königsberg ſo argen Unfu getrieben.“ „Ich weiß“, nickte der König.„Das Wort, Mucker“ iſt allerdings eine Erfindung des Ober⸗Präſidenten von 5 Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. I. 5 66 Schön. Er hat es erfunden in ſeinem Aerger, weil einer ſeiner nächſten Verwandten zu den frommen Ver⸗ einen in gar naher Berührung ſtand.“ „In allzu naher Berührung, Majeſtät“, erwiderte Rochow mit einem leiſen, ſpöttiſchen Lächeln.„Die Verwandtin des Herrn Ober⸗Präſidenten war eine von den drei Seelenbräuten des Kanonikus Ebel. Eurer Majeſtät iſt bekannt, daß der Ober⸗Präſident ſelber die Klage erhoben hatte gegen die Mucker. Ich bitte um Vergebung für dieſes Wort, aber es bezeichnet anjetzo einen beſtimmten Begriff und iſt ſo in den Aktenſtücken mit aufgenommen. Als der Kanonikus mit ſeinen frommen Anhängern angeklagt ward wegen Verhöh⸗ nung der Religion, Gottes und der Kirche, wegen böſen Unfugs, wegen Sittenloſigkeit, wegen Ehebruchs und... „Still, ſtill, genug“, unterbrach ihn der König, „Sie beeifern ſich da, alle Teufel der Hölle heraufzu⸗ beſchwören. Man hat den Ebel verurtheilt, nicht wahr?“ „Ja, Majeſtät, das Berliner Kammergericht hat ihn verurtheilt zur Abſetzung, zur Degradation und zu lebenslänglichem Gefängniſſe. Es hat ihn lebendig todtgemacht.“ „Aber das Urtheil iſt noch nicht publizirt?“ fragte der König raſch. — ——, —,— — „—— — 67 „Nein, Majeſtät! und dies iſt eben die Frage, welche ich mir erlauben wollte zur Erörterung Eurer Majeſtät vorzulegen. Da das Urtheil, obwohl es rechts⸗ kräftig erkannt iſt, doch auf höheren Befehl in ſeiner Publikation immer noch verzögert iſt, ſo entſteht die Frage, ob es nun auch kaſſirt werden ſoll oder— „Sie thun da eine Frage, welche ich nicht be⸗ greife“, unterbrach ihn der König.„Cs ſteht in mei⸗ nem Erlaſſe, den ich ſelber Ihnen vorher übergeben, daß allen denen, deren Urtheil noch nicht publizirt iſt, vergeben und die Unterſuchung niedergeſchlagen wer⸗ den ſoll. Alſo ſelbſtverſtändlich bezieht ſich das Geſetz auch auf den Kanonikus Ebel und alle ſeine Anhänger.“ „Er darf alſo frei und unbehindert fortfahren in ſeinen Werken?“ fragte Rochow leiſe. Der König warf einen haſtigen Zlick auf das düſtere Angeſicht ſeines Miniſters, der dieſem Blicke mit freiem, faſt trotzigem Anſchauen begegnete. „Es iſt allerdings in Königsberg da mancherlei geſchehen, was bei den Nichtgläubigen verſtoßen mag gegen die gute Sitte“, ſagke der König nach einer Pauſe.„Es ſoll geſchehen, wie ich geſagt habe: die Amneſtie gilt für Alle. Nur ſoll man den Kanonikus Ebel wiſſen laſſen, daß die Amneſtie nur eine rückwir⸗ kende Kraft hat und ſich nicht beziehe auf das, was 8 5* 68 in der Zukunft geſchehen könnte. Wenn er fortfährt mit ſeinen Conventikeln und frommen Zuſammenkünften, und wenn dieſes böſe Geſchwätz von den Seelenbräu⸗ ten durch ſein Thun und Sprechen neue Nahrung fin⸗ det, ſo wird das Geſetz über ihn Gewalt haben, und es wäre daher beſſer für ihn, er verließe unſere Staa⸗ ten. Dies ſoll man ihm ſagen, als meinen guten Rath, den er befolgen mag, wenn er nicht Schlimmes für ſich und die Seinen heraufbeſchwören will. Und nun denke ich, mein armer Rochow“, fuhr der König mit jenem ſanften Tone und jenem Lächeln fort, wel⸗ ches ihm alle Herzen gewann,„nun denke ich, habe ich Ihnen eine ſolche Laſt von Arbeit und von zukünf⸗ tigen Akten und Dokumenten aufgebürdet, daß Sie für lange daran zu tragen haben werden und froh ſein müſſen, wenn ich Sie jetzt des Zuſammenſeins mit mir überhebe. Gehen Sie, Rochow! Aber einen Wunſch Ihres Königs bitte ich Sie noch zu erfüllen.“ „Die Wünſche meines Königs werden mir allezeit Befehl ſein“, erwiderte Rochow mit trockener Stimme. „Und doch wünſche ich nur“, ſagte der König; nich wünſche, daß Sie Alles, was ich heute mit Ihnen beſprochen, für ſich behalten mögen, ſowol das, was Sie das Gute nennen, als auch das, was Sie das Schlimme nennen mögen. Ich will die Welt überraſchen ——— ———-— 69 mit meiner Ernennung des Miniſters Eichhorn und auch mit meiner Amneſtie. Sie ſollen mir vorangehen auf meiner Reiſe nach Königsberg und die Fama ſoll mit ihrer Tuba es mir voranblaſen, daß ein König der Gnade naht.“ „Ich werde cerbriſcich ſchweigen, dem Befehl Eurer Majeſtät gemäß“, erwiderte Rochow, ſich tief verneigend. Der König winkte ihm freundlich mit der Hand den Abſchiedsgruß zu und trat dann an das Fenſter, vielleicht um nicht zu ſehen, daß der Miniſter von Ro⸗ chow, ganz der Etiquette zuwider, ſich umgewendet hatte und nicht rückwärtsgehend das Zimmer durch⸗ ſchritt. Sechstes Kapitel. Das Gedicht. „Grobian!“ ſagte der König, als er jetzt an dem Zufallen der Thür hörte, daß der Miniſter hinausge⸗ gangen war.„Unausſtehlicher Grobian und Pedant! Ich werde ihn noch eine Zeitlang halten, ſowie man den Knüppel hält, mit dem man die tollen Hunde züchtigt. Aber es wird auch ſeine Zeit kommen, und er wie alle Anderen ſollen es ſehen, daß ich nicht ab⸗ hängig bin von meinen Dienern und Schergen, ſondern in Allem nur mir ſelber folge und meiner beſſeren Ein⸗ ſicht. Und jetzt iſt es genug der Arbeit“, fügte er dann aufathmend hinzu,„Cliſe erwartet mich, und ich will mit ihr hinaus nach Potsdam, nach unſerem lieben Sansſouci. Aber“, fuhr er dann raſch fort,„da iſt noch die Correctur des Teſtamentes! Ich muß ſie Schöning geben, daß er das Blatt ſofort zum Drucke befördert.“ Er trat zu ſeinem Schreibtiſch und nahm haſtig das große Papier in die Höhe. Ein weißes Blatt fiel von demſelben nieder auf die Erde. Der König hob es auf. „Ah, meine Zeichnung“, ſagte er. Aber dann, als er die Augen auf das Papier heftete, ſtutzte er. „Nein, nicht die Zeichnung. Was iſt das? Schrift⸗ züge! Wie kommt das Blatt Papier hierher?“ Er hielt es nahe an ſeine Augen und betrachtete es aufmerkſam mit ſeinen kurzſichtigen Blicken. „Verſe“, ſagte er dann, und indem er die Ueber⸗ ſchrift las, murmelte er leiſe:„Cela va mal!“ Haſtig dann durchſchritt er das Zimmer und trat an das Fenſter, um aufmerkſamer leſen zu können. Einmal, zweimal überflog er das Papier, und dann plötzlich begann er es laut und mit pathetiſchem Ausdrucke zu leſen. Das Gedicht lautete alſo: Als in Friedrich Wilhelm leiſer Schon der Puls des Lebens ſchlug, Neigte ſich der Ruſſenkaiſer An das Sterbebett und frug, Wie der Leidende ſich fühle. Da erklang vom Krankenpfühle Jener Stimme matter Schall: Cela va mal. Wort von traurigem Gewichte Aus des guten Königs Mund; Motto unſerer Geſchichte, Die ein Sterbender verſtund; Ahnend in des Todes Nähe, Klang es als ein tiefes Wehe Von der deutſchen Dinge Fall: Cela va mal. Deutſches Herz, was ſoll dich tröſten, Wenn ein ſtilles Hoffen bricht, Da ein König von den beſten Scheidend ſolche Worte ſpricht! Und des Lebens Sturm und Klippen Geht er in das Sternenall, Das Geſtändniß auf den Lippen: Cela va mal! Füllen möcht' ich hundert Urnen Aus dem trüben Strom der Zeit, Unſern mächtigen Saturnen Als Libation geweiht; Aber in den Prachtgefäßen Sollten ſie die Worte leſen, Tiefer Seufzer Widerhall: Cela va mal! „ 73 Wohl! in allgemeiner Beugung Ehrt der Wahrheit Teſtament, Die aus tiefer Ueberzeugung Niemals gut das Schlechte nennt. Was der edle Fürſt geſprochen, Eh' ſein Aug' im Tod gebrochen, Sei der Spruch jetzt unſ'rer Wahl Cela va mal! Hofft, daß einſt durch dieſe Thräne Schimmern werde Tag und Licht, Daß vielleicht der Sohn der Söhne Einſt zu ſeinen Brüdern ſpricht: Laſſ't uns Dank dem Himmel ſagen, Trübe ging's in alten Tagen; Denn die Väter ſeufzten all': Cela va mal! „Seltſam“, murmelte der König vor ſich hin, in⸗ dem er das Blatt von allen Seiten betrachtete.„Wer hat das geſchrieben? Wo kommt es her? Schöning, he Schöning!“ Auf den lauten, gebieteriſch wiederholten Ruf öffnete ſich die kleine Seitenthür und der Kammerdiener trat ein. 1 „Schöning“, fragte der König,„haſt Du das Blatt Papier hierher gelegt?“ Der Kammerdiener ſchaute ganz verwundert drein, und trat leiſe auf den Zehen näher, um das Blatt zu betrachten. „Nein, Euer Majeſtät, halten zu Gnaden, ich würde mir nicht erlauben, ohne Befehl dergleichen auf Eurer Majeſtät Schreibtiſch zu legen.“ „Wirklich?“ fragte der König, die Augen zuſam⸗ menpreſſend, wie es Kurzſichtige zu thun pflegen, und forſchend auf das ruhige lächelnde Antlitz des Käm⸗ merlings ſchauend.„Wirklich, Du weißt nichts da⸗ von?“ „Nein, Majeſtät, bei Gott, ich weiß nichts da⸗ von.“ „Hm“, ſagte der König, indem er, die Hand auf dem Rücken faltend, langſam auf und nieder ging. „Wie kann das Blatt hieher gekommen ſein? Wer kann ſich erdreiſtet haben, es dahin zu legen? Wer war hier im Zimmer, Schöning, ehe ich eintrat?“ „Meines Wiſſens Niemand, Majeſtät. Nur Ihre Majeſtät die Königin kam, während Eure Majeſtät nooch im Toilettenzimmer waren, hier herein.“ „Nun, von ihr ſicherlich iſt das nicht niedergelegt“, ſagte der König.„Wer war ſonſt hier außer dem Herrn Baron von Humboldt und dem Miniſter von Rochow?“ „Niemand, Majeſtät.“ „ „„,„, 75 „Alſo Einer von ihnen“, ſagte der König heftig nickend.„Geh', Schöning, ſag', daß der Wagen vor⸗ fahren ſoll. Ich werde zur Königin gehen, um ſie ab⸗ zuholen. Wir wollen hinaus nach Sansſouci. Be⸗ ordre auch den General„Adjutanten von Gerlach; er ſoll mit uns hinaus.“ Als Schöning hinausgegangen, betrachtete der König wiederum das Papier von allen Seiten. „Es wird Rochow ſein, der es heimlich dahin ge⸗ legt“, ſagte der König mit einem ſpöttiſchen Lächeln. „Es ſoll ſo ein kleiner Sturmvogel ſein, der nahes Ungewitter bedeutet, ſo ein Grollen in der See, bevor der Sturm losbricht. Ja ich verſtehe, ſie wollen mich ängſtigen, ſie wollen in mir Zorn erregen und Miß⸗ trauen.“„Wort von traurigem Gewichte“ recitirte er dann gedankenvoll auf das Blatt ſehend: Ahnend, in des Todes Nähe, Klang es wie ein leiſes Wehe Von der deutſchen Dinge Fall: Cela va mal. „Ich will doch hingehen und es Eliſe zeigen. Es wird ſie doch intereſſiren.“ Siebentes Kapitel. Ein königliches Ehepaar. Der König war haſtigen und eiligen Ganges durch die Reihe der Gemächer dahingeeilt; nur jetzt, als er ſich dem Wohngemache ſeiner Gemahlin näherte, mäßigte er ſeine Schritte und ging langſam und leiſe über den Teppich dahin nach der halb zurückgeſchlagenen Sammt⸗ Portidre. Neben derſelben blieb er ſtehen und ſchaute mit lächelndem Blick hinein in das Arbeitszimmer ſeiner Gemahlin. Sie ſaß drüben an der entgegengeſetzten Seite an ihrem Schreibtiſch, und mußte ſehr vertieft ſein in ihre Arbeit, denn ſie ſchien die Annäherung des Kö⸗ nigs gar nicht gehört zu haben und ſchrieb ruhig weiter. Der König lächelte und ging langſam und leiſe über den Teppich dahin durch das Gemach. Die Kö⸗ nigin ſchrieb immer weiter und ſchien gar nichts zu hören von den gedämpften Tritten hinter ihr. Jetzt legte ihr der König leiſe die Hand auf die Schulter. „Eliſe, willſt Du mich nicht hören?“ fragte er mit ſanfter Stimme. Die Königin legte langſam die Feder nieder und erhob ſich von ihrem Sitz. „Majeſtät, ich bitte um Verzeihung, ich hörte Sie wirklich nicht“, ſagte ſie, ſich tief verneigend. Der König ſchaute ſie erſt ganz verwundert an und blickte dann forſchend im Zimmer umher. „Sind wir nicht allein, Eliſe?“ fragte er. Ja, Majeſtät, wir ſind allein, Niemand iſt bei uns als Gott und Ihre Majeſtät.“ 8„Meine Majeſtät! Ich bitte Dich, Eliſe“, rief er lebhaft,„quäle mich nicht mit dem Wort, wenn wir allein ſind. Du weißt, ich bin allezeit und immerdar nur Dein ergebener Knecht und Dein gehorſamer Diener.“ „Ich geſtehe Eurer Majeſtät, daß ich davon nichts weiß“, erwiderte die Königin mit einem leiſen Seufzer. „Wie“, rief er mit zürnendem Ton und haſtiger Geberde,„wie, Du weißt nichts davon? Du verleug⸗ neſt alle unſere ſchönen Jahre des Glückes, und die Königin will nichts davon wiſſen, was die Kronprin⸗ 78 zeſſin mir doch ſo oft geſagt, daß ſie glücklich ſei und daß ſie wiſſe, wie ſehr ihr Fritz ſie liebe?“ „Ja, die Kronprinzeſſin war auch glücklich“, er⸗ widerte die Königin ſanft,„und wenn ihr theurer, ge⸗ liebter Gemahl auch zuweilen wie das Meer aufbrauſte und wie ein Ungewitter am Himmel donnerte und blitzte, ſo hatte das eben nichts auf ſich. Es blieb das Geheimniß unſeres Hauſes; aber wenn der König—“ „Ah“, unterbrach ſie der König mit einem lauten fröhlichen Lachen,„jetzt begreife ich! O, Kurzſichtiger, der ich war! Du grollſt und ſchmollſt mit mir.“ „Euer Majeſtät, ich werde mir das niemals er⸗ lauben“, erwiderte die Königin unterwürfig, indem ſie ſich wieder tief verneigte.„Aber ich will wenigſtens, was an mir iſt, dazu thun, niemals zu vergeſſen, daß mein Gemahl der König iſt, und daß man dem König⸗ thum CEhrfurcht ſchuldig ſei, und daß das Königthum ſich allezeit ſo benehmen muß, daß man mit freudigem Herzen ihm dieſe Ehrfurcht darbringt.“ „Ich war alſo furchtbar heftig“, fragte der König lächelnd, indem er ihre beiden Hände nahm und der Königin tief in die Augen ſah. „Ja, Majeſtät, furchtbar heftig.„Der alte gute Schöning wurde ganz bleich!“ 79 „Aber ich verſichere Dich, Eliſe, die Chocolade war wirklich ſchlecht“, ſagte Friedrich Wilhelm in ent⸗ ſchuldigendem Tone.„Ich hatte ihm geſtern ſchon ge⸗ droht!“ „Ich glaube, es würde ihn mehr geſchmerzt ha⸗ ben, wenn Euer Majeſtät nichts geſagt hätten“, erwi⸗ derte die Königin.„Wenn Euer Majeſtät nur ſchwei⸗ gend die Ehocolade hätten ungenoſſen ſtehen laſſen, das wäre für ihn ein bitterer Vorwurf geweſen, und Euer Majeſtät Schweigen würde beredter geweſen ſein, als dieſer heftige polternde Zorn, der nur dem Kam⸗ merdiener das Recht gibt, ſich zu entſchuldigen in ſei⸗ nem Gewiſſen und Euer Majeſtät zu beſchuldigen! Um es äußerlich zu thun, dazu iſt er natürlich ein zu er⸗ gebener und bewährter Diener.“ „Nun, ſei nur ſtill und laß gut ſein“, ſagte der König gutmüthig,„ich habe den Alten ſchon wieder verſöhnt, ihm die Hand gegeben und mein Unrecht eingeſtanden. Alſo laß gut ſein, Eliſe, es ſoll nicht wieder geſchehen.“ „Ach, verſprechen Sie das nicht, Euer Majeſtät, denn—“ „Euer Majeſtät“, unterbrach ſie der König haſtig, „genug mit dieſem Titel, Eliſe! Ich beſchwöre Dich, bringe mich nicht außer mir, ſchone Deinen armen 80 Fritz. Wahrlich, ich habe dieſes Wort jetzt ſchon zur Genüge gehört, und ich kam, um auszuruhen bei Dir von meinem Königthum und mit Dir hinauszufahren, Eliſe, hinaus nach unſerem lieben Sansſouci. Sei wieder gut, Eliſe; nochmals verſpreche ich Dir, ich werde mich zuſammennehmen und der alte böſe Zorn, der zuweilen wider meinen Willen mich hinreißt, ſoll nicht mehr Gewalt über mich haben. Es iſt der Teu⸗ fel“, fuhr der König mit frommem Augenaufſchlag fort,„ja der Teufel, welcher kommt, mich zu verſuchen in Geſtalt des Zornes. Aber wir wollen ihn zuſam⸗ men beſiegen, Eliſe; wir wollen beten, Eliſe, daß Gott mir die Kraft gebe, dieſen Teufel des Zornes nieder⸗ zukämpfen. Biſt Du nun zufrieden, Eliſe?“ „Ja, Majeſtät!“ „Wieder das abſcheuliche Wort!“ rief der König heftig.„Vergebung, Eliſe“, fügte er dann ſanft hinzu, vich klage das Wort nicht an, es iſt meines höchſten Amtes ſchönſte Bezeichnung. Aber nur von Deinen Lippen will ich es nicht hören, denn von Deinen Lip⸗ pen iſt es allemal eine Anklage oder ein Vorwurf. Verſprich mir, Eliſe, mich niemals. Majeſtät zu nennen.“ „Aber wie ſoll ich Sie denn nennen?“ fragte die Königin mit einem heiteren Lächeln und einem zärt⸗ lichen Blicke aus ihren großen, dunklen Augen. 9 ——— 81 „Vor allen Dingen ſollſt Du mich Du nennen; nicht blos, wenn wir allein ſind, ſondern vor aller Welt ſollſt Du„Du“ ſagen, und dann Eliſe, wenn ich bei Dir bin in Deinen oder in meinen Gemächern, dann wollen wir ein wenig vergeſſen, daß wir der König und die Königin ſind. Bedarfſt Du durchaus eines Titels, ſo nenne mich Baron, und ich will Dich Baronin nennen. Ja, ja“, rief der König,„ſo ſoll es ſein! Wir träumen uns zurück in die alte ſchöne Ritterzeit, in welcher ein Baron der Inbegriff aller Ehre, aller Erhabenheit, alles Reichthums und aller Wegelagerei war, ein Gott für ſeine Fräulein mit den Falken auf dem Zeigefinger, ein edler Vaſall für ſei⸗ nen König, ein frommer Kämpfer für ſeinen Gott, ein Schrecken für die Juden und Kaufleute, die vor⸗ überzogen an ſeiner feſten Burg, und, Alles in Allem genommen, ein deutſcher Mann. Ja, Cliſe, ſo ſoll es ſein. Ich bin Dein Baron und Du biſt meine Baro⸗ nin. Nun komme und küſſe mich und laſſe Alles ver⸗ geſſen ſein*). Und was nun die Taſſe anbelangt, Eliſe“, fuhr der König mit verdüſterter Miene fort, *) Der König und die Königin nannten ſich ſeit der Thron⸗ beſteigung bis zu der Erkrankung des Königs im vertraulichen Beiſammenſein immer Baron und Baronin. Mühlbach, proteſtantiſche Jeſuiten I. 6 82 ſo bin ich wahrlich geſtraft genug durch ihren Verluſt. Es war ein Angedenken an meine theure, unvergeßliche Mutter, und ich muß es nun entbehren.“ Die Königin trat zu ihrem Schreibtiſch; ſie nahm von demſelben ein Papier auf, welches ſie eben ge⸗ ſchrieben, und reichte es dem König dar. „Sieh, mein lieber Baron“, ſagte ſie mit einem lächelnden Blick,„ſieh und überzeuge Dich, daß Deine Eliſe ſich nie erlaubt, Dir zu grollen, ſondern daß ſie ſich nur ſo den Anſchein geben mußte um Deiner eige⸗ nen Beſſerung willen, mein lieber, zorniger Baron.“ Der König nahm haſtig das Papier, und es dicht vor ſein Geſicht haltend, überflog er es mit haſtigem Blick. „Ein Schreiben an den Director der Porzellan⸗ fabrik“, ſagte er vor ſich hin,„der Auftrag, ſogleich nach den beigefügten zerbrochenen Scherben eine eben ſolche Taſſe anfertigen zu laſſen, genau ſo, durch nichts zu unterſcheiden von dem zerbrochenen Original.“ „Ich danke Dir, meine Eliſe, das iſt ganz in Dei⸗ nem zarten, edlen Sinn gehandelt; ich danke Dir von Herzen, die Taſſe wird nun einen doppelten Werth für mich haben, als ein Angedenken an meine theure Mutter und an die Liebe meiner Eliſe.“ 4 „Die Taſſe“, ſagte Eliſe mit einem feinen Tone; —,.,— —— —.— 83 „ich bitte den Herrn Baron zu bemerken, daß ich ge⸗ ſchrieben habe„drei Taſſen“, ganz ähnlich wie die zer⸗ brochene.“ „Drei, weshalb denn drei?“ fragte der König. Seine Gemahlin trat dicht zu ihm heran, und die Hand auf ſeine Schulter legend, blickte ſie mit ihren ſchönen dunklen Augen ihm lächelnd in das Angeſicht. „Drei Taſſen“, flüſterte ſie,„weil es doch ſein könnte, daß der König wieder einigemale ſeiner Maje⸗ ſtät vergäße und ſich hinreißen ließe von ſeinem menſch⸗ lichem Zorne.“ Der König lachte hell auf. „Oh, gleich drei Taſſen! So wenig Glauben ſetzeſt Du in meine Verſprechungen? Doch nun in vollem Ernſt, Eliſe, ich verſpreche Dir, mich zuſammenzuneh⸗ men. Und höre, geſchieht es doch einmal wieder, daß ich zornig auffahre— denn die Menſchen ſind gar ſo dumm und ſie reizen mich ſo ſehr— geſchieht es doch einmal wieder, ſo bitte ich Dich, rufe mich ſogleich an mit dem Worte: Majeſtät! Das wird mich gemahnen an meine Pflicht. Und nun möchte ich mir erlauben, eine Frage an meine liebe Frau Baronin zu richten.“ Er zog das Papier mit dem Gedicht aus ſeiner Bruſttaſche hervor und reichte es ihr dar. „Kennſt Du das, Eliſe?“ 6* 84 „Nein“, erwiderte ſie, das Blatt betrachtend,„nein, ich kenne das Gedicht nicht.“ „Ich bitte, lies es.“ Die Königin folgte ſeinem Befehl und überflog raſch mit den Augen die Zeilen, die auf dem Papier geſchrieben ſtanden. „Wirklich, ein trauriges Wort“, ſagte ſie,„und es will mich bedünken, daß die Anwendung dieſer letz⸗ ten Worte des hochſeligen Königs grauſam und bos⸗ haft iſt. Es hat etwas Schauerliches, dies Wort eines Sterbenden ſo als einen Fluch über die ganze Zeit und als ein prophetiſches Wort über die Zukunft aus⸗ zubreiten.“ „Du weißt wirklich nicht, woher es kommt?“ fragte der König. „Nein“, erwiderte ſie. „Wirklich nicht“, ſagte der König, nachdem er die Augen feſt zuſammengekniffen und ihr ſcharf ins Ge⸗ ſicht ſchaute,„wirklich nicht, Eliſabeth?“ Sie zuckte ein wenig zurück. „Ich bitte, Eurer Majeſtät bemerken zu dürfen, daß Sie mich zweimal daſſelbe fragen, obwol ich doch ſchon Antwort gegeben“, ſagte ſie.„Ich ſage niemals eine Unwahrheit.“. „Ich glaube Dir, obwohl ich gewünſcht hätte, —— X— 85 Eliſe, Du wäreſt es geweſen, die mir das Blatt auf meinen Schreibtiſch gelegt. Du könnteſt es ja gethan haben, um mich wiſſen zu laſſen, wie die allgemeine Stimmung iſt. Doch Du haſt es nicht gethan, und das beweiſt, daß wir ſchon von Intriguen umgeben ſind, und daß man danach trachtet, auf meine Stim⸗ mung einzuwirken. Du haſt Recht, es iſt ein böſes Lied „Cela va mal.“ Es kommt ſicherlich von Rochow, dieſem finſtern Manne des Geſetzes, in deſſen Seele nicht ein Funke von Milde, Poeſie und Liebe wohnt. Er möchte gern, daß die Welt ſich gar nicht drehe und daß es kein Vorwärts gäbe! Ich aber muß und will vorwärts ſchreiten!“ „Es iſt indeſſen ſehr gefährlich dieſes Vorwärts“, ſagte die Königin ſeufzend. „Wenn ich ſo dächte“, rief der König heftig,„ſo müßte ich auch im Unrecht beharren. Der König, mein hochſeliger Vater, hat in ſeinem Teſtament mich ge⸗ warnt vor dem zu raſchen Vorwärtsſchreiten, aber auch vor dem Zurückbleiben, Eliſe; und ſtillſtehen heißt zu⸗ rückbleiben. Und wollte ich jetzt ſtillſtehen und behar⸗ ren in dem, wie es jetzt iſt, wollte ich dem Rochow und dem Kamptz, dem Demagogenriecher, und dem Tzſchoppe, ſeinem elenden Gefängnißbüttel, Recht laſ⸗ ſen und Macht, ſo würden wir rückwärts ſchreiten in 86 die finſteren Zeiten der Tyrannei. Wollte ich beharren in dem, was iſt, Eliſe, ſo dürfte ich auch nicht denen, welche, wie ich nach meiner inneren Ueberzeugung ſagen darf, unrechtmäßigerweiſe im Gefängniß ſitzen, die Frei⸗ heit wieder geben. Ich ſpreche nicht blos von den po⸗ litiſchen Gefangenen, obwol man ſich ſchwer an ihnen verſündigt hat und Knabenſtreiche für Männerbosheit ausgelegt, ich ſpreche auch von den erhabenen, edlen Männern, welche um ihres Glaubens willen dulden und leiden! Ich ſpreche auch von den Erzbiſchöfen in Gneſen und Köln, deren Standhaftigkeit und Treue uns Beide oft zu Thränen gerührt hat, wenn wir laſen, wie ſie duldeten und litten und von keiner Drohung ſich ſchrecken und von keinem Entbehren ſich einſchüchtern ließen. Ich kann dieſe Gefangenen nicht befreien, ohne auch den Anderen die Pforte ihrer Ge⸗ fängniſſe zu öffnen. Wie die Sonne aufgeht über den Gerechten und Ungerechten, ſo muß es auch die Sonne meiner Gnade thun, muß aufgehen über die Gerechten und Ungerechten. Und wenn ich die Erzbiſchöfe be⸗ gnadige und die Ebelianer in Königsberg, damit es endlich ruhig werde von dieſer jämmerlichen Geſchichte, welche den ſogenannten Liberalen ſo viel Stoff zu Klatſch gibt, wenn ich dieſe Alle begnadige, ſo darf ich die politiſchen Gefangenen nicht ausſchließen. Es ſoll , 8 und muß aber die Sonne ſcheinen und der Tag ſoll aufgehen über der Welt. Und ich will das Wort zu Schanden machen, dieſes Wort, welches da geſchrieben ſteht als unglückſelige Verkündigung von„der deutſchen Dinge Fall, cela va mal“.— Komm, Eliſe, wir wollen uns nun ein wenig erholen und erquicken draußen in unſerem ſchönen, lieben Sansſouci. Ach, mein großer Ahne hat wol Recht gehabt, das ſchöne liebe Haus ſo zu benennen. Wir wollen dahin gehen, um ein wenig ohne Sorge zu ſein; Eliſe, komm.“ Er reichte ihr den Arm und führte ſie hinunter über die mit dunkelrothen Teppichen belegte Treppe, hinunter zu den Wagen, welche ſchon im inneren Hof⸗ raume am Ende der Treppe ihrer warteten. Dann bot er der Königin die Hand und half ihr einſteigen, und indem er ſich neben ſie ſetzte, blickte er zurück nach dem zweiten Wagen, in welchem eben der General⸗Ad⸗ jutant von Gerlach Platz genommen hatte. „Gott grüße Sie, General“, rief der König, haſtig mit der Hand ſeine Militärmütze faſſend.„Vorwärts nun!“ Achtes Kapitel. Der zerbrochene Wagen. Die Pferde brauſten durch dem Hof nach dem Luſtgarten hinein und ſchlugen den Weg nach den Linden ein. „Vorwärts, vorwärts!“ rief der König unter dem Gerolle der Räder.„Es iſt doch ein ſchönes Wort, es klingt wie Drommetenton und bezeichnet immer den Angriff zur Schlacht. Ach, das ganze Leben, Eliſe, iſt doch eine große, große Schlacht. Gott gebe mir nur, daß ich Sieger bleibe.“ „Hurrah!“ tönt es von der Straße her,„Hurrah! Es lebe der König!“ Die Menſchen, welche auf der breiten Promenade Unter den Linden die ſchönen Sommertage genoſſen und unter dem Schatten der Bäume dahinwandelten, 4 —· 89 hatten das Königspaar erkannt und grüßten es mit lauten Rufen. „Es lebe der König! Es lebe die Königin!“ Immer lauter tönte das Rufen:„Hurrah! Es lebe der König!“ Und dann hier und dort miſchten ſich zwei andere Worte in dieſen loyalen Ruf:„Amneſtie! Gnade! Gnade! Amneſtie!“ Und dieſe Worte, welche Einzelne geſprochen, wurden aufgenommen von den Anderen, und ſie be⸗ gleiteten jetzt in vollen Tönen und Accorden das Kö⸗ nigspaar die breite Lindenſtraße hinunter, dieſe Worte des Flehens:„Gnade, Amneſtie!“ Der König nickte nach allen Seiten hin, aber das Lächeln war auf ſeinem Angeſichte erſtorben. Erſt draußen, wo ſie an der Seite der Promenade dahin⸗ fuhren und die Spaziergänger, zu denen das geflügelte Wort noch nicht herangeflogen war, den König begrüß⸗ ten, und als dieſer Gruß, hundert⸗ und hundertfach wiederholt, immer wieder zu ihnen herantönte, da er⸗ glänzte auch das Lächeln wieder auf dem Angeſichte des Königs und ſein Auge ſtrahlte wieder freudig auf. „Es iſt doch eine himmliſche Muſik dieſes Jubel⸗ geſchrei des Volkes“, ſagte der König, da ſie jetzt auf der Chauſſee weiterfuhren und das Gebrauſe der Stadt hinter ihnen erſtarb. „Ja, eine himmliſche Muſik, Du haſt wol Recht“, ſagte die Königin ſeufzend.„Doch ich weiß nicht, mich erſchreckt dieſes Geſchrei des Volkes allemal. Und wenn ſie auch rufen:„Es lebe der König und die Kö⸗ nigin!“ ſo muß ich mich dabei allemal des Wortes von Cromwell erinnern, welcher, als das Volk ihm jubelnd entgegenzog und ihm Lebehochs darbrachte, und als ſeine Begleiter ihm beweiſen wollten, wie ſehr das Volk ihn liebe, ihnen antwortete:„Sie würden ebenſoſehr jauchzen und ſchreien, wenn man mich mor⸗ gen zur Hinrichtung führte.“ Das Volk iſt wetter⸗ wendiſch, mein theurer König, und wer ſich auf die Liebe des Volkes ſtützen wollte, der hätte nur auf Sand geſtützt. Nur die Liebe Gottes iſt der Fels im Meer, der nimmer uns verläßt.“ „Du haſt Recht, ja wol, Du haſt Recht, die Liebe Gottes iſt der Fels im Meere, und auf ihn wollen wir uns ſtützen und an ihn wollen wir uns anklam⸗ mern in ſchlimmen wie in böſen Zeiten, und von die⸗ ſem Felſen aus, Eliſe, wollen wir in guten und in ſonnigen Tagen die Welt um uns her betrachten, wie ſie ſo ſchön iſt, und wollen uns ihrer freuen; ah der Teufel“, unterbrach ſich der König mit einem lauten Aufſchrei,„was iſt denn das für ein un⸗ geſchicktes Fahren!“ Ein heftiger Ruck jetzt und 91 krachend ſenkte der Wagen ſich zur Seite nieder. Ein heftiger lauter Fluch tönte von den Lippen des Königs, und er ſprang empor; mit aufgehobenem Arm und drohender Fauſt wendete er ſich zu dem Kutſcher hin. Die Königin hielt ihn zurück. „Majeſtät, ich bitte, Majeſtät!“ ſagte ſie leiſe. Der König zuckte zuſammen und ließ ſeine Hand niederſinken. Der Kutſcher hatte die Pferde angehal⸗ ten, und jetzt eilte der General⸗Adjutant aus dem näch⸗ ſten Wagen zu der königlichen Equipage heran, und riß, den Lakai haſtig zurückdrängend, den Schlag auf. „Ich bitte Eure Majeſtät auszuſteigen.“ „Was iſt denn?“ ſagte der König haſtig. „Majeſtät, ein Rad iſt gebrochen.“ „Ein böſes Omen!“ murmelte der König, indem er, ſich auf den Arm ſtützend, aus dem Wagen nieder⸗ ſtieg und dann der Königin beim Ausſteigen behilflich war.„In der That ein böſes Omen! Und wie kam es nur, und wie konnte der Eſel von Kutſcher ſo un⸗ geſchickt ſein? Warum ſieht man nicht nach den Wa⸗ gen, bevor wir ſie beſteigen?“ „Ich bitte Eure Majeſtät ehrerbietigſt um Verge⸗ bung“, ſagte der Kutſcher, der bleich und bebend ſich zu dem König hinwendete.„Es war Alles in Ordnung, aber—“ „Aber“, rief der König,„wenn Alles in Ordnung war, wie kann Er Eſel denn ſo fahren, daß das Rad zerbricht?“ „Es lag ein Stein im Wege, den ich nicht geſehen hatte.“ „Er mußte ihn ſehen, Er Eſel!“ rief der König heftig. „Majeſtät“, flüſterte die Künigin leiſe,„ich wage Sie an das Wort zu erinnern, welches wir eben Un⸗ ter den Linden gehört, Gnade, Majeſtät, Gnade, Am⸗ neſtie!“ „Euer Majeſtät, auch ich bitte um Gnade für den guten alten Leibkutſcher“, ſagte General von Ger⸗ lach, ehrfurchtsvoll ſich neigend.„Es iſt dieſe Nacht ein Gewitter geweſen mit ſtarkem Regen, der faſt wie Wolkenbruch war und, wie Eure Majeſtät ſehen, die Chauſſee aufgeweicht hat. Der Stein war ſo von Schmutz und Staub bedeckt, daß der Alte ihn wol nur für eine weiche Maße gehalten hat.“ „Nun denn“, ſagte der König lächelnd,„er ſt alſo kurzſichtig, und kurzſichtig ſind wir Alle, wir Menſchenkinder! Am kurzſichtigſten iſt freilich dein ergeb⸗ enſter Knecht, Eliſe. Alſo es mag gut ſein. Wir ſteigen in Ihren Wagen, General, und fahren nun mitſammen, das iſt denn ſogar ein Gewinn, den wir —— 93 von dem kleinen Zufall haben. Aber ich wünſche nicht, daß davon die Rede ſei. Ich möchte den allezeit ſarkaſtiſchen Berlinern, denen ein dummer Witz über Alles geht, nicht Gelegenheit geben, unſere Reiſe nach Potsdam, unſere erſte Erholungsreiſe nach der Thron⸗ beſteigung, zu beſpötteln! Alſo Seine einzige Strafe, Herr Leibkutſcher, beſteht darin, daß Er ſchweigt über dieſe Affaire, die ihm doch nicht zur Ehre gereicht. Und auch ihr ſchweigt“, befahl der König den Lakaien, die erfurchtsvoll mit gebeugtem Haupte daſtanden. „Und nun vorwärts; doch ſage ich euch Allen, nehmt euch in Acht! Es iſt ein böſer Tag heute und von al⸗ lerlei Unfällen bezeichnet. Nicht wahr, Eliſe, ein bö⸗ ſer Tag? Heute Morgen zerbrach meine Taſſe und jetzt zerbricht das Rad an unſerem Wagen. Wir müſſen bedacht ſein, daß nicht noch mehr zerbricht am heutigen Tage.“ Aber es zerbrach auf der weiten Fahrt nichts weiter. Der König war in heiterſter Laune und un⸗ terhielt ſich lebhaft und angeregt mit ſeiner Gemahlin und ſeinem General⸗Adjudanten, ſeinem Liebling und Vertrauten. Aber als ſie in Sansſouci angelangt wa⸗ ren, begleitete der König nicht ſeine Gemahlin in das gemeinſchaftliche Wohnzimmer, ſondern er zog ſich ſo⸗ gleich in ſein Arbeitszimmer zurück. „Ich habe noch vorher einen Courier abzuſenden“, ſagte er;„ich dachte hier draußen nur mit meiner Ba⸗ ronin und dem Freunde echt menſchlich glücklich zu ſein, aber der Schwanz unſerer Herrlichkeit folgt uns doch überall nach und legt uns allerlei Pflichten auf. Das Wort, welches ich Unter den Linden gehört, tönt noch in meinen Ohren nach.„Amneſtie“ haben ſie geſchrien und„Gnade“, und wenn ich nun lange zögere, das auszuführen, was ich beſchloſſen, ſo wird dieſes Stra⸗ ßengeſindel ſich einbilden, ich befolge nur ſeine Befehle und handle nicht aus eigenem Ermeſſen. Ich will die Amneſtie und Gnade ſo ſchnell wie möglich verkündigen, damit man erkennen ſoll, ſie komme von mir und nicht aus den weißbierduftenden Mäulern der Berli⸗ ner. Deßhalb will ich noch einen Courier an meinen lieben Miniſter von Rochow abſenden.“ „Ich werde dieſe Zeit benützen, um mich ein we⸗ nig auszuruhen“, ſagte die Königin;„mein Kopf ſchmerzt mich, wie immer nach einer langen Fahrt im offenen Wagen. Die Ruhe macht es wieder gut.“ „Wohl denn Eliſe, ſo gehe und ruhe Dich aus“, ſagte der König, ihr die Hand küſſend. „Wir erwarten dich auf der Terraſſe, wohin ich mich begeben werde zu dem Freunde General von Ger⸗ lach, ſowie meine Geſchäfte beendet ſind.“ — 95 Er nickte ihr freundlich zu und ſchritt dann zu ſeinen Gemächern hin. Kein Kammerherr flog ihm vor⸗ auf, die Thüren zu öffnen, ſelbſt keine Lakaien ſah man auf dem Wege des Königs. Denn hier draußen in Sansſouci, ſo lautete der Befehl des Königs, hier wollte er leben, wie er als Kronprinz gethan, einfach, ein ſchlichter Hausherr und Bürgersmann, keine Kam⸗ merdiener, keine Lakaien, der Mann mit ſeiner Frau und ſeinem Freunde. Und ſo als der heimgekehrte Hausherr ging der König ganz allein, ohne Gefolge durch die Gemächer dahin und trat jetzt ein in ſein Arbeitszimmer, in die⸗ ſes Gemach, welches einſt das Arbeitszimmer Friedrich's des Großen geweſen. Neuntes Kapitel. Die alte gute Zeit. Während draußen das Leben fluthete und wogte und alle Herzen ſich mit ſchmeichleriſchen Hoffnungen erfüllten, während der neue König mit ſtolzen Träumen für das Wohl und Glück ſeines Volkes ſich ergötzte, gab es in einem der prächtigen Häuſer der Behrenſtraße in Berlin ein Gemach, in welchem das Leben mit ſeinem Geräuſch nicht die Stille unterbrach und wo durch die dichtverhangenen Fenſter kein Strahl der Sonne hineindrang und kein Hoffnungston der fröhli⸗ chen Muſik da draußen widerhallte. Es war das Gemach des Staatsminiſters Fürſten von Wittgenſtein, des Liebling's Friedrich Wilhelm III., des zu ſeiner Zeit allmächtigen Miniſters. Der Tod des Königs hatte den alten Mann krank gemacht. Oder war es vielleicht eine diplomatiſche Krankheit, —— 97 wollte er vielleicht nur ſehen, wie viele von ſeinen Freunden ihm treu geblieben und wie viele ihn aufſuchen würden bei der Nachricht ſeiner Krankheit? Wollte er vielleicht erfahren, ob der König ſelber Antheil nehmen würde an ſeinem Leiden, ſeinem Unwohlſein? Der Fürſt Wittgenſtein war bekannt als einer der feinſten Diplomaten, als einer, der die Welt und die Menſchen genugſam kennt, um ſie zu ver⸗ achten und doch wieder, um ſich zu fürchten vor ihrem Urtheil. Bar er nur krank geworden aus Politik, dann freilich war die Erfabrung⸗ welche er jetzt zu machen hatte, genügend, um ihn wirklich krank zu machen, denn— ſein Haus blieb leer; die Freunde von früher waren vielleicht zu ſehr beſchäftigt, zuerſt mit der Be⸗ ſe erdigung des hochſeligen Königs, dann mit den Hul⸗ digungen, welche ſie dem neuen König darzubringen hatten. Es blieb ihnen wol keine Zeit, nach dem alten, kranken Miniſter ſich umzuthun. Nur einer hatte den Fürſten nicht vergeſſen, das war der König ſelber. Er hatte jeden Tag ganz in der Frühe ſchon anfragen laſſen nach dem Befinden ſeines Miniſters. Die Höflinge wußten das vielleicht nicht, ſonſt hätten ſie ſicherlich ſich beeilt, ihre Nam n einzuzeich⸗ Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten I. 6 nen in das Buch, welches drunten beim Kammerdiener aufgeſchlagen lag zur Notirung der lieben Freunde des Fürſten. Wie geſagt, der Miniſter Fürſt Wittgen⸗ ſtein befand ſich ſeit dem Tode des Königs in ſeinem verhangenen Krankenzimmer, und nichts hatte in den erſten Tagen die tiefe Stille unterbrochen. Aber heute war doch ein Freund gekommen, ihn aufzuſuchen. Er ſaß neben dem Bette des Fürſten und erzählte in leiſer, fließender Stimme ihm von den Begebenheiten des Tages. Dieſer Freund, das war der alte Timm, der Kammerdiener des hochſeligen Königs und ſein Ver⸗ trauter in allen häuslichen Angelegenheiten. „Ach“, ſagte der Fürſt aufathmend, als der Käm⸗ merer ihm eben wieder eine allerliebſte kleine Anekdote ven der Heftigkeit des neuen Königs erzählt hatte, „ach wie danke ich Ihnen, mein lieber Timm, daß Sie mich aufgeſucht haben. Mir iſt wahrlich, als machte mich Ihre Nähe wieder geſund und ſtark; ich hatte in den letzten Tagen immerfort ein Gefühl von Trübheit! Die Glocken von dem Leichenbegängniß unſeres Hochſeligen klangen immer vor meinen Ohren, und nun kommen Sie, und Ihre Stimme klingt mir ie eine liebliche Melodie aus vergangenen Zeiten.“ „Oh, Durchlaucht, ich komme auch recht als eine 4 1b * —., 99 Melodie aus vergangenen Zeiten“, ſagte der alte Mann mit zitternder Stimme.„Ich bin nicht blos gekommen, um mich nach dem Befinden Eurer Durch⸗ laucht zu erkundigen, ſondern ich komme im Auftrage meines hochſeligen Herrn des Königs.“ Und indem er ſo ſprach, erhob ſich der Alte ehr⸗ furchtsvoll von ſeinem Sitze und neigte das Haupt, als befände er ſich in Gegenwart des Hochſeligen ſel⸗ ber. Auch der Fürſt richtete ſich auf und neigte ſein Haupt.— „Sie kommen auf Befehl des hochſeligen Königs? Sprechen Sie, lieber alter Freund. Was iſt es, was Se. Majeſtät der König mir zu befehlen hat?“ „Nicht zu befehlen, Durchlaucht“, erwiderte der Känmmerer immer noch in ſeiner ehrfurchtsvollen Hal⸗ tung vor dem Bette des Fürſten ſtehen bleibend „Euer Durchlaucht wiſſen wol, daß unſer Hochſeliger ſeine Befehle allezeit in Bitten und Wünſche einzuklei⸗ den wußte, und diesmal handelt es ſich ſpeziell um einen Wunſch des Königs. Es war wenige Tage vor ſeinem Tode, und der Hochſelige war noch bei vollem Bewußtſein, er konnte auch noch recht lange und deut⸗ lich ſprechen. Er liebte es, wenn die Frau Fürſtin ermattet waren und ſich in ihre Gemächer zurückge⸗ zogen hatten, um ein wenig zu ruhen, daß ich dann 100 an ſeinem Lager ſaß und Allerhöchſtihm erzählte von alten vergangenen Zeiten, und Allerhöchſtſie fragten mich nach Allem, was in der Stadt geſchehen. Täglich fragte Sie auch nach Eurer Durchlaucht, und da, rei Tage vor ſeinem Tode, übergab mir Se. Majeſtät für Euer Durchlaucht ein letztes Andenken und befahl mir, ich ſolle, ſobald die Leichenfeierlichkeiten und alles Gepränge vorüber ſeien und ſobald auch die Thränen derer, die um ihn trauerten, getrocknet ſeien, Euer Durchlaucht dieſe Uhr zum Andenken überbringen. Dabei ſollte ich Eurer Durchlaucht ſagen, Sie möchten ſie annehmen als ein Geſchenk von ihrem königlichen Lreunde; er habe dieſe Uhr getragen an dem Tage, da die Königin Louiſe in Hohen⸗Ziwitz geſtorben. Seitdem iſt ſie nimmermehr aufgezogen und hat dem König nimmermehr eine Stunde des Glückes gezeigt. Euer Durchlaucht nun ſollen dieſe Uhr aufziehen, und ſie tragen zum Angedenken an ihren König, und ſollen—⸗. Die Stimme des alten Mannes ward von dem Schluchzen, das aus ſeiner Bruſt hervorquoll, unter⸗ brochen, und eine zeitlang hörte man in dem ſtillen, düſteren Gemach nichts als das Seufzen und Schluch⸗ zen der beiden treuen Diener des heimgegangenen Königs. 101 „Vergebung“, ſagte der Kämmerer dann, indem er ſich haſtig die Augen wiſchte,„da habe ich nun zum erſten Male gegen einen Befehl meines Königs gehandelt! Ausdrücklich hat Allerhöchſt Er mir befoh⸗ len, daß ich nicht weinen ſoll, wenn ich Eurer Durch⸗ laucht die Uhr gebe, und ich ſollte auch Euer Durch⸗ laucht bitten, nicht zu weinen.„Denn“, ſo ſagte Se. Majeſtät, ich bin des Lebens ſatt und froh, ausruhen zu können an der Seite meiner Königin.“ Alſo Durch⸗ laucht, keine Thränen; wir dürfen nicht weinen um den Hochſeligen. Euer Durchlaucht wiſſen wol, er liebte ſolch zimperliches Weſen nicht; er war allezeit n freundlicher Herr, und wenn er auch nur wenig luun h, ſo ſprach er doch mit ſeinen Blicken, und ein einziges Nicken ſeines Hauptes war mir lieber, als all die ſchönen Redensarten, mit denen der neue König die Leute für ſich dene nen möchte.“ „Ja für ſich gewinnen möchte mit Redensarten!“ brummte der alte Wt indem er ſich haſtig die Au⸗ gen trocknete.„Sie haben da ein ſehr richtiges Wort geſagt, mein lieber Timm; mit Redensarten möchte er die Leute gewinnen. Aber Redensarten ſind noch lange keine Thaten, und diejenigen, welche jetzt frohlockend in die Zukunft ſehen, werden bald anders ſein. Glauben Sie mir, ich kenne den neuen König, habe ihn ſtudirt, habe früher auch viel zu leiden und zu dulden gehabt von ſeinen Moquerien, und jetzt werde ich das Vergnügen haben, zu ſehen, wie all meine Anſchauungen über ihn ſich beſtätigen. Ich ſage Ih⸗ nen, mein lieber Timm, der neue König iſt ein Phan⸗ taſt, ein Idealiſt, ein romantiſcher Schwärmer, der das Mittelalter wieder herſtellen möchte, einen Liebes⸗ hof einrichten, wie der König René, die Troubadours an ſeinem Hof ſingen laſſen und dann mit den Pfaf⸗ fen fromme Kapitel halten und auf den Knien rutſchen.“ „Einen Liebeshof einrichten“, kicherte der alte Kämmerer,„das, Durchlaucht, glaube ich nun eigent⸗ lich nicht. An alle Dinge denkt Se. Majeſtät der neue König wohl eher, als an das Einrichten eines Liebes⸗ hofes, denn—“ „Nun, was denn“, fragte der alte Fürſt, der ſich von ſeinem Lager aufgerichtet hatte und neugierig for⸗ ſchend dem alten Kämmerer in das Angeſicht ſchaute. „Nun“, flüſterte der Kämmerer,„Euer Durchlaucht wiſſen doch, was vor der Vermählung des Kronprin⸗ zen geſchah?“ Der alte Fürſt ſchüttelte lebhaft mit dem Haupt. „Sie wiſſen, mein lieber Timm, ich war damals noch nicht hier, und es iſt ſicherlich ein Geheimniß des Hauſes.“ Der alte Kämmerer nickte. „Ja, ein Geheimniß, nnd ſeine Majeſtät befahl mir auch damals, zu keinem Menſchen davon zu reden. Ich habe getreulich mein Wort gehalten, und wenn ich jetzt zu Ihnen rede, Durchlaucht, ſo weiß ich, daß es unter uns Beiden bleibt. Nun alſo, vor der Vermäh⸗ lung des Kronprinzen verlangte Se. Majeſtät von dem Staatsrath Hufeland, welcher in den Jugendzei⸗ ten der Arzt des Kronprinzen geweſen und den die Königin Louiſe damals oft zu Rathe gezo⸗ gen, weil ſie eine gar große Ehrfurcht vor der Gelehrſamkeit des Staatsrathes hatte, daß er ihr ſeine Anſicht ſagen ſolle über den Charakter ſowol als über die phyſiſchen Eigenſchaften, über die Conſtitution des Kronprinzen. Der alte Staatsrath war ein zu freiſinniger und wahrheitsliebender Mann, und ſonder Menſchenfurcht hat er ſein Urtheil abgegeben. Und das Urtheil lautet in manchen Dingen recht günſtig; nur eines war es, was den König ſchwer betrübte und ängſtigte. Der Herr Staatsrath hatte nämlich geſagt, es fehle dem Kronprinzen an Energie, das, was er als recht anerkannt hätte, auch durchzuführen; es fehle ihm nicht an guten Vorſätzen, aber es würde ihm ſtets am guten Vollbringen fehlen. Und das käme daher“— und gleichſam, als fürchte der alte 104 Kämmerer noch jetzt, dem Befehle ſeines Hochſeligen zu opponiren und laut zu ſagen, was ein tiefes Ge⸗ heimniß ſein ſollte, neigte er ſich dicht an das Ohr des Fürſten und flüſterte leiſe und angelegentlich mit ihm. „Ja, ja“, ſagte der Fürſt dann nach einiger Zeit, „ja, ja, der alte Hufeland wird doch Recht gehabt haben, und wir werden ſehen, daß ſein Horoſkop, wel⸗ ches ich in meinem Herzen geſtellt habe, ſich beſtätigen wird! Der jetzige König hat mich oftmals geärgert und gekränkt, hat manches ſcharfe Witzwort über mich geſprochen und meinen Einfluß oft verſpottet. Nun, ich ſage Ihnen, lieber Timm, ich werde meine Rache haben, und der König ſelber wird ſie mir bereiten. Er wird mit ſeinen phantaſtiſchen Ideen und ſeinen romantiſchen Eingebungen den Karren der Regierung ſo hineinfahren in den Staub und Schmutz, daß er nicht mehr vorwärts kann und angſtvoll um Hilfe flehen wird. Das wird meine Rache ſein! Aber ich, mein guter Timm, ich werde ihm dann nicht mehr heraushelfen können aus dem Schmutz. Meine Tage ſind gezählt und ich werde dem Hochſeligen bald nach⸗ folgen. Was ſoll ich auch noch auf Erden? Es war ſchön, als Er noch lebte, aber jetzt—“ „Ja, es war ſchön, als Er noch lebte“, ſagte der alte Timm mit frommem Augenaufſchlag.„Wie ge⸗ — 105 müthlich waren doch die Tage, wenn er ſo in Pots⸗ dam Abends, in ſeinen grauen Mantel gehüllt, zu mir 8 kam, und wie lachten die kleinen Tänzerinnen dann ſo vergnügt, wenn der Papa in ihrer Mitte erſchien! Wie ſprangen ſie und hoben die Beinchen und hüpften um ihn herum; der Hochſelige war dann nichts, als ein vergnügter guter Vater im Kreiſe ſeiner luſtigen Familie. Und dann wieder, wie konnte der König auch ſo ernſt und erhaben ſein, und welche Majeſtät umgab ihn, ſo oft er es nur wollte.“ „Ja, und wie viel konnte er ſagen mit wenig Worten“, ergänzte der alte Fürft. „Der jetzige König meint, das Reden beſtehe in vielen Worten; der hochſelige König wußte es beſſer. Wenig Worte zu rechter Zeit, die machen mehr Ein druck, als lange, wohlgeſetzte Reden. Entſinne mich noch“, fuhr der Fürſt, ganz ſeine Krankheit vergeſſend, fort,„entſinne mich noch eines ſchönen Feſtes, das er dem General v. Könneritz gab. Es war ein Feſt für uns Alle, denn es zeigte, wie der König ſeine Freunde liebte und wie er ihre Liebe belohnte, und wir fühlten uns Alle belohnt mit Könneritz. Wiſſen Sie es noch, Timm, entſinnen Sie ſich noch des Jubiläums des alten Könneritz?“. Gewiß entſann ſich der alte Timm jenes Tages, doch er war Hofmann genug, dem alten Fürſten Witt⸗ genſtein die Freude gönnen zu wollen, ihm von jenem Tage zu erzählen, und er hörte mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit zu, als der Fürſt ihm nun erzählte, wie ganz heimlich und ſtill der König Alles vorbereitet habe zu dem Jubelfeſte ſeines Vertrauten und Adjutanten Könneritz. Und der alte Könneritz hatte nichts davon gemerkt und war ſehr erſchrocken geweſen, als am Morgen des Jubeltags der König zu ihm geſagt hatte: „Ich komme heute zu Ihnen und lade mich zu Tiſche.“ Da hatte der alte Könneritz erwidert:„Majeſtät, un⸗ möglich, denn ich habe nichts zu eſſen für meinen gnä⸗ digen Herrn. Auch iſt der alte Junggeſelle Könneritz ſo erbärmlich eingerichtet, daß er nicht einmal Teller und Schüſſeln und vor allem nicht Silberzeug genug hat, um ſeinen König an ſeinem Tiſche zu empfan⸗ gen!“ Aber der König hatte ihm zugenickt und geſagt: „Ich komme doch! Sollen ſich um nichts kümmern, werde ſchon Eßwaaren ſchicken! Um 2 Uhr eſſen wir bei Ihnen; jetzt kommen Sie und bleiben ſo lange bei mir!“.. Dann war der alte König mit dem alten Gene⸗ ral durch die Gärten von Sansſouci gefahren und hatte mit ihm geplaudert von vergangenen Zeiten und 107 von der Hochſeligen, welche der Könneritz auch ſo gut gekannt und verehrt hatte.„Und um 2 Uhr“, fuhr der Fürſt fort,„denken Sie ſich den Schrecken, um 2 Uhr fährt er gerade vor das kleine Haus des Generals, welches der König ihm zur Wohnung gegeben, und hielt vor demſelben an, und da ſteht ſchon eine An⸗ zahl von Generalen und Oberſten und der König nickt ihnen zu und ſagt:„Sehen Sie, das haben Sie recht gemacht, die Herren alle einzuladen; hoffe, geben uns ein glänzendes Diner.“ Der alte Könneritz war in Verzweiflung, und folgte ſprachlos, mit gefalteten Händen, zitternd vor Angſt, dem Könige in das Haus. Und nun denken Sie ſich das Erſtaunen des alten Generals, als ſie eintraten in den Speiſeſaal. Da war die Tafel präch⸗ tig ſervirt, ſilberne Tafelaufſätze und ſilberne Schüſſeln und Teller, die herrlichſten Weine und Compots und kurz Alles, wie es an einer wahrhaft königlichen Ta⸗ fel ſein muß. Auch die königlichen Lakaien ſtanden bereit zum ſerviren, und in der Küche war der kö⸗ nigliche Mundkoch mit ſeiner Schaar, die Alles vorher ſchon in der königlichen Küche bereitet und nun hier⸗ hergebracht hatte. Es war ein königliches, wunderſchönes Mahl, und der König ſelber erhob ſich und brachte das Wohl aus 108 auf ſeinen lieben alten Freund Könneritz, und als er von der Tafel ſich erhob und ſich verabſchiedete, ſagte er, mit dem Finger drohend, zu dem alten Könneritz: „Haben mir nicht die Wahrheit geſagt! Sagten, wären nicht eingerichtet auf unſeren Beſuch, und nun ſehe ich doch, daß Sie viel Silberzeug haben und ſehr prächtig eingerichtet ſind. Werden uns bald wieder einladen zum Diner bei Ihnen.“ Der alte Könneritz konnte vor Rührung gar nicht antworten und konnte es gar nicht begreifen, was der König zu ihm geſprochen. Seine Freunde mußten ihn erſt darauf aufmerkſam machen, daß Alles, was auf der Tafel ſich befand, die großen ſilbernen Schüſſeln und all das prächtige Porzellan und die ſilbernen Ta⸗ felſervice und das Tiſchzeug, daß alles das gezeichnet war mit dem Namen des Generals v. Könneritz, daß alle dieſe Pracht ein Geſchenk ſeines königlichen Freun⸗ des war. Und ſo ergab ſich denn, daß der König, ohne mit Jemandem zu ſprechen, ſchon Monate vorher an das Feſt des alten Freundes gedacht und ſelber alle dieſe Geſchenke, welche er ihm machen wollte, vorbereitet hatte. „Ach ja, er war ein feinfühlender Herr“, ſeufzte der alte Kämmerer,„ſah es Jedem gleich an der Na⸗ 109 7 ſenſpitze an, ob ihm etwas fehle, und war im⸗ mer bereit, hilfreich zu ſein und beizuſtehen, wo er konnte und vermochte. Es war doch eine gute Zeit.“ „Ja, eine gute Zeit!“ ſagte der Fürſt.„Aber glauben Sie mir, es wird gehen wie mit den Träumen des Pharao; nach den ſieben fetten Kühen werden die ſieben mageren folgen, und ich bin von Herzen froh, daß ich an denen nicht mehr lange zu knappern habe. Mögen es die Anderen für uns thun!“ Der Kammerdiener des Fürſten ſchlug eben leiſe die Portiére zurück und kam auf den Fußſpitzen über den Teppich dahergegangen, um mit flüſternder Stimme zu melden, daß Se. Excellenz der Staatsminiſter v. Kamptz ſelber gekommen ſei, um ſich nach dem Befin⸗ den Sr. Excellenz zu erkundigen. „Auch einer aus der guten Zeit!“ nickte der Mi⸗ niſter dem alten Kämmerer zu, der ſich erhoben hatte. „Das Geſpräch mit Ihnen iſt für mich die beſte Me⸗ dizin geweſen, Timm, und ich bin jetzt kräftig genug, auch andere Freunde zu bewillkommen! Ich laſſe Se. Excellenz bitten, einzutreten.“ „So werde ich mich empfehlen“, ſagte der alte Kämmerer,„obwol ich Sr. Excellenz dem Herrn Mi⸗ niſter auch etwas zu ſagen habe.“ „Bleiben Sie, lieber Timm, bleiben Sie“, rief der Fürſt lebhaft.„Der Miniſter hat mir ſicherlich nichts Geheimnißvolles zu ſagen und wäre es, ſo iſt ja ſpäter noch Zeit dazu!“ 5 Zehntes Kapitel Die geſtrengen Herren. „Willkommen, mein Freund“, rief der Fürſt jetzt lebhaft, indem er höher auf ſeinem Lager ſich erhob und dem alten kleinen Herrn zuwinkte, der eben in der zurückgeſchlagenen Portidère erſchien. Der Kämmerer Timm hatte ſich eilends erhoben und war, rückwärts gehend, bis an die Thür zurück⸗ getreten. 1 „Willkommen, Excellenz!“ rief der Fürſt nochmals, „ſagen Sie, iſt es erlaubt, daß unſer lieber Freund, der Kämmerer Timm, noch einen Augenblick bleibe?“ „Er ſei in unſerem Bunde der Dritte“, nickte der Miniſter.„Bleiben Sie, Timm, wir können zuſammen hier ſitzen und klagen wie die Nonnen oder die Klage⸗ weiber über die Todten. Denn dazu, Durchlaucht, bin ich zu Ihnen gekommen, um mit Ihnen zu klagen. Ich dachte es mir wol, daß Euer Durchlaucht nicht gar —— —x—xx———— — —— 113 „Es wird viel Neues geben“, ſagte dann der Mi⸗ niſter mit grollender Stimme. Die Welt wird ihr Er⸗ ſtaunen haben und man wird ihr ſo viel Sand in die Augen ſtreuen, daß ſie meint, einen Liberalen zu ſehen, wo ſie doch zuletzt nur einen Frommen haben wird. Glauben Sie mir das, Durchlaucht. Viel Neues wird es geben, aber nichts Beſſeres! Man wird uns anklagen und beſchuldigen, und wird ſagen, wir hätten Alles ſchlecht gemacht, und wird verſuchen, Alles beſſer zu machen, als wir es gethan haben! Wir ſchützten den Staat, das wird man uns jetzt als ein Verbrechen an⸗ rechnen und wird die Verbrecher, die wir unſchädlich ge⸗ macht haben, loslaſſen! Aber die Meute wird nicht dankbar ſein, glauben Sie mir das. Sie wird bellen, wie ſie gebellt hat, ehe wir ſie ſtill machten.“ „Excellenz“, ſagte jetzt der Kämmerer mit leiſer zögernder Stimme,„darf ich mit Erlaubniß Sr. Durch⸗ laucht es wagen, einige Worte an Sie zu richten? Ich hatte beabſichtigt, wenn ich von Sr. Durchlaucht ent⸗ laſſen worden, Euer Excellenz aufzuſuchen und nun trifft es ſich ſo glücklich, daß ich Eurer Excellenz hier begegne. Darf ich im Namen des Hochſeligen nun bit⸗ ten, mich anhören zu wollen?“ „Im Namen des Hochſeligen!“ rief der Miniſter, indem auch er ſich jetzt, wie vorher der Kämmerer, Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. I. 5 8 112 ſo krank iſt, ſondern nur das Zimmer hütet und die Fenſter verhängt, weil das Licht, welches von draußen eindringt, nicht erfreulich iſt und den von Thränen gerötheten Augen wehe thut. Bleiben Sie, Timm, wir Drei können zuſammen weinen und lamentiren, denn die guten Tage ſind vorüber und die böſen folgen ihnen nach.“ 4 Er hatte das mit lauter grollender Stimme geſagt und ließ ſich jetzt langſam auf dem Fauteuil vor dem Bette nieder. „Da ſitzen wir nun“, fuhr er lebhaft fort,„wie Jeremias auf den Trümmern von Jeruſalem. Unſer Jeruſalem iſt zuſammengebrochen; aber ich ſage Ihnen, Durchlaucht, ein neues wird ſich erheben mit vielen Kirchthürmen und plappernden Prieſtern, und nichts wird man mehr hören als Gebete und Litaneien. Ja, wer verſteht zu knien und zu beten und ſich die Bruſt zu zerſchlagen als reuiger Sünder, der wird jetzt ein rechter Mann ſein.“ „Ich ſehe es wol, Sie denken wie ich“, ſagte r alte Fürſt, leiſe das Haupt neigend,„die guten Tage ſind vorüber.“ „Sind vorüber“, echote laut der Miniſter von Kamptz und flüſterte leiſe der Kämmerer Timm, welcher ſich hinter den Stuhl Sr. Excellenz geſtellt hatte. —— 114 von ſeinem Sitze erhob.„Sagen Sie, was hat der hochſelige Herr mir zu befehlen?“ „Ich kam hierher, Excellenz, um im Auftrage mei⸗ nes hochſeligen Herrn ein Geſchenk zu überbringen, ein letztes Angedenken für den Fürſten Wittgenſtein, und ſolches ſollte ich auch Ihnen überbringen im Na⸗ men Sr. Majeſtät. In derſelben Stunde, da Se. Ma⸗ jeſtät mir jene Uhr für Se. Durchlaucht übergaben, empfing ich auch von Sr. Majeſtät dieſes Geſchenk für Euer Excellenz, und der kleine Zettel, welcher darin liegt, iſt von Sr. Majeſtät ſelbſt geſchrieben.“ Und mit einer tiefen Verneigung übergab der Kämmerer dem Miniſter ein in Papier geſchlagenes kleines Packet. Die Excellenz ſchlug das Papier auseinander, und der Lichtſtrahl, welcher zur Seite der ſchweren Gardi⸗ nen in das Gemach hineinfiel, beleuchtete jetzt die große goldene Doſe, welche aus dem Papier hervor⸗ kam, und auch das kleine, von Brillanten eingefaßte Miniatur⸗Porträt auf derſelben. „Ach, das Porträt der Königin Louiſe, meiner er⸗ habenen Landsmännin!“ rief der Miniſter, indem er haſtig zu dem Fenſter hinſchritt und die Gardine ein wenig zur Seite ſchob.„Ja, das Porträt der ſchönen Königin. Gerade ſo ſah ſie aus, als ſie mich nach at 44 145 der Rückkehr aus Königsberg begrüßte; ſie nannte mich ihren lieben Landsmann und reichte mir die Hand zum Kuſſe dar. Oh, ſie war eine herrliche, ſchöne Königin, Ideal der Weiblichkeit. Ich küſſe in Ehrfurcht dieſe ſchönen Lippen und küſſe mit denſelben mein liebes Mecklenburg und alle Erinnerungen an meine Jugend⸗ zeit. Ich danke Ihnen, Timm, danke Ihnen, mein alter, ehrlicher treuer Freund, für dieſes ſchöne Ge⸗ ſchenk, und werde es Ihnen nie vergeſſen, daß Sie der Ueberbringer deſſelben waren. Wenn ich noch in Macht und Anſehen bleibe, ſo werde ich verſuchen, Ihnen zu nützen, ſoviel ich es vermag. Bedürfen Sie es nicht, ſo bedürfen es vielleicht Ihre Kinder. Aber ſag⸗ ten Sie nicht, es ſei ein Zettel dabei von Sr. Majeſtät?“ „Er liegt in der Doſe“, flüſterte der Kämmerer, ſich die Augen trocknend. Der Miniſter öffnete den Deckel und nahm aus der Doſe einen kleinen Papierſtreifen hervor. „Ja, das ſind die feſten, markigen, männlichen Schriftzüge Sr. Majeſtät“, ſagte er dann, auf das Papier hinſchauend;„freilich die Hand hat ein wenig gezittert.“ „Er ſchrieb die Worte drei Tage vor ſeinem Tode“, flüſterte der Kämmerer. *„und doch ſind ſie deutlich geſchrieben: Andenken für meinen treuen, geliebten Miniſter, den Landsmann 8 meiner vielgeliebten Königin Louiſe, Andenken an ſeinen König Friedrich Wilhelm.— Wirklich, das iſt rührend, das entlockt ſelbſt meinen Augen, die nicht gewöhnt ſind zu weinen, heiße Thränen.“ Und der Miniſter von Kamptz drückte die Augen feſt zuſammen und bemühte ſich vergebens, aus den längſt verdorrten und vertrockneten Quellen eine Thräne herauszupreſſen, während der alte Fürſt und der Käm⸗ merer bitterlich weinten. „Ja, es war doch eine ſchöne Zeit, als der Hoch⸗ ſelige noch unter uns weilte“, ſeufzte der alte Fürſt, und die beiden Anderen ſtimmten ſchwer aufathmend ein:„Ja, es war doch eine ſchöne Zeit!“ „Se. Excellenz der Herr Miniſter von Rochow!“ mel⸗ dete in dieſem Augenblicke der eintretende Kammerdiener. „Willkommen, ſehr willkommen!“ rief der Fürſt und reichte dann mit einem freundlichen Kopfnicken dem alten Kämmerer Timm, der ſich verabſchiedete, ſeine Hand dar.„Gehen Sie dort hinaus, lieber Timm“, ſagte er auf eine Seitenthüre deutend.„Sie wiſſen Beſcheid in meinem Hauſe ſeit langen Jahren; dort begegnen Sie dem Miniſter von Rochow nicht, denn ich weiß, Se. Excellenz war nie bei Ihnen beliebt.“ Der alte Kämmerer lächelte und eilte haſtig durch das Gemach dahin nach der bezeichneten Thür. — 44 117 Eben als ſich dieſelbe hinter ihm ſchloß, trat durch die Portiere des Haupteingangs der Miniſter von Rochow in das Gemach ein. „Mein Gott!“ rief der alte Fürſt ihm entgegen, „es ſcheint, als wenn die gute alte Zeit, die ich mit unſerem Könige geſtorben glaubte, wieder lebendig würde. Alle meine Freunde kommen heute, und ich könnte denken, daß wir noch in den glücklichen Tagen des Hochſeligen lebten, wenn nicht die Trauerflore an Ihrem Arme mich anders belehrten.“ „Ja, wenn nicht der König Friedrich Wilhelm IV. am Regimente wäre!“ unterbrach ihn Miniſter von Rochow:„ja, ja, meine theure Durchlaucht, die Zeiten des Glückes, fürchte ich, ſind für uns vorüber! Für uns alle Drei“, fügte er hinzu, indem er ſich mit einem freundlichen Neigen an den Miniſter von Kamptz wen⸗ dete.„Ich wußte, daß ich Sie hier treffen würde, Excellenz, denn ich war zuerſt bei Ihnen vorgefahren, und man ſagte mir dort, daß ich Sie hier, bei meinem zweiten beabſichtigten Beſuche, bei unſerer lieben Durch⸗ laucht finden würde. Ich beeilte mich deshalb, hier⸗ herzukommen, um Sie hier noch zu treffen. Wir kön⸗ nen nun alle Drei zuſammen wie Jeremias auf den Trümmern von Jeruſalem weinen und klagen.“ „Ach, mein lieber Miniſter“, rief Fürſt Wittgen⸗ ſtein mit feinem Lachen,„ach, ich ſehe, Sie accomo⸗ diren ſich ſchon dem neuen Regiment und reden in bibliſchen Klagen. Se. Majeſtät iſt ja bekanntlich ein großer Bibelfreund und liebt die frommen Redensarten und Wendungen.“ „Ja, er liebt ſie“, grollte der Miniſter von Rochow, indem er ſich vor dem Bette des Fürſten dem Miniſter von Kamptz gegenüber niederließ.„Se. Majeſtät der König Friedrich Wilhelm IV. iſt ein ſehr frommer Herr! Die Berliner fangen ſchon an, das einzuſehen und zu begreifen und man kann juſt nicht ſagen, daß ſie ſich darüber freuen. Man munkelt allerlei.“ „Was denn?“ fragte der alte Fürſt, ſich auf dem Ellbogen aufrichtend,„was munkelt man denn zum Beiſpiel?“ „Daß eine ſtrenge Sonntagsfeier eingeführt wer⸗ den ſoll“, erwiderte der Miniſter von Rochow mit ei⸗ nem ſpöttiſchen Lächeln.„Die Berliner ſind bekanntlich vergnügungsſüchtig und meinen, der liebe Gott habe den Sonntag eingerichtet, damit ſie ſich nach den Mühen und Arbeiten der Woche amüſiren ſollen. Se. Majeſtät wird ihnen aber durch ſeine Räthe und Pfaf⸗ fen verkünden laſſen, daß der liebe Gott den Sonntag eingeſetzt habe, damit die Berliner Buße thun und ein⸗ ſehen ſollen, daß die ganze Erde ein Jammerthal iſt, †— 119 in welches die Menſchen nur verſtoßen ſind, um Buße zu thun. Wir, Excellenz von Kamptz“, fuhr er fort, ſich an den Juſtizminiſter wendend,„wir waren we⸗ nigſtens doch noch ſo milde, nur die Schlechten und die Verbrecher Buße thun zu laſſen und ſie zu ſtrafen für ihre Verbrechen. Aber nun ſoll die ganze Welt nur ein großes Zuchthaus noch ſein! Ich möchte aber nur das Eine wiſſen: weshalb die Menſchheit beſtraft wird und wo ſie ihre Verbrechen begangen hat und auf welchem Kometen? Aber das können die Herren vom hiſtoriſchen Chriſtus, die jetzt in die Mode kommen, uns am Ende doch auch nicht ſagen.“ „Nein, das können Sie uns doch auch nicht ſagen“, erwiderte Herr von Kamptz kopfſchüttelnd.„Ich ſage Ihnen, meine Freunde, es wird noch eine Zeit kommen, da man uns, welche ſo oft wegen ihrer Strenge ver⸗ höhnt wurden, noch als die Milden und Verzeihenden preiſen wird. Wir waren nicht fromm, nicht kirchlich, und ich habe aus den Büchern der Geſchichte gelernt, daß Niemand ſo mitleidslos, Niemand ſo verfolgungs⸗ ſüchtig, Niemand ſo grauſam war, als die Frommen und die Kirchlichen. Kein Krieg hat ſo viele Opfer gekoſtet, als unter den Martern der Inquiſitions⸗ Richter Opfer gefallen ſind. Und was wollen die Verfolgungen, welche wir nach dem Geſetze und un⸗ 120 ſerem Gewiſſen gegen die Rebellen und Revolutionäre, gegen die Demagogen richten mußten— was wollen die ſagen gegen die Verfolgungen, mit welchen man in allen Ländern und zu allen Zeiten im Namen Got⸗ tes und der Kirche die Bekenner irgend einer mißlie⸗ bigen Religion verhetzt hat?“ „Ja“, ſeufzte Rochow,„und doch ſcheint Se. Majeſtät der neue König die Verfolgungen, welche Euer Excellenz kraft des Geſetzes gerade gegen die Demagogen richteten, jetzt vor der ganzen Welt als ein Unrecht ſtempeln und geißeln zu wollen.“ „Inwiefern?“ fragte Kamptz haſtig, und über ſeine Wangen, die ſonſt ſo roſig wie die eines jungen Mäd⸗ chens zu ſein pflegten, flog ein fahler Schimmer.„In⸗ wiefern, Excellenz? Ich will doch nicht fürchten, daß Se. Majeſtät die Gefängniſſe öffnen wird, welche—“ „Welche ich mit ſo vieler Mühe geſchloſſen habe“, ergänzte Herr von Rochow.„Ja, fürchten Sie das immerhin, meine theure Excellenz.“ „Das iſt unmöglich“, ſagte Kamptz, ſich haſtig von ſeinem Sitz erhebend und dann gleichſam wie er⸗ mattet auf denſelben zurückſinkend.„Nein, das iſt un⸗ möglich. Wie viel Mühe, wie viel ſchlafloſe Nächte haben dieſe Demagogen mir bereitet! Wie habe ich ihnen nachſpüren müſſen in allen Ländern, wie viel 121 Geld hat es gekoſtet, ſie aufzufinden und in Haft zu bringen, damit die deutſchen Staaten nicht von dieſem Ungeziefer zerfreſſen würden! Ja, Ungeziefer, das wa⸗ ren und ſind dieſe Demagogen, und wäre es nach mir gegangen, dann würden wir ſie nicht nur hinter Ge⸗ fängnißmauern unſchädlich gemacht, ſondern wir wür⸗ den ſie geknackt haben, wie man das mit Ungeziefer thun muß. Aber Se. Majeſtät, unſer allergnädigſter und gerechteſter König, war in dieſer Hinſicht viel zu mild, und ſelbſt die abſcheulichen Demagogen, die Mord und Brand gepredigt und welche das Geſetz zu Beil und Rad verurtheilt hatte, begnadigte Se. Majeſtät zu lebenslänglichem Gefängniß.“ „Und die Kerle haben eine ſo gute Geſundheit!“ hohnlachte der Miniſter Rochow.„Sie ſitzen nun frei⸗ lich erſt im lebenslänglichen Gefängniß ſeit zehn Jah⸗ ren, und da ſie jung waren, als ſie hineinkamen, ſo können ſie von Glück ſagen, ſie allein, daß unſer ge⸗ rechter und gütiger König geſtorben iſt.“ „Sie meinen alſo im vollen Ernſte, daß der Kö⸗ nig die Demagogen begnadigen wird!“ „Ich meine es nicht, Excellenz, ich weiß es un⸗ glücklicherweiſe ganz genau“, erwiderte Rochow, ſchwer aufſeufzend.„Um Ihnen dieſe Nachricht zu bringen, wollte ich Ihnen meinen Beſuch machen und wollte ſie 122 auch Ihnen mittheilen, Durchlaucht. Ja, der König läßt eine Amneſtie für alle Angeklagten, für alle Ver⸗ urtheilten ergehen, wenn ſie nicht geradezu Mordbrenner ſind.“ „Mordbrenner!“ rief der Miniſter von Kamptz, „dieſe Demagogen ſind ſchlimmer als Mordbrenner und Räuber! Sie wollen die Geſetze verbrennen, ſie wollen das Recht morden, ſie wollen Alles vernichten, was moraliſch und gut iſt; ſie wollen den Staat zer⸗ trümmern. Und dieſe Leute, welche wir mit ſo vieler Mühe eingefangen haben, will man wirklich begnadigen?“ „Ja, nicht bloß die Demagogen, ſondern auch die Erzbiſchöfe, welche unſerem Hochſeligen ſo viel Kummer und Aerger bereitet haben, und die Ebelianer, welche ſo viele Schande auf die höchſten Adelsfamilien von Preußen gebracht haben, ſie ſollen Alle begnadigt wer⸗ den. Ich wußte es ſchon ſeit einigen Tagen; Se. Ma⸗ jeſtät hatte es mir vorläufig als ein Geheimniß an⸗ vertraut, und ich hoffte die ganze ſchlimme Angelegen⸗ heit noch hinziehen zu können, bis vielleicht der Sinn des Königs, welcher bekanntlich ſehr oft wechſelt, ſich ändern würde. Allein geſtern erhielt ich aus Potsdam von Sr. Majeſtät einen Courier mit einem Schreiben, in welchem er mir befahl, die Amneſtie⸗Angelegenheit ſo raſch als möglich zu fördern und ſie nicht länger * als ein Geheimniß anzuſehen, ſondern davon zu ſpre⸗ chen und aller Welt zu künden, daß die Amneſtie die erſte Sache geweſen, mit welcher Se. Majeſtät ſich gleich nach der Thronbeſteigung beſchäftigt habe, und daß er von Niemandem influirt, ſondern aus ſich ſel⸗ ber heraus die Amneſtie gegeben. Sie ſoll publizirt werden, noch bevor der König ſich zur Krönung nach Königsberg begibt und noch bevor der Miniſter der geiſtlichen Angelegenheiten, der Herr Geheimrath Eich⸗ horn, in ſein Amt eingetreten iſt.“ „Eichhorn“, rief Wittgenſtein mit höhniſchem La⸗ chen,„Eichhorn wird Miniſter! Nun dann iſt es Zeit für uns Alle, abzutreten von unſeren Poſten. Wir paſſen nicht für die Frommen und die Gläubigen, wir gehören zu der alten Zeit. Fort mit uns, fort mit uns!“ „Nein“, ſagte der Miniſter von Kamptz haſtig und leiſe,„nein, im Gegentheile, mein lieber Fürſt, wir müſſen bleiben, wir müſſen auf Mittel ſinnen, die An⸗ deren fortzutreiben. Ich ſage das nicht aus purem bloßen Ehrgeiz, um meine Stelle als Miniſter zu be⸗ halten. Wir müſſen bleiben um des Staates willen, der gefährdet iſt, wenn dieſe Dinge wirklich ſo fort⸗ gekhen ſollten, wie ſie jetzt begonnen! Wir müſſen blei⸗ ben, um Preußen zu retten und, ſoviel an uns iſt, es —e 1—— 125 thun, wenn wir nicht das Gegengewicht halten, wenn wir nicht bleiben unerſchütterlich, und dieſen frommen Betbrüdern das Handwerk zu legen ſuchen.“ „Sie haben Recht, Excellenz“, ſeufzte der Miniſter von Rochow.„Sie werden das Alles thun; aber ich ſage Ihnen vorher, wir werden es nicht hindern kön⸗ nen. Denn dieſe Frommen ſind anjetzo mächtiger, als wir. Ihnen ſtehen alle Pforten offen zu dem König; ihnen ſtehen auch die Pforten auf zu derjenigen, welche allein vielleicht bleibenden Einfluß auf den König hat. Und mit dieſer mächtigen Frau im Bunde werden die Frommen uns die Thüren verſchließen und uns von den Pforten abweiſen laſſen.“ „Wir wollen das doch abwarten“, grollte der Miniſter von Kamptz.„Ich wenigſtens will nicht vor der Zeit ermatten, ich will dieſen Frommen nicht die Freude und Genugthuung bereiten, daß ich mein Amt niederlege, damit ſie Einen von ihrem Gelichter an meine Stelle bringen können. Und ich beſchwöre Sie, Excellenz, daß auch Sie das nicht thun wollen. Ich flehe auch zu Ihnen, Durchlaucht, daß auch Sie auf Ihrem Poſten aushalten.“ „Ja, das verſpreche ich Ihnen, ich will ausharren“, nickte der alte Fürſt;„ich will es thun, blos um die⸗ ſen Frommen ein Aergerniß zu bereiten und zuzu⸗ vor ſolcheu ſchädlichen Neuerungen zu bewahren, vor denen ſchon Se. Majeſtät der Hochſelige, der ja den König kannte, gewarnt hat. Ja, wir bleiben, meine Herren, und gleich den drei Männern, die auf dem Rütli ſtanden und ſchwuren, mit einander das Vater⸗ land zu retten, ſo wollen auch wir uns mit einander verbünden und ſchwören, daß wir auf unſerm Poſten ausharren werden, um das Vaterland zu retten. Denn ich ſage es Ihnen“, fuhr der alte Miniſter mit der Stimme eines Propheten fort,„ich ſage es Ihnen, es werden ſchlimme Zeiten kommen! Der König hat den beſten Willen, das Gute zu thun und ſein Volk glück⸗ lich zu machen, aber diejenigen, welche ihn umgeben, welche Macht über ihn haben, die werden ihn nicht dazu kommen laſſen. Die werden ſeinen romantiſchen Sinn, ſeine Frömmigkeit, ſie werden alle ſeine guten Eigenſchaften benützen, um ihn immer weiter zu trei⸗ ben auf dem Wege, welchen ſie als den richtigen ihm darſtellen werden, dem Wege, der nach der Kirche und dem Bethauſe führt. Sie werden mit Händefalten und Augenverdrehen und liſtigen Redensarten ſeine Schwäche und ſeine Liebhabereien benützen, um ihn in ihr Netz zu ziehen, und ſie werden dann regieren an ſeiner Statt mit Gebeten und Händefalten und nichts⸗ würdigen frommen Redensarten. Sie werden das †—— 126 ſehen, wie ſie ſich abmühen, uns beiſeite zu drän⸗ gen.“ „Und auch ich will ausharren“, ſagte der Mini⸗ ſter von Rochow ernſt.„Ich habe es in die Hand des Hochſeligen ſelber geſchworen, daß ich mit aller meiner Kraft dem Staate dienen und nicht nachlaſſen will in der Erfüllung meiner Pflichten. Der Eid bleibt beſtehen vor Gott und meinem Gewiſſen, wenn auch ein Anderer an die Stelle meines Königs getreten iſt. Ich will meine Pflicht erfüllen und nicht wanken und weichen, allen dieſen frommen Heuchlern zum Trotz. Sie ſollen mich mit Gewalt beiſeite ſchieben, wenn ſie es vermögen. Gutwillig gehe ich wenigſtens nicht. Dies ſei meine Rache für alle die Aergerniſſe, die ſie uns bereiten wollen. Wir bleiben auf unſeren Poſten. Nicht wahr, meine Herren?“ „Ja, wir bleiben“, nickten die beiden Alten. meund ich meinestheils“, krächzte Fürſt Wittgen⸗ ſtein,„ich bin feſt entſchloſſen, die neue Mode nicht mitzumachen, und nicht ein Kirchengänger und Beter zu werden.“ „Wir auch nicht, wir auch nicht!“ riefen die bei⸗ den Anderen.„Wir bleiben, wie wir ſind und wie der Hochſelige mit uns zufrieden war.“ „Und ich werde, was an mir iſt, dazu thun, dem — 127 Recht und Geſetz Ehre zu bereiten“, ſagte Herr von Rochow. „Und“, rief der Miniſter von Kamptz,„wenn es Sr. Majeſtät wirklich beliebt, die Demagogen zu be⸗ freien, ſo werden ſie ihm bald beweiſen, daß er ſie wieder gefangen ſetzen muß. Aber jetzt bitte ich, Durch⸗ laucht, daß ich mich zurückziehen kann. Es geht mir Alles ſo wirr und dumm im Kopfe herum: mir iſt zu Muthe wie einem Kranken, der eben eine Medizin er⸗ halten, die ihm zu Kopfe geſtiegen iſt und die ihn ſchwindlich gemacht hat. Ich möchte doch von der Medizin, die mir Euer Excellenz gebracht, auch noch einem Anderen zu koſten geben“, fuhr er mit einem ſardoniſchen Lächeln fort.„Es geht mir wie dem alten Sello in dem Luſtſpiele von Goethe, den ſie auch ge⸗ ärgert haben, und der, da er keinen andern Ableiter für ſeinen Zorn hat, den Stock nimmt, den Lehnſtuhl ausklopft und ſich zuruft:„Komme, du biſt ſtaubig, an Dir will ich mich laben.“ So, meine Herren, ſuche auch ich meinen Lehnſtuhl, den ich ausklopfen und an dem ich mich laben kann.“ „Und ich wette, der Lehnſtuhl heißt Tiſchoppe 7, rief der Miniſter von Rochow. „Sie haben es errathen.“ Und die drei alten Her⸗ ren brachen in ein lautes, fröhliches Lachen aus. Elftes Kapitel. Der Lehnſtuhl des Miniſters von Kamptz. Der Miniſter von Kamptz lachte noch, als er die Treppe hinabſtieg, um ſeinen Wagen zu beſteigen, und als er ſeinem Bedienten, der ihm einſteigen half, den Befehl gab, zu dem Geheimrath von Tzſchoppe zu fahren. „Ich will ihn tüchtig ausklopfen, meinen alten Lehnſtuhl“, ſagte er mit einem boshaften Zwinkern ſeiner Augenlider zu ſich ſelbſt, als er durch die Straßen dahinjagte.„Tzſchoppe iſt eine feige Kreatur und es freut mich, ihn ein bischen ängſtigen zu können.“ Aber als er dann eintrat in das Haus des Ge⸗ heimraths von Tzſchoppe, welcher dienſtbefliſſen und ehrerbietig ihm bis an die Treppe entgegenkam, war von dem boshaften Ausdruck in dem gutmüthigen, 129 roſigen Angeſicht des kleinen Miniſters von Kamptz nichts mehr zu ſehen, ſondern nur Wohlwollen und Freundſchaft ſprachen aus ſeinen Zügen und er erkun⸗ digte ſich mit angelegentlicher Theilnahme nach dem Befinden ſeines„lieben Freundes“, von welchem er gehört, daß er in den letzten Tagen unwohl geweſen und welcher deshalb nicht zum Vortrag bei ihm ge⸗ weſen.. „Ich war mehr als unwohl“, ſeufzte Herr von Tzſchoppe,„ich war krank, Excellenz. Der Zeiten Noth und Jammer hatten mich krank gemacht.“ „Wie ſo“, fragte der Miniſter mit dem Ausdrucke des Erſtaunens,„der Zeiten Noth und Jammer? Mich dünkt, die Zeiten wären nur dazu angethan, die Kran⸗ ken geſund zu machen und die Jammernden aufjauch⸗ zen zu laſſen. Wir hatten gute Zeiten unter dem Hoch⸗ ſeligen, wir werden beſſere haben unter dem neuen König. „Wirklich, Sie glauben das?“ fragte Tzſchoppe mit melancholiſch düſterem Angeſicht.„Sie glauben in der That, Excellenz, daß wir nichts zu befürchten haben?“ „Zu befürchten?“ wiederholte die Excellenz, indem ſie auf dem Soſa ſich gemächlich ſtreckte und mit ganz erſtauntem Geſicht den Geheimrath anblickte.„Zu be⸗ Mühlbach, proteſtantiſche Jeſuiten I. 9 fürchten? Ich bitte Sie, lieber Geheimrath, was könn⸗ ten wir denn zu befürchten haben? Wir thaten allezeit nur das Rechte und gaben dem Geſetze die Ehre. Im Gegentheil, ich bin überzeugt, daß für mich wie für Sie die ſchönſten Zeiten jetzt erſt kommen werden. Für Sie beſonders, mein lieber Tzſchoppe. Der König weiß ja, wie thätig Sie im Dienſte des Staates ge⸗ weſen, wie Sie Nacht und Tag ſich keine Ruhe ge⸗ gönnt, wie Ihr ganzes Leben nur dem Einen Ziele geweiht war, die Rebellen aufzufinden in ihren Schlupf⸗ winkeln, darin Sie, wenn es zufällig keine gab, ſogar Rebellen geſchaffen haben.“ „Ich weiß nicht“, ſagte Tzſchoppe ängſtlich und verwirrt,„ich weiß nicht, wie Euer Excellenz das ver⸗ ſtehen! Ich hätte Rebellen geſchaffen? Ich habe immer den Rebellen nachgeſpürt, das iſt wahr. Aber wieſo geſchaffen?“ „Auch geſchaffen haben Sie Rebellen, mein lieber Tzſchoppe“, nickte der Miniſter.„Verleugnen Sie doch Ihr großes Talent nicht ſelbſt, da Verbrecher und Re⸗ bellen nicht zu erkennen, wo kein Anderer eine Ahnung davon hatte. Ich entſinne mich noch, wie ich Sie eines Tages bewunderte, als Sie zehn junge Leute arretiren und ſie ihren Familien und ihren Studien hatten entziehen laſſen, blos aus dem Grunde, weil 6 131 ſie in Heidelberg ſtudirt hatten und nun alle Zehn nach Berlin auf die Univerſität gekommen waren. Das ſchien Ihnen gefährlich und Sie ließen ſie einziehen und übergaben ſie unſerem würdigen Freunde Dam⸗ bach in der Stadtvogtei. Ich war weichherzig genug, für die jungen Leute, die anſcheinend gar kein Ver⸗ brechen begangen hatten, ein gutes Wort einzulegen. Ich machte Sie darauf aufmerkſam, daß gar nichts gegen ſie vorliege. Da aber antworteten Sie mir mit dem Tone einer bewunderungswürdigen Ueberzeugung: „Laſſen mich Euer Excellenz nur erſt ſechs Verhöre mit dieſen jungen Leuten gehabt haben und ich werde ſie ſchon zu Rebellen erfunden haben.“ „Sagte ich das wirklich?“ fragte Tzſchoppe ein wenig zuſammenſchreckend.„Mein Gott, welch ein Gedächtniß Euer Excellenz beſitzen, daß Sie das nicht vergeſſen haben.“ „Wie ſollte ich einen ſo merkwürdigen Ausſpruch vergeſſen!“ erwiderte Herr von Kamptz achſelzuckend. „Im Gegentheil, ich wiederholte ihn erſt geſtern Sr. Majeſtät, als er von Ihnen ſprach, und fügte hinzu, daß Ihr Ausſpruch ſich allerdings glänzend bewährt habe; denn Sie hätten noch nicht ſechs Verhöre mit den unglücklichen jungen Leuten gehabt, als ſie ſich ſchon in allerlei Widerſprüche verwickelt hätten, die 9* 132 vielleicht eine Folge ihrer Angſt und ihrer Unſchuld oder auch ihres böſen Gewiſſens waren, was weiß ich. Genug, die jungen Leute wurden als Mitglieder geheimer Verbindungen und unerlaubter Genoſſenſchaf⸗ ten auf ſechs bis zehn Jahre verurtheilt.“ „Und was ſagte Se. Majeſtät?“ fragte Tzſchoppe ängſtlich.„Ich bitte, Excellenz, beruhigen Sie mich ein wenig. Man hat mir geſagt, daß Se. Majeſtät der neue König gar eigenthümliche Ideen habe.“ „Eigenthümliche Ideen?“ unterbrach ihn der Mi⸗ niſter von Kamptz.„Ei, mein lieber Tzſchoppe, wenn Sie ſich ſelber jetzt hörten und in Verhör nähmen, ſo vermuthe ich, Sie würden ſich als Aufrührer und Re⸗ bellen ſelber ins Gefängniß ſtecken müſſen um dieſes Wortes willen. Eigenthümliche Ideen! Der neue Kö⸗ nig iſt ein guter Herr, welcher nur das Beſte will und nur bedacht iſt, ſein Volk glücklich zu machen.“ „Ich bin überzeugt davon“, ſagte Tzſchoppe, ſich tief verneigend,„ja, vollkommen überzeugt! Nur wollte ich mir erlauben, zu bemerken, daß es verſchiedene Arten gibt, mit denen man verſuchen kann, dem Volke das Glück zu bereiten.“ „Ja wol, verſchiedene Arten“, lachte Herr von Kamptz.„Die eine Art, das Glück zu bereiten, beſteht darin, die Leute, welche Einem gefährlich erſcheinen, ins Gefängniß zu werfen, und die andere Art, die⸗ jenigen, welche man für unſchuldig hält, aus dem Ge⸗ fängniſſe zu erlöſen. Welche Art ſcheint Ihnen die richtige, mein lieber Tzſchoppe?“ „Ich denke, ich meine—“, ſtotterte Tſchoppe. „Sie meinen“, ergänzte Kamptz,„Sie meinen, daß die Gefängniſſe in der Stadtvogtei mit den liebens⸗ würdigen Blechfenſter⸗Vorſätzen, von der Erfindung des Herrn Dambach, welche die Gefangenen faſt blind machen, daß dies das eigentliche Paradies für die Jugend ſei und daß Sie alſo ein Wohlthäter der Ju⸗ gend geweſen. Denn haben Sie ſie nicht zu Hunderten ins Gefängniß geſchleppt? Oh mein Gott, ich verkenne Ihre Verdienſte; zu Tauſenden haben Sie, lieber Tzſchoppe, die Jugend ins Gefängniß geſchleppt.“ „Excellenz“, rief Tzſchoppe, indem er bleich von ſeinem Stuhle ſich erhob,„Excellenz gehen da doch zu weit.“ „Wirklich, gehe ich zu weit?“ fragte Kamptz mit faſt drohender Stimme.„Nun, mein Lieber, ich wie⸗ derhole nur das, was Sie mir einſtens mit triumphi⸗ render Stimme ſagten, daß nämlich Sie der eigentliche Retter des Staates ſeien und daß Sie Tauſende von Verbrechern unſchädlich gemacht hätten. Ich habe nicht ermangelt, auch das Sr. Majeſtät in meiner geſtrigen Unterredung über Sie zu ſagen.“ „O mein Gott, mein Goit!“ ſtöhnte Herr von Tzſchoppe, indem er die zitternden Hände in einander legte,„ich weiß nicht, ob das von Eurer Excellenz ein Zeichen Ihres Wohlwollens war oder—“ „Wie?“ unterbrach ihn der Miniſter mit einem ſpöttiſchen Lachen,„Sie wiſſen das nicht? Ich lobe Ihre Verdienſte. Sie zweifeln noch daran, ob es ein Zeichen des Wohlwollens von mir war? Ich hoffe, mein lieber Tzſchoppe, Sie wiſſen, daß ich zu Ihren Freunden und Verehrern gehöre. Man hat mich oft einen Demagogenriecher genannt; nun, ich ſagte geſtern Sr. Majeſtät, daß das ein Lob ſei, welches mir durch⸗ aus nicht zukäme, ſondern welches Sie allein verdien⸗ ten. Sie, mein lieber Tzſchoppe, ſind der wahre De⸗ magogenriecher geweſen, und Ihnen allein gebührt auch dafür das Lob und die Anerkennung. „Aber, mein Gott“, ſagte Herr von Tzſchoppe mit einem raſchen prüfenden Blicke aus ſeinen kleinen grauen Augen auf das roſige Antlitz des lächelnden Miniſters, „mein Gott, man hat mich alſo falſch berichtet? Man ſagte mir, Se. Majeſtät ſei— ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken ſoll, um von Eurer Excellenz nicht falſch verſtanden zu werden— Se. Majeſtät ſei ein — 135 Anhänger der neuen Ideen, und es würde nicht Alles beim Alten bleiben, ſondern—“ „Sondern eine neue Zeit würde herauftagen“, rief der Miniſter.„Ja, ja, man hat Ihnen vielleicht doch darin die Wahrheit gekündet, und eine neue Zeit wird hereinbrechen. Ja, ja, mein lieber Tzſchoppe, dann freilich möchte es ſchlimm mit Ihnen beſtellt ſein.“ „Mit uns, Excellenz, mit uns“, ſagte Tzſchoppe aufathmend und zu einem grollenden Blicke ſich ermu⸗ thigend.„Ich war nur Ihr Werkzeug, that Alles, was ich gethan, nur im Auftrage Eurer Excellenz, und nichts iſt von mir geſchehen, was nicht die Zu⸗ ſtimmung meines erhabenen Chefs gehabt hätte.“ „Doch“, ſagte Herr von Kamptz lächelnd,„doch, Sie wiſſen, mein lieber Tzſchoppe, es iſt ein gutes, altes deutſches Sprichwort:„Die Großen läßt man laufen und die Kleinen henkt man.“ Sie waren mein Werkzeug, ſagen Sie! Nun, wenn das Werk vollendet, legt man die Werkzeuge beiſeite. Aber nein, nein, haben Sie keine Furcht, mein lieber Herr von Tſchoppe! Ich bin eigens gekommen, um Sie zu beruhigen, da ich mir denken konnte, daß allerlei ſchlimme Gerüchte zu Ihnen zekommen ſind. Ja, wirklich, eigens bin ich gekommen, Sie zu beruhigen. Es iſt freilich wahr, 136 daß Se. Majeſtät in der Fülle ſeiner Gnade eine Am⸗ neſtie geben wird.“ Und indem er langſam, jedes Wort betonend, ſo ſprach, richteten ſeine blauen Augen mit einem ſchar⸗ fen beobachtenden Blicke ſich auf das fahle Geſicht des Herrn von Tzſchoppe, und langſam und lächelnd wie⸗ derholte er: „Ja, freilich, es iſt wahr, daß Se. Majeſtät eine Amneſtie geben wird.“ „Amneſtie!“ ächzte Herr von Tzſchoppe und ein krampfhaftes Zittern durchflog ſeine ganze Geſtalt. „Seine Majeſtät will die Verbrecher begnadigen?“ „Die Verbrecher?“ rief Herr von Kamptz, immer noch die blauen Augen feſt auf ſein Opfer gerichtet. „Nicht die Verbrecher, ſondern nur die politiſchen Ver⸗ urtheilten.“ „Alle, Excellenz?“ fragte Tzſchoppe athemlos.„Alle politiſchen Verbrecher will Se. Majeſtät begnadigen? Auch diejenigen, die zu lebenslänglichem Gefängniß verurtheilt ſind?“ „Ja, auch Diejenigen“, nickte Herr von Kamptz, deſſen Angeſicht immer vergnügter und heller gewor⸗ den war, je mehr die Angſt ſich auf dem Angeſicht ſeines Opfers ausprägte.„Ja, auch Diejenigen“, nickte 137 Herr von Kamptz;„alle politiſchen Verbrecher werden begnadigt.“ „Dann bin ich verloren!“ rief Tzſchoppe, indem er bleich und athemlos auf ſeinen Lehnſtuhl zurückſank. „Verloren?“ fragte Herr von Kamptz.„Weshalb denn, mein Lieber? Die jungen Leute werden froh ſein, ihre Freiheit wieder zu haben.“ „Nein, nein, ſie werden verſuchen, ſich an mir zu rächen“, ächzte Herr von Tzſchoppe.„Sie wiſſen, daß ich es war, der ſie ins Gefängniß gebracht hat, und ſie werden ſich rächen, Excellenz, ſie werden mich in das Gefängniß bringen.“ „Nicht doch, nicht doch, mein Lieber“, beruhigte Herr von Kamptz mit einem boshaften Lächeln.„Wie könnten dieſe Burſche wohl Sie in das Gefängniß bringen?“ „Sie werden mich dahin bringen, mich, welcher ſie ins Gefängniß gebracht hat“, ſagte Tzſchoppe mit einem wirren Blicke im Zimmer ſich umſchauend.„Sie haben es zuweilen ſchon verſucht, Excellenz; ich ſchwöre es Ihnen, ſie haben es ſchon mehrfach verſucht, mich ins Gefängniß zu ſchleppen, und ſie werden ſich rächen, indem ſie mich an ihre Stelle ſetzen! Geſtern wollte ich aus meinem Zimmer herausgehen und konnte nicht die Thüre finden. Sie hatten ſie mir verſchloſſen, die böſen Demagogen, die böſen Demagogen, die ich ins Gefängniß gebracht habe.“ „Herr von Tzſchoppe“, rief der Miniſter, indem er aufſprang und dem zitternden, keuchenden Mann die Hand auf die Schulter legte.„Herr von Tzſchoppe, beſinnen Sie ſich doch, Sie phantaſiren. Sie ſind wirk⸗ lich krank! Beſinnen Sie ſich.“ „Ja ja, ich bin krank“, ſagte Tzſchoppe aufath⸗ mend,„mein Kopf iſt etwas wirr. Das macht, ich habe ſchon viele Nächte nicht geſchlafen! Seit dem Tode des Hoochſeligen nicht geſchlafen! Ich bitte Eure Excellenz um Vergebung. Ich war einen Augenblick wirklich wie abweſend. Nun iſt es vorüber, ich bitte um Ver⸗ gebung! Allein“, fuhr er mit fieberhafter Lebhaftigkeit fort,„allein Ihre Nachricht hat mich doch ſehr erſchreckt. Se. Majeſtät will alſo wirklich eine Amneſtie geben?“ „Ja, eine Amneſtie“, ſagte Herr von Kamptz. „Hunderte, ja Tauſende junger Leute, welche Sie mit ſo vieler Mühe ins Gefängniß gebracht, die werden nun wieder ihren Familien zurückgegeben werden. Wie ich höre, hat man die jungen Leute alle ſchon von dem zu erwartenden Glück benachrichtigt, damit es nicht ſo plötzlich über ſie komme und ihren Geiſt verwirre. Und man erzählt mir, es ſoll ein rührender Jubel und eine ſelige Luſt in den Gefängniſſen geweſen ſein. Und —ᷣ—ᷣ’PP—— — — ———— — 139 denken Sie nur, das Erſte, was die Gefangenen tha⸗ ten, war, daß ſie ein Lebehoch ausbrachten! Auf wen wol, denken Sie?“ „Auf Se. Majeſtät“, murmelte Tzſchoppe. „Nein“, rief Herr von Kamptz lachend,„nein, auf Sie, mein lieber Tzſchoppe, haben ſie ein Lebehoch ausgebracht. Und denken Sie nur, dieſe närriſchen jungen Leute, ſagt man, haben beſchloſſen, ſobald ſie die Freiheit wiedererlangt haben, Ihnen einen Fackel⸗ zug zu bringen.“ „Mir einen Fackelzug?“ ſchrie Herr von Tzſchoppe, an allen Gliedern zitternd,„das heißt, ſie wollen mich morden, ſie wollen mich in das Feuer werfen?“ „Nun, beruhigen Sie ſich nur“, lachte Herr von Kamptz,„das war nur ein Scherz, den ich mir er— laubte, mein lieber Tzſchoppe, ein Scherz, weiter nichts. Doch die Hauptſache iſt wahr, der König will eine Amneſtie geben, und es iſt immer gut, daß man ſich darauf vorbereite. Darum kam ich, Ihnen die Sache mitzutheilen, die vorläufig noch ein Geheimniß iſt. Be⸗ wahren Sie es, mein lieber Freund, und thun Sie etwas für ſich, denn Sie ſind wirklich krank. Auf Wiederſehen, mein lieber Freund!“. „Auf Wiederſehen, auf Wiederſehen, Excellenz!“ ächzte Herr von Tzſchoppe, und er fand kaum ſo viel —ü 140 Kraft, den Miniſter in das Vorzimmer zu begleiten, und da brach er zuſammen und ſank matt und äch⸗ zend auf einen Stuhl nieder, während Herr von Kamptz mit lächelndem Angeſicht und hoch gehobenem Haupte die Treppe hinunterſchritt. Und als die Thür ſeines Wagens ſich hinter ihm ſchloß, da lachte er hell auf. „Wirklich“, rief er frohgemuthet, während ſeine Roſſe mit ihm durch die Straßen dahinjagten,„wirk⸗ lich, der liebe Tzſchoppe war ſehr ſtaubig und ich habe mich recht an ihm gelabt.“*) *) Dieſe ganze Scene hat mir im Jahre 1848, als es der Miniſter von Kamptz für nöthig hielt, ſich als einen freiſinnigen und liberalen Mann zu zeigen, der Miniſter von Kamptz ſelbſt erzählt. Zwölftes Kapitel. Die Huldigung. „Le roi est mort, vive le roi!“ Das Volk hat geweint und getrauert um den verſtorbenen König. Aber nun ſind die Thränen ver⸗ ſiegt und die Klagen verſtummt, und nur Jubelſtim⸗ men hört man überall. Sie begleiten den neuen König auf dem ganzen Wege nach der alten Reſidenz Preußens, wohin derſelbe ſich begibt, um die Huldi— gungen des Volkes zu empfangen; ſie hallen auf allen Straßen und auf allen Plätzen in den Städten wider, in welchen das Königspaar auf ſeiner Fahrt Raſt macht. Sie tönen auch aus dem Munde des Land⸗ volkes, das von weit her herbeiſtrömt und ſich aufge⸗ ſtellt hat zu beiden Seiten der Chauſſeen, auf welchen der königliche Zug vorüberkommt. 142 „Es lebe der König! Geſegnet ſei der König!“ Und hat man nicht Grund, zu jubeln und den neuen König zu preiſen? Hat man nicht Grund, mit freudeſtrahlendem Angeſichte ihn willkommen zu heißen allüberall? Ihn, den der lächelnde Genius der Gnade vorgeflogen iſt auf dem ganzen Wege und das Wort „Amneſtie, Amneſtie“ als den blühenden, duftenden Frühlingsgruß einer neuen Zeit hingeſtreut hat über alle die Volksmaſſen, welche überall auf ſeinem Wege den jungen König begrüßten? „Amneſtie!“ Ja, das Wort iſt Wahrheit gewor⸗ den, und die Gefängniſſe haben ſich überall aufge⸗ than. Zuerſt das Gefängniß von Fort Viany in Poſen. Zehn Jahre haben ſie dort geſchmachtet, die armen jungen Männer, deren einziges Verbrechen es geweſen, daß ſie ſchwärmten für die Größe und Herrlichkeit Deutſchlands, und daß ſie es laut auf ihren Feſten riefen und kündeten:„Es muß ein einiges Deutſchland geben!“ und daß ſie es ſangen, das Lied, welches der alte verbannte Arndt gedichtet, das Lied mit der großen Frage nach dem deutſchen Vaterland. Zehn Jahre haben ſie gebüßt auch darum, weil ſie eines Tages verſucht hatten, zu Frankfurt am Main, wo man einige von ihren Freunden um dieſes 4 143 Liedes und um ihrer Begeiſterung willen für das deutſche Vaterland gefangen geſetzt hatte, zu befreien. Zehn Jahre ihres Lebens haben ſie vertrauert und verbüßt darum, weil man bei ihnen, da man ſie gefäng⸗ lich einzog, als Zeichen ihres Verbrechens ein ſchwarz⸗ roth⸗goldenes Band und eine ſchwarz⸗roth⸗goldene Kocarde gefunden. Nichts Anderes hat gegen ſie vor⸗ gelegen. Aber dieſe Zeichen haben dem Miniſter v. Kamptz und„Demagogenriecher“ v. Tſchoppe genügt die drei jungen Männer anzuklagen als die Häupter der Demagogen⸗Partei, als Rebellen und Hochverrä⸗ ther, und ſie ſind deshalb verurtheilt worden zur Hin⸗ richtung und zum Rad. Dann war es die„Gnade“ des Königs, welche die jungen Männer von zwanzig Jahren nicht hinrichten ließ, ſondern ſie verurtheilte zu lebenslänglichem Gefängniß. Und nun iſt die wirk⸗ liche Gnade über ſie gekommen, und nun haben die Pforten ihres Gefängniſſes ſich aufgethan und jubelnd ſind ſie hinausgetreten in die ihnen ſo lange verſchloſ⸗ ſene Welt. Und jubelnd hat die ganze Bevölkerung von Poſen die jungen Märtyrer, welche gefangen ſaßen um ihrer Liebe für Deutſchland, gefangen um ihrer Begeiſterung für das Vaterland willen.* Die Polen, welche ſonſt Deutſchland freilich nicht liebten und wahrlich keinen Grund dazu hatten, die — — 144 Polen wußten aber, wie man ſein Vaterland liebt, und wie man hingeben muß für dasſelbe ſeine Liebe, ſein Leben, ſein Blut und ſeine Freiheit, und weil ſie das wiſſen und begreifen, darum jubelten ſie denen entgegen, die auch gelitten hatten für das Vaterland und um ihrer jugendlichen Begeiſterung willen zehn Jahre ihres Lebens hinter den düſteren, feuchten Ker⸗ kermauern von Fort Viany vertrauert hatten. Und auch zu Gneſen und zu Köln haben die Pforten zweier Gefängniſſe ſich aufgethan, und heraus⸗ getreten ſind nach langer Haft die beiden Biſchöfe, welche gefangen ſaßen um ihres Glaubens und ihrer Religion willen. Draußen ſtehen Tauſende und aber Tauſende auf den Straßen und begrüßten die frommen Seelen⸗ hirten und fallen nieder auf die Knie, um den Segen derer zu empfangen, welche gelitten haben um ihres Gottes und ihrer Kirche willen! Auch nach Königsberg war das Wort: Gnade, Gnade! dem Könige voraufgeflogen, und es hat die 6 Pforten des Gefängniſſes geöffnet, hinter welchen der Archidiaconus Ebel ſchmachtete, und es hat dem An⸗ geſchuldigten ſeine Ehre, ſeinen Namen, ſeine Freiheit wiedergegeben. Freilich dieſe Gnade iſt gar Vielen unwillkommen geweſen, und das Volk, welches auf 145 den Straßen von Königsberg ſich drängt und welches in ſchwarzen Maſſen hinſtrömt nach dem großen Platze vor dem Schloſſe, das Volk erzählt ſich davon mit Stirnrunzeln und Hohnlachen und Geſpött. „Auch die Ebelianer ſind begnadigt, auch für die Mucker iſt Amneſtie ertheilt; das iſt ſchlimm, das zeigt, daß der König wirklich, wie man ſagt, zu den Frommen gehört.“ So murmeln und flüſtern hie und da Einige in der Menge, doch ſie werden übertönt von andern Stimmen. „Gnade muß geübt werden für Alle, ſowie die Sonne leuchtet über den Gerechten und den Unge⸗ rechten.“ „Wenn der König Gnade ertheilt für Alle, die angeklagt waren, für Alle, die im Gefängniſſe ſchmach⸗ teten, wie dürfte er ſo gehäſſig ſein, die Ebelianer aus⸗ zuſchließen?“ „Ja, es iſt wahr, Heil ſei dem König! Er hat das Wort„Gnade“ geſprochen, Heil ſei ihm!“ Und das Wort hallt wider mit tauſend und tauſend Stim⸗ men von all dieſen Menſchenmaſſen, welche dicht ge⸗ drängt auf dem weiten Platze vor dem Schloſſe ſich aufgeſtellt haben. Wie feſtlich iſt dieſer Platz heute, wie wenig gleicht Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten I. 10 146 er in dieſem Schmucke der Freude, der Blumen, der Feſtons, der Guirlanden, der Teppiche, die aus den Fenſtern herniederhängen, wie wenig gleicht er heute dem ernſten, ſtillen Platze gewöhnlicher Zeiten! Heute iſt Huldigung, der König hat die Stände von Preußen und von den polniſchen Provinzen berufen zur großen Huldigung. Heute iſt ein Feſt in Königs⸗ berg: Le roi est mort, vive le roi! Gnade hat er gegeben, die Gefängniſſe hat er geöffnet, eine neue Zeit blüht auf mit herrlichem Hoffnungsglanze, über dem ganzen preußiſchen Staate! Wie ſollten die Leute nicht jubelnd herbeiſtrömen, den Duft dieſer Blüthen einzuſaugen? Wie ſollte man nicht freudeſtrahlend im Feſtputze gekommen ſein, das Königspaar zu begrüßen? Seht, dort auf dem Balcon des Schloſſes wird er erſcheinen, der König! Dort auf dem purpurnen Thronſeſſel, über welchen der purpurne goldgeſtickte Baldachin ſchützend ſich breitet, dort wird der König ſich niederlaſſen und wird lauſchen mit entzücktem Ohr auf den Eid ſeiner getreuen Stände, die links und rechts zu beiden Seiten des Thrones auf den erhöhten Tribünen jetzt ihre Plätze haben. Hier auf der rechten Seite in prächtigen Feſt⸗ gewändern ſitzen die Damen des hohen Adels, die aus allen Städten, von allen ihren Landſitzen herbeigeſtrömt ſind, dem hohen Feſte beizuwohnen. Dort drüben auf der andern Seite ſitzen die reichen und vornehmen Damen der bevorzugten Bür⸗ ger und Beamten von Preußen und von Poſen. Sie Alle ſind heute berufen zu dem feierlichen Akte der Huldigung, ſie Alle ſind bereit, dem Könige den Eid der Treue zu leiſten und ſich ihm zu weihen in Liebe, in Hingebung und Gehorſam für ihr ganzes Leben. Die Glocken läuten, die Kanonen künden es mit ihren ehernen, hallenden Stimmen, daß nun der feier⸗ liche Akt beginnt. Dort oben öffnet ſich die Thür des Bateons, und es erſcheinen die königlichen Prinzen, die Ober⸗Präſi⸗ denten von Preußen und Poſen, der Miniſter v. Rochow und das glänzende Gefolge des Königs. Zu beiden Seiten neben den Eſtraden auf dem Balcon ſtellen ſie ſich auf, und nun tritt der König ſelber heraus auf den Balcon und nimmt ſeinen Platz ein auf dem Thronſeſſel. Ein einziger, vieltauſendſtimmiger Jubelſchrei be⸗ grüßt den König. Und nun tritt der Kanzler des Königs von Preußen auf die unterſte Stufe des Thro⸗ nes und wendet ſich mit feierlicher, ernſter Miene an 10* 148 die Stände des Königreichs und fordert ſie auf im Namen Sr. Majeſtät des Königs, den Eid der Treue zu leiſten. In feierlichem athemloſen Schweigen hat die Volksmenge ihm zugehört. Und jetzt wenden alle Blicke ſich hin auf die beiden Männer, die nun aus der Zahl der ordengeſchmückten Herren in ihren goldblitzen⸗ den Uniformen heraustreten und auf der unterſten Stufe des Thrones dem Kanzler gegenüber er⸗ ſcheinen. „Der kleine Herr dort in der Landſtands⸗Uniform mit dem großen Ordensſtern“, ſo murmeln die Leute unter einander,„das iſt der Graf Meninsky, der Ab⸗ geordnete der Provinz Poſen. Und jener große ſchlanke Herr im ſchwarzen einfachen Frack, ganz ohne Ordens⸗ bänder und ohne Schmuck, das iſt der Baron v. Mengs, der Abgeordnete der Stände von Preußen.“ „Ruhig, ruhig, laßt uns hören, was ſie ſagen“, murmeln Andere wieder. Und athemlos wird die Stille, und deutlich hört man die Stimme des polniſchen Grafen, der, mit etwas fremdländiſchem Accent und vielleicht nicht ohne Abſicht das Deutſche ſchlecht accentuirend, im Namen der Provinz Poſen die Anrede des Kanzlers beant⸗ wortet. 49 Nach ihm ſpricht der Abgeordnete der Stände von Preußen. Weithin hallt ſeine Stimme, und weithin hört man es, wie er im Namen der preußiſchen Stände den König begrüßt und ihm verſpricht, daß ſeine preußiſchen Stände treu und feſt zu ihm halten wollen, wie ſie es zu ſeinem Vater gethan in den Zeiten der Noth, und daß auch die Stände hoffen, der König werde treu zu ihnen halten und ihnen er⸗ füllen, was man ihnen verſprach. Der König hat dieſes letzte Wort vernommen und eine Wolke fliegt einen Moment über ſein ſonſt ſo glückſtrahlendes Angeſicht hin. Aber das dauert nur einen Moment, dann glänzt ſein gutmüthiges Geſicht wieder freudig auf, und das Glockengetön und der Kanonendonner übertönen den leiſen Seufzer, der aus ſeiner Bruſt hervorquillt. Nun wird wieder Alles ſtill, und der Regierungs⸗ rath v. Zander fordert nun im Namen des Königs von den vereinten Ständen den Eid der Treue. Sie treten heran, alle dieſe uniformfunkelnden, ordengeſchmückten Herren, dieſe Männer mit den ſtolzen Geſichtern; ſie beugen ſich vor der Majeſtät des Königs und leiſten ihm mit feierlichem Schwur den Eid der Treue. „Amen, Amen“, tönte es von ihren Lippen. 150 „Amen, Amen“, ruft die Volksmenge nun nach. Und die Glocken tönen und die Kanonen donnern, dem Schwur und dem Amen zur Begleitung, wie ſol⸗ ches verzeichnet iſt im Programm. Die Feierlichkeit iſt zu Ende und der König wird ſich jetzt in den Feſt⸗ ſaal begeben zum feierlichen Diner mit ſeinen Stän⸗ den. So ſteht es im Programm. „Aber nein, was iſt das? Der König erhebt ſich von ſeinem Sitze, aber er tritt nicht von dem Balcon zurück, wie es im Programm geſchrieben ſteht. Was iſt das? Der Hofmarſchall ſtürzt heran zur Eſtrade und gibt Zeichen und winkt nach links und nach rechts. Und die ſtaunende Volksmenge ſtarrt empor zu dem Könige, der, das ſieht man, wol etwas thun wird, was nicht im Programm verzeichnet ſteht. Der König tritt haſtig jetzt dicht an den Rand des Balcons und hebt die Hand empor und ſein An⸗ geſicht ſtrahlt von Begeiſterung und ſeine Augen rich⸗ teten ſich himmelswärts und ſenken ſich dann mit einem Ausdruck von Entzücken und von Freude nieder auf, die wogende Volksmenge, die athemlos, mit leuchten⸗ den Augen zu ihm emporblickt. Und weithin hört man jetzt über den Platz tönen die Stimme des Königs, welcher— zum erſtenmale geſchieht es in den preußi⸗ ſchen Landen— zu ſeinem Volke ſpricht mit ſeinem 151 eigenen Munde, öffentlich vor tauſend Zeugen und vor Gott! „Und alſo ſpricht der König: „„Ich gelobe hier vor Gottes Angeſicht und vor den lieben Zeugen, daß ich ein gerechter Richter, ein treuer, ſorgfältiger, barmherziger Fürſt, ein chriſtlicher König ſein will, wie mein unvergeßlicher Vater es war. Geſegnet ſei ſein Andenken! Ich will Recht und Ge⸗ rechtigkeit mit Nachdruck üben, ohne Anſehen der Per⸗ ſon. Ich will das Beſte, das Gedeihen, die Chre aller Stände mit gleicher Liebe umfaſſen, pflegen und för⸗ dern. Alle Confeſſionen meiner Unterthanen ſind mir gleich heilig, ich werde Allen ihre Rechte zu ſchützen wiſſen. Ich bitte Gott um den Fürſtenſegen, der dem Geſegneten die Herzen der Menſchen zueignet und aus ihm einen Mann nach dem göttlichen Willen macht. Ein Wohlgefallen den Guten und ein Schrecken den Frevlern. Gott ſegne unſer theures Vaterland. Sein Zuſtand iſt von altersher oft beneidet, oft vergebens erſtrebt; bei uns iſt Einheit an Haupt und Gliedern, an Fürſt und Volk, im Großen und Ganzen, herrliche Einheit des Strebens aller Stände nach einem ſchönen Ziele, nach dem allgemeinen Wohle in heiliger Treue und wahrer Ehre. Aus dieſem Geiſte entſpringt un⸗ ſere Wahrhaftigkeit, die ohnegleichen iſt. So wolle 152 Gott unſer deutſches Vaterland ſich ſelbſt und der Welt erhalten, mannichfach und doch Eins, wie das edle Erz, das, aus vielen Metallen zuſammengeſchmolzen, nur ein einiges, edles iſt, keinem anderen Roſt unter⸗ worfen, als allein dem verſehönernden Roſte der Jahr⸗ hunderte.“ Lange ſchon, als die Stimme des Königs verhallt iſt, herrſcht auf dem weiten Platze unter der ungeheu⸗ ren Volksmenge noch feierliches Schweigen. Erſt jetzt, als der König zurücktritt und durch die Thür des Bal⸗ cons verſchwindet, erſt jetzt löſt ſich das feierliche Schweigen auf zu dem tauſendſtimmigen Jubelge⸗ ſchrei: „Es lebe der König! Es lebe der König!“ Es tönt ſo laut, ſo flehend, ſo begeiſtert, immer und immer wieder, bis der König wieder heraustritt und ſich ſeinem Volke zeigt und nach allen Seiten hin freudig ſeinen Gruß den Tauſenden zuwinkt. Dann tritt er wieder hinein in den Saal. Neben der Thür ſteht mit finſterem Geſicht und düſter be⸗ ſchatteter Stirn der nächſte Erbe ſeines Thrones, der Bruder des Königs, Prinz Wilhelm. Der König, in ſeiner Begeiſterung, ſchlingt ſeinen Arm um ihn und küßt ihn zärtlich.„O Wilhelm, mein theurer Bruder, welch eine himmliſche Muſik iſt doch dieſes Jubelgeſchrei — — 153 des Volkes. Mich dünkt, ich hörte nie himmliſchere Muſik.“ 3 „Möge Gott in ſeiner Gnade geben, daß Euer Majeſtät ſie immer vernimmt.“ „Mögeſt dereinſt auch Du ſie vernehmen, mein theurer Bruder, welcher auch einſt die Huldigung die⸗ ſes Volkes empfangen wird, welches jetzt das meine und einſt das Deine ſein wird.“ „Möge Gott geben, das dieſe Zeit noch in weiten Fernen liegt“, erwiderte der Prinz ernſt, indem er leiſe ſich aus der feurigen Umarmung des Königs losmachte und ehrerbietig zurücktrat. Das ſcharfe Ohr des Königs hat den leiſen Ton der Mißſtimmung in den Worten des Bruders wol vernommen, und er neigt ſich dichter zu ihm und ſieht ihm feſt in das Angeſicht. „Du biſt nicht mit mir zufrieden, Wilhelm“, ſagt er leiſe und gütig.„Du meinſt, ich hätte genau das Programm befolgen und nicht ſelber ſprechen ſollen?“ „Alles, was Eure Majeſtät thun, iſt wohlgethan“, erwiderte Prinz Wilhelm ruhig und ernſt. Und wie⸗ derum neigt er ſich ehrerbietig. Aber der König erfaßte lebhaft ſeine Hand und zieht ihn fort von dem lauſchenden Hofleuten und Cavalieren, zieht ihn hinein in eine Fenſterniſche. „Sage mir Wilhelm, jetzt ſind wir Bruder und Bruder; Du meinſt, ich hätte nicht ſprechen ſollen?“ „Ich erlaube mir gar keine Meinung, Majeſtät; nur weiß ich, daß es bis jetzt nicht Brauch und Sitte war, daß der König von Preußen ſo unmittelbar vor allem Volke ſprach und ſeine innerſten Gedanken ihm kündete und ſogar Verſprechungen machte, als ob er es nöthig hätte, durch ſolcherlei Verſprechungen um die Liebe des Volkes, die ihm von rechtswegen gebührt gewiſſermaßen zu bitten.“. Der König nickte leiſe. „Ja, ja, das iſt die alte Zeit, Bruder Wilhelm, das alte ſtrenge Regime der Etikette, welches aus Dir zu mir ſpricht. Aber, mein lieber Bruder, wer weiß, vielleicht hätteſt Du an meiner Stelle ebenſo gehandelt. Denn ich ſage Dir, Bruder, dieſes Jubelgeſchrei des Volkes, dieſer feierliche Schwur, welcher von tauſend und tauſend Lippen uns entgegentönt, das bewältigt Einem die innerſte Seele und regt ganz neue Gedanken ganz neue Empfindungen in dem Herzens des Königs an, welcher doch auch nur ein Menſch iſt. Es war nicht meine Abſicht, zu ſprechen; ich habe ſelbſt das Programm entworfen und wollte es einhalten, genau wie ich es vorgeſchrieben. Aber als ich den Schwur von tauſend Männerlippen geſprochen hörte, als ich 135 aus ſo vieler Tauſenden Mund in feierlichen Einklange daß große Wort„Treue“ wie einen Kanonenſchuß vernahm, da war es mir, Bruder Wilhelm, als ob das Herz im Leibe ſich mir wendete, und ich fühlte in mir die heilige Nothwendigkeit, der Rührung, dem Entzücken, der Begeiſterung Luft zu machen und zu ſprechen zu meinem Volke und die Schranken fortzu⸗ reißen, welche den König von ihm trennen wollen. Und ſo iſt es geſchehen, Bruder Wilhelm. Und von nun an werden König und Volk zuſammenhalten in Treue und Liebe, in Gehorſam und Hingabe. Ich habe mein Volk an mich gebunden und habe mich an mein Volk gebunden durch dieſe Stunde. Und ſie wird ewig nachtönen zum Heile und Segen in meinem Herzen.“ Dreizehntes Kapitel. 4— Zwei Brüder. Am Morgen nach dem Huldigungs⸗ und Feſttage herrſchte eine ſeltſame Stille und Oede in den Straßen von Königsberg. Die ganze Stadt, ſo ſchien es, ruhte aus von den Feſtlichkeiten des vergangenen Tages, und ſelbſt die Arbeiter und Tagelöhner hatten ſich heute einen Raſttag gegönnt und zeigten ſich nirgends in ihren Alltagskleidern werkthätig auf den Straßen. Es war heute noch Alles ſonntäglich und feierlich. Und ganz ſo ſonntäglich ſchien es auch dem Herrn zu Muthe zu ſein, da er in dem großen ſchweigſamen Gemache vor ſeinem Schreibtiſche ſaß und mit haſti⸗ ger, gewandter Hand ſeine Feder über das Papier hingleiten ließ. Aber plötzlich warf er dieſe Feder mit einem lau⸗ 457 ten Lachen weit von ſich zur Erde nieder und ſprang von ſeinem Seſſel empor. „Nein, es iſt umſonſt“, ſagte er,„ich bringe es nicht heraus, und all mein Bemühen wird vergeblich ſein, mich in ein paar ſchön ſtyliſirte Redensarten hineinzuzwängen.“ „Und wozu, mein theurer Vater“, fragte eine ju⸗ gendliche fröhliche Stimme hinter ihm,„wozu wollteſt Du Dich in irgend etwas hineinzwängen?“ Und der junge Mann, welcher eben haſtig die Portière des anſtoßenden Gemachs zurückgeſchlagen hatte und in das Gemach eingetreten war, ſchritt jetzt mit lächelndem Angeſicht und doch mit dem Ausdruck ehrfürchtiger Höflichkeit zu ſeinem Vater heran. „Ah, Du biſt es, Marco“, ſagte der ältere Herr, ihm freundlich zunickend.„Und wie ich ſehe, biſt Du ſchon im vollen Hofcoſtüm.“ Und das Auge des Barons von Schwing über⸗ flog mit einem Ausdruck zärtlicher Befriedigung die ſchlanke, ſchöne Geſtalt des jungen Mannes und hef⸗ tete ſich dann lächelnd auf das ſchöne, edle Angeſicht. „Wie ſehr Du doch Deinem Großvater gleichſt!“ ſagte er dann leiſe ihm zunickend.„Wenn ich Dich ſo anſchaue, ſo meine ich, ihn ſelber vor mir zu ſehen. Ja wirklich, ganz ſo ſah er aus, da ich ihm zuerſt in 158 Maurizio begegnete, nur daß durch ſein ſchwarzes Haar der Kummer und die Sorge, mehr noch als das Alter, ſchon einige ſilberne Streifen gezogen hatten. Nun, mein Sohn, gleiche auch im Herzen wie im Aeußeren Deinem Großvater, dem Graſen Apponi, dann weiß ich, daß die Welt, Du ſelber und auch Deine zukünftige Gemahlin mit Dir zufrieden ſein werden.“ „Vor Allem werde ich mich beſtreben, meinem theuren Vater zu gleichen; ihm, den ich kenne, den ich bewundere und verehre, während ich doch den Groß⸗ vater nur aus Deinen Erzählungen kenne“, ſagte Marco, indem er mit dem Ausdrucke lebhafteſter Zärt⸗ lichkeit die Hand ſeines Vaters ergriff und ſie an ſein Herz drückte.„Du biſt mein lebendiges Beiſpiel, und nach Dir möchte ich mich richten in Allem, was groß, gut und ſchön iſt. Aber“, ſagte er dann, mit einem ſchelmiſchen Lächeln auf den ſeidenen Schlafrock des Barons hinſchauend,„aber heute, ſcheint mir, hat mein theurer Vater doch etwas gethan, nach welchem ich mich nicht richten darf.“ „Du meinſt, weil ich noch nicht im Koſtüm bin?“ fragte der Baron lächelnd.— „Ja, das meine ich“, erwiderte Marco,„aber ich will lieber annehmen, daß ich mich verfrüht habe. Ja, 159 ſo wird es ſein, denn ſonſt würde mein ſtets ſo pünkt⸗ licher Vater ſicherlich ſchon jenes ſchwarze, unbequeme Ungeheuer, genannt Frack, welches da noch mit un⸗ ſchuldvoller Miene ſeine Aermel über die Sofalehne ſchlingt, über ſeine kräftigen Arme gehüllt haben und ſich courgemäß darſtellen.“ „Es iſt wahr“, lächelte der Baron,„ich verſchiebe immer dieſen abſcheulichen Moment des Frackanziehens bis zur letzten Minute. Denn Du weißt, dieſes Klei⸗ dungsſtück war mir von jeher ein Gräuel; ja ſelbſt, wenn ich in den Urwäldern Südamerikas zuweilen eine unbeſtimmte weiche Sehnſucht nach der Heimat in mir fühlte, ſo tröſtete mich die Erinnerung an den unbequemen, ſchwarzen, lächerlichen Frack der Heimat ein wenig über das Entbehren derſelben. Nun“, fuhr er aufathmend fort,„ich gedenke es auch nicht mehr oft anzulegen, dieſes ſchwarze lächerliche Ungethüm. Aber heute erachte ich es doch für meine Pflicht als Bürger und als deutſcher Mann, mich nicht zu ent⸗ ziehen dem, was die Stände beſchloſſen haben.“ „Sage lieber, mein theurer Vater, dem, was Du die Stände haſt beſchließen laſſen“, lächelte der junge Mann.„Denn Du warſt es doch, der den Gedanken anregte; Du warſt es, der durch ſeine glühende Be⸗ redtſamkeit die Bedenken der Anderen überwandeſt.“ 160 „Glühende Beredtſamkeit!“ ſagte der Baron achſel⸗ zuckend;„weißt Du, was ich gerade that, als Du eben hereintrateſt? Ich ſaß da und ſchrieb mir einige zierlich gedrechſelte Phraſen auf, die ich in meiner Anrede an den König gebrauchen wollte, und nun ſprichſt Du von glühender Beredtſamkeit und—“ Ein haſtiges Klopfen an der Thür unterbrach ihn; dann, auf ſein Herein öffnete ſich dieſe Thür und ein ſehr ehrwürdig ausſehender, hochgewachſener Herr trat herein. „Der Herr ſei gelobt“, ſagte er aufathmend, in⸗ dem er langſam und mit ſalbungsvoller Miene heran⸗ ſchritt,„ja der Herr ſei gelobt, daß ich Dich noch hier finde, mein Bruder. Nun ſehe ich, daß es wirklich der Wille Gottes war und daß er mich zu ſeinem Boten erwählte, um das Unheil abzuwenden, denn ſonſt würdeſt Du, der allezeit pünktliche Herr, ſicherlich nicht mehr hier anweſend ſein, da die Stunde, von der ich hörte daß in ihr das Unheil geſchehen ſoll, ſchon geſchlagen hat.“ „Ich bitte Dich, mein Bruder, daß Du Dich deut⸗ licher ausdrücken mögeſt“, ſagte der Baron, während er haſtig jetzt den Schlafrock von ſeinen breiten Schul⸗ tern niederfallen ließ und ſich mit Hilfe des Sohnes 161 in das courgemäße Koſtüm, in den ſchwarzen Frack, einhüllte. „Warte nur, warte nur einen Augenblick“, ſagte dn Bruder, die langen dürren Hände auf den Arm s Barons legend.„Sei nicht ſo haſtig, lieber Bru⸗ dn, mit Deiner Toilette. Vielleicht gelingt es mir noch, Dich zu überreden, daheim zu bleiben. Laß mich nur erſt aufathmen; Du hörſt es ja, ich bin ganz außer Athem vom haſtigen Laufen.“ „Und weßhalb bemühteſt Du Dich denn ſo eilig hierher?“ fragte ſein Buder. „Weßhalb? Nun, ich ſehe es ja an Deinem Koſtüm und an dem Deines Herrn Sohnes, daß man mich nicht falſch berichtet hat. Es gab einige gute theilnehmende Seelen, welche mir zuflüſterten:„Suchen Sie das Unheil abzuwenden, Herr Paſtor; denn es iſt ein Unheil, welches ſich vorbereitet. Ihr Herr Bruder wird mit ſeinem Sohne und noch einigen an⸗ deren Herren, wie man ſagt, eine Audienz bei dem König nachſuchen.“ Iſt das wirklich wahr, mein Bruder?“ Der Baron nickte. „Ja, mein guter Herr Paſtor“, ſagte er lächelnd, „die guten Freunde, welche Dir das zugeflüſtert haben, Mühlbach, Proteſtantiſche Jeſuiten. I. 11 ſind gut unterrichtet; wir begeben uns ſoeben in das Schloß zum König.“ „Und iſt es auch wahr“, fragte der Paſtor mit erhobener Stimme,„iſt es auch wahr, daß mein Bru⸗ der, der Baron von Schwing, deſſen Familie ſeit un⸗ denklichen Zeiten bekannt iſt als treu ergeben dem erlauchten Königshauſe— iſt es auch wahr, daß mein Bruder mit ſeinem Sohn und den anderen zwei Herren ſich in das Schloß begibt, um von Sr. Majeſtät dem erhabenen König Dinge zu verlangen, welche er in ſeiner Gnade nicht freiwillig gewähren will?“ „Erlaube, daß ich Deine blumige Rede von ibren ſchönen Blumen entkleide und ſie nüchtern darſtelle“, ſagte der Baron.„Wenn man Dir geſagt hat, daß ich als Mitglied einer Deputation, zu der auch mein Sohn gehört, mich in das Schloß begebe, um im Na⸗ men der Stände Sr. Majeſtät eine Denkſchrift zu überreichen, in welcher wir nachſuchen, uns eine ſtän⸗ diſche Verfaſſung zu verleihen, ſo hat man Dir die Wahrheit gekündet.“ „Die Wahrheit!“ rief der Paſtor, die Hände zu⸗ ſammenſchlagend mit einem frommen Aufſchlag ſeiner großen blauen Augen.„Die Wahrheit, und das ſagſt Du ſo ruhig, mein Bruder? Du willſt Dich dar⸗ 163 ſtellen vor dem Thron Sr. Majeſtät als ein Rebell, ein Abtrünniger, ein Aufrührer?“ „Still“, unterbrach ihn ſein Bruder mit hoheits⸗ vollem Weſen.„Ich bitte Dich, laß es gut ſein, mein Bruder! Wir zwei ſind in unſerer Denkungsart ſo verſchieden, daß es nicht gut iſt, die Dinge zu berüh⸗ ren, die trennend zwiſchen uns liegen. Laſſe ſie alſo unberührt. Du dienſt Deinem Gotte und ich meiner Ueberzeugung, und mit dieſer gehe ich jetzt allerdings hinauf mit meinem Sohne in das Schloß!“ Die Thür ward eben wieder geöffnet und der eintretende Diener meldete, daß die beiden Herren De⸗ putirten eben angelangt ſeien, um die Herren abzu⸗ holen nach dem Schloß. „Mein Bruder“, rief der Paſtor mit faſt leiden⸗ ſchaftlicher Geberde,„mein Bruder, ich beſchwöre Dich, jetzt, da es noch Zeit iſt, jetzt, in dieſer letzten Stunde, da das Unheil noch keine Gewalt hat über Dich, im Namen Gottes und der Treue, die wir unſerem Lan⸗ desherrn ſchuldig ſind, laß ab von Deinem unheiligen Werk und gehe nicht ins Schloß, um Dich darzuſtellen als einen Rebellen.“ „Ich ſagte Dir ſchon, mein Bruder, laß es ge⸗ nug ſein“, erwiderte der Baron ſtolz. „Aber Du bedenkſt nicht, was Du thuſt, Du haſt 11* 164 die Zukunft nicht überlegt!“ rief der Paſtor.„Du ſchadeſt durch das, was Du vorhaſt, nicht blos Dir, denn die Gnade des Königs wird ſich für immer von Dir abwenden, ſondern Du ſchadeſt auch Deiner gan⸗ zen Familie, Deinem Sohne.“ „Meinem Sohne?“ ſagte der Baron ruhig;„er ſelbſt iſt anweſend, er ſelbſt gehört zu der Deputation; die Stände haben ihn dazu gewählt.“ „Ja, ſie haben ihn dazu erwählt; ſie ſind klug genug geweſen, ſich zurückzuziehen und Euch Beide an die Spitze zu ſtellen“, rief der Paſtor mit einem ſpöt⸗ tiſchen Lachen,„damit die Hälfte des ganzen Unheils auf Euch falle, und die beiden anderen Herren, die mit Euch gehen, ſind auch ſchon als Rebellen und Abgefallene bekannt.“ „Es ſind nahe Verwandte des Oberpräſidenten Herrn von Schön, und ich ſage Dir, mein Bruder, es geſchieht nicht ohne die Zuſtimmung dieſes edlen und tapfern Mannes, daß wir überhaupt dieſen Schritt gethan. Laß alſo nun ab; mich bekehrſt Du nicht zu Deinen heiligen, frommen Anſichten!“ „Nun denn, Du willſt es“, ſagte der Paſtor, in⸗ dem er von der Thür, welcher ſein Bruder ſich näherte, zurücktrat.„So ſei es denn; doch ich ſage Dir, wenn Du hingehſt, um ſolche Dinge von dem Könige zu ver⸗ 165 langen, ſo ſoll er wenigſtens wiſſen, daß ich nicht Deinesgleichen bin. Ich werde mich auch an einer Deputation betheiligen und mich mit der Geiſtlichkeit zu Sr. Majeſtät begeben, um ihm unſere tiefe Erge⸗ benheit auszudrücken und ihn zu bitten, daß er das Wohl der Kirche fördern möge in ſeinen Landen.“ „Nun, ich wünſche Dir Glück zu dieſer Miſſion, mein Bruder“, erwiderte der Baron mit einem ſpöt⸗ tiſchen Lächeln.„Wenn ich, wie Du meinſt, das Un⸗ heil über unſere Familie bringe, ſo wirſt Du ihr da⸗ für den Segen bringen. Auf Wiederſehen!“ Und mit einem haſtigen Neigen ſeines Hauptes öffnete er die Thür und trat hinaus. „Marco“, ſagte der Paſtor, indem er haſtig ſeine Hand auf den Arm des jungen Mannes legte, der ſeinem Vater folgen wollte,„auch Due Er hat Dich gezwungen, ihm zu folgen? „Nein, Oheim, er hat mich nicht gezwungen; ich gehe mit ihm freiwillig und freudig.“ „Und Du ſagſt, daß Du meine Tochter liebſt?“ fragte der Paſtor haſtig und leiſe.„Du wünſcheſt, daß ich Dich zu meinem Schwiegerſohne annehme?“ „Ich wünſche und hoffe es, mein theurer Oheim“, ſagte der junge Mann, und ſeine Stimme war jetzt weich und bittend geworden.„Ja, von ganzem Her⸗ 466 zen wünſche ich das, denn Sie haben es geſagt, und es iſt ſo, ich liebe Ihre Tochter, ich liebe meine theure Couſine Valentine über Alles.“ „Marco, Marco!“ rief ſein Vater mit gebieteri⸗ ſcher Stimme. Und der junge Mann eilte vorwärts, um die bei⸗ den Deputirten zu begrüßen. Der Paſtor, vielleicht gerade, um ſeinerſeits dieſe Begrüßung zu vermeiden, zog die Thür wieder zu und blieb horchend hinter derſelben ſtehen. „Sie gehen wirklich“, ſagte er,„und Alles war alſo vergeblich. Doch nein, nicht vergeblich“, fuhr er dann aufathmend fort,„ich werde es wenigſtens der Wahrheit gemäß dem Herrn General von Thiele ſagen können, daß ich verſuchte, meinen Bruder von ſeinem rebelliſchen Unternehmen abzubringen, und er wird es dem König wiederholen, und das wird mich in einem guten Lichte darſtellen. Ah, da rollt der Wagen fort mit den Rebellen“, fuhr er dann fort, als man von der Straße her das Rollen eines Wagens vernahm. „Geht nun ins Schloß und bittet um Freiheit im Namen des Volkes. Euch wird man abweiſen; aber wenn wir kommen und flehen im Namen Gottes und der heiligen Religion um den Schutz des Königs, ſo wird man uns in Gnaden anhören. Gehen Sie nur, —,— —,— Herr Baron von Schwing, es iſt noch nicht aller Tage Abend, und wer weiß, ob Sie immer der angeſehene Rittergutsbeſitzer bleiben! Oder zum mindeſten, ob ſein Sohn es bleibt“, fügte er leiſe hinzu.„Ja, ja, er liebt meine Tochter— aber wäre er nicht der Sohn ſeines Vaters, das heißt der reiche legitime Erbe“— er ſtockte und blickte mit einem boshaften Lächeln vor ſich nieder.„Legitimer Erbe!“ wiederholte er dann leiſe;„nun, wir werden ja ſehen, ob er das iſt! Wir werden es ſehen, wenn die Zeit gekommen iſt. Mein Bruder weiß es ſelber nicht, wie krank er iſt. Sein Hausarzt hat es mir geſagt. Wir werden ja ſehen! Doch es iſt Zeit, mich zu der Synodal⸗Verſammlung zu begeben und mich als Sprecher anzubieten.“ Und haſtigen Schrittes eilte der Herr Paſtor von Schwing von dannen.— Vierzehntes Kapitel. Die Deputation. Die vier Herren, die Deputirten der Stände von Preußen, hatten ſich indeſſen in das königliche Schloß begeben, und der dienſtthuende Kammerherr, welchem man heute Morgens in der Frühe ſchon die Meldung gemacht, empfing die Deputirten und führte ſie in das Vorzimmer. „Der Herr Generaladjutant haben Sr. Majeſtät bereits gemeldet, daß eine Deputation der Stände von Preußen zum eine Audienz bittet, und Se. Majeſtät haben die Gnade gehabt, dieſelbe zu gewähren“, ſagte er mit gedämpfter höflicher Stimme;„indeß war der Inhalt der Adreſſe nicht angegeben und nicht geſagt, zu welchem beſonderen Zweck ſich die Deputation dieſe Audienz erbeten.“ 169 „Wir haben uns das vorbehalten“, erwiderte der Baron von Schwing. 3 „Wir wünſchten, es Sr. Majeſtät ſelber und allein zu ſagen.“ „Ich werde Se. Majeſtät davon benachrichtigen“, erwiderte der Kammerher, leiſe das Haupt neigend. „Doch bitte ich, mir den Namen des Herrn Sprechers der Deputation zu ſagen.“ „Ich bin der Baron Alfred von Schwing, der Sprecher der Deputation.“ „Und die anderen Herren, wenn ich bitten darf?“ Man nannte ihm die Namen, vornehme, ſtolze Namen aus den erſten Adelsfamilien Preußens. Der Kammerherr eilte von dannen und kam nach kurzer Friſt ſchon zurück. „Se. Majeſtät wünſcht zuerſt den Sprecher der Deputation allein zu empfangen“, ſagte er, indem er die Thür zu dem anſtoßenden Gemache weit öffnete und ehrfurchtsvoll neben derſelben ſtehen blieb, als der Baron vorüberſchritt in das Gemach hinein. Se. Majeſtät der König Friedrich Wilhelm IV. ſaß bei dem Eintreten des Barons vor ſeinem Schreib⸗ tiſch und zeichnete haſtig an einer Skizze, welche die geſtrige große Feierlichkeit auf dem Schloßplatze dar⸗ ſtellte. Er ließ ſich in dieſer kunſtreichen Arbeit durch 170 das Erſcheinen des Barons nicht ſtören, ſondern nickte ihm nur freundlich zu und zeichnete dann haſtig weiter. Der Baron blieb ſtolz aufgerichtet neben der Thür ſtehen, und je länger die Pauſe dauerte und je länger der König zeichnete, je tiefer ward die Falte auf ſeiner ſtolzen Stirn und der Ausdruck des Zornes in ſeinem Angeſicht. Endlich nach einer langen Pauſe legte der König die Rabenfeder nieder und rollte den Fauteuil ein we⸗ nig herum. „Willkommen, mein Herr Baron Alfred von Schwing“, ſagte er.„Ich bitte, nehmen Sie Platz dort auf dem Stuhle und laſſen Sie uns ein wenig plaudern.“ Der Baron neigte ſein Haupt, aber er nahm nicht Platz dort auf dem Stuhle, den Se. Majeſtät ange⸗ deutet hatte, neben der Thür, ſondern er trug den Stuhl einige Schritte weiter in das Gemach hinein und dort erſt ließ er ſich auf demſelben nieder. Der König hatte ihm ein wenig verwundert zu geſehen. „Ich glaube, es iſt das erſtemal, daß wir uns begegnen, mein Herr Baron“, ſagte er nach einer Pauſe. 4641 „Ja, Majeſtät, ich habe heute zum erſtenmale die Ehre, vor Eurer Majeſtät zu erſcheinen.“ „Und woher kommt das?“ fragte der König. „Sagen Sie doch, mein lieber Herr Baron, warum haben Sie ſich nicht mir ſchon in Berlin, als ich noch Kronprinz war, vorſtellen laſſen? Oder beſuchten Sie niemals den Hof?“ „Majeſtät, ich war lange Jahre im Ausland.“ „Wo?4 „In den Freiſtaaten von Nordamerika.“ „Ah bah, wie abſcheulich das klingt!“ ſagte der König mißmuthig.„Ein einziges Wort und doch ſo viel Lüge in dem einen Worte: Frei und Staat!— Die beiden Begriffe vertragen ſich nicht miteinander, und den beſten Beweis davon gibt Amerika ſelber. Die Herren Bourgeois renommiren damit, daß ſie in ihrem ſtolzen Dünkel keinen König über ſich haben, vor dem ſie ſich in Demuth beugen müſſen. Das iſt eine dumme Lüge. Ihr König iſt das goldne Kalb, und ſie beugen ſich vor ihm bis zur Erde und beten an den Belial in ihrem heidniſchen Uebermuthe. Wie konnte— ein preußiſcher Edelmann ſich nur entſchlie⸗ ßen, lange im Lande der Krämer und Jobbers zu wohnen! Denn, nicht wahr, Sie ſagten, Sie waren lange— dort?“ 172 „Ja, Majeſtät, ich war dort länger als zwanzig Jahre.“ „Parbleu, ein halbes Menſchenleben!“ rief der König.„Und warum gingen Sie denn dahin, Baron?“ Der Baron ſchwieg und ſenkte die Augen nieder. Dann aber nach einer kleinen Pauſe hob er den Blick wieder zu dem König empor, der mit zuſammengezo⸗ genen Augenbrauen, um beſſer ſehen zu können, ihn anſchaute und ſah ihm feſt in das Angeſicht. „Majeſtät, ich bitte um Vergebung“, ſagte er ruhig und langſam.„Ich weiß nicht, man hat viel⸗ leicht Eurer Majeſtät meinen Namen nicht deutlich geſagt.“ „Wie ſo? Ich denke, man hat Sie mir gemeldet als den Sprecher einer Deputation, die mich zu ſehen wünſcht, und man hat mir den Baron von Schwing genannt.“ 5 „Ja, das iſt mein Name, Baron von Schwing.“ „Warten Sie, warten Sie“, rief der König haſtig. „Ich entſinne mich jetzt, den Namen ſchon früher ein⸗ mal gehört zu haben. Schwing, Schwing! Doch nein, das iſt unmöglich! War es nicht ein Baron von Schwing, der— kommen Sie doch meinem Ge⸗ dächtniſſe ein wenig zu Hilfe, Baron. War es Ihr —— Vater, der bald nach dem Congreſſe von Wien— helfen Sie mir doch, mein lieber Baron.“ „Es war mein Vater, Majeſtät, der eines ſchmach vollen Verbrechens angeklagt ward und deſſen Prozeß damals viel Aufſehen erregte. Ja, Majeſtät, es war mein theurer, edler Vater.“ „Ihr edler Vater? Vergeben Sie, Baron, und doch ſagen Sie, er war eines ſchmachvollen Verbre⸗ chens angeklagt worden? Verzeihen Sie meine Theil⸗ nahme, daß ich ausführlich frage. Erzählen Sie mir ein wenig von Ihrer Vergangenheit. Ich bin hierher gekommen, um zu verſöhnen, was vielleicht ſchlimm iſt, um wieder gut zu machen, was vielleicht böſe war, und um Allen gerecht zu werden, Allen! Sie ſagen, Ihr Vater war ein edler Mann, und weßhalb klagte man ihn denn an?“ „Weil er mißliebig war“, ſagte der Baron mit faſt hartem Ton. Der König ſtutzte und eine Wolke flog über ſein Geſicht. „Mißliebig? Was verſtehen Sie darunter? Was hatte Ihr Vater gethan?“ „Majeſtät, er war im Jahre 1816 mit den drei Abgeſandten der Provinz Preußen nach Berlin ge⸗ kommen, um Se. Majeſtät, den König Friedrich Wil⸗ 174 helm III. im Namen der Provinz Preußen 11 bitten, er möge ſich gütig des Verſprechens erinnern, welches er ſeinem Volke in den Zeiten der Noth gegeben, des Verſprechens, ſeinem Lande eine Verfaſſung zu geben.“ „Ah, das war Ihr Vater!“ rief der König un⸗ willig.„Wahrlich, das war ſehr tollkühn und ver⸗ meſſen! Es ſteht nicht dem Unterthanen zu, ſeinen König zu erinnern und vor ihm als Mahner aufzu⸗ treten. Der König weiß am beſten, wann und wie er ſein Verſprechen zu erfüllen hat, ob er es nicht viel⸗ leicht voreilig gegeben und deßhalb zurücknehmen muß. Und weil mein hochſeliger, in Gott ruhender Vater dieſe Forderung zurückwies, darum ſagen Sie, daß Ihr Vater mißliebig war? Aber dies war doch wohl nicht das Verbrechen, um deſſentwillen man Ihren Vater anklagte?“ „Nein, Majeſtät, nicht das! Die Bosheit benützte nur die Mißliebigkeit meines Vaters.“ „Warten Sie, warten Sie, ich entſinne mich jetzt!“ rief der König.„Ja, die ganze Geſchichte wird mir jetzt klar. Ihr Vater war angeklagt, einer ſehr reichen und vornehmen Dame, mit der er ein Verhältniß ge⸗ habt, Brillanten— ich kann den richtigen Ausdruck nicht finden— ergänzen Sie.“ „Brillanten geſtohlen zu haben. Doch bitte ich, 175 zu bemerken, dieſe Dame, welche es wagte, ſolche Be⸗ hauptungen aufzuſtellen, war nicht eine vornehme Frau, ſondern es war die Maitreſſe des Fürſten von Har⸗ denberg. Sie wollte meinem Vater die Ehre erweiſen, ihn zum Gemahl zu erwählen, und da mein Vater dieſe Ehre entrüſtet von ſich wies, ſchwu ſie ihm Rache. Sie kam zu ihm in das Hotel und bat ihn noch einmal mit leidenſchaftlichen Worten, ihre Hand anzunehmen, und da er es vielleicht mit allzu harten Worten ablehnte, verließ ſie ihn zornig, indem ſie ihm glühende Rache ſchwur. Zwei Stunden ſpäter erfüllte ſie das Hotel des Fürſten Hardenberg mit dem Geſchrei und Jammer, es ſeien ihr ihre Brillanten geſtohlen worden, und meinen Vater klagte ſie als den Dieb an. Der Fürſt von Hardenberg nahm die Klage auf, und mein Vater ward wirklich in Arreſt genom⸗ men. Man wagte es wirklich, den Baron v. Schwing, den Sohn einer Reihe ehrenwerther und hoher Ahnen, alſo zu beſchimpfen. Doch“, unterbrach ſich der Baron hochaufathmend,„ich bitte um Vergebung! Die Erin⸗ nerung an ſolche Schmach bringt mich noch jetzt zum Zorn.“ „Ihr Zorn ſteht Ihnen ſehr wohl an, Baron“, ſagte der König gütig.„Es geziemt dem Sohne, an die Unſchuld und Ehre des Vaters zu glauben. Doch 176 mich intereſſirt dieſe Geſchichte ungemein, ſprechen Sie weiter! Ich bitte, glaubte man wirklich an die Schuld Ihres Vaters?“ „Vergebung, Majeſtät, daß ich das Wort zu wie⸗ derholen wage, er war mißliebig und man gab ſich den Anſchein, ihn für ſchuldig zu halten. Ich ſtand damals als Hauptmann bei der Garde, und meine Kameraden wagten es auf der Parade, ſo laut, daß ich es hören mußte, die Geſchichte meines Vaters zu erzählen und ihn einen Dieb zu ſchelten. Ich forderte den, der es gewagt, meinen Vater alſo zu verleumden. Am nächſten Morgen fand das Duell ſtatt.“ „Jetzt wird mir Alles klar, jetzt tauchen die Erin⸗ nerungen wieder in mir auf. Ja, ja, es war ein junger Baron von Schwing, welcher ein Duell hatte mit einem nahen Anverwandten des Fürſten Harden⸗ berg und ihn tödtete, nicht wahr?“ „Ja, Majeſtät, ich tödtete den Verleumder meines Vaters“, erwiderte der Baron mit ſtolzer Ruhe.„Ich geſtehe Eurer Majeſtät, daß ich noch jetzt deßhalb keine Reue empfinde. Ich konnte nicht anders handeln. Er oder ich. Gott wollte, daß er ſeinen böſen, verleum⸗ deriſchen Mund auf immer ſchloß.“ „Und was geſchah weiter? Man arretirts Sie?“ „Ja, Majeſtät. Und gerade um dieſe Zeit hatte 177 Se. Majeſtät der König die Duellgeſetze ſehr ſtrenge verſchärft, weil damals in Folge der politiſchen Ver⸗ änderungen ſehr viele Duelle im Militär ſtattfanden. Ich ward zu fünfzehn Jahren Feſtung verurtheilt. Und in der Feſtung Weſel am Rhein ſollte ich meine Haft verbüßen. Aber die Liebe, die Zärtlichkeit meines Vaters rettete mich. In dem dunklen Wald, den wir in der Nacht paſſirten, ward der Wagen, in welchem man mich transportirt hatte, überfallen. Mein Vater ſelbſt, deſſen Unſchuld inzwiſchen klar geworden, und den man ſeines Arreſtes entlaſſen, war mit einigen ſeiner Leute zu meiner Befreiung herbeigeeilt. Er brachte mich ſelbſt nach Bremen, gab mir eine Summe Geldes und ſchon am anderen Tage trat ich, begleitet von den Segenswünſchen meines Vaters, die Reiſe nach Amerika an.“ „Und da blieben Sie zwanzig Jahre?“ „Zwanzig Jahre und länger, Majeſtät. Und ich darf ſagen, es war anfangs eine harte Zeit und eine ſchwere Prüfung; mein Vater, der ſelber nicht reich war, denn unſere Güter waren verfallen, da es nach dem Kriege an Mitteln fehlte, ſie gut zu kultiviren— mein Vater hatte mir indeſſen doch aus ſeiner Dürf⸗ tigkeit eine ziemlich bedeutende Summe Geldes gege⸗ ben, damit ich mir dort drüben ein Stück Land kaufen Mühlbach, proteſtantiſche Jeſuiten I. 8 12 178 und es kultiviren ſollte. Aber das Schickſal war mir eben nicht günſtig geſinnt, und ſchon am dritten Tage nach meiner Ankunft in Newyork ward mir von einem lauen Langfinger meine Brieftaſche geſtohlen. Ich⸗ gfing he geſtoh Ich war arm und einſam in der Fremde, ohne irgend einen Bekannten, einen Freund. Doch nein, Majeſtät, ich war eben ungerecht; ein Freund war mit mir ge⸗ gangen, das war mein guter Muth. Und eine neue Bekanntſchaft machte ich, die ich bald zu meiner wärmſten und treueſten Freundin erwählte.“ „Und wie hieß dieſe neue Bekanntſchaft?“ ragte 7) g der König lebhaft. „Die Arbeit“, erwiderte der Baron, indem er, gleichſam als begrüße er einen erhabenen Geiſt, von ſeinem Sitze ſich erhob und ſich neigte.„Die Arbeit — Majeſtät, das war die neue Bekanntſchaft, die ich in Amerika machte, das war die Freundin, welche an meiner Seite ſtand und welche, da ich verzagen wollte, mir die Hand reichte und mich aufrichtete und tröſtete.“ Friedrich Wilhelm ließ ſeine kleinen blauen Augen mit einem ſeltſam forſchenden Blick auf der hohen, ſchlanken Geſtalt des Barons auf⸗ und abſchweifen, und wie eine unbehagliche Ahnung überkam es den König. „Die Arbeit“, ſagte er, haſtig das Haußt ſchüt⸗ — —.— 179 telnd,„freilich, ein preußiſcher Edelmann pflegt dieſe plebejiſche Perſon nicht zu ſeinen Freunden zählen zu müſſen.“ „Ich danke Gott, Majeſtät, daß ich ſie zu meinen Freunden zählen mußte, und ich ehre die Arbeit als die höchſte und heiligſte Majeſtät.“ Der König zuckte ein wenig zuſammen und eine Wolke flog über ſeine Stirne hin. „Man hört es wol, daß Sie lange ein Bürger der Freiſtaaten geweſen ſind“, ſagte er mißmuthig. „Ich bitte um Vergebung, Majeſtät“, erwiderte der Baron, ſich tief verneigend.„Der edle Sinn Eurer Majeſtät wird es begreifen, daß man ſeine Freunde nicht verleugnen darf. Und die Arbeit war meine Freundin, meine treueſte Freundin. Sie begleitete mich in die Einſamkeit, in die fernſten Steppen Südameri⸗ kas, ſie folgte mir treu und freudig nach dem damals noch ganz unbekannten Californien in Da rührte ich meine Hände, da machte ich das and urbar. Mit mir waren einige italieniſche unetade vor⸗ nehme Männer, die geflohen waren vor dem blutdürſti⸗ gen Haſſe König Ferdinand's, und jetzt in Amerika Arbeiter geworden waxren, wie ich! Und die Arbeit, Majeſtät, machte uns zuletzt reich, wir entde ien die erſten Goldminen.“ 12* 180 „Gratulire, gratulire!“ rief der König mit einem frohen Lachen.„Wahrlich, es freut mich, Baron, die düſtere Tragödie Ihres Lebens ſich in Gold auflöſen zu ſehen. Alſo Sie entdeckten Goldminen, und nun kehrten Sie als Millionär zurück?“ „Majeſtät, uns fehlte die Erfahrung, uns fehlten die rechten Werkzeuge, und wir beuteten unſere Minen nicht ſo aus, wie es ſpäter geſchah. Ich verkaufte an einen engliſchen Speculanten mein Land und Gut; es zog mich heim nach meinem deutſchen Vaterlande, und ſo bin ich denn vor ein paar Jahren zurückgekehrt nach Preußen.“ „Mit Ihrer Familie?“ fragte der König,„Sie haben ſich da drüben vermählt?“ „Ja, Majeſtät, mit der Tochter eines italieniſchen Flüchtlings, eines Grafen Apponi.“ „Sie haben Kinder?“ fragte der König. „Einen Sohn und eine Tochter, Majeſtät.“ „Das iſt ein Segen Gottes, Kinder zu haben“, ſagte der König und ein leiſer Seußzer hob ihm die Bruſt.„Und Ihr Vater? Lebt der noch?“ „Nein, Majeſtät, der iſt ſeit langer Zeit todt; unſere Güter waren verfallen und unter Subhaſtation, und Niemanden fand ich, als meinen Bruder, der auf —— — 18¹ dem Hauptgute die Stelle eines Pfarrers eingenom⸗ men hatte.“ „Ach, das iſt ſchön, das freut mich“, ſagte der König;„ich liebe es, wenn auch die Edelleute ſich dem heiligen Beruf weihen. Man dient ſeinem Könige mit dem Schwert, ſeinem Gotte mit dem heiligen Wort, und ein frommer Prediger iſt allemal auch ein Edel⸗ mann. Ich danke Ihnen, mein lieber Baron; Ihre Geſchichte hat mich wirklich ganz außerordentlich in⸗ tereſſirt“, fuhr der König dann mit einem freundlichen Neigen ſeines Hauptes fort;„außerordentlich intereſſirt“, wiederholte er.„Sie ſollen ſie der Königin erzählen, meiner theuren Gemahlin. Ja, ja, kommen Sie, ich will Sie ſogleich zu ihr führen.“ „Majeſtät“, ſagte der Baron ſich tief verneigend, nich bitte um Verzeihung, wenn ich mir erlaube, daran zu erinnern, daß ich nicht die Ehre habe, als Privat⸗ mann vor Eurer Majeſtät zu ſtehen, ſondern als Mit⸗ glied einer— Deputation.“ „Ah, es iſt wahr. Sie ſehen, wie mich Ihre Erzählung intereſſirt hat; ich vergaß darüber ganz und, gar, daß Sie, wie Sie richtig ſagen, nicht als Pr r⸗ vatmann vor mir ſtehen. Nun ſagen Sie, was will die Deputation? Man hat mir geſagt, daß einige Herren vom preußiſchen Adel mich um eine Audienz 9 & 182 bitten, um mir eine Adreſſe zu überreichen. Ich habe ſie gern angenommen, denn ich liebe vor allen Dingen den Adel Preußens, der ſich in den Tagen der Noth und des Kummers ſo treu dem Königshauſe be⸗ währt hat. Nun alſo, Sie kommen als Mitglied einer Deputation zur Ueberreichung einer Ergebenheitsadreſſe. nicht wahr?“ „In gewiſſem Sinne, Majeſtät, gewiß eine Erge⸗ benheitsadreſſe“, erwiderte der Baron, ein wenig zögernd. „In gewiſſem Sinne?“ fragte der König, die Augen zuſammenkneifend, um in ſeiner Kurzſichtigkeit das Geſicht des Barons beſſer ſtudiren zu können. „In gewiſſem Sinne, wie meinen Sie das? Eine Ergebenheitsadreſſe hat nur Einen Sinn, es iſt eine Verſicherung der Ergebenheit, des Gehorſams und der Treue Ich geſtehe, daß mich deshalb das Anſuchen ein wenig frappirt, denn die Herren des preußiſchen Adels und der preußiſchen Stände haben mir geſtern erſt den Eid der Treue geleiſtet. Wozu bedarf es denn nun noch einer Adreſſe?“ „Majeſtät, ich bitte um Vergebung, wir haben dem König den Schwur der Treue geleiſtet aus vollem Herzen, doch wir nahen jetzt auch unſerem König mit einer ergebenen Bitte.“ — 238 . — 183 „Ah, ich bin allezeit gern bereit, die Bitten mei⸗ ner Stände anzuhören. Oeffnen Sie die Thür, Herr Baron, und heißen Sie die Herren von der Deputation eintreten! Wir wollen jetzt die Feierlichkeit beginnen laſſen!“ Er trat zurück an den Schreibtiſch, und vor demſelben mit dem Rücken ſtehend, ſtützte er die Hände auf denſelben auf. Der Baron that, wie Se. Majeſtät befohlen öffnete die Thür und ließ die Herren von der Depu⸗ tation eintreten. Sie kamen mit etwas verdüſterten Geſichtern, 5 denn das lange Warten erſchien ihnen vielleicht als eine Beleidigung ihrer Würde. Der Baron übernahm es, die drei Mitglieder der Deputation Sr. Majeſtät zu nennen. Er nickte nur leicht mit dem Kopf bei dem Na⸗ men der beiden älteren Edelleute; doch als der Baron zuletzt ſeinen Sohn vorſtellte, trat der König haſtig einen Schritt vorwärts und winkte den jungen Mann. ein wenig zu ſich heran. „Laſſen Sie ſich anſehen, mein lieber Freiſtaats⸗ bürger. Denn, nicht wahr, Sie ſind in Amerika ge⸗ boren, in den Freiſtaaten?“ fragte er haſtig. „Ja, Majeſtät.“ „Und wie alt?“ — 4 184 „Zweiundzwanzig Jahre, Majeſtät.“ „Wie, ſo jung und ſtehen ſchon als der Abge⸗ ordnete der Stände hier?“ fragte der König haſtig. „Nur als der Begleiter meines Vaters, Majeſtät.“ „Ich habe meinen Sohn ſeit zwei Jahren mündig erklären laſſen“, ſagte der Baron ruhig.„Man wird dort drüben in den Freiſtaaten früher ein Mann wie hier, und als ich meinem Sohne zwei meiner Güter übergab, ließ ich ihn majorenn erklären. Das macht ihn zugleich zum Landſtand und als ſolcher hat er die Ehre, mit mir vor Eurer Majeſtät zu ſtehen.“ „Und nun, meine Herren, ans Werk“, ſagte der König, indem er wieder an den DTiſch zurücktrat und halb auf die Platte deſſelben ſich ſetzend, die Hände aufſtützte.„Herr Sprecher Ihrer Deputation, laſſen Sie mich jetzt Ihre Adreſſe vernehmen.“ Der Baron verneigte ſich und indem er ein gro⸗ ßes zuſammengefaltetes Papier aus ſeiner Bruſttaſche hervorzog, faltete er es langſam auseinander und be⸗ gann mit lauter Stimme dann zu leſen:„Wir, die vereinigten Stände der Provinz Preußen, wir erlau⸗ ben uns an Se. Majeſtät, unſeren gnädigen und gü⸗ tigen Herrn und König, eine ergebene und ehrfurchts⸗ volle Bitte zu richten. Wir wagen es, Allerhöchſtden⸗ ſelben zu erinnern, daß Se. Majeſtät, der König 185 Friedrich Wilhelm III. in den Tagen, da er ſein Volk aufrief, zu kämpfen wider den Feind, der Deutſchland verheerte, mit feierlichem Wort ſeinem Volke das Ver⸗ ſprechen gab, ihm nach den Tagen des Kampfes eine Verfaſſung zu verleihen. Es ſind ſeitdem ſiebenund⸗ zwanzig Jahre vergangen, ohne daß das Wort zur That geworden, ſiebenundzwanzig Jahre, daß das preu⸗ ßiſche Volk auf die Erfüllung dieſes Wortes hofft. Wir, die Stände der Provinz Preußen, wir erlauben uns in Demuth, Treue und Ergebenheit, unſeren erha⸗ benen König jetzt zu erinnern an dies Wort. Wir ſind bereit, freudig und willig, alle unſere Privilegien, alle unſere Vorrechte als Stände zu opfern und hin⸗ zugeben, und bitten Eure Majeſtät, daß es in Ihrer Weisheit, Güte und königlichen Vaterliebe Eurer Majeſtät gefallen möge, Ihrem preußiſchen Lande eine reichsſtändiſche Verfaſſung zu verleihen und—“ „Nicht weiter“, unterbrach ihn der König mit lauter, zorniger Stimme,„nicht weiter, meine Herren, wenn ich bitten darf! Ich werde dieſe Adreſſe nicht annehmen und werde das unehrerbietige Verlangen, das dieſe Herren an mich zu ſtellen wagen, nicht an⸗ erkennen als den Ausdruck der Geſinnungen meiner treuen Stände. Seien Sie zufrieden, wenn ich dieſes ganz unehrerbietige Betragen nur als eine ideale 186 Aufgeregtheit dieſer vier Herren betrachte, als das kühne Gebahren eines Mannes, der zu lange in den Urwäldern und der Wildniß gelebt hat, um noch er⸗ meſſen zu können, was ſich ziemt einem Könige gegen⸗ über. Laſſen Sie es ſich geſagt ſein, Herr Baron von Schwing, Sie und Ihr Herr Sohn, daß ich dies Be⸗ tragen im höchſten Grade mißbillige, und daß ich über⸗ zeugt bin, es ſei nur Ihren Verführungskünſten ge⸗ lungen, auch die anderen Herren zu verleiten. Sie ſagen, mein in Gott ruhender Vater habe ſeinem Lande Verſprechungen gegeben, die er nicht erfüllt hat. Ich widerſpreche dieſer Behauptung. Ich ſehe Wohl⸗ ſtand in allen meinen Staaten, Glück ſtrahlt von allen Geſichtern, reich iſt mein Volk durch die Gnade ſeines Königs, und nichts gibt es, was es entbehrt. Ich habe meinem Volke gelobt, ihm ein treuer Vater und Brotherr zu ſein, und ich will das thun. Und gerade weil ich das will, kann ich nicht auf Ihr hochmüthi⸗ ges Gehahren eingehen. Ich gebe dem Volke, was des Volkes iſt, ſo mag mein Volk dem Könige nun auch geben, was des Königs iſt: Treue, Gehorſam, Unter⸗ würfigkeit! Gehen Sie, meine Herren, ich will Ihr Verlangen nicht gehört haben. Ich will Sie nicht als die Vertreter meiner Stände betrachten. Den Privat⸗ leuten ſage ich aber, daß ſie ſich nie wieder mit ähn⸗ — lichen Forderungen mir nahen ſollen. Nehmen Sie die Adreſſe zurück, meine Herren, ich will ſie nicht empfangen. Geben Sie dieſelbe, wenn Sie wollen, an meinen Generaladjutanten von Thiele. Es ſoll Ihnen dann durch mein Miniſterium die Antwort werden. Was wir hier privatim geſprochen, bleibt privatim. Gehen Sie.“ Ohne Gruß, ohne weiteres Wort wendete der König den Herren den Rücken zu und verließ das Gemach. Draußen im nächſten Zimmer ſtand der Kammer⸗ herr Sr. Majeſtät, ehrfurchtsvoll und geneigten Haup⸗ tes und erwartete, daß der König an ihm vorüber⸗ ſchritt. Aber Se. Majeſtät blieb vor ihm ſtehen und ſchaute ihn an mit einem grollenden Blicke. „Ich habe die Ehre, zu bemerken, daß Sie ein Tölpel ſind“, ſagte Se. Majeſtät mit lauter herrſchen⸗ der Stimme.„Ja, mein Herr Kammerherr, ein rech⸗ ter Tölpel, der ſich wenig auf ſeinen Dienſt verſteht. Eine Ergebenheitsadreſſe, meinten Sie, brachten dieſe Herren? Ein Kammerherr muß beſſer wiſſen, was geſchieht, und nicht mit ſolcher Narrethei kommen. Ich bitte Sie, meinen Hof zu verlaſſen und auf Ihren Gütern ſich bekanntzumachen mit den Pflichten eines Kammerherrn.“ 188 Eben ward die Thür, die in das zweite Vorzim⸗ mer führte, geöffnet, und in derſelben erſchien in voller Staatsuniform, die Bruſt von Orden ſtrahlend und höher noch das Antlitz ſtrahlend von einem freudigen Lächeln, der Generaladjutant des Königs, Herr von Thiele. Das zornige Angeſicht des Königs erhellte ſich ſchon ein wenig bei dem Erſcheinen ſeines frommen Lieblings, aber es ſtrahlte noch mehr auf, als jetzt hinter dem General eine andere Geſtalt noch ſichtbar ward, die Geſtalt der Königin. Sie trat bis dicht auf die Schwelle und grüßte den König ehrfurchtsvoll. „Riefen mich Eure Majeſtät?“ fragte ſie. „Verſtehe, Frau Baronin, verſtehe!“ rief der Kö⸗ nig und wendete ſich raſch wieder zu dem entſetzten, bleichen Kammerherrn hin.„Wirklich, Herr Kammer⸗ herr, ich bin ſehr ungehalten auf Sie und glaube wol, Grund dazu zu haben“, ſagte er mit milder Stimme.„Doch Sie haben Ihre Strafe ſchon erhal⸗ ten“, fuhr er dann mit ſanftem Lächeln fort,„ich habe Ihnen gezürnt, nun vergebe ich Ihnen. Gehen Sie zu der Königin und bedanken Sie ſich bei ihr für meine Vergebung. Erzählen Sie ihr, was geſchehen, und ſagen Sie ihr, daß ich wieder gutgemacht. Gehen Sie.“ 189 Er reichte dem Kammerherrn ſeine Hand dar und duldete es, daß dieſer mit hervorbrechenden Thränen dieſe gnädige Hand, die ihn geſchlagen und jetzt ihn ſtreichelte, an ſeine Lippen drückte. „Und nun, mein lieber Thiele, was gibt es?“ fragte der König, ſich an den Generaladjutanten wendend.— „Majeſtät, es iſt eine Deputation gekommen, welche dringend bittet, vor Eurer Majeſtät erſcheinen zu dürfen.“ „Ah, wieder eine Deputation“, erwiderte der Kö⸗ nig mit einem erzwungenen Lachen.„Wiſſen Sie aber, was dieſe Menſchen, welche eben hier waren, von mir forderten? Eine reichsſtändiſche Verfaſſung! Sie ſpreizten ſich mit großen Redensarten und mahnten mich an das Wort, welches mein Herr Vater geſpro⸗ chen. Iſt Ihre Deputation vielleicht auch eine in ſol⸗ chem Sinne?“ „Verhüte Gott, daß ich ſolche Rebellen vor das Angeſicht meines gnädigen Königs führen ſollte“, rief der Generaladjutant mit frommem Aufſchlag ſeiner Augen zum Himmel.„Hat man gewagt, das erlauchte Herz meines Königs ſo zu betrüben? Nun, dann iſt es Gott ſelber, welcher durch mich den Balſam ſendet für dieſes edle königliche Herz, den Balſam für die 190 Wunden. Ja, Majeſtät, es ſind ſchlimme Leute, dieſe ſogenannten Liberalen, und ihnen Gnade erweiſen, heißt dem Teufel den Finger hingeben, er wird ſo⸗ gleich die ganze Hand faſſen. Dieſe Deputation, welche ich Eurer Majeſtät melde, ſind die Abgeordneten der preußiſchen Synode, welche hier anjetzo verſammelt iſt, edle, fromme, gottesfürchtige Herren, welche aus innerem Herzensdrang Eurer Majeſtät ihre Ergeben⸗ heit darbringen wollen.“ „Ah! das freut mich“, rief der König aufathmend, „wirklich, Sie haben Recht, mein lieber Thiele, das iſt Balſam für mein Herz. Laſſen Sie die Herren eintreten.“ 6 Der Generaladjutant verneigte ſich tief und öffnete weit die beiden Flügelthüren, durch welche jetzt eine Deputation ſchwarz gekleideter Herren hereintrat. Der General präſentirte ſie Alle Sr. Majeſtät, nannte ſie bei Namen und forderte dann den Sprecher auf, ſeine Adreſſe zu verleſen. Und er that's mit hoch erhobener Stimme; mit feierlichem Pathos verlas er die Ergebenheitsadreſſe der frommen Geiſtlichen, die Dankadreſſe für die Gnade, welche Se. Majeſtät dem Archidiaconus zu Theil habe werden laſſen. Unſchuldig ſei er angeklagt worden von den Kin⸗ 191 dern dieſer Welt, viel verleumdet und in ſeinem frommen Wirken verketzert. Und nun hat die Gnade des erhabenen frommen Königs, der in das Verbor⸗ gene ſieht und nicht achtet auf die Stimme der Welt⸗ kinder, das Verſehen wieder gut gemacht und die Unſchuld, welche angeklagt war, wieder anerkannt. Heil ſoll ſein und Segen dem erlauchten Herrn, dem frommen Diener Gottes, dem erhabenen König; für ihn beten die frommen Prediger alle Tage zu Gott, und der Segen Gottes wird dem frommen und ge⸗ rechten König niemals fehlen. Der König hat dem pathetiſchen Vortrag des Sprechers mit gefalteten Händen und leiſe geneigtem Haupte zugehört. Und eine Thräne der Rührung blinkt noch in ſeinen Augen, als der Redner jetzt ſchweigt. Seine Majeſtät tritt jetzt in den Kreis der ſchwar⸗ zen Herren und reicht Jedem von ihnen ſeine Hand dar und dankt ihnen für das Wort, welches ſeinem Herzen ſo wohl gethan, und dann wendete er ſich an den Sprecher. Habe ich recht verſtanden, nannte mir der Ge⸗ / neraladjutant Ihren Namen richtig? Sie heißen von Schwing?“ „Ja, Majeſtät, zu Befehl“, erwiderte des Spre⸗ 192 cher mit einem ſchweren Seufzer,„ſo iſt leider mein Name!“ „Leider!“ ſagte der König haſtig.„Ah, Sie wiſſen alſo ſchon, wer mir heute Morgens ſchon Kummer bereitet hat?“ „Ich weiß es leider, Majeſtät. Ich war bei meinem Bruder und flehte zu ihm im Namen Gottes und der heiligen Religion, ſich nicht zu verſündigen an unſerem gnädigſten König. Allein er hörte nicht auf mich, er mißachtete das Wort des Flehens, und die böſen Ideen, welche er eingeſogen hat da drüben in dem ſogenannte Lande der Freiheit, welches ich das Land der Knechtſchaft nenne, die böſen Ideen verführten ihn zu dem, was er gethan. Doch ich bitte Eure Majeſtät, vergeben Sie ihm, denn er weiß nicht, was er thut.“ „Sie ſind ein edler und guter Mann“, ſagte der König, ihm freundlich zuwinkend.„Es iſt ſchön von Ihnen, daß Sie für Ihren Bruder ſprechen. Ich will um Ihretwillen vergeſſen, was er gethan. Sie haben Balſam auf die Wunde gelegt, die Ihr Bruder mir geſchlagen. Es ſei vergeſſen. Ich danke Ihnen für Ihre ſchönen Worte. Ich werde ſie in meinem Herzen bewahren und das Andere vergeſſen!“ Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Ffniſſtnſnnfffffnfnnſffff 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 2 — * K—