Leihbibliothek deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſ 3 4 V3 von. A. Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 Seiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 üe nah Abends 8 Uhr offen. 1 3 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 9 ebem Tan⸗ 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 1 3 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für ihchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5————— auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 Wer. Pf. - 3„„ 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des wangen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 . 5 8 3 3 4 . 3 4 1 8 — 1 — Wofgeſchichlen. Hiſtoriſcher Roman von L. Mühlbach. Zweiter Theil. ——y— Leipzig, C. Bergers Buchhandlung. 1849. I. Ein Paar Handſchuhe. Genau eine Stunde nach ſeiner Unterredung mit dem Kammermädchen Marianna ſtand La Chaiſe vor dem Palaſte der Signora Magaretha del Caniglio, und klopfte drei Mal an die kleine Pforte, welche unmittel⸗ bar mit der geheimen Treppe zuſammenhing, die zu den Gemächern der Signora führte. Marianna ließ nicht lange auf ſich warten, ſie öffnete La Chaiſe die Thür und hieß ihn eintreten. Nun? fragte La Chaiſe und blickte mit geſpannter Erwartung in dieſes bleiche und leidenſchaftliche Ge⸗ ſicht der Römerin. Sie lächelte mit einem Ausdruck grauſamen Triumphes. Ich habe das Eheverſprechen! ſagte ſie, und hier ſind Ihre Briefe, mein Herr! Ich nahm ſie heimlich II. 1 aus einem mir bekannten geheimen Fache ſeines Schreib⸗ tiſches, und in dieſem ſelben Fache fand ich zugleich einige ſehr zärtliche, ſehr hingebende Briefe der Com⸗ teſſa Toriglia. Du ſiehſt alſo, daß ich Dich nicht betrog, ſagte La Chaiſe, indem er gelaſſen ſeine, von Marianna ihm dargereichten Briefe in ſeinem Buſen verbarg. Nein, Ihr betrogt mich nicht! ſagte die Römerin zähneknirſchend, aber dieſer elende Bube, der Marcheſe, er hat zwei Weiber zugleich betrogen! Ach, er ſoll dafür büßen, das ſchwört Euch Marianna, welche ihn heute ebenſo grenzenlos haßt, als ſie ihn geſtern noch liebte! Die Rache iſt ein heiliges, ein göttliches Geſetz! ſagte der Prieſter La Chaiſe feierlich. Rächt doch Gott den kleinſten Fehler, welchen die armen Erdenwürmer begehen! Warum alſo ſollten wir uns nicht rächen an unſers Gleichen? Ja, warum ſollten wir uns nicht rächen? wieder⸗ holte Marianna mit einem grauſamen Lachen, und folgte La Chaiſe, der ſchnell die mit Teppichen belegte Treppe hinauf eilte. Sie ſtanden jetzt in dem kleinen Vorzimmer, von —— welchem aus zwei Thüren in das Innere des Palaſtes führten. Die eine dieſer Thüren war der Eingang zu den Gemächern der Marcheſa, die andere führte auf einen Corridor, durch welchen man zu den Zimmern des Marcheſe gelangte. Dies iſt mein Weg, ſagte Marianna, auf dieſe letztere Thür deutend. Ich werde unbemerkt den Rie⸗ gel fortziehen, der die geheime Verbindungsthüre ſchließt, welche von dem Schlafzimmer der Signora in die Ge⸗ mächer ihres Gemahls führt. Ihr werdet alſo die Thüre offen finden, und könnt ungehindert eintreten. Nur zögert nicht allzulange. Es iſt mir eine grau⸗ ſame Marter, ſeine Umarmung zu dulden, und ihm Färtlich zu ſein, ſtatt ihn zu erwürgen. La Chaiſe verſprach ihr pünktlich zu ſein, und Ma⸗ rianna fuhr fort: und damit Ihr, ehrwürdiger Vater, einen Grund habt, den Cardinal zu veranlaſſen, daß er Euch zum Marcheſe begleite, habe ich das Pulver, welches er mir gegeben, in das Glas Limonade ge ſchüttet, welches auf dem Tiſchchen neben dem Bette meiner Herrin ſteht. Gebt davon dem kleinen Hunde, und er wird ſterben. Dann beſchuldigt mich, den 1* Marcheſe, wen Ihr wollt, nur kommt ſo bald als möglich! Und ihm leicht mit dem Kopfe nickend, verſchwand Marianna in dem Corridor. La Chaiſe drückte die Thüre auf, welche zu den Gemächern der Marcheſa führte. Er ſtand jetzt in dem zweiten Vorzimmer, und von hier aus gelangte man durch einen nur mit Vor⸗ hängen verdeckten Eingang in das Schlafzimmer der Marcheſa. La Chaiſe ging geräuſchlos bis zu dieſem Vorhang und horchte. Er hörte die ſanfte und melodiſche Stimme der Sig⸗ nora, und die ſtolze, trockne und gebieteriſche Stimme des Cardinals Petrono, des Oheims der Signora. Margaretha weinte, ſie betheuerte dem Cardinal mit den heiligſten Schwüren ihre Unſchuld, ſie verſicherte niemals Briefe von La Chaiſe bekommen, niemals ihm ein Rendezvous bewilligt zu haben. Der Cardinal ſuchte ſie anfangs mit Bitten und Flehen, dann mit Drohungen und Verwünſchungen zum Geſtändniß zu bringen! Bereue! ſagte er, und ich will verſuchen, Dich zu retten. Ich will Dich ſchützen vor der Wuth Deines beleidigten Gemahls, ich will Dir ein Kloſter öffnen, das Dich und Deine Schande verbergen ſoll. Ich bin unſchuldig, ich habe nichts zu bereuen, und ich will nicht in ein Kloſter gehen! rief die Marcheſa unter Strömen von Thränen. Du lügſt! donnerte der Cardinal. Die Briefe dieſes elenden Paters ſind der unwiderlegliche Beweis Dei⸗ ner Schuld, dieſe Briefe ſind in den Händen Deines Gemahls, und wenn Du Dich meinen Befehlen nicht unterwirfſt, und wenn Du nicht in dieſer Stunde noch Dich reuevoll und zerknirſcht zu meinen Füßen nieder⸗ wirfſt, ſo werde ich das Gericht ſeinen Gang gehen laſſen. Die ganze Welt wird Deine Schande erfahren, Du wirſt lebenslängliches Gefängniß, Dein Geliebter wird einen ſchmachvollen Tod zu erleiden haben. Wähle alſo jetzt! Nein, Signora, wählen Sie noch nicht! ſagte eine Stimme hinter ihnen, und als der erſchrockene Car⸗ dinal ſich umwandte, traf ſein Blick das ruhige und ernſte Geſicht des Pater La Chaiſe. Signora Margaretha erhob ſich halb von ihrem Divan, als wolle ſie dem Pater entgegeneilen, dann aber, ſich beſinnend, ſank ſie hochathmend in die Kiſſen zurück, aber ein glühendes Roth färbte ihre bleichen Wangen, und verrieth dem Pater die Freude, die ſie empfand, ihn wieder zu ſehen. Dies iſt eine Unverſchämtheit ohne Grenzen! rief der Cardinal, der bis dahin vor Ueberraſchung und Zorn keines Wortes mächtig geweſen. Beim allmäch⸗ tigen Gott, ich werde dieſen frechen Sünder zu züch⸗ tigen wiſſen, und ihn mit ſammt ſeiner Buhlerin ewiger Schande und Verdammniß dahin geben! Und der fromme und indignirte Cardinal wandte mit einem Blick voller Verachtung ſich ab, und eilte der Thüre zu. G La Chaiſe hielt ihn zurück. Ihr werdet dieſes Alles nicht thun, Eminenz, ſagte er ruhig, ſondern Ihr wer⸗ det vor allen Dingen mich anhören! Und wider ſeinen Willen führte er den Cardinal zu dem Divan zurück, welcher neben dem Ruhebette der Marcheſa ſtand. Ich bin hieher gekommen, weil ich wußte, daß ich Se. Eminenz hier treffen würde, ſagte La Chaiſe und verneigte ſich vor der Marcheſa, die Signora möge mir daher verzeihen, wenn ich es wage, auf dieſe Weiſe in dies geheiligte Gemach einzutreten. —(— Die Signora grüßte leicht mit dem ſchönen, von dunklen Locken umwallten Haupte, aber ſie fand in ihrer innern Bewegung nicht die Kraft zu ſprechen. Und wer hat es gewagt, Euch einzulaſſen? fragte der Cardinal. Eine Perſon, welche durch Reue wieder gut machen möchte, was ſie verbrach. Eine Perſon, deren Herz heute, als an dem heiligen Vorabende des Oſterfeſtes, zerknirſcht ward von dem Gefühl ihrer Sündhaftigkeit, und die, als ſie unter Strömen von Thränen mir ihre Verbrechen bekannt, mich zugleich autoriſirte, das hei⸗ lige Geheimniß der Beichte zu brechen, und indem ich ihre Bekenntniſſe Ihnen mittheilte, die Unſchuld zu retten, welche ſie verderben wollte. Wer iſt dieſe Perſon? fragte der Cardinal erſtaunt. Es iſt die Kammerfrau der Signor del Caniglio, es iſt Marianna! Mariannal rief die Signora ſchmerzlich. Marianna hätte mich verrathen? Es iſt nicht wahr! Es iſt eine Lüge! rief der Car⸗ dinal. Man kennt die Schlauheit der Jeſuiten, man weiß, wie klug ſie ſelber den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, und Andere darin zu verwickeln wiſſen! — 8— Marianna iſt es, die ihre Herrin verrieth! ſagte La Chaiſe feierlich. Marianna war es, welche die Signora eines ſträflichen Verhältniſſes anklagte mit mir, dem Diener Gottes, welcher allein die Kirche ſeine Geliebte nennt! Und warum that ſie dies? fragte Sauvr Marga⸗ retha ſchmerzvoll. Ja, warum that ſie es? fragte der Cardinal, und blickte ſcharf und prüfend in La Chaiſe's Angeſicht. Sie that es, ſagte La Chaiſe feierlich, weil in ihrem eigenen Herzen eine verbrecheriſche Liebe wohnte, und weil ſie diejenige verderben wollte, welche ihren hoch⸗ ſtrebenden Planen im Wege ſtand! Sie liebte den Marcheſe? rief die Signora. Dieſes Mährchen iſt nicht übel auserſonnen! lachte der Cardinal. Dies iſt ſo wenig ein Mährchen, daß ich Ew. Emi⸗ nenz ſogleich den Beweis des Gegentheils geben will, rief La Chaiſe. Gerührt von meinen Ermahnungen hat mir Marianna ein ganz offenes Bekenntniß abgelegt, ſte hat mir geſtanden, daß heute der große Tag der Entſcheidung iſt, daß heute noch die Signora Marga⸗ retha ſterben ſoll an dem Gift, welches der Marcheſe ſich zu dieſem Zwecke verſchafft, und das Marianna ſelber in der Signora Trank gemiſcht. Ein Ausruf des Entſetzens tönte von der Marcheſa und des Cardinals Lippen. Ah, man will mich vergiften! rief die Signora angſt⸗ voll, und ſprang empor, als wolle ſie entfliehen. Könnte dies dennoch Wahrheit ſein! rief der Cardinal. Es iſt Wahrheit, ſagte La Chaiſe, und nahm von dem Tiſchchen das mit Limonade gefüllte Kelchglas.— MNargaretha athmete erleichtert auf. Marianna hatte dies eine Viertelſtunde zuvor hereingebracht, und indem ſie es hinſetzte, hatte ſie leiſe zu der Signora geſagt: „trinken Sie nicht, und Sie ſind gerettet!“— Das war Alles, was die Signora von dieſer Ver⸗ ſchwörung wußte, aber indem La Chaiſe jetzt dieſes Glas nahm, welches Marianna mit ſo bedeutungs⸗ vollen Worten hingeſtellt, fühlte und wußte die Sig⸗ nora, daß ſie in der That jetzt gerettet ſei. Wie geſagt, La Chaiſe nahm das Glas mit Limo⸗ nade, und dann rief er dieſes kleine Bologneſer Hündchen herbei, das auf ſeinem Kiſſen lag, und mit klugen Augen jede Bewegung ſeiner Herrin verfolgte. Ah, ſagte die Signora ſchmerzlich, um mir zu be⸗ — 410— * weiſen, daß man mir nach dem Leben trachtet, wollt Ihr mir jetzt vielleicht den einzigſten, treuen Freund tödten, welcher mir auf Erden geblieben iſt! Signora, ſagte La Chaiſe ſich tief verneigend, jeder Ehrenmann wird der treue Freund der verfolgten Un⸗ ſchuld ſein! Und er bückte ſich zu dem kleinen Hündchen nieder, und hielt ihm die Limonade vor. Das Thierchen trank,— athemloſes Schweigen,— plötzlich that der Hund einen jammervollen Schrei, und ſank todt zur Erde. La Chaiſe ſetzte das Glas wieder hin. Ew. Eminenz ſehen, daß dies kein Mährchen iſt, ſagte er ruhig. Die Signora weinte und betete vor Angſt. Der Cardinal war erbleicht, und ſank ſchwindelnd auf einen Stuhl. Mörder! Mörder! ſehrie endlich die Signora. Oheim, 1 b retten Sie mich vor meinem Gemahl! Ich begreife jetzt Alles, ich weiß Alles! Er hat mich fälſchlich an⸗ geklagt, um mich zu verderben, er will mich ermor⸗ den, um eine Andere, um Marianna zu heirathen! — 11— Oheim, retten Sie mich doch aus den Händen dieſes Mörders! Der Cardinal ſchloß die Zitternde in ſeine Arme, und drückte einen Kuß auf ihre ſtolze marmorweiße Stirne. Ich that Dir Unrecht, mein Kind, ſagte er, aber ich will wieder gut machen! Ich werde Dir eine glänzende Rechtfertigung geben! In dieſem Augen⸗ blicke noch will ich dieſen Verbrecher überführen, und getroffen von der Rache des Himmels, wird er es nicht mehr wagen ſeine Schuld, und Deine Unſchuld zu leugnen. Komm, laß uns zu dem Marcheſe gehen! Ihr Pater La Chaiſe begleitet uns! Der Cardinal nahm das Glas Limonade, und ſchritt mit demſelben durch das Zimmer nach der Thüre, welche in das Vorzimmer führte. La Chaiſe berührte leicht die Schulter der Signora, und zeigte raſch mit dem Finger nach der entgegenge⸗ ſetzten Thür. Die Thür iſt offen! flüſterte er. Nicht dort hinaus, Oheim, ſagte daher Signora Margaretha. Wir wollen ihn überraſchen. Laßt uns durch die nur ihm und mir bekannte geheime Thüre — 12— gehen. Ich fürchte nicht mehr, Euch Beiden zu Ver⸗ trauten dieſes Geheimniſſes zu machen! Und ſich leicht auf den Arm des Cardinals lehnend, führte ſie ihn durch die andere Thüre. La Chaiſe folgte, und während ſie durch die Säle dahin gingen, blickte die Signora wie zufällig einmal um. La Chaiſe, der hinter ihr ging, hob drei Finger ſeiner Rechten empor. Die Signora nickte leicht mit dem Kopf, ſie wußte jetzt, daß ſie in der dritten Stunde der Nacht ihren Geliebten erwarten dürfe!— Sie ſtanden vor der geheimen Thür. Der Cardinal hielt noch immer mit feierlichem Ernſte das Glas Limonade in der Hand. Die Marcheſa drückte an die geheime Feder, und da Marianna den Riegel zurück geſchoben hatte, flog die Thüre auf, ohne auch nur das kleinſte Geräuſch zu verurſachen. Der Marcheſe, welcher feſt umſchlungen von Ma⸗ rianna's Armen auf den Polſtern lag, hörte nichts. Aber plötzlich neigte ſich Marianna dichter an ſein Ohr und flüſterte: elender Betrüger, ſchmachvoller Ver⸗ räther, ſiehe jetzt, wie Marianna ſich rächt! Blicke empor und ſiehe! — 13— Und ihn dann heftiger in ihre Arme ſchließend, brach ſie in ein lautes Gelächter aus. Dieſes Gelächter ward mit einem zwiefachen Schrei des Zorns beantwortet. Es waren der Cardinal und die Signora, welche glaubten, daß Marianna ihrer ſpotten, und ihnen trotzen wolle mit dieſem höhniſchen Lachen. Elende Heuchlerin, rief Margaretha, ſo lohnſt Du meine Liebe? Indem Du mich, Deine Herrin, ver⸗ läumdeſt, machſt Du ſelber Dich des Verbrechens ſchul⸗ dig, deſſen Du mich anklagſt? Und mit einer heftigen Bewegung des Zorns riß ſie Marianna von den Polſtern empor. ½ Der Marcheſe lag wie erſtarrt vor Schreck, unbe⸗ weglich da, aber als ſein umherirrendes Auge den Blicken La Chaiſe's begegnete, ſprang er raſch empor, und näherte ſich mit drohenden Blicken dem Pater. Was ſoll das? fragte er drohend. Was habt Ihr hier zu ſchaffen? Soll ich meine Leute rufen, um die⸗ ſen elenden Betrüger aus dieſem Hauſe, in welchem er Unfrieden und Schande geſäet, mit Gewalt zu ent⸗ fernen? Ihr werdet Niemand mehr anklagen, Niemand mehr — 11— mit Gewalt entfernen! ſagte La Chaiſe mit ſpöttiſchem Ton. Was heißt das? rief der Marcheſe wüthend. Das heißt, ſagte der Cardinal feierlich, und trat mit dem Glaſe zu dem Marcheſe hin, das heißt, daß man Dich anklagen wird, das heißt, daß Du Dein edles und unſchuldiges Weib verleumdeteſt, daß Du, um Deinen eigenen, verbrecheriſchen Lüſten zu fröhnen, Dein Weib ermorden wollteſt! Das iſt eine Lüge! ſchrie der Marcheſe. So trinke von dieſer Limonade, wenn Du es wagſt! rief der Cardinal, und drängte dem Marcheſe das Glas N die Hand. Trinke aus dieſem Glaſe, welches auf dem Tiſche im Schlafzimmer Deiner Gemahlin ſtand, und das Marianna gewürzt hat! Trinke, und ich werde wiſſen, daß Du unſchuldig biſt, und daß alle Deine Beſchuldigungen wahr ſind. Trinke, und ich ſchwöre Dir, daß Margaretha von Dir geſchieden wird, und Du den Dispens erhältſt zu einer zweiten Ehe!— Der Marcheſe ließ das Glas zur Erde fallen, daß ſein Inhalt über den Fußteppich ſich ergoß. Er gab mir das Gift, welches ich in dieſe Limo⸗ nade miſchte, ſagte Marianna ruhig. — 15— Unglückliche, was that ich Dir, daß Du mich töd⸗ ten wollteſt, rief die Marcheſa ſchmerzlich. Marianna ſchleuderte einen flammenden Blick des Haſſes auf den Marcheſe, dann ſagte ſie mit knirſchen⸗ den Zähnen: dieſer, mein Geliebter da, hatte mir ver⸗ ſprochen, mich zu ſeiner Gemahlin zu erheben, wenn die Signora Marcheſa todt ſei, oder geſchieden von ihm werde. Du lügſt! Du lügſt! ſchrie der Marcheſe, und tir zu ihr hin. Ich lüge nicht! ſagte Marianna ſtolz, und hier iſt der Beweis, daß ich die Wahrheit ſagte! Sie zog aus ihrem Buſen ein zuſammengefaltetes Blatt hervor und reichte es dem Cardinal hin.— Es war das CEheverſprechen, welches ſie vor wenigen Stun⸗ den ſich mit Schmeicheln und Küſſen von dem Mar⸗ cheſe erobert hatte. Nun wohl, ſagte der Marcheſe zähneknirſchend, ich ſehe, wo das Alles hinaus will! Um meine Gemahlin von jedem Verdachte rein zu finden, will man mich anklagen. Aber dies ſoll nicht geſchehen! Will man mich dem Richterſpruch des ſtrengen und unerbittlichen Papſtes unterwerfen, ſo ſoll wenigſtens Signora Mar⸗ — 16— garetha auch nicht ungeſtraft bleiben. Zum Glücke habe ich mir dieſes Denkmal ihres Verrathes, dieſe Briefe jenes nichtswürdigen Prieſters dort, aufbewahrt. Man llage mich des Mordes und des Ehebruches an, nun gut, ich werde ſagen, daß ich die Marcheſa tödten wollte, und daß ich, ihr beleidigter Gemahl, ein Recht dazu hatte, weil ſie mich betrog, und meinen Namen mit Schande bedeckte, und ich werde die Briefe als Beweis meiner Worte darlegen! Ah, die Briefe! ſagte Marianna frohlockend. Und ſie ſtürzte zu dem Schreibtiſch des Marcheſe, und öff⸗ nete ihn. Dann drückte ſie an der im Innern ange⸗ brachten Feder, das geheime Fach flog auf.— Der Marcheſe ſtieß einen Schrei der Wuth und des Entſetzens aus,— dieſes Fach war leer. Die Briefe! ſchrie er, wo ſind die Briefe! Man hat ſie mir geſtohlen! Nein! ſagte Marianna mit einem lauten Lachen. Man hat Dir nichts geſtohlen, mein zukünftiger Herr Gemahl. Man iſt nur hinter Deine Geheimniſſe ge⸗ kommen, weiter nichts! Ah, Du glaubteſt, Niemand außer Dir kenne dies geheime Fach Deines Tiſches? — 17— Ich kannte es, ich hatte es erforſcht, und ich habe die Briefe! Du haſt die Briefe! ſchrie der Marcheſe, und wollte zu Marianna hinſtürzen. La Chaiſe hielt ihn zurück. Ja, ich habe die Briefe! wiederholte Marianna, und indem ſie aus ihrem Buſen zwei Briefe hervorzog, reichte ſie dieſe dem Cardinal dar, und ſagte mit einem flammenden Zornesblick auf den Marcheſe: Herr Car⸗ dinal, dies iſt Alles, was in jenem Fach enthalten war. Nehmt! Es ſind zwei ſehr zärtliche, ſehr glü⸗ hende Briefe der Comteſſa Toriglia, und es ſcheint, als ob der Herr Marcheſe ein großes Herz und ein kleines Gedächtniß habe, denn er liebt außer mir auch die Comteſſa Toriglia. Er hat aber vergeſſen, daß ich ſeine zweite Gemahlin bin, und hat auch der Gräfin die Ehe verſprochen! Der Marcheſe ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, und ſank ohnmächtig zur Erde. Der Cardinal wandte ſich mit Hoheit ab. Ich werde den Verbrecher den Gerichten übergeben, und ſogleich eilen, dem Papſte Nachricht zu geben, ſagte er. Er ſoll gerichtet werden nach der Strafe der I. 2 3 — 18— Geſetze. Kommt, laßt uns keine Secunde mehr die Luft mit dieſem Verbrecher theilen! and das Vorzimmer öffnend befahl der Cardinal: m ufe die Wache herbei, und benachrichtige mich, wenn ſie da iſt! Bis dahin werde ich ihn bewachen, daß er nicht entfliehen kann! ſagte Marianna frohlockend. Der Cardinal nahm den Arm ſeiner Nichte, und führte ſie hinaus, indem er La Chaiſe winkte, ihnen zu folgen. 8 Schweigend kehrten ſie in das Zimmer der Signora zurück.— Die Marcheſa weinte leiſe, und in ihrem Zimmer angelangt, ſank ſie, erſchöpft von Kummer und Auf⸗ regung, laut ſchluchzend auf ihr Ruhebette. La Chaiſe verſchlang ſie mit ſeinen Blicken, ſie war in dieſem Moment ſehr ſchön, und da er ſeit einer Woche ihren Anblick hatte entbehren müſſen, ſchien es ihm, als ob er ſie wirklich liebe. Der Cardinal neigte ſich zu ſeiner ſchönen Nichte nieder, und zog ſie empor in ſeine Arme, indem er halb ein Knie vor ihr beugte. Margaretha, ſagte er, ich habe Dich um Verzeihung — 419— zu bitten, denn ich habe Dich tief beleidigt mit mei⸗ nem ungerechten Verdacht, und habe Vieles wieder gut zu machen. Auch Euch, mein guter Pater, habe ich ungerecht beſchuldigt, und ich bitte Euch, 1 verzeihen, und mir zu ſagen, ob ich in irgend einer Art Euch nützlich ſein kann! Oh, ſagte La Chaiſe lebhaft, meine ganze Zukunft liegt in Eurer Hand, Eminenz, und wenn ich es wa⸗ gen dürfte, Euch um eine Gnade anzuflehen— Sprecht, unterbrach ihn der Cardinal gütevoll, und wenn das, was Ihr wünſchet, irgend in meiner Macht ſteht, ſo dürft Ihr verſichert ſein, daß es geſchehen ſoll! La Chaiſe ſagte ſchüchtern: ich habe nichts für mich zu bitten, ich bitte nur für meinen Orden; in ihm veerlliert ſich meine ganze eigene Eriſtenz, und das Wohl und Weh der Geſellſchaft Jeſu, das iſt mein eigenes Glück oder Unglück. 1 Cardinal Petrono's Stirne verfinſterte ſich. Für Euren Orden kann und will ich nichts thun, ſagte er ſtreng. Ihr wißt, daß Se. Heiligkeit Dem mit ſeiner ewigen Ungnade gedroht hat, welcher es wagen würde, vor ihm auch nur mit Einer Sylbe dieſes perfiden und ränkevollen Ordens zu gedenken, 2** — 20— der es gewagt hat, mit ſo elendem Gaukelſpiel den Papſt zu hintergehen! Und dennoch wage ich es, Ew. Eminenz um die Gnade anzuflehen, bei Papſt Alerander mir eine Au⸗ dienz auszuwirken! Und ich, mein theurer Oheim, ſagte die Marcheſa, die La Chaiſe's ihr winkende Blicke verſtanden hatte, ich vereinige meine Bitten mit denen dieſes frommen Paters, der mir in mancher ſchweren kummervollen Stunde ein erhabener Rathgeber und Tröſter geweſen. Ich wage es daher als Entſchädigung für die Leiden, welche Ihr mir unwillkührlich zugefügt, es mir als Entſchädigung zu erbitten, daß Ihr des üate La Chaiſe's Wunſch erfüllt. Aber dies iſt unmöglich! rief der geängſtigte Car⸗ dinal. Verlange etwas Anderes, meine theure Nichte, ſtellen Sie mir einen andern Wunſch, Pater La Chaiſe, verlangen Sie Gold, Schätze, ich werde ſie geben, aber ich kann dem Papſt nicht dem Jeſuitenorden ver⸗ ſöhnen, ja, ich darf es nicht einmal wagen, ſeiner vor Sr. Heiligkeit zu erwähnen. Nun wohl, Eminenz, wenn Sie nicht die Verthei⸗ digung unſers Ordens übernehmen wollen, ſo geſtatten — 21— Sie es wenigſtens mir, ſagte La Chaiſe dringend. Erwirken Ew. Eminenz mir eine Audienz bei dem Statthalter Gottes, das iſt Alles, was ich verlange. Und das iſt Alles, was ich nicht gewähren kann, rief der Cardinal wüthend. Ihr kennt den Zorn und die ſchnelle Wuth des Papſtes, beim ewigen Gotte, er wäre im Stande ſelbſt gegen mich die Hand zu er⸗ heben, wenn ich vor ihm Euren Namen nenne. Denn Euch haßt er doppelt, einmal als Jeſuiten, und zwei⸗ tens, weil der Marcheſe dem Papſte Euch als den Liebhaber ſeiner Gemahlin bezeichnet hat. Der Papſt iſt unerbittlich ſtrenge gegen ſolche irdiſchen Schwächen eines Prieſters! Ihr werdet ihm ſagen, daß der Pater La Chaiſe unſchuldig iſt, bat die Signora mit ſchmeichelndem Ton.. Nein, laſſen wir es genug ſein, rief La Chaiſe feierlich. Da meine Bitte Se. Eminenz unmöglich ſcheint, ſo ſtehe ich von ihr ab, und füge mich in Geduld dem Zorne des Herrn. Das heißt geſprochen, wie ein Ehrenmann! rief der Cardinal aufathmend. Bittet etwas Anderes, und ich verſpreche Euch, daß ich es erfülle. — 22— La Chaiſe verbeugte ſich lächelnd. Wir werden ſehen, ſagte er. Und aus den weiten Falten ſeines Gewandes ein kleines Packet hervorziehend, ſagte er: meine ganze Bitte beſteht nur noch darin, daß ich Euch um einen Rath, eine Antwort auf eine unbedeutende Frage bitte. Ich habe nämlich etwas gefunden, das ich ſei⸗ nem rechtmäßigen Beſitzer zurück erſtatten möchte, weil es ſehr koſtbar iſt, und mir, als dem Mitglied eines Ordens, deſſen Geſetz die Armuth iſt, ein ſolcher Fund nicht gebührt! Indem er ſo ſprach, entfaltete La Chaiſe langſam das Packet, und zog deſſen Inhalt aus dem umhüllen⸗ den Papier hervor. Dieſer Inhalt beſtand aus einem Paar Hand⸗ ſchuhen. Sehen Sie, wie koſtbar! ſagte La Chaiſe, ſie aus⸗ einanderfaltend. Sie ſind ganz überſäet mit Perlen und Cdelſteinen. Sehen Sie da, dieſes Wappen, das ganz von Ru⸗ binen und Perlen zuſammengeſetzt iſt. Mein Gott, das ſind ja die Handſchuhe, welche ich ſelber meinem theuren Oheim Cardinal gearbeitet habe, rief Signora Margaretha. Ja, in der That, es ſind dieſe koſtbaren Hand⸗ ſchuhe, welche ich ſeit zwei Tagen vermiſſe, und nach denen ich vergeblich in meinem Palaſte die genaueſten Nachforſchungen habe machen laſſen! Ah, es ſind die Handſchuhe Sr. Eminenz! rief La Chaiſe, anſcheinend auf das Höchſte erſtaunt. Ver⸗ zeihen Sie, daß ich es bezweifle. Aber dies ſcheint mir unmöglich. Unmöglich! lachte die Signora. Aber ich ſage Ih⸗ nen, daß ich ſelber dieſe Handſchuhe geſtickt habe, und ſehen Sie da, dieſes Wappen da aus Rubinen und Perlen, es iſt das Wappen meines Oheims. Es iſt das Wappen Sr. Eminenz des Cardinals Petrono! rief La Chaiſe, und blickte den Cardinal mit ſo erſtaunten, weit aufgeriſſenen und doch forſchenden Augen an, daß dieſer unwillkührlich in Verwirrung gerieth, und ſich mit einiger Beklommenheit fragte, ob nicht La Chaiſe heimliche Zwecke mit dieſen Hand⸗ ſchuhen verbinde! Aber, fragte die Signora lebhaft, jetzt ſagt uns, — 24— ehrwürdiger Vater, wo fandet Ihr dieſe öamgubhe meines Oheims? Ja„wo fandet Ihr Sie? wiederholte der Cardinal ganz mechaniſch. Schwört mir, Eminenz, daß dies Eure Handſchuhe ſind! ſagte La Chaiſe feierlich. Ich ſchwöre es, rief Cardinal Petrono mit zittern⸗ der Stimme. Nun, dann möge mir die Signora Margaretha ver⸗ zeihen, wenn ich nur Sr. Eminenz es bekenne, wie ich in den Beſitz dieſer Handſchuhe gelangte! Und La Chaiſe nahm die Hand des Cardinals und führte ihn in die Fenſterniſche an der i geeigeſeaen Seite des Gemaches. Vor allen Dingen mögen mir Ew. Eminenz das, was ich jetzt ſagen werde, verzeihen, flüſterte La Chaiſe. Jedermann in Rom kennt den heiligen und frommen Wandel des Cardinals Petrono, der gerade um dieſes frommen, tugendhaften Wandels willen der Laabſin des ſtrengen Papſtes iſt! Weiter, weiter, rief der Cardinal ungeduldig. Der tugendhafte Cardinal möge verzeihen, wenn ich vor ihm von dem Laſter zu ſprechen wage, fuhr La Chaiſe —— — — 25— fort. Ich bin der Beichtvater einer ſehr bekannten römiſchen Schönheit, und da ich auf dem Grunde ihres Herzens einen Funken der Tugend und des Heils zu entdecken meinte, überwand ich meinen natürlichen, moraliſchen Widerwillen, und beſuchte faſt täglich das Haus dieſer berühmten Schönen, um durch Worte der heiligen Schrift und durch fromme Ermahnungen ſie von ihrem laſterhaften Wege ab, und zur Tugend zu⸗ rückzuführen! Ein ſehr gewagtes Unternehmen! ſagte der Cardinal. Was aber anſcheinend ſogar höhere Geiſtliche, und erhabenere Geiſter bei dieſer Schönen verſucht haben! fuhr La Chaiſe fort. Denn die Schöne entdeckte mir, daß ſie oft den Beſuch eines vornehmen Herrn em⸗ pfange, den ſie, obwohl er in ritterlicher Kleidung zu ihr komme, dennoch für einen hohen Geiſtlichen halte. Der Cardinal erblaßte. Mein Gott, Ew. Eminenz wird unwohl! 6 La Chaiſe theilnehmend. Nicht im mindeſten, ſagte der Cardinal, ſi ch auf⸗ raffend, fahren Sie fort! Die Damen ſind neugierig, ſagte La Chaiſe, und dieſe ſchöne Comteſſa war unendlich begierig zu wiſſen, — 26— ob ſie ſich nicht getäuſcht, und ob dieſer hohe Ritter, welcher durch eine Art Gewiſſensehe ſie an ſich ge⸗ feſſelt, nicht in der That, wie ſie vermuthete, ein ge⸗ weiheter Diener des Herrn ſei! Der Cardinal ſank hochathmend an die Wand zurück. Die Signora begehrte meinen Rath in dieſer Ange⸗ legenheit, ſte wollte durchaus wiſſen, wer ihr heim⸗ licher Cheherr und Gemahl ſei. Ich verlangte irgend ein Kennzeichen, irgend einen Faden, um dieſes Laby⸗ rinth zu ergründen. Der Erfolg davon war, daß die Signora heimlich ihrem Geliebten etwas entwendete, was er an ſich trug, und es mir übergab, um da⸗ durch den Beſitzer zu erforſchen! Und was gab ſte Euch? fragte der Cardinal, und verſuchte zu lächeln. La Chaiſe erwiderte leiſe: Eminenz! Die Signora Comteſſa Eleonora da Manilla übergab mir dieſes Paar Handſchuhe, das der Cardinal Petrono ſo eben für ſein Eigenthum erkannte. Der Cardinal war ſprachlos, er fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. La Chaiſe aber faltete gelaſſen die Handſchuhe wieder zuſammen, und ſchob ſie in ſeine Buſentaſche. — 22— In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, und der eintretende Lakai meldete, daß die Sbirren, nach welchen der Cardinal geſandt, bereits angelangt, und vor den Gemächern des Marcheſe aufgeſtellt ſeien. Rufe den Anführer! befahl der Cardinal, ſich ſchnell emporraffend. Der Lakai öffnete die Thür und hieß den harrenden Officier eintreten. Man führe den Marcheſe in das Staatsgefängniß, es iſt mein Befehl! gebot der Cardinal, und nachdem der Officier ſich ſchweigend verneigt, und das Zimmer verlaſſen hatte, fuhr der Cardinal fort: ich eile jetzt zu Sr. Heiligkeit, um ihm Rechenſchaft abzulegen über dieſe Verhaftung, und um ihm zugleich anzuzeigen, daß meine ſchöne Nichte und Ihr, La Chaiſe, unſchul⸗ dig ſeid an dem Euch zur Laſt gelegten Verbrechen! Und der Cardinal grüßte leicht mit dem Kopfe und wandte ſich dem Ausgang zu. Plötzlich blieb er ſtehen. La Chaiſe, ſagte er, ich bin Euch jetzt doppelt ver⸗ pflichtet. Ihr habt nicht allein durch Euer kühnes Einſchreiten meine Nichte gerettet, ſondern mir auch dieſes theure Geſchenk Margarethens, dieſe koſtbaren — 28— Handſchuhe wieder entdeckt. Ich will Euch dankbar ſein, und da, wie Ihr verſichert, es dazu nur Ein Nittel giebt, nun wohl, ſo muß ich wohl dieſes ein⸗ zige Mittel ergreifen, um nicht undankbar zu ſein. Ich übernehme es alſo, Euch beim Papſte eine Audienz zu erwirken, und Ihr mögt mich ſogleich zu Sr. Hei⸗ ligkeit begleiten! Kommt! Ich danke Euch! rief La Chaiſe frohlockend, niemals werde ich dieſe Gnade Ew. Eminenz vergeſſen! Der Cardinal grüßte noch einmal ſeine Nichte und verließ das Gemach, und indem er ihm folgte, wandte La Chaiſe noch einmal das Haupt zu der ſchönen Marcheſa hin. Sie warf ihm lächelnd mit ihren roſt⸗ gen Fingern Küſſe zu, und nickte gewährend, als La Chaiſe noch einmal drei Finger ſeiner Rechten in die Höhe hob. Dann fiel der Vorhang hinter ihm, und geſenkten Hauptes, ganz Ehrfurcht und Demuth, folgte La Chaiſe dem Cardinal zu ſeinem bereitſtehenden Wagen. Nach dem Vatican! befahl er den Lakaien. Der Wagen brauſte dahin. Schweigend ſaß der Cardinal dem Pater gegenüber. 4 ½ Ich werde alſo es wagen, Euch bei Sr. Seiigei 1 — 29— wieder einzuführen, ſagte der Cardinal endlich nach langer Pauſe. Wofür ich Euch ewig dankbar ſein werde! rief La Chaiſe, ſich tief verneigend. Es giebt nur Eine Art, mir Eure Dankbarkeit zu beweiſen! Und dieſe iſt? Schwört mir, daß Ihr zu Niemand und unter kei⸗ nerlei Vorwand mein Geheimniß verrathen wollt. Ich ſchwöre es beim allmächtigen Gotte, an den ich glaube! Schwört bei etwas Anderm, vielleicht glaubt Ihr nicht an Gott! Ich ſchwöre es bei meiner und bei Eurer Ehre! ſagte La Chaiſe lächelnd. Ich werde dieſes Geheimniß Niemand auf der ganzen Welt verrathen, vorausgeſetzt, daß Ihr Euer Wort erfüllt, und mir heute noch eine Audienz beim Papſte erwirkt! Ich werde es thun, aber ich geſtehe Euch, daß ich ſehr verlegen bin, wie ich es anzufangen habe! Darf ich es wagen, Ew. Eminenz ein Mittel an⸗ zugeben? Der Cardinal nickte bejahend. — 30— Vor einigen Stunden iſt, wie ich erfahren, des Papſtes Liebling, die Katze Zenobia, geſtorben. Sagt Sr. Heiligkeit, daß ich ein Geheimniß beſitze, durch welches die Katze vielleicht wieder in's Leben zurück⸗ gerufen werden könnte, und daß Ihr nur deshalb mich mitgebracht, und mir geboten, im Vorzimmer Eurer zu warten! Das iſt in der That ein neues Mittel, einen er⸗ zürnten Papſt zu verſöhnen, ſagte Petrono lachend. Und beſitzt Ihr denn wirklich ein ſolches Mittel? Ich beſitze es! In dieſem Augenblick hielt der Wagen vor dem zweiten Hauptportale des Vaticans. Die Lakaien öffneten den Schlag und halfen dem Cardinal beim Ausſteigen. Als La Chaiſe dem Car⸗ dinal folgen wollte, verwehrten die vier auf⸗ und ab⸗ wandelnden Schildwachen ihm den Durchgang durch das Portal. Es iſt der ſtrengſte Befehl gegeben worden, daß kein Jeſuit den Palaſt betreten darf! So bleiben Sie in meinem Wagen, ſagte der Carg dinal, und erwarten Sie meine Botſchaft. — 31— Und ſchon im Begriff, in den Vatican zu gehen, wandte er ſich noch einmal um, und näherte ſich dem Wagen. Ihr habt vergeſſen, mein lieber Pater, mir dieſe unglücklichen Handſchuhe auszuliefern! ſagte er. La Chaiſe erwiderte lächelnd: ich werde die Ehre haben, ſie Ew. Eminenz in dem Augenblicke zu über⸗ reichen, wo die Thüre zu dem Audienzzimmer Sr. Hei⸗ ligkeit ſich vor mir öffnet! Der Cardinal runzelte die Stirne, und entfernte ſich ſchweigend. In dieſem Augenblick näherte ſich ein in einen lan⸗ gen braunen Mantel gehüllter Mann dem Palaſte, und blieb neben dem zweiten Hauptportale ſtehen. Er trug an ſeinem Arm einen großen mit einem hohen Deckel verſchloſſenen Korb, und ſchien ſich nur an die Mauer des Palaſtes zu lehnen, um auszuruhen von der Laſt, welche er trug. La Chaiſe bemerkte dieſen Mann, und rieb ſich ver⸗ gnügt die Hände. Es iſt Peronni mit der ſchönen Katze Murphy. — 32— Jetzt, mein General Barbin, jetzt ſetze ich den Fuß auf Deinen Nacken, und gewinne dieſe Schlacht! Ah, hatte ich nun nicht Recht, zu ſagen, ich werde ge⸗ winnen, und zwar, durch ein Kammermädchen, eine Katze und ein Paar Handſchuhe? 5* II. Der Sieg! La Chaiſe hatte nicht nöthig, lange auf die Bot⸗ ſchaft des Cardinals zu warten. Kaum waren zehn Minuten vergangen, als der Kammerherr Zaponi, ge⸗ folgt von einigen Lakaien, in athemloſer Eile die große Freitreppe herunter rannte, und ſich dem Wagen des Cardinals naͤherte. Ehrwürdiger Vater, ſagte er, und ſchnappte müh⸗ ſam nach Luft, Se. Heiligkeit, Papſt Alerander VII. befiehlt, daß Ihr ſogleich Euch zu ihm verfüget. Ihr ſeid von heute an ausgeſchloſſen von dem Interdict, welches alle Jeſuiten aus dem Vatican verbannt. Habt daher die Güte und folgt mir! Se. Heiligkeit will Euch ſogleich empfangen. Er reichte La Chaiſe die Hand und half ihm höchſt verbindlich beim Ausſteigen. II. 3 — 34— Der Mann in dem braunen Mantel ſtand noch im⸗ mer neben dem Portale. La Chaiſe winkte ihn zu ſich, und indem er ſich an den Kammerherrn wandte, ſagte er: Ihr erlaubt wohl, daß dieſer Mann, welcher mein Diener iſt, uns bis in das erſte Vorzimmer begleite! Er hat da im Korbe die nöthigen Medicamente, deren ich bedarf, um dieſe arme Zenobia zum Leben zu er⸗ wecken. Denn ich darf wohl vermuthen, daß es we⸗ gen der Zenobia iſt, daß Ihr mich ruft! Ja wegen der Zenobia! ſagte der Kammerherr, und in Eurer Hand, ehrwürdiger Vater, liegt mein Glück und meine Zukunft. Er winkte dem Manne mit dem Korbe ihnen zu folgen, und nahm La Chaiſe's Arm, um ihn zu Sr. Heiligkeit zu führen. Schnell, ſchnell! ſagte er, Se. Heiligkeit iſt jetzt eben ſo erregt vor freudiger Erwartung, als er vorher außer ſich war vor Zorn und Schmerz über den Tod dieſer herrlichen Zenobia. Ihr glaubt alſo wilrklich, daß es nur ein Scheintod iſt? Ich glaube, dies vermuthen zu können! ſagte der vorſichtige La Chaiſe, und bedeutete Peronni, in dem Vorzimmer, welches ſie jetzt betraten, ſeiner weitern Befehle zu harren. 4 Vor dem Audienzzimmer des Papſtes ſtand der Car⸗ dinal Petrono. Ich werde Euch zu Sr. Heiligkeit führen, ſagte er. Der Papſt iſt ſehr begierig, ob Ihr wirklich im Stande ſein werdet, die Zenobia wieder zu erwecken! Kommt alſo! Einen Augenblick noch, Ew. Eminenz, ſagte La Chaiſe. Nehmt erſt dieſe Handſchuhe, welche Ihr im Wagen vergeſſen hattet! Und er reichte dem Cardinal die köſtlichen Hand⸗ ſchuhe hin, welche dieſer mit einem dankbaren Lächeln in ſeinen Buſen ſteckte. Dann traten alle drei in das Zimmer des Papſtes. Se. Heiligkeit ſtand vor einem ſeidenen Divan, auf welchen man die ſteife und lebloſe Hülle der armen Zenobia gewahrte, auf einem weißen Atlaskiſſen ruhend, und umgeben von den ſeltenſten und köſtlichſten Treib⸗ hausblumen. Heiliger Vater, hier iſt der Pater La Chaiſe, ſagte der Cardinal Petrono. Papſt Alerander wandte das Haupt langſam und 3* — 36— mit der Miene eines Leidtragenden nach den Eintre⸗ tenden hin. Bei dem Namen La Chaiſe erinnerte er ſich nur, daß dieſer es für möglich gehalten, Zenobia zu retten, es gab für ihn keinen Jeſuiten, ſondern nur einen Katzendoctor La Chaiſe. Der Statthalter Gottes ſagte daher in ſehr gnädi⸗ gem Ton: mein lieber La Chaiſe! Ihr habt da ein herrliches Werk unternommen, und wenn es Euch ge⸗ lingt, und Zenobia wieder zum Leben erweckt wird, ſo dürft Ihr meiner größten Dankbarkeit verſichert ſein! La Chaiſe verneigte ſich ſchweigend, und trat zu dem Paradebette, auf welchem Zenobia ruhete, und während dieſer ſeltſame Doctor die erhabene Leiche un⸗ terſuchte, ſtanden der Statthalter Gottes, der Cardinal und der Kammerherr in athemloſer, geſpannteſter Er⸗ wartung da. In der That, es war ein höchſt feier⸗ licher, höchſt erhabener Moment, auch faltete Se. Hei⸗ ligkeit ganz unwillkührlich die Hände, als La Chaiſe jetzt ein kleines in ein rothes Papier gewickeltes Packet aus ſeinem Buſen hervorzog.— Er entfaltete es lang⸗ ſam, und ſtreuete von dem weißen Pulver, welches in dem Papier enthalten war, auf die Naſe Zenobia's. — 32— Jetzt laſſen Sie uns ſehen! ſagte La Chaiſe. Schweigend, erwartungsvoll ſtanden Alle umher. Plötzlich bemerkte man ein leiſes Zittern an den Gliedern der Schönen,— der Papſt ſchrie laut auf vor Freude. Das Zittern vermehrte ſich, und dann, wie von einem electriſchen Schlage getroffen, ſprang die Katze empor und brach in ein lautes langdauern⸗ des Nieſen aus. Sie iſt gerettet! ſagte La Chaiſe ruhig, und empfing die Glückwünſche des Cardinals und Zaponi's, wäh⸗ rend der Papſt die Katze in ſeine Arme ſchloß. Mein Herr, ſagte er dann, ſich an La Chaiſe wen⸗ dend, Sie haben mir da eine große Freude bereitet, und ich möchte Ihnen vergelten. Erbitte Dir alſo eine Gnade, mein Sohn, und ſei verſichert, daß ich ſie erfüllen werde. Will mir Se. Heiligkeit ſein königliches Wort darauf geben, zu erfüllen, was ich bitten werde? Ich gebe es Dir! Es ſind zweierlei Dinge, die 9 zu erflehen habe! Zuvörderſt möge mir Se. Heiligkeit die Gnade bewilli⸗ gen, ein kleines Geſchenk zu ſeinen Füßen niederlegen zu dürfen! 3 — 38.— Ein Geſchenk? fragte der Papſt lächelnd. Nun wohl, es ſei Euch gewährt! La Chaiſe verneigte ſich demüthig und verließ das Gemach. Nach einigen Secunden kehrte er zurück. Er trug einen großen, mit einem Deckel verſehenen Korb, den er ehrerbietig zu den Füßen des Papſtes nieder⸗ ſetzte. Heiliger Vater, ſagte er, Ihr mögt dem geringſten Eurer Diener verzeihen, daß er es wagt, Euch dieſe kleine Gabe darzubringen. Indeß, da ich nicht gewiß ſein konnte, daß es mir gelingen würde, Zenobia zu erwecken, war ich bedacht, mindeſtens einen kleinen Erſatz für dies herrliche Thier zu bringen. Einen Erſatz für Zenobia! rief der Papſt, und riß den Deckel des Korbes auf. Und da lag dieſe ſchöne, ſchwediſche Katze, dieſe reizende Murphy, ſanft gebettet auf Roſen, unwider⸗ ſtehlich reizend in ihrem ſüßen Schlummer. In der That, der Papſt war außer ſich vor Ver⸗ gnügen, ja, er erklärte ſogar, daß Murphy faſt noch ſchöner ſei, wie Zenobia, und als er gar vernahm, daß Murphy in dem Gefolge der Königin Chriſtine mit aus Schweden gekommen ſei, ſagte er mit einem * 4 3 — 39— feinen und bedeutungsvollen Lächeln: es ſcheint, als wenn uns Schweden nur Schönes und Erfreuliches ſenden könne! Dann, nachdem er ſich genugſam an dem Anblick der wiedererſtandenen, und der neuerſchienenen Katze gefreut, befahl Se. Heiligkeit dieſe lieben Thierchen in das Katzenzimmer zu den übrigen Katzen zu bringen. Und jetzt, mein Sohn, ſagte er dann, ſich an La Chaiſe wendend, jetzt ſage, womit ich Dir vergelten kann. Du haſt mein Wort, daß ich Deine Bitte er⸗ füllen werde! La Chaiſe ſank auf ſeine Knie nieder, und die Arme erhebend, rief er: Gnade, heiliger Vater, Gnade für meinen Orden! Gnade für die Geſellſchaft Jeſu, deren Mitglied ich bin! Der Papſt runzelte die Stirne. Du forderſt das Unmögliche! ſagte er. Dieſe Ge⸗ ſellſchaft Jeſu iſt eine Gemeinſchaft von Betrügern und Heuchlern, von hinterliſtigen Böſewichtern und gemei⸗ nen Comödianten. Wie, ich ſollte dieſen Menſchen verzeihen, welche in Indien und China ſo frech mit dem Worte Gottes geſpielt, und den Heiland ſogar mit dem Namen eines chineſiſchen Gelehrten benannt — 40— haben? Ich ſollte Gnade üben an dieſen Gauklern, welche es ſogar gewagt, mit dem Statthalter Gottes ein freches Spiel zu treiben, und mir da dieſes Faſt⸗ nachtsſpiel, dieſe erlogene, chineſiſche Geſandtſchaft zu bringen? Und Du verlangſt, daß ich dieſen Elenden verzeihe, welche durch ſolche Verbrechen bewieſen ha⸗ ben, daß ſie keine Ehrfurcht haben vor dem Apoſto⸗ liſchen Stuhle, und der heiligen Kirche, die ſie durch dieſe Komödie dem Geſpötte und Gelächter der Ketzer Preis gegeben haben? Und ich wage dennoch um Gnade zu bitten! rief La Chaiſe. Es iſt wahr, der Eifer hat die frommen Väter zu weit geführt, aber wie ſchwer haben ſie nicht jetzt ſchon gebüßt, indem Ew. Heiligkeit ſte mit dem Bannſtrahle Eures Zornes belegten! Jetzt begann La Chaiſe eine lange und begeiſterte Vertheidigung ſeines Ordens, und während er ſprach, dachte Se. Heiligkeit, daß der Jeſuit La Chaiſe ihm ſo eben eine große Freude bereitet, daß er geleiſtet, was kein Dominicaner im Stande geweſen, daß er Zenobia vom Tode errettet, und eine Katze gebracht, welche noch ſchöner ſei als Zenobia, und die noch überdies mit ſeiner theuren Chriſtine daſſelbe Vater⸗ — 41— land theile. Auch entſann ſich der Papſt, daß er die Jeſuiten immerdar als ſehr geſchickte und befähigte Leute kennen gelernt, und daß ſie bei weitem duldſamer und heiterer, als dieſe ſtrengen Dominicaner, welche jede Sünde des Fleiſches verdammten, und aus den Menſchen lauter Asceten zu machen trachteten. Und dann, allerdings, La Chaiſe hatte Recht, dieſe lächer⸗ liche Komödie mit der chineſiſchen Geſandtſchaft war jetzt nur noch von Wenigen gekannt, man hielt ſie noch für eine Wahrheit, man zweifelte noch an der Beſchuldigung der Dominicaner, und erſt, wenn der Papſt die Jeſuiten verbannte, würde man die Ge⸗ wißheit haben, daß Alerander wirklich betrogen und angeführt ſei. Dieſer letztere Gedanke ſtegte. Es ſoll Niemand wagen dürfen, an meiner Unfehl⸗ barkeit zu zweifeln, dachte der Papſt, ich werde die Dominicaner Lügen ſtrafen, und indem ich den Je⸗ ſuiten wieder meine Gnade zuwende, wird alle Welt es ſehen, daß der Statthalter Gottes nicht, wie die Dominicaner ſagen, durch eine elende Farge iſt ge⸗ blendet, ſondern, daß dieſe Geſandtſchaft von mir als eine echte iſt erkannt worden! * — 42— Und jetzt begann Sr. Heiligkeit ſich im Geiſte zu ereifern über dieſe unbequemen Dominicaner, die überall trachteten, ihre Hände im Spiele zu haben, und die ſich gar nicht geſcheut, durch die Offenbarung dieſes Jeſuitenbetruges den Papſt ſelber lächerlich zu machen. Er reichte daher, als La Chaiſe ſeine begeiſterte Vertheidigungsrede beendigt, ihm mit einem gütigen Lächeln die Hand hin und ſagte: Ich habe Dir mein Wort gegeben, Deine Bitte zu erfüllen, und das Wort eines Papſtes iſt heilig! Ich verzeihe daher noch ein⸗ mal dem Orden der Jeſuiten, und werde ihnen, ſo wie dem General Barbin die Pforten des Vaticans nicht mehr verſchließen! Nur entferne man in aller Stille dieſe chineſiſche Geſandtſchaft und dieſen ſoge⸗ nannten, kaiſerlichen Prinzen. Übrigens ſoll mir der General weder Entſchuldigungen machen, noch meine Verzeihung erflehen! Ich will kein Wort mehr hören über dieſe ganze Angelegenheit, ſie ſei vergeſſen, und Alles werde wieder, wie es früher war! Und in Ewigkeit gelobt ſei der Name des weiſeſten, des erhabenſten Papſtes, welcher jemals auf dem Stuhle St. Peters geſeſſen! rief La Chaiſe. Nach Jahrhunderten noch wird man von Alerander dem — 43— Siebenten ſprechen als von dem erhabenſten Herrſcher, dem tugendhafteſten Prieſter, dem edelſten Menſchen und dem tiefſinnigſten Denker und Gelehrten! Un⸗ ſterblich wie ſeine erhabene Seele, wird auch ſein glorwürdiger Name auf Erden ſein! Dies war eine Schmeichelei, ganz geeignet, Alexan⸗ der VII. zu entzücken, dieſen Papſt, von welchem ein Geſchichtsſchreiber ſagt, daß er das Vergnügen bis zum Exceſſe liebte, aber mehr noch als das Vergnügen den Ruhm, und daß er, um eine glorwürdige Un⸗ ſterblichkeit ſich zu erringen, ohne Bedenken ſeine Brü⸗ der, Verwandte und Freunde, ja ſogar ſein eigenes Leben würde hingeopfert haben*). Papſt Alerander reichte daher mit einem freund⸗ lichen Lächeln dem klugen La Chaiſe ſeine Hand zum Kuſſe dar, indem er ſagte: Du biſt zu uneigennützig, mein Sohn. Du haſt noch nichts für Dich erbeten! Ich bewillige Dir daher eine zweite Gnade. Erbitte jetzt etwas für Dich ſelber! La Chaiſe ſagte: Eure Freundlichkeit und Huld, das i*ſt das Einzige, was ich erflehe! Aber wenn es ge⸗ *) Vie du Pére La Chaise. Vol. II.— Harrenberg Geſchichte der Jeſuiten. — 44— ſtattet iſt, noch außerdem einen Wunſch zu nennen, ſo iſt es der, daß Ew. Heiligkeit als ein Andenken dieſer erhabenen Stunde mir ein Exemplar von der neueſten Ausgabe ſeiner Werke gewähren möchte! In der That, Papſt Alerander war auf nichts eit⸗ ler, als auf ſeine literariſchen Arbeiten, die er unter dem Titel: Philomathia Musae Juvenilis zum zweiten Male in glänzendſter Ausſtattung hatte ab⸗ drucken laſſen, und welche ſo eben erſt vollendet war. Er nahm dieſe Bitte La Chaiſe's daher unendlich gnädig auf, und holte ſelbſt aus ſeinem Studirzimmer ein Prachtexemplar dieſes Werkes, das er urſprünglich für ſeine geliebte Chriſtine, dieſe gelehrte ſchwediſche Königin beſtimmt hatte, und deſſen ſamminer Deckel mit Edelſteinen und echten Perlen verziert war. Es war ſomit ein echt königliches Geſchenk, welches Alexander dem entzückten La Chaiſe darreichte. Dieſer ſchien aber des koſtbaren Einbandes gar nicht zu ach⸗ ten, ſondern nur auf den Inhalt begierig zu ſein. Er blätterte eifrig in dem Buche, und indem er ſodann die darin enthaltene Tragödie Pompejus aufſchlug, be⸗ gann er mit begeiſterter Stimme und ſchwungvollem Ausdruck eine Stelle aus dieſer Tragödie vorzutragen. —-— 25— La Chaiſe war ein ausgezeichneter Vorleſer, Papſt Alerander hörte mit Vergnügen zu, und indem er ganz zu vergeſſen ſchien, daß dies ſeine eigenen Poeſieen waren, welche man da vorlas, brach er oft unwill⸗ kührlich in ein lautes Bravo aus, und klatſchte vor Vergnügen in die Hände.— Von dieſem Tage an waren die Jeſuiten wieder willkommene Gäſte im Vatican, und es ſchien, als wolle der Papſt durch verdoppelte Freundlichkeit die Wunde wieder heilen, welche er den Jeſuiten durch ſeine Ungnade geſchlagen. Der chineſiſche Geſandte ward in aller Stille in ein Profeßhaus abgeführt, der angebliche Sohn des Kai⸗ ſers von China aber verſchwand plötzlich. Man ſprach einige Tage in Rom von dieſem räthſelhaften Ver⸗ ſchwinden des kaiſerlichen Prinzen, dann vergaß man ihn über irgend einem neuen Ereigniß, und Niemand ahnte, daß dieſer chineſiſche Prinz, welcher nichts wei⸗ ter geweſen war, als ein von den Jeſuiten angekauf⸗ ter chineſiſcher Sclave, unterdeſſen einem ſehr reichen deutſchen Baron als Lakai nach Deutſchland folgte*).— Die Dominicaner waren indeß wieder aus dem Vati⸗ *) Vie du Pére La Chaise. Vol. II. — 46— can verbannt, der Papſt vermied es, ſie zu ſehen, weil ihr Anblick ihn an die Jeſuiterkomödie erinnerte, die er zu vergeſſen trachtete, weil ſie ganz geeignet war, ein etwas zweifelhaftes Licht auf ſeine Unfehlbarkeit zu werfen. Er haßte die Dominicaner, weil ſie ihn von einem ſchmeichelhaften Wahn enttäuſcht hatten, und die Dominicaner ſuchten ſich dafür zu rächen, in⸗ dem ſie in furchtbaren Streitſchriften und mit donnern⸗ den Pamphleten die Jeſuiten verfolgten. Jahrhunderte lang dauerte dieſer damals entſponnene Streit der bei⸗ den Brüderſchaften, und eine ganz bedeutende Biblio⸗ thek ließe ſich aufſtellen allein aus dieſen hin und wie⸗ der gewechſelten Streitſchriften*). General Barbin hielt ſein gegebenes Wort; er ſchrieb an alle Provinciale ſeines Ordens, und bald nannte und pries man überall den Namen La Chaiſe, und nannte den Pater das Heil des Ordens, eine Leuchte Gottes, und ein mächtiges Schild gegen den Andrang der Feinde. Von allen Gegenden der Welt kamen an⸗ erkennende⸗Glückwünſchungsſchreiben der Jeſuiten und ihrer Provinciale an, und La Chaiſe nahm ſie ent⸗ gegen mit ruhigem Angeſicht, aber mit vor Freude *) Wolſ's Geſchichte der Jeſuiten. Bd. 2. — 47— klopfendem Herzen.— Von General Barbin ſprach Niemand, ihn lobte Niemand, man ſchien ihn ver⸗ geſſen zu haben. Auch ertrug er dieſe Demüthigung nicht lange; er hatte wohl Recht gehabt zu ſagen, jene Unterſchrift ſei ſein Todesurtheil, denn er ſtarb in der That daran. Der unbefriedigte Ehrgeiz brach ſein Herz, und er begrüßte den Tod mit Freuden. La Chaiſe aber fühlte, daß es in Rom für ihn nichts mehr zu erreichen gäbe. Er konnte hier keine höhere Macht erlangen, als daß er der einflußreichſte Günſtling des Papſtes war. Aber es genügte ihm nicht, Günſtling zu ſein, er wollte Herrſcher werden, und der Kirchenſtaat dünkte ihm zu klein dazu. Err kehrte daher im Jahre 1660 nach Frankreich zu⸗ rück, und als er den Boden ſeines Vaterlandes betrat, ſchwur er ſich ſelber, daß er dieſes ganze Frankreich ſich als Sieger unterwerfen wolle! Das Fundament meines Ruhmes iſt gelegt, ſagte er ſich, jetzt werde ich daran denken, auf demſelben ein Gebäude empor zu richten, welches das Staunen der ganzen Welt erregen ſoll. Die ganze Welt ſoll mir zu dieſem Gebäude die Steine zuſammentragen, und — 48— wenn es nöthig iſt, werde ich ſelbſt Menſchenblut als Mörtel benutzen! Er kehrte alſo, wie geſagt, im Jahr 1660 nach Paris zurück, und damit beginnt eine neue Phaſe ſei⸗ nes Lebens, eine Phaſe, welche mit blutigen Lettern in die Geſchichte Frankreichs eingezeichnet iſt, und welche La Chaiſe als den Meiſter in der Intrigue, der Hin⸗ terliſt und Grauſamkeit bezeichnet. — III. Der alte Kardinal. Die Feſtlichkeiten waren beendet, Maria Thereſia, die Infantin von Spanien, und ſeit einigen Tagen Ludwig's des Vierzehnten junge Gemahlin, hatte am ſechsundzwanzigſten Auguſt 1660 als Königin von Frankreich ihren Einzug in Paris gehalten, und war von den Pariſern mit jubelnder Freude begrüßt wor⸗ den. Man hatte alſo jetzt nicht allein einen König von Frankreich, ſondern auch eine junge Königin, und das franzöſiſche Volk athmete wie erleichtert auf, und wünſchte ſich Glück, daß die Zeit der Regentſchaft vor⸗ über, daß die ſtolze, grauſame Königin Anna von Oeſterreich durch dieſe liebliche, junge Königin ver⸗ drängt würde, daß der ſchlaue und hinterliſtige Car⸗ dinal Mazarin die Zügel der Regierung in die Hände des Königs niederlegen würde. Indeß ſollte nur ein II. 4 — 50— Theil dieſer Wünſche ſich erfüllen; nur Anna von Oeſterreich ſah ſich ihrer Macht und ihrer Gewalt be⸗ raubt, und verließ grollend Paris, um ſich auf ihren ſtillern Wittwenſitz zurückzuziehen. Mazarin aber blieb, und der junge König ſchien es ganz vergeſſen zu ha⸗ ben, daß ein König nicht bloß berufen ſei, das Leben zu genießen, ſondern auch des Lebens Laſt zu tragen, daß es nicht genug ſei, wenn der König glücklich iſt, ſondern daß er auch ein wenig die Verpflichtung habe, an das Glück ſeines Volkes zu denken.— Der König amüſirte ſich, er war jung, liebenswürdig, ſchön, die reizendſten Damen buhlten um einen Blick, ein Lächeln dieſes königlichen Jünglings, der die Macht hatte, das unbedeutendſte Hoffräulein zu einer mächtigen Fürſtin zu erheben, und der junge Ludwig war eitel genug, dieſes anlockende Lächeln nur auf ſeine Perſon, und durchaus nicht auf ſeinen königlichen Rang zu beziehen. Alles athmete nur Glück und Freude, Liebe und Ge⸗ nuß. Man machte ein Studium daraus, immer neue Feſte, neue Erheiterungen zu erſinnen, und der König erinnerte ſich nur deshalb, daß er König von Frank⸗ reich ſei, weil er dadurch die Macht hatte, alle ſeine Launen zu befriedigen„alle ſeine Wünſche zu Befehlen zu erheben. Wie geſagt, man ſah nur lachende Ge⸗ ſichter, nur Freude und Vergnügen an dieſem glänzen⸗ den Hofhalt des Königs, und die ernſten Regierungs⸗ ſorgen waren verbannt aus dieſem Wohnſitz der Freude. Der König amüſirte ſich. Cardinal Mazarin regierte!— Weder die Geſänge der Luſt, noch das heitere Lachen drang hinein in dieſes ſtille Gemach, in welchem ein gichtgelähmter, finſterblickender Greis in einſamer Größe weilte, und in ſeinen zitternden Händen das Scepter hielt, mit welchem er Frankreich beherrſchte.— Krone und Scepter, dieſe Inſignien des Königthums, man hatte ſie getheilt, der junge Ludwig hatte die Krone, und nannte ſich König, der alte Mazarin hatte das Scepter, und war König. Und Mazarin war es geweſen, welcher dem von Bürgerkriegen zerfleiſchten Frankreich den Frieden wie⸗ dergegeben, welcher die Macht Frankreichs befeſtigte, indem er Verträge ſchloß mit England und Spanien, Mazarin endlich hatte zur Befeſtigung dieſer auswärti⸗ gen Bündniſſe die Infantin von Spanien zur Gemah⸗ lin Ludwigs des Vierzehnten begehrt, und Frankreich eine Königin gegeben! 8 4* 8 — 59— Und während der König ſich amüffirte, regierte der Cardinal, und während der König mit vollen Händen Gold und Schätze verſchleuderte, und ſich einen Jupi⸗ ter deuchte, welcher als goldener Regen den Himmel verlaſſen, ſammelte der Cardinal und ſcharrte zuſam⸗ men, was er im Namen des Königs dem Volke er⸗ preßt. Dies war die einzigſte Freude des Cardinals, ſein einziger Erſatz für ein ganzes mühevolles, oft ge⸗ fährdetes Leben; und ſeine einzige Erholung beſtand darin, ſeine Schätze zu betrachten, und in der Stille der Nacht dieſe großen eiſernen Kaſten zu öffnen, in welchen er ſein Gold aufbewahrte. Mazarin und Ludwig der Vierzehnte waren alſo ſehr zufrieden mit einander, denn Mazarin machte es dem König moͤglich, nur allein und ausſchließlich ſeinem Vergnügen zu leben, und der König geſtattete es Ma⸗ zarin, Frankreich zu regieren, und dem Volke Geld zu erpreſſen. Es lag alſo in Beider Intereſſe, ſich ein⸗ ander ſo lange als möglich zu erhalten, und der Kö⸗ nig miſchte ſich daher nie in Regierungsgeſchäfte, und 1 Mazarin verſuchte niemals, dem König bei ſeinen Ver⸗ gnügungen und Feſten als Rathgeber zu dienen. Es war einige Wochen nach dem Einzug der Köni⸗ gin. Ludwig der Vierzehnte hatte zu Fontainebleau ein köſtliches Feſt gegeben, und war erſchöpft und ab⸗ gemattet nach einer glücklich durchſchwärmten Nacht um fünf Uhr Morgens zur Ruhe gegangen, in der⸗ ſelben Stunde als Mazarin ſich von ſeinem Lager erhob.— Der König von Frankreich durfte ungeſtört ſchlafen, denn der Cardinal von Frankreich wachte. Und während eine tiefe Stille über dem Palaſte des Königs ruhte, während die heruntergelaſſenen Vor⸗ hänge, die verlöſchten Kronleuchter, das Verſtummen der Muſik, dem glücklichen Frankreich verkündeten, daß ſein König ſchlafe, wurden die Vorzimmer des Car⸗ dinals geöffnet, und begannen ſich allmälig zu füllen mit Bittſtellern und Sollicitanten jeglicher Art und jeglichen Standes. Man ſah da Generale in ihren glänzenden Uniformen, Parlamentsräthe in ihren lan⸗ gen ſchwarzen Talaren, Bürger in beſcheidener Tracht, und ſchöne Damen in den reizendſten Morgennegligée's, und wie verſchieden auch dieſe Menſchen Alle ſein mochten in Sitte und Geſtnnung, in Hoffnungen und Win⸗ ſchen, zu dieſer Stunde waren ſie Alle von Einem Gedanken, Einem Wunſche allein beſeelt; Jeder wünſ — 54— daß die Thüre zum Cabinet des Cardinals ſich vor ihm öffne, und Jeder überlegte, wie und mit welchen Mitteln er ſich vom Cardinal die Gewährung der Bitte, welche er vorzutragen hatte, verſchaffen könne. Mazarin indeß ſchien keine Ahnung zu haben von der Ungeduld und der Angſt, welche da draußen die Herzen der Harrenden klopfen machte. Er verrichtete mit all' der Gelaſſenheit und Ruhe, welche ihm eigen war, diejenigen kleinen Geſchäfte, mit denen er ſein Tagewerk zu beginnen pflegte, das heißt, er zog die mit Brillanten beſetzte Uhr auf, welche er immer bei ſich trug und deren Rückſeite das ſehr gelungene Por⸗ trait der Königin Anna von Oeſterreich zeigte, dann ließ er von ſeinem Kammerdiener ſich den grauen Pa⸗ pagoy, welchen er beſonders liebte, bringen, und füt⸗ terte ihn mit Confect und Zucker, und als dies geſchehen, begann er ſeine Chocolade zu trinken, welche Dubois, ſein Kammerdiener, vor ihn hinge⸗ ſtellt, und ſich alsdann ſelbſt hinter den Lehnſeſſel des Cardinals poſtirt hatte. Viel Leute im Vorzimmer? fragte der Cardinal, während er gelaſſen einen Löffel Chocolade ſchlürfte. Mehrere hundert Menſchen! antwortete Dubois. Des Cardinals Augen begannen zu blitzen, denn er dachte an die koſtbaren Geſchenke, welche man ihm bringen würde, um ſeine Gunſt zu gewinnen. Sind Viele vom Hofe da? fragte er dann. Der Oberceremonienmeiſter, ſechs Kammerherrn, der Oberſtallmeiſter der Königin und der Oberjägermeiſter des Königs! Ah, ſie wollen mir Bericht abſtatten über das geſtrige Feſt! Laß ſie kommen! Einer nach dem An⸗ dern! Schnell! Dubois nahm ſchweigend aus einem verſchloſſenen Bureau ein großes Buch hervor, und trug es hinter die ſpaniſche Wand, welche einen Theil des Zimmers einnahm, und hinter der ein mit Schreibgeräth ver⸗ ſehener Tiſch ſtand. Dann öffnete er die Thür, die zum erſten Vorzim⸗ mer führte, und rief laut den Namen des Obercere⸗ monienmeiſters. Dieſer folgte dem Rufe, und trat, beneidet von der harrenden Menge, in das Cabinet des Cardinals. Dubois aber zog ſich ehrerbietig hinter die ſpaniſche Wand zurück und nahm die Feder.— Der Oberceremonienmeiſter erzählte von dem geſtri⸗ .= 36 gen Feſte, und während er mit umſtändlichſter Ge⸗ nauigkeit das ganze, von ihm ausgegangene Arrange⸗ ment beſchrieb, preßte der Cardinal ungeduldig die Lippen feſt auf einander, und Dubois hinter ſeiner ſpaniſchen Wand kauete mißmuthig an ſeiner Feder. Dieſe lange Auseinanderſetzung des Oberceremonien⸗ meiſters gab dem Cardinal nichts zu denken, und Du— bois nichts zu ſchreiben. Auch entließ der Cardinal den Ceremonienmeiſter ſehr bald, und befahl Dubois die ſechs Kammerherrn einen nach dem andern einzu⸗ führen. Dieſe Herrn freilich wußten mehr zu erzählen von dem geſtrigen Feſte. Der Eine erzählte mit entzückten Ausrufungen, wie unendlich gnädig und huldvoll Sr. Majeſtät geweſen, der Andere wiederholte die reizen⸗ den Bonmots, welche der König geſagt, ein Dritter berichtete, mit welchen Damen Ludwig am häufigſten getanzt.— Da war kein Lächeln, keine Bewegung, kein Wort des Königs, welches man nicht beachtet hatte, und wäre es auch nur geweſen, um Alles dem Cardinal zu hinterbringen, und ſich dadurch ſeine Gunſt zu erwirken. Aber es war nicht blos der König, welchen man — 57— beobachtet hatte, ſondern auch von den Damen und Herrn des Hofes gab es viel zu erzählen, und was dieſer Fürſt oder Graf geſagt vom Cardinal, wie jene Dame verſucht den König anzuziehen, das Alles ward auf's Umſtändlichſte dem Cardinal hinterbracht, in günſtiger oder ungünſtiger Weiſe, je nachdem die be⸗ treffende Perſon der Freund oder Feind des Erzählers war. Man wußte, daß Mazarin ein genaues ſchrift⸗ liches Regiſter führte über alle diejenigen, welche das Recht hatten, bei Hofe zu erſcheinen, und während Jeder ſich das Anſehen gab, als glaube er ſich ganz allein mit dem Cardinal und erzählte ihm dieſe klei⸗ nen Geſchichten in höchſter Vertraulichkeit und ganz unbelauſcht, wußte Jeder, daß hinter der ſpaniſchen Wand Dubois ſaß mit geſpitzten Ohren und geſpitz⸗ ter Feder, um jedes Wort von Bedeutung aufzuzeich⸗ nen und Alles, was über einzelne Perſonen geſagt ward, in deren Perſonalliſte einzumerken. Dieſes große Buch, an welchem Dubois arbeitete, es war daher der Schrecken aller Höflinge, das geheime Entſetzen aller Damen, denn Jedermann wußte, daß Mazarin beſchloſſen, dies Buch vor ſeinem Sterben dereinſt dem Könige zu übergeben, damit er aus demſelben genau — 58— und bis auf den tiefſten Grund ihres Herzens alle Perſonen, welche ſeinen Hof bildeten, kennen lerne*). Als die Hofherrn ihre Berichte abgeſtattet, und der Cardinal ſie entlaſſen hatte, befahl Mazarin diejeni⸗ gen Cavaliere einzuführen, welche heute beim Könige zur Tafel oder Audienz geladen waren. Denn es war ein unausgeſprochenes, aber ſtreng gehaltenes Geſetz, daß Niemand dem Könige einen Beſuch machte, be⸗ vor er nicht beim Cardinal geweſen, und demſelben den Zweck ſeines Beſuches bei Sr. Majeſtät geſagt habe**).— Der König konnte daher nur diejenigen Beſuche empfangen, welche Mazarin gebilligt und er⸗ laubt hatte, und Mazarin wußte auf dieſe Weiſe ſchon am frühen Morgen, mit wem der König ſich den Tag 4 über unterhalten werde. Erſt als auch dieſe Herrn entlaſſen waren, konnte Mazarin daran denken, nun auch diejenigen anzu⸗ hören, welche ihn entweder um Gerechtigkeit oder um Gnade anzuflehen hatten. Er ließ ſich deshalb von 4 Dubois das Verzeichniß geben, auf welchem Jeder, *) Bussy Rabutin. Mémoires I. IV. **) Ebendaſelbſt. ——— — — — 59— der heute um eine Audienz gebeten, ſeinen Namen hatte anmerken müſſen, und nahm den Bleiſtift, um durch das Hinzufügen eines Kreuzes diejenigen zu be⸗ zeichnen, welche er vorzulaſſen gewillt war. Da ſehe ich auch den Namen des Pater La Chaiſe, ſagte er. Wenn ich nicht irre, hatte ich große Dinge mit dieſem Manne vor. Schlage einmal nach, Dubois, was wir über La Chaiſe wiſſen! Und Dubois ſchlug in dem verhängnißvollen Buche die Letter C. auf. Hier iſt's, Chaiſe, de la Chaiſe. Nun, ſo lies! ſagte der Cardinal, und nahm eine goldene Scheere, um ſich die glänzenden und ſchlanken Nägel ſeiner ſchön geformten Finger zu putzen. La Chaiſe, las Dubois, ſeit drei Monaten von Rom nach Paris zurückgekehrt. In Rom Günſtling des Papſtes und einflußreiches Mitglied der Geſell⸗ ſchaft Jeſu, die er bei Alerander von völliger Un⸗ gnade errettet hat. In Paris verkehrt er jetzt mit den einflußreichſten Staatsmännern und Gelehrten, und hat Zutritt bei den vornehmſten und ſchönſten Damen — 60— des Hofes. Durch ſeine Liebenswürdigkeit und Be⸗ redtſamkeit weiß er die Herzen aller Damen zu er⸗ obern, und augenblicklich iſt er der begünſtigte Lieb⸗ haber der Gräfin d'Olonne und der Herzogin von Vantadour.— Beim Cardinal iſt der Pater vor drei Monaten durch den Biſchof von Bayeur, welchen La Chaiſe mit dem Papſte verſöhnt hat, eingeführt, und hat ſeitdem zwei Mal vergeblich um eine Audienz nachgeſucht. Genug, ſagte Mazarin, dies iſt ganz der Mann, deſſen ich bedarf. Laß ihn eintreten, und alsdann verlaſſe mein Zimmer. Ich will allein ſein, hörſt Du, ganz allein mit dem Pater La Chaiſe. Dubois verbeugte ſich ſchweigend, und öffnete aber⸗ mals das Vorzimmer, um mit lauter Stimme den Namen des Pater La Chaiſe zu rufen. Sofort richteten ſich aller Blicke auf dieſen glück⸗ lichen Sterblichen, welcher ſchon nach zweiſtündigem Harren das Ziel erreicht hatte, und zu der Gnade einer Audienz berufen war. La Chaiſe ſchritt ſtolz und gelaſſen durch die Säle hin, aber indem er das Cabinet des Cardinals be⸗ — 61— trat, ſagte er zu ſich ſelber: ich will dereinſt auch ſolche Vorzimmer haben, und ſo viel hundert Bitt⸗ ſteller, die ich warten laſſen kann!“ Nachdem La Chaiſe eingetreten war, ſchloß Dubois die Thüren und verließ dann ſelber das Zimmer. IV. Der alte Cardinal und der junge— Jeſuit. Der Cardinal heftete ſeine großen, ſtechenden Au⸗ gen prüfend auf das Antlitz La Chaiſe's, welcher ruhig und lächelnd dieſen Blick aushielt, und den Augen des Cardinals mit einer heitern und zugleich demüthi⸗ gen Ruhe begegnete. In der That, dachte der Cardinal, dies iſt ganz ein Geſicht, und eine Geſtalt, welche den Weibern gefallen muß, und den Männern imponiren kann! Ich begreife jetzt, ſagte er dann laut, ja, in der That, ich begreife jetzt, indem ich Euch noch einmal näher betrachte, ganz das Glück, welches alle Eure Unternehmungen begleitet. Ihr habt das Geſicht eines ſehr klugen, ſehr verſchlagenen und ſehr leidenſchaft lichen Mannes! ————— — 63— Dann iſt es nur, Eminenz, weil ein Abglanz Eures eigenen erhabenen Antlitzes auf mich zurückfällt, ſagte La Chaiſe, ſich tief verneigend. Ah, Ihr verſteht auch zu ſchmeicheln, rief der Car⸗ dinal lächelnd. Jetzt wundert's mich nicht, daß Ihr ein ſo gefährlicher Nebenbuhler aller glücklichen Che⸗ männer unſers Hofes, und ein ſtets begünſtigter Lieb⸗ ling der Damen ſeid! La Chaiſe ſah den Cardinal ernſt an, und ſagte faſt verweiſend: Ew. Eminenz irrt offenbar in der Perſon. Ich bin der Pater La Chaiſe, Jeſuit aus freiem Drang und reiner Ueberzeugung, und ſo wiſſen Ew. Gnaden, daß ich weder der Nebenbuhler von Ehemännern, noch der Liebling der Damen ſein kann. Ein reiner und tugendhafter Lebenswandel iſt eins der erſten Geſetze, welche unſer Orden gebietet, und nur die heilige Kirche allein iſt meine Geliebte! Der Cardinal nickte mehrmals beiſtimmend und wohl⸗ gefällig mit dem Kopfe. Sehr gut, ſehr gut, ſagte er mit einem feinen Lächeln. Ihr könnt in der That ganz die Miene eines Heiligen annehmen, und wäret im Stande -— 64— ſelbſt den Ungläubigſten an Eure Tugend glauben zu machen! Ich hoffe, daß Niemand es wagen wird, an mei⸗ ner Tugend zu zweifeln! rief La Chaiſe. Der Cardinal zuckte die Achſeln. Es kommt ſehr darauf an, ſagte er, was man unter dem Worte Tu⸗ gend verſteht. Dem Einen gereicht zur Tugend, was dem Andern eine Sünde iſt! Der Moslem iſt ein tugendhafter Mann, wenn er viele Weiber hat, bei uns nennt man ſchon die Bigamie ein Verbrechen. So kann es auch eine Tugend ſein zu lügen, und eine unverzeihliche Sünde, die Wahrheit zu ſagen, und wenn man will, kann man dem Judas Iſcharioth den Verrath des Heilandes ſelbſt als eine Tugend an⸗ rechnen, denn ohne ihn wäre Chriſtus vielleicht nicht dazu gekommen, in allem Glanze ſeiner Göttlichkeit ſich der Menſchheit zu offenbaren. Ich, mein junger Freund, ich nenne daher nur das eine Tugend, was ſeinem Zwecke entſpricht und nützlich iſt. Und weil nun es meinen Zwecken entſpricht, daß Ihr den Frauen gefallt, nun, mein Gott, ſo nenne ich es eine Tu⸗ gend, daß Ihr hier und da einige intereſſante Lieb⸗ ſchaften habt, und einige allzuvertrauende Ehemänner hintergeht! Und indem er ſo ſprach, warf ſich der Cardinal in ſeinen Lehnſeſſel zurück und lachte, aber ſeine Blicke waren dabei immer aufmerkend auf La Chaiſe ge⸗ richtet. Es war ſehr ſelten, daß der Cardinal ſich ſo freund⸗ lich und mittheilſam zeigte, und gerade dieſe Freund⸗ lichkeit machte La Chaiſe mißtrauiſch. Es iſt offenbar eine Schlinge, dachte er, und dieſer ſchlaue alte Fuchs denkt mich darin zu fangen! Aber er ſoll in mir ſeinen Meiſter finden! Nun, Ihr ſagt mir kein Wort der Erwiderung? fragte der Cardinal. Ich bewundere Ew. Eminenz! ſagte La Chaiſe, aber ich verſtehe Sie nicht! Meinem einfältigen Sinne ſcheint nur das eine Tugend, was den Geboten des Heilandes und den Geſetzen meines Ordens entſpricht, und da mir Beide die Keuſchheit als eine Tugend be⸗ zeichnen, ſo bin ich bemüht, dieſe zu üben! Laſſen wir es genug ſein mit der Verſtellung! ſagte Mazarin mit einem leichten Stirnrunzeln. Ihr ſeht, ich bin offen gegen Euch, ſeid es alſo auch gegen II. 5 — 66— mich. Die Aufrichtigkeit iſt allemal dann eine Tu⸗ gend, wenn man mit ihr weiter kommt, als mit der Lüge. Ich ſage Euch daher aufrichtig, daß ich einige Eurer verliebten Abentheuer kenne, und ein wenig be⸗ kannt bin mit Eurem Leben. Man kann einmal ohne Spione nicht regieren, und die Spione ſind ſehr nütz⸗ liche und vielwiſſende Leute! Ich weiß denh ſte, daß Ihr die Gräfin d'Olonne liebt! Ah, Ew. Eminenz wiſſen das! rief La Chaiſe, ent⸗ ſchloſſen ſich Schritt für Schritt zu vertheidigen. Ja, ich weiß es, und ich weiß auch, daß dieſes Verhältniß ſchon vor Eurer Reiſe nach Rom beſtand, 3 und daß Ihr dennoch mit der alten Ghüß zu Eurer ſchönen Gräfin zurückkehrtet! La Chaiſe ſah, daß alles Leugnen hier fruchtlos ſei, deshalb ſagte er entſchloſſen: da Ew. Eminenz die Auſrichtigkeit eine Tugend nennen, nun wohl, ſo will ich auſcichtig bekennen, daß ich in der That die Gräfin d'Olonne liebe,— vielleicht wird mir der Himmel um der Treue willen, mit welcher mein Herz an die⸗ ſer erſten und einzigen Liebe meines Lebens hängt, ja, vielleicht wird er mir um dieſer Treue willen das Verbrechen meiner Liebe verzeihen! — 62— Und die Herzogin von Ventadour? fragte Mazarin ironiſch. Verwechſelt Ihr in Eurem Herzen nicht zu⸗ weilen ihren Namen mit dem dieſer ſo einzig und ſo treu geliebten Gräfin d'Olonne? La Chaiſe erbebte, aber indem er ſich geſtand, daß alles Leugnen hier unnütz ſein würde, ſagte er ſich zugleich, daß der Cardinal, um ſo genau von ihm unterrichtet ſein zu können, ihm eine beſondere Auf⸗ merkſamkeit zugewendet, und auserleſene Dinge mit ihm beſchloſſen haben müſſe. Ich ſehe, ſagte er daher entſchloſſen, Ew. Eminenz beſitzen die göttliche Gabe der Allwiſſenheit, und ich ergebe mich daher dem weiſeſten und größten Manne unſers Jahrhunderts auf Gnade und Ungnade! Das heißt muthig und ehrlich geſprochen, rief der Cardinal, und es entſpricht ganz der Schilderung, welche mir alle Eure Freunde von Guch entworfen haben. Ach, ich habe alſo dieſe drei Monate nicht umſonſt gearbeitet, nicht umſonſt mir Freunde und Gönner zu verſchaffen gewußt, dachte La Chaiſe, indem er ſich ſtumm vor dem Cardinal verneigte. Übrigens, fuhr Mazarin fort, weiß ich auch von 5*† — 68— den großen Erfolgen, welche Ihr in Rom gehabt, und welche Euch ein Belobigungsſchreiben des Gene⸗ rals an alle Provinciale eintrug! Es iſt wahr, das Glück begünſtigte mich damals! ſagte La Chaiſe Und weshalb verließt Ihr Rom, trotz der hohen Gnade, welche der Papſt Euch zugewandt? Ich verließ es, weil ich mein Vaterland liebe, und weil ich die wenigen Kräfte, welche mir der Himmel verliehen, meinem Vaterlande glaubte weihen zu müſſen! Seid Ihr ehrgeizig? fragte Mazarin, und ſeine ſtechenden Blicke ſchienen La Chaiſe durchbohren zu wollen. La Chaiſe lächelte. Ich bin ein Prieſter, ſagte er, und man will behaupten, der Chrgeiz ſei eine Eigen⸗ thümlichkeit unſers geheiligten Standes.— Ihr ſeid entſchloſſen, Frankreich Eure Dienſte zu weihen? Ja, das bin ich, inſofern ſich dies mit den Inter⸗ eſſen meines heiligen Ordens vereinen läßt. Nun wohl, rief Mazarin, ſo dient denn Frankreich und ich verſpreche Euch, daß Frankreich Euch dankbar ſein ſoll! — 69g— Wenn Ihr es verſprecht, dann iſt es gewiß, ſagte La Chaiſe, denn Mazarin iſt Frankreich, und indem ich alſo Frankreich dienen will, iſt doch mein erſter und innigſter Wunſch nur Euch zu dienen! Ihr ſeid die Seele Frankreichs! Der Cardinal reichte ihm die Hand zum Kuſſe dar. Sei treu, ſei klug und verſchwiegen, und Mazarin und Frankreich werden Dich zu ſchätzen und zu erhe⸗ ben wiſſen! ſagte er. Hinfort werde ich nur noch leben, um Euch zu dienen! rief La Chaiſe begeiſtert. Und Dein Dienſt ſoll ſogleich beginnen! Komm, tritt dicht zu mir heran! Was ich Dir jetzt ſagen will, darf von keinem Ohre vernommen werden, und hier in dieſem Palaſte haben die Wände ſelbſt Ohren! Ich habe bei Andern meine Spione, und dieſe Andern haben wieder ihre Spione bei mir, 3 iſt ganz einfach! La Chaiſe näherte ſich dem Cardinal und nahm auf dem kleinen Tabouret Platz, welches neben dem Lehn⸗ ſeſſel des Cardinals ſtand. Jetzt höre mich an! flüſterte Mazarin. Du ſagſt, Frankreich ſei Eins mit Mazarin, nun wohl, ſo for⸗ — 70— dert denn Frankreich durch Mazarin ein Opfer von Dir! Du mußt zu Deinen beiden Geliebten noch eine dritte hinzufügen, das iſt es, was Frankreich von Dir fordert, und was Mazarin von Dir erbitten will! La Chaiſe fuhr zurück und ſah den Cardinal mit zweifelnden, unſichern Blicken an. Dieſer alte Mann iſt wahnſinnig geworden, dachte er, es iſt offenbar eine Geiſtesſchwäche, die ihn be⸗ fallen hat! Der Cardinal ſchien ſeine Gedanken zu errathen, denn er ſchüttelte lächelnd den Kopf. Fürchte nichts, mein Sohn, ſagte er. Wie ſeltſam dieſe Forderung Dir auch klingen mag, ſie iſt wohl begründet, und wohl überdacht! Und, um mich beſſer verſtehen zu können, höre, was ich Dir zu ſagen habe! Du kennſt die Spaltungen, welche Frankreich zerklüfteten, Du weißt von den Bür⸗ gerkriegen, welche es zerfleiſchten, und die ich dämpfte, indem ich mir Frankreich unterwarf und meine Feinde unterdrückte. Aber ſie leben dennoch, meine Feinde, ſie leben und brüten mein Verderben, ich weiß es! Sie wollen mich vernichten! Und der Cardinal, hingeriſſen von ſeiner eigenen — 1— Lebhaftigkeit, erhob ſich mit einer raſchen Bewegung von ſeinem Lehnſeſſel. Aber dies verurſachte ſeinen gichtgelähmten Füßen einen heftigen Schmerz. Mit einem leiſen Aechzen ſank er wieder in den Fauteuil zurück, und indem er mühſam ſeine Qual unterdrückte, fuhr er leiſe fort: Ja, meine Feinde wollen mich ver⸗ nichten, noch ehe der Tod es gethan, ſie ſind unge⸗ duldig und mögen nicht warten auf den Tod, der dach bald kommen wird! Und nicht im Stande ſeinen Schmerz länger zu unterdrücken, verſtummte Mazarin, und ächzte leiſe. Nein, Ew. Eminenz, rief La Chaiſe feurig, Ihr ſeid noch ſo jung, Ihr werdet noch nicht ſterben! Es iſt wahr, ſagte Mazarin leiſe, ich habe noch nicht mein ſechszigſtes Jahr erreicht, aber ich habe mein Leben verbraucht, ich habe es für Frankreich dahin gegeben! Und weil ich für Frankreich nicht genug wirken konnte, indem ich ihm meine Tage gab, habe ich ihm auch meine Nächte hingeopfert. Ich habe alſo doppelt gelebt, und bin jetzt doppelt alt, ein hundertjähriger Greis! Die Weisheit iſt unſterblich, ſagte La Chaiſe. Und zudem iſt der Himmel gerecht und gütig, und liebt Frankreich, er wird dieſem Frankreich ſeinen Mazarin nicht nehmen, eben weil der Himmel Frankreich liebt! Der Cardinal zuckte die Achſeln. Bah, der Himmel, ſagte er! Es iſt ſehr weit vom Himmel bis zur Erde, und ehe von dort mir Hülfe kommt, würden meine Feinde mich vernichtet haben. Nein, es iſt beſſer und gerathener, auf Erden ſeine Vertheidiger zu ſuchen, ſtatt ſie vom Himmel zu er⸗ warten! Und glücklich will ich ſein, wenn mich Ew. Emi— nenz zu denen rechnen wollen, welche Ihnen ganz er⸗ geben ſind! rief La Chaiſe. Ich glaube Dir, denn Du biſt ehrgeizig und vor der Hand habe ich noch die Macht in Händen, Dich zu befördern. Es liegt alſo in Deinem Intereſſe, mir zu dienen! Ew. Eminenz glaubt alſo nicht an mein wahres und aufrichtiges Intereſſe, nicht an dieſe tiefe und ehrfurchtsvolle Bewunderung, die mich zu Ihren Füßen niederzieht, und mich ganz zu Ihrem Diener macht? Ich habe gelebt, und beobachtet, und überall habe ich den Eigennutz als den innerſten Grund und Kern aller Liebe und alles Haſſes kennen gelernt! Der * — 73— Egoismus iſt es, der allein die Welt beherrſcht, und aller Dinge Meiſter iſt! Du willſt mir alſo treu ſein, weil es in Deinem Intereſſe liegt! Nun, ſo geruhen Ew. Eminenz mir Ihre Befehle zu ertheilen! Nicht ſo raſch, nicht ſo raſch, junger Mann! Ich muß Dir noch vorher von meinen Feinden ſprechen! Sie bilden bereits eine mächtige Parthei in Frankreich, und ein mächtiger und kühner Geiſt ſteht an ihrer Spitze! 4 Der Prinz von Condé! ſagte La Chaiſe unwilla kührlich. Der Cardinal blickte erſchreckend empor. Du weißt das, rief er, und dennoch wollteſt Du beſtreiten, daß ich überhaupt Feinde habe! Die öffentliche Meinung bezeichnet den Prinzen als Ihren Feind, ſagte La Chaiſe. Alſo die öffentliche Meinung, das Volk kennt ſchon dieſe Parthei! Sie exiſtirt, ſie iſt alſo vorhanden, und was ich nur ahnte und vermuthete, es iſt alſo Wirklichkeit! Ich muß alſo handeln, ich darf alſo keine Stunde mehr verlieren! Höre mich, und merke Dir genau jedes meiner Worte! Es iſt wahr, der Prinz von Condé iſt mein Feind, mein unverſöhn⸗ licher Feind, er brütet mein Verderben, er ſteht an der Spitze der Verſchwörung, deren Zweck mein Un⸗ tergang iſt! Ich will und muß in die Plane dieſer Verſchwörung eingeweiht ſein, und dazu, La Chaiſe, ſollſt Du mir helfen! Ich, wie kann ich dies? Der Prinz von Condé iſt ſehr verſchwiegen, ſehr vorſichtig. Nur Eine Perſon giebt es, der er unbe⸗ dingt vertraut„ vor welcher er kein Geheimniß hat, wel⸗ cher er alle ſeine Plane, ja ſeine geheimſten Gedanken ſelbſt geſteht. Dieſe Perſon, das iſt der Schlüſſel aller Geheimniſſe des Prinzen, und Du mußt daher Dich dieſer Perſon bemächtigen! Wie heißt ſie? Wer iſt ſie? fragte La Chaiſe lebhaft. 1d Es iſt die Marquiſe Chatillon! Der Prinz hängt an ihr mit der tollſten, blindeſten Leidenſchaft. Du mußt ſie ihm abwendig machen, Du mußt ihre Liebe und ihr Vertrauen gewinnen! Aber dies iſt unmöglich! rief La Chaiſe lebhaft. Ich kenne die Marquiſe Chatillon. Es iſt die ſtolzeſte, ſchönſte und übermüthigſte Dame von Paris. Sie iſt „ — 5— eitel darauf, die Geliebte des maͤchtigſten Prinzen von Frankreich zu ſein, und ihn zu beherrſchen durch ihre Schönheit. Und Ihr meint, dieſe Frau ſollte ich ge⸗ winnen können, ich, welcher zu jenem Orden gehört, den die Marquiſe mit unerbittlichem Spott, und bei⸗ ßendem Witze verfolgt, denn Ihr müßt wiſſen, Emi⸗ nenz, die Marquiſe Chatillon liebt die Jeſuiten eben ſo ſehr, als ihr königlicher Geliebter, der Prinz von Condé. Das heißt, ſie giebt ſich das Anſehen, ſie zu haſſen, weil Condé es thut! Die Marquiſe liebt nichts als ſich ſelber, und dieſe ſchöne, hochgefeierte Dame hat nur eine Leidenſchaft,— dies iſt der Geiz! Für Geld giebt ſie Alles hin, ihre Freunde, ihren Geliebten, ihre Ehre! Für Geld hat ſie dem Prinzen die Treue ge⸗ brochen, und die Liebe dieſes Jeſuiten Fouquet, den ich ihr ſandte, angenommen! Aber dieſer Fouquet iſt ein Narr, und während ich ihm befahl, die Marquiſe in ſich verliebt zu machen, hat er ſich nur ſelber ver⸗ liebt, und ich habe alſo für mein eigenes Geld dem feindlichen Lager noch einen Verbündeten gekauft! Die Marquiſe iſt ſehr ſchön! ſagte La Chaiſe lächelnd, — 76— und ſie iſt wohl im Stande, das Herz eines Mannes ganz und gar zu feſſeln. Bei Dir fürchte ich dies nicht, rief Mazarin leb⸗ haft. Wer zwei ſo ſchöne Frauen liebt, als die Herzogin von Ventadour und die Gräfin d'Olonne, der wird dieſer Circe zu widerſtehen wiſſen! Ja, ja, Dir wird es gelingen, die Liebe dieſer Marquiſe zu gewinnen, und durch Dich werde ich dieſe Verſchwö⸗ rer kennen lernen, und ſie beſtrafen können. Du wirſt Frankreich retten, und Frankreich wird Dir dankbar ſein! Das heißt, ich ſoll aäh zum Spion und Verräther machen! ſagte La Chaiſe düſter. Ich ſoll die heiligſten Bande, welche den Menſchen an den Menſchen bin⸗ den, zerreißen, und indem ich eines Weibes Liebe ge⸗ winne, ſoll ich ſie verrathen, indem ich ſie an mein Herz drücke. Ein zweiter Judas Iſcharioth, ſoll ich mein Opfer mit einem Kuſſe ſeinen Henkern überliefern! Und La Chaiſe, den vielleicht die Liebe zur Gräfin d'Olonne weicher und milder gemacht, ſprang haſtig von ſeinem Tabouret empor, und ging nachdenkend, die Stirn in tiefe Falten gelegt, auf und ab. Der Cardinal verfolgte mit ſeinen ſcharfen, ſtechen⸗ — 22— den Blicken jede Bewegung La Chaiſe's, und ſagte heimlich zu ſich ſelber: dies iſt ein vollendeter Heuchler und Jeſuit. Wahrhaftig, er ſpielt da dieſe Comödie mit einem ſolchen Schein der Wahrheit, daß er Tauſende damit zu täuſchen vermöchte, nur mich nicht! Ich kenne dieſe Jeſuiten, und ich weiß, daß er jetzt dieſe zarten Gewiſſensſcrupel heuchelt, um dadurch nachher ſein Nachgeben nur um ſo verdienſtlicher zu machen! Ah, er wird ſehr theuer ſein, dieſer kluge Jeſuit! Ubrigens gewann La Chaiſe durch ſein Betragen, welches der Cardinal für eine klug geſpielte Comödie nahm, außerordentlich in den Augen dieſes klugen Mazarins, welcher ſein ganzes Leben damit hingebracht hatte, ſich zu verſtellen und Andere zu täuſchen, indem er Comödie ſpielte. Diesmal aber irrte ſich der Cardinal in ſeinen Be⸗ rechnungen,— La Chaiſe war in dieſem Augenblick kein Schauſpieler und kein Jeſuit, ſondern nur ein Menſch. Sein edleres Selbſt war für einen Moment erwacht, und klopfte mahnend und warnend an dieſe Bruſt, welche ſo lange ſich verhärtet hatte gegen dieſe ſanftern Gefühle des Erbarmens und des Mitleidens. Die Ehre des Mannes war es, die in ihm ſich auf⸗ 3 — 4 5 — 8— lehnte gegen den Gedanken, ſich zu einem Verräther und Spion zu erniedrigen. Er verachtete die Men⸗ ſchen, aber er wollte nicht dahin kommen, ſich ſelber zu verachten, er würde es nicht geſcheut haben, Blut zu vergießen, um ſeine ehrgeizigen Plan⸗ zu erreichen, aber er ſcheuete noch den Verrath. An dem Rande dieſes Abgrundes ſtehend, zögerte ſein Fuß noch einen Augenblick, und eine ſanfte Stimme flüſterte in ihm: „wende Dich um und entfliehe; die Stirne des Ver⸗ räthers iſt gezeichnet mit dem ewigen Brandmal der Schande, und ſchaudernd wird die Liebe fliehen vor dem ehrloſen Spion.“. Ah, La Chaiſe kannte dieſe Stimme, es war die ſo ſüße, ſo melodienreiche Stimme der Gräfin d'Olonne. Seltſame Grille ſeines Herzens, das noch einmal wie⸗ der hatte zu empfinden begonnen in der Nähe dieſes liebreizenden, verführeriſchen Weibes! Ja, für einige kurze Tage noch hatte die Liebe ſein Herz wieder jung gemacht, und er hatte dieſes Glück genoſſen, wie der Greis, welcher weiß, daß nach dieſem letzten Auf⸗ flackern ſeines Herzens eine ewige Todeskälte folgen wird! La Chaiſe liebte die Gräfin d'Olonne mit der Kraft und dem Feuer eines Jünglings, und wenn er — 79— dennoch der erklärte Anbeter der Herzogin von Venta⸗ dour war, ſo geſchah dies nur, weil die Herzogin eine ſehr mächtige Dame war, und ſeinen ehrgeizigen Planen förderlich ſein konnte.— Er liebte die Gräfin mit ſeinem Herzen, die Herzogin nur mit ſeinem Ver⸗ ſtande. La Chaiſe ging noch immer auf und ab, er hatte ganz vergeſſen, daß er nicht allein ſei, aber Mazarin, deſſen ſcharfe Augen ihn nicht einen Moment verlaſſen hatten, erinnerte ihn daran. Nun, ſagte er, Ihr habt vergeſſen mir zu ant⸗ worten! La Chaiſe ſchrack zuſammen, aber er antwortete nicht. Laßt uns eilen, zu Ende zu kommen, ſagte Ma⸗ zarin ungeduldig, Ihr wißt, meine Zeit iſt koſtbar, und die Vorzimmer ſind noch überfüllt mit Sollici⸗ tanten. 3 La Chaiſe ſchien wie aus einem Traum zu erwachen. Sein Blick richtete ſich auf die Thür, die zu den Vor⸗ zimmern führte. Hinter dieſer Thüre ſtanden Fürſten und Gräfinnen, Generale und Herzoginnen, ſtanden zitternde Bürger und demuthsvolle Parlamentsräthe, — 80— und harrten auf die Gunſt einer Audienz, hinter die⸗ ſer Thüre hatte auch er geſtanden, zwei Stunden lang. Gedemüthigt, niedergedrückt von dieſer Schmach des Antichambrirens, hatte er mit Wuth im Herzen ſich ſelber gelobt, daß dies anders werden ſolle, daß er nicht mehr im Vorzimmer warten wolle, ſondern daß die Macht und das Anſehen ſeines Namens ihm alle Pforten öffnen ſolle, und er endlich ſelber ein Vor⸗ zimmer haben wolle, in welchem er die vornehmen Leute und das gemeine Volk ſtundenlang umſonſt wolle warten laſſen!. Wie geſagt, La Chaiſe ſchien wie aus einem Traum zu erwachen,— es war der letzte ſüße Traum ſeiner Jugend, und indem er jetzt ſeiner Plane ſich erinnerte und ſeiner ſich ſelbſt geleiſteten Schwüre, ſchien es ihm, als würde ſein Herz plötzlich verwandelt, als läge es kalt und ſchwer, wie ein Fels in ſeiner hoch⸗ athmenden Bruſt, und er drückte ſeine Hand auf dies verſteinerte Herz und ſagte leiſe zu ſich ſelber: es iſt gut ſo! Ich kann nicht mehr rückwärts, nun denn, ſo werde ich vorwärts gehen! Ein Ausdruck des Hohns und des Triumphes über⸗ flog ſein Angeſicht, und indem er zu lächeln verſuchte, * — 81— fragte er mit einer Stimme, deren rauhen Klang er umſonſt zu ſänftigen verſuchte: Und welcher Lohn, mein Cardinal, wird mir werden, wenn ich auf dieſen Plan eingehe, und mich zum Verräther und Spion mache? Mazarin warf einen angſtvoll zärtlichen Blick auf dieſe große Eiſenkiſte, welche ihm als Fußbank diente, unnd in der ſeine herrlichſten Kleinodien aufbewahrt wurden. Fordere! ſagte er leiſe und zitternd, und drückte die Füße feſter auf die geliebte Kiſte. Ich wünſchte in den Gewiſſensrath Sr. Majeſtät des Königs aufgenommen zu werden, ſagte La Chaiſe feierlich. Das Antlitz des Cardinals erheiterte ſich. Ah, weiter nichts!iſagte er. In der That, Du biſt beſcheiden, mein Sohn! Deine Bitte iſt gewährt, ſobald Du mir einige Nachrichten bringſt aus dem Lager der Feinde. Ich werde bald von mir hören laſſen, rief La Chaiſe mit blitzenden Augen. Und um ſo eher wirſt Du im Gewiſſensrathe des Königs Sitz und Stimme haben! ſagte der Cardinal. Übrigens mußt Du zuvor erſt dem Könige vorgeſtellt I. 6 4 = 82— ſein, daß Du ſein Wohlwollen erlangen wirſt, daran zweifle ich nicht!— Ich werde Dich morgen Sr. Ma⸗ jeſtät vorſtellen! So ſprechend reichte der Cardinal dem Pater ſeine Hand hin, welche dieſer mit einem Ausdruck unge⸗ heuchelter Dankbarkeit an ſeine Lippen drückte. Aber da fällt mir ein, ſagte Mazarin dann, daß Du um dieſe Marquiſe Chatillon zu gewinnen, vor allen Dingen Geld, ſehr viel Geld haben mußt. Mein Gott, woher aber werden wir dies nehmen? Ich ſelbſt habe nichts, ich bin ganz arm, was auch die Leute ſchwatzen mögen von meinen eingebildeten Schätzen! Woher wir Geld nehmen? fragte La Chaiſe anſchei⸗ nend verwundert. Iſt Frankreich nicht reich, und iſt Mazarin nicht Frankreich? Mein Gott, wenn es mir gelingen ſollte, Mazarin's Feinde zu entlarven, iſt es dann nicht Frankreich, welchem ich einen Dienſt geleiſtet, und muß alſo nicht Frankreich mir dankbar ſein? Da habt Ihr Recht, ganz Recht! ſagte Mazarin, froh einen ſolchen Ausweg gefunden zu haben. Ihr ſollt eine hinreichende Summe aus der Staatskaſſe be⸗ ziehen können! Ich werde Dubois beauftragen, Guch — 83— eine Anweiſung auf fünftauſend Piſtolen auszufertigen. Bedürft Ihr mehr, ſo habt Ihr es nur ſagen! Der Cardinal war ſehr freigebig, wenn es ſich darum handelte, die Staatskaſſe ein wenig zu erleich⸗ tern, und indem er jetzt La Chaiſe dieſe Summe von mehr denn zwanzigtauſend Thalern anwies, dachte er: ich werde eine neue Steuer ausſchreiben laſſen, weiter nichts! Das Volk iſt dazu da, um zu zahlen! La Chaiſe nahm dieſes Anerbieten mit Dank ent⸗ gegen. An's Werk alſo, an's Werk! rief der Cardinal vergnügt. Zu dieſer Stunde noch! ſagte La Chaiſe. Ich fürchte meine Feinde nicht, aber ich will ihre Plane kennen, um ſie zu vereiteln! Und ich werde, ſo Gott will, Fn dieſe Plane offenbaren! In vier Stunden kannſt Du dies Geld in Empfang nehmen, ſagte der Cardinal und verabſchiedete La Chaiſe mit heiterm Geſicht und gütigem Lächeln. Aber nicht ſobald hatte die Thüre ſich hinter La Chaiſe geſchloſſen, als das Lächeln von den Lippen f. 6* —— 84— des Cardinals verſchwand, und er ernſt ſinnend, in ſchwermuthsvollem Schweigen vor ſich hinſtarrte. Es iſt alſo kein Traum mehr, flüſterte er dann leiſe und ängſtlich. Nein, es iſt kein Traum, dieſe Feinde, deren Exiſtenz ich nur ahnte, die Jedermann bezweifeln wollte, ſie leben, ſie ſind da! Man ſpricht von ihnen, man kennt ihren Anführer, es iſt ein unleugbares Mo⸗ ment,— man trachtet mich zu ermorden! Und zu ſagen, daß meine Befürchtungen ungegründet ſeien! Ach ich wußte es! Mit den innern Fühlfäden meiner Seele hatte ich dieſe Feinde und dieſe Verſchwörung erkannt! Man wollte es mir umſonſt beſtreiten, ich, ich wußte es! Ich fühle die Nähe meiner Feinde, ich wittere ſie in der Luft, die ich einathme, in dem Glas, welches ich bebend an meine Lippen ſetze, in dem Mit⸗ tagsmahl, zu dem ich mit heimlicher Qual und Angſt im Herzen widerſtrebend mich niederſetze, ja, in mei⸗ nem Schlafe ſelbſt argwöhne ich meine Feinde, welche vielleicht ein betäubendes Pulver in meinen Nacht⸗ trunk gemiſcht haben, um meinen Schlaf zu benutzen, und mich zu ermorden! Ja, ich weiß es, ich weiß! Man will mich ermorden, man hat ſchon die Mörder gedungen! Ah, was iſt das, ſchrie der Cardinal plötz⸗ 5 — 85— lich mit einem Aufkreiſchen der Angſt.— Er hatte hinter ſich ein leiſes Geräuſch vernommen, und bleich und zitternd ſein Haupt in ſeinem weiten Morgenpelz verbergend, jammerte er leiſe: man will mich ermor⸗ den! Zu Hülfe! Zu Hülfe!— Als Alles ſtill blieb, wagte es der Cardinal leiſe das Haupt aufzurichten, und endlich einen ſchnellen angſtvollen Blick rückwärts zu werfen. Niemand ſtand hinter ihm, Niemand war zu ſehen, Niemand als dieſer graue Papagey, der den Cardinal erſchreckt hatte, indem er von ſeiner Stange herunter geſprungen war, und im Zimmer umher hüpfte. Seltſamer Contraſt! Dieſer Mann, vor welchem ganz Frankreich zitterte, dieſer Mann erbebte vor dem Hüpfen eines Vogels! Aber Mazarin konnte ſeiner Angſt nicht wieder Mei⸗ ſter werden, ein Grauen überfiel ihn, und obwohl er die Menſchen fürchtete, weil Jeder von ihnen ſein Mörder ſein konnte, ſchien ihm doch dieſe lautloſe Ein⸗ ſamkeit ganz unerträglich. Er ſchellte ſo heftig, daß Dubois erſchreckt herein ſtürzte, und angſtvoll fragte, was geſchehen ſei. Nichts, nichts! ſagte Mazarin aufathmend. Aber — 86— die Luft dieſes Zimmers bedrückt mich. Die Sonne ſcheint ſo ſchön! Ich will ausfahren, in's Freie! In's Freie! Wir wollen ſpazieren fahren, Dubois! Eminenz vergeſſen, daß die Vorzimmer noch über⸗ füllt ſind, und daß Ew. Gnaden hier auf dieſer Liſte noch zwanzig Perſonen bezeichnet haben, welche Sie empfangen wollten! Ich will Niemand empfangen, ich will Niemand ſehen! rief der Cardinal mit der eigenſinnigen Angſt eines Kindes! Ich will ſpazieren fahren, und das ſogleich! Aber unter guter Bedeckung hörſt Du! Mein Wagen darf nicht einen Augenblick allein ſein! Und Dubois verneigte ſich und ging, um die nöthi⸗ gen Befehle wegen der Spazierfahrt zu geben, und dann den Herrſchaften in den Vorzimmern anzuzeigen, daß Sr. Eminenz heute keine Audienzen mehr ertheilen würden! Eine Viertelſtunde ſpäter beſtieg der Cardinal ſeinen Wagen, um ſpazieren zu fahren. Aber indem der Wagen aus dem innern Hofe auf die Straße hinaus rollte, ward er durch ein Gedränge von Wagen und Fußgängern am Fortkommen ge⸗ hindert. — 82— Der Cardinal erbleichte, und lehnte ſich angſtvoll an den Schlag, indem er Dubois fragte, was dieſes Hinderniß zu bedeuten habe. Es ſind nur die Wagen der Herrſchaften, und dann die ärmern Leute, welche zur Audienz gekommen wa⸗ ren, und jetzt die Vorzimmer verlaſſen! ſagte Dubois. Man laſſe die Trabanten vorrücken, damit ſie Platz machen, und die Musketiere mögen den Wagen um⸗ geben, befahl der Cardinal. Sein Gebot ward bald befolgt, die Kutſchen fuhren zur Seite, die Fußgänger drückten ſich demüthig rück⸗ wärts, ſich tief und demuthsvoll verneigend vor dem mächtigen Cardinal, der ſie drei Stunden vergeblich hatte warten laſſen, und der jetzt ſtolz, wie ein Trium⸗ phator, und umringt von dem Glanze eines Königs durch ihre Reihen fuhr.— Jetzt rollte die Equipage raſcher dahin, die Traban⸗ ten ritten voran, eine Compagnie der Musketiergarde folgte, und das Volk blieb gaffend auf der Straße ſtehen, und bewunderte den Glanz des Cardinals und nannte ihn den größten, den glücklichſten und den reichſten Mann von ganz Frankreich. Aber der, welchen man ſo nannte, lag bleich, ſchmerz⸗ — 88 gefoltert auf den ſammtnen Kiſſen ſeines Wagens, und inmitten des königlichen Pompes, der ihn umgab, er⸗ bebte er vor jedem unerwarteten Geräuſch, und fuhr angſtvoll zuſammen vor jedem fremden Geſicht. Es iſt wahr, Mazarin war der mächtigſte, größte und reichſte Mann von ganz Frankreich, aber wer hätte ihn beneiden mögen um ſeine Macht und ſeine Größe, ihn, der überall nur Verrath und Mord ſah, G und immer erzitterte vor eingebildeten oder wirklichen Schreckniſſen! Und wer hätte tauſchen mögen mit die⸗ ſem reichen Manne, der ſo arm war an Glück und Frieden? V. Die Marquiſe Chatillon. Die Marquiſe war in ihrem Boudoir; umringt von ihren Kammerfrauen, ſtand ſie vor dem großen Vene⸗ tianiſchen Spiegel, deſſen breiter, wundervoll geſchnitzter Goldrahmen in allen vier Ecken das Wappen ihres alten, berühmten Hauſes zeigte. Die Marquiſe be⸗ trachtete prüfend in dieſem Spiegel, welcher ein Ge⸗ ſchenk ihres königlichen Geliebten, des Prinzen von Condé, war, ihr eigenes Bild, und indem ſie mit einem zufriedenen Lächeln ſich zu muſtern ſchien, ſagte ſie: Es iſt gut, meine Kinder, Ihr könnt jetzt gehen! Dieſes Negligée iſt in der That allerliebſt und macht Curer Geſchicklichkeit Ehre. Laßt mich jetzt allein! Die Kammerfrau verließ ſchweigend mit den vier Garderobenmädchen das Gemach, und die Marquiſe war jetzt allein. Sie ſetzte ſich auf den mit weißem Atlas bezogenen Lehnſtuhl, und indem ſie mit ihren kleinen Füßen ihm einen leichten Ruck gab, ließ ſie ihn bis dicht vor den großen Spiegel rollen. Aber⸗ mals begann ſtie jetzt ſich zu betrachten.— In der That, ſie war ſehr ſchön, dieſe junge Marquiſe. Man ſah niemals glänzendere Augen, einen kleinern Mund, eine edlere Naſe, eine höhere Stirn. Wenn ſie lä⸗ chelte und dieſe zwei Reihen perlenweißer Zähne zwi⸗ ſchen ihren purpurnen Lippen ſichtbar wurden, war ſie unendlich reizend; wenn ſie zürnte und die edlen Bo⸗ gen ihrer feinen Augenbrauen zuſammenzog, mochte man ſie in ihrer ſtolzen zürnenden Schönheit einer Juno vergleichen. Aber heute war die Marquiſe be⸗ ſonders ſchön, denn ſie wollte ſchön ſein, und ſie hatte aus dieſer Morgentoilette ein wahres Studium ge⸗ macht. Ihr dunkles Haar, das in langen Locken auf ihre entblößten blendend weißen Schultern herabfiel, war geziert mit feuerfarbenen Schleifen, die wie Schmet⸗ terlinge dieſes liebliche Geſicht umflatterten, und das ſanfte Carmoiſin ihrer Wangen nur noch feiner und zarter erſcheinen ließen. Ihren ſchlanken und edel geformten Hals umgab eine einzige Schnur Perlen, die vorne zuſammengehalten ward von einem Brillant⸗ — 91— ſchloß. Ihre hohe und ſtolze Geſtalt umhüllte ein weißes Spitzenkleid über einem Unterkleide von blauem Mouſſelin, beide von ſo zarter Feinheit und Weich⸗ heit, daß ſie, ſich eng anſchmiegend an dieſe ſtolze Geſtalt, die ganze Erhabenheit und Schönheit ihrer edlen Formen verriethen. Ihre kleinen, überaus rei⸗ zend geformten Füße bedeckten weiße goldgeſtickte Pan⸗ toffeln. Die Arme waren bedeckt von weiten Spitzen⸗ ärmeln, die hinlänglich verhüllten, um zu reizen, und doch zugleich hinlänglich durchſichtig waren, um die Fülle und Weiße dieſer Arme zu verrathen.— Wie geſagt, die Marquiſe betrachtete ſich, und da ſie fand, daß der weiße Atlaslehnſtuhl ein wenig zu matt ſei zu ihrem Anzug, ſchob ſie ihn fort, und rollte den Spiegel ein wenig ſeitwärts, dem Ruhebette gegenüber, das an der entgegengeſetzten Wand befindlich war. Sie warf ſich nun nachläſſig auf daſſelbe hin und verſuchte mehrere Stellungen, indem ſie dabei immer in dem Spiegel ſich ſelber prüfend beobachtete. Ein befriedigtes Lächeln umſpielte jetzt ihre Lippen, denn ſie fand, daß der ſtrohgelbe Atlas dieſer Kiſſen, auf welchen ſie jetzt ruhte, ſehr gut ſtand zu ihrem Anzug und zu der blendenden Friſche ihres Angeſichts, auch — 92— war ſie zufrieden mit der Stellung, welche ſie eben angenommen, und indem ſie wohlgefällig mit dem Kopfe nickte, ſagte ſie leiſe: Ich denke, ich kann mit mir zufrieden ſein, und dieſer gute und zärtliche Prinz wird nicht die Kraft haben, mir zu widerſtehen, wenn ich ihn ſo empfange, und, ſo zu ihm emporblickend, ihm erzähle von meinem Mißgeſchick! Und die Marquiſe verſuchte noch einmal dieſes Lä⸗ cheln, und dieſes Aufblicken, dann ſchob ſie mit dem Fuße den Spiegel fort, und als ſie jetzt ein leiſes Geräuſch im Vorzimmer vernahm, lehnte ſie das Haupt zurück auf die Kiſſen und ſchloß die Augen.— In der That ward in dieſem Moment die Gardiene auf⸗ gehoben, und ein Mann von königlichem Anſehen be⸗ trat das Boudoir der Marquiſe. Es war dies der Geliebte der ſchönen Frau, es war der Prinz von Condé, der Sieger von Rokroi und Dünkirchen, der, ſeitdem er mit Frankreich, und anſcheinend ſogar mit Mazarin ſich verſöhnt hatte, als ruhiger Privatmann in Paris lebte, und, um doch in etwas ſein Feldherrn⸗ talent zu bethätigen, ſich nur damit zu beſchäftigen ſchien, Frauenherzen zu erohern. Aber man ſagte von ihm, daß er, obwohl immer erobernd, doch ſelber ganz — 93— unüberwindlich ſei, und daß die ſchärfſten und glü⸗ hendſten Pfeile, mit denen die Augen der ſchönſten Weiber von Paris ihn beſtürmten, ohnmächtig ab⸗ prallten an dieſem undurchdringlichen Panzer, mit welchem der große Condé ſeine Bruſt umhüllt hatte. Dieſer Panzer war eine wirkliche und echte Liebe, eine Liebe, welche er ſeinerſeits durch eine zehnjährige Treue bewährt hatte, und deren Gegenſtand die Marquiſe Chatillon war. Er hatte die Marquiſe vor zehn Jah⸗ ren kennen gelernt. Damals war ſtie ſechszehn und er dreißig Jahr, damals hatte ſie ihn entzückt durch ihre Schönheit und ihre Unſchuld, durch ihre Jugend und ihr Unglück. Denn ſie war verheirathet worden an den Marquis von Chatillon, den roheſten Wüſt⸗ ling, den grauſamſten Haustyrannen. Und ſie, dieſes ſo junge, ſo unſchuldige Weib war berauſcht worden von den Huldigungen dieſes dreißigjährigen Helden, welcher ſchon in ſeinem zwei und zwanzigſten Jahre durch den Sieg von Rokroi ſeinen königlichen Namen verklärt hatte. Sie hatten ſich alſo ewige Liebe ge⸗ ſchworen, und Condé mindeſtens hatte Wort gehalten. Der Marquis von Chatillon war inzwiſchen geſtorben, und die Marquiſe, welche jetzt ſechsundzwanzig Jahre — 94— zählte, ſtand in der Blüthe ihrer Schönheit und ihrer Macht. Denn ſeitdem ſie frei war und umringt von Anbetern, die auf ihre Hand Anſprüche machten, liebte der Prinz von Condé ſie doppelt heiß, weil er die Möglichkeit fürchtete, ſie zu verlieren. Uebrigens ſchwur er auf die Treue ſeiner Geliebten, und Niemand hatte mehr den Muth, ihn in dieſem Glauben wankend zu machen, ſeitdem er zwei der tapferſten und ſchönſten Männer, welche es gewagt, in ſeiner Gegenwart leicht⸗ fertig von der Marquiſe zu ſprechen, im Zweikampf getödtet hatte.— Vielleicht mochte der große Condé Recht haben, wenn er behauptete, die Marquiſe Chatillon habe nie⸗ mals einen andern Mann geliebt, als ihn. Aber dennoch hatte er einen Nebenbuhler in dem Herzen der Marquiſe, einen ſehr gefährlichen, ſehr glänzenden Nebenbuhler!— Dieſer Nebenbuhler war das Gold, er war zugleich ihr Gott und ihr Dämon, dem ſie täglich opferte, für den, wie Mazarin ſagte, ſie Alles hingab, ihre Freunde, ihren Geliebten, und ihre Ehre, wenn es darauf ankam. Aber dieſer mächtigen und das ganze Weſen der Marquiſe beherrſchenden Leiden⸗ ſchaft geſellte ſich noch eine andere zu, welche ſonſt — 95— gemeinhin die natürliche Gegnerin der erſtern zu ſein pflegt. Die Marquiſe liebte nämlich nicht bloß das Gold, ſondern ſie war auch eine leidenſchaftliche Ha⸗ zardſpielerin,— ſie ſpielte aus Geldgier, und wenn ſie vier Tage gewonnen, und dann tollkühn und ganz geblendet von ihren Schätzen, am fünften Tage Alles wagte, um Alles zu gewinnen, ſo hatte ſie vielleicht das Unglück, zu verlieren, und es war daher die na⸗ türliche Folge, daß ſie am ſechſten Tage wieder ſpielen mußte, um das Verlorne wieder zu gewinnen. Die Marquiſe ſpielte aus Geiz, wie Andere aus Ver⸗ ſchwendung, und je mehr ſie verlor, deſto leidenſchaft⸗ licher ſpielte ſie, weil ſie durchaus wieder gewinnen wollte, was ſie verloren. Daher kam es, daß ihre Finanzen zerrüttet, ihr Credit zerſtört war, daher kam es, daß, trotz ihres Geizes und ihrer Habſucht, die Kaſſe der Marquiſe ſehr häufig leer, dagegen ihr Vor⸗ zimmer angefüllt war mit ſtürmiſchen und dringenden Gläubigern. Die Marquiſe hatte aber einen ſehr be⸗ quemen, ſehr liebenswürdigen Grundſatz, ſie bezahlte niemals ihre Schulden, und daher kam es, daß, ge⸗ warnt von ſolchen Erfahrungen, Niemand der ſchönen Frau mehr Credit geben und ihr Gelder vorſtrecken — 96— wollte.— Die Marquiſe ſpielte daher immer leiden⸗ ſchaftlicher, um zu gewinnen, und ſie verlor immer mehr, eben weil ſie leidenſchaftlich war.— Freilich, ſie hatte in ihren Geldnöthen eine ſichere Stütze an ihrem erhabenen Geliebten, welcher in großmüthiger Freigebigkeit ihr einen fürſtlichen Haushalt eingerichtet hatte, und ganz allein aus ſeinen Mitteln ihre Equi⸗ page und ihre Dienerſchaft, ihre Tafel und ihre Gar⸗ derobe erhielt, aber die Mittel des Prinzen waren nicht unerſchöpflich, denn der edle Condé hatte auf ſeinen Schlachtfeldern mehr Ehre und mehr Lorbeeren gefunden, als Schätze, weil er eben nur das Erſade begehrte.— Es war alſo der Prinz von Condé, welcher in das Boudoir der Marquiſe Chatillon trat. Als er be⸗ merkte, daß ſeine ſchöne Geliebte die Augen geſchloſſen und zu ſchlafen ſchien, näherte er ſich leiſe auf den Zehen dem Ruhebette, und betrachtete mit Entzücken dieſe reizende Schlummernde. Dann neigte er ſich, übermannt von dieſem köſtlichen Anblick, nieder, und drückte einen Kuß auf dieſe vollen, im Schlummer noch lächelnden Lippen. Die Marquiſe ſchlug die Augen auf, und als ſie — 92— den Geliebten erkannte, warf ſie mit einem Freudenruf ihre Arme empor und um ſeinen Nacken. Heloiſe, Du biſt heute von einer wundervollen Schönheit, ſagte er, indem er ſich auf ein Knie nieder⸗ ließ vor dieſem Ruhebett, auf welchem das reizende Weib lag. Die Marquiſe lächelte, aber es war in dieſem Lä⸗ cheln etwas Melancholiſches, Trübſeliges, das ſofort eine Wolke auf der Stirne des Prinzen erzeugte. Du ſpotteſt meiner, Louis, ſagte die Marquiſe ſeufzend. Wenn man eine Nacht in Thränen und unter Seufzern hinbringt, da muß uns der Morgen wohl trübe und ermattet finden! Eine Nacht in Thränen? fragte der Prinz entſetzt, und zog die Geliebte feſter an ſeine Bruſt, als wolle er in ſeinen Armen ſie ſchützen vor jedem Schmerz und jedem Kummer. Ja, in Thränen, wiederholte die Marquiſe ſchwer⸗ muthsvoll. Denn was giebt es wohl Traurigeres, als gezwungen zu ſein, die Vorwürfe ſeines eigenen Gewiſſens anzuhören, und was iſt ſchrecklicher, als ſeine Ehre und ſeinen Namen in Gefahr zu ſehen! I. 7 — 98— Eine tödtliche Bläſſe überzog die Wangen des Prinzen. Heloiſe, ſagte er matt, indem er aufſtand und ſich in einen Seſſel gleiten ließ. Heloiſe, ich errathe Alles, ſprich kein Wort weiter! Du tödteſt mich! Die Marquiſe unterdrückte mühſam ein Lächeln des Triumphes. Die Comödie ſpielte ſich genau ſo, wie ſie es vorher geſehen hatte.— Der Prinz vermuthete das Schrecklichſte, und es war natürlich, daß, wenn ſte ihn über ihre Liebe beruhigte, ihm alles Andere dagegen leicht erſcheinen würde. Oh, ſagte ſte vorwurfsvoll, immer wieder dieſelbe Qual! Weiß der edle Louis von Bourbon immer noch nicht, daß Heloiſe ihn liebt, einzig allein ihn liebt, und daß ſte niemals einen Andern lieben wird? Mein Gott, Du liebſt mich? rief Condé und ſtürzte zu ſeiner Geliebten hin. Du biſt mir treu? Ich danke Dir, Heloiſe, ich danke Dir! Du giebſt mir das Leben wieder! Und indem er ſeine Geliebte in ſeine Arme ſchloß, fragte er: Aber weshalb haſt Du geweint? Und was ſprichſt Du denn von Gewiſſensbiſſen, wenn Du mir treu biſt? — 99— Egoiſt! ſagte ſie lachend, und ſchlug ihn mit ihren zarten, roſigen Fingern leicht auf die Wange; Egoiſt, als ob mgn ein untadelhafter Engel wäre, bloß wenn man die Schwachheit hat, Sr. Gnaden treu zu ſein, und als ob es auf der Welt gar keine Gewiſſensbiſſe geben könne, ſobald man nur dieſe einzige und erhabene Tugend beſitzt, Sr. Gnaden zu lieben! Der Prinz küßte mit einem zärtlichen Ausdruck die ſchlanken, durchſichtigen Spitzen dieſer Finger, welche ihn ſchlugen. Ja, ſagte er, Helviſe iſt für ihren Louis eine untadelhafte Göttin, vorausgeſetzt, daß ſie ihn liebt! Und dennoch wirſt Du, ſobald ich Dir meine Ver⸗ brechen gebeichtet habe, finden, daß ich diesmal ſehr zu tadeln bin! ſeufzte die Marquiſe. Beichte immerhin! rief der Prinz. Beichte, meine ſchöne Sünderin, und ich will Dich ſchon im Voraus abſolviren. ind. Aber Du mußt mich nicht erſticken mit Deinen Küſſen, ſondern mir ſo viel Athem laſſen, um Dir beichten zu können! ſagte ſie, ihren zärtlichen Liebhaber leiſe abwehrend. Nun denn, ich höre! ſagte er, vor ihr niederknieend. 74 — 100— Nein, nein, das iſt falſch, rief die Marquiſe lachend, und hob ihn empor. Du biſt der Beichtvater, Du mußt alſo ſtolz aufgerichtet ſein, und ich, als die reuige Sünderin, werde knieend Dir beichten! Und mit einer unnachahmlichen Anmuth und Grazie vor dem Prinzen niederknieend, gab die Marquiſe ihren Zügen den Ausdruck eines frommen zerknirſchten Ern⸗ ſtes, indem ſie demuthsvoll ihre Arme über ihrem vollen ſchönen Buſen faltete. Der Prinz konnte dem Anblick dieſer reizenden Mag⸗ dalena nicht widerſtehen, er beugte ſich nieder und küßte ſie. Still, ſagte ſie feierlich, ehrwürdiger Vater, Ihr vergeßt Euren heiligen Stand, Ihr ſündigt ſchwer gegen Gottes Gebote, indem Ihr eine Sünderin, welche Euch beichten will, mit irdiſchen Gedanken küßt! Nun, dann bin ich ein echter und rechter Prieſter, ſagte er lachend, und gleiche genau unſern geweihten prieſterlichen Heuchlern und zumſem ſcheinheiligen Geiſt⸗ lichen! Ehrwürdiger Vater, ſeufzte die Marnuiſe, ich be⸗ kenne mich eines großen Vergehens ſchuldig! — 101— Bekenne, meine Tochter! ſagte der Prinz mit komi⸗ ſchem Ernſt, bekenne, und wir werden ſehen, ob Du zu abſolviren biſt! Ehrwürdiger Vater, ich habe mich trotz Eurer Bit⸗ ten und Eures Befehles dennoch wieder von der Ge⸗ walt des Teufels verführen laſſen, und indem ich alle Eure Ermahnungen und meine eigenen guten Vorſätze vergaß, habe ich mich ganz den Vorſpiegelungen dieſes Daͤmons überlaſſen, welcher mich ewig verfolgt mit ſeinen Verlockungen und ſeinen trügeriſchen Verſpre⸗ chungen. Ach, Du haſt geſpielt? Und verloren! ſeufzte die Marquiſe, das Haupt auf ihre Bruſt ſenkend. Alſo wieder verloren! rief der Prinz ein wenig un⸗ muthig. Wir werden alſo niemals Ruhe finden vor dieſem Dämon, er ſoll uns ſogar dieſe heiligen Stun⸗ den des Glückes und der Liebe vergiften! Prinz, ich ſagte Euch ſchon, daß ich die ganze Nacht geweint habe vor Reue und Gewiſſensangſt! ſagte die Marquiſe, indem ſie den flehenden Blick zu dem Prinzen erhob. Es iſt wahr! ſagte der Prinz, und übrigens wird = 102— dieſes Unglück ja wieder gut zu machen ſein. Mit wem ſpielteſt Du? Die Königin erzeigte mir die Chre, mich zu ihrer Parthie einzuladen! Ach, die Königin iſt alſo ſehr gütevoll und ſehr gerecht gegen meine ſchöne Heloiſe! Ich habe aber nichtsdeſtoweniger gegen dieſe güte⸗ volle Königin mich über ein großes Mißgeſchick zu beklagen, denn ich habe fortwährend verloren! ſagte die Marquiſe bitter. Und wie hoch beläuft ſich die Summe? Die Marquiſe zögerte, dann ſagte ſie leiſe: Ich habe an Ihro Majeſtät auf Ehrenwort tauſend Piſto⸗ len vorloren! Tauſend Piſtolen! rief der Prinz, erſchrocken einen Schritt zurücktretend. Aber das iſt ja ein ganzes Vermögen! Zwanzigtauſend Franken! jammerte die Marquiſe, und dazu verpflichtet mich mein Ehrenwort, heute noch zu zahlen! Du kannſt alſo zahlen? fragte der Prinz auf⸗ athmend. — 103— Ich habe gar nichts! Nicht tauſend Francs, ſagte ſie, und ſank ganz zerknirſcht zuſammen. Der Prinz vergaß über ihrem Schmerz ſeinen eige⸗ nen Unmuth. Er hob die immer noch Knieende empor und geleitete ſie ſanft zu dem Ruhebette. Ich bin ganz ohne alle Mittel! ſeufzte die Mar⸗ auiſe, und dennoch hängt meine Ehre, ja, meine ganze Zukunft davon ab, daß ich dieſe Summe zahlen kann! Was würde der Hof, was würde die Königin ſelber von mir denken und ſagen, wenn ich es verſäumte, dieſe Ehrenſchuld einzulöſen! Und ich, ein Bourbon, ein königlicher Prinz, rief der Prinz, indem er wüthend im Zimmer hin und her rannte, ich habe nicht einmal dieſe armſeligen tauſend Piſtolen zur Verfügung. Meine Kaſſen ſind erſchöpft, und bevor dieſes Monat nicht zu Ende gegangen, kann ich nicht daran denken, neue Gelder zu erheben! Ich werde alſo ſterben müſſen, oder in ein Kloſter gehen! ſeufzte die Marquiſe, die Hände ringend.— Diesmal war ihre Zerknirſchung nicht geſpielt, ſondern wirklich und natürlich. Sie hatte darauf gerechnet, daß der Prinz ihr heftige Vorwürfe machen, daß er, wie dies ſchon oft geſchehen, ſie ſchelten würde um — 101 ihrer unſinnigen Leidenſchaft zum Spiele, aber ſie hatte gedacht, daß er, wenn der Zorn und die Vorwürfe vorüber, jedenfalls zahlen würde. Und jetzt mußte ſie an dieſem tiefen und ungeheuchelten Schmerz des Prinzen erkennen, daß er wirklich außer Stande ſei, ihre Schuld an die Königin abzutragen! Aber was machen wir nur? Was iſt da anzufan⸗ gen? fragte der Prinz, die Fäuſte ballend. Ja, was iſt da anzufangen? wiederholte die Mar⸗ quiſe, die Hände ringend. Bezahlen muß ich heute noch dieſe Schuld, wenn ich nicht zum Gelächter des ganzen Hofes werden ſoll! Ach, ich hab's! rief der Prinz, welcher bis jetzt wüthend umher gerannt war. Ja, ich hab's! wieder⸗ holte er, und blieb vor einem großen, mit Silber be⸗ ſchlagenen Kaſten ſtehen, welcher ſich auf dem Toiletten⸗ tiſch der Marquiſe befand. Und was habt Ihr, mein Prinz? fragte die Mar⸗ quiſe. Ein Mittel, dieſe Ehrenſchuld an die Königin ſo⸗ fort abzutragen! 1 Nun? Wie heißt dieſes Mittel? Es iſt heute der vierundzwanzigſte November, in — 105— ſteben Tagen alſo ſind meine Gelder wieder flüſſtg, laufen die Einkünfte meiner Domainen wieder ein! In ſieben Tagen! rief die Marquiſe achſelzuckend. Aber das iſt grade um ſieben Tage zu ſpät! Bis dahin, ſagte der Sieger von Rokroi feierlich, bis dahin wirſt Du Deine Brillanten verſetzen! Mein Chrenwort darauf, daß ich ſie in ſieben Tagen wieder einlöſe! Das wäre allerdings ein Mittel, aber ein ſehr ge⸗ fährliches! ſagte die Marquiſe ſinnend. Nun, bei Gott, die Gefahr möchte ich kennen! lachte der Prinz. Wenn zum Beiſpiel in dieſen acht Tagen ein großes Hoffeſt wäre? Du weißt, Se. Majeſtät hat zuweilen ſolche ſchnellen Einfälle! Nein, nein, ich ſah heute den Plan für die Ver⸗ gnügungen der nächſten Woche. Es ſind drei große Diners, zwei Mal Theater, und ein gewöhnlicher Spielabend, weiter nichts! Wenn das alſo die einzige Gefahr iſt, ſo ſei außer Sorgen! Und dann, ſagte die Marquiſe zögernd, wie nun, wenn Ihr nicht im Stande wäret, in acht Tagen meinen Schmuck wieder einzulöſen? — 106— 3ch gab Dir mein Ehrenwort, ſagte der Prinz, die Stirne runzelnd. G Und Euer Ehrenwort iſt eine Königskrone werth! rief die Marquiſe. Aber man kennt den tapfern und kühnen Helden Condé, der täglich faſt auch einen Ehrenhandel hat, und trotz meines Flehens an jedem Tag ſein Leben wagt, und ſeine Geliebte in ſteter Angſt und Sorge erhält, weil ſie weiß, daß der er⸗ habene Geiſt des Siegers von Rokroi, aber nicht ſein Körper, unſterblich iſt! 4 Ach, ich verſtehe! ſagte der Prinz unmuthig. Du fürchteſt, ich könnte ſterben, bevor ich dieſe Summe ausgezahlt! Nun, die ſchöne Marquiſe Chatillon weiß mit klugem Blicke und heiterm Verſtande die Zukunft zu berechnen! Und ohne der Marquiſe Zeit zu einer Antwort zu laſſen, trat er an den Tiſch und ſchrieb raſch einige Zeilen auf ein Blatt Papier. Da haben Sie eine Schuldverſchreibung auf tauſend Piſtolen, ſagte er dann, Sie können ſich dieſe Summe in acht Tagen von meinem Haushofmeiſter auszahlen laſſen! Das Antlitz der Marquiſe ſtrahlte vor innerer x 5 — 102— 4 Genugthuung, indeß unterdrückte ſie gewaltſam 82 Freude, die ſie empfand, und trat zu dem Tiſche, auf welchem die Verſchreibung lag. Der Prinz hatte ſich abgewandt und war an's Fenſter getreten. Als die Marquiſe ſich mit einem raſchen Blick von der Vollgültigkeit der Verſchreibung überzeugt hatte, ſchob ſie dieſelbe ſchnell unter die andern Papiere und nahm dann ein anderes beſchriebenes Blatt von der⸗ ſelben Gröͤße und derſelben Farbe, als die Verſchrei⸗ bung es war. Der Prinz hatte ihr noch immer den Rücken ge⸗ kehrt und trommelte an den Scheiben. Mit dem Blatt Papier in der Hand trat die Mar⸗ quiſe zu dem Prinzen, und indem ſie ihre kleine roſige Hand auf ſeine Schulter legte, ſagte ſie mit einer Stimme gekränkter Unſchuld: Louis, hat Deine Heloiſe ſolches Mißtrauen verdient? Will der große Condé in der That ſeine Geliebte beſchimpfen, indem er ſie einer ſo niedrigen und erbärmlichen Geſinnung fä⸗ hig hält? Der Prinz blickte ſite an. Er ſah gar nicht mehr —. — 108— uf die Verſchreibung, er ſah nur dieſes ſo ſchöne, von edlem Stolze geröthete Antlitz ſeiner Geliebten. Heloiſe! rief er faſt bittend. Heloiſe antwortete nicht, aber ſie zerriß mit einer Bewegung des Zornes das Papier, welches ſie in der Hand hielt, und es in kleine Stücke zerpflückend, warf ſte dieſe zu den Füßen des Prinzen nieder, indem ſie ſagte: Da habt Ihr dieſe Verſchreibung, mein Prinz! Ich gebe ſie Euch zurück. Es iſt nicht nöthig und wenig edel, ein Weib zu beſchimpfen, ſelbſt, wenn Ihr es nicht mehr liebt! Und die Marquiſe wandte ihm mit einem erhabenen Ausdruck den Rücken und ſank lautſchluchzend auf den Divan hin.— Sofort war der Prinz bei ihr, und zu ihren Füßen niederſinkend, flehte er zu ſeiner Ge⸗ liebten um Vergebung, um Gnade, um ein wenig Erbarmen, ein wenig Liebe! Sie blickte ihn unter Thränen lächelnd an und reichte ihm ihre ſchöne Hand.—— Eine Stunde ſpäter verließ der Sieger von Rokroi, den die kluge Marquiſe auf's Neue beſtegt, auf's Neue gefeſſelt hatte, ſeine Geliebte, und dieſe ſandte mit einem leiſen Seufzer ihren Haushofmeiſter mit 4 4 — 109— 3 2 ihrem Brillantſchmuck zu dem erſten Juwelier von Paris, um ihn auf acht Tage in Verſatz zu geben. Dann ſchickte ſie die dafür erhobenen tauſend Piſto⸗ len mit einem ehrfurchtsvollen Schreiben an die Köni⸗ gin, indem ſie ſeufzend zu ſich ſelber ſagte: Wie ſchön iſt doch dieſes Geld, das ich mir ſo ſchwer und mühe⸗ vooll errungen habe! Und denken zu müſſen, daß ich ſelber gar nichts davon genießen ſoll, ſondern daß es nur da iſt, um eine fremde Kaſſe zu füllen. Nun jedenfalls bin ich geſichert, und ſelbſt wenn Condé in dieſen acht Tagen ſterben ſollte, habe ich doch dieſe vollgültige Verſchreibung, von der mein großmüthiger Prinz glaubt, daß ich ſie zerriſſen habe! Mein Gott, welche Närrin müßte ich ſein, um dies wirklich zu thun! Wär's nicht möglich geweſen, daß der Prinz, ſtatt zu ſterben, mir plötzlich untreu würde, und mit ſeiner Liebe auch dieſe Schuld vergäße? Die Männer ſind ja ſo wunderlich! Ja freilich, die Männer ſind. wunderlich, aber noch ein wunderlicheres Ding iſt dieſer Dämon, welcher in neckiſchem Spiel über die Schickſale der Menſchen und der Völker entſcheidet, dieſer Dämon, welchen wir den Zufall nennen! Man ſage nicht, daß Gott es — 110— iſt, welcher das Schickſal entſcheidet, der Zufall allein hat dieſe Macht, und durch die kleinſten Dinge läßt er die größten Ereigniſſe geſchehen! Ein Zufall war's, daß Condé erſt in acht Tagen den Schmuck der Gräfin auszulöſen vermochte, und dieſer Zufall entſchied über das Loos von Frankreich, denn durch dieſen Zufall allein ſollte La Chaiſe zu Macht und Anſehen gelangen, und dieſer Zufall bahnte ihm den Weg zu ſeiner kommenden, blutigen Größe! Dieſer Zufall war's aber auch, der die Marquiſe in Gefahr brachte, und dereinſt Moliere veranlaßte, ſeinen unſterblichen Tartüffe zu ſchreiben! VI. L'homme sans consequence. La Chaiſe hatte indeß ſeit der Unterredung mit Ma⸗ zarin ſeine Zeit nicht unthätig und zwecklos verbracht. Er hatte zuerſt ſich bekannt gemacht mit dem Abbé Fouquet, dem Beichtvater der Marquiſe, und durch dieſen hatte er es bald zu erreichen gewußt, daß er der Marquiſe vorgeſtellt ward. Einmal dahin gelangt, war es ihm nicht ſchwer geworden, ſich die Gunſt der ſchönen Heloiſe bis zu dem Grade zu gewinnen, daß er mindeſtens jeden Tag Zutritt in ihrem Boudoir fand.— Die Marquiſe fand in der That dieſen jun⸗ gen Pater La Chaiſe ſehr unterhaltend, ſehr luſtig. Er wußte ſo allerliebſte ſcandalöſe Hofgeſchichten zu erzählen, er wußte in ſo beißender Weiſe die übrigen Damen des Hofes herabzuſetzen auf Koſten der Mar⸗ quiſe, und um ſie deſto erhabener und glänzender dar⸗ — 112— zuſtellen, er verſtand es endlich ſo gut, auf dieſen Mazarin die ſchärfſten und komiſchſten Pasquille zu machen, daß die Marquiſe volles Vertrauen zu ihm gewann, und ihn dem Prinzen Condé vorſtellte, als einen„Gleichgeſinnten“, welcher, gleich ihnen und ihren Freunden, den Cardinal haſſe, und ſeinen Untergang wünſche, und welcher Verſtand und Geiſt genug be⸗ ſitze, um ihren Planen nützlich zu ſein. Wie geſagt, La Chaiſe hatte freilich jeden Tag Zu⸗ tritt bei der Marquiſe Chatillon, aber es war kein Herzensintereſſe, was ihm dieſe Gunſt verſchaffte. La Chaiſe war ihr ein bequemes Mittel ſich in den Stun⸗ den, wo ſte keine Geſellſchaft hatte, zu unterhalten und zu zerſtreuen. Er wußte ſo gut zu mediſiren, zu ſcan⸗ daliren, zu adoriren, kurz, er war immer ſehr unter⸗ haltend, und deshalb duldete ihn die Marquiſe in ihrem Boudoir, wie ſie etwa irgend ein ausländiſches Gewächs, oder einen Vogel einige Zeit als Unterhaltung würde aufgenommen haben! Aber dieſer La Chaiſe iſt täglich bei Dir, und ganz allein mit Dir in Deinem Boudoir, ſagte eines Tages Condé zu ſeiner ſchönen Geliebten. Die Marquiſe lache. — 113— Nun, ſagte ſie, das iſt kein Grund, die Stirne zu runzeln, wie Ihr es thut, mein Prinz! Unmöglich, Louis, kannſt Du eiferſüchtig auf dieſen kleinen La Chaiſe ſein! Er iſt jedenfalls ein ſehr ſchöner Mann! Iſt er das? fragte die Marquiſe gleichgültig. In der That, ich habe nie daran gedacht, daß er über⸗ haupt ein Mann ſei! Er iſt ein Prieſter, und deshalb für mich ganz sans consequence! Übri- gens, da Du mich darauf aufmerkſam machſt, werde ich ihn jetzt darauf anſehen, ob er ein„ſchöner Mann“ iſt. Der Prinz ärgerte ſich über ſich ſelber, daß er die Thorheit begangen, ſie auf eine Schönheit aufmerkſam zu machen, die ſeine edle Geliebte bis eedahi gar nicht bemerkt hatte. Aber für die Marquiſe war und blieb der Pater La Chaiſe ein homme sans consequence, denn er war nicht bloß ein Prieſter, ſondern ſogar ein Jeſuit, und die Marquiſe wußte, daß die Jeſuiten das Ge⸗ lübde der Armuth abgelegt. La Chaiſe war alſo arm, und deshalb blieb er für die Marquiſe„sans conse- quence“¹ 8 II. 8 Es war einen Tag, nachdem die Marquiſe auf eine ſo glückliche und leichte Weiſe ihre Spielſchuld an die Königin bezahlt hatte.— Die Marquiſe war allein in ihrem Boudoir, allein, das heißt, Niemand war bei ihr, als dieſer homme sans consequence, als La Chaiſe. Sie war alſo allein, und im leichten Morgennegligée, das ganz dazu geeignet war, ihre Schönheit nur noch verführeriſcher und reizender er⸗ ſcheinen zu laſſen. Auch ergötzte ſich die Marquiſe, zu ſehen, wie La Chaiſe oft plötzlich erröthete, wenn ihm eine Bewegung der Marquiſe irgend eine neue Schönheit enthüllte, wie er ſtockte, mitten in einem angefangenen Satze, um in Ausrufungen des Ent⸗ zückens auszubrechen über dieſes ſchöne lange Haar der Marquiſe, das ſo eben von ihrer Kammerfrau friſirt ward, oder über dieſen kleinen roſigen Fuß, den eine andere Kammerfrau eben mit einem durchſichtigen Seidenſtrumpfe verhüllen ſollte. Die reizende Marquiſe war heute unendlich ſchön, aber auch unendlich übermüthig,— mein Gott, ſie war ſo glücklich, daß es ihr gelungen, mit Condé's Geld ihre Schuld an die Königin abzutragen, ſo zu⸗ frieden mit ſich, daß ſie ſo klug ſich die Verſchreibung — 115— des Prinzen zu ſichern gewußt, es gewährte ihr da⸗ her unendliches Vergnügen, dieſen armen Prieſter ein wenig zu quälen und den Diener Gottes ein wenig zu irdiſchen und unheiligen Gedanken zu verleiten. La Chaiſe wußte und empfand das, denn er kannte die Marquiſe ganz genau, er hatte ſich ihr ganzes Weſen, ihr ganzes Innere zerlegt, ungefähr wie ein Arzt einen Körper zerſchneidet, um an ihm die menſch⸗ liche Schwäche und die menſchliche Unvollkommenheit zu ſtudiren. La Chaiſe kannte daher alle Fehler und alle Schwächen dieſer ſchönen Marquiſe, ſie täuſchte ihn weder mit ihrem verführeriſchen Lächeln, noch mit ihren lockenden Worten. Ich bin ihr ein Spielzeug, weiter nichts, dachte er, mit Wuth im Herzen. Nun, es wird ein Tag kom⸗ men, wo dieſe ſchöne Coquette, ſtatt dieſes Spielzeug zu zerbrechen, von ihm ſoll zerbrochen werden! Und während er das dachte, ſprach er zu der Mar⸗ quiſe in begeiſterten Worten von der Gewalt, welche ſie über ſein armes Herz ausübe, und die Marquiſe lachte, und ſchlug ihn auf die Hand, welche allzukühn eine Locke ihres duftigen Haares an ſeine Lippen ge⸗ drückt. 8*△ Geplauder; er überbrachte einen Brief vom Obercere⸗ monienmeiſter Sr. Majeſtät des Königs, und zog ſich dann wieder in das Vorzimmer zurück. Die Marquiſe erbrach dieſes Schreiben, und über⸗ flog es mit raſchen Blicken.— Dann ſtieß ſie einen lauten Schrei aus und ſank beſinnungslos zuſammen. Niemand war mehr in dem Boudoir als die Mar⸗ quiſe und La Chaiſe, dieſer„homme sans conse- quence“, La Chaiſe, welcher mit einem Ausdruck wilder Freude auf die ohnmächtige Marquiſe hernieder blickte, die bewegungslos zu ſeinen Füßen lag.— Er beobachtete ſte einige Minuten und als er gewahrte, daß es wirklich Ernſt ſei mit dieſer Ohnmacht, beugte er ſich nieder und hob den Brief auf, welcher dieſe plötzliche Ohnmacht erzeugt hatte. Er enthielt nichts, als eine Einladung zu einem großen Hofballe, welcher am achtundzwanzigſten No⸗ vember ſtatt finden ſollte, und den Se. Majeſtät zu Ehren des Geburtsfeſtes der Herzogin von Burgund befohlen hatte.— Erſtaunt und zweifelhaft überlas La Chaiſe noch einmal dieſes Schreiben, nicht im Stande ſich die ſelt⸗ Ein eintretender Diener unterbrach dieſes neckiſche — 117— ſame Wirkung deſſelben zu erklären. Aber als er ſah, daß die Marquiſe eine Bewegung machte, und leiſe aufzuathmen begann, ließ er ſchnell den Brief wieder zur Erde fallen und nahm von dem Tollettentiſche ein Flacon, deſſen ſtärkende Eſſenz der Marquiſe ſchnell ihre Kräfte wieder gab. Ich bin verloren! ſtammelte ſie, ſich aufrichtend, und auf La Chaiſe's Arm geſtützt, wankte ſie zu dem Ruhe⸗ bette, auf welchem ſie kraftlos zuſammenſank. Verloren! rief La Chaiſe leidenſchaftlich und knieete vor ihr nieder. Sagt mir, wie Euch zu helfen iſt, und ich werde Euch erretten oder ſterben! Unſinn! ſagte die Marquiſe verächtlich. Weder Euer Leben, noch Eure Hülfe kann mir nützen! Es iſt übermorgen ein großer Gallaball bei Hofe, und ich bin dazu geladen! Aber unmöglich kann dies ein Unglück genannt wer⸗ den! rief La Chaiſe lachend. 1 Und ich darf auf dieſem Balle nicht fehlen! ſagte die Marquiſe leiſe, wie zu ſich ſelber, indem ſie ge⸗ dankenvoll vor ſich hin ſtarrte. Nein, ich darf nicht fehlen, ohne die Gnade des Königs auf immer zu verſcherzen! Se. Majeſtät giebt dieſen Ball der Her⸗ — 118— zogin zu Ehren! Er liebt ſie, und er würde es nie verzeihen, wenn an dieſem Ehrentage ſeiner Geliebten eine einzige Dame ſeines Hofes fehlte! Ich muß, ja ich muß auf dieſem Ball erſcheinen! La Chaiſe nahm ihre Hand, und zog ſie an ſeine Lippen. Die Marquiſe erſchrack, ſie hatte in der That ganz vergeſſen, daß La Chaiſe da war. Wmas wollt Ihr noch immer hier? fragte ſie un⸗ muthig, und entzog ihm ihre Hand. Ich ſagte es Euch ſchon, rief er leidenſchaftlich, ich will Euch erretten von dem Unglück, welches Euch zu bedrohen ſcheint, oder ich will für Euch ſterben! Ah, Ihr ſeid albern! ſagte die Marquiſe achſel⸗ zuckend, und ohne ihn zu beachten, im Zimmer auf und nieder gehend, fuhr ſie leiſe fort: mein Gott, welche Thörin war ich aber auch, nicht zu bedenken, daß noch in dieſem Monat der Geburtstag der Her⸗ zogin fällt! Ah, wie ſie Alle eilen werden, auf die⸗ ſem Balle zu erſcheinen, wie ſie Alle in ihren herr⸗ lichſten Staatskleidern und mit ihrem köſtlichſten Schmucke einherſtolziren werden. Und zu denken, daß ich, welche die ſchönſten Brillanten und den glänzendſten Schmuck von allen Damen des Hofes hat, daß ich erſcheinen — 419— ſoll ohne Schmuck! Aber dies iſt unmöglich, ganz unmöglich! Und die Marquiſe ſtampfte ungeduldig mit ihren kleinen Füßen auf den Teppich und preßte die Lippen zuſammen vor Schmerz und Zorn. Ah, Ihr werdet ſtrahlen wie eine Juno, rief La— Chaiſe. Ganz Paris ſpricht davon, daß die Marquiſe Chatillon einen Brillantſchmuck beſitzt, welcher mit dem der Königin rivaliſiren kann. Dieſe neidiſchen Grä⸗ finnnen und Herzoginnen werden die Gelbſucht bekom⸗ men, wenn ſie Euch in dem Strahlenglanze Eurer Schönheit und Eurer Brillanten ſehen werden! Aber das iſt's ja eben! ſchrie die Marquiſe außer ſich. Ich werde ohne meine Brillanten erſcheinen müſſen! Das iſt's ja eben, daß ich meinen Schmuck verſetzt habe, und er erſt am erſten December eingelöſt wird, während der Hofball ſchon am achüundaiwangig⸗ ſten November ſtatt findet! Und die Marquiſe bedeckte ſich mit den Händen das Geſicht und ſchluchzte laut.— La Chaiſe's Lippen umzog ein leiſes, verächtliches Lächeln, er blickte auf die Marquiſe mit dem Aus⸗ druck eines Tigers, welcher ſeiner Beute ſicher iſt, und nur noch ſich weidet an ihrem Anblick, bevor er ſie zerreißt. Jetzt iſt ſie mein, dachte er, indem er ſich erhob, und mit unhörbaren Schritten über den Teppich hin⸗ ging.— Die Marquiſe hatte ſich noch immer das Geſicht verhüllt und weinte. La Chaiſe ſtand an der Portiére, welche in das Vorzimmer führte; mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck des Haſſes, der Verachtung und zugleich der eihen Gaf t blickte er auf die Mar⸗ quiſe hin. Ich werde ſie demüthigen, dachte er, ich werde Rache nehmen an ihrem Uebermuth und ihrer Nichtachtung. Ich werde der Herr und Gebieter dieſer ſtolzen Schön⸗ heit ſein! Lebewohl, ſtolze Gebieterin, wenn Du mich wieder ſiehſt, werde ich Dich zu meiner Sclavin machen! Und mit einem Lächeln des Triumphes ſchlug La Chaiſe den Vorhang zurück und trat in das Vor⸗ zimmer. Dort fand er, wie zufällig, die erſte Kammerfrau der Marquiſe, die junge und hübſche Roſabella. Er fand ſie freilich, wie zufällig, in der That aber hatte — 121— er ihr, während ſie vorhin die Haare der Marquife flocht, ein Zeichen gegeben, ihn hier zu erwarten. Nichts Neues? fragte La Chaiſe, indem er zu dem reizenden Mädchen heran trat, und ſie leicht auf die Schulter küßte. Es war geſtern Abend große Verſammlung der Ver⸗ ſchwornen, ſagte Roſabella. Der Prinz und die Mar⸗ quiſe präſidirten. Und weißt Du, was ſie beſchloſſen haben? Nein, noch nicht! Aber ich werde es heute noch erfahren, denn ſicher kommt heute noch der Prinz, und Ricconet wird ihn, wie immer, begleiten! Und dieſer Kammerdiener Ricconet hat kein Geheim⸗ niß vor Dir? fragte La Chaiſe, indem er das Mäd⸗ chen umarmte. Wie ſollte er, fragte ſie, da er mein Geliebter iſt? Er hat ſich geſtern eine Buſennadel gewünſcht, und wenn ich ihm die ſchenken könnte, dann wäre ich ſei⸗ ner für immer gewiß, und er würde mir nichts ver⸗ ſchweigen. La Chaiſe drückte ihr einige Goldftücke in die Hand. Da haſt Du Geld zu einer Bufennadel, ſagte er. Ah, — 122— wie würde ich dieſe Nadel beneiden, wenn ſte beſtimmt wäre, auf dieſem ſchönen Buſen zu ruhen! Ihr ſeid zu wild! flüſterte Roſabella, indem ſie ſich loszumachen ſuchte. Wenn man uns überraſchte! Es iſt wahr! ſagte La Chaiſe, wenn man uns über⸗ raſchte! Aber ſage mir Roſabella, wie hoch beläuft ſich die Summe, für welche die Marquiſe ihre Brillan⸗ ten verſetzt hat?. Tauſend Piſtolen! Ah, tauſend Piſtolen! Und noch Eins, wie nannte mich doch die Marquiſe, als ſie jüngſt mit dem Prin⸗ zen von mir ſprach? Roſabella ſagte lachend: Sie nannte 45 einen homme sans consequence! Richtig, ſo war es! rief La Chaiſe, anſcheinend heiter, und grüßte Roſabella zum Abſchied. Nun, beim allmächtigen Gott, dachte La Chaiſe, als er hinaus trat auf die Straße, dieſes übermüthige Weib ſoll erfahren, was dieſer homme sans conse- quence vermag! Ich werde mich rächen! VII. Sultan oder Jeſuit? Die ſchöne Marquiſe Chatillon hatte endlich ihre Thränen getrocknet, weil ſie ſich noch zur rechten Zeit erinnerte, daß das Weinen jedenfalls das Feuer ihrer Augen ein wenig trüben könne, und daß ſelbſt, wenn ſie nicht auf dem Hofballe erſcheinen könne, ſie doch nicht ganz mit dem Leben brechen und ihre Schönheit zerſtören wolle. Sie hatte alſo aufgehört zu weinen, aber ſie war noch immer tief betrübt und kummervoll, und ihre lebhafte Phantaſie malte ihr alle die mög⸗ lichen Schreckniſſe vor, die aus dieſem Nichtbeſuchen des Hofballs für ſie entſtehen mußten. Der König, dachte ſie, würde es ihr natürlich nie verzeihen, auf dieſem Feſte zu fehlen, er würde darin eine Beleidi⸗ gung ſeiner gefeierten Herzogin ſehen, und dennoch war es unmöglich an dieſem Gallafeſte ohne ihren bekann⸗ ten und oft beneideten Brillantſchmuck zu erſcheinen, denn dies würde wieder als eine Nichtachtung, als ein Verſtoß gegen die Etiquette ausgelegt werden! Die Marquiſe war ſehr troſtlos, und in kummer⸗ voller Reſignation die Hände faltend, ſagte ſie mit vor Wehmuth zitternder Stimme: ich werde alſo mich entſchließen müſſen, krank zu ſein, und damit dieſe Krankheit nicht zu überraſchend und gleichſam nur als ein Vorwand erſcheine, muß ich heute ſchon krank und leidend werden! Ach, ich muß nun alſo mindeſtens ſechs Tage im Bette hinbringen! Mein Gott, wie langweilig iſt dies! Und dennoch muß es ſo ſein! Und da es in der That kein anderes Auskunfts⸗ mittel gab, ſchellte die Marquiſe ihren Kammerfrauen, und befahl mit matter verſagender Stimme, ſie auf ihr Lager zu tragen, und ſofort nach ihren Ärzten zu ſenden. Dann ſank ſie in einer Art Erſtarrung zuſammen, und die angſtvollen, erſchreckten Dienerinnen hatten Mühe dieſe bewegungsloſe Geſalt auf das Lager zu ſchaffen. Man rief die Arzte, und dieſe gelehrten Männer der Wiſſenſchaft erklärten mit feierlichem Kopfſchütteln, — 125— die Frau Marquiſe ſei ſehr krank, ja ihr Leben ſchwebe in größter Gefahr, und nur ihrer Kunſt allein möge es noch gelingen, die edle Dame vom Tode zu er⸗ retten.— Indeß hatte man nach dem Prinzen geſandt, und dieſer war gekommen, und warf ſich verzweifelnd und laut jammernd neben dem Lager nieder, auf welchem ſeine ſchöne Geliebte bleich und noch immer bewegungs⸗ los dalag.— Aber als er ihre Hand ergriff und ſie mit Küſſen bedeckte, ſtieß die Marquiſe einen lauten Schmerzensſchrei aus, und die Arzte beſchworen daher den Prinzen der armen Leidenden Ruhe zu gönnen, und nicht durch die lauten Ausbrüche ſeines Schmer⸗ zes die Gefahr, in welcher die Marquiſe ſchwebte, noch zu vergrößern. Ruhe, und ununterbrochene Stille ſei das erſte Be⸗ dingniß einer möglichen, aber immer noch zweifelhaften Rettung, ſagten ſte, und der arme Condé, nicht im Stande ſeinem Schmerze Schweigen außzuerlegen, ent⸗ ſchloß ſich daher in ſeinen Palaſt zurückzukehren, in⸗ dem er befahl, ihm jede Stunde Nachricht zu ſenden von dem Befinden ſeiner Geliebten. Bald herrſchte eine lautloſe Stille in den Gemächern der Marquiſe; die Kranke ſchien zu ſchlummern und die Ärzte zogen ſich zurück, indem ſie Arzeneien und Medicamente allerlei Art verordnet hatten. Roſabella ſaß aufhorchend, und mit ängſtlichen Blicken ihre Gebieterin beobachtend, an deren Lager. Plötzlich richtete die Marquiſe ſich auf, und als ſie ſah, daß ſie mit ihrer vertrauten Dienerin allein war, brach ſie in ein lautes, ſpöttiſches Lachen aus. Nun, Roſabella, ſagte ſie, daß ich im Stande war, dieſe gelehrten Herrn Ärzte und den armen Prinzen zu täuſchen, das iſt es nicht, was mich wundert. Aber, daß auch Du mich im Ernſte für eine Kranke nahmſt, das beweiſt mir, daß ich eine ſehr geſchickte Künſtlerin bin, und ſelbſt der ſo berühmten Truppe des jungen Herrn Molière Ehre machen könnte! Ah, wenn dies wirklich nur eine Comödie war, rief Roſabella lachend, dann haben Sie geſpielt, wie eine Göttin, gnädigſte Marquiſe! Und ich werde noch ſechs Tage ſo ſpielen müſſen! ſeufzte die Marquiſe, und ſetzte dann ihrer Kammer⸗ frau die Gründe ihrer gezwungenen Krankheit aus⸗ einander. Roſabella mußte freilich eingeſtehen, daß die Mar⸗ quiſe das beſte Theil erwählt habe, aber indem ſie es für zweckdienlich erkannte, die ganze Welt zu täuſchen, konnte ſie ſich doch des Mitleids nicht erwehren mit dem armen, kummervollen Prinzen Condé. Ihn ſollten Ew. Gnaden wenigſtens tröſten, indem ſie ihn in Ihr Vertrauen ziehen! bat Roſabella. Nein, ſagte die Marquiſe trotzig, gerade er muß an meine Krankheit glauben, und ſein Kummer wird am beſten die Welt überzeugen, daß es Ernſt iſt mit mei⸗ ner Krankheit. Man weiß, daß der edle Condé kei⸗ ner Verſtellung fähig iſt! Überdies hat er auch dieſe kleine Strafe verdient, denn er allein trägt ja die Schuld, daß ich, ſtatt auf dem Hofballe zu erſchei⸗ nen, dieſe langen, troſtloſen Tage hier im Bette hin⸗ bringen muß! Bah, ein Prinz, und iſt nicht einmal in jeder Stunde Herr über tauſend Piſtolen! Das verdient eine Strafe! In dieſem Augenblick erſchien eine der Kammer⸗ frauen, und winkte Roſabellen mit wichtiger Miene in das Vorzimmer zu kommen. Roſabella verließ das Gemach, und kehrte dann mit einem Briefe zurück. Ah, gewiß eine zärtliche Epiſtel meines unglücklichen Condé! rief die Marquiſe! Nein, Ew. Gnaden. Es iſt ein ſehr räthſelhafter Brief. Niemand kennt die Livree des Lakayen, der ihn gebracht hat, Niemand hat ihn jemals im Vor⸗ zimmer der gnädigen Frau geſehen. Er hatte aber durchaus verlangt, den Brief nur in meine Hände nie⸗ derzulegen, und als er ihn mir übergeben, entfernte er ſich ſchnell, und ohne ein Wort zu ſagen, oder eine Antwort zu begehren. Das iſt räthſelhaft, in der That! ſagte die Mar⸗ quiſe. An wen iſt denn der Brief? Er hat keine Adreſſe! So öffne ihn und lies! Roſabella zerbrach das Siegel, und nachdem ſie den Brief entfaltet, las ſie: „Ein Freund und zärtlicher Anbeter der Marquiſe kennt den Kummer, welcher in dieſem Augenblick das Herz der ſchönſten Dame von Paris bedrückt, und in⸗ dem er ihn kennt, will er verſuchen, ihn zu heilen. Ein Kuß von Heloiſens ſchönen Lippen iſt mehr werth, als tauſend Piſtolen.“ Die Marquiſe ſtieß einen Freudenſchrei aus, und — 129— indem ſie raſch von ihrem Schmerzenslager ſich erhob, entriß ſie mit einer ungeſtümen Bewegung Roſabellen das Papier, und überflog es mit Freude ſtrahlenden Blicken. Als ſie bis zu der Stelle gelangt war, wo Roſabella aufgehört hatte zu leſen, las ſie weiter: „Wenn die Marquiſe ſtatt eines Kuſſes ſich tauſend Piſtolen einlöſen will, ſo öffne ſie ſogleich das Fenſter, und klopfe dreimal laut und deutlich in ihre kleinen entzückenden Hände. Zu gleicher Zeit aber laſſe ſie von Roſabellen die Thüre öffnen, welche zur geheimen Treppe führt, und ferner auch die Pforte, welche von dieſer Treppe auf die Straße geht. Vor dieſer Pforte harrt ein Freund auf das Zeichen, das ihm den Himmel öffnen ſoll, und zugleich ihm beweiſt, daß die ſchöne Marquiſe gnadenvoll dies un⸗ bedeutende Geſchenk von tauſend Piſtolen annimmt.“— Ah, dies muß ein Nabob ſein! rief die Marquiſe. Tauſend Piſtolen, das nennt er ein unbedeutendes Ge⸗ ſchenk!— Und weiter enthält der Brief nichts? fragte Roſa⸗ bella.. Weiter nichts! Aber dies iſt vollkommen genug! II. 9 — 130—— nief die Marquiſe, und ihre Augen flammten vor Freude und Luſt. Offne die Thüren, Roſabella, ſchnell, laß uns keine Zeit verlieren, dieſer Nabob möchte ungeduldig werden! Und die Marquiſe näherte ſich dem Fenſter, um es zu öffnen. Aber Roſabella hielt ſie zurück. Um Gottes willen, ſagte ſie, zitternd vor Angſt, um Gottes willen, thut dies nicht! Mein Himmel, es können ja Räuber ſein, welche auf dieſe Weiſe uns überfallen und ausplündern wollen! Ah, bah, Räuber! rief die Marquiſe, welcher die Ausſicht auf die tauſend Piſtolen einen kühnen Muth verliehen hatte. Räuber! Nein, nein, nur irgend ein ſehr hoher, und ſehr reicher Freund kann ahnen, was mich jetzt bedrückt! Woher ſollten Diebe und Räuber wiſſen, daß ich eben dieſer tauſend Piſtolen bedarf? Geh alſo ſchnell und öffne. Sobald Du wieder hier biſt, werde ich das Zeichen geben! Aber darf ich nicht mindeſtens einen der Lakayen mit mir nehmen? Mein Gott, wenn es nun Räuber ſind, die über mich herſtürzen, ſobald ich die Thüre öffne! Unſinn! rief die Marquiſe, vor Ungeduld mit den —; Füßen ſtampfend. Du gehſt, und befolgſt meine Be⸗ fehle! Roſabella ſeufzte, aber ſie wagte nicht länger noch zu widerſprechen, und indem ſie an einer der goldenen Roſetten drückte, welche hier und da an der Wand angebracht waren, öffnete ſich eine verborgene Thür, und man ſah durch dieſelbe in ein dunkles kleines Vorzimmer, von welchem eine mit Teppichen belegte Treppe hinab ging zu der kleinen Pforte, die auf die Straße führte. Ich muß alſo dieſen Gang unternehmen! ſeufzte Roſabella, und rannte, wie ein geſcheuchtes Reh die Wendeltreppe hinab. Die horchende Marquiſe hörte, wie ſie die Riegel unten zurückſchob, und die Pforte leiſe aufklinkte. Einige Secunden ſpäter ſtürzte Roſabella bleich und athemlos wieder in das Zimmer. Es iſt geſchehen! ſagte ſie, und jetzt mögen die Räuber kommen! Ich ſterbe, meiner Gebieterin ge⸗ treu! Aber die Marquiſe achtete nicht auf ſie. Mit raſcher Hand ſchob ſie einen Fenſterflügel zurück, und ſich weit hinaus lehnend über die Brüſtung, klatſchte ſie drei 9* — 132— Mal laut in die Hände. Sofort hörte man von der Straße herauf ein gleiches dreimaliges Händeklatſchen. Er hat geantwortet auf mein Signal! ſagte die Marquiſe, indem ſie das Fenſter ſchloß. Eine athemloſe, erwartungsvolle Stille trat ein. Jetzt vernahm man auf der Treppe ein leiſes Ge⸗ räuſch. 4 Roſabella lag auf ihren Knieen und betete vor Angſt. Selbſt die Marquiſe zitterte ein wenig. Das Geräuſch näherte ſich, man hörte deutlich Schritte auf der Treppe,— und plötzlich ſtanden zwei männ⸗ liche Geſtalten auf der oberſten Stufe. Sie trugen die reiche und glänzende Tracht türkiſcher Sclaven, ſilberdurchwirkte Turbane bedeckten ihre Häupter, ſei⸗ dene Masken verhüllten das Angeſicht, und ſelbſt Ro⸗ ſabella begann Vergnügen zu finden an dieſem ſeltſa⸗ men Anblick. Jetzt näherten ſich die beiden Türken dem Zimmer, und tiefgebeugt zu der Marquiſe hinſchreitend, ließen ſie ſich ehrfurchtsvoll auf ein Knie vor ihr nieder. Dann, nachdem ſie den Saum ihres Kleides geküßt, ſetzte Jeder von ihnen einen Beutel mit klingendem Geld zu ihren Füßen nieder. — 133— Die Marquiſe lächelte anmuthsvoll, die beiden Scla⸗ ven erhoben ſich, und traten demüthig, die Hände über der Bruſt gekreuzt, geſenkten Hauptes, bei Seite. Abermals näherten ſich Schritte, und abermals ka⸗ men zwei türkiſche Sclaven, genau gekleidet, wie die Vorigen, und abermals ſetzten ſie zwei Beutel mit klingendem Gelde zu den Füßen der Marquiſe nieder, und traten demuthsvoll bei Seite, um wieder neuen Sclaven Platz zu machen. Zehn Sclaven waren jetzt ſchon gekommen, ſte ſtan⸗ den in zwei Reihen getheilt, mit über der Bruſt ge⸗ kreuzten Armen und geſenkten Hauptes an den beiden Seiten der geheimen Thür. Zehn Beutel mit klingendem Gelde lagen zu den Füßen der Marquiſe, und die Marquiſe lächelte in ſeliger Verklärung, während Roſabella, noch immer auf den Knieen liegend, mit weit aufgeriſſenen Augen dieſes ſeltſame Schauſpiel betrachtete*). Wieder vernahm man jetzt Geräuſch auf der Treppe. *) Vie qu Pére la Chaise. Vol. III.— histoire amou- reuse de Gaules, Vol. I, contenant l'histoire de Madame d'Olonne et de la Marquise de Chatillon. — 134— Die zehn Sclaven ſtürzten zur Erde, mit gekreuzten Armen, und mit dem Geſicht den Fußboden berührend. Und jetzt erſchien in der Thüre eine hohe männliche Geſtalt in der reichſten, türkiſchen Kleidung. An dem golddurchwirkten Turban blitzte eine Agraffe von Brillan⸗ ten, ein reich mit Edelſteinen verzierter Dolch ſteckte in dem golddurchwirkten Gürtel, von welchem ein gleichfalls mit Juwelen beſetzter türkiſcher Säbel her⸗ niederhing und klirrend den Boden berührte. Es war eine ſehr ſchöne, ſehr prachtvolle Erſcheinung, und die Marquiſe fühlte in dieſem Augenblick, daß ſie ſogar willig einen dieſer zehn Beutel, welche zu ihren Füßen lagen, darum geben würde, wenn ſie das Antlitz die⸗ ſes wundervollen, räthſelhaften Fremden dafür ſehen könne. Aber dieſes Antlitz war verhüllt von einer ſeidenen Maske, und ſie ſah nichts als zwei große Augen, deren brennende Blicke auf die Marquiſe ge⸗ richtet waren. Der Türke ſagte einige ſchnelle, fremde Worte zu den knieenden Sclaven. Sofort erhoben ſich diee,“ und verließen mit ehrfurchtsvoller Verneigung das Zim⸗ mer. Bald verhallten ihre Schritte auf der Treppe, — 135— und man hoͤrte deutlich, wie ſte die Pforte unten öffne⸗ ten und den Palaſt verließen. Der Fremde winkte Roſabellen, indem er in gebie⸗ teriſchem Tone ſagte: nſchließe die Pforten.“ Das junge Maͤdchen eilte dieſem Befehl zu genü⸗ gen. Der Fremde blieb ſchweigend in der geöffneten Thüre ſtehen, bis Roſabella zurückkehrte. Jetzt fort mit Dir! Laß uns allein! befahl er dann, indem er ſelbſt die geheime Pforte ſchloß.— Roſa⸗ bella blickte zweifelnd auf die Marquiſe, und da dieſe ſchweigend den Befehl des Fremden beſtätigte, verließ Roſabella das Gemach. Die Marquiſe ſtand noch immer ſprachlos, wie in einem Traum befangen. Der Fremde näherte ſich ihr, und indem er ein Knie vor ihr beugte, drückte er ſeine Lippen auf dieſe Hand, welche ihm willenlos überlaſſen ward. Dann ſprach er zu ihr Worte der Leidenſchaft und des Entzückens. Sie klangen der Marquiſe, wie Muſik, und wäh⸗ rend er ſprach, dachte ſie daran, daß ſie nun nicht verdammt ſein würde, ſechs ewig lange Tage die Kranke zu ſpielen, ſondern daß ſie in dem ganzen Glanze — 136— ihres köſtlichen Schmuckes beim Feſte des Königs er⸗ ſcheinen würde. Dann verglich ſie im Geiſte dieſen wunderthätigen, freigebigen Fremden mit dem Prinzen Condé, und als ſie die zehn gefüllten Beutel betrach⸗ tete, welche zu ihren Füßen lagen, mußte ſie ſich ge⸗ ſtehen, daß der Prinz an Großmuth und Liebenswür⸗ digkeit durchaus nicht dieſem Fremden gleiche, welcher tauſend Piſtolen hingab für einen Kuß von ihr! Als er ſie jetzt um dieſen Kuß bat, reichte ſie ihm mit einem köſtlichen Lächeln ihre friſche Lippen dar, und er zog ſie ſtürmiſch an ſein Herz.—— Wirſt Du mich lieben? fragte er nach einer langen Pauſe. Ich werde Dich lieben! ſagte ſie zärtlich. Und willſt Du mir ſchwören, Dein Wort zu hal⸗ ten, und niemals dieſe Maske zu berühren, welche mein Antlitz bedeckt Ich ſchwöre es! Ich werde Deine Liebe in Deinen Augen leſen, und das iſt mir genug! Arm in Arn ſanken ſie auf den Divan nieder. Es war ein ſüßes Geflüſter, ein zärtliches Gekoſe, und die Marquiſe geſtand ſich, daß ſie niemals ſo begei⸗ — 137— ſterte Dythiramben der Liebe vernommen, niemals ein ſo leidenſchaftliches Entzücken geſehen habe. Sie war ganz bezaubert, ganz hingeriſſen. Und werde ich Dich wiederſehen? fragte ſie, als er nach langen, köſtlichen Stunden des Glückes auf⸗ brach, um ſie zu verlaſſen. In zwei Tagen, genau um dieſe Stunde bin ich wieder bei Dir! Horche auf das Zeichen! Und er küßte ſie, und verſchwand dann hinter der geheimen Thür. Die Marquiſe ſank ſeufzend in die Kiſſen des Di⸗ vans zurück.— Und in zwei Tagen kehrte der geheimnißvolle Fremde wieder, und abermals ſchritten ihm zehn Sclaven mit zehn gefüllten Geldbeuteln voran, und legten das klin⸗ gende Geld zu den Füßen der Marquiſe nieder. Sie war ganz berauſcht von Glück, ſie war ent⸗ zückt dieſen Fremden wieder zu ſehen, der mit ſeinem Golde, und ſeiner geheimnißvollen Erſcheinung, mit ſeinen Liebesworten, und ſeinen glühenden Blicken ihre ganze Seele, ihr ganzes Daſein überwunden und ſich zu eigen gemacht hatte.— Sie liebte ihn grenzenlos, ſie träumte, ſie dachte nichts als ihn, und zum erſten — 138— Male fühlte ſich ihr kaltes Herz erwärmt von dem Strahl der Liebe! Als im Verlauf des nächſten Tages La Chaiſe kam, fand er die Marquiſe wie umgewandelt. Sie war träumeriſch, ſtill und unendlich ſanft und milde. Doch blitzte in ihren großen, ſchwimmenden Augen ein ſchwär⸗ meriſches, ſehnſüchtiges Feuer, und ihre Lippen, die wie zwei Purpurroſen glühten, umſpielte ein ſtolzes, ſeliges Lächeln.— Aber ſie war ſchweigſam und ſin⸗ nend, es machte ihr nicht mehr Vergnügen dieſen armen Pater, welcher ſie liebte, zu quälen,— weil ſie liebte, hatte ſie aufgehört, eine Coquette zu ſein. Und zu denken, daß dieſes Alles das Werk iſt die⸗ ſes homme sans consquence! ſagte er, als er ſie verlaſſen, und ſinnend das Vorzimmer durchſchritt. Roſabella erwartete ihn hier, wie immer. Nun, ſagte er, hat Ricconet die Buſennadel bekom⸗ men, und gebeichtet? Er hat gebeichtet! Es iſt eine fürchterliche Ver⸗ ſchwörung. Hören Sie nur! Und Roſabella neigte ſich an La Chaiſe's Ohr und ſprach lange und eifrig zu ihm. Es ſtimmt Alles genau überein mit dem, was die —ͤ— ——— — 139— Marquiſe dem Türken von dieſer Sache anvertraut! ſagte La Chaiſe ſinnend, als Roſabella ſchwieg. Dem Türken? Sie kennen alſo dieſen Türken? Ja, ich kenne ihn. Doch ſtill davon! Du darfſt dies Niemand verrathen! Aber ſagteſt Du mir nicht, daß Ricconet Dich zu heirathen verſprochen, wenn Du ihm eine Ausſteuer von fünftauſend Francs brächteſt? Ja, ſo iſt es! Jetzt merke wohl auf, mein Kind. Übermorgen werde ich Dir einen Brief bringen! Den giebſt Du in Condé's Hände, und wenn Du dies geſchickt ge⸗ macht, ſind fünftauſend Franes Dein! Und La Chaiſe entzog ſich Roſabellen's Dankſagun⸗ gen, indem er die Stiegen hinunter eilte, und den Palaſt der Marquiſe verließ. VIII. Rache! Drei Tage ſpäter begab ſich folgende Scene in dem Palaſte der Marquiſe Chatillon. Es war in dem Schlafgemach der Marquiſe. Das Zimmer war leer. Eine Ampel, welche von der Decke herniederhing, beleuchtete daſſelbe mit mattem Dämmer⸗ licht und goß einen magiſchen Schein über dieſes Ruhe⸗ bette von ſtrohgelbem Atlas, das ſo oft die ſchöne Geſtalt der Marquiſe getragen. Die Portière ward zurückgeſchoben, und vorſichtig und ſpähend umher ſchauend, erſchien Roſabella. Raſch das Gemach durcheilend, drückte ſie an der kleinen Roſette in der Wand, und die geheime Thür öffnete ſich. Ein Mann erſchien hinter derſelben, Geſtalt und Antlitz verhüllt in einem langen ſchwarzen Mantel. Roſabella verneigte ſich vor ihm, und der Mann — 141— erwiderte, indem er eintrat und die Thüre in's Schloß drückte, mit einem leichten Kopfnicken ihren ehrerbietigen Gruß. Ew. Gnaden haben mein Billet erhalten? fragte das Mädchen. Ich habe es! Und deshalb bin ich hier! Der Hofball iſt beendet, ſie wird gleich kommen, verbirg mich alſo! Roſabella ſchlug die faltigen, ſchweren Vorhänge zurück, welche das Bette der Marquiſe umgaben, und der Mann trat hinter dieſelben. Das Mädchen prüfte, ob nichts die Gegenwart dieſes Fremden verriethe, ſie ſchlug den Vorhang halb zurück und ordnete ihn in dichtern Falten um die Geſtalt des Verhüllten. Jetzt vernahm man das Rollen eines Wagens. Roſabella ſtürzte von dem Vorhang weg und hob die Portière zurück, um die Marquiſe zu empfangen, welche ſo eben vom Hofballe heimkehrte. Sie trat ein, dieſe ſchöne Heloiſe von Chatillon, und indem ſie lächelnd ihrer Dienerin zunickte, eilte ſie zum Fenſter hin und horchte. Nichts ließ ſich vernehmen. — 142— Roſabella näherte ſich ihrer Gebieterin und fragte, ob ſie dieſelbe entkleiden dürfe. Nein, ſagte die Marquiſe, ich will, daß er mich heute in dieſem Schmucke ſehe, den tragen zu können ich ihm verdanke! Was kümmern mich alle dieſe Bei⸗ fallsbezeugungen und alle dieſe Bewunderung, welche man mir heute Abend geſpendet! Er ſoll mich ſchön finden, das iſt Alles! Aber der Prinz wird Euch auch ſchön gefunden haben, gnädigſte Marquiſe? Ach, was kümmert mich der Prinz! Freilich, er war ganz außer ſich, der gute Narr! Aber horch, hörſt Du nichts? Ja wohl, es iſt ſein Zeichen! Die Marquiſe öffnete das Fenſter und klatſchte drei⸗ mal in die Hände.. Oeffne! befahl ſie Roſabellen, welche ſofort hinter der geheimen Thür verſchwand. Er kommt, er kommt! jubelte die Marquiſe. Oh mein Gott, wie lieb' ich ihn! Und als ſie auf der Treppe ſeinen leichten elaſti⸗ ſchen Schritt zu vernehmen glaubte, eilte ſie ſelbſt, die Thüre zu öffnen. Aber es war nur Roſabella. — 143— Er kommt doch? fragte die Marquiſe. Ja, ſeine Sclaven ſind ſchon auf der Treppe! Und Roſabella zog ſich in das Vorzimmer zurück. Die Sclaven kamen und verneigten ſich vor der Marquiſe. Aber diesmal brachten ſie keine Beutel mit Gold, ſondern Jeder hielt ein blinkendes Schwerdt in ſeiner Hand, und ſtellte ſich mit demſelben neben der Eingangsthür hin. Und jetzt erſchien ihr Herr, der räthſelhafte Geliebte Heloiſens, auf der Schwelle. Schweigend winkte er den Sclaven, die ſofort das Gemach verließen und in das kleine dunkle Vorzimmer der geheimen Treppe zurücktraten. Dann eilte der Türke zu der Marquiſe hin, und indem er ein Knie vor ihr beugte, ſagte er: Du gleichſt in dieſem Schmuck der Göttin der Nacht, He⸗ loiſe, tauſend Sterne umleuchten Dich! Ih bete Dich an, meine Göttin! Wenn ich die Nacht bin, ſo biſt Du mein Mond. Ohne Dich iſt Alles um mich her trübe und finſter! ſagte ſie. Du liebſt mich alſo? fragte er, und zog ſie zu dem Divan hin. — 142— Und die Marquiſe betheuerte mit glühenden Schwü⸗ ren ihre unwandelbare Liebe. Aber der Prinz? fragte ihr Geliebter. Weißt Du, ich bin eiferſüchtig auf dieſen Prinzen! Ah, eiferſüchtig auf Condé, ſagte die Marquiſe mit einem grauſamen Lachen. Was kümmert mich dieſer Condé? Was iſt er mir je geweſen? Ich habe ſeine Liebe geduldet und ſie benutzt, weiter nichts! Dich aber liebe ich! Ohne mein Antlitz geſehen zu haben? Ja, ich liebe Dich, Dich allein! Was kümmert mich Dein Antlitz! Und wärſt Du häßlich, wie die Nacht, ich würde Dich dennoch lieben, wie meinen Gott und meinen König! Ein lautes, ſpöttiſches Lachen tönte von des Fremden Lippen,— er ſtieß dieſe zärtliche, ſchöne Marquiſe, welche ſich eben an ihn ſchmiegte, unſanft von ſich, und ſtand ſtolz, die Arme ineinanderlegend, vor ihr da. Du biſt eine Lügnerin! ſagte er rauh. Dieſelbe Liebe, welche Du mir heute ſchwörſt, haſt Du geſtern dem Prinzen geſchworen! Nein, nein! ſchrie ſie, und ſtürzte zu ihm hin. Ich v — 145— habe nichts geſchworen, ich liebe nur Dich! Wer Du auch ſeieſt, Gott oder Teufel, ich liebe nur Dich! Der Fremde ſchlug den Vorhang zurück, welcher die Geſtalt des Unbekannten verhüllte. Sie haben gehört, mein Prinz? fragte er in ſpötti⸗ ſchem Ton. Ich habe Alles gehört! ſagte Condé, indem er vor⸗ trat und mit zornblitzenden Augen ſich der Marquiſe gegenüber ſtellte. Ich habe Alles gehört und ich weiß jetzt, was ich niemals glauben wollte. Die Marquiſe Chatillon iſt eine kalte, herzloſe Coquette, deren Liebe und deren Ehre käuflich iſt! Ich danke Ihnen, mein Herr, Sie haben mich von der Schande befreit, eine ehrloſe Buhlerin zu lieben! Die Marquiſe war auf das Ruhebette geſunken und verbarg zitternd ihr Haupt in den Kiſſen. Blicke empor! befahl der Fremde. Richte Dein Auge auf, damit Du mein Antlitz ſehen kannſt, das Antlitz deſſen, den Du ſo ſehr liebſt! Die Marquiſe, unwillkührlich dieſem Befehle fol⸗ gend, richtete ſich empor. Der Prinz Condé war auf einen Seſſel geſunken und hatte ſich das Geſicht verhüllt, der Sieger von II. 10 — 146— Rokroy weinte um eine ſeit zehn Jahren genährte heilige und treue Liebe,— der Stern ſeines Lebens war hinabgeſunken in den Schmutz der Erdenwelt! Heloiſe, ſagte der Fremde noch einmal, Du ſollſt jetzt das Antlitz Deſſen ſehen, den Du liebſt! Und mit einer raſchen Bewegung Kaftan und Tur⸗ ban von ſich werfend, zeigte ſich unter dieſer glänzen⸗ den Tracht das ſchwarze Gewand eines Prieſters. Die Maske fiel,— und unter derſelben ſah man das ſtolze und ſpöttiſche Angeſicht La Chaiſe's. La Chaiſe! ſchrie die Marquiſe. 6 Ja, ſagte er, es iſt La Chaiſe, dieſer arme, ver⸗ 3 ächtliche Prieſter, dieſes Spielwerk der edlen Marquiſe Chatillon. Dieſer homme sans consequence, der nicht mehr bedeutete, als der Papagey, welchen man gelehrt, Worte der Zärtlichkeit zu ſprechen. Es iſt La Chaiſe, welchem die Marquiſe ſich verkauft hat, und der ihr jetzt den Rücken wendet, weil er ſie ver⸗ achtet! r 1 Aber dies iſt abſcheulich! ſchrie die Marquiſe. Ein elender Prieſter wagt es, mich zu verhöhnen! Sie ſtürzte zu dem Prinzen hin, und ſeine Knie umklammernd, rief ſie: Condé, mein Freund, mein — 147— Geliebter, rette mich vor dieſem Jeſuiten. Räche mich an dieſem Prieſter, und ich ſchwöre, Dich, und nur Dich allein zu lieben! Der Prinz ſtieß ſie zurück,— ſeine Thränen waren verſiegt, er war wieder ein Mann geworden. Ich mag Ihre Liebe nicht! ſagte er, ſich aufrich⸗ tend. Sie iſt mir zu wohlfeil und zu theuer! Ein Kuß koſtet tauſend Piſtolen! rief La Chaiſe ſpöttiſch und ſich mit ironiſcher Ehrfurcht vor der Mar⸗ quiſe verneigend, fuhr er fort: ich danke Ihnen, Gnä⸗ digſte, für dieſe köſtlichen Stunden des Glückes, die Sie mir geſchenkt. Die Erinnerung an dieſelben ſei Ihre Beſchämung und meine Rache! Ah, die ſtolze, ſchöne Marquiſe Chatillon hat einen unbekannten, klei⸗ nen Prieſter geliebt, und ſich täuſchen laſſen von die⸗ ſer lächerlichen Maske, welche er angenommen! Ah, was wird Hof und Stadt von dieſer allerliebſten Ge⸗ ſchichte ſagen! Wie viel wird man nicht darüber zu lachen und zu witzeln wiſſen! Ich werde Ihnen einen cavaliermäßigen Ruf verdanken, Gnädigſte. Mein Herr, ſagte Condé ſtolz, ich befehle Ihnen über die Begebenheiten dieſer Nacht ein unverbrüch⸗ liches Schweigen zu bewahren. Man ſoll es nicht 10* — 148— wagen, meinen Namen bei dieſer lächerlichen Comödie zu nennen! Niemand hat mir Befehle zu ertheilen, als der Ge⸗ neral meines Ordens! rief La Chaiſe ſtolz. Niemand bin ich Rechenſchaft ſchuldig, als ihm und dem Car⸗ dinal Mazarin! Mazarin! ſchrieen die Marquiſe und der Prinz. Ja, Mazarin! ſagte La Chaiſe ruhig. Mazarin, welchen ich verehre, als meinen Freund! Mazarin, welcher bedroht iſt von verruchter Mörderhand, und deſſen Leben in dieſer Stunde an einem Haare ſchwebte. Wir ſind verloren! ſchrie die Marquiſe. Der Prinz ſogar erbleichte. La Chaiſe beobachtete Beide mit ſtolzen, triumphi⸗ renden Blicken. 4 Beruhigen Sie Sich, ſagte er, mein Gott, wer hätte glauben ſollen, daß Sie Beide den Cardinal ſo ſehr lieben, daß Sie zittern, wenn eine Gefahr ihn bedroht! Beruhigen Sie Sich! Gottes Auge wacht über ſeinem geſegneten Diener, der Cardinal iſt ge⸗ rettet durch mich und durch Sie, Marquiſe, denn Sie waren es, welche mich zum Vertrauten dieſer Ver⸗ ſchwörung gemacht! wollen. — 149— Sie waren alſo ein Spion, eine elende Creatur des Cardinals, ſchrie Condé wüthend. Ich werde Sie züchtigen, wie man einen Buben züchtigt. Er erhob die Hand gegen La Chaiſe. Wagen Sie es nicht! rief dieſer ſtolz, und ſein flammendes Auge ſchien den Prinzen durchbohren zu Wagen Sie es nicht, oder Sie ſind verloren! Und zu der geheimen Thüre tretend, drückte er an der Roſette. Die Pforte öffnete ſich, und ſchweigend, mit ge⸗ ſchultertem Schwerdte traten die zehn Begleiter La Chaiſe's herein. Sie ſehen, ich bin gut bewaffnet und bewacht, ſagte La Chaiſe. Der Cardinal wacht über ſeinem getreuen Diener! Mein Prinz, fuhr er dann leiſer fort, der Cardinal grüßt Sie durch meinen Mund! Er will es nicht glauben, daß Ew. Gnaden in dieſe mörderiſche Ver⸗ ſchwörung verwickelt waren, er will es nicht glau⸗ ben, daß Sie wußten um dieſes Unternehmen Ihres Kammerdieners Ricconet, den man in dieſer Stunde — 50— verhaftet hat, und der eines Mordverſuchs gegen den Cardinal geſtändig iſt. Se. Eminenz, der Cardinal iſt von jeher ein Un⸗ gläubiger geweſen! ſagte Condé, der ſelbſt in dieſem Augenblicke der Gefahr ſeinen kühnen Muth nicht ver⸗ lor. Vielleicht wird es mir einmal ſpäter gelingen, ihn zum Glauben zu bekehren. Diesmal aber danke ich ihm ſeinen Unglauben, wie ich Ihnen danke für dieſe Enttäuſchung. Ich danke Ihnen für die Ent⸗ täuſchung, aber für die Beſchämung werde ich mich zu rächen wiſſen! Von heute an haben Sie an mir einen unverſöhnlichen Feind! Und mit einem ſtolzen Kopfnicken wandte Condé ſich um, und verließ das Gemach. 1 Mein Gott, er verläßt mich! kreiſchte die Marquiſe, er läßt mich allein! Ißr Nicht allein! ſagte La Chaiſe, der homme sans consequence hat die Ehre neben Euch zu ſein! Dann ſich an die Soldaten wendend, ſagte er: Thun Sie jetzt Ihre Pflicht! Die zehn Soldaten riſſen ihre Masken ab, und die Marquiſe erkannte in ihnen zehn der tapferſten Offi⸗ ciere von der Leibgarde des Cardinals. — 151— Im Namen des Königs! Sie ſind unſere Gefan⸗ gene! ſagte ihr Anführer, indem er ſich der Marquiſe näherte. Welcher Schuld klagt man mich an? ffagte ſie zitternd. Des Hochverraths gegen Frankreich! ſagte La Chaiſe. Ricconet iſt verhaftet, er nennt Euch, Marquiſe, und den Marſchall d'Houdincourt ſeine Mitſchuldigen. Ich bin verloren! ſeufzte die Marquiſe, und ſank ohnmächtig zuſammen. In dieſem Augenblick ſtürzte Roſabella bleich, athem⸗ los in das Gemach. Ricconet, mein Geliebter, iſt verhaftet, und ich bin ſeine Mörderin! ſchrie ſie, und ſich vor La Chaiſe niederwerfend, erhob ſie flehend die Arme zu ihm. Rettet ihn, rettet Ricconet! ſchrie ſie. Ihr ver⸗ ſpracht mir, ihn zu ſchonen, und jetzt laßt Ihr den Prinzen fort, und wollt ſtatt ſeiner nur Rache neh⸗ men an ſeinem Diener. Oh, mein Gott, mein Gott, Gnade für Ricconet, ich kann nicht ſeine Mörderin ſein! Du biſt dafür bezahlt! ſagte La Chaiſe kalt, Du wirſt mit Deinen fünftauſend Francs ſchon einen an⸗ — 452— dern Geliebten beſtechen! Das iſt der Lauf der Welt, Einer beſticht den Andern, und der Eigennutz iſt das Fatum, welches die Geſchicke der Menſchen lenkt! Und ſich von dem verzweifelnden Mädchen abwen⸗ dend, ſagte er zu den Soldaten: die Marquiſe wird dieſes Zimmer nicht verlaſſen, Sie werden die Thüren beſetzen, und Wache halten. Das iſt der Wille des Cardinals! Ich gehe jetzt, ihm Rechenſchaft abzulegen! Ohne nur noch einen Blick auf die ohnmächtige Marquiſe zu werfen, verließ La Chaiſe das Zimmer, indem er leiſe zu ſich ſelber ſagte: ach, wie ſüß iſt doch dieſes Gefühl der Rache! Die Marquiſe wird mich fortan nicht mehr einen homme sans conse- quence nennen! IX. Prieſterweisheit. Mazarin war noch in ſeinem Arbeitscabinet; ob⸗ wohl Mitternacht längſt vorüber war, ſchien er noch angeſtrengt zu arbeiten, und ſein bleiches, mageres Antlitz war beſchattet von finſterer Unruh und Sorge. Er ſaß an ſeinem Tiſche und ſchrieb, aber ſeine Hand zitterte, ſei es nun vor Furcht oder vor innerer Ge⸗ müthsbewegung. Vielleicht waren es beide Gefühle zu⸗ gleich, welche die Hand des Cardinals zittern machten! Er ſchrieb an einem Todesurtheil;— denn ei wußte es wohl, daß das gehorſame Parlament, um ſeinen Eifer zu bethätigen, dieſen Rieconet, welcher heute Abend mit einem zweiſchneidigen Dolche in den Palaſt des Cardinals eingedrungen war und von ſeinen Die⸗ nern im Schlafzimmer des Cardinals gefunden wor⸗ den, verdammen würde!— Der Cardinal ſtattete alſo — 154— mit eigener Hand einen Bericht über dieſen Mord⸗ verſuch an das Parlament ab, und indem er in dem⸗ ſelben die Entdeckung dieſer ganzen Verſchwörung der ſichtbaren Gnade Gottes zuſchrieb, vergaß er dabei, daß Gott bei dieſer Entdeckung weniger thätig gewe⸗ ſen, als der Pater La Chaiſe, der ihm ſchon vor drei Tagen die ganze Verſchwörung verrathen hatte, und deſſen Rathſchlägen zufolge man den Mörder ruhig in den Palaſt und in das Schlafzimmer hatte eindringen laſſen, um ihn in flagranti zu ertappen.— Wie geſagt, dieſen letztern Umſtand vergaß Maza⸗ rin, dem Parlament zu melden, und es war daher vielleicht ſehr vortheilhaft für La Chaiſe, daß er eben kam, um dem Cardinal Bericht zu erſtatten über ſeine gelungene Expedition. Sehr gut, ſehr gut! ſagte der Cardinal, nachdem er La Chaiſe aufmerkſam zugehört. Dieſe Angelegen⸗ heit wäre alſo ganz meinen Wünſchen gemäß zu Ende gebracht! Es wird ein ſehr intereſſantes Schauſpiel geben! Welches Schauſpiel meinen Ew. Eminenz? fragte La Chaiſe. Nun die Hinrichtung dieſes Ricconet! Das Pu⸗ — 155— lament wird ihn ohne Zweifel zum Tode veruttheilen, und ich werde ihn nicht begnadigen können! Ich bin es Frankreich ſchuldig, in dieſem Falle Strenge zu üben. Wie geſagt, es wird ein ſehr intereſſantes Schauſpiel werden! Ich biete Euch dazu ein Fenſter an, denn Ihr habt es wohl verdient, dieſer Hinrich⸗ tung beizuwohnen, welche wir lediglich Eurem redlichen und treuen Eifer verdanken! Und indem Mazarin ſo ſprach, nahmen ſeine Züge jenen tigerartigen, blutdürſtigen und hämiſchen Aus⸗ druck an, welcher oft ſogar die ſtolze und muthige Anna von Öſterreich hatte erzittern gemacht. La Chaiſe fragte zagend: und was wird mit der Marquiſe Chatillon und dem Marſchall d'Houdincourt geſchehen? Ach, ich hoffe, ſie haben an dieſem Schrecken ge⸗ nug, ſagte Mazarin, ſie werden es nicht wieder wa⸗ gen, gegen mich zu conſpiriren! Man wird es endlich doch erkennen müſſen, daß das Leben Mazarin's ge⸗ feiet iſt, und daß ich nicht beſtimmt bin von Mör⸗ derhand zu fallen! Wie oft hat man mir nicht nach dem Leben getrachtet, wie oft iſt ſogar dieſes Parla⸗ ment von Paris feindſelig, ja mörderiſch gegen mich — 156— aufgetreten, wie viel Flüche hat mir nicht ganz Frankreich entgegen gedonnert! Ich habe alle dieſe Schreckniſſe überwunden, ich habe meinen Meuchelmördern ihre Dolche und ihre Meſſer entwunden, das Parlament, welches mich einſt aus Paris verdammte, und mich einen Verräther nannte, es hat mich, als ich wieder⸗ kam, als ſeinen Herrn begrüßt, es kriecht zu meinen Füßen, und folgt ohne zu murren, meinen Befehlen. Frankreich, das mir einſt fluchte, ſegnet mich jetzt, und nennt mich ſeinen Vater! Und Ihr ſeid ihm ein Vater! rief La Chaiſe be⸗ geiſtert. Ja, ein Vater, welcher ſeine Kinder gelehrt hat, ihn zu fürchten, damit ſie durch die Furcht zur Liebe gelangten! Denn wie heißt es in der heiligen Schrift: „die Liebe ſoll die Furcht austreiben!“— Die Furcht muß alſo eher da ſein, um alsdann der Liebe zu weichen! Dieſe guten Franzoſen, ſie haben ſo lange vor mir gezittert, bis ſie endlich mich lieben lernten, und weil ich ihr Sclave nicht ſein wollte, haben ſie mich endlich zu ihrem Herrn angenommen, und zu ihrem Vater! Und jetzt will ich meinen Kindern das Schauſpiel dieſer Hinrichtung gönnen, ſie lieben das, — 157— dieſe guten, gemüthlichen Kinder, und ich darf es ihnen nicht entziehen, als ihr zärtlicher, liebender Vater! So ſprechend zog der Cardinal ſeinen Ring vom Finger, und drückte ſein Siegel unter das Schreiben an das Parlament. Seht, ſagte er dann, mit einem triumphirenden Blick auf dieſes Siegel hindeutend, ſeht dieſes Siegel, das ich in prophetiſchem Geiſt vor langen, langen Jahren zu meinem Wappen gemacht! Es iſt das Symbol meines Lebens! Seht da, dieſen Fels, der mitten aus den Wellen ſich erhebt, dieſer Fels bin ich, und dieſe Wellen, welche ſchäumend an ſeinen Fuß anſchlagen, das iſt die Welt, das ſind meine Feinde! Ich habe ihr Heulen und Stürmen und Brüllen ver⸗ nommen, aber der Fels iſt unerſchüttert geblieben, und darum habe ich mit gutem Bedacht um mein Wappen dieſe Deviſe angebracht. Und Ew. Eminenz hat wohl daran gethan! rief La Chaiſe begeiſtert.„Die Wellen zerſtören den Felſen nicht, aber der Fels zerbricht die toſenden Wellen!˙*) Und dieſer Felſen iſt ein Altar Gottes geworden, vor welchem das Volk in andächtigem Gehorſam ſich neigt! *) Memoires du Comte de Bussy. Vol. II. 2 — 158— Dieſen Felſen mit verbrecheriſcher Hand berühren, wäre ein Sacrilegium geweſen, und darum ſchätze ich mich glücklich, daß ich Frankreich bewahrt habe vor dieſem Unheil, und vor dem Zorne des Herrn! Und ich werde Euch dankbar ſein, wie ich es verſprach! ſagte Mazarin, indem er La Chaiſe die Hand reichte. Der König hat Wohlgefallen gefunden an Eurer Per⸗ ſon! Ihr ſeid von dieſer Stunde an Mitglied des Gewiſſensrathes! La Chaiſe ſtieß einen Ausruf der Freude aus, und beugte ein Knie vor dem Cardinal. Der größte und heiligſte Wunſch meines Daſeins iſt erreicht! ſagte er in einer Art Verklärung. Mir bleibt nichts mehr zu wünſchen übrig! Nichts mehr? fragte Mazarin lächelnd. Mein Him⸗ mel, ſeid Ihr denn ſo beſorgt um das Gewiſſen Sr. Majeſtät! Das Gewiſſen des Königs iſt das Gewiſſen Frank⸗ reichs, und wenn ich das erſtere leite, werde ich das letztere beherrſchen! Um dies zu können, ſagte Mazarin, indem er ſeine durchbohrenden Blicke feſt auf La Chaiſe richtete, um — —————. — 159— dies zu können, müßtet Ihr der Beichtvater des Königs ſein! Dies iſt das letzte Ziel, nach welchem ich ſtrebe! rief La Chaiſe feierlich. Alſo ehrgeizig! ſagte Mazarin, und ging ſchwei⸗ gend und gedankenvoll im Zimmer auf und ab. Dann blieb er vor La Chaiſe ſtehen, und ſah ihm wieder lange und prüfend in die Augen. Ich werde Eure Plane unterſtützen! ſagte er endlich. Dieſer Péère Annart, des Königs Beichtvater, iſt ein frommer, gläubiger Thor, dem das Laſter Laſter, und die Tugend Tugend iſt, weiter nichts! Er möchte bloß um der guten Sache, und um Gotteswillen einen Tugendkönig aus dieſem jungen Ludwig machen! Er iſt ein Narr, dem ich längſt ſchon einen würdigern Nachfolger gewünſcht habe! Ich werde Dich daher unterſtützen, und in allen Deinen Planen kannſt Du auf meinen Beiſtand rechnen! Dann werden meine Plane von der Gottheit ſelber geheiligt ſein! rief La Chaiſe, und der Segen des Herrn wird mit mir ſein! Ja, Du ſollſt Beichtvater werden, ſagte Mazarin ſinnend. Aber es iſt ein großes Werk, was Du da — 160— unternimmſt! Denn Du wirſt nicht bloß zur Ehre gelangen, ſondern auch den König unterjochen wollen! Ich bin der Prieſter des Herrn, ſagte La Chaſſe, und wenn der König vor mir kniet, wird er vor Gott knieen. Du wirſt noch lange warten müſſen, ehe Du ihn zu dieſem Glauben bringſt! Ich werde alſo warten, aber um ſo gewiſſer werde ich ſein, daß dereinſt die Stunde meiner Herrſchaft kommen wird! Mit ſolchem Willen wirſt Du ſie herauf beſchwö⸗ ren! rief Mazarin feierlich. Höre mich an, mein Sohn, und merke genau, was ich Dir ſagen werde. Ich kenne die Könige, denn ich habe dreißig Jahre hindurch ihre Launen ertragen, und unter ihren Schwächen zu ſeufzen gehabt. Ich kenne dieſe Könige, und ich ſage Dir, es iſt eine ſchwache, feige Rage, grauſam aus Feigheit, muthig aus Schwäche, von vornherein verderbt, weil ſie ſich für etwas Beſſeres halten, als die übrige Menſchheit, angſtvoll ſich einhüllend in die⸗ ſen Popanz ihrer Majeſtät, damit die arme, gewöhn⸗ liche Menſchheit ſich ihnen nicht nahe, um mit roher Hand dieſe Majeſtät hinwegzuziehen, und zu erkennen, ——,— — — 161— daß darunter auch nur ein ſchwacher, erbärmlicher Menſch verborgen iſt! Man ſagt, die Wahrheit ge⸗ langt nicht bis zu den Thronen der Könige, weil die Höflinge ſie aufhalten. Dem iſt nicht ſo! Die Könige wollen keine Wahrheit, es graut ihnen vor dieſem ungeſchminkten Antlitz mit dem feierlichen Ernſt. Wenn ſie die Wahrheit wollten, dann müßten ſie aufhören, Könige zu ſein, denn das Königthum ſelber iſt eine Lüge, ein Unding, welches ſie ſelber verlachen in ihrem Herzen, weil ſie, dieſe Auserkornen, dieſe Herrn Könige von Gottes Gnaden, ſehr wohl wiſſen, daß Gottes Gnade wenig zu ſchaffen hat mit dieſer un⸗ natürlichen Erhöhung des Einen Menſchen über Mil⸗ lionen ſeines Gleichen, von denen Tauſende vielleicht höher begabt ſind, als er! Aber es bedarf die Menſch⸗ heit dieſes Popanzes der Majeſtät, und darum müſſen wir ſie aufrecht halten. Ad Majorem Dei gloriam! rief La Chaiſe mit einem feinen Lächeln. 1. Ja, zur Ehre Gottes, wenn Du willſt! Das Königthum iſt wenigſtens allemal eine gute Schanze geweſen, und hinter dieſem beſchützenden Walle iſt man gut geborgen, es läßt ſich ſicher dort ruhen. Darum II. 11 — 162— mache das Königthum Dir unterthänig, und Du wirſt mächtiger ſein, als der König ſelber, weil Du ihm nur den Schein der Macht läßt, und für Dich die Wahrheit derſelben zurück behältſt! Wenn die Könige zittern vor Gott, dann werden ſie abhängig von ſeinen Dienern! Richtig! Aber ſie beginnen nicht ſogleich mit dem Zittern vor Gott! Nein, ſondern mit dem Wohlgefallen an dem Leben! Dieſer junge Ludwig liebt das Vergnügen! So mag er es genießen, bis er deſſen überdrüſſig iſt! Ich werde ſo lange ein gefälliger und entſchuldi⸗ gender Beichtvater ſein, bis den König die Überſätti⸗ gung mit ihrer folternden Langeweile packt, bis er entnüchtert und mit der Angſt eines zu Grunde gerich⸗ teten Wüſtlings vergebens auf ſeinem verwüſteten Le⸗ benspfade eine neue Blüthe des Genuſſes ſucht! Nein, ich werde das Gewiſſen des Sünders nicht eher wecken, als bis er zur Sünde zu ſchwach iſt, dann, dann erſt iſt er mit Gewißheit Mein! Oh, mein Sohn, Du biſt in Wahrheit ein Weiſer, und ich bewundere Dich! rief Mazarin. Wer viel geſündigt hat, und alſo zittert vor dem * —— — — 163— Zorne Gottes, der allein iſt in Wahrheit des Herrn! Mag denn der König viel ſündigen, um ſo ſicherer wird er ſich einſt dem Herrn ergeben! Und um ſo feſter wird Deine Macht begrindet ſein! Ich werde das Gewiſſen für mich haben, und ich werde es verſtehen, ihn mit der Strafe Gottes zu ſchrecken, und ihn mit frommen Gebeten zu tröſten! Du mußt und wirſt Ludwig's Beichtvater ſein! rief Mazarin, indem er La Chaiſe umarmte. 3 Und jetzt geh zur Ruhe, mein Sohn, ſagte er dann, Du mußt ſchlafen, denn Du biſt jung und haſt noch nicht zu geizen mit dem Leben. Schlafe denn, ſchlafe, und vergiß in Deinen Träumen die Weisheit des Prieſters. Sei ſchwärmeriſch und leidenſchaftlich, wenn Du ſchläfſt, und träume von der ſänen Marquiſe Chatillon. Es wird ihr alſo nichts geſchehen? fragte La Chaiſe lebhaft.. Ah, ſagte Mazarin, luchelnd mit dem Finger dro⸗ hend, ah, der Prieſter La Chaiſe ſchläft ſchon, und der Jüngling La Chaiſe träumt noch von Liebe und Mitleid. Hüte Dich nur, mein Sohn, daß dieſe bei⸗ 41* — 164— den niemals zu gleicher Zeit in Dir erwachen! Der Prieſter darf nichts zu thun haben mit dem Jüngling, dem Menſchen La Chaiſe. Der Prieſter wacht des Tages und ſchläft in der Nacht, der Menſch ſchäft des Tages, und wacht und genießt in der Nacht! Es iſt der Menſch, welcher um Gnade fleht für die ſchöne Marquiſe! rief La Chaiſe. Sei ruhig, lieber, mitleidsvoller Menſch, es ſoll ihr nichts geſchehen! Will's Gott, iſt ſie ſchon morgen rei! In einigen Tagen iſt ja wieder Hofball, und g d wir dürfen es doch nicht hindern, daß die Marquiſe wieder dort erſcheint mit ihren Brillanten, welche dem Staate zweitauſend Piſtolen gekoſtet! Und Mazarin verabſchiedete La Chaiſe mit einem freundlichen Kopfnicken. Dann ging er noch lange gedankenvoll im Zimmer auf und ab, und ſein Antlitz nahm eine zufriedene, lächelnde Miene an. Wenn dieſer Menſch Beichtvater iſt, ſagte er leiſe, dann erſt wird meine Macht eine ſichere und unbeſchränkte ſein, und ich werde nicht mehr zu zittern haben vor jedem Lufthauch, und vor jedem Lächeln eines ſchönen Weibes. Ich werde im Ge⸗ n ——]—— n — 165— wiſſen des Königs ſelber einen Bundesgenoſſenh aben, und ſo werden auch Ludwig's geheimſte Gedanken un⸗ verhüllt vor mir da liegen! Das war's, was mir bis jetzt noch fehlte, ein Beichtvater, der meine Plane theilt, und mir den König ganz zu Eigen giebt, in⸗ dem er mich zum Mitgenoſſen dieſer Beichtgeheimniſſe macht! Ah, dieſer Pater Annart iſt ein thörichter Narr! Nicht einmal für Geld wollte er mir das Beicht⸗ geheimniß verrathen! Der Thor! Will der Beicht⸗ vater eines Königs ſein, und dabei noch ein feines Gewiſſen haben! Welch ein Unſinn! Und ich hatte ihm ſogar Geld geboten! Und bei dem zauberiſchen Worte„Geld“ nahmen die Gedanken des Cardinals eine andere Richtung. Sein Geſicht klärte ſich immer mehr und mehr auf, ſeine funkelnden Blicke wandten ſich nach dieſen großen eiſernen Kiſten hin, welche unter ſeinem Schreibtiſche ſtanden. Morgen werde ich ein weniges mit Euch zu koſen haben, ſagte er, näher herantretend, und indem er mit ſeiner zarten weißen Hand die größte dieſer Kiſten mit der Zärtlichkeit eines Liebenden ſtreichelte, fuhr er fort: morgen werde ich dich öffnen, und dir gute Geſell⸗ — 166— ſchaft bringen! Ja, ja, ſehr gute Geſellſchaft! Der Maarſchall d'Houdincourt iſt ſehr reich, und er liebt die ſchöne Marquiſe Chatillon über die Maßen. Wir werden alſo den reichen Marſchall frei laſſen, und die arme Marquiſe gefangen halten, bis der verliebte d'Houdincourt ſie losmacht, dieſe liebenswürdige Schöne! Und das wird er thun, ich weiß es, denn er liebt das Geld nicht, aber er liebt die Marquiſe! Ja, ja, er wird zahlen, und er ſoll ſehr viel zahlen, ich will dir ſehr gute Geſellſchaft bringen!*) Oh, wie würde in dieſem Augenblicke der froh⸗ lockende Cardinal Mazarin Den verlacht haben, wel⸗ cher ihm geſagt hätte, daß er dieſen geliebten Geld⸗ kiſten, welche er eben ſo zärtlich ſtreichelte, nach we⸗ nigen Monaten fluchen könnte, daß ſie dann als ſein Gewiſſen vor ihm aufſtehen würden, vor ihm, der ſo lange das Gewiſſen als eine müßige Erfindung der Prieſter verlacht hatte! Und dennoch geſchah es ſo! Der Cardinal hatte freilich noch einmal ſeine Feinde und den Tod beſiegt, und dieſe ſo lange gefürchtete Verſchwörung entdeckt und vernichtet. Condé, gerührt *) Vie du Peére la Chaise. Vol. II. — A67— vielleicht von der ihn ſchonenden Großmuth Mazarins, war ſelber gekommen, um ihm die Hand zur Verſöh⸗ nung zu reichen, indem er zugleich feierlich ein Nach⸗ laffen aller Feindſeligkeiten gegen den Cardinal gelobt hatte. Der Marſchall d'Houdincourt hatte, ganz wie Mazarin es berechnet, die Marquiſe Chatillon mit einem bedeutenden Löſegeld aus ihrer Gefangenſchaft befreit, und die Pariſer hatten das Schauſpiel einer Hinrichtung genoſſen, denn Ricconet, vom Parlament zum Tode verurtheilt, war lebendig gerädert worden*). Mazarin triumphirte, und vergaß auf einige glück⸗ liche Tage die Furcht vor ſeinen Feinden. Es ſchien, als ſollten alle ſeine Plane gelingen, denn auch La Chaiſe gewann täglich mehr das Vertrauen des Kö⸗ nigs und wußte durch ſein feines und kluges Beneh⸗ men ſich immer feſter zu ſetzen in der Gunſt des Kö⸗ nigs. Niemand war Mazarin jetzt mehr im Wege, als der Pater Annart, Ludwig's Beichtvater, und der Cardinal beſchäftigte ſich ſchon mit ſehr wirkſamen Planen, dieſen von ſeinem wichtigen Poſten zu ent⸗ fernen, und La Chaiſe an deſſen Stelle einzuſchieben, *) Vie du Père la Chaise. Vol. II. Memoires de Bussy. Vol. II. 1 als eine plötzliche Krankheit den Cardinal darnieder warf. 1. Der Schreck über ein im Louvre entſtandenes Feuer, das ſich ſchnell und mächtig verbreitete, und faſt ſchon die Zimmer des Cardinals erreicht hatte, war die Schuld dieſer Krankheit, welche die letzte und zutihet dende Mazarins ſein ſollte. 190 3 Gefoltert von Schmerzen und einer fieberiſchen, un⸗ erklärlichen Angſt lag Mazarin lange, troſtloſe Tage und Wochen auf ſeinem Schmerzenslager, und wenn ſeine Augen ſich jetzt auf die einſt ſo geliebten Geld⸗ kiſten hefteten, ſo ſchien es, als ob in ſeiner eigenen Bruſt ſich ein Feuer entzünde, und mit ſeinen zucken⸗ den Flammen ſeine Eingeweide verzehren wolle. Oft, in der Stille der Nacht, ſchien es ihm, als ob dieſe Kiſten ſich öffneten, als ob Klagelieder und Seufzer aus ihnen ertönten, als ob bleiche, ächzende Geſtalten aus ihnen empor ſtiegen, um ihn zu umringen, und ihn zu bedrohen mit ihren Vorwürfen und Klagelie⸗ dern. Dann wieder ſchien es ihm, als ob dieſes ge⸗ liebte, blinkende Gold ſich plötzlich veränderte, als ob es in Thränen ſich verwandelte, in blutige Thränen, die er, der Cardinal, dem jammernden, todeszuckenden 8— 169— Frankreich erpreßt hatte!— Es war eine grenzen⸗ loſe Qual, eine marternde Angſt, und Mazarin, um ihrer los zu werden, und Frankreich oder die Gott⸗ heit ſich zu verſöhnen, beſchloß endlich dem Könige zu geben, was er dem Lande ſeines Königs erpreßt hatte. Gefoltert von Schmerzen, ließ er den Miniſter Col⸗ bert rufen, und bat ihn in ſeinem Namen dem Könige des Cardinals ungeheures, aus zwanzig Millionen Livres beſtehendes Vermögen, zum Geſchenke anzu⸗ bieten. Colbert vollzog freudig dieſen Auftrag des Cardi⸗ nals, und eilte zum Könige. Mazarin athmete erleichtert auf. Jetzt werde ich Ruhe haben, flüſterte er leiſe, in⸗ dem er in die Kiſſen zurückſank, ja, ich werde Ruhe haben, denn ich habe das größte Opfer gebracht, welches ein Menſch zu bringen im Stande iſt! Die Dämonen, welche ſo lange in mir wütheten, ſie wer⸗ den jetzt verſöhnt, der König wird gerührt ſein von dem ungeheuren Opfer, das ich ihm bringe, und in ſeiner königlichen Großmuth wird er meine Schenkung nicht annehmen, ſondern mir mein Vermögen als könig⸗ liches Gnadengeſchenk zurückgeben! — 170= Das war es, worauf Mazarin gerechnet hatte! Er, welcher ſein ganzes Leben hindurch Comödie geſpielt, er wollte auch jetzt mit der Gottheit und den Dämo⸗ nen ſeiner eigenen Bruſt Comödie ſpielen, und durch einen elenden Theaterſtreich ſein Gewiſſen zum Schwei⸗ gen bringen, und die Vergangenheit verſöhnen. „Der König wird meine Schenkung nicht anneh⸗ men!“ Dieſer Gedanke war es, der ihn zu dieſer Schenkung ermuthigte, der ihn tröſtete in dieſen lan⸗ gen, entſetzlichen Stunden, welche vergingen, ehe Col⸗ bert von ſeiner Audienz beim Könige zu Mazarin zu⸗ rückkehrte. Endlich vernahm das lauſchende Ohr des Cardi⸗ nals ſeine annähernden Schritte. Ja, es war Colbert, es mußte Colbert ſein, er kam vom König! In dieſem Augenblick vergaß Mazarin ganz ſeine Krankheit und ſeine Schmerzen, er war wieder geſund, wieder jung, er ſprang von ſeinem Lager, und eilte ſelber, Colbert die Thür zu öffnen. Richtig, er war es, der Miniſter Colbert! Er kam vom König,— der König hatte gnädig die Schenkung des Cardinals angenommen! —-— — 171— nem Todesſchrei ſank Mazarin ohnmaͤchtig zuſammen. Aber er erwachte nach Stunden der Beſinnungs⸗ loſigkeit! Es war ein grauſes, entſetzliches Erwachen. Dieſer Greis mit der abgezehrten Geſtalt und der to⸗ desröchelnden Bruſt, er rang die Hände in zitternder Angſt, er verwünſchte ſich und ſein Geſchick, Thrã⸗ nen,— die erſten Thränen ſeines Lebens, entſtürzten ſeinen brechenden Augen, und am Rande des Grabes ſtehend, ſchrie er in wüthendem Schmerz nach dem, was ſeines Lebens einzige Freude geweſen, nach ſei⸗ nem Gelde!— Dieſe Qual hatte ihn wieder geſund gemacht, geſund, um mit Bewußtſein alle dieſe Mar⸗ tern zu empfinden! Ja, der Teufel hatte ihn geneckt, er hatte ihm mit dem Tode gedroht, um ihn zu dieſer Schenkung zu verleiten, und nun es geſchehen, nun würde Mazarin geneſen, um noch ein langes Leben der Armuth und des Hungers zu erdulden! Mit ſolchen Gedanken, und ſolcher verzweiflungs⸗ vollen Wuth zermarterte ſich Mazarin drei lange Tage, drei entſetzliche Nächte! Kein Schlaf kam in ſeine Augen, keine Nahrung über ſeine brennenden, zerbor⸗ = 12— 11 4 ſtenen Lippen, er rang nur die Hände, und weinte und ſchrie, und heulte und fluchte! Endlich, nach dieſen drei ewig langen Tagen, kam eine Botſchaft des Königs.— Er gab, als Zeichen ſeiner Liebe, dem Cardinal dieſe Schenkung ſeines ungeheuren Vermögens zurück! Aber jetzt kam dieſe Freudennachricht zu ſpät, dieſe drei Tage hatten die Lebenskraft des Greiſes erſchöpft!— Er hatte nur Zeit und Kraft genug, ſein Teſta⸗ ment zu machen zu Gunſten ſeiner Verwandten. Dann legte er ſich hin und ſtarb, und der neunte März des Jahres 1661 machte Frankreich frei von einem Manne, der durch dreißig Jahre ſein Peiniger und Tyrann, der Schuld geweſen, daß Frankreich in jahrelangem Bürgerkriege ſich ſelber zerfleiſchte, und der, obwohl er dann Frankreich den Frieden mit Europa gegeben, ihm niemals die Ruhe und das Glück hatte verſchaffen können*). *) Stabery. Histoire du Cardinal Mazarin. Vol. IV. X. Luiſe La Vallière. Dieſer Tod des Cardinals war für Frankreich viel⸗ leicht ein Glück, für La Chaiſe entſchieden ein Miß⸗ geſchick, denn er ſah ſich ſeines mächtigſten Beiſtandes, ſeines erhabenſten Verbündeten beraubt durch dieſen Verluſt. Aber La Chaiſe beſaß einen eiſernen Muth, einen unerſchütterlichen Willen! Er hatte zu ſich geſagt:„ich will Beichtvater des Königs werden“ und er fühlte den kecken Muth, dies Ziel zu erreichen, ſelbſt ohne Freunde, ohne Ver⸗ bündete! 4 3 Und während er Allen nur ein ganz beſcheidener, demuthsvoller und gottergebener Prieſter deuchte, ſah und beobachtete La Chaiſe Alles, wußte und kannte er die geheimſten Triebfedern und Intriguen, welche — 174— dieſe große Maſchine des Hofes in Bewegung ſetzten, ſtudirte er den König bis auf den Grund ſeiner Seele, und ſuchte die geheimſten Falten ſeines Herzens zu er⸗ forſchen. Mit einer Art freudiger Genugthuung ſah er, wie der König ſich ſeiner jungen Gemahlin entfremdete, und ſich, während die Königin Troſt ſuchte in Gebet und frommen Bußübungen, andern, minder frommen und tugendhaften Schönheiten zuwandte. Die Fürſtin Mancini hatte ihren Tag des Triumphes genoſſen, ſo gut, wie die Herzogin von Burgund und die rei⸗ zende Frau von St. Luce. Aber es waren nur die Meteore eines Tages und einer Stunde geweſen, die funkelnden Geſtirne verlöſchten ſo ſchnell, als ſie auf⸗ getaucht waren, und ſanken hinab in die Nacht, um zu weinen und vergeſſen zu werden. Maria Thereſia, die junge Königin, verbarg ihren Schmerz hinter Gebetbüchern und die verlaſſenen Ge⸗ liebten ihre Schaam hinter Kloſtergittern, oder unter der Schminke, und unter funkelnden Brillanten. Alles war Glück, Leben und Bewegung an dieſem Luſt und Liebe athmenden Hofe, an welchem nur Eine weinte;— nur die Königin! 6 — 175— Und während die Höflinge dem Beiſpiele ihres Kö⸗ nigs folgten, und ſich, gleich ihm, berauſchten in allen Wonnen und allen Genüſſen des Lebens, während die Königin weinte und betete, und des Königs Beicht⸗ vater an jedem Tage ſeinem Könige donnernde Straf⸗ predigten hielt, ſchien La Chaiſe allein weder die all⸗ gemeine Freude, noch die Empörung der Prieſter zu theilen, ſondern nur ein gleichgültiger Zuſchauer zu ſein. Niemals hörte man von ihm ein Wort der Ent⸗ rüſtung oder des Zornes über dieſe ſtets wechſelnden Liebesabentheuer des jungen Königs, und er allein hatte es gewagt, Pater Annart wegen dieſer harten und zelotiſchen Bußpredigten, mit welchen er den König plagte, zu tadeln, und ihn zur chriſtlichen Milde und Langmuth zu ermahnen. Ludwig wußte und erfuhr das, wie man bei Hofe Alles zu erfahren pflegt, und er dankte La Chaiſe für dieſe Milde, indem er ſtets für ihn ein gnädiges Wort, ein huldvolles Lächeln hatte.— Ein neues Geſtirn war empor getaucht an dieſem Himmel von Verſailles, ein junges, unſchuldiges, be⸗ ſcheidenes Kind war gekommen, um mit ihrer Veilchen⸗ ſchönheit, und dem holden Liebreiz ihrer Jungfräulich⸗ — 176— keit das Herz dieſes jungen, leidenſchaftlichen Königs in dauernder und echter Liebe zu feſſeln. Es war nicht nur der Reiz der Schönheit, welche dieſen Sieg errang, denn es gab an dieſem glänzen⸗ den Hofe viel ſtrahlendere, viel üppigere Schönheiten, als Luiſe La Valliére es war, es war nicht die Ge⸗ walt des Geiſtes allein, welche ihr den König unter⸗ warf, denn man ſah vielleicht viel geiſtreichere, viel witzigere und blendendere Damen, als Luiſe La Val⸗ liére. Aber es war dieſes ganze unausſprechliche Etwas, dieſer holde Reiz der Unſchuld, dieſe äther⸗ duftende Jungfräulichkeit, dieſe Reinheit, welche den König zugleich mit Entzücken und mit Anbetung er⸗ füllte, und ihn in erfurchtsvoller Liebe zu den Füßen dieſes armen, unbeachteten Hoffräuleins von Madame hinzog. Es war, weil er ſich geliebt wußte, nicht als Kö⸗ nig, nicht als Herr, ſondern geliebt um ſeiner Schön⸗ heit, um ſeiner Jugend, um ſeiner Selbſt willen, es war deshalb, daß Ludwig von Frankreich dieſes junge, ſanfte Kind mit den Veilchenaugen, und dem Alles gewinnenden Lächeln lieben mußte. Sie hatte lange gekämpft, lange gerungen mit ihrem armen Herzen, ſie wollte dieſe verbrecheriſche Liebe durch Gebet und Kampf aus ihrem Herzen verbannen, aber die Gebete verſtummten auf ihren Lippen, wenn ſie ſeine Stimme hörte, jeder Kampf ſchien nutzlos, wenn Ludwig zu ihren Füßen lag, und um ein wenig Er⸗ barmen, ein wenig Gnade flehte! Luiſe La Valliére fiel, weil ſie liebte, und nun ſchien es der Gefallenen die einzige Rettung, wenn ſie dieſer Liebe ihr ganzes Daſein, jede Fiber ihres Le⸗ bens in uneigennützigſter Selbſtopferung zu Eigen gab. — Der ganze Hof ſah mit Erſtaunen dieſes ſeltene Schauſpiel einer königlichen Geliebten, welche weder Güter noch Schätze für ſich begehrte, welche ohne Ehr⸗ geiz ſich ferne hielt von jeder Einmiſchung in die An⸗ gelegenheiten des Staates, welche unzugänglich war für Beſtechungen, und weder für ſich, noch für An⸗ dere jemals eine Gnade begehrte, und der alle die Ehrfurcht und Huldigung der Höflinge keine Freude machten, ſondern ſie nur an ihr Verbrechen und ihre Schande erinnerten, und ihre Stirn mit Schaam be⸗ deckten. 3 Sie war immer doch nur eine Maitreſſe, wenn auch ihr Geliebter ein König war, und Ludwig war immer II. 12 — 8* — 178— doch ein Ehebrecher, wenn auch eine Krone ſein Bane bedeckte. Aber ſelbſt die Qualen und Vorwürfe ihres Ge⸗ wiſſens dienten nur dazu, ihre Liebe noch zu ſteigern, und der König liebte ſie um ſo viel mehr, weil dieſe Thränen ſich wie ein Heiligenſchein um dieſe ſchöne Stirne legten, und ihm Die, welche ihm täglich ihr Gewiſſen und ihre Ruhe opferte, in allem Glanze der Tugend, welche von der Liebe allein beſiegt worden iſt, erſcheinen ließ! 1 Aber endlich eines Tages hörten dieſe innern Kämpfe und Stürme auf, oder ſie verſtummten mindeſtens, denn es waren jetzt neue, unzerreißbare Bande, welche Luiſe La Valliére an den König feſſelten. Sie fühlte ſich Mutter, und der König war der Vater dieſes Kindes, das in ahnungsvollem Leben un⸗ ter ihrem Herzen ſchlummerte. Sie nahm ihr Geſchick an, ſie ergab ſich an ihre Beſtimmung, aber ſie war bedacht, Der, welcher ſie den Gatten geraubt, wenigſtens die Demüthigung zu erſparen, öffentlich, vor aller Welt, als die Zurückge⸗ ſetzte zu erſcheinen! Die Königin ſollte mindeſtens immer noch zweifeln können, ob Luiſe La Valliére in — 179— Wahrheit die Königin in dem Herzen Ludwig's ſei, und deshalb beſtand Luiſe darauf, immer noch das arme, unbedeutende Hoffräulein zu bleiben, und des⸗ halb bewohnte ſie als ſolches ein Zimmer, welches die fromme Königin jedes Mal paſſiren mußte, wenn ſie zur Meſſe ging, und Maria Thereſta beſuchte oft die Meſſe, ja, oft noch zur Stunde der Mitternacht durch⸗ wandelte ſie dieſes Gemach der La Valliére, um ſich zur nächtlichen Meſſe zu begeben, und Gott zu lieben, da der König ſich von ihr nicht lieben laſſen wollte! In einer Nacht begab ſich in dieſem Zimmer fol⸗ gende Scene. Luiſe La Vallière lag auf ihrem Lager, bleich, händeringend, ihr ſchönes Geſicht zuckend in Todes⸗ qual. Aber jedes Mal, wenn irgend ein Schmerzens⸗ ſchrei ſich auf ihre Lippen drängte, preßte ſte ihre zitternden Hände auf dieſe bleichen, todeskalten Lip⸗ pen und unterdrückte den Schrei ihrer Qual, um da⸗ durch nur noch mehr, noch furchtbarer zu leiden. Ein bleicher, ernſter Mann ſaß ſinnend und die Kranke beobachtend vor ihrem Lager, dies war Fagon, der vertraute Leibarzt des Königs, und ihm zur Seite ſtand eine Frau, die mit mütterlicher und liebevoller 12*¾ — 180— Theilnahme ſich über die Kranke neigend ihr leiſe Worte des Troſtes und der Ermuthigung zuzuflüſtern ſchien. Fern von dieſer Gruppe, in einer Niſche des Fen⸗ ſters, in welcher die herrlichſten und ſtarkduftendſten Gewächſe ſich befanden, ſtand ein junger Mann, deſſen edle königliche Haltung, deſſen ſtrahlende noble Schön⸗ heit ihn als den jungen König von Frankreich erken⸗ nen ließen. Aber Ludwig dachte in dieſem Augen⸗ blick nicht daran, daß er König ſei, ſondern er erin⸗ nerte ſich nur, daß er der Geliebte dieſes jungen Wei⸗ bes, welche auf ihrem Lager mit den entſetzlichſten Schmerzen kämpfte. Jeder ihrer halbunterdrückten Seuf⸗ zer machte ihn erbeben, jedes leiſe Schluchzen fand einen Wiederhall in ſeiner Bruſt, ſeine ſonſt ſo glü⸗ henden Blicke waren von Thränen umdunkelt, und leiſe Gebete der Angſt und des Flehens murmelten jetzt dieſe Lippen, welche ſonſt nur gewöhnt waren, ſich zu Befehlen oder zu Liebesworten zu öffnen.— Unweit davon, an der hohen, vergoldeten Flügel⸗ thüre, welche in die Gemächer der Königin führte, lehnte ein anderer junger Mann, nicht minder ſchön als Ludwig, aber von minder ſtolzem, minder impo⸗ — 181— ſantem Ausſehen, vielmehr ſchwebte um ſeinen Mund ein eigenthümliches, devotes Lächeln, das wir das „Kammerherrnlächeln“ nennen mögten, und ſeine Mienen hatten dieſen zugleich füßlichen und doch hoch⸗ müthigen Ausdruck, der die Geſichter der Höflinge charakteriſirt. Es war dies des Königs Liebling, der gefeierteſte Cavalier ſeines Hofes, der berühmte Graf Lauzun, welcher ſpäter mit ſechszehnjähriger Gefangen⸗ ſchaft das ſtolze Glück bezahlen mußte, eine glühende und treue Liebe in dem Herzen von Mademoiſelle de Montpenſier entzündet zu haben. Graf Lauzun lehnte aufmerkſam das Ohr an dieſe verſchloſſene Thür und horchte, aber ſeine Augen flat⸗ terten mit neugierigem Blitzen bald auf den König, bald auf die arme, immer noch leidende La Vallisre. Plötzlich ſtieß dieſe einen Schrei aus, einen lauten, durchdringenden Schrei, der das Blut in den Adern des Königs erſtarren machte vor Jammer und Mit⸗ gefühl, und welcher den Kammerherrn Grafen Lauzun veranlaßte nur noch aufmerkſamer und ängſtlicher an dieſer Thür zu horchen. Fagon ließ die Vorhänge, welche das Bett der La Vallisre umgaben, herabſinken, und verſchwand hin⸗ — 182— ter derſelben mit der Frau, welche Luiſe's Kammer⸗ frau war. Ludwig der Vierzehnte war, ohne ſich deſſen bewußt zu ſein, auf ſeine Kniee geſunken und betete. Eine Viertelſtunde ſpäter öffneten ſich die Vorhänge wieder. 1 Luiſe La Vallière breitete mit einem ſeligen Lächeln ihre Arme nach dem König hin. Aber dieſer hatte nicht die Kraft ſich empor zu rich⸗ ten. Er zitterte und weinte. Als ſich aber Fagon ihm näherte, in ſeinen Armen ein kleines, in weiße Spitzenſchleier gehülltes Kind tragend, ſprang der König empor, und dieſes Kind an ſeine Bruſt drückend, ſtürzte er zu dem Lager ſeiner Geliebten hin. 1 Luiſe, ſagte er, mit allem Entzücken eines Liebenden und eines Vaters ſich vor ihr auf ein Knie niederlaſ⸗ ſend, Luiſe, dieſes Glück macht mich zu einem Gott. Habe Dank, Geliebte, für dieſe Tochter, habe Dank für Dich ſelber und Dein himmliſches Daſein. Der König von Frankreich wäre der ärmſte Mann ſeines Landes, wenn Luiſe La Vallisre ihn nicht liebte! — 183— Das junge Weib ſah ihn an mit einem dankbaren, ſeligen Lächeln. Segne mein Kind, flüſterte ſie leiſe, ſegne meine Tochter, damit ſie glücklich wird, und möge Gott nur ihre Mutter ſtrafen für ihre ſchuldvolle Geburt! Und Ludwig legte die Hand auf die Stirne dieſes jungen Kindes. Ich ſegne Dich, ſagte er tief gerührt, mögeſt Du Deiner Mutter gleichen an Unſchuld und Schönheit, und mögeſt Du dereinſt einen Mann ſo glücklich machen, wie Luiſe La Vallière Deinen Vater glücklich macht! In dieſem Augenblick fuhr Lauzun mit einem Aus⸗ druck des Entſetzens und der Angſt von der Thür zurück. Die Königin kommtl flüſterte er leiſe und angſtvoll. Plötzlich, wie durch einen Zauberſchlag, veränderte ſich die Scene. Der König ſprang empor, und das Kind in ſeine Arme nehmend öffnete er eine verborgene Thür, und durch dieſelbe hinaus tretend winkte er Lauzun und Fagon, ihm zu folgen. Kaum hatte ſich die Thür hinter dieſen Dreien ge⸗ ſchloſſen, als die Flügelthüren ſich geräuſchvoll öffne⸗ — 184— ten, und Maria Thereſia, die Gemahlin Ludwigs des Vierzehnten, begleitet von zwei Ehrendamen, in das Gemach trat. Sie warf einen raſchen ſpähenden Blick in dem Gemach umher, ihre glühenden Augen ſchienen jeden Winkel deſſelben durchbohren zu wollen. Offenbar hatte ſie etwas Ungewöhnliches, Außerordentliches zu ſehen gefürchtet, denn als ſie es nicht fand, nahmen ihre Mienen einen Ausdruck ſtiller Befriedigung an, und mit einem anmuthigen Lächeln näherte ſie ſich dem Lager, auf welchem Luiſe La Vallière halb aufgerichtet, in ſitzender Stellung, ruhte. Immer noch unwohl, mein Kind? fragte die Kö⸗ nigin, und indem ſie ſich der Kranken mehr und mehr näherte, ſtrömten ihre Gewänder dieſen ſtarken orien⸗ taliſchen Parfüm aus, den die Königin ſo ſehr liebte, und deſſen Einathmung die arme La Vallisrre faſt be⸗ ſinnungslos machte. Aber ſie raffte ſich mit einer übernatürlichen Kraft⸗ anſtrengung zuſammen, und die ihr dargereichte Hand der Königin an ihre Lippen drückend, ſagte ſie leiſe: ich leide ein wenig, Ew. Majeſtät. A 2 — 185— Und woran leideſt Du? fragte die Königin ſcharf. Oder dürfen wir das Geheimniß dieſer Krankheit nicht erfahren? Luiſe zitterte, und kaum hörbar ſagte ſte: ich habe kein Geheimniß vor meiner Königin, und überdies iſt meine Krankheit ſo unbedeutender Art, daß ich, wie ich hoffe, ſchon morgen wieder meinen Dienſt bei Ih⸗ rer Majeſtät antreten kann! Das ſoll uns ſehr willkommen ſein, ſagte die Kö⸗ nigin freundlich, und ſei verſichert, mein Kind, daß ich fortan Dich zu ſchützen und zu vertheidigen wiſſen werde gegen die Verleumdungen Deiner Feinde. Ich hoffe, Du begleiteſt mich morgen früh zur Meſſe! Ich werde Dich in mein Gebet einſchließen! Und mit einer ſtolzen Kopfbewegung ihren Damen winkend, durchſchritt die Königin das Gemach, um ſich zur Meſſe zu begeben. Als ſie dies Zimmer verlaſſen, gand die Königin ſtill, und ſich an ihre Begleiterinnen wendend, ſagte ſte ſtrenge: meine Damen, es ſcheint, diesmal ſind Sie zu ſtrenge geweſen in Ihren irrthümlichen Ver⸗ muthungen! Dieſes arme Kind ſollte durchaus guter — 186— Hoffnung ſein, ja, zu dieſer Stunde ſchon ſich in Kindesnöthen befinden! Das war jedenfalls ein Irr⸗ thum! Dieſes Zimmer war angefüllt mit Blumen, de⸗ ren ſtarker Duft eine Wöchnerin tödten würde. Auch war mein Gewand abſichtlich ſtärker parfümirt, als gewöhnlich. Eine Wöchnerin wäre ohnmächtig davon geworden! Die Damen zuckten mit einem ungläubigen Lächeln die Achſeln. Fräulein La Vallière hat ſtarke Nerven! ſagte die Herzogin von Soiſſons.— Die Stirne der Königin verfinſterte ſich. Sie wol⸗ 4 len einmal nur das Schlimme glauben! Nun, wir werden ja ſehen! Wenn Luiſe La Vallière morgen früh wirklich mit zur Meſſe geht, ſo werden Sie alsdann wohl eingeſtehen müſſen, daß Sie etwas zu voreilig ge⸗ weſen mit Ihren wehmütterlichen Blicken! Die beiden Damen verneigten ſich ſchweigend. Laſſen Sie uns zur Meſſe gehen! rief die Königin ungeduldig, indem ſie raſcher vorwärts ſchritt. Und während die Königin betete, lag Luiſe La Val⸗ *) Beaumelle. Vol. I. — — 187— liere auf ihrem Lager und weinte heiße Thränen der Scham und Reue. Plötzlich richtete ſie ſich auf und ſagte zu der ver⸗ trauten Kammerfrau: Marion, lege meine Gewänder bereit, morgen früh werde ich Ihro Majeſtät zur Meſſe begleiten! Aber dies iſt unmöglich, gnädigſte Comteſſe! rief Marion entſetzt. Sie werden ſich tödten! Gleichviel, ich will es ſo! Die Königin wird be⸗ ruhigt ſein und nicht an meine Schmach glauben, wenn ich ſie morgen zur Meſſe begleite! Deshalb werde ich es thun, und müßte ich ſterben! Hoffentlich wird Sr. Majeſtät es nicht geſtatten! ſeufzte Marion. Ich verbiete Dir, ihm eine Sylbe davon zu verra⸗ then! rief Luiſe, und zum erſten Male nahm ſie einen ſtrengen befehlenden Ton gegen ihre geliebte Ma⸗ rion an. Nach einer halben Stunde kehrte die Königin von ihrer nächtlichen Meſſe zurück, und im Vorübergehen der La Vallière winkend, ſagte ſie gütevoll: auf mor⸗ gen früh alſo, mein Kind! — 188— Ihre Majeſtät, ich werde bereit ſein! erwiderte Luiſe demuthsvoll.. Kaum hatten ſich die Thüren hinter der Königin geſchloſſen, als die geheime Thüre ſich wieder öffnete, und der König, gefolgt von Fagon, wieder in das Zimmer trat. Sire, wo haben Sie mein Kind? ſagte Luiſe matt. Laſſen Sie mich meine Tochter umarmen! Ludwig kniete vor ihrem Lager. Du ſelber haſt dies Geheimniß gewollt! ſagte er ſanft. Erinnere Dich, daß Du als eine Gnade es von mir forderteſt, dieſes Kind, ſobald es geboren, entfernen zu laſſen! Lauzun bringt es ſo eben zu ſei⸗ nen Pflegeältern! Luiſe La Vallière legte mit einem Ausdruck unend⸗ lichen Schmerzes ihre Hände über ihr Angeſicht. Oh mein armes Kind, ſeufzte ſie leiſe, Du biſt alſo als eine Waiſe geboren. Und der König flüſterte leiſe: Luiſe, mein Weib, meine Geliebte, ſprich ein einziges Wort, und ich gebe Dir Dein Kind zurück! Habe den Muth, öfeentlich Dich meine Geliebte zu nennen, nimm die Huldigun⸗ — 189— gen des Hofes entgegen, und glaube mir, der König von Frankreich wird mit ſtolzer Stirne und ohne zu erröthen ſeinem Lande dieſe ſchöne Luiſe La Valliéère zeigen, welche es werth iſt, einen König zu ihren Fü⸗ ßen zu ſehen! Und die Königin? fragte La Vallisre leiſe. Du biſt meine Königin! Ich will von keiner an⸗ dern wiſſen! Luiſe La Valliere lächelte, aber plötzlich nahmen ihre Züge einen ſtarren Ausdruck an— ſie war ohnmäch⸗ tig geworden.—— Am andern Morgen empfing Luiſe La Vallière die 4 Königin angekleidet in ihrem Zimmer und begleitete ſie zur Meſſe. Ihr feſter Wille hielt ſie aufrecht, ſie wollte dieſer armen, verſchmäheten Königin, und die⸗ ſem hämiſch und verſtohlen lächelnden und lauernden Hofe nicht das Schauſpiel ihrer Leiden und ihrer Schmerzen gönnen. Sie vermogte es über ſich zu lä⸗ cheln,— aber es war ein ſchmerzvolles, tieftrauriges Lächeln, das dem jungen König Ehrande in die Au⸗ gen trieb.*) *) Beaumelle. Memoires de Madame de Maintenon. Vol. II. — 490— Luiſe, ſagte er, als er nach dieſer Meſſe in ſeiner Geliebten Zimmer trat, Du haſt heute vor mir geſtan⸗ den als die Verklärung und Verherrlichung Frank⸗ reichs. Ja, Du biſt in Wahrheit mein ſchönſtes und köſtliches Eigenthum, Du herrliche Lilie von Frank⸗ reich! XI. Wie man Beichtvater wird. Seit Luiſe ihrem königlichen Geliebten ein Kind ge⸗ boren, ſeit ſie mit ſo heiligen und unzerreißbaren Ban⸗ den an ihn gefeſſelt war, fühlte ſie nicht mehr die Kraft in ſich, ihrem mahnenden Gewiſſen zu folgen, und ſich von Dem zu trennen, welchen einzig und allein ſie auf Erden geliebt. Von jetzt an wollte ſie die Seine ſein, ewig und immerdar nur die Seine. Aber dieſes Gewiſſen, welches die Liebe in Schlum⸗ mer gelullt, es erwachte dennoch zuweilen, es vergiftete der armen Luiſe La Vallière jede Stunde des Glückes, es ſenkte in jeden Becher der Freude einen Wermuths⸗ tropfen,— es marterte ſie mit nie endendem Bangen, mit nie verſtummender Angſt. dee Luiſe ſagte zu ſich ſelber: Jetzt liebt mich Ludwig noch, weil er mich ſchön findet! Aber es wird ein Tag — 192— kommen, wo ſeine Augen, gewöhnt an dieſe wenigen, armen Reize Luiſens, unempfindlich ſein werden gegen dieſelben. Dann wird Ludwig verachtend ſich abwen⸗ f den von mir, und er wird ſich erinnern, daß ich nichts bin als eine Sünderin, welche ihm ihre Tugend und ihre Ehre geopfert hat! Ach, ich weiß, Ludwig muß mich verachten, und deshalb eines Tages wird er mich verla ſſen! Arme La Vallière! Sie war eiferſüchtig! Sie fürchtete von jedem Tage, dies werde der Tag ſein, an welchem Ludwig ſie verlaſſen mögte, und deshab machte die leiſeſte Wolke auf der Stirne des Königs ſie erbeben, und deshalb zitterte ihr Herz be⸗ ſtändig vor eingebildeten, oder vielleicht auch wirklichen Gefahren! 5 Und Luiſe La Valliere wußte es wohl, daß ſie en V Feind hatte, welcher ſie jeden Tag mit unerbittlicher. Strenge verfolge, welcher jeden Tag den König mit 8 Bitten und Flehen beſtürmte, ſeine Geliebte zu ver⸗ laſſen, und Gottes Zorn nicht herab zu ziehen auf ſein ſündenvolles Haupt, durch dieſe ehebrecheriſche Liebe. Dieſer Feind war Pater Annart, des Königs Beicht⸗ vater, ein ſtrenger, unerbittlicher Feind, ein unverſöhn⸗ „ * —— — 193— licher Richter, den weder Luiſens Schönheit, noch Lui⸗ ſens Reuethränen zu verſöhnen und zu beſchwichtigen vermogten. 1 Luiſe La Vallire zitterte vor dieſem Beichtvater des Königs, wie vor ihrem eigenen Gewiſſen! Sie wollte daher Beide zum Schweigen bringen, den Beichtvater ſowohl, als ihr Gewiſſen! La Chaiſe hatte es geſchickt ſo einzurichten gewußt, daß Luiſe La Vallière erfuhr, mit welcher ſchonenden Miilde er gegen Annart Parthei für ſie genommrn und ſie vertheidigt habe.— Ihr armes, wundes Herz em⸗ pfand das, wie einen lindernden Balſam. Sie wollte den Prieſter ſehen, der den Muth gehabt, ſie zu ver⸗ theidigen, deſſen chriſtliche Milde Erbarmen hatte für die Sünderin. Sie ſandte alſo den Grafen Montauzier zu La Chaiſe und ließ ihn zu ſich einladen. La Chaiſe nahm dieſe Einladung, um welche ihn die Höflinge beneideten, mit Ruhe und Stolz entge⸗ gen. Er lehnte ſie nicht ab, aber er nahm ſie auch nicht an. Ich werde es mir überlegen! ſagte er mit ſtolzer Ruhe zum Grafen Montauzier, ich werde mich mit I. 13 * 1— Gott berathen, und was der Herr mir befiehlt, das werde ich thun! 8 Und La Chaiſe ſchloß ſich dieſen ganzen Tag in ſei⸗ nem Zimmer ein, um in ernſtem Sinnen die ganze Zukunft in ihren Möglichkeiten und Wahrſcheinlichkeiten an ſich vorüber ſchweifen zu laſſen. Wenn ich dieſen Schritt thue, ſagte er ſich, dann nehme ich damit offen Parthei gegen die Königin und ihre Anhänger, dann ſpreche ich den Lehren der Tu⸗ gend und Sitte Hohn, welche zu predigen mein Prie⸗ ſterrock mir gebietet, und das Volk wird gegen mich ſein, das Volk, welches der Maitreſſe des Königs flucht, weil es, wie die unmündigen Kinder, noch ſein Herz voll hat von den Lehren des Catechismus, und das für Sünde hält, was nicht von der Bibel gut geheißen wird!— Aber ich werde die Geliebte des Königs für mich haben, und dadurch auch den König!— Ich werde zur La Vallière gehen! ſagte er entſchloſ⸗ ſen. Iſt eine Gefahr dabei, nun wohl, ſo bin ich der Mann dazu, dieſe zu beſiegen. Und in derſelben Stunde noch ging La Chaiſe zur La Valliere. Sie empfing ihn mit einem glücklichen Lächeln, er — 195— erſchien ihr wie ein Bote Gottes, denn ſie hatte eben in ihres Herzens Aengſten zu Gott gebetet um Rath und Beiſtand, ſie hatte in Thränen der Zerknirſchung auf ihren Knieen gelegen, und mit gerungenen Hän⸗ den Gott gefragt, ob wirklich die ewige Verdammniß und der Fluch der ganzen Menſchheit und aller kom⸗ menden Geſchlechter ihre Strafe ſein würde, wie Pater Annart es ihr heute in donnernder Strafpredigt ver⸗ kündigt! Gott hatte ihr nicht geantwortet auf ihre Frage der Verzweiflung, aber jetzt meinte ſie, er ſende ihr in La Chaiſe ſeinen geweiheten Diener, um durch ſeinen Mund die Antwort des Herrn ihr zu ſenden. Sagt, oh ſagt mir, ob es wahr iſt, daß Ludwig auf ewig verdammt iſt und daß ich ſeine Seele nur retten kann, indem ich mich von ihm losſage? fragte ſie, ihren thränenvollen Blick auf La Chaiſe heftend. Gott iſt die Güte, Gott iſt die Liebe! rief La Chaiſe. Glaubet es nicht, was dieſe eifernden Prieſter Euch ſagen von der erbarmungsloſen Strenge des Herrn. Nein, das Verzeihen iſt die edelſte Blüthe der Gott⸗ heit, welche geſagt hat: allen Sündern ſoll vergeben, und die Hölle nicht mehr ſein! Sie haben mit Ihren 13* — 196— Reuethränen die Sünde Ihrer Liebe längſt hinweg⸗ gewaſchen, und dadurch Ihre Liebe rein gemacht von aller Schuld! Ja, ich habe viel geweint! murmelte die La Val⸗ lière. 3 Um Ihrer Thränen willen wird Gott Ihnen und dem König verzeihen, was nach menſchlicher An⸗ ſicht Verbrecheriſches iſt an dieſer Liebe! Und trägt Einer die Schuld an dieſem Verhältniß, ſo iſt es of⸗ fenbar die Königin! Warum hat ſie es nicht verſtan⸗ den, das Herz des Königs zu feſſeln, warum hat ſie in ihrer dürren Frömmigkeit nicht begriffen, daß ihr Gemahl allein der Gott ihres Herzens ſein muß? Der König hat ein heißes Herz, eine glühende Phantaſie, der König bedarf der Liebe, wie die Blume des Son⸗ nenlichtes, er würde die Königin geliebt haben, er kam ihr entgegen, er war bereit dazu,— aber er wollte ein irdiſch liebendes Weib, und Maria Thereſta bot ihm ſtatt ihrer eigenen Lippen nur ein Crucifir zum Kuſſe dar. Die Königin allein iſt die Schuldige. Mögt Ihr geſegnet ſein für dieſes Wort! flüſterte Luiſe La Valliére. Und faſt wäre die Königin Schuld geweſen an * ⁸ — 192— einem viel entſetzlichern Unglück, fuhr La Chaiſe fort. Denn der König war in Gefahr, einer verbrecheriſchen Liebe ſich hinzugeben! Luiſe La Vallière, Segen über Euch, denn Ihr habt durch Euer engelgleiches Er⸗ ſcheinen den König von einer viel größeren Sünde er⸗ löst, denn der König liebte, ehe er Euch ſah, ſeines eigenen Bruders Weib! Deshalb ſage ich, Segen über Luiſe La Vallière, welche ihren König errettete, in⸗ dem ſie ſich ſelber hingab! Mußte der König einmal lieben, ſo ſeid Ihr ſeiner Liebe die Würdigſte! Ihr gebt mir das Leben, Ihr gebt mir den Frieden wieder! ſagte Luiſe La Vallière, und ihr reizendes Geſicht leuchtete in ſeligem Glück. Milde und Nachſicht zu üben iſt die heiligſte Pflicht des Prieſters! rief La Chaiſe mit frommem Händefalten. Ach, mögte doch des Königs Beichtvater denken, wie Ihr! ſeufzte Luiſe. Er plagt den König alle Tage, und regt den Zorn der Königin gegen mich auf! Wohl, das thut er! ſagte La Chaiſe. Wie oft habe ich nicht das Zimmer der Königin plötzlich verlaſſen, um nicht hören zu müſſen, wie dieſer Beichtvater Euch verläſterte! Hütet Euch vor Annart, er iſt Euer er⸗ bittertſter Feind! — 198— Ich weiß es! rief Luiſe. Ich weiß, daß er mein Verderben ſinnt, und ich zittere, daß es ihm gelingen möge! Die Selbſtvertheidigung iſt ein von Gott ſelber an⸗ geordnetes Geſetz. Ihr müßt ihn ſtürzen, um nicht von ihm geſtürzt zu werden! Das werde ich, das will ich auch! ſagte Luiſe, ihre kleinen Fäuſte ballend. Ja, ich will dieſen Prieſter ſtürzen, und Ihr, mein ehrwürdiger Vater, Ihr müßt mir dazu Euren Beiſtand leihen! Ichr Ja, Ihr! Werdet mein Beichtvater, und ich werde mich ſtets Eurem Rathe unterwerfen und Euren Be⸗ fehlen folgen! La Chaiſe wiegte lächelnd das Haupt.— Dieſer Antrag überraſchte ihn nicht, er war darauf vorbereitet geweſen. Laßt mich offen gegen Euch ſein, ſagte er, und ver⸗ geßt niemals, daß ich mein ganzes Daſein Euch und meinem Könige weihen will! Ihr ſeid Ludwigs Schutz⸗ engel, und indem Ihr ihn vor einer verbrecheriſchen, blutſchänderiſchen Liebe bewahrtet, habt Ihr Eure ei⸗ gene Liebe entſündigt und geheiligt. Ich bin daher 4 — 199— bereit Euch zu dienen mit meinem Blut, mit meinem Leben! Und deshalb opfere ich freudig Eurem eigenen Wohle dieſes Glück Euer Beichtvater zu ſein, und täglich in dieſer edlen und reinen Seele dieſe ſchönen und köſtlichen Geheimniſſe zu leſen, welche ich nur mit Gott zu theilen hätte! Ihr wollt alſo nicht mein Beichtvater ſein? fragte Luiſe traurig. Nein, denn ich will Euch nützen! Der König kann niemals den Beichtvater ſeiner Geliebten zu ſeinem ei⸗ genen machen, und doch muß ich des Königs Beicht⸗ vater ſein, um Euch wahrhaft nützen zu können! Nur wenn das Ohr des Königs mir offen iſt zu jeder Zeit, nur wenn ich den Schlüſſel habe zu ſeinen Gedanken, zu ſeinen Träumen ſogar, nur dann kann ich Ihnen wahrhaft und wirklich nützen! Ihr habt Recht! rief Luiſe lebhaft. Oh, Ihr wer⸗ det mein Retter, mein Beſchützer ſein! Ihr werdet keine Gewiſſensſcrupel in der Seele des Königs em⸗ portauchen laſſen, Ihr werdet vielmehr ſein Herz be⸗ ruhigen und ihn lehren, daß er Luiſe La Vallidre lie⸗ ben und ihr treu ſein muß, um nicht ſich und mich ewiger Verdammniß dahin zu geben. — 200— Aber noch bin ich nicht Beichtvater! rief La Chaiſe achſelzuckend, noch vermag ich ſo wenig! Luiſe La Vallière ſagte mit flammenden ſtolzen Blicken: Ihr ſollt es werden! Ich will es! Ich werde heute zum erſten Male den König um eine Gnade bitten, und dieſe wird ſein, daß er Euch zu ſeinem Beichtvater macht! La Chaiſe küßte die Hand, welche die königliche Ge⸗ liebte ihm mit einem holdſeligen Lächeln darreichte. Darf ich mein Amt ſchon ein wenig voraus antre⸗ ten, und der ſchönen La Vallièére ſagen, was ich in dem Herzen des Königs geleſen? Sprecht! Der König liebt kein trübes Angeſicht, und wenn die ſchönen Augen eines Weibes vor ihm in Thränen ſchwimmen, ſo ſollen es nur Thränen des Entzückens und der Wonne ſein! Der König liebt keine Schwer⸗ muth, und wenn Seußzer den ſchönen Buſen eines Weibes heben, ſo ſollen es nur Seufzer der Liebe und Entzückung ſein. Der König will ein in Liebe und Ueppigkeit glühendes Weib,— eine Magdalena, aber, — bevor ſie büßte! Ihr habt Recht! ſagte La Vallière ſinnend. Seine —— — 201— Stirne verfinſtert ſich, ſo oft er mich in Thränen findet! i Laßt nur Gott, aber niemals den König Eure Thrä⸗ nen ſehen! Oh, von heute an werde ich immer glücklich ſein, denn Ihr habt mein Gewiſſen beruhigt und mich ge⸗ lehrt, daß meine Liebe keine Sünde iſt! Aber ſtill, ich höre den König! Ja, das iſt ſeine Stimme! Iſt ſie nicht wie himmliſche Muſik, mein Vater? Ich werde das erſt wiſſen, wenn er mir ſeine Beicht⸗ geheimniſſe ſagt! antwortete La Chaiſe, indem er ſich verabſchiedete. Geſiegt, ich habe geſiegt! rief er, als er ſein Zim⸗ mer erreicht hatte. Ich werde des Königs Beichtvater! Oh, Frankreich, Frankreich! Du biſt Deines Herrn, Deines Gebieters Mazarin ledig, jetzt wird La Chaiſe Dein Herr werden! Oh, dieſes übermüthige Volk, es hat vor Mazarin gezittert, vor La Chaiſe ſoll es im Staube kriechen! Die Könige ſind dazu da, um das Spielzeug in den Händen ihrer Günſtlinge zu ſein! Ludwig von Frankreich, Du ſollſt mein Spielzeug ſein, ich werde aus Dir einen Harlekin oder einen Betbru⸗ der, einen Wüſtling oder einen Asceten machen, ganz, wie es mir gefällt!—— Das Ohr der Liebe hört ſcharf, Luiſe La Valliere hatte ſich nicht getäuſcht, es war der König, deſſen Stimme ſie vernommen. Sie eilte ihm entgegen mit dem Ausdruck des Glückes und Entzückens, und als er ſie in ſeine Arme ſchloß, ſagte er: Gelobt ſei Gott, daß ich Dich lächeln ſehe! Ich fürchtete ſchon wieder Thränen und Seufzer! Ach, wie ich dieſe Seufzer haſſe! Ihro Majeſtät, meine fromme Gemahlin, hat mir eben wieder eine ganze Ladung davon entgegen gehaucht. Komm, Luiſe, Du ſollſt mich heiter machen! Wenn ich Dich anſehe, iſt es mir, als ob es plötzlich Tag würde für mich! Du biſt meine Morgenſonne! Laß mich vergeſſen, daß ich König von Frankreich bin, um nur daran zu denken daß ich Dein Geliebter bin! Und Luiſe, eingedenf der Worte, welche ihr La Chaiſe geſagt, athmete nur Luſt und Entzücken, Worte des Scherzes und der Liebe waren auf ihren purpur⸗ nen Lippen, Blicke der Seligkeit und der Gewährung flammten aus ihren glühenden Augen.— Der König —— —— — 203— war ganz entzückt, ganz begeiſtert. Niemals war ihm Luiſe ſo anmuthig und reizend, niemals ſo geiſtvoll und zärtlich erſchienen.. Eigennutz, nichts als Eigennutz, ſagte Luiſe, als der König in laute Lobpreiſungen ausbrach. Ich mache es, wie die Hofſchranzen, die Kammerherren und Pa⸗ pageyen, wenn ſie auf Zuckerbrodt lüſtern ſind. Ich will mir Deine Gnade gewinnen, Louis, darum gebe ich mir den Schein, als ob ich liebenswürdig wäre! Ein Engel biſt Du! rief der König, ſie in ſeine Arme ſchließend. Nein, nein, kein Engel, ſondern ein kleines erbärm⸗ liches Menſchenkind, das den größten und ſchönſten Mann ſeines Jahrhunderts um eine Gnade bitten will! Ich kenne dieſen Mann nicht! ſagte Ludwig. Nenne mir ſeinen Namen, und wenn ich etwas bei ihm ver⸗ mag, ſo wird er Alles gewähren, was Luiſe La Val⸗ lière, die Lilie von Frankreich, nur wünſchen und be⸗ fehlen mag. Ach, Ihr kennt dieſen Mann nicht, welcher der größte und ſchönſte ſeines Jahrhunderts iſt? Denkt Euch den Jupiter, welcher von der Venus das Lächeln, vom Apoll die Grazie und Anmuth, vom Ganymed — 204— die ewige Schönheit, und vom Mars die Tapferkeit und den Heldenſinn erobert hat, denkt Euch einen ſolchen Jupiter, welcher mit allen dieſen Eigenſchaften ſeine eigene erhabene Majeſtät und Götterwürde ver⸗ eint, dann habt Ihr das Bild von dem größten und ſchönſten Manne ſeines Jahrhunderts, von Ludwig dem Einzigen! ꝙ Und die La Valliére ſank mit einem bezaubernden Lächeln zu den Füßen des Königs nieder. Schmeichlerin! Holde, ſüße Schmeichlerin! ſagte er, indem er ſie aufhob. Bin ich Jupiter, ſo ſollſt Du meine Semele ſein! Damit ich mich verzehre an Eurer Strahlenherr⸗ lichkeit! Nun, ſo ſei Deines Jupiters Europa! Ach, was kümmert mich die ganze Welt, wenn ich dieſe einzige, Europa erobert habe! Jetzt kann mein Schwerdt in der Scheide roſten, der König von Frankreich hat Dich, ſein Europa, erobert, was braucht es weiter, um ein Held genannt zu werden! Der König liebte es ſehr, geiſtreich zu ſein, und er war ſehr zufrieden mit der Wendung, welcher er der Schmeichelei ſeiner Geliebten gegeben. — 205— Selbſt Lauzun würde das nicht beſſer geſagt haben, dachte er, und Lauzun gilt doch für ein Wunder von Geiſt! Und nun, mein Zeus, mein Gott und König, höre, um was ich Dich zu bitten habe! Endlich einmal alſo werde ich Dir eine Gunſt zu gewähren haben! Ich danke Dir, Du machſt mich reich, indem Du mir erlaubſt, Dir etwas zu geben! Ich bin eiferſüchtig, ſagte Luiſe ſeufzend. Des Königs Stirne verfinſterte ſich. Schon wieder dieſes fluchwürdige Wort, ſagte er. Ah, Ihr nennt mich einen König, und ich habe nicht einmal die Macht, dieſes armſelige, kleine Wort von meinem Hofe zu verbannen! Beim Himmel, wäre ich nur eine Viertelſtunde Jupiter, ich würde dieſes Wort„Eiferſüchtig“ in eine Menſchengeſtalt verwan⸗ deln, um ſie lebendig auf das Rad flechten zu laſſen, und dieſer Hyder das Haupt vom Rumpfe zu tren⸗ nen! Und auf Wen, wenn es beliebt, iſt Luiſe La Valliére eiferſüchtig? Die Königin iſt es auf Euch, der Hof iſt es auf Euch, mein Beichtvater ſelbſt iſt es auf Euch! Und Ihr,— nun auf Wen ſeid Ihr es? 4— 206— Sire, ich bin eiferſüchtig auf Euren Beichtvater! Auf Pater Annart? fragte der König lächelnd, und ſeine Züge nahmen wieder den Ausdruck der Heiter⸗ keit an. Ja, auf ihn, ſeufzte Luiſe. Er iſt mein Feind, ich habe Furcht vor ihm! Sire, wenn Euch die Ruhe und das Glück Eurer Luiſe am Herzen liegt, ſo er⸗ hört mein Flehen, befreiet Euch und mich von dieſem gehäſſigen, heimtückiſchen, ewig grollenden, ewig miß⸗ muthigen Prieſter! Es iſt wahr, er iſt ſehr beläſtigendy! ſagte der Kö⸗ nig ſinnend. Keinen Abend läßt er mich zur Ruhe gehen, ohne mir eine ganze Litaney von Verwünſchun⸗ gen und Ermahnungen entgegen zu donnern. Immer dieſes ewige Lied von der Herrlichkeit Gottes, und von der Erbärmlichkeit meiner irdiſchen Majeſtät! Das mag ſehr erhaben, ſehr edel ſein, aber es iſt lang⸗ weilig! Nein, es iſt hochverrätheriſch! ſagte Luiſe, es heißt, ſeinen König herabſetzen,— es iſt nichts als prahle⸗ riſcher Prieſterhochmuth, der in ſeinem Gotte nur ſeine eigene Verherrlichung ſucht! Man kann ſehr wohl „ 3 4 — 202— Gott lieben, und vor ihm knieen, ohne deshalb ſeinen irdiſchen König in den Staub treten zu müſſen! Du haſt Recht! ſagte der König, die Stirne run⸗ zelnd, indem er aufſtand, und haſtig im Zimmer auf und ab ging. Ich haſſe nichts mehr, als dieſen Prieſterdünkel! Ich würde ſie Alle, ſammt ihren Kirchen und Meßbüchern aus meinem Reiche verban⸗ nen, wenn es in meiner Macht ſtände! So verbannt mindeſtens den Pater Annart, Sirel! Aber wen ſetzen wir an ſeine Stelle? Es iſt einmal hergebracht, daß der König von Frankreich einen Beichtvater hat. Ah, lächerliches Vorurtheil! Dieſer Annart iſt ſeit ſieben Jahren mein Beichtvater, und ich habe ihm in dieſer Zeit auch nicht einmal ge⸗ beichtet*). Ich hatte immer Furcht vor ſeinem Jam⸗ mergeſchrei und ſeinen Verwünſchungen, und doch, ich geſtehe es, wäre es mir zuweilen willkommen gewe⸗ ſen, von meinen kleinen Geheimniſſen und Abentheuern zu plaudern, und ſie noch einmal zu genießen, indem ich ſie erzähle. Oh, es wäre nicht übel, einen geiſt⸗ *) Vie du Père la Chaise. Vol. I.— Beaumelle, Mémoi- res de Mad. de Maintenon. — 208— reichen, bequemen und angenehmen Beichtvater zu ha⸗ ben, der nicht gleich Zeter ſchreit, wenn ich ihn zu⸗ weilen hinter Vorhänge blicken laſſe, die ſeiner prieſter⸗ lichen Herrlichkeit ſonſt auf immer verſchloſſen bleiben! Ich kenne einen ſolchen paſſenden Beichtvater! ſagte Luiſe. Nun, ſo nenne ihn! Es iſt der Pater La Chaiſe! Beim Himmel, Du haſt Recht! Der wäre paſſend, und irre ich nicht, ſo hat auch unſer alte gute Ma⸗ zarin in ſeinem Buche ihn dazu beſonders empfohlen! Wir wollen uns das überlegen! Und jetz, ſtille von den Beichtvätern! In meine Arme, Luiſe! Wenn die Liebe eine Sünde iſt, nun wohl, ſo laß uns ſündigen, damit wir nachher etwas zu beichten haben! Nein, nein, rief La Vallièere, ſich ſeinen Armen entwindend, keinen Kuß, bevor Ihr mir nicht gelobt, den Pater Annart zu entfernen, und La Chaiſe zu Eurem Beichtvater zu machen! Ich gelobe es! Cuer königliches Wort darauf, Sire? — 209— Mein koͤnigliches Wort, La Chaiſe ſoll mein Beicht⸗ vater werden! Nun wohlan, Ludwig von Frankreich, da haſt Du Deine Geliebte! Und Luiſe La Valliére warf ſich in des Königs 4 8 Arme.— 1☛õ II. 14 XII. Der König hungert. Es war am andern Tage, daß der Hof, ganz ſei⸗ nen Gewohnheiten zuwider, eine ſehr ernſte, ſehr feier⸗ liche Miene annahm. Keine Vorbereitungen zu Feſten, kein Lachen und Singen, keine heitern, frohlockenden Geſichter, überall tiefe Ruhe und Stille, überall nur murmelnde Gebete und frommes Händefalten.— Es war eine Carnevalspoſſe, zu welcher der Hof ſich frei⸗ lich nothgedrungen entſchließen mußte, denn es war heute der heilige Oſtermorgen, und einer uralten Ge⸗ wohnheit gemäß, mußte an dieſem Tage der König von Frankreich in Gemeinſchaft mit ſeiner Gemahlin das heilige Abendmahl nehmen. Deshalb war es, daß der Hof eine ſo feierliche Miene angenommen! Der König communicirte, und da der König es that, mußte natürlich der ganze Hof ſeinem Beiſpiele folgen. —— — — 211— Man hatte alſo auf einen Tag alle Intriguen und alle Cabalen, allen Ehrgeiz und alle Liebe bei Seite geſchoben, man hatte die zärtlichen Rendezvous bis auf morgen verlegt; ſtatt der Liebesbriefe las man Gebete, ſtatt der Roſenlippen küßte man das Crueifir. — Man war auf vier und zwanzig Stunden fromm geworden, weil es die Mode ſo erheiſchte, und weil man den lieben Gott gerne übereden wollte, man ſei ſehr fromm und ſehr zerknirſcht, damit Gott alsdann die begangenen Sünden verzeihe, und man Abſolution bekomme für neuzubegehende Sünden! Niemand war aber vielleicht unzufriedener mit die⸗ ſer ganzen Feierlichkeit, als der König ſelber, und es war nicht die heilige Bedeutung dieſes Tages, ſon⸗ dern der Mißmuth, welcher ſein Geſicht ſo ernſt und finſter machte. Mit gerunzelter Stirne, die Hände auf dem Rücken gefaltet, ging er unruhig in ſeinem Schlafgemach auf und ab, während Pater Annart mit lauter näſelnder Stimme ihm ſehr feierliche, ſehr zerknirſchte Gebete vorlas. Der König achtete wenig auf dieſe Gebete, er dachte an Luiſe La Valliére, und an die herrlichen Stunden, 14* 1 — 212— die er geſtern mit ihr verlebt, er dachte auch daran, daß er heute, der Sitte gemäß, das Parlament empfan⸗ gen müſſe, und daß dies in der That ſehr unbequem und ſehr läſtig ſei. Deshalb bedauerte er in dieſem Augenblicke auch mit aufrichtigen Seufzern, daß Ma⸗ zarin todt ſei, der für ihn ſonſt immer ſo bereitwillig ſolche Regierungslaſten auf ſeine Schultern genommen. Zuletzt dachte der König auch an ſein Volk, und er be⸗ ſchloß, eine neue Auflage auszuſchreiben, um Geld zu gewinnen zu ſeinem großen Schloßbau von Verſailles. Er überlegte ſodann, wie dieſe Auflage zu bewerk⸗ ſtelligen ſei, denn da ſchon ſo ziemlich Alles, deſſen das Volk bedurfte, mit Steuern belegt war, ſo erſchien es allerdings ſchwierig, eine neue Steuer zu erfinden. Man hatte ſchon eine Steuer für das Brodt, eine Steuer für das Fleiſch, eine Steuer für die Woh⸗ nungen, eine Steuer für jedes einzelne Gewerbe,— denn da der König zu ſeinen Vergnügungen und Feſten, zu ſeinen Bauten und Verſchönerungen ſehr viel Geld gebrauchte, ſo war es ſehr natürlich, daß ſein in Gott ergebenes Volk von ſeiner Armuth zahlen mußte zu den königlichen Ergötllichkeiten. Übrigens ſchienen dieſe Gebete des Beichtvaters doch — 213— von ſehr glücklichem Einfluß auf den König zu ſein, denn ſie begeiſterten ihn zu einem ſehr vortrefflichen Einfall. Ich werde eine Kopfſteuer ausſchreiben, dachte der König, und ſein Geſicht erheiterte ſich zu einem zu⸗ friedenen Lächeln, ja, ja, ich werde die Köpfe meiner Unterthanen beſteuern! Dies iſt ſehr natürlich, und Niemand wird dagegen etwas einzuwenden haben! Es iſt dies eine Steuer, die noch dazu von dem Be⸗ lieben jeder Familie abhangen wird. Wer nicht viel Kopfſteuer zahlen will, der mag ſich hüten, ſeine Fa⸗ milie durch neuen Kinderzuwachs zu vergrößern. Wol⸗ len die Leute einmal aber durchaus Kinder haben, nun, ſo mögen ſie eine kleine Abgabe dafür zahlen! Es iſt wohl ſehr natürlich, daß jeder Unterthan dafür eine Abgabe zahle, daß ich mich herablaſſe, jedem Einzel⸗ nen, ſo niedrig und gemein er immer ſei, zu geſtatten, mich ſeinen Vater und gnädigen König zu nennen! Die königliche Gnade kann niemals zu theuer erkauft werden! 1 Aber aus ſo angenehmen Gedanken und Berech⸗ nungen ward der König durch ein ſehr unangenehmes Gefühl aufgeſchreckt. — 214— Der König hungerte! Ein heiliges Geſetz aller chriſtlichen Völker gebietet, an dem Tage, an welchem man das heilige Abend⸗ mahl genießt, vor dieſem Genuſſe mit keiner irdiſchen Speiſe den menſchlichen Leib zu betheiligen, in welchen der Heiland und Meſſias heute ſeinen Einzug und ſeine Wohnung nehmen ſoll. Alle Fürſten und Könige hatten ſich vom Beginn der Chriſtenheit an dieſem heiligen Gebrauche unter⸗ zogen,— Ludwig der Vierzehnte durfte es daher nicht wagen, ſich gegen denſelben aufzulehnen.— Dieſer Tag des heiligen Oſterfeſtes, an welchem alljährlich der König communicirte, war daher der einzige Tag im Jahre, an welchem der König auf einige kurze Stunden die Leiden und die Qual ſeines Volkes theilte, an welchem er hungerte, gleich dem Geringſten ſeiner Unterthanen! Indeſſen iſt es ſehr natürlich, und von alten Zeiten her eingeführt, daß das Volk hungere, und daß es mit ſeinen vor Hunger zitternden Händen die mühſam erworbenen Pfennige darreiche, mit wel⸗ chen man ſeinen Biſſen Brod und ſeine kümmerliche Speiſe beſteuert, damit durch ſolche Steuer der hun⸗ gernden Armuth die Kaſſen des Königs gefüllt werde, — 215— und er in Herrlichkeit und Freude, ſeinem Volke zur ſtaunenden Luſt, leben könne.— Das Volk kann hun⸗ gern, denn es hat nichts weiter zu thun, als Abga⸗ ben zu zahlen, und ſich regieren zu laſſen, der König aber darf nicht hungern, weil er allein auf ſeine Schul⸗ tern die ſchwere Laſt der Regierung genommen! Das waren die Gedanken König Ludwig des Vier⸗ zehnten, während ſein Beichtvater ihm die frommen Gebete, wie ſie für ein zerknirſchtes, chriſtliches Ge⸗ müth dienlich ſind, vorlas. Der König aber war durchaus miht zerknirſcht, er war nur hungrig. Er unterbrach daher den leſenden Beichtvater, in⸗ dem er mit unwilligem Stirnrunzeln ſagte: laßt es genug ſein mit dieſer frommen Litaney! Wir ſind hinlänglich vorbereitet, und ſo laßt uns denn immer⸗ hin zur Kapelle gehen! Ich hoffe, die Königin wird bereit ſein! Es fehlt noch eine halbe Stunde an der anberaum⸗ ten Stunde! ſagte Annart feierlich. Sire, benutzt dieſe Zeit, um Euch mit Eurem Gotte zu verſöhnen. Aber mein Gott, rief der König unwillig mit dem Juße ſtampfend, wollt Ihr mich denn verhungern laſſen? * — 216— Seht Ihr denn nicht, daß ich ganz erſchöpft und er⸗ mattet bin von dieſer langen Entbehrung aller Nah⸗ rung. Um ſo ſegensvoller wird die Wirkung der heiligen Gottesſpeiſe für Euren königlichen Leib ſein! ſagte Pater Annart. Nun, ſo laßt ſie mich wenigſtens bald genießen, rief der König, ja, auf der Stelle, wenn Ihr nicht wollt, daß ich ſterbe vor Qual! Mag der irdiſche Leib verderben, wenn nur das Heil der Seele gerettet iſt! rief Annart. Der König wandte ihm mit einem ſtolzen, verach⸗ tungsvollen Blick den Rücken und trat an ſeinen Schreibtiſch. Dann nahm er ein Blatt Papier, und ſchrieb mit haſtigen Zügen einige Zeilen. Als er da⸗ mit zu Ende war, ſchellte er. Iſt der Hof bereit? fragte er den eintretenden Kam⸗ merdiener Germain. Zu Befehl, Sire! alle Herrn des Hofes haben ſich im Marmorſaal verſammelt, und ſo eben hat die Kö⸗ nigin mit ihren Damen ihre Gemächer verlaſen, un ſich gleichfalls dorthin zu begeben, und Ew. Majeſtät zu erwarten! — 217— Wir wollen ſie nicht lange warten laſſen! ſagte Ludwig von Frankreich haſtig, und indem er Germain näher zu ſich winkte, reichte er ihm das beſchriebene Blatt Papier hin, und flüſterte ihm ganz leiſe zwei Worte in's Ohr. Germain verbeugte ſich tief, und verließ das Zimmer. Und jetzt, ſagte der König vergnügt, jetzt laßt uns zur Kapelle gehen! Ohne eine Antwort ſeines Beichtvaters abzuwarten, verließ der König das Gemach, und begab ſich in den Marmorſaal, wo der Hof ſich verſammelt hatte. Wäͤhrend Ludwig ſeiner Gemahlin die Hand reichte, und ſie in die Kapelle geleitete, begab ſich Germain zu Luiſe La Valliére. Es war dies heute ein ſehr ſchmerzlicher, ſehr de⸗ müthigender Tag für des Königs ſchöne Geliebte, denn ſie war die Einzige von allen Damen des Hofes, welche nicht mit dem königlichen Paare zur Commu⸗ nion an den Tiſch des Herrn treten durfte.— Der Erzbiſchof von Paris, welcher heute den Dienſt ver⸗ richtete, hatte es ihr verſagt, Theil zu nehmen an dem heiligen Abendmahl, weil ſie einer ehebrecheriſchen und fündigen Liebe ſich ſchuldig gemacht, und nur, wenn Luiſe — 218— La Valliéete nicht mit dem Hofe am Altare erſcheine, hatte der Erzbiſchof ſich bereit erklärt, den König zur Com⸗ munion zuzulaſſen. Luiſe La Valliére büßte daher nicht bloß für ſich, ſondern auch für den König! Dieſer Gedanke war ihr ein Troſt, aber dennoch weinte ſie. 1 Germain wagte es nicht, nach der Urſache ihres Kummers und ihrer Thränen zu fragen, er reichte ihr alſo ſchweigend das Billet des Königs dar, und in⸗ dem Luiſe La Valliéere es empfing, fühlte ſie ihre Thrä⸗ nen verſtegen, und ihren Kummer enden. 5 Der König hatte alſo in dieſer feierlichen Stunde ihrer gedacht, der König liebte ſie alſo wirklich, denn ſelbſt indem er ſeinem Gotte ſich nahete, vergaß er nicht ſeiner Luiſe! 514. Sie drückte dieſes Billet an ihre Lippen, dann las ſie es, und ein anmuthiges Lächeln erhellte ihre ſchönen Züge. Germain, ſagte ſie, der König iſt hungrig! Er be⸗ fiehlt, daß ſogleich bei mir ein ausgeſuchtes Dejeuner ſervirt werde. Se. Majeſtät will gleich, wenn er von der Meſſe kommt, hier bei mir dejeuniren. Ertheilt deshalb ſchnell die nöthigen Befehle! Und nachdem Germain ſie verlaſſen, eilte Luiſe, ſich — — 219— an ihre Toilette zu begeben, um ihren königlichen Ge⸗ liebten würdig empfangen zu können.* Dieſen ganzen Tag verließ der König nicht das Zimmer der ſchönen La Vallière.— Der König hatte gehungert, es war daher ſehr natürlich, daß er ſich zu ſaͤttigen ſuchte, und indem er ſich mit ſeiner Ge⸗ liebten an der reich beſetzten Tafel niederließ, ſagte er: ſchaue nicht zu mir herüber, Luiſe, damit Du nicht aufhörſt mich zu lieben. Ich werde eſſen, wie ein Wolf. Gäbe Gott, daß ich mir hinlänglich die Gunſt des Papſtes erwerben könnte, um von dieſem läſtigen Geſetze befreit zu werden, welches mir den Hunger gebieten will,— als ob man Gott würdig in ſich aufnehmen könnte, wenn man von leiblichem Hunger geplagt wird! Ich meinestheils habe vor dem Altare an nichts weiter gedacht, als an dieſe ſchönen Paſteten und Speiſen, welche mich hier erwarteten! Und Luiſe La Valliére würzte ihm das Mahl mit anmuthigen Scherzen und liebreizender Heiterkeit.— Der König von Frankreich fühlte ſich daher ſehr zu⸗ frieden, und als er ſich ſpät am Abende in ſeine Ge⸗ mächer begab, ſagte er zu ſeinem Vertrauten Germain: dies war einer der glücklichſten Tage meines Lebens! — 220— Ich habe weder das alberne Geſchwätz meines Hofes, noch die langweiligen Reden meiner Miniſter und Par⸗ lamentsräthe anzuhören gehabt. Man hat mir einen Tag geſtattet, zu vergeſſen, daß ich König bin, um mich nur zu erinnern, daß es ein ſehr ſchönes Ding iſt um das Leben! In der That, dieſe Welt iſt ſehr ſchön, wenn nur ein König ſich nicht immer plagen müßte für ſein Volk! Mein Gott, man geſtatte uns armen Königen nur zu vergeſſen, daß wir ein Volk haben, und wir werden ſehr glücklich ſein! Aber der Frohſinn des Königs verſchwand ſchnell, als er in ſein Schlafzimmer trat, denn in demſelben erwartete ihn Annart, welcher den ganzen Tag unter Seufzern und Weinen ſeines königlichen Gebieters ge⸗ harrt hatte, um ihm die ſchwere und unverzeihliche Sünde begreiflich zu machen, welche er begangen, in⸗ dem er, unmittelbar von dem Tiſche des Herrn kom⸗ mend, zu ſeiner Geliebten gegangen! Pater Annart empfing daher den König mit einer donnernden Strafpredigt, und indem er den Zorn des Himmels über den verhärteten königlichen Sünder herabbeſchwur, ſagte er in ſeiner Verzweiflung ſich los von ſeinem unwürdigen Beichtkinde! — 221— Der König erinnerte ſich zu rechter Zeit des Ver⸗ ſprechens, welches er ſeiner Geliebten gegeben. Er hörte daher diesmal nicht, wie ſonſt, die gerechten Vorwürfe ſeines Beichtvaters mit ruhiger Gelaſſenheit an, ſondern, weil er fühlte, daß er Unrecht gehan⸗ delt, ereiferte er ſich im Zorn gegen den, welcher es gewagt, ihn des Unrechts zu zeihen. Es war ein heftiger und erbitterter Streit zwiſchen einem ſtolzen König und einem erbitterten Prieſter, aber diesmal ſiegte der König über den Prieſter. Ludwig der Vierzehnte gab ſeinem Beichtvater in dieſer Stunde mit feſten und entſchiedenen Worten ſeine Entlaſſung. Das nicht war es, was Annart wollte. Er hatte den König demüthigen, er hatte ihn ſich und ſeinem Prieſterthum unterwerfen wollen, aber er war niemals auf den Gedanken gekommen, daß ſeine eigene Stel⸗ lung erſchüttert oder gar vernichtet werden könnte.— Es war ein ſo unerhörter Fall, daß ein königlicher Beichtvater ſeines Amtes entſetzt worden, wenn nicht irgend ein Verbrechen oder eine ſchwere Schuld gegen ihn gezeugt. Pater Annart ſagte daher mit ſtolzem, hochmüthigen 7 4 — 222— Ton: ich nehme meine Entlaſſung nicht an! Ich that nur, was meines Amtes iſt, Niemand wird mich ſtraf⸗ bar finden, weil ich meine Pflicht übte, und das ſün⸗ dige Gemüth meines königlichen Beichtkindes zur Reue und zur Erkenntniß zurückzuführen ſuchte! Die Augen des Königs ſchleuderten Blitze, und ſich in dem ganzen Stolz ſeiner königlichen Würde auf⸗ richtend, ſagte er: eine andere Sprache, mein Herr, wenn's beliebt! Vergeßt nicht, daß Ihr von heute an nichts ſeid, als ein Unterthan, welcher zu ſeinem König ſpricht! Es iſt alſo Euer Ernſt, Sire? fragte Pater Annart bleich und zitternd. Ich bin alſo wirklich meines Am⸗ tes entſetzt und entlaſſen? Ihr ſeid entlaſſen! Aber das iſt gegen alles Geſetz und Recht! ſchrie Annart. 1. 19 p Der König ſagte ſtolz: des Königs Wort iſt das Geſetz und das Recht dieſes Landes! Der König ſagt es Euch: Ihr ſeid entlaſſen! Und damit— Gott befohlen! So ſprechend trat der König mit einem ſtolzen Nei⸗ gen hinter die Vorhänge ſeines Bettes und winkte Germain, ihm beim Auskleiden behülflich zu ſein. Pater Annart verließ ſchweigend, Wuth im Herzen, das königliche Schlafgemach, welches er nie wieder betreten ſollte!— Und während der entſetzte Prieſter am andern Mor⸗ gen die Zimmer der Königin mit ſeinem Jammerge⸗ ſchrei und ſeinen Klagen erfüllte, ging der König mit heiterm, triumphirendem Geſicht zu Luiſe La Valliére. Nun, ich hoffe, Luiſe wird mit mir zufrieden ſein, ſagte er lächelnd. Ich habe mein Wort gelöſt. Pater Annart iſt entlaſſen, und ich habe nach La Chaiſe ge⸗ ſandt, und ihm befohlen, hieher zu kommen. Ich werde ihm in Eurem Beiſein das Amt meines Beicht⸗ vaters übertragen! Luiſe La Vallière warf ſich mit lauten Dankes⸗ äußerungen in ihres Königs Arme! Wenige Minuten ſpäter trat La Chaiſe in das Ge⸗ mach. Kein Zug ſeines Angeſichtes verrieth dieſen Sturm taumelnder Freude, welcher ſein Inneres be⸗ wegte. Mit der Ruhe und dem Gleichmuth eines Weiſen hörte er dem Könige zu, welcher ihm in ſeiner kurzen und entſchiedenen Weiſe ſeine Ernennung zum — 224— königlichen Beichtvater ertheilte. Niemand konnte ahnen, daß dieſes das Ziel geweſen, nach welchem La Chaiſe Jahrelang geſtrebt, auf welches er Jahre lang all' ſein Sinnen und Trachten, alle ſeine Gedanken und Handlungen gerichtet hatte,— La Chaiſe ſchien ganz ruhig, aber dennoch fühlte er ſich faſt ſinnlos, ganz berauſcht von ſtolzer Freude! 1 Ihr ſeid alſo von dieſer Stunde an mein Beicht⸗ vater, ſagte der König, und damit Ihr ſofort Euer heiliges Amt beginnt, und es auf eine Eurer würdige Weiſe beginnt, will ich heute noch einmal commu⸗ niciren! Aber was wird der Hof, was wird die Königin dazu ſagen? fragte Luiſe La Valliere. König Ludwig antwortete ſtolz: Man ſoll ſagen, „der König hat es gewollt, der König hat es ge⸗ than!“— Ach, mich beluſtigt es, dieſe Heuchler und Scheinheiligen, an deren Spitze die Königin ſteht, ra⸗ ſend zu machen vor Zorn! Sie ſollen ſehen, daß der König ſich wenig kümmert, um ihre Anathemen und ihre Bannflüche! Ich will ihnen zeigen, daß der König zu jeder Stunde würdig iſt, an den Altar Gottes zu treten, und das Abendmahl zu empfangen, — 225— zu jeder Stunde, ob der König zuvor geflucht oder gebetet, geſündigt oder ſich caſteiet hat! Luiſe, noch einen Kuß! Und jetzt kommt, mein Herr Beicht⸗ vater, wir wollen die nöthigen Vorbereitungen treffen zur Communion! Und der König, ſchon im Begriff das Zimmer zu verlaſſen, blieb plötzlich ſtehen. Ach, ich vergaß, ſagte er, La Chaiſe ſcharf firi⸗ rend. Dieſe Communion wird heute unmöglich ſein! Ich habe ſchon gefrühſtückt, ich bin nicht mehr nüchtern! La Chaiſe verneigte ſich tief: wollen mir Ew. Ma⸗ jeſtät erlauben, gleich mein Amt damit zu beginnen, daß ich es wage, Ew. Majeſtät zu widerſprechen? Sprecht immerhin, ſagte der König. So wage ich es denn zu behaupten, daß es kein Grund iſt, Ew. Majeſtät vom heiligen Abendmahl zurückzuhalten, weil Ihr nicht nüchtern ſeid. Die Be⸗ dürfniſſe des Leibes haben keine Gemeinſchaft mit de⸗ nen der Seele. Der Leib kann der Nahrung bedür⸗ fen, und geſättigt werden, ohne daß dadurch die Nüch⸗ ternheit der Seele beſchadet oder aufgehoben wird. Und da Ew. Majeſtät den lebhaften Wunſch haben, das heilige Abendmahl zu genießen, ſo geht daraus hervor, II. 15 — 226— daß Eure Seele noch nüchtern iſt, und voll heiliger, hungriger Begierde auf die göttliche Speiſe! Sehr wohl geſprochen! ſagte Ludwig lächelnd. Aber nicht alle Geiſtliche meines Reiches und Hofes wer⸗ den Eure geiſtreiche und weiſe Meinung theilen! Doch könnte ich ſogar die Autorität mehrerer Päpſte für meine Meinung anführen, ſagte La Chaiſe. Denn was die Päpſte an einem Tage als zuſtehend erlaub⸗ ten, das dürfen ſie an einem andern Tage nicht für fündhaft erklären! Die Päpſte aber haben ja erlaubt, daß die Könige von Frankreich an ihrem Krönungs⸗ tage nicht nüchtern zu ſein brauchen, ſondern dejeu⸗ niren können, bevor ſie zur Beichte und Abendmahl gehen*). Nun aber, iſt nicht jeder Tag der Krönungs⸗ tag des Königs? Setzt ihm nicht Gott an jedem neuen Tage die Krone auf, und heiligt ihn zu ſeinem irdiſchen Stellvertreter? In der Nacht iſt der König nichts als ein ſchlafender Menſch! Aber Morgens, wenn die Sonne in ihrer Glorie emporſteigt, erhebt ſich auch die Glorie des Königthums, und der ſchla⸗ fende Menſch richtet ſich auf, um von der Sonne und dem *) Histoire des Confesseurs des Empereurs, des Rois ets. par Grégoire. — 227— Licht gekrönt, mit jedem Tage neu als König unter uns zu wandeln! Deshalb iſt jeder Tag Euer Krö⸗ nungstag, und es iſt Euch an jedem Tage erlaubt, zu eſſen, bevor Ihr zu Abendmahl und Beichte geht! Die Päpſte, welche dieſen Dispenz gegeben, ſagte der König lächelnd, ſie würden ſchwerlich Eure Aus⸗ legung gut heißen! Doch laſſen ſie in mehreren Fällen Ausnahmen zu, erwiderte La Chaiſe. Der König Sebaſtian von Por⸗ tugal genoß dieſes, vom Papſte ihm ertheilten Vor⸗ rechtes, ohne nüchtern zu ſein, zu Beichte und Abend⸗ mahl zu gehen, eben ſo Kaiſer Karl V.*)— Nun, ich dächte, es iſt wohl die Frage erlaubt: was Karl V. geſtattet war, warum ſollte das Ludwig dem Vier⸗ zehnten verboten ſein? Ja, warum ſollte das Ludwig dem Vierzehnten ver⸗ boten ſein! wiederholte der König, und indem er La Chaiſe ſeine Hand zum Kuſſe darreichte, wandte er ſich mit einem anmuthigen Lächeln zu ſeiner Geliebten. Luiſe, ſagte er, ich danke Euch, Ihr habt mir da einen guten Rath ertheilt, und dem Pater Annart einen *) Histoire des Confesseurs des Empereurs, des Rois etc. par Grégoire. 8 15* — 228— würdigen Nachfolger auserwählt. Ich bin ſehr zu⸗ frieden mit meinem neuen Beichtvater, und damit er es auch mit mir ſei, will ich das bisherige Gehalt erhöhen. Ich bewillige Euch ſechstauſend Livres jähr⸗ lichen Einkommens, und weil Ihr mir ein guter Ge⸗ ſellſchafter ſcheint, ſoll in Euren Gemächern Euch ſtets eine Tafel zu ſechs Perſonen ſervirt werden, damit Ihr täglich Eure Freunde empfangen könnt*).—— Nein, keinen Dank! Laßt uns zur Communion gehen!— Eine Stunde ſpäter hatte der erſtaunte Hof das Schauſpiel, König Ludwig, welcher erſt geſtern das Abendmahl empfangen, abermals communiciren zu ſehen, während der neue Beichtvater, Pater La Chaiſe, dem Erzbiſchof im heiligen Dienſte aſſiſtirte**). *) Histoire des Confesseurs des Empereurs, des Rois etc. par Grégoire. 8) Vie du Pôre la Chaise Vol. I. XIII. La Chaiſe als Beichtvater⸗ La Chaiſe hatte alſo das Ziel erreicht, nach welchem er mit ſo glühendem, verzehrendem Eifer geſtrebt! Er war der Beichtvater des Königs und ſtand ſo gewiſ⸗ ſermaßen dem Throne am nächſten. Es kam jetzt nur noch darauf an, ſich in ſeiner Stellung feſt zu ſetzen, ſie zu einer unerſchütterlichen, unumſtößlichen zu machen! Eingedenk der Worte, welche Mazarin zu ihm ge⸗ ſprochen, ſagte La Chaiſe zu ſich ſelber: Ich muß mir das unbedingte Vertrauen des Königs zu gewinnen ſuchen, ich muß mich ihm nothwendig und unentbehr⸗ lich machen, und da, wie Mazarin mit weiſem Blicke erkannt, König Ludwig durchaus regiert ſein muß, nun wohl, ſo werde ich es ſein, der ihn regiert! Zur Reue und zur Buße iſt der König noch zu jung, ſein Herz hängt noch zu ſehr an dem Leben und der Liebe! 4— 230— — Ich werde alſo damit beginnen müſſen, der Vertraute ſeiner Freuden und Genüſſe zu ſein, um dereinſt der Vertraute ſeiner Reue und Zerknirſchung zu werden. Der lebensluſtige, genußſüchtige König hat nichts zu ſchaffen mit Gott, aber den entnervten und überſättig⸗ ten König werde ich dereinſt zu ſchrecken wiſſen mit der grauenvollen Majeſtät des zürnenden und ſtrafenden Gottes! Und getreu dieſen Grundſätzen ward La Chaiſe nicht allein der Vertraute der Schwelgereien und Vergnü⸗ gungen ſeines Königs, ſondern er theilte ſie, und wußte durch verlockende Schilderungen den König immer auf's Neue zu reizen, immer auf's Neue ſeine Phantaſie durch entzückende Bilder aufzuſtacheln!— Man lebte in einem Taumel der Vergnügungen und Luſt; jeder Tag brachte neue Feſte, in jeder Stunde mußte ein neuer, raffinirter Genuß erfunden werden! Das Volk ächzte unter der Laſt der Abgaben, es heulte und ſchrie unter der Pein des Hungers und der Entbehrungen,— bei Hofe vernahm man nichts da⸗ von, unter den Jubelklängen der Luſt erſtarb die Weh⸗ klage des gemarterten Volkes, unter dem Lachen der Freude ward das Schluchzen der Verzweiflung erſtickt. — 231— — Man war ſehr glücklich an dieſem Königshofe,— was hatte alſo der König, da Er glücklich war und zufrieden, was hatte der König alſo zu fragen nach den Leiden und der Qual ſeines Volkes! 3 Gott hat das Volk nur geſchaffen um der Koͤnige und Fürſten willen, und es ſind eitle Thoren und Narren, die da vermeinen, nur um des Volles wil⸗ len ſeien die Könige da!— Das Volk iſt nur da, um ein wenig beizutragen zu der göttlichen Majeſtät der Könige, das Volk iſt nur da, um im Staube zu kriechen vor ſeinem Könige, um zu gehorchen und zu leiden, um zu dulden und zu entbehren! L'Etat c'est moil Dieſer Grundſatz der Völker⸗ erniedrigeneen Königswürde, Ludwig der Vierzehnte war es, der ihn mit ätzenden Flammenzügen in das zuckende Herz ſeines Volkes eingegraben, und ſein Beichtvater La Chaiſe hat ihm dabei die Hand ge⸗ führt! La Chaiſe, welcher, um der königlichen Eitelkeit zu ſchmeicheln, Ludwig den Vierzehnten glauben machte, ein König ſei erhaben über jeden Tadel und jede Strafe, ein König ſei, als die Ausſtrahlung Gottes, gewiſſermaßen eine irdiſche Gottheit ſelber, und un⸗ antaſtbar in der Glorie ſeiner Würde! — 232— Aber während La Chaiſe den König jeden Tag auf's Neue zu ſchwelgeriſchen Genüſſen verleitete, indem er ihm jeden Tag auf's Neue die Vergebung ſeiner Sün⸗ den und die Langmuth des Herrn verkündete, war er doch bemüht den König zu dem äußern Anſchein der Tugend zu bewegen, und ihm einen frommen Mantel umzuhängen, unter welchem er ſeine laſterhaften Freu⸗ den und ſeine ehebrecheriſchen Genüſſe verbergen konnte. — Er wollte den König allmälig an die Frömmigkeit und die zerknirſchte Demuth gewöhnen, er ſollte damit beginnen, die Frömmigkeit zu heucheln, um damit auf⸗ zuhören, von dieſer Frömmigkeit beherrſcht und geknechtet zu werden! Der Pietismus und die heuchelnde Fröm⸗ melei, La Chaiſe war es, der ſie erfunden, La Chaiſe war der Gärtner, welcher aus dem mit Laſtern und Verbrechen gedüngten Boden dieſe Blüthe der Sünden hervortrieb, und dieſe Blüthe, ſie iſt nimmer wieder veerdorkt, ſie ragt hinüber bis in unſere neueſten Zeiten. Der Pietismus, dieſe Blüthe der Sünde, welche in ihrem Kelche die Gnade und Königsgunſt, die Ehre und den Reichthum birgt, er iſt ſeitdem Eigenthum aller Völker geworden, er iſt die Zuchtruthe der Völa — 233— ker, und von dem berauſchenden Dufte dieſer Sünden⸗ blüthe werden die Könige entnervt, um ſtatt Herrſcher Betbrüder zu werden. Seit La Chaiſe den Pietismus erfunden, hat Gott aufgehört der Gott der Liebe zu ſein, um ſich in dem Munde dieſer Heuchler in einen Gott des Schreckens und der Strafe zu verwandeln! Die Erde, welche Gott ſo ſchön geſchaffen, ſie ſoll ſeitdem nur noch ein Zuchthaus der ſündigen Menſchheit ſein, ein Zucht⸗ haus, aus welchem die Freude verbannt iſt, und das heitere Lachen, wo man Gebete plärrt, und die Augen verdrehend, den Sündern flucht, welche Gott lieben mit heiterer Frömmigkeit und des Lebens genießend! Wie geſagt, La Chaiſe war es, welcher den Pie⸗ tismus erfunden! Und König Ludwig der Vierzehnte war La Chaiſe's erſter Schüler! Man prahlte nicht mehr mit ſeinen Laſtern, man rühmte ſich nicht mehr ſeiner verbrecheriſchen Freuden, man ſchwelgte und ſündigte, berauſchte und genoß in der Stille und unter dem Schweigen der Nacht, man betete, und kaſteiete ſich vor der Welt, man faltete die Hände und betete in der Offentlichkeit und bei der Helle des Tages! — 234— La Chaiſe lehrte den König heucheln, und er heu⸗ chelte mit ihm! Er wollte ſich den Ruf eines Heiligen und Frommen erwerben, und zugleich der vollen Luſt des Lebens genießen! Er begehrte nicht allein Reich⸗ thum und Macht, Anſehen und Größe, er verlangte auch das Vergnügen und die Freude, die Liebe und die Genüſſe der Tafel. 6 Es beluſtigte ihn, die Frauen zu betrügen, ſie an ſeine Liebe Glauben zu machen, und ſie hohnlachend zu verlaſſen, wenn ſie ihn liebten. Während man ihn am Tage nur beſchäftigt ſah mit frommen Werken, während er ſtets Gott und die heiligen Lehren der Bi⸗ bel auf der Zunge trug, flüchtete er ſich Abends in das ſtille, einſame Haus, welches der König ihm ge⸗ ſchenkt, damit der Prieſter ſich daſſelbe zu einem Tem⸗ pel der Freude umgeſtalte! Am Tage war La Chaiſe der Prieſter Gottes, am Abend, in ſeinem ſtillen Hauſe im Faubourg St. Antoine, war er der Prieſter des Vergnügens! Da hörte man hinter den geſchloſſenen Fenſterladen lautſchallende Geſänge taumelnder Freude, da hörte man die Becher klirren und die Würfel rol⸗ len, da vernahm man das Seußzen der Liebe und den Angſtſchrei der verführten, verleiteten Unſchuld! Da — 235— rächte ſich der Prieſter La Chaiſe an der Menſchheit, welche er verachtete, indem er hohnlachend ihre heilig⸗ ſten Geſetze mit Füßen trat, und ungerührt von der Klage der Unſchuld und ohne Mitleid für die Ver⸗ zweiflung des verlierenden Spielers, in Entzückungen ſchwelgte, welche ihm durch das Leid und die Klage derer, die er verdarb, nur noch piquanter und herr⸗ licher erſchienen! La Chaiſe verachtete die Menſchheit, und er wollte doch über ihr herrſchen, um jeden Preis! Er lernte es daher, ſich im Staube zu bücken vor den Großen und Mächtigen, und nur Die ſeinen Stolz empfinden zu laſſen, welche ihm nicht zu nützen vermogten! Er war ein vollendeter Heuchler und Jeſuit! Vielleicht gab es an dieſem ganzen ſo üppigen und lebensluſti⸗ gen Hofe Ludwig's des Vierzehnten keinen ausſchwei⸗ fenderen Wüſtling, als La Chaiſe, und dennoch ſah man ihn unter den Hofherren, deren Frauen er ver⸗ führte und ſchändete, einherſchreiten mit der Miene der Andacht und Unſchuld und der rückhaltsvollſten Beſcheidenheit!*) Aber während die Höflinge ſchon zu zittern began⸗ *) Histoire du Pere la Chaise. Vol. I. * — 236— nen vor dieſem machtvollen und ſchlauen Günſtling, der es ſogar verſtanden ſich zum Freunde und Ver⸗ trauten von Louvois, dem grauſamen und blutdürſtigen Kriegsminiſter Ludwig's zu machen, gab es an dieſem Hofe doch einen mächtigen und unverſöhnlichen Feind des neuen Beichtvaters, einen Feind, der es verſchmä⸗ hete, mit den heimlichen Waffen der Bosheit im Ver⸗ borgenen zu kämpfen, ſondern der frei und offen es wagte La Chaiſe gegenüber zu treten, und ihn zu ver⸗ höhnen mit ſeiner Frömmigkeit, indem er ihn laut der Sünde anklagte! Dieſer Feind war der Sieger von Rokroy, der Prinz von Condé, welcher es La Chaiſe niemals vergeſſen konnte, daß er durch ihn nicht allein ſeine Geliebte, ſondern den Glauben an die Frauen überhaupt, ver⸗ loren hatte!— Condé hatte dem Prieſter Rache geſchworen für jene Stunde, in welcher er auf ewig die Marquiſe von Chatillon aus ſeinem Herzen verbannte, und Condé war der Mann dazu ſein Wort zu halten! Das wußte La Chaiſe, und er zitterte vor Condé's Rache, wie das Kind vor dem Rollen des Donners! Jeder von ihnen Beiden ſchwur daher das Verder⸗ 8 — 8 — 237— ben des Andern, es kam nur darauf an, wer von ih⸗ nen Beiden den erſten Schlag führen konnte! La Chaiſe hatte für ſich den König und des Königs ſchöne Geliebte Luiſe La Vallière, er nannte den ge⸗ waltigen Louvois ſeinen Freund und vor dem mäch⸗ tigen Beichtvater neigte ſich ehrfurchtsvoll und demü⸗ thig der Schwarm der Höflinge. Condé, als der Freund der Königin, und außer⸗ dem als früherer Rebell von Frankreich, beargwohnt von Ludwig, ſtand ſchwankend in der Gunſt des Kö⸗ nigs, aber feſt geſichert in der Gunſt des Volkes und der Edlen! Man ſah den königlichen Prinzen ſelten bei Hofe, aber deſto öfter in Geſellſchaft ausgezeichneter Gelehr⸗ ten oder im Theater. Condé tröſtete ſich bei den Wiſ⸗ ſenſchaften und Künſten über den Verluſt ſeiner ſo lange und treu gehegten Liebe! Bei Hofe ſchwelgte und betete, litaneiete und genoß man! Und der König hatte ſeinem Beichtvater für einen neuen, wundervollen Genuß dankbar zu ſein, denn La Chaiſe war es geweſen, welcher Ludwig von Frankreich das Entzücken kennen lehrte, Trüffeln zu eſſen! 3 — 238— Trüffeln! Welch eine Harmonie und Muſik lag nicht ſchon in dem Worte, wie ließ ſich nicht ſchwelgen in dieſer einzigen, unvergleichlichen Speiſe! Der König nannte ſich den glücklichſten Mann ſeines Reiches, denn er hatte eine neue Lebensfreude gewonnen, er hatte die Trüffeln kennen gelernt! Und niemals, nein niemals fühlte ſich La Chaiſe ſo andachtsvoll, ſo gottdurchdrungen, als wenn er Trüffeln aß, und er aß ſie jeden Tag, ſie durften nie⸗ mals auf des Beichtvaters reichbeſetzter Tafel fehlen, und er ſegnete ſeinen alten getreuen de Vaur, welcher ihm dieſe ſo koſtbaren und herrlichen Trüffeln aus dem. Languedoc geſandt hatte! Uebrigens ſtritten ſich die Höflinge um die Gunſt zur Tafel des Beichtvaters zugelaſſen zu werden, denn man war da der ausgeſuchteſten Speiſen, der herr⸗ lichſten Weine gewiß, und ſelbſt Louvois, der mäch⸗. tige und gefürchtete Miniſter, verſchmähete es nicht, an der Tafel La Chaiſe's zu erſcheinen, und dieſe herr⸗ lichen Trüffeln von Languedoc zu genießen, welche Niemand ſo ausgezeichnet zu bereiten verſtand, als der Koch des Beichtvaters La Chaiſe. XIV. Tartüffe. Es war an einem hellen ſchönen Sommertage, als in den ſchattigen Gängen des Gartens von Fontaine⸗ bleau zwei Männer plaudernd auf und ab wandelten. Arm in Arm, in heiterm Geplauder, gingen ſie durch die Alleen dahin, und wo ihnen irgend ein Hofherr begegnete, da blieb er ehrfurchtsvoll und ſich tief ver⸗ neigend ſtehen, um, wenn die Beiden vorüber, ihnen mit dem Ausdruck des Spottes und der Verwunderung nachzublicken. In der That, es war auch etwas ganz Unerhörtes,. was ſich da begab, etwas ganz Unerhörtes, kaum Glaubliches, daß ein Prinz von königlichem Geblüt Arm in Arm ging mit einem Dichter, der ſogar neben⸗ her auch noch zu der geächteten und aus der Geſellſchaft und Kirche verſtoßenen Klaſſe der Schauſpieler gehörte! — 240— Denn dieſe Beiden, welche da auf und nieder wan⸗ delten, ſie waren Niemand anderes, als der Prinz von Condé und der Dichter und Schauſpieler Moliere. Sie achteten weder auf die ehrfurchtsvollen Vernei⸗ gungen, noch auf die Verwunderung der Höflinge, denn ſie waren zu ſehr mit ſich ſelber beſchäftigt und mit Dem, was ſie einander zu ſagen hatten. Es war eine treue und lang dauernde Freundſchaft, welche dieſe beiden Männer verband, eine Freundſchaft, welche dem Einen wie dem Andern zum Ruhme gereichte. Denn wenn Condé ein Prinz war, ſo war Molisère ein Kö⸗ nig der Dichter, und wenn Condé auf dem Schlacht⸗ felde ſich Lorbeeren erworben, ſo hatte die Muſe der Dichtkunſt Molière mit dem Lorbeer unſterblichen Ruh⸗ mes gekrönt! Sie hatten ſich lange nicht geſehen die beiden Freunde, denn Condé liebte es in ſeinem Schloſſe zu Chantilly auszuruhen von den heuchleriſchen und ermattenden Freuden des Hoflebens, und der Dienſt als Director der königlichen Schauſpiele hatte Molière an das kö⸗ nigliche Hoflager, welches ſich eben in Fontainebleau aufhielt, gefeſſelt! — 241— Es war daher natürlich, daß ſie ſich ſehr viel zu erzählen, ſehr viel mitzutheilen hatten! Molière hatte dem Prinzen erzählt von den Leiden und Freuden ſeines Theaterlebens, und Condé hatte in die Bruſt des Freundes ſeine Klagen ergoſſen über un⸗ verdiente Kränkungen und Zurückſetzungen, welche er vom König erfahren. Dann waren ſie ein wenig auf die chronique scan- daleuse gekommen, und dies war ein unerſchöpfliches Thema, das Beide mit großem Witz und bewunde⸗ rungswürdiger Schärfe auszubeuten verſtanden. Man hatte alle die geheimen Liebesintriguen und Kabalen ſich erzählt, man hatte weder die Damen, noch die Männer geſchont, man hatte die erſtern verächtlich, die letztern lächerlich gemacht, und dabei hatte man na⸗ türlich ſehr viel gelacht und ſich ſehr gut unterhalten. Oh, ſagte Condé jetzt, alle dieſe Dinge ſind ſehr lächerlich, ſehr verächtlich, es iſt wahr, aber man kann ſie vergeſſen, und eben darüber lachen! Ich kenne nur Einen Mann an dieſem Hofe, den ich eben ſo ſehr O)haſſe, als ich ihn verachte, und der mich niemals lachen, vielmehr mein Herz erbeben macht in Zorn und Rachedurſt! II. 16 — 242— Molisre's klares und helles Auge ruhte mit durch⸗ dringendem Blicke auf dem Angeſichte des Freundes. Kenne ich dieſen Feind? fragte er. Der Prinz drückte heftig des Freundes Arm, und ſagte haſtig: Kennſt Du die Schlange, welche leiſe und unhörbar durch das Gras hinſchlüpft, und mit feiger Tücke ungeſehen ihren Feind in die Ferſe ſticht, ſtatt ihm offen entgegen zu treten? Kennſt Du das Chamäleon, welches in allen Farben glänzt, und heute V dieſe, morgen jene Geſtalt annimmt? Kennſt Du das Crocodill, welches Thränen vergießt, indem es mordet, oder den Shakal, welcher lacht, indem er diner Beute das Blut ausſaugt? Molière unterbrach ihn, und indem er die Stimme 3 Condé's annahm, ſagte er: Kennſt Du dieſes bunt⸗ ſcheckige Thier, das Abends ein Wüſtling und Roué, und Morgens ein Prieſter und Weiſer ſcheint, das in dieſer Stunde Beichtvater und in jener Sündendiener heißt? Kennſt Du dieſe Mißgeburt von Heuchelei und Klugheit, welches den Anakreon mit der Bibel, und den Meſſias zuweilen mit dem Anteros verwechſelt? Ah, Du kennſt ihn alſo, dieſen Feind! ſagte Condé aufathmend. — 243— Ich kenne ihn, und wenn er Euer Feind iſt, wie Ihr der ſeinige, ſo zittere ich für Euch! Er ſoll vor mir zittern! ſagte Condé zähneknirſchend. Er iſt mächtiger, als Ihr, mein Prinz, denn er hat für ſich die Gunſt des Königs, der königlichen Mai⸗ treſſe und des Miniſters Louvois. Hütet Cuch vielmehr ihn zu reizen! Ihr ſagtet es ſchon zuvor, er iſt eine Schlange, welche ungeſehen und feig ihren Feind in die Ferſe ſticht! Bah, Condoè fürchtet ſich niemals! ſagte der Prinz ſtolz. Ich habe mir geſchworen, Rache zu nehmen an dieſem Prieſter, und beim ewigen und allmächtigen Gott, ich werde mein Wort löſen! Du, Molière, mußt mir dazu behülflich ſein! Ich? fragte Molière verwundert. Was kann Euch der arme Dichter nützen? Du allein kannſt mich rächen! ſagte der Prinz leb⸗ haft. Denn mit welcher Waffe ſoll man kämpfen ge⸗ gen einen Prieſter? Er iſt kein Ritter, um mit dem Schwerdte gegen ihn zu kämpfen! Seine Verbrechen, ſo groß ſie immer ſind, ſie werden doch geheim genug geübt, um ihn vor der Strafe der Juſtiz zu ſichern! Wir können ihn nicht im ehrlichen Kampfe tödten, 16* — 244— wir können ihn nicht als Verbrecher hinrichten, aber wir können ihn lächerlich und verächtlich machen, das iſt die Waffe, mit welcher wir ihn tödten können! Molière wiegte ſinnend das Haupt. Ich verſtehe Euch nicht, mein Prinz! ſagte er. Dann willſt Du mich nicht verſtehen! rief Condé ſtirnrunzelnd. Wie, der Dichter der Précieuses ridi- cules ſollte nicht wiſſen, welches die Waffe iſt, mit welcher wir dieſen Prieſter lächerlich und verächtlich machen wollen? Ah, ich ſage Dir, Molière, dieſer Haß und Rachedurſt, er hat mich ſelber faſt zu einem Dichter gemacht! Ich trage da in meinem Hirn dieſe geharniſchte Minerva meiner Rache! UnDd ich ſoll der Hephaiſtos ſein, welcher den Zeus entbindet! ſagte Molière mit einem feinen Lächeln. Ich ſoll meinen Précieuses ridicules einen Bruder geben und einen Protre ridicule ſchreiben, iſt's nicht ſo? 1 Condé drückte ihm innig die Hand. Ah, ich wußte, daß wir uns verſtehen würden, rief er auf⸗ athmend. Aber vom Verſtändniß bis zur Ausführung iſt noch eine weite Kluft, ſagte Molidre. — 245— Ich trage den ganzen Plan dieſes Stückes in mir! rief Condé. Ich ſehe jede Scene, jeden Act ganz deut⸗ lich vor meinem innern Auge. Ah, es wird entzückend ſein, dieſen Prieſter zu ſehen, wie er heuchelt und die Augen verdreht, und fromme Worte ſpricht, während ſein Mund lüſtern lächelt und ſeine Arme ſich unwill⸗ kührlich ausſtrecken, das hübſche Kammerkätzchen zu umfangen, der er eben von Tugend predigt! Und während der Prinz ſo ſprach, hatte Molieère's Antlitz plötzlich einen andern Ausdruck angenommen. Seine Augen blitzten im Feuer der Begeiſterung, und waren doch ſtarr und weit in das Nichts gerichtet,— es war ein Moment des innern Schauens, der dich⸗ teriſchen Begeiſterung,— ſein Haupt war vorwärts geneigt, ſeine Mienen hatten den Ausdruck geſpannter Aufmerkſamkeit, der Dichter horchte auf die flüſternden Stimmen, welche in ſeiner Seele hörbar wurden. Ja, ja, ſo iſt es! rief Moliére endlich, und ſeine Stimme zitterte in Begeiſterung und Freude. Ich ſehe ihn vor mir wandeln, dieſen ſcheinheiligen Heuchler! Still, hört Ihr ihn nicht reden mit dieſem näſelnden Ton der Heuchler, ſeht Ihr nicht, wie er das Haupt demüthig neigt vor den Grogen, und es übermüthig — — 246— erhebt vor den Kleinen und Niedrigen? Seht Ihr nicht, wie er die krallenden Hände ausſtreckt nach dem Gebetbuch, und doch ſtatt deſſen den Beutel mit Gold packt, welcher daneben liegt? Seht Ihr nicht, wie der Faun hervorblickt unter der Prieſterlarve, und wie ſeine Hand, welche das Kreuz machen will über der knieenden Sünderin, ſich vergißt, und ſtatt das heilige Zeichen zu machen, dem Mädchen in die rothen Wan⸗ gen kneift? Ah, mein Prinz, ich danke Euch! Ihr ſeid mir wie ein Moſes erſchienen, der einen Quell aus dem Felſen weckte. Mein Gott, wie iſt es nur möglich, daß dieſes Stück noch nicht da iſt, daß ich es noch nicht geſchrieben habe? Ich werde alſo endlich gerächt werden! ſagte der Prinz triumphirend. Ja, Ihr, wir Alle, ganz Frankreich ſoll gerächt werden an dieſem heuchleriſchen Prieſter! rief Moliéère begeiſtert, und indem er den Freund in eine der ein⸗ ſamen und ſtillen Alleen hineinzog, begann er mit flie⸗ gender Beredtſamkeit ihm die Scenen dieſes neuen Stückes, wie ſie eben ſeine reiche Phantaſte ihm ein⸗ gab, zu ſchildern. Das Stück iſt fertig, es ruht ganz vollendet in mir, ——— — 247— ſagte Moliére endlich, ich habe nichts weiter zu thun, als es niederzuſchreiben! Es fehlt nur noch Eins,— der Titel nämlich! Wir nennen es einfach: der Beichtvater! ſagte Condé. Das iſt unmöglich! Ich würde keine Schauſpieler finden, die den Muth hätten, in ſolch gefährlichem Stücke zu ſpielen. Nein, ich muß vielmehr bedacht ſein, das Ganze ſo einzurichten, daß man zwar genau den Character erkennen kann, aber keine perſönlichen Beziehungen heraus zu finden vermag! Du haſt Recht, Du biſt nicht bloß ein Dichter, ſon⸗ dern auch ein Weiſer, ſagte Condé. Nun alſo, wie nennen wir das Stück? Ja wohl, wie nennen wir es nur? fragte Molièére ſinnend. In dieſem Augenblick drang eine laute und ſcharfe Stimme an ihr Ohr. Es giebt nichts Köſtlicheres, nichts Erhabeneres als dieſe Trüffeln! ſagte dieſe Stimme. Molière und Condé waren, ohne darauf zu achten, in die Nähe dieſes kleinen achteckigen Pavillons ge⸗ kommen, welcher, verſteckt im Gebüſch, am Ende des 5 Parkes lag, und in welchem, wenn der Hof in — 248— Fontainebleau verweilte, La Chaiſe ſeine Wohnung hatte.— Jetzt, an einer Biegung der kleinen finſtern Allee, hatten ſie dieſen Pavillon grade ſich gegenüber, und während die Bäume ſie verdeckten, konnten ſie Alles beobachten, was in dem Pavillon vorging. Die Thüren deſſelben waren weit geöffnet, und un⸗ ter der kleinen Säulenhalle, welche den Perron des Pavillons umgab, war ein Tiſch ſervirt. An dem⸗ 3 ſelben ſaßen drei Männer, deren erhitzte Geſichter, de⸗ ren weinglühende Augen genugſam verriethen, daß ſie nicht allein den köſtlichen Gerichten, ſondern auch den Gaben des Bachus tapfer zugeſprochen. Dieſe drei Männer waren La Chaiſe und ſeine bei⸗ den Tafelgäſte Louvois und der Herzog von Villeroi. — Ihr Diner war zu Ende, und unfähig eines wei⸗ tern und fortgeſetzten Genuſſes, ſchwelgten ſie nur noch in der Rückerinnerung des Genoſſenen, und da ſie ſich vollkommen unbemerkt glaubten, überließen ſie ſich ganz dieſen ſeligen Erinnerungen. Sie ſprachen von den köſtlichen Weinen, welche ſie getrunken, von den herrlichen Speiſen, welche ſie ge⸗ noſſen, ſie ſprachen mit lallender Zunge und ſchwan⸗ Gemurmel. 8 — 249— kenden Häuptern, denn der Wein wollte ihnen bewei⸗ ſen, daß er Macht genug beſttze, ſelbſt die Stärkſten zu überwinden! Es iſt ein göttlicher Wein, dieſer Champagner, lallte Louvois. Das ganze Reich meines Königs iſt nicht ſo viel werth, als dieſes Departement der Champagne, welches dieſen köſtlichen Rebenſaft liefert. Ihr läſtert! ächzte der Herzog von Villeroi. Die Champagne iſt nichts im Vergleich mit dieſem göttlichen Boulogne, dem wir das Schönſte, das Bezauberndſte verdanken, was es auf der Welt giebt, die Auſtern nämlich. Auſtern ſind auch nicht übel, ſchluchzte Louvois, mit brechenden Augen, ſchon im Begriff einzuſchlafen. Au⸗ ſtern ſind nicht übel, aber Champagner iſt mir lieber, viel lieber, ja viel lie—. Und die Stimme Louvois verlor ſich in undeutlichem Und das, ſenfzte Condé, die Hand ſeines Freundes heftig drückend, das ſind die Männer, welche über Frankreich regieren. Der Miniſter der Polizei ſchwärmt für den Champagner, der Miniſter des Krieges preiſt die Auſtern, und dieſe taumelnden Schlemmer halten — 250— in ihren Händen das Schickſal vieler Millionen ihrer Brüder, ſind die Herrn über Glück und Unglück eines ganzen Volkes! Oh mein Frankreich, mein armes Va⸗ terland, wehe über Dich, daß Du ſolchen Menſchen als Beute fällſt! Still, ſtill, ſagte Molière leiſe und haſtig. Seht Ihr denn nicht, daß dies eine der erhabenſten, der vollendetſten Scenen iſt? Ich ſage Euch, ich könnte freudig dieſe Minute mit einem Jahr meines Lebens bezahlen! Still, ſtill, mein Prinz! Seht ihn nur an, dieſen Prieſter! Seht dieſes halb ſtupide, halb üppige Lächeln, das ſeine hängende Unterlippe umſpielt, ſeht nur dieſe verglasten und doch blitzenden Augen, und wie er die Nüſtern bewegt, und wie er mit lallender Zunge einzelne Worte murmelt, und wie ſein Geſicht glüht von den Dünſten des Weins, 4 und wie er mit den Lippen ſchnalzt gleich einem wi Oh es iſt eine Gnade Gottes, daß Mann ſo ſehen läßt! So, grade ſo ſoll er in meinem neuen Stück! Aber horcht, jetzt ſpricht er t laut⸗ 3Haltet den Athem an, laßt uns lauſchen! Wirklich begann La Chaiſe in dieſem Augenblick ſich aus dieſem Zuſtand der Lethargie, in welchem er bis dahin verſenkt geweſen, zu erheben. Er heftete ſeine ſchweren, müden Blicke auf Louvois und Villeroi, und ein albernes Lächeln überflog ſeine erſchlafften Züge. Auſtern ſind ein gutes Ding, ſagte er mühſam und ſtammelnd, Champagner iſt auch nicht übel. Aber was iſt das Alles, ja, was iſt das Alles— Seine Zunge ward ſchwerer, ſein ſchlackerndes Haupt ſank tiefer auf ſeine Bruſt, und mit mühſam ſtam⸗ melnder Zunge, halb ſchon im Schlaf, murmelte er: s iſt das Alles, Alles, gegen dieſe himmliſchen, Trü— Ta, Ta, Tartrüffe, gelobt ſei Gott für ne Ta Tuffe Wollt Ihr den ückes wiſſen? fragte Noliere mit Blicken. Seht dieſen den Zunge verdanke XV. Monsieur le président ne veut pas, qu'on le joue! Und Condé's a ward erfüllt! Nach langen Kämpfen, nach Widerwärtigkeiten und Zwiſtigkeiten jeglicher an ſchritt endlich Molière's Tartüffe i die bönigliche Bühne Der Kenig mit ſeinem ban mand denſelben zu Es war daher der Prinz Condé genoß ſes Anblickes eines ſtau⸗ fes, und dieſes ba Beichtvaters! Dennd aiſe ſe r gekommen, dieſem Schauſpiel beizuwohnen, ahnungslos war er — 253— da, ſeinem eigenen Gerichte beizuwohnen! Wuth und Rache im Herzen mußte er dennoch heiter ſcheinen, mußte lächeln, um nicht ahnen zu laſſen, daß er ſich ſelber erkannt in dieſem ſcheinheiligen, üppigen Heuchler! Wie geſagt, es war ein vollſtändiger Triumph, wel⸗ chen Condé feierte,— der Hof hörte und ſah anfangs mit ſprachloſem Erſtaunen, mit zitternder Angſt, dann konnte man ſich bald eines ſchadenfrohen Lächelns nicht mehr erwehren, und als endlich im dritten Act Tar⸗ tüffe ſelber auf der Bühne erſchien, brach das unwill⸗ kührlich fortgeriſſene Publikum in einen wahren Sturm von Beifallsbezeugungen aus! La Chaiſe bebte vor raſendem Zorn, ab gewann es über ſich, zu lächeln und zu applaudiren! Es iſt bekannt, welche Zerwürfniſſe und Streitigkei⸗ ten dieſe erſte Aufführung des Tartüffe zur Folge hatte. — La Chaiſe rief i in donnernden Strafreden den Zorn des Hiunmels herab auf die Uebelthäter, welche es vagten, Gott zu läſtern, indem ſie ſeine Diener ſchän⸗ eten und verleumdeten. Er wußte mit ſeiner hinrei⸗ ßenden Beredtſamkeit den Präſidenten Lamoignon für ſeine Anſicht zu gewinnen, und als am andern Tage ganz Paris herbeiſtrömte, um den Tartüffe zu ſehen, — 254— von welchem Jeder wußte, daß er der Pater La Chaiſe ſei, ward dem neugierigen, erwartungsvollen Publikum der Eintritt in das Theater verboten. Aber das Pu⸗ blikum, empört über ſolche Knechtung ſeiner Geiſtes⸗ freiheit, erſtürmte mit Gewalt die verbotenen Pforten, es reihete ſich in den Plätzen auf, es ſchrie und brüllte nach dem Tartüffe, es verlangte um jeden Preis, ihn zu ſehen! Vergebens beſchwur Molière faſt mit Thränen den Präſidenten Lamoignon, das Verbot zurückzunehmen! Lamoignon war unerbittlich, denn La Chaiſe war ſein als Moliere's Bitte zu erfüllen, und deshalb vermog⸗ ten weder des Dichters Bitten, noch ſeine hinreißende Beredtſamkeit, den Präſidenten Lamoignon zu einem andern Entſchluſſe zu bewegen! 7 Das Publikum heulte und ſchrie noch immer d draußen nach dem Tartüffe. Molière, müde des ver geblichen Bittens, Wuth und Zorn im Herzen, befa den Vorhang aufzuziehen, und trat dann hinaus auf die Bühne. Eine erwartungsvolle Stille trat ein, Jeder hielt * —., — 255— den Athem an und lauſchte, und dieſe ganze, ſo ſtür⸗ miſche, ſo leidenſchaftliche Menge, ſie war jetzt von einem einzigen, gemeinſamen Gedanken gefeſſelt,— ſie wollte hören, was Molidre ſprechen würde. Molisre verbeugte ſich, ſeine Augen ſchleuderten Blitze, und ſeinem Zorne und ſeinem Rachedurſt nachgebend, nur eingedenk dieſer halsſtarrigen Weigerung La⸗ moignon's, ſagte er mit ſeiner klaren, vollen Stimme: Die Aufführung des Tartüffe wird nicht ſtatt finden. Der Herr Präſident will nicht, daß man ihn darſtellt! (Monsieur le président ne veut pas, qu'on le joue!) Ein raſendes Gelächter, ein Brüllen Beifalls beantwortete dieſes ſanglante Wortſpiel Mollaͤte, und das vorher ſo zornige, ſo aufgebrachte Publikum ver⸗ ließ jetzt lachend und entzückt das Haus, denn Mo⸗ liere hatte es für das verbotene Stück reichlich ent⸗ ſchädigt durch dieſes beißende Wortſpiel. Von nun an hatte Lamoignon mit La Chaiſe die Ehre zu theilen, das Urbild des Tartüffe genannt zu werden, und wo man dem Präſidenten, wo man dem Beichtvater begegnete, da flüſterte man leiſe und mit unwillkührlichem Lächeln: Il ne veut pas, qu'on le joue! 5 e — 256— Aber La Chaiſe's Zorn begnügte ſich nicht mit die⸗ ſem Verbote allein. Er wußte die ganze Geiſttlichkeit in Zorn zu ſetzen über dieſes verdammungswürdige Theaterſtück! Von allen Kanzeln hernieder tönten Flüche und Verwünſchungen gegen das Stück und deſſen got⸗ tesleugneriſchen Verfaſſer. Man ſchleuderte die fürch⸗ terlichſten Anathemen gegen Molière, man fluchte dem Volke, weil es, ſtatt den Läſterer Gottes und der Kirche zu ſteinigen und ſein Werk zu verbrennen, dem Dichter ſtatt deſſen mit begeiſterungsvollſter Liebe an⸗ hing, und in dankbarer Anerkennung den pries, wel⸗ cher den zen Muth gehabt, dieſe ſtolze, heuchleri⸗ ſche Prieſterſchaft, dieſe Geißel des Volkes ſelber zu geißeln und ſie dem Spotte und der Verachtung Preis zu geben. Frankreich, das arme, leidende, von ſeinem Könige vergeſſene, von ſeinen Prieſtern geknechtete, von ſeinem Adel ausgeſogene Land, es vergaß einen Augenblick ſeiner Leiden und ſeines Jammers, um ſich an der Wuth ſeiner Peiniger zu laben, um ſich zu freuen an dem Stirnrunzeln der Prieſter, und dieſen donnernden Zornesworten und Flüchen zuzuhören, welche die Prie⸗ ſter der chriſtlichen Liebe und Verzeihung gegen Den — 257— ſchleuderten, welcher es gewagt, ihnen ein wenig die Maske vom Angeſichte zu ziehen! Das Volk hörte ſeine Prediger donnern und lachte dazu, und während die Prieſter ihm fluchten, ſegnete das Volk ſeinen Dichter, ſeinen Molieère! Ein Jahr verging über dieſen Streitigkeiten! König Ludwig, hochherziger geſinnt, wie die Könige unſerer Zeit, entſchied durch ein Machtwort die Kämpfe des Publikums und der Geiſtlichkeit, entſchied ſie zu Gun⸗ ſten des Publikums! Er erlaubte ſeinem Volke die Darſtellung dieſes Heuchlers und Pietiſten zu genießen, und da es in der Wirklichkeit nicht ſein konnte, ſich doch wenigſtens in der Dichtung zu freuen an der Beſtrafung des ent⸗ larvten Heuchlers, des ſcheinheiligen Tartüffe oder La Chaiſe! II. 17 — 258— XVI. Frau von Montespan. Indeß hatte ſelbſt dieſe öffentliche Verſpottung und Verhöhnung die Zuneigung des Königs zu ſeinem Beichtvater nicht geſchwächt! La Chaiſe verſtand es, ſich ſeinem königlichen Beichtkinde immer unentbehr⸗ licher zu machen, indem er ſeinen Neigungen fröhnte, und für jede Sünde und Ausſchweifung ſeines Königs eine Entſchuldigung, einen ſchonenden und mildernden Geſichtspunkt fand. Dieſe Milde und Nachſicht, welche in ſo ſchneiden⸗ dem Contraſte ſtand zu den fanatiſchen Bußpredigten Pater Annart's, that dem Könige unendlich wohl! Es war ihm ſo unbequem geweſen, immer dieſe Straf⸗ reden anzuhören, immer ſchweigen zu müſſen zu den — 259— anſchuldigenden, verdammenden und demüthigenden Wor⸗ ten Annart's. La Chaiſe machte dem Könige die Reue und Buße ſo bequem, es war ſo angenehm ihm zu beichten, weil La Chaiſe ſo innigen Antheil nahm an dieſen ſündigen Freuden und Genüſſen Ludwig's, er wußte ihm die äußern Pflichten der Religion ſo bequem zu machen, daß ſich der König bald daran gewöhnte in der treuen und ſtrengen Erfüllung dieſer äußern Pflich⸗ ten eine angenehme Erheiterung zu finden. Was der König aus Liebhaberei that, ward natür⸗ lich ein Geſetz ſeiner Höflinge. Es begann Mode zu werden, daß man ſich mit frommen Bußübungen be⸗ ſchäftigte, daß man jeden Monat zu Beichte und Abend⸗ mahl ging, daß man niemals die Meſſe verſäumte, daß man in ſeinen Zimmern Gebetpulte und Weih⸗ keſſel aufſtellte, daß man ſich überraſchen ließ, wie man auf den Knieen lag und mit zerknirſchten Gebe⸗ ten und mit reuigen Thränen Gott um Gnade flehte für ſeine Sünden! Aber inmitten dieſer frommen Bußübungen und die⸗ ſer heiligen Reue, war man nichts deſtoweniger be⸗ * 17* — 260— dacht, immer auf's Neue zu ſündigen, immer neue Genüſſe, immer neue Freuden zu erfinden! Es ſchien gewiſſermaßen eine neue, pikante Würze dieſer Feſtge⸗ lage und Schwelgereien, daß man ſie beging unter dem Schutze Gottes und umhüllt von dem Mantel der Frömmigkeit. Die Männer fanden es überaus anzie⸗ hend und neu, die Schönheiten dieſes Hofes plötzlich weniger üppig lächeln, weniger anlockend blicken zu ſehen,— es war ohne Zweifel viel pikanter, eine an⸗ ſcheinende Heilige zur Sünde zu verführen, als eine üppige Coquette, viel ſpaßhafter dieſe Heiligen ſündi⸗ gen zu machen, und die Worte Gottes unter Küſſen auf dieſen Roſenlippen verſtummen zu machen, und ſie Worte der Liebe und des Entzückens zu lehren. Eine büßende Magdalena auf's Neue zur Sünde zu bekehren, war offenbar viel anlockender, als die ſündi⸗ gende Magdalena von einer Sünde zur andern zut verlocken! Die Weiber fanden es intereſſant, die Macht ihrer Reize zu prüfen, indem ſie ſie unter dem Anſchein der Heiligkeit verbargen, indem ſie ſich ſittſam verhüll⸗ ten, und die Schönheiten nur ahnen ließen, welche ſie ſonſt offen zur Schau getragen. Man hatte es ſo — 261— weit gebracht in der Schamloſigkeit der Sünde, daß man endlich zur Prüderie ſeine Zuflucht nehmen mußte, um in derſelben neue Reizmittel zu ſuchen. Weil man nicht mehr unſchuldig war, gab man ſich den Anſchein, über Alles zu erröthen, in Allem einen anſtößigen Sinn, eine verſteckte Zweideutigkeit zu finden! Aber was man früher aus unſittlicher Neigung, aus Hang zur Liebe, aus augenblicklicher Leidenſchaft gethan, das that man jetzt zur Ehre Gottes, zur Ver⸗ herrlichung des wahren und ächten Glaubens. Denn es war Mode geworden, daß namentlich die Frauen ſich vorzugsweiſe mit der Bekehrung der Hugonot⸗ ten beſchäftigten, und kein Ehemann hatte das Recht mehr ſeine Frau der Untreue zu zeihen, wenn ſie mit ihrer Gunſt irgend einen jungen Hugonotten zur Abſchwörung ſeines Glaubens und zum übertritt zur katholiſchen Religion bekehrt hatte. Aus den Ar⸗ men der ſchönſten und vornehmſten Damen des Hofes kommend traten die jungen Hugonotten zum Altare, um für die Gunſt dieſer erkauften Liebe ſich aufnehmen zu laſſen in den Schooß der alleinſeligmachenden Kirche, und das treuloſe Weib, die ehebrecheriſche Gattin rühmte ſich mit frechem Stolz ihres Ver⸗ — 262— brechens, durch welches ſie dem Himmel eine verlorne Seele wieder gewonnen*). 3 La Chaiſe triumphirte, denn Jeder, welcher der Kirche gewonnen worden, den fühlte er ſich ſelber ge⸗ wiſſermaßen zu Eigen gegeben, und jede neue gelun⸗ gene Bekehrung war nur eine weitere Befeſtigung der Macht des königlichen Beichtvaters.— Bald genügte es dem fanatiſchen Beichtvater nicht mehr, nur auf Frankreich ſeine Bekehrungen zu beſchränken, ganz Eu⸗ ropa ſollte ſich ihr unterwerfen, dieſer alleinſeligmachen⸗ den Mutterkirche, deren allein legitime und zum Herr⸗ ſchen berufene Söhne die Prieſter ſein ſollten, und die Könige vor allen Dingen mußten ſich der Herr⸗ ſchaft der katholiſchen Religion unterwerfen. La Chaiſe war in allen Dingen ein geſchickter Un⸗ terhändler, ein gewandter Diplomat; ſeinem Einfluß, ſeiner klugen Wahl gelang es, König Karl dem Zwei⸗ ten von England in dem franzöſiſchen Fräulein Luiſe de Kerouél, nachherigen Herzogin von Portsmouth, eine Maitreſſe zu geben, welche nicht allein Karl II., ſondern auch Jakob, ſeinen Nachfolger, durch die Ge⸗ *) Eclaircissement historiques sur les causes de la revo- cation de l'Edit de Nantes. — 263— walt ihrer Reize zur katholiſchen Religion bekehren mußte*). Aber König Ludwig des Vierzehnten lebensluſtiger und vergnügungsſüchtiger Sinn entriß ſich noch ein⸗ mal den Banden, welche Prieſterſchlauheit und Prie⸗ ſterheuchelei um die königliche Krone ſchlingen wollten. Luiſe La Vallière war, vielleicht ohne es zu wiſſen, die Verbündete La Chaiſe's geweſen; im Bewußtſein des Verbrechens ihrer Liebe hatte ſie mit ihrer Reue und ihren Thränen ſich wieder zu Gott geflüchtet, um durch Gebet und fromme Bußübungen die Schuld ihrer Liebe zu ſühnen. Der König fand ſie oft in heißem Gebet auf ihren Knieen, und die Frömmigkett ſeiner Geliebten machte ihn ſelber fromm und lehrte ihn beten. Luiſe La Valliére fühlte ſelbſt in den Armen ihres Geliebten, daß es eine Schmach ſei, die Maitreſſe eines Königs zu ſein, und gedemüthigt von dieſem Gefühl, beſchämt ſelbſt von ihrer Macht und Größe, flüchtete ſie ſich in die Einſamkeit ihrer Gemächer, um nicht dem Hofe zu begegnen, deſſen Huldigungen ihr nur als eine neue Beſtegelung ihrer Schmach und *) Vie du Pére la Chaise. Vol. I. — 264— Schande erſchienen. Der König theilte ihre Einſam⸗ keit, weil er Luiſe liebte, er rettete ſich zu ihr vor dem faden Geſchwätz ſeines Hofes, vor den ernſten Geſich⸗ tern ſeiner Parlamentsräthe, vor den wichtigen Staats⸗ verhandlungen ſeiner Miniſter, und vor der kalten und prüden Frömmigkeit ſeiner Gemahlin. Ueberall fand er Langeweile, Verſtellung und Heuchelei, bei ihr allein wohnte die Wahrheit, bei ihr allein die Liebe! Und La Chaiſe beſtärkte den König immer auf's Neue in der Liebe zur La Vallisre, weil dieſe in allen ihren Handlungen und Gedanken ſich ganz von den Rathſchlüſſen des königlichen Beichtvaters leiten ließ. Sie war nichts als ein Werkzeug in La Chaiſe’s Hän⸗ den, und deshalb ſchwur ihr La Chaiſe eine nie en⸗ dende Freundſchaft, ein unzerreißbares Bündniß gegen⸗ ſeitiger Treue! Aber wie geſagt, der König entwand ſich noch ein⸗ mal dieſen Feſſeln des Beichtvaters. Es kam ein Tag, an welchem die Reuethränen der La Vallière ihn ermüdeten, an welchem die Ein⸗ ſamkeit ihrer Gemächer ihm bedrückend und langweilig erſchien, an welchem er nach Zerſtreuung und Erhei⸗ terung, nach Feſten und Luſtgelagen begehrte. — 265— Er vermied es zu ſeiner Geliebten zu kommen, Luiſe La Vallière blieb allein und weinte! Aber dieſe tau⸗ ſend lauernden, beobachtenden und ſpionirenden Augen des Hofes gewahrten ſchnell die Veränderung in der Geſinnung des Kontg Nun begannen die Intriguen. Prinzen, Miniſte Grafen und Gräfinnen, Pallaſt⸗ damen und Kammetzofen, Alles intriguirte gegen Luiſe La Vallière, Allcs ſuchte die bis dahin ſo verehrte, ſo von Schmeichelei umringte Geliebte des Königs zu ſtürzen.— Und Luiſe La Vallière blieb allein und weinte. Sie blieb ganz allein, denn auch La Chaiſe hatte ſchnell ſeiner Schwüre vergeſſen, und von dem verdunkelnden Geſtirn wandte er ſich ab, weil es ihm nicht mehr zu nützen vermochte. Ludwig iſt noch zu jung, um ganz ſein Herz Gott und einem heiligen Lebenswandel zu weihen, ſagte La Chaiſe zu ſich ſelber, er hat zwar aufgehört Luiſe La Valliére zu lieben, aber ſein Herz wird einer andern Liebe begehren! Warten wir alſo, welches die Nach⸗ folgerin der königlichen Maitreſſe ſein wird, um ihr Vertrauter zu werden, und ihr Gemüth zu lenken, wie ich das Luiſe La Valliere's lenkte. 8* — 266— Und La Chaiſe beobachtete daher und wartete. Ein neuer Stern der Schönheit war am Hofe auf⸗ gegangen. Athenais von Montespan war gekommen, um den Damen zu beweiſen, daß es noch etwas Schö⸗ neres, Anmuthigeres, Eleganteres und Geiſtreicheres geben könne, als ſie Alle es ſeien, und daß Athenais von Montespan die Krone der Schönheit und Anmuth verdiene. Sie war ſehr geiſtreich, ſehr klug, ſehr gewandt, dieſe ſchöne Athenais. Ihrem ſcharfen Blick entging nicht die Gleichgültigkeit des Königs gegen ſeine Ge⸗ liebte, und ſie gründete darauf einen Plan, der ſo fein und geſchickt angelegt war, daß Niemand ihn ahnte, Niemand, außer La Chaiſe. Er allein durchſchauete das kunſtvolle Spiel der klugen Frau, und er beobachtete ſie, um zu wiſſen, ob ſie geeignet ſei für ſeine Plane, und paſſend, um Luiſe La Vallière's Nachfolgerin zu werden. Es war nicht mit den Mitteln, welche die andern Damen anwandten, daß Athenais von Montespan ſich das Herz des Königs zu gewinnen ſuchte. Sie hatte nicht, wie die Übrigen, für den König ſtets zärtliche Blicke, ſtets ſchmachtende Seufzer, ſtets ein reizendes —— — 267— Lächeln. Sie ſchien den König nur ſo viel zu beach⸗ ten, als die Hoheit ſeines Standes es erforderte, und ihr beißender Spott verfolgte laut und öffentlich alle dieſe ſchönen Frauen, welche mit ihren kleinen Minau⸗ derieen und Coquetterieen den König ſich zu erobern trachteten. Sie liebte es, als geſchickte Schauſpielerin alle dieſe kleinen Manoeuvre, dieſe Blicke, dieſe Worte, dieſe empfindſamen Ausrufungen der zärtlichen Damen nach⸗ zuäffen. Abends, in den Privatzirkeln der Königin, unterhielt ſie die Vertrauten mit ſolchen Darſtellungen, in denen ſie die erſten Damen des Hofes copirte, und ihr ſpottender Witz traf dabei nicht allein dieſe zärt⸗ lichen Damen, ſondern auch den König ſelber, dieſe Feſtung, welche man belagerte und um jeden Preis erobern wollte! König Ludwig erfuhr dieſe beißenden Sarkasmen und lachte darüber, indem er ſich heimlich ärgerte. Aber Athenais von Montespan ging noch weiter. Sie machte ſich zur Freundin von Luiſe La Valliére, ſie küßte der verzweifelnden Geliebten die Thränen von den erblaſſenden Wangen, und ſuchte ſie zu tröſten, indem ſie dieſelbe zum Widerſtand und zum Kampfe — 268— gegen das ihr drohende Geſchick ermuthigte.— Luiſe La Valliére folgte ihrem Rath, ſtatt den König, wie ſonſt mit ihren Thränen zu ermüden, lächelte ſie, ſtatt ihn zu langweilen mit der Stille und Einſamkeit ihrer Gemächer, ſuchte ſte ihm jetzt reiche und erheiternde Feſte zu bereiten. Der König kehrte zur La Vallière zurück, weil er immer an ihrer Seite die ſchöne Athenais von Mon⸗ tespan fand. Er nahm nicht allein die Feſte an, welche Luiſe ihm gab, ſondern er erwiderte ſte, und veranſtaltete glänzende Feſte, deren Ehre anſcheinend der anerkannten Geliebten gehörten, welche aber im Grunde nur für Athenais von Montespan beſtimmt waren. Die frommen Bußübungen, das Beſuchen der Pre⸗ digten und Meſſen, das Knieen vor den Betpulten, dieſer ganze Apparat der Frömmigkeit, er ward von einer neuen Mode verdrängt, von der Mode des üppigſten Lebensgenuſſes, der raffinirteſten Sinnenluſt. Und während das Volk immer tiefer herabgedrückt ward in den Staub, während es mit immer ſtärkern Abgaben belaſtet war, während man ihm das Blut der Geſundheit und Lebenskraft aus den entnervten — 269— Adern ſog, ſchwelgte der König im Taumel rauſchen⸗ der Freuden, und vergaß inmitten ſeiner glänzenden, von Gold und Juwelen funkelnden Palläſte, daß da draußen ein Volk ſei, ein armes, hungerndes, frie⸗ rendes, vor Entbehrung und Noth weinendes Volk, das die abgezehrten Hände zum Himmel empor faltete, und mit blutigen Thränen zu Gott flehete um ſeinen Antheil an dem Genuſſe des Lebens, um ſeinen An⸗ theil an den Gaben, mit welchen Gott die ganze Menſchheit hatte ſegnen wollen, und welche das rohe und gewaltſame Königthum mit räuberiſchen Händen an ſich geriſſen hatte zum alleinigen Beſitz! La Chaiſe ſah dieſe neue, lebensluſtige, vollblutige Liebe in dem Herzen des Königs entſtehen und wach⸗ ſen,— und da es unmöglich ſchien, ſie zu dämpfen, beſchloß er von dieſen neuen Flammen ſich ſelber empor⸗ tragen zu laſſen. Er verließ Luiſe La Vallièere und wandte ſich der neuen Sonne zu, welche noch in der Morgenröthe ihres Aufgehens erglänzte. Aber es war nicht genug, daß er die Liebe des Königs duldete, er mußte ſte auch ermuthigen! Der König wagte es nicht, ſich dieſer neuen Liebe zu überlaſſen, denn Athenais war verheirathet, und Ludwig fürchtete dieſen doppelten Ehebruch, mit wel⸗ chem er zugleich offen vor der Welt es bekennen mußte, daß er die heiligſten Geſetze der Moral mißachte, und ſich nicht ſcheue, die königliche Gewalt zu mißbrauchen, indem er einem ſeiner Unterthanen, indem er dem Grafen von Montespan ſein höchſtes Gut, ſein theuer⸗ ſtes Beſitzthum raubte, indem er ihm zugleich ſeine perſönliche Ehre und ſein Weib ſtahl. Ludwig hatte ſo lange mit ſich ſelber gerungen, bis er ſich unfähig fühlte, allein die Laſt dieſer Schmerzen und dieſer Gewiſſenszweifel zu löſen. La Chaiſe war gewiſſermaßen ſein zweites Gewiſſen,— ihm vertraute ſich daher der König. La Chaiſe hörte ihm zu mit einem ermuthigenden Lächeln; der König ſah nicht auf des Beichtvaters Stirne dieſe drohenden Falten, welche er gefürchtet, und das ermuthigte ihn, La Chaiſe ſein ganzes Herz zu eröffnen, ihn ganz dieſe ſo heiße, ſo glühende Liebe ſehen zu laſſen, welche ihn zur ſchönen Frau von Montespan hinzog. Die Welt wird ein großes Ärgerniß nehmen an dieſem doppelten Ehebruch, ſagte La Chaiſe ſinnend. — 271— Die Welt! rief der König, Ludwig der Vierzehnte fürchtet nicht ſo ſehr das Urtheil der Welt, als das Urtheil Gottes, welches Euer Mund mir verkünden wird! Meine Religion iſt die Religion der Milde! ſagte La Chaiſe fromm. Selbſt dem Übelthäter zu verzei⸗ hen, iſt das Gebot meines Gottes! Ich darf daher meinem Könige nicht zürnen, wenn er, hingeriſſen von dieſem tiefen und heiligen Schönheitsſinn, welchen der Herr ſelber in ſein Herz gelegt, überwältigt von die⸗ ſem großen und göttlichen Gefühl einer reinen und hingebenden Neigung, der Frau huldiget, welche als ein Meiſterwerk der Natur aus der Hand ihres Gottes hervorgegangen iſt! Nicht wahr, Athenais iſt ſchön? rief der König. So ſchön, daß man ſich einer unwillkührlichen An⸗ dacht nicht erwehren kann, wenn man ſie anblickt, ſagte La Chaiſe. Es iſt gewiſſermaßen eine Anbetung Gottes, die Ihr da übt, denn Ihr preiſt Gott, indem Ihr ihn liebt in ſeinem ſchönſten und herrlichſten Werke und Gott wird Euch deshalb verzeihen, wenn Ihr liebt, wo es unmöglich iſt, nicht zu lieben! Nur, Sire, müßt Ihr bedacht ſein, jedes öffentliche Arger⸗ — 272—. niß zu vermeiden; indem Ihr hinter undurchdringlichem Schweigen dieſe doppelt verbotene Liebe verbergt! Die Sünde, welche geheim und im Verborgenen geübt wird, hat ſchon die Hälfte ihres verbrecheriſchen We⸗ ſens verloren, denn ſie vermeidet das öffentliche Ärger⸗ niß, und hüllt ſich in den Mantel der Schaam, weil ſie noch vor ſich ſelber erröthet. Aber dies wird ſchwer ſein, ſagte der König ſin⸗ nend. Luiſe iſt eiferſüchtig, und die Eiferſucht ſieht mit ſcharfen Augen! Mag ſie ſehen, nur verbietet Ihr, daß ſie klagt über das, was ſie ſieht! Mag ſie die ſchöne Frau von Montespan haſſen, nur ſoll ſie ſich den Anſchein geben, als ob ſie ſie liebe, damit die Welt glaubt, Ew. Majeſtät verehre in Frau von Montespan nur die Freundin ſeiner Geliebten! Die Welt, Sire, iſt ein leicht zu trügendes, leicht zu überredendes Kind, und wenn Ihr niemals eingeſteht, daß Frau von Montespan Eure Geliebte iſt, wird ſich die Welt endlich überreden, es ſei eine keuſche und züchtige Liebe, welche Euch an die Freundin Eurer Geliebten feſſelt. Vermeidet die Offentlichkeit, Sire, das iſt Alles, was ich Ew. Majeſtät rathen kann, und Gott wird als⸗ dann nicht mit Euch in's Gericht gehen, weil Ihr mindeſtens vor der Welt ſeine Gebote haltet, und eine Geſetze als heilig anerkennt! So ſoll es ſein! rief Ludwig feierlich. Ihr ſeid ein weiſer und kluger Rathgeber; mein königliches Wort darauf, daß ich hinfort ohne Euren Rath nichts unter⸗ nehmen und beſchließen werde! Die Weisheit Gottes ſpricht aus Euch! Die Liebe zu meinem Könige begeiſtert mich, daß ich ihm wenigſtens nützen möchte mit meinen beſten Gedanken! ſagte La Chaiſe, die Hand des Königs an ſeine Lippen führend. Ah, wie mir jetzt leicht iſt und wohl! ſagte der König aufathmend. Ihr habt mein Gewiſſen frei ge⸗ ſprochen. Ich werde für dieſe Liebe die Verborgenheit ſuchen, um der Welt kein Ärgerniß zu geben! Man ſoll nicht ſagen, daß der König von Frankreich jeder Sünde fröhnt, wie ein gewöhnlicher Menſch. Jetzt gehe ich zur La Vallière. Sie ſoll die Montespan lieben, und ſie unter den Schutz ihrer Freundſchaft nehmen! Ich will es ſo! Und der König verließ mit einem freundlichen Ab⸗ ſchiedsgruß das Gemach. II. 18 — 274— La Chaiſe ſchaute ihm nach mit dem Ausdruck des Haſſes und der Ironie. Gehe nur hin, ſagte er leiſe, gehe, und ſpiele die Comödie, welche ich Dich gelehrt, um meinen Kopf aus dieſer Schlinge zu ziehen! Von heute an biſt Du mir verfallen, denn ich halte Dich ſchon an die⸗ ſen unſichtbaren Fäden, welche keine Macht Deines Königthums zu zerreißen im Stande iſt! Ich halte Dich an den Fäden Deines ſchon erwachenden Ge⸗ wiſſens, jetzt verletzt es Dich ſchon mit leiſen Nadel⸗ ſtichen, es wird aber eine Zeit kommen, wo es Dich peinigt mit Scorpionenbiſſen. Wenn dieſe Zeit gekom⸗ men, dann, König Ludwig von Frankreich, dann biſt Du Mein, dann werde ich Dir Deinen Scepter und Deine Krone entreißen, und zitternd ſollſt Du knieen vor Deinem Beichtvater, welcher ſich zu Deinem Herrn und Gebieter, Dich zu ſeinem gehorſamen Knechte ge⸗ macht hat. Gehe alſo nur hin, König von Frank⸗ reich, gehe hin und fündige immer wieder! Mit jeder neuen Sünde biſt Du mir und Deinem Gewiſſen mehr und mehr verfallen, jedes neue Verbrechen verſtärkt dieſe unſichtbaren Fäden, älche Dich an mich, Dei⸗ nen Richter, ketten und feſſeln! 4 eeiinen Platz in Deinem Wagen einnehmen! — 275— Sein Geſicht hatte einen furchtbaren Ausdruck an⸗ genommen, während er ſo ſprach, Stolz und Freude leuchtete aus ſeinem wildbewegten Angeſicht, und er erſchrack vor ſich ſelber, als er, an einem Spiegel vor⸗ übergehend, zufällig in demſelben ſein eignes Antlitz gewahrte. Ruhig, ruhig! ſagte er lächelnd, wie kann ein Prie⸗ ſter, der Mann des Erbarmens und der Milde, ſolche Züge zur Schau tragen! Kriecht wieder hinein in den ſtillen Schlupfwinkel meines Herzens, Ihr ſtürmiſchen Gedanken des Stolzes und der Rache! Lächelt, Ihr meine Lippen, blickt ſanft, Ihr meine Augen, neige Dich demuthsvoll, mein Haupt! Ich bin ein Prieſter, ich muß die Maske tragen, welche einem Prieſter ge⸗ bührt!—— Luiſe, ſagte der König, als er, ſeinen Beichtvater verlaſſend, in das Gemach ſeiner Geliebten trat, Luiſe, wir wollen hinaus zur Jagd. Es wird ein kleines, aber, wie ich hoffe, heiteres Feſt ſein! Niemand ſoll daran Theil nehmen, als Du und die Marquiſe Mon⸗ tespan, außerdem noch Lauzun und Villeroi. Kleide Dich daher, und ſende zun Deiner Freundin, ſie wird 18* — 276— Frau von Montespan iſt nicht mehr meine Freun⸗ din! ſagte Luiſe La Valliére nicht ohne Bitterkeit. Nicht? Ich glaubte Euch in innigſter Zärtlichkeit verbunden! Sire, ſagte Luiſe ſanft, Ihr wißt es wohl, daß ich die Frau nicht lieben kann, welche mich verderben möchte! Der König runzelte die Stirn. Ich wünſche und befehle Dir, daß Du die Mar⸗ quiſe von Montespan Deine Freundin nennſt! ſagte er ſtrenge. Oh, mein Gott, ſeußzte Luiſe, ich ſelbſt alſo ſoll dieſe Bande ſchürzen, welche Euch an eine Andere feſſeln, und Ihr, mein König, ſeid es, welcher mich dazu verdammt!*) Und indem die unglückliche und eiferſüchtige Luiſe La Vallière ſo ſprach, brach ſie in Thränen aus. Und Ihr ſeid es, ſagte der Köͤnig hart, die mich dazu verdammt, nichts als Klagen und Weinen zu hören! Ein für allemal, ich bin es ſatt, ewig dieſe Litaneien anzuhören. Ich liebe Euch, aber ich will nicht beſtändig in meinen Wünſchen gekreuzt werden, *) Eigene Worte der La Valliere. Siehe Beaumelle. Vol. I. 24 — 227— ich will nicht beſtändig Thränen ſehen, wo ich Heiter⸗ keit erwarten kann! Trocknet Eure Thränen, Ma⸗ dame, und ſendet zu Eurer Freundin, Frau von Montespan; daß Ihr ſie Eure Freundin nennt, das wünſche ich, ich Euer König und Herr! Es war das erſte Mal, daß Ludwig zu ſeiner Ge⸗ liebten in dieſem harten und gebieteriſchen Tone ſprach; Luiſe La Valliére fühlte es, wie einen Todesſtoß in ihrem Herzen. Aber ſie trocknete ihre Augen, und ſchwieg, denn ſie fühlte, daß ſie gehorchen müſſe, wenn ſie nicht auf immer das Herz Ludwig's verlie⸗ ren wolle! Sie unterwarf ſich alſo, und nannte ihre Neben⸗ buhlerin ihre Freundin! Aber ſie fühlte, wie der vor der Welt verborgene Gram, langſam, Tag um Tag, an ihrem Herzen nagte, ſie fühlte ſich langſam ſter⸗ ben,— ſie litt an unendlicher Qual. Demüthig und ergeben erſchien ſie neben ihnet triumphirenden Nebenbuhlerin, ſie, welche man noch immer die Mai⸗ treſſe des Königs nannte! Sie hatte nur noch die Schmach ihrer Stellung, nicht mehr deren geheimes, entzückendes Glück!* Der König betäubte in rauſchenden Feſten die Vor⸗ — 278— würfe, welche er bei dem Anblick ſeiner bleichen, in Thränen noch lächelnden, verlaſſenen Geliebten empfand; er taumelte von Vergnügungen zu Vergnügungen, und, ſtcher der Abſolution ſeines Beichtvaters, ſcheuete er keine Sünde, bebte er vor keinem Verbrechen zurück. Die verlaſſend, deren Ehre und Unſchuld er ver⸗ nichtet, ſtürzte er ſich mit wildem Entzücken in die Arme des ſchönen, ehebrecheriſchen Weibes, die es verſtand, ihn immer auf's Neue zu reizen, die ihm immer neue Genüſſe, neue Entzückungen bot, die mit ihrer Syrenenſtimme ihn von Feſten zu Feſten lockte, und den König einlullte in den ſüßen Schlummer ent⸗ zückender Ermattung. Ein Meer der Luſt und Freude umrauſchte den König, inmitten des zerrütteten und gedrückten Frankreichs ſchien der Hof ſeines Königs eine Inſel der Glückſeligkeit, wo Alles Luſt athmete und Wonne, eine Inſel, welche nichts gemein hatte mit den Leiden des Landes, wo überfluß herrſchte und immer lächelnde Freude, wo man ſich rückhaltslos der Entzückung jeder Stunde überließ, wo Alles erlaubt, Alles geheiligt war, wo die Sünde aufgehört hatte, Sünde zu ſein, wo das Verbrechen zur Tugend, und der Ehebruch ein heiliger, von Prieſtern geweihter 8. .. 3 — 279— Tempeldienſt ward. Ja, es war eine von ganz Frank⸗ reich abgetrennte Inſel, dieſes königliche Hoflager, die Geſetze der Welt, die Geſetze der Menſchheit verſtumm⸗ ten hier, und verloren ihre Wirkſamkeit hier, wo der, über jedes Geſetz erhabene abſolute König ſein Reich der Freude aufgeſchlagen! Aber die Blicke des armen geknechteten Volkes, ſie reichten hinüber nach dieſer Inſel der zügelloſen Glück⸗ ſeligkeit, ſie ruhten mit heimlichem Zorn auf dieſem Menſchen, welcher inmitten ſeines laſterhaften und ſündigen Lebens ſich„König ſeines Volkes, König von Gottes Gnaden“ nannte, ſie wurzelten mit verach⸗ tungsvollem Haß auf dieſer Krone, von welcher dieſer Menſch, der ſich König nannte, behauptete, daß er ſie„von Gott“ empfangen, indem er mit drohender Stimme ſeinem Volke entgegen donnerte:„wehe dem, der meine Krone anrührt!”“*) Dieſe Krone, ſie war be⸗ ſchmutzt von Verbrechen, es trug ſie ein mit Sünde be⸗ laſtetes Haupt, und dennoch— wehe dem, der ſie anrührt! Noch hatte dieſes„Wehe“ Gewalt über die Herzen der Franzoſen, noch glaubten ſie an dieſes Kinder⸗ mährchen eines Königs von„Gottes Gnaden,“— 1 *) Histoire apologetiquc. Vol. II. — noch unterdrückten ſie ihre Flüche und ihren Haß, und nannten Den ihren Herrn und Meiſter, welcher ſte knechtete, und ihre heiligſten Rechte mit Füßen trat! Man hatte jetzt an dieſem Hofe das Schauſpiel, zu gleicher Zeit außer der Königin noch zwei Frauen zu ſehen, welche ein Recht hatten auf den König, welche ſich heimlich Königinnen von Frankreich nannten, und es in der That auch waren. Der König liebte die Montespan, und wollte doch auch die La Valliére nicht aufgeben, weil ſie eine Art Deckmantel ſeines Verhältniſſes zur Frau von Mon⸗ tespan war. Der erſtaunte und geängſtete Hof wußte nicht mehr, wem er zumeiſt huldigen ſollte, denn heute herrſchte Luiſe La Vallière, morgen Athenais von Mon⸗ tespan, man fand es daher gut, Beiden zu huldigen, man überhäufte Beide mit Schmeicheleien, man wandte ſich an Beide, wenn es galt, eine Gunſt auszuwir⸗ ken, oder eine Gnade vom Könige zu erlangen. Man legte heute Bittſchriften zu den Füßen Luiſe La Val⸗ lière's nieder, und trug deren morgen demüthig in die Vorzimmer von Athenais von Montespan, und der König bewilligte die Bittſchriften ſowohl, welche Luiſe La Vallière ihm darreichte, als die, welche die 4 — 281— Montespan ihm brachte. Er that es bei der Erſtern, um ſie wegen ſeiner Treuloſigkeit zu verſöhnen, bei der Letztern, um ihr ſtets neue Beweiſe ſeiner Zunei⸗ gung zu geben. Und ſo wurden, um beiden Geliebten zu gefallen, in willkührlicher Gnadenverſchwendung die erſten Ämter des Landes an Günſtlinge gegeben, die wichtigſten Stellen beſetzt mit Menſchen, welche nur das einzige Verdienſt beſaßen, daß ſie es verſtanden, zu ſchmei⸗ cheln, und vor der begünſtigten Geliebten im Staube zu kriechen, ſo wurde Gnade und Geld verſchwendet an Männer, deren einziger Werth darin beſtand, daß ſie die rechte Stunde erlauert, und die Minute abge⸗ paßt hatten, wo der König, im vollen Gefühl ſeines Glückes, nur um der läſtigen Bittſteller los zu wer⸗ den, ihnen gerne, und ohne zu prüfen, bewilligte, was ſtie forderten. Es war eine Herrſchaft der Willkühr und der Ge⸗ ſetzloſigkeit, aber das Volk duldete noch und ſchwieg, — es war noch nicht zur Manneskraft erwachſen, es hatte noch ſeinen Kinderglauben, daß ein König un⸗ antaſtbar ſei, ob auch befleckt von Sünden, ein Sclave ſeiner Lüſte! — 282— Athenais von Montespan war die Geliebte des Königs, ſie liebte die Feſte und die rauſchenden Freu⸗ den, ſie liebte es, ſich von dem Glanze und der Pracht einer Königin umgeben zu ſehen, und da das Land ſo reich an Mitteln und Hülfsquellen ſchien, war es da nicht natürlich, daß man das Land ausſog, daß man das Volk wieder mit neuen Steuern bedrückte, um die verſchwenderiſchen Launen der königlichen Geliebten zu erfüllen? Ein Jahr, nachdem Athenais von Montespan, von welcher der Hof noch immer glaubte, daß ihre Liebe wenigſtens tugendhaft ſei, dem Könige geſtanden, daß ſie ſeine Liebe erwidere, ein Jahr nach dieſem Geſtänd⸗ niß erfand die in Jugendfülle und Schönheit pran⸗ gende Athenais eine neue Mode*). Sie umgab ihre hohe und königliche Geſtalt mit dieſen pauſchigen, in *) Bussy in der Histoire amoureuse des Gaules ſagt über dieſe Mode: Madame de Montespan fut grosse. Cela fut cause qu'elle inventa une nouvelle mode qui étoit fort avan- tageuse pour les femmes, qui vouloient cacher leur grossesse, qui fut de s'habiller comme les hommes, à la reserve d'une jupe, sur laquelle à l'endroit de la ceinture, on tiroit la che- mise, que l'on faisoit bouffer le plus qu'on pouvoit, et qui cachoit ainsi le ventre.(Hist. amour. des Gaules. Vol. III. pag. 24.) — — 283— weiten Falten abſtehenden Röcken, die, nur den Ober⸗ körper und die Taille frei laſſend, die übrige Geſtalt wie hinter einem undurchdringlichen, geheimnißvollen Schleier verbargen. Um dieſer verbergenden und ge⸗ heimhaltenden Eigenſchaften willen war es eben, daß Athenais von Montespan dieſe Tracht erfand. Ihre Geſtalt hatte ein ſüßes Geheimniß zu verbergen, und dieſe neue Mode erfüllte ihren Zweck. Man pries bei Hofe noch immer die Tugend der Montespan und ahmte geſchäftig dieſe Caprice der neuen Kleidertracht nach, welche ſo bequem Alles verbarg und Nichts verrieth. Athenais lachte über den nachäffenden Hof, und legte ſelbſt nach einer entſcheidenden Cataſtrophe ihren Pauſchrock nicht ab.— Sie hatte geſehen, daß das Kind, welches ſie ihm geboren, daß dieſes heim⸗ liche, von Niemanden geahnte Vaterglück, den König nur noch enger und zärtlicher an ſie feſſelte, ſie zog es daher vor, dieſen Rock zu bewahren, der bald wie⸗ der, und von nun an Jahr um Jahr ein ſüßes Ge⸗ heimniß unter ſeinen pauſchigen Falten verbarg*). *) Beaumelle, Mémoires de Madame de Maintenon Vol. II XvVII. Die Witwe Searron. Es war an einem trüben, regneriſchen Winterabende des Jahres 1669; der Wind heulte durch die öden Straßen und verlöſchte die Laternen, welche hie und da angebracht, dem vereinzelten Wanderer, welcher mühſam durch die kothigen, von Regen gepeitſchten Straßen ſchlich, auf ſeinem beſchwerlichen Wege leuch⸗ ten ſollten. 4 In einem trüben, ärmlichen, kleinen Zimmer ſaß an dieſem Abend ein Weib in einſamer Betrachtung, und wie es ſchien mußten dieſe Betrachtungen ſehr trüber Art ſein, denn ſie ſeufzte oft ſchmerzlich, und in ihren großen ſtarr vor ſich hinblickenden Augen hingen ſchwere Thränen. Ein trübes, flackerndes Licht ſtand vor ihr auf dem Tiſche, auf welchem neben Schreibegeräth ein großer auseinander gefalteter Brief lag. In dem Ka⸗ — 285— min, neben welchem der Schreibtiſch ſtand, flackerte ein ſpärliches Feuer und warf dann und wann ein⸗ zelne Streiflichter auf dieſes troſtloſe Gemach, in wel⸗ chem die tiefſte Stille herrſchte, nur unterbrochen von den Seufzern und den halb hingemurmelten Worten dieſes einſamen Weibes.— Sie war nicht mehr in der erſten Blüthe der Jugend, vielmehr mogte ſie ſchon die erſte Hälfte der Dreißiger überſchritten haben, aber ihre Züge waren immer noch anziehend und von eigen⸗ thümlichem Reiz. Es thronten Gedanken auf dieſer hohen gewölbten Stirne, es wohnte Feuer und Gluth in dieſen großen, ſchwarzen Augen, deren durchdrin⸗ gender Blick oft ſchon die Kühnſten hatte verwirrt ge⸗ macht, und um dieſen edel geformten Mund ſchwebte ein halb reſignirtes, halb ſpöttiſches Lächeln, das zu⸗ 4 gleich mit Wehmuth und mit Furcht erfüllte. Sicher, es war dies eins der anziehendſten und intereſſanteſten Geſichter, welche man ſehen konnte, und dieſe Frau von ſieben und dreißig Jahren war wohl im Stande durch die Macht ihrer Reize und die Anmuth und Schönheit ihres Geiſtes die jüngſten und ſchönſten Wei⸗ ber neben ſich zu verdunkeln. Aber ſie verſchmähete es, durch äußere Reize zu blenden, ſie verſchmähete es, 8 — 286— durch die Macht und den Einfluß ihrer Erſcheinung ſich Anſehen, Reichthum, kurz Alles das zu erwerben, was damals die Mächtigen den ſchönen Frauen als Preis ihrer Ehre boten. Dieſe Frau war ehrbar geblieben, obwohl ſie ſchön war, ſie war ſittſam, obwohl ſie arm war, und Nie⸗ mand hatte es gewagt ihre Ehre anzutaſten, und ſie zu verleumden, obwohl ſie verheirathet geweſen an einen gelähmten, verkrüppelten Greis, welcher weder ihrem Herzen, noch ihrer Phantaſie hatte genügen kön⸗ nen! Jetzt war ſie ſeit einigen Jahren Witwe, aber ſelbſt die Ungebundenheit dieſes Standes, ſelbſt die Armuth, welche ſie bedrohete, ſelbſt die reichſten An⸗ erbietungen, nichts hatte die junge Witwe in ihren Grundſätzen ſchwankend gemacht, und dieſes rmliche kleine Zimmer, in welchem ſie wohnte, und das Alles enthielt, was ſie ihr Eigen nannte, es zeugte für die Tugend und Ehrbarkeit dieſer Witwe, welche Nie⸗ mand anders war, als die Witwe Scarron's, Made⸗ moiſelle Francoiſe Daubigny. Sie war freilich jetzt weniger ſchön als am Tage ihrer Vermählung mit Scarron, es waren ſeitdem faſt funfzehn Jahre an ihrem Haupte vorüber gegangen, funfzehn Jahre der — 287— Entbehrung, der Enttäuſchungen und Erfahrungen. Aber nichts hatte ſich geändert in ihrem Character, ſie war noch ganz dieſes junge, energiſche, muthige und unverzagte Mädchen, wie ſie damals war, als ſie Scarron's Gattin ward. Nur hatte ſie gewonnen an Menſchenkenntniß und Weltverachtung, an Geiſt und Lebensernſt. Sie hatte viel zu leiden gehabt, und mit der Standhaftigkeit einer Märtyrerin hatte ſie lange, ſchmerzliche Jahre hindurch die Launen und die Ko⸗ boldswunderlichkeiten eines Gatten ertragen, den ſie niemals geliebt, und deſſen bloßer Anblick ihr Wider⸗ willen erregte. Aber obwohl ſie viel gelitten, ſo lange laſſen und Vergeſſen treuloſer Freunde, kamen alle dieſe Kränkungen und Erniedrigungen, welche das Loos der Armen und Bittenden ſind! Die geiſtreichen und ſchönen Frauen, welche, der Mode gehorchend, in Scarron's Salon kamen, ſie flo⸗ hen dieſen verödeten Salon, in welchem ſie Niemand mehr fanden, als eine Frau, deren Schönheit ſie ihnen zu einer Nebenbuhlerin machte. Die vornehmen und — 288— angeſehenen Männer hingegen ſchwuren der jungen Witwe, für ſie all ihren Einfluß, ihre Macht anzu⸗ wenden, und eine Zeitlang trugen ſie bereitwillig Alle die demuthsvollen Bittſchrifften der Witwe Scarron, welche Ludwig den Vierzehnten um eine Penſton an⸗ flehete, zum Könige hin. Aber Ludwig der Vierzehnte hatte keine Zeit auf die Klagen und die Bittſchriften einer armen, nothleiden⸗ den Witwe zu achten, und als dieſe von ſeinen Hof⸗ herren ihm überreichten Bittſchriften der Witwe Scar⸗ ron gar kein Ende nehmen wollten, ſagte er zum Mar⸗ ſchall d'Albret, der ihm die ſechszehnte derartige über⸗ reichte:„Es regnet ja förmlich Bettelbriefe von dieſer Witwe Scarron!“*) Dann warf er achſelzut kend dieſe überflüſſigen Schreibereien bei Seite, und d man jetzt einen zudringlichen Bittſteller bei Hofe bezeichnen wollte, ſo ſagte man:„Er bettelt, wie die Witwe Scarron.“**) S. Man war natürlich freundſchaftlich beſorgt, dieſes ſanglante Bonmot des Hofes Der zu hinterbringen, welche die Veranlaſſung zu demſelben gegeben, und *) Mémoires de Maurepas. Vol. I. **) Beaumelle, Mémoires etc. Vol. I. — — 289— Francoiſe Scarron erndtete für ihre demüthigen Bitt⸗ ſchriften nichts weiter als den Spott und das herzloſe Lachen des Hofes. Sie zog ſich ſtolzer und kälter in ſich ſelber zurück, ſie rächte ſich für den Spott des Ho⸗ fes, indem ſie mit unerbittlichem, kaltem Spotte dieſe Männer verfolgte, welche täglich ſchwuren, daß ſie ihre Freunde ſeien, und doch ſie ſo gering achteten, daß ſie ſie fähig hielten, ihre Ehre und den Stolz ihres reinen Bewußtſeins hinzugeben, um dafür von ihren ſogenann⸗ ten Freunden ſich ein wenig Anſehen, ein wenig Reich⸗ thum einzuhandeln.— Mit der Ruhe und Hoheit einer Königin, mit beißender Ironie und niederſchmetternder Verachtung ſtrafte ſie dieſe verrätheriſchen Freunde und befahl ihnen, ſie zu verlaſſen, und niemals mehr die Schwelle ihres Zimmers zu überſchreiten. Sie gingen, aber Francoiſe war nun allein, ganz verlaſſen, ganz ohne Mittel.— Freilich, man war immer noch ſehr freundlich, ſehr zuvorkommend gegen ſie, man ſandte ihr Einladungen zu Diners und Abend⸗ geſellſchaften, aber man that dies nur, weil die Witwe Scarron eine ſehr intereſſante, ſehr geiſtreiche Frau war, und weil man wußte, daß jede Geſellſchaft ſich ſehr gut unterhielt, in welcher Francoiſe Scarron leuch⸗ II. 19 — 290— tete durch ihren Geiſt und die Grazie ihrer Erſchei⸗ nung. Francoiſe wußte wohl, daß ſie nicht um ihrer ſelbſt willen, ſondern um der Gäſte willen geladen ward, aber dennoch nahm ſie dieſe Einladungen an, mußte ſie ſte annehmen, um nicht zu verhungern!— Mit all dieſen ſchmerzvollen, kränkenden Erinnerun⸗ gen beſchäftigte ſich Francoiſe Scarron, als ſie an die⸗ ſem einſamen, troſtloſen Abende allein in ihrem klei⸗ nen, düſtern Gemache ſaß. Aber dieſe Erinnerungen machten ſie zu traurig, ſie wollte ſich ihnen um jeden Preis entreißen. Sie ſtand auf und ging heftig auf und ab. Es iſt wahr, flüſterte ſie leiſe, ſie haben mich Alle verlaſſen, Alle! Nicht Einer iſt mir treu geblieben! Sie füttern mich, wie ſie ihren Papagey füttern, da⸗ mit er ſie lachen mache durch ſein närriſches Geplau⸗ der! Ach, dies iſt unerträglich, der Tod iſt dieſer Er⸗ niedrigung vorzuziehen!. Und ganz niedergedrückt und erſchöpft von dieſen ſchmerzvollen Gedanken ſank Francoiſe auf einen Stuhl nieder und weinte. Aber nein, nein, rief ſie dann heftig, indem ſie ihre Augen trocknete und wieder aufſtand, nein, ich will — 291— weder weinen noch ſterben, das Eine wäre eine Schwäche, das Andere ein Verbrechen gegen Gott! Ich will le⸗ ben und kämpfen gegen das Unglück! Ich will alſo dieſen Vorſchlag annehmen, welchen die Marſchallin d'Albret mir gemacht. Ah, dieſe gute Marſchallin, ſie iſt die Einzige, welche ſich meiner noch annimmt, aber ſte thut es, weil ſie eiferſüchtig iſt, weil ſie weiß, daß der edle Marſchall mir täglich eine unſterbliche Liebe ſchwört. Sie mögte mich los ſein, dieſe gute, erbar⸗ mungsvolle Marſchallin, und weil ſie mich nicht hin⸗ ſchicken kann, wo der Pfeffer wächſt, will ſie mich wenigſtens ſo weit als möglich beſeitigen! Ich ſoll alſo der zukünftigen Königin von Portugal in ihre neue Heimath folgen als Kammerfrau. Ah, es wird dies ein ſehr ſchweres, ſehr ehrenvolles Amt ſein, denn man kennt die Launen und die Heftigkeit der Prin⸗ zeſſin von Nemours. Aber freilich, ich bin in einer guten Schule erzogen, und habe ich Scarron ertragen, werde ich auch Luiſe von Nemours zu ertragen wiſſen! Ja, ich werde dies Amt übernehmen, nnd jetzt gleich will ich unterzeichnen! Und mit haſtigen Schritten ſich dem Tiſche nähernd, nahm ſie die Feder, um dieſes Papier zu unterzeichnen, 19* — 292— welches den Contract und die Beſtimmungen ihres neuen Amtes enthielt. 1 In dieſem Augenblick erſchallte ein heftiges Klopfen an ihrer Zimmerthür. Zuſammenſchreckend ließ Fran⸗ coiſe die Feder fallen, welche einen dicken ſchwarzen Strich über das Papier zog. Die Witwe Scarron horchte, aber als Alles ſtill blieb, ſagte ſie lächelnd: es wird der Wind geweſen ſein, der als ſpäter Beſucher an meine Thür klopfte. Und ſie nahm wieder die Feder, aber in dieſem Au⸗ genblick ward das Klopfen wiederholt, und diesmal heftiger, ſtürmiſcher.. Francoiſe nahm entſchloſſen das Licht und erdäharie ſich der Thür. Aber bevor ſte dieſelbe öffnete, fragte ſie: wer iſt da?. Ein Freund! ſagte eine laute männliche Stimme. Nun, bei Gott, rief Francoiſe, ein Freund iſt eine ſo ſeltene und merkwürdige Erſcheinung, daß ich ſehr begierig bin ihn zu ſehen! Und mit muthiger Entſchloſſenheit öffnete ſie die Thür. Eine tief verhüllte männliche Geſtalt trat ein, und obwohl Francoiſe ſein Antlitz nicht ſehen konnie, ſah ſie doch an ſeiner Kleidung, daß es ein Prieſter ſei. Sie athmete daher erleichtert auf, denn von einem Prieſter Gottes hatte die fromme Witwe nichts zu fürchten, ihn konnte ſie ohne Zagen die Einſamkeit ih⸗ res Zimmers theilen laſſen! Sie ſchloß daher die Thür hinter dieſem geheimniß⸗ vollen Beſucher, und indem ſie das Licht wieder auf den Tiſch ſetzte, ſagte ſie ruhig: wer Ihr auch ſeid, ehrwürdiger Vater, ich ehre in Euch den Diener mei⸗ nes Gottes, und deshalb heiße ich Euch von ganzem Herzen willkommen. Während ſie ſo ſprach, hatte der Verhüllte langſam die Kaputze von ſeinem Haupte gezogen, und das Licht beleuchtete dieſes ernſte, ſtolze und lauernde Geſicht des königlichen Beichtvaters La Chaiſe. Francoiſe Daubigny, ſagte er feierlich, kennt Ihr mich nicht? Francoiſe blickte ihn ernſt und forſchend an; ihr Ge⸗ ſicht zeigte nicht die mindeſte Ueberraſchung oder Ver⸗ wunderung, ſie hatte ſich vollkommen in ihrer Gewalt, und ganz ruhig ſagte ſie: nein, ich kenne Euch nicht, ich habe Euch nie geſehen! Denn, obwohl Ihr die — 294— Züge tragt eines Mannes, den ich vor vielen Jahren kannte und verehrte, ſo könnt Ihr doch jener Mann nicht ſein, denn Jener nannte ſich meinen Freund, er ſchwur, daß er mich nie verlaſſen würde, und da ich ihn ſeit jenem Schwur nicht wieder geſehen, ſo habe ich ihn als einen Verſtorbenen beweinen gelernt! Geht alſo hin, ehrwürdiger Pater, ich kenne Euch nicht! Der La Chaiſe, den ich kannte, und welcher mein Freund war, iſt lange, lange todt! Nein, rief La Chaiſe, Francoiſens Hand ergreifend, nein, er lebt, und er iſt endlich gekommen, um ſein Wort einzulöſen und Euch zu dienen! Francoiſe ſchüttelte leiſe das Haupt. Ihr habt drei⸗ zehn Jahre des Nachdenkens bedurft, um Euch an Euer Verſprechen, mein Freund zu ſein, zu erinnern! ſagte ſie. 4 Francoiſe, rief La Chaiſe dringend, hören Sie mich an. Als ich damals ſie verließ, waren Sie die Gat⸗ tin meines Freundes, und dennoch liebte ich Sie! Dieſe Liebe, ſie glühte noch in mir als ich heimkehrte von Rom. Deshalb, weil ich meiner eigenen Schwäche mißtrauete, vermied ich es, Ihren Gatten oder Sie aufzuſuchen. Ich war vielleicht ein pflichtvergeſſener — 295— Prieſter, aber ich wollte mindeſtens kein verrätheriſcher Freund ſein! Doch ich wußte immer von Ihnen! Durch die Gräfin d'Olonne, Ihre Geliebte, ſagte Francoiſe ſpöttiſch, oder durch die Marquiſe Chatillon, nicht wahr? Ah, ich kann mir denken, mit welchem erhabenen Vertrauen Sie dieſen beiden Damen von Ih⸗ ker edlen und keuſchen Liebe zu Francoiſe Daubigny erzählten! Sie ſpotten meiner, rief La Chaiſe mit leichtem Stirn⸗ runzeln, aber ich ſage Ihnen, Francoiſe, daß ich Ih⸗ rer niemals vergaß, daß ich Ihr ganzes Leben kenne, daß ich jeden Tag Sie beobachtete, daß ich weiß von allen Ihren Kämpfen, Ihren Leiden und Ihren De⸗ müthigungen ¹ Ah, Sie wußten das! ſagte Francoiſe mit kaltem Spott, wahrlich, jetzt erkenne ich es, daß Sie in Wahr⸗ heit ein treuer Freund ſind! Sie wußten, daß es bei Hofe Bittſchriften regnete von der Witwe Scarron, und Sie waren fromm genug, dieſen Regen nicht auf⸗ zuhalten, welcher den Boden des Hofes mit einem Bonmot befruchtete! Ich habe auf die rechte Stunde gewartet, ſagte La — 296— Chaiſe, und nun ſie gekommen, bin ich da, und biete Euch meine Dienſte an! Jetzt iſt es zu ſpät! In einigen Tagen verlaſſe ich Paris und Frankreich auf immer! Seht hier dieſes Blatt, es iſt der Contract, welcher mich zur Kammer⸗ frau der Herzogin von Nemours, zukünftigen Königin von Portugal, macht! Und Francoiſe reichte dem Pater das Blatt dar. Er überflog es mit ſeinen Blicken, und es ihr wie⸗ der darreichend, ſagte er: es fehlt dieſem Contract noch Eure bindende Unterſchrift, und ſehet hier dieſen dicken, ſchwarzen Federſtrich, welcher dieſe Schrift ganz durch⸗ ſtrichen und ſomit ungültig gemacht hat! In der That, dies iſt ein merkwürdiger Zufall! rief Francoiſe erſtaunt. Nein, es iſt kein Zufall! ſagte La Chaiſe feierlich, es iſt Gott ſelber, welcher Euch ſeinen Willen zu er⸗ kennen giebt! Ihr werdet nicht nach Portugal gehen! Es lag etwas ſo Gebieteriſches, Stolzes in dem Tone, mit welchem La Chaiſe dieſe Worte ſprach, daß die Witwe Scarron unwillkührlich erbebte, und ſtau⸗ nend in das ernſte, noch immer ſchöne Antlitz des Prieſters blickte. — 297— La Chaiſe fuhr fort: Erinnert Ihr Euch noch jenes Tages, an welchem wir den Palaſt der Gräfin d'Olonne beſuchten? Erinnert Ihr Euch jener Prophezeihung, welche Euch und mich damals, wie mit einem electri⸗ ſchen Blitze, durchzuckte? Francoiſe erblaßte, und unwillkührlich fortgeriſſen von dieſen Erinnerungen ſagte ſie: oh ja, ich habe oft, ich habe täglich an dieſe Prophezeihung gedacht! Sie iſt mein Troſt und meine Verzweiflung, meine Hoffnung und meine grenzenloſe Qual geweſen! Jetzt bin ich re⸗ ſignirt, jetzt habe ich mein Herz gelehrt zu ſchweigen und ſich zu reſigniren! Ah, dieſes arme Herz, es hat niemals eine andere Liebe kennen gelernt, es hat an dieſer Prophezeihung gehangen, wie an dem heiligſten Ideal ſeines Lebens! Nun iſt es vorüber, ich hoffe und erwarte nichts mehr, als die Gnade Gottes! Blickt um Euch, ſeht dieſes ärmliche Zimmer, das iſt nach funfzehn Jahren des Harrens und Duldens das einzige Königreich der Frau, welcher jene verlockende Prophezeihung verhieß, daß ſie die Gemahlin eines Königs ſein würde! Und dennoch iſt es jetzt die rechte Zeit, um an jene Prophezeihung zu denken, rief La Chaiſe. Dennoch 298— ſage ich Euch und wiederhole die Worte jenes Pro⸗ pheten: Ihr ſollt dereinſt die Gemahlin eines Kö⸗ nigs ſein! Francoiſe trat einen Schritt zurück und blickte mit ihren großen flammenden Augen forſchend dem Prieſter ins Angeſicht. Ihr wollt meiner ſpotten, ſagte ſie. Nein, ich will Euch erheben zu Eurer Beſtimmung. Erinnert Euch, was Ihr damals mir verhießt:„Wenn ich Königin bin, werde ich Euch zum Beichtvater des Königs machen!“ Das waren Eure Worte! Nun wohlan, Gott hat es anders gewollt, die Looſe haben ſich umgekehrt! Ich bin Beichtvater des Königs, reicht mir die Hand, laßt Euch von mir leiten, und ich werde Euch zur Gemahlin eines Königs machen! Es werden noch Jahre darüber hingehen, ich weiß es, wir werden noch Vieles zu kämpfen, Vieles zu über⸗ winden haben, aber, vereint, werden wir eines Tages ſtegen! Und wie kommt es, fragte Madame Scarron miß⸗ trauiſch, daß Ihr grade mich dazu auserſeht, Eure Plane zu theilen und die Gemahlin Eures Königs zu werden? * — 299— La Chaiſe lächelte. Ich glaube an Prophezeihungen, ſagte er, und deshalb müſſen ſie ſich mir erfüllen. Ich will dieſe Prophezeihung wahr machen, weil ich da⸗ durch das Reich und die Ehre Gottes zu befeſtigen hoffe in dieſem ſündigen, von Gott abgefallenen Frank⸗ reich! Blickt um Euch, Francoiſe, und überall an die⸗ ſem Hofe werdet Ihr dem Laſter, der Sünde, der Ent⸗ artung und dem Verbrechen begegnen. Und der Kö⸗ nig iſt es, welcher ſeinem Hofe voranſchreitet auf die⸗ ſem Wege der Sünde. Laßt ihn uns erretten von die⸗ ſem Wege! Laßt ihn uns begleiten mit unſerm Gebet und unſerer Sorge, und wenn er einſt zaudernd ſtill ſtehet an einem Kreuzwege, dann laßt uns zu ihm hin⸗ eilen und ihn mit unſerer Liebe und der Autorität un⸗ ſers Gottes auf den rechten Weg zurückführen, ihn hingeleiten zur Straße des Heils! Francoiſe, es gilt, die Seele eines Königs vom ſichern Verderben zu er⸗ retten, Gott ruft Euch und mich zu dieſer Rettung auf! Wollt Ihr die Stimme Eures Gottes nicht hören? Francoiſe ſtand da mit gefaltenen Händen, mit gen Himmel gerichteten Blicken. Eine heilige, erhabene Begeiſterung war über ihre Züge ergoſſen, und ganz 7 — 300— überwältigt von der Feierlichkeit dieſes Momentes, ſagte ſie: möge Gott mir durch Euren Mund ſeine Befehle verkünden, mein ganzes Leben gehört dem Herrn, und ich will nichts ſein, als ſeine gottergebene Magd! Und der Herr wird Euch dafür ſegnen mit der Glo⸗ rie königlicher Ehren! rief La Chaiſe. Aber ich wie⸗ derhole Euch, es werden noch Jahre vergehen, bevor wir unſer Ziel erreichen! Nur langſam und vorſichtig werden wir den König dem Verbrechen und der ſündi⸗ gen Weltluſt zu entreißen vermögen, es wird bis da⸗ hin viel Geduld, viel Entſagung nöthig ſein! Wir dürfen den König weder durch Vorwürfe, noch durch die Strenge der Tugend ſchrecken, damit er ſich uns nicht entzieht. Wir müſſen ihn umgeben mit unſerer Milde und Vergebung, und nur von Gott geſehen müſſen wir arbeiten an dieſer unſichtbaren Kirche, in welche wir einſt den König geleiten wollen, damit er dort in zerknirſchter Reue bete um die Vergebung ſei⸗ ner Sünden! Und habt Ihr Hoffnung, daß dieſes Werk gelingen könnte? Es wird gelingen. Noch ſchwelgt der König in der Luſt und dem Uebermuthe der Sünde, aber ſchon be⸗ — 301— ginnt er zuweilen zu ermatten, ſchon klopft zuweilen an dieſes von Sinnenluſt berauſchte Herz das Gewiſ⸗ ſen leiſe an, und mahnt ihn an die Strafe, welche dort oben den Sünder und CEhebrecher trifft, wenn er nicht auf Erden ſchon in ſich gehet und bereuet! Ihr, Francoiſe, müßt ihn eine keuſche Liebe kennen lehren, Ihr müßt ihn die Sünde und das Laſter verachten, und die Tugend des Weibes kennen lehren, ich werde ihn erbeben machen vor dem Gotte des Zorns und der Rache, ſo wird er unſer werden, und wir werden ihn beherrſchen, Sie, durch Ihre Tugend, ich, durch meinen Gott! Aber es wird langſam geſchehen, wir müſſen warten, bis das Laſter ihn erſchöpft, bis die Sünde ihn überſättigt hat! Dann, Francoiſe, wenn er mit entnervten Gliedern, mit überſättigten Sinnen, in der Langenweile eines verödeten Daſeins, auf welchem ihm keine Blume des Genuſſes mehr blüht, ſich um⸗ blickt nach Troſt und Erheiterung, dann iſt unſere Stunde gekommen, und wir werden ihn beherrſchen, indem wir ihn ſeinem Gotte verſöhnen! Hier meine Hand! rief Francoiſe begeiſtert. Ich bin die Eure! Meine ganze Zukunft liegt in Euren Händen! — 302— So hört mich an! Morgen werde ich Euch zur Marquiſe Montespan führen! Zu der Geliebten des Königs, zu dieſem liſtigen Weibe, welches die arme La Vallière verdrängt? Ihr ſollt Luiſe La Vallière und die Tugend rächen, indem Ihr Eurerſeits die Montespan verdrängt! Und wie könnt Ihr dies anders, als indem Ihr dieſer ehe⸗ brecheriſchen Marquiſe nahe ſeid! Und Ihr fordert, daß ich in Ihrer von Laſter und Ehebruch verpeſteten Nähe bleibe? Wie ſolltet Ihr ſonſt Gelegenheit finden den König oft zu ſehen? Seine Neugierde zu reizen, ſein Herz zu entflammen? Ah, ich leſe in Euren hellen Blicken, daß Ihr mich ganz verſtanden habt, Francoiſe! Ihr werdet in Allem das Gegentheil der lockern und coquetten Da⸗ men dieſes Hofes ſein, Ihr werdet den König fliehen, ſtatt ihn zu ſuchen, Ihr werdet von Eurer Tugend re⸗ den machen, wie jene von ihren Laſtern! Man kennt Eure Sittſamkeit und Tugend, und grade um dieſer ſeltenen Eigenſchaften willen iſt es, daß die Marquiſe Montespan Eurer begehrt! Sie will ihre eigene Sünde vergeſſen machen, indem ſie die Tugend an ſich feſſelt, und indem ſie die ehrbarſte, keuſcheſte und geiſtvollſte — 303— Frau von ganz Paris in ihre Dienſte nimmt, will ſie beweiſen, daß ſie die Tugend zu ehren weiß, und daß die Tugend nicht vor ihr flieht! Und worin ſoll ich ihr dienen? fragte Madame Scarron erſtaunt. La Chaiſe lächelte und neigte ſich dichter an ihr Ohr. Ihr ſollt die Erzieherin ihrer Kinder werden! ſagte er. — 304— XVIII. Die Gouvernante. Am Tage nach dieſer Unterredung führte La Chaiſe die Witwe Scarron zur Palaſtdame der Königin, zur 2 Marquiſe Athenais von Montespan, und indem er 4 Francoiſe der Marquiſe vorſtellte, ſagte La Chaiſe: Madame, ich bringe Euch hier dieſe junge Witwe, welche, bevor ſie Frankreich verläßt, wenigſtens einmal doch die Marquiſe von Montespan, das Entzücken und den Stolz von ganz Frankreich, ſehen wollte. Die Marquiſe lächelte und heftete ihre großen Augen auf dieſe Witwe, von deren Tugend man ihr ſo Vie⸗ les erzählt, und deren Lob ſelbſt die Leichtfertigſten ver⸗ kündeten. Es war ein wunderbarer Contraſt, dieſe beiden Frauen zu ſehen, welche ſich gegenüber ſtanden, und deren ſchnelle, forſchende Blicke einander zu durchbohren ſchienen. — 305— Die Marquiſe, im vollen Glanz ihrer ſtrahlenden Schönheit, in der reichſten und üppigſten Toilette, mit dieſen ſtolzen, ſiegreichen Blicken und dieſem bezaubern⸗ den Lächeln, und ihr gegenüber dieſes Weib, ganz eingehüllt in beſcheidene Sittſamkeit, ganz unſcheinbar in dieſen enganſchließenden, Alles verhüllenden dunklen Gewändern, mit den frommen, demuthsvollen Blicken, mit dem ſanften, milden Lächeln! Die Marqz Göttin der Liebe und Schönheit, Francoiſe Scarron, eine ehrbare Matrone, ein ehrfurchtgebietendes Weib. Sie iſt eine Devote! dachte die Marquiſe. Es wird Senſation machen, dieſe Fromme neben mir zu ſehen! Welche üppige, laſterhafte Schönheit, dachte Fran⸗ coiſe. Wie kann der König nur dieſes Weib lieben, welches ſo frech vor jedem neugierigen Auge alle ihre Reize zu Markte trägt! Sie haßten ſich ſchon mit dem erſten Blicke, dieſe 3 beiden Frauen, welche das Schickſal zu Nebenbuhlerin⸗ nen beſtimmt hatte, Jede fühlte, mit dem Inſtinct des weiblichen Herzens, daß ſie einer Feindin gegenüber ſtand, und doch mußten ſie ihre Beſtimmung erfüllen, doch waren ſie ſchon an einander gekettet und konnten ſich nicht mehr entfliehen! u. 20 — 306— Sie ſprachen ſehr freundlich zu einander, Francoiſe Scarron überwand ihr ſtolzes, widerſtrebendes Herz, und bat um die Fürſprache der Montespan, und die Marquiſe beſiegte ihren geheimen Widerwillen und ſagte ſie ihr zu. Francoiſe that es, um einſt die Gemahlin des Kö⸗ igs zu werden, Athenais, um für ihre und des Kö⸗ der eine Gouvernante zu gewinnen, deren Tugend der Hof als ein Wunder anſtaunte. Am Abend dieſes Tages überreichte die Marquiſe Montespan dem Könige eine Bittſchrift. Von wem iſt dies Papier? fragte der König. Sire, es iſt ein Penſtonsgeſuch von der Witwe Scarron! Ah, die Witwe Scarron! Soll ich ſchon wieder von den Bittſchriften dieſer Witwe Scarron hören? Sire, Sie hätten ſchon lange nicht mehr von ihr hören ſollen! Wahrlich, Ew. Majeſtät ſollten einer Frau ſich erbarmen, deren edle Vorfahren ſich im Dienſte Eurer Majeſtät glorwürdig auszeichneten, und deren Gatte ein berühmter Dichter Frankreichs war.*) *) Beaumelle. Mémoires de la Marquise de Maintenon. Vol. I. pag. 274. — 307— Wie ſchön Ihr in dieſem Augenblick ſeid! rief der König, ſeine Geliebte umarmend. Bei meinem könig⸗ lichen Wort, es iſt unmöglich, Euch etwas abzuſchla⸗ gen. Mag es denn drum ſein! Dieſer närriſche Ko⸗ bold, der ſogenannte Dichter Scarron, nannte ſich „der Kranke der Königin“, und meine erhabene Mutter zahlte ihm als ihrem Kranken eine Penſion. Nun wohl, Scarron's Witwe ſoll dieſelbe Penſton erhalten, welche Anna von Oeſterreich dem Scarron zahlte. Sie kann ſich jetzt„die Kranke des Königs“ nennen! Wenn das eine Bedingung iſt, ſo wird Madame Scarron es vorziehen dieſe Penſton nicht anzunehmen, ſagte Frau von Montespan ernſt. Iſt ſte ſo ſtolz, Eure Witwe? Sie iſt eben ſo ſtolz, als klug, eben ſo fromm, als gelehrt! ſagte die Montespan, bemüht den König für ihre Plane zu gewinnen. Ah, ſagte der König mit einem ſpöttiſchen Lächeln, ſie iſt eine Gelehrte! Ich kenne nichts Langweiligeres, als dieſe gelehrten Weiber! Doch hoffe ich Nutzen zu ziehen von ihrer Gelehr⸗ ſamkeit, ſagte die Marquiſe, und theilte dem König in ihrer beredten und eindrucksvollen Weiſe ihre Ab⸗ 20* 4 4 — 308— ſicht mit, die Witwe Scarron zur Erzieherin ihres Sohnes zu machen! Die Marquiſe war heute von blendender Schönheit, der König hatte nicht die Kraft, ihr eine Bitte zu ver⸗ weigern. Er gab daher die Einwilligung zu dem Plan ſeiner Geliebten. Und wer, wenn dieſe Frage erlaubt iſt, hat meine ſchöne Athenais für dieſe fromme Gelehrte begeiſtert? fragte der König. Ich wandte mich in meiner Noth und Angſt um eine paſſende Erzieherin, welche zugleich Klugheit und Discretion genug beſäße, die Aeltern dieſes Kindes, welches man ihrer Pflege anvertrauen will, nie zu ver⸗ rathen, an Euren Beichtvater, Sire! La Chaiſe iſt es, der mir die Witwe Scarron empfohlen hat! Ah, dann wird ſie empfehlenswerth ſein, La Chaiſe iſt ein Weiſer, und ſein kluger Blick iſt nicht zu täu⸗ ſchen. Wenn La Chaiſe ſie empfohlen hat, nun, dann laßt ſie Erzieherin unſers kleinen Knaben werden, und Erzieherin all ſeiner kommenden Geſchwiſter! Sire! rief die Marquiſe mit einem bezaubernden Lä⸗ cheln, indem ſie leicht und ſchäkernd mit ihren roſtgen Fingern den König auf die Lippen ſchlug. — 309— Der König lachte und zog ſie in ſeine Arme.—— Die Witwe Scarron nahm dieſe Stelle an, ſie ward Gouvernante des älteſten Sohnes der Marquiſe von Montespan, des ſpätern Herzogs du Maine, und da der König richtig prophezeiht, und der kleine Knabe im Verlauf der nächſten Jahre mehrere Geſchwiſter erhielt, übergab man auch dieſe der klugen und liebevollen Gouvernante, welche die Kinder zu lieben ſchien, als ihre eigenen, und die ſo getreulich das Geheimniß ih⸗ rer Geburt bewahrte, daß man lange Zeit nicht ahnte, wer die Aeltern dieſer Kinder ſein mögten. Francoiſe Scarron, die Gouvernante dreier könig⸗ licher Baſtarde, bewohnte jetzt ein Landhaus in der Nähe von Vaugirard, unweit Paris, ſie hatte ihre Dienerſchaft, ihre Equipage,— aber ſie entbehrte in⸗ mitten ihres Ueberfluſſes, denn ſie war arm an Hoff⸗ nung, das Ziel, nach welchem ſie ſtrebte, zu er⸗ reichen!. Der König hatte einmal ein Vorurtheil gegen dieſe„fromme Gelehrte“, er hatte es ſich zur aus⸗ drücklichen Bedingung gemacht, daß die Gouvernante niemals vor ihm erſcheine, daß er niemals mit ihren gelehrten Phraſen beläſtigt werde. Eine ſeltſame, un⸗ — 310— erklärliche Ahnung ſchien ihn zum Vermeiden dieſer Frau zu bewegen, die er einſt anerkennen ſollte als ſeine Gebieterin, deren Joch der König ſich beugen ſollte, als ihr Sclave! Aber La Chaiſe ermuthigte ſte immer wieder, er ſprach der Verzagenden Muth ein, er vertröſtete ſte auf die große ihr prophezeihete Zukunft, er lehrte ſte im⸗ mer wieder auf's Neue glauben an dieſe Prophezei⸗ hung, und war zugleich fein und klug bemüht, all⸗ mälig dieſen Widerwillen zu beſiegen, welchen der Kö⸗ nig gegen die Gouvernante ſeiner Kinder hegte. Uebrigens, wenn der König einen Widerwillen hegte gegen die Gouvernante, ſo liebte er doch mit heißeſter Vaterliebe die Kinder, welche ſie ihm erzog, und da er ſie oft und täglich zu ſehen wünſchte, war es ihm unbequem, ſie ſo weit von ſich entfernt zu wiſſen. Er befahl daher, für die Kinder im Königlichen Schloſſe zu Paris eine Wohnung einzurichten, und Madame Scarron verließ mit ihren drei Zöglingen ihr ſtilles Landhaus von Vaugirard und begab ſich nach Paris. Jetzt ſind wir wieder einen Schritt näher zum Ziele, ſagte La Chaiſe zu ihr. Nur zwanzig Schritte tren⸗ 11— nen Eure Gemächer von denen des Königs, er wird es jetzt nicht mehr vermeiden können Euch zu ſehen. Francoiſe ſeufzte. Er wird immer nur in mir die Frau und Witwe jenes Koboldes ſehen, deſſen Name, wie man mir ſagt, ſchon ſein Lachen erregt! Ihr müßt ſobald als möglich einen andern Namen Euch erwerben! ſagte La Chaiſe. Einige Tage ſpäter ward der kleine Herzog du Maine in die Gemächer des Königs gebracht.— Ludwig der Vierzehnte war noch mit ſeinen Miniſtern beſchäftigt, aber ſein Beichtvater La Chaiſe war da und wußte den ſechsjährigen Knaben durch allerlei Erzählungen und Spiele ganz angenehm zu beſchäftigen. Dann ſprach er mit ihm von ſeiner Gouvernante; der kleine Herzog liebte ſie wie eine Mutter und ſprach von ihr mit der rückhaltsloſen Zärtlichkeit eines Kindes. Und iſt ſie immer heiter, Deine kleine Maman? fragte La Chaiſe. Oh nein, ſagte der Knabe traurig, ſie weint ſehr viel! Mögteſt Du nicht, daß ſie lieber lachte? Ach ja, das mögte ich wohl! Nun denn, ſo höre mich an, mein kleiner Herzog! 4— 312— ſagte La Chaiſe, indem er den Knaben näher zu ſich hinzog. Du allein kannſt machen, daß Deine kleine Maman nicht mehr ſo viel weint, ſondern immer hei⸗ ter iſt. Der Knabe ſah ihn mit ſeinen klugen Augen fra⸗ gend an. Wenn ich das machen kann, ſo ſoll es geſchehen! ſagte er. La Chaiſe flüſterte: Deine kleine Maman weint, weil der König ihr nicht gnädig und freundlich ſein will! Wenn Du aber ſie immer vor dem Könige recht ſehr lobſt und ſagſt, daß Du ſie wie eine Mutter liebſt, dann wird der König ſie endlich auch lieb haben! Er ſoll ſie lieb haben! rief der kleine Herzog heftig. Bald darauf kam Ludwig der Vierzehnte, und mit ſeinem kleinen Sohne ſpielend und plaudernd, freute er ſich mit echter Vaterzärtlichkeit über die klugen und witzigen Antworten des Knaben. Er zog ihn daher in ſeine Arme, und ihn küſſend ſagte er: Seht ihn einmal an, La Chaiſe! Iſt er nicht ein wahres kleines Wunder! Er iſt ſechs Jahre alt und ſchon ſo vernünftig! Der Knabe warf dem Beichtvater einen raſchen Blick zu. — 313— Sire, ſagte er dann, wenn ich vernünſtig bin, ſo iſt dies kein Wunder, da ich von der Vernunft ſelber erzogen werde! Das iſt eine Antwort, ganz ſeiner edlen Gouver⸗ nante würdig! rief La Chaiſe mit frommem Hände⸗ falten. Des Königs Antlitz leuchtete in zufriedenem Vater⸗ ſtolze. Nun, rief er, wenn die Vernunft ſelber Dich er⸗ zieht, ſo muß ſie freilich dafür anders belohnt werden, als eine gewöhnliche Sterbliche. Und der König trat an den Tiſch und ſchrieb raſch einige Worte auf. Da, ſagte er dann zu dem kleinen Herzog, indem er ihm das Papier darreichte, da, mein Knabe, bringe das Deiner klugen Gouvernante! Es iſt eine Anwei⸗ ſung auf hunderttauſend Livres. Das wird ihr hof⸗ fentlich Vergnügen machen!*) Der Knabe eilte mit ſtürmiſchen Dankesäußerun⸗ gen fort. Ludwig der Vierzehnte blickte ihm lächelnd nach. *) Beaumelle. Mémoires de Madame de Maintenon. Vol. II. — 314— Dieſe Madame Scarron muß in der That eine ſehr kluge Frau ſein! ſagte er. Sire, ſie iſt nicht bloß klug, ſie iſt auch liebens⸗ würdig! Und gelehrt! rief Ludwig. Ich haſſe die gelehrten Weiber! 1 — 315— XIX. Die Marquiſe Maintenon. Seit Madame Scarron im Königlichen Schloſſe wohnte, war es endlich am Hofe kein Geheimniß mehr, wer der Vater dieſer reizenden drei Kinder ſei, deren Gouvernante die Witwe Scarron war. Man ſah die Liebe des Königs zu dieſen drei Kin⸗ dern, und man verſtand ſie. Aber wer war die Mut⸗ ter derſelben? Dieſe Frage blieb noch immer ohne be⸗ ſtimmte Antwort. Einige flüſterten ganz leiſe den Na⸗ men der Frau von Montespan, Andere nannten laut den Namen der Madame Scarron, und was man ſo laut geſagt, drang bis zu den Ohren Francoiſe's. Dieſe neue Beſchuldigung und Ungerechtigkeit em⸗ pörte ſie. Ich werde mich dafür rächen! ſagte ſie zu La Chaiſe, und ihre Augen flammten in wildem Zorn. — 316— Wie werdet Ihr Euch rächen? Ich werde dieſe Marquiſe verdrängen, um derent⸗ willen man meinen Namen ſchändet, und meine Ehre vernichtet! Und Gott wird Euch ſeinen Segen geben zu dieſem heiligen Werke! rief der Pater. Dies iſt eine erha⸗ bene Rache, ganz Frankreich wird Euch anbeten, wenn Ihr ſie vollführt! Ich werde es! ſagte Frangoiſe feſt. Ihr müßt mir dabei behülflich ſein, ehrwürdiger Vater! Das werde ich! Einige Tage ſpäter erfuhr der König, daß ſeine ge⸗ liebten drei Kinder plötzlich erkrankt ſeien. Erſchreckt eilte er ſelber hin, ſte zu ſehen, und ohne ſeine Ankunft melden zu laſſen, öffnete er leiſe den Vorhang zu dem Schlafgemach ſeiner Kinder. Aber erſtaunt und entzückt über das Bild, welches ſich ihm darbot, blieb er ſtehen. Neben der Wiege, in welcher das jüngſte Kind ſchlum⸗ merte, ſaß eine Frau, deren edles ſanftes Geſicht, deren ſittſame, beſcheidene Kleidung den König frappirte. Sie hatte den Fuß etwas erhoben, und bewegte mit demſelben die Wiege des Kindes, damit dieſe in be⸗ 9 — 317— ſtändigen Schwankungen bliebe. Auf ihrem Schoße ruhte das zweite Kind, im Begriff einzuſchlummern, und die Frau ſang ihm mit halblauter, köſtlicher Stimme ein Wiegenlied, während ſie zugleich beſchäftigt war dem kleinen Herzog du Maine, der an ihrer Seite ſtand, die Blätter umzuwenden in dem großen Bilder⸗ buch, mit deſſen Anſchauung der Knabe beſchäftigt war.*) Übrigens war Francoiſe Scarron ſo ganz ver⸗ tieft in dem Anſchauen und der Sorge für ihre Pfleg⸗ linge, daß ſie den König gar nicht gewahrte, und ihre liebevollen Blicke immer auf dieſe Kinder gefeſſelt hielt. Er hütete ſich wohl, durch irgend ein Geräuſch ſeine Anweſenheit zu verrathen. Auf der Schwelle ſtehend genoß er dieſes wundervollen, zugleich ſo ſchönen und ſo rührenden Anblicks. Bald däuchte ihm dieſe Frau eine von Engeln umgebene Heilige, bald eine von Amoretten umſpielte Göttin.— Aber wenn er ſeine Blicke auf dieſes ſo janſte, in reinſter Zärtlichkeit ſtrah⸗ lende Antlitz heftete, dann mußte er geſtehen, daß ſie durchaus mehr einer Heiligen, als einer Göttin ver⸗ gleichbar ſei. Als er aber aus dem Nebenzimmer ſich nähernde ⁵) Beaumelle. Mémoires de Madame de Maintenon. Vol. II. — 318— Stimmen hörte, ließ der König unbemerkt und ge⸗ räuſchlos den Vorhang wieder fallen, und trat gedan⸗ kenvoll den Rückweg zu ſeinen Gemächern an. 3 Der Zufall wollte, daß in dieſem Augenblick die Marquiſe Montespan aus einer dieſer Thüren trat, an welchen der König vorüberſchritt. Sie war in reichſter und köſtlichſter Parure, Hals und Buſen ganz entblößt, ganz das Bild der üppig⸗ ſten Schönheit, ſtrahlend in Luſt, voll übermüthiger Keckheit und ſtolzer Sicherheit. 7 In dieſem Augenblick fühlte ſich der König verletzt von dem Anblick dieſer ſtolzen, ſiegreichen Schönheit, die in Luſt und Freude ſtrahlte, während ihre Kinder krank darnieder lagen. Madame, ſagte er, es iſt wahr, Sie ſind durchaus eine ſiegreiche Göttin, aber es iſt doch ſehr gut, daß wir da drin eine Heilige haben, denn die Göttin aller⸗ dings kann ſich nicht herablaſſen, ihre Kinder zu pflegen! Und ohne der erſtaunten Marquiſe Zeit zu einer Antwort zu laſſen, ſchritt der König vorüber, und be⸗ gab ſich in ſeine Gemächer. Eine Stunde ſpäter überbrachte der Pater La Chaiſe — 319— der Witwe Scarron ein Geſchenk vom König. Es war ein ſammtnes Portefeuille, das eine Anweiſung auf einhundert und funfzig tauſend Livres enthielt*). Der König ſendet Euch dies als einen Beweis ſei⸗ ner Zufriedenheit, ſagte La Chaiſe, und indem er mir dieſes Portefeuille einhändigte, ſagte er:„ich habe heute ein wundervolles Bild geſehen, es hat mich entzückt, und ich möchte gerne der Perſon, welcher ich dies Bild verdanke, mich erkenntlich zeigen! Bringt daher der Witwe Scarron dieſes Portefeuille. Ihr verdanke ich dieſes köſtliche Bild.“ Verſteht Ihr das? fragte La Chaiſe. Frangoiſe lächelte fein. Er hat mich heute über⸗ raſcht, als ich mit ſeinen Kindern beſchäftigt war, ſagte ſie. Und Ihr gabt Euch den Anſchein ihn nicht zu ſehen? Das that ich! 1. Francoiſe! Ihr ſeid ſehr weiſe, und wir werden ſiegen! 4 Francoiſe ſchüttelte traurig ihr Haupt. Die Witwe Scarron kann niemals die Gemahlin *) Beaumelle. Mémoires de M. de M. Vol. II. — 320— eines Königs werden, ſagte ſie. Ihr Name macht das unmöglich! Ihr ſeid jetzt reich, rief La Chaiſe, kauft Euch eine Beſitzung und nehmt den Namen derſelben an! Oh, was fällt mir da ein! Erzählte mir nicht heute Lou⸗ vois von einem Marquiſat, das zu verkaufen ſei? Richtig, richtig, jetzt entſinne ich mich! Er ſprach von einer Marquiſe Maintenon, welche wegen Schul⸗ den flüchtig geworden, und ſich nach Martinique be⸗ geben. Nach Martinique! rief Frangoiſe lebhaſt Nach meiner Heimath! Und in Nachdenken verſinkend führ ſie leiſer fort: ſeltſames Spiel des Zufalls! Sie geht nach Marti⸗ nique, woher ich gekommen. Wie, wäre dies nicht ein Wink des Schickſals? Ihr müßt Eurem Schickſale gehorchen! rief La Chaiſe. Dieſe Marquiſe iſt entflohen nach Martinique; als das Geſpenſt Eurer Vergangenheit iſt ſie nach Eurer Heimath ausgewandert, Ihr ſeid ihre Erbin, Ihr ſollt von der verſchollenen Vergangenheit Euch die Zu⸗ kunft ererben! Dieſes Marquiſat Maintenon eRß Euer werden!. — 321— a, ich will es zu erlangen ſuchen! rief Frangoiſe uhn. Sprecht Ihr für mich mit Louvois! Das werde ich, in dieſer Stunde noch! Dieſes zendie Maintenon muß Euer werden um jeden Preis! Aber es meine Mittel überſteigt? iagt Fran⸗ coiſe ſchüchtern. Dann müßt Ihr Euch ſchon darin ergeben, meine Schuldnerin zu werden, ſagte La Chaiſe lächelnd, und entfernte ſich, um zu Louvois zu gehen. Es war am Abend dieſes Tages, als die Mar⸗ quiſe von Montespan unruhig in ihrem Boudoir auf und abging. Der König war heute weniger zärtlich, weniger zuvorkommend geweſen, als ſie ihn ſonſt zu ſehen gewohnt war. Er hatte zwar auch triftigen Grund ein wenig ſinnend und nachdenklich zu ſein, denn Luiſe La Vallière, endlich erliegend dieſen Qua⸗ len der Eiferſucht und ganz zermartert von den Schmer⸗ zen einer nicht mehr erwiderten Liebe, hatte heute plötz⸗ lich den Hof verlaſſen, und ſich in ein Kloſter bege⸗ ben.— Der Hof, welchem ſie weder mehr zu ſchaden noch zu nützen vermochte, erinnerte ſich jetzt nur noch ihrer Liebenswürdigkeit und Anmuth, ihrer treuen, hin⸗ II. 21 .— 322— gebenden Liebe, die nicht durch die leiſeſte Untreue oder Leichtfertigkeit war verletzt worden. Man bewunderte ſte jetzt, indem man ſie zugleich bemitleidete, und der König empfand eine Art Reue, wenn er dieſes ſo un⸗ ſchuldigen, ſo reinen und tugendhaften jungen Mäd⸗ chens gedachte, welches Luiſe La Valliore einſt gewe⸗ ſen, und deſſen Unſchuld er ſeiner glühenden Liebe, deſſen Glück er ſeiner rückſichtsloſen Unbeſtändigkeit ge⸗ opfert hatte. Und während alle Damen eine betrübte und trau⸗ rige Miene zeigten, während die Königin ſelbſt öffent⸗ lich bei Tafel mitleidsvolle Thränen vergoß über das Schickſal und den harten Entſchluß der armen Luiſe La Valliere, konnte Athenais von Montespan nicht dieſe triumphirende Freude über die endliche Entfer⸗ nung ihrer Nebenbuhlerin verbergen. Sie war daher in der heiterſten Laune, ihr Mund ſprudelte über von den beißendſten und launigſten Sarkasmen und Witz⸗ worten, welche den König unter andern Umſtänden würden ſehr erheitert haben, über welche er heute aber mißmuthig die Stirne runzelte. Athenais fuͤhlte ſich aber von der Verſtimmung des Königs eben ſo ſehr verletzt, als Ludwig ſich von ihrer Heiterkeit verletzt fühlte. Sie machte ihm daher, als der König allein mit ihr war, heftige Vorwürfe, ſie überließ ſich ganz ihrem ſtolzen und herrſchſüchtigen Temperament, und ganz hingeriſſen von der heftigſten Eiferſucht, beſchuldigte ſte den König in erbitterem Tone der Treuloſigkeit und Perfidie. Der König hörte ihr lange ſchweigend zu, er war ſolcher Streitigkeiten ſchon gewohnt geworden, aber er verglich in dieſem Augenblick die Marquiſe Montes⸗ pan, dieſe heftige, herrſchſüchtige und ehrgeizige Frau mit Luiſe La Vallière, dieſem ſanften, ergebenen und liebenden Mädchen, welches er ihr geopfert hatte, und er fragte ſich leiſe, ob Athenais dieſes Opfers wohl werth geweſen? Wahrlich, ſagte er dann laut, Ihr habt wohl ein Recht auf die arme Luiſe eiferſüchtig und neidiſch zu ſein, denn ſie beſitzt eine Tugend, welche Ihr niemals erreichen könnt! 3 Und welches, Sire, iſt dieſe große, Neid verdienende Tugend? Es iſt Luiſen's wahre und treue Liebe! ſagte der 21* .— 324— König. Ihr, Marquiſe, würdet wahrlich nicht in ein Kloſter gehen, wenn ich Euch verließe! Luiſe La Val⸗ liere liebte ihren Ludwig, aber ich fürchte, Marquiſe, Ihr liebt nur den König! So ſprechend verließ Ludwig der Vierjehnte ſchnell das Zimmer ſeiner Geliebten, und ließ ſie erſtaunt, und von ſeltſamen Ahnungen gepeinigt, allein. Der König hatte geſagt,„Ihr würdet nicht in ein Kloſter gehen, wenn ich Euch verließe,“ der König dachte alſo an die, wenn auch noch ſo entfernte Mög⸗ lichkeit, er könne ſte Jemals verlaſſen, es ſchien ihm dies nicht eine ganz undenkbare, gar nicht auszu⸗ ſprechende Fabel! Mein Gott, ſie hatte Niemals an dieſe Möglichkeit gedacht, ihr hatte das ſo fern gele⸗ gen, wie der Himmel von der Erde! Sie zitterte jetzt vor einem unbekannten Schreckniß, ſie ſah dunkle und entſetzliche Bilder vor ihrem innern Auge aufſteigen, und ganz gepeinigt und geängſtigt von dieſen Bildern, ging ſie in wilder Haſt in ihrem Boudoir auf und ab. Endlich entſchloß ſie ſich, an den König zu ſchrei⸗ ben, ihm in einem glühenden, zärtlichen Briefe ihre zu jedem Opfer bereiten Liebe zu verſichen. — 325— Aber ihre Hand zitterte, ihr Kopf fand keine Ge⸗ danken. Sie rief daher ihre Kammerfrau und befahl, Ma⸗ dame Scarron zu ihr zu rufen. Frangoiſe gehorchte der Botſchaft, und trat wenige Minuten ſpäter in das Boudoir der Marquiſe. Athenais eilte ihr entgegen. Sie müſſen mir beiſtehen, Sie müſſen mich retten! ſagte ſie, und erzählte in haſtigen Zügen die Begeben⸗ heiten des heutigen Tages! Oh, Madame, ich gratulire! rief Francoiſe, als ſie von der Entfernung Luiſe La Vallière's hörte. In der That, ich gratulire! Sie haben jetzt eine Nebenbuhle⸗ rin weniger an dieſem Hofe! Ich fürchte keine Nebenbuhlerin! rief die Marquiſe ſtolz. Und warum triumphiren Sie alsdann über dieſen Entſchluß Luiſe La Valliére's? fragte Francoiſe mit einem feinen Lächeln. Athenais überhörte ihre Frage, und erzählte ihr die Außerung des Königs. Ich wollte ihm ſchreiben, ſagte ſie, aber mein Herz und meine Hand zittert. Aller Witz hat mich ver⸗ — 326— laſſen! Ihr aber, Ihr ſeid immer ruhig, immer klug und witzig! Ihr müßt daher ſtatt meiner dieſen Brief an den König ſchreiben! Ihr müßt ihm mit der hin⸗ reißendſten Beredſamkeit meine Liebe, meine grenzenloſe Hingebung und Treue ſchildern. Oh, Madane, dies wird mir nicht gelingen, rief Francoiſe ſchwermuthsvoll. Ich verſtehe nicht ſolche Briefe zu ſchreiben! Wie, Ihr verſteht keinen Liebesbrief zu ſchreiben? Nein, ich habe viele bekommen, aber ich habe nie⸗ mals einen Liebesbrief geſchrieben! Mein Gott, Ihr habt alſo niemals geliebt? Nein, niemals! ſagte Frangoiſe traurig. Das iſt ohne Zweifel ein Unglück, aber es hat nicht in meiner Macht geſtanden, glücklich zu ſein! Nun, ſo ſollt Ihr es heute mindeſtens durch Eure Phantaſie ſein! rief Athenais lachend. Denn ohne Zweifel wird Euch Eure Phantaſie begeiſtern! Be⸗ denkt, Ihr ſchreibt heute Euren erſten Liebesbrief, und Ihr ſchreibt ihn an den König! Aber ich ſchreibe ihn für eine Andere! ſeufzte Francoiſe unwillkührlich. — 327— Die Marquiſe brach in ein lautes, ſpöttiſches Ge⸗ lächter aus. Nun, ſagte ſie, wolltet Ihr ihn etwa für Euch ſel⸗ ber ſchreiben, meine gottergebene Heilige? Francoiſe antwortete nichts, aber ſie warf auf Athe⸗ nais einen ſo flammenden, vielſagenden Blick, daß dieſe unwillkührlich erbebte. In der That, Frangoiſe hatte die Wahrheit geſagt, ſte hatte noch niemals einen Liebesbrief geſchrieben, und ihrem zum Aberglauben geneigten Sinne ſchien es von der glücklichſten Vorbedeutung, daß ihr erſter Liebesbrief an den König gerichtet war, vhndoh im Namen einer Andern. Sie übernahm es daher, dieſen Brief zu ſchreiben, und ſie ſchrieb ihn mit all' der Grazie und Feinheit, mit dem funkelnden Witze, und dem ſcharfen Verſtande, der ihr eigen war. Vielleicht war es, weil ſie noch niemals einen Liebesbrief geſchrieben, daß er ſich von allen andern derartigen unterſchied, daß er ſo pikant und doch zart, ſo zärtlich und glühend, und doch nicht empfindſam war. Athenais von Montespan war entzückt über dieſen 3— 328— Brief, und eilte ihn abzuſchreiben, um ihn noch in dieſer Nacht an den König zu ſenden*). Der König war ebenſo erſtaunt, als überraſcht von dieſem Briefe, er las ihn wieder, und immer wieder, und als um die Mittagszeit des folgenden Tages ſein Beichtvater La Chaiſe zu ihm kam, ſagte er: ehrwür⸗ diger Vater, Ihr müßt mir eine Buße auferlegen, denn ich habe heute eine heilige Pflicht verſäumt, welche, getreulich zu erfüllen, ich Euch gelobt hatte! Ich habe heute morgen nicht mein Tagewerk damit begonnen, in dieſen heiligen Gebetbüchern zu leſen, welche Ihr mir gegeben, ſondern ich habe heute ſtatt der Gebete einen Liebesbrief geleſen, und ich geſtehe zu meiner Schande, daß ich mehr Luſt und Freude dabei empfunden, als wenn ich Gebete geleſen! Legt mir alſo eine Buße auf! Aber damit ſie nicht zu hart ſei, und Ihr eine Entſchuldigung für mich findet, lest zuvor dieſen Brief! Und der König reichte dem Beichtvater den Brief der Marquiſe Montespan dar. La Chaiſe las ihn ſchweigend und mit großer Auf⸗ merkſamkeit. *) Mémoires du Comte de Maurepas. Vol. I. pag. 12. — 329— Nun, fragte der König, geſteht ſelbſt, iſt Athenais nicht geiſtreich, klug und zärtlich, wie ein Engel? Dieſer Brief iſt ſehr ſchön, ſagte La Chaiſe, aber es iſt nicht der Styl der Marquiſe Montespan, und ich wage zu behaupten, daß ſie ihn nicht geſchrie⸗ ben hat! Nun beim Himmel, das iſt ſtark! rief der König lachend. Und wer, wenn es Euch beliebt, ſollte mei⸗ ner Athenais die Hand geführt haben? Wer anders, als die Liebe! La Chaiſe zuckte lächelnd die Achſeln. Wir werden ſehen! ſagte er. Darf ich es wagen, Ew. Majeſtät einen Vorſchlag zu machen? Sprecht! Euer Mißtrauen fängt an mich zu be⸗ luſtigen. Wie wollt Ihr erforſchen, ob die Marquiſe dieſen Brief geſchrieben? Es wird dazu einiger Zeit bedürfen, aber wenn Ew. Majeſtät die Gnade hätten, der Marquiſe wie⸗ der zu ſchreiben, und indem Sie dieſelbe Ihrer Freude verſicherten über dieſen herrlichen Brief, ſie zugleich zu bitten, daß ſie wieder antwortet, ſo glaube ich.— Es iſt alſo Euer Ernſt? rief der König lachend. — 330— Ihr glaubt wirklich, daß die Marquiſe ſich einer an⸗ dern Feder bedient hätte? Ich bin es überzeugt! Und der König ſchrieb, dem Wunſche La Chaiſe's gemäß, an die Marquiſe, und bat ſie, dieſe ihn außer⸗ ordentlich erheiternden ſchriftlichen Unterhaltungen noch weiter fortzuſetzen. Athenais von Montespan war entzückt über die Wirkung ihres Briefes. Da derſelbe dem Könige ſo ſehr gefallen, bat ſie Frangoiſe Scarron, wieder in ihrem Namen zu ſchreiben, und Francoiſe gehorchte.— Am Abend dieſes Tages trat La Chaiſe mit trium⸗ phirender Miene zum Könige ein. Sire, ſagte er, wenn Ihr die Gnade habt, Euch unverzüglich und ſo geräuſchlos als möglich in das Gemach der Marquiſe Montespan zu begeben, ſo wird Ew. Majeſtät ſehen, daß meine Veindihüng wohl be⸗ gründet war! Der König eilte, ohne eine Antwort, leiſe auf den Zehen ſchleichend, hinüber zu den Gemächern ſeiner Geliebten. Er winkte der Kammerfrau, ihn nicht zu verrathen, und trat unangemeldet in das Boudoir der Marquiſe. — 331— Sie war wirklich mit Schreiben beſchäftigt, und ſie erſchrack ſichtlich, als ſte den König eintreten ſah. Ludwig der Vierzehnte trat haſtig an ihren Schreib⸗ tiſch. Nun, meine Theure, fragte er, womit beſchäftigt Ihr Euch denn?. Ich ſchreibe an Ew. Majeſtät, ſagte ſie, mit ſchnell wieder gewonnener Faſſung. Nein, nicht an die Ma⸗ jeſtät, ſondern an meinen königlichen Geliebten ſchreibe ich! Aber Ihr dürft dieſen Brief nicht ſehen, bevor er vollendet iſt! Und die Marquiſe legte mit einem ſchelmiſch zärt⸗ lichen Blick ihre Hände über dieſe Papiere, welche zu verbergen der König ihr keine Zeit gelaſſen! Der Köͤnig zog mit einem zärtlichen Lächeln dieſe ſchönen Hände von den Papieren fort, und indem er ſie an ſeine Lippen drückte, ſagte er: nein, Athenais, ich bin zu begierig, um noch länger warten zu kön⸗ nen. Ich will jetzt den Anfang und ſpäter das Ende dieſes Briefes leſen! Und der König ſtreckte die Hand nach den Papie⸗ ren aus. 3 Sire, rief die Marquiſe erblaſſend, indem ſie die — 332— Hand des Königs zurück hielt, Sire, ehrt das Brief⸗ geheimniß! Dieſer Brief iſt, wie Ihr ſagt, an mich gerichtet, und ich werde ihn daher leſen, ſagte der König, und er bemächtigte ſich der Papiere. Die Marquiſe ſank ächzend in den Seſſel zurück! Plötzlich verfinſterte ſich die Stirne des Königs, und er ſchleuderte auf die zitternde Marquiſe Blicke des Zorns und der Verachtung. Madame, ſagte er, ich ſehe da allerdings einen von Ihnen angefangenen Brief, aber dabei liegt ein ſchon vollendeter Brief, der Ihrige iſt nur eine Copie dieſes Letztern. Aber das Original iſt nicht von Ihrer Hand, Sie hatten alſo nur die großmüthige Abſicht, mich mit der Copie eines fremden Originals zu beglücken. Das iſt ſehr originell, ſehr pikant in der That. Ach, Sie fürchteten wahrſcheinlich durch ſo glühende Ergüſſe Ihrer Zärtlichkeitsphraſen den Fond derſelben zu erſchöpfen, und Sie bedienten ſich daher einer andern Quelle, um ihre eigene nicht verſiegen zu machen. Sie ſind alſo ökonomiſch, und man ſieht daher, wie Unrecht Frank⸗ reich thut, wenn es Sie der unſinnigſten Verſchwen⸗ dung auf Koſten des Volkes zeiht! — 333— Sire, ſagte die Marquiſe leiſe, eingeſchüchtert von dem kalten, ſpottenden Tone Ludwigs, Sire, Ihr ſeid ſehr grauſam, ſehr hart gegen Eure arme Athenais! Und Ihr ſehr zärtlich, ſehr hinreißend in dieſem Briefe da, nur daß es ein Faſtnachtsſpiel, eine Lüge iſt, während ich Euch mindeſtens die Wahrheit zeigte! Aber ich möchte doch die wahre Verfaſſerin dieſes Brie⸗ fes kennen! Es iſt ohne Zweifel eine Frau, denn nur ein Weib verſteht es, in ſo edler und würdiger Sprache zugleich die größte Zärtlichkeit und die größte Reinheit darzulegen! Oh, die Verfaſſerin dieſes Briefes muß die Liebe verſtehen, ſie muß ihr innerſtes Weſen mit der Verſtandeskraft eines Sokrates, und der Leiden⸗ ſchaft einer Lais durchdrungen haben! Da können Ew. Majeſtät ſehen, wie ſehr der An⸗ ſchein trügt, rief die Marquiſe gereizt, denn die Frau, welche, wie ich bekennen will, dieſen Brief geſchrieben, ſie hat noch niemals geliebt, noch niemals einen Lie⸗ besbrief geſchrieben! Sie hat daher auch in ihrer Un⸗ erfahrenheit nur das niedergeſchrieben, was ich ihr, als den Ausdruck meiner Geſinnung, niederzuſchreiben befahl! Und wer iſt dieſe Frau, der es gelungen, an un⸗ 4— 334— ſerm Hofe ſo rein und unſchuldig zu bleiben, daß ſie noch niemals geliebt, und noch niemals einen Liebes⸗ brief geſchrieben hat? Sire, es iſt eine Frau, welche Ihr haßt, weil ſie eine Gelehrte iſt! Ich meine die Gouvernante unſer Kinder, die Witwe Frangoiſe Scarron! Die Witwe Scarron! rief Ludwig erſtaunt. Nun bei Gott, dies ſcheint ein bewunderungswürdiges Weib zu ſein! Ich ſah ſie am Morgen meine kranken Kinder pflegen mit der erbarmenden Zärtlichkeit einer Heiligen, und dieſen Abend ſchreibt ſie Liebesbriefe mit der Weisheit und Gluth einer Aspaſta! Ah, ich that dieſer Frau Unrecht, wenn ich ſie eine Gelehrte nannte, und ich werde ſie um ihre Verzeihung zu bitten haben! Und der König näherte ſich der Thür, um, ſeiner großmüthigen Wallung nachgebend, zur Witwe Scar⸗ ron zu gehen. 4 Athenais von Montespan hielt ihn zurück. Sire, ſagte ſie, in ſo ſpäter Abendſtunde noch wollt Ihr zu dieſer Frau gehen? Oh, mein Gott, es iſt alſo Ihr Ernſt, Sie wollen mich tödten? Und in Thränen ausbrechend, warf ſie ſich vor ihrem Geliebten nieder, und erhob ihr ſchönes Antlitz zu ihm — 335— mit einem ſolchen Ausdruck der Zärtlichkeit und des Flehens, daß Ludwig ſich unwillkührlich erweicht fühlte von dieſem Anblick. Es iſt nicht meine Abſicht, Sie zu betrüben, Ma⸗ dame, ſagte er, obwohl Sie allerdings eine kleine Lection verdient haben für dieſe Täuſchung da! Und er zeigte lächelnd auf die Briefe, aber dann hob er die Marquiſe in ſeine Arme. Sire, ſagte ſie, ihn feſt umklammernd, Sire, Sie ſind mein Glück und meine Seligkeit, meine Gottheit und meine Unſterblichkeit! Möge meine Seele in aller Ewigkeit verloren ſein, möge der Papſt, die Kirche, und die ganze Welt mich verdammen, ich werde mich dennoch glückſelig und hochbegnadigt nennen, wenn mir nur Eure Liebe bleibt! Eure Liebe iſt meine Welt und meine Seligkeit, ich verlange keine andere! Der König vermochte es nicht, einer ſolchen glühen⸗ den Zärtlichkeit zu widerſtehen, und umſchlungen von den Armen ſeiner Geliebten vergaß er, daß ſie ihn be⸗ trogen, und er ihr hatte zürnen wollen. Aber den Originalbrief der Witwe Scarron nahm er mit ſich, um ihn noch einmal zu leſen, und ſeines köſtlichen Inhalts ſich zu erfreuen!— — 38336— Ihr hattet Recht, ehrwürdiger Vater, ſagte der Kö⸗ nig am andern Tage zu La Chaiſe, Eurer Weisheit entgeht nichts, und ich bewundere Euch eben ſo ſehr, als ich Euch verehre! Dieſer Brief war in der That nicht von der Marquiſe, ſondern die Witwe Scarron hat ihn geſchrieben. Aber lest nur, wie glühend ihre Sprache, wie leidenſchaftlich der Ausdruck ihrer Zärt⸗ lichkeit iſt! Und denkt nur, es iſt ihr erſter Liebes⸗ brief, ſie hat noch niemals geliebt! La Chaiſe las den Brief, dann ſagte er lächelnd: es mag wahr ſein, daß dies ihr erſter Liebesbrief iſt, aber wenn ſie früher nicht empfunden hat, ſo muß ſie jetzt empfinden, wer ſo glühend ſchreibt, der muß auch glühend fühlen. Es iſt Wahrheit in dem Aus⸗ druck ihrer Zärtlichkeit. Ihr meint, daß ſie jetzt liebt? fragte der aang leb⸗ haft. Ich bin es überzeugt, und ich meine, es in dieſem Briefe zu leſen! Der König ward nachdenklich.. Ich that dieſer Frau Unrecht! ſagte er. Ich hielt ſie für eine kalte herzloſe Gelehrte, für eine jener Prü⸗ den. die ſtolz ſind auf ihre niemals in Verſuchung ge⸗ — 337— führte Tugend, und die Liebe verdammen, weil ſie ſel⸗ ber keiner Liebe fähig ſind! Ach, es war ein Irrthum, den ich wieder gut machen muß! Sire, ich ſagte es Euch immer, daß Ew. Majeſtät ſich über dieſe Frau täuſchten! Es iſt wahr, Ihr thatet dies, und ich wollte Euch nicht glauben! Sie hat viel geweint, und ſich tief betrübt, weil Ew. Majeſtät ſie haßte! Wirklich, ſie hat deshalb geweint? fragte der König lebhaft. Nun, mein königliches Wort darauf, ich will wieder gut machen, was ich verſchuldete! Wenn ich nur ein Mittel wüßte, ihr Freude zu machen, denn ihr wiederum Geld anzubieten, wage ich jetzt nicht mehr, da ich ſie beſſer kenne! Darf ich es wagen, Ew. Majeſtät ein Mittel an⸗ zugeben, wie Ihr die Gouvernante Eurer Kinder er⸗ freuen könnt? fragte La Chaiſe. Der König nickte gewährend. Sire, ich habe eben im Namen und im Auftrag der Gouvernante mit Louvois den Kontrakt über ein Landgut abgeſchloſſen, welches Madame Scarron ſich II. 22 3— 338— für die Summen, die ſie Eurer Gnade ſchuldet, an⸗ gekauft hat! Die Gouvernante Eurer Kinder iſt von heute an Beſitzerin des Marquiſats Maintenon, deren bisherige Eigenthümerin wegen Schulden entflohen iſt, und ihren Verwandten Louvois beauftragt hat, ihre Güter zu veräußern. Aber ich begreife nur nicht, wie es mir dabei ge⸗ lingen ſoll, der jetzigen Beſitzerin von dem Gute Main⸗ tenon eine Freude zu bereiten! Ich werde mir erlauben, es Ew. Majeſtät zu ſa⸗ gen! Die Gouvernante des Herzogs du Maine fühlt ſich niedergedrückt und gedemüthigt von dem Namen, welchen ſie trägt, weil dieſer ſie an die ſchwerſte und unglücklichſte Zeit ihres Lebens erinnert, an eine Zeit, wo ſie die Sclavin eines koboldartigen Krüppels, die demuthsvolle und gottergebene Magd eines herzloſen Spötters war, an eine Zeit, in der ſie gelitten mit dem Heldenmuth einer Märtyrerin, und dennoch jeder Verſuchung und Verführung mit der keuſchen Tugend b 3 einer Heiligen widerſtanden hat! In Wahrheit, ſie iſt ein großes Weib! rief Ludwig der Vierzehnte begeiſtert aus. 4 Ihr ſeid der ſichtbare Stellvertreter Gottes! ſagte — 339— La Chaiſe feierlich. Belohnt daher die Tugend, wie Ihr das Laſter ſtraft! Befreit dieſe Frau von dem Na⸗ men eines unwürdigen Gatten! Scheidet von einander, was nicht zu einander gehört! Ich werde das! rief der König, aber es wird nicht genug ſein, dieſer edlen, verkannten Frau meine An⸗ erkennung und meine Reue zu bezeigen!—— An dieſem Abend war eine kleine auserwählte Ge⸗ ſellſchaft in den Zimmern der Marquiſe Montespan. Es war der Zirkel der vertrauteſten Freunde, welche der König hier um ſich zu verſammeln pflegte. Man war ſehr ausgelaſſen, ſehr geiſtreich und ſehr witzig in dieſen Reunions der Vertrauten, zu denen zugezählt zu werden die Vornehmſten und Bedeutendſten für ein un⸗ ermeßliches Glück, eine unendliche Gnade erachteten. Wie geſagt, dieſer Zirkel der Vertrauten war an dieſem Abend in den Zimmern der Marquiſe verſam⸗ melt. Man ſprach, man ſpielte Karten und Würfel, man mediſirte, ſcandaliſirte, lachte und unterhielt ſich, wie gewöhnlich. Aber während man ganz ungezwun⸗ gen und harmlos ſchien, war doch Jeder ſorgſam be⸗ dacht, dem König und der Marquiſe ſich nur dann zu nahen, wenn er ausdrücklich dazu aufforderte, und 22* — 340— * außerdem den Liebenden dieſe Einſamkeit und dieſes Alleinſein zu gönnen, welches der Liebe ſchönſtes Be⸗ ſitzthum iſt! Während man ſich ungezwungen und heiter in den angränzenden Salons erging, war daher der König mit der Marquiſe in dem Boudoir allein. Ich habe ein Unrecht gegen Dich wieder gut zu machen, Athenais, ſagte der König. Du haſt mir ſo oft die Gouvernante unſerer Kinder geprieſen, und ich verwehrte es Dir, ſie in Deinem Zirkel zu ſehen. Das war hart und tyranniſch von mir! Sire, es iſt lange ſchon vergeſſen, ſagte die Mar⸗ quiſe, der jetzt gar nicht mehr daran gelegen war, den Koönig mit Francoiſe bekannt zu machen. Ich liebe Euch zu ſehr, um nicht willenlos mich allen Euren Befehlen zu fügen! Und ich liebe Dich zu ſehr, um nicht gerne ein Un⸗ recht gegen Dich wieder gut zu machen, rief der Kö⸗ nig. Laß daher die vortreffliche Gouvernante zu uns rufen, wir wollen ſie aufnehmen in den Kreis unſerer Vertrauten! Ich denke, dies wird die beſte Art ſein, ihr unſere Dankbarkeit zu beweiſen für die ſorgfältige — 341— Pflege, welche ſte unſern Kindern weihet. Laßt alſo, ich bitte, dieſe Frau rufen! Die Marquiſe biß ſich unmuthig auf die Lippen, aber ſie wagte es nicht, zu widerſprechen, und gab alſo Befehl Madame Scarron zu rufen. Wir können ſie unter dieſem lächerlichen Namen nicht in unſerer Geſellſchaft empfangen, ſagte der König, ich werde daher, um Euch, theuerſte Marquiſe, ganz zu beweiſen, wie ſehr ich Euch in der Perſon ehre, welche Ihr zur Gouvernante unſerer Kinder gemacht, ich werde daher ihr einen andern Namen geben, damit Ihr nicht vor ihr zu erröthen habt. Sire! ſagte die Marquiſe verwirrt, das iſt zu viel Gnade, mehr als ich verlange, mehr als ich anneh⸗ men kann! Still! flüſterte der König aufſtehend, ſie kommt! Und der Marquiſe Hand ergreifend trat er mit ihr in den angrenzenden Salon, in welchem die Geſellſchaft verſammelt war. Wirklich hatte ſich die Thüre in dieſem Augenblick geöffnet, und Francoiſe Scarron trat ein. Sie war ſehr einfach, aber ſehr geſchmackvoll gekleidet; ein dun⸗ — 342— kelfarbiges Seidenkleid umgab ihre ſchlanke Geſtalt und reichte bis zum Halſe hinauf. Eine Spitzenkrauſe um⸗ gab den Hals und umzog dieſen ſchönen, edlen Kopf wie mit einem durchſichtigen Rahmen. Es war ein ſeltſamer Contraſt, dieſe beſcheidene, ſtreng verhüllte, einfache Frau zu ſehen, gegenüber die⸗ ſen blendenden Schönheiten, in der ganzen unverhüll⸗ ten Pracht ihrer Reize. Sie wirkte grade durch die Einfachheit und die be⸗ ſcheidene Würde ihrer Erſcheinung. Man würde ſie vielleicht überſehen haben, wäre ſie gekleidet geweſen wie die Uebrigen, man zeichnete ſie aus, weil ſie eben ein ſchneidender Contraſt zu den Uebrigen war. Uebrigens zeigte das ruhige und ſchöne Geſicht Fran⸗ coiſens weder Verlegenheit, noch Scheu, ſie fühlte ſich ganz in ihrer Sphäre, durchaus nicht überraſcht. Der König ſchritt ihr entgegen, und ſeine Stimme erhebend, ſagte er laut: Seid mir willkommen, Mar⸗ quiſe von Maintenon. Ich begrüße Euch mit Freu⸗ den in dieſem Kreiſe, und bitte Euch, daß Ihr in dem⸗ ſelben niemals fehlen möget! Meine Damen und Her⸗ ren, der König ſtellt Ihnen eine neue Dame unſers Hofes vor, heißen Sie, gleich mir, die Marquiſe von Maintenon willkommen.*)— Der Hof ſtand anfangs wie erſtarrt vor Erſtaunen und Beſtürzung, aber der König hatte befohlen, man mußte daher natürlich dem Könige gehorchen! Man umringte die neue Marquiſe Maintenon, man wünſchte ihr Glück zu ihrer Erhebung, man pries ihre Tugend, man ſchwur, daß man ſie immer hochgeehrt, ſie immer geliebt habe! 1 Der Hof ahnte, daß hier ein neues Geſtirn auf⸗ gehen würde, und Niemand wollte der Letzte ſein, es als Sonne zu begrüßen. Die Marquiſe Athenais von Montespan war einen Augenblick vergeſſen und in den Hintergrund gedrängt. Sie lehnte bleich und von ſeltſamen Ahnungen gepei⸗ nigt in einer Fenſterniſche, und als ſie ſah, mit wel⸗ cher Zärtlichkeit die Damen die neue Marquiſe um⸗ ringten, wie demuthsvoll und entzückt die Herren ſich vor ihr neigten, trat ein ſtolzes, verachtungsvolles Lächeln auf die Lippen der Marquiſe Montespan. Elendes, verächtliches Gewürm dieſer Hofſchranzen, *) Mémoires de la Marquise de Maintenon. Vol. II. dachte ſie. Ihr ſeid nichts als gekauft ven eurer Herren! Oh man wird Euch die Peitſche geben müſ⸗ ſen, wie man es den Sclaven thut! Der König ſtand eben allein neben Francoiſe. Nun, ſagte er leiſe, nun Marquiſe von Maintenon, werdet Ihr es dem Könige verzeihen, daß er Euch ſo lange verkannte?— Sire, flüſterte die Marquiſe von Maintenon, und ihre Stimme bebte vor Rührung; Sire, dieſer Augen⸗ blick iſt der ſchönſte meines Lebens! Ach, möchte ich in dieſer Stunde noch ſterben, um dieſes Glück nicht 8 wieder zu verlieren! Nein, nein, ſagte der König Fee laßt uns noch ein wenig zuſammen leben, das wird bei weitem ge⸗ nußvoller ſein! Marquiſe, wollt Ihr mir eine Bitte erfüllen? Mein König hat nur zu befehlen, ich werde ihm ge⸗ horchen. Laßt mir dieſen Brief, welchen Ihr im Namen der Marquiſe an mich geſchrieben! Wie, Ew. Majeſtät wiſſen das? rief die Marquiſe Maintenon mit anſcheinender Verwunderung. Ew. Ma⸗