9 ————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk. 3 3 1„„ 6„— 82— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. kusunneaen Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. d S340 Pünigin Bortenſe. Napoleoniſches Lebensbild von L. Mühlbach. Erſter Band. — d Vierte Auflage. (Die Ueberſetzung in's Engliſche iſt geſetzlich vorbehalten.) Berlin. Verlag von Otto Janke. 1858. 4 8* Sr. Hoheit dem regierenden Herzog Ernſt von Sachſen-Coburg-Gotha unterthänigſt zugeeignet. Ew. Hoheit erlauchten Namen, der ſo hell und ſchöpferiſch alle Gebiete der Zeit durch⸗ dringt, habe ich, als heilbedeutend für alle ſtrebenden Geiſter, dieſem hiſtoriſchen Lebens⸗ bilde vorgeſetzt, indem ich ans den ermun⸗ ternden, alles Wollen und Vollbringen beflü⸗ gelnden Worten Eurer Hoheit den Muth dazu ſchöpfen durfte! Das von mir aufgerollte Geſchichtsbild ſollte mit ſeinem Intereſſe zugleich hinweiſen in die Mitte der Gegenwart und ihre neuen Entſcheidungen, zu denen Ew. Hoheit eine ſo charactervoll leuchtende Stellung einnehmen. Möchten Ew. Hoheit bei näherer Anſicht dieſer Blätter die im Voraus gnädigſt aus⸗ gedrückte Erwartung nicht verloren finden, möchte das Buch derjenigen Nachſicht würdig ſein, durch welche Ew. Hoheit mich bisher bei meinen Leiſtungen ſo huldvoll aufgemun⸗ tert und erhoben haben. Clara Mundt.— g. Mühlbach. Berlin, den 4. Februar 1856. Erſtes Buch. Cage der Mindhreit und der Vevolution. J. Cage der Rindheit. 3 „Ein Augenblick des Glück's iſt nicht zu theuer mit dem Tod bezahlt“, ſagte unſer großer deutſcher Dichter, und er mag Recht haben, aber zu theuer iſt ein Augenblick des Glückes mit einem langen Leben voller Qual und Schmerzen bezahlt! Und wann war er denn für ſie gekommen, dieſer„Augenblick des Glückes“, wann konnte Hortenſe Beauharnais von ſich ſagen:„Ich bin glücklich! Möge jetzt der Schmerz kommen und das Leid, ich habe das Glück kennen gelernt, und das iſt in ſeinen Erinnerungen unver⸗ gänglich und ewig!“ Sie hat viel geweint und viel gelitten, dieſe Toch⸗ ter einer Kaiſerin, dieſe Mutter eines Kaiſers, in früheſter Jugend ſchon hat ſie das Unglück und die Thränen kennen gelernt, und ſie ſind ſpäter nicht dem jungen Mädchen, nicht der Gattin, nicht der Mutter erſpart worden. Es iſt eine rührend ſchöne Geſtalt unter den Napo⸗ leoniden, dieſe Hortenſia, dieſe zarte und doch ſtolze Königin, die, als ſie herabgeſtiegen war vom Thron, als ſie aufgehört hatte Königin zu ſein, als ſie, lebens⸗ müde und matt, ſich endlich in das Grab hinein geret⸗ tet hatte, doch noch als Königin unter uns blieb, nicht Königin Hortenſe. I. 1 hatte Königin von Napoleons Gnaden zu ſein, blieb 2 mehr die Königin der Völker, aber die Königin der Blumen. Die Blumen haben das Gedächtniß und die Erinnerung an die ſchöne Tochter Joſephinens bewahrt, die Blumen haben nicht, wie ſo viele Men⸗ ſchen, ſie verleugnet, als ſie nicht mehr die Tochter des allmächtigen Kaiſers, ſondern die Tochter des „Verbannten“ war. Unter den Blumen hat ſie wei⸗ ter gelebt, die ſchöne Hortenſia, und Gavarny, der große Dichter der Blumen, hat in ſeinen„Hleurs animées“ der Blumenkönigin Hortenſia ein rührend ſchönes Denkmal errichtet. Auf einem Hügel von Hortenſien ruht das Bild der Königin Hortenſia; in weiter Ferne, wie ein halbvergeſſenes Traumbild, ſieht man die Kuppeln und Thürme von Paris. Wei⸗ ter im Vordergrund liegt der Grabhügel von Hor⸗ tenſien mit dem Bilde der königlichen Schweſter der Blumen. Einſamkeit herrſcht ringsumher, aber dro⸗ ben in den Lüften ſchwebt der kaiſerliche Adler! Der kaiſerliche Mantel mit den goldenen Bienen wallt wie ein Kometenſchweif hinter ihm her, das dunkel⸗ rothe Band der legion d'honneur mit dem goldenen Kreuz hängt um ſeinen Hals, in ſeinem Schnabel trägt er einen vollen Blüthenzweig der Kaiſerkrone. Es iſt ein Stück Weltgeſchichte, das uns aus die⸗ 4 ſem reizenden Bilde Gavarny'’s entgegentritt, ein Stück Weltgeſchichte, das in wunderbaren phantaſti⸗ ſchen Schattenbildern an uns vorüberrauſcht, wenn wir das Leben der Königin Hortenſia mit prüfendem Auge betrachten und ihr Schickſal überdenken. Sie hat alle Größe und alle Herrlichkeit der Erde kennen gelernt, und hat Alles in Staub zerfallen ſehen. Nein, nicht Alles! Ihre Leiden und ihre Gedichte ſind geblieben, das Genie bedarf keiner Kron um unſterblich zu ſein. Als Hortenſia aufgehö 4 von der Gloire der belle France nerungen“. Und dieſes ſie immer noch die Dichterin„von Gottes Gnaden“. Anmuthig und lieblich ſind ihre Gedichte, voll zarter Elegie, voll tiefer, leidenſchaftlicher Gluth, die indeſſen nie die Gränzen zarter Weiblichkeit überſchreitet; an⸗ muthig und melodiös ſind ihre Compoſitionen. Wer kennt nicht das Lied„Va t'en guerrier“, das Hor⸗ tenſia gedichtet und componirt und das ſie dann auf Napoleons Wunſch zu einem Militairmarſch trans⸗ ponirte. Bei den Klängen dieſes Marſches verließen einſt die Soldaten Frankreichs ihr Vaterland, um die franzöſiſchen Adler nach Rußland zu tragen; bei den Klängen dieſes Marſches hatten in jüngſter Zeit wie⸗ der die Soldaten Frankreichs ihr Vaterland verlaſſen, um die franzöſiſchen Adler nach Nußland zu tragen. Hortenſens Lied iſt geblieben; einſt ſang es laut und jubelnd die Welt; dann unter den heimgekehrten Bourbonen ſummten es leiſe die zerſchoſſenen, ver⸗ krüppelten Krieger des Invalidenhauſes, wenn ſie wie von einem ſchönen Ingendtraum heimlich zu einander flüſterten. Jetzt ſchallt das Lied wieder mächtig durch Frank⸗ reich dahin, jetzt ſchwingt es ſich jubelnd empor zu der Vendôme⸗Säule, und das eherne Antlitz des Kaiſers ſcheint zu lächeln, wenn dieſe zitternden Ton⸗ wellen ſeine Stirn umrauſchen, und die Hortenſien auf dem Grabe der Königin heben träumeriſch ſinnend ihre Blüthenköpfe empor, in denen der Thau des Himmels oder die Thränen der heimgegangenen Kö⸗ nigin wie koſtbare Brillanten funkeln, und ſie lau⸗ ſchen auf dieſes Lied, welches jetzt für Frankreich eine heilige Bedeutung gewonnen, denn es iſt das Hohe⸗ ied einer Religion, welcher alle Völker und alle Menſchen huldigen ſollten,„der Religion der Erin⸗ „Va t'en gucrrier“, welches Frankreich jetzt ſingt, es ertönt über dem Grabe der 8 1½ ihrem Herzen wohl, Andern Leiden erſparen und —4 Königin, wie die Ehrenſalven über dem Grabe eines tapfern Kriegers.— Sie hat viel gekämpft, die unglückliche und lie⸗ benswürdige Königin, aber immer iſt ſie tapfer ge⸗ blieben, und immer hat ſie den Muth der Frauen bewahrt, den Muth: des Lächelns unter Thränen. Ihr Vater ſtarb auf dem Schaffot, ihre Mutter, die doppelt entthronte Kaiſerin, am gebrochenen Herzen, ihr Stiefvater, der Kaiſer Napoleon, auf einer ein⸗ ſamen Felſeninſel; flüchtig und gemieden irrte ihre ganze Familie, irrten alle die entthronten Könige und Königinnen umher, verbannt aus ihrem Vaterlande, der Gnade Derer, welchen ſie einſt Gnade erwieſen, kaum ein Fleckchen Erde abringend, wo ſie in ſtiller Verborgenheit, fern dem Weltgetriebe, ihren großen Erinnerungen und ihren großen Schmerzen leben konnten. Ihre Vergangenheit lag hinter ihnen, wie ein goldſchimmerndes Mährchen, an welches jetzt Nie⸗ mand mehr glaubte, und nur die Gegenwart ſchien den Menſchen und den Völkern eine willkommene Wirklichkeit, die ſie mit giftigem Stachel den ent⸗ thronten Napoleoniden an die Stirn heften wollten. — Und trotz all dieſer Schmerzen und dieſer Demü⸗ thigungen hatte Hortenſia den Muth, die Menſchen nicht zu haſſen und ihre Kinder zu lehren, die Men⸗ ſchen zu lieben und ihnen wohlzuthun. Das Herz der entthronten Königin blutete aus tauſend Wunden, aber ſie ließ dieſe Wunden nicht verharrſchen und ihr Herz ſich nicht unter den breiten Narben ausge⸗ bluteter Schmerzen verhärten. Sie liebte ihre Schmer⸗ zen und ihre Wunden und hielt ſie offen mit ihren Thränen, aber eben weil ſie gränzenlos litt, that es ihre Schmerzen ſänftigen zu können. So war ihr Leben ein ſtetes Wohlthun, und als ſie ſtarb, konnte ſie wie ihre Mutter, die Kaiſerin Joſephine, von ſich ſagen:„Ich habe viel geweint, aber ich habe niemals Andere weinen gemacht.“ Hortenſia war die Tochter des Vicomte von Beau⸗ harnais, der ſich wider den Willen ſeiner Angehöri⸗ gen mit der ſchönen Joſephine Taſcher de la Pagerie, einer jungen Creolin aus Martinique, vermählt hatte. Dieſe Ehe, welche nur die Liebe geſchloſſen, ſchien indeß keine glückliche werden zu ſollen. Da beide jung, beide unerfahren, leidenſchaftlich und eiferſüchtig, fehlte ees ihnen beiden an Kraft und Energie, die wilden Wogen ihres Temperamentes in die kühle und ſtille Bahn einer ruhigen Ehe einzulenken. Der Vicomte war zu jung, um ſeiner Joſephine nicht blos ein Liebhaber und zärtlicher Gatte, ſondern auch ein rathender Freund, ein warnender Lehrer in der ſchwe⸗ ren Kunſt des Lebens ſein zu können, und Joſephine war zu unſchuldig, zu unerfahren, zu lebensluſtig, um alles Das vermeiden zu können, was der auflauern⸗ den und feindlichen Familie ihres Gemahls Veran⸗ laſſung zu üblen Vermuthungen geben konnte, die ſie dem Vicomte als grauſame Gewißheiten ins Ohr flüſterten. Es war daher begreiflich, daß dieſe Ehe bald von heftigen Stürmen und Schmerzen getrübt ward. Joſephine war zu ſchön und liebenswürdig, um nicht überall Aufmerkſamkeit und Bewunderung zu erregen, und ſie war noch nicht blaſirt und erfah⸗ rungsreich genug, um ſich dieſer Bewunderung und Anbetung nicht zu freuen, oder nicht das Ihrige zu thun, um ſie hervorzurufen. Aber weil ſie naiv war und unſchuldigen Herzens, verlangte ſie von dem Gemahl, daß dieſe kleinen äußeren Coquetterien ihn nicht beunruhigen und mißtrauiſch machen ſollten, daß 6— er zu ihr ein unerſchütterliches Vertrauen hegen ſolle. Ihr Stolz empörte ſich gegen ſeinen Argwohn, wie ſeine Eiferſucht ſich gegen ihre anſcheinende Leichtfer⸗ tigkeit, und Beide würden ſie willig trotz der Liebe, welche ſie im Grunde ihres Herzens für einander empfanden, ihre Ehe getrennt haben, wenn nicht ihre Kinder ihnen dieſe Trennung unmöglich gemacht hät⸗ ten. Dieſe Kinder waren ein Sohn, Eugéne, und eine um vier Jahre jüngere Tochter, Hortenſia. Beide Aeltern liebten dieſe Kinder mit leidenſchaftlicher Zärt⸗ ichkeit, und oft, wenn im Beiſein der Kinder irgend eine dieſer ſtürmiſchen Eheſcenen ſtattgefunden, ge⸗ nügte ein bittendes Wort Eugenes, eine Schmei⸗ chelei der kleinen Hortenſe, um die beiden Gatten, deren Zorn immer doch nichts weiter war, als zür⸗ nende Liebe, mit einander zu verſöhnen. Aber dieſe ehelichen Stürme wurden mit der Zeit heftiger, und jetzt war Eugene nicht mehr da, um ſeiner kleinen Schweſter beizuſtehen, dieſe traurigen Zwiſtigkeiten ihrer Aeltern zu verſöhnen. Der Vi⸗ comte hatte den kleinen, jetzt ſieben Jahre alten Eugeène in ein Penſionat gethan, und die kleine Hortenſe, durch die Abweſenheit ihres Bruders muthlos ge⸗ macht, hatte nicht mehr die Mittel, dieſe Stürme, die zwiſchen ihren Aeltern tobten, zu beſchwichtigen; ſie floh geängſtigt und ſcheu bei dieſen heftigen Sce⸗ nen in irgend eine einſame Ecke und weinte da vor Angſt und Schmerz über ein Unglück, deſſen Größe ihr armes kleines Kinderherz doch nicht zu faſſen vermochte. In dieſer ſchlimmen und ſturmvollen Zeit erhielt die junge Vicomteſſe Joſephine einen Brief aus Mar⸗ tinique. Madame Taſcher de la Pagerie ſchilderte in demſelben ihrer Tochter die Schreckniſſe ihrer Ein⸗ ſamkeit in ihrem großen ſchweigenden Hauſe, in —— welchem Niemand ſie umgab, als Dienſtleute und Sklaven, deren ſeltſam verändertes und oppoſitio⸗ nelles Weſen die alte Dame beängſtigte und mit heimlichen Beſorgniſſen vor der Zukunft erfüllte. Sie forderte daher von ihrer Tochter, daß ſie zu ihr kommen und bei ihr wohnend, die letzten Lebens⸗ jahre ihrer Mutter mit dem Glanz ihrer Jugend verſchönen ſolle. Joſephine nahm dieſen rufenden Brief ihrer Mut⸗ ter für einen Wink des Schickſals, und der häus⸗ lichen Zwiſtigkeiten müde, entſchloſſen, ihnen für immer ein Ende zu machen, nahm ſie ihre kaum vier⸗ jährige Tochter Hortenſia und verließ mit ihr Frank⸗ reich, um jenſeits des Oceans in den Armen ihrer Mutter ſich das neue Glück ungeſtörten Friedens zu ſuchen. „Aber der Friede war damals von der ganzen Welt entflohen. Ueberall wogten und gährten dro⸗ hende Ungewitter. Durch die ganze Welt ging ein finſteres unterirdiſches Grollen, ein dumpfes Don⸗ nern und Heulen, als wolle die Erde ſich in einen einzigen feuerſpeienden Berg verwandeln, als wolle ſie zu einem unermeßlichen Krater ſich öffnen, der mit ſeinen ausſtrömenden Lavagluthen und mit ſeinem feurigen Aſchenregen das Glück und den Frieden der ganzen Menſchheit zerſchmettern und be⸗ graben ſolle. Und endlich öffnete er ſich wirklich, dieſer furchtbare Krater, und ſpie Verheerung und Tod rings über die ganze Welt aus, und zerſchmet⸗ terte mit dämoniſchem Zorn ganze Geſchlechter und ganze Völker, und machte mit ſeinem tobenden Ge⸗ heul das heitere Lachen und den harmloſen Scherz verſtummen!. Dieſer feuerſpeiende Krater, welcher ſich öffnete, war die Revolution. In Frankreich erfolgte die erſte, 8 die furchtbarſte Exploſion dieſes grauenhaften Kra⸗ ters, aber die ganze Erde bebte noch davon, überall gährte die wilde, unterirdiſche Maſſe empor und wollte das Unterſte zum Oberſten verkehren.— Auch bis nach Martinique hin empfand man dieſes geiſtige Erdbeben, das in Frankreich ſchon aus dem grauen⸗ vollen Revolutionskrater die blutige Guillotine her⸗ vorgeſchleudert hatte. Dieſe Guillotine war der Altar der neuen ſogenannten Völkerfreiheit geworden, und auf dieſem Altar opferte die freudentrunkene, ſinnloſe Maſſe ihrem neuen Götzen Diejenigen, welche bis dahin ihre Herren und Gebieter geweſen und durch deren Tod ſie ſich jetzt die Freiheit für immer glaub⸗ ten erkaufen zu können. Egalité, fraternité, liberté! das waren die Schlacht⸗ rufe dieſes heulenden, mordenden Volkes, das waren die drei Worte, welche in blutiger Flammenſchrift über der Guillotine brannten, und als deren höh⸗ nendes Wahrzeichen das blitzende Fallbeil ſich her⸗ nieder ſenkte, um die Häupter der„Ariſtokraten“, welche man trotz der neuen Religion der drei Worte nicht als Brüder, nicht als Seinesgleichen erken⸗ nen, denen man nicht die Freiheit des Gedankens und des Lebens gönnen wollte, von ihrem Rumpfe zu trennen. Und dieſer Schlachtruf des mordenden franzöſiſchen Volkes, er war auch bis nach Martinique gedrungen, er hatte die Sklaven aus ihrem dumpfen Gehorſam aufgeſchreckt, und ſte wollten jetzt mit Gewalt ihren ihnen ſo lange vorenthaltenen Antheil an der Frei⸗ heit, Gleichheit und Briüderlichkeit ſich ertrotzen. Ueberall erhoben ſie ſich in offener Empörung gegen 58 ihre Herren, und die Brandfackeln, welche ſie in die Häuſer derſelben ſchleuderten, däuchten ihnen die Hochzeitsfackeln ihrer Freiheit.“ — 9— Auch in das Haus der Madame Taſcher de la Pagerie ſchleuderten ſie dieſe Brandfackeln. In einer Nacht erwachte Joſephine von dem grellen Schein der Flammen, welche ſchon in ihr Gemach eingedrungen waren. Mit einem Schrei des Ent⸗ ſetzens ſprang ſie von ihrem Lager empor, riß die ruhig in ihrem Bettchen ſchlummernde kleine Hortenſe in ihre Arme, hüllte ſie in die Bettgardine und ſtürzte ſo, im leichten Nachtgewande, aus dem brennenden Hauſe, brach ſich mit dem Löwenmuth der Mutter⸗ liebe Bahn durch die heulenden kämpfenden Schaa⸗ ren der Soldaten und der Neger und rannte in ent⸗ ſetzensvoller Eile dem Hafen zu. Dort lag ein fran⸗ zöſiſches Schiff, bereit die Anker zu lichten. Ein Officier, im Begriff, das kleine Boot zu beſteigen, das ihn zu ſeinem Schiff bringen ſollte, ſay dieſes junge Weib, das, ihr Kind feſt an die Bruſt drückend, mit einem letzten Hülfeſchrei faſt bewußtlos am Ufer zuſammenſank. Voll tiefen Mitgefühls eilte er zu ihr hin, und Mutter und Kind in ſeine Arme hebend, trug er ſie in ſein Boot, das nun ſofort vom Lande abſtieß, und mit ſeiner ſchönen Laſt über die Wellen dahin ſchaukelte. Bald war das Schiff erreicht, und Joſephine, ihr Kind feſt an ihre Bruſt drückend und glücklich, dieſes einzige Kleinod gerettet zu haben, ſtieg auf der ſchwankenden Leiter zu dem Schiffe empor. Noch waren all ihre Gedanken nur mit ihrem Kinde be⸗ ſchäftigt, und erſt als ſie die kleine Hortenſe in der Cazjüte ſicher gebettet, als ſie ſie von aller Gefahr be⸗ freit ſah, erſt als die Mutter ihre Pflichten erfüllt hatte, erwachte die Frau und warf ihre beſchämten und geängſtigten Blicke umher. Halb bekleidet nur, im leichten flatternden Nachtgewande, ohne weitere Umhüllung ihres Buſens und Nackens als ihr ſchö⸗ — 10— nes langherabfallendes Haar gewährte, das ſie wie in einen dichten ſchwarzen Schleier einhüllte, ſo ſtand die junge Vicomteſſe Joſephine von Beauharnais in der Mitte der ſie anſtaunenden Männer dal Einige der auf dem Schiffe befindlichen Damen ſtanden ihr indeß hülfreich bei, und kaum war ihre Toilette geordnet, als Joſephine verlangte, an's Land zurück gebracht zu werden, um zu ihrer Mutter eilen zu können. Aber der Capitain widerſetzte ſich dieſem Verlangen, er wollte das junge Weib nicht den Mord⸗ brennern in die Hände liefern, welche da am Lande ſengten und mordeten, und deren Wuthgeheul man deutlich auf dem Schiffe vernehmen konnte. Die ganze Küſte, ſo weit das Auge reichte, ſchien ſich in ein zweites Meer, ein Meer von Gluth und Flam⸗ men verwandelt zu haben, das ſeine ſpritzenden Wo⸗ gen in hohen Garben zum dunklen Nachthimmel empor ſchleuderte. Es war ein furchtbarer, entſetz⸗ licher Anblick, und vor ihm rettete ſich Joſephine an das Lager ihrer ſchlummernden kleinen Tochter. An ihrem Bettchen niederknieend, hob ſie ihr von Thrä⸗ nen überfluthetes Antlitz zum Himmel empor und flehte zu Gott, ſich ihrer Mutter zu erbarmen. Das Schiff lichtete die Anker, es entfernte ſich weiter und immer weiter von dieſer flammenden Küſte. Joſephine ſtand auf dem Verdeck und blickte hinüber nach der brennenden Wohnung ihrer Mut⸗ ter, die mehr und mehr ihren Augen ſich entzog, jetzt nur noch wie ein kleiner Stern dort drüben am Horizont dämmerte und dann verſchwand. Mit die⸗ ſem Stern war ihre Kindheit und ihre Vergangen⸗ heit hinabgeſunken ins Meer, und eine neue Welt, eine neue Zukunft erwartete Mutter und Kind. Die Vergangenheit war, wie die Schiffe des Columbus, hinter ihr abgebrannt, aber ſie warf doch noch einen — 11— magiſchen Schein in ihre Zukunft hinüber, und wie Joſephine, mit der kleinen Hortenſe im Arm, da auf dem Schiffe ſtand und der verſchwundenen Inſel ihrer Kindheit ihre letzten Grüße ſandte, erinnerte ſie ſich dieſer alten Mulattin, welche vor einigen Tagen ihr eine, ſeltene Prophezeiung zugeflüſtert hatte. Sie hatte zu ihr geſagt:„Du wirſt nach Frankreich zurückkehren, und bald wird ganz Frank⸗ reich zu Deinen Füßen liegen; Du wirſt dort mehr werden als eine Königin!“ dn. Die Prophezeihung. Es war zu Ende des Jahres 1790, als Joſephine T ihrer kleinen Tochter Hortenſe wieder in Paris anlangte, und in einem beſcheidenen Hötel ihre Woh⸗ nung nahm. Dort erhielt ſie bald die Nachricht von der glücklichen Rettung ihrer Mutter, und von der Wiederherſtellung der Ruhe in Martinique. In Frank⸗ reich aber wüthete immer noch die Revolution und die Guillotine, und das Banner der Schreckensherr⸗ ſchaft, die rothe Fahne, warf ihre blutigen Trauer⸗ ſchatten über Paris hin. Furcht und Entſetzen hielt alle Gemüther gebannt, Niemand wußte am Abend zu ſagen, ob er am nächſten Morgen noch frei ſein, ob er die Sonne noch einmal untergehen ſehen würde. Der Tod lauerte vor jeder Thür und hielt in jedem Hauſe und in jeder Familie ſeine furchtbare Ernte. Dieſen Schreckniſſen gegenüber vergaß Joſephine alle früheren Schmerzen, alle Beleidigungen und Demü⸗ 9. 12= thigungen, die ſie von ihrem Gemahl erduldet; die alte Liebe erwachte wieder in ihr, und da es ſein konnte, daß morgen ſchon der Tod an ihre Thür klopfte, wollte ſie das Heute noch zu einer Verſöh⸗ nung mit dem Gemahl, zu einem Wiederſehn mit ihrem Sohne benutzen. Aber alle ihre Bemühungen um eine Annäherung, alle Schritte zu einer Verſöhnung waren vergeblich. Der Vicomte hatte dieſe Flucht nach Martinique als einen zu tiefen Schimpf, eine zu harte Grauſamkeit empfunden, um jetzt, nach zwei Jahren der Abweſen⸗ heit, in eine Verſöhnung mit ſeiner Gemahlin willi⸗ gen zu können. Theilnehmende Freunde vermittelten endlich eine Zuſammenkunft der beiden Gatten, von der indeß der Vicomte nicht zuvor unterrichtet wor⸗ den. Sein Zorn war daher groß, als er, der Ein⸗ ladung des Grafen von Montmorin folgend, in deſſen Salon trat und dort ſeine ſo hartnäckig und zorn⸗ voll gemiedene Gattin Joſephine fand. Er wollte entfliehen, den Salon verlaſſen, da ſtürzte ein rei⸗ zendes Kind mit ausgebreiteten Armen zu ihm hin, da rief eine ſilberhelle Stimme ihn mit zärtlichem Gruß, und der Vicomte, bezaubert von dieſen Klän⸗ gen, hatte nicht mehr die Kraft zu fliehen. Er ſchloß ſein Kind, ſeine Hortenſe, in ſeine Arme, er drückte ſie feſt, feſt an ſeine Bruſt, und als das Kind jetzt mit einem reizenden Lächeln flehte:„nun küſſe auch Mama, wie du mich geküßt haſt“, als er vor ſich das von Thränen bethaute ſchöne Antlitz Joſephi⸗ nens ſah, als er die Stimme ſeines Vaters hörte, welcher zu ihm ſagte:„mein Sohn, verſöhne Dich mit meiner Tochter! Joſephine iſt auch meine Toch⸗ ter, und ich würde ſie nicht ſo nennen, wenn ſie deſſen nicht würdig wäre“, als er ſeinen Sohn Engone ſah, der, ſein edles, ſchönes Antlitz an die — 13— Schulter ſeiner Mutter gelehnt, mit zärtlichen Blicken zu ihm hinſchaute, da vermochte er nicht mehr zu widerſtehen. Mit der kleinen Hortenſe im Arm ſchritt er ſeiner Gemahlin entgegen, und mit einem lauten Freudenſchrei, mit einem ſeligen Gruß der Liebe ſank Joſephine an ſeine Bruſt. Der Friede war wieder hergeſtellt, und mit neuer Liebe ſchloſſen die wiedervereinten Gatten ſich jetzt inniger wie je an einander. Die Stürme ſchienen für immer ausgetobt zu haben und der Himmel ihres Glückes war rein und wolkenlos. Aber bald ſollte die Revolution ihre verfinſternden Schlagſchatten dar⸗ über hinwerfen. Der Vicomte von Beauharnais, von dem Adel von Blois als Deputirter in den neuen Staatskörper der Etats gengraux geſandt, legte dieſe Stelle nieder, um ſtatt mit der Zunge, mit dem Schwert für das Vaterland zu kämpfen. Mit dem Grade eines Ge⸗ neral⸗Adjutanten begab er ſich zur Nord⸗Armee, be⸗ gleitet von Joſephinens Segenswünſchen und Thrä⸗ nen. Eine unheilvolle Ahnung ſagte ihr, daß ſie den Gemahl nicht wiederſehen würde, und dieſe Ahnung hatte ſie nicht betrogen.— Der Geiſt der Anarchie und des Aufruhrs herrſchte nicht blos im Volk von Paris, ſondern auch im Heer. Die Ariſtokraten, welche man in Paris der Guillotine überlieferte, wur⸗ den auch bei der Armee mit ſcheelen, mißtrauiſchen, gehäſſigen Blicken angeſehen, und der Vicomte von Beauharnais, der auf dem Schlachtfelde von Soiſſons wegen ſeiner Tapferkeit zum commandirenden Gene⸗ ral en chef avancirt war, ward bald darauf von ſeinen eigenen Officieren als ein Feind des Vater⸗ landes und der neuen Ordnung der Dinge angeklagt. Man verhaftete ihn und führte ihn als Gefangenen nach Paris zurück, wo er in dem Gefängniß des Luxembourg neben ſo vielen anderen Opfern der Re⸗ volution eingekerkert ward. Joſephine erfuhr das Unglück ihres Gemahls, und dieſe Trauernachricht rief ihre ganze Energie, ihre ganze Liebe zu thatkräftigem Handeln wach. Sie ſchwur ſich, den Gemahl, den Vater ihrer Kinder zu befreien, oder mit ihm zu ſterben. Muthvoll warf ſie ſich allen Gefahren, allen Verdächtigungen ent⸗ gegen, ſelig, als es ihr gelang, den Gemahl im Ge⸗ fängniß aufzuſuchen, ihn zu tröſten, ihm Hoffnung zuzuflüſtern. Aber damals ward auch die Liebe und die Treue zu einem todeswürdigen Vergechen, und Joſephine, doppelt ſchuldig, einmal, w ſie ſelber Ariſtokratin war, dann weil ſie einen Ariſtokraten, einen ange⸗ klagten„Verräther des Vaterlandes“ liebte und um ſein Schickſal weinte, Joſephine ward verhaftet und in das Gefängniß von St Pelagie gebracht. Eugone und Hortenſe waren nun kaum noch mehr als Waiſen, denn die Gefangenen von Luxembourg und St. Pelagie verließen damals ihr Gefängniß immer nur, um das Blutgerüſt zu beſteigen. Ver⸗ laſſen und jeder Hülfe beraubt, gemieden von Allen, die ſie einſt gekannt und geliebt, waren die beiden Kinder ganz allein, ganz hülflos, waren ſie bedroht von Elend, Noth und Hunger ſogar. Denn das Ver⸗ mögen ihrer Aeltern war ſegueſtrirt und in derſelben Stunde, in welcher man Joſephine in das Gefängniß abführte, hatte man auch die Eingänge und Thüren ihrer Wohnung verſiegelt, den armen Kindern es überlaſſend, ſich ſelber ein Obdach zu ſuchen. Aber ſie waren doch nicht ganz verlaſſen, nicht ganz hülflos. Eine Freundin Joſephinens, eine Madame Holſtein, hatte den Muth, den beiden Kindern zu Hülfe zu kom⸗ men und ſie in ihre eigene Familie aufzunehmeu. — 15— Aber man mußte vorſichtig und klug zu Werke gehen, um nicht den Groll und Haß derjenigen zu erregen, die, aus der unterſten Hefe des Volkes her⸗ vorgeſtiegen, jetzt die gebietenden Herren von Frank⸗ reich waren, die ſich aus dem Blute der Ariſtokraten den Purpurmantel ihrer eigenen Majeſtät zu zaubern vermeinten. Ein unvorſichtiges Wort, eine Miene, konnte genügen, um dieſe gute Madame Holſtein, die muthvolle Retterin der beiden Kinder, zu verdächtigen und der Guillotine zu überliefern. Es war ohnehin ſchon ein Verbrechen, daß ſie die Kinder der Angeklagten zu ſich genommen und man mußte daher Alles thun, um den Verdacht der Machthaber zu beſchwichtigen. Hortenſe mußte mit ihrer Beſchützerin den Feſten und patriotiſchen Prozeſſionen beiwohnen, die ſich bei jeder „Decade“ zu Chren der einen und untheilbaren Re⸗ publik erneuerten, aber niemals ward es ihr auferlegt, in dieſen Prozeſſionen eine handelnde Rolle zu ſpielen, man fand ſie nicht würdig, unter den Töchtern des Volkes zu figuriren, man hatte es ihr noch immer nicht verziehen, daß ſie die Tochter eines Vicomte, eines eingekerkerten„Cidevant“ war. Eugoene ward bei einem Zimmermann in die Lehre gegeben und oft ſah man den Sohn des Vicomte Beauharnais jetzt in einer Blouſe, ein Brett auf der Schulter oder eine Säge unter dem Arm tragend, durch die Straßen dahinſchreiten. Während ſo die Kinder der beiden Angeklagten einer augenblicklichen Ruhe und Sicherheit genoſſen, verfinſterte ſich die Zukunft ihrer Eltern mehr und mehr, und nicht blos das Leben des Generals, ſon⸗ dern auch das ſeiner Gemahlin war jetzt ernſtlich be⸗ droht. Joſephine war von St. Pelagie in das Ge⸗ fängniß der Carmeliter gebracht worden; damit war ſie dem Blutgerüſt einen Schritt näher getreten. Aber ſie zitterte nicht für ſich, ſie dachte nur an ihre Kin⸗ der, an ihren Gemahl, ſie ſchrieb dem Erſteren zärt⸗ liche Briefe, welche man durch reichliche Beſtechung der Gefangenwärter zu befördern wußte, aber alle ihre Bemühungen, ſich mit ihrem Gemahl in Verbindung zu ſetzen, waren vergeblich. Da erhielt ſie eines Tages die Schreckensnachricht, daß ihr Gemahl in dieſer Stunde vor das Revolutions⸗Tribunal geführt worden. In herzklopfender Angſt wartet Joſephine Stunde für Stunde auf irgend eine Nachricht. Hatte dieſes Tribunal ihren Gemahl begnadigt, oder hatte es ihn zum Tode verurtheilt? War er ſchon frei, oder war er ſchon frei in einem höheren Sinne, war er todt? Wenn er frei war, würde er Mittel und Wege gefunden haben, ihr Kunde davon zu geben, aber wenn er ſchon hingerichtet worden, müßte ſein Name doch auf der Liſte der Verurtheilten ſtehen! Unter dieſen Qualen war Joſephinen der lange und ſchreckensvolle Tag vergangen, die Nacht brach herein. Sie vermochte nicht zu ſchlafen, und mit ihr wachten die Leidensgenoſſinnen, die Gefährtinnen der Qual, mit denen ſie das Gefängniß theilte, und die gleich ihr dem Tode entgegenſahen. Es war eine glänzende auserleſene Geſellſchaft, welche ſich da in dem Gefängniß vereinigt fand. Da war die Herzogin Wittwe v. Choiſeul, die Vicom⸗ teſſe v. Maille, der man eben erſt ihren ſiebenzehn⸗ jährigen Sohn guillotinirt hatte, da war die Mar⸗ quiſe v. Créqui, die geiſtreiche pikante Frau, welche man oft die letzte Marquiſe des ancien régime ge⸗ nannt hat, und welche in ihren geiſtvollen Memoiren die franzöſiſche Geſchichte des achtzehnten Jahrhunderts vom ariſtokratiſchen Standpunkt aus geſchrieben hat. Da war der Abbé Toxier, der, als ihm die Schrek⸗ kensmänner mit der Laterne gedroht, weil er ſich ge⸗ — 17— weigert, den Eid auf die neue Verfaſſung zu leiſten, ihnen geantwortet hatte:„Werdet Ihr heller ſehen, wenn ihr mich an die Laterne gehangen habt?“— Da war endlich noch ein Herr Duvivier, ein Schüler Caglioſtro's, der gleich ſeinem Meiſter es verſtand in der Zukunft zu leſen, und mit Hülfe einer Caraffe voll Waſſer und einer„Taube,“ das heißt, eines jungen unſchuldigen Mädchens unter ſieben Jahren, die geheimnißvollen Räthſel des Schickſals zu löſen. — An ihn, an den Groß⸗Cophta wandte ſich die Vicomteſſe Beauharnais jetzt nach dieſem Tage der ſchreckensvollen Ungewißheit, von ihm verlangte ſie jetzt Aufſchluß über das Schickſal ihres Gemahls. Es war eine eigenthümliche Scene, welche ſich da der Stille der Nacht in dem düſteren öden Ge⸗ angnißſaal begab. Der Gefangenwärter, durch eine ſſſignate von funfzig Franes, die freilich nur noch erzig Sous werth war, beſtochen, hatte darein ge⸗ welligt, daß ſein kleines ſechsjähriges Töchterchen dem Groß⸗Cophta als„Taube“ diene, und hatte außerdem alle nöthigen Vorbereitungen getroffen. In der Mitte des Saales alſo war ein Tiſch aufgeſtellt, auf wel⸗ chem ſich eine Caraffe, angefüllt mit hellem friſchem Waſſer, befand, um dieſelbe waren, in Form eines Triangels, drei Lichter aufgeſtellt, und zwar ſo nahe als möglich neben der Flaſche, damit die Taube deſto beſſer ſehen könnte. Das kleine Mädchen, eben aus dem Schlafe geweckt und im leichten Nachthemdchen aus ihrem Bett gehoben, ſaß auf einem Stuhl dicht an dem Tiſche und hinter ihr erhob ſich die ernſte düſtere Geſtalt des Groß⸗Cophta. Rings um den Tiſch ſtanden die Gefangenen, dieſe Herzoginnen und Marquiſen, dieſe Damen des Hofes von Verſailles, welche noch im Gefängniß ihre ariſtokratiſchen Alluren und Manieren beibehalten hatten und die Etiquette Königin Hortenſe. 1. 2 — 18— auch hier noch ſo ſtreng beobachteten, daß die Herzo⸗ ginnen und die Marquiſen, welche in den Tuilerieen die Ehre des Tabourets genoſſen, auch hier im Ge⸗ fängniß noch den Vortritt hatten und man ihnen alle möglichen Egards bewies. An der andern Seite des Tiſches, bleich, in athemloſer Spannung, die gr ßen dunklen Augen mit einem rührenden Ausdru⸗ der Erwartung auf das Kind gerichtet, ſtand die un glückliche Joſephine, und in einiger Entfernung hinter den Frauen der Gefangenwärter mit ſeiner Gattin. Jetzt legte der Groß⸗Cophta ſeine beiden Hänse auf das Haupt des Kindes und rief mit la. Stimme:„Oeffne Deine Augen und ſieh!“ Das Kind erbleichte und ſchauerte in ſich zuſammen indem es den ſtarren Blick auf die Caraffe heftete. „Was ſiehſt Du?“ fragte der Groß⸗Cophta.„Ich will, daß du in das Gefängniß des Generals v. Beauharnais ſiehſt. Was ſiehſt Du?“ „Ich ſehe ein kleines Zimmer,“ ſagte das Kind lebhaft.„Auf einem Feldbett liegt ein junger Mann, welcher ſchläft, neben ihm ſitzt ein anderer Mann, der auf einem Papier ſchreibt, welches auf einem gro⸗ ßen Buche liegt.“ „Kannſt du leſen?“ er „Ach, nein, Bürger.— Ach, ach, da ſchneidet der Herr ſeine Haare ab und legt ſie in das Papier.“ „Der, welcher ſchläft?“ „Nein, der, welcher eben ſchrieb. Er ſchreibt jetzt etwas auf das Papier, in welches er die Haare ge⸗ wickelt hat; nun öffnet er ein kleines rothes Porte⸗ feuille und nimmt Papiere heraus; es ſind Aſſignaten, er zählt ſie und legt ſie dann wieder in ſein Porte⸗ fehalle„Nun erhebt er ſich und geht ganz leiſe, ganz eiſe— 3 1 — — 19— „Wie denn ganz leiſe? Du haſt doch bis jetzt nicht das mindeſte Geräuſch vernommen?“ „Nein, aber er geht auf den Fußſpitzen durch das Zimmer.“ 1 „Was ſiehſt Du jetzt?“ „Jetzt legt er ſein Geſicht in ſeine beiden Hände, und mir ſcheint, daß er weint.“ „Aber wo hat er ſein Portefeuille gelaſſen?“ „Ah, parbleu, er hat ſein Portefeuille und das Packet mit Haaren in die Taſche des Kleides geſteckt, das da auf dem Bette des Schlafenden liegt.“ „Von welcher Farbe iſt das Kleid?“, „Das kann ich nicht genau unterſcheiden; es iſt roth oder braun, mit blauem Seidenzeug gefüttert und mit glänzenden Knöpfen beſetzt.“ „Es iſt genug,“ ſagte der Groß⸗Cophta,„geh zu Bett, Kind!“ Er neigte ſich über das Kind und hauchte auf ihre Stirn. Das kleine Mädchen ſchien wie aus einer Betäubung zu erwachen und eilte zu ſeinen Eltern hin, die es hinausführten. „Der General Beauharnais lebt alſo noch!“ ſagte der Groß Cophta, ſich an Joſephine wendend. „Ja, er lebt,“ rief ſie ſchmerzvoll,„aber er trifft ſeine Vorbereitungen zum Tode!“*) Joſephine hatte ſich nicht getäuſcht. Wenige Tage 8 ſpäter erhielt die Herzogin v. Anville ein Packet und einen Brief. Ein Gefangener aus La Force, Namens de Segrais, ſandte ihr daſſelbe. Er war der Stubengenoſſe des Generals v. Beauharnais geweſen und hatte am Morgen der Hinrichtung des Generals *) Dieſe Scene iſt genan nach der Marquiſe v. Créqui dar⸗ geſtellt, welche bei derſelben zugegen war und ſie in ihren Mé- moires, Vol. VI. S. 238 erzählt. in ſeiner Kleidertaſche das Packet und den Brief an die Herzogin gefunden. In dieſem Brief beſchwor der General die Herzo⸗ gin d'Anville, das Packet, welches ſeine Haare und einen Abſchiedsbrief an ſeine Gattin und ſeine Kinder enthalte, ſeiner Gemahlin zu übergeben.*) Das war das einzige Vermächtniß, welches der General v. Beauharnais ſeiner Joſephine und ihren unglücklichen Kindern hinterlaſſen konnte!— Joſe⸗ phine ward von demſelben ſo erſchüttert, daß ſie beim Anblick dieſer geliebten Haare, beim Leſen dieſer letz⸗ ten zärtlichen Abſchiedsworte ihres Gemahls ohn⸗ mächtig zuſammenſank, während ein Strom von Blut aus ihrem Munde hervorquoll. Die Gefährtinnen ihrer Leiden bemühten ſich zärt⸗ lich um ſie und verlangten vor allen Dingen von dem Gefangenwärter, daß er eilig einen Arzt rufe. „Wozu einen Arzt?“ ſagte der Mann gleichgültig. „Der Tod iſt der beſte Arzt. Er hat heute den Ge⸗ neral gerufen, in einigen Tagen wird er ihm die Generalin zuführen.“ Faſt wäre ſeine Prophezeiung Wahrheit geworden. Joſephine, kaum von ihrer Krankheit geneſen, erhielt vom Schreckens⸗Tribunal ihre Anklage⸗Acte; das war das Vorzeichen ihres ſichern Todes, und ſie bereitete ſich mit entſchloſſenem Muthe, nur ſchmerzvoll ihrer verlaſſenen Kinder gedenkend, zu dem letzten, ſchwe⸗ ren Gange vor. Ein unvorhergeſehenes, glückliches Ereigniß rettete ihr das Leben. Die Männer der Schreckensgewalt waren jetzt auf dem Gipfel ihrer Macht angelangt, und da es für ſie keinen Stillſtand gab, mußten auch ſie in den Abgrund verſinken, den ſie ſelber gegraben. *) Ebendaſelbſt S. 285. — 21— Der Sturz Robespierre's öffnete die Gefängniſſe und gab Tauſende dieſer ſchon verurtheilten Schlacht⸗ opfer der Revolution frei.— Die Vicomteſſe Joſe⸗ phine verließ das Gefängniß. Sie war der Freiheit wiedergegeben, ſie konnte zu ihren geliebten Kindern zurückkehren; aber ſie kam als Wittwe, und zwar als arme Wittwe, denn ihr Vermögen und das ihrer Kinder war, gleich dem aller andern Ariſtokraten, von der„einigen und untheilbaren Republik“ mit Beſchlag belegt worden. III. Folgen der Revolution. Frankreich athmete wieder auf; die Schreckensherr⸗ ſchaft war beendet, und eine mildere und geſetzmäßi⸗ gere Regierung ſchwang jetzt ihr Scepter über das arme, in Todesſchmerzen zuckende Land— Es war nicht mehr ein todeswürdiges Verbrechen, einen edlen. Namen zu führen, beſſer gekleidet zu ſein, als die Sanseulotten, keine rothe Jacobiner⸗Mütze zu tragen, und mit den Emigranten verwandt zu ſein. Die Guillotine, welche zwei furchtbare Jahre des Bluts und der Thränen über Paris geherrſcht, ruhte jetzt ein wenig aus von ihrer entſetzlichen Arbeit und er⸗ laubte den Pariſern auch wieder an etwas Anderes zu denken, als an das Anfertigen ihres Teſtamentes und die Vorbereitungen zum Tode. Da man das Leben wieder auf eine Stunde ſein nennen konnte, wollte man dieſe ungewiſſe Stunde des Glückes genießen. Man hatte ſo lange geweint, — 22— daß man wohl auch einmal wieder lachen mochte, man hatte ſo lange in Trauer und Schmerzen gelebt, daß man ſich endlich auch nach einer Zerſtreuung, einer Erheiterung ſehnte. Die ſchönen Frauen von Paris, denen die Guillotine und die Schreckenszeit die Zügel aus der Hand geriſſen und ſie ihres Thro⸗ nes beraubt hatte, fanden jetzt den Muth, dieſe Zü⸗ gel wieder aufzunehmen und die Stelle, von welcher der Sturmwind der Revolution ſie vertrieben, ſich wieder zu erobern. Madame Tallien, die allmächtige Frau eines der fünf Directoren, welche jetzt an der Spitze des Senats und der General⸗Staaten über Frankreich herrſchten; Madame Récamier, die Freun⸗ din aller hervorragenden und ausgezeichneten Männer jener Zeit; und Frau v. Staöl, die Tochter Neckers und die Gemahlin des Geſandten von Schweden, welches Land die franzöſiſche Republik anerkannt hatte: dieſe drei Frauen gaben Paris ſeine Salons, ſeine Réunions, ſeine Feſte, ſeine Moden und ſeinen Luxus wieder. Ganz Paris nahm jetzt wieder eine andere Geſtalt an; und wenn man auch noch öffentlich nicht die Kirche wieder anerkannte, ſo glaubte man doch ſchon wieder an die Exiſtenz Gottes. Robes⸗ pierre ſchon hatte den Muth gehabt, über den Altären der Kirchen, die man bis dahin zum Tempel der Ver⸗ nunft umgeſchaffen, die Inſchrift ſetzen zu laſſen:„Es exiſtirt ein höheres Weſen(un étre suprème)“. Ja, es exiſtirt ein höheres Weſen, und Robespierre, wel⸗ cher das zuerſt anerkannt, ſollte es bald darauf an ſich ſelber erfahren. Von ſeinen eigenen Genoſſen verrathen und angeklagt, daß er ſich zum Dictator aufſchwingen und der neuen römiſch⸗franzöſiſchen Re⸗ publik ein neuer Cäſar ſein wolle, verfiel Robespierre dem Schreckens⸗Tribunal, das er ſelber ins Leben gerufen. Eben damit beſchäftigt, im Hôtel de Ville — 23— die Todesurtheile zu unterſchreiben, welche den Guillo⸗ tinen neue Opfer zuführen ſollten, ward er von den Jacobinern und Nationalgarden, welche die Thüren des Stadthauſes mit Gewalt erſtürmten, verhaftet, und der Verſuch, ſich mit ſeinem Piſtol das Gehirn zu zerſchmettern, mißlang. Blutend, mit zerſchmet⸗ terter Kinnlade, ward er fortgeſchleppt, um von Fou⸗ quier⸗Tainville ſein Urtheil zu empfangen, und dann auf das Schaffot geführt zu werden. Aber um allen Formen zu genügen, brachte man ihn zuerſt nach den Tuilerieen, wo das Comitsé der öffentlichen Sicherheit in dem Zimmer der Königin Marie Antoinette tagte. In dieſes Schlafzimmer Marie Antoinette's, welche Robespierre auf das Schaffot gebracht, ſchleppte man jetzt den blutenden, halb lebloſen Dictator. Wie ein verächtliches Packet Lumpen warf man ihn auf dieſen großen Tiſch, der da in der Mitte des Zimmers ſtand. Geſtern noch hatte Robespierre als allmäch⸗ tiger Herrſcher über das Leben und das Hab und Gut aller Franzoſen an dieſem Tiſche gethront, geſtern noch hatte er da ſeine Deecrete erlaſſen und Todesurtheile unterzeichnet, die noch unausgefertigt auf dem Tiſche umher lagen. Und dieſe Papiere waren jetzt der ein⸗ zige Balſam, den der ächzende, röchelnde Mann auf ſeine Wunden legen konnte und mit denen er das Blut zu ſtillen verſuchte, das in Strömen aus ſeinem Munde floß. Die von ihm ſelbſt unterzeichneten Todesur⸗ theile tranken jetzt Robespierre's eigenes Blut, und um die große klaffende Wunde an ſeinem Kopfe zu verbinden, hatte er nichts als den Fetzen einer Trico⸗ lore, den ein mitleidiger Sansculotte ihm zugeworfen. — Und wie er jetzt ſo, zerfetzt, blutend, ächzend und wimmernd inmitten der blutgetränkten Papiere da lag, rief ein alter Nationalgardiſt, mit ausgeſtreck⸗ tem Arm auf dieſes Schreckbild hindeutend:„Ja, Robespierre hat Recht gebabt. Es exiſtirt ein höheres eſen!“ 3 Dieſe Zeit des Schreckens und des Blutes war jetzt vorüber, Robespierre war todt, Théroigne de Méricourt war nicht mehr die Göttin der Vernunft und Mademoiſelle Maillard nicht mehr die Göttin der Freiheit und der Tugend. Die Frauen hatten es aufgegeben, Göttinnen darzuſtellen, und als ſymbo⸗ liſche Figuren zu repräſentiren. Sie wollten wieder ſie ſelbſt ſein und durch ihren Geiſt und ihre Anmuth in den Salons ſich wieder den Thron aufrichten, den die Revolution ihnen zerbröckelt hatte. Madame Tallien, Madame Récamier und Frau v. Staöl ſtellten die Salons und die Geſellſchaft wieder her, und Jedermann drängte ſich, zu dieſen Salons den Zutritt zu gewinnen. Freilich ſahen dieſe Geſellſchaften und Réunions noch wunderlich und phantaſtiſch genug aus, und die Mode, welche ſo lange der Carmagnole und der rothen Mütze hatte weichen müſſen, ſuchte ſich durch alle möglichen Lau⸗ nen und phantaſtiſchen Coquetterien für ihre lange Verbannung zu rächen, und nahm dabei eine ganz politiſche reactionnäre Miene an. Man trug nicht mehr Coiffuren à la Jacobine, ſondern Coiffuren à la Victime und au repentir. Man wollte ſeinen Geſchmack an den ſchönen Künſten beweiſen, und kleidete ſich nach den Statuen Griechenlands und des alten Roms. Man gab griechiſche Feſte, bei denen man die ſchwarze Suppe Lykurgs wieder zu Ehren brachte, und römiſche Gaſtmäler, die an Pracht und Verſchwendung denen des Lucullus wenig nachſtanden. Dieſe römiſchen Feſte fanden beſonders im Pallaſt Luxembourg ſtatt, wo die Directoren der Republik jetzt ihre Wohnung aufgeſchlagen und wo Madame Tallien der neuen franzöſiſchen Geſellſchaft die neuen — 25— Wunder des Luxus und der Mode offenbarte. Zu ſtolz, um das allgemein adoptirte Coſtüm der grie⸗ chiſchen Republik zu tragen, wählte Madam Tallien ſich das Coſtüm der römiſchen Patricierfrauen, und die goldgeſtickten Purpurgewänder und das goldene Stirnband in ihrem ſchwarzen glänzenden Haar ver⸗ lieh der reizend ſchönen Republikanerin den Glanz einer Imperatorin. Auch hatte ſie einen glänzenden Hof um ſich verſammelt. Jedermann beeiferte ſich, der mächtigen Gemahlin des mächtigen Tallien ſeine Ehrfurcht zu bezeigen und ſich ihr Wohlwollen zu verdienen. Das Haus der Madame Tallien war der Mittelpunkt aller Derer, welche in Paris eine wich⸗ tige Stellung einnahmen oder doch ſie einzunehmen wünſchten. Während man im Salon der Madame Récamier, welche trotz der Republik eine treue Roya⸗ liſtin geblieben war, von der Vergangenheit und der ſchönen Zeit der Bourbonen flüſterte und ſeine geiſt- vollen, oft ſanglanten Bonmots über die Republik machte, während man im Salon der Frau v. Staël den Künſten und Wiſſenſchaften ein Aſyl geöffnet hatte, lebte man im Salon der Madame Tallien nur der Gegenwart und dem Glanz, welchen dieſe über das Leben der Dictatoren Frankreichs ausbreitete. 3 Die Vicomteſſe Joſephine v. Beauharnais indeß lebte mit ihren Kindern in ſtiller Zurückgezogenheit, nur ihrem Gram und ihren Erinnerungen hingegeben. Aber eines Tages mußte ſie ſich auch dieſem letzten Troſt der Unglücklichen, dieſem Nachdenken ihrer Schmerzen entreißen, wenn ſie nicht ihre Kinder dem Elend, dem Hunger Preis geben wollte, eines Tages mußte ſie ſich entſchließen, aus ihrer Einſamkeit her⸗ auszutreten und als eine Bittende ſich Denen gegen⸗ überzuſtellen, welche die Macht hatten, ihr als eine 8 Gnade zu gewähren, was doch nur ihr gutes Recht war, und ihr, wenn auch nur theilweiſe, ihr eingezoge⸗ nes Vermögen wieder herauszugeben. Joſephine hatte Madame Tallien gekannt, als dieſe noch Frau v. Fontenay war, ſie mußte ſich jetzt deſſen erinnern, um ihren Kindern vielleicht das Erbtheil ihres Va⸗ ters zu retten. Madame Tallien, die„Merveilleuse de Luxembourg,“ welche ihre Anbeter auch„Notre Dame de Thermidore“ zu nennen pflegten, fühlte ſich ſehr geſchmeichelt, von einer wirklichen Vicomteſſe, welche am Hofe König Ludwigs ſchon eine glänzende Beachtung gefunden, aufgeſucht zu werden, ſie nahm ſie daher mit zuvorkommender Freundlichkeit auf und bemühte ſich, die ſchöne und liebreizende Vicomteſſe zu ihrer Freundin zu machen. Aber es war doch nicht ſo leicht, ſeine Güter wieder zu erlangen, als es leicht war, ſie zu verlieren. Die einige und untheilbare Republik war immer ſehr bereit zu nehmen, aber nicht zu geben, und ſelbſt die Freundſchaft der ſchönen Madame Tallien konnte der armen Joſephine nicht ſo bald zur Wiedererlangung ihres Vermögens helfen, wie es ihre Noth erforderte. Und ſie litt wirklich Noth, ſie mußte mit ihren beiden Kindern die ſchwere Schule der Entbehrungen und der Demüthigungen, welche die Armuth mit ſich führt, durchleiden. Aber inmitten ihres Elends blie⸗ ben ihr doch wahre Freunde, Freunde, welche mit zarter Schonung für ſie und ihre Kinder den Tiſch deckten und es als einen Freundſchaftsdienſt erbaten, für ihre Garderobe ſorgen zu dürfen. Damals über⸗ haupt fühlte man ſich nicht erniedrigt und nicht be⸗ ſchämt, von ſeinen Freunden Wohlthaten anzunehmen. Diejenigen, welche Alles verloren, hatten es nicht durch ihre Schuld verloren, und Diejenigen, welche aus dem Schiffbruch aller Verhältniſſe ſich ihr Eigenthum gerettet, hatten das nicht ihrem Verdienſt und ihrer — — 27— Klugheit, ſondern nur dem Zufall zu verdanken. Sie betrachteten es daher als eine heilige Verpflichtung, mit Denen zu theilen, welche weniger glücklich ge⸗ weſen waren als ſie, und dieſe durften, mit Stolz auf ihre Armuth, welche ein Zeugniß war, daß ſie ſich ſelber und ihrer Geſinnung treu geblieben, an⸗ nehmen, was ihnen die Freundſchaft bot. Es war eine Art Communismus, welche die Revolution aus ihrem gährenden Schooß erzeugt hatte. Die Beſitzen⸗ den hatten die Pflicht, mit den Beſitzloſen zu theilen, und ſolche Theilung anzunehmen war ein gutes Recht, nicht eine empfangene Wohlthat. Joſephine durfte daher ohne Erröthen die Hülfs⸗ leiſtungen ihrer Freunde annehmen, ſie durfte der Frau v. Montmorin erlauben, für ihre und ihrer Tochter Toilette zu ſorgen, ſie durfte die Einladung der Madame Dumoulin annehmen und zwei Mal wöchentlich bei ihr mit Hortenſen ihr Diner einneh⸗ men. Dort, bei Madame Dumoulin, verſammelte ſich an beſtimmten Tagen eine Anzahl von Freunden, welche die Stürme der Revolution ihres Vermögens beraubt hatte. Madame Dumoulin, die Gattin eines reichen„Fourniers“ der Armee, gab ihren Freunden das Diner, nur mußte Jeder zu demſelben ſein Weiß⸗ brot mitbringen. Das Weißbrot gehörte damals zu den größten Luxus⸗Artikeln, denn da man an Korn Mangel litt, hatte die Republik das Geſetz erlaſſen, daß in allen Sectionen von Paris nur eine beſtimmte Anzahl von Brot ausgetheilt werden und kein Indi⸗ vidium davon mehr als zwei Unzen beanſpruchen durfte. Es war daher allgemeiner Gebrauch gewor⸗ den, bei allen Einladungen hinzuzufügen;„es wird gebeten, ſein Weißbrot mitzubringen,“ weil man ſich für Geld ſelbſt nicht mehr zu verſchaffen wußte, als das, was Einem zuſtand, und was man theuer genug 28— bezahlen mußte*). Joſephine Beauharnais aber hatte nicht einmal ſo viel Geld, um ihre vom Geſetz er⸗ laubte Portion Weißbrot zu bezahlen. Sie allein kam ohne Brot zu den Diners der Madame Dumou⸗ lin, die indeſſen ſie auch für immer von dieſer Mode, ihr Brot mitzubringen, befreite und immer für Jo⸗ ſephine und ihre Tochter Hortenſe ein Weißbrot be⸗ reit hielt. Aber die Vicomteſſe v. Beauharnais ſollte bald darauf das Ende dieſer Noth erreichen. Eines Tages, als ſie bei Madame Tallien zu einem Diner einge⸗ laden war und ſich mit Hortenſen zu Fuß dahin begeben hatte, kündigte ihr Tallien an, daß das Gouvernement auf ſeine Bitten bereit ſei,„der Ge⸗ mahlin eines hingeopferten wahren Vaterlandsfreu⸗ des einige Zuſtändniſſe zu machen.“ Daß er für ſie eine Ordonnanz von der Adminiſtration der Domä⸗ nen ausgewirkt habe, in Folge deren die Siegel von ihrem Mobiliar und ihrem beweglichen Vermögen ſofort abgenommen werden ſollten, und daß die Re⸗ publik ihr ein Mandat auf den Treſor durch ihn zu⸗ ſtellen laſſe, bis auch binnen Kurzem das Sequeſter ihrer Güter aufgehoben werde. Joſephine fand keine Worte, um zu danken. Sie ſchloß ihre Tochter in ihre Arme und rief unter Thränen:„Wir werden endlich wieder glücklich ſein! Meine Kinder werden keine Noth mehr leiden!“— Dieſes Mal waren es Thränen der Freude, welche Joſephinen wennte, die erſten, welche ſie ſeit langen Jahren vergoſſen. Die Noth und Sorge war jetzt vorüber. Joſephine konnte jetzt ihren Kindern eine ihrem Range ange⸗ 3 *³) Mémoires de Monsieur de Bourienne sur Napoléon. Vol. I. S. 80. 3 18— 29— meſſene Erziehung geben, ſie konnte ſelber wieder in der Geſellſchaft die Stelle einnehmen, welche ihrer Schönheit, ihrer Jugend, ihrer Liebenswürdigkeit und ihrem Namen gebührte. Sie kam nicht mehr als eine Bittſtellende in den Salon der Madame Tallien, ſondern ſie machte deſſen Schmuck und Zierde aus, und Jedermann beeiferte ſich, der ſchönen und lieb⸗ reizenden Vicomteſſe, der angebeteten Freundin der Madame Tallien, ſeine Huldigung darzubringen. Aber Joſephine zog den glänzenden Geſellſchaften das ſtille häusliche Glück vor, das ſie im Kreiſe ihrer Kinder genoß. Mehr und mehr trat ſie aus den lauten, geräuſchvollen Kreiſen zurück, um in friedſeliger Stille ſich ihren geliebten Kindern zu weihen,, welche ſich immer bedeutſamer und anmuthiger entwickelten. Eugéne war jetzt ein Jüngling von ſechszehn Jahren, und da er nicht mehr um ſeiner Sicherheit willen genöthigt war, ſeinen Namen und ſeinen Stand zu verläugnen, hatte er die Werkſtatt ſeines Meiſters verlaſſen und ſeine Blouſe ausgezogen. Er bereitete ſich unter der Anleitung ausgezeichneter Lehrer zum Militairdienſt vor, und ſetzte ſeine Lehrer durch ſeinen glühenden Eifer und ſeine ſeltene Faſſungs⸗ kraft in Erſtaunen. Der Kriegsruhm und die Groß⸗ thaten Frankreichs erfüllten ihn mit Begeiſterung, und eines Tages, als er mit ſeinem Lehrer von den Thaten Turenne's ſprach, rief Eugéne mit ſtrahlenden Augen und flammendem Angeſicht:„Auch ich werde eines Tages ein tapferer General ſein!“ Hortenſe, jetzt ein Mädchen von zwölf Jahren, lebte mit ihrer kaum dreißigjährigen Mutter in dieſer ſüßen Vertraulichkeit einer älteren und jüngeren Schweſter. Beide waren ſie unzertrennliche Gefähr⸗ tinnen; die Natur hatte Hortenſen die Schönheit ge⸗ geben, ihre Mutter gab dieſer Schönheit die Anmuth — 30— und Grazie. Befähigte Lehrer mußten die heran⸗ wachſende Tochter unterrichten und ihren Geiſt bilden, wie Joſephine ihr Gemüth bildete. Früh an Kummer und Sorgen, an Entbehrung und Noth gewöhnt, hatte das Kind nicht dieſen leichten flatternden Sinn, der ſonſt Mädchen ihres Alters eigen zu ſein pflegt. Sie hatte zu früh die Vergänglichkeit und Nichtigkeit aller irdiſchen Herrrlichkeit einſehen gelernt, um nicht alle dieſe Dinge, auf welche junge Mädchen ſonſt Werth zu legen pflegen, gering zu achten. Sie trachtete nicht danach ſich zu putzen und den eigen⸗ ſinnigen Launen der Mode ihr junges Haupt zu beugen, für ſie gab es ſchon höhere und edlere Freu⸗ den, und nie war Hortenſe ſeliger, als wenn ihre Mutter ſie davon dispenſirte, ſie zu den Geſellſchaften bei Tallien oder Barras zu begleiten, und ihr er⸗ laubte, daheim zu bleiben, um mit ihren Büchern und ihrer Harfe eine beſſere und lohnendere Unter⸗ haltung zu führen, als ſie ſie in den glänzenden Salons zu finden vermochte Früh gereift in der Schule der Erfahrungen und Leiden, hatte das zwölf⸗ jährige Mädchen den Ernſt und die Entſchloſſenheit einer erwachſenen, ſelbſtſtändigen Jungfrau, und doch trugen ihre reinen, edlen Züge noch ganz den Aus⸗ druck der Kindheit, und in ihren großen blauen Augen lag ein ganzer Himmel von Unſchuld und Frieden. Wenn ſie in der Dämmerung mit ihrer Harfe im Arm in der Fenſterniſche ſaß, wenn die letzten Strahlen der Abendſonne ihr liebliches Antlitz be⸗ leuchteten und ihr ſchönes blondes Haar wie mir einer Glorie umgaben, dann glaubte Joſephine eine dieſer Engelsgeſtalten der Unſchuld und Liebe vor ſich zu ſehen, wie ſie die Dichter und die Maler uns verwirklichen. Mit einer Art Andacht lauſchte ſie den Klängen und Melodien, welche Hortenſe ihrer 31— Harfe entlockte, und zu denen ſie mit ſilberheller Stimme Worte ſang, welche ſie ſelber gedichtet und welche, halb Kindergebet, halb Liebesgedicht, die ge⸗ heimſten Gedanken dieſes unſchuldvollen jungen Weſens kundgaben, das mit einem ſeligen Abſchieds⸗ lächeln und ahnungsvollen Träumen an der Grenze ſtand, welche das Kind von der Jungfrau trennt. IV. Der general Buonaparte. Während Joſephine von Beauharnais nach langen ſturmvollen Jahren ſelige Tage ſtillen Glückes und heitern Friedens durchlebte, zuckten in Frankreich noch immer die Stürme der Revolution in einzelnen hef⸗ tigen Ausbrüchen nach und die Ruhe war immer noch nicht dauernd wieder hergeſtellt. Die Clubbs, dieſe Gebärhäuſer der Revolution, übten noch immer ihren verpeſtenden Einfluß auf die Bevölkerung von Paris aus, und regten die rohen Maſſen zu immer neuer Unzufriedenheit und neuen Ruheſtörungen auf. Aber es hatte ſich ſchon der Mann gefunden, welcher dieſe rohen Maſſen in ſeiner eiſernen Fauſt zerdrücken und mit ſeinem flammenden Herrſcherblick die Sprecher der Clubbs zu Staub zermalmen ſollte. Dieſer Mann war der General Napoleon Buo⸗ naparte. Er war kaum neunundzwanzig Jahre alt, und doch ſprach ſchon ganz Frankreich von ihm als von einem ruhmgekrönten Helden, doch lag ſchon eine glaͤnzende Siegeslaufbahn hinter ihm. Als Bataillonschef hatte er bei der Wiedereinnahme von Toulon Wunder der Tapferkeit verrichtet, und war dann, zum General befördert, im Auftrage der Re⸗ publik nach Italien zur Armee gegangen. Mit den Lerbeeren ſeiner italieniſchen Siege geſchmückt, war der fünfundzwanzigjährige General nach Frankreich zurückgekehrt. Das Gouvernement, immer noch feind⸗ lich und argwöhniſch gegen ihn geſtimmt, wollte ihn von Paris entfernen und als Brigade⸗Gene⸗ ral der Infanterie nach der Vendée ſenden. Buo⸗ naparte lehnte dieſe Sendung ab, weil er lieber bei der Artillerie zu bleiben wünſchte, und das Gou⸗ vernement der Republik enthob ihn dafür ſeiner Wür⸗ den und ſetzte den jungen General auf Wartegeld. Buonaparte blieb alſo in Paris und wartete. Er wartete auf den glänzenden Stern, der bald für ihn am Firmament aufgehen und ſeine Strahlen über die ganze Welt ausgießen ſollte. Vielleicht hatten ihm die Stimmen, welche in ſeiner Bruſt von einer glänzenden Zukunft und einer mährchenhaften Hel⸗ denlauſbahn geflüſtert, ſchon den Aufgang ſeines Sterns verkündet. Buonaparte blieb alſo in Paris und wartete. Er lebte ſtill und in ſich gekehrt dunkle, thatenloſe Tage dahin, nur mit einigen wenigen treuen Freunden verkehrend, die mit tactvoller Schonung ſeiner äuße⸗ ren beſchränkten Lage zu Hülfe kamen. Denn Buo⸗ naparte war arm, er hatte in den Stürmen der Revolution ſein geringes Vermögen verloren und ſein einziges Beſitzthum waren ſeine auf den Schlacht⸗ feldern gewonnenen Lorbeeren und der Halbſold eines Brigade⸗Generals. Aber gleich der Vicomteſſe von Beauharnais hatte Napoleon treue Freunde, welche es ſich zur Ehre rechneten, ihn als Gaſt an ihrem Tiſche zu ſehen, und gleich Joſephinen war er zu arm, um der Sitte gemäß ſein Weißbrot mit zu den — 33— Diners zu bringen. Oft ſpeiſ'te er in Begleitung ſeines Brhpere Louis bei ſeinem Jugendfreunde Bou⸗ rienne, und ſein dereinſtiger Secretair war jetzt noch ſein vom Glück begünſtigter Gaſtfreund. Der junge General brachte ſtatt des Weißbrotes gleich ſeinem Bruder nur ſeine„Ration“ Schwarzbrot mit, welches er indeſſen ſeinem Bruder Louis überließ, der es begierig verzehrte, während Madame Bourienne dafür ſorgte, daß der junge General immer auf ſeinem Teller ſein Weißbrot fand. Sie hatten ſich von dem Gute des Herrn von Bourienne Mehl nach Paris ein⸗ ſmuggeln laſſen und ließen bei einem Paſtetenbäcker davon heimlich Weißbrot backen, was, wenn man ſie denuncirt hätte, ihnen unfehlbar den Weg zum Schaf⸗ fot würde bereitet haben.*) Im Kreiſe ſeiner Freunde alſo lebte der junge General Buonaparte oder, wie er ſich ſpäter ſchrieb, „Bonaparte“ ſtille Tage der Erwartung, hoffend, daß ſeine Wünſche, wenn das jetzige ihm feindliche Gouvernement durch ein anderes verdrängt werde, ſich endlich erfüllen ſollten. Dieſe Wünſche waren jetzt noch ziemlich beſcheidener Art. „Könnte ich ruhig hier in Paris leben,“ ſagte er einſt zu Bourienne,„dies hübſche kleine Haus da drüben, mit dem Vis⸗à⸗Vis auf meine Freunde, miethen und außerdem mir ein Cabriolet halten, ſo würde ich der glückſeligſte Menſch ſein!“ Er dachte alles Ernſtes daran, ſich dieſes„hübſche kleine Haus“ mit ſeinem Oheim Feſch(dem nach⸗ herigen Cardinal) zu miethen, aber die wichtigen Ereigniſſe, welche bald darauf auf's Neue Paris er⸗ ſchütterten, verhinderten ihn daran, und der berühmte dreizehnte Vendemiaire des Jahres 1795 rief den jung *) Bourienne, Vol. 1, S. 80. Königin Hortenſe. I. 3 — 34— General aus ſeinem müßigen Hinbrüten wieder zu thatkräftigem Handeln auf. An dieſem Tage des dreizehnten Vendemiaire(5. October) kam der Sturm, welcher ſo lange ſchon ſein unterirdiſches Grollen hatte vernehmen laſſen, zum Ausbruch. Die Sectionen von Paris empörten ſich gegen den National⸗Convent, welcher Frankreich mit einer neuen Conſtitution be⸗ ſchenkt und darin feſtgeſtellt hatte, daß zwei Drit⸗ theile des Convents als Mitglieder in den neuen Geſetzgebungskörper übergehen ſollten. Die Sectionen von Paris aber erklärten ſich nur dann zur Annahme der Conſtitution bereit, wenn der geſetzgebende Körper ganz und gar aus Neuwahlen gebildet würde.— Der Convent, in ſeinem ehrgeizigen Machtgelüſte angegriffen, war entſchloſſen, ſeinen Platz zu behaup⸗ ten, und rief die Repräſentanten, welche die bewaffnete Gewalt commandirten, zur Vertheidigung der Repu⸗ blik des Convents auf. Barras ward zum erſten commandirenden General en chef der Armee des Innern ernannt und Bonaparte zum zweiten General. — Bald entſpann ſich ein wüthender blutiger Stra⸗ ßenkampf zwiſchen der Armee und den revoltirenden Sectionen Damals war man noch nicht immer gleich bereit, das Straßenpflaſter zu Barricaden zu benutzen, und die Aufrührer, von dem furchtbaren Feuer und den heftigen Angriffen der Artillerie in die Flucht getrieben, machten die Kirche St. Roch und das Pa⸗ lais Royal zu ihren Barricaden. Sie wurden auch von dort vertrieben, der Straßenkampf begann auf's Neue und Ströme von Blut mußten erſt fließen, bevor er beendigt war. 3 Nach zwei Tagen war die Ruhe wieder hergeſtellt, und rras erklärte dem ſiegreichen National⸗Convent, daß 4 nan den Sieg über die Rebellen zumeiſt dem umſichtigen und tapfern Handeln bes Generals Bonaparte verdanke. — ——— — Der National⸗Convent übertrug ihm aus Dank⸗ barkeit auf die Dauer die Stelle des zweiten Generals der Armee des Innern, die er ihm am Tage der Gefahr proviſoriſch verliehen. Von dieſem Tage an trat Bonaparte aus dem Dunkel hervor— ſein Name war am Horizonte aufgegangen! Er hatte nun eine Stellung, und er verſtand jetzt ſchon beſſer die flüſternden Stimmen, die in ſeiner Bruſt das ſtolze Siegeslied ſeiner Zukunft ſangen. Er wußte jetzt ſchon, daß er ein glänzendes Ziel vor Augen habe, ein Ziel, dem er jetzt noch keinen Na⸗ men zu geben wagte, das ihn wie ein goldenes Mähr⸗ chen umgankelte, das er ſich aber ſchwur, einſt zur Wirklichkeit machen zu wollen! Eines Tages kam in das Quartier des jungen Generals en chef ein junger Mann, der ihn drin⸗ gend zu ſprechen begehrte. Bonaparte ließ ihn vor ſich kommen, und die ſtolze Geſtalt, der kühne, feurige Blick, das edle, ſchöne Angeſicht ſtimmten ihn ſogleich zu Gunſten des jungen Mannes, den er mit ſanfter Freundlichkeit nach ſeinem Begehr fragte. „General,“ ſagte der junge Mann,„ich heiße Eugoéne Beauharnais, ich bin der Sohn eines Cide⸗ vant, des Generals Beauharnais, welcher der Repu⸗ blik am Rhein gedient hat. Mein Vater ward dem Comité der öffentlichen Sicherheit als verdächtig de⸗ nuncirt und dem Revolutions Tribunal übergeben, welches ihn drei Tage vor dem Sturz Robespierre’s ermorden ließ.“ „Ermorden!“ rief Bonaparte mit drohendem Ton. „Ja, General, ermorden!“ erwiderte Eugéne mit Entſchloſſenheit.„Ich komme jetzt, um im Namen meiner Mutter Sie zu erſuchen, daß Sie die Güte haben wollen, Ihren Einfluß bei dem Comité dahin zu verwenden, daß man mir den Degen meines Va⸗ 3* ters wiedergiebt. Ich will ihn treulich dazu anwen⸗ den, die Feinde des Vaterlandes zu bekämpfen und die Sache der Republik zu vertheidigen.“ Dieſe ſo ſtolzen und edlen Worte riefen ein ſanftes, wohlwollendes Lächeln auf das ſtrenge, bleiche Antlitz des jungen Generals und der feurige Blitz ſeiner dunklen Augen milderte ſich. „Gut, junger Mann, ſehr gut,“ ſagte er,„ich liebe dieſen Muth und dieſe kindliche Zärtlichkeit. Der Degen Ihres Vaters, der Degen des Generals Beauharnais ſoll Ihnen zurückgegeben werden. War⸗ ten Sie!“ Er rief ſogleich einen ſeiner Adjutanten und gab ihm die nöthigen Befehle. Nach kurzer Zeit kehrte dieſer zurück und brachte den Degen des Generals Beauharnais. Bonaparte ſelber übergab ihn an Eugéne Der junge Mann, von tiefer Rührung ergriffen, drückte den De⸗ gen, das einzige theure Vermächtniß ſeines Vaters, an ſeine Lippen, an ſein Herz, und Thränen heiliger Rührung entſtürzten ſeinen Augen. Sofort ſtand der General an ſeiner Seite und ſeine ſchlanke weiße Hand, die ſo gut den Degen zu führen wußte und ſo weich und fein, ſo durchſichtig weiß wie die Hand einer Herzogin war, legte ſich ſanft auf die Schulter Eugene's. „Mein junger Freund,“ ſagte er mit dieſem wei⸗ chen ſanften Ton, der ihm ſtets alle Herzen gewann, „mein junger Freund, ich würde mich ſehr glücklich ſchätzen, wenn ich Etwas zu Gunſten Ihrer oder Ihrer Familie thun könnte.“ Eugene ſah ihn mit einem Ausdruck kindlichen Erſtaunens an.„Gut, mein General,“ ſagte er. „Maman und meine Schweſter werden dann für Sie beten.“ — 39— ſeiner Liebe. Sie erwiderte dieſelbe und ſagte ihm ihre Hand zu. Vergebens riethen ihre mächtigen Freunde Barras und Tallien ihr davon ab, ſich mit dieſem jungen, unbemittelten General zu verbinden, vergebens ſtellten ſie ihr vor, daß er in der erſten Schlacht getödtet werden und ſie zum zweiten Male als arme Wittwe zurückbleiben könnte. Joſephine ſchüttelte mit einem ſeltſamen Lächeln ihr ſchönes Lockenhaupt. Vielleicht dachte ſie an die Prophezeihung der Negerin auf Martinique, vielleicht hatte ſie in den kühnen Feuerblicken Bonaparte's und auf ſeiner breiten gedankenvollen Stirn geleſen, daß er dieſe Prophezeihung zur Wahrheit machen könne, vielleicht liebte ſie ihn glühend genug, um ein äußerlich be⸗ ſchränktes Loos an ſeiner Seite jeder anderen reichen und glänzenden Verbindung vorziehen zu wollen. Die Vorſtellungen ihrer Freunde ſchreckten ſie nicht zurück, ſie blieb entſchloſſen, die Gemahlin des jungen, aber armen Generals zu werden. Der Tag ihrer Verbindung ward feſtgeſetzt, und mit freudiger Unge⸗ duld eilten Beide, ihre kleinen und beſcheidenen Vor⸗ bereitungen zu ihrer neuen„Wirthſchaft“ zu machen. Noch hatte Bonaparte ſeinen Rève de bonheur nicht verwirklichen können, noch beſaß er weder ein Haus noch ein Cabriolet, und auch Joſephine hatte keine Equipage. Sie mußten es ſich alſo Beide gefallen laſſen, oft zu Fuß durch die Straßen zu gehen, und vielleicht empfanden ſie das Beide in dieſer hellen Zeit ihres Glückes weniger als ein Mißgeſchick, denn als eine Gunſt des Schickſals. Das laute Geräuſch der rollenden Räder ſtörte nicht ihr zärtliches und inniges Zwiegeſpräch, man hatte nicht nöthig, durch das Aus⸗ und Einſteigen ſeine ſüßen Plaudereien zu unterbrechen. Arm in Arm ging das Brautpaar durch die Straßen. Er ſtolz lächelnd, wenn die — 49— Vorübergehenden in unwillkürliche Freudenrufe über Joſephinens Schönheit ausbrachen, Sie glücklich und ſelig wenn ſie, mit dem General durch die Menge ſich drängend, das leiſe Geflüſter der Bewunderung und Anbetung vernahm, mit welchem das Volk Bo⸗ naparte überall folgte. Eines Tages begleitete Bonaparte die Vicomteſſe zu Ragideau, dem kleinſten Mann, aber dem größten Advocaten von Paris. Er war ſeit lange der Ge⸗ ſchäftsanwalt der Familie Beauharnais geweſen und Joſephine wollte jetzt von ihm eine ihr gehörige Summe zu ihrer Einrichtung entnehmen. Bonaparte blieb im Vorſaal zurück, während Joſephine ſich in das nebenanſtoßende Arbeits⸗Cabinet Ragideau's begab. „Ich komme, Ihnen anzuzeigen, daß ich mich wieder vermählen will,“ ſagte Joſephine mit ihrem reizenden Lächeln zu Ragideau. Der kleine Advocat nickte ihr freundlich zu.„Sie thun wohl daran und ich gratulire Ihnen von Her⸗ zen, Vicomteſſe,“ ſagte er,„denn ich bin überzengt, daß Sie nur eine würdige Wahl können getroffen haben.“ „Gewiß, eine ſehr würdige Wahl,“ rief Joſephine mit dem glücklichen Stolz einer Liebenden.„Mein zukünftiger Gemahl iſt der General Napoleon Bo⸗ naparte!“ Der kleine große Notar zuckte zuſammen vor Schrecken.„Wie,“ rief er,„Sie, die Vicomteſſe Beauharnais, Sie wollen dieſen kleinen General Bonaparte heirathen, dieſen General der Republik, die ihn ſchon einmal abgeſetzt hat, und ihn morgen wieder absetzen und in das Nichts zurückwerfen kann?“ 5 Joſephine ſagte ſtatt aller Antwort:„Ich liebe ihn!“ 4 — 37— Dieſe Naivetät machte den General lächeln, und mit einem gütigen Nicken des Kopſes forderte er Eugone auf, ſeine Maman zu grüßen und ihn bald wieder aufzuſuchen. Dieſes Begegnen Eugène's mit dem General Bo⸗ naparte war der Anfang der Bekanntſchaft zwiſchen Bonaparte und Joſephinen. Der Degen des guillo⸗ tinirten Generals Beauharnais ſetzte eine Kaiſerkrone auf das Haupt ſeiner Wittwe und ſchmückte die Stirnen ſeines Sohnes und ſeiner Tochter mit Kö⸗ nigskronen. Die Vermählung. Wenige Tage nach dieſer Unterredung Bonaparte’s mit Engone traf Joſephine in einer der glänzenden Abendgeſellſchaften des erſten Generals en chef Bar⸗ ras mit Bonaparte zuſammen. Sie bat Barras, ihr den jungen General vorzuſtellen, und dann in ihrer offenen, aller Pruderie feindlichen, und doch immer zarten und ſittſamen Weiſe Bonaparte ihre Hand darreichend, dankte ſie ihm mit der zärtlichen Gluth einer Mutter, für die Freundlichkeit und Güte, welche er ihrem Sohne erwieſen. Der junge General betrachtete mit ſtaunender Ver⸗ wunderung dieſe junge, ſchöne Frau, welche ſich die Mutter eines erwachſenen Sohnes nannte, deren rei⸗ zendes Angeſicht von Jugend und Schönheit ſtrahlte, und deren große dunklen Augen ein Meer von Lei⸗ denſchaft und Gluth ausſtrömten, während das ſanfte liebreizende Lächeln ihres Mundes die zarte Weib⸗ lichkeit, die Sanftmuth ihres Charakters verrieth. Bonaparte hatte es niemals verſtanden, den Frauen in der leichten gefälligen Weiſe eines Petit Maitre zu ſchmeicheln, und wenn er es verſuchte, waren ſeine Schmeicheleien oft ſo ſeltſamer und ſchwerfälliger Art, daß ſie eben ſo gut eine Beleidigung als eine Hul⸗ digung enthalten konnten.„Ach, ach, wie wunderbar das ausſieht,“ ſagte er einſt als Kaiſer zu der reizen⸗ den Herzogin von Chevreuſe,„welche merkwürdige rothe Haare Sie haben!“—„Das iſt möglich, Sire.“ er⸗ widerte ſie ihm,„aber es iſt das erſte Mal, daß mir ein Mann das ſagt.“ Und die Herzogin hatte wohl Recht, denn ihr Haar war nicht roth, ſondern von einem ſchönen Blond.*)— Zu einer andern Dame, deren runde ſchöne Arme ihm auffielen, ſagte er ein⸗ mal:„Ach mein Gott, was Sie für rothe Arme haben!“— Wieder zu einer andern:„Welch ſchönes Haar Sie haben! Aber wie häßlich dieſe Coiffure iſt, wer hat Sie denn ſo lächerlich aufgeputzt?“ Bonaparte, wie geſagt, verſtand es nicht, den Frauen mit Worten zu ſchmeicheln, aber Joſephine verſtand ſehr wohl die ſchmeichelhafte Sprache, welche ſeine Augen zu ihr redeten. Sie wußte, daß ſie in dieſer Stunde den kühnen jungen Löwen beſiegt habe und ſie ſelber fühlte ſich ſtolz und glücklich dadurch, denn die ungewöhnliche imponirende Erſcheinung des jungen Helden hatte ihr eigenes Herz, welches ſie ſeit lange todt geglaubt, wieder zu raſcheren Schlägen erweckt. Von nun an ſahen ſie ſich öfter, und bald empfing Joſephine von Bonaparte das glühende Geſtändniß *) Die Herzogin von Chevreuſe ward bald darauf nach Tours verbannt, weil ſie ſich geweigert hatte, der Königin von Spanien als Ehrendame zu dienen. 5 Was das Cabriolet anbelangt, ſo trug der Friede von and Formio dem ſiegreichen General Bona⸗ parte ein prachtvolles Geſpann von ſechs Schimmeln ein, welches ein Geſchenk des Kaiſers von Oeſterreich an den General der franzeſtſhen Republik war, von dem der Kaiſer nicht ahnte, daß er kaum ein Jahr⸗ zehent ſpäter ſein Schwiegerſohn werden ſollte. Dieſe prachtvollen ſechs Schimmel waren indeß außer den Lorbeeren von Arcole, Marengo und Man⸗ tua die einzige Kriegsbeute, welche Bonaparte von ſeinem ruhmvollen italieniſchen Feldzuge heimbrachte, das einzige Geſchenk, welches der General ſich nicht weigerte anzunehmen. Freilich ließen die ſechs Schimmel ſich nicht vor ein Cabriolet ſpannen, aber ſie nahmen ſich ſehr ſtatt⸗ lich aus vor der vergold eten Staatscaroſſe, in der ein Jahr ſpäter der erſte Conſul ſeinen feierlichen Einzug in die Tuilerien hielt. VI. Ponaparte in Itaſien. Joſephine, jetzt die Generalin Bonaparte, hatte alſo nur einige kurze Wochen ſich ihres neuen ſchönen Glückes zu freuen und blieb dann einſam in Paris zurück, doppelt einſam, da ſie jetzt ſich nicht nur von rem Gemahl, ſondern auch von ihren Kindern dennen mußte. Eugene begleitete ſeinen jungen Stiefvater nach Italien und Hortenſe trat als Pen⸗ ſionärin in die„Erziehungs⸗ Anſtalt der Madame 1 Campan. Die einſtige Kammerfrau der Königin Marie Antoinette hatte jetzt in St. Germain ein Penſionat errichtet und die vornehmen und großen Familien des neuen republikaniſchen Frankreichs liebten es ihre Töchter in die Erziehungs⸗Anſtalt der Madame Campan zu bringen, damit ſie von der königlichen ci-devant Kammerfrau die Manieren und den feinen Anſtand des alten königlichen Frankreichs erlernen möchten. Hortenſe ward alſo jetzt in dies Penſionat gebracht und lebte dort, in Geſellſchaft ihrer neuen Tante Karoline, der Schweſter Bonaparte's und nachherigen Königin von Neapel, und der jungen Gräfin Ste⸗ phanie von Beauharnais, ihrer Couſine, einige glück⸗ liche Jahre der Arbeit, der Studien und der jungen Mädchenträume. Mit eiſernem Fleiß und mit nie ermattender Be⸗ geiſterung lag Hortenſe jetzt ihren Studien ob, die indeß nicht blos im Erlernen der Sprachen, im Mu⸗ ſiciren und Zeichnen, im Studium der Geſchichte und Geographie beſtanden, ſondern mehr noch im An⸗ eignen dieſes ſogenannten Bon Ton, und dieſes ariſtokratiſchen savoir vivre, in welchem Madame Campan Meiſterin war. Während Hortenſe alſo bei dem berühmten Alvimara das Spiel der Harfe, bei Iſabey das Malen, bei Coulon den Tanz und bei Lambert den Geſang lernte, während ſie auf dem Liebhaber Theater des Penſionats die Rollen der Heldinnen und Liebhaberinnen ausführte, während ſie auf Bällen und in Concerten, die Madame Campan veranſtaltete, um vor den eingeladenen Freunden die Talente ihrer Penſionärinnen glänzen zu laſſen, mitwirkte, während alſo mit einem Worte Hortenſe —— zu einer vornehmen Dame von Welt erzogen ward, ahnte ſie doch nicht, wie ſehr nöthig ihr eines Tages alle dieſe kleinen, anſcheinend ſo nichtigen Dinge ſein — 41— „Ja, Sie lieben ihn jetzt,“ rief Ragideau eifrig. „Aber Sie haben doch Unrecht, ihn zu heirathen, und Sie werden es eines Tages bereuen. Sie begehen eine Thorheit, Vicomteſſe, denn Sie wollen einen Mann heirathen, der nichts hat, als ſeinen Hut und ſeinen Degen!“ „Aber, der außerdem noch eine Zukunft hat,“ ſagte Joſephine freudig, und der Unterredung eine andere Wendung gebend, ſprach ſie zu dem Notar von den Geſchäften, die ſie hergeführt. Als ihre Geſchäfte mit dem Notar beendet waren, kehrte Joſephine in den Vorſaal zurück, wo der Ge⸗ 4 neral ſie erwartete. Er kam ihr lächelnd entgegen, aber auf den ihr folgenden Notar Ragideau warf er einen ſo zornvollen, flammenden Blick, daß dieſer entſetzt zurückwich. Auch bemerkte Joſephine, daß Bonaparte's Antlitz heute noch bleicher ſei, als ſonſt, und daß er weniger mittheilſam und geſprächig war. Aber ſie hatte ſchon gelernt, daß es nicht rathſam ſei, ihn um den Grund ſeiner Verſtimmungen zu fragen. Sie ſchwieg alſo, und ihrer Anmuth und Liebens⸗ würdigkeit gelang es bald, die Wolken von Bona⸗ parte’s Stirn zu vertreiben. Die Vermählung Bonaparte's und Joſephinen's erfolgte am 9. März 1796; die Trauzeugen waren außer Eugéône und Hortenſe, Joſephinen's Kindern, Barras, Jean Lemarois, Tallien, Calmelet und Le⸗ elera.— Die Civilacte ihrer Verbindung enthielt neben den unumſtößlichen Thatſachen eine angenehme Scchmeichelei für Joſephinen, denn um die Gleichheit K der Jahre zwiſchen den beiden Gatten herzuſtellen, ließ Bonaparte ſich faſt um ein Jahr älter und Jo⸗ ſephinen um vier Jahre jünger machen. Bonaparte war nicht, wie die Civilacte beſagte, am 5. Februar 1768, ſondern am 15. Auguſt 1769, Joſephine nicht, wie es in der Acte heißt, am 23. Juli 1767, ſondern am 23. Juni 1763 geboren.*) Joſephine dankte ihrem jungen Gemahl dieſe Ga⸗ lanterie auf fürſtliche Weiſe. Sie brachte ihm als Hochzeitsgeſchenk die Ernennung zum commandiren⸗ den General der italieniſchen Armee, welche Barras und Tallien ihr auf ihre Bitte gewährt hatten. Aber bevor der junge Ehemann ſich auf den Schau⸗ platz ſeiner neuen Wirkſamkeit begab, um neue Lor⸗ beeren und neuen Ruhm zu erwerben, verbrachte er noch einige glückliche Wochen mit ſeiner jungen Ge⸗ mahlin und ſeiner neuen Familie in dem kleinen Hötel in der Straße Chantereine, das Bonaparte kurze Zeit vor ſeiner Vermählung gekauft und das Joſephine mit dieſem noblen und gewählten guten Geſchmack, der ihr immer eigen geweſen, eingerichtet hatte. Die eine Hälfte von Bonaparte's Lieblingswunſch war alſo nun erfüllt. Er hatte ſein Haus, welches groß genug war, ſeine Freunde aufzunehmen. Es fehlte nur noch das Cabriolet, um den General Bo⸗ naparte„zu dem glücklichſten Menſchen zu machen.“ Aber wie die Wünſche der Menſchen immer weiter gehen, war auch Bonaparte jetzt nicht mehr zufrieden, ein kleines Hôtel in Paris zu bewohnen, ſondern er wollte auch ein Landhaus haben.„Suche doch für mich,“ ſchrieb er um dieſe Zeit an Bourienne, welcher ſich auf ſeinem Gute bei Sens aufhielt,„ſuche doch für mich in Deinem ſchönen Thal der Yonne ein kleines Beſitzthum. So wie ich Geld habe, will ich es kaufen. Dahin will ich mich alsdann zurückziehen; nur vergiß nicht, daß ich kein National⸗Eigenthum will.“**) *) Bourienne. Vol. I, S. 350. ) Bourienne. Vol. 1 S. 103. — 45— würden, und wie gut es war, daß ſie bei Madame Campan gelernt hatte, zu repräſentiren und als grande dame“ in der Geſellſchaft zu erſcheinen. Joſephine indeß lebte in Paris Tage ſtolzen Glückes und glänzender Triumphe, denn immer ſtrahlender erhob ſich der Stern ihres Helden am Horizont, immer machtvoller durchſchallte der Name Bonaparte's die Welt und erfüllte ganz Europa mit einer Art ahnungsvollen Schreckens und Zitterns, wie das Meer erbebt, wenn die Sonne aufzugehen beginnt. Sieg auf Sieg tönte jauchzend herüber von Italien, und unter Bonaparte’s ehernem Heldenſchritt ſtürzten Staaten zuſammen, bildeten ſich neue Staaten. Die alte glänzende Republik Venedig, einſt der Schrecken ddeer ganzen Welt, die ſiegreiche Königin des Mittel⸗ ländiſchen Meeres, mußte ihr Haupt beugen, und ihre Krone zerbrach zu den Füßen ihres ſiegreichen Ueber⸗ winders; der Löwe von St. Marco machte nicht mehr mit ſeinem Wuthgebrüll die ganze Welt erbeben, und die ſchlanken Erinnerungsſänulen auf der Piazzetta waren das Einzige, was der zerbröckelten und ge⸗ fallenen Republik Venedig von ihrer eroberten Herr⸗ ſchaft über Candia, Morea und Cypern übrig blieb. Aber aus dem Schutt und der Aſche der venetiani⸗ ſchen Republik ſtieg auf Bonaparte's Befehl ein neuer S teaat, ſtieg die eisalpiniſche Republik als eine neue junge Tochter der franzöſiſchen hervor, und während der letzte Doge von Venedig Luigi Manin ſeine ſpitze Dogenkrone zu den Füßen Bonaparte's niederlegte und dann ſelber in Ohnmacht fiel, trat ein anderer Venetianer, der Sohn einer Familie, welche Venedig die größten und ruhmvollſten Dogen gegeben, trat Dandalo mit an die Spitze der neuen cisalpiniſchen Republik, Dandalo, welcher nach Bonaparte's Aus⸗ pruch„ein Mann“ war.„Guter Gott,“ ſagte Bona⸗ parte eines Tages zu Bourienne,„wie ſelten begegnet man auf der Welt doch Männern! Es wohnen in Italien achtzehn Millionen Menſchen, aber ich habe unter ihnen nur zwei„Männer“ gefunden, Dandalo und Melzi.“*) Aber während Bonaparte inmitten ſeiner Siege an den„Männern“ verzweifelte, bewahrte er ſich die heiße und ſehnſuchtsvolle Liebe zu einer Frau, zu ſei⸗ ner Frau, welcher er faſt täglich die zärtlichſten und glühendſten Briefe ſchrieb, und deren Antworten er mit ungeduldiger Sehnſucht erwartete. Joſephinens Briefe machten allein eine Ausnahme von dieſer ſeltſamen und drolligen Gewohnheit, welche Bonaparte während einer Zeit ſeines Feldzugs in Italien angenommen hatte, von dieſer Gewohnheit, alle an ihn einlaufenden Briefe(mit Ausnahme der⸗ jenigen, welche di fhinſierbeidliche Couriere an⸗ kamen) ungeleſen in Anen großen Korb zu werfen und ſie erſt einundzwanzig Tage nach ihrer Ankunft zu erbrechen und zu leſen. General Bonaparte war alſo doch noch milder als der Cardinal Dubois, welcher alle an ihn ankommenden Briefe ſofort ungeleſen in die Flammen des Kamins warf, und während das grauſame Feuer das Papier verzehrte, auf welchem vielleicht eine verzweifelnde Mutter um Gnade für ihren Sohn, eine troſtloſe Gattin um Mitleid für ihren Gemahl flehte, oder ein ehrgeiziger Staatsmann um eine Beförderung bat, mit einem ſardoniſchen Lächeln ſagte:„voilà ma correspondance faite!“— Bonaparte las wenigſtens einmal die Briefe, freilich drei Wochen ſpäter, als er ſie erhalten, aber dieſe drei Wochen erſparten ihm und ſeinem Secretair Beurienne viel Zeit und Arbeit, denn wenn *) Bourienne. Vol. I, S. 139. ſonnenſtrahlende Fee Jo — 47— man endlich zu dieſer Lectüre ſchritt, ſo ergab ſich, daß vier Fünſtheile dieſer Briefe durch die Zeit und die Umſtände ſchon erledigt waren, und daß nur ein Fünftheil noch der Beantwortung bedürfe, ein Er⸗ gebniß, welches Bonaparte herzlich lachen machte und ihn mit gerechtem Stolz über ſeine„glückliche Idee“ erfüllte. Die Briefe Joſephinens aber durften keine Stunde, keine Minute warten, ehe ſie geleſen wurden. Bona⸗ parte empfing ſie ſtets mit freudeklopfendem Herzen und beantwortete ſie ſtets in einer ſo leidenſchaftlichen und glühenden Sprache, wie nur ſein heißes, ſüdli⸗ ches Naturell ſie erfinden konnte, und gegen welche Joſephinens Briefe allerdings ſich ein wenig kühl und leidenſchaftslos ausnahmen. Indeſſen bald genügte es Bonaparte nicht mehr, von ſeiner Joſephine Briefe zu erhalten, er wollte ſie ſelber haben, und kaum hatten daher die Stürme des Krieges ſich ein wenig beruhigt, als der General ſeine Geliebte zu ſich nach Mailand rief. Sie folgte mit Freuden ſeinem Ruf und eilte zu ihm nach Ita⸗ lien. Stolze Tage des Triumphes und der beſeligten Liebe folgten jetzt. Ganz Italien jauchzte Bonaparte als dem ſiegreichen Helden entgegen, ganz Italien huldigte der Frau, welche ſeinen Namen trug, und deren unvergleichliche Anmuth und Liebenswürdigkeit, Schönheit und Grazie ihr alle Herzen gewann. Ihr Leben glich jetzt einem ruhmſtrahlenden, köſtlichen Triumphzuge, einem berauſchenden Zauberfeſt, einem Mährchen aus Tauſend und Einer Nacht, das zur Wirklichkeit geworden, und deſſen ſternenfunkelnde, ſephine war! VII. Wechſelfälle des Schickſals. Glänzend war der Triumphzug, mit welchem Bo⸗ naparte nach ſeiner Heimkehr aus Italien ſeinen Ein⸗ zug in Paris hielt. Im Vorhof des Luxembourg, welches Palais das Corps législatif bewohnte, ſtieg ein großes Amphitheater empor, auf welchem alle Autoritäten Frankreichs thronten; im Mittelpunkt des Amphitheaters erhob ſich der Altar des Vaterlandes, überragt von den drei rieſengroßen Statuen der Frei⸗ heit, der Gleichheit und des Friedens. Als Bonaparte in dieſen Raum eintrat, erhoben ſich alle dieſe Männer, welche die Sitze des Amphi⸗ theaters in dichten Schaaren einnahmen, um mit entblößtem Haupte den Sieger von Italien zu be⸗ grüßen und die Fenſter des Pallaſtes waren dicht be⸗ kränzt mit ſchön geſchmückten Frauen, welche den jungen Helden mit ihren wehenden Taſchentüchern willkommen hießen. Plötzlich ward dieſe ſo glänzende Feier durch einen unglücklichen Zufall unterbrochen. Ein Beamter des Directoriums, der, um ſeine Neu⸗ gierde beſſer zu befriedigen, auf das Gerüſt des im Ausbau begriffenen rechten Seitenflügels des Palais hinaufgeklettert war, fiel von der Höhe deſſelben herab Ein allgemeiner tauſendſtimmiger Schrei des Ent⸗ ſetzens durchhallte die Lüfte, die Frauen erblaßten und traten ſchaudernd von den Fenſtern zurück. Das vor⸗ her ſo köſtlich mit lebendigen Blumen geſchmückte Palais ſtand verödet und mit leeren Fenſterhöhlen da, durch die Reihen des Corps législatit flog ein und faſt gerade zu den Füßen Bonaparte’s nieder. — 19— ahnungsvolles Grauen und flüſterte man ſich hier und dort ſchon in's Ohr, daß dieſer Fall eines der Beamten des Directoriums den nahen Sturz des Directoriums ſelber verkünde, und daß es bald, gleich dieſem Unglücklichen, in Todeszuckungen zu Bona⸗ parte’s Füßen liegen würde. Aber trotz dieſes vorahnenden unheimlichen Ge⸗ fühls beeiferte das Directorium ſich dennoch, dem Sieger von Arcole täglich neue Feſte zu geben, und wenn dieſe Feſte beendigt waren und Bonaparte, er⸗ mattet von den Reden, den Feſtlichkeiten, den Toaſten, heimkehrte, ſo war da noch das Volk von Paris, welches ſich auf ſeinem Wege gruppirte, um ihn jubelnd zu begrüßen, und dem er mit Händedrücken und Lächeln, mit Augenwinken und Kopfnicken dan⸗ ken mußte. Es war ein allgemeiner Jubelrauſch, der ſich der Franzoſen bemächtigt hatte. Jedermann ſah in Bo⸗ naparte ſeinen eigenen Ruhm, ſeine eigene Größe, Jedermann betrachtete ihn als die glänzendſte Ver⸗ körperung ſeines eigenen Ichs und liebte ihn daher mit einer Art anbetenden Entzückens. Joſephine gab ſich der Freude dieſer glanzvollen Tage mit ganzer Seele hin. Wenn Bonaparte, faſt verſchüchtert und ängſtlich, dieſen Ovationen der Pa⸗ riſer auswich, ſo erfüllten ſie das Herz ſeiner Ge⸗ mahlin mit ſtolzem Glück; wenn Bonaparte im Thea⸗ eer vor den Jubelrufen des Publikums, das ſeine An⸗ weſenheit erfahren und ihn zu ſehen verlangte, ſich hen hinter den Seſſel ſeiner Gemahlin zurückzog, ſo dankte Joſephine dem Publikum mit einem bezau⸗ bernden Lächeln und thränenfeuchten Blicken für dieſe Beweiſe einer Liebe, welche ihr nur eine gerechte Hul⸗ gung für ihren„Achill,“ ihren Heldenlöwen dünkte. Aber Bonaparte ließ ſich nicht bleuden von dieſen Hurtent 7 6.4 Hortenſe.. 4 Zurufen, und als eines Tages der Enthuſiasmus gar kein Ende nehmen wollte, als das Publikum gar nicht müde ward zu ſchreien:„Vive Bonaparte!“ als Jo⸗ ſephine ſich freudeſtrahlend zu ihm umwandte und jauchzend rief:„Sieh, wie ſie Dich lieben, dieſe guten Pariſer!“ da erwiderte Bonaparte mit einem faſt trau⸗ rigen Ausdruck:„Bah! das Volk würde ſich mir eben ſo eifrig entgegen drängen, wenn man mich zum Schaffott führte.“*) Aber endlich erſchöpften ſich dieſe Freudenbezeigun⸗ gen und Feſte, und das Leben nahm wieder ſeinen ſtillern und ruhigern Gang. Bonaparte konnte jetzt mit ſeiner Joſephine wieder einige ſtille Tage der Ruhe und des Behagens in ſeinem jetzt glänzender ausgeſchmückten Palais der Straße de la Chantereine genießen, welche jetzt von den Stadtbehörden zu Ehren des Siegers von Arcole und Marengo in die Straße de la Victoire umgetauft war. Er konnte nach ſo viel Schlachten und Triumphen ausruhen in den Ar⸗ men des Glückes und der Liebe. Indeß bald fing dieſe Ruhe an, ſeine Seele zu be⸗ drücken. Er dürſtete nach neuen Thaten, nach neuen Siegen. Er fühlte, daß er erſt am Anfange, nicht am Ende ſeiner Siegeslaufbahn ſtände, er hörte immer vor ſeinem innern O pete, die ihn zu neuen Siegen, zu neuen Ruhmes bahnen rief. Die Liebe konnte ſein Herz nur be⸗ glücken, aber ſie konnte es nicht ausfüllen. Die Ruhe däuchte ihm der Anfang des Sterbens. „Wenn ich noch lange hier bleibe, ohne irgend Etwas zu thun, ſo bin ich verloren,“ ſagte er.„Mau bewahrt in Paris nicht die Erinnerung für irg Etwas! Eine Berühmtheit verdrängt in dieſem g *) Bourienne. Vol. II. S. 32. hr das Tönen der Schlacht Trom⸗ ———— ßen Babylon die andere; wenn ich mich noch oft dem Publikum zeige, wird es mich nicht mehr anſehen; wenn ich nicht bald etwas Neues unternehme, wird es mich vergeſſen.“ Er unternahm alſo etwas Neues, etwas Unerhör⸗ tes, welches ganz Europa mit Staunen erfüllte; er verließ mit einem Heere Frankreich, um für die fran⸗ zöſiſche Republik das alte Aegypten, auf deſſen Pyra⸗ miden das grüne Moos vergeſſener Jahrtauſende wucherte, zu erobern. Joſephine begleitete ihn nicht; ſie blieb in Paris zurück, aber ſie bedurfte des Troſtes und der Auf⸗ heiterung, um dieſe Trennung, von der Bonaparte ihr ſelbſt geſtanden, daß ſie eben ſo gut ſechs Jahre, als ſechs Monate dauern könne, zu ertragen. Was aber konnte dieſem zärtlichen Herzen Joſephinens beſſern Troſt gewähren, als die Anweſenheit und die Nähe ihrer geliebten Tochter? Sie hatte den Sohn. willig an ihren Gemahl abgetreten und er begleitete ihn nach Aegypten, aber die Tochter war ihr geblie⸗ ben, und dieſe wollte ſie jetzt Niemanden mehr abtreten, auch nicht dem Penſionat der Madame Campan. Auch war Hortenſens Erziehung nun vollendet. Das Kind, welches nach St. Germain gekommen, ver⸗ ließ das Penſtoant nach zweijährigem Aufenthalt jetzt ſchone, blühende Jungfrau, geſchmückt mit allen eizen der Unſchuld, der Jugend, der Grazie und r Bildung. Obwohl jetzt ein Mädchen von faſt hszehn Jahren, hatte ſie ſich doch noch immer den idlichen Sinn, die unnahbare Unſchuld bewahrt; ihr Herz war wie ein weißes Blatt, auf welchem noch keine profane Hand einen irdiſchen Namen zu ſchrei⸗ in gewagt. Sie liebte noch nichts weiter als ihre „ ſthren Bruder, die Künſte und die Blumen. 4.. — 52— Sie hatte für ihren jungen Stiefvater eine tiefe, aber wortloſe Ehrfurcht; ſeine glühenden Flammenaugen machten ſie ſcheu und ängſtlich, ſeine gebieteriſche Stimme ließ ihr Herz ängſtlich erbeben, ſie verehrte ihn mit anbetender aber zu angſtvoller Scheu, um ihn lieben zu können. Er war für ſie immer der Held, der Herr und Gebieter, der Vater, welchem ſie unbedingten Gehorſam ſchuldig war, aber ſie wagte es nicht, ihn zu lieben, ſie konnte ihn nur aus weiter Ferne anbeten und verehren. Hortenſe liebte alſo noch nichts als ihre Mutter und ihren Bruder, als die Künſte und die Blumen. Sie ſchaute noch mit offenen Kinderaugen in die Welt, 7 8„ die ihr ſo ſchön und lockend erſchien, und von der ſie noch ein großes, leuchtendes Glück erhoffte, ohne ſich bewußt zu ſein, worin es beſtehen ſollte. Sie liebte noch alle Menſchen und glaubte an ihre Treue, ihre Aufrichtigkeit. Kein Stachel hatte noch ihr Herz ver⸗ wundet, keine Enttäuſchung, keine zertrümmerte Illu⸗ ſion hatte ſchon einen Schatten auf dieſer hohen, klaren Stirn von durchſichtiger Weiße zurückgelaſſen. Der Ausdruck ihrer großen blauen Augen war noch ganz ſtrahlend und ungetrübt, und ihr Lachen noch ſo hell und rein, daß es ihre Mutter faſt traurig machte, es zu hören, denn es klang ihr wie das letzte Echo ſüßen, zauberhaften Kinderliedes, un ſie wußte daß es bald verſtummen werde. Aber noch lachte Hortenſe, noch ſang ſie mi Vögeln um die Wette, noch lag die Welt wi junger Morgentraum vor ihr und ſie hoffte au Auſgang der Sonne. So war Hortenſe, als ihre Mutter ſie aus Penſionat der Madame Campan abholte, un Tochter in die Bäder von Plombières 8 ber faſt hätte Hortenſe hier den erſten großen ihres Lebens erfahren, faſt hätte ſie hier ihre Mutter verloren. Sie war mit Joſephinen und einigen Damen im Salon des von ihnen bewohnten Hauſes in Plom⸗ bières. Die Thüren nach dem Balcon waren geöffnet und ließen die warme Sommerluft einſtrömen. Hor⸗ tenſe ſaß am Fenſter und malte ein Bouquet Feld⸗ blumen, das ſie geſtern auf den Bergen von Plom⸗ bières ſich ſelber gepflückt. Joſephine fand die Luft des Zimmers zu ſchwül und forderte einige der Da⸗ men auf, mit ihr auf den Balcon hinauszutreten. Auf einmal vernahm man ein donnerähnliches Krachen, lautes Wehegeſchrei, und als Hortenſe entſetzt empor ſprang und nach den Balconthüren hinſtürzte, war der Balcon mit ihrer Mutter und den Damen ver⸗ ſchwunden. Sie waren mit dem Gebälk auf die Straße hinabgeſtürzt! Hortenſe, in dem erſten ver⸗ zweiflungsvollen Schmerz, wollte ſich der getiebten Mutter nachſtürzen, und nur mit Mühe und Gewalt konnte man ſie zurückhalten. Abey diesmal hatte das Schickſal noch Mitleid mit dem jungen Mädchen, es gönnte ihr noch⸗den reinen, ungetrübten Himmel ihres Jugendglückes. Ihre Mutter kam mit dem Schrecken und einer leichten Verletzung am Arm da⸗ — wiährend eine der Damen ſich beide Füße ge⸗ hen hatte. zoſephine konnte noch nicht ſterben, denn die phezeiung der Wahrſagerin hatte ſich noch nicht llt; Joſephine war zwar die Gemahlin eines be⸗ nten Generals, aber ſie war doch noch nicht mehr eine Königin! — 54— VIII. Bonaparke's Rückkehr aus Kegypten. Bonaparte war aus Aegypten heimgekehrt. Der Sieg von Abukir hatte ſeine Stirn mit einem neuen Lorbeer geſchmückt und ganz Frankreich jubelte dem heimkehrenden Sieger mit freudigem Stolz entgegen. Zum erſten Male wohnte Hortenſe jetzt den Feſten bei, welche die Stadt Paris ihrem Stiefvater gab; zum erſten Male ſah ſie die Huldigungen, mit welcher Männer und Frauen, Greiſe und Kinder den Helden von Italien und Aegypten begrüßten. Dieſe Feſte, dieſe Huldigungen erfüllten ihr Herz mit einem bangen Schauder und doch zugleich mit einem ſeligen Ent⸗ zücken. Inmitten dieſer Triumphe und dieſer Ova⸗ tionen, welche man ihrem zweiten Vater darbrachte, erinnerte das junge Mädchen ſich des Gefängniſſes, in welchem ihre Mutter vinſt geſchmachtet, des Schaf⸗ fots, auf welchem das Haupt iytes erſten Vaters ge fallen, und oft, wenn ſie mit ſtolzer Frer⸗ auf die reiche goldgeſtickte Uniform ihres Bruders hinslickte, erinnerte ſie ihn mit einem köſtlichen Lächeln an Die Zeit, wo Eugéne in der blauen Blouſe, mit dent langen Brett auf der Schulter, als Zimmergeſell da die Straßen von Paris gegangen. Dieſe Erinnerungen an die erſten ſchreckensvo Jahre ihrer Kindheit bewahrten Hortenſe vor Stolz und dem Hochmuth des Glückes, erhielten ior den beſcheidenen, anſpruchsloſen Sinn, ließen ſie Glück nicht übermüthig und hochfahrend, aber 3 im Unglück nicht verzagt und hoffnungslos erſch⸗ Sie wiegte ſich niemals in Träume eines unver. f dem den Terrorismus — 55— lichen Glückes ein, ihre Erinnerungen hielten ihr Auge wach, und darum, als das Unglück kam, über⸗ raſchte es ſie nicht, ſondern fand ſie gewaffnet und bereit, ihm zu widerſtehen. Aber doch genoß ſie die Tage des Glückes mit vollen Zügen; doch war ſie ſelig, ihre angebetete Mutter ſo im Strahlenkranz des Ruhms und der Liebe zu ſehen, und im Namen ihres hingemordeten Vaters dankte ſie es dem General Bonaparte in ihrem Herzen doppelt heiß, daß er ihrer Mutter, welche ſo viel gelitten in ihrer erſten Ehe, jetzt in der zweiten einen ſo glänzenden Tag der Herrlichkeit bereitet hatte. Indeß ſollten neue Tage der Stürme und der Ungewitter bald die kurze Ruhe des Glückes unter⸗ brechen. Eine neue Revolution durchzitterte Frank⸗ reich und bald war Paris in zwei Heerlager getheilt, welche beide glühten, ſich zu vernichten. Auf der einen Seite ſtanden die demokratiſchen Republikaner, welche ſich zurückſehnten nach den Tagen des Terro⸗ rismus und des Blutes, weil ſie ſehr gut fühlten, daß die Ruhe und der fortdauernde Frieden ihnen die Zügel der Herrſchaft aus den Händen winden muß⸗ ten, und welche ſich deshalb durch den Schrecken die Macht ſichern wollten. Dieſe Partei erklärte die Freiheit in Gefahr und die Conſtitution bedroht. Dieſe Partei rief die Sansculotten und die tobenden Republikaner der Clubbs zur Vertheidigung des be⸗ drohten Vaterlandes unter die Waffen, und deutete mit drohender Hand auf Bonaparte, als auf Den⸗ jenigen hin, welcher die Republik ſtürzen und Frank⸗ reich aufs Neue in die Bande der Knechtſchaft ſchla⸗ gen wolle. Auf der andern Seite ſtanden die beſonnenen Vaterlandsfreunde, die Republikaner par force, welche s verabſcheuten und nur der Republik Treue geſchworen, weil ſie nur unter dieſer Schlangen⸗ haut ſich vor dem drohenden Meſſer der Guillotine zu retten vermocht. Da ſtanden die Männer des Geiſtes, die Künſtler und Dichter, welche einer neuen Aera entgegen hofften, weil ſie wußten, daß die Zeiten des Terrorismus und der tyranniſirenden demokrati⸗ ſchen Republik nicht blos die Menſchen, ſondern auch die Künſte und Wiſſenſchaften auf das Schaffot bräch⸗ ten, da ſtanden die Kaufleute und Handwerker, die Banquiers, die Geſchäftsleute, die Grundbeſitzer, welche Alle die Republik wenigſtens auf ruhigerer und gemäßigterer Baſis wollten gebaut ſehen, um an ihre Dauer und Beſtändigkeit glauben und die Ar⸗ beiten des Friedens mit beſſerer Ueberzeugung des Erfolges beginnen zu können. Und an der Spitze dieſer gemäßigten Republikaner ſtand Bonaparte! Der achtzehnte Brumaire des J der Tag der Entſcheidung. Es war ein furchtbarer Kampf, welcher da auf's Neue begann, ein Kampf, bei welchem indeß nur wenig Blut floß, und bei wel⸗ chem nicht Menſchen, ſondern nur Principien getödtet wurden. Der Rath der Alten, der Rath das Directorium und die Conſtitution des Jahres III ſtürzte zuſammen und aus den Trümmern der bluti⸗ gen, wilden, demokratiſchen Republik ſtieg die gemä⸗ ßigte, geläuterte Republik des Jahres 1798 hervor. An ihrer Spitze ſtanden drei Conſuln: Bonaparte, Cambacères und Lebrun. Am Tage nach dem achtzehnten Brumaire zogen dieſe drei Conſuln unter dem Zujauchzen des Volkes in das Palais Luxembourg ein und ſchliefen als Sie⸗ ger in den Betten des Directoriums von geſtern. Von dieſem Tage au begann eine neue Welt ich zu geſtalten und die Formen der Etiquette, welch der Fünfhundert, Jahres 1798 war 3 ſich unter der demokratiſchen Republik ſcheu in den dunkelſten Schlupfwinkeln des Luxembourg und der Tuilerieen verkrochen hatten, traten jetzt wieder, wenn auch nur langſam und beſonnen, an das Tageslicht hervor. Man hatte nicht mehr nöthig, dem Princip der Gleichheit gemäß, jeden Unterſchied der Stände und der Bildung mit dem Worte Bürger und Bür⸗ gerin zu negiren, man war nicht mehr gezwungen, im Namen der Brüderlichkeit die nahe Vertraulichkeit jedes bramarbaſirenden Straßenhelden zu ertragen, und im Namen der Freiheit ſich ſeine perſönliche Freiheit und ſein perſönliches Behagen in Feſſeln ſchlagen zu laſſen. Die Etiquette, wie geſagt, trat wieder aus dem dunkeln Schlupfwinkel hervor, und den drei Conſuln, welche in das Luxembourg eingezogen, flüſterte ſie das Wort„Monſieur“ ins Ohr, und Joſephinen, welche am andern Tage mit ihrer Tochter die für ſie berei⸗ teten Zimmer im Luxembourg bezog, begrüßte ſie mit dem Wort„Madame“.— Vor einem Jahr noch hatten dieſe beiden Worte, Monſieur und Madame, in Paris Revolten hervorgebracht und zu Blutver⸗ gießen veranlaßt, vor einem Jahr noch hatte der General Augereau in ſeiner Diviſion die ſtrenge Ordre publicirt, daß,„wer mündlich oder ſchriftlich, unter welchem Vorwande es immer ſei, ſich des Wortes Monſieur oder Madame bediene, von ſeinem Grade ausgeſtoßen, und für unfähig erklärt werden ſolle, je⸗ mals wieder in der Armee der Republik zu dienen.“*) Jetzt hielten dieſe zwei proſcribirten Worte mit den drei Conſuln ihren Einzug in das von den de⸗ mokratiſchen Tyrannen der Republik erlöſte Palais Luxembourg. *) Bourienne. Vol. I. S. 229. Joſephine war jetzt wenigſtens„Madame“ Bona⸗ parte, Hortenſe„Mademoiſelle“ Beauharnais. Die Frau des Conſuln Bonaparte durfte jetzt eine größere Zahl von Dienern, einen glänzenderen Haushalt haben: freilich wagte man noch nicht, von einem „Hof“ der Madame Bonaparte, von„Hofdamen“ der Mad emoiſelle Hortenſe zu ſprechen, freilich mußte man jetzt noch mit den beſchränkten Räumen des kleinen Luxembourg ſich zufrieden geben, aber bald ſollte man für dieſes Alles Entſchädigung haben und wenn man ſich im Luxembourg noch Monſieur und Madame nannte, ſo konnte man ſich wenige Jahre ſpäter in den Tuilerieen„Ew. Hoheit, Majeſtät und Monſeigneur“ nennen laſſen. Das Hötel Luxembourg erwies ſich bald zu klein, um den drei Conſuln als gemeinſame Wohnung zu dienen, zu klein für den Ehrgeiz Bonaparte's, der ſich die beiden Männer, welche mit ihm die Ober⸗ herrſchaft Frankreichs theilten, nicht zu nahe gerückt ſehen mochte, zu klein für die Wünſche, welche jetzt mit immer lautern, immer machtvollern Stimmen in der Bruſt Bonaparte's ertönten und ihn vorwärts trieben, immer weiter vorwärts auf dieſer Bahn des Ruhmes und der Herrlichkeit, die ihm anfangs nur als die Fata Morgana ſeiner Träume, jetzt aber ſchon als die glänzende Wahrheit und Wirklichkeit ſeines Wachens erſchien. Das Luxembourg war zu klein für die drei Conſuln. Aber man mußte doch vorſichtig und beſonnen zu Werke gehen, um ſich den Weg zu dem alten Königsſchloſſe der Bourbonen zu bahnen. Man durfte aus demſelben nicht auf einmal die Volksrepräſentanten, welche bis jetzt darin tagten, verbannen, man durfte die argwöhniſchen Republi⸗ kaner nicht fürchten laſſen, daß man damit umgehe, Frankreich wieder zu einer Monarchie umzugeſtalt —— von 1792 trugen. — 59—. und das vielköpfige Ungeheuer Republik wieder unter einer Krone und einem Scepter zu erſticken. Man mußte daher, bevor man in die Tuilerieen einzog, dem franzöſiſchen Volk den Beweis liefern, daß man immer noch ein ſehr guter Republikaner ſein könne, wenn man auch in dem Schlafzimmer der Könige ſein Lager aufzuſchlagen wünſchte. Bevor alſo die drei Conſuln in die Tuilerien über⸗ ſiedelten, mußte das Schloß der Könige erſt zu einer für die Vertreter der Republik würdigen Wohnung umgeſchaffen werden. Zuerſt alſo ward in einer Galerie der Tuilerieen die ſchöne Büſte des ältern Brutus, eine Siegesbeute Bonaparte’s, die er aus Italien mitgebracht, aufgeſtellt, ſodann mußte David noch einige andere Statuen der Helden des republika⸗ niſchen Griechenlands und Roms meißeln und in den Sälen aufſtellen.— Eine Anzahl der demokratiſchen Republikaner, welche am dreizehnten Vendemiaire unterlagen und deportirt waren, erhielten die Erlaub⸗ niß zur Rückkehr nach Frankreich, und da um dieſe Zeit die Nachricht von dem Tode des edelſten und weiſeſten Republikaners, die Nachricht von dem Tode Waſhingtons einlief, gab Bonaparte den Armee⸗Be⸗ fehl, daß das ganze Heer eine Trauer auf zehn Tage anzulegen habe. Man trug einen ſchwarzen Flor zum den Arm und von den Fahnen wehten ſchwarze Schleifen nieder, zur Todtenfeier des großen Republi⸗ kaners Waſhington. Am Ende dieſer zehn Tage aber, als Frankreich und ſein Heer genugſam ſeinen Schmerz über den großen Republikaner manifeſtirt hatte, zogen die drei Conſuln in die Tuilerieen ein durch das große Thor, zu deſſen beiden Seiten ſich zwei Freiheitsbäume erhoben, welche noch die alte Inſchrift der Republik Auf dem Baum zur Rechten las man:„Der 10. Auguſt 1792“; auf dem zur Linken: „Das Königthum iſt in Frankreich niedergeſchmet⸗ tert und wird ſich niemals wieder erheben.“ Durch dieſe beiden bedeutungsvollen Bäume ſchritt Bona⸗ parte zuerſt in die Tuilerieen. Es war ein ſehr feierlicher, ſehr langer Zug von Wagen, welcher ſich da durch die Straßen von Paris den Tuilerieen zu bewegte. Nur fehlte ihm der äußere Glanz und Pomp, welcher die ſpäteren Feſte des Kaiſerthums ſo bewunderungswürdig machte. Mit Ausnahme des glänzenden Wagens, in welchem die drei Conſuln ſaßen und der von den ſechs Schimmeln, dem Ge⸗ ſchenk des öſterreichiſchen Kaiſers bei Campo Formio, gezogen ward, ſah man nur wenige gute Equipagen; das meiſte waren Miethwagen und Fiacres, auf welchen man die Nummern einfach mit Papier über⸗ klebt hatte. Das neue Frankreich hatte ſich noch keine Staatscaroſſen bauen können, und die des alten Frankreichs waren auf eine zu ſchmachvolle Weiſe gemißbraucht worden, als daß man derſelben ſich jemals wieder bedienen konnte. Denn unmöglich konnte man zu dieſem feierlichen Zug der drei Con⸗ ſuln die Staatscaroſſen der alten Ariſtokratie ver⸗ wenden, welche der demokratiſchen Republik zu Lei⸗ chenwagen für die Hunde gedient hatten.— Das war in den Septembertagen des Jahres 1793 geweſen. Die herrenloſen Hunde der flüchtigen oder gemorde⸗ ten Ariſtokratie trieben ſich damals zu Tauſenden auf den Straßen umher und ſtillten ihren Durſt an dem Blut, welches in Strömen von der Guillotine her⸗ niederfloß und die Gaſſen von Paris mit dem Pur⸗ pur der neuen Volksfreiheit färbte. Der Geruch des friſchen Blutes und die grauſige Nahrung, welche die Guillotine ihnen lieferte, hatte den Hunden ihre u ſprüngliche Wildheit und Blutdürſtigkeit wiedergege⸗ 1* — 61— ben; wer daher bis dahin das Glück gehabt, dem Mordbeil der Sansculotten zu entgehen, mußte jetzt befürchten, den ſcharfen Zähnen der wilden Bluthunde als Opfer zu fallen, und da dieſe Thiere keinen Un⸗ terſchied zwiſchen den Ariſtokraten und Republikanern machten und Beide gleich wüthend anfielen, ſah man ſich endlich genöthigt, dieſe neuen Feinde der Republik zu vernichten. Die Champs Elyſées wurden alſo von der bewaffneten Macht umzingelt, die Hunde ſodann bis in die Rue⸗Royale und auf den Place⸗Royal vorwärts getrieben, wo man ſie mit Flintenſchüſſen erlegte, ſo daß an dieſem einzigen Tage mehr als dreitauſend Hundeleichen auf den Straßen umher lagen. Und dieſe Leichen blieben dort drei Tage liegen, denn es hatte ſich unter den Behörden ein Streit erhoben, welche von ihnen die Pflicht habe, die Leichen zu be⸗ ſtatten. Endlich übernahm der Convent dieſe Pflicht, und übertrug die Ausübung derſelben dem Repräſen⸗ tanten Gasparin, der es verſtand, die Leichenbeſtattung der Hunde zu einer republikaniſchen Ceremonie zu erheben. Es waren ja die Hunde der Cidevants und Ariſtokraten, welche man begraben wollte, und es war daher ſehr billig, daß man ſie mit ariſtokra⸗ tiſchen Ehren beſtattete. Gasparin ließ daher all die Staatskaroſſen der geflüchteten oder gemordeten Ariſtokratie aus ihren Remiſen hervorholen, und in dieſe vergoldeten Wap⸗ penkutſchen des alten Frankreichs legte man jetzt die Hundeleichen. Sechs große Caroſſen des Königs er⸗ öffneten den Zug, und hinter den glänzenden Spie⸗ gelſcheiben ſah man die Schwänze, Köpfe, Leiber und Beine der unglücklichen Hunde in wilder Unordnung aufeinander gehäuft. ³) *) Mémoires de la marquise de Créqui. Vol. VII S. 10. 62— Nach dieſem Hundeleichenbegängniß der einigen und untheilbaren Republik konnte man nicht füglich die goldenen Staatscaroſſen mehr zu einer menſch⸗ lichen Freudenfeier benutzen, und deshalb fehlte es dem Conſulenzug nach den Tullerieen ſo ſehr an Ca⸗ roſſen und deshalb begnügte man ſich mit Fiaeres, deren Nummern verklebt waren. Mit dem Einzug Bonaparte's in die Tuilerieen war die Revolution beendet; Bonaparte legte ſein Siegerſchwert über dieſen gährenden, blutigen Ab⸗ grund, welcher zugleich das Blut der Ariſtokraten und der Demokraten getrunken; er machte dieſes Schwert zu einer Brücke, auf welcher man aus einem Jahrhundert in das andere, und aus der Republik in das Kaiſerreich hinüberſchritt. Wie Bonaparte an der Seite Joſephinens und Hortenſens am Morgen nach dem Einzug in die Tuilerien durch die Dianen Gallerie dahin ſchritt, um mit ſeinen kunſtſinnigen Damen die Statuen zu betrachten, welche er da hatte aufſtellen laſſen, blieb er vor der Statue des jüngern Brutus ſtehen, welche dicht neben der Julius Cäſar's ſich erhob. Er be⸗ trachtete lange und ſinnend die beiden ernſten, feier⸗ lichen Geſtalten. Aber auf einmal, wie aus tiefen Träumen erwachend, warf er ſein Haupt empor und ſeine Hand mit einer haſtigen Bewegung auf Joſe⸗ phinens Schulter legend und mit flammenden, faſt drohenden Blicken zu der Statue des Brutus empor⸗ blickend, ſagte er mit einer Stimme, welche das Herz der beiden Damen erbeben machte: 3 „Es iſt nicht genug, in den Tuilerieen zu ſein, man muß auch darin bleiben! Wer nicht Alles hat ſchon dies Schloß bewohnt?! Straßenräuber und Conventionelle ſogar! Habe ich nicht ſelbſt geſehen, wie die wilden Jakobiner und die Cohorten der Sat — 63— culotten das Palais belagerten und den guten König Ludwig XVI. als Gefangenen fortführten? Ach, ſei ruhig und unbeſorgt, Joſephine! Sie ſollen es nur wagen, noch einmal hierher zu kommen!“*) Und wie Bonaparte vor den Statuen des Brutus und des Julius Cäſar ſtehend, ſo ſprach, hallte ſeine Stimme wie ein grollender Donner durch die lange Gallerie wieder und machte die Geſtalten der Helden der todten Republiken auf ihren Poſtamenten erbeben. Bonaparte aber hob drohend ſeine Arme zu der Statue des Brutus empor, als wolle er in dieſem wilden Republikaner, der den Julius Cäſar ermor⸗ dete, das ganze republikaniſche Frankreich, dem er ein Cäſar und ein Auguſtus zugleich ſein wollte, zum Kampf herausfordern! Die Revolution war geſchloſſen. Bonaparte war mit Joſephinen und ihren beiden Kindern in die Tui⸗ lerieen eingezogen. Der Sohn und die Tochter des Generals Beauharnais, den die Republik gemordet, hatten jetzt einen Vater wieder gefunden, der dieſen Mord an der Republik ſelber zu rächen beſtimmt war. Die Revolution war geſchloſſen. *) Bourienne Vol. IV. S. 3. Zweites Buch. Die Mönigin von Bollandl. Königin Hortenſe. J. 5 J. Eine erſte Liebe. Mit dem Einzug Bonaparte's in die Tuilerieen war die Revolution geſchloſſen und glückſelige Tage des Friedens und der heitern Feſte folgten jetzt. Joſephine und Hortenſe waren der Mittelpunkt aller dieſer Feſte, ſie Beide waren es, welche dieſen Feſten die Grazie und Schönheit, die Liebenswürdigkeit und geiſtige Bedeutſamkeit verliehen. Hortenſe war eine leidenſchaftliche Tänzerin, und Niemand am„Hofe Joſephinens“ tanzte mit ſolcher Grazie und ſo anmuthiger Sittſamkeit, als Hortenſe. Jetzt, wie man ſieht, ſprach man ſchon von dem „Hofe“ der Madame Bonaparte, der mächtigen Ge⸗ mahlin des erſten Conſuls von Frankreich. Jetzt wurden ſchon Audienzen ertheilt, und Joſephine und Hortenſe hatten ſchon einen Hofſtaat, der ſich ihnen mit derſelben Unterwürfigkeit und Demuth näherte, als wären ſie Prinzeſſinnen von Geblüt. Madame Bonaparte fuhr jetzt mit ihrer Tochter in einer reich vergoldeten Kutſche und unter Escorte eines Piquets Soldaten durch die Straßen von Pa⸗ ris, und wo das Volk ihrer anſichtig ward, begrüßte es die Gemahlin und die Tochter des erſten Conſuls mit lauten Jubelrufen. Die Kutſcher und Bedienten — 68— Bonaparte's hatten jetzt eine Livxrée bekommen und erſchienen in grünen Röcken mit Goldſtickerei und Treſſen. Man hatte ſeine Kammerdiener und Lakaien, ſeine Vorreiter und Grooms, man gab glänzende Diners und Soiréen, und man empfing in feierlichen Audienzen die Geſandten der fremden Mächte; denn jetzt hatten alle europäiſchen Mächte die franzöſiſche Republik unter dem Conſulat anerkannt, und da Bonaparte jetzt auch mit England und Oeſterreich Frieden geſchloſſen, ſchickten auch dieſe beiden Mächte ihre Geſandten an den Hof des mächtigen Conſus Bonaparte.— S tatt der Kriegesſtreitigkeiten hatte man in den Tuilerieen jetzt Streitigkeiten um die Toilette, und ob gepudert oder nicht gepudert, das war jetzt eine der großen Fragen der Etiquette, in welcher Joſephine indeß den Ausſchlag gab, indem ſie erklärte:„es ſolle ſich Jeder ſo kleiden, wie es ihm angemeſſen ſcheine, aber ſich beſtreben, dabei den guten Geſchmack walten zu laſſen.“ Seit einiger Zeit nahm indeß Hortenſe weniger lebhaft als ſonſt an den Zerſtreuungen und Feſten Theil, ſeit einiger Zeit ſuchte ſie mehr als ſonſt die Einſamkeit, zog ſie ſich lieber in die Stille ihrer Ge⸗ mächer zurück, und die ſchwermuthsvollen, zarten und innigen Melodieen, welche ſie ihrer Harfe alsdann entlockte, ſchienen ihr eine beſſere Unterhaltung, als die heitern und flatternden Geſpräche, welche man im Salon ihrer Mutter führte. Hortenſe ſuchte die Einſamkeit, denn der Einſam⸗ keit durfte ſie allein vertrauen, was ihr Herz be⸗ wegte, ihr allein durfte Hortenſe geſtehn, daß ſie liebte, liebte mit der ganzen Unſchuld und Energie, der ganzen Gluth und Hingebung einer erſten Liebe. Wie ſelig waren dieſe Stunden des Träumens, des — 69— ahnungsvollen Schauens in die Zukunft, welche ihren ſtrahlenden Blicken das Aufgehen einer neuen Sonne des Glückes zu verheißen ſchienen. Denn dieſe Liebe des jungen Mädchens hatte die geheime Billigung ihrer Mutter und ihres Stiefvaters, und Beide gaben ſich lächelnd den Anſchein, als ob ſie gar nichts ge⸗ wahrten von dem zärtlichen Einverſtändniß, das zwi⸗ ſchen der Tochter Joſephinens und dem erſten Adju⸗ tanten Bonaparte's, dem General Duroe, herrſchte. Nur daß, während Joſephine daſſelbe für die erſte zärtliche Spielerei eines erwachenden Mädchenherzens hielt, Bonaparte ihm eine gewichtigere Bedeutung gab und ernſthaft daran dachte, eine Verbindung zwiſchen Hortenſe und Duroc vorzubereiten. Er wollte alſo vor allen Dingen Duroc eine bedeutſamere und impoſantere Stellung geben und ſchickte ihn deshalb als Geſandten nach Petersburg, um dem Kaiſer Alexander, welcher ſo eben den Thron ſeines Vaters beſtiegen, die Glückwünſche des erſten Conſuls darzubringen. Die armen jungen Liebenden, immer bewacht, immer von der jetzt ſchon mächtiger hervorſchrei⸗ tenden Etiquette beengt, hatten nicht einmal den Troſt, mit einem letzten unbewachten Händedruck, mit einem letzten zärtlichen Schwur ewiger Treue von einander Abſchied nehmen zu können. Aber ſie hofften auf die Zukunft, ſie hofften auf Duroc's Rückkehr, auf den köſtlichen Lohn, den Bonaparte ſeinem Freunde andeutend verheißen— dieſer Lohn war Hortenſens Hand. Bis dahin mußte man ſich begnügen mit dieſem einzigen und ſüßeſten Troſt aller getrennten Liebenden, mit den Briefen, welche man ſich ſchrieb und deren treuer und discreter Beförderer Herr von Bourienne, der Secretär Bonaparte's, war. „Ich ſpielte,“ erzählt Bourienne in ſ einen Me⸗ moiren,„ich ſpielte faſt jeden Abend mit Mademoiſelle — 70— Hortenſe eine Partie Billard, welches ſie ganz vor⸗ trefflich ſpielte. Wenn ich ihr dann ganz leiſe ſagte, „ich habe einen Brief,“ ſo hörte das Spiel ſofort auf, und ſie eilte haſtig auf ihr Zimmer und dahin brachte ich ihr dann den Brief. Ihre Augen füllten ſich ſofort mit Thränen der Rührung und des Ent⸗ zückens und erſt nach langer Zeit ging ſie wieder bhinunter in den Salon, wohin ich ihr vorausge⸗ gangen war.*) Hortenſe, nur mit ihrer jungen Liebe und ihren unſchuldsvollen Zukunftsträumen beſchäftigt, beküm⸗ merte ſich wenig um das, was um ſie her geſchah, und ahnte nicht, daß man ihr junges Herz zum Spielball häuslicher und politiſcher Intriguen zu machen bereit ſei.— Die Brüder Bonapartes, eiferſüchtig und neidiſch auf den Einfluß und die Macht, welche die ſchöne und liebreizende Joſephine auf den erſten Conſul im⸗ mer noch, wie in den erſten Tagen ihrer Ehe, aus⸗ übte, wollten, indem ſie Hortenſe von ihrer Mutter entfernten, Joſephinen einer der mächtigſten Stützen ihrer Macht berauben, und ſich ſelber, indem ſie Jo⸗ ſephine iſolirten, ihrem Bruder näher rücken. Sie kannten ſehr wohl die Liebe, welche Bonaparte, der überhaupt Kinder ſehr liebte, für die Kinder ſeiner Joſephine hegte, ſie wußten, daß Eugéne und Hor⸗ tenſe es eines Tages geweſen, welche, nicht durch Bitten oder Thränen, ſondern nur durch ihr bloßes Daſein, eine Trennung Bonapartes und Joſephinens verhindert hatten.. Dies war damals geweſen, als es den Einflü⸗ ſterungen ſeiner Brüder und Junots gelungen war, *) Bourienne. Vol. IV, S. 319. den aus Aegypten heimkehrenden Bonaparte auf Jo⸗ ſephine eiferſüchtig zu machen. Damals war Bonaparte entſchloſſen geweſen, ſich von einer Frau zu trennen, welcher er indeß nur deshalb ſo ſehr zürnte, weil er ſie ſo ſehr liebte, da⸗ mals hatte er, als Bourienne ihn beſchwor, wenigſtens Joſephine erſt zu hören, bevor er ſie verdammte, und erſt abzuwarten, ob ſie ſich nicht entſchuldigen und er ihr verzeihen könne, geantwortet:„Ich ihr ver⸗ zeihen! Niemals! Wenn ich diesmal Meiner nicht ſicher wäre, würde ich mir das Herz ausreißen und es ins Feuer werfen!“— Und indem Napoleon mit vor Zorn zitternder Stimme ſo ſprach, hatte er mit ſeinen Händen ſeine Bruſt gepackt, als wollte er ſie zerreißen.— Das war am Abend geweſen; als aber am nächſten Morgen Bonrienne in das Arbeits⸗ Cabinet kam, trat ihm Bonaparte lächelnd und ein klein wenig verlegen entgegen. „Nun, Bourienne,“ ſagte er,„Sie werden zufrie⸗ den ſein, ſie iſt hier!— Glauben Sie nicht, daß ich ihr verziehen habe, nein, gewiß nicht! Nein, ich habe ihr heftig gezürnt, ich habe Sie fortgeſchickt. Aber, was wollen Sie, als ſie mich weinend verließ, bin ich ihr nachgegangen; wie ſie gebeugten Hauptes die Treppe hinunterſtieg, ſah ich Eugène und Hortenſe, welche ihr ſchluchzend folgten. Ich habe nicht das Herz, um ungerührt Thränen fließen zu ſehen. En⸗ gene hat mich nach Aegypten begleitet; ich habe mich gewöhnt, ihn als meinen Adoptivſohn zu betrachten; er iſt ſo tapfer und ein ſo guter junger Menſch! Sortenſe ſoll jetzt in die Welt eintreten; Jeder, der ſie kennt, ſagt nur Gutes von ihr. Ich geſtehe es, Bourienne, ihr Anblick hat mich tief gerührt; das Schluchzen dieſer beiden armen Kinder machte mich ſelber traurig. Ich ſagte mir: ſollen ſie die Opfer der Fehler ihrer Mutter ſein? Joſephinen ihrem Bruder; ich ſah es und ſagte nichts. Was konnte ich thun? Man kann nicht Menſch ſein, ohne ſeine ſchwachen Stunden zu haben!“— „Seien Sie überzeugt, General,“ rief Bourienne, 2 daß Ihre Ad doptivkinder es Ihnen lohnen werden!“— „Sie müſſen es, Bourienne, ſie müſſen es, denn es iſt ein großes 8 pfer, was ich Ihnen gebracht habe!“—*) Aber dieſes Opfer hatte doch ſofort ſeinen Lohn gehabt, denn Joſephine hatte ſich zu rechtfertigen ver⸗ mocht, und Bonaparte hatte die freudige Ueberzeugung gewonnen, daß di eBeſchuldigung ſeiner eiferſüchtigen Brüder ungerecht geweſen. Deshalb alſo wollten die Brüder Bonaparteis Hortenſe entfernen, weil ſie wußiten, daß ſie eine Hauptſtütze ihrer Mutter ſei, daß ſie mit dhrai ſanf⸗ ten, überlegenen Geiſt, ihrer achſſten Beſonnenheit, ihrer durchſchauenden und nie zu bethörenden Klug⸗ heit als ein weiſer junger Mentor ihrer ſchönen, liebreizenden, vom Augenbl lick beherrſchten, ein wenig eitlen und ſehr verſchwenderiſchen Mutter zur Seite ſtand. Es war leichter, Joſephinen bei Seite zu drängen, wenn man erſt Hortenſe entfernt hatte. Und Joſe⸗ phine wollte man entfernen, weil ſie den ehrgeizigen Wünſchen der Brüder Bonaparte's hindernd in den Weg trat. Da ſie nicht groß und berühmt ſein konnten durch ſich ſelber, wollten ſie es durch ihren großen Bruder werden, und damit ſie Könige werden konnten, mußte vor allen Dingen erſt Bonaparte eine Krone tragen. Joſephine war dieſem Project *) Bourienne. Vol. Ich rief Eugène zurück. Hortenſe wandte ſich um und folgte mit — 73— entgegen; ſie liebte Bonaparte genug, um die Ge⸗ fahren zu fürchten, welche die Uſurpation der Krone mit ſich führte, ſie war nicht ehrgeizig genug, um nicht ihr jetziges glänzendes und friedliches Loos dem ſtcoolzen aber gefahrvollen Glücke eines Thronhimmels vorzuziehen.— Deshalb mußte Joſep mußte Bonaparte eine andere Gemahlin, in deren Adern legitimes königliches Blut floß und welche es daher wohl zufrieden ſein mußte, eine Krone auf dem Haupte ihres Gemahls zu ſehen! hine eutfernt werden, deshalb Gemahlin wählen, eine II. Louis Bonaparte und Duroc. üder Bonaparte’s beſchäftigten ſich alſo ugen damit, Hortenſe zu entfernen. Sie naparte von der glühenden Liebe des jungen Paares, von den Briefen, welche ſie mit ein⸗ ander wechſelten, ſie machten ihm den Vorſchlag, Duroe mit einem höheren Grade zur italieniſchen Armee zu verſetzen, und ihm dann Hortenſe zu geben. en, großſinnigen, in dieſen vor allen erzählten Bo Sie beredeten den argloſ kleinen Dingen leicht zu täuſchenden Helden, darum chenden, weil er mit großen Plänen und leicht zu täuſ großen Dingen beſchäftigt war, ſie beredeten ihn, die projectirte Verbindung jetzt noch als ein Geheim⸗ niß zu bewahren, und bei Duroe's baldiger Rückkehr das junge Paar und auch Joſephine damit zu über⸗ raſchen. — 71— Aber Joſephine hatte diesmal die Pläne ihrer feindlichen Schwäger durchſchaut; ſie fühlte, daß ihre ganze Exiſtenz, ihre ganze Zukunft gefährdet ſei, wenn ſie nicht in der Familie Bonaparte's ſelber ſich Freunde und Bundesgenoſſen zu erwerben vermöchte. Es war nur Einer unter den Brüdern Bonaparte's, welcher ihr nicht feindlich geſinnt war, ſondern der ſie liebte, als die Gemahlin ſeines Bruders, dem er damals noch mit ſchwärmeriſcher und unterwürfiger Zärtlich⸗ keit ergeben war. Dieſer Eine war Bonaparte's jüngſter Bruder Louis, ein junger Mann von ernſtem, ſtillem Weſen, mehr Gelehrter als Krieger, mehr Mann der Wiſſ ſchaft als des Staatsraths und des Salons. Eine ſchüchterne, ſtille, in ſich abgeſchloſſene Natur, die in⸗ deſſen unter ihrer anſcheinenden Sanftmuth für den rechten und entſcheidenden Moment eine unbeugſame Entſchloſſenheit und Energie entwickelte, und dann weder durch Bitten noch durch Drohungen einzu⸗ ſchüchtern war. Eine wenig gefällige, etwas linkiſche äußere Erſcheinung, die nur in den Momenten der Erregung imponirte durch das machtvolle Aufblitzen dieſer großen blauen Augen, die gemeinhin mehr nach innen als nach außen ſchauten. Louis Bonaparte war eine dieſer tiefen, gehalt⸗ vollen, unſcheinbaren und glanzloſen Naturen, die man zu ſelten verſteht, weil man in dem lauten Ge⸗ triebe des Lebens nicht die Zeit und die Muße hat, ſie zu ergründen. Nur eine Schweſter oder eine Mut⸗ ter ſind im Stande, Männer dieſer Art zu begreifen und zu lieben, weil das trauliche Beiſammenſein lan⸗ ger Jahre ihnen die verſchloſſene Blüthe dieſer Sen⸗ ſitive, die vor jeder rauhen Berührung der Welt ſich ſchaudernd zuſammenzieht, geöffnet hat,— aber ſel⸗ ten werden ſie eine Geliebte finden, denn da ihr Herz ——— — 75 zu ſchüchtern iſt, um zu ſuchen, giebt ſich Niemand die Mühe, es zu finden.. Dieſer junge, kaum vierundzwanzigjährige Bruder ihres Gemahls ſchien Joſephinen dazu geeignet, ihr eine Stütze in der Familie Bonaparte's zu gewähren. Madame LCactitia liebte ihn nach ihrem Napoleon am zärtlichſten, er war, als der jüngſte, der verzogene Liebling aller ſeiner Brüder, die ihn nicht fürchteten, weil er weder egoiſtiſch, noch ehrgeizig genug war, ihre Pläne zu durchkreuzen, ſondern ſie ſtill gewäh⸗ ren ließ und nur verlangte, daß man auch ihn in ſeinen ſtillen und ruhigen Neigungen gewähren laſſe. Er war der Vertraute ſeiner jungen, ſchönen Schwe⸗ ſtern, die immer gewiß waren, an ihm einen beſon⸗ nenen Rathgeber, niemals aber einen Verräther zu finden, und endlich war er Derjenige von ſeinen Brü⸗ dern, dem Napoleon am aufrichtigſten und wärmſten zugethan war, weil er ihn hochſchätzen mußte wegen ſeiner noblen Eigenſchaften, und weil er niemals von ihm wie von ſeinen andern Brüdern beläſtigt ward. Denn der Ehrgeiz und die Habgier Jerome's, Jo⸗ ſeph's und Lucian'’s waren ſchon damals für Bona⸗ parte eine Quelle des Unmuths und der Widerwär⸗ tigkeiten. „Wenn man meine Brüder hört, und mit wel⸗ chem Ungeſtüm ſie täglich von mir neue Summen fordern, ſo ſollte man wahrhaftig glauben, ich hätte ihnen das Erbtheil ihres Vaters aufgegeſſen,“ ſagte Bonaparte eines Tages zu Bourienne nach einer heftigen Scene, die er mit Jerome gehabt, und die, wie immer, damit endete, daß Jerome eine neue An⸗ weiſung auf die Privat⸗Chatoulle des erſten Conſuls erhalten hatte. Louis aber verlangte niemals Geld, ſondern zeigte ſich immer dankbar zufrieden mit dem, was Bona⸗ 8* parte ihm unaufgefordert bewilligte, und niemals gab es für ihn Streitigkeiten mit den Lieferanten zu ſchlichten oder Schulden zu bezahlen. Dieſer letztere Umſtand war es, der Joſephine mit einer Art achtungsvoller Scheu für ihren jungen Schwager erfüllte. Er verſtand ſo gut, ſich einzu⸗ richten, er machte niemals Schulden. Und das waren Eigenſchaften, welche Joſephine ſo ſehr fehlten, denn ſie konnte es gar nicht vermeiden, Schulden zu haben. Wie viel Verdrießlichkeiten, wie viel Angſt und Sorge hatten ihr ihre Schulden nicht ſchon verurſacht, wie oft hatte ihr Bonaparte deshalb ſchon gezürnt, wie oft hatte ſie verſprochen, ſich zu ändern, und niemals mehr zu kaufen, als ſie im Stande ſei, zu bezahlen. Aber dieſe Aenderung war ihrer ſorgloſen und großmüthigen Natur eine Unmöglichkeit, und wie ſehr ſie ſonſt ihres Gemahls zornblitzende Augen und ſein donnerndes Scheltwort fürchtete, in dieſem Einem Punkte konnte ſie ſeinen Zorn nicht vermeiden, denn in dieſem Einem Punkte verfiel die reuige Sünderin immer wieder in neue Sünde,— ſie machte immer wieder Schulden! Louis aber machte niemals Schulden, er war grade ſo bedachtſam und ordentlich, wie ihre Hortenſe, und darum meinte Joſephine, dieſe beiden jungen ordent⸗ lichen, bedachtſamen Naturen müßten gut zu einander paſſen und mit ihren Herzen eben ſo beſonnen zu wirthſchaften verſtehen, wie mit ihrer Börſe. 3 Sie wollte alſo Louis Bonaparte zu ihrem Schwie⸗ gerſohn machen, um ihr eigenes Schickſal dadurch zu ſtützen und zu verfeſtigen. Joſephine hatte ſchon ein ahnungsvolles Grauen vor der Zukunft und es konnte ihr zuweilen geſchehen, daß ſie den machtvollen Adler, der über ihrem Haupte ſchwebte, für den drohenden Vogel des Unglücks hielt, deſſen unheilvolles Gekrächze ſie zuweilen in der Stille der Nacht zu vernehmen glaubte. Die Negerin auf Martinique hatte zu ihr geſagt: „Du wirſt mehr ſein, als eine Königin.“ Aber jetzt hatte Joſephine die neue Zauberin in Paris, Madame Villeneuve, beſucht, und dieſe hatte zu ihr geſagt: „Sie werden eine Krone auf Ihrem Haupte tragen, aber nur auf kurze Zeit.“ Nur auf kurze Zeit! Joſephine war zu jung, zu glücklich und zu geſund, um an ihren baldigen Tod denken zu müſſen, es war alſo etwas Anderes, was ſie bedrohte. Es war vielleicht eine Scheidung; ſie hatte keine Kinder, und Bonaparte wünſchte ſo ſehr, einen Sohn zu haben, und ſeine Brüder wiederholten ihm täglich, daß dies für ihn eine politiſche Noth⸗ wendigkeit ſei. Joſephine zitterte alſo für ihre eigene nkunft, ſie ſtreckte angſtvoll ihre Hände nach Hülfe aus, und in dem Egoismus ihres eigenen Kummers verlangte ihrer Tochter, daß ſie den Traum ihres eige⸗ Mutter ſie von il nen Glückes dem wirklichen Glück ihrer opfern ſolle! Aber Hortenſe liebte! Ihr junges Herz. bäumte ſich auf bei dem Gedanken, nicht blos ihrer Liebe ent⸗ ſagen, ſondern einem ungeliebten Manne, einem Manne, der ſie nie beachtet und den ſie kaum jemals gewahr geworden, ſich vermählen zu ſollen. Sie hielt es für unmöglich, daß man von ihr fordern könne, ſie ſolle ihr eigenes, ſchönes und heiliges Glück einer kalten Berechnung, einer künſtlichen Familien⸗In⸗ trigue opfern. Mit aller Begeiſterung einer erſten Liebe ſchwur ſie, eher ſterben zu wollen, als ihrem Geliebten zu entſagen. 4 „Aber Duroe hat Dir kein Glück und keine Zu⸗ tunft zu bieten,“ ſagte Joſephine.„Was er iſt, iſt 78— er nur durch die Freundſchaft Bonaparte's. Er hat kein Vermögen, keine Bedeutung, keinen Ruhm. Wenn Bonaparte ihn verläßt, fällt er in das Nichts und die Dunkelheit zurück.“ Hortenſe antwortete, unter Thränen lächelnd:„Ich liebe ihn und ich habe keinen andern Ehrgeiz, als ſeine Gattin ſein zu wollen!“ „Aber Er? Meinſt Du, daß auch Er keinen an⸗ dern Ehrgeiz hat, als nur Dein Gatte ſein zu wol⸗ len? Meinſt Du, daß er Dich liebt um Deiner Selbſt willen?“ „Ich weiß es,“ ſagte das junge Mädchen mit ſtrahlenden Augen,„Duroc hat mir geſagt, daß er mich und nur mich liebt. Er hat mir ewige Treue, ewige Liebe geſchworen! Wir Beide verlangen nichts, als einander angehören zu dürfen!“ Joſephine zuckte faſt mitleidig die Achſeln.„Und wenn ich behaupte, daß Duroc nur deßhalb Dich hei⸗ rathen will, weil er ehrgeizig iſt und meint, daß Bonaparte alsdann ihn raſcher befördern wird?“ „Das iſt eine Verleumdung, eine Unmöglichkeit!“ rief Hortenſe, in edlem Zorn erglühend.„Duroc liebt mich, und ſeine edle Seele iſt fern von aller eigennützigen Berechnung.“ „Und’ wenn ich Dir das Gegentheil beweiſe?“ fragte Joſephine, gereizt von dem Widerſtand ihrer Tochter und grauſam in ihrer Sorge für ihr eigenes Glück. Hortenſe erbleichte und ihre ſo begeiſterte, ſo ſchöne Zuverſicht ward wie von einem eiſigen Todesſchauer angehaucht. „Wenn Du mir das beweiſen kannſt,“ ſagte ſie matt,„wenn Duroc mich nur aus Ehrgeiz liebt, dann bin ich bereit, ihm zu entſagen, und zu heira⸗ then, wen Du willſt!“ Joſephine triumphirte.„Duroe kehrt heute von ſeiner Reiſe zurück,“ ſagte ſie,„in drei Tagen will ich Dir den Beweis geben, daß er nicht Dich liebt, ſondern nur die Verwandtſchaft, die Du ihm bieteſt.“ Hortenſe hatte von den Worten ihrer Mutter nur den Anfang gehört, nur„Duroc kehrt heute zurück.“ Was kümmerte ſie alles Andere! Sie ſollte ihn wie⸗ derſehen, ſie ſollte aus ſeinem männlich ſchönen Ge⸗ ſicht ſich Troſt und Zuverſicht leſen! Sie bedurfte deſſen nicht einmal, denn ſie glaubte an ihn, und nicht der leiſeſte Zweifel trübte ihr ſeliges Wieder⸗ ſehen! Aber Joſephinens ſchöne Hände waren indeſſen geſchäftig, das Netz dieſer Intrigune immer mehr zu verfeſtigen. Sie bedurfte durchaus in der Familie eine Stütze gegen die Familie, deshalb mußte Louis Hortenſens Gemahl werden. Bonaparte ſelber war dieſer Verbindung entgegen und ganz entſchloſſen, Duroc mit ſeiner Stieftochter zu vermählen. Aber Joſephine wußte ihn mit Bitten, mit Vorſtellungen, mit Schmollen und Zärtlichkeit wenigſtens ſchwankend zu machen in ſeinem Entſchluß, ſie wußte ihrem Gemahl mit ſo liebenswürdiger Be⸗ redtſamkeit auseinander zu ſetzen, daß. Duroe Hor⸗ tenſe gar nicht liebe, ſondern nur eine ehrgeizige Speculation mit ihr machen wolle, daß Bonaparte beſchloß, ihn wenigſtens zu prüfen, und verſprach, wenn Joſephine Recht gehabt, Hortenſe mit ſeinem Bruder zu vermählen. Nach dieſer letzten Uebereinkunft mit Joſephinen kehrte Bonaparte wieder in ſein Arbeits⸗Cabinet zu⸗ rück, wo er Bourienne wie immer an ſeinem Schreib⸗ tiſche fand. „Wo iſt Duroc?“ fragte er haſtig. „Er iſt ausgegangen. Ich glaube in die Oper.“ 80 „So wie er zurückkommt, ſagen Sie ihm, daß, da ich ihm Hortenſe verſprochen habe, er ſie heirathen ſoll. Aber ich will, daß es ſpäteſtens in zwei Tagen geſchehe. Ich gebe Hortenſen fünf Mal hundert⸗ tauſend Franes; ich ernenne Duroc zum Comman⸗ danten der achten Militär⸗Diviſion. Den Tag nach ſeiner Hochzeit wird er mit ſeiner Frau uach Toulon abreiſen, und wir werden getrennt leben. Ich will keinen Schwiegerſohn in meinem Hauſe haben. Da ich dieſe Sache endlich beendigt ſehen will, ſo ſagen Sie mir noch heute, ob Duroc meine Vorſchläge au⸗ nimmt.“ „Ich glaube es nicht, General!“ „Nun gut! Dann wird Hortenſe meinen Bruder Louis heirathen!“ „Wird ſie es wollen?“ „Sie wird es wollen müſſen, Bourienne!“— Spät am Abend kam Duroc und Bourienne theilte ihm genau und Wort für Wort das Ultima⸗ tum des erſten Ehnſuls mit. Duroe hörte ihm aufmerkſam zu, aber während Bourienne ſprach, verfinſterte ſich ſein Antlitz mehr und mehr. „Wenn es ſo iſt,“ rief er endlich, als Bourienne ſchwieg,„wenn Bonaparte nichts weiter für ſeinen Schwiegerſohn thun will, ſo muß ich, ſo weh es mir thut, einer Heirath mit Hortenſen entſagen, und ſtatt nach Toulon zu gehen, werde ich dann in Paris bleiben können.“ Und ohne eine Spur von Aufregung und Kum⸗ mer nahm Duroe ſeinen Hut und ging. Denſelben Abend noch erhielt Joſephine von ihrem Gemahl die Einwilligung zur Vermählung ihrer Tochter mit Louis Bonaparte. Denſelben Abend noch theilte Joſephine ihrer Toch⸗ . . — 81— ter mit, daß Duroe die Probe nicht beſtanden, daß er ihr aus Ehrgeiz jetzt entſagt habe, wie er ſie frü⸗ her aus Ehrgeiz geliebt hatte. Hortenſe ſtarrte ihre Mutter mit thränenloſen Blicken an. Sie hatte kein Wort der Klage oder des Blitzſtrahl herniedergefahren war und ihre Liebe, ihre Hoffnung, ihre Zukunft und ihr Glück für immer zerſchmettert hatte. Ei 3 Aber ſie hatte nichr mehr die Kruft undden Wil⸗ len, dem Unheil, das ſeine Ketten nach ihr ausge⸗ worfen, entfliehen zu wollen; ſie unterwarf ſich ihm. Sie war von der Liebe ſelber verrathen worden, was kümmerte ſie nun noch ihre Zukunft, ihr zerpflücktes, blüthenleeres, duftloſes Leben, da Er ſie verrathen, Er, der Einzige, den ſie geliebt. Am andern Morgen trat Hortenſe gefaßt und lächelnd in das Cabinet Joſephinens und erklärte ſich bereit, die Wünſche ihrer Mutter zu erfüllen und Louis Bonaparte's Gattin zu werden. Joſephine ſchloß ſie freudejauchzend in ihre Arme. Sie ahnte nicht, welch eine Nacht der Qualen und Schmerzen, der Thränen und der Verzweiflung Hor⸗ tenſe durchkämpft hatte, und daß ihre jetzige lächelnde Nuhe nichts weiter ſei, als die dumpfe Hoffnungs⸗ loſigkeit eines ausgebrannten Herzens. Sie ahnte nicht, daß Hortenſe nur deshalb lächelte, weil Duroe nicht ahnen ſollte, daß ſie leide. Ihre Liebe zu ihm war geſtorben, aber ihr jungfräulicher Stolz war wach geblieben, und der trocknete ihre Thränen und rief ein Lächeln auf ihre widerſtreben⸗ den Lippen, der machte, daß ſie ſich bereit erklärte, den Gemahl anzunehmen, den ihre Mutter ihr ent⸗ gegen führte. Joſephine hatte alſo ihren Zweck erreicht: ſie hatte Königin Hortenſe. I. Vorwurfs, ſie wah ſich und bewußt, daß eben ein⸗ 2 A. 8²2 einen Bruder Bonapaxte’s zu ihrem Sohn gemacht. Nur blieb es nh die Frage, ob ſie durch dieſen neuen Sohn auch den andern Zweck erreichen, ob ſie an ihm eine Stütze gegen die Intriguen der beiden andern Brüder— nden würde! A e. n. 2³ 11f. 2 A*— Conſul oder Rönig. Nur zwei Tage waren zwiſchen der Verlobung des dungen Vrauthaars und ihrer Vermählung. Am 7. Januar 1802 ward Hortenſe dem Bruder des erſten Conſuls, dem jungen Louis Bonaparte ver⸗ mählt; Bonaparte, welcher ſich ſelber mit der Civil⸗ Trauung begnügte, und ſeiner Ehe mit Joſephine niemals die kirchliche Weihe hatte geben laſſen, Bo⸗ naparte war minder nachſichtig und gefällig für dieſe junge Ehe, welche freilich ſehr des himmliſchen Se⸗ gens bedurfte, um dem jungen Paar zum Glück zu gedeihen. Vielleicht glaubte Bonaparte, daß das Be⸗ wußtſein der Unauflöslichkeit ihrer Ehe die Neuver⸗ mählten zu dem ehrlichen und aufrichtigen Streben nach einer gegenſeitigen Zuneigung führen würde, vielleicht war es deshalb, daß er ihnen eine Schei⸗ dung unmöglich machen wollte. Der Cardinal Caprara ward, nachdem der Civil⸗Act beendet war, in die Tuilerieen berufen, und mußte dem jungen Paar den Segen Gottes und der Kirche verleihen. Und nicht ein Wort, ein Blick war bis dahin — 83 zwiſchen den beiden jungen Gatten gewechſelt wor⸗ den! Schweigend beſtiegen ſie, nachdem die Ceremo⸗ nie beendet war, den Wagen, der ſie in ihre neue Wohnung trug, in dieſes kleine Hötel der Straße de la Victoire, welches ihre Mutter in den erſten glück⸗ lichen Wochen ihrer jungen Ehe mit Bonaparte be⸗ wohnt hatte. Jetzt hielt wieder ein junges neuvermähltes Paar in dies Hötel ſeinen Einzug, aber die Liebe kam nicht mit ihnen, die Liebe und das Glück glänzten nicht aus ihrem Angeſicht, wie einſt bei Bonaparte und Joſephinen. Hortenſens Augen waren von Thränen umdüſtert und das Antlitz ihres jungen Gemahls war finſter und mißmuthig. Denn auch er empfand keine Liebe für dieſes junge Weib, und wie ſie ihm nimmer verzieh, daß er ihre Hand angenommen, ob⸗ wohl er wußte, daß ſie einen andern liebe, ſo ver⸗ gaß er ihr niemals, daß ſie eingewilligt, ſeine Gattin zu werden, obwohl nicht er es geweſen, der ſie darum gebeten, und obwohl er ihr niemals geſagt, daß er ſie liebe.— Beide hatten ſie ſich in den Willen Deſſen gebeugt, welcher nicht blos Frankreich, ſondern auch ſeiner eigenen Familie Geſetze vorſchrieb, und welcher ſchon der gebietende Herr der Republik geworden war. Beide hatten ſie ſich vermählt aus Gehorſam, nicht aus Liebe, und das Bewußtſein dieſes Zwanges hob ſich zwiſchen dieſen beiden jungen verſchüchterten und trotzigen Herzen wie eine unüberwindliche Barrière empor. In dem Bewußtſein dieſes Zwanges woll⸗ ten ſie es nicht einmal verſuchen, ſich zu lieben, und Einer neben dem Andern das Glück zu gewinnen, welches anderswo zu finden ihnen verwehrt war. Bleich und trauervoll, im glänzenden Schmuck, aber mit gramvollem Herzen wohnte Hortenſe den Feſten bei, welche man zu Ehren ihrer Vermählung 8 6⸗ gab; mit finſterer Stirn und abgewandtem Angeſicht nahm Louis Bonaparte die Glückwünſche zu dieſer Vermählung entgegen, und während Alles um ſie her eine heitere und freudige Mieue zeigte, während man zu ihren Ehren Feſte gab, tanzte und ſang, war das junge Paar allein trübe und ernſt. Louis ver⸗ mied es, Hortenſe anzureden, und ſie wandte ihre Blicke von ihm weg, vielleicht damit er nicht in den⸗ ſelben ihre tiefe, zürnende Gleichgültigkeit leſen ſolle. Aber ſie mußten ihr Geſchick annehmen; da ſie unauflöslich mit einander verbunden waren, mußten ſie es wenigſtens verſuchen, mit einander zu leben!— Hortenſe, anſcheinend ſo weich und biegſam, ſo mäd⸗ chenhaft, ſchüchtern und zart, beſaß dennoch eine ſtarke und entſchloſſene Seele, und in dem edlen Stolz ihres keuſchen Herzens wollte ſie Keinem das Recht geben, ſie zu bemitleiden. Sie weinte ihre Thränen in ſich hinein und verſuchte wieder zu lächeln, und wär's auch nur geweſen, um zu verhindern, daß Duroc auf ihren eingefallenen Wangen die Spur ihrer Thränen ſehen ſolle! Sie hatte dieſe Liebe aus ihrem Herzen ausgeriſſen und ſie zürnte ſich ſelber, daß da noch eine Wunde zurückgeblieben war. Sie machte keine Anſprüche mehr auf das Glück, aber ihre Jugend, ihr ſtolzes Menſchenbewußtſein empörte ſich dagegen, hinfort nur eine Sclavin des Ungkücks ſein zu ſollen; ſie faßte alſo ihren Entſchluß und mit einem traurigen und ſchwermuthsvollen Lächeln ſagte ſie zu ſich ſelber:„Man muß auch glücklich ſein kön⸗ nen ohne Glück! Verſuchen wir es!“ Sie verſuchte es! Sie lächelte wieder und nahm wieder Theil an den glänzenden Feſten, welche jetzt in St. Cloud, Malmaiſon und in den Tuilerien ſtattfanden, und welche jetzt ſchon nichts weiter waren als der Schwanengeſang der hinſterbenden eyublik, — — A— 85— oder wenn man will, das Wiegenlied der erwachen⸗ den Monarchie. Denn mit jedem Tage mehr näherte man ſich dieſem großen Wendepunkt, an welchem das franzö⸗ ſiche Volk zwiſchen einer ſcheinbaren Republik und einer wirklichen Monarchie wählen mußte. Frankreich war nur noch dem Schein nach eine Republik; die Mon⸗ archie war zwar erſt ein neugebornes, nacktes Kindlein, aber es fehlte nur noch eine kühne Hand, welche den ſtolzen Muth hatte, es mit dem hermelinverbrämten Purpurgewande zu kleiden, um ſofort das hülfloſe Kind in einen ſtolzen, ſiegesgewiſſen Mann zu ver⸗ wandeln. Bonaparte hatte den Muth dazu, aber er hatte den größeren Muth, nur bedächtig und langſam vor⸗ wärts ſchreiten zu wollen. Er ließ das Kindlein Monarchie, das da nackt und hülflos zu ſeinen Füßen lag, noch ein wenig länger zappeln, und damit es nicht gar zu ſehr frieren ſollte, warf er ihm vorläufig den Mantel ſeines Conſulats„auf Lebenszeit“ über. Unter dieſem Mantel konnte das Kindlein ſich ſchon erwärmen und einige Wochen ruhig ſchlummern und ſeines Purpurmantels harren. Bonaparte war jetzt durch den Willen des fran⸗ zöſiſchen Volkes Conſul auf Lebenszeit. Er ſtand vor den Stufen eines Thrones, und es kam nur auf ihn an, ob er dieſe Stufen hinaufſteigen wollte, oder ob er, wie einſt der General Monk, den geflüchteten König zurückrufen und ihm den Thron ſeiner Väter wiederſchenken wollte.— Die Brüder Bonaparte’s wünſchten das Erſtere, Joſephine erflehte von dem Himmel das Letztere. Sie war zu ſehr nur liebendes Weib, um dieſe kalten Freuden des Ehrgeizes zu er⸗ ſehnen, ſie war zu ſehr mit ihrem perſönlichen Glück beſchäftigt, um nicht für daſſelbe zu fürchten. Wenn Bonaparte eine Krone auf ſein Haupt ſetzte, mußte err auch daran denken, der Gründer einer neuen Dy⸗ naſtie ſein zu wollen, und um ſeinen Thron zu be⸗ feſtigen, mußte er ſich einen legitimen Erben an die Seite ſtellen. Joſephine hatte ihrem Gemahl keine Kinder gegeben, und ſie wußte, daß Bonaparte's Brüder Jerome und Lucian ihm mehr als einmal ſchon den Vorſchlag gemacht, ſeine kinderloſe Ehe zu trennen und ſich eine junge Gemahlin zu wählen. 8 Für ſie bedeutete alſo eine Krönung Bonaparte's eine Scheidung von ihm, und Joſephine liebte ihn noch zu ſehr, und zu ſehr mit der Liebe einer jungen Frau, um ein ſolches entſagungsvolles Unglück auf ſich nehmen zu wollen. 1 Zudem war Joſephine im Grunde ihres Herzens eine Royaliſtin, und nannte ganz heimlich den Grafen von Lille, welcher nach ſo vielen Stürmen und Irr⸗ fahrten zu Hartwell in England ein Aſyl gefunden, den legitimen König von Frankreich. Die Briefe, welche der Graf von Lille(der nach⸗ herige König Ludwig XVIII.) an Bonaparte geſchrie⸗ ben, hatten Joſephinens Herz mit tiefer Rührung erfüllt, und in einer Art banger Vorahnung hatte ſie ihren Gemahl beſchworen, dem unglücklichen Bruder des enthaupteten Königs wenigſtens eine milde, ſcho⸗ nende und verſöhnliche Antwort zu geben. Ja, ſie hatte es ſogar gewagt, Bonaparte zu bitten, Das zu erfüllen, was Ludwig von ihm forderte, und ihm den Thron ſeiner Väter wieder zu geben. Aber Bona⸗ parte hatte zu ihrem Vorſchlag nur wie zu einem leichten Kinderſcherz gelacht, es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen, daß man im Ernſt von ihm fordern könne, ſeine Lorbeeren und ſeine Sieges⸗ Trophäen zu den Füßen eines Thrones niederzulegen, den nicht Er, ſondern ein Mitglied dieſer Bourbonen⸗ b — 87— Familie, welche Frankreich auf ewig verbannt hatte, beſteigen ſolle. Ludwig hatte an Bonaparte geſchrieben:„Ich kann's nicht glauben, daß der Sieger von Lodi, Ca⸗ ſtiglione und Arcole, der Eroberer von Italien und Aegypten nicht den wahren Ruhm einer eitlen Be⸗ rühmtheit vorziehen ſollte. Indeß verlieren Sie eine koſtbare Zeit. Wir können den Ruhm Frankreichs ſichern, ich ſage wir, weil ich dazu Bonaparte's bedarf, und weil er es nicht ohne mich vollenden kann.“ Aber Bonaparte fühlte ſchon die Kraft, nicht „Wir,“ ſondern„Ich“ zu ſagen und ſein Werk allein zu vollenden. Er antwortete alſo dem Grafen von Lille:„Sie könn hre Rückkehr nach Frankreich nicht wünſchen, denn Sie würden über hunderttau⸗ ſend Leichen dahinſchreiten müſſen. Opfern Sie Ihr Intereſſe der Ruhe und dem Glück Frankreichs. Die Geſchichte wird es ihnen Dank wiſſen.“ Ludwig hatte in ſeinem Brief zu Bonaparte geſagt: „Wählen Sie ſich Ihren Platz, beſtimmen Sie das Schickſal Ihrer Freunde.“ Nun wohl, Bonaparte beſtimmte ſich ſelber ſeinen Platz, aber es war, unglück⸗ licherweiſe für den Grafen von Lille, derſelbe Platz, den dieſer ſich ſelbſt vorzubehalten wünſchte. Joſephine wäre gern bereit geweſen, dem„König“ ſeine Stelle einzuräumen, wenn nur dadurch ihr Ge⸗ mahl ihr erhalten bliebe. Sie ſehnte ſich nicht nach einer Krone, deren freilich ihr ſchönes, anmuthiges Haupt nicht bedurfte, um bewundert zu werden. „Sie werden es nicht vermeiden können, eines Tages Königin oder Kaiſerin zu werden,“ ſagte Bou⸗ rienne einmal zu ihr. Joſephine antwortete mit Thränen:„Mein Gott, ich bin fern davon, dieſen Ehrgeiz zu haben; ſo lange 4. ich lebe, die Frau Bonaparte's, des erſten Conſuls, zu ſein, das iſt Alles, was ich wünſche! Sagen Sie ihm das! Beſchwören Sie ihn, daß er ſich nicht zum König mache.“*) Und Joſephine begnügte ſich nicht, Bourienne zu beauftragen, ihrem Gemahl das zu ſagen, ſie hatte auch den Muth, es ihm ſelber zu ſagen. Eines Tages kam ſie in das Cabinet Bonaparte's, welcher ſich ihr heute beim Déjeuner ungewöhnlich heiter und guter Laune gezeigt. Sie war eingetreten, ohne ſich melden zu laſſen, und näherte ſich jetzt leiſe auf den Fußſpitzen ihrem Gemahl, der ihr den Rücken zugekehrt und ſie noch nicht geſehen hatte. Leiſe ſchlang ſie den Arm um ſeinen Nacken und ließ ſich auf ſeinen Schooß niedergleiten, und ann mit einem Ausdruck unausſprechlicher Liebe und Zär ichkeit ſeine bleichen Wangen und ſein glänzendes braunes Haar ſtreichelnd, ſagte ſie:„Ich bitte Dich, Bonaparte, mache Dich nicht zum König. Dein böſer Bruder Lucian will Dich dazu drängen, aber höre nicht auf ihn.“ Bonaparte lachte.„Du biſt eine Thörin, meine arme Joſephine,“ ſagte er. Es ſind Deine alten Witt⸗ wen aus dem Faubourg St. Germain und vor allen Dingen Deine La Rochefaucould, welche Dir ſolche Mährchen einreden, aber ſie langweilen mich. Laß mich in Ruhe damit!“ Bonaparte hatte Joſephine nur lachend und mit einem Scherzwort abgewieſen, aber mit ſeinen Ver⸗ trauten ſprach er jetzt ſchon ernſthaft davon, eine Krone auf ſein Haupt zu ſetzen. Bourienne ſagte im Laufe eines ſolchen Geſpräches zu ihm:„Sie ſind als erſter Conſul der erſte und berühmteſte Mann in ganz Europa, während, wenn Sie eine Krone auf *) Bourienne. Vol. v. S. 47. 4— 89— Ihr Haupt ſetzen, Sie der Jüngſte der Könige ſein werden und den Andern den Vortritt laſſen müſſen.“ Bonaparte's Augen blitzten höher auf, und mit jenem kühnen und imponirenden Ausdruck, der ihm in den großen und entſcheidenden Momenten eigen war, erwiederte er:„Der jüngſte der Könige? Nun, ſo werde ich alle Fürſten von ihren Thronen verjagen und eine neue Dynaſtie gründen, dann wird man mich doch als den älteſten Fürſten anerkennen müſſen!“ 1 * 1* Iv. Die Verleumdung. Die Verbindung Hortenſens mit dem Bruder Bo⸗ naparte'’s hatte für Joſephine nicht die Reſultate ge⸗ habt, welche ſie davon erhoffte. Sie hatte eine un⸗ glückliche Wahl getroffen, denn Louis Bonaparte war von allen Brüdern des erſten Conſuls derjenige, wel⸗ cher ſich am wenigſten um Politik kümmerte, am we⸗ nigſten dazu geeignet war, Intriguen zu machen. Außerdem hatte dieſe Verbindung die Liebe, welche Louis Bonaparte für Joſephine immer ſonſt empfun⸗ den, bedeutend vermindert. Er zürnte ihr in ſeinem edlen und redlichen Herzen, daß ſie ſo egoiſtiſch ge⸗ weſen, ihrem perſönlichen Wohl das Glück ihrer ei⸗ genen Tochter zu opfern, er zürnte ihr auch, daß ſie ihn gezwungen, in eine Ehe zu treten, welche die Liebe nicht geſchloſſen, und wenn Louis Bonaparte ſich gleichwohl niemals zu den Feinden Joſephinens loren. Seltſam und ungewöhnlich war die Ehe dieſer beiden jungen Leute; ſie hatten einander offen die Abneigung geſtanden, welche ſie für einander fühlten, ſie machten ſich gegenſeitig kein Hehl daraus, daß nur der Zwang ſie zu dieſer Vermählung getrieben. In dieſer ſeltſamen Vertraulichkeit gingen ſie ſo weit, einander zu bemitleiden und ſich als Freunde zu trö⸗ ſten über das Unglück, welches ſie als Gatten em⸗ pfanden. Sie ſagten einander offenherzig, daß ſie ſich nie⸗ mals lieben könnten, daß ſie ſich haßten, aber ſie be⸗ mitleideten ſich ſo ſehr, daß aus dieſem Mitleid die Zärtlichkeit, aus dieſem Haß die Liebe hätte hervor⸗ blühen können. Schon konnte Louis ſtundenlang neben ſeiner jungen ſchönen Frau ſitzen, bemüht, mit heiterem Scherzwort ſie zu zerſtreuen und die Schatten von ihrer Stirn zu verjagen, ſchon hielt Hortenſe es für ihre heiligſte und ſüßeſte Pflicht, ihren Gemahl durch freundliches Entgegenkommen und zarte, aufmerkſame Beachtung für das Unglück zu entſchädigen, das er an ihrer Seite empfand, ſchon tröſteten ſie einander damit, daß das Kind, welches Hortenſe jetzt unter ihrem Herzen trug, ihnen dereinſt Beiden ein Lohn und eine Vergeltung ſein werde für ihre unglückliche Ehe und ihre verlorene Freiheit. „Wenn ich Ihnen einen Sohn ſchenke,“ ſagte Hortenſe lächelnd,„und wenn er Sie einſt mit dem ſüßen Worte„Vater“ anredet, dann werden Sie mir verzeihen, daß ich ſeine Mutter bin.“ „Und wenn Sie den Sohn an das Herz drücken, wenn Sie fühlen, daß ſie ihn grenzenlos lieben,“ 4 geſellte, ſo hatte ſie doch an ihm einen Freund ver⸗ 1 3 ——;— — agte Louis,„dann werden Sie mir verzeihen, da g 3 ich Ihr Gemahl bin, dann werden Sie mich wenig⸗ ſtens nicht mehr haſſen, denn ich werde der Vater Ihres geliebten Kindes ſein.“ Hätte man dieſen jungen, reinen und unſchulds⸗ vollen Herzen Zeit gelaſſen, ſich ſelber zu begreifen und zu verſtehen, ſo würden ſie das Unglück beſiegt und aus dem Haſſe ſich die Liebe geboren haben. Aber die Welt war ihnen erbarmungslos und grau⸗ ſam, ſie hatte kein Mitleid mit ihrer Jugend und ihrem Leid, ſie zerſtörte mit harter Hand dieſe zarte Blüthe einer zukünftigen Liebe, welche da in ihrem Herzen zu knospen begann.— Joſephine hatte Hor⸗ tenſe an ihren Schwager vermählt, um durch ihn eine Stütze in der Familie zu haben, um ihre Toch⸗ ter an ihrer Seite zu behalten; jetzt machte man ihre eigene Tochter zu einer Zielſcheibe hämiſcher Angriffe und boshafter Verleumdnngen, jetzt wollte man ein anderes Mittel verſuchen, Hortenſe zu entfernen. Man hatte es nicht durch eine Heirath vermocht, jetzt wollte man es durch die Verleumdung verſuchen. Man flüſterte einander in's Ohr, daß Bonaparte nur deshalb ſeine Stieftochter mit ſeinem Bruder vermählt habe, weil er ſelber Hortenſe liebe, weil er ſelber eiferſüchtig geweſen auf Duroc, man ging in dieſen ſchamloſen Verleumdungen ſo weit, daß man ſogar anzudeuten wagte, das Kind, welches Hortenſe Na lee Aℳ ah er 2. h e eee — 92 ſätzen war und wie widerlich es ihm daher ſein mußte, ſich ſelber zum Gegenſtand ſolcher ſchmachvollen Ver⸗ leumdungen gemacht zu ſehen. Man rechnete darauf, daß er, um dieſen Verleum⸗ dungen ein Ende zu machen, ſeinen Bruder Louis und Hortenſe von ſich entfernen würde, und dann ſtand Joſephine ganz allein und vereinſamt da, dann war es leichter, ſie zu entfernen und Bonaparte von ſeinem Schutzgeiſt zu trennen, der ihm mit ſchmei⸗ chelndem Flehen in's Ohr flüſterte:„Bonaparte, mache Dich nicht zum König! Sei damit zufrieden, der größte Mann zu ſein! Setze nicht eine Krone auf Dein Haupt, mache Dich nicht zum König!“ In Paris, wie geſagt, flüſterte man ſich dieſe ſchnachvollen Verleumdungen nur leiſe in's Ohr, aber im Auslande ſprach man deſto lauter da⸗ von. Die Feinde Bonaparte's bemächtigten ſich dieſes alenden Gerüchtes und machten daraus eine Waffe, mit welcher ſie wenigſtens Bonaparte als Menſch angreifen wollten, da er als Held unangreif⸗ bar ſchien. Eines Morgens las Bonaparte ein engliſches Journal, welches ihm immer feindlich geweſen, und welches, wie er wußte, das Organ des in Hartwell wohnenden Grafen v. Artois war. Eine finſtere Wolke zog, während er las, über die Stirn des erſten Conſuls und mit einer zornigen Bewegung zerknit⸗ terte er das Papier in ſeiner geballten Fauſt. Dann plötzlich erhellte ſich ſein Antlitz und ein ſtolzes Lä⸗ cheln flog darüber hin. Er ließ ſeinen Haushofmei⸗ ſter rufen und befahl ihm, ſofort die nöthigen Ein⸗ ladungen zu einem Ball ergehen zu laſſen, den er am nächſten Tage in St. Cloud geben wolle. So⸗ dann begab ſich Bonaparte ſelber zu Joſephine, um ihr die Nachricht von dem morgenden Feſte zu bringen, 4— 93 und ſie zu beauftragen, Hortenſen, welche ſeit einiger Zeit leidend war, zu ſagen, daß er durchaus von ihr fordere, morgen auf dem Balle zu erſcheinen. Hortenſe war es zu ſehr gewohnt, den Befehlen ihres Stiefvaters zu gehorſamen, als daß ſie es ge⸗ wagt haben ſollte, ihm zu opponiren. Sie erhob ſich von ihrer Chaise longue, auf welcher ſie ſeit Wochen ſchon träumend und ſinnend zu liegen pflegte, und befahl ihren Frauen, ſie zu dem Feſte zu ſchmücken. Sie fühlte ſich leidend und beläſtigt von dieſem Putz, der ſo wenig zu ihrer Stimmung und auch zu ihrer Figur paßte, denn ſie erwartete ſchon in einigen Wo⸗ chen ihre Entbindung, aber in ihrem ſanften und ergebenen Sinn wagte ſie es nicht einmal, mit einem Gedanken zu murren gegen dieſen Zwang, welchen der Befehl ihres Stiefvaters ihr auferlegte. Sie begab ſich alſo zur feſtgeſetzten Stunde nach St. Cloud zu dem Ball. Bonaparte kam ihr mit einem freundlichen Lächeln entgegen, und ſtatt ihr dafür zu danken, daß ſie überhaupt gekommen, for⸗ derte er ſie dringend auf zu tanzen. Hortenſe ſah ihn erſtaunt an. Sie wußte, daß Bonaparte ſonſt den Anblick einer ſchwangern Frau gern vermied; er hatte oft geſagt, daß er nichts in⸗ decenter finde, als eine ſchwangere Frau tanzen zu ſehen, und jetzt war Er es, welcher ſie dazu auf⸗ forderte. Hortenſe weigerte ſich daher, dem Wunſche des erſten Conſuls zu genügen, aber Bonaparte ward nur um ſo dringender und lebhafter in ſeinem Begehren. „Du weißt, wie gerne ich Dich tanzen ſehe, Hor⸗ tenſe,“ ſagte er mit ſeinem unwiderſtehlichen Lächeln. „Alſo thue es mir zu Liebe, tanze, wenn auch nur ein einziges Mal, wenn auch nur einen einzigen Contretanz!“ 3 Und Hortenſe, obwohl widerſtrebend, obwohl ſcham⸗ voll erröthend, ſich ſo in dieſer unförmlichen Geſtalt den Blicken Aller Preis zu geben, Hortenſe gehorchte dennoch und tanzte⸗— Das war in der Nacht geſchehen; wie ſehr alſo mußte Hortenſe erſtaunen, ſchon am nächſten Morgen in dem Journal, welches ſie las, ein Gedicht zu le⸗ ſen, welches in entzücken eden und ſchmeichleriſchen Worten von ihrem Tanze ſprach und es als eine beſondere Liebenswürdigkeit pries, daß Hortenſe, trotz ihrer vorgerückten Schwangerſchaft, dennoch einen Contretanz getanzt habe. Hortenſe fühlte ſich durch dieſes emphatiſche Ge⸗ dicht nicht geſchmeichelt, ſondern beleidigt, und ſie eilte ſofort nach den Tuilerieen, um ſich bei ihrer Mutter zu beklagen und zu befragen, wie es möglich ſei, daß ſchon in den Zeitungen des nächſten Morgens Ge⸗ dichte, über das ſich befinden könnten, was ſich auf dem Ball während der Nacht begeben. Bonaparte, welcher ſich eben bei Joſephinen befand, als Hortenſe eintrat, und an den ſie jetzt zuerſt ihre Frage richtete, gab ihr nur eine ausweichende, ſcherzende Antwort und entfernte ſich, Hortenſe wandte ſich dann an ihre Mutter, an Joſephine, welche da mit verweinten Augen und gramvollem Herzen auf dem Divan lehnte. Ihr hatte Bonaparte keine ausweichende Antwort ge⸗ geben, ihr hatte er die volle Wahrheit geſagt, und Joſephinens Herz war jetzt noch zu kummervoll, zu überfüllt, von dieſem neuen, bittern Weh, als daß ſie es vermocht hätte, daſſelbe ſchweigend in ſich zu verſchließen. Hortenſe verlangte eine Erklärung und ihre Mut⸗ ter gab ſie ihr; ſie ſagte ihr, daß Bonaparte ſie nur gebeten habe, einen Contretanz zu tanzen, weil er das Gedicht über denſelben ſchon vorher von dem — 95— Poeten Esmenard habe anfertigen laſſen, daß er den Ball nur befohlen habe, damit Hortenſe tanzen, damit das Gedicht, welches von Hortenſens Schwangerſchaft und ihrem Contretanz ſprach, am andern Morgen in der Zeitung erſcheinen könne. Und als Hortenſe entſetzt nach dem Grund aller dieſer Veranſtaltungen forſchte, hatte Joſephine den grauſamen Muth, ihr von den Verleumdungen zu erzählen, welche man über ſie und Bonaparte ver⸗ breitet habe, ihr zu ſagen, daß Bonaparte das Ge⸗ dicht, ihren Tanz und den Ball überhaupt nur deshalb gewollt habe, weil er geſtern in einem engliſchen Journal die verleumderiſche Anzeige geleſen, Madame Louis Bonaparte ſei ſchon vor einigen Wochen von einem geſunden und kräftigen Kinde glücklich entbun⸗ den worden, und weil er dieſe boshafte Anzeige auf dieſe Weiſe habe widerlegen, wollen. Hortenſe empfing dieſe neue Wunde mit einem kalten, verächtlichen Lächeln. Sie hatte für dieſe un⸗ erhörte Beleidigung, dieſe ſchmachvolle Verleumdung kein Wort des Zornes oder der Indignation, ſie weinte nicht und klagte nicht, nur als ſie ſich erhob, um ihre Mutter zu verlaſſen, ſank ſie ohnmächtig zuſammen, und es bedurfte ſtundenlanger Bemühungen, um ſie in's Leben zurückzurufen. Einige Wochen ſpäter gebar Hortenſe einen todten Knaben, und damit war ihr letzter Traum von Glück zerſtört, damit war die Hoffnung einer Annäherung zwiſchen ihr und ihrem Gemahl auf immer vernichtet. Hortenſe erhob ſich von ihrem Krankenlager mit einem feſten und entſchloſſenen Herzen; in dieſen langen und einſamen Tagen, die ſie auf ihrem Lager verbracht, hatte ſie Muße und Zeit gehabt, Vieles zu bedenken, Vieles zu durchſchauen, und mit ſcharfem Blick ihre ganze Stellung und ihre Zukunſt zu er⸗ . 8 — 96— wägen. Sie war jetzt Mutter geworden, ohne ein Kind zu haben; indeß die Energie und Entſchloſſen⸗ heit einer Mutter war ihr geblieben. Das junge, ſanfte, träumeriſche, ſchwärmeriſche Mädchen hatte ſich jetzt in ein entſchloſſenes, thatkräftiges, energie⸗ volles Weib verwandelt, das ſich nicht mehr dem Unglück gramvoll beugen, ſondern ihm eine ſtolze, klare Stirn entgegenſtellen wollte. Da ihr Schickſal unabänderlich war, nahm ſie es an, aber ſie wollte ſich von demſelben nicht mehr unterjochen laſſen, ſon⸗ dern ſie wollte es beherrſchen, ſie wollte verſuchen, glücklich zu ſein, nicht durch das Herz ſondern durch den Geiſt, und da es ihr denn verſagt war, eine ſchöne, ſtillbefriedigte, harmoniſche Häuslichkeit zu haben, ſo wollte ſie verſuchen, ihr Haus wenigſtens zu einem angenehmen Mittelpunkt für ihre Freunde, für die Männer der Wiſſenſchaft und der Künſte, für die Dichter und Sänger, für die Maler und Bild⸗ hauer, für die Gelehrten und Künſtler zu machen. Bald ſprach man in ganz Paris von dem„Salon der Madame Louis Bonaparte,“ von den heitern, kunſtvollen Feſten, welche man dort veranſtaltete, von den Concerten, welche dort ſtattfanden, in denen die erſten Sänger der großen Oper die Compoſitionen Hortenſens aufführten, in denen Talma mit ſeiner wunderbar klangvollen Stimme die Poeſieen Hor⸗ tenſens recitirte; Jedermann ſehnte ſich, Zutritt zu haben zu dieſen Soiréen, in denen man nicht blos repräſentirte, ſondern ſich amüſirte, in denen man nicht mediſirte und einander verläſterte, ſondern wo man edlere und beſſere Gegenſtände der Unterhaltung fand, wo man die Werke der Künſtler und Dichter bewunderte und des wiedererwachenden Geiſteslebens ſich freute. Hortenſe wollte, da ſie das Leben einmal ange⸗ — 97— nommen hatte, ſich daſſelbe ſo viel wie möglich ver⸗ ſchönern, und das Häßliche und Abſtoßende, welches es enthielt, wollte ſie nicht ſehen, ſondern wandte ſich mit einem edlen verachtungsvollen Stolz davon ab. Niemals hatte ſie nur mit Einem Wort jener ent⸗ ſetzlichen Verleumdungen gedacht, welche ihre Mutter ihr hinterbracht, niemals hatte ſie es für möglich er⸗ achtet, daß es ihrerſeits einer Rechtfertigung, einer Darleguug ihrer Unſchuld bedürfe. Sie fühlte, daß es Anſchuldigungen gebe, gegen die zu ſtreiten ſchon eine Annahme ihrer Möglichkeit ſei, und die man daher nur durch Schweigen bekämpfen müſſe; dieſe Verleumdung, welche man gegen ſie geſchleudert, lag ſo tief unter ihr, daß ſie ſie nicht erreichen konnte, daß ſie machtlos zu ihren Füßen niedergefallen war, und daß ſie es nicht einmal der Mühe werth.hielt, ſie mit dem Fuß von ſich zu ſtoßen. 8 e Aber Bonaparte fühlte ſich immer noch beleidigt und verletzt von dieſer Verleumdung, und es kränkte ihn tief, daß dieſe Gerüchte immer noch fortdauerten, daß ſeine Feinde ſich bemühten, ſie immer auf's Neue wach zu rufen, um ſeine ruhmvoll errungenen Lor⸗ beeren mit dem Schatten eines ſchmachvollen Ver⸗ brechens zu verdüſtern. „Man verbreitet immer noch das Gerücht von einer Liaiſon zwiſchen mir und Hortenſe,“ ſagte er eines Tages zu Bourienne.„Man hat ſogar abſcheu⸗ liche Dinge über ihr erſtes Kind ausgeſprengt. Ich glaubte damals, daß man dieſe Gerüchte nur im Pu⸗ blikum ausgebreitet habe, weil dies ſo ſehr wünſchte, daß ich ein Kind haben möchte, einen Erben meines Namens. Aber, nicht wahr, man ſpricht immer noch davon?“ „Ja General, man ſpricht noch davon, und ich geſtehe, daß ich nicht geglaubt habe, daß ſich dieſe Verleumdung ſo lange erhalten würde.“ Königin Hortenſe. I. „Es iſt wahrhaft abſcheulich,“ rief Bonapaxte mit zornblitzenden Augen;„Sie, Bourienne, Sie wiſſen am Beſten, was daran iſt. Sie haben Alles gehört, Alles geſehen, nicht der kleinſte Umſtand konnte Ihnen entgehen. Sie waren der Vertraute ihres Liebesver⸗ hältniſſes mit Duroc. Ich erwarte von Ihnen, daß, wenn ſie eines Tages über mich etwas ſchreiben, Sie mich von dieſem infamen Vorwurf rein waſchen wer⸗ den; ich will nicht, daß er mich in die Nachwelt escortire. Ich rechne auf Sie, Bourienne, denn nicht wahr, Bourienne, Sie haben niemals an dieſe ab⸗ ſcheuliche Verläumdung geglaubt?“ „Nein, niemals, General. 44 „Ich rechne alſo auf Sie, Bonrienne, nicht blos um meinetwegen, Fonerß auch um der armen Hor⸗ tenſe willen. Sie iſt ohnedies ſchon unglücklich genug und auch mein Bruder iſt es. Ich bekümmere mich darüber, weil ich ſie Beide liebe, und weil da⸗ durch nur die abſcheulichen Gerüchte, welche müßige Schwätzer über meine Beziehung zu ihr verbreiten, neue Nahrung erhalten. Alſo gedenken Sie daran, wenn Sie über mich ſchreiben,“ „Ich werde daran gedenken, General, ich werde die Wahrheit ſagen, aber unglücklicher Weiſe hängt es nicht von mir ab, daß die Wahrheit von der Welt geglaubt werde.“— Aber Bourienne hat jedenfalls ſein Wort erfüllt und die Wahrheit geſagt. Mit einer tiefen Entrüſtung weiſt er dieſe Verleumdung, mit welcher man noch bis auf unſere Zeit das Andenken an Bonaparte und Hortenſe beſudeln möchte, zurück, und in ſeinem Zorn vergißt er ſogar die feine und rückſichtsvolle Sprache der höflichen Diplomaten, welche ihm ſonſt immer eigen iſt. „Man lügt in ſeinen Hals hinein,“ ſagt Bou⸗ — 99— * rienne,„wenn man behauptet, daß Bonaparte für Hortenſe andere Gefühle als die eines Stiefvaters für ſeine Stieftochter hegte!— Hortenſe hatte für den erſten Conſul eine achtungsvolle Furcht, ſie ſprach nur zitternd zu ihm. Niemals wagte ſie ihn um Etwas zu bitten. Sie wandte ſich an mich, ich mußte ihre Wünſche vortragen, und nur, wenn ich bei Bonaparte Widerſtand fand, nannte ich ihm die Bittſtellerin,„„Die kleine Thörin,““ ſagte der erſte Conſul,„„warum ſpricht ſie nicht ſelbſt? Hat ſie denn Furcht vor mir?““ Napoleon hat immer für ſie eine wahrhaft väterliche Liebe gehegt. Er liebte ſie ſeit ſeiner Verheirathung, ſo wie er ein eigenes Kind würde geliebt haben. Ich, welcher Jahre lang Zeuge ihrer Handlungen und ihres intimſten Privatlebens geweſen, ich erkläre, niemals etwas ge⸗ hört und geſehen zu haben, welches auch nur die kleinſte Spur einer frevelhaften Vertraulichkeit ver⸗ rathen hätte. Man muß dieſe Verleumdung zu De⸗ nen rechnen, welche die Bosheit gern über diejenigen Menſchen, die ein großes Eclat machen, verbreitet, und welche die Leichtgläubigkeit und der Neid gern glaubt. Ich erkläre freimüthig, daß wenn ich auch nur den mindeſten Zweifel über dieſe entſetzliche An⸗ ſchuldigung hegte, ich es ſagen würde. Aber Bona⸗ parte iſt nicht mehr! Die unparteiiſche Geſchichte darf und ſoll alſo dieſen Vorwurf nicht aufbewahren, ſie darf nicht leichtfertiger Weiſe aus einem Vater, einem Freund, einen üppigen Liebhaber machen wollen!— Gehäſſige und feindſelige Schriftſteller haben, ohne indeſſen Beweiſe geben zu können, behauptet, daß eine verbrecheriſche Liaiſon zwiſchen Bonaparte und Hortenſe beſtanden habe. Lüge, unwürdige Lüge! Und dieſes Gerücht iſt ganz allgemein nicht blos in Frankreich, ſondern in ganz Europa verbreitet gewe⸗ 7* — — 100— ſen. Ach, ſollte es denn wahr ſein, daß die Ver⸗ leumdung einen ſo mächtigen Zauber ausübt, daß, wenn ſie ſich einmal eines Menſchen bemächtigt hat, er nicht wieder von ihr befreit werden kann.“*) V. Rönig oder Raiſer. Joſephinens Bitten waren fruchtlos geweſen, oder wenigſtens hatte Bonaparte ſie nur dem Wortlaut nach befriedigt. Sie hatte geſagt:„Ich bitte Dich, mache Dich nicht zum König.“— Nun wohl, Bona⸗ parte machte ſich nicht zum König, ſondern zum Kai⸗ ſer. Er nahm die Krone nicht auf, welche von dem Haupte der Bourbonen herabgefallen war, er ſchuf ſich eine neue, eine Krone, welche ihm indeſſen von dem franzöſiſchen Volk und dem Senat angeboten ward. Die Revolution ſtand noch immer als ein drohendes Schreckgeſpenſt hinter dem franzöſiſchen Volk, man fürchtete immer noch ihre Wiederkehr, und ſeit der entdeckten Verſchwörung von Georges, Mo⸗ reau und Pichegru fragte man ſich angſtvoll, was aus Frantkreich werden ſolle, wenn es den Verſchwore⸗ nen gelänge, Bonaparte zu ermorden, und wenn die Republik ohne Lenker und Steuermann wieder hin⸗ aus geſtoſten würde auf das wilde Meer der Revo⸗ lution. Das Volk verlangte alſo eine Feſtſtellung und Sicherung der Inſtientionen und nur eine monar⸗ chiſche Regierung. nur eine Dynaſtie war im Stande, 2) Bourienne. Vol IV. S. 322 und Vol. V, S. 278. — 101— eine ſolche zu bieten. Das Conſulat auf Lebenszeit mußte daher in ein erbliches Kaiſerreich verwandelt werden. Hatte doch Bonaparte ſelber geſagt:„Man kann Kaiſer einer Republik ſein, aber nicht König einer Republik; das ſind zwei Ausdrücke, die gegen⸗ einander ſchwören.“ Man wollte alſo Bonaparte zum Kaiſer machen, weil man ſich ſchmeichelte, dabei immer noch die Republik erhalten zu können. Am 18. Mai des Jahres 1804 ward der ſo lange, ſo ſorgſam vorbereitete Plan ausgeführt. Am 18. Mai begab ſich der Senat nach St. Cloud, um im Namen des Volkes nnd des Heeres Bonaparte zu bitten, die Kaiſerwürde anzunehmen und den römiſchen Stuhl eines Conſuls mit dem franzöſiſchen Thron eines Kaiſers zu vertauſchen. Cambacéères, jüngſt noch der zweite Conſul der Republik, ſtand an der Spitze des Senats und hatte die Pflicht, Bonaparte die Wünſche des franzöſiſchen Volkes vorzutragen. Cambacères, welcher einſt als Mitglied des Convents ſeine Stimme zu der Verur⸗ theilung Ludwigs XVI. gegeben, damit das König⸗ thum auf immer aus Frankreich verbannt werde, Cam⸗ bacères war jetzt der Erſte, welcher Bonaparte als „Kaiſerliche Majeſtät“ und mit dem kleinen, ſo be⸗ deutungsvollen Worte„Sire“ anredete. Dafür be⸗ lohnte ihn der neue Kaiſer, indem er gleich an die⸗ ſem erſten Tage ſeines Kaiſerthums, und als erſte That ſeines neuen Herrſcherthums, an Cambacéères ſchrieb, und ihn zum Erzkanzler und Erzſchatzmeiſter des Reichs ernannte. In dieſem Brief, dem erſten Schriftſtück, welches Bonaparte mit dem einfachen Namen„Napoleon“ unterzeichnete, behielt der Kaiſer indeß noch die Schreibart des Republikaners bei. Er redete Cambacères als„Bürger Conſul an und be⸗ hielt noch die Zeitrechnung der Revolution bei, denn — 102— ſein Brief enthielt das Datum„den 28. Floréal des Jahres 12.“ 1 Die zweite That des Kaiſers am erſten Tage ſei⸗ ner neuen Würde war, daß er auch den Mitgliedern ſeiner Familie neue Würden verlieh und ſie zu Prin⸗ zen von Frankreich mit dem Titel„Kaiſerliche Hoheit“ erhob. Außerdem ernannte er ſeinen Bruder Joſeph zum Kurfürſten, ſeinen Bruder Louis zum Connetable. In dieſer neuen Würde hatte Louis dem neuen Kai⸗ ſer ſchon am ſelben Tage die Generäle und Stabs⸗ offiziere der Armee vorzuſtellen, und ſie ſodann zur Kaiſerin zu führen, zur Kaiſerin Joſephine. Die Prophezeiung der Negerin von Martinique war jetzt erfüllt, Joſephine war„mehr als eine Kö⸗ nigin.“ Aber Joſephine, inmitten ihrer neuen Herr⸗ lichkeit und des Glanzes dieſer neuen Würde, dachte mit angſtvollem Herzen nur an die Prophezeiung der Wahrſagerin von Paris, welche zu ihr geſagt:„Sie werden eine Krone tragen, aber nur auf kurze Zeit.“ Sie fühlte wohl, daß dieſes märchenhafte Glück nicht lange dauern könne, daß der neue Kaiſer es minde⸗ ſtens machen müſſe, wie die Könige des Alterthums, daß er ſeinem Glück das Liebſte und Theuerſte würde opfern müſſen, um die grollenden Dämonen der Rache und des Neides zu befriedigen, daß er ſie alſo opfern werde, um dafür ſich die Dauer ſeines eigenen Glückes und eine Dynaſtie zu ſichern. Deshalb alſo war die neue Kaiſerin traurig und wehmuthsvoll, deshalb erſchreckte ſie dieſe neue Größe, und nur mit bangem Zagen nahm ſie Beſitz von den neuen Titeln und Würden, welche das Schickſal wie aus einem unerſchöpflichen Füllhorn des Glückes über ſie ausgoß. Mit einer Art ſchamvollen Erſchreckens hörte ſie ſich jetzt mit dieſem Titel anreden, mit dem ſie einſt vor Jahren in dieſen ſelben Räumen die Kö⸗ — 103— nigin von Frankreich angeredet, wenn ſie als Mar⸗ quiſe von Beauharnais in die Tuilerien kam, der ſchönen Marie Antoinette ihre Huldigung darzubrin⸗ gen. Marie Antoinette war auf dem Schaffot ge⸗ ſtorben, jetzt war Joſephine die„Majeſtät,“ welche in den Tuilerien thronte und ihren„Hofſtaat“ um ſich vereinigte, während in einem Winkel von Eng⸗ land der legitime König von Frankreich ein einſames und düſteres Leben hinträumte. Joſephine, wie geſagt, war eine gute Royaliſtin, und ſie trauerte noch als Kaiſerin über das Loos der unglücklichen Bourbonen und erachtete es als ihré heiligſte Pflicht, Denen helfend und rathend zur Seite zu ſtehen, welche treu ihren Principien und Pflich⸗ ten, den königlichen Flüchtlingen gefolgt oder, um wenigſtens nicht dem neuen Syſtem zu huldigen, emi⸗ grirt waren. Den Emigrirten ſtand daher immer ihre Börſe offen, und wenn Joſephine immer neue Schulden machte und in neue Geldverlegenheiten ge⸗ rieth, trotz der ernormen Summen, welche ſie allmo⸗ natlich erhielt, ſo war nicht blos ihre Verſchwendung daran Schuld, ſondern auch ihr gutes und großmü⸗ thiges Herz, denn Joſephine hatte die Hälfte ihrer Monats⸗Einnahmen zur Unterſtützung armer Emi⸗ grirter beſtimmt, und wie ſehr ſie ſelber auch zu⸗ weilen in Verlegenheit ſein mochte, wie ſehr ihre Gläubiger ſie beläſtigten, niemals duldete Joſephine, daß für ſie von dieſen Summen genommen ward, welche ſie dem Unglück und der Treue geweiht hatte.*) Joſephine war alſo jetzt eine Kaiſerin, und ihre Tochter, die Gemahlin des Connetable von Frankreich, nahm nach ihrer Mutter an dieſem glänzenden Hofe des Kaiſers die zweite Stelle ein. Die Tochter des *) Mémoires sur la reine Hortense. Par le Baron van Schelten. Vol. I. S. 145. r“ — 104— enthaupteten Vicomte von Beauharnais war jetzt eine Prinzeſſin von Frankreich, eine„Kaiſerliche Hoheit,“ welcher man ſich nur ehrenvoll nahete, welche ihren Hof und ihre Ehrendamen hatte, und deren Freiheit und perſönliches Behagen gleich dem ihrer Mutter von der ſtrengen Etiquette, welche Napoleon an dem neuen Kaiſerhofe eingeführt ſehen wollte, in Feſſeln geſchlagen ward.. Aber weder Joſephine noch Hortenſe ließen ſich blenden von dem neuen Glanz; die Krone hatte Jo⸗ ſephinen keine neue Würde zu verleihen vermocht, die glänzenden Titel hatten Hortenſens Schönheit und Jugend nicht zu ſteigern, ihr verſchwiegenes Leid nicht zu mindern vermocht. Sie wäre glücklich geweſen in einer beſcheidenen Zurückgezogenheit an der Seite eines geliebten Mannes; ihre impoſante Stellung vermochte ſie nicht zu entſchädigen für das verlorne Frauenglück. Aber das Schickſal ſchien Mitleid zu haben mit dieſem edlen, ſanften Weſen, welches das Unglück und die Größe mit gleicher lächelnder Würde zu tragen wußte, das Schickſal wollte Hortenſen einen Erſatz bieten für die Enttäuſchung ihres erſten Mutter⸗ glückes nud eine neue Hoffnung regte ſich unter ihrem Herzen. Joſephine empfing dieſe Nachricht mit Entzücken, denn dieſe Hoffnung ihrer Tochter war auch eine Hoffnung für ſie. Wenn Hortenſe einen Sohn ge⸗ bar, ſo mochte das Unglück von dem Haupt der Kai⸗ ſerin abgewandt werden, ſo mochten die unterirdiſchen Götter verſöhnt ſein. Denn mit dieſem Sohn war die Dynaſtie der neuen Kaiſer⸗Familie geſichert, die⸗ ſer Sohn konnte der Erbe des Kaiſerthrons ſein, und Napoleon konnte das Kind, welches zugleich ſein Neffe und ſein Enkel war, wohl zu ſeinem Sohn — 105— — adoptiren. Und Napoleon verſprach Joſephinen, daß er das thun werde und wolle, daß er ſich lieber be⸗ gnügen wolle mit einem Adoptivſohn, in deſſen Adern das Blut des Kaiſers und der Kaiſerin gemiſcht ö war, als ſich von ihr, von ſeiner Joſephine trennen zu müſſen. Noch liebte Napoleon ſeine Gemahlin, noch ver⸗ gglich er Alles, was ihm lieb und ſchön und genuß⸗ voll erſchien, mit Joſephinen, welche lächelnd an ſeiner Seite ſtand und ſeine Größe mit ihrer holden An⸗ muth und Güte ſegnete und feiete. Als das Volk Napoleon, ſeinen neuen Kaiſer, mit lauten Jubelrufen begrüßte, als es mit donnern⸗ dem Applaus ihn empfing, da ſagte Napoleon mit leuchtenden Augen und ſtrahlendem Angeſicht:„O, welch' eine köſtliche Muſik iſt das! Dieſe Acclama⸗ tionen und Grüße, ſie klingen mir ſo ſüß, ſo ſanft, wie die Stimme Joſephinens. Wie ſtolz und glücklich Sin ich, von einem ſolchen Volk geliebt zu werden.“*) — Aber immer noch nicht war dem ſtolzen Ehrgeiz Napoleons genug gethan. Wie er einſt, als er in die Tuilerien als erſter Conſul ſeinen Einzug gehal⸗ ten, geſagt hatte:„Es iſt nicht genug, in den Tui⸗ 4 lerien zu ſein, man muß auch darin bleiben,“ ſo ſagte er jetzt:„Es iſt nicht genug, vom franzöſiſchen Volk zum Kaiſer ernannt zu ſein, man muß auch vom römiſchen Papſt die Weihe als Kaiſer erhalten haben.“ Und Napoleon war jetzt ſchon mächtig genug, um der ganzen Welt Geſetze geben zu können, um nicht blos Frankreich, ſondern auch fremde Souveraine ſich ſeinem Willen beugen zu ſehen. Napoleon wollte für ſeine Kaiſerkrone die Weihe *) Bourienne. Vol. VI. S. 228. des Papſtes haben und der Papſt verließ die heilige Stadt der Chriſtenheit und machte ſich auf nach Paris, um in Notre⸗Dame dem neuen Kaiſer die Weihe der Kirche zu geben. Das war eine neue Glorie, welche das Haupt Na⸗ poleons umſtrahlte, ein neuer unermeßlicher Triumph, welchen Napoleon über Frankreich, über die ganze Welt und ihre Vorurtheile, über alle Dynaſtieen von Gottes Gnaden feierte! Der Papſt kam nach Paris, um den Kaiſer zu krönen. Die deutſchen Kaiſer hatten nach Rom wallfahrten müſſen, um die Weihe des Papſtes zu empfangen, aber jetzt wallfahrtete der Papſt nach Paris, um den franzöſiſchen Kaiſer zu krönen und den Sohn der Revolution auzuerkennen als den geweiheten Sohn der Kirche. 4 Ganz Frankreich war wie in einem Taumel des Entzückens über dieſe Nachricht, ganz Frankreich betete den Helden an, der die Mährchen zur Wirk⸗ lichkeit ſchuf, und dem ſelbſt der heilige Stuhl zu Rom ſich zum Fußſchemel ſeiner Größe verwandeln mußte. Napoleons Reiſe, die er mit Joſephinen durch Frankreich unternahm, während man den Papſt erwar⸗ tete, glich daher einem einzigen ſtrahlenden Triumph⸗ zug, und es war nicht blos das Volk, welches ihn überall mit Jubel empfing, ſondern auch die Kirche ſang ihm überall ihr Sanctus, Sanetus entgegen, und die Prieſter empfingen ihn mit lauten Segenswün⸗ ſchen vor den Pforten der Kirchen und prieſen ihn als den Retter Frankreichs. Ueberall empfing man das Kaiſerpaar mit Jauchzen, mit Glockengeläut, mit Ehrenpforten und feierlichen Begrüßungsreden, die zuweilen einen ſeltſam überſchwänglichen Flug nahmen. „Gott ſchuf Bonaparte,“ ſagte der Präfect von Ar⸗ ras in ſeiner begeiſterten Rede zu dem Kaiſer,„Gott ſchuf Bonaparte und dann ruhete er aus.“ Und der — = 107— Graf Louis von Narbonne, welcher damals noch nicht vom Kaiſer gewonnen und noch nicht Großmarſchall des Kaiſerhofes war, flüſterte ziemlich vernehmlich:„Gott hätte klüger gethan, ſich ein wenig früher zu ruhen.“ Endlich durchlief ganz Frankreich die Kunde, daß das Unerhörte, an welches man immer noch nicht zu glauben gewagt, Wahrheit geworden, daß der Papſt Pius VII. die Gränzen Frankreichs überſchritten habe, daß er ſich der Hauptſtadt nähere. Ueberall ward der heilige Vater der Kirche, die ſich jetzt wieder ſieg⸗ reich aus den Trümmern und Leichen der Revolution erhoben hatte, vom Volk und von den Behörden mit den größten Auszeichnungen empfangen. Das alte Schloß der Könige, Fontainebleau, war auf Befehl des Kaiſers mit kaiſerlicher Pracht neu meublirt wor⸗ den, und in einer beſonders zarten Aufmerkſamkeit hatte man das Schlafzimmer des Papſtes genau ſo ungerichtet, wie ſein Schlafzimmer im Quirinal zu Rom war. Nach Fontainebleau alſo begab ſich der Kaiſer mit der Kaiſerin und dem Hofe, um Papſt Pius VII. zu empfangen. Man hatte indeß das ganze Ceremoniell ſchon genau vorher beſtimmt und geord⸗ net, und ſich mit dem Papſt über die verſchiedenen Fragen der Etiquette geeinigt. Dieſem Ceremoniell gemäß begab ſich der Kaiſer, als die Couriere ihm die Annäherung des Papſtes meldeten, auf die Jagd, um anſcheinend zufällig dem Papſte auf ſeinem Wege zu begegnen. Im Walde von Nemours waren die Equipagen und der kaiſerliche Hofſtaat aufgeſtellt. Napoleon aber ritt im Jagdkleide mit ſeiner Suite den kleinen Hügel hinan, den der Wagen des Papſtes eben erreicht hatte. Der Papſt befahl ſofort anzu⸗ halten, und auch der Kaiſer gebot mit einem Wink ſeiner Hand ſeiner Suite Stillſtand. Eine tiefe, feier⸗ liche Stille trat ein. Jedermann fühlte, daß ſich da ein ungeheures, welthiſtoriſches Ereigniß begab, und Aller Blicke waren mit flammender, ſtaunender Er⸗ wartung auf die beiden gerichtet, auf den Kaiſer, Hauptfiguren dieſer Scene der da im einfachen Jagd⸗ kleide auf ſeinem Pferde ſaß, auf den Papſt, der in ſeiner von ſechs Rappen gezogenen Kutſche im reichen goldgeſtickten Gewande lehnte. Als Napoleon vom Pferde ſtieg, beeilte ſich der Papſt, aus dem Wagen zu ſteigen, indeß wie er ſchon den Fuß auf den Wagentritt geſetzt hatte, zögerte er einen Augenblick; aber 9 die Erde berührt. Pius du er mußte ſich entſchließen geſtickten Atlaspantoffeln Napoleons Fuß hatte ſchon irfte alſo nicht mehr zaudern, „ mit ſeinen weißen, gold⸗ in den feuchten Schmutz der Landſtraße, welche von Regengüſſen der vergan⸗ genen Tage aufgeweicht war, zu treten. Die Jagd⸗ ſtiefeln des Kaiſers ware u freilich beſſer zu dieſem Rencontre auf der Landſtraße geeignet, als die wei⸗ ßen Atlaspantoffeln des Papſtes. Der Kaiſer und der Papſt näherten ſich einander und umarmten ſich zärtlich, dann, gleichſam aus Un⸗ achtſamkeit der Piqueurs, zogen die Pferde der kaiſer⸗ lichen Equipage plötzlich a Vorwärtsſprengen die zär ganz zufällig, wie es ſchie rechten Seite, der Papſt Wagens ſtand, der jetzt w Zeit wurden von den Laka n und trennten im haſtigen tliche Umarmung. Es war n, daß der Kaiſer auf der auf der linken Seite des ieder anhielt. Zu gleicher ien die beiden Wagenthüren geöffnet und zu gleicher Zeit ſtieg auf der linken Seite der Papſt, auf der rechten Seite der. Kaiſer in den Wagen, zu gleicher Zeit nahmen ſie nebeneinander auf dem Sitz Platz. Damit war die Etiquette ent⸗ ſchieden. Keiner von Beiden hatte vor dem Andern nahm der Kaiſer den Ehren⸗ ſtes ein. den Vortritt gehabt, nur 1 platz zur Rechten des Pap Am 2. December 1804 fand die feierliche Krönung des Kaiſerpaares zu Notre⸗Dame ſtatt. Ganz Paris nicht blos, ſondern ganz Frankreich war an dieſem Tage in Bewegung. Eine ungeheure Menſchenmaſſe wogte und drängte in den Straßen, die Fenſter aller Häuſer waren mit reichgeſchmückten ſchönen Frauen beſetzt, von allen Kirchen läuteten die Glocken, überall hörte man das Schmettern der Fanfaren, untermiſcht mit dem Jubelgeſchrei des Volkes. Einen Augenblick indeſſen verwandelte das Jauchzen des Volkes ſich in ein lautes, fröhliches Lachen. Das war in dem Moment, als der päpſtliche Zug ſich naahete, dem vorauf, einem alten Gebrauche Rom's gemäß, eine Eſelin geführt ward.— Während der Papſt ſich mit der hohen Geiſtlichkeit in den Dom begab, um dort das Kaiſerpaar zu erwarten, legte Napoleon in den Tuilerien den Kaiſer⸗Ornat an, um⸗ hüllte er ſich mit dem Hermelinverbrämten, mit gol⸗ denen Bienen überſäeten, von Brillanten flimmernden grünen Sammetmantel, legte er den ganzen glänzen⸗ den Schmuck ſeiner neuen Würde an. Dann, ſchon im Begriff, mit ſeiner Gemahlin, die im kaiſerlichen Schmuck an ſeiner Seite ſtand, die Tuilerien zu verlaſſen, gab Bonaparte plötzlich den Befehl, man ſolle ſofort den Notar Ragideau zu ihm rufen, er müſſe Ragideau ſogleich ſprechen.— Es wurden ſofort Eilboten zu ihm geſandt, eine kaiſerliche Equipage holte ihn von ſeiner Wohnung ab, und nach einer Viertelſtunde trat der kleine No⸗ tar Ragideau in das Cabinet der Kaiſerin, in wel⸗ chem Niemand ſich befand, als das kaiſerliche Paar im vollen, goldprunkenden, brillantenfunkelnden Ornat. Mit leuchtendem Antlitz und einem wunderbaren, triumphirenden Lächeln trat Napoleon dem kleinen eerſtaunten Notar entgegen.„Nun, Meiſter Ragi⸗ — 110— deau,“ ſagte er heiter,„ich habe Sie rufen laſſen, blos um Sie zu fragen, ob der General Bonaparte wirklich nichts beſitzt, als ſeinen Hut und ſeinen Degen, oder ob Sie es der Vicomteſſe Beauharnais heute verzeihen wollen, daß ſie mich geheirathet hat?“ Und als Ragideau ihn erſtaunt anſah, als Joſephine ihn um den Sinn ſeiner ſeltſamen Worte befragte, da erzählte ihnen Bonaparte, daß er damals, als er im Vorzimmer bei Ragideau ſtand, ſehr wohl gehört habe, wie Ragideau Joſephinen rieth, ſich nicht mit dem armen kleinen Bonaparte zu vermählen, nicht die Gemahlin des Generals zu werden, der nichts beſäße als ſeinen Hut und ſeinen Degen! Die Worte des Notars hatten ſich damals als ein Dolchſtoß in das Herz des ehrgeizigen jungen Generals gebohrt und ihn tief und ſchmerzlich ver⸗ wundet. Indeß niemals hatte er darüber geklagt, nie ein Wort darüber geſprochen; heute aber, am Tage ſeines höchſten Triumphes, heute erinnerte ſich der Kaiſer an jenen Moment der Demüthigung, und im vollen Ornat der höchſten irdiſchen Würde gönnte er ſich den Triumph, den kleinen Notar daran zu er⸗ innern, daß er einſt Joſephinen den Rath gegeben, ihn um ſeiner Armuth willen nicht zu heirathen. Der arme General Bonaparte hatte ſich jetzt in den machtvollen Kaiſer Napoleon verwandelt. Da⸗ mals beſaß er nichts als ſeinen Hut und ſeinen Degen, aber jetzt wartete in Notre⸗Dame der Papſt auf ihn, um die goldene Kaiſerkrone auf ſein Haupt zu ſetzen. Napoleons Erbe. Hortenſe hatte an den Feſtlichkeiten der Kaiſer⸗ krönung keinen Antheil nehmen können, aber für ſie hatte ſich im Innern ihrer Gemächer eine andere Feſtlichkeit bereitet, denn ſie hatte einen Sohn gebo⸗ ren, ein Kind, aus deſſen Anblick die junge, glück⸗ ſelige Mutter ſich neuen Muth und neue Lebenskraft ſchöpfte.—. Joſephine, welche nur mit ahnungsvoller Wehmuth die Kaiſerkrone angenommen, Joſephine empfing die Bodtſchaft von der Geburt ihres Enkels mit lautem Jubel; es ſchien ihr, als ob die Wolken, welche ſo lange über ihrem Haupte geſchwebt, ſich jetzt zerſtreu⸗ teen, als ob ein reiner ſonnenheller Tag des Glückes ihr wieder lächele. Hortenſe hatte die Zukunft ihrer Mutter geſichert, denn ſie hatte einen Sohn geboren, ſie hatte der nenen kaiſerlichen Dynaſtie die erſte Stütze gegeben. Jetzt hatte Napoleon nicht mehr nöthig, an eine Scheidung zu denken, denn der Sohn war da, dem er eines Tages den Kaiſerthron von Frankreich vererben konnte. Auch ſchien der Kaiſer ganz geſonnen zu ſein, die Hoffnungen Joſephinens zu erfüllen und den Sohn ſeines Bruders zu ſeinem Adoptivſohn anzunehmen. Err ſelber bat den Papſt, ſeine Abreiſe noch um einige Tage zu verſchieben, um an dem Kinde die Taufe zu vollziehen; in St. Cloud fand dieſe Taufe ſtatt, der Papſt verrichtete die heilige Ceremonie, der Kaiſer hielt das Kind über dem Taufbecken und Madame Laetitia ſtand als zweiter Taufzeuge neben ihn. Hortenſe hatte jetzt ein Weſen gefunden, das ſie lieben durfte mit der ganzen Gluth und Energie, die ſo lange in ihrem Herzen ſich hatte verbergen müſſen! Der kleine Napoleon Carl war Hortenſens erſte glück⸗ liche Liebe und mit einem wahrhaften Entzücken gab ſie ſich dieſem berauſchenden Gefühl hin. Jetzt ward ihr Haus ihre ſchönſte und beſte Hei⸗ math, und doppelt glücklich pries ſie ſich jetzt, denn ſie durfte dieſe ſchöne Heimath nicht mit dem Gemahl theilen, ſie hatte nicht nöthig, dem Vater ihres Kin⸗ des einen Antheil an der Liebe zu ihrem Kinde, an ihrer zärtlichen Sorge zu bewilligen. Louis Bona⸗ parte, der Groß⸗Connetable von Frankreich, war von Napoleon zum Gouverneur von Piemont er⸗ nannt worden, und Hortenſe verdankte es ihrer noch ſchwankenden Geſundheit, daß ſie nicht nöthig hatte, ihren Gemahl zu begleiten, ſondern daß ihr verſtat⸗ tet ward, in ihrem kleinen Hôtel in Paris zu blei⸗ ben, das ſie, als der Sommer kam, mit dem Schloß von Saint⸗Leu, der neuen Beſitzung ihres Gemahls, vertauſchen durfte. Aber dieſe Ruhe, welche Hortenſe in dem reizen⸗ den Landaufenthalt, nur beſchäftigt mit ihrem herrlich gedeihenden Kinde, genoß, ſollte nur von kurzer Dauer ſein. Der Bruder und die ihm verſchwägerte Tochter des Kaiſers durften nicht hoffen, ein ſtilles, prunk⸗ loſes, unſcheinbares Leben führen zu können. Sie waren Strahlen dieſer Sonne, welche jetzt die Augen der ganzen Welt blendete, ſie mußten ihre Beſtim⸗ mung erfüllen und durch ihr eigenes helles Leuchten den Glanz der Sonne doppelt ſtrahlend erſcheinen laſſen. ſe Befehl Napoleons rief den Connetable, wel⸗ cher ſeit kurzem von Piemont zurückgekehrt und nach 4 St. Leu geeilt war, um ſeinen Sohn zu ſehen, nach — 113— Paris und gebot ſeiner Gemahlin Hortenſe, ihn zu begleiten. Der Kaiſer hatte ſeinem Bruder ein glän⸗ zendes Loos auserwählt, der Connetable von Frank⸗ reich ſollte ſich zu einem König verklären.— Abge⸗ ordnete der Republik Batavia, des alten Hollands, waren nach Paris gekommen und hatten den mächti⸗ gen Nachbar, den Kaiſer Napoleon, gebeten, ihnen einen König zu geben, der ſie mit dem glänzenden Frankreich durch verwandtſchaftliche Bande einige.— Napoleon wollte ihre Wünſche erfüllen und ihnen ſeinen Bruder Louis als König ſchenken. Aber Louis empfing dieſe Nachricht mit einem tiefen Gefühl des Schreckens und weigerte ſich, dieſe Würde, welche ſeine Augen entſetzte, ſtatt ſie zu blenden, an⸗ zunehmen. Und diesmal befand er ſich in vollkom⸗ menſter Harmonie mit ſeiner Gemahlin, die ſeine Kraft des Widerſtandes nur befeuerte und ihr immer neue Energie verlieh. Beide fühlten ſie, daß dieſe Krone, welche man auf ihr Haupt ſetzen wolle, nichts weiter ſein würde, als eine goldene Kette der Abhän⸗ gigkeit, daß der König von Holland nichts weiter 6 ſein dürfe, als der Vaſall von Frankreich. Und die⸗ 63 ſem politiſchen Bedenken fügte ihre perſönliche Stellung zu einander neue Gründe hinzu. In Paris konnten beide Ehegatten die Kette ver⸗ geſſen, welche ſie aneinander feſſelte, ſie waren da im Kreiſe ihrer Verwandten, ihrer Freunde, ſie konnten es vermeiden, einander zu begegnen, der große glänzende Kaiſerhof, der große kaiſerliche Familienkreis ſtellte ſich trennend und verſöhnend zwiſchen die beiden jungen Gatten, welche es ſich Beide niemals verzeihen konnten, daß ſie Einer den Andern in dieſe unfrei⸗ willige Ehe hineingezwängt hatten. In Paris hatten ſie die Zerſtreuungen, die Freunde, die Geſellſchaft, während ſie in Holland ganz auf einander angewieſen Königin Hortenſe. I. 8 — 114— ſein mußten, während ſie da immer und ewig das Klirren dieſer Kette hören mußten, welche ſie an die Galeere einer Ehe ohne Liebe gefeſſelt hielt. In Paris konnten ſie wenigſtens als gleichgültige Freunde nebeneinander hingehen, aber in Holland mußte die Stille, das Aufeinanderangewieſenſein ſie in zürnende Feinde verwandeln. Das fühlten Beide und darum vereinigten ſie ſich in dem Beſtreben, dieſes neue Unglück, welches in Geſtalt einer Königskrone über ihnen ſchwebte, von ihrem Haupte abzuwenden. Aber wo bätten ſie die Macht hernehmen ſollen, dem Willen Napoleons mit Erfolg zu trotzen! Hor⸗ tenſe hatte niemals den Muth gehabt, ſich mit ihren Wünſchen und Bitten unmittelbar an Napoleon ſelbſt zu wenden, und Joſephine fühlte ſchon, daß ihre Bitten und ihre Wünſche nicht mehr die Gewalt frü⸗ herer Tage auf den Kaiſer ausübten. Sie vermied es daher, in einer Sache die Vermittelung zu über⸗ nehmen, wo ſie nicht ſicher war zu reuſſiren. Louis indeß hatte anfangs noch den Muth, ſei⸗ nem Bruder mit offenem Widerſtreben entgegen zu treten. Aber Napoleons zornblitzendes Auge ſchmet⸗ terte ſeinen Willen zu Boden, und ſeine ſanfte und kränkliche Natur mußte ſich in Gehorſam fügen. Im Beiſein der Deputation der Bataviſchen Re⸗ publik, welche ſich ſo ſehr nach einem Scepter und einer Krone ſehnte, forderte Napoleon ſeinen Bruder Louis auf, die Krone von Holland, welche man ihm „freiwillig“ darreiche, anzunehmen, und ſeinem Lande ein König zu ſein, welcher ſeine Freiheiten, ſeine Ge⸗ ſetze und ſeine Religion achte und ſchütze. 3 Louis Bonaparte erklärte ſich mit bewegter Stimme bereit, dieſe Krone anzunehmen und ſchwur, ſeinem neuen Volk ein guter und treuer Herrſcher zu ſein. die Krone, welche ſie ſo ungern angenommen, mit . 115— Und dieſen Schwur getreulich zu erfüllen, war von nun an ſein einziges und heiliges Beſtreben, dem er ſeine ganze Thatkraft, ſein ganzes Sinnen und Denken weihete. Da die Holländer ihn einmal zu ihrem König gewählt hatten, wollte er dieſer Wahl Ehre machen, da er ſich einmal hatte entſchließen müſſen, ſein Vaterland aufzugeben und nicht mehr Franzoſe zu ſein, wollte er mit Herz und Sinn, mit allen ſeinen Wünſchen und Gedanken ſeinem neuen Vaterlande angehören und ganz und gar ein Hol⸗ länder werden, weil er nicht mehr Franzoſe ſein konnte.— Dieſe ſonſt ſo ſanfte, leidende Natur entwickelte jetzt eine ganz neue, nie geahnte Energie, der träu⸗ meriſche, bleiche, ſchweigſame Bruder des Kaiſers ver⸗ wandelte ſich plötzlich in einen ſelbſtbewußten, freien, thatkräftigen Mann, der ſich ein großes Ziel geſteckt hatte und alle Mittel ſeines Weſens aufbot, es zu erreichen.— Als König von Holland wollte er vor allen Din⸗ gen von ſeinen Unterthanen geliebt ſein, und zu ihrem Wohlergehen und Glück beitragen können. Er lernte daher mit unermüdlichem Fleiß ihre Sprache, er machte ſich bekannt mit ihren Sitten und Gebräuchen und bemühete ſich, dieſelben ſich anzueignen, er forſchte nach den Quellen ihres Wohlſtandes und ihrer Leiden und ſuchte die einen zu erweitern, die andern zu ver⸗ ſtopfen. Er war immer raſtlos thätig, immer be⸗ müht, für ſein Land zu ſorgen, und die Liebe und das Zutrauen zu verdienen, welches ſeine Untertha⸗ nen ihm entgegen trugen. Und gleich ihm war auch ſeine Gemahlin bemüht, ihrer neuen und glänzenden Stellung zu genügen und Würde zu tragen. In ihren Salons vereinigte ſie 8 8* — 116— die alte Ariſtokratie und den jungen Adel von Holland zu glänzenden und heiteren Feſten, und lehrte die ſteife und langweilige Geſellſchaft von Holland der feinen ungezwungenen Ton und die geiſtvolle aureß gende Unterhaltung der franzöſiſchen Salons. Di Künſte und Wiſſenſchaften traten au Hortenſens Hax 3 und unter ihren lächelnden, Beifall ſpendenden Blickon zuerſt in die Salons der hohen Ariſtokratie von Hal⸗ land ein, und verliehen denſelben eine höhere und ſchönere Bedeutung. Aber Hortenſe war nicht blos die Beſchü der Künſte und Wiſſenſchaften, ſondern auch die Mutter der Armen, der hülflreiche Engel der Unglück⸗ lichen, deren Thränen ſie trocknete, deren Leiden ſie ſänftigte,— und dieſes Königspaar, von ſeinem neuen Volk angebetet und geſegnet, konnte doch im Innern ſeines Palaſtes nicht den leiſeſten Wiederſchein des Glückes finden, das ſie außerhalb deſſelben An⸗ dern ſo ſchön zu bereiten verſtanden.— Beide, ſonſt ſo weich und nachgiebig, hatten ſie in ihrem Ver⸗ hältniß zu einander ſich einen ſeltſamen Eigenſinn des Widerſtandes bewahrt, und nichts, nicht einmal die Geburt eines zweiten und eines dritten Sohnes konnte dieſe Kluft ausfüllen, welche ewig und immer⸗ dar zwiſchen den beiden Gatten lag. Und bald ſollte ein neuer Schlag des Schickſals dieſe Kluft noch größer machen. Der älteſte von Hortenſens Söhnen, der Adoptivſohn Napoleoͤns, der einſtige muthmaßliche Erbe ſeines Thrones, dieſes Kind, welches Napoleon ſo ſehr liebte, daß man ihn oft Stunden lang auf der Terraſſe von St. Cloud mit ihm ſpielen geſehen, welches Joſephine anbetete, weil es ihr eine Sicherung ihres eigenen Glückes er⸗ ſchien, welches Hortenſe das erſte köſtliche Gefühl des Mutterglückes gegeben, welches Louis Bonaparte ſo⸗ — 117— gar oft mit heitern und glücklichen Zukunftgedanken über die unerquickliche Gegenwart getröſtet hatte, der kleine Napoleon Carl ſtarb im Jahre 1807 an den Maſern. Es war ein zerſchmetternder Schlag, der nicht blos die Aeltern, ſondern auch das franzöſiſche Kai⸗ ſerpaar mit gleicher Gewalt traf. Napoleons Augen füllten ſich mit Thränen, als man ihm dieſe Nach⸗ richt brachte, und ein Schrei des Entſetzens tönte von Joſephinens Lippen. „Jetzt bin ich verloren,“ murmelte ſie leiſe,„jetzt iſt mein Schickſal entſchieden. Er wird mich ver⸗ ſtoßen.“ Aber nach dieſem erſten egoiſtiſchen Ausbruch ihres eigenen Schmerzes dachte ſie an ihre Tochter und eilte zu ihr nach dem Haag, um mit ihr zu weinen und ſie dem Ort ihrer Trauer und ihres Schmerzes zu entreißen. Hortenſe folgte der Kaiſerin in willenloſem, wort⸗ loſem Schmerz nach St. Cloud, ihr Gemahl, deſſen ſchwache Geſundheit dem Gram faſt unterlag, mußte in die Pyrenäenbäder gehen, um ſich zu ſtärken. Das Königsſchloß im Haag ſtand jetzt wieder verein⸗ ſamt da, der Tod hatte das Leben und die Freude aus demſelben vertrieben, und wenn auch das Kö⸗ nigspaar wieder dahin zurückkehren mußte, die Freude und das Glück kamen nicht mehr mit ihnen. König Lonis war finſterer und verſtimmter als je aus den Bädern heimgekehrt, ein krankhaftes Miß⸗ trauen, eine gehäſſige Reizbarkeit hatte ſich ſeines ganzen Weſens bemeiſtert, und ſeine junge Gemahlin hatte jetzt nicht mehr den guten Willen, ſeine Launen ertragen, ſeine reizbare Stimmung entſchuldigen zu wollen. In ihren Anſichten, ihren Wünſchen, ihren Neigungen und Beſtrebungen ganz und gar verſchie⸗ — ——·Vʒ—ʒ— — den, waren auch die Kinder ihnen kein Mittelpunkt der Einigung, ſondern der neuen Entzweiung, denn Jeder wollte ſie als ſein ausſchließliches Eigenthum betrachten und ihnen eine Erziehung, nach ſeinen An⸗ ſichten und Wünſchen geben laſſen. Aber bald ſollte Hortenſe ihre eigenen häuslichen Kümmerniſſe und Sorgen in dem noch größeren Leid ihrer Mutter vergeſſen und aufgehen laſſen. Ein Brief Joſephinens, der nichts weiter war, als ein tiefer, troſtbedürftiger Schmerzensſchrei, rief Hortenſe an die Seite ihrer Mutter, und Hortenſe verließ den Haag, und eilte nach Paris. VII. * Vorahnungen. Joſephinens Ahnungen und die Weiſſagungen der franzöſiſchen Prophetin wollten ſich jetzt erfüllen. Die Krone, welche Joſephine widerſtrebend und kummer⸗ voll auf ihr Haupt geſetzt, welche ſie dann mit ſo viel Anmuth und Liebenswürdigkeit, ſo viel natürlicher Majeſtät und Würde getragen, die Krone war im Begriff, von ihrem Haupte zu fallen. Napoleon hatte den grauſamen Muth, dieſe Frau, welche ihn geliebt und ihn gewählt hatte, als er ihr nichts zu bieten hatte, außer den Hoffnungen auf ſeine Zukunft, dieſe Frau jetzt zu verſtoßen, da die Zukunft ſich erfüllt hatte. Joſephine, welche mit lächelndem Muth und tapferer Treue in den Zeiten der Gefahren, der Sor⸗t gen, der Entbehrungen und der Demüthigungen un⸗ — 119— ſeiner Seite geſtanden, Joſephine ſollte jetzt von ſei⸗ ner Seite verbannt und in die Einſamkeit eines glanzvollen Wittwenthums hineingeſtoßen werden. Napoleon hatte den Muth, dies zu wollen, aber es fehlte ihm doch der Muth, es Joſephinen zu ſagen und das Wort der Scheidung ſelbſt auszuſprechen. Er wollte ſeinem Ehrgeiz die Frau, welche er ſo lange „ſeinen guten Engel“ genannt, aufopfern, aber ex, welcher in keiner Schlacht gezittert, er zitterte doch vor ihren Thränen und vermied es, ihren traurigen und flehenden Blicken zu begegnen. Aber Joſephine errieth dieſes ganze furchtbare Un⸗ glück, das drohend über ihrem Haupte ſchwebte. Sie las es in dem finſtern, abgewandten Geſicht des Kai⸗ ſers, der, ſeit er jetzt von Wien zurückgekehrt war, ohne Joſephine davon zu benachrichtigen, die Ver⸗ bindungsthür hatte ſchließen laſſen, welche ſeine Zim⸗ mer mit denen ſeiner Gemahlin vereinigte, ſie las es in den Geſichtern der Höflinge, die es wagten, ihr mit minderer Ehrfurcht, aber mit einem Anflug mit⸗ leidiger Theilnahme zu begegnen, ſie hörte es an dem leiſen Geflüſter, welches verſtummte, wenn ſie irgend einer Geſellſchaftsgruppe in ihrem Salon ſich näherte, ſie errieth es an dieſen verſteckten, myſteriöſen An⸗ deutungen der Journale, welche der Reiſe des Kai⸗ ſers nach Wien eine weitgreifende, tiefe Bedeutung beilegten. Sie wußte, daß ihr Geſchick ſich jetzt erfüllen mußte und daß ſie zu ſchwach und machtlos ſei, um ihm einen Widerſtand entgegenſetzen zu können. Aber ſie wollte bis zum letzten Moment ihre Rolle als Frau und als Kaiſerin würdig zu Ende führen; ſie wollte ihre Thränen nicht nach außen fließen laſſen, ſondern nach innen in ihr gramerfülltes Herz hinein, ſie er⸗ ſtickte ihre Schmerzensſeufzer unter einem Lächeln, und “ — 120— verbarg ihre bleichen Wangen unter der Schminke. Aber ſie ſehnte ſich nach einem Herzen, dem ſie ihren Jammer klagen und ihre Thränen zeigen durfte, und deshalb rief ſie ihre Tochter an ihre Seite. Wie ſchmerzvoll bitter war dieſes Wiederſehen zwi⸗ ſchen Mutter und Tochter, wie viel Thränen wurden da vergoſſen, wie viel Klagen flüſterte Joſephine in das Ohr ihrer Hortenſe! „Oh,“ ſagte ſie,„wenn Du wüßteſt, in welchen Qualen ich dieſe letzten Wochen hingebracht habe, dieſe Wochen, wo ich nicht mehr ſeine Gemahlin war, und doch genöthigt war, als ſolche vor Aller Augen zu erſcheinen. Welche Blicke, Hortenſe, welche Blicke ſind das, welche die Höflinge auf eine verſtoßene Frau heften! In welcher Ungewißheit, welcher Erwartung, die grauſamer war, als der Tod, habe ich gelebt und lebe ich noch immer, denkend, daß der zerſchmetternde Blitz, der längſt in Napoleons Augen glüht, vor mir niederfallen wird.“*) 3 Hortenſe hörte dieſen wehmuthsvollen Klagen ihrer Mutter mit gramvollem Herzen und bitterer Pein zu. Sie dachte daran, wie ſie dem Glück ihrer Mutter ihr eigenes Glück hatte opfern müſſen, wie ſie zu einer Ehe ohne Liebe und ohne Gliück verurtheilt worden, damit dadurch die Ehe ihrer Mutter geſichert und gefeſtigt werde. Und jetzt war Alles vergeblich ge⸗ weſen, das Opfer hatte nicht genügt das Unglück aufzuhalten, es war bereit, zerſchmetternd über ihre Mutter hereinzubrechen. Und Hortenſe konnte es nicht mehr hindern. Sie war eine Königin, und doch nur ein ſchwaches, beklagenswerthes Weib, welches die Bettlerin auf der Straße beneidete um ihre Frei⸗ heit und ihr dunkles und unſcheinbares Loos. Beide, *) Joſephinens eigene Worte. Bourienne. V VIII. S. 13. — 121— Mutter und Tochter, ſtanden ſie auf der Höhe irdi⸗ ſcher Herrlichkeit, und dieſe Kaiſerin und dieſe Königin fühlten ſich doch ſo arm an Glück und Lebensfreude, ſo arm und elend, daß ſie ſich mit traurigem, neid⸗ vollem Entzücken der Tage der Revolution erinnerten, der Tage, wo ſie in Dürftigkeit und Armuth ein ſtilles, dunkles Leben geführt. Damals, obwohl kämpfend mit Entbehrungen, Noth und Sorgen, da⸗ mals waren ſie reich geweſen an Hoffnungen, an Wünſchen, an Illuſionen; jetzt, wo ſie Alles beſaßen, was das Leben ſchmücken kann, jetzt, wo Millionen Menſchen ſich vor ihnen beugten und ſie mit dem ſtolz tönenden Wort„Majeſtät“ begrüßten, jetzt ſtanden die Kaiſerin und die Königin einander gegenüber, arm an Hoffnungen und Wünſchen, arm an Illu⸗ ſionen, die alle zerſchmettert zu ihren Füßen lagen, und nur des Einen Glückes ſich noch erfreuend, des Glückes, Eine an der Andern Herzen weinen zu können!— Wenige Tage nach ihrer Ankunft ließ der Kaiſer Hortenſe in ſein Kabinet rufen. Er kam ihr lebhaft entgegen, aber vor ihren großen, umſchleierten Augen ſchlug der Mann, vor welchem jetzt die ganze Welt ſich beugte, den Blick faſt ſchamvoll zu Boden. „Hortenſe,“ ſagte er,„wir ſtehen jetzt vor einer Entſcheidung, und es iſt unſere Pflicht, nicht zurück⸗ zuweichen. Die Nation hat ſo viel für mich und meine Familie gethan, daß ich ihr das Opfer ſchuldig bin, welches ſie von mir fordert. Die Ruhe und das Glück Frankreichs fordern von mir, daß ich mir eine Gemahlin wähle, welche dem Lande und mir einen Thronerben geben kann. Seit ſechs Monaten lebt Joſephine in Angſt und Erwartung; das muß enden. Du, Hortenſe, biſt ihre theuerſte Freundin, ihre liebſte Vertraute, Dich liebt ſie mehr als Alles auf der Welt. — 122— Willſt Du es daher übernehmen, Deine Mutter auf ihre neue Beſtimmung vorzubereiten? Du würdeſt mein Herz dadurch von einer ſchweren Laſt befreien.“ Hortenſe hatte die Kraft, ihre Thränen zurückzu⸗ drängen und ihre Augen mit feſtem, entſchloſſenem Blick auf das Antlitz des Kaiſers zu heften. Und wieder ſenkte dieſer, unwillkürlich zurückweichend, das Auge zu Boden, wie der Löwe erbebend zurückweicht vor dem glanzvollen, zürnenden Blicke eines reinen, unſchuldsvollen Weibes. Hortenſe hatte den Muth, die Bitte des Kaiſers entſchieden zurückzuweiſen. „Wie, Hortenſe,“ rief Napoleon ſchmerzvoll verweigerſt mir meinen Wunſch?“ „Sire,“ ſagte ſie, kaum noch im Stande ihre Thränen zurückzuhalten,„Sire, ich habe nicht die Kraft, den Dolch in das Herz meiner Mutter zu ſtoßen.*)“ Und der Etiquette vergeſſend, wandte Hortenſe ſich ab, und verließ mit hervorbrechenden Thränen das Cabinet des Kaiſers. Du 7, VIII. Die Scheidung. Napoleon machte noch einen Verſuch, Joſephinen die traurige Nachricht durch eine Mittelsperſon zu hinterbringen. Er bat Eugene, den Vicekönig von Italien, nach Paris zu kommen und theilte ihm ſeine *) Schelten. Vol. II, S. 45. 123— Abſichten und ſeinen Wunſch mit. Eugène nahm die Nachricht von der beabſichtigten Scheidung mit gleicher ſchweigender Unterwürfigkeit hin, wie Hortenſe, aber wie Hortenſe weigerte er ſich, ſeiner Mutter die trau⸗ rige Nachricht zu hinterbringen, welche ihr Glück auf immer zerſchmettern mußte. Der Kaiſer mußte ſich alſo wohl entſchließen, die Trauerbotſchaft ſelber zu überbringen. Es war am 30. November 1809. Der Kaiſer ſpeiſte wie gewöhnlich mit der Kaiſerin an einer Tafel. Der finſtere Blick, mit welchem er in den Saal trat, machte Joſephinens Herz erbeben; ſie las in ſeinem finſtern, dunkeln Angeſicht, daß die Stunde der Ent⸗ ſcheidung gekommen ſei. Aber ſie erſtickte die Thrä⸗ nen, welche wider Willen in ihre Augen traten, und warf nur einen hülfeflehenden Blick hinüber zu ihrer Tochter, welche bleich und mit einem ſchmerzvollen Ausdruck ihr gegenüber ſaß. Nicht ein einziges Wort ward geſprochen während dieſes traurigen, unheilvollen Diners. Man konnte deutlich die angſtvollen, faſt ſchluchzenden Seufzer vernehmen, welche ſich aus der hochwogenden Bruſt der Kaiſerin hervordrängten. Draußen heulte und wimmerte der Wind und ſchlug den Regen praſſelnd gegen die ächzenden Fenſterſcheiben. Drinnen im Speiſeſaal herrſchte eine ſchauerliche Stille, welche Niemand mit einem Laut zu unterbrechen wagte. Der Aufruhr in der Natur contraſtirte und harmo⸗ nirte jedoch auf eine ſeltſame Weiſe mit dieſem Schwei⸗ gen der Menſchen. Nur einmal brach Napoleon dieſe Stille, indem er mit harter, barſcher Stimme den Lakaien, welcher hinter ſeinem Stuhl ſtand, fragte, wie viel Uhr es ſei? Dann ward wieder Alles ſtill und lautlos wie zuvor. Endlich hob Napoleon die Tafel auf und man nahm ſtehend ſeinen Kaffee ein. Napoleon trank haſtig, und wie er dann die geleerte Taſſe fortſetzte, klirrte und zitterte ſie in ſeiner Hand. Mit einer ſtürmi⸗ ſchen, zornigen Bewegung verabſchiedete er alle An⸗ weſenden. „Sire, darf Hortenſe bleiben?“ fragte Joſephine kaum hörbar. „Nein,“ rief der Kaiſer ungeſtüm. Hortenſe verneigte ſich tief, und mit einem ſchmerzvollen Blick von ihrer unglücklichen Mutter Abſchied neh⸗ mend, ſchritt ſie, gefolgt von dem Hof, aus dem Salon hinaus. Das Kaiſerpaar war jetzt allein. Welch ein furcht⸗ bares, entſetzliches Alleinſein war dies; mit welchem traurigen Schweigen ſtanden ſie einander gegenüber! Welch ein Ausdruck, welch ein Blick war das, mit welchem der Kaiſer zu der Kaiſerin hinüberblickte! Sie las in ſeinen erregten, zuckenden Zügen den Kampf, der ſeine Seele bewegte, aber ſie las auch da⸗ rin, daß ihre Stunde gekommen ſei! Wie er ſich jetzt ihr näherte, wie er ſeine Hand ausſtreckte, zitterte dieſe, und Joſephinens ganze Ge⸗ ſtalt zuckte und bebte, wie im Fieberſchauer, Napoleon nahm ihre Hand, die ſie ihm willenlos überließ und legte ſie auf ſein Herz. Joſephinens Zähne ſchlugen krampfhaft aufeinander, und ein ban⸗ ges Aechzen kam aus ihrer Bruſt hervor. Napoleon betrachtete ſie mit einem langen, ſchmerzvollen Ab⸗ ſchiedsblick. „Joſephine,“ ſagte er dann mit trauriger, zittern⸗ der Stimme,„meine gute Joſephine, Du weißt, ob ich Dich geliebt habe!— Dir, nur Dir allein verdanke ich die einzigen Augenblicke des Glückes, die ich in dieſer Welt genoſſen habe. Joſephine, mein Schickſal iſt ſtärker als mein Wille. Meine theuerſten Nei⸗ — 125— gungen müſſen vor den Intereſſen Frankreichs ver⸗ ſtummen.“*) 3 „Sprich nicht weiter,“ rief Joſephine, ihm mit einem zornigen Schmerz die Hand entreißend,„nein, ſprich nicht weiter. Ich verſtehe Dich und erwartete dies, aber der Schlag iſt doch nicht minder tödtlich—“ Sie konnte nicht weiter ſprechen, die Stimme ver⸗ ſagte ihr. Es kam über ſie wie ein Krampf der Ver⸗ zweiflung, der lang gefeſſelte Sturm ihres Schmer⸗ zes mußte endlich losbrechen. Sie weinte, ſie rang die Hände, ihr Mund öffnete ſich zu einem lauten Schrei des Entſetzens, krampfhaftes Stöhnen kam aus ihrer Bruſt hervor, und endlich befreite eine tiefe Ohnmacht ſie von dem Bewußtſein ihrer Qual. Als ſie wieder erwachte lag ſie auf ihrem Lager, vor welchem Hortenſe und ihr Leibarzt Corviſart ſaßen. Joſephine ſtreckte ihre zitternden Arme ihrer Tochter entgegen, und dieſe warf ſich laut ſchluchzend an das Herz ihrer Mutter. Corviſat zog ſich ſchwei⸗ gend zurück. Er fühlte, daß er da nichts mehr zu helfen vermöchte. Er hatte Joſephine nur zu dem Bewußtſein ihres Unglücks zurückrufen können, für ihr Unglück ſelbſt aber hatte er keine Arzenei, er wußte, daß ihre Thränen und das Mitgefühl ihrer Tochter ihr allein Linderung gewähren konnten. Joſephine weinte an Hortenſens Herzen lange und ſchmerzvoll, als aber Napoleon kam, ſich nach ihrem Vefinden zu erkundigen, als er ſich vor ihrem Lager niederließ, da zuckte Joſephine in tiefem Entſetzen zu⸗ ſammen, ihre Thränen verſiegten, und dieſe ſonſt immer ſo ſanften, ſo liebevollen und lächelnden Angen hatten jetzt Blitze des Zornes und der tiefgekränkten *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Bourienne. Vol. III, S. 344. Liebe. Aber die Liebe beſiegte bald den Zorn in ihr. Sie reichte dem Kaiſer die bebende Hand dar, auf ihren Lippen zitterte dieſes ſchmerzvolle Lächeln, wel⸗ ches nur den Frauen angehört, und mit einer rührend ſanften Stimme fragte ſie:„Hatte ich nun nicht Recht, mein Freund, daß ich davor zurückſchreckte, Kaiſerin zu werden?“*) Napoleon erwiderte nichts. Er wandte ſich ab und weinte.— Aber dieſe Abſchiedsthränen ſeiner Liebe konnten das Schickſal Joſephinens nicht mehr ändern; der Kaiſer hatte es ſchon unwiderruflich feſtgeſtellt. Er hatte in Wien ſchon die Zuſage erhalten, daß man ihm die Hand der Tochter des öſterreichiſchen Kaiſers, die Erzherzogin Marie Lonuiſe, gewähren wolle. Es war nur noch nöthig, Joſephinen von dem Thron zu verſtoßen, um eine neue, eine legitime Kaiſerin auf denſelben zu erheben! Der Kaiſer konnte und wollte alſo nicht mehr zurück. Er verſammelte um ſich alle ſeine Brüder, alle die Könige, Herzöge und Fürſten, welche ſein machtvoller Wille geſchaffen, und vor der Kaiſerfamilie, dem Hof und dem Senat, welche Alle in den großen Staatsgemächern der Tuilerien vereinigt waren, er⸗ ſchien der Kaiſer an der Seite der Kaiſerin, welche heute zum letzten Male in dem vollen Pomp dieſer Würde ſich darſtellte, die ſie im Begriff war für im⸗ mer abzulegen. Mit lauter, feſter Stimme erklärte der Kaiſer den Verſammelten ſeinen Entſchluß, ſich von ſeiner Ge⸗ mahlin zu trennen, und Joſephine, obwohl mit zit⸗ ternder Stimme und oft unterbrochen von ihren *) Die Schilderung dieſer ganzen Scene iſt nicht eine roman⸗ tiſche Erfindung, ſondern gehört der Kaiſerin Joſephine ſelber an, welche ſie ſo ihrem Vertrauten, Bonrienne, erzählte. Siehe Bourienne. Vol. III. S. 442 ff. — 127— Thränen, wiederholte die Worte ihres Gemahls. Der Erzkanzler Cambacdres ließ ſodann durch den Staats⸗ Secretär den betreffenden Paragraphen des Code civile vorleſen, machte davon in einer kurzen gedrungenen Rede eine Anwendung auf den vorliegenden Fall, und erklärte die Ehe des Kaiſers und der Kaiſerin für getrennt. Damit war die Ceremonie geendet und dem Ge⸗ ſetz genug gethan. Joſephine hatte nur noch von ihrem Gemahl und dem Hofe Abſchied zu nehmen, und ſie that dies mit dieſer ſanften, engelgleichen Ruhe, dieſem anmuthigen lächelnden Weſen, welches ihr, wie kaum jemals einer andern Frau, eigen war. Wie ſie ſich mit bleichem, aber von innerer Bewe⸗ gung ſtrahlenden Angeſicht vor Napoleon verneigte, da murmelten ſeine Lippen einige unverſtändliche, haſtige Worte, da zuckte ein tiefer Schmerz durch ſein ehernes Angeſicht, und wie ſie dann zwiſchen ihren Kindern, zwiſchen Eugène und Hortenſe durch den Saal dahinſchritt und Alle mit einem letzten ſanften Blick, mit einem letzten Neigen des Hauptes begrüßte, da hörte man nichts als Weinen und Seuf⸗ zen, und ſelbſt Diejenigen, welche ſich ihres Sturzes freuten, weil ſie auf die neue Kaiſerin und die neue Dynaſtie hofften, wurden jetzt zu Thränen gerührt von dieſer ſo ſtillen und doch ſo tief beredten Ab⸗ ſchiedsſcene. Das Opfer war jetzt vollendet. Napoleon hatte das Liebſte was er beſaß, ſeinem Ehrgeiz geopfert, er hatte ſich von Joſephinen getrennt! Noch am ſelben Tage verließ ſie die Tuilerieen, um ſich für immer nach Malmaiſon zurückzuziehen, nach Malmaiſon, das einſt das Paradies und jetzt der Wittwenſitz ihrer Liebe ſein ſollte. Joſephine verließ den Hof, aber die Herzen ver⸗ ließen ſie nicht. Während der nächſten Wochen war auf der Straße von Paris nach Malmaiſon eine wahre Proceſſien Kommender und Gehender, man ſah die Equipagen aller Könige und Fürſten, die jetzt in Paris weilten, die Equipagen aller Großen und aller Würdenträger des neuen Frankreichs. Selbſt das Faubourg St. Germain, das immer noch ſeine Sympathien für die Bourbonen ſich bewahrt und ſeine heimlichen Vertreter in Paris hatte, ſelbſt dieſes be⸗ gab ſich nach Malmaiſon zur Kaiſerin. Und nicht blos die Vornehmen und die Reichen wallfahrteten dahin, ſondern auch die Armen und die Unbemittelten. Jedermann, Arm und Gering, Vornehm und Reich, Jedermann wollte der Kaiſerin ſagen, daß man ſie immer noch verehre und liebe, daß ſie immer noch eine Herrſcherin geblieben über die Herzen, wenn auch ihre Herrſchaft auf dem Thron aufgehört. Das ganze Volk trauerte mit Joſephinen und ihren Kindern; ahnungsvoll flüſterte man einander ins Ohr, daß jetzt des Kaiſers Stern erbleichen werde, daß mit Joſephinen ſein guter Engel und ſein Glück ihn ver⸗ laſſen habe, daß die Zukunft die Thränen Joſephinens rächen werde! X. Der Rönig von Holland. Während Joſephine in Malmaiſon ihre Scheidung beweinte, ſuchte Hortenſe für ſich eine eben ſolche Löſung ihres Schickſals. Sie würde eine Scheidung, welche ihre Mutter als ein Unglück beklagte, weil ſie — 129— ihren Gemahl immer noch liebte, ſie würde eine Schei⸗ dung als ein Glück begrüßt haben, weil ſie ihren Gemahl niemals geliebt hatte.— Diesmal wieder im Einklang mit ihrem Gemahl bat Hortenſe den Kaiſer, ihre Ehe trennen zu wollen, und der König vereinigte ſeine Bitten mit denen der Königin. Aber Napoleon blieb unerbittlich. Seine Familie ſollte nicht dem Lande das unerquickliche Beiſpiel geben, daß man die Ehe nicht heilig halte. Er hatte ſich aus Staatsrückſichten geſchieden, und aus Staatsrück⸗ ſichten wollte er nicht einwilligen, die Ehe ſeines Bruders und ſeiner Stieftochter trennen zu laſſen. Sie mußten alſo weiter ſchleppen an dieſer Kette, welche ſie Beide vereinte. Sie thaten es Beide mit zor⸗ nigem Schmerz im Herzen, und da ſie Niemand An⸗ ders hatten, den ſie wegen ihres Unglücks anklagen durften, klagten ſie ſich gegenſeitig an, zürnten ſie ein⸗ ander für das, was ſie durch einander erduldeten. Louis kehrte verſtimmter und niedergebeugter als jemals nach Holland zurück, während Hortenſe mit ihren beiden Söhnen auf den ausdrücklichen Befehl Napoleons noch für einige Zeit in Paris zurückbleiben, mußte. Sie ſollte den Feſten beiwohnen, welche jetzt bald am Kaiſerhofe zur Feier der Vermählung des Kaiſers mit der Erzherzogin Marie Louiſe von Oeſter⸗ reich ſtattfinden würden. Die Tochter der geſchiedenen Kaiſerin ſollte mit den Schweſtern des Kaiſers am Vermählungstage die Schleppe der Kaiſerin tragen. Napoleon wollte Frankreich und ganz Europa be⸗ weiſen, daß es in ſeiner Familie kein anderes Geſetz gebe, als ſeinen Willen, und daß die Tochter Jo⸗ ſephinens niemals aufgehört habe, auch ſeine gehor⸗ ſame Tochter zu ſein. Napoleon wünſchte außerdem die Königin, welche von Joſephinen die Anmuth und Grazie geerbt hatte, und deren echte ſchöne Weiblich⸗ Königin Hortenſe. I. 9 — 130— keit den Damen ſeines Hofes ein gutes Vorbild ſein konnte, an die Perſon ſeiuer jungen Gemahlin zu feſſeln und ihr auf dieſe Weiſe einen ſanften und zarten Mentor an die Seite zu ſtellen. Hortenſe fügte ſich ſchweigend den Befehlen des Kaiſers; ſie trug am 1. April 1810, als Marie Louiſe dem Kaiſer vermählt ward, mit den Schweſtern Na⸗ poleons die Schleppe der neuen Kaiſerin. Sie allein that das ohne Widerſtreben, während die Schweſtern Napoleons, die Königin Caroline von Neapel, die Herzogin Pauline von Guaſtalla und die Großher⸗ zogin Eliſe von Toscana nur nach heftigem Wider⸗ ſtande ſich dem Befehl Napoleons gefügt hatten und mit finſtern Blicken und Thränen in den Augen als dienſtbare Unterthaninnen hinter ihrer neuen Souve⸗ rainin daherſchritten. Und die Schweſtern des Kaiſers waren nicht die Einzigen, welche am Tage der Ver⸗ mählungsfeier Napoleons und Marie Luiſens dem Kaiſerpaar grollten. Nur ein kleiner Theil der hohen Geiſtlichkeit war der Einladung des Großmeiſters der Ceremonieen gefolgt und hatte ſich in die zur Trauung des Kaiſerpaares in den Tuilerieen ſelbſt errichtete Kapelle verfügt. Der Kaiſer, welcher die Thränen ſeiner Schweſtern nicht ſtrafen mochte, konnte wenigſtens die Abweſen⸗ heit der Cardinäle ſtrafen, und er that das ſchon am nächſten Tage. Er exilirte diejenigen Cardinäle, welche nicht in der Kapelle erſchienen waren, er ver⸗ bot ihnen, hinfort im rothen Cardinalsgewande zu⸗ erſcheinen und verdammte ſie zu dem ſchwarzen Pöni⸗ tenzkleide. 3 Auch das Volk von Paris empfing die neue Kai⸗ ſerin nur mit einem befohlenen Enthuſiasmus; es ſchaute mit unheilsvollen Ahnungen auf die neue „Oeſterreicherin,“ und als bald darauf bei dem Feſte, — 131— das der Fürſt von Schwarzenberg zu Ehren der kai⸗ ſerlichen Vermählung gab, jene furchtbare Feuers⸗ brunſt entſtand, welche ſo viel Menſchenleben koſtete und ſo viel Familienglück zerſtörte, da erinnerte ſich das Volk mit Entſetzen jenes andern Unglücks, wel⸗ ches den Einzug Marie Antoinettens in Paris be⸗ zeichnet hatte, und nannte dieſe Feuersbrunſt das Wahrzeichen des Unglücks, welches die„Oeſterrei⸗ cherin“ über Frankreich und den Kaiſer bringen werde. Während Hortenſe in Paris den Feſten zu Ehren der neuen Kaiſerin beiwohnen mußte, zog ſich über dem Haupt ihres Gemahls ein finſteres Ungewitter zuſammen, das bald ſein Leben und ſeine Krone be⸗ drohen ſollte. Als Louis damals auf Befehl des Kaiſers die Krone von Holland angenommen, hatte er den hei⸗ ligen Eidſchwur geleiſtet, ſeinem neuen Volke ein treuer Herrſcher zu werden und ſeinem Wohl ſein ganzes Daſein zu weihen. Und er war ein zu red⸗ licher Mann, als daß er dieſen feierlichen Schwur nicht hätte erfüllen ſollen. Er war nur bedacht, ſolche Einrichtungen zu treffen, ſolche Geſetze zu geben, wie ſie dem Wohl und Gedeihen Hollands gemäß waren, und nicht im Mindeſten berückſichtigte er dabei, ob dieſe Geſetze den Intereſſen Frankreichs nicht zuwider laufen möchten. Er wollte Holland nicht als eine von Frankreich abhängige Provinz betrachten, deren Statthalter er war, ſondern als ein freies Land, das ihn zu ſeinem freien und unabhängigen König erwählt. Aber Napoleon war nicht der Anſicht ſeines Bruders; in ſeinen Augen war es ein unerhörtes Sacrilegium, das Königreich Holland gegen die Obergewalt Frank⸗ reichs ſich auflehnen zu ſehen.. 3 Als der Kaiſer damals ſeinen Bruder mit der Krone Hollands belehnte, hatte er es ihm zur Pflicht 2 4 — 132— gemacht,„ſeinem Volke ein guter König zu werden, dabei aber immer ein treuer Franzoſe zu bleiben und die Intereſſen Frankreichs zu wahren.“ Louis aber hatte ſich bemüht, ein guter Holländer zu werden, und als daher zwiſchen den Intereſſen Frankreichs und Hollands Conflicte entſtanden, ſtellte der König ſich auf die Seite ſeines neuen Vaterlandes und han⸗ delte und dachte als Holländer. Er war der Anſicht, daß Holland nur dem Handel und der Induſtrie ſeinen Wohlſtand verdanken, daß es nur groß ſein könne durch ſeine mercantiliſche Bedeutſamkeit; er verringerte daher das Heer, verkleinerte die Flotte, verwandelte die Kriegsſchiffe in Kauffahrteiſchiffe und die Seeſol⸗ daten in Matroſen friedlicher Handelsſchiffe. Napoleon aber betrachtete dieſe Umwandelung mit Entſetzen und machte dem König von Holland zor⸗ nige Vorwürfe darüber,„daß er ganze Escadrons entwaffnet, die Seeſoldaten entlaſſen, die Armee des⸗ organiſirt habe, ſo daß Holland ſich jetzt ohne Land⸗ und Seemacht befände, gleichſam als ob die Maga⸗ zine der Kaufleute, die Negocianten und Commis im Stande wären, eine Macht zu conſolidiren.“ Einen noch bitterern Vorwurf aber machte Napoleon dem Könige daraus, daß er die Verbindungen Hollands mit England wieder angeknüpft, für Holland den Blocus aufgehoben hatte, den Frankreich zu einem Geſetz gegen England erhoben hatte, und die ameri⸗ kaniſchen Schiffe, welche aus den Häfen Frankreichs verbannt waren, in denen Hollands ruhig ankern laſſe.— Der Kaiſer forderte von dem Könige von Holland, daß er ſich unbedingt ſeinem Willen und den Inter⸗ eſſen Frankreichs füge, daß er ſofort alle Handels⸗ beziehungen Hollands mit Englands verbiete, daß er eine Flotte von vierzig Linienſchiffen, ſieben Fregatten — 133— und ſieben Briggs, ein Landheer von fünfundzwanzig⸗ tauſend Mann wieder herſtelle und alle Privilegien des Adels, die der Conſtitution zuwider liefen, auf⸗ heben ſolle. König Ludwig hatte den Muth, im Namen Hol⸗ lands dieſen Forderungen zu widerſtehen und ſich den Befehlen des Kaiſers, deren Ausführung den Wohlſtand Hollands nothwendig ruiniren mußte, nicht fügen zu wollen. Napoleon beantwortete dieſe Weigerung mit einer Kriegserklärung. Er ließ dem holländiſchen Geſandten in Paris ſeine Päſſe ausfertigen, und ſandte ein fran⸗ zöſiſches Truppencorps nach Holland, um den Ueber⸗ muth des Königs zu beugen. Aber das Unglück, welches Holland bedrohte, hatte die ganze Energie des Königs wach gerufen, und alle Drohungen und alles Zürnen Napoleons konnte die Entſchlüſſe des Königs nicht beugen. Als der Befehls⸗ haber der franzöſiſchen Truppen, der Herzog von Reggio, ſich Amſterdam näherte, um es zu belagern und dadurch den König zur Nachgiebigkeit zu zwingen, zog Louis es vor, lieber von ſeinem Thron herabzu⸗ ſteigen, als ſich den ungerechten Forderungen Frank⸗ reichs zu unterwerfen. Er erließ daher an ſein Volk eine Proclamation, in welcher er ihm ſagte, daß er,„überzeugt, nichts mehr zu ihrem Wohlergehen und in ihren Inter⸗ eſſen thun zu können, und im Gegentheil glaubend, daß er ein Hinderniß zu der Wiederkehr der wohlwollen⸗ den Geſinnung ſeines Bruders gegen Holland ſei, ſich entſchloſſen habe, zu Gunſten ſeiner beiden Söhne Napoleon Louis und Carl Louis Napoleon abzu⸗ danken.“ Bis zu ihrer Volljährigkeit ſolle die Köni⸗ gin Hortenſe, der Conſtitution gemäß, die Regent⸗ — ſchaft führen.— Er nahm dann mit rührend ſchönen — 134— kurzen Worten Abſchied von ſeinen Unterthanen und begab ſich, unter der Verkleidung nnd unter dem Namen eines Grafen von St. Leu, durch die Staaten ſeines Bruders Jérome, des Königs von Weſtphalen, und durch Sachſen nach Teplitz, wo er zum Gebrauch der Bäder verweilte. Dort erfuhr er, daß Napoleon, weit entfernt da⸗ von, die Clauſeln ſeiner Abdication zu achten und zu erfüllen, das Königreich Holland mit dem Kaiſerreich vereint habe. Der König erließ gegen dies Verfahren des Kaiſers eine Proteſtation, in welcher er im Namen ſeines Sohnes, des minorennen Königs Napoleon Louis, dieſen Act als eine durch nichts gerechtfertigte Gewaltthat des Kaiſers bezeichnete, die Wiederher⸗ ſtellung Hollands auf Grund der geheiligten Völker⸗ rechte und Geſetze beanſpruchte und die Vereinigung Hollands mit Frankreich in ſeinem und ſeiner Söhne Namen für ungültig erklärte. Napoleon beantwortete dieſe Proteſtation des Kö⸗ nigs damit, daß er ihm durch den franzöſiſchen Ge⸗ ſandten in Wien befehlen ließ, bis zum 1. December 1810 wieder nach Frankreich zurückzukehren,„wenn er nicht als ein Rebell, der es wage, ſich gegen das Oberhaupt ſeiner Familie und die Conſtitutionen des Kaiſerreichs aufzulehnen, betrachtet und darnach be⸗ handelt ſein wolle.“ 4 Louis ließ dieſe Drohung unbeantwortet und fügte ſich ihr nicht. Er zog ſich nach Gratz in Steiermark zurück und lebte dort als ein einfacher Privatmann, bewundert und geliebt nicht blos von Denen, welche ihm dort nahe kamen, ſondern auch ganz Europa Achtung gebietend durch die edle und wahrhaft hoch⸗ herzige Weiſe, in welcher er ſeine eigene Goöße dem Wohl ſeines Volkes geopfert hatte. Selbſt ſeine und Napoleons Feinde konnten dem König von Holla — 135— dieſen Tribut ihrer Achtung nicht verſagen, und ſogar Ludwig XVIII. ſagte von ihm:„Louis Bonaparte iſt durch ſeine Abdankung in Wahrheit ein König geworden; indem er der Krone entſagte, hat er ſich würdig gezeigt, ſie zu tragen. Er iſt der erſte Monarch, der ein ſo großes Opfer aus reiner Liebe zu ſeinem Volk gebracht hat; Andere vor ihm haben auch ihren Thron verlaſſen, aber ſie haben es aus Degout, aus Ueberdruß der Macht gethan. Aber in der Hand⸗ lungsweiſe des Königs von Holland iſt etwas wahr⸗ haft Erhabenes, welches man Anfangs nicht recht gewürdigt hat, aber welches, wenn ich nicht irre, die Nachwelt bewundern wird.“*) In Gratz lebte Louis Bonaparte, Graf von St. Leu, einige friedliche, ſtille Jahre, die erſten Jahre des Glückes vielleicht, die er in ſeinem kurzen und von ſo vielfachen Stürmen bis dahin zerriſſenen Leben genoſſen hatte. Arbeit und Studien füllten ſeine Tage aus und ließen ihn leicht ſeiner früheren Größe und Bedeutſamkeit vergeſſen. Wie er einſt ſeinen Ehrgeiz darein geſetzt, ein guter König zu ſein, war es jetzt ſein Ehrgeiz, ein guter Schriftſteller zu werden. Er ließ einen Roman„Marie“ drucken, und durch den Erfolg, den derſelbe in Freundeskreiſen gefunden, ermuthigt, ließ er auch ſeine Gedichte erſcheinen, Ge⸗ dichte, deren zärtliche und glühende Sprache bewies, daß dies ſo viel verkannte, ſo oft zurückgeſtoßene und darum ſo ſcheue und mißtrauiſche Herz endlich ſich erwärmen konnte zu einer ebenſo zarten als innigen Liebe, welcher Maria Pascal, die ſchöne Harfenkünſt⸗ lerin, zu widerſtehen wohl nicht die Grauſamkeit hatte. Aber es kam ein Tag, an welchem Louis Bona⸗ *) Mémoires d'une femme de qualité. Vol. V, S. 47. — 136— parte allen dieſen ſüßen Stimmen des Glückes, des Friedens und der Liebe ſein Ohr verſchloß, um nur noch die Stimme der Pflicht zu hören, welche ihm gebot nach Frankreich und an die Seite ſeines Bru⸗ ders zurückzukehren. So lange die Sonne des Glückes über Napoleon leuchtete, hielt der freiwillig von ſei⸗ nem Thron herabgeſtiegene König Ludwig von Hol⸗ land ſich in dunkler, unſcheinbarer Ferne, aber als die Tage des Unglücks über den Kaiſer hereinbrachen, da gab es für ſeinen treuen und tapferen Bruder nur Eine Stelle, die Stelle an der Seite ſeines Kaiſers. „An dem WTage,“ ſagt Frau von St. Elme, welche ſich gerade zu der Zeit in Gratz befand und Zeuge der Abſchiedsſcene zwiſchen Louis Bonaparte und den Bewohnern von Gratz war,„an dem Tage, wo Oeſter⸗ reich auf ſo unvermuthete Weiſe ſeine Allianz mit Frankreich brach, fühlte König Louis die Nothwendig⸗ keit, dem Aſyl zu entſagen, welches er jetzt nur noch den Feinden Frankreichs verdankt haben würde, und er eilte von dem ungerechten, großen Mann, der ihn zurückgeſtoßen hatte, den einzigen Platz zu beanſpruchen, welcher der Würde ſeines Charakters angemeſſen war, den Platz an ſeiner Seite.“ „Aber welch ein Kummer, ein Gegenſtand des Be⸗ dauerns war dies für die Einwohner von Gratz, ja für ganz Steiermark, denn es gab in Steiermark nicht eine fromme Stiftung, nicht eine nützliche Anſtalt, nicht eine arme Familie, die ſich nicht ſeiner Wohl⸗ thaten zu erinnern gehabt hätte, und doch wußte man, daß er, der ſo eilig und unvorbereitet vom Thron herniedergeſtiegen war, nur geringe Mittel beſaß, und ſich ſelber manchen Lebensgenuß verſagte, um Andern hülfreich zu ſein. Man bat, man beſchwor ihn mit Thränen, da zu bleiben, und als er dennoch bei ſeinem „ — 137— Beſchluß beharrte, als man ihm endlich die Pferde, welche man ihm anfangs verweigern wollte, auf ſeine dringend wiederholte Forderung doch gewähren mußte, da ſpannte das Volk die Pferde von ſeinem Wagen, um ſich ſelber davor zu ſpannen und ihm bis vor die Thore der Stadt das Geleit ihrer Liebe zu geben. Seine freiwillige Abreiſe glich einem wahren Triumph⸗ zuge, und dieſer verbannte König ohne Vaterland ward, indem er ſein Exil verließ, mit eben ſolchen Liebesdemonſtrationen begrüßt, als indem er den Thron beſtiegen hatte.“*) X. Junot, der Herzog von Abrantes. Während alle die Getreuen ſich beeilten, ſich um Napoleon zu ſchaaren und dem vom Schickſal und von den Menſchen bedrohten Helden ihre Hülfe und ihren Beiſtand darzubringen, während ſelbſt ſein Bruder Louis, aller Kränkungen und aller Beleidi⸗ gungen vergeſſend, zu ihm eilte, ward einer ſeiner Getreueſten und Ergebenſten, Einer, auf den der Kaiſer in Noth und Tod ſonſt hatte rechnen dürfen, durch das Schickſal von ihm fern gehalten. Dieſer Eine war ſein Jugendfreund und Waffen⸗ genoſſe Junot, der aus einem einfachen Bürgerhauſe hervorgegangen, durch ſeinen Heldenmuth und ſein Verdienſt ſich zu dem Rang eines Herzogs von Abrantes erhoben hatte. Er allein blieb zurück, als ol. IV. S. 377. *) Mémoires d'une contemporaine. V. — 138— die Kriegsdrommete alle Generäle Napoleons mit ihrer unheilvollen Stimme nach Paris berief. Aber er blieb nicht, weil er es wollte, ſondern weil ſein Ver⸗ hängniß es wollte! Junot, der Held ſo vieler Schlachten, der cheva- lier sans peur et sans reproche, der einſtige Gou⸗ verneur von Madrid, der jetzige Gouverneur von Iſtrien und Illyrien, Junot war heimgeſucht von der ſchlimmſten und entſetzlichſten aller Krankheiten— ſein Gehirn war krank! Die Narben, welche ſein Haupt und ſeine Stirn bedeckten und ein ſo edles Zeugniß ſeiner Tapferkeit und ſeiner Bravour ablegten, bekundeten zugleich die Quelle ſeines Leidens. Sein ſo oft verletztes, ſo vielfach von Säbelhieben getrof⸗ fenes Haupt war wohl äußerlich geneſen, aber die Wunden hatten ihre geiſtige Spur im Gehirn zurück⸗ gelaſſen. Der Held ſo vieler Schlachten hatte ſich in einen armen Irrſinnigen verwandelt. Und doch war dieſer Irrſinnige noch immer der allmächtige und unum⸗ ſchränkte Beherrſcher von Iſtrien und Illyrien. Na⸗ poleon, indem er ihn zum zweiten Male zum Gou⸗ verneur dieſer Provinzen einſetzte, hatte ihm wahrhaſt königliche Gewalt verliehen. Weil er den edlen Sinn, die Treue und Hingebung ſeines Waffenbruders kannte, hatte er ihn mit der Machtvollkommenheit eines Sou⸗ verains bekleidet, und ließ ihn unbedingt herrſchen an ſeiner Statt. Niemand hatte daher die Macht und die Fähigkeit, ihn, den Kranken und Irrſinnigen, ſeiner hohen Stellung zu entheben, und ihm das Scepter zu entwinden. Napoleon hatte es in ſeine Hand gelegt, er allein konnte es von ihm zurückfordern. Selbſt der Vicekönig von Italien, an welchen ſich die Stände von Iſtrien in ihrer Noth und ihrer Herzens⸗ angſt um Hülfe wandten, ſelbſt Eugéne vermochte nicht, ihnen zu helfen. Er konnte ihnen nur ſagen: „Sendet einen Courier an den Kaiſer und erwartet ſeine Antwort.“ Aber damals war es nicht eine ſo leichte Sache, Couriere auf zweihundert Meilen Entfernung zu ſenden, damals gab es keine Eiſenbahnen, keine Telegraphen, und die elektriſche Kraft und der Magnetismus hatte ſich noch nicht dem Menſchengeiſt dienſtbar gemacht. Die Illyrier ſandten ſofort einen Courier an den Kaiſer ab, um die Abhülfe ihrer Noth zu erflehen, aber für ſie galt das ruſſiſche Sprüchwort:„Der Himmel iſt hoch und der Kaiſer iſt weit!“— Wochen mußten vergehen, bis der Courier zurückkehren konnte mit der Antwort des Kaiſers, und bis dahin gab es keine Hülfe, und bis dahin gab es keine andere Auto⸗ rität, der man zu gehorſamen hatte, als den Herzog von Abrantes, den armen Irrſinnigen. Keine Macht, keine Inſtitution hatte das Recht, ſich an ſeine Stelle zu ſetzen, oder ſich nur einen Moment mit ſeiner Machtvollkommenheit zu bekleiden, ohne das Siegel der Souverainetät zu verletzen, das Napoleon ſeinem Gouverneur auf die Stirn geheftet! Napoleon, deſſen Krone ſchon auf ſeinem Haupte zu zittern begann, der ſchon ſeinem eigenen Sturz ſo nahe war, Napoleon beſaß doch noch immer dieſe gi⸗ gantiſche Macht, daß ein Reflex derſelben genügte, um auf zweihundert Meilen weit entfernt von Frank⸗ reichs Gränzen die Unverletzlichkeit und Unantaſtbar⸗ keit eines Mannes zu ſchützen, der ſeiner Vernunft beraubt, nicht mehr die Kraft der Ueberlegung und des Wollens hatte! Wie ſchön, wie liebenswürdig und ritterlich war Junot geweſen in ſeinen früheren Tagen, wie hatte er in den Salons die ſchönen Frauen, auf dem Schlachtfelde die Soldaten und beim Tournier die Ritter zu bezaubern gewußt. In allen ritterlichen Künſten war er der Meiſter, immer und überall der unbeſtrittene Sieger und Held. Als ſolcher hatte er das Herz des Fräuleius von Premont gewonnen; die Tochter der ſtolzen Baronin des Faubourg St. Ger⸗ main hatte trotz des Entſetzens ihrer Mutter ſich freu⸗ dig entſchloſſen, die Gemahlin des Soldaten der Re⸗ publik, des Waffengenoſſen Napoleon's zu werden. Obwohl Junot kein anderes Vermögen als ſeinen Sold, keinen andern Adel als ſeinen Degen und ſeinen Ruhm beſaß, genügte das doch, um ſich die Gunſt der Tochter einer ſtrengen legitimiſtiſchen Mut⸗ Die Folgen dieſer Wunden hatten die Lorbeeren des Helden mit dunklem Trauerflor verhüllt, und das häusliche Glück der armen Herzogin auf immer ver⸗ nichtet. Sie hatte früher als Andere den traurigꝙen — 141— Zuſtand ihres Gemahls erkannt, aber ſie hatte aus demſelben vor aller Welt ein Geheimniß zu machen gewußt. Nur hatte ſie ſich geweigert, den Herzog von Abrantes nach Illyrien in ſein Gouvernement zu begleiten, und war in Paris zurückgeblieben, immer noch hoffend, daß eine Veränderung des Klima's und der Verhältniſſe ihrem Gemahl die Geſundheit wieder geben könne. Aber Junot war und blieb krank. Die Anfälle des Irrſinns und der Wuth, die ſonſt nur vereinzelt und ſelten geweſen waren, wurden jetzt häufiger, und waren bald kein Geheimniß mehr. Ganz Illyrien wußte, daß ſein Gouverneur ein Irrſinniger ſei, uud doch wagte Niemand ſich ſeinem Willen zu wider⸗ ſetzen und ſeinen Befehlen den Gehorſam zu ver⸗ weigern, doch fügte ſich Alles in Demuth und ſchwei⸗ gender Unterwürfigkeit ſeinem Willen, der Rückkehr des Couriers hoffend, den man an den Kaiſer nach Paris entſandt hatte! „Aber der Himmel iſt hoch und der Kaiſer iſt weit!“ Und viel Schlimmes noch konnte geſchehen und geſchah, bevor der Courier heimkehrte nach Trieſt, wo Junot reſidirte. Das Leiden des armen Herzogs mehrte ſich mit jedem Tage, ſeine Wuthanfälle wurden gefährlicher und häufiger, und konnten bei dem ge⸗ ringſten Anlaß ausbrechen. Einmal hatte ihn eine Nachtigall, die unter ſeinem Fenſter in dem Fliedergebüſch des Parks ſang, im Schlaf geſtört; am andern Morgen ließ Junot Gene⸗ ralmarſch ſchlagen und zwei Bataillone Croaten muß⸗ ten im Park aufmarſchiren, um gegen die arme Nach⸗ tigall einen Feldzug zu beginnen, welche den Schlaf des Herzogs zu ſtören gewagt. Ein anderes Mal meinte Junot eine große Ver⸗ . ſchwörung entdeckt zu haben, welche unter ſämmtlichen 142— Hammeln von Illyrien angezettelt war, und er ließ die ganze Wachſamkeit der Polizei, alle Mittel der Adminiſtration und die ganze Strenge der Geſetze gegen dieſe Verſchwörung der Hammel aufbieten. Dann wieder hegte er eine plötzliche romantiſche Neigung für eine junge und ſchöne Griechin, die ſeinem Haushalt angehörte. Da das junge Mädchen ſeinen Bewerbungen den Stolz ihrer Tugend ent⸗ gegenzuſetzen wagte, bemächtigte ſich Junot's eine leidenſchaftliche Verzweiflung, und er beſchloß, ſein Palais in Brand zu ſtecken, um in den Flammen ſein Herz und ſeine Liebe zu tödten. Zum Glück ent⸗ deckte man noch rechtzeitig ſeine Abſicht und vermochte dem kaum entzündeten Feuer Einhali zu thun. Plötzlich dann überkam ihn ein leidenſchaftlicher Widerwille gegen all' dieſes Geräuſch und dieſe Pracht, die ihn umgab, und aus dem Lärmen der Feſte, von dem Glanze ſeiner Stellung ſehnte er ſich fort nach der Stille und Anſpruchsloſigkeit eines unſcheinbaren dürftigen Lebens.. Fortwährend begehrte er Bauer zu werden und eine Hütte bewohnen zu können, und da Niemand da war, der das Recht gehabt, ihn ſeiner hohen Würden zu entkleiden, und ihm ſeinen Wunſch zu gewähren, faßte er den Entſchluß, ſich aus eigener Machtvoll⸗ kommenheit dieſer Größe zu entkleiden, die ſein armes krankes Herz ſo ſehr bedrückte, und den Beläſtigungen ſich zu entziehen, welche ſeine Würde ihm auferlegte. Unter dem Vorwand, die Provinzen bereiſen zu wollen, verließ er Trieſt, um einige Wochen hindurch ein ganz neues Leben zu führen, das ſogar einen Moment die Aufregung ſeines Geiſtes zu ſänftigen ſchien. Faſt incognito kam er in der kleinen Stadt Goritzia an, und erkundigte ſich in dem Gaſthof, in welchem er abſtieg, nach dem beſcheidenſten und un⸗ — 143— ſcheinbarſten Etabliſſement, welches den unſchuldigen und harmloſen Freuden redlicher Arbeiter gewidmet ſei. Man bezeichnete ihm als ſolches ein Etabliſſement, welches den Nameu„die Eisgrube“ führte, und in welchem die armen Tagesarbeiter ſich von den Müh⸗ ſeligkeiten ihres Tages bei einem gemeinſchaftlichen Kruge des leichteſten Biers oder Weins zu erholen pflegten. In der„Eisgrube“ nahm nun der Gouverneur von Illyrien ſeine Reſidenz. Selten verließ er ſie, weder bei Tag noch bei Nacht, und mit harmloſeſter Fröhlichkeit nahm er dort, gleich dem großen König Harun al Raſchid, Theil an den unſchuldigen Ver⸗ gnügungen der glücklichen und zufriedenen Armuth. Hier auch ſollte dieſes arme, ſonſt ſo großmüthige und wohlwollende Herz ſeines letzten Troſtes, ſeiner letzten Freude theilhaftig werden, hier ſollte er einen letzten Freund finden! Dieſer letzte Freund des Herzogs von Abrantes, dieſer Pylades des armen irrſinnigen Oreſtes war— ein Irrſinniger! Ein armer Narr von guter Familie, und ſo gutartig und unſchädlich, daß man ihn unbe⸗ hindert umbergehen ließ, und ſeine Thorheiten, die Niemand Schaden bringen konnte, belachte. Aber trotz ſeiner Gutartigkeit war ihm doch ein ſanglanter Witz, eine geiſtvolle Bouffonnerie eigen, die ſich frei über Alles erging und keines Standes und keines Ranges ſchonte. Die bald beißenden, bald drolligen„Lazzi“ dieſes Diogenes von Iſtrien waren bald allein noch im Stande, die finſtern Sorgen des zerrütteten Helden zu zerſtreuen, und ein unendliches Vergnügen ge⸗ währte es ihm, all' den Glanz und die Größe der Geſellſchaft, die er ſelbſt ſo theuer erworben und doch ſo wenig genoſſen hatte, lächerlich gemacht zu ſehen. — — 144— Der Narr beſaß ein beſonderes Talent, gerade den Pomp des Gouverneurs und die franzöſiſche Eleganz ſeiner Beamten auf höchſt burleske Weiſe nachzuahmen, und wenn er dies that, kannte das Entzücken ſeines armen fürſtlichen Freundes keine Grenzen mehr. Nach einer ſolchen Scene warf ſich der Herzog von Abrantes einſt voll Enthuſiasmus in die Arme ſeines Freundes, und bekleidete ihn mit den edlen Inſignien der Ehrenlegion, indem er ihm das Groß⸗ kreuz dieſes Ordens, das der Herzog ſelber trug, um deu Hals legte. Der Kaiſer hatte Junot die Machtvollkommenheit ertheilt, dieſen Orden in der Provinz Illyrien und Iſtrien zu verleihen, und Niemand war daher befä⸗ higt und berechtigt, dem närriſchen Diogenes den Ehrenſchmuck zu entziehen, mit dem der Gouverneur ſelber ihn bekleidet hatte. Wochen lang konnte man daher durch die Straßen von Goritzia den tollen Narren daherſchreiten ſehen, ſich blähend wie ein Pfau mit dem Großkreuz des ſchönen und ehrenvollen Or⸗ dens des Kaiſers Napoleon, und zugleich die ſang⸗ lanteſten und beißendſten Bonmots gegen ſeinen eige⸗ nen Schmuck ſchleudernd. Oft begleitete ihn auf dieſen Wanderungen alsdann der Herzog von Abrantes, bald laut auflachend über die Spöttereien des Narren, bald ihnen mit tiefſinniger Aufmerkſamkeit lauſchend, als wären es die Orakelſprüche eines weiſen Sehers, welchen er andachtsvoll zuhörte. So zog dieſes ſelt⸗ ſame Paar durch die Straßen, oder ſetzte ſich, Arm in Arm geſchlungen, auf irgend einen Stein nieder, der da am Wege lag, wunderbare Gloſſen machend über die Vorübergehenden, oder tiefſinnig philoſo⸗ phirend über die Nichtigkeit alles Ruhms und aller Größe, über die Kleinlichkeit und Bosheit der Welt, die herzzereißenden und tiefergreifenden Scenen zwiſchen — 145— Lear und ſeinem Narren, welche der Genius Shake⸗ ſpeare's gezeichnet hat, verwirklichend. Nach wochenlangem Harren kam endlich die Bot⸗ ſchaft des Kaiſers, welche den armen kranken Junot ſeines Poſtens, und ſeiner Würde enthob, und den Herzog von Otranto an ſeine Stelle ſetzte. Der arme Herzog von Abrantes verließ Illyrien und kehrte heim nach Frankreich, um in der kleinen Stadt Maitbart nach langen, ſchmerzvollen Kämpfen ein troſtloſes und einſames Ende zu finden für ein Leben voll Ruhm, Glanz, Heldenmuth und untadel⸗ hafter Rechtlichkeit. X. Louis Napoleon als Veilchenverkäufer. Allmälig begann der Glanz der Sonne, welche ſo lange die Augen von ganz Europa geblendet hatte, zu erbleichen, und der leuchtende Stern des Kaiſers Napoleon fing an, von Wolken umdüſtert zu werden. Das Glück hatte ihm Alles gewährt, was es einem Sterblichen darzubringen vermag. Es hatte alle Kronen Europa's zu ſeinen Füßen niedergelegt und ihn zum Herrn aller Monarchieen und aller Völker erhoben. In Erfurt und in Dresden war das Vor⸗ zimmer des Kaiſers das Rendezvous aller legitimen und unlegitimen Kaiſer, Könige und Fürſten Euro⸗ pa's geweſen, und nur England hatte niemals über ſein feindſeliges Geſicht die Maske der Freundſchaft gelegt, und nie ſich einem verhaßten und gefürchteten Nachbar gebeugt. Napoleon, der Herr Europa's, den Königin Hortenſe. I. 10 die Kaiſer und Könige jetzt gern und freudig„ihren Bruder“ nannten, er konnte jetzt ſchon mit ſtolzem Triumph ſich ſeiner Vergangenheit erinnern, er war ſo hoch geſtiegen, daß er nicht mehr nöthig hatte, die Niedrigkeit, von welcher er hergekommen, zu verleug⸗ nen, ſondern daß dieſe Niedrigkeit ihm jetzt ein neuer Triumph der Größe werden mußte. Während des Congreſſes zu Erfurt waren eines Tages alle Kaiſer, Könige und Fürſten an der Tafel Napoleons verſammelt. Er hatte ſeinen Platz zwi⸗ ſchen dem Kaiſer von Rußland, ſeinem begeiſterten Freunde, und dem Kaiſer von Oeſterreich, ſeinem Schwiegervater. Ihnen gegenüber ſaßen der König von Preußen, ſein Bundesgenoſſe, obwohl Napoleon ihm die Rheinlande und Weſtphalen genommen, die Könige von Bayern und Würtemberg, denen Napoleon die Krone aufgeſetzt, deren Kurfürſten⸗ und Herzog⸗ thümer er in Königreiche verwandelt hatte, und von denen der Erſte ſeine Tochter an Napoleons Adop⸗ tivſohn Eugéène, und der Zweite ſeine Tochter an Napoleons Bruder Jerome verheirathet hatte. Da ſaßen ferner der König von Sachſen und der Groß⸗ herzog von Baden, dem Napoleon die Nichte Joſe⸗ phinens, Stephanie von Beauharnais, vermählt hatte. Lauter legitime Fürſten, deren Stammbaum eine glän⸗ zende und ſtolze Dynaſtie zeigte, und in ihrer Mitte ſaß der Sohn des Advokaten von Corſika, Er, der Kaiſer von Frankreich, Er, auf dem die Blicke aller dieſer Kaiſer und Könige mit bewunderndem Reſpekt ruhten. Man ſprach eben von Napoleons eminentem, wunderbarem Gedächtniß, und der Kaiſer wollte ſeinen ſtaunenden Zuhörern erklären, wodurch er daſſelbe ſo ausgebildet hatte.. 3 „Als ich noch Unterlieutenant war,“ begann Na⸗ poleon, und ſofort ſenkten ſich die Blicke ſeiner Zu⸗ — 147— hörer ſcheu und beſchämt auf die Teller nieder, und eine Wolke des Unwillens flog über die Stirn des Kaiſers von Oeſterreich bei dieſer Erinnerung an die niedrige Herkunft ſeines Schwiegerſohnes. Napoleon ſah es, er ließ ſeinen Flammenblick über alle dieſe verlegenen unwilligen Geſichter dahin ſchweifen und machte eine kleine Pauſe. Dann begann er mit ſcharfer Betonung noch einmal:„Als ich noch die Ehre hatte Unterlieutenant zu ſein,“ ſagte er, und der Einzige all dieſer Fürſten, welcher unbefangen geblieben war, der Kaiſer Alexander von Rußland, legte ſeine Hand auf die Schulter des Kaiſers und nickte ihm mit einem zärtlichen Lächeln zu, und freute ſich der Geſchichte zuzuhören, die der Kaiſer erzählte aus der Zeit, als er noch„die Ehre hatte“ Unter⸗ lieutenant zu ſein.*) Napoleon, wie geſagt, war jetzt ſo hoch geſtiegen, daß es für ihn keinen Gipfelpunkt mehr gab, und auch das letzte, das erſehnteſte Glück hatte ihm das Schickſal gewährt. Seine Gemahlin Marie Luiſe hatte ihm am 20. Mai 1811 einen Sohn geboren, und durch den kleinen König von Rom waren die heißeſten Wünſche Napoleons und Frankreichs erfüllt worden; der Kaiſer hatte jetzt einen Erben, die Dy⸗ naſtie Napoleons war geſichert. Feſte daher überall, Feſte in den Tuilerieen beim Kaiſerpaar, Feſte bei der Königin von Neapel, bei der Großherzogin v. Guaſtalla, bei all den Herzögen des Kaiſerreichs und bei der Königin von Holland. Hortenſe fühlte ſich krank und leidend, ein nervöſer Kopfſchmerz plagte ſie ſeit einiger Zeit und verrieth das Geheimniß dieſer Schmerzen und dieſes Grams, das ſie ſo ſorgſam in ihrem Innern verborgen ge⸗ *) Bossust, Mémoires. Vol. 5. — 148— halten. Die Noſen ihrer Wangen waren erbleicht, das Feuer ihrer Augen war matter geworden. In Malmaiſon weinte ihre Mutter um ihr verlorenes Glück, und wenn Hortenſe ſie getröſtet und mit ihr geweint, mußte ſie ihre Augen trocknen und in die Tuilerieen eilen, um mit lächelndem Geſicht vor Der⸗ jenigen zu erſcheinen, welche jetzt ihre Kaiſerin und die glückliche Rivalin ihrer Mutter war. Aber Hortenſe hatte ihr Geſchick angenommen und ſie war entſchloſſen, es ihrer und ihrer Mutter wür⸗ dig durchzuführen. Sie bemühte ſich alſo, der jungen Kaiſerin eine treue, aufrichtige Freundin zu ſein und die Wünſche des Kaiſers zu erfüllen, indem ſie trop ihrer Schmerzen Feſte gab und glänzende Geſellſchaf⸗ ten um ſich verſammelte. „Der Kaiſer will es ſo, der Kaiſer hat es geſagt,“ das genügte für Alles, was ihn umgab, es genügte auch für die Tochter Joſephinens. Ihre Mutter war gegangen, weil der Kaiſer es wollte; Hortenſe war geblieben, weil der Kaiſer es wollte, und ſie gab jetzt Feſte, weil der Kaiſer es wollte. Aber ſelbſt dieſe Feſte des Carnevals 1813 hatten etwas Finſteres und Trauriges, denn man ſah da ſo viele Krüppel und Invaliden, welche die traurige Niederlage des ver⸗ gangenen Jahres vergegenwärtigten. Es ſehlte den Bällen ſo ſehr an jungen Männern, welche zu tanzen vermochten, denn die fortwährenden Kriege hatten die Jugend Frankreichs alt und lahm gemacht und die Jünglinge in Krüppel verwandelt. Aber der Ehrgeiz des Eroberers fand immer noch nicht ſein Genüge; es gab nur noch Eine Krone, welche Napoleon nicht in ſeiner Hand gewogen und aus welcher er noch keinen Stern hatte herausbrechen können, das war die Krone des Kaiſers von Rußland, Napoleon zog alſo mit ſeinem Heer nach Nußland, 1 — 14⁴49— um im Kreml zu Moskau die Krone der Zaren auf⸗ zuſuchen. Der Stern ſeines Glückes erblaßte vor den Feuer⸗ gluthen des Brandes von Moskau, die Sonne ſeiner Herrlichkeit und ſeines Ruhms hatte nicht die Macht, dieſe Schneemaſſen und dieſe Winterkälte zu erwär⸗ men, welche ſein ſchönes Heer in Wilna und an der Bereſina mordete. Der Stern ſeines Glückes war erblaßt, und ohne Heer und ohne Ruhm war Napo⸗ leon 1812 aus Rußland heimgekehrt. Unter traurigen Auſpicien nahm das Jahr 1813 ſeinen Anfang. Abergläubiſche und furchtſame Leute wollten ſchon darin eine unglückliche Vorbedeutung ſehen, daß dieſes Jahr die ſchlimme Zahl 13 trug, und daß es an einem Freitag begonnen hatte. Den⸗ noch gab man überall Feſte zu Ehren dieſes neuen Jahres und betäubte das unheimliche Geflüſter ſeiner Ahnungen unter den rauſchenden Klängen der Muſik. Der Kaiſer hatte befohlen, daß auch der Hof und die ganze Kaiſerfamilie in dieſem Winter Feſte und Bälle gebe und dadurch den Pariſern ſeine gute Zuverſicht und ſeine Hoffnung auf die Zukunft beweiſe. Er wollte nicht, das man das Unglück von Moskau als ein Unglück für Frankreich bedauere. Diejenigen alſo, welche auf den Todtenfeldern Rußlands, die doch keine Schlachtfelder geweſen, ihre Angehörigen ver⸗ loren, mußten ſich bemühen, ihre Thränen zu ver⸗ bergen, Diejenigen, deren Angehörige als Krüppel und in ſiechem Zuſtande heimgekehrt, mußten dieſe Heimkehr als ein Glück preiſen und ſie in glänzenden Feſten feiern. Der Kaiſer hatte befohlen, daß man Feſte veran⸗ ſtalte, und Hortenſe gehorchte. Sie arrangirte für die Hoffeſte Quadrillen im Coſtum, zu denen ſie ſel⸗ der die Zeichnungen entwarf und die Muſik compo⸗ 3 — 150— nirte, und da der Kaiſer mit ſchmerzlichem Unwillen bemerkte, daß auf den Bällen nicht getanzt werden konnte, erſann Hortenſe andere Feſtlichkeiten, welche dieſes Mißgeſchick verhüllten. Statt der Tänze führte man Sprichwörter auf, ſtatt zu tanzen ſtellte man lebende Bilder dar. Aber während Hortenſe ſo der Mittelpunkt und die Seele der Hoffeſtlichkeiten war, während ſie anſchei⸗ nend glänzende Tage der Freude dahin lebte, war ihre Seele von trüben Ahnungen erfültt, bereitete ſie in der Stille ihres Herzens ſich vor auf die Tage des Unglücks, von denen ſie wußte, daß ſie unabwendbar ſeien. Sie wollte für dieſe Tage ſich ein ſtarkes Herz und eine entſchloſſene Seele ſchaffen, und auch ihre Kinder, ihre beiden geliebten Söhne, wollte ſie lehren, an die Vergänglichkeit ihres Glückes zu glauben und dem Unglück gefaßt entgegenzugehen. Sie hatte kein Mitleid mit der zarten Jugend dieſer acht⸗ und ſechs⸗ jährigen Knaben, kein Mitleid, weil ſie ſie zu warm und ſtark liebte, um ſie verweichlichen zu wollen. Sie beſaß die ſchöne Energie der Mutterliebe, welche ihre Kinder nicht ſchont, um ſie zu tapfern Kämpfern ge⸗ gen das Unglück zu bilden und ihre Stirnen hart zu machen, damit ſie geſtählt ſind gegen die Pfeile der Widerwärtigkeiten. Deshalb, inmitten des Glan⸗ zes, der ſie jetzt umgab, war die Königin immer be⸗ müht, ihre Söhne vorzubereiten auf die Tage des Unglücks, welche kommen konnten, und für dieſelben ſie ſtark und gefaßt zu machen. Eines Tages gab die Herzogin von Baſſano der Königin zu Ehren einen Ball, und Hortenſe, obwohl leidend und traurig, raffte ſich von ihrer Cauſeuſe auf und ließ ſich ſchmücken. Ihr blondes Haar, das, wenn es aufgelöſt war, über ihre Schulter bis auf ihre Füße niederfiel, ward auf altgriechiſche Weiſe — 151— coiffirt und geſchmückt mit einer Blumenguirlande, die indeß nicht aus natürlichen Blumen, ſondern aus Hortenſien von Diamanten beſtand. Dazu legte ſie ein Gewand von Roſa Crepp an, das mit einem Plein von großen Hortenſien in Silber geſtickt war. Den Saum des Kleides und der Schleppe faßte eine Guirlande von köſtlichen Blumen, aus Veilchen und Roſen zuſammengeſetzt, ein. Ein Bouquet von Hor⸗ tenſien aus Diamanten prangte an ihrem Buſen, und auch das Collier und die Armbänder beſtanden aus kleinen diamantenen Hortenſien. In dieſem reichen und geſchmackvollen Anzug, einem Geſchenk, das die Kaiſerin Joſephine am Tage zuvor ihrer Tochter geſandt, trat Hortenſe in den Saal, wo die Damen und Cavaliere ihres Hofes ſie in glänzender Parure erwarteten, um der Königin zu dem Ballfeſt zu folgen.*) Es war ein glänzender Anblick, den der Saal mit dieſen geſchmückten, von Brillanten funkelnden Frauen, mit dieſen Cavalieren in ihren reichen, *) Die Königin Hortenſe war überhaupt bewundernswürdig in der Wahl ihrer Toilette, welche immer von ihrem feinen und ausgezeichneten Geſchmack zeugte, und bei deren Auswahl ſie weni⸗ ger die Mode, als das, was ihr wohlgefiel, zu Rathe zog. So erſchien ſie auf einem Hofball des Jahres 1813, wo man immer nur ſchwere Kleider mit Gold⸗ und Silberſtickerei ſah, in einem ganz einfachen weißen Tüllkleide über einem weißen Atlaskleide, das in gleichmäßigen Entfernungen von Diamantagraffen auf⸗ genommen war. Dazu eine Krone von Brillanten, welche die ganze Fülle ihres reichen blonden Haares bedeckte, ein Gürtel von Brillanten und vor der Bruſt ein Bouquet von Brillanten, aus welchem zwei Reiben von gerade gefaßten Brillanten bis zum Rande des Atlaskleides niedergingen und dort über dem Fuß ein anderes Bouquet von Brillanten, ganz ähnlich dem des Gürtels, bielten. Es verſteht ſich von felbſt, daß das Collier und die Ohrgehänge zu dieſem Enſemble habien(Cochelet, Mémoires sur la reine Hortense. Vol. I. S. 56. goldgeſtickten Uniformen darbot. Die beiden Söhne der Königin, welche in dieſem Moment hereingeſprun⸗ gen kamen, um von ihrer„bonne petite maman“ Abſchied zu nehmen, blieben wie geblendet vor all dem Glanz, der ſie umgab, einen Moment ſtehen und nahten ſich dann nur ſchüchtern ihrer Mutter, die ihnen wie die in Roſenwolken ſchwebende Feenkönigin ihrer Märchen erſcheinen mochte. Die Königin er⸗ rieth die Gedanken ihrer Knaben, deren offenes Ge⸗ ſicht für ſie wie ein aufgeſchlagenes Buch war, in dem ſie jede Empfindung zu leſen verſtand. Sie reichte jedem der Kinder eine Hand dar und führte ſie zu einem Seſſel, auf welchem ſie ſich nieder⸗ ließ und den jüngſten Knaben, den kleinen kaum ſechs⸗ jährigen Louis Napoleon, auf ihren Schooß hob, während Napoleon Louis, ihr um zwei Jahre älterer Sohn, neben ihr ſtand und, ſeinen vollen ſchönen Lockenkopf an die Schulter Hortenſens gelehnt, mit zärtlichen Blicken zu dem bleichen, ausdrucksvollen Antlitz ſeiner ſchönen Mutter emporſchaute. „Nicht wahr, Napoleon,“ ſagte Hortenſe, während ſie ihre ſchmale, von Brillanten funkelnde Hand auf das Haupt ihres älteſten Sohnes legte,„nicht wahr, Du findeſt, daß ich heute ſehr ſchön gekleidet bin?“ „Würde ich Dir weniger gefallen, wenn ich arm wäre und keine Brillanten trüge, ſondern nur ein einfaches ſchwarzes Kleid? Würdeſt Du mich dann weniger lieb haben?“ „Nein, Maman!“ rief der Knabe faſt zürnend, und der kleine Louis Napoleon, der auf dem Schooß ſeiner Mutter ſaß, wiederholte mit ſeiner zarten, kleinen Stimme:„Nein, Maman!“ Die Königin lächelte.„Brillanten und Kleider machen nicht glücklich, und wir Drei würden uns alſo eben ſo ſehr lieben, wenn wir auch keine Brillanten — 153— beſäßen, wenn wir auch arm wären. Aber ſage mir doch, Napoleon, wenn Du nun nichts beſäßeſt und ganz allein auf der Welt wärſt, was würdeſt Du thun, um Dir weiter zu helfen?“ „Ich würde Soldat werden,“ rief Napoleon mit blitzenden Augen,„ja, ich würde Soldat werden, und ich würde mich ſo tapfer ſchlagen, daß man mich zum Officier befördern müßte.“ „Und Du, Louis, was würdeſt Du thun, um Dir Dein Brot zu verdienen?“ Der kleine Knabe hatte mit tief⸗ernſtem Geſicht den Worten ſeines Bruders zugehört, und ſchien noch darüber nachzudenken. Er mochte fühlen, daß der Torniſter und das Gewehr doch noch zu ſchwer für ſeine kleinen Schultern ſein würden, und daß er noch zu ſchwach ſei, um Soldat zu werden. „Ich,“ ſagte er nach einer Pauſe,„ich würde Bou⸗ quets von Veilchen verkaufen, wie der kleine Knabe, der immer am Thor der Tullerieen ſteht, und von dem wir alle Tage kaufen.“ Die Hofdamen und Cavaliere der Königin, welche dieſem ſeltſamen Geſpräch ſchweigend zugehört, lachten jetzt laut auf bei der naiven Antwort des kleinen Prinzen. „Lachen Sie nicht, meine Damen,“ ſagte die Kö⸗ nigin ſehr ernſt, indem ſie aufſtand,„es war kein Scherz, ſondern eine Lehre, welche ich meinen Söhnen gab, die ſo geblendet waren von dem Schimmer der Brillanten. Das Unglück der auf dem Thron gebore⸗ nen Fürſten iſt es, daß ſie glauben, daß Alles ihnen unterthan, daß ſie aus einem andern Stoff gebildet zeien, als die andern Menſchen, und ſie keine Ver⸗ ppflichtungen gegen dieſelben hätten; ſie wiſſen nichts von den menſchlichen Leiden und Entbehrungen und glauben nicht, daß dieſelben ſie jemals berühren könn⸗ ten. Deshalb ſind ſie, wenn das Unglück kommt, ſo überraſcht und niedergeſchmettert, und bleiben immer unter ihrem Schickſal und von demſelben niederge⸗ beugt. Davor will ich meine Söhne bewahren!“*) Sie beugte ſich nieder und küßte ihre Knaben, die, während Hortenſe mit ihrem glänzenden Gefolge nach den Tuilerieen fuhr, noch lange beide überlegten, ob ſie ſich leichter ihr Brod verdienen könnten, wenn ſie Soldat würden, oder wenn ſie, wie der kleine Bettel⸗ ibe vor den Tuilerieen, Bouquets von Veilchen ver⸗ auften. 3 XII. Die Tage des Anglücks. Die Feſte und Bälle, mit denen man ſich in Frank⸗ reich das nahende Unglück hinwegzuleugnen ſtrebte, ſollten indeß bald ihre Endſchaft erreichen. Der Ka⸗ nonendonner der Schlachten von Hanau und Leipzig machte die Tanzmuſik in den Tuilerieen verſtummen, und in dem Salon der Königin Hortenſe, wo man ſonſt gezeichnet und geſungen und die neueſten Er⸗ ſcheinungen der Literatur geleſen, beſchäftigten ſich die Damen damit, Charpie zu pflücken für die Verwun⸗ deten, welche täglich von der Armee in den Hoſpitä⸗ lern von Paris eintrafen. Die Kriegserklärung Oe⸗ ſterreichs und Rußlands hatte Frankreich aus ſeinem ſtolzen Siegestaumel aufgeſchreckt, die verlorenen *) Der Königin eigene Worte. — 155— Schlachten hatten ihm das Erbleichen des Sternes ver⸗ kündet, der ſo lange über Napoleon geleuchtet. Je⸗ dermann fühlte, daß man ſich einer Kriſis nähere, Jedermann bereitete ſich vor auf die unheilvollen Ereigniſſe, die wie eine dunkle Wolke über Frankreich heraufzogen, Jedermann beeilte ſich, die Stelle ein⸗ zunehmen, welche ihm die Pflicht und die Ehre an⸗ wieſen. Deshalb kehrte Louis Bonaparte jetzt aus Gratz nach Paris zurück, denn er hatte die Stimme des Unglücks gehört, welche den Kaiſer bedrohete, und er wollte an ſeiner Seite ſein, um ihn zu ver⸗ theidigen. Hortenſe empfing dieſe Nachricht von der Rückkehr ihres Gemahls nicht als Weib, ſondern als Franzö⸗ ſin, als Königin.„Ich bin ganz damit zufrieden,“ ſagte ſie,„denn mein Gemahl iſt ein guter Franzoſe und er beweiſt es dadurch, daß er in dem Moment, wo ganz Enropa ſich gegen Frankreich erklärt, hier⸗ her zurückkehrt. Er iſt ein Ehrenmann, und wenn unſere Charactere nicht mit einander ſympathiſiren konnten, ſo kam das daher, weil wir Beide Fehler beſaßen, die ſich nicht mit einander vertragen konnten.“ „Ich,“ fügte ſie mit einem ſanften Lächeln hinzu, „ich war zu ſtolz, man hatte mich verzogen, und ich war daher vielleicht zu ſehr von meinem eigenen Werth durchdrungen, und das iſt kein Mittel, um mit Je⸗ mand, der mißtrauiſch und verſtimmt iſt, in Frieden leben zu können Aber unſere Intereſſen blieben immer dieſelben, und es iſt des Charakters des Königs wür⸗ dig, daß er herbeieilt, um ſich mit allen Franzoſen zur Vertheidigung ſeines Vaterlandes zu einigen. Auf dieſe Weiſe allein können wir in Dankbarkeit vergel⸗ ten, was das Volk für unſere Familie gethan hat.“*). *) Cpebelet, Mémoires sur la reine Hortense. Vol. I. S. 167. — 156— In den erſten Januartagen des Jahres 1814 ver⸗ breitete ſich ein paniſcher Schrecken durch ganz Paris und mit Entſetzen flüſterte man ſich einander in's Ohr: die Feinde hätten die Grenze Frankreichs über⸗ ſchritten, die Ruſſen, Oeſterreicher und Preußen mar⸗ ſchirten auf Paris zu. Zum erſten Male nach ſo langen Jahren des Triumphes zitterte Frankreich für ſeine ſiegesſtolze Armee und glaubte an die Möglich⸗ keit des Unterliegens.— Auch in den Tullerieen herrſchte zum erſten Male eine traurige, düſtere Stimmung, und während man ſonſt, wenn der Kaiſer zur Armee gegangen war, immer gefragt hatte:„Wann werden wir wohl die erſte Siegesnachricht erhalten?“ blickte man jetzt nur mit ſtummen, fragenden Blicken in das blaſſe, um⸗ düſterte Antlitz Napoleons. Am 24. Januar verließ Napoleon Paris, um ſich zur Armee zu begeben. Die Kaiſerin Marie Louiſe, die er zur Regentin ernannt, indem er ihr einen aus ſeinen Brüdern und den Miniſtern beſtehenden Regent⸗ ſchaftsrath an die Seite geſtellt, die Kaiſerin hatte unter tauſend Thränen von ihrem Gemahl Abſchied genommen, und die Königin Hortenſe, welche allein bei dieſem Abſchied zugegen geweſen, hatte noch lange bei der Kaiſerin bleiben müſſen, um ſie zu tröſten und ihr Muth einzuſprechen. Aber Hortenſe war weit entfernt, jene Zuverſicht wirklich zu empfinden, welche ſie der Kaiſerin und ihrem eigenen Hof gegenüber zur Schau trug. Sie hatte niemals an die Dauer dieſer Triumphe und dieſes Glückes geglaubt, ſie hatte in verſchwiegener Seele ſich immer vorbereitet auf das nahende Unheil, und deshalb fühlte ſie ſich jetzt muthig und bereit, demſelben gegenüberzutreten und ſich und ihre Kinder gegen deſſen Angriffe zu vertheidigen. Sie allein — 157— war daher beſonnen und ruhig, während die ganze Kaiſerfamilie zitterte und zagte, während ganz Paris von einem paniſchen Schrecken ergriffen war, wäh⸗ rend die furchtbare Botſchaft die Stadt durchlief: „Die Koſaken kommen, die Koſaken ſtürmen nach Paris her! Der Großfürſt Konſtantin hat ſeinen Truppen verſprochen, daß ſie ſich an der Aſche von Paris wärmen ſollen, und der Kaiſer Alexander hat geſchworen, daß er in den Tuilerieen ſchlafen will.“ Man träumte nur noch von Plünderung, Mord⸗ brennerei und Raub, man zitterte nicht blos für ſein Leben, ſondern auch für ſein Eigenthum und beeilte ſich daher ſeine Schätze, ſeine Brillanten, ſein Gold und Silber zu vergraben, um es vor den raubgieri⸗ gen Händen der gefürchteten Koſakenhorden zu ſichern. Man vergrub ſeine Schätze in den Kellern oder legte ſich Verſtecke in den Mauern der Häuſer an. So ließ die Herzogin von Baſſano alle ihre Koſtbarkeiten in ein kleines abgeſondertes und verſtecktes Cabinet bringen, die Thür deſſelben alsdann vermauern und mit Tapeten überhängen. Unter dieſen Koſtbarkeiten hatten ſich auch einige große Stutzuhren in goldenen, mit Edelſteinen ausgelegten Gehäuſen befunden, aber unglücklicherweiſe hatte man vergeſſen, dieſe Uhren anzuhalten, und ſo verkündeten ſie noch acht Tage lang, durch ihr gemeinſames regelmäßiges Schlagen der Stunden, den Nachbarn das Geheimniß, welches man ihnen ſo gern hätte verbergen mögen. Aber der Ruf:„Die Koſaken kommen!“ war nicht das einzige Schreckbild der Pariſer. Noch ein zweites, lange verſtummtes Wort wehte jetzt durch Paris hin und klang den Kaiſerlichen wie eine ganz fremde, nie gehörte Melodie, den Royaliſten wie ein ſüßes, lang verſtummtes Heimathslied. Dies Wort hieß:„der Graf von Lille!“ oder wie die Royaliſten ſagten:„der — 158— König Ludwig XVIII.!“ Jetzt flüſterten die Roya⸗ liſten dieſen Namen nicht mehr leiſe, ſondern ſie ſprachen ihn mit lautem Enthuſiasmus, und ſelbſt diejenigen unter ihnen, welche ſich dem Kaiſerhof an⸗ geſchloſſen und eine Rolle an demſelben geſpielt, wagten jetzt ſchon ein wenig die Maske zu lüften und ihr wahres Antlitz ſehen zu laſſen. Madame du Cayla, eine der eifrigſten Royaliſtin⸗ nen, welche indeß zur Hofgeſellſchaft der Tuilerieen gehörte, war nach Hartwell gegangen, um dem Grafen von Lille im Namen aller Royaliſten von Paris die Grüße ihrer Liebe und ihrer Sehnſucht zu bringen und ihm zu ſagen, daß man jetzt beginne, die Wege zu ſeiner Rückkehr und zu ſeiner Thronbeſteigung zu bahnen. Sie war wiedergekehrt mit Vollmachten, die Verſchwörung der Königlichen zu organiſiren und ihnen die Sanction des Königs zu geben. Talley⸗ rand, der Miniſter Napoleons, die glänzende Wetter⸗ fahne der Politik, hatte ſchon in ſeinem Innern von dem ſich drehenden Winde der Politik eine Schwan⸗ kung der Geſinnung erfahren, und als die Gräfin du Cayla, von Ludwig XVIII. mit heimlichen Auf⸗ trägen für Talleyrand verſehen, in ſein Cabinet trat und mit lauter Stimme ſagte:„Ich komme von Hartwell, ich habe den König geſehen und er hat mir aufgetragen—“ unterbrach er ſie mit lauter, zürnender Stimme, indem er rief:„Sind Sie raſend, Madame? Sie wagen es, mir ein ſolches Verbrechen zu geſtehen?“ Leiſe aber hatte er dann hinzugefügt: „Alſo Sie haben ihn geſehen? Nun gut, ich bin ſein ganz ergebenſter Diener.“*) Die Royaliſten alſo bildeten ſchon mit ziemlicher Offenheit ihre Zuſammenkünfte und ihre Verſchwö⸗ *) Mémoires d'une femme de qualité. Vol. I. p. 133. — 159— rungen, und der Polizeiminiſter Fouché, der Herzog von Otranto, deſſen Ohren und Augen immer offen waren und der Alles wußte, was in Paris geſchah, Fouché kannte auch ſehr gut dieſe Complotte der Royaliſten, aber er hinderte ſie nicht, ſondern er⸗ mahnte ſie nur zur Vorſicht, indem er ihnen damit beweiſen wollte, welche tiefe Verehrung und Liebe er ſelber für die unglückliche Königsfamilie empfände. Unter allen dieſen Wirrniſſen und Beängſtigungen bewahrte Königin Hortenſe allein ſich ihre Ruhe und ihren entſchloſſenen Muth, und fern davon, wie die 1 Uebrigen, ihre Koſtbarkeiten zu verbergen, ihr Gold und Silber und ihre Papiere zu ſichern, wollte ſie in 1 ihrer eigenen Lebensweiſe ſo wenig, als in ihrem Haushalt irgend eine Veränderung oder Beſchränkung vornehmen; ſie wollte den Pariſern ein Beiſpiel 1 geben, daß die Familie des Kaiſers voll unerſchütter⸗“ lichen Vertrauens ſei und feſt an den Sieg glaube.— Sie ließ daher ihren Haushalt im großen königlichen Styl weiter gehen, obwohl ſie ſchon ſeit drei Monaten aus der erſchöpften Staatskaſſe keine Auszahlung der für ſie und ihre Söhne beſtimmten Appanage erhal⸗ ten hatte. Aber das Geld kümmerte ſie wenig und das großmüthige und ſelbſtvergeſſende Herz der Kö⸗ nigin war mit ganz anderen Intereſſen beſchäftigt, als mit denen ihrer Kaſſe und ihrer pecuniären Ver⸗ hältniſſe. Sie wollte der Kaiſerin Marie Louiſe, welche Na⸗ poleon vor ſeiner Abreiſe zur Armee zur Regentin von Frankreich ernannt hatte, ſie wollte ihr den Muth einflößen, welchen ſie ſelber beſaß. Sie beſchwor die Regentin, in dieſen Stunden der Gefahr ſich des großen Vertrauens, welches ihr Gemahl in ſie geſetzt, würdig zu zeigen und feſte und energiſche Entſchlüſſe zu faſſen. Deshalb, als am 28. März die Schreckens⸗ 4. * — 160— kunde ſich verbreitete, daß die feindlichen Armeen nur noch fünf Lieues von Paris entfernt ſeien, als ganze Schaaren von Flüchtigen ſchon Paris verließen, eilte Hortenſe in die Tuilerieen, um die Kaiſerin zu be⸗ ſchwören, auszuharren in Muth und Standhaftigkeit, und Paris nicht zu verlaſſen. Sie verſuchte Marie Louiſe im Namen des Kaiſers, ihres Gemahls, und des Königs von Rom, ihres Sohnes, anzuflehen, nicht zu achten auf die Stimme des Staatsraths, welcher nach langer Sitzung zu der Erklärung ſich geeinigt: Paris könne ſich nicht mehr vertheidigen, und die Kaiſerin mit ihrem Sohn und dem Regent⸗ ſchaftsrath ſolle daher die Hauptſtadt verlaſſen. Aber Marie Louiſe war gegen alle dieſe dringen⸗ den und energiſchen Vorſtellungen unempfänglich ge⸗ weſen und die Königin hatte nicht vermocht, ihrer jungen charakterloſen Schwägerin die Energie einzu⸗ flößen, welche ſie ſelber beſeelte. „Meine Schweſter,“ hatte Hortenſe zu ihr geſagt, „mindeſtens werden Sie wiſſen, daß, wenn Sie Paris jetzt verlaſſen, Sie die Vertheidigung neutraliſiren und dadurch Ihre Krone verlieren können, aber ich ſehe, daß Sie mit vieler Reſignation zu dieſem Opfer bereit ſind.“ „Es iſt wahr,“ hatte ihr Marie Louiſe traurig geantwortet,„ich ſehe es ein, ich müßte anders han⸗ deln. Aber es iſt zu ſpät. Der Staatsrath hat ent⸗ ſchieden, ich kann nichts dafür!“ So war denn Hortenſe traurig und niedergeſchla⸗ gen in ihr Hötel zurückgekehrt, wo Lavalette und die Marſchallin Ney mit den Damen der Königin ſie erwarteten. 1 „Es iſt Alles verloren,“ ſagte ſie mit einem ſo traurigen Ausdruck, wie man ihn nie zuvor an ihr gehört.„Ja, es iſt Alles verloren. Die Kaiſerin — 161— will Paris verlaſſen. Sie giebt mit leichtem Muth Frankreich und den Kaiſer auf. Sie reiſt ab!“ „Wenn ſie das thut,“ rief der General Lavalette verzweiflungsvoll,„dann iſt wirklich Alles verloren, und doch könnte jetzt ihr Muth und ihre Standhaf⸗ tigkeit den Kaiſer retten, welcher in Sturmſchritten nach Paris eilt! Man hat alſo ſo lange berathen, und erwogen, bis man das Schlimmſte, was man wählen konnte, gewählt hat! Aber da es einmal ſo iſt, was werden Sie thun, wozu werden Sie ſich entſchließen, Majeſtät?“ „Ich bleibe in Paris,“ ſagte die Königin ent⸗ ſchloſſen; da man mir geſtattet, Herrin meiner Hand⸗ lungen zu ſein, ſo bin ich entſchloſſen, hier zu blei⸗ ben und mit den Pariſern die guten und die ſchlech⸗ ten Chancen zu erwarten! Das iſt immer beſſer und würdiger, als vielleicht auf offener Landſtraße zur Gefangenen gemacht zu werden.“ nigin jetzt eine freudige, muthvolle Entſchloſſenheit, eine ungetrübte heitere Beſonnenheit. Sie beeilte ſich vor allen Dingen, einen Courier nach Malmaiſon an die in dieſer Stunde von Allen vergeſſene und ver⸗ laſſene Kaiſerin Joſephine zu ſenden und ſie zu be⸗ ſchwören, ſofort nach Navarra aufzubrechen; dann zog ſie ſich bei hereinbrechender Nacht in ihr Schlaf⸗ gemach zurück, um nach ſo vielen Stunden der Auf⸗ regung zu ruhen. Aber mitten in der Nacht ward ſie auf eine trau⸗ rige Weiſe aus ihrem Schlummer aufgeſchreckt. Ihr Gemahl, mit dem ſie ſeit ſeiner Rückkehr in keinerlei Berührung gekommen, wollte jetzt in der Stunde der Gefahr ſeine Rechte über ſeine Gemahlin und ſeine Kinder in Anſpruch nehmen. Er ſchrieb an die Kö⸗ nigin und verlangte von ihr, daß ſie mit ihren Söhnen Königin Hortenſe. I. Und einmal dieſen Entſchluß gefaßt, zeigte die Kö⸗ gleich der Kaiſerin Paris verlaſſe und Marie Louiſen folge.— Hortenſe antwortete ihm mit einer entſchiedenen Weigerung. Eine zweite kategoriſche Botſchaft ihres Gemahls war die Erwiderung. Er kündigte ihr an, daß, wenn ſie nicht ſofort ſeinem Willen ſich füge und mit ihren Söhnen der Kaiſerin, welche ſein Bruder zur Regentin ernannt, folgen werde, er kraft ſeiner Rechte als Vater und als Gemahl von ihr ſeine bei⸗ den Söhne zurückfordern und ſie ihr ſogleich entreißen werde. Bei dieſer Drohung ſprang die Königin wie eine gereizte Löwin von ihrem Lager empor. Ihre Wan⸗ gen glühten und ihre Augen blitzten, mit lauter Stimme befahl ſie, ſofort ihre Kinder zu ihr zu füh⸗ ren, und dann die beiden Knaben mit leidenſchaft⸗ licher Innigkeit in ihre Arme ſchließend, rief ſie: „Sagt dem König, daß ich in dieſer Stunde noch mit meinen Kindern abreiſen werde.“ XIII. Die Alſiirten in Paris. Die Angſt der Mutterliebe hatte bewirkt, was weder die Abreiſe der Kaiſerin, noch die Nachricht von dem Herannahen der Koſaken vermochte. Hortenſe war abgereiſt. Sie hatte mit ihren Kindern und ihrem Gefolge, das ſich indeſſen ſchon merklich zu verkleinern begann, Paris verlaſſen, und langte nach elle * — 163— einer gefahrvollen und eiligen, ſchon von herumſchwär⸗ menden Koſaken beunruhigten Flucht in Navarra an, wo die Kaiſerin Joſephine mit Thränen des Kum⸗ mers und der Freude zugleich ihre Tochter in ihre Arme ſchloß. Wenn auch Alles verloren war, ihr Glück und ihre Größe, und wenn auch das Unglück des immer noch von ihr geliebten Kaiſers Napoleon ihr Herz bedrückte, ſo hatte Joſephine doch jetzt ihre Tochter, ihre treueſte Freundin, an ihrer Seite, und das war inmitten dieſes Mißgeſchicks und dieſer Sorgen noch immer ein ſüßer Troſt, ein köſtlicher Gewinn. Im Schloß zu Navarra erfuhr Hortenſe die Nach⸗ richt von dem Untergange des Kaiſerreichs, von der Capitulation der Hauptſtadt, von dem Einzug der Verbündeten, von der Abdankung Napoleons. Als der Courier, den der Herzog von Baſſano mit dieſen Nachrichten nach Navarra geſandt, der Kaiſerin Joſephine ſodann berichtete, daß man Na⸗ poleon die Inſel Elba als Aufenthaltsort angewieſen, und daß er in Begriff ſei, Frankreich zu verlaſſen und in die Verbannung zu gehen, rief Joſephine mit Thränen des Schmerzes, indem ſie in die Arme Hor⸗ tenſens ſank:„Ach, Hortenſe, er iſt unglücklich und ich bin nicht bei ihm! Er iſt nach Elba verbannt! Ach, wenn ſeine Frau nicht wäre, würde ich zu ihm hineilen, um ſeine Verbannung mit ihm zu theilen!“ Während die Kaiſerin klagte und weinte, hatte Hortenſe ſich ſchweigend in ihre Gemächer zurückge⸗ zogen. Sie ſah und erfaßte alle Conſequenzen, welche für ſie und die ganze Familie des Kaiſers aus ſeinem Sturz hervorgingen, ſie fühlte ſchon jetzt alle die Demüthigungen, die Kränkungen, denen die Na⸗ poleoniden von allen Seiten ausgeſetzt ſein würden, 11* — 164— und ſie wollte ſich und ihre Kinder denſelben entziehen. Sie faßte einen ſchnellen Entſchluß und wollte ihn ſogleich in's Werk ſetzen. Sie ließ ihre Vorleſerin, Fräulein von Cochelet, eine von den wenigen ihrer Damen, welche treu an ihrer Seite geblieben, rufen, um ihr ihre Entſchlüſſe mitzutheilen. „Louiſe,“ ſagte ſie zu ihr,„ich will auswandern. Ich ſtehe allein und ſchutzlos da, immer bedroht von einem Unglück, das für mich härter iſt, als der Ver⸗ luſt aller Größe und aller Kronen, von dem Unglück, mir meine Kinder von meinem Gemahl entriſſen zu ſehen. Meine Mutter kann in Frankreich bleiben, weil die Scheidung ſie frei und unabhängig gemacht hat, aber ich trage einen Namen, den man in Frank⸗ reich nicht mehr wird hören wollen, da die Bourbo⸗ nen zurückkehren. Ich habe kein weiteres Vermögen, als meine Diamanten, ich werde ſie verkaufen und mit meinen Kindern nach Martinique gehen, wo meine Mutter eine Beſitzung hat. Ich war als Kind dort und habe mir davon eine angenehme Erinnerung be⸗ wahrt. Es iſt ohne Zweifel ein hartes Loos, mein Vaterland, meine Mutter, meine Freunde verlaſſen zu müſſen, aber großen Schickſalsſchlägen gegenüber muß man ſich einen großen Muth bewahren. Ich werde meine Kinder gut erziehen und das wird mein Troſt ſein.“*) Fräulein von Cochelet neigte ſich mit Thränen der Rührung über die dargereichte Hand der Königin und bat ſie mit ſo flehenden und eindringlichen Worten, ſie begleiten zu dürfen, daß Hortenſe es ihr endlich bewilligen mußte. Es ward unter ihnen ausgemacht, *) Die eigenen Worte der Königin. Siehe Cochelet, Mémoires. Vol. I. S. 255.* 165— daß Louiſe nach Paris eilen ſolle, um in aller Stille diejenigen Vorkehrungen, welche zu der großen Reiſe der Königin nothwendig waren, zu machen, und ſie reiſte alſo unter dem Schutze des Couriers am andern Tage dahin ab. Welch ein verändertes, entſetzenvolles Bild bot Paris den Blicken des Fräuleins von Cochelet dar. An dem Thor, durch welches ſie einfuhren, hielten Koſaken die Wache, in den Straßen begegnete man nur den Uniformen der Ruſſen, Oeſterreicher und Preußen, an deren Armen man die ſtolzen Damen des Faubourg St. Germain mit freudigem Triumph daher ſchreiten ſah, dieſe Royaliſtinnen, welche die Sieger Frankreichs faſt mit ſolchem Enthuſiasmus und ſolcher Hingabe behandelten, als wären ſie identiſch mit den geliebten Bourbonen, deren Rückkehr man in einigen Tagen erwartete. Das Hötel der Königin war von einem ſchwedi⸗ ſchen Regiment eingenommen, alle Diener waren dar⸗ aus entflohen, die glänzenden Empfangsſäle dienten jetzt den Eroberern Frankreichs zur Wohnung, und in den Tuilerieen machte man Vorbereitungen zum Empfang der Bourbonen. Niemand wagte es, den Namen Napoleons aus⸗ zuſprechen. Diejenigen, welche ihm ſonſt am glühend⸗ ſten geſchmeichelt, waren jetzt am ſchnellſten bereit, ihn zu verdammen; diejenigen, welchen er die größten Wohlthaten erwieſen, verleugneten ihn am erſten, um dadurch die Wohlthaten, welche ſie empfangen, ver⸗ geſſen zu machen; die eifrigſten Napoleoniſten wurden jetzt die glühendſten Royaliſten und ſteckten die größten weißen Cocarden an ihren Hut, um ſich den neuen Herrſchern deſto früher bemerklich zu machen. Aber doch gab es Einen Mann, welcher laut und mit liebevoller Bewunderung noch immer den Namen — 166— Napoleon nannte und ihm öffentlich den Zoll ſeiner Anerkennung darbrachte!— Dieſer Eine war der Kaiſer Alexander von Ruß⸗ land. Er hatte Napoleon ſo ſehr geliebt, daß ſelbſt die von der Politik ihm auferlegte Feindſchaft nicht die Freundſchaft für den Heros, welcher ſo lange Eu⸗ ropa beherrſcht, aus ſeinem Herzen hatte verwiſchen können. Napoleons Geſchick war entſchieden und den eifri⸗ gen Bemühungen des Czaren verdankte er es, daß die Verbündeten die Forderungen des Kaiſers be⸗ willigt und ihn zum ſouverainen Herrn der Inſel Elba ernannt hatten. Jetzt, da Alexander nichts mehr für Napoleon thun konnte, wollte er ſich we⸗ nigſtens noch ſeiner Familie nützlich zeigen und da⸗ durch dem geſtürzten Titanen die Treue und die Bewunderung bezeigen, die er noch immer für ihn empfand. Die Kaiſerin Marie Louiſe und der kleine König von Rom bedurften ſeines Beiſtandes nicht; die Kai⸗ ſerin hatte von der Erlaubniß der Verbündeten, ihren Gemahl nach Elba begleiten zu dürfen, keinen Ge⸗ brauch gemacht, ſondern hatte ſich mit ihrem Sohn unter den Schutz ihres Vaters, des Kaiſers von Oeſterreich, begeben. Kaiſer Alexander wandte alſo ſeine ganze Theil⸗ nahme der geſchiedenen erſten Gemahlin Napoleons und ihren Kindern, dem Vicekönig von Italien und der Königin von Holland, zu. Sein Intereſſe für die Königin war ſo groß, daß er erklärte, Hortenſe, falls ſie nicht nach Paris kommen möchte, in Navarra aufſuchen zu wollen, um von ihr ſelber zu erfahren, in welcher Weiſe er ihr nützlich ſein könne und wie ſie ihr Schickſal geordnet zu ſehen wünſche.— — 167— Dieſen wohlwollenden Geſinnungen des Kaiſers gab ſein Miniſter, der Graf Neſſelrode, immer neue Nahrung, und Niemand war ſo beeifert, der Königin zu dienen, als er. Seit langer Zeit mit dem Fräu⸗ lein von Cochelet innig befreundet, wollte der Graf jetzt ihr von ſeiner Freundſchaft Beweiſe geben, und er wußte, daß er das nicht anders vermochte, als in⸗ dem er der Königin Hortenſe und ihren Kindern nütz⸗ lich zu ſein ſtrebte. Dieſem vertrauten Freunde theilte das Fräulein die Abſicht der Königin mit, Frankreich zu verlaſſen und nach Martinique auszuwandern. Graf Neſſelrode lächelte traurig über dieſen verzwei⸗ felten Entſchluß eines tapfern Mutterherzens und be⸗ auftragte das Fräulein, die Königin zu bitten, daß ſie ihm offen alle ihre Wünſche und Forderungen durch ihre Vertraute mittheilen laſſe, damit er ſie dem Kaiſer hinterbringen könne. Die Theilnahme an dem Geſchick der Königin war überhaupt ganz allgemein. Als in einer der Sitzungen der Miniſter der Alliirten, in denen die Geſchicke Frankreichs, der Bourbonen und Napoleoniden gegen einander abgewogen werden ſollten, man darüber be⸗ rieth, was man für die Familie des Kaiſers thun wolle, rief der Prinz von Benevent:„Ich plaidire allein für die Königin Hortenſe, denn ſie iſt die Ein⸗ zige, welche ich hochachte.“ Graf Neſſelrode fügte hinzu:„Wer würde nicht ſtolz darauf ſein, ſie in ſeiner Nation zu haben! Sie iſt eine Perle Ihres Frankreichs!“ und Metternich vereinigte ſeine Lob⸗ ſprüche mit denen der Uebrigen*). 4 Aber alle dieſe Nachrichten, welche Fräulein von 8 Cochelet der Königin mittheilte, alle die dringenden Bitten und Vorſtellungen ihrer Freunde konnten Hor⸗ *) Cochelet. Vol. I. p. 279. — 168— tenſe nicht bewegen, ihre Einſamkeit zu verlaſſen und nach Paris zu kommen. Es ſei uns hier vergönnt, einen Brief der Kö⸗ nigin, welchen ſie über dieſe Angelegenheiten an Fräu⸗ lein von Cochelet ſchrieb, mitzutheilen, weil er Zeug⸗ niß gibt von der edlen, ſchönen nnd echt weiblichen Geſinnung der Königin. Dieſer Brief lautet: „Meine liebe Louiſe, alle Freunde ſchreiben mir gleich Dir*) dieſelbe Frage: Was wollen Sie? Was verlangen Sie? Euch Allen antworte ich: Ich will gar nichts! Was kann ich auch wünſchen? Iſt mein Schickſal nicht ſchon feſtgeſtellt? und wenn man die Kraft hat, einen großen Entſchluß zu faſſen, wenn man mit feſtem Blick und kaltem Blut der Idee in's Auge ſehen kann, die Reiſe nach Indien oder nach America zu machen, dann iſt es unnöthig, von irgend Jemand noch etwas zu fordern. Ich bitte Dich, thue keine Schritte, die ich nachher desavoniren müßte; ich weiß, daß Du mich liebſt, und das könnte Dich fortreißen; aber in der That, ich bin perſönlich gar nicht ſo ſehr zu beklagen: ich habe inmitten der Größe und des Glanzes ſo viel gelitten! Vielleicht werde ich jetzt die Ruhe kennen lernen, und ſie all dieſer glän⸗ zenden Bewegung, die mich einſt umgab, vorziehen. Ich glaube nicht, daß ich in Frankreich bleiben kann: das lebhafte Intereſſe, welches man mir jetzt bezeigt, könnte in der Folge Anlaß zu Mißtrauen geben. Dieſe Idee iſt niederſchlagend, ich fühle es, aber i will gern Niemanden Unruhe verurſachen. Mein Bruder wird glücklich ſein; meine Mutter kann ihr *) Die Königin pflegte alle die jungen Damen, mit welchen ſie früher im Penſionat der Madame Campan zuſammen gewe⸗ ſen, und welche damals ihre befreundeten Gefährtinnen geweſen, zu dutzen. — 169— Vaterland und ihre Güter bewahren; ich werde mit meinen Kindern in die Fremde gehen, und weil dann das Glück Derer, welche ich liebe, geſichert iſt, das „ Unglück ertragen können, welches nur meine Exiſtenz, nicht aber mein Herz trifft. Ich bin noch ganz tief ergriffen und verwirrt von dem Schickſal, welches man dem Kaiſer Napoleon und ſeiner Familie be⸗ ſtimmt hat. Iſt es wahr? Iſt Alles ſchon feſtgeſetzt? Schreibe, mir darüber! Ach ich hoffe, daß man mir wenigſtens meine Kinder nicht entreißen wird, denn dann würde ich keinen Muth mehr beſitzen. Ich will ſie ſo erziehen, daß ſie in allen Lagen des Lebens ſich glücklich fühlen ſollen. Ich will ſie lehren, das Glück und das Unglück mit gleicher Würde zu ertragen und ihr wahres Glück in der Zufriedenheit mit ſich ſelbſt — zu ſuchen. Das iſt mehr werth als alle Kronen. 1 Sie ſind geſund, das iſt ein Glück für mich! Danke Herrn von Neſſelrode für ſeine Theilnahme. Ich ver⸗ ſichere Dich, daß es Tage giebt, welche man mit Recht unglückliche nennt, und die doch nicht ohne Reiz ſind; das ſind diejenigen, welche uns befähigen, die wahren Geſinnungen, welche man uns entgegen trägt, zu be⸗ urtheilen. Ich freue mich der Zuneigung, welche Du mir beweiſeſt, und es wird mir immer wohlthuend ſein, Dir zu ſagen, wie ſehr ich ſie erwiedere.— Hortenſe.“*) *) Cochelet. Vol. I, S. 275— 277. — 170— XIV. Briefwechſel zmiſchen der Rönigin und Fräulein Cochelet. Hortenſe indeß verweilte noch immer in Navarra bei ihrer Mutter, feſt entſchloſſen in ihrer Zurückge⸗ zogenheit und in ihrer Stille zu verharren, trauernd nur um das Schickſal des Kaiſerhauſes, und ganz gleichgültig für ihre eigene Zukunft.— Aber deſto mehr beſchäftigten ſich ihre Freunde— und Hortenſe hatte ſelbſt im Unglück noch Freunde— mit ihrer Zukunft, deſto eifriger war Mademoiſelle Cochelet, dieſe treueſte ihrer Freundinnen und Die⸗ nerinnen, darauf bedacht, aus dieſem allgemeinen Sturz des Kaiſerhaufes mindeſtens einige Trümmer für die Königin zu retten. Fräulein Cochelet verweilte noch immer in Paris, und die Briefe, welche ſie täglich an die Königin von Navarra ſchrieb, und in denen ſie ihr Bericht erſtattete über Alles, was ſich in Paris begab, ſind ein zu treues Bild der damaligen ſeltſamen und ver⸗ worrenen Zuſtände, als daß wir es uns verſagen könnten, hier einige derſelben mitzutheilen. „Die Bourbonen,“ ſchreibt ſie,„ſind ſchieden wieder angenommen. Ich fragte d Neſſelrode, den ich eben verlaſſen habe: glauben Sie, daß die Königin in Frankreich wird bleiben können? Werden die neuen Herrſcher dies angemeſſen finden? — 171— — Gewiß, erwiederte er mir, ich bin deſſen ſicher, denn wir werden es ihnen zur Bedingung machen, und ohne uns wären ſie ja niemals zur Regierung gekommen! Es ſind nicht die Bourbonen, ſondern wir ſind es, ganz Europa iſt es, welche dieſe Dinge ordnet und regelt. Deshalb hoffe ich, daß ſie die Tractate niemals verletzen werden. Seien Sie zu⸗ verſichtlich, der Kaiſer Alexander wird immer die ge⸗ rechte Sache unterſtützen.“ „Alle dieſe Fremden hier ſprechen mit großem Enthuſiasmus von Ihnen, Madame. Herr von Metternich, der ſich ohne Zweifel der großen Güte erinnert, welche Sie ſeiner Gemahlin und ihren Kindern erwieſen haben, hat ſich lebhaft nach Ihnen erkundigt. Der Prinz Leopold*) hängt an Ihnen und der Kaiſerin Joſephine mit treueſter Ergebenheit, und wünſcht nichts ſehnlicher, als Ihnen Beiden nützlich ſein zu können. Herr von Neſſelrode meint, es würde ſehr gut ſein, wenn Sie an den Kaiſer Alexander ſchrieben, da er ſich mit ſo großer Theil⸗ nahme mit Ihren perſönlichen Angelegenheiten be⸗ ſchäftigt.“ „Der alte Adel iſt bereits ſehr unzufrieden; er fühlt ſich„encanaillirt,“ weil er ſich mit ſo viel neuen Elementen vermiſcht ſieht.“ „Kommen Sie mit der Kaiſerin nach Malmaiſon, Madame,“ ſchreibt Fräulein Cochelet einige Tage ſpäter,„der Kaiſer Alexander wird ſich dann ſogleich zu Ihnen begeben; er hat großes Verlangen, Sie kennen zu lernen, und Sie ſind ihm ſchon ein wenig Dankbarkeit ſchuldig, da er Ihren Intereſſen ſich hin⸗ giebt, als ob es ſeine eigenen wären. Der Herzog von Vicenza, welcher ſich ſo würdig in Bezug auf *) Prinz Lcopold von Coburg, jetzt König von Belgien. 4 den Kaiſer Napoleon benimmt, trägt mir auf, Ihnen zu ſagen, die Zukunft Ihrer Kinder hinge davon ab, daß Sie nach Malmaiſon kommen.“ „Der Kaiſer Napoleon hat einen Tractat unter⸗ zeichnet, welcher das Schickſal aller Mitglieder ſeiner Familie ſichert; ſie können in Frankreich bleiben, und behalten ihre Titel; Sie haben für Sich und Ihre Kinder viermalhunderttauſend Francs Rente.“ „Man ſagt hier: der Faubourg St. Germain ſei wüthend über das glänzende Loos, welches man der kaiſerlichen Familie und der Kaiſerin aufbehalten hat. Sind ſie nicht recht dankbar für all das Gute, was ſie Ihnen erzeigt hat?“ „Sie wünſchen die Schweiz zu Ihrer Reſidenz zu machen? Graf Neſſelrode meint, Sie hätten wohl Recht, daran zu denken, es ſei immer eine gute Re⸗ traite; aber Sie dürften dennoch nicht diejenige auf⸗ geben, welche Sie hier haben, und müßten ſich jeden⸗ falls das Necht der Rückkehr nach Frankreich auf⸗ behalten.“ „Denken Sie, Madame, Graf Neſſelrode will mich durchaus veranlaſſen, ſeinen Kaiſer zu ſehen! Ich habe noch nicht zugeſagt, weil ich nichts thun mag ohne Ihre Zuſtimmung; aber ich geſtehe, ich hege den lebhafteſten Wunſch ihn kennen zu lernen. Man ſpricht hier ſo viel Gutes von Ihnen, daß i ganz glücklich bin es zu hören!“ „Graf Neſſelrode ſagte mir geſtern: Sagen Sie der Königin, daß ich mich glücklich ſchätzen werde, alle ihre Wünſche zu erfüllen, und daß ich es kann, ich habe die Macht dazu. Er möchte Ihnen gern zu mehrerer Sicherheit ein Loos bereiten, das unab⸗ hängig iſt von dem oben geſchloſſenen Tractate. Ich weiß ihm nichts zu ſagen, führen Sie mich, aber ich beſchwöre Sie, wollen Sie etwas!“— — 173— Die Königin indeß beantwortete dieſe Aufforde⸗ rung nur damit, daß ſie einen Brief an den Kaiſer Napoleon ſandte, um deſſen Beſorgung ſie den Gra⸗ fen Neſſelrode erſuchen ließ. „Es iſt ſeltſam,“ ſchreibt Fräulein Cochelet in Bezug darauf,„ſeltſam, daß alle meine Bemühungen, Ihnen hier zu dienen, kein weiteres Reſultat haben, als daß Sie dem Grafen Neſſelrode die Commiſſion ertheilen einen Brief an den Kaiſer Napoleon nach Fontainebleau zu befördern; er glaubte im erſten Mo⸗ ment, daß ich ihm den Brief brächte, den er für ſeinen Kaiſer erbeten hatte; aber er weiß ſehr wohl Alles zu ſchätzen, was edel und groß iſt, und da er das feinſte und bewundernswürdigſte Tactgefühl beſitzt, findet er, daß der Brief nicht wohl durch ihn an den Kaiſer gelangen kann, er wird ihn nach Fontainebleau an den Herzog von Vincenza ſenden, und dieſer ſoll ihn dem Kaiſer Napoleon übergeben.“ Ein anderer Brief des Fräulein von Cochelet lautet: „Ich habe ſoeben wieder den Grafen Neſſelrod geſehen; er hat ſich viel nach Ihnen erkundigt; de Kaiſer von Rußland wohnt jetzt im Eliſée Bourbon Der Graf erzählte mir eine Geſchichte, die hier eir⸗ culirt und eine Scene zwiſchen der Kaiſerin Marie Louiſe und den Königen, ihren Schwägern, betrifft. Sie wollten ſie mit Gewalt in einen Wagen heben, um weiter mit ihr zu fahren; als ſie ſich weigerte, ſoll, ſo ſagt man, der König von Weſtphalen ſo hef⸗ tig geworden ſein, daß er ſie ein klein wenig ge⸗ ſchlagen hat. Sie hat um Hülfe gerufen, und der General Caffarelli, welcher die Garde commandirte, *) Nach den Befehlen des Kaiſers Napoleon ſollten ſeine Brüder es verhindern, daß die Kaiſerin und der König von Rom hat ſie gerettet.*) Am andern Tage hat man ſie und ihren Sohn gefangen genommen, und alle Diamanten der Krone, welche ſie bei ſich führte, mit Beſchlag be⸗ legt; aber es ſcheint, als wenn ihre Gefangennehmung gerade das war, war ſie wünſchte.“ „Die Alliirten ſind wüthend auf den Herzog von Baſſano; ich habe ihn lebhaft vertheidigt, denn Sie wiſſen wohl, wie ſehr ich ſeine Frau liebe.“ „Die Königin von Weſtphalen iſt in Paris an⸗ gekommen; der Kaiſer Alexander, ihr Couſin, iſt ſo⸗ gleich zu ihr geeilt. Man vermuthet, daß ſie zu ihrem Vater zurückkehren wird.“ „Das Schickſal ihres Bruders wird ſich ſchön und würdig geſtalten, aber es iſt noch nicht ganz fixirt. Es walten dabei, wie mir Graf Neſſelrode ſagt, gar viele Intriguen ob. Was das Königreich Neapel anbetrifft, ſo ſpricht man nicht davon. Aus den Einzelheiten, die der Graf mir in Bezug auf den letzten Krieg mit uns erzählt, erſehe ich, daß er viele uſerer Miniſter und Marfchälle verachtet, und daß ieſe ſehr ſchuldig ſind; dennoch, ſagte er mir, aß ſie noch acht Tage vor unſerm Unglück nicht aubten, unſerer Herr zu ſein; am zehnten März glaubten ſie noch, der Friede, beſonders mit Preußen, ſei gemacht.“ „Betrüben Sie ſich nicht über das Schickſal des Kaiſers auf der Inſel Elba. Der Kaiſer Napoleon hat ſie ſich ſelbſt erwählt, die Alliirten würden jeden audern Ort vorgezogen haben.“ „Alle die letzten Couriere, welche nach Paris kamen, ſind von den Alliirten angehalten worden. Unter den Briefen befand ſich einer von der Kaiſerin — in die Gewalt des Feindes geriethen. Herr von Bauſſuet erzählt dieſe Scene in ſeinen Memoiren, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie nicht ſo ſtürmiſch war, als das Gerede von Paris ſie da⸗ mals ſchilderte. 3 — 175— Marie Louiſe an ihren Gemahl. Sie ſchreibt ihm, ihr Sohn befände ſich wohl, er habe gut geſchlafen, aber als er erwachte, habe er weinend geſagt, er hätte von ſeinem Vater geträumtv; allein trotz aller Verſprechungen, aller Bitten und alles Spielzeugs, das man ihm gegeben, habe er doch nicht ſagen wollen, was er von ſeinem Vater geträumt habe, und wider ihren Willen beunruhige ſich die Kaiſerin ſehr darüber.“ „Man erzählt, ein Marſchall habe den Kaiſer Alexander gefragt, welchen Rang ſeine Frau an dem neuen Hofe einnehmen werde, und dann habe er ihm ſein Erſtaunen ausgedrückt, daß man die Armee nicht wegen der Conſtitution befragt habe. Der Kaiſer Alexander hat ihm geantwortet, daß er der Armee ſeine Befehle ertheile, aber niemals von ihr deren empfange.“ „Der Prinz Leopold logirt in demſelben Hauſe mit der Gräfin Taſcher; er iſt unaufhörlich mit Ihnen und Ihrer Mutter beſchäftigt; er wenigſtens iſt nicht undankbar für all die Güte, welche Sie Beide ihm erwieſen haben! Ich weiß, daß er mit dem Kaiſer von Rußland ſprechen und dann Ihnen ſchreiben will.“ „Alle Ihre Freunde ſagen, daß Sie an Ihre Kinder denken und das Loos annehmen müſſen, welches man Ihnen bietet. Herr von Lavalette, der Herzog von Vicenza auch ſind dieſer Meinung. Sie verlie⸗ ren ohnedies genug, und Sie dürfen Ihren Beſiegern wohl geſtatten, daß ſie Ihnen einen kleinen Theil von dem zurückgeben, was ſie Ihnen nahmen und wa Ihnen gehört.“ „Kurz, alle Ihre Freunde verlangen entſchieden, daß Sie, ſobald der Kaiſer Napoleon von Fontaine⸗ bleau abgereiſt iſt, ſich nach Malmaiſon begeben. 2 — 6 Man verſichert, daß der Kaiſer von Rußland Sie ſelbſt in Navarra aufſuchen will, wenn Sie nicht nach Malmaiſon kommen. Sie können ihn alſo nicht vermeiden, und denken Sie doch daran, daß in ſeinen Händen das Schi ſal Ihrer Kinder ruht! In dem Tractat von 7 tainebleau hat man Sie mit Ihren Kindern zuſammen geſtellt; das iſt ein großer Punkt der Sicherſtellung für Sie und beweiſt die hohe Ach⸗ tung, welche man Ihnen zollt, denn Jeder beſchäftigt ſich mit den Details, die Ihr mütterliches Herz rüh⸗ ren und erfreuen können.“ „Dem Kaiſer von Rußland indeß danken Sie allein dieſe Fürſorge, und als der Herzog von Vicenza dieſen Artikel des Tractats dem Kaiſer Napoleon zur Unter⸗ zeichnung vorlegte, fand derſelbe deſſen ganze Billigung. Damit ſind alſo Ihre alleinigen und unumſchränkten Rechte auf Ihre Kinder anerkannt, und es iſt Ihnen dargethan, daß man auf Sie allein rechnet, um Ihnen nützlich zu ſein. Sie dürfen alſo das Gute, welches man Ihnen für Ihre Kinder anbietet, nicht zurück⸗ weiſen. Ich glaube, Andere würden ſich nicht viel bitten laſſen, das anzunehmen, was man Ihnen bietet!“ „Madame Taſcher, die ſich Ihnen als eine ſo treue Verwandte bewährt, iſt jetzt zum erſten Mal beim Herzog von Dalberg geweſen, der Mitglied des pro⸗ viſoriſchen Gouvernements iſt. Sie hat die Conver⸗ ſation auf Sie geführt. Ich theile Ihnen hier Wort für Wort ſeine Antwort mit:„Man ſieht ſie als der Familie Bonaparte ganz fremd an, weil ſie ſich von ihrem Mann getrennt hat; ſie wird die Zuflucht ihrer Kinder werden, man hat ſie ihr gelaſſen; ſie kann ſehr glücklich ſein, ſie iſt ſo geliebt ſo geachtet! Sie kann in Frankreich bleiben, und thun, was ſie will; ſie muß jetzt aber nach Paris zurückkehren.“ — 177— „Die Gräfin Taſcher kam, ſo wie ſie den Herzog von Dalberg verlaſſen hatte, zu mir, um mir ſogleich dieſe Converſation zu wiederholen.“ „Dies iſt, was Freund und Feind über Sie ſagt: Diejenigen, welche nicht entzückt ſind über das, was man für die Königin thut, ſind ſchlechte Leute! Was ſie anbelangt, was hat ſie bei alle dieſem zu bedauern? Das viele Gute allein, was ſie that! Aber jetzt wird man wagen dürfen, ſie zu lieben, und es ihr zu ſagen; ſie hat ſo einfache Wünſche, ſie iſt ſo voll⸗ kommen!“ „Kurz, man hat faſt den Anſchein, über Ihr Un⸗ glück zufrieden zu ſein, um jetzt Ihre Perſon in das rechte Licht ſtellen zu können, und man ſagt: Sie gilt durch ſich ſelber weit mehr, als durch all das Geklim⸗ per eines Hofes.“ „Geſtern habe ich die neuen Ankömmlinge von Fontainebleau, die Herren von Lascour und von La⸗ voeſtine geſehen. Sie kamen zu mir, um zu erfah⸗ ren, wo ſie Sie finden könnten, und wollen ſogleich zu Ihnen eilen, ſei's nach Navarra oder nach Mal⸗ maiſon. An dieſen Beiden haben Sie ein Paar wahre Ritter.“ „Gleichviel, was ſie ſein wird, ſagten ſie, wir wer⸗ den ihr doch jetzt unſere Anhänglichkeit beweiſen kön⸗ nen, ohne der Schmeichelei beſchuldigt zu werden.“ „Dieſe vierzehn Tage in Fontainebleau ſind von dem größten Intereſſe. Alle dieſe jungen Leute wollten den Kaiſer begleiten, auch Herr von Labédoyéère und Herr von Montesquieu. Aber der Kaiſer ſelbſt hat ſie daran verhindert, und indem er ſie verabſchiedete, hat er ihnen anempfohlen, dem Vaterland immer mit Eifer zu dienen.“ 4 „Lascour und Lavoeſtine, ſo wie viele andere Ofſiziere der Armee, ſind ſehr unzufrieden mit den Königin Hortenſe. I. — 173— Generalen, die Fontainebleau verlaſſen haben, ohne von dem Kaiſer Abſchied zu nehmen.“ „Man verſichert, der Kaiſer habe, indem er von der Kaiſerin Joſephine ſprach, geſagt: Sie hatte Recht; es hat mir Unglück gebracht, daß ich ſie ver⸗ ließ.“ „Wie man ſagt, wird die Herzogin von Monte⸗ bello die Kaiſerin Marie Louiſe verlaſſen.“ Alle dieſe Bitten, dieſe Schmeicheleien, dieſe Be⸗ rufungen auf das Herz der Mutter vermochten noch nicht den edeln Stolz der Königin zu beugen und ſie zur Nachgiebigkeit zu beſtimmen. Sie hielt es noch immer ihrer Würde und ihrer Stellung angemeſſener, fern von Paris zu bleiben, wo die Damen des Faubourg St. Germain mit den Soldaten die Orgien ihres ſiegreichen Royalismus feierten.— Statt dem Flehen des Fräulein von Cochelet Gehör zu geben, ſchrieb ihr die Königin folgenden Brief:. „Meine liebe Luiſe! Du biſt betrübt über meinen Entſchluß! Ihr beſchuldigt mich Alle des kindiſchen Eigenſinns! Ihr ſeid ungerecht! Der Rath des Her⸗ zogs von Vicenza kann von meiner Mutter befolgt werden; ſie wird nach Malmaiſon gehen, aber ich bleibe hier, und ich habe meine guten Gründe dazu. Ich kann meine Sache nicht von der meiner Kinder trennen. Sie ſind es, ihre nächſten Verwand⸗ ten ſind es, die bei Allem, was geſchieht, geopfert werden, ich will mich alſo denen nicht nähern, welche unſere Geſchicke umſtoßen. Je mehr ich mit Ruhe dieſe Schläge des Schickſals ertrage, welche meine ganze Exiſtenz verändern, vielleicht um ſie friedlicher zu machen, deſto weniger darf ich dieſes mir ganz perſönliche Gefühl zeigen. Ich muß von unſerm großen Unglück betrübt ſein, und ich will ſo erſchei⸗ — 179— nen, ohne mich denen zu nähern, welche mich auch dann noch für eine Supplikantin halten würden, wenn ich auch nichts von ihnen fordere.“ „Ich glaube Dir gern, daß der Kaiſer von Ruß⸗ land mir freundlich geſinnt iſt, ich habe ſehr viel Gutes über ihn gehört, ſelbſt vom Kaiſer Napoleon; aber, wenn ich früher begierig war ihn kennen zu lernen, ſo will ich ihn in dieſem Moment doch nicht ſehen; iſt er nicht unſer Beſieger? Alle Deine Freunde müſſen innerlich meinen Entſchluß billigen, was ſie auch darüber ſagen mögen. Die Zurückgezogenheit, die Stille allein iſt mir angemeſſen; wenn Du Deine Freunde genug geſehen haſt, wirſt Du zu mir zurück⸗ kehren, ich werde vielleicht in irgend ein Bad gehen, denn meine Bruſt iſt krank. Ich weiß nicht, ob es die Luft von Navarra macht, aber ſeit ich hier bin, kann ich nicht athmen. Man will hier glauben, daß die großen Begebenheiten mit ihren unvermeidlichen Ge⸗ müthsbewegungen die Urſache davon ſind: man täuſcht ſich, der Tod hat uns Alle verſchont, und der Verluſt einer glänzenden Stellung iſt nicht der herbſte Schmerz des Lebens; überdies, welches perſönliche Glück ver⸗ liere ich denn? Mein Bruder wird, wie ich hoffe, gut und angemeſſen bedacht werden, und er wird ſich keinen Gefahren mehr auszuſetzen haben. Er muß ſehr in Unruhe über uns ſein; doch wage ich nicht ihm zu ſchreiben, denn meine Briefe würden wohl nicht zu ihm gelangen; wenn Du Gelegenheit dazu findeſt, benutze ſie, um ihm zu fagen, daß wir nicht mehr von Gefahren umgeben ſind. Adien, ich em⸗ pfehle Dir noch einmal nichts für mich zu unterneh⸗ men; ich fürchte Deine Lebhaftigkeit und Deine Freundſchaft, und dennoch liebe ich es, auf ſie zu rechnen. Meine Kinder ſind geſund; meine Mutter bekämpft alle meine Pläne, ſie behauptet meiner zu 12 — 180— bedürfen, aber ich werde nichts deſto weniger zu Derjenigen gehen, welche jetzt unglücklicher ſein muß, als wir Alle.“ „Hortenſe.“ Diejenige, von welcher Hortenſe meinte, daß ſie unglücklicher ſein müſſe, als ſie Alle, war die Ge⸗ mahlin Napoleons, Marie Louiſe, welche jetzt Blois, wohin ſie ſich als Regentin begeben, verlaſſen hatte, und nach Rambouillet gegangen war, und dort abzu⸗ warten, was die Alliirten über ihr Schickſal und das ihres Sohnes beſtimmen würden. In dieſer an außerordentlichen Begebenheiten ſo reichen Zeit ge⸗ hörte es gewiß zu den bemerkenswertheſten Dingen, die Souveraine Europa's, wie die geſtürzten Regenten von Frankreich, und diejenigen, welche jetzt das Scepter wieder ergreiſen wollten, ſo nahe bei einander zu ſehen, gewiſſermaßen in Paris und einem Umkreis von funfzehn Meilen in einander verwickelt: ein Bour⸗ bon in den Tuilerien, Bonaparte in Fontainebleau, ſeine Frau und ſein Sohn in Rambouillet; die ge⸗ ſchiedene Kaiſerin in Navarra; die Kaiſer von Ruß⸗ land und Oeſterreich und der König von Preußen in Paris; außerdem der ganze Schweif kleiner deut⸗ ſcher Potentaten und Fürſten, und der Napoleoniſchen Könige und Fürſten, welche Alle ſich in Paris und deſſen nächſter Umgebung aufhielten. Die Königin von Holland erachtete es für Pflicht, in dieſen ſchlimmen und gefahrvollen Momenten ſich Derjenigen an die Seite zu ſtellen, welche Napoleon befohlen hatte, als das Haupt der Familie zu be⸗ trachten, und ihr treu zu bleiben in Noth und Tod. Hortenſe wollte alſo, treu den Befehlen des Kaiſers, nach Rambouillet gehen zu der Kaiſerin Marie Louiſe. Dieſer Entſchluß erfüllte indeß die Freunde der — 181— Königin mit Kummer und Sorgen, und Fräulein Cochelet hatte nicht ſobald den Brief der Königin, welcher ihr deren nahe bevorſtehende Abreiſe ankün⸗ digte, erhalten, als ſie ſich beeilte an die Königin zu ſchreiben und ſie beſchwor von ihrem Vorſatz abzu⸗ ſtehen. Herr von Marmold, der Stallmeiſter der Königin, eilte ſogleich mit dieſem Brief fort, um ihn der Königin in Louis, wo ſie die Nacht zubringen wollte, zu überbringen, und ſeine Bitten und die fle⸗ henden Grüße aller ihrer Freunde mit denen des Fräuleins zu vereinen. „Herr von Marmold überbringt Ihnen meinen Brief,“ ſchrieb Fräulein Cochelet,„wenn er noch zu rechter Zeit kommt, findet er Sie in Lonis. Wenn Sie nach Rambouillet gehen, vernichten Sie Ihre ganze Stellung und auch die Ihrer Kinder; das iſt der Schmerzensſchrei aller Ihrer Freunde.— Ich war ſo voll ſeliger Freude, denn der Prinz Leopold hatte Ihnen im Namen des Kaiſers Alexander geſchrieben, und Sie gebeten nach Malmaiſon zu kommen. Sie konnten ſich dieſer Einladung nicht entziehen, da er ſelbſt bis nach Navarra kommen wollte. Statt aber mit der Kaiſerin Joſephine zurückzukehren, wollen Sie ſich mit einer Familie vereinigen, welche Sie nie⸗ mals geliebt hat. Sie werden nur Kummer bei ihnen empfinden, und man wird Ihnen das Opfer nicht danken, welches Sie glauben, ihnen ſchuldig zu ſein. Sie werden dieſen Schritt bereuen, und dann wird es zu ſpät ſein. Ich beſchwöre Sie um die einzige Gnade, gehen Sie nicht nach Rambouillet!“ „Ihr Schritt wird Diejenigen, welche Sie auf⸗ ſuchen, wenig rühren, und die Alliirten, welche Ihnen ſo viel Intereſſe bezeugen, mißvergnügt machen.“ „Die Kaiſerin iſt ganz und gar öſterreichiſch geſinnt, und man hält ſehr darauf, daß ſie Niemand — 182— von der Familie ihres Gemahls ſieht. Ich ſage Ihnen das im Auftrag des Prinzen Leopold und der Frau von Caulaincourt. Dieſe Letztere will trotz ihres hohen Alters zu Ihnen gehen, wenn Sie nicht bald hierher kommen; ſie trägt mir auf, Sie zu be⸗ ſchwören, nicht nach Rambouillet zu gehen, ja Sie verbietet es Ihnen als Ihre Ehrendame, und als die Freundin Ihrer Mutter.“ „Als ich dem Prinzen Leopold Ihren Vorſatz mittheilte, zur Kaiſerin Marie Louiſe nach Ram⸗ bouillet zu gehen, füllten ſich ſeine Augen mit Thrä⸗ nen.„Es iſt ſchön, ſtolz zu ſein,“ ſagte er,„aber ſie kann nicht mehr zurückweichen; ſie hat ſchon Ver⸗ pflichtungen gegen den Kaiſer von Rußland, der den Tractat vom eilften April gemacht hat; ich erwarte ihre Antwort, um ſie dem Kaiſer zu bringen, ſie iſt ihm eine Antwort ſchuldig.“ Ich habe heute Morgen eine Stunde mit dem guten Lavalette hingebracht. Dieſer ausgezeichnete Mann wußte nichts von allen den Schritten, die wir bei Ihnen thun, um Sie zur Rückkehr zu bewegen, und er ſagte zu mir:„Welch' ein Glück wäre es für ſie und ihre Kinder, wenn der Kaiſer Alexander ſie zu ſehen wünſchte!“— Kommen Sie, kommen Sie, erzeigen Sie ihren Freunden dieſe Gnade, denn wir würden alle in Verzweiflung ſein, wenn Sie nach Rambouillet gehen.“. „Der Prinz Leopold will Ihnen einige Worte ſchreiben. Er könnte Ihnen und der Kaiſerin Joſe⸗ phine nicht treuer zugethan ſein, wenn Sie ſeine Mutter und ſeine Schweſter wären. Der Graf Tſchernitſcheff war bei mir. Der Kaiſer von Oeſter⸗ reich langt morgen hier an und bald auch die neuen franzöſiſchen Prinzen und der König. Welche Ver⸗ wandlung!“ — 183— „Sie müſſen den Kaiſer von Rußland ſehen, weil er es ſo ſehr wünſcht; ich beſchwöre Sie auf meinen Knieen, mir dieſe Gnade zu erweiſen! Dieſer Kaiſer von Rußland benimmt ſich ſo edel, daß er Jedermann Achtung abnöthigt und man vergißt, daß er der Ueber⸗ winder iſt, um ſich nur zu erinnern, daß er der Be⸗ ſchützer iſt. Er ſcheint die Zuflucht aller derer zu ſein, welche Alles verlieren, und für ihre Ruhe fürchten. Sein Benehmen iſt bewundernswürdig; er empfängt nur die unumgänglich nothwendigen und die geſchäft⸗ lichen Beſuche. Die Schönen im Faubourg St. Ger⸗ main können ſich nicht rühmen, daß er ſie allzuſehr aufſucht, was für ihn ein um ſo größeres Verdienſt iſt, als er, wie man ſagt, den Frauen ſehr gewogen iſt.— Er hat zum Prinzen Leopold geſagt, er beab⸗ ſichtige nach Navarra zu gehen, und hat hinzugefügt: „Sie wiſſen, daß ich dieſe Familie liebe und hoch⸗ ſchätze; der Prinz Eugen iſt der Fürſt der Ritter; ich achte die Kaiſerin Joſephine, die Königin Hortenſe und den Prinzen Eugen um ſo höher als ihr Be⸗ tragen gegen den Kaiſer Napoleon ſo erhaben iſt über dem ſo vieler Anderer, welche ihm mehr Ergebenheit hätten zeigen müſſen.“„Wie ſollte man nicht den Charakter dieſes Mannes, der mit ſo viel Adel der Geſinnung das Gute ſchätzt, hochachten müſſen! Ich hoffe, daß Sie bald ſelbſt darüber urtheilen können. Um Gottes Willen kehren Sie zurück.“ „Louiſe.“ 1 Aber all' dieſes Flehen war vergeblich. Herr von Marmold traf die Königin Hortenſe noch in Louis; er übergab ihr die Briefe ihrer Freunde, und fügte alle die Vernunftgründe hinzu, die ſie beſtimmen ſollten, nicht nach Rambouillet zu gehen. Hortenſe indeß blieb unerſchütterlich bei ihrem — 184— Vorſatz.„Sie haben Recht,“ ſagte ſie,„Alles das iſt wahr, aber nichts deſtoweniger werde ich doch zur Kaiſerin Marie Louiſe gehen, denn es iſt meine Pflicht: wenn für mich daraus Unannehmlichkeiten entſtehen, ſo werde ich ſie nicht achten, ſondern nur meine Pflicht erfüllen. Die Kaiſerin Marie Louiſe muß am unglücklichſten von uns Allen ſein, und am meiſten des Troſtes bedürfen; dort alſo bei ihr werde ich am nothwendigſten ſein, und nichts vermag mei⸗ nen Entſchluß zu ändern.“ XV. Die Rönigin Hortenſe und der Raiſer Alexander. Die Königin Hortenſe alſo war, dem Flehen und den Mahnungen ihrer Freunde zum Trotz, nach Ram⸗ bouillet gegangen; die Kaiſerin Marie Louiſe indeß hatte ſie mit verlegener Miene empfangen. Sie hatte der Königin geſagt, daß ſie ihren Vater, den Kaiſer von Oeſterreich, erwarte, und daß ſie fürchte, der Kaiſer möchte ſich durch die Gegenwart der Königin genirt fühlen. Ueberdies war die junge Kaiſerin, obwohl niedergedrückt und ernſt, doch nicht ſo trau⸗ rig und kummervoll geweſen, wie Hortenſe es er⸗ wartete. Das Geſchick ihres Gemahls hatte das Herz Marie Louiſens nicht ſo tief verwundet, als das der Kaiſerin Joſephine.„ Hortenſe fühlte, daß ſie hier überflüſſig ſei, daß die Gegenwart des erwarteten Kaiſers von Oeſter⸗ reich genügen werde, um die Kaiſerin von Frankreich — 185— über das Unheil ihres Gemahls zu tröſten. Sie dachte an Joſephine, welche das Schickſal Napoleons ſo tief bekümmerte, und da ſie, ſtatt die Kaiſerin Marie Louiſe zu tröſten, ſie nur genirte, ſo eilte ſie, dieſelbe von ihrer Gegenwart zu befreien. Und endlich jetzt beugte Hortenſe der Nothwen⸗ digkeit ihr edles, keuſches Herz, endlich gab ſie den Bitten und Vorſtellungen ihrer Mutter, welche nach Malmaiſon zurückgekehrt war, und ihrer Freunde Gehör und kam nach Paris. Man hatte ihr zu oft wiederholt, daß ſie es ihren Söhnen ſchuldig ſei, ihnen eine Zukunft und ein Vermögen zu ſichern, als daß ſie nicht ihr perſönliches Widerſtreben hätte überwinden und ſich dieſem neuen Gebot der Pflicht fügen ſollen.. Sie war alſo auf einige Tage nach Paris in ihr Hôtel zurückgekehrt, deſſen Oede und Stille mit trauriger Beredtſamkeit ſie an die verlorene Größe erinnerte. Dieſe Säle, welche einſt der Verſammlungsort ſo vieler Könige und Fürſten geweſen, ſtanden jetzt ver⸗ ödet, und trugen auf ihren beſchmutzten Parquets die Spuren der Füße der feindlichen Soldaten, denen das Hôtel der Königin in letzterer Zeit als Kaſerne gedient hatte. Jetzt hatten ſie auf Begehren des Czaren das Höôtel verlaſſen, aber auch die Die⸗ nerſchaft der Königin hatte es verlaſſen. Treulos und undankbar hatten ſie der untergegangenen Sonne den Rücken gekehrt und waren dem Gewitter ent⸗ flohen, das die Krone ihrer Herrin zerſchmettert hatte. Als Kaiſer Alexander daher, von der Ankunft der Königin in Paris benachrichtigt, ſofort zu ihr in ihr Hötel eilte, kam ihm die Königin allein bis in das äußerſte Vorzimmer entgegen. „ Sire,“ ſagte ſie mit einem ſanften Lächeln,„ich — 186— habe Niemand mehr, um Sie mit hergebrachter Cere⸗ monie empfangen zu können. Mein Vorfaal iſt ganz verödet.“ Der Anblick dieſer vereinſamten Frau, dieſer Kö⸗ nigin ohne Krone, ohne Land, ohne Vermögen, ohne Schutz und Beiſtand, welche dennoch mit heiterm Auge und einem ſanften Lächeln in allem Liebreiz der Schönheit und der Weiblichkeit ihm gegenüber ſtand, machte einen tiefen, bewältigenden Eindruck auf den Kaiſer und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Die Königin ſah es und beeilte ſich zu ſagen: „Aber was thut das? Ich denke nicht, daß die mit vergoldeten Livréen angefüllten Antichambres dieje⸗ nigen, welche kommen, mich zu beſuchen, glücklicher machen würden, und ich ſelber bin glücklich, Ihnen allein die Honneurs meines Hauſes machen zu kön⸗ nen. Ich habe alſo nur gewonnen.“ Der Kaiſer nahm ihre Hand und indem er die Königin in ihr Zimmer führte, ſprach er zu ihr mit jenem ſanften, ſchwermüthigen Ausdruck, der ihm eigen war, und beklagte es faſt mit bittern Vorwürfen gegen ſich ſelbſt, daß er mit die Schuld daran trage, daß der Kaiſer und ſeine Familie jetzt ſo unglücklich und vom Schickſal zerſchmettert ſeien. Er beſchwor die Königin ſodann, ihren Entſchluß, Frankreich zu ver⸗ laſſen, aufzugeben und ſich ihrer Mutter und ihren Freunden zu erhalten, er ſagte ihr, daß, indem ſie ſo ihr Vaterland, ihre Freunde und ihre Rechte auf⸗ geben wolle, ſie ſich eines Vergehens gegen ihre eige⸗ nen Kinder ſchuldig machen würde, gegen dieſe bei⸗ den Söhne, welche von ihr ein Vaterland und ein Vermögen zu fordern hätten. Die Königin mußte endlich von dieſen ſo bered⸗ ten, ſo innigen Vorſtellungen überwunden werden und mit bervorſtürzenden Thränen erklärte ſie ſich — 187— bereit, wenn es das Wohl ihrer Söhne erheiſche, in Frankreich zu bleiben. „Bis jetzt,“ ſagte ſie,„hatte ich meine Entſchlüſſe nur in Bezug auf das Unglück gefaßt, ich war ganz reſignirt, und ich habe gar nicht daran gedacht, daß mir noch irgend etwas Glückliches geſchehen könnte, ich weiß alſo auch jetzt nicht, was ich fordern und wollen kann. Nur bin ich entſchloſſen, für mich und meine Kinder nichts anzunehmen, was nicht unſerer angemeſſen und würdig iſt, und ich weiß nicht, was das ſein könnte.“ Der Kaiſer reichte ihr mit einem ſanften Lächeln die Hand.„Nun wohl, verlaſſen Sie Sich auf mich,“ ſagte er.„Sie bleiben alſo in Frankreich?“ „Sire, Sie haben mich überzeugt, daß es für die Zukunft meiner Söhne nothwendig iſt. Ich bleibe alſo.“ XVI. Die neuen Oncles. Malmaiſon, wohin Hortenſe nach kurzem Aufent⸗ halt in Paris zurückgekehrt war und wo auch die Kaiſerin Joſephine weilte, ward für die in Paris verſammelten Souveraine eine Art Mittelpunkt der Geſelligkeit und der Unterhaltung. Jeder dieſer Kö⸗ nige und Fürſten wollte der Kaiſerin Joſephine und ihrer Tochter ſeine Huldigung darbringen und da⸗ durch gewiſſermaßen dem eutthronten Kaiſer die letzte Ehre erweiſen. — 188— Eines Tages hatte der König von Preußen mit ſeinen beiden Söhnen, den Prinzen Friedrich Wilhelm (dem jetzigen König) und Wilhelm ſich in Malmai⸗ ſon zum Beſuch anmelden laſſen. Die Kaiſerin Jo⸗ ſephine ſandte ihnen eine Einladung zu einem Fami⸗ liendiner und bat Kaiſer Alexander mit ſeinen beiden Brüdern, an demſelben Theil zu nehmen. Der Kaiſer folgte dieſer Einladung, und als er mit den jungen Großfürſten in den Salon eintrat, wo ſich die Herzogin von St. Leu befand, nahm er ſeine beiden Brüder bei der Hand und führte ſie zu Hortenſen hin. „Madame,“ ſagte er,„Ihnen vertraue ich meine Brüder an; ſie treten zum erſten Male in die Welt; meine Mutter iſt in Sorgen, die ſchönen Franzöſinnen möchten ihnen den Kopf verdrehen, und ich erfülle freilich ſchlecht mein Verſprechen, ſie davor zu be⸗ wahren, indem ich ſie nach Malmaiſon führe, wo ſo „viele reizende Perſonen vereinigt ſind.“ „Beruhigen Sie Sich, Sire,“ erwiderte die Kö⸗ nigin ernſthaft,„ich will den Mentor machen, und ich verſpreche Ihnen eine ganz mütterliche Beaufſich⸗ tigung.“ Der Kaiſer lachte, und auf die beiden Söhne Hortenſen's deutend, welche eben hereingeführt wur⸗ den, ſagte er:„Ach Madame, es wäre für meine Brüder weniger gefährlich, wenn ſie ſo alt wären, wie dieſe Knaben hier.“ Er näherte ſich den beiden Kindern, und indem er ihnen die Hand reichte und freundlich und liebe⸗ voll zu ihnen ſprach, redete er ſie mit den Titeln „Monſeigneur“ und„kaiſerliche Hoheit“ an. Die Kinder betrachteten ihn mit erſtaunten Blicken, denn der ruſſiſche Kaiſer war der Erſte, welcher den kleinen Napoleon und ſeinen jüngeren Bruder Louis — 189— Napoleon mit dieſen hochtönenden Titeln anredete; die Königin, ihre Mutter, hatte es niemals geduldet, daß die Knaben von ihrer Umgebung anders, als nur einfach mit ihren Namen genannt würden. Sie wollte ſie bewahren vor dem eitlen Stolz auf ihre Größe, und ſie lehren, ihre Bedeutſamkeit nur aus ſich ſelber zu ſchöpfen. Kurz darauf ward der König von Preußen mit den Prinzen gemeldet, und der Kaiſer mit ſeinen Brüdern verließ die beiden jungen Prinzen, um dem König entgegenzugehen. Während der Kaiſer und der König ſich begrüßten, fragten die beiden Söhne Hortenſens ihre Gouver⸗ nante um die Namen der eben eintretenden Herren. „Es iſt der König von Preußen,“ flüſterte die Gouvernante,„und der Herr, welcher eben mit Ihnen ſprach, iſt der Kaiſer von Rußland.“ Der kleine Louis Napoleon ſchaute nachdenklich einen Augenblick hinüber nach den hohen Geſtalten der Fürſten, deren hochtönende Namen ihm gar nicht imponirten; er war ſo gewohnt, Könige bei ſeiner Mutter zu ſehen, und dieſe Könige waren immer Oneles geweſen, 3 „Mademoiſelle,“ ſagte der kleine Louis Napoleon nach einer Pauſe,„ſind dieſe beiden neuen Herren, der Kaiſer und der König, auch wie alle Andern unſere Oncles und müſſen wir ſie ſo nennen?“ „Nein, Louis, Sie nennen ſie einfach:„Sire!“ „Aber,“ fragte der Knabe ſinnend,„warum ſind dieſe denn nicht unſere Oncles?“ Die Gouvernante zog die beiden Kinder weiter zurück in den Hintergrund des Saales und erklärte ihnen leiſe, daß die Kaiſer und Könige, die jetzt in Paris wären, weit entfernt davon, ihre Oncles zu ſein, ihre Beſieger wären. Dann alſo,“ rief der ältere Knabe Louis Na⸗ „D — 190— poleon mit zornigem Erröthen,„dann alſo ſind ſie die Feinde meines Oncles, des Kaiſers. Warum um⸗ armte uns denn dieſer Kaiſer von Rußland?“ „Weil er ein edler und großmüthiger Feind iſt, der in Ihrem jetzigen Unglück Ihnen Beiden und Ihrer Mutter nützlich ſein will. Ohne ihn würden Sie nichts auf der Welt mehr beſitzen, und das Schick⸗ ſal Ihres Oneles, des Kaiſers, würde noch viel trau⸗ riger ſein, als es jetzt ſchon iſt.“ „Dann müſſen wir ihn wohl ſehr lieb haben, dieſen Kaiſer da?“ fragte der kleine Louis Napoleon. „Ja gewiß, denn Sie ſind ihm Dankbarkeit ſchuldig.“ Der kleine Prinz blieb ſinnend und ſchweigend ſtehen, und heftete ſeine dunklen Augen unverwandt und mit einem tiefſinnigen Ausdruck auf den Kai⸗ ſer, welcher ſich eben mit der Kaiſerin Joſephine unterhielt.— Als der Kaiſer Alexander am andern Tage wie⸗ der nach Malmaiſon kam und im Gartenſalon neben der Königin ſaß, näherte der kleine Lonis Napoleon ganz leiſe auf den Zehen ſich hinter dem Rücken des Kaiſers, ſchob dann einen kleinen blitzenden Gegenſtand in die Hand des Kaiſers und ſprang eilig von dannen. Die Königin rief ihn zurück und fragte mit zür⸗ nendem Ernſt, was er gethan habe. Der kleine Prinz kehrte zögernd zurück und ſein Haupt verlegen auf die Bruſt ſenkend, ſagte er mit tiefem Erröthen:„Ach, Maman, es iſt der Ring, welchen mir Onkel Eugene geſchenkt hat, und ich wollt; ihn jetzt dem Kaiſer ſchenken, weil er ſo gut gegen meine Mama iſt!“ Kaiſer Alexander zog den kleinen Louis Napoleon zu ſich heran und indem er ihn auf ſeinen Schooß — 191— ſetzte, umarmte er den Knaben mit tiefer Rührung und küßte ihn zärtlich. Dann, um dem kleinen Prinzen gleich einen Lohn zu gewähren, befeſtigte er den kleinen Ring an ſeiner Uhrkette und ſchwur, daß er dieſes Andenken tragen wolle, ſo lange er lebe.*) XVII. CTod der Raiſerin Joſephine. Seit Napoleon's Stern erblichen war und er als ein Verbannter Frankreich hatte verlaſſen müſſen, ſchien auch Joſephinen das Leben wie mit einem dü⸗ ſteren Trauerſchleier überdeckt zu ſein, fühlte ſie, daß ihre Sonne untergegangen und die Nacht für ſie ge⸗ kommen ſei. Aber ſie bewahrte dies Gefühl als ein heiliges Geheimniß in ihrer Seele, und niemals ver⸗ rieth ſie durch eine Klage, einen Seufzer, ihrer zärt⸗ lichen Tochter die Schmerzen, die ſie empfand. Sie klagte nur um den Kaiſer, ſie ſeufzte nur um das Loos ihrer Kinder und ihrer Enkel. Sich ſelber ſchien ſie ganz vergeſſen zu haben, für ſich hatte ſie gar keine Wünſche mehr.— Mit ihrer nicht gealterten, jugendfriſchen Anmuth und Grazie machte ſie den fremden Souveränen in Malmaiſon die Honneurs ihres Hauſes und zwang ſich zu jener Ruhe, von welcher ihre Seele nichts empfand. Sie würde es vorgezogen haben, mit ihren Leiden und ihrem Gram ) Cochelet. Vol. I. p. 355. — 192— ſich in die Stille ihrer Gemächer zurückzuziehen, aber ſie mußte dem Wohl ihrer Tochter und ihrer Enkel, wie ſie meinte, dies Opfer bringen, und ſie, die zärt⸗ liche Mutter konnte thun, was Hortenſens Stolz ihr nicht erlaubte, ſie konnte beim Kaiſer Alexander bit⸗ ten, ſich des Schickſals ihrer Tochter zu erbarmen. Als es daher dem Czaren endlich gelungen war, ihr Loos zu fixiren und die Ausfertigung von Patent⸗ briefen, welche der Königin das Herzogthum St. Leu ſicherten, zu erhalten, eilte Alexander ſogleich nach Malmaiſon, um vor allen Dingen der Kaiſerin Jo⸗ ſephine dieſe glückliche Nachricht zu bringen. Sie dankte ihm nicht mit Worten, ſondern mit hervorſtürzenden Thränen und reichte dem Kaiſer ihre beiden Hände dar. Dann bat ſie ihn mit rührender Innigkeit, von ihr ein Andenken an dieſe Stunde an⸗ zunehmen. Der Kaiſer deutete auf eine Taſſe hin, auf wel⸗ cher das Porträt Joſephinens gemalt war, und bat ſie ihm dieſe zu ſchenken. „Nein, Sire,“ ſagte ſie,„ſolche Taſſe kann man überall kaufen. Aber ich möchte Ihnen etwas geben, was man ſonſt nirgends auf der Welt haben kann, und welches Sie zuweilen an mich erinnern wird. Es iſt ein Geſchenk, welches ich am Tage meiner Kaiſerkrönung von Papſt Pius VIlI. erhalten habe. Heute an dem Tage, da Sie meiner Tochter die Her⸗ zogskrone bringen, will ich Ihnen dieſes Andenken geben, Sire, damit es Sie zugleich an die Mutter und die Tochter, an die entthronte Kaiſerin und die entthronte Königin erinnern möge! Dieſes Geſchenk, welches ſie jetzt mit einem be⸗ zaubernden Lächeln dem Kaiſer darreichte, war eine antike Camée von ungeheurer Größe und ſo wun⸗ derbarer, meiſterhafter Ausführung, daß die Kaiſerin —————— — 193— wohl Recht hatte, zu ſagen, es gäbe ſonſt nirgends auf der Welt ein zweites Exemplar davon. Auf die⸗ ſer Camée waren neben einander die Köpfe Alexan⸗ ders des Großen und ſeines Vaters Philipp von Macedonien dargeſtellt, und die Schönheit der Arbeit ſowohl, wie die Größe des Steines machten dieſe Camée zu einem Kleinod von unſchätzbarem Werth. Kaiſer Alexander weigerte ſich daher anfangs, dieſes wahrhaft kaiſerliche Geſchenk anzunehmen, und er that es erſt dann, als er gewahrte, daß ſeine Weigerung die Kaiſerin, Pelche heute ungewöhnlich bleich und reizbar ſchien, Lerletzen würde. Joſephine war in der That an dieſem Tage trau⸗ riger als ſonſt, denn die Königsfamilie der Bour⸗ bonen hatte ihrem Herzen heute einen neuen Kummer bereitet. Joſephine hatte in den Journalen einen Artikel geleſen, in welchem in den verachtungsvollſten und härteſten Ausdrücken daran erinnert ward, daß in Notre⸗Dame die Leiche des älteſten Sohnes der Königin von Holland ſich befände, und hinzugefügt ward, daß der Miniſter Blacas den Befehl erlaſſen habe, den Sarg aus Notre⸗Dame fortzunehmen und ihn auf einem gewöhnlichen Kirchhofe einzugraben. Hortenſe, welche dieſen Artikel geleſen, war nach Paris geeilt, um die Leiche des Kindes, um welches ſie ſo viel geweint, ſich ſelber aus Notre⸗Dame zu holen, und ſie in der Kirche von St. Leu beiſetzen zu laſſen. Als Joſephine dem Kaiſer dieſe neue Beleidigung erzählte, bedeckte eine tödtliche Bläſſe ihr Antlitz und ihre ganze Geſtalt bebte. Zum erſten Male hatte Joſephine heute nicht die Kraft, ihre Leiden zu verbergen, Hortenſe war nicht da, und ſie durfte ſich alſo wohl einmal den trau⸗ rigen Troſt gönnen, das Lächeln und die Schminke Königin Hortenſe. I. 13 — 194— von ihren Wangen zu nehmen und ihr bleiches An⸗ geſicht zu zeigen, welches der Tod ſchon leiſe berührt hatte. „Majeſtät, Sie ſind krank!“ rief der Kaiſer entſetzt. Joſephine deutete mit einem Lächeln, welches Thrä⸗ nen in die Augen Alexanders trieb, auf ihre Bruſt und flüſterte:„Sire, ich habe da den Todesſtoß empfangen!“ Ja, ſie hatte Recht, ſie hatte den Todesſtoß em⸗ pfangen und ihr Herz verblutete ſich. Der Kaiſer, entſetzt von dem Zuſtande Joſephinens, eilte ſofort nach Paris und ſchickte ſeinen eigenen Arzt nach Malmaiſon, um Nachricht von dem Zuſtand der Kranken zu erhalten. Als dieſer zurückkehrte, ſagte er dem Kaiſer, daß Joſephine gefährlich krank ſei, und er nicht mehr an die Geneſung glaube. Er hatte Recht und Alexander ſah die Kaiſerin nicht wieder! Hortenſe und Eugone, ihre beiden Kinder, wachten eine traurige Nacht am Lager ihrer Mutter, ſie riefen die geſchickteſten Aerzte herbei, aber dieſe beſtätigten nur, was auch der ruſſiſche Arzt geſagt,— der Zu⸗ ſtand der Kaiſerin war hoffnungslos. Ihr Herz war gebrochen! Sie hatte es mit ſtarken Händen ſo lange zuſammengehalten, als ihr Leben für ihre Kinder nothwendig ſchien. Jetzt, da auch Hortenſens Schick⸗ ſal entſchieden, da ſie wußte, daß ihre Enkel wenig⸗ ſtens nicht als verbannte Bettler umherirren müßten, jetzt zog Joſephine ihre Hände von ihrem Herzen zurück und ließ es verbluten. Den 29. Mai 1814 ſtarb die Kaiſerin Joſephine nach einer Krankheit, welche äußerlich nur zwei Tage gedauert hatte. Hortenſe hatte die Todesſeufzer ihrer Mutter nicht empfangen; als ſie, nachdem Joſephine von dem Abbé Bertrand die Sterbe⸗Sacramente er⸗ 2— — — — — 195 halten, mit Eugéne wieder in das Zimmer trat, als ſie ihre Mutter ſah, welche ihnen die Arme entgegen⸗ ſtreckte und vergeblich verſuchte, zu ihnen zu ſprechen, ſank Hortenſe bewußtlos an dem Lager ihrer Mutter zuſammen, und in Eugénes Armen hauchte die Kai⸗ ſerin ihren letzten Seufzer aus. Die Kunde von dem Tode der Kaiſerin machte in Paris eine erſchütternde Wirkung. Es war, als ob ganz Paris auf einen Tag vergeſſen hätte, daß Napoleon nicht mehr der Herrſcher von Frankreich ſei, und daß die Bourbonen wieder den Thron ihrer Väter beſtiegen. Jedermann klagte, Jedermann war traurig, denn die Herzen der Franzoſen hatten die Frau nicht vergeſſen, welche ſo lange ihre Wohlthä⸗ terin geweſen, von der Jeder die rührendſten Züge ihrer Güte, ihrer Großmuth und Milde zu erzählen wußte. Joſephine erhob ſich jetzt, da ſie geſtorben war, noch einmal als Kaiſerin in den Herzen der Fran⸗ zoſen und Tauſende von Menſchen ſtrömten nach Malmaiſon, um ihrer geſtorbenen Kaiſerin die letzte Huldigung darzubringen. Selbſt das Faubourg St. Germain nahm Theil an dem Bedauern der Pariſer; dieſe jetzt ſo ſtolzen, ſo übermüthigen Roya⸗ liſtinnen, welche mit den Bourbonen heimgekehrt waren, mochten vielleicht einen Moment der Wohl⸗ thaten gedenken, welche ihnen die Kaiſerin erwieſen, als ſie die mächtige Herrſcherin von Frankreich ge⸗ weſen und die Hälfte ihres Nadelgeldes zur Unter⸗ ſtützung der Emigrirten verwandt hatte. Sie waren mit König Ludwig heimgekehrt, ohne daran zu den⸗ ken, der vergeſſenen Wohlthäterin ihren Dank dar⸗ zubringen; jetzt, da ſie todt war, wollten ſie ihr den Zoll ihrer Bewunderung nicht verſagen. „Ach,“ rief Frau von Cayla, die Freundin des — 196— Königs,„ach, welch eine intereſſante Frau war doch die unvergeßliche Joſephine! Welcher Tact, welche Güte, welch ein ſchönes Maaß in Allem, was ſie that! Auch das iſt noch fein und tactvoll und dem guten Geſchmack gemäß, daß ſie gerade in dieſem Moment geſtorben iſt.“— Die Königin war gleich nach dem Tode der Kai⸗ ſerin faſt gewaltſam von ihrem Bruder aus dem Sterbezimmer fortgeführt, mit Eugène und ihren Kindern nach St. Leu gegangen. Nur ihre beiden Enkel folgten dem Sarge der Kaiſerin, welche in Malmaiſon begraben ward. Der Kummer hatte ihre beiden Kinder auf das Krankenlager geworfen, und hinter den kleinen Prinzen Napoleon und Louis Na⸗ poleon ſah man nicht ihre Verwandten, ſondern den ruſſiſchen General von Sacken, welcher den Kaiſer vertrat, und die Equipagen aller der Könige und Fürſten, mit deren Hülfe die Napoleoniden von ihren Thronen geſtoßen und die Bourbonen heim⸗ gekehrt waren. In St. Leu brachte der Kaiſer Alexander die letzte Nacht in Frankreich zu, bevor er nach England ab⸗ reiſte, und als er von Eugène und Hortenſen welche nur auf das dringende Bitten ihres Bruders ſich entſchloß, zum erſten Male nach dem Tode ihrer Mutter ihr Zimmer zu verlaſſen und den Kaiſer zu ſehen, Abſchied nahm, verſicherte er ſie Beide ſeiner unwandelbaren Freundſchaft und Anhänglichkeit. Da er wußte, daß der Geſandte, welchen er in Paris zurückließ, Pozzo di Borgo, ein unverſöhnlicher Feind Napoleons und ſeiner Familie ſei*), hatte er dieſem *) Pozzo di Borgo ſagte, als er die Nachricht von dem Tode des Kaiſers auf St. Helena erhielt:„Ich babe ihn nicht getödtet, aber ich habe die letzte Handvoll Erde auf ſeinen Sarg geworfen, damit cr nicht wieder auferſtehen könnte.“ 1 6 — 197— Geſandten einen von Fräulein von Cochelet ſelbſt ausgewählten Geſandſchafts⸗Attaché, Herrn von Bou⸗ tiakin, beigegeben, durch den er die Briefe und Wünſche der Königin und ihrer treuen Geſellſchaftsdame em⸗ pfangen und beantworten wollte. Wenige Tage ſpäter verließ auch Eugéne St. Leu und ſeine Schweſter Hortenſe, um mit dem König von Baiern nach Deutſchland, in ſeine neue Heimath zurückzukehren. Hortenſe blickte ihm traurig nach. Sie fühlte jetzt erſt ganz ihre düſtere Verlaſſenheit, die troſtloſe Einſamkeit, welche ſie umgab. Sie hatte nicht geweint, als alle Größe und Pracht, welche ſie ſonſt umgeben, in Trümmer zu⸗ ſammenfiel, ſie hatte nicht gejammert, als der Orkan des zürnenden Schickſals die Kronen von den Häup⸗ tern all ihrer Verwandten herniederſchleuderte, ſondern hatte mit ruhiger Reſignation auch ihr Haupt dieſem Sturmwind dargeboten und dazu gelächelt, als er ihr den Königstitel und die Pracht und Herrlichkeit ihrer Vergangenheit nahm, aber jetzt, wie ſie einſam, verlaſſen, Niemand neben ſich, als ihre beiden kleinen Knaben und die wenigen Damen, welche ihr treu geblieben, in dem Salon ihres Schloſſes St. Leu ſtand, jetzt weinte Hortenſe. „Ach,“ rief ſie unter Thränenſtrömen, dem Fräu⸗ lein von Cochelet die Hand darreichend,„es iſt zu Ende mit meinem Muth! Meine Mutter lebt nicht mehr, mein Bruder hat mich verlaſſen, Kaiſer Alexan⸗ der wird bald genug all die verſprochene Protection vergeſſen und ich allein muß mit meinen beiden Kin⸗ dern kämpfen gegen all dieſe Widerwärtigkeiten, dieſe Feindſeligkeiten, welche man mir um des Namens willen, den ich trage, entgegenſetzen wird! Ach, ich fürchte, ich werde es zu bereuen haben, daß ich mich — bereden ließ, meinen früheren Plan nicht auszuführen. Wird die Liebe, die ich meinem Vaterlande entgegen⸗ trage, mich für die Qualen, welche ich voraus ſehe, entſchädigen?“ Ach, die ſchlimmen Ahnungen der Königin ſollten ſich nur zu ſehr verwirklichen. In den großen und heiligen Stunden des Unglücks verleiht das Schickſal den Sterblichen die Kraft des Schauens, und gleich Kaſſandra ſehen ſie die ſchlimmen Dinge, welche da kommen, ohne ſie abwenden zu können. Ende des erſten Bandes. VIII. Erſtes Buch. Tage der Kindheit und der Revolution. Tage der Kindheit. Die Prophezeihung Folgen der Revolution Der General Bonaparte Die Vermählung Bonaparte in Italien...... Wechſelfälle des Schickſals........ Bonaparte's Rückkehr aus Aegypten Zweites Buch. Die Königin von Holland. Eine erſte Liebe... Louis Bonaparte und Duroc. Conſul oder König. Die Verleumdung. König oder Kaiſer. Napoleons Erbe Vorahnungen — 5 5 E=EE 67 2* 7. 8² 89 10⁰0 111 Die Scheidung.......... 122 Der König von Holland.......... 128 3 Junot, der Herzog von Abrantes....... 137 Louis Napoleon als Veilchenverkäufer..... 145 1 Die Tage des Unglücks.......... 154 Die Alliirten in Paris........ 162 3 Briefwechſel zwiſchen der Königin und Fräulein Cochelet.... 170 Die Königin Hortenſe und der gai er licrande. 184 Die neuen Oncles...... 187 Tod der Kaiſerin Joſephine......... 191 Druck von F. Hoffſchläger in Berlin. ſſſſſnſnnſſſiſſin 7 8 9 10 11 12 13 14 15 ff õOHhHʒ)P5P5P5ʒʒ