— S en „—---——. 6. 9£ 9 5 Leihbibliothek l deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8. ¹. von. 6. Ednuard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Zeih- und JLeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü 1 n ſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ) 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgr: 6 Bücher: —— 2 Mk.— Pf. 7 1„— 2 9— 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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April hielt der Graf von Artois, welchen König Ludwig XVIII. ſich ſelber vorangeſchickt und mit der Würde eines General⸗Lieutenants von Frank⸗ reich bekleidet hatte, ſeinen Einzug in Paris. An der Barrière von Paris ward er von der neu gebil⸗ deten proviſoriſchen Regierung, an deren Spitze Herr von Talleyrand ſtand, empfangen, und hier war es, wo der Graf von Artois die Anrede Talleyrands mit den Worten erwiederte:„Nichts iſt in Frankreich verändert, nur daß von heute an ſich ein Franzoſe mehr in demſelben befindet.“ Das Volk empfing ihn mit kalter Neugierde und die Truppen der Alliirten bildeten Spalier auf ſeinem Wege zu den Tuilerien, in welchen die Damen des Faubourg St. Germain ihn mit glühendem Enthuſiasmus und geſchmückt mit weißen Lilien und weißen Cocarden empfingen. — Die Gräfin Ducayla, die nachher vielbekannte Freundin Ludwigs XVIII., war eines der thätigſten Werkzeuge der Reſtauration geweſen, ſie war es auch, welche zuerſt in Frankreich wieder das Banner der Bourbonen, die weiße Fahne, flattern ließ. Mit etlichen ihrer royaliſtiſchen Freunde war ſie wenige Tage vor dem Einzug des Prinzen auf die Straße gegangen, um das Volk zu einigem Enthuſiasmus für das legitime Königshaus anzuregen. Aber das Volk und die Armee hatten noch immer ihre alte Liebe für den Kaiſer bewahrt, und mit ſtummem Schweigen hörte man auf den Straßen der Procla⸗ mation des Fürſten Schwarzenberg zu, welche Herr von Vauvineux vorlas. Die Royaliſten ließen wohl am Ende dieſer Lecture ihr: Vive le roil ertönen, aber das Volk blieb gleichgültig und ſtumm. Dieſes finſtere Schweigen erſchreckte die Gräfin Ducayla, ſie ahnte unter demſelben ein geheimes Mißvergnügen mit der neuen Ordnung der Dinge verborgen. Sie fühlte, daß man dies ſchweigende Volk anregen und in Feuer bringen müſſe, damit es ſich mit Energie ausſpreche und entſcheide. Durch Worte und Geſchrei hatte man das Volk vergeblich zu enthuſiasmiren geſucht, jetzt wollte die Gräfin verſuchen, durch ein neues Mittel daſſelbe zu allar⸗ miren, es durch ein in die Augen fallendes Symbol zu überraſchen und ihm die weiße Fahne der Bour⸗ bonen zu zeigen! Sie reichte ihrem Begleiter, dem Grafen von Montmorency, ihr Taſchentuch dar, und ließ es ihn hoch emporſchwenken, ſie befeſtigte es, damit es beſſer vom Volk geſehen werde, an ſeinen Stock.— So war denn das an den Spazierſtock eines Montmorency gebundene Taſchentuch der Gräfin Ducayla das erſte royaliſtiſche Banner, das nach zwanzigjährigem Ver⸗ ſchwinden wieder über Paris flatterte. Die Pariſer ſahen dieſes Banner mit einer Art ſcheuer Ehrfurcht, ſchaudernder Verwunderung, ſie empfingen es nicht mit Beifallsrufen und Vivat⸗ ſchreien, ſie blieben noch immer ſtumm, aber ſie folg⸗ ten doch dem Zuge der Royaliſten, die ſich jauchzend und Vive le roi! ſchreiend auf die Boulevards bega⸗ ben. Sie nahmen nicht Theil an ihrer Freude, aber ſie hinderten ſie auch nicht. Die Freude der Royaliſten, und beſonders der royaliſtiſchen Damen überſtieg indeſſen faſt die Gren⸗ zen der Schicklichkeit und der eigenen Würde. In dem Fanatisinus ihres Legitimismus bereiteten ſie den Alliirten einen Empfang, der faſt den Charakter einer allgemeinen Liebeserklärung der ſchönen Damen des Faubourg St. Germain gegen alle Soldaten und Officiere der Verbündeten annahm. In einer ſeltſamen Ideenverwirrung ſchienen ihnen dieſe Krie⸗ ger, welche jedenfalls doch als Feinde den Boden Frankreichs betreten hatten, ſchon ein Theil der ge⸗ liebten Bourbonen zu ſein, und ſie liebten ſie faſt mit derſelben Liebe, die ſie der königlichen Familie darbrachten! Während einiger Tage gehörten ſie mit ihrem Herzen allen Ländern an, nur nicht dem eigenen Vaterland! Ludwig XVIII. ſelbſt war ſehr unzufrieden mit dem Enthuſiasmus der Damen des Faubourg St. Germain und äußerte der Gräfin Ducayla ganz un⸗ verholen ſein Mißvergnügen über das lächerliche und verächtliche Benehmen, welches die Damen in jenen Tagen gezeigt. Er meinte ſogar, daſſelbe hätte ſeiner Sache ſchaden können, da die Nation ſich damals noch nicht vollſtändig für ihn ausgeſprochen habe. „Man hätte,“ ſagte er,„den Alliirten gegenüber eine impoſante Zurückhaltung, ohne eitle Demonſtra⸗ tionen, aber auch ohne dieſe unüberlegte Hingebung annehmen ſollen. Ein angemeſſenes, taktvolles Be⸗ tragen würde ihnen Achtung für die Nation einge⸗ flößt haben, während ſie jetzt mit der Ueberzeugung Paris verlaſſen, daß wir noch, wie vor fünfzig Jah⸗ ren, das leichtfertigſte und frivolſte Volk in Europa ſind. Sie beſonders, meine Damen, Sie haben ſich 8 auf unbegreifliche Weiſe compromittirt. Die Alliirten ſind Ihnen en masse ſo liebenswürdig erſchienen, daß Sie den Schein auf ſich geladen, ſie auch en detail zu lieben, und es haben ſich daher über Sie Gerüchte verbreitet, welche den franzöſiſchen Damen⸗ keine große Ehre bereiten.“— „Ach, mein Gott,“ erwiederte die Gräfin Ducayla ihrem königlichen Freund,„man wollte ihnen eine wohlverdiente Dankbarkeit für die Wohlthat beze daß ſie uns Ew. Majeſtät zurückbrachten; ma ihnen aus freiem Willen dargebracht, was man Tyrannen der Republik und den Süäbelhelden Empire ſonſt, des Widerſtandes müde, endlich auch gewähren mußte! Keine von uns berenut gewiß das, was ſie für unſere guten Freunde, die Allürten, gethan!“— Indeſſen gab das, was die Damen„für ihre guten Freunde, die Alliirten, gethan,“ doch zu man⸗ cherlei ärgerlichen Familienſcenen Veranlaſſung, und die Männer, welche nicht ganz den Enthuſiasmus ihrer Frauen theilten, meinten bald Urſache zu haben, ſich über denſelben zu beklagen. Der Graf von G... unter Andern hatte ſich wenige Tage vor der Reſtauration mit einer ſchönen und jungen Dame vermählt. Ihr, in ihrer harm⸗ loſen Jugend, waren die politiſchen Verhältniſſe ganz gleichgültig, aber ihr Schwiegervater, ihre Schwieger⸗ mutter und ihr Gemahl, der Graf von G...., waren Royaliſten vom reinſten Waſſer. Am Tage des Einzugs der Alliirten in Paris eilten der Schwiegervater, die Schwiegermutter und der Gemahl gleich allen guten Legitimiſten„den guten Freunden“ entgegen, und Jeder von ihnen kehrte mit einem Fremden in das Hötel zurück. Der Mann mit einem Engländer, die Schwieger⸗ —.— mutter mit einem Preußen, der Schwiegervater mit einem Oeſterreicher. 45 Alle drei bemühten ſie ſich, einander zu überbieten in den Feſten, welche ſie den Gäſten bereiten wollten, dis ſie das Glück hatten zu beſitzen. Die kleine Grä⸗ fin allein blieb gleichgültig inmitten der Freude ihrer Familie. Man machte ihr den Vorwurf, ſie beſitze ig Anhänglichkeit für die gute Sache, und „„Alles, was in ihren Kräften ſtände, die tapfern Männer, welche Frankreich viedergebracht, gut aufzunehmen.“ alſo bat den Engländer, die junge Reiten zu unterrichten; die Marquiſe ünſchte, daß der Preuße ihre Schwiegertochter auf den Ball führe üna Bße lehre und der Marqui ſcher bei dem Oeſter⸗ reicher eine große forderte ihn auf, mit zu beſuchen. Kurz, man gab der kleinen Gräfin, alle Gelegen⸗ heit, eine Sottiſe zu begehen, oder vielmehr drei Sottiſen, denn ſie mochte keinem der drei Fremden den Vorzug geben. Sie war jung und wenig be⸗ wandert in derlei Verhältniſſen. Ihre Triple⸗In⸗ trigue ward alſo ſehr bald entdeckt, und ihrer Familie verrathen. Jetzt waren Mann, Schwiegervater und Schwiegermutter außer ſich. Dies überſtieg ſelbſt die Anforderungen ihres Royalismus und mit zor⸗ nigen Vorwürfen drangen ſie auf die junge Frau ein. „Ach,“ rief ſie unter Thränenſtrömen,„es iſt ja nicht meine Schuld, Ihr habt es ſo gewollt. Ihr habt mir befohlen, Alles, was in meinen Kräften ſtände, zu thun, um dieſe Herren gut aufzunehn und ich durfte ihnen alſo nichts verweigern.). Aber es gab auch Fälle, in denen die begeiſterten ür die Malerei entdeckte, der jungen Frau die Muſeen * — 10— Damen des Faubourg St. Germain ihre Huld zu⸗ rückgewieſen ſahen. Selbſt die hochgeborne und ſtolze Marquiſe von M.... mußte das erfahren. Sie ſtellte ſich vor den Reihen der finſter blickenden, ſchweigenden Krieger der Kaiſergarde auf, welche eben ſtumm den Grafen von Artois hatten an ſich vorübergehen laſſen. Mit begeiſtertem Ruf forderte ſie dieſelben zur Liebe für ihre angeſtammte Königs⸗ familie auf, und in dem Enthuſiasmus ihres lismus bot ſie ſich ſelber demjenigen zur Belo an, der zuerſt ſchreien würde: Vive le xötl die treuen Krieger des Kaiſers blieben ungerührt von dieſem großmüthigen Anerbieten, und nicht Schrei arde ört Den feurigſten Enthuſias 2 6 eſe royaliſtiſchen Da den Fürſten dar, die an der Spitze der verbündeten ſtanden, aber hier gerade fanden ſie am wenigſten Erhörung. Der Kaiſer von Oeſterreich war zu ſehr mit der Zukunft ſeiner Tochter und ſeines Enkels beſchäftigt, der Kö⸗ nig von Preußen zu ernſt und ſtrenge, um an den kleinen Coquetterieen und Minauderieen der ſchönen Damen Gefallen finden zu können. All ihre Begei⸗ ſterung und ihre Liebe wandte ſich daher dem jungen Kaiſer Alexander von Rußland zu. Aber auch hier ward ihrem Enthuſiasmus ſchlech⸗ ter Lohn. Der Kaiſer hielt ſich in faſt mißtrauiſcher Zurückgezogenheit von den edlen Damen des Fau⸗ bourg St. Germain, und doch waren dieſe es, welche bei ihm das Loos Frankreichs entſchieden hatten und ihn beſtimmten, den Bourbonen ſeine Stimme zu geben. Denn bis dahin war es immer noch unent⸗ ſchieden, wer den Thron Frankreichs einnehmen und ie franzöſiſche Nation, oder die Alliirten zu der Königswürde berufen würden. trugen ne —— — — 11— Der Kaiſer von Rußland hegte im Innerſten ſei⸗ nes Herzens den Wunſch, den edlen und allgemein ſo geliebten Vicekönig von Italien, Eugène Beau⸗ harnais, zum König von Frankreich erhoben zu ſehen. Der Brief, mit dem Eugone den Antrag der Ver⸗ bündeten, welche ihm die Herzogskrone von Genua angeboten, erwiederte, hatte dem Sohne Joſephinens die Achtung und Liebe des Czaren für alle Zeiten gewonnen. Alexander ſelber hatte an Eugène ge⸗ ſchrieben, und ihm im Namen der Alliirten ein Her⸗ zogthum Genna angeboten, wenn er Napoleon ver⸗ laſſen, und ſich auf Seite der Alliirten ſtellen wolle. Eugéne Beauharnais hatte ihm mit folgendem Briefe geantwortet: „Sire!. „Ich habe die Vorſchläge Eurer Majeſtät empfan⸗ gen; ſie ſind ohne Zweifel ſehr ſchön, aber ſie wer⸗ den meine Entſchlüſſe nicht ändern können. Ich muß es ſchlecht verſtanden haben, meine Gedanken auszu⸗ drücken, als ich die Ehre hatte, Sie zu ſehen, wenn Ew. Majeſtät glauben können, daß lich um irgend einen, wenn auch noch ſo hohen Preis meine Ehre verletzen könnte. Weder die Ausſicht auf das Her⸗ zogthum Genua, noch die auf ein Königreich Italien kann mich zu einem Verrath beſtimmen. Das Bei⸗ ſpiel des Königs von Neapel kann mich nicht verfüh⸗ ren; ich will lieber ein einfacher Soldat, als ein treu⸗ loſer Fürſt werden. „Der Kaiſer, ſagen Sie, hat mir Unrecht gethan; ich habe es vergeſſen; ich erinnere mich nur ſeiner Wohlthaten; ich verdanke ihm Alles, meinen Rang, meine Titel, mein Vermögen, und was ich lenn Andern vorziehe, ich verdanke ihm das, welches Ihre Nachſicht meinen Ruhm zu nennen beliebt.— Ich werde ihm daher dienen, ſo lange ich lebe; meine — 12— Perſon gehört ihm, wie auch mein Herz. Möge mein Degen in meinen Händen zerbrechen, wenn er ſich jemals gegen den Kaiſer oder gegen Frankreich kehren könnte.— Ich ſchmeichle mir, daß meine wohlbe⸗ gründete Weigerung mir wenigſtens die Achtung Euerer kaiſerlichen Majeſtät ſichern werde.— Ich bin ꝛc.“ Der Kaiſer von Oeſterreich hingegen wünſchte ſehn⸗ lichſt ſeinem Enkel, dem König von Rom, unter der Regentſchaft der Kaiſerin. Marie Louiſe, den Thron von Frankreich zu ſichern, nur wagte der Kaiſer nicht dieſen Thron offen und ohne Rückhalt von ſeinen Verbündeten zu fordern, denen er das Verſprechen geleiſtet, Alles gut zu heißen, was ſie thun würden. Vergebens beſtürmte ihn daher der Herzog von Ca⸗ dore, den Marie Louiſe von Blois aus an ihren Vater abſandte, das Intereſſe der Kaiſerin zu wah⸗ ren und von den Alliirten zu fordern, daß ſie Marie Louiſen und ihrem Sohne die Krone Frankreichs ſicherten. Kaiſer Franz verſicherte dem Abgeſandten ſeiner Tochter, daß er das Beſte für ſie zu hoffen berechtigt ſei, aber nicht im Stande ſei mit Gewalt etwas für ſie durchzuſetzen. „Ich liebe meine Tochter,“ ſagte der gute Kaiſer, „ich liebe meinen Schwiegerſohn, ich trage ſie Beide in meinem Herzen, und bin bereit mein Blut für ſie zu vergießen.“ „Ach Sire,“ unterbrach ihn der Herzog von Cadore,„es handelt ſich nicht um ein ſo großes Opfer!“— „Ich bin bereit mein Blut für ſie zu vergießen,“ fuhr der Kaiſer fort,„mein Leben für ſie hinzugeben; aber ich wiederhole es Ihnen, ich habe den Alliirten verſprochen, nichts ohne ſie zu verhandeln, und Alles zu genehmigen, was ſie thun. Ueberdies iſt mein V — — — Miniſter, Herr von Metternich, eben bei ihnen, und ich werde Alles ratificiren, was er unterzeichnet hat.*) Aber im Stillen hoffte der Kaiſer noch immer, das, was Metternich für ihn zu unterzeichnen habe, ſei die Erklärung, daß man den kleinen König von Rom zum König von Frankreich mache. Aber der Eifer der Noyaliſten ſollte dieſe Hoff⸗ nung vernichten. In dem Hötel Talleyrand's hatte der Kaiſer von Rußland jetzt ſeine Wohnung genommen. Er hatte den Bitten und Einladungen des klugen franzöſiſchen Diplomaten nachgegeben, der ſehr wohl wußte, wie viel leichter es für ihn ſein würde, den„Agamemnon der heiligen Allianz“**) zu ſeinen Gunſten zu ſtim⸗ men, wenn er ihn zu jeder Zeit und Stunde gewiſ⸗ ſermaßen in ſeiner Hand hielt. Indem er dem Kaiſer von Rußland ſeine Gaſtfreundſchaft anbot, wollte Talleyrand ihn mit Leib und Seele zu ſeinem Ge⸗ fangenen machen, und ihn zu ſeinem Vortheil aus⸗ beuten.— Zu Talleyrand alſo eilte die Gräfin Ducayla hin, um mit dem Bonapartiſten von geſtern, der ſich in einen ſo eifrigen Legitimiſten von heute verwandelt hatte, ihre Vorkehrungen zu treffen. Talleyrand unternahm es, der Gräfin eine Au⸗ dienz bei dem ruſſiſchen Kaiſer auszuwirken, und es gelang ihm. Als er die ſchöne Gräfin zu dem Ka⸗ binet des Czaren geleitete, flüſterte Talleyrand ihr in's Ohr:„Ahmen Sie Frau von Semallé nach, ſuchen Sie einen tüchtigen Schlag zu thun. Der Kaiſer iſt galant, und was er der Diplomatie ver⸗ weigert, mag er vielleicht den Damen bewilligen.“ *) Bourienne. Vol. X, S. 129. *²) Némoires d'une femme de qualité. — 14— An der Thür des Kabinets verließ er ſie, und die Gräfin Ducayla trat allein in das Gemach ein, in welchem ſich der Kaiſer befand. Kaum ward ſie ſei⸗ ner anſichtig, als ſie, die Hände ausſtreckend, auf ihre Kniee niederſank. Sofort eilte der Kaiſer zu ihr hin, um ſie mit ritterlicher Galanterie aufzuheben. „Was thun Sie?“ fragte er faſt erſchrocken.„Nie⸗ mals hat eine edle Dame vor einem Cavalier ihr Knie zu beugen.“. „Sire,“ rief die Gräfin,„ich knie vor Ihnen, weil ich von Ew. Majeſtät das Glück erflehen will, welches Sie allein uns wiederzugeben vermögen; es wird für uns eine doppelte Freude ſein, Ludwig XVIII. wieder zu beſitzen, wenn er uns durch Alexander I. wiedergeſchenkt iſt!“ „Es iſt alſo wahr, daß die Franzoſen der Familie der Bourbonen noch immer zugethan ſind?“ „Ja, Sire, ſie iſt unſere einzige Hoffnung, ihr gehört unſere ganze Liebe!“ „Ah, das iſt vortrefflich,“ rief Alexander,„und ſind alle franzöſiſchen Damen von demſelben Enthu⸗ ſiasmus erfüllt, wie Sie, Madame?“ „In ganz Frankreich ſchlagen alle Herzen dieſer Familie entgegen.“ „Nun, wenn die Sache ſo ſteht, ſo wird es Frank⸗ reich ſein, welches Ludwig XVIII. zurückruft und wir werden nicht nöthig haben, ihn zurückzuführen. Mö⸗ gen die großen Staatskörper ſich ausſprechen und Alles wird gethan ſein!“*) Die Gräfin Ducayla war ganz die Frau, ein ſol⸗ ches Ausſprechen der großen Staatskörper zu ver⸗ mitteln. Sie beeilte ſich, in ganz Paris die Hoffnun⸗ *) Némoires d'une femme de quulité. Vol. I, p. 179. † 1 — 15— gen, welche ihr der Czar gemacht, zu verbreiten, ſie gab am Abend nach ihrer Unterredung mit Alexander⸗ eine große Soirée, zu der ſie die ſchönſten Damen ihrer Partei und eine Zahl Senatoren einlud. „Ich wollte auf dieſe Weiſe,“ ſagt ſie in ihren Memoiren,„die Herrn zu einem Schwur verführen. Wie einfältig ich war! Wußte ich nicht, daß die Mehrzahl derſelben wohl ſchon ein Dutzend Schwüre geleiſtet und gebrochen hatte?“ Andern Tages verſammelte ſich der Senat und wählte eine proviſoriſche Regierung, die aus Talley⸗ rand, dem Herzog von Dalberg, dem Marquis von Jaucourt, dem Grafen Bournonville und dem Abbé Montesquien beſtand. Sodann erklärte der Senat unter Vorſitz dieſer proviſoriſchen Regierung den Kaiſer Napoleon des Throns verluſtig und rief Lud⸗ wig XVIII. auf den Thron. Aber indem der Senat ſo öffentlich und feierlich im Namen des franzöſiſchen Volkes ſeine legitimiſtiſchen Geſinnungen darthat, legte er zugleich Zeugniß ab von ſeiner eigenen Ün⸗ würdigkeit und ſeinem eigenen Egoismus.— In dem Tractat, welchen der Senat mit ſeinem heim gerufe⸗ nen König abſchloß, ſetzte er in einem eigenen Arti⸗ kel feſt,„daß das bisherige Gehalt der Senatoren ihnen als eine lebenslängliche unablösbare Rente verbleiben ſollte.“— Die Herren Senatoren, indem ſie Ludwig XVIII. zurückriefen, trugen alſo zugleich Sorge, ſich für ihre Mühe bezahlt zu machen, und ihre eigene Zukunft zu ſichern.* II. Die Bourbonen und die Napoleoniden. Die Alliirten beeilten ſich indeß den Ausſpruch des Senats und der proviſoriſchen Regierung für den Ausſpruch des Volkes zu halten, und riefen Ludwig den XVIII., der ſo lange als Graf von Lille in der Verbannung von Hartwell geſchmachtet, auf den Thron ſeiner Väter zurück. Der Kaiſer von Oeſterreich hielt Wort, er wider⸗ ſetzte ſich den Beſchlüſſen ſeiner Verbündeten nicht, er ließ es geſchehen, daß ſein Enkel, der König von Rom, ſeines Erbes beraubt ward, daß die Kaiſerkrone von dem Haupt ſeiner Tochter herabſank. Kaiſer Franz war indeß ſelber eben ſo überraſcht davon, wie Marie Louiſe, denn bis zu ihrem Einzug in Paris hatten die Verbündeten dem öſterreichiſchen Kaiſer mit der Hoffnung geſchmeichelt, man werde ſeiner Tochter und ſeinem Enkel die Krone Frankreichs ſichern.— Dieſe Enttäuſchung des Kaiſers gab zu einer Carricatur Veranlaſſung, die am Tage des Einzuges Ludwigs XVIII. an denſelben Mauern an⸗ geklebt ward, an denen man in großen Lettern Cha⸗ teaubriand's begeiſterte Brochure über die Bourbonen ankündigte.— Auf dieſer Carricatur, welche ſich bald in Paris in viel tauſend Exemplaren verbreitete, ſah man den Kaiſer von Oeſterreich in einem ſchönen Caleſchwagen ſitzen; der Kaiſer Alexander ſaß auf dem Bock als Kutſcher, der Regent von England als Poſtillon auf dem Vorderpferd, und der König von Preußen ſtand als Lakai hinten auf dem Wagen. Napoleon lief zu Fuß neben dem Wagen her, und . klammerte ſich an demſelben feſt, indem er zu dem Kaiſer von Oeſterreich ſagte:„Schwiegervater, ſie haben mich herausgeworfen’—„uUnd mich hinein⸗ geworfen,“ war Franz des Erſten Antwort.— Groß war der Jubel der Damen des Faubourg St. Germain, jetzt endlich ihren König wieder zu haben, und ſehr bereit waren ſie dem Kaiſer von Rußland in jeder Weiſe ſich dankbar zu beweiſen.— Aber Alexander zeigte ſich durchaus unempfindlich gegen ihre Huldigungen, er vermied es ſogar, den Geſell⸗ ſchaften in den Tuilerieen bei dem neuen König bei⸗ zuwohnen, und die hohe Geſellſchaft, wie die Diplo⸗ matie erfüllte es mit Entſetzen, daß der Kaiſer ganz offen ſeine Sympathien für die Familie des Kaiſers Napoleon darlegte, und ſtatt in den Tuilerieen zu erſcheinen, ſich nach Malmaiſon begab. Graf Neſſelrode beſchwor endlich ſeine Freundin, das Fräulein von Cochelet, dem Kaiſer von dieſer allgemeinen Beſtürzung des Faubourg St. Germain zu erzählen, wenn der Czar, wie er das zuweilen zu thun pflegte, zu der Hofdame der Königin Hortenſe kommen würde, um mit ihr über die materiellen In⸗ tereſſen der Königin zu berathſchlagen. „Sire,“ ſagte das Fräulein zu dem Czaren,„man iſt im Faubourg St. Germain eiferſüchtig darauf, daß Ew. Majeſtät ſich ſo beeifert für die Königin zeigen. Graf Neſſelrode ſogar iſt bekümmert darüber. „Unſer Kaiſer,“ ſagte er mir,„geht viel zu oft nach Malmaiſon; die ganze hohe Diplomatie entſetzt ſich ſchon darüber eben ſo ſehr, wie die hohe Geſellſchaft; man fürchtet, daß er dort Einflüſſen unterliegt, denen zu folgen nicht in der Politik liegt.“— „Daran erkenne ich meinen Neſſelrode,“ erwiederte der Kaiſer lächelnd,„er beunruhigt ſich gar leicht. Was kümmert mich das Faubourg St. Germain! Königin Hortenſe. II. 2 *8 — 13— Schlimm genug für dieſe Damen, daß ſie nicht meine Eroberung gemacht haben! Ich ziehe die edlen Ei⸗* genſchaften der Seele allem äußern Schein vor, und ich finde in der Kaiſerin Joſephine, der Königin von Holland und dem Prinzen Eugone Alles vereinigt, was man bewundern und lieben kann. Es gefällt mir bei ihnen in der Stille vertraulichen Beiſammen⸗ ſeins beſſer, als bei den Perſonen, die ſich wahrhaft wie Beſeſſene benehmen, und die, ſtatt des Triumphes zu genießen, den wir ihnen bereitet haben, nur dar⸗ an denken ihre Feinde zu vernichten, und bei denen anfangen, von welchen ſie früher ſo großmüthig be⸗ beſchützt wurden; ſie ſind wahrhaft ermüdend mit ihren Extravaganzen.“— „Die Franzöſinnen ſind coquett,“ ſagte der Kaiſer ſpäter im Verlauf des Geſpräches,„ich kam hierher mit großer Furcht vor ihnen, denn ich weiß bis zu welchem Grade ſie liebenswürdig ſein können; aber nhn Zweifel gehört Flen ihr Herz nicht mehr; ich mme deshalb auch ihr Wohlwollen ſo entgegen, wie ih es muß, ich hüte bnich wohl, mich davon täuſchen zu laſſen, und ich vermuthe, die Damen lieben es ſo ſehr zu gefallen, daß ſie denen ſogar darüber zürnen, welche die Aufmerkſamkeiten, mit denen ſie von ihnen verſchwenderiſch überſchüttet werden, nur mit herge⸗ brachter Höflichkeit erwiedern.“ Fräulein von Cochelet unternahm es bei dem Kai⸗ ſer die franzöſiſchen Damen zu vertheidigen, Sie ſagte ihm, er dürfe dieſelben nicht nach der Art und Weiſe beurtheilen, mit der ſie ſich ihm gegenüber be⸗ nähmen, da es ſo natürlich wäre, daß die Damen ſich enthuſiasmirten für einen jungen Kaiſer, der ſich ihnen in ſo vortheilhaftem Licht darſtellte, und daß ſie, ohne ſelbſt coquett zu ſein, ſehnlichſt wünſchen müßten, von ihm bemerkt zu werden. — 19— „Aber,“ ſagte der Kaiſer mit ſeinem ſanften trau⸗ rigen Lächeln,„haben die Damnän wirklich auf mich Tewadtet. um ihr Herz ſchlagen zu ſißlen⸗ Ich ſuche Geiſt und Unterhaltnnig, aber ich fliehe alle diejeni⸗ gen, die auf mich Art Herrſchaft der Neigung ausüben möchten; 19 ſche darin nur Eigenliebe und ziehe mich zurück.“ Während ſo die Royaliſten und die Damen des Faubourg St. Germain die Alliirten mit verſchwen⸗ deriſcher Dankbarkeit überſchütteten, und dem heim⸗ gekehrten König Ludwig XVIII. von dem grenzenloſen Entzücken ſeines ganzen Volkes erzählten, begann dies Volk indeſſen ſchon zu murren. Die Alliirten hatten jetzt ihr Werk vollendet, ſie hatten Frankreich ſene n legitimen König miedergegrich. und ſie ſetzten jetzt ihrem Werk die Krone auf, indem ſie in dem Friedenstractat feſtſtellten, daß Frankreich wieder in ſeinen alten Grenzen, welche es vor der Revolntion gehabt, wiederhergeſtellt werde. Frankr dih Ahe ſich dieſem Willen ſeiner Be⸗ ſieger ſügen Schwäche des Legitimismus entriß lrn leded, tras man der Stärke des Kaiſer⸗ thums hatte bewilligen müſſen. Alle die mit ſo vielem franzöſiſchen Blute erkauf⸗ ten, und noch von Franzoſen beſetzten feſten Plätze ſollten wi eder herausgegeben merbeſet das große, weite Frankreich wieder zuſammenſchrumpfen zu dem Frank⸗ reich, welches es vor dreißig Jahren geweſen! Das war es, was das Volk murren machte! Die Franzoſen⸗ welche Napoleon verlaſſen, weil ſie der ewigen§ Kriege müde geworden, ſie waren doch noch ſtolz auf d die Eroberungen, welche ſie unter Napoleon gemacht. Dieſes Aufgeben derſelben verletzte ihren Stolz und ihr Nationalgefühl, und ſie grollten dem König, daß er Frankreich dieſe Schmach aufzuerlegen 2* 8 — 20— ſo bereit geweſen, daß die Krone Frankreichs ihm höher geſtanden, als die Ehre Frankreichs! Freilich hatte Ludwig XVIII. ſelber gar bitter die Schmach empfunden, welche für ihn in der Wieder⸗ herſtellung des alten Frankreichs lag, freilich hatte er verſucht, auf jede Weiſe zu proteſtiren gegen dieſes Verlangen der Alliirten. Aber man hatte ſeinen Di⸗ plomaten zu verſtehen gegeben, daß wenn Ludwig XVIII. nicht zufrieden ſein wolle mit dem neu be⸗ grenzten Frankreich, er es an Marie Louiſe abtreten könne.. 4 Der König mußte ſich alſo der Nothwendigkeit fügen, aber er that es nur mit bitterm Schmerzgefühl, und als ſeine Höflinge ſich ihrem Enthuſiasmus für die Alliirten überließen, hörte man ihn leiſe flüſtern: „Nos chers amis, les ennemis!“— Bei dieſen Geſinnungen gegen die Alliirten ge⸗ ſchah es daher auch nur mit Widerſtreben und nach langem ſchmerzlichen Kampf, daß Ludwig XVIII. ihnen bewilligte, was ſie für die Familie Napoleons von ihm forderten. Aber Kaiſer Alexander hielt Wort, er vertheidigte die Rechte und Anſprüche der Königin von Holland und ihrer Kinder, er verthei⸗ digte ſie gegen das Uebelwollen der Bourbonen, gegen die Mißgunſt der Royaliſten und die Ungeneigtheit der Alliirten; ihm allein und ſeiner Feſtigkeit ver⸗ dankte es die Familie des Kaiſers, daß dieſer Para⸗ graph des Tractats vom 11. April, in welchem der König Ludwig XVIII. ſich den Alliirten gegenüber verpflichtete„daß die Titel und Würden jedes Mit⸗ gliedes der Familie des Kaiſers Napoleon erkannt und ihnen nicht genommen werden ſollten,“ etwas mehr, als nur eine bloße Phraſe blieb. 3 Des Kaiſers immer wiederholten Bemühungen gelang es endlich, Hortenſen von Ludwig XVIlII. ein Beſitzthum und einen Titel auszuwirken, der ihre Stellung ſicherte. Nur auf die dringenden Forderun⸗ gen des Czaren ernannte König Ludwig Hortenſe zur Herzogin von St. Leu, und erhob er ihre Beſitzung St. Leu zu einem Herzogthum. Aber dies geſchah nur mit Widerſtreben und nur unter dem Druck dieſer Verpflichtungen, welche Lud⸗ wig XVIII. gegen die Bundesgenoſſen hatte, die ihm ſeinen Thron wiedergegeben, Verpflichtungen, welche die Bourbonen eben ſo gern hätten hinweg leugnen mögen, als die ganze Zeit der Revolution und des Kaiſerthums.. Denn die Bourbonen ſchienen wirklich nur wie aus einem langen Schlaf zu erwachen und wunderten ſich ſehr, daß die Welt während deſſen weiter gegan⸗ gen war. Nach ihrer Meinung mußte Alles auf dem Punkt ſtehen geblieben ſein, auf welchem ſie es vor zwanzig Jahren verlaſſen hatten, und ſie wollten wenigſtens jetzt das, was dazwiſchen lag, negiren. König Lud⸗ wig zeichnete daher ſeinen erſten Act als im„neun⸗ zehnten Jahre ſeiner Regierung,“ und verſuchte in allen Dingen unmittelbar an das Jahr 1789 anzu⸗ knüpfen. Deshalb waren die Patentbriefe, in welchen Hortenſe von Lndwig XVIII. zur Herzogin v. St. Leu ernannt wurde, in einer für die Königin beleidigenden Weiſe abgefaßt, denn es war darin geſagt,„der König ernennt die Mademoiſelle Hortenſe von Beau⸗ harnais zur Herzogin von St. Leu.“— Die Königin erklärte, dieſen Titel unter ſolchen Umſtänden nicht annehmen zu wollen und wies die Patentbriefe zurück. Erſt auf des Czaren zürnende Forderung entſchloß ſich Herr von Blancas, der Pre⸗ mier⸗Miniſter des Königs, zu einer andern Redaction der Patentbriefe, und es hieß jetzt:„Der König er⸗ 22— nennt Hortenſe Engene, mit inbegriffen in dem Tractat vom 11. April, zur Herzogin von St. Leu.“— Das war freilich eine ſehr negative und verſteckte Anerkennung des früheren Nanges der K n din, aber es war wenig⸗ ſtens keine Erniedrigung mehr, ſie anzunehmen. Eben ſo viele Schwierigkeiten mac chte den Bour⸗ bonen der Vicekönig von Italien, der edle und ven Jedermann geliebte Eugéne, nender auf ausdrück⸗ liches Begehren und Wünſchen des Czaren nach Paris Zekommten war, um ſeine Zukunſt zu ſichern. Der König konnte dem tapfern Helden des Kai⸗ ſerreiths, dem Schwiegerſohn des Königs von Baiern, welcher mit zu den Alliirten gehörte, ſeine Anerken⸗ nung nicht verſagen, und als zne wünſchte, ſi dem König vorzuſtellen, ward ihm ſogleich eine 2 dienz bewilligt. Aber wie ſollte man ihn empfangen? Welch einen Titel ſollte man dem Stieſſohn Napoleons, dem Vicekönig von Italien geben? Es wäre allzu lächer⸗ lich geweſen, die Abſurdität des Patentbrieſes Hor⸗ tenſeus zu wiederholen und Eugène„Vicomte von Beauharnais“ zu neunen, aber ihm den Künigs titel bewilligen, würde die legitimme Würde der Dynaſtie compromittirt haben. König Ludwig rfaun alſo einen geiſtreich en Ausweg. Als der Herzog von Au⸗ „mont dem Prinzen Eugone einführte, näherte ſich ihm der König mit einem freundlichen Lächeln, indem er ſagte:„Mein Herr Marſchall von Frankreich, ich bin erfreut, Sie zu ſehen! Engéne, der ſeine Begrüßung eben abſtatten wollte, hielt ganz erſtaunt inne und ſchauté binter ſich, um zu ſehen, mit wem der König wohl ſpräche. Lud⸗ wig XVIII. lächelte und fuhr fort:„Sie, mein Herr, ſind Marſchall von Irankreiih⸗ Ich ernenne Sie zu dieſer Würde.“ — 23—. „Sir,“ ſagte Engone ſich tief verneigend,„ich bin Ew. Majeſtät ſehr verbunden für Ihren guten Willen, aber das Unglück des Ranges, zu welchem mein Schickſal mich erhoben hat, erlaubt mir nicht, den edlen Titel, mit dem Sie mich beehren, anzu⸗ nehmen. Ich bin Ihnen ſehr dankbar dafür, aber ich muß ihn ausſchlagen.“*) Die Kriegsliſt des Königs war ſomit aus dem Felde geſchlagen, und Eugéne ging als Sieger aus dieſem Begegnen mit dem König hervor. Er war nicht genöthigt, Wohlthaten von dem König von Frankreich anzunehmen, denn ſein Schwiegervater, der König von Baiern, ernannte Eugène zum Prin⸗ zen des baieriſchen Königshauſes und errichtete für ihn das Herzogthum Leuchtenberg. Dahin zog ſich Eugene zurück und lebte dort an der Seite ſeiner Gemahlin, umgeben von ſeinen Kindern, ſchöne und friedliche Jahre der Ruhe und des Glückes, bis ihn der Tod im Jahre 1824 den Armen ſeiner trauern⸗ den Familie entriß. III. Frau von Staél. Die Reſtauration, welche ſo viele Größen ſtürzen, ſo viele in Dunkelheit begrabene Namen wieder an's Licht hervorziehen ſollte, führte jetzt auch eine Perſon wieder nach Paris zurück, welche durch Napoleon *) Mémoires d'une femme de qualité. Vol. I. p. 267. . — 24 allerdings aus demſelben war verbannt worden und ſeitdem in der Fremde ihrem Namen neuen Ruhm und neuen Glanz verliehen hatte. Dieſe Perſon war Frau von Staöl, die berühmte Tochter Neckers, die berühmte Dichterin der Corinna und der Delphine. Es war ein langer und erbitterter Kampf gewe⸗ ſen, den Frau von Staël mit dem machtvollen Kaiſer der Franzoſen geführt, und Frau von Staël, mit ihrem Genie, ihrer glühenden Beredtſamkeit, mit der Lorbeerkrone ihres Exils geſchmückt, hatte Napoleon vielleicht mehr geſchadet, als ein ganzes Heer ſeiner Feinde. Es war von beiden Seiten ein glühender Haß, und doch hätte es nur von Napoleon abgehangen, dieſen Haß ſich in Liebe verwandeln zu ſehen. Denn Frau von Staöël war ganz geneigt, dem jungen Hel⸗ den von Marengo und Arcole die ganze glühende Begeiſterung ihres Herzens darzubringen, ganz ge⸗ neigt, die Egeria dieſes Numa Pompilius zu werden. In dem feurigen Drange ihrer ſtürmiſchen Jmagina⸗ tion hatte Frau von Staöl ſogar Bonaparte gegen⸗ über ein wenig ihre Stellung als Dame hintange⸗ ſetzt, und ſich nur erinnert, daß ſie eine Dichterin ſei, und daß es ihr als ſolcher wohl anſtehe, den Heros zu feiern, und dem leuchtenden Geſtirne, das über Frankreich aufging, die glühende Dithyrambe ihrer Morgengrüße darzubringen. Frau von Staöl hatte es daher nicht abgewartet, daß Bonaparte ſie aufſuche, ſondern ſie war ihm zuvorgekommen und hatte ihn aufgeſucht. An den jungen heimkehrenden Sieger von Ita⸗ lien ſchrieb ſie Briefe voll des glühendſten Enthu⸗ ſiasmus, welche indeß den jungen General wenig erfreuten. Inmitten des Schlachtgewühls und der großartigen Pläne und Entwürfe, die ihn fortwäh⸗ — 25— rend beſchäftigten, hatte Bonaparte nicht Zeit gefun⸗ den, ſich mit den Dichtwerken der Frau von Staöl zu beſchäftigen, er wußte von ihr weiter nichts, als daß ſie die Tochter des Miniſters Necker ſei, und das war in Bonaxparte's Augen keine Em⸗ pfehlung, denn er hegte wenig Hochachtung für das Genie Neckers, und ging ſogar ſo weit, ihn als den Anſtifter der großen Revolution zu be⸗ zeichnen. Mit Erſtaunen empfing daher der junge General den enthuſiaſtiſchen Brief der Dichterin, und ihn ſei⸗ nen vertrauten Freunden zeigend, ſagte er achſel⸗ zuckend:„Begreift Ihr etwas von dieſen Extravagan⸗ zen? Dieſe Frau iſt thöricht!“ Aber Frau von Staël ließ ſich von dem kalten Schweigen Bonaparte's nicht zurückſchrecken, ſie ſchrieb immer neue, immer flammendere Briefe. In einem dieſer Briefe ging ſie in ihrer rückſichts⸗ loſen Begeiſterung ſo weit zu ſagen:„es ſei ein Irr⸗ thum der menſchlichen Inſtitutionen, daß die ſanfte und ruhige Joſephine ihr Schickſal mit dem ſeinigen vereinigt habe; ſie, Frau von Stasl und Bonaparte ſeien für einander geboren, die Natur ſchiene eine Feuerſeele, wie die ihre, zur Anbetung eines Helden, wie er es ſei, geſchaffen zu haben.“ Bonaparte zerknitterte zornig dieſen Brief in ſei⸗ nen Händen, und ihn in das Kaminfeuer werfend, rief er:„Ach, eine ſchöngeiſtige Frau, eine Fabrikantin von Sentiments, wagt es ſich Joſephinen zu ver⸗ gleichen? Ich werde dieſe Briefe nicht beantworten!“ Er beantwortete ſie nicht, aber Frau von Stasl verſtand dieſes Schweigen nicht, oder vielmehr ſie wollte es nicht verſtehen. Wenig geneigt, einen ein⸗ mal gefaßten Entſchluß aufzugeben, und ihre Pläne ſcheitern zu ſehen, wollte Frau von Staöl auch jetzt — 26— ihren Willen haben und ſich Bonaparte nähern, trotz ſeines Widerſtrebens.. Und ſie hatte ihren Willen, ſie wußte alle Schwie⸗ rigkeiten zu beſeitigen, alle Hinderniſſe anfzuheben, und die einerſeits ſo lange gewünſchte, andererſeits ſo lange vermiedene Zuſammenkunft fand endlich ſtatt. — Frau von Staëél ward in die Tuilerieen einge⸗ führt und von Bonaparte und ſeiner Gemahlin em⸗ pfangen. Indeß die perſönliche Erſcheinung der ſonſt ſo geiſtreichen und bedeutenden Frau war wenig ge⸗ eignet, die Vorurtheile Bonaparte's zu beſiegen. Frau von Staöl hatte, wie immer, eine äußerſt geſchmack⸗ loſe und phantaſtiſche Toilette gemacht*) und Napo⸗ leon liebte es ſehr, die Frauen einfach, aber elegant und geſchmackvoll gekleidet zu ſehen. Frau von Staoël ließ in dieſer Unterredung mit Napoleon alle die glänzenden Raketen ihres Witzes ſprühen, und Napo⸗ leon, den ſie dadurch blenden wollte, fand ſich nur dadurch verſtimmt. *) Von dem Coſtüm, welches Frau von Staël zur Zeit des erſten Conſulats trug, wo ſie es liebte, als Odaliske zu erſcheinen, iſt ſchon weiter oben die Rede geweſen; die Sucht der aufſallenden und ſeltſamen Toiletten war bei ihr eine Art Mar liebte es ſo ſehr, ſich im Coſtüm zu ſehen, daß ſie deshalb ſogar gern Theatervorſtellungen gab, um zugleich ſich als ſchöne Frau und als Dichterin zu produciren. Aber ſie ahnte nicht, daß dies „Coſtüm“ gerade ihrer äußeren Erſcheinurg ſehr ungünſtig war, und daß ſie als Actrice trotz ihres erhabenen Geiſtes doch ſelten eine andere Wirkung als die der Lächerlichkeit erregte.— Wäh⸗ rend ihre Aufenthaltes in Wien gab Frau von Staél dort auch Tbeatervorſtellungen vor einem geladenen Publikum. Sie ſpielte zum Beiſpiel in einem kleinen von ihr verfaßten Stück, betitelt: Abraham et Hagar, die Rolle der Hagar. Trotz ihres vortrefflichen Spiels wußte ſie indeß nicht den Eindruck zu verwiſchen, den ihr orientaliſches Coſtüm auf ihr Publikum machte, und die witzigen Wiener nannten dies Drama wegen der Häßlichkeit der Hagar Stael nur: la justiſication d'àbraham. ieſer Verſtimm ung war es, daß er Frau von welche ihn in ihrer glühenden Heftigkeit gewiſſermaßen zu einem Com plimente Zwingen wollte, auf ihre mindeſtens etwas indiserete Frage:„welches iſt in Ihren Augen die größte Frau?“ die ſarkaſtiſche N Antwort gab:„diejenige, welche dem Staat die meiſten Kinder gebiert.“ Frau von Staöël war gekommen mit einem Her⸗ zen voll Enthuſiasmus und Gluth, ſie hatte in ihrer Anrede Napoleon„einen auf die Erde hernieder ge⸗ ſtie egenen Gott“ genannt, ſie war gekommen als be⸗ rte Dichterin, ſie ging von dannen als beleidigte Frau. Ihre gekränkte Eitelkeit vergab Bonaparte nie jene Antwort, welche auf ſie, die Fragerin, einen Schein der Lächerlichkeit warf. Sie rächte ſich in lbrem Salon durch beißende Witzworte, die ſie gegen Napoleon und ſeine Familie ſchleuderte, und welche man natürlich getreulich dem erſten Conſul hinter⸗ , welche die geiſtre iche den Helden kehrte, t hatte, dieſe waren es gerade, die n erletzten, a s die Waffen von Stahl als In der Führung dieſer Wa war ihm Frau von Staöl allerdin ngs lle das Bewußtſein d davon erbittert rte Bo⸗ noch mehr gegen dieſe Frau, die es erſe des Achilles mit den Nade lſtichen de elſ e verletzen, und ihn gerade da zu verwundbar war. it erbitteter Kampf zwiſchen dieſen bei⸗ den größten Genien jener Zeit lerhed ſich jetzt, und er ward auf beiden Seiten mit g leich große r Erbit⸗ Nur daß Napoleon d die äußere Macht terung geſüh ner Seite hatte, und die Feindſchaft ſeiner auf ſein — 28— genialen Gegnerin zugleich als Herrſcher zu ſtrafen vermochte. 6 Er verbannte Frau von Staöl aus Paris, bald ſogar aus Frankreich, und Frau von Staöl, welche ſo bereit geweſen wäre, in Paris als begeiſterte Prie⸗ ſterin die Loblieder ihres„vom Himmel herniederge⸗ ſtiegenen Gottes“ zu ſingen, Frau von Staël ging jetzt in die Fremde als eine Feindin Napoleons, als eine Royaliſtin, welche mit all' ihrer blühenden Be⸗ redtſamkeit, ihrem flammenden Genie Propaganda machte für die vertriebenen, legitimen Bourbonen, und ihrem Feind, dem großen Napoleon, in den Ge⸗ müthern und Meinungen der Menſchen ein unſicht⸗ bares aber nicht minder gefährliches Heer erſchuf. Den flammenden Ausbrüchen ihres Haſſes gegen Napoleon gab Frau von Staösl bald noch mehr Ge⸗ wicht durch ihren eigenen Ruhm und ihre eigene Größe, und die Dichterin der Corinna und der Delphine ward bald eine eben ſo gewichtige Macht gegen Napoleon als es nur immer England, Rußland oder Oeſterreich ſein konnten. Aber inmitten der Triumphe, welche Frau von Staël im Auslande feierte, überkam ſie gar bald eine glühende Sehnſucht nach dem Vaterlande, das ſie um ſo leidenſchaftlicher liebte, als ſie gezwungen war, es zu entbehren. Sie bot daher alle ihre Ver⸗ bindungen in Paris auf, um von Napoleon ein Auf⸗ hören ihres Exils zu erwirken, aber der Kaiſer blieb unbeugſam, auch dann noch, als er die Delphine geleſen. 3 „Ich liebe eben ſo wenig,“ ſagte er,„die Frauen, welche ſich zu Männern machen, als die weibiſchen Männer. Jeder hat ſeine angewieſene Rolle in der Welt. Was nutzt dieſes Vagabundiren der Phan⸗ taſie? Was bleibt davon übrig? Nichts! Alles dies — 29 iſt Metaphyſik des Gefühls, Unordnung des Geiſtes. Ich kann dieſe Frauen nicht leiden, ſchon deshalb nicht, weil ich die Frauen nicht liebe, die ſich mir an den Hals werfen, und Gott weiß, wie ſehr ſie das gethan hat.“— Die Geſuche der Frau von Staöël, nach Paris zurückkehren zu dürfen, wurden alſo zurückgewieſen, aber ſie war jetzt eben ſo wenig geneigt ihren Willen aufzugeben, wie ſie es damals geweſen, als ſie Bo⸗ naparte’'s Zuneigung erobern wollte. Sie machte immer neue Verſuche, ihr erſehntes Ziel zu erreichen, denn es war nicht blos das Vaterland, welches ſie wiedererobern wollte, ſondern auch eine Million Francs wollte ſie ſich von Frankreich erſtatten laſſen. Ihr Vater, der Miniſter Necker, hatte in den Zei⸗ ten der Hungersnoth und des Geldmangels dem be⸗ drängten und ſchmachtenden Vaterland eine Million Francs geliehen, um Brod zu kaufen für das hun⸗ gernde Volk, und Ludwig XVI. hatte ſich ſchriftlich verpflichtet dieſe„Nationalſchuld Frankreichs“ wieder zu erſtatten. Aber die Revolution, welche den Thron des un⸗ glücklichen Königs zerſchmetterte, begrub auch unter den Trümmern der alten Zeit die Verſprechungen und Schwüre, die man auf Pergament und Papier geſchrieben. Jetzt verlangte indeß Frau von Staël, daß das Kaiſerthum die Verſprechungen des geſtürzten König⸗ thums erfülle, daß der Erbe des Thrones der Bour⸗ bonen die Verpflichtungen übernehme, welche ein Bourbone gegen ihren Vater eingegangen. Sie hatte einſt Napoleon einen vom Himmel zur Erde herniedergeſtiegenen Gott genannt, und auch jetzt wünſchte ſie noch, daß er für ſie ein Gott ſein möchte, nämlich der Gott Plutus, der über ſie aus dem Füllhorn ſeiner Gnade eine Million ausſchütten ſollte. Da ſie ſelbſt nicht nach Frankreich kommen durfte, ſandte ſie dahin ihren Sohn, um beim Kaiſer für ſie und ihre Million zu plaidiren. Wohl w deß, wie ſchwer es auch ihrem Sohn wert 3 ſich beim Kaiſer Gehör zu verſchaffen, wandte ſie ſich mit beredeten und geiſtvollen Briefen an die Königin Hortenſe und flehte dieſe um ihren Schutz und ihre Vermittelung an. Hortenſe ſtets voll Mitgefühl für das Unglück, begte die lebhafteſte Theilnahme und Bewunderung für das ausgezeichnete Genie der großen Dichterin, und ward die beredte und muthige Fürſprecherin der Frau von Staël. Sie allein wagte es, des Stirn⸗ runzelns und des Mißfallens Napoleon's nicht ach⸗ tend, immer wieder die Sache der armen Exilirten zu verfechten, und um ihre Rückberufung als um einen Act der Gerechtigkeit zu flehen, ja ſie ging in ihrer edlen Großmuth ſo weit, den überall gemiedenen und geflohenen Sohn der Dichterin gaſtlich bei ſich aufzunehmen, und in ihren Salon zu laden. Hortenſens ſanfter, beredter Bitte, ihren Vorſtel⸗ lungen gelang es auch, Napoleons Zorn zu mildern. Er erlaubte der Frau von Staël nach Frankreich zurück⸗ zukehren, nur ſollte ihr Fuß niemals Paris und deſſen Umgebung zu betreten wagen; ſodann bewilligte er auf Hortenſens Wunſch dem Sohn der Frau von Stasl die ſo lange vergeblich erflehte Gunſt einer Audienz. Dieſe Unterredung Napoleons mit dem Sohn der Frau von Staél iſt eben ſo merkwürdig als originell. Napoleon zeigte in derſelben unverholen ſeinen Un⸗ muth, ja ſeinen Haß gegen Frau von Staël ſowohl, als gegen ihren Vater, und hörte gleichwohl mit — 3½— großmüthiger Gelaſſenheit der warmen Vertheidigung des Sohnes und Enkels zu. Der junge Staöl ſchilderte dem Kaiſer die Sehn⸗ ſucht ſeiner Mutter nach ihrer Heimath, er ſagte ihm, wie traurig und unglücklich ſie ſich in ihrem Exil fühle. „Ah bah,“ vief der Kaiſer,„Ihre Mutter iſt ex⸗ altirt. Ich ſage nicht, daß ſie eine böſe Frau iſt! Sie hat Geiſt, viel Geiſt, ja vielleicht zu viel, aber es iſt ein rückſichtsloſer, ſubordinationsloſer Geiſt. Sie iſt in dem Chaos einer zuſammenſtürzenden Monar⸗ chie und einer Revolution auferwachſen, und ſie hat Beide in ihrem Geiſt amalgamirt! Alles dies kann gefährlich werden; mit der Exaltation ihres Kopfes kann ſie Proſelyten machen: ich muß ſie bewachen; ſie liebt mich nicht. Es liegt im Intereſſe Derjeni⸗ gen, welche ſie compromittiren würde, daß ich ſie nicht nach Paris zurückkehren laſſe.— Geſetzt, ich erlaubte es ihr, ſo würden nicht ſechs Monate ver⸗ gehen, ohne daß ſie mich in die Nothwendigkeit ver⸗ ſetzte, ſie nach Bicètre zu ſchicken, oder ſie im Temple einzuſperren; das wäre mir aber ſehr unangenehm, denn es würde Aufſehen machen, und mir in der öffentlichen Meinung ſchaden. Sagen Sie Ihrer Mutter, daß mein Beſchluß unwiderruflich iſt. So lange ich lebe, wird ſie nicht nach Paris zurückkehren.“ Vergebens verſicherte Herr von Staël im Namen ſeiner Mutter, daß ſie es vermeiden würde, auch nur den geringſten Anlaß zum Aergerniß zu geben, daß ſie, einmal nach Paris zurückgekehrt, dort ganz ſtill und im Verborgenen leben würde. „Ach ja! Ich kenne ſolche ſchöne Verſprechungen!“ rief der Kaiſer,„ich ſehe wo Sie hinaus wollen, aber ich wiederhole Ihnen, es kann nicht ſein. Sie würde dem ganzen Faubourg St. Germain als Fahne — 32— dienen. Sie im Verborgenen leben! Man würde ihr Viſiten machen, und ſie würde ſie erwiedern, ſie würde tauſend Thorheiten begehen, und tauſend Scherze machen, auf die ſie kein Gewicht legt, aber die mir läſtig ſind; meine Regierung iſt kein Scherz und ich nehme Alles gar ernſthaft; man ſoll das wiſſen, und Sie können es Jedermann ſagen!“ Herr von Staël hatte indeß immer noch den Muth, mit ſeinen Bitten fortzufahren; er ging ſogar ſo weit, in aller Demuth nach dem Grund des Un⸗ willens zu fragen, den der Kaiſer gegen Frau von Staël hegte. Er ſagte, man habe ihn verſichert, das letzte Werk des Herrn Necker habe beſonders das Mißfallen des Kaiſers erregt, und er glaube, daß Frau von Staél mit an demſelben gearbeitet habe. Dem ſei aber nicht ſo, er könne die heilige Ver⸗ ſicherung geben, daß ſeine Mutter ganz unbetheiligt bei demſelben ſei. Uebrigens laſſe ja auch Necker in dieſem Werk dem Genie des Kaiſers volle Gerechtig⸗ keit widerfahren. „Ach, eine ſchöne Gerechtigkeit! Er nennt mich den„nothwendigen Mann.“— Den nothwendigen Mann! und nach ſeinem Buch wäre doch das Erſte, was man zu thun hätte, daß man dieſem nothwen⸗ digen Mann den Kopf abſchlüge! Ja, ich war noth⸗ wendig, um Alles wieder gut zu machen, was Ihr Großvater verſchuldet hat! Er iſt es, der die Monarchie umgeſtürzt, und Ludwig XVI. auf das Schaffot ge⸗ bracht hat.“. 3 „Sire!“ rief der junge Mann tief bewegt,„Sie wiſſen alſo nicht, daß man die Güter meines Groß⸗ vaters confiscirt hat, weil er den König vertheidigte! „Eine ſchöne Vertheidigung! Wenn ich einem Menſchen Gift gebe, und ihm dann, ſobald er im Todes⸗ 5 kampf liegt, ein Gegengift gebe, wollen Sie dann 8 * 4 — 33— behaupten, daß ich dieſen Menſchen habe retten wollen? Nun wohl, in dieſer Weiſe hat Herr Necker Ludwig den Sechszehnten vertheidigt. Die Confiscationen, von denen Sie ſprechen, beweiſen nichts! Man hat eben ſo gut Robespierre's Eigenthum confiscirt! Ja, ich ſage es Ihnen, ſelbſt Robespierre, Marat und Danton haben Frankreich nicht ſo viel Unglück ge⸗ bracht als Necker; er iſt es, der die Revolution ge⸗ macht hat. Sie haben ſie nicht geſehen, aber ich war dabei! Ich habe dieſe Zeiten der Schreckniſſe und der öffentlichen Noth mit durchgemacht; aber ſo lange ich lebe, werden ſie nicht wiederkehren, darauf gebe ich Ihnen mein Wort! Ihre Planmacher wer⸗ fen ihre Utopien auf' Papier, Einfältige leſen dieſe Träumereien, man colportirt ſie, man glaubt daran, das allgemeine Glück iſt in Aller Munde und bald darauf hat das Volk kein Brod mehr; es revoltirt, und das iſt die gewöhnliche Frucht all' dieſer ſchönen Theorien! Ihr Großvater trägt die Schuld an den Saturnalien, die Frankreich in Verzweiflung gebracht haben!— Dann aber nach dieſer heftigen, faſt zornvollen Sprache in einen mildern Ton übergehend, näherte ſich der Kaiſer dem jungen Mann, welcher bleich und in ſichtbarer Aufregung ihm gegenüberſtand. Mit jener bezaubernden Miene von freundlicher Vertraulichkeit, die Niemand ſo gut als Napoleon anzunehmen ver⸗ ſtand, zupfte er ein wenig das Ohrläppchen des jun⸗ gen Mannes, des Kaiſers gewöhnliche Art, wenn er mit denen, welchen er wohl wollte, nach einem Streit Frieden ſchloß. „Sie ſind noch jung,“ ſagte er,„wenn Sie mein Alter und meine Erfahrungen beſäßen, würden Sie die Dinge anders beurtheilen. Ihre Aufrichtigkeit hat mich nicht verletzt, ſondern mir wohlgefallen; ich Königin Hortenſe. II. 3 mag es wohl leiden, daß ein Sohn die Sache ſeiner Mutter vertheidigt! Ihre Mutter hat Ihnen eine ſehr ſchwierige Commiſſion gegeben, und Sie haben ſie mit vielem Geiſt ausgeführt. Es freut mich, mit Ihnen geplaudert zu haben, denn ich liebe die Jugend, wenn ſie einfach und nicht zu„raiſonneuſe“ iſt. Aber dennoch kann ich Ihnen keine falſchen Hoffnungen machen! Sie werden nichts erlangen! Wenn Ihre Mutter im Gefängniß ſäße, würde ich nicht anſtehen, Ihnen ihre Begnadigung zu bewilligen. Aber ſie iſt im Exil und nichts wird mich bewegen, ſie daraus zu⸗ rückzurufen.“ „Aber Sire, iſt man nicht eben ſo unglücklich fern vom Vaterland und ſeinen Freunden, als im Ge⸗ fängniß?“ „Ah, bah, das ſind Romanideen! Sie haben das von Ihrer Mutter ſagen hören! Sie iſt wahrhaftig ſehr zu beklagen. Mit Ausnahme von Paris hat ſie ganz Europa zu ihrem Gefängniß!“ „Aber Sire, in Paris ſind alle ihre Freunde!“ „Mit ihrem Geiſt wird ſie ſich überall deren neue erwerben!— Ich begreife überhaupt nicht, warum ſie ſo ſehr den Wunſch hat, in Paris zu ſein. Weshalb legt ſie ſo viel Werth darauf, ſich ſo in die unmittelbare Schußweite der Tyrannei zu begeben. Sie ſehen, ich ſpreche das entſcheidende Wort aus! In der That, ich begreife es nicht! Kann ſie nicht nach Rom, Berlin, Wien, Matlland oder London gehen! Ja wahrhaftig, ſie ſollte nach London gehen: dort kann ſie Libelle machen, wenn's ihr beliebt! Ueberall da werde ich ſie mit Vergnügen ungeſtört laſſen, aber Paris, das iſt meine Reſidenz, und da will ich nur Menſchen dulden, welche mich lieben! Möge man ſich das für geſagt halten! Ich weiß was geſchehen würde, wenn ich Ihre Mutter nach — 35— Paris kommen laſſe; ſie würde neue Sottiſen machen, ſie würde mir die Leute meiner Umgebung verderben, ſie würde mir Garat verderben, wie ſie einſt das Tribunal verdorben hat! O, ſie würde freilich alles Mögliche verſprechen, aber ſie würde es doch nicht vermeiden, ſich in die Politik zu miſchen!“ 3 „Sire, ich kann Ew. Majeſtät verſichern, daß meine Mutter ſich durchaus nicht mit der Politik be⸗ ſchäftigt; ihre Neigung zieht ſie ausſchließlich der Ge⸗ ſellſchaft ihrer Freunde und der Literatur zul.“— „Das iſt das rechte Wort, ich kenne das! Indem man von der Literatur, der Moral, den ſchönen Kün⸗ ſten, von allen möglichen Dingen ſpricht, macht man Politik! Wenn Ihre Mutter in Paris wäre, würde man mir täglich neue Bonmots und Redensarten von ihr hinterbringen; vielleicht würde man ſie ihr nur in den Mund legen; aber ich ſage Ihnen, ich will dergleichen nicht in der Stadt, welche ich bewohne; das Beſte wäre wirklich, ſie ginge nach London, ra⸗ then Sie es ihr doch! Was Ihren Großvater anbe⸗ trifft, ſo habe ich nicht zu viel geſagt; Herr Necker hatte durchaus kein Adminiſtrations⸗Talent. Ich habe ſeit den zehn Jahren, daß ich mich damit beſchäftige, erfahren, was das iſt!— Noch einmal! Sagen Sie Ihrer Mutter, daß ich ihr niemals erlauben werde, nach Paris zu kommen!“ „Würden Ew. Majeſtät nicht mindeſtens, wenn heilige Intereſſen ihre Anweſenheit dort auf einige Tage nothwendig machten“— „Was? Heilige Intereſſen? Was wollen Sie da⸗ mit ſagen?“ „Die Anweſenheit meiner Mutter, Sire, wird nothwendig ſein, um von der Regierung Eurer Ma⸗ jeſtät die Wiedererſtattung einer geheiligten Schuld zu erlangen!“ 3*x „Ah bah, geheiligt! Sind nicht alle Schulden de Staats geheiligt?“ „Ohne Zweifel, Sire, aber die unſere iſt von Umſtänden begleitet, die eine beſondere Sache für ſich daraus machen!“ „Eine beſondere Sache für ſich!“ rief der Kaiſer, aufſtehend, und der langen Unterredung müde.„Wel⸗ cher Gläubiger des Staats ſagt nicht daſſelbe von ſeiner Schuld? Uebrigens kenne ich Ihre Stellung meiner Regierung gegenüber nicht genau genug; das geht mich nichts an, und ich will mich nicht darein miſchen. Wenn die Geſetze für Sie ſind, wird die Sache von ſelbſt gehen; aber wenn es der Gunſt be⸗ darf, werde ich mich auch nicht darein miſchen, denn ich würde Ihnen eher ungünſtig, als günſtig ſein!“ „Sire. wagte Herr von Staöl noch einmal zu beginnen, als der Kaiſer ſich ſchon der Thür näherte, um hinaus zu gehen,„Sire, mein Bruder und ich wünſchten ſo ſehr uns in Frankreich niederzulaſſen, aber wie könnten wir in eineem Lande leben, wo es meiner Mutter nicht erlaubt ſein würde, überall mit uns zu leben?“ Der K Haſſen wandte ſich, ſchon in der Thür ſtehend, haſtig zu ihm um.„Es liegt mir durchaus nichts an Ihrer Anſiedelung,“ ſagte er,„ich rathe Ihnen ſogar nicht dazu. Gehen Sie nach England! Dort liebt man die Genfer, die Nechthaber, die Salonpo⸗ litiker; gehen Sie dahin, denn ich ſage es Ihnen, in Frankreich würde ich eher gegen als für Sie ſein!*) *) Bourienne. Vol. 8. p. 355 sedg. Frau von Staëls Rückkehr nach Paris. Mit der Reſtauration war Frau von Staël heim⸗ gekehrt nach ihrem ſo lange vergeblich erſehnten Frank⸗ reich. Sie kam dahin, dürſtend nach neuem Ruhm und neuer Ehre, und wollte vor allen Dingen den Druck ihres Werkes über Deutſchland, welches die kaiſerliche Polizei ſchon einmal vernichtet hatte, ver⸗ anſtalten. Sie begte die ſchmeichelhafte Hoffnung, der neue Hof werde vergeſſen, daß ſie die Tochter Neckers ſei, und, ſie mit offenen Armen empfangend, ihr den Einſſuß geſtatten, welcher der Regſamkeit ihres Geiſtes und ihrem Genie genehm ſei. Aber dies war ein Irrthum, von dem ſie bald enttäuſcht werden ſollte. Man empfing ſie am Sofe mit dieſer kalten Hüflichteit,; welche ſchrecklicher iſt als eine Beleidigung. Der Känig, indem er mit ſeinen Vertrauten von ihr ſprach, nannte Frau von Staël „einen Chateaubriand im Unterrock.“— Die Herzo⸗ gin von Angoulèͤme ſchien die berühmte Dichterin niemals zu bemerken, und richtete niemals ein Wort an ſie, der übrige Hof trat Frau von Staöl entgegen, bis an die Zähne bewaffnet mit den alten Vorur⸗ theilen und dem alten Haß. Frau von Staöël ſuchte auch an dem legitimen Hof vergebens ſich zu einer Bedeutung zu erheben, man blieb dabei, ſie nicht als eine Macht oder einen Rathgeber, ſondern nur als einen bloßen Autor zu behandeln, man lachte über ihre Rathſchläge, man wagte es ſogar, den Ruhm des Herrn Necker anzu⸗ greifen. — 38— „Ich habe Unglück,“ ſagte Frau von Stasl zur Gräfin Ducayla,„Napoleon verabſcheute mich, weil er mir Geiſt zutraute, dieſe hier ſtoßen mich zurück, weil ich wenigſtens den gewöhnlichen Menſchenverſtand habe. Ich freilich kann mich ganz gut ohne ſie be⸗ belfen; aber da ihnen meine Gegenwart mißfällt, will ich mich bemühen, ihnen mein Geld zu entreißen.“ Die„geheiligte Schuld“ war alſo unter dem Kai⸗ ſerreich noch nicht bezahlt, und Frau von Staöl wollte jetzt von dem legitimen König erlangen, was der illegitime Kaiſer ihr verweigert hatte. Sie kannte ſehr wohl den Einfluß, welchen die Gräfin Ducayla auf König Ludwig XVIII. ausübte, und ſie eilte daher, die ſchöne Gräfin, welche ſie einſt unter ſehr ſeltſamen Umſtänden bei einer romanti⸗ ſchen Liebesintrigue kennen gelernt hatte, aufzuſuchen und mit ihr die damals gelobte Freundſchaft zu er⸗ neuern. Die Gräfin hatte in der That dieſe Freundſchaft nicht vergeſſen, und ſie war jetzt dankbar für den Dienſt, den Frau von Staöl ihr einſt geleiſtet. Sie verhalf ihr zu der Bezahlung der„geheiligten Schuld,“ Frau von Staöl bekam auf König Ludwig's Befehl ihre Million ausgezahlt.„Aber,“ ſagt die Gräfin Ducayla in ihren Memoiren,„ich glaube, die Wie⸗ dererlangung dieſer Million koſtete der Frau von Staöl viermalhunderttauſend Franes und außerdem einen Schmuck von geſchnittenen Steinen, der mindeſtens hunderttauſend Francs werth war.“ Uebrigens hätte wohl die Börſe und der Schmuck⸗ kaſten der Gräfin Ducayla dieſes ihr nich glaube“ zu einem„ich weiß“ verwandeln können. Außer den viermalhunderttauſend Franes und dem Schmuck von Camgen gab Frau von Staöl der Gräfin Ducayla auch noch einen guten Rath. 3 — 39— „Benutzen Sie die Gunſt, in der Sie ſtehen,“ ſagte ſie zu ihr,„aber beeilen Sie ſich, denn ſo wie die Sachen hier geleitet werden, fürchte ich, daß man bald die Reſtauration reſtauriren wird.“ „Was verſtehen Sie darunter?“ fragte die Gräfin lächelnd. „Ich verſtehe darunter, daß, den König ausge⸗ nommen, welcher vielleicht nicht Alles ſagt, was er denkt, die Andern es ſo machen, wie ſie es immer gemacht haben, und Gott weiß, wohin ihre Thor⸗ heiten ſie noch bringen werden! Man moquirt ſich über die alten Soldaten und unterſtützt die jungen Prieſter, das iſt das beſte Mittel, um Frankreich in’s Verderben zu ſtürzen.“ Die Gräfin Ducayla betrachtete dieſe Prophezeihung ihrer geiſtreichen Freundin als eine bloße Wolke, welche die Unzufriedenheit und die getäuſchten ehr⸗ geizigen Wünſche über die ſonſt ſo hellen Augen der Frau von Stasl legten, und lachte ſorglos, nicht ahnend, wie bald ſich ihre Worte erfüllen ſollten. Frau von Staöël aber tröſtete ſich über ihren ſchlechten Empfang bei Hofe damit, daß ſie die beſte Geſellſchaft von Paris in ihrem Salon empfing, und ſie mit den beißendſten Bonmots und der geiſtvollſten Perſiflage aller der großen Notabilitäten, welche plötz⸗ lich mit ihren unverwüſtlichen Stammbäumen aus dem Nichts und der Vergeſſenheit wieder emporge⸗ ſtiegen waren, unterhielt. Auch erinnerte ſich Frau von Staöl jetzt in ihrem Dépit der hochherzigen Güte, welche die Königin Hortenſe ihr während ihres Exils bewieſen, und nicht ihr allein, ſondern auch ihrer Freundin, der Frau von Recamier, welche von Napoleon gleichfalls exilirt worden, nicht, wie die Feinde des Kaiſers ſagten „weil ſie die Freundin der Frau von Staöël war,“⸗ — 40— ſondern einzig deshalb, weil ſie die ſogenannte„kleine Kirche“ protegirte und ihr anhing. Die„kleine Kirche“ aber war eine von dem Oppoſitionsgeiſt des Faubourg St. Germain und einem Theil des katholiſchen Clerus geſchaffene Organiſation und ge⸗ hörte zu denjenigen Dingen der innern Angelegen⸗ heiten Frankreichs, welche dem Kaiſer am unange⸗ nehmſten und läſtigſten waren. Die Königin Hortenſe hatte ſich der Madame Recamier und der Frau von Staöl mit großmüthig⸗ ſter Wärme angenommen. Beiden war ſie eine be⸗ redte Fürſprecherin geweſen, um ſie aus ihrem Exil zu erlöſen, und jetzt, da der Wechſel der Dinge ſie aus demſelben befreit hatte, kamen beide Damen, um der Königin ihren Dank zu ſagen für ihre Güte und Hochherzigkeit. Fräulein von Cochelet hat dieſen Beſuch der Frau von Staöl ſo naiv geiſtreich und mit ſo eigenthüm⸗ lichen Localfarben geſchildert, daß es wohl geſtattet ſein mag, denſelben unverändert in wortgetreuer Ueberſetzung hier mitzutheilen. V. Frau von Staëls Beſuch bei der Rönigin Hortenſe. „Frau von Staël und Madame Necamier,“ ſo erzählt Fräulein von Cochelet,„hatten die Königin um die Erlaubniß bitten laſſen, ſie beſuchen zu dür⸗ fen, um ihr zu danken. Die Königin lud ſie auf den andern Tag nach St. Leu ein. — 41— Sie fragte mich um Rath, welche Perſonen ihrer Geſellſchaft wohl geeignet und geiſtig befähigt ſein möchten, der Frau von Staöl gegenüber zu treten. „Ich, meinestheils,“ ſagte die Königin,„fühle nicht den Muth in mir, die Converſation zurleiten; wenn man Kummer hat, kann man nicht ſehr geiſt⸗ reich ſein, und ich fürchte, meine Geiſtesträgheit wird auch die Andern anſtecken.“ Wir ließen viele ſehr liebenswürdige Leute die Revue paſſiren, und ich amüſirte mich bei jedem neuen Namen zu ſagen: er iſt zu dumm für Frau von Stasl. Die Königin lachte, und die Liſte der Einzu⸗ ladenden ward endlich fixirt.— In geſpannter Er⸗ wartung ſahen wir Alle der Ankunft der beiden Damen entgegen. Die Verpflichtungen, welche uns die Königin auferlegt hatte, bon gré mal gré geiſt⸗ reich zu ſein, hatte auf alle unſere Geſichter einen ziemlich verlegenen und ſtupiden Ausdruck gezaubert. Wir hatten das Ausſehen von Schauſpielern, die im Begriff ſind, auf die Bühne zu treten, und ſich ein⸗ ander anſehen, indem ſie das Aufziehen des Vorhangs erwarten. Die Scherze und Bonmots folgten ſich wie an einem electriſchen Faden bis zur Ankunft des Wagens, deſſen Heranrollen uns ſofort wieder unſere officielle Ernſthaftigkeit annehmen ließ. Madame Recamier, noch jung, und ſehr hübſch, und mit einem Ausdruck von Naivetät in ihrem rei⸗ zenden Geſicht, machte mir den Eindruck einer jun⸗ gen Liebhaberin, in Banden gehalten von einer zu ſtrengen Duenna, ſo ſehr contraſtirte ihre ſchüchterne und ſanfte Miene zu dem etwas zu männlichen Selbſt⸗ bewußtſein ihrer Gefährtin. Man bezeichnete indeſſen Frau von Staöl überall als ſehr edel und gut, be⸗ ſonders gegen ihre Freundin, und ich ſpreche nur von — 12— dem Eindruck, den ſie beim erſten Sehen auf die Zuſchauer, denen ſie fremd war, machte.— Das etwas Mulattenartige Geſicht der Frau von Staöl, ihre originelle Toilette, ihre vollkommen nackten Schultern, von denen eine oder die andere hätte ſchön ſein können, aber die in ſehr ſchlechter Har⸗ monie eine zur andern ſtanden; dies ganze Enſemble ſchien nur ſehr wenig das Ideal zu verwirklichen, welches ich mir von der Verfaſſerin der Delphine und der Corinna gemacht hatte. Ich hatte beinahe gehofft, in ihr eine der Heroinen, welche ſie ſo herr⸗ lich gezeichnet hat, wieder zu finden, und ich ſtand daher ſprachlos vor Erſtaunen da. Aber, den erſten Schreck einmal überwunden, mußte ich wenigſtens anerkennen, daß ſie ſchöne, ſehr ausdrucksvolle Augen beſitze; doch es ſchien mir unmöglich, eine Stelle für die Liebe in dieſem Geſicht zu finden, und doch ſagte man mir, ſie habe deren ſehr oft eingeflößt. Als ich der Königin ſpäter mein Erſtaunen mit⸗ theilte, antwortete ſie mir:„Es kommt vielleicht da⸗ her, daß ſie ſelbſt vieler Liebe fähig iſt, daß ſie An⸗ dern ein wenig davon eingeflößt; außerdem fühlt ſich die Eigenliebe der Männer geſchmeichelt, von ſolcher Frau ausgezeichnet zu werden, und endlich, wenn man Frau von Stasl's Geiſt beſitzt, kann man ſich über die Schönheit hinwegſetzen.“ 3 Frau von Staäöl ſtellte ſich zugleich mit vielem Auf⸗ wand dar. Die Königin erkundigte ſich nach ihrer Toch⸗ ter*), die ſie nicht mitgebracht hatte, und die wahr⸗ haft reizend ſein ſollte. Ich glaube, unſere jungen Herren würden noch liebenswürdiger geweſen ſein, den ſchönen Augen der Tochter als denen der Mutter *) Der nachherigen Herzogin von Broglie. — 43— gegenüber, aber ein Zahnſchmerz und Geſchwulſt hatte ſie verhindert, mit von der Partie zu ſein. Nach den erſten Complimenten und Begrüßungen ſchlug die Königin den Damen vor, ihren Park zu beſehen. Man placirte ſich auf den Polſtern des großen Char-à-banc der Königin, welcher hiſtoriſch geworden iſt durch die vielen berühmten und hohen Perſonen, welche eine nach der andern in demſelben ge⸗ fahren ſind. Nur der Kaiſer Napoleon gehört nicht zu dieſen, da er niemals St. Leu beſucht hat, aber außer ihm haben wenig Größen und Berühmtheiten darin gefehlt. Da man nur im Schritt durch den Park und den Wald von Montmorency fuhr, ward die Converſation wie im Salon fortgeſetzt, und der Aufwand des Gei⸗ ſtes nahm ſeinen Fortgang. Man bewunderte die ſchöne Gegend, die wie man ſagte, ein wenig an die Schweiz erinnerte. Sodann ſprach man von Italien. Die Königin, welche ein wenig zerſtreut da geſeſſen, und ſo viel Grund hatte traurig und in ſich gekehrt zu ſein, wandte ſich an Frau von Staöl mit der Frage:„Sie waren alſo in Italien?“ Frau von Staël war gleichſam erſtarrt vor Ent⸗ ſetzen, und alle die Herren brachen aus in den Ruf: „Und Corinna? Und Corinna?“ „Ach, das iſt wahr,“ ſagte die Königin verlegen, und wie aus ihren Träumen erwachend. „Wie,“ fragte Herr von Conouville,„Ew. Ma⸗ jeſtät hat die Coriuna nicht geleſen?“ „Ja— Nein,“ ſagte die Königin mit ſichtbarer Verwirrung, gich werde ſie noch einmal leſen!“— ud um eine Gemüthsbewegung, die ich allein ver⸗ ſtehen konnte, zu verbergen, gab ſie der Unterhaltung eine andere Wendung. S ie hätte die Wahrheit ſagen und einfach erzäh — 44— len können, daß dies Buch gerade zur Zeit erſchienen war, als ihr älteſter Sohn in Holland geſtorben war. Der König, unruhig darüber, ſie ſo ganz in ihren Schmerz verſenkt zu ſehen, glaubte, nach dem Rath Corviſart’'s, daß man ſie um jeden Preis dieſem dumpfen Geiſtesſchmerz entreißen müſſe. Man be⸗ ſchloß, daß ich ihr Corinna vorleſen ſolle. Sie war nicht im Stande, große Aufmerkſamkeit darauf zu verwenden, aber unwillkührlich war doch einige Erin⸗ nerung an dieſen Roman in ihr zurückgeblieben. Mehrmals hatte ich ſeitdem die Corinna noch ein⸗ mal der Königin vorleſen wollen, aber ſie hatte es verweigert.„Nein, nein,“ ſagte ſie mir, noch nicht, dieſer Roman hat ſich mit meinem Kummer indenti⸗ ficirt. Sein Name ſchon ruft mir die entſetzlichſte Zeit meines Lebens zurück. Ich habe noch nicht den Muth, dieſe ſchmerzlichen Eindrücke zu erneuern.“ Ich allein hatte alſo errathen können, was die Königin ſo verlegen und bewegt machte, als ſie die Fragen beantwortete, die man wegen der Corinna au ſie richtete. Aber die Autorin mußte natürlich darin Gleichgültigkeit für ihr Meiſterwerk erblicken, und ich ſagte der Königin am andern Tage, es wäre beſſer geweſen, der Frau von Staël den Grund ihrer Ver⸗ wirrung zu geſtehen. „Frau von Staël würde mich nicht verſtanden haben,“ ſagte ſie;„jetzt bin ich in ihrer Meinung verloren; ſie wird mich für ſehr ſimple halten, aber es war nicht der Moment, um von mir und meinen ſchmerzlichen Eindrücken zu ſprechen. 3 Der große Char-Abanc ward immer den ſchön⸗ ſten Wagen vorgezogen(obgleich er ganz einfach aus zwei gegeneinander befindlichen mit Kiſſen belegten Holzbänken beſtand), weil er der Converſation gün⸗ 5 ſtiger war. Aber er bot durchaus keine Sicherbeit — 5 — 45— gegen ein Unwetter dar, und wir ſollten das bald erfahren. Der Regen goß in Strömen, und wir kehrten alle ganz durchnäßt ins Schloß zurück. Dort ward ein Zimmer hergerichtet und den Damen angeboten, damit ſie ein wenig die Unord⸗ nung ihrer Toilette, welche das Unwetter veranlaßt hatte, reſtauriren könnten. Ich blieb lange bei ihnen, von den Fragen zurückgehalten, womit mich Frau von Staöël in Bezug auf die Königin und ihre Söhne wahrhaft überfluthete. Man war jetzt nicht mehr geiſtreich, ſondern reinigte, friſirte und ruhete ſich aus mit einem gänzlichen Verleugnen des geiſtigen Aufwandes, deſſen Fülle ich noch einen Moment vor⸗ her hatte bewundern können. Ich ſagte zu mir ſel⸗ ber:„Da ſind ſie alſo, wie alle Welt, in den ein⸗ fachen Naturzuſtand, in das„terre-A- terre“ des poſitiven Lebens zurückgekehrt, dieſe beiden berühmten Frauen, die man aller Orten mit ſo viel Zuvorkom⸗ menheit empfängt und aufſucht. Da ſind ſie, durch⸗ näßt wie ich ſelber und eben ſo wenig poetiſch.“— Wir waren wirklich hinter den Couliſſen, aber die Scene ſollte bald wieder beginnen. Stimmen ließen ſich unter dem Fenſter hören, ein deutſcher Accent machte ſich unter den anderen Stimmen hörbar, und ſogleich riefen die beiden Da⸗ men:„Ach, das iſt der Prinz Auguſt von Preußen!“ Keiner im Hauſe ahnte, daß der Prinz kommen wollte, und dies Zuſammentreffen mit den beiden Damen hatte daher durchaus das Anſehen eines Zu⸗ falls. Er kam einfach, um der Königin einen Beſuch zu machen, und es war ſo nahe um die Mittagszeit, daß man nicht umhin konnte, ihn zum Bleiben ein⸗ zuladen. Das war es ohne Zweifel, was er wünſchte. „Der Prinz hatte zur Rechten die Königin und Frau von Stasl zu ſeiner Linken. Der Diener der — 46— Letzteren hatte auf ihre Serviette einen kleinen grü⸗ nen Baumzweig gelegt, den ſie ihrer Gewohnheit ge⸗ mäß immerfort zwiſchen den Fingern drehte, während ſie ſprach. Die Unterhaltung war ſehr belebt, und es war drollig anzuſehen, wie Frau von Staöl geſti⸗ culirte und immer den kleinen Zweig herumdrehte. Man hätte denken können, eine Fee habe ihr dieſen Talisman gegeben, und daß von dieſem Zweig ihr Genie abhängig ſei. Man ſprach von Tonſtantinopel, welches einige der anweſenden Herren kannten. Frau von Stasl meinte, es wäre eine köſtliche Rolle für eine geiſt⸗ reiche Frau, dem Sultan den Kopf zu verdrehen, und ihn dann zu nöthigen, ſeinen Türken eine Con⸗ ſtitution zu geben. Die Freiheit der Preſſe war beim Nachtiſch auch ein Gegenſtand der Unterhaltung. Frau von Staöl ſetzte mich in das äußerſte Er⸗ ſtaunen, nicht ſowohl durch den Glanz ihres Genie's, ſondern auch durch den tiefen Ernſt, mit dem ſie dergleichen Fragen behandelte, denn die Mode erlaubte es bis dahin den Frauen nicht, ſolche zu beſprechen. Die Unterhaltungen der Salons hatten immer Meta⸗ phyſik, die Moral, das Sentiment, den Heroismus oder dergleichen zum Gegenſtand, der Kaiſer abſor⸗ birte alle Politik für ſich. Seine Epoche war die der Actionen, und wir dürfen es mit Stolz ſagen, der großen Actionen, wie die ihm folgende Epoche die der großen Worte, der Reden, der politiſchen und literariſchen Controverſen war. Frau von Staöl ſprach mit der Königin von deren Romanze:„Fais ce que dois, advienne que pourra.“ „In meinem Exil, welches Sie ſo gütig aufzu⸗ heben ſuchten,“ ſagte ſie,„ſang ich oft dieſe Romanze und dachte dabei an Sie.“ — 47— Wie ſie ſo ſprach, war ihr Antlitz ſo von dem Ausdruck innerſten Empfindens durchſtrahlt, daß ich ſie ſchön fand. Das war nicht mehr die Frau von Geiſt allein, ſondern auch die Frau von Herz und Gefühl, und ich begriff in dem Augenblick, wie ſehr ſie zu feſſeln verſtand. 3 Später hatte ſie mit der Königin eine lange Un⸗ terredung über den Kaiſer.„Warum war er ſo er⸗ zürnt auf mich?“ fragte Frau von Staël.„Er wußte alſo nicht, wie ſehr ich ihn bewunderte!— Ich will nach Elba gehen, ich will ihn ſehen! Glauben Sie, daß er mich gut aufnehmen wird? Ich war dazu ge⸗ boren, dieſen Mann anzubeten, und er hat mich zu⸗ rückgeſtoßen!“ „Ach, Madame,“ erwiderte die Königin,„ich habe den Kaiſer oft ſagen hören, daß er ein großes Ziel, eine große Miſſion zu erfüllen habe, und daß er ſeine Arbeiten mit den Anſtrengungen eines Mannes ver⸗ gleichen könne, der, immer nur den Gipfel eines ſtei⸗ len Berges vor Augen habend, dieſen mit allen Kräf⸗ ten zu erreichen ſtrebt, immer mühevoll vorwärts ſchreitet, und ſich durch kein Hinderniß auf ſeinem Wege aufhalten läßt.„Um ſo ſchlimmer,“ ſagte er, „für diejenigen, die mir auf meinem Wege begegnen, ich kann mich nicht nach ihnen umſehen.“ Sie haben ſich auf ſeinem Wege befunden, Madame, vielleicht würde er, wenn er auf dem Gipfel ſeines Berges angekommen wäre, Ihnen eine hülfreiche Hand gereicht haben.“ „Ich will mich mit ihm ausſprechen,“ rief Frau von Staöl,„man hat mir in ſeinem Geiſt geſchadet.“ „Ich glaube es auch,“ erwiederte die Königin, „aber Sie würden ihn ſchlecht beurtheilen, wenn Sie ihm Haß gegen irgend Jemand zutrauten. Er glaubte Sie ſeine Feindin, und er hat Sie gefürchtet, was ihm — 48— nicht häufig geſchah,“ fügte ſie mit einem Lächeln hinzu.„Jetzt, da er unglücklich iſt, werden Sie ſich als ſeine Freundin zeigen, er wird Sie bewährt finden, und ich bin überzeugt, daß er Sie ſehr gut empfangen wird.“ Frau von Staöl beſchäftigte ſich auch ſehr viel mit den jungen Prinzen, aber ſie hatte bei dieſen ſchlechtern Erfolg als bei uns. Vielleicht geſchah es, um die Fähigkeiten ihres Geiſtes beurtheilen zu kön⸗ nen, daß ſie dieſelben mit ungemeſſenen Fragen über⸗ ſchüttete. „Lieben Sie ihren Oheim?“ „Sehr, Madame!“ „Werden Sie, aber auch, gleich ihm, den Krieg lieben?“ „Ja, wenn er nicht ſo viel Unheil verurſachte.“ „Iſt es wahr, daß er Sie ſo oft eine Fabel wie⸗ derholen ließ, welche mit den Worten beginnt: Der Grund des Stärkſten iſt immer der beſte.“ „Madame, er ließ uns oft Fabeln herſagen, dieſe nicht mehr, als irgend eine andere.“ Der junge Prinz Napoleon, der einen ſo erſtaun⸗ lichen Geiſt und ein ſo frühreifes Urtheil hatte, antwortete gemeſſen auf alle ihre Fragen, und als dies Interrogatorium endlich beendet war, wandte er ſich an mich und ſagte ziemlich vernehmlich:„Dieſe Dame liebt es ſehr zu fragen:(elle est bien qyue- stionneuse.) Iſt es das, was man nennt„Geiſt haben?“ Nach der Abreiſe des ſchönen Beſuches ſagte Jeder ein wenig ſeine Anſicht, und der junge Prinz Napo⸗ leon war derjenige, welcher den mindeſt guten Ein⸗ druck von den Frauen empfangen hatte, aber er wagte es nur ganz leiſe zu ſagen. Ich meinestheils war von dieſem Beſuch mehr — 49— geblendet als erfreut. Man konnte nicht umhin, dies Genie zu bewundern, trotz ſeiner ſtürmiſchen Rück⸗ ſichtsloſigkeit und ſeiner Verirrungen, aber es lag nichts Wohlthuendes, nichts Anmuthiges und Frauen⸗ haftes in dem Weſen der Frau von Staël, und man vermißte das.“*) VI. Alte und neue Zeit. Die Reſtauration war vollendet. Die Alliirten hatten Frankreich endlich verlaſſen und Ludwig XVIII. war jetzt der unbeſchränkte Herr von Frankreich. In ihm, den heimgekehrten Mitgliedern ſeiner Familie und den von allen Seiten hereinſtrömenden Emigrir⸗ ten repräſentirte ſich das alte Frankreich, das Frank⸗ reich der unumſchränkten königlichen Gewalt, der glän⸗ zenden Manieren, der Intriguen, der Ariſtokratie, der Ueppigkeit und Leichtfertigkeit. Ihnen gegenüber ſtand das junge Frankreich, die von Napoleon und der Re⸗ volution gebildete Generation, die neue Ariſtokratie, welche keine anderen Ahnen beſaß, als ihre Großthaten und ihr Verdienſt, und welche freilich nicht vom Oeil de boeuf und den petites maisons zu erzählen wußte, aber deſto mehr von den Schlachtfeldern und den La⸗ zarethen, in denen man ihre Wunden geheilt.— Dieſe beiden Parteien ſtanden ſich einander gegen⸗ *) Cochelet, Mémoires sur la reine Hortense. Vol. I. p. 429— 440. 8 Königin Hortenſe. II. — 50— über, das alte und das junge Frankreich kämpften am Hofe Ludwigs XVIII. jetzt einen ſtündlichen, nie er⸗ mattenden Krieg, nur daß dabei das junge Frankreich, welches bis dahin immer gewohnt geweſen, zu ſiegen, alle Tage neue Niederlagen, neue Demüthigungen empfangen mußte. Denn das alte Frankreich war jetzt das ſiegreiche. Es ſiegte nicht durch ſeine Tapfer⸗ keit, ſeine Verdienſte, es ſiegte durch ſeine Vergangen⸗ heit, welche man jetzt unmittelbar an die Gegenwart anknüpfen wollte, ohne die Kluft zu bedenken, welche dazwiſchen lag. König Ludwig hatte freilich allen ſeinen Unter⸗ thanen in dem Tractat vom 11. April zugeſagt, daß ihnen ihre Titel und Würden unbenommen bleiben ſollten, und die neuen Herzöge, Fürſten, Marſchälle, Grafen und Barone durften daher auch bei Hofe er⸗ ſcheinen, aber ſie ſpielten da nur eine traurige, de⸗ müthigende Rolle, und man ließ ſie es nur zu ſehr empfinden, daß ſie nur die Geduldeten, nicht die Willkommenen ſeien. Die Herren, welche vor der Revolution berechtigt geweſen, in die Kutſchen des Königs zu ſteigen, be⸗ hielten dies Recht auch jetzt, und niemals öffneten ſich die Thüren dieſer Kutſchen den Herren vom neuen Napoleoniſchen Adel; die Damen des alten Frank⸗ reichs behielten ihr Tabouret ſo wie ihre große und ihre kleine Entrée in die Tuilerien und den Louvre, und man würde es ſehr anmaaßend gefunden haben, wenn die Herzoginnen des jungen Frankreichs gleiche Ehren hätten beanſpruchen wollen. Die Herzogin von Angoulème war es, welche den Damen des Faubourg St. Germain in der Unduld⸗ ſamkeit und dem hochmüthigen Abweiſen und Negiren des vergangenen Kaiſerreichs als maaßgebendes Bei⸗ ſpiel voran ging. Sie war am unerbittlichſten gegen — 51— dieſe aus der Revolution hervorgegangene neue Zeit und deren Vertreter, und freilich hatte ſie, die Toch⸗ ter des hingerichteten Königspaares, welche ſelbſt ſo lange im Temple geſchmachtet, die Schreckniſſe der Revolution in ihren traurigſten und ſchmerzlichſten Ausartungen kennen gelernt. Sie wollte ſich jetzt be⸗ mühen, die Zeit, welche ſie nicht mehr beſtrafen konnte, wenigſtens zu vergeſſen, und ſich den Anſchein geben, als ſei ſie gar nicht vorhanden geweſen. Bei einem der erſten Diners, welches der König den Alliirten gab, ſaß die Herzogin von Angoulème neben dem König von Baiern, und auf den Groß⸗ herzog von Baden deutend, fragte ſie:„Iſt das nicht der Fürſt, welcher ſich mit einer Prinzeſſin von Bo⸗ naparte's Machwerk verheirathet hat? Welche Schwäche, ſich ſo mit dieſem General zu alliiren!“ Die Herzogin dachte nicht daran, oder wollte nicht daran denken, daß der König von Baiern eben ſo wohl, wie der Kaiſer von Oeſterreich, welcher auf der andern Seite der Herzogin ſaß und ſehr wohl ihre Worte hören konnte, ſich mit dem„General Bona⸗ parte“ alliirt hatten.— Als ſie wieder Beſitz genommen hatte von ihren einſtigen Zimmern in den Tuilerieen, fragte die Her⸗ zogin von Angoulème den alten Dubois, ihren ein⸗ ſtigen Clavierſtimmer, der auch unter dem Kaiſerreich dieſes Amt verwaltet hatte und der Herzogin jetzt die neuen ſchönen, von Joſephinen angeſchafften Inſtru⸗ mente zeigte: wo denn ihr Piano geblieben ſei? Dieſes„Piano“ war ein altes ſchlechtes Spinet geweſen und die Herzogin wunderte ſich, es nicht zu finden, als ob nicht faſt dreißig Jahre vergangen waren, ſeitdem ſie es zuletzt geſehen, als ob der zehnte Auguſt von 1792, wo das Volk die Tuilerieen demo⸗ lirte, gar nicht exiſtirt hätte! 2 4* — 52— Aber es war ein Princip, die Zeit von 1795 bis 1814 zu negiren, und die Bourbonen ſchienen wirklich ganz und gar vergeſſen zu haben, daß zwiſchen dem letzten Lever des Königs Ludwigs XVI. und dem heutigen Lever Ludwigs XVIII. ichr als eine Nacht liege. Sie ſchien ganz erſtaunt, daß diejenigen, welche ſie als kleine Kinder gekannt, ſeit ſie dieſelben nicht geſehen, gewachſen ſeien, und wollte Jedermann ſo behandeln, wie ſie es 1789 gethan. Nach dem Tode der Kaiſerin Joſephine beſuchte der Graf von Artois Malmaiſon, welches vor der Revolution kaum exiſtirt und welches Joſephinens Kunſtſinn und Liebe geſchaffen hatte. In Malmaiſon hatte die Kaiſerin, welche eine große Vorliebe für die Botanik hegte, großartige Gewächshäuſer angelegt, in deuen die Pflanzen und Gewächſe der ganzen Welt vereinigt waren, denn alle Fürſten Europa's hatten ſich, den Geſchmack der Kaiſerin kennend, in den Tagen ihrer Größe beeifert, ihr durch Ueberſendung ſeltener und neuer Pflanzen und Blumen einen angenehmen Moment zu bereiten. Der Prinz⸗Regent von England hatte ſogar wäh⸗ rend des Krieges mit Frankreich Mittel gefunden, der Kaiſerin einige ſeltene weſtindiſche Pflanzen zu⸗ kommen zu laſſen, und ſo waren die Treibhäuſer von Malmaiſon die reichſten und vollſtändigſten in ganz Europa, und ein wahrer Schatz für die Bota⸗ nik geworden.— Der Graf von Artois, wie geſagt, war nach Mal⸗ maiſon gekommen, um dieſen berühmten Aufenthalts⸗ ort Joſephinens in Augenſchein zu nehmen, und als ihm die Treibhanſer mit ihren ſeltenen Gewächſen gezeigt wurden, rief er, gleichſam als erkenne er ſeine alten Blumen von 1789 wieder:„Ah, da ſind unſre Pflanzen von Trianon!“ — 533— Und wie die Bourbonen, ihre Herren und Ge⸗ bieter, waren auch die Emigrirten mit denſelben Ideen, mit welchen ſie aus Frankreich entflohen, wieder nach Frankreich zurückgekehrt. Sie wollten mit all ihren Gewohnheiten, Sitten und Anſprüchen wieder an das Jahr 1789 anknüpfen. Sie waren von ihrem eigenen Verdienſt ſo einge⸗ nommen, daß ſie das der Andern gar nicht bemerkten, und ihr größtes Verdienſt beſtand darin, daß ſie emi⸗ grirt waren! 5 Für dieſes Verdienſt wollten ſie jetzt belohnt werden! Jeder dieſer von Coblenz heimkehrenden Emigrir⸗ ten verlangte Belohnungen, Stellen und Penſionen, und fand es unbegreiflich, daß man ſie Denen, welche im Beſitz derſelben waren, nicht ſofort wieder abnahm. Es war ein unaufhörliches Intriguiren, Cabaliren und Mediſiren, und gemeinhin gelang es dem alten Frankreich, wie in den Hofehren ſo auch in den Aem⸗ tern und Penſionen das neue Frankreich zu verdrän⸗ gen. Alle höheren Stellen in der Armee wurden mit den Marquis, Herzögen und Grafen des alten Frankreichs beſetzt, welche in Coblenz Tapiſſerie ge⸗ näht und Seidenfäden gezupft hatten, während Frank⸗ reich ſich auf den Schlachtfeldern ſchlug, und ſie woll⸗ ten die Soldaten des Kaiſerreichs das alte Commando von 1780 wieder lehren.— Ebenſo führte man am Hof die Etiquette der achtziger Jahre wieder ein und in der Geſinnung dieſer alten Cavaliere des vergangenen Jahrhunderts herſchte noch dieſelbe Leichtfertigkeit und Lascivität, welche man im Oeil de boeuf und in den petites maisons des alten Frankreichs gut geheißen hatte. Dieſe alten Cavaliere verachteten das junge Frank⸗ reich um ſeiner ſtrengeren Sitten und ſeiner pedan⸗ — 34— tiſchen Moralität willen, ſie blickten mit Achſelzucken auf dieſe jungen Männer hin, welche vielleicht nicht mehr als Eine Maitreſſe hatten, und denen die Frau ihres Freundes ſo heilig war, daß ſie derſelben nie mit einem unehrerbietigen Gedanken zu nahen wagten. Dieſen„nigauds“ gegenüber unterhielten die Her⸗ ren des legitimen Frankreichs ſich gern von der Ver⸗ gangenheit und ihrer eigenen Größe. Inmitten die⸗ ſer vielen neuen Dinge, welche ſie umgaben und die ſie leider nicht alle hinweg zu leugnen vermochten, war es ihre ſüßeſte Erquickung, ſich in die Erinne⸗ rung an das ancienne régime zu vertiefen, und wenn ſie von dieſer Zeit ſprachen, vergaßen ſie ihres Alters und ihrer Ermattung, und waren wieder die jungen Roués des Oeil de boenf. Als ſich einſt im Vorſaal Königs Ludwigs XVIII. der Marquis von Chimène und der Herzog von Lau⸗ raquais, dieſe beiden alten Heroen der frivolen Zeit, in welcher das Boudoir und die petites maisons das Schlachtfeld, und die Myrthen ſtatt der Lorbeeren der Siegespreis waren, von irgend einer Begebenheit der alten Regierung unterhielten, ſagte der Herzog von Lauraquais zur näheren Bezeichnung der Zeit, von welcher ſie ſprachen, zum Marquis:„Es war in eben dem Jahr, in welchem ich meine Liaiſon mit Deiner Frau hatte.“— „Ach,“ erwiederte der Marquis von Chimone mit vollkommener Ruhe,„das war im Jahre 1776.“— Beide Herren dachten nicht im Mindeſten daran, in dieſer Anknüpfung ihrer Erinnerungen etwas Auf⸗ fälliges zu finden. Jene„Liaiſon“ hatte zu den na⸗ türlichſten Dingen der Welt gehört, und es wäre von dem Herzog eben ſo lächerlich geweſen, ſie zu verleugnen, als von dem Marquis, ſich über ihre Exiſtenz zu ereifern. Der Klügſte und Aufgeklärteſte indeſſen von all dieſen Herren des alten Frankreichs war der Herr dieſer Herren, war König Ludwig XVIII. ſelbſt. Er durchſchaute ſehr wohl die Fehler Derer, die ihn umgaben, und ſetzte ſehr wenig Vertrauen in die Leute des alten Hofes. Aber er vermochte ſich in⸗ deſſen doch nicht ihrem Einfluß zu entziehen, und nachdem er gegen den Willen und die Anſicht ſeiner ganzen königlichen Familie, ſeines ganzen Hofes und ſeiner Miniſter ſeinem Volk die Charte gegeben und ſie trotz des Widerſtrebens von„Monſieur“ und dem Prinzen von Condé, welcher die Charte„Mademoiſelle la Constitution von 1791“ zu nennen pflegte, be⸗ ſchworen hatte, zog ſich Ludwig in das Innere der Tuilerieen zurück und überließ es ſeinem Miniſter Blacas, ſich mit den kleinen Details der Regierung zu befaſſen, von welchen der König nur die großen ſeiner Aufmerkſamkeit für würdig achtete. VII. Rönig Ludwig XVIII. Ludwig XVIII. war aber im Innern ſeines Pa⸗ laſtes immer noch der Aufgeklärteſte und Vorurtheils⸗ loſeſte des alten Frankreichs, er ſah manche Dinge mit offenen Augen an, vor denen ſeine Rathgeber ab⸗ ſichtlich die Augen verſchloſſen, er bemerkte zu ſeinem Erſtaunen, daß die Großen Bonaparte's, welche der König als Inventarium ſeiner Erbſchaft mit über⸗ nommen, nicht ſo lächerlich, ungeſchickt und tölpel⸗ haft ſeien, als man ſie ihm geſchildert hatte. — 56— „Man hatte mir da draußen eingebildet,“ ſagte Ludwig XVIII.,„die Feldherren Bonaparte's ſeien alle Bauern und Grobiane, aber das iſt eine Un⸗ wahrheit. Der Mann hat ſie vortrefflich geſchult. Sie ſind höflich und eben ſo ſchlau als die Agenten des alten Hofes. Wir müſſen ihnen gegenüber ſehr vorſichtig ſein.“*) Dieſe Art Anerkennung der Vergangenheit, welche Ludwig XVIII. zuweilen entſchlüpfte, war für die Herren des alten Frankreichs ein Gegenſtand bitterer Sorge und tiefen Unwillens, den ſie ſich nicht immer bemühten, dem König zu verbergen. Ludwig fühlte das, und um ſeinen eiferſüchtigen alten Hof zu verſöhnen, ſah er ſich oft wider ſeinen Villen genöthigt,„die Emporkömmlinge,“ welche ſich in des Letzteren Mitte gedrängt, zu demüthigen und zurückzuſetzen. Stete Verſtimmungen, Zänkereien und Intriguen im Innern der Tuilerieen waren die Folge davon, und oft inmitten des Glanzes, der ihn jetzt umgab, ward Ludwig verſtimmt, unwillig und verzagt. „Ich bin zornig gegen mich und die Andern,“ ſagte er einſt in ſolcher Stimmung zu ſeiner Ver⸗ trauten.„Eine unſichtbare und geheimnißvolle Ge⸗ walt arbeitet immer meinem Willen entgegen, ver⸗ nichtet meine Pläne, paralyſirt meine Autorität.“ „Und doch ſind Sie der König!“ „Ohne Zweifel bin ich der König!“ rief Ludwig unwillig,„aber bin ich auch der Herr? Der König iſt der, welcher ſein Leben hindurch die Geſandten zu empfangen, langweilige Audienzen zu geben, tödtende Reden anzuhören hat, der in Ceremonie nach Notre⸗ Dame geht, alle Jahre einmal öffentlich dinirt, und *) Mémoires d'une femme de qualité. Vol. I. p. 215. — 5— den man, wenn er todt iſt, pomphaft in St. Dénis begräbt. Der Herr iſt der, welcher gebietet und ſich Gehorſam zu erzwingen verſteht, der die Intriguen zerſtören und den alten Frauen wie den Prieſtern Stillſchweigen auferlegen kann. Bonaparte war zu⸗ gleich der König und der Herr! Seine Miniſter waren ſeine Commis, die Könige, ſeine Brüder, wei⸗ ter nichts als ſeine Intendanten, und ſeine Hofleute wenig mehr als ſeine Diener. Seine Miniſter mach⸗ ten ſeinem Senat in der Servilität den Rang ſtrei⸗ tig, und ſein Corps législatif ſuchte den Senat und die Kirche noch darin zu überbieten. Es war in der That ein außerordentlicher und auch ein beneidens⸗ werther Mann, denn er hatte nicht blos ergebene Diener, treue Freunde, ſondern auch eine gefällige Kirche.“*). König Ludwig XVIII., der ewigen Zwiſtigkeiten und Intriguen müde, welche ſeine Umgebung beſchäf⸗ tigten, zog ſich, wie geſagt, mehr in das Innere ſei⸗ nes Palaſtes zurück und ließ Herrn von Blacas re⸗ gieren, der freilich, trotz ſeines Hochmuths und ſeiner Eigenliebe, ſehr wenig vom Regieren verſtand. Der König zog es vor, mit ſeinen Freunden geiſt⸗ reich zu plaudern, ihnen Stellen aus ſeinen Memoi⸗ ren vorzuleſen, ſeine Verſe von ihnen bewundern zu laſſen und durch ſeine geiſtvollen, nicht immer ſehr unzweideutigen Anekdoten ihr Entzücken zu erregen, ſtatt mit ſeinen Miniſtern langweilige Streitigkeiten und nutzloſe Dispute zu haben. Er hatte ſeinem Volke die Charte gegeben und nach der Charte konn⸗ ten ſeine Miniſter jetzt regieren. „Man will Freiheit,“ ſagte der König,„ich gebe deren genug, um gegen Despotismus zu ſchützen, und *) Mémoires d'une femme de qualité. Vol. V. p. 35. — 38— nicht ſo viel, um in Zügelloſigkeit zu verfallen. Ehe⸗ dem hätten mich die Steuern, durch meinen einfachen Willen feſtgeſetzt, verhaßt gemacht, jetzt iſt es Frank⸗ reich ſelbſt, das ſich beſteuert. Ich kann gar nichls Anderes mehr, als nur Gutes thun und Gnade üben, denn was das Böſe betrifft, ſo fällt deſſen Verant⸗ wortlichkeit ganz und gar auf die Miniſter.“*) Während ſeine Miniſter alſo nach der Charte re⸗ gierten und„Böſes“ thaten, beſchäftigte ſich der Kö⸗ nig, der„nur noch Gutes zu thun hatte,“ damit, die ſchweren und gewichtigen Fragen der alten Etiquette wieder aufzuſtellen. Eines der wichtigſten Capitel dieſer Etiquette war die Frage nach den Moden, welche man jetzt am Hofe einführen wollte. Denn unmöglich konnte man doch daran denken, die Moden des Kaiſerreichs zu adopti⸗ ren und dadurch am Hofe anzuerkennen, daß wirklich eine Veränderung ſeit 1789 eingetreten ſei. Man wollte nicht blos in der Politik, ſondern auch in der Mode eine Contre Revolution durchführen, und dieſe große Angelegenheit beſchäftigte vor der erſten großen Cour, welche der König in den Tuile⸗ rieen ſtattfinden laſſen wollte, wochenlang die Groß⸗ würdenträger des Hofes. Da ſie aber mit ihrer Weisheit nicht zu Stande kommen konnten, hielt der König endlich mit ſeinen vertrauteſten Freunden und Freundinnen eine Geheimrathsſitzung über dieſen wich⸗ tigen Gegenſtand, der leider durch die„Charte“ nicht entſchieden worden war. Der Groß Ceremonienmeiſter Marquis de Bregé erklärte dem König, daß es durchaus unziemlich er⸗ ſcheine, die Moden des Kaiſerreichs auf den Hof des legitimen Königs von Frankreich zu übertragen. *) Mémoires d'une femme de qualité. Vol. I. p. 410. — 59— „Wir werden alſo wieder Puder, Reifröcke und Falbles haben?“ fragte der König. Herr von Bregé erwiderte ganz ernſthaft, er denke Tag und Nacht über dieſen Gegenſtand nach, habe aber noch immer keine, eines Groß⸗Ceremonienmeiſters des legitimen Königs würdige Entſcheidung auffinden können. „Sire,“ ſagte der Herzog von Chartres lächelnd, „ich fordre die kurzen Beinkleider, die Schnallen und den Zopf.“. „Aber ich,“ rief der Prinz von Poix, welcher wäh⸗ rend des Kaiſerreichs in Frankreich geblieben war,„ich fordere Schadenerſatz, wenn man uns nöthigt, zu den alten Moden und Kleidern zurückzukehren, bevor die neuen nicht verbraucht ſind. Und was die Damen anbetrifft, ſo ſchlage ich vor, daß, wenn der Herr Ober⸗Ceremonienmeiſter ſie wirklich wieder mit einem Wall von Röcken und Reifen umgeben will, er doch ſo höflich ſein wird, dieſe nicht mehr als vertugadins (Tugendwächter) zu fordern.“*) Der Ober Ceremonienmeiſter beantwortete dieſen Spott nur mit einem tiefen und ſchmerzvollen Seufzer, und der König entſchied endlich die große Frage dahin, daß es Jedermann überlaſſen bleiben ſollte, ſich ſeinem Geſchmack und ſeinen Neigungen gemäß nach den alten oder nach den neuen Moden zu kleiden. *) Vertugadin hieß eine Art Wulſt, welche die Damen um den Leib trugen, und welche unter Ludwig XIv. von der Marquiſe Montespan, die ihre Schw. ugerſchaft verbergen wollte, erfunden ward.— Man ſieht, das legitime Frankreich war in allen Din⸗ gen das Gegentheil der Revolutionszeit. Unter dem Conſulat war es Mode, den Zuſtand der Schwangerſchaft(die Demitermes) zu zeigen, ſelbſt wenn man ſich nicht in demſelben beſand, und die Damen des legitimen Frankreichs trugen die veringadins, um dis Schwangerichaft zu verbergen, wenn ſie ſich in dieſem Zuſtande hefanden. — 60— Der Ober⸗Ceremonienmeiſter mußte ſich dieſer kö⸗ niglichen Entſcheidung fügen, aber, indem er es that, ſagte er tief traurig:„Ew. Majeſtät geruhen zu lä⸗ cheln, aber das Kleid macht die Hälfte des Menſchen aus, die Gleichheit im Anzuge verwirrt die Rang⸗ ordnung und führt auf geradem Wege zu einem agra⸗ riſchen Geſetz.“ „Ja, Marquis,“ rief der König lachend,„Sie denken wie Figaro: Mancher ſpottet eines Richters im kurzen Rock, der vor einem Procurator im langen Gewande zittert“*). Wenn der König aber die Contre⸗Revolution der Moden zurückgewieſen hatte, ſo entſchädigte er den Ober⸗Ceremonienmeiſter de Bregé dadurch, daß er ihm geſtattete, die ganze Etiquette des alten Frank⸗ reichs wieder einzuführen. Der König durfte demgemäß nie anders als unter Beihülfe ſeiner„Kammer“ ſich Morgens von ſeinem Lager erheben, und er that es nicht eher, als bis die Thür ſich allen Denen, welche la grande entrée hatten, das heißt den Beamten des Hauſes, den Standesperſonen, den Marſchällen von Frankreich, einigen bevorzugten Damen, ferner dem Caffetier, dem Schneider, dem Pantoffelträger, dem ordentlichen ausübenden Barbier, zwei Barbiergehülfen, dem Uhr⸗ macher und den Apothekern des Viertels geöffnet hatte.— Im Beiſein aller dieſer Bevorzugten ward der König angekleidet, die Etiquette erlaubte ihm nur, ſich ſelber das Halstuch zu knüpfen, ſie gebot ihm aber, ſeine Taſchen vom vorhergehenden Abend aus⸗ zuleeren.— 3 Auch die Mode des alten Frankreichs, die Mode *) Mémoires d'une femme de qualité. Vol. I. p. 384. 4 „des öffentlichen Diners der königlichen Familie,“ ward wieder eingeführt, und der Ober⸗Ceremonien⸗ meiſter hatte nicht allein Wochen lang zu dieſem wich⸗ tigen Tage ſeine Vorkehrungen zu treffen, ſondern auch der König hatte ſich damit zu beſchäftigen, und mußte zu dieſer großen Ceremonie erſt die nöthigen „Speiſebeamten,“ d. h. den Weinkoſter, den Becher⸗ beamten, den Großthürwärter und den Oberküchen⸗ meiſter ernennen.— Bei dieſer erſten öffentlichen großen Tafel ſtand auch das berühmte, an der königlichen Tafel ganz unentbehrliche„Schiff“ wieder vor dem Platz des Königs. In dem großen Schiffbruch der Monarchie 1792 war auch das alte Schiff der Königstafel, ein uraltes Kunſtwerk, welches die Stadt Paris einſt einem König von Frankreich zum Geſchenk gemacht, verloren gegangen, und der Ober⸗Ceremonienmeiſter hatte erſt ein neues beim Juwelier des Hofes anfer⸗ tigen laſſen. Dieſes„Schiff“ iſt eine Arbeit in vergoldetem Silber, in Form eines ſeiner Maſten und ſeines Ta⸗ kelwerkes beraubten Schiffes, und in demſelben wer⸗ den zwiſchen zwei goldenen Platten die Servietten des Königs, welche man zuvor in wohlriechendem Waſ⸗ ſer getränkt hat, aufbewahrt. Der alten Etiquette zufolge durfte Niemand, ſelbſt nicht die Prinzen und Prinzeſſinnen, an dem Schiff vorübergehen, ohne ſich tief zu verneigen, wie man das auch beim Vorüber⸗ gehen bei dem Bett des Königs thun mußte.— Noch eine andere Mode des alten Frankreichs ſtellte der König wieder her, die Mode der„könig⸗ lichen Freundinnen.“ Auch Ludwig XVIII. ſowohl wie ſein Bruder, der Graf von Artois, hatte ſeine Freundinnen, unter denen die ſchöne und geiſtreiche Gräfin Ducayla die * 8 62— erſte Stelle einnahm. Sie hatte das Amt, den König zu amüſiren, und die finſteren Wolken zu zerſtreuen, welche ſich nur zu oft auf der Stirn Ludwigs zeig⸗ ten, welchen Krankheit, Schwäche und übertriebene Corpulenz an ſeinen Lehnſtuhl feſſelten. Sie erzählte ihm die chronique scandaleuse des Kaiſerhofes, ſie erinnerte ihn an ſeine alten Jugend⸗ geſchichten, die der König mit ſo viel Witz und Geiſt zu erzählen wußte, und die er ſo gern erzählte, ſie mußte die Briefe des„ſchwarzen Kabinets,“ welche das Brief⸗Bureau dem König aus amtlicher Gefällig⸗ keit mittheilte, prüfen, und die intereſſanten Briefe dem König vörleſen. Der König pflegte dieſes Brief⸗Bureau in ſeiner geiſtreichen Weiſe dem geheimnißvollen Ohr des Dionys zu Syrakus zu vergleichen, welches die tief⸗ ſten Geheimniſſe in das Ohr des Königs gelangen ließ. Ludwig XVIII. war übrigens nicht undankbar gegen ſeine königliche Freundin, und er lohnte es ihr auf wahrhaft königliche Weiſe, daß ſie zuweilen die Langeweile aus den Gemächern des Königs zu ver⸗ jagen wußte. Da er fand, daß die Gräfin Ducayla nicht ſehr in der Lectüre der Bibel bewandert war, ſchenkte er ihr die große Prachtbibel von Royaumont, geziert m löh herrlichen Kupferſtichen nach Gemälden von aphael Jeder dieſer Kupferſtiche war ſtatt des Seiden⸗ papiers mit einer neuen, tauſend Franes geltenden Banknote bedeckt.*)— Ein anderes Mal ſchenkte ihr der König ein *) Amours et Galanteries des rois de France par Saint Edme. Vol. II. p. 383.— Mémoires d'une femme de qnalns Vol. I. p. 409. — 63— Exemplar der„Charte“, und wie bei der Bibel war auch hier jedes Blatt mit einer Tauſendfranesnote bedeckt. Für ſo viele Beweiſe königlicher Großmuth ließ die ſchöne Gräfin es ſich vielleicht recht gern gefallen, daß man ſie allgemein„die Tabaksdoſe des Königs“ nannte, welche Benennung daher ſeinen Urſprung hatte, daß König Ludwig XVIII. es liebte, auf die weiße, üppige Schulter der Gräfin etwas Schnupf⸗ tabak zu ſtreuen, und denſelben von dort mit ſeiner Naſe aufzuſchnauben. VIII. Der Salon der Hergogin von St. Leu. Während in den Tuilerien die Etiquette und die Leichtfertigkeit des alten Frankreichs wieder eingeführt ward und Herr von Blacas in ſorgloſeſter Unbeküm⸗ mertheit regierte und ſich bemühte, die Zeit rückwärts zu drehen, ging die Zeit vorwärts. Während aus dem fortwährenden Kampf des al⸗ ten und des neuen Frankreich bald genug das unzu⸗ friedene Frankreich hervorging, machte Napoleon, der Kaiſer von Elba, im Geheimen ſeine großartigen Erobe⸗ rungspläne, bereitete er im Einverſtändniß mit ſei⸗ nen Getreuen ſich vor, das Exil zu verlaſſen und nach Frankreich zurückzukehren. Die Armee, das wußte er, war ihm getreu geblie⸗ ben, die Armee, welche laut rief:„Vive le roi!“ und leiſe hinzufügte:„de Rome et son petit papa!*) Hortenſe, die neue Herzogin von St. Len, nahm an allen dieſen Dingen wenig Theil. Sie hatte trotz ihrer Jugend und ihrer Schönheit ſchon gewiſſer⸗ maßen abgeſchloſſen mit der Welt. Sie fühlte ſich nicht mehr als Frau, ſondern nur noch als Mutter, ſie hatte Alles, was an Zärtlichkeit, an Liebe und Güte in ihrem Herzen war, auf ihre Söhne übertra⸗ gen und lebte nur ihnen.. In ihrer ſtillen Zurückgezogenheit in St. Leu waren ihre Tage nur den Künſten, der Lectüre, dem Studium geweiht, und wenn ſie den Tag über ge⸗ malt, gedichtet, componirt und mit ihren Kindern ſich beſchäftigt hatte, ſo brachte ſie den Abend in ihrem Salon in zwangloſem, geiſtvollem Geplauder mit ihren Freunden zu. Denn ſie hatte Freunde, welche trotz ihrer ver⸗ änderten Stellung, trotz der Dunkelheit in welche ſie ſich zurückgezogen, treu und ergeben geblieben waren, und die, trotzdem daß ſie am neuen Hofe bedeutende Stellungen einnahmen, der einſamen und entthronten Königin ihre Freundſchaft bewahrt hatten. Mit dieſen Freunden unterhielt ſich die Herzogin von St. Leu Abends in ihrem Salon von der gro⸗ ßen und ſchönen Vergangenheit, und ganz dieſem Cultus ihrer Erinnerungen hingegeben, dachten ſie gar nicht daran, wie ſehr einer kleinlichen, argwöh⸗ niſchen und kurzſichtigen Gegenwart gegenüber, dieſes ſtete Rückblicken, dies Beſprechen der großen ſtolzlen Vergangenheit geeignet ſei, Verdacht zu erregen. Denn der Herzog von Otranto, deſſen ſchlauer Liſt es gelungen, ſich unter Ludwig XVIII. wie unter *) Cochelet, Mémoires sur la reine Hortense. Vol. III. p. 121. Napoleon als Polizeiminiſter zu erhalten, hatte ſeine Spione überall, er wußte, was in allen Salons von Paris geſprochen ward, er wußte auch, daß man im Salon der Herzogin von St. Leu durch die trübe, glanzloſe Gegenwart hineinſchaute in die hell ſtrah⸗ lende Vergangenheit, und über das kleinliche Jetzt ſich tröſtete mit dem großen, ruhmvollen Einſt! Und Fouché, oder vielmehr der Herzog von Otranto, wußte aus Allem Nutzen zu ziehen. 1 Um den Miniſter Blacas aus ſeiner ſtupiden Verblendung zu wecken und ihn aufmerkfam zu machen auf ſeine übertriebene Unbefangenheit den Dingen gegenüber, die ſich vorbereiteten, ſagte Fouché ihm, daß man im Salon der Herzogin von St. Leu gegen die Regierung conſpirire, daß ſich da alle heim⸗ lichen Bonapartiſten verſammelten, und Pläne mach⸗ ten, um den Kaiſer aus Elba zu befreien. Um aber auch im Fall einer möglichen Rückkehr Napoleons ſich auf der andern Seite ſicher zu ſtellen, eilte der Herzog von Otranto nach St. Leu, um die Herzogin zu warnen, und ſie zu beſchwören, auf ihrer Huth zu ſein, weil ſie von Spähern umringt ſei, und weil man ſie leicht am Hofe verdächtigen könne. Hortenſe achtete nicht auf ſeine Warnung; ſie hielt die Vorſicht für unnöthig, weil ſie ſich nicht des einzigen Glückes berauben wollte, ihre Freunde zu ſehen und mit ihnen zwanglos und frei ſich un⸗ terhalten zu können. Nach wie vor alſo blieb der Salon der Herzogin den treuen Freunden offen, welche zugleich die treuen Diener des Kaiſers geweſen, und die Herzöge von Vicenza, von Baſſano, von Friaul, von Raguſa, von der Moskwa mit ihren Gemahlinnen, ſo wie der kühne und feurige Carl von Labedoyère, und der feine Diplomat Graf Regnault de Saint Jean Königin Hortenſe. II. 1 5 — 66— d'Angely vereinigten ſich im Salon der Herzogin in St. Leu. Immer lauter erhob ſich gegen ſie die Stimme der Feindſeligkeit, mit immer gehäſſigeren Farben wußte man am Tutllerienhofe die Verſammlungen zu ſchildern, welche in St. Leu ſtattfänden, und die arme Herzogin, welche ſtill und unbekümmert in ihren Gemächern lebte, ward das Opfer der Gehäſſigkeit und des Neides dieſer ſtolzen Damen der alten Ari⸗ ſtokratie, welche es gar nicht begreifen konnten, daß man neben ihnen noch dieſer Frau gedenken konnte, welche die Zierde des Kaiſerhofes geweſen und die man ſogar jetzt unter dem legitimen Königthum noch als liebenswürdig, geiſtreich und ſchön zu preiſen wagte. Hortenſe hörte von den böslichen und unſinnigen Gerüchten, welche man über ſie verbreitete, und um ihrer Söhne und ihrer Freunde willen, war ſie ent⸗ ſchloſſen, ihnen ein Ziel zu ſetzen. „Ich muß meinem lieben St. Leu entſagen und nach Paris gehen,“ ſagte ſie.„Dort wird man Alles, was ich thue, beſſer beobachten können. Die Vernunft gebietet, daß man ſich den Umſtänden füge.“ Sie entſagte alſo ihrem ſtillen und befriedigenden Aufenthalt in St. Leu und ging mit ihren Kindern und ihrem Hof nach Paris, um dort wieder ihr Hoͤtel in der Rue de la Victoire zu bewohnen. 3 Aber dies gab den Verleumdungen ihrer Feinde, welche in ihr die verkörperte Erinnerung an das Kaiſerreich ſahen, das ſie zugleich haßten und fürch⸗ teten, immer neue Nahrung. Die Bonapartiſten kamen nach wie vor in den Salon der Herzogin von St. Leu, und keine Ueber⸗ redung, keine Vorſtellungen konnten Hortenſen bewe⸗ gen, den treuen Freunden die Thür zu verſchließen, weil ihre Treue ſie ſelber verdächtigen könnte. — 67— 8 Um aber dem Gerede, als ob nur Anhänger des Kaiſerreichs in ihren Salon kämen, zu widerſprechen, öffnete die Herzogin fortan auch den Fremden, welche Empfehlungen an ſie brachten und ihr vorgeſtellt zu ſein wünſchten, den Zutritt zu ihrem Salon. Jedermann beeilte ſich, von dieſer Erlaubniß Ge⸗ brauch zu machen. Vald verſammelte ſich der glänzendſte und aus⸗ erleſenſte Kreis um die Herzogin. Da waren die Großen des alten Kaiſerreichs, welche aus treuer An⸗ hänglichkeit kamen, die Fremden von Namen und Diſtinction, welche aus Bewunderung, und endlich die Ariſtokraten des legitimen Frankreichs, welche aus Neugierde kamen, um zu ſehen, ob die Herzogin von St. Leu wirklich ſo geiſtreich und liebenswürdig, ſo anmuthig und graciös ſei, ob man ſich bei ihr wirk⸗ lich ſo ungezwungen und geiſtvoll unterhalte, als es geſagt ward. Der Salon der Herzogin von St. Leu machte alſo in Paris noch mehr von ſich reden, als er es in St. Leu gethan. Die alten Herzoginnen und. Prinzeſſinnen, welche mit ihren Ahnen, ihren Vor⸗ urtheilen, ihren Anſprüchen und veralteten Coquet⸗ terien im Faubourg St. Germain zuſammen kamen, waren wüthend, jenes ewige Lob und ſtete Anprei⸗ ſen der reizenden Königin zu vernehmen, und ſuch⸗ ten ſich durch immer erneuerte Feindſeligkeiten an ihr zu rächen. . Es war nicht genug, daß man ſie am Hofe und in der Geſellſchaft als eine gefährliche Intriguantin verleumdete, man ſuchte auch in der Preſſe und in den Journalen gegen ſie zu wirken. Hortenſe, wie geſagt, war die verkörperte Erin⸗ nerung an das Kaiſerreich, und man wollte ſie des⸗ halb vernichten. Broſchüren und Flugſchriften er⸗ 5* 3— ſchienen, in denen man den König aufforderte, die gefährliche Frau, welche öffentlich und unter den Augen der Regierung eine Verſchwörung für Napoleon leite, aus Paris, ja aus Frankreich zu entfernen und mit ihr auch die beiden Kinder, die beiden Napoleo⸗ niden,„denn dieſe Prinzen da laſſen,“ ſagten die gehäſſigen Ankläger,„das hieße in Frankreich ſelbſt die Wölfe erziehen, von denen man eines Tages würde verſchlungen werden.“*) Hortenſe kümmerte ſich wenig um all' die Klat⸗ ſchereien und Verleumdungen. Sie war zu ſehr daran gewöhnt, mißverſtanden und falſch beurtheilt zu werden, als daß ſie ſich noch die Mühe hätte geben ſollen, ſich darüber zu beunruhigen. Sie wußte, daß man Verleumdungen durch Widerlegung niemals ertödtet, und daß man daher beſſer thut, ihnen nur ein ſtolzes Schweigen gegenüber zu ſtellen und ſie durch Verachtung zu bezwingen, ſtatt ihnen durch Widerlegung und Bekämpfung neue Nahrung zu geben. Sie ſelber verachtete die Verleumdung und Me⸗ diſance ſo ſehr, daß ſie es niemals duldete, daß man ihr von irgend Jemand Nachtheiliges ſagte, welches ihm in ihrem Geiſte hätte ſchaden können. Als eines Tages, während ſie noch als Königin in Holland war, eine der holländiſchen Damen ihr über eine andere Dame, welche ſie als Orangiſtin bezeichnete, eine gehäſſige Schilderung machen wollte, unterbrach ſie die Königin, indem ſie ſagte:„Madame, ich bin hier allen Parteien fremd, ich empfange alle Perſonen als gleichberechtigt, denn ich liebe es, von Jedermann Gutes zu denken, und ich empfinde gewöhnlich einen * *) Cochelet, Mémotres sur la reine Hortense. Vol. II. p. 2. — — — 69— ungünſtigen Eindruck nur von Denen, welche Uebles. von Andern ſprechen.“*) Und ſie ſelber war merkwürdiger Weiſe immer der Gegenſtand der Verleumdung, der Anklage, der Be⸗ ſchuldigung geweſen. „Ich habe,“ ſagt das Fräulein von Cochelet in ihren Memoiren,„ich habe fünfundzwanzig Jahre lang die Fürſtin Hortenſe niemals verlaſſen, ich habe bei ihr nicht einen Augenblick das mindeſte Gefühl der Er⸗ bitterung, gegen wen es auch ſei, geſehen; immer gut, immer ſanft, wurden alle Diejenigen, welche unglück⸗ lich waren, ihr intereſſant, und ſie beſchäftigte ſich da⸗ mit ihnen zu helfen, wo und wie ſie ſich ihr dar⸗ ſtellten. Und dieſe ſo edle, ſo ſanfte Frau befand ſich immer inmitten des gegen ſie entfeſſelten Haſſes, der abſurdeſten Verleumdungen, und dies ohne weiteren Schutz, ohne weitere Stütze, als nur die Gradheit und Reinheit ihrer Handlungen und ihrer Abſich⸗ ten.) Hortenſe dachte alſo auch jetzt nicht daran, dieſe Verleumdungen zu widerlegen, welche man über ſie⸗ ausbreitete. Ihre Seele war überdies von ganz andern und wichtigern Dingen bewegt.— Ein Abgeſandter ihres Gemahls, welcher in Flo⸗ renz lebte, war gekommen, um von Hortenſen im Namen Louis Bonaparte's ſeine beiden Söhne zu fordern. Er hatte ſich endlich nach vielen Verhand⸗ lungen bereit erklärt, zufrieden zu ſein, wenn ſeine Gemahlin ihm einen ihrer Söhne und zwar den älteſten, Napoleon Louis, ſende. Aber die zärtliche Mutter konnte und wollte nicht in die Trennung von einem ihrer Kinder willigen, *) Cochelet, Vol. I. p. 378. 70 d und da trotz ihres Bittens und ihres Flehens ihr Gemahl nicht einwilligen wollte, ihr die beiden Söhne zu laſſen, damit unter ihren Augen ihre Erziehung vollendet werde, ſo entſchloß ſie ſich in der bittern Pein der geängſteten Mutterliebe ſelbſt zu den äußer⸗ ſten Mitteln ihre Zuflucht zu nehmen, um nur ſich im Beſitz ihrer Kinder erhalten zu können. Sie erklärte alſo dem Abgeſandten ihres Gemahls ganz entſchieden, daß ſie ihre Söhne behalten werde und rief den Schutz der Geſetze für ſich an, damit ihre Rechte anerkannt würden, und man ihren Sohn nicht zwingen ſolle, ſeiner Heimathsrechte als Fran⸗ zoſe und Grundbeſitzer in Frankreich verluſtig zu gehen, indem er in ein erzwungenes Exil gehe. Während man alſo die Herzogin von St. Leu der Intriguen und Verſchwörungen zu Gunſten Napo⸗ leons beſchuldigte, war ihre ganze Seele nur mit die⸗ ſem Prozeß beſchäftigt, welcher darüber entſcheiden ſollte, ob ihr einer ihrer Söhne entriſſen werden könne, und wenn ſie Verſchwörungen machte, ſo wa⸗ ren es nur die, welche ſie mit ihren Advocaten gegen die Pläne ihres Gemahls ſpann. Aber die Verläumdungen, die Anklagen, die Schmähartikel in den Zeitungen nahmen deſſenuner⸗ achtet immer ihren Fortgang, und eines Tages hielten ihre Freunde es für nothwendig, der Herzogin eine Zeitung zu bringen, welche einen heftigen und ge⸗ häſſigen Schmähartikel gegen ſie enthielt, um ſie zu fragen, ob ſie erlaube, daß man auf denſelben etwas erwiedere. Hortenſe las das Blatt mit einem trüben Lächeln und gab es dann zurück.* „Es thut immer noch weh,“ ſagte ſie,„von ſeinen Landsleuten ſo geſchmäht zu werden, aber es würde unnütz ſein, etwas darauf zu erwidern. Ich weiß mich über ſolche Angriffe hinweg zu ſetzen, ſie be⸗ rühren mich nicht.“ Als aber am andern Tage daſſelbe Journal einen giftvollen gehäſſigen Artikel gegen Louis Bonaparte, Hortenſens Gemahl, enthielt, da erglühte ſie in edlem Zorn, und all' der Zwiſtigkeiten und des Unglücks, ja ſogar des Prozeſſes, den ſie gegen ihn führte, ver⸗ geſſend, erinnerte ſie ſich nur, daß es der Vater ihrer Kinder war, welchen man angegriffen, und daß er nicht da war, ſich zu vertheidigen. Sie mußte es alſo für ihn thun. „Ich bin empört, und ich will, daß Herr Després dieſen Artikel ſogleich beantworte,“ ſagte Hortenſe. „Wenn die väterliche und mütterliche Zärtlichkeit uns Beide jetzt in einen peinlichen Prozeß verwickelt hat, ſo geht dies Niemand etwas an und macht Keinem von uns Beiden Schande. Ich wäre in Verzweiflung, wenn man dieſe traurige Discuſſion benutzte, um den Vater meiner Kinder und den ſchönen Namen, wel⸗ cher er trägt, zu beſchimpfen. Eben weil ich allein bin, muß ich, ſo viel es in meinen Kräften iſt, die Vertheidigerin des Abweſenden ſein. Laßt alſo ſo⸗ gleich Herrn Després kommen, ich will ihm ſagen, bi er auf dieſen ſchmachvollen Artikel antworten oll! Am andern Tage erſchien in dem Journal ein feiner und beredter Artikel zu Gunſten Louis Bona⸗ parte's, welcher ſeine Ankläger beſchämte und ver⸗ ſtummen machte, und von dem der ſo warm verthei⸗ digte Prinz wohl nicht ahnte, daß er durch ſeine Ge⸗ mahlin, gegen die er einen ſo traurigen Prozeß führte, veranlaßt worden ſei,*) *) Cocheler, Vol. I. p. 303. Das Begräbniß Ludwig's XVI. und ſeiner gemahlin. Den eifrigen Bemühungen des königlichen Hofes war es endlich gelungen, die traurigen Ueberreſte des unglücklichen Königspaares aufzufinden, welches die Revolution auf das Schaffot geführt, und welches mehr für die Schuld ſeiner Vorgänger als für ſeine eigne hatte büßen müſſen. Gemäß den Angaben derer, welche damals Zeuge des düſtern und verachtungsvol⸗ len Begräbniſſes geweſen, das man den Leichen der „königlichen Märtyrer“ hatte zu Theil werden laſſen, hatte man in einem wüſten Winkel des Kirchhofs von St. Roch die Gebeine Ludwigs XVI. und auf einer andern Stelle auch die der Königin Marie Antoinette gefunden. Es war der ganz natürliche und gerechte Wunſch des Königs, dieſe Leichen in der Königsgruft von St. Denis zu beſtatten, aber er wollte es in der Stille und ohne Prunk thun. Sein feiner politiſcher Tact ſagte ihm, daß man mit den traurigen Ueberreſten des unglücklichen Königspaares nicht eine politiſche Demonſtration machen müſſe, daß man die Gebeine des unglücklichen und guten Ludwig XVI, nicht zu einem neuen Zankapfel machen ſolle. Aber der Hof des Königs, ſeine nächſten Ver⸗ wandten ſogar, ſeine Miniſter und die ganze Schaar der übermüthigen, ſtolzen Höflinge, welche mit dieſem Act der öffentlichen, prunkvollen Beerdigung nicht blos der Pietät gegen das gemordete Königspaar — 73— genug thun, ſondern mehr noch Diejenigen ſtrafen wollten, welche ſie heimlich„die Königsmörder“ nann⸗ ten, und welche ſie doch jetzt neben ſich dulden mußten, der ganze Hof des Königs verlangte eine feierliche Beerdigung und Ludwig, der, wie er ſelber geſagt, „wohl der König, aber nicht der Herr war,“ Ludwig mußte ſich ihrem Verlangen fügen. Man traf alſo die Vorbereitungen zu einem prunk⸗ vollen, öffentlichen Begräbniß der königlichen Gebeine und am 21. Januar 1815, dem Tage ſchmerzvoller Erinnerungen und ewigen Bedauerns für die könig⸗ liche Familie, am Todestage des Königs Ludwig XVI., ſollte die melancholiſche Feſtlichkeit ſtattfinden. Herr von Chateaubriand, der edle und geiſtvolle Lobredner und Freund der Bourbonen, ließ in dem Journal des Dobats einen Artikel erſcheinen, in wel⸗ chem er in begeiſterten Worten die bevorſtehende Feier verkündete. Dieſer Artikel ward ſodann beſonders abgedruckt, und ſo groß war die Theilnahme der Pa⸗ riſer an dem bevorſtehenden Ereigniſſe, daß an Einem Tage in Paris nur allein 30,000 Exemplare deſſelben abgeſetzt wurden. Am 20. Januar wurden die Gräber der„König⸗ lichen Märtyrer“ geöffnet, und alle Prinzen des Kö⸗ nigshauſes, welche dabei gegenwärtig waren, knieeten nieder am Rande der Gräber, um im Verein mit den Tauſenden von Menſchen, welche ihnen gefolgt waren, zu beten. Aber der König hatte ganz Recht gehabt! Dieſer Act, welcher den Einen eine Gerechtigkeit dünkte, er⸗ ſchien den Andern als eine provocirende Beleidigung, erinnerte ſie an jene traurigen Tage des Irrthums, des Fanatismus und der Verblendung, in denen auch leſean dem allgemeinen Taumel ſich hatten fortreißen aſſen. 74 Viele von den Convents Mitgliedern, welche da⸗ mals für den Tod des Königs geſtimmt, lebten noch jetzt in Paris, ja ſogar, wie z. B. Fouché, am Hofe des Königs, und ihnen Allen erſchien die bevorſtehende Feierlichkeit als eine tiefe Kränkung und Schmach. „Wiſſen Sie ſchon,“ rief Descourtis zu Camba⸗ cères hereinſtürzend, bei welchem eben der Graf von Pere ſich befand,„wiſſen Sie ſchon, daß die Feier⸗ lichkeit wirklich morgen ſtattfinden ſoll? Ja, morgen iſt der große Tag. Morgen will man uns den Dol⸗ chen der Fanatiker preisgeben. Iſt das die Verzei⸗ hung, welche man uns verſprochen hat?“ „Nun,“ rief der Graf von Pere(ein guter Royaliſt) „nun, ich wüßte nicht, daß es in der Charte einen Artikel gäbe, der die Ueberſiedelung der ſterblichen Reſte des Königlichen Paares verbietet. Man handelt alſo vollkommen geſetzlich.“ „Man will das Volk aufreizen,“ rief Descourtis, bleich, verſtört vor innerer Aufregung,„man will die Erinnerungen wecken und eine ſtumme Anklage ge⸗ gen uns ſchleudern. Aber eines Tages werden wir wieder die Macht in den Händen haben, und dann werden wir uns auch erinnern!“ Cambacéres hatte ſchweigend dem Geſpräch zuge⸗ hört, und jetzt lebhaft auf den empörten Conventio⸗ nellen ſchreitend, nahm er deſſen Hand, die er zürtlich in der ſeinen drückte. „Ach, mein Freund,“ ſagte er mit trauriger und feierlicher Stimme,„ich wollte, es wäre uns vergönnt, morgen in Trauergewändern, mit einer Fackel in de Hand hinter dem Leichenwagen hergehen zu können Wir wären Frankreich und uns ſelbſt wohl dieſen eclatanten Beweis unſerer Reue ſchuldig!“*). *) Mémoires d'une femme de qualité. Vcl. II. p. 69. ———- — 75— Am andern Tage fand das feierliche Leichenbe⸗ gängniß ſtatt. Ganz Paris wohnte demſelben bei. Jedermann, auch die alten Republikaner, die Bona⸗ partiſten ſo gut wie die Royaliſten, beeilten ſich, ſich auf dem Wege des Zuges zu befinden, um ein feier⸗ liches Zeugniß davon abzulegen, daß ſie mit der Ver⸗ gangenheit gebrochen und zur Reue über ſich ſelber gekommen. Feierlich und langſam, unter dem Geläute aller Glocken, dem dumpfen Wirbeln der Trommeln, dem Donner der Kanonen, den heiligen Geſängen des voranſchreitenden Clerus bewegte ſich der Zug vor⸗ wärts. Glänzend blitzte die goldene Krone, welche über dem Leichenwagen als Baldachin ſchwebte. Sie war von den Häuptern des Königspaares gefallen, als ſie noch lebten, jetzt hatte man die Todten damit ge⸗ ſchmückt. Feierlich und langſam bewegte der Zug ſich vor⸗ wärts, jetzt war er auf dem Boulevard angekommen, welcher die beiden Straßen Montmartre trennt. Plötz⸗ lich erſchallte die Luft von einem ungeheuren, viel⸗ tauſendſtimmigen Schrei des Entſetzens. Die Krone, welche über dem Leichenwagen ſchwebte, war herabgefallen, hatte mit einem dumpfen Stoß die Särge berührt, und war dann zerbrochen und in Stücken zerplatzt auf den blitzenden Schnee der Straße niedergefallen. Das geſchah am 21. Januar— zwei Monate ſpäter, um dieſelbe Stunde und an demſelben Tage fiel die Krone Ludwigs XVIII. von ſeinem Haupte und Napoleon ſetzte ſie auf das ſeine! Napoleons Rückſehr von Elha. Ein ungeheures Wort durchhallte in den erſten Tagen des März 1815 ganz Paris, ganz Frankreich, ganz Europa. Napoleon, hieß es, habe Elba ver⸗ laſſen, Napoleon habe ſich eingeſchifft und werde bald wieder in Frankreich ſein!— Die Royaliſten vernahmen es mit Entſetzen, die Bonapartiſten mit einem Entzücken, welches ſie ſich kaum noch die Mühe gaben zu verbergen. Hortenſe allein theilte nicht das allgemeine Ent⸗ zücken der Kaiſerlichen. Ihre Seele war tieftraurig und von unheilvollen Ahnungen bewegt.„Ich be⸗ klage den Entſchluß des Kaiſers,“ ſagte ſie,„ich würde Alles auf der Welt darum geben, wenn er nicht nach Frankreich zurückgekehrt wäre, weil ich für ihn kein Glück und keine Erfolge mehr ſehe. Viele werden ſich für ihn, Viele werden ſich wider ihn er⸗ klären, und wir werden einen Bürgerkrieg haben, deſſen beklagenswerthes Opfer der Kaiſer ſelber ſein kann.“*) Indeſſen ward die allgemeine Aufregung immer geriſſen, und Niemand wäre in dieſen Tagen im Stande geweſen, dem Andern einen kühlen, vernünf⸗ tigen Rath zu geben. Die alten Freunde des Kaiſers kamen in Maſſen zur Herzogin von St. Leu und forderten von ihr größer, Jedermann ward davon ergriffen und fort⸗ *) Cochelet. Vol. II. p. 348. Rath, Beiſtand und Ermuthigung, beſchuldigten Hor⸗ 4 3 6 —— tenſe der Gleichgültigkeit, der Theilnahmloſigkeit, weil ſie ihre Hoffnungen nicht theilte, und traurig war, ſtatt mit ihnen zu jubeln. Aber die Spione der noch herrſchenden Regierung, welche das Hôtel der Königin umlagerten, hörten nicht die Worte der Königin, ſie ſahen nur die ein⸗ ſtigen Generale, die einſtigen Rathgeber des Kaiſers täglich in das Hötel der Herzogin von St. Leu gehen, und das war genug, um Hortenſe als die Urheberin der ganzen Verſchwörung, welche Napoleon nach Frankreich zurückführte, zu ſtempeln. Die Königin erkannte die Gefahr ihrer Lage, aber ſie neigte ihr Haupt, um in ſchweigender Reſignation alle Schläge des Schickſals zu empfangen. „Ich ſehe auf allen Seiten für mich nur Qualen und Wirrniſſe,“ ſagte ſie,„aber kein Mittel, ihnen auszuweichen. Es bleibt mir alſo nichts übrig, als mich mit Muth zu waffnen, und das thue ich.“ Die königliche Regierung indeß hoffte immer noch, dem heranwogenden Meere einen Damm ſetzen, den Wellen der Empörung gebieten zu können rückwärts zu fluthen und diejenigen in ihren Wogen zu begra⸗ ben, welche ſie entfeſſelt hatten. Sie wollte das ungeheure Ereigniß, welches Frank⸗ reich mit neuen Pulsſchlägen durchglühte, nur wie eine Verſchwörung behandeln, die man noch zu rechter Zeit entdeckt hätte und die man daher noch zurück⸗ zuweiſen vermöchte. Man wollte daher vor allen Dingen ſich der„Verſchwörer,“ das heißt aller der⸗ jenigen, von denen man wußte, daß ſie dem Kaiſer in ihren Herzen treu geblieben, verſichern und ſie durch Gefangennahme unſchädlich machen. Eine wahre Hetzjagd der Polizei entſtand jetzt, Spione umlagerten alle Häuſer der Generale, Her⸗ zöge und Fürſten des Kaiſerreichs, und nur unter — 78— Verkleidungen und mit Liſt entkamen ſie den ſpähen⸗ den Augen der Polizei. Die Herzogin von St. Leu mußte auch endlich dem dringenden Flehen ihrer F Freunde nachgeben und für ſich während dieſer Tage der Un gewif ßheit und der Gefahr einen Zufluchtsorkd ſuchen. Sie mußte verkleidet ihr Hôtel verlaſſen und gelangte mitten durch die Schaar der Späher, welchs ihr Hôtel und die ganze Straße, in welcher ſs wohnte, belagerten, glücklich in das für ſie bei einer treuen Dienerin ihrer Mutter bereitete Verſteck. Ihre Kinder hatte ſie ſchon mehrere Tage zuvor bei einer andern treuen Dienerin aus den Tagen ihres Glanzes untergebracht. Auch der Herzog von Otranto, der jetzt wieder der treue Fouché des Kajſerreichs geworden, ſollte verhaftet werden. entkam aber diürch eine Liſt ſeinen Feinden und entfloh. Genhexut Lavalette, welcher wußte, das die Polizei das Höôtel der Herzogin von St. Leu nicht mehr bewache, weil ſie erſpäht, daß die Herzogin nicht mehr dort ſei, Layalette benutzte die⸗ ſen Umſtand, und verbarg ſich ni dem Hötel der Her zogin vor den Nachſtellungen d der Polizei, und Herr von Dandré, der Chef der Polizei, welcher ſich ver⸗ geblich bemühte, die ſogenannten Verſchwörer zu fan⸗ gen, rief händeringend:„Ich kann Niemand mehr verhaften; man hat ſo viel davon Feſprochen, daß die Bonapartiſten verhaftet werden müßten, daß ſie in dieſer Stunde Alle verſteckt und g r nicht aufzu⸗ finden ſind.“ Indeſſen platzte plötzlich wie eine Vombe in das geängſtete, zweifelnde, hin und her wogende Paris die Nachricht hinein:„Der Kaiſer iſt in Grenoble vom Volk mit Jubel empfangen worden, und die Truppen, welche gegen ihn geführt werden ſollten, haben ſich unter Anführung ihres Chefs Carl von La⸗ fr das en bedoyère zu dem Kaiſer geſchlagen. Die Stadt hat ihm ihre Pforten geöffnet, das Volk iſt ihm mit Jubel⸗ rufen entgegen gezogen, und jetzt ſteht Napoleon nicht mehr an der Spitze eines kleinen Trupps, ſon⸗ dern an der Spitze einer kleinen Armee, die ſich aber mit jeder Stunde vergrößert.“ Die Regierung verſuchte noch, in ihren Journalen und durch ihre Beamten den Pariſern das Gegen⸗ theil glaublich zu machen. Aber ſie ſelber glaubte nicht mehr. Sie hörte durch die Luft das alte, verhaßte Jauchzen„Vive l'Em- pereur!“ ſie hörte das Flattern der Siegesfahnen von Marengo, Arcole, Jena und Auſterlitz! Der Kaiſer Napoleon war immer noch der ſiegreiche Held, welcher das Schickſal beherrſchte und es zwang ſich für ihn zu erklären! Ein wahrer Taumel des Entſetzens bemächtigte ſich nun der königlich Geſinnten, verzweiflungsvolle Entſchlüſſe wogten in ihnen auf und als ſie erfuhren, daß Napoleon jetzt ſchon in Lyon angekommen, daß die Bevölkerung ihn auch dort mit Begeiſterung auf⸗ genommen, die Garniſon auch dort ſich für ihn er⸗ klärt habe, da bemächtigte ſich ihrer ein paniſcher Schrecken, ein ungeheures Entſetzen. Im Hauſe des Grafen de la Pere verſammelten ſich die Häupter der Royaliſten zu einer letzten gro⸗ ßen Beſprechung und Berathung. Die ausgezeich⸗ netſten Perſonen, Männer und Frauen der verſchie⸗ denſten Denkweiſe ſonſt, nur zuſammentreffend in dem Einen Punkte, in dem Schrecken vor Bonaparte, in der Liebe zu den Bourbonen, vereinigten ſich hier in demſelben Salon, mit denſelben Empfindungen des patriotiſchen Entſetzens und demſelben guten Willen öffentliche Wohl. Da war Frau von Staël, amin Conſtant, Graf Lainé und Chateaubriand, — 0— da war der Herzog von Némours und der Graf de la Pere, und um ſie her drängte ſich die Schaar der geängſteten Noyaliſten, erwartend und hoffend, daß die beredeten Lippen dieſer berühmten Perſonen, welche da in ihrer Mitte ſtanden, ihnen den Sieg, die Hoffnung, kurz das Leben wiedergeben ſollten. Benjamin Conſtant ſprach zuerſt. Er ſagte, man müſſe Napoleon, das heißt der Gewalt, eine Gewalt gegenüber ſtellen. Bonaparte ſei bewaffnet mit der Liebe der Soldaten, man müſſe ihm die Spitze bie⸗ ten mit der Liebe der Bürger. Sein Anblick ſei im⸗ poſant, wie das Antlitz Cäſars, man müſſe ihm ein eben ſo erhabenes Angeſicht gegenüber ſtellen. Man ſolle alſo Lafayette zum General en chef der franzö⸗ ſiſchen Armee ernennen. Herr von Chateaubriand rief mit dem edlen Feuer des Zornes: das Erſte, was das Gouvernement zu thun habe, ſei, daß es ein Miniſterium, welches ſo vieler Fehler und ſo großer Kurzſichtigkeit ſchuldig ſei, ſtrenge beſtrafe. Lainé erklärte mit Thränen in den Augen und mit faſt ſchluchzender Stimme: Alles ſei verloren, und nur Ein Mittel gäbe es noch, um der Tyrannei zu impo⸗ niren; man müſſe ihr das Schickſal des Schreckens, des Entſetzens und Schmerzes bereiten, welche die ganze Hauptſtadt bei der Annäherung des verhaßten Feindes empfände; demzufolge müßten die ganze Be⸗ völkerung von Paris, die ganze Nationalgarde, die Mütter, die jungen Mädchen, die Kinder, die Greiſe und die Männer die Stadt verlaſſen, und vor den Mauern der Stadt ſolle dieſe Million Menſchen an ſich Den vorüberziehen laſſen, der komme, ihnen ihren Frieden zu rauben, und ſolle ihn erſchrecken oder rüh⸗ ren durch dieſes Bild eines ganzen Volkes, das vor dem Anblick eines einzigen Menſchen flieht! — Ax= Frau von Staöél ſprach in ihrer begeiſterten ener⸗ giſchen Weiſe ein Anathema gegen den Uſurpator, der auf's Neue die Fackel des Krieges über das wim⸗ mernde und zuckende Frankreich ſchwingen wolle. Jedermann war gerührt, begeiſtert, angeregt— aber man hatte nur noch ſchöne und große Phraſen, und Alles, was die beredten Lippen dieſer berühmten Dichter und Politiker geſprochen, war doch in gewiſ⸗ ſem Betracht nichts weiter als ein Protokoll über den Zuſtand des Kranken, und über die unheilbaren Wunden, welche ihm geſchlagen worden. Dieſer Kranke war Frankreich, und die Royaliſten, welche da in dem Salon des Grafen de la Pere verſammelt waren, fühlten jetzt, daß ſie den Kranken nicht mehr zu retten vermöchten, daß ihnen nichts mehr übrig blieb, als in die Verbannung zu gehen, und ihn zu beweinen 1*) XI. Ludwigs XVIII. Abreiſe und Napoleons Ankunft. Während die Royaliſten alſo überlegten, berath⸗ ſchlagten, verzweifelten und weinten, hatte König Ludwig XVIII. allein noch ſeine Ruhe und Sicherheit zu bewahren gewußt. Das heißt, man hatte ſich wohl gehütet, ihm die Dinge ſo darzuſtellen, wie ſie ſich wirklich begaben. Man hatte ihm vielmehr ge⸗ ſagt, daß Bonaparte überall vom Volk mit kaltem Schweigen geduldet werde und daß die Armee ſeinem *) Mémoires d'une femme de qualité. Vol. I. p. 99. Königin Hortenſe. II. 4 6 4 Rufe nicht folge, ſondern dem König die Treue be⸗ wahre. Das Jubelgeſchrei des Volkes, mit dem es aller Orten den fortſchreitenden Napoleon empfing, fand daher keinen Wiederhall in den Tuilerien, und das, was ſich dem König, als er ſich am 16. März in die Kammern begab, um an das Corps législatif eine ermunternde und anfeuernde Rede zu halten, das, was ſich auf ſeinem Wege dahin dem Könige entge⸗ gen drängte, war wiederum nicht das Volk, ſondern die Royaliſten, dieſe ſonſt ſo ſtolzen Herren und Da⸗ men vom alten Adel, welche wiederum, wie am Tage des erſten Einzugs, die Rolle übernahmen, zu wel⸗ cher das Volk ſich nicht bequemen mochte, welche ſich ſelbſt auf eine Stunde in das Volk verwandelten, um dem König die Demonſtrationen der Liebe ſeines Volkes zu machen. Der König war völlig getäuſcht. Herr von Bla⸗ cas erzählte ihm von immer neuen Niederlagen Na⸗ poleons, während immer neue Siege den Weg des Kaiſers bezeichneten. Man war ſo weit gegangen, dem König zu ſagen, Lyon habe dem Kaiſer ſeine Thore verſchloſſen, Ney ſei ihm entgegen gerückt und habe geſchworen, den Kaiſer in einem eiſernen Käfig nach Paris zu ſchaffen. Der König war alſo ruhig, gefaßt und entſchloſſen, als plötzlich ſein Bruder, der Graf von Artois, und der Herzog von Orleans, welche nach der Meinung des Königs ſiegreich in Lyon ſtanden, allein, flüchtig,. von ihren Soldaten und von ihren Dienern verlaſſen, in Paris anlangten und dem König ſagten, daß Lyon den Kaiſer mit offenen Armen empfangen, und daß ihnen Beiden nichts übrig geblieben, als ſchleunig zu fliehen. Und eine zweite, eine entſetzlichere Nachricht folgte dieſer erſtern. Ney, die Hoffnung des Königs, die 3— 83— letzte Stütze ſeines wankenden Thrones, Ney hatte es nicht vermocht, ſeinem alten Waffengefährten feind⸗ lich gegenüberzuſtehen, Ney war zum Kaiſer überge⸗ gangen und ſeine Armee war ihm jauchzend gefolgt. Jetzt öffnete der König die Augen, jetzt ſah er die Wahrheit und erkannte, wie ſehr man ihn ge⸗ täuſcht hatte. „O,“ rief er ſchmerzlich,„Bonaparte fiel, weil er die Wahrheit nicht hören wollte, und ich werde fal⸗ len, weil man ſie mir nicht ſagen wollte!“*) In dieſem Moment und während der König ſeine Brüder und Verwandten und die Herren ſeines Hofes, welche ihn umgaben, mit beredten Worten aufforderte, ihm die Wahrheit jetzt endlich zu ſagen, öffnete ſich die Thür und der bis dahin immer noch ſo ſorgloſe, ſo zuverſichtliche und ſiegesgewiſſe Mini⸗ ſter, Graf von Blacas, ſchwankte bleich und zitternd herein. Die Wahrheit, welche er dem König ſo lang ver⸗ ſchwiegen, ſprach jetzt deutlich aus ſeinem bleichen, entſetzten Geſicht. Der König hatte die Wahrheit hören wollen, ſie ſtand ihm gegenüber in der Perſon ſeines zitternden Miniſters. Eine tiefe Stille trat ein, Aller Blicke wandten ſich auf den Grafen hin, und inmitten des allgemei⸗ nen Schweigens hörte man ihn mit ſchluchzender Stimme ſagen:„Sire, Alles iſt verloren; die Armee verräth Ew. Majeſtät ſowohl als das Volk. Ew. Ma⸗ jeſtät muß ſich entſchließen, Paris zu verlaſſen.“ Der König ſchwankte einen Schritt rückwärts und ließ dann ſeine fragenden Blicke an den Geſich⸗ tern aller Anweſenden vorüberſchweifen; kein einziges Auge wagte ihm zu begegnen, ihm einen Schimmer *) Des Königs eigene Worte. ven Hoffnung zu geben! Alle ſenkten ſie den Blick zu Boden! Der König verſtand dieſe ſtumme Antwort und ein ſchwerer Seufzer rang ſich aus ſeiner Bruſt hervor. „Nun wohl,“ ſagte er mit einem bittern Lächeln, „der Baum trägt ſeine Frucht; Ihr habt mich bis jetzt für Euch regieren laſſen wollen, von jetzt an werde ich für Niemand mehr regieren. Wenn ich aber noch einmal wieder auf den Thron meiner Väter zurückkehre, dann ſtehe ich Euch dafür ein, daß Ihr mir Erfahrungen gegeben habt!“*) Wenige Stunden ſpäter, bei here einbrechender D Dun⸗ kelheit, verließ der König, geſtützt auf den Arm des Grafen von Blacas, und unter Vortritt eines einzig3en Lakaien, welcher eine Fackel trug, ohne Gefolge, ohne. Dienerſchaft die ſchon wieder verödeten und einſamen Tuilerien und entfloh nach Holland. Genau vierundzwanzig Stunden ſpäter, am Abend 8 des 20. März, zog Napoleon unter dem Zujauchzen des Volkes, unter dem donnernden„Vive l'Empereur!“ der Truppen in die Tuilerien ein, auf denen heute an derſelben Stelle, wo geſtern noch die weiße Fahne der Bourbonen geflattert, die Tricolore des Kaiſer⸗ reichs ſtolz durch die Luft rauſchte. In den Tuilerien fand der Kaiſer alle ſeine alten Miniſter, ſeine Generale, ſeine Hofbeamten verſam⸗ melt, Jedermann wollte ihn ſehen, ihn grüßen, eine ungeheure Menſchenmaſſe drängte ſich im Eingange auf den Treppen, in den Corridors. Auf den Armen, den Schultern dieſer Maſſe getragen, ſchwebte der Kaiſer die Treppe empor und zu ſeinen Gemächer —— *) Des Kinſgs Gedene Worte Nemoires d'une femme de qualité. Vol. I. p. — 5— hin, und während man drinnen jauchzte und ſchrie, umlagerte das Volk zu Tauſenden die Tuilerieen, um gleich den Glücklichen, welche eben den Kaiſer in ſeine Gemächer trugen, zu ſchreien und zu jauchzen: „Vive l'Empereur!“ In ſeinem Cabinet, wohin ſich Napoleon ſofort begab, empfingen ihn die Königin Julie, Gemahlin Joſeph Bonaparte's, und die Königin Hortenſe, welche jetzt endlich ihren Verſteck hatte verlaſſen dürfen, und nach den Tuilerien geeilt war, den Kaiſer zu be⸗ grüßen. Napoleon empfing Hortenſe mit einem kalten und finſtern Gruß, er fragte flüchtig nach dem Befinden ihrer Söhne und fügte dann faſt ſtrenge hinzu:„Du haſt meine Neffen in eine falſche Poſition gebracht, indem Du ſie mitten unter meinen Feinden ließeſt.“ Hortenſe erbleichte und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Der Kaiſer ſchien es nicht zu bemerken. „Du haſt die Freundſchaft meiner Feinde angenom⸗ men,“ ſagte er,„und Dich von den Bourbonen ver⸗ pflichten laſſen. Ich rechne auf Eugéne; ich hoffe, er wird bald hier ſein, ich habe ſchon aus Lyon an ihn geſchrieben.“— Das war der Empfang, welchen Hortenſe von dem heimkehrenden Kaiſer erhielt. Er zürnte ihr, daß ſie in Frankreich geblieben, und während deß ſagten die Bourbonen, welche auf der Straße nach Holland flüchteten:„Die Herzogin von St. Leu iſt an Allem Schuld! Ihre Intriguen und Kabalen allein haben Napoleon wieder nach Frankreich zurückgeführt.“ XII. Die hundert CTage. Die hundert Tage, welche der Rückkehr des Kaiſers folgten, ſind wie eine uralte Mythe, wie ein home⸗ riſches Gedicht, wo die Heroen mit einem Griff ihrer Hand Welten zerſchmettern, und mit einem Tritt ihres Fußes Armeen aus der Erde ſtampfen; wo ein Athemzug genügt, um Völker untergehen und neue auftauchen zu laſſen. Wie ein großes Rieſen⸗Epos ſtehen dieſe hundert Tage in der Geſchichte da, und Alles, was die Erde an Herrlichkeit und Entzücken, an Pracht und Glanz, an Glück und Sieg, Alles, was ſie an Unglück und Jammer, Schmach und Elend, an Verrath und Per⸗ fidie enthält, Alles das war in dieſe hundert Tage des reſtaurirten Kaiſerreichs zuſammengedrängt. Glänzend und wundervoll war ihr Anfang. Ganz Frankreich ſchien dem Kaiſer entgegen zu jauchzen, Jedermann beeilte ſich, ihn ſeiner unwandelbaren Treue zu verſichern und ihm begreiflich zu machen, daß man den Bourbonen nur gezwungen gehorſamt habe.— Die alte Pracht des Kaiſerreichs herrſchte wieder in den Tuilerieen, wo der Kaiſer wieder ſeinen glänzenden Hof hielt, nur daß ſtatt der Kaiſerin Marie Luiſe, welche nicht gleich ihrem Gemahl heim⸗ kehrte, Königin Hortenſe die Honneurs des Hofes machen mußte, nur daß der Kaiſer ſeinem Volke nicht ſeinen eignen Sohn, den König von Rom zeigen konnte, ſondern nur ſeine beiden Neffen, die Söhne Hortenſens! 82— Der Kaiſer hatte ſich ſchnell mit der Königin aus⸗ geſöhnt, er hatte ihren ſanften und doch entſchiedenen Auseinanderſetzungen zuſtimmen müſſen, er hatte be⸗ griffen, daß Hortenſe der Zukunft ihrer Söhne das Opfer gebracht hatte, trotz ihres eigenen Widerſtre⸗ bens, in Frankreich zu bleiben. Als Napoleon ihr dann verſöhnt und mit ſeinem unwiderſtehlichen Lächeln die Hand reichte, bat er Hortenſe, ihm einen Wunſch zu ſagen, damit er ihn erfüllen könne. Die Königin Hortenſe, die von den Royaliſten ſo bitter verleumdete und geſchmähete Frau, welcher die flüchtenden Bourbonen noch jetzt als ihrer Verderberin zürnten, die Königin erbat es ſich vom Kaiſer als eine Gnade, daß er der Herzogin von Orleans, die wegen eines Beinbruchs Paris nicht hatte verlaſſen können, den Aufenthalt daſelbſt geſtatte, und ihr außerdem eine Penſion bewillige. Sie ſagte dem Kaiſer, daß ſie von der Herzogin einen Brief erhal⸗ ten, in welchem dieſe um ihr Fürwort bäte, um vom Kaiſer eine Unterſtützung,„deren ſie in ihrer äußerſt bedrückten Lage ſo dringend bedürfe,“ zu er⸗ halten.—. 3 Der Kaiſer bewilligte ſeiner Stieftochter Hortenſe ihren Wunſch, und auf ihre Verwendung allein ge⸗ ſchah es, daß der Herzogin von Orleans, der Mut⸗ ter des nachherigen Königs Louis Philipp, von Na⸗ poleon eine Penſion von 400,000 Franes bewilligt ward.*) Ebenſo wurde einige Tage ſpäter der Her⸗ zogin von Bourbon, welche ſich auch bittend an Hor⸗ tenſe gewendet hatte, auf ihre Fürſprache beim Kai⸗ ſer, eine Penſion von 200,000 Franes bewilligt, und beide Damen beeilten ſich, die Königin Hortenſe in *) La reine Hortense en halie, en France et en Angleterre. Verit par elle méme. p. 185. — 38— den zärtlichſten und ſchmeichelhafteſten Briefen ihrer ewigen Dankbarkeit zu verſichern. Hortenſe war ſtrahlend vor Freude über die er⸗ haltene Gewährung ihrer Bitte, ſtolz und glücklich wie nach einem gewonnenen Siege. „Es war für mich eine heilige Pflicht,“ ſagte ſie „mich für dieſe Damen zu verwenden. Sie befanden ſich iſolirt und verlaſſen, wie ich es ſelbſt noch vor wenigen Tagen war, und ich weiß, wie traurig das iſt!“— Aber jetzt war Hortenſe nicht mehr iſolirt und ver⸗ laſſen, jetzt war ſie wieder die Königin, nicht mehr die Herzogin von St. Leu, jetzt war ſie wieder der Mittelpunkt des Hofes, jetzt neigten ſich wieder vor ihr alle Häupter, und die vornehmen Damen, welche ihrer ſeit einem Jahre vergeſſen hatten, beeilten ſich jetzt wieder, der Königin ihre Huldigungen darzu⸗ bringen. 4 „Majeſtät,“ ſagte eine dieſer Damen zu der Kö⸗ nigin,„Sie waren unglücklicher Weiſe dieſen Winter jedes Mal auf dem Lande, wenn ich kam, um Ihnen meine Huldigung darzubringen.“ Die Königin ſagte mit einem ſanften Lächeln nur: „Ja, Madame!“ 8. Hortenſe, wie geſagt, war jetzt wieder der Mit⸗ telpunkt des ganzen Hofes und auch die öffentlichen Behörden eilten auf Befehl des Kaiſers, der kaiſer⸗ lichen Familie ihre Aufwartung zu machen und die Stieftochter Napoleons ehrfurchtsvoll um eine Audienz zu bitten. Jeden Tag gab es Feſte und öffentliche Repräſentationen. 1 Das erhabenſte und impoſanteſte von dieſen allen war die am 1. Juni ſtattfindende Feierlichkeit des Champ-de-Mai, wo der Kaiſer auf dem Märzfelde in Gegenwart des Volkes, welches ihm zujauchzte, 4 — 89— ſeiner Armee die neuen Adler und Fahnen gab, welche ſie hinfort wieder ſtatt der Bourboniſchen Li⸗ lien in die Schlachten tragen ſollten. Es war ein wundervoller, bezaubernder Anblick, das Meer von Menſchen zu ſehen, welches da auf dem ungeheuren Raum auf und nieder wogte, und ſein„Vive lEmpereur!“ donnerte und brauſte, die ſtolzblickenden, triumphirenden Soldaten zu ſehen, die aus den Händen des Königs die Adler empfingen, welche die Prieſter auf dem Altar, der dem Kaiſer gegenüber ſich erhob, geweiht hatten, ein wundervoller Aublick, dieſe mit hunderten von geputzten, in Brillanten funkelnden Damen beſetzten Tribünen zu ſehen, welche hinter dem Fautenil des Kaiſers ſich befanden, und auf deren erſten Sitzen, unmittelbar hinter dem Kai⸗ ſer, die Königin Hortenſe mit ihren beiden Söhnen Platz genommen hatte. Und die Luft war ſo balſamiſch ſchön, und die Sonne ſchien ſo leuchtend hernieder auf alle dieſe Pracht und Herrlichkeit, und die Kanonen donnerten ſo mächtig drein, und die Muſik ſchmetterte dazwiſchen mit ihren jubelnden Fanfaren— und während Alles jauchzte und ſchrie, ſtaunte und triumphirte, ſaß Hor⸗ tenſe hinter dem Lehnſtuhl des Kaiſers und zeichnete ganz heimlich und verſtohlen in ihrem Skizzeubuche die impoſante Scene, welche ſie da vor ſich ſah, dieſe großartige Ceremonie, von welcher ſie im ahnungs⸗ vollen Geiſte ſagte,„daß ſie vielleicht die letzte des Kaiſerreichs ſein möchte.“*) Hortenſe allein ließ ſich nicht täuſchen von die⸗ ſem allgemeinen Entzücken, dieſer allgemeinen Zu⸗ friedenheit! 4 Der Himmel ſchien noch heiter und keuchtend, ſie *) Cochelet. Vol. III, p. 87. — 90— aber ſah ſchon die Wolken, welche heraufzogen, ſie hörte ſchon das Grollen des Ungewitters, das bald, und diesmal für immer, den Thron des Kaiſers zer⸗ ſchmettern ſollte! Sie wußte, daß ein Tag kommen werde, an welchem all dieſer Glanz plötzlich erbleichen ſolle, an welchem alle Diejenigen, welche heute ſich ſo demuthsvoll vor ihm neigten, ſich wieder von ihm wenden würden, an welchem man den Kaiſer wieder, wie man es ſchon einſt gethan, verleugnen und ver⸗ laſſen werde, und daß von dieſem Tage an ihr die jetzige Zeit des Glanzes als eine Schuld angerechnet werden würde. Aber dieſes Wiſſen machte ſie weder ängſtlich noch befangen. Der Kaiſer war wieder da, er war der Herr und Vater, welchen ihre Mutter Joſephine ihr hinterlaſe ſen, und treu und gehorſam wollte und mußte ſie ihm ſein, ſo langte ſie lebte. 5„ Noch, wie geſagt, leuchtete die Sonne hell und ſtrahlend über dem neuen Kaiſerreich, und in dem Salon der Königin Hortenſe, wo die Diplomaten und Staatsmänner, die Künſtler und alle Notabili⸗ täten des Kaiſerreichs ſich zuſammen fanden, gab man ſich der unbefangenſten Heiterkeit hin, beſchäftigte man ſich mit Literatur und Muſik, huldigte man allen Künſten und ſchien harmlos und unbefangen nur dem heitern Augenblick zu leben. Benjamin Conſtant, der ſich ſchnell genug aus einem enthuſiaſtiſchen Royaliſten iu einen kaiſerlichen Staatsrath verwandelt hatte, kam in den Salon der Königin und las dort ſeinen Roman„Adolphe“ vor, und Metternich, der Geſandte Oeſterreichs, ſchien gar keine andere Beſchäftigung, keine anderen Aufgaben zu kennen, als die Königin und den Kreis der in ih rem Salon verſammelten Damen zu amüſiren und für ſie neue geſellſchaftliche Spiele zu erſinnen. —.,— * — 91— Metternich verſtand es, tauſend allerliebſte Nich⸗ tigkeiten in Mode zu bringen, die dann ein Gegen⸗ ſtand des Vergnügens und der Unterhaltung wurden; er lehrte die Damen die ſo reizende, ſo poetiſche Blu⸗ menſprache, und machte ſie in dem Cirkel der Köni⸗ gin zu einem ſymboliſchen Mittel ſich jederzeit zu verſtändigen; er erfand auch, zum Ergötzen des Ho⸗ fes der Königin, das Alphabet der Edelſteine; jeder Edelſtein ſtellte in dieſem Alphabet ſeinen Anfangs⸗ buchſtaben dar, und durch die Zuſammenſetzung bil⸗ det man Namen und Deviſen, welche man in Col⸗ liers, Armbänder und Ringe faſſen ließ.— Man ſieht, es waren ſehr unſchuldige und harm⸗ loſe Spiele, welche den Diplomaten Metternich wäh⸗ rend der hundert Tage am Kaiſerhofe zu Paris be⸗ ſchäftigten! XIII. Napoleons letztes Lebewohl. Das Gewitter, welches Königin Hortenſe ſo lange vorher geahnt, kam ſchnell genug heraufgezogen. Alle die Fürſten Europa's, welche einſt die Bundesgenoſ⸗ ſen Napoleons geweſen, hatten ſich jetzt gegen ihn erklärt. Keiner von ihnen Allen wollte Napoleon als den Kaiſer anerkennen, Keiner wollte mit ihm als einem Berechtigten unterhandeln. „Kein Friede, keine Unterhandlungen, keine Ver⸗ ſöhnung mehr mit dieſem Mann,“ ſchrieb Kaiſer Alexander an Pozzo di Borgo,„ganz Europa bekennt ſich zu denſelben Geſinnungen gegen ihn. Außer die⸗ ſem Mann Alles, was man will; keine Vorliebe für irgend Jemand; kein Krieg, ſobald dieſer Mann be⸗ ſeitigt ſein wird.“*) Aber um„dieſen Mann zu beſeitigen“ bedurfte es des Krieges. Die Armeen der Alliirten rückten daher gegen die franzöſiſchen Grenzen, die Großmächte er⸗ klärten Frankreich, oder vielmehr dem Kaiſer Napo⸗ leon, den Krieg und Frankreich, welches ſich ſo lange nach Frieden geſehnt, welches die Bourbonen nur angenommen, weil es von ihnen den Frieden gehofft, Frankreich mußte den Krieg annehmen. Am 12. Juni verließ der Kaiſer mit ſeiner Armee Paris, um ſeinen Feinden entgegen zu ziehen. Na⸗ poleon ſelbſt, welcher ſonſt immer ſo leuchtend und ſiegesgewiß in die Schlacht gezogen, war dieſes Mal düſter, verſtimmt und niedergeſchlagen, denn er wußte wohl, daß von dem Schickſal ſeiner Armee ſein eige⸗ nes und das Geſchick Frankreichs abhängig ſei. Die⸗ ſes Mal handelte es ſich nicht um Eroberungen, ſon⸗ dern um die bedrohete National⸗Unabhängigkeit, und es war die vom Blute ihrer Kinder geröthete Mut⸗ tererde, welche man zu vertheidigen hatte. Paris as jebt achtzig Tage der Herrlichkeit und der Feſte ſehen, Paris bedeckte ſich wieder mit dem düſtern Schleier der Trauer; die Feſte, die Geſänge, die Vivats e ummten und Jedermann lauſchte in die Ferne, als hoffe er da die Kanonen einer ſieg⸗ reichen Schlacht zu vernehmen. Aber die Tage der Siege waren vorüber; die Ka⸗ nouen erdröhnten, die Schlacht wurde geſchlagen, aber es war keine Schlacht des Sieges, ſondern des Un⸗ terganges! Bei Waterloo ſanken die Adler, welche auf dem *) Cochelet, Vol. III. p. 90. — 93— Maifelde am 1. Juni erſt ihre Weihe erhalten, in den Staub, der Kaiſer kehrte flüchtig und zerbrochen nach Paris zurück, während die Alliirten mit dröhnendem Siegerſchritt ſich der Hauptſtadt näherten. Bei der erſten Nachricht von der Heimkehr des Kaiſers eilte Hortenſe in das Elyſée, wo der Kaiſer dieſes Mal abgeſtiegen, um ihn zu begrüßen. Sie hatte die letzten Tage in dumpfem Sinnen und Hin⸗ brüten verbracht, jetzt, da die Gefahr da war, jetzt, wo Alle verzagten, jetzt war ſie gefaßt, reſignirt und bereit, an der Seite des Kaiſers auszuharren bis zum letzten Moment. Napoleon war verloren, Hortenſe wußte es, aber in dieſem Moment gerade bedurfte er der Freunde, und ſie blieb ihm treu, als ſo ut. und ſeine näch⸗ ſten Verwandten und Freund ſogar, ihn verließen. Am 22. Juni ſandte der Kaiſer den Kammern das Decret ſeiner Abdankung zu Gunſten ſeines Soh⸗ nes, des K Königs von Rom, und am Tage darauf lärten die Kammern den Sohn Napoleons unter dem Namen Napoleon II. zum Kaiſer der Franzoſen. Aber dieſer Kaiſer war ein Knabe von vier Jah⸗ ren und er war nicht in Frankreich, ſondern unter der Obhut des Kaiſers von Oeſterreich, deſſen Armee eben feindlich gegen Paris anrückte! Napoleon, jetzt nicht mehr der Kaiſer von Frank⸗ reich, hatte jetzt zum zweiten Male die Krone von ſeinem Haupte nehmen müſſen, und zum zweiten Male verließ er Paris, ſein Geſchick von den Alliir⸗ ten erwartend. Dieſes Mal indeß begab er ſich nicht nach Fon⸗ tainebleau, ſondern nach Malmaiſon,— nach Mal⸗ maiſon, welches einſt das Paradies Joſephinens gewe⸗ ſen und wo ſich dann ihr Herz verblutet hatte. Jetzt war dies Luſtſchloß in der der Königin Hor⸗ tenſe übergegangen, und Napoleon, welcher geſtern noch über ein ganzes Reich zu gebieten hatte und heute nichts mehr ſein nannte, nicht einmal den Fuß⸗ breit Landes, auf welchem er ſtand, Napoleon fragte Hortenſe, ob ſie ihn in Malmaiſon aufnehmen wolle. Hortenſe gewährte es freudig und als ihre Freunde dies erfuhren und entſetzt und geängſtigt ſie beſchwo⸗ ren, nicht auf dieſe Weiſe ſich und ihre Kinder mit dem Schickſal des Kaiſers zu identificiren, ſondern die Gefahr der Verhältniſſe wohl zu erwägen, ſagte die Königin entſchieden:„Das kann nur ei Grund mehr für mich ſein, um mich in neim rge zu befeſtigen. Ich mache mir eine heilige Pflicht daraus, dem Kaiſer bis zum letzten Moment treu zu bleiben, und je mehr der Kaiſer in Gefahr iſt, deſto glücklicher werde meine ganze Ergebenheit und Dankbarke w u können.“ Und als in dieſem entſe und i ſten Freundinnen es wagte, di galten und rde, wenn ſie den Kaiſer in Malmaiſon empfinge, da antwor⸗ tete Hortenſe mit Hoheit:„Ws kümmern mich dieſe Verleumdungen; ich ee Pflicht, welche mir ältniß laglien ausge⸗ mein Gefühl und meine rincipien gebieten. Der Kaiſer hat mich immer als ſein Kind behandelt, ich werde daher immer für ihn dins iidö n und dank⸗ bare Tochter ſein, und mein erſtes Bedürfniß iſt: Frieden mit mir ſelber zu haben*)“„ *) Cocheiet, Vol. .— 95— Hortenſe alſo begab ſich mit dem Kaiſer nach Mal⸗ maiſon, und die Treuen, welche ihn im Unglück nicht verlaſſen wollten, ſchaarten ſich um ihn und bewach⸗ ten ſein Leben, und gaben ſeiner Reſidenz jetzt noch den flüchtigen Schimmer der Größe und der Herr⸗ lichkeit. Denn es waren Marſchälle und Generale, 5 d Fürſten, welche ſich um Napoleon ſam⸗ den Dienſt bei ihm verrichteten, und ihn gegen jegliche augenblickliche Gefahr, die ihn tiſchen Feinden oder gedungenen Meuchel⸗ n bedrohen konnte. das Schickſal Napoleons war doch ſchon ent⸗ war ein unabwendbares, und als die Malmaiſon kam, daß die Alliirten inzögen, daß ihnen nirgends mehr eengeſetzt würde, als Napoleon erloren, Alles in Trümmer zer⸗ fallen ſei, ſei von und ſeine Krone, und auch die Liebe, welche er ſich für immer in erzen der nzoſen mit ſeinen Großthaten un n Siegen Fe aufgebaut zu haben, da be„zu ent⸗ fliehen, gleichviel wohin, nur fort aus dieſem Frank⸗ reich, das nicht mehr auf ſeinen Ruf bhören wollte, das ihn verlaſſen hatte! Der Kaiſer beſchloß alſo nach Rochefort zu gehen und von da ſich einzuſchiffen, um nach Elba zurück⸗ zukehren. Die proviſoriſche Regierung, welche ſich in Paris etablirt hatte, und einen Abgeſandten nach Malmaiſon mit der dringenden Forderung an Na⸗ poleon, ſofort aufzubrechen, geſandt hatte, beauftragte jetzt dieſen Abgeſandten, den Kaiſer auf ſeiner Reiſe zu begleiten, und ihn nicht e verlaſſen, als bis er ſich eingeſchifft habe. 3 Napoleon war zu dieſer Reiſe Am Nach⸗ mittage des 30. Juni wot er abr Er hatte 8 immer näher ein Widerſtan einſah, daß Alles — 96— nichts mehr zu thun, als von ſeinen Freunden und ſeiner Familie Abſchied zu nehmen. Er that das mit kalter, thränenloſer Ruhe, mit unbeweglichem, ehernen Antlitz, keine Muskel ſeines Antlitzes zuckte, ſtrenge und gebieteriſch war ſein Blick. Nur als jetzt Hortenſe mit ihren beiden Söhnen zu ihm eintrat, als er die Knaben zum letzten Male in ſeine Arme ſchloß, da flog ein Schatten über ſein Antlitz hin, da zuckten ſeine bleichen zuſammengepreß⸗ ten Lippen, und er wandte ſich ab, um die Thränen nicht ſehen zu laſſen, welche in ſeinen Augen ſtanden. Aber Hortenſe hatte ſie geſehen, und ſie bewahrte in ihrem Herzen die Erinnerung an dieſe Thränen als den ſchönſten Diamanten ihres erloſchenen Glückes auf. Als dann der Kaiſer ſich ihr zuwandte, um ſtumm und kalt und ehern wie zuvor auch von ihr Abſchied zu nehmen, bat ihn Hortenſe, die wohl wußte, welch ein Vulkan von Qualen unter dieſer erſtarrten Lava glühte, um eine letzte Gunſt.. Ein ſ zliches Lächeln erhellte einen Moment die Züge des Kaiſers. Es gab alſo doch noch Etwas, was er gewähren konnte, er. hatte alſo noch eine Gnade zu verleihen! Mit einer ſtummen Kopfbewe⸗ gung nickte er Gewährung. Hortenſe reichte ihm eine breite ſchwarze Binde dar. „Sir,“ ſagte ſie,„tragen Sie dieſe Binde unter Ihren Kleidern um Ihren Leib. Verbergen Sie ſie wohl, aber in den Zeiten der Noth erinnern Sie ſich ihrer und öffnen ſie.“ Der Kaiſer nahm die Binde und ihre Schwere machte ihn ſtutzen. „Was enthält ſie?“ fragte er.„Ich will es wiſ⸗ ſen, was enthält ſie?“ „Sir,“ ſagte Hortenſe erröthend und ſtockend, — 97= Sire, es iſt mein großes Brillantcollier, welches ich auseinander genommen und eingenäht habe. Ew. Majeſtät können in einem kritiſchen Moment des Geldes bedürfen, und Sie werden mir nicht das letzte Glück, dieſes Andenken von mir anzunehmen, verſa⸗ gen wollen.“ Der Kaiſer weigerte ſich, aber Hortenſe flehte ſo dringend und inſtändig, daß er endlich nachgeben mußte und den Brillantſchmuck, den„Nothpfennig der Liebe,“ von ſeiner Stieftochter annahm.— Dann ſagten ſie raſch und kurz einander Lebewohl und Hortenſe, um den Kaiſer ihre hervorſtürzenden Thränen nicht ſehen zu laſſen, verließ mit ihren bei⸗ den Söhnen eilig das Gemach. Der Kaiſer klingelte und gab Befehl, Niemand mehr vorzulaſſen; aber in dieſem Moment öffnete ſich 5 haſtig die Thür und ein Nationalgardiſt trat ein. „Talma!“ rief Napoleon faſt heiter, indem er dem Eintretenden die Hand darreichte. „Ja, Talma, Sire,“ ſagte dieſer, die Hand des Kaiſers an ſeine Lippen drückend.„Ich habe mich in dieſe Verkleidung geſteckt, um bis hieher gelangen und von Ew. Majeſtät Abſchied nehmen zu können.“ „Abſchied auf Nimmerwiederſehen,“ ſagte der Kai⸗ ſer dumpf.„Ich werde Sie nicht mehr in Ihren großen Rollen bewundern können, Talma. Ich trete eine Reiſe an, aber ich kehre nicht wieder! Sie wer⸗ den noch an manchem Abend den Kaiſer ſpielen, ich nicht, Talma! Meine Rolle iſt ausgeſpielt.“ 8 4„Nein, Sire, Sie werden immer der Kaiſer blei⸗ ben,“ rief Talma mit edler—„Der Kaiſer, auch ohne Krone und ohne Purpurmantel.“ „Der Kaiſer auch ohne Volk?“ fragte Napoleon. „Sire, Sie haben ein Volk und Sie werden es nie verlieren, Sie haben einen Thron, welcher unver⸗ Königin Hortenſe. II.— 7 * — 98— gänglich iſt. Es iſt der Thron, den Sie ſich auf den Schlachtfeldern aufgerichtet und den die Bücher der Geſchichte einzeichnen werden. Und Jeder, zu welcher Nation er auch gehöre, Jeder, der Ihre Thaten lieſt, wird ſich begeiſtern daran und wird ſich zu Ihrem Volk bekennen und ſich ehrfurchtsvoll neigen vor dem Kaiſer.“ „Ich habe kein Volk,“ murmelte Napoleon düſter, „ſie haben mich Alle verlaſſen, Alle verrathen, Talma!“ „Sire, ſie werden es eines Tages bereuen, ſo wie auch Alexander von Rußland es einſt bereuen wird, den großen Mann verlaſſen zu haben, den er einſt ſeinen Bruder nannte!“— Und in dem zartſinnigen, ſchönen Beſtreben, Napoleon in dieſer Stunde des zerſchmetternden Unglücks an einen ſeiner großen Sie⸗ gesmomente zu mahnen, fuhr Talma fort:„Erinnern 5 Sich Ew. Majeſtät noch jenes Abends in Erfurt, wo der Kaiſer Ihnen vor aller Welt, vor den Augen des ſtaunenden Publicums eine ſo zärtliche Liebeserklä⸗ rung machte? Oh, Sie werden ſich deſſen nicht er⸗ innern, Sire, für Sie war das ein ganz gewöhn⸗ licher Moment, aber ich, ich werde es nie vergeſſen! Es war im Theater. Wir gaben den Oedip, ich blickte zu der Loge empor, in welcher Ew. Majeſtät zwiſchen dem König von Württemberg und dem Kaiſer Alexander ſaßen. Ich ſah nur Sie, den zweiten Alexander von Macedonien, den zweiten Julius Cäſar, und ich hob meine Arme empor und ſah nur Sie,, Gals ich getreu meiner Rolle ſagte: L'Amitié dun grand homme est un bienfait des Dieux! Und wie ich das ſprach, erhob ſich der Kaiſer und neigie in ſich zu Ihnen nieder und drückte Sie feſt an ſ Herz!— Ich ſah's und die Thränen erſtickten meine Worte. Das Publicum brach aus in einen donnern⸗ ie 4 8 — 99— 3 den Applaus— er galt nicht mir, er galt dem Kai⸗ ſer Alexander!“*) Während Talma mit glühenden Wangen und flammenden Blicken ſo ſprach, flog ein roſiger Hauch 3 über das Antlitz des Kaiſers hin und einen Moment lächelte er.— Talma hatte alſo ſeinen Zweck erreicht, er hatte den gedemüthigten Kaiſer wieder aufgerichtet an ſeiner eigenen Größe! Napoleon dankte es ihm mit einem freundlichen Blick und reichte ihm zum Abſchied ſeine Hand dan Als ſich Talma dann der Thüre näherte, hörte man draußen das Vorfahren eines Wagens.— Es war der Wagen, in welchem der Kaiſer ab⸗- reiſen wollte. Zu gleicher Zeit öffnete ſich die Thür und eine hohe, majeſtätiſche Frauengeſtalt, deren edles, antikes Antlitz von grauen Locken umwallt war, 3 ſchritt langſam und feierlich in das Gemach. Es war Lüätitia, die Mutter des Kaiſers, welche kam, von ihrem Sohn den letzten Abſchied zu nehmen. — Talma blieb in athemloſer Spannung ſtehen, er dankte in ſeinem Herzen dem Schickſal, welches ihn zum Zeugen dieſes letzten Abſchieds gemacht. „Madame mère“ ſchritt ſtumm und ohne Talma zu ſehen an ihm vorüber. Sie ſah nur ihren Sohn, welcher da inmitten des Zimmers ſtand und ſeine düſtern und doch flammenden Blicke mit einem un⸗ ausſprechlichen Ausdruck auf ſie gerichtet hatte. Jetzt ſtanden ſie ſich gegenüber, Mutter und Sohn; das 7 Antlitz des Kaiſers blieb unverändert, ehern, unbe⸗ weglich, als habe das Schickſal ihn ſchon zur Statue ſeiner ſelber in Marmor umgewandelt. *) Dieſe Scene iſt durchaus hiſtoriſch. Siehe: Bossuet, Mé- moires. Bourienne, Mémoires. Cochelet, Mémoires und Mémoires d'une femme de qualuté. 7* — 100— Sie ſtanden ſich gegenüber und ſprachen nicht; aber über die Wangen der Mutter floſſen zwei große Thränen nieder.— Talma ſtand im Hintergrunde * und weinte bitterlich. Napoleon blieb unbewegt. Jetzt hob Lätitia ihre beiden Hände empor und 3 reichte ſie dem Kaiſer.„Adieu, mein Sohn!“ ſagte ſie mit voller tönender Stimme. Napoleon drückte ihre Hände in den ſeinen und bohrte ſeine Augen tief und lange in ihr Angeſicht. Dann ſagte er feſt und ſtark wie ſie:„Meine Mutter, adieu!“ Noch einmal ſchauten ſie einander an, dann ließ der Kaiſer ihre Hand ſinken, Lätitia wandte ſich, um zu gehen, und in die Thür da drüben trat der Ge⸗ neral Bertrand, um dem Kaiſer anzuzeigen, daß Alles zur Abreiſe bereit ſei.*) —— 2 *) Dieſe Abſchiedsſcene hat ſich wirklich ſo zugetragen, und Talma ſelbſt hat ſie ſo dem Fräulein von Cochelet geſchildert. Siehe ihre Mémoires, Vol. III. p. 173. S — ‚8 0 — — — D S 17 I. Die Vertreibung der Herzogin von St. Leu. Zum zweiten Male waren die Bourbonen unter dem Schutz der Alliirten in Paris eingezogen, und Ludwig XVIII. war wieder König von Frankreich. Aber dies Mal kam er nicht mit milden und ver⸗ ſöhnlichen Geſinnungen, wie das erſte Mal. Er kam, um zu ſtrafen und zu belohnen, er kam, ohne die Gnade mit ſich zu bringen. Die alten Generale und Marſchälle des Kaiſer⸗ reichs, welche es nicht vermocht hatten, dem Ruf ihres Feldherrn zu widerſtehen, wurden jetzt verbannt, degradirt, gerichtet. Ney und Labedoyère mußten ihre Treue gegen den Kaiſer mit ihrem Blute bezah⸗ len, und unerbittlich war man gegen Alles, was nur irgend mit den Napoleoniden zuſammenhing.— Die Verleumdungen, welche man im Jahre 1814 gegen die Herzogin von St. Leu ausgeſäet, ſollten jetzt ihre ſchlimmen Früchte tragen. Es waren die Drachen⸗ zähne, welche ſich in wüthende Krieger verwandelten, die ihr Schwert jetzt gegen die Bruſt einer wehrloſen Frau richteten. Der König Lndwig war heimgekehrt auf den Thron ſeiner Väter, aber er hatte es nicht vergeſſen, daß man ihm auf ſeiner Flucht geſagt:„Die Herzogin „2 1 e llare — 104— von St. Leu iſt an Allem Schuld! Ihre Intriguen haben Napoleon zurückgeführt!“ Jetzt, da er wieder König war, dachte er daran, und wollte vergelten. Er forderte es vom Kaiſer Alexander als eine Gunſt, daß er dies Mal nicht die Herzogin von St. Leu aufſuche. Der Kaiſer, entſetzt über alle dieſe gehäſſigen Ge⸗ rüchte, welche man über Hortenſe ihm mittheilte, und ſchon befangen von dem myſtiſchen, ſternenfun⸗ kelnden Spinngewebe, mit welchem Frau von Krü⸗ dener ihn abtrennte von der Wirklichkeit der Welt, der Kaiſer gab den Wünſchen der Bourbonen nach und ließ die Königin fallen. Das war das Signal, welches die allgemeine Wuth der Royaliſten entfeſſelte. Sie durften jetzt ihrem Hohn, ihrer Bosheit ungehindert Worte geben, ſie durften ſich durch niedrige Verleumdungen aller Art entſchädigen für die Vergangenheit, in welcher ſie vor der Tochter des Vicomte von Beauharnais ſich als vor einer Königin hatten neigen müſſen. Sie durf⸗ ten in ſchrankenloſer Wuth gegen die Stieftochter des Kaiſers ſich erheben, denn dieſe Wuth ſelbſt ward ihnen angerechnet als guter Royalismus, und Bona⸗ parte und ſeine Familie haſſen und verleumden, hieß die Bourbonen lieben und ihnen ſchmeicheln. Und immer neue Verleumdungen, neue Anſchul⸗ digungen ſchleuderten die Royaliſten gegen die Her⸗ zogin, deren Anweſenheit in Paris ihnen eine ge⸗ häſſige Erinnerung an das Kaiſerreich war, und welche ſie entfernen wollten, ſo gut wie die Säule von der Place Vendème.—— Während alſo die arme Königin traurig, allein und verlaſſen im Innern ihrer Gemächer weilte, ver⸗ breitete man das Gerücht, ſie conſpirire auf's Neue, und bei einbrechender Dunkelheit verlaſſe ſie allabende — — — 105— lich ihr Hôtel, um das Volk aufzureizen, daß es auf⸗ ſtehe und den Kaiſer zurückfordere oder wenigſtens ſtatt Ludwigs von Bourbon den kleinen König von Rom zu ſeinem Herrſcher begehre. Als Fräulein von Cochelet, die treue Gefährtin der Königin, ihr dieſe Verleumdungen mittheilte, blieb die Königin indeß ganz gleichgültig und kalt. „Wie, Madame,“ rief das Fräulein,„Sie hören mich ſo ruhig an, als ob ich Ihnen die Geſchichte des vorigen Jahrhunderts erzählte?“ „Es iſt auch für mich ganz daſſelbe,“ ſagte Hor⸗ tenſe ernſt,„Alles iſt für uns verloren, und ich beur⸗ theile Alles, was uns jetzt noch treffen kann, mit der Ruhe eines ganz gleichgültigen Beobachters. Ich finde es natürlich, daß man ſich abmühet, mich zu verleumden, weil ich einen Namen trage, vor dem die ganze Welt gezittert hat, und der groß bleiben wird, wenn man uns auch Alle in den Staub treten mag! Aber ich will mich und meine Kinder vor dieſem Haß und dieſen Anfeindungen ſchützen. Ich will mit ihnen Frankreich verlaſſen und nach der Schweiz gehen, wo ich am Genfer See eine kleine Beſitzung habe.“ 8 Aber man ließ der Herzogin nicht Zeit, die Vor⸗ kehrungen zu ihrer Abreiſe zu treffen. Die wilde Meute der Verleumdungen und des Haſſes war gegen ſie losgelaſſen und wollte ſie von dannen hetzen. Eine einſame Frau mit zwei jungen wehrloſen Kindern ſchien der neuen Regierung ein Gegenſtand der Furcht und der Beſorgniſſe, und ſie eilte, ſich deſſelben zu entledigen. Am Morgen des 17. Juli kam ein Adjutant des preußiſchen Generals von Müffling, des Comman⸗ danten von Paris für die Alltirten, in das Höôtel der Herzogin von St. Leu und machte dem Inten⸗ danten derſelben, Herrn Deveaux, die Anzeige, daß die Herzogin in zwei Stunden Paris verlaſſen müſſe. Nur auf dringendes Bitten des Intendanten ward eine Friſt von weiteren vier Stunden be⸗ willigt. Hortenſe mußte ſich alſo dem ſtrengen militäri⸗ ſchen Befehl fügen, ſie mußte abreiſen, ohne ihre Verhältniſſe geordnet, ihre Vorkehrungen getroffen zu haben. Ihr einziger Reichthum beſtand in ihren Juwelen; und dieſe natürlich wollte ſie mit ſich neh⸗ men. Aber eine offiziöſe Warnung benachrichtigte ſie davon, daß ein Trupp enragirter Bourboniſten, die von ihrer Abreiſe Kenntniß erhalten, Paris ver⸗ laſſen hätten, um ihr auf dem Wege aufzulauern und „ihr die Millionen wieder abzunehmen, welche ſie mit ſich führe.“ Deshalb ward die Herzogin gewarnt, kein Geld und keine Koſtbarkeiten mit ſich zu nehmen, ſondern nur mit dem Nothwendigſten abzureiſen. Zugleich ließ der General von Müffling ihr eine Escorte ſeiner Soldaten anbieten; Hortenſe lehnte es ab, aber ſie bat, ihr einen öſterreichiſchen Offizier zur Begleitung mitzugeben, der ſie und ihre Kinder während der Dauer ihrer Reiſe beſchütze. Der Graf von Voyna, Adjutant des Fürſten Schwarzenberg, ward dazu auserſehen. Am Abend des 17. Juli 1815 trat die Herzogin von St. Leu ihre Reiſe an. Ihre treue Geſell⸗ ſchafterin, Fräulein von Cochelet, hatte ſie in Paris zurückgelaſſen, damit dieſe ihre Verhältniſſe ordne und ihre Brillanten in ſichern Gewahrſam bringe. Nur von ihrem Stallmeiſter, Herrn von Marmold, dem Grafen Voyna, ihren Kindern, einer Kammer⸗ frau und einem Bedienten begleitet, verließ die ein⸗ ſtige Königin Paris, um ſich in's Exil zu begeben. —— — 107— Es war eine traurige und kummervolle Reiſe, welche Hortenſe jetzt durch dies geliebte Frankreich machte, welches ſie hinfort nicht mehr ihr Vaterland nennen ſollte, und welches dem Kaiſer und ſeiner Familie jetzt eben ſo abgewendet ſchien, als es einſt in glühender Liebe ſich ihnen zugewandt hatte. Die Bonapartiſten hatten ſich in jenen Tagen der politiſchen Verfolgung überall in das Dunkel ihrer Verſtecke zurückgezogen, oder verbargen ihr wahres Angeſicht unter der Maske des Bourbonismus. Es waren daher nur Royaliſten, welchen Hortenſe überall auf ihrem Wege begegnete, Royaliſten, welche ver⸗ meinten, ihren Patriotismus nicht beſſer beweiſen zu können, als indem ſie mit Hohngeſchrei, mit Geber⸗ den des Haſſes, mit lauten Verwünſchungen dieſe Frau verfolgten, welche ihnen weiter nichts gethan, als daß ſie den Namen deſſen trug, den Frankreich einſt vergötterte und den die Royaliſten verabſcheuten. Mehr als einmal mußte ihr öſterreichiſcher Be⸗ gleiter Hortenſe und ihre Kinder gegen die wüthen⸗ den Angriffe der Royaliſten ſchützen. Der Fremde gegen die eigenen Landsleute! In Dijon hatte Graf Voyna ſogar die Hülfe des dort ſtationirten öſter⸗ reichiſchen Militärs requiriren müſſen, um die Her⸗ zogin und ihre Kinder vor den Angriffen eines wü⸗ thenden Haufens zu ſchützen, an deſſen Spitze ſich königliche Garden und vornehme ſchöne Damen be⸗ fanden, deren Haar mit Lilien geſchmückt war.*) Troſtlos, zerbrochen und niedergeſchmettert von Allem, was ſie erlebt und geſehen, langte Hortenſe endlich in Genf an, froh, nach ſo viel Stürmen ſich ruhen und ſich zurückziehen zu können auf ihr kleines Landgut Pregny. ²) Cochelet, Vol. III. p. 289. — 108— Aber auch dieſe Zuflucht ſollte ihr nicht gewährt werden. Der franzöſiſche Geſandte in der Schweiz, der in Genf reſidirte, ließ den dortigen Behörden anzeigen, daß ſein Gouvernement den Aufenthalt der Königin ſo nahe an der franzöſiſchen Grenze nicht dulden werde und ihre Abreiſe fordere. Die Behör⸗ den von Genf verlangten daher, daß die Herzogin von St. Leu ſogleich die Stadt verlaſſe. Als der Graf von Voyna der Herzogin dieſe Nachricht mittheilte und ſie fragte, wohin ſie ſich jetzt wenden wolle, rief ſie mit einem einzigen Auf⸗ ſchrei ihrer ſo lange zurückgehaltenen Verzweiflung: „Ich weiß es nicht. Werft mich in den See, dann werden wir Alle Ruhe haben!“— Aber bald nahm ſie wieder ihre gewohnte, ſtolze, reſignirte Ruhe an und fügte ſich ſtill der neuen Ver⸗ bannung, welche ſie aus ihrem letzten Beſitzthum, aus dem kleinen reizenden Pregny, aus ihrem„Rève de chalet“ verjagte.— 3 In Aix endlich ſollte ſie einige Wochen der Ruhe und Stille finden, in Aix, wo ſie einſt als Königin ſo glänzende Triumphe gefeiert, und wo man ihr jetzt wenigſtens geſtattete, ſtill und zurückgezogen mit ihren Kindern und ihren wenigen Getreuen leben zu können.— Aber in Aix erwartete ſie jetzt der fürchterlichſte Schlag, den das Schickſal ihr noch aufbehalten hatte!. Sie hatte ſchon im Jahre 1814, kurz vor der Rückkehr des Kaiſers, ihren Prozeß gegen ihren Ge⸗ mahl verloren und war verurtheilt worden, ihm den älteſten ihrer Söhne, Napoleon Lonis, auszuliefern. Jetzt, da Napoleons Wille ihn nicht mehr zurück⸗ hielt, jetzt verlangte Louis die Ausführung dieſes Befehls und ſandte einen Baron van Zuyten, um — ,— —— — 109— den Prinzen abzuholen und ſeinem Vater, der in Florenz lebte, zuzuführen. Die unglückliche Mutter hatte jetzt keine Macht mehr, ſich dieſem harten Verbot zu widerſetzen. Sie mußte ſich fügen und den Sohn aus ihren Armen laſſen, um ihn zu einem Vater zu ſenden, der dem Knaben ein Fremder war, und dem er daher kein Herz und keine Liebe entgegen tragen konnte. Es war eine herzzerreißende Scene, dieſer Abſchied des Knaben von ſeiner Mutter und ſeinem kleinen Bruder Louis, der ſich niemals eine Minute von ſei⸗ nem Bruder getrennt hatte, und jetzt weinend und zitternd ſeine Arme um ſeinen Hals legte und ihn beſchwor, bei ihm zu bleiben. 3 Aber es mußte geſchieden ſein! Hortenſe ſelbſt trennte die beiden weinenden Brüder, den kleinen Louis Napoleon auf den Arm nehmend, während Napoleon Louis, in Thränen zerfließend, ſeinem Gouverneur zum Wagen folgte. Als Hortenſe das Rollen der Räder vernahm, ſank ſie mit einem lau⸗ ten Schrei bewußtlos zuſammen, und eine lange und ſchmerzvolle Nervenkrankheit war die Folge dieſes traurigen Abſchieds. II. Louis Napoleon als Rind. Auch in Aix ſollte die Herzogin von St. Leu noch keine Ruͤhe finden; die Bourbonen, immer noch nicht müde, ſie zu verfolgen, immer noch dieſen Na⸗ men fürchtend, deſſen erſter und größter Vertreter — 110— jetzt auf einer einſamen unwirthlichen Felſeninſel ſchmachtete, die Bourbonen fanden es gefährlich, daß Hortenſe, die Stieftochter des Kaiſers, und ihr Sohn, deſſen Name Louis Napoleon ihnen wie ein wan⸗ delndes Monument der Vergangenheit erſchien, ſo nahe an der franzöſiſchen Gränze verweilten. Sie ließen deshalb durch ihren Geſandten bei der Regie⸗ rung von Savoyen gegen den ferneren Aufenthalt der Königin in Aix Proteſt einlegen und auf's Neue mußte Hortenſe von dannen pilgern, auf's Neue die Welt durchwandern, um ſich eine Heimath zu ſuchen! Sie wandte ſich zuerſt nach Baden, deſſen Her⸗ zogin Stephanie ihr ſo nahe verwandt war, und von deren Gemahl ſie daher wohl eine bereitwillige Auf⸗ nahme erwarten durfte. Aber der Großherzog rechtfertigte nicht die Hoff⸗ nungen ſeiner Couſine, er hatte nicht den Muth, den argwöhniſchen Befürchtungen Frankreichs trotzen zu wollen. Nur auf dringendes Bitten ſeiner Ge⸗ mahlin geſtattete er endlich, daß Hortenſe ſich am äußerſten Ende ſeines Landes, in Conſtanz am Boden⸗ ſee, niederlaſſe, unter der ausdrücklichen Bedingung, daß weder die Herzogin von St. Leu noch ihr Sohn jemals nach Karlsruhe kämen, und daß ſeine Ge⸗ mahlin Stephanie niemals ihre Couſine in Conſtanz aufſuche. Hortenſe nahm dieſe Bedingung an, zufrieden, endlich eine Stätte finden zu können, wo ſie ihr Haupt ruhen konnte, welches ſo müde war vom lan⸗ gen Umherirren und Wandern, und in der Stille und dem heiligen Frieden einer ſchönen und lieblichen Natur die ſchmerzenden und blutenden Wunden ihres Herzens verharrſchen laſſen zu können. In Conſtanz alſo lebte ſie jetzt einige ſtille, glückliche Jahre, nichts wollend und verlangend, als nur ein wenig Ruhe — 111— und Stille, vom Himmel kein anderes Glück begeh⸗ rend, als nur dieſes: den Sohn, den ihr das Schick⸗ ſal als Erſatz für alle ihre Leiden gelaſſen, zu einem ſtarken, entſchloſſenen, willenskräftigen Mann zu er⸗ ziehen. Auf die Erziehung dieſes Sohnes war jetzt ihre ganze Aufmerkſamkeit, ihre ganze zärtliche Sorgfalt gerichtet. Sie ließ einen ausgezeichneten Gelehrten, Profeſſor Lebas, aus Paris kommen, um bei dem jungen Prinzen die Stelle eines Erziehers zu über⸗ nehmen; ſie ſelber unterrichtete ihn im Zeichnen, in der Muſik im Tanz, ſie las mit ihm, ſie ſang mit ihm, ſie machte ſich zum Kinde, um ihrem einſamen Knaben den Spielgefährten zu erſetzen, den das Schickſal ihm entführt hatte. An den ſtillen und langen Abenden, wenn ſie auf ihrer Chaise longue ruhte, ließ ſie den Knaben auf einem Tabouret zu ihren Füßen niederſitzen und er⸗ zählte ihm von ſeinem großen Oheim und von deſſen Heldenthaten, und von Frankreich, ſeinem Vaterlande, das ſie Beide für jetzt verſtoßen habe, aber nach wel⸗ chem zurückzukehren, ſo lange ſie lebten, ihr heiligſter Wunſch und ihr eifrigſtes Bemühen ſein müßte. Dann begeiſterte ſie die Seele des Knaben mit der Schil⸗ derung der großen Schlachten, welche ſein Onkel in Italien und am Nil, am Rhein und an der Donau gewonnen habe; und der ſtille, bleiche Knabe mit den dunklen ſinnenden Augen hörte ihr zu in athem⸗ loſer Spannung, und ein ſeltſames Zittern durchflog ſeine kleine ſchmächtige Geſtalt, wenn ſeine Mutter ihm erzählte, wie ſehr der Kaiſer Frankreich geliebt, und daß er, was er Großes und Herrliches vollbracht, nur zu Frankreichs Ruhm und zu Frankreichs Ehre gethan habe. Eines Tages, wie er ſo neben ihr ſaß, blaß und — 112— zitternd vor Aufregung, deutete Hortenſe hinüber nach dem herrlichen Bilde von David, das Napoleon darſtellt auf der Höhe der Alpen, und deſſen groß⸗ artige und geniale Conception von Napoleon ſelber herrührt. „Malen Sie mich ruhig, auf einem wilden Pferde ſitzend,“ hatte Napoleon zu David geſagt, und ſo hatte David ihn gemalt: auf einem ſich bäumenden Roſſe ſitzend, auf der Zackenſpitze eines Felſens, deſſen Geſtein die Inſchrift„Hannibal“ und„Cäſar“ trägt. Ruhig iſt das Antlitz des Kaiſers, die großen Augen— voll myſteriöſen Glanzes, das Haar flatternd im Winde, gedankenvoll und ernſt der ganze Ausdruck, nicht achtend des ſich bäumenden Roſſes, das er feſt und ſtark im Zügel hält. Von dieſem großartigen Bilde hing eine ſchöne Copie in dem Salon der Herzogin und auf dieſes hin deutete ſie, als ſie dem Knaben jetzt erzählte von Napoleons Zug über die Alpen, und wie er mit einem Heer über den St. Bernhard gezogen, den vor ihm nur Hannibal und Cäſar mit einer Armee über⸗ ſchritten und den nach ihm vielleicht Keiner wieder überſchreiten werde. Und wie ſie das ſagte, flog ein faſt zürnender Ausdruck über das Antlitz des kleinen Prinzen Louis Napoleon hin. Sich von ſeinem Sitz erhebend, und ſeine kleine Geſtalt hoch aufrichtend, rief er:„Oh, Mama, ich werde auch eines Tages übber die Alpen gehen, wie der Kaiſer es gethan!“ Und während er ſo ſprach, überdeckte eine glü⸗ hende Röthe ſein Antlitz, ſeine Lippen zitterten und man konnte deutlich das ſieberhafte Klopfen ſeines Herzens hören. Hortenſe wandte ſich beunruhigt zu ihrer Geſoll⸗ ſchaftsdame, Fräulein von Cochelet, und bat ſie leiſe, den Knaben durch eine heitere und harmloſe Erzäh⸗ — 113— lung zu zerſtreuen. Wie des Fräuleins Auge dann ſinnend und ſuchend im Zimmer umherflog, traf es auf eine Taſſe, die dort drüben auf dem Sims des Kamins ſtand. Sie eilte hin und nahm die Taſſe, und kam damit zu dem kleinen Louis Napoleon. „Maman hat Ihnen da ein ſo ernſthaftes Bild erklärt, Louis,“ ſagte ſie,„ich will Ihnen jetzt ein luſtiges Bildchen zeigen. Sehen Sie nur, Prinz, iſt das nicht allerliebſt?“ Der kleine Prinz warf einen flüchtigen, zerſtreu⸗ ten Blick auf die Taſſe und nickte ganz ernſthaft. Fräulein von Cochelet lachte. „Sehen Sie, Louis,“ ſagte ſie,„dies iſt das ge⸗ naue Gegenſtück zu dem Bilde von dem Kaiſer Na⸗ poleon, welcher über die Alpen reitet und auf der Spitze derſelben den großen Geiſtern des Hannibal und des Cäſar begegnet. Hier iſt ein kleiner Napo⸗ leon, welcher nicht die Alpen hinauf klettert, ſondern aus ſeinem Bett herunter klettert, und dem bei die⸗ ſer Gelegenheit ein ſchwarzer Geiſt, nämlich der kleine Schornſteinfeger, begegnet. Das iſt die Ge⸗ ſchichte vom großen und vom kleinen Napoleon, der große begegnet dem Hannibal, der kleine dem Schorn⸗ ſteinfeger!“ „Bin ich der kleine Napoleon?“ fragte der Knabe ernſthaft. „ Ja, Louis, Sie ſind es, und ich will Ihnen jetzt die Geſchichte dieſer Taſſe erzählen. Eines Tages, wir waren damals noch in Paris und Ihr großer Onkel war noch Kaiſer von Frankreich, eines Tages begegneten Sie in Ihrem Zimmer einem kleinen Savoyardenknaben, der mit ſeinem ſchwarzen Anzug und ſeinem ſchwarzen Beſen aus dem Kamin heraus⸗ ſuhr. Sie ſchrieen laut auf vor Entſetzen und woll⸗ ten entſliehen, ich hielt Sie feſt und ſagte Ihnen, Königin Hortenſe. 11. daß dieſe Schornſteinfeger arme kleine Knaben und deren Aeltern ſo arm ſeien, daß ſie ihre Kinder nicht ernähren könnten, ſondern ſie nach Paris ſchickten, um ſich da ihr Brot zu verdienen, indem ſie mit Lebensgefahr, mit Mühe und Beſchwerde in unſere heißen und ſchmutzigen Kamine ſtiegen und ſie rei⸗ nigten. Meine Erzählung rührte Sie und Sie ver⸗ ſprachen, ſich nie mehr zu ängſtigen vor den kleinen Schornſteinfegern. Einige Zeit ſpäter waren Sie eines Morgens von einem ſeltſamen Geräuſch aufgewacht, während Ihr Bruder noch ſchlafend neben Ihnen lag und Ihre alte Amme das Zimmer verlaſſen hatte. Das Geräuſch hatte der kleine Schornſteinfeger gemacht, welcher eben den Kamin herunter gefahren war und jetzt im Zimmer ſtand. Als Sie ihn ſahen, erinner⸗ ten Sie ſich ſeiner Armuth und huſch, kletterten Sie aus ihrem Bettchen und eilten im Hemd zu dem Stuhl, wo noch Ihre Kleider lagen. Sie nahmen aus Ihrem Rock Ihre Börſe, welche Sie auf Ihren Spaziergängen immer mitnehmen mußten, um den Armen zu geben, und ſchütteten den ganzen Inhalt derſelben in die ſchwarze, rußige Hand des kleinen Savoyardenknaben. Dann wollten Sie in Ihr Bett zurückkehren, aber ach, es war Ihnen zu hoch, Sie konnten nicht über das Gitter gelangen. Da nahn der kleine Schornſteinfeger den kleinen Prinzen im Hemdchen auf den Arm und wollte Ihnen in Ihr Bett helfen. In dieſem Augenblick trat Ihre Amme ein und Ihr Brüderchen war aufgewacht und ſchrie laut, als er ſeinen kleinen Louis im Arm des Schorn⸗ ſteinfegers ſah. 1 Das iſt die Geſchichte vom kleinen Napoleon und dem Schornſteinfeger! Ihre Großmutter, die Kai⸗ ſerin Joſephine, hatte ſo viel Freude an dieſer kleinen — 115— Geſchichte, daß Ihre Frau Mutter, um der Kaiſerin eine Freude zu machen, die Scene auf eine Taſſe malen ließ, ſie der Kaiſerin Joſephine zu ſchenken. Und was denken Sie wohl, Louis, die Taſſe war Schuld, daß Ihrem Couſin, dem kleinen König von Rom, der jetzt in Wien lebt, eine Strafe erlaſſen ward.“ „Erzählen Sie mir das, Louiſe,“ ſagte Prinz Louis Napoleon lächelnd. „Nun, hören Sie! Jbre Mutter hatte mir den Auftrag gegeben, die Taſſe nach Malmaiſon zur Kaiſerin zu bringen. Ehe ich mich dahin begab, mußte ich mich erſt bemühen, um der Kaiſerin zu⸗ gleich Nachricht zu bringen vom kleinen König von Rom, den die gute Kaiſerin liebte, als ob es ihr eigenes Kind mardeien, und den ſie doch noch nie ge⸗ ¹ ſehen. Ich ging alſo in die Tuilerieen zum kleinen König von Rom, mit deſſen Gouvernante, Frau von Montesquiou, ich ſehr befreundet war. Als ich in’'s Zimmer trat, ſah ich den kleinen König ganz nieder⸗ — gebeugt in einer Ecke hinter einem Stuhl ſtehen; ein Augenwink der Frau von Montesquiou belehrte mich, daß das eine Strafe ſei; ich verſtand ſie und unterbielt mich erſt ein wenig mit ſeiner Gouvernante; 8 als ich mich ihm dann näherte, verbarg er ſein von Thränen überfluthetes geröthetes Geſicht, das von ſeinen langen blonden Locken bei jeder Bewegung, die er machte, wie von einem goldenen Schleier über⸗ deckt ward, an dem Stuhl. 4 „Sire,“ ſagte Frau von Montesquionu zu ihm, ire, wollen Sie Fräulein von Cochelet nicht guten Tag ſagen? Sie kommt blos hierher, um Sie zu ſehen.“ „Ihro Majeſtät erkennen mich wohl nicht?“ fügte ich hinzu, indem ich ſeine kleine Hand nehmen wollte. 8⸗* 116— Er entriß ſie mir heftig und rief mit einer von Schluchzen erſtickten Stimme:„Sie will mich die Soldaten meines Papa's nicht ſehen loßfen „Frau von Montesquion erzählte mir nun, daß es das größte Vergnügen des kleinen Prinzen ſei, die auf dem Carouſſelplatz aufziehende Wache zu 8 ſehen, daß aber, weil er eben unartig und ungehor⸗ ſam geweſen, ſie ihn zur Strafe dieſes Vergnügens heute beraubt habe; aber daß, als er da die Trom⸗ meln und die Muſik gehört, ſeine Verzweiflung und ſein Zorn ſo heftig geworden, daß ſie zu ſtarken Mitteln ihre Zuflucht habe nehmen müſſen, zu der Pönitenz nämlich, in einer Ecke hinter Einem großen Stuhl zu ſtehen. Ich bet um Gnade für den klei⸗ nen König, ich zeigte ihm die Taſſe und erklärte ihm die Scene, welche darauf gemalt war; der kleine König von Rom l lachte, und Frau von Montesquiou. begnadigte ihn zu Gunſten des kleinen Couſins Louis Napoleon, der ſo wohl erzogen und ſo artig ſei, und der ihm immer als Muſter vorgehalten wurde.*) Da haben Sie meine ganze Geſchichte, Lonis, gefällt ſie Sßmene. „Sie gefällt mir wohl,“ ſagte d der ernſte Knabe, „aber es gefällt mir nicht, daß die Gouvernante mei⸗ nen Couſin nicht die Soldaten ſeines Vaters ſehen laſſen wollte. lch wie müſſen ſie ſchön geweſ ſein, die Soldaten des Kaiſers! Maman, ich wohen ich wäre auch Kaiſer, und hätte auch recht viele und ſchöne Soldaten.“ 4 Hortenſe lächelte traurig und 8 wie ſegnen ihre Hand auf das Haupt des klein ohnes.„Oh, Sohn,“ ſagte ſie, es iſt kein veneſdäßpmwer *) Cochelet, Vol. F p. 212. — 117= 1 Glück, eine Krone zu tragen. Sie wird faſt immer mit Dernenſpitzen auf unſerm Haupte befeſtigt!“. Von dieſem Tage an ſah man den kleinen Prin⸗ zen Louis Napoleon oft in Gedanken verloren vor bem Bilde ſeines großen Oheims ſiehen, und dann, wenn er es verließ, eilte er hinaus und rief d die Kna⸗ ben der Nachbarſchaft, um mit ihnen in dem großen Garten, welcher das Haus der Herzogin umgab, Sol⸗ dat und Kaiſer zu ſ ſpielen, und den Knaben die er⸗ ſten Exercitien beizubringen. Eines Tages hatte er im Eifer des Spiels ganz das Verbot ſeiner Mutter vergeſſen, die Grenzen des Gartens nicht zu überſchreiten, und war mit ſeinen Soldaten hinausmarſchirt in's Freie. Als man ſeine Abweſenheit bemerkte und ihn im Garten nicht fand, wurden alle Diener ausgeſchickt den Knaben zu ſuchen, 4 und troſtlos und weinend ſpähte die Herzogin mit ihren Damen trotz der Kälte und des Schmutzes vom aufthauenden Schnee im Garten umher Plötzl ich ſahen ſie den Knaben mit bloßen Füßen und in Hemdsärmeln durch den Schmutz und Schnee daher waten. Er war ſehr erſchrocken und verwirrt über dies undermufhese Begegnen und geſtand, daß eben, wie er vor dem Garten geſpielt, eine Familie vor⸗ übergekommen ſei, ſo arm und zerlumpt, daß es ſchmerzvoll geweſen, ſie nur anzuſehen. Da er kein Geld bei ſich gehabt, len es ihnen zu geben, ſo habe er dem einen Kinde ſeine Schuhe angezogen und das andere mit ſeinem Rock bekleidet.*) Die Herzogin fand nicht den Muth ihn zu ſchel⸗ ten, ſie beugte ſich nieder und küßte ihren Sohn; als aber ihre Damen in laute Lobeserhebungen über ihn ausbrechen wollten, winkte ſie ihnen zu ſchweigen und ³) Cochelet, Vol. IV. p. 303. — 118— ſagte laut: ihr Sohn habe nur gethan, was natür⸗ lich und gewöhnlich ſei, und es bedürfe deshalb kei⸗ nes Lobes. Andere zu beſchenken und zu erfreuen, war über⸗ haupt eine Lieblingsneigung des kleinen Louis Na⸗ poleon. Eines Tages hatte Hortenſe ihm drei ſehr 3 ſchöne Knöpfe für ſein Chemiſet geſchenkt, und noch am ſelben Tage hatte der Prinz ſie an einen ſeiner Freunde, der die Knöpfe bewundert hatte, wieder fort⸗ gegeben. Als Hortenſe ihrem Sohn darüber Vorwürfe machte und drohte, ihm nichts wieder zu ſchenken, da er ihre Geſchenke gleich wieder fortgebe, antwortete Louis Napoleon:„Ach, Mama, ich habe ja auf dieſe Weiſe doppelte Freude an Deinen Geſchenken. Ein⸗ mal, indem ich die Geſchenke von Dir empfange, und zweitens, indem ich damit Anderen eine Freude machen kann.“*) Die Revolution von 1830. Das Schickſal ſchien endlich müde geworden, die arme Herzogin von St. Leu zu verfolgen. Es gönnte ihr wenigſtens einige friedliche Jahre der Ruhe und des Behagens, es erlaubte ihr wenigſtens, an dem Buſen der Natur auszuruhen von ihrer ſchmerzvollen Vergangenheit, und in der Beſchäftigung mit den *) Cochelet, Vol. I. p. 355. — 119— 3 Künſten und Wiſſenſchaften ihre Leiden, ihre Ent⸗ tänſchungen und ihre Kümmerniſſe zu vergeſſen. Der Canton Thurgau hatte, aller Anfeindungen der europäiſchen Großmächte ungeachtet, den Muth gehabt, der Herzogin von St. Leu einen Aufenthalt innerhalb ſeiner Grenzen in demſelben Moment an⸗ zubieten, als der Großherzog von Baden, gedrängt von Frankreich und Deutſchland zugleich, Hortenſe aufgefordert hatte, Conſtanz und ſein Land überhaupt zu verlaſſen. Hortenſe hatte daher das Erbieten des Schweizer Cantons dankbar angenommen, und ſich auf Schweizer Seite des Bodenſees ein Landgut gekauft, deſſen wundervolle Lage auf der Spitze eines Ber⸗ ges, unmittelbar am Ufer des Sees, mit dem herr⸗ lichen Fernblick auf die weite, üppige und mannig⸗ faltige Gegend ringsum, mit den funkelnden Glet⸗ ſcherſpitzen am fernen Horſtont, d dies kleine L Landhaus zu einem der reizendſten und anmuthigſten Beſitz⸗ thümer machte. Nach Arenenberg ließ Hortenſe jetzt, des Wanderns und Umherirrens müde, ihre Meubles aus ihrem Hötel in Paris, das ſie verkauft hatte, bringen, und es war für ſie ein ſchmerzvoll ſüßes Erinnerungsfeſt, als alle dieſe Zeugen ihrer großen glanzvollen Vergangenheit, dieſe Fauteuils, dieſe Di⸗ vans, dieſe Teppiche und Zimmer⸗Verzierungen, die Luſtres und Spiegel, kurz all der Schmuck der Sa⸗ lons, in denen Hortenſe einſt gewohnt war, Kaiſer und Könige zu empfangen, aus ihren Kiſten hervor⸗ kamen, um jetzt die kleine, von außen durch ihre Um⸗ gebung ſo ſchöne, von innen ſo einfache und be⸗ ſchränkte ſe rne Villa zu zieren. Aber Hortenſe verſtand es, Allem den Schimmer der Eleganz, der Zierlichkeit und des guten Ge⸗ ſchmacks zu geben, ſie ſelber übernahm es, ihr Haus — 120 zu ordnen, und ſie that es mit echt din ühes Ge⸗ All ſchicklichkeit und Freudigkeit. Und als und vollendet war, als ſie endlich, mit am Sohn an der Hand, durch die Reihe dieſer Zimmer ſchritt, wo jedes Meuble und jeder Schmuck ſie an die Vergangenheit mahnte— als ſie bedachte, in wel⸗ chem Glanze ſie ſonſt dieſe Sachen umgeben hatten, wieviel Verwandte, wieviel Freunde, r wieviel Diener ſich damals um ſie geſchaart: da überkam ſie ein Gefühl unausſprechlicher Einſamkeit, ſchmerzvoller Verödung und ſie ſank hisder auf einen dieſer Fau⸗ teuils, auf denen ſonſt ihre Verwandten, ihre Freunde geſeſſen und die jetzt immer völeer und öde daſtanden, und weinte bitterlich! Aber es lag doch auch ein Troſt darin, alle dieſe Sachen zu haben, welche ihr ſo bekannt und vertraut waren; es waren ſchweigende Freunde, welche den⸗ noch ſo viel erzählten, ſo große Erinnerungen in ihr wach riefen und die nnat Königin oft zerſtreuten und erheiterten. Ganz Arenenberg war wie ein Tem⸗ pel der Erinnerung, jeder Stuhl, jeder Tiſch, jedes Meuble, hatte eine Geſchichte, und dieſe Geſchichte ſprach von Napoleon, von Joſephinen, von den gro⸗ ßen Tagen des Kaiſerreichs! In Arenenberg alſo hatte Hortenſe, die Herzogin von St. Leu, endlich eine danernde Heimath gefun⸗ den, in Arenenberg brachte ſie den größten Theil des Jahres zu, und nur wenn die rauhen Stürme des Herbſtes kamen und mit eiſigem Hauch durch ihre fenſterreiche, leicht gebaute Villa heulten, verließ Hor⸗ tenſe ihre geliebte Einſamkeit und ging nach Rom, um dort die Winter⸗Monate zuzubring en, während ihr Sohn Louis Napoleon zu Thun in der dortigen Artillerieſchule den Studien oblag. Und ſo gingen die Jahre hin, friedvoll und ſtil, 421— zuweilen auch freilich unterbrochen von neuem Leid und neuem Verluſt. 1 Im Jahre 1821 ſtarb der Held, der Kaiſer, dem neben der goldenen Lorbeerkrone jetzt noch eine Mär⸗ tyrerglorie ſein Haupt umleuchtete, auf der Felſen⸗ inſel St. Helena. Im Jahre 1824 verlor Hortenſe ihren einzigen Bruder Eugene, den Herzog von Leuchtenberg. Hortenſe hatte jetzt nichts mehr zu lieben, außer ihren beiden Söhnen, welche ſtark und kräftig er⸗ blühten, die Freude und der Stolz ihrer Mutter, der Gegenſtand des Mißtrauens, der Sorge und des ewigen Spähens aller europäiſchen Fürſten. Denn dieſe Söhne trugen auf ihrem Antlitz und in ihrem Weſen, in ihrem Namen und in ihrem Sinn zu deutlich die Erinnerung an die große Vergangenheit, die man nimmer hinweg zu leugnen vermochte, ſo lange die Napoleoniden noch lebten, um Zeugniß von ihr abzulegen. Und ſie lebten und gediehen, den Bourbonen zum Trotz, ſie lebten und gediehen, obwohl verbannt aus dem Vaterlande und gezwungen, ein thatenloſes, un⸗ kräftiges, nach Außen wirkungsloſes Denkerleben zu führen! 3 Aber endlich ſchien es, als ob für ſie, die ver⸗ bannten Napoleoniden, auch wieder die Stunde des Glückes und der Freiheit ſchlagen ſollte, als ob es auch ihnen wieder gegönnt ſein ſollte, ein Vaterland zu haben, dem ſie dienen, dem ſie ihre Kräfte wid⸗ men könnten. Die Revolution von 1830 ließ ihre donnernde Stimme durch das zitternde Europa ſchallen. Frank⸗ reich, welchem die Alliirten die Bourbonen aufgedrun⸗ gen, Frankreich ſtand auf und ſchüttelte ſeine Mäh⸗ nen, und zerſchlug mit ſeiner Löwentatze den Thron — 122— der Bourbonen und verjagte die Jeſuiten, welche hinter demſelben geſtanden und welche Carl X. den unheilvollen Rath gegeben, die Charte zu zerreißen, die Preßfreiheit zu vernichten und die Dragonaden und die Autodafés vergangener Zeiten wieder einzu⸗ führen.— Frankreich, welches man 1815 als ein unmün⸗ diges Kind behandelt hatte, es wollte ſich jetzt als mündig beweiſen, es wollte ganz und für immer mit der Vergangenheit brechen, um ſich lediglich aus ſeiner eigenen Kraft heraus eine neue Zukunft zu begründen. Die Lilien der Bourbonen waren für immer ab⸗ geblüht; dieſe letzten Jahre fanatiſcher Jeſuitentyran⸗ nei hatten ihnen die letzte Lebenskraft ausgedörrt, und Frankreich ſchleuderte die welke Lilie aus ſeiner Erde fort, um eine neue, lebenskräftige, junge Pflanze an ihre Stelle zu ſetzen. Der Thron der Bourbonen war umgeſtürzt, aber das Volk, ſchaudernd der blu⸗ tigen Republik gedenkend, wollte dieſe vermeiden, es wollte einen Thron, einen König! Es ſtreckte ſeine Hand nach demjenigen hin, der ihm am nächſten ſtand, und der in den letzten Jahren die Sympathieen Frank⸗ reichs zu gewinnen gewußt hatte. Es wählte ſich den Herzog von Orleans zum König, den Sohn Philipp Egalité's. Louis Philipp, der begeiſterte Republikaner von 1790, der damals die drei Worte der Republik: Liberté, Egalité, Praternité, mit der Ueberſchrift: Vive la Republique! ſich in ſeinen Arm hatte brennen laſſen, um ſich als ächten Republikaner zu bewähren,*) Louis Philipp, der dann flüchtig, proſcribirt in Eu⸗ ropa umhergeirrt und als Schreib⸗ und Sprachlehrer *) Némoires de 1e Marquise de Créqui. — 123— ſich ſein Brot hatte erwerben müſſen, Louis Philipp ward jetzt König von Frankreich.— Das Volk rief ihn auf den Thron, es riß die weiße Fahne vom Dach der Tuilerien, aber es wußte keine andere, keine beſſere darauf zu pflanzen, als die Tricolore des Kaiſerreichs! Beſchattet von dieſer Tricolore beſtieg Louis Phi⸗ lipp den Thron, und das Volk, dem die drei Farben die glorreiche Zeit des Kaiſerthums zurückriefen, das Volk jauchzte laut auf vor Entzücken, und um ſeinen Sympathieen genug zu thun, ſorderte es für Frank⸗ reich— nicht den Sohn Napoleons, nicht Napoleon II. — ſondern die Aſche Napoleons und die Statue des Kaiſers auf der Place Vendome.— Louis Philipp gewährte ihm Beides, aber damit glaubte er auch den alten Sympathieen Frankreichs genug gethan zu haben. Er hatte die Tricolore des Kaiſerreichs angenommen, er hatte verſprochen, den Kaiſer von der Vendôme⸗Säule aus über Paris wachen zu laſſen und ſeine Aſche nach Paris zu holen— das waren genng der Liebesbeweiſe. Man konnte ſie ungefährdet dem todten Napoleon gewähren, aber ſchlimmer wäre es geweſen, den leben⸗ den Napoleoniden auch Liebesbeweiſe zu gewähren, das hätte leicht den jungen Thron Louis Philipp's ſelbſt erſchüttern und die Alliirten wieder nach Paris führen können! Denn der Haß der Fürſten gegen Napoleen lebte fort gegen die Napoleoniden, und es war für Jene, wie Metternich ſagte,„eine Frage des legitimen Prin⸗ cips, keinen Napoleon wieder auf dem Thron von Frankreich zu dulden.“ Die europäiſchen Mächte hatten alſo durch ihre Diplomaten dem neuen König von Frankreich ihre Bereitwilligkeit erklärt, ihn anzuerkennen, aber ſie 124— ₰ hatten eine Bedingung geſtellt— die Bedingung: daß Louis Philipp das Verbannungsdecret, welches die Bourbonen gegen die Napoleoniden geſchleudert, beſtätige oder erneuere. Louis Philipp hatte dieſe Bedingung angenom⸗ men, und die Napoleoniden, welche kein anderes Ver⸗ brechen begangen, als daß ſie Brüder und Verwandte des Kaiſers geweſen, vor dem einſt nicht bloß Frankreich, ſondern alle Fürſten Europa's ſich ge⸗ beugt— die Napoleoniden wurden auf's Neue für ihrem Vaterlande fremd erklärt und zum Exil ver⸗ urtheilt! IV. Die Revolution in Rom und die Söhne Hortenſens. Es war ein fürchterlicher Schlag für die Napo⸗ leoniden, dieſes neue Verbannungs⸗Decret. Es traf ſie wie ein zerſchmetternder Blitz in ihren heiligſten Hoffnungen, ihrer glühendſten Sehnſucht, und ihre Freude über die glorreiche und heldenmüthige Juli⸗ Revolution verſtummte unter den Seufzern einer neuen Enttäuſchung. Es blieb ihnen alſo nichts übrig, als ihr Leben ſo fortzuſetzen, wie ſie es einmal angenommen, und ſich mit den Wiſſenſchaften und Künſten zu tröſten für die wieder entſchwundene Hoffnung auf ein that⸗ kräftiges und für Frankreich nutzvolles Leben. Hortenſe entſchloß ſich alſo am Ende des Octo⸗ — 125— bers 1830 wieder, wie alljährlich, Arenenberg zu ver⸗ laſſen und mit ihrem Sohn nach Rom zu gehen. Aber dies Mal wandte ſie ſich zuerſt nach Flo⸗ renz, wo ihr älteſter Sohn Napoleon Louis, ſeit Kurzem mit ſeiner Touſine, der zweiten Tochter des Königs Joſeph, vermählt, mit ſeiner jungen Gattin lebte. Eine geheime, angſtvolle Sorge beſchäftigte das Herz der zärtlichen Mutter; ſie fühlte und ſah,. daß dieſe Revolution Frankreichs ein anſteckendes Fieber für ganz Europa ſein werde, und daß vor allen Dingen Italien ſich dieſer Anſteckung nicht ent⸗ ziehen könne. Italien war krank bis in ſein inner⸗ ſtes Lebensmark, und in der Verzweiflung ſeiner Schmerzen mochte es zu einem verzweiflungsvollen Mittel, zu dem Aderlaß einer Revolution ſchreiten, um ſich wieder geſund zu machen. Hortenſe fühlte das und ſie fürchtete für ihre Söhne! Sie fürchtete, daß die Verbannten, die Heimath⸗ d ſie wußte, daß, wenn eine Revolution in Italien ausbräche, dieſe Revolution ſich gern mit dem Namen Napoleon ſchmücken werde!— Hortenſe beſchwor demgemäß ihre Söhne, ſich von allen gefährlichen Unternehmungen fern zu halten, nicht Denen zu folgen, welche ſie mit dem alten Zauberwort: Freiheit! das trotz alles Bluts und aller Thränen, die es der Menſchheit ſchon gekoſtet, doch niemals ſeine berauſchende Kraft verlieren kann, zu ſich rufen möchten. Ihre beiden Söhne verſprachen es ihr, und be⸗ — 126— ruhigten und erleichterten Herzens verließ Hortenſe mit ihrem jüngeren Sohn Louis Napoleon Florenz und begab ſich mit ihm nach Rom. Aber das ſonſt ſo ernſte, ariſtokratiſche, feierliche Rom nahm in dieſem Winter eine ganz neue, unge⸗ wöhnliche Phyſiognomie an. Man ſprach in den Sa⸗ lons nicht blos mehr von Kunſt und Poeſie, vom Pantheon und von St. Peter, man überlegte nicht mehr blos, wie man ſich amüſiren wolle, ſondern man ſprach von Politik, von der Revolution in Frank⸗ reich, und lauſchte auf das Signal, welches verkün⸗ den würde, daß die Revolution in Italien ihren feierlichen Einzug gehalten. Selbſt das Volk von Rom, welches ſonſt ſo harm⸗ los und müßig in der Sonne zu liegen pflegte, es ſtand in dichten Gruppen auf der Straße, un gar ſeltſame und unerhörte Worte waren es, welche die Polizei vernahm, wenn ſie lauſchend an dieſ Gruppen heranſchlich. Aber ſie hatke nicht mehr den Muth, diejenigen zu verhaften, welche dieſe Worte ausgeſtoßen, ſie fühlte, daß es vielleicht nur eines ſolchen kleinen Anlaſſes bedürfe, um den Schleier zu zerreißen, unter dem die Revolution ſich noch ver⸗ borgen hielt.— Eine Revolution möglichſt zu vermeiden, nicht indem man ihr den Anlaß und Grund, ſondern indem man ihr die Mittel nahm, war daher das eifrige Streben des römiſchen Gouvernements. Der Sohn Hortenſens, Louis Napoleon, ſchien dem Gou⸗ vernement ein Mittel, deſſen ſich die Revolution zu ihren Zwecken bedienen konnte, und das man daher entfernen mußte. Sein Name Napoleon, ſelbſt die dreifarbige Cha⸗ bracke ſeines Pferdes, mit der er durch die Straßen Roms ritt, war aufreizend für eine Bevölkerung, in — 127— deren Adern ſchon das Fieber der Revolution pul⸗ ſirte. Lonis Napoleon mußte daher entfernt werden! Der Gouverneur von Rom wandte ſich mit die⸗ ſer Forderung zuerſt an den Großoheim des Prinzen, an den Cardinal Feſch, und bat ihn, der Herzogin von St. Leu den Rath zu geben, den jungen Prin⸗ zen auf einige Wochen aus Rom zu entfernen. Aber der Cardinal erklärte mit edlem Zorn, daß ſein Neffe, der nichts gethan, blos um ſeines Namens und ſeiner Chabracke willen, Rom nicht verlaſſen ſolle und daß er niemals der Herzogin von St. Leu dieſen Rath geben werde.. Das Gouvernement von Rom entſchloß ſich alſo iſchen Mitteln. Es ließ das Hötel der Her⸗ i Soldaten umzingeln, während ein Offi⸗ Papſtes ſich der Herzogin vorſtellte und dem Lonis Napoleon ankündigte, daß er den Be⸗ ihn ſofort aus Rom zu bringen nze zu begleiten. em nahenden Unheil ließ die Re⸗ 1 vergeſſen, welche man einem ick ſchuſhig iſt, und man wies den Neffen es Kaiſers daher Zleich einem Verbrecher fort. Hortenſe empfing den Ausweiſungsbefehl für ihren Sohn faſt mit Freude. Fern von Rom ſchien er ihr mehr geſichert vor der Revolution, deren nahen Ausbruch ſie ahnte, und ſie war es daher ſehr woohl zufrieden, den Prinzen nach Florenz zu ſeinem Vater gehen zu laſſen, weil ſie ihn dort ſicher glaubte vor den gefährlichen politiſchen Verleumdungen, die ihn hier in Rom bedrohten. Sie ließ ihn daher abreiſen und wie hätte ſie ſeine Abreiſe verhindern ſollen, ſie, die einſame macht⸗ loſe Frau, welcher ſelbſt der franzöſiſche Geſandte nicht einmal würde Schutz gewährt haben! Niemand ſprach für ſie, Niemand legte Beſchwerde ein gegen das gewaltſame und brutale Verfahren, mit dem man den Prinzen Louis Napoleon aus Rom verbannte, Nie⸗ mand— außer dem Geſandten Rußlands! Der Kaiſer von Rußland war von allen Sou⸗ veränen Europa's der Einzige, welcher ſich ſtark ge⸗ nug fühlte um den Namen Napoleons nicht ſcheuen und die Rückſichten nicht aus den Augen ſetzen zu dürfen, welche man der Familie eines Helden und eines Kaiſers wohl ſchuldig war. Der Kaiſer von Rußland hatte daher den Napo⸗ leoniden niemals ſeinen Schutz, ſeinen Beiſtand ver⸗ ſagt, und ſein Geſandter war alſo auch jetzt der Einzige, welcher gegen das Gewaltverfahren des römiſchen Gouvernements proteſtirte.*) Das Gefürchtete traf endlich ein. It ſich, wie es Frankreich gethan, es wollte d und Bedrückung abwerfen, wie es F es wollte frei ſein!— In Mod zuerſt los. Der Herzog ſah fliehen, und eine proviſoriſche A General Menotti ſetzte ſich ne während das in Modena geſchah, feierte das römiſche Volk jubelnde Feſte zu Ehren des neuen, eben ge⸗ wählten Papſtes Gregor XVI., der ſtatt des ver⸗ ſtorbenen Papſtes Pius VIII. den Stuhl von St. Peter beſtiegen hatte, und der Jubel der Thronbe⸗ ſteigung und des Carnevals ſchien die Römer allein zu beſchäftigen. 3 Unter der lachenden Maske der Carnevalsluſt ver⸗ barg die Revolution ihr ernſtes und drohendes An⸗ „ ———„ *) La Reine Hortense en Nalie, en France et en Anglelerre pendant Pannée 1831. Eerit par Elle-meme P. 47. — — 129— geſicht, und erſt unter dem lauten Jubel des Faſt⸗ nachtsdienſtages wollte ſie ihr wahres Antlitz zeigen. Das Volk hatte an dieſem Tage immer mit Con⸗ fetti und Blumen geworfen, diesmal wollte es mit Steinen und Kugeln den Faſtnachtsdienſtag begrüßen, diesmal wollte es nicht in der Harlekinsjacke erſchei⸗ nen, ſondern in ſeiner wahren Geſtalt, ernſt, groß, gebieteriſch, ſeiner Selbſt und ſeines Willens ſich bewußt. Aber das Gouvernement hatte von dem Plane der Verſchworenen, die Corſofahrt des Faſtnacht⸗Dienſtags zum Ausbruche der Revolution zu benutzen, Nachricht erhalten, und der Corſo ward daher eine Stunde vor dem Beginn deſſelben unterſagt. Das Volk empörte ſich gegen das Verbot, und die Revolution, die man batte unterdrücken wollen, brach aus. Der Donner der Kanonen, das Ge⸗ ſchmetter des Gewehrfeuers erſchallte jetzt in den Straßen von Rom, und überall ſetzte das Volk den Soldaten des Papſtes einen feſten und energiſchen Widerſtand entgegen. Der neue Papſt erzitterte im Quirinal, die alten Cardinäle verloren den Muth und wichen bei jedem Schritt, den die Inſurgenten vorwärts thaten, ent⸗ ſetzt einen Schritt zurück. Gregor fühlte, daß die kaum erſt gewonnene Papſtkrone ſchon im Begriff war, von ſeinem Haupte zu fallen und unter den Füßen des ſiegreichen Volkes zertreten zu werden, er wandte ſich alſo an Oeſterreich und bat um Hülfe und Beiſtand.. Aber das junge Italien, das Italien der Begei⸗ ſterung, der Freiheit und des Hoffens, das junge Ita⸗ lien richtete ſeine Augen nach Frankreich hin. Das alte Italien hatte das alte Oeſterreich um Hülfe an⸗ gerufen, das junge Italien hoffte auf die Hülfe dieſes Königin Hortenſe. II. 3 9 — 130— freien, neuerſtandenen Frankreichs, in welchem die Revolntion eben erſt einen glorreichen Sieg gefeiert hatte. Aber Frankreich verleugnete ſeinen italieni⸗ ſchen Bruder, es verleugnete ſeinen eigenen Urſprung, und kaum hatte die Revolution auf dem neu errich⸗ teten Königsthron ſich niedergelaſſen, und ſich mit der Krone und dem Purpurmantel bekleidet, als ſie ſchon um ihrer eigenen Sicherheit willen reactionär ward und ſich ſelber verleugnete. Rom wollte, wie ganz Italien, das Joch abſchüt⸗ teln, das ſo lange ſeine Freiheit unterdrückt hatte, das ganze Volk begeiſterte ſich für dieſe Idee, und auf den Straßen Roms, auf denen man ſonſt ge⸗ wohnt war, heiligen Prozeſſionen und Schaaren von Prieſtern und Mönchen zu begegnen, auf den Stra⸗ ßen Roms hörte man nur jubelnde Freiheitslieder, ſah man nur die römiſche Jugend mit triumphirender Miene einherſchreiten. Die Fremden, entſetzt über dieſe Veränderung, verließen ſchaarenweiſe die heilige Stadt und eilten ihrer Heimath zu. Hortenſe wollte bleiben, ſie wußte, daß ſie vom Volk nichts zu fürchten habe, denn Al⸗ les, was ſie Schlimmes und Böſes getroffen, war ihr nicht vom Volk, ſondern immer nur von den Fürſten gekommen.*) Hortenſe alſo wollte bleiben, als ſie Briefe von ihren beiden Söhnen erhielt, welche ſie angſtvoll be⸗ ſchworen, Rom zu verlaſſen, und ihr anzeigten, daß ſie in dieſer Stunde beide Florenz verließen, um ihrer Mutter entgegen zu eilen. Hortenſe ſchrie laut auf, als ſie das las, ſie, welche auf Erden kein Glück mehr kannte und begehrte, als das Glück ihrer Kinder, ſie, welche immer nur zu *) La reine Hortense. P. 63. — 131— Gott betete,„daß es ihren Kindern wohlergehen und ſie vor ihnen ſterben möge,“ ſie fühlte jetzt, daß eine furchtbare Gefahr ihre Söhne bedrohte, daß ſie im Begriff waren, von den Wogen der Revolution mit fortgeriſſen zu werden. Sie hatten Florenz, ſie hatten ihren Vater ver⸗ laſſen, ſie befanden ſich auf dem Wege nach Rom, das heißt auf dem Wege der Revolution, welche ſie mit jubelnder Stimme zu ſich rufen und den Namen Napoleon als Standarte vor ſich hertragen wollte! Aber noch war es vielleicht Zeit, ſie zu retten, noch mochte es Hortenſens Bitten und Flehen gelin⸗ gen, ibre Söhne zurückzuhalten von dem Abgrund, dem ſie im Rauſch der Begeiſterung entgegentaumel⸗ ten. Hortenſe fühlte ſich kraftvoll, entſchloſſen und muthig als ſie das dachte und an demſelben Tage noch, an welchem ſie die Briefe erhalten, verließ ſie Rom, um ihren Söhnen entgegen zu eilen. Noch hoffte ſie, daß es Zeit ſei ſie zu retten, bei jedem heranrollenden Wagen meinte ſie ihre Söhne zu ſehen und ihren leuchtenden Augen zu begegnen— aber umſonſt! Sie hatten geſchrieben, daß ſie ihr entgegen kom⸗ men würden, aber ſie waren nicht da!— Vielleicht indeß hatten ſie den Vorſtellungen ihres Vaters Gehör gegeben, vielleicht waren ſie in Florenz geblieben, um dort ihre Mutter zu erwarten. So langte Hortenſe, von Furcht und Hoffnung gequält, in Florenz an und fuhr zu dem Hötel, in welchem ihr Sohn Louis Napoleon gewohnt hatte. Ihre Füße trugen ſie kaum, ſie hatte kaum die Kraft, nach ihrem Sohn zu fragen. Niemand wußte von ihm, er war nicht da! Aber er konnte bei ſeinem Vater ſein, und dahin ſandte Horſenſe jetzt, um Nachricht von ihren Söhnen 9*x — 132— zu haben. Der Bote kam zurück, allein, traurig,— ihre Söhne waren abgereiſt! 6 Sie waren Beide der Revolution gefolgt, welche vor ihren entzückten Ohren die Jubel⸗Hymnen der Freiheit erſchallen ließ. Der General Menotti hatte ſie im Namen Italiens aufgefordert, die Sache der Freiheit und des Rechts mit ihrem Namen und mit ihrem Arm zu unterſtützen, und ſie hatten nicht den Muth und den Willen gehabt, dieſe Aufforderung zurückzuweiſen. Ein Diener, den ihr jüngerer Sohn zurückgelaſſen, übergab der Herzogin einen Brief von Louis Napo⸗ leon, ein letztes Abſchiedswort an ſeine geliebte Mutter. „Deine Liebe wird uns verſtehen,“ ſchrieb Louis Napoleon,„wir haben Verpflichtungen übernommen, wir können uns ihnen nicht entziehen, und der Name, den wir tragen, verpflichtet uns, den unglücklichen Völkern, wenn ſie uns rufen, beizuſtehen. Ich bitte meiner Schwägerin die Sache ſo vorzuſtellen, als ob ich es geweſen, der ihren Gemahl verkeitet hat; er betrübt ſich darüber, ihr eine Handlung ſeines Lebens verborgen zu haben.“*) V. Tod des Prinzen Napoleon. Das Gefürchtete war alſo geſchehen, die Begeiſte⸗ rung der Jugend hatte jede andere Rückſicht verſtum⸗ men gemacht, und die beiden Söhne der Herzogin von St. Leu, die beiden Neffen des Kaiſers Napoleon, *) Reine Hortense. P. 78, — 123— ſtanden an der Spitze der Revolntion. Von Foligno bis Civita⸗Caſtellana organiſirten ſie die Vertheidi⸗ gung, und die jungen Leute der Städte und Dörfer ſtrömten freudig zu ihren Fahnen herbei und gehorch⸗ ten den Prinzen Napoleon als ihren Herren; die Schaaren, welche die beiden Prinzen anführten, wa⸗ ren kaum bewaffnet, aber ſie zogen dennoch muthvoll weiter und wollten jetzt verſuchen, Civita⸗Caſtellana zu nehmen, um die dort ſeit acht Jahren in dumpfen Kerkern ſchmachtenden Staatsgefangenen zu befreien. Das waren die Nachrichten, welche die Couriere heimbrachten, die Hortenſe mit flehenden Briefen an ihre Söhne geſchickt, um ſie zur Rückkehr zu bewegen. Es war zu ſpät, ſie wollten und ſie konnten nicht mehr zurück! Ihr Vater rang in verzweiflungsvollem Jammer die Hände und beſchwor ſeine Gemahlin, da er ſelber durch Krankheit und Gicht an ſeinen Lehnſtuhl ge⸗ feſſelt war, Alles zu thun, um ſeine und ihre Söhne der furchtbaren Gefahr zu entreißen, in welcher ſie ſich befanden. Denn die Revolution war verloren, das fühlten, das ſahen ſchon alle Beſonnenen.— Aber die Jugend wollte es nicht ſehen, ſie ſtrömte noch immer den Fahnen zu, ſie jauchzte noch immer der Revolution mit begeiſterten Freiheitsrufen ent⸗ gegen, und wenn ihre Aeltern ſie zurückhalten woll⸗ ten, entflohen die Söhne heimlich dem väterlichen Hauſe, um dem Rufe zu folgen, der mit ſo göttlichem Klang an ihr Ohr geſchlagen. Einer der Söhne der Prinzeſſin von Canino, der Gemahlin Lucian Bonaparte's, war heimlich dem Schloſſe ſeines Vaters entflohen, um zu den Inſur⸗ genten zu gehen. Es gelang, ihn aufzufinden und mit Gewalt zurückzuführen, und da die Familie dem Papſt Dank ſchuldig war, weil er die Fürſtenthümer — 134— Canino und Muſignano für Lucian Bonaparte und ſeinen älteſten Sohn gegründet hatte, griff man zu den äußerſten Mitteln, um den jungen Prinzen zu verhindern, gegen die Truppen des Papſtes zu kämpfen. Die Fürſtin Canino erwirkte es von dem Groß⸗ herzog von Toscana als eine Gnade, daß ſie für ihren Sohn einen Platz in einem der Staatsgefäng⸗ niſſe von Toscana erhielt, und dahin brachte man ihn während der ganzen Dauer der Revolution. Man ſchlug der Herzogin von St. Leu vor, daſſelbe Auskunftsmittel anzuwenden, aber trotz ihrer Angſt und ihrer Sorge, trotzdem ſie Tag und Nacht ruhe⸗ los und in fieberhafter Unruhe in ihren Zimmern um⸗ herirrte, lehnte ſie es ab. Sie wollte ihre Söhne nicht einer ſolchen Demüthigung äußeren Zwanges unter⸗ werfen; wenn ihre eigene Vernunft, wenn das Flehen und Bitten ihrer Mutter ſie nicht zurückzuführen ver⸗ mochte, ſollte die Gewalt es nicht thun. Indeß war die ganze Familie bemüht, Alles anzuwenden, jedes Mittel zu ergreifen, um die beiden Prinzen Napoleon der Revolution zu entreißen, welche aufs Neue den Namen Napoleon den mißtrauiſchen und zürnenden Fürſten Europa's verdächtigen mußte.— Der Cardinal Feſch und der König Jerome be⸗ ſchworen ihre Neffen in flehenden, dann in befehlen⸗ den Briefen, die Armee der Inſurgenten zu verlaſſen. Im Einverſtändniß mit ihrem Vater Louis Bo⸗ naparte ſchrieben ſie an das proviſoriſche Gouverne⸗ ment von Bologna, daß der Name der beiden Prin⸗ zen der Sache der Revolution ſchade, an den Gene⸗ ral Armandi, den Kriegsminiſter der aufrühreriſchen Regierung, um ihn zu bitten, die Prinzen von der Armee zurückzurufen. Alle Welt, Freund und Feind vereinigte ſich, um den Eifer und die Anſtrengungen — 135— der beiden Prinzen zu neutraliſiren und ihnen zu be⸗ weiſen, daß ſie der Sache, welcher ſie ihren Namen liehen, nur ſchaden könnten, daß man die Revolution vielleicht gewähren ließe, und ſie ſeitens der auswärti⸗ gen Mächte vielleicht als eine innere Angelegenheit Italiens betrachten werde, in die man ſich nicht zu miſchen habe, daß man aber unerbittlich ſein werde, ſobald der Name Napoleon ſich an die Spitze der Nevolution ſtelle, um vielleicht auf's Neue die Throne Europa's zu erſchüttern. Die beiden Prinzen gaben endlich ſo vielen Be⸗ ſtürmungen, ſo vielen Vorſtellungen ſach,— ſie legten ihre Commando's nieder und entſagten dem Range, den man ihnen in der Armee der Aufſtändi⸗ ſchen gegeben,— aber da es ihnen nicht mehr ver⸗ gönnt ſein ſollte, die Revolution mit ihrem Namen und ihrem Kopf zu dienen, wollten ſie ihr wenig⸗ ſtens mit ihrem Arm dienen; ſie legten alſo ihre Commandos nieder, aber ſie wollten bei der Armee bleiben ohne Grad und ohne Rang als einfache Sol⸗ daten und Volontärs. Und als ihr Vater, als ihre Onkels, damit noch nicht zufrieden, noch ferner in ſie drangen, da erklär⸗ ten die beiden Prinzen, daß, wenn man ſie noch fer⸗ ner ſo grauſam quälen werde, ſie nach Polen gehen und dort der Revolution dienen würden.*) Hortenſe hatte zu allen dieſen Verſuchen und Be⸗ mühungen ihrer Familie geſchwiegen; ſie wußte, daß das Alles vergeblich ſei, ſie kannte ihre Söhne beſſer als ſie Alle, und wußte, daß wenn ſie einmal einen Entſchluß gefaßt, nichts auf der Welt ihn zu ändern vermochte. Aber ſie wußte auch, daß ſie verloren ſeien, daß die Revolution unterliegen müſſe, daß ihre *) La reine Hortense. P. 93. — 136— Söhne bald flüchtig und proſeribirt umherirren wür⸗ den und ſie bereitete ſich in der Stille vor, um ihnen in dieſen Tagen der Gefahr hülfreich ſein zu können. Sie waffnete ſich mit Muth und Entſchloſſenheit und machte ihre Seele ſtark, damit ſie nicht von dem Un⸗ glück zerſchmettert werde, deſſen nahendes Flügelrau⸗ ſcchen ſie ſchon in der Luft zu vernehmen meinte. Während daher um ſie her Alle jammerten und weinten, während ihr Gemahl troſtlos die Hände rang und über die Gegenwart klagte, überlegte Hor⸗ tenſe ruhig und entſchloſſen die Zukunft und bereitete ſich vor, ih trotzen. Und was ſie gefürchtet, traf ſchnell genug ein. Eine öſterreichiſche Flotte kam in's Adriatiſche Meer, ein öſterreichiſches Heer näherte ſich von allen Sei⸗ ten den aufſtändiſchen italieniſchen Provinzen; ſchon hatte es Modena wieder erobert, ſchon flohen die Aufſtändiſchen ſchaarenweiſe vor den Kanonen Oeſter⸗ reichs, deren donnernde Salven die Hoffnungen der italieniſchen Jugend auf's Neue zerſchmettern ſollten. Jetzt ſprang Hortenſe wie eine gereizte Löwin enſpor, glühend vor Enthuſiasmus, vor Muth und Thatkraft. Die Gefahr war da, ſie mußte ihre Söbne retten! Sie hatte lange überlegt, wie ſie es anzufangen, wohin ſie ſich mit ihnen zu wenden habe. Sie war entſchloſſen geweſen, mit ihnen nach der Türkei zu gehen und ſich in Smyrna mit ihnen nie⸗ derzulaſſen, aber die öſterreichiſche Flotte, welche das Adriatiſche Meer jetzt beherrſchte, machte dieſen Plan unausführbar. Jetzt in dieſer Stunde höchſter Ge⸗ fahr durchleuchtete es ihre Seele wie ein Blitz und auf einmal wußte ſie den Weg der Rettung. „Ich werde ſie auf dem Wege entführen,“ ſagte ſie zu ſich ſelber,„auf welchem man ſie am wenigſten ſuchen wird, ich werde ſie durch Frankreich, durch in dem von den Infurgenten noch beſetzten Theil des — 137— Paris führen. Ein Todes⸗Decret ſchwebt dort über ihren Häuptern, aber das kümmert mich nicht; die Freiheit, die Gerechtigkeit, die Menſchlichkeit wird immer noch zu viel Gewalt über Frankreich haben, als daß ich ernſte Maaßregeln zu fürchten hätte. Ich muß meine Söhne retten, der Weg durch Frankreich iſt der Weg der Rettung, ich gehe ihn alſo!“ Und ſofort ging Hortenſe jetzt an die Ausführung ihres Planes. Sie ließ einen in Florenz lebenden Engländer, deſſen Familie ſie einſt in Frankreich wich⸗ tige Dienſte geleiſtet, zu ſich bitten, und bat ihn, ihr einen Paß zu verfchaffen für eine eengliſche Dame, die mit ihren beiden Söhnen durch Frankreich nach England reiſen wolle. Der Lord verſtand ſie und war freudig bereit, ihr und ihren Söhnen zu dienen und hülfreich zu ſein. Schon am anderen Tage brachte er ihr den ge⸗ forderten Paß, und Hortenſe, welche wohl wußte, daß, um ein Geheimniß zu bewahren, man gar keine Ver⸗ trauten haben müſſe, erklärte jetzt ſowohl ihrem Ge⸗ mahl, als ihrer Familie und ihren Freunden, daß ſie entſchloſſen ſei, ihr)e Söhne aufzuſuchen und ſich mit ihnen in Ancona nach Corfu einzuſchiffen. Ihre Söhne befanden ſich jetzt noch in Bologna, aber ſchon in wenigen Tagen mußte dieſe Stadt von den Oeſterreichern genommen ſein, und Alles war verloren, wenn Hortenſe ihnen nicht zuvorkam. Sie ſandte einen vertrauten Diener als Courier an ihre Söhne und ließ ihnen ihre Ankunft melden, dann, ſobald die Nacht dun⸗ kelte, brach ſie ſelber, nur von einer Geſellſchaftsdame be⸗ gleitet, auf. Sie war muthig, entſchloſſen und ſtark, denn es galt ihre Söhne, ihr einziges Glück zu retten. Bald hatte ihr raſch dahinrollender Wagen die Grenze Roms überſchritten und ſie befand ſich jetzt — 138— Landes. Alles athmete hier noch Muth, Frendigkeit und Vertrauen. Die ganze Bevblkernng, geſchmückt mit Cocarden und tricoloren Bändern, ſchien glücklich und zufrie⸗ den, und wollte nicht glauben an die Gefahr, welche ſie bedrohte. Ueberall feierte man Feſte zu Ehren der Revolu⸗ tion, der Freiheit, und verlachte Diejenigen, welche von den anrückenden Oeſterreichern und von Gefah⸗ ren ſprachen. Statt Vorkehrungen zu ihrer Verthei⸗ digung zu treffen, ledten die Aufſtändiſchen ihre Hände in den Schooß und überließen ſich dem Freu⸗ dentaumel über das, was ſie erlangt hatten, blind für das, was gegen ſie heranrollte. Die Armee der Aufſtändiſchen befand ſich indeſſen bei Bologna und hielt außerdem noch die beiden Städte Terni und Soleta beſetzt, die ſie muthvoll gegen die päpſtlichen Truppen vertheidigt hatten. Jedermann erwartete, daß es bald zu einer entſchei⸗ denden Schlacht kommen werde, und Jedermann ſah derſelben mit freudiger Siegesgewißheit entgegen. Hortenſe theilte dieſe allgemeine Zuverſicht nicht; ſie brachte in Foligno, wo ſie geblieben war und wo ſie ihre Söhne erwarten wollte, traurige Tage der Erwartung, der Spannung zu, erſchreckend vor jedem Geräuſch, und immer mit angſtvoll klopfendem Herzen dem Moment entgegenſehend, wo ihre Söhne flüchtig, vielleicht mit Wunden bedeckt, vielleicht ſter⸗ bend zu ihr kommen würden, um ihr zu ſagen, daß Alles verloren ſei! Endlich ließ die Unruhe, die Sorge ſie nicht mehr in Foligno weilen. Sie mußte ihren Söhnen näher ſein, die Gefahren, die ſie bedrohten, in der Nähe ſehen oder am liebſten ſie mit ihnen theilen. Hor⸗ tenſe verließ alſo Foligno, um nach Ancona zu gehen. — 139— Auf der erſten Station angelangt, ſah ſie einen Mann aus einem Caleſchwagen ſteigen und ſich ihr nähern. Er war ihr unbekannt und doch erzitterte ſie bei ſeinem Anblick in ahnungsvollem Schrecken. Das Herz der Mutter fühlte ſchon den Schlag, der ihrer wartete. Dieſer Mann war ein Abgeſandter ihrer Söhne. „Der Prinz Napoleon iſt krank!“ ſagte er ihr. Hortenſe erinnerte ſich, daß man ihr geſagt, die Rötheln graſſirten in der Gegend.„Er hat die Rötheln!“ rief ſie entſetzt. „Ja,“ erwiderte der Mann,„er hat die Rötheln und er verlangt nach Ihnen, Madame!“ „Oh,“ rief Hortenſe entſetzt,„wenn er nach mir verlangt, dann iſt er ſehr krank! Vorwärts, vorwärts jetzt, ſo raſch die Pferde jagen können, ich muß zu meinem Sohn!“ Und vorwärts ging es in raſender Eile. Hor⸗ tenſe, athemlos, bebend, bleich vor Entſetzen, lehnte im Wagen, ohne Thränen, ohne Klagen, nur zuwei⸗ len vor ſich hin murmelnd:„Nein, es iſt unmöglich! Ich habe ſchon zu viel gelitten! Der Himmel iſt gerecht, er wird mich nicht noch unglücklicher machen wollen! Er wird mir den Sohn erhalten!“ Weiter geht es in raſender Eile, weiter von Sta⸗ tion zu Station, immer näher dem Ziele zu. Aber je näher dem Ziele, deſto trauriger werden die Ge⸗ ſichter, denen ſie begegnet. Auf jeder Station, wohin Hortenſe kommt, ſammeln ſich Gruppen von Men⸗ ſchen um ihren Wagen, und Alle ſchauen ſie an mit tieftraurigen Mienen, und auf jeder Poſt hört ſie es um ſich her murmeln:„Napoleon iſt todt! Arme Mutter! Napoleon iſt todt!“ Hortenſe hörte es, aber ſie glaubte es nicht. Es ſind nicht die Menſchen, welche das ſprechen, es iſt nur die Angſt ihres Herzens! Ihr Sohn iſt nicht todt, er kann nicht todt ſein! Napoleon lebt, ja, er lebt! Und wieder murmelt und klagt das Volk um ihren Wagen:„Napoleon iſt todt!“ Hortenſe ſitzt bleich, bewegungslos, in dumpfem Hinbrüten in ihrem Wagen. Ihre Gedanken ver⸗ wirren ſich, ihr Herz ſchlägt kaum noch! Jetzt iſt ſie am Ziele, in Peſaro, jetzt hält ihr Wagen vor dem Hötel, wo ihre Söhne ihrer warten! Da ſtürzt ein junger Mann, bleich, ſein Antlitz von Thränen überfluthet, aus dem Thor und an ihren Wagen. Hortenſe erkennt ihn und ſtreckt ihm die Arme entgegen! Es iſt ihr Sohn Louis Napoleon, und wie ſie ſein bleiches, kummervolles Geſicht, ſeine vom Weinen gerötheten Augen ſieht, da erkennt die unglückliche Mutter die Wahrheit! Ja, es war nicht ihr Herz, es war das Volk, welches die Schreckens⸗ worte geſprochen:„Napoleon iſt todt! Arme Mutter! Napoleon iſt todt!“ Mit einem herzzerreißenden Aufſchrei ſinkt Hor⸗ tenſe bewußtlos zuſammen. VI. Die Flucht ans Italien. Aber Hortenſe hatte jetzt nicht Zeit, den Sohn zu beweinen, den ſie ſo ſehr geliebt hatte, es galt, den Sohn zu retten, der ihr geblieben war und den ſie nicht minder liebte, auf den ſiee jetzt alle ihre Liebe, ihre Zärtlichkeit concentriren mußte. — 141— Sie hatte noch einen Sohn zu retten, und nur an dieſen durfte ſie jetzt denken, nur an Louis Na⸗ poleon, der bleich und traurig ihr zur Seite ſtand und das Schickſal anklagte, das es ihm nicht ver⸗ gönnte, mit ſeinem Bruder vereint zu ſterben! Sie muß ihren Sohn retten! Dieſer Gedanke machte Hortenſe wieder geſund und ſtark. Man ſagt ihr, daß die Autoritäten von Bologna ſich ſchon den Oeſterreichern unterworfen haben, daß die Armee der Inſurgenten zerſtreut und flüchtig umher irrt, daß man ſchon in der Ferne öſterreichiſche Schiffe ſieht, welche vielleicht Truppen bei Sinigaglia landen wol⸗ len um die Inſurgenten zu umzingeln und jede Flucht unmöglich zu machen. Dieſe Nachrichten erweckten Hortenſe aus ihrem Schmerz, und riefen ihre Energie wieder wach. Sie befahl ſogleich anzuſpannen und fuhr mit ihrem Sohn nach Ancona, offen vor aller Welt, damit Jedermann wiſſe, daß ſie von dort mit Louis Napoleon ſich nach Corfu einſchiffen wolle. In Ancona, unmittelbar am Ufer des Meeres, lag das Palais ihres Neffen, und dort ſtieg Hor⸗ tenſe ab.. Die Wogen des ſtürmenden und brauſenden Mee⸗ res ſchlugen zuweilen hoch empor bis zu den Fenſtern des Zimmers, welches die Herzogin bewohnte, ſie konnte von dort aus den Hafen ſehen und die Schaa⸗ ren der Flüchtlinge, die ſich am Ufer drängten, um ſich auf die kleinen, elenden Schiffe zu retten, welche da vor Anker lagen. Und es war für dieſe Armen die höchſte Zeit ſich zu retten. Die Oeſterreicher zogen im Sturmſchritt heran; ſie hatten, indem ſie das päpſtliche Gebiet be⸗ traten eine Amneſtie proclamirt, von welcher indeß der Prinz Louis Napoleon, der General Zucchi und — 142— die Modeneſer ausgenommen waren. Die Fremden, die an der Inſurrection Theil genommen, ſollten er⸗ griffen und nach der Strenge der Geſetze gerichtet werden. Die jungen Leute, welche von Modena, von Mai⸗ land und aus allen Theilen Italiens herbeigeſtrömt waren, um der römiſchen Revolution beizuſtehen, mußten jetzt alſo eilen, ſich vor den verfolgenden Oeſterreichern zu retten. Auch für Louis Napoleon gab es keinen Aufſchub mehr; jeder verlorne Augenblick konnte die Flucht unmöglich machen! Hortenſe fühlte ſich krank, bis zum Tode erſchöpft, aber ſie hatte jetzt nicht Zeit, an ſich zu denken, ſie mußte erſt ihren Sohn retten, dann konnte ſie ſterben, aber früher nicht. Sie war ganz ruhig, ganz gefaßt, und mit ruhi⸗ ger Beſonnenheit bereitete ſie ihre doppelte, ihre fin⸗ girte und ihre wirkliche Abreiſe vor. Oeffentlich wollte ſie mit ihrem Sohn ſich nach Corfu einſchiffen, im Geheimen wollte ſie mit ihm durch Frankreich nach England entfliehen! Aber der engliſche Paß, den ſie zu dieſem Behuf erhalten, lautete auf zwei Söhne, und Hortenſe beſaß jetzt nur noch Einen Sohn, ſie mußte daran denken, ſich einen Stellvertreter für den verlornen Sohn zu ichaftn. Sie fand ihn in der Perſon des jungen Marquis Zappi, der, mehr noch als alle Andern compromit⸗ tirt, mit Freuden den Vorſchlag der Herzogin von St. Leu annahm und verſprach, ſich gehorſam allen ihren Anordnungen zu fügen, ohne ihre Pläne ken⸗ nen zu wollen und in ihre Geheimniſſe eingeweiht zu ſein.„ Sodann ließ Hortenſe für die beiden jungen Männer Alles, was zu ihrer Verkleidung als Livrée⸗ — 143— Bedienten nöthig war, beſchaffen, und ihren Wagen zur Abreiſe in Bereitſchaft ſetzen. Während dies im Geheimen geſchah, ließ ſie öffent⸗ lich Alles zu ihrer Abreiſe nach Corfu einrichten. Sie ſandte ihren Paß an die Behörden, und bat um ein Viſa für ſich und ihren Sohn und ließ die Koffer zur Reiſe packen. Louis Napoleon hatte all dieſen Vorbereitungen mit ſtummer und kalter Gleichgültigkeit zugeſehen. Bleich und niedergeſchlagen wankte er umher, ohne zu klagen, ohne irgend ein Schmerzgefühl zu ver⸗ rathen. Aber Hortenſe ſah endlich, daß er krank ſei und ließ deu Arzt kommen. Dieſer erklärte, daß der Prinz einen heftigen Fieberanfall habe, welcher ge⸗ fährlich werden könne, wenn er ſich nicht ſogleich niederlege. Man mußte alſo die Abreiſe auf einen Tag ver⸗ ſchieben und Hortenſe verbrachte eine angſtvolle, troſt⸗ loſe Nacht am Bett ihres von Fieberſchauern geſchüt⸗ telten, phantaſirenden Sohnes. Der Morgen brach endlich an, der Morgen des Tages, an welchem ſie zu fliehen hoffte,— aber wie das Licht des Tages in das Gemach hineindämmerte, wo Hortenſe am Bett ihres Sohnes ſaß, wer ſchil⸗ dert das Entſetzen der unglücklichen Mutter, als ſie das Antlitz ihres Sohnes ſah, geſchwollen, entſtellt, mit rothen Flecken überdeckt! Louis Napoleon hatte, gleich ſeinem Bruder, die Rötheln. Einen Moment fühlte ſich Hortenſe wie vom Blitz zerſchmettert, dann raffte ſie ſich zuſammen zu einer Entſchloſſeuheit, wie ſie ſolche noch nie in ihrem Le⸗ ben gefühlt. Sie ließ ſogleich wieder den Arzt kom⸗ men und voll Zuverſicht auf ein mitleidsvolles Men⸗ ſchenherz vertraute ſie ſich ihm an, und er täuſchte — 144— ihr Vertrauen nicht. Was geſchehen ſoll, muß ſchnell, muß ungeſäumt geſchehen, wenn nicht Alles vergeb⸗ lich ſein ſoll!, Hortenſe denkt an Alles, ſorgt für Alles. Sie läßt vor allen Dingen den Paß ihres Sohnes von allen Behörden zur Reiſe nach Corfu ſigniren und auf dem einzigen für Corfu beſtimmten Schiff, wel⸗ ches im Hafen liegt, für ihren Sohn einen Platz nehmen. Sie befiehlt den Bedienten, welche mit Koffern und Paketen nach dem Schiff gehen, den neu⸗ gierigen Zuſchauern von der nahen Abreiſe des Prin⸗ zen mit dieſem Schiff zu erzählen. Zugleich läßt ſie die Nachricht verbreiten, ſie ſelber, Hortenſe, ſei ge⸗ fährlich erkrankt und könne daher ihren Sohn nicht begleiten. Der Arzt beſtätigt dieſe Angabe und erzählt in ganz Ancona von der gefährlichen Erkrankung der Herzogin von St. Leu. Und nachdem dies Alles geſchehen, läßt Hortenſe das Bett ihres Sohnes in das kleine Cabinet neben ihrem Zimmer tragen, und vor dieſem Bett auf ihre Kniee niederſinkend und das Antlitz in ihren Händen verbergend, fleht ſie zu Gott, ihr das Leben ihres Sohnes zu erhalten! Am Abend dieſes Tages lichtete das nach Corfu beſtimmte Schiff die Anker. Niemand zweifelte, daß Louis Napoleon ſich auf demſelben befinde, und Je⸗ dermann beklagte die Herzogin, welche, krank vor Kummer und Angſt, ihren Sohn nicht hatte beglei⸗ ten können. Und während deß ſaß Hortenſe am Lager ihres Sohnes, der in wilden Fieber⸗Phantaſieen ſich auf ſeinem Krankenbette umherwarf.* Aber ſie fühlte gar keine Schwäche, keine Unruhe mehr„die nervöſe Aufreizung hielt ſie aufrecht und — 145— verlieh ihr Kraft und Beſonnenheit. Zwei Gefahren zugleich bedrohten ihren Sohn, eine Krankheit, welche durch das geringſte Verſehen tödtlich werden konnte, und die Ankunft der Oeſterreicher, welche ihren Sohn Louis Napoleon ausdrücklich von jeder Amneſtie aus⸗ geſchloſſen hatten. Vor beiden Gefahren mußte Hor⸗ tenſe ihren Sohn retten,— das verlieh ihr Stärke. So waren zwei Tage vergangen; die letzten beiden Schiffe hatten, mit Flüchtigen überladen, den Hafen verlaſſen, und jetzt rückte die Avantgarde der Oeſter⸗ reicher in Ancona ein. Der Commandant der Avantgarde, welcher für die nachkommende Armee Quartier beſtellte, beſtimmte das Palais des Prinzen Canino, in welchem die Herzogin von St. Leu wohnte, zum Quartier für den commandirenden General und ſeinen Stab. Hortenſe hatte das erwartet und ſich ſchon im Voraus auf ei⸗ nige Zimmer beſchränkt, die Salons und die großen Zimmer alle für den General bereit haltend. Als man aber verlangte, daß das ganze Palais geräumt würde, da erzählte die Frau des Schloßverwalters, die Einzige, welche die Herzogin in ihr Vertrauen gezo⸗ gen, dem öſterreichiſchen Offizier, daß es die Königin Hortenſe ſei, welche da allein, krank und unglücklich in dieſen reſervirten Zimmern wohne.— Ein wunderbarer Zufall wollte, daß der öſterrei⸗ chiſche Hauptmann, welcher für ſeinen General hier OQuartier machte, einer von denen war, welche im Jahre 1815 in Dijon die Königin und ihre Kinder gegen die Wuth der Royaliſten vertheidigt hatten. Er nahm ſich jetzt zum zweiten Male mit regem Eiſer der Herzogin an und eilte dem eben einrückenden General en chef, Baron von Geppert, entgegen, um ihm von der Lage der Dinge Nachricht zu geben. Dieſer, wie alle Welt, überzeugt, daß ihr Sohn Königin Hortenſe. I. 10 — 146— Louis Napoleon nach Corfu entflohen ſei, erklärte ſich gern bereit, der Herzogin die von ihr bewohnten Zimmer zu überlaſſen und bat, ihr einen Beſuch machen zu dürfen. Aber die Herzogin war noch immer krank und bettlägerig und durfte Niemand empfangen. Die Oeſterreicher alſo zogen in das Palais ein und nahmen von allen Zimmern Beſitz, und inmit⸗ ten derſelben, nur durch eine verſchloſſene Thür von dem Zimmer des Generals getrennt, befand ſich Hor⸗ tenſe mit ihrem kranken Sohn. Das geringſte Ge⸗ räuſch konnte ihn verrathen. Wenn er huſtete, mußte man ihm den Mund zuhalten und ſeinen Kopf unter Decken bergen, um das Geräuſch des Huſtens zu dämpfen, wenn er ſprechen wollte, ſo durfte das nur flüſternd geſchehen, denn die öſterreichiſchen Wand⸗ nachbarn würden erſtaunt geweſen ſein, in dem Zim⸗ mer der kranken Herzogin eine männliche Stimme zu vernehmen, und das hätte Verdacht erwecken können. Endlich, nach acht Tagen der Qual und Angſt, erklärte der Arzt, daß Louis Napoleon jetzt ohne Gefahr die Reiſe antreten dürfe, und die Herzogin von St. Leu war alſo plötzlich geneſen! Sie ließ den öſterreichiſchen General Baron von Geppert um ſei⸗ nen Beſuch bitten, um ihm zu danken für ſeinen Schutz und ſeine Theilnahme; ſie erzählte ihm, daß ſie jetzt bereit ſei abzureiſen, und daß ſie beabſichtige ſich in Livorno einzuſchiffen, um in Malta mit ihrem Sohn zuſammen zu treffen und mit ihm nach Eng⸗ land zu gehen. Da ſie auf dem Wege nach Livorno das ganze öſterreichiſche Armeecorps zu paſſiren hatte, bat die Herzogin den General um einen von ſeiner Hand unterzeichneten Paſſirſchein, der indeß, um alles Auf⸗ ſehen zu vermeiden, ihren Namen nicht enthalten ſolle. — 117— Der General, voll tiefen Mitgefühls für die un⸗ glückliche Frau, welche im Begriff ſtand ihrem pro⸗ ſcribirten Sohn nachzueilen, erfüllte bereitwillig ihre Forderung. Am andern Tage, dem erſten Tage des Oſterfeſtes, wollte Hortenſe ihre Reiſe antreten, und indem ſie dem öſterreichiſchen General ihre Abſchiedsgrüße ſandte, ließ ſie ihm melden, daß ſie, um in Loretto die Meſſe zu hören, ſehr früh abreiſen würde. In der Nacht wurden alle zur Abreiſe nothwen⸗ digen Vorbereitungen getroffen, und Louis Napoleon mußte ſich in die Verkleidung eines Livréebedienten ſtecken; ein eben ſolcher Anzug war auch dem Mar⸗ quis Zappi, der ſich bis zu dieſem Tage bei einem Freunde verborgen gehalten, zugeſandt, und in dieſem Coſtüm ſollte er unten am Wagen die Herzogin er⸗ warten. Endlich dämmerte der Morgen, endlich kam die Stunde der Abreiſe. Das Poſthorn des Poſtillons ſchmetterte die Straße herauf. Mitten durch die Reihen der ſchla⸗ fenden öſterreichiſchen Soldaten, welche das Vorzim⸗ mer, das man zu paſſiren hatte, bewohnten, ſchritt Hortenſe, gefolgt von ihrem mit Paketen beladenen Sohn in der Livrée, dahin. Niemand als die Wache ſah ſie abreiſen. 3 Der Tag dämmerte kaum herauf. Im erſten Wa⸗ gen ſaß die Herzogin mit ihrer Geſellſchafterin, und vorn auf dem Bock ihr Sohn als Bedienter neben dem Poſtillon, im zweiten Wagen ihre Kammerfrau mit dem jungen Marquis Zappi hinter ſich. Als die Sonne herauf kam und dem glänzend ſchönen Oſtertage leuchtete, befanden ſie ſich ſchon weit von Ancona, und in der Kirche zu Loretto knieete Hortenſe an der Seite Louis Napoleons nieder, — 148— um unter heißen Thränenſtrömen Gott zu danken, daß es ihr bis jetzt noch gelungen, ihren Sohn zu retten, und Gott anzuflehen, ihr auch ferner beizu⸗ ſtehen! 2 Dennoch gab es viele Geſahren zu überwinden, nech konnte der kleinſte Zufall ſie verrathen! Nicht blos darin, daß ſie alle die Orte, in denen öſterreichiſche Truppen lagen, zu paſſiren hatten, lag die Gefahr; der Paſſirſchein des Generals von Geppert diente ihnen als Schutz und Beiſtand für das, was ſie von dieſer Seite bedrohen konnte.. Die größere Gefahr konnte ihnen von Freunden kommen, von irgend Jemand, der ihren Sohn er⸗ kennen mochte, und abſichtslos ſie verrathen konnte. Sie mußten das Großherzogthum Toscana paſ⸗ ſiren, und das war für ſie die größte Gefahr, denn dort kannte Jedermann ihren Sohn Louis Napoleon, und Jedermann konnte ſie verrathen. Möglichſt bei Nacht alſo mußte dieſer Weg zurückgelegt werden, überall hatte der vorauseilende Courier die Poſtpferde beſtellt; wie groß war daher das Entſetzen, als man auf der Station Camoscia, an der Grenze Toskana'’s, keine Pferde fand, und erfuhr, daß man erſt in eini⸗ gen Stunden deren haben könnte! Dieſe Stunden der Erwartung und der Angſt waren fürchterlich. Hortenſe verbrachte ſie in ihrem Wagen, athemlos horchend auf jedes Geräuſch, jeden Ton, der die Luft durchbebte. Ihr Sohn Lonuis war abgeſtiegen und hatte ſich auf die ſteinerne Bank geſetzt, welche da vor dem kleinen elenden Poſthauſe ſtand. Erſchöpſt von Kum⸗ mer und noch matt von Krankheit, unbekümmert um die Gefahren, die ihn von allen Seiten bedrohten, nicht achtend des Nachtwindes, der mit fröſteln⸗ den Schauern ſein Antlitz berührte, ließ der — 149— eß ſich auf dieſe Steinbank niedergleiten und ſchlief ein. So brachten ſie die Nacht zu. Hortenſe, die ein⸗ ſtige Königin, in einem halboffenen Wagen; Louis Napoleon, der jetzige Kaiſer von Frankreich, auf einer Steinbank, die ihm als Lager diente! VII. Die Pilgerſahrt. Der Himmel hatte Mitleid mit der Angſt und Qual der unglücklichen Herzogin von St. Leu. Er erhörte das Gebet des geängſtigten Mutterherzens und ließ Mutter und Sohn glücklich allen den Gefahren entrinnen, welche ſie in Italien auf jedem Schritt bedrohten. Bei Antibes überſchritten ſie glücklich und uner⸗ kannt die Grenze von Frankreich. Sie waren jetzt in ihrem Vaterlande, in dieſer belle Prance, die ſie auch in der Ferne, obwohl von ihr verlaſſen und aufgegeben, doch immer noch mit ſtolzer Freude ihre Mutter genannt, und der ſie die Treue und Liebe bewahrt hatten. Ein Todesurtheil bedrohte die Napoleoniden, wenn ſie es wagen ſollten, den franzöſiſchen Boden zu betreten. Aber was kümmerte das ſie! Weder Hortenſe, noch ihr Sohn dachten daran. Sie wußten nur, daß ſie in ihrem Vaterlande waren! Sie ath⸗ ieten mit Entzücken dieſe Luft ein, die ihnen ſchöner, reiner erſchien, als jede andere; ſie lauſchten mit herz⸗ klopfender Freude der Muſik dieſer ſchönen Sprache, — 150— die ſie jetzt überall vernahmen, die ſie mit den ſüßen Lauten der Heimath begrüßte. In Cannes brachten ſie die erſte Nacht zu. Welche Erinnerungen knüpften ſich für Hortenſe an dieſen Ort! In Cannes war Napoleon ans Land geſtiegen, als er von Elba wieder heimkehrte nach Frankreich, von Cannes aus hatte er mit einem kleinen Häuflein Soldaten ſeinen Weg nach Paris angetreten, und mit einer Armee war er dort angelangt. Denn überall hatte das Volk ihn mit Jubel empfangen, überall waren die Regimenter, welche man dem heranrücken⸗ den Feldherrn entgegen geſandt, mit flatternden Fah⸗ nen und klingendem Spiel zu ihm übergegangen. Carl von Labedoyére, der junge begeiſterte Anhän⸗ ger des Kaiſers, war der Erſte geweſen, der das ge⸗ than. Von Grenoble aus ſollte er dem Kaiſer mit ſeinem Regiment entgegenrücken, aber mit dem jauch⸗ zenden Ruf: vive l'empereur! ging das ganze Regi⸗ ment zu ſeinem angebeteten Feldherrn über. Schwer hatte Labedoyère den Enthuſiasmus jener Stunden büßen müſſen, denn die zum zweiten Mal heimge⸗ kehrten Bourbonen ließen ihn die dem Kaiſer be⸗ wieſene Trene mit dem Tode büßen; gleich dem Marſchall Ney ward auch Carl von Labedoyère er⸗ ſchoſſen, gleich dem Kaiſer ſelber mußte er den Triumph der hundert Tage mit ſeinem Leben und ſeiner Frei⸗ heit büßen! An alle dieſe traurigen und ſchmerzvollen Namen der Vergangenheit dachte die Herzogin, als ſie jetzt mit ihrem Sohn in dem Zimmer eines Hötels in Cannes die erſten Stunden ruhiger Erholung genoß. In den Fauteuil zurück gelehnt, die großen Angen mit träumeriſchen Blicken zur Decke emporgerichtet, erzählte ſie dem aufhorchenden Prinzen von den Tagen, welche geweſen, ſprach ſie zu ihm von den Tagen, in denen ſie jetzt lebten. Von dieſen Tagen der Demüthigung und des Vergeſſenſeins, von dieſen Tagen, in welchen das franzöſiſche Volk ſich erhoben hatte, und ſeine Löwenmähne ſchüttelnd, die Bour⸗ bonen weit fortgeſchleudert hatte von ihrem ange⸗ ſtammten Throne, weit fort aus dem Lande, welches ſie bis dahin ſtolz ihr Eigen genannt. Das Volk, indem es die Bourbonen verjagte, hatte ſich freiwillig und aus eigener Machtvollkommenheit einen andern Herrſcher gewählt, es hatte ſich ſelber einen König berufen, nicht den König von Rom, welcher in Wien als Herzog von Reichſtadt die leuchtenden Erinne⸗ rungen ſeiner Kindheit vergeſſen mußte, nicht den Sohn des Kaiſers Napoleon!— Das Volk von Frankreich hatte ſich den Herzog von Orleans zu ſeinem König auserwählt und die erſte That Louis Philippe's war geweſen, daß er das Verbannungs⸗ decret erneuerte, welches die alten Bourbonen den Napoleoniden nachgeſchleudert und welches es als ein todeswürdiges Verbrechen bezeichnete, wenn ſie es wagen ſollten, jemals den Boden Frankreichs zu betreten. „Das Volk hat gehandelt ſeiner Freiheit und ſei⸗ nem Willen gemäß,“ ſagte Hortenſe mit einem trau⸗ rigen Lächeln, als ſie ſah, wie ihr Sohn erbleichte und ſeine Stirn ſich in Falten legte.„Ehre den Willen des Volkes, miein Sohn! Um den Kaiſer wegen der großen Dienſte, die er dem Vaterlande geleiſtet, zu belohnen, hatte Frankreich ihn mit Stim⸗ meneinheit zu ſeinem Kaiſer erhoben. Das Volk, welches giebt, hat auch das Recht wieder zu nehmen. Die Bourbonen, welche ſich als Eigenthümer Frank⸗ reichs betrachten, mögen Frankreich als ein ihnen von den Orleans geraubtes Gut reklamiren. Die Bona⸗ partiſten aber müſſen ſich erinnern, daß alle ihre — 152— Macht ihnen von dem Willen des Volkes kommt. Sie müſſen den Ausſpruch deſſelben immer aufs Neue von der Zuknnft erwarten, und ſich ihm immer unterwerfen und fügen.*)“ Lonis Napoleon beugte ſein Haupt und ſeufßzte. Er mußte ſich dem ausgeſprochenen Willen des Vol⸗ kes fügen, er mußte vorſichtig, unter einem erborg⸗ ten Namen ſich hineinſtehlen in das Land ſeiner Sehnſucht und ſeiner Träume, er mußte es ſorgſam verleugnen, daß er ein Franzoſe ſei, und ſeinen Na⸗ men und ſeinen Paß von der Nation entlehnen, welche ſeinen Oheim, einen zweiten Prometheus, an den Felſen geſchmiedet und ihn dort hatte ſterben laſſen! Aber er that es mit blutendem, trauervollem Herzen; er pilgerte an der Seite ſeiner Mutter, die tief verhüllt und verſchleiert neben ihm ging, von Ort zu Ort und ließ ſich überall von ihr die großen Erinnerungen der Vergangenheit erzählen. Und bei dieſen Erzählungen flammte ſeine Liebe, ſeine Begei⸗ ſterung für das ſo lang entbehrte, ſo lang erſehnte Vaterland höher auf. Der Anblick, die Luft dieſes Vaterlandes hatte ihn electriſirt, er hegte nur noch Einen Wunſch: in Frankreich zu bleiben, ihm zu dienen, wenn auch nur als gemeiner Soldat. Eines Tages trat Louis Napoleon mit einem Brief in der Hand zu ſeiner Mutter ein, und bat ſie, denſelben zu leſen. Es war ein Schreiben an Louis Philippe, in welchem Louis Napoleon den Kö⸗ nig der Franzoſen bat, ihn aus ſeinem Exil zu er⸗ löſen, ihm zu geſtatten, daß er als Soldat in die franzöſiſche Armee eintrete. Hortenſe las den Brief und ſchüttelte traurig ihr „» ⁴) Der Herzoain eigene Worte. Siehe: La reine Hortense eu Italie, Suisse, France etc. p. 79. 1 — 153— Haupt. Es widerſtrebte ihrem edlen und ſtolzen Sinn, daß ihr Sohn, der Neffe des großen Kaiſers, irgend eine Gunſt von Dem erbitten ſollte, welcher ſich nicht geſcheut hatte, die Revolution für ſich aus⸗ zubeuten, und doch nicht den Muth gehabt hatte, den verbannten Napoleoniden zu ihrem Recht zu verhel⸗ fen, und ihnen ihr Vaterland wieder zu öffnen. In ſeiner glühenden Begierde, Frankreich zu dienen, hatte Louis Napoleon dieſe Beleidigung des Königs der Franzoſen vergeſſen. „Meine Kinder,“ ſagt Hortenſe in ihren Memoi⸗ ren,„meine Kinder, welche von allen Höfen, ſelbſt von denen, die dem Kaiſer, ihrem Oheim, Alles ver⸗ dankten, ohne Rückſicht und Schonung verfolgt wor⸗ den, hatten ihrem Vaterland ihre ganze Zuneigung bewahrt. Die Augen immer nach Frankreich hinge⸗ wandt, beſchäftigt mit den Inſtitutionen, welche ge⸗ eignet ſein könnten, Frankreich glücklich zu machen, wußten ſie, daß die Völker allein ihre Freunde ſeien, — der Haß der Großen hatte es ſie genugſam ge⸗ lehrt. Sich der Wahl des Volkes mit Reſignation fügen, war ihnen alſo eine Pflicht, aber ſich dem Dienſt Frankreichs zu weihen, ein Herzensbedürfniß. Deshalb hatte mein Sohn an Louis Philippe ge⸗ ſchrieben, deshalb wollte er, um ſeinem Vaterlande doch auf irgend eine Art zu nützen, in die Armee eintreten.“*) 3 Hortenſe mahnte ihm ab von dieſem gewagten Schritte, und als ſie ſah, wie ihren Sohn das be⸗ trübte, wie ſeine Augen ſich mit Thränen füllten, bat ſie ihn, mindeſtens noch zu warten, und zu über⸗ legen, und ſeinen Entſchluß bis zu ihrer Ankunft in Paris zu vertagen. *) La reine Hortense etc., p. 19. — 154— Louis Napoleon unterwarf ſich den Wünſchen ſei⸗ ner Mutter, und ſchweigend und trauervoll ſetzten die beiden Pilger ihre Wanderung fort durch dieſes Land und dieſe Städte, die ſich für Hortenſe in leuchtende Grabdenkmäler verklungener Herrlichkeit verwandelten. In Fontainebleau zeigte Hortenſe ihrem Sohne das Schloß, welches Zeuge der größten Triumphe und des bitterſten Weh's ſeines großen Oheims geweſen. Auf ſeinen Arm gelehnt, das Antlitz dicht verhüllt von dem ſchwarzen Schleier, damit Niemand ſie er⸗ kenne, durchwanderte Hortenſe jene Gemächer, jene Säle, in denen ſie einſt als machtvolle, gefeierte Kö⸗ nigin geherrſcht, und welche ſie jetzt heimlich, eine Verbannte, vom Tode Bedrohte, wiederſah. Die Die⸗ ner, die ſie geleiteten, waren noch dieſelben, welche zur Zeit des Kaiſers dort geweſen! Hortenſe erkannte ſie gar wohl; ſie wagte es nicht, ſich ihnen zu erken⸗ nen zu geben, aber ſie fühlte doch, daß auch ſie hier nicht vergeſſen worden. Sie ſah das an dem Aus⸗ druck, mit welchem der Schloßdiener ihnen die Zim⸗ mer öffnete, welche ſie eiuſt bewohnt, an dem Ton, mit welchem er ihren Namen nannte! Alles in die⸗ ſem Schloß war geblieben, wie es damals geweſen! Da waren noch dieſelben Meubles in den Zimmern, welche die Kaiſerfamilie nach dem Frieden von Tilſit bewohnt, und in denen ſie damals ſo herrliche Feſte gegeben, ſo viel Huldigungen aller Könige und Für⸗ ſten Europa's empfangen hatte, aller dieſer Könige und Fürſten, welche gekommen waren, um die Hülfe und Huld ihres Beſiegers anzuflehen! Da waren auch die Gemächer, welche der Papſt, einmal frei⸗ willig, das andere Mal gezwungen, bewohnt hatte. Ach, und da war auch dieſes kleine Cabinet, in wel⸗ chem der Kaiſer, der einſt ſo mächtige und glanzvolle Beherrſcher von Europa, der Krone entſagte, welche — 155— ſeine Siege, ſeine Wohlthaten und die Liebe des franzöſiſchen Volkes auf ſein Haupt geſetzt! Und end⸗ lich war da die Kapelle und dieſer Altar, vor dem der Kaiſer Napoleon ſeinen Neffen Louis Napoleon über die Taufe gehalten hatte!— Alles war geblie⸗ ben, ſo wie es einſt geweſen, nur der engliſche Gar⸗ ten, den Hortenſe mit ihrer Mutter angelegt und ge⸗ pflanzt, war mächtig und herrlich herangewachſen, und ſang mit ſeinen rauſchenden Wipfeln der armen verbannten Pilgerin ein trauriges Lied von der Länge der Zeit, welche ſie von ihrem Vaterlande getrennt geweſen! Weiter wanderte das trauernde Paar, und end⸗ lich langten ſie vor der Barrière von Paris an. Hortenſe war in dieſem Moment nur Franzöſin, nur Pariſerin, und alles Andere, alle Schmerzen, alle Leiden vergeſſend, wollte ſie ihrem Sohn nur die Honneurs von Paris machen. Sie befahl dem Poſtillon, ſie über die Boulevards bis zur Rue de la Paix zu fahren, und dort vor dem erſten beſten Hötel von Bedeutung anzuhalten. Das war der⸗ ſelbe Weg, den die Herzogin von St. Leu vor ſechs⸗ zehn Jahren, von einem öſterreichiſchen Offizier escortirt, gemacht hatte! Damals hatte ſie Paris bei Nacht ver⸗ laſſen, hinausgeſtoßen gewiſſermaaßen von den Alliirten, welche ſie, die arme ſchwache Frau, mit ihren kleinen Knaben ſo ſehr fürchteten, daß man in einzelnen Diſtancen auf ihrem Wege die Truppen unter Waffen aufgeſtellt hatte, um, wie man ſagte, ihren Weg zu beſchützen. Jetzt nach ſechszehn Jah⸗ ren kehrte Hortenſe auf demſelben Wege wieder heim nach Paris, immer noch eine Verbannte, Heimath⸗ loſe, und neben ihr der Sohn, deſſen Haupt nicht bloß von dem Verbannungsdeeret Frankreichs, ſondern von dem Proſcriptions⸗Edict Oeſterreichs bedroht war! — 156— Aber ſie war doch wieder in Paris, wieder in der Heimath, und ſie weinte vor Freuden, wieder dieſe Straßen, dieſe Plätze zu ſehen, an die ſich alle Er⸗ innerungen ihrer Jungend knüpften! Ein ſeltſamer Zufall wollte, daß die einſtige Kö⸗ nigin von Holland grade in dem„Hôtel von Hol⸗ land“ ihr Quartier nahm, und ſo gewiſſermaßen un⸗ ter der flatternden Fahne ihrer Vergangenheit ihren Einzug in Paris hielt. In dem kleinen Höôtel von Hol⸗ land nahm die Königin von Holland Beſitz von den Zimmern der erſten Etage, und dieſe boten ihr die Aus⸗ ſicht auf den Boulevard und die Säule der Place Vendéme.„Sagen Sie der Säule auf der Place Vendôme, daß ich ſterbe, weil ich ſie nicht umarmen kann,“ ſchrieb einſt der Herzog von Reichſtadt in das Album eines franzöſiſchen Edelmannes, dem es ge⸗ lungen war, trotz der wachſamen Späher, welche den Sohn des Kaiſers umgaben, ihm von ſeinem Vater und vom Kaiſerreich zu erzählen.— Dieſes Glück, welches der Sohn des Kaiſers vergeblich erſehnte, es ſollte jetzt mindeſtens dem Neffen des Kaiſers zu Theil werden!— Louis Napoleon durfte es wagen, ſich zu zeigen, Niemand kannte ihn in Paris, Niemand konnte ihn alſo verrathen, er durfte hinunter gehen auf den Platz, er durfte zu der VBendéome⸗Säule hineilen, um in ſeinen Gedanken mindeſtens niederzuknieen vor dieſem Monument, das mit ſeinen ehernen Schriftzeichen den Ruhm und die Größe des Kaiſers verewigte! Hortenſe blieb zurück, um vor allen Dingen einer heiligen Pflicht, welche, wie ſie vermeinte, ihre Ehre und ihre Würde ihr auferlegte, zu genügen.— Sie wollte nicht heimlich, wie eine flüchtige Ver⸗ bre herin, in dieſem Paris ſich a ifhalten, welches jetzt durch den Willen des Volkes ſi.h einen neuen König, aber keinen Napoleoniden, gewählt. Sie wollte die Gaſtfreundſchaft Frankreichs, den Schutz ſeiner Ge⸗ ſetze nicht ſich erſchleichen, ſie wollte nicht mit ver⸗ hülltem Haupte einhergehen und das Gouvernement mit einem falſchen Paß und einem erborgten Namen täuſchen. Sie hatte den Muth der Wahrheit und Aufrich⸗ tigkeit, und mit dieſem Muth wollte ſie dem König von Frankreich ſagen, daß ſie da ſei, nicht um durch ihr Daſein ſein Verbannungsdecret zu verhöhnen, nicht um gegen ſeine neue Krone zu intriguiren und durch ihr Erſcheinen die Bonapartiſten aus dem Schlaf ihres Vergeſſens aufzuſchrecken, ſondern nur, weil es kein anderes Mittel gegeben, ihren Sohn zu retten, weil ſie mit ihm Frankreich durchwandern mußte, um nach England gelangen zu können.— Die Revolution, welche die Geſchicke der Men⸗ ſchen ſo ſeltſam durcheinander würfelt, hatte gemacht, daß die Umgebung des neuen Königs faſt nur aus den Freunden und Dienern des einſtigen Kaiſers und der Herzogin von St. Leu beſtand. Aber um dieſe nicht zu verdächtigen, wandte ſich Hortenſe jetzt an denjenigen, den ſie ſelbſt am wenigſten kannte, und deſſen Anhänglichkeit an die Familie Orleaus zu be⸗ kannt war, um durch ihr Unternehmen angezweifelt werden zu können. An Herrn von Hondetot, den Adjutanten des Königs, wandte ſich alſo Hortenſe, oder vielmehr ſie ließ ihre Geſellſchafterin, Fräulein von Maſſuyer, an ihn ſchreiben. Dieſe mußte dem Grafen anzeigen, daß ſie mit einer engliſchen Familie in Paris angekommen ſei, und Herrn von Houdetot eine Beſtellung von der Herzogin von St. Leu aus⸗ zurichten habe. Herr von Houdetot folgte dem Ruf und kam in das Hôtel von Holland, um Fräulein Maſſuyer zu ſehen. — 158— Mit Erſtaunen und Rührung erkannte er in der ver⸗ meintlichen engliſchen Dame die Herzogin von St. Leu, welche alle Welt auf dem Wege nach Malta glaubte, und für die ihre Freunde— welche die Strapazen einer ſo großen Reiſe für die ſchwache Geſundheit Hortenſens fürchteten— ſchon Schritte gethan, um ihr die Erlaubniß auszuwirken, ihren Weg nach England durch Frankreich zu nehmen. Hortenſe erzählte dem tiefbewegten Grafen Hou⸗ detot von den letzten Schlägen des Schickſals, welche ſie betroffen, ſie drückte ihm ihr Verlangen aus, den König zu ſehen, um mit ihm ſelber die Zukunft ihres Sohnes zu beſprechen. Herr von Houdetot übernahm es, den König zu benachrichtigen, und kam am nächſten Tage, um der Herzogin Bericht abzuſtatten über den Erfolg ſeiner Sendung. Er erzählte der Herzogin, daß der König laut gejammert habe über die Tollkühnheit der Her⸗ zogin, nach Frankreich zu kommen, über die Unmög⸗ lichkeit für ihn, die Herzogin zu ſehen. Er ſagte ihr ferner, daß, da der König ein verantwortliches Miniſterium neben ſich habe, er ſeinem Miniſter⸗ Präſidenten die Ankunft der Herzogin nicht habe ge⸗ heim halten dürfen, und daß demgemäß der Miniſter Caſimir Perier noch im Laufe des Tages zu der Herzogin kommen werde. 6 Wenige Stunden ſpäter kam der berühmte Mini⸗ ſter Louis Philipp's. Er kam mit einem ernſten ſtrengen Weſen, gewiſſermaßen um über die ange⸗ klagte Herzogin zu Gericht u ſitzen, aber der edle Freimuth, die ungekünſtelte Offenheit, die zarte Würde Hortenſen's entwaffneten ihn und ließen ihn bald ein feineres, höflicheres Weſen annehmen. „Ich weiß wohl,“ ſagte ihm Hortenſe im Laufe des Geſprächs,„ich weiß, daß ich ein Geſetz verletzt — 159— habe, indem ich hieher kam; ich kenne die ganze Schwere dieſes Vergehens; Sie haben das Recht, mich verhaften zu laſſen, es wäre ganz gerecht, wenn Sie es thäten!“— Caſimir Perier ſchüttelte lang⸗ ſam ſein Haupt, und antwortete:„Gerecht, nein! Ge⸗ ſetzmäßig, jal*)“ VIII. Louis Philipp und die Hergogin von St. Leu. Der Beſuch, welchen Caſimir Perier der Herzo⸗ gin gemacht, ſchien ihn überzeugt zu haben, daß die Befürchtungen, welche der König und ſein Miniſte⸗ rium gehegt, wirklich grundlos geweſen, daß die Stieftochter Napoleons nicht nach Frankreich gekom⸗ men, um zu intriguiren, und für den Herzog von Reichſtadt, oder für Louis Napoleon den noch immer ein wenig ſchwankenden und unſichern Thron von Frankreich zu beanſpruchen, ſondern, daß ſie nur in der Angſt ihrer Mutterliebe den Weg durch Frank⸗ reich gewählt, um ihren Sohn zu erretten. Dieſer Ueberzeugung gemäß hielt Louis Philipp es jetzt nicht mehr für unmöglich, die Herzogin von St. Leu zu ſehen, ſondern ließ ſie um ihren Beſuch bitten. Vielleicht erinnerte der König, welcher ein ſo gutes Gedächtniß für Zahlen und Geldangelegen⸗ heiten beſaß, ſich daran, daß Hortenſe(damals noch Königin von Holland) es geweſen, welche in den *) La reine Hortense: Voynge en lialie etc. p. 110. — 160— hundert Tagen des Kaiſerreichs von 1815 ſeiner Mutter, der Herzogin von Orleans Penthièvre, von dem Kaiſer die Erlaubniß ausgewirkt, in Paris zu bleiben, und ihr von dem Kaiſer eine Penſion von 200,000 Franes Renten verſchafft hatte; daß Hor⸗ tenſe es geweſen, welche der Tante des jetzigen Kö⸗ nigs, der Herzogin von Orleans Bourbon, dieſelben Dienſte geleiſtet. Damals in der Freude über eine geſicherte und glänzende Exiſtenz hatten dieſe beiden Damen die zärtlichſten Briefe voll Liebe und Erge⸗ benheit an die Herzogin geſchrieben, damals hatten ſie Hortenſe ihrer ewigen unvergänglichen Dankbar⸗ keit verſichert.*)— Vielleicht erinnerte ſich Louis Philipp darau, und wollte jetzt vergelten, was Hor⸗ tenſe damals für ſeine Mutter und ſeine Tante gethan. Er ließ Hortenſe um ihren Beſuch bitten, und am zweiten Tage ihres Aufenthalts in Paris führte Herr von Houdetot die Herzogin von St. Leu in die Tuilerieen, welche ſie einſt als junges Mädchen, als Stieftochter des Kaiſers, dann als die Königin von Holland, als Gemahlin des Bruders des Kaiſers bewohnt hatte, und welche ſie jetzt wieder ſah, eine arme Pilgerin, flüchtig, iamenlos, mit verhülltem Haupt, bittend um ein wenig Schutz, ein wenig Dul⸗ dung von Denen, welchen ſie einſt Schutz und Dul⸗ dung gewährt. Louis Philipp empfing die Herzogin von St. Leu mit all der Feinbeit und Grazie, welche der„Bür⸗ ger⸗König“ ſo gut anzunehmen verſtand, und die von jeher ein Erbtheil ſeines Hauſes geweſen, mit all der glatten Freundlichkeit und anſchei ienden Treu⸗ herzigkeit, unter der er ſo gut ſeine eigentlichen ³) La reine Hortense: Voyage en Malie ete. p. 185 sedg. — 161— Abſichten und Geſinnungen zu verbergen wußte.— Gerade auf das Ziel losgehend, begann er ſogleich von dem, was der Herzogin ohne Zweifel am mei⸗ ſten am Herzen liegen mußte,— von dem Verban⸗ nungsdecret. „ Ich kenne,“ ſagte der König,„alle Schmerzen des Exils, und es liegt nicht an mir, daß die Ihri⸗ gen nicht ſchon gelindert ſind.“— Er verſicherte ihr, daß dieſes, die Familie Bonaparte betreffende Ver⸗ bannungsdecret wie ein Stein ſein Herz belaſte, er ging ſogar ſo weit, ſich wegen deſſelben zu entſchul⸗ digen, indem er ſagte: das gegen die Kaiſerliche Fa⸗ milie ausgeſprochene Exil ſei nur ein Artikel deſſel⸗ ben Geſetzes, welches die Conventionellen niederge⸗ ſchmettert, und deſſen Erneuerung das Land mit Ungeſtüm verlangt habe! So habe es geſchienen, als ſei er es, welcher ein neues Verbannungsurtheil ausgeſprochen, während er nur ein ſchon unter dem Conſulat Napoleons beſtehendes Geſetz erneuert habe. „Aber,“ fügte der König mit freudigem Stolz hinzu, „die Zeit iſt nicht mehr fern, wo es keine Exilirten mehr geben wird, ich will deren keine unter meiner Regierung!“ Dann, gleichſam um die Herzogin daran zu er⸗ innern, daß es zu allen Zeiten, auch unter der Re⸗ publik, dem Conſulat und dem Königreich, Verbannte und Verbannungsdecrete gegeben, erzählte er ihr von ſeinem eignen Exil, von der dürftigen und demü⸗ thigen Lage, in welcher er ſich befunden, die ihn da⸗ hin gebracht, ſich als Lehrer zu verdingen, und für ein geringes Honorar Unterricht zu ertheilen. Die Herzogin hatte ihm mit einem feinen Lächeln zugehört, und erwiederte dem König, daß ſie die Ge⸗ ſchichte ſeines Exils kenne, und daß ſie ihm zum Ruhm gereiche. Königin Hortenſe. II. 11 — 162— Sodann erzählte die Herzogin dem König mit offnem Freimuth, daß ihr Sohn ſie auf ihrer Reiſe begleitet und bei ihr in Paris ſei, daß Louis Napo⸗ leon in ſeiner glühenden Begeiſterung für ſein Va⸗ terland an den König geſchrieben und ihn gebeten habe, ihm zu geſtatten, daß er in die Armee eintrete. „Senden Sie mir den Brief,“ erwiederte Louis Philipp,„ich werde ihn durch Perrier abholen laſſen, und wenn es die Umſtände erlauben, bin ich gern geneigt, die Wünſche Ihres Sohnes zu erfüllen. Ueber⸗ haupt werden Sie mich ſtets mit Freuden bereit fin⸗ den, Ihnen zu dienen. Ich weiß, daß Sie legitime Reclamationen zu machen haben, und daß Sie ſich vergeblich an die Gerechtigkeit aller früheren Mini⸗ ſterien gewandt haben. Schreiben Sie mir eine Rechnung von Allem, was Frankreich Ihnen ſchul⸗ det, und ſenden Sie mir allein dieſelbe zu. Ich verſtehe mich auf Geſchäfte, und mache mich von jetzt an zu ihrem Chargé d'Affaires.“*)„Der Her⸗ zog von Rovigo,“ fuhr er fort,„hat mir geſagt, daß auch die übrigen Mitglieder der Kaiſerfamilie ſich in gleicher Lage befänden. Ich würde glücklich ſein, wenn ich Ihnen Allen helfen könnte, und ich werde mich beſonders bemühen, etwas für die Prinzeſſin von Montfort thun zu können.“**) Hortenſe hatte dem König mit ſtrahlenden Angen zugehört. Dieſem wohlwollenden Angeſicht, dieſem freundlichen Lächeln, dieſem Ausdruck herzlicher Gerad⸗ heit des Königs gegenüber, hatte die Herzogin auch nicht das kleinſte Mißtrauen, den geringſten Zweifel. *) Des Königs eigene Worte. Siehe Voyage en Iialie etc. p. 206.* *) Die Prinzeſſin von Montfort war die Gemahlin Jero⸗ me’s, die Schweſter des regierenden Königs von Würteinberg und Couſine des Kaiſers von Rußland. 163 Sie glaubte an die Güte und Geneigtheit des Kö⸗ nigs und in ihrer freudigen Rührung dankte ſie ihm mit innigen und begeiſterten Worten für das Gute, was er zu thun verſprach, ohne zu zweifeln, daß er es auch wirklich zu thun beabſichtige. „Ach Sire,“ rief ſie,„die ganze Familie des Kai⸗ ſers iſt im Unglück, und Sie werden viele Ungerech⸗ tigkeiten wieder gut zu machen haben. Frankreich iſt in großer Schuld gegen uns Alle, und es iſt Ihrer würdig, dieſelbe abzutragen.*) Der König erklärte ſich zu Allem bereit. Er, welcher es ſo ſehr liebte, Millionen einzunehmen, und Geldgeſchäfte zu machen, verſprach mit lächelndem Munde im Namen Frankreichs Millionen herauszu⸗ geben und die alte Staatsſchuld zu bezahlen! *) Dieſe Schuld Frankreichs gegen die Napoleoniden war allerdings eine nicht abzuleugnende Thatſache. Der Kaiſer Napo⸗ leon hatte alle Krondiamanten, ſelbſt den berühmten„Regenten,“ welche das Directorium verſetzt hatte, wieder eingelöſt, er hatte alle Königlichen Schlöſſer reſtauriren und neu meubliren laſſen, und er hatte alles dies nicht aus Staatsmitteln, ſondern von ſeiner eigenen Civilliſte bezahlt. Er hatte außerdem die Domai⸗ nen mit einigen hundert Millionen, den Früchten ſeiner Erobe⸗ rungen, dotirt. Als er zu Fontaineblean abdicirte, fixirte er ſein und das Schickſal ſeiner Familie durch die Erneuerung des Ver⸗ trages vom 11 April 1814. 4 Er entſagte demgemäß allen ſeinen Reichthümern, all' ſei⸗ nem Privat⸗Eigenthum, er cedirte die Krondiamanten an Frank⸗ reich, aber unter der Bedingung, daß ſeiner Familie und ihm eine von ihm fixirte Penſion gezahlt, und das Schickſal einiger ſeiner Braven geſichert werde.— Dieſer Tractat ward von Tal⸗ leyrand im Namen Ludwig XVIII. unterzeichnet und ausgefertigt und von allen Mächten garantirt, aber er ward niemals aus⸗ geführt. Man confiscirte vielmehr alles Hab' und Gut der Kaiſerfamilie und zahlte ihnen ſelbſt nicht die rückſtändigen Pen⸗ ſionen, welche der Schatz ihnen ſchuldete und welche die Depu⸗ tirten⸗Kammer von 1814 als gültig anerkannt und als Staats⸗ ſchuld eingezeichnet hatte.(Voyage en kialie elc. p. 207). 11* — 164— Die Herzogin glaubte ihm. Sie glaubte ſeinen Freundſchaftsbetheuerungen und ſeiner biederen Auf⸗ richtigkeit. Sie ließ ſich von ihm zu ſeiner Gemahlin, der Königin, geleiten, und fand bei dieſer und Ma⸗ dame Adelaide dieſelbe Herzlichkeit, dieſelbe aufrich⸗ tige Theilnahme wieder, welche ihr der König bewie⸗ ſen.— Nur einmal im Lauf des Geſpräches vergaß Madame Adelaide ihrer herzlichen Geſinnung. Sie fragte die Herzogin, wie lange ſie noch in Paris zu bleiben gedenke, und als dieſe erwiederte, daß ſie noch drei Tage bleiben wolle, rief Madame mit einem Ton angſtvollen Erſchreckens:„So lange noch! Drei Tage noch! Und es ſind ſo viele Engländer hier, welche Ihren Sohn in Italien geſehen haben, und ihn hier wieder erkennen möchten!“ Aber das Schickſal ſelber ſchien die Abreiſe der Herzogin und ihres Sohnes verzögern zu wollen. Als ſie von ihrem Beſuche in den Tuilerieen heim⸗ kehrte, fand Hortenſe ihren Sohn in heftigem Fieber auf ſeinem Lager, und der herbeigerufene Arzt er⸗ klärte, daß er von einer Halsentzündung befallen ſei. Abermals hatte Hortenſe jetzt für das Leben eines Sohnes zu zittern, und dieſer Sohn war der letzte Schatz, welchen das Schickſal ihr aus den Tagen ihrer Größe und ihres Glückes gelaſſen hatte. Abermals ſaß die Mutter am Lager ihres Soh⸗ nes, Tag und Nacht ihn bewachend mit ihrer Liebe und ihrer Sorge. Das Leben ihres Sohnes erhal⸗ ten zu ſehen, das war jetzt ihr einziger Wunſch, ihr einziges Gebet, alles Andere trat darüber in den Hintergrund und war intereſſelos. Sie verließ das Lager des Kranken nur, wenn, wie das täglich ge⸗ ſchah, Caſimir Perrier kam, um im Namen des Kö⸗ nigs nach dem Befinden ihres Sohnes zu fragen, und in ſeltſamer Dienſtbefliſſenheit die Herzogin auf⸗ — 165— zufordern, ihre Anſprüche an Frankreich 3 zu normiren, und alle ihre Wünſche in Bezug auf lhre Zukunft ihm mitzutheilen.— Hortenſe hatte jetzt nur den einen nächſtliegenden Wunſch: die Geneſung ihres Sohnes, dann die Bitte, daß es ihrer eigenen ſchwa⸗ chen Geſundheit vergönnt ſein möge, im Lauf des Sommers eins der franzöſiſchen Pyrenäenbä ider be⸗ ſuchen zu können. Der Miniſter verſprach, ihr dieſe Erlaubniß beim Könige und den bald zuſammentretenden Kammern zu erwirken.„Man wird ſich auf dieſe Weiſe nach und nach an Ihre Anweſenheit gewöhnen,“ ſagte Caſimir Perrier zu der Herzogin.„Was Sie perſön⸗ lich anbetrifft, ſo wird man ſehr geneigt ſein, Ihnen die Thore Ihres Vaterlandes weit zu öffnen. Aber mit Ihrem Sohn iſt es etwas Anderes. Sein Name wird ihm ein fortwährendes Hinderniß ſein! Tann er ſpäter wirklich wünſcht, in der Armee Dienſte z nehmen, ſo müßte er vor allen D Dingen ſeinen Anmtn ablegen. Wir ſind verpflichtet, das Ausland zu ſcho⸗ nen, Frankreich iſt in ſo viele Parteien zerklüftet, daß ein Krieg nur verderbenbringend ſein würde, deshalb muß ihr Sohn ſeinen Namen ändern, wenn—“ Aber jetzt unterbrach ihn die Herzogin mit glü⸗ henden Wangen, erröthend vor Unwillen und Zorn. „Wie,“ rief ſie,„dieſen edlen Namen, mit dem Frank⸗ reich ſich ſchmücken darf, dieſen Namen ſollten wir verbergen, ihn verhüllen, als ob wir uns ſeiner zu ſchämen hätten?“ Und außer ſich, in ihrer Erregung ſogar den lei⸗ denden Zuſtand ihres Sohnes nicht achtend, eilte ſie zu ſeinem Lager hin, um Louis Napoleon in fliegen⸗ den Worten zu berichten, welchen Vorſchlag ihr der Miniſter Louis Philipp's gemacht. Der Prinz richtete ſich ungeſtüm auf ſeinem Lager — 166— empor, ſeine Augen flammten, und auf ſeinen Wan⸗ gen brannte zugleich die Fieberhitze des Zorns und der Krankheit. „Meinen Namen ablegen!“ rief er.„Wer wagt es, mir einen ſolchen Vorſchlag zu machen! Denken wir an alle dieſe Dinge nicht mehr, meine Mutter! Kehren wir in unſere Zurückgezogenheit zurück. Ach Du haſt Recht, meine Mutter, unſere Zeit iſt vorüber, oder ſie iſt noch nicht gekommen!“ IX. Der Herzogin Abreiſe von Paris. Indeſſen die Aufregung verſchlimmerte den Zu⸗ ſtand des Kranken noch mehr, und ließ das Fieber mit erneuerter Heftigkeit zurückkehren. Hortenſe wich nicht mehr von ſeinem Lager, ſie ſelber legte Eisum⸗ ſchläge um ſeinen Hals, ſie ſelber war behülflich, ihm dir Blutegel anzuſetzen, welche der Arzt verordnet hatte. Aber dieſe ſtete Angſt und Erregung, all' dieſe Schmerzen der Gegenwart und der Vergangenheit, welche auf ſie einſtürmten, hatten endlich die Kräfte der zarten Frau aufgerieben; auch auf ihren Wangen brannte jetzt Fieberhitze, und der Arzt machte es ihr zur dringenden Pflicht, täglich ſich Bewegung zu machen, in die Luft zu gehen, wenn ſie eine Krank⸗ heit vermeiden wolle. 8 Hortenſe gehorchte. In der Dämmerſtunde des Abends verließ ſie jetzt täglich das Krankenbett des *— — 167— Sohnes, um in unſcheinbaren dunkeln Gewändern, das Geſicht von ihrem ſchwarzen Schleier verhüllt, nur begleitet von dem Marquis Zappi, hinaus zu gehen auf die Straßen. Niemand kannte ſie, Nie⸗ mand grüßte ſie, Niemand ahnte, daß dieſe dunkle Geſtalt, welche da ſo leiſe und ſcheu durch die dun⸗ kelnden Straßen ſchlüpfte, daß dies die einſtige Kö⸗ nigin von Holland ſei, welche einſt nur in vergol⸗ deten Karoſſen unter dem freudigen Zujauchzen des Volkes durch dieſelben Straßen gefahren war! Aber auch auf dieſen Wanderungen durch Paris lebte Hortenſe nur ihren Erinnerungen. Sie zeigte dem Marquis das Hötel, welches ſie einſt bewohnt, und welches für ſie nur Eine glückliche Erinnerung hatte— ihre Söhne waren dort geboren! Sie ſchaute mit ſanftem Lächeln zu der ſtolzen Facade dieſes Hauſes empor, deſſen Fenſter hell erleuchtet waren, und in deſſen Salons vielleicht eben ein Ban⸗ quier oder ein baroniſirter Epicier ein Feſt gab, und mit ihrer weißen ſchlanken Hand zu dieſen Fenſtern em⸗ por deutend, ſagte ſie:„Ich wollte dieſes Haus wieder⸗ ſehen, um mir Vorwürfe darüber zu machen, daß ich mich in demſelben unglücklich gefühlt; ja ich wagte es da⸗ mals, mich zu beklagen, inmitten ſo vielen Glanzes und ſo vieler Herrlichkeit; ich war noch ſo fern da⸗ von, die Schwere des Unglücks zu ahnen, das mich eines Tages betreffen ſollte!“*) Sie neigte ihr Haupt und ging weiter, um hier und dort die Häuſer einiger Freunde aufzuſuchen, von denen ſie wußte, daß ſie ihr treu geblieben. Tief verſchleiert, dicht eingehüllt in ihren dunklen Mantel, ſtand ſie dieſen Häuſern gegenüber, nicht wagend, ihre Freunde von ihrer Gegenwart zu benachrichtigen, ——x;— *) Der Herzogin eigene Worte. Siebe Voyage p. 225. — 168— befriedigt von dem ſüßen Gefühl, ſich ihnen ſo nahe zu wiſſen! Und wenn ſie ſo ihr Herz geſtärkt durch das Be⸗ wußtſein, ſich einigen Freunden nahe zu wiſſen, ging ſie weiter durch dieſe Straßen, in denen ſie, die Toch⸗ ter Frankreichs, jetzt eine Unbekannte, Heimathloſe und Vergeſſene war! Nein, nicht vergeſſen! Wie ſie eben ganz zufällig ihr Auge hinwandte auf den La⸗ den, an dem ſie vorübergingen, ſah ſie da in dem erleuchteten Schaufenſter ihr eigenes Porträt neben dem des Kaiſers aufgeſtellt. Von einer ſüßen Rührung erfaßt, blieb Hortenſe ſtehen, und ſchaute die Bilder an. Die Menge ging jauchzend, ſchreiend und lärmend wie immer vorüber, und achtete nicht dieſer verhüllten dunklen Geſtalt, welche da vor dem Ladenfenſter ſtand und mit von Thränen umflorten Augen ihr eigenes Bild betrach⸗ tete. „Man denkt alſo noch an uns,“ flüſterte ſie leiſe. „Diejenigen, welche Kronen tragen, ſind nicht zu be⸗ neiden und man ſoll ſich nicht beklagen, ſie verloren zu haben, aber ſollte wirklich die Liebe des Volkes, die zu empfangen ſo ſüß iſt, noch nicht ganz für uns erloſchen ſein?“ Dieſe gänzliche Gleichgültigkeit, mit der Frank⸗ reich das Exil der Napoleoniden aufgenommen, hatte ſie ſo tief betrübt. Sie hatte ſich nur ein Erinne⸗ rungszeichen der Treue und Liebe erſehnt, um getrö⸗ ſtet und geſtärkt in ihr Exil zurückzukehren. Und jetzt ſollte ſie es finden, jetzt gab ihr Frankreich durch dieſe Portraits das Zeichen, daß es ſich ihrer erinnerte... Raſch trat Hortenſe mit ihrem Begleiter in den Laden, um ihr Portrait und das des Kaiſers zu kau⸗ fen, und als man ihr ſagte, daß dieſe Portraits ſehr — 169— viel vom Volk begehrt und gekauſt würden, da fühlte ſie kaum die Kraft, die Thränen ſeliger Rührung zu⸗ rück zu drängen, die wider ihren Willen aus ihrem Herzen in ihre Augen empor ſtiegen. Sie nahm die Portraits und eilte damit heim, um ſie dem kranken Sohne zu zeigen, um ihm da⸗ mit die Liebesgrüße Frankreichs zu bringen! Während die Herzogin ſo getheilt zwiſchen den Erinnerungen ihrer Vergangenheit, und den Sorgen und Kümmerniſſen ihrer Gegenwart ſtill und unbe⸗ kannt ſchon ſeit zwölf Tagen in Paris verweilte, erzählten alle Zeitungen, daß es dem Heroismus der Herzogin gelungen, ihren Sohn zu erretten, und daß ſie mit ihm in Malta zu Schiff gegangen, um Louis Napoleon nach England zu führen. Selbſt im Miniſterrathe des Königs beſchäftigte man ſich mit dieſer Reiſe, und hielt es für nothwen⸗ dig, dem König Vortrag darüber zu halten. Der Marſchall Sebaſtiani theilte daſelbſt dem König mit, daß, wie er beſtimmt wiſſe, die Herzogin von St. Leu mit ihrem Sohne in Corfü angelangt ſei. Mit leb⸗ haftem Intereſſe ſprach er von der beſchwerlichen Seereiſe, welche die Herzogin zu machen genöthigt ſei, und fragte faſt ſchüchtern an, ob es ihr nicht ge⸗ ſtattet werden könne, durch Frankreich zu reiſen? Der König ſah faſt finſter aus, und erwiederte faſt trocken:„Laſſen Sie ſie nur ihre Reiſe fort⸗ ſetzen.“— Caſimir Perrier neigte ſich tiefer auf das Papier, welches vor ihm lag, um ſein Lächeln nicht ſehen zu laſſen, und der Miniſter Barthe be⸗ nutzte das angeſchlagene Thema, um eine Probe ſei⸗ ner Beredtſamkeit und ſeiner Strenge zu geben, in⸗ dem er ausführte, daß ein Geſetz gegen die Herzogin exiſtire, und daß ein Geſetz eine heilige Sache ſei, welche man niemals umgehen dürfe. — 170— Aber die Anweſenheit der Herzogin, ſo geheim ſie auch immer gehalten wurde, fing doch mehr und mehr an, den König und ſeinen Miniſter⸗Präſidenten Caſimir Perrier zu beunruhigen. Einmal ſchon hatte der Letztere ihr durch Herrn von Houdetot ſagen laſſen, ihre Abreiſe ſei dringend nöthig, ſie müſſe ſo⸗ fort erfolgen, und nur der Anblick des kranken Prin⸗ zen, deſſen Halsentzündung eben auf'’s Neue Blutegel nöthig gemacht, hatte ihn in ihr ferneres Bleiben willigen laſſen. Jetzt aber war man am Vorabend eines großen und gefährlichen Tages, am Vorabend des fünften Mai.*) Eine eigenthümliche Bewegung ging durch die Bevölkerung von Paris, und mit angſtvoller Sorge ſah das neue Gouvernement den Tag ſo großer Er⸗ innerungen für Frankreich hereinbrechen. Auch ſchienen dieſe Sorgen ſich rechtfertigen zu ſollen. Seit dem Anbruch des Tages ſtrömten Tau⸗ ſende von Menſchen der Säule auf dem Vendôme⸗ Platz zu. Schweigend und in ernſter Haltung näher⸗ ten ſie ſich dem Denkmal, um mit ihren mitgebrachten Blumen⸗Kränzen die Adler zu ſchmücken, oder ſie zu den Füßen der Säule niederzulegen, und ſich dann mit dem Ausdruck ſtiller Trauer zurückzuziehen. Hortenſe ſtand am Feuſter ihres Gemaches, und ſchaute mit gefaltenen Händen und Thränen der Wonne dieſem für ſie ſo tiefergreifenden und rühren⸗ den Schauſpiel zu, das ſich da unten auf der Place Vendôme begab. Da auf einmal ward heſtig an ihre Thür geklopft, und Herr von Houdetot ſtürzte mit bleichem, traurigem Geſicht herein. „Frau Herz ogin,“ agte er athemlos,„Sit müſſen ſogleich abreiſen; Sie dürfen keine Stunde länger *) Der Todestag Napoleons. — 171— hier bleiben. Ich habe gemeſſenen Befehl, Ihnen dies zu ſagen; wenn nicht geradezu Gefahr für das Leben Ihres Sohnes daraus entſteht, müſſen Sie ſogleich abreiſen.“ Hortenſe hörte ihn ruhig an. Sie fühlte faſt Mitleid mit dieſem König, dieſem Gouvernement, welchem eine ſchwache Frau, ein kranker Jüngling Furcht einflößte. Wie groß mußte dieſe Furcht ſein, wenn man um ihretwillen alle Regeln der Gaſtfreund⸗ ſchaft und des Anſtandes verleugnen mußte! Was hatte ſie denn gethan, um dieſe Furcht zu rechtferti⸗ gen? Nicht an das Volk von Frankreich hatte ſie ſich gewandt, um für ihren Sohn, für den Neffen des Kaiſers Schutz und Hülfe zu erflehen, angſtvoll und ſcheu hatte ſie ſich vor dem Volk verborgen, und fern davon, ihrem Vaterlande neue Unruhe, nene Bewegung bereiten zu wollen, hatte ſie nur dem Kö⸗ nig der Franzoſen ſich anvertraut, nur ihn um Schutz und Duldung gebeten. Trotz dieſes edlen Freimuths mißtraute man ihr, und ihre Anweſenheit, obwohl von Niemand gekannt, erregte denen Schrecken, welche die Macht und Ge⸗ walt in Händen hatten. Hortenſe hatte Mitleid mit ihnen, nicht ein Wort der Klage oder des Bedauerns kam mehr über ihre Lippen. Sie ließ ſofort den Arzt rufen, und indem ſie ihm ſagte, daß ſie noth⸗ wendigerweiſe nach London abreiſen müſſe, fragte ſie ihn, ob eine ſolche Reiſe ihrem Sohne gefährlich wer⸗ den könne.— Der Arzt erklärte, daß er allerdings noch einige Tage der Ruhe und der Erholung ge⸗ wünſcht habe, daß aber bei gehöriger Vorſicht und Aufmerkſamkeit der Prinz im Stande ſei, am anderen Tage abzureiſen. „Ich werde alſo morgen reiſen, berichten Sie das dem König!“ ſagte Hortenſe, und während Herr von — 172— Houdetot von dannen eilte, dem König die willkom⸗ mene Kunde zu bringen, traf die Herzogin ihre Vor⸗ bereitungen zur Reiſe, die ſie in der Frühe des nächſten Morgens mit ihrem Sohn antrat. In vier Tagen erreichten ſie Calais; das Schiff lag bereit, welches ſie hinüber führen ſollte nach Eng⸗ land. Abermals ſollte Hortenſe als Verbannte, Flüch⸗ tige ihr Vaterland verlaſſen. Abermals war ſie aus⸗ geſtoßen, verurtheilt in der Fremde zu leben. Weil das franzöſiſche Volk noch immer ſeinen Kaiſer nicht vergeſſen konnte, fürchteten und haßten die franzöſi⸗ ſchen Könige die Familie des Kaiſers. Unter den alten Bourbonen hatte man ſie verwünſcht und ver⸗ höhnt, Louis Philipp, welcher durch das Volk zu ſeiner Krone. gelangt war, fühlte wohl, daß er es zuerſt noch ein wenig nöthig habe, dem Herzen des Volkes zu ſchmeicheln und ſeine Sympathieen zu ſchonen. Er erklärte dem Volk, daß er die tiefſte Bewunderung und Anbetung für ſeinen großen Kai⸗ ſer hege, und er erließ doch ein Verbannungsdecret gegen die in der Fremde irrenden Napoleoniden; er befahl die Vendéme⸗Säule mit der ehernen Sta⸗ tue des Kaiſers zu ſchmücken, und zur ſelben Zeit vertrieb ſein Machtgebot die Tochter und den Neffen des Kaiſers von der Schwelle Frankreichs und jagte ſie zurück in die Fremde. Hortenſe ging, aber ſie fühlte doch an dem Wehe⸗ gefühl, das ihr Herz ergriff, daß es das Vaterland ſei, welches ſie verließ, das Vaterland, in welchem es für ſie Freunde gab, die ſie nicht wiedergeſehan, das Grab ihrer Mutter, welches ſie nicht zu beſuchen gewagt, und endlich das Grab ihres Sohnes! Aufs Neue verließ ſie alle Erinnerungen ihrer Jugend, alle die Orte und Plätze, welche ſie geliebt, und ihr Be⸗ dauern und ihre Thränen ſagten ihr, wie ſehr ſie an — 173— allen dieſen Dingen noch hing, und daß die Verbannte und Heimathloſe die Liebe zu ihrem Vaterlande noch nicht aus ihrem Herzen zu bannen vermocht, daß Frankreich immer noch ihre Heimath ſei! X. Wallfahrt durch Frankreich. Der Aufenthalt der Herzogin von St. Leu in England, wohin ſie nach ſtürmiſcher Ueberfahrt mit ihrem Sohn gelangte, war für Beide eine Reihe von Triumphen und Huldigungen. Die ganze hohe Ari⸗ ſtokratie von London beeiferte ſich, die Herzogin mit Beweiſen der Verehrung, der Hochſchätzung und Liebe zu umgeben; jedermann ſchien bemüht, durch die Be⸗ wunderung und Ehrfurcht, welche man der Stieftoch⸗ ter des Kaiſers bewies, die Härte und Grauſamkeit vergeſſen zu machen, welche England einſt dem Kai⸗ ſer ſelber bewieſen. Alle dieſe hohen und ſtolzen Ariſtokraten Englands ſchienen der Herzogin und ihrem Sohn den Beweis geben zu wollen, daß ſie nicht die Geſinnungsgenoſſen des Hudſon Low waren, welcher den gefeſſelten Löwen mit Nadelſtichen langſam zu Tode gemartert hatte. Die Herzogin von Bedford, Lord und Lady Holland und Lady Grey waren es beſon⸗ ders, welche ſich bemühten, Hortenſen die Honneurs ihres Landes zu machen, und ſich beeiferten, ihr ihre Huldigungen darzubringen. Aber Hortenſe lehnte alle dieſe Einladungen, alle dieſe Feſte entſchieden ab. Sie ſcheute die Oeffentlichkeit, ſie fürchtete für ſich — 174— und ihren Sohn, daß das Gerede der Welt und der Zeitungen ihr auf's Neue das Mißtrauen und Uebel⸗ wollen der franzöſiſchen Regierung zuziehen könne, daß man ſie vielleicht verhindern könne, mit ihrem Sohn zurückzukehren nach der Schweiz in ihr ſtilles Aſyl am Bodenſee, in ihr ſchönes und liebliches Are⸗ nenberg, wo ſie ſo ſchöne und friedliche Jahre der Erinnerung und des Ausruhens durchträumt hatte. Auch hatte Hortenſe ſich nicht getäuſcht. Ihr Aufenthalt in England erregte, ſobald er bekannt ward, bei allen Parteien Beſorgniß, Nengierde und Unruhe. Alle Parteien forſchten nach der Abſicht, weshalb die Herzogin mit ihrem Sohn ſich in Lon⸗ don aufhalte, alle Parteien waren überzeugt, daß ſie Pläne hege, welche den ihrigen gefährlich werden und ſie durchkreuzen könnten.— Die Herzogin von Berry, welche in Bath lebte, war, ſo wie ſie die Ankunft der Herzogin von St. Leu erfahren, nach London gekom⸗ men, um von ihren Freunden die Abſichten Horten⸗ ſen's zu erforſchen. Die kühne und unternehmende „Herzogin von Berry bereitete ſich eben vor, nach Frankreich zu gehen, das Volk für ſich und ihren Sohn unter die Waffen zu rufen, Louis Philipp von ſeinem uſurpirten Thron zu ſtürzen, und ihrem Sohn ſein rechtmäßiges Erbe wiederzugeben. Sie fand es daher ſo ganz natürlich, daß Hortenſe für ihren Sohn ähnliche Pläne hege, daß auch ſie den König der Franzoſen zu ſtürzen trachte, um ihren Sohn oder den Sohn des Kaiſers, den Herzog von Reichſtadt, auf dieſen Thron zu ſetzen.— Dem Prin⸗ zen Leopold von Coburg hinwieder, dem die Mächte ſo eben die Krone von Belgien angeboten, hatte man die Sorge eingeflößt, die Herzogin von St. Leu ſei nach England gekommen, um ſich durch einen Hand⸗ ſtreich Belgien bemächtigen, und Louis Napoleon zum König von Belgien ausrufen zu laſſen. Aber der hochherzige und kluge Fürſt belächelte dieſe Zu⸗ flüſterungen. Er kannte die Herzogin noch aus den Tagen ihres einſtigen Glanzes, und er eilte jetzt, der heimathloſen Frau dieſelben Huldigungen darzu⸗ bringen, die er einſt der angebeteten, mächtigen und gebietenden Königin von Holland geweiht hatte. Er machte der Herzogin ſeinen Beſuch und unterhielt ſich mit ihr von ihrer ſchönen und glanzvollen Vergan⸗ genheit, und erzählte ihr von den Hoffnungen, die er ſelber für die Zukunft hege. Tief darniedergebeugt durch den Tod ſeiner geliebten Gemahlin, der Prin⸗ zeſſin Charlotte von England, wollte er ſich jetzt Er⸗ heiterung und Zerſtreuung in ſeinem Unglück ſuchen, indem er das Glück des Volkes zu ſeiner Aufgabe machte. Er hatte daher die Krone von Belgien, welche das Volk ihm hatte anbieten laſſen, angenom⸗ men, und war im Begriff dahin abzureiſen. Als er nach einer langen und herzlichen Unter⸗ redung ſich von der Herzogin verabſchiedete, ſagte er mit einem feinen Lächeln:„Auf Wiederſehen! Aber nicht wahr, Sie werden mir nicht auf Ihrer Durchreiſe durch Belgien mein Königreich fortneh⸗ men?“— Während ſo das neue Gouvernement von Frank⸗ reich ſowohl, als auch die, gleich den Napoleoniden, im Exil befindlichen Bourbonen der Herzogin von St. Leu und ihrem Sohn weitausſehende Pläne auf Frankreich unterbreiteten, hofften die Kaiſerlichen und die Republikaner gleich ſehr auf die Einwirkung Hor⸗ tenſens auf die Geſchicke Frankreichs. Ueberall in Frankreich wie in England war man der Meinung, das junge franzöſiſche Königthum Louis Philippe’'s habe keine Lebensfähigkeit, weil es im Kern des Volkes keine Stütze habe. Die Parteigänger der legitimen — 176— Bourbons vermeinten, Frankreich ſehne ſich, den En⸗ kel des heiligen Ludwig, ſeinen angeſtammten König Heinrich V. wieder zu haben, die Parteigänger des Kaiſerreichs verſicherten, das neue Gouvernement ſtehe am Vorabend ſeines Sturzes, und mehr als jemals ſonſt ſehnte ſich Frankreich nach dem Sohn des Kai⸗ ſers, nach Napoleon II. Die Republikaner aber miß⸗ trauten dem Volk und der Armee und fingen an, einzuſehen, daß ſie unter einem Napoleoniden allein die erſehnten republikaniſchen Inſtitutionen erlangen könnten.*) Sie ſandten daher ihre geheimen Emiſſaire und Unterhändler ſowohl zu dem Herzog von Reich⸗ ſtadt, als auch zu Louis Napoleon. Der Herzog von Reichſtadt, dem die Emiſſaire den Vorſchlag machten, nach Frankreich zu kommen und ſich dem Volk darzuſtellen, erwiederte:„Ich kann nicht als Abenteurer nach Frankreich kommen; möge die Nation mich rufen, dann werde ich ſchon Mittel finden hinzugelangen.“ Louis Napoleon erwiederte auf die Anträge, die man ihm machte: er gehöre Frankreich an, gleichviel auf welche Weiſe; er habe das bewieſen, indem er verlangt hätte, Frankreich dienen zu dürfen, aber man habe ihn zurückgewieſen. Es ſtehe ihm nicht an, durch Gewaltſtreiche die Wünſche einer Nation zur Entſcheidung zu bringen, deren Deerete ihm immer heilig ſein würden.*) ℳ Hortenſe folgte dieſen Beſtrebungen der Kaiſer⸗ lichen und der Republikaner, ihren Sohn für ihre Sache zu gewinnen, mit angſtvollem und traurigem Herzen. Sie hoffte und glaubte nichts mehr, ſie er⸗ „ *) Kortenſens eigene Worte. Siehe: Voyage etc. p. 272. **) Voyage eic. p. 272. — 177— ſehnte nichts mehr als das Recht, in unbewachter Zurückgezogenheit ihren Erinnerungen leben zu kön⸗ nen; ſie fühlte ſich erſchöpft und entnüchtert ſchon von den wenigen Schritten, die ſie wieder in's Leben der großen Welt gethan; ſie, welche immer die zärt⸗ lichſte Theilnahme dem Unglücke entgegen getragen, das thatvollſte Verlangen, ihm helfen zu können, ge⸗ hegt hatte, ſie hatte für ihr Unglück und Leid überall nur kalte Gleichgültigkeit, Ungerechtigkeit und Ver⸗ leumdung getroffen! Nach Arenenberg, in ihre Schweizerberge, ſehnte ſich Hortenſe zurück. Dahin wollte ſie heimkehren mit ihrem Sohn, um dort mit ihm zu träumen von den glanzvollen Tagen, welche geweſen, mit ihm das Hohelied ihrer Erinnerungen zu wiederholen. Wenn das franzöſiſche Gouvernement ihr erlaubte mit ihrem Sohn Frankreich zu durchreiſen, ſo ge⸗ langte ſie ſicher und ungefährdet nach dem Schweizer Canton Thurgau, auf deſſen Gebiet ihr kleines Gut Arenenberg lag. Dort hatte ſie durch die⸗ ſes Beſitzthum ſich Heimathsrechte erworben; unter dem Schutz der Republik war die Tochter des Kai⸗ ſers gewiß, Ruhe und Frieden zu finden! Die Herzogin ſchrieb alſo an Herrn von Houde⸗ tot, und bat ihn, ihr vom franzöſiſchen Gouverne⸗ ment einen Paß auszuwirken, der ihr geſtattete, unter irgend einem angenommenen Namen ihre Reiſe durch Frankreich machen zu können. Man verſprach ihr nach langem Zögern denſelben, aber unter der Bedingung, daß ſie erſt nach den Julitagen, nach der erſten Jahresfeier der Thronbe⸗ ſteigung Louis Philippe's, ihre Reiſe antrete.— Hortenſe war damit einverſtanden, und erhielt dem⸗ gemäß am erſten Auguſt ihren Paß, welcher ihr, als der Frau von Arenenberg und ihrem Sohn, geſtattete — Königin Hortenſe. II. 12 5 Frankreich zu paſſiren, um nach ihrer Beſitzung in der Schweiz zurück zu kehren. Es war anfangs die Abſicht der Herzogin, trotz der unruhigen Bewegungen, welche in der Hauptſtadt herrſchten, über Paris zu gehen, gerade um durch ihre ruhige und theilnahmsloſe Anweſenheit den Be⸗ weis zu geben, daß ſie ganz unbetheiligt ſei an all' dieſen Bewegungen und Emeuten. Als ſie aber Louis Napoleon ihre Abſicht mit⸗ theilte, rief er mit flammenden Augen:„Wenn wir nach Paris gehen, und ich vor meinen Augen das Volk niederſäbeln ſehe, werde ich dem Verlangen nicht widerſtehen können, mich auf ſeine Seite zu⸗ ſtellen!“*) Hortenſe ſchloß ihren Sohn angſtvoll in ihre Arme, als wollte ſie ihn an ihrem Mutterbuſen ſchützen gegen alle Gefahren, die ihn bedrohten.„Wir wer⸗ gen nicht nach Paris gehen,“ ſagte ſie,„wir werden Frankreich durchwandern, und vor den Monumenten unſeres Glückes beten gehen!“ 1 Am ſiebenten Auguſt verließ die Herzogin von St. Leu mit ihrem Sohn Louis Napoleon England und langte nach glücklicher und ſonnenheller Ueber⸗ fahrt mit ihm in Boulogne an. Boulogne war für Hortenſe das erſte Monument des Glückes, vor dem ſie beten gehen wollte!— Dort hatte ſie einſt in der glänzendſten Epoche des Kaiſer⸗ reiches den militairiſchen Feſten beigewohnt, inmitten welcher der Kaiſer ſich vorbereitete, neuen Gefahren und vielleicht nenem Ruhm entgegen zu gehen.— Eine hohe Säule bezeichnete die Stelle, wo einſt dieſe prachtvollen Lagerfeſte ſtattgefunden. Sie war unter dem Kaiſerreiche errichtet worden, aber unter der Re⸗ *) La reine Hortense p. 276. — 179— ſtauration hatte man ſie mit dem Namen Ludwigs des Achtzehnten bezeichnet. In Begleitung des Prinzen beſtieg die Herzogin von St. Leu dieſe Säule, um ihm von der Höhe derſelben das ſchöne, blühende Frankreich zu zeigen, welches einſt ihr eigen geweſen, und welches ſie jetzt mit verhülltem Haupt, unter einem erborgten Namen durchſchleichen ſollten. Von dort oben zeigte ſie ihm die verſchiedenen Lager bei jenem großen Manoeuvre, die Stelle, wo das Zelt des Kaiſers, dann die Stelle, wo ſein Thron geſtanden, und wo er zum erſten Male die Kreuze der Ehrenlegion unter die Armee vertheilt hatte. Louis Napoleon hörte ſeiner Mutter mit glühen⸗ den Wangen, in athemloſer Aufmerkſamkeit zu. Hor⸗ tenſe, in Erinnerungen vertieft, hatte gar nicht be⸗ merkt, daß noch andere Beſucher auf die Plattform der Säule gekommen waren, ein Herr und eine Dame, welche einen Theil ihrer Worte gehört hatten. Als die Herzogin jetzt ſchwieg, näherten ſie ſich ihr, um ihr zu ſagen, mit welchem tiefen Intereſſe ſie ihrer Schilderung der glorwürdigſten und herrlichſten Zeit Frankreichs zugehört hatten. Es war ein junges Ehepaar, welches aus Paris kam und viel zu er⸗ zählen wußte von den Parteien, welche Frankreich zerklüfteten, und ſeine Zukunft ungewiß und nebel⸗ haft machten. Zum Dank dafür, daß Hortenſe ihnen ſo beredt die große Vergangenheit geſchildert, erzählten ſie ihr ein Bonmot aus der Gegenwart, das eben in den Salons von Paris circulirte. Man ſagte dort, das beſte Mittel, um alle Welt und alle Parteien zu be⸗ friedigen, würde ſein, daß man Frankreich in eine Republik verwandelte, und ihm drei Conſuln gebe, den Herzog von Reichſtadt, den Herzog von Orleans 12* Ai — 180— und den Herzog von Bordeaux.„Aber,“ fügten ſie hinzu,„der erſte Conſul könnte leicht damit endigen, ſich zum Kaiſer zu machen, und die beiden anderen zu verdrängen!“ Hortenſe fand den Muth, dieſes Scherzwort mit einem Lächeln zu beantworten, aber ſie beeilte ſich mit dem Prinzen von dannen zu gehen, und ſich von dieſem Paar zu entfernen, das ſie vielleicht erkannt und nicht ohne Abſicht ihnen dieſes Bonmot erzählt haben mochte. Traurig und ſchweigſam kehrten Mutter und Sohn in ihr Höôtel zurück, das, nahe am Ufer gelegen, ihnen die Ausſicht auf das rauſchende, ſchäumende Meer und die hohe Säule des Kaiſerreichs gewährte. Sie traten Beide hinaus auf den Balcon. Es war ein wundervoller Abend, die Sonne neigte ſich zum Untergange und warf ihre purpurnen⸗ Gluthen über das Meer hin, daß es hier wie Morgenroth aufleuchtete, dort in tiefe Schatten ſich verſenkte. Murmelnd und in melodiſchem Tact rauſchten die ſchaumgeſäumten Wogen an das Ufer; die hohe Säule dort drüben ſtieg in den Gluthen der Abendſonne wie eine Feuerſäule zum Himmel empor. Eine Feuer⸗ ſäule der Erinnerungen! Hortenſe, welche lange ſchweigend bald die Säule, bald das Meer angeſchaut hatte, wandte ſich jetzt mit einem milden Lächeln an ihren Sohn. „Laß uns hier unſeren Erinnerungen einen Got⸗ tesdienſt halten,“ ſagte ſie.„Dieſem rauſchenden Meer, dieſer ſtolzen Säule gegenüber will ich Dir ein Bild aus der Vergangenheit zeigen. Willſt Du's ehen?“ Louis Napoleon nickte ſchweigend, die Augen unverwandt hinüber gerichtet nach der Säule des Kaiſers. 3 — 181— Hortenſe trat in das Gemach und kehrte bald mit einem in rothem Sammet gebundenen Buch auf den Balcon zurück. Oft in den ſtillen Tagen von Are⸗ nenberg hatte der Prinz ſie an dieſem Buche ſchrei⸗ ben ſehen, aber niemals hatte Hortenſe ſeinen Bitten gewillfahrt, und ihm Mittheilungen gemacht aus ihren Memoiren. Heute wollte ſie ihm ungebeten daraus ein ſchönes und glänzendes Bild entrollen. Der öden und traurigen Gegenwart gegenüber wollte ſie ihm die ſtrahlende und glanzvolle Vergangenheit zeichnen, vielleicht nur, um ihn zu zerſtreuen, viel⸗ leicht, um ihn zu tröſten mit der Hoffnung, daß Alles, was iſt, vergeht, daß alſo auch die Gegenwart wieder verſinken, und das, was einſt geweſen, für ihn, den Erben des Kaiſers wieder Wirklichkeit wer⸗ den könne.. Sie ſetzte ſich neben ihren Sohn auf den kleinen Divan, der den Balcon einnahm, und ihr Heft ent⸗ faltend, las ſie.. XA Fragment aus den Memoiren der Rönigin Hortenſe. „Der Kaiſer war aus Italien zurückgekehrt. Die ſchöne Ceremonie der Vertheilung der Kreuze der Ehrenlegion hatte vor ſeiner Abreiſe ſtattgefunden, und ich hatte derſelben beigewohnt:; jetzt begab ſich der Laiſer nach Boulogne, um an ſeinem Geburtstage eine zweite Vertheilung des Ordens bei der Armee zu machen. Er hatte meinen Gemahl zum General der — 182— Reſerve⸗Armee ernannt, und ſandte ihm einen Cou⸗ rier, um ihn aufzufordern, mit mir und⸗Raſerin Sohn Napoleon in das Lager von Boulogne zu kommen. Mein Gemahl wollte die Bäder, welche er in St. Amand nahm, nicht unterbrechen, aber er forderte mich auf, nach Boulogne zu gehen, und acht Tage in der Geſellſchaft des Kaiſers zuzubringen. Der Kaiſer bewohnte bei Boulogne ein kleines Landhaus, genannt Pont de Brigue. Seine Schweſter Caroline und Murat wohnten in einer andern kleinen Villa nahe dabei. Ich logirte bei ihnen, und alle Tage begaben wir uns zum Kaiſer, um mit ihm zu diniren. Seit zwei Jahren hatten ſich unſere Trup⸗ pen im Angeſicht Englands concentrirt und Jeder⸗ mann erwartete einen Angriff. Das Lager bei Bou⸗ logne war am Ufer des Meeres errichtet, und glich einer langen und regelmäßigen Stadt. Jede Hütte hatte einen kleinen Garten, Blumen und Vögel. In der Mitte des Lagers auf einer Erhöhung befand ſich das Zelt des Kaiſers, nahe dabei das des Marſchalls Berthier. Alle auf dem Waſſer befindlichen Kriegs⸗ ſchiffe waren in einer Linie aufgeſtellt, und warteten nur auf das Signal zur Abfahrt. In der Ferne er⸗ blickte man England, und ſeine ſchönen Schiffe, welche vor der Küſte kreuzten, ſchienen eine undurchdring⸗ liche Barrière zu bilden. Dieſem großartigen Aublick gegenüber hatte man zum erſten Mal die Vorſtellung von einer bis dahin nicht geahnten unbekannten Größe, welche uns gegenüber ſtand. Alles regte hier die Phantaſie an. Dieſes unendliche Meer konnte bald ſich in ein Schlachtfeld verwandeln, und viel⸗ leicht die Elite der beiden größten Nationen verſchlin⸗ gen. Unſere Truppen, ſtolz in dem Gefühl, daß es für ſie keine Hinderniſſe gäbe, ungeduldig geworden durch eine zweijährige Ruhe, glühend vor Energie und Tapferkeit, glaubten ſchon die entgegengeſetzte Küſte erreicht zu haben. Ihre mit ſo vieler Tapfer⸗ keit gepaarte Zuverſicht erregte unwillkürlich die ge⸗ wiſſe Hoffnung auf Erfolg; aber plötzlich dann, wenn man hinüberſchaute auf dieſen undurchdringlichen Wald der Maſten auf den feindlichen Schiffen, fühlte man ſich von Furcht beängſtigt, zog ein banges Schmerz⸗ gefühl Einem das Herz zuſammen.— Doch ſchien der Expedition weiter nichts mehr zu fehlen als ein günſtiger Wind. Von allen Huldigungen, welche eine Frau em⸗ pfangen kann, haben die militairiſchen Huldigungen immer noch am meiſten den Charakter des Chevale⸗ resken, und es iſt unmöglich, ſich nicht von ihnen ge⸗ ſchmeichelt zu fühlen. Es konnte unter keinen Um⸗ ſtänden etwas Impoſanteres und Herrlicheres geben, als die Huldigungen, deren Mittelpunkt ich hier war, auch haben ſie allein bei dieſer Gelegenheit auf mich Eindruck gemacht. Der Kaiſer gab mir zu meiner Begleitung ſei⸗ nen Stallmeiſter, den General Defrance. So wie ich mich einer Lager⸗Abtheilung näherte, waren die Truppen unter den Waffen und manoeuvrirten vor mir. Ich hatte für einige wegen Disciplinarfehler beſtrafte Soldaten Gnade erbeten, und ward deshalb überall mit lebhaftem Enthuſiasmus begrüßt. Der ganze reitende Generalſtab escortirte meinen Wagen, und überall verkündete brillante Muſik meine An⸗ näherung. Bei dieſer Gelegenheit ſah ich zum erſten Mal die Urne, welche ein Grenadier im Bandelier trug; man ſagte mir, der Kaiſer habe, um das An⸗ denken des tapfern Latour d'Auvergne*) zu ehren, *) Latour d⸗Auvergne, ein Abkömmling des berühmten Tü⸗ renne, war in der ganzen Armee bekannt und berühmt wegen ſeines Heldenmuths und ſeiner bei vielfacher Gelegenheit bewie⸗ — 184— das Herz deſſelben in einen Bleikaſten eingehüllt, dem älteſten Soldaten des Regiments anvertraut, und an⸗ befohlen, daß ſein Name jedes Mal beim Appell mit aufgerufen werde, als ob er zugegen ſei. Derjenige, welcher das Herz trug, antwortete:„Geſtorben auf dem Felde der Ehre.“ Eines Tages gab man mir im Lager von Am⸗ bleteuſe ein Déjeuner. Ich wünſchte mich zu Waſſer dahin zu begeben, und trotz des widrigen Windes führte der Admiral mich hin. Ich ſah die Englän⸗ der, und wir kamen ſo nahe an ihnen vorüber, daß ſie mit Leichtigkeit ſich unſerer Nacht hätten bemächti⸗ gen können. Ich beſuchte auch die vom Admiral Verſuell commandirten Holländer.*) Sie empfingen mich mit den größten„Hurrahs,“ ebenſo wenig als ich ſelber ahnend, daß ich kaum ein Jahr ſpäter ihre Königin ſein würde. Ein anderes Mal fing der Kaiſer einen kleinen Krieg an; die Engländer, welche ſich von dem Anblick ſo vieler Truppen, die ſich ihnen gegenüber zuſam⸗ mengezogen, bennruhigt fühlten, näherten ſich im⸗ mer mehr unſerer Küſte, und feuerten ſogar einige Kanonenſchüſſe auf uns; der Kaiſer befand ſich an der Spitze ſeiner franzöſiſchen Colonnen, als dieſe die Schüſſe erwiederten, und er war jetz tzwiſchen zwei Feuern. Da wir ihm gefolgt waren, mußten wir jetzt auch neben ihm bleiben. Mein Sohn zeigte ſenen Tapferkeit. Da er alle ihm vielſach angebotenen Avance⸗ ments und Ehren immer wieder ablehnte, ernannte ihn Napoleon zum erſten Grenadier der Armee. Er fiel in dem Gefecht bei Neuburg, und dort ließ ihm der Bicekönig von Italien, Eugene Beauharnais, nach dem Frieden ein Denkmal errichten. *)] Die Holländer hatten, um den ihnen angewieſenen Hafen von Ambleteuſe erreichen zu können, erſt einen Kampf gegen die engliſche Flotille beſtanden, der ihnen zur größten Ehre gereichte. 3— — 185— nicht die mindeſte Furcht, zur größten Freude ſeines Onkels. Aber die Generale zitterten, den Kaiſer ſich ſo in Gefahr ſetzen zu ſehen; der Ladeſtock eines Un⸗ geſchickten konnte ihm hier eben ſo gefährlich werden, als eine Kugel. Inmitten dieſes impoſanten Schauſpiels über⸗ rraſchte mich der Contraſt, den die Truppen darboten, die, dem Feinde gegenüber glühten vor Tapferkeit und Entſchloſſenheit, und in den Tagen der Ruhe guten gelehrigen Kindern glichen, die ſich mit einer Blume, einem Vogel beluſtigen konnten. Der ver⸗ wegenſte Krieger verwandelte ſich da oft in den lern⸗ begierigſten Schüler. Zu dieſem Dojeuner, welches der Marſchall Da⸗ vonſt mir in ſeinem Zelt gab, hatten die Grenadiere ſich einige Lieder eingeübt, und kamen mit der Zag⸗ haftigkeit junger Mädchen, vor meiner Tafel zu ſin⸗ gen. Mit der verlegenſten und furchtſamſten Miene ſangen ſie ein Lied voll der kühnſten und verwegen⸗ ſten Drohungen gegen England, ein Lied, deſſen Re⸗ frain, wenn ich mich recht erinnere, lautete: „Die Meereng' kühn zu überſchreiten, .„Das heißt noch nicht das Meer austrinken.“ Oft ſahen wir von dem Salon des Kaiſers aus die Soldaten ſeiner Garde ſich auf dem Grasplatz vor dem Schloß verſammeln; einer von ihnen nahm eine Violine und gab, indem er aufſpielte, ſeinen Cameraden Unterricht im Tanzen. Die Anfänger ſtudirten die„jétés“ und„assemblés, mit der größ⸗ ten Aufmerkſamkeit; die Gelehrteren führten den gan⸗ zen Contretanz aus. Hinter den herabgelaſſenen Ja⸗ louſieen ſchauten wir ihnen mit dem größten Ver⸗ gnügen zu. Der Kaiſer überraſchte uns öfter bei dieſer Beſchäftigung, lachte mit uns und freute ſich der unſchuldigen Vergnügungen ſeiner Soldaten. — 186— War das Project einer Landung in England ernſthaft gemeint? Oder wollte der Kaiſer nur durch dieſe ungeheuren Vorbereitungen die Aufmerkſamkeit von anders wo ablenken, und auf dieſen Punkt fixi⸗ ren? Das iſt für mich noch heute eine Frage, die ich nicht zu beantworten wage; hier, wie überall, berichte ich nur, was ich geſehen habe. Die Marſchallin Ney gab mir ein glänzendes Feſt in Montreuil, wo ihr Mann commandirte. Der Vormittag ward dazu verwandt, die Truppen vor mir mamweupriren zu laſſen; am Abend fand ein Ball ſtatt. Aber plötzlich ward dieſer unterbrochen durch die Nachricht, der Kaiſer habe ſich ſo eben ein⸗ geſchifft. Eine Menge junger Offiziere, die bei dieſem Feſte zugegen geweſen, ſtürzten ſich auf den Weg nach Boulogne, den ich gleich ihnen mit Vltesſchmale zurücklegte, immer escortirt von dem General D france, der vor Ungeduld brannte, wieder an der Seite des Kaiſers zu ſein. Ich ſelbſt empfand eine unausſprechliche Bewegung bei der Idee, daß eine ſo große Weltbegebenheit unter meinen Augen ſtatthaben ſolle. Ich ſtellte mir vor, wie ich vom Thurm neben dem Zelt des Kaiſers der Schkächt zuſchauen, wie ich unſere Flotte vordringen und in den Wellen verſin⸗ ken ſehen würde. Ich ſchauderte ſchon im Voraus. Endlich kam ich an; ich fragte nach dem Kaiſer, und erfuhr, daß er allerdings der Einſchiffung aller ſeiner Truppen während der Nacht beigewohnt habe, aber daß er ſo eben in ſeine Villa zurückgekehrt ſei. Ich ſah ihn erſt beim Diner, wo er den Prin⸗ zen Joſeph, der damals Colonel eines Regimentes war, befragte, ob er an dieſe falſche Einſchiffung ge⸗ glaubt habe, und welchen Effect ſie unter den Sol⸗ daten gemacht habe? — 187— Joſeph fagte, daß er, wie alle Welt, an eine wirkliche Abreiſe geglaubt habe, und daß die Solda⸗ ten, dieſelbe gar nicht bezweifelnd, ihre Uhren ver⸗ kauft hätten.— Der Kaiſer fragte auch öfter, ob der Telegraph noch nicht das Annähern der franzöſiſchen Escadre anzeige; ſein Adjutant Lauriſton befand ſich am Bord dieſer Escadre, und der Kaiſer ſchien nur noch die Ankunft Lauriſtons und einen günſtigen Wind abzuwarten, um ſeine Flotille die Anker lich⸗ ten zu laſſen. Die von meinem Gemahl mir bewilligten acht Tage waren zu Ende, und ich nahm Abſchied von dem Kaiſer. Ich ging über Calais und Dünkirchen; überall ſah ich die Truppen vor mir defiliren, und mit eben ſo viel Bedauern als Schrecken verließ ich dieſe ſchöne Armee, daran gedenkend, daß ſie vielleicht in einigen Tagen ſchon den größten Gefahren möchte ausgeſetzt ſein........ Jeden Tag erwarteten wir in St. Amand die Nachricht von einem Uebergange nach England zu er⸗ halten, als wir plötzlich die Truppen in unſerer Ge⸗ gend ankommen ſahen, um ſich in Eilmärſchen an den Rhein zu begeben. Oeſterreich hatte den Frieden gebrochen. Wir eilten ſofort nach Paris, um den Kaiſer vor ſeiner Abreiſe nach Deutſchland noch ein⸗ mal zu ſehen.“*) *) La reine Hortense en Iialie, France eic. p. 278 sedd. XII. Die Piſgerin. Am nächſten Morgen verließ die Herzogin mit ihrem Sohn Boulogne, um weiter mit ihm zu pil⸗ gern durch das Land ihrer Jugend und ihrer Erin⸗ nerungen.— Es war eine traurige und doch eine herzerquickende Wanderſchaft, denn obwohl eine Verbannte und Na⸗ menloſe, war ſie doch in ihrem Vaterland, war es doch die heimathliche Erde, welche ihr Fuß berührte. Seit ſechszehn Jahren hatte ſie in der Fremde gelebt, in einem Lande, deſſen Sprache ſie nicht kannte, und deſſen Volk ſie daher nicht zu verſtehen vermochte. Jetzt auf dieſer Reiſe durch Frankreich freute ſie ſich, einmal wieder Alles verſtehen zu können, was ſich das Volk auf den Gaſſen, die Bauern auf den Fel⸗ dern erzählten. Es war für ſie ein ſchmerzlich ſüßes Gefühl ſich ſagen zu können, daß ſie inmitten dieſes Volkes keine Fremde ſei, und darum gewährte es ihr jetzt auch die größte Freude, mit dieſem Volk zu plaudern und ſeinen naiven und kunſtloſen Worten zuzuhören. 8 So wie ſie in dem Gaſthaus irgend einer Stadt, eines Dorfes, wo ſie einen Raſttag haben wollten, angelangt waren, begab ſich Hortenſe am Arm ihres Sohnes hinunter auf die Straße; einmal trat ſie in eine Boutique ein, ſetzte ſich dort nieder und ſprach mit den Leuten, welche in den Laden kamen, um ſich ibre geringen Bedürfniſſe des Tages zu kaufen; ein anderes Mal hielt ſie auf der Gaſſe ein Kind an, um es zu liebkoſen und es nach ſeinen Aeltern zu — 189— fragen; dann wieder ſprach ſie in den Dörfern mit den Bauern, und unterhielt ſich mit ihnen von ihrem Acker, und von den Hoffnungen, welche ſie auf eine glückliche Ernte hegten. Der naive, geſunde und kräftige Sinn des Volks entzückte ſie, und mit dem lächelnden Stolz einer glücklichen Mutter zeigte ſie ihrem Sohn dieſe große, ſchöne Familie, dieſes fran⸗ zöſiſche Volk, dem auch ſie Beide, obwohl verbannt und verſtoßen, immer doch angehörten! In Chantilly zeigte ſie dem Prinzen das Schloß des Prinzen Condé. Die Waldungen, welche in der Nähe deſſelben lagen, hatten einſt der Königin ge⸗ hört, oder vielmehr, ſie waren ein Theil der Appa⸗ nage geweſen, welche der Kaiſer ſeit der Vereinigung Louis Napoleon ausgeſetzt hatte.— Hortenſe ſelb daher das Schloß beſuchen, ohne befürchten zu müſ⸗ ſen gekannt zu werden. Den Führer, welcher ihnen das Schloß und den Garten gezeigt, fragten ſie, wer wohl früher der Be⸗ ſitzer der großen Wälder von Chantilly geweſen? „Die Stieftochter des Kaiſers Napoleon, die Kö⸗ nigin Hortenſe,“ ſagte der Mann mit vollkommener Gleichgültigkeit.„Man hat hier noch lange von ihr geſprochen; man ſagte immer, daß ſie verkleidet im Lande herumſtreife. Aber ſeit einigen Jahren hört man nichts mehr von ihr; ich weiß nicht, was aus ihr geworden iſt.“ „Gewiß iſt ſie geſtorben, die arme Königin,“ ſagte enſe mit einem ſo ſanften, wehmüthigen Lächeln, da Sohn erbleichte, und ſeine Augen ſich mit Thränen füllten. „ Chantilly wanderten ſie weiter nach Erme⸗ und Morfontaine, denn Hortenſe wollte ihrem Hollands mit Frankreich für ihren zweiten Sohn war niemals in dieſer Gegend geweſen, und ſie durfte —OOO—O—n—— — 190— Sohn alle die Plätze zeigen, die ſie einſt mit dem Kaiſer und ihrer Mutter in den Tagen des Glückes geſehen. Dieſe Plätze ſchienen jetzt ſo einſam und verlaſ⸗ ſen, wie ſie ſelber es war. Welch eine Pracht hatte einſt in Ermenonville geherrſcht als der Kaiſer den Beſitzer deſſelben zu den großen Jagden, welcher die⸗ ſer ihm zu Ehren veranſtaltete, beſucht hatte! In den Gängen des Parks, der damals von tauſend und tauſend Lampen erhellt geweſen, wucherte jetzt das Gras; ein elendes baufälliges Boot führte hinüber zu der Pappelinſel, die dem Andenken Jean Jacque's geweiht iſt, und auf deſſen Monument Hortenſe und Louis Napoleon jetzt ihre Namen einzeichneten. Noch verödeter und trauriger erſchien Morfon⸗ taine; die Alliirten hatten es 1815 geplündert, und ſeitdem war es nicht wieder reparirt worden. In Mor⸗ fontaine war unter dem Conſulat der Friede mit Ame⸗ rika gezeichnet worden, dort hatte Hortenſe einem herrlichen Feſt beigewohnt, das Joſeph Bonaparte, damals der Beſitzer von Morfontaine, ſeinem Kaiſer⸗ lichen Bruder gegeben. In St. Denis gab es für Hortenſe noch heiligere und ſchönere Erinnerungen, denn daſelbſt befand ſich das große Erziehungshaus für die Töchter höherer Militairs, deſſen Protectrice ſie geweſen. Sie wagte es nicht, ſich zu zeigen, denn dort, das wußte ſie wohl, hatte man ſie nicht vergeſſen; es gab noch Viele dort, welche ſie kannten und liebten, und nur den Fremden und Gleichgültigen durfte ſie ſich zeigen. Aber ſie beſuchte doch die Kirche und ſtieg mit Louis Napoleon hinunter zu den Gewölben. Ludwig XVIII. allein ruhte in den Hallen, welche das Kai⸗ ſerreich reſtaurirt hatte, um darin die neuen von Frankreich adoptirte Herrſcherfamilie aufzunehmen lche — 191— und der, welcher dieſe Hallen gebaut, der Kaiſer Na⸗ poleon ruhte jetzt unter einer Trauerweide auf einer öden Inſel mitten im Meer, und der, welcher ihn vertrieben, nahm die Stelle ein, welche einſt dem Sarge des Kaiſers beſtimmt geweſen! Dieſe ſchweigenden und öden Hallen durchwan⸗ dernd, erinnerte ſich Hortenſe jenes Tages, wo ſie mit dem Kaiſer hierher gekommen, um den Bau der Kirche zu beſichtigen. Damals war ſie krank und leidend geweſen, und mit vollſter Ueberzeugung hatte ſie zu ihrer Mutter geſagt: ſie, die unglückliche Kö⸗ nigin Hortenſe, werde die Erſte ſein, welche man in der Gruft von St. Denis bettete. Jetzt nach ſo vie⸗ len Jahren ſtieg ſie lebend in dieſelbe hinunter, und hatte kaum das Recht, ſie zu beſuchen. Aber es gab noch eine andere Grabſtätte, ein anderes Monument ihrer Erinnerungen, vor welchem Hortenſe beten gehen mußte. Das war das Grab der Kaiſerin Joſephine in der Kirche von Ruelle. Ach, mit welchen Empfindungen betrat ſie dieſen Ort, knieete ſie nieder an dem Grabeshügel! Von Allem, was Joſephine geliebt, war nichts mehr übrig geblieben, als Hortenſe und ihr Sohn, ein verein⸗ ſamtes Paar, das ſelbſt nur heimlich den Ort be⸗ ſuchen durfte, wo Hortenſens Mutter ruhte. Die Menge von Blumen, welche das Monument ſchmück⸗ ten, war indeß ein Beweis, daß Joſephine wenig⸗ ſtens inmitten von Freunden ruhte, denen ihr An⸗ denken immer noch heilig geblieben, und das war immer doch ein Troſt für die vereinſamte Kaiſers⸗ Tochter. Von Ruelle und ſeinem heiligen Grabe pilgerten ſie weiter nach Malmaiſon. Dies Schloß vor allen Dingen wollte Hortenſe ihrem Sohn zeigen! Von maiſon aus hatte der Kaiſer Frankreich für immer — 192— verlaſſen! Dort hatte Hortenſe das ſchmerzlich ſüße Glück gehabt, durch ihre zärtliche Theilnahme ihm den Moment zu verſüßen, wo alle Welt ihn verließ, wo er von der Höhe des Ruhms in die tiefen Ab⸗ gründe des Unglücks hinabſtürzte. Aber ach, die heimkehrende Königin Hortenſe ſollte nicht einmal die Genugthuung haben, ihrem Sohn dies von ſo vielen Erinnerungen geheiligte Schloß, welches einſt ihr Eigenthum geweſen, zu zeigen! Der jetzige Beſitzer deſſelben hatte ſtreugen Befehl gegeben, das Schloß nur gegen vorher von ihm erhaltene Ein⸗ laßkarten zu öffnen, und da Hortenſe deren nicht beſaß, waren alle ihre Bitten vergeblich. Man wies ſie grauſam zurück von der Pforte des Schloſſes, in welchem ſie in früheren Tagen von ihren ergebenen Freunden und Dienern immer mit ſo viel Freude war empfangen worden! Traurig, ihre Augen von Thränen umdüſtert, wandte ſie ſich ab, und kehrte, auf den Arm ihres Sohnes gelehnt, in ihren Gaſthof zurück. Schweigend und ſtiill ſetzte ſie ſich neben ihm nie⸗ der auf die Steinbank, die da vor dem Hauſe ſtand, und blickte hinül er nach dem Schloß, in dem ſie einſt ſo ſchöne und bebeutungsvolle Tage durchlebte. Ach ſie hatte in Frankreich nur Gräber aufzuſuchen, und fühlte ſich jetzt ganz allein mit ihren Erinnerungen und ihrer Vergangenheit! Es iſt wohl natürlich, flüſterte ſie leiſe vor ſich hin, daß die Abweſenheit uns von Denuen vergeſſen macht, welche das Glück hatten, in der Heimath zu bleiben. Aber für Diejenigen, welche auf fremde Erde hinausgeſtoßen wurden, ſteht das Leben des Herzens ſtill, und die Vergangenheit iſt ihnen Alles, die Gegenwart und die Zukunft iſt im Exil bedeutungslos.— In Frankreich iſt Alles vorzoe ts — 193— ..„ geſchritten, hat ſich Alles verwandelt, ich alleim bin übrig geblieben mit meinen Empfindungen unverän⸗ derter Liebe und Treue! Ach, wie traurig ultd ſchmerz⸗ voll iſt es, vergeſſen zu werden!*) Wie— ,2 Auf einmal ward ſie unterbrochen von d ten eines Claviers, welches in ihrer unmittelbaren Nähe ertönte. Hinter der Bank, auf welcher ſie ſaßen, befanden ſich die in den Salon des Gaſthofes führenden Fenſter. Die Fenſter waren geöffnet, und mit größter Deutlichkeit konnte man jeden Ton der Muſik vernehmen, welche drinnen in dem Salon er⸗ tönte. Jetzt ward das Spiel von einer weiblichen Stimme unterbrochen, welche ſagte:„ſinge uns ein Lied, meine Tochter.“ 7 „Was für ein Lied?“ fragte eine andere jugend⸗ lichere Stimme. „Nun, ſinge uns das rührende, ſchöne Lied, das Dir Dein Bruder geſtern aus Paris mitgebracht. Das Lied von Delphine Gay, zu welchem Herr von Beauplan die Muſik gemacht.“ 1 „Ach, Du meinſt das Lied von der Königin Hor⸗ tenſe, welche als Pilgerin nach Paris kommt? Du haſt Recht, Maman, es iſt ein gar ſchönes und rüh⸗ rendes Lied, und ich will es Dir ſingen!“ Und das junge Mädchen ſchlug kräftiger auf die Taſten, und begann das Präludium zu ſpielen. Draußen auf der Steinbank vor dem Gaſthauſe ſaß die einſtige Königin Hortenſe, jetzt die arme, ver⸗ einſamte Pilgerin. Nichts war ihr geblieben von dem herrlichen Einſt, als ihr Sohn, welcher neben ihr ſaß! Beide Hand in Hand, Beide athemlos vor *) Der Herzogin eigene Worte, Siehe: Voyage en Halie ete. 3 Herzog p. 305. 8 Königin Hortenſe. II. Mädchen 194— . 4 Nührung, Beide bleich und mit Thränen in den Augen hähuten ſie auf das Lied, welches das junge fetzt begann, und welches alſo lautete: . Die Pilgerin. 3 a, die ihr habt die Wacht, Auf Frankreichs grünen Höhen, Auf dieſe Pilgerin gebt nicht Acht, Laßt ſie vorübergehen! Ach, dieſer ſüßen Stimme Klang Hallt unſer Echo wieder! Die Laute, die einſt Dunois ſang, Singt jetzt nur Trauerlieder! Soldaten, die ihr habt die Wacht ꝛc. An ihrer Trauer werdet ſchnell Die hohe Frau ihr kennen, An ihrer Thräne, rinnend hell, Wenn ſie hört Frankreich nennen! Soldaten, die ihr habt die Wacht ꝛc. Ein Schleier jetzt das Haupt umgiebt, Das einſtens trug der Kronen Bürde, Die Gaben nur, die reich ſie giebt, Verrathen ihre hohe Würde. Soldaten, die ihr habt die Wacht ꝛc. Sie kommt zu unſern Grenzen nicht, Daß ſie um Erbſchaft werbe, Vom Einſt nur ihre Thräne ſpricht, Der Ruhm, das iſt ihr Erbe! Soldaten, die ihr habt die Wacht ꝛc. Sie will mit duft'ger Blumen Spur Das Grab der Mutter ſchließen, Auf Thränen eiferſüchtig nur, Die And're dort vergießen! Soldaten, die ihr habt die Wacht Auf Frankreichs grünen Höhen, Auf dieſe Pilgerin gebt nicht Acht, Laßt ſie vorübergehen. — — — 195— Der franzöſiſche Urtext dieſes Liedes von Delphine Gay, der nachherigen Frau von Girardin, lautet: Soldats, gardiens du sol francais, Vous qui veillez sur la colline, De vos remparts livrez l'accès, Laissez passer la pélerine. Les accents de sa douce voix Que nos échos ont retenues, Et ce luth qui chanta Dunois Vous annoncent sa venue. Soldats, gardiens du sol francais cic. Sans peine on la reconnaitra A sa pieuse réverie, Aux larmes qu'elle répandra Aux noms de France et de patrie. Soldats, gardiens du sol français etc. Son front, couvert d'un voile blanc N'a rien gardé de la couronne, On ne devine son haut rang Qu'aux nobles présens qu'elle donne. Soldats, gardiens du sol français ctc. Elle ne vient pas sur ces bords Réclamer un riche partage, Des scuvenirs sont ses trésors Ei la gloire est son héritage. Soldats, gardiens du sol francçais etc. Elle voudrait de quelqes fleurs Parer la tombe maternelle, Car elie est jalouse des pleurs Que d'autres y versent pour elle. Soldats, gardiens du sol francçais, Vous qui veillez sur la colline: De vos remparts livrez D'accès, Laissez passer la pélerinc. — 196— XIII. Schluß. Und endlich war dieſe traurige Pilgerfahrt been⸗ det, endlich war Hortenſe wieder heimgekehrt in ihre Berge, heimgekehrt nach Arenenberg, auf ihre reizende Villa, die auf einer Höhe unmittelbar am Ufer des Bodenſees gelegen, einen lieblichen Ueberblick über den majeſtätiſchen See mit ſeinen Inſeln, und ſeine mit Städten und Dörfern umkränzten Ufer gewährt. Ehre dem Canton Thurgau, der, als alle Welt von der bei dem Schickſal und den Regierungen in Ungnade gefallenen Königin ſich abwandte, als ihre nächſten Verwandten ſelbſt, der Großherzog und die Großherzogin Stephanie von Baden ihr den Aufent⸗ halt in ihrem Lande verweigern mußten, den Muth hatte, der Herzogin von St. Leu ein Aſyl zu bieten, und ihr auf dem freien Boden der kleinen Republik eine Stätte zu gewähren, von der das Uebelwollen und Mißtrauen der Mächtigen ſie nicht wieder ver⸗ treiben konnten! In Arenenberg ruhte Hortenſe aus von ihren Schmerzen. Mit blutender Bruſt und beſtäubten Füßen kehrte ſie wieder heim in ihr Haus, ihr Herz zerſchmettert von dem furchtbarſten Schlag, von dem Verluſt eines edlen und geliebten Sohnes, ihr Geiſt gebrochen und darnieder gebeugt von der Härte und Grauſamkeit der Welt und der Menſchen, welche in der feigen Furcht ihres Egoismus ſogar der heilig⸗ ſten und unvergänglichſten aller Religionen, der Rée⸗ ligion der Erinnerungen, untren geworden waren! Wie viele, die ihr einſt Liebe und Dankbarkeit — 197 geſchworen, hatten ſie verlaſſen, wie Viele, denen ſie wohl gethan, hatten ſie verleugnet in der Stunde der Gefahr! In der Großmuth und Milde ihres Herzens ver⸗ zieh ſie ihnen Allen, und ſtatt Groll zu hegen, be⸗ mitleidete ſie ſie!— Sie hatte abgeſchloſſen mit der Welt! Arenenberg war jetzt allein noch ihre Welt, Arenenberg, in welchem ihr letztes und ſchönſtes Glück, ihr Sohn, der Erbe des kaiſerlichen Namens, an ihrer Seßſe lebte, Arenenberg, welches einem großen Tempel der Erinnerungen glich, deſſen fromme und gläubige Prieſterin Hortenſe war. In Arenenberg ſchrieb Hortenſe die ſo traurige und rührende Geſchichte ihrer Reiſe durch Italien, Frankreich uͤnd England, die ſie in dem Heroismus ihrer Mutterliebe unternahm, um ihren Sohn zu ret⸗ ten. Die edelſte Weiblichkeit, der gebildetſte Geiſt, die ſtolzeſte und reinſte Seele ſpricht aus dieſem Buch, mit dem Hortenſe ſich ein Denkmal geſetzt, das unvergänglicher iſt, wie alle Denkmäler von Stein und Erz, denn dieſes Denkmal ſpricht zum Herzen, jene nur zu den Augen.— Hortenſe hat dies Buch mit ihrem Herzen, oft unterbrochen von den Thränen, die ihre Augen verdunkelten, geſchrie⸗ ben, ſie ſchließt es mit einem rührenden Zuruf an das franzöſiſche Volk, dem man hier eine Stelle ge⸗ ſtatten möge: 4 „Die Erneuerung des Exilgeſetzes,“ ſo lautet der Schluß ihres Buches,„und die Einigungsverſuche, welche man zwiſchen uns und den Bourbonen macht, ſind der Beweis der Empfindungen und Befürchtungen, die man in Bezug auf uns hegt. Nicht Eine Freun⸗ desſtimme hat ſich zu unſern Gunſten erhoben; dieſe Gleichgültigkeit hat die Bitterkeit unſerer Verbannung verdoppelt! Mögen ſie dennoch glücklich ſein, Die⸗ — 198= jenigen, welche vergeſſen! Mögen ſie vor allen Din⸗ gen Frankreich glücklich machen! Das iſt mein Gebet!“ „Was das Volk anbetrifft, ſo wird ihm, wenn es ſeines Ruhmes, ſeiner Größe, und der beſtändigen Fürſorge, deren Gegenſtand es war, eingedenk iſt, unſer Andenken immer theuer ſein. Ich habe die Ueberzeugung, daß es ſo iſt, und dieſer Gedanke iſt der ſüßeſte Troſt, den man im Exil haben, den man mit ſich in das Grab nehmen kann!“*) Noch lebte Hortenſe einige friedliche ſtille Jahre, fern von Allen, die ſie liebte, fernsauch von dem Sohn, der ihr einziges Gut, ihre einzige Hoffnung war, und von dem ſie noch nicht ahnte, welch eine glänzende Zukunft ihm das Schickſal vorbehalten, und daß Louis Napoleon, den die Boarkonen. als Kind, den die Orleans als Jüngling aus Frankreich 4 verbannt und vertrieben hatten, daß Lons Napoleon dereinſt als Kaiſer in Paris wronen würde, während die Bourbonen und die Orleans in der Fremde,„ m gezwungenen Exil verkümmern!. Im Jahre 1837 ſtarb Hortenſe„die Blume der Napoleoniden! 1. Des Lebens, des Uglücks und des s, in dem ſie ſchmachtete, endlich müde, ſenkte ſie ie Haupt und ging heim zu ihren großen Todten, heim zu Napo⸗ leon und Joſephinen! *) Voyage en Iialie etc. p. 324. Ende des zweiten und letzten Bandes. Inhaltsverzeichniß des zweiten Bandes. Seite— Erſtes Buch. Die Reſtauration.. I. Die heimkehrenden Bourbonen........ 5 II. Die Bourbonen und die Napoleoniden..... 16 1 III. Frau von Staëäl......... 23 IV. Frau von Stael's Rückkehr nach Paris 347 V. Frau von Stasl's Beſuch bei der Königin Hortenſe 40 VI. Alte und neue Zeit........... 49 VII. König Ludwig XVIII.......... 55 VIII. Der Salon der Herzogin von St. Len.. 63 IX. Das Begräbniß Ludwig's XVI. und ſeiner Gemaülin 72 X. Napoleon’s Rückkehr von Elba.... 76 XI. Ludwig’s XVIII. Abreiſe und Napoleons Ankunft.. 31 XII. Die bundert Fage............. 36 XIII. Napoleons letztes Lebewohl......... 91 4 Zweites Buch. 1 Die Herzogin von St. Leu. I. Die Vertreibung der Herzogin von St. Leu... 103 II. Louis Napoleon als Kind.......... 109 III. Die Revolution von 1830... 118 1 IV. Die Revolution in Rom und die Söhne Hortenſens 124 Tod des Prinzen Napoleon Die Flucht aus Italien Die Pilgerfahrt.... Louis Philipp und die Herzogin von nSt. Len. Der Herzogin Abreiſe von Paris Wallfahrt durch Frankreich... Fragment aus den Memoiren der Königin Hortenſe Die Pilgerin... Schluß........ Druck von F. Hoffſchläger in Berlin. 1 8 Waaaaaaazanzxrazaraaramrmrmmmmmmmnnnnmn dnnnweamm 12 1 15 1 17 1 9 11 3 14 6