3 1 Leihbibliothek deutſcher. engliſcher und efranzi öſiſcher iteratur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Li Lit. A. Nr. 256. Leih- und Feſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em. pfangnahme und Rückgabe fder Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte leſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 4 binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet t9,a Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Deine Lippen, welche im Leben ſo lange verſtummt geweſen, ſie wollen im Tode ſich öffnen, und von den Qualen, der Weltverachtung und dem Jammer, welche Dein Herz durchwühlt haben, ſo lange es noch ſchlug, von dieſen Leiden, die Dein Inneres zerfleiſchten, willſt Du den Schleier fortziehen, und den Todesſchrei, zu welchem Dein ganzes Leben ſich zuſammen faßte, den willſt Du hinausſchreien in die Welt?— Ich ſehe im Geiſte Dich lächeln, mit jenem eigenthümlichen Lächeln, bei deſſen Anblick ſich Einem das Herz zuſammenzog, und mit dieſem Lächeln höre ich Dich ſagen: Thor, der Du biſt! Wann hör⸗ teſt Du Jemals von mir eine Klage? Wann ſaheſt Du Je eine Thraͤne in meinem Auge? Und wenn ich 1* — 4— vor Dir nicht weinte, meinſt Du, ich könnte vor der Welt weinen? Kind, Kind, ich habe nicht einmal vor Gott geweint, ich habe ihn nur mit ſtummen Gebeten angefleht um Troſt, und er hat mir Troſt gegeben im Anſchauen von der Schlechtigkeit der Welt, von der Niedrigkeit der Menſchen! Wenn ich mich unglücklich fühlte, habe ich hineingeſchaut in die großen Bücher der Geſchichte, und an dem Elend und der Schmach ganzer Bölker habe ich meines eigenen Jammers mich getröſtet! Wenn Verwünſchungen und Flüche in mei⸗ nem Herzen wiederhallten über die Erbärmlichkeiten der Menſchen, dann habe ich wieder hineingeſchaut in dieſe Bücher der Geſchichte und an dem Unglück der Könige habe ich mein Herz geſättigt und meine Seele erkräf⸗ tiget! Und den Troſt, den ich fand in dieſen Büchern, den habe ich mir aufgezeichnet, und was ich geleſen, habe ich zu Denkmalen meiner Schmerzen gemacht!“ Wer war Natalie? Sie war das ſtolzeſte und ſchönſte, das glühendſte und kälteſte Weib, dem ich Jemals be⸗ gegnet bin. Sie hatte den Geiſt eines Mannes und das Herz eines Weibes, ſie hatte den kalten Verſtand des Nordens und das glühende Blut des Südens! Ihre Seele dürſtete nach Freiheit und Thaten, ihr 4 2 Herz nach Zärtlichkeit und Liebe, und— ſie war eine Nonne! Lebend war ſie eingeſargt hinter kalten, öden Kloſtermauern, und nur das kalte ſteinerne Crueifir ruhte an ihrem vollen, hochathmenden Buſen! Sie war eine Nonne! Das iſt ſehr veraltet, ich weiß es, von einer Nonne zu erzählen und vom Kloſter! Aber das Alte iſt wie⸗ der neu geworden, wir haben wieder neue Klöſter und neue Nonnen, und in dieſem ewigen Kreislauf der Dinge ſind wir wieder angekommen im Mittelalter, wo die Prieſter die Völker verdummten und die Könige verführten mit ihrer argliſtigen fanatiſchen Frömmigkeit! Man verzeihe mir alſo meine Nonne, ſie kommt aus dem Mittelalter her, und iſt doch ganz ein Kind un⸗ ſerer Zeit, denn unſerer Zeiten Schmach und Jammer hat ſie empfunden in ihrem Herzen, und iſt daran ge⸗ ſtorben! Aber ſie iſt nicht wie eine Chriſtin geſtorben! Die Chriſten von heute hatten ihr das Chriſtenthum verleidet, und vom Beichtvater und den Sterbeſacra⸗ menten wollte ſie keinen Troſt im Sterben ſuchen! Aber den Prieſter, der an ihrem Bette ſtand, und dem ſie nicht beichten wollte, den ließ ſie ſchwören, daß er ihren letzten Willen ehren, und ihren Nachlaß mir übergeben wollte! Und,— wunderbar! der Prieſter hat ſein Wort gehalten! Ich konnte nicht an ihrem Sterbebette ſtehen, ich konnte ihr nicht die Augen zu⸗ drücken, dieſe ſchönen großen, tiefdunkeln Augen, in deren Blicken ſo viel Schmerz und ſo viel Größe lag! Und es war nicht die Ferne allein, die uns trennte, ſondern auch der grauſame Wille ihrer Kerkermeiſter! Ja wohl, es war eine irdiſche Liebe, welche die Nonne mir, dem Weltkinde, geweiht, und die Frau Priorin fürchtete für das Seelenheil der Nonne, welche ein Weltkind liebte, deshalb wollte die Pforte des Kloſters ſich mir niemals mehr öffnen, und deshalb mußten Nataliens Briefe verſtummen! Aber unſere Liebe zu einander, die konnten ſie nicht verſtummen machen, ſie hat das Leben überdauert und den Tod, und indem ich jetzt an Dich denke, und von Dir ſehreibe, Natalie, füllen ſich meine Augen mit Thränen, und ich küſſe dieſe lange kaſtanienbraune Flechte deines ſehönen Haa⸗ res, das Du mir einſt gegeben, und welche die grau⸗ ſame Scheere der Priorin an jenem Tage von Deinem Haupte ſchnitt, an welchem man Dich zur Nonne machte! Heilig iſt mir dies Haar, ich ehre es als ein theures Vermächtniß, und oft, wenn ich es an⸗ blicke, meine ich, den Todesſeufzer zu hören, mit wel⸗ chem Du es fallen ſahſt von Deinem Haupte. Niemand liebte ſie in dieſem Kloſter, die Nonnen fürchteten ihren kalten, ironiſchen Blick, ihr verächtliches Schweigen, die Schaffnerinnen und Hausverwalterinnen erbebten, wenn Nataliens beobachtendes Auge ſie traf, 1 denn Natalie war die Kaſſenverwalterin des Kloſters und ſie ließ durch keine noch ſo künſtlich zuſammen⸗ geſetzte Rechnung ſich hintergehen. Der Beichtvater ging mit ſcheuem Augenniederſchlag an ihr vorüber, irgend eine Verwünſchung murmelnd, oder einen heim⸗ lichen Fluch. Natalie gehörte nicht zu ſeinen Beicht⸗ kindern, durch hohe Vermittelung hatte ſie vom Papfte Dispenz bekommen, der ſie von der Beichte befreite und von dem Zwange des Ohrenbekenntniſſes. Nie⸗ mand liebte Natalie in dieſem Kloſter, ſelbſt die Kran⸗ ken im Hospiz, denen ſie die Arzeneien bereitete, und mit kunſtgerechter Hand die Wunden verband, ſelbſt dieſe Kranken hatten nur Furcht vor ihr, und ſie un⸗ terdrückten ihre Klagen und ihr ſchmerzliches Seußzen, wenn Natalie ſich ihrem Lager nahte. Und doch un⸗ terzog ſich Natalie immer den ſchwerſten Pflichten, den härteſten Dienſtleiſtungen, doch war ſie es, die mit — 8— unverdroſſenem Eifer wachte am Bette der Leidenden, deren anſteckende Krankheit alle andern Nonnen ver⸗ ſcheuchte, doch war es Natalie, die nicht zurückbebte vor den ekelhafteſten Wunden, ſondern ſie verband mit leichter Hand, und ohne irgend ein Zeichen des Ab⸗ 8 ſcheues. Und für alles dieſes liebte man ſie nicht, und der Dank der Geneſenen, die ihr Leben Nataliens Pflege verdankten, dieſer Dank war doch nur gezwungen und verſchüchtert, und er erſtarb unter dem kalten, faſt dro⸗ henden Blicke, mit welchem Natalie ihn anhörte, und ſchweigend, mit einem ſtolzen Neigen des Kopfes, ihn erwiederte. Gerne hätten die Nonnen, ihre Gefährtin⸗ nen und täglichen Genoſſinnen, ſie aus ihrem Kloſter vertrieben, aber es fehlte ihnen der Anlaß, denn Na⸗ taliens Benehmen und Sein war muſterhaft und tadel⸗ los, und den kleinen Aergerniſſen und Häkeleien, welche die frommen Schweſtern in reichlichem Maße und wohl überlegt ihr bereiteten, ſetzte ſie ſtets die verachtungs⸗ vollſte Kälte entgegen, ſie entwaffnend durch ihr un⸗ empfindliches Schweigen. Man nannte ſie im Kloſter „die ſteinerne Heilige“ und wirklich, ſie war wie Mar⸗ mor ſo bleich, und ſo durchſichtig zart, ihre Stirne war rein und klar wie Alabaſter, und ſteinern, un⸗ — veränderlich, aber erhaben und göttlich ſchön waren ihre Züge. Ein Zufall machte mich bekannt mit Natalien, der ſteinernen Heiligen. Ich wollte nur das Kloſter ſehen und das Krankenhaus, ich hatte Empfehlungen an die Frau Priorin, und man führte mich bereitwillig durch die Krankenſäle und die Zellen der Nonnen. Die Kran⸗ kenſäle wollte ich raſch durcheilen, denn mir ſchauderte vor dieſen bleichen, kummervollen, abgezehrten Geſich⸗ tern, die aus all' dieſen Betten mir entgegenſtarrten, und es war mir, als ſchliche der Dämon der Krank⸗ heit hinter mir, um auch mich zu packen, und hohn⸗ lächelnd mich hinzuſchleudern auf eines dieſer ſargähn⸗ lichen Betten! Schon naheten wir uns dem Ausgange des letzten Saales. Unfern der Thüre ſtand noch ein Krankenbette, und auf demſelben ſchien ſich ein Weib in gräßlichen Qualen zu winden; Seufzer und Klage⸗ laute drangen von ihren Lippen, untermiſcht mit Ge⸗ beten der Angſt und Verzweiflung. An dieſem Lager ſtand Natalie; mit einer Hand wie von Eiſen hielt ſie die Kranke, welche entfliehen wollte in ihrem Deli⸗ rium, auf ihrem Lager feſt, und mit ruhiger Stimme, 6 = 10— ungerührt von den Klagen der Leidenden, ſagte die bleiche Nonne:„Man muß ihr zur Ader laſſen.“ Es war ein wunderbarer Anblick, dieſes Weib, das mit aufgelöſtem Haar, mit fieberglühenden Wangen, mit hochathmendem Buſen auf dem Lager ruhte, und über ſie geneigt dieſe Nonne mit der ſtolzen, königlichen Geſtalt, mit dem bleichen, durchſichtigen Angeſicht, den blutloſen Lippen, und den großen, dunklen Augen, die mit kalten, verächtlichen Blicken auf der Kranken ruhten. Wie entſetzlich ſchön iſt dieſe Nonne, ſagte ich un⸗ willkührlich. Die Frau Priorin, die an meiner Seite ging, hörte meine halblauten Worte. Nicht wahr, ſagte ſie mit bitterm Lachen, ennſſeslich ſchön? Das iſt unſere ſteinerne Heilige. Natalie hatte dieſe Worte verſtanden, ſie hob leiſe das Haupt empor, und ſah uns an mit einem ſo ſchar⸗ fen, durchdringenden Blick, daß ich ganz unwillkühr⸗ lich die Augen niederſchlug, und doch, mit zauberhafter Gewalt von dieſem Blicke angezogen, mich dem Bette näherte. Wie furchtbar ſind dieſe Qualen, achzte die fieber⸗ glühende Kranke. Habe doch Erbarmen mit mir, mein ———— — 41= Gott, Erbarmen mit meinem Schmerz und meiner Reue! Ach, habe Mitleid mit einer armen Sünderin, welche ihr Herzblut darum geben möchte, das Vergangene 3 ungeſchehen zu machen! Das ſcheint eine große Sünderin zu ſein, die Gott mit Krankheit geſtraft hat, ſagte die Frau Priorin, und faltete die Hände zum Gebet.— Ich wollte ihrem Beiſpiel folgen, als Natalie mit einem verächtlichen Lächeln ſagte: Dieſe Kranke bedarf keines Gebetes, ſondern eines Aderlaſſes! Aber hören Sie denn nicht, daß ihre Seele leidet, 5 rief die Priorin ein wenig erregt, fühlen Sie nicht, daß dieſes Weib kränker noch iſt an ihrem Gewiſſeen, als an ihrem Körper?„. O mein Gott, nimm dieſe Qual von mir, ächzte die Kranke, ich bereue, ja, ich bereue! Wie elend, wie erbärmlich, ſagte Natalie verächtlich. Das iſt herzerquickend, rief die Priorin; denn die Reue allein führt zu Gott! 4 Die Nonne ſchüttelte verneinend das Haupt. Ich weiß nicht, was das iſt, Reue, ſagte ſie. Und doch ſollten Sie vor allen Dingen die Re kennen, rief die Priorin gereizt. 4 Natalie ſchleuderte ihr einen jener blitzenden, hoheits⸗ vollen Blicke zu, die ihr allein eigen waren. Nichts, was ich gethan, möchte ich ungeſchehen ma⸗ chen, ſagte ſie, ſtrahlend vor Hoheit. Dann ſind Sie eine Heilige, ſagte ich, wie bezau⸗ bert von dieſem ſeltſamen Weſen. Oder ein Dämon, flüſterte die Priorin. Ich bin nur keine Heuchlerin, ſagte Natalie, und wandte ſich von uns ab, der ächzenden Kranken zu. Unſere ſteinerne Heilige hat heute einmal wieder ihren ſtolzeſten Tag, ſagte die Frau Priorin, als wir weiter wanderten. Wer iſt ſte? Woher kommt ſie? frogie ich dringend. Sie iſt die Nonne Natalie, ſagte die Priorin ver⸗ ächtlich. Woher ſie kommt? Gott weiß es! Mit einem Empfehlungsſchreiben des Herrn Erzbiſchofs kam ſie vor vier Jahren in unſer Kloſter, und brachte einen Dispens mit vom Papſte, der ſie von jeder Ohren⸗ beichte befreite, ja, ihr ſogar geſtattete, unſere heiligen Kirchengebräuche und Andachtsübungen nur ſo weit es ihr ſelber gefiele, mitzumachen. Und benutzt ſie dieſe Freiheit? fragte ich. O, über die Gebühr, rief die Priorin mit einem — 13— rauhen Lachen. Selten kommt ſie zur Hora, oder zur Vesper, und wenn ſie einmal die heilige Meſſe beſucht, ſo geſchieht es mit einem ſo kalten, ſpöttiſchen Blick, daß man meinen ſollte, ſie komme nur, uns zu ver⸗ höhnen, oder aus Herablaſſung und Gnade gegen uns arme Menſchenkinder! Heute wird Natalie die Meſſe beſuchen, ſagte eine Nonne, die an uns vorüberging, und unſer Geſpräch gehört haben mochte. Und warum heute? fragte die Priorin. Es iſt heute der ſechſte Mail ſagte die Nonne ge⸗ heimnißvoll, und ging dann mit einem ſpöttiſchen Lä⸗ cheln den Kreuzgang hinunter. Ach, der ſechſte Mail flüſterte die Priorin. Ja, dann geht ſie zur Meſſe! Weshalb gerade an dieſem Tage? fragte ich. Ja, mit Gewißheit weiß das Niemand, antwortete die Priorin. Doch geht ein Gerücht, daß unſere ſtei⸗ nerne Heilige an dieſem Tage vor Jahren eine ſchau⸗ dervolle That begangen. 4 1 Welch eine That? Einen Mord! flüſterte die Priorin. — 14— In dieſem Augenblicke begann das Geläute der Meßglocke. Die Zellen öffneten ſi 3 hier und dort, und lang⸗ ſam, mit ſchlurfendem Schritt gingen die Nonnen den Kreuzgang hinunter, der zur Kirche führte. Darf ich Sie begleiten, ehrwürdige Mutter? fragte ich dringend.. Es iſt eigentlich nicht erlaubt, daß eine Fremde un⸗ ſere Hausandacht theilt, ſagte die Priorin gütig. Aber Sie haben mir ſo liebe Briefe von meiner Nichte, der Gräfin Gandersheim, gebracht, daß ich Ihnen dafür dankbar ſein möchte. Kommen Sie denn! Die Meßglocke läutete fort und fort. Wir traten in ddie Kapelle. Die Nonnen lagen auf den Knieen und beteten. Der Prieſter kniete am Altare und ſprach lateiniſche Gebete, oder hob das Allerheiligſte empor, beim Geklingel der Chorknaben, welche die Weihfäſſer ſchwangen, und hierhin und dorthin knieten hinter dem Prieſter.— Meine Augen ſuchten nur Natalie, die ſtei erne Heilige. Da ſtand ſie, an einen Pfeiler ge⸗ le hoch aufgerichtet und ſtolz. Sie hatte die Hände efaltet, ſte betete nicht, ſie kniete auch nicht nie⸗ eim Emporheben des Allerheiligſten, aber etwas — 415— Unausſprechliches, Herzzerreißendes lag in ihren Blicken, die feſt und gerade auf das Crucifir gerichtet waren, das ſich über dem Hochaltare erhob. Einmal ſchien es mir, als ob ein ſeliges, triumphirendes Lächeln ihr Antlitz überflog, dann aber malte ſich eine wilde, ver⸗ zweiflungsvolle Traurigkeit in ihren Zügen, ſie öffnete die Lippen, als wolle ſie einen Schrei des Jammers, des Entſetzens ausſtoßen. Aber plötzlich preßte ſie die Zähne gewaltſam auf einander, und ihre Augen ſchleu⸗ derten Blitze des Haſſes und des wilden Zornes. Ich folgte ihren Augen— der Prieſter am Altare hatte ſich umgewandt, und ertheilte den knieenden Nonnen ſeinen Segen und zu ihm hin ſchaute Natalie mit die⸗ ſem Ausdruck des Haſſes und des wilden Zornes. Seltſam! Der Prieſter ſchien, trotz ſeiner heiligen Amts⸗ verrichtung, dennoch dieſen Blick ganz zu empfinden. Er ſchrak leiſe zuſammen, und ſeine Worte verloren ſich in undeutlichem Gemurmel. Die Nonnen hielten es vielleicht für heilige Rührung, denn ſie neigten ihr Haupt tiefer auf ihre Bruſt, und beteten heißer und inbrünſtiger, die Chorknaben ſchwenkten die Becken, daß der Weihrauch in dichten grauen Wolken durch die Kirche zog, und wie mit einem Schleier Alles verhüllte r — 16— und umnebelte. Natalie ſtand abſeits und dieſe Nebel berührten ſie nicht, klar und hell wie ein Stern leuch⸗ tete ihr Antlitz durch die Weihrauchſchleier hindurch, wie ein Engel und ein Dämon zugleich war ſie an⸗ zuſchauen, Begeiſterung und Furcht erweckend.* Die Nonnen erhoben ſich von ihren Knieen und näherten ſich eine hinter der andern dem Altare, ſich verneigend vor dem heiligen Crucifix und den Segen empfangend des Prieſters. Dann verließen ſie eine hinter der an- dern die Kapelle. Ich hatte mich leiſe von der Frau Priorin losgemacht,— ein unerklärliches Etwas zog mich zurück in die Kirche. Leiſe und unbemerkt ſchlüpfte ich hinter einen Pfeiler, denn, geſtehe ich es nur, ich wollte ſehen, ob Natalie, wie die andern, die Kapelle verlaſſen würde. Niemand hatte meine Liſt bemerkt, geſichert ſtand ich hinter meinem Pfeiler. Die Kapelle war leer. Die Chorknaben hatten die hohen Wachs⸗ kerzen ausgelöſcht, und ſich plaudernd und ſchäkernd entfernt. Still war es rings umher, und ich zitterte, daß das laute Klopfen meines Herzens mich verrathen könnte. Ein mattes Dämmerlicht lag über dem heili⸗ gen Raume, nur die ewige Lampe brannte am Altare, vor dem der Prieſter noch immer ſtand, die Arme über 6 — 417— der Bruſt gekreuzt, und wie es mir ſchien, Gebete murmelnd. Natalie ſtand noch an dem Pfeiler, ihr bleiches Geſicht durchleuchtete die Dämmerung wie Mon⸗ denlicht. Sie ſtand da, ſo unbeweglich, ſo bleich, daß ich mich fragte, ob ſie nicht wirklich ein ſteinern Hei⸗ ligenbild, und nur vorher, wie durch Zaubergewalt, von ihrem Standort ſich bewegt habe.— Plützlich machte ſie eine Bewegung, ſie lebte alſo, ſie athmete. Das Auge immer ſtarr und drohend auf den Prieſter gerichtet, ging ſie mit ſtolzen, majeſtätiſchen Schritten zu dem Altar hin. Der Prieſter war bei ihrem An⸗ nähern zuſammengeſchreckt, und ſchritt leiſe die Stufen hinunter, ihr entgegen. Immer drohender, immer wil⸗ der ward der Ausdruck ihrer Züge, immer demuths⸗ voller, zerknirſchter das Antlitz des Prieſters. Jetzt ſtanden ſie ſich gegenüber. Er reichte ihr mit einem flehenden Blicke ſeine Hand hin, ſie ſtieß ſte rauh zurück. Natalie! ſeufzte er, wie zerbrochen, tief kummervoll. Und wieder ſtreckte er ihr ſeine Hand entgegen, und wieder ſtieß ſie ſie zurück. Sei barmherzig! flehte er mit herzzerſchneidender Bitte. Barmherzig! ſagte ſie mit kaltem Lächeln. Gott iſt nicht barmherzig, warum ſollte ich es ſein! ⁵ 1 I 8 41ʃ 1 2 2 3 1 3 6 1 — 18— Sei gnädig! flehte der Prieſter. Gnädig! ſagte ſie. Gott iſt nicht gnädig, warum ſollte ich es ſein! Der Prieſter ſank mit einem lauten Aechzen zu ihren Füßen nieder. Natalie, jammerte er, o habe doch Mitleid, habe Erbarmen. Kann denn meine jahrelange Qual, meine nie ermattende Reue Dich nicht rühren? Ich verachte den Feigling, der Reue empfindet! ſagte ſie ſchneidend kalt. Du alſo, Du bereueſt nicht? rief er außer ſich. Selbſt an dem heutigen Tage nicht! Nein, ſagte ſie, aber ihre Stimme klang dumpf und hohl. Ich bereue nicht, aber ich denke an ihn. Und Du liebſt ihn noch? fragte der Prieſter zähne⸗ knirſchend. Grenzenlos! Ewig! rief Natalie, und wie ein Früh⸗ lingshauch, wie eine Morgenröthe, flog ein roſiger Schimmer durch ihre Züge. Der Prieſter wand ſich zu ihren Füßen. Er weinte bitterlich. Und ich? ſchluchzte er endlich. Soll ich auf immer verſtoßen ſein? Willſt Du mir niemals verzeihen? — 19— Niemals! ſagte ſie kalt und eiſern. Niemals! kreiſchte er wild. Niemals! wiederholte ſie. Gehe hin, und ſei ver⸗ dammt! Sie wandte ihm den Rücken, und wollte gehen. Er hielt ſte an ihrem Kleide feſt. Keine Albernheiten! ſagte ſie, ihn mit dem Fuße fortſtoßend. Dann ſchritt ſie an ihm vorüber, und ver⸗ ließ langſamen, ſtolzen Schrittes die Kirche. Ich war ihr leiſe gefolgt, und als ich jetzt in dem großen Kreuzgange dieſe hohe und köſtliche Geſtalt vor mir herwandeln ſah, überkam mich ein Gefühl der grenzenloſen Beſchämung, weil ich ſie behorcht, und ohne ihr Wiſſen mich eingeſchlichen hatte in ihr gehei⸗ mes Zwiegeſpräch mit dem Prieſter. Leiſe rief ich ihren Namen. Sie wandte ihr Haupt langſam rückwärts und blickte mich an. Natalie, ſagte ich beklommen, mein Herz iſt beladen, ich möchte Ihnen beichten! Gehen Sie zur Kapelle, dort finden Sie den Beicht⸗ vater, ſagte ſie und ſchritt weiter. — 2* — 20— Ich eilte ihr nach. Nein, Ihnen mögte ich beichten, denn gegen Sie habe ich gefrevelt, ſagte ich. Sie blieb ſtehen, und ſagte mit kalter, ſchneidender Ruhe: Gegen mich? Ich habe Sie behorcht, ich habe Ihr Geſpräch mit dem Prieſter vernommen, ſagte ich tonlos. Sie lächelte mit dieſem eiſeskalten, verächtlichen Lä⸗ cheln, das ich ſchon früher an ihr geſehen. Folgen Sie mir, ſagte ſie faſt gebieteriſch, und ſchritt weeiter. Demüthig, beklommenen Herzens, ganz über⸗ wältigt von dieſem ſeltſamen Weſen, ſchritt ich hinter ihr her. Vor der letzten dieſer kleinen ſchwarzen Thü⸗ ren, die auf den Corridor ausmündeten, blieb ſie ſtehen und öffnete. Kommen Sie, ſagte ſie und wir traten in ihre Zelle, deren Thür ſie von innen verſchloß. Sie haben verſtanden, was wir ſprachen? fragte ſie. Jedes Wort! Warum horchten Sie? Weil es wie mit unwiderſtehlichen Banden mich zu Ihnen hinzog, weil ich nichts mehr ſah, und nichts mehr dachte, als Sie, ſagte ich, weil ich fühlte, daß ich Sie grenzenlos lieben muß, und weil ich ſogar gewaltſam mich in Ihr Vertrauen und Ihre Schmer⸗ zen einſchleichen mögte! Wer ſagt Ihnen, daß ich Schmerzen habe? Um den Schmerz für immer überwinden zu können, muß man erſt lange ihn bekämpft haben! Man wird nicht geboren als eine ſteinerne Heilige. Sie haben Recht! ſagte ſie mit einem leiſen Seufzer. Aber Sie, die Sie jung ſind, und der Welt angehören, was kümmert Sie der Schmerz einer Nonne? Und meinen Sie denn, daß ein Weltkind, wie ich es bin, niemals berührt wird von dem Schmerze der Welt? Warum ſind Sie geflohen aus der Welt? Weil Sie da draußen den Schmerz fanden, und weil Sie vor ihm ſich retten wollten in dieſe Zelle! Nein, Kind, ſagte ſie, und zum erſten Male flog ein wehmüthiger Hauch über ihre Züge, nein, Kind, den Schmerz habe ich mit mir genommen in meine Zelle, und den Troſt habe ich da draußen gelaſſen in der Welt! Und was ſuchen Sie in Ihrer Zelle, wenn Sie nur Schmerz dort finden, und nicht Troſt? Ich ſuche den Tod! Der hängt an der Spitze jedes Meſſers und jedes 4 — 22— Dolches, ſagte ich, unwillkührlich hinblickend nach dem kleinen, blinkenden Stilet, das über dem Bette der Nonne an der Wand aufgehängt war. Die Religion verbietet uns aber, ihn dort zu ſuchen! Die Religion, ſagte ſie achzelzuckend. Glauben Sie an die Religionen? Nein, aber ich glaube an Gott! Warum beteten Sie denn heute in der Kapelle? Ich betete nicht, ich ging nur hin, um Sie zu ſehen! Wer ſagte Ihnen denn, daß ich dort ſein würde? Die Frau Priorin!. Sie konnte es ſelber nicht wiſſen! Ich bin nicht ge⸗ bunden an dieſe Ordensregel! Die Priorin wußte, daß Sie heute in die Meſſe gehen, weil heute der ſechſte Mai iſt! Ach, ſagte ſie ruhig, man hat Ihnen vielerlei von mir erzählt. Weil ich viel gefragt habe! erwiderte ich. Was hat man Ihnen vom ſechſten Mai erzählt? Sie ſah mich, während ſie das ſagte, mit ſo ſchar⸗ fen, durchdringenden Blicken an, daß ich unwillkührlich das Auge zu Boden ſenkte. Ich ſehe, ſagte ſie, man hat Ihnen erzählt, was 3 4 — 25— Siegerin. In dieſer großartig leidenſchaftlichen Natur gab es keine Uebergänge, keine Vermittelungen,— ich hatte ſie eben als ſchmerzbeladenes, kummerunterjochtes Weib geſehen, eine Sekunde ſpäter erhob ſie ſich wie⸗ der als ſteinerne Heilige, bleich, ernſt und kalt. Sie haben mich geſehen, wie noch kein Menſch mich ſah, ſagte ſie aufathmend. Von dieſer Stunde an werde ich Sie entweder grenzenlos lieben, oder gren⸗ zenlos haſſen! Lieben Sie mich, ſagte ich, ſie feſt umſchlingend, laſſen Sie Ihr Herz warm und menſchlich ſchlagen an dem meinen, laſſen Sie mich mit Ihnen klagen, mit Ihnen weinen! Laſſen Sie mich die heiligen Pſalmen Ihrer Schmerzen vernehmen, laſſen Sie mich Theil haben an dem Cultus Ihrer Leiden! Sie antwortete nicht, aber ſie drückte mich ſo feſt, ſo glühend in ihre Arme, daß ich zu erſticken meinte. Dann ließ ſie mich los, und nahm meinen Kopf in ihre Hände und blickte mich an, lange, ſchmerzvoll und innig. Plötzlich drückte ſie einen Kuß auf meine Stirn und ſagte: Jetzt biſt Du Mein! Ich werde Dich grenzenlos lieben! — 26— Und ich liebe Dich ſchon, ſagte ich, ſie feſter um⸗ ſchlingend.— Das war der Beginn unſerer Bekanntſchaft und unſerer Freundſchaft. Von dieſem Tage an ging ich täglich in's Kloſter zur Schweſter Natalie, welche die Nonnen die ſteinerne Heilige nannten.— Die Erinne⸗ rung an dieſe Stunden, die ich mit Natalien verlebte, wird mit immer glühenden Farben in meiner Seele leben, ſie wird jung in mir bleiben, wenn ich ſelber einmal alt geworden, und kalten Herzens, denn,— was man auch ſagen mag, das Alter verknöchert das Herz, und nur die Erinnerung an unſere Jugend bleibt lebensvoll und jung in uns! 6 II. Die Buße. Schön waren dieſe Stunden, die ich mit Natalien verlebte, ſchön, weil wir uns liebten, weil wir es ſchnell gelernt hatten, eine in der andern Blicken zu leſen, und die ſtumme Sprache unſerer Seele zu deuten. Oft gingen wir Hand in Hand hinunter in den Klo⸗ ſtergarten, der mit ſeinen ſchattigen Bäumen und ſeinen langen geſchnittenen Alleen etwas Melancholiſches, Dü⸗ ſteres hatte, das ganz zu unſerer Stimmung paßte, und das uns außerdem den Vortheil bot, unbemerkt von den Nonnen, und unbelauſcht von ihnen jedem Eindruck und jedem Empfinden uns hinzugeben. Denn die Non⸗ nen, längſt erbittert über das, was ſie Nataliens Frei⸗ heiten und Bevorzugungen nannten, ſahen mit ſteigen⸗ dem Unmuth, daß Natalie, den ſonſtigen Kloſterregeln entgegen, mit einem Weltkinde ein inniges Freundſchafts⸗ 28— Bündniß geſchloſſen, und daß dieſes Weltkind täglich mehrere Stunden in's Kloſter kam zur Nonne Natalie. Freilich, die Frau Priorin hätte dieſen Umgang unter⸗ ſagen können, aber ſichkannte die Befehle des Herrn Erzbiſchofs, und der Prieſter Anſelmo wachte über deren pünktlicher Befolgung. Anſelmo war es, der Nataliens Freundſchaft zu mir beſchützte, der uns be⸗ hütete vor dem Neide der Nonnen, und vor dem Miß⸗ muth der Frau Priorin. Oft ſahen wir ihn von ferne uns folgen, wenn wir die langen düſtern Alleen hinab⸗ ſchritten, oft, an einer Biegung des Weges, ſtand er plötzlich vor uns, und ſein düſter flammendes Auge wandte ſich dann mit dem Ausdruck unausſprechlichen Flehens auf Natalie. Sie aber ging ſtumm und ohne Gruß an ihm vorüber, oder ſie ſagte mit kaltem, ge⸗ bieteriſchem Ton: gehe fort! Stumm und mit ſchmerzlichem Seufzen, aber ohne eine Klage ſehlich ſich dann Anſelmo fort, um wieder in der Ferne beſchützend uns zu folgen! Du biſt ſehr hart gegen Anſelmo, ſagte ich einſt zu Natalie, als ſte, mit härteren Worten, als ſonſt, ihn fortgewieſen. Sie legte die Stirne in Falten, und ſah mich faſt — 29— wild und drohend an, aber ſie erwiderte nichts.— Wir ſetzten uns nieder auf der Moosbank, über der eine hundertjährige Eiche ihre ſtolzen Zweige erhob, und uns vor der Hitze des Tages mit köſtlichem Schat⸗ ten behütete. Ganz in der Ferne, am Ende der Allee ſahen wir die hohe, dunkle Geſtalt des Prieſters, wie er, die Arme über der Bruſt gekreuzt, langſam auf und abwandelte. Natalie blickte zu ihm hin mit dem Ausdruck des Zornes und des Rachedurſtes, und zum erſten Male fühlte ich, daß auch ich dieſen Prieſter haßte, weil Natalie ihn verabſcheute. Warum iſt es nur geſtattet, ſagte ich, daß dieſer Prieſter täglich Euer Kloſter beſucht? Iſt denn das immer der Brauch, daß ein Prieſter täglich freien Zu⸗ tritt im Nonnenkloſter hat? 1 Nein! ſagte Natalie. Anſelmo iſt aber nicht nur Prieſter, ſondern auch Arzt, und bei den vielen Kran⸗ ken, die in unſerm Hospiz Aufnahme finden, iſt es nothwendig, daß immer ein Arzt in der Nähe ſei. Oh, Anſelmo iſt ein ſehr brauchbarer Mann, er heilt die Kranken als Arzt, und weihet und ſegnet die Sterben⸗ den als Prieſter. Deshalb habe ich es beim Herrn — 30— Erzbiſchoff ausgewirkt, daß Anſelmo an jedem Tag und zu jeder Stunde Zutritt im Kloſter habe! Dus fragte ich erſtaunt. Sie nickte bejahend, und hob dann gedankenvoll den Blick gen Himmel. Eine Pauſe trat ein. Ich mogte ihr Sinnen nicht ſtören, und ſchaute nur ſtaunend und bewundernd in dieſes marmorbleiche, durchſichtige Ant⸗ litz, in dem dieſe großen, dunklen Augen, wie zwei magiſche Flammen, brannten und glühten. Plötzlich fragte ſte: Wunderſt Du Dich, daß ich es war, die Anſelmo den freien Zutritt in's Kloſter verſchafft? Ja, ſagte ich. Sie lächelte bitter. Ich will Dir ſagen, wie das iſt, ſagte ſte dann, und ihre Lippe zuckte ſchwerzvoll verächtlich. Haſt Du Nie gehört von der neuen Art, den Wahnſinn und die Tobſucht zu heilen? Nein? Man bohrt den Kranken lange, bewegliche Nadeln, an deren Ende eine ſchwere Kugel iſt, in den Ellen⸗ bogen. Der Schmerz macht den Kranken erbeben, er macht ihn raſend, wüthend, und wenn er den Arm bewegt, wenn er ihn gen Himmel ſtreckt, und fleht 2 um Erbarmen, ſo bohrt ſich von der Bewegung die ſchwankende Nadel immer tiefer in ſein Fleiſch ein, der 44 — 31— Schmerz wird immer raſender, und in dieſer ungeheu⸗ ren Qual findet der Gefolterte ſein Bewußtſein wieder, die namenloſe Pein ruft ihn aus ſeinen ſüßen Träu⸗ men zur Beſinnung und zur Erkenntniß zurück. Die Philantropen werden das vielleicht ein grauſames Mit⸗ tel nennen, indeſſen,— es hilft. Anſelmo's Anblick, mein Kind, iſt mir, was dem Wahnſinnigen die Na⸗ del iſt, die ſich in ſein Fleiſch einbohrt. Es iſt eine fortgeſetzte Folter, eine immer tiefer ſich einbohrende Qual, aber es iſt auch die Heilung, denn Du ſiehſt, ich tobe und träume nicht, ich bin ſchon ganz ruhig, und voll Beſinnung. Fürchterlich war die Ruhe und Eiſeskälte, mit wel⸗ cher ſie das ſagte, es war die Kälte eines ausgebrann⸗ ten Vulkans, von deſſen einſtiger Flammengluth nur noch die erſtarrte Lava Kunde giebt. Ich neigte mich über ihre Hand, und weinte bitterlich. Warum weinſt Du fragte ſie. Ich weine, weil Du ſo grauſam biſt gegen Dich ſelber, weil Du Dir ſelber Qualen auferlegſt! Sie faltete ihre Hände über der Bruſt, und als ſie jetzt die Blicke gen Himmel erhob, leuchtete es, wie 8 — 32— eine himmliſche Verklärung, eine ſelige Befriedigung aus ihren Zügen. Ich thue Buße!l ſagte ſie, faſt frohlockend. Durch Feuerqual läutere ich mich für den Tod! Und glaubſt Du denn an ein Leben nach dem Tode? fragte ich. Ein Strahlenglanz der Hoffnung und Freude lag über ihrem Antlitz, als ſie erwiderte: Ja, ich glaube daran, und darum lebe ich! Ach, wenn Alles zu Ende wäre und abgethan, wenn Sterben nichts wäre als Ruhe und traumloſes Schlafen, wo ſollte ich dann den grauſamen Muth hernehmen, zu leben, woher den Muth, dieſes Daſein mit ſeinen Erinnerungen und ſei⸗ nen Qualen zu ertragen! Nein, es giebt ein Leben nach dem Tode, und wie der Phönir will ich dieſe Flammen und dieſe Pein des Lebens erdulden, um zur Unſterblichkeit und zum ewigen Leben mich zu heiligen. Sieh, eines Tages, eines glücklichen, ſeligen Tages, da wird dieſes Leben, wie trübe Schleier von mir ab⸗ fallen, da wird der dunkle Vorhang ſinken, welcher von dem Jenſeits mich trennt, und hinter dieſem Vor⸗ hang wird Alles licht ſein und helle, und da werde ich Ihn ſehen, Ihn, nach dem meine ganze Seele, — 33— mein ganzes Herz hindrängt, für den ich tauſend Leben hingeben möchte, Ihn, der mein Traum, mein Glück, meine Verzweiflung und mein Jammer iſt! Sprichſt Du von Gott? fragte ich beklommen. Ich ſpreche von dem, den ich liebe, ſagte ſie empha⸗ tiſch, nenne ihn Gott, oder Teufel! Ich habe ihn ge⸗ liebt, wie meinen Gott, ich habe zu ihm gebetet, wie zu meinem Heiland. Sie ſah wundervoll aus, als ſie ſo ſprach. Ihre Wangen hatten ſich wieder mit einem dunklen Incar⸗ nat überzogen, ihre Lippen umſpielte ein ſeliges Lächeln, und ein ſchwärmeriſches Feuer glänzte aus ihren in Sehnſucht und Liebe ſtrahlenden Augen. In dieſem Augenblicke war ſie wieder ganz Weib, ganz lebens⸗ voolles, glühendes Weib, die ſteinerne Heilige war ver⸗ ſchwunden, die Nonne war ihrer Feſſeln enthoben. Sie war ganz wie in Ertaſe, ganz Entzündung und Seligkeit. Und wo iſt er denn, dieſer Dein Gott und Dein Heiland? fragte ich.. Sie ſtreckte den Arm gen Himmel. Dort, dort oben iſt er, ſagte ſie zuverſichtlich. Er iſt alſo geſtorben? I. — 341— Ja, geſtorben, ſagte ſie triumphirend, geſtorben, denn ich habe ihn getödtet! Unwillkührlich ſchaudent icpzun und wandte erbebend mich ab. Wie, ſagte ſie lächelnd, warum aüterſt Du? Ich that, was ich thun mußte, und hätt' ich's nicht ge⸗ than, ich thät es noch! Aber daß ich's thun mußte, das iſt meine fürchterliche Qual und mein grenzenloſer Jammer. 1 Jetzt war ſie wieder blaß, wie eine Leiche, und ihre Züge nahmen wieder ihre gewohnte Starrheit und Un⸗ durchdringlichkeit an. Du marterſt Dich ſelber, ſagie ich, ſie biſ um⸗ fangend. 1 e Oh nein, ſagte ſie, wie aus einem Traume auf⸗ fahrend. Ich thue Buße! In dieſem Augenblicke ſchlug die Kloſteruhr die vierte Stunde. 1— Mein Dienſt geht an, ſagte Natalie mit ihrer ge⸗ wohnten Ruhe. Ich muß zu meinen Kranken! Lebe wohl! Langſam wandte ſie ſich ab, und bald verſchwand ihre hohe, königliche Geſtalt im Schatten der Bäume. III. Das Bekenntniß. Warum biſt Du ſo trübe? fragte mich Natalie einige Tage ſpäter, als wir wieder nebeneinander im Kloſter⸗ garten auf und ab wandelten. Meine Augen füllten ſich mit Thränen, die ich Na⸗ talien nicht verbergen konnte. Es iſt alſo ein Unglück, das Dich bedroht? fragte ſie mit ſchneidend kaltem Ton. Ja, ſagte ich traurig, ein Unglück! Die Zeit unſers Hierſeins geht zu Ende! Ach, Du mußt fort! ſagte ſie dumpf. Ich kann es und mag es aber nicht denken, daß ich getrennt von Dir leben ſoll, rief ich heftig. Ich bin frei, ich bin unabhängig; die Freundin mit der ich hier bin, mag ohne mich weiter reiſen. Ich will 3 3* — 36— bei Dir bleiben, Natalie, ich will eine Nonne werden, wie Du es biſt! Sie ſtreckte abwehrend die Hand aus, und ein wil⸗ des, höhniſches Lächeln umſpielte ihre bleichen Lippen. Du willſt Nonne werden? fragte ſie. Weißt Du, was das heißt, eine Nonne zu ſein? Es heißt, täglich heu⸗ cheln und betrügen, es heißt Gott erniedrigen zu einer Pagode, deren wackelndes Kopfſchütteln Dir die Lange⸗ weile vertreiben ſoll, es heißt, Dich langſam mit Na⸗ delſtichen tödten, es heißt, Dich zu einer Buhlerin mit dem Allerheiligſten machen. Ach, Du willſt Nonne werden! fuhr ſie fort, und ihre Stimme nahm einen drohenden Ton an. Nonne werden! Das heißt, in jedem Tag und zu jeder Stunde Gott fluchen, daß er die Welt gemacht, daß er Menſchen geſchaffen hat, daß er die Keime des Lebens, der Liebe, der Thatkraft Dir in's Herz gelegt hat. Das heißt, Gott von ſeinem Throne ſtürzen, und den Cultus ſtatt ſeiner zum Gotte machen. Höre, dort ruft eben die Horaglocke zur Kirche. Meinſt Du, daß eine dieſer Nonnen, die jetzt mit Roſen⸗ kranz und Gebetbuch durch die langen Kreuzgänge zur Kirche ſchlurfen, meinſt Du, daß eine von ihnen mit Gott im Herzen niederknieet? Was werden ſie thun, — 32— während der heiligen Meſſe? Sie werden ſchlafen, ſage ich Dir, oder ihre Lippen werden mechaniſch Gebete murmeln, während ihre Gedanken mit irgend einer nich⸗ tigen Kleinigkeit, einer elenden Klatſcherei beſchäftigt ſind! Oder, wenn ihr Blut noch ſtürmiſch wallt, ihre Sinne noch nicht ertödtet ſind, ſo werden ſie den Hei⸗ land zu ihrem Liebſten machen, und in ihren brünſtigen Gebeten werden ſie den Gott beſchwören, daß er in Menſchengeſtalt, in Fleiſch und Blut zu ihnen hernie⸗ derſteige, und ſich ihren Umarmungen, ihren Küſſen hingebe. Ah, dieſe Brunſt ihres Herzens, die nennen ſte dann die Inbrunſt ihrer Frömmigkeit, ſich ſelber beheuchelnd und belügend. Nein, Nein, und müßte ich die Folterqualen der ganzen Welt auf mich nehmen, Du darfſt niemals Nonne werden! Sie zog mich heftig in ihre Arme, als wolle ſie an ihrem Buſen mich ſchützen gegen das Kloſter und die Nonnenſchaft. Bleibe in der Welt, fuhr ſie fort, lebe, liebe, ſündige, ja, wenn es ſein muß, verzweifle und vergehe vor Qual, es iſt immer noch beſſer, als tha⸗ tenlos, ſeinſam, ohne Leben langſam zu verdorren im Kloſter! Vor der Sünde kannſt Du Dich nicht retten wollen in's Kloſter, denn die Sünde findet ja eine — 338— Zuflucht am heiligen Altar, die Sünde wohnt im Klo⸗ ſter.— Nein, mein Kind, bleibe in der Welt, gieb ihr Dein Herz hin, laß Luſt und Pein, Wonne und Verzweiflung, Liebe und Haß durch Deine Seele toben, lerne ſegnen und verfluchen, jauchzen und jammern, dann biſt Du des Gottes heiligſte Prieſterin, und um Deiner Thränen und Deiner Leiden willen wird er Dir Deine Schuld vergeben! Nie hatte ich Natalie ſo lange und ſo erregt ſprechen gehört, nie hatte ſie mit ſo hingebender Zärtlichkeit ſich an mich geſchmiegt, als ſie es jetzt that, nachdem ſte geſprochen. Ich wollte ja auch nur Nonne werden, um bei Dir zu bleiben, ſagte ich, ihre Hände küſſend. Und wenn Du Nonne wärſt, würde ich Dich doch bald verlaſſen müſſen, ſagte ſie feierlich. Wie meinſt Du das? fragte ich bebend. Natalie erwiderte ruhig: Bald iſt Alles überwunden. Meine Strafe wird bald zu Ende ſein! Du willſt Dich tödten? ſchrie ich entſetzt. Oh nein, ſagte ſie ruhig. Das Leben wird mich tödten, ich nicht! Ich habe es mir als Buße aufer⸗ legt, den Tod nicht zu ſuchen, ſondern dieſe Qual des — 39— Lebens zu ertragen, es ſoll nicht geſagt werden, daß ich jetzt, wo ich matt gehetzt von dieſer Folterpein, mit blutender Bruſt und wunden Füßen mich dem Ziele nähere, daß ich jetzt noch erliegen und mein Gelübde brechen ſollte! Nein, ich werde leben, bis der Tod mich erlöſt! Aber er wird es bald thun! Woher weißt Du das? Leideſt Du denn ſo ſehr? O ja, ich leide! ſagte ſie müde. Meine Bruſt, mein Herz, mein Kopf, Alles leidet! Und Du ziehſt keinen Arzt zu Rathe, rief ich angſt⸗ voll. Du willſt Dich alſo doch tödten? Nein, ſich ſterben laſſen, heißt nicht ſich tödten, ſagte ſie kopfſchüttelnd. Und dann, es iſt Etwas, noch außer meinen Schmerzen, was mir ſagt, daß es bald vor⸗ über iſt! Jede Nacht, fuhr ſie flüſternd, und gleichſam mit ſich ſelber ſprechend fort, jede Nacht ſehe ich ihn! Nicht mehr, wie ſonſt in Blut gebadet, mit drohenden Blicken, nein, lächelnd ſcheint er mir zu winken, und ſüße Worte der Vergebung und Liebe flüſtern ſeine Lippen. Oh, wie ſchön er iſt, wenn er lächelt, wie bezaubernd, wenn er mich zu ſich winkt! Ja, ja, ich komme, Richard, ich habe alle Qualen durchwandert, — 40— ich habe in allen Schmerzen mich geläutert, jetzt komme ich zu Dir! 4 Wer war Richard? fragte ich, bemüht, ſie durch meine neugierige Frage aus ihren Phantaſieen zu wecken. Sie ſchreckte zuſammen vor der Berührung meiner Hand, und ſchien wie aus einem Traume zu erwachen. / Weißt Du, ſagte ich, daß Du mir verſprochen, mir von Richard zu erzählen und von Deiner Vergangen⸗ heit? Du willſt nicht, daß ich Nonne werde, und bei Dir bleibe im Kloſter. Dann werde ich mich bald von Dir trennen müſſen. Soll ich ſcheiden, ohne ganz Dein Vertrauen gewonnen zu haben? Sie ſchwieg, und blickte ſtarr hinauf zum Himmel, an dem dunkle Wolken langſam und ſchwerfällig vor⸗ überzogen. Dann, nach einer Pauſe, ſagte ſie raſch: Ich will Dir erzählen von Richard und von meiner Vergangen⸗ heit! Komm hinauf in meine Zelle, da iſt es einſam! Komm!. Sie nahm meinen Arm, und ſchritt raſcher wie ſonſt, dem Kloſter zu. Vor der Eingangspforte ſtand Anſelmo; die Arme in einander geſchlagen, das Haupt zurück⸗ gelehnt an die Wand, ſah er unverwandten Blickes — 41— auf die Geſtalt der Nonne hin, die ſich ernſt und ſtolz ihm näherte. Sie wollte ihn nicht beachten, und ohne Gruß an ihm vorüberſchreiten, Anſelmo aber wehrte ihr den Eingang. Laß mich hindurch! befahl ſie ernſt. Nein! ſagte er. Sie warf das Haupt ſtolz zurück. Ich will es, ſagte ſie. Und ich werde Dir nicht gehorchen, rief er heftig, und ſah ſie mit ſo glühenden und zugleich drohenden Blicken an, daß ich unwillkührlich erbebte. Ah, Du willſt mich reizen, ſagte ſie verächtlich. Ja, Du ſollſt endlich aufhören, gleichgültig gegen mich zu ſein, rief Anſelmo, bebend vor innerer Be⸗ wegung. 8 Gleichgültig! ſagte ſie, und auf mich deutend, fuhr ſie fort: frage dieſe da, ob Du mir gleichgültig biſt! Sie weiß, daß mir Dein Anblick eine fortgeſetzte Qual, eine nie endende Marter iſt! Anſelmo ſchlug die Hände vor ſein Geſicht und ächzte laut. Geh fort! ſagte ſie gebieteriſch,— ſeine Kraft war — 42— gebrochen, er gehorchte, aber er ließ die Hände von ſeinem Geſichte gleiten, und blickte ſte an, während ſie an ihm vorüberſchritt. Welche Leidenſchaft und Gluth, welche Qual und Pein lag in dieſem Blick. Ich mußte das Auge abwenden, um nicht zu weinen, denn, mir ſelber zum Trotz, rührte mich dieſe glühende Liebe des Prieſters zu der kalten, ſteinernen Heiligen. Natalie achtete nicht weiter auf ihn, langſam ſtieg ſte die Stiegen der breiten Treppe hinauf; ich aber mußte mich unwillkührlich noch einmal nach Anſelmo umſehen. Er lag auf ſeinen Knieen, und küßte die Schwelle, welche ihr Fuß überſchritten hatte. Ohne ein Wort zu ſprechen ſchritten wir Beide den Kreuzgang hinunter zu Nataliens Zelle. Es war ſelten, daß mir Natalie geſtattete, längere Zeit in dieſen Zelle zu bleiben. Sie zog es gewöhnlich vor, mit mir hinunter zu gehen in den Garten, oder ſie geſtattete mir, ſie in das Laboratorium zu begleiten, und dort bei ihr zu bleiben, während ſie die Arzeneien bereitete. Meine Zelle muß Dir wie ein Kerker erſcheinen, und Du ſollſt um meinetwillen nicht Gefangene ſein! ſagte ſie. — 4— Und es iſt wahr! Es laſtete etwas unendlich Dü⸗ ſteres, herzzerreißend Trauriges über dieſer Zelle, nichts war darin enthalten, als ein offenes Sarg, das Na⸗ talien als Lagerſtätte diente, und über welchem das kleine Stilet, als einiziger Schmuck dieſer kahlen, wei⸗ ßen Wände angebracht war. Dieſem troſtloſen Lager gegenüber ſtand ein ſchwarz angeſtrichenes Betpult, und in der tiefen Mauerniſche des kleinen vergitterten Fenſters ſah man vor einem binſengeflochtenen Schemel einen ſchwarzen Tiſch, auf welchem Natalie zu ſchreiben pflegte. Mir trieb es immer die Thränen in die Augen, wenn ich die hohe, königliche Geſtalt dieſes wundervoll ſchö⸗ nen Weibes in dieſer jammervollen Umgebung ſah, aber heute erfüllte mich der Anblick dieſer Zelle mit doppel⸗ tem Entſetzen. Das weiße, grobe Linnenzeug, das Nataliens Sarg zu einem Lager umgeſtaltete, das Kiſſen, auf welchem Nachts ihr Haupt ruhte, es war in Blut getaucht, es triefte von friſchem, noch nicht getrocknetem Blute. Unwillkührlich ſtieß ich einen Schrei des Entſetzens aus, Natalie folgte der Richtung meines Blickes. Oh mein Gott, ſagte ſie erſchreckend, ich vergaß dies! Du haſt geblutet? fragte ich bebend. Nun ja! Da meine Gedankenloſigkeit es Dir ver⸗ rathen hat! ſagte ſie. Ich habe dieſe Nacht einen Blutſturz gehabt! Irgend eine Ader in meiner Bruſt hat ſich geöffnet! Weiter nichts! Aber weine nicht, Kind, ich habe dieſen Zufall mit Freuden begrüßt, denn ich weiß genug von der Arzeneikunde, um nicht überzeugt zu ſein, daß dieſe purpurrothen Zeichen die Vorboten meiner baldigen Erlöſung ſind! Ich ſtürzte zur Thüre hin, weinend vor Kummer! Wo willſt Du hin? fragte Natalie, mich zurück⸗ haltend. Ich will einen Arzt holen, ſchrie ich, außer mir. Anſelmo? fragte ſie ſchneidend kalt. Ja, Anſelmo, rief ich verzweiflungsvoll. Du ſollſt nicht länger Deine Leiden und Deine Krankheit ver⸗ bergen dürfen, Du ſollſt Dich nicht tödten! Um mei⸗ netwillen, Natalie, um meinetwillen habe Erbarmen, und verſuche ein Heilmittel für dies Leiden, unterwirf Dich der Behandlung eines Arztes! Nein, Kind, das wäre zu grauſam gegen mich ſel⸗ ber gehandelt, ſagte ſie matt. Und Du, Du verlierſt nichts! Ich werde leben, ſo lange Du noch hier biſt, nch, viel länger noch. Und wenn Du dann fott biſt, wenn wir uns nicht mehr ſehen, nicht mehr ſprechen können, wenn dieſe lange, lange Ferne, dieſe Zahl der Meilen zwiſchen uns liegt, iſt es dann nicht gleich⸗ gültig, ob der Tod, oder nur die Entfernung uns trennt? Wirſt Du weniger an mich denken, wenn Deine Gedanken mich dort oben, ſtatt hier in der Zelle zu ſuchen haben? Glaube mir, hier bin ich eingeſargt, hier lebe ich nicht! Nein, ſo lange ich in dieſer Zelle bin, liegt der Tod über mir, bin ich gefangen in ſei⸗ nen Banden! Aber einſt, wenn ſte mich hinaustragen, und ſagen, daß ich geſtorben bin, wenn ſie meinen Leib einſcharren in die kühle Erde, dann, ja, dann lebe ich wieder, dann bin ich befreit von dieſen Ban⸗ den des Todes, und feſſellos ſchwingt ſich meine Seele empor zu dem ewigen, unvergänglichen Leben! Willſt Du mir das mißgönnen, Geliebte? Zärtlich, wie eine Mutter, ſtreichelte ſie mir die Wangen, und ſchob das Haar von meiner Stirne zu⸗ rück, um mich zu küſſen. Weine nicht, bat ſie leiſe. Es thut mir ſo weh, Dich weinen zu ſehen! Ich verſuchte meine Thränen züt trocknen, und ruhig zu ſein. 4 — 46— Du wollteſt mir von Richard erzählen! ſagte ich, ſie zu dem Binſenſeſſel hinziehend, und mich zu ihren Füßen niederſetzend. Ja, von Richard! ſagte ſte ſinnend, und ließ ihr Haupt einen Augenblick auf ihre Bruſt ſinken. Von Richard! wiederholte ſie dann, faſt frohlockend. Mein Gott, wie ſchön doch dieſer Name klingt! Ach, er hat ſo lange Jahre begraben in meiner Bruſt gelegen! Ich danke Dir, daß Du ihn wieder zum Leben erweckteſt! Sie umſchlang mich heftig, und rief: Ja, wir wollen jetzt von Richard turahent Aber zuerſt ſollſt Du ihn ſehen! Sie zog die Schatoulle des Tiſches auf, und nahm ein kleines Käſtchen hervor, deſſen Deckel ſte durch den Druck einer Feder aufſpringen ließ. Sieh, ſagte ſie, dies Geheimniß haben die neugieri⸗ gen und verſchmitzten Nonnen noch nicht auszuſpüren vermocht! Ach, ſie glauben, ich bete zu dieſem Hei⸗ ligen da! Sie ließ mich das Bild ſehen. Es war ein heiliger Antonius, umringt von Verſuchungen aller Art, und inmitten derſelben auf ſeinen Knieen liegend und betend. Jetzt ſollſt Du Ihn ſehen! ſagte ſie feierlich, und drückte mit einer Nadel gerade in das Auge des hei⸗ ligen Antonius. Das Bild ſprang von einer unſicht⸗ baren Feder berührt, zurück, und ein anderes zeigte ſich unter demſelben. Das iſt Richard! ſagte ſie frohlockend. Mein Gott, rief ich, auf das Bild blickend, das einen ſchönen jungen Mann mit dunklen Augen und ſchwarzem, lang herabwallendem Haar darſtellte, mein Gott, dieſe Züge kommen mir unendlich bekannt vor! Ja, jegt weiß ich es, das Bild gleicht unendlich einem Bekannten von mir, dem Reichsgrafen Hugo von P...... o. 1 Es iſt ſein Bruder, ſagte ſie ruhig, und küßte das Bild, das ſie dann wieder ſorgfältig hinter dem hei⸗ ligen Antonius verbarg. 34 Jetzt will ich Dir von ihm erzählen! ſagte ſie. Nein, zuerſt von Dir, bat ich dringend. Erzähle mir von Deiner Jugend, und von Deiner Kindheit, von Deiner Heimath, und von Deiner Mutter! Meine Mutter! Ich habe ſie nicht gekannt! Sie ſtarb, als ſie mich gebar, ſie ſtarb, indem ſie meinem Vater fluchte. Denn er hatte ſie ſehr unglücklich ge⸗ macht, und ſie hatte ihn ſehr geliebt, und darum war 48 vor ſeiner Härte und ſeiner Untreue ihr Herz gebrochen, darum hatte ihr Blut ſich vor zornigem Schmerz in Galle verwandelt, und dies Blut meiner Mutter, ſie hatte es auf mich, auf das Kind übertragen, welches unter ihrem Herzen ruhte, während ſie ſo viel Leid erduldete, während Liebeszorn und Schmerzespein ihr Herz zerriß. Ja, meine Mutter ſtarb, nachdem ſie mich geboren, und mein Vater verging langſam an dem Fluche, den ihre ſterbenden Lippen über ihn aus⸗ geſprochen. Er hatte ihre Liebe nicht begreifen können,— er hatte ſich entſetzt vor ihrer Leidenſchaftlichkeit. Denn meine Mutter war eine Italiänerin, das glühende Blut des Südens floß durch ihre Adern, und ſie ſtarb an der Kälte dieſes nordiſchen, deutſchen Mannes. Er war ihr wie ein Gletſcher, ſo kalt, ſo ſtolz und präch⸗ tig, ſie konnte ihn nicht zerſchmelzen mit ihrem Feuer, ſie konnte nur ſelber e weiter nichts!— Als mein Vater ſtarb, hinterließ er nur zwei Kinder. Einen ſchon erwachſenen Sohn aus einer früheren Ehe mit einer Deutſchen, und mich, das Kind der Italiänerin. Mein Bruder ward mir als Vormund beſtellt, er ſollte wachen über meiner Erziehung, meiner Bildung, er ſollte mich, wenn ich erwachſen, einführen in die Welt, — 49— und an den Kaiſerhof, an welchem ich, als die Toch⸗ ter eines alten, reichsgräflichen Geſchlechtes, beſtimmt war eine bedeutende Stellung einzunehmen.— Ich war gänzlich dem Willen und der Beſtimmung meines Bruders anheim gegeben, und Ferdinand haßte mich, weil mein Daſein ihn um die Hälfte ſeiner Erbſchaft betrog, weil mir mein Vater die Hälfte ſeiner unge⸗ heuren Reichthümer teſtamentlich vermacht hatte. Und Ferdinand, mein Bruder, hatte nur Eine Leidenſchaft, den Geiz nämlich, und er konnte es nicht ertragen, zu denken, daß in wenigen Jahren, ſobald ich mein ſechszehntes Jahr erreicht, er teſtamentlich verpflichtet ſei, an mich die Hälfte dieſer reichen und ſchönen Beſitzungen abzutreten, und meinen Bevollmächtigten Rechenſchaft abzulegen über die Verwaltnng meines Vermögens. Es gab ein Mittel dies zu vermeiden! Wenn ich mich entſchloß in ein Kloſter zu gehen, blieb mir, ſo hatte mein Vater es beſtimmt, nur der vierte Theil meines Vermögens, das übrige fiel an meinen Bruder zurück. Sie muß alſo in ein Kloſter gehen, ſie iſt alſo für ein Kloſter beſtimmt, ſagte mein Bruder zu ſich ſelber, I. 4 — 50— und ſo will ich ihre ganze Erziehung darauſ richten laſſen, daß ſie eine Nonne wird. Aber freilich, ich mußte es freiwillig werden, denn mich zu zwingen, dazu fehlte meinem Bruder die Ge⸗ walt und das Recht. Freiwillig, begreifft Du das? Ein Mädchen, in der Fülle der Schönheit und Jugend, die Tochter eines glanzvollen Namens, die Erbin eines ungeheuren Vermögens, ein Weib, dem Feuer ſtatt des Blutes durch die Adern ſtrömte, der die Leiden⸗ ſchaft durch alle Pulſe tobte, die mit all ihren Sinnen und ihren Gedanken dem Leben, der Welt, der Liebe entgegenglühte, ein ſolches Weib ſollte ſich freiwillig entſchließen, Nonne zu werden! Es war ein Rieſen⸗ werk, das mein Bruder Ferdinand da beſchloß, auch fühlte er nicht die Kraft, es allein auszuführen! Zum Glück hatte er einen ſehr klugen, ſehr gewandten Beicht⸗ vater, der das Geld eben ſo ſehr liebte, als mein Bruder ſelber, und dem Ferdinand eine bedeutende Belohnung verſprach, wenn er ihm hülfe, ſeine Zwecke zu erreichen. Dieſer Beichtvater war Anſelmo? fragte ich neugierig. Nein! Es war der Pater Joſeph, ein Jeſuit, und ganz bewandert in den Künſten und Geſetzen ſeines 54— Ordens! Oh ſie enthalten ſehr ſchöne Geſetze, dieſe Ordensregeln der Jeſuiten, ſie erlauben, daß man die Seele vergiftet und das Herz verbluten macht! Sie geſtatten Gift und Dolch, Verleumdung und Lüge, Meineid und Verwünſchung, ſie erlauben dem Bruder, daß er die Seele der Schweſter vergiftet, wenn es zu ſeinem Zwecke ihm dienlich ſcheint! Wie Pater Joſeph und mein Bruder es angefangen, dieſes infernaliſche Werk, wie ſie's angefangen, daß mein Herz auflorderte in unkeuſcher Gluth, daß mein Blut, wie Feuerſtröme durch meine Adern ſchoß, daß ich ruhelos auf meinem Lager mich wälzte, und meine vor Sehnſucht zitternden Arme ausſtreckte in die Nacht hinein, der Liebe ent⸗ gegen, wie ſie's gemacht, um ein ſchüchternes, träu⸗ mendes, ſchmachtendes Kind in ein Liebe verlangendes, Gluthen begehrendes Weib zu verwandeln, das iſt ihr Geheimniß, ein infernaliſches, jeſuitiſches Geheimniß. Sie gaben mir Bücher, darin war die Liebe mit den lockendſten Farben geſchildert, darin athmete jedes Wort Genuß und ſelige Wonne, darin waren Bilder ent⸗ halten, die meine Wangen mit Schamröthe bedeckten, und mein Herz mit ſüßem Bangen erfüllten. Sie ga⸗ ben mir Opium, daß er mein Blut beruhige, wie ſie 4* — 32— ſagten, aber er ſtachelte es nur auf zu heißerer Gluth, daß es wie ein wildes, ungebändigtes Roß durch meine Adern ſchäumte. Ja, ja, ſie gaben mir Opium, und von ſüßen Phantaſteen umfangen lag ich auf meinem Lager, mit offenen Augen und hochklopfenden Schläfen und träumte, mein Gott, welche berauſchenden, ſeligen Träume! Welten des Genuſſes, der Liebe, der Ent⸗ zückung erſchloſſen ſich mir in dieſen Träumen, Alles war Glanz und Wonne, Jubel und himmliſche Luſt, auf Wolken von Licht getragen ſchaukelte meine Seele auf den Wogen der Freude, ſtrahlende Jünglings⸗ geſtalten fächelten mir Kühlung zu, und unter Roſen gebettet, meine Sinne umnebelt von berauſchender Muſik, mein Herz erfüllt von Sehnſucht und Gluth, ſtreckte ich meine Arme dieſer ſelig lächelnden, in wun⸗ derbarer Schönheit ſtrahlenden Lichtgeſtalt entgegen, welche ich mit bebender Lippe als meinen Heiland, meinen Gott und meinen Geliebten begrüßte. Sieh, das waren meine Träume, und endlich, eines Tages verlangte ich von ihnen, daß ſie Wirklichkeit würden, ſchrie ich es aus, dieſe Sehnſucht nach der Welt, ver⸗ langte ich, daß man mich hinauslaſſe aus dieſem d ſtern, einſamen Schloß, in welchem ich mit meinem Bruder und Pater Joſeph lebte, hinaus in das Leben, um die Freude zu ſuchen, und die Jugend und die Liebe. Man weigerte ſich, meinem Wunſche zu will⸗ fahren, man belachte mein Flehen, man verhöhnte meine Thränen, aber man ſorgte für Zerſtreuung, und eines Tages brachte mir Pater Joſeph einen jungen Mönch, den er mit einem teufliſchen Lächeln ſeinen Freund nannte, und der von nun an mein Beicht⸗ vater ſein ſollte. Er war jung, er war ſchön, und ſeine brennenden Augen ruhten auf mir mit dem Aus⸗ druck des Entzückens, der Gluth. —— Hier ſchwieg Natalie, hochathmend, ihre Augen ſchleuderten Blitze, und der wildeſte Haß ſprach aus ihren Zügen. Dieſer junge und ſchöne Mönch, ſagte ſie, die Zähne feſt auf einander preſſend, und die Hände zur Fauſt zuſammenballend,— es war Anſelmo! Anſelmo, wel⸗ cher Jeſuit geworden war, weil Pater Joſeph und mein Bruder ihm geſchworen, daß er mich dann be⸗ ſitzen ſolle, Anſelmo, den man mir zum Gefährten und Geſellſchafter gab, weil man mich reif hielt zur Sünde, und weil die Schande mich dann dem Kloſter überlie⸗ fern ſollte. Aber diesmal, rief Natalie mit einem — 54— triumphirenden Lachen, diesmal hatte ſich der kluge Pater Joſeph geirrt in ſeinen Berechnungen. Meine Träume, meine Phantaſteen waren voll Gluth und Leidenſchaft, aber, der Gegenwart, der Wirklichkeit gegenüber fühlte ich mich wieder als unſchuldiges Mäd⸗ chen, als ſchamhaft erröthende Jungfrau! Ich hatte der Liebe ſo lange entgegen gehofft, mein Ohr hatte gedürſtet Worte der Leidenſchaft zu vernehmen, und jetzt, als ich ſie hörte, zog ſich mein Herz vor ihnen wie in einem Krampfe der Angſt, des Entſetzens zu⸗ ſammen, und ich entfloh vor dieſer Gluth, die ich nicht theilte. Aber ich ſchrie nach der Welt, ich rief Himmel und Hölle zu meinem Beiſtand auf, ich fühlte mich wie eine Gefangene, Gefeſſelte, und ich begehrte die Freiheit! Ich begehrte ſie von meinem Bruder mit ſtrömenden Thränen, von Pater Joſeph mit Zorn und Stolz, von Anſelmo mit knirſchenden Zähnen, mit Ver⸗ achtung und ſchneidendem Befehl. Mein Bruder ver⸗ höhnte mich, Pater Joſeph zuckte die Achſeln, aber Anſelmo,— Anſelmo ſchwur, meinen Willen zu er⸗ füllen, wenn ich ihm dafür gelobte, in einem Jahre die Seine zu ſein, ihm anzugehören in Liebe! Jetzt ſchilderte er mir mit lockenden, verführeriſchen Farben, — 55— mit entzückenden, berauſchenden Bildern die Welt, und ich hörte ihm zu mit ſeligem Lächeln, und ahnungsvoll klopfender Bruſt. Da draußen war die Welt, das Glück, und ich— ich war eine Gefangene, einſam, in einem öden, düſtern Schloſſe,— ich gelobte Alles, ich ſchwur mit heiligen Eiden, in einem Jahr Anſelmo anzugehören, in einem Jahr ſeine Liebe zu erwiedern, — was kümmerte mich die ferne Zukunft, wenn ich dadurch die Welt mir erkaufen konnte und das Glück!— Morgen verlaſſen wir dies Schloß! rief Anſelmo, nachdem ich den Eid geleiſtet, und mit triumphirenden Blicken eilte er zu Pater Joſeph hin. Anſelmo hielt Wort,— am andern Tage brachen wir auf nach Wien, und als wir einfuhren in die Kaiſerſtadt, da ſagte Pater Joſeph mit ſeinem ſüßen, diaboliſchen Lachen: Da hätten wir nun die ſchöne, längſt erſehnte Welt! Oh, was gilt es, in einigen Monaten wird Natalie dieſe Welt verfluchen und ver⸗ abſcheuen, und das Kloſter, wo allein Troſt und Ruhe zu finden iſt, das Kloſter wird ihr als eine Rettung erſcheinen! Pfui über dieſe erbärmliche Welt, in der nichts iſt als Falſchheit und Lüge! ſagte mein Bruder zähneknirſchend. — 56— Die Welt iſt ſchön, flüſterte Anſelmo, die Welt winkt uns zur Liebe und Freude! Ich drückte ihm die Hand, zum erſten Male verab⸗ ſcheuete ich ihn nicht!- Und ich, ich war alſo endlich befreit, und ich ſtürzte mich hinein in dieſe Welt mit dem Vertrauen und der Glückſeligkeit eines Kindes! Alle meine wilden Träume, meine glühenden Phantaſieen waren vergeſſen, ich war wieder ein junges, unſchuldiges Mädchen, das jedem Tage, jeder Stunde entgegenlächelte, und mit ganzer Seele der Freude des Augenblicks ſich hingab. Aber bald kamen die Schmerzen, bald ließ man mich an den Roſen, welche ich um meine Stirne wand, die verwundenden Stacheln fühlen! Anſelmo's Liebe ſchien verſtummt, er war nur noch mein Freund, mein Ver⸗ trauter, mein Beichtvuter. Ich hatte kein Geheimniß vpor ihm, ich legte meine Seele, mein Herz offen vor 1 1 ihm dar, und Tag für Tag, Stunde für Stunde träu⸗ 2 felte er einen Giſttropfen der Erkenntniß hinein, Tag für Tag zerpflückte er eine dieſer köſtlichen Blüthen meiner Illuſionen, und zeigte mir die Wahrheit und Wirklichkeit. Ich wollte die Welt in goldenem Glanze der Schönheit ſehen, und Stunde um Stunde zog — 52— Anſelmo den Vorhang zurück, und ließ mich die Welt ſehen, wie ſie iſt, voll Schmutz und Erbärmlichkeit, voll Niedrigkeit und Tücke. Ich gab mein Herz der Freundſchaft hin, und Anſelmo ſagte mir, daß die Freundſchaft eine Lüge ſei, eine ſchmachvolle Heuchelei. Ich zweifelte, es ward mir ſo ſchwer an die Untreue meiner geliebten Freundinnen, die mir täglich Liebe ſchworen, denen ich täglich Geſchenke machte, zu glau⸗ ben! Anſelmo verſprach mir Beweiſe, er ließ mich aufhören mit dieſen Geſchenken, mit welchen meine freigebige Hand meine jungen Freundinnen überſchüttete, und es ſchien mir, als ob dieſe Freundinnen kälter würden und zurückhaltender. Anſelmo hieß mich, ſie endlich eine nach der andern um eine Gefälligkeit bitten, ich mußte ihnen erzählen, daß ich in meiner Verſchwendungsſucht bedeutende Schulden gemacht, daß ich zittere vor dem Zorn meines Bruders, ich mußte ſie bitten um ein bedeutendes Darlehen! Ach, ſie hät⸗ ten nur einen Theil der koſtbaren Geſchenke, die ich ihnen gegeben, verwerthen können, um meine Bitte zu erfüllen. Das, ſagte ich zu Anſelmo, das werden ſie thun! Voll Vertrauens fuhr ich von einer Freundin zur andern,— ſie hatten Alle für mich mitleidige — 58— Keine von ihnen hatte Hülfe, Keine mochte für mich einen Theil ihres Schmuckes, nur ein Weniges ihrer Ueberflüſſigkeiten geben!— Ich kehrte heim, mit Lä⸗ cheln auf der Lippe, mit Thränen im Herzen, und ſagte zu Anſelmo: die Freundſchaft hat mir gelogen! Ich werde keinem Weibe mehr vertrauen, ſte ſind Alle falſch, Alle eitel und erbärmlich! So iſt es, ſagte Anſelmo, und darum gehören Sie nicht hinein in die Welt, und darum rathe ich Ihnen, Sich zu begraben in der Einſamkeit und hinter hei⸗ ligen Mauern, dort allein iſt Friede, dort allein iſt Ruhe! Ach, die Welt iſt ſo ſchön, ſeufite ich. Giebt es nicht noch andere Freuden? Giebt es nicht hrinen zu trocknen, Unglück zu mildern? Ach, Sie wollen Sich in die Wohlihätigkeit ſäszient ſagte Anſelmo mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln. Er führte mich in die Hütten der Armuth, er half mir die Bettler unterſtützen, die auf den Stufen der Kirchen kauerten, er führte mich zu den Blinden und Lahmen, den Kranken und Krüppeln, die ächzend und ich theilte meine Gaben betend um Hülfe fleheten,— Seufzer, zärtliches Beileid, inniges Bedauern, abe- 4 — 59— unter ſie aus, und eine neue ſelige Freude zog in mein Herz ein, es war die Freude des Wohlthuns! Aber Anſelmo zeigte mir, daß ich betrogen war, auf's Neue betrogen, er zeigte mir, daß die Blinden nicht blind, die Lahmen nicht lahm, daß die Kranken und die Krüppel mit geſunden Gliedern hohnlachten über das thörichte Mädchen, die in argloſem Vertrauen ihnen ſo reichliche Gaben geſpendet. Schaudernd entfloh ich in die Einſamkeit meiner Ge⸗ mächer, ich hatte den Glauben verloren,— das Miß⸗ trauen mit ſeinem Alles vergiftenden Stachel zog ein in meine Seele. Aber ich weinte noch, ich rang noch die Hände in bitterm Schmerz über mein verlorenes Vertrauen! Die Tugend kann keine Chimäre ſein, ſchrie ich ver⸗ zweifelnd, es giebt gewiß gute Menſchen, treue Freunde, redliche Arme, ich nur, ich kenne ſie nicht! Es giebt keine Tugend in der Welt, Alles iſt Heu⸗ chelei, Alles iſt Lüge, ſagte Anſelmo. Wenige ſind auserkoren die Idee der Tugend auf Erden zu vertre⸗ ten, Sie gehören zu dieſen, und darum wehe über Sie, denn Schmach und Unglück wird Ihr Theil ſein! Die Welt wird Sie verfolgen mit ihrem Haſſe und — 60— ihrem Neid, fliehen Sie, fliehen Sie die Welt, welche voll Falſchheit iſt und Sünde, in welcher die Tugend nur ein leeres Wort, ein hohler Name iſt! Ich ſchauderte, ich rang die Hände, ich fühlte mich grenzenlos verlaſſen, grenzenlos einſam. Es ward Nacht in mir, eine kalte, troſtloſe Nacht, ich verachtete die Welt, die Menſchen, ich war allein!— Natalie ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt und ſchwieg. Eine lange Pauſe trat ein, dann hob ſie ihr Angeſicht wieder empor und ſagte mit ſtrahlenden Augen: es war Nacht in mir! Aber es kam die Sonne, und ver⸗ ſcheuchte die Schatten und das Dunkel, und Alles ward Glanz und Licht,— dieſe Sonne, es war die Liebe!— Weißt Du, was das iſt, die Liebe? fragte ſie mich mit einem entzückten Lächeln, und dann fuhr ſie faſt verächtlich fort: o nein, Du weißt es nicht, Du biſt ein Kind des Nordens! Da ſtockt das Blut, da kennt man die Liebe nur dem Namen nach! Ich aber, ich bin das Kind der Italienerin, ich ſah Richard und ich liebte ihn, und meine Liebe war wie die Gluth der Lava, die in den Flammen des Veſuv's empor⸗ ſchäumt, und in einem Feuermeer ſich über das ganze Daſein ergießt. Ich ſah Richard, und wie ein Phönir — 61— ſchwang ſich ein neues, ſeliges Leben aus der Aſche meiner ganzen Vergangenheit empor. Ich glaubte wie⸗ der, ich vertrauete der Welt wieder, denn ich liebte, und ich ward geliebt! Wie dieſe Liebe war, was ſie mir gab an Luſt und Entzücken, an Genuß und ſeli⸗ ger Berauſchung, dafür giebt es keine Worte! Oh, alle Oualen, die ich jetzt erdulde, alle Schmerzen, die ich erleide, ich würde ſie willig noch einmal auf mich nehmen, könnt' ich damit mir noch einmal dieſes Glück erkaufen! Nicht wollt' ich klagen um das, was ich erdulde, nicht wollt' ich jammern um das, was ich erlitt, könnt' ich nur Richard zu neuem Leben, und mir zu neuer Liebe erwecken! Doch ſtill davon, mag denn Alles ſein, ſo wie es iſt, ich kannte doch ein ſeliges Leben, er war doch Mein! Ich liebte ihn,— ach, das iſt kalter Ausdruck für die Gluth, die ich empfand. Ich betete ihn an, ja, wie meinen Heiland, meinen Gott betete ich ihn an.— Niemand als An⸗ ſelmo wußte um dieſe Liebe. Ihm hatte ich ſie ver⸗ traut im Beichtſtuhl, und er, durch ſeine Schilderun⸗ gen des Glückes machte mein Blut höher wallen, ſtachelte meine Gluth zur höchſten Leidenſchaft empor. Und endlich, als ich ganz Feuer war, und unendliches — 62— Glühen, als dieſe Liebe wie eine verzehrende Flamme durch alle meine Adern brauſte, als meine Seele, wie in einem Wahnſinn des Entzückens, in Dithyramben der Wonne aufjauchzte, da trat Anſelmo zu mir, und flüſterte in mein Ohr eine fürchterliche, eine grauſen⸗ volle Anklage! Richard untreu, Richard noch eine Andere Geliebte habend neben mir!— Ich glaubte ihm nicht, ich verhöhnte Anſelmo mit ſeinem lächerlichen Argwohn. Anſelmo bot mir Beweiſe an! Ich ſprang empor, wie von einer Natter verwundet, mein ganzes Weſen war Feuer und Aufruhr geweſen, der Zorn machte mich zu einer Raſenden.— Beweiſe! ſchrie ich. Gieb mir Beweiſe, und was Du forderſt, ſei Dir gewährt! Ich fordere Dich! flüſterte Anſelmo. Das Jahr geht zu Ende! Ich fordere, daß Du Deinen Eid er⸗ füllſt, daß Du die Meine wirſt. Wenn Du mir das gelobſt, will ich Dir Beweiſe gehen! Beweiſe, ja, gieb ſie mir, ſchrie ich, und warf mich in ſeine Arme, und küßte ihn im Wahnſinn, in der Raſerei meines Zornes. Gieb mir Beweiſe von Ri⸗ chards Untreue, und ich bin Dein, und ich will Dich lieben, indem ich Dir fluche! — — 63— Die Nacht kam,— welch eine finſtere, ſturmbewegte Nacht! Verkleidet ſchlichen wir aus unſerm Palaſte zu Richard's Wohnung hin. Die Pforten waren offen, Anſelmo hatte die Diener beſtochen, Anſelmo hatte für Alles geſorgt,— Niemand ſah uns, oder wollte uns ſehen. Leiſe, unbemerkt ſchlichen wir durch die matt erleuchteten Säle. Jetzt ſtanden wir vor einer ange⸗ legten Thür. Das iſt ſein Schlafcabinet! flüſterte Anſelmo Wir horchten! Alles war ſtill, nur die Athemzüge des friedlichen Schlummers drangen an unſer Ohr.— Mit einem Ruck ſtieß ich die Thüre auf.— Oh, es brannte eine Ampel, ſie brannte hell genug, daß man das ganze Gemach überſchauen konnte,— da ſtand das große Himmelbett mit den ſeidenen Purpurvor⸗ hängen. Anſelmo geleitete mich hin, der dichte Fuß⸗ teppich verhüllte unſere Schritte. Sei ruhig, flüſterte Anſelmo, ſie werden nicht er⸗ wachen. Richard's Kammerdiener hat ihnen geſtern einen Schlaftrunk gemiſcht für ſie Beide! Beide! Anſelmo ſchlug die Vorhänge auseinander. Oh mein Himmel! Ich ſah! — 61— Ich ſah ihn, den ich liebte, den ich anbetete, ich ſah Richard, und in ſeinen Armen ein wundervoll ſchö⸗ nes junges Weib. Sie hatte das Haupt an ſeine Bruſt gelehnt! Sie ſchlummerten Beide! Und ich? Ich war eine Betrogene, eine Verrathene! Mein Kopf ſchwindelte, wie in einem einzigen Feuer⸗ ſtrom raſte das Blut in meinem Hirn. Sieh da den Verräther! flüſterte Anſelmo. Er ſoll Niemand mehr verrathen! ſagte ich zähne⸗ knirſchend. Sein Blut komme auf ſein eigenes Haupt! flüſterte Anſelmo. Blut! Das war das Erlöſungswort! Meine Blicke irrten im Zimmer umher. Was ſuchſt Du? fragte Anſelmo. Ich muß ihn tödten! Anſelmo drückte einen Dolch in meine Hande ich ſtürzte zu dem Bette hin,— ein Moment, oh ein ſeliger Moment,— heiß glühend ſpritzte es mir in's Geſicht,— es war ſein Blut,— ich war gerächt an dem Verräther!. Ja, rief Natalie aufſpringend, und mit einer wilden Bewegung das Stilet von der Wand reißend, ſieh, — 65— ſieh da dieſen Fleck im Stahl, ſein Blut hat daran geklebt, ich habe es vergoſſen, ich habe ihn getödtet! Sie hob den Arm mit dem Dolche triumphirend gen Himmel, grauſenvoll ſchön war ſie anzuſehen, wie die Göttin der Rache, ſo bleich, ſo ſchön, mit zornig fun⸗ kelnden Augen, mit blaſſer, zuſammengekniffener Lippe, mit hochathmender Bruſt! Aber der Moment des Triumphes ging vorüber, Natalie ließ den Arm ſinken, ſie drückte den Stahl an ihre Lippen, ſie küßte den Fleck, den ſein Blut geroſtet, und mit einer Stimme, ſo lind und leiſe, wie Windes⸗ ſeufzen, ſagte ſie: ſein Blut hat dies berührt. Das Blut deſſen, den ich liebe, ſo unausſprechlich, ewig und nimmer ermattend! Und was geſchah weiter? fragte ich nach einer Pauſe. Ah, Du haſt Recht, ſagte ſie matt! Ich vergaß das Ende, das ſchauerliche, teufliſche Ende!— An⸗ ſelmo riß mich fort von der Stätte des Unheils, mich, die ich lachte und jauchzte im Triumphe der gelungenen Rache. Er ſtürzte mit mir durch die Säle und Corri⸗ dore, ungeſehen verließen wir das Haus, ungeſehen erreichten wir den Palaſt meines Bruders. Anſelmo folgte mir in meine Gemächer. Jetzt erſt erwachte ich . 5 3 — 66=— aus dieſem Delirium des Wahnſinns, ich ſah das Blut an meinen Händen und meinen Kleidern, ich ſchrie, ich jammerte, ich hatte Richard getödtet, ihn, den ich ſo unausſprechlich geliebt hatte, den ich jetzt erſt recht liebte, jetzt, da ich ihn getödtet!— Ich warf mich nieder, ich rang die Hände, ich zerraufte mein Haar in meines Jammers wilder Verzweiflung, und endlich ſenkte ſich Gottes oder des Teufels Gnade über mich,— ich verlor die Beſinnung!— 3 Als ich erwachte,— nein, nein Zunterbrach ſich hier Natalie ſelbſt mit wildem Aufſchrei, laß mich nichts weiter ſagen von dieſem Erwachen. Anſelmo lag zu. meinen Füßen, er ſtammelte Worte des Entzückens, des Dankes der Liebe,— Anſelmo nannte mich die Seine! Und ich, ich fluchte ihm, der mich entehrt, geſchändet, der meine Seele vergiftet, der den Dolch in meine Hand gedrückt, und mich zur Mörderin ge⸗ macht hatte, ihm, der mich jetzt ſeine Geliebte nannte, und mir ewige Liebe ſchwor, und mit Thränen des Entzückens mich um Vergebung flehte! Ich fluchte ihm und mir, die ich die Theilnehmerin ſeiner Verbrechen war!— Was weiter geſchah, fuhr Natalie aufathmend fom — 62— was weiter geſchah, weiß ich Dir nicht zu ſagen! Als ich eines Tages erwachte, fand ich mich in einer Zelle wieder. Anſelmo ſaß an meinem Lager! Von ihm Heerfuhr ich, daß viele Monate vergangen, ſeit jenem Tage, und daß ich bis jetzt gerungen mit dem Tode und dem Wahnſinn.— Um mich zu retten, ſagte er, habe mein Bruder mich in dieſem Kloſter verborgen. In der Welt galt ich für todt. Ein leerer Sarg, mit meinem Namen bezeichnet, hatte man in der Gruft meiner Ahnen beigeſetzt, mein Bruder hatte die Erb⸗ ſchaft meiner Güter angetreten. Niemand als er und Pater Joſeph kannten das Geheimniß meines Lebens, und ſie hatten es Niemand weiter vertraut, als dem nahen Verwandten unſers Hauſes, dem Erzbiſchof von „Rr...— Der hatte mir eine Zuflucht im Kloſter ver⸗ ſchafft, und Anſelmo hatte mich begleitet, er hatte mich gepflegt in meiner Krankheit, er hatte gewacht, damit kein anderes Ohr die ſchauerlichen Worte und Bekennt⸗ niſſe vernähme, die ich gethan im Fieber des Wahn⸗ ſinns und der Krankheit. Anſelmo war mir gefolgt, weil er mich liebte, und ich,— ich haßte ihn, den Gefährten meiner Verbrechen, den lebenden Zeugen meiner Schande! 3 = 68— Ich war alſo geſtorben, mein Name war verhallt im Sarge! Und lebend eingeſargt ſah ich mich in einem Grabe,— dieſes Grab, es war das Leben, und mein Dämon ſtand an meiner Seite, es war Anſelmo! Ach, ſterben, es wäre ſüß geweſen, hinſin⸗ ken in Nacht und Vergeſſen, im Tode ausruhen von dieſer Qual des Bewußtſeins, welch ein Glück! Aber ich, ich fühlte, daß ich dieſes Glückes nicht würdig ſei, ich fühlte, daß der Tod kein Erbarmen haben dürfe mit der Mörderin, der Entehrten! Richard's Schatten mußte verſöhnt, meine Schuld mußte gebüßt werden! Ich nahm ſie auf mich, dieſe Folterqual des Lebens, ich beſchloß zu dulden, zu leiden, zu büßen,* und zu verſöhnen! Ich meldete meinen Entſchluß dem Erzbiſchof, meinem Ohm, aber ich ſchrieb ihm, daß, da die Prieſter Gottes es geweſen, die alles Unheil, die Schmach und Schande, Sünde und Mord über mich gebracht, ich kein Vertrauen mehr haben könne zu der Religkin, der ſolche Prieſter dienen dürften. Ich verlangte, als Krankenpflegerin in irgend einem Kloſter aufgenommen zu werden. Der Erzbiſchof gab mir einen Brief mit an die Priorin dieſes Kloſters * „ ‿ — 69— hier, er verſchaffte mir alle die Freiheiten, die Du kennſt, und ſeitdem bin ich hier Und Anſelmo begleitete Dich? Anſelmo iſt mein Sclave, denn er liebt mich, und er weiß, daß ich ihn haſſe. Aber Du haſt verlangt, daß er hier im Kloſter ſei? Ja, Anſelmo iſt das ſtets mich mahnende, ewig mir gegenwäxtige Denkmal meiner Verbrechen und mei⸗ ner Schande! Ich leide doppelt, wenn ich ihn ſehe, darum will ich ihn ſehen, es iſt meine Buße! Du bereueſt alſo doch, Natalie? fragte ich. Du bereueſt dieſe dunkle, grauſenvolle That? Nein! ſagte ſie ſtolz. Ich bereue nicht! Richard war ein Verräther, ein Meineidiger, und ich war nichts als das Werkzeug der Rache in der Hand Got⸗ tes! Aber wehe, wehe über das Werkzeug, das ſo finſtere That thun mußte, Fluch über den Henker, der den Tod geben muß! Richard hat gebüßt durch ſeinen Tod, daß er ein Verräther war, ich büße durch das Leben, daß ich ſein Henker ſein mußte! Aber bald wird es zu Ende ſein! Hier ſchwieg Natalie, und ſtarrte, wie träumend, halb bewußtlos in das Leere. Plötzlich begannen ihre Lippen ſich zu bewegen, ihre Wangen rötheten ſich, und mit ſtrahlenden Blicken, ganz ihren Träumen und Geſichten hingegeben, ſprach ſie, aber ſie ſprach nicht mehr zu mir, ſie ſchien meiner Gegenwart ganz ver⸗ geſſen zu haben. Es waren nur ihre Phantaſieen, denen ſie Worte verlieh, und mit einem entzückten Lächeln ſagte ſie: Oft ſehe ich Ihn, oft erſcheint er vor mir, und all' meiner Qualen vergeſſend, ſchwinge ich mich auf vom Lager, und breite die Arme aus, ihn zu umfangen! Ach, und nur eine Luftgeſtalt drücke ich an mein Herz! Doch iſt es ſeine Form, doch iſt es ſein Angeſicht, dies edle Angeſicht mit den dunkeln, feurigen Augen, mit dem langen, ſchwarzen Haar und dem lächelnden Munde, doch iſt es ſeine hohe und edle Geſtalt! Ach, komm' in meine Arme, laß Dich umfangen! Sieh, ſieh, dort ſteht er, mit erhobenen Armen, den Blick auf mich gewendet! Ach, ſein Tod iſt alſo eine Lüge, — er lebt! Er iſt da!— Wie, warum kommſt Du, was ſiehſt Du mich an mit ſo ſtarrem Blick? Oh, was willſt Du? Sie ſagten, Du ſeieſt todt, ſie ſag⸗ ten, ich habe Dir den Dolch in das Herz geſtoßen! Ach, es iſt alſo eine Lüge! Komm', ſtreiche mit Deiner kühlen Hand über mein Angeſicht, wiſche das Blut von meiner Stirn, es brennt wie Feuer, und ſie ſagen, es ſei Dein Blut, und ich habe es vergoſſen! Wiſche es fort, es brennt ſo furchtbar! Komm', lege dieſe kühle Hand auf mein Herz, ach, das Feuer da drin⸗ nen, es verzehrt mich! Natalie! Natalie! ſchrie ich außer mir, ſchauernd vor dieſen Phantaſteen. Sie hörte mich nicht, die Arme ausgebreitet in das leere Nichts, flüſterten ihre zitternden Lippen Worte, die ich nicht verſtand. Natalie! wiederholte ich meinen angſtvollen Ruf. Plötzlich ward die Thüre der Zelle heftig aufgeriſſen, und bleich, mit zornglühenden Augen, erſchien Anſelmo auf der Schwelle. Mit einem Blick überſchaute er die ganze Zelle. Natalie gewahrte ihn nicht. Sie ſtand noch immer da, beſinnungslos, in entzücktem Schauen, der Gegen⸗ wart entrückt. 4 Anſelmo trat zu ihr heran. Er faßte ihren Arm, und ſuchte ihn in eine andere Lage zu bringen. Um⸗ ſonſt, der Arm war bewegungslos und ſteif. Die Katalepſie! Wieder ein Anfall dieſes Starr⸗ krampfes! flüſterte Anſerlmo. Dann hob er Natalie, — 72— ſo leicht, als ob ſie eine Feder ſei, empor, und trug ſie auf ihr Lager. Woher dies Blut? fragte er mich, auf das blutige Kopfkiſſen deutend. Sie ſagt, es ſei ihr eine Ader in der Vruſt ge⸗ ſprungen. Richtig, murmelte Anſelmo, und in Folge dieſer gänzlichen Erſchöpfung ihrer Kräfte iſt dieſer Anfall der Katalepſie gekommen. Aber irgend eine beſondere, furchtbare Nervenerſchütterung muß dabei mitgewirkt haben! Was iſt es geweſen? Was hat Natalie in dieſen Zuſtand verſetzt? Reden Sie, ſchnell! ſagte Anſelmo zu mir mit faſt drohendem Tone. Sie hat mir erzählt von ihrer Vergangenheit! ſagte ich nicht ohne Trotz. Unglückliche, und Sie haben ſie angehört! rief An⸗ ſelmo wild. Dann ſagte er mit einem rauhen Lachen: ach, Sie haben mit gläubigem Herzen den Bekennt⸗ niſſen einer Wahnſinnigen zugehört! Wahnſinnig, Natalie iſt wahnſinnig? ſchrie ich. Das wußten Sie nicht? fragte er ruhig. Jeder⸗ mann, der im Kloſter aus⸗ und eingeht, kennt ja den Wahnſinn der ſteinernen Heiligen. Aber man läßt ſie — 72— frei umhergehen, denn ſie iſt unſchädlich, und trotz ihrer Geiſteskrankheit, eine ſehr gute und geſchickte Krankenpflegerin! Das iſt eine Lüge! rief ich empört. So iſt es eine Lüge, welche Jedermann für Wahr⸗ heit hält, ſagte der Jeſuit mit gräßlicher Ruhe. Na⸗ talie leidet an der fixen Idee, ihren Geliebten ermordet zu haben, nicht wahr, ſie ſagte Ihnen davon? Ja, ſie ſagte es mir, ſagte ich empört, ſie ſagte mir auch, daß Anſelmo ihr Gehülfe bei dieſem Morde geweſen, Anſelmo, den ſie haßt und verabſcheut, An⸗ ſelmo, den ſie verflucht! Einen Augenblick zeigte ſich ein ſchmerzliches Zucken in Anſelmo's Zügen, dann ſagte er ruhig: Ich kenne das! In den Anfällen ihrer Raſerei flucht ſie mir ſtets, und vermengt mich mit den tollen Bildern ihres Irrſinns. Ach, wie glücklich mag die arme Natalie geweſen ſein, daß ſie endlich einmal wieder Jemand fand, der ihrer phantaſtiſchen Geſchichte zuhören mochte. Hier im Kloſter will ihr Keiner mehr ein williges Ohr leihen, denn Jedermann kennt hier bis zum Ueber⸗ druß dieſe Mordgeſchichte der ſteinernen Heiligen, der armen, wahnſinnigen Natalie! — 4— Sie häufen Sünde nach Sünde auf Ihr Haupt! ſagte ich empört. Sie verläſtern die, welche Sie lieben! Der Pater warf auf mich einen ſtechenden, gehäſſi⸗ gen Blick, aber er ſchwieg, und über die immer noch ſtarr daliegende Nonne ſich neigend, ſchien er nur be⸗ ſchäftigt ihren Zuſtand zu beobachten. Ich werde Sie bitten müſſen, dieſe Zelle zu ver⸗ laſſen, ſagte er plötzlich, ſich an mich wendend. Na⸗ talie wird bald die Augen aufſchlagen, und Ihr An⸗ blick würde ſie aufregen! Vielleicht wäre es beſſer, Sie verließen dieſe Zelle! ſagte ich gereizt. Keinen Widerſpruch! rief der Pater ſtolz. Ich habe hier zu gebieten! Hören Sie, dort kommt ſchon die Krankenpflegerin den Gang herauf. Es iſt nicht Raum für mehr denn zwei Menſchen hier in der Zelle! Ich muß alſo gehen? fragte ich traurig, und blickte auf das erſtarrte Marmorantlitz Nataliens. Sie lieben alſo dieſe arme Unglückliche? fragte An⸗ ſelmo mit mildem Ton. Ich liebe ſie ſo ſehr, daß ich entſchloſſen war um ihretwillen in's Kloſter zu gehen! = 75— Armes Kind! ſeufzte der Pater. Nehmen Sie Ab⸗ ſchied von ihr! Ich ſtürzte zu Nataliens Lager hin. Ich bedeckte ihre Hände, ihre todeskalten Lippen mit Küſſen, ich weinte über dieſer bleichen, ſtolzen Stirne. Eine dunke Ahnung ſagte mir, daß ich Natalien niemals wieder⸗ ſehen würde, daß wir geſchieden ſein mußten für das Leben. Pater Anſelmo hob mich empor von meinen Knieen, und die Schweſter Krankenwärterin, die hinter mir ge⸗ ſtanden, nahm meine Stelle am Lager Natalien's ein. Lebewohl! Lebewohl! ſagte ich ſchluchzend, und eilte fort aus dieſer troſtloſen Zelle, fort aus dieſem un⸗ heilsvollen Kloſter.—— Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen! Ich ſolle Natalie nicht wirderſehen! Wohl ging ich am andern Morgen in's Kloſter,— Natalie, hieß es, ſei gefähr⸗ lich erkrankt, und Niemand dürfe zu ihr gelaſſen wer⸗ den. Ich ging noch viele Morgen hin. Immer die⸗ ſelbe Antwort! Ich bat, ich weinte,— umſonſt! Ich verlangte Anſelmo zu ſehen. Er war mit der Wärte⸗ rin bei der todeskranken Natalie. Ich beſchwor die Frau Priorin, ſo lange, ſo leidenſchaftlich, mir Pater — 76— Anſelmo rufen zu laſſen, daß ſie endlich meinen Bitten nachgab, und nach dem Pater ſchickte. Der Bote kam zurück. Pater Anſelmo könne die Kranke nicht verlaſſen, war die Antwort, aber im Auftrage der Schweſter Natalie habe der Bote mir etwas zu übergeben. Ein kleines, verſtegeltes Packet ward mir eingehän⸗ digt. Ich öffnete es haſtig. Eine lange ſeidenreiche Haarflechte war darin enthalten, und ein kleines Me⸗ daillon mit einem verwelkten Blümchen darin. Dieſe Blume war Richard's erſte Gabe an Natalie geweſen, ſie hatte ſte treulich in goldener Kapſel aufbewahrt; dieſe Haarflechte war am Tage ihrer Einkleidung von Nataliens Haupt gelöſt. Ein Papierſtreifen war um das Haar gewickelt, darauf ſtanden die faſt von Thrä⸗ nen verlöſchten Worte: Lebewohl! Ewig Deine Freundin Natalie!— Ich drückte das Blatt an meine Lippen und enteilte dem Kloſter. Wenige Tage ſpäter verließen wir die Stadt. Lange noch, als die Stadt ſchon hinter uns lag, blickte ich rückwärts nach dem Kloſter, das, auf einer Anhöhe belegen, mit ſeinem hohen Kirchthurme weit hinausragte über die umgebenden Gebäude. Ich —.n— grüßte Natalie mit meinen Gedanken, und meiner Liebe, und als in der Ferne die Umriſſe des Kloſters am Horizonte verſchwanden, ſeufzte ich, mit Thränen im Auge: lebewohl, Natalie! Du biſt für mich ge⸗ ſtorben! „. IV. Das Vermächtniß. Jahre vergingen ſeitdem, ſie brachten in wechſelvol⸗ lem Lauf mir Freude und Glück, Liebe und Schmerzen, aber weder in der Freude, noch im Kummer konnte ich Jemals Nataliens vergeſſen, der bleichen Nonne, der ſteinernen Heiligen. Ich hatte oft verſucht, Erkun⸗ digungen über ſie einzuziehen, aber all' mein Bemühen war vergeblich geweſen, meine Briefe an ſie blieben unbeantwortet, Keiner wollte oder konnte mir Nachricht geben von der armen, gefangenen, ſchmerzbeladenen Natalie!— Da brachte mir kürzlich der Briefträger ein großes ſchwarzgeſiegeltes Packet. Die Aufſchrift war an mich, aber von einer mir ganz fremden, unbekannten Hand. Neugierig betrachtete ich das Siegel, es zeigte eine Mönchsgeſtalt mit der Umſchrift:„Alles für den Orden!“— Das kommt von Anſelmo, ſchrie ich angſtbeklommen, voon Anſelmo gewiß, und Natalie iſt todt! So war es! Das Packet enthielt zuerſt einen kurzen, lakoniſchen Brief von Anſelmo. „Natalie iſt todt, ſchrieb er. Gott hat gewollt, daß ſie viele Jahre länger lebte und litt, als der kurzſich⸗ tige Menſchenverſtand es ahnen konnte. Jetzt hat ſie überwunden. Sie iſt geſtorben, wie Sie ſie kennen. Entſchloſſen, feſt, ſicher und ruhig. Sie verſchmähte die heiligen Sacramente und den Troſt der heiligen Beichte noch auf ihrem Sterbebette. Sie ſtarb, wie ſte gelebt, im Glauben an ein ewiges Daſein, im Vertrauen auf einen gütigen Gott, aber der Welt flu⸗ chend und den Prieſtern. Ich habe in ihre ſterbende Hand gelobt, Ihnen Nataliens Vermächtniß, das ſie ſelbſt mit zitternden Händen für Sie geordnet und ver⸗ ſiegelt hat, zu überſenden. Ich halte Wort. Ohne den Inhalt dieſer Papiere zu kennen, überliefere ich ſte Ihnen! Was ſie enthalten, mir kann es gleichgültig ſein! In den Schneefeldern des St. Gotthard, wohin 4 — 80— ich gehe, kümmert es mich wenig, was da außen ge⸗ ſchieht und geſprochen wird in der Welt. Natalie hat mir vergeben, das genügt. Und indem ich verſuche Unglücklichen zu helfen, werde ich das Unheil ſühnen, das ich früher Andern bereitet!“ Anſelmo. Mit überſtrömenden Augen, zitternd in Schmerz und Freude zerbrach ich das Siegel, das Natalie mit eige⸗ ner Hand auf das beigefügte Packet gedrückt. Es ent⸗ hielt nichts als eine Reihe von Schriften und Aufſätzen, alle von Nataliens eigener Hand geſchrieben. Dabei lag ein Brief von ihr. Er lautete: Endlich geht es zu Ende! Meine Buße iſt vollen⸗ det! Die Nacht ſinkt von meinen Augen, und es wird Licht werden und göttliche Helle! Ich habe Dich ſehr geliebt, und ich entſagte Dir,— ich war nur auf Erden, um Buße zu thun! Ich verſagte es mir, Deine Briefe zu beantworten, aber ich dachte an Dich, und ich ſchrieb täglich an und für Dich! Längſt habe ich abgeſchloſſen mit der Welt, ihre Schmerzen ſind überwunden, ihre Leiden berühren mich nicht mehr. Als ich zu ſchwach geworden zur Kran⸗ kenpflege im Kloſter, als man mich auf meine Zelle * —— beſchränkte, und nie unterbrochene Einſamkeit mich um⸗ gab, da tauchte er wieder in mir empor, dieſer glühende Haß gegen die, welche mich verrathen, verführt, welche mein Glück vernichtet, meine Ruhe untergraben. Und dieſe Alle, welchen ich fluchte in meines Herzens bitte⸗ rer Pein, dieſe Alle, ſte waren Prieſter geweſen! Und ich ſchwur mir mit zitternder Lippe, Rache zu nehmen an dieſen gottesleugneriſchen Prieſtern, und dieſen Un⸗ heil ſäenden Beichtvätern! Rache! Rede mir Keiner von Vergebung und Mitleid. Hat Gott mir vergeben, hat Gott mir Mitleid gegönnt? Oh, wie hätte ich ſo lange leben können, wenn er mir vergab, wie hätte ich ſo lange leiden müſſen, wenn er Mitleid hatte! Nein, Gott kennt weder Erbarmen, noch Gnade! Er kennt nur die Rache! Ich habe ſie geduldet, dieſe Rache, es ſollen ſie auch Andere dulden durch mich! Fluch den Prieſtern, Rache den Beichtvätern! Das iſt das Gebet, das ich täglich gebetet, und um deſſen Vollendung ich täglich Himmel und Hölle beſchworen habe. Die Prieſter ſind es geweſen, welche meine Jugend vergifteten, die Beichtväter haben mit ihren hölliſchen Künſten mich zu einer Mörderin gemacht! Und was ſie mir gethan, das haben ſie Tauſenden von Dragonern niedergemetzelten Hugenotten, die könig⸗ 2 — 22— vor mir gethan, das werden ſie Tauſenden nach mir thun! Ich habe hineingeblickt in das große Buch der Geſchichte, ich bin der Spur der Prieſter und Beicht⸗ väter gefolgt auf allen ihren Wegen, ich habe die Feuer beobachtet, welche ſie entzündet, die Kriege, welche ſie angefacht, ich habe das Unglück geſehen ganzer Völker, die ſie beherrſchten und unterjochten, das Verderben der Fürſten und Könige, die ihrem Rathe ein williges Ohr liehen, die ſich leiten ließen von ihren Beichtvätern. Ja, ja, die königlichen Beicht⸗ väter, die ſind es, welche ganze Völker vernichteten, welche Throne ſtürzten, und Reiche zu Grunde richteten! Sieh dort die Feuer, welche ganze Städte verwüſteten, die königlichen Beichtväter haben ſie angezündet, höre das Jammern und Wehklagen der armen, flüchtigen, lichen Beichtväter haben die Dragonaden angeordnet! „ Höre das Jammergeheul der armen, von Roſſeshufen — zertretenen Indianer, die königlichen Beichtväter haben es veranſtaltet, ſtehe dieſe Ströme von Blut, die in blutiger Schlacht in Holland und Spanien, in Italien und Frankreich vergoſſen worden, die königlichen Beicht⸗ väter haben es vergoſſen, ſie haben die Aufruhrfackel 4 — 83— geſchwungen über der ganzen Welt, ſie haben gemor⸗ det mit Gift und Dolch, Völker und Fürſten, wie es paßte in ihre Plane, und zu ihren ehrgeizigen Zwecken! Siehſt Du, als ich Das ſah in den großen Büchern der Geſchichte, da habe ich zuweilen an dem Unglück der Welten, das die Beichtväter verſchuldet, mein eige⸗ nes Elend vergeſſen, da iſt es mir wie ein Balſam⸗ tropfen in mein Herz gefallen, und ich habe zu mir ſelber geſagt:„ich habe im Kleinen erduldet, was die Völker und Könige im Großen erduldet.“ Anſelmo hat mir viele Bücher gebracht, ſie liegen hoch aufgeſtapelt um mich her, ich habe ſie alle ge⸗ leſen, zu demſelben Zwecke, ich habe in allen dieſelbe Spur verfolgt, ich bin in allen den Prieſtern nach⸗ geſchlichen, und habe ſie aufgeſpürt in ihrem geheim⸗ ſten Wirken und in ihrem machtvollen Einfluß. und die Rache hat meine Hand geführt, daß ich aufzeis 22 nete, was ich geleſen, daß ich in Bildern nnd Ge⸗. ſchichten mein Tagebuch führte über Prieſtetherrſchaft. und Beichtvätergewalt. Die Beichtväter der Könige, das ſind die wichtigſten und einflußreichſten Prieſter geweſen. Von ihnen will ich Dir erzählen, von ihnen ſollſt Du auf dieſen Blät⸗ 6* 22 tern leſen, was ich in manchem Jahr aus Büchern und Manuſcripten von ihnen erfahren. Denke nicht, daß dieſe finſtern Bilder und dieſe troſtloſen Erzählun⸗ gen nur Gebilde meiner aufgeregten Phantaſte, nur Schmerzensſchreie meiner gefolterten Seele,— es iſt Alles Wahrheit und Wirklichkeit, und überall werde ich die Quellen Dir anführen, aus denen ich geſchöpft, das Material Dir bezeichnen, das ich benutzt, um Dir dieſes Denkmal meiner Rache und meiner Wirſterſaind⸗ ſchaft aufzurichten. Du, laß es hinaustreten in die Welt, und mnahten auch nur Wenige ihre Blicke darauf heften, dieſen Wenigen wird es zur Belehrung dienen! Da haſt Du meine Tagebücher! Es iſt das einzige Geſchenk der Liebe, das Dir Natalie weihen kann, und wenn Du dieſe Blätter lieſeſt, ſo gedenke dabei an die ſteinerne Heilige, welche von den Prieſtern vernichtet, von den Beichtvätern verführt ward, an Natalie, die Den erſchlug, welchen ſie liebte, und Dem ſich ergab, welchen ſie haßte! An die arme Nonne, welche lebte, um Buße zu thun, und die Gott nicht ſterben ließ, weil er kein Mitleid hatte mit der Mörderin! ua Natalie. — Es iſt Nataliens Vermächtniß, das ich hiermit der Welt übergebe. Ich habe nicht gewagt an ihm zu ändern und zu feilen.— Vielleicht wäre es beſſer ge⸗ weſen, Manches hinwegzulaſſen,— ich habe nicht den grauſamen Muth dazu gehabt, heilig war mir Nata⸗ liens Vermächtniß, ich gebe es, wie ſie es mir gege⸗ ben, unverkürzt und ungeändert! 4 L. Mühlbach. —— —— Père La Chaise, Beichtvater Ludwig XIV. von Frankreich. —— J. Die Enttäuſchung. Der größte, der vielbedeutendſte und gewandteſte aller Beichtväter war Pére la Chaise, des großen Ludwig's Beichtvater. Könige und Fürſten bewarben ſich um ſeine Gunſt, die königlichen Geliebten lächelten ihm mit ihrem ſüßeſten Lächeln, und der Papſt ſelbſt verſchmähte es nicht, manches Wort der Bitte an den klugen, gewandten Prieſter zu richten. Nie gab es einen ſchmeichleriſcheren Höfling, einen gewandteren Diplomaten, einen grauſameren Henker, einen gewiſſen⸗ loſeren Verräther, einen ausſchweifenderen Wollüſtling, einen fanatiſcheren Prieſter als Pére la Chaise es war. Durch die Macht ſeiner Rede bezwang er jeden Widerſtand, durch die Klugheit ſeiner feinangelegten Plane überliſtete er die klügſten ſeiner Feinde. Eine zugefügte Beleidigung vergab er nie, ſondern verfolgte — 90— mit glühender Rache, mit unveſehnlichem Haſſe den Beleidiger bis zu ſeinem Tode, oft noch über den Tod hinaus, indem er ihnen ehrliches Begräbniß ver⸗ ſagte. Ehrgeizig bis zum Uebermaß, zeigte er nur denen ſich gefällig und gütevoll, die durch Rang und Stellung ihm nützlich und förderlich ſein konnten, ge⸗ gen dieſe aber war ſeine Gefälligkeit ohne Grenzen, und wenn es darauf ankam, ſolchen zu dienen, ver⸗ ſchmähte er ſelbſt nicht die unredlichſten Mittel, die unmoraliſchſten Handlungen. La Chaiſe war der Sohn eines armen Edelmannes zu Lyon. Unter vielen Geſchwiſtern zeichnete ſich der Knabe ſchon frühe aus durch ſeinen lebhaften Geiſt, ſein einnehmendes und gefälliges Betragen, und ſein Vater, des Knaben Fähigkeiten gewahrend, raffte ſeine letzten Mittel zuſammen, um den hoffnungsvollen Sohn zu einem Gelehrten erziehen zu laſſen. Er gab den Knaben in ein Seminar; durch ſeinen lebhaften Geiſt, ſeinen glühenden Eifer für die Wiſſenſchaft zeich⸗ nete er bald vor allen andern Schülern ſich aus, und ward der Liebling des Rectors, des vielbekannten und gelehrten Pater de Vaur. Aber auch der Liebling der Frauen ward der junge feurige Jüngling, deſſen blaue glühende Augen mit ſo lebhaftem Ausdruck, mit ſo hinreißender Beredſamkeit die Bewunderung auszudrücken wußten, welche ihm die Schönheit einflößte. Feurig in all' ſeinem Thun, glü⸗ hend in all' ſeinen Neigungen, genügte dem ſechszehn⸗ jährigen Jünglinge bald nicht mehr das ſchmachtende Bewundern, das ehrfurchtsvolle Anbeten, ſein Herz drängte der Liebe entgegen, und dem erſten lächelnden Augenpaar, das glückverheißend und vielverſprechend ihn anlockte, ergab ſich ſein Herz. Es war im Jahr 1644, als an einem ſchönen ſon⸗ nigen Herbſttage der junge La Chaiſe, die Herbſtferien benutzend, das Seminar und Lyon verließ, um einen Freund, der in der Nähe von Macon ein Landhaus beſaß, zu beſuchen. Er war nicht allein, der junge La Chaiſe. Neben ſeinem Maulthiere trabte ein zwei⸗ tes einher, und auf demſelben ſaß die junge und ſchöne Laura, des muntern Studenten La Chaiſe's leichtfertige Geliebte. Sie waren ſehr glücklich, ſehr zufrieden, die jungen Liebesleute, Laura ſchwur in jeder Minute, daß ſte für den Augenblick Niemand anders liebe als ihn, und La Chaiſe hörte ihr zu mit leuchtenden Augen, aber einem leiſen ungläubigen Lächeln. Zuweilen, wenn — 92— ſie irgend einen ſchattigen Wald paſſirten, hielten ſie ihre Maulthiere an, und ſtiegen ab, um Herz an Herz gedrückt, in ſüßer Umſchlingung ein wenig auszuruhen von den Beſchwerden der Reiſe, und, auf weichem Mooſe gelagert, des ſüßen Friedens dieſer duftenden Waldeinſamkeit zu genießen. Den Liebenden vergeht die Zeit raſch, ſie hatten ſo oft geruht, ſie hatten ſo lange geplaudert und gekoſt, daß der Abend einbrach, bevor ſie noch die Hälfte des Weges zu dem Land⸗ hauſe des Freundes zurückgelegt hatten. Man ſah ſich genöthigt, in einem Gaſthauſe, an dem ſie vorüber⸗ kamen, zu übernachten. La Chaiſe begehrte für ſich und für die, welche er mit zärtlichen Blicken ſeine „junge Gemahlin“ nannte, ein gemeinſames Zimmer, und verließ, während Laura von dem Zimmer Beſitz nahm, das Haus, um noch ein wenig dieſer ſo dufti⸗ gen, ſo ſüß erquicklichen Abendkühle zu genießen. Sein ganzes Weſen war in Aufregung und Gluth, er ge⸗ dachte mit hochklopfendem Herzen dieſes erſten, ſo ſeli⸗ gen, ſo genußreichen Tages, den er an der Seite eines jungen Weibes hingebracht, und er liebte das Mäd⸗ chen, welches die Erſte geweſen, die ihn dieſe Ent⸗ zückungen kennen gelehrt, mit allem Feuer der Dank⸗ 8— 93— barkeit und Leidenſchaft. Jedes ihrer Worte ſich zurück⸗ rufend, jeden ihrer zärtlichen Blicke ſich erinnernd, wan⸗ delte er traͤumend, ſinnend in den dunklen Alleen des Gartens auf und ab, und ſchwur im Geiſte ſeiner Laura eine ewige Dankbarkeit, eine ewige, unvergäng⸗ liche Liebe. Vor dem Gaſthauſe war indeß ein Reiter angelangt, der von dem herbeieilenden Wirth ein Zimmer und Nachtquartier begehrte. Die Nacht hatte auch ihn überfallen, und das nächſte Dorf war noch zu weit entfernt, um bei der nächtlichen Unſicherheit der Land⸗ ſtraßen bis dahin gelangen zu können. Der troſtloſe Wirth erklärte ſeufzend, daß er nur Ein Zimmer habe, und daß dies bereits von einem jungen Edelmann und ſeiner Gemahlin in Beſitz genommen. Aber ich kann nicht weiter, ſagte der Reiſende er⸗ zürnt, habt Ihr ein Gaſthaus, ſo müßt Ihr auch Reiſende aufnehmen können. Ich verlange Quartier und Bett. Ein Bett ließ ſich herrichten, ſagte der Gaſtwirth, wir könnten es in dem Zimmer des jungen Edelmannes aufſtellen, wenn dieſer nichts dawider hat. Der Fremde ſchwang ſich vom Pferde, und erklärte 9½ 4- 4— ſelber um die Erlaubniß des Edelmannes nachſuchen zu wollen. Aber er fand in dem bezeichneten Zimmer Niemand als ein junges, ſchönes Weib im leichten Nachtgewande, und als er dieſe in tiefſter Ehrerbietung um die Erlaubniß bat, dies Gemach mit ihr und ihrem Gatten theilen zu dürfen, gewährte ſie mit einem ge⸗ winnenden gütevollen Lächeln ſeine Bitte. Der Fremde bewunderte die Schönheit dieſes jungen Weibes, die Ueppigkeit ihres Wuchſes, die vollen, runden Arme, den ſchlanken, blendend weißen Hals, das lieblich ge⸗ röthete jugendliche Antlitz; er wagte es, ſeiner Bewun⸗ derung Worte zu leihen, und die junge Dame nahm ſeine Huldigungen ohne zu zürnen auf. Kühner ge⸗ macht, wurden die Worte des Fremden glühender, er wagte es endlich, dieſe ſchöne Hand zu berühren, ſie an ſeine Lippen zu drücken. Dieſe Hand ſtieß ihn nicht zurück; er ſchlang einen Arm um dieſe ſchöne, üppige Geſtalt, und zog ſie an ſein ſtürmiſch klopfen⸗ des Herz. 6 Ein furchtbarer Schrei unterbrach das zärtliche Paar, und auf der Schwelle der Thür ſtand der junge Edel⸗ mann, ſtand La Chaiſe mit zorngerötheten Wangen, mit flammenden Blicken. Wüthend riß er den Degen aus der Scheide und ſtürzte ſich auf Laura und den Fremden, entſchloſſen, mit Beider Tode ſeine Beleidi⸗ gung und Laura's Verrath zu rächen. Der Fremde, ſtatt ſich zu vertheidigen, wollte entfliehen. La Chaiſe hielt mit einem Ausrufe des Zornes den Feigling an ſeinem langen ſchwarzen Haar zurück, aber,— das Haar gab nach, die Perrücke blieb in des Jünglings Händen. Ein Prieſter! rief La Chaiſe erſtaunt, als er das entblößte mit der Tonſur geſchmückte Haupt des Frem⸗ den erblickte. La Chaiſe! rief der halbohnmächtige Fremde. Pater de Vaux! mein Präceptor! ſchrie La Chaiſe, und die Perrücke entſank ſeiner Hand. Schweigend, ſtumm einander anſtarrend, ſtanden die Beiden ſich gegenüber. Laura, die ſich hinter den Vor⸗ hängen des Bettes geflüchtet hatte, blickte neugierig zwiſchen den Gardinen hindurch, und brach in ein lautes, ſpöttiſches Lachen aus. Dieſes Lachen gab La Chaiſe die Beſinnung wieder, er warf mit einer Geberde der Verachtung ſeiner ſchö⸗ nen Geliebten die Perrücke ihres neuen F Geſicht, und ſich dann an den Pater n reundes in's nd, ſagte — 96— er mit ſpöttiſcher Demuth und höhnender Unterwürſig⸗ keit: Wahrlich! Ihr ſeid es ſelber, Ihr in eigener Perſon, mein würdiger und höchſt ehrwürdiger Vater! Verzeihet, daß ich Euch ſo übel behandelte, aber wer konnte Ew. Ehrwürden hinter dieſer höchſt weltlichen Kleidung und in dieſer höchſt irdiſchen Umarmung ver⸗ muthen! Indeß, obwohl unwiſſentlich, habe ich Euch dennoch ſchmachvoll beleidigt, und ich werde genöthigt ſein, vor all' den würdigen Patres unſeres frommen Hauſes mein Unrecht gegen Euch zu bekennen, und Buße zu thun! & Dies war eine Drohung, die wohl geeignet war, den entſetzten Jeſuiten aus ſeiner Erſtarrung aufzu⸗ ſchrecken. Er legte ſeiner Beſchämung und ſeinem In⸗ grimm ſehnell und mit jeſuitiſcher Gewandtheit die Maske der Freundlichkeit auf, und beſchwor ſeinen jungen Schüler, ſeinen zu ſchonen, und ijnnicht zu verrathen. Werdet auch Ihr mich n verrathen? fragte La Chaiſe. Niemals! rief der Pater, und glaube mir, mein Sohn, da mich tief betrübt, Dir das Madchen, welches ſt, abwendig gemacht zu haben. V — 97— Ein zorniges Lachen tönte von des Jünglings Lip⸗ pen. Ich ſollte ſie lieben, dieſes leichtfertige Weib lie⸗ ben? fragte er mit erzwungener Fröhlichkeit, während er mit Gewalt die Thräne zerdrückte, die ſich wider Willen in ſein Auge drängte. Nein, ich liebe ſte nicht! Sie war mir nur das Spielwerk eines heitern Tages, nur eine vorübergehende Laune, weiter nichts! Nein, nein, Du lügſt, rief Laura mit ihrer ſüßen, verführeriſchen Stimme, Du lügſt, ſage ich. Wie oft haſt Du mir heute ewige Liebe geſchworen, wie haſt Du mit Thränen mir gedankt für meine Liebe und Dein Glück. Dieſe Erinnerung an ſeine Leichtgläubigkeit und ſeine Einfalt machte ihn raſend. Mit zuckender Lippe, mit flammenden Augen ſchritt er zu Laura hin, und faßte ihre Hand, daß ſie laut aufſchrie vor Schmerz. Du ließeſt Dich alſo täuſchen, eitle Thörin, ſagte er mit einem erzwungenen Lachen, Du glaubteſt alſo im Ernſt, daß ich einem ſo elenden, heuchleriſchen, betrügeriſchen Ding, wie es ein Weib iſt, Treue und Liebe ſchwören könnte? Ach, ich liebe Dich, ſagſt I. 7 — 98— Du! Nun wohl, ich will Dir zeigen, wie ich Dich liebe! Mit einer raſchen Bewegung hob er das Mädchen empor und trug ſie zu de Vaur hin. Da, ſagte er, Laura dem Pater in die Arme werfend, da habt Ihr ſie! Ich ſchenke ſie Euch! Und wenn Ihr ihrer über⸗ drüſſig ſeid, könnt Ihr ſie zum Fenſter hinauswerfen, mich kümmert's gar nicht! Vielleicht, wenn es meine Laune ſo iſt, werde ich ſie dann aufheben, und bei ihr mich noch weiter üben in dieſen Schwüren und Liebesbetheurungen, mit denen man dieſe leichtgläubi⸗ gen, albernen Weiber betrügt, vielleicht gehe ich acht⸗ los an ihr vorüber, und laſſe ſie in dem Staube lie— gen, in welchen Ihr ſie geworfen. Das iſt Alles! So ſprechend verließ La Chaiſe das Gemach und ſtürmte hinaus in die dunkle Nacht, die jedem menſch⸗ lichen Auge ſeine Thränen und das ſchmerzliche Zucken ſeiner Züge verbarg.— Er kämpfte lange mit ſeinem Schmerz und ſeiner Qual, er rief Klagen und Ver⸗ wünſchungen hinaus in die nächtliche Einſamkeit, er rang die Hände in der Pein dieſer erſten Enttäuſchung. Aber dieſer Sturm ging vorüber, der Schmerz ver⸗ — 99— ſtummte, und nur ein finſterer Groll, ein entſetzlicher Ingrimm blieb zurück in ſeinem Herzen. Er hob die geballte Fauſt empor, und ſchwur, an der ganzen Welt ſich zu rächen für die Bitterniß dieſes Tages, an allen Weibern Rache zu nehmen für die Heuchelei und die Untreue dieſes Weibes, welches er geliebt hatte mit den erſten Gluthen ſeines jungen Herzens, Rache zu nehmen an allen Männern für die Falſchheit und ſcheinheilige Sittenreinheit des Mannes, den er geliebt hatte als ſeinen väterlichen Freund, den er geachtet hatte als ſeinen Lehrer und Vorgeſetzten. Ich werde Niemand mehr glauben, Niemand mehr vertrauen, ſagte er zähneknirſchend. Ich werde gegen Alle freundlich ſein, um Alle zu überliſten. Ich will den Weibern gefallen, und das Vertrauen der Männer gewinnen, ſie ſollen mir Alle nützen zu meinen Zwecken, und wenn ſie mir genutzt haben, will ich ſie mit dem Fuße von mir ſtoßen! Lange noch ſtürmte er auf einſamen Pfaden durch die Nacht dahin. Schwüre und Verwünſchungen, Dro⸗ hungen und Worte des finſterſten Grolles tönten von ſeinen Lippen. Sein Dämon ſchwebte über ihm und 7* — 100— zeichnete ſeine Worte auf, und von der Tafel, auf welche er ſie geſchrieben, ſanken heiße Blutstropfen und zuckende Flammen hernieder auf das Haupt des Jünglings, der mit ſeinem erſten Schmerz und ſeiner letzten Enttäuſchung rang. — 101— II. Die Erziehung. Der Morgen dämmerte, ſchwankend, bleich, aber entſchloſſenen Herzens, und ruhigen Angeſichtes ſchritt La Chaiſe wieder dem Gaſthof zu, den er am Abend zuvor in dem Sturme ſeiner Schmerzen verlaſſen hatte. Dieſe Qual iſt überwunden, ſagte er aufathmend. Ich werde niemals mehr Schmerzen empfinden, ſon⸗ dern nur noch Schmerzen verurſachen! Ah, ich werde ſehr heiter ſein, ſehr luſtig, die da drinnen möchten ſonſt glauben, daß ich noch leide. Man iſt ſehr lächer⸗ lich, wenn man getäuſcht worden, und ſich darüber beklagt. Ueber mich aber ſoll Niemand lachen dürfen! Mit einem bittern Lächeln trat er in das Haus und begab ſich feſten Schrittes in das Gemach, in welchem Pater de Vaur und Laura in banger Unruhe um den Entflohenen die Nacht durchwacht hatten. — 102— Sie empfingen ihn mit freudigen Ausrufen. De Vaur reichte ihm die Hand dar, Laura warf ſich in ſeine Arme. La Chaiſe drückte dem Pater die Hand und nannte ihn ſeinen Freund, er preßte Laura in ſeine Arme und nannte ſie ſeine reizende, ſchöne Ge⸗ liebte. So, nun biſt Du wieder wie ſonſt, nun liebe ich Dich wieder, jubelte Laura. Nun erkenne ich Dich wieder als meinen klugen, geiſtvollen Schüler, frohlockte de Vaur. Ich werde immer Euch Beiden Chre machen, ſagte La Chaiſe, und verſuchte zu lachen. Von Dir, Laura, will ich die Liebe lernen, und von Euch, ehrwürdiger Vater, die Kunſt zu leben.— Ah, Du wirſt uns Beiden ein würdiger Schüler ſein! lachte Pater de Vaut. Ich will Dich lehren, wie man es macht, um die Weiber zu betrügen, und von ihnen geliebt zu werden, ſagte Laura. ⸗ Und ich will Dein Lehrer ſein in der ſchweren Kunſt das Leben zu genießen, Dir alle Genüſſe zu erlauben, und doch für einen Tugendhelden zu gelten, rief Pater de Vaur. — 103— Gut, gut, ich bin Euer Schüler, ſchrie La Chaiſe in gewaltſamer Heiterkeit. Vivat hoch, es lebe die Liebe, es lebe die Falſchheit. Wein her, Gläſer, Herr Wirth! Wir wollen trinken und fröhlich ſein! Sie tranken und jubelten, ſie ſangen luſtige Lieder, und überließen ſich den Ausbrüchen der ungebundenſten Fröhlichkeit. Und der Heiterſte, der Uebermüthigſte von ihnen Dreien war La Chaiſe, ſein Lachen über⸗ tönte das ſeiner Gefährten, ſeine Scherze waren die übermüthigſten, ſeine Witzworte die tollſten und bei⸗ ßendſten. Nur zuweilen, wenn er ſich unbemerkt ſah, preßte ſich ſeine Lippe krampfhaft zuſammen, legte ſich ſeine Stirne in Falten, und ein finſterer Groll ſprach aus ſeinen Zügen. Aber das war nur momentan, es verſchwand ſchnell, und La Chaiſe lachte und ſcherzte ſchnell wieder, wie zuvor. Bald ſank Laura, von Wein und Fröhlichkeit be⸗ täubt, in Schiummer. Ah, Laura ſchläft, ſagte La Chaiſe, wie traurig, daß ich nicht Petrarca's Kunſt beſitze, um ein Sonett zu machen auf die Roſenlippen der keuſchen Laura. 1 Im Ernſt, ich denke, Petrarca hat es nur nicht ver⸗ — 104— ſtanden, die Keuſchheit ſeiner Laura zu beſiegen, ſeine Ungeſchicklichkeit war daran Schuld, nicht ihr Wille. Sie durfte ihm ja keine Gunſt gewähren, lachte de Vaur, ſie mußte ja fürchten, daß er in ſeiner zärtlichen Geſchwätzigkeit jedes Zeichen ihrer Gunſt vor aller Welt in hochtrabenden Verſen beſingen würde. Petrarca ver⸗ ſcherzte ſein Glück, weil er zu plauderhaft war. Die erſte Bedingung in der Liebe iſt die Verſchwiegenheit! Ah, ſagte La Chaiſe, bei der Verſchwiegenheit fällt mir ein, daß ich Euch, ehrwürdiger Vater, gelobt habe, nichts zu verrathen von unſerm ſeltſamen Zuſammen⸗ treffen. Aber wenn ich Wort halten ſoll, müßt Ihr mir Euer ganzes Vertrauen ſchenken, und mir geſtehen, was Eure Verkleidung bedeutete, und wohin Ihr Euch begeben wolltet. Pater de Vaur war klug genug, zu bedenken, daß, um ſich der Verſchwiegenheit und Treue eines Men⸗ ſchen zu verſichern, der ſchon mehr von einem Geheim⸗ niß weiß, als er wiſſen ſollte, es kein beſſeres Mittel giebt, als ihm volles Vertrauen zu ſchenken, und durch die Bande der Freundſchaft ſeine Zunge zu feſſeln. Er reichte daher ſeinem jungen Freunde die Hand hin, und ließ ſich noch einmal unverbrüchliches Schwei⸗ 4 — 105— gen geloben. Dann erzählte er ihm, daß er bei ſeinem frühern Aufenthalt zu Chalon die Liebe einer jungen Frau, deren Beichtvater er geweſen, und deren Gatte ein reicher Kaufmann ſei, gewonnen habe. Obwohl ſeit ihrem erſten Begegnen ſchon drei Jahre vergangen, ſei dieſe Geliebte ihm dennoch treu geblieben, und habe ihr Liebesverhältniß vor ihrem Gemahle zu verbergen gewußt. Sie bewohne für den Augenblick ein Land⸗ haus in der Nähe von Bellegarde, und öfter ſchon habe er ihr dort in dieſer weltmänniſchen Verkleidung als ihr naher Verwandter einen Beſuch gemacht. Ihr Mann, der nichts Böſes ahne, habe ihn immer ſehr zuvorkommend aufgenommen, und nenne ihn ſeinen theuren Freund. Zu ihr, zu ſeiner Roſa habe er auch diesmal gewollt, als er hier auf ſeltſame Weiſe mit ſeinem jungen Freunde zuſammen getroffen. Und der Pater Rector, was hält der von Eurer Reiſe? fragte La Chaiſe. Ich habe ihm geſagt, ich gehe nach Dijon, um einen Freund zu beſuchen. Ah, überall Lüge und Betrug! ſagte La Chaiſe mit einem rauhen Lachen. — 106— Was willſt Du, man kann nicht anders fortkommen in dieſer Welt, rief de Vaur achzelzuckend. Ich glaub' es, ich glaub' es, rief der Jüngling ſin⸗ nend. Aber doch ſcheint mir, als ob die Religion ſolche Mittel des Fortkommens verbiete. Die Religion verbietet Vieles, worin der Menſch nicht gehorchen kann! rief de Vaur lachend. Aber wie fängt man es an, fragte La Chaiſe ge⸗ dankenvoll, die Gebote der Religion mit ſeinem eigenen Gelüſte in Einklang zu bringen? Ihr zum Beiſpiel, ehrwürdiger Vater, habt das Gelübde des Prieſters abgelegt, das Euch gebietet, kein Weib zu lieben, und Keiner Euch zu nahen in unheiliger Begierde. Doch liebt Ihr nicht allein, ſondern Ihr liebt noch ſogar das Weib eines Andern, den Ihr verrathet und hin⸗ tergeht. Fürchtet Ihr denn nicht die Strafe, welche dieſes Brechen Eures Gelübdes nach ſich zieht? Ah, rief de Vaur, Gewiſſensſcrupel! Wiſſe denn, mein junger Freund, daß mein Gelübde recht gut mit meiner Lebensweiſe in Einklang zu bringen iſt! Wir haben unſere geheime Sittenlehre, die wir freilich in unſern Schulen nicht öffentlich lehren können, weil die — 107— Jugend und die Uneingeweihten ſie nicht zu begreifen vermögen! Es gehört ein ſtarker Geiſt und ein offener Kopf dazu, um ſie zu begreifen! Ich habe Beides, ſagte La Chaiſe glühend, mein Geiſt iſt ſtark genug, um vor keiner Lehre zurückzu⸗ ſchrecken, mein Kopf iſt offen genug, um ſelbſt die dunkelſte Weisheit in ſich aufzunehmen. Ich will Euer Schüler ſein, und meine ganze Seele glüht dieſer Eurer geheimnißvollen Lehre entgegen! Pater de Vaur nahm des Jünglings Arm, und führte ihn hinunter in den Garten. Sie gingen in die dichteſten Alleen, wo Niemand ſie ſehen, Niemand ſie belauſchen konnte, und mit lächelnder Lippe, mit leuchtenden Augen flüſterte de Vaur dem athemlos hor⸗ chenden Jüngling die geheimen Lehrſätze der eingeweih⸗ ten Jeſuiten in's Ohr, Lehrſätze, welche Sünde und Ehebruch, Ausſchweifung und Verbrechen geſtatteten und entſchuldigten. Er wußte für jedes ſeiner Worte ihm irgend einen der größten und verehrteſten Jeſuiten zu citiren, er ſagte ihm Worte von Escobar, von dem gelehrten Suarez und dem klugen Diana, Worte von diaboliſcher Zweideutigkeit, und dieſe Worte ätzten ſich wie ſcharfes Gift in die Seele des Jünglings ein, — 108— und ertödteten das letzte bange Zittern ſeines Gewiſſens und ſeines hinſterbenden Rechtsgefühls. Als er nach langem Zwiegeſpräch am Arme des Paters den Garten verließ, fühlte La Chaiſe eine fin⸗ ſtere, Alles verhöhnende Kälte ſein Herz überſchleichen, es legte ſich wie eine Eisrinde um ſeine Bruſt, alle dieſe zarten Blüthen des Erbarmens, des Mitleidens, der Begeiſterung, der Liebe, des Wohlwollens und der Menſchenfreundlichkeit begannen in ihm zu erſtarren und zu verwelken, angehaucht von der Todeskälte die⸗ ſer Lehrſätze, die er ſo eben vernommen. Sein Herz war leer an Liebe, aber ſein Kopf war angefüllt von hochſtrebenden Planen und ehrgeizigen Gedanken. Ich habe Eure Lehre begriffen, und ich werde ſie beherzigen, ſagte er mit ſchneidend kaltem Ton zu ſei⸗ nem Begleiter. Der Chrgeiz ſoll fortan meine Geliebte ſein, und die Heuchelei meine innigſte Freundin! Ich werde die Menſchen verachten, und ſie doch zu lieben ſcheinen. Jeder iſt ein Lügner und Treubrüchiger, ich werde Alle mit gleicher Münze bezahlen, und indem ich die Menſchen zu lieben ſcheine, werde ich ſie nur benutzen! Wozu fragte de Vaur. — — * „ — 409— Zu meinen Planen! ſagte La Chaiſe mit flammen⸗ den Augen. Und meine Plane werden das höchſte Ziel im Auge haben! Ich werde Alles unter meine Füße treten, um mich zu erheben, ich werde keine Sünde ſcheuen und keinen Verrath, vorausgeſetzt, daß ich dadurch meine Zwecke erreiche und meinem Ziele der Größe mich nähere. Pater de Vaur ſchloß ihn mit Freudenthränen in ſeine Arme. Ah, Du biſt mein Stolz und meine Freude, ſagte er, an Dir werde ich mir den größten und beſten meiner Schüler erziehen, und ich ſehe ſchon die Zeit kommen, wo unſer ganzer Orden Dich mit Stolz und Entzücken den ihren nennen wird! Vorausgeſetzt, daß ich Eurem Orden angehöre, ſagte La Chaiſe lachend.. Wie? rief de Vaur mit anſcheinendem Erſtaunen, iſt das noch zweifelhaft? Noch bin ich nicht entſchloſſen! ſagte La Chaiſe ruhig. Indeß laßt uns jetzt zu Laura gehen, zu unſerer hol⸗ den und ſchönen Magdalena! Ich ſehne mich nach ihren roſtgen Wangen und ihren üppigen, vollen Pur⸗ 3 urlippen. Und jetzt, da ich weiß, daß ich kein Un⸗ ⸗ begehe, indem ich ſie liebe, jetzt ſoll ſie mir — 110— doppelt theuer ſein! Wie ſpricht doch Euer gelehrter Diana? Oh, Ihr ſollt hören, daß ich Eure Lehren nicht vergeſſen habe. Er ſagt:„Die Liebe nimmt bei Einigen dermaßen überhand, wie bei denen, die nichts gegeſſen, der Hunger. Wie man nun aber darin einig iſt, daß ein ſolcher heißhungriger Menſch, wenn er weder Brod kaufen, noch ſolches aus Barmherzigkeit von Andern bekommen könnte, nicht ſündigt, wenn er ſo viel ſtiehlt, als er nöthig hat, um ſich zu ſättigen, warum ſollten wir dann denjenigen verdammen, der, von ſeiner heftigen Begierde getrieben, irgendwo ein Herz zu ſtehlen trachtet?“ Beide lachten und begaben ſich in's Haus zur ſchö⸗ nen Laura. — —-———o— —ð—C—— III. Das Jeſuitengelübde. La Chaiſe's Studien waren beendet, und ſeine Fa⸗ milie verlangte, daß er ſich für irgend einen Lebens⸗ beruf entſcheide, damit ſeine eigene Zukunft geſichert, und er im Stande ſei, ſeiner Familie die vielen Opfer, die ſte ihm gebracht, vielleicht zu erſetzen. Sein⸗Vater wandte ſich an den würdigen Pater de Vaur und bat, den Jüngling mit Rath zu unterſtützen. De Vaur ließ den jungen La Chaiſe zu ſich rufen. Es war ein milder, von keinem Wölkchen getrübter Frühlingstag. De Vaur nahm ſeines jungen Freun⸗ des Arm, und führte ihn hinunter in den Garten. Plaudernd wandelten ſie auf und ab in den langen, geſchnittenen Alleen, und mit freudiger Genugthuung ward der Pater gewahr, wie ſehr ſeine Lehren ge⸗ fruchtet in dem Herzen La Chaiſe's, und wie viel — Menſchenverachtung und Egoismus, wie viel Falſch⸗ heit und Heuchelei ſchon in der Seele des Jünglings Wurzel geſchlagen. Du biſt reif und geſchickt für das Leben, ſagte de Vaurx, und vor allen Dingen ſollteſt Du Dich jetzt für einen Lebenslauf entſcheiden! La Chaiſe lächelte fein. Das iſt ſchwer, ſagte er, und je mehr ich darüber nachſinne, deſto weniger kann ich zu einem Entſchluſſe kommen! Gebt mir Euren Rath, ehrwürdiger Vater! Meine Familie wünſcht aus mir einen Juriſten zu machen, aber das Recht widert mich an. Meine Seele brennt in heißem Ehr⸗ geiz, mein Herz glüht voll Tapferkeit und Muth! Deshalb möchte ich Soldat werden! Auf dem Felde der Ehre giebt es noch Lorbeern zu erkämpfen, dort kann ſelbſt ein Mann von geringer Herkunft ſich noch aufſchwingen zu Ehre und Anſehen vor der Welt! Und dabei Arme und Beine einbüßen, unterbrach ihn de Vaur. Die Zeit des Kriegesglanzes iſt vor⸗ über, und wenn Du auch noch hier und da einen Mann vom gemeinen Soldaten zum General ſich em⸗ porſchwingen ſiehſt, ſo iſt dies vielleicht unter Zehn⸗ tauſenden, die nicht minder tapfer geweſen, nicht min⸗ — 113— dere Beweiſe ihres Muthes und ihrer Aufopferung ge⸗ geben, der Einzige vom Glücke Auserkorne, der das ärndtet, was die Großthaten und das Blut der an⸗ dern Zehntauſend für ihn geſäet! Wer ſagt Dir, daß Du eine ſolche glückliche Ausnahme ſeieſt? Wer bürgt Dir dafür, daß Du nicht einer dieſer Zehntauſende biſt, daß Du dieſe brennende Ehrbegierde nicht mit gelähmten Gliedern bezahleſt, daß Dein Muth, der Dich den höchſten Gefahren, den kühnſten Thaten ent⸗ gegentreibt, Dir nicht den Weg zu einem frühen Tode, ſtatt zu einem langen, ruhmvollen Leben öffnet? Es iſt wahr, ſagte La Chaiſe ſinnend, ich könnte ſterben, bevor ich dieſe Staffel des Ruhmes erkleitert, bevor mein Name bekannt iſt vor der Welt! Ich werde nicht Soldat werden! Aber was bleibt mir nun? De Vaur faßte heftig des Jünglings Hand. Werde Jeſuit, ſagte er. La Chaiſe zuckte zuſammen, und ſeine Lippen bebten. Werde Jeſuit, wiederholte de Vaur. Da findeſt Du, was Du bedarfſt. Du biſt arm, werde Jeſuit, und Du haſt Alles, was Du bedarfſt, Unterhalt und Kleidung, Wohnung und Koſt. Du biſt ehrgeizig, I.„. 8 — 114— werde Jeſuit, und Dir iſt die Pforte geöffnet zu An⸗ ſehen und Ehre! 1 Nein, nein, rief La Chaiſe, ſich losmachend von der umſtrickenden Hand des Paters. Nein, mir ſchau⸗ dert vor dem Kloſterleben. Ich liebe meine Freiheit, ich will nicht gebunden ſein, ungehindert muß ich gehen können, wohin ich will! Und wer ſagt Dir, daß Du dies nicht kannſt als Jeſuit? Erinnerſt Du Dich der herrlichen Regeln und der geheimen Geſetze, die ich Dir ſchon früher anver⸗ traut? Wer ſagt Dir, daß die Freiheit und das Ver⸗ gnügen aus unſerm Orden verbannt ſei? Kennſt Du mich nicht? Bin ich nicht ein Jeſuit, und genieße dennoch des Lebens und freue mich der Liebe und der Welt? Die wahren und wirklichen Jeſuiten leben alle, wie ich es thue. Wir Alle lieben und begehren gute Tage, ſchöne Weiber, Ehre und Macht vor der Welt, und unſer iſt die verborgene Wiſſenſchaft, Alles deſſen zu genießen, ohne der Welt ein Aergerniß zu geben, und von unſerm eigenen Gewiſſen beunruhigt zu werden. Es iſt wahr, ſagte La Chaiſe, als der Pater ſchwieg, Ihr genießt aller dieſer Vortheile, und ſie reizen mich wohl. Aber dennoch iſt immer ein Etwas in mir, das — —— — — 115— mich zurückſchreckt. Dieſes ewige Einerlei Eures Klo⸗ ſterlebens, dieſe unwandelbare Aehnlichkeit des einen Tages mit jedem kommenden Tage, dies ſcheint mir tödtend, unerträglich öde! Nicht die Ruhe iſt es, ſon⸗ dern die Bewegung, nach der ich mich ſehne, nicht ein Leben des Genuſſes und des ſtillſeligen Friedens be⸗ gehre ich, ſondern ein Leben voll Gefahr und Mühe, ein Leben voll Intriguen und Kämpfe. Ja, die Be⸗ wegung, der Kampf mit der Welt und den Menſchen iſt es, den ich will. Wie ein Aar will ich mich auf⸗ ſchwingen auf Felsſpitzen, mich hinabſtürzen in Ab⸗ gründe und Klüfte. Beſſer und ruhmvoller iſt es, als ein Adler von des Jägers Hand getödtet zu werden, ſtatt müſſtig und ſchwer wie ein Felsblock auf der Erde zu haften, unthätig, ungefürchtet, bewegungslos und kalt! Wie jung Du noch biſt! ſagte de Vaur faſt mitlei⸗ dig, wie viel unnützer Enthuſiasmus noch in dieſer Seele wohnt. Vor allen Dingen, mein Sohn, mache Dich frei von jedem Enthuſiasmus, denn dieſer iſt der natürliche Feind der Klugheit und des Verſtandes! Und jetzt höre mich an. Du willſt Bewegung, Du verlangſt Intriguen und Kampf mit der Welt. Werde 8* * „ — 116— Jeſuit, und alles dies iſt Dein! Niemand hat mehr zu arbeiten und zu thun, als wir; Leute von Geiſt und Verſtand finden deshalb bei uns ſchnell Beförde⸗ rung und Anerkennung, und das Glück iſt ihnen gün⸗ ſtig, wenn ſie uns ſich ergeben. Pater Gerard, unſer jetziger General, iſt eines Schuhflickers Sohn zu Rheims, Pater Krebs, des jetzigen römiſchen Kaiſers Beicht⸗ vater, iſt der Sohn eines Hutmachers, und ich ent⸗ ſinne mich noch der Zeit, da unſer Provincial in Lum⸗ pen gehüllt, als Bettelknabe an der Straßenecke ſtand. Das macht, in unſerm Orden gilt weder Geburt, noch Herkommen, ſondern nur das Verdienſt; wer durch Geiſtesgaben und Klugheit ſich auszeichnet, der iſt zu den höchſten Ehrenämtern unter uns berufen, und die minder Befähigten müſſen ſich in Demuth vor ihm beugen. Am erſten möchte ich daher unſern Orden mit einer Republik vergleichen. Ja, es iſt eine kleine, aber mächtige Republik, Armuth und Elend iſt aus ihr verbannt, denn die Geringſten und Unbefähigteſten haben genug, um wenigſtens nicht Mangel zu leiden. Von Krieg und Auflagen, von Strafe und Einkerke⸗ rung iſt niemals die Rede. Jeder lebt in voller Ruhe und Sicherheit und hat weder Gläubiger noch Gerichts⸗ — 117— diener zu fürchten. Vergnügen iſt Alles und Annehm⸗ lichkeit, und ſo democratiſch iſt es in dieſer Republik, daß, wie ich Dir ſchon ſagte, der niedrigſt Geborne zu den höchſten Ehren ſich aufſchwingen kann. Ich gehe noch weiter, ich ſage Dir, dieſe Republik iſt durch ihre weiſen und klugen Geſetze zur Monarchie gelangt, zur Monarchie, die von Anbeginn der Welt her das Streben der Fürſten und Könige war, und die wir erlangt haben ohne Kampf und Schwerterſtreich, nur durch Klugheit und Ueberredungskunſt! Aber weil es nicht genug iſt die Macht zu erlangen, ſondern weil man ſie feſthalten muß, ſo hat ſich die Republik in viele kleine Gemeinden zertheilt, und dieſe Gemeinden, ſie haben über die ganze Welt hin ſich verbreitet, da⸗ mit unſere Republik an allen Orten zugleich ſein und wirken, und darüber wachen kann, daß nirgends etwas geſchähe, was ihre Rechte gefährden und angreifen könne. So ſind wir das primum mobile geworden, durch welches alle Potenzen in Europa ſich bewegen müſſen. So ſind wir dahin gelangt, nicht allein einen Staat im Staate, ſondern einen Staat in allen Staa⸗ ten zu bilden, eine Republik, die in allen Republiken die Herrſchaft führt. Und das gerade iſt unſer größter — 118— Vortheil, daß wir wiſſen, wenn wir in dieſem Staat unterliegen, ſo werden wir in jenem herrſchen, wenn 1 man hier uns austreibt, ſo werden wir dorten ein⸗ dringen. Wir kennen die Geheimniſſe aller Fürſten und Staatskabinette, denn überall, an jedem Ort, in jeder Stadt, an jeder Hofhaltung, ja, in den Gemäae chern jedes Fürſten haben wir unſere Verbündeten, kluge Leute, die zu unſerer Fahne geſchworen, und die uns Nachricht geben, geheime und ſichere Nachricht von Allem, was geſchieht, von jedem Wort ſelbſt, das geſprochen wird! Indirect mindeſtens alſo regieren wir die ganze Welt. Das, mein Sohn, fuhr de Vaur aufathmend fort, das ſind die Vortheile, welche unſer Orden Dir dar⸗ bietet. Du kannſt Fürſten und Könige zu Deinen Füßen ſehen. Ich will es, unterbrach ihn La Chaiſe mit leuch⸗ tenden Augen und flammender Röthe, ich will Könige — und Fürſten zu meinen Füßen ſehen! So lehre vor allen Dingen Deine Augen, nicht ſo 8 zu glühen, und Deine Wangen nicht ſo zu brennen, ſagte de Vaur lächelnd, die Verſtellung iſt unſere größte Waffe, mit der wir uns die Macht erkämpfen. So Geiſt, Du weißt durch Gewandtheit und Klugheit — 119— lange Du nicht jeden Zug Deines Angeſichtes in Dei⸗ ner Gewalt haſt, ſo lange Du nicht jede Bewegung unterdrücken, jeden Zorn und jede Freude ungeſehen in Dir verſchließen, ſo lange Du nicht lachen kannſt, wenn Du willſt, nicht weinen, wenn Du mußt, ſo lange Du nicht jeden Zug Deines Antlitzes, jeden Ton Dei⸗ ner Stimme in Deiner Gewalt haſt, ſo lange wirſt Du niemals ein wahrer Jeſuit genannt werden können. Dein Geſicht muß ſein wie ein ſtilles, unbewegtes Gewäſſer. Auf ſeinem Grunde mögen Ungeheuer wü⸗ then und goldene Schätze verborgen ſein, die Ober⸗ fläche ſei ewig heiter und ſtill, klar und unbewegt, und nur, wenn Du es willſt, und es zu Deinen Zwecken förderlich iſt, magſt Du Stürme darüber hin⸗ brauſen laſſen, ſei's um zu erſchrecken, oder um zu rühren! Das iſt eine ſchwere Kunſt, ſagte der Jüngling, ich zweifle, ob ich ihrer jemals Meiſter ſein werde! Du wirſt es, rief de Vaur zuverſichtlich. Ich habe Dich genau beobachtet, ich kenne Dich beſſer, als Du Dich ſelber vielleicht. Ich will Dir ſagen, wie Du biſt! Du haſt einen verſchlagenen, einſchmeichleriſchen — 120— überall Dich einzuſchleichen, Du haſt einen ſcharfen und durchdringenden Verſtand, der allemal Deiner feu⸗ rigen Phantaſte Zügel anlegen wird, dabei beſitzeſt Du einen glühenden Ehrgeiz, kühnen Muth und viel Lebens⸗ luſt und Hang zur Freude! Eins habt Ihr vergeſſen, unterbrach ihn La Chaiſe, die Lippen feſt auf einander preſſend. Du haſt mich nicht zu Ende kommen laſſen, ſagte der Pater lächelnd. Das Eine, was ich vergeſſen habe, nicht wahr, es iſt Dein Rachedurſt, Deine Un⸗ verſöhnlichkeit? So iſt es! rief La Chaiſe, die Fäuſte ballend. Du haſt Dir geſchworen an allen Weibern Dich zu rächen für den Verrath, den Laura an Dir begangen, für den Glauben und das Vertrauen, das Du zu ihrer Liebe gehegt, Du haſt geſchworen an allen Män⸗ nern Rache zu nehmen dafür, daß Du mich für ein Muſterbild der Tugend gehalten, mich, der Dich das Mädchen Deiner erſten Liebe als eine Buhlerin erken⸗ nen lehrte! Woher wißt Ihr das? fragte La hniſe⸗ eiſtaunt einen Schritt zurücktretend. — 121— Ich habe es in Deinen Augen und auf Deiner Stirne geleſen, ſagte de Vaur ſtolz, und ich billige dieſes Ge⸗ lübde! Betrüge die Weiber, haſſe die Männer, die Dir im Wege ſtehen, mich aber, mein Sohn, mich mußt Du lieben, als Deinen Wohlthäter, der Dir die Binde von den Augen riß, und Dich erkennen lehrte, daß Du Deine Entzückungen und Dein liebeglühendes Herz einer Buhlerin zu Füßen gelegt, und daß die Liebe und Treue nur eine Chimäre ſei auf Erden! Ich werde Euch immer lieben als meinen Freund und Vater, ſagte La Chaiſe, die Hand des Paters in der ſeinen drückend. De Vaur ſchloß ihn in ſeine Arme. Das heißt geſprochen, wie ein Sohn, rief er gerührt. Und jetzt mag es für heute genug ſein mit dieſer ernſten Unter⸗ redung. Ich verlange nicht, daß Du Dich gleich heute entſchließeſt, ob Du einer der unſern ſein willſt. Du mußt Zeit haben zu überlegen und zu prüfen! Du ſollſt unſern Orden ſtudiren und ſeine geheimſten Ge⸗ ſetze kennen, ehe Du Dich für oder gegen ihn ent⸗ ſcheideſt! Komm, laß uns hinaufgehen in die Biblio⸗ thek, da will ich Dir einige Bücher geben, welche Dir frommen! — 122— Schweigend, Arm in Arm verließen ſte den Garten und gingen in die Säle, in welchen die Bibliothek aufgeſtellt war. De Vaur reichte dem Jüngling einige Bücher dar. Da haſt Du den Macchiavell, den Escobar und Diana. Das ſind Autoren, die Du verehren mußt. Lies in ihnen, und morgen ſage mir, was Du gelernt haſt! Lies, mein Sohn, ich aber bedarf jetzt der Zerſtreuung und Erheiterung. Ich gehe zu Laura, ſdd ich ihr Grüße von Dir bringen? La Chaiſe antwortete nicht, er war ſchon ganz ver⸗ tieft in die Lectüre ſeiner Bücher.——— 8 Nun? fragte de Vaurx am andern Tage, als La Chaiſe zu ihm eintrat. Haſt Du geleſen? Ich habe geleſen! ſagte La Chaiſe ernſt. Mit dem Macchiavell habe ich den Anfang gemacht, weil er von Politik handelt, und weil dieſe mich am meiſten anzieht. Macchiavelli iſt auch ein vortrefflicher Autor, voll Verſtand und Weisheit, ſagte de Vaur. Mag ſein! rief La Chaiſe. Doch finde ich ihn zu⸗ weilen in ſeinen Behauptungen zu kühn, ja gefährlich ſogar. Iſt's nicht gefährlich, wenn er lehrt, 83* ſ man — 123— wenn es das Wohl des Staates erheiſche, die ver⸗ dienteſten und tapferſten Männer ungeſcheut dem Tode und dem Henkerbeil übergeben müſſe, und daß ein Fürſt, wenn es zu ſeinem Beſten diene, ſein gegebe⸗ nes Wort und die von ihm beſchwornen Tractate ohne Zagen brechen dürfe? Das findet Ihr gefährlich? fragte de Vaur lächelnd. Mir ſcheint, daß dieſer Lehrſatz ganz der Vernunft und der gerechten Billigkeit entſpricht. Wenn es ſich um das Wohl des Allgemeinen handelt, darf das Glück des Einzelnen nicht in Betracht kommen. Oder wür⸗ deſt Du es recht finden, wenn um einiger weniger Männer, die, wenn ſie tugendhaft und tapfer waren, doch nicht mehr als ihre Schuldigkeit thaten, daß um dieſer wenigen Männer, ſage ich, hundert Tauſend Anderer verloren gehen ſollten, die doch auch ehrliche Leute ſein können? Ah, das wäre albern! Und eben ſo, mein Sohn, iſt es mit Treu und Glauben, die Du unverbrüchlich willſt gehalten wiſſen. Ein höheres Geſetz kann jedes gegebene Wort und jeden beſchwor⸗ nen Tractat umzuſtürzen den Fürſten gebieten. Für den Fürſten darf es nur Ein Ziel geben, die Vergrö⸗ ßerung und die Machterweiterung ſeines Staates näm⸗ — 124— lich. Deshalb alſo, wenn er auch ſein Wort gab, darf er es nicht halten, ſobald er nachher erkennen muß, daß das Brechen ſeines Wortes ſeinem Staate förderlicher iſt! Für ihn, wie für uns giebt es nur Eine Regel. Höre wohl zu, und merke ſie Dir: wenn das Böſe geringer iſt, als das dadurch be⸗ zweckte Gute, ſo hat man das Erſtere um des Letztern willen nicht zu unterlaſſen! Das iſt eine gefährliche Lebensregel! ſagte La Chaiſe lächelnd, aber ſie ſcheint mir ſehr weiſe! Sie iſt das Fundament unſerer geheimen Staats⸗ lehre, rief de Vaur glühend, für ſte muß jeder Jeſuit bereit ſein, ſein Leben hinzugeben! Wir verdanken die⸗ ſen Lehrſatz unſerm großen Escobar, und Heil ihm, daß er ihn uns gegeben! Haſt Du niemals, mein Sohn, die herrlichen und ſchönen Worte geleſen, die über allen Thüren unſerer Kirchen und Collegien an⸗ gebracht ſind? 4 Ad majorem Dei Gloriam! ſagte La Chaiſe feierlich. Ja, zu größerem Ruhme Gottes!l rief de Vaur, das iſt unſer Wahlſpruch! Wenige Menſchen verſtehen den tiefen Sinn dieſer geheimnißvollen Worte! Sie ſtehen in unſern Kirchen und Collegien, damit ſie Jeden von uns erinnern, daß er nichts als die Ehre Gottes darf vor Augen haben, und daß er dieſe, es koſte, was es wolle, befördern muß! Um dieſer Chre willen muß der Jeſuit Eltern und Freunde, Pflicht und Ehre, ja, wenn es die Noth erfordert, ſeinen Fürſten ſelbſt aufopfern! Alles und jedes Mittel iſt recht und billig, wenn Du dadurch dieſe Ehre fördern kannſt, denn „nicht die Mittel heiligen den Zweck, ſondern der Zweck heiligt die Mittel!“ So mag denn Himmel und Erde, ſo möge die ganze Menſchheit un⸗ tergehen, wenn dadurch Gottes Ehre verherrlicht wird! Ad majorem Dei Gloriam, das iſt der heilige Geiſt, der über unſere Gemeinſchaft ausgegoſſen iſt, der ge⸗ macht hat, daß unſere Helden und Märtyrer mit un⸗ erſchrockenem Muthe Galgen und Scheiterhaufen ver⸗ lacht, und ketzeriſche Könige, welche unſere Religion unterdrücken wollten, ermordet haben! Und dieſer hei⸗ lige Geiſt, und dieſe heiligen Worte, ſie werden auch auf Dich ihre ſegensvolle Wirkſamkeit üben, und Dich weihen und taufen zu einem unſerer Jünger! So ſoll es ſein, rief La Chaiſe glühend, ich bin entſchloſſen, ich werde ein Jeſuit, und damit möge nir die Bahn der Ehre und des Ruhmes eröffnet ſein! So iſt es! ſagte de Vaur freudeſtrahlend, und ſchloß den Jüngling in ſeine Arme! Wir werden große Dinge an Dir erleben, denn eine Ahnung ſagt mir, daß Du ein mächtiges Werkzeug ſein wirſt in der Hand des Herrn! Ad majorem Dei Gloriam! rief La Chaiſe mit einem ſchlauen Lächeln. Zu größerm Ruhme Gottes, und ein wenig auch zu meinem eignen Ruhme! Wenige Tage ſpäter ward La Chaiſe vor dem ver⸗ ſammelten Collegium, das ihn freudig willkommen hieß, mit dem Gewande der Jeſuiternovizen bekleidet. In Lyon, unter der Leitung ſeines geliebten Pater de Vaux verbrachte er das Jahr ſeines Noviziats, und begab ſich dann nach Dijon, um unter dem berühmten Jeſui⸗ ten Pater Aubrai Theologie zu ſtudiren. Er athmete hoch auf, als Won mit dem finſtern Jeſuitercollegium hinter ihm lag, und er allein, un⸗ gebunden und frei, die Straße nach Dijon einſchlug. Bis zum Thore hatte ihn Pater de Vaur begleitet, und als ſie ſich dort noch einmal in die Arme ſanken, weinte de Vaur vor Rührung, La Chaiſe nur aus — 127— Hoflichkeit. Er war ſeinem Meiſter ſchon überlegen in Hartherzigkeit und Egoismus! Lange noch ſtand de Vauxr am Thore, und ſchaute ſeinem Liebling nach, wie dieſer auf ſeinem Maulthiere dahintrabte. Aber La Chaiſe blickte nicht um, er ſah nicht ein einziges Mal rückwärts, ſein Geiſt war nur mit dem Vorwärts beſchäftigt, nur auf die Zukunft waͤren ſeine Gedanken gerichtet. Aber als er den Hü— gel erreicht hatte, von welchem er einen letzten Ueber⸗ blick über Lyon haben mußte, da hielt er ſein Maul⸗ thier an, und wandte ſich um. Mit einem unausſprechlichen Blicke ſchaute er hin⸗ über auf die im matten Dämmerlicht verſchwimmenden Häuſer und Thürme. Haß und Verachtung, Zorn und finſterer Groll lag in dieſem Blick, aber ſeine Züge waren ruhig und unbewegt. Lebewohl, ſagte er laut und mit ſchneidender Kälte, Lebewohl, Lyon, Du Wiege meines Ruhmes! Ich laſſe meine Jugend und mein Herz in Dir zurück, ſie ſind begraben im Collegium der Jeſuiten, meiner Brü⸗ der. Statt des Herzens trage ich jetzt einen Stein in meiner Bruſt, und Alles iſt kalt in mir, empfindungs⸗ los und hart. Statt der Jugend, die ich dort begra⸗ — 128—.. ben, nehme ich die Erfahrungen, das Mißtrauen, die Nüchternheit und die Enttäuſchungen des Alters mit! Ja, ja, mein Kopf iſt gebleicht, und meine Seele iſt voll Runzeln, und wenn ich auch noch das Haar und das Antlitz eines Jünglings trage an meinem äußern Menſchen, an meinem innern Menſchen bin ich ein Greis, ein kalter, egoiſtiſcher Greis! Wohl mir, daß es ſo iſt! Ich werde keine Leiden mehr zu bekämpfen, keine Thränen mehr zu unterdrücken haben, die Quelle des Kummers iſt in mir verſtegt, ſie iſt bei meiner Jugend und bei meinem Herzen eingeſcharrt. Hinfort giebt es für mich nur Freude und Genuß, nur Ehre und Ruhm, und dieſes Alles zu erlangen, werde ich vor keinem Mittel zurückſchrecken. Bei Allem, was ich thue, bei Allem, was man von mir fordert, werde ich zuerſt mich ſelber fragen:„wozu nützt es mir?“ Und nur das werde ich thun, woraus mir ſelber ein Nutzen erwächſt! Der Egoismus ſoll meine Religion ſein, und * der Ruhm mein Sacrament! Lebewohl, Lyon, Du haſt in Dir den Menſchen La Chaiſe begraben, der Jeſuit La Chaiſe verläßt Dich, um ſeinem Ruhme entgegen zu eilen! Ad majorem Dei Gloriam! — 129— Mit einem ſtolzen Lächeln wandte er ſich um, und ſprengte den Hügel hinab. Aber eins noch, ſagte er, ſein Thier anhaltend und einen Brief aus ſeinem Mantel hervorziehend. Ich muß wiſſen, ob Pater de Vaur wirklich ein ſo ſchwa⸗ cher Menſch iſt, daß er mich liebt, oder ob er als Jeſuit und Meiſter mich betrog. Dieſen Brief hier ſoll ich an Pater Aubrai geben. Es ſei ein warmes Em fehlungsſchreiben, ſagte de Vaur. Pah, wer weiß, ob es nicht die Empfehlung eines Judas iſt! Seit ich das Mißtrauen zu meiner Geliebten gemacht, traue ich Niemandem, als mir ſelbſt und meinen Augen. Wer weiß, welche Verläumdungen dieſer Brief enthält. Pater de Vaur kennt mich, er weiß, daß ich ein gro⸗ ßes Ziel vor Augen habe, daß ich die höchſten Ehren⸗ ämter zu erlangen trachte! Wier ſollte er, der ſelber ehrgeizig iſt, nicht fürchten, daß ich ihm im Wege ſtehe, und ſollte er nicht bemüht ſein, mich zu ver⸗ nichten? Ich muß wiſſen, was in dieſem Briefe ſteht! ſagte er nach einer Pauſe. Hier iſt ein ſchattiges Plätzchen, hier will ich ruhen, und den Brief des klugen Paters leſen! I. 9 — 130— Raſch ſchwang er ſich aus dem Sattel, und ſein Thier an einen Pfahl befeſtigend, ſetzte er ſich unter dem Schatten eines großen Maulbeerbaumes, der am Wege ſtand, nieder. Mit Hülfe eines feinen Meſſers, und nachdem er die Oblate, die den Brief verſchloß, mit ſeinen Lippen angefeuchtet, öffnete er das Schreiben des Pater de Vaux an den Pater Aubrai und las: Hochehrwürdiger Vater! Unſer würdige Rector ſendet Euch auf mein An⸗ rathen den jungen La Chaiſe zu, daß er unter Eurer Anleitung die heilige Theologie ſtudire! Der Rector wollte den Jüngling anfangs dem Pater Grut über⸗ geben. Ich aber habe es nicht gelitten, denn Euer Intereſſe liegt mir zunächſt am Herzen, und des⸗ halb wollte ich nicht, daß Euch der Ruhm entginge, einen Jüngling gebildet zu haben, an dem wir mit der Zeit große Ehre erleben werden! Ich ſage Euch, ich habe noch Keinen in unſere Geſellſchaft treten ſehen, der ſo viel Talent und Fähigkeit beſeſſen! La Chaiſe hat ein vortreffliches Gedächtniß, lebhafte Phantaſie, und einen Geiſt, durch welchen er ſich 4 — 131— überall angenehm und beliebt machen kann. Nie⸗ mand wäre im Stande ſeine innerſten Geſinnungen zu errathen, oder von ihm etwas zu erforſchen von unſeren weiſen und geheimen Ordensregeln. Unterm Scheine der größten Aufrichtigkeit weiß er ſich alle⸗ mal ſo ganz dem Character deſſen, mit dem er ſpricht, anzupaſſen, daß dieſer glauben muß, La Chaiſe ſtimme ganz in ſeiner Geſinnung mit ihm überein. Wie ein Proteus weiß er die verſchiedenſten Geſtalten anzunehmen, und dies mit einer Kunſtfertigkeit, daß man von jeder annehmen möchte, dieſe ſei ſeine eigentliche Natur. Ich glaube, daß er einer der größten Männer unſers Ordens werden muß, und deshalb, ehrwürdiger Vater, empfehle ich ihn Euch, und bitte, daß Ihr ihm von unſerer geheimen Lehre nichts verſchweigen wollet. Denn obwohl La Chaiſe noch jung iſt an Jahren, ſo beſitzt er doch ſchon die Weisheit und Klugheit des gereiften Mannesalters, und nichts von den Schwächen der Jugend iſt ihm eigen. Alle Freundlichkeit, die Ihr dem La Chaiſe erzeiget, werde ich erkennen, als hättet Ihr ſie mir erwieſen! Lyon. Den 24ſten März 1646. 9* — 132— Nun, rief La Chaiſe, nachdem er den Brief geleſen, das iſt in Wahrheit die Empfehlung eines treuen und liebenden Freundes. Und bei Gott und ſeinen Heili⸗ gen ſei es geſchworen, nimmer werde ich das dem guten de Vaur vergeſſen! Stets ſoll er mich zu ſeinen Dien⸗ ſten bereit finden, ja, er ſoll mein Freund ſein, der Einzige, dem ich vertraue! Er ſtand auf, und beſtieg ſein Maulthier, um ſich gen Dijon zu begeben. IV. Francoiſe Daubigny. Unter Pater Aubrai's Leitung vollendete La Chaiſe ſeine Studien und empfing im Jahre 1649 die Prieſter⸗ weihe. Der junge vierundzwanzigjährige Prieſter mit ſeinen geiſtvollen Augen, ſeinen intereſſanten Zügen, und ſeiner hohen ſchlanken Geſtalt, war wohl geeignet die Aufmerkſamkeit der Frauen auf ſich zu ziehen. Wenn er predigte in der Kathedrale zu Dijon, eilten die jüng⸗ ſten und ſchönſten Mädchen herbei, ihn zu hören, und manches ſchöne Weib wünſchte, den Pater La Chaiſe zu ihrem Beichtvater zu machen. Euer Glück iſt geſichert, ſagte Pater Aubrai, bleibt hier, und Ihr werdet der gefeierteſte Prieſter, der ge⸗ ſuchteſte Beichtvater ſein! Das iſt nicht das Ziel, nach welchem ich trachte! — 134— rief La Chaiſe verächtlich. Nicht Dijon, nein, ganz Frankreich will ich beherrſchen! Ihr ſprecht im Fieber! ſagte Aubrai kopfſchüttelnd. Ein kleiner, unbekannter Prieſter, und will ganz Frank⸗ reich beherrſchen! La Chaiſe zuckte leicht die Achſeln. Ihr zweifelt? ſagte er. Wartet nur zehn Jahre noch, und ich werde mein Wort gelöſt haben! Für jetzt lebt wohl, ich gehe nach Paris! Nach Paris? Und was wollt Ihr dort? La Chaiſe richtete ſich ſtolz empor. Es iſt Zeit, das Fundament zu legen zu dem Gebäude meines Ruhmes, ſagte er. Und im Jahr 1650 betrat La Chaiſe zum erſten Male die Stadt, nach welcher er ſo lange ſich geſehnt, das Paris, welches ihm wachend und träumend vor⸗ geſchwebt als das Schlachtfeld, auf welchem er in blutloſem Kampfe, nur mit dem zweiſchneidigen Schwerte ſeines Geiſtes, ſich Ruhm und Chre erkämpfen, und den Sieg über ganz Frankreich davon tragen wollte. Vor allen Dingen muß ich ſuchen, mir einflußreiche Freunde zu verſchaffen, ſagte La Chaiſe, Freunde, deren Namen mit ihrem Ruhmesglanze einen kleinen . ——õ Schimmer auf meinen eigenen, noch unbekannten Na⸗ men werfen! Das Glück begünſtigte ihn, und die Empfehlungs⸗ briefe des Pater de Vaur bahnten ihm den Weg. Sein einnehmendes Betragen, ſeine große Gelehrſam⸗ keit, ſeine geiſtvolle, hinreißende Sprache und endlich ſeine hübſche und intereſſante Erſcheinung öffnete ihm die Thüren zu den Staatsmännern und Gelehrten, und zu den Boudoirs der Damen. Der junge und geiſtreiche Prieſter La Chaiſe war überall willkommen und gern geſehen, und wenn an den Empfangsabenden des berühmten Scarron ſich in ſeinen Salons Alle die verſammelten, die auf Geiſt und Witz Anſpruch machten in Paris, ſo durfte La Chaiſe an dieſen Abenden niemals fehlen. Scarron, der beißende, ſarkaſtiſche und witzige Scarron liebte dieſen jungen, anſcheinend ſo ſanften und gottergebenen Prieſter, und oft inmitten ſeiner furchtbaren Schmerzen war es ihm eine Art Linderung, die Stimme La Chaiſe's zu hören, dieſe ſo milde und doch volltönende, ſo ein⸗ ſchmeichelnde und harmoniſche Stimme, die gewiſſer⸗ maßen die Leiden des armen Scarron zu beſchwichtigen ſchien, und wie ſanfte Muſik ſeine quäleriſchen Dämo⸗ nen in Schlummer lullte. Bei Scarron war La Chaiſe der theilnehmendſte Freund, der witzigſte Geſellſchafter, der gelehrte Philoſoph, und, wenn es ſein mußte, der ſpöttelnde Gottesleugner. La Chaiſe hatte zu ſich ſelber geſagt: dieſer kleine bucklichte Dichter, dieſes kleine geiſtreiche Ungeheuer kann mir nützlich ſein, folglich muß ich ihn für mich gewinnen! Und er gewann ihn ſo ganz, daß bald Jedermann den Einfluß bemerkte, den der junge Prieſter auf den alten ſatiriſchen Dichter übte. Es war an einem Geſellſchaftsabende Scarrons, die erſten Gelehrten, die größten Staatsmänner und Künſt⸗ ler, die ſchönſten und geiſtreichſten Frauen drängten ſich in dem engen, überfüllten Salon des Dichters auf und ab. Jeder wollte in der Nähe Scarrons ſein, jeder wollte eins ſeiner ſanglanten Bonmots, mit denen er Stadt und Hof zü geißeln pflegte, vernehmen, um es alsdann als jüngſte Neuigkeit ſchnell in den andern Salons zu verbreiten. Scarron war heute beſonders leidend, und deshalb waren ſeine Bonmots beißender noch und ſchärfer, als ſonſt gewöhnlich. Er lag auf einer Art Ruhebette, das auf einer, am Ende des 1 — 137— Saales angebrachten Erhöhung aufgeſtellt war, und ſehr einem Throne glich, auf welchem ein kranker König die Huldigungen ſeiner Vaſallen empfängt. Scherze und Sarkasmen tönten von den Lippen des leidenden Dichters, und Niemand ahnte, welche Leiden Scarron unter dieſer Heiterkeit verbarg, welche Schmerzen er bekämpfte, während er zu lächeln ſchien. Niemand ahnte es, außer den beiden Perſonen, die zu beiden Seiten des Ruhebettes ſaßen, und mit denen Scarron ein wahres Wortgefecht von Witzworten und Sarkasmen unterhielt, ein Gefecht, das von allen Dreien mit der⸗ ſelben Tapferkeit, derſelben Klugheit und Unermüdlich⸗ keit fortgeführt ward, und Stürme von Beifallsbezeu⸗ gungen ſich von der lauſchenden, ſich immer näher her⸗ andrängenden Geſellſchaft erwarb. Dieſe beiden Per⸗ ſonen, welche neben dem Ruhebette Scarrons ſaßen, waren ein junger Prieſter und ein junges Mädchen, der Prieſter hieß La Chaiſe, und das junge Mädchen mit den blauen Augen und den ſanftgerötheten Wangen war Mademoiſelle Françoiſe Daubigny, welche, vor wenigen Monaten von der Inſel Martinique nach Frank⸗ reich gekommen, ſich ſchnell durch ihren Geiſt und ihre Anmuth eine Stelle in der Geſellſchaft gewonnen hatte. — 138— Während die ganze Verſammlung nur Sinn zu ha⸗ ben ſchien für dieſes geiſtreiche Scharmützel Scarrons mit dem Pater La Chaiſe und Mademoiſelle Daubigny, ſtanden in einer Niſche, unfern dieſer Gruppe drei Da⸗ men im eifrigen, aber leiſe geführten Geſpräͤche bei einander. Die eine von ihnen war die berühmte und vielgefeierte Mademoiſelle David, welche man zugleich die geiſtreichſte und die häßlichſte Dame von Paris nannte, und zu deren Salons, wie zu denen Scarrons, ſich Alle Die drängten, welche ſich piquirten für geiſt⸗ reich und witzig gehalten zu werden. Die beiden an⸗ dern Damen waren die Gräfin d'Olonne und die Mar⸗ ſchallin de la Ferté, Beide berühmt wegen ihrer Schön⸗ heit und ihrer Galanterie, und Beide die innigſten Freundinnen der Mademoiſelle David. Ich geſtehe, flüſterte Mademoiſelle David, dieſe kleine Daubigny macht mir ein wenig Sorge und viel Un⸗ bequemlichkeit! Ich wollte, ſie hätte weniger Geiſt, dann wollte ich ihr gerne ihre Jugend und ihr an⸗ muthiges Aeußere verzeihen. Aber ſie iſt ſehr ehrgeizig und ſehr klug, das iſt unbequem! Ah, unſere gute David ſürchtet eine Nebenbuhlerin! ſagte die Gräfin d'Olonne lachend. — 139— Bah, eine Nebenbuhlerin! rief die David verächtlich. Ich bin häßlich genug, um keine Nebenbuhlerin fürch⸗ ten zu brauchen! 3 Aber, mein Gott, was fürchten Sie dann? ſagte die Marſchallin de la Ferté, die geſtern von ihrem Geliebten war verlaſſen worden. Mir ſcheint, daß man auf der Welt nur eine Nebenbuhlerin zu fürch⸗ ten hat! Die beiden Andern lächelten. In dieſem Augenblick war es, daß ein furchtbarer Beifallsſturm Mademoi⸗ ſelle Daubigny für eins ihrer geiſtreichen Bonmots be⸗ lohnte. Selbſt Scarron ſchien einen Augenblick ganz ſeiner Schmerzen zu vergeſſen, und lehnte ſich laut lachend in die Kiſſen zurück, während Françoiſe Dau⸗ bigny ſich, gleichſam erſchreckend vor ſo ungeheurem Beifall, erröthend verneigte. Es iſt unerträglich! flüſterte Mademoiſelle David, die Lippen feſt auf einander preſſend, und nicht im Stande, den Verdruß und die Eiferſucht länger zu ver⸗ bergen, welche ſie bei den unbeſtreitbaren Erfolgen der jungen Daubigny empfand. Wahrlich, ganz unerträg⸗ lich! Und denken zu müſſen, daß ich es war, die ſie in die Geſellſchaft einführte! Das war jedenfalls ein Fehler, ſagte die Gräfin d'Olonne. Man ſollte dieſe jungen Mädchen niemals i unſere Salons bringen. Sie verführen durch ihre bloße Jugend und durch ihre rothen Wangen. Mein Gott, die Männer ſind einmal ſo ärmliche Geſchöpfe, daß ein kleines jugendliches Lärvchen ihnen intereſſanter iſt als Geiſt und Herz, als Witz und Verſtand. Aber Francoiſe iſt nicht bloß jung, ſie iſt auch geiſt⸗ reich, flüſterte die David ärgerlich. Bah, das iſt es nicht, was man an ihr ſchätzt, ſagte die Marſchallin de la Ferté, ſte iſt ein junges Mädchen, deshalb trägt ſte den Sieg davon! Machen wir ſie zu einer Frau, und ſte wird ungefährlich ſein! Ja, machen wir Sie zu einer Fraul rief die Gräfin d'Olonne, in ihre kleinen, von Juwelen ſtrahlenden Hände klatſchend. Mademoiſelle David ſchüttelte ſinnend ihr Haupt. Das wird ſehr ſchwer ſein, ſagte ſie. Wo können wir einen Mann für Sie finden? Unſere Cavaliere verheirathen ſich nicht gerne! Mein Gott, warum ſollten ſie auch, es giebt ſo viele junge, ſchöne, ver⸗ heirathete Frauen, das iſt bequemer! Ja, ja, lachte die Gräfin d'Olonne, das iſt beque⸗ — 141— mer, weil es den Wechſel geſtattet, weil unſere jungen Cavaliere unbehindert von einer Roſe zur andern flat⸗ tern können. Meinen Sie nicht, liebe Marſchallin? Es iſt ein undankbares Geſchlecht! ſeufzte die Mar⸗ ſchallin. 4 Und wir werden keinen Mann finden für Frangoiſe Daubigny! flüſterte die David. 1 In dieſem Augenblick brach ein neuer Sturm des Beifalls aus, und während Alles lachte und applau⸗ dirte, hörte man Scarron mit ſeiner ſcharfen, Alles übertönenden Stimme ſagen: meine kleine Daubigny, Ihnen gebührt bei unſern Teufeleien der Preis! Wä⸗ ren Sie nicht ein veritabler kleiner Engel, ſo würde ich Sie einen veritablen kleinen Teufel nennen. Und der arme, zuſammengekrümmte, ſchmerzgeplagte Dichter nahm die Hand des jungen Mädchens und drückte ſie an ſeine welken, zitternden Lippen. Da haben wir einen Mann für die kleine Daubigny, ſagte Gräfin d'Olonne raſch. Wen denn? fragten die beiden andern Damen. Scarron! Wie, Scarron? Ha, ha, das iſt zum Lachen!. 4 — 142— Ehemänner ſind immer lächerlich, ſagte die leicht⸗ fertige Gräfin, Scarron wird es ein wenig mehr ſein, als die Uebrigen, das iſt Alles! Aber Francoiſe, ſagte Mademoiſelle David, ſie wird nicht einwilligen, ihm ihre Hand zu geben! Bah, ſie wird es müſſen! Iſt ſie nicht arm, und ganz auf Ihre Güte angewieſen? Mein Gott, Sie werden ihr ſagen, daß Ihre Lage es nicht länger er⸗ laubt, Frangoiſe in Ihrem Hauſe zu haben, Sie wer⸗ den ihr ſagen, daß ſie entweder eine Stelle als Ge⸗ ſellſchafterin oder als Ehegattin annehmen muß! Sie— wird das Letztere wählen, das iſt ganz einfach! Aber Scarron ſelber? Wird der wollen? Wir werden ihn überreden durch Den, welcher augen⸗ blicklich am meiſten Einfluß auf ihn übt! Und der iſt? Der junge Pater La Chaiſe dort! Ach, ſehen Sie nur, mit welchen glühenden Blicken er Frangoiſe be⸗ trachtet, und wenn ich nicht irre, fühlt ſie ſeinen Blick, und verſteht ihn, denn ſie erröthet. Ja, ja, es iſt kein Zweifel, der junge Prieſter liebt dies junge Mäd⸗ chen, ⸗und da er ſie ſelber nicht heirathen kann, wird — 13— es ihm ſehr bequem ſein, ſie an ſeinen beſten Freund zu verheirathen! Das iſt ein ſehr gutes Auskunftsmittel! lachte die David. Ja, rief die Marſchallin, ſehr gut! Er wird ſeinen Freund bereden, ſie zu heirathen, und wird ſich als Hausfreund inſtalliren! Er liebt ſie, ſagte die Gräfin. Kommen wir ihm alſo zu Hülfe, das iſt chriſtlich! Ja, kommen wir ihm zu Hülfe! ſagten die beiden andern Damen. Wir wollen morgen mein neues Palais beſehen, fagte die Gräfin d'Olonne. Ich lade Sie dazu ein, meine Damen. Francoiſe Daubigny und der junge „Pater La Chaiſe mögen uns begleiten, da können wir unbemerkter als hier das Nöthige zwiſchen ihnen Bei⸗ den beſprechen! Und jetzt an's Werk! Ich werde das Terrain recognosciren, und bei La Chaiſe den Anfang machen. Und die ſchöne Gräfin näherte ſich mit ihrem hol⸗ deſten Lächeln dem Pater La Chaiſe, der, erſchöpft von dem langdauernden Wortgeſecht, ſich in eine Fenſter⸗ niſche zurückgezogen hatte. — 144— Die Gräfin ſchlug ihn leicht mit ihrem chineſiſchen Fächer auf die Schulter. Nun, mein würdiger Mann Gottes, ſagte ſie, ha⸗ ben Sie Sich heute einmal wieder bei Herrn Satan zu Gaſte gebeten, und irrlichterirt mit den Flammen Ihres diaboliſchen Witzes? Sie ſind mir ein rechter Mann Gottes! Ein Kind der Hölle ſind Sie, Gottes⸗ leugner! 1 5 Ein Kind der Hölle? ſagte La Chaiſe lachend. Zum Glücke kann ich der ſchönen Gräfin einen unwiderleg⸗ lichen Beweis geben, daß ſie ſich irrt. Nun, laſſen Sie hören! 1 Iſes nicht allbekannt, daß die Kinder der Hölle, die Teufel alſo, erſchreckend zuſammenſchrumpfen und vergehen, wenn ſie dem göttlichen Lichte, und den in Götterſchönheit ſtrahlenden Engeln ſich nahen? Nun alſo, wie kann ich ein Teufel ſein, da ich Ihren Anblick, Gräfin, ertrage? Ah, ah, ſehr gut, rief die Gräfin lachend. Nur wäre noch zu beweiſen, daß ich ſelber nicht ein Höllen⸗ kind bin! Warten Sie, laſſen Sie mich das unterſuchen! rief La Chaiſe, und mit komiſchem Ernſte das Zeichen des — 145— Kreuzes machend, ſchien er einen Augenblick auf die Wirkung dieſes Zeichens zu warten. Nein, ſagte er dann, Sie ſind als rein befunden! Das heilige Zeichen hat keine Macht über Sie, und 4 daraus geht klar hervor, daß Sie ein Engel ſind! Und während er ſich bei den letzten Worten vor der Gräfin verneigte, flüſterte er ſo leiſe, daß nur ſie es hören konnte: Iſt Alles ſicher? Darf ich heute kommen? Um Mitternacht! flüſterte die Gräfin zurück. Aber unter Einer Bedingung! Ah, ſchon Bedingungen! Sie lieben mich alſo nicht mehr, Gräfin? Doch, denn ich bin eiferſüchtig! Eiferſüchtig? Auf wen? Auf dieſe junge Daubigny. Nein, ſtreiten Sie nicht! Ich habe Sie beobachtet, ſchweigen Sie alſo, und hören Sie meine Bedingungen! Sie müſſen dieſes junge Mädchen bereden, ſich zu verheirathen! Sie müſſen Scarron bereden, dieſes junge Mädchen zu heirathen! Ah, Sie ſcherzen! rief La Chaiſe lachend. Nein, ich rede im vollen Ernſt, und ich will, daß Sie meine Bedingung erfüllen, oder, ſetzte die Gräfin 1.— 10 — 146— leiſer hinzu, eine gewiſſe Gartenthür und eine gewiſſe geheime Treppe wird niemals wieder für Sie vorhan⸗ den ſein! La Chaiſe blickte ſinnend hinüber nach der jungen Francoiſe, die ſich lächelnd und ſchäckernd mit dem armen Krüppel, dem häßlichen Scarron unterhielt. Dieſer iſt mir nicht gefährlich, dachte er, und laut ſagte er dann zur ſchönen Gräfin d'Olonne: ich werde Ihre Bedingung erfüllen! Und ich werde Ihnen dafür den ſchönſten Lohn ge⸗ währen, flüſterte die Gräfin, und ſie ging zu Frangoiſe Daubigny, um ſie einzuladen, mit ihr am andern Morgen der Gräfin neues, noch im Bau begriffenes Palais in der Straße St. Honoré zu beſichtigen. Nund fragte Mademoiſelle David, als die Geſell⸗ ſchaft ſich trennte, ihre Freundin, die Gräfin d'Olonne. Was haben Sie erreicht? Werden wir Francoiſe ver⸗ heirathen? Wir werden es, ſagte die Gräfin triumphirend, in drei Tagen iſt Frangoiſe Daubigny Scarrons Frau! Erwarten Sie mich nur morgen, und ſein Sie bereit, wenn ich komme, Sie mit Francoiſe abzuholen! Genau zur beſtimmten Stunde hielt am andern — 147— Morgen die glänzende Equipage der Gräfin d'Olonne vor Mademoiſelle David's Wohnung, und der junge Pater La Chaiſe hüpfte leicht aus dem Wagen, um hinaufzugehen, und die beiden Damen an den Wagen zu führen, in welchem die Gräfin ihrer harrte.— Mademoiſelle David war wirklich ſchon bereit und Francoiſe Daubigny trocknete ſich raſch die Augen, als La Chaiſe eintrat. Sie hat geweint? fragte La Chaiſe, als er, der David den Arm reichend, ſie die Stiegen hinunter geleitete. Ja, ſie hat geweint, flüſterte die David, denn ich habe ihr ſo eben geſagt, daß ich ſie nicht länger in meinem Hauſe als überflüſſiges Lurusmöble behalten kann, und daß ich ihr riethe ſich an Scarron zu ver⸗ heirathen! Und was hat ſie geantwortet? fragte der Pater, an⸗ ſcheinend ganz gleichgültig. Sie will nicht! Ah, ſie will nicht! ſagte La Chaiſe. Wir müſſen verſuchen, ihren Willen zu brechen! 10* — 1 W. Die Prophezeiung. Das Hotel der Gräfin d'Olonne war zwar noch im Bau begriffen, aber es verſprach ſchon eins der präch⸗ tigſten und gländzendſten von Paris zu werden, und mit wahrer und aufrichtiger Bewunderung durchwan⸗ delte die Geſellſchaft dieſe ſo köſtlichen, ſo reich ver⸗ zierten Räume, in denen Alles funkelte und glänzte im Schmucke der ſchwerſten Vergoldung, und in denen man Venetianiſche Spiegel von enormer Größe überall an den Wänden, die mit ſammtnen und ſeidenen Ta⸗ peten überhangen waren, angebracht hatte. Arm in Arm mit Mademoiſelle David ſchritt die Gräfin d'Olonne mit einem ſtolzen Ausdruck ihrer ſchö⸗ nen Züge durch dieſe Räume, in denen ſie bald die auserleſenſte und glänzendſte Geſellſchaft, ja, den ſchö⸗ nen und jungen König Ludwig XIV. ſogar, zu ihren — 149— Füßen zu ſehen hoffte. Schweigend und ſtill, mit ge⸗ ſenktem Haupte folgte ihnen Frangoiſe Daubigny, wäh⸗ rend La Chaiſe, der an ihrer Seite ging, mit manchem leiſe geflüſterten Worte ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln ſuchte. Aber das junge Mädchen hörte oder wollte nichts hören von dieſen ſo leiſen, ſo zärtlichen Worten des Paters; die Worte, die Mademoiſelle David zu ihr geſprochen, klangen noch immer vor ihren Ohren, dieſe grauſamen Worte, welche ihr nur zwiſchen Dienſtbarkeit oder einer lächerlichen Heirath die Wahl ließen! So, durch die Säle wandernd, waren ſie jetzt in das zukünftige Schlafzimmer gelangt, zu dem, wie die Höf⸗ linge ſich lächelnd in die Ohren flüſterten, Ludwig XIV. ſelbſt die Zeichnungen geliefert, und deſſen ſinnvolle Verzierungen und Deckenmalerei der König ſelber an⸗ geordnet. Viele Arbeiter waren noch in dieſem reizen⸗ den, mit dem raffinirteſten Geſchmacke ausgeſtatteten Gemache beſchäſtigt. Auf hohen Gerüſten ſtanden die Maler und arbeiteten an dem Deckengemälde, das eine von Amoretten umſpielte Leda darſtellte, während wie⸗ der andere Arbeiter, auf ihren Knieen liegend, an dem reichen Tafelwerk des Fußbodens beſchäftigt waren, — 150— oder die Vergoldung der großen Spiegel, die ringsum die Wände bedeckten, zu höherm Glanze aufputzten. Das wird ein wahres Paradies, rief Mademoiſelle David, ja, in der That, ein Paradies, liebe Gräfin. Hüten Sie Sich nur vor dem Apfel und dem Sün⸗ denfall. Die Gräfin lachte, und La Chaiſe flüſterte ihr einige Worte in's Ohr, die ſelbſt die leichtfertige Gräfin er⸗ röthen machten. Frangoiſe Daubigny beachtete weder dieſe leichtferti⸗ gen Scherze, noch die ſchöne Decorirung dieſes Zim⸗ mers, ſie hatte ihre ſchönen blauen Augen aufwärts gerichtet, und ganz mechaniſch folgten ihre Blicke der Handbewegung des Malers, der eben beſchäftigt war den vollen und üppigen Arm der Leda zu malen. Plötzlich hielt der Maler inne, ſeine großen blitzen⸗ den Augen ſtarrten mit einem Ausdruck der Bewun⸗ derung und des Staunens auf die junge Frangoiſe Daubigny. Wie gelähmt ſanken ſeine Arme herab, und, gleichſam einer unwiderſtehlichen Gewalt folgend, legte er Pinſel und Pallette bei Seite, um ſchnell von ſeinem Gerüſte herab zu eilen, und ſich gerade vor Francoiſe hinſtellend, ſie anzuſtarren. — 451— Es war etwas ſo Gewaltſames, Heftiges und Räth⸗ ſelhaftes in dieſem ſehnellen Thun des jungen Malers geweſen, daß Aller Augen erſtaunt ſich auf ihn hin⸗ wandten. Die Arbeiter hielten in ihrer Beſchäftigung inne und blickten flüſternd und ſinnend auf den Maler, der ſtarr und unbeweglich, wie in einer Art Verzückung, dem jungen Mädchen gegenüberſtand. Die Unterhaltung der Gräfin mit Mademoiſelle David und La Chaiſe ſtockte, und Alle ſchwiegen, geſpannt auf den Ausgang dieſer ſeltſamen Scene. Plötzlich bewegte der junge Maler die Lippen, und mit triumphirendem Ton ſagte er: Heil und Ehre über die größte und berühmteſte Frau ihres Jahrhunderts! Ich neige mich in Demuth vor der zukünftigen Ge⸗ mahlin eines großen Königs! So ſagend, ließ ſich der junge Maler vor Francoiſe Daubigny auf ein Knie nieder, und küßte demuths⸗ voll den Saum ihres Gewandes*). Die Damen brachen in ein lautes Gelächter aus, und Niemand als La Chaiſe ſah den feurigen Blitz, der einen Moment in den ſonſt ſo ſanften Augen des *) Mémoires du Comte de Maupras. Tom. I. * — 152— jungen Mädchens aufleuchtete, Niemand als La Chaiſe ſah die dunkle Röthe und den Ausdruck des Stolzes, der einen Moment über ihr Angeſtcht flog. Ah, dieſes junge Mädchen wird alſo die Gemahlin eines Königs ſein? fragte die Gräfin lachend. Der verzückte Prophet ſagte in ernſtem, ſtrafenden Ton: Lachen Sie nicht, Frau Gräfin, ſondern beeilen Sie Sich, die zukünftige Gemahlin eines Königs um ihre Gunſt zu erſuchen. Und die Arbeiter, die Ehrfurcht vor der Gräſin und ihren Begleitern vergeſſend, brachen in ein lautes, don⸗ nerndes Lachen aus, in das die Gräfin und Made⸗ moiſelle David fröhlich einſtimmten. Dann ſagte die Gräfin, ſich tief bis zur Erde vor Frangoiſe verneigend: zukünftige Gemahlin eines Kö⸗ nigs, ich empfehle mich Ihrer Gnade! Laſſen Sie aus dem Sonnenglanze Ihrer Strahlenhöhe einen gnaden⸗ vollen Blick auf das Erdenwurm herniederfallen, das in Demuth ſich zu Ihren Füßen windet! Frangoiſe hatte ſich ſchnell von ihrem Staunen und ihrer Verwirrung erholt. Sie ſah ein, daß ſte, um ſelber nicht Gegenſtand des Spottes zu werden, lieber * — 153— ſelbſt dieſe ſeltſame Prophezeihung verſpotten, und auf den Scherz der Gräfin eingehen müßte. Nun, fuhr die Gräfin, noch immer tief geneigt fort, nun, will mir die königliche Gemahlin nicht die kleinſte Gnade verheißen? 3 Francoiſe richtete ſich mit einem komiſchen Pathos höher empor, und das Haupt ſtolz zurückwerfend, ſagte ſie mit dem Anſtand einer Königin:„ſtehen Sie auf, Gräfin, Ihr Flehen ſei erhört; ich ernenne Sie zur Großwürdenträgerin des von mir geſtifteten Ordens der unbefleckten Tugend und Keuſchheit, und zugleich zur Oberhofmeiſterin meiner Hoffräulein, die von Ihnen zarte Weiblichkeit und keuſche Tugend lernen mögen! Alle lachten, die Gräfin aber preßte leiſe die Lippen zuſammen, und flüſterte: ſie iſt ſehr boshaft! Jetzt trat Mademoiſelle David vor, und ſich noch tiefer faſt verneigend, ſagte ſie: nun, erlauchte Ge⸗ mahlin eines Königs, wird mir die Sonne Eurer Gunſt nicht ſcheinen? Habt Ihr für mich nicht die kleinſte Gnade, die geringſte Eurer Huldbezeigungen übrig? Und während die ſo geiſtreiche und häßliche David ſich vor ihr bis zur Erde verneigte, erinnerte ſich Fran⸗ goiſe der kalten und harten Worte, welche die David — 154— heute zu ihr geſprochen, und mit denen ſie ſie aus ihrem Hauſe verwieſen hatte. Das Geſicht des jungen Mädchens nahm daher einen ſtrengen, ſpöttiſchen Aus⸗ druck an, als ſie ganz ihrer Rölle getreu mit könig⸗ lichem Stolze erwiderte: doch, meine Kleine! Wir ha⸗ ben in der Fülle unſerer Gnade Eurer nicht vergeſſen, vielmehr ſind es zwei Stellen, zu denen wir Euch in Gnaden berufen! Wir ernennen Euch hiermit zur erſten Prieſterin in dem Tempel, welchen wir der Lchünheit und Jugend erbaut haben! Bravo! rief die Gräfin in die Hände klatſchend. Bravo! Und das zweite Amt? Wir ernennen Euch um Eures mitleidigen und wohl⸗ thätigen Sinnes willen zur Directrice einer Stiftung, in welcher jede arme Waiſe, und jedes ſchutz⸗ und obdachloſe junge Mädchen Schutz und liebevolle Pflege finden ſoll! Mademoiſelle David erblaßte, der Stich hatte ſie getroffen, und ſie erhob ſich raſcher, als es vielleicht die Ehrfurcht vor der Gemahlin eines Königs geſtatten mochte, von ihren Knieen. Jetzt iſt's an Euch, Pater La Chaiſe, ſagte ſie ſchnell, * — 155— ich bin neugierig, was für einen Gifttropfen die könig⸗ liche Dulcinea für Euch aufbewahrt hat! La Chaiſe ließ ſich auf ein Knie nieder, und Fran⸗ coiſe mit glühenden und tief beredten Augen anblickend, fragte er: erhabene Königin, werdet Ihr den gering⸗ ſten Eurer Diener mit ewigem Vergeſſen unglücklich machen, oder wird Eure Gnade auch über ihm leuchten? Frangoiſe war indeß dieſes Komödienſpieles ſchon überdrüßig geworden, und bemüht es zu Ende zu brin⸗ gen. Auf La Chaiſe's Frage antwortete ſie daher raſch und in ihrem natürlichen Ton: ſtehen Sie auf! Ich werde Sie zum Beichtvater des Königs machen! Dann wandte ſie ſich ab, und ſchien aufmerkſam die kunſtvollen Verzierungen der Spiegelrahmen zu be⸗ trachten.—. La Chaiſe lag noch auf ſeinen Knieen, athemlos, ſchweigend. Frangoiſe's Worte hallten noch immer vor ſeinen Ohren wieder, und ſtaunend fragte er ſich ſelber, ob dieſes anſcheinend ſo heitere und unbefangene Mäd⸗ chen mit ihren hellen blauen Augen im Stande gewe⸗ ſen auf dem Grunde ſeiner Seele zu leſen, und ſeine geheimſten Gedanken zu errathen. Beichtvater des Königs zu ſein! war das nicht das — 156— Ziel, das er ſich ſelber vorgezeichnet, auf das alle ſeine Gedanken und ſeine Plane gerichtet waren, um deſſent⸗ willen er ſeit zwei Jahren in lächelnder Demuth ſich um die Gunſt der Höflinge, und vor allen um die Gunſt der Gräfin d'Olonne bemühte? Die Stimme der Gräfin weckte ihn aus ſeinem Sinnen. Ah, wollt Ihr auch vielleicht prophezeihen? fragte ſie lachend. Ihr liegt da auf Euren Knieen, als ob der heilige Geiſt ſich eben auf Eurex Stirne niederge⸗ laſſen, und Euch ganz wundervolle Dinge anvertraut hätte. 1. Ah, flüſterte La Chaiſe ſchnell gefaßt, wer wollte nicht knieend von wundervollen Dingen träumen in dieſem heiligen Tempel! Und er erhob ſich von ſeinen Knieen, und folgte den Damen in die anſtoßenden Gemächer. Aber wider ſeinen Willen war er gedankenvoll und zerſtreut. Dieſe ſeltſame Prophezeiung des Malers, die jetzt, durch Frangoiſe's Worte für ihn eine ganz andere und wich⸗ tige Bedeutung gewonnen, beſchäftigte ihn noch immer, und als er die Damen ganz vertieft ſah in der Muſte⸗ rung der in einem der nächſten Zimmer ausgelegten 38 —— — 157— Stoffe zu den Meubles und Fenſtervorhängen, eilte er raſch zurück zu dem ſeltſamen Propheten. Er fand den jungen Maler ſchon wieder auf ſeinem Gerüſte, eifrig malend an dem Arme der Leda. La Chaiſe bat ihn, zu ihm herabzuſteigen, und zog dann den jungen träu⸗ meriſch lächelnden Mann in eine Fenſterniſche. Ihr habt da vorher ſehr ernſte und vielbedeutende Worte geſprochen, ſagte La Chaiſe feierlich. Aus wel⸗ chem Grunde wolltet Ihr dieſes junge Mädchen, wel⸗ ches eine arme Waiſe iſt, verſpotten, indem Ihr ſie die zukünftige Gemahlin eines Königs nanntet? Der junge Mann ſchüttelte langſam das Haupt. Gott weiß es, daß ich nicht daran gedacht, ſie zu verſpotten, ſagte er. Eine höhere Macht hat mich mit dieſer Gabe der Weiſſagung verdammt, oder geſegnet, wie Ihr wollt. Ich habe das, was ich geſagt, auf der Stirne dieſes jungen Mädchens geleſen, und es wäre das Erſtemal, daß eine meiner Prophezeiungen nicht einträfe! So ſprechend wandte der Prophet ſich langſam um, und kehrte zu ſeiner Pallette und ſeinen Pinſeln zurück. Wunderbar und räthſelhaft iſt dies! ſagte La Chaiſe ſinnend vor ſich hin, als er die Zimmer durcheilte, um — 158— 3* Damen zurückzukehren. Wie, wenn dieſe Pro⸗ phezeiung ſich wirklich erfüllte? Nun, fuhr er dann mit einem feinen Lächeln fort, wir wollen verſuchen, dieſe Prophezeiung wahr zu machen! Jedenfalls muß Frangoiſe Scarrons Frau werden, dann hat ſie min⸗ deſtens ſchon einen berühmten Namen und eine Stel⸗ lung in der Geſellſchaft gewonnen, und das iſt ſehr viel gewonnen! Und mit leichtem, entſchloſſenen Schritt kehrte La Chaiſe zu den Damen zurück. Er fand ſie in lebhaf⸗ tem Wortwechſel mit Frangoiſe. Das junge Mädchen ſträubte ſich noch immer die Gattin des armen kranken Dichters zu werden, und ſich dadurch zum Geſpötte der Welt zu machen!. Man ſoll nicht ſagen, daß ich den erſten beſten Krüppel geheirathet habe, nur um eine Frau zu wer⸗ den! rief ſie, als eben La Chaiſe in's Zimmer trat. Nein, ſagte dieſer, aber man ſoll ſagen, daß ein junges ſchönes Mäͤdchen ſo ſehr den Genius eines Dichters ehrte, daß ſie ſich freudig entſchloß, ihr Leben ihm zu weihen, und aus Liebe zu dem Genius, eine Pflegerin zu werden für dieſen armen ſiechen Körper, in welchem der Genius eingekerkert iſt. Aber die Gattin eines Ungeheuers, das iſt eine Unmöglichkeit, rief Frangoiſe, in Thränen ausbrechend. Mein Gott, ich bin noch ſo jung, mein Herz ſchlägt ſo heiß und ſtürmiſch in meiner Bruſt, ſoll ich mit ſechszehn Jahren ſchon allen dieſen Träumen von Glück entſagen, mit ſechszehn Jahren ſchon für immer auf die Liebe verzichten? 1 Aber wer verlangt das? fragten die beiden Damen erſtaunt. 3 Nun, ſoll ich nicht einen Mann heirathen, oh nein, keinen Mann, ſondern einen Kobold, den ich niemals lieben kann?. Mein Gott, ſo liebe einen Andern, Kind, lachte die Gräfin. Heirathe den Kobold und liebe ſo viel Götter, als Du eben Luſt haſt! 1 Heirathe ihn, um frei und unabhängig zu ſein! ſagte die David. Ich meinestheils würde es nicht er⸗ tragen können, von der Gnade Anderer zu leben! Heirathen Sie Scarron, rief La Chaiſe anſcheinend in ſcherzendem Ton, heirathen Sie Scarron, damit Sie dereinſt die Gemahlin eines Königs werden! Madame Scarron ſteht dieſem Ziele ſchon näher, als Frangoiſe Daubigny. Das junge Mädchen, das bis jetzt geſenkten Hauptes dageſtanden, hob bei La Chaiſe's Worten ſchnell den Kopf empor, und ſah den Prieſter mit einem raſchen durchdringenden Blicke an. La Chaiſe hatte richtig in der Seele Francoiſe's geleſen, der Ehrgeiz war es, der ſie beherrſchte, und Francoiſe fühlte, daß ſie ver⸗ rathen ſei! La Chaiſe erwiderte ihren Blick mit einem Lächeln, und fuhr gleichſam ſcherzend fort: ja, Mademoiſelle, heirathen Sie Scarron, das iſt die erſte Stufe zu Ihrer künftigen Größe! Sie ſehen, ich bin ſehr egoiſtiſch, denn Sie haben verſprochen, mich, ſobald Sie Königin, zum Beichtvater des Köͤnigs zu machen! Frangoiſe ſchwieg noch immer,— ſie überlegte. Ihr ſccharfer Verſtand begriff leicht die Vortheile, die ihr aus dieſer Verbindung erwachſen mußten. Sie hatte dann einen berühmten Namen, eine Stellung in der Geſellſchaft und ein vor Mangel geſichertes Leben. Sie empfand etwas, wie einen Schmerz in ihrer Bruſt, aber ihr Verſtand war mächtiger als ihr Herz, ſie unterdrückte daher ihre Seufzer und zwang ſich zu 3 lächeln. Ich werde Scarron nicht heirathen, ſagte ſie in ſcherzendem Ton, und wandte ſich zuerſt an die Gräfin d'Olonne, ich werde Scarron nicht heirathen, um be⸗ quem Andere neben ihm zu lieben, vielmehr werde ich ſeine und meine Ehre rein und fleckenlos zu erhalten wiſſen von jedem Tadel! Ich werde ihn nicht heira⸗ then, fuhr ſie fort, und wandte ſich an Mademoiſelle David, ich werde Scarron nicht heirathen, um da⸗ durch frei und unabhängig zu werden, vielmehr werde ich mich zur Sclavin eines kranken Dichters machen, und es mein erſtes und heiligſtes Geſetz ſein laſſen, mich ganz ſeinem Willen und jeder ſeiner Launen zu unterwerfen. Aber, ſagte Francoiſe, ſich an La Chaiſe wendend und ihr Geſicht nahm einen ſtolzen und küh⸗ nen Ausdruck an, aber ich werde Scarron heirathen, um dermaleinſt die Gemahlin eines Königs zu werden! Bravo! Bravo! riefen die Damen. La Chaiſe ſagte ruhig und lächelnd: und wird Muß coiſe Daubigny ſich als Königin erinnern, daß ſie mir verheißen, mich zum Beichtvater des Königs zu machen? Ich werde mich deſſen erinnern, ſagte das junge Mädchen. Sie ſchwören es? Ich ſchwöre es! I 11 8* Dieſe Damen ſind Zeugen! ſagte La Chaiſe, ſich lachend vor den beiden Damen verneigend, die nicht wußten, ob dieſe Scene im Ernſt gemeint, oder nur einer von den Scherzen ſei, wie Francoiſe und La Chaiſe ſie liebten. Aber nun im Ernſt, mein Kind, ſagte daher jetzt die Gräfin, wollen Sie Scarron heirathen? Ja, wollen Sie ihn? rief die David ungeduldig. Ich will Scarron heirathen, ſagte Francoiſe lächelnd, vorausgeſetzt, daß er mich will! Die beiden Damen ſchlugen beſchämt die Augen nie⸗ der, als jetzt Francoiſe's ernſter und prüfender Blick ſie traf. La Chaiſe aber ſagte ruhig: mein Freund Scarron hat mich beauftragt, bei Ihnen, Mademoiſelle David, als der großmüthigen Beſchützerin dieſes jun⸗ gen Mädchens, für ihn zu werben um die Hand der Mademoiſelle Frangoiſe Daubigny. Die beiden Damen ſahen den kecken Freiwerber mit erſtaunten Blicken an. La Chaiſe lächelte, und da Mademoiſelle David ihm noch nicht geantwortet hatte, wiederholte er in feierlichem Tone ſeine Werbung. — 163— Ich gebe mit Freuden meine Einwilligung, ſagte die David, vorausgeſetzt, daß Francoiſe im Ernſte geſonnen iſt, Scarron ihre Hand zu reichen! Ich will es! ſagte Francoiſe feſt. Nun, dann alſo wird heute Abend Verlobung ſein, ſagte La Chaiſe. Und da der arme Scarron nicht, wie es die Sitte erheiſcht, zu Ihnen kommen kann, ſo werden Sie Sich entſchließen müſſen, zu ihm zu kommen, und in ſeinem Hauſe Ihre Verlobung zu feiern! Ich werde kommen, ſagte Francoiſe, und dieſe Da⸗ men werden mich begleiten! Aber, ſagen Sie mir doch, flüſterte die Gräfin faſt ängſtlich, als La Chaiſe ſie zum Wagen führte, um des Himmels willen, ſagen Sie, weiß denn Scarron ſchon um unſern Plan? 1 Nicht eine Sylbe weiß er! antwortete La Chaiſe lachend. Und dennoch haben Sie in Scarrons Namen um Francoiſe's Hand geworben und die Verlobung auf heute Abend feſtgeſetzt? 11* — 164— Bis heute Abend ſieben Uhr ſind noch acht Stunden Zeit, ich müßte doch ſehr ungeſchickt ſein, wenn ich bis dahin nicht dieſe kleine Angelegenheit in Ordnung gebracht hätte, ſagte La Chaiſe und küßte der Gräfin Hand. 3 IV. Mademoiſelle Searron. Eine Stunde ſpäter trat La Chaiſe in das Schlaf⸗ gemach des kranken Dichters, der ſo eben auf ſeinem Lager in furchtbaren Schmerzen ſich wand. Des jun⸗ gen Paters Antlitz zeigte einen melancholiſchen Aus⸗ druck, und als er jetzt Scarron anredete, klang ſeine Stimme ſo ſchwermuthsvoll und traurig, daß Scarron, ſeiner eigenen Qualen vergeſſend, ihn theiltehmend fragte, ob irgend ein Unglück ihn betroffen. La Chaiſe ſchlug ſeufzend die Augen gen Himmel. Ja wohl, ein Unglück! ſagte er, denn ein Befehl mei⸗ ner Obern zwingt mich morgen ſchon Paris zu ver⸗ laſſen, und mich alſo von Ihnen, meinem theuerſten und vielgeliebteſten Freunde zu trennen! Ach, auch das noch! rief Scarron. Es iſt heute — 166— ein Unglückstag, ich wußte es gleich! Sie wollen alſo den armen Scarron verlaſſen? Ich muß! Ich werde alſo dieſe ganzen langen Tage wieder, wie früher, ehe Sie da waren, in troſtloſer Einſam⸗ keit zubringen, und dafür keine andere Entſchädigung haben, als Abends dieſes müßige, erbärmliche Geſchwätz dieſer albernen, aufgeblaſenen Menſchen, die mich ge⸗ wiſſermaßen für ihren Hofnarren halten, und ſich un⸗ endlich amüſiren, wenn ich in meinen Schmerzen allerlei Capriolen mache! Ah, Sie wollen mich verlaſſen, das iſt ſehr grauſam! Es wird alſo Niemand mehr da ſein, mich zu erheitern! Gott weiß es, wie betrübt mich ſelber meine noth⸗ wendige Abreiſe macht, ſeufzte La Chaiſe. Zu wiſſen, daß Sie leiden, und Niemand um ſich haben, wel⸗ cher Sie tröſtet und erheitert! Oder an dem ich wenigſtens meinen Zorn auslaſſen könnte! ſagte Scarron mit ſeinem ſatyriſchen Ton. Auch das ſchon wäre eine Erleichterung! rief La Chaiſe lächelnd. Man leidet weniger, wenn man da⸗ bei auch Andern Leiden verurſacht. Wiſſen Sie, mein V — — 167— theurer Freund, ich würde mit leichterm Herzen reiſen, wenn ich Sie verheirathet wüßte! La Chaiſe athmete erleichtert auf, nachdem er dieſe letzten Worte geſprochen. Der Rubicon war überſtie⸗ gen, die Parole war gegeben. Die Augen des armen Scarron erweiterten ſich vor Erſtaunen, er richtete ſich empor, um La Chaiſe anzu⸗ ſtarren, und in ſeinen Zügen zu leſen, ob er nicht toll oder wahnſinnig ſei. Ich mich verheirathen? ſtammelte er endlich. La Chaiſe nickte bejahend. Dann hätten Sie in Ihrer Frau wenigſtens Jemand, der Sie pflegen und zerſtreuen müßte, und an der Sie zugleich Ihren Aer⸗ ger und Mißmuth rächen könnten, ſagte der Pater ruhig. E t In meiner Frau! rief Scarron wüthend. Ich werde niemals eine Frau haben, ſage ich Ihnen, niemals, ſo lange ich nicht wahnſtnnig geworden bin! Ich eine Frau, ein Ding, das zierliche Geſichter ſchneidet, das den halben Tag vor dem Spiegel ſteht, und ſich an⸗ lächelt, und die andere Hälfte des Tages Dummheiten ſagt, ein Ding, das mich zur Verzweiflung bringen würde durch ihre Albernheiten, eine Frau, die, wenn — 168— ſte bei mir tugendhaft und treu bleibt, ein wahrer Satan ſein müßte, und wenn ſie es nicht iſt, mir eine Krone aufſetzt, nach der ich gar nicht verlange, weil mir davon der Kopf, das einzige, was noch ge⸗ ſund und ſtark an mir iſt, ſchmerzen würde! Es müßte eben eine Frau ſein, welche Sie liebt, ſagte La Chaiſe, eine Frau, welche aus wahrer und tiefer Neigung zu Ihnen, bereit wäre, Jynen ihr gan⸗ zes Leben zu weihen! Der Dichter warf einen ſcharfen und mißtrauiſchen Seitenblick auf La Chaiſe; er fürchtete, daß man ſeiner ſpotten, daß man ihn verhöhnen wolle. Aber als er in das ruhige, theilnahmsvolle Antlitz ſeines Freundes blickte, als er ſah, daß La Chaiſe im Ernſte ſo ge⸗ ſprochen, breitete ſich ein ſchwermüthiger und trauriger Ausdruck über die harten und ſcharfen Züge Scarrons aus, und es zuckte etwas, wie ein tiefes Schmerzgefühl um ſeine Lippen, als er ſagte: Sie werden auf der ganzen Erde keine ſolche Frau finden! Nein, ſage ich Ihnen, der arme Kobold, das lächerliche Ungeheuer, der zappelnde Froſch, mit einem Wort, Scarron kann niemals von einem Weibe geliebt werden! Er wird geliebt! ſagte La Chaiſe ernſt. 4* — — 169— Scarron fuhr empor, als habe eine Natter ihn ge⸗ troffen. Sie wollen mich wahnſinnig machen! ſchrie er, wü⸗ thend die Fäuſte ballend. Ich ſage Euch aber, daß ich, Euch Allen zum Trotz, wenigſtens ein vernünfti⸗ ger Kobold bleiben und mich nicht bethören laſſen will! Und wer, wenn es Ihnen beliebt, iſt die Tollhäus⸗ lerin, welche ſich in mich verliebt hat? Ach, ich ſehe ſie ſchon vor mir ſtehen, dieſe Schöne von ſechszig Jahren, mit zahnloſem Munde, mit klappernden Glie⸗ dern, mit grauem Haar, und einem Kinn, mit wel⸗ chem ſie mir gelegentlich in einem Anfall ihrer Zärt⸗ lichkeit meine Augen aus ihren Höhlen bohren wird, um nachher ſagen zu können, ich ſei erblindet vor dem Glanze ihrer Schönheit! Nun, werden Sie mir end⸗ lich den Namen dieſer jungen achtzigjährigen Diana nennen, welche mich zu ihrem Endymion erkoren? Es iſt Francoiſe Daubigny! ſagte der Pater feierlich. Scarron ſank ächzend in die Kiſſen zurück, es ſchien, als ob ein Schlagfluß ihn plötzlich jeder Bewegung, jedes Wortes beraubt habe, er verſuchte zu ſprechen, aber die Lippen verſagten ihm den Dienſt, die Adern auf ſeiner Stirn ſchwollen hoch auf, und verliehen ſei⸗ nem Antlitz einen wahrhaft fürchterlichen Ausdruck.— La Chaiſe erſchrack nicht vor dieſem Anblick, er hatte den armen Scarron ſchon öfter in ſolchem Zuſtande geſehen, wenn Zorn oder Schmerz ſeine Nerven über⸗ reizten, es war nur eine Art Krampf, der bald vor⸗ überging, und welcher den armen Scarron zwar der Bewegung, aber nicht der Beſinnung, nicht des Ge⸗ hörs beraubte. La Chaiſe benutzte daher dieſen günſtigen Moment, in welchem Scarron ihn nicht unterbrechen konnte, und fuhr fort: es iſt, wie ich ſagte, Francoiſe Daubigny liebt den Dichter Scarron, ſie iſt bereit, ihm ihr gan⸗ zes Leben zu weihen, ihn zu pflegen mit der Liebe einer Tochter, ihm anzugehören mit der Zärtlichkeit einer Gattin! Scarron ſtieß nur ein dumpfes Brummen aus, und glich, mit den fürchterlichen Grimaſſen, zu denen er ſein Geſicht verzog, ſehr einer Tigerkatze, die im Be⸗ griff iſt, ſich auf ihre Beute zu ſtürzen. La Chaiſe ſah an den heftiger werdenden Muskelbewegungen, daß der Krampf bald vorüber ſein würde, und er fuhr da⸗ her raſcher fort: Francoiſe Daubigny iſt jung, ſchön, — 171— und überdies tugendhaft und ſittſam. Sie beſitzt einen durchdringenden Verſtand, und weiß deshalb die hohen und herrlichen Eigenſchaften und Talente meines Freun⸗ des Scarron ſo ſehr zu ſchätzen, daß ſie darüber ſeine unglückliche Lage und ſein uneinnehmendes Aeußere ganz vergißt. Sie will ſich mit ihrer Jugend und ihrer Schönheit dieſem großen und erhabenen Geiſte vermählen, der in ungeſchwächter Schönheit ſie um⸗ ſchwebt, und den keine äußere Form zu entſtellen vermag! Lügen, verdammte Lügen! ſchrie Scarron, der jetzt ſeine Sprache wiedergewonnen. Ich weiß Alles, ich begreife Alles! Die David will ihrer los ſein, und weil der Anſtand es nicht erlaubt, das junge Mäd⸗ chen auf die Straße zu werfen, wollt Ihr ſie, als würdiges Auskunftsmittel, mir an den Hals werfen! Dies iſt ſo wenig der Fall, ſagte La Chaiſe, daß Francçoiſe Daubigny, wenn ſie Luſt hätte, heute noch in eine glänzende und vergnügungsreiche Laufbahn tre⸗ ten könnte. Die Marſchallin von Rochefort hat ihr eine Stelle in ihrem Hauſe, als ihr Geſellſchaftsfräu⸗ lein angeboten! 3 Und ſie will nicht? fragte der Dichter mit ſichtbarer Theilnahme. — 12— Sie hat geſagt, daß ſie nur dem Manne, welchen ſie liebt, dienſtbar ſein wolle, daß ſte nur die Launen deſſen ertragen wolle, den ſie freiwillig zum Herrn über ſich gemacht! Eine Antwort, ganz dieſes ſtolzen jungen Kindes würdig. Und nannte ſie den, welchen ſie zum Herrn über ſich gemacht? Sie nannte ihn Scarron! Scarron antwortete nichts, er hatte ſein Haupt in die Kiſſen zurückgelehnt, und blickte gedankenvoll zur Dceecke ſeines Zimmers empor. Sein Geſicht hatte einen weichen, milden Ausdruck angenommen, und La Chaiſe meinte in dieſen harten, verſteinten Zügen eine tiefe Rührung zu leſen. Wienn dies Wahrheit wäre, flüſterte Scarron leiſe, wenn die alte Fabelwelt wieder zur Wirklichkeit würde, und eine ſchöne Nymphe ſich in einen Faun verliebte! Ah, es iſt wahr, ich würde ſehr glücklich ſein, ein ſanftes und holdes Weſen um mich zu haben, das mich tröſtet in meinen Leiden, und mit mir lacht, wenn ich heiter bin!— Ich will ſie ſehen, ſagte er plötzlich laut, ſich an La Chaiſe wendend. Ich will ſie ſehen und prüfen! Sie ſoll zu mir kommen! Da Sie einmal —y— — 173— die würdige Rolle des Freiwerbers übernommen, und für Frangoiſe um mich geworben haben, ſo mögen Sie auch Ihre Rolle zu Ende ſpielen, und Mademeiſelle Francoiſe Daubigny zu mir herbringen! Oder nein, beſſer noch iſt es, ich erwarte ſie geduldig bis zum Abend. Es iſt heute mein Empfangstag. Gut, ich werde ſehen, ob ſie die Probe beſteht, und ob ſie vor aller Welt ohne Scham und Etröthen bekennen wird, daß ſie mich liebt! Wenn dem ſo iſt, nun ja, dann werde ich ſie heirathen! Rufen Sie einen Notar und einen Prieſter! Sie ſollen um ſieben Uhr in meinem Kabinette warten! Und nun eilen Sie Sich, Menſch, Freund, Jeſuit, eilen Sie Sich, und laſſen Sie mich allein! La Chaiſe nahm lächelnd ſeinen Hut und ging. Als ſich aber die Thüre hinter ihm geſchloſſen, und Scar⸗ ron, mit ſcharfen Blicken im Zimmer umherſchauend, ſich überzeugt hatte, daß er wirklich ganz allein ſei, daß Niemand ihn belauſchen könne, bedeckte er ſich das Geſicht mit ſeinen dürren, vertrockneten Händen, und brach in Thränen aus. 4 Nun, ſagte er dann, als dieſer erſte Sturm ſeiner Bewegung vorüber war, nun, dies ſind die erſten Freu⸗ — 174— denthränen, welche der arme Scarron in ſeinem Leben vergoſſen hat!—— La Chaiſe war indeß nicht müßig; er eilte zu Fran⸗ coiſe und ſagte ihr, daß Scarron gar nicht glauben wolle an ſein Glück, und daß er deshalb beſchloſſen habe, ſie auf die Probe zu ſtellen, und vor der gan⸗ zen Geſellſchaft ſie zu fragen, ob ſie ihn liebe, und freiwillig ihm angehören wolle. Sie dürfen nicht erröthen, wenn Sie ihm antworten, ſagte La Chaiſe warnend. Ich werde es auch nicht, erwiderte Francoiſe leiſe, man erröthet nur bei ſolchem Geſtändniß, wenn man wirklich liebt! Wiſſen Sie das aus Erfahrung? fragte La Chaiſe lebhaft. Nein, ich weiß es aus meinen Büchern! Ich ſelbſt werde es niemals erfahren, denn, da ich mich ent⸗ ſchloſſen, Scarrons Gattin zu werden, will ich ihm mindeſtens treu ſein! Uebrigens fürchten Sie nichts, ich bin auf Alles gefaßt!— Eine glänzende und ausgeſuchte Geſellſchaft war an und Fürſten, Dichter und Staatsbeamte waren gekom⸗ dieſem Abend in Scarrons Salon verſammelt. Herzoge ——ᷣᷣↄↄA— — —— = 175— men, Scarron zu ſehen und zu begrüßen, und ſich zu ergötzen an ſeinen Witzen und Sarcasmen. Aber Scar⸗ ron war heute ſehr ſchweigſam, ſehr ſtill, ſeine Blicke richteten ſich oft nach der Thüre hin, und eine gewiſſe Ungeduld malte ſich in ſeinen Zügen. Jetzt trat La Chaiſe zu ihm, und flüſterte: Sie kommt! Iſt Alles in meinem Kabinette bereit? Es iſt! Die Thüren flogen auf, und begleitet von Made⸗ moiſelle David und der Gräfin d'Olonne trat Fran⸗ coiſe Daubigny ein. Scarrons Augen waren feſt und durchbohrend auf ſie gerichtet, Francoiſe begegnete ſei⸗ nen Blicken mit einem ruhigen Lächeln, und ſchritt gerade auf ihn zu. In dieſem Augenblick ward Scarrons ſchrille und ſchneidende Stimme, Ruhe und Schweigen gebietend, vernommen. Ruhig, ruhig, meine Herren und Damen, rief er, Alles übertönend, ruhig, meine kleinen Engel, und meine großen Teufel. Wir haben hier ein Verhör vor⸗ zunehmen, ja, ja, ein Verhör! Wir wollen als Richter dieſes junge Mädchen vernehmen. Mein lieber La Chaiſe, — 176— laſſen Sie den Notar eintreten, damit er die Antwor⸗ ten der Madeinbiſäll Francoiſe Daubigny zu Papier bringe! La Chaiſe ſtand zaudernd da, und blickte Francoiſe fragend und verlegen an.— Rufen Sie den Notar, ſagte das junge Mädchen ruhig. Und La Chaiſe öffnete die Thür des Kabinets, aus welchem der Notar mit Papier und Feder hervortrat. Ein athemloſes Schweigen trat ein, aller Augen wandten ſich auf Scarron, der bleich und erſchöpft in ſeinen Lehnſeſſel zurückgeſunken war, und auf dieſes junge Mädchen, das hochaufgerichtet, ernſt und ruhig an ſeiner Seite ſtand. In der That, Francoiſe war ganz ruhig, ganz gefaßt; ſie hatte ihr Schickſal ange⸗ nommen, nichts konnte ſie mehr Uibeita ihen oder in Verlegenheit ſetzen! Ich werde die Gattin eines Kobolds ſein, hatte ſte zu ſich ſelber geſagt, aber ich will daran gedenken, daß mir heute prophezeiht worden iſt, daß ich dereinſt die Gemahlin eines Königs ſein würde! Und ich glaube, La Chaiſe hat Recht, dies iſt heute der erſte Schritt zu meiner künftigen Größe! — 17— Wie geſagt, Francoiſe Daubigny war ganz ruhig und gefaßt, ſie erwartete mit heiterm Blick die Fragen ihres ſeltſamen Liebhabers. So, jetzt möge das Verhör beginnen! rief Scarron, als der Notar Platz genommen. Antworten Sie, Francoiſe Daubigny, iſt es wahr, daß Sie mich lieben, und durchaus, trotz meines Wider⸗ ſtrebens, meine Gattin werden wollen? Das junge Mädchen blickte lächelnd im Kreiſe um⸗ her, und ließ ihr Auge auf dieſen erſtaunten und überraſchten Geſichtern ruhen, die ſie rings umher ge⸗ wahrte. Dann ſagte ſie mit heller, freudiger Stimme: ich liebe den Dichter Scarron, den großen und erhabenen Genius, der die Bewunderung von ganz Frankreich iſt. Ja, ich liebe ihn, und wenn der Dichter Scarron nicht die Hand der armen, unbekannten Francoiſe Daubigny verſchmäht, ſo wird ſie freudig bereit ſein, ihr ganzes Leben ihm zu weihen! Das nenne ich eine Unverſchämtheit, die ihres Glei⸗ chen nicht hat in der Weltgeſchichte! rief Scarron, und ſuchte ſeine Rührung unter einem lauten ſpötti⸗ ſchen Lachen zu verbergen. Sie bekennt, daß ſie mich I. 12 — 178— liebt, und ſie erröthet nicht einmal bei dieſem Be⸗ kenntniß! Frangoiſe erwiderte: Man erröthet nur, wenn man ſich vor dem, was man gethan, zu ſchämen hat! Ich aber ſchäme mich meiner Liebe zu dem Dichter Scarron nicht, denn ſie iſt mein Stolz, und ſoll das Glück und die Größe meiner ganzen Zukunft be⸗ gründen! Haben Sie das geſchrieben? fragte Scarron den Notar. Dieſer bejahete. Alſo weiter! Sie lieben mich alſo! Gut, ich will aber keine Frau nehmen! So machen Sie mich zu Ihrer Tochter! ſagte das junge Mädchen lächelnd. Ich werde dann nicht min⸗ der ein Recht haben, Sie zu pflegen, und Tag und Nacht Ihren Befehlen zu gehorchen! 2 Ich werde dieſe junge Zudringliche nicht los! rief Scarron, und wider ſeinen Willen ſtrahlte ſein Antlitz in Freude und Rührung. Nun denn, ſo muß ich wohl ihr Flehen erhören, und ihr meinen Namen geben! Aber meinen Namen, weiter nichts! Ich will keine Frau haben, ich haſſe, ich verabſcheue die Frauen, ich würde ſterben vor Aerger, wenn ich eine Madame — 179— Scarron an meiner Seite haben müßte! Hören Sie, ich verbitte mir, daß Sie Sich Madame Scarron nennen! So nennen Sie mich Mademoiſelle Scarron! ſagte Francoiſe, und reichte Scarron mit einem reizenden Lächeln die Hand dar. Sie fühlte ganz die zarte und feine Weiſe, mit welcher der arme, gelähmte Dichter eine Lächerlichkeit von ihnen Beiden abwälzte, und indem er ihr ſeinen Namen gab, und ihr dabei, in ſeiner anſcheinenden Launenhaftigkeit verbot, ſich Ma⸗ dame Scarron zu nennen, alle Welt es ahnen ließ, daß Francoiſe nur ſeine Tochter, niemals ſein Weib ſein würde. Ja, nennen Sie mich Mademoiſelle Scarron, wie⸗ derholte Francoiſe, und drückte innig ihres Freundes Schreiben Sie, Notar, daß Francoiſe Daubigny dem Titel Madame entſagt, und einwilligt, Mademoi⸗ ſelle Scarron zu heißen! Einen Moment ruhte Scarrons Auge mit einem Blick unendlicher Liebe auf Francoiſe, und vielleicht, indem er die reiche Fülle ihres ſchönen, ſeidenweichen Haares bewunderte, erinnerte er ſich, daß die dama⸗ 12* lige Sitte jeder verheiratheten Frau des Bürgerſtandes gebot, ihr Haar unter den großen, reichbebänderten Hauben, wie ſie damals Mode waren, zu verbergen. Ich habe noch viele Bedingungen zu machen, ſagte er. Zum Beiſpiel, damit Niemand von Ihnen ſagen kann, Sie hätten mich geheirathet, um unter die Haube zu kommen, verbiete ich Ihnen, Jemals eine Haube — zu tragen, und befehle, daß Sie immer Ihr Haar unbedeckt tragen! Iſt zugeſtanden, ſagte Francoiſe mit einem dank⸗ baren Lächeln. Und übrigens will ich alleiniger und umumſchränkeer Herr in meinem Hauſe ſein, fuhr Scarron fort. Ich nehme Sie zu meiner Krankenpflegerin an, das iſt Alles. Wollen Sie verſprechen, mich Tag und Nacht, wenn ich krank bin, zu pflegen? 8 Ich verſpreche es, aber ich werde es nicht thun, um mein Verſprechen zu erfüllen, ſondern aus Liebe und Theilnahme! ſagte das junge Mädchen. Und Scarron, um wieder ganz ſeiner Koboldsnatur Ehre zu machen, fuhr fort: Uebrigens mache ich es Ihnen zum Geſetz, daß Sie niemals bei einer meiner Mahlzeiten fehlen! ——— — 181— Ich verſpreche es! Das heißt, wenn wir allein ſind, dürfen Sie mit mir ſpeiſen, hingegen, wenn wir Geſellſchaft haben, dürfen Sie nicht an meiner Tafel Platz nehmen, ohne meine beſondere Erlaubniß!*) Wollen Sie dieſe Be⸗ dingung erfüllen? Einen Moment blitzte ein zorniger Glanz in Fran⸗ coiſe's Augen auf, aber ſie ſenkte ſchnell die Augen⸗ lider und ſagte: ich werde ſtets die Launen meines kranken Freundes ehren, und ſie zur Richtſchnur mei⸗ ner Handlungen machen! Schreiben Sie das, Notar, und nun hören Sie fer⸗ ner: ich verbiete Ihnen Jemals allein, ohne daß ich 8 zugegen bin, Beſuche anzunehmen! Außer meinen Gedanken und Träumen werde ich Niemand den Zutritt in meine Einſamkeit geſtatten! ſagte das ducf. na ruhig. Ich werde ihrer nicht los, ſchrie Scarron, ſie wil⸗ ligt in Alles, ſie iſt verliebt in mich, wie ein Käfer! Gut denn, meine Kleine, Sie ſollen Ihren Willen haben! Notar, haben Sie alle Fragen und Antworten nieder⸗ geſchrieben? *) Mémoires du Comte de Maupras. Tome I. * — 182 2 Ja! Gut denn, geben Sie her! Dieſes Frag'⸗ und Ant⸗ n woorſſiel iſt unſer Ehekontract, denn was unſere Reicve thümer anbetrifft, ſo wird uns das keine Schwierig⸗ keiten machen. Ich lebe von einer Penſion des Königs, das iſt Alles! Und ich beſitze gar nichts, ſagte das junge Mäd⸗ chen ſtolz. Sie iſt wundervoll! flüſterte Scarron leiſe, und laut ſagte er dann: nun, ſo werde ich die Laſt auf mich allein nehmen, Sie ganz langſam verhungern zu laſſen! 3 Und jetzt laſſen Sie uns unſern Heirathscontract unter⸗ zeichnen! Notar, leſen Sie ihn vor! Und nachdem der Notar dieſe wunderlichen Ehepacten vorgeleſen, ſetzten Scarron und Frangoiſe Daubigthy ihren Namen darunter, Mademoiſelle David, die Gräfin V d'Olonne und La Chaiſe unterſchrieben als Zeugen. So, nun noch die Farge mit dem Prieſter! rief Scarron und winkte La Chaiſe. Dieſer öffnete wieder die Thüre, und führte aus Scarrons Kabinette den Prieſter herbei, der mit ernſter und ruhiger Würde mitten durch dieſe ſo glänzende, ſo geputzte Verſamm⸗ — 183— Aung dahinſchritt, und ſich mit feierlichem Ernſte dem Ruhebette des kranken Dichters näherte. Scarron ſchaute unverwandten Blickes auf Francoiſe hin. Kein Muskel ihres Geſichtes zuckte, ſie erröthete weder, noch erblaßte ſte, ernſte Ruhe und Würde ſprach aus ihren Zügen, und Niemand hätte in dieſem Augen⸗ ——— 1 blicke es wagen können über dieſes junge Mädchen zu ſpotten, das ſo ernſt und rein, ganz umſtrahlt von der Glorie ihrer jungfräulichen Würde und Keuſchheit, da ſtand neben dem Bette dieſes kranken Dichters, dem ſie ſich eben vor Gott und den Menſchen verbinden wollte als ſeine Gattin und Tochter. Beginnen Sie die Ceremonie! ſagte Scarron, und faßte die Hand des jungen Mädchens. Der Prieſter ſprach den Segen über das neuver⸗ mählte Paar, und nachdem dieſe Feierlichkeit beendet, und ſie die Ringe gewechſelt hatten, richtete Scarron ſich höher empor, und mit ſeiner ſcharfen, ſpöttiſchen Stimme rief er: meine Herren und Damen, ich habe die Ehre, Ihnen Mademoiſelle Scarron vorzuſtellen! Alle umringten den Dichter, um ihm Glück zu wün⸗ ſchen, und ihn zu preiſen wegen ſeiner Wahl. Scar⸗ ron aber ſank erſchöpft in die Kiſſen zurück und rief: —,— — 184— ah, ich wußte es wohl, daß heute ein Unglückstag für mich ſein würde! Meine Katze hat den ganzen Tag miaut, das bedeutet Unglück, ich wußt' es wohl! Ach mein Himmel, ich hatte bis jetzt nur eine Katze; jetzt habe ich deren zwei Katzen, und ſie werden alle beide miauen, und mich zu Tode kratzen! Und während Alle lachten über dieſen beißenden Scherz, trocknete Scarron ſich ganz heimlich und un⸗ bemerkt die Augen an ſeinem Kopfkiſſen,— es war das zweitemal, daß die Freude ihm Thränen in die Augen getrieben!— La Chaiſe aber ſagte leiſe zu Francoiſe: der erſte Schritt iſt gethan! Man wird die nächſten Tage in ganz Paris ſich nur mit Ihnen beſchäftigen, und Ma⸗ demoiſelle Scarron wird die Bewunderung und die Sympathieen der ganzen Stadt für ſich haben! Machen Sie, daß die Pariſer Sie nicht vergeſſen, und geden⸗ ken Sie der Prophezeihung! Sie glauben alſo auch daran? fragte Francoiſe. Ich glaube, daß Sie zu großen Dingen berufen ſind! ſagte La Chaiſe ernſt. Werden Sie in Ihrer Größe ſich meiner erinnern? Gewiß! —,— Schwören Sie! Ich ſchwöre! Gut, mit dieſem Schwure ſei für jetzt unſer Lebe⸗ wohl beſiegelt! Mein Gott, rief das junge Mädchen ängſtlich, Sie wollen uns verlaſſen? Ich hatte ſo ſehr auf Ihren Schutz und Ihren Rath gerechnet! Rufen Sie mich, wenn Sie meiner bedürfen, ſagte La Chaiſe feierlich, rufen Sie mich, und wo ich auch ſein mag, ich werde an Ihre Seite eilen, und Sie beſchützen, wenn Sie deſſen bedürfen. Für jetzt ruft mich eine höhere Beſtimmung fort aus Paris. Ein Freund bedarf meiner! Sorgen Sie dafür, daß man in dieſer ſo leichtfertigen, ſo wandelbaren und treuloſen Pariſer Geſellſchaft des armen Pater La Chaiſe nicht vergeſſe! — 186— VII. Ein Freundſchaftsdienſt. In der That, es war ein Freund, der Pater La Chaiſe's Hülfe bedurfte, und um deſſentwillen La Chaiſe Paris verließ. Nicht, als ob er eine ſo glühende Freundſchaft empfunden, daß er dieſer das Opfer ſei⸗ ner Entfernung von Paris gebracht, ſondern es paßte gerade zufällig in La Chaiſe's Plane. Er ſagte zu ſich ſelber:„das Werk iſt jetzt begonnen, der Acker iſt beſtellt, jetzt muß ich gehen, mir gute Saat zu ſuchen! Ich habe es ſo weit gebracht, daß mein Gehen be⸗ merkt worden, und daß man mich vermiſſen muß. Ich will aber, daß man mich nicht nur vermißt, ſondern daß man mein Wiederkommen erſehnt, und meine Rück⸗ kehr wünſcht und begehrt! Als Triumphator will ich einziehen in Paris!“ Deshalb war es, daß La Chaiſe dem Rufe ſeines — 187— Freundes de Vaur gehorchte, und Paris verlieſt. Uebri⸗ gens hatte de Vaur gewiſſermaßen ein Recht, zu for⸗ dern, daß La Chaiſe ſeinem Wunſche Gehorſam leiſte, denn das Glück, und ein wenig ſeine eigene Geſchick⸗ lichkeit, hatte den würdigen Rector der Jeſuitenſchule zu Lyon begünſtigt und ihn zu größern Chrenſtellen berufen. De Vaur war jetzt Provincial des Jeſuiten⸗ ordens geworden, und hatte zu Dijon ſeine Reſidenz aufgeſchlagen. Er war alſo La Chaiſe's Meiſter und Vorgeſetzter, und das Gelübde des Ordens hätte allein ſchon den jungen Jeſuiten La Chaiſe veranlaſſen müſſen, dem Rufe des Provincials de Vaur zu folgen. In⸗ deſſen, wie geſagt, es war nicht der Obere, ſondern der Freund, welcher nach dem jungen Pater gerufen, es war nicht Gehorſam und Unterwerfung, ſondern Rath und Beiſtand, was der Provincial de Vaur von ſeinem Freunde La Chaiſe begehrte. Pater La Chaiſe eilte nach Dijon, und an einem ſchönen ſonnigen Morgen des Jahres 1656 trat er lächelnden Antlitzes in das Studirzimmer ſeines Freun⸗ des, des Provincial de Vaur. Dieſer empfing ihn mit lautem Jubelruf, und ſchloß ihn mit wirklichen Freudenthränen in ſeine Arme. — 188— * Und haſt Du mich nicht vergeſſen, mein Sohn! fragte er, theilnahmsvoll in das ernſte, männliche Antlitz ſeines Freundes blickend. La Chaiſe ſagte feſt: ich habe in dieſen zehn Jahren, die wir getrennt ſind, viel erfahren, viel gelernt. Ich habe die Menſchen beobachtet und geprüpft. Ich habe überall Heuchelei und Schlechtigkeit, Falſchheit und Tücke gefunden, ich bin überall nur dem kälteſten Egois⸗ mus, dem kleinlichſten Neide begegnet, und bei jeder neuen Erfahrung, die ich gemacht, bei jedem Verrath und jeder Hinterliſt, der ich begegnete, habe ich, mit einer Art Troſtgefühles, Eurer gedacht, als des Ein⸗ zigen, welcher mir Wort gehalten, als des Einzigen, welcher meines Vertrauens würdig iſt! So bin ich in dieſen zehn Jahren unſerer Trennung mit jedem Tage mehr Euer Freund geworden, und habe Euch eine Freundſchaft gelobt, welche treu ausdauern wird bis zum Tode. So ſehr ich die Menſchen haſſe und 1 verachte, ſo ſehr liebe ich Euch! Deshalb gebietet jetzt 6 über mich! Ich bin bereit zu jedem Dienſt! De Vaur ſchloß ihn ſchweigend in ſeine Arme, aber 5 La Chaiſe las in ſeinen Zügen eine Art Beklommen⸗ heit und Scheu. — 189— Ihr ſeid verlegen, ſagte er, ſeine durchdringenden Blicke auf de Vaur heftend, Ihr zaudert mir zu ſagen, 8 worin ich Euch nützen kann! Es iſt alſo eine ſehr ernſte, ſehr zarte Angelegenheit, die Euch beſchäftigt? Ach, ich verſtehe dieſen Blick,— Ihr ſeid verliebt! De Vaur nickte bejahend. Du biſt ein Menſchen⸗ haſſer geworden, biſt Du auch ein Weiberhaſſer? fragte er. 272 Bah, die Weiber ſind keine Menſchen! ief La Chaiſe 4 verächtlich. Es iſt ein angenehmes Spielzeug für müßige Stunden, weiter nichts! Sie ſind allerliebſt, wenn ſie uns lieben, und ſehr langweilig, wenn wir ihrer über⸗ drüßig geworden! Ach, ich liebe die Weiber nur, weil es mich amüſirt, ſie zu verlaſſen, weil ihre Thränen und ihre Verzweiflung mir eine angenehme Emotion giebt! Ach, Du biſt alſo ſehr grauſam! ſagte de Vaur. Nicht doch, ich bin ſehr großmüthig, rief La Chaiſe, 3 denn ich bin immer bereit, einem Nachfolger Platz zu machen! Dieſe Liebesintriguen ſind inmitten meiner mernnſten Beſchäftigungen meine einzige Zerſtreuung und Erheiterung, mein dolce far niente! bei welchem ich mich erhole von allen Geſchäften und Sorgen! 5— Wa — 190— Ah, ah, Du biſt mein größter, mein würdigſter Schüler! rief de Vaur freudeſtrahlend. Jetzt trage ich kein Bedenken, Dir mein Geheimniß anzuvertrauen! Und er zog den Freund näher zu ſich, und dicht an ſein Ohr geneigt, flüſterte er mit beredten Worten und höher gerötheten Wangen ihm eine lange Geſchichte der Sünde und des Verbrechens, des Verrathes und Treubruches in's Ohr. Ein ſeltſamer Anblick war es, dieſe beiden Prieſter zu ſehen, wie ſie, Wange an Wange geneigt, mit lüſternem Lächeln und flammenden Augen, mit hochathmender Bruſt und zitternden Lippen neben⸗ einander ſtanden, und dicht daneben dieſes große Cru⸗ cifir, das an der Wand hinter ihnen ſich erhob und von welchem der Heiland mit ernſter Mahnung zu den beiden Prieſtern herunterzublicken ſchien. Ah, ah, ich verſtehe Euch! ſagte La Chaiſe lachend, als de Vaur geendet. Ja, ich begreife vollkommen meine Rolle! Wartet, ich will Euch ſchnell die De⸗ tails wiederholen! Es iſt da ein alter Präſident, der ein junges ſchönes Weib, und daneben eine ſchöne Tochter aus einer frühern Ehe hat! Der alte Präſi⸗ dent fürchtet das hitzige Blut und das glühende Herz ſeiner jungen Gemahlin, er hat Lebenserfahrungen, und — 191— weiß, daß die Tugend der Weiber bewacht ſein will, und er wacht deshalb. Er verlangt, daß die Stief⸗ mutter von achtzehn Jahren und die Stieftochter von ſiebenzehn Jahren immer beiſammen ſind, Nacht und Tag, im Wachen und Schlafen. Ah, mein Freund, dieſer alte Präſident gefällt mir, er iſt weiſe, denn er ſpeculirt auf den Neid und die Eiferſucht des Weibes, und er weiß, daß Niemand als ein Weib beſſer im Stande iſt, ein anderes Weib zu beaufſichtigen und zu überwachen! Warten Sie; das ſind alſo bis jetzt die handelnden Perſonen in unſerem Luſtſpiel. Ein eifer⸗ ſüchtiger alter Präſident, ein ſchönes Weib, und eine ſchöne Tochter. Jetzt, mein Freund, kommt Ihr auf die Bühne! Ihr liebt die junge Präſidentin, Ihr habt es durch Beharrlichkeit und Liebenswürdigkeit dahin gebracht, daß Ihr wieder geliebt werdet, iſt's nicht ſo? Ja, es iſt ſo! rief de Vaur glühend, Marcella liebt mich, ihr Herz iſt mir mit leidenſchaftlicher Gluth er⸗ geben! Und weil Ihr Euch liebt, wollt Ihr Euch auch be⸗ ſitzen, das iſt ganz natürlich! ſagte La Chaiſe lachend. Aber jetzt kommen wir auf die Hinderniſſe! Der Präſi⸗ dent läßt ſeine Tochter durch ſein Weib, und ſein Weib — 192— durch ſeine Tochter bewachen, das heißt, während der Nacht. Sie ſchlafen in einem Zimmer und ſogar in einem Bette, dieſe beiden liebenswürdigen Weiber. Tags übernimmt der eiferſüchtige Alte ſelber die Bewachung, und weicht nicht einen Augenblick von der Seite ſeiner ſchönen Gemahlin. Aber ſagt, wie ſeid Ihr dann da⸗ zu gelangt, Ihr Eure Liebe zu entdecken, und das ſüße Geſtändniß ihrer Gegenliebe zu empfangen? Du vergißt, daß ich ihr Beichtvater bin, ſagte de Vaur ganz ernſthaft. tir— Ach, das iſt wahr, und freilich, bis in den Beicht⸗ ſtuhl kann der würdige Herr Präſident ſeiner Gemahlin nicht folgen! Aber er ſteht immer ſechs Schritte davon und war⸗ tet! rief de Vaur kläglich. Den Cerberus und Tageswächter zu zähmen und zu entfernen wäre verlorne Mühe, fuhr La Chaiſe fort, der Praͤſident iſt klug, liſtig und unbeſtechlich. Auf den Tag dürfen wir alſo nun nicht rechnen. Es bleibt uns nun nur noch die Nacht, und da haben wir ein junges, unſchuldiges, ſiebenzehnjähriges Kind, deren Herz noch von keinem Strahl der Liebe und Leiden⸗ ſchaft berührt worden. Dieſes Kind iſt der nächtliche V — 193— Wächter für die Tugend der Präſidentin Marcella, Eurer ſchönen Baſe, und dieſes Kind iſt in gewiſſer Hinſicht ein eben ſo unbeſtechlicher Wächter, wie der Präſident, denn ſie iſt unſchuldig und deshalb ſtreng in ihrer Tugend. Es iſt ein wahrer Tugenddrache! ſeufzte de Vaur. Aber es iſt der Drache, welcher gezähmt werden ſoll! rief La Chaiſe, und wenn ich Alles recht begriffen habe, bin ich, der Pater und Jeſuit La Chaiſe, dazu aus⸗ erſehen, dieſen kleinen Tiger zu bändigen. Ich ſoll ſie mit einigem Zuckerbrodt von Liebesworten von ihrer Pflicht ableiten, um aus ihr eine kleine Sünderin zu machen, die minder ſtrenge auf Tugend und Keuſchheit hält, und die, indem ſie ſelbſt gelegentlich einen kleinen Fehl⸗ tritt begeht, Andern dieſe ſüße Sünde nicht ſo ſchwer macht! Oh, Du haſt mich vollkommen verſtanden, mein herrlicher und kluger Freund! ſagte de Vaur ganz ent⸗ zückt. Auf Dir beruhete auch meine ganze Hoffnung! Du wirſt dieſes Tugendteufelchen zähmen, und, indem Du ein Rendezvous mit ihr verabredeſt, ſie aus dem Zim⸗ mer meiner angebeteten Marcella entfernen, damit mir I. 13 ————õA — 194— dadurch eine ſüße und ungeſtörte Stunde des Glückes zu Theil werde! Ich will's verſuchen! ſagte La Chaiſe mit einem ironiſchen Lächeln. Wie heißt das junge Mädchen? Laura! ſagte de Vaur unbefangen. Oh Laura! rief La Chaiſe die Stirne faltend mit einem finſtern und drohenden Ton! Laura heißt ſie! Jetzt, mein Freund, iſt ihr Geſchick entſchieden! Ich war Thor genug einen Moment noch eine Art Mitleid zu fühlen mit dieſem armen, unſchuldigen Kinde! Sie heißt Laura, alſo jetzt kein Mitleid mehr, ſie iſt ge⸗ richtet! Mein Gott, Du haſt alſo unſere kleine Magdalena, die kleine zärtliche Laura in Lyon, immer noch nicht vergeſſen? Ich vergeſſe nie einen mir angethanen Schimpf! rief La Chaiſe ſtolz. Ich vergeſſe nicht, ſondern ich ſtrafe! Seid verſichert, daß ich mich bei dieſer Laura erin⸗ nern werde, daß ich ſchon früher eine Laura kannte! Du willigſt alſo ein, uns beizuſtehen? Ich willige ein! VIII. Ein Dieb! Ein Dieb! Laura war ein ſchönes, wundervolles Kind. Wie ein holder Morgentraum des Glückes war ihr Geſicht anzuſchauen; dieſes Geſicht, in welchem noch die ganze Poeſie der Unſchuld und der Herzensreinheit wohnte, das noch ſtrahlte in allem Glanz der Jugend und der keuſchen Schönheit. Wenn ſie lächelte, mußte der weiße köſtliche Glanz ihrer kleinen, zierlichen, dicht an⸗ einander gereiheten Zähne, die ſchönſten und koſtbarſten Perlen des Morgenlandes beſchämen, und wenn ſie dieſe ſo großen, ſo milden und träumeriſchen Augen aufſchlug, dünkte es Jeden, er habe in dieſen holden Augen etwas geleſen von der Reinheit des Himmels und dem ſeligen Unſchuldsfrieden der Engel! Gewiß, es war eine Luſt, dieſes ſchöne Kind anzuſchauen, wie ſie träumeriſch dem Leben entgegen lächelte, und in un⸗ 3 13* „ — 196— bewußtem ſehnſüchtigen Schmachten von der Zukunft begehrte, daß ſie dieſe Leere ausfülle, welche ſie in ihrem Herzen zu fühlen begann. Sie hatte bis dahin nichts weiter geliebt, als ihren Vater, und dieſe junge und ſchöne Stiefmutter. Aber aus den Büchern, welche Mar⸗ cella, ihre Mutter, ihr gegeben, hatte ſie mit ahnungs⸗ vollem Beben gelernt, daß es noch eine andere Liebe gebe, eine Liebe der Luſt und des Schmerzes, des Ent⸗ zückens und der Verzweiflung, und dieſer Liebe glühte ſie entgegen, wie die bethauete Blume dem erſten wär⸗ menden Strahle der Sonne. Sie hatte eben in den ſo leidenſchaftlichen und zärtlichen Briefen Abelard's an Heloiſe geleſen, als ihr Marcella den jungen Pater La Chaiſe entgegen führte. Laura hieß ihn mit hoch⸗ klopfendem Herzen willkommen und ihre ſchwärmeriſchen, unſchuldigen Blicke auf dieſen jungen Prieſter heftend, ſchien es ihr, als gliche er genau dem Bilde, das ſie ſich von dem armen ſo zärtlich liebenden Prieſter Abelard erträumt hatte. Ubrigens war La Chaiſe der erſte jüngere Mann, dem Laura begegnete, und der alte Präſident hatte nur deshalb ihm den Zutritt geſtattet, weil er eben ein Prieſter war, und daher ungefährlich ſchien. Auch ließ ja der eiferſüchtige Gatte und Vater — 197— heute, wie immer, weder ſein Weib, noch ſeine Toch⸗ ter unbeobachtet. Die Thüren zu dem Nebenzimmer waren geöffnet, und in dieſem zweiten Zimmer ſaß der Präſident, mit dem Angeſicht gerade der Thüre gegenüber. Er ſchien freilich mit der Lectüre ſeiner Acten beſchäftigt, aber ſein ſcharfer beobachtender Blick ſchweifte oft von dieſen empor und durchfuhr ſpähend das anſtoßende Ge⸗ mach. Er ſah, daß Marcella, ſein Weib, ruhig mit ihrer Stickerei im Fenſter ſaß und arbeitete, oder dann und wann die Arbeit ſinken ließ, und dem Geſpräch des jungen Paters lauſchte, der neben Laura ſaß, und ihr vorzuleſen ſchien aus dem Buche, welches er in ſeiner Hand hielt, und das gewiß ein frommes Gebet⸗ buch war, denn auf der Außenſeite des Deckels glänzte ein goldenes Kreuz.— Wie geſagt, der Präſident war ganz ruhig, denn er ſah Alles, aber freilich, hören konnte er nichts, und Pater La Chaiſe hatte ihm den Rücken zugekehrt! Der Präſident hörte alſo nicht, daß La Chaiſe dem aufmerkenden, erröthenden, zitternden Mädchen mit leidenſchaftlichem Ton einen dieſer ſo ſüßen, ſo zärtlichen Briefe Abelard's vorlas, er ſah nicht, mit welchen beredten, flammenden Blicken der Pa⸗ ter dieſe Lectüre begleitete, Blicke, die Laura erbeben machten, und ihr Herz mit ſüßem Schauder erfüllten. Ah, der Präſident hörte auch nicht dieſe leichtfertigen, ſcherzenden Worte, mit denen La Chaiſe oft ſeine Lectüre unterbrach und die, dem jungen Mädchen vielleicht un⸗ verſtändlichen leidenſchaftlichen Gedanken und Bilder Abelard's, erklärte und erläuterte. La Chaiſe hatte zu ſich ſelber geſagt: um dieſe Un⸗ ſchuld zu tödten, muß man ſie unbemerkt vergiften! Und mit grauſamer Luſt ließ er tropfenweiſe jetzt das ſüße Gift der Leidenſchaft durch ihr Ohr in ihr Herz und in ihr Blut träufeln, und freute ſich, als er an dem unruhigen Athem, an den unſichern, ſchwärme⸗ ciſchen Blicken des armen Kindes die Wirkungen ſeiner diaboliſchen Arzenei erkannte.. 11 Und Laura war ſo ſehr unſchuldig, und es iſt ſo leicht die unbefangene Unſchuld zu bethören! Dieſen ganzen Tag, nachdem ſie La Chaiſe zuerſt geſehen, ging ſie, wie in ſüßen Träumen befangen, ſchweigend, lächelnd, in ſtillem Sinnen umher, und es bedurfte gar nicht der überſchwänglichen Lobeserhebun⸗ gen, welche Marcella ihm ſpendete, um zu machen, daß Laura von dem jungen Prieſter mit den ſchönen feuri⸗ gen Blicken träumte, der ihr ſo nie gehörte, immer noch — 199— in ihr nachklingende leidenſchaftliche Dinge geſagt.— Am andern Morgen kam La Chaiſe wieder. Laura er⸗ kannte ſchon ſeinen Schritt, und ſie erröthete, und fuhr ſich angſtvoll mit der Hand nach ihrem zitternden Her⸗ zen, als ſie ihn kommen hörte. Es ſchien ihr eine Art Troſt, daß ihre Stiefmutter Marcella und de Vaur zugegen waren,— mein Gott, ſie hatte Furcht vor dieſem ſchönen jungen Prieſter, aber ſie vergaß dieſe Furcht, als er ihr gegenüber ſtand.— Was hatte ſte denn auch zu fürchten! War nicht ihre Mutter da, und dieſer ſo fromme und vortreffliche Beichtvater de Vaur, war nicht ihr Vater in dem offenen Nebenzimmer, und ſchützte ſie mit ſeinen Blicken? Aber es kam im Laufe des Geſpräches, wie zufällig, daß Marcella mit de Vaux in das Zimmer des Prä⸗ ſidenten trat, und ihm eine höchſt intereſſante und ſpan⸗ nende Geſchichte erzählte; der Präͤſident vergaß darüber ſeine Tochter, und Laura blieb allein mit La Chaiſe. Sie hätte freilich entfliehen können, aber ſie ſchämte ſich ihrer Furcht, zudem waren La Chaiſe's glühende, fascinirende Blicke feſt auf ihr Antlitz gerichtet.— r Sie ſchlug das Ange zu Boden, ſie ſterke.— Er —— — 200— legte ſanft ſeinen Arm um ihre Geſtalt, er flüſterte in ihr Ohr ſüße, bezaubernde Worte. Mein Gott, ſie war ſeine erſte Liebe, ſie ſollte fort⸗ an der Engel ſeines Lebens ſein! Sterben wollte er, ſterben zu ihren Füßen, wenn ſie ihn verachtete. Sein Leben, ſeine Zukunft lag in ihrer Hand!— Sie glaubte ihm Alles, dieſes arme Kind, ſie glaubte ſeinen gluthvollen Worten, ſeinen Blicken, ſeinen Thrä⸗ nen! Denn er weinte, glänzende Thränen ſtanden in ſeinen Augen! 3 Miein Gott, nichts iſt ergreifender und ſehmeichel⸗ hafter für ein Weib, als einen Mann weinen zu ſehen. La Chaiſe wußte das, und er weinte daher! Jede ſeiner Thränen fiel wie glühendes Feuer in Laura's Herz. Acht Tage ſpäter geſtand ſie ihm erröthend und wei⸗ nend, daß ſie ihn liebe, und während aus dem ge⸗ öffneten Nebenzimmer das laute und fröhliche Geſchwätz Marcella's mit dem Präſidenten und de Vaur herüber⸗ tönte, flüſterte La Chaiſe in des jungen Mädchens Ohr die Bitte um eine Zuſammenkunft. Laura liebte, und deshalb ſchmerzte es ſie, ihm di ſe Bitte nicht gewähren zu können. Aber es war un⸗ — 201— möglich, denn ſelbſt des Nachts war ſie ja nicht un⸗ beobachtet, ſelbſt des Nachts war Marcella bei ihr! La Chaiſe bat immer dringender, er gab ihr endlich zögernd die Mittel an, wie dennoch eine Zuſammen⸗ kunft möglich gemacht werden könnte. Er hatte kein Mitleid mit ihrer Unerfahrenheit und ihrer Unſchuld, — ſie hieß Laura,— und er war ein Prieſter! Laura willigte ein. Am Nachmittag bekam ſie heftiges Zahnweh, das ſich vermehrte, und ſie laut wimmernd im Zimmer um⸗ her trieb. Sie ſchlug daher vor, um Marcella's Schlaf nicht zu ſtören, daß ſie dieſe Nacht in ihrem Zimmer bliebe, und nicht mit ihrer Mutter das Schlaßzimmer theile.— Marcella ſträubte ſich anfangs anſcheinend. Sie wolle die Tochter in ihren Schmerzen nicht allein laſſen, ſagte ſie. Aber Laura beſtand auf ihrem Willen, und Marcella willigte ein.— 3 Die Nacht kam. Die Lichter verlöſchten allmälig im Hauſe des Präſidenten, das Geräuſch der Straßen verſtummte, hier und da noch ſchlurfte langſam ein ein⸗ zelner Spätling vorüber, dann ward Alles ſtill. Da geht leiſe ein Fenſter in dem Nebenhauſe auf. Ein ſchwarzer Schatten wird ſichtbar, er ſchwingt ſich —CO————O.F:rʒ M— — 202— empor, er tritt beherzten Fußes auf das niedrig bele⸗ genere Dach des Hauſes, in welchem der Präſident wohnt. Ein zweiter Schatten folgt dem erſten; un⸗ heimlichen Nachtgeſpenſtern gleich ſchweben ſie über das Dach dahin. Jetzt ſind ſie an der Bodenluke ange⸗ langt,— ſie iſt offen— die Schatten verſchwinden.— Leiſe ſchleichen ſie, den Weg erhellend durch eine Blendlaterne, welche La Chaiſe trägt, die Bodentreppe hinunter.— Jetzt haben ſie den Flur erreicht. Drei Thüren neben einander. Die mittlere iſt Marcella's Zimmer, links daneben das Schlafzimmer des Präſidenten, rechts die Thüre zu Laura's Gemach. Dor dieſen Thüren ſtanden die beiden Prieſter. Sie blickten einander an, und lächelten. Ich werde es Dir nie vergeſſen, was Du für mich gethan, flüſterte de Vaux. Dir allein verdanke ich dieſes Glück! Und Du, liebſt Du nicht auch dieſes ſchöne, junge Mädchen, das Dir ſo leidenſchaftlich ergeben iſt? Ich? ſagte La Chaiſe verächtlich. Ich liebe dieſe angenehmen Zerſtreuungen, das iſt Alles! Und de Vaur zunickend, drückte er leiſe die Thüre — 203— zu Laura's Zimmer auf.— Das junge Mädchen er⸗ wartete ihn zitternd, angſtbeklommen. Sie weinte! La Chaiſe ſtürzte zu ihren Füßen nieder, und ſchwur ihr eine ewige, niemals endende Liebe. Er ſchwur mit ſolchem wahren und aufrichtigen An⸗ ſchein der Lebe, und Laura glaubte ihm!— Er küßte die Thränen von ihren Wangen, und Laura lächelte wieder. Die Stunden vergingen, raſch, ſelig! Aber jetzt— öffnet ſich nicht dort eine Thür, nähern ſich nicht leiſe, ſchlurfende Schritte Laura's Gemache? — La Chaiſe hört es, denn ſein Ohr iſt immer wach, und nichts ſchläfert ſeine Aufmerkſamkeit ein.— Die Schritte kommen näher und näher,— La Chaiſe hört es,— athemlos, ſtumm richtet er ſich auf, und winkt ſeiner Geliebten zu ſchweigen.— Sie lauſchen Beide, angſtvoll, zagend. Es klopft an Laura's Zimmer. Es iſt die Stimme ihres Vaters, welcher kommt nach dem Wohlergehen ſeiner Tochter zu fragen. Laura antwortet ihm zitternd, kaum hörbar, daß ſie noch immer leide an dieſem fürchterlichen Zahnſchmerz. — 204— Ihr Vater bittet, daß ſie ihm öffne, er will ſie ſehen, ſeine arme geliebte, leidende Tochter!— Er will dieſes Zimmer betreten, oh mein Gott, und dieſes Zimmer hat nur dieſen einzigen Ausgang! Ihr Vater begehrt Einlaß; Laura ſchweigt, und wäh⸗ rend der nun mißtrauiſch gewordene Alte immer hefti⸗ ger verlangt, ſeine Tochter ſolle ihm die Thür öffnen, während er endlich mit wüthenden Fäuſten an dieſe Thüre pocht, und zu öffnen gebietet, ſpielt da drinnen eine Scene der Angſt und des Schreckens, der Scham und Verzweiflung. Laura liegt auf ihren Knieen und erhebt flehend die Hände zu La Chaiſe, der mit fin⸗ ſtern, wilden Blicken da ſteht. Sie verlangt von dem Geliebten mit ſtummem, wortloſen Flehen Beiſtand und Hülfe. Und immer finſterer, immer drohender ſteht er ſie an, ſie, die bleich und zitternd zu ſeinen Füßen liegt, ſie, der er eine Minute zuvor ewige Liebe geſchworen! Ein Ausdruck des Hohns überfliegt einen Moment ſeine Züge, denn in ihm dämmert der Ge⸗ danke auf, dieſe Thüre zu öffnen, und dieſes junge Mädchen der Schande und dem Zorn ihres Vaters zu überantworten. Aber dann überlegt er, daß dies einen Eclat geben würde, der ihm ſelber ſchaden, und ihm * den Zorn ſeiner Obern verwirken könne.— Ah, der Gedanke an ſeine eigene Sicherheit rettete das junge Mädchen! Der Vater ſchreit und ſchilt, droht und pocht immer⸗ fort, die Thür' erzittert in ihren Angeln;— La Chaiſe reißt das Betttuch von Laura's Lager, er ſtürzt zum Fenſter und öffnet es. Dieſes Laken reicht hinunter bis zur untern Etage, er wird ſich bis dort hinab laſſen, und dann den Sprung auf die Erde wagen. Mit ſicherer Hand befeſtigt er das Tuch, nun ein ſtum⸗ mer Abſchiedsgruß an Laura— der Prieſter La Chaiſe iſt verſchwunden!— Laura eilt zur Thüre und öffnet. Wüthend ſtürzt ihr Vater herein, mit einem einzigen Blicke durchſpäht er das ganze Gemach. Da! Das geöffnete Fenſter! Eine Strickleiter iſt daran befeſtigt. Diebe! Diebe! ſchallt es jetzt von der Straße her⸗ auf. Die Fenſter der untern Etage werden klirrend geöffnet. Stimmen erſchallen. Diebe! Diebe! wiederholt ſich das Geſchrei! Diebe! ſchreit jetzt auch der Präſident, ganz über⸗ zeugt, daß Laura, die ohnmächtig zur Erde geſunken, von Dieben iſt überfallen worden. — 206— S Alles im Hauſe wird lebendig, die Bedienten eilen herbei. Packt den Dieb! ihm nach, ihm nach! ſchreit der Präſident, und eilt, ſeines Alters vergeſſend, die Stie⸗ gen hinab, gefolgt von ſeiner Dienerſchaft. Da, als Alles ſtill iſt im obern Corridor, öffnet ſich ſchnell Marcella's Gemach. De Vaur ſchlüpft hinaus,— ſchnell, ſchnell die Bodentreppe hinauf. De Vaur iſt in Sicherheit und, beruhigt aufathmend, tritt die grau⸗ ſame Marcella in das Gemach ihrer Tochter, deren Glück und Unſchuld ſie mitleidslos ihrer eigenen, ver⸗ brecheriſchen Liebe geopfert hat!— Der Präſident mit ſeinen Dienern eilt auf die Straße, nirgends, weder rechts noch links iſt ein enteilender Dieb zu ſehen! Aber der alte Herr ſchreit noch im⸗ mer: Diebe! Diebe! In den benachbarten Häuſern wird es lebendig. Menſchen eilen herbei, die Nacht⸗ wächter kommen mit ihren Fackeln aus allen Straßen angerannt. Wo iſt der Dieb? Wo? Da, was hängt da? Wie, dieſe dunkle Maſſe, welche hier in der Mitte des Hauſes beim Schein der Fackeln ſichtbar wird, iſt dies nicht ein Menſch? Es regt ſich, es bewegt ſich! Ja, ja, das iſt der Dieb! Leitern herbei, wir haben den Dieb, wir haben ihn! Eine Leiter iſt ſchnell herbei geſchafft, zwei rüſtige Burſchen klettern hinauf, in athemloſer Neugierde, un⸗ verwandt hinauf blickend, ſtehen die Menſchen da unten. Ja, ja, es iſt ein Menſch, ob Mann, ob Weib! Wer kann es ſehen in der Dunkelheit! Ach, gewiß ein Weib, dieſe langen, bis auf die Füße reichenden Gewänder verrathen es! Und dieſe Gewänder ſind ſchuld, daß ſie hier gefeſſelt ward und nicht entfliehen konnte! Ein in der Mauer angebrachter großer eiſer⸗ ner Haken hat beim ſchnellen Hinuntergleiten der Flie⸗ henden ihr langes Gewand erfaßt, und ſich eingehakt in das Zeug. Kein Entkommen iſt möglich, und alles Zerren und Reißen hat nur dazu gedient, den Haken immer mehr durchzubohren durch dieſes feſte, dichte Zeug, und die Haft immer ſicherer zu machen. Mit einem heftigen Ruck der beiden Burſche wird die Geſtalt in die Höhe gehoben, und das Gewand vom Haken gelöſt. Und jetzt die Leiter hinunter! Da haben wir den Dieb! Da iſt er! — 208— Die Leute bilden einen dichten Kreis um ihn. Der Präſident ſteht in ihrer Mitte. Näher heran mit den Fackeln, daß wir ſein Antlitz ſehen können! Ah, er hat ſein Geſicht verhüllt! Wir wollen ihn ſehen, wir wollen ihn ſehen! Der Präſident begehrt es am wüthendſten, er will durchaus dieſen frechen Dieb kennen lernen, der es wagte, durch das Zimmer ſeiner Tochter ſich Eingang zu verſchaffen. Plötzlich, mit einer heftigen Bewegung, ſpringt der Dieb empor. Du willſt es, nun gut, Du ſollſt den Dieb kennen lernen! ruft eine wilde, drohende Stimme. Und ſich ſtolz erhebend, ſchlägt der Gefangene das Gewand von ſeinem Antlitz zurück, und blickt mit einem ſtolzen, höh⸗ niſchen Lächeln dem Präſidenten in's Angeſicht. Ein Prieſter! Es iſt ein Prieſter! ſchreit die ver⸗ ſammelte Menge, erſt entſetzt, dann hohnlachend, und blickt flüſternd und ſpottend zu dem Fenſter empor, von welchem der Prieſter ſich heruntergelaſſen. Ein Prieſter! Und er kommt aus der ſchönen Laura Zimmer! 8* .— 209— Ja, ich bin ein Prieſter, ruft La Chaiſe laut. Der Herr Präſident hat mich einen Dieb genannt! Nun wohl, ſoll ich dem Herrn Präſidenten ſagen, was ich da oben geſtohlen habe? Der Präſident antwortete nicht, er war wie ver⸗ nichtet, wie zerbrochen. Seine Zähne ſchlugen auf⸗ einander, wie im Fieberfroſt, ſeine Knieen zitterten! Was wir einander zu ſagen haben, bedarf keiner Zeugen, mein Herr Präſident! fuhr La Chaiſe mit ſtolzem Tone fort. Entfernen Sie daher dieſe Leute, und dieſe Dienerſchaft! Folgen Sie mir! Ich weiß ſehr gut den Weg zu Ihren Zimmern, folgen Sie mirl Hoch aufgerichtet ſchritt er in das Haus hinein. Der Präſident folgte ihm geſenkten Hauptes, gebroche⸗ nen Herzens, die Ehre ſeiner Tochter war vernichtet, er ſelber, ihr Vater, hatte ihre Schande der Welt ver⸗ rathen!— IX. * Gericht und Strafe. Schweigend betraten ſie das Zimmer des Präſiden⸗ ten, deſſen Thüre dieſer hinter ihnen abſchloß. Und jetzt, mein Herr, ſagte der Greis mit zitternden Lippen, jetzt ſind wir allein. Jetzt werden Sie mir ſagen, wie lange dies Einverſtändniß mit meiner Toch⸗ ter ſchon ſtattfindet, und welchen Grad der Vertrau⸗ lichkeit es ſchon erreicht hat? La Chaiſe blickte mit einem ſpöttiſchen Ausdruck in das bewegte Antlitz ſeines Gegners. Ruhig und ſtolz, die Arme in einander geſchlagen, ſtand er dem Präſi⸗ denten gegenüber, und ſchien mit einer Art Freude den ſichtbaren Schmerz dieſes armen bebenden Vaters zu beobachten, aber auf ſeine Frage antwortete er nicht. Sie wollen mir nicht antworten? ſchrie der Greis immer heftiger. — 211— Es ziemt keinem Manne, die Geheimniſſe ſeiner Dame zu verrathen! ſagte La Chaiſe ruhig. Seiner Dame! Sie nennen meine Tochter Ihre Damel ſchrie der Präſident außer ſich. Sie, ein Prie⸗ ſter, ein Jeſuit! Und warum ſollte ich Laura nicht meine Dame nen⸗ nen? fragte La Chaiſe gelaſſen. Ah, Sie geſtehen alſo ein, daß Sie mit ihr ein näheres Verhältniß anknüpften? Sie geſtehen, daß Sie meine Tochter, dieſes reine, unſchuldige Kind, daß Sie ſie verführten, daß Sie ihr Herz bethörten mit lei⸗ denſchaftlichen Liebesworten, die in dem Munde eines Prieſters doppelt ſtrafbar ſind? Ich geſtehe nichts ein! rief La Chaiſe feſt. Aus Erbarmen, ſagen Sie mir aus Erbarmen die Wahrheit! jammerte der Greis, heftig, bebend an allen Gliedern. Bedenken Sie, es iſt ein Vater, den Sie mit einem Worte dem Gram, der fürchterlichſten Sorge entreißen, oder in einen Abgrund der Schande und des Schmerzes ſtürzen können. Sie haben das Ant⸗ litz eines Ehrenmannes, Ihre Züge ſind edel, Ihr Auge verräth Verſtand und Geiſt! Mein Gott, Sie werden einen armen Vater verſtehen, Sie werden Mit⸗ 14* — 212— leid haben mit ſeiner Verzweiflung. Nicht wahr, Sie haben meiner Laura geſchont, Sie haben Mitleid ge⸗ habt mit dieſer unerfahrenen Unſchuld, Sie haben Ihrem Herzen nicht gebieten können, dieſes ſchöne liebreizende Kind nicht zu lieben, aber der Verſtand des Prieſters hat das Herz des Mannes beherrſcht, und meine Laura iſt rein geblieben in Ihren Armen? Sprechen Sie! Oh mein Gott, ſo ſprechen Sie doch! Und athemlos, in geſpannter Erwartung blickte der Greis in das unbewegte Antlitz des jungen Prieſters. Ich habe nichts zu antworten! ſagte er ruhig. Der Alte fuhr empor, ſeine Augen ſchoſſen Blitze. Der Zorn machte den ſchwachen Greis zu einem ſtar⸗ ken, thatkräftigen Manne. Er hörte auf zu bitten und zu flehen. Er war wieder Mann geworden, ein Ver⸗ brecher war La Chaiſe, und er, der beleidigte Vater, ſtand ihm gegenüber als Ankläger und Richter. Sie wollen nicht antworten, rief der Präſident in drohendem Ton. Gut, man wird Sie zu einer Ant⸗ wort zwingen. Sie werden dieſes Zimmer nicht ver⸗ laſſen, bevor Sie nicht ein vollſtändiges Bekenntniß abgelegt. Sie werden es nicht verlaſſen, ſage ich, und müßten Sie Hungers ſterben! — 213— Und mit ſtolzen, haſtigen Schritten verließ der Prä⸗ ſident das Gemach, und ſchloß deſſen Thüre hinter ſich ab. Dann rief er ſeinen Dienern, und befahl, daß einer derſelben ſich vor dieſer Thüre aufſtelle, und zwei andere hinuntergingen auf die Straße, um von dort aus die Fenſter dieſes Zimmers zu bewachen, in wel⸗ chem der Prieſter eingeſperrt ſei. La Chaiſe hörte dieſen Befehl, und hob drohend die geballten Fäuſte empor. Ich werde alſo nicht entfliehen können, ſagte er zähne⸗ knirſchend. Beim ewigen Gotte, ich will dereinſt Rache nehmen für dieſen Schimpf! Stunden vergingen. Der Morgen war bereits an⸗ gebrochen, auf den Straßen ward es lebendig, Leute gingen hier und dorthin, ſie blieben auch ſtehen vor dem Hauſe des Präſidenten, vor welchem die beiden Diener noch immer als Schildwache aufgeſtellt waren, und den neugierigen Bekannten erzählten von dem Prie⸗ ſter, der ſich als Dieb in's Haus geſchlichen, den man glücklich eingefangen, und bei der Durchſuchung ſeiner Kleider bei ihm den ganzen Brillantſchmuck der Prä⸗ ſidentin und alle Koſtbarkeiten der ſchönen Laura ge⸗ funden habe! Und die Leute ſchlugen die Hände zu⸗ — 214— ſammen und ſtießen Verwünſchungen aus über den Prieſter, welcher ein gemeiner Dieb ſei, und ſie hoben drohend und hohnlachend die Fäuſte empor zu dieſen Fenſtern, hinter welchen der elende Dieb gefangen ge⸗ halten wurde! La Chaiſe hörte und ſah das Alles, und ſein Zorn war grenzenlos. Seine ganze Geſtalt erbebte und in⸗ dem er ſich mit den Fäuſten an ſeine keuchende Bruſt ſchlug, klapperten ſeine Zähne, wie im Fieberfroſt. Geſtohlen! ſie ſagen, ich habe wirklich geſtohlen! mur⸗ melte er. Mein Gott, ſie nennen mich einen gemeinen Dieb! Mich, den Pater La Chaiſe! Schützt denn mein Ordenskleid nicht gegen ſolche Beſchimpfung? Plötzlich vernahm er Geräuſch an der Thüre. La Chaiſe richtete ſich auf, und horchte. Der Schlüſſel drehte ſich im Schloß. Man kommt! flüſterte er. Ich will ein Mann ſein! Sofort verſchwand jede Spur innerer Aufregung aus ſeinen Zügen, die wieder ihre gewohnte Ruhe und Feſtigkeit annahmen; er ſchlug die Arme in einander, und blickte mit einem ſpöttiſchen Lächeln nach der Thüre. Dieſe öffnete ſich und der Präſident trat wieder her⸗ ein. Er war bleich und ermattet, ſeine Züge hatten — 215— alles Drohende und Gebieteriſche verloren, er war wie⸗ der ein Greis geworden, ein Vater, der in Schmerzen um ſeine Tochter bebte. La Chaiſe fühlte, daß er den Vorrang gewonnen über ſeinen Gegner, daß er der Sieger ſein würde in dieſem Kampf. Nun, mein Herr Präſident, ſagte er ſpöttelnd, ſind Sie da, um in frommem Mitleid zu ſehen, ob der halsſtarrige Verbrecher ſchon Hungers geſtorben iſt? Beruhigen Sie Sich, man hat mich in dieſem Hauſe ſo köſtlich bewirthet, daß es vieler Tage bedarf, um mich Hungers ſterben zu machen! Der Präſident ſchien La Chaiſe's Worte zu über⸗ hören; geſenkten Hauptes, in faſt demüthiger Haltung ſchritt er zu dem Prieſter hin, und, ſeine Hand faſſend, ſagte er leiſe: ich weiß Alles! Ich habe mit Laura geſprochen! Sie hat mir nichts verſchwiegen! Wie geſchwätzig die jungen Mädchen ſind! ſagte La Chaiſe achſelzuckend. Aℳ Die Ehre und die Zukunft meiner Tochter liegt in Ihrer Hand! fuhr der Präſident fort. Laura liebt Sie, ja, ſie iſt Ihnen leidenſchaftlich ergeben! Sie hat ſehr heißes Blut! bemerkte La Chaiſe ſpöttiſch. —— ³☛———————— ÿ—— *— — 216— Es iſt ihre erſte Liebe, und darum ſo ſtürmiſch, ſo gewaltſam. Sie ſchwört, nur Ihnen angehören, oder ſterben zu wollen!. So muß ſie ſterben! rief La Chaiſe. Es iſt mein einziges Kind! ſagte der Präſident, fle⸗ hend in des Paters Angeſicht ſchauend. Mein Gott, ſie liebt Sie grenzenlos, ſage ich Ihnen, und Sie, Sie lieben ſie ja auch, Sie haben ja ihr Herz um⸗ ſponnen mit Ihren Liebesworten, Sie lieben ſte, und werden doch nicht Ihre Geliebte dem Tode überant⸗ worten wollen! 63 Meine Geliebte! rief La Chaiſe, die Arme über der Bruſt kreuzend, und ſich andächtig verneigend. Meine Geliebte! Ich bin ein Prieſter, die Kirche iſt meine einzige Geliebte! Sie ſind ein Prieſter, es iſt wahr! ſagte der Prä⸗ ſident. Aber dieſe Gelübde laſſen ſich löſen, dieſe Feſ⸗ ſeln, welche den Prieſter hindern ein Mann und ein liebender Gatte zu ſein, ſie laſſen ſich zerſprengen. Ich bin reich, ich bin mächtig, ich habe Einfluß nicht allein bei unſerm Hofe in Paris, ſondern auch zu Rom beim Papſte. Mehrere der Cardinäle ſind mir perſönlich befreundet, ich werde Alles aufbieten, Geld, Macht, — — — 2417— Einfluß, Sie werden Ihre Freiheit wieder erlangen, und meiner Tochter ihre Ehre wiedergeben, indem Sie ſie zu Ihrer Gattin machen!— Ich bin aus freiem Drange meines Herzens Prieſter geworden, ſagte La Chaiſe ruhig. Ich verlange nicht, daß man dieſe Gelübde löſe, dieſe Feſſeln für mich durchbreche. Das Leben des Prieſters iſt ein behag⸗ liches, gottſeliges Leben. Ich werde Prieſter bleiben! Der Präſident ſagte ſanft: Sie haben meiner Toch⸗ ter ewige Liebe geſchworen, und ſie hat Ihren Worten vertraut! So möge ſie ſelber von Ihnen die Beſtäti⸗ gung dieſes Gelübdes fordern. Ich, als Laura's Vater, ſage Ihnen nur, daß Ihr Prieſtergelübde Sie nicht hindern darf, denn ich kann und werde Sie von dem⸗ ſelben befreien! Das Uebrige möge Laura ſelber über⸗ laſſen bleiben! Ohne La Chaiſe's Antwort abzuwarten, ſchritt der Präſident zur Thür, und öffnete dieſe. Komm herein, meine Tochter, ſagte er, komm und erinnere dieſen Mann daran, daß er Dich ewig zu lieben geſchworen, erinnere ihn, daß er, vor Dir knie⸗ end, Gott zum Zeugen dieſes Schwures gemacht, und mit heiligen Eiden betheuert hat, daß nur ſein Prieſter⸗ — 218— gelübde ihn daran hindern könne, Dich vor aller Welt zu ſeinem Weibe zu machen! Ich ſage Dir, Laura, ich habe Macht genug, dieſes Prieſtergelübde zu brechen, und Euch vom Papſte den nöthigen Dispens zu Eurer Heirath zu verſchaffen. Gehe, mein Kind, und ſage das Deinem künftigen Gemahl, und erinnere Dich, daß Deine Zukunft in Deiner Hand liegt. Du wirſt die Gattin Deines Verführers, oder die Pforten eines Klo⸗ ſters ſchließen ſich für immer hinter Dir! Gedenke daran! Und nachdem der Präſident ſo geſprochen, verließ er das Gemach, die Thüre wieder ſorgfältig verſchließend. Laura blieb allein mit ihrem Geliebten. Vor wenig Stunden noch hatte er liebeflehend, ſtrahlend vor Glück, ſelig lächelnd zu ihren Füßen gelegen, und ſie ſeine erſte und einzige Geliebte, ſeine Heloiſe, ſeinen Engel genannt. Und jetzt? Mein Gott, ſie erkannte kaum dieſes bleiche, finſtere Angeſicht, dieſe drohenden durch⸗ bohrenden Blicke, dieſe zornig zuſammengepreßten Lip⸗ pen, dieſe in finſtere Falten gelegte Stirne! Wo war das Lächeln, welches ſie ſonſt an ihm geſehen, wo war die hohe, ewig heitere, ewig reine Stirne, wo waren die ſehnſüchtigen, leidenſchaftlichen Blicke, und endlich, wo waren dieſe ſo heißen, ſo glühenden —,— — — 219— Liebesſchwüre; mein Gott, wiewar das Alles geblie⸗ ben? Das junge Mädchen zitterte, ein Gefühl der entſetzlichſten Angſt überkam ſie. Das war nicht ihr Geliebter, nein, es war ein ihr ganz fremder, ganz unbekannter Mann! Es war vielleicht ein Richter, ein Henker, ſie ſenkte das Auge vor ſeinen drohenden Blicken, ſie fühlte ſich ſchuldig! Aber einer Schuld, für welche ihr Geliebter mit Thränen des Entzückens ihr zu danken hatte! Wo war denn ihr Geliebter, oh mein Gott, wo war er! Sie rief laut, hülfeflehend ſeinen Namen, ſie ſtreckte mit einem Ausdruck namenloſer Angſt ihm die Arme entgegen ,aber ſie wagte es nicht, ſich dieſem fremden, finſtern Manne zu nähern, ſie konnte nicht zu ihm gehen, ihre Füße verſagten ihr den Dienſt! Dann aber erinnerte ſie ſich, daß ihr Vater ihr von Schande und verlorner Ehre geſprochen, daß er ihr mit einem Kloſter gedroht! Dann dachte ſie daran, daß er aber auch geſagt, La Chaiſe könne ihr Gatte werden, und er, der Präſident, nähme es auf ſich, den Dispens des heiligen Vaters herbei zu ſchaffen. Dieſer Gedanke gab ihr Muth, ſie näherte ſich zö⸗ gernd und mit holder Schamröthe auf den Wangen, . — 220— ſie legte ihre Hand orldie Schulter des Prieſters und blickte ihm lächelnd in's Angeſicht. Dann ſprach ſte zu ihm holde, ſüß geflüſterte Worte der Liebe, ſie erinnerte ihn an dieſe ſchönen und köſt⸗ lichen Tage, welche ſie miteinander verlebt, und wie er durch ſeine glühenden Liebesworte ihr Herz gewon⸗ nen, und wie ſie endlich überwältigt, hingeriſſen von gleicher Leidenſchaft alles Andere vergeſſen, und nur ſich erinnert habe, daß ſie ihn liebe, und daß er ge⸗ ſchworen, nicht ohne ſie und ihre Liebe leben zu können! Phraſen! ſagte La Chaiſe verächtlich. Aber Laura hörte ihn nicht, ſie ſchwelgte in dieſen ſüßen Erinnerungen ihres ſo raſchen, ſo leidenſchaft⸗ lichen Liebesglückes, ſie rief ihm mit beredten Worten jede Stunde ihres Zuſammenſeins, jeden ſeiner Schwüre, jedes dieſer ſo ſüßen und glühenden Worte, mit denen er ihr Herz bethört hatte, zurück. Die ganze Vergan⸗ genheit, welche vor wenigen Stunden noch köſtliche, glückliche Gegenwart geweſen, dieſe ganze Vergangen⸗ heit ſtieg in berauſchenden Bildern in der Seele des jungen Mädchens empor, daß ſie, ganz hingeriſſen, nichts ſah, nichts hörte, als dieſe Bilder und dieſe Zuflüſterungen ihrer Seele. Nein, ſie ſah nicht, wie — 221— La Chaiſe's Antlitz immer finſterer und zorniger ward, ſie ſah auch nicht, daß ſich da unten auf der Straße immer mehr Menſchen zuſammen potteten, ſie hörte nicht, wie ſie mit Hohn und Verwünſchungen, mit lauten Ausrufungen des Spottes den Namen des Prie⸗ ſters, des gemeinen, diebiſchen, verbrecheriſchen Prie⸗ ſters ausſchrien in die Luft!— Aber La Chaiſe ſah Alles, er hörte Alles, und plötzlich die Hand des jun- gen Mädchens ergreifend und ſie mit einer zornigen Bewegung an's Fenſter ziehend, zeigte er hinunter auf die Straße, wo bei ſeinem Erſcheinen ein höhnendes Geſchrei und lautes Pfeifen und Ziſchen ſich hörbar machte. Blicke hinunter, ſagte er zitternd vor Wuth, höre die Flüche und Verwünſchungen dieſer elenden Men⸗ ſchen! Sie nennen mich einen gemeinen Dieb, ſie ſa⸗ gen, daß ich geſtohlen habe. Hörſt Du, da ſchreien ſie wieder:„der Prieſter La Chaiſe iſt ein gemeiner Dieb! An den Galgen mit ihm!“ Ja, ja, das ſchreien ſie hinaus in die Luſt, die es weiter trägt durch alle Straßen und in alle Häuſer! Oh, ſagte ſie, ſich an ihn ſchmiegend, laß die Men⸗ ſchen ſchwatzen, was kümmert es uns! Wenn wir Herz an Herzen ruhen, werden wir es dann noch hören, die⸗ ſes wüſte Geſchwätz? Ich werde es immer hören! rief La Chaiſe mit dem Fuße ſtampfend. Ich werde es immer hören, daß dieſe Menſchen mich, den Prieſter La Chaiſe, einen Dieb geſcholten! Und ſich höher aufrichtend verneigte er ſich vor Laura und ſagte mit ſeinem kalten, ſchneidenden Ton: Sie haben mir dieſes köſtliche Geſchenk Ihrer Liebe gegeben, ich muß dafür meine Ehre zerfleiſchen laſſen! Made⸗ moiſelle, wir ſind quitt! Aber das junge Mädchen klammerte ſich an ihn an, ſie hing ſich in ſeine Arme. Sie bat, ſie ſchrie, ſie V weinte. Sie verlangte mit Thränen, mit Bitten, und endlich auch mit Vorwürfen, daß er ſeine Schwüre erfülle, daß er aufhöre Prieſter zu ſein, und ihr Gatte werde, wie er es ihr geſchworen!—. La Chaiſe erwiderte auf Alles nur: Sie gaben mir Ihre Ehre, ich gebe ihnen dafür die meine! Wir ſind quitt! 4 Mein Gott, ſchrie ſie außer ſich, Du haſt mich alſo G nie geliebt? Alle dieſe Schwüre, dieſe Betheuerungen waren nichts als Lüge, elende, erbärmliche Prieſterlüge? — 223— Die Liebe iſt wie Champagner, ſagte er achſelzuckend, das verſchäumt ſo raſch! Ich habe ohne Zweifel Sie ſehr geliebt, ich liebe Sie noch! Aber die Vernunft iſt dazu da, daß ſie das Herz beherrſche! Ich ſage Ihnen, junges Mädchen, es iſt nicht mein Beruf, als ein zärtlicher Gatte und ſchmachtender Liebhaber im Schatten irgend eines beſcheidenen häuslichen Daches unbemerkt dahin zu leben! Zu höhern Dingen hat mich der Herr beſtimmt; die Liebe eines Weibes kann mein Herz nicht ausfüllen, nein, nicht ein einzelnes Weib, ſondern die ganze Welt will ich zu meinen Füßen ſehen, und weithin durch alle Lande, durch alle Welttheile, ſoll der Name des Pater La Chaiſe erſchallen. Der Ehrgeiz, der Ruhm iſt meine erſte Liebe, ein Weib kann immer nur die zweite Stelle in meinem Herzen einnehmen! „Er hat mich niemals geliebt! murmelte ſie dumpf in ſich hinein. Aber wie ſie jetzt, zuſammengebrochen und bleich, und doch ſo unendlich lieblich und ſchön vor ihm da ſtand, fühlte La Chaiſe, daß er noch einer Art Zärtlichkeit für dieſes ſo anmuthige und reizende Weib fähig ſei, und ſie plötzlich in ſeine Arme ziehend, flüſterte er in ihr Ohr: ſei mein, bleibe mein! Du — 224— biſt ſchön, und ich will Dich lieben, und vor Aller Blicken will ich Dich verbergen als mein köſtlichſtes Kleinod! Bleibe mein, folge mir auf meinen Wegen, und dieſer Mantel der Größe und des Ruhmes, wel⸗ chen ich um meine Schultern legen will, er ſoll groß und weit genug ſein, um auch Dich zu ſchützen, und unſer geheimes Liebesglück in ſtill ſeligem Frieden zu verbergen. Folge mir, und ich verſpreche Dir ein Leben des Genuſſes und der Freude! Ah, Laura, wir könn⸗ ten vereinigt große Plane ausführen. Dein ſo ſüßes, ſo bezauberndes Lächeln, es ſoll Cardinäle und Fürſten zu Deinen Sclaven machen, ich werde Dich lehren die Welt und die Männer zu beherrſchen, ich werde für Dich wirken, wie Du für mich, und der arme La Chaiſe, welcher nur Dein Beichtvater ſcheint, er wird mit Dir, durch Dich, von Stufe zu Stufe empor⸗ klimmen zu dieſem hohen Ziele, welches er ſich ſelber geſetzt! Komm, folge mir alſo, liebe mich und laß Dich lieben! Aber dieſes vorher ſo bleiche, ſo ſchmerzbewegte Kind, richtete ſich jetzt mit gerötheten Wangen, ernſt und ſtolz empor, und mit einer heftigen Bewegung ſeine Arme, die ſie noch immer zu halten ſuchten, zurückſtoßend, — 225— ſagte ſie verächtlich: berühre mich nicht! Deine Be⸗ rührung entehrt mich! Sie nennen Dich einen Dieb! Du biſt ſchlimmer als ein Dieb, Du biſt ein ehrloſer Verführer, ein heimtückiſcher Mörder, der langſam die Seele vergiftet, der die Unſchuld tödtet und die Liebe, und nachher die Hände faltet über ſeinem Opfer, und mit Hohnlachen im Herzen, Thränen des Mitleids weint! Geh, ich kenne Dich jetzt! Ich will keinen Theil an Dir haben! Gott wird dereinſt richten zwi⸗ ſchen mir und Dir, und wenn Du meine Seele ſchon vielleicht genug vergiftet haſt, daß ſie verloren geht, ſo komme über Dich die Schande und die Schmach meines Lebens! So ſprechend ſchritt ſie ſtolz an La Chaiſe vorüber und verließ das Gemach.— Draußen ſtand ihr Vater, der ſie erwartet hatte. Mein Vater, ſagte ſie, ich will nicht die Gattin dieſes Menſchen werden! Laß ihn gehen, wohin er will! Ich werde entweder die Schande zu ertragen, oder zu ſterben wiſſen! Du wirſt in ein Kloſter gehen! ſagte ihr Vater. Nein, niemals! rief ſie feſt. Kein Kloſter, mein Vater! Denn überall in jedem Kloſter giebt es Prieſter — — 226— und Beichtväter. Laß mich in der Welt, es iſt weni⸗ ger Verbrechen unter den Kindern dieſer Welt, als unter den Prieſtern! In dieſem Augenblick hielt unten an der Thüre ein Wagen an. La Chaiſe war an's Fenſter getreten, und ſah dieſe verſchloſſene Kutſche ſich öffnen, und einen Prieſter herausſteigen. Ein triumphirendes Lächeln durchflog ſeine Biee Es iſt de Vaur, flüſterte er. Ja, de Vaur, wel⸗ cher kommt, mich zu befreien! La Chaiſe hatte ſich nicht geirrt. Es war de Vaux, der Beichtvater Marcella's, der zärtliche Freund des Präſidenten, er kam, um mit heuchleriſchen Thränen und mit Verwünſchungen gegen den leichtfertigen und verbrecheriſchen Prieſter La Chaiſe, dieſen als Provin⸗ cial des Jeſuitercapitels, im Namen ſeines Ordens zurückzufordern, um ihn der gerechten Strafe zu über⸗ geben. Ich werde ihn ſelber ſtrafen! ſagte der Präſident ſtrenge. Ich werde den Dieb und Räuber den Ge⸗ richten übergeben! Aber die ſo fromme und unſchuldige Gattin des Priſidenten beſchwor ihn mit Thränen, der unbefleckten Ehre ihres und ſeines Namens zu ſchonen, und Lau⸗ ra's Schande mit Stillſchweigen zu begraben, de Vaur ſprach ſo eindringlich und entrüſtet von der Strafe, welche den Prieſter La Chaiſe im Jeſuitercollegium er⸗ warte, er ſchilderte ihm mit ſo grellen Farben die üblen Folgen, welche für Laura und für den Präſidenten ſel⸗ ber daraus erwachſen müßten, wenn man La Chaiſe dem öffentlichen Gerichte übergeben wolle, daß der entrüſtete, rachedurſtende Vater endlich zu ſchwanken begann. La Chaiſe iſt ein ſo gefährlicher und verwegener Menſch, ſagte de Vaur, daß ich ihn fähig halte, vor Gericht und vor aller Welt es auszuſchreien, daß er bei Eurer Laura war, und dort nicht Brillanten, ſon⸗ dern ihre Liebe und ihre Unſchuld geſtohlen hat. Ja, das würde er, ſagte Laura mit einem bittern Lachen, er würde ohne Bedenken mich opfern! Wun⸗ dert Euch nicht, ſehr ehrwürdiger Pater de Vaur, daß ich ſo ſpreche. Aber ich kenne jetzt dieſen La Chaiſe. Mein Vater, befreie mich von dieſem Prieſter, laß ihn nicht länger mit dem Gifthauch ſeiner Worte und ſei⸗ nes Athems dieſes Haus verpeſten! Gieb La Chaiſe 15** — 228— frei, und laß auch dieſen Prieſter da für immer unſer Haus verlaſſen! Armes Kind, rief de Vaur, die Hände faltend. Sie ſpricht im Fieber! Gott erbarme ſich ihrer! Gott oder der Teufel! murmelte Laura, und wandte dem Prieſter verächtlich den Rücken. Ihr ſagt, daß eine harte Strafe ihn erwarte? fragte der Präſident.. Eine ſehr harte Strafe! ſagte de Vaur. Das ganze Capitel iſt ſchon verſammelt, und erwartet mit drohen⸗ den und zornigen Mienen den Verbrecher! So nehmt ihn hin, und ſtraft ihn! ſagte der Prä⸗ ſident, und öffnete die Thür zu La Chaiſe's Gemach. La Chaiſe ſtand in der Mitte des Zimmers, hoch⸗ aufgerichtet und ſtolz, einem Fürſten gleich, der im Begriff iſt, ſeine Diener und Vaſallen zu empfangen! Die beiden Männer blieben in der Thüre ſtehen, und ſahen mit Erſtaunen in dieſes ernſte, ruhige Antlitz des Prieſters, der mit ſeinen ſtolzen feurigen Blicken ihnen zu drohen ſchien, ſtatt demuthsvoll ſie um Ver⸗ gebung anzuflehen! Folgen Sie mir! ſagte endlich de Vaur und winkte dem jungen Prieſter, den er in dieſem Augenblick — 229— innerlich mit freudigem Stolze ſeinen Freund und Schü⸗ ler nannte. Folgen Sie mir! ſagte de Vaur. La Chaiſe nickte leicht und lächelnd mit dem Kopfe. Sie haben das Recht mir zu gebieten, erwiderte er ſtolz, ich werde meinem Provincial folgen! Langſam ſchritt er aus dem Gemach. An der Thüre ſtanden der Präſident mit Marcella, Laura und de Vaur. La Chaiſe mußte an ihnen vorübergehen, und indem er es that, verneigte er ſich, und grüßte leicht und lächelnd mit der Hand. 3 Gehe hin, ehrloſer Prieſter! ſagte der Präſident. Dich erwartet das Gericht!. Und ich erwarte ruhig meine Richter, antwortete La Chaiſe, indem er an dem Präſidenten vorüberging. Gehen Sie, ſagte Marcella, anſcheinend entrüſtet. Und Gott möge Mitleid haben mit dem Sunder, wel⸗ cher das edelſte Vertrauen hintergeht! Aber niemals die Freundſchaft verräth! antwortete La Chaiſe vorüberſchreitend. Fragen Sie darnach de Vaux, und wenn Sie es wiünſchen, will ich auch dem Herrn Präſidenten Beweiſe geben, daß ich we⸗ — 230— nigſtens meinen Freunden ein treuer, verſchwiegener Freund bin! Marcella ſchlug erbleichend die Augen nieder, der Präſident aber fragte leiſe ſich ſelber, was der Prieſter La Chaiſe mit dieſen bedeutungsvollen Worten ſagen wolle, und zum erſtenmale blickte er argwöhniſch auf Marcella und de Vaur hinüber. Jetzt war La Chaiſe bis zu Laura gelangt. Er blieb ſtehen, und ſah ſie feſt und durchdringend an, als erwarte er auch von ihr ein Wort des Abſchiedes und der Verwünſchung. Gehe hin, ſagte ſie, heuchleriſcher Prieſter, gehe hin, ſchmachvoller verbrecheriſcher Dieb, der Du meine Ehre und meine Liebe ſtahlſt! Ehre um Ehre! erwiderte La Chaiſe, ſich tief ver⸗ 1 neigend. Ehre um Ehre! Es war ein ehrlicher Han⸗ del, bei dem Sie nur gewonnen haben, denn eines Prieſters Ehre iſt höher anzuſchlagen, als die Ehre eines jungen Mädchens, das ſich dem Erſten Beſten gleich ergiebt! Und noch einmal ſich tief venne geſd ſchritt La Chaiſe ſtolz über den Corridor und die Treppe hinunter zum Wagen. De Vaur begleitete ihn — 231— Der Menſchenhaufe hatte ſich indeſſen immer ver⸗ größert. In dicht gedrängten Maſſen umſtanden ſie den Wagen, und als La Chaiſe in der Hausthüre erſchien, brach dieſe ganze höhnende, ſchadenfrohe Menge in ein lautes Ziſchen und Heulen aus. Der Dieb! Seht da den Dieb! ſchrie, heulte, lachte man von allen Seiten. La Chaiſe's Augen ſchleuderten Blitze, er richtete ſich höher empor, und überflog mit einem Blicke des Haſſes und der Verachtung dieſe ſchreiende, brüllende Menge. De Vaur drängte ihn in den Wagen, und ſich ſel⸗ ber hineinſchwingend, befahl er dem Kutſcher in ſchnell⸗ ſtem Galopp nach dem Jeſuitercollegium zu fahren. 48 Aber dies war ein unausführbarer Befehl, denn die Menge, noch mehr gereizt durch die ſtolze, hochmüthige Haltung des verbrecheriſchen Prieſters, begleitete mit Heulen und Schimpfen den Wagen, ſo dicht ihn um⸗ drängend, daß die Pferde nur im langſamſten Schritt ſich vorwärts bewegen konnten. Einzelne, beſonders erbitterte Jeſuitenhaſſer waren ſogar auf den Wagen⸗ tritt geſprungen, und ſchauten mit lautem Hohnge⸗ lächter durch die heruntergelaſſenen Fenſter auf die beiden Prieſter, die bleich und entſetzt in dieſem Wa⸗ gen ſaßen. Das iſt eine Emeute! flüſterte de Vaux, indem er angſtvoll die grünen Vorhänge herunterließ, ſo daß wenigſtens dem Volk der Einblick in den Wagen ver⸗ wehrt war. Ja, eine Emeute, ſagte La Chaiſe ingrimmig. Ich werde dieſes Tages gedenken, und mich dereinſt an dieſer Stadt zu rächen wiſſen! 3 Bah, an die Rache zu denken iſt jetzt noch zu früh! antwortete de Vaur und blickte ängſtlich durch eine Spalte der Vorhänge. Laß uns vorläufig nur Gott bitten, mein Sohn, daß wir der Gefahr entrinnen möchten. Ich fürchte, ehrwürdiger Vater, daß Gott uns kein Gehör geben wird in dieſer ſehr weltlichen Bedräng⸗ niß! ſagte La Chaiſe lächelnd. De Vaur antwortete nicht, er horchte immer noch auf das Schreien und Toben der Menge. Plötzlich begann dies ſchwächer zu werden, das Geſchrei ſank zu einem Gemurmel herab, bald verſtummte auch dies, und der Wagen bewegte in raſcherm Trabe ſich vor⸗ wärts. —--————— ——-— — 233— Ah, ich begreife, ſagte de Vaux, die Menge iſt durch die kleinen Queer⸗ und Verbindungsgaſſen geeilt, um vor uns beim Collegium anzulangen, und uns auf eine ſehr würdige und feierliche Weiſe zu empfan⸗ gen. Wir wollen aber dieſen würdigen Tugendhelden den Spaß ein wenig verderben! Er zog an der Schnur und befahl dem Kutſcher jetzt im ſchnellſten Trabe eine andere Straße einzu⸗ ſchlagen, welche zu der Hinterpforte des Kloſters führte. Solche Hinterpforten haben ihr unbeſtreitbares Gute, ſagte de Vaur lachend, und man thut ſehr wohl, ſich in ſeinem Hauſe und in ſeinem Gewiſſen immer der⸗ gleichen Hinterpförtchen offen zu laſſen. Der Wagen fuhr jetzt in brauſendem Galopp dahin. Wir ſind gerettet! ſagte de Vaur aufathmend. La Chaiſe ſaß noch immer ſtumm und ſchweigend da. Mein Gott, woran denkt Ihr nur? fragte ſein Freund. An die Rache! ſagte La Chaiſe! Es wäre beſſer, jetzt ein wenig zu überlegen! rief de Vaux. Ich ſage Dir, mein Sohn, ich bin in gro⸗ ßer Sorge um Dich! Das ganze Capitel iſt in Auf⸗ ruhr, alle dieſe frommen ehrwürdigen Väter berſten vor Neid über Deine allerliebſte Liebesaventüre und haben — 234— ſich daher in wahre Tugendtiger verwandelt, um Dich als laſterhafte Beute zu zerfleiſchen! Ich ſage Dir, das ganze Haus ſchallt wieder von ihrem Wuthgebrüll, und man ſollte meinen, daß Jeder dieſer ſonſt ſo lebens⸗ luſtigen Jeſuiten plötzlich zu einem Cato geworden iſt, oder zu einem heiligen Antonius, der jeder Verſuchung widerſtanden hat! Bah, ich fürchte dieſe heiligen Väter nicht! ſagte La Chaiſe wegwerfend. Ihr ſeid ihr Provincial, alſo bin ich geborgen! Ihr werdet nicht vergeſſen, daß ich für Euch dieſe Schmach und Demüthigung erleide, Ihr werdet nicht allein mich von der Strafe erretten, ſon⸗ dern mich belohnen! Ich hoffe, daß es ſo ſein wird! rief de Vaur. Zum Glück habe ich meine Spione, und kenne ein wenig die geheime Geſchichte eines Jeden unſerer frommen Brüder. Ich ſage Dir, Jeder von ihnen hat ein klei⸗ nes angenehmes, verbrecheriſches Geheimniß zu verber⸗ gen, und wenn es Noth thut, werde ich Einige von ihnen daran erinnern! 1 Gut, gut, ich verlaſſe mich ganz auf Euch! ſagte La Chaiſe. Und jetzt, mein Freund, laßt uns ein wenig lachen über dieſe ganze Geſchichte. In der That, es war ein komiſches Abentheuer! Dieſer zornige Prä⸗ ſident, dieſe zärtliche Laura, die ſich plötzlich zu einer entrüſteten Dido aufſchwang! Und Du, der als ein neuer Abſalon am Hauſe hing! La Chaiſe's Lachen verſtummte. Sprecht nie wieder davon, ſagte er ſtrenge. Dies wird auf immer eine Wunde in meinem Herzen ſein, und ich werde vieler Opfer bedürfen, um dieſe Wunde zu heilen! X. Das Gericht der Prieſter! De Vaur hatte ſich in ſeinen Berechnungen nicht getäuſcht. Während die Menge das Hauptthor be⸗ lagerte, und mit Heulen und Schreien die Ankunft des Wagens erwartete, hielt dieſer unbemerkt an der ent⸗ gegengeſetzten Seite des großen weitläuftigen Jeſuiter⸗ Collegiums vor der dort befindlichen Hinterpforte ſtill, und die beiden Prieſter ſchlüpften unbemerkt in das Haus.— Schweigend, Hand in Hand, durchwandel⸗ ten ſie die langen, düſtern Corridore, und mit, einer Art Bewunderung blickte de Vaur auf ſeinen Freund, der mit ſo ruhiger, feſter Haltung ſeinem Gerichte ent⸗ gegen ſchritt und deſſen Hand auch nicht einen Mo⸗ ment zitterte. Nicht dieſe ſtolze, königliche Miene! flüſterte de Vaur. Erinnere Dich, daß es dem Prieſter geziemet, demüthig — 237— zu ſein! Neige Dein Haupt, mein Sohn, laß ein wenig Zerknirſchung in Deinen Zügen ſichtbar ſein, und wenn Du kannſt, vergieße einige Thränen, das wird Eindruck machen, und Deine Richter erweichen! La Chaiſe erwiderte ernſt: Ich werde demüthig ſein und zerknirſcht, ich werde weinen, und um Vergebung flehen, denn ich werde mich ſtets dieſer herrlichen Worte erinnern: Ad majorem Dei Gloriam! Ja, mein Freund, ich werde dulden und leiden zu größerem Ruhme Gottes! Nur mögen die frommen Väter be⸗ dacht ſein, mir keine entehrende Strafe aufzubürden, denn einer ſolchen werde ich mich niemals unterwer⸗ fen! Gedenket daran, ehrwürdiger Vater, daß ich den Tod noch der Schande vorziehen würde! Sie waren jetzt bis zur Thure des Sitzungsſaales gelangt! Demuth! Demuth! warnte de Vaur. Meine Augen beginnen ſchon ſich mit Thränen zu füllen, flüſterte La Chaiſe. ich, Du biſt ein großer Künſtler, ſagte de Vaur, und öffnete die Thüre. Das ganze Capitel war in dem Saale verſammelt. Ein feierlicher Anblick war es, dieſer große, hochge⸗ r — 298— wölbte Saal, an deſſen beiden langen Seitenwänden auf hohen kunſtvoll geſchnitzten Chorſtühlen dieſe ſchwar⸗ zen, unbeweglichen Prieſtergeſtalten ſaßen, mit dieſen ernſten, bleichen Geſichtern, dieſen finſtern, mitleids⸗ loſen Zügen. Und alle dieſe zornigen, ſtechenden Blicke wandten ſich hin auf La Chaiſe, der demuthsvoll, die Hände über der Bruſt gekreuzt, an der Thüre ſtehen blieb, während de Vaur in aller Würde 1d Hoheit feines Amtes mitten durch den Saal dahin ſchritt, mund ſich auf dem Seſſel niederließ, der unter einer Art Thron⸗ himmel angebracht war. Eine lange, feierliche Pauſe trat ein. Dann ſagte de Vaur in gebieteriſchem Ton: meine Brüder! Ein Verbrechen iſt begangen worden! Dort ſteht der Ver⸗ brecher! Ich überliefere ihn Euch, ſeinen Richtern! hörbar, Verwünſchungen und Ausbrüche der Verach⸗ tung und des Zornes wurden laut, und mit flammen⸗ den Blicken erhob ſich der Pater Rector von ſeinem Sitze, und befahl dem Verbrecher, ſich zu nähekn. Das Haupt geneigt, die Hände über der Bruſt ge⸗ kreuzt, Ströme von Thränen vergießend, näherte ſich La Chaiſe. Ein dumpfes Gemurmel machte ſich rings im Saale —— — 930— Antworte auf meine Fragen! befahl der Rector. Weißt Du, daß das heiligſte Geſetz unſers Ordens unns einen frommen Lebenswandel, und unerſchütter⸗ liche Tugend und Keuſchheit zur erſten Bedingniß⸗ macht? Ich weiß es! ſagte La Chaiſe mit zerknirſchtem Ton. Und dennoch, fuhr der Rector mit donnernder Stimme fort, denn aſt Du als ein fluchwürdiger Ver⸗ brecher jdies Gebot geſündigt, und Schande und Noth über die Geſellſchaft Jeſu gebracht! Wage nicht, es zu leugnen. Antworte vielmehr! Wo warſtſdu dieſe Nacht? Im Hauſe des Präſidenten Nanon ſagte La Chaiſe. Was thateſt Du dort! Bei wem warſt Du? Bei ſeiner Tochter Laura! Ddie Züge der Prieſter verfinſterten ſich immer mehr, und Jeder ſchwur in ſeinem Herzen, dieſen verwege⸗ nen Prieſter, welcher ſo frech geweſen, glücklich zu ſein, mit der häͤnef Strafe zu belegen. Iſt dieſe Laura alt? Bedurfte ſie vielleicht Deines geiſtlichen Beiſtandes? fragte der Rector. Nein! Laura iſt jung und ſchön, und ich war bei ihr, weil ich ſte liebte, und weil ſie dieſe Liebe erwiderte. — 240— Die frommen Väter erblaßten vor Neid. Der Rector ſetzte ſein Verhör fort, La Chaiſe antwortete unter Thränen und mit demüthigem Ton. Als das Eramen beendigt war, nahm der Rector eine feierliche Stellung an, und ſich an die Jeſuiten wendend, ſchilderte er ihnen in begeiſterter Rede die Gefahr, welche der Geſellſchaft Jeſu daraus erwachſen müſſe, wenn ſie ſolche Verbrechen Mitte geſchehen laſſe, wenn ſie es dulde ihrer Jünger ſich der verdammungswürdigen Luſt dieſer Welt hingäbe, während ſie Alle doch geſchworen, rein und heilig zu wandeln auf Erden, und aller Citelkeit und Weltluſt zu entſagen, um gerade dadurch ſich Gott um ſo viel inniger verbinden zu können. Von allen Seiten, ſchloß er ſeine begeiſterte Rede, von allen Seiten droht uns Gefahr! Ueberall lauert man uns auf, und iſt ſorgſam bemüht, einen Fehl an uns zu finden. Sollen wir es nun dulden, daß ſo ſtrafbarer Frevel ungerügt eun Ginan unter uns ge⸗ übt wird? 8 Nein! Nein! ſchrieen die Prieſter, ſich von ihren Sitzen erhebend. Ihr habt Recht! ſagte der Rector. Wir werden es — — — 241— nicht dulden. Ad majorem Dei gloriam. Ich kenne dieſen heiligen Eifer, den Ihr für unſere gemeinſchaft⸗ liche Ehre hegt, ich leſe ihn in Euren Blicken und auf Eurer Stirn! Seid muthig und entſchloſſen. Strafet den Frevler, und zeigt durch die Härte Eurer Strafe den Abſcheu, welchen Ihr Alle vor dem Laſter und der Sünde hegt! Furchtbar war die Aufregung, welche dieſe Worte erzeugte. In einem Sturm von Verwünſchungen machte der heilige Zorn der frommen Väter ſich Luft, und während Jeder heimlich wünſchte, er wäre ſtatt La Chaiſe's bei der ſchönen Laura geweſen, ſchrie Jeder laut, ein ſolches Verbrechen ſei noch nie erhört, und mache die furchtbarſte Strafe nothwendig! Stoßt ihn aus! Stoßt ihn aus! ſchrieen ſie. Ja, hinweg mit dem Verbrecher aus unſerm heiligen Orden! Geißelt ihn! Geißelt ihn, und dann ſtoßt ihn aus! Prieſter wurden immer wilder, dine gierige Schadenfreude ſprach aus ihren Mienen; es gab da ein Opfer, welches ſie ſtrafen konnten,— die prieſterlichen Tiger, ſie hatten Blut gerochen! 1. 16 4- — 242— Selbſt La Chaiſe begann zu zagen, und ſein ängſt⸗ lich fragender Blick ſchweifte hinüber zu de Vaur. Dieſer winkte ihm leiſe mit den Augen, und beru⸗ higt ſenkte La Chaiſe wieder das Haupt. Jetzt rief eine grauſame Stimme: Wie? Soll dieſer Verbrecher, nachdem wir ihn ausgeſtoßen, frei in der Welt einhergehen, ein lebendiges Denkmal unſerer Schande? 8 Nein, nein! riefen hundert Stimmen. nicht! Mauert ihn ein! Mauert ihn ein! Hinunter mit ihm in die Todtenkammer! 5 das ſoll er Ja, ja! In die Todtenkammer, und dort mag er ſein Leben pace doloris et aqua angustiae(mit Brodt des Elends und mit Waſſer der Trübſal) hin⸗ ſeufzen. Laßt ihn ſterben! Tödtet ihn! ſchrie die ganze blut⸗ dürſtige heilige Verſammlung. Aber inmitten dieſes Tumultes und dieſer Aufregung erhob ſich der Provincial de Wan Präſes der Verſammlung, gebühtte Ihm, als dem das Votum deci- sivum, das entſcheidende Wort, und an ſeinen Lippen hing jetzt das Schickſal La Chaiſe's. De Vaur winkte und befahl zu ſchweigen, und nach⸗ — 243— dem dieſe Zorneswellen ſich gelegt, dieſe Prieſter ſich murrend und brummend wieder auf ihre Stühle ge⸗ ſetzt, nahm er eine feierliche Miene an, und begann eine lange wohlgeſetzte Rede. Er erinnerte ſeine Brü⸗ der, deren frommen Eifer er lobte, an die Milde des Heilandes, der des Judas ſelber geſchont, und aus⸗ drücklich befohlen habe, gegen den bußfertigen Sünder zu üben. Er meinte, daß der, welcher wie La Ch einer Verſuchung unterliege, eben ſo ſehr zu beklagen als zu verdammen ſei, weil ſein eige⸗ nes Gewiſſen ihn ſtrafe mit der Geißel der Reue. Nicht will ich den Laſtern das Wort reden, fuhr er in ſeiner pathetiſchen Rede fort. Ihr wißt es, meine Brüder, und der ganze ehrwürdige Orden wird es be⸗ ſtätigen müſſen, daß ich ſtets ein reines und gottſeliges Leben geführt, und niemals irgend ein Aergerniß gege⸗ ben habe! Ich bin kein Räuber und Ungerechter, kein Wüſtling und Chebrecher, wie die Kinder dieſer Welt, und leider! auch viele unſerer Ordensbrüder! Ich faſte zweimal in der Woche, ich halte getreulich mein Ge⸗ lübde, und meines Ordens heilige Geſetze, und jeder⸗ zeit bin ich bereit, Alles dahin zu geben zur Ehre 16* — 244— Gottes, ja Alles das, was mir die angelobte, frei⸗ willige Armuth noch übrig gelaſſen htt. Und jetzt richtete de Vaur ſich ſtolzer empor, und ſeine ſcharfen Blicke hierhin und dorthin ſendend, durch⸗ bohrenden Blitzen gleich, ſagte er mit gewaltiger, don⸗ nernder Stimme: Aber jetzt richte ich meine— orte an Euch, Ihr heiligen Väter! Jetzt wende ich an das Gewiſſen jedes Einzelnen, und fr 1 mögen unter Euch ſein, die frei ſind vo Wie viele aber haben nicht noch Schlimmeres be⸗ gangen, als La Chaiſe, ſchlimmere Thaten gethan, und dennoch weniger Reue empfunden? Ja, indem ich meine Augen umher ſchweifen laſſe in dieſer heiligen Verſammlung, frage ich ferner: wie viele nicht mögen hier unter uns ſein, welche noch jetzt dem Laſter fröh⸗ nen, und der Sünde huldigen, und auf die man viel⸗ leicht, ohne ſte es wiſſen, ein wachſames Auge hat, um vk. an das it zu bringen? Als de Vaur ſo fragte, ſah man viele der Prieſter erblaſſen, und ſcheue, angſtvolle Blicke auf den Pro⸗ vincial richten, der mit der Strenge und Erhabenheit eines Richters ſtolz und drohend dieſe Blicke erwiderte. — 245— Er kennt mein Verhältniß mit der Wittwe Tondar! dachte Pater Anſelm. 5 0 Er weiß, daß ich jede Nacht im Weinhaus bin! flüſterte Pater Lenardo. Ah, er hat es ausſpionirt, daß ich die Karten mehr das Brevier! dachte Pater Vincent. er erforſcht, daß zwei der Hugenotten⸗ ich täglich beſuchen, um zur katholiſchen ereitet zu werden, verkleidete Mädchen ſind! ſagte Pater Bertrand ſchaudernd zu ſich ſelber. Wie geſagt, Jeder dieſer frommen und höchſt ehr⸗ würdigen Prieſter hatte dennoch irgend ein kleines dunkles Geheimniß, welches das Licht zu ſcheuen hatte, irgend einen wunden Fleck, den man ſorgſam zu hüten hatte vor der Berührung des Provincials. De Vaur las mit einem ſpöttiſchen Lächeln auf den Geſichtern der Prieſter ihre geheime Angſt und Sorge. Aus den heimlichen Sünden der from Väter wollte er aber einen Schild machen, hinter welchem La Chaiſe ſich ſchützen und ſichern könnte, und deshalb fuhr er immer drohender fort: Was ſoll man aber dereinſt über die jetzt noch ver⸗ borgen unter uns weilenden Sünder für ein Urtheil liebe, aß — 246— fällen, wenn ihrer Thaten Schande an das Licht kommt? Ueber dieſe Sünder, welche jetzt als ſo ſtrenge und unerbittliche Richter über La Chaiſe das Urtheil fäl⸗ len? Wer weiß, wie nahe Manchem ſchon der Tag des Gerichtes iſt! Deshalb ſeid milde, meine Brüder, damit man auch gegen Euch Milde üben ka n! Ich meinestheils erkläre aber, daß ich in keine Eurer und grauſamen Strafen, die Ihr La einwillige. Man führe unſern Bruder as Cru⸗ cifir. Dort möge er knieend und vor Eurem Ange⸗ ſicht den Herrn um Verzeihung bitten für die ihm zu⸗ gefügte Beleidigung, und alsdann wollen wir ihn in eine andere Provinz verſetzen, damit ſein ferneres Da⸗ ſein hier beim Volke kein Aergerniß gebe!— Und jetzt ſammelt noch einmal Eure Stimmen und entſcheidet über La Chaiſe, aber erinnert Euch dabei der Worte unſers Herrn:„Wer unter Euch ohne Sünde iſt, der hebe den erſten Stein auf.“— Eine Todtenſtille trat ein, nachdem de Vaur ge⸗ ſprochen. Dieſe ganze, ſo blutdürſtige, ſo tumultua⸗ riſche Menge ſchien plötzlich wie umgewandelt. Aus den Tigern waren Lämmer geworden, und Jeder war bedacht, durch die Milde ſeines Urtheils ſich für ſich ſelber für die Zukunft auch einen milden Richter zu ſichern. De Vaur's Vorſchlag ward daher einſtimmig an⸗ genommen. La Chaiſe that weinend Buße vor dem Crucifir, und ward von dem Provincial entſühnt und geſegnet. »Capitel mußte ſodann dem entſühnten hher ſeine Vergebung zuſichern, und nachdem La Chaiſe von allen den Bruderkuß und den Hände⸗ druck empfangen, ſagte de Vaur: Und nun Lebewohl, mein Sohn! Du mußt heute noch Dijon verlaſſen! Der Pater Barbin iſt für den Päpſtlichen Hof zu Rom zum General⸗Aſſiſtenten ernannt worden. Du ſollſt ihn als ſein Geheimſecretair begleiten! Wider ſeinen Willen leuchtete das Angeſicht La Chaiſe's vor Freude und Vergnügen. Die übrigen Prieſter aber überkam eine Art Erſtarmng. Jeder vo ihnen hatte den glühenden Wunſch gehegt, nach Rom zu gehen, und was Jeder von ihnen als ein Glück mit tiefem Dank empfangen hätte, das ward dem verbrecheriſchen Prieſter La Chaiſe als Strafe zuertheilt! Wenige Stunden ſpäter war La Chaiſe zur Reiſe — 248— gerüſtet, und nahm Abſchied von ſeinem treuen Freunde de Vaur. Ich hoffe, Du biſt mit Deiner Strafe zufrieden, ſagte de Vaur lächelnd, und der Liebesdienſt, den Du mir erzeigt, iſt Dir vergolten worden! La Chaiſe warf ſich mit ungeheuchelter Nührung. in de Vaur's Arme. Ihr ſeid mir in Wahrheit ein treue redlicher Freund geweſen, ſagte er, und ſein innige herzlicher Ton trieb dem guten de Vaur Thränen in die Augen. Niemals, mein theurer de Vaur, nein, niemals werde ich Eurer vergeſſen. Mag die Welt mein Herz immer mehr noch verhärten, immer wird es da drinnen in meiner Bruſt eine Stelle geben, die ſich erwärmt bei Eurem Namen, und wohin weder der Haß noch die Verachtung der Welt dringen ſoll. Jetzt ziehe ich aus, uen Pfaden mir das Glück und die. Chre, Macht zu ſuchen! Ich werde das Alles erlangen, denn ich will es, und ich werde zur Erreichung meiner hohen und heiligen Zwecke kein Mit⸗ tel ſcheuen, ich werde heucheln und betrügen, verleum⸗ den und vergöttern, ich werde, wenn es ſein muß, ſelbſt 8. den Tod zu meinem Bundesgenoſſen machen, denn ich ——= — ——— —(249— will ein ſtarkes Rüſtzeug ſein in der Hand des Herrn, und meinen Namen will ich verklären mit dem ſeinen! Lebe wohl, mein Freund! Indem ich Dir zum letzten Male die Hand drücke, nehme ich Abſchied von mei⸗ nen Jünglingsjahren und von manchem holden Traum! Das Mannesalter meiner Thaten beginnt mit dem heu⸗ tigen Tage, und dieſe Thaten ſollen wie ein Feld⸗ geſchrei durch ganz Europa fliegen, und ihren Wieder⸗ hall finden in den Wäldern Amerika's und in den Tempeln der indiſchen Brahmanen! Lebewohl, ich ziehe aus, ad majorem Dei gloriam! XI. Der Papſt Alexander. Se. Heiligkeit, der Papſt Alerander VII. war heute in einer ſehr aufgeregten Stimmung, und ſeinen zit⸗ ternden Dienern und Lakaien wollte es bedünken, daß der Statthalter Gottes noch niemals ſo kraftvolle Ohr⸗ feigen und ſo heftige Fußtritte ertheilt hätte, als an dieſem heutigen Tage. Se. Heiligkeit hatten ſich ſogar zu einigen heftigen Flüchen herab er ſſen, und dem Kam⸗ merdiener, welcher die Chocolade brachte, die ein wenig 3 hatte der Statthalter Gottes dieſe Taſſe einigen ziemlich weltlichen Schimpfworten an den Kopf geworfen. Der Kammerdiener war zitternd zu dem Geheim⸗Secretair und zum dienſtthuenden Kam⸗ merherrn gelaufen. Der Geheim⸗Seeretair befahl ſtatt des Champagners Eis und Macaroni, des Papſtes LLieblingsgericht, aufzutragen, und der dienſtthuende 8 251— Kammerherr ließ ganz leiſe die ſechs Lieblingskatzen Sr. Heiligkeit in das Gemach ein, in welchem der Papſt fluchend und ſchimpfend auf und nieder ſtürmte. Eis, Macaroni, und Katzen, das waren die drei Be⸗ ſänftigungsmittel, welche man bisher noch niemals vergeblich bei dem Statthalter Petri, dem Stellver⸗ treter Gottes, angewandt hatte, und dieſe Beſänfti⸗ gungsmittel ſchienen auch heute nicht ohne heilſame Wirkung zu ſein. Der erſte Kammerherr lauſchte hin⸗ ter den Thürvorhängen, nachdem er die reizenden, mit goldenen Halsbändern verſehenen ſechs Kätzchen in das Zimmer des Papſtes eingelaſſen. Er ſah, wie Se. Hei⸗ ligkeit plötzlich ſtehen blieb, und die niedlich ſchwän⸗ zelnden Thierchen miteinem wohlgefälligen Grunzen willkommen hieß, aer der Herr Kammerherr, welcher ſchon glaubte, das Feld gewonnen zu haben, erbebte, als er die heftigen Falten ſah, welche ſich, trotz der Kätzchen, wieder auf der Stirne Sr. Bainzta zu⸗ ſammen zu ziehen begannen. Ja, Se. Heiligkeit ge⸗ ruhten ſogar die Lieblingskatze Zenobia, welche es ge⸗ wagt, ihm auf die Schulter zu ſpringen, höchſt un⸗ ſanft herabzuwerfen, und in eine Ecke des Gemaches zu ſchleudern. Der Kammerherr zitterte, und fühlte. — 252— fich einer Ohnmacht nahe. Mein Gott, wenn das der Zenobia, der immer gehätſchelten und geſtreichelten Katze geſchah, welche ſonſt die unbeſtrittene Favoritin des Papſtes war, was erwartete dann ihn, den armen Sterblichen, der zwar nicht minder zu heucheln, zu ſtreicheln, und die Krallen einzuziehen verſtand, aber doch immer zu ſeinem eigenen Leidweſen, eine Men⸗ ſchengeſtalt behielt, und ſich nicht in eine Katze umzu⸗ wandeln vermochte. Indeß gewann der lauſchende Kammerherr bald wieder einigen Muth, denn der Papſt ward ſichtlich gerührt von Zenobia's Schreien und Winſeln, er eilte zu ihr hin und ſuchte ſte durch zärtliche Liebkoſungen zu beſchwichtigen, indem er zu ihr mit ſeinem mildeſten und zärtlichſten Ton, in welchem er noch nie zu einem Menſchen geſprochen, ſagte: Ruhig, meine kleine Königin, ruhig, mein ſeiden⸗ weiches Kind! Es iſt wahr, ich habe Dir Unrecht ge⸗ than! Ich war zu heftig gegen Dich, und gab mei⸗ nem Zorne nach! Mein Gott, Du mußteſt büßen für die Erbärmlichkeit der Menſchen, arme Kleine! Das war freilich höchſt ungerecht von mir, mich an der Unſchuld zu rächen! Aber wenn Du wüßteſt, Zenobia, wie ſehr mich dieſe Menſchen plagen mit ihren Erbärmlichkeiten, wie ſie mir keine Stunde Ruhe und Erholung gönnen, wie ſie mich ärgern vom frü⸗ hen Morgen bis in die ſpäte Nacht hinein, wenn Du das Alles wüßteſt, meine ſüße Kleine, dann würdeſt Du mir dieſe augenblickliche Heftigkeit verzeihen, und einiges Mitleid haben mit dem armen Statthalter Gottes! Wenn dies verdammte Thier, das Gott ſegnen möge, dachte der angſtvoll lauſchende Kammerherr, wahrhaf⸗ tig, wenn es jetzt nicht aufhört zu ſchreien und zu miauen, dann ſind wir Alle verloren, und der Zorn Sr. Heiligkeit wird uns Alle vernichten. Vielleicht hatte die kluge Zenobia eine Ahnung von dieſem Stoßſeufzer des Kammerherrn, und war in ihrem milden Sinne entſchloſſen, Erbarmen zu üben. Sie ließ plötztich nach mit ihrem Geſchrei und Winſeln, und belohnte mit höchſt lieblichem Schnurren und Spin⸗ nen das zärtliche Streicheln des Papſtes. Sofort ka⸗ men die übrigen fünf Kätzchen herbei geſprungen, und ſchmiegten ſich gleichfalls ſchnurrend und ſpinnend an die Füße Sr. Heiligkeit, und ſchienen auch ihr Theil zu fordern an der Liebe und Zärtlichkeit ihres Herrn. Einige dieſer Katzendamen entwickelten eine beſondere — 254— LCoauetterie und Grazie in ihren Sprüngen und Ca⸗ priolen, und ſie beluſtigten den Statthalter Gottes ſo ſehr, daß er endlich in ein laut ſchalendes Gelächter ausbrach. Das Geſücht des lauſchenden Kammerherrn erheiterte ſich bei dieſem Gelächter. Jetzt iſt Alles gut, flüſterte er. Wie huldvoll und gnädig iſt Se. Heiligkeit, welch ein erhabner, milder Herrſcher! Dieſe Zenobia iſt ein wahrer Engel. Der Herr möge ſie uns noch lange erhalten, und ihr gnädig bei⸗ ſtehen bei ihrer Niederkunft, die leider bald erfolgen muß. Ich werde übrigens einige Meſſen für dieſes vortreffliche Geſchöpf leſen laſſen! Und der Kammerherr winkte dem Geheim⸗Secretair, der eben mit einem ungeheuren Packet Schriften unter dem Arme in das Vorzimmer trat. Es wird Alles gut gehen! flüſterte er. Der heilge Zorn unſers Herrn iſt beſchwichtigt worden, und wenn jetzt nur Luigi bald mit Eis und Macaroni kommt, ſo haben wir gewonnen, und Se. Heiligkeit wird gnä⸗ dig Alles unterſchreiben, was Sie ihm vorzulegen haben! In dieſem Augenblick trat Luigi mit den erwarteten — 255— Speiſen herein. Wie ein Triumphator, ganz ſeines Sieges ſicher und gewiß, durchſchritt er das Gemach, und näherte ſich dem Vorhange, an welchem der Kam⸗ merherr und der Geheim⸗Secretair horchten. Ah, da iſt Luigi! ſagte der Kammerherr auf⸗ athmend. Dies iſt eine vortreffliche Schüſſel Macaroni, ſeufzte der Secretair. Sie haben doch noch eine zweite zurückbehalten? fragte der Kammerherr. Wozu denn eine zweite? Nun, mein Gott, lieber Luigi, das iſt doch ganz einfach! Wenn Se. Heiligkeit geruhen möchten, Ihnen dieſe Schüſſel Macaroni, wie die Taſſe Chocolade an den Kopf zu werfen, und es iſt keine zweite Schüſſel da, was ſoll ſodann aus uns Allen werden? Man wirft nicht eine Schüſſel Macaroni wie eine elende Taſſe Chocolade hin! ſagte Luigi feierlich. Ubri⸗ gens habe ich eine zweite Schüſſel reſervirt! Mit dieſen Worten ſchlug er die Vorhänge zurück und trat in das Zimmer des Papſtes, der ſo eben die reizende kleine Katze Dulcinea nach einem Seidenknauel ſpringen ließ. e m 4 — 256— Was bringſt Du denn da, Luigi? fragte der Papſt in höchſt gnädigem Ton. Eis und Macaroni! ſagte Luigi mit einem erhabe⸗ nen Stolze. Ah, Eis und Macaroni! das iſt ein vortrefflicher Gedanke von Dir! Ich erlaube Dir, für dieſen herr⸗ lichen Einfall Dir von unſerm Secretair zwei Ducati 3 auszahlen zu laſſen! Und Se. Heiligkeit ließen ſich in dem ſammtnen Seſſel nieder, und ſchickten ſich an, zu eſſen, während die ſechs Katzen ſich zu ſeinen Füßen niederſetzten, und mit höchſt begehrlichem Schnüffeln zu dem Statthalter Gottes und zu den Macaroni empor blickten. Wo iſt Zaponi, und Jacopo? fragte der Papſt. Sie harren im Vorgemach! ſagte Luigi ſich tief ver⸗ neigend. Entrate! rief der Papſt, und Zaponi und Jacopo, welche Niemand Anders waren, als der Kammerherr und der Secretario, traten mit einem unbeſchreiblich ſeligen Lächeln in das Gemach. 1 Ah, ah, ſchon wieder Geſchäfte! rief Alerander, als er den gewaltigen Actenſtoß bemerkte, den Jacopo unterm Arm hielt. Wahrhaftig, das iſt unleidlich! Geſchäfte, und immer Geſchäfte! Man ſollte meinen, wir hätten auf der Welt nichts weiter zu thun, als zu regieren. Mein Himmel, man gönne mir doch einen Moment Ruhe! Es ſind nur einige höchſt nothwendige, und unauf⸗ ſchiebbare Sachen, welche ich Ew. Heiligkeit zur Un⸗ terſchrift vorzulegen habe! flötete der Secretario. Unterſchriften, und immer Unterſchriften! Wahr⸗ haftig, wenn alle die Unterſchriften, die ich ſchon ge⸗ zeichnet habe, geſammelt würden, es ließe ſich ein gan⸗ zes Buch damit füllen! Das eins der heiligſten und lehrreichſten Bücher der Welt ſein würde! rief der entzückte Kammerherr Zaponi. Ah, Du biſt ein Schmeichler! ſagte der Papſt und ſchluckte mit großem Behagen eine Viertelellenlange Ma⸗ caroni hinunter. Ein Schmeichler, ſage ich, dem es ſchwer werden ſollte, ſeinen Satz zu beweiſen. Nicht im mindeſten! rief Zaponi. Würde es nicht höchſt lehrreich ſein, dieſes Buch mit Euern Unter⸗ ſchriften angefüllt, zu betrachten? Eine Unterſchrift i*ſt höchſt characteriſtiſch, und wie intereſſant und lehr⸗ reich würde es daher nicht ſein, alle dieſe Unterſchrif⸗ ten des heiligen Vaters zu vergleichen, und aus jeder I. 17 — 258— die Stimmung, in welcher Sr. Heiligkeit unterſchrieb, zu ergründen. Nun, habe ich nicht Recht, ein ſolches Buch eins der heiligſten und lehrreichſten der Welt zu nennen? Vollkommen recht! beſtätigten Jacopo und Luigi. Nicht übel! ſagte Alerander, und ſchluckte einen großen Löffel Ananaseis hinunter. Nun, Jacopo, laßt uns von Geſchäften ſprechen! Was giebt es heute? Die Abgeordneten von Florenz und Piſa erbitten ſich heute Vormittag eine Audienz. Das iſt unmöglich! Ich beabſichtige heute Vor⸗ mittag eine Spazierfahrt zu machen, und ein wenig im Teiche des Vaticangartens zu angeln. Die Abgeordneten ſind ſchon drei Mal abgewieſen! bemerkte Zaponi demüthig. Das heißt, ich ſoll gezwungen werden, heute dieſe kleine Erholung aufzugeben, und dieſe langweiligen Narren anzuhören! Erbärmliches Leben! Aber Luigi, da fällt mir ein, daß dieſe armen Geſchöpfe da, dieſe allerliebſten Kätzchen, immer noch nicht ihre Milchſuppe bekommen haben. Das iſt unperzeihlich, dieſe arme Geſchöpfe warten zu laſſen! 4 Und die Abgeordneten? fragte Jacopo ſchüchtern. — 259— Sie mögen warten bis morgen! Ja, wahrhaftig, morgen will ich ſie empfangen! Und jetzt raſch die Unterſchriften! Was giebt es denn? Zwei Todesurtheile für überführte Mörder! Ah Mörder! Weshalb mordeten ſie? Alle Beide aus Eiferſucht. Der eine hat ſeine Ge⸗ liebte in der Kirche erſtochen, weil ſie mit einem an⸗ dern liebäugelte, der andere hat ſein angetrautes Weib vergiftet, weil er ſie auf einem Liebeshandel ertappte. Wahrhaftig, es iſt ein wenig hart, ſie deshalb hin⸗ zurichten! ſagte Alexander mitleidig, und reichte ſeiner Lieblingskatze Zenobia ein Endchen Macaroni dar. Indeß, bemerkte Jacopo, die öffentliche Sicherheit macht ſolche Strenge nothwendig! Faſt in jeder Woche geſchieht jetzt irgend eine Mordthat in den Mauern unſerer heiligen Stadt. Man kennt die erbarmungs⸗ volle Milde Ew. Herrlichkeit, und weiß, daß Ihr weit leichter begnadigt, als ſtraft. Dieſe armen Friponi ſollen alſo durchaus ſterben! ſagte der Papſt ſeufzend. Es iſt nothwendig! Wartet! rief Alerander. Wir wollen das Urtheil Gottes entſcheiden laſſen! Seht da dieſes appetitliche 17* — 260— Endchen Macaroni. Ich werde es hier auf die Erde legen, gerade hier in die Mitte des Zimmers. Ihr wißt, meine Kätzchen lieben dieſe Macaroni leiden⸗ ſchaftlich, jede von ihnen wird Verlangen tragen und hinſpringen auf dieſes Stück Macaroni. Nun merkt wohl auf! Wenn es Zenobia iſt, welche dieſe Ma⸗ caroni erhaſcht, ſo begnadige ich dieſe armen Leute, wenn es Dulcinea iſt, ſo müſſen ſie ſterben! Alle ſchwiegen jetzt, und blickten mit geſpannnter Er⸗ wartung auf die ſechs Katzen hin, die langſam und lauernd dem Stückchen Macaroni ſich ſchleichend näher⸗ ten, und es mit flammenden Augen betrachteten. Plötz⸗ lich machte die Zenobia einen Sprung, und mit einem einzigen Satze hatte ſie ihre Beute erreicht, und ſie begierig verſchlungen. Ah, Gott hat entſchieden! frohlockte der fromme Papſt, und faltete andächtig die Hände. Ja wahrlich, Gott hat entſchieden und gerichtet! Die armen Schelme ſind begnadigt! Er zerriß das Todesurtheil, das Jacopo vor ihn hingelegt, und befahl, die beiden zum Tode Verur⸗ theilten in aller Stille entfliehen zu laſſen! Jacopo breitete andere Schriften aus, und Se. Hei⸗ — 261— ligkeit, der ganz erſchöpft, ganz abgemattet ſchien von dieſen langen Regierungsgeſchäften, unterſchrieb, ohne weiter nach dem Inhalt dieſer Schriften zu fragen. Aber zwiſchen jeder Unterſchrift nahm er zur Erholung ein Stückchen Macaroni oder einen Löffel Eis, und ſtreichelte ſeine lieblich ſchnurrenden Katzen. Als die Unterſchriften beendigt, waren auch die Schüſſeln leer. Papſt Alexander nahm eine höchſt feierliche Miene an, und fragte Luigi nach dem Küchenzettel für das heu⸗ tige Diner. Luigi zog ihn aus ſeinem Buſen hervor, und reichte ihn knieend Sr. Heiligkeit dar.— Der Statthalter Gottes las ihn mit geſpannteſter Aufmerk⸗ ſamkeit, und Zaponi, Jacopo und Luigi beobachteten in athemloſen Schweigen die Züge ihres Herrn, um in denſelben ſeinen Mißmuth oder ſeine Zufriedenheit zu leſen. Es überflog daher ihre Geſichter wie mit einem hellen Sonnenglanz, als der Papſt, wohlge⸗ fällig mit dem Kopfe nickend, ſagte: ich bin zufrieden! Dies wird ein herrliches Diner werden! Der ſpa⸗ niſche und engliſche Geſandte ſind auf heute eingela⸗ den! Ah, ſie werden geſtehen müſſen, daß man in Rom eine beſſere und glänzendere Tafel hält, als zu Madrid und London! Wahrhaftig, ich bin ſo gut 48 gelaunt, daß ich meinen guten Römern eine freudige Ueberraſchung bereiten will! Ah, ich freue mich ſchon auf ihre dummen, glotzenden Geſichter! Ich will heute ſelbſt in der Petrikirche die Meſſe leſen und den Segen austheilen! Nun, was meint Ihr dazu, fragte der Papſt, ſich vergnügt die Hände reibend. Ein vortrefflicher Gedanke! Eine unendliche Gnade! Wie erhaben und gütevoll doch Ew. Heiligkeit immer iſt! Und wie ſelig werden dieſe guten Römer ſein! Ja, ja, lachte der Papſt, es iſt heute ein unge⸗ wöhnlicher Tag. Dieſe guten Römer werden außer ſich ſein vor Erſtaunen. Ah, es wird zum Krank⸗ lachen ſein, zu ſehen, wie ſie die Augen aufreißen, und was ſie für Geſichter ſchneiden, wenn ich ganz unvermuthet an den Altar trete, und ihnen die Bene⸗ diction ertheile! Beſorgt das Nöthige, in einer Stunde fahre ich zur Kirche! Und bis dahin? Bis dahin werde ich leſen! Es ſind da einige höchſt vortreffliche Bücher aus Frankreich angekommen. Ich meine, das Heptameron der ſchönen Margaretha von Valois und dieſe Memoiren des alten angenehmen — 263— Schwätzers, des Brantome! Gieb mir dieſe beiden Bücher, Zaponi, und dann geht in's Vorzimmer! Der Kammerherr reichte Sr. Heiligkeit die befohle⸗ nen Bücher dar, und dann entfernte er ſich rückwärts 7. 88 gehend unter fortwährenden, tiefen Verneigungen. Luigi und Jacopo folgten ihm nach und der Papſt blieb allein mit ſeinen Büchern und ſeinen liebenswürdigen ſechs Katzen. Dieſe neu aus Frankreich angekommenen Bücher ſchienen übrigens ſehr intereſſanten Inhaltes zu ſein, denn Papſt Alerander lachte zuweilen hell auf, zuwei⸗ len auch färbte ſich ſein etwas blaſſes, eingefallenes Geſicht mit einer fliegen den Röthe, was auf eine hef⸗ tige innere Erregung ſchließen ließ. Er hatte mit dem Heptameron der leichtfertigen Margaretha von Valois begonnen, und nachdem er ſich hinlänglich ergötzt an dieſen ſchlüpfrigen kleinen Geſchichtchen, nahm er den Brantome zur Hand und bald ſchien der alte„ange⸗ nehme Schwätzer“ die ganze Aufmerkſamkeit Sr. Hei⸗ ligkeit in Anſpruch zu nehmen. Sieh, ſieh, ſagte er plötzlich ſich unterbrechend, der alte Brantome iſt alſo auch von des Ovidius Anſicht und Meinung. Das iſt ſeltſam! Denn irre ich mich — 264— nicht, ſo meint Ovidius auch, es ſei viel köſtlicher und ſchöner ein altes Weib zu lieben, als ein junges Mäd⸗ chen! Ich muß doch einmal dieſe Stelle nachſchlagen. Wo habe ich denn gleich dieſes Ovidius treffliche Ars amandi hingelegt! Ich las doch geſtern nach dem Abend⸗ ſegen noch darin! Und der Papſt erhob ſich von ſeinem Lehnſeſſel und ſuchte unter den Büchern, die auf ſeinem großen Arbeitstiſche lagen, nach ſeinem Lieblingsautor, dem Publius Ovidius Naſo. Ha, ha, ſagte er endlich laut lachend, und hob ein kleines Buch empor, deſſen Umſchlag auf ſchwarzem Sammet ein goldenes Kreuz zeigte, ha, ha, das iſt in der That zum Lachen! Der dumme Luigi hat dieſen götllichen Ovid für ein Gebetbuch gehalten, und ihn in dieſen heiligen Deckel hineingeſchoben. Ah, die Ars amandi als Gebetbuch zu betrachten, das Kaiſt ein köſt⸗ licher Einfall! Und nachdem der Papſt die bezügliche Stelle nach⸗ geſchlagen, und ſich überzeugt hatte, daß Bran⸗ tome wirklich ganz übereinſtimme mit der erhabenen Anſicht des Ovid, nahm er Erſteren wieder zur Hand, und las emſig weiter. — 265— Dies iſt ein hochſt geiſtreiches, höchſt vortreffliches Buch! ſagte er dann, ein wenig ruhend. Wirklich, es iſt im höchſten Grade unterhaltend und anregend. Es wird daher durchaus nöthig ſein, dieſes Buch zu verbieten wegen ſeines verwerflichen und laſterhaften Inhalts! Er rief mit lauter Stimme Jacopo, und ſofort er⸗ ſchien dieſer hinter den Vorhängen. Man ſoll dieſe Ocuvres de Monsieur Brantome ſofort in das heilige Verzeichniß der verbotenen Bücher eintragen! Und damit Niemand es wage, dieſes höchſt verwerfliche und unſittliche Buch dennoch ſich heimlich anzuſchaffen, ſo ſoll eine hohe Strafe auf den Beſitz, ja auf die bloße Lectüre deſſelben geſetzt werden! Es* darf kein Exemplar dieſes gefährlichen Autors in mei⸗ ner heiligen Stadt gefunden werden, das iſt mein ſtren⸗ ger Befehl! Und dieſes Exemplar, welches Ew. Heiligkeit da haben? fragte Jacopo. — Dieſes werde ich behalten, um ſeinen verwerflichen Inhalt noch näher zu prüfen! Der Papſt winkte ſeinem Secretario, der ſich ſofort entfernte, und den Statthalter Gottes wieder allein 4. N — — 266— ließ mit ſeinen Katzen und dem Exemplar des höchſt verwerflichen Buches von Brantome. Indeſſen ſollte die Muße des leſenden Papſtes dieſes Mal bald unterbrochen werden. Ein ſchüchternes Klo⸗ pfen an der Thüre machte ſich hörbar, und der Kopf des Kammerherrn Zaponi erſchien hinter den Vorhängen. Der Pater La Chaiſe iſt da, und fragt an, ob Se. Heiligkeit die hohe Gnade haben wollen, ihn vorzu⸗ laſſen? Der Papſt runzelte die Stirn, und warf das Buch unwillig bei Seite. Ah, über dieſen angenehmen Morgenſtunden hatte ich ganz meinen Aerger vergeſſen, ſagte Alerander hef⸗ tig. Warum kommt jetzt dieſer Menſch, um mich aufs Neue daran zu mahnen? 13 Der Kammerherr erblaßte, denn er hatte offenbar f einen Fehler begangen! Er hatte geglaubt, der junge Pater La Chaiſe ſtehe in großer Gunſt bei dem Statt⸗ halter Gottes, und er hatte wohl Grund gehabt, dies anzunehmen, denn ſeit den drei Monaten, die La Chaiſe in Rom verweilte, war er täglich von Sr. Heiligkeit empfangen worden, und Jeder hatte in ihm ſchon einen gefährlichen Nebenbuhler der Katze Zenobia geahnt. — 267— Und nun nannte Se. Heiligkeit dieſen Pater kurzweg „dieſer Menſch“ und er, der Kammerherr Zaponi, hatte die Ungeſchicklichkeit gehabt, ihn anzumelden. Ich werde ihn alſo abweiſen! ſagte Zaponi zitternd. Nein, nein, er ſoll kommen! rief der Papſt ärgerlich. Er ſoll mir Rede ſtehen! Sofort verſchwand der Kopf des Kammerherrn und La Chaiſe's blühendes, freundlich lächelndes Angeſicht ward ſichtbar. Ah, ah, da ſeid Ihr ja, mein lieber franzöſiſcher Pater! rief der Papſt ihm entgegen, einen beſonders ironiſchen Nachdruck auf das Wort franzöſiſch legend. Da bin ich, ſagte La Chaiſe demüthig, und ich bin gekommen, um meines Herrn Füße zu küſſen! Und ſich leicht und anmuthig auf die Kniee nieder⸗ laſſend, küßte La Chaiſe den goldgeſtickten Pantoffel Aleranders. Ah, wie beneide ich dieſe herrlichen Katzen! rief er dann mit andächtiger Miene. Ihnen iſt es vergönnt, ſich immer zu Euren Füßen zu ſchmiegen, und Eure milde Hand ſtreichelt und liebkoſet ſie. Welch ein be⸗ neidenswerthes Glück! Ja, ja, wenn ich die Katzen nicht hätte, da wäre 4 — 268— mir der letzte Troſt geraubt! ſagte der Papſt, die Stirne runzelnd. Von den Menſchen kommt mir nichts als Aerger und Sorge. Und beſonders Ihr Franzoſen mit Eurem albernen Hochmuth und Eurem lächerlichen Dün⸗ kel, Ihr macht mir das Leben ſchwer! Ah, wenn es ſo iſt, ſeufzte La Chaiſe, dann möchte ich für immer mein Vaterland abſchwören, und die Heimath nie wiederſehen! Papſt Alerander achtete nicht auf ihn, ſondern ging heftig auf und ab. Ha, dieſer Biſchof von Bayeur! murmelte er zähne⸗ knirſchend. Dieſer elende Wurm, er wagt es mir zu trotzen! Will eine geiſtliche Souverenität aufrichten, und den römiſchen Stuhl nur noch ad ho gres an⸗ erkennen! Es iſt in der That ein unyerzeihlicher Hochmuth! ſeufzte La Chaiſe. Hochmuth nennt Ihr das! rief der Papſt, hochroth vor Zorn. Es iſt ein offenbarer Abfall von der heili⸗ gen Kirche, eine Läſterung Gottes, des Herrn, welcher mich als ſeinen Statthalter auf Erden eingeſetzt, und mir die ganze Chriſtenheit unterworfen hat. Wer will — 269— es wagen, ſich frei zu dünken von meiner Herrſchaft, ſich aufzulehnen gegen meine Machtvollkommenheit? Niemand wird ſo frech ſein, dies zu wagen! rief La Chaiſe. Der Biſchof von Bayeur wagt es! Er hat es ge⸗ wagt, und er lebt noch, er wagt es noch ferner, mir zu trotzen, Ihr wißt es wohl! Oder habt Ihr all dieſen Kummer vergeſſen, den mir dieſer hochmüthige Menſch ſeit einem Jahre bereitet? Habt Ihr vergeſſen, daß er vor einem Jahre ſchon es wagte, in der allein von mir abhängigen Benedictiner⸗Abtei, welche in ſei⸗ nem Bisthum liegt, das jus visitandi zu begehren, und daß, als die Mönche, geſtützt auf ihr altes, gutes Recht, ihm den Eintritt in ihre Abtei verweigerten, er die Thüren aufbrechen ließ, und mit Gewalt eindrang in dieſes heilige Haus, dem meine heiligen Vorfahren das Privilegium ertheilt, von der Botmäßigkeit des Papſtes allein abhängig zu ſein? 3 Wie könnte ich das vergeſſen haben! ſagte La Chaiſe mit ſchmerzlichem Ton. Die Benedictiner ſchickten ja damals eine Klageſchrift nach Rom, und der heilige Vater beſtätigte ſte in einem Documente in ihren Unabhängigkeitsrechten vom Biſchof, welches Docu⸗ — 270— ment die Benedictiner an die Kathedral⸗Kirche heften ließen!— Und welches Document der Biſchof, als er aus der hohen Meſſe kam, mit eigenen Händen abriß, und es zerfetzte, rief der Papſt zähneknirſchend. Und hat er nicht ſeinen elenden Uebermuth und ſeinen verdammungs⸗ würdigen Stolz noch weiter getrieben? Theilt er nicht Ablaß aus und Dispenz, dieſer ſterblich geborene Erden⸗ ſohn, und frevelt er nicht damit gegen Gottes heilige Geſetze und des Papſtes unantaſtbare Macht und Herr⸗ lichkeit? Und um ſeinem Verbrechen die Krone aufzu⸗ ſetzen, fuhr der Papſt immer zorniger fort, wagt dieſer Biſchof es jetzt ſich miseratione Dei(durch die Gnade Gottes) zu nennen, ohne mit einer Sylbe ſeiner Ab⸗ hängigkeit vom heiligen Stuhle zu gedenken! Ha, ſehet mir doch dieſen lächerlichen Narren mit ſeinem Miseratione Deil Er ſoll wiſſen, daß er allein durch mein Erbarmen Biſchof iſt, und daß, wenn es mir beliebt, ich ihn wieder zurückſtoßen kann in ſein Nichts*) *) Ecco un ridicoloso Baron con il suo miseratione Dei; voglio bene, che sapia, che non è Vescovo, che per la mia, e che quando vorro, non sara piu niente.(Papſt Aleranders eigene Worte. Histoire du Père La Lnane) — 271— Wir ſind Alle, was wir ſind, nur durch des heili⸗ gen Vaters Gnade! rief La Chaiſe demuthsvoll. Aber ich werde den Verräther zu züchtigen wiſſen! fuhr der Papſt fort. Meine Langmuth iſt zu Ende. Er ſoll meine Macht erkennen und ſich demüthigen, und wenn er es nicht thut, ſo werde ich ihn zertreten unter meinen Füßen! Und wenn er bereut? fragte La Chaiſe. Ah, er bereut nicht! Ich kenne dieſe hochmüthigen Prieſter, es iſt die ächte Teufelsbrut, und darum will ich ſie Alle demüthigen. Sie ſollen den Zorn St. Peters empfinden. Zu lange ſchon habe ich Eurem Flehen und Euren Thränen nachgegeben, und den Bannſtrahl zurückgehalten, der ſchon über dem Haupte des Miſſe⸗ thäters ſchwebte. Immer habe ich, auf Euch vertrau⸗ end, gewartet, weil Ihr hofftet, durch Vernunftgründe dieſen jämmerlichen Menſchen zum Gehorſam und zur Unterwerfung zurückzuführen. Ich gab Euch nach, weil ich Euch liebte, und weil ich mehr zur Milde, als zum Zorne geneigt bin! Weil Ihr das erhabenſte Vorbild chriſtlicher Sanft⸗ muth und erbarmenden Mitleids ſeid! — 222— Ich wartete und harrte, und hielt den Bannſtrahl auf. Jetzt iſt's zu Ende und der Bannſtrahl ſoll her⸗ niederfallen auf des Verbrechers Haupt! Heute mor⸗ gen iſt der franzöſiſche Courier zurückgekehrt, aber ohne dies Unterwerfungsſchreiben, das ich dem Biſchof als letztes Gnadenmittel angedeutet! Nein, mit dem Unterwerfungsſchreiben iſt der Cou⸗ rier gekommen! rief La Chaiſe freudeſtrahlend. Er hatte mit gutem Bedacht den Zorn des Papſtes ſich immer ſteigern laſſen, um alsdann den Werth ſeines Beſchwichtigungsmittels in ein immer höheres Licht zu ſetzen, er hatte den ſtolzen und hochmüthigen Papſt ſich immer mehr ereifern laſſen gegen den ſtolzen und hochmüthigen Biſchof, um dann des Biſchofs Demuth um ſo erhabener darzuſtellen. Und jetzt ſank er vor dem Papſte nieder, und reichte ihm ein großes ver⸗ ſtegeltes Schreiben dar.. Weil es meinem Flehen und meinen Vorſtellungen gelungen, ſagte er, den Biſchof von Bayeux zum Ge⸗ horſam zurückzuführen, ſo hat man mir das hohe Glück gönnen wollen, dieſes Unterwerfungsſchreiben ſelbſt in Eure Hände niederzulegen. Hier iſt es! — 273— Er hat ſich unterworfen? rief der Papſt, und ſein Antlitz leuchtete vor Genugthuung. Er nahm das Schreiben aus des knieenden Paters Händen und öffnete es. Er hat in die Hände des päpſtlichen Nuntius zu Paris Reue und Buße gelobt! ſagte La Chaiſe. Und er bittet mich in den demüthigſten Worten um Verzeihung und Vergebung dieſer Sünde des Hoch⸗ muths! rief der Papſt, das Schreiben durchfliegend. Ah, dies iſt ein geſegneter Tag, er nimmt eine ſchwere Laſt von meinem Herzen, denn ein verlorenes Schaf iſt wieder heimgekommen, und mein Herz iſt deshalb voll Freude! Voll großer, göttlicher Freude! Ah, und Dir, mein lieber Sohn, Dir verdanke ich dies Glück und dieſe Genugthuung! Deiner Weisheit iſt es ge⸗ lungen, das Herz dieſes Sünders zu erweichen, der ein ganzes Jahr lang mir zu trotzen wagte! Ich werde Dir dies nie vergeſſen, mein Sohn, und Du ſollſt immer an mir einen gnädigen Herrn und Beſchützer finden! Dann wird mein Leben geſegnet und voll himmli⸗ ſchen Glückes ſein! rief La Chaiſe, und höchſt gelun⸗ gene Thränenſtröͤme entſtürzten ſeinen Augen I.— 18 2aã. — 224— Der Papſt reichte ihm die Hand zum Kuſſe dar. Du haſt in Wahrheit die Seele dieſes Biſchofs erlöſt, ſagte er. Er war verloren und dem Satanas verfallen mit dieſem hochmüthigen Dünkel. Welch ein Unſinn, zu behaupten, er ſei durch die Gnade Gottes Biſchof und nicht wiſſen zu wollen, daß er allein und lediglich durch mich geworden, was er iſt! Durch die Gnade Gottes! Bah! Ich bin es, der auf Erden Gnaden auszutheilen hat, und mir allein gebührt die Ehre! Ein feines, unmerkliches Lächeln umſpielte La Chaiſe's Mund, als er die Hand des Papſtes an ſeine Lippen drückte, und heimlich fragte ſich der Pater, wer nun hochmüthiger ſei, der Papſt oder der Biſchof, wer nun mehr Gott läſtere, der Biſchof, welcher hehauptete, der Gnade Gottes ſeine Würde zu verdanken, oder der Papſt, welcher verlangte, daß man ihn allein als die Quelle aller Gnade betrachten ſolle? Laut ſagte La Chaiſe: der Statthalter Gottes iſt die heilige Ausſtrömung des Herrn ſelber, und wer vor ihm in Demuth ſich beugt, der hat vor dem Herrn ſelber ſich gebeugt! Du biſt ein würdiger und guter Sohn, rief Aleran⸗ — * — 275— der, und weil Du heute Alles ſo wohl gemacht, ſollſt Du auch heute Mittag mein Gaſt ſein. Wir werden ein köſtliches Diner halten. Ich ſage Dir, die köſt⸗ lichſten Trüffeln, dazu die berühmten Leberpaſteten von Straßburg, und von Holland ganz göttliche Auſtern! Und der Papſt küßte die Spitzen ſeiner eigenen Fin⸗ ger, und ſchlug vor frommem Vergnügen ein Kreuz über ſeiner Bruſt. Wie gnadenvoll doch der Herr iſt! ſagte er andäch⸗ tig, wie gnadenvoll, daß er uns ſolche Freuden ge⸗ währt! Dann rief er Jacopo, und befahl, daß das Edict, welches er gegen den Biſchof von Bayeur erlaſſen, nicht abgeleſen, ſondern gänzlich aufgehoben werden ſolle! 3 Und was den Patet La Chaiſe anbetrifft, fuhr der Papſt mit einem gnädigen Lächeln fort, ſo darf er von heute ab zu jeder Zeit vorgelaſſen werden! Es iſt, wie ich ſagte, flüſterte Zaponi, der draußen an der Thür ſtand und horchte. Ganz, wie ich ſagte! Dieſer La Chaiſe iſt Zenobia's Nebenbuhler, und man muß dem einen, wie der andern ſchmeicheln! 18* ee — 276— Weennige Minuten ſpäter fuhr der Papſt, in Beglei⸗ tung La Chaiſe's nach St. Peter, und entzückte die guten Römer durch ſeine Erſcheinung, und durch den erhabenen und herrlichen Anſtand, mit welchem der Statthalter Gottes die Meſſe las. XII. Die Geſandtſchaft aus China. Wie geſagt, der Ueberredungskunſt und den klugen Vorſtellungen La Chaiſe's war es allein gelungen, den hochmüthigen Biſchof von Bayeur zum Gehorſam zu⸗ rückzuführen, und dieſes glücklich vollendete Werk des Paters machte ihn nicht allein zum Liebling des Pap⸗ ſtes, ſondern verſchaffte ihm auch die Bewunderung und Anerkennung des ganzen Jeſuiter⸗Ordens. Aus allen Ländern Europa's kamen anerkennende und be⸗ lobende Schreiben der Jeſuiterprovinciale an La Chaiſe, überall begann man ihn als eine Stütze des Ordens, als ein auserwähltes Rüſtzeug in der Hand des Herrn zu betrachten.—— La Chaiſe lächelte ſpöttiſch zu all dieſen Glückwün⸗ ſchungsſchreiben. — 278— Jetzt machen ſie mir den Hof, weil mir dies Werk geglückt iſt, dachte er! Aber welch ein Hohngelächter 4 würde ſich unter ihnen erhoben haben, wenn an der Halsſtarrigkeit des Biſchofs mein Unternehmen geſchei⸗ tert wäre! Jetzt verſichern ſie mich Alle ihrer Dank⸗ barkeit, bah, welch ein Narr würde ich ſein, ihren Verſicherungen zu glauben! Unter den Jeſuiten giebt es keinen Glauben, ſondern nur den Zweifel, kein Vertrauen, ſondern nur Mißtrauen! Ich werde über Alle triumphiren, weil ich Allen mißtraue, ſie ſollen Alle an mich glauben, weil ich an Allen zweifle! Sie verlangen von mir in allen Fällen Rath und War⸗ nung. Wie dumm würde ich ſein, ihrem Verlangen Gehör zu geben! Als ob man jemals, bevor man handelt, auf Rath und Warnung hören würde bei dem, was man zu thun beſchloſſen! Ich werde ſie jederzeit, ohne zu rathen und zu warnen, ihre Dumm⸗ heiten, und ihre feinausgeſonnenen Albernheiten be⸗ b gehen laſſen, aber wenn ſie nachher angſtvoll um Hülfe und Rettung ſchreien, ſo werde ich jederzeit da 8 ſein, ihnen zu helfen, und ſie vor den Folgen ihrer † Dummheiten zu erretten. Dadurch werde ich ſie mir unterwerfen, und ihrer Meiſter werden, und ſie weer: — — 279— den es lernen, in der Stunde der Noth und der Ge⸗ fahr mich anzurufen als ihren Herrn und Meiſter! La Chaiſe's unbegrenzter Ehrgeiz wollte Alles ſich unterwerfen; vermittelſt der Jeſuiten wollte er die Kin⸗ der dieſer Welt ſich unterjochen, und doch ſollte die Welt und die übrige Menſchheit ihm nur dazu die⸗ nen, um ſich zum Herrn der Jeſuiten zu machen! Dieſes Inſtitut der Jeſuiten, ſagte er ſich, es iſt das vollkommenſte, organiſch gegliedertſte, was ſich denken läßt, es iſt gleichſam ein Idealſtaat, in welchem Alles wirkt zu dem Einen gemeinſamen Ziel, zu der Verklärung des Einzigen, und in welcher Jeder doch arbeitet zu ſeinem eigenen Ruhme, weil Jeder eine Ausſtrahlung iſt des Ganzen, weil nichts für das Ganze geſchehen kann, ohne daß es dem Einzelnen zu Gute kommt, und weil jede Verherrlichung des gan⸗ zen Ordens zugleich elne Verherrlichung jedes einzel⸗ nen Mitgliedes deſſelben wird! Und in dieſem Sinne können wir wohl, wie Jeſus Chriſtus ſprechen:„was Ihr dem Geringſten meiner Brüder thut, das habt Ihr mir gethan!“ Ich werde alſo immer trachten, unſern Orden reicher, mächtiger, größer zu machen, denn alsdann werde auch ich reicher, mächtiger und . — 280— größer ſein! Und zu dieſem großen Werke, das ich begonnen, dem ich mich hingebe mit meiner Seelen innerſter Thatkraft, mit meines Lebens innerſtem Nerv, zu dieſem Werke will ich keine andern Bundesgenoſſen haben, als die Frauen! Die Weiber ſind die natür⸗ lichen Bundesgenoſſen der Prieſter, und es müßte ſeltſam zugehen, wenn dieſe beiden Verbündeten nicht im Stande wären, ſich Reiche und Länder, Fürſten und Völker zu unterwerfen! Und nachdem La Chaiſe ſo geſprochen, ging er zu Margaretha del Caniglio, des Cardinal Patrono ſchöne Nichte, und die gefeierteſte und geiſtreichſte Dame von Rom. Margaretha liebte ihn wirklich, und er ſchwur, daß er ſte liebe, denn er bedachte, daß ſie des Car⸗ dinals Nichte, und daß Patrono von großem Einfluß auf Papſt Alerander ſei! Es war wenige Tage nachdem La Chaiſe das Un⸗ terwerfungsſchreiben des Biſchofs von Bayeur in des Papſtes Hände niederlegt, als ganz Rom von einem höchſt ſeltſamen, und nie geſehenen Schauſpiel in Be⸗ wegung geſetzt ward. Man ſah nämlich durch die Straßen in feierlichem Aufzuge eine Art Prozeſſion dahin ſchreiten, die in ihrer Neuheit und Seltſamkeit .— 281— alles Volk auf die Gaſſe trieb, und überall ein uner⸗ hörtes Erſtaunen erregte. Dem Zuge voran, auf einem weißen Pferde ritt ein achtzigjähriger Greis von ehr⸗ furchtgebietendem königlichen Anſehen. Seine Tracht war das ſchwarze Gewand des Jeſuiten, aber ſein Kopf war, der Ordensregel zuwider, ungeſchoren, und das lange Silberhaar des Greiſen hing ihm in wallen⸗ den Locken bis auf die Schulter herab, und umgab dieſes Weisheit ſtrahlende, heitere Angeſicht wie mit einem Heiligenſchein. Ein langer, bis auf den Gür⸗ tel reichender Bart vollendete das ehrfurchtgebietende Anſehen des Greiſen. Hinter ihm, auf einem muthi⸗ gen Rappen ſah man einen jungen Mann, deſſen außergewöhnliche Tracht beſonders die Bewunderung unn das Staunen der guten Römer erregte. Er trug ein weißes, reich mit Gold geſticktes Atlasgewand, dem ſich lange weite Pantalons von gleicher Farbe und von gleichem Stoffe anſchloſſen. Um ſeine Schultern hing in künſtlichſtem Faltenwurf ein Mantel von purpur⸗ rothem Sammet, auf jeder Schulter mit einer Agraffe von köſtlichen Diamanten befeſtigt, und das runde Schwerdt, das an der Hüfte des Jünglings hernieder hing, blitzte von Gold und flimmernden Cdelſteinen. — 282— So angezogen hätte man dieſen jungen Fremdling für einen Türken halten mögen, aber es fehlte ihm der nothwendige, vom muhamedaniſchen Geſetze gebotene Fez, vielmehr trug er, ganz dem türkiſchen Gebrauche zuwider, den Kopf entblößt, und ſein reiches, hinten über gekämmtes Haar war in der Mitte des Kopfes zu einem Zopf zuſammen gebunden, der, geſchmückt mit Brillanten, ſtolz und ſteif, wie eine Adlerfeder über ſeinem Haupte ſich erhob. Auch zeigte dieſes Fremden Angeſicht nicht die edlen und ernſten Züge eines Tür⸗ ken; ſeine kleinen, ſchräg geſchlitzten Augen hatten nichts von dem ſtolzen Feuer des Osmanen, ſondern es lag etwas Lauerndes, Liſtiges in dieſen ewig hin und her flackernden Blicken, der breite Mund mit den aufge⸗ worfenen Lippen lächelte immerfort, und die kleine dicke Stumpfnaſe, wie die ſcharf hervortretenden dicken Backen⸗ knochen verliehen dieſem Geſtcht einen eben ſo eigen⸗ thümlichen, als unangenehmen Ausdruck. Zwei Kna⸗ ben von gleicher Geſichtsbildung und in ähnlicher, aber minder reicher Kleidung ritten hinter ihm her, und waren bemüht, dem Jüngling mit großen, von Pfauenfedern künſtlich zuſammengeſetzten Fächern, Küh⸗ lung zuzuwehen. Dann folgte, in unabſehbarer Menge, 2* — 283— ein langer Zug Jeſuiten im feierlichen Ornate. Ihnen voran ſchritt der General des Ordens, und ſein an⸗ dächtiges, lächelndes Geſicht verrieth die große Genug⸗ thuung, die er über dieſes ganze Ereigniß empfand. Ihm zur Seite ſah man den Pater La Chaiſe einher ſchreiten, denn der General, welcher den Einfluß kannte, den der franzöſiſche Pater auf den Papſt ausübte, hatte ihn eigens an ſeine Seite gerufen. Während das Volk mit lautem Zujauchzen überall den Zug begrüßte, und dieſe Fremden mit lächelnden Geſichtern anſtarrte, neigte der General ſich dichter an La Chaiſe's Ohr. Nun, fragte er leiſe, wie dünkt Euch dieſes ganze Unternehmen? Iſt es nicht ganz geeignet, den hoch⸗ müthigen und ſtolzen Sinn des Pabſtes ganz für uns und unſere Zwecke zu gewinnen? Wenn es gelingt, ſagte La Chaiſe, wird man es ein Meiſterſtück nennen, wenn es mißlingt, wird man es als einen verächtlichen Theatercoups bezeichnen! Es kann und darf nicht mißlingen! rief der Gene⸗ 4 ral. Dieſe Dominicaner hatten in China zu viel Macht und Anſehen gewonnen, ſie waren des Kaiſers alleinige Rathgeber und hatten uns überall verdrängt und beim — 284— Volk und dem Kaiſer verleumdet. Dies durfte nicht länger geduldet werden, und wenn wir jetzt des Papſtes Autorität für uns haben, werden wir dieſe ſtolzen Do⸗ minicaner beſtegen, und ſie unter unſere Füße treten! Dazu, mein Sohn, mußt Du uns hülfreich und för⸗ derlich ſein! Ich? fragte La Chaiſe anſcheinend verwundert. Was kann der arme, unbedeutende Pater dem großen und mächtigen Generale unſeres heiligen Ordens gegenüber zu nützen vermögen! Der General lächelte. Nicht dieſe beſcheidene Miene, mein Sohn, ſagte er, ſie iſt gut die Laien und das Volk zu täuſchen, bewahre ſie für dieſe auf! Mir gegenüber aber darfſt Du ſtolz ſein auf dieſen großen Einfluß, den Deine Weisheit und Klugheit Dir über den heiligen Vater verſchafft hat, und welchen Du ohne Zweifel Dir nur geſichert haſt, um für die Zwecke unſerer heiligen Brüderſchaft nach Kräften Sorge zu tragen. La Chaiſe neigte ſein Haupt tiefer auf ſeine Bruſt, und flüſterte: es iſt, ſo wie Ihr ſagt! Alles für den Orden und für unſere heilige Sache! Er — 285— Und Du glaubſt doch auch, daß der heilige Vater dieſe Geſandtſchaft willkommen heißen wird? Ohne Zweifel, er wird entzückt ſein, ſo lange er daran glaubt! Er wird niemals Urſache haben, zu mißtrauen! Was fürchteſt Du denn? Ich fürchte die Dominicaner! ſagte La Chaiſe leiſe und ängſtlich. Bah! Sie werden erſt von dieſem Meiſterſtreich er⸗ fahren, wenn er längſt ſeinen Zweck erfüllt hat! rief der General. La Chaiſe murmelte: wolle Gott, daß Ihr Recht habt! 2 Man hatte jetzt die prachtvolle Eingangspforte des Vaticans erreicht. Das jauchzende und lärmende Volk umlagerte das Schloß, und ſchaute mit brennender Neugierde auf dieſen Zug hin, vor dem die Hellebar⸗ diere in's Gewehr traten, und der ſo räthſelhaft und feierlich Einlaß begehrte in den Vatican. Es iſt eine Geſandtſchaft aus einem ganz neuent⸗ deckten Welttheil! ſchrie ein Schneider, dem die Neu⸗ gierde den Athem verſetzte. Nein, nein, rief ein Anderer, es ſind Seiltänzer S. — 286— und Zigeuner, welche von den Jeſuiten ſind bekehrt worden, und welchen jetzt die hohe Gnade widerfährt, dem heiligen Vater den Pantoffel küſſen zu dürfen! Ach was, ſchrie ein Anderer, Schauſpieler ſind es, die vor dem Papſte ein heiliges Faſtnachtsſpiel auf⸗ führen wollen! La Chaiſe's ſcharfer und ſtechender Blick ſchien die⸗ ſen letzten Sprecher durchbohren zu wollen, und ſei es nun Abſicht oder Zufall, die Blicke dieſes Mannes aus dem Volk ſchienen mit eben ſo ſcharfem ſtechenden Ausdruck dem Pater La Chaiſe zu begegnen. Seht Ihr dieſen Mann dort, welcher ſo eben ſprach? flüſterte La Chaiſe zu dem General gewandt. Ich ſage Ew. Eminenz, ich ahne, daß ein tiefer Ernſt hinter dieſer Maske verſteckt iſt! Ah, Ihr ſprecht von jenem drolligen Kauz dort mit den beiden Buckeln hinten und vorn, zwiſchen welchem ſein Kopf wie in einem Gefängniß ſteckt? Nun bei Gott, dieſe Figur iſt ſo ſehr zum Lachen, daß ganz Euer hypochondriſcher Kopf dazu gehört, um ſie ernſt⸗ haft zu finden. Dieſe beiden Buckel ſind nicht natürlich, ſagte La Chaiſe, es iſt eine Maske, und ich kenne den, der — 287— ſie trägt, und der ſo eben unſern Zug ein heiliges Faſt⸗ nachtsſpiel benannte! Ihr kennt ihn? Nun, und wer iſt es? Es iſt ein Dominicaner, den ich vor mehreren Jah⸗ ren zu Paris geſehen! Ich ſage Euch, Eminenz, kehrt um, noch iſt es Zeit! Es iſt zu ſpät! flüſterte der General. In dieſem Augenblick wurden die Pforten geöffnet, und die Kammerherrn ſo wie der ganze Hoſſtaat des heiligen Vaters zeigte ſich im innern Hofe. Auf der großen Freitreppe des Hauptportals aber erblickte man den Oberceremonienmeiſter des Papſtes in prachtvollem Galla⸗Anzuge, den goldenen Krumm⸗ ſtab in der Hand. Se. Heiligkeit Papſt Alerander VII. hat die Gnade, der Geſandtſchaft aus China die nachgeſuchte Audienz zu bewilligen! rief er mit gellender Stimme. Eine Geſandtſchaft aus China! Vivat hoch! brüllte das endlich in ſeiner Neugierde befriedigte Volk. Aber mitten durch das Jauchzen und Schreien hindurch ver⸗ nahm La Chaiſe das laute und ſpöttiſche Lachen des Buckligten, der mit gellendem Tone rief: Eine Ge⸗ ſandtſchaſt aus Lhina Ah, China liegt weit über's — 288— Meer hinaus, meine Kinder! Es lebe die Geſandt⸗ ſchaft aus China. Man läßt uns dieſe Comödie zu Ende ſpielen, um uns nachher deſto ſicherer zu verderben! flüſterte La Chaiſe.— Inzwiſchen war der Greis in der Jeſuitertracht und mit dem ſilberweißen Haar und Bart mit Hülfe der päpſtlichen Kammerherrn aus dem Sattel gehoben, und trat jetzt zu dem Jünglinge, der noch immer auf ſeinem ſchwarzen Rieſenpferde ſaß. Nachdem der Greis ſich demuthsvoll vor ihm ver⸗ . neigt hatte, ſagte er einige Worte zu ihm in einer fremden, Niemand bekannten Sprache, und ſofort ſchwang ſich der Jüngling aus dem Sattel und ſchritt, dem Greiſe voran, die Freitreppe hinan. Der Ge⸗ neral folgte mit La Chaiſe und den übrigen Jeſuiten dieſem fremdländiſchen Paar, und bald war der ganze Zug im Innern des Vaticans verſchwunden. Vor der Pforte lagerte das Volk, um voller Neu⸗ gierde die Rückkehr des Zuges abzuwarten, der Buck⸗ ligte aber ſchlüpfte, unbemerkt von den Wachen, in den innern Hof hinein, und da er hier Niemand fand, — — 289— der ihn hinderte, ſprang er eiligſt und in großen Sätzen die Freitreppe hinauf und verlor ſich in den innern Corridoren des päpſtlichen Palaſtes. In dem großen Empfangsſaale Sr. Heiligkeit des Papſtes trug ſich indeß eine höchſt feierliche und wür⸗ dige Scene zu. Man ſah da den Papſt mit der hei⸗ ligen dreifachen Krone auf dem Haupte auf ſeinem Throne ſitzen, an welchen ſich links und rechts die Cardinäle und Biſchöfe und die höchſten Beamten des päpſtlichen Hofes reiheten. Es war ein prachtvoller Anblick dieſe ganze ſo ehrwürdige, ſo erhabene Ver⸗ ſammlung, dieſen höchſt ehrwürdigen Alexander zu ſehen, welchen die ganze Chriſtenheit verehrte, als den Statthalter Gottes auf Erden, als das ſichtbar ge⸗ wordene Wort des Herrn!— Jetzt öffneten ſich die Thüren, und unter Pauken und Poſaunenſchall traten die Fremdlinge mit den Jeſuiten in den Saal. Der Papſt erhob ſich bei ihrem Eintritt, ſein Geſicht ſtrahlte in Hoheit und befriedigtem Stolze. In dieſem Augen⸗ blicke erinnerte der Statthalter Gottes ſich nur ſeiner weltlichen Herrlichkeit, und er empfand eine ſtolze Be⸗ friedigung, die Geſandten eines ſo fernen und mäch⸗ tigen Reiches zu ſeinen Füßen zu ſehen. I. 19 — 290— Und in der That, war es nicht ein erhebender Ge⸗ danke, daß der Kaiſer von China dieſen Jüngling, welcher ſein eigner und einziger Sohn war, über Meere und Länder daher ſandte, um dem heiligen Vater die Füße zu küſſen, war's nicht erhebend, dieſen Greis zu ſehen mit dem ſilberweißen Haar, der keiner Mühen und keiner Gefahren ſcheuend, den chineſiſchen Kaiſer⸗ ſohn begleitet hatte, um dem heiligen Vater als Ge⸗ ſandter des Kaiſers die Grüße ſeines Herrn und die Verſicherung tiefſter Ergebenheit darzubringen? Papſt Alexander war ganz entzückt, und als der kaiſerliche Prinz ein Knie vor ihm beugte, und ſein Haupt neigte, um des heiligen Vaters Füße zu küſſen, zog Alexander ihn in ſeine Arme, und drückte einen zärtlichen Kuß auf die Stirne des Jünglings. Dann winkte er dem Geſandten des Kaiſers, dieſem ehrwür⸗ digen Greiſe, der vierzig Jahre hindurch als Miſſio⸗ nair in China gewirkt, und jeder Gefahr trotzend das Wort des Herrn überall verkündet und ausgebreitet hatte. Papſt Alexander vernahm mit Entzücken, wie in dem fernen China durch dieſen edlen Jeſuiten und einige ſeiner Brüder die einzig wahre Religion Chriſti eine ſo herrliche Verbreitung gefunden, und der Name — 291— des heiligen Vaters von Tauſenden bekehrter Chineſen angerufen wurde als ihr Schutzheiliger und Herr! Das iſt die herrlichſte Freude, und meine Seele labt ſich an ihr in wahrhaft chriſtlicher Erbauung! rief Alerxander, und zwei Thränenbäche entſtürzten ſeinen heiligen Augen! Und welches Auge wäre nun trocken geblieben, da Papſt Alerander weinte! In der That, überall ſah man naſſe Augen, ſtrö⸗ mende Thränen, überall hoͤrte man unterdrücktes Schluch⸗ zen und Weinen, und die heiligen Väter der Geſell⸗ ſchaft Jeſu ſanken einander freudetrunken über dieſe Verherrlichung Gottes auf Erden, in die Arme. Es war ein erhebender, köſtlicher Anblick, und Alles die⸗ ſes, war es nicht das Werk der Jeſuiten, geſchah es nicht ad majorem Dei gloriam, und mußte der Papſt nicht dieſen heiligen Vätern, welche ſo ſegens⸗ reich gewirkt, ſich dankbar erweiſen? Als der Geſandte des Kaiſers, dieſer alte ehrwür⸗ dige Jeſuit, Martini, nun flehend zu den Füßen des Papſtes niederſank, und Sr. Deilisteit um Umae ſtützung der Jeſuiten⸗Miſſiongire in China bat, und ihn erſuchte, ein Diplom auszuſtellen, nach welchem e Mäbadishesas dee R. 198 — 292— den Jeſuiten allein das Recht zuſtehe, Miſſionaire nach China zu ſenden zur Bekehrung des heidniſchen Vol⸗ kes, da war's wohl natürlich, daß Papſt Alerander freudig ſeine Zuſtimmung gab, und laut und feierlich erklärte, er verdanke den Jeſuiten die ſchönſte Stunde feines Lebens! Es war ein ventlicher Triumph, den die Geſellſchaft Jeſu in dieſem Augenblick feierte, und der General Barbin hob mit freudiger Genugthuung ſein Haupt ſtolzer empor. Alles Zagen war aus ſeiner Bruſt ver⸗ ſchwunden, die Jeſuiten hatten geſiegt, die Dominicaner waren gedemüthigt! Der heilige Vater, erſchöpft von ſo viel freudiger Aufregung, ſchloß die Audienz, indem er den Prinzen 7 umarmte, und dem Geſandten die Hand zum Kuſſe darreichte. Dann rief er ſeinen Oberceremonienmeiſter herbei, und ſagte laut und feierlich: Dieſer erlauchte Prinz, der Sohn des Kaiſers von China ſoll mit all den Chren, wie ſie dem Sohn eines ſouverainen Poten⸗ taten gebühren, an unſerm Hofe behandelt werden. Er wird mir die Freude gönnen, ihm für die Zeit ſei⸗ 2 * nes Hierſeins einen meiner Palläſte anzubieten, und ihn meinen Gaſt zu nennen.) Der Prinz ließ durch ſeinen Dollmetſcher, den Ge⸗ ſandten ſeines Vaters, dem heiligen Vater danken für dieſe Gnade, und bat um die Gunſt, es möge der Geſandte mit ihm in dem Palaſte wohnen dürfen! Es iſt bewilligt ſagte der Papſt gnädig, und man ſoll den Geſandten, gleich dem Prinzen auf das Herr⸗ lichſte bewirthen, und ihn ehren als meinen Gaſt*). In dieſem Augenblick erſchallte ein lautes und ſpöt⸗ tiſches Gelächter von einer der Galerieen, welche rings den obern Theil des Saales umliefen, und auf denen Tgen des päpſtlichen Hofſtaates ſich verſammelt hatte. Der Papſt erröthete vor Zorn, und aller Blicke richteten ſich nach dem Orte hin, von wo man das die niedere T Gcelächter vernommen. Man ſah dort, weit über die Brüſtung geneigt, den ſeltſamen Buckligten, der ſchon zuvor La Chaiſe's Aufmerkſamkeit erregt hatte. Es iſt, wie ich dachte, flüſterte La Chaiſe, die minicaner brüten unſer Verderben. 3 2 *) Vie du Pere la Ce— Wolſs Geſchichte der Jeſui⸗ teu — 294— Man führe dieſen Wahnſinnigen fort! befahl der Papſt, auf den Buckligten deutend, und ſofort ward dieſer umringt, und mit Schmähworten und Drohun⸗ gen von der Galerie entfernt. Er ſträubte ſich nicht, ſein Wahnſinn ſchien höchſt milder Art zu ſein, nur hörte man ihn mit ſeiner gellenden Stimme ſchreien: iſt ein Faſtnachtsſpiel, ſage ich Euch, ein heiliges jeſuitiſches Faſmmachtsſpiel, weiter nicts! ½ XIII .-e** Mehrere Wochen waren 12 vergangen.. die Befürchtungen La Chaiſe's ſchienen ungegründet zu ſein. Nichts nete ſich, das dies ſo herrlich ge⸗ lungene aesehe Jeſuiten zu bedrohen ſchien. Der kaiſerliche Prinz wohnte in dem ihm vom Papſte ein⸗ geräumten Palaſte, und ward gleich dem Geſandten des Kaiſers mit Ehren und Geſchenken überhäuft. Im Vatican waren täglich Feſte, und niemals durſten da⸗ bei der Prinz und der Geſandte, niemals auch der Jeſuitengeneral fehlen. General Barbin triumphirte. La Chaiſe zuckte die Achſeln und ſchwieg. Er zeigte ſich ſeltener im Vati⸗ can, ſeit dieſe chineſiſche Geſandtſchaft angekommen, und es bedurfte immer einer beſondern Botſchaft des Papſtes, 4 - 206— um den vorſichtigen Pater in den Vatican und zum Papſte zu bringen. Du vernachläſſigſt das Wohl unſers Ordens, ſagte General Barbin zu ihm. Es iſt nicht wohlgethan, daß Du gefliſſentlich die Gunſt des Papſtes zu ver⸗ ſcherzen trachteſt! Große Herrn vergeſſen ſo leicht! Papſt Alerander unig geſſen, erwiderte 8 aiſe. Ich werde mich ihm zu rechter Zeit in's it zurück rufen Aber um ſpäter der Verthei⸗ diger unſers Ordens ſein zu können, darf ich jetzt nicht Euer Mitſchuldiger ſein! Du ſiehſt überall Geſpenſter! rief de General achſel⸗ zuckend. Aber La Chaiſe's Befürchtungen ſollten nur zu bald in Erfüllung gehen. Eines Tages begehrte ein feierlicher Zug von Do⸗ minicanern Gehör beim Papſte. An ihrer Spitze ſah man den Dominicaner Morales, und obwohl die bei⸗ den Buckel verſchwunden waren, konnte man in dieſen ſcharf geſchnittenen Zügen, dieſem markirten und ſpöt⸗ itiſchen Geſicht doch den Bucklichten nicht verkennen, der damals die chineſiſche Geſandtſchaft ein„Faſtnachts⸗ ſpiel“ genannt. — 297— Der Papſt konnte den Dominicanern dieſe Audienz nicht wohl verſagen, und in demſelben Saale, in welchem er einige Wochen früher die chineſiſche Ge⸗ ſandtſchaft und die Jeſuiten empfangen, empfing er auch jetzt der Jeſuiten Feinde, die Dominicaner. Morales überreichte dem Pabſte knieend ein zuſam⸗ mengefaltetes Papier, und als Alerander ihn fragte, von wem dieſes Schreiben komme, antwortete Morales feierlich: von unſern Miſſionairen in China und Indien! Der Pabſt ſtutzte. Es giebt keine Dominicaner⸗ miſſtonaire in China, ſagte er verächtlich. Den from⸗ men Vätern von der Geſellſchaft Jeſu verdanken wir allein dieſen Triumph, daß der Kaiſer von China uns durch ſeinen eigenen Sohn ſeine Huldigungen dar⸗ bringen läßt! Wollten Ew. Heiligkeit nicht genuhen, dieſes Schrei⸗ ben zu leſen? fragte Morales mit einem leiſen Spotte. Der Papſt winkte abwehrend mit der Hand. Lies Du ſelber, mein Sohn, ich werde Dir zuhören! ſagte er. 8 Pater Morales entfaltete den Brief und las, und während des Leſens ſah man Papſt Alerander oft er⸗ — 298— bleichen und erröthen, ja, zuweilen murmelte er zwiſchen den zuſammengepreßten Lippen hervor Worte des Zor⸗ nes und der Verwünſchung und ballte die Fäuſte zu⸗ ſammen in heftiger Aufregung. Es waren allerdings ſchwere Beſchuldigungen, es war eine furchtbare Enttäuſchung, welche der Papſt durch dieſes Schreiben der Dominicaner erfuhr. Sie hätten erfahren, ſchrieben die Dominicaner, daß die Jeſuiten eine Geſandtſchaft des Kaiſers von China zum Papſte gebracht, und daß angeblich des Kaiſers eigener Sohn bei dieſer Geſandtſchaft ſei. Sie hielten es daher für ihre Pflicht, Sr. Heiligkeit anzuzeigen, daß dieſe Geſandtſchaft nichts als eine elende Betrü⸗ gerei der Jeſuiten ſei, welche ſich durch ſolches Gau⸗ kelſpiel großes Anſehen, und durch die Geſchenke des Papſtes viel Geld erwerben möchten. Aber der Kaiſer von China ſei kinderlos, und denke um ſo weniger daran, eine Geſandtſchaft zu ſenden, als er eben mit den Tartaren heftige Kriege führe, und außerdem ein ſehr fanatiſcher Gegner des Chriſtenthums ſei. Und 2 ferner ſchrieben die Dominicaner, daß die Jeſuiten es ſeien, welche das Chriſtenthum untergrüben, indem ſie — 299— in ihren Miſſionarien daſſelbe dermaßen entſtellten, daß es ganz ſeine urſprüngliche Reinheit und Geſtalt ver⸗ loren habe. Sie ſprächen nicht von dem Leid und der Armuth Jeſu Chriſti, ſondern um ihn den leichtſinni⸗ gen und wollüſtigen Indianern beliebter zu machen, ſtellten ſte ihnen den Herrn nur als einen triumphi⸗ renden, weltlichen Herrſcher dar. Sie erlaubten fer⸗ ner den Neubekehrten in China, um ſich bei ihnen po⸗ pulair zu machen, daß ſie dem Götzen Chinchoam opferten, und ſtatt ſie der Abgötterei abwendig und dem Einen Gotte zuzuführen, pflegten die Jeſuiten Gott immer nur mit denjenigen Namen zu nennen, wie die Chineſen ihre Obergötter benannten. Auch erlaubten ſte den Chineſen ſich Chriſtus als eins und gleichbedeu⸗ tend mit ihrem Propheten Confuzius zu denken, ja, in ihren Tempeln beteten die Jeſuitiſchen Prieſter ſel⸗ ber zu Confuzius, als dem Heiland und Sohn Gottes, und brächten ihm feierliche Todtenopfer dar. Wenn dies Alles wahr iſt, rief Papſt Alerander, nachdem Morales das Schreiben zu Ende geleſen, beim ewigen und allmächtigen Gotte, deſſen Statt⸗ halter ich bin, wenn dieſes Alles wahr iſt, dann wehe ddiieſen Jeſuiten! Ich werde ſie vernichten, verbannen, 8. — 300— ich werde ihren Orden auflöſen, und ſie ewiger Schande und Verdammniß überliefern! Morales entfaltete lächelnd die von chineſiſchen Be⸗ hörden und Mandarinen unterzeichneten Beglaubigungs⸗ documente. Alexander las ſie, bebend vor Zorn, und als er ſich überzeugen mußte, daß er in Wahrheit von den Jeſuiten hintergangen und betrogen worden, rief er mit zornblitzenden Augen und donnernder Stimme: Nun, bei Gott, ich werde zu Gericht ſitzen über dieſe Miſſethäter! In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, und der Ober⸗Ceremonienmeiſter meldete, daß der General Barbin mit La Chaiſe draußen ſtehe, und in einer höchſt dringenden Angelegenheit um eine Audienz nach⸗ ſuche. Alexander erblaßte vor Zorn. Dies iſt eine Frech⸗ heit, die alle Grenzen überſchreitet, rief er. Man rufe ſofort die Congregation der auswärtigen Miſſtonen zu⸗ ſammen, und ſtelle den General Barbin mit dem fran⸗ zöſiſchen Aſſiſtenten vor Gericht! Das iſt Alles, was ich ihm zu erwidern habe! Und der Pater La Chaiſe? fragte der Ober⸗Cere⸗ monienmeiſter. 8 4 — 301—. Er iſt, gleich allen übrigen Jeſuiten, aus dem Va⸗ tican verbannt. Niemand wage es, irgend einen Je⸗ ſuiten den Fuß über die Schwelle dieſes Pallaſtes ſetzen zu laſſen! Der Kammerherr Zaponi, welcher ſen Ohr lauſchend an die Thüre gelegt hatte, erzitterte bei dieſen Worten des Papſtes. Oh mein Gott, ſeufzte er, dieſe nächſten Tage wer⸗ den fürchterlich ſein! Der Pater La Chaiſe ſtand in hoher Gunſt, und vermochte Sr. Heiligkeit immer zu erheitern. Jetzt wird er verbannt, und um das Maaß meiner Leiden voll zu machen, muß gerade Zenobia heute in die Wochen gekommen ſein! Sie wird ſich mehr mit ihren Jungen, als mit Sr. Heiligkeit be⸗ ſchäftigen wollen, das iſt ganz natürlich und darüber gehen wir Alle verloren! Inn der That, der arme Zaponi hatte wohl ein Recht, die nächſten Tage zu fürchten, denn des Papſtes Zorn ſchien ſich gar nicht beſchwichtigen zu wollen, und wer von ſeinen Dienern ſich ihm nahete, der hatte die gewichtige Hand ſeines Herrn zu fühlen, und mußte einen Theil auf ſich nehmen dieſes Zornes, an welchem Er. Heiligkeit litt.— Der chineſiſche Geſandte, dieſer 1— 302— alte achtzigjährige Jeſuit Martini, ward in ein unter⸗ irdiſches Gefängniß der Engelsburg gebracht, daſſelbe Loos traf den erbabenen Prinzen, den angeblichen Sohn des Kaiſers von China. Der Papſt hatte ge⸗ ſchworen, Alle zu vernichten, die an dieſem Complotte Theil genommen, und diesmal ſchien ſein Zorn wirk⸗ lich unerbittlich zu ſein.— Vergebens boten die Je⸗ ſuiten alle ihre Ueberredungskünſte auf, vergebens eil⸗ ten ſie hülfeflehend zu ihren frühern Gönnern und Freunden, zu den Cardinälen und Staatsſecretairen. Niemand wollte es wagen, ſich ihrer anzunehmen, Niemand hatte den Muth vor dem Papſte nur ihrer zu erwähnen, denn Sr. Heiligkeit hatte Jedem mit Strafe gedroht, der es wagen würde vor ihm nur mit einer Sylbe der Jeſuiten zu gedenken. Furcht und Beſtürzung, namenloſe Sorge und Angſt bemächtigte ſich endlich der Geſellſchaft Jeſu. Sie ſa⸗ hen ſich nicht allein ihrer Macht und ihres Anſehens beraubt, ſondern ſie mußten auch fürchten, von dem erzürnten Papſte verbannt, wenn nicht gar für immer vernichtet zu werden. Diibi La Chaiſe war der Einzige, welcher niemals klagte, der Einzige, welcher Niemand um Hülfe anflehete. Er — 303— verließ niemals mehr ſeine Wohnung,— er blieb da⸗ heim und wartete. Endlich werden ſie doch kommen müſſen, meine Hülfe in Anſpruch zu nehmen, ſagte er mit einem feinen Lächeln. Endlich wird doch dieſer tollkühne und hochmüthige General Barbin in mir ſeinen Meiſter erkennen, und ſich mir unterwerfen, auf Gnade und Ungnade ſich mir unterwerfen! Ich will ſie Alle zu meinen Füßen ſehen, Alle! Die ganze Welt ſoll ſich mir beugen, die ganze Menſchheit ſich mir unterwerfen. Ich habe Alles in mir ertödtet, ich habe alle dieſe ſanftern Gefühle, von denen die Menſchen zehren, mit denen ſie ſich tröſten, mit denen ſie ſich belügen, ich habe ſte Alle zu Grabe getragen, und dieſe einzige Blume, welche über dieſem Grabe in meinem Herzen aufgewachſen iſt, ſie heißt der Ehrgeiz. Dieſe Blume will ich pflegen, daß ſie mich berauſche mit ihrem Duft und ihren Früchten, ich will ſte tränken, ja, wenn es ſein muß, mit Blut ſie tränken! Wie geſagt, La Chaiſe blieb daheim und wartete! Und nach wenigen Tagen hielt die Kutſche des Gene⸗ rals vor der Wohnung des Paters, und Barbin kam, um unter tauſend Verſicherungen der Freundſchaft La — 304— Chaiſe's Vermittelung in Anſpruch zu nehmen. Der Pater zeigte ſich ſeinem General gegenüber ſo demuths⸗ voll als möglich, er ſchien gänzlich zu zweifeln, daß er da, wo General Barbin geſcheitert war, etwas ausrichten könne, und endlich war es nur aus Gehor⸗ ſam, daß er nachgab, und ſich bereit erklärte, wenig⸗ ſtens zu verſuchen, ob ihm eine Verſöhnung des Papſtes gelingen möchte. Aber, ſagte La Chaiſe mit ſeinem ſchmeichelnden Ton, wird es mir erlaubt ſein, indem ich dieſes Rie⸗ ſenwerk unternehme, einige kleine Bedingungen zu machen? Und dieſe ſind? fragte Barbin. La Chaiſe richtete ſich höher auf, und einen Augen⸗ blick ſeine demüthige Unterwerfung vergeſſend, ſagte er in ſtolzem, faſt gebieteriſchen Ton: gelingt es mir, den Papſt zu verſöhnen, und unſerm Orden ſein frü⸗ heres Anſehen im Vatican wieder zu verſchaffen, ſo wird General Barbin an jeden Provincial unſers Or⸗ dens, nicht allein an die, welche in Europa ſind, ſon⸗ dern an alle Provinciale ein Rundſchreiben richten, in welchen er Allen ſagt, daß es meiner, des Pater La Chaiſe's, Vermittelung allein gelungen iſt, dieſes — 305— ſchwierige Werk zu Stande zu bringen, daß Niemand als mir allein der Dank dafür gebührt! Haſt Du bedacht, mein Sohn, unterbrach ihn Barbin, daß dieſes ſo viel heißt, als allen unſern Ordensbrü⸗ dern zu erklären, daß der General Barbin ein unfähi⸗ ger Kopf iſt, der zu einfältig war, das zu Stande zu bringen, was einem jungen Pater gelang? Haſt Du Dir überlegt, daß dieſes heißt, den General der Ge⸗ ſellſchaft Jeſu demüthigen, ihn zur Erde werfen, um daraus ein Piedeſtal zu machen für dieſen jungen, unbekannten Pater La Chaiſe? Warum nimmt der General Barbin die Hülfe dieſes jungen unbekannten Paters in Anſpruch? fragte La Chaiſe ſpöttiſch. Warum führt er nicht lieber dieſes Werk allein zu Ende, und läßt den unbekannten Pater in ſeiner Dunkelheit, aus welcher er ſich nicht hervor⸗ gedrängt hat, ſondern von dem General an das Licht gezogen iſt? 1 Du kannſt dies nicht fordern, mein Sohn! rief Barbin. Das heiligſte Geſetz unſers Ordens verbietet Dir den Hochmuth. Nichts ſollſt Du zu Deinem Ruhme, ſondern Alles zu dem Ruhme Gottes thun! La Chaiſe blickte ihn lächelnd an. Mein General, 20 — 306— ſagte er, wir ſind allein, Niemand hört uns hier, wir dürfen einen Augenblick unſere Masken fallen laſſen, und nicht als Jeſuiten, ſondern als Männer uns ge⸗ genüber ſtehen? Ihr wißt es, daß man als Jeſuit niemals aufhört, Mann zu ſein, daß man kämpft, leidet, hofft, genießt, lebt und ſündigt, wie jeder an⸗ dere Sterbliche. Die Ehre Gottes, das iſt aber der große und prächtige Vorhang, hinter dem wir uns geflüchtet haben mit unſern Leidenſchaften und Schwächen! Aber indem wir einen Schutz gefunden haben hinter der Ehre Gottes, haben wir doch unſere Leidenſchaf⸗ ten und Schwächen uns treulich bewahrt. Meine höchſte Leidenſchaft, mein General, iſt der Chrgeiz, und ich ſage Euch, ich thue nichts zu größerm Ruhme Gottes, ſondern Alles zu meinem eignen Ruhme! Und meinſt Du, fragte der General, daß ich nicht auch, gleich Dir, dieſen Ehrgeiz empfinde, daß ich nicht auch trachte nach Ruhm? Ihr ſeid alt, rief La Chaiſe, Euer Haar iſt weiß, Ihr ſteht am Rande des Grabes, und da hat man nichts mehr zu hoffen und zu erreichen! Da hat man zu hoffen auf den Nachruhm, und auf ein Denkmal, das über dem Grabe ſich wölbt! Bah, den Nachruhm! ſagte La Chaiſe. Was küm⸗ mert's Euch, ob man Eurer gedenkt, wenn Ihr im Grabe liegt! Was kümmert's Euch, wenn Eure Glie⸗ der da unten verweſen, ob über dieſem zerfallenden Hügel ein ſtolzes Denkmal emporſteigt! Die Gegen⸗ wart iſt Alles! Und die Gegenwart gehört dem Greiſe! unterbrach ihn Barbin. Die Jugend hat für ſich die Zukunft. Du kannſt noch Vieles erreichen, mein Sohn, gönne mir dieſen Triumph, der vielleicht mein letzter iſt! Du ſagſt es ſelbſt, ich ſtehe am Rande des Grabes! Und weil Ihr das thut, werdet Ihr nicht von hin⸗ nen fahren wollen, befangen in irdiſcher Leidenſchaft! Euch geziemt es, dieſe Sünde des Chrgeizes in Euch zu ertödten! Ihr habt ame Zeit mehr, alter Mann, Euren irdiſchen Leidenſchaften zu fröhnen. Ihr ſteht am Rande des Grabes! Gehet in Euch, und thuet Buße! Laßt der Jugend ihre Laſter! Die Jugend hat noch Zeit zur Buße und zur Reue, Ihr aber habt keine Zeit mehr! Er iſt unbeugſam! flüſterte der Greis, und ſenkte verſtummend ſein Haupt. Dann aber ſich plötzlich auf⸗ richtend, ſagte er drohend: Du vergißt, daß ich Dein 20* -— 308— Oberer bin, und daß ich Dir zu gebieten habe! Du vergißt, daß der unbedingte Gehorſam gegen den Ge⸗ neral das erſte Geſetz unſers Ordens iſt! Unterwirf Dich alſo, und gehorche! Ich werde gehorchen! ſagte La Chaiſe mit geheuchel⸗ ter Demuth. Ich werde hingehen zum Vatican, wie Ihr mir befohlen, aber man wird mich abweiſen, wie man es Euch gethan, und dann werde ich zu Euch kommen, und ſagen:„Mein General, ich habe ver⸗ ſucht, Eure Befehle zu erfüllen, und den Papſt uns zu verſöhnen. Allein meine Verſuche ſind mißlungen, gleich den Eurigen. Wir müſſen uns unterwerfen! Wir müſſen in chriſtlicher Demuth es erdulden, daß die ſchlauen Dominicaner uns beſiegt haben! Wir müſſen es mit Thränen der Zerknirſchung über uns ergehen laſſen, daß Papſt Alerander VII den Orden der Geſellſchaft auflöſt; wir werden aufhören, Jeſuiten zu ſein, aber wir werden die gottergebenen Schafe blei⸗ ben dieſes großen Hirten, der über die Welt regiert!“ Ihr haltet es für möglich, daß Alerxander unſern Orden auflöſt? rief der General entſetzt. Ich halte es nicht allein für möglich, ſondern ich weiß, daß es beſchloſſen iſt! Entſinnt Ihr Euch jenes — 309— Bucklichten damals bei unſerer erhabenen chineſiſchen Geſandtſchaft? Damals warnte ich Euch vor dieſem Bucklichten, und glaubte in ihm einen Dominicaner zu erkennen! Damals, mein General, nanntet Ihr mich einen Unglücksraben, und lachtet meiner Furcht. Aber ich hatte Recht prophezeiet. Jener Bucklichte war der Dominicaner Morales, und Morales hat es beim Papſte durchgeſetzt, daß er die Geſellſchaft Jeſu auflöſt, und die Jeſuiten vernichtet von der Erde! Ich ahnte es! ſeufzte der Greis ganz vernichtet. Ja, wir werden lebend getödtet werden! fuhr La Chaiſe fort. Und unſer Name und unſer Orden wird ewiger Schande dahingegeben werden! Ah, Ihr wollt eine irdiſche Unſterblichkeit, mein General! Nun, ſie wird Euch werden, man wird Euren Namen brand⸗ marken, man wird ein Denkmal ewigen Fluches und ewiger Schande über Eurem Grabe Euch aufrichten, und nach Jahrhunderten noch wird man ſchaudernd einander erzählen: es gab einſt einen mächtigen und großen Orden der Jeſuiten. Es war ein herrliches Inſtitut, das über ein Jahrhundert hinaus wirkte zum Segen der Menſchheit und zur Ehre Gottes! Aber dieſes Inſtitut iſt zerſtört worden, iſt zerbrochen und — 310— vernichtet durch den General Barbin, der mit einem elenden Komödiantenſtreich ſich Macht gewinnen wollte, und ſtatt deſſen nichts erndtete als Schande. Ja, der General Barbin hat den Orden der Geſellſchaft Jeſu mit freventlichem Hochmuth vernichtet, den Ruhm des Herrn hat er aufgeopfert ſeinem eigenen Ruhme, durch Gaukelſpiel und Betrug hat er den Papſt beleidigt, den Statthalter Gottes in ſeiner Würde gekränkt, und dann, als es darauf ankam, durch Demuth ſein Ver⸗ brechen wieder gut zu machen, da hat er das Wohl und die Ehre des Ordens ſeiner eigenen Eitelkeit ge⸗ opfert, und alle dieſe Tauſende ſeiner Brüder vernichtet, um nicht ſelbſt vernichtet zu werden! Während La Chaiſe mit donnerndem Ton und flam⸗ menden Blicken ſo ſprach, war der General Barbin wie betäubt zuſammengebrochen, und einer Ohnmacht nahe auf einen Seſſel geſunken. Dieſe ſo fürchterlichen, ſo drohenden Worte des Paters ertönten ihm wie die Stimme des Gerichtes, er fühlte ſeine Kraft gebrochen und ſeinen Widerſtand erſchöpft. Hör' auf, hör' auf, mein Sohn, ſagte er daher mit matter Stimme. Man oll meinem Andenken nicht fluchen, und es ſoll nicht geſagt werden. daß der Ge⸗ ———— — 311— neral Barbin ſich nicht ſelber ſeinem heiligen Orden zum Opfer darzubringen vermochte. Ich werde thun, was Du verlangſt! Gewinne uns wieder die Gunſt des Papſtes, demüthige die Dominicaner, wende die Gefahr ab, die über unſern Häuptern ſchwebt, und ich werde erfüllen, was Du forderſt, und an alle Pro⸗ vinciale unſers Ordens ſchreiben, daß nicht ich, ſon⸗ dern daß Du es warſt, der die Jeſuiten vom Unter⸗ gange gerettet hat! Ich werde den Papſt verſöhnen! rief La Chaiſe. Aber was bürgt mir dafür, daß Ihr alsdann auch Euer Wort erfüllt. Ich ſchwöre es Dir im Namen des Allmächtigen! La Chaiſe zuckte die Achſeln. Mein General, ſagte er, wir ſind Beide Jeſuiten, und wiſſen, was ein Schwur zu bedeuten hat! Das iſt ſehr gut für die Laien, aber durchaus nicht anwendbar für die Ein⸗ geweihten! Und was verlangſt Du denn? rief der General. La Chaiſe nahm aus ſeinem Schreibtiſch ein be⸗ ſchriebenes Blatt hervor, und hielt es dem General hin. Setzt Euren Namen unter dieſes Papier, ſagte er, und Alles iſt abgemacht. — 312— General Barbin nahm das Papier und las:„Ich Endesunterzeichneter, General der Geſellſchaft Jeſu, be⸗ kenne und beſcheinige hierdurch, daß es allein der Ge⸗ ſchicklichkeit und Klugheit des Pater La Chaiſe gelun⸗ gen iſt, den drohenden Streich abzuwehren, der über unſerm Haupte ſchwebte. Pater La Chaiſe hat voll⸗ endet, was ich vergeblich verſucht. Er hat die Hinter⸗ liſt unſerer Feinde zerſtört, er hat die Zwecke der Do⸗ minicaner vereitelt, und unſerm heiligen Orden die Gunſt des Papſtes wieder zugewandt! Ihm allein ge⸗ bührt der Dank der Geſellſchaft Jeſu, er hat uns ge⸗ rettet vom ſichern Verderben! Dies beſcheinige und erkläre ich hierdurch im Namen Gottes, des Herrn, und dies ſchwöre ich bei dem Namen des heiligen Ignatius von Loyala allen Provincialen unſers Ordens anzuzeigen!“ Das Papier entſank der Hand des Generals. Und dieſes haſt Du geſchrieben, ſchon bevor ich zu Dir kam? Der Pater bejahete lächelnd. Mein Gott, Du biſt alſo allwiſſend, rief Barbin faſt furchtſam, Du weißt alſo Alles voraus, haſt Alles vorher geſehen? Du biſt alſo auf Alles immer vor⸗ 5 — 313— bereitet und befiehlſt den Dingen, daß ſie geſchehen, ſo wie Du es willſt? Und der Greis blickte, indem er ſo ſprach, mit ſcheuer Ehrfurcht in des Paters Angeſicht. Aber als er dieſes ſo energiſche, ſo kühne Angeſicht betrachtete, als er dieſen trotzigen und flammenden Augen des Paters be⸗ gegnete, rief der Greis, in einer Art Hallueination die Arme gen Himmel erhebend: mein Gott, dieſer Menſch wird entweder unſern Orden vernichten, oder ihn verklären! „ Ich werde ihn verklären, ſagte La Chaiſe. Jetzt aber, mein General, iſt keine Zeit mehr zu verlieren! Unterſchreibt dies Papier, und ich eile, mein Werk zu beginnen! Er legte das Blatt vor Barbin hin, und reichte ihm die Feder dar. Der General nahm ſie, und blickte noch einmal feſt und prüfend in das Angeſicht La Chaiſe's. Dann neigte er ſein Haupt, und wandte den Blick auf das Papier. Hinter ſeinem Stuhl, den Körper vorn über geneigt, mit weit aufgeriſſenen Augen, athemlos ſtand La Chaiſe, mit den Blicken eines Tigers jede Bewegung des — 314— Greiſes verfolgend. Er wußte, daß dieſer Moment von Entſcheidung ſei für ſeine ganze Zukunft, daß er auf einen Schlag ihn zu Ruhm und Chre erheben, und ihn eine große Strecke weiter führen müßte auf der Bahn des Ruhmes. Wenn dieſer alte Mann nicht unterzeichnet, dachte er, ſo werde ich ihn tödten! Aber General Barbin nahm die Feder und legte die Hand auf das Papier. Wie aber, wenn Euch dies Werk nicht gelingt? fragte er, plötzlich ſich umwendend, aber er erbebte,«⸗ als er in dieſes furchtbare, von Zorn und Ctzvartung geröthete Antlitz des Paters blickte. Wenn es nicht gelingt, agte La Chaiſe, dann iſt dieſes Papier unbrauchbar, denn der Erfolg würde Eure und meine Worte Lügen ſtrafen! Es bleibt uns dann nichts weiter übrig, als zuſammen unterzugehen! Es iſt wahr! ſeufzte Barbin, und nahm wieder die Feder.* Aber während er unterſchrieb, legte er die linke Hand auf ſeine Bruſt,— er hatte da einen tödtlichen Schmerz gefühlt. Ich habe mein Todesurtheil unterzeichnet! ſagte „ — 3415— er matt, und reichte La Chaiſe das unterſchriebene Blatt dar.. La Chaiſe nahm es, und faltete es ſorgfältig zu⸗ ſammen. Jetzt, mein General, ſagte er, indem er es in ſei⸗ nem Buſen verbarg, jetzt haben Sie ganz über mich zu gebieten! Ich bin nichts als ein willenloſes Werk⸗ zeug in der Hand meiner Obern! Ich werde überall und zu jeder Stunde Eurem Befehle gehorchen, und immer eingedenk ſein dieſer erhabenen Worte: Ad ma- jorem dei gloriam! Und er verneigte ſich in tiefſter Demuth vor dem General, und küßte dieſe Hand, welche er ſo eben ge⸗ zwungen zu unterzeichnen. Der General ſagte mit einem matten Lächeln: Du biſt ein vollendeter Jeſuit, und große Dinge wirſt Du vollführen! Gebe Gott, daß es ſo iſt! rief La Chaiſe, und er⸗ hob den andächtigen Blick gen Himmel. Den Greis ſchauderte vor dieſer Verſtellungskunſt des Paters. Er wandte ſein Haupt ab, und indem er ſich anſchickte ihn zu verlaſſen, fragte er: Du biſt alſo gewiß, daß Dir dies heilige Werk gelingt? — 316— Ich bin deſſen nicht gewiß, aber ich hoffe es! Und durch welche Mittel meinſt Du, daß es Dir gelingen wird, den Zorn des Papſtes zu verſöhnen? Durch ein Kammermädchen, ein Paar Handſchuhe und eine Katze!— XIV. Das Kammermädchen. Eine Stunde ſpäter, nachdem der General Barbin den Pater La Chaiſe verlaſſen, trat dieſer in das Jeſuiterkloſter, und verlangte den Pater Giralomo zu ſprechen. Mein Vater, ſagte er zu ihm, ich komme, Euch um eine Gefälligkeit zu bitten. Denn ſicher iſt es für mich eine Gefälligkeit, wenn Ihr mir erlaubt, Euch einen Beweis meiner Liebe zu geben. Pater Giralomo blickte mit einigem Erſtaunen in das Antlitz ſeines jungen Ordensbruders. Er hatte wirklich bis jetzt keine Ahnung gehabt von der Liebe dieſes jungen, ihm wenig bekannten Paters, ſie über⸗ raſchte ihn daher eben ſo ſehr, als ſie ihm ſchmeichelte, und er fragte in ſehr ſanftem Tone nach dem Begehren La Chaiſe's. ʒõõÿõÿõÿõõ — — 318— Dieſer ſagte mit einem andächtigen Blicke gen Him⸗ mel: Es iſt heute der Vorabend des heiligen Oſter⸗ eſtes, und wie man mir ſagt, iſt es die Sitte Italiens, g daß Jedermann an dieſem Tage zur Beichte geht, und ein Bekenntniß ſeiner Sünden ablegt. Ich weiß, daß Ihr den Dienſt des Beichtvaters der Geſellſchaft Jeſu bekleidet, und daß Ihr das beſchwerliche Amt habt heute von dieſer frühen Morgenſtunde bis zum Abend im Beichtſtuhl zu ſitzen. Aber ich fürchte für Euch, mein Vater, Ihr ſeid hochbetagt und bedürft der Ruhe. Laßt mich daher Euch die Mühe Eures Dienſtes ein wenig erleichtern! Geſtattet, daß ich mit Euch Eure Verpflichtungen theile, und einige Stunden ſtatt Eurer im Beichtſtuhle ſitze. Ein angenehmes Erſtaunen zeigte ſich in den Mie⸗ nen des ergraueten Paters. Dies war in der That ein Liebesdienſt, den La Chaiſe ihm da erweiſen wollte, denn ſicher war es ein beſchwerliches Amt, ſo viele Stunden hintereinander ohne Nahrung und Ruhe im Beichtſtuhl zu ſitzen, und die Erzählungen anzuhören von Geheimniſſen und Verbrechen, die ihn niemals mehr überraſchten, weil er ſeit mehr denn funfzigjähri⸗ — 319— gem Dienſte ſich daran gewöhnt hatte, ſolche Bekennt⸗ niſſe zu vernehmen. Pater Giralomo nahm daher mit freudigem Danke das Erbieten La Chaiſe's an, und dieſer inſtallirte ſich ſtatt Giralomo's in dem Beichtſtuhl.— Die Kirche war noch leer, La Chaiſe hatte noch ein wenig Zeit nachzuſinnen. Er überdachte mit dem prüfenden Auf⸗ merken eines Richters noch einmal alle die Plane, zu deren Ausführung er eben ſchreiten wollte, und das Reſultat ſeiner Ueberlegung war die vollkommenſte Zu⸗ friedenheit mit ſich ſelber. Es wird, und muß Alles gut gehen, ſagte er, ſich vergnügt die Hände reibend. Dieſe kleine Marianna, Donna Caniglio's Kammerfrau, wird heute ganz ge⸗ wiß wie jeden Sonnabend zur Beichte gehen, und ſie i*ſt eine zu gute Chriſtin, um nicht am Tage vor dem Oſterfeſte ein vollkommenes Geſtändniß abzulegen! Ich werde alſo endlich erfahren, wem ich es zu verdanken habe, daß man mir das Haus der Gräfin Caniglio verſchloſſen, und ihren Gemahl gegen mich aufgehetzt hat! Ha, dieſe Beichte muß mir die Mittel zu mei⸗ nen Planen verſchaffen, und ich weiß, daß ſie es wird! Der Himmel wird mir beiſtehen in meinem frommen Unternehmen; nun, und wenn es der Himmel nicht thut, ſo wollen wir ein wenig die Hölle und den Teu⸗ fel zu Rathe ziehen!— Gelobt ſei Jeſus Chriſtus, unterbrach ſich hier La Chaiſe ſelber, und erwiderte damit den frommen Gruß eines Chriſten, der ſo eben in die andere Hälfte des Beichtſtuhles getreten war, und ſeine Beichte abzulegen begehrte. Und der fromme Pater legte das Ohr an das Git⸗ ter, und vernahm die Beichte irgend eines reuigen Sünders. 3 Indeſſen hatte der Morgengottesdienſt ſeinen Anfang genommen, und die Kirche ſich mit Gläubigen gefüllt. Vor dem Beichtſtuhle Giralomo's knieeten mehr denn zwanzig in ihre Schleier gehüllte Frauengeſtalten, und La Chaiſe's Herz klopfte hoch vor Freude, denn in einer von ihnen erkannte er trotz des verhüllenden Schleiers die ſchöne Marianna, der Gräfin Marga⸗ retha del Caniglio Kammerzofe.— Sie war die zwölfte in der Reihe der Knieenden, und es bedurfte daher vielleicht noch mehrerer Stunden, bevor die Reihe zu beichten an ſie kam. La Chaiſe beſchloß, die Bekennt⸗ niſſe der Büßenden ein wenig abzukürzen, und ihnen, ſtatt ſie lange zu martern mit Vorwürfen, ſehr bald eine gnädige Abſolution und eine vollkommene Verge⸗ bung ihrer Sünden zuzuſichern. Dank dieſem humanen Entſchluß war kaum eine Stunde vergangen, als Marianna in den Beichtſtuhl ſchlüpfte, und den frommen Vater begrüßte, der ſein Geſicht verhüllt hatte, und den ſie für Niemand anders hielt, als für ihren Beichtvater, den alten Giralomo. Marianna zeigte ſich ſehr zerknirſcht, ſehr reuevoll. Ich habe, ſagte ſie, in dieſer Woche mehr denn zwanzigmal gelogen! Ich habe außerdem ſieben Men⸗ ſchen in meinem Herzen geflucht, und zehn ſchöͤnen Weibern, die ich um ihre Schonheit beneidete, den Tod gewünſcht*). Mein Vater, legt mir eine Buße auf für dieſe Sünde! Du biſt zu ſtrenge gegen Dich, meine Tochter, flü⸗ ſterte der Beichtvater. Für dieſe Sünden der weib⸗ lichen Schwäche abſolvire ich Dich! Ach, aber ich that Schlimmeres, ſeufzte die Kammer⸗ zofe. Ich habe ein großes Verbrechen begangen in dieſer Woche. G Und überwältigt vielleicht von augenblicklichen Ge⸗ wiſſensbiſſen ſchwieg Marianna und weinte. *) Vie du Père La Chaise. Tome II. I. 21 — 322— Sprich, meine Tochter! Das traurige Mädchen unterdrückte ihre Thränen, und neigte ihre Lippen dichter an das Sprachgitter. La Chaiſe fühlte ihren warmen Athem ſeine Wange fächeln, und in dieſem Augenblick fand er es ſehr an⸗ genehm, Beichtvater zu ſein. Was werde ich erſt empfinden, wenn der Athem einer Königin ſo meine Wange ſtreift, dachte er. Ja, ich habe ein ſehr großes Verbrechen begangen, ſeufzte Marianna noch einmal, und jetzt, indem ich es bekennen will, fühle ich, daß mir dazu der Muth fehlt, und ich zittere! Die Gnade des Herrn iſt groß, bekenne alſo, meine Tochter! ſagte La Chaiſe, mühſam ſeine Ungeduld ver⸗ bergend. Ach, ehrwürdiger Vater, ich habe eine Herrin, die voll Güte und Liebe gegen mich iſt, die mich überhäuft mit Wohlthaten, und der ich ewig dankbar ſein ſollte! Und dennoch, mein Vater, dennoch habe ich ſie ver⸗ rathen, und ſie nicht allein unglücklich gemacht, ſondern auch es verſchuldet, daß ihr Leben in Gefahr iſt! Weiter! weiter! rief La Chaiſe ungeduldig, als Marianna ſchluchzend ſchwieg. Der Gemahl meiner Herrin hat mir ſo lange ge⸗ ſchworen, daß er mich liebe, bis ich es ihm zuletzt geglaubt habe, fuhr Marianna leiſe und zögernd fort. Dennoch widerſtand ich ſeiner Liebe, denn ich bin ein ſittſames Mädchen und halte auf meine Ehre. Aber es gab ſeitdem eine Stimme in meinem Herzen, die flüſterte Tag und Nacht: wenn Deine Herrin nicht wäre, wenn ſie ſtürbe, oder der Papſt dieſe Ehe trennte, und den Dispens zu einer neuen gäbe, dann könnte ich meiner Herrin Gemahl heirathen, und eine ſehr vornehme, ſehr reiche Frau werden! Sehen Sie, ehr⸗ würdiger Vater, dieſe Stimme, welche mir ſolche Worte zuflüſterte, ſie wollte gar nicht ſchweigen, und übrigens wiederholt mir der Marcheſe jeden Tag: Marianna, mache daß meine Gemahlin ſtirbt, oder gieb mir ſolche Beweiſe ihrer Untreue, daß ich mich von ihr ſcheiden laſſen kann, und Du wirſt meine zweite Gemahlin. Denn den Dispens vom Papſte werden wir ſchon erhalten! Und Du glaubteſt dem Marcheſe? fragte der Pater. Ich glaubte ihm, ich glaube ihm noch, denn ich liebe ihn! ſagte das Mädchen innig. Du liebſt ihn! Das iſt ein Ehebruch! 21* — 324— Bald wird es Keiner mehr ſein! ſagte Marianna faſt triumphirend. Ich war zu ſchwach, meiner Ge⸗ bieterin den Tod zu geben, obwohl ich es gekonnt hätte, denn ich beſitze ein ſicheres und unfehlbar wir⸗ kendes Gift, aber ich dachte an alle die Wohlthaten, die ſie mir erzeigt, nein, ich konnte ſie nicht tödten! Aber ich beobachtete ſie, ich machte mich zum Spion ihrer geheimſten Handlungen, und bald entdeckte ich, daß ſie eine Liebe im Herzen trage. Ich machte mich zum Vertrauten dieſer Liebe, ich beſtegte ihren Wider⸗ ſtand und beredete ſie, ihrem Geliebten heimliche Zu⸗ ſammenkünfte zu bewilligen. Und dann, als der Geliebte kam, riefſt Du den Gemahl? fragte La Chaiſe. Nein, das that ich nicht, denn das hätte einen off⸗ nen Scandal gegeben, und der Marcheſe hält auf ſei⸗ nes Namens Ehre. Nein, ſie mußte ſicher, aber laut⸗ los getroffen werden! Ich las aber immer heimlich die Briefe, welche meine Gebieterin von ihrem Geliebten empfing, und als endlich in einem dieſer Briefe der begünſtigte Liebhaber von einem köſtlichen Rendezvous ſprach, das in der verfloſſenen Nacht ihm ſeine Ge⸗ liebte gegeben, da brachte ich dieſen Brief dem Mar⸗ — 325— cheſe hin, denn das war ein vollgültiger Beweis, und ganz genügend, um auf eine Scheidung anzutragen. Der Marcheſe ſtellte ſich wüthend. Er lief zum Kar⸗ dinal, dem Ohm meiner Gebieterin, und zeigte ihm den Brief. Der Cardinal beſchwor ihn, das Geheim⸗ niß zu bewahren, und verſprach ihm in dieſem Falle nicht allein eine ſchnelle Scheidung, ſondern auch vom heiligen Vater den Dispens zu einer zweiten Heirath. Seitdem wird die Marcheſa als Gefangene in ihrem Zimmer bewacht, und ihrem Geliebten hat der Mar⸗ cheſe unterſagt, ſeine Schwelle zu betreten!— Dies, mein Vater, iſt das offene Bekenntniß meiner Sünden! Legt mir eine Buße auf, und ſei ſie noch ſo ſchwer, ich werde ſie erfüllen! Du biſt eine große Sünderin, ſagte La Chaiſe ſtreng, wie Judas haſt Du Deinen Herrn verrathen! Miein Gott, rief Marianna entſetzt, das iſt nicht mehr die Stimme des Pater Giralomo! Es iſt die Stimme Deines Richters! ſagte La Chaiſe. Sei ſtill und höre mich an! Ich kenne jetzt durch Dich ſelber Dein ganzes fluchwürdiges Verbrechen, es liegt in meiner Hand, Dich zu vernichten! Oh mein Gott, es iſt der Pater La Chaiſe! rief 4— 326— Marianna und ſtürzte aus dem Beichtſtuhl. La Chaiſe eilte ihr nach.— Die Kirche war indeß leer geworden. Den noch harrenden Bußfertigen mochten die Bekennt⸗ niſſe Marianna's zu lange dauern, ſie hatten ſich ent⸗ fernt, und in einem andern Beichtſtuhl ihre Bekennt⸗ niſſe abgelegt. Die Meſſe war beendet, die Lichter ver⸗ löſcht, und von Niemand beobachtet, eilte La Chaiſe hinter dem entſetzten, fliehenden Mädchen her. Jetzt hatte er ihren Arm gefaßt, und hielt ſie auf. Du wirſt mir Rede ſtehen, und meine Befehle be⸗ folgen, oder beim allmächtigen Gott, ich tödte Dich! ſagte La Chaiſe drohend, und zugleich blitzte ein Stilet in ſeiner Hand. Marianna ſenkte angſtvoll ihr Haupt, und La Chaiſe zog die Widerſtandloſe in die dunkelſte Niſche der Kirche. Habt Erbarmen mit mir! flehte Marianna. Kein Erbarmen mit der Verbrecherin, die ihre Herrin verrieth! Blicke um Dich! Wir ſind allein! Niemand ſieht uns. Ich werde Dich tödten, und dann ſagen, Du habeſt Dich ſelber in einem Anfall reuiger Ver⸗ zweiflung getödtet! Erbarmen! Laßt mir das Leben, und ich will Alles thun, was Ihr fordert! — 327— Willſt Du Dein Verbrechen wieder gut machen? Ich will es! Ich ſchwöre es bei dem Grabe meiner Mutter! La Chaiſe zog den Dolch zurück, den er ſchon auf ihre Bruſt geſenkt. Ich will es Dir glauben, denn Du wirſt damit Deine eigene Rache erfüllen! ſagte er. Meine Rache? Ja, die Deine! Wiſſe denn, der Marcheſe betrügt Dich! Er hat Dich nur gebraucht als Werkzeug ſeiner Zwecke. Er liebt die ſchöne Gräfin Tariglia, und ihr wird er ſich vermählen, ſobald er Scheidung und Dis⸗ pens ſich durch Deine Hülfe ausgewirkt! Das iſt nicht wahr! ſagte Marianna, bebend vor Zorn und Schmerz. Es iſt wahr; ich bin der Gräfin Tariglia Beicht⸗ vater, und habe es aus ihrem eigenen Munde erfahren! Schwört es mir! ſagte das Mädchen dumpf. Ich ſchwöre es beim Namen des Gekreuzigten! Die ganze Geſtalt des Mädchens erbebte. Ihre Zähne ſchlugen krampfhaft auf einander, ihre Wangen waren marmorbleich. Aber ſie antwortete nicht. Sie ſchien zu überlegen. — 328— Worauf ſinnſt Dus fragte La Chaiſe. Auf Rache!l ſagte ſie ruhig. Folge meinen Befehlen, und ſie ſoll Dir werden! Sprecht, ich werde Alles erfüllen, vorausgeſetzt, daß es meine Rache betrifft! ſagte die glühende Römerin. Der Marcheſe will alſo geſchieden werden, um die Gräfin Tariglia zu heirathen! Du haſt das begriffen? Ich habe es begriffen! Aber er ſoll nicht geſchieden werden! Du wirſt ihm die Beweismittel, dieſe Briefe von mir, entreißen! Das werde ich! Du wirſt ihn nöthigen, Dir ein ſchriftliches Ehe⸗ verſprechen zu geben! Wozu das? Er iſt ein Verräther! Ich werde ihn mit dem Fuße von mir ſtoßen! Ich denke, Du willſt Dich rächen! Ja, das will ich! So fordere das Cheverſprechen! Ich werde es fordern! Dies Alles muß ſogleich geſchehen! Heute noch? In vier Stunden! —-——-—j—— Gut, ſo ſei es! Du wirſt ferner machen, daß die Marcheſa und der Cardinal Dich in den Armen des Grafen überraſchen, und alsdann wirſt Du der Marcheſa reuevoll beken⸗ nen, daß Du auf den Befehl ihres Gemahls dieſe falſchen Briefe angefertigt, die er Dir dictirt, um die tugendhafte Marcheſa zu verdächtigen! Und welche Strafe wird den Marcheſe treffen? Er wird unter einer doppelten Anklage in das Ge⸗ fängniß kommen. Als Verläumder ſeiner Gemahlin, und als Ehebrecher. Die Marcheſa wird von ihm geſchieden werden, aber niemals wird ihr Gemahl den Dispens des Papſtes zu einer zweiten Heirath erhal⸗ ten. Er wird alſo die Gräfin Tariglia nicht heirathen. Und ich werde ihn ewig verfolgen, ihn ewig mar⸗ tern! ſagte die Römerin mit flammenden Blicken. Ich werde ihn nicht tödten, dies wäre eine zu gelinde Strafe, aber er ſoll ſich tauſendmal den Tod wünſchen! In vier Stunden ſtehe ich an der kleinen Pforte, die zur geheimen Treppe führt. Du wirſt mir öffnen, und mich zur Marcheſa führen. In vier Stunden? das iſt gerade die Zeit, wo der Cardinal bei ihr iſt. Es geht alſo nicht! — 330— Gerade den Cardinal wünſchte ich bei ihr zu treffen, und mit ihm und der Marcheſa werde ich Dich über- raſchen in den Armen des Grafen! Gut! Bleibt eine Viertelſtunde bei der Marcheſa, und dann kommt! Ihr ſollt mich finden! Und auch das Cheverſprechen? Auch dies! Ich werde ihm ſagen, daß ich der Gräfin das Pulver, welches er mir ſchon geſtern ge⸗ geben, in ihre Chocolade ſchütten werde, und wenn ich ihm das verſpreche, wird er mir Alles bewilligen! Lebewohl denn! Geh ſchnell an's Werk! Denke an die Gräfin Tariglia, und daß Du nur durch unbe⸗ dingten Gehorſam Rache und Vergebung Dir gewin⸗ nen kannſt! Ich werde daran denken! ſagte Murihnn, und ver⸗ ließ die Kirche. La Chaiſe ſchaute ihr lange nach, und ein wohlge⸗ fälliges Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Es iſt ſehr gut, wenn man die Privatintereſſen mit den großen Weltangelegenheiten verbinden kann! ſagte er. Diesmal iſt es mir vollſtändig gelungen. Der Marcheſe hatte meine Briefe, deren Handſchrift ich leider nicht ableugnen kann. Durch dieſe Briefe war — 331— die Marcheſa mir und der Welt verloren, denn der Cardinal würde ſie zwingen, in ein Kloſter zu gehen. Aber es drohte außerdem mir und meinem ganzen Orden Gefahr. Denn der Cardinal hat ſich im Zorn über dieſes Liebesverhältniß eines Jeſuiten und ſeiner Nichte mit den Dominicanern verbunden, und der Pater Morales wird Sorge tragen, daß der Papſt dieſe ganze Sache erfährt. Der Papſt! Mein Gott, er liebt die Weiber, weil er die Katzen liebt, er liebt vor allen dieſe närriſche Chriſtine von Schweden; Jedermann erzählt ſich, daß er ihr ein Jahrgeld und eine Ge⸗ wiſſensehe vorgeſchlagen*). Es iſt daher ſehr natürlich, daß der heilige Vater, um das Gerede der Welt Lügen zu ſtrafen, und ſeine ſtrengen Grundſätze zu bekunden, unerbittlich ſtrenge ſein wird gegen den verbrecheriſchen Prieſter, der eines Liebesverhältniſſes überführt wor⸗ den. Mein Gott, Papſt Alerander iſt ſehr fromm, weil er ſehr fündig iſt. Seine Strafe würde dies Mal unſern ganzen Orden treffen! Man muß alſo unſchuldig befunden werden, und daß der Cardinal Petrono mich unſchuldig finden ſoll, dafür bürgt mir *) Vie du Pêére La Chaise. Tome II. * — 332— Marianna's Rachedurſt und dies Paar Handſchuhe, das ich hier im Buſen trage! Aber es genügt nicht, daß der Papſt meine Unſchuld erfährt, er muß mich auch wieder lieben lernen, und daß er dies thut, dafür ſoll mir ein Pulver und eine Katze bürgen! Aber freilich, es bedarf dazu noch einer kleinen Maskerade und eini⸗ ger Anſtrengung! Schnell jetzt an's Werk! XV. Die Katze. Und der Pater La Chaife verließ eiligen Schrittes die Kirche und wanderte raſtlos durch die Straßen da⸗ hin. Endlich machte er Halt vor einem kleinen Hauſe, deſſen halb zerfallenes Ausſehen kaum vermuthen ließ, daß es bewohnt ſei. Er klopfte dreimal, und horchte dann aufmerkſam. Ein ſchlurfender Tritt näherte ſich der Thür, und eine heiſere Stimme fragte: ſind Sie es? Pater La Chaiſe ſchlug ſtatt aller Antwort wieder dreimal an die Thür, und nun ward dieſe geöffnet. Nichts Neues? fragte La Chaiſe in das Haus tre⸗ tend, und die Thüre ſorgfältig hinter ſich verſchließend. Sie ſchläft! ſagte der Greis, welcher den Pater ge⸗ leitete.. Alſo iſt ſie geſund? — 334— Ja. Ihr Appetit iſt geſund, auch iſt ſie heute ſchon tüchtig herum geſprungen! Vortrefflich! Es wird die Luftveränderung, der Wechſel des Klima's geweſen ſein, welcher ſie anfangs beun⸗ ruhigte. Du weißt, ſie kommt direct aus Schweden her! Sie iſt von unvergleichlicher Schönheit! rief der Greis. Ich will ſie ſehen! ſagte La Chaiſe, und öffnete die nächſte Thür. 1 Es war ein kleines, düſteres Gemach, in welches die Beiden jetzt eintraten, ein Gemach, anſcheinend wenig geeignet, um die Schönheit, welche der. Greis mit ſolchem Entzücken geprieſen, zu beherbergen. Man ſah da weder ſeidene Vorhänge, noch bequeme Polſter und Divans, noch alle dieſe niedlichen und koſtbaren Kleinigkeiten, mit denen das Boudoir einer Dame ge⸗ ſchmückt zu ſein pflegt. Ja, es fehlte ſogar ein Spie⸗ gel in dem Boudoir dieſer Schönheit, die Wände wa⸗ ren kahl und leer. Einige geflochtene Stühle ſtanden umher, in der Mitte ein hölzerner Tiſch, auf dem man verſchiedene Ueberbleibſel von Speiſen, einige Knochen und in einem Näpfchen ein wenig Milch erblickte.— Das war Alles, was dieſes Zimmer enthielt,— doch — 335— nein, in dieſer Ecke da ſteht ein großer, mit Betten angefüllter Korb. Dahin wendet ſich jetzt La Chaiſe. Sie ſchläft! flüſtert der Greis. 8 Thut nichts! Ich muß ſie noch einmal ſehen! Und der kühne und übermüthige Pater hebt das verhüllende Bett empor.— Freellich, da liegt ſie in allem Glanze ihrer Schön⸗ heit, unverhüllt, reizend anzuſchauen. Das Köpfchen ſeitwärts geneigt, die ſchönen Glieder in anmuthiger Nachläſſigkeit hingeſtreckt, hat ſie in vollem Behagen des ſüßen, erquicklichen Schlummers alle Viere von ſich geſtreckt. In der That, alle Viere, denn dieſe Schöne voll Anmuth und Reiz, ſie iſt, um es kurz heraus zu ſagen, ſie iſt nicht mehr, und nicht weni⸗ ger, als— eine Katze. Sie iſt ſehr ſchön! ſagte La Chaiſe, ſie getrachtend. Die Zenobia iſt gar nicht zu vergleichen mit dieſem Wunderkind! Sie iſt ein Engel! rief der Greis. Nun, Alter, ſagte La Chaiſe, die zwanzig Dukaten, welche ich Dir verſprochen, erhältſt Du heute noch, und Du haſt ſie redlich verdient! Mein Gott, wenn ich bedenke, wie leidend dieſes arme Geſchöpf war, als — 336— ich ſie zuerſt bei der Kammerfrau der ſchwediſchen Königin ſah. Man wollte ſie eben in die Tiber wer⸗ fen, ich nahm mich ihrer an aus chriſtlichem Erbar⸗ men, und man lachte mich aus, als ich mit dieſer ſterbenden Katze von dannen fuhr. Ach, ich hatte mit * dieſer Katze große Dinge vor, und ich ſehe ſchon, daß 8 mein Plan glücken muß, denn ſie iſt unwiderſtehlich ſchön! Sie muß jeden Kenner entzücken! rief der Greis. Und Du giebſt mir Dein Wort, daß Niemand ſie geſehen hat? Niemand! Gut! Dieſer Zaponi wäre ſonſt im Stande mir die⸗ ſes Kleinod mit Gewalt zu entführen! ſagte La Chaiſe lachend. Wenn heute geſchieht, was geſchehen muß, 1 ſo wäre Zaponi im Stande, ſeine Maitreſſe für dieſe Katze zu verkaufen. Aber Du biſt doch Deiner Sache gewiß, mein lieber Peronni. Ganz gewiß! Ich habe die Natur der Katzen ſeit langen Jahren ſtudirt, ich weiß von jedem Kraut, von jeder Subſtanz, ob ſie ihnen ſchadet oder nützt. Dieſe beiden Pulver, welche ich Euch gegeben, ſind von er⸗ ſtaunlicher Wirkung. Aber hütet Euch, ſie zu ver⸗ — 337— wechſeln! Das Pulver in dem grünen Papier erzeugt Krämpfe und Starrſucht. Das andere Pulver da in dem rothen Papier hebt die Wirkungen des erſtern wieder auf.— Es iſt gut! Jetzt gieb mir den Anzug, den ich Dir geſtern gebracht. Ich will mich umkleiden! Der Greis führte den Pater in das nächſte Gemach, und half ihm mit jugendlicher Geſchäftigkeit bei der Toilette. Eine Viertelſtunde ſpäter öffnete ſich die Thüre die⸗ ſes kleinen halb zerfallenen Hauſes, und gebeugten 1 Schrittes ging ein Greis die Straße dahin. Er hatte den langen Bart, den gebückten Schritt, die ein⸗ fache, graue Kleidung des Greiſes Peronni, mit wel⸗ chem La Chaiſe ſo eben geſprochen; übrigens hatte er ſeinen großen breitgekrämpten Hut tief in die Stirn gedrückt, und da man ſein Geſicht nicht deutlich ſehen konnte, hielten ihn die Buben auf der Gaſſe für den alten Peronni, welcher in Rom eine ſehr bekannte und beliebte Stadtfigur war. 1— Seht da! Unſern Katzendoctor! ſchrieen die Buben mit übermüthigem Gelächter. 5 Vivat hoch, unſer Vater Peronni! 4 1 2) 1 1. 22 4 — 338— Geh bei Seite, altes Weib, unſer Doctor kommt, er könnte Dich für eine Katze halten! ſchrie ein Bube, eine alte Frau unſanft gegen die Häuſer drängend. Und Dir das Fell über die Ohren ziehen! kreiſchte ein anderer. Und während die Buben lachten, und das alte Weib ſchimpfte, ging der Greis ruhig weiter. Er lenkte ſei⸗ nen Schritt in die belebteren Straßen Roms und bald hatte er den Vatican erreicht und ſtand vor der Sei⸗ tenpforte, durch die man in denjenigen Flügel des Pallaſtes gelangte, welchen die höhere Dienerſchaft Sr. Heiligkeit bewohnte. Iſt der Kammerherr Zaponi zu Hauſe? fragte er den Portier, welcher ihm die Pforte geöffnet. Ja, er iſt zu Hauſe, ſagte der Mann, und machte ein höchſt bedenkliches Geſicht. Er iſt zu Hauſe, aber ſchwerlich wird er ſich ſprechen laſſen. Es droht uns ein großes Mißgeſchick, müßt Ihr wiſſen. Die Katze Zenobia iſt vorgeſtern in die Wochen gekommen und iſt jetzt dem Tode nahe. Gerade weil ich dies hörte, bin ich gekommen, ſagte der Greis. Ich weiß, daß Se. Heiligkeit dieſe Katze beſonders liebt, und deshalb will ich verſuchen, ſie zu —— curiren. Meldet mich dem Herrn Kammerherrn Zaponi. Ich bin der Katzendoctor Peronni! Ah, dies iſt etwas Anderes! rief der Portier. Ihr ſeid der Katzendoctor Peronni, von welchem mir meine Buben ſo oft erzählen. Kommt, ich führe Euch zu dem Herrn Kammerdiener des Herrn Kammerherrn. Ihr werdet ohne Zweifel ſehr willkommen ſein! Der Greis folgte dem Portier ſchweigend durch dieſe lange Reihe der Corridore und Vorzimmer und ſtellte ihn dem Kammerdiener vor, welcher ihn ſogleich ſeinem Herrn meldete. Tretet ein! ſagte er dann zurückkehrend, und der Katzendoctor trat in das Boudoir Zaponi's, das für den Augenblick in das Krankenzimmer der ſchönen Ze⸗ nobia umgewandelt war. 3 Sie lag in ſeidene Kiſſen gehüllt auf dem ſammt⸗ nen Divan, dieſe ſchöne Kranke, und neben ihr, das Haupt ſchwermüthig aufgeſtützt, ſaß der trauernde Kam⸗ merherr Zaponi, welcher eben überlegt hatte, daß, wenn Zenobia ſtürbe, es für ihn beſſer ſein würde, ſeinen Abſchied zu fordern, und ſich vor dem nicht mehr durch Zenobia zu beſchwichtigenden Zorn des Papſtes auf ſein Landgut zu retten. 22* — 340— Doctor, ſagte der Kammerherr daher mit matter Stimme zu dem eintretenden Greiſe, Doctor, ich fürchte, die Kunſt der Menſchen wird hier nichts mehr ver⸗ mögen. Zenobia iſt verloren, und ich mit ihr! Der Greis neigte ſich über die laut ſtöhnende Katze, und ſchien ſie ſchweigend ſeiner gelehrten Peihn zu unterwerfen. Woher rührt dieſer Zuſtand? fragte er. Dies ſind nicht die gewöhnlichen Folgen der Niederkunft. Oh nein, und dies iſt ja eben mein Unglück! jam⸗ merte der Kammerherr. Es iſt durch meine Schuld, daß Zenobia, dieſer Liebling Sr. Heiligkeit, ſterben wird. Ich ließ unvorſichtigerweiſe den Reſt meiner Trüffelpaſtete hier ſtehen, und während ich einen Augen⸗ blick hinaus ging, hat die arme Zenobia ſich darüber hergemacht und ſie verzehrt. Seitdem ſind zwei Tage vergangen, und ihr Zuſtand hat ſich verſchlimmert! Der Greis erkundigte ſich genau und umſtändlich nach den einzelnen Zufällen dieſer Krankheit, und dann ſagte er nach kurzem Ueberlegen: ich werde dieſe ſchöne Katze vielleicht noch retten können! Zaponi's Antlitz ſtrahlte in hoher Freude. Wenn Ihnen dies gelingt, mein Herr, ſagte er, gebe ich Ihnen mit Freuden hundert Ducaten. Der Greis zog ein Päckchen von grünem Papier hervor und öffnete es. Es enthielt ein weißes Pul⸗ ver, das er vorſichtig und mit feierlichem Ernſte in eine Taſſe Milch ſchüttete. Wenn die Katze dies trinkt, wird ſie gerettet ſein, ſagte er, und näherte die Milch der Naſe Zenobia's. Eine athemloſe, erwartungsvolle Stille trat ein. Man hörte des angſtvollen Kammerherrn Herz laut und vernehmlich klopfen. Oh mein Gott, gieb, daß ſie trinkt! ſeußzte er leiſe. Dieſe Zenobia war ein ſehr kluges, ſehr gefälliges Thier. Sie hatte nicht ſobald den angenehmen Duft gerochen, welcher in Folge des Pulvers aus der Milch emporſtieg, als ſie ſich langſam und mühſam empor⸗ richtete, und ihr ſchönes Haupt der Taſſe näherte. Sie trinkt! jauchzte der Kammerherr und in der Freude ſeines Herzens umarmte er den Greis, welchen er einen Gottgeſandten, einen Wunderdoctor nannte. Ja, ſie trinkt, ſagte der Greis feierlich, und jetzt iſt ſie gerettet. In der That, die Katze hatte nicht ſobald dieſe mit dem Pulver vermiſchte Milch getrunken, als ſie lang⸗ ſam einige Schritte zu wandeln begann. Dann wur⸗ den ihre Bewegungen immer lebhafter. Sie ſprang vom Divan auf den Tiſch, vom Tiſch auf den Boden. Sie iſt wieder geſund! frohlockte der Kammerherr. Und Zenobia machte immer höhere Sprünge, ſie kletterte an der Wand empor. Wie vergnügt ſie iſt! ſagte Zaponi, und folgte mit freudeſtrahlenden Blicken jeder Bewegung dieſes herr⸗ lichen Thieres. Die Katze fuhr in immer wahnſinnigern Sprüngen umher. Sie warf auf den Tiſchen die Gläſer und Flaſchen um, ſie fuhr gegen die Fenſterſcheiben, daß ſie klirrend zerbrachen, ſie raſte in großen Kreiſen im Zimmer umher, und ſaß bald auf dem Rande der Thür, bald unter den Schränken und Stühlen.— Es war ein Delirium der Freude. Aber das Delirium ward immer ärger. Zenobia war wie raſend, ihre Augen flammten, wie ein Dämon ſchoß ſie umher, endlich begann ſie zu heulen, zu kreiſchen, zu winſeln. Der Kammerherr ſtand in einer Art Erſtarrung. Doctor, Doctor, helft! kreiſchte er endlich. Aber der Doctor war nirgends zu finden! Er — 2 4 hatte ſich, während aller Augen auf Zenobia gerichtet waren, unbemerkt entfernt. Plötzlich begannen die Bewegungen der Katze lang⸗ ſamer zu werden. Sie drehte ſich noch einige Male im Kreiſe umher, dann fiel ſie um, und ſtreckte die Glieder von ſich, nun ward ſie ſtarr und ſteif, und der Athem verſtummte. Fein⸗ ohn⸗ Er hat ſie vergiftet! Es war ein von mei den gedungener Mörder! ſchrie Zaponi und ſe mächtig zuſammen. Der Katzendoctor hatte indeß längſt den päpſtlichen Pallaſt hinter ſich, und eilte ſchnellen Schrittes zu dem alten verfallenen Hauſe, aus welchem er gekom⸗ men, zurück. Man ſchien ihn erwartet zu haben, denn es be⸗ durfte keines Klopfens, die Thür ward ſogleich ge⸗ öffnet. Da bin ich! ſagte der angebliche Katzendoctor in das Haus tretend, und begrüßte lächelnd den Greis, welcher ihm öffnete und der ſein genaues Conterfei war. Dann warf er mit einer raſchen Bewegung die⸗ ſen langen, ſilberweißen Bart, und dieſe Greiſen⸗ — 344— perrücke von ſich und wuſch ſich mit einem genäßten Tuche die Runzeln von der Stirne und den Wangen. So, das wäre abgethan! ſagte La Chaiſe, als er mit dem grauen Gewande das letzte Stück ſeiner Mas⸗ kerade abgeworfen. Jetzt aber, mein guter Peronni, rathe ich Dir, daß Du einen andern Anzug wählſt, und Dich ein wenig verbirgſt, denn ohne Zweifel wird der wüthende Zaponi nicht ermangeln, einige Sbirren zu ſenden, welche den Katzendoctor Peronni verhaften ſollen, weil er die ſchöne Zenobia ermor⸗ det hat! Ich habe da einen Anzug, der mich vollkommen unkenntlich macht, ſagte Peronni, auch werde ich meine weißen Haare unter einer ſchwarzen Perrücke verbergen. Niemand wird es gelingen, mich zu er⸗ kennen. Gut, wenn das iſt, kannſt Du ſelber meinen Auf⸗ trag erfüllen. Kleide Dich um, alsdann packe unſere ſchöne Katze Murphy in ihren Korb, deſſen Deckel Du ſorgfältig verſchließt, und begieb Dich damit in meine Wohnung. Dort warteſt Du zwei Stunden, und alsdann fährſt Du mit der Katze zum Vatican, — S e e,e — mae 5„ 3 * „ 4 2 4 — * ſſnſſſnſnſini ſinſnniſſ 8 9 10 11 12 13 17 9 . 3 5 4 5. 8 * 1 ** 8 5 8 2 * 3 8 7 S 7 7 — 4