d ütſcher, engl und franzöſiſcher Literatur 3 don. Eduard Oitmann in Cießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines Teli henen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „„ e» †„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſen veryilichter. 3. 3 „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Siejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * (Kofgeſchichten. 2 — 1 Hiſtoriſcher Roman — von L. Mühlbach. C. Bergers Buchhandlung. 4 1849. Dritter Theil. ⸗ 6 Leipzig, 8A —— y— III. Die Dragonaden. Die beiden Marquiſen. .● Es war ein langer Kampf, welchen dieſe beiden Marquiſen mit einander kämpften, es war eine jahre⸗ lange, unverſöhnliche Fehde; von der einen Seite ge⸗ führt mit den Waffen der Schönheit, des Stolzes, und der Rechtmäßigkeit des Beſitzes, von der andern Seite mit den Waffen der Tugend oder der Heuchelei, der Sittſamkeit, und verſagenden Unſchuld. Die Marquiſe Montespan ſuchte ihre Herrſchaft da⸗ durch zu befeſtigen, daß ſie dem Könige nichts ver⸗ ſagte, die Marquiſe Maintenon ſuchte ihr Reich da⸗ durch zu begründen, daß ſie ihm Alles verweigerte. Bei der Einen fand der König ſtets die leidenſchaft⸗ lichſte Hingebung, bei der Andern die keuſcheſte Tu⸗ gend.— Ueberſättigt von der Leidenſchaft und der Gluth der Montespan floh der König zur Maintenon 1 X . und wenn er ſich ein wenig erkältet fühlte von der ſtillen, ſtrengen Tugend Francoiſens, eilte er zu Athe⸗ nais, um ſich in ihren Armen wieder zu erwärmen.— Es war ein beſtändiges Schwanken und Kämpfen, ein ewiges Ringen und Zanken, und dem König, wel⸗ cher täglich und ſtündlich die Streitigkeiten und die erbitterten Zwiſte ſeiner beiden Freundinnen zu ſchlich⸗ ten hatte, dem König blieb keine Zeit, an ſein Volk zu denken,— Louvois herrſchte mit ſeinen Creaturen über Frankreich, und La Chaiſe war der rathgebende Freund des Miniſters. Aber La Chaiſe war außerdem auch der rathende Freund der beiden Marquiſen und des Königs. Er beſtärkte die Marquiſe Maintenon in ihrer keuſchen Tugend, indem er zu ihr ſagte: Je mehr Ihr Euch ihm verweigert, deſto mehr wird er Eurer begehren. Er ermunterte die Marquiſe Montespan in ihrer lei⸗ denſchaftlichen Hingebung, indem er zu ihr ſagte: nur durch die grenzenloſeſte Zärtlichkeit könnt Ihr Euch den König erhalten! Ihr müßt alle ſeine Sinne mit einem Zauber der Luſt umgeben! Ihr müßt ihn ſo berau⸗ ſchen, daß an ein Erwachen gar nicht zu denken iſt! Aber wenn der König ihm erzählte von den ewigen Streitigkeiten der beiden Marquiſen, wenn er ihn fragte, welcher von Beiden er Recht geben ſolle gegen die Andere, dann ſagte La Chaiſe achſelzuckend: Die Eine vertritt das Recht der Tugend, die Andere die Macht der Schönheit! Die Tugend iſt aber voll ewiger Schönheit, und wer ihr anhängt, der iſt des Segens Gottes gewiß! Aber die Montespan iſt die Mutter meiner Kinder! rief der König. Das heißt, ſie hat ſie geboren! ſagte La Chaiſe. Aber die Maintenon erzieht ſie! Sie iſt ihre geiſtige Mutter, und dies iſt ein ſchwierigeres und wichtigeres Geſchäft, als ſie zur Welt zu bringen! Aber die Marquiſe Montespan, geängſtiget von dieſer Macht, welche die Marquiſe Maintenon täglich mehr und mehr über das Gemüth des Königs gewann, griff in ihrer Verzweiflung nach einem neuen Mittel, durch welches ſie den König an ſich zu feſſeln ſuchte. Sie machte kein Geheimniß mehr aus ihrer Verbin⸗ dung mit dem König, ſie bekannte ſich laut und öffent⸗ lich als die Mutter jener drei Kinder, als deren Gou⸗ vernante noch immer die Marquiſe Maintenon galt, ſie umgab ſich mit dem Prunk einer Königin, und — 6— wenn ſie der wirklichen Königin, der armen, gebeugten Maria Thereſia bei den Hoffeſten begegnete, ging ſie ſtolz und achtlos, ohne ſie zu begrüßen, an ihr vor⸗ über. Hier jedoch hatte die kluge Athenais von Montes⸗ pan ſich verrechnet. Man hatte murrend geſchwiegen, ſo lange der König und die Marquiſe ihre doppelt ehebrecheriſche Liebe mindeſtens noch ſchamvoll verbar⸗ gen. Man empörte ſich laut, als die Marquiſe ohne Erröthen es laut bekannte, daß ſte die Geliebte des Königs, die Muͤtter ſeiner Kinder ſei! Die empörte Geiſtlichkeit donnerte von den Kanzeln herab gegen die ſchamloſe Ehebrecherin, und La Chaiſe ließ keinen Tag vorüber gehen, ohne dem König zu drohen mit dem Strafgerichte des Himmels, und dem Zorn eines rächenden Gottes! Er erinnerte den Kö⸗ nig daran, daß er nur dann ihm die Vergebung des Himmels verheißen habe, wenn Ludwig mindeſtens es vermeide, der Welt ein Aergerniß zu geben, und einen Schleier lege über dies ehebrecheriſche Verhältniß, aber jetzt, da man ohne Scheu und Scham auch dieſe letzte Hülle hatte ſinken laſſen, jetzt drohte er mit ewiger Verdammniß, und ſicherm, unvermeidlichen Verderben! Und der König, welcher einſt Annart wegen ähnlicher Drohungen entlaſſen, er ſchwieg zu den zornvollen Worten La Chaiſe's, denn er hatte nicht mehr die Kraft, ſich ſeiner geiſtigen Herrſchaft zu entziehen, und La Chaiſe hatte einen Bundesgenoſſen, deſſen ſanfte und einſchmeichelnde Stimme dieſelben Gedanken, nur in milderen Formen ausſprach, als der Beichtvater. Dieſer Bundesgenoſſe war die Marquiſe Maintenon, die dem König durch ihre Tugend eben ſo ſehr impo⸗ nirte, als ſie durch ihren Geiſt ihn feſſelte und unter⸗ hielt. Wenn er, matt gehetzt von den Vorwürfen und der Leidenſchaft der Marquiſe Montespan, oder bis in den Tod gelangweilt von ſeiner frommen, geiſtloſen Gemahlin, oder den Vorträgen ſeiner Miniſter, zur Marquiſe Maintenon kam, fand er bei ihr ſtets ein heiteres, liebevolles Geſicht, eine geiſtvolle, pikante Un⸗ terhaltung, eine willkommene Zerſtreuung. Es war ein ſtilles Glück, ein ſeliger Friede, der ihn in ihrer Nähe umfing, und aufathmend fühlte ſich der König geborgen in einem Hafen der Ruhe! Ruhe! Das war das Einzige, wornach der König jetzt allein nur noch Verlangen trug. Nicht umſonſt hatte La Chaiſe ihm einſt geſtattet, ſich wild hinein⸗ zuſtürzen in alle Genüſſe, nicht umſonſt hatte er ihm nach dieſen berauſchenden Orgien, nach dieſen Ge⸗ nüſſen einer taumelnden Luſt die Abſolution und die Vergebung ſeiner Sünden ertheilt, nicht umſonſt end⸗ lich hatte er zuletzt noch der Marquiſe Montespan ge⸗ rathen, den König von Genuß zu Genuß zu führen, ſeine Sinne wie mit einem Zauber zu umgeben, ihn gefangen zu nehmen in den Feſſeln der Liebe! La Chaiſe hatte das Alles wohl überlegt, und er hatte ſich nicht getäuſcht in ſeinen wohlberechneten Pla⸗ nen. Er ſtand am Ziele. Der König war überſättigt, ermattet von all dieſen Freuden, ſtumpf geworden von all dieſen Genüſſen! Der König war alt geworden! Dies war das ganze Geheimniß von der Macht des Beichtvaters! Der König verlangte nicht mehr nach Liebe, ſondern nur nach Ruhe! Das war es, wodurch die tugendhafte und fromme Marquiſe Maintenon bei ihm die Marquiſe Montes⸗ pan beſiegte! Der König erfüllte ſein Schickſal, und gleich denen, 5 —— welche in allzuſtürmiſcher Haſt das Leben genoſſen, fühlte er ſich endlich überſättigt. Er hatte damit angefangen ein Wüſtling zu ſein, deshalb endete er damit, ein Pietiſt und Betbruder zu werden. Das Eine iſt die natürliche Folge des An⸗ dern. Er hatte in der Jugend zu viel geſündigt, um nicht im Alter in zerknirſchter Angſt die zitternden Hände zu Gott empor zu falten um ein wenig Gnade, ein wenig Erbarmen! Nun ſchreckten ihn die furchtbaren Drohworte des zürnenden Beichtvaters, nun fühlte er ſein Herz zer⸗ riſſen von den ſanften, aber unerbittlichen Vorwürfen der Marquiſe Maintenon. Nun zitterte er nicht mehr vor dem Zorne der Marquiſe Montespan, aber deſto mehr vor dem vergeltenden Zorne Gottes. Er hatte geſündigt, ſo lange er jung geweſen, jetzt, da er alt geworden, wollte er Gott und die Welt glau⸗ ben machen, daß er tugendhaft ſei. Seine Demuth gegen die Prieſter Gottes war daher grenzenlos, ſie hatten das Himmelreich zu vergeben, durch ſeine ergebungsvolle demüthige Reue, durch Geſchenke, welche er den Kirchen machte, durch fromme Stiftun⸗ gen und Gründung mildthätiger Vereine hoffte er da⸗ her die Vergebung Gottes von ſeinen Prieſtern ſich einzuhandeln. Aber die übermüthigen Prieſter, ermuthigt von La Chaiſe, und nur noch kühner gemacht von der Demuth des Königs, donnerten immer ſtürmiſcher herab gegen ſein ſündenvolles Leben. Und dennoch verſäumte es der König niemals der Meſſe und Predigt beizuwoh⸗ nen. Dennoch hörte er mit gottergebener Andacht die⸗ ſen donnernden Strafpredigten ſeiner Prieſter zu.— Einſt predigte im Beiſein des Königs und ſeines Ho⸗ fes ein Prieſter in Notre Dame gegen die Sünde des Ehebruches, und er rief den Fluch des Himmels her⸗ ab auf die Sünder, welche dieſem Verbrechen ſich hin⸗ gegeben. Der ſtaunende und entſetzte Hof erblaßte. Man ſah angſtvoll und zitternd auf den König, man wollte in ſeinem Geſichte leſen, wie man ſich dieſer unerhörten Kühnheit des Prieſters gegenüber zu ver⸗ halten habe. Das Geſicht des Königs zeigte indeß weder Zorn noch Unzufriedenheit, und ſich, nachdem der Prieſter ſeine zürnende Rede geendet, an ven Her⸗ zog von Montauzier wendend, fragte der König: nun, mein Herr, wie gefällt Euch dieſe Rede? Der Hofmann erbleichte, ſeine ganze Zukunft, die * — 41— Gnade des Königs ſtand auf dem Spiele. Welches konnte die rechte, dem Könige wohlgefällige Antwort ſein? Sollte er den Prieſter verdammen, oder ſollte er ſeine Rede gut heißen? Was war es, was der König wollte? Sire, ſtammelte der Herzog von Montauzier, ich weiß nicht, dieſe Rede iſt— Sie iſt eben ſo wahr, als vortrefflich! ſagte der König. Oh, ich finde ſte ſublime! rief der Herzog aufathmend. Ich hörte nie etwas Erhabeneres! 6 Und die Prieſter, immer angefeuert von La Chaiſe, wurden immer ſtürmiſcher, immer wilder in ihren Ver⸗ wünſchungen, in ihren Flüchen. Ein verwegener und tollkühner Jeſuit wagte es ſogar, indem er die Worte Nathan's, welche er zu dem ehebrecheriſchen Könige Salomon geſprochen, erklärte, ſich unmittelbar auf den anweſenden, und ſeiner Rede mit Andacht lauſchenden König zu beziehen. Er ſtellte das furchtbare Ver⸗ brechen eines königlichen Ehebruches in den entſetzlich⸗ ſten Farben dar, und indem er ſeine Hand erhob, und ſie gegen Ludwig den Vierzehnten ausſtreckte, rief er zu wiederholten Malen: tu es ille vir! — 12— Ein Schauder durchlief die Reihen der Höflinge. Dies war eine ſo unerhörte Beleidigung der königlichen Majeſtät, ein ſo unverzeihlicher Frevel, daß Alle zitter⸗ ten, und es ſchon für ein Unglück, und ein ſtrafwür⸗ diges Vergehen erachteten, dieſer Beſchimpfung ihres Königs nur beigewohnt zu haben. Tu es ille vir, wiederholte der Prieſter, auf den König zeigend. Was bedeuten denn dieſe Worte? fragte Ludwig ſeinen Oberhofmeiſter. Sire, ich habe ſie nicht verſtanden! Majeſtät wiſſen, daß ich etwas ſchlecht höre! ſtotterte der entſetzte Ober⸗ hofmeiſter. 3 Und der König richtete ſeine Frage an jeden Ein⸗ zelnen ſeiner Cavaliere. Er war ſehr begierig, was dieſe unmittelbar an ihn gerichteten Worte bedeuten möchten! Aber keiner ſeiner Cavaliere konnte ihm darüber Auskunft geben! Der Eine entſchuldigte ſich damit, er habe nicht zugehört, der Andere meinte, er verſtehe kein Latein. Nun, Ihr ſeid ein Gelehrter, Ihr werdet mir dieſe Worte überſetzen! ſagte der König zum Herzog von — 13— Montauzier. Ja, Ihr werdet mir erklären, was dieſe Worte bedeuten, die der Prieſter an mich richtet, indem er von der fluchwürdigen Sünde eines Ehebrechers ſpricht! Sire, ſagte der Herzog, ſich tief verneigend, und ein⸗ gedenk jener frühern Scene, Sire, tu es ille vir, heißt: Du biſt jener Mann! Der König erblaßte, ſeine Augen flammten auf in Zorn, und ſich ſtolz erhebend, wandte er mit königlicher Majeſtät ſich nach dem verbrecheriſchen Prieſter hin In dieſem Moment begegnete ſein Auge zufällig den auf ihn gerichteten Blicken La Chaiſe’s und der Mar⸗ quiſe Maintenon. Sie ſtanden neben einander, und ſahen zu dem König herüber, die Marquiſe mit dem Ausdruck des Flehens, der Beichtvater mit drohenden, gebieteriſchen Mienen. Der König ließ ſein Haupt ſinken, der Zorn ver⸗ ſchwand aus ſeinen Zügen, er war wieder ganz De⸗ muth, ganz Ergebung, und ſich an ſeine empörten, und auf den Prieſter ſcheltenden Hofherrn wendend, ſagte er:„Dieſer Prieſter hat ſeine Pflicht gethan, thun wir die unſrige.“*) *) Beaumelle. Mémoires de la Marquise de Maintenon. Vol. II. pag. 95. — 44— Aber trotz dieſer ergebungsvollen Frömmigkeit, dieſer bußfertigen, zerknirſchten Reue hatte Ludwig zuweilen noch Rückfälle, die weder von der frommen Tugend der Marquiſe Maintenon, noch von dem Zürnen des Beichtvaters La Chaiſe konnten unſchädlich gemacht werden! Seine Zärtlichkeit für die Marquiſe Mon⸗ tespan erwachte noch zuweilen, und eines Tages, als er das ſchöne Fräulein von Fontanges geſehen, fühlte ſich Ludwig noch einmal wieder jung werden, fühlte er, daß er noch einer glühenden, Alles vergeſſenden, Alles überwindenden Liebe fähig ſei. Er achtete jetzt weder der Drohungen ſeines Beicht⸗ vaters, noch der Thränen der tugendhaften Marquiſe Maintenon, noch auch der Verzweiflung der Marquiſe Montespan! Er hörte nichts von den Verwünſchun⸗ gen ſeines Volkes, und den heimlichen, flehenden Ge⸗ beten ſeiner Gemahlin. Er liebte das Fräulein von Fontanges, und ſte ward ſeine Geliebte. Auf eine kurze Zeit nahm der Hof wieder eine andere Geſtalt an. Da gab es wieder Feſte, da ertönte wieder Geſang und Freude, da herrſchte wieder die Luſt und Ueppigkeit, das Entzücken und die Freude! Dieſe Frömmigkeit war nur eine Maske geweſen, jetzt zeigte man wieder ſein wahres Angeſicht, jetzt ſün⸗ digte man, jetzt liebte man wieder. Der König ver⸗ gaß ſeine Betbrudermiene und ſein Händefalten, der König fühlte ſich wieder jung, wieder glücklich, wes⸗ halb ſollte er alſo beten und ſich kaſteien? Die frommen Prieſter erzitterten, die Marquiſe Main⸗ tenon rang die Hände, und weinte, die Marquiſe Montespan zürnte und ſchwur Rache! Weſſen war die Rache? Wer übte ſie? Thaten es die frommen Prieſter, die weinende Maintenon, oder die zürnende Montespan? Oder vereinigten ſich dieſe Drei zu einem gemeinſamen Werke? Gewiß iſt, daß dieſe Rache geübt ward, ſei es nun von den Prieſtern Gottes, von der Prieſterin der Tu⸗ gend, oder von der Prieſterim der Liebe! Prieſterhände waren im Spiel! Nach einem kurzen Jahre des Entzückens für den König, der neuen Bedrückung für das Volk,— denn die Herzogin von Fontanges bekam vom Könige mo⸗ natlich zweimalhunderttauſend Livres— nach einem kurzen Jahre berauſchender Freude ſtarb die junge Her⸗ — 16— zogin, und bei der Section fand ſich, daß ſie mit Ar⸗ ſenik vergiftet ſei! Der tief erſchütterte und zerknirſchte König ſuchte jetzt wieder Troſt bei ſeinem Beichtvater und der Mar⸗ quiſe Maintenon. 3 Aber Beide waren lange unerbittlich! La Chaiſe ſchleuderte den Bannſtrahl ſeines zürnen⸗ den und fluchenden Gottes auf das Haupt dieſes be⸗ benden und zerknirſchten Königs, und machte ihn zit⸗ tern vor der Vergeltung des Herrn! Die Marquiſe Maintenon zerfloß in Thränen, und ſchwur, ſich auf ewig loszuſagen von dieſem treuloſen Freunde, der ihr Herz gebrochen! Und der König, dieſer zerknirſchte, reumüthige, zit⸗ ternde König, ganz gebeugt von dem entſetzlichen Tode ſeiner jungen Geliebten, ganz überwältigt von den fin⸗ ſtern Verwünſchungen La Chaiſe's, ganz gerührt end⸗ lich von den zärtlichen Thränen der Maintenon, der König demüthigte ſich! Er war nicht mehr der König, er war nur noch ein reumüthiger, bebender Sünder, ein um Vergebung, um Gnade flehender Verbrecher! Er beugte ſich mit zerknirſchten Schmerzenszähren — 1/e vor ſeinem Beichtvater, er lag vor La Chaiſe auf den Knieen und rang zu ihm die Hände empor in uner⸗ meßlicher Angſt. Ich habe, ſchrieb um dieſe Zeit La Chaiſe an einen Freund, ich habe den König oft entſetzlich in Angſt und Schrecken geſetzt, bevor ich ihm die Abſolution er⸗ theilte. Oft ſogar hat er mich knieend und mit gefal⸗ tenen Händen um Vergebung anflehen müſſen, bevor ich ihn abſolvirte*). Endlich verzieh La Chaiſe ſeinem königlichen Beicht⸗ kinde. Ludwig, voll heiliger Angſt ſeinem Gotte ſich ganz wieder zu verſöhnen, verlangte zu Beichte und Abendmahl zu gehen. La Chaiſe geſtand ihm dies zu, aber er erlaubte ihm nur das Sacrament der Büßenden**). Auch erlaubte er ihm dies nur unter der Bedin⸗ gung, daß der König die Verzeihung der heiligen und tugendhaften Marquiſe Maintenon wieder gewänne! Der König erlangte dieſe endlich, aber auch die Marquiſe machte ihre Bedingungen. *) Lettre du Pèére la Chaise au Père Petersen; Confes- seur du Roi d'Angleterre. **)(Le Sacrement de' Penitence) Beaumelle Vol. II. p. 95. III. 2 Der König ſolle für immer mit der Marquiſe Mon⸗ tespan brechen, und ihr in einem eigenhändigen Briefe das gänzliche Erlöſchen ſeiner Liebe anzeigen. Der König blickte auf dieſe immer noch reizende, immer noch lockende Francoiſe, welche leider immer ſo tugendhaft und ſo grauſam geblieben war,— und er ſchrieb einen ewigen Scheidebrief an die Marquiſe Montespan! — Die Marquiſe Maintenon übernahm es, dieſen Brief zu beſorgen; ſie ſelbſt begab ſich zu Athenais von Montespan. Sie ging zu ihr mit der Miene frommer Demuth, ſanfter Reſignation, während ihr Herz in ſtolzer Wonne glühte, und eine berauſchende, triumphi⸗ rende Schadenfreude ihre Seele erfüllte. Ich werde mich alſo endlich rächen, dachte ſie, ich werde endlich dieſes ſtolze Weib beſtegen, deren Ueber⸗ muth und Tyrannei ich Jahre lange habe ertragen müſſen!— Mit ſolchen Gedanken, und doch mit der Miene chriſtlicher Demuth betrat die Marquiſe Maintenon das Boudoir der Marquiſe Montespan. Athenais von Montespan triumphirte, als ſie ihre Feindin ſo demüthig und ehrfurchtsvoll zu ihr eintre⸗ ten ſah. Sie hatte geſtern einen ſehr zärtlichen, ſehr — 719— leidenſchaftlichen Brief an den König geſchrieben, und ſie war überzeugt, daß derſelbe ihr das Herz ihres Ludwig wieder gewonnen, daß der König der Mar⸗ quiſe Maintenon befohlen, ſich vor ihr zu demüthigen. Ihr Antlitz leuchtete daher in Zufriedenheit, und der Marquiſe Maintenon entgegen lächelnd, ſagte ſie: oh Madame! Gewiß kommt Ihr, meinen Traum zu er⸗ füllen! Mir träumte dieſe Nacht, ich feiere meine Ver⸗ ſöhnung mit dem Könige, und was das Seltſamſte dabei war, juſt in Eurem Zimmer, liebe Francoiſe, gelobte mir der König auf's Neue ſeine Liebe und Treue! Die Marquiſe Maintenon lächelte fein! Mir träumte auch in dieſer Nacht von Euch, ſagte ſie. Aber mein Traum zeigte mir ein anderes Bild! Wir ſtanden Beide auf der großen Treppe des Schloſſes von Ver⸗ ſailles. Ihr aber, Marquiſe Montespan, Ihr ginget dieſe Treppe hinab, und ich, die Marquiſe Maintenon, ich ſchritt ſie hinauf*). Und mit einem ſtolzen, verächtlichen Blicke über⸗ reichte Francoiſe ihrer geſtürzten Nebenbühlerin das königliche Schreiben! *) Beaumelle. Vol. II. p. 173. 20 Die Thränen, die Verzweiflung, die troſtloſen Kla⸗ gen der Montespan erfreuten das Herz der frommen und tugendhaften Francoiſe,— ſie fühlte ſich ſehr glücklich. Der entſcheidende Schlag war alſo geſchehen! Die Marquiſe Montespan hatte aufgehört die Geliebte des Königs zu ſein, und Ludwig war zur Reue und Zer⸗ knirſchung zurückgeführt! Die Maske der Frömmigkeit, welche ihm La Chaiſe und die Marquiſe Maintenon früher mit ſo vieler Mühe vor ſein lebensluſtiges Geſicht geheftet, ſte war wie weiches Wachs zerſchmolzen vor den glühenden Blicken der ſchönen Fontanges. Jetzt befeſtigten La Chaiſe und Francoiſe eine neue Maske der Frömmigkeit und der gottzerknirſchten De⸗ muth über dem Antlitz des Königs, aber diesmal war es eine Maske von Eiſen,— das Antlitz des Königs, dieſes ſonſt ſo lebensmuthige, ſo ſtolze Antlitz Ludwig's des Vierzehnten, es ward auf ewig gefangen gehalten unter dieſer frommen Eiſenmaske! — 2* 2 II. Zwei Nebelbilder. Erſtes Bild. Es iſt im Jahr 1683. Eine trübe regneriſche Sommernacht; heulender Wind, rollender Donner, ziſchende Blitze da draußen. Tiefe, von kei⸗ nem Laut unterbrochene Stille da drinnen in dieſer Schloßkapelle von Verſailles. Durch die hohen Fen⸗ ſter leuchten zuweilen flackernde Blitze herein, und wenn der Donner heftig rollt, zittern die goldenen Kandela⸗ ber auf dem Hauptaltar, und die Fenſterſcheiben klir⸗ ren leiſe, wie Todesſeufzer. Das iſt das einzige Ge⸗ räuſch in dieſem ſchweigenden, heiligen Raum. Zwei goldene Ampeln hängen von der Decke hexnieder, und die in denſelben befindlichen, niemals verlöſchenden Lam⸗ pen werfen matte Streiflichter durch die Kirche, hier ein Madonnenbild, dort eine heilige Statue beleuch⸗ tend, oder mit flackerndem Glanze auf der mit Cdel⸗ — 22— ſteinen ausgelegten goldenen Monſtranz am Haupt⸗ altare ſpielend. Plötzlich unterbricht ein Geräuſch dieſe Stille. Dumpfe, traurige Glockentöne erſchallen, und in der Ferne hört man jammerndes Klagegeſchrei! Dieſes verſtummt end⸗ lich, aber das Glockengeläute hallt fort und fort,— ſchauerlich, unglückverkündend. Da öffnet ſich ein Vorhang, und in die Kapelle tritt ein Prieſter. Spähend ſchaut er umher, und ſein ſcharfes, ſtechendes Auge durchdringt die Dämmerung dieſes Raumes mit forſchenden Blicken. Aber er findet nicht, was er ſucht,— er iſt allein! Sein blaſſes, von Leidenſchaften durchwühltes Antlitz röthet ſich, ein finſterer Zorn malt ſich in ſeinen Zü⸗ gen,— La Chaiſe hat in dieſem Augenblick nicht nöthig ſich zu verſtellen, denn er iſt allein! Nein, nicht allein! Er hört Schritte ſich nahen, er ſieht vorſichtig eine Thüre ſich öffnen. Raſch, aber mit leiſem Schritt eilt er zum Haupt⸗ altar. Dort knieet er nieder und betet! Ein Weib tritt jetzt in die Kapelle. Sie iſt ſchwarz gekleidet, ihr Haupt verhüllt ein ſchwarzer Schleier, — 283.— aber durch das Spitzengewebe hindurch leuchten ihre großen, feurigen Augen. Sie neigt ſich vorwärts, und blickt umher. Da ſieht ſte den Prieſter am Altar. Langſam, geſenkten Hauptes, nähert ſie ſich, und knieet nieder auf den Stufen dieſes Altares. La Chaiſe wendet ſich nach ihr um. Die Königin iſt todt! In dieſem Augenblick iſt ſie geſtorben! ſagt er, und feierlich tönen dieſe ernſten Worte durch den ſtillen Raum. Das Weib erbebt vor dieſen Worten; ſie ſchlägt den Schleier zurück, und die ewige Lampe beleuchtet das blaſſe Geſicht der Marquiſe Maintenon. Iſt ſie wirklich todt? fragt ſie mit ſchneidendem Wehe⸗ laut. Sie iſt geſtorben, auf daß die Prophezeihung ſich erfülle! ſagt La Chaiſe. Sie iſt geſtorben, auf daß Francoiſe Daubigny die Gemahlin eines Königs werde! Arme Königin! ſeufzte die Marquiſe. Bedauert Ihr ſie? fragte La Chaiſe ſpöttiſch. Seid Ihr Eurer hohen Beſtimmung ſchon überdrüſſig? Wenn es ſo iſt, weshalb folgtet Ihr alsdann meinem Rufe und kamt hieher? — 24— Ich bin gekommen, weil Ihr, der Prieſter des Herrn, es mir befohlen habt, ich bin gekommen, weil ich ent⸗ ſchloſſen bin, Alles zu thun, was Ihr von mir fordern mögt! Ihr wollt alſo die Gemahlin des Königs werden? Ich will es, zur Ehre Gottes, des Herrn! Dann hört mich an! Ihr wißt, ich herrſche über dem Willen und dem Gedanken des Königs, er folgt, in zitternder Sünderangſt unbedingt meinen Befehlen! Ich weiß es, und deshalb bin ich gekommen, Eure Unterſtützung anzuflehen! Sie ſoll Euch werden! Ihr ſollt die Gemahlin des Königs werden, wenn Ihr meine Bedingungen er⸗ füllt. Ich werde ſie erfüllen! Nennt ſie mir! La Chaiſe winkte der Marquiſe näher zu treten. 4 Langſam und ehrfurchtsvoll ſchritt ſie die Stufen hin⸗ an, und ſtand jetzt neben La Chaiſe am Altare. Der Prieſter zeigte auf die große aufgeſchlagene Bi⸗ bel, welche auf dem Altare lag. Legt Eure Hand auf dieſes Buch und ſchwört meine Bedingungen zu erfüllen! Die Marquiſe ſtreckte ihre Hand aus und ließ ſie langſam auf das Buch herniedergleiten. Ich ſchwöre, zu thun, was Ihr mir befehlt! Schwört, Euch mit all Euren Gedanken und Eu⸗ rem Thun der Geſellſchaft Jeſu unterzuordnen, ſchwört, hinfort keinen andern Willen zu kennen, als den Wil⸗ len derer, die von jetzt an Eure Obern ſind, ſchwört, eine Dienerin ſein zu wollen dieſes heiligen Ordens, deren Brüder Euch durch meinen Mund willkommen heißen, als die ergebene und gottgeweihete Schweſter, als die Jeſuitin, die erkannt hat, daß nur durch die Geſellſchaft Jeſu das wahre Heil auf Erden kann be⸗ gründet und befeſtigt werden! Schwört, daß Ihr in allen Dingen eine Schweſter ſein wollt der Jeſuiten, Eurer Brüder! Ich ſchwöre! Ja, ich ſchwöre beim Namen Gottes des Herrn, daß ich keinen Willen haben will, als den meiner Obern, der Jeſuiten, ich ſchwöre, daß ich ein treues Mitglied will ſein der Geſellſchaft Jeſu! Schwört, daß Ihr alle Eure Macht über den Kö⸗ nig, all Eure Beredtſamkeit darauf einzig und allein richten wollt, das Anſehen der Geſellſchaft Jeſu immer mehr zu befeſtigen in dieſem Lande, ſchwört, daß Euer — 26— einziges Streben darauf weiter ſoll gerichtet ſein, der heiligen katholiſchen Kirche ihren Glanz und ihre un⸗ bedingte Gewalt zu erneuern, und das Geſetz Gottes zu erheben über alle Geſetze der Erde! Ich ſchwöre es! Die heilige katholiſche Kirche ſoll an mir ihre treueſte Dienerin haben! Das Geſicht La Chaiſe's nahm jetzt einen finſtern, drohenden Ausdruck an, ein wilder, entſetzlicher Haß leuchtete aus ſeinen Augen, als er ſagte: Schwört mir, daß Ihr uns beiſtehen wollt in dem großen Werke, welches die Geſellſchaft Jeſu beſchloſſen! Schwört, daß Ihr Alles anwenden wollt, um mit uns dieſe ge⸗ fährliche und giftige Brut der Hugonotten auszurotten, daß Ihr dieſe fluchwürdigen Ketzer als ekles Gewürm, als freche Gottesläugner vernichten und unter Curen Füßen zertreten wollt! Schwört das, Marquiſe Main⸗ tenon! Die Marquiſe zauderte, ein Zittern durchflog ihre Glieder. Schwört! rief La Chaiſe drohend. Ich ſchwöre! ſagte ſie matt, und möge Gott mir verzeihen, wenn ich Unrecht thue! Schwört, daß Ihr kein Mittel ſcheuen wollt, dieſe — 22— Ketzer zu vernichten! Schwört, daß Ihr unſere treue Bundesgenoſſin ſein wollt, daß Ihr mit uns vereint das Gemüth des Königs ſo bearbeiten wollt, daß er uns unbedingte Vollmacht giebt, dieſe Hugonotten zu vertreiben, ſchwört, daß Ihr den König, wenn es ſein muß, zwingen wollt, dieſe Ungläubigen zu vernichten, ſie dem Henkerbeil zu überliefern, ſie auszutreiben mit Feuer und Schwerdt, mit Blut und Verwüſtung! Ich ſchwöre es! Ich ſchwöre, daß Euer Wille der Meine ſein ſoll! Ich ſchwöre, daß ich nicht achten will des Jammergeſchreies der Verurtheilten, der To⸗ desqualen der Gerichteten. Ich ſchwöre, durch die Macht des Königs dieſe Hugonotten zu verfolgen all⸗ überall, ſie dem Henkerbeil zu überantworten, ſie aus⸗ zutreiben mit Feuer und Schwerdt. Ich ſchwöre dies zu thun zur Ehre des Herrn, unſers Gottes! Wohlan! So gehe hin, meine Schweſter, Du ſollſt die Gemahlin eines Königs werden!*) Ein furchtbarer Donnerſchlag machte in dieſem Mo⸗ ment ſich hörbar. Die ganze Natur ſchien in einem Aufruhr, in einer Empörung begriffen. Der Sturm heulte und pfiff, und drückte gegen die Scheiben der *) Histoire amour. des Gaules. Vol. III. pag. 320. — 28— Kirchenfenſter, daß ſie klirrend zerbrachen. Wie ein kalter Todesſeufzer fuhr der Wind hinein in die Ka⸗ pelle, und verlöſchte die ewigen Lampen. Grabesnacht herrſchte in der Kirche,— ſchaudernd ſchlichen La Chaiſe und die Marquiſe davon.———————— Zweites Bild. Es iſt im Jahr 1684. Dieſelbe Kapelle, dieſelben Heiligenbilder und Madonnen; die ewigen Lampen brennen wieder in den goldenen Am⸗ peln. Aber draußen pfeift kein Wind, rollt kein Don⸗ ner, ächzt und klagt keine Todtenglocke. Die Natur iſt heiter, ſie ruhet ſtill. Es iſt eine wundervolle Mond⸗ nacht, und groß und voll leuchtet der Mond durch die hohen Fenſter der Kapelle, die, wie die Natur da drau⸗ ßen, heute ganz glänzend iſt und heiter. Mit Blumen geſtreut iſt der Fußboden, überall brennen die Wachs⸗ kerzen an den goldenen Kandelabern. Dieſe Kirche bietet heute einen vollkommen feſtlichen Anblick dar. Bis jetzt war Alles ſtill, aber nun werden die Vor⸗ hänge des Hauptportals geöffnet, und in vollem Or⸗ nat, ſtrahlend von Gold und Brillanten, tritt der Erz⸗ biſchof von Paris in die heilige Halle. Ihm folgt im beſcheidenen Jeſuitenkleide der Beichtvater des Kö⸗ nigs, La Chaiſe. — 29— Sie ſchreiten zum Hauptaltare hin, und während der Erzbiſchof ſich betend neigt, ordnet La Chaiſe die heiligen Geräthe und entzündet den Weihrauch auf dem goldenen Weihbecken. Er verrichtet heute den Dienſt eines Chorknaben, und geſchäftig in ſeinem Dienſte ordnet er Alles mit vor Eile zitternden Händen. Dann, als Alles bereit, als der Erzbiſchof, Herr Harley de Chanvallon, ſich von ſeinen Knieen erho⸗ ben, und feierlich vor dem Hauptaltare mit der Bibel ſich hingeſtellt, eilt La Chaiſe zu einer Seitenthüre der Kapelle, und öffnet dieſe. 3 Ein Weib und ein Mann treten durch dieſe Thür in die Kapelle. Er, in königlichem Ornat, den wallenden Hermelinmantel um die kräftigen Schultern,— nur die Krone fehlt auf ſeinem Haupte, denn es iſt nicht der König, welcher dieſes Weib, die zitternd an ſeinem Arme hängt, zum Altare führt, um ſich und ſeinem Lande eine Königin zu geben, ſondern es iſt nur Lud⸗ wig, der Mann, welcher ſich für ſeine Einſamkeit und ſeine Gewiſſensangſt, für ſeine Langeweile und ſeine Frömmigkeit eine Gefährtin gewinnen will, ein Weib für den Mann Ludwig, keine Königin für den König! Francoiſe Daubigny, die Witwe Scarron, die Mar⸗ — 30— quiſe Maintenon, ſie iſt es, welche ſich am Arme des Königs dem Altare nähert. Sie iſt einfach gekleidet, kein Schmuck, keine Brillan⸗ ten, aber ihre Augen flammen wie Sterne, und das immer noch ſchöne Geſicht dieſer funfzigjährigen Frau leuchtet in dem Glanze einer ſtolzen, triumphirenden Freude! Sie iſt am Ziele, die Witwe Scarron wird jetzt das Weib eines Königs! Jetzt ſtehen ſie am Altare, Francoiſens Hand ruht in der eines Königs. Sie blicken Beide auf den Erz⸗ biſchof hin, und feſt und durchbohrend ſind auf ſie ge⸗ richtet die Blicke La Chaiſe's, des Beichtvaters.— Dieſe Blicke voll Glanz und Feuer, ſie erinnern Fran⸗ coiſe an jenen Schwur, den ſie ihm hier geleiſtet,— er hat erfüllt, was er gelobt, und ſie ſchwört ſich auf's Neue, zu thun, wie er gethan, und zu erfüllen, was ſie geſchworen. Der Erzbiſchof legt ihre Hände in einander, er läßt das eingeſegnete Paar die Ringe wechſeln. Demüthig ſenkt der König das Haupt. Triumphirend blickt die Marquiſe empor, ihr ſtrahlendes Auge ſuchet das Auge La Chaiſe's,— jetzt begegnen ſich ihre Blicke, ſie wur⸗ — 31— zeln feſt auf einander, ein Lächeln überfliegt Beider An⸗ geſicht, aber es iſt kein Lächeln des Glückes, ſondern ein kaltes, grauſames, triumphirendes Lächeln. Der Erzbiſchof ſteht am Altare und ſpricht ein lau⸗ tes Gebet. Der König liegt auf ſeinen Knieen,— neben ihm knieet Francoiſe, aber ihre Seele beugt ſich nicht dem Herrn, auch betet ſie nicht! Sie iſt voll Triumphes! Die Prophezeihung iſt erfüllt, Francoiſe iſt jetzt die Gemahlin eines Königs, und La Chaiſe iſt ſein Beicht⸗ vater und herrſcht dadurch über Frankreich mit grau⸗ ſamer, blutdürſtiger Gewalt! H » III. Die Proſelytenkaſſe. Sie ſtanden alſo jetzt am Ziel ihrer Wünſche! Fran⸗ coiſe Daubigny war die Gemahlin des Königs, La Chaiſe war ſein Beichtvater! Aber weder die Eine, noch der Andere waren zufrieden. Francoiſe war zwar die Gemahlin eines Königs, aber nicht eine Königin, La Chaiſe war der Beichtvater, aber er war nicht Car⸗ dinal, er war nicht Papſt! Sie hatten das Ziel er⸗ reicht, welches ſie erträumt, aber auf's Neue began⸗ nen ſie zu ſtreben, zu wünſchen und zu hoffen! Diesmal umſonſt! Der Papſt weigerte ſich La Chaiſe den Cardinalshut zu geben, und wie ſollte er Jemals Papſt werden, wenn er nicht zuvor Cardinal geweſen? La Chaiſe mußte ſich alſo reſigniren, und da er nicht zu den höchſten Würden gelangen konnte, wollte er mindeſtens deren Glanz und Anſehen ſein Eigen nennen. Er bewohnte eine Reihe prachtvoller Gemächer, er hatte ſeine Vorzimmer, und in dieſen wimmelte es von Bittſtellern, da waren Grafen und Fürſten, Herzoge und Pairs. Sie kamen Alle, um ſich der Gnade des machtvollen Beichtvaters zu verſichern, um ſich ſeine Gunſt zu verſchaffen, damit ſie der Gunſt des Königs gewiß ſein mögten. Jeden Dienſtag und Freitag er⸗ theilte La Chaiſe Audienzen, und an dieſen Tagen ſah man mehr denn zweihundert Perſonen in ſeinen Vor⸗ zimmern. La Chaiſe hatte für Alle ein williges Ohr, für Alle ein Wort des Troſtes oder der Hoffnung, er wußte Allen zu genügen, den Vornehmen, wie den Geringen, er war gegen die Erſtern ergeben und de⸗ müthig, gegen die Letztern freundlich und herablaſſend. Er zeigte niemals Ungeduld; mit freundlichem Lächeln hörte er Jeden an, und wenn er verſprach, ihm zu helfen, ſo durfte man ſich auf ſein Wort verlaſſen, beſſer, als auf das Wort des Königs. Denn wenn der König etwas verſprach, war es immer noch mög⸗ lich, daß der Beichtvater ihn an der Erfüllung ſeines Verſprechens hinderte, indem er den König andern Sinnes machte, aber wenn der Beichtvater etwas ver⸗ ſprach, ſo war man gewiß, daß der König nichts da⸗ III. 4. 3 — 371— gegen einzuwenden habe. La Chaiſe war die höchſte Macht im Staate,— da er nicht Papſt ſein konnte, wollte er wenigſtens König ſein, und er war es, denn er war der König und Herr ſeines Königs! Er vergab Aemter und Würden, Titel und Pfrün⸗ den, aber eingedenk des Beiſpiels, welches der große Kardinal Mazarin ihm gegeben, verſchenkte er dieſe nicht umſonſt, vergab er nicht umſonſt ſeine Gunſt, ſondern man mußte ſie mit einigen materiellen Mitteln erkaufen. Die Welt und die Menſchheit iſt viel zu ſchlecht, viel zu erbärmlich, ſagte er ſich, als daß man un⸗ eigennützig ihr dienen ſollte. Es iſt ein großer Raub⸗ ſtaat, dieſe Welt, wer am beſten zu rauben und zu ſtehlen weiß, der iſt der Erſte und Gefeierteſte, und wer ſich uneigennützig ihnen hingiebt und ſich ihnen opfert, den nennen die Menſchen einen Narren und verſpotten ihn mit ſeiner Uneigennützigkeit! Nun wohl, mich ſoll Niemand einen Narren ſchelten, der Egois⸗ mus iſt der Beherrſcher der Welt, ich will ſein erſter Diener ſein!. Und getreu dieſem Grundſatz verkaufte La Chaiſe ſeine Gunſt, und wer von den Großen und Reichen — 35— des Landes zu ihm kam mit leeren Händen, der durfte einer abſchlägigen Antwort gewiß ſein. Man wußte bald, daß La Chaiſe ein großer Kunſtkenner und Sammler war, man brachte ihm daher ſchöne Ge⸗ mälde, ſeltene Antiken, Statuen und Vaſen, und in ſeiner Freude über dieſe allerliebſten Aufmerkſamkeiten bewilligte er gerne, was die Geber von ihm erbaten. La Chaiſe liebte vor allen Dingen die Münzen, bald war ſeine Münzſammlung die vollſtändigſte und koſt⸗ barſte von ganz Europa, und giebt noch jetzt, unter den Kunſtſchätzen von Paris aufbewahrt, ein voll⸗ gültiges Zeugniß von der Kunſtliebe und Beſtechlich⸗ keit des Beichtvaters Ludwigs des Vierzehnten. La Chaiſe liebte außer den Gemälden, den Antiken und Münzen auch noch ſchöne Pferde, und ſein Mar⸗ ſtall enthielt bald die herrlichſten engliſchen und ara⸗ biſchen Roſſe, auch ſah man ihn nie anders als in einem mit ſechs prachtvollen Pferden beſpannten Wa⸗ gen zu Hofe fahren.*) Und gleich dem Beichtvater hatte auch die Marquiſe Maintenon ihre prachtvollen Gemächer, ihre Vorzimmer, ihre Höflinge und ihre Macht, aber inmitten dieſer Pracht *) Vie du Pére la Chaise. Vol. I. pag. 4. 3* — 36— und dieſes Glanzes verzehrte ſte ſich in heimlichem Gram; dieſer nagende Ehrgeiz, er fraß an ihrem Herzen, er verbitterte ihr jede Lebensfreude, er machte ſie ſtreng und kalt, und verhärtete ihr Herz in eiskalter, grau⸗ ſamer Frömmigkeit! Sie war nicht die öffentlich an⸗ erkannte Gemahlin eines Königs, nicht Königin, und in dieſem einzigen Puncte zeigte ſich der König un⸗ erbittlich. Dies wäre ein zu arger Verſtoß gegen die Etiquette geweſen, und Ludwig der Vierzehnte hatte immer jedes Verbrechen leichter verziehen, als ein Ver⸗ ſehen gegen die Etiquette. Endlich machte es die Marquiſe Maintenon wie der Beichtvater La Chaiſe. Sie reſignirte ſich. Da ſie nicht Königin ſein konnte, wollte ſie wenigſtens Re⸗ gentin ſein, und ſie regierte das Gemüth des Königs, ſie ließ ihn die Hände falten und beten, und während er betete, lehrte ſie ihn, ihr zu gehorchen. Der König Ludwig der Vierzehnte, dieſer mächtige Herrſcher, der ſo viele Schlachten gewonnen, ſo viele Siege erfochten, er war jetzt der demüthige Sclave eines Prieſters und einer Frömmlerin, er zitterte vor den Drohworten des Einen und vor den frommen Vor⸗ würfen der Andern, und da er wenigſtens Ruhe haben — 37— wollte, unterwarf er ſich ihren Befehlen und machte ihren Willen zu dem ſeinigen. Sie ſchreckten ihn Nachts durch lange Gebete, und durch das Aufzählen ſeiner begangenen Sünden, ſie gönnten ihm am Tage keinen ruhigen Genuß, er mußte beten und ſich kaſteien, er mußte der Welt fluchen, deren Schönheiten er ſo lange in jubelnder Luſt genoſ⸗ ſen, und um ſich zu retten vor den Vorwürfen ſeines Gewiſſens, das La Chaiſe bearbeitet, ſtürzte ſich der König ganz und gar in die Devotion. Der Hof nahm jetzt einen immer erdſterern und fin⸗ ſterern Character an. Man ſündigte heimlich und be⸗ tete laut, man fluchte den Freuden dieſer Welt, die man doch in der Stille genoß, man verbannte laut die Liebe, und unter dem Anſchein der Devotion über⸗ ließ man ſich ihren wildeſten Genüſſen. Die Heuchelei trat an die Stelle der Frömmigkeit, und nur wer es verſtand die Hände zu falten und zu beten, nur wer ſtets Gott auf der Zunge trug, der konnte gewiß ſein, zu Aemtern, zu Macht und An⸗ ſehen zu gelangen. Das Reich der Finſterniß begann und die Aufklärung und das Licht nannte man ein Verbrechen. Wer nicht unbedingt glaubte, der war — 38— ein Frevler, wer es wagte an dem Beſtehenden zu rüt⸗ teln, der war ein Gottesleugner. Zu glauben, was die Prieſter befahlen, daß man glauben ſollte, das galt für das einzige Heil, dagegen zu ſtreiten war ein fluchwürdiges Verbrechen gegen Gott.— Die From⸗ men waren zugleich die Rechtgläubigen, nur ihrer war das Heil, und mit ſtolzem Uebermuth blickten ſie da- her hernieder auf Diejenigen, die es wagten einen an⸗ dern Glauben zu haben, als den Ihrigen! Wehe daher den armen Hugonotten, den von Gott Abgefallenen, wehe dieſen Kindern der Finſterniß, de⸗ ren Seelen auf immerdar verloren waren! Man mußte ſich ihrer erbarmen, natürlich, man mußte ſie bekehren zur rechten und wahren Religion, man mußte Gott verherrlichen, indem man dieſe ihm verloren gegangenen Seelen zu ihm zurückführte! Es galt daher jetzt für das größte Verdienſt Pro⸗ ſelyten zu machen, und die Marquiſe Maintenon und der Pater La Chaiſe gingen auch hierin dem Hofe mit dem eifrigſten Beiſpiele voran. Proſelyten zu machen, das war jetzt die neueſte Mode, es gehörte zum guten Ton, man bediente ſich dazu jedes Mittels; nichts war verboten, nichts war — 39— unerlaubt, wenn man dadurch dem Himmel eine Seele wieder gewinnen konnte! Aber für ſo viel Eifer mußte man auch eines Loh⸗ nes ſicher ſein dürfen! La Chaiſe kannte die Menſchen, und er wußte, daß ſie in ihrem Eifer bald ermatten, wenn ihnen für ihre Thaten kein anderer Lohn wird, als der Hinweis auf die Seligkeiten des Himmels. Es bedurfte auch einer materiellen Belohnung, um die Bekehrungsſüchtigen in ihren frommen Bemühungen zu beſtärken und da der König um dieſe Zeit ein bedeu⸗ tendes Regale vom päpſtlichen Stuhle erwarb, wußte La Chaiſe ihn zu bereden, aus dieſer Summe eine Proſelytenkaſſe zu begründen, um aus derſelben die zu belohnen, welche einen Hugonotten bekehrt, oder Solche, die von Gründen ſich nicht wollten bekehren laſſen, durch Beſtechung zur Seligkeit zu führen! Dieſe Proſelytenkaſſe, aus der allmonatlich bedeu⸗ tende Summen in die Provinzen an die Biſchöfe ge⸗ ſandt wurden, ſie war die Pandorabüchſe, aus welcher über Frankreich alles Unheil und alles Unglück her⸗ niederbrechen ſollte, welche Tod und Verderben für Millionen ruhiger und friedlicher Bürger verſchuldete! Die Biſchöfe ſandten allmonatlich die Liſten ihrer — 40— Bekehrten ein, und wenn man auch für den Kopf nur ſechs Livres zahlte, ſo ſtieg doch durch die Zahl der Bekehrten die Summe, die man für ſie erhielt, zu ei⸗ ner enormen Höhe.— Es genügte jetzt, um irgend einer Anklage zu ent⸗ gehen, vor irgend einer vielleicht wohlverdienten Strafe ſich zu retten, daß man ſeine Religion abſchwur und katholiſch ward, um vor jeder Verfolgung ſicher zu ſein. Wer hungrig war, oder zu faul, um durch Arbeit ſich ſein Brodt zu erwerben, der durfte nur Katholik wer⸗ den, um einer Unterſtützung aus der Proſelytenkaſſe gewiß zu ſein! Es drängte ſich daher allerlei ſchlechtes Geſindel herbei, um ſich bekehren zu laſſen und dafür den Lohn von ſechs Livres zu empfangen! Und ſolche Beiſpiele, die natürliche Folge dieſer Be⸗ ſtechungen aus der Proſelytenkaſſe, ſie lehrten den Kö⸗ nig immer mehr die Hugonotten verachten, und ſie be⸗ feuerten ſeinen Wunſch, dieſe verlaſſenen und verirrten Hugonotten zu retten, indem er kein Mittel unverſucht ließ, ſie zur katholiſchen Religion zurück zu führen. IV. Die Dragonaden. König Ludwig, ſtets zu neuen Bekehrungen und zu neuem frommen Eifer durch Madame Maintenon und La Chaiſe angeregt, ergab ſich immer mehr der Fröm⸗ melei. Täͤglich hatte er jetzt ſtundenlange Unterhaltun⸗ gen mit dem Erzbiſchof von Paris, Herrn von Har⸗ ley, mit dem Biſchof Boſſuet, dem Pater La Chaiſe und der Marquiſe Maintenon. Man unterhielt ſich von der Frömmigkeit und der Religion. Man lobte ſo ſehr den frommen Cifer Karls des Großen in der Bekehrung der Ungläubigen, man ſtellte den Calvi⸗ nismus in ſo gehäſſtgen Farben dar, man ſchilderte dem König in ſo begeiſterten Worten den Ruhm, den er ſich erwerben würde, wenn es ihm gelänge, ein Ungeheuer zu erſticken, das ſechs ſeiner Vorgänger nicht hatten zu Boden ſchleudern können, bis der König — 42— ſich endlich überzeugte, das einzige Mittel, ſeine Sün⸗ den zu ſühnen, beſtehe darin, ſein ganzes Reich ka⸗ tholiſch zu machen. So enthuſiaſtiſch war Ludwig der Vierzehnte jetzt für dieſen Plan, daß er eines Tages zu dem angeſe⸗ henen und edlen Hugonotten Herrn von Ruvigny ſagte: „Ich wäre gerne bereit mir mit meiner eigenen Rechten die Linke abzuhauen, wenn ich dadurch alle Hugonot⸗ ten und Calviniſten vernichten könnte.“ Wohl uns alſo, ſagte der unerſchrockene Ruvigny, wohl uns, daß unſere Rechte geſichert ſind! König Heinrich IV. war milder geſinnt, als Ew. Majeſtät. Er ſicherte durch das Edict von Nantes unſere Glau⸗ bensfreiheit. Ludwig XIII. wußte es uns zu erhalten, und auch Ihr, Sire, habt es beſchworen, obwohl frei⸗ lich jetzt alle Tage dagegen gefehlt wird durch Cure Prieſter und Beamte. Der König ſah ſeinem kühnen Widerſacher ſtrenge und mit faſt gehäſſigem Ausdruck ins Angeſicht. König Heinrich IV., mein Großvater, liebte Euch Hugonotten, ſagte er, König Ludwig XIII., mein Va⸗ ter, fürchtete Euch, ich aber, ich liebe Euch weder, noch fürchte ich Euch! — 413— So ſprechend, wandte der König ſich um und begab ſich zu Frau von Maintenon, um in feierlichem Con⸗ ſeil mit ihr, den beiden Biſchöfen und La Chaiſe die Mittel zur Vertilgung der Hugonotten zu berathen.*) Und da der König einen ſo warmen Bekehrungs⸗ eifer zeigte, mußte natürlich der Hof, mußten vor al⸗ len Dingen ſeine Beamten ſeinem Beiſpiele folgen. Eine wahre Bekehrungswuth bemächtigte ſich daher der Beamten und beſonders der Intendanten der Pro⸗ vinzen. Da ſie wußten, daß es kein ſichereres Mittel gaͤbe, ſich die Gunſt des Königs zu erwerben, als in⸗ dem ſie ihren glühenden Eifer handelnd bethätigten, und allmonatlich eine zahlreiche Liſte der durch ſie Be⸗ kehrten einſandten, ſo widmeten ſie ſich dieſem Bekeh⸗ rungsgeſchäft mit dem glühendſten Eifer und der wil⸗ deſten Grauſamkeit. Man riß den Hugonotten ihre Kirchen und Bethäuſer nieder, man ſuchte durch Qua⸗ len oder durch Verſprechungen ſie zu gewinnen. Euer Unglaube, ſagte man ihnen, iſt ein ewiges Hinderniß Eures Wohlergehens. Verlaßt ihn daher. Werdet Katholiken, und nichts wird Euch fehlen, Amter *) Beaumelle. Mémoires de Madame de Maintenon. Vol. III. pag. 21. — 1— und Reichthümer werden Euer ſein! Der König wird Euch zu den erſten Stellen erheben, er wird Euch und Cure Familie mit Gnade überhäufen! Wollt Ihr ewig in Elend leben, ſollen Weib und Kind Euch Hungers ſterben? Werdet Katholiken, und man wird Euch eine bedeutende Summe Geldes, man wird Euch Penſionen und ÄAmter geben. Willſt Du Deinen Prozeß gewinnen, fragte man den Angeklagten, willſt Du Dein Gefängniß verlaſſen und dem Tode entgehen, zu welchem Du verdammt biſt? Nun wohl, werde Katholik, und Deine Richter werden Dir günſtig ſein, und der König wird Dich begnadigen! Haſt Du Schulden, fragte man einen Andern, drig gen Deine Gläubiger auf Bezahlung? Werde Katho⸗ lik, und Deine Schulden werden bezahlt, und Du ſollſt belohnt werden.*) Und wenn durch ſolche Verſprechungen die geängſte⸗ ten Hugonotten ſich bekehren ließen, ſo jubelte man laut, daß man ein edles Werk vollbracht, daß man dem lieben Gott eine Seele gewonnen und dem König *) Histoire apologetique ou defense des libertés des Eglises reformées de France. Vol. I. pag. 215. — 45—, —— ein Vergnügen bereitet habe! Aber, nachdem man ſie bekehrt, vergaß man bald der Verſprechungen, die man den Bekehrten gemacht. Es kamen weder Reichthümer, noch Ehrenſtellen, weder Schätze, noch Anſehen! Und die Convertiten, ſich erhebend aus ihrer augenblicklichen Schwäche, beſchämt, daß ſie der augenblicklichen Noth, daß ſie der Beſtechung oder den wilden Drohungen nachgegeben, die Convertiten ſchwuren die ihnen auf⸗ gedrungene Religion ab und kehrten reumüthig zurück zu ihren Brüdern, den Hugonotten! Aber ſolcher Rückkehr zu begegnen hatte der König ein Geſetz gegeben, durch welches ſolche Uebelthäter (man bezeichnete ſie unter dem Namen Relaps) zur Landesverweiſung und Konfiscation ihrer Güter ver⸗ dammt wurden.*) Damit aber war der erſte Schritt zu noch größeren Gewaltthätigkeiten gethan! Nachdem der König das Beiſpiel gegeben, daß die beſtehenden Geſetze in frecher Willkühr ſich wieder aufheben ließen, folgten die In⸗ tendanten in den Provinzen ſeinem Beiſpiel. Alle Tage wußten ſie die, den Hugonotten verliehenen Privilegien *) Histoire apologetique ou defense des libertés des Eglises reformées de France. Vol. I. pag. 218. — 46— mehr und mehr zu beſchränken. Die Hugonotten ſtan⸗ den dadurch außer dem Geſetze; Willkühr und Fana⸗ tismus gab für ſie neue Geſetze, die, in dieſer Stunde gegeben, in der nächſten, durch irgend eine Laune, ir⸗ gend einen Zufall aufgehoben werden konnten, um durch noch härtere, noch grauſamere Geſetze ergänzt zu werden! Jede Provinz hatte ihre eigenen Geſetze, wie grade es dem Intendanten derſelben beliebte, ſte zu geben. Der Eine befahl, daß in ſeiner Provinz nur katholiſche Hebammen den Weibern in ihrer Entbin⸗ dungsſtunde beiſtehen durften; ein Anderer gab das Geſetz, daß den Convertiten ſeiner Provinz zwei Jahre die Kopfſteuer erlaſſen werden, die beharrenden Hugo⸗ notten aber doppelt beſteuert werden ſollten. Ein Dritter verordnete, daß von ihrem ſiebenten Jahre an die Kin⸗ der ihren Ältern nicht mehr untergeordnet, ſondern be⸗ fähigt und berechtigt ſein ſollten, ſelbſt gegen den Wil⸗ len ihrer Ältern zur katholiſchen Religion überzutreten. Ja, es ward feſtgeſetzt, daß die Ältern ſolchen conver⸗ tirten Kindern eine Nahrungspenſton zu zahlen hätten! Damit aber die Kinder frühzeitig in dem einzig rechten Glauben unterrichtet werden könnten, verbot man den aufgeklärten Lehrern der Hugonotten den Unterricht in — 47— der Religion; man führte beſtimmte Religionsbücher ein, in denen vorgeſchrieben ward, was man glauben ſollte; man nahm den Menſchen das letzte Recht,— ² die Freiheit des Gedankens! Und alle ſolche willkührliche Verordnungen der In⸗ tendanten, ſie wurden von dem König, den La Chaiſe und die Maintenon zu immer größerm Fanatismus aufſtachelten, zu Geſetzen erhoben, und erhielten Ge⸗ ſetzeskraft und Anſehen für das ganze Reich.*) Frank⸗ reich mußte dulden und leiden, Millionen friedlicher, gutgeſinnter Menſchen mußten in Unglück und Schande, in Schmach und Verderben geſtürzt werden, Millionen mußten verbluten und hinſterben unter Folterqualen, weil ein Einziger, weil ein ſündiger, von Laſtern ent⸗ nervter Menſch, der ſich König nannte, geängſtigt ward von ſeinem Gewiſſen und ſeine Verbrechen zu ſühnen hoffte, indem er die zu Martern und Qualen verdammte, die nicht dachten, wie er dachte, die nicht anbeteten, wie er anbetete, Er, der von ſeinem Ge⸗ wiſſen geängſtete Sünder, Er, dem ein grauſamer Prie⸗ ſter und ein frömmelndes altes Weib zur Seite ſtanden *) Eelairessements historiques sur les causes de la révo- cation de l'Edit de Nantes. pag. 184. — 48— und ihm in's Ohr flüſterten von der Strafe des Him⸗ mels und von der ewigen Verdammniß des Herrn, wenn der König die Andersglaubenden, die Freidenker und Aufgeklärten nicht zu Strafe und Folter, zu Ga⸗ leere und Gefängniß verdamme! Und dieſen beiden Vertrauten des Königs geſellte ſich noch ein Dritter hinzu, ein Dritter, welcher lange ſchon eiferſüchtig auf die vielen und geheimen Berathungen des Königs mit dem Beichtvater, mit der Maintenon und den Biſchöfen Harley und Boſſuet, beſchloſſen hatte, um jeden Preis zu dieſen Berathungen zugelaſ⸗ ſen zu werden und eine wichtige Stimme in denſelben ſich zu bewahren! Ddieſer Dritte war Louvois, der grauſame und wol⸗ lüſtige Kriegsminiſter, der Gott und ſeinem Könige nicht beſſer glaubte dienen zu können, als indem er mit dem Schwerdt, mit Blut und Verwüſtung, die Andersglaubenden bekehrte zu dem rechten und wahren Glauben, der deshalb der wahre Glaube lhan⸗ weil der König ſich zu ihm bekannte. Wo Beſtechungen nichts mehr fruchteten und Dro⸗ hungen keinen Erfolg mehr hatten, da ſollte Gewalt jetzt das Bekehrungsgeſchäft übernehmen; man hatte — 49— lange genug ſich beſchränkt auf Drohungen, jetzt ſchritt man zur That! Marillac, der Intendant der Provinz Poitou, war die erſte Veranlaſſung zu dieſen Greuelſcenen und die⸗ ſen Blutbädern, von denen bald ganz Frankreich über⸗ ſchwemmt ward. Denn Marillac war der Erſte, wel⸗ cher ſich an den Kriegsminiſter Louvois wandte, und ihn um Unterſtützung bat zur Bekehrung der Hugo⸗ notten! Und Louvois ſandte dem Intendanten Marillac ein Dragonerregiment! 2 Dragoner ſollten es von jetzt an übernehmen, die Ungläubigen zum rechten Glauben zurückzuführen. Mit dem Schwerdte wollte man der alleinſeligmachenden Kirche neue Gläubige zuführen, und was der Fana⸗ tismus der Prieſter nicht vermogte, das ſollte jetzt die rohe Gewalt der Soldaten zu Stande bringen! Mit Jubelgeſchrei und hohnlachender Freude zogen die Dragoner umher in der ihnen überlaſſenen, un⸗ glücklichen Provinz Poitou, und wo ſie hinkamen, da war Raub und Mord, war Entehrung und Folter in ihrem Gefolge. Kein Geſetz und keine Feſſel band dieſe wüſten Krieger, ſie hatten Freiheit, ſich zwanglos die⸗ III. 4 ————— 5 —— — 50— jenigen Mittel zu wählen, durch welche es ihnen ge⸗ lingen mögte, die Ungläubigen zu bekehren! Sie be⸗ kehrten die Männer, indem ſie ihnen die Piſtolen an die Stirne ſetzten, und ſchwuren, ſie zu tödten, wenn ſie nicht widerriefen; ſie bekehrten die Weiber, indem ſie ſie entehrten, die Kinder, indem ſie ſie mit Gewalt von dem Buſen ihrer Mütter riſſen und ſie von den Prieſtern der rechten Religion taufen ließen. Sie be⸗ kehrten die Sterbenden, indem ſie die Prieſter an das Bette der Sterbenden führten, und ihre Agonie, und ihre Todesqual benutzten, um das Waſſer der Taufe über ihre ſterbenden Häupter zu gießen, und dann ju⸗ belnd zu erklären, der Tod habe ihr Gewiſſen gerührt, und um ſelig zu werden hätten dieſe Sterbenden ſich bekehrt!*) Bald folgten die übrigen Intendanten dem Beiſpiele Marilla's, ſie baten um Dragoner zur Bekehrung der Hugonotten, und Louvois ſandte ſie ihnen; Dragoner gingen nach Languedoc und in die Dauphiné, nach Vivarez und in die Cevennen, und überall, in allen Provinzen, in allen Orten, begannen dieſe fürchter⸗ *) Histoire apologetique ou défense des libertés des Eglises reformées de France. Vol. I. pag. 225. 74 — — 51— lichen Dragonaden, deren entſetzensvolle Einzeln⸗ heiten mit blutigen Lettern in das große Buch der Weltgeſchichte eingetragen ſind! Mit Bajonetten trieb man die Widerſtrebenden zur Kirche, mit Bajonetten zwang man die Sterbenden, ſich zu bekehren. Die Mütter bekehrte man, indem man über den Häuptern ihrer Kinder das bluttriefende Schwerdt ſchwang, die Töchter, indem man ihnen die Wahl ließ zwiſchen dem Widerruf und der Ent⸗ ehrung, die Männer, indem man ihnen ihre halb ver⸗ hungerten, eingekerkerten Weiber und Kinder zeigte, und das Loos ihrer ganzen Famillie abhängig machte von ihrer Convertion! — Man erfand neue Qualen, neue Foltern, um, ohne zu tödten, durch entſetzliche Schmerzenspein die Halsſtarrigen zu bekehren, und ganz Frankreich hallte wieder von dem Wehegeſchrei der Unglücklichen, die, ihrem Glauben und ihrer Anſicht getreu, die Folter⸗ qual und den Tod einem Widerruf vorzogen! Das Rad und der Galgen, das waren die Altäre, auf welchen die von Dragonern geleiteten Prieſter des alleinſeligmachenden Glaubens ihrem Gotte die 4* — 52— blutigen Schlachtopfer darbrachten, und knieend vor den zuckenden Leichen, umdampft von dem Blute der Gemordeten, ſtimmten dieſe Prieſter ihre Loblieder an zur Ehre des Herrn, und prieſen ihn laut, den Gott der ewigen Liebe, welchen ſie den ihrigen nannten! — 53— V. Die Aufhebung des Ediets von Nantes. Und was die Dragoner mit ihren grauſamen Dra⸗ gonaden zu Stande gebracht, das wußte man dem Könige als das Werk der Prieſter zu ſchildern. Man ließ ihn nichts ahnen von den Dragonaden, und von der grauſamen Gewalt, welche man angewendet, man legte ihm nur die Liſten vor dieſer Millionen bekehrter Hugonotten, man lehrte ihn glauben, der überzeugen⸗ den und hinreißenden Gewalt ſeiner Prieſter allein verdanke man dieſe Bekehrung, und nur eine kleine Zahl Halsſtarriger halte noch feſt an den Irrlehren der Hugonotten. Die Marquiſe Maintenon war eingedenk ihres dem Beichtvater geleiſteten Eides, und der vereinten Macht dieſer Beiden gelang es endlich, den König zur Auf⸗ — 54— hebung des Edicts von Nantes zu bewegen. Sie zeig⸗ ten ihm, wie verderblich und unzweckmäßig dieſes Edict ſei, welches in ſeinen nähern Beſtimmungen die Re⸗ formirten als nothwendige und nützliche Unterthanen betrachte, und ſie ſogar zuweilen als„geliebte Unter⸗ thanen“ bezeichne! Das ganze Königreich„ſagte La Chaiſe mit begei⸗ ſterten Blicken, das ganze Königreich wird katholiſch ſein, und Euch, mein erhabener König, wird der Ruhm ſein, der Kirche Chriſti alle dieſe Tauſende verirrter Schafe wieder zugeführt zu haben! Der König glaubte ihm, und ſah ſich ſchon im Geiſte als einen Heiligen verklärt, und die Maintenon lohnte ihm ſeine Nachgiebigkeit, indem ſie ihm ſeine Untreue und ſeine Liebe zur Herzogin Soubiſe verzieh. Dem Könige, welcher im Begriff war, ein ſo heiliges Werk auszuführen, ihm konnte dafür wohl eine kleine Sünde verſtattet werden! Der König gab alſo den Befehl zur Aufhebung des Edictes von Nantes. Chateauneuf entwarf die Artikel dieſes Widerrufes, der König unterſchrieb, indem er triumphirend ſagte: „nun wird kein Ketzer mehr in meinem glücklichen — — 55— Reiche ſein!“ und das Parlament nahm es ohne Wi⸗ derſtreben in ſeine Geſetzesbücher auf! Louvois ward mit der Ausführung beauftragt. „Se. Majeſtät will, ſchrieb er an den Herzog von Noailles, den Dragoneranführer in der Provinz Lan⸗ guedoc, Se. Majeſtät will, daß mit der äußerſten Strenge verfahren werde gegen diejenigen, die nicht von Seiner Religion ſind.“ 5 Vergebens riefen die Hugonotten, es ſei beſſer, gar keiner Religion anzugehören, als einer ſo mörderiſchen, vergebens meinten ſie, der Geiſt laffe ſich nicht an⸗ greifen und bekämpfen, wie eine feindliche Stadt! Man zeigte ihnen den ausdrücklichen Befehl des Königs, zu glauben, was er glaubte! Die Biſchöfe prieſen in feierlichen Reden die Gnade des Königs, und nannten die gewaltſame Unterdrückung der Andersdenkenden ein verdienſtliches Werk, indem ſte hinzufügten, Chriſtus ſelber habe geboten, ihm, müßte es ſein, ſelbſt mit Stockſchlägen Jünger zu ge⸗ winnen!*) 1 Vergebens meinten die Hugonotten, die Intoleranz bekehre nicht, ſondern ſte mache nur entweder Heuchler, *) Beaumelle. Mémoires de Madame de Maintenon. Vol. II. — 56— die mit der Religion ein Spiel trieben, oder Gleich⸗ gültige, die ſie verachteten, oder Deiſten, die ſie be⸗ kämpften! Man lachte ihrer Einwendungen und ihres Unglücks, und während die Biſchöfe in Spanien die Juden zum Feuertode verdammten, verurtheilten die Biſchöfe in Frankreich zu gleichen Qualen die calvi⸗ niſtiſchen Chriſten! Die einen, wie die andern in⸗ zwiſchen dienten dem Gotte der Liebe, und die Juden, und die Hugonotten fluchten dieſem blutdürſtigen Gotte der Prieſter! Die Prieſterſchaft von Paris begab ſich in feier⸗ licher Prozeſſion zu Ludwig, und wünſchte ihm Glück dazu, daß er auf ſo friedlichem Wege ſeine Untertha⸗ nen der heiligen Kirche gewonnen habe! Ein feier⸗ liches Hochamt ward angeſetzt zum Dank für ſo glück⸗ lich errungenen Sieg; in den Provinzen hallte die Luft wieder von dem Wehegeſchrei und der Todesqual gefolterter, geſchändeter, hingemordeter Hugonotten, und zur ſelben Zeit hielt man dies Hochamt in der könig⸗ lichen Kapelle, und ſang mit feierlicher Pracht zum Klang der Orgeln und Poſaunen,„Herr Gott Dich loben wir.“ Ganz Paris hallte wieder von Jubel und Luſt, überall ſah man Entzücken und Triumph, — 57— Feuerwerke wurden abgebrannt, feierliche Kanonen⸗ ſchläge verkündeten der glückſeligen Stadt die frohe Mähr von dem friedlichen Siege der katholiſchen Re⸗ ligion, und freudetrunken jauchzte das beglückte Volk: Es lebe Ludwig der Große!*) Die Klagen der Gemarterten konnten nicht bis zum Könige dringen, denn wann hätte ein König ein Ohr gehabt für das Unglück und das Wehe ſeines Volkes! Ludwig glaubte, was ihm ſein Beichtvater und was ihm Louvois ſagte, und er hielt ſolche blutdürſtige Henker, wie die Intendanten Marillac, Latrouſſe und Baville es waren, für ſehr milde Apoſtel! Und während man in Paris jubelte und Gott pries, waren die Provinzen voll Jammer und Verzweiflung! Raubend und mordend zogen die Dragoner durch die einſt ſo blühenden Provinzen, um mit entmenſchter Grauſamkeit überall das neue Geſetz, welches des Kö⸗ nigs Gnade ſeinem Volke gegeben, einzuführen, um mit Feuer und Schwerdt den Glauben aufzudringen, denen, die von der Gnade ihres Königs nichts weiter erfleheten, als das, allen Menſchen zuſtehende Recht, *) Eclaireissemens historiques. pag. 292. — 58— zu glauben und zu denken, was ihnen ſelber und ihrem Herzen genügte! Wir ſind gern bereit, ſchrieen ſie, den König als den Herrn unſers Lebens zu betrachten! Mag er uns tödten, aber er laſſe uns wenigſtens das Recht, ſter⸗ bend zu Gott zu beten mit ſolchen Gebeten, wie unſer Herz und unſere Erkenntniß ſie uns eingiebt. Man nehme uns Alles, man raube uns unſere Reichthümer, unſere Schätze, unſere Aemter, aber man laſſe uns die Freiheit zu glauben, was wir glauben können, zu be⸗ ten, wie wir beten mögen! Arme Unglückliche! Sie hatten in ihres Jammers Nöthen ſich nur erinnert, daß ſie Menſchen ſeien, lei⸗ dende, denkende, empfindende Menſchen, und darüber hatten ſie vergeſſen, daß ſie Unterthanen ſeien, daß über ihnen, den Millionen denkender Menſchen, ein an⸗ derer Menſch ſtehe, der ſich erhaben dünke über ſte Alle, der ſich, obwohl ein ſterblicher Mann ihn erzeugt, ein ſterbliches Weib ihn geboren, obwohl er die Sünden der Menſchheit die ſeinen nannte, und ihre Laſter übte, der ſich dennoch bevorzugt deuchte über Millionen ſei⸗ ner Brüder, der ſich das Recht anmaßte, ſich von vornherein weiſer, klüger, beſſer und erhabener zu dün⸗ 4 ken, als alle die andern Menſchen, der ſich in ſtolzem Uebermuth von„Gottes Gnaden“ nannte! Wes⸗ halb? Weil er zufällig in einem Hauſe geboren, deſſen Glanz und Pracht das Volk bezahlte, weil er in einem Bette geboren, über deſſen Baldachin eine Krone ſchwebte, weil ein Zufall ihn, ſtatt in einer Hütte, in einem Pallaſte hatte zur Welt kommen laſſen! Wie dem auch ſei! Damals glaubte das Volk von Frankreich noch an einen König von Gottes Gnaden und es bedurfte noch eines Jahrhunderts königlicher Laſter, königlicher Tyrannei und königlicher Verbrechen, um dieſes Volk aus ſeinem Wahne zu erwecken, um es zu lehren, daß Ein Menſch geboren ſei, wie ein Anderer, und daß nicht Gottes Gnade, ſondern Volkes Wille ſich einen Köͤnig wähle! Glückliches Frank⸗ reich! 1 Wie geſagt, die armen, verfolgten Hugonotten, ſte hatten ſich nur erinnert, daß ſie Menſchen ſeien, ſie hatten vergeſſen, daß ſie vor allen Dingen Untertha⸗ nen! Aber die Dragoner kamen, ſie daran zu erin⸗ nern, und ihnen mit blutigen Dolchen die Lehre in das Herz zu bohren, die Lehre:„Was Dein König will, daß Du glauben ſollſt, das mußt Du glauben! — 60— Wer ſich dagegen weigert, iſt ein Hochverräther! Die Kirche, an die Dein König glaubt, das iſt die einzig rechte, wer ſich eine andere Kirche erbauen will, iſt ein Verbrecher!“ Da war nicht die Rede von einer geiſtigen Kirche! Was fragten die Dragoner nach der unſichtbaren Kirche, wenn nur die ſichtbaren gefüllt waren! Und dieſe wußten ſie zu füllen! Mit entblößten Schwerdtern trieb man die Unglücklichen zur Kirche, man zwang ſie zu knieen vor dieſen Altären, vor dieſen Prieſtern einer fremden Kirche, und das Abendmahl zu nehmen! Welche Scenen und Bilder des Schreckens enthüllt hier die Geſchichte dem entſetzten Auge! Kinder, von dem Buſen ihrer Mutter geriſſen; die heiligen Bücher verbrannt von Henkershand; Edel⸗ männer, belaſtet mit den entehrenden Ketten der Ga⸗ leerenſträflinge! Weiber, ſchmachvoll gepeiſcht, weil ſee die Hymnen Davids nicht in lateiniſcher, ſondern in franzöſiſcher Sprache geſungen! Ehrwürdige Prieſter, verdammt unter dem Rade zu enden, weil ſie ihre Geineinde nicht verlaſſen wollten; Greiſe, zum Altare geſchleppt von rohen Soldaten, die, unter wilden Flüchen, ihnen befahlen den Glauben ihres Dragoner⸗ ————— — 61— gottes anzunehmen; die Relaps, in die entſetzlichſten Gefängniſſe geworfen; die Convertiten, umringt von Spionen, die jeden ihrer Seufzer zählten; Väter, ver⸗ urtheilt auf die erzwungenen Anſchuldigungen ihrer unmündigen Kinder! Sterbende, verfolgt ſelbſt und ge⸗ peinigt in dieſen letzten Momenten ihres Daſeins, das Licht ſuchend, und nichts findend, als einen verhaßten feindlichen Prieſter, und ein Sacrament, das ſelbſt die ſterbende Lippe ſich weigerte anzunehmen! Die Leichen der ſogenannten Halsſtarrigen, mit wildem Jubel durch die Straßen geſchleppt, zerriſſen, unter die Füße getre⸗ ten, und geſchändet! ein ganzes Volk, durch andere Geſetze regiert, als ſeine Mitbürger, ermattet von ihrem Elend, eiferſüchtig auf das Schickſal ihrer Väter, die mindeſtens Alle in Einer Nacht niedergemetzelt wor⸗ den! Jungfrauen, geſchändet ſelbſt in den Armen ihrer Mütter! Andere, Tyrannen überlaſſen, die mit ihren Fackeln ihnen die Hände verbrannten, und die Augen ausglühten, um ſie zum Glauben zu bekehren!*) Aber dieſe Thaten des Schreckens und der entmenſch⸗ ten Grauſamkeit erzeugten auch Thaten des Helden⸗ thums und der Charactergröße auf der andern Seite! *) Beaumelle. Vol. II. p. 27. — 62— Greiſe flößten durch ihren beharrlichen Widerſtand, durch die Ruhe, mit welcher ſie alle Foltern ertrugen, ſelbſt ihren Henkern Bewunderung ein, und nöthigten ihren Richtern ſelbſt Achtung ab, indem ſie mit freu⸗ digem Stolze den Galgen einer Bekehrung vorzogen; Männer duldeten lieber die Schmach der Galeeren, ſahen lieber ihre Weiber ermorden, ihre Töchter entehren, als daß ſie ſich bekehrten; Kinder nahmen das Schwerdt in ihre Hände und kämpften für ihre Väter mit der Tapferkeit muthiger Männer; Jungfrauen warfen die Tracht ihres Geſchlechtes ab, und zogen Männerklei⸗ dung an, mit dem Schwerdt in der Hand, als Hel⸗ dinnen zu kämpfen an der Spitze irgend eines Trup⸗ pes fliehender Hugonotten, die beflügelt von Todes⸗ angſt, muthig gemacht von Verzweiflung, den Grenzen zueilten, um ſich die Freiheit ihres Glaubens zu er⸗ retten! Frankreich hat nicht blos ſeine Jungfrau von Orleans, es hat auch ſeine Mademoiſelle Dela Chatre, die mitten durch die Truppen der Dragoner hindurch einen Haufen von funfzig Fliehenden führte, wie eine Löwin kämpfend, und überall hin mit ihrem Schwerdte Todesſtreiche austheilend, bis ſie ſelber aus mehr denn zwanzig Wunden blutend auf dem Schlachtfelde ihr — 63— achtzehnjähriges Leben aushauchte, mit deſſen hinſtrö⸗ mendem Blute ſie funfzig ihrer fliehenden Glaubensge⸗ noſſen das Leben errettete**). Und was that Ludwig der Vierzehnte, was that der König von Frankreich während dieſer Zeit, in der die Intendanten und Dragoner ſeine blühendſten Provin⸗ zen in eine Wüſte verwandelten? Er feierte mit den glänzendſten Feſten die Heirath des Herzogs von Bourbon und der Mademoiſelle de Nantes; er pries ſich glücklich und dankte La Chaiſe für dieſe reichen und zahlreichen Liſtell der Convertir⸗ ten; er vollendete das aus dem Schweiß und den Thrãä⸗ nen eines ganzen Volkes erbauete Verſailles; er be⸗ gann den Bau von Marly; er hörte Boileau zu, wel⸗ cher zu ihm ſagte: Giebt's noch im Weltall, ſeit Du herrſcheſt, das Unglück und die Thränen? (Lunivers sous ton régne a-t-il des malheureux?) Er begann den Bau von St. Cyr, unter der Lei⸗ tung der Madame Maintenon, die in wohl überlegter Abſicht den entnervten, altersſchwachen König minde⸗ ſtens dadurch erheitern wollte, daß ſie ihm die ſchönſten und jüngſten Fräulein von ganz Frankreich an Einem *) Histoire apologetique. Vol. HI. pag. 100. — 64— * Orte vereinigte. Der König war alt, dieſe jungen Schönheiten waren der Marquiſe daher nicht mehr ge⸗ fährlich, aber es zerſtreute den König, ſie anzuſehen, mit ihnen zu ſchäkern, und zuweilen noch in ihrer Nähe einige Kohlen ſeines ausgebrannten Jugendfeuers wieder aufglimmen zu ſehen. Der König amüſtrte ſich, und ſein Volk verblutete und ſchmachtete hin. Und dieſen furchtbaren Dragonaden und den ent⸗ ſetzlichen Geſetzen, denen ſeit Aufhebung des Edicts die Hugonotten unterlagen, zu entgehen, ſuchte man einem Lande zu entfliehen, in welchem Tod und Ver⸗ derben allen denen drohte, welche nicht glauben woll⸗ ten, was der König von Gottes Gnaden zu glauben befohlen hatte! Die Provinzen begannen ſich zu entvölkern, Tau⸗ ſende entflohen in vereinten Schaaren, und ſuchten in fremden Landen Schutz gegen die Barbarei ihres Lan⸗ desherrn! Der Kurfürſt von Brandenburg hatte zu Berlin ein Cdict erlaſſen, durch das er feierlich ver⸗ ſprach, den verfolgten Hugonotten Schutz und Auf⸗ nahme zu gewähren(den 29. October 1685). Ganz Europa begrüßte mit Dankesgefühlen dieſes Edict des — 665— hochherzigen Fürſten; in viel tauſend Abſchriften ward es in Frankreich verbreitet, und die ſchon Verzweifeln⸗ den begrüßten es als die Taube, die ihnen in ihre Wüſte hinein das Oelblatt des Friedens und des kom⸗ menden Glückes brachte! Der König von England, die Vereinigten Staaten folgten dieſem Beiſpiel des Kurfürſten, und verſprachen den Flüchtigen Aufnahme und Schutz und auf's Neue ſich ermannend, eilten die Verfolgten den Grenzen zu! Aber ſelbſt zu fliehen, ward ihnen nicht mehr ge⸗ ſtattet! Um den Wirkungen dieſer Cbicte der aus⸗ wärtigen Fürſten vorzubeugen, veranlaßte Louvois den König ein neues Geſetz zu geben, das die Flucht über die franzöſiſche Grenze mit Confiscation der Güter, und mit Galeerenſtrafe für die Zurückbleibenden, oder Aufgefangenen jeder Familie bedrohte. Seltſame Rache des Schickſals! Der König von Frankreich verbot ſeinen unglücklichen Unterthanen die Flucht über die Grenze, und hundert Jahre ſpäter war es das Volk von Frankreich, welches ſeinem unglücklichen Könige gleicherweiſe die Flucht über die Grenze verſagte, und ſie unmöglich machte! Aber das Verbot genügte nicht, die Verzweifelnden .. 5 — 66— achteten keines Gebotes,— ſie entflohen, trotz dem, daß man die Wachſamkeit an den Grenzen verdoppelte, und Niemand ohne Paß den Austritt aus Frankreich geſtattete! Man zog die Dragoner nach den Grenzen hin, man ſtellte Regimenter auf an den Hafenplätzen und den Küſten, und da man nicht hinlänglich Sol⸗ daten hatte, bewaffnete man die Bauern, und ſchickte ſie aus auf Menſchenjagd, indem man ihnen eine be⸗ deutende Belohnung verſprach für jeden eingefangenen Flüchtling! Allen dieſen Maaßregeln zum Trotz ſetzten die Hugo⸗ notten Alles daran zu entfliehen! Und der Ver⸗ zweiflung war jedes Mittel willkommen und recht! Sie verbargen ſich Tage lang in den unterſten Räu⸗ men der Schiffe unter Waarenballen und Tonnen; ſie ſchifften hinaus auf das Meer in kleinen Barken, die nicht dem unbedeutendſten Sturme Trotz zu bieten ver⸗ mochten; ſie erklimmten Berge, und ſonſt unzugäng⸗ liche Felſen, und zogen dahin über Schneefelder und Eis; ſie durchſchwammen die größten und reißendſten Flüſſe; eingenagelt in Tonnen ließen ſie auf Fracht⸗ wagen ſich langſam, Tag um Tag, Stunde um Stunde Todesqual erduldend, bis zur Grenze fahren, ſte tru⸗ 4 — 662— gen als Laſtträger ihre in Säcken verborgenen Kinder auf dem Rücken,— kein Mittel blieb unverſucht, die grauſamen Grenzwächter zu überliſten. Da ſah man Männer in den verſchiedenſten Ver⸗ kleidungen, als Officiere oder Bediente, als Cavaliere oder Abbé's, als Mönche oder Pilger; Mädchen in Männertracht, kühn an den Soldaten vorübergehend, und mit der Piſtole oder dem Säbel ſich den Weg erkämpfend; da ſah man Frauen des höchſten Adels, ſchöne und ſonſt von Glück und Reichthum verwöhnte Frauen, die auf ihrer Flucht von der nahenden Ent⸗ bindung überraſcht, mitten auf dem Felde niederkamen, ihre Kinder in alte Lumpen groben Tuches hüllten, und wenige Stunden ſchon nach ihrer Entbindung mit dem Neugebornen im Arm ihren Weg weiter fortſetz⸗ ten. Da ſah man Weiber und Mädchen, Greiſe und Kinder, ſchwache, zaghafte und unbeholfene Weſen, ge⸗ * troſten Muthes Tage und Nächte hintereinander zu Fuße wandern, in Wäldern und Wüſten umher irren, ohne Begleitung, ohne Schutz! Man ſcheute keine Beſchwerde, keine Gefahr, man wollte fliehen um jeden Preis!*) *) Histoire apologetique. Vol. II. pag. 49. 5* — 68— Und den Fliehenden ſtand eine höhere Macht zur Seite; Gott beſchützte die, welche vor der Grauſamkeit ihres Königs von Gottes Gnaden entflohen! Wenige nur wurden ergriffen, die Meiſten entkamen! Ganz Europa beeiferte ſich, die Flüchtigen aufzunehmen, und unter den Türken, ja in Rußland ſogar, fanden die Geflüchteten mehr Menſchlichkeit, als unter ihren Mitbürgern! Nie gab es ein unglücklicheres Volk! Den Mauren hatte man wenigſtens erlaubt, aus Spanien zu entfliehen! Die Hugonotten zwang man, in Frankreich zu blei⸗ ben; man zerſtörte ihre Tempel, man tödtete ihre Prieſter, aber auf den Trümmern ihrer Kirchen, in⸗ mitten der verödeten Fluren, auf den rauchenden Aſchen⸗ haufen der von den Dragonern zerſtörten Dörfer hiel⸗ ten ſie ihre Andacht, beteten und ſangen ſie und wur⸗ den dafür als Verbrecher geſtraft! Geſetze zu über⸗ treten, die ſte nicht beobachten konnten, wenn ſie nicht ihrer Anſicht nach ſtrafbar werden ſollten vor Gott, und verachtungswürdig vor den Menſchen; die Pſal⸗ men Davids zu ſingen, und zu weinen auf den Rui⸗ nen ihrer Tempel,— das nannte man Staatsver⸗ brechen! Und mit den Galeeren, mit dem Rad und Galgen beſtrafte man dieſe Staatsverbrecher! Der - v Staat erſchöpfte ſich! Der König ward es nicht müde zu ſtrafen, die Ketzer nicht müde zu beharren, und die bald gemilderte, bald geſteigerte Strenge der Gewalt⸗ haber zeigten zur Genüge das Schwankende der Prin⸗ cipien, nach denen man handelte. Der eitle Ruhm, dieſes Phantom, das die Weiſen verachten, und die Könige anbeten, er raubte den Hugonotten ihre letzte Hoffnung! Der König wollte nicht nachgeben,— er mußte ſeine königliche Würde bewahren, er wollte daher um jeden Preis zu Ende bringen, was er angefangen! Die Hugonotten blie⸗ ben hartnäckig in ihrem Widerſtand, und hartnäckig blieb der König in ſeinem Wollen, und aus dieſem Kampfe des Gewiſſens, welches rief:„Ich bin frei“ und des Despotismus, welcher antwortete:„nein, Du biſt es nicht!“ aus dieſem Kampfe ſah man auf der einen Seite den Entſchluß hervorgehen, Alles zu lei⸗ den, und auf der andern Den, Alles zu zerſchmettern! Ludwig hörte nicht den Schmerzensſchrei ſeiner Na⸗ tion, denn La Chaiſe's Drohungen, und der Mainte⸗ non Schmeichelworte machten ihn taub, aber gegen die Stimmen der fremden Höfe, und ganz Europa's konnten ſie ſein Ohr nicht verſchließen, und die Ge⸗ — 70— ſandten der fremden Mächte ſagten ihm die Wahrheit, welche La Chaiſe und die Intendanten ihm klüglich verſchwiegen! Seine eigenen, im Auslande reſidiren⸗ den Geſandten beſtätigten dem König dieſe Wahrhei⸗ ten, und in ihren Depeſchen benachrichtigten ſie den König, daß ganz Europa empört ſei über die in Frank⸗ reich an den Hugonotten verübten Grauſamkeiten!— Der Graf d'Avaur, Geſandter in den Niederlanden, ſagte dem König, daß die reichen Hugonottiſchen Ne⸗ gocianten und mit ihnen vier Millionen Livres aus Frankreich gehen würden. Der König antwortete ihm lächelnd:„mein König⸗ reich reinigt ſich, indem es abführt.“ Aber dieſe langdauernden Abführungen werden es hectiſch und ſchwindſüchtig machen! rief d'Avaur. Der König zuckte die Achſeln und wandte ihm den Rücken. Oh Sire, übt Erbarmen! flehte d'Avaur. Laßt die Milde walten, verſprecht ihnen Gnade, und die Flüch⸗ tigen werden zurückkehren, und Tauſende geſchickter Ar⸗ beiter werden den jetzt ſtill ſtehenden Fabriken und Manufacturen wieder neues Leben verleihen! — 71—. Der König wandte ſich nach ihm um mit flammen⸗ den Blicken.— Wenn ſie nicht abſchwören, ſagte er, ſo iſt es beſſer, ſie bleiben in den fremden Ländern, als daß ſie in mein Reich zurückkehren mit der Freiheit in ihrem Irr⸗ thum zu beharren! Und nachdem er ſo geſprochen, wandte er ſich an die Marquiſe Maintenon, welche neben ihm ſtand. Sie dankte ihm mit einem zärtlichen Lächeln, und La Chaiſe war heute weniger ſtrenge als gewöhnlich, er erlaubte ſogar dem Könige, eine Viertelſtunde we⸗ niger zu knieen und zu beten. Die Proteſtantiſchen Mächte beauftragten ihre Ge⸗ ſandten bei Ludwig um ein wenig Erbarmen für ſeine hugonottiſchen Unterthanen zu bitten. Aber der König von Frankreich blieb unerbittlich.— Er hatte zuviel geſündigt, er mußte Gott verſöhnen, und La Chaiſe hatte ihm geſagt, daß es dazu kein wirkſameres Mittel gäbe, als die Hugonotten zu verfolgen, welche die ver⸗ brecheriſchen Widerſacher Gottes ſeien. Der Geſandte Großbrittaniens forderte und bat im Namen ſeines Königs den König Ludwig um die Gnade, den Hugonotten, welche um ihrer Religion —————— n—— — 22— willen zu den Galeeren verbannt worden, die Freiheit zu bewilligen! Was würde der König von Großbrittanien ſagen, wenn ich von ihm die Gefangenen von Newgate for⸗ derte? antwortete Ludwig ſtolz. Sire, erwiderte der Geſandte, der König, mein Herr, würde dieſe Verbrecher Eurer Majeſtät bewilligen, vor⸗ ausgeſetzt, daß Ihr ſie wie Eure Brüder behandeltet!*) König Ludwig der Vierzehnte, zu ſtolz ſein Wort zurückzunehmen, eingeſchüchtert von La Chaiſe, zitternd vor dem rächenden Gotte, überzeugt auf keine wirk⸗ ſamere Weiſe ſeine Sünden abbüßen zu können, als durch unerbittliche Strenge gegen die Ketzer, König Ludwig blieb unerſchüttert! Mehr denn hunderttauſend Franzoſen verließen das Reich, mehr denn ſechszig Millionen Livres wurden durch ſie ins Ausland geſchleppt, der Handelsſtand verſank, die Fabriken ſtanden ſtill, neuntauſend der beſten franzöſiſchen Matroſen, ſechshundert Officiere und zwölftauſend Soldaten traten in den Sold feind⸗ *) Beaumelle. Vol. III. pag. 33. — 73— licher Mächte, und wurden dem Dienſte ihres Vater⸗ landes entzogen!*) Und gegenüber den durch ihn veranlaßten Greuel⸗ ſcenen beſchuldigte König Ludwig dieſe ſeine abgefalle⸗ nen Unterthanen des ſchwarzen Verrathes, und des Haſſes gegen ihr Vaterland! Freilich, ſie hatten kein franzöſiſches Herz mehr, aber der König und ſeine Henker hatten Alles gethan, es ihnen zu entreißen!— Das iſt in flüchtigen Zügen ein Bild von dem ſchrecklichen Drama, welches Königsdespotismus und Prieſterfanatismus veranlaßte unter der Regierung eines Königs, dem das Volk bei ſeiner Geburt mit dem Namen Lonis, Dieu Donné, entgegenju⸗ belte! Ja, Gott hatte ihn gegeben, und dafür wollte er ihnen jetzt Gott geben, aber in ſeiner Weiſe! Weshalb verweilte ich ſo lange bei dieſem Bilde, weshalb ſuchte ich es mir auszumalen und zu vergegen⸗ wärtigen in ſeinen entſetzensvollen Einzelnheiten? Ich dachte an die Noth unſerer eigenen Zeiten! Ich dachte an dieſe hochfahrenden, unerbittlichen, herrſch⸗ ſüchtigen und ſtolzen Pietiſten unſerer Tage,— ich *) Eelaircissements historiques pag. 62. — à— dachte an unſere proteſtantiſchen Jeſuiten und Beicht⸗ väter, die, nicht minder ſchlau, nicht minder unerbitt⸗ lich, übermüthig und heuchleriſch, als die Jeſuiten von damals, auch ihre Hugonotten haben, die ſie verfol⸗ gen! Wer dieſe Hugonotten ſind, fragt Ihr? Es ſind die Deutſch⸗Katholiken, denen man das Recht verweigert, ſich eine Kirche zu bauen, es ſind die Mit⸗ glieder der freien Gemeinde, denen man befiehlt, zu glauben, was ſie nicht glauben wollen, es ſind die Licht⸗ freunde, denen man es als ein Verbrechen auslegte, daß ſie inmitten dieſer pietiſtiſchen Dunkelheiten ſich die Erkenntniß als eine Fackel anzünden wollten, mit der ſie dieſes myſtiſche Dunkel erhellten! Es ſind alle dieſe Tauſende, die für ſich das freie Menſchenrecht in Anſpruch nehmen, mindeſtens denken und glauben zu können, wie's ihnen beliebt! Hütet Euch, Ihr modernen Hugonotten unſerer deut⸗ ſchen Lande, hütet Euch vor unſern proteſtantiſchen Je⸗ ſuiten und Beichtvätern! Könnten ſie's, ſie würden uns gerne eine Bluthochzeit bereiten, und an Drago⸗ nern fehlt es uns nicht in unſerm geſegneten Deutſch⸗ land! NI. Wie man ſtirbt! J. La Chaiſe. Er war alt geworden, alt und überſättigt dieſes Le⸗ bens! Ein ſiebenzigjähriger Greis hatte das Leben ihm keine Freude mehr zu bieten, hatte er nichts mehr zu hoffen, nicht einmal mehr eine zukünftige Seligkeit! Leer ſchien ihm die Welt, leer ſchien ihm der Himmel! Wäre ein Gott dort droben, ſagte er ſich, wie hätte dieſer Gott dann es dulden können, daß ſo viele Greuel geſchahen auf dieſer Erde, wie hätte er zuſchauen kön⸗ nen, daß Tauſende fühlender, denkender, edelgeſinnter Weſen verbluteten unter dem Schwerdte und dem Hen⸗ kerbeile, hinſtarben unter entſetzlichen Folterqualen, und ungehört und unerrettet die Luft erfüllten mit ihrem Jammergeſchrei! — 76— Nein, La Chaiſe glaubte nicht an Gott, ſondern nur an die Kirche, und der hatte er gedient als ein treuer Prieſter. Er hatte des Blutbades und des Ver⸗ brechens nicht geſcheut, um ſie zu verherrlichen auf Erden, ſie, dieſe Kirche, an die er glaubte, die ſeine Religion war und ſein König! Die Kirche hatte er er⸗ höhen wollen zu einem Throne, der erhaben und ma⸗ jeſtätiſch ſich emporſchwinge über der ganzen Welt, da⸗ mit er, La Chaiſe, auf der oberſten Stufe dieſes Thro⸗ nes ſtehend, gebiete und herrſche über dieſe Welt! Das Alles hatte er erreicht, er hatte geherrſcht und regiert, er hatte Ströme Blutes vergießen laſſen, er hatte die Kerker gefüllt und die Kirchhöfe, er hatte einen leichtſinnigen, übermüthigen, lebensluſtigen und irdiſch geſinnten König zurückgeführt zur Erkenntniß, zur Demuth und Weltverachtung; er hatte dieſen Kö⸗ nig mit zerknirſchten Reuethränen zu ſeinen Füßen lie⸗ gen ſehen, mit gerungenen Händen zu ihm, dem Prie⸗ ſter, flehend um Erbarmen, um Gnade, er hatte die⸗ ſem vor ihm winſelnden Könige Geſetze gegeben, und das Scepter Ludwigs erſchlafften Händen entwindend, hatte er es mit bluttriefender Hand geſchwungen über einem zitternden, zu Boden gedrückten Volke! Frank⸗ —— reich hatte vor dem königlichen Beichtvater eben ſo ſehr gezittert, wie der König von Frankreich ſelber! Das hatte La Chaiſe eine Zeitlang erfreut und ge⸗ ſchmeichelt, es iſt wahr! Aber dann die Ermattung, das Durchſchauen aller dieſer Triumphe, die Verach⸗ tung von allen dieſen Höflingen, die ſich vor ihm beug⸗ ten, der Ueberdruß an dieſem ewigen Comodienſpiel, vor dieſer Maske, die ewig und immerdar ſein eigenes Antlitz und ſeine Seele bedecken mußte! Das hatte ihn zur Verzweiflung gebracht, das hatte ſeine Men⸗ ſchenverachtung bis zur Wuth geſteigeft! Um ſich die⸗ ſer ewigen Langeweile, dieſer niederdrückenden Erſchö⸗ pfung zu entziehen, hatte es außerordentlicher Mittel bedurft.— Andern Leiden zu bereiten, das war ihm, inmitten dieſer niederdrückenden Langenweile, eine Art Zerſtreuung, Erheiterung und Aufregung geweſen, er hatte ſich amüſirt, die Menſchheit, welche er verachtete, mindeſtens durch Schmerzen dieſe Verachtung büßen zu laſſen, und an ihren Qualen und ihrem Jammerge⸗ ſchrei hatte er ſich geweidet! Und endlich hatte auch das ſeinen Reiz verloren,— ſein Durſt nach Men⸗ ſchenblut war erſchöpft, und überſättigt von dem Leben ſehnte er ſich nur noch nach Ruhe und Frieden! * — — 78— Aber wo ſollte er Ruhe finden, er, dem die Nächte keinen Schlaf und die Tage keine Erheiterung mehr zu bringen hatten, und wo gab es für ihn Frieden, für ihn, in deſſen Seele fort und fort dieſe Frage ertönte: giebt es einen Gott? Und wenn es einen Gott giebt, wird er alsdann mich nicht ſtrafen um meiner Ver⸗ brechen willen? Der König hatte ihm ein prächtiges Haus geſchenkt, umgeben von einem Garten, den La Chaiſe's mächti⸗ ger Wille ſich zu einem Paradieſe umgeſchaffen! Ja, er war ein Paradies dieſer Garten mit ſeinen köſtlichen Blumen, ſeinen duftenden Hecken, ſeinen Treibhäuſern, in denen die auserleſenſten Früchte und Blumen des Südens prangten, ein Paradies mit ſeinen Baum⸗ gruppen und ſchattigen Gängen, ſeinen Raſenplätzen— und murmelnden Waſſerfällen! Aber es fehlte dieſem Paradieſe nicht ſeine Schlange und nicht ſein rächen⸗ der Engel! Dieſe Schlange war das Gewiſſen, dieſer rächende Engel war die Furcht vor der Vergeltung! Wenn der Wind durch die Bäume fuhr, daß ſie ſich rauſchend bewegten, dann ertönten aus dieſen Zwei⸗ gen ſeltſam flüſternde Stimmen, ſie ziſchelten mit kal⸗ tem Geiſterhauche La Chaiſe ein entſetzliches Lied in das Ohr, ein Lied von Folterqual und Blutvergießen, dann wieder klang es wie Todesächzen und Angſtge⸗ ſchrei, dann auch wie Hohngelächter und wilde Ver⸗ wünſchungen! Und La Chaiſe, dieſen entſetzlichen Stim⸗ men der Bäume zu entgehen, rettete ſich zu den Waſ⸗ ſerfällen, deren Brauſen und Rauſchen die Stimmen der Bäume übertönten! Aber welch ein Wunder ent⸗ faltete ſich hier ſeinen entſetzten Blicken! Das Waſſer verwandelte ſich in Blut, es floß in rauſchenden Pur⸗ purwellen dahin, und ſeine plätſchernden Wogen ſan⸗ gen ihm ein neues, ein fürchterliches Lied. Mit ge⸗ ſträubtem Haar, mit ſchlotternden Knieen ſank La Chaiſe nieder neben dieſen rauſchenden Quellen, und wider ſeinen Willen hörte er ihnen zu. Sie ſangen mit donnerndem Rauſchen:„Wir Quel⸗ len mit purpurnem Blut, von Languedoc und den Cevennen, von Vivarez und aus der Dauphiné, da⸗ her, daher, kommen wir gefloſſen, Dich zu begrüßen, unſern Vater, der uns erzeuget, uns Quellen des Blu⸗ tes! Aus männlichen Herzen, aus Jungfrauen Bruſt, aus dem Buſen der Mütter, aus ſchuldloſen Kindern und wehrloſen Greiſen haſt Du uns verſammelt, haſt Du uns geeinet, uns Quellen von Blut!!“ 2 — 0— Und bei ſolchem Liede ſchien es La Chaiſe, als tauchten aus dieſen Wellen bluttriefende Köpfe hervor, als höben ſich Arme und gefaltene Hände flehend zu ihm empor, als hörte er es winſeln und heulen da unten in dieſen blutigen Wellen, als höre er es ſchreien und ächzen, fluchen und verwünſchen! Und mit geſträubtem Haar und ſchlotternden Knieen raffte er ſich auf, und entfloh dieſen bluttriefenden Quellen, und eilte zu ſeinen Blumen, ſich zu erlaben an ihrem köſtlichen Anblick und an ihrer friedlichen, ſchweigenden Schönheit!— Aber ſie ſchwiegen nicht, dieſe ſonſt ſo ſtillen und ſchweigenden Blumen! Sie ſchauten ihn an mit den Augen der von ihm geliebten, von ihm entehrten und verlaſſenen Weiber, ſie ſprachen zu ihm von Laura und der Gräfin d'Olonne, ach, von ſo viel andern armen, hingeopferten Mädchen, die er einer augenblicklichen Laune, einer momentanen Leiden⸗ ſchaft geopfert! Schaudernd wandte La Chaiſe ſich ab von dieſen Blumen, von dieſen Quellen und dieſen Bäumen! Es iſt wahr, der König hatte ihm ein Paradies ge⸗ ſchenkt, aber ihm war es zu einer Höͤlle geworden! Dieſe Einſamkeit, ſagte La Chaiſe, ja, dieſe Ein⸗ — ⁸— ſamkeit trägt die Schuld meiner Qualen, ich will ihr entfliehen, und Alles wird wieder gut werden! Und mit beflügeltem Fuße eilte La Chaiſe dann an den Hof! Da fand er ſich vor ihm neigende Höflinge, von denen er wußte, daß ſie ihn haßten, indem ſie ihm dennoch ſchmeichelten, da fand er einen entnervten, königlichen Greis, zitternd vor dem Zorne Gottes, zit⸗ ternd vor dem Stirnrunzeln eines alten, frömmelnden, heuchleriſchen Weibes, da fand er alle die Nichtigkeiten und Erbärmlichkeiten des Hofes, all dieſe Kleinlichkeit, die ſich ſo groß dünkt, all dieſe verborgene Gemeinheit neben der zur Schau getragenen Größe, den niedrig⸗ ſten Egoismus unter der Maske uneigennützigſter Freund⸗ ſchaft!— Angewidert, die Bruſt voll erneuerter Men⸗ ſchenverachtung, zermartert von Langeweile und Ge⸗ wiſſensqual, floh La Chaiſe vom Hofe, wie er ſeinem Garten entflohen war! Ach, ich möchte fliehen in das Grab hinein! ſagte er händeringend. Und endlich kam ſie, die Stunde des Todes! In⸗ mitten ſeines Gartens, umrauſcht von dieſem Geflüſter der Bäume, dieſem Rauſchen der Waſſerfälle, überfiel ihn dieſe Stunde, und La Chaiſe hatte nicht einmal III. 6 * —— den Troſt, ihr beſinnungslos entgegen zu gehen! Er ſah Alles, er wußte Alles, die ganze Vergangenheit ſtand vor ihm, und jeder Tag derſelben ſchien ihn an⸗ zuklagen! Er hatte Alles erreicht, wonach er geſtrebt, und jetzt, am Ziele angekommen, mußte er ſich geſte⸗ hen, daß nichts von dem, was er ſich erträumt, eine Wirklichkeit in ſich geſchloſſen habe! Er hatte die höchſte Ehrenſtelle bekleidet, ſein Name hatte einen berühmten Klang, aber La Chaiſe wußte zu dieſer Stunde, daß die Geſchichte ihn verurtheilen und ſeinen Namen brand⸗ marken würde! Er hatte die Menſchen vor ihm im Staube ſich beugen ſehen, ſie hatten ihn überhäuft mit Schmeicheleien und Anbetung, aber was war ihm jetzt noch die Anbetung der Menſchen, da er ſie verachtete! Er hatte einen König zu ſeinen Füßen geſehen, und er war der Gebieter dieſes Königs geweſen! Aber ihm gegenüber war der König nichts geweſen, als ein ſchwacher, ſündiger, erbärmlicher Menſch, entkleidet ſeines Purpurs, in den Lumpen ſeines zerfetzten, ent⸗ würdigten Menſchenthums, ein Bettler, der um ein wenig von der Gnade Gottes flehte, und ſich doch ſtolz von Gottes Gnaden nannte, und La Chaiſe verachtete das Königthum, wie er den Ruhm verachtete und die — 83— Menſchheit, ja, wie er ſich ſelber verachtete, ſich ſel⸗ ber, der ſein Leben und ſeine beſten Kräfte einem Nichts geopfert, einer inhaltloſen Form, der gerungen, ge⸗ ſtrebt, geheuchelt und geſchmeichelt hatte! Weshalb? Um dadurch zu erreichen, was, als er es erreicht, ihm des Strebens und Ringens nicht mehr werth dünkte! Die Stunde des Todes, ſie war jetzt da, und ſter⸗ bend war er allein! Niemand ſtand neben ihm, Niemand war da, ihm die Augen zuzudrücken, Niemand, um über ſeiner Leiche zu weinen! Nach einem langen Leben, hatte er nicht Einen, der ihn liebte, aber ach, wie Viele, die ihn haßten und fluchend ihn verwünſchten! Sie hatten ihn Alle verlaſſen, Alle! Seit die Aer te ihn aufgegeben, ſeit ſie erklärt, daß er nur noch vier und zwanzig Stunden zu leben habe, waren Alle entflohen! La Chaiſe konnte Niemand mehr nützen, was ſollten ſie alſo bei La Chaiſe, dem von dem Tode entthronten Beichtvater! Er war alſo allein, das heißt, verlaſſen von Freun⸗ den, aber umringt von Prieſtern! Die umſtanden ſein Lager und ließen ihm nicht einmal die Ruhe eines un⸗ geſtörten Todes! Die marterten ihn mit ihren Gebeten, . 6* —&1— an die er nicht glaubte, die nöthigten ihm das Sacra⸗ ment des Abendmahles auf, das für ihn keinen Sinn hatte, die zwangen ihn, in ſeinen letzten Momenten noch zu heucheln und zu ſchauſpielern, indem er den Gebräuchen einer Kirche gehorchte, die er verachtete! Ach, er hätte freilich die Hände falten mögen und beten, beten ein Gebet der Angſt und des inbrünſtigen Flehens empor zu dieſem Gotte, dem großen, dem all⸗ gemeinen, dem über alle Formen und Satzungen er⸗ habenen Gotte, welcher alle Menſchen ſeine Kinder nennt, die Juden, wie die Katholiken, die Proteſtan⸗ ten, wie die Heiden, zu dieſem Gotte der Allgemein⸗ heit, zu dieſem Gotte des Erbarmens und der ur⸗ anfänglichen, ewigen Liebe hätte er flehen mögen um Erbarmen, um Vergebung, um Gnade! Aber ſie nö⸗ thigten ihn, ſtatt zu dem über alle Satzungen erhabe⸗ nen Gotte, zu beten zu dem Gotte der Kirche und des Dogma's! Sie zwangen ihn, ſeine Rolle zu Ende zu ſpielen, und als Prieſter nur zu beten zu ſeiner Kirche! Zuletzt noch kam eine Botſchaft des Königs! Lud⸗ wig der Vierzehnte fühlte ſich ſeinem ſterbenden Beicht⸗ vater gegenüber wieder als König! La Chaiſe ſtarb, — 85— und Ludwig hatte nicht mehr zu zittern vor ſeinen Drohungen und ſeinem Zürnen. La Chaiſe war jetzt nichts mehr als ein ſterbender Menſch, nicht mehr der gefürchtete Beichtvater, der ſtrafendictirende Herr ſeines Königs! Dem Sterbenden gegenüber wollte ſich der König aber noch großmüthig und vertrauensvoll be⸗ weiſen! Er ſandte daher zu La Chaiſe, und forderte, daß er ihm drei Jeſuiten nenne, die er würdig halte, ſein Nachfolger zu ſein, und des Königs Beichtvater zu werden! La Chaiſe verſtand wohl dieſe Botſchaft ſeines Kö⸗ nigs, aber der Tod hatte ihm ſchon die Zunge ge⸗ lähmt, daß er nicht mehr zu antworten vermogte! Man brachte ihm Feder und Papier, man ſagte ihm, er ſolle die Namen der drei Jeſuiten, die er be⸗ zeichnen wolle, aufſchreiben! Er nickte zuſtimmend mit dem Kopfe. Seine letzte Kraft zuſammenraffend, nahm er die Feder und ſchrieb mit feſter Hand die Namen De la Rue und Veuillairs. Plötzlich aber entſank die Feder ſeiner Hand, Todesſchauer zogen über ſein erſtarrendes Angeſicht! Er lehnte das Haupt zurück in die Kiſſen, hochathmend, röchelnd. — 86— Schweigend, voll finſtern Unmuthes, umſtanden die Jeſuiten ſein Lager! Dieſe beiden Namen, welche La Chaiſe da geſchrieben, ſie entſprachen nicht ihren Wün⸗ ſchen, es war unter den beiden nicht der Name deſſen, den ſie zum Beichtvater des Königs geſchickt und wür⸗ dig hielten, deſſen, der berufen war, das glorwürdige Werk, das La Chaiſe begonnen, zu Ende zu führen, und den König immer feſter zu verſtricken in den Ban⸗ den, welche der Jeſuitismus um ihn geſchlagen!* La Chaiſe hatte erſt zwei Namen geſchrieben, drei hatte der König verlangt, und der Dritte konnte der Name deſſen geweſen ſein, den die Jeſuiten begehrten! Er konnte es nicht bloß geweſen ſein, nein, er war es gewiß, ſie waren Alle davon feſt überzeugt, dieſe frommen Väter, und es war daher kein Verbrechen, nein, nicht einmal ein Unrecht, wenn ſie im Sinne La Chaiſe's vollbrachten, was er nicht mehr hatte zu Ende führen können! 4 Mit muthiger Entſchloſſenheit trat einer der frommen Väter näher heran zu dem Sterbenden und faßte ſeine Hand, die in ihren erſtarrenden Fingern krampfhaft die Feder gefeſſelt hielt.— Ach, was kümmerte es den Jeſuiten, daß er die letzten Momente eines Sterbenden — 87— ſtörte, daß bei ſeiner unſanften Berührung ein Zittern dieſen todesröchelnden Greis durchbebte! Er ſchob die Hand, welche er feſt hielt in der ſeinen, auf das ver⸗ hängnißvolle Papier, er drückte die Feder auf die Stelle hin, wo die beiden Namen ſtanden, und über ihnen, als den erſten in der Reihe, ließ er dieſe zuckende, im Tode erſtarrende Hand La Chaiſe's einen dritten Na⸗ men ſchreiben!**) * Ein Lächeln des Triumphes ſtand auf den Geſich⸗ tern der frommen Väter! Das Werk war vollbracht, und Niemand konnte ſagen, daß nicht La Chaiſe's Hand dies geſchrieben! Ruhte nicht in ſeiner Hand die Feder, welche den Namen aufgezeichnet? Und zu⸗ dem, um ihr eigenes Gewiſſen zu beruhigen, waren ſie nicht überzeugt, daß La Chaiſe grade nur dieſen Namen, ganz gewiß nur dieſen Namen hatte ſchreiben wollen? Als der Jeſuit des Sterbenden Hand los ließ, ſchlug er, noch einmal erwachend, die Augen auf. Der Geiſt flackerte noch einmal empor in dieſen erlöſchenden Au⸗ gen, der Verſtand blitzte noch einmal auf in dieſem erſtarrenden Haupte! Er entſann ſich, daß er hatte *) Harrenberg's Pragmatiſche Geſchichte der Jeſuiten. S. 1685. — 88— den dritten Namen ſchreiben wollen, und mit letzter Kraftanſtrengung führte er ſeine Hand auf das Pa⸗ pier!— Ein Zucken durchfuhr ſeine ganze Geſtalt,— mit weit aufgeriſſenen Augen ſtarrte er das Blatt an! Das Werk war vollendet,— dieſer dritte Name,— er war geſchrieben! Und jetzt richtete La Chaiſe ſeine Blicke auf die frommen Väter, die ihn umſtanden. Auf ihren trium⸗ phirenden Geſichtern las er die ganze Geſchichte dieſes Verrathes und dieſer Täuſchung! Eine unermeßliche Wuth, ein raſender Zorn überkam ihn, mit flammen⸗ den Blicken, mit zuſammengekniffenen Lippen hob er die Hand gegen die Jeſuiten und ſeine lallende Zunge ſprach Worte der Verwünſchung und des Fluches über die Häupter der frommen Väter! Sie antworteten ihm mit einem lauten, ſpöttiſchen Lachen,— ſie waren ganz allein mit ihm, wozu alſo war es nöthig ſich zu verſtellen! Ein entſetzlicher Anblick, dieſer blaſſe, zitternde Greis, halb aufgerichtet auf ſeinem Lager, das leichenhafte Geſicht entſtellt von Zorn und Todesſchmerz, die ſchon brechenden Blicke noch leuchtend in wilder Wuth, und um ihn her dieſe frommen Väter mit den triumphiren⸗ den Angeſichtern, mit dem höhniſchen Lachen und der ſcheinheiligen Miene! Mit einem letzten Aufflackern der Lebenskraft nahm La Chaiſe das Papier, um es zu zerreißen. Aber ſte errriethen ſeine Abſicht,— ſie entriſſen es ſeinen Hän⸗ den,— laut ächzend und röchelnd ſank La Chaiſe zurück! Sie lachten wieder, die frommen Väter, und unter dieſem lauten, triumphirenden Lachen verhauchte La Chaiſe ſeinen letzten Seufzer! Er ſtarb mit dem Bewußtſein, Frankreich ein neues Unglück aufgehäuft zu haben, und verdammt zu wer⸗ den als der böſe Dämon, der dem Könige den Rath gegeben, Le Tellier zu ſeinem Beichtvater zu er⸗ nennen! Denn dieſer dritte Name, welchen zu ſchrei⸗ ben man ſeine Hand gezwungen, es war der Name Le Tellier! Die Jeſuiten wollten alſo, daß dieſer der Beichtvater des Königs werde und La Chaiſe wußte wohl, daß, wenn ſie es wollten, ſie es auch durchſetzen würden! La Chaiſe ſtarb alſo mit dem Bewußtſein, daß ſelbſt — 90— noch nach ſeinem Tode Frankreich ihn verfluchen, Frank⸗ reich ihn ſeinen Henker nennen würde! Das war die Todesſtunde des Beichtvaters La Chaiſe! Man begrub ihn unter königlichen Ehrenbezeugun⸗ gen, und aus ſeinem Garten, in deſſen Mitte er be⸗ graben ward, machte man einen Kirchhof, der mit ſeinen köſtlichen Denkmälern und den Gräbern der be⸗ rühmteſten und edelſten Männer und Frauen noch heute zu den merkwürdigſten und intereſſanteſten Sehens⸗ würdigkeiten von Paris gehört. Das iſt der Mont Saint Louis mit dem Kirchhof des Poère La Chaiſel! Sehr bezeichnend iſt ein Kirchhof das Denkmal die⸗ ſes grauſamen Mannes, der Frankreich viel Tauſende blutiger Menſchenopfer gekoſtet hat! 4 II. Ludwig der Vierzehnte. Was La Chaiſe ſterbend vorhergeſehen, das ſollte ſich erfüllen, und unter der Macht des neuen Beicht⸗ vaters Le Tellier ſollte Frankreich auf's Neue dulden und bluten, Ludwig der Vierzehnte auf's Neue zittern und ſich demüthigen! Le Tellier's blutdürſtige Grau⸗ ſamkeit verfolgte mit unerbittlichem Haſſe alle ſeine Widerſacher, das heißt, Alle, die ſich nicht beugen woll⸗ ten ſeinem Prieſterdespotismus, Alle, die für ſich die Freiheit des Gedankens, die Freiheit des Wortes in Anſpruch nahmen. Unter Le Tellier's Herrſchaft füll⸗ ten ſich die Gefängniſſe und unterirdiſchen Kerker, und die Beſten und Edelgeſinnteſten ſah man der Verfol⸗ gung, der Verleumdung unterliegen! Und Ludwig, der König, was that der, während ſein Beichtvater den edlen Kardinal von Noailles verfolgte, während er das Port Royal, als das Aſyl der Janſeniſten zer⸗ ſtören ließ, und gegen das Quesnel'ſche Werk die be⸗ rüchtigte Bulle unigenitus verfaßte? Ludwig, gefoltert von entſetzlicher Angſt, gemartert — 92— von Körperſchmerzen, lag entweder auf ſeinen Knieen und betete, oder er hörte den frommen Ermahnungen der Maintenon zu. Er unterſchrieb die Bulle unige⸗ nitus und gab zu den Verfolgungen gegen den Kar⸗ dinal Noailles ſeine Zuſtimmung, obwohl er den Kar⸗ dinal liebte, und ſehr wohl wußte, daß nur perſön⸗ licher Rachedurſt, nicht frommer, kirchlicher Eifer, Le Tellier zu des Kardinals unverſöhnlichem Feinde ge⸗ macht! Aber Ludwig hatte Furcht vor ſeinem Beicht⸗ vater, und um nur Ruhe zu haben, willigte er in Alles, unterſchrieb er Alles, was Le Tellier von ihm forderte.. Der König wollte Ruhe haben, was kümmerte es ihn alſo, wenn Frankreich während deß zerfleiſcht ward, und ſein Volk ſich verblutete? Die Verblutenden ſind ſtill, ſie haben nicht mehr die Kraft zu ſchreien,— mag alſo das Volk ſich verbluten, der König wird mindeſtens dann nicht die Unbequemlichkeit haben, ihr Todesgeſchrei zu hören. Nein, er hörte es nicht, das Todesgeſchrei ſeines Volkes, aber er hörte das Todesgeſchrei ſeiner Fa⸗ milie! Sie ſtarben Alle vor ihm hin, ſeine Kinder, ſie ſanken Alle vor ihm hinunter in die Gruft, und — 93— am Rande des Grabes ſtehend, ſah ſich Ludwig der Vierzehnte verlaſſen von ſeiner Familie, vereinſamt und allein. Nachdem im Jahre 1711 ein plötzlicher Tod den Dauphin hinweggerafft, ruhte Frankreichs Hoffnung auf dem Herzog von Burgund, als dem neuen Dau⸗ phin. Aber ſchon nach wenigen Monaten überfiel dieſer geheime, im Dunkeln ſchleichende Würgengel, der die Königsfamilie verfolgte, auch dieſen neuen Dau⸗ phin, und in einer Woche ſtarb der Herzog von Bur⸗ gund, die Herzogin und ihr älteſter Sohn! Ein Schrei des Entſetzens drang von den Lippen des Königs, als man ihm dieſe ſchauerliche Botſchaft brachte, aber ſtatt ſich zu erheben als Mann und Kö⸗ nig, und dieſer furchtbaren Macht, welche ſein Haus zerſtörte, nachzuforſchen, ſank er mit zerknirſchten Reue⸗ thränen auf ſeine Kniee, und hörte Le Tellier und der Marquiſe Maintenon zu, welche ihm ſagten, daß der Zorn Gottes den König ſtrafe um ſeiner Jugend⸗ ſünden, ihn ſtrafe für begangene Frevel in ſeinen Kin⸗ dern und Kindeskindern, und daß nichts dieſen rächen⸗ den und ſtrafenden Gott verſöhnen könne, nichts als die ſtrengſte Unterwerfung in den Willen Gottes, als — 94— die unbedingteſte Hingabe an die Kirche und deren Diener, die Prieſter! Ludwig verſchluckte ſeine Thränen und ſein geheimes Weh, betete, und wagte es nicht zu bekennen, daß er Kummer empfinde um den Verluſt ſeiner Kinder und Enkel, denn Le Tellier und die Marquiſe hatten ihm geſagt, er müſſe dieſer Strafe ſich freuen, und froh⸗ locken, weil Gottes Hand ſchwer auf ihm liege! Und ſchwerer, und immer ſchwerer ruhte die Hand Gottes auf dieſem ohnmächtigen Königsgreiſe. In den Schlachten gegen ſeine auswärtigen Feinde ward er beſiegt. Gedemüthigt mußte er ſich zu ſchimpflichen Verhandlungen mit ſeinen Siegern herablaſſen, und wenn der gebeugte König ſich flüchtete zu den Sei⸗ nen, wenn er Troſt ſuchte in ſeinem Hauſe, in ſeiner Familie, ſo fand er da nur mürriſche Geſichter, nur Zwieſpalt und Aerger, nur Thränen und Jammer! Denn abermals hatte der Tod ein Opfer gefordert aus der Familie des Königs,— der Herzog von Berri war plötzlich geſtorben, und jetzt beſchuldigte Frankreich, beſchuldigte der Hof, ja ſogar die Marquiſe Mainte⸗ non und der Herzog du Maine laut und öffentlich den Herzog von Orleans dieſer fünffachen Todesfälle. — 95— Was man ſich ſonſt leiſe in das Ohr geflüſtert, das ſagte man jetzt laut in allen Häuſern und auf allen Gaſſen: der Herzog von Orleans hat das Gift ge⸗ miſcht für Monſieur, für den Herzog von Burgund und deſſen Gemahlin und Sohn, der Herzog von Orleans endlich iſt es, der voll verbrecheriſcher Liebe zu ſeiner Tochter dieſer das Gift zugeſteckt, mit welcher ſie ihren Gemahl, den Herzog von Berri in einem Glaſe Kirſchwaſſer tödtete, um ſeiner eiferſüchtigen Wachſamkeit überhoben zu werden! Der Herzog von Orleans wird auch den letzten Sproſſen der könig⸗ lichen Familie, den Urenkel des Königs, den jungen Dauphin Ludwig tödten, ſchrie man in zitternder Angſt, denn der Herzog von Orleans will König werden, und darum müſſen Alle Die fallen, welche ihm im Wege ſtehen! Und was das Volk, und was der Hof ſagte, das wiederholte die Marquiſe Maintenon dem König, in⸗ dem ſie von ihm forderte, er ſolle ihren Liebling, ihren Pflegeſohn, den Herzog du Maine mit Uebergehung des Herzogs von Orleans, zum Regenten ernennen! Der König hatte vor nichts eine größere Furcht, als vor dem Gedanken an ſeinen Tod, und jetzt er⸗ — 96— innerte ihn die Marquiſe täglich an dieſen bald nahen⸗ den Tod, indem ſie mit Schmeichelworten und Dro⸗ hungen, mit Bitten und mit tagelangem Schmollen ihn zwingen wollte, ſein Teſtament zu machen, und zwar zu Gunſten des Herzogs du Maine! Diesmal aber widerſtand der König lange Zeit! Der Herzog von Orleans war der zunächſt Berech⸗ tigte zur Uebernahme der Regentſchaft, und ihn davon ausſchließen, würde geheißen haben, das zu beſtätigen, was der Hof, was ganz Frankreich von ihm ſagte, es würde geheißen haben, den Herzog von Orleans für den Mörder der königlichen Familie zu erklären! Wie geſagt, diesmal widerſtand der König, aber er that es mit widerſtrebendem Herzen, mit kummervollem Gemüth, denn er liebte ſeinen Sohn, dieſen Herzog du Maine, der ihn an eine längſt verklungene Zeit erinnerte, an die Tage ſeiner Jugend, ſeines Liebes⸗ glückes! Welch ein Contraſt zwiſchen dem Damals und dem Jetzt! Damals nichts als Glück und Luſt, nichts als lachende Freude und jubelndes Entzücken! Damals war der König der Gott ſeines Volkes und ſeines — 97— Reiches, damals lächelte ihm die Schönheit entgegen, und das Glück, damals war er der ungebeugte, un⸗ überwundene Sieger in der Liebe und auf dem Schlacht⸗ felde, und eine Krone von Myrthen und Lorbeeren be⸗ deckte die Stirne dieſes genußſüchtigen, lebensluſtigen jungen Königs, den man den ſchönſten Mann ſeines Reiches nannte! Und was war von dem Allen geblieben? Was war aus dieſem einſt ſo ſtrahlenden, ſo glänzenden und bezaubernden Hofe geworden, der ganz Europa ſeine Geſetze gegeben und nach dem man ſich überall zu bilden ſuchte, deſſen Sitten man als die feinſten, die nobelſten und exquiſiteſten bezeichnete? Was war geworden aus dieſem König, dem Eroberer der Län⸗ der und der Herzen?— Der Hof hatte ſich verwandelt! Ueberall ſah man nur Händefalten und frommes Augenniederſchlagen, überall hörte man nur Gebete und heuchleriſche Lita⸗ neien! Statt zu glänzenden Feſten, vereinigte man ſich jetzt zu frommen Betübungen, und während das Volk hungerte, rafften die Frommen Gelder zuſammen, um damit Miſſionaire auszurüſten, daß ſie in China III. 7 98— und Japan, in Indien und Amerika harmloſe, glück⸗ liche und zufriedene Menſchen ihrer Ruhe und ihrem Frieden entreißen ſollten, indem ſie ſie zu Chriſten be⸗ kehrten! Statt zu fröhlichen Ergötzlichkeiten, vereinigte man ſich zu ſtrengen Religionsübungen, und an die Stelle der glänzenden Gaſtmahle trat jetzt das Abend⸗ mahl und die Beichte! Der ganze Hof war fromm geworden, es war wie eine anſteckende Krankheit, eine Manie, der man ſich nicht mehr entziehen konnte, denn ſich ihr nicht unter⸗ werfen, hieß ſich die Ungnade des Königs und ſeiner Favoritin zuziehen! Um tugendhaft und der höchſten Ehrenſtellen würdig befunden zu werden, mußte man ſich die Miene zerknirſchter Frömmigkeit geben, mußte man die Hände falten, und Gebete murmeln, mußte man mit harten, ſchonungsloſen Worten die Freigeiſter und die Nichtfrommen verdammen, mußte man in kei⸗ ner Betſtunde fehlen, keinen Gottesdienſt verſäumen! Denn man hatte Beiſpiele, daß alte, würdige gediente Generale ihres Dienſtes entlaſſen worden, weil ſie nicht regelmäßig die Kirche beſuchten, daß Prinzen in Ungnade fielen, weil ſie die Langweiligkeit des —— — 99— frommen Hofes durch einige Feſte und Vergnügungen ſich unterbrachen!*) Der König wollte nicht allein König, er wollte auch Prieſter ſein, und da er nicht mahr zu ſündigen ver⸗ mochte, empfand er jetzt einen frommen Abſcheu vor der Sünde, und verlangte, daß Alle ihn theilten! Hat⸗ ten ſeine Hofherrn und Cavaliere ſich entzweit, ſo kam der König, ſte zu verſöhnen! Weigerte ſich ein Frei⸗ denker in ſeiner Todesſtunde das Sacrament aus den Händen eines Prieſters zu empfangen, ſo ſchrieb Lud⸗ wig eigenhändig an dieſen Sünder, und ſtellte ihm das Verbrecheriſche ſeiner Weigerung vor, indem er ihm zugleich befahl, das Sacrament zu empfangen mit gläubigem Herzen. Lebte ein Ehegatte in Unfrie⸗ den mit ſeiner Gattin, ſo ſandte ihnen der König durch den Prieſter von Verſailles den ſtrengen Befehl ſich einander zu lieben!**) Aber trotz all dieſer frommen Uebungen, trotz der ſtundenlangen Gebete und Beichten empfand der König doch zuweilen eine drückende Langeweile. Es ſchien ihm, als ob die Stunden mit bleierner Schwere dahin *) Beaumelle. Vol. III. pag. 17. **) Ebendaſelbſt. 7* — 100— ſchlichen, und während er laut betete und jedes Ver⸗ gnügen verabſcheute, hatte er heimlich immer ein un⸗ bezwingliches Verlangen nach irgend einer Erheiterung oder Zerſtreuung. Frau von Maintenon erbarmte ſich ſeiner, und da ſie wußte, daß der König vor allen Dingen das Thea⸗ ter liebte, obwohl die Frommen gehalten ſind, es zu verachten, ſo war ſie bemüht, ihm dieſe Freude zu ver⸗ ſchaffen, ohne doch zu fehlen gegen die Frömmigkeit. Man ſollte einer weltlichen Zerſtreuung ſich erfreuen, aber dieſe mußte, damit man nicht aus der Rolle falle, ſich die Maske der Heiligkeit über das lachende An⸗ geſicht heften. Das Theater ſollte die allgemeine Mode theilen, es ſollte fromm werden, es ſollte die Hände falten und beten, wie der König und ſein Hof, das Theater ſollte heilig werden, und gewiſſermaßen zu einer Kirche ſich umgeſtalten! Racine ſchrieb, um der Maintenon zu gefallen, und die fromme Mode mitzumachen, die Athalie, und die jungen Fräulein in St. Cyr führten ſie vor dem Könige und ſeinem Hofe auf. Der König konnte da⸗ bei ſich ergötzen, und zugleich die Hände falten und beten! Der Hof unterdrückte ſein Gähnen, und da — 101— der König und die Marquiſe Maintenon dieſe Athalie des Racine vortrefflich fanden, ſo war es natürlich, daß der Hof in laute Entzückungen ausbrach, daß man es für eine unendliche Gnade hielt, zu dieſen Vorſtel⸗ lungen zu St. Cyr zugelaſſen zu werden. Aber dieſes Alles vermochte nicht lange Ludwig zu zerſtreuen und zu erheitern, ihn dieſer finſtern Todes⸗ angſt zu entziehen, die Le Tellier täglich neu anfachte in der Seele des unglücklichen Fürſten, ihn dieſer Schmerzen vergeſſen zu machen, die er täglich an ſei⸗ nem Körper erduldete, oder ihn dieſer innern Qual und Ermattung zu entreißen, die er empfand in der Nähe dieſes Weibes, welche zugleich ſeine Peinigerin und ſeine Pflegerin war, welche wie ein frommes Alp⸗ drücken auf ſeiner Seele lag, und deren Macht er ſich nicht mehr zu entziehen vermochte, vor der er zitterte, und die er ganz heimlich haßte! Und ſatt des Lebens, überdrüſſig dieſer Königsgröße, die doch ſo machtlos war, daß ſie nicht einmal dieſen Schmerzen, welche ihn plagten, gebieten konnte, zu entfliehen, verachtend dieſes Scepter, das ihn nicht einmal zu ſchützen vermochte gegen die Tyrannei der Marquiſe und Le Tellier's, angewidert von dieſem hermelinverbrämten Purpurmantel, der ſchlecht ſeine ſchlotternden Glieder verhüllte, von dieſer Krone, die wie eine drückende Bürde auf ſeinem todesmatten Haupte laſtete, ſank der König zuſammen, und nichts blieb übrig, als ein ſchwacher, ächzender Menſch, ein matter, erſchöpfter, zitternder Greis, Gott anflehend um den Tod, als die Rettung aus dieſen Drangſalen des Lebens! Inmitten ſeines prachtvollen, goldſchim⸗ mernden Palaſtes, umringt von ſchmeichelnden Höflin⸗ gen und ergebenen Vaſallen, war der König tiefgebeugt und allein, und wie der niedrigſte der Menſchen Einer flehte und bettelte er zu Gott um ein wenig dieſes himmliſchen Brodtes der Gnade, nach welchem ſeine Seele hungerte in verzweiflungsvoller, troſtloſer Dürf⸗ tigkeit! Und endlich, am erſten September des Jahres 1715, kam der Tod; aber er kam im Gefolge entſetzlicher Schmerzen, namenloſer Qualen, und zuweilen, wenn der König mit lautem Aechzen auf dieſer Folterbank ſeiner Leiden lag, zuweilen gedachte er dann mit lau⸗ tem Aufſchrei der Vergangenheit, erinnerte er ſich dann dieſer Tauſende, die er in der freien Macht ſei⸗ nes königlichen Willens auch der Folter und der Qual — 103— überliefert hatte, und geängſtigt von ſolchen Erinnerun⸗ gen, faltete der zitternde Königsgreis die Hände empor zu Gott und ſchrie:„Mein Gott, mein Gott, ich hoffe auf Deine Gnade! Ich leide, aber ich leide lange noch nicht genug, und das iſt es, was mich quält!“*) Doch litt er fürchterlich, litt an doppelter Qual, an der Vergangenheit und der Zukunft! Denn, wenn er die Augen öffnete, wer ſtand dann von den Seinen an dieſem Königslager? Ein ſchwacher, ſechsjähriger Knabe, ein armes Kind, das in wenigen Stunden ſich König von Frankreich nennen ſollte, das der Willkühr ſeiner Umgebungen Preis gegeben, dem man fluchen wird um der Thaten, die Andere für ihn thun wer⸗ werden! Und dieſes Kind war Alles, was dem Kö⸗ nige geblieben von ſeiner Familie, auf dieſem Kinde ruhte die Hoffnung dieſes armen, zertretenen Frank⸗ reichs, das er, König Ludwig der Vierzehnte, aus einem Paradieſe in eine Wüſte verwandelt hatte! Und der von Reue gepeinigte König riß dieſes Kind in ſeine Arme, und ſein jugendliches Haupt mit Thrä⸗ nen bethauend, ſagte er: armes Kind, Du wirſt ein großer König werden! Folge nicht meinem Beiſpiel. *) Beaumelle. Vol. III. pag. 245. — 104— Liebe Deine Unterthanen, mehr, wie ich es gethan! Belaſte ſie nicht mit Abgaben. Thue Alles das für ſte, was ich zu meinem Unglücke nicht gethan!“*). Aber nein, dieſes arme zitternde Kind war nicht das einzige Glied ſeiner Familie, nein, es war da noch ſein Weib, dieſe Marquiſe Maintenon, und in dieſem Augenblick vergaß der König aller der kleinen Leiden, die ſie ihm auferlegt, erinnerte er ſich nur, daß ſie dreißig Jahre hindurch ſeine Launen ertragen, dreißig Jahre hindurch ihn gepflegt und für ihn geſorgt hatte. Ach, ſagte er, ihr die Hände reichend, das Einzige, was mich betrübt, iſt, daß ich Dich verlaſſen muß! Aber ich hoffe, Dich bald in der Ewigkeit wieder zu ſehen! Aber die Marquiſe wandte ſich ſchaudernd ab. Oh, dies ſchöne Rendezvous, was er mir da ver⸗ heißt, ſagte ſte, dieſer Mann hat nie etwas Anderes geliebt, als ſich!**) Der König hörte nicht ihre Worte, er glaubte, ſie wende ſich ab, um ihre Thränen zu verbergen, und ſie näher an ſich ziehend, drückte er ſie feſt und innig an ſein Herz. *) Beaumelle. Vol. VI. pag. 246. **) Mémoires de Boulduc, Apothicaire du Roi. —xx — 105— Laß mich in Deinen Armen ſterben! flüſterte er. Aber die kluge Marquiſe dachte in dieſem Momente nur an ſich! Der König ſtarb, er war unrettbar ver⸗ loren, was hatte ſie alſo jetzt noch zu thun mit dieſem ohnmächtigen, machtloſen Greiſe! Konnte er ihr Schutz gewähren gegen die Demüthigungen und Beleidigun⸗ gen, gegen den Hohn und die Verwünſchungen, mit denen man, ſobald der König todt, die machtvolle Fa⸗ vorite zu Boden ſchleudern würde? Konnten dieſe im Todeskampfe zuckenden Lippen ihr noch irgend eine Gnade gewähren, irgend einen ihrer Wünſche zu Be⸗ fehlen erheben? Wie geſagt, die Marquiſe Maintenon dachte jetzt nur noch an ſich und an ihre Sicherheit! Anſcheinend niedergedrückt vor Kummer, in Thränen zerfließend, ſchwankte ſie hinweg von dem Lager des Königs, im Todeskampfe Den allein laſſend, der im Leben nicht einen Moment ſich ihrer Wachſamkeit und ihren lauern⸗ den Blicken hatte entziehen können! Verkleidet, voll Furcht vor dem Hohne des Volkes, nicht in ihrer eigenen Equipage, ſondern im Wagen des Marſchalls von Villeroi, verließ die Marquiſe Maintenon Verſailles, das noch wiederhallte von dem — 106— Todesächzen ihres ſterbenden Gemahls, und begab ſich unter ſtarker Bedeckung nach St. Cyr, in das fromme Aſyl, welches ſie in kluger Berechnung ſich ſelber er⸗ baut hatte! Ein Kloſter iſt eine heilige Zufluchts⸗ ſtätte gegen die Verfolgungen eines Volkes! Ludwig blieb allein und verlaſſen zurück. Le Tellier, ſein Beichtvater, entfernte von ſeinem Lager Alle, außer den Prieſtern ſeiner Kirche, und dieſen machtlos über⸗ laſſen, war er nur noch ein willenloſes Werkzeug in der Hand dieſer hochmüthigen Diener Gottes! Der, in den Nebenzimmern verſammelte, athemlos lauſchende Hof hörte den König mit lauter Stimme das Ordensgelübde der Jeſuiten ableſen, das übrigens Ludwig ſchon drei Jahre bevor feierlich vor dem Ge⸗ nuß des Abendmahls, am Altare knieend, in die Hand Le Tellier's abgelegt hatte! Der König von Frankreich hatte ſich zum Jeſuiten gemacht, weil Le Tellier ihm geſagt, daß die Jeſuiten durch Gottes beſondere Gnade dem Fegefeuer und der ewigen Strafe enthoben ſeien! Als Jeſuit ſtarb Ludwig von Frankreich! In ſeiner Jugend ein wollüſtiger, übermüthiger, lebensluſtiger und ſündenvoller Menſch, war er im Alter ein tyran⸗ * 4 —— — 107— niſcher, bigotter, blutdürſtiger Tyrann, und endete als ein zitternder Sclave, als der demüthige Diener und Knecht der Jeſuiten! Als der König ſeinen letzten Seufzer verhauchte, drückte ihm Le Tellier ein Crucifir in die erkaltenden Hände, und bis zu ſeiner Beiſetzung wachten, wie die frommen Mitglieder der Geſellſchaft Jeſu dies bei ihren Ordensbrüdern zu thun gewohnt waren, Jeſuiten an dem Sarge des Geſtorbenen!— Wer regiert? Eine Intriguengeſchichte. 4 „——„ I. Marquita. In einem Zimmer des königlichen Palaſtes zu Ma⸗ drid ſaß, ſchwermüthig den Kopf in ihre Hand ge⸗ ſtützt, ein junges Mädchen. Ihre glühenden ſchwar⸗ zen Augen blickten mit träumeriſchem Ausdruck in dem Gemache umher, und dennoch ſah ſte nichts von der Pracht, die ſie umgab, dennoch bemerkte ſie weder die goldgeſtickten Vorhänge dieſer hohen Bogenfenſter, noch dieſe reich vergoldeten venetianiſchen Spiegel von un⸗ ermeßlichem Werthe, die an den Pfeilern ſtanden, noch dieſen türkiſchen Teppich des Fußbodens,— nein, nicht einmal die herrlichen Gemälde, die an den mit Sammet überzogenen Wänden hingen, gewahrte Marquita, das junge Ehrenfräulein der mächtigen Prinzeſſin Orſini! Was kümmerte dieſes junge Mädchen die Pracht, die ſie umgab, und deren ſte ſchon überdrüſſtg geworden, — 112— obwohl ſie erſt ſeit einem Monat zu Madrid und in dem königlichen Palaſte verweilte! Marquita war noch ſo jung, und der Jugend erſcheint Alles prächtig und glänzend, weil ſie es mit glänzenden Augen anſchaut, und was die Jugend am meiſten begehrt, was ſie am meiſten erſehnt, das fehlte Marquita, die Freiheit näm⸗ lich! Wie ein gefangener Vogel fühlte ſie ſich, und dieſes Königſchloß zu Madrid, es erſchien ihr nur wie ein Käfig, ein ſehr prächtiger, ſehr herrlicher zwar, aber immer doch ein Käfig! Das macht, Marquita war in der Freiheit aufgewachſen, auf dem einſamen, kleinen Landhauſe, in welchem ſie mit ihren Aeltern gelebt, hatte ſie nichts gewußt von dem Zwang der Etiquette und den überläſtigen Formen der Weltſitte! Mit den Blumen und den Vögeln, mit den Lämmern und den Bäumen war ſie aufgewachſen, ein friſches, freies, fröhliches Kind der Natur, kaum wiſſend, daß da draußen, außer ihrem Landhauſe und ihrem Gar⸗ ten, es noch eine Welt gäbe, und nimmer nach ihr verlangend, weil ſie zufrieden war in ihrem ſtillen, eingefriedigten Daſein! Sie gehörte einer vornehmen Familie an, und ihre Aeltern waren den edelſten Häuſern Spaniens verwandt, V — 113— aber ſeit Unglücksfälle und Kriegesnoth den Grafen Don Joſe Valabera arm gemacht, und ihn genöthigt, auf dieſes Landhaus, als ſein letztes Beſitzthum, ſich zurückzuziehen, ſeitdem hatten dieſe edlen, ſpaniſchen Häuſer die Verwandtſchaft mit dem verarmten, in Dun⸗ kelheit und Abgezogenheit lebenden Grafen vergeſſen, und waren bemüht geweſen, ſich fern zu halten von einem Verwandten, der vielleicht auf eine Unterſtützung, auf eine Verſorgung Anſprüche machen wollte. Darin freilich hatten ſie ſich geirrt in dem Grafen, er zog eine unabhängige Armuth einem abhängig ma⸗ chenden Wohlſtande freudig vor. Zudem fühlte er ſich nicht arm, denn neben ihm war ſein Weib, welches er liebte, und ſeine Tochter Marquita, bei deren An⸗ blick dieſe zärtlichen Aeltern nur fühlten, daß ſte einen unendlichen Reichthum beſäßen, und daß Gott ſie ge⸗ ſegnet mit einem köſtlichen Schatze. So, behütet und beſchützt von den ſanſten Blicken einer zarten Mutter, eines edlen Vaters, war Mar⸗ quita aufgewachſen, und ihre Aeltern waren ihre ein⸗ zigen Lehrmeiſter geweiſen. Ihr Vater hatte ſie unter⸗ richtet in den fremden Sprachen und in der Geſchichte, er hatte ſie die Natur kennen gelehrt und den Lauf der III. 8 Geſtirne, er hatte ihr geiſtiges Auge geſchärft, daß es mit ſicherm Blick aller Dinge wahren Kern erkannte und erſchaute,— ihre Mutter hatte ſie unterrichtet in den Künſten, welche dem Weibe zuſagen, ſo wie in den Dingen, welche zu wiſſen einer Haufrau noth thun. Und wenn der Tag unter dieſen wechſelnden Beſchäf⸗ tigungen ihnen vergangen, ſo vereinte ſie der Abend in dem ſtillen, einfachen Geſellſchaftszimmer, wo ſie zuſammen die herrlichen Dichter ihres Landes laſen! Das war ein frohes und köſtliches Leben geweſen! Warum mußte der Tod kommen, es zu zerſtören! Er hatte kein Erbarmen mit Marquita's verzweiflungsvol⸗ lem Flehen, mit ihren Thränen und ihrer Verlaſſen⸗ heit! Er nahm ihr den Vater, und wenige Wochen darauf auch die Mutter! Die Gräfin aber, ihren na⸗ hen Tod ahnend, hatte, in der Angſt um ihr bald nun ganz vereinſamtes Kind, an die Prinzeſſin Or⸗ ſini, die nächſte Verwandtin ihres Hauſes, geſchrieben, und mit der ſorgenden Angſt einer Mutter die macht⸗ volle Favoritin des Königspaares um ihren Schutz angefleht! So war Marquita, bald nach ihrer Mutter Tode, zu ihrer Tante, der Prinzeſſin Orſini, gekommen, die ,— — 115— ſie zu ſich genommen, nicht aus Theilnahme oder Mit⸗ leid, ſondern nur, damit man nicht ſagen könne, ſie laſſe ihre Verwandte in der Dürftigkeit dahin ſchmach⸗ ten, während ſie ſelber von Glanz und Lurus umge⸗ ben ſei! Marquita war alſo das Ehrenfräulein der Prin⸗ zeſſin Orſini geworden, und wohnte ſeit einem Monate neben ihrer Tante in dem königlichen Reſidenzſchloſſe zu Madrid! Und als Chrenfräulein ſaß ſie eben jetzt in dem Vorzimmer der Prinzeſſin und wartete des Rufes ihrer Gebieterin.. Aber mit dem glücklichen Vorrecht einer jugendlichen Phantaſie hatte ſte, in Träume verloren, längſt ſchon vergeſſen, wo ſie ſich befand, und die Schwingen ihrer Gedanken hatten ſie weit hinaus getragen über dies ſteinerne Königshaus, und über die Zinnen und Dä⸗ cher dieſer Stadt, hatten ſie getragen zu dem einſamen lieblichen Landhauſe ihrer Heimath, zu den beiden hei⸗ ligen Gräbern ihrer Aeltern! Marquita hatte geweint bei dieſen Erinnerungen, aber dann hatten andere Gedanken die Thränen dieſer ſchönen Augen wieder getrocknet und ein köſtliches 9* — 116— Lächeln auf die Lippen dieſes jungen Mädchens gerufen. Welches waren dieſe Erinnerungen, weshalb erröthete ſie und weshalb hoben Seufzer ihren ſchönen Buſen? Ach, das war das ſüße Geheimniß eines Mädchen⸗ herzens, das ſtillverſchwiegene Glück einer jungfräu⸗ lichen Seele! Die Uhr, welche auf vergoldeter Conſole an der Wand ſtand, weckte mit ihrem gellenden Schlag Mar⸗ quita aus ihren Träumen, ſie ſchreckte empor und blickte nach der Uhr. Ach, ſchon zehn Uhr! flüſterte ſie leiſe. Es iſt alſo eine Stunde, daß die Prinzeſſin mich in ihrem Vor⸗ zimmer warten läßt, warten auf die Ehre, ihr das Frühſtück ſerviren zu dürfen! Nun, freilich, ich darf nicht murren! Man ſagt ja, es ſei eine hohe Gnade, daß meine erlauchte Tante ſich meiner erbarmte! Und es iſt wahr, ſie erfüllte damit den letzten Wunſch mei⸗ ner ſterbenden Mutter! Ich muß ihr alſo dankbar ſein! Ach, warum kann ich mein Herz nicht zwin⸗ gen, ſie zu lieben! Und das junge Mädchen ſenkte das Haupt auf ihre Bruſt und ſeufzte. Hinter ihr aber öffnete ſich leiſe eine Thür und ein — — 117— junger Mann trat, vorſichtig umher blickend, herein. Marquita hörte ihn nicht; der dicke Teppich des Fuß⸗ bodens verbarg ihr ſeinen Schritt. Als er aber, dicht hinter ihr ſtehend, ſich zu ihr hernieder neigte und leiſe ihren Namen nannte, ſchreckte ſie empor und ein glü⸗ hendes Roth überzog ihre Wangen! Orri! athmete ſie leiſe, und unwillkührlich lächelte ſie. Wie ſchön erſchien ſie ihm mit dieſem Erröthen und dieſem Lächeln! Es war ein erneuertes Geſtändniß ih⸗ rer Liebe. Ach, ich wußte, daß ich Dich allein treffen würde, meine ſüße Marquita, ſagte er, ihre Hand an ſeine Lippen drückend. Die Prinzeſſin iſt ſeit einer Stunde ſchon im Krankenzimmer der Königin. Dieſe Minute alſo iſt unſer! Komm, laß mich Dich anſehen, nein, ſchlage die langen ſeidenen Schleier Deiner Wimpern nicht über Deine Augen! Laß mich in ihnen leſen, ob Marquita mich noch liebt, ob ſie mir treu iſt! Und der junge Mann beugte ein Knie vor Mar⸗ quita und ſah ihr mit einem entzückten Lächeln in das liebliche Angeſicht. 0 Ach, ſagte ſie mit einem ſchelmiſchen Lächeln, wenn das die ſchönen Damen Eures Hofes wüßten! Der ———ꝛʒꝛÿÿ— — 118— ſtolze und mächtige Graf Orri zu den Füßen eines kleinen Ehrenfräuleins! Und wenn das die großen und mächtigen Herren des Hofes wüßten, die um die Nichte der Prinzeſſin Orſini werben, wenn ſie das wüßten, daß dies ſchöne Fräulein den armen, kleinen Grafen Orri zu ihren Füßen duldet! ſagte er. Dann ſahen ſie ſich Beide an und lächelten, und in ihren Blicken lag eine Welt des Glückes! Du liebſt mich alſo? flüſterte er leiſe, und legte, zu ihr aufſchauend, ſeine Arme um dieſe ſchlanke, köſt⸗ liche Geſtalt.— Weißt Du's nicht? fragte ſie mit der Unſchuld eines Kindes. Wenn Du's nicht weißt, wie ſoll ich es dann wiſſen? Ach, Du biſt ſo klug und ſo gelehrt, Du verſtehſt Alles und weißt Alles, Du kennſt auch die Liebe, denn Marquita wird nicht die Erſte ſein, welche der gefeierte Graf Orri liebt! Aber ſiehſt Du, mit mir iſt das etwas ganz Anderes! Ich verſtehe nichts und weiß nichts, und Eure ganze Welt iſt mir fremd! Ich verſtehe auch die Liebe nicht und weiß nichts von ihren Symptomen. Wenn Du's nun nicht gewiß weißt, ob ich Dich liebe, ſiehſt Du, ſo muß ich — 119— fürchten, daß dies Alles, was mich quält, nur die Merkmale einer Krankheit ſind, welche Stunde um Stunde mein Herz beklemmt und es allmälig zerſtö⸗ ren wird! Sie war reizend mit dieſem ſchelmiſchen Ausdruck ihrer Züge, mit dieſem lieblichen Lächeln, das ihre Lippen umſpielte. Graf Orri fühlte, daß er ſie gren⸗ zenlos liebe, daß ſie ihn wie mit Zauberbanden um⸗ ſtrickt hielt. Laß mich alle dieſe Merkmale wiſſen, ſagte er, dann will ich, als ein kluger und weiſer Arzt, Dir ſagen, ob es Krankheit oder Liebe iſt, was Dich quält! Wohlan, mein Herr Doctor, ſo hören Sie mir zul! rief ſie gravitätiſch, und indem ſie ihre kleinen zarten Hände auf ſein Haupt legte und dann in gedanken⸗ loſem Spiel dieſes ſchwarze, glänzende Haar ihres Geliebten durch ihre Fingern zog, ſagte ſie: Zum Er⸗ ſten, mein Herr Doctor! Was bedeutet das, daß ich kein Gefallen finde an den glänzenden Feſten dieſes Hofes, daß ich inmitten Eurer rauſchenden Vergnügun⸗ gen und Bälle mich ſehne nach der ſtillen Einſamkeit meines Zimmers, daß es mir ſcheint, als verachte ich alle dieſe Pracht und Herrlichkeit, und daß es mir — 120— Thränen in die Augen treibt, Eure Muſik zu hören, wenn ſie in füßen Melodieen, oder mit den lockenden und zugleich bachantiſchen Klängen Eurer Tänze mich umrauſcht! Das kann Krankheit ſein, ſagte Orri ernſthaft, eine Schwäche der Nerven vielleicht. Sie ſchlug ihn lächelnd mit ihren zarten Fingern auf die Lippe, und fuhr fort: zum Zweiten, mein Herr Doctor! Woher kommt es, daß, während ich alle die Schmeicheleien der vornehmen Herren dieſes Hofes ver⸗ achte, während ihre Aufmerkſamkeiten mich beläſtigen und ihre verliebte Blicke mir eine Beleidigung ſchei⸗ nen, woher kommt es, daß es doch einen Mann giebt, einen Grafen Orri, deſſen Nähe ich erſehne, als das größte Glück meines Lebens, deſſen Stimme vor mei⸗ nem Ohr erklingt, wie die holdeſte Muſik, deſſen Blicke für mich wie der Glanz der Sterne ſind, ſo rein und ſo erquicklich, deſſen Liebesworte mein Herz erfüllen mit einer Wonne, welche mein Herz zerſprengen könnte! Das iſt Krankheit! ſagte er leiſe, aber ſeine Augen ſtrahlten vor Entzücken. Wie kommt es, fuhr Marquita fort, und ihre Züge hatten einen andern Ausdruck angenommen, es war — 121— nicht mehr ein ſchelmiſches, unſchuldiges Kind, ſondern ein begeiſtertes, ſchwärmeriſches Mädchen, das jetzt ſprach. Wie kommt es, ſagte ſie, daß ich, ſeit ich ihn kenne, kaum mehr weine um meine Aeltern, daß ich mich nicht mehr einſam und verlaſſen fühle, ſon⸗ dern daß ſein Herz mir eine Heimath ſcheint, zu der ich mich flüchten kann aus all den Trübſalen dieſes Lebens, daß ich mich an ſeine Bruſt ſchmiege, voll des ſüßen Vertrauens, daß ich da geborgen bin gegen alles Unglück und alles Leid, daß ich da Alles wieder gefunden, was ich verloren, einen Vater und eine Mutter, einen Freund und einen Bruder! Wie kommt es, daß ich dieſem Manne ſo grenzenlos vertraue und ihn doch erſt ſeit vier Wochen kenne? Daß ich Alles hingeben mögte für ihn, daß aller Glanz und aller Reichthum mir nichtig und unwerth ſcheint, und ich mich ſtill zu ſeinen Füßen ſchmiegen und zu ihm ſagen mögte: Da nimm mich hin, ich bin Dein! Sei mein Vater und mein Herr, ſei mein Geliebter und laß mich Deine Sclavin ſein, und laß mich Dir dienen, wie meinem Herrn, und laß mich zu Dir beten, wie zu meinem Gotte! Da nimm mich hin, ich vertraue Dir meine Ehre, denn Du wirſt über ihr wachen, wie eine Mutter es thut, ich vertraue Dir mein Leben, denn Du wirſt es beſchützen, wie ein Vater es thut, ich vertraue Dir mein Herz, denn Du wirſt es heilig hal⸗ ten, wie ein Gatte es thut! Da nimm mich hin, mit jedem Pulsſchlag meines Daſeins bin ich Dein, und von Dir will ich ohne Murren das Glück empfangen oder das Unglück!— Nun ſage, ob das Krankheit iſt oder Liebe? Graf Orri antwortete nicht; eine tiefe und heilige Rührung erſtickte ſeine Stimme, und als er mit einem unendlichen Ausdruck des Entzückens zu ihr empor ſchaute, ſah ſte, daß ſeine Augen voll Thränen ſtanden. Du weinſt? fragte ſie erſchrocken. Laß mich weinen! ſagte er leiſe. Dieſes Glück würde mich ſonſt erſticken! Mein Gott, es iſt ſo lange her, daß dieſe füßen und heiligen Klänge der Unſchuld nicht an mein Ohr geſchlagen! Wenn ich Dich anhöre, ſo ſcheint es mir, daß das ganze wüſte und üppige Le⸗ ben dieſes Hofes nur wie ein böſer Traum an mir vorüber gegangen, daß ich wieder harmlos und ohne Schuld ſei, wie in den Tagen meiner Jugend, und daß das Glück mir wieder in einer Hütte zu wohnen ſcheine, in dem ſtillen Frieden eines ſeligen Thales, — 123— und nicht dort, wo ich es ſo lange vergeblich geſucht, nicht an den Stufen eines Thrones, nicht in Ruhm und Ehre! Und wenn ich Dich anſehe, ſo ſcheint es mir faſt, als wären alle Weiber wieder unſchuldig und rein, als gäbe es keine Coquetten und keine Heuch⸗ lerinnen, keinen Verrath und keinen Treubruch mehr! Seit ich Dich liebe, mögte ich der ganzen Welt ver⸗ trauen! So thue es, mein Geliebter! ſagte ſie, ſein Haupt an ihren Buſen drückend. Wer vertrauet, der iſt glück⸗ lich, das Mißtrauen iſt wie ein Mehtthau, der jede Blüthe der Freude zerſtört! Du armer, unſchuldiger Engel! rie Orri, ihre Lip⸗ pen küſſend. Gott gebe, daß Du es niemals kennen lernen mußt, dieſes Mißtrauen. Du lehrſt es mich ſchon kennen, Du! ſagte ſie mit leichtem Vorwurf. Ich? Ja Du! Denn Du wilſtt nicht, daß ich Vertrauen habe! Heißt das nicht mißtrauen ſollen? Haſt Du mir nicht verboten, meiner Wohlthäterin und Tante, der Prinzeſſin Orſini nämlich, es zu bekennen, daß wir uns lieben? — 124— Des Grafen Stirne verfinſterte ſich. Ah, ſagte er, Du mißgönnſt mir alſo das ſüße Glück dieſer Stunde! Denn mich an die Prinzeſſin Orſini erinnern, heißt mich meinem Glücke entreißen! Mein Gott, Du haſſeſt ſie alſo? fragte Marquita erſchrocken. Du haſſeſt ſie, und doch ſcheint Dir die Prinzeſſin ſo ſehr gewogen! Ein ſchneller, forſchender Blick des Grafen traf Mar⸗ quita's Angeſicht, aber dieſes Angeſicht war ganz un⸗ befangen und harmlos. Das beruhigte ihn, und er⸗ leichtert aufathmend ſagte er: Es iſt wahr, Prinzeß Orſini iſt ſehr gütig gegen mich, und ich bin ihr da⸗ für dankbar! Aber dennoch, theuerſte Marquita, den⸗ noch beſchwöre ich Dich, ſie nichts ahnen zu laſſen von dieſem ſüßen und köſtlichen Geheimniß unſerer Liebe! Der Prinzeſſin unſer Glück bekennen, hieße, es auf ewig zerſtören! Orri! rief Marquita, ſich an ihn ſchmiegend. Wie Du mich erſchreckt haſt! Ach, ich zittere, und doch be⸗ greife ich nicht, wie dies ſein kann! Graf Orri ſchloß ſie feſt in ſeine Arme. Frage mich nicht darnach, ſagte er innig. Laß mich Dir über den Abgrund eine Brücke bauen, und Deinen — 125— Pfad mit Roſen beſtreuen, deren Dornen nicht Deine kleinen zierlichen Füßchen ritzen ſollen! Nein, meine füße Blume, frage mich nicht. Du ſollſt nichts fürch⸗ ten! Ich bedarf Deines Lächelns und Deiner unbe⸗ fangenen Heiterkeit, um muthig Alles durchführen zu können, und dereinſt, Marquita, dereinſt, wenn ich Dir Alles ſagen darf, wirſt Du mir danken, daß ich Dir jetzt ſo Manches verſchweige! Aber, fragte Marquita, ihn ſanft umſchlingend und mit ihren klaren Gazellenaugen ihn anblickend, aber habe ich nicht ein Recht auf Dein Vertrauen? Und wie? Glaubſt Du denn, daß ich glücklich ſein kann, wenn ich Deine Stirne doch ſo oft von Sorgen um⸗ düſtert ſehe? Die Sorgen, ſagte Graf Orri feierlich, die Sorgen gebühren dem Manne, und das Weib, welches er liebt, vor Sorgen zu beſchützen, das iſt des Mannes hei⸗ ligſte Pflicht. Darum, meine holde Braut, laß mich Dich ſchützen! Verſprich mir, daß Du mir, und nur mir allein vertrauen, daß Du das Geheimniß unſerer Liebe Niemand verrathen willſt, mit keinem Wort, mit keiner Miene! Willſt Du mir das verſprechen? Marquita, als ſie ihn ſo ernſt ſah, war ſelber ernſt — 126— geworden, und ihm die Hand darreichend, ſagte ſie feſt: Ja, ich verſpreche es Dir! Ich habe Dich zum Herrn über mein Herz gemacht, und ſomit auch zum Herrn meines Willens, denn wenn ein Mädchen liebt, iſt Herz und Wille bei ihr eins! Ich danke Dir! rief Orri, ſie feſt an ſich drückend. Glaube mir, Marquita, dieſe Vorſicht und dieſes Schweigen ſoll uns zum Ziele führen! Und warum auch ſprechen, Holde? Die Liebe iſt wie eine Blume! Sie blüht am herrlichſten im Schatten des Schwei⸗ gens, und wenn Du ſie hinaus trägſt in die laute Welt, wird die zarte Blüthe bald vernichtet ſein! Darum, Marquita, laß uns jetzt ſchweigen, damit wir dereinſt es laut ſagen dürfen, daß wir glücklich ſind! Das höchſte Glück aber— Plötzlich verſtummte Orri und blickte forſchend in den großen Spiegel, dem er gegenüber ſtand. Er hatte in demſelben geſehen, daß die hinter ſeinem Rücken am Ende des Saales befindliche Portière ſich bewegte und daß zwiſchen den Falten derſelben zwei große blitzende Augen für einen Moment ſichtbar wurden! 8 II. Prinzeſſin Orfini. Wie geſagt, Graf Orri hatte ſehr wohl das Be⸗ wegen der Portiére und zwiſchen derſelben das Blitzen dieſer großen ſchwarzen Augen geſehen, aber ſchnell wie ein Gedanke war ſeine augenblickliche Beſtürzung vorüber gegangen. Ohne ſeiner Geliebten irgend ein Zeichen zu geben, trat er einen Schritt zurück, und fuhr, gleichſam einen angefangenen Satz vollendend, aber mit einem ernſtern, fremdern Tone, fort: Das höchſte Glück macht ſtumm! Oh, was ſind auch Worte, Worte, wenn die Bruſt überſttömt von unausſprechlicher Empfindung! Ach, das Herz voll der heißeſten Gluth, iſt es dennoch mein Loos, ungeſehen zu dulden und zu ſchweigen! Und warum ſchweigen? fragte eine Stimme hinter ihnen. Warum denn ſchweigen, Orri? — 128— Marquita ſtieß einen leiſen Schrei aus, und fuhr erbleichend von ihrem Seſſel empor, während Orri, mit ſehr gut geheucheltem Erſtaunen, ſich tief verneigte vor dieſer ſtolzen, hoheitblickenden Dame, deren An⸗ nähern er ſehr wohl im Spiegel bemerkt hatte. Ah, unſere gnädigſte Prinzeſſin! ſagte er ehrfurchts⸗ voll. Mein Gott, Sie hörten alſo meine Worte? Die Prinzeſſin Orſini ſchien nicht auf ſeine Worte zu achten, aber ſie trat näher zu ihm heran, und ihre von Brillantringen funkelnde Rechte auf Graf Orri's Schulter legend, blickte ſie mit ihren großen durchboh⸗ renden Adleraugen ihm feſt und prüfend in das An⸗ geſicht. Warum ſchweigen, Orri? wiederholte ſie dann ihre frühere Frage. Bekennen Sie doch der Dame, welche Sie lieben, Ihr Herz, vielleicht daß ſie— Daß ſie mich dann aus ihrer Nähe verbannte? un⸗ terbrach ſie Graf Orri lebhaft. Das, Lizeſſn in, das fürchte ich eben! Die Prinzeſſin öffnete ſchon die Lippen zu einer Ant⸗ wort, dann ſtockte ſie, denn ihr Auge hatte zufällig dieſes kleine Ehrenfräulein Marquita gewahrt, deren Nähe ſie bis dahin ganz überſehen hatte. — — 129— Sie winkte das junge Mädchen zu ſich, und wäh⸗ rend ſich Marquita auf die Hand der Prinzeſſin neigte, küßte dieſe ſie flüchtig auf die Stirne. Guten Morgen, Kleine! ſagte ſie nachläſſig. Du haſt lange auf mich warten müſſen? Das thut mir leid! Doppelt leid, fuhr ſie fort, indem ſie auf den Grafen einen ſchnellen, feurigen Blick warf, doppelt leid, weil Orri Dich unterdeß mit Worten und Phra⸗ ſen gequält hat, die Du nicht verſtehſt! Sie iſt ein Kind, Orri! Ihr Herz iſt noch ein weißes Blatt, auf dem noch keines Mannes Hand die trüglichen Worte ſeiner Liebe gezeichnet hat. Ein feines, unmerkliches Lächeln umzog Marquita's Lippen, und einen verſtohlenen Blick auf ihren Gelieb⸗ ten werfend, neigte ſie ſich nieder auf die Hand der Prinzeſſin. Graf Orri aber ſchien das junge Ehrenfräulein gar nicht mehr zu bemerken, er hatte nur Aug' und Ohr für die Prinzeſſin, und nur auf ſie waren ſeine glü⸗ henden Blicke geheftet. Die Prinzeſſin hatte nicht Marquita's Lächeln be⸗ merkt, aber Graf Orri's Blicke, die auf ihr, der Prinzeſſin, ruhten, die gewahrte ſie, und Marquita II. 9 — 130— war ihr daher ſehr überflüſſig, ſehr läſtig in dieſem Augenblick. Geh, mein Kind, ſagte ſie gebieteriſch, geh hinein in meine Gemächer! Da findeſt Du Blumen, friſche Roſen! Winde Dir einen Kranz und probire ihn am Spiegel! Heute Abend iſt Ball, und ich erlaube Dir zu tanzen! Geh alſo! Die Prinzeſſin ſagte das in einem ſo ſtrengen, be⸗ fehlenden Ton, daß Marquita nicht den Muth zu einer Erwiderung fand, ſondern mit einer flüchtigen Ver⸗ neigung das Zimmer verließ. Die Prinzeſſin blickte ihr ſchweigend nach, während Orri, in ehrfurchtsvoller Entfernung ſtehend, die Be⸗ fehle der Prinzeſſin zu erwarten ſchien. Eine Pauſe trat ein, und Prinzeß Orſtni, ein we⸗ nig entrüſtet über Graf Orri's hartnäckiges Schweigen, runzelte leicht die Stirne. Aber ſie überwand ſchnell dieſen augenblicklichen Unmuth, und nachläſſig auf einen Lehnſeſſel niedergleitend, ſagte ſie mit einem ge⸗ winnenden Lächeln: Nun, Orri, jetzt ſind wir allein! Erzählen Sie mir jetzt die tragiſche Geſchichte Ihrer geheimnißvollen Liebe! — 131— Orri verneigte ſich tief. Prinzeſſin, ſagte er leiſe, ich wage es nicht! Ew. Hoheit ſind das erhabenſte und ſchönſte Weib der Erde, aber man ſagt, Prinzeſſin Orſini, welche Alles weiß und Alles kann, verſteht doch Eines nicht! Ah, rief die Prinzeſſin lächelnd, indem ſie ſich in ihrem Fauteuil zurlicklehnte und mit ihrem Fächer ſpielte, das iſt eine Galanterie, Graf, die von einer Ungalan⸗ terie getödtet wird! Nun, ſagen Sie doch, was ver⸗ ſtehe ich nicht? Die Liebe, Hoheit, fagte Orri leiſe,„gleichſam er⸗ ſchreckend vor ſeiner eigenen Kühnheit. Aber freilich, das iſt ſehr begreiflich, denn wo wäre der Mann, welcher einer Prinzeſſin Orfini würdig ſein könnte! In ganz Spanien iſt Keiner, der Ihnen an Gelehr⸗ ſamkeit, an Weisheit und Muth gleichzuſtellen wäre! Ein echtes, königliches Weib aber liebt niemals einen Mann, den ſie ſich überlegen fühlt! Prinzeſſin Orſini iſt ein königliches Weib! Die Prinzeſſin hatte einen ſchwärmeriſchen Ausdruck angenommen, ein ſanftes Feuer blitzte aus ihren Au⸗ gen, und mit einem Seußzer ſagte ſie:„Die geliebte Bettlerin, die allein iſt Königin!“ So fingt unſer 1 — 132— Dichter! Vielleicht hat er Recht! Wenigſtens glaubte ich es einſt! Ah bah— laſſen wir das! Und ſich mit einer ſichtbaren Kraftanſtrengung aus ihrer ſchwärmeriſchen Stimmung emporraffend, fragte die Prinzeſſin: Nun, bringen Sie mir Befehle von Sr. Majeſtät dem Könige? Sr. Majeſtät läßt der erſten Pallaſtdame und Ca⸗ meriera der Königin ſeinen Gruß vermelden, und bittet heute Morgen keine Staatsrathsſitzung zu halten, weil der gefährliche Geſundheitszuſtand Ihro Majeſtät ihren königlichen Gemahl an das Lager der Königin feſſelt. Ah, ſagte die Prinzeſſin aufathmend, ich bin alſo für einige Stunden frei! Graf Orri, Sie dürfen bei mir bleiben! Wie bin ich zu beklagen, daß ich glücklich ſein könnte, und es nicht ſein darf! ſeufzte Orri. Ich habe den Dienſt im Vorzimmer der Königin, und ward nur auf eine halbe Stunde abgelöst! Die Prinzeſſin ſtampfte unwillig mit dem Fuße und zog die Stirne in finſtern Falten; als ſie aber Orri's beredten und glühenden Blicken begegnete, lächelte ſie, und reichte ihm mit einem freundlichen Neigen des Kopfes die Hand dar. — 133— Gehen Sie, ſagte ſie, und auf Wiederſehen, Orri! Der Graf drückte einen feurigen Kuß auf dieſe Hand, welche leiſe den Druck der ſeinigen erwiderte, und dann ſich tief verneigend näherte er ſich der Thür. Aber ſchon im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen, ward er von der Prinzeſſin zurückgerufen. Graf Orril ſagte ſie, nachläſſig mit ihrem Fächer ſpielend. Der Graf näherte ſich ihr und fragte nach ihren Befehlen. Noch Eins! ſagte ſie, ihr Geſicht hinter ihrem Fächer verbergend ‚Die Dame, welche Sie ſchweigend lieben, iſt mir bekannt, und ich darf Ihnen ſagen, daß ſie Ihr Herz verſteht und es zu würdigen weiß. Ich glaube, Sie dürfen es wagen, ſich ihr zu offenbaren, wenn Sie ſie wiederſehen! Nun gehen Sie! Ah, wenn Sie mich ermuthigen, Prinzeſſin, rief Graf Orri, dann— So gehen Sie doch! ſagte die Prinzeſſin mit einem Blicke, der zu ſagen ſchien: bleibe! Vielleicht verſtand Graf Orri dieſen Blick nicht, oder er wollte ihn nicht verſtehen! Ich gehe, ſagte er ſich tief verneigend, und gleich⸗ — 134— ſam, als fürchte er, noch einmal zurückgerufen zu wer⸗ den, verließ er raſch das Zimmer. Die Prinzeſſin war nicht ſobald allein, als ſie ſich ganz ihrer wilden und heftigen Gemüthsart überließ, und dieſem Sturm, welcher in ihr tobte, erlaubte, Müich auch auf ihren Zügen auszuprägen. Mit einer zornigen Bewegung warf ſie den Fächer, mit welchem ſie zuvor ſo zierlich geſpielt, zur Erde, daß dieſe koſtbare chineſiſche Elfenbeinarbeit in tauſend kleine Stückchen zerſplitterte, und mit haſtigen Schrit⸗ ten im Zimmer auf⸗ und abgehend, ſagte ſie mit zu⸗ ſammengepreßter Lippe: Ach, dieſe entſetzliche Etiquette! Das iſt eine langſame Folterqual, ein ſchleichendes Gift, an welchem man ganz ungeſehen ſterben kann! Nein, nein, rief ſie dann heftig, ich will nicht ſter⸗ ben, ich nicht! Ich will alle dieſe Feſſeln zerreißen, alle dieſe Schranken durchbrechen, und kein Geſetz ſoll es in dieſem Lande geben, als das, welches mein Mund vorſchreibt und meine Hand beſiegelt. Und freilich, Prinzeſſin Orſini, die machtvolle Fa⸗ voritin der Königin und zugleich des Königs von Spanien, ſie hatte wohl ein Recht ſo zu ſprechen! Ihre Worte waren machtvoller und bedeutungsreicher, — 135— als die des Königs ſelber, und wenn man es zuwei⸗ len wagte, dieſem franzöſiſchen Prinzen, welchen Kö⸗ nig Ludwig des Vierzehnten Macht auf den Thron von Spanien geſetzt, zu widerſprechen, ſo nahm man dagegen ſchweigend die Befehle der Prinzeſſin Or⸗ ſini hin. Sie wußte, was ſie wollte, und was ſte ſollte. Denn es gab einen Willen, der über Spanien noch mächtiger herrſchte, als der Wille der Prinzeſſin Or⸗ ſini, einen Willen, dem die ſtolze und herrſchſüchtige Frau ſich, wenn auch mit Widerſtreben und mit heim⸗ lichem Zähneknirſchen, fügen und beugen mußte. Die⸗ ſer Wille war der des Königs Ludwig des Vierzehnten, oder auch der Marquiſe Maintenon, oder des Beicht⸗ vaters Le Tellier. Spanien ſollte gleichſam eine Provinz von Frank⸗ reich ſein, es ſollte ohne zu murren ſich in die Bot⸗ mäßigkeit fügen, welche Frankreich ihm auferlegte, und deshalb hatte Ludwig der Vierzehnte die Prinzeſſin Or⸗ ſini nach Spanien geſandt, damit ſte ſich des Königs und ſeiner Gemahlin verſichere und ſie abhängig mache von Frankreich. Prinzeſſin Orſini war alſo auf Befehl des Königs — 2 — 136— von Frankreich gegangen zu dem König von Spanien, dem frühern Herzog Philipp von Anjou, Enkel Lud⸗ wigs des Vierzehnten. Sie hatte ſich den König und ſeine Gemahlin unterworfen, und die Spanier gelehrt, ſich unter ihrem Scepter zu beugen. Aber, da ſie herr⸗ ſchen konnte, wollte ſie der Laſt überhoben ſein, An⸗ dern zu gehorchen, und um ſich ſelber zu befreien von dem franzöſiſchen Joche, ſollte Spanien ſich durch ſie ſeine vollkommene Unabhängigkeit erkämpfen. Sie gab daher dem König Philipp V. von Spanien den Muth, zuweilen den Befehlen ſeines Großvaters zu widerſte⸗ hen, und einen eigenen Willen zu haben in ſeinem Lande. Das erſchreckte Ludwig, und er ſandte deshalb den Herzog von Orleans, den Liebling der Spanier, welcher ihnen vorangeſchritten in ihren Schlachten und an der Spitze ihrer Armeen geſiegt hatte, nach Spa⸗ nien, mit dem öffentlichen Auftrag, dem König Phi⸗ lipp die Grüße ſeines Großvaters zu bringen, mit dem geheimen Befehl, die Prinzeſſin Orſini zu beobachten, ihre Macht zu untergraben, und wenn möglich, ſie zu ſtürzen, wie er es ſchon einmal gethan. Aber die Prinzeſſin Orſini hatte zu Paris ſo gut ihre Spione, wie Ludwig deren in Madrid hatte, ſie — — 137— wußte daher, ſchon ehe der Herzog von Orleans die ſpaniſche Grenze überſchritten hatte, den Zweck ſeiner Sendung, und hatte ihre Streitkräfte gerüſtet. Ich will dieſen verhaßten Herzog von Orleans be⸗ ſiegen, oder ſterben! ſagte ſie, als ſie jetzt allein war. Sie hatte nach wenigen Minuten ſchon den ſchönen Grafen Orri vergeſſen,— die Liebe war ihr nur ein Spielwerk, die Politik aber der eigentliche Inhalt und Kern ihres Daſeins. Sie wäre jederzeit bereit gewe⸗ ſen, ihre Liebe ihrem Ehrgeiz zu opfern, aber ſie würde niemals ihren Ehrgeiz ihrer Liebe geopfert haben. Jetzt alſo dachte ſie nur noch an die Politik, über⸗ legte ſie nur noch, wie und durch welche Mittel ſie die Plane des Herzogs vereiteln, und ihn verjagend, ihre Macht noch feſter begründen wolle. Ein eintretender Diener ſtörte ſie in ihrem Sin⸗ nen und überreichte ihr ſchweigend ein verſtegeltes Papier. Die Prinzeſſin erbrach es haſtig. Ach, ſagte ſie mit einem triumphirenden Ton, er i*ſt alſo angelangt, dieſer gute Herzog! Nun wohl, wir wollen uns bereiten, ihn zu empfangen! Wir — 138— werden ja ſehen, wer mächtiger iſt, ja, wir werden ſehen! Und die Prinzeſſin begab ſich in ihr Ankleidezim⸗ mer, und befahl ihren Frauen, ihre Toilette in Ord⸗ nung zu bringen! In der That, Prinzeſſin Orſini war immer noch eine ſchöne Frau, obwohl— doch nein, Niemand wagte zu wiſſen, wie alt ſie ſei, ſeit die Königin ge⸗ ſagt, eine Frau, wie ihre Freundin, die Prinzeſſin Orſini, bleibe immer jung und immer ſchön, ſeit der König erklärt, die Prinzeſſin ſei nach der Königin das ſchönſte Weib ſeines Hofes! Wie geſagt, man gab ſich daher alle Mühe, ihr Alter zu vergeſſen, und die Kammerfrauen der Prinzeſſin gaben ſich eine noch viel größere Mühe dieſes Alter nicht ſichtbar werden zu laſſen! Wenn die Prinzeſſin in ihrer reichen und ge⸗ ſchmackvollen Toilette, mit dieſer hohen und ſtolzen Figur, mit dieſen großen, glänzenden Augen und den friſch gerötheten Wangen inmitten dieſes glänzenden Hofes erſchien, ſo war ſie allerdings immer noch eine impoſante und herrliche Erſcheinung, und ganz ge⸗ eignet an das Mährchen ihrer dreißig Jahre glandes zu machen! 8 —— — 139— Heute verwandte die Prinzeſſin aber eine beſondere Sorgfalt auf ihre Toilette, und erſt, als ſie dieſelbe nach einer langen und aufmerkſamen Prüfung als un⸗ tadelhaft erkannt, entließ ſie ihre Kammerfrauen und begab ſich in ihr Empfangszimmer, indem ſie mit ſtol⸗ zem Lächeln zu ſich ſelber ſagte: Jetzt mag er kommen! Ich bin gewaffnet und bereit! — 140— III. Die Diplomaten. Prinzeſſin Orſini hatte ganz richtig berechnet, denn kaum war ſie in den Empfangsſaal getreten, als die Flügelthüren haſtig geöffnet wurden, und die Lakayen mit lauter Stimme den Herzog von Orleans meldeten! Oh, welch eine herrliche Ueberraſchung, rief die Prin⸗ zeſſin, indem ſie dem Prinzen entgegenſchritt. Herzog Philipp von Orleans verneigte ſich vor ihr mit einem anmuthigen Lächeln. Er hatte mit einem Blicke Alles errathen, er hatte an ihrer Toilette, an ihrem Lächeln, an jedem Blick, an jedem Ton ihrer Stimme errathen, daß ſie um ſeine Ankunft gewußt, und ſeine Plane und Inſtructionen kannte, und er be⸗ ſchloß daher auf ſeiner Huth zu ſein. Denn ſie kann⸗ ten ſich Beide ſehr genau, mit dem Inſtinct des Haſſes — — 141— durchſchaueten ſie einander, und laſen ſie in ihren Au⸗ gen die geheimſten Gedanken ihrer Seele. Aber es war dies eine Feindſchaft, welche ſich unter Lächeln und Freundlichkeit verbarg, eine Schlange, welche man unter Roſen gebettet hatte, und man gab ſich gegenſeitig den Anſchein, als ſähe man nur die Roſen, und nicht die Schlange, deren Biß man doch mit heimlichem Auflauern immer fürchtete! Zwei unverſöhnliche Feinde, ſtanden ſie ſich doch daher jetzt lächelnd und freundſelig gegenüber, und als die Prinzeſſin ihm ihre Hand darreichte, drückte der Herzog einen ehrfurchtsvollen Kuß auf dieſe Hand, die er mit Freuden in ſeiner kräftigen Rechten zer⸗ brochen hätte! Der allmächtigen Prinzeſſin meinen ſchuldigen Re⸗ ſpect! ſagte der Herzog ehrfurchtsvoll. Die Prinzeſſin lächelte. Was Sie mir als Schul⸗ digkeit geben, nehme ich als Ehre an, ſagte ſie. Sie kommen aus Frankreich? Ja, mus unſerm lieben und geſegneten Frankreich, rief der Herzog emphatiſch, aus dieſem Frankreich, dem wir Beide mit ſo großem und redlichen Eifer dienen! — 142— Die Prinzeſſin runzelte leicht die Stirn, der Herzog ſah es mit Vergnügen. Ah, dachte er, ich habe alſo Recht gehabt, dieſe Abhängigkeit von Frankreich iſt ihr läſtig! Laut fuhr er fort: ich komme von Ihrem und mei⸗ nem König, von Ludwig dem Vierzehnten, der mich zum Geſandten ernannt hat bei dem Könige von Spa⸗ nien, dem Enkel unſers Königs. Ah, ſagte die Prinzeſſin boshaft, als Abgeſandter des Großvaters an den Enkel! Wie gemüthlich! Ganz Ihres Herrn und Gebieters, des großen Ludwig's, werth! Und Sie, Herzog, ſind der Bote ſolcher ver⸗ wandtſchaftlichen Zärtlichkeit! Wahrlich, das iſt rüh⸗ rend, das treibt mir Thränen in die Augen! Ich ſagte es immer, daß Niemand ſeine Verwandten ſo ſehr liebt, die lebenden ſowohl, als die todten, daß Niemand die verwandtſchaftlichen Bande ſo heilig hält, als der Herr Herzog von Orleans. Sehen Sie, Durchlaucht, ich bin nur ein armes Weib, und die Rührung macht mich weinen! Und die Prinzeſſin, gleichſam um ihre Rührung zu verbergen, hielt ihren Fächer über ihr Angeſicht. Aber es gab in dieſem Fächer eine kleine allerliebſte Spalte, durch welche es —— · — 143— ſich ſehr gut beobachten ließ. Die Prinzeſſin ſah durch dieſe Spalte, wie der Herzog heftig die Lippen auf einander preßte, und mit zornigen Blicken zu ihr hin⸗ über ſchaute. Das hat getroffen! dachte ſie. Freilich, dem Herzog, welchen man in Frankreich des vierfachen Verwandtenmordes anklagte, ihm mußte es ſehr empfindlich ſein, an ſeine verwandtſchaftliche Zärtlichkeit erinnert zu werden, von der man ſagte, daß ſie ſich nur auf ſeine Tochter beſchränke, und aus einer Tugend zu einem Verbrechen geworden ſei. Das ſoll ſie büßen! dachte er, und bei dieſem Ge⸗ danken nahmen ſeine Züge wieder einen heitern Aus⸗ druck an. Die Prinzeſſin hatte indeß ihre Rührung überwun⸗ den, und dem Herzog wieder ihr ſchönes und lächeln⸗ des Antlitz zeigend, fuhr ſie fort: Aber König Ludwig von Frankreich iſt in Wahrheit ein erhabener, ein wei⸗ ſer Herrſcher! Wie groß und klug iſt es von ihm, daß er ſeinen Geſandten nur als Großvater an den Enkel ſendet, nicht als König an den König, und daß er auf dieſe Weiſe alle Politik aus dem Spiele läßt! Ah, in der That, es war hohe Zeit, daß der König — 144— von Spanien von dem Könige von Frankreich als ein ſelbſtſtändiger, ſelbſtherrſchender Monarch anerkannt ward; denn es gab ſchon Unzufriedene in Spanien, die ihren König ſpottweiſe den Vaſallen der Krone Frankreichs nannten! Wie, rief der Herzog mit anſcheinender Entrüſtung, Sie duldeten dies, Prinzeſſin? Konnten denn Ew. Hoheit, als die allmächtige Favoritin, nicht ſolche Ver⸗ läumder ſtrafen? Die Spanier, die ihren Nacken un⸗ ter das Joch von ſchönen Weiberhänden beugen, ſoll⸗ ten wenigſtens ſo viel Galanterie beſitzen, ihren König den Vaſallen ſeiner Gemahlin und der Prinzeſſin Orſini zu nennen! Die Prinzeſſin ſchien dieſe boshafte Bemerkung des Herzogs nicht zu verſtehen. Sie zuckte leicht die Achſeln. 1 Die Spanier ſind weniger galant, als wahrheits⸗ liebend, ſagte ſie, und deshalb konnten ſie nicht ſo ſprechen. Die Spanier haben überhaupt heißes und unzufriedenes Blut! Sie wollen nur Einen König, den König von Spanien, anerkennen; ſie ſind arg⸗ wöhniſch, und in einem Abgeſandten des Königs von Frankreich glaubten ſie bis jetzt immer den Mentor — 145— unſers jungen Königs ſehen zu müſſen! Wie klug alſo, daß der König Sie ſandte, dadurch wird dieſer Argwohn der Spanier vollkommen verſchwinden, denn Sie, Herr Herzog, wird man nicht für einen Mentor halten! Die Prinzeſſin ſah bei dieſen Worten den Herzog mit ſo unbefangener Heiterkeit an, als habe ſie ihm eine außerordentliche Schmeichelei geſagt. Auch ſchien es der Herzog ſo aufzunehmen, denn er verbeugte ſich tief, und ſagte freundlich: da haben Sie Recht, Ho⸗ heit, denn als Odyſſeus in den Netzen der ſchönen Circe gefangen lag, war der weiſe Mentor nicht bei ihm! Folglich kann man mich nicht für einen Mentor halten! Sie meinen, fragte die Prinzeſſin lächelnd, der Men⸗ tor würde, wenn er bei ihm geweſen, den Odyſſeus aus der ſchönen Circe Netzen befreik haben? Ah, Durchlaucht, Sie wiſſen nicht, wie ſtark und dauerhaft manche Netze ſind! Aber ich entſinne mich eines Mährchens, ſagte der Herzog. Als einſt der König der Thiere in einem für ihn zu ſtarken Netze gefangen lag, kam eine Maus und befreiete ihn, indem ſie das Netz zernagte, welches der König nicht zerreißen konnte! III.. 10 — 146— Wollen Sie die Maus ſein, Herzog? fragte die Prinzeſſin raſch, und einen Moment ihre wohlberech⸗ nete Zurückhaltung vergeſſend. Der Herzog trat einen Schritt zurück. Das verhüte der Himmel! rief er lebhaft. Ich eine Maus! Wie könnte ich mich dann in Ihre Nähe wagen! Nein, das wäre für eine Maus zu lebensge⸗ fährlich! Natürliche Feinde ſollen ſich ſo viel als möglich meiden! Die Prinzeſſin erröthete vor Zorn. Ihre natürliche Leidenſchaftlichkeit trug den Sieg über ihre Politik da⸗ von, und mit blitzenden Augen flüſterte ſie: der Un⸗ verſchämte! Der Herzog ſchien es nicht zu hören. Welch ein Glück alſo, ſagte er, daß ich keine Maus, und Sie, Prinzeſſin, keine Feindin der Mäuſe ſind! Ja, ich bin ſo kühn, zu hoffen, daß wir überhaupt keine Feinde ſind, ſondern Freunde! Inſofern, fuhr er mit einer tiefen Verbeugung fort, inſofern zwiſchen einem ergebe⸗ nen Cavalier und einer angebeteten Dame von Freund⸗ ſchaft die Rede ſein kann!. Oh, Herzog, laſſen wir die Redensarten! rief die Prinzeſſin mißmuthig. — 147— Ja, Sie haben Recht, ſeufzte der Herzog, wie oft iſt die Freundſchaft nur eine Redensart, wie oft ver⸗ ſpricht die Lippe, wovon das Herz nichts weiß! Wie empfindſam, Herzog, wie elegiſch! Gewiß ver⸗ ließ Sie Ihre letzte Geliebte! Nein, Hoheit, ſie iſt mir treu! Deshalb bin ich ſo elegiſch! Sie haſſen alſo die Treue? Treue, Reue! Das iſt ſo nah verwandt! ſeufzte der Herzog. Ich haſſe die Treue, weil ich die Reue haſſe! Es giebt nur einen Abſchnitt in meinem Le⸗ ben, den ich nie bereut habe! Und dieſer war? fragte die Prinzeſſin lebhaft. Der Herzog antwortete nicht ſogleich. Mit einem verſtohlenen Lächeln trat er der Prinzeſſin näher, und indem er einen Kuß auf ihre Hand drückte, flüſterte er leiſe: das war damals, als wir uns liebten! Und ſehen Sie, Prinzeſſin, weil Sie damals nichts von Treue wußten, blieb auch nachher die Reue aus! Doch, Sie haben Recht, laſſen wir die Redensarten! Kommen wir zur That. Und einen Schritt zurücktretend verneigte ſich der . 10* — 148— Herzog tief, indem er ſagte: Prinzeſſin Orſini, ich flehe demüthigſt um Ihre Freundſchaft! Und ich gewähre ſie Ihnen mit Vergnügen! rief die Prinzeſſin lebhaft, aber, Herr Herzog, ich mache meine Bedingungen! Und dieſe ſind? Ich werde mir erlauben, ſie Ihnen zu ſagen! ant⸗ wortete die Prinzeſſin, indem ſie ſich in einer ſehr an⸗ muthigen Stellung auf dem Divan ntederließ, und dem Herzog ſchweigend winkte, neben ihr Platz zu nehmen. Der Herzog machte keinen Gebrauch von dieſer Er⸗ laubniß, denn neben ihr ſitzend, wäre es ihm erſchwert geweſen, der Prinzeſſin Antlitz fortwährend zu beob⸗ achten. Er ſchob daher ein niedriges kleines Tabou⸗ ret heran, und ſo, halb zu den Füßen der Prinzeſſin ſitzend, konnte ihm kein Zug ihres Antlitzes entgehen. Und nun Ihre Bedingungen! ſagte er, ihre Hand küſſend. Hören Sie denn! rief die Prinzeſſin nach kurzem Sinnen. Sie ſtehen hier auf einem ſchlüpfrigen Bo⸗ den! Die Spanier haſſen die Söhne Frankreichs! Sie haſſen vor Allem die franzöſiſchen Geſandten. Ich — 149— ſagte Ihnen ſchon, daß ſie in Jedem derſelben einen Mentor ihres Königs ſehen! Sie haſſen überhaupt alle Fremdherrſchaft, ſie— Mein Gott, unterbrach ſie der Herzog mit anſchei⸗ nendem Erſtaunen, ſo ſind Sie, Prinzeſſin Orſini, am Ende gar eine Spanierin? Ich bin es meinem Herzen nach! ſagte die Prin⸗ zeſſin ſtolz, und das wiſſen die Spanier, mein Herr Herzog! Sie wiſſen, daß, indem ich ihrem König und ihrer Königin diene, ich mich ſelbſt, mein ganzes Daſein, meine ganze Seele hingegeben habe an dieſen Dienſt, daß ich mich dem Wohle Spaniens opfere, ja, daß mich zu allen meinen Thaten nur der Wunſch be⸗ ſeelt, Spanien nützlich zu ſein! Das wiſſen die Spa⸗ nier und darum lieben ſie mich! Das iſt ſublim, das iſt erhaben, rief der Herzog. Das zeugt von der uneigennützigſten Liebe dieſer Spa⸗ nier! Mein Gott, dieſe Spanier müſſen unſchuldig und vertrauensvoll ſein, wie die Kinder! Die Prinzeſſin fuhr fort: In allen Handlungen und Worten Frankreichs hingegen argwohnen die Spanier das verſteckte Ziel, Frankreich wolle als zärtliche Mut⸗ 8 — 150— ter Spanien als Tochter und Provinz an ihren Bu⸗ ſen drücken! Ah, die Spanier wiſſen alſo, wie ſehr wir ſie lie⸗ ben! rief der Herzog. Ja, ſagte die Prinzeſſin mit einem bittern Lächeln, ſie wiſſen das ſo genau, daß ſie fürchten in Eurer zärtlichen Umarmung zerdrückt zu werden! Sie ſchmie⸗ den daher Plane und Verſchwörungen! Die Zahl der Unzufriedenen vom höchſten Adel wird täglich größer, die Geſichter werden täglich drohender und finſterer! Darum Vorſicht, Herzog! Kein unbedachtes Wort komme über Ihre Lippen! Vertrauen Sie Niemand als mir! Und als ein Zeichen Ihres Vertrauens ver⸗ lange ich Wahrheit und Offenheit, verlange ich, daß Sie, Herr Herzog, keinen einzigen Brief, ja, nicht eine Zeile nach Frankreich ſenden, ohne daß ich davon weiß, und Alles geleſen habe! Ach, ſagte der Herzog unbefangen, wie oft werden Sie alsdann eine Verherrlichung Ihres Namens leſen müſſen, Prinzeſſin! Wenn Ihnen dies nicht ermüdend iſt, ſo gehe ich die Bedingung ein! Das Angeſicht der Prinzeſſin ſtrahlte vor Zufrieden⸗ — 151— heit, und mit einem faſt zärtlichen Lächeln reichte ſie dem Herzog ihre Hand. Wir ſind alſo Freunde? fragte der Herzog. Mindeſtens iſt Waffenſtillſtand, ſagte die Prinzeſſin. Kein Kampf mehr, rief der Herzog. Nein, nein, wir wollen uns nicht bekämpfen, denn der Sieg möchte uns Beiden ſchwer werden! Sie, Prinzeſſin, ſind die Favoritin der Königin, ich aber bin der Verwandte und Freund des Königs. Wiſſen Sie das ſo gewiß? fragte die Prinzeſſin, nachläſſig mit ihrem Fächer ſpielend.— Daß ich der Verwandte des Königs bin? Nein, daß der König Ihr Freund iſt! Oh, dachte der Herzog, meine Spione hatten Recht, ſte hat auch den König ſchon umgarnt, das wird alſo ein harter Kampf ſein. Laut ſagte er: ich weiß das ſo gewiß, als Prin⸗ zeſſin Orſini weiß, daß die Königin ihre Freundin iſt, daß ſie die Königin, und die Königin den König be⸗ herrſcht! Alſo, wir kämpfen nicht, wir ſchließen Frie⸗ den. Nach langem Kampfe Frieden! Wiſſen Sie noch, Prinzeſſin, wann der Kampf unter uns zuerſt begann? — 152— Ja wohl, ſeufzte die Prinzeſſin, ich weiß es! Das war damals, als ich noch in Frankreich war, ein jun⸗ ges, unerfahrenes Kind! Ja, das war damals, flüſterte der Herzog ſchmei⸗ chelnd, damals, als mich Fräulein von Tremouille hoffen ließ, daß ich, indem ich ihren Reizen unterlag und beſiegt ward, dennoch vielleicht bei ihr Sieger ſein könnte. Die Prinzeſſin entzog ihm ihre Hand und ſtand auf, indem ſie ſagte: ſeitdem iſt Fräulein von Tre⸗ mouille zur Prinzeſſin Orſini geworden, und hat die Thorheiten ihrer Jugendträume zu verlachen gelernt! Ein Geräuſch heftig aufgeriſſener Thüren und eili⸗ ger Schritte ſtörte hier die Unterhaltung. Die Prinzeſſin wandte ſich mit einem zornigen Blicke nach der Seite, von welcher das Geräuſch kam. Plötzlich ward die Portière zurückgeſchlagen, und Marquita erſchien bleich und zitternd auf der Schwelle, während man hinter ihr im Vorzimmer die Kammer⸗ heerrn und Beamte der Prinzeſſin mit gerungenen Hän⸗ den und beſtürzten Geſichtern gewahren konnte. Nun, was giebt es? fragte die Prinzeſſin ſtrenge, während der Herzog lächelnd mit ſeiner ſchweren gol⸗ denen Halskette ſpielte, welche ein Geſchenk des Königs Philipp von Spanien war. Gnädigſte Prinzeſſin, rief Marquita athemlos, Se. Majeſtät ſendet nach Ihnen. Die Königin, heißt es, liege im Sterben, ein Schlagfluß habe ſie getroffen! Die Prinzeſſin ſank mit einem lauten Aufſchrei, er⸗ bleichend auf ihren Seſſel zurück. Die Lippe des Her⸗ zogs umſpielte ein triumphirendes Lächeln. Um Gotteswillen, Prinzeſſin, eilen Sie! rief Mar⸗ quita. Prinzeſſin Orſini ſprang empor, ſie, fühlte ihren Muth und ihre Energie zurückkehren, und ſich mit einem ſtolzen Lächeln an den Herzog wendend, ſagte ſie: mein Herr Herzog, Sie ſehen, der König, Ihr Freund und Verwandter, ſendet in dieſem entſetzlichen Augenblicke nach mir! Verzeihen Sie alſo, Herzog, wenn ich mich ſogleich zum Könige begebe. Und, Herr Herzog, fuhr ſie fort, indem ſie ſich höher aufrichtete, und mit einer königlichen Bewegung die Hand drohend emporhob, vergeſſen Sie nicht meine Bedingungen und Ihr Verſprechen! Ich werde daran gedenken! ſagte der Herzog, ſich tief verneigend. — 154— Die Prinzeſſin antwortete nichts, ſie erwiderte den Gruß des Herzogs, und verließ hochaufgerichtet das Gemach, indem ſie Marquita winkte, ihr zu folgen. Der Herzog blickte ihr nach mit dem Ausdruck einer boshaften, hämiſchen Freude. Die Königin liegt im Sterben, flüſterte er leiſe, nichts konnte mir erwünſchter kommen. Nun, Prin⸗ zeſſin Orſini, nun gilt es einen Kampf auf Leben und Tod. Ah, vielleicht wirſt Du, noch ehe dieſe Sonne niederſinkt, es erfahren, wo die Grenze Spaniens iſt, und wie ich mein Regiment beginne! IV. Der Kampf beginnt. Es war am Abend dieſes Tages. Die Königin hatte die letzte Oelung empfangen, der König weinte an ihrem Lager Thränen des wahren und aufrichtigen Schmerzes. Er hatte die ſchöne und tugendhafte Eli⸗ ſabeth in Wahrheit geliebt, ſie war ſein guter Engel geweſen, ſie hatte ihn aufgerichtet, wenn er verzagt war, ſie hatte ihn erheitert, wenn er ſich langweilte, und in allen Stürmen und Kümmerniſſen hatte die Königin ihrem Gemahl als eine treue, rathende und ermuthigende Freundin zur Seite geſtanden. Jetzt ſollte er ſie verlieren, ſie, die als Schutzengel über ihm ge⸗ wacht, und dureh ihren weiſen Rath ihn oft behütet vor den liſtigen Fallen und Schlingen ſeines franzöſi⸗ ſchen Großvaters,— und in dieſem Momente, wo die Königin ſtarb, kam ein neuer Abgeſandter aus — 156— Frankreich. Daran dachte der König mit heimlichem Schauder, während er weinend an dem Lager ſeiner Gemahlin kniete. Er wußte es wohl, daß man ihn wieder umſtricken würde mit Intriguen und liſtigen Kabalen, daß er von nun an nichts mehr hören werde als Zwiſt und Hader, einerſeits von den mißvergnüg⸗ ten, und auf Frankreich eiferſüchtigen Spaniern, an⸗ drerſeits von dem Herzog von Orleans, dem Geſand⸗ ten ſeines Großvaters, welcher von ſeinem Enkel König Philipp von Spanien ſtets den unbedingteſten Gehor⸗ ſam forderte, und zürnende Blitze ſchleuderte, wenn Philipp es wagte, einen eigenen Willen zu haben. Aber nicht der König allein zitterte vor dem Tode der Königin, ſondern auch die Prinzeſſin Orſini, und mit ihr das ganze Heer ihrer Verbündeten und An⸗ hänger. Mit beſtürzten Geſichtern, ängſtlich ſchwei⸗ gend, gingen ſie im Palaſte umher, ſchlichen ſie hin⸗ aus auf die Straße, um das Volk zu beobachten. Und das Volk ſtand in dichten Schaaren um den könig⸗ lichen Palaſt, und betete für das Leben der geliebten Königin, und jauchzte, daß das Regiment der Prin⸗ zeſſin Orſini nun zu Ende ſei, und fluchte dem neuen franzöſiſchen Geſandten! — 157— Drinnen, in dem Vorzimmer, das zu den Gemächern der Königin führte, ſtanden die Granden des Reiches, die Geſandten der fremden Mächte, und die hohe Geiſt⸗ lichkeit und erwarteten mit athemloſer Ungeduld immer neue Nachrichten aus dem Krankenzimmer der Königin. In einzelnen Gruppen, leiſe flüſternd und vielleicht ſchon die Zukunft berathend, ſtand man umher, und während die Königin noch nicht ihren letzten Seufzer ausgehaucht hatte, fragte man ſich ſchon mit heimlicher Sorge: welches die Nachfolgerin der Königin, die zweite Gemahlin des Königs ſein werde? La reine est morte, vive la reine! Abgeſondert von den Uebrigen, ſtanden in einer Fenſterniſche zwei Männer im eifrigſten Geſpräch be⸗ griffen. Es mußten Dinge von der größten Bedeu⸗ tung ſein, die ſie da verhandelten, denn ihre edlen und ernſten Geſichter hatten einen ſehr ſtrengen, ſehr gewich⸗ tigen Ausdruck angenommen. Sie glauben alſo an dieſe Krankheit der Königin? 6 fragte der Eine. Ich? mein Herr Graf von Fueldas? fragte der An⸗ dere. Die Fürſten ſind krank oder geſund, wie's Ihnen beliebt, und es in ihre Politik paßt! Kein Leibarzt — 158— vermag darüber zu entſcheiden! Die Könige ſind ihre eigenen Aerzte und fühlen der Zeit den Puls, und die Zeit iſt der geheimſte Arzt der Könige. Die günſtige Zeit iſt für die Könige Geſundheit, die ungünſtige iſt ihnen Krankheit. Die Königin, Herr Graf, leidet an einer Zeitkrankheit. Prinzeſſin Orſini iſt ihre ungün⸗ ſtige Zeit! Ach, theuerſter Marquis, Sie ſcherzen! ſagte der Graf Fueldas. Prinzeß Orſini, die geliebte Favoritin! Iſt die Krankheit der Königin, wiederholte der Mar⸗ quis. Die Favoritin, von der Königin erhöht, hat ſich jetzt zur Herrſcherin empor geſchwungen, und die Königin Eliſabeth mag wohl fürchten, daß ſie nicht lange mehr die Favoritin ihrer Favoritin iſt! Was Sie da ſagen! rief der Graf. Dies ränke⸗ ſüchtige, intriguante Weib.— 7 Ah, Sie haſſen ſie alſo, unterbrach ihn der Marquis lebhaft, und die Hand des Grafen ergreifend, fragte er: Haben Sie etwa auch, wie ich und alle meine Freunde, über Ungerechtigkeit und Tyrannei zu klagen? Zwei meiner Brüder hat ſie ihrer Aemter hier im Palaſte entſetzt, um ihre Creaturen in deren Stelle zu bringen, ſagte der Graf lakoniſch. Gut, gut! murmelte der Marquis. Erzählen Sie das heute Abend mir und einigen Freunden! Solche Ungerechtigkeiten ſind die Parole unſers Bundes! Aber ſehen Sie, da kommen einige unſerer Freunde! Und der Marquis winkte dem Grafen Orri, welcher in Begleitung des Abbate Alberoni ſich ihnen näherte. Ein neuer Freund! ſagte der Marquis leiſe, auf den Grafen Fueldas deutend. Graf Orri reichte ihm mit freundlichem Kopfnicken die Hand. Sein Sie willkommen! flüſterte er⸗ Ich vertraue Ihnen vollkommen, denn Sie ſind ein Spanier, und alle Edlen unſers Landes ſtehen auf unſerer Seite. Und heute Abend? fragte der Marquis geheim⸗ nißvoll. 3 Heute Abend in meinem Palaſte, flüſterte der Ab⸗ bate Alberoni. Hier haben Sie den Schlüſſel zu der hinteren Pforte, durch dieſe treten Sie ein, und gehen grade die kleine Wendeltreppe hinauf, welche in mein Kabinet führt. Aber warten Sie, bis die Nacht her⸗ eingebrochen iſt, und die Straßen öde und leer ſind! Mein Gott, das iſt alſo eine förmliche Verſchwörung, fragte Graf Fueldas erſtaunt und freudig. — 160— Ja, eine Verſchwörung zum Heile unſers Vater⸗ landes! ſagte Graf Orri begeiſtert. Wie heißt die Parole heute Abend? fragte der Marquis. Durch Nacht zum Licht! flüſterte Alberoni. Aber ſtill, Ihr Herren, ich ſehe dort einige Spione der Prin⸗ zeſſin. Und die Herren zogen ſich leiſe flüſternd an das entfernteſte Ende des Saales zurück. In einem andern Theile dieſes weitläuftigen Ge⸗ maches ſtand der Herzog von Orleans mit ſeinem Vertrauten, dem Marquis von Torcy. Ew. Königliche Hoheit ſind alſo zufrieden mit dem Empfang Sr. Maieſtät? fragte der Marquis. und ich hoffe, daß es mir gelingen wird, ihn zum Ge⸗ horſam gegen ſeinen erhabenen Großvater, unſern gro⸗ ßen König, zurückzuführen! So lange die Prinzeſſin hier iſt, bezweifle ich das! ſagte Marquis Torcy achſelzuckend. Sie wird nicht lange mehr hier ſein, ſagte der Her⸗ zog raſch. Es iſt der Befehl meines Königs, ſie zu Vollkommen! Er empfing mich wie einen Bruder, — 161— vertreiben, und glauben Sie mir, Vicomte, das wird nicht ſo gar ſchwer ſein! Der Herzog war ſo erregt, während er ſprach, und der Marquis hörte ihm ſo eifrig zu, daß ſie Beide kein Auge hatten für das, was in ihrer Nähe ge⸗ ſchah. Und doch wäre ihnen ein aufmerkſames Auge in dieſem Momente ſo nöthig geweſen! Hinter ihnen bewegte ſich leiſe das große Bild Carl's des Fünften, das, eine Hauptzierde dieſes Saa⸗ les, den erhabenen Kaiſer in gigantiſchen Formen dar⸗ ſtellend, von dem Fußboden faſt bis zur Decke hinauf⸗ reichte. Wie geſagt, dieſes Bild bewegte ſich, es ſchien ſich gleichſam auf der einen Seite abzulöſen von der Wand,— offenbar war es eine geheime Thüre, welche künſtlich durch dieſes Kaiſerbild verborgen ward. Die Spitze eines Fußes ward ſichtbar, dann ein ſeidenes Gewand, und endlich ſah man das ſtolze und edle Geſicht der Prinzeſſin, welche forſchend in den Saal ſchaute, und dann, als ſie ſo nahe vor ſich den Herzog ſah, leiſe und geräuſchlos eintrat, und das Bild wieder an die Wand zurückſchob. Die Königin hatte ſich eben für einen Augenblick III. 11 — 162— aus ihrer Beſinnungsloſigkeit emporgerafft, ſie hatte ihre Umgebungen erkannt, ſie hatte den König um⸗ armt, und der Prinzeſſin die Hand gereicht, und Prin⸗ zeß Orſini, welche gerne glauben wollte, was ſie wünſchte, dachte, es ſei dies vielleicht eine Kriſis ge⸗ weſen, und jetzt, da die Königin ihre Beſinnung wie⸗ der erhalten, ſei die Gefahr überſtanden, und ſie werde geneſen. Deshalb war die Prinzeſſin ſelber gegangen, um dem harrenden Hofe, und ihren Getreuen dieſe Freu⸗ denbotſchaft zu bringen. Als ſie aber den Herzog mit dem Marquis Torcy erblickte, vergaß ſie einen Mo⸗ ment ihrer Botſchaft und trat lauſchend näher. Der Herzog gewahrte noch immer nichts! Er ſagte zu dem Marquis: Die Spanier haſſen dieſes herrſch⸗ ſüchtige, intriguante Weib, und werden es uns dan⸗ ken, wenn wir ſie von dieſer Plage befreien! So wird uns die Dankbarkeit dieſe ſtolzen Spanier zuführen, und froh, dieſes Weibes ledig zu ſein, werden ſie einem Manne willig gehorchen. Die Prinzeſſin ſtand hinter ihm, und lächelte ironiſch. Ich ſage Ihnen, Vicomte, fuhr der Herzog fort, unſere Plane werden gelingen, und Prinzeß Orſini, — 163— welche ſich ſo ſicher im Beſitze ihrer Macht glaubt, Prinzeß Orſini, dieſes übermüthige, eigennützige Weib, die glaubt, ganz Spanien ſei vom Himmel herunter⸗ gefallen, damit ſie es als Diadem auf ihre welke Stirne ſetzen könne, dieſe Prinzeß Orſini, welche ſich ſogar mir ebenbürtig dünkt, ich will und werde ſie vertreiben! Eine Hand legte ſich leiſe auf ſeine Schulter, und als der Herzog ſich umwandte, begegnete er dem ſtol⸗ zen und ſpöttiſchen Geſicht der Prinzeſſin. Das iſt ſchön von Ihnen, Herr Herzog, ſagte ſte. Wie großmüthig mich ſchon zum Voraus zu warnen vor Ihren fürchterlichen Planen! Ich freue mich, nun in Wahrheit Ihre Anſichten über mich zu kennen! Sie wollen mich vertreiben, Herr Herzog, wie grauſam Sie ſind! Und wohin, wenn ich fragen darf, moljen Sie mich vertreiben? Der Herzog hatte ſich ſchnell von ſeinem augen⸗ blicklichen Schreck erholt. Er begegnete mit einem ver⸗ bindlichen Lächeln dem ſtolzen Blicke der Prinzeſſin, und erwiderte ruhig: die Krone Spaniend iſt zu klein für Ihr Haupt! 11* — 164— Für meine welke Stirne! verbeſſerte die Prinzeſſin ironiſch. Und wenn ich Sie daher vertreiben will, fuhr der Herzog fort, ſo iſt es, weil ich wünſche, daß eine größere Krone Sie ſchmücken möchte! Die Krone bei⸗ der Indien, zum Beiſpiel! In Indien wächſt der Pfeffer! lachte die Prinzeſſin. Sie wünſchen mich dorthin, wo der Pfeffer wächſt! Wie bitter! Ich denke aber nicht zu gehen, fuhr ſie, ſich ſtolz aufrichtend, fort. Und ſo mag denn nun der Kampf auf's Neue beginnen! Wie in unſern Jugend⸗ tagen, Herr Herzog. Nur mit dem kleinen Unterſchied, ſagte der Herzog boshaft, daß jetzt der Sieg nicht ſo entſchieden auf Ihrer Seite iſt. Die Königin— Wird geneſen! unterbrach ihn die Prinzeſſin lebhaft. Ich kam eben her, um dies zu verkünden. Die Köni⸗ gin hat ihre Beſinnung wieder, ſie hat den König, ihren Gemahl, und mich erkannt! Es iſt das letzte Aufflackern des Geiſtes, bevor er erliſcht! ſagte der Herzog feierlich. Sie ſprechen wie ein gelehrter Arzt! rief die Prin⸗ zeſſin boshaft, freilich, Sie haben das Glück gehabt, — 165— in Ihrer Familie Viele ſterben zu ſehen! Sie haben Ihre Erfahrungen von den Sterbeſtunden! Der Herzog war im Begriff etwas zu erwidern, als ein heftiger Lärmen ihn unterbrach.— Ein verwirrtes Geräuſch, ein lauter Schrei ward hörbar aus dem Innern der Königlichen Gemächer. In verworrenem Durcheinander drängten Alle im Saale Befindlichen nach der Seite hin, von woher dieſer Lärmen und dieſes Geſchrei ertönte. Plötzlich öffnete ſich eine Thüre in der Mitte des Saales, und in feierlichem Ornat, den goldenen Stab in der Hand, erſchien der Ober⸗Ceremonienmeiſter der Königin. Bei ſeinem Anblick ſtanden Alle bewegungslos da, wie von einem Zauber gebannt.— Eine tiefe Stille trat ein, und man hörte nichts, als die langſamen und feierlichen Schritte des Ober⸗Ceremonienmeiſters, der bis in die Mitte des Saales vorwärts ging. In furchtbarer Spannung lauſchend, hielt Jeder den Athem an. Edle Herren und Sennores, rief der Ober⸗Ceremo⸗ nienmeiſter feierlich, ſo eben hat Ihro Majeſtät den letzten 4 Seuſzer ausgehaucht. Die Königin Eliſabeth iſt todt! — 166— Todt! ſchrie die Prinzeſſin zuſammenſinkend. Mit verhülltem Haupte, mit wirklichem oder ge⸗ heucheltem Schmerze, ſtanden die Granden und die Herren des Hofes. Drei nur hatten ihr Haupt nicht verhüllt, ſondern ſahen mit ſpähenden und forſchenden Blicken umher. Dieſe drei waren der Herzog von Orleans, der Graf Orri und der Abbate Alberoni. Jetzt iſt der Sieg mein! flüſterte der Henog Jetzt iſt Spanien frei! ſagte Graf Orri. Jetzt beginnt der Kampf, dachte Alberoni. Wer wird regieren? Frankreich, Spanien,— oder ich? 4 Draußen läuteten die Glocken, und heulte das Volk, welches ſeine letzte Wohlthäterin und Freundin ſo eben verloren hatte. † N. Alberoni. Der Abbé Alberoni, des Herzogs von Parma Ge⸗ ſchäftsführer zu Madrid, war allein in ſeinem Kabinet. 1 Es war Abend, und bereits hatte die verhängnißvolle Stunde geſchlagen, welche zur Verſammlung der Ver⸗ ſchworenen feſtgeſetzt worden! Unruhig ging Alberoni auf und ab, bald an das Fenſter tretend und hinunter ſpähend auf die Gaſſe, bald zur Thüre eilend und mit angehaltenem Athem lauſchend. 3 Alles blieb ſtill. Man hörte nichts, als das gleich⸗ mäßige Auf⸗ und Niedergehen der Schildwachen, und dann und wann das Anrufen der Patrouille. Albberoni's Stirne verdüſterte ſich, und erſchöpft von 3 dem langen Harren, ſetzte er ſich ſinnend und gedanken⸗ 3 voll auf den Lehnſtuhl, welcher vor ſeinem mit Pa⸗ — 168— pieren beladenen Arbeitstiſche ſtand. Die goldene Am⸗ b pel, welche von der Decke hernieder hing, beleuchtete grade ſein Angeſicht, und inmitten der Dämmerung rings umher ſchien aller Lichtglanz ſich zu concentriren auf dieſem Antlitz, das mit ſeinen feſten, unbeweglichen und doch edlen Zügen, mit dieſer ſchöngeformten Naſe, der hohen gewölbten Stirn und dem edlen männlichen Character ſehr an die Antike erinnerte. Wie ein Bild aus Marmor, ſo bleich, ſo ernſt und majeſtätiſch war dieſes Angeſicht Alberoni's. Wenn man ihn mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen ſah, mußte man ihn für einen großen und edlen Character halten, für einen Heros vielleicht, aber wenn er den Blick erhob, ſo lag in dieſen Augen etwas, das wenig paßte zu dem heroi⸗ ſchen Ausdruck ſeiner Züge, etwas Lauerndes, Spio⸗ nirendes, etwas Liſtiges und Scheinheiliges. Alberonit hatte die Züge eines Helden, aber die Augen eines Prieſters, und Beider Eigenſchaften vereinigte er in 8 ſeiner Seele. Er war kühn und beherzt, großſinnig und edel, wie ein Held, aber er war auch pfiffig und heuchleriſch, demüthig, wo er es ſein mußte, hoch⸗ müthig, wo er es ſein konnte, geldgierig und verſchl 4 gen, wie ein Prieſter. Seine Plane waren ſtet — 169— ſonnen mit dem kühnen Muthe eines Helden, und er führte dieſe Plane aus mit der Schlauheit eines Prieſters. Als der Herzog von Parma ihn als ſeinen Ge⸗ ſchäftsträger nach Madrid geſandt, hatte Alberoni zu ſich ſelber geſagt: Jetzt iſt die Zeit gekommen, wo ich kämpfen muß, jetzt habe ich das Fundament zu meiner Größe gelegt, und ein Gebäude will ich auf demſel⸗ ben erheben, vor deſſen Herrlichkeit ganz Europa ſtau⸗ nen muß. 4 Getreu dieſem Vorſatz, ſeine Plane Niemand ver⸗ trauend, ſondern ſie ſorgſam verſchließend in ſeiner verſchwiegenen Bruſt, begann er damit, Alle zu beob⸗ achten, Alle zu belauſchen, und während er als ein ganz harmloſer Salonmenſch erſchien, ſtudirte er mit unermüdlichem Eifer alle dieſe verſchiedenen Fäden, aus denen dieſes große Gewebe der Camarilla zuſammen⸗ geſetzt war.— Weil er gänz unpartheiiſch war, vertraueten ihn* 8 alle Partheien, und bald hielten ihn alle dieſe Par⸗ theien für ihren Mitverſchwornen, ihren Freund und Bundesgenoſſen. Alberoni lernte die Geheimniſſe aller dieſer verſchiedenen Fractionen kennen, man vertraute — 170— ſich ihm gern, weil er ohne allen Ehrgeiz ſchien, weil er niemals verlangte, ſelbſthandelnd aufzutreten, ſon⸗ dern es vorzog, immer nur eine geheime, berathende Stimme zu haben, und während es ſchien, er ertheile nur aus perſönlicher Freundſchaft ſeinen Rath, machte er ſich bald zur Seele und zum Mittelpunct aller die⸗ ſer Partheien. Jeder glaubte, er verkehre nur mit den Andersgeſinnten, um für ſeine Parthei deren Geheim⸗ niſſe auszuforſchen und ihre Plane zu vernichten, und Niemand wußte, daß der kluge Alberoni Allen nur deshalb ſeine Arme öffnete, um ſie eines Tages Alle in dieſen Armen zu erdrücken. Alberoni war ein Freund der Prinzeſſin Orſini, er hatte es ſogar verſtanden, ſich durch ſeine heitere und witzige Unterhaltung dem ſtets gelangweilten König Philipp unentbehrlich zu machen, und zugleich war ſein Haus die geheime Zufluchtsſtätte der Patrioten, welche es ſich zur Aufgabe gemacht, das franzöſiſche Joch abzuſchütteln, Prinzeſſin Orſini aus Spanien zu vertreiben, und Spanien nur von Spaniern beherrſchen zu laſſen. Heute Nacht hatte bei Alberoni eine Verſamm⸗ lung dieſer Patrioten und Verſchwornen ſein ſollen, 5 ſ .,— — 171— aber, wie geſagt, der Abbate hatte ihrer vergeblich geharrt. Wieder trat er an's Fenſter und lauſchte. Alles blieb ſtill. Alberoni's Antlitz verzog ſich zu einem unmerklichen Lächeln. Dieſes Mal, ſagte er ſtill vor ſich hin, dieſes Mal ſind ſte alſo glücklich der Falle entſchlüpft, dieſe guten Patrioten, und ich meinte doch Alles recht klug und fein angelegt zu haben! Es ſollte eine Hauptverſamm⸗ lung aller Mißvergnügten und Orſinifeinde ſein, und wir hätten ſie da Alle auf einmal fangen können, denn mein anonymer Brief, in welchem ich der Prinzeſſin dieſe Verſchwörung und die heutige Verſammlung mit⸗ theilte, iſt, wie ich weiß, ganz ungefährdet in die Hände der Prinzeſſin gekommen! Und dennoch, den⸗ noch iſt es mißglückt. Ich hatte einen ſo guten Plan darauf gebaut! Die Häupter dieſer Verſchwörung ein⸗ fangen und unſchädlich machen, hieße dieſe ganze Ver⸗ ſchwörung auf Einen Schlag vernichten und mich eines bedeutenden Feindes entledigen! Das iſt mißglückt,— nun, wir werden uns ein neues Mittel erſinnen müſ⸗ ſen, das iſt Alles! Das Ziel iſt noch immer da, es kommt alſo nur darauf an, einen andern Weg einzu⸗ — 172— ſchlagen, um zu dem Ziele zu gelangen! Ah, und dieſen Weg will ich mir ſuchen, ob er auch an Ab⸗ gründen und Klippen vorüber führt! Gleichviel, wenn ich nur erreiche, was ich erreichen will! Lange noch ging Alberoni, gedankenvoll ſinnend, auf und ab. Kein Schlaf kam in ſeine Augen, und erſt als der Morgen herein brach, ſank Alberoni er⸗ ſchöpft und todesmatt auf einen Lehnſeſſel, um einige kurze Stunden der Ruhe und Erholung zu genießen. — Vielleicht ſetzte er im Traume die Plane und Ent⸗ würfe fort, mit welchen er ſich wachend beſchäftigt hatte, denn ſeine Züge behielten ſelbſt im Schlummer dieſen verſchmitzten, liſtigen Ausdruck, und ein ſpötti⸗ ſches Lächeln umſpielte noch jetzt dieſe ſchmalen zuſam⸗ mengekniffenen Lippen. Wenige Stunden des Schlafes genügten dieſem au⸗ ßerordentlichen Manne, mit neuem Muthe und neuer Energie erhob er ſich dann aus ſeinem Lehnſeſſel, in⸗ dem er freudig ſagte: Ich will und muß dieſes Ziel erringen, oder unter den Trümmern meines ſtolzen Ge⸗ bäudes ſoll man mich begraben! Und nachdem Alberoni ſorgfältig ſein Geſicht gepriſt, und ſeinen Zügen den gehörigen Ausdruck der Trauer — 173— und Zerknirſchung gegeben, begab er ſich in den kö⸗ niglichen Palaſt, um dem Könige, wie er es jeden Morgen pflegte, ſeinen Beſuch zu machen! Aber König Philipp von Spanien war heute nicht ſichtbar, er verweilte noch immer, laut weinend und jammernd, wie man ſagte, in dem Sterbezimmer ſeiner Gemahlin, und Niemand durfte dieſe Einſamkeit der Thränen mit ihm theilen, als die Prinzeſſin Orſini. Beſtürzung und Schrecken hatte ſich deshalb auf's Neue des Hofes bemächtigt, und nur die Günſtlinge der Prinzeſſin gingen mit ſtolz aufgerichtetem Haupte und triumphirendem Lächeln umher. Wenn es ſo iſt, dachte Alberoni, dann wollen wir mit Ruhe die Dinge erwarten und ſie uns entgegen kommen laſſen. Ich werde daher in meine Wohnung zuruͤckkehren und mich zu Bette begeben. In zweifel⸗ haften Fällen giebt es keinen beſſern Hinterhalt, als das Bett, und wenn man ungewiß iſt, wird eine gut affectirte Krankheit die beſte und wirkſamſte Cour ſein! — Doch nein, ſagte Alberoni dann, das wäre in die⸗ ſem Augenblick eine verächtliche Feigheit. Hier iſt das Schlachtfeld, hier will ich bleiben und mit kühnem Auge und beherztem Muthe den Feind erwarten! — 174— Der Held Alberoni hatte auf einen Moment den Prieſter Alberoni beſtegt und zum Schweigen gebracht, und Alberoni, der Held, wollte mit kühnem Muthe der Gefahr entgegen gehen, welche der Prieſter Albe⸗ roni klüglich zu vermeiden gewünſcht! Ich will zum Grafen Orri gehen! ſagte Alberoni entſchloſſen, und begab ſich in den Theil des Königs⸗ palaſtes, in welchem die Zimmer des Königs ſich be⸗ fanden, denn dort, als Dienſtthuender Kammerherr, mußte Graf Orri zu dieſer Stunde zu finden ſein. Niemand war aber heute in dieſen Vorzimmern zu ſehen, Niemand war da, Alberoni den Weg zu ver⸗ treten, und ungehindert durchſchritt er dieſe weitläufti⸗ gen und prachtvollen Säle. Jetzt ſtand er in dem lehten Gemache, von hier führte 8 eine Thüre in das Kabinet des Königs. Zaudernd ſtand Alberoni ſtill, als er plützlich leiſe ſeinen Namen nennen hörte, und ſich umwendend, Orri gewahrte, welcher ſo eben in das Zimmer trat. Ah, da ſeid Ihr endlich, flüſterte Orri leiſe, ſeit Ihr den Palaſt betreten, ſuchte ich Euch überall. Kommt, tretet hier in das Kabinet des Königs, da — 175— ſind wir vor jeder Ueberraſchung ſicher. Niemand wird es wagen hier einzutreten. Und der König? fragte Alberoni, indem er dem Grafen in das königliche Boudoir folgte. Der König, ſagte Orri mißmuthig, der Koͤnig iſt in dem Sterbezimmer der Königin und läßt ſich von der Prinzeſſin Orſini tröſten! Weshalb kamt Ihr nicht geſtern Abend? fragte Al⸗ beroni. Unſere ausgeſtellten Wachen entdeckten noch zu rech⸗ ter Zeit verdächtige Geſtalten, die Curen Palaſt um⸗ ſchlichen! Sie gaben uns ſchnell das verabredete Zei⸗ chen, und ſofort zerſtreuten wir uns nach allen Seiten. Wahrſcheinlich Späher der Prinzeſſin! ſagte Alberoni ſinnend, indem er mit einem ſcharfen ſpähenden Blicke Graf Orri's Züge belauerte. Dieſe Prinzeſſin iſt ein ſehr kluges Weib, klug wie die Schlangen. Und auch giftig, wie die Schlangen! ſagte Orri bitter. Wir müſſen machen, daß ſie an ihrem eigenen Gifte ſtirbt! flüſterte Alberoni. Sie iſt heftig, ja ſogar lei⸗ denſchaftlich. Ihre Leidenſchaft, das iſt die Stelle, „ — 176— wo wir den Enterhaken anwerfen müſſen, um dieſes ſtolze Schiff in den Grund zu bohren! Ach, rief Graf Orri achſelzuckend, darüber wird noch eine lange Zeit vergehen! Noch bläht der Wind der Hofgunſt in den Segeln dieſes ſtolzen Schiffes, und als Siegerin hält ſie den Arm über Spanien ausge⸗ breitet! Ach, Alberoni, Ihr wißt nicht, was das ſa⸗ gen will, ſein Vaterland erniedrigt zu ſehen zum Spiel⸗ werk eines Weibes! Still, ſprecht leiſe! flüſterte Alberoni, ſich vorſichtig umſehend. Leiſe, ſage ich! Wir ſind hier im könig⸗ lichen Palaſt zu Madrid, die Wände haben Ohren, und überall giebt es hier geheime Thüren! Und den Grafen mehr in die Mitte des Gemaches hinführend, fuhr Alberoni leiſe fort: Iſt Spanien das Spielwerk der Prinzeſſin, nun wohl, ſo laßt ſte uns unter ihrem Spielwerk begraben! Wir müſſen mit ihr ſpielen, Orri! Prinzeſſin Orſini iſt ein Weib, und gegen Weiber kämpft man nur mit Liſt, nicht mit den Waffen in der Hand! Pah, Waffen! Ich haſſe dieſe Waffen von Stahl, ſie ſind ſo tölpiſch, ſo ungeſchickt, ſie ſind ſtets Verräther! Anders iſt es mit den Waffen der Intrigue, die glänzen nicht, aber ſie treffen, die — — 177— machen kein Blut fließen, aber ſie tödten doch! Die ſchleichen wispernd und verſtohlen durch die Säle des Königsſchloſſes, und wo kein Dolch hindringt und keine Waffe, da ſchleicht ſie ſich doch ungeſehen ein, die mächtige Intrigue! Aber ſie ſchleicht nur, Alberoni, ſagte Graf Orri, ſie bedarf Jahre, um zu wachſen und zu gedeihen, und außerdem! es erſcheint mir wie eine Erniedrigung mei⸗ ner ſelbſt, mit heimtückiſchen Waffen zu kämpfen! Alberoni lächelte mitleidig. Wie jung Ihr ſeid, ſagte er achſelzuckend, wie viel Romantik des Helden⸗ muthes noch in Euch iſt! Glaubt mir, junger Mann, die Thorheit kämpft mit ſtählernen Waffen, die Weis⸗ heit aber mit den Waffen der Intrigue! Hört mich an! Prinzeſſin Orſini iſt der Schwäche ihres Ge⸗ ſchlechtes verfallen! Sie liebt! Ihr wißt das? fragte der Graf beſtürzt! Euch liebt ſie! ſagte der Abbate lakoniſch. Graf Orri wandte erröthend ſein Haupt ab und er⸗ widerte nichts. Aber der Abbate Alberoni bemerkte die⸗ ſes Erröthen und ſchüttelte mißbilligend das Haupt. Ihr habt es gewußt, ſagte er, und doch erröthet Ihr, weil ich es ſage! Das iſt nicht gut, daß Ihr 3 12 — 178— noch erröthen könnt, oder vielmehr, daß Ihr es wider Euren Willen müßt! Ein Staatsmann muß immer ſeine Züge nach ſeinem Willen beherrſchen können. Er muß erblaſſen und erröthen, lächeln und zornig blicken können, wie es die Gelegenheit und ſein eigener Nutzen erheiſcht! Genug! Prinzeſſin Orſini alſo liebt Euch, und Ihr, Graf Orri, müßt ſie in dieſer Liebe be⸗ ſtärken! Nein, nimmermehr! ſagte Orri, ſich ſtolz emporrich⸗ tend. Ich habe es ſchon verſucht, aber, indem ich es that, habe ich mich ſelber verachtet. Mit den Waffen in der Hand will ich kämpfen gegen die Feinde Spa⸗ niens, mein Blut will ich hingeben für mein Vater⸗ land. Aber ich kann und will kein Heuchler ſein! So iſt die Tugend, flüſterte Alberoni ſpöttiſch, groß mit Worten, aber unfähig zur rechten That! Wenn Ihr Euch nicht verſtellen könnt, ſo geht! Ihr ſeid dann nicht der Mann, die Prinzeſſin Orſini zu ſtürzen! Orri ging heftig im Gemach auf und ab, und der Prieſter, welcher ihn mit ſeinen lauernden, durchdrin⸗ genden Blicken verfolgte, ſah, wie des Grafen Züge allmälig einen ruhigern, gedankenvollern Ausdruck an⸗ nahmen. — 179— Er überlegt! dachte Alberoni, und wenn er über⸗ legt, wird er einſehen müſſen, daß ich Recht habe! Ich werde ihn alſo beſiegen mit ſeinen edelmüthigen Tugendphraſen! Nun? fragte er dann laut, als Graf Orri plötzlich ſtehen blieb. Ihr habt Recht, Abbé, ſagte Orri. Ich will die Prinzeſſin nicht betrügen, aber ich will ihr die Wahr⸗ heit verſchweigen, und wenn ich ſie auch nicht lieben kann, ſo ſoll ſie mindeſtens nicht ahnen,— Daß Ihr eine Andere liebt? unterbrach ihn Alberoni raſch. Ah, es wäre beſſer, Ihr liebtet gar nicht! Verliebten Leuten fehlt der klare Blick und die Beſon⸗ nenheit. Richtet es wenigſtens geſchickt ſo ein, daß die Prinzefſin Eure Verwirrung, Eure glühenden Blicke und Eure verliebten Seufzer auf ſich bezieht, wäh⸗ rend Ihr ſie der Dame hinter der d Drindeſſh zu⸗ wendet!* Wie, Ihr wißt auch das? fragte Orri zurücktretend. Ich weiß es, junger Mann! Seid vorſichtig, ſage ich Euch! Jeder Moment iſt jetzt wichtig, denn wir haben es mit mehr als Einem Feinde zu thun! Ihr meint den Herzog von Orleans! Seine plötz⸗ 3 12* — 180— liche Ankunft hat ſelbſt den König überraſcht! Nie⸗ mand wußte davon! Ich wußte es! ſagte der Abbate ruhig. Seht hier den Beweis! Und einige Briefe aus ſeinem Buſen ziehend, reichte er ſie Orri dar, der ſie haſtig mit ſeinen Blicken durchflog. Wiee, ſagte er dann, ſchon ſeit drei Tagen wußtet Ihr des Herzogs Ankunft! Und den Zweck ſeines Kommens, flüſterte Alberoni. Es gilt, die Prinzeſſin zu ſtürzen und Frankreich an ihre Stelle zu ſetzen! Das darf nicht ſein! rief Orri heftig. Spanien muß befreit werden von aller Fremdherrſchaft! Und nur ein Spanier ſoll über Spanien herrſchen! Alberoni preßte leicht ſeine Lippen zuſammen, und ein ſtechender Blick ſeines Auges traf dieſen begeiſter⸗ ten Vaterlandsfreund. 8 Recht ſo, ſagte der Prieſter dann, das haltet feſt! Spanien kann nicht eher glücklich ſein, als bis es ſich ſelbſt regiert! Wenn dieſer Tag gekommen, wenn Spa⸗ nien frei iſt, und keine fremde Zunge mehr hier herr⸗ ſchen und gebieten will und kann, dann iſt meine Sen⸗ △—— — 181— dung erfüllt und die Pforten eines Kloſters ſollen ſich hinter mir ſchließen! Ich liebe Spanien, als wäre es mein Vaterland, denn es iſt meines Geiſtes Vaterland, die Heimath meiner Erkenntniß, und ſo will ich denn wirken und kämpfen für mein Vaterland! Das iſt mein einziger Ehrgeiz, ich kenne keinen andern! Alberoni ſchien ganz Gluth, ganz Begeiſterung, wäh⸗ rend er ſo ſprach„und Graf Orri glaubte ihn! Oh, ſagte er, Ihr ſeid ein edler, ein großer Mann! Warum ſeid Ihr kein Spanier! Ihr wärt der Mann dazu, des Königs erſter Miniſter zu ſein! Gott hat nicht gewollt, daß ich ein Spanier ſei, rief der Abbé mit frommem Händefalten, ich kann da⸗ her in Spanien nicht herrſchen wollen! Und dann, gleichſam ſich beſinnend, fuhr er ruhiger fort: Geht jetzt, Graf Orri, ſucht die Prinzeſſin auf! Erforſcht, ob ſie es in der That geweſen, die geſtern unſere Zu⸗ ſammenkunft gewußt, und Wen ſie in dieſe Verſchwö⸗ rung verwickelt glaubt! Orri verſprach, ſeinem Rathe zu folgen, und Al⸗ beroni die Hand zum Abſchied darreichend, entfernte er ſich. Der Prieſter Alberoni ſah ihm mit gehäſſigen, wilden Blicken nach, und ſich hoch aufrichtend, ſagte er: Ich bin kein Spanier, ſagt er, und kann daher in Spa⸗ nien nicht herrſchen! Der eitle Thor! Die Macht und die Geiſtesherrſchaft, die ſind es, welche den Geburts⸗ ſchein ertheilen für jedes Land! Wenn ich dereinſt Spa⸗ nien unter meine Füße trete, dann wehe Dem, der mich nicht für einen Spanier erkennen will! Und ich will es unterjochen, dieſes ſtolze Spanien, bei Gott und allen Heiligen ſei's geſchworen! Und Alberoni hob mit einer feierlichen Bewegung die Rechte gen Himmel. Ah, Alberoni ſchwört! ſagte eine Stimme hinter ihm, und eine Hand legte ſich leiſe auf ſeine Schulter! Alberoni wandte langſam das Haupt um. Kein Zug ſeines Angeſichtes verrieth ſein inneres Erſchrecken, und mit ruhigem, feſtem Auge begegnete er den lächeln⸗ den Blicken des Herzogs von Orleans. Nun, Alberoni, was beſchwurt Ihr eben? fragte der Herzog. Ich ſchwur nicht, ich betete, ſagte der Prieſter mit demuthsvollen Blicken. Haltet Ihr mich ſo gutmüthig das zu glauben? —— — 183— fragte der Herzog, indem er ſich mit einem vergnüg⸗ lichen Lachen behaglich in einem Lehnſtuhl ausſtreckte. Oh, ich kenne die Prieſter, ich weiß, daß ſie leiſe ſchleichen, aber ſehr ſicher vorwärts kommen z ich weiß, daß ſite Alles um Gotteswillen thun, aber doch das, was ſie thun, ſich gern von Menſchen belohnen laſſen; ich weiß, daß ſie Alle uneigennützige, arme Leute ſind, uneigennützig, inſofern ſie Alles nur zur Ehre Gottes thun, arm, weil ſie niemals genug bekommen. Und wer die Prieſter hochmüthig ſchilt, der bedenkt nicht, daß ſie ſtolz ſein müſſen, weil ſie die Stellvertreter Gottes ſind. Oh, Ihr lacht! Ihr ſeht, ich kenne die Prieſter, und alſo, Herr Abbate, laßt dieſe Maske ſinken, zeigt mir Euer Antlitz wie es iſt. Nicht dieſen frommen Blick, dieſes demüthige Lächeln. Seid ſtolz, Pater, denn Ihr könnt es ſein. Ihr ſeid mächtig, und wie man mir ſagt, habt Ihr viel Gewalt über meinen durchlauchtigſten Vetter, den König Philipp von Spanien, der, unter uns geſagt, viel glücklicher war, als er noch Herzog von Anjou ſein durfte. Laßt uns alſo ein Weniges plaudern, Abbé. Graf Orri ſagte mir, daß ich Euch hier treffen würde, und des⸗ halb kam ich, Euch aufzuſuchen. Plaudern wir. — 181— Ja, plaudern wir! wiederholte Alberoni mit ſeinem ſüßeſten, demuthsvollſten Lächeln. Ihr ſeid der Freund Frankreichs, Ihr habt Euch in einem eigenhändigen Schreiben an meinen edlen Mo⸗ narchen, Ludwig den Großen, verpflichtet, mir Euren Beiſtand zu leihen. Wenn Euch dieſer ſchwache Arm nützlich ſein Kunn, ſagte Alberoni, beſcheiden die Augen niederſchlagend. Nicht der Arm, Prieſter, aber die Zunge, lachte der Herzog. Oh, eine Prieſterzunge iſt köſtlicher als alle Nachtigallenzungen dieſer Welt. Hoheit ſpottet meiner, ſagte Alberoni demuthsvoll. Nein, ich rede ernſthaft. Ihr follt mit Eurer ſchö⸗ nen Prieſterzunge dem Könige ein Lied ſingen, ein ſehr prächtiges Lied, Abbate! Ihr ſollt in dieſem Liede den König lehren den Blick etwas minder ſchwärme⸗ riſch leuchten zu laſſen, und ſtatt verliebt zu ſein, ein wenig an ſeine Königskrone zu denken! Ihr ſollt ihm Aug' und Ohr öffnen für die Noth ſeines Landes! Ihr ſollt ihm Spanien zeigen, das zuckende, ächzende Spanien, das ſich krümmt unter den Füßen eines Wei⸗ bes, einer Frau, die ihm das Mark ausſaugt, und gleich einem Vampyr ſein Lebensblut verſchlingt! — 185— Ein unmerkliches Lächeln zog über Alberoni's Ge⸗ ſicht, während der Herzog in heftiger Erregung ſo ſprach.— Alberoni's lauerndes Auge hatte ſehr genau die Portière, durch die man in die Gemächer der Kö⸗ nigin gelangte, ſich bewegen ſehen, er hatte auch die Hand gewahrt, welche vorſichtig die Portière öffnete, und dieſe Hand, es war die Hand der Prinzeſſin Or⸗ ſini geweſen! Das wußte Alberoni ganz genau, und deshalb nahm er, anſcheinend gedankenvoll einige Schritte durch das Zimmer machend, eine ſolche Stellung ein, daß der Herzog, um ihn anzuſehen, ſeinen Lehnſtuhl ein wenig ſeitwärts rollen mußte, und nun der Portière ganz den Rücken zuwandte. Nun, Ihr ſagt kein Wort, Herr Abbé? fragte der Herzog. Ich überlegte nur ſo eben, von welcher Frau Euer Hoheit ſprachen? ſagte Alberoni, während er mit heim⸗ lichem Vergnügen ſah, wie die Prinzeſſin Orſini leiſe durch die Portiére eintrat und lauſchend ſtehen blieb. Pah, ſagte der Herzog wegwerfend, Ihr wißt ſehr gut, daß ich von der Orſini ſpreche! Prinzeß Orſtni, das iſt der Fluch, an welchem Spanien kränkelt, der — 186— böſe Blick, an welchem es ſtirbt! Ja, Spanien ſtirbt! Ueberall hört man die Todesſeufzer dieſes Landes, deſ⸗ ſen Reichthümer ſie ausſaugt. Die edlen Granden des Reiches werden verbannt, und ihre elenden Creaturen ſetzt die Prinzeſſin an deren Stelle! Der königliche Schatz iſt leer, aber der Schatz der Prinzeſſin iſt deſto reichlicher gefüllt. Das Land iſt krank, und ſie allein iſt geſund! Das muß und ſoll anders werden, und deshalb hat der König von Frankreich mich geſandt, weil Spaniens Noth ihn bewegt, weil der Todesſchrei dieſes armen Volkes bis zu ihm gedrungen iſt! Wir wollen und müſſen Spanien erretten von dem böſen Blicke dieſer Zauberin! Das, Alberoni, das iſt das Lied, welches Eure Prieſterzunge dem König ſin⸗ gen ſoll!. Ein ſchönes Lied! ſagte die Prinzeſſin Orſini, raſch hervortretend. Ein ſehr ſchönes Lied, erlaubt, daß ich dabei die zweite Stimme ſinge! Der Herzog war mit ſichtbarem Erſchrecken von ſei⸗ nem Sitz emporgeſprungen und ſtarrte die Prinzeſſin an, während Alberoni mit einem vergnügten Lächeln ſich an das andere Ende des Zimmers zurückzog, und ſich anſchickte zu gehen. 4 4 — 187— Nein, bleibt, ich habe mit Euch zu reden, Alberoni! ſagte die Prinzeſſin, und der Prieſter blieb gehorſam ſtehen und wartete ihrer Befehle. Iſt denn dies Schloß verwünſcht, rief der Herzog unwillig. Ueberall giebt es geheime Thüren! Ja, ſchon wieder eine Mauſefalle, lachte die Prin⸗ zeſſin, und die Maus lief glücklich hinein! Sie erin⸗ nern ſich doch unſers frühern Geſpräches, Herr Her⸗ zog? Ein Glück, daß ich nicht die Feindin der Mäuſe bin,— ſonſt— Oh, ich zweifle nicht, ſagte der Herzog, ſich zuſam⸗ menraffend, wenn es Ihnen beliebte, würde Ihnen auch dieſer Zauber gelingen, und wir hätten dann die herr⸗ lichſte der Frauen in einer Katze zu verehren! Von den Zauberkünſten Eurer Hoheit ſprach ich eben mit Al⸗ beroni. Ihnen iſt gelungen, was bis jetzt keinem Manne gelingen konnte, und das einſt ſo muthige und ſtolze Spanien liegt jetzt als ein zuckender Wurm zu Ihren Füßen, ganz bezaubert von Ihren Reizen, hinſterbend unter Ihren Blicken! War's nicht ſo, was ich Cucch ſagte, Alberoni? Ich glaube, es war ſo, ſagte Alberoni demüthig, indem er leiſe die Kugeln ſeines Roſenkranzes durch — 188— ſeine Fingern gleiten ließ, und die Lippen bewegte, wie im ſtillgeflüſterten Gebet. Seht nur den frommen Mann, rief der Herzog lachend, in ſich verſunken ſteht er da und betet! Prin⸗ zeſſin, ſein Beiſpiel begeiſtert mich! Ich eile, mich vor meinem Gott zu demüthigen! Alſo, Ihr ergeben⸗ ſter Knecht. Ich entferne mich und laſſe die tugend⸗ hafteſte Prinzeſſin allein mit dem frommſten, gotterge⸗ benſten Prieſter! Der Herzog verneigte ſich tief, und näherte ſich, ehrfurchtsvoll rückwärts gehend, als ob eine Königin ihm gegenüber ſtände, der Thür. Herr Herzog! rief die Prinzeſſin mit ihrem ſüßeſten Lächeln. Was befehlen Eurer Hoheit! fragte der Herzog, ſich ihr wieder nähernd. Ich wollte Sie nur warnen! ſagte die Prinzeſſin ſpöttiſch. Vergeſſen Sie nicht, daß es überall geheime Thüren giebt! Der Herzog neigte ſich dichter an ihr Ohr, Alberoni vergaß auf einen Moment, die Kugeln des Roſenkran⸗ zes durch ſeine Fingern gleiten zu laſſen, und horchte mit angeſtrengteſter Aufmerkſamkeit. — 189— Oh, ich glaube es, ſagte der Herzog, ja, ich glaube es, daß Sie Sich hier, wie einſt in Frankreich, mit geheimen Thüren verſehen haben! Ah, Prinzeſſin, da⸗ mals kannte ich die geheime Thüre, welche zu Ihnen führte! Sie gaben mir ſelbſt den Schlüſſel. Wer hat ihn jetzt? Die Prinzeſſin wandte ihm, ſtumm vor Zorn, den Rük⸗ ken, der Herzog blickte ſie an mit einem ſtolzen, boshaften Lächeln, und ſich dann zu ihr wendend, ſagte er mit zärt⸗ lichem Ton: Ach, Prinzeſſin, das war doch eine ſchöne Zeit! Ich gehe, mich in Erinnerungen zu— berauſchen! Und ohne eine Antwort der Prinzeſſin abzuwarten, verließ er eiligſt das Gemach. Prinzeß Orſini ſank hochathmend auf einen Seſſel nieder. Der Unverſchämte! flüſterte ſſe. Zum zweiten Male trägt er den Sieg davon mit ſeinen boshaften Bemer⸗ kungen! Aber er ſoll es büßen! rief ſie aufſpringend und heftig auf und abgehend. Bei Gott! Jedes die⸗ ſer beißenden, giftigen Worte ſoll er büßen und es be⸗ reuen lernen! Alberoni, Ihr müßt mir dabei behülf⸗ lich ſein! 4 Der Prieſter ſchien aus ſeinen heiligen Betrachtungen — 190— empor zu ſch recken, und blickte fragend, als habe er nichts gehört, die Prinzeſſin an, während er immer noch die Kugeln des Roſenkranzes durch ſeine Wingen gleiten ließ. Ah, laßt dieſes fromme Beten und dieſes Augen⸗ niederſchlagen! rief die Prinzeſſin, unwillig mit dem Fuße ſtampfend. Ihr wißt, Alberoni, ich kenne Euch, und Eure anſcheinende Prieſterdemuth täu ſcht mich nicht! Was wollte der Herzog? Er verlangte meinen Beiſtand gegen Sie, Prinzeſſin. Und Ihr verſpracht ihn? Ja! Das iſt gut! ſagte die Prinzeſſin. Wir müſſen ihn einſchläfern und umgarnen, um ihn in ſeinen eigenen Netzen zu fangen! Sucht Euch daher ſein Vertrauen auf jede Weiſe zu erhalten! Hört es nicht allein ru⸗ hig an, wenn er auf mich zürnt und ſchilt, ſondern ſtimmt ein, um ihn deſto ſicherer zu machen! Das werde ich! ſagte Alberoni mit gefaltenen Hän⸗ den. Die Stimme Gottes ſagt mir, daß ich ſo han⸗ deln muß zum Wohle Spaniens, damit es nicht erliege unter Frankreichs liſtiger Staatskunſt! Was ich thue, geſchieht zum Wohle Spaniens, auf Befehl meines — 191— Gottes! Meine Seele iſt frei von jedem Eigennutz, und irdiſche Güter verlocken mich nicht! Ah, ich verſtehe, rief die Prinzeſſin verächtlich. Ihr wollt wiſſen, wie viel irdiſches Gut ich Euch für die⸗ ſen Dienſt verſpreche! Prieſter, Ihr ſollt zufrieden ſein! Ihr wißt, daß ich gut zahle! Hört mir aufmerkſam zu! Wir müſſen dieſen Herzog von Orleans vertreiben! Ihr kennt unſers guten Königs wankelmüthigen Sinn. Ihn reizt ſtets das Neue, und der Herzog kommt aus Paris, an dem der König noch mit ganzer Seele hängt, für das er ſchwärmt, nach dem ar ſich immer ſehnt! Der Herzog von Orleans weiß das, und wir müſſen deshalb vor allen Dingen vermeiden, daß er allein mit dem Könige iſt, daß der Herzog ihn zer⸗ ſtreuen und erheitern, und in ihm die Erinnerung wecken kann an jene Zeit, wo der König noch als Herzog von Anjou in Paris lebte, welche Zeit er die glücklichſte ſeines Lebens nennt! Es iſt die Zeit der Faſten! ſagte Alberoni fromm. Des Königs Sinn muß daher ſtrenge auf die himm⸗ liſchen Dinge gerichtet werden. Ihr wißt, Hoheit, daß ich großen Einfluß auf den königlichen Beichtvater d'Aubenton habe! Ich werde dieſen alſo bearbeiten, daß — 192— er das Ohr des Koͤnigs den Zuflüſterungen irdiſcher Eitelkeit und vor Allem dieſen üppigen Pariſer Erin⸗ nerungen verſchließt! Thut das, Abbé! rief die Prinzeſſin freudig. Ach, uns wird und muß es gelingen, den Herzog zu ver⸗ treiben, und Spanien von Frankreich zu befreien! Das ſei unſer Streben und unſer Ziel, und wir wollen uns glücklich preiſen, wenn wir es erreicht haben! Dann ſoll dieſes ganze Land ein Tempel des Glückes ſein, und die Liebe ſei dann die Religion, welcher wir uns beugen! Alberoni, ich will eine Prieſterin ſein in die⸗ ſem Tempel der Liebe, und ich will mein Haupt um⸗ kränzen mit Myrthen und Roſen. Wenn dann, in dieſer glücklichen Zukunft, ganz Spanien ſingt und jauchzt, dann werde ich das freudige Bewußtſein in mir tragen, daß dieſes Glück der Spanier mein Werk iſt!——— Eine Prieſterin des Glückes will ſie ſein! ſagte Al⸗ beroni zu ſich ſelber, als er, aus dem Schloſſe heim⸗ kehrend, in ſeine einſame, ſtill verſchwiegene Wohnung trat. Ach, einen Tempel des Glückes und der Liebe will ſie für Spanien bauen! Nehmt Euch in Acht, Prinzeſſin, daß die Hände eines Prieſters nicht dieſen — 193— Tempel untergraben und ſein Fundament wankend mache! Iſt ſie ein Baumeiſter, nun wohl, ſo will ich ihren Bau unterminiren, und was ſie auf der Erde und im Lichte des Tages bauet, ſoll nicht ſo ſicher ſein, als was ich unter der Erde und im Schatten der Nacht vollende! Und Alberoni, beſchützt und behütet von der Ein⸗ ſamkeit ſeines Zimmers, überließ ſich ſeiner triumphi⸗ renden Fröhlichkeit und brach in ein lautes, ſpöttiſches Gelächter aus! III. 13 VI. Der königliche Witwer. Der König hatte ſeine Gemahlin verloren, und ganz Madrid wußte, daß König Philipp in troſtloſem Schmerze, Niemand vor ſich laſſend, ſie betrauere. Es war ſei⸗ nem Schmerze ſogar eine unerträgliche Marter gewe⸗ ſen, in dem Palaſte zu bleiben, in welchem ſeine theure Gemahlin geſtorben. Er verließ daher ſein Reſidenz⸗ ſchloß, in welchem die königliche Leiche auf dem Pa⸗ radebette lag, und bezog den Palaſt des Herzogs von Medina Celi. Unzugänglich den Granden ſeines Rei⸗ ches, verweilte er dort im Innern ſeiner Gemächer, und die Prinzeſſin hatte den ſtrengen Befehl gegeben, Niemand, wer es auch ſei, Sr. Majeſtät zu melden, da der König durchaus darauf beſtehe in den erſten acht Tagen ſeiner Witwenſchaft mindeſtens von allen Regierungsnöthen, und allen Königsſorgen befreit zu bleiben. —— Die Wahrheit zu ſagen, war dies Arrangement, von dem die Prinzeſſin ihm geſagt, daß es der ſpaniſchen Etiquette vollkommen entſpreche, und beim Volke einen ſehr günſtigen Eindruck machen werde, dem Könige ein wenig läſtig und unbequem, und tauſend Mal wünſchte er in ſeinem Herzen, dieſe acht Tage der erſten Witwertrauer möchten erſt vorüber, und er von dieſer erdrückenden Langeweile befreit ſein! Und doch waren erſt zwei Tage vergangen ſeit dem Tode der Königin! Aber ihres Gemahls Thränen waren ſchon verſiegt! Freilich, er hatte Zeit gehabt, ſich auf dieſen Todesfall vorzubereiten, denn ſeit manchem Jahr ſchon hatte die Königin gekränkelt, und durch ihr fortgeſetztes Leiden war dem Könige manche Freude verbittert, manche Zerſtreuung vereitelt worden. König Philipp hatte ein wenig geerbt von ſeines Großvaters leidenſchaftlicher Verehrung der Frauen, und ſein Herz bedurfte dieſer Emotionen der Liebe, die ihn zugleich zerſtreuten von den läſtigen Sorgen der Regierung. Denn der König von Spanien kannte nichts Entſetzlicheres als das Re⸗ gieren, er hätte mit Freuden dieſen ihm aufgedrunge⸗ nen Thron verlaſſen, und ſtatt der ſpaniſchen Krone, welche ſeine Stirne drückte, ſein Haupt umwunden mit 13* — 196— einer Krone von Myrthen aus den geſegneten Gärten von Verſailles und Fontainebleau. Da man ihn aber gezwungen, König zu ſein, wollte er mindeſtens die Laſt ſeiner Krone ſo viel als möglich Andern aufbür⸗ den, und ſich nur die Annehmlichkeiten derſelben be⸗ wahren. Er war es daher ſehr zufrieden geweſen, wenn die Königin, influirt von der Prinzeſſin Orſini, ihm in allen Regierungsangelegenheiten mit weiſem Rathe zur Seite geſtanden, und er war es jetzt eben ſo zufrieden, da die Prinzeſſin nicht mehr durch den Mund der Königin ihm ihre Rathſchläge ertheilen konnte, ſie von ihr ſelber zu vernehmen, und nach ihnen zu handeln. Die Prinzeſſin alſo hatte ihm gerathen, ſich in die⸗ ſen erſten acht Tagen ganz der Einſamkeit und ſeinem Schmerze zu überlaſſen, damit ganz Spanien erkenne, wie tief und innig der König die edelſte und von allen Spaniern angebetete Königin betrauere. Das war allerdings ſehr weiſe von der Prinzeſſin, denn ſie ge⸗ wann dadurch den doppelten Vortheil, einmal, daß der König den Herzog von Orleans nicht bei ſich ſe⸗ hen, und von ſeiner anregenden Unterhaltung ſich zer⸗ ſtreut fühlen konnte, und zweitens, daß ſie ſelber, als — 197— die einzige Vertraute, immer mehr Gewalt über das ſchwache Gemüth des Königs gewann! Der König hatte der Prinzeſſin darin gehorcht, daß er in der Einſamkeit blieb, aber ſich immerfort zu be⸗ trüben, und Trauer zu empfinden, das lag nicht in ſeiner Macht, und inmitten dieſer Einſamkeit beſchäf⸗ tigte ſich der königliche Witwer nur mit der großen Frage, wo für ihn eine neue Gemahlin zu finden ſein möchte, ſeufzte er nur darüber, daß diejenige, welche er vor allen Andern dieſer Ehre würdig halte, und der ſein Herz ſeit einigen Wochen ſchon gehörte, un⸗ möglich ſeine Gemahlin werden könne. Da er ſie nicht heirathen konnte, beſchloß er mindeſtens ſie zu lieben, und wo möglich ihre Gegenliebe zu gewinnen! Wer aber war die Dame, welche der König von Spanien liebte, ohne ſie doch zu ſeiner Gemahlin erheben zu können? Es war das Hoffräulein der Prinzeſſin Orſini, ihre Nichte Marquita! Oh, wenn dieſe ſtolze und ſiegreiche Prinzeſſin das gewußt hätte! Aber ſie war geblendet von ihrer eige⸗ nen Größe, ſie ſah nicht mit klarem Blick; Niemand kannte dieſe Liebe des Königs, Niemand als Alberoni. Dieſem frommen und gutmüthigen Prieſter hatte der — 198— verliebte König ſich anvertraut, weil Alberoni der Ein⸗ zige war, den die Prinzeſſin der Ehre würdig hielt, die Einſamkeit des königlich trauernden Witwers zu⸗ weilen zu theilen. In dieſem Augenblicke war dem Könige die Ein⸗ ſamkeit ſehr willkommen, denn er war damit beſchäftigt, ein Gedicht an ſeine Geliebte zu machen. Aus Lange⸗ weile kann ſogar ein König zu einem Dichter werden! Das iſt in der That ein allerliebſtes Gedicht, ſagte der König auf die Schreibtafel blickend, die vor ihm auf dem goldausgelegten Marmortiſche lag. Es liegt viel Schwung, viel Poeſie darin, und dieſe kleine Mar⸗ quita wird entzückt ſein. Ich will mir das Ganze noch einmal überleſen! Und die Schreibtafel nehmend las der König mit einem begeiſterten, ſelbſtgefälligen Lächeln: Wie ſo mächtig Wie ſo prächtig Biſt Du, holde Zauberin! Stürzeſt mit der Schönheit Hohne Weg von ihrem ſtolzen Throne Des Olympos Götter hin! Wenn Aurore In dem Thore — 199— Ihres Himmels dort verſchwand Leuchteſt Du im Königsſaal In der Morgenſchönheit Strahl In der Unſchuld Lichtgewand! O Marquita— Bis dahin iſt es fertig, und ſehr gelungen, ſagte der König, aber jetzt ſinne ich vergeblich auf einen Reim! Es will mir kein paſſendes Wort einfallen, das ſich auf Marquita reimt! Und die Brieftafel weit von ſich ſchleudernd, fuhr der König unwillig fort: Bah, was⸗nützt mir die Macht eines Königs, wenn ſie nicht einmal hinreicht, einen Vers zu Stande zu bringen! So aber iſt es ja mit dieſer ganzen, vielgeprieſenen Macht des Königs⸗ thums! Ach, dürfte ich dieſen Purpurmantel, und dieſe ſpaniſche Krone von mir werfen, und heimkehren nach Paris, nach dieſer Stadt meiner Sehnſucht! In Paris, da lebte ich, denn es war mir vergönnt, ein. Menſch zu ſein, menſchlich zu empfinden, menſchlich zu irren! Aber jetzt hat man mich zu einem Götzenbilde gemacht, an das Niemand mehr glaubt, das aber Je⸗ der zu ſeinen Zwecken benutzen will! Man hat mich einem Volke aufgedrungen, das meiner nicht begehrte, — 200— man hat mir ein Volk aufgedrungen, das ich niemals lieben werde! Und ſie verlangen von mir, daß ich dies Volk glücklich mache, während ich ſelber, als ein Sclave meiner Größe, verſchmachte inmitten meiner Herrlichkeit! Man nennt mich König! Ach, ein Ge⸗ fangener bin ich, weiter nichts, und Spanien iſt mein Kerker! Aber als der König in dieſem Augenblick Geräuſch in dem Vorzimmer hörte, ſchwieg er, und eilte, die Brieftafel aufzuheben, und ſie in ſeinem Buſen zu verbergen. Mein Gott, wenn die Prinzeſſin das geleſen hätte! murmelte er leiſe, und blickte ängſtlich nach der Thüre, als fürchte er, ihrem Späherblicke zu begegnen. Aber es war nur der Kammerdiener, welcher den Vorhang öffnete, und den Abbé Alberoni meldete. Deer König ging dem eintretenden Prieſter mit freu⸗ digem Antlitz entgegen. Nun, Abbé, fragte er leiſe, aber ungeſtüm, habt Ihr mein Billet abgegeben? Alberoni zuckte leicht die Achſeln. Es war eine Unmöglichkeit, Sire, ſagte er. Dieſes ſchöne Fraͤulein — 201— Marquita iſt eine uneinnehmbare Feſtung! Umlagert von Spionen und anbetenden Cavalieren! Wie, rief der König, wer wagt es, die Dame an⸗ zubeten, die ich mit meiner Gunſt beehre? Weiß man denn, daß Euer Majeſtät dieſes kleine Ehrenfräulein liebt? fragte Alberoni lächelnd. Und dann, ſelbſt wenn er es wüßte, würde dieſer ſtolze Herzog von Orleans ſchwerlich zurückweichen! Er iſt es alſo, der Marquita liebt? unterbrach ihn der König, hochroth vor Zorn. Ach, überall muß mir dieſer Philipp entgegen treten, überall ſteht er als mein Rival mir zur Seite! Das begann ſchon in Paris, und jetzt kommt er, ſelbſt hier in meinem Reiche mich zu bekämpfen und anzufeinden! Und wenn es ſich nur allein um ein Mädchenherz handelte! ſagte Alberoni, innerlich triumphirend, daß ihm die Liſt gelungen, den König gegen ſeinen fran⸗ zöſiſchen Vetter zu erbittern und einzunehmen. Wenn es ſich nur allein um ein Mädchenherz handelte. Aber dieſer Herzog von Orleans i*ſt ehrgeizig. Es kränkt ihn, daß er nicht an Eurer Stelle König von Spa⸗ nien iſt! Ich wünſchte ihm, er wäre es! ſeufzte Philipp, da⸗ dodddoſſ— 8 — 202— mit er die Laſt und Qual dieſer Krone empfände. Mag er immerhin ehrgeizig ſein, aber ich werde es nicht dulden, daß er verliebt iſt in die Dame, welche ich liebe. Ja, Alberoni, ich liebe ſie! Krone und Scepter möchte ich zu ihren Füßen niederlegen, und zu ihr ſagen: nimm das Alles, ſei meine Königin, laß mich Deinen Sclaven ſein, aber liebe mich! Nimm— Still, unterbrach ihn Alberoni leiſe. Ich höre Je⸗ mand kommen, und mir war es, als vernähme ich die Stimme der Prinzeſſin. Der Prinzeſſin? fragte der König ſichtbar erſchreckend. Ja, der Tante Curer ſchönen Marquita, Sire. Ah, wenn die Prinzeſſin kommt, da wird vielleicht ihre Nichte einen Augenblick unbewacht ſein, und ich finde Gelegenheit, ihr das Billet Eurer Majeſtät zu üher⸗ reichen.— Ja, es iſt die Prinzeſſin, ſagte der König ängſtlich. So geht, geht ſchnell!. Sire, ſagte der Abbé, des Königs Hand an ſeine Lippen drückend, vielleicht wäre es rathſam, wenn Ihr Euch der Prinzeſſin anvertrautet! Der König ward bleich vor Schreck. Nimmermehr! ſagte er leiſe. Sie würde es mir niemals verzeihen! Um Gotteswillen, geht, ehe die Prinzeſſin hier ein⸗ tritt, und nach dem Gegenſtande unſerer Unterhaltung forſcht! Aber es war zu ſpät, denn die Prinzeſſin hatte ſchon die Thüre geöffnet, und blickte mit ihren großen, durch⸗ dringenden Augen auf den König hin, der, unfähig ſeine Verwirrung zu verbergen, das Haupt abwandte, und mit einem flüchtigen Kopfnicken den ehrerbietigen Abſchiedsgruß Alberoni's erwiderte. Stumm näherte ſich der Prieſter der Thüre, und an der Prinzeſſin, welche langſam in das Zimmer ge⸗ treten war, vorübergehend, flüſterte er, indem er ſie be⸗ grüßte, leiſe und nur ihr vernehmbar: der König iſt verliebt! In wen? hauchte die Prinzeſſin. Das ſollten Sie nicht errathen? flüſterte Alberoni mit einem vielſagenden, bedeutungsvollen Lächeln. Und an der Prinzeſſin vorüberſchreitend, verließ der Abbé raſch das Kabinet. Die Orſini ſtand da, wie in einer Art Betäubung. Ein Ausdruck ſeligen Triumphes war über ihre Züge gebreitet, und ihr Herz ſchlug ſtürmiſch gegen dieſe ſtolze, von den ehrgeizigſten Wünſchen bewegte Bruſt. „ — 204— Er liebt mich! ſagte ſie leiſe zu ſich ſelber. Der König von Spanien liebt mich! Ich werde alſo ſeine Gemahlin werden! Und ganz erfüllt von dieſem beſeligenden Gedanken näherte ſich die Prinzeſſin mit lächelndem, glückſtrahlen⸗ den Geſichte dem Könige. Philipp, welcher bis dahin ſich den Anſchein gege⸗ ben, die Prinzeſſin noch nicht gewahrt zu haben, konnte es nicht länger vermeiden, ſich umzuſehen, und anſchei⸗ nend mit freudigem Erſtaunen, aber nicht ganz ohne Verwirrung ſagte er: ah, Ihr ſeid es, meine theure Prinzeſſin! Er liebt mich! Es iſt ganz gewiß, jubelte die Prin⸗ zeſſin in ſich ſelber. Laut ſagte ſie: ja, ich bin es, mein König und mein Herr! Ihr Herr? fragte der König. Wann hätte ich ge⸗ fordert, daß Sie mich Ihren Herrn nennen ſollten? Sie forderten es nicht, denn Sie ſind großmüthig, rief die Prinzeſſin, aber mein Herz macht Sie zu mei⸗ nem Herrn! Ah, es iſt einem Weibe nichts ſüßer, als ſich dem zu unterwerfen, den ſie auf Erden am meiſten liebt und verehrt. Ich unterwerfe mich alſo „Ihnen, Sire! — 205— Der König, ſonſt nur gewohnt, in der Prinzeſſin eine ſtrenge Lehrmeiſterin und Sittenrichterin zu ſehen, war wie bezaubert von ihrer Freundlichkeit und Güte. Wie gut und entgegenkommend ſie heute iſt! dachte er? Wie? Sollte Alberoni vielleicht Recht haben, und dürfte ich es wagen, der Prinzeſſin meine Liebe zu Marquita zu geſtehen? Ich muß ihm entgenkommen, und ihn ermuthigen! dachte ihrerſeits die Prinzeſſin. Mein Gott, er iſt ſo eingeſchüchtert, dieſer gute Philipp! Und gegenſeitig ganz erfüllt von ihren Gedanken, blickten ſte einander mit einem ſehr bedeutungsvollen, zuvorkommenden Lächeln an.— Ah, wie ſchön Sie heute ſind! ſagte der König endlich, bemüht durch Schmeicheleien die Prinzeſſin ganz für ſich einzunehmen, bevor er ihr ſein Herz offenbarte. Es iſt die Freude, welche mich verklärt, flüſterte die Prinzeſſin, indem ſie den König ſanft zu einem Divan— geleitete, und ſich auf ein Tabouret neben ihm niedet ſetzte. Ja, Sire, fuhr ſie dann ſchmeichelnd fort, die Freude macht mich vielleicht auf einen Augenblick wie⸗ der jung und ſchön, die Freude, von Ihnen, meinem — 206— theuren König, angeblickt zu werden. Es iſt das erſte Mal, daß Eurer Majeſtät mir eine Schmeichelei ſagte. Das macht mich glücklich! Denn wir Frauen hören immer eine Schmeichelei gern, ſelbſt wenn wir wiſſen, daß ſie eine großmüthige Unwahrheit iſt! Freilich, es iſt das erſte Mal, daß ich irgend einer Dame in Spanien eine Artigkeit ſage! rief der König, bemüht dem Geſpräche die Wendung zu geben, nach welcher ſein Herz verlangte. Aber durfte ich es denn früher? War ich nicht ſtets bewacht von den eifer⸗ ſüchtigen Blicken meiner Gemahlin? Zürnte ſie mir nicht um jedes Lächeln, das nicht ihr galt, um jedes freundliche Wort, das nicht an ſie gerichtet war? Es iſt wahr, die Königin war ſehr eiferſüchtig! be⸗ merkte die Prinzeſſin leiſe. Oh, eine Tyrannin war ſie, die mich blind machen wollte gegen die Schönheit, die mein Herz ertödten wollte, damit es aufhöre, die Schönheit anzubeten, und in irgend einem Weibe außer ihr ein Meiſter⸗ werk der Schöpfung zu bewundern! Pah, als ob man das Herz zwingen könnte, ſtill zu ſtehen, als ob man den Augen gebieten könnte, nicht zu ſehen. Ah, Prin⸗ zeſſin, inmitten dieſes Zwanges, der mich bedrückte, — 207— umringt von Spionen, umlauert von den Späher⸗ blicken meiner Gemahlin, ſchlug doch mein Herz noch warm und feurig, hatte ich doch noch Augen, um die Schönheit zu ſehen, und anzubeten, um ihr in dem heiligen Schreine meines Herzens einen Tempel der Liebe und Anbetung zu bauen. Dieſe eiferfüchtige Königin konnte wohl verhindern, daß meine Lippen ſprachen, aber ſie konnte meinem Herzen nicht wehren, zu empfinden, meinen Augen nicht gebieten, mindeſtens durch Blicke zu ſprechen! Oh, ich habe wohl zuweilen Ihre Blicke bemerkt, Sire, und ſie verſtanden! flüſterte die Prinzeſſin, mit verſchämtem Augenniederſchlagen. Haben Sie das? rief der König freudig. Und Sie haben mir deshalb nicht gezürnt? Sie verziehen groß⸗ müthig der Kühnheit meiner Liebe? Ich fühlte beſchämt, daß mein Herz zu ſchwach zum Zürnen ſei! ſagte die Prinzeſſin. Und da ich nicht zürnen konnte, vergab ich nicht allein, ſondern ward durch mein Mitempfinden eine Theilnehmerin der Schuld! Oh, Sie ſind ein himmliſches Weib! rief der König, — 208— voll innigen Dankgefühles die Hand der Prinzeſſin an ſeine Lippen drückend. Sire, wenn man uns beobachtete! fluſterte die Prin⸗ zeſſin verſchämt. Wenn man da draußen erführe, daß der königliche Witwer nicht ſo ganz die Einſamkeit bloß ſucht, um zu trauern, ſondern auch, um einer andern Dame ſeine Liebe zu bekennen! Ja, der Dame meines Herzens meine Liebe zu be⸗ kennen, das iſt mein höchſter, mein feurigſter Wunſch! rief der königliche Witwer. Und dazu, theuerſte Prin⸗ zeſſin, müſſen Sie mir behülflich ſein! Offen und ohne Rückhalt, keine Lauſcher fürchtend, nicht beengt von einem Zwange, will ich ihr, die ich liebe, mein Herz und meine Liebe offenbaren können und mein Herz und mein Leben zu ihren Füßen niederlegen! Dazu, theuerſte Prinzeſſin, müſſen Sie mir helfen! Die Prinzeſſin ſah ihn erſtaunt an,— ſie verſtand ihn nicht! Sie fragte ſich nur: warum denn will er nicht gleich, nicht jetzt mir ſein ganzes Herz ofenue. ren? Warum noch warten? Der König, ihr Erſtaunen nicht gewahrend, fuhr fort: Aber nicht in der Helle des Tages ſoll dieſe Zuſammenkunft ſein! Nein, laſſen Sie uns eine ver⸗ — 209— ſchwiegene Abendſtunde wählen, unter dem beſchützen⸗ den Schleier der Dämmerung erſchließen die Herzen ſich freier und leichter, wird das ihre ſich mir unge⸗ zwungener offenbaren! Die Nacht iſt die Mutter alles Glückes! Ah, wie edel, wie zartfühlend! dachte die Prinzeſſin. Er will uns Beiden das Erröthen erſparen, deshalb wählt er zu ſeinem erſten ausführlichen Geſtändniß die ſtille, undurchdringliche Nacht! Nun, Sie antworten mir nicht? fragte der König zärtlich. Sie ſind alſo nicht meiner Meinung? Oh, ganz gewiß! ſagte die Prinzeſſin. Ich werde heute noch Eurer Majeſtät Zeit und Stunde dieſer Zu⸗ ſammenkunft melden und alles Nöthige vorbereiten! Sie ſind mein guter Engel, ich werde Ihnen mein ganzes Lebensglück zu danken haben! rief der König, und all' mein Beſtreben wird es ſein, dem Hofe zu zeigen, was Sie mir ſind, und wie ich will, daß man Sie ehren ſoll! Prinzeſſin, ich ernenne Sie zur Oberhofmeiſterin des Prinzen von Aſturien, meines Sohnes, und damit ich ſtets und zu jeder Stunde in Ihrer Nähe ſein kann, werden Sie mit Ihrem ganzen Haushalt und dem Hofſtaat meines Prinzen das Klo⸗ III. 14 — 0210— ſter neben dieſem Palaſte hier beziehen. Die guten Mönche mögen ſich eine andere Wohnung ſuchen, von dieſer Stunde ab gehört das Kloſter Ihnen und ſoll für Sie zu einem köſtlichen Palaſte umgewandelt wer⸗ den! Und damit, fuhr der König, ganz erregt von der Fülle ſeiner Zukunftsplane und Hoffnungen, fort, damit der Hof nicht ſtets wiſſe, wann und wie oft ich zu Ihnen komme, oder Sie mir das Glück Ihrer Nähe ſchenken, ſoll dieſe Mauer hier durchbrochen und in eine geheime Durchgangsthür zu Ihrem Palaſt ver⸗ wandelt werden! Gleich heute noch! Dann darf ich zu Ihnen und in Ihre Gemächer kommen, ſo oft ich will, und Niemand wird es bemerken! Der König war von jeher ſehr erfinderiſch geweſen, wenn es galt irgend eine verliebte Laune zu erfüllen, und jetzt, da er meinte von der Prinzeſſin begünſtigt zu werden in ſeiner Liebe zu Marquita, fand er die Energie ſeiner frühern Liebeszeiten wieder, dieſe Ener⸗ gie, welche die liebende und eiferſüchtige Königin ſo lange in ihm unterdrückt und in Schlummer gewiegt hatte. Jetzt iſt Marquita mein, und nichts kann ſie mir entreißen! dachte der König. — 211— Die Prinzeſſin ſagte triumphirend: Es ſoll Alles ge⸗ 4 ſchehen, wie Sie befohlen haben, Sire! Zwei Worte von Ihrer Hand, und in dieſer Stunde noch werden die guten Mönche das Kloſter räumen und der Prinz von Aſturien mit mir ſeinen Einzug halten! Der König trat an ſeinen Schreibtiſch und ſchrieb. Hier, ſagte er dann, hier Ihre Ernennung als Ober⸗ hofmeiſterin des Prinzen von Aſturien, und hier der Befehl an den Prior des Franziskanerkloſters. Die Prinzeſſin nahm mit dankbaren Blicken dieſe bei⸗ den Papiere aus der Hand des Königs in Empfang. Und ich, ſagte ſie zärtlich, ich werde dafür ſorgen, daß heute noch dieſe Mauer hier durchbrochen werde, wie mein gnädiger und theurer König es befohlen! VII. Ein Triumph. In dieſem Augenblick hörte man draußen eine hef⸗ tige und gebieteriſche Stimme ſagen: Laßt mich! Die⸗ ſer Befehl kann für mich keine Gültigkeit haben! Sr. Majeſtät der König wird und muß mich ſprechen! Man melde mich und ſage Sr. Majeſtät, daß ich ihm einen Brief ſeines erlauchten Großvaters, des Königs von Frankreich zu übergeben habe. Es iſt der Herr Herzog von Orleans! flüſterte die Prinzeſſin. Soll ich ihn annehmen? fragte der König. Die Prinzeſſin fühlte ſich in dieſem Augenblicke zu ſicher, zu ſtegesgewiß, als daß ſie es hätte für nöthig erachten können, ihrem Feinde den Eintritt zu ver⸗ weigern. Wenn er Briefe von Ihrem erhabenen Großvater — 213— bringt, Sire, ſo glaube ich, daß es die Etiquette er⸗ fordert, den Herzog von Orleans vorzulaſſen, ſagte ſie. Nur mögte es gut und rathſam ſein, den Herzog nur als Bote des Königs von Frankreich und nicht als Freund zu empfangen. Der Herzog iſt ſehr gewandt und ſchlau, König Ludwig hat ihn hierher geſandt, um Eure Majeſtät zu bewachen und Ihre geheimſten Ge⸗ danken wo möglich zu erſpähen, und wenn er nur eine Ahnung hätte von den Planen, welche in dieſem Au⸗ genblick das Herz des großmüthigſten und liebenswür⸗ digſten Königs beſchäftigen, ſo würden Ihre Plance, Sire, gefährdet werden!— Fürchten Sie nichts! ſagte der König lächelnd. Wir werden ihm nur eine ſehr kurze Audienz bewilligen und bitten, daß Sie bei derſelben zugegen ſind! In dieſem Augenblick ward die Portière heftig zu⸗ rückgeſchoben, und der Herzog von Orleans, hochroth und zitternd vor Zorn, erſchien auf der Schwelle. Majeſtät, ſagte er athemlos, da Niemand den Muth hat, mich zu melden, ſo muß ich es ſchon wagen, mich ſelbſt bei Eurer Majeſtät anzumelden! Ich komme in meiner Eigenſchaft als außerordentlicher Geſandter des Königs von Frankreich. G. — 214— Und als ſolcher ſind Sie mir willkommen! ſagte der König mit der Würde und Hoheit, die ihm zu⸗ weilen eigen ſein konnte, und welche ſehr an ſeinen Großvater Ludwig den Vierzehnten erinnerte, welcher, was die königliche Repräſentation anbetraf, der größte Monarch aller Zeiten war. Was bringen Sie mir für Botſchaft von meinem erhabenen Großvater? Sire, dieſen Brief! ſagte der Herzog, ſich tief ver⸗ neigend, indem er dem König das Schreiben Ludwigs des Vierzehnten überbrachte. Der König erbrach es und las. Eine Pauſe trat ein, dann ſagte der König achſelzuckend: Ach, ich bedaure, dies⸗ mal nicht die Wünſche meines königlichen Großvaters erfüllen zu können. Sr. Majeſtät macht mir in dieſem Briefe hier den Vorſchlag, Sie, Herr Herzog, zum Oberhofmeiſter des Prinzen von Aſturien zu ernennen. Es thut mir leid, aber dieſer Vorſchlag kommt zu ſpät, denn dieſe Stelle iſt bereits vergeben! 4 Ich habe ſo eben der Prinzeſſin Orſini die Beſtal⸗ lung als Oberhofmeiſterin des Prinzen ausgefertigt, und die Prinzeſſin, welche von dieſer Stunde ab ihr neues Amt beginnt, wird mit dem Prinzen im Fran⸗ ziskanerkloſter, dicht neben dieſem Palaſt, wohnen. — 215— Das werde ich ſogleich die Ehre haben meinem könig⸗ lichen Großvater in einem eigenhändigen Schreiben zu erwidern. Leicht mit dem Kopfe grüßend verließ der König das Gemach und begab ſich in ſein Arbeitszimmer, um an den König von Frankreich, ſeinen Großvater, zu ſchreiben. Dieſer neue, unerwartete Schlag ſchien den Herzog gelähmt zu haben, keines Wortes mächtig, bleich vor Zorn, war er auf einen Seſſel geſunken. Prinzeß Orſini's Augen leuchteten in ſtolzer, trium⸗ phirender Freude, und der Zorn des Herzogs konnte nur dazu beitragen, ihre Freude und ihren Triumph noch zu erhöhen. 1 Nun, ſagte ſie, dem Herzog näher tretend, Euer Hoheit haben ganz vergeſſen mir zu gratuliren, wie ich es doch von Ihnen, als meinem Freunde, erwarten kann! Oh, Herr Herzog, Sie ſollten mich nicht mit ſo erzürnten Blicken anſtarren! Bedenken Sie, Hoheit, daß meine Gunſt Ihnen jetzt ſehr nützlich ſein kann, denn da Sie, wie es ſcheint, eine ſo große Neigung zur Pädagogik haben, käme es nur darauf an, daß ſie mir ein freundliches Wort ſagen, und ich, kraft — 216— meines Amtes als Oberhofmeiſterin, mache Sie zum Hofmeiſter des Prinzen von Aſturien! Ich werde mit Freuden dieſe Stelle annehmen, ſagte der Herzog, der jetzt vollkommen ſeine Faſſung wieder gewonnen hatte. Ja, ich werde ſie annehmen, und wäre es auch nur, um den Prinzen zu lehren, wie er ſich vor ränkeſüchtigen Weibern und ehrgeizigen alten Buhlerinnen bewahren ſoll. Prinzeſſin Orſini, Ihr ergebener Diener! Der Prinzeſſin Augen ſchleuderten Blitze. Nun, beim allmächtigen Gotte, dieſe Unverſchämt⸗ heit ſollen Sie bereuen! rief ſie heftig. Welche Unverſchämtheit? fragte der Herzog unbefan⸗ gen. Ich ſprach, ſo wie mich dünkt, von ränkeſüchti⸗ gen Weibern und ehrgeizigen, alten Buhlerinnen! Das kann doch Sie nicht berühren, Prinzeſſin, das edelſte und erhabenſte Weib dieſer Erde, Sie, die ich ſtets angebetet, und von der ich ſchon ſeit mehr denn zwan⸗ zig Jahren verſichert habe, daß ſie die ſchönſte, tu⸗ gendhafteſte und liebevollſte aller Frauen iſt! Denken Sie doch, Prinzeſſin, welche Treue! Seit acht und zwanzig Jahren bin ich ſchon Ihr treuer, bewundern⸗ 4 8 8* — 29— der Anbeter, ah, man wird mich dereinſt um dieſer Treue willen canoniſiren müſſen! 4 Nein, man wird Sie lieber mit Kanonen aus die⸗ ſem Reiche jagen! rief die Prinzeſſin, indem ſie mit der Küßnheite eines Feldherrn dem Herzog entgegen trat. Man wird Mi Ein Page des Herzogs unterbrach ſie und unnshie dem Streite ein Ende. Der König ließ die Prinzeſſin zu ſich rufen und dem Herzog befehlen, ſich mit allen Granden und allen fremden Geſandten in den Thronſaal zu begeben. Schweigend, nur noch einen raſchen, drohenden Wuthblick mit einander wechfelnd, trennten ſte ſich, um den Befehlen des Königs, der vielleicht durch dieſe Botſchaft, ohne es wiſſen, einen Krieg zwiſchen Frank⸗ reich und Spanien unterdrückt hatte, zu gehorchen. Eine Stunde ſpäter war der ganze Hof in dem Thronſaal verſammelt. Voll neugieriger Erwartung ſtanden ſie in einzelnen Gruppen umher, ahnungsvoll bang mit einander flüſternd und mit zitternden Lippen und gerunzelten Stirnen einander die dunklen Gerüchte mittheilend, die, unheimlichen Geſpenſtern gleich, in dem Palaſte umherſehlichen. — 218— Abgetrennt von den Uebrigen, in einer Fenſterniſche, lehnte Marquita, das Hoffräulein der Prinzeſſin. Wun⸗ derbar reizend war ſie anzuſchauen, und obwohl ſie heute minder lächelnd, minder heiter ſchien, obwohl eine ſanfte Bläſſe ihre zarten Wangen bedeckte, war ſie doch das lieblichſte Bild der Jugend und Mädchenblüthe. Das Haupt leicht zurückgelehnt an die purpurnen Sam⸗ metvorhänge des Fenſters ſtarrte ſie gedankenvoll hin⸗ auf zum Himmel, an welchem ſich die Wolken jagten und ſtürmend vorüberflogen! Was kümmerte ſie das Gepränge dieſes Saales, das dumpfe Geflüſter dieſes unzufriedenen Hofes, ſie, welche ſich nur erinnerte, daß ſie ihren Geliebten ſeit geſtern nicht geſehen, und daß ſie ſich grenzenlos einſam und verlaſſen fühle, wenn Er nicht bei ihr ſei! Für ein Weib, welches liebt, concentrirt ſich die ganze Welt, das ganze Daſein in ihrer Liebe. Sie fühlt nichts und denkt nichts, ſie will nichts und weiß nichts, als den Geliebten, die Erde iſt nur ſchön, weil Er auf ihr wandelt, das Leben iſt nur genußvoll, weil ſie es mit ihm genießen kann! Er iſt der Inbegriff ihres Daſeins. Er iſt ihr Glück, ihr Leben, ihre Se⸗ ligkeit, ihre Unſterblichkeit, ihr Alles! Der Mann — 219— aber rechnet alles Andere zum Glücke nöthig— er⸗ langt er das und hat noch die Liebe obendrein, ſo nennt er die Liebe eine angenehme Zugabe, und ſich außerdem glücklich. Erlangt er es nicht, ſind ſeine Wünſche, ſein Ehrgeiz, ſein kühnes Streben geſchei⸗ tert, aber er hat doch die Liebe, ſo nennt er ſich un⸗ glücklich, und die Liebe wird dann ſein Troſt im Un⸗ glück, aber ſie iſt nicht ſein Glück! Marquita liebte wie ein Weib, und Graf Orri liebte ſie wie ein Mann! Er fühlte ſein Herz zermar⸗ tert und zerriſſen von den Leiden ſeines Vaterlandes, und er getröſtete ſich dieſer Leiden beim Anſchauen ſei⸗ ner holden, unſchuldvollen Braut. Spanien war ſeine erſte Liebe, ſeinem Vaterlande gehörte ſeine Ehre und ſein Leben, und er liebte Marquita und gedachte ihrer nur dann, wenn das Vaterland ihm Muße dazu ließ und ſeiner nicht bedurfte. Er war mit ihr im Thronſaal und war doch nicht bei ihr, er ging umher unter den heimlich Verſchwor⸗ nen, und ſtachelte ſie an zu größerer Erbitterung und kühnerem Wollen, er unterhielt ſich mit den Spionen und Ergebenen der Prinzeſſin, und ſuchte durch leb⸗ 1 13 — 220— hafte Unterhaltung ſie zu feſſeln, daß ihre Augen nichts ſähen, ihre Ohren nichts hörten. Aber plötzlich begegnete ſein umherſchweifendes Auge den auf ihn gerichteten innigen Blicken Marquita's, und ſofort waren alle dieſe Sorgen und Beängſtigun⸗ gen vergeſſen, und hochklopfenden Herzens, ganz Liebe, ganz Freude, eilte er zu ihr hin. Ah, Du kennſt mich alſo noch, ſagte ſie mit leiſem Vorwurf, aber ihr ſüßes Lächeln hieß ihn beſſer und inniger willkommen, als ihre Worte, und Graf Orri las mit Entzücken in ihren holden Mienen, daß ſie ihm nicht zürne, ſondern daß ſie ihn liebe! Du antworteſt mir nicht? flüſterte ſie, als er ſie immer noch ſchweigend anſah. Ich überlegte eben, ſagte er glühend, indem er tie⸗ fer mit ihr in die Fenſterniſche trat, ich überlegte eben, ob es nicht ſchöner und herrlicher ſein würde, alle dieſe Kämpfe aufzugeben, und mit Dir, meiner Blume, meiner Lebensſonne, in ein ſtilles, einſames Thal zu fliehen, um ſich ganz dem Glücke und der Liebe zu Ei⸗ gen zu geben! Den Chrgeiz zu vergeſſen, die Todes⸗ ſeufzer nicht zu hören meines leidenden Vaterlandes, ſondern an Deine Bruſt zu ſinken und nichts zu füh⸗ — 221— len, nichts zu denken, als daß die Welt ſo ſchön und köſtlich iſt, weil Marquita in ihr weilt! Und ganz berauſcht von ihrem Anblick, ganz hin⸗ geriſſen von ſeiner Liebe ſah er ſie ie an mit leuchtenden, ſeligen Blicken. Marquita lächelte. Nein, mein Geliebter, ſagte ſie, dieſes Glück, was Du da träumſt, es iſt nicht für Dich! Ich weiß das, ich kenne das jetzt! Dir genügt I nicht dieſes ſtille, eingefriedigte Daſein, Du bedarfſt des Kämpfens, des Ringens und der Siege, Du biſt der Mann der That, nicht der Ruhe, und in einem einſamen, ſtillen Thale würdeſt Du ſterben an dieſer entſetzlichſten aller Krankheiten, an der Langenweile. Oh an Deiner Seite würde mir die Zeit zu raſch dahin fliegen! flüſterte Orri. Sie ſchüttelte leiſe das Haupt. Du würdeſt damit anfangen, mich zu lieben, und würdeſt damit aufhö⸗ ren, mich zu verwünſchen! ſagte ſie. Nein, Orri, bleibe und kämpfe! Deine Marquita hat ein muthiges Herz, ſie zittert nicht für ihren Geliebten, denn ſte weiß, dis er ein Held iſt! Aber ich, ich zittere für Dich! ſagte Orri, und ſeine Stirne umwölkte ſich. — 222— Für mich? fragte ſte unbefangen. Ja, für Dich, Marquita, es drohen unſerer Liebe von allen Seiten Gefahren, und wohin ich blicke, ſehe ich nichts als Rathloſigkeit und Sorge. So blicke in mein Auge!l ſagte ſie lächelnd. Dort iindeſt Du nur Ruhe und ſelige Zufriedenheit. Weil Du ein nichts ahnender, unſchuldsvoller En⸗ gel biſt! Ach, wollte Gott, ich könnte dieſe Stürme ſtill an Dir vorüber führen und Dich den Himmel ſtets heiter und wolkenlos ſehen laſſen! Doch warnen muß ich Dich! Sei auf Deiner Huth, überlege jedes Wort und jeden Blick, und vor allen Dingen laſſe Niemand, hörſt Du, Niemand ahnen, daß wir uns lieben. Meine Freiheit, ja vielleicht mein Leben hängt davon ab, daß weder der König noch die Prinzeſſin dies erfahre! Sei vorſichtig, ſei klug und— Eine lebhafte Bewegung im Saale unterbrach hier den Grafen. Die Thüren waren weit geöffnet, und unter dem Vortritt des Oberhofmarſchalls und der Großwürdenträger ſeines Hofhaltes trat der König herein, an ſeiner Rechten den kleinen Prinzen von Aſtu⸗ rien führend, während an ſeiner Linken, ſtrahlend von — 223— Juwelen, ſtolz und erhaben wie eine Königin, die Prinzeſſin Orſini einherſchritt. Mit finſter grollenden Blicken ſchauten die Granden auf dieſes ſeltſame, unerhörte Schauſpiel! Eine nicht ebenbürtige Prinzeſſin wagte es, an der Seite des ſpaniſchen Königs zu gehen! Sie wagte es ſogar den Lehnſeſſel einzunehmen, welcher dicht neben dieſem Throne ſtand, den der König ſo eben mit dem Prin⸗ zen von Aſturien eingenommen. Der König gab dem Hoſfceremonienmeiſter einen Wink, und ſeinen goldenen Stab erhebend und Ruhe gebietend, las er die beiden Ordonnanzen vor, deren eine die Prinzeſſin zur Oberhofmeiſterin des Prinzen von Aſturien ernannte, und deren andere die Mönche aus dem benachbarten Franziskanerkloſter vertrieb, um dem Hofhalt der Prinzeſſin Raum zu gewähren. Eine Art Erſtarrung bemächtigte ſich bei dieſen Nach⸗ richten des ganzen Hofes. Dies Alles war ſo etwas Unerhörtes, kaum Glaubliches, daß Jeder wünſchte zweifeln zu können und ſein Herz von Zorn geſchwellt fühlte, weil es Wahrheit, Wirklichkeit war! Eine Frau bekam dieſe Stelle, der man ſonſt nur die höchſten Würdenträger, die angeſehenſten Granden des — 224— Reiches würdig gehalten, und dieſe Frau war nicht einmal eine Spanierin! Mit finſter grollenden Blicken, mit heimlichen Flü⸗ chen und Verwünſchungen ſchaute Jeder auf die Prin⸗ zeſſin hin, die ganz ihres ungeheuren Triumphes ſich bewußt, mit lächelnder, ſtrahlender Miene in der Mitte dieſes Saales ſtand, und ihre großen, feurigen Augen forſchend auf dieſe Granden heftete, um auf ihren Ge⸗ ſichtern den Eindruck zu leſen, wechen dieſe Scene auf ſie gemacht! Ich werde die Mißvergnügten ſtrafen und die Zu⸗ friedenen belohnen! dachte ſie in dem ſtolzen Ueber⸗ muthe ihres Glückes, ich werde unerbittlich ſein gegen meine Widerſacher und voll dnerſchäninchen Gnade für meine Freunde! Und indem ſie ihrer Freunde Sedachte flog ihr Auge unwillkührlich hinüber zu Orri, der, hinter dem Throne des Königs ſtehend, ſeine glühenden und zärtlichen Blicke auf ſie zu richten ſchien. Prinzeſſin Orſini fühlte es wie einen echenden Schmerz in ihrem Buſen, und eine Wolke umdüſterte ihre Züge. Ach, ſie hatte in dieſen letzten berauſchen⸗ den Stunden ganz vergeſſen, daß ſie ein Herz habe, und daß dies Herz voll heimlicher Wünſche glühe, ſie hatte nur dieſen Stimmen des Ehrgeizes und Stolzes zugehört, ſie hatte nur einen Thron geſehen und eine Königskrone, welche ihre Stirne ſchmücken ſollte, und von ſolchen berauſchenden Bildern war ihre Seele und ihr Auge geblendet worden. Jetzt aber, als Graf Orri's Augen auf ihr ruheten, als ſie ihm gegenüber ſtand, jetzt erwachte das Weib in ihr, das leidenſchaft⸗ lich liebende Weib. Sie hatte ein Gefühl, als müſſe ſie dieſe Diamanten und dieſe koſtbaren Gewänder und all dieſen Flitterſtaat des äußern Glanzes von ſich werfen, und es laut hineinrufen in dieſen Saal: ich entſage allem Glanz und aller Ehre, ich will keinen Thron und keine Krone, ich will nur das Weib ſein dieſes Mannes, welchen ich liebe! Aber es war zu ſpät, ihr Geſchick war entſchieden, der König hatte mit huldvollen Worten ihr geboten, ſich ihm zu nahen und aus ſeiner Hand die Inſignien des Hausordens der ſpaniſchen Könige zu empfangen. Prinzeſſin Orſini unterwarf ſich ihrer Größe und näherte ſich dem Könige. Knieend empfing ſie die Inſignien dieſes hohen, nur Fürſten zuſtehenden Ordens, und als der König ihr III. 15 ———— ———————— — 226— die ſchwere, goldene Kette umhing, lief ein Gemurmel durch den Saal. Man wußte nicht, ob es Bewun⸗ derung und Beifall, oder Mißmuth und Zorn bedeute! Nun, was ſagt Ihr zu dieſer albernen Farce? fragte der Herzog von Orleans leiſe den neben ihm ſtehenden Alberoni. Dieſe Orſtni iſt eine Here, die mit Zauber⸗ künſten den armen König an ſich gefeſſelt hat. Ein bewunderungswürdiges Weib iſt ſie! ſagte Al⸗ beroni andächtig und begrüßte ehrfurchtsvoll aus der Ferne die Prinzeſſin, welche ihm lächelnd ihren Gruß zuwinkte.* Von der Straße herauf ertönte jetzt feierlicher Geſang von Männerſtimmen, Fackeln, Lichter wurden ſichtbar, und durch dieſe bis zur Erde herabreichenden Fenſter des Thronſaales ſah man in feierlicher Proceſſion die Franziskanermönche vorüber ziehen, welche, heilige Ge⸗ ſänge des Troſtes ſingend, ſo eben ihr Kloſter ver⸗ ließen, verjagt aus dieſen heiligen Hallen, die jetzt in Gemächer der Freude und Weltluſt ſich verwandeln ſollten. Der König erhob ſich von ſeinem Thron und trat mit dem Prinzen an eins der Fenſter, um dieſe feierliche Proceſſion an ſich vorübergehen zu laſſen. In ernſtem Schweigen, tiegerührt d von dem Miß⸗ geſchick der armen Mönche, ſtanden die Granden von Spanien und entblößten vor den Mönchen dieſe ſtolzen Häupter, welche ſie dem König gegenüber bedeckt ge⸗ laſſen.. Und unter dem Geſang dieſer Prieſter, unter den feierlichen Klängen der Poſaunen näherte ſich Prinzeſſin Orſini ſtolz und lächelnd dem Herzog von Orleans. Nun, Herr Herzog, fragte ſie wer trägt jetzt den Sieg davon? 4 Der Herzog verneigte ſich vor ihr bis zur Erde. Ihr, Prinzeſſin, ſagte er, denn nichts geht über Weiberliſt! Eins noch, flüſterte Alberoni zu ſich ſelber,— Prie⸗ ſterklugheit! VIII. Intriguen. Der Herzog hatte freilich der Prinzeſſin ſein Wort gegeben, keinen Brief und keine Depeſche nach Paris zu ſenden, devor nicht Prinzeſſin Orſini jede Zeile ge⸗ leſen. Aber es fiel ihm natürlich nicht ein, dieſes Wort erfüllen zu wollen, er hatte ſich natürlich, während er ihr dies Verſprechen leiſtete, in Gedanken einige jeſui⸗ tiſche Hinterhalte und Reſervationen gemacht, wie er das gelernt von ſeinem klugen und würdigen Lehr⸗ meiſter, dem Herrn Abbé Dubois. Es war alſo ganz ſachgemäß und pflichtgetreu, daß er in einem langen ausführlichen Schreiben ſeinem Kö⸗ nig Ludwig den Zuſtand des ſpaniſchen Hofes ſchil⸗ derte, und ihm in der ſchärfſten und bitterſten Weiſe den verderblichen Einfluß, die despotiſche Macht ſchil⸗ derte, den die Prinzeſſin über den König und dadurch — 229— über ganz Spanien ausübte, daß er den König be⸗ ſchwor, alle Mittel und Kräfte in Bewegung zu ſetzen, um dieſe gefährliche Widerſacherin des franzöſiſchen Ein⸗ fluſſes zu vertreiben, und ihn, den Herzog, in die Ehren und Würden einzuſetzen, welche die Prinzeſſin ſo freventlich für ſich uſurpirt hatte! Der Herzog hatte die Nacht nach den zuvor geſchil⸗ derten Ereigniſſen dazu benutzt, dieſen Brief zu ſchrei⸗— ben, und begab ſich mit demſelben am Morgen zu Al⸗ beroni, um von dieſem beſonnenen und ſtets überlegen⸗ den Verbündeten und Vertrauten ſich über die Mittel zu berathen, wie man dieſes Schreiben nach Frank⸗ reich befördern könne, ohne daß es von den Spionen und heimlichen Agenten der Prinzeſſin anihefangen und ihr überbracht würde! Das iſt ein ſehr ſchwieriges Unternehmen, z zu deſſen Ausführung es eines kühnen Muthes und eines ſtar⸗ ken Armes bedarf! ſagte Alberoni ſinnend. Keine Poſt und keine Diligence, kein Courier und kein Fußbote überſchreilet die ſpaniſch⸗franzöſiſche Grenze, ohne von den Söldlingen und Spionen der Prinzeſſin in belaant und unterſucht worden zu ſein. 24e kt Doch thut hier die größte Eile Noth! tief d der Nr Her⸗ — 230— zog, und dieſer Brief muß in die Hände des Föihs von Frankreich übergeben werden! 120 Wir müßten dazu einen muthigen, kühnen Mann wahlen ,ſagte Alberoni ſinnend, einen Spanier, der es thäte, nicht um des elenden Gewinnſtes willen, ſondern aus Haß gegen die Prinzeſſin, der in glühen⸗ der Vaterlandsliebe ſein Leben und ſeine Ehre daran ſetzte, dieſen Brief zu befördern, um dadurch ſein Va⸗ terland von dieſem Vampyr, wie die guten Spanier die Prinzeſſin Orſini nennen, zu befreien. Ich glaube, Hoheit, ich weiß ſolchen Mann zu finden! So nennt ihn mir, und er ſoll der höchſten Aus⸗ zeichnung gewiß ſein! rief der Herzog lebhaft. Nein, ſagte Alberoni bedächtig, dies iſt mein Ge⸗ heimniß. Ich übernehme es dieſen Brief zu befördern. Gebt ihn mir! Mein Ehrenwort darauf, daß keine andere Hand ihn berühren ſoll, als die Hand dieſes Mannes, der ihn dem König von Frankreich überbrin⸗ gen ſoll! Der Herzog ſchaute mit ſcharfen, purchbohrenden Blicken in Alberoni's Antlitz, während er ſo ſprach, und einen Moment ſtieg in dem Prinzen der Verdacht auf, dieſer Prieſter ſei vielleicht nicht ſein Freund, ſon⸗ — — 231— dern ſein Widerſacher, eine Creatur der Prinzeſſin, und dies ſei nur eine Falle, um den Herzog darin einzufangen. it an Aber als er die ruhigen und edlen Züge Alberoni's betrachtete, der mit ſanften, frommen Blicken den Au⸗ gen des Herzogs begegnete, ſchämte ſich Philipp von Orleans faſt ſeines unwillkührlichen Verdachtes, und mit einer raſchen Bewegung das Schreiben aus ſeinem Buſen hervorziehend, reichte er es dem Abbé dar. Da nehmtl ſagte er voll Hoheit. Ihr ſeid ein Eh⸗ renmann, und ich vertraue Euch vollkommen! Und ich werde dies Vertrauen zu rechtfertigen wiſ⸗ ſen, ſagte Alberoni ehrerbietig. Heute noch ſoll dieſer 3 Brief an den König von Frankreich befördert werden. Und Ihr, Abbé, könnt, wenn dieſer Brief ſeine Wirkung thut, Euch meiner ewigen Dankbarkeit ver⸗ ſichert halten! ſagte der Herzog, indem er mit einem freundlichen Gruß das Gemach Alberoni's verließ. Kaum waren die Schritte des Herzogs verhallt, als die Züge Alberoni's einen andern Ausdruck annahmen. Ein hämiſches, ſchadenfrohes Lächeln ſtand auf dieſem ſonſt ſo frommen Angeſicht, und aus ſeinen kleinen, liſtigen Prieſteraugen blitzte eine boshafte Zufriedenheit. 92 — 232— Thor, der Du biſt, Herr Herzog von Orleans, flüſterte er leiſe. Brichſt ſelber Dein heilig gegebenes Verſprechen, und glaubſt, daß ein Prieſter ſeinen Schwur heilig halten wird! Wie armſelig, und welch einen ſchwachen Schüler ſich Dubois da gebildet hat! Und mit raſchen Schritten eilte Alberoni zur Thür und verſchloß ſie, dann ließ er die Vorhänge der Fen⸗ I ſter herabgleiten, und als er ſich überzeugt, daß er V ganz allein, daß Niemand ihn, und ſei's auch nur durch das Schlüſſelloch, oder durch eine Spalte in der Thür beobachten könne, öffnete er ein geheimes Fach ſeines Schreibtiſches und zog aus demſelben ein feines goldenes Meſſer und etwas Wachs hervor. Dann zün⸗ dete er geſchäftig ein Licht an und nahm den rief des Herzogs, indem er mit einem behaglichen 6 ſagte: Nun wollen wir einmal ſehen, was der gute, vertrauensvolle Herzog da an den großen Ludwig von Frankreich geſchrieben hat! 8 Und er näherte das feine goldene Meſſer dem Lichte, um es zu erwärmen und dann mit demſelben dieſes große, herzogliche Siegel von dem Briefe abzulöſen.. Niemand war darin geſchickter als dieſer vielgewandte, weiſe Prieſter Alberoni; keine Secunde, und das Sie⸗ — 233— gel war abgelöst, und der Brief des Herzogs lag of⸗ fen da vor Alberoni, der ihn anfangs mit gierigen Blicken überflog und dann ihn langſam und beſonnen noch einmal las. 1 1 Das iſt ein ganz vortreffliches Actenſtück, ſagte Al⸗ beroni dann lachend, die Orſini wird raſend werden, wenn ſie liest, mit welchen giftigen, glänzenden Far⸗ ben ſie da geſchildert wird, und mir ſcheint, dieſer gute König Philipp iſt auch eitel genug, um dieſe Schil⸗ derung, welche der Herr Herzog da von ihm entwirft, grade auch nicht in ſeinem Sinne zu finden! Ha, es wäre ein Meiſterſtreich, wenn ich dem König und der Prinzeſſin zu dieſem Documente da verhülfe, ohne daß der Herzog es gewahr würde, daß dieſer Schlag von ir au ginge! Laßt einmal ſehen, wie machen wir das! Und der kluge Prieſter und Abbé Alberoni verſank in tiefes Sinnen. ttnsl chin alf nen So geht es! rief er dann freudig, ja, bei Gott, ſo geht es! Aber Ruhe, Beſonnenheit! Ueberlegen wir noch einmal! Zuerſt! Dieſer Graf Orri iſt mir hier im Wege! Er iſt ein zu glühender Patriot, er über⸗ zeugt mit ſeinen begeiſterten Worten die übrigen Mit⸗ glieder der ſpaniſchen Verſchwörung zu ſehr, daß nur — 234— ein Spanier über Spanien und den König herrſchen kann. Das iſt läſtig und könnte meine Plane kreuzen! Wir werden ihn alſo auf einige Zeit entfernen, und dazu bietet ſich eben die bequemſte Gelegenheit dar! Er muß der Bote ſein, welcher das kühne Wagniß übernimmt, dieſen herzoglichen Judasbrief nach Frank⸗ reich zu befördern! Ach, es wird mir ſchon gelin⸗ gen, ihn für dieſes Unternehmen zu begeiſtern! Aber nun kommt es ferner darauf an, daß ihm dies Unter⸗ nehmen nicht gelinge, weil ſonſt der Brief nicht in die Hände der Prinzeſſin kommen könnte! Ich laſſe dieſem guten Orri alſo nur zwei Stunden Vorſprung, als⸗ dann eile ich zur Prinzeſſin und theile ihr den Ver⸗ rath des Herzogs und die heimliche Abſendun ſeines Vertrauten mit! Sie wird Couriere ihm zaſenden und ſie wird, von mir dazu ermahnt, den Boten, deſ⸗ ſen Namen ſie nicht kennt, gefangen nehmen und ihm ſelbſt mit Gewalt ſeine Papiere entreißen laſſen! So⸗ mit wäre denn Alles gethan, Orri wäre entfernt und unſchädlich gemacht, die Prinzeſſin bekommt den Brief des Herzogs und wird ſchon dafür ſorgen, daß ihn dann des Königs Zorn von hier entfernt, und ich Ich waſche meine Hände in Unſchuld und genieße in ₰ — 235— gemächlicher Ruhe der Früchte meines Fleißes. Denn wenn der Herzog entfernt und Graf Orri unſchädlich gemacht iſt, dann bleibt mir nur noch die Prinzeſſin Orſini zu bekämpfen, nun, und mit der will ich ſchon fertig werden! Jetzt alſo ſchnell an's Werk! So ſprechend drückte Alberoni wieder mit kunſtgeüb⸗ ter Hand das abgelöste herzogliche Siegel auf den Brief, und nachdem er ſich überzeugt, daß ſein Werk gut und tadellos ſei, ſteckte er dieſen verhängnißvollen Brief in ſeinen Buſen und begab ſich hinunter zu ſei⸗ nem Wagen, um zum Grafen Orri zu fahren. Ich komme, ſagte Alberoni mit feierlichem Ernſt zu Orri, den er ſinnend und gedankenvoll in ſeinem Sa⸗ lon antraf, ich komme, um Cuch ein wichtiges und bedeutungsvolles Geheimniß mitzutheilen. Und er erzählte dem aufmerkſam lauſchenden Grafen von dem Verſprechen, welches der Herzog von Orleans der Prinzeſſin Orſini gegeben, keinen Brief nach Frank⸗ reich zu ſenden, den die Prinzeſſin nicht geleſen, und daß er dennoch jetzt an König Ludwig geſchrieben. Ich kenne den Inhalt dieſes Briefes, ſagte Alberoni, er iſt ganz dazu geeignet, das Loos Spaniens zu ent⸗ ſcheiden und die Prinzeſſin zu ſtürzen. Wir bedürfen — 236— dazu einer fremden Hülfe, und König Ludwig wird, ſobald er dieſen Brief empfangen, eilen, ſie uns zu ſenden. Laſſen wir alſo die Fremden hier die Fremde vertreiben, und daß die Vertreibenden dann hier nicht die Sieger bleiben, dafür werdet Ihr Syanier ſchon Sorge tragen! Der Plan iſt gut und ausführbar! ſagte Orri. Aber es fehlt uns grade der Ausführer des Plans, es fehlt uns ein Ritter, der kühn und beherzt genug iſt, dies Wageſtück zu unternehmen, und trotz der Spione der Prinzeſſin, trotz aller Gefahren, die ohne Zweifel ihn bedrohen werden, mit kühnem Muthe die⸗ ſen wichtigen Brief an ſeine Beſtimmung zu befördern. Graf Orri's Augen leuchteten. Alberoni hatte die richtige Weiſe angeſchlagen, in der allein er ſeinen Zweck erreichen konnte. Er hatte von Gefahren ge⸗ ſprochen und von tödtlichen Schwierigkeiten, er hatte geſagt, daß es eines kühnen Muthes urdürſe zur Aus⸗ führung dieſes Unternehmens! Das war es, was den Grafen reizte, und es ihm als eine Art Pflicht erſcheinen ließ, dieſe wichtige Bot⸗ ſchaft zu übernehmen. Ich werde dieſen Brief nach Frankreich tringent — 237— durch alle Späher und Wachen, und wo die Liſt nicht ausreicht, da werde ich mit Gewalt mir Bahn zu machen wiſſen! Wenn Ihr dies Wagniß unternehmt, dann wird es gelingen, und Spanien wird durch Euch von ſeiner größten Feindin elbst werden! ſagte Alberoni be⸗ geiſtert. Ich werde es unternehmen, rief Orri. Zu dieſer Stunde noch verlaſſe ich Madrid! Gebt mir den Brief! Und Marquita? fragte Alberoni lächelnd. Graf Orri zuckte zuſammen, und ein Ausdruck des Schmerzes überflog ſeine Züge. Marquita ſteht in Gottes Hand, ſagte er. Das Vaterland ruft mich! Ich darf mich ihm nicht ent⸗ ziehen! Aber welchen Vorwand geben wir Eurer plötzlichen Abreiſe? Der Vorwand iſt leicht zu finden! ſagte Orri ſchmerz⸗ lich. So eben bringt man mir die Nachricht, daß meine Mutter, die fern von hier auf unſerm Stamm⸗ ſchloſſe lebt, todeskrank darnieder liegt und mit Sehn⸗ ſucht nach mir verlangt. 2 64 rief er glühend. Ich werde mich hindurch ſchleichen — 238— Und Ihr wolltet nicht zu ihr gehen? fragte Alberoni theilnahmsvoll. 1 „Nein! Ich habe ihr im Geiſte ein ewiges Lebewohl geſagt. Ich konnte meinem Herzen nicht folgen, weil ich meine Gegenwart hier nothwendig erachtete, aber jetzt verlangt der Dienſt für unſere heilige Sache, daß ich Madrid verlaſſe, und ich werde gehen, nicht zu meiner armen, theuren Mutter, aber doch unter dem Vorwand zu ihr zu gehen! Und das Vaterland wird Euch dereinſt dies Opfer lohnen, das Ihr ihm gebracht! ſagte Alberoni. In zwei Stunden werde ich Madrid verlaſſen ha⸗ ben! Erlaubt, daß ich jetzt die nöthigen Vorkehrungen treffe. Ich werde an den König ſchreiben und ihn um Verzeihung bitten, daß ich ohne Urlaub Madrid ver⸗ kaſſe. Dieſen Brief werde ich an die Prinzeſſin ſen⸗ den, und ihr, indem ich ſie um ihre Fürſprache beim Könige bitte, zugleich den Brief, in welchem mir meine Schweſter die Nachricht von der Krankheit mei⸗ ner Mutter ſendet, zur Beglaubigung beifügen. Und mir erlaubt, der Bote Eurer Briefe zu ſein, ſagte Alberoni theilnahmsvoll. Schreibt jetzt, Graf, und laßt mich hier ruhig ſitzen und ein wenig in die⸗ — 239—* ſem göttlichen und unvergleichlichen Macchiavelli leſen, den ich hier auf dieſem Tiſche ſehe! Nach zwei Stunden waren alle nöthigen Vorkehrun⸗ gen getroffen, und Graf Orri empfing aus Alberoni's Händen den Brief des Herzogs von Orleans an Kö⸗ nig Ludwig von Frankreich. Ich werde entweder ſterben oder dieſen Brief in des Königs Hände abliefern! rief Orri begeiſtert. Alberoni geleitete den Grafen zu ſeinem bereit ſte⸗ henden Pferde. Lebt wohl, flüſterte Orri, und wenn Ihr in vier Wochen keine Nachrichten von mir habt, ſo tröſtet meine Marquita! Und ſeinem Pferde die Sporen gebend, ſprengte der Graf, nur begleitet von ſeinem vertrauteſten Diener, von dannen! Armer Graf, ſagte Alberoni achſelzuckend, indem er mit einem eigenthümlichen Lächeln ihm nachblickte, ar⸗ mer Don Quirote, glaubt zu ritterlichen Thaten aus⸗ zuziehen und wird doch nur gegen Windmühlenflügel zu kämpfen haben! Ach, er dauert mich faſt mit ſei⸗ nem heldenmüthigen Patriotismus, der ihn doch ſo — Ao— bald in ein Gefängniß bringen wird! Zwei Stunden Vorſprung, das iſt das Aeußerſte! Und genau nachdem dieſe zwei Stunden verfloſſen, begab ſich Alberoni zur Prinzeſſin Orſini. Er fand ſie in ihrem Boudoir, und vor ihr lagen die Abſchiedsbriefe des Grafen Orri, welche Alberoni ihr geſandt. Dieſe ſchnelle Abreiſe des Grafen hatte die Prinzeſſin zugleich mit Freude und mit Schmerz er⸗ füllt. Mit Schmerz, weil ſie ſeines Anblickes entbeh⸗ ren mußte, mit Freude, weil ſie an den vorgeſchützten Grund ſeiner Abreiſe nicht glaubte. Er iſt gegangen, ſagte ſie zu ſich ſelber, weil er mich liebt, und weil er es nicht ertragen konnte, mich hiier als die Favoritin, ja gewiſſermaßen ſchon als die erklärte Braut des Königs zu ſehen. Er hat ſich ent⸗ fernt, weil es ihm ein unerträglicher Schmerz war dieſe Huldigungen ſeines königlichen Nebenbuhlers zu gewahren. Ach, armer Orri! Es iſt uns nicht vom Schickſale beſtimmt geweſen, in freier Neigung unſerm Herzen folgen zu können! Wer einmal gekoſtet hat von dieſen verlockenden Früchten, mit welchen der Ehrgeiz und der Stolz ihm winkt, der iſt dieſem Chrgeize auf ewig verfallen und kann nicht mehr zurück, um auf — 241—*. gewöhnlichen Bahnen ſich ein ſtilles Glück und eine gemüthliche Häuslichkeit zu ſuchen Es iſt wahr, ich opfere unſere Liebe meinem Ehrgeiz auf. Aber ich bin zu weit gegangen, ich kann nicht mehr zurück. Europa blickt auf mich, und wenn die Geſchichte einſt meinen Namen in ihre heiligen Bücher aufzeichnet, ſo ſoll ſie nicht von mir ſagen können:„ſte hatte große Plane und ein kühnes Wollen, aber ſie ſcheiterte daran, daß ſie ein Weib war, und daß ſie ihrem Willen ihr Herz nicht unterzuordnen vermogte! Sie konnte herrſchen über Spanien, aber ſie ward beherrſcht von ihrer Leiden⸗ ſchaft, und dieſer opferte ſie ihren Chrgeiz und all die Hoffnungen, welche Spanien auf ihre Herrſchaft ge⸗ gründet!“ Nein, nein, nicht ſo ſoll die Nachwelt von mir denken! Man ſoll von mir ſagen, daß ich ſtark war im Wollen, und daß ich mich ſelber überwand, und meine Liebe hingab an Spanien, mein Glück nie⸗ derlegte zu den Füßen des Thrones! Ich werde alſo nicht die Deine ſein können, Orri, das heißt, nicht öffentlich, nicht vor der Welt, aber ich werde Dir zu lohnen wiſſen für Deine treue Liebe, und wenn ich Dir meine Hand nicht reichen kann, ſo ſoll doch mein Herz Dir immerdar zu Eigen ſein! III. 16 — 242— Das waren die Gedanken, mit denen die Prinzeſſin ſich beſchäftigte, als Alberoni ihr gemeldet ward. Sie hieß ihn mit einem ſhwermuhide Lächeln will⸗ kommen. Prinzeſſin, ſagte Alberoni ernſt⸗ ich bringe Euch wichtige Nachrichten! liod Und in fliegender Eile erzählte er ihr von dem Ver⸗ rath des Herzogs und von dem nach Frankreich mit wichtigen Depeſchen abgeſandten Courier. 1 Die Prinzeſſin hörte ihm zu mit flammenden Augen und hochathmender Bruſt.: Dieſer Herzog iſt ein Verräther, den ich frafen d werde! ſagte ſie mit dem zürnenden Stols einer Kö⸗ nigin. r Und was beſchließen Sie zu ure Dieſe Depeſchen werden nicht nach Frankreich ge⸗ langen, ich werde ſie leſen und ſie dem Könige mit⸗ theilen! Dazu wäre vor allen Dingen nöthig, dieſes abge⸗ ſendeten Couriers habhaft werden zu können. Wir werden ſeiner habhaft werden! rief die Prin⸗ zeſſin ſtolz. Ich gehe jetzt zum Könige! Er wird nicht anſtehen, mir den Verhaftsbefehl auszufertigen. Oder 3 beſſer noch, ich werde ihn blüer. tauspentigent Das genügt! 31 tt Und die Prinzeſſin lie ihren Secreigir kammen und den Verhaftsbefehl ausfertgen. Und wenn er ergriffen iſt? fragte Alberoni. Dann ſoll er als Gefangener angehalten und d ihn die Papiere abgenommen werden. I Sin. Weiter nichts? Wär's nicht beſſer ihn 1o. länger im Gefängniſſe zu halten, um wo möglich noch einige Geſtändniſſe zu erpreſſen. Denn da, wie ich höre, einer der Vertrauten des Herzogs mit dieſer Depeſche abgeſandt worden, ſo hat er ſicher noch mündliche Auf⸗ träge und Beſtellungen des Herzogs, und das ſind ohne alle Frage die wichtigſten! 1 Ihr habt Recht, ſagte die Prinzeſſin, und ich an ihren Secretair wendend, fuhr ſte fort: Man ſoll die⸗ ſen Courier, wo man ihn findet, ſtreng bewacht zum nächſten Gefängniſſe abliefern, ſeine Papiere aber ſo⸗ fort hieher befördern. Und jetzt eilt Euch, ſendet ſo viel Couriere, als Ihr wollt, nur ſchafft mir dieſe Papiere! Eins noch, ſagte Alberoni. Wir müſfen über dieſe Sache das ſtrengſte Geheimniß walten laſſen! Wenn 16 8== der Herzog erführe, daß ich es war, der ihn verrieth, ſo würde ich Ihnen ferner ziiht inehit nüden künnem Prinzeſſin! il Mein Chrenwort darauf, daß ich Guch ticht ver⸗ rathen werde! Aber jetzt, Alberoni, lebt wohl. Die Geſchäfte ſind beendet, und wir wollen ein wenig an uns ſelber denken! Seht, es dunkelt ſchon! Ich liebe dieſe Dämmerung. Sie iſt mir der Bote eines nie ge⸗ träumten Glückes! Lebt wohl! Wer weiß, ob, wenn wir uns wiederſehen nach dieſer Dämmerung, mir dann nicht eine glänzende Sonne des Glückes auf⸗ gegangen iſt! 2 Im 1dtadt idnn Wie wär' es nun, dachte Aberoniho als er zu ſei⸗ nem Palaſt zurückkehrte, wie wäre es, wenn ich nun zum Könige führe, und ihm erzählte, daß es nicht Marquita, ſondern die Prinzeſſin iſt, welche ihm ein Rendezvous bewilligt! Hm, das wäre allerdings ein Mittel, um auf Einen Schlag die volle Gnade des Königs zu erlangen. Aber es iſt ein ſehr trüg⸗ liches Mittel, das leicht mißglücken kann! Der König wird ihr anfangs zürnen, aber er wird ihr nachher vergeben, denn er iiſt jetzt noch zu abhängig von ihr, und wenn er ihr vergeben hat, dann wehe denen, die — 2245— ihr dieſen Streich geſpielt! Jedenfalls iſt es aber ſehr amüſant, in Ermangelung beſſerer Thaten, zum min⸗ deſten einige Verwirrungen und Verlegenheiten einzu⸗ fädeln. Fahren wir alſo zu unſerm guten Herzog! Der iſt ganz geeignet dazu, dies zärtliche Rendezvous zu unterbrechen! 3 Und der weiſe Abbé Alberoni ließ ſeinen Kutſcher umwenden und zum Herzog von Orleans fahren! — — 246— . Die Enttäuſchung. In einem dunklen Zimmer des königlichen Palaſtes ereignete ſich folgende Scene.— 1 Anfangs war das Zimmer leer. Kein Laut zu hö⸗ ren ringsum. Plötzlich aber ward leiſe eine Seiten⸗ thür geöffnet und Prinzeſſin Orſini trat, mit einem Lichte in der Hand, vorſichtig um ſich blickend herein. Als ſie ſich überzeugt hatte, daß das Zimmer leer und ſie alſo vollkommen unbelauſcht ſein würden, ſchloß ſie hinter ſich die Thür und das Licht auf einen Tiſch ſtellend, eilte ſie zum Fenſter, die Gardinen noch fe⸗ ſter zuzuziehen, damit nicht das zufällige Licht irgend einer Laterne in das Zimmer eindringe. Dann nä⸗ herte ſie ſich der zweiten, in dieſem Gemache befindli⸗ chen Thür und horchte. Wenige Minuten und ſte hoͤrte deutlich leiſe, ſich nahende Schritte. — 247— Die Prinzeſſin ſchlug drei Mal in die Hände und lauſchte dann. Man wiederholte dieſes Zeichen von außen.. Er iſt es! ſagte die Prinzeſſin, und raſch zum Ti⸗ ſche eilend, löſchte ſte das Licht. Dann näherte ſie ſich langſam und vorſichtig der Thür. Dieſe öffnete ſich jetzt und eine Stimme ſagte: h bin es!. Die Prinzeſſin erkannte die Siunme des Königs. Ihr Herz klopfte hoch vor Freude und Genugthuung. Und getreu Ihrem Rufe bin ich da! füherr ſie leiſe ſich dem Könige nähernd. Ah, alſo endlich ſehe ich Sie allein und unbemerkt! ſeufzte der König, und mit einer raſchen Bewegung umſchlang er die Geſtalt ſeiner Geliebten, die ſich mit hingebender Zärtlichkeit in ſeine Arme ſchmiegte. Liebſt Du mich, meine holde, ſüße Blume? fragte er, indem er ſie leiſe auf einen Divan niederdrückte und halb vor ihr knieend, halb ſie umſchlingend, neben ihr ſaß. Die Prinzeſſin war ſprachlos vor Glück und Wonne Aber ſie erwiederte den glühenden Kuß des Königs. Sage, daß Du mich liebſt, bat er leiſe. — 248— Und was wird mein König thun, wenn ich ihm mein Herz offenbare? flüſterte ſie. Er wird ſich der dihtſigit Mann ſeides neze nennen! Wird er mich nicht t derächtene Nein, anbeten wird er Dich! Denn beglückt von Deiner Liebe wird er vergeſſen, daß er König iſt und daß eine Krone auf ſeinem Scheitel laſtet! Ach, es iſt ein ſo hartes Loos, ein König zu ſein. Komm, laß es mich in Deinen Lamen borgeſſenee baß ii ein Ks⸗ nig bin! Es iſt ein erhabenes, ein Nrgötlches Soosen eine Krone auf ſeinem Haupte zu tragen! flüſterte ſie. Ja, wenn ich ſie mit Dir, die ich liebe, theilen dürfte! Wenn es mir vergönnt wäre, das Weib, wel⸗ ches ich liebe, zu meiner Königin zu machen! im Hat nicht Cuer königlicher Großvater die Witwe eines Dichters zu ſeiner Fe heͤgigen Gemaßfin er⸗ hoben? ninl. Um ihr eine unheilsvolle, unehrenvolle Stellung ne⸗ ben ſich zu geben! Er durfte ſie nicht zu ſeiner Köni⸗ gin erheben, ſie nicht anerkennen vor der Welt, und obwohl der Prieſter ſie geſegnet, flucht ihrer doch das — 249— Volk, und ſie geht einher, belaſtet mit der Schande eine Buhlerin zu ſein. Nein, nein, mein holdes, ſchö⸗ nes Kind, ich liebe dich beſſer, heiliger und reiner! Es iſt mir nicht geſtattet, Dich zu meiner Gemahlin zu erheben, aber man kann mir nicht verbieten, Dich ewig und grenzenlos zu lieben und Dich in dem hei⸗ ligſten Schreine meines Herzens mein Weib zu nen⸗ nen! Aber Niemand ahne unſere Liebe! Ein ewiges, undurchdringliches Geheimniß verhülle ſie dieſen neidi⸗ ſchen Blicken der Welt. Ich werde vielleicht den Wün⸗ ſchen meines Volkes Gehör geben und eine ebenbürtige Königin neben mir dulden müſſen, Du aber wirſt ewig und immerdar die Königin meines Herzens ſein! Ich werde Niemand lieben, außer Dir! uund der König ſchoß ſie ledeſchaftich in e ſein Arme. Aber Prinzeſſin Orſini erwiederte Van Liebkoſungen nicht. Sie fühlte ſich ein wenig abgekühlt von der feſten und entſchiedenen Verſicherung des Königs, ſie nicht zu ſeiner Gemahlin erheben zu können. Es war ihr weniger um ſeine Liebe als um ſeine Krone zu thun geweſen. Und dennoch,— von dem Könige ge⸗ liebt, konnte ſie eine Koöͤnigin ſein ohne die Krone, konnte — 250— ſte in Spanien ſo mächtig und unumſchränkt regieren, wie die Marquiſe Maintenon es in Frankreich that. Prinzeſſin Orſini reſignirte ſich ſchnell. Sie wollte herrſchen um jeden Preis und da man ihr keine Krone anbot, wollte ſie wenigſtens das Herz nicht ausſchla⸗ gen, welches das Herz eines Königs war!o Sie duldete die Zärtlichkeit des Königs, ſie ruhte ſtumm und hingegeben warm in ſeinen umſchlingenden Armen, und unter manchem zärtlichen Liebeswort ſchob er ihr einen Ring von ſeinem auf ihren Finger.. Du biſt jetzt mein, flüſterte er, meine ſice Brauun mein einzig geliebtes Weib! Und ſie ruhten Herz an Herzen, Lipp' an ide⸗ Ah, wie liebe ich Dich, flüſterte der König dann, ganz glückestrunken. Ja, ich bete Dich an, Dich meine ſüße Königin, meine ſchöne, holde Marquita! Ein Schrei des Entſetzens drang von den Lippen der Prinzeſſin und ſchaudernd ſuchte ſte ied den Ar⸗ men des Königs zu entwinden. Er fragte zärtlich und beſorgt nach der Urſache ih⸗ res Schreckens, als plötzlich ein lautes und iteiſäns Klopfen an der Thür vernehmbar ward. 8 Der König richtete ſich auf und horchte Inat a02i — 251— Oeffnet, Sire, um Gottes willen öffnet, rief drau⸗ ßen die Stimme des Herzogs von Orleans. Es iſt um Ihrer ſelbſt willen, es iſt, weil ich Euch liebe, Sire, daß ich komme, Euch zu erretten. Man hat Euch betrogen, man wagt es, ein ſchändliches Spiel mit Euch zu treiben und die Dunkelheit benutzend, will man Cuch hintergehen und verführen. Oeffnet, Sire, und laßt mich Euch Licht bringen, daß Ihr ſehen könnt, wie man Euch betrog! Der König ſtand auf und wollte ſich der Thür nä⸗ hern. Die Prinzeſſin klammerte ſich in⸗Todesangſt an den König an, und Alles vergeſſend, rief ſie laut: Sire, um Gottes Barmherzigkeit öffnen Sie nicht! Das iſt nicht Marquita's Stimme! rief der König entſetzt, und ſich gewaltſam losmachend, eilte er zur Thür und öͤffnete ſie. Draußen ſtand der Herzog von Orleans! mit einer Wachsſackel in der Hand.. Was wollt Ihr, Herzog? fragte gönig Philipp ernſt und ſtrenge. Der Herzog antwortete nicht ſooleich. In das Ge⸗ mach eintretend, verſchloß er die Thür und ging dann langſam zu dem Divan, auf welchen die Prinzeſſin nieder geſunken war, das Geſicht mit ihren Händen bedeckend. 1 Der Herzog dog trotz ihres Widerſtebens dieſe ver⸗ hüllenden Hände von dem Antlitz der Prinzeſſin und mit der Fackel ihr Geſicht beleuchtend, ſagte er zu dem Könige gewandt: Sire, iſt das die Dame, welche Sie lieben? Ich weiß, ſie iſt es nicht! Hätten Sie aber mir vertrauen mögen, dann wäre die ſchöne Sennora Marquita längſt die Ihre! Der König war ſtunm por Beſchämung und Zorn. Er warf auf die verwirrte zitternde Prinzeſſin einen Blick vernichtender Geringſchätzung, und dann, ohne ein Wort an ſie zu richten, wandte er ihr den Rücken. Mein theurer Vetter, ſagte er ſich an den Herzog von Orleans wendend, ich danke Euch, denn Ihr habt mich in der That von einer Gefahr befreit, mit wel⸗ cher mich eine Betrügerin bedrohte. Folgt mir jetzt in mein Cabinet, um meinen Dank und einige nöthige Befehle zu empfangen! 1 Und ohne einen Blick rückwärts zu werfen, verließ der König ſtolz das Gemach. — 253— Der Herzog von Orleans folgte ihm, aber als er an der Thür war, wandte er ſich noch einmal um und warf einen hämiſchen triumphirenden Blick auf die Prinzeſſin. Die Prinzeſſin verſtand dieſen Blick, mit welchem der Herzog ihr ſagte: jett Prinzeſſin, habe ich ge⸗ ſteglt! 18 220 Der Sturz. Aber nicht ſobald hatte die Thür ſich hinter ihnen geſchloſſen, als die Prinzeſſin ſich erhob und die Thüre, durch welche ſte gekommen, öffnend, in haſtiger Eile aus dem Zimmer ſtürzte. Wie eine von Furien Ge⸗ jagte durchrannte ſie die Gänge und Corridore, ihr Fuß berührte kaum den Boden, die Angſt ſchien ihr Flügel zu verleihen! Unbemerkt und unaufgehalten er⸗ reichte ſie endlich ihr eigenes Gemach, ſie ſah nichts, ſie wußte nichts, ſie hatte nur Ein Ziel, ſie ſtürzte zu ihrem Schreibtiſch hin und öffnete ihn mit zitternden Händen. Dann drückte ſie an einer Feder, ein gehei⸗ mes Fach öffnete ſich, darin lag ein Schlüſſel! Mit einem Freudenſchrei bemächtigte ſie ſich dieſes Schlüͤſ⸗ ſels und verbarg ihn in ihrem Buſen.— Dieſer Schlüſ⸗ ſel, das war das Ziel geweſen, das einzige, letzte — 255— Ziel, welches ſie jetzt noch zu erreichen trachtete! Mit der Beſonnenheit und Kaltblütigkeit, welche dieſe Frau niemals, auch in den größten Gefahren nicht verließ, hatte ſte ſich Alles überlegt, Alles erwogen. Sie wußte, daß der König, ſeinem augenblicklichen Zorn nachgebend, ſie verbannen und ihrer Aemter entſetzen. würde, die Gegenwart war ihr verloren, ſie mußte daher auf die Zukunſt rechnen und daß ihr dieſe nicht 8 verſchloſſen ſei, dazu bedurfte ſie dieſes Schlüſſels. Im⸗ mer klug, immer überlegend, hatte ſie im vollen Beſitz der königlichen Gnade an den möglichen Verluſt der⸗ ſelben gedacht, und als ſie geſtern auf Befehl des Kö⸗ nigs dieſe geheime Verbindungsthür, welche von dem königlichen Kabinet in den neuen Palaſt der Prinzeſſin führte, einrichtete, hatte ſie mit weiſem Bedacht ſich zu dieſer Thür einen zweiten Schlüſſel anfertigen laſ⸗ ſen, um ſich dieſe Pforte immer zugänglich zu erhalten. Ich bin gerettet, ſeufzte ſie jetzt hochaufathmend, als ſie den verhängnißvollen Schlüſſel in ihren Buſen ſehob. Jetzt mag der König ſenden und mir die Schlüſ⸗ ſel abfordern daſſent Dn werde ecennog zu ihm Nlan. gen können 1 nit mn iee dnehu dull. Und jetzt nuß ich eilen meine ne Thrnirungen zu tref⸗ — 256— fen, ſagte ſie dann entſchloſſen. Zu ihrem Schreib⸗ tiſche tretend, nahm ſie aus demſelben die Papiere und Dokumente, welche ihr hätten gefährlich werden können und verbarg ſie in den weiten Taſchen ihrer Kleider. Dies Sechan fühlte ſ ſihe wollkommen ruhig und ſorglos.* 692 Man mag mamh verdammen, ſagi ſte, aber minde⸗ ſtens ſoll man mich nicht ſchuldig finden! Und mit ſtolzen Schritten ging ſien im h ininet au und ab. Ein Klopfen an der Thür ward horbat und Mar⸗ quita's holde Stimme bat um Einlaß. Die Prinzeſſin ging Jeieiene Schrüttes hin und öff⸗ nete ihr. Prinzeſſin, ſagte Maruüne blaß und ſitend, der Herr Herzog von Orleans iſt mit ſeinem Gefolge im Empfangsſaal und begehrt im Namen des Königs Sie zu ſprechen. Man ſagt, er bringe ſchlechte Botſchaft und der König ſei im äußerſten Zorn! Ich weiß es, ſagte die Prinzeſſin feſt, geh und ſage dem Herzog, daß ich kommen werde ihn zu empfangen! Und während Marquita mit thränendem Blick ſich entfernte, trat die Prinzeſſin zum Spiegel und prüfte —————— — 257— ihr Angeſicht. Es war vollkommen ruhig, kein Zug verrieth den Sturm der in ihr wühlte, ihre Lippen zit⸗ terten nicht, ſelbſt ihre Wangen waren nicht erblaßt. Zufrieden mit dieſen Wahrnehmungen, lächelte die Prinzeſſin und ging ſtolzen Schrittes durch die Säle, um in ihrem Empfangsſaal den Heizo willkommen zu heißen. Ernſt und ſchweigend verneigte ſch der Wenog vor ihr, mit finſter grollenden Blicken ſahen ſeine Begleiter auf ſte hin. Auf keinem Geſicht las man Bedauern oder Theilnahme, Hohn und Schadenfreude war auf⸗ all' dieſen Zügen zu leſen. Aber dennoch fühlte ſich die Prinzeſſin von neuer Hoffnung belebt,— ſie hatte dicht hinter dem Herzog den Abbé Alberoni bemerkt, und obwohl er ihr kein Zeichen gab, obwohl er ſie nicht einmal anſah, wußte ſie doch jetzt, daß ein Freund und Verbündeter in ihrer Nähe ſei. Das belebte 4 ren Muth und machte ſie faſt heiter. 1 Nun, Herr Herzog, ſagte ſie mit ihrer klaren, vol⸗ len Stimme, ich bin begierig auf die gnädige Bot⸗ ſchaft des Königs, meines gütigen Herrn! Ich bitte, laſſen Sie mich dieſelbe vernehmen! Und mit dem Anſtand einer Königin, welche ihren — 258— vor ihr ſtehenden Vaſallen Audienz ertheilt, ließ ſie ſich auf dem vergoldeten Seſſel, welchem der Herzog gegenüberſtand, nieder. Sie ſollen vernehmen, was Se. Majeſtät der König, Philipp der Fünfte von Spanien, Ihnen befiehlt durch meinen Mund, ſagte der Herzog, wüthend gemacht durch dieſen ſtolzen Uebermuth der Prinzeſſin. Er winkte einem ſeiner Begleiter und dieſer über⸗ reichte ihm ein großes zuſammengefaltetes Papier. Der Herzog öffnete es und einen hämiſchen Blick auf die Prinzeſſin werfend las er: Ich, Philipp, Kö⸗ nig von Spanien, beauftrage Euch, meinen herzlieben Vetter, den Herzog Philipp von Orleans, die Prin⸗ zeſſin Orſini wiſſen zu laſſen, daß ich, endlich den Bitten und Beſchwerden meines getreuen Volkes nach⸗ gebend und überzeugt, daß es zum Beſten Spaniens nothwendig ſei, die Prinzeſſin zu dieſer Stunde noch aus meinem Dienſte entlaſſe und ſie aller ihrer bisher bekleideten Aemter und Würden für verluſtig erkläre. Sie hat alle Abzeichen und Orden, ſo wie den Schlüſ⸗ ſel zu der Verbindungsthür in Eure Hände abzulie⸗ fern, und Ihr werdet ihr zu wiſſen thun, daß ich ihr befehle, in zwei Stunden ihren Palaſt und in vier 8 — 259— Stunden Madrid zu verlaſſen. Solches iſt mein Wille und Befehl! Gegeben zu Madrid im Jahr 1714. Kein Zug, keine Miene im Geſicht der Prinzeſſin hatte gezuckt, während der Herzog mit lauter, trium⸗ phirender Stimme das las. Mit klarem feſtem Auge blickte ſie ihn an und ein ruhiges, ſtilles Lächeln ſchwebte um ihre Lippen. Hat das wirklich mein König und Herr geſchrieben? fragte ſie ruhig als der Herzog geendet. Der Herzog reichte ihr ſchweigend das Papier dar. Die Prinzeſſin erhob ſich, um ſtehend dieſes königliche Handſchreiben zu empfangen. Dann überflog ſie es mit raſchem Blick, und es an ihre Lippen drückend, ſagte ſie: ja, es iſt die Handſchrift meines theuren, vielgeliebten Königs! So ſprechend richtete ſie ſich futz empor und einen kühnen, flammenden Blick auf den Herzog werfend, ſagte ſie: Herr Herzog Philipp von Orleans, ſagt mei⸗ nem König und Herrn, daß ich gehorſam ſeine Be⸗ fehle erfüllen werde! Uebrigens habe ich dieſelben vor⸗ ausgeſehen, denn da Ihr, Herr Herzog, in dieſer Stunde der Rathgeber des Königs wart, konnte ich Eure Beſchlüſſe ahnen! Ich habe daher ſogleich meine 17¾ — 260— Orden und den Schlüſſel, von welchem Ihr ſpracht, mit hieher gebracht! Da nehmt, Herr Herzog und ge⸗ ſteht mindeſtens, daß Eure Plane nicht ſo fein ange⸗ legt ſind, um nicht durchſchaut werden zu können! Sie reichte dem Herzog die Orden und den reechlüſ, ſel dar und lächelte dabei. mnin oun unn ihnld Vergeßt nicht, daß Ihr in zwei Suunden dieſmm Pa⸗ laſt und in vier Stunden Madrid zelaſſen znßia ſagte der Herzog..120 61. 1 Ich werde daran gedenken und wenn dieſe Frit ver⸗ floſſen iſt, werde ich auf dem Wege nach Frankreich ſein, um dem König Ludwig und der Marquiſe Main⸗ tenon ein Loblied zu ſingen von der Geſchicklichkeit ih⸗ res Abgeſandten! Uebrigens, da ich noch zwei Stun⸗ den Herrin dieſes Palaſtes bin, ſteht mir wohl das Recht zu in demſelben zu gebieten! Ich erkläre daher dieſe Audienz für beendet! Mein Herr Herzog, ich habe die Ehre Ihnen Lebewohl zu ſagen!⸗ 1 Die Prinzeſſin verneigte ſich tief und ehrfutchtsvoll und der Herzog, Wuth im Herzen, mußte dennoch die⸗ ſen Gruß erwiedern. Obwohl geſtürzt, war ſie den⸗ noch in dieſem Momente Siegerin, denn ſie ſtand da wie eine entthronte Königin, und ſie hatte ihn entlaſ⸗ — 261— ſen wie einen Diener und Untergebenen. Er hatte ſie demüthigen wollen und es war ihr dennoch gelun⸗ gen, ihn zu demüthigen. Schweigend verließ der Hess den Saal, gefolgt von ſeinen Capalieren. Die Prinzeſſin ſtand ſtolz und ruhig da und blickte ihnen nach wie ſie Alle von dannen ſchritten. Aber nein, nicht Alle! Einer blieb zurück. Schwei⸗ gend und ruhig lehnte er an der Thud und blickte for⸗ ſchend die Prinzeſſin an. Alberoni! ſagte die Prinzeſſin lächelnd, Jap, Alberoni! wiederholte der Abbé, Mich hat Se. Majeſtät beauftragt, über Eurer Abreiſe zu wachen und Euch nicht eher zu verlaſſent, als bis Ihr den Wagen beſtiegen und Madrid verlaſſen habt! Ich werde es nicht weülaſſen) ſagte die Prinzeſſin ſtolz. 1 4 51 ⁸ Alberoni fühlte ſich nicht im Mindeſten berraſcht von dieſer Erklärung. Er hatte ſie voraus geſehen und ſeine Maßregeln darnach getroffen. Sie wird nicht gehen, hatte er zu ſich ſelber geſagt, ſie kennt den König und weiß, daß, wenn ſein erſter Zorn verflogen, ſie ihm wieder nothwendig iſt und er — 262— ihrer begehren wird. Noch iſt nicht die Zeit gekom⸗ men, wo man die Orſini ungefährdet verdrängen kann. Der König wird Diejenigen in wenigen Stunden ſchon haſſen, die ihn jetzt in ſeinem Dienſt der Prinzeſſin berauben! Ach, ich kenne die Könige, ſie ſind ein ſchwankes Rohr, das von jedem Luftzug bewegt, bald nach dieſer, bald nach jener Seite ſich wendet. Man muß den Wind kennen, welcher gerade weht, ihn beob⸗ achten und ihn benutzen, das iſt die ganze Kunſt, wie man die Könige regiert! Wie geſagt, noch iſt nicht die Stunde gekommen, wo der König ſeiner Favoritin entbehren kann, aber dieſe Criſis wird gerade hinrei⸗ chen, um den Herzog von Orleans zu vertreiben, und das iſt für den Augenblick genug. Ich werde alſo die Prinzeſſin jetzt unterſtützen und dadurch wird mir in der Folgezeit die Gunſt des Königs geſichert ſein. Das iſt ein bedeutender Schritt vorwärts zu meinem Ziele! Alſo, retten wir die Prinzeſſin! Und dieſem Vorſatz gemäß war der Abbé Albe⸗ roni dem Herzog von Orleans zur Prinzeſſin Orſini gefolgt. in 6wn zis Ich werde Madrid nicht verlaſſen! ſagte die Prin⸗ zeſſin Orſini. Unu tas — 263— Alberoni fragte achſelzuckend: wiſſen Sie ein Mittel zu bleiben? Ja, ich weiß es Und die Prinzeſſin eilte zur Thür und rief Mar⸗ quita, welche im anſtoßenden Zimmer ihrer harrte. Sehen Sie, Alberoni, ſagte ſie als das junge Mäd⸗ chen eintrat, ſehen Sie, Marquita hat genau meine Größe und Geſtalt. Sie wird ſtatt meiner gehen! Sie wird in meinen Kleidern, das Antlitz verhüllt von Schleiern, meinen Wagen beſteigen und Madrid ver⸗ laſſen. Alberoni konnte ein unwillkührliches Lächeln nicht unterdrücken über die kluge Idee der Prinzeſſin ſich zu retten, indem ſte ſich zugleich einer Nebenbuhlerin ent⸗ ledigte. b 4 Aber diesmal täuſchte er ſich in der Prinzeſſin. Sie hatte ſich ſchnell in ihr Schickſal ergeben; da ſie nicht Königin werden konnte, wollte ſie mindeſtens Herr⸗ ſcherin ſein und dazu bedurfte ſie vielleicht zuweilen ihrer Nichte Marquita, welche der König liebte. Es lag alſo nicht in ihrem Plan, Marquita zu entfernen, weil ſie fühlte, daß ſie dadurch den König auf's Neue erzürnen würde. Sie wollte ſich des jungen Mäd⸗ — 264— Ichens nur für den Augenblick bedienen zu ihrer Ret⸗ tung, weiter nichts. Und wohin will meine gnädige Tante, daß ich ge⸗ hen ſoll? fragte Marquita angſtvoll. Du wirſt mit dem guten Alberoni agparh machen, weiter nichts! Du wirfſt Dich jetzt in meine Kleider, und am Arme Alberoni's beſteigſt Du mei⸗ nen Wagen und verläßt mit ihm Madrid. Sieh, es beginnt ſchon zu dämmern, bald bedeckt tiefe Dunkel⸗ heit die Stadt und unter ihrem Schutz kehrſt Du zu⸗ rück. Unweit meines Palaſtes verlaßt Ihr den Wa⸗ gen und Alberoni führt Dich an die Hinterpforte des Kloſters, zu welchem hier der Schlüſſel iſt! 8 Alberoni konnte ſich einer Art Bewunderung nicht erwehren, als er dieſe Frau anſah, welche in dieſem gefahrvollen und kritiſchen Moment voll Ruhe und Be⸗ ſonnenheit ihre Befehle ertheilte, und da ſtand mit heiterem Geſicht und leuchtenden Augen, kühn und ſtolz wie ein Feldherr, der, ſeines Sieges gewiß, ſei⸗ nen Schlachtplan entwirft. Das iſt ein großer Geiſt, der nur dadurch beein⸗ trächtigt wird, daß er in einer Weiberhülle eingefan⸗ — 265— gen iſt, dachte er. Wäre ihr Herz eben ſo ſtark und groß als ihr Geiſt, dann würde ſie unbeſiegbar ſein! Marquita erklärte ſich freudig bereit, der Prinzeſſin hülfreich zu ſein und Alles zu wagen zur Rettung ih⸗ rer Wohlthäterin. Schnell jetzt an's Werk! ſagte die Prinzeſſin mit leuchtenden Blicken. Ich werde dieſer Stunde nicht vergeſſen und in den Tagen des Glückes werde ich mit thatenvoller Dankbarkeit Derer gedenken, die mir zur Seite geſtanden in den Tagen des Unglückes! Indeſſen hatte ſich ſchnell in Madrid das Gerücht verbreitet, daß die Prinzeſſin geſtürzt und im Begriff ſei Madrid zu verlaſſen. Das Volk jauchzte dieſer Kunde entgegen, es durchzog laut jubelnd die Straßen und ſchaarte ſich um den Palaſt der Prinzeſſin, hohn⸗ lachend, Verwünſchungen ausſtoßend und dem Herzog von Orleans ein Vivat darbringend, weil Er zunächſt der Befreier Spaniens geweſen! Die Völker ſind im⸗ mer unſchuldig und vertrauensvoll geweſen wie die Kinder, und wenn ein Tyrann den Andern vertrieb, haben ſie immer dem neuen Tyrannen entgegen ge⸗ jauchzt als ihrem Befreier, ohne zu bedenken, daß ih⸗ Loos daſſelbe geblieben und daß ſie nur den Tyran⸗ — 266— nen gewechſelt, weiter nichts! Le roi est mort, vive le roi! Jetzt fuhr der Reiſewagen der Prinzeſſin in den Hof. Mit wildem Jubel empfing ihn das Volk und dieſes Triumphgeheul und Hohngelächter drang hinauf in das Gemach, in welchem die Prinzeſſin mit ihrer Nichte und Alberoni weilte, und gerade mit prüfendem Auge die Toilette der in die Prinzeſſin verwandelten Mar⸗ quita muſterte. Ah, ſagte die Prinzeſſin verächtlich, hört nur dies Geſchrei und dieſe Flüche! Das iſt daſſelbe Volk, wel⸗ ches mir geſtern noch entgegenjauchzte und mich ſeine Königin nannte, weil ich einige Maravedi's unter ſie ausſtreuete! 8 Mir graut vor dieſem Volk! ſagte Marquita ängſt⸗ lich, indem ſie die Schleier dichter um ihr Geſicht zog. Maravedi's ſind ein gutes Mittel, dieſe Tollen zahm zu machen, ſagte Alberoni. Wir wollen dieſes Mittel anwenden! Gebt uns Maravedi's, Prinzeſſin! Immer lauter und wüthender ward da unten das Geheul des Volkes. Sie ſtampften und ſchrieen und brüllten nach der Prinzeſſin, ſie konnten den Moment — 267— nicht mehr geduldig erwarten, die gedemüthigte Fa⸗ voritin erſcheinen und den Wagen beſteigen zu ſehen! Wenn wir länger zögern, werden dieſe neugierigen Kinder da unten in Wuth gerathen! ſagte Alberoni. Laſſen Sie uns daher gehen! Marquita ſchmiegte ſich ſchüchtern an ſeinen Arm. Sie werden mich beſchützen! ſagte ſie. Das werden die Maravedi's thun! rief Alberoni, indem er den gefüllten Beutel Maravedi's in Marqui⸗ ta's Hände legte. Geht, geht, ſagte die Prinzeſſin, es iſt die höchſte Zeit!— Und mit einer Art Zärtlichkeit drückte ſie dieſes junge Mädchen, welches ihre Retterin werden ſollte, an ihre Bruſt. Dam ſchob ſie ſie zur Thür! Lebewohl, Lebewohl! rief ſie ihnen nach. Dann horchte ſie, und als ihre Schritte verhallten und als Niemand ſie mehr beobachtete, ſank dieſe ſtolze, beſonnene Frau wie zerbrochen auf ihre Kniee nieder und betete ein Gebet der Angſt und des Entſetzens. Noch war ſie nicht gerettet! Denn wenn das Volk den Betrug entdeckt, wenn es gewahr wird, daß es nicht die Prinzeſſin ſei, welche den Wagen beſteigt, dann — 268— i*ſt Alles verloren, dann wird das Volk in den Pa⸗ laſt eindringen und nicht eher Ruhe geben, bis es die Prinzeſſin gefunden und gerichtet hat! Mein Gott, ſie werden mich tödten! kreiſchte ſie, als jetzt von unten herauf ein furchtbares, raſendes Wuthgeheul vernehmbar ward. Und wie vom Fieberfroſt geſchüttelt, bleich, athem⸗ los, flog die Prinzeſſin von ihren Knieen empor. Sie wollte an's Fenſter ſtürzen, aber dann erinnerte ſie ſich, daß man ſie ſehen, ſie erkennen könnte! Sie rang die Hände, ſie weinte vor Angſt und Zorn,— ſie war jetzt ganz Weib, ein furchtſames, zitterndes und zaghaftes Weib! Immer wilder, immer wüthender ward das Geſchrei des Volkes! Plötzlich ſchien es der Prinzeſſin, als vernähme ſie Alberoni's Stimme, welche dem Volk Ruhe gebot. Ja, die Angſt ſchärfte ihre Sinne, ganz deutlich hörte ſie ihn ſagen: die Prinzeſſin Orſini, welche das ſpaniſche Volk immer geliebt hat, bittet, daß dieſes gute Volk einen Becher Malvaſier leere auf ihr Wohl! Dann hörte ſie es klirren, wie fallendes Geld. — 269— Wieder brüllte das Volk, aber diesmal klang es wie Freudengeſchrei, wie Jubelruf! Ah, ſie ſtreuen Maravedi's aus! ſagte die Prinzeſſin lachend vor Freude. Lauter und immer lauter jauchzte das Volk und un⸗ ter dieſem Heulen und Jubeln hörte die Prinzeſſin einen Ton, welcher ihr Herz mit Luſt und Entzücken erfüllte. Es war das Rollen eines Wagens, ja, es iſt ihr Wa⸗ gen, der unter dem Zujauchzen des Volkes vom Hofe fährt! Ich bin gerettet! ſchreit die Prinzeſſin, ihre Arme gen Himmel erhebend, dann finkt ſie ohnmächtig zu⸗ ſammen. XI. Favoritin oder Favorit? Der König war allein in ſeinem Arbeitskabinet und mißmuthig auf und abgehend, überlegte er die Bege⸗ benheiten des vorigen Tages. Jetzt, da ſein Zorn verflogen und er wieder ruhig war, jetzt bereuete er faſt, Prinzeſſin Orſini auf eine ſo harte und ſchonungs⸗ loſe Weiſe entfernt zu haben. Nicht aber etwa um ihretwillen war es, daß der König bereuete, Philipp der Fünfte war ein König und er machte es wie alle Könige, er dachte nur an ſich ſelber, und es war le⸗ diglich um ſeiner ſelbſt willen, daß der König es be⸗ dauerte die Prinzeſſin verſtoßen zu haben. Sie hatte es ſo gut verſtanden, den König zu erheitern und zu zerſtreuen, ſie hatte ihm mit ſo zuvorkommender Ge⸗ ſchicklichkeit alle dieſe läſtigen Sorgen der Regierung abgenommen, ſte hatte für ihn gedacht, für ihn unter⸗ 4 — 221— handelt, für ihn gearbeitet, und ungeſtört von dieſen beläſtigenden Gedanken an das Volk, hatte er, wäh⸗ rend die Prinzeſſin regierte, ſeinen Träumen und Lieb⸗ habereien nachhängen können. Und dann, wie ſollte es ihm jetzt, da die Prinzeſſin nicht mehr da war, wie ſollte es ihm jetzt möglich ſein, dieſe ſchöne Mar⸗ quita zu ſehen, welche er jetzt doppelt heiß liebte, weil es ihm unmöglich war, ſie zu beſitzen? Die Prinzeſſin verbannen, hieß zu gleicher Zeit ihre Nichte, das Ehrenfräulein Marquita, vom Hofe ent⸗ fernen. Er ſollte ſie alſo nicht mehr ſehen, dieſe ſchöne liebreizende Marquita. Der König ſeufzte als er das überlegte, und es kam ihm der Gedanke, Couriere auszuſenden und die Prinzeſſin um jeden Preis wieder zurückzurufen, um ſte mit Gnade und Ehre zu überhäufen. Aber— der König hatte Furcht! Ein König hört niemals auf ein Menſch zu ſein, er iſt zuweilen ſogar ein ſehr ſchwa⸗ cher Menſch, und wenn die Völker das nicht gewahr werden, ſo iſt es, weil man ſie mit Kindermährchen von der Unfehlbarkeit der Könige von Gottes Gnaden eingelullt hat! Wie geſagt, der König von Spanien hatte Furcht! Wovor? Etwa vor dieſem Volke, wel⸗ — 222— ches er das ſeine nannte, welchem man langſam Tag um Tag das Mark ausſog und welches dieſen ihm aufgedrungenen fremden Herrſcher nicht ſeinen Vater und Beſchützer, ſondern ſeinen Peiniger und Bedrücker nannte? Ah bah! Mogte das Volk da draußen heulen und ſchreien, was kümmerte es ihn! In ſeinem könig⸗ lichen Palaſte war es friedlich und ſtill, da begegnete er nur lächelnden Geſichtern und demuthsvoll geneig⸗ ten Häuptern, was kümmerte ihn alſo das Volk da draußen und wie ſollte er Furcht haben vor dieſen Menſchen, welche zwar murrten, aber doch Steuern und Abgaben zahlten, damit ſein König in Fülle und Herrlichkeit leben könne? Nein, der König hatte nicht Furcht vor ſeinem Volke, aber vor ſeinem neuen Favoriten, vor dieſem Herzog Philipp von Orleans, welcher die Prinzeſſin verdrängt und ſich an ihre Stelle geſetzt hatte. König Philipp wagte es nicht, die Favoritin zurückzurufen, weil das natürlich den Favoriten empören mußte, und dennoch — jede Minute vergrößerte ſeine Sehnſucht nach die⸗ ſer ſo bequemen, ſo klugen und unterhaltenden Prin⸗ zeſſin Orſini und nach ihrem Hoffräulein, der ſchönen Marquita! m — 273— Wie hatte man ihn nicht dieſen Morgen ſchon ge⸗ plagt mit dieſen läſtigen Regierungsſorgen, wie viele Bittſchrifften und Ordonnanzen hatte ihm der Herzog von Orleans nicht ſchon vorgelegt, und jetzt,— ja wahrlich, hörte er nicht dort ſchon wieder Schritte na⸗ hen, war es nicht wieder der Herzog von Orleans, welcher um die Erlaubniß bat, eintreten zu dürfen? Ja, er war es und er kam natürlich wieder mit aller⸗ lei Schriften und Actenſtücken. Mein Gott, rief der König, unwillig mit dem Fuße ſtampfend, werden denn dieſe Geſchäfte niemals ein Ende nehmen? Dieſen ganzen Morgen ſchon hörte ich nichts als vom Regieren und immerfort Regieren! Wird denn das niemals ein Ende nehmen? Der Herzog breitete lächelnd die mitgebrachten Pa⸗ piere auf dem Tiſche aus. Ew. Majeſtät haben bisher zu wenig regiert, darum iſt jetzt zu viel zu regieren, ſagte er achſelzuckend. Die Morgenſtunden müſſen den Geſchäften gewidmet ſein, Sire, der Abend gehört dem Vergnügen! Dann wird der Abend niemals kommen, rief der König unwillig. Herzog Philipp antwortete nicht, er reichte dem Kö⸗ 18 — 274— nig eins der Papiere dar und ſagte: da iſt ein Befehl, Truppen nach Catalonien abzuſenden, um die Rebellen zur Ordnung zurückzuführen und mit den Waffen in der Hand die Ruhe wieder herzuſtellen! Weshalb rebelliren die Catalonier? fragte der König. Sie behaupten Hunger zu leiden und zu ſehr mit Abgaben bedrückt zu ſein, ſie ſchreien nach ihren alten Vorrechten und Freiheiten! Welch ein Frevel! rief der König entſetzt. Was ſoll aus den Königen werden, wenn die Völker es wagen von Vorrechten und Freiheiten zu ſprechen! Man laſſe einige getreue Regimenter dahin abgehen. Wer es wagt zu murren, wird aufgehangen, das iſt das beſte Mittel die Ruhe wieder herzuſtellen! Gewiß, denn die Todten ſind ſtumm! ſagte der Her⸗ zog lachend. Wenn Ew. Majeſtät die Gnade haben wollten zu unterzeichnen! Später! Was giebt es weiter? Nur noch eine Kleinigkeit, ſagte der Herzog lächelnd. Nur noch die Unterſchrift dieſes Edicts, welches die Prinzeſſin Orſini als eine Verrätherin für alle Zeiten aus Spanien verbannt! Ihr ſeid Euch ſelber, Ihr ſeid Eurem Volke dieſe Genugthuung ſchuldig, Sire, und — 275— ganz Spanien wird Euch entgegen jauchzen, wenn Ihr es für alle Zeiten gegen die Künſte dieſes intriguanten Weibes ſichert. Der König antwortete nicht! Er ging unruhig und mit gerunzelter Stirn auf und ab, und dann plötzlich vor dem Herzog ſtehen bleibend, ſagte er mit der Ho⸗ heit und dem Ernſte eines Königs: verlaßt mich, Herr Herzog! Ich will mir Eure Vorſchläge überlegen, dazu bedarf es der Einſamkeit! Bevor man ſtraft, muß man geprüft haben!—— Ah, ich ſoll dieſe arme Orſini für immer verban⸗ nen, ſeufzte der König, als er wieder allein war, ich ſoll alſo Marquita niemals wieder ſehen! Das iſt ſehr hart, ſehr grauſam! Und der König ließ ſich in den Seſſel gleiten, wel⸗ cher vor ſeinem Schreibtiſch ſtand. Er hatte alſo der Hinterwand des Zimmers den Rücken zugekehrt, und weil er ſehr vertieft und gedankenvoll war, hörte er nicht, wie leiſe, ganz leiſe der Schlüſſel in das Schloß dieſer geheimen Thür, welche in das Franzis⸗ kanerkloſter führte, eingeſchoben ward, ſah er nicht, wie ſich dieſe Thüre leiſe bewegte und endlich ganz geöffnet ward.— 18* — 276— Des Königs Augen waren ganz zufällig auf dieſes Papier gefallen, welches er unterzeichnen ſollte, und durch das die Prinzeſſin für alle Zeiten aus Spanien verbannt und geächtet ward. Ah, ſeufzte der König, es war doch beſſer als die Orſtni noch hier war. Sie hat ſich ſchwer gegen mich vergangen, es iſt wahr, aber ſie hat eine Entſchul⸗ digung, denn ſie liebte mich. Es iſt ſehr ſelten, daß man einen König wahrhaft liebt, und dieſe Prinzeſſin Orſini liebte mich! Sie liebte mich und deshalb ſoll ich ſie verbäannen! Das iſt grauſam! Weshalb ſie ver⸗ bannen? Nur weil ſie liebte, nur weil ſie treu war! War ſie das? fragte eine wehmüthige, zitternde Stimme hinter ihm und das Antlitz gebadet in Thrä⸗ nen, die Hände flehend zu ihm empor hebend, kniete die Prinzeſſin Orſini vor dem halb erſtaunten, halb entzückten König nieder. Oh Sire, ſagte ſie leiſe, Ihr gebt mir das Leben wieder! Ich würde ſterben, wenn Ihr nicht an mich glaubtet! Und ohne dem König Zeit zu einer Antwort zu laſſen, fuhr ſie fort: es iſt wahr, ich bin ſtrafwür⸗ dig, denn ich habe in vermeſſener Liebe mein Auge — 277— erhoben zu dem, welchen ich nicht lieben, ſondern nur anbeten ſollte! Aber die Anbetung iſt ſo voll Liebe und Vertrauen! Oh, mein König und Herr, ich war ge⸗ blendet von Eurem Anblick und von meiner Liebe, und weil ich alſo blind war, ſah ich nicht, was ich hätte ſehen müſſen, daß die arme, alternde, reizloſe Orſini meinen angebeteten König nicht feſſeln könne. Jetzt iſt das vorüber, ich werde vielleicht ſterben vor Schmerz, aber ich werde mit meinen ſterbenden Lippen Euch ſeg⸗ nen, Sire, denn ich verdanke Euch den herrlichſten, den erhabenſten Moment meines Lebens⸗ Und ihre in Thränen ſchwimmenden Blicke zu ihm empor hebend, flüſterte ſte: ich werde immer doch das Bewußtſein haben, meinen König für einige wenige Minuten glücklich gemacht zu haben! Als Ihr geſtern mich in Eure Arme nahmt, als ich ganz Liebe, ganz Entzücken mich Euch hingab, als Ihr mir dieſen Ning an den Finger ſchobt, wart Ihr da nicht glücklich, mein König? Oh verzeiht mir um jener glücklichen Minuten willen, die ich mit ſo jahrelangen Schmerzen der Ent⸗ täuſchung werde büßen müſſen! Und jetzt, nehmt die⸗ ſen Ring zurück, Sire, ich lege ihn freiwillig zu Eu⸗ ren Füßen nieder. — 278— Und die Prinzeſſin drückte dieſen Ring an ihre Lip⸗ pen und zog ihn dann von ihrem Finger. Nehmt, Sire, ſagte ſie dann mit verſagender Stimme. Nehmt, und wenn Ihr es wünſcht und befehlt, will ich ihn ſelbſt dem Mädchen geben, das Ihr liebt. Ich habe entſagt, hinfort bin ich nur da Euch zu dienen und ich ſelbſt will Euch die Geliebte in die Arme füh⸗ ren, ob auch mein Herz dabei bricht! Ich ſterbe doch für meinen König! Der König hatte ſein Antlitz abgewandt und ant⸗ wortete nicht. Oh mein Gott, rief die Prinzeſſin verzweiflungs⸗ voll, Ihr zürnt mir immer noch, Sire, Ihr habt für mich kein Wort der Milde und des Erbarmens! Prinzeſſin! ſagte der König,— weiter nichts! Aber er wandte ſein Antlitz zu ihr hin und ſeine Augen ſtanden voll Thränen! Prinzeß Orſini jauchzte laut auf vor Entzücken und preßte ihre Lippen auf ſeine Hand. 3 Nicht ſo, nicht ſo, Prinzeſſin, ſagte er, kommen Sie in meine Arme! Ich bin Ihnen Genugthuung ſchul⸗ dig! Ich habe Sie ſchwer gekränkt! Werden Sie mir das verzeihen können? —(279— Und er zog ſie empor in ſeine Arme, indem er ſie zärtlich auf die Stirne küßte. Jetzt bin ich wieder glücklich, ſeufzte die Orſini, mag denn alles Leid vergeſſen ſein! Mein König hat mir verziehen! Ich werde wieder für ihn arbeiten, für ihn leben, für ihn mich mühen dürfen! Arme Frau, wie viel mögen Sie gelitten haben in dieſer Nacht! ſagte der König mitleidsvoll. Das war mein Troſt, zu denken, daß ſie für mich gewiß die letzte Nacht der Leiden und Schmerzen war! Der heutige Tag mußte mir entweder den Tod oder Eure Gnade bringen! Und Marquita? fragte der Köͤnig ſchüchtern. Sie hat mit mir geweint, und zugleich mit mir ge⸗ betet für den theuren König. Sie zürnt mir alſo nicht? Sie nennt mich nicht grau⸗ ſam? Sie wird es mir verzeihen, daß ich hart gegen Euch war? Sire, ich werde ſie lehren, Euch zu lieben, Euch anzubeten! Aber gönnen wir ihrem Herzen Zeit, ſich zu entfalten! Sie iſt noch ein ſchüchternes Kind, das nichts ahnt und weiß von dieſen Gluthen der Liebe! — 280— Sie iſt rein und unſchuldsvoll, wie die Engel des Himmels! rief der König begeiſtert. Ich werde ſie lehren, Euch zu lieben mit der vollen Gluth eines Erdenweibes! ſagte die Prinzeſſin lächelnd. Es iſt ſehr erhaben, rein zu ſein, wie ein Engel, aber die Engel lieben nicht, und Marquita ſoll Euch lie⸗ ben, Sire! Ihr ſeid in Wahrheit meine Freundin! ſagte der König, der Prinzeſſin Hand innig in der ſeinen drük⸗ kend. Mein Gott, wie war es nur möglich, daß ich Euch verkennen, ja ſogar Euch verſtoßen konnte! Von jetzt an ſollt Ihr immer bei mir bleiben, nichts ſoll Euch von mir trennen! Ich werde in allen Dingen nur Eurem weiſen Rathe folgen! Ach, wie bald, und es wird meinen Feinden ge⸗ lingen, mich Euch wieder verdächtig zu machen! ſeufzte die Prinzeſſin. Wehe denen, die es wagen, ſich Eure Feinde zu nennen, ich werde ſie zu ſtrafen wiſſen, denn Eure Feinde ſind von nun an meine Feinde! Das mögen dieſe Unzufriedenen bedenken! Und zu dem Tiſche tretend, fuhr der König lächelnd fort: Seht da, dieſe Ordensbänder und dieſe Schlüſ⸗ — 281— ſeln! Noch hatte ich mich nicht entſchließen können, das Alles in andere Hände niederzulegen, es iſt noch Euer! Nehmt alſo zurück, was Euch gehört! Oberhofmeiſterin des Prinzen von Aſturien, da ſind Eure Orden und hier die Schlüſſel! Die Prinzeſſin empfing knieend dieſe Abzeichen ihrer Würde. Majeſtät, ſagte ſie, wenn ich einſt ſterbe, ſoll man mir dieſe Schlüſſel in mein Sarg legen, ſie haben mir den Himmel auf Erden erſchloſſen! Der König lächelte und hieß ſie aufſtehen, indem er ihr die Hand reichte, ſie aufzuheben. Plötzlich klopfte es leiſe an die Thür, und der Her⸗ zog von Orleans bat draußen um Einlaß. Soll ich ihn kommen laſſen? fragte der König ein wenig beklommen. Ich bitte darum, wie um eine Gnade! ſagte die Prinzeſſin mit leuchtenden Blicken. Der König hieß den Herzog eintreten. Sire, ich komme, um dieſe Unterſchriften— hier verſtummte der Herzog und blickte mit ſtarrem Auge, unfähig eines Wortes, auf die Prinzeſſin hin. Dieſes ſichtbare Entſetzen des Herzogs machte die — 282— Prinzeſſin lachen und nöthigte ſelbſt dem König ein Lächeln ab. Ich hoffe, Herr Herzog, ſagte die Prinzeſſin, im⸗ mer noch lachend, Ew. Gnaden halten mich nicht etwa für ein Geſpenſt, das aus der andern Welt gekommen iſt, um Sie für Ihre etwa begangenen Sünden zu ſtrafen! Nein, ſagte der Herzog, ich glaubte niemals, daß Prinzeſſin Orſtni zu den Ueberirdiſchen gehöre! Der König ſah in ſichtbarer Verlegenheit bald auf den Herzog, bald auf die Prinzeſſin, welche, mit dem ihr eigenen feinen Tacte, fühlte, daß ſie dem Könige zu Hülfe kommen müſſe. Sie wandte ſich daher an den König. Sire, ſagte ſte, mögen mir Ew. Majeſtät erlauben, eine Klage zu Ihren Füßen niederzulegen! Und wen wollen Sie anklagen, Prinzeſſin? fragte der König, indem er ſich auf einem Lehnſtuhl nie⸗ derließ. Den Herzog von Orleans! ſagte die Prinzeſſin mit lauter, feierlicher Stimme, und dem Herzog näher tre⸗ tend und mit flammenden Blicken ihn anſchauend, fuhr — 283— ſie fort: Herr Herzog Philipp von Orleans, ich zeihe Sie vor meinem König des ſchmählichen Verraths und Treubruches! Ein feierlich geleiſtetes Wort haben Sie gebrochen, und indem Sie unter der Maske eines au⸗ ßerordentlichen Geſandten am Hofe des Königs von Spanien eine gaſtliche Aufnahme fanden, haben Sie dieſe Gaſtlichkeit verrathen und mit Füßen getreten, denn Sie waren nicht ein Geſandter, ſondern ein Spion, welcher tückiſch jeden unſerer Schritte belauerte, und die unſchuldigſten Worte zu Verbrechen umgeſtal⸗ tete! Herr Herzog von Orleans, Sie ſind ein Ver⸗ räther und Spion! Der Herzog war blaß geworden, während die Prin⸗ zeſſin ſtolz und in königlichem Zorn ſo zu ihm ſprach. Unwillkührlich zuckte ſeine Hand nach dem Schwerdt, dann ſtieß er es zurück in ſeine Scheide und ſagte mit einem verächtlichen Lächeln: Ah, ich vergaß, daß es nur ein Weib iſt, welches mich beleidigen mögte. Ge⸗ gen Nattern kämpft man nicht mit dem Schwerdt, man zertritt ſie unter ſeinen Füßen, das iſt Alles! Herr Herzog, ſagte der König ſtreng, Sie vergeſ⸗ ſen, vor wem und zu wem Sie ſprechen! Man ſoll der Prinzeſſin Orſini mit all der Achtung und Ehr⸗ — 284— furcht begegnen, welche ihrem Range und ihren Ver⸗ dienſten gebührt, das iſt mein Befehl! Und ich fordere gleicher Weiſe die Ehrfurcht und Achtung, welche man dem franzöͤſiſchen Geſandten, und wäre er ſelbſt nicht der Herzog von Orleans, ſchuldig iſt! Dem Verräther keine Achtung, und er kann nicht der Geſandte des Königs von Frankreich bleiben, ſagte die Prinzeſſin ſtolz. Hören Sie, mein König, was ich Ihnen zu ſagen habe! Und ſie erzählte dem Könige das zwiſchen ihr und dem Herzog getroffene Uebereinkommen. Er gab mir ſein Ehrenwort, ſein herzogliches Eh⸗ renwort, keinen Brief, keine Zeile nach Frankreich zu ſenden, bevor ich es nicht geleſen, ſagte ſie. Sire, er hat ſein Ehrenwort gebrochen und dennoch nach Frankreich geſchrieben, einen ſchmählichen, verläumde⸗ riſchen Brief! Das iſt eine harte Anklage! ſagte der König ernſt. Ich hoffe, daß Ihr ſie widerlegen könnt! Der Herzog von Orleans verneigte ſich ſtumm, dann ſagte er mit einem verächtlichen, drohenden Blick auf die Prinzeſſin: Eine Anklage zu machen iſt für Prin⸗ — 285— zeß Orſini allerdings eine ſehr leichte Sache, aber ihre Anklage zu beweiſen, mögte ihr ſehr ſchwer fallen. Nicht ſo ſchwer, als Sie denken, Herr Herzog! ſagte die Prinzeſſin triumphirend. Glücklicherweiſe ſind meine Couriere zuweilen raſcher als die Ihrigen, und es giebt in dieſem Palaſte zuweilen Ohren, welche ſehr fein hören und lauſchen. Herr Herzog von Orleans, ich wußte von Ihrer geheimen Sendung und ich war in meinem Recht, wenn ich dieſen heimlich und verräthe⸗ riſch abgeſendeten Courier aufzuhalten und ihm ſeine Papiere abzunehmen befahl!„ Aber das iſt gegen alles Völker⸗ und Staatenrecht! rief der Herzog. Den Courier eines fremden Geſand⸗ ten aufhalten und ſich ſeiner Papiere bemächtigen! Sie geſtehen alſo, daß ſie einen Courier ſandten? fragte die Prinzeſſin lächelnd, und ſich an den König wendend fuhr ſie fort: Ew. Majeſtät, vor einer Stunde kehrte mein Courier zurück. Er brachte die Depeſchen des Couriers Sr. Gnaden des Herzogs von Orleans mit. Hier ſind ſte. Uneröffnet lege ich Sie in Ihre Hände nieder! Nur meinem Könige geziemt es, dieſe Siegel zu brechen! Der Herzog erblaßte, denn dieſer Brief, welchen die — 286— Prinzeſſin jetzt dem König darreichte, es war in der That des Herzogs Brief an den König von Frank⸗ reich. Er war verloren, wenn der König ihn öffnete. Sire, ſagte er, ich nehme mindeſtens die Rechte eines Geſandten in Anſpruch! Es iſt ein unerhörter Fall, daß man es wagt, Briefe zu unterſchlagen, welche ein Geſandter an ſeinen König ſchreibt! Es iſt ein ebenſo unerhörter Fall, daß ein Edel⸗ mann ſein gegebenes Ehrenwort bricht! ſagte der Kö⸗ nig mit Hoheit. Uebrigens werde ich, was ich thue, vor Jedermann, auch vor meinem erlauchten vielgelieb⸗ ten Großvater zu vertreten wiſſen! Und mit einer raſchen Bewegung das Siegel er⸗ brechend, öffnete der König den Brief und las ihn. Ich bin verloren! flüſterte der Herzog ganz unwill⸗ kührlich, und große Schweißtropfen bedeckten ſeine Stirn. Herr Herzog, ſagte die Prinzeſſin näher zu ihm herantretend, es ſcheint faſt, als ob Ihren ſtets ſieg⸗ reichen Händen doch der Sieg entſchlüpfen wollte. Diesmal fand der Herzog nicht Kraft zu einer Er⸗ widerung. Er blickte geſpannt und ängſtlich auf den König, deſſen hoch geröthete Züge den finſterſten Un⸗ — 287— willen ausdrückten, während ſeine zitternden Lippen ein⸗ zelne abgebrochene Worte und Drohungen murmelten. Herr Herzog von Orleans, ſagte der König dann, nachdem er zu Ende geleſen, dieſer Brief da iſt ſo au⸗ ßerordentlicher und lehrreicher Art, daß ich ſelbſt ihn mit einem Begleitſchreiben an Sr. Majeſtät den Kö⸗ nig von Frankreich ſenden werde. Ich werde dieſe Ge⸗ egenheit benutzen, meinen königlichen Großvater darauf aufmerkſam zu machen, daß es niemals wohlgethan i*ſt, ſtatt eines Diplomaten einen ganz gemeinen Spion zum Geſandten zu ernennen. Auch ſollte man zu die⸗ ſem wichtigen Amte nur ſolche Männer ernennen, die, wenn ſie ihr Chrenwort verpfänden, es heilig halten, und ſich nicht ſelber zum Lügner machen! Ein ehrloſer Spion und Lügner kann niemals Geſandter an meinem Hofe ſein! Sire! ſchrie der Herzog außer ſich vor Zorn und Wuth, Sire— Ruhig! rief der König mit der ganzen Hoheit ſeiner Würde. Ihnen geziemt es, zu ſchweigen! Hören Sie jetzt mein letztes Wort! Es hat Ihnen beliebt, in die⸗ ſem Briefe da dem Könige von Frankreich eine eigen⸗ thümliche Schilderung meiner Perſon zu geben! Sie — 288— haben Sich ein wenig getäuſcht, Herr Herzog! Der König von Spanien iſt nicht ſo ganz nur ein willen⸗ loſer Knabe, den man am Gängelbande leiten kann! Ich habe zuweilen ſelbſt einen Willen, und jetzt iſt mein Wille, daß Sie ſofort meinen Palaſt verlaſ⸗ ſen, und es nicht wagen, ihn wieder zu betreten, ge⸗ hen Sie! Und der König wandte dem Herzog ſtolz den Rücken. Ich gehe, um meinem erhabenen König zu ſchrei⸗ ben, wie man in Spanien ſeinen Geſandten behan⸗ delt! ſagte der Herzog zähneknirſchend. Und ich werde es von dem Herrſcher Frankreichs fordern, daß er von meinem Hofe einen Geſandten abberuft, den ich von dieſer Stunde an nicht mehr als den Abgeordneten einer ſo ritterlichen und ehrlie⸗ benden Nation anerkenne! ſagte der König. Herr Her⸗ zog von Orleans, Ihr ſeid entlaſſen! Der Herzog von Orleans entfernte ſich ſchwei⸗ gend, Wuth und Zorn im Herzen. Die Prinzeſſin ſchaute ihm nach mit einem triumphirenden, ſeligen Lächeln. — 289— Seid Ihr zufrieden? fragte der König, ihr die Hand darreichend. Die Prinzeſſin drückte dieſe Hand an ihre Lippen. Sire, ſagte ſie, ich liebe Sie nicht mehr, ich bete Sie an wie meinen Erlöſer und Gott! — — 290— XII. Intriguen. Der klug angelegte Plan Alberoni's war alſo ge⸗ lungen, der Herzog von Orleans war für immer ſei⸗ nes Einfluſſes beraubt; das Haupt der ſpaniſchen Verſchwörung, der Graf Orri, war für den Augen⸗ blick entfernt und unthätig gemacht, und damit war die Thatkraft aller der Verſchwornen überhaupt ge⸗ brochen. Eingeſchüchtert von den anonymen, aber ſtets gut unterrichteten Warnungsbriefen Alberoni's, ohne Führer, verlaſſen von Orri, zerſtreuten und vereinzelten ſie ſich bald, und nach wenigen Wochen ſchon war von der ganzen glorwürdigen Verſchwörung, deren Zweck es geweſen, alle Fremden und alle Fremdherr⸗ ſchaft aus Spanien zu vertreiben, nichts mehr übrig geblieben, als einige wenige Schreier und Unzufriedene, die, da ſie ſich in Madrid zu ſehr eaans fühlien — 291— ſich in den Provinzen zerſtreuten, um dort das Werk neu zu beginnen, was ihnen in der Hauptſtadt miß⸗ lungen war. Schneller entſchied ſi 19 das Schickſal des Herzogs von Orleans. Noch an demſelben Tage, an welchem der König von der Prinzeſſin jenen verhängnißvollen Brief des Herzogs empfangen, ging ein Courier mit dieſem und einem Briefe Königs Philipps an Ludwig den Vierzehnten ab. Der franzöſiſche Hof war in eini⸗ ger Verlegenheit, aber, um nicht ganz ſeinen Einfluß auf Spanien zu verlieren, ließ man den Geſandten fallen und desavouirte ſeine Handlungen. Der Herzog von Orleans mußte der Staatsklugheit Ludwigs des Vierzehnten als Opfer fallen Der König von Frank⸗ reich ſchrieb an ſeinen königlichen Enkel einen ſehr zärtlichen Brief, in welchem er den Herzog in den bit⸗ terſten Ausdrücken tadelte, einen ähnlichen Brief em⸗ pfing die Prinzeſſin Orfini von der Marquiſe Main⸗ tenon. Der Herzog von Orleans ward abberufen, und erhielt den Befehl, ſofort Madrid zu verlaſſen und nach Paris zurückzukehren, und der Marquis von Torcy ward wieder zum Geſandten am franzöſiſchen Hofe er⸗ nannt und beſtätig 4 19* 4 — 292— Der Prinzeſſin Macht in Spanien ſchien jetzt un⸗ erſchütterlich und für alle Zeiten feſt begründet. Sie beherrſchte den König doppelt, einmal durch ihre eigene Klugheit und Gewandtheit, und dann durch die Schön⸗ heit ihrer Nichte Marquita! Die Liebe des Königs zu Marquita war zu einer mäͤchtigen Leidenſchaft geworden. Er ſchwur, ſie be⸗ ſitzen zu wollen, ſie die Seine zu nennen um jeden Preis! Arme Marquita! Sie war ſo ganz in ſich verſun⸗ ken, ſo ſchmermuthsvoll und traurig, daß ſie gar nichts merkte von dieſen Netzen und Fäden, die man um ſie her webte, und in denen ſie gefangen werden ſollte. Sie war zu unſchuldig und rein, um die Andeutungen und die bezüglichen Reden der Prinzeſſin verſtehen zu können, zu trauervoll, zu ſehr mit ihrer eigenen Liebe beſchäftigt, um die Worte und Blicke des Königs zu bemerken. Sie glaubte ſich von Orri verrathen und vergeſſen, und wie Tage und Wochen vergingen und immer noch keine Nachricht von ihm kam, da fühlte ſte ihre Kraft gebrochen, und wie eine vom Sturme geknickte Lilte ſenkte ſie ihr Haupt. Man fand ſie eines Tages in iefe Bewußtloſigkeit in ihrem Zimmer, — 293— und als ſie erwachte, ſprach ſie nur in den wildeſten Phantaſieen, ſchrie und weinte ſie nur nach ihrem Ge⸗ liebten. Sie hatte das Nervenfieber, und die gelehrten Herren Aerzte ſchüttelten bedenklich den Kopf über die heftigen und gefährlichen Symptome, mit denen dieſe Krankheit ſich äußerte. Prinzeß Orſini war beſtürzt und ſorgenvoll, denn wenn Marquita ſtarb, war ſie dadurch einer bedeuten⸗ den Stütze ihrer Macht beraubt, ward ihr Einfluß auf den König auf das Empfindlichſte erſchüttert. Sie verzieh ihr daher ihre Liebe zu Orri, dieſe Liebe, welche Marquita's Phantaſieen der Prinzeſſin verra⸗ then; ſie verzieh ihr und beklagte ſie. Es muß ſehr traurig ſein, unerwidert zu lieben, ſagte ſie zu ſich ſel⸗ ber. Würde ich ſelber nicht geweint haben, wenn Orri mich nicht liebte? Nun, Gott ſei Dank, er liebt mich! Mögte er doch endlich zurückkehren! Mein Herz ſehnt ſich, ihn zu ſehen! Alberoni war ein aufmerkſamer aber ſchweigender Beobachter all dieſer kleinen Palaſt⸗Intriguen und Er⸗ eigniſſe geweſen. Er ſah mit lächelnder Sorgloſigkeit die Macht der Prinzeſſin mit jedem Tage ſich ver⸗ 4 45 — 294— größern, aber die heftige Liebe des Königs zu Mar⸗ quita machte ihn endlich nachdenklich und ſorgenvoll. Wenn es der Prinzeſſin gelingt, dachte er, dieſe kleine Marquita zu beſiegen und ſie dem König in die Arme zu führen, dann wird der Orſini Macht un⸗ bezwinglich ſein, denn der König iſt ſehr treu in ſei⸗ nen Neigungen, und wo er liebt, da iſt er treu und abhängig bis zum Tode! Wir müſſen alſo dieſe un⸗ rechtmäßige Neigung durch eine legitime Liebe zu ver⸗ drängen ſuchen, und zugleich der armen Marquita einen Beiſtand und Troſt geben! Orri muß wiederkommen, er hat mir genug genützt durch ſeine Entfernung. Jetzt muß er mir nützen durch ſeine Wiederkunft! Ja, das iſt das beſte, Orri kehrt wieder, und der König muß heirathen! Und Alberoni begab ſich zur Prinzeſſin Orſini. Prinzeſſin, ſagte er, ich komme mit einem Geſuch um Gnade! Es iſt ſehr gut zu ſtrafen, aber es iſt Ihrer erhabenen Geſinnung gemäßer, zu vergeben! Und wer iſt der Verbrecher, welcher meiner Verge⸗ bung bedarf, fragte die Prinzeſſin lächelnd. Der Graf Orri! ſagte Alberoni lakoniſch. — — — 295— Die Prinzeſſin fuhr erſchreckend empor. Orri! rief ſie erbleichend. Ja, der arme Orril ſagte Alberoni mitleidig. Mir ſcheint, Ihr ſeid ſehr hart gegen ihn! Er hat gefehlt, es iſt wahr! Aber mindeſtens war er bei Euch, Prin⸗ zeſſin, einiger Nachſicht werth! Mein Gott, mein Gott! ſchrie die Prinzeſſin außer ſich, zitternd vor ungeheurer Aufregung. Ihr foltert mich! Ihr wollt mich raſend machen! Aus Erbarmen, redet, was iſt mit Orri? Der Abbé ſah ihr mit gut gelungenem Erſtaunen in's Geſicht. Mein Gott, ſagte er, einen Schritt zu⸗ rücktretend, Ihr wißt alſo nicht einmal, daß Ihr ihn ſeit drei Wochen gefangen haltet? Orri? Ja, Orri, welcher als Courier des Herzogs von Orleans nach Frankreich gehen wollte! Das konnte Orri thun? ſchrie die Prinzeſſin entſetzt. Orri hätte mich verrathen? Abbé Alberoni lächelte. Er glaubte ſich verrathen, ſagte er, und er wollte Rache nehmen, denke ich. Er liebte Such leidenſchaftlich, und Ihr ſchient ſeiner plötz⸗ lich zu vergeſſen, um nur Aug und Sinn für den — 296— König zu haben! Das hat ihn bis auf den Tod ver⸗ wundet, ich weiß es, und ihn zugleich mit bitterm Groll erfüllt! Zudem kannte er nicht den Inhalt die⸗ ſes Briefes, wie mir der Herzog ſelber geſagt hat. Armer Orril ſeufzte die Prinzeſſin, er hatte freilich Grund mir zu zürnen. Der Schein war wider mich! Und er iſt gefangen, rief ſie dann heftig. Mein Gott, während wir reden und klagen, iſt er immer noch nicht frei! Es ſcheint, Ihr hattet dieſen armen Courier des Herzogs ganz vergeſſen? ſagte Alberoni achſelzuckend. Es iſt wahr, ich hatte, ſeit er gefangen war, nicht mehr an ihn gedacht. Aber jetzt, da ich ihn kenne, werde ich ſeiner gedenken! In dieſer Stunde noch ſoll ein Courier abgehen mit dem Befehl ſeiner Freilaſſung! Und ſo geſchah es. Der Courier, mit der vom Kö⸗ nig unterzeichneten Ordonnanz zur Freilaſſung des Gra⸗ fen, ward abgeſendet, und Prinzeſſin Orſini fühlte ihr Herz freudiger ſchlagen bei dem Gedanken, daß ſie Orri bald wieder ſehen ſollte. Alberoni lachte heimlich und begab ſich zu dem Beicht⸗ vater des Koͤnigs, zu d'Aubenton, welcher, nächſt der — 297— Prinzeſſin, den meiſten Einfluß auf das Gemüth des Königs ausübte. Abbé Alberoni hatte eine lange Unterredung mit d'Aubenton. Von dieſem Tage an beſtürmte der Beichtvater ſein königliches Beichtkind mit den heftigſten Vorwürfen über ſeine illegitime, verbrecheriſche Liebe zur ſchönen Marquita. Der Jeſuit d'Aubenton war ſehr beredt⸗ ſam, und der König Philipp ſehr furchſam; er zitterte, wenn ihm d'Aubenton die entſetzlichen Qualen und Strafen ſchilderte, die für dieſe verbrecheriſche Liebe den armen Philipp dereinſt erwarteten, er weinte bittre Reuethränen, wenn d'Aubenton ihm ſagte, daß er ſelbſt ſeiner edlen verſtorbenen Gemahlin die Ruhe der Se⸗ ligkeit raube, indem er ſie ſehen laſſe, durch welche frevelhafte Liebe er ſie, ſeine Eliſabeth, ſo raſch ver⸗ geſſen habe!— König Philipp von Spanien hatte von ſeinem erhabenen Großvater Ludwig den Vier⸗ zehnten nur zwei Eigenſchaften ererbt,— er liebte, gleich ihm, die Frauen, und war ſehr zum Pietismus und zur Frömmelei geneigt! Und d'Aubenton ſprach zu ihm mit ſo fanatiſchen Drohungen, mit ſo wildem Zorn, daß der König in — 298— der Angſt vor dieſen fürchterlichen Strafen ſich vor ſei⸗ ner eigenen Liebe entſetzte, und feierlich in die Hand des Beichtvaters gelobte, derſelben zu entſagen! Aber ich kenne die ſchwache, irdiſche Natur, ſagte d'Aubenton. Ihr werdet, ſo oft Ihr ſie ſehet, in Eure Sünde zurückfallen, Sire. Ihr dürft ſie alſo nicht mehr ſehen! Sie nicht mehr ſehen! ſeufzte der König. Ihr müßt Eure Einwilligung zu ihrer Heirath ge⸗ ben! fuhr d'Aubenton erbarmungslos fort. Nimmermehr! rief der König außer ſich. Aber was iſt der Wille eines Königs gegen die Macht eines Prieſters! Der Beichtvater ſiegte, der König unterlag. Mag ſie ſich denn verheirathen! ſagte der König endlich, indem er weinend ſein Haupt verhüllte. Aber es iſt nicht genug, daß Ihr Eure Einwilli⸗ gung gebt, ſagte der unerbittliche Beichtvater. Ihr müßt ſie ſelbſt ihrem Gemahl entgegen führen, damit Euer Hof und Euer ganzes Land ſehe, daß Euer Herz rein iſt von dieſer unedlen Liebe! Wem ſoll ich ſie geben? fragte der König. — 299— Der Graf Orri wirbt um ſie! Gebt ſie ihm alſo zur Gemahlin, Sire! Und welcher Lohn wird mir dafür, wenn ich mich ganz Eurem Willen füge. D'Aubenton lächelte, und indem er ſich dicht an das Ohr des Königs neigte, flüſterte er: Man wird Euch eine Gemahlin ſuchen, die eben ſo jung, eben ſo ſchön und liebreizend iſt, wie dieſe Marquita, und die Ihr lieben dürft, Sire, ohne Vorwürfe und Gewiſſens⸗ ſcrupel! Das Geſicht des Königs erheiterte ſich⸗ Wenn das möglich wäre! ſagte er. Aber Prinzeß Orſtni wird niemals ihre Einwilligung geben! Gebt Marquita dem Grafen Orri zur Gemahlin, und Prinzeß Orſini ſelber wird Euch eine Königin ſuchen, welche die Schönſte in Europa ſein ſoll! Der König lächelte. Dann würde ich ſehr glücklich ſein! ſagte er. Aber noch Eins, Sire! Ihr müßt den ganzen Hof, ja die Prinzeſſin ſelber, mit dieſer Neuigkeit überra⸗ ſchen. Man muß ſehen, daß dies Euer freie Wille iſt, daß Niemand darum gewußt, Niemand Euch dazu veranlaßt hat! — 300— Der König verſprach es. An dieſem Tage war es, daß Graf Orri, befreit aus ſeiner langen Haft, nach Madrid zurückgekehrt war. Alberoni, von ſeiner Ankunft benachrichtigt, hatte den Grafen in ſeinem Palaſt erwartet und ihm die Ent⸗ ſchließung des Königs, welche er ſo eben von d'Auben⸗ ton erfahren, mitgetheilt. Ihr habt jetzt weiter nichts zu thun, als um Mar⸗ quita's Hand bei ihrer Muhme, der Prinzeſſin, zu werben! ſagte Alberoni. Sie wird ſehr zornig werden! ſagte Orri. Sie wird mir ihre Einwilligung verweigern!. Dann ſagt Ihr, daß Ihr der Einwilligung des Kö⸗ nigs gewiß ſeid, und ſie wird, wenn auch widerſtre⸗ bend, doch endlich, um den König nicht zu erzürnen, Euch Marquita geben! Eilt, Marquita erwartet Euch! Sie iſt kaum von ihrer Krankheit geneſen, macht ſie nicht auf's Neue krank, indem Ihr ſie dieſen Oualen des Wartens und Harrens überliefert! Graf Orri eilte zur Prinzeſſin. In dem Vorzimmer fand er Marquita, die ihm, bleich wie eine Lilie, aber mit einem ſeligen Lächeln, in die Arme ſank. — 301— Das gab ihm Muth. Er küßte ſeine geliebte Braut, und eilte hinein zur Prinzeſſin. Furchtbar war ihr Zorn und ihre Wuth, als Graf Orri um ihre Nichte bei ihr warb. Sie weinte, ſie drohte, ſie ſchwur fürchterliche Rache zu nehmen an dem Verräther Orri, an dieſer hinterliſtigen, coquetten Marquita. Sie betheuerte, niemals ihre Einwilligung zu geben zu dieſer Verbindung. Doch gab der König ſeine Einwilligung! ſagte der Graf ruhig. Die Prinzeſſin taumelte entſetzt zurück. Der König? ſtammelte ſie. Ja, der König, ſagte Orri. Und er erzählte der aufmerkſam lauſchenden Prinzeſſin, daß der König, von Gewiſſensſcrupeln und von ſeinem Beichtvater geplagt, den Entſchluß gefaßt, dieſer ſündigen Liebe zu Mar⸗ quita zu entſagen, und ſie freiwillig einem Andern, ihm, dem Grafen Orri, zur Gemahlin zu geben. Die Prinzeſſin verſank in tiefes Sinnen. Sie er⸗ kannte mit klugem Blick die Gefahr, welche ihr drohte, und welche der liſtige, ſtets ſie bekämpfende d'Aubenton ihr bereitet. Ihre Macht und ihr Einfluß beim Kö⸗ nige ſtand auf dem Spiele, dieſer Verheirathung *— 302— Marquita's widerſtreben, hieß ſich offen gegen den Beichtvater und gegen das Gewiſſen des Königs auf⸗ lehnen. Auf die Plane des Königs eingehen, hieß ihren Einfluß auf ihn nur vergrößern! Prinzeſſin Orſtni ſchwankte nicht mehr, was hier zu thun ſei. Sie warf einen zürnenden, verachtungsvol⸗ len Blick auf Orri, indem ſie ſagte: Ich danke Euch, Herr Graf! Ich war in einem Irrthum befangen, und Ihr habt mich davon geheilt. Ich glaubte Euch zu lieben! Mein Gott, ich hatte Mitleid mit Eurer Liebe zu mir. Ihr ſchwurt ſo oft, daß Ihr ſterben würdet, wenn ich Euch nicht liebte, daß ich endlich mein Herz zur Liebe zwang, um nicht an Euch zur Mörderin zu werden! Ah, Ihr wart nichts als ein elender Schau⸗ ſpieler und Gaukler! Das hat mich geheilt von meiner Liebe! Mögt Ihr immerhin Eure Marquita heimfüh⸗ ren, ich habe nichts dawider! Nur dürft Ihr nicht ver⸗ langen, daß ich Euch Beide in meiner Nähe habe! Ich gebe alſo meine Einwilligung unter der Bedin⸗ gung, daß Ihr wo möglich heute noch die Trauung mit Eurer Braut vollziehen laßt, und Euch für einige Zeit mit Eurer Gemahlin auf Eure Güter zurückzieht. Das war es, was ich von Euch erbitten wollte, — 303— ſagte der Graf. Meine Geſundheit hat gelitten von dieſer wochenlangen Einkerkerung, ich bedarf der Luft und der Freiheit! Ich gehe jetzt zum König, ſeine Einwilligung zu dieſer Verbindung zu erflehen, ſagte die Prinzeſſin. Vorher aber, Herr Graf, erlaubt, daß ich Euch zu Eurer Braut führe! Und dem Grafen winkend ihm zu folgen, ſchritt ſie mit feſtem ſtolzen Schritt ihm voran zu Marquita's Gemach. Marquita, ſagte ſie, die Thüre öffnend, Marquita, ich bringe Dir da dieſen Geliebten, nach welchem Du immer gerufen und geſeufzt in Deiner Krankheit. Du wirſt noch heute ſeine Gemahlin werden, und mögeſt Du ſein Herz immer ſo ehrlich finden, wie ich ſeine Worte gefunden! Und ohne eine Antwort zu erwarten, wandte ſie ſich ab und verließ das Zimmer, um ſich zum Könige zu begeben. Marquita, dies ſelig lächelnde, unſchuldsvolle Kind, blieb allein mit ihrem Geliebten. Am Nachmittag verkündete der König ſeinem ſtaunen⸗ — 304— den Hofe die Verlobung des Grafen Orri mit dem Hoffräulein der Prinzeſſin. Seine Stimme zitterte, als er ſprach, und die Prin⸗ zeſſin wandte das Haupt einen Moment ab; Alberoni ſah, daß ſie unter der Schminke erbleichte. Aber von ihren Lippen wich nicht dieſes ſtolze, verächtliche Lä⸗ cheln, das man heute immer an ihr geſehen. Mit die⸗ ſem Lächeln begleitete ſie Marquita zum Altare, hörte ſie der Rede des Prieſters zu, welcher ihre Nichte dem Grafen Orri vermählte, mit dieſem Lächeln nahm ſie Abſchied von dem neu vermählten Paare und zog ſich in ihre Gemächer zurück.— Aber in ihrem Boudoir angekommen, und endlich allein, endlich unbeobachtet, ſank ſie laut ächzend zuſammen. Ströme von Thränen entſtürzten ihren Augen, ſie rang die Hände, ſie zer⸗ raufte ſich das Haar, ſie ſchrie und weinte!— Sie war allein, es war alſo nicht mehr nöthig, daß ſie glücklich ſchien und zufrieden, ſie durfte unglücklich ſein, ſie durfte weinen!— Alberoni indeß geleitete das neu vermählte Paar zu dem bereit ſtehenden Wagen, der ſie auf ihre Güter führen ſollte. Dem Vaterland, ſagte Graf Orri, als er Alberoni zum Abſchied die Hand drückte, dem Vaterland 4 — 305— iſt nicht mehr zu helfen. Es iſt verloren! So lange ein fremder König auf dieſem Throne herrſcht, kann Spanien nur unglücklich ſein! Wir müſſen alſo war⸗ ten! Das Glück kommt doch einmal! Mir iſt es er— ſchienen, als ich es am wenigſten hoffen durfte, und ſo will ich denn aus dieſem Schiffbruch aller unſerer Plane und Hoffnungen mir mindeſtens mein eigenes perſönliches Glück erretten und mit ihm fliehen auf eine ſtille, eingefriedigte Inſel! Marquita ſchmiegte ſich lächelnd an ſeine Schulter. Und gebe Gott, daß Du es Nie bereueſt, ſagte ſie. Alberoni ſchaute ihnen nach, wie der Wagen mit ihnen dahin fuhr.— Jetzt habe ich geſiegt, ſagte er leiſe. Es bleibt nur noch die Prinzeſſin zu beſtegen! Ach, wir werden doch wohl ein alterndes Weib durch eine reizende, junge Kö⸗ nigin verdrängen können! 4⸗ 4 XIII. Wer iſt die Braut? Dem klugen Abbé Alberoni war es alſo gelungen, die Prinzeſſin Orſini einer Hauptſtütze ihrer Macht zu berauben, der ſchönen und vom Könige heiß geliebten Marquita. Aber für eine Zeitlang ſchien es, als ob die Gewalt der Prinzeſſin dennoch unerſchütterlich ſei. Sie herrſchte im Namen des Königs über ganz Spa⸗ nien, mit unumſchränkter Herrſchermacht ertheilte ſie ihre Befehle, denen Niemand zu widerſprechen wagte. Sie war, wenn nicht dem Namen, doch der Wahrheit nach Königin von Spanien, und zwar eine ſelbſtherrſchende, allein regierende Königin. Europa hatte zu dieſer Zeit das ſeltſame und nie erhörte Schauſpiel, den ganzen Weſten Europa's von Frauen beherrſcht zu ſehen. In England war es die Herzogin von Portsmouth, welche den König und das — 307— Parlament knechtete, in Frankreich beugte die Mainte⸗ non den König unter das machtvolle Scepter ihrer bi⸗ gotten Frömmigkeit und herrſchte durch Ludwig den Vierzehnten über Frankreich. In Spanien regierte die Prinzeſſin Orſini König und Volk, und in Portugal hatte die Königin Marie, Tochter des Herzogs von Nemours, den Händen ihres Gemahles die Zügel der Herrſchaft entriſſen und ſich zur Regentin erklären laſſen. Prinzeſſin Orſini hatte ſich darein ergeben, nicht zur Königin ernannt zu werden, aber jetzt wollte ſie min⸗ deſtens Herrſcherin ſein und bleiben. Dieſem feſten Wollen hatte ſie ſogar die letzte Liebe ihres verblei⸗ chenden Lebens zum Opfer gebracht und ihr Herz, ihr zuckendes, weinendes Herz zu ewigem Schweigen ab⸗ getödtet. Aus den Schmerzen ihrer verrathenen, miß⸗ achteten Liebe rettete ſie ſich in den Ehrgeiz hinein, und da ſie ihr Haupt nicht mit Myrthen ſchmücken konnte, wollte ſie es umwinden mit dem Lorbeer des Ruhmes! Aber während Prinzeß Orſini herrſchte und Geſetze ertheilte, beobachtete und überlegte Alberoni in der Stille.— Er war jetzt in einem Puncte der Vertraute des Königs; ihm geſtand Philipp der Fünfte ohne 20* — 308— Rückhalt ſeine ſtets ſich vermehrende Sehnſucht nach dieſer jungen und ſchönen Königin, welche d'Aubenton ihm verheißen und welche ihn lehren ſollte, die ſchöne Marquita zu vergeſſen. Dieſer ungekannten, unge⸗ nannten, unſichtbaren Königin ſchlug das Herz des armen, in Liebe vereinſamten Königs in heißeſtem Lie⸗ besdrang entgegen, von ihr träumte er dieſe langen einſamen Nächte, an ſie dachte, ſie erſehnte er in die⸗ ſen ruheloſen, langweiligen Tagen, ſie war ſein Ideal, ſeine Zukunft, ſeine Hoffnung auf Glück und Liebe geworden! Aber wo war ſie? In welchem Lande hatte er ſie zu ſuchen? Mit welchem Namen hatte er ſie zu benennen? König Philipp hatte nicht den Muth an die Prin⸗ zeſſin Orfini dieſe Fragen zu richten! Er hatte Furcht vor ihren großen, blitzenden Augen, vor dem kalten ſpöttiſchen Lächeln ihres Mundes, Furcht vor ihrem Zorn und ihrer Eiferſucht. Aber dieſem ſanften, ſtets entſchuldigenden, ſtets wohlmeinenden und lächelnden Abbé Alberoni, dieſem durfte er vertrauen und ihm durfte er all ſeine Sehnſucht, ſein Hoffen und Wün⸗ ſchen offenbaren. Ich werde mit der Prinzeſſin Orſini ſprechen! ſagte — 309— endlich eines Tages Alberoni entſchloſſen zum Könige, ich werde ihr die Wünſche Eurer Majeſtät mittheilen und ſie denſelben geneigt machen! Ah, wenn Euch dies gelingt, rief der König freu⸗ dig, dann dürft Ihr meiner ewigen Dankbarkeit ge⸗ wiß ſein. Ich thue nichts um des Lohnes willen, Sire, ſon⸗ dern weil ich Euch verehre und liebe! ſagte Alberoni. Und er begab ſich zur Prinzeß Orſtni. Er hatte bei ihr längſt ſeine Vorkehrungen getroffen und ſie war lange ſchon mit ihm einig geweſen, daß die Wieder⸗ verheirathung des Königs eine unerläßliche Bedingniß für die unerſchütterliche Macht der Prinzeſſin ſein würde. Ich war am glücklichſten und geſicherteſten, ſagte ſie, als die erſte Gemahlin des Königs mir zur Seite ſtand. Sie ordnete ſich mir unter in freudiger Liebe, und durch ſie herrſchte ich über den König. Es käme nur darauf an, wieder eine ſolche Köni⸗ gin zu finden, welche Euch liebt, Prinzeſſin, und ſich Euch fügt! ſagte Alberoni. Und wenn wir auch dieſe fänden, ſo bleibt doch der ſchwierigere Theil, den König zu einer Heirath zu be⸗ wegen. Ich fürchte, er haßt die Ehe und ich habe — 3140— daher nicht den Muth, ihm von dieſem Project zu ſprechen! Und der weiſe und kluge Alberoni hatte darauf der Prinzeſſin verſprochen, den König zu einer Wiederver⸗ heirathung zu bewegen, wie er gleicher Weiſe dem Könige verſprochen, die Prinzeſſin ſeiner Heirath ge⸗ neigt zu machen!— Jetzt alſo begab ſich Alberoni zur Prinzeſſin. Hoheit, endlich haben wir geſiegt! rief er mit trium⸗ phirender Freude, indem er der Prinzeſſin die Hand küßte. Der König willigt ein, ſich zu vermählen! Dann ſeid Ihr ein Zauberer, ſagte die Prinzeſſin mit einem glücklichen Lächeln, das Unmögliche habt Ihr möglich gemacht! Der König bittet Euch, ihm eine Gemahlin zu wäh⸗ len! ſagte Alberoni feierlich. Welch ein edles, erhabenes Vertrauen, das mir da mein königlicher Herr beweist! rief die Prinzeſſin ge⸗ rührt. Er will ſeine Gemahlin nur aus Euren Händen empfangen! gil Die Prinzeſſin war außer ſich vor Entzücken,— Alberoni hatte ſeinen Zweck erreicht, er hatte jeden zuverſichtlich, ganz glücklich gemacht! Ich werde das Vertrauen meines Königs heilig hal⸗ 1 ten! ſagte ſie. Ich werde ihm die ſchönſte und lieb⸗ Argwohn der klugen Frau eingeſchläfert und ſie ganz reizendſte, die jüngſte und klügſte Prinzeſſin von Eu⸗ ropa wählen! Oh, er ſoll zufrieden ſein mit meiner Wahl! Sie ſind ein edles, uneigennütziges Weib! rief Al⸗ beroni begeiſtert. Heimlich aber dachte er: ſie will von mir zu erfahren ſuchen, welches die klügſte Prinzeſſin 4 iſt, nur um ſie nicht zur Königin von Spanien zu wählen! Sie bedarf eines dummen, ſchüchternen, ab⸗ hängigen kleinen Gänschens, damit ſie nicht gehindert werde in ihrer unumſchränkten Machtvollkommenheit! Ah, Geduld, Prinzeſſin Orſini, ich kenne Dich und Du ſollſt von mir erfahren, was Du bedarfſt! Jetzt helft mir, rathet mir, ſagte die Prinzeſſin lä⸗ chelnd, indem ſie ſich in einem Fauteuil niederließ und Alberoni bedeutete, auf dem Tabouret neben ihr Platz zu nehmen. Ihr kennt faſt alle Höfe Europa's, Abbé, Ihr werdet mir ſagen können, wo wir eine Königin für unſern theuren König finden! Laßt uns einmal überlegen! In England und Frankreich giebt es jetzt keine Prinzeſſin, die unſern Anſprüchen genügen könnte! Das kenne ich! Aber Deutſchland! Nennt mir ein we⸗ nig die Prinzeſſinnen von Deutſchland! Ja, wenn es deren gäbe! ſagte Alberoni lachend. In Oeſterreich und Baiern giebt es keine Prinzeſſin⸗ nen, da herrſchen kinderloſe Könige und die übrigen kleinen Länder mögten uns ſchwerlich eine geeignete Prinzeſſin bieten können! Freilich, da hat ſich ſeit dem Anfang dieſes Jahrhunderts in Deutſchland noch ein neues Königreich etablirt, ein kleiner Churfürſt hat ſich ſelbſt zum Könige erklärt und ſich die Krone auf das Haupt geſetzt. Er nennt ſich der König von Preußen und irre ich nicht, hat ſein Sohn und Nachfolger drei Töchter, drei blonde, dicke, unbeholfene und häßliche Damen, wie Alle Deutſche ſind. Ah, mich friert ſchon bei dem Gedanken an dieſe deutſchen Prinzeſſinnen! ſagte die Orſini. Gehen wir weiter! Nach Italien! Das wird das Beſte ſein! Ita⸗ lien iſt unſerm ſchönen Spanien am naͤchſten verſchwi⸗ ſtert und ähnlich, ich bin gewiß, in Italien werden wir finden, was wir ſuchen! Wie ſteht's im König⸗ reich Neapel, zum Beiſpiel! * — 313— In Neapel iſt eine Prinzeſſin! Jung, ſchön und lie⸗ benswürdig.. Nun ſeht, da haben wir gleich, was wir bedürfen! Aber, ſagte Alberoni achſelzuckend, ſie hat ihre bö⸗ ſen Stunden und ihre Umgebung, ihr ganzer Hofſtaat zittert, wenn eine ſolche kommt! Iſt ſie ſo heftig? Heftig bis zur Leidenſchaft, dazu eiferſüchtig auf alle die, welche ſie liebt! Aber wie geſagt, ſchön iſt ſie und jung dazu! — Gehen wir weiter! Den Papſt dürfen wir nicht nach ſeinen Töchtern fragen, alſo weiter! Wie ſieht es im Königreich Sardinien aus? Da ſind zwei Töchter und ſie ſind liebenswürdig, Prinzeſſin, obwohl nicht ſchön! Oh, es braucht nicht der Schönheit, wenn ſte lie⸗ benswürdig ſind, rief die Prinzeſſin lebhaft. Und liebenswürdig ſind ſie, ſagte Alberoni, ich kenne ſie Beide! Prinzeß Maria iſt achtzehn Jahre und ein wahres Wunder an Gelehrſamkeit und Kenntniſſen. Sie iſt ein weiſer Staatsmann, ein unbeſtechlicher Re⸗ gent, denn Ihr müßt wiſſen, ſie iſt es faſt allein, — 314— welche das Königreich regiert. Der König unternimmt nichts, befiehlt und verordnet nichts ohne die Zuſtim⸗ mung ſeiner Töchter! Ihr ſpracht nur von der Aelteſten? Wie i die Jüngere? Sie hilft ihrer Schweſter regieren, ſie eben nſo klug und gewandt wie ihre Schweſter, nur ein wenig ſtürmiſcher und wilder, leicht gereizt und ſchwer zu verſöhnen. Ich würde daher lieber zu der ältern Schwe⸗ ſter rathen! Die Prinzeſſin runzelte leicht die Stirne. Weiter! ſagte ſie. Weiter giebt es in Italien keine Prinzeſſinnen! Und in Parma, Abbé? Warum ſagt Ihr mir nichts von Parma! Wenn ich nicht irre, habt Ihr in Parma auch eine Prinzeſſin! Alberoni lachte. Ja, ſagte er, allerdings, wir ha⸗ ben da eine Prinzeſſin! Verzeiht, daß ich ihrer nicht gedachte. Aber in der That, ich würde es nicht ge⸗ wagt haben, ſie Euch zu nennen! Iſt ſie ſo häßlich? fragte die Prinzeſ ſßn. Häßlich? Nein, im Gegentheil, man findet ſie ſehr — 315— ſchön, aber,— ſie iſt von einer unverzeihlichen Bor⸗ nirtheit, dieſe gute Prinzeſſin Eliſabeth Farneſe! Arme Prinzeſſin! ſagte die Orſini. Schön und dumm dabei, wie beklagenswerth! Alberoni warf auf ſie einen jener ſchnellen, durch⸗ bohrenden Blicke, die ihm in wichtigen Momenten eigen waren. Dann ſenkte er das Auge und ſagte mit ſei⸗ ner ruhigen beſcheidenen Miene: ja, dieſe arme Eliſa⸗ beth, ſie iſt in der That beklagenswerth! Es iſt ein armes verlaſſenes Kind, lebend von der Gnade ihres Oheims, unſeres regierenden Herzogs von Parma. Dieſe Abhͤngigkeit hat ſie ſchüchtern und beklommen gemacht, ſie fürchtet immer zu beleidigen und wagt daher kaum den Mund zu öffnen! Zudem hat man ſie ſchlecht erzogen! Vielleicht wäre es moͤglich geweſen ihre ſchwachen Geiſteskräfte ein wenig zu heben. Allein man hat ſich nicht dieſe Mühe geben wollen, ſtatt ſie zu wecken, hat man ſie immer mehr verdummen laſſen! Sie beſchäftigt ſich mit nichts Anderem als mit Sticken und mit Nähen. Ihr ſeht, Prinzeſſin Eliſabeth Far⸗ neſe iſt keine Gemahlin für König Philipp. Und Ihr ſagt, ſie ſei ſehr ſchön? fragte die Prin⸗ zeſſin gedankenvoll. — 316— Schön iſt ſie freilich, ſchön von Geſicht und wun⸗ dervoll gebaut! Aber was hilft die Schönheit ohne Geiſt! Ich könnte Euch zu dieſer Verbindung nicht rathen. Sie bietet zu kleine Vortheile dar! Alſo doch Vortheile? fragte die Prinzeſſin lebhaft. Der einzige Vortheil, ſagte Alberoni, der einzige Vortheil wäre vielleicht, daß Eliſabeth Farneſe Anrechte auf Parma und Toscana hat und dadurch wäre viel⸗ leicht ein Mittel gefunden, die ſpaniſche Macht in Ita⸗ lien, welche durch Oeſterreich vernichtet worden, wie⸗ der herzuſtellen! Aber dieſer, vielleicht imaginäre Vor⸗ theil iſt zu unbedeutend, er wiegt den Mangel alles Geiſtes nicht auf! Eliſabeth Farneſe iſt keine Königin für Spanien! Wieder warf Alberoni einen ſchnellen, durchbohren⸗ den Blick auf die Prinzeſſin. Sie blickte gedankenvoll vor ſich nieder, aber ihre Lippen umſpielte ein ſtolzes, zufriedenes Lächeln. Plötzlich ſtand ſie auf und Alberoni die Hand rei⸗ chend ſagte ſie: ich danke Euch, mein Freund! Ihr habt mir da einen wichtigen Dienſt geleiſtet, indem Ihr mir dieſe Prinzeſſinnen charakteriſirtet. Vielleicht — 317— wählen wir eine der ſchönen und klugen Prinzeſſinnen von Sardinien! Ich werde mir das überlegen! Lebt alſo wohl für heute! Ich bedarf der Einſamkeit! Sie wird nicht dieſe Prinzeſſinnen von Sardinien wählen! ſagte Alberoni zu ſich ſelber, als er den Pa⸗ laſt der Prinzeſſin verließ. Ich kenne ſie, ich durch⸗ ſchaue ſie! Eine große That iſt mir gelungen! In die⸗ ſem Augenblick habe ich die Prinzeſſin entfernt, denn ſie wird dieſe ſchöne und, wie ſie meint, ſo dumme Eliſabeth Farneſe zur Königin von Spanien erwäh⸗ len! Dann iſt ſie geſtürzt, dieſe ſtolze Peinzeſſin Orſini und mein Regiment beginnt! In dieſer ſelben Nacht ſandte Alberoni heimlich und unbemerkt einen Courier an ſeinen Herrn, den Her⸗ zog von Parma, ab. Der Courier erhielt zwei Briefe. Der eine war an den Herzog von Parma, der an⸗ dere an die Prinzeſſin Eliſabeth Farneſe. Dieſer letz⸗ tere lautete: „Unſer Plan, theuerſte Prinzeſſin, naht ſeiner Vol⸗ lendung. Haltet Euch bereit! In wenigen Tagen, ſo glaube ich, wird die Prinzeſſin Orſini an Euch ſchreiben und bei Euch für ihren Herrn, den König von Spanien, um Eure Hand werben. Seid vor⸗ — 318— ſichtig und klug, Prinzeſſin! Ihr werdet Königin von Spanien um Eurer Dummheit willen! Vergeßt das nicht und laßt in Eurem Antwortsſchreiben nichts ah⸗ nen von Eurem Geiſt und Eurem eminenten Verſtande. Seid einfältig aus Klugheit und eine Königskrone iſt Euch gewiß!“ — 319— XIV. Eliſabeth Farneſe. Alberoni hatte ſich in ſeinen Berechnungen nicht ge⸗ täuſcht. Wenige Tage ſpäter vertraute ihm die Prin⸗ zeſſin mit triumphirender Miene, daß König Philipp durchaus nur die Nichte des Herzogs von Parma, Eliſabeth Farneſe, zu ſeiner Gemahlin begehre⸗ Er will durchaus nicht dieſe klugen und regierungs⸗ gewandten Prinzeſſinnen von Sardinien, ſagte ſie, und er beſteht darauf, dieſe ſchöne Eliſabeth, obwohl ſie einfältig iſt, zu ſeiner Gemahlin zu erheben! Werbt alſo bei Eurem Hofe um die Prinzeſſin Ich werde ſelbſt an dieſe ſchöne Eliſabeth ſchreiben! Sie wird den letzten kleinen Reſt ihres Perhnndes vor Erſtaunen und Verwunderung über das unerhörte Glück, was ihr bevorſteht, verlieren! ſagte Alberoni. —— — 320— Und Beide brachen in ein lautes, ſpöttiſches La⸗ chen aus. Noch Eins! ſagte dann die Prinzeſſin. Es wird vorläufig gut ſein, dieſe Plane geheim zu halten! Was den König mit zu dieſer Wahl beſtimmte, war der Gedanke, daß er dadurch, trotz Oeſterreich, wieder fe⸗ ſten Fuß in Italien gewinnt und einſt ein Anrecht auf Parma und Toscana haben wird. Aber gerade des⸗ halb müſſen wir verſchwiegen ſein, damit nicht Oeſter⸗ reich, eiferſüchtig und mißtrauiſch, wie es iſt, dieſer Heirath etwaige Hinderniſſe in den Weg lege. Laßt uns raſch und ſchweigſam handeln! Das iſt das Nöthigſte! Ich werde heute noch an meinen Herzog ſchreiben! ſagte Alberoni. In einer Stunde muß der Courier abgefertigt wer⸗ den! Ich habe dem Könige ſchon ſeinen Werbebrief an die Prinzeſſin dictirt. Jetzt gehe ich, ſelbſt an ſie zu ſchreiben! Beeilt auch Ihr Euch, Alberoni! Und raſch und ſchweigſam, wie ſie beſchloſſen, wur⸗ den die Verhandlungen gepflogen! Prinzeſſin Eliſabeth Farneſe erwiederte den Brief des Königs mit einem bejahenden Antwortsſchreiben, über deſſen Albernheit und Geiſtloſigkeit Prinzeſſin Orſini heimlich entzückt ——— —.— ᷣ-;— b V — 321— war; zugleich hatte die junge Braut des Königs einen demüthigen, ergebungsvollen und unterwürfigen Brief an die Prinzeſſin geſchrieben. Prinzeß Orſini trium⸗ phirte und pries ſich glücklich ob der klug getroffenen Wahl. Ganz heimlich wurden die nun noch nöthigen Vor⸗ kehrungen getroffen, der Dispens vom Papſte und die Einwilligung Ludwigs des Vierzehnten herbei geſchafft. Nichts ſtand der Verbindung mehr entgegen. Der Herzog von Parma hatte es übernommen bei der Trauungsceremonie in Parma die Stelle des Königs von Spanien, des glücklichen Bräutigams, zu vertre⸗ ten, der außerordentliche Geſandte Philipps des Fünf⸗ ten war mit einem glänzenden Gefolge ſchon abgereiſt, um die königliche Braut aus den Händen des Herzogs von Parma zu empfangen und nach Spanien zu ge⸗ leiten. Die Prinzeſſin Orſini ſah eine neue glänzende Zu⸗ kunft vor ſich, und ſie theilte ganz die freudige Un⸗ geduld des Königs nach ſeiner ſchönen Braut Eliſa⸗ beth Farneſe. Aber eines Tages bekam die Prinzeſſin von dem ſo eben in Parma angelangten ſpaniſchen Abgeſand⸗ III. 21 — 322— ten einen Brief, der plötzlich ihr Entzücken in die größte Verzweiflung und Wuth verwandelte. Aus dieſem Brief erfuhr ſte, daß man ſie getäuſcht über den Character der königlichen Braut, dieſer Brief be⸗ nachrichtigte ſie, daß Eliſabeth Farneſe nicht ein ein⸗ fältiges, albernes und demüthiges Kind ſei, ſondern ein kühnes, muthvolles, entſchloſſenes Weib, von durch⸗ dringendem Verſtande und ſeltenen Geiſtesgaben. Prinzeſſin Orſini war außer ſich. In raſendem Zorn ſandte ſie zu Alberoni, zu dieſem verrätheriſchen Abbé, welcher ſte ſchmählich getäuſcht und hintergangen hatte. Er ſollte zu ihr kommen, an ihm wollte ſie Rache neh⸗ men, ihn wollte ſie zwingen, dieſe Verbindung rück⸗ gängig zu machen. Aber Alberoni war ſchon abgereiſt nach Pampelona, um dort die Prinzeſſin ſeines Hofes, wenn ſie als⸗ Gemahlin des Königs von Syanien die Grenze über⸗ ſchritt, zu empfangen. Derr Prinzeſſin blieb nur ein letztes, ein verzweifel⸗ zes Mittel übrig, dies ergriff ſie mit der Angſt des Ertrinkenden, der nach dem Strohhalm greift. Sie ſandte einen Courier an den ſpaniſchen Geſandten mit dem ſtrengen Befehl, die Trauungsceremonie um jeden Preis, und unter welchem Vorwand es ſei, aufzuſchie⸗ ben! Sie verſprach dem Courier eine königliche Be⸗ lohnung, wenn er zur rechten Zeit Parma erreiche. Und er erreichte es! Am Morgen des Tages, wel⸗ cher zu der Ceremonie beſtimmt war, langte er vor den Thoren Parma's an. Aber hier hielt ein unerwartetes Hinderniß ihn auf. Die Thore waren geſchloſſen. Kein Fremder, hieß es, werde heute in die Stadt gelaſſen, man ſei einer Verſchwörung auf die Spur, und es ſei daher ein unumſtößlicher Befehl, heute Niemand, wer es auch ſei, in die Stadt zu laſſen. Vergebens berief ſich der geängſtete ſpaniſche Courier auf ſein Amt und die Dringlichkeit ſeiner Sendung. Man war unerbittlich, und als er, wüthend gemacht durch dieſe Verzögerung, endlich in laute Drohungen und Verwünſchungen ausbrach, wußte man ſich ſeiner mit Gewalt zu bemächtigen und ihn in dem Gebäude der Thorwache gefangen zu halten. Wir glauben nicht an Euer Amt und Eure Sen⸗ dung, ſagte man ihm. Ihr ſeid ſicher einer der Ver⸗ ſchwornen und Meuterer, und habt dieſe Verkleidung gewählt, um ungefährdet in die Stadt zu kommen. 3 21* — 324— Morgen wird man Euch vor den Richter führen, dann wird es ſich ergeben, wer Ihr ſeid. Wenige Stunden ſpäter verkündete der Donner der Kanonen den Einwohnern von Parma, daß ſo eben die Trauung der Prinzeſſin Eliſabeth Farneſe mit dem Könige von Spanien vollzogen ſei. Die Glocken läu⸗ teten und Alles war Jubel und Luſt! Aber mitten in dieſem Jubel vergaß man des gefangenen ſpaniſchen Couriers nicht. Man kam ihn zu befreien, indem man ſich damit entſchuldigte, man habe ſeine Päſſe unter⸗ ſucht und daraus erſehen, daß er kein Betrüger, ſon⸗ dern wirklich ein Courier des ſpaniſchen Hofes ſei. Jetzt legte man ihm keine Hinderniſſe mehr in den Weg, in die Stadt und zum ſpaniſchen Geſandten zu gehen. Der ſpaniſche Geſandte zuckte lächelnd die Achſeln, als er aus den Händen des Couriers die Depeſche der Prinzeſſin Orſini empfangen und geleſen hatte. Ihr ſeid um fünf Stunden zu ſpät gekommen, ſagte er, die Trauung iſt vollzogen und nicht mehr rückgän⸗ gig zu machen! Wir haben jetzt eine junge, ſehr ſchöne und ſehr kluge Königin von Spanien! Geht hin und huldigt ihr! . — 325— Aber der unglückliche Courier zog es vor, ſein Pferd zu beſteigen und in raſender Eile nach Madrid zurück⸗ zukehren. Er wollte mindeſtens doch der Erſte ſein, der dem König die Nachricht brächte, daß er jetzt eine Königin beſäße! Diesmal war er nirgends aufgehalten und war glück⸗ lich der Erſte, welcher die Freudenbotſchaft nach Ma⸗ drid brachte. Kein Pferd iſt ſo raſch und ſchnell, wie das meine! ſagte er triumphirend. Ach, wenn er gewußt hätte, daß es doch noch ein raſcheres Pferd gäbe! Dieſes raſchere Pferd beſaß der Abbé Alberoni ohne alle Frage, denn ſein Courier war eine Stunde früher nach Parma gelangt, als der Courier der Prinzeſſin Orſini, und weil er früher ge⸗ kommen, und Alberoni's Warnungsbrief alſo zu rechter Zeit anlangte, war es ſehr natürlich, daß der Courier der Prinzeſſin die Thore geſchloſſen fand. Gleich nach vollzogener Trauung verließ Eliſabeth Farneſe mit einem glänzenden Gefolge, wie es der Ge⸗ mahlin des Königs von Spanien geziemte, Parma, um ihrer neuen Heimath entgegen zu gehen. Ueberall ward ſie mit Jubel, mit Glockengeläute und Blumenkränzen empfangen. An der ſpaniſchen Grenze — 326— empfingen ſie die Granden Spaniens und ihr neuer ſpaniſcher Hofſtaat. In Pampelona erwartete ſte Al⸗ beroni. Mit leuchtenden Tugen und freubeftrahlendem Ge⸗ ſicht trat er der jungen Königin entgegen, und indem er eine Knie vor ihr beugte, ſagte er tief bewegt: Dies iſt der glücklichſte Tag meines Lebens! Ich darf Euch als Königin begrüßen! Die Prinzeſſin winkte ihm gütevoll aufzuſtehen, und ſich lächelnd zu ihm neigend, ſagte ſie leiſe: Nennt mich nicht Königin von Spanien, ſo lange dieſe Prin⸗ zeſſin Orſtni nicht aus Spanien verbannt iſt! Ihr werdet ſie verbannen! ſagte Alberoni. Ein ſtolzer, entſchloſſener Ausdruck breitete ſich über die ſchönen Züge der Prinzeſſin, und ihre Augen llanme ten in energiſchem Feuer. Das werde ich! Verlaßt Euch darauf, ſagte ſie, heute noch werde ich ſte verbannen. Ich bringe Euch dazu die Einwilligung des Kö⸗ nigs, die er Euch eigenhändig beſtätigt hat in die⸗ ſem Brief! Und ich, ſagte die Prinzeſſin, ich uringe Euch die⸗ ſen Brief meines Oheims, des Herzogs von Parma. 5 — 327— 6 Ich habe mir ſelbſt die Freude vorbehalten, ihn Euch zu geben! Ihr ſeid von heute an in den Grafenſtand erhoben und als wirklicher Geſandter des Herzogs be⸗ ſtätigt. Alberoni küßte dankbar der Prinzeſſin Hand. Dies Alles danke ich Euch! ſagte er. Und danke ich es Euch nicht, daß ich Königin von Spanien bin? fragte ſie lächelnd. Ich werde es Euch nicht vergeſſen, was Ihr für mich gethan! Dann las ſie den Brief des Königs. Sr. Majeſtät räth mir da, dieſe Prinzeſſin Orſini gar nicht zu ſprechen, weil ich, wie er ſagt, ſobald ſie längere Zeit mit mir ſpräche, ganz von ihr einge⸗ nommen und in ihre Gewalt gerathen würde. Iſt denn dieſes Weib in der That ſo gefährlich? 2 Sie iſt eine Syrene, deren lockenden Worten Nie⸗ mand widerſteht! Dann iſt es in der That beſſer, ſie gar nicht zu Worte kommen zu laſſen! ſagte Eliſabeth Farneſe lachend. † Was wollt Ihr thun? Wie könnt Ihr das ver⸗ hindern? Ich werde ſie ſogleich verjagen, das iſt fhr einen ſagte die junge Königin ſtolz. — 328— Und Eliſabeth Farneſe hielt Wort. Kaum hatte Prinzeſſin Orſini, welche ihrer jungen Königin, zu deren Camerara major ſie ernannt wor⸗ den, bis Padraca entgegen geeilt war, ein Knie vor Eliſabeth Farneſe gebeugt, als die junge Königin ihr die Hand, welche die Prinzeſſin küſſen wollte, unwil⸗ 5 lig entzog. 1 Wer iſt dieſe Frau? fragte ſie den neben ihr ſtehen⸗ den Grafen Alberoni. Es iſt die Prinzeſſin Orſini, die Camerara major Ihrer Majeſtät. 4 Und wie kann eine meiner dienſtthuenden Frauen es wagen, in ſolchem Pomp vor mir zu erſcheinen? fragte die Königin ſtolz. Das iſt ein Verbrechen gegen die Etiquette, das ich ſtreng zu rügen wiſſen werde. Vergebens ſuchte die Prinzeſſin ſich zu entſchuldigen. Eliſabeth Farneſe gebot ihr mit ſtrengem Ton, zu ſchweigen, und indem ſie ſelbſt die Thür öffnete und dem Officier ihrer Leibgarde winkte, ſagte ſie mit 4 der ganzen Hoheit einer Königin: Man befreie mich von dieſer Frau, welche es gewagt hat, mich zu be⸗ leidigen. — —— — 329— Königin! ſchrie die entſetzte Prinzeſſin, Ihr werdet nicht wagen, mich ſo zu beſchimpfen! Ich werde es wagen, ſagte die Königin kalt, ich werde ſogar wagen, Euch zu verhaften und über die Grenze zu ſchicken! Es iſt Eures Bleibens nicht län⸗ ger in Spanien! Fort mit Euch! Und ſich an den Officier wendend, befahl die Kö⸗ nigin ihm, die Prinzeſſin ſofort zu verhaften. Vergebens wandte der entſetzte Officier ein, er dürfe dies nur auf ausdrücklichen Befehl des Königs ſel⸗ ber thun! Habt Ihr nicht den Befehl des Königs, mir un⸗ bedingt zu gehorchen? fragte Eliſabeth. Und als der Officier bejahete, ſagte ſie ſtolz und gebieteriſch: Nun wohlan, ſo gehorchen Sie mir! Prinzeß Orſini war betäubt, niedergeſchmettert von dieſer unerwarteten Scene, oder ſie fühlte vielleicht, daß in dieſem Moment und dieſer ſtolzen Königin ge⸗ genüber jeder Widerſtand vergeblich ſein würde. Ohne Widerſtreben folgte ſie dem Officier, der ſich ſchüchtern ihr näherte. — 330— Als die Prinzeſſin das Zimmer verlaſſen hatte, wandte ſich Eliſabeth mit einem ſtolzen Lächeln an Al⸗ beroni: Jetzt, Herr Graf, ſagte ſie, jetzt dürft Ihr mir Glück wünſchen, denn nun bin ich die Königin von Spanien! Alberoni küßte feurig die ihm dargereichte Hand, und nannte ſie ſeine erhabene Königin. Heimlich dachte er: Jetzt habe ich geſtiegt. Du biſt Königin von Spanien, aber ich werde Dich be⸗ herrſchen, wie die Orſini die verſtorbene Königin be⸗ herrſchte. Ich werde jetzt König ſein in dieſem Lande! Und ſo geſchah es. Prinzeß Orſtni ward mit bar⸗ bariſcher Eilfertigkeit über die Grenze geſchickt, aber mit der Königin zog Alberoni in Madrid ein! Er ward von nun an der Herrſcher von Spanien! Man hatte da freilich einen König und eine Köni⸗ gin, aber die Könige ſind ſelten nur die Herrſcher! Sie werden regiert, indem ſie zu ncgieren glauben, und der abſoluteſte Monarch wird doch, wenn nicht von den Kammern, doch ſicher von der Kamarilla eingeengt und ſeines eigenen unumſtößlichen Willens beraubt!— — Man hatte jetzt in Spanien eine junge Königin, aber die eigentliche Königin war entthront, und ein Anderer war gekommen, ihre Stelle einzunehmen. Statt der Prinzeſſin Orſini herrſchte Alberoni. Die Favoriten ſind die Könige! Ende des dritten und letzten Bandes. Gedruckt bei den Gebr. Unger in Berlin. 5 3 ff enunnu 7 8 fnſnſnſnſnſnſnn 1 12 13 14 15 1 17 18 10 1 6 ſin 9