deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſe Leihvibliothet 7 Eduard Otltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von K eiß- und Jeſebedingungen. jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 d hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für athentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat⸗ 1 Mr.—f 1 N 50 df 2 Mt. Pf. 26. Auswürtige donnenten haben für Hin⸗ lund Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Im Circus war eine glänzende Vorſtellung, in wel⸗ cher alle Berühmtheiten des Herrn Franconi, bald als Schäferinnen, bald als Römerinnen, auf ſattelloſen Rennern der Wüſte oder auf prächtig gezäumten und geſchmückten Roſſen die Arena durchkreuzten.— Die ſchlanken Künſtlerinnen Corali Ducos, Pauline Cuzent und Mademoiſelle Mathilde hatten zahlloſe Beweiſe ſtürmiſchen Beifalls erhalten; denn Logen und Sperr⸗ ſitze waren gefüllt mit der Creme der jungen und al⸗ ten Cavaliere der Geſellſchaft. In den Logen ſaßen viele Damen, welche zu den erſten Kreiſen gehörten, die Sperrſitze waren von Officieren der Gardereiterei und deren Freunden in Beſitz genommen. Goldblitzende reiche Uniformen, junge ſchöne und übermüthige Män⸗ ner, voller Lebensmuth und Luſt zu Abenteuern, bil⸗ deten einen dichten Phalanr, der ſeine Aufmerkſamkeit und ſeine Huldigungen zwiſchen den edlen Damen und 1 den berühmten Amazonen theilte, welche die Lind, die Griſi, die Taglioni und die Rachel des Circus dar⸗ ſtellten und von manchen dieſer jungen ritterlichen Herren, jede für ſich, höher geſchätzt werden mo ten, als alle Kunſt und Künſtlerſchaft zuſammengenommen. Jetzt war eine Pauſe eingetreten, welche von einem Theil der Cavaliere benutzt wurde, um in den inner⸗ ſten und heiligſten Räumen einen Beſuch abzuſtatten. Ein minder begünſtigter Theil wandte ſeine Aufmerk— ſamkeit ungetheilt den Logen zu oder verſuchte die Ge— nüſſe der Conditorei. Ganz vorn am Rande der letzten Bank war ein Herr ſtehen geblieben, der ein Ordensband um den Hals und einen Stern auf der Bruſt trug. Er hatte den Fuß auf die Baluſtrade geſetzt und ſprach mit einem der Stallmeiſter, der ſehr ehrfurchtsvoll und unterthänig ſich bei jeder Antwort verbeugte. Der Herr hatte, trotz aller dieſer Merk⸗ zeichen ſeines Ranges, aber weder ein vornehm feines, noch ariſtokratiſch ſtolzes Geſicht. Seine Züge waren ziemlich aus dem Groben geſchnitten. Ein Mund mit breiten Lippen, eine etwas gedrückte Naſe, graue Au⸗ gen, die beweglich und berechnend ausſahen, eine gut gewölbte Stirn, durch welche querüber eine ſtarke Falte lief, und braun⸗röthliches Haar, das zu ergrauen be⸗ cellenz? fragte ein junger Officier. — 3— gann, ließen ſich beim erſten Anblick bemerken. Ein dünner Backenbart lief dem Herrn bis ans Kinn, und mehr ergraut als das Haupthaar, faßte er auf eine 9 ſor herbare Weiſe das Geſicht ein. In dem Augenblicke, wo der Stallmeiſter mit einer letzten tiefen Verbeugung die Abſchiedsworte des be— ſternten Herrn erwiderte, wandte ſich dieſer mit einer entlaſſenden Handbewegung zu den Logen um und rief zu einer derſelben, in welcher zwei Damen ſaßen, ein paar Worte hinauf, die eine gewiſſe Aufregung unter den Umſtehenden bewirkten. Die eine der Damen nickte lächelnd, indem ſie mit ihrem Fächer eine dankende oder grüßende Bewegung machte; dann ſprach ſie lebhaft zu ihrer Begleiterin, deren ſanftes Geſicht ſich zu ihr neigte. Sie haben den prächtigen Schimmel gekauft, Er⸗ Boucher ſoll ihn mir morgen vorführen, war die gleichgültige Antwort. Meine Frau wird ihn verſuchen, und wenn er ihr zuſagt, wird ſie ihn behalten. Er iſt famos dreſſirt, ſagte der Officier, dabei ganz reines Blut. Jede Bewegung iſt edel, tauſend Thaler ſind nicht zu viel. Der Herr lächelte mehrmals und machte ein bei⸗ 1* ſtimmendes Zeichen. Gleich darauf klemmte er die Augen zuſammen, als wollte er ſchärfer ſehen, und 3 nahm dann ſein großes Doppelglas in Schildpatt, um zwei Herren zu betrachten, welche ſo eben in eine kleine Seitenloge traten, die noch leer war. Nach einem augenblicklichen Beſchauen ließ er das Glas ſinken, und über ſein Geſicht zog, ſchnell verfliegend ein hoher Grad von Verwunderung, dem ein Zucken ſeiner Lippen folgte, als ſei, was er erkenne, ihm nicht beſonders angenehm. Er machte eine Bewegung, als wolle er ſich abwenden; als aber einer der Herren ihn ſtarr anblickte und ſich leicht verbeugte, erwiderte er den Gruß und ſtieg dann über die Bänke fort, bis an den Logenrand, wo er die Hand ausſtreckte und mit der größten Freundlichkeit zu ſprechen begann. Sieh da, mein lieber Aurel, ich bin entzückt, Sie unverhofft hier zu finden! rief er ſo laut, daß es Auf⸗ merkſamkeit erregte. Ich nahm mein Glas, war aber doch zweifelhaft, weil Ihre Tante mir vor kaum drei oder vier Wochen erzählte, daß Sie in Kairo oder Syrien, Arabien oder Paläſtina, ich weiß nicht, wo, 1 Straußenritte und Löwenjagden hielten und mit einem V engliſchen Freunde einige kleine Abſtecher nach Tibet oder Nepaul, oder zu den Afghanen und Caſchmir⸗ 1 2 — 5— Fabricanten am Indus machen wollten, um alle un⸗ ſere Damen mit neuen Shawls zu beglücken. er Eine gewiſſe ſpöttiſche Luſtigkeit, oder Bosheit, glänzte in den grauen Augen des Herrn, die er über den Fremden hin und her gleiten und auf deſſen Nach⸗ bar abirren ließ, welcher ohne ein Zeichen von Theil— nahme ſich auf dem Seſſel ausgeſtreckt hatte, die Füße kreuzte, den Kopf mit dem Hut in den Nacken reckte und den Rococo⸗Kronleuchter aufmerkſam zu betrachten ſchien, der den Circus mit hundert Gasflammen be⸗ leuchtete. Der junge Mann antwortete inzwiſchen mit höf— licher Kälte: Meine Tante hat Ihnen die Wahrheit geſagt. Mein letzter Brie war wirklich aus dem Klo⸗ ſter am Sinai; aber er iſt vor neun oder zehn Mo— naten geſchrieben worden. Seit jener Zeit bin ich mit meinem Freunde am Indus geweſen; doch habe ich keinen Shawl mitgebracht, da die Göttinnen, denen meine Huldigungen ſonſt geweiht waren, mich ohne Zweifel längſt gänzlich vergeſſen haben. Es wäre kein Wunder, theurer Aurel! rief der Herr lachend. Damen vergeſſen geſchwind, und wie lange ſind Sie fort? Beinahe vier Jahre. — 35 ²— Es iſt mit vier Monaten meiſt ſchon zu viel. Doch ich will nicht ungerecht ſein. Meine Frau ſprach noch vor einigen Tagen von Ihnen.— Da iſt ſie, dort in der Loge. Ich will Sie hinführen, oder gehen Sie zu ihr.— Aber da kommen die Pferde, man wird gleich anfangen. Es ſcheint in der That das Beſte, wenn ich heut am Schluſſe mich einen Augenblick vorſtelle. Gut. Wollen Sie mit uns ſpeiſen, Aurel? Ich bin nicht allein, erwiderte der junge Mann, ſich verbeugend und mit einem Seitenblick auf ſeinen Gefährten, der immer noch in den Kronleuchter ſah. Ah ſol ſagte der ältere Herr hinüberſehend. Ihr Freund, wie ich denke, und dem Anſchein nach ein Reiſebegleiter? Der mit unſerer Sprache ziemlich unbekannt iſt, antwortete Aurel. Ein Engländer, Herr Rodney. Von Familie? Sein Bruder iſt der Earl von Portland. Die Muſik hatte inzwiſchen begonnen; das Ge⸗ ſpräch, leiſer geführt, mußte abgebrochen werden, die Zuſchauer ſuchten ihre Plätze. Adieu! rief der Herr. Kommen Sie morgen Vor⸗ mittags zu uns und laden Sie Ihren Freund zur Be⸗ 6 gleitung ein. Ich habe ſo eben für Leonor einen perſiſchen Schimmel gekauft. Wenn Sie keine Shawls aus dem Reiche des Schahs mitbrachten, ſo haben Sie vielleicht beſſer an edle Roſſe aus Koraſan ge— dacht.— Nicht? Nun, kommen Sie jedenfalls, wir 4 wollen Sie erwarten. Er entfernte ſich und ſtieg über die Bänke fort, während der junge Mann ſeinen Platz wieder ein⸗ nahm und einige Augenblicke die beiden Damen in der entfernten Loge betrachtete, welche im Geſpräch mit den Umſtehenden ſo ſaßen, daß ſie weder ſeine Unter⸗ redung geſehen hatten, noch genau geſehen werden konnten. Die Vorſtellung begann von Neuem; aber Aurel nahm wenig Theil an den luftigen und halsbrechen⸗ den Sprüngen und Scenen der berühmten Reiter und den Schärpentänzen der Künſtlerinnen. Seine Augen flogen unruhig umher und wandten ſich immer wieder jener Loge zu, die er ſo lange beobachtete, bis ſein gleichgültiger Gefckhe ſich' endlich zu ihm hinbeugte 1 und in ziemlich gutem Deutſch ſagte: Was haben Sie 1 denn vor, dear Count? Sie ſcheinen in einem ge⸗ linden Fieber zu ſein. Ich möchte mich überzeugen, ob Vergangenheit — 3 und Gegenwart wirklich verſchiedene Zeiten ſind, er⸗ widerte Aurel lächelnd. Und Sie denken dabei noch mehr an eine vermit⸗ telnde Zukunft, welche beide in ſich aufnimmt, ſagte Rodney. Vielleicht haben Sie Recht.— Sehen Sie die Dame dort im weißen Hut? So viel man von ihr ſehen kann, ja.— Iſt ſie ſchön? Ich glaube, Sie werden es finden.— Sie haben den Herrn bemerkt, mit dem ich ſprach. Sie haben ihm geſagt, ich verſtehe kein Deutſch Warum? Ich wußte nicht, wie ich mich ſeiner Einladung ſchnell entledigen ſollte. Und deßwegen machten Sie mich ſtumm, lächelte Eduard Rodney. Aber wenn das ſeine Frau iſt, und wenn ſie ſchön iſt, warum, zum Henker! gingen Sie nicht und ließen mich ruhig ſitzen, ſtatt jetzt, wie ein Derwiſch, rechts und links ſich Mhen mir umzuwenden und mir alle Behaglichkeit für dieſe edlen Reitkunſte zu rauben?— Wollen Sie jetzt ſtill ſitzen? Ich denke, nein, ſagte Aurel. So thäten Sie wahrlich beſſer, dem graubärtigen — ——* Gentleman zu folgen, der, wie ich ſehe, ſo eben mit den Damen ſpricht. Er wird ihnen erzählen, daß er mich aufgefunden hat, und ſeinen Ärger mit einigen faden Späßen ver⸗ ſüßen. Argert er ſich über Sie? fragte Sir Eduard. Zu meinem Troſte glaube ich es. Sie ſind ihm gefährlich geweſen, will ich an— nehmen. Ich denke es noch zu ſein. Und dabei ladet er Sie ein?. Weil er weiß, wie gern ich komme. Ich hoffe das Ende dieſes Spectakels, der mir Ohrenſchmerzen macht, nicht abzuwarten, um wenigſtens heut jede wei⸗ tere Begegnung en vermeiden. Die Damen ſehen ſich um, ſagte Rodney. Bei Gott! ſie iſt ſchön. Blicken Sie auf, ihre Augen 4 * ſuchen Sie. 4 Aurel klatſchte der Tochter des Banditen Beifall, die eben vom Pferde gefallen war, dann wandte er 4 ſich zu Rodney und flüſterte ihm zu: Ich mag nicht f hinſehen, ich kenne dieſe Schönheit aus nächſter Nähe. Und der Graubart, ihr Mann— wer iſt er? Mein naher Vetter. Er heißt wie ich, Der⸗ — 10— ſchau, iſt Graf, Standesherr und Wirklicher Gehei⸗ merrath. Er ſieht wie ein Mönchsaffe aus. Wie kann der Narr eine ſo ſchöne Frau haben? Beneidenswerthe Narrheit! Aber wie kann die ſchöne Frau einen ſolchen Mann nehmen 2 Höochſt erklärlich und alltäglich, erwiderte Rodney. Die ſchonſten Frauen nehmen oft die häßlichſten Maͤn— ner. Dieſer iſt Graf und ohne Zweifel reich. Der Reichſte mit im Lande. Dann iſt es ſehr verzeihlich, ſagte Sir Eduard kaltblütig. Ich hätte ihn wahrſcheinlich auch ge⸗ nommen. Damit er Sie nicht nimmt, theurer Freund, we⸗ nigſtens für heute Abend uns nicht noch beide feſthält und in ſeine Höhle ſchleppt, um uns jammervoll lang⸗ ſam zum Tode zu peinigen, laſſen Sie uns die Flucht ergreiſen. Ich leſe eine geheime Tücke in ſeinen raub⸗ gierigen Augen, ein Attentat auf Ihre Ruhe, beſter Rodney; er bringt Sie um mit Fragen und Witzen Ich ſpreche kein Wort Deutſch, fiel Eduard Rodney ſehr ruhig ein. Nix German! Aber er radebrecht ein verzweifeltes Engliſch, bei dem Sie Geſichter ſchneiden müſſen, wie ein Gehängter. „wandte ſich nach ihm um. —. 11— Rodney ergriff ſeinen Hut, und ohne ein Wort zu ſagen, ging er hinaus, mitten in einem Wirbel der. betäubenden Muſik. Eilig folgte ihm ſein Freund nach. Die Equipage des Hotels, in welchem ſie Woh⸗ nung genommen hatten, und mit deren Hülfe ſie hie⸗ her gekommen waren, wartete draußen, da die beiden Reiſenden nur kurze Zeit im Circus verweilen wollten. — Der Kutſcher ſprach mit einem Manne, welcher ſogleich beſcheiden ſich entfernte, als ſein Bekannter gerufen wurde, aber Graf Aurel blieb ſtehen und Biſt Du es, Franz? fragte er. Ja, wahrlich, Franz Willner, mein ehrlicher, guter Franz! Ich freue mich, Dir ſo unverhofft, gleich in den erſten Stunden meiner Rückkehr, zu begegnen. Wie geht es Dir? Der junge Mann, welcher alſo angeredet wurde, hob ſein offenes Geſicht ganz belebt vor Freude zu dem vornehmen Herrn auf und ſtarrte ihn eine Mi⸗ nute lang ſprachlos an. Mit der einen Hand hielt er ſeinen Hut, die andere ſchüttelte der Graf, bis er aus ſeiner Überraſchung ſich erholt hatte.— Es geht mir gut, erwiderte er dann, aber Sie, Herr Graf?— Die Freude iſt mir ins Herz gefahren— Oho! Ih⸗ — 12— nen geht es gleichfalls gut. Sie ſehen friſch und wohl aus, beſſer als damals, wo ich Sie zuletzt ſah. Ich will Dich aufſuchen. Wo wohnſt Du, fragte Aurel. Franz nannte die Straße und das Haus. Mein Schild ſteht an der Thür, ſagte er mit einigem Nach— druck: Franz Willner, Schloſſermeiſter. Alſo anſäſſig! rief der Graf. Das höre ich gern von Dir. Seit einem halben Jahre, und Oſtern denke ich zu heirathen. Der Kutſcher knallte ſcharf über ſeine unruhigen Pferde fort, und Rodney, der ſchon im Wagen ſaß, rief in engliſcher Sprache hinaus: Sie ſind im Stande, mich hier erfrieren zu laſſen, um genau zu wiſſen, ob die Hochzeit des albernen Burſchen am Sonntag oder Montag ſein ſoll. Ich komme jedenfalls und wohl morgen ſchon, ſagte Aurel. Gehab' Dich wohl, Franz. Haſt Du ei⸗ nen Platz im Circus? Bei meiner Braut, Herr Graf. So laß ſie nicht allemn, weils immer gefährlich iſt, Bräute allein zu laſſen, fuhr der junge Herr la⸗ chend fort, indem er in den Wagen ſtieg, der ſogleich ſich in Bewegung ſetzte. Was ſeid ihr Deutſchen für ein ſonderbares Volk! ſagte Rodney. Zu Haus, wie auf der Reiſe, findet ſich an jeder Ecke irgend ein Ding, bei dem ihr ſtill— ſtehen, es betrachten, begrüßen und, wenn es irgend angeht, mit ihm reden müßt. Iſt es kein Fürſt, Graf oder Freund, ſo iſt es der Freund eines Kutſchers, und wenn von Heirathen geſprochen wird, ſo verwan— delt ſich jeder Schloſſermeiſter in den leibhaftigen Sohn der cypriſchen Göttin. Dieſer da, erwiderte Aurel lachend, hat in ſeinem trockenen, mageren Geſichte zwar ſehr wenige Ähnlich⸗ keit mit dem verführeriſchen Schirmherrn der Liebe, aber es iſt ein wackerer Geſell, der mich gut kennt, und obenein mein Milchbruder. Was iſt das für ein Dornenſtück deutſchen Lebens? fragte Rodney gähnend. Der Sohn meiner Amme, der ſeiner Mutter Milch entbehren mußte, damit ich das genöſſe, was natur— gemäß ihm beſtimmt war. Und für dieſen Raub ſind Sie ihm Dankbarkeit ſchuldig? Ach, er iſt glücklicher als ich! ſagte Graf Aurel. Er braucht mich nicht. Er hat gelernt, was ihn nährt; er ſagt mit Stolz, daß es ihm wohl gehe. Er hat — 1— ein Herz, das ihn liebt, und eine Hütte, die ſeinen Frieden einſchließt. Und Oſtern heirathet er, der deutſche Pinſel! rief Nodney, während er ausſtieg, denn der Wagen hielt vor dem Hotel. 2. Am nächſten Morgen war der Geheimerath Graf Bodo Derſchau, wie gewöhnlich, ſchon ſehr früh in ſeinem Arbeitszimmer beſchäftigt. Er war ein unge⸗ mein thätiger Geſchäftsmann, der, wie ein geborener Selbſtherrſcher, ſein Reich regierte, ſeine großen Güter, Amter und Capitalien in guter Ordnung hielt, dabei im Staatsrathe ſaß, provincielle Angelegenheiten ver⸗ waltete, auf Kreis⸗ und Landtagen erſchien und, als Standesherr, geborener Reichsrath war.— Ein ein⸗ ziger Secretär bildete ſeine ganze Hülfe; aber dieſer bewährte Diener war von derſelben Conſtruction wie ſein Herr, und paßte zu ihm, wie ein Ergänzungs⸗ winkel zum rechten Mit einem Winkel hatte er auch die größte Ähnlichkeit; denn ſein Oberleib bildete aus Gewohnheit immer eine etwas ſchiefe Linie, dabei war 15— er ſo platt, dünn und lang, wie aus zwei Strichen zuſammengeſetzt; und ſeltſamer Weiſe ging die Weis⸗ heit der Vorſehung ſelbſt darauf ein, indem ſie ihm den Namen Winkel zugetheilt hatte. Der Secretär Winkel kannte alle Angelegenheiten ſeines Herrn aufs genaueſte. Er war eingeweiht in jede Affaire des Grafen, ſchrieb eine ausgezeichnete Hand, rechnete mit wunderbarer Sicherheit und Ge— ſchwindigkeit, führte die Bücher mit äußerſter Genauig⸗ keit, war rechtskundig und welterfahren, beſorgte den ſchriftlichen Verkehr im weiteſten Umfange und hatte in allen geſchäftlichen Dingen ein zuverläſſiges Urtheil. Er war daher bei dem Grafen, was man die rechte Hand nennt. Es geſchah nichts ohne Winkel. Un⸗ ermüdlich fleißig, war er immer auf dem Platze, bei Tag und Nacht zu Sr. Excellenz Befehl, und immer in derſelben ſchiefen, gebückten Stellung, immer mit derſelben unterthänigen Ernſthaftigkeit, immer mit dem klugen, durchdringenden Blicke ausgerüſtet, der an der Lippenbewegung des Herrn hing und beim erſten Worte wußte, was jener wollte. Deer Seccretär Winkel war ſeit dreißig Jahren im Dienſte des Grafen und ſo alt wie dieſer, alſo dicht an ſeinem fünfzigſten Geburtstage; aber er hatte ſich — 16— niemals verändert und ſah genau noch eben ſo aus, wie damals, als er Schreiber, Kammerdiener, Com⸗ miſſionär und geheimer Rath des jungen Grafen wurde.— In dieſer Stellung hatte er viel erfahren, was die Welt nicht wiſſen durfte; alle Aventuren ſeines Herrn waren durch ſeine Hände gegangen, und deſſen Leben lag vor ihm wie ein Buch, an welchem er ſchreiben geholfen und allerlei Ohren und Kniffe in die Blätter gemacht hatte.— Der Diener war der innigſte Vertraute ſeines Herrn und verdiente, es zu ſein; denn ſelten waren zwei Charaktere in allen ihren Neigungen, Fehlern und Leidenſchaften ähnlicher und ſtimmten, in allen Richtungen ſich ausgleichend, ſo gut überein. Graf Bodo's vorherrſchender Zug war Liebe zum Beſitz und zum Gelde. Er war, trootz ſeines Reich⸗ thums und des äußeren Prunkes, welchen Stand und Name ihm auflegten, ein Mann, der keinen Groſchen zu viel ausgab und aufs genaueſte handelte, wo er bezahlen ſollte. Mit derſelben Gewiſſenhaftigkeit, wie er in ſeinem Haushalte verfuhr, um Alles aufs bhil⸗ ligſte einzurichten und dennoch ein glänzendes Außeres der Welt zu zeigen, verfuhr er auch gegen ſeine Päch⸗ ter, Schuldner, Diener, und wer irgend mit ihm in — 1, Geſchaften ſtand.— Der Geheimerath Graf Derſchau hätte verdient, an der Spitze eines großen Handels⸗ hauſes zu ſtehen, das er berühmt gemacht haben würde. Er war ein ſcharfſinniger, klar blickender Speculant, der einen bewundernswürdigen Calcul über Gelingen oder Mißlingen einer Unternehmung aufſtellen konnte und einen guten Theil jedes Tages damit zubrachte, zu rechnen und zu combiniren, Pläne auszuſinnen, wie ſein Geld ſich mehre und wie er Vortheile erzielen könne. Alle dieſe Gedanken ſchüttete er in den Buſen des getreuen Genoſſen Winkel aus, der immer noch daran zu beſſern und auszubilden wußte. Graf Derſchau beſaß große Galmei- und Eiſen⸗ gruben, er trieb einen mächtigen Holzhandel in ſeinen Wäldern, er hatte Fabriken der verſchiedenſten Art auf ſeinen Gütern; doch für alle dieſe weitläufigen Ge— ſchäfte wußte er ſich Compagnons zu ſuchen, die be⸗ deutende Geldeinlagen machen konnten und die Aus— führung der techniſchen Einrichtungen, wie auch Be⸗ trieb und Verwaltung übernahmen, auf jeden Fall hin aber ihm contractlich bedeutende Renten, als Minimum, zugeſichert hatten. Mit ſeinem getreuen Secretär bil⸗ deete er die Ober⸗Rechenkammer, und mit dem Eifer eines Spürhundes verfolgte Winkel jeden Tag, von 9 2 — 18— früh bis ſpät, Jahr ein, Jahr aus, jedes Zeichen ei⸗ nes Fehlers, einer Nachläſſigkeit oder eines Unterſchleifs in den Haufen der verſchiedenartigſten Rechnungen, Nachweiſe oder Belege. Jede Zahlung mußte aufs pünctlichſte einlaufen, oder Winkel war bei der Hand mit einem anmahnenden Schreiben; jede Pacht⸗ und Contract⸗Bedingung, wäre ſie auch noch ſo gering ge⸗ weſen, mußte aufs genaueſte erfüllt werden; denn Winkel, der Alles wußte und Alles beobachtete, ſtand, als Cherub, mit dem Schwerte des Geſetzes da und kannte weder Schonung noch Nachſicht. Ein ſo trefflicher Huͤter nd Bewahrer ſeines Gu⸗ tes mußte dem Grafen werth und theuer ſein, und wirklich war er ihm aufrichtig zugethan, ſo weit dies überhaupt möglich war. Herr Heinrich Winkel wurde von ſeinem Gebieter mit zahlloſen Zeichen der Zunei⸗ gung beehrt, wie denn der Geheimerath uͤberhaupt ein ungewöhnlich ſpaßhaft und wohlgelaunter Herr war, der mit einer gewiſſen offenen Herzlichkeit ſich herab⸗ ließ, ſelbſt mit den Ärmſten und Letzten zu ſcherzen; allein wenn Graf Bodo ſeinem Vertrauten auch Alles im reichſten Maße bewilligte, ſo empfing dieſer doch Eines eben ſo knapp, wie jeder Andere, nämlich Geld, H b en ei⸗ hleifs ingen, aufs Hand und g ge⸗ denn ſtand, und Gu⸗ „ und t dies wurde Zunei⸗ pt ein war, herab⸗ jerzen; Alles doch Held, — 19— weil es dem Grafen angeboren war, Geld, ſo viel als irgend möglich, für ſich allein zu behalten. Trotz deſſen war der Secretär aber ein wohlha⸗ bender Mann, dem man ſogar bedeutende Reichthümer nachſagte.— Er war unverheirathet, wohnte im Hauſe des Grafen, begleitete dieſen überall hin, bekam, was er brauchte, aus der gräflichen Küche und hatte ſomit für nichts zu ſorgen. Sein geringes baares Gehalt, das niemals, ſo lange er ſich im Dienſte des Grafen befand, erhöht worden war, hätte nun allerdings wohl ſchwerlich ihn reich machen können; aber der Secretär hatte der Mittel und Wege genug, um ſeine Stelle einträglich zu machen. In ſeinen Händen lag die Abſchließung, Verlängerung und Erneuerung aller Con⸗ tracte und Geſchäfte; jedes Geſuch an den Grafen kam zunächſt an ihn und bedurfte ſeines Vortrages und Fürwortes; von ſeiner Darſtellung und ſeinem Einfluſſe hing ſehr häufig Gewährung oder Verweige⸗ rung ab. Es war daher nicht zu verwundern, daß dem Gerüchte nach, höchſt bedeutende Summen in die ſtets offene Taſche des dienſtfertigen Winkel gefloſſen ſein ſollten, und offenbar wußte und billigte ſein Ge— bieter dieſe Ährenleſe. Denn manche Geſchäftsmänner, welche dieſen Tribut zu vermeiden wünſchten, den 2* 20 Secretär bei Seite ſchoben und direct mit dem Grafen verhandeln wollten, fanden zu ihrem Erſtaunen, daß dieſer es ganz eben ſo machte, wie einſt König Jakob von England mit ſeinem Premier⸗Miniſter Sunderland d. h. er ließ ſich auf nichts ein, ſondern fragte nur' ob ſie ſchon mit ſeinem Secretär in Richtigkeit wären, was jedes Mal denn auch die Verſtändigung zur Folge hatte. Wenn es Verleumdung war, daß, wie in England, König und Miniſter die als Beſtechung ausgepreßte Summe theilten, ſo war wenigſtens das gewiß, daß der Geheimerath Vergnügen daran empfand, ſeinen Günſtling auf anderer Leute Koſten reich zu machen, und daß, je reicher Winkel wurde, deſto geiziger, bos⸗ hafter und habgieriger er ſich erwies, und wiederum: je weiter ſich dieſe edlen Eigenſchaften entwickelten, deſto mehr der Graf ihn zu lieben und zu achten ſchien. An dem Morgen nun, wo Graf Bodo in ſeinem Arbeitszimmer ſo eifrig beſchäftigt war, befand ſich auch der Secretär an ſeinem Platze, neben ſeinem Herrn, und legte dieſem eine Reihe Briefe zur Unter⸗ ſchrift und eine große Zahl abgeſchloſſener Rechnungen und Rechnungsauszüge vor, welche er mit Erläuterun⸗ gen begleitete.— Der Graf trug einen bequemen tür⸗ — 21— afen kiſchen Schlafrock, auf dem Kopfe ein rothes geſticktes— daß Käppchen, ein Shawl war nachläſſig um ſeinen mus⸗* akob kelvollen, gewaltigen Hals geſchleift. Der Secretar anh ſtand dagegen eng eingeknöpft, wie immer, in ſeinem hechtgrauen Röckchen mit niedrigem Kragen, gebückt ren, und jedes Winkes gewärtig. Sein ſchmaler, dreieckiger zur Kopf ſaß auf dem langen Halſe, wie ein Flaſchen— küͤrbiß, der auf einen Stock geſteckt wurde. Das blond⸗ annd, braune, etwas dünne Haar war, außerordentlich glatt teßl geſtrichen, lang über den Scheitel gelegt, und aus den daß kurzen Rockärmeln ſtreckten ſich die durren Arme und ne Finger mit wunderbarer Gelenkigkeit, wie Spinnen⸗ ben, beine, über die Papierblätter aus. bos⸗ Das macht ſich ja ſehr gut, Winkel! ſagte der um: Graf beifällig nickend, indem er ein Papier durchſah. deſc Die Zahlungen ſollen geleiſtet werden, in drei Mo⸗ naten Geld und bis dahin acceptirte Wechſel; dann dn. für das nächſte Jahr tauſend Thaler mehr. Ich denke, inem wir können dies annehmen. ſj Es wäre wohl möglich, erwiderte der Secretär, ünem daß mit einiger Verzögerung und einigen Einwänden mter⸗ noch immer einige Hundert Thaler mehr heraus ge⸗ ngen preßt werden könnten. Der Pachter Gersfeld ſchwört aun⸗ zwar, er ſei halb ruinirt durch die ſchlechten Jahre tür⸗ 1 — 8 22— und bezahle zu hoch; er muß ſich aber doch fügen und wird ſich fügen, wie er ſich ſchon der höheren Forde⸗ rung gefügt hat. Warum muß er ſich fügen? fragte der Graf la⸗ chend. Hat er dich noch nicht genügend befriedigt, Winkel, daß du ſo ſtreng mit ihm biſt? Erſtens, ſagte der Secretär unerſchütterlich, hat er zu viel in das Gut geſteckt. Er kann nicht gehen, ohne ſein ganzes Vermögen da zu laſſen. Zweitens weiß er, daß, wenn er geht, Ew. Ercellenz die tauſend Thaler mehr von Jedem bekommen; drittens aber rech⸗ net er darauf, daß es ihm künftig beſſer gehen werde. Die Menſchen rechnen immer auf beſſere Zeiten, Winkel, und das iſt eine der ſchönſten Einrichtungen Gottes. Wenn ſie nicht glaubten und nicht hofften, würden ſie nicht zu regieren ſein, und es würde uͤbel ausſehen in der Welt. Dieſer Gersfeld hat noch ganz beſondere Hoffnun⸗ gen, fuhr der Secretär fort. Es muß immer eine Anzahl Narren geben, die etwas Beſonderes für ſich haben wollen, ſagte der ſpaßhafte Graf. Wegen des jungen Herrn Grafen Aurel, ſprach Win⸗ kel gleichgültig weiter, indem er die Papiere ordnete. — 23— Was iſt mit dem jungen Grafen Aurel? rief der Reichsrath, Hand und Feder auf den Tiſch legend. Der gnädige Herr war eine Art Jugendfreund von dem Menſchen, dem Pachter Gersfeld, ſagte der Se⸗ cretär. Der junge Herr Graf haben ihm auch vor ſechs Jahren, durch ſein gnädiges Fürwort bei Ew. Excellenz, die Pachtung unter den billigen Bedingun⸗ gen verſchafft; es iſt ſomit kein Wunder, wenn er meint, daß künftig einmal— wie ſolche Leute denken, Excellenz, ſie glauben.... Hier warf Winkel einen ſchwermüthig betrachtenden Blick auf ſeinen Gebieter, indem er zugleich den Kopf ſchüttelte und ſeinem lan⸗ gen Geſicht den Ausdruck ſtrengen Ernſtes gab. Sie glauben, Winkel— was glauben ſie? lachte der Geheimerath, indem er einen der Knöpfe am hecht⸗ grauen Rocke ſeines Vertrauten feſthielt.— Sie glau⸗ ben, der junge Graf Aurel wird einmal Majoratsherr werden, und dann wird die goldene Zeit kommen?— Das iſt der Glaube, den alle Völker von den Kron⸗ prinzen haben, Winkel. Ein ſehr ſchöner Glaube— aber was kann da nicht alles geſchehen, um die Freude zu Waſſer zu machen!— Sage aufrichtig, Winkel, giebt es Menſchen, die ſich auf meinen Tod freuen? Gnädigſter Herr, erwiderte der Secretär, Sie pfle⸗ — 24 gen häufig ſelbſt zu ſagen, die Menſchen ſeien ein nichtswürdiges Geſindel; wie ſollte ſich nun nicht un⸗ ter dieſem eine gute Zahl elender Subjecte finden, die ſich über jedes Unglück freuen und ſelbſt den Tod Ew. Ercellenz mit Freuden vernehmen, obenein, da es einen giebt... Hier zuckte Winkel die Schultern ſo hoch zuſammen, daß ſie über ſeinem langen Halſe ſich an die Kopfſeiten preßten. Der Geheimerath ſah ſtill vor ſich hin und ſagte dann halb mit ſich ſelbſt ſprechend: Er iſt geſtern zu⸗ rückgekehrt. Es iſt bedauernswürdig! flüſterte Winkel, einen hohlen Seufzer ausſtoßend. Was? Werzl rief ſein Gebieter heftig. Wenn es ſo kommen ſollte! fuhr der Secretär fort.— Er würde alles zerſtören, umwälzen, vernich⸗ ten, was ſorgenvolle Arbeit und raſtloſer Fleiß ge⸗ ſchaffen haben. Es iſt noch nicht ſo weit, Winkel, ſagte der Graf ſpöttiſch, dein Weizen wird noch lange blühen. Ich habe nicht die geringſte Luſt, ihm Platz zu machen, und wenn er auch faſt noch einmal ſo jung iſt, wie ich, ſo ſieh mich an. Siehſt du eine Falte? Siehſt du, daß ich alt werde? Wer weiß, wer zuerſt fort inen graf Ich gen, wie ehſt fort müſſen, welche in Folge der Familienpacte der Ma⸗ muß von uns! und dann... Er ſchlug die grauen ſcharfen Augen zu dem Secretär auf, der auf der Stelle wußte, was ſein Herr meinte. Excellenz ſind ja auch jetzt erſt ſeit vier Jahren vermählt, fiel er ein, und wenn der Himmel Ihnen einen Erben gibt, ſo iſt es zugleich ſein höchſter Wille, daß der Herr Graf Aurel nicht Majoratsherr wird. Und alle die Hallunken, die ſich auf meinen Tod freuen, ſind gepritſcht, lachte der Reichsrath. Aller Zwieſpalt, aller Kummer hört auf, ſagte Winkel. Wollte der Himmel, daß wir recht bald die⸗ ſen geſegneten Tag erlebten! Ich ſah ihn geſtern im Circus ganz unverhofft, Winkel, ſprach der Geheimerath leiſer, und will dir geſtehen, daß ich lieber eine Klapperſchlange geſehen hätte. Was will er hier? Warum kommt er zurück? Was hat das zu bedeuten? Es wäre in jeder Beziehung eine Gnade Gottes, wenn Ew. Exrcellenz einen Erben beſäßen, ſagte der Vertraute noch einmal; nicht allein, daß die reichen Güter der erlauchten Linie erhalten blieben, wir wä⸗ ren damit auch über den Umſtand fort, jährlich die bedeutende Summe von dreitauſend Thalern zahlen zu — 26— jorats⸗Inhaber ſeinem legitimirten Erben zu zahlen hat, ſobald dieſer das zwanzigſte Jahr erreicht. Du meinſt alſo, er ſei gekommen, um das Geld zu holen? fragte Graf Bodo. Es geht ſtark in das zweite Jahr, daß er nichts eingefordert hat, antwortete Winkel. So werden wir ihn vielleicht raſch los, wenn wir ihn befriedigen. Der Secretär zuckte wieder in ſeiner Weiſe die Schultern. Der gnädige Herr Graf hat ſich geſtern Abend dahin ausgeſprochen, daß er vor der Hand das Reiſen aufgegeben habe. Woher weißt du das? fragte der Geheimerath. Ich weiß es von einem Freunde. Der Herr Graf iſt geſtern, als er aus dem Circus kam, noch ſehr lange mit dem engliſchen Herrn beiſammen geweſen, der in ſeiner Geſellſchaft iſt. Sie haben beide bis Mitternacht Wein getrunken, geraucht und ſehr viel geſprochen, was leider Niemand verſtanden hat, da es theils leiſe, theils in einer fremden Sprache, vermuth⸗ lich in der engliſchen, geſchah. Winkel, ſagte der Geheimerath verwundert, ſonder⸗ barer Weiſe weißt du mehr von ihm, als ich! So viel iſt gewiß, verſetzte der Secretär, daß in ahlen Geld iichts wir — 27— dem Geſpräche mit dem Engländer von allerlei alten Geſchichten die Rede war. Der Name Leonor wurde oft genannt, eben ſo Ihr Name, mein gnädigſter Herr, und einmal rief der junge Herr Graf in deutſcher Sprache: So bin ich um meine Braut gekommen, von der ich aufs zärtlichſte geliebt zu ſein glaubte. Er war reich, ich arm, aber Sie haben Recht, der Eine iſt ſo viel werth wie die Andere. Ich bin auf eine ſchaamloſe Weiſe betrogen worden. Dieſe Menſchen ſind zu Allem fähig. Es thut noth, ihnen ſcharf auf die Finger zu ſehen. Wer hat das gehört? fragte der Geheimerath. Du ſelbſt? Ich ſelbſt, gnädiger Herr. Ich war geſtern auch im Circus, ſah den Herrn Grafen und hielt es für meine Pflicht, mich näher zu erkundigen. Du biſt ein Schatz! ſagte der Graf nach einem augenblicklichen Schweigen. Du folgteſt ihm nach? In den römiſchen Hof, wo ſie bis jetzt wohnen, und da ich dort bekannt bin, ſo gelangte ich in ein Zimmer neben dem, welches der Herr Graf inne hat. Haſt du weiter etwas gehört? fragte Graf Bodo⸗ Leider verſtehe ich kein Engliſch, ſagte Winkel ſeuf⸗ zend. Aber haben Sie die Herren heute eingeladen? —————õ—— —— Nb — 28— Der Graf nickte.— So iſt es richtig, fuhr der Secretär fort. Sie lachten darüber. Er erlaubte ſich eine Bemerkung, die jedoch jedenfalls auf etwas An⸗ deres Bezug haben muß. Welche Bemerkung? Er ſagte— doch Sie ärgern Sich nur, Excellenz. Ich ärgere mich nie, du alter Narr! Er ſagte: Bereiten Sie Sich auf ein miſerables Frühſtück, geſalzen durch eine Flut ungeſalzener Platt⸗ heiten. Geizig und fühllos iſt er immer geweſen, über das Argſte wußte er zu ſpotten. Aber ich müßte mich ſehr irren, oder der graue Sünder iſt bald am Ende. Er hat ſich ſehr verändert, ſein Körper ſieht aufgedun⸗ ſen, waſſerſüchtig aus. Was er zuſammenſcharrte, muß er dem überlaſſen, dem er es am wenigſten gönnt, und darin liegt eine Nemeſis, die er kennt und der er doch nicht entgehen kann. Der Geheimerath hatte ſich in den Seſſel zurück⸗ gelehnt, ſein Geſicht färbte ſich dunkler, er ballte die Hand mit der Feder zuſammen, daß ſie zitterte.— Plötzlich aber lachte er laut auf.— Und das, meinſt du, hätte er von mir geſagt? rief er aus. Ich behaupte nichts, Excellenz, der Himmel be⸗ wahre mich! erwiderte der gebückte Winkel. Er bat es gewiß von irgend einem Dritten geſagt; ich be⸗ ich richte nur, was ich vernommen habe. n⸗ Wer weiß, von wem die Rede war! ſagte der 1 Geheimerath. Waſſerſüchtig, aufgedunſen, grauer Sün⸗ der, Plattheiten! Du biſt ein Narr, Winkel.— Ich habe ihn erziehen laſſen, habe ihn unterſtützt, auf Uni⸗.* verſität geſchickt, große Koſten an ihn gewandt, und es noch jetzt lebt und reiſ't er aus meiner Taſche; denn tt⸗. was ſeine Tante ihm gibt, iſt unbedeutend.— Er ſtützte den Kopf auf den Arm und ſah einige Minu⸗ ich ten lang vor ſich hin, während der Secretär ihn mit de Blicken betrachtete, aus denen ein geheimes Entzücken m glänzte. Seine Augen nahmen jedoch ſofort den Aus⸗ uß druck der Demuth und der unterthänigſten Stille an, nd als der Geheimerath ſich aufrichtete, die Feder nahm, och die Briefe unterzeichnete, die Papiere durchlas und ſeine Geſchäfte raſch und ſchweigend abmachte. Erſt ck⸗ aaach einer langen Zeit ſagte er: Was den Grafen Aurel, meinen Vetter, betrifft, Winkel, ſo fahre fort, ihn genau zu beobachten; ich hoffe es dir zu erleich⸗ tern. Ich will wiſſen, was er treibt, mit wem er umgeht, welche Abſichten er hat, wie er ſich äußert be⸗ 1 und was er von mir ſpricht und denkt.— Du biſt zu klug, um weiterer Inſtruction zu bedürfen; doch — 30— wende Alles an, ihn auszuforſchen. Im Übrigen iſt es wahr, daß mein Vetter dein beſonderer Freund nie ſein mochte, ſo wenig, wie du ihm mit Zärtlichkeit anhingſt. Sei alſo doppelt vorſichtig, und nun arbeite weiter und laß dich nicht ſtören. 3 Der Graf ſtand auf, der Secretär legte die Pa⸗ piere zuſammen. Was aber den Pachter Gersfeld be⸗ trifft? fragte er. Er ſoll fort! rief der Geheimerath von der Thür zurück. Da er ſo viel von dem jungen Herrn hofft und mein Ende ſo ſehnſüchtig wünſcht, ſo wollen wir ijhm Zeit geben, es in aller Ruhe zu erwarten. Schreib ihm, die Rückſtände müßten ſofort beſchafft werden; das Weitere würde ſich dann finden.— Haben wir erſt das Geld, ſagte er lächelnd, ſo mag er ſehen, wo er bleibt. Suche inzwiſchen immer nach einem ſicheren Manne, und ſorge für dich ſelbſt.— Doch das brauche ich dir weiter nicht zu empfehlen.— Mit einem gnädigen Kopfnicken ging er hinaus, und Winkel verbeugte ſich ſo tief, daß er ein rechter Winkel wurde. Dann ſetzte er ſich und ſchrieb und rechnete drei Stunden lang, ohne aufzublicken, bis er ans Fenſter des Zimmers lief, das auf den Hof des Hotels hinaus ging. naus, echter und vis er f des — Da ſtand der Graf mit zwei Herren und beſich⸗ tigte ein prachtvolles Roß, das ein Bereiter an der Leine hielt, und auf der Galerie ſtand die Gräfin, hinter dem Glasvorbau und den tropiſchen Pflanzen, die ihn ſchmückten, und lehnte den Arm auf die Schul⸗ ter des Fräuleins Beate von Lebel, ihrer Geſellſchafterin. Winkel ſah mit einem Blicke Alles. Er ſah, wie die Damen aufmerkſam hinunter blickten, wie ſie ſich ſeitwärts beugten, um nicht etwa das ſtolze Roß zu betrachten, ſondern den beiden Herren ins Geſicht zu ſehen, welche ſich von ihnen abwandten. Er ſah auch, wie der Geheimerath ſich anſtrengte, um ungemein rüſtig, raſch und jugendlich zu ſein; zu gleicher Zeit aber wurde die ſpottſüchtige Freude, welche er darüber empfand, zu einem grimmigen Hohn, der ſeine Augen zuſammen zog und ſeinen langen, zähen Lippen ein Lächeln abzwang. Er ſah gerade vor ſich den Grafen Aurel und blickte in deſſen blühende, jugendliche Züge mit dem Ausdruck des rachſüchtigſten Haſſes. Dieſer Haß war alt. Aurel hatte ihn frühzeitig hervorgerufen durch unverhüllte Verachtung des Vertrauten ſeines Vetters. Aber Winkel hatte dem Geheimerath nicht alles geſagt, was er geſtern gehört. Er hatte Aurel ſagen hören, daß der elendeſte aller Schufte der Rath⸗ geber und Gehülfe ſeines Verwandten ſei, und jetzt ſtand er hinter dem Fenſterkreuze, lauernd und betrach⸗ tend, und murmelte leiſe vor ſich hin: Wie hübſch er ausſieht, wie geſund und friſch! aber wart, wart!— Wir wollen dafür ſorgen, daß er ſo blaß wird, wie damals, als er auf Reiſen ging. Und wenn es mög— lich iſt, he, he! wollen wir ihm das Wiederkommen verleiden. 3. Der Geheimerath führte ſeine Gäſte in die Ge⸗ ſellſchaftszimmer, und hier umarmte er ſeinen Vetter in herzlicher Weiſe, nachdem er Eduard Rodney, ſo gut er es in engliſcher Sprache vermochte, bewillkommt hatte. Mein theurer Aurel, ſagte er, heut erſt kann ich mich recht über deine Ankunft freuen, die mich geſtern faſt beſtürzt machte, da ſie ſo unerwartet über mich kam. Du erlaubſt mir doch, daß ich Dich wieder mit dem alten herzlichen Du anrede, wie es ehemals Sitte bei uns war? fügte er dann lächelnd hinzu, und in⸗ dem er ihn nochmals umarmte, ſprach er leiſer an ſei⸗ nem Ohr: Es ſoll Alles vergeben und vergeſſen ſein zwiſchen uns, nicht wahr, Aurel?— Er legte beide u⸗ 1 Hände auf ſeines Vetters Schultern und klopfte ihm die Wangen.— Größer kannſt du nicht geworden 3 ſein, denn in deinem Alter wächſt man nicht mehr, aber männlicher, ſtärker, kraftvoller biſt du geworden, und blühend ſiehſt du aus, wie ein Halbgott.— Wie findeſt du mich dagegen? Ein wenig ſtärker und voller geworden, aber ſonſt— 1 ganz wie ehemals, war die Antwort. Aber meine graue Mähne, ſagte der Geheimerath, lachend an ſeinen Bart faſſend, deutet nur zu ſichtlich an, daß es mit der Jugend vorbei iſt. Es zeigen ſich graue Haare auch bei mir, erwi— derte Aurel. Rodney, der wenige Jahre älter iſt, weiß ſie nicht zu verbergen. Dennoch aber iſt er, was Ju⸗ gendkraft und Körperſtärke betrifft, der kräftigſte Mann, ddeen ich je geſehen habe. h Wie ſchade, daß er gar kein Deutſch verſteht! in Nicht ein Wort, fuhr Aurel fort. Eben ſo wenig Franzöſiſch oder irgend eine andere Sprache. Er ge⸗ nil hört zu der nicht kleinen Zahl mannigfach begabter Männer ſeines Volkes, denen das Sprachtalent g gänz⸗ lich mangelt und welche deßwegen ſich auch keine Mühe geben mögen, eine andere Sprache zu erlernen. 3 Als die reizende engliſche mit ihren geſangvollen Klängen, ſpottete der Geheimerath. Nun, wir wollen ſehen, wie wir mit ihm fertig werden. Leonor verſteht etwas davon und lernt fleißig von ihrer Geſellſchafte⸗ rin, die ganz teufelmäßig verengländert iſt. Im letzten Winter kam die Wuth in die Geſellſchaft, Engliſch zu lernen. Mit den Franzoſen wollte kein Menſch mehr zu ſchaffen haben. Die revolutionäre Sprache hat etwas Verpeſtendes, man fühlt ſich unangenehm davon berührt. Auch die Literatur hat den Geruch davon an⸗ genommen, das conſervativſte Buch iſt rebelliſch; alſo Engliſch.— Aber, ſagte er, ſich lachend unterbrechend, davon ein ander Mal. Ich fürchte beinahe, jetzt wer⸗ den wir nachſtens das Engliſche abſchaffen wegen re⸗ volutionären Anſteckungsſtoffes. Was iſt Sir Eduard? Whig oder Tory? Seine ganze Familie gehört den entſchiedenen To⸗ ries an, erwiderte Aurel. Das iſt gut, ſagte der Geheimerath, einen freund⸗ lichen Blick auf Rodney werfend, der ſich ans Fenſter geſtellt hatte und höchſt gleichgültig vor ſich hinſah.— Er ſieht etwas ſtark langweilig aus, das heißt eng⸗ liſch langweilig, ſtumm und geiſtreich. Gut, er wird uns durch kein unnützes Geſchwätz compromittiren. —p 35— Davor muß man ſich jetzt beſonders in Acht nehmen. Aber, mein lieber Aurel, ich hoffe, du bleibſt nun bei uns und entſchädigſt deine Freunde für deine lange Ab⸗ weſenheit. Du haſt doch deine Tante heute beſucht? Ich habe die theure, würdige Frau geſehen, ent— gegnete Aurel, und habe ihre gütigen Hände geküßt, die mich ſegnend und freudezitternd empfingen. Der Geheimerath unterdrückte eine Antwort, aber in ſeinen Augen lag eine Luſtigkeit, die er nicht ganz zurückzwingen konnte.— Eine ſehr würdige Frau, in der That, ehrwürdig und chriſtlich ſtreng, wie eine Heilige, ſagte er; ſchade, daß ſie uns ſo ſelten beglückt! Leonor iſt voller Schwärmerei für ſie, alle tugendhaf⸗ ten Seelen müſſen ſie bewundern, alle Armen verehren —— ſie, wie eine Mutter, weil ſie Allen gibt.— Die Armen und die Tagediebe, mein lieber Aurel, nennen To jeden Mutter oder Vater, der ihnen Geld in die Hand * ſteckt, mit Ausnahme einer kleinen Notte undankbarer ind⸗ Böſewichte, die ihre Wohlthäter obenein haſſen und iſter wohl gar auf ihren Tod lauern. Du mußt einmal — ſelbſt darüber Erfahrungen machen können.— Doch eng⸗ jetzt ſage mir, ob du bei uns bleiben willſt? wird Ich will allerdings bleiben, erwiderte der junge iren Graf; denn ich bin müde und möchte, nachdem ich 2 0 8 Vieles geſehen und erfahren, meine Vorräthe ordnen und für mich verwenden. Vortrefflich! rief der Geheimerath. Du haſt im⸗ mer poetiſches Talent, eine blühende Phantaſie gehabt. 3 Du mußt ſchreiben. Bücher, von Cavalieren geſchrie⸗ ben, ſind Mode geworden. Der Verſtorbene hat die Bahn gebrochen, du biſt ein lebendig Gewordener; haſt Abenteuer erlebt, Griechinnen, Türkinnen, Koptinnen, Araberinnen, mauriſche und ſpaniſche Mädchen in allen 8 möglichen Situationen geſehen. Das gibt Schilderun⸗ gen, dei denen unſere Damen und alle empſindſamen, ſchönen Seelen lachen, weinen oder erröthen können. — Erröthen, das iſt die Hauptſache! Herklopfen be⸗ kommen, ha, ha, Aurel!— Es iſt doch ſchade, daß Sir Eduard nichts von unſerer Sprache verſteht. Wie intereſſant er ausſieht, wie aus Marmor gehauen! Er muß höchſt liebenswürdig erzählen können, unſere Damen können ſich in Acht nehmen. Der Geheimerath fiel in ſeine boshafte Art, witzig zu ſein, und Aurel ließ ihn ſprechen, obwohl er nach und nach in Unruhe gerieth, welche ſich durch die lebe haftere Farbe ſeines Geſichts und durch den Unmuth in ſeinen Augen erkennen ließ. Endlich ſagte er: Ich bin nicht Willens, über meine Reiſen etwas zu ver⸗ — 37— öffentlichen, obwohl mein Buch kein unintereſſantes werden würde. So mußt Du uns um ſo mehr erzählen, fiel ſein Verwandter ein. Abends beim Thee klingen die wun⸗ derbaren Hiſtorien zu Waſſer und zu Lande am ſchön⸗ ſten. Leonor liebt Mährchen leidenſchaftlich, und wir müſſen Dich feſthalten, theurer Aurel, denn man wird „ ſich um Dich drängen. Für Grönländer, Mohren, Buſchmänner und ähnliche Ungeheuer muß man Geld ausgeben; ſolchen Weitgereiſ'ten aber, den man umſonſt haben kann, für eine Taſſe Thee und ein paar dünne Butterſchnittchen, hält Jeder feſt. Aurel mußte herzlich lachen über den Vergleich, 4 der treffend genug war und deſſen, gegen ihn ſelbſt je gerichtete Spitze, er verachtete. 1 Ich werde mich von allen neugierigen Geſellſchaf⸗ 7 ten möglichſt fern halten, ſagte er, da ich ſehr wohl weiß, welche Freuden und Genüſſe ſie bieten. ig Männer von Geiſt, wie Du und Dein Freund, ch 6 ſind freilich an andere Geſellſchaft gewohnt, fuhr der b⸗ Geheimerath beifällig fort, und wer den geheimniß⸗ th vollen Orient bereiſ'te, brahmaniſche Weisheit, Hindus ſch und Bajaderen kennen lernte, dem müſſen unſere Sa⸗ lonmenſchen höchſt fade vorkommen. Fade, gemacht, — — 38— blaſirt, egoiſtiſch, unnatürlich, ha ha! Es iſt mit der Cultur eine eigene Sache. Iſt es nicht ſo?— Aber, mein lieber Aurel, wohin willſt Du Dich zurückziehen?— — Moraliſirt, wie ihr wollt, ſagt Hamlet, die Welt geht doch vorwärts.— Ich biete Dir mein Haus an, Aurel, Du kannſt Dich einrichten, wie Du willſſt. Im Garten⸗Pavillon kannſt Du leben, wie Rouſſeau, nach einem Syſtem de la nature. Ich danke, ſagte der junge Graf in entſchiedenem Tone. Ich habe Rodney bei mir, von dem ich mich nicht trennen kann. Den bringen wir auch unter, fuhr der Geheime⸗ rath fort. Du mußt, Aurel, Du darfſt es mir nicht at? abſchlagen.— Im Übrigen wohnſt Du ja kaum bei mir, ſondern in Deinem Eigenthum.— Du biſt mein Erbe, und ich habe meine Gründe.— Wäre es auch nur, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, um unnützen Schwätzern die Freude zu verderben, Geſchichten zu erfinden; denn daran wird es nicht fehlen.— Doch da iſt Leonor! 1 Bei dieſen Worten öffnete ſich die Thür des Ne⸗ benzimmers, und die Gemahlin des Geheimerathes trat herein, gefolgt von ihrer Geſellſchafterin. Die Graͤfin näherte ſich lächelnd. Ein leichtes Roth färbte ihre Stirn, aber ihre ſchönen Augen leuchteten klar und ſicher, und an der unbefangenen, formenvollen Art ih— rer Begrüßung konnte der ſchärfſte Blick nicht ent⸗ decken, daß Graf Aurel ihr einſt eine größere Theil⸗ nahme eingeflößt habe. Nach einigen raſchen Fragen über ſeine Reiſen und ſeine Rückkehr wurde ihr Sir Eduard vorgeſtellt, und mehr mit ihm, als mit Aurel, ſpann ſich die Unterhaltung fort. Die Gräfin ſprach Engliſch und entſchuldigte ihre Unvollkommenheit darin, indem ſie zugleich das Fräulein herbeirief, die wartend im Hinter⸗ grunde ſtehen geblieben war. Herr Rodney findet hier eine größere Meiſter⸗ ſchaft, wie ich glaube, ſagte ſie. Meine Freundin Beate von Lebel, die einige Jahre in England gelebt hat und deren Güte ich alles verdanke, was ich von dieſer reichen, ausdrucksvollen Sprache kenne, wird meine Vertheidigung übernehmen. Rodney war bei dieſer Anrede aus der ſtumpf⸗ ſinnigen Gleichgültigkeit erwacht, welche er bis jetzt behauptet hatte. Sein edles Geſicht nahm einen et⸗ was belebteren Ausdruck an, die ſtattlichen Formen ſeines Körpers wurden geſchmeidiger, und ſeine höf⸗ — 14160— liche Haltung war die eines Gentleman, der Damen gegenüber zu Huldigungen bereit iſt. Er beklagte ſein Mißgeſchick, nur Engliſch zu ver⸗ ſtehen, indem er zugleich ſein Glück pries, ſich plötz⸗ lich ſo reich dafür entſchädigt zu ſehen.— Seine kal— ten Augen waren dabei groß und glänzend geworden, und während er ſeine Zuhörerinnen ſichtlich anregte, ſtanden Aurel und deſſen Verwandter faſt unbeachtet neben ihm.— Der Geheimerath war erſtaunt über dieſe unerwartete Belebung der Gliederpuppe und ge⸗ wiſſer Maßen froh, als ein Diener an der Thür er⸗ ſchien, der dort eine ſtumme einladende Verbeugung machte. 3 Sie frühſtücken mit uns, ſagte er, oder, wie heißt es, Sir Eduard? Sie nehmen Ihren Lunch mit uns.— Rodney verbeugte ſich ſteif und reichte der Gräfin den Arm, Aurel bot den ſeinen dem Fräulein, der Ge⸗ heimerath folgte nach. Es war ein fröhliches kleines Mahl, das ſo aus⸗ geſucht fein wie möglich war, weil der Geheimerath es ſo befohlen hatte. Die Mittheilung ſeines Secre⸗ tärs hatte ihn dazu beſtimmt, eine Probe abzulegen, daß ſein verrufener Geiz Verleumdung ſei. Mit lauern⸗ der Miene ſah er zuweilen, ſowohl ſeinen Vetter, wie — 11— den Engländer, an, und er glaubte zu bemerken, daß Beide einige Mal fragende Blicke wechſelten, die ihn ſehr beluſtigten. Die Unterhaltung wurde, Rodney's wegen, zum Theil auf Engliſch geführt, wobei der Geheimerath wenig mitſprechen konnte. Er war da⸗ her um ſo mehr darauf gewieſen, theils zu beobach⸗ ten, theils ſeine Gäſte zu ermuntern, theils Aurel in Beſchlag zu nehmen, während Rodney fortgeſetzt von den Damen durch Mittheilungen und Fragen in Athem erhalten wurde.. Aurel hörte zerſtreut und mit halben Ohren zu, was ſein Vetter ihm über mancherlei Perſonen, ge⸗ ſellſchaftliche Ereigniſſe und endlich auch über Staats⸗ und politiſche Affairen mittheilte.— Es machte dem Geheimerath Freude, zu ſehen, wie er damit die Ge⸗ danken ſeines jungen Verwandten durchkreuzte, der im— mer geneigt ſchien, ſich in ſeine eigenen Betrachtungen zu verſenken, und, unmuthig über ſeinen Peiniger, die— ſen doch nicht abſchütteln konnte, ſondern hören und antworten mußte. Du gehörteſt vor deiner Reiſe auch zu den Unzu⸗ friedenen, ſagte der Geheimerath endlich lachend, die von der großen Freiheits⸗Göttin träumten, welche al⸗ len Menſchen daſſelbe Anrecht auf das Füllhorn ihrer — — 42— Gaben gegeben hat, die ihnen von einigen bevorrech⸗ teten Kaſten wegescamotirt worden ſind. Ich weiß in der That kaum, was ich ehemals war, antwortete Aurel erröthend; allein ich empörte mich, wie ich denke, gegen die Bevormundung, welche den beſchränkten Unterthanen⸗Verſtand erfunden hat. Gegen die hohe weiſe Bureaukratie! rief der Ge⸗ heimerath; ol daran würdeſt du vollkommen recht ge⸗ than haben; doch du gingſt viel weiter, guter Aurel. Du ſprachſt zuweilen ſehr erhitzt von Menſchenrechten, Tugend, gleichmäßiger Freiheit und gleichmäßigen Rech⸗ ten und Anſprüchen; kurz, du warſt ein Demagoge, ein Volksbeglücker. That ich das, ſagte der junge Mann, ſo habe ich freilich geſündigt, und beſſere Erkenntniß iſt während deſſen über mich gekommen. Die Menſchen ſind ein ſo niedrig ſtehendes, verderbtes, ſelbſtſüchtiges Ge— ſchlecht, daß es Thorheit oder Wahnſinn iſt, zu hoffen, daß ſie jemals zu einer wahren Freiheit gelangen werden. Bravo, Aurel! lachte der Geheimerath, indem er ihm ſein Glas zum Anſtoßen hinhielt. Auch du, Bru⸗ tus, auch du gehörſt zu den Geheilten! Aber weißt du, daß damals, als du plötzlich fortgingſt, es nicht Wenige gab, die das Gerücht verbreiteten, der Welt⸗ ſchmerz hätte dich ergriffen und die Regierung dir einige Winke gegeben, dich zu entfernen? 1 Wenn das wirklich der Fall war, erwiderte der junge Mann mit einem feſten Blicke auf ſeinen Ver⸗ wandten, ſo gab es mehrere Perſonen, welche dem widerſprechen konnten. Nun, du biſt wieder bei uns, ſagte Graf Bodo, 5 und verzeihe, liebe Leonor, wenn ich deine Aufmerk⸗ ſamkeit auf uns lenke; aber ich bereite dir jedenfalls die größte Freude, wie ich denke, wenn ich dir mit— theile, daß unſer theurer Aurel bei uns wohnen wird. Wir laden auch Sir Eduard ein, die Inſeparables dürfen nicht getrennt werden. Der Pavillon in der Gartenfront hat ſechs Zimmer, das paßt für Beide, und Niemand iſt genirt. Wir kommen zuſammen, wie es uns gefällt. Keinerlei Zwang darf uns auferlegt he⸗ werden; denn wir lieben die Freiheit, als conſtitutio⸗ en, nelle Staatsbürger, aber wir ſind auch ſocialiſtiſch ge— nug, um unſere Geſellſchaft angenehm zu organiſiren. Sir Eduard iſt ein verwegener Reiter, er hat mit er Aurel auf Dromedaren die Wüſten durchflogen, ſomit u⸗ weerden Beide deine Morgen⸗Spazirritte verherrlichen. Aurel iſt ein Virtuos, der mit Liszt und Thalberg — 44— ſich meſſen kann, und ſeine Stimme war ja immer der Stolz unſerer äſthetiſchen Thee's.— Er wird wieder mit dir ſpielen und dich begleiten, Duette ſingen und Romanzen. Ich bin entzückt, Aurel, daß wir dich wieder haben, und empfehle dir ganz beſonders die Muſik, die das Herz veredelt, Löwen und Tiger zähmt.— Keinen Widerſpruch, Aurel, du mußt un⸗ ſere Wünſche erfüllen. Wir bitten alle darum.— Sage ihm doch, Leonor, daß du es wünſcheſt, dir wird er nichts abſchlagen. Selbſt unſere kleine Freun⸗ din Beate wird es gern ſehen, einen ſolchen Lion in nächſter Nähe zu haben. Der Hohn im Geſichte des Geheimerathes trat im Sprechen immer ſtärker hervor und zog ſeine Mund⸗ winkel zuſammen, während ſeine grauen Augen ſich hinter zahlloſen Falten halb verſteckten und vor Ver⸗ gnügen leuchteten. Er nahm die Hand ſeiner Frau, die er zärtlich wiederholt küßte, als ſie in einigen ab⸗ gebrochenen Sätzen den Befehl befolgte, der ihr ge⸗ worden war; aber ihre Worte klangen keineswegs beſonders einladend, und ihre Blicke ſchienen Aurel aufzufordern, nicht darauf einzugehen. Du himmliſcher Engel! du biſt unwiderſtehlich, wie immer, rief Graf Bodo. Aurel kennt das, er kann nicht länger ungerührt bleiben. Ja, meine Herzens⸗ Leonor, wir werden ſchöne Tage verleben. Ich bin unendlich glücklich, Aurel, und hoffe, wir ſind es Beide. Leonor vervollkommnet ſich immer mehr. Ich verziehe ſie, aber ſie iſt ja mein einziges Gut. Was nützen Reichthümer, wenn man keinen Gegenſtand hat, dem man Alles und ſich ſelbſt zu Füßen legt?— Mein Gott! ich— ich bin ein einfacher Mann, ein Mann, der, wie Cincinnatus, ſein Gericht Rüben auf ſeinem Acker verzehren könnte. Ich könnte der tugend⸗ hafteſte Republicaner ſein, der mit Stolz ſeinen zerriſſe⸗ nen Rock trägt; aber meine ſchöne Frau liebt den Glanz, die Pracht, die Geſellſchaft, und ich bin ein ſchwacher und nachſichtiger Gemahl.— Bei jedem Satze küßte er die Hand der ſchönen Frau von Neuem, die ſchweigend dazu lächelte, während Aurel über dieſe widerliche, heuchleriſche Zärtlichkeit innerlich empört war.— Du mußt ſehen, fuhr Graf Bodo fort, daß Leonor es verſteht, ihren Ruf, als Zaube— rin der Geſellſchaft, zu bewahren, durch zauberiſche Feſte, die den feinſten Duft der Lebenscréme athmen, und du wirſt hingeriſſen werden, Aurel, du wirſt dich ausſöhnen mit deinem Ueberdruß an den exquiſiten Leuten. 46— Der junge Mann war in großer Verlegenheit, wie er ſich aus dieſer üblen Lage ziehen ſollte. Er ſah, wie feſt die Abſicht ſeines Vetters wurzelte, ihm ſeine Gaſtfreundſchaft aufzudrängen, und wollte er kei⸗ nen offenen, plötzlichen Bruch herbeiführen, ſo bot ſich ihm kaum ein Mittel dar, davon loszukommen. Dem entgegen fühlte er den heftigſten Widerwillen, ſich dem häuslichen Kreiſe des Grafen anzuſchließen, welcher boshaft genug war, ihn ſchon heute fühlen zu laſſen, was ihn erwartete. Mit der Gräfin täglich beiſam⸗ men zu ſein, beleidigte ſeine Empfindungen. Seine Erinnerungen drängten ſich zu einem Gefühle zuſam⸗ men, das, wunderbar gemiſcht aus den verſchiedenſten Leidenſchaften, ihn bei ihrem Erſcheinen ergriffen hatte; dann aber wußte er es gewiß, daß er niemals ganz vergeſſen konnte, was ſie an ihm gethan hatte. So ſchön und lächelnd, wie ſie ihn empfing, und ſo unbefangen ſie ihn behandelte, war er dennoch überzeugt, ſein Anblick ſei ihr unangenehm. Und wie hätte es anders ſein können? Sie war gequält und gepeinigt, wie er ſelbſt, durch die Forderung ihres Mannes und unverkennbar wünſchte ſte, daß er es bemerke, als ſie, die Augen nochmals zu ihm aufhe⸗ —147— bend, mit einem ſpöttiſchen und meſſenden Blicke die ei letzten Worte des Geheimerathes begleitete. Er Ich muß, ſagte Aurel, dennoch mich vor allen 4 hm Lockungen verwahren, da ich Verpflichtungen der Freund⸗ 2 ei⸗ ſchaft für Rodney habe, er aber, wie ich faſt mit Ge⸗ ich wißheit vorausſetzen muß, Ihren gütigen Vorſchlag em 1 nicht annehmen wird. em Nicht annehmen? fiel der Geheimerath ein. Warum her ſollte er meine freundliche Bitte zurückweiſen? en Weil er glauben wird, das Angenommene nicht m⸗ erwidern zu können. ne O, Poſſen! lachte Graf Bodo, das wäre ein fal⸗ m— ſches Zartgefühl. Engländer ſind überdies praktiſche ten Leute, und ſelbſt wenn er auf den Gedanken käme, te; daß eben nicht gerade ſeinetwegen ſich ihm mein Haus unz öffne, ſo wird er deine Freundſchaft um ſo höͤher ſchätzen.— Aber da ſitzt er ja zur Stelle und ſtarrt uns nd an, mit der Ruhe des guten Gewiſſens. Sage ihm, och um was es ſich handelt, oder ich will es ſelbſt thun.— vie Theurer Sir Eduard, ich lade Sie ein, Ihre Woh⸗ inb nung bei mir zu nehmen. Wollen Sie? Es wird res mir Freude machen. es Die Augen aller Theilnehmer dieſer Scene hingen mit geſpannter Erwartung an Rodney, der ſich ſteif —y— höflich verbeugte und langſam, ohne eine Miene zu und herzliche Einladung nicht ablehnen zu dürfen, die V mir die Chre verſchafft, in Ew. Excellenz Nähe zu ſein und der edlen Dame des Hauſes meine Chrfurcht bezeugen zu dürfen. Der Geheimerath ſchüttelte Rodney die Hand und ſah mit triumphirendem Lächeln Aurel an. Es iſt alſo abgemacht! rief er, ich werde auf der Stelle die Zim⸗ mer in Bereitſchaft ſetzen laſeen. Du biſt ganz roth vor Freude geworden, Leonor; aber du kannſt es nicht mehr ſein, als ich ſelbſt es bin.— Jetzt ſtrenge deine Erfindungsgabe an, damit wir unſere Gäſte unter⸗ halten. Morgens Spazirritte, oder im Park, oder Studien, oder Galerieen und Muſeen, Beſuche und Vorbereitungen. Mittags ein ausgewählter kleiner Kreis, Abends Concert, Theater, Ball⸗Geſellſchaft, ſo wird der Winter ſchon vergehen.— Du mußt dich 3 55 vorſtellen laſſen, Aurel. Leonor wird dich in die roline wird wöchentlich einmal geleſen, Göthe kritiſirt, Gedichte gemacht; bei der Fürſtin Waldſtein findeſt du alles, was Geiſt hat, und Leonor ſelbſt hat ihre * 4 1 verziehen, erwiderte: Ich glaube eine ſo freundliche V Dieſe Antwort war überraſchend und entſcheidend. geiſtvollſten Kreiſe einführen. Bei der Prinzeſſin Ka⸗ — 49— ne zu Abende, wo Gelehrſamkeit, Kunſt, Wiſſenſchaft, kurz, dliche alle Muſen einen olympiſchen Duft durch mein armes , die Haus verbreiten. he zu In dieſem Tone fuhr Graf Bodo fort zu ſprechen, furcht bis endlich nach und nach feſtgeſetzt wurde, daß am Abend die beiden Herren ihren Einzug halten und als dend. Familienglieder betrachtet werden ſollten. Der Graf ſah blieb der liebenswürdige Wirth und in unerſchöpflicher alſo guter Laune, ſo daß er erſt nach zwei Stunden ſei⸗ Zim⸗ nen Gäſten erlaubte, ſich zu entfernen. Endlich wa— 4 roth ren ſie gegangen, und nach einigen leiſen Worten der nicht Gräfin entfernte ſich auch das Geſellſchafts⸗Fräulein, deine während ſie ſelbſt ſich in eine Ecke der Bergere ſetzte inter⸗ und die Ruckkehr ihres Gatten erwartete, der ſeinen oder Verwandten durch die Vorzimmer begleitete. und Nun, Leonor, rief er im Hereintreten laut lachend, leiner das iſt ein köſtlicher Spaß; ich hoffe, daß Du damit ſt ſo zufrieden biſt. dich Ich finde nichts darin, was einem Scherze ähn⸗ die lich ſähe, war ihre Antwort. Ka⸗ Nichts, mein Kind, nichts? ſagte er, näher tre— tſirt, tend; warum denn nicht? Aurel krümmte ſich wie deſt eine Katze, der Nußſchalen unter die Fuße gebunden lhre weerden ſollen. Er berührte Deine Hand etwa, wie 4 * — 50— ein Kaninchen, das im Käfig der Schlange, in eine Ecke gedrückt, nicht mehr weiß, wohin, und vor Ent⸗ ſetzen beim Anſtreifen des grauſamen Feindes ſchaudert. Ein herrlicher Vergleich! erwiderte die ſchöne Frau, die Augen erhebend.— Haßt er mich oder fürchtet er mich ſo ſehr? Beides, ſagte der Geheimerath, Beides!— Warum ſoll er Dich nicht haſſen, Leonor? Der arme Junge hat einige bittere Erfahrungen gemacht. Und warum ſoll er Dich nicht fürchten, theurer Engel? Er traut Dir ganz ſicher alles mögliche Ueble zu. Er lachte von Neuem nach ſeiner Weiſe laut und ſcharf, indem er auf und ab ging und die Röthe im Geſichte ſeiner Frau mit Vergnügen aufſteigen ſah.— Das iſt ja eben ſo ſpaßhaft, fuhr er dann fort; aber ich will ihn hier haben, in meiner Nähe, unter mei⸗ nen Augen, weil es das beſte Mittel ſein wird, ihn zu zwingen... Er brach bei dieſem Worte ab und ſagte, indem er dicht an die Bergere trat: Du mußt mir nicht böſe ſein, Leonor; Du weißt, daß ich alles thue, was Du willſt, und wirſt mir glauben, daß ich dieſen Menſchen, der meinem Leben aufgedrungen iſt, durch Verhältniſſe, die zu zerreißen nicht in meiner Macht ſteht, weit von mir ſtoßen würde, wenn es — 51— in eme nicht beſſer wäre— auch Deinetwegen beſſer wäre—, r Ent⸗ ihn unter Aufſicht zu nehmen. audert. 4 Was mich betrifft, war die Antwort der Gräfin, e Fran, ſo weiß ich nicht, was mein Wohl mit ihm zu ſchaffen fürchtet hat. Wenn ich jedoch bedenke, was einſt zwiſchen uns ſich begab, fügte ſie mit einem leiſen Lächeln Warum hinzu, ſo ſcheint es mir allerdings gerechtfertigt, daß Junge ich nur mit innerem Widerſtreben daran denken mag, warum ihn oft zu ſehen und ſeine Nähe zu ertragen. traut Der Geheimerath ſchlug luſtig in die Hände.* Leonor! rief er, ſich zu ihr beugend, ich denke, Du biſt ut und darüber hinaus und haſt die alten Geſchichten ver⸗ ztthe im geſſen. Was war es doch? ja, richtig.— Aurel ſiße hatte eine Liaiſon mit Dir begonnen; ich lernte Dich 4 t aber urch ihn kennen, und Du wählteſt mich, woran Du 4 3 nii jedenfalls recht thateſt.— Was konnte er Dir bie⸗ 4. ten mit ſeiner ſchmalen Apanage?— Die ganze Welt, d, in das heißt alle Vernünftigen, ſtimmte Dir bei und dh 4 lachte ihn aus, denn er benahm ſich wie ein Narr, mi bis er endlich davon lief.— Jetzt nach beinahe vier 2 j alles Jahren iſt er wiedergekommen und hat, wie ich beim 2₰ daß ich eerſten Blicke ſah, ſeinen Groll unvergeſſen mitgebracht.— gen iſ it B Den e Was kann alſo Beſſeres geſchehen, als ihn mit Be⸗ meiner..: nen 1 weiſen unſerer Güte überhäufen? und wie kann er enn e 4* — 32— unſchädlicher, lächerlicher ſein, als in der Rolle, die ihm zugetheilt wird, wenn Du willſt? Und ſo viel Zwang, ſo viel— Unwahrheit! flüſterte die Gräfin. Heuchelei, wie man es nennen könnte, fuhr er fort; wer heuchelt denn aber nicht in dieſer argen Welt?— Vergiß Eines nicht, theure Leonor, vergiß nicht, daß dieſer junge Mann der Erbe meiner Güter iſt, wenn nicht— er zuckte ſpöttiſch mit den Lippen— wir irgend ein Mittel finden, ihn um dieſe ſchöne Hoffnung zu bringen.— Ich bin kein Mann, der todte Capitalien ſammelt; alles, was ich erworben und was mir zufließt, ſteckt in den vielfachen Unter⸗ nehmungen, Fabriken und Anlagen, die den Ertrag meines Beſitzes verdoppelt und verdreifacht haben, aber auf Jahre hinaus noch bedeutende Summen fordern.— Ich weiß nicht, warum ich nicht anders operire, aber es iſt einmal ſo, und wenn ich heute ſtürbe, würde er morgen Alles nehmen, ſelbſt dieſes Haus.— Al⸗ les! und Du... Du... Es würde von ihm ab— hangen, ſagte er nach einem augenblicklichen Schwei⸗ gen, wie großmüthig er ſein wollte. Ich verzichte auf ſeine Großmuth, rief die Gräfin erröthend, und ihre Mienen drückten einen hohen Grad le, die ahrheit! uhr er argen vergiß Güter pen— ſchöͤne n, der vorben Unter⸗ Ertrag , aber ern.= e, aber würde Al⸗ im ab⸗ chwei⸗ Gräfin Grad — 33— von Entrüſtung aus. Gibt es Mittel, ihm zu ent⸗ gehen? fügte ſie langſamer und leiſer hinzu. Ich hoffe— o ich hoffe! erwiderte der Graf; und eben deswegen will ich ihn hier haben.— Sei geduldig, Leonor, und ſei folgſam. Lache mit ihm, ſcherze, feſſele ihn an Dich, ſchlage jeden Weg ein, der dies bewirken kann.— Sei unbeſorgt. Er iſt immer ein Phantaſt, ein Tugendnarr geweſen. Denke daran, ſüßer Engel, daß, wenn er dieſes Mal auf⸗ wacht aus ſeinen Täuſchungen, ſein Wuͤthen nur lä— cherlich ſein muß.— Er küßte die ſchöne Frau auf die Stirn und ging hinaus. 4. Am Abend, als es dämmerte, ſuchte Aurel ſeinen Milchbruder auf, und nach einiger Mühe fand er Straße, Haus und Werkſtatt, wo der junge Meiſter allein bei ſeiner Arbeit war. Aurel bot ihm die Hand, Franz Willner hob die ſeine in die Höhe. Ich weiß doch nicht, ſagte er, ob meine rußigen Finger einſchlagen duͤrfen. Warum? fragte der Graf. △ — 54— Weil's Ihnen leid werden könnte, wenn's Un⸗ glück geſchehen iſt, erwiderte Franz lachend. Eine Ar⸗ beiterhand iſt hart und faͤrbt wohl gar ab. — Höre, Franz, antwortete Aurel, als er den jun⸗ gen Meiſter feſthielt, es hat ſich nichts in den vier Jahren an mir und in mir geändert. Nenne mich Du, wie ehemals, und habe mich lieb, wie ich Dich lieb habe: als einen Freund, der in aller Noth treu aushält. Das iſt ein Wort! ſagte Franz, und es würde falſch und hochmüthig ſein, wenn ich nicht aufrichtig V es annehmen wollte.— So will ich denn Aurel ſa⸗ gen, wie ich es immer gethan habe, und wenn Du b der alte Aurel biſt, ſo ſetze Dich zu mir; denn ich bin bei einer Arbeit, die fertig werden muß, weil ſie in einer Stunde abgeholt werden ſoll. Können wir plaudern? fragte der Graf. Plaudere ſo recht von der Leber fort, lachte der Meiſter. Aber warte nur einen Augenblick.— Er ſprang in eine Seitenkammer und kam mit einem Holzſtuhle zurück.— So, ſagte er, das iſt ein Sitz, 1 wie er ſein muß.— Mein Geſell iſt heute in die Herberge gegangen, wo Auflage gehalten wird. Ich habe einen Geſellen, Aurel, und werde in näch⸗ 55— *s Un⸗ ſter Woche noch einen brauchen können. In der Kam⸗ iine Ar mner können zwei gut ſchlafen. Ein Bett beſitz ich eine 7 ſchon, und ein zweites habe ich heute gekauft. CEin neues, breites, rief er luſtig nickend, weil ich es ſelbſt en wir brauchen will. le mich Ah, ich verſtehe, ſagte Aurel. Aber Betten ſind Sache der Braut. Bringt ſie Dir nichts mit? en jun⸗ 4 8 Weiß es nicht, und frage nicht danach, verſetzte Franz. An einer Ausſtattung wird's ihr nicht feh⸗ len; ſie iſt auch ſonſt guter Leute Kind. A△ würd Erzähle! erzähle! ſagte der Graf, und eine Cigarre frichtig anzündend, rückte er den Stuhl gegen den Schraub⸗ nel ſe ſtock, ſtützte ſich mit dem Arme darauf und ſchlug die rm D Füße über einander.— Der junge Meiſter beſchäf— enn ic tigte ſich inzwiſchen mit einem großen Schranke von weil ſi⸗ Ciſen, der kunſtvoll und fein gearbeitet, von ihm über— aall genau beſichtigt und mit leiſen Feilſtrichen da und dort noch nachgeholfen wurde. Er verſuchte die hte 1 Schlöſſer und Riegel, zog alle Schrauben an, und bei — E dieſer Arbeit erzählte er ſeine einfache Geſchichte, die einen wenig Bemerkenswerthes bot.— Er war fleißig ge⸗ n Sihh weſen, hatte an Geſchicklichkeit zugenommen, hatte ge⸗ in die ſpart und vor einem halben Jahre ein Mädchen ken⸗ rd. nen gelernt, die ihm, wie er ſagte, das Herz aus n näch⸗ ——————— ——, der Bruſt gezogen hatte mit ihren blauen, liſtigen Augen. Nun bin ich ſo weit, ſagte er dann aufblickend, wie ich ſein will. Ich habe die Werkſtelle hier ge⸗ kauft und habe Arbeit, die ſich lohnt. Was iſt es für ein Schrank da? fragte Aurel. Eigentlich mein Meiſterſtück, erwiderte Franz. Ein Geldſpinde von neuer Art, mit allerlei Sicherheits⸗ Vorrichtungen, kunſtvollen Schlöſſern und geheimen Fächern, die ſo leicht Keiner öffnet; er müßte denn wiſſen, was ich weiß.— Iſt es aber nicht ſonder⸗ bar, fuhr er lachend fort, daß wir, die wir nichts ha⸗ ben, dafür ſorgen müſſen, daß die reichen Leute ihre Schätze und ihre Geheimniſſe gut verwahren? Wir mit unſerer Arbeit und unſerem Schweiß müſſen un⸗ ſere Köpfe anſtrengen, um Mittel zu entdecken, damit die Reichen ruhig ſchlafen können.— Und das iſt ein Schrank, fuhr er fort, indem er mit dem Hammer an das klingende Metall ſchlug, worin viel Mammon liegen wird, den wir vielleicht beſſer benutzen könnten, wenn wir ihn hätten. Du haſt dies Geldſpinde alſo verkauft? fragte Aurel. 1 Geſtern, ſagte Franz. liſtigen glickend, jer ge⸗ furel. 6. Ein erheits⸗ heimen e denn ſonder⸗ ztts ha⸗ te ihre Wir en un⸗ damit iſt ein mer an ammon önnten, fragte — 57— An einen Kaufmann oder Banquier? An Jemand, der alles das iſt und noch weit mehr, erwiderte Franz. Ich habe ſonſt keine Furcht vor Ci⸗ nem, mag er heißen, wie er will. Unter dem feinen Rock und hinter dem Stern ſteckt doch zuletzt nur ein Menſch, wie ich auch bin. Aber wie er geſtern hier war und da ſaß, wo jetzt der Stuhl ſteht, und ſprach von Eiſen und Eiſenzöllen, von ſeinen Hütten und Gruben und Hammerwerken, ſeinen tauſend Arbeitern, die er ernährt, und ſeinem Einfluſſe auf Geſetz und Recht, da ging mir ein Schauer durch den Kopf, daß ein Menſch ſo viel vermag, während ich mit allem meinem Willen nicht über den Kreis meines Armes hinaus kann. So iſt das Leben, ſagte Aurel lächelnd. Doch alle dieſe kleinen und großen Kreiſe ſollen ſich fried⸗ lich vereinigen und verſchmelzen.— Wer iſt der Mann, der Dich ſo furchtſam gemacht hat? Einer, antwortete Franz mit ſichtlicher Scheu, den Namen zu nennen, der Dir auch ſchon hart in den Weg getreten iſt. Der Reichsrath? mein Vetter? rief Aurel über⸗ raſcht. Wie kommt er zu Dir? Und geſtern, ſagſt Du? Sprechen müſſen wir davon, ſagte der junge Mei⸗ ſter; aber die Sache iſt nicht von geſtern. Vor ein paar Wochen ſchon kam der Secretär zu mir und ſah mein Werk da an. Du kennſt den alten Herrn Win⸗ kel, der des Grafen rechte Hand iſt? Ich kenne ihn, erwiderte Aurel. Er iſt ein Mann, fuhr Franz fort, der eben nicht zum beſten ausſieht; aber wenn man ihn zum Freunde hat, kann man Manches erreichen. Und Du— Du haſt ihn zum Freunde? fragte Aurel. Die Sache iſt ſo, erklärte Franz: Meine Braut, Johanna— ja, ich hätte es vielleicht eher ſagen ſol⸗ len... Er ſtrich mit der Hand über ſeine Stirn in die Höhe... Sie iſt im Dienſte der Frau Gräfin, Jungfer bei ihr, und eben deßwegen— das iſt die Urſache— ja, das iſt die wahre Urſache, weßhalb Herr Winkel mir gewogen iſt— weil nämlich die Frau Grafin es ſehr gut mit Hannchen meint und 3” ihr verſprochen hat, ich ſolle für das ganze Haus die Arbeit erhalten, auch weiter von ihr empfohlen werden. 1 So, nun iſt es heraus, ſagte Franz, als der Graf ſchwieg.— Ich mußte es Dir ſagen, und wußte nicht, ob es meinem lieben Aurel unangenehm zu hören wäre, aber es iſt einmal ſo, und ich kann es nicht ändern. — Ganz recht war es mir niemals. Die Gräfin iſt 59— eine ſtolze Dame, die immer nur auf Vergnügen ſinnt und nichts verlangt, als Pracht und wie ſie die Erſte ſein will, die von Allen bewundert wird.— Der Graf iſt genau, aber für die Frau wirft er das Geld mit vollen Händen fort. Da iſt ihm nichts zu theuer Er iſt ganz närriſch, eine ſo ſchöne junge Frau zu haben, die ihn allen Anderen vorzieht, obwohl er alt iſt und häßlich ausſieht. Wer weiß! rief Aurel auflachend. Nein, nein! ſagte Franz eifrig, Hannchen hat mir vielerlei erzählt. Was ich ſage, weiß ich von ihr, und es war wenig Gutes, obwohl ſie es immer ent— ſchuldigen wollte; aber was... nun ja, was Sachen betrifft, die eine Frau nicht thun darf, ſo hat ſie ge— ſchworen, daß die Gräſin keinen Gedanken für andere Männer hat. Es iſt Alles Citelkeit, Alles Hochmuth, aber ſie hat kein Herz, wie Hannchen meint Es kann ſich Keiner rühmen, irgend eine Gunſt von ihr erlangt zu haben, obwohl, wie Hannchen ſagt, es mehr als Einer ſchon verſuchte. Das weiß der Graf recht gut, und eben darum iſt er ſo ſtolz darauf, daß ſein weißer Ziegenbart ihr mehr gilt, als Jugend und Schönheit. Der junge Meiſter ſaß noch immer auf der Erde, bald lehnte er ſich tief in den Schrank hinein und — 60— arbeitete dort, bald machte er eine kleine Pauſe und zog ſeinen Körper zurück, um weiter zu reden. Ein Licht ſtand neben ihm und beleuchtete ſein jugendliches Geſicht, das allerdings nicht ſchön war, aber in wel— chem Kraft und Tüchtigkeit ſich einnehmend ausdrück⸗ ten.— Sein langes, dunkles Haar flog um die breite Stirn; ſeine Augen hatten eine durchdringende Tiefe, und ſein Mund war ſchmal und fein gebildet. Der Graf iſt nun zwei Mal bei mir geweſen, ſagte Franz, und hat um den Schrank gehandelt, wie ein Jude, bis ich ihn endlich billig gelaſſen habe. Was ſollte ich machen? Hannchen's wegen mußt' ich thun, was irgend angeht, und dann die Arbeit im Hauſe, die Herr Winkel mir verſchafft hat. So aber ſind die reichen Leute, rief er aufſpringend: ſie zwacken uns oft, wie Blutſauger, und werfen doch für ihre Eitel⸗ keit und ihre Leidenſchaften zehnfach ſo viel in einer Minute fort. Nimm Dich vor dem Grafen in Acht! ſagte Aurel. Und was Deinen Freund, den Secretär Winkel, an⸗ belangt, ſo iſt es der größte Schuft, den die Sonne beſcheint. Pſt! murmelte Franz, den Kopf vorbeugend. Spricht — 61— einer vom Wolf, ſo iſt er da. Ich höre ihn auf der Treppe huſten; das muß er ſein! Aurel ergriff ſeinen Hut und deutete auf die Kam— mer. Ich will dort warten, bis er fort iſt, ſagte er leiſe. Er darf nicht wiſſen, daß ich Dich geſehen habe. Aber er weiß es ſchon, verſetzte Franz. Wer hat es ihm geſagt? Ich ſelbſt, geſtern. Er war mit uns im Circus — mit mir und Hannchen. In meiner Freude ſagte ich ihm Alles. So verſchweige ihm heute wenigſtens, daß ich hier war, flüſterte Aurel, indem er in die Kammer ſchlüpfte, während eine Hand draußen den Drücker an der Thür der Werkſtatt faßte. Gleich darauf hörte er die ſanfte und einſchmei— chelnde Stimme des Secretärs, und durch eine Spalte in der ſchlechten Pforte der Kammer konnte er die beiden ſchiefen Linien deutlich ſehen, aus denen Win⸗ kel zuſammengeſetzt war.— Der ganze Abſcheu, den er gegen dieſen Mann hegte, erwachte in ihm und flüſterte ihm die Überzeugung ein, daß irgend eine Schurkerei den Secretär zu den Freundſchafts⸗Bewei⸗ ſen und Lobſprüchen antrieb, mit welchen er den arg— loſen jungen Meiſter überhäufte. ——— — 62— Nun, ich komme trotz des ſchlechten Wetters, lieber Willner, ſagte Winkel. Natürlich mehr, um Sie ſelbſt zu beſuchen, als um den Auftrag des Grafen zu er⸗ füllen. Der Schrank iſt doch ganz fertig? Fix und fertig, antwortete der Meiſter. Wenn der Herr Graf mir nicht geſagt hätte, er wolle ihn ſelbſt abholen laſſen, ſo hätte ich ihn ſchon abgeliefert. Der Graf iſt immer gütig, immer einſichtsvoll und über alle Maßen praktiſch! rief Winkel.— Sie wer⸗ den ihn noch kennen lernen, mein lieber Freund, und ſeinen Geiſt bewundern. Immer gütig, ſage ich, lieber Willner. Er ſpart Ihnen die Transportkoſten; ſeine Pferde und Leute müſſen gleich hier ſein. Dazu iſt er ein Menſchenkenner, wie er ſelten vorkommt. Er erkennt jedes Talent, ſchätzt Jeden nach ſeiner Nütz⸗ lichkeit, nicht nach Rang, Geburt oder Geld. Im Vertrauen, Willner, er achtet Sie ſehr hoch. Sie haben ihm außerordentlich gefallen, und geben Sie Acht, Willner, ich glaube Ihnen ſagen zu können, es wird nicht lange dauern, und er hat einen Platz für Sie. Während er ſprach, hatte er mit dem Lichte in der Hand den Schrank von allen Seiten, nach außen und innen, betrachtet und ſagte dem Verfertiger nun viele Lobſprüche über die Schönheit und Feinheit ſeiner Ar⸗ beit.— Er probirte die Bramaſchlöſſer und bewun⸗ derte die Leichtigkeit, mit welcher der kleine Schlüſſel die gewaltigen Riegel und Stangen bewegte.— Sie ſind ein Künſtler, Willner, ein geborner großer Künſt⸗ ler, ſagte er. Dieſer Schrank, an dem nicht eine Fuge zu bemerken iſt, und der ſo mancherlei geheime Be⸗ hältniſſe enthält, iſt ein Kunſtwerk, das ich, für mein Theil, weit höher achte, als ein Bild von einem ge⸗ wiſſen Raphael oder dergleichen, das nichts iſt, als ein Stück Leinwand, auf welches Farben gepinſelt werden.— Das iſt Phantaſterei, Modeſache; die Al⸗ lermeiſten glauben ſich lächerlich zu machen, wenn ſie über ſolche alte Scharteke nicht außer ſich gerathen; dieſer Schrank dagegen iſt reelle Kunſt, ein Wunder des menſchlichen Geiſtes. Es iſt enorm, Willner, es iſt eine Schöpfung.— Nun zeigen Sie mir geſchwind die geheimen Fächer. Wo ſtecken ſie? Das Geheime, Verſteckte, das iſt meine Sache. Darum bin ich Ge— heim⸗Secretär. Haha! Franz zeigte ihm mehrere geheime Behälter, die unmerklichen Knöpſe, an welchen gedrückt werden mußle, die Federn, welche dann aufſprangen, und die Fächer⸗ welche ſich vorſchoben.— Der Secretär des Grafen / . — 34— muſterte dieſe Einrichtungen mit neuen Lobſprüchen.— Aber, ſagte er dann, es iſt noch ein ganz geheimes Behäͤltniß da, wovon Se. Excellenz mir erzählt hat. Iſt es nicht ſo, Willner? Ja, erwiderte der junge Meiſter, es iſt noch eine Abtheilung da; aber, als ich ſie dem Grafen zeigte, hat er mir verboten, irgend Jemandem das Geheim⸗ niß mitzutheilen. Auch mir nicht? fragte Winkel, ihm luſtig zunickend, und indem er ſeine grauen Augen weit öffnete und einen langen Kopf in eine wackelnde Bewegung ſetzte, fing er noch ſtärker zu lachen an.— Wahrhaftig, auch mir nicht? ſchrie er. Das iſt prächtig, über alle Maßen luſtig! Der Graf hat Keinen ausgenommen, ſagte Franz ernſthaft. He, he! das iſt meiner Seele ein Spaß! Mir will er es nicht zeigen, ſelbſt mir nicht! ſchrie Winkel, indem er ſeine mageren Hände an einander rieb. Ich denke wohl, Sie wiſſen, Willner, daß Se. Excellenz vor mir kein Geheimniß hat, niemals hatte und nie— mals haben wird.— Wenn ich nicht mehr zu be⸗ wahren hätte, als das, lieber Freund, wäre es wenig nz — 65— genug. Der Graf wird es mir ſelbſt ſagen, ehe ich ein Wort darum verliere. Das wird er ganz gewiß thun, erwiderte Franz. So, ſo, ſagte Winkel huſtend und ſeine Hand auf die Schulter des Meiſters legend. Sie ſind gewiſſen⸗ haft, Willner, ich will auch gar nicht weiter danach fragen, wenn Sie es mir nicht freiwillig zeigen wol— len. Wollen Sie? Nein, ſagte Franz, es würde gegen meine Pflicht ſein. Recht ſo! recht ſo! rief der Secretär, ihn angrin⸗ ſend. Jetzt ſehe ich, daß Sie ſchweigen können, und daß man ſich auf Sie verlaſſen kann.— Ich habe Hannchen vorher geſprochen. Sie hat mir Grüße auf⸗ getragen. Danke, danke! antwortete Franz. Ich hoffe ſie noch heute Abend auf ein Stündchen zu ſehen. Es wird nicht angehen, fürchte ich, verſetzte Win⸗ kel. Es iſt viel Lärm heute im Hauſe. Graf Aurel iſt doch heute bei Ihnen geweſen? Der Schloſſer bückte ſich nach dem Hammer, um den Secretair nicht anzuſehen; dabei ſagte er mit ei— niger Anſtrengung: Er iſt nicht bei mir geweſen, wo⸗ bei er in Gedanken ſich über die Lüge beruhigte, weil Aurel noch bei ihm war. — 66— Aber es hat hier Einer geraucht, fuhr Winkel fort, indem er die Flügel ſeiner mächtigen Naſe weit öffnete, und es iſt ein ſehr angenehmer feiner Geruch, der mich gleich auf die Vermuthung brachte, daß Sie vor⸗ nehmen Beſuch gehabt haben. Ich habe keinen vornehmen Beſuch gehabt, ver⸗ ſetzte Franz mit ſo viel Chrlichkeit, daß der Secretär des Grafen von der Wahrheit überzeugt war.— Ich glaube Ihnen, lieber Willner, ich glaube Ihnen mehr als jedem anderen Menſchen, ſagte er mißtrauiſch um— herblickend. O, der liebe Graf Aurel wird heute auch wenig Zeit gehabt haben, ſich zu Ihnen zu begeben; allein wenn er erſt bei uns im Hauſe wohnt... Bei Ihnen— bei Sr. Excellenz wohnt? fragte Franz erſtaunt. Jetzt wußte Winkel gewiß, daß der junge Graf nicht hier geweſen ſein konnte, denn die Verwunderung des Schloſſers war über alle Maßen groß und völlig ungekünſtelt. Wenn Sie es mir nicht verſicherten... ſagte Franz, als Winkel ſich noch weiter ſchief verbeugte, als gewöhnlich, und ihm ſpöttiſch zunickte. So glaubten Sie es nicht! fiel er ein.— Pa, ha! Sie kennen die Welt zu wenig, Willner. — 67— Aber die Gräfin... Aber damals? fragte Franz kopfſchuͤttelnd. Bah, bah! ſagte Winkel, mit den Fingern ſchnip⸗ pend; das ſind alte, vergeſſene Geſchichten. Viel Waſſer iſt ſeitdem den Berg herunter gelaufen, und große Herren ſind klug und weiſe, mein junger Freund.— Ich habe damals den lieben Grafen Aurel in einem Zuſtande geſehen, als ſei er raſend und werde eine ſchreckliche That thun. Ich habe gehört, wie er Fluch und Schmach über die treuloſe Dame ſeines Herzens ausſchüttete und endlich Beide der Verachtung und Strafe Gottes und der Menſchen überlieferte, und heute— paſſen Sie auf, Willner— heute habe ich geſehen, wie er der edlen Frau Gräfin die Hand küßte und ſo liebenswürdig ſüß ſchmeichelte, als ſei nie et— was zwiſchen ihnen vorgefallen. Das that er! rief Franz vorwurfsvoll, indem er, unwillkürlich die Kammerthür anſtarrte. He, he! erwiderte der Secretär huſtend und la⸗ chend, vergeben iſt ſüß, und warum ſoll man nicht, wie ein kluger Mann, ſich in etwas finden, das ab⸗ gemacht und nicht zu ändern iſt?— Denken Sie, Willner, wenn Hannchen untreu würde, einen Ande⸗ ren u e, der ihr beſſer gefiele, oder überhaupt einen 5* — 68— Gegenſtand fände, einen großmüthigen, reichen Freund etwa, der ſich ihrer beſonders annähme. Wie?— Was ſagen Sie? Eine Unruhe ergriff den jungen Meiſter. Er zuckte mit den Armen und mit den Lippen und ſagte dann, den Hammer, den er in der Hand hielt, heftig auf ſein Werkſtattbrett werfend: Reden Sie nicht da⸗ von, Herr Winkel, es wird nimmermehr geſchehen! Es wird nicht geſchehen; nein, es wird nicht ge⸗ ſchehen! Aber denken Sie ſich, Willner, wenn der Freund Sie nach Jahren in ſein Haus nöthigte, und die alte Geliebte, das ſchöne Hannchen, Ihnen die Hand reichte und Sie bäte, zu kommen und bei ihr zu wohnen. Wenn Sie ſie täglich und ſtündlich ſehen könnten, und ſie blickte Sie an mit der alten Liebe und den ſüßen Augen und flüſterte leiſe Bitten in Ihr Ohr.— Hehe, he! O, ol ſagte Franz, ich würde aber auf keinen Fall kommen. Winkel krümmte ſich ganz zuſammen, indem er recht aus dem Zwerchfell lachte und mit ſeinen lan⸗ gen Fingern ſtreichelnd an Willner's Armen herunter⸗ fuhr. Sie ſind, was man einen ehrlichen, einfachen Menſchen nennt, Willner, ſagte er, und deßwegen — nen er lan⸗ ter⸗ chen egen — 69— achte ich Sie ſo hoch, und weil Hannchen auch ſo eine gute einfache Seele iſt, darum wird ſie für Ihr Glück ſorgen, und ich werde ihr beiſtehen, ſo viel ich kann; was aber den lieben Grafen Aurel und meine ſchöne Gräfin betrifft, ſo möchte ich Ihnen ein Wort im Vertrauen ſagen. Voraus geſetzt, daß Sie ſchwei⸗ gen können. Schweigen kann ich, antwortete Franz. Winkel hob den Finger in die Höhe und drehte den Kopf, als ob er auf ein Geräuſch horchte.— Pſt, ſagte er, Sie können ſchweigen, das weiß ich. Das geheime Schubfach, hehe!— Es kann doch Keiner hören, was wir ſprechen? Wer ſollte uns hier hören können? Aber es iſt vielleicht beſſer, wenn ich nichts weiß. Die Hand darauf, daß Sie Niemandem etwas davon mittheilen! fuhr Winkel fort, ohne auf den Einwand zu achten. Wenn's ſo ſein muß, will ich die Hand darauf geben, ſagte Franz, obwohl ſein Geſicht ſtarken Wider⸗ willen ausdrückte. Ich weiß nicht, rief der Secretär indem er ſich ſetzte, den Ellbogen auf ſein Knie ſtemmte und ſein Kinn in ſeine Hand legte— ich weiß wahrhaftig — 70— nicht, weßhalb ich mich ſo ſehr zu Ihnen hingezogen fühle, Willner. Aber es iſt ſo— es iſt meine Schwachheit für Freundſchaft. Und das kommt wohl daher, ſetzte er nachdenkend hinzu, weil ich ſo allein in der Welt ſtehe, ohne Frau und Familie, ohne Verwandte und dergleichen Heuſchrecken, die zum Aus⸗ plündern immer bereit ſind.— Euch habe ich lieb, Euch Beide, Hannchen und Sie, Willner, und darum— wenn Sie Geld brauchen, wenn ich helfen kann mit Rath und That, ſo klopfen Sie bei Winkel an, dreiſt an. Ich habe Geld, für Sie habe ich Geld! immer! und was es auch ſein mag, für Sie iſt allezeit Geld da. Hannchen hat mir geſagt, wie freundlich Sie für uns geſinnt ſind, ſagte Franz, der Winkels ausge⸗ ſtreckte Hand ſchüttelte. Gut, fuhr der Secretär fort, ich bin mehr als freundlich für Euch Beide geſinnt, und verlaſſen Sie ſich darauf Willner, es ſoll Ihnen wohl gehen, aber — weiſe muß der Menſch ſein, wenn etwas aus ihm werden ſoll. Sei weiſe und habe Geld! das iſt die goldene Lehre, die Jeder ſich einprägen muß.— Er legte den Finger an die Naſe und ſah den jungen Meiſter vertraulich lächelnd an. Was nun unſeren Grafen Aurel anbelangt, fuhr er fort, ſo wird er alſo bei uns wohnen, und wie ich Ihnen ſagte, Willner, unſer Herr— ich ſage „unſer Herr“, denn Sie ſollen bald in ſeinem Dienſte ſein— hat ſeine väterlichen Abſichten dabei. Er will den jungen Grafen wie ſeinen Sohn betrachten, ihn als Sohn behandeln, der Welt zeigen, daß er ihn liebt und daß Alles vergeben und vergeſſen iſt. Das iſt ſehr gut, ſagte Franz. Er ſoll nicht in ſchlechte Hände gerathen, unter Menſchen, die ihn aufreizen und Böſes ausſäen! rief Winkel.— Da iſt die alte Tante des Grafen, und da ſind Andere, die ihn bald in ihren Garnen haben würden.— Nun können Sie bei dem guten Werke gute Dienſte leiſten. Ich? ſagte Franz; was kann ich thun? Mir alles ſagen, was Sie ſehen und hören, er⸗ widerte Winkel. Auch der Geringſte iſt oft das Werk⸗ zeug Gottes und hilft zu guten Werken. Sie können zum Beiſpiel zuweilen mit dem Grafen ſprechen, er kommt zu Ihnen. Sie können ihn beſuchen. Sie können ihm ſagen, wie hoch Sie den Geheimerath verehren, und nebenbei auch, was Sie von mir den⸗ ken, Willner. Sie können— ich denken, mit gutem — 72— Gewiſſen— ihm von mir erzählen, und wenn er ſich an mich wenden, mit mir näher bekannt werden will, ſo könnte ich ihm nützlich werden; denn ich weiß Alles, ich ſehe Alles, ich höre Alles und, bin ein beſcheidener, ehrlicher, zuverläſſiger Mann, der von dem lieben Grafen ſtets mit der größten Verehrung ſpricht und ihn immer vertheidigt hat. Ja, das will ich thun, ſagte Franz eifrig. Das will ich herzlich gern thun. Aber Vorſicht und Verſchwiegenheit! fuhr der Secretair warnend fort; denn mit ſolchen Herren iſt nicht zu ſpaßen. Er darf kein Wort davon wiſſen, daß wir über ihn geſprochen haben; allein was Sie hören, Willner, berichten Sie mir. Was er über den Geheimerath denkt, über die Gräfin denkt, was er Ihnen mittheilt... Er wird mir wenig mittheilen, fiel Franz la⸗ chend ein. Bahl ſagte Winkel, es gibt eine Art, zu fragen, und Sie können das. Sie ſind ein einfacher Mann, kennen ihn von jung auf. Was Sie fragen, klingt ganz unbefangen, und was Sie ihm erzählen glaubt er. Ich werde auch mein Leben lang weder lügen noch heucheln! rief Franz. — 73— er Gott bewahre! pfui, wer wird das thun!— den Wahrheit, Wahrheit! Aufrichtigkeit und immer ein ich gutes Gewiſſen!— Da kommen die Leute nach dem bin Schranke. Wiſſen Sie was, Willner, kommen Sie von mit zu mir; Hannchen werde ich einen Wink geben. ung Wir ſetzen uns zuſammen und plaudern, trinken ein Glaͤschen und ſind vergnügt. Alſo kommen Sie, und U das Keinem ein Wort! 6 Der Meiſter ging den Arbeitern entgegen, welche der der Graf ſchickte, und unter ſeiner Leitung und Win⸗ iſt kel's Aufſicht wurde der ſchwere Schrank, in Decken en eingehüllt, vorſichtig aus dem Kellergewölbe über den 2 Hof auf den Wagen getragen. ur Ich komme ſogleich nach, rief der Meiſter zurück— 31 laufend; nur meinen Rock will ich anziehen.— Er fprang die Stufen hinunter und riß die Thür auf. ſr b Aurel ſtand mitten in der Werkſtatt. Haſt Alles gehört? fragte er. 3 Alles, ſagte der Graf.— Sie wollen Dich zum gen, Spion machen. uin, Ich bin keiner, erwiderte Franz. da a Aber Du ſollſt es ſein. Sage dem Spitzbuben, ter. daß ich mich ſeiner mit vieler Freude erinnere und ſehr gern ſeine werthe Bekanntſchaft erneuern würde. — 74— Ich glaube, er könnte Dir nützlich ſein, und vielleicht... Was vielleicht? Meint der Graf es doch ehrlich, und Winkel— er iſt gegen uns ja aufrichtig— bietet mir ſogar Geld an und hat uns lieb— ich meine Hannchen und mich. Aurel lachte, indem er den ehrlichen Franz mit einem ſonderbaren Blick betrachtete. Nun, Wilnner! ſchrie der Secretär die Treppe hinunter, ich warte hier. Wir wollen uns zuſammen auf den Wagen ſetzen. Aurel blies das Licht aus und ging dicht hinter Willner aus der Werkſtätte in den Vorflur. Franz ſchloß die Thür ab. Hier bin ich, ſagte er. Und hier bin ich, ſagte Winkel, der die Stufen im Finſtern herunter geſtiegen war und dicht neben Aurel ſtand.— Warum haben Sie denn ſo laut auf⸗ gelacht? Es iſt meine Art ſo, wenn ich luſtig geſtimmt bin. Hehel und Sie ſind luſtig geſtimmt. Guten Han⸗ del gemacht, frohe Ausſichten, ein mächtiger Gönner, eine hübſche Braut und der liebe Graf Aurel, der 4 X — 75— edle Freund.— Sachte, ſachte! ſchrie er laut auf; und Sie treten meine Füße entzwei! Gott erbarme ſich! Willner, wie können Sie ſo ungeſchickt ſein? Ich bin eiskalt geworden! Aurel zog ſich zurück, und der arme Meiſter ſtot⸗ terte Entſchuldigungen, die Winkel mit Vorwürfen ogar u beantwortete. Endlich war er die Treppe hinauf ge⸗ 1 hinkt und ließ ſich von Willner fortführen, bis nichts mit 6 mehr von ihm gehört wurde. Der Graf ſprang dann auf die Stufen hinauf, eppe und den Hut in die Augen gedrückt, eilte er aus dem men Hauſe, eben als der Wagen fortfuhr, auf welchem Winkel den beſten Platz eingenommen hatte. inter ranz 8 5. 3 Nach einigen Tagen waren die Gäſte des Gehei⸗ nüſe menrathes in ihrer neuen Wohnung eingerichtet und küen hatten ſich in die Rollen gefunden, welche durch Rod⸗ auſ⸗ ney's Beſchluß ihnen zugetheilt waren. — A Die geräumigen Zimmer des Pavillons waren bin. bequem ausgeſtattet und boten einen, unter anderen Verhältniſſen angenehmen Aufenthalt. — — — /· — — 76— Eine Woche mochte ungefähr vergangen ſein, als Rodney in einem großen Lehnſtuhle ſaß, die Füße über zwei andere ausſtreckte, die Arme auf das Fen⸗ ſterbrett ſtützte und in den Garten hinunterſah, der im Spätherbſt allerdings nicht den Anblick gewährte, den er zur Frühjahrszeit bot. Eduard Rodney ſchien ernſthaften Betrachtungen nachzuhangen; denn er kaute an ſeinen Nägeln, beſah ſeine Fingerſpitzen und rich⸗ tete ſeine Augen auf die ſchwankenden Gipfel der alten Bäume, deren melancholiſches Rauſchen zu ihm drang.— Ein dünner Nebel legte ſich auf die Gras⸗ plätze und umſpann mit ſeinen feinen Schleiern den Tag, der widerſpänſtig dieſe abzuſchütteln ſuchte. Dann und wann hätte man glauben ſollen, es müſſe ihm gelingen, wenn ein hellerer Lichtſtrahl durch die nack⸗ ten Zweige fiel; aber bald war es wieder der Kampf eines Sterbenden, der ſich gegen den Tod wehrt, deſ⸗ ſen kalte Hand auf Minuten nachläßt, doch nur, um ſo ſicherer zuzugreifen. Mitten in dieſem Nachſinnen hörte Rodney die Thür öffnen, und da er in der tiefen Fenſterwölbung ſaß, ſo konnte er eben ſo wenig leicht bemerkt werden, wie er ſich die Mühe gab, ſich umzuwenden. Es iſt Niemand hier, rief nach einigen Augen⸗ als Füße Fen⸗ „der ihrte, ſchien kaute rich⸗ der ihm jras⸗ m den Dann ihm nack⸗ dampf 7 deſ⸗ 1 , um ) die lbung erden/ ugen 77— blicken eine friſche Mädchenſtimme. Komm herein, Franz, Dein Graf iſt nicht zu Hauſe. Er ſcheint überhaupt wenig zu Hauſe zu ſein, ant⸗ wortete Franz. Seit er hier iſt, habe ich ihn kaum einmal auf ein paar Minuten geſehen. Rodney drehte langſam den Kopf um und ſah in dem Spiegel, ihm gegenüber an der Wand, die Kam⸗ merjungfer der Gräfin, die ihren Bräutigam in das Zimmer zog.— Es war ein kleines, wohlgewachſenes und nett geputztes Jüngferchen mit zierlichen Flechten und lebhaften Augen. Nicht mehr ganz jung, aber mit friſchen Farben, langen goldenen Ohrringen, einer Broche, die ihr Kragentuch feſthielt, und däniſchen Handſchuhen. Der hat zu viel Arbeit, ſagte ſie lachend. Alle Tage haben wir Geſellſchaft, und ein Aufhebens iſt es mit ihm, als könnte Niemand ohne ihn leben. Er verdient es auch, ſagte Franz. Er iſt ſehr gut. Er iſt ſehr hübſch, lachte Hannchen, das iſt noch viel beſſer. Wir ſind ganz bezaubert von ihm. Wer iſt bezaubert? Alle! rief die Jungfer, ſogar Herr Winkel; denn mit dem hat er geſtern geſprochen, ſo liebenswürdig, daß Winkel ſagte, er hätte weinen können. Er hat — 78— ihn bedauert üͤber ſeinen böſen Fuß, den er Dir lange nicht vergeſſen wird, und hat ihm die Hand gedrückt mit einer Zärtlichkeit, die andere Leute eiferſüchtig machen würde, wenn Winkel das Glück hätte, eine Dame zu ſein. Schade darum, verſetzte Franz lachend; aber wer ſind denn die anderen Leute, die eiferſüchtig ſein könnten? Pſt! ſagte Hannchen, ihn auf den Mund tippend, das geht Dich nichts an. Es ſoll mich aber ſehr wundern, was daraus wird. Hier im Hauſe? fragte Franz. Bei Tag und Nacht, bei Regen und Sonnen⸗ ſchein, des Morgens und Abends immer im Dienſt, erwiderte die Jungfer, luſtig umhertanzend. Immer galant, immer in ihrer Nähe, und wenn er wüßte, was ich weiß.... Was weißt Du denn, Hannchen? Sage mir aufrichtig, Franz, rief ſie, an ihm auf⸗ ſehend und ſchelmiſch lachend, biſt Du eiferſüchtig? Gar nicht, ſagte er. Dummes Zeug! Warum ſollte ich denn eiferſüchtig ſein? Manche Bekannte haben mir freilich allerlei in den Kopf ſetzen wollen, aber— ich gebe nichts darauf. 1 ange rückt chtig eine wer ſein hend, ſe h r — 8381.— Paſſabel häßlich iſt ſie, lachte Hannchen; eine mi⸗ ſerable Figur und dabei ſo arm wie Hiob.— Be⸗ ſcheiden, o ja, ſehr beſcheiden; in den Kopf wird ſie ſich ſo leicht nichts ſetzen. Was iſt denn da in den Kopf zu ſetzen? ſagte Franz. Es kommt doch bloß darauf an, ob Graf Aurel ſie liebt. Liebt! ſchrie Hannchen, das iſt es ja eben, wie kann er ſie denn lieben?! Es iſt ja eine Waiſe, die gar nichts hat, und er wird unermeßlich reich, wenn er die großen Güter bekommt. Ja, wenn ſie noch ſchön wäre, wie meine Gräfin, Schönheit entſchuldigt alle dummen Streiche. Dein Graf kann anklopfen, wo er will, bei Fürſtinnen und Prinzeſſinnen. Meine Gräfin wird ſchon für ihn ſorgen, fügte ſie ſchelmiſch lächelnd hinzu..— Ob arm, ob reich, ſagke Franz, ſeine Geliebte freundlich anblickend, danach fragt ein richtiger Mann nicht, und was Aurel betrifft, ſo kann er ja, eben weil er reich iſt, um ſo eher eine Arme nehmen. Aber es iſt immer unpaſſend, erwiderte Hannchen ſtolz, wenn man ſich unter ſeinen Stand verheirathet. Das Geld thut es auch nicht allein; es iſt die Ver⸗ wandtſchaft und woher man ſtammt. 1 — 2 — — — 332— Ja, dann biſt Du übel fortgekommen! rief Franz luſtig. Denn meine Mutter— Gott habe ſie ſelig!— die gute Frau war eines armen Dorfhirten Tochter und heirathete einen Soldaten, der Diener bei Aurel's Vater, dem alten Oberſten, und mein leiblicher Erzeu⸗ ger war. Sei doch ſtill! ſchrie Hannchen, und behalte Dei⸗ nen noblen Stammbaum für Dich. Ueberhaupt, Franz, mußt Du manierlicher werden. Was ſoll ich werden? Was meinſt Du? ſagte er empfindlich. Manierlicher, Du Hitzkopf! rief ſie lachend. Wenn ich erſt Deine Frau bin, werde ich Dich waſchen und putzen, bis alle Welt ſagt: Seh einer den jungen Meiſter, der ſieht aus wie ein Graf. h Ach, Hanuchen, ſagte Franz, ſie an ſich ziehend, wandten verläugnen und verlaſſen uns. Aber hier drinnen ſitzt es. Da bin ich, trotz meiner ſchwarzen Hände, roth und weiß, wie ein König, und keiner, der Gold und Seide trägt, kann Dich ſo lieben, wie ich es thue. Laß mich los, laß mich los! ſchrie ſie halb laut.— Halt ein— ach!— dieſer letzte Laut der Ueberra⸗ das Ausſehen thnt es nicht, und di vornehmen Ver⸗ mnchm * 2 A Franz lig!— Tochter Aurel' Erzeu⸗ te Dei⸗ Franz, agte er Wenn ſen und jungen jiehend ſen Ver⸗ her ie hwarzen keiner, en, wie laut. 71 Ueberta⸗ — 383— ſchung galt Herrn Eduard Rodney, der bisher laut⸗ los in ſeiner Ecke geſeſſen hatte, jetzt aber eine Be⸗ wegung machte, ſeine Füße von dem Seſſel zog und ſeinen Kopf um die Pfeilermauer hervorſtreckte. Er ſah ganz wie gewöhnlich, ernſthaft und unbe⸗ weglich aus; als aber Hannchen, die ſich ſchnell ge— faßt hatte, ihm zulächelte, einige entſchuldigende tiefe Knire und ſchelmiſche Achſelzuckungen machte, indem ſie zugleich den erſchrockenen Franz leiſe am Rockſchoß fortzog und mit ihm den Rückzug begann, fing Rod⸗ ney laut an zu lachen. Er grüßte das Paar mit mehreren Handbewegungen, für welche ſich Hannchen dankbar verbeugte und ihrem Geliebten einen Stoß verſetzte. Grüße ihn doch, ſagte ſie laut, es iſt ja der engliſche Herr. Und er hat Alles gehört! flüſterte Franz. Keine Sylbe hat er verſtanden, der iſt ſo gut wie ſtumm und taub, fuhr Hannchen fort, indem ſie noch immer mit ihren blitzenden Augen zu Rodney ſprach, welcher aufgeſtanden war, die Arme über einander kreuzte und ihr nachblickte. Was iſt es doch für ein Ungluͤck, rief das junge Mädchen mit einem Blicke des Bedauerns, wenn ein 6* 34— Menſch gar kein Deutſch verſteht! Und es iſt doch ſo leicht, die kleinſten Kinder können es lernen. Rodney fing noch heftiger an zu lachen, und als Franz die Thür zudrückte, hörte er, wie der Englän⸗ der ſchnell und laut ſprach. Pſt! ſagte eine Stimme von der oberen Treppe . herunter, und unwillkürlich ſchauerte Franz zuſammen und ergriff Hannchen's Arm, um die Flucht zu neh⸗ men. Hieher, hieher! fuhr die Stimme fort, und ein langer grauer Arm ſtreckte ſich durch eine Oeffnung des Geländers. Es iſt ja Herr Winkel, Franz, rief Hannchen, und im nächſten Augenblick ſteckte der Secretär ſeinen Kopf über die Brüſtung und ließ ſein huſtendes Lachen hö⸗ ren.— Kommen Sie herauf, Fräulein Hannchen, ſagte er, und bringen Sie den furchtſamen Bräuti⸗ gam mit.— He he! warum angſtigen Sie ſich, Willner?— Bringen Sie ihn, Fräulein Hannchen, wir wollen ihn zu einem Manne machen. Hannchen ſprang die Treppe hinauf, und Franz folgte nach. Der Secretär führte ſie durch eine Reihe unbewohnter Manſarden über den ganzen Flügel des Hauſes fort, bis er zuletzt in dem großen Arbeitss h —õ—— — 2——— 85— it dei zimmer anlangte, dem gegenüber ſeine eigene Woh⸗ — nung lag. ind ii Aber was haben Sie denn oben in den leeren inglän⸗ finſteren Kammern gethan? fragte Hannchen. Haben Sie einen Schatz geſucht? Treppe Meinen Schatz, grinſtte der Secretär, ihr die ſammen Wange ſtreichend. He hel was Sie gut rathen kön⸗ zu rej nen, Fräulein Hannchen!— Ich gehe da oben ſpa⸗ ind ein ziren, wie andere Leute auf den Straßen oder in Gär⸗ 1 effnung ten, um mich zu erholen. Da ſah ich vom Fenſter 4 aus Sie und Willner über den Hof kommen und n, und wollte wiſſen, was das zu bedeuten hatte. en Kodf Ich wollte dem Grafen Aurel Hannchen ordent⸗ hen hi⸗ lich vorſtellen als meine Braut, ſagte Willner. 4 nnchen, Und darum haben Sie ſich ſo geputzt, Fräulein 4 Brauti⸗ Hannchen? fiel Winkel ein. Die goldenen Ohrringe,„ hie ſich, die Broche vor dem Kantenkragen und neue Hand⸗ mnachen, ſchuhe an. Ha ha! Der liebe Graf Aurel weiß, was Schönheit iſt, mit und ohne Kanten.— Es iſt 3 1 Frans ſchade, daß Alles umſonſt war.— Setzen Sie ſich, 22 Neihe Fräulein; hier iſt ein Stuhl, Willner.— Da ſteht gel des auch Ihr Geldſpinde, und es liegt jetzt was darin, Arbeits⸗ 1 woran wir alle genug haben wuͤrden, wenn es uns gehörte. — 86— Gold! rief Hannchen. Bahl ſagte Winkel, Gold und Geld weniger noch als Papiere, Documente, Schuldverſchreibungen, wich⸗ tige Cöntracte und dergleichen. Der Geheimerath hat mir noch nicht einmal das Geld für Willner gegeben. Große Herren denken immer, andere Leute können warten. Brauchen Sie's nothwendig, Willner? O, warum nicht! antwortete der junge Meiſter. Es wäre mir wohl lieb, von wegen... er ſah Hann⸗ chen an... weil ich allerlei kaufen muß. Aha, ahal ſprach Winkel, Hannchen auch anſe⸗ hend und den Finger hoch hebend, merkſt Du was? er will nicht länger warten! Na, wir wollen es überlegen. Der Geheimerath iſt jetzt nicht in der be⸗ ſten Laune. Die Feſte koſten viel, die neuen Einrich⸗ tungen, die neuen Pferde, und der liebe Graf Aurel. Der auch? fragte Hannchen. Der auch! rief Winkel ſpottend. Wir haben ihm vor drei Tagen erſt ſechstauſend Thaler baar gezahlt, und wer weiß, was er uns noch koſten wird!— He he! der kann uns noch viel koſten. Er ſah nach dem Schranke hin und betrachtete dann deſſen Verfertiger, der ungeduldig den Hut in 3 I der Hand drehte.— Willner will fort, ſagte er, und ¹ ich denke, er nähme Sie am liebſten gleich mit, Fräu⸗ lein Hannchen. Iſt es nicht ſo, Willner? Aufrichtig, r noch iſt es nicht ſo? wic⸗ Freilich iſt es ſo, Herr Winkell rief Franz. th hat Was das für ein ſelbſtſüchtiger Menſch iſt! lachte egeben. der Secretär. An mich denkt er nicht, an Keinen können denkt er, nicht einmal um ſeinen vornehmen Freund 4 kümmert er ſich und vergißt ganz und gar, was ich 1 Meiſter ihm gerathen habe.. Hann⸗ Pſt! fuhr Winkel fort, als Franz ſprechen wollte, 1 handeln iſt beſſer als Worte machen. Der Geheime⸗ hanſe⸗ rath iſt anders, der vergißt nichts. Zu Neujahr wird was! ein Hüttenmeiſter gebraucht auf dem großen Hammer⸗ llen es und Walzwerke, das uns gehört. Das wäre eine 4 der be⸗ Stelle für den Willner, ſagte er heut zu mir. Eine Einrich⸗ Stelle mit achthundert Thalern, freier Wohnung und— Auxel allerlei ſonſtigen Annehmlichkeiten. Franz! ach, wie himmliſch! rief Hannchen, die 1 ben ihm Hände faltend. gezahl Allerliebſte kleine Frau Hüttenmeiſterin! ſchrie Win⸗ 4 1—5 kel, ſeine Lippen ſpitzend, indem er ſeinen Arm um . ihren Leib legte und mit der Hand ſanft über ihr trachtete hübſches Geſicht ſtrich. Da iſt ein nettes Häuschen, Hut in„ darin werden Sie wohnen, und im Sommer kommt r, und I 4 ämt—— 6 A 1 der Graf nach ſeinem Schloſſe, und ich komme mit und wohne bei Ihnen. Iſt es denn auch wahr? fragte Hannchen. Wahr und gewiß, ſagte der Secretär. Ich kann alles, was ich will; aber— Willner muß auch thun, was er ſoll. Alles wird er thun, Alles! rief Hannchen eifrig. Er müßte ja gar keine Vernunft haben, lieber guter Herr Winkel. A Rede doch, Franz, ſage doch unſerem Wohlthäter, daß Du ein gefühlvoller Menſch biſt. Das verſteht ſich, freilich! Alles, was ich thun kann, was recht iſt, ſagte Willner, dem das Blut ins Geſicht geſtiegen war. Was recht iſt vor Gott! erwiderte Winkel mit einem frommen Blicke nach oben. Nichts weiter, als was ich ſchon geſagt habe Ein Wagen fuhr in den Hof, und bei dem Ge⸗ raſſel der Räder und dem Stampfen der Pferde lief Winkel ans Fenſter, und Hannchen folgte ihm nach. Da kommt die Frau Gräfin! rief der Secretär; und Graf Aurel hat die Damen begleitet. Was es für ein prächtiger junger Herr iſt! Wie er galant iſt! wie er die gnädige Gräfin aus dem Wagen hebt!— Wie er lachen kann und was für Augen er im Kopfe ie mit kann thun, eifrig. guter nſerem iſt. thun ut ins eel mit er, als m Ge⸗ nde lif nach. kcretär; Las es galant ebt!— Kopff — 89 ñ— hat! Wie Sonnen! Wie Feuerräder!— Der Ge⸗ heimerath iſt auch ganz entzückt von ihm, Alle ſind entzückt von ihm... Er fluͤſterte ſeiner Nachbarin etwas leiſe ins Ohr, was ſie mit einem leichten Nicken des Kopfes beantwortete, und ſagte dann laut: Aber nun iſt's Zeit, wir müſſen uns trennen; Jeder an ſeine Geſchaͤfte, liebe Kinder. Gehen Sie mit Hann— chen, Willner, ich will hier nachſinnen, was ſich zum Beſten für Euer Glück thun läßt. Und morgen früh kommen Sie zu mir, ich will Ihnen Geld verſchaffen, und ſollte ich's von meinem eigenen geben. Ach, Sie ſind immer edelmüthig, immer gut! rief Hannchen mit Begeiſterung. Ich könnte Ihnen die Hände dafür küſſen. Winkel that ſeine langen Arme weit auf, und Hannchen hielt demüthig ſtill, als er ihre Lippen mit einigen väterlichen Küſſen, wie er ſagte, berührte.— Nun geht, ſprach er dann würdevoll, und horen Sie, Willner, Eines wollte ich Ihnen noch mittheilen, im Falle Sie unſeren lieben Aurel ſprechen: Sagen Sie ihm, was volle Wahrheit iſt, daß ich ſein unterthäni⸗ ger Verehrer bin und jeder ſeiner Winke mir Befehl ſein wird. Sollte er irgend meiner Dienſte benöthigt ſein, ſo könnte er— das vergeſſen Sie nicht— auf 99— mich rechnen und von mir ſehr viel erfahren, was ihm angenehm ſein wuͤrde. Ich werde es nicht vergeſſen, ſagte Franz, indem er Abſchied nahm und Hannchen folgte. 6. Der Geheimerath hatte einige Tage darauf ein glänzendes Diner veranſtaltet, welches nach ſeiner Ge⸗ wohnheit keines war, das von zahlreichen Gäſten, ſondern allein von„Auserwählten“ getheilt wurde.— Für die große Menge, ſagte er, ſind die Bälle, die Abend⸗Geſellſchaften, die Salon-Tage; für den kleinen Kreis, der höhere Genüſſe zu würdigen weiß, gibt es nur Diners.— Er hatte mit Vorbereitungen und Geſchäften den Vormittag zu thun gehabt, und traf, als er zurück kehrte, ſeine ſchöne Frau ſchon angeklei⸗ det in den Empfangzimmern. Das iſt mir lieb, Leonor, rief er, daß ich Dich finde. Du biſt zum Entzücken, mein Engel!— Er küßte ſie auf die Stirn und führte ſie in dem Zimmer auf und ab, indem er von dem Feſte und von ein⸗ zelnen Eingeladenen ſprach, allerlei Neuigkeiten er⸗ indem f ein r Ge⸗ aſten, K. , die leinen ibt es und traf, Dich — Er immer n ein⸗ en el⸗ zählte und endlich ein lautes Gelächter erhob und an ſeine Stirn faßte, als fiele ihm etwas ein. Denke Dir, Leonor, ſagte er, wir werden einen merkwürdigen Beſuch erhalten, einen Gaſt, der ſich 1 ſelbſt eingeladen hat. Wer? fragte die Gräfin ſtillſtehend. Couſine Schönburg. Die Präſidentin! Aurel's Tante! Die fromme, würdige Präſidentin! rief der Ge⸗. 6 heimerath. Ich habe ſie längere Zeit nicht geſehen und hätte auch nichts dagegen, wenn es noch recht lange ſo geblieben wäre. Heute aber kam ſie mir in den Weg und hielt mich feſt, um mit ganz enormer Zärtlichkeit mir für mein ſchönes Empfinden als Menſch und Chriſt zu danken. Sie blasphemirte alſo, ſagte die Gräfin, indem 4 ſie mit ihrem Fächer ihren Gatten ſpielend auf die Schulter klopfte. O Du Schelm! rief der Geheimerath. Als ob ich kein Ehriſt wäre! ich, der ich allein drei Kirchen gebaut habe.— Aber, alles Ernſtes, Leonor! ſie dankte mir mit herzlichen Worten, daß ich Aurel die Hand zu einer Verſöhnung geboten habe, welche ſie ſehr glücklich mache, und wie ein Wort das andere „„ — 92— gab und ſie hörte, es ſei heute ein kleiner Kreis an unſerem Tiſche vereint, bat ſie ſich das Vergnügen aus, auch daran Theil nehmen zu dürfen.— Beru⸗ hige Dich, fuhr er lachend fort, als er die Wirkung ſeiner Nachricht in dem Geſicht der ſchönen Frau er⸗ blickte, ſie wird erſt unſeren Thee verſchönen helfen und hofft ihren theuren Aurel, der alle Liebenswür⸗ digkeiten vereinigt, dann immer noch anzutreffen. Aurel, erwiderte Leonor, verſäumt faſt keinen Tag, um dieſe geliebte Tante zu beſuchen. Sie hätte da— her wohl bis morgen Geduld haben können Und er gedeiht in Frömmigkeit und Tugend, ſagte der Geheimerath ſpottend. Ich muß geſtehen, er über⸗ raſcht mich durch die Klugheit, Leichtigkeit und Sicher⸗ heit, mit welcher er ſich bewegt. Sein Charakter hatte ſonſt immer etwas Ernſtes und Zurückhaltendes. Er war ein Träumer, er liebte die Einſamkeit, er machte Gedichte, er ſchwärmte in Gefühlen— und konnte damit hinreißen, fügte er hinzu, indem er einen ſeiner boshaften Seitenblicke auf ſeine Frau warf.— Seit den zwei Wochen, daß er bei uns iſt, habe ich ihn abgehetzt bis zum Mitleid. Er hat, auf Seele und Gewiſſen! keine Stunde Ruhe gehabt. Von Geſell⸗ ſchaft iſt er in Geſellſchaft geſtoßen worden. Mor⸗ 0 93— gens in aller Frühe habe ich ihn heimgeſucht und reis an.— ſeinen Kaffee mit Zeitungen, Geſchäfts⸗ und Familien⸗ we Geſchichten und allerlei vergnüglichen Mittheilungen nn verſüßt; dann at er mit Dir ums Beaten muſteitt u ge öder er hat Dich begleitet, oder ihr habt ihm Auf— 1 3 träge ertheilt, und dann hat er Beſuche machen, Ein⸗ 9 heün ladungen annehmen, lachen, ſcherzen, heiter und witzig, aswür⸗ geiſtreich und unterhaltend ſein müſſen, bis Mitter⸗ 6 nacht oder noch weit ſpäter.— Derſchau's Augen r2ag funkelten vor Vergnügen, bis ſie einen Ausdruck bos⸗ 4 te da⸗ haften Ärgers annahmen. Ich habe wirklich geglaubt, . ihn dabei ſtörrig und haͤrtnäckig werden zu ſehen, fuhr ſagie er fort, mürriſch, grob und bitter gelaunt; aber zu 4 über⸗ meinem Erſtaunen iſt er geſchmeidig, wie ein olympi— 4 Sicher⸗ ſcher Kampfer, ſeine Augen ſind ſo muthwillig blitzend, 3 hatte wie von wahrer Luſt und Befriedigung, und ich 1 . Er fürchte beinahe, rief er, ſich in einen Armſtuhl wer— mache fend, die Ermattung fällt auf uns ſelbſt zurück. konnte 4 Und was dann? fragte die Gräfin. 1 2 ſeiier Der Geheimerath ſah einige Minuten vor ſich hin, 1 Seit V ſſeeine Stirn bedeckte ſich mit dicken Falten. Plötzlich ch ihn V hob er den Kopf und blickte ſeine Gattin mit einem e und ſonderbaren Lächeln an.— Was dann? ſagte er 1 Geſell⸗ 1 leiſe; das iſt Deine Sache, lieber Engel.— Wie Mot⸗ — 94— reizend Du ausſiehſt, Leonor! Der arme Junge könnte mich faſt dauern. Ich könnte es ihm verzei⸗ hen, wenn er vergaͤße, daß Minuten, Stunden, Jahre nie wieder zurück gebracht werden können, was todt iſt, nie wiederkehren kann. Eine ſchwache Röthe färbte das Geſicht der Gräfin. Sie hob den Finger auf und drohte damit, ohne zu ſprechen. Er muß fort! flüſterte Graf Bodo, indem er ihre Hand nahm und küßte; lange kann ich es nicht mehr ertragen. Fort, je eher, deſto lieber, mit dieſem Stock von Engländer, der geduldig ſtundenlang ſitzen und vor ſich hinſtarren kann, ohne zu ſehen und zu hören. Mögen ſie in Nubien und China Entdeckungen ma⸗ chen, hier will ich ihn nicht haben. Er ſoll fort! Ich will keinen Menſchen in meiner Nähe dulden, deſſen Geſicht mich alle Tage an meinen Tod erin⸗ nert, der, wie ein Spion, mich umſchleicht, in deſſen Blicken ich, trotz aller Verſtellung, ſeine geheimſten Gedanken leſe, der mich haßt mit geheimem, rachſüch⸗ tigem Haß und der— Böſes gegen uns im Schilde führt.— Sei gewiß, was er auch thun mag, es iſt nur Böſes, ſagte er leiſe vor ſich hin. Ich glaube es nicht, erwiderte die Graͤfin. Junge verzei⸗ Jahre s todt ht der damit, er ihre zt meht 1 Stock en und hören. en ma⸗ l fort dulden, d erin⸗ m deſſen heimſten achſüch⸗ Schilde es ſt — 9395— Haſt Du mit ihm Dich ausgeſprochen?— er mit Dir? fragte der Graf. Nein, erwiderte ſie, wir vermeiden es beide, aber... Nun, aber? fiel er ein. Ich glaube, wir werden bald auf dem Punkte ſein, es nicht länger vermeiden zu können. Ah, ich begreife! rief Graf Bodo, und die Düſtern⸗ heit verſchwand aus ſeinem Geſichte.— Du biſt gütig und theilnehmend für ihn, ſuchſt ſeine Freundſchaft zu gewinnen, und Deine Blicke— es ſind köſtliche, kum⸗ mervolle, innige Blicke. Eine wundervolle Komödie! Du ſpielſt, wie eine große Künſtlerin, Leonor! Es iſt ſonderbar, erwiderte die Gräfin nach kurzem Schweigen lächelnd und den Kopf in ihre feine Hand ſtützend— es iſt ſehr ſonderbar, daß wir uns über dieſen Gegenſtand unterhalten. Zum letzten Male, wenn es ſein kann, erwiderte er; denn ich denke, Leonor, wir wiſſen beide jetzt, um was es ſich handelt.— Aurel, ſagte er leiſe, aber nachdrücklich, iſt mein Erbe, wenn— ich kinderlos bleibe. Nach den Beſtimmungen des Familien⸗Statuts kann er nur eine Frau aus einer Landes⸗Familie mit wenigſtens ſechszehn Ahnen nehmen.— Er iſt der letzte Majorats⸗Erbe, es iſt kein Anderer mehr vor⸗ — — 96— handen, der durch Verwandtſchaftsrecht Anſprüche ma⸗ chen könnte. In dieſem Falle bin ich berechtigt, über den ganzen Beſitz zu verfügen, und darum iſt es noth⸗ wendig, daß er nie heirathet; für alles Übrige— läßt ſich dann ſorgen. Bei dieſen letzten Worten trat das Geſellſchafts⸗ Fräulein herein, der Sir Rodney folgte.— Fräulein Beate verbeugte ſich ein wenig verlegen, als ſie den Geheimerath ſah, der mit ſchlecht verſtecktem Ärger über die unwillkommene Storung ſie empfing. In ſolchen Fällen pflegte Graf Bodo immer mög— lichſt boshaft ſich zu beluſtigen, er ließ es auch jetzt daran nicht fehlen. Nachdem er Rodney die Hand geſchüttelt und ihm einige Worte geſagt hatte, wandte er ſich zu der jungen Dame, die er mit ſeinen ſchar⸗ fen Augen genau zu betrachten und zu bewundern ſchien.— Heirathen darf er nie! wiederholte er noch⸗ mals; aber das geht nicht etwa auf unſeren geiſtvollen Freund hier. Auf Ehre und Gewiſſen, Fräulein Beate, Sie haben nicht nöthig, zu erſchrecken, obwohl es der fürchterlichſte Ausſpruch iſt, den eine Dame hören kann. Iſt es nicht ſo? ſagen Sie ſelbſt— iſt es nicht ſchrecklich, von einem Weſen zu hoͤren: es darf nicht heirathen? Fräulein Beate ſenkte die Augen nieder und er— che ma⸗ zt, über s noth⸗ rige— ſchafts⸗ Fraulein ſie den Arger r moͤg⸗ ihjett Hand wandte ſchar⸗ undern er nech⸗ ſwollen Beate, es der kann recklich nthen? nd er⸗ — 94— röthete wie Purpur, dann blickte ſie zu der Gräfin bittend auf, als wollte ſie bei ihr um Schutz flehen. Aber die Gräfin ſtützte den Arm auf die Bergère und ſchien wenig Luſt zu empfinden, ihrer Freundin zu Hülfe zu kommen. Sie beobachtete Beatens Geſicht und laͤchelte über Rodney, der ſteif daneben ſtand, wie jemand, der nicht begreift, um was es ſich handelt. Ich werde mich mit dieſen entſetzlichen Dingen nicht einlaſſen, erwiderte die Geſellſchafterin endlich, indem ſie einen ſcherzhaften Ton annahm. Haha! rief der Geheimerath, damit ſollen Sie nicht fortkommen. Sie finden es alſo doch entſetzlich? — Was denken Sie, Sir Eduard? Fragen Sie ihn, Fräulein Beate, was er davon denkt. Geben Sie Acht, er begreift uns; er iſt zu geiſtvoll, um uns nicht zu begreifen. In Ihrer täglichen Geſellſchaft, erſetzt die Empfindung die Sprache, ſo iſt er ganz Empfin⸗ dung geworden!— Nein, bei meiner armen Seele, ich ſcherze nicht! Wie ein Tanzmeiſter ſpazirt er um— her, ganz erfüllt von dem Bewußtſein, daß er heira⸗ then darf. Der ſpaßhaft gelaunte Reichsrath hatte die Hand des armen kleinen Geſellſchafts⸗Fräuleins genommen, die das Ziel ſeines Witzes geworden war, und ſtand — 1 — 98— lächelnd vor ihr in der artigſten, galanteſten Weiſee,f während Rodney ſich der Gräfin genäͤhert hatte, die V ihn einlud, Platz zu nehmen, was Sir Eduard that, indem er dem Grafen und dem Fräulein den Rücken zukehrte und ein Geſpräch begann, ohne das Geläͤch⸗ ter hinter ſich zu beachten. Was Sie bezaubernd Toilette gemacht haben! fuhr der Graf inzwiſchen fort. Fräulein Beate, ich warne Sie. Es ſind heute mehrere Diplomaten bei uns; behüte Gott uns vor Unheil, das ganzen Völkern ver⸗ derblich werden, zu einem Kriege mit England führen, die Civiliſation oder Aufklärung, ja, die Aufklärung des Jahrhunderts erſchüttern könnte! Aber Sie ſind ja ganz weiß mit einer himmelblauen Schärpe. Die Unſchuld mit dem Gürtel der Grazien. Engliſcher Geſchmack, das heißt der Geſchmack eines Engels!— Haha! gut, daß Sir Rodney ein ſo ausgezeichnet dröhnendes Organ hat und Niemand uns hört. Aber in unſerem Zeitalter der Unſchuld iſt Alles unſchuldig, und was das Heirathen anbelangt, ſo behandelt die Aufklärung des Jahrhunderts dieſe veraltete Sitte mit philanthropiſcher Weisheit.. In dieſer Weiſe wurde das arme Geſelſſhafts⸗ Fraͤulein von dem launigen Herrn noch eine Zeit lang Weiſe, die that, kücken elaͤch⸗ fuhr warne uns; ver⸗ ühren, arung e ſind Die liſcher 617 eichnet zeichn Aber huldig, elt die tte mit ſchaſt⸗ eit lang unterhalten und ſie vertheidigte ſich gegen ihn, ſo gut ſie es vermochte, indem ſie zugleich bemüht war, ihn in Gränzen zu halten, die er nicht der Mühe werth hielt, bei ihr zu beobachten.— Endlich benutzte ſie eine Gelegenheit, um ſich zu entfernen, was den Ge⸗ heimerath ſehr ergötzte. Alſo wirklich in die Flucht geſchlagen, ſagte er lachend zu der Gräfin, der Rodney ſtumm gegenüber ſaß. Aber ſie ſieht heute ganz paſſabel aus und über⸗ läßt uns dennoch den geiſtreichen Anbeter, dem es nicht darauf ankommt, ſie ein paar Stunden lang an⸗ zuſehen und gar nichts zu ſagen. Welche Grauſamkeit! erwiderte die Gräfin lächelnd. Rodney wandte ſich langſam um, als ſuche er et— was; da er aber fand, daß Beate nicht mehr im Zim— mer war, ſchlug er einen Fuß über den anderen und ſteckte ſeine Hände in die Taſchen ſeiner Weſte. Wo waren Sie heute, Herr Rodney? fragte die Gräfin. Ich habe Briefe geſchrieben und dann Muſik gehört. Beate ſpielte.— Sie hören es immer gern. Miß Beate iſt eine große Künſtlerin, ſagte er. Sehr liebenswürdig! rief der Graf. Sehr liebenswürdig, erwiderte Rodney, mit dem Kopfe nickend. 1 — 100— Ein überaus edles, reines Gemüth, fügte die Gräfin hinzu. Gewiß, ſagte Sir Eduard. Und ſchön! flüſterte der Graf, indem er Stirn und Augen emporzog. Beautiful! ſprach Rodney kopfnickend. Ach, dieſer Pinſel! murmelte der Graf auf Deutſch und leiſe, indem er ſich abwandte, denn er konnte den Spott nicht länger unterdrücken. Ich glaube wirk⸗ lich, er iſt von ihrer Schönheit hingeriſſen. Und wenn er es wäre, erwiderte die Gräfin, zu ihm hingebeugt, da er wie ein zartlicher Gatte ſich mit ihr zu beſchäftigen ſchien, ſo wäre er es vielleicht nicht einmal allein. 4 Nicht allein?— Wer noch? Wenn es Jemand wäre, der, wie Du ſagſt, nicht heirathen darf. Wer? Er! rief der Graf, aber nach einem Augen⸗ blicke fing er heftig an zu lachen.— Ich glaube wahrhaftig, ſie hat ſechszehn Ahnen, ſagte er, und es wäre eine ſtandesmäßige Partie. Schief, haͤßlich, mit⸗ telmäßig, untergeordnet, wie ſie iſt, wäre ihm ein ſol— cher Schatz zu gönnen, aber auch dieſe Seligkeit darf er nicht genießen.— Doch dazu hat er in Deiner gte die tirn G 4 Deulſch unte den he witk⸗ äfin, zu atte ſich vielleicht gſt, nich n Augen⸗ ; glaube b und es lic, mit⸗ ein pl⸗ geeit darf m Deiner — 101— Nähe zu viel Geſchmack, ſolche Lächerlichkeit wird er nie begehen. Dieſe Schönheit bleibt unſerem lang⸗ weiligen Nachbar unangetaſtet, der ohne Zweifel jetzt in den ſüßeſten Träumen ſchwelgt. Rodney ſaß noch immer in derſelben Stellung und ſah ſo ernſthaft auf den Teppich, als zählte er dort die gewirkten Blumen und Knospen. Verzeihung, Herr Rodney, ſagte die Gräfin ent⸗ ſchuldigend, wenn wir Sie ſo ungeſtoͤrt Ihren Gedan⸗ ken überlaſſen. Das iſt zuweilen ein großer Vortheil, erwiderte Rodney, ohne eine Bewegung zu machen. Was er artig und aufrichtig iſt! lachte der Graf. Laß ihn bei Tiſch mit ſeiner Angebeteten die Sache ausmachen. Er wird tieffinnig denkend verſchlucken, was ihm vorgeſetzt wird, ohne eine andere Empfin⸗ dung dabei zu haben, als Sehnſucht nach Rindfleiſch und Pudding.— Laß ihn ruhig ſitzen, Leonor; aber ich bitte Dich, mache, daß wir ſie beide los werden, und ſchicke dann doch gelegentlich auch die große Künſtlerin aus dem Hauſe.— Sie nimmt einen Ton an, der ihr nicht zukommt. Mit der einnehmendſten Galanterie küßte der Graf, waͤhrend er ſprach, fortgeſetzt die Hand ſeiner Gattin, — 102— und ſeine Worte klangen ſo ſchmeichelnd und unſchul⸗ dig, als ſagte er ihr die luſtigſten Neckereien.— Rod⸗ ney blickte ſeitwärts darauf hin und nickte lächelnd und gravitätiſch. Wie der ſteinerne Gaſt, der uns ſeinen Segen giebt! rief der Graf, und in der munterſten Laune ging er den Gäſten entgegen, denen jetzt ein Diener die Thür öffnete. Nach einer Viertelſtunde füllte ſich der Raum. Es war keine große Zahl, nur einige zwanzig Perſo⸗ nen und faſt nur Herren; aber es waren auserleſene Kenner, die in der Kunſt des Genuſſes lange und ſorgfältige Studien gemacht hatten. So wenig manche von ihnen Geſchmack an der Literatur finden moch⸗ ten, ſo war doch keiner darunter, der nicht Rumohr und Vaerſt ſelbſt beſaß oder doch mehrmals geleſen 4 hatte. Viele hätten aus ihren reichen Erfahrungen Nachtrage ſchreiben und der Nachwelt wichtige Ent⸗ deckungen mittheilen können, die ſich vielleicht wirklich einſt unter ihrem Nachlaß finden. Die Jugend war von dieſem Diner ausgeſchloſſen, weil gewöhnlich in 8 der Jugend die Zunge zwar manche ſchätzenswerthe Eigenſchaft beſitzt, nur nicht die eines gebildeten Ge⸗ ſchmackes. Alle Gäſte des Geheimerathes waren da— 2 t 1 1 unl ſchul⸗ Rod⸗ ichelnd Segen Laune Diener Raum. Perſo⸗ erleſene ge und manche moch⸗ umohr geleſen hrungen b Ent⸗ wirklich nd war nlich in zwerthe 1 ten Ge⸗ rren da⸗ 103— her im höheren Alter, mehrere von ſtattlichem Umfang, die Uebrigen mit derjenigen Rundung des Unterleibes verſehen, die dem Kenner Achtung einflößt; auch lag in allen Geſichtern der ſüße und begehrliche Ausdruck des epikuräiſchen Zuges, welchen geheimnißvoll der lü⸗ ſterne Gott ſeinen Geweihten aufzudrücken pflegt. Der Graf führte die Eintretenden ſeiner Gemah⸗ lin zu, und da die meiſten zu den vertrauteſten Freunden des Hauſes gehörten, ſo bildete ſich bald ein kleiner Kreis um die Damen, während Andere in der Mitte des Salons den Grafen umringten.— Es waren zwei Diplomaten dabei, welche myſtiſche Winke über die neueſten Wendungen in der Politik fallen ließen; mehrere hohe Beamte, die über eine eben erlaſſene Miniſterial⸗Ordre flüſterten, welche Ge⸗ ſinnungstüchtigkeit, Muth und Ausdauer in jeder 8 ſchwierigen Lage befahl; endlich ein Ober⸗Kammerherr und entfernter Verwandter, der die intereſſanteſten Anekdoten der Hoſgeſchichte, Außerungen und Scherze der höchſten Perſonen, unter dem beifälligſten Geläch⸗ ter ſeiner Zuhoͤrer erzählte. Bei alledem aber war die Aufmerkſamkeit doch eigentlich nur gering und eine gewiſſe Unruhe in der kleinen Geſellſchaft, ähnlich der Unruhe der Erwar⸗ 3 6 4 — 104— tung, welche im Theater vor Aufgehen des Vorhan⸗ ges ſich äußert, wenn die Stunde geſchlagen hat und noch immer die Bühne geſchloſſen bleibt. Der Ober⸗Kammerherr ſah mit einem langen, tiefſinnigen Blicke dem Bedienten in Gala nach, der an der Thür des Speiſeſaals ſich aufgepflanzt hatte, um mit einem Ruck die Flügel zu öffnen, aber auf einen Wink ſeines Herrn wieder verſchwand. 1 Als der Diener die Pforte des Heils hinter ſich 1 zuklappte, öffnete der Kammerherr dafür ſeine Naſen⸗ b J —:. flügel, und mit großer Genugthuung ſah er, daß die Geſichter ſeiner Freunde und Nachbarn dieſelbe Rich⸗ tung genommen hatten, ihre Gedanken ſich demſelben Mekka zuwandten. Eine ahnungsvolle Stille lag in ihren Zügen, eine gewiſſe Sehnſucht trübte ihre Au⸗ gen, ein ſanftes Lächeln aber, das von Mund zu Mund lief, verbreitete allgemeine Beruhigung. 4 Der Ober⸗Kammerherr ſenkte die Augen und ließ einige flüchtige, angenehme Betrachtungen an ſeiner Seele vorüber ziehen. Er roch Trüffeln, pikante Saucen, Paſteten, Gratins, Marionaiſen. Er ſtellte eine geheime Unterſuchung an, ob dieſer Duft, den er jetzt einzuziehen glaubte, von Haſelhühnern, Poular⸗ den oder Faſanen herrühre, und er entſchied ſich end⸗ 9, — — 105— lich für Haſelhühner, weil er dieſe am liebſten aß. Endlich aber war er mit ſeiner Geduld zu Ende; denn ſeiner Phantaſie ſchwebte ein Auſtern⸗Salat vor, der, wie der Geheimerath ihm mitgetheilt, als neue Erfindung ſeines Koches, gleich nach der Suppe ge⸗ geben werden ſollte. Er zog den Grafen in eine Ecke und flüſterte ihm ins Ohr: Was heißt denn das heute, Derſchau? Auf wen warten wir denn? 3 Auf meinen Vetter Aurel, erwiderte der Geheime⸗ rath. O, Jugend, du haſt nie Tugend! ſeufzte der Ober⸗ Kammerherr. Der Auſtern⸗Salat wird ſein feinſtes Bouquet verlieren. Warum auch dieſen Böotier ein— laden?! Er iſt mein Hausgenoſſe, ſagte der Geheimerath. Warum iſt er Dein Hausgenoſſe? fuhr der Ober⸗ Kammerherr vorwurfsvoll fort.— Man findet das überhaupt ziemlich ſeltſam, Derſchau, obwohl man Deine Abſicht erkennt. Erkennt man, ſo? fiel der Geheimerath lächelnd ein. Du willſt Dich mit Deinem Erben verſöhnen, fuhr der Freund fort, willſt der Welt ein erhabenes Schauſpiel geben. Man weiß nicht, was größer iſt, — 106— die Reſignation von ſeiner oder das Vertrauen von Deiner Seite.— Aber verlaß Dich nicht auf ſeine Dankbarkeit, Derſchau, fürchte vielmehr Alles von ihm; denn wenn er dankbar wäre, würde er uns jetzt nicht ſo unwürdig warten laſſen. Da iſt er ja! rief der Geheimerath. Gott ſei Dank! antwortete der Ober⸗Kammerherr neu belebt. Der Geheimerath' ergriff ſeinen ſaͤumigen Vetter beim Arm, während in der ganzen Geſellſchaft eine freudige Bewegung entſtand und der galonnirte Be⸗ diente die Flügelthüren blitzſchnell aufriß.— Die vorwurfsvollen Blicke, welche den jungen Miſſethäter trafen, zerrannen und hefteten ſich wohlgefällig auf ihn. Er ſchien erhitzt und etwas athemlos zu ſein. Der Geheimerath ſtellte ihn in Eile den Diplomaten und einigen anderen Perſonen vor, welche ihn noch nicht kannten. Der ſchöne, junge Erbe mit glänzen⸗ den Augen und dunklem Haar war eine Sonne der Zukunft. Was vermochte er nicht alles noch zu thun! 1 Welche lange Reihe köſtlicher Diners konnte er geben! Was war ſeine Freundſchaft werth! Es ging Aurel im Kleinen, wie es den Kron⸗ prinzen im Großen geht. Jeder ſuchte ihm mit un auen von auf ſeine von ihm; jett nicht dammerherr gen Vetter ſchaft eine mmirte Be⸗ Die Miſfethäter fflig au os zu ſen Diplomaten e ihn ſoch ſt glänzen⸗ — 107— ten und Blicken ſein Wohlgefallen zu bezeugen, und ein beifälliges Gelächter begleitete die Neckereien des Grafen, der außerordentlich zärtlich war und Aurel mit väterlich verliebten Augen anſah. Wenn ich ihn betrachte, ſagte er zu dem Ober⸗ Kammerherrn und den Umſtehenden, regt ſich in mir, ich weiß nicht, was. Iſt es Bewunderung, Stolz oder väterliche Freude an dieſem meinem letzten Bluts⸗ verwandten? Ja, ich darf es geſtehen, ich bin ſtolz auf ihn; denn er beſitzt nicht allein das, was man körperliche Vorzüge nennt, in hohem Grade, weit mehr ſind es ſein Geiſt, ſeine Kenntniſſe, ſein gediegenes Wiſſen, ſeine Reiſen, ſeine Erfahrungen, die edelſten Eigenſchaften eines Mannes, welche ihn auszeichnen. Die Zuhörer nickten beifällig und belohnten mit Blicken voll Bewunderung den tugendhaften Geheime⸗ rath, der ſo viele Liebe für ſeinen jungen Verwandten beſaß. Nichts, nichts! rief der Reichsrath auf eine leiſe Bemerkung des Ober⸗Kammerherrn. Wenn ſich das Herz hingezogen fühlt zu einem Weſen, dem man ſich innig verwandt ahnt, ſo können Wolken kommen, die den Himmel trüben, aber die Sonne wird dadurch — 108— niemals ausgelöͤſcht, ſie ſcheint nur um ſo glänzender bald wieder. Aurel hatte der Gräfin den Arm geboten und führte ſie in den Speiſeſaal. Der Geheimerath ſah ihnen entzückt nach, und dann blickte er die Geſell⸗ ſchaft an, als wollte er ſagen: Seht, wie glücklich ich bin, daß das geſchehen kann! Hierauf bot er einer der Damen den Arm, und das Diner begann. 7. Es währte viele Stunden und war ſo ausgeſucht, daß ſelbſt der Ober⸗Kammerherr endlich geſtand, er habe ſelten ſo gegeſſen. Alles, was gegeben werde, ſei in gleicher Weiſe meiſterhaft und unübertrefflich, und was die Anordnungen der Tafel betreffe, ſo ſei Derſchau eben ſo reich wie geſchmackvoll, um das Außerordentlichſte darin zu leiſten. Silber⸗ und Goldgeſchirr, Kryſtall, gediegene Ta⸗ felaufſätze und alles, was der feinſte und theuerſte Lurgs zu erſinnen vermag, gaben Gelegenheit, die Ausſprüche des Ober⸗Kammerherrn von allen Seiten zu wiederholen. Die vollkommenſte Befriedigung und t er ann. 4 — 109— Bewunderung ſprach aus den competenteſten Richtern, deren Lob und Dank den Geheimerath mit Stolz er⸗ füllen konnte. Er dachte keinen Augenblick daran, was dieſes Gaſtmahl koſtete, und rechnete nicht etwa angſtlich zuſammen, wie ein Mann, der mit ſeinem Gelde und ſeinen Geſellſchaften vornehmer Leute Gunſt und Beſuch einkauft. Er war kein Emporkömmling, kein Banquier, kein reichgewordener Speculant, er war der ſtolze Reichsrath, auf deſſen Silberſchüſſeln das große Familienwappen vor zweihundert Jahren eingeſchnitten wurde, der Pocale umhergehen ließ, aus denen Kaiſer und Könige getrunken hatten, und der mit höhnender Verachtung daran dachte, daß man ihn geizig nenne, während er für das beifällige Lächeln dieſes erwählten Kreiſes ſich vornahm, nächſtens wie⸗ der ein Diner zu veranſtalten, das Alles in den Schatten ſetzen ſollte. Weenn er fort iſt, wenn ich ihn los bin, ſagte er in ſich hinein, dann ſoll ein Feſt gefeiert werden, von dem der Ober⸗Kammerherr, ſo lange er lebt, ſchwören ſoll: Ich habe nie ſo gut gegeſſen!— Glückſelig läͤ⸗ chelnd und ſich neigend hob er ſein Glas und ſagte, nach allen Seiten ſich verbeugend: Dieſes letzte Glas als Dankopfer für die Ehre, welche mir widerfährt, —xy — 110— zugleich aber auch auf das Wohl meines theuren Vet⸗ ters und Freundes, der endlich in mein Haus und in meine Arme zurückgekehrt iſt. Wenn ich es nicht mehr vermag, Freunde und liebe Gäſte in dieſen Räumen zu verſammeln, wird er es übernehmen.— Dann, Aurel, dann laß die alten Glaſer klingen, gefüllt mit altem Wein und gedenke meiner mit derſelben Liebe und Freude, wie ich jetzt Dein Wohl ausbringe. Die Geſellſchaft erhob ſich; der Graf ſchüttelte ſei⸗ nem Vetter beide Hände, hierauf umarmte er ihn aufs herzlichſte und ſagte lebhaft: Deutſch und ehrlich wol⸗ len wir bei einander ſtehen ohne Falſch und Hinter— liſt.— Du und ich und ich und Du, und hier iſt Leonor; laß ſie in unſerem Bunde ſein, die ſo innig wie ich ſelbſt Dein wahrhaftes Glück wünſcht. Eine gewiſſe feierliche Stimmung war bei dieſem unerwarteten Trinkſpruche und deſſen Folgen über die 5 Gäſte gekommen; aber der Geheimerath konnte mit Genugthuung bemerken, wie vortheilhaft der Eindruck war, den ſeine gewinnenden, herzlichen Worte hervor⸗ gerufen hatten. Es war ein öffentlicher und offener Verſöhnungsact; Aurel ſelbſt ſchien bewegt. Er zog die Hand der Gräfin mehrere Male an ſeine Lippen Vet⸗ nd in mehr umen Dann, t mit Lebe te ſei⸗ aufs wel⸗ dinter⸗ ier iſt innig dieſem der die te mit ndruck ervor⸗ offener Er zog Lyppen — 111— und ſagte ihr, was ſeine augenblickliche Stimmung ihm eingab. Als er ſte aus dem Saale führte, fühlte er ihren Arm in dem ſeinigen zittern, und in ſeinem lächelnden Geſicht drückte ſich eine ſchmerzliche Ergriffenheit aus. — Ich habe eine Bitte an Sie, ſagte er leiſe, eine Bitte, die ich längſt wagen wollte, zu der ich mich mehr als je berechtigt fühle, die Sie nicht mißdeuten werden. Sagen Sie mir, wann und wo ich ohne Zeugen eine Unterredung mit Ihnen haben kann. Er erhielt keine Antwort; denn während er zu ihr ſprach, wandte ſie den Kopf fort und blieb dann ſtehen, um zu hören, was Fräulein Beate ihr zuflüſterte. Wollte ſie nicht antworten?— Aurel's Geſicht nahm einen trüben Ernſt an. Im Augenblick aber wandte ſich die Gräfin zu ihm zurück und ſagte leb⸗ haft: Ich werde Ihnen ſpaͤter antworten; doch blicken Sie dort hin, Graf Aurel, dort iſt der würdige Ge⸗ genſtand Ihrer zärtlichen Aufmerkſamkeit Die Geſpräche waren verſtummt, und alle Augen richteten ſich gegen die große Eingangsthür, an deren Schwelle der Reichsrath ſo eben eine Dame empfing, die einen ſeltſamen Gegenſatz zu dieſer glänzenden, mit — 8 — 112— Orden und Sternen bedeckten und mit dem theuerſten Putz geſchmückten Geſellſchaft bildete. Es war eine hochbetagte, faſt ärmlich ausſehende Frau. Klein und in ſich hineingeſunken, außerordent⸗ lich mager, faltig gelb in dem langen trockenen Ge— ſicht, ſchienen ihre Füße dieſen leichten Körper doch nicht tragen zu wollen. Sie ging ſehr langſam und ſtützte ſich auf einen Stock. Ihr ſchwarzes Seiden⸗ kleid war verblichen und von einem Schnitt, als ſei es mit ihr alt geworden; dicht um den Hals, um Schultern und Leib hatte ſie ein großes weißes Tuch gebunden, und auf dem Kopfe trug ſie eine eben ſo alterthümliche ſchwarze Haube mit breiten Streifen und Puffen, unter denen ihr ſilberweißes Haar in langen ſtörrigen Scheiteln ſich hervordrängte. Dieſe greiſe Frau wurde von dem ſtolzen Reichs⸗ rath mit allen Zeichen hoher Achtung empfangen. Er küßte ihre kleine, verwelkte Hand und führte ſie ſorg⸗ ſam weiter, indem er ſeinen entzückten Dank für einen ſo ſeltenen Beſuch ausſprach. Ja, es iſt lange her, erwiderte die alte Dame lä⸗ chelnd, indem ſie ſtill ſtand, ſich umſchaute und die prächtigen Luſtres, Spiegel, Damaſt⸗Tapeten und Sei⸗ denbehänge zu betrachten ſchien. Viele Jahre ſind — 2 heuerſten sſehende rrordent⸗ nen Ge⸗ per doch ſam und Seiden⸗ „jals ſti als, um hes Tuch eeben o eifen und n langen Reichs⸗ ngen. Er ſee ſorg⸗ für einen dame li⸗ und die 4 Sei⸗ und ahre ſind 7 —— 113— vergangen, ſeit ich zum letzten Male hier zu Mittag aß. Es war zur Zeit Ihres Vaters, Couſin Bodo, der liebte die Einfachheit von damals— ja, damals aß man beim Könige wie beim Bürger ungefähr zu derſelben Stunde ſein Abendeſſen, wo man ſich jetzt zum Diner niederſetzt. Die Stimme der alten Präſidentin war weit kräf⸗ tiger und ſchwerer als ihr Körper, und in ihren Au— gen, die das Alter blöde und halb blind gemacht hatte, leuchtete eine gutmüthige Schelmerei, als ſie zu dem Grafen aufſah. Und wer iſt hier? Wer kommt hier? fuhr ſie fort, als die Gräfin ſich ihr näherte.— Leonor neigte ſich zu ihrer Hand nieder, ſie hob ſie empor und küßte ſie auf die Stirn.— Auch wir, ſagte ſie mit demſelben Lächeln, das einen hohen Grad von Milde und Güte in ihr ſcharfes und zuſammengezogenes Geſicht brachte, ja, auch wir, liebe Couſine Leonor, haben uns lange nicht geſehen.— Warum warten Sie, bis eine alte Frau endlich ſich aufmachen muß, um die Kinder die— ſer Welt mitten in ihrer Luſt aufzuſuchen?— Ah! da iſt Aurel! fuhr ſie fort, und ihre Züge hellten ſich in einen Ausdruck ſo großer Liebe auf, als flöſſe Ju⸗ gend neu in ihren Adern. Das iſt ein Freund, der 8 — ₰ — * bei mir aushält; wenn ich ihn ſehe und höre, kommt etwas in mein Herz, wie ein Ton aus alter Zeit. Aus der Zeit, wo meine beſten Erinnerungen herſtam⸗ men, Couſin Bodo, aus der Jugendzeit, von der wir alten Leute immer denken, es ſei doch damals ganz anders geweſen; weit beſſer, weit ſchöner, die Men— ſchen gerechter, ihr Thun und Laſſen menſchlicher. Sie ſetzte ſich auf den Armſtuhl, den der Graf ſelbſt herbei ſchob, während ſie Aurel's Hand feſthielt. Die Graͤfin ſetzte ſich an die andere Seite, mehrere Damen umringten ſie. Der Ober⸗Kammerherr theilte inzwiſchen den Diplomaten und einigen anderen Her⸗ ren in aller Kürze etwas aus der Lebensbeſchreibung der alten Frau mit. Es iſt die Präſidentin von Schönburg, ſagte er flüſternd, Tante des Grafen Aurel, ſeiner Mutter äl⸗ teſte Schweſter, und Couſine unſeres Reichsrathes. Sie muß an achtzig Jahre jetzt haben— ein koſt⸗ 1 bares Deſſert für unſer Diner, meine Herren!— Er hielt ſich mit dem Zeigefinger die Naſe zu und fuhr dann, abgewendet von der alten Frau, fort: Ich glaube,. unſer Freund würde nicht ganz ſo aufmerkſam ſein, wenn die Präſidentin nicht kinderlos und ſehr reich: G wäͤre. — ommt Zeit. ſtam⸗ wir ganz Men⸗ r. Graf thielt. hrere heilte — 115— Aber ihr nächſter Erbe iſt doch jedenfalls Graf Aurel? fragte einer der Herren. Theuerſter Baron, ſagte der Ober⸗Kammerherr, wofür ſind denn die Legate? Die alte Dame hat wenigſtens eine halbe Million, und ich weiß die Zeit, wo Gräfin Leonor eine Art Schooßkind von ihr war. Ja, damals! kicherte ein dicker Miniſterial⸗Di⸗ rector, indem er ſein roſiges Kinn hoch aus der wei⸗ ten weißen Binde aufhob und einen vielſagenden Blick auf Aurel und die ganze Gruppe warf. Sie ſehen ja, wie Alles verſöhnt iſt, erwiderte der Ober⸗Kammerherr; Graf Aurel weint Freudenthränen der Rührung auf die Hände ſeiner ehemaligen Braut, die der glückliche Vetter ihm fortkaperte. Alle wollen glücklich ſein und glücklich machen, warum ſoll die würdige Präſidentin alſo nicht mit einem Legatchen von fünfzig-, achtzig⸗ oder hunderttauſend Thalern die liebenswürdige Gräfin Leonor bedenken und die Vierte im Bunde ſein? † Unter leiſem Gelächter und mancherlei Spott wurde das Geſpräch fortgeſetzt, und nach den Andeutungen des Ober⸗Kammerherrn war jetzt Allen ein Licht über die Abſichten des Geheimeraths aufgegangen. Wie lange wird er denn noch diniren, flüſterte 8* — 116— der Ober⸗Kammerherr dem Geſandten ins Ohr. Die⸗ ſes Aufſchwellen iſt nicht Geſundheit, und dazu der kurze Hals! Er ſchont ſich auch nicht, ſitzt viel, ar⸗ beitet wie ein ordinärer Menſch, der hinter dem Schreib⸗ tiſch groß geworden iſt, und zwingt ſich, friſch und lebhaft zu ſein, was er nur durch Reizmittel bewir⸗ ken kann.— Starken Kaffee, halb Rum oder Arrac, braut ihm früh Morgens ſchon ſein Factotum, der Secretär Winkel, ſonſt würde er die Feder nicht gut halten können; dann Madeira oder Burgunder zum Fruhſtück, und Mittags eine volle Ladung, die bis Abends vorhält.— Geben Sie Acht, Baron, er wird uns überraſchen— der Ober⸗Kammerherr nickte ſehr behaglich—, und dann iſt Aurel Herr. Es iſt ſo⸗ mit ein ganz pfiffiges Geſchäft ihn zu verſöhnen und zum Freund und Vertrauten zu machen. Während dieſer ganzen Zeit ſaß die Präſidentin, als Gegenſtand vieler Sorgfalt und Zärtlichkeit, auf dem großen Polſterſtuhle. Der Geheimerath hatte ihr ſelbſt eine Taſſe Kaffee gebracht, und Gräfin Leonor hielt geduldig die ſchwere Silberſchale, in welcher der Zucker lag.— Die alte Dame ſcherzte über die un⸗ gewohnte Arbeit, um acht Uhr Abends Kaffee zu trin⸗ ken, und plauderte lächelnd über die Ausnahme. welche —õx — 117— Die⸗ ſie heute mache, während ſie ſonſt um dieſe Zeit ans der Zubettgehen denke. l⸗ Das aber, fuhr ſie dann fort, indem ſie den Gä⸗ reib⸗ ſten nachſah, die ſich nach und nach mit einigen lei⸗ und ſen Worten, einer Verbeugung oder auch ganz in der wir⸗ Stille entfernten, ſo daß nur Wenige zurück blieben, errac, ja, das iſt auch alles anders geworden, als zu mei⸗ der ner Zeit.— Gott ſei Dank, daß ich alt bin und gut nicht viel mehr ſehen werde! Mein liebſter Wunſch zum iſt erfült. Ich habe Aurel noch ein Mal geſehen, 1 bis und wenn meine trüben Augen auch ſein Geſicht nicht 4 wird mehr ſo genau erkennen wollen, ſo habe ich dafür ſehr doch an anderen Dingen gemerkt, daß er froh und 7 t ſo⸗ geſund heim gekehrt iſt. Geſund an Seele und froh und im Herzen, lieber Couſin Bodo. Und ſo ſoll er uns auch bleiben, erwiderte der 4 Graf, indem er Aurel die Hand drückte. tin, 4 Das iſt gut, ſagte die Präſidentin, ihre zitternde e ir Hand auf Beider Hände legend. Des Himmels Se⸗ 1 eonor b gen möge darauf ruhen! Milde und gütig lenkt Gott 4 r der den Sinn ſeiner Kinder und weckt die Gewiſſen auf, 2 un daß ſie Liebe ſäͤen und Vertrauen ärnten. Nehmen Sie den Dank einer alten Frau, lieber Graf Bodo, und auch Sie, liebe Leonor; das Beſte was ich Ih⸗ — 118— nen zu geben habe.— Aurel, mein theures Kind, ſei ihnen treu, ein Freund, ein Bruder! Ach! Du biſt jung, Dein Weg durch dieſes Pilgerleben kann noch lang ſein, vor Dir noch viel irdiſches Glück liegen, das Dir ſeine Blüthen reicht.— Prüfungen kommen über uns, damit wir uns beſſern und gereinigt wer⸗ den— doch wer iſt das dort? Wer iſt hier noch mit uns? fragte ſie, ſich unterbrechend. Fräulein Beate von Lebel, meine Geſellſchafterin und liebe Freundin, ſagte die Gräfin. Beate hatte ſich in den Hintergrund zurückgezogen, wo ſie an einem der kleinen Pfeilertiſche ſaß, an deſſen anderer Seite Sir Eduard Platz genommen hatte.— Dieſer beſchäftigte ſich damit, ein Stückchen Papier oder ſeine Namenskarte mit irgend einer Notiz zu be⸗ ſchreiben, und blickte nicht auf; das Geſellſchafts-Fräu- lein aber näherte ſich dem Lehnſtuhle der Präſidentin und beantwortete mehrere Fragen mit ſo ſanfter, wohl⸗ klingender Stimme, daß ein wahrhaftes, theilnehmen⸗ des Gefühl die alte Dame zu ergreifen ſchien. Sie richtete ihr Ohr gegen den Schall und ſtand dann auf, um Beaten dicht an ihr geſchwächtes Auge zu bringen.— Der Kronleuchter warf ſein Licht mit vollem Glanze auf das erröthende Geſicht des Fräu⸗ * d, ſei biſt noch jegen, umen wer⸗ noch ffterin zogen, deſſen te.— apier u be⸗ Fräu⸗ dentin wohl⸗ men⸗ Sie dann ge zu mit Frͤu⸗ — 119— leins, die, von beiden Armen der alten Frau feſtge⸗ halten, leiſe lächelnd den Blick niederſchlug und ihn dann ermuthigt wieder erhob.— In dieſer Erregtheit verſchönte ſie ſich, und die Präſidentin hatte nicht Un⸗ recht, zu ſagen: Ich habe Sie geſehen, Fräulein von Lebel, als Sie ein Kind waren; damals waren Sie blaß und kränklich, jetzt iſt ein ſtattliches Fräulein aus dem Kinde geworden, und Ihre Stimme klingt ſo rein und klar, wie die Stimme eines guten Engels. Sie iſt auch ein lieber, herzenslieber Engel! rief die Gräfin, indem ſie Beaten umarmte und küßte. Wohlthun, vergeben, für Andere bitten iſt ihre Freude. Gottes Segen auf Ihr Haupt dafür, mein Kind! ſagte die Präſidentin. O, wie wohl thut es mir, ein ſolches Urtheil über Sie zu hören, das, wie es gege⸗ ben wurde, aus innigſter Ueberzeugung kam! Ich habe Ihren Vater gekannt, mein liebes Fräulein, es war ein ehrenvoller Ofſicier und ein ſehr braver Mann; auch Ihre Mutter habe ich gekannt, die mit großer Geduld und Treue viele ſchwere Prüfungen ertra⸗ gen hat. Sie waren ihre Wohlchäterin, flüſterte Beate mit leiſer Stimme, ſich auf die Hand der alten Frau nie⸗ derbeugend. — 120— Eine tröſtende Freundin bin ich ihr geweſen, ſagte die Präſidentin, und auch Ihre Freundin will ich ſein, mein Kind. Innigen Dank, o, innigen Dank. erwiderte Fräu⸗ lein Beate. Sie haben viel, ſehr viel auch für meine Geſchwiſter gethan, als ich es nicht vermochte. Und warum, mein theures Kind, warum ſind Sie niemals im Hauſe der Witwe geweſen und haben mir die Freude gemacht, Sie als eine blühende Jungfrau zu ſehen? 1 ich konnte zweifeln, ob ich es wagen durfte, mich zu Ihnen zu begeben. Die Präſidentin lächelte. Sie erkannte in dieſer wagt hatte, ſich ihr zu nähern, da ſie wußte, wie die, von denen ſie abhing, urtheilen würden. Alles an Ihnen iſt hold und ſchicklich, erwiderte die alte Frau. Kommen Sie recht bald zu mir, es ſoll mir wahre Freude machen, Sie zu hören— da ich nicht gut mehr ſehen kann. Fräulein Beate, fiel der Graf ein, der ſeinen Spott über dieſe Verherrlichung nicht länger unterdrücken Beate erröthete, aber nach einigen Augenblicken ſagte ſie gefaßt: Ich bin gewiß ſehr ſtrafbar, den Antwort die verborgene Wahrheit, daß Beate nicht ge⸗ ſagte konnte und ihn in ſeiner Weiſe anwandte, iſt, wenn h ſein, man ſo etwas behaupten darf, auch beſſer zu hören, als zu ſehen. Wenn ihre Stimme ſchon die Herzen Sraua ergreift, ſo iſt ihr Geſang und ihr Spiel entzückend meine und bezaubernd; und wenn der ſelige Orpheus nicht wirklich todt wäre und der Tod jemals etwas zurück nd Sie gäbe, könnte man glauben, er ſei verwandelt wieder. en mir auferſtanden. ngfrau Dieſer rohe Einfall, den der Graf allein belachte, wurde mit Schweigen aufgenommen. Erſt nach ei⸗ blicken ner Pauſe ſagte die alte Dame: Selbſt die Götter denn der blinden Heiden konnten dem Zauber der Muſik ch zu nicht widerſtehen, die in den chriſtlichen Herzen wah⸗ rer und guter Menſchen eine himmliſche Veredelung dieſr und Heiligung bewirken muß.— Ja, kommen Sie ht g⸗ zu mir, menn liebes Kind, ich will Sie auch hören 1 1 li und Ihnen doppelt dankbaßsfür den Troſt ſein, den 3 Sie mir bringen. Aurel hat ſonſt wohl mir Lieder .. berte und Geſänge geſungen und mein altes Inſtrument in 1 4 Bewegung geſetzt. Als mein Mann noch mein Ge⸗ 4 4 d fährte auf Erden war und ich die ſchwarze Witwen⸗ haube noch nicht trug, haben wir frohe Tage geſehen, 5 uot unnd mehr als Cine junge Künſtlerin, deren Talent er 1 — ausbilden ließ, hat uns dafür mit ihren Gaben erfreut. ücken — 122— Der Praſident war ein Kunſtfreund— Kunſtnarr, ſagte er in ſich hinein—, der viel Geld darauf ver⸗ wandt hat, Talente zu bilden! rief der Graf. Die Talente haben einen großen Verluſt erlitten, aber Geld iſt das große Zauberwort, Dankbarkeit, Geſang, Sai⸗ tenſpiel, kurz, Alles auf Erden zu kaufen. Die Präſidentin ſchwieg abermals einige Minu⸗ ten, dann ſagte ſie lächelnd: Man kann Vieles kau— fen, aber wahre Liebe und die Achtung derer, welche Achtung verdienen, läßt ſich nicht mit Geld einhan⸗ deln.— Wer aber, fuhr ſie dann fort, auf weltliche Güter bei mir hofft, würde ſich betrogen finden. Ich habe vor einiger Zeit mein Teſtament gemacht und den Armen gegeben, womit Gottes Güte uns be— dachte. Wenn Er nich einſt abruft, der meine Tage gezählt hat, wird mein Haus ein Stifthaus für Ver⸗ laſſene werden. Ich halgs Alles wohl überlegt, Cou⸗ ſin Bodo, und zu meiner Freude iſt mein lieber Au⸗ rel ganz mit mir einverſtanden. Der Geheimerath ſchien von dieſer Mittheilung ſehr überraſcht. Er ſah ſeine Gattin an, die ungläu⸗ big lächelte.— Das iſt viel, das iſt ſtark! rief er. Aber es iſt ſocialiſtiſch; es gehört zu den neueſten Zeit⸗Ideen, das Eigenthum als Armengut zu betrachten. — ** a— 1 — 123— Was können wir davon mitnehmen? erwiderte die nſtnatr, alte Frau mit ſanfter Stimme; aber wie viele Thrä⸗ zuf ver⸗ nen können wir trocknen, wie viele Leiden mildern! Die Aurel wird das nicht miſſen, was ich ihm entziehe; er Geld denn er wird von ſeinem Überfluſſe noch Manches Sai⸗ abgeben können, dafür bürgt mir ſein Herz und ſein wahres Chriſtenthum. Wenn er aber anders denken Minu⸗ ſollte— ſo habe ich ihm geſagt und ſage es noch— es kau⸗ mals—, ſo will ich meinen Willen ſeinem unter⸗ welche ordnen. ainhan⸗ Sie wandte den Kopf nach dem jungen Manne, veltlihe der ſtill neben ihrem Stuhle ſaß, und ſtreckte ihre mn. Ic Hand aus, die er ergriff und in entſchiedenem Tone. it und ſagte: Alles, was du thuſt und gethan haſt, liebe 8 us be⸗ Tante, iſt recht und gut gethan. Dein Wille iſt mir e Tag ſo ehrwürdig, daß ich ihn vollziehen würde, wäre er ga⸗ auch nicht verbrieft und beſiegelt. 4„ Ich danke Dir! ich danke Dir! rief die Präſiden⸗ 1 8 tin. Ich weiß, daß das nicht leere Worte ſind. Da⸗ 71 ar u fuͤr wirſt Du glücklich ſein auf Erden und reichlich 1 . eeantſchaͤdigt werden durch Güter, die der Herr in ihlung Deine Hand legt. uglän Großmüthig wie ein König! fiel der Reichsrath 3 rief 1 laachend ein, indem er aufſtand und ſeine grauen Au⸗ neue 2X trachten — — 124— gen voll Hohn und Arger blitzend nach allen Seiten ausſchickte, bis ſie auf dem unglücklichen Geſellſchafts⸗ Fräulein ruhen blieben.— Unſere liebe Beate kann viel lernen, wie man Vermögen und Schätze zum Heile der Welt verwendet, fuhr er fort; und wenn Aurel einmal reiche Güter beſitzt, dann iſt es ein wahres Unglück, daß er durch eigenſinnige Anordnun⸗ gen närriſcher Vorfahren darin gehindert wird, ſie aus⸗ zuſtreuen unter die Lieblinge des Himmels, die nichts haben. Wenn das nicht wäre, Couſine Schönburg, auf Seele und Gewiſſen! ich würde es ganz eben ſo machen, wie Sie, und Aurel würde, wie ich überzeugt bin, gewiß damit einverſtanden ſein. Die Präſidentin erhob ſich aus ihrem Lehnſtuhle und nahm ihren Stock zur Hand, indem ſie Aurel herbei winkte.— Meine Zeit iſt abgelaufen, ſagte ſie, und darum gute Nacht.— Herzlichen Dank, Couſin Bodo; mein guter Aurel wird Ihre Freundſchaft ſchätzen und Ihre Liebe vergelten. Kommen Sie bald in das ſtille Haus der Witwe, theure Leonor; und halt!— wer iſt das, wer ſteht dort? fragte ſie. Iſt es Beate? Es iſt mein Freund, Sir Eduard Rodney, erläu⸗ terte Aurel. Seiten hafts⸗ kann zum wenn s ein dnun⸗ eaus⸗ nichts nburg, ven ſo erzeugt ſtuhle Aurel gie ſe, Coufin⸗ dſchaft je bald und ne. If erläu⸗ 3 — 125— Der leider nicht Deutſch verſteht, fügte die Gräfin hinzu. Aber ſehr geiſtreich iſt, ſagte der Graf. Die Präſidentin machte einige Schritte, bis ſie dicht vor dem Engländer ſtand und ihn ganz nahe be⸗ trachten konnte, was Sir Eduard mit größter Kalt⸗ blütigkeit aushielt. Geiſtreich nennen die Menſchen oft die Schlechte— ſten, begann ſie dann, indem ſie ihm die Hand reichte; aber Aurel hat mir von Ihnen erzählt, wie gut und ſtandhaft Sie ſind, und wie manchen treuen Beiſtand er bei Ihnen fand. Aber, liebſte Couſine, er verſteht Sie ja nicht! rief der Graf lachend. Ja, das iſt wahr, ſagte die alte Frau; aber er wird es merken, daß ich ſeine dankbare Freundin bin, und meine liebe Beate kann es ihm ſagen.— Ich erwarte Sie alle bei mir, doch Beate wird mich mor⸗ gen beſuchen. Ich bitte darum; morgen, mein Kind, und dann recht oft. Der Geheimerath kehrte an der Thür um und zog ſeine Gattin leiſe zurück, die weiter mitgehen wollte. Er lachte laut auf und ſagte dann mit gedämpfter Stimme: Iſt es möglich, kindiſcher und dümmer zu — 126— handeln? Ihr ganzes großes Vermögen den Armen zu geben, eine Stiftung dafür zu decretiren, die, Gott weiß, welchen Faulenzern und Tagedieben zu Gute kommt! Und er— er nennt das würdig und weiſe! — Welche Ausſichten für mich, wenn er einmal ver⸗ geuden und verſchwenden könnte, was ich mühſam er⸗ worben. Die Gräfin legte den Finger auf den Mund und ſah nach dem Tiſchchen hin, wo Rodney ſeine Brief⸗ taſche zuſammen packte. O, der iſt unſchuldig, unſchädlich! fuhr der Graf fort; aber nur noch kurze Zeit Geduld!— Vielleicht iſt es gut ſo, Leonor; Gottes Wille, wie die Einfalts⸗ pinſel ſagen.— Sie verſchenkt ihr Vermögen, weil er doch genug und noch mehr als genug hat. Das heißt, wenn ich ihm den Platz räume— ich ihm laſſe, was mein iſt, haha!— Was ſprachſt Du mit ihm? Nichts von Bedeutung. Nichts von Bedeutung? So laß uns gehen, ſelbſt Sir Eduard rüſtet ſich.— Wir werden alle ein wenig müde ſein, Herr Rodney. Da kommt Aurel zurück.— Nun, Aurel, die würdige Tante iſt fort? 12,— Welch frommes Gemüth! Welche Kindlichkeit und übergroße Herzensgüte! Wären Viele ſo, wie ſie, erwiderte Aurel, ſo würde es anders um die Leidenden in der Welt ſtehen. Gewiß und wahr! rief der Geheimerath. Wir würden das Paradies wieder haben, und die Feigen⸗ blätter würden eine große Rolle ſpielen. Aurel ſah vor ſich nieder, dann ſagte er: Ich kam heute ein wenig ſpät und bitte nachträglich um Ent⸗ ſchuldigung. Die Urſache war, daß ein Jugendfreund mich aufſuchte, um deſſentwillen ich ein paar Worte mit Dir zu ſprechen wünſche. Sprich, mein Freund. Iſt es der kunſtvolle Schloſſermeiſter, der Dich zu ſeinem Fürſprecher ge⸗ macht hat? Nein, erwiderte der junge Mann, es iſt der Oko⸗ nom Gersfeld, der eines Deiner Güter gepachtet hat und es jetzt ruinirt verlaſſen ſoll. Der! ich erinnere mich, ſagte der Geheimerath. Aber was kann da geſchehen? Er bezahlt die Pacht nicht, folglich muß er das Gut verlaſſen. Die unglücklichen Jahre haben Gersfeld herunter⸗ gebracht, fuhr Aurel fort. Er wird ſich erholen, wenn man ihm Zeit läßt. Wirft man ihn hinaus, — 128— ſo iſt er ein Bettler.— Das kann Dein Wille nicht ſein; ich bitte Dich inſtändigſt um Nachſicht. Die Pachtung iſt leider ſchon anderweitig verge⸗ ben, ſagte der Geheimerath, ſonſt würde ich Deinet⸗ wegen, mein lieber Aurel, gewiß gern thun, was Dir Freude macht. Sie iſt glücklicher Weiſe noch nicht vergeben, er⸗ widerte Aurel. Der Geheimerath ſah ihn forſchend an und wie⸗ derholte: Sie iſt vergeben! Ich ging zu Winkel, der mir ſagte, es könne noch Alles ſo gemacht werden, wie es mir— oder viel— mehr wie es Dir recht ſei. Der gute Winkel! er iſt immer gefällig! ſagte der Geheimerath; aber ich ſelbſt habe ſie vergeben, und mein Wort— ich breche nie mein Wort!— Er blickte in das dunkel geröthete Geſicht ſeines Vetters und freute ſich über den Zorn, den er darin entdeckte. Wenn man aber damit ein ſchweres Unrecht be⸗ geht, eine Härte, die vernichtend für eine ganze Fa⸗ milie wird, ſo kann eine bloße Zuſage doch gewiß 4 nicht binden, rief der junge Mann.— Es iſt empö⸗ rend zu denken! fuhr er fort, als er ſah, daß der Graf ſich zu ſeiner Gattin wandte. nicht derge⸗ einet⸗ M 3 Dir und - Er zetters eckte⸗ t be⸗ e da⸗ gewiß enipo⸗ 6 der — 129— Es iſt noch immer der alte Hitzkopf, Leonor! rief der Reichsrath.— Wir wollen es überlegen, bis morgen, und irgend ein Ausweg wird ſich ſchon fin⸗ den.— Fordere ihn zu einer Partie auf, Leonor, oder laß ihn mit Rodney Schach ſpielen, damit ſein Blut ſich abkühlt.— Einigkeit! Freundſchaft! Treue! mein lieber Aurelz was die würdige Tante uns als Lohn unſeres Lebens hinſtellte. Ich ſchenke Dir mein ganzes Vertrauen, mehr als irgend einem Menſchen auf Erden, alſo vertraue auch mir.— Und nun gu— ten Abend, ich werde in einer Stunde aus dem Ca⸗ ſino zurück kommen.— Er legte Aurel's Hand in die Hand der Gräfin, als er ſich raſch entfernte. Nach einigen Minuten kehrte er jedoch durch eine andere Thür zurück, den Hut auf dem Kopfe. Das Zimmer war leer, die beiden Herren hatten die Grä⸗ fin in die Wohngemächer der Familie begleitet. Der Geheimerath ſchritt auf das Conſoltiſchchen zu, wo Rod⸗ ney geſeſſen hatte, und griff nach einem Zettelchen, das unter dem goldenen Geſimſe lag.— Er las es eilig und lachte dazu.— Dann legte er es wieder an ſeinen Platz und ſtellte ſich hinter den Fenſtervor⸗ hang.— Nach einigen Minuten kam Fräulein Beate, die ein paar ſcheue Blicke nach allen Seiten warf, 9 3 „ — 130— dann das Bläͤttchen nahm, entfaltete, es las und nach⸗ denkend die Hände ſinken ließ.— Der Graf ſah ihr gerade ins Geſicht und fand es voller Verwirrung und Zweifel. Plötzlich aber hob ſie Augen und Hände wieder auf, ihre Finger verſchränkten ſich wie zur in⸗ nigen Bitte, ihr Geſicht ſtrahlte vor Freude. Sie verbarg das Blättchen und entfernte ſich ſchnell. Die Tugend ſiegt, und die Jugend iſt ſchön! rief der Reichsrath, indem er lachend aus ſeinem Verſteck ſchlüpfte und dem kleinen Fräulein behutſam folgte. 8. Der Secretaͤr Winkel ſaß an dieſem Abend in ſei⸗ nem Stübchen, und neben ihm ſaß Hannchen, und vor ihm auf dem Tiſche ſtand eine ſchöne Bowle von Kry⸗ ſtall, und dicht am Rande des Tiſches ſtanden zwei halbgefüllte Gläſer; an der anderen Seite aber ſaß Franz Willner in einem Lehnſtuhle, und während die beiden Anderen viel Scherz trieben und ſich neckende Worte ſagten, blickte der junge Meiſter ſchweigend und grämlich bald in ſein Glas, bald in die Aſtral⸗ lampe, bald mit großer Anſtrengung nach dem Sopha ihr hinüber. 8 und Der Secretaär Winkel hatte den Arm um Hann— 8 ande chen’s Leib gelegt und ſprach mit ihr, indem er dann in⸗ und wann ihr das Tuch zurecht zupfte, oder ihr Kinn Sie anfaßte, oder ihre Wange ſtreichelte, oder ihre Finger Die drückte. der Wie ein Vater iſt mir zu Muthe! rief er, als rſteck Franz jetzt plötzlich den Kopf aufhob— denn es kam ihm vor, als hörte er ein Geräuſch, das von einem Kuſſe herzurühren ſchien. Wie ein Vater mitten un— ter ſeinen Kindern— Willner, trinken Sie Ihr Glas aus. Der Trank iſt gut. Nicht wahr, Hannchen? 1 4 Sehr gut, ſagte Hannchen, indem ſie ihr Glas] leerte, während Franz das ſeine ſtehen ließ. Vortreff⸗ 5 lich! köſtlich! Wir verſtehen auch etwas von der edlen Kunſt, dve das Beſte gut genug für uns zu finden! rief Winkel Kr⸗ lachend.— Ich möchte kein Graf oder Prinz ſein, 2 zwe um alle Schätze nicht.— So eingeſchnürt und ein⸗ 1 a gepreßt vier, fünf Stunden bei Tiſche zu ſitzen, iſt 6 d die eine Qual, und überhaupt, Willner, was haben denn 5 eckenbe die Vornehmen für großes Glück?— Es iſt ein ewi⸗ eigend ger Zwang, keine Wahrheit, keine Einfachheit und keine ſtral⸗ 9* — 132— Natur.— Was ſitzen wir hier gemüthlich beiſam⸗ men! und da ſteht eine Paſtete, da iſt eine ganze Schüſſel voll Braten und hier ein Bowlchen von Ana⸗ nas, Champagner und ganz feinem Rheinwein, den kein Fürſt ſtehen ließe.— Geht es hier oben beim Secretär Winkel nicht beſſer her, als da unten beim Grafen? Hehe! Sorgt der arme Winkel nicht für ſeine Freunde? Hehe! Hannchen, habe ich Recht oder nicht? Sie haben immer Recht, ſagte Hannchen, und ſind der großmüthigſte Mann, den ich je geſehen habe. Es wird noch beſſer kommen, kleines Hannchen, es wird noch beſſer kommen, lachte und huſtete Win⸗ kel zu gleicher Zeit. Ich werde väterlich ſorgen, es ſoll Euch an nichts fehlen.— Der Schloſſermeiſter ſah ihn ſtarr an, denn es kam ihm wieder ſo vor, als habe der Secretär Hannchen geküßt.— Sie ha⸗ ben mehr Glück als ein König, Willner! rief Win⸗ kel. Sie bekommen einen Schatz, wie ihn kein Kö⸗ nig hat— trinken Sie Ihr Glas aus, Hannchen ſoll leben! Ich fürchte nur, Sie werden Hannchen noch mehr verwöhnen, ſagte Franz mürriſch. A beiſam⸗ e ganze n Ana⸗ in, den en beim en beim icht für „Recht und ſind jabe. mnchen, * Win⸗ gen, es ermeiſter ſo vor⸗ Sie ha⸗ Win⸗ ein K⸗ annchen ch mhr — 133— Noch mehr verwöhnen? ſchrie Winkel. Noch mehr verwöhnen? Pfui, Willner, ſchämen Sie ſich! Bin ich denn ſo verwöhnt? fragte Hannchen empfindlich. Beſcheiden wie ein Hühnchen, wie ein Vögelchen, wie ein Eichkätzchen! rief der Secretär. Er iſt ein Barbar! Ich meine nur, ſagte Willner, reuig verwirrt, es wird Dir nicht gefallen, wenn es bei uns einfache Koſt giebt, die Du ſelbſt kochen ſollſt. Ach! die armen, feinen Händchen, die weißen Händchen! rief Winkel, indem er ihre Fingerſpitzen küßte. Sie müſſen ein Mädchen halten, Willner, ein tüchtiges arbeitſames Mädchen. Franz ſchüttelte den Kopf und brummte etwas vor ſich hin. Sehen Sie! rief Hannchen weinerlich, ſo kränkt er mich, als ob ich nicht gern Alles thäte! Sie hielt ſich ihr Tuch vor die Augen. Der junge Meiſter ſtreckte die Hand uͤber den Tiſch aus und ſagte lebhaft: Sei doch kein Närrchen! Ich habe Dich lieb, es iſt ja Alles nur, weil ich Dich lieb habe. Ein Mädchen müſſen Sie ihr halten, Willner, fiel Winkel ein; ich will's bezahlen. — 134— Ich bezahle es ſchon ſelbſt! rief Franz. Aber, Hannchen, ſei gut, ich kann's nicht mit anſehen. Geben Sie ihm die Hand, Hannchen, ſagte der Secretär; künftig wird er artig und gehorſam ſein. Hannchen zog das Tuch fort und zeigte ihr halb verſöhntes, halb ſchmollendes Geſicht. Was es für ein himmliſches Herz iſt! ſchrie Win⸗ kel; kein Zorn und kein Ärger, lauter Liebe und Ver⸗ ſöhnung. Küſſen Sie ihr die Hand, Willner, die kleine, allerliebſte Hand, und bitten Sie ab. Franz wußte nicht recht, was er abbitten ſollte; aber Hannchen hielt ihm großmüthig die Hand hin, und er that wie ihm geboten war. Winkel rief ihm dafür ein lautes Bravo zu, worauf er Hannchen ge⸗ rührt umarmte. So, meine Kinder, ſagte er, Frieden und Einig⸗ keit! das muß ein guter Vater wünſchen. Und nun, Willner, noch ein Glas, und dann ſollen Sie uns Neuigkeiten mittheilen.— Geſtern iſt der liebe Graf Aurel wieder bei Ihnen geweſen; was hat er zu mei⸗ nen gehorſamſten Empfehlungen geſagt? Der junge Meiſter ſah in ſein Glas und ſchien zu überlegen; aber Winkel hatte ihm tüchtig einge⸗ 135 Aber, ſchenkt, dazu war er aufgeregt, das Herz ſaß ihm alſo mehr auf der Zunge, als gut ſein mochte. Sehen Sie, Fräulein Hannchen! rief der Secre⸗ e der e1 tär, die Achſeln zuckend, was hilft da alle meine Freund⸗. 1 halb ſchaft und väterliche Zuneigung? So rede doch, Franz! rief Hannchen, heftig auf⸗ Vin⸗ fahrend. Rede doch! Es iſt ein ſchreckliches Benehmen e⸗ gegen einen Wohlthäter, der ſich unſer ſo warm an⸗ kleine, nimmt. Dein Graf thut nichts, der kann nichts thun und wird nichts thun, denn wer weiß... Hier faßte llte Herr Winkel Hannchen's Arm und ſagte mit ſanfter bin, Stimme: Laſſen Sie ſich von Ihrer edlen, gefühlvollen fim Seele nicht zu weit hinreißen, Fräulein Hannchen. Der junge Graf Aurel iſt ein höchſt liebenswürdiger, en ge⸗ großmüthiger und ausgezeichneter Herr, und man weiß 4 .. nicht, wie Alles in der Welt kommen kann. Der Ge⸗ Einig⸗ heimerath iſt ſterblich, wie wir, weil er ein Menſch iſt d uun, und wir alle Menſchen ſind; die natürliche Folge wäre ie uns dann, daß der liebe Graf Aurel Alles erbte; jeden⸗ Gua falls alſo iſt es gut, einen Freund an ihm zu haben, u mei⸗ auch wenn man ſich ſagen muß, daß es möglich wäre, 1 er könnte nichts nützen. ſchien Sie ſind immer der Klügſte! rief Hannchen voll Bewunderung. — — 136— Dumml! ſeufzte Winkel, an ſeine Stirn ſchlagend, ganz dumm, wenn es darauf ankommt, meinen Mit⸗ menſchen zu dienen. Nun aber reden Sie, lieber, gu⸗ ter Willner. Ich hoffe, Sie haben Ihrem hohen Freunde Alles geſagt. Ich habe ihm Alles geſagt, antwortete der junge Meiſter, aber... Er ſteckte die Hand ins Haar und machte ein höchſt ſchläfriges Geſicht, während ſeine Augen funkelnd und bedeutungsvoll in Hannchen's Geſicht ſchauten... ich weiß nicht, ob ich Ihnen die Antwort mittheilen kann, denn erbaulich und ange⸗ nehm iſt ſie eben nicht. Nicht, wirklich nicht? lispelte Winkel lächelnd, und die obere Linie ſeines Koͤrpers neigte ſich ſchief über den Tiſch fort zu Franz hin.— Nun, was thut es? fuhr er dann fort, ich kann Alles hören. Ein Ge⸗ rechter muß viel leiden können. Verſchweigen Sie mir nichts, Willner, kein Wort. Franz lehnte ſich ebenfalls über den Tiſch, die bei⸗ den Köpfe begegneten ſich beinahe auf der Mitte. Was er mir ſagte, begann er mit nachdrücklicher, aber ge⸗ dämpfter Stimme, beſtand darin: Ich laſſe dem Herrn Winkel ein für alle Mal danken und hoffe mit ihm niemals in Berührung zu kommen, am wenigſten einen ggend, Mit⸗ , gu⸗ hohen junge r und ſeine chhen's n die ange⸗ und über t es! Ge. 1 Sie e bei⸗ Was er ge⸗ Hertn t ihm einen — 137— Dienſt von ihm anzunehmen. Und Du, ſo ſagte er nämlich zu mir— fuhr Franz fort—, Du ſei auf Deiner Hut, daß er Dich, oder Deine Braut, oder euch beide nicht auf infame Weiſe betrügt; denn er iſt ein abgefeimter Heuchler, ein Menſch, der nicht Eine ehrenwerthe Eigenſchaft beſitzt, der aber mit dem käl⸗ teſten Blute jede Niederträchtigkeit begehen kann. Bei den letzten Worten zog Herr Winkel ſeinen Kopf langſam zurück und ließ ſich in die Ecke des Sopha's fallen.— Das ſagte er alſo? fragte er. Ja, das ſagte er, Wort für Wort, erwiderte Willner. Pfuil wie abſcheulich, wie erbärmlich! rief Hannchen. Nicht doch, flüſterte Winkel, mit der Hand win— kend, nicht doch, mein liebes Kind; aber ich danke Ihnen, Hannchen, für dieſen Beweis Ihres Vertrauens, ich danke Ihnen, Willner, für Ihre Aufrichtigkeit.— Der liebe Graf Aurel iſt ſehr zu bedauern. Sein Kopf iſt erhitzt, er hat ſtürmiſches Blut, ſieht Feinde und Verräther um ſich, wo Freundſchaft und Liebe ihm die Hände reichen.— Was ſagte er von dem Geheimerathe und von der Frau Gräfin? Nichts als Gutes, ſehr viel Gutes, antwortete Franz. Sehen Sie wohl, fuhr der Seeretär lächelnd fort, ſo ſind große Herren. Sie müſſen immer Einen ha⸗ — 138— ben, der ihre Fußſtöße in Empfang nimmt, an dem ſie ihre uͤble Laune auslaſſen.— Aber das ſchadet nichts. Gar nichts!— Was iſt darauf zu geben? Nichts iſt darauf zu geben! Iſt doch der liebe Graf Aurel vor wenigen Stunden hier in dieſem Zimmer geweſen, hat da geſeſſen, wo Sie jetzt ſitzen, Fräulein Hannchen, und hat meine Hände gedrückt, mich theu⸗ rer Freund genannt, ſo ſanft und theilnehmend, wie Sie es zuweilen thun. Das iſt nicht wahr! rief Willner heftig. Das iſt 4 eine Lüge! Franz! pfui! ſchäme Dich! ſchrie Hannchen. Es iſt eine Lüge, fuhr der junge Mann fort, in— dem er die geballte Fauſt auf den Tiſch legte und ſeine Augen weit und drohend aufmachte. Das thut Aurel nicht. Hieher kommen! Das wird er nie thun, 3 dazu— dazu— ol alle Wetter, ja, es muß heraus — dann verachtet er die Heuchelei viel zu ſehr. Winke, wie Du willſt, Hannchen, es iſt einmal nicht anders, und geſagt muß es werden! Ich habe es auch ſatt, und mag's biegen oder brechen, die Vaterſchaft will ich ſo wenig haben, wie die beſondere Freundſchaft.— Gelernt habe ich genug, um mich zu nähren, und Dich zu nähren, einfach, wie's recht iſt, mit allerlei Plage; — an dem ſchadet geben? e Graf Zimmer raulein h theu⸗ d, wie tt, in⸗ e und s thut thun, heraus Winke, anders, h ſatt, t will t — 139— aber wenn Du mich liebſt, wird's mit uns gehen ohne ihn. Gott weiß, was er alles verſpricht und was davon wahr wird! Doch mein Geld für den Schrank habe ich bis zur Stunde nicht bekommen können, und nun iſt's gut. Ich will von keiner Stelle wiſſen, will von ihm nichts wiſſen.— Und damit iſt's aus mit uns, Herr Winkel; damit iſt's genug, ſagte er ruhi⸗ ger, vom Tiſche aufſtehend. Wie roh! wie ordinär! wie gräßlich! rief Hann⸗ chen, ihre Hände zuſammenſchlagend. Ich glaube, er iſt verrückt geworden! Laſſen Sie ihn, Fraulein Hannchen, laſſen Sie ihn, ſagte der Secretär, ſanft winkend; wir ſollen ſeg⸗ nen, die uns fluchen. In dieſem Augenblick wurde an die Thür geklopft, und faſt zugleich damit trat Graf Aurel herein.— Winkel eilte hinter dem Sopha hervor und ließ Hann⸗ chen's Hände los, die er in den ſeinen hielt. Der ehrliche Franz aber ſtarrte den Grafen an, wie eine Erſcheinung. Er warf ſeine Blicke auf den Secretär, der ſich demüthig ſo weit vornüber beugte, daß er beinahe wieder ein rechter Winkel wurde, und jählings kam es ihm ein, daß doch Alles nicht wahr ſei, was — 140— er ſehe und hore, daß er träume, ſchlafe, behert ſei, oder wirklich verrückt ſei, wie Hannchen geſagt hatte. Aber es war Alles Wahrheit.— Aurel blieb in ſeinen großen Mantel gehüllt, er hatte den Hut in die Augen gedrückt und ſchien ganz von den Dingen erfüllt zu ſein, die ihn hierher geführt hatten.— Gegen ſeine ſonſt ſo milde und freundliche Weiſe ſah er verſtört und düſter aus, und ohne einen Blick auf Franz zu werfen, ſagte er zu dem geſchmeidigen Se⸗ cretär: Ich ſtöre Sie in Ihrer Ruhe, Herr Winkel, aber ich habe ein nothwendiges Wort im Vertrauen mit Ihnen zu reden. Hohe Chre für mich, gnädigſter Herr Graf, eine unſchätzbare Ehre, erwiderte Winkel, die langen Hände reibend; in einer einzigen Minute bin ich zu Ihrem Befehl.— Er wandte ſich triumphirend zu Willner um und deutete auf die Thür, während Aurel ſich langſam zum Fenſter kehrte. In ſeinen Augen fun— kelte ein unermeßlicher Hohn; ſeine Naſe ſchien ſich der Stirn nach in die Höhe zu ziehen, die Naſen— flügel dehnten ſich aus, das ganze magere, ſteinerne verſchloſſene Geſicht war von Bosheit verzerrt, wie das Geſicht eines großen Affen, dem ein Hauptſtreich gelungen iſt. Im nächſten Augenblick aber lächelte ert ſei, hatte. lieb in zut in dingen n.— ſe ſah ſk auf 1 Se⸗ ginkel, trauen eine Hhände hrem illner lſich fun⸗ ſich aſen⸗ nerne wie treich belte — 141— Winkel, ſanftmüthig wie ein Kind, und Franz ſeine Hand bietend, ſagte er mit größter Herzlichkeit des Tones: Gute Nacht, lieber Willner; ich denke, wir fahren in unſerem freundſchaftlichen Streite morgen fort und verſtehen uns dann beſſer. Und Sie, Hann⸗ chen, ſetzen Sie ihm den Kopf zurecht und vergeſſen Sie nicht, was ich geſagt habe.— Wo ich rathen und helfen kann, geſchieht es gern, immer gern.— Ohne die Hand anzunehmen, die Blicke zur Erde ge⸗ richtet, und ohne ein Wort zu erwidern, ging Franz hinaus. Hannchen folgte ihm. Winkel blieb ſtehen, gebückt, mit dem tief unter⸗ thänigen und doch lauernden Blicke, ſeine Hände ſanft reibend und bereit, ſeine Verbeugung zu wiederholen, ſobald Aurel eine Bewegung nach ihm machen wuͤrde; aber der junge Graf rührte ſich nicht. Herr Winkel verharrte daher in ſeiner Poſition, ohne auch nur durch ein Räuspern ſeine Nähe kund zu geben. Endlich ſagte Aurel, ohne ſich umzuwenden: Die hellen Fenſter gegenüber ſind die Zimmer der Gräfin? Ja wohl, gnädigſter Herr, die Zimmer der Frau Gräfin, erwiderte Winkel geſchmeidig. Es ſind deren drei und dann das Schlafzimmer. Von dort geht es durch den Corridor zu den Zimmern Sr. Excellenz — 142— und dann die Treppe hinauf durch die Seiten⸗Galerie in die Geſchäftszimmer. Es iſt ein ausgezeichnetes Haus, ein ſehr bequemes Haus. Von allen Seiten führen Thüren und Gänge durch die Flügel, und wer nicht geſehen ſein will, he he!— huſtete und lachte Herr Winkel,— der hat durchaus nicht nöthig, ſich ſehen zu laſſen. Es entſtand eine neue Pauſe; plötzlich aber drehte ſich der junge Graf um und ſah den Secretär mit einem langen, ſcharfen Blicke an, der ſo durchbohrend war, daß Winkel, trotz ſeiner unerſchütterlichen Kalt⸗ blütigkeit, ihn nicht ganz ſtandhaft ertragen konnte. Ich glaube, ſagte Aurel, indem er einen Stuhl nahm und auf einen anderen deutete, ohne ſeinen Mantel abzulegen und ſeinen Hut vom Kopfe zu nehmen, wir können aufrichtig und ohne Zwang ſprechen. Warum ſollten Sie ſich zwingen, gnädigſter Herr? erwiderte Winkel, ſich ehrerbietig zuſammen ziehend. Was mich betrifft... Was Sie betrifft, ſiel der Graf ein, ſo müſſen Sie genau wiſſen, was ich von Ihnen denfe. Aurel's Augen betrachteten ihn vom Wirbel bis zu den Füßen, dann fuhr er tonlos fort: Sie ſind jalerie ynetes Seiten 143— der, welcher Sie immer waren, und vergebens würde es ſein, wollten Sie mich glauben machen, daß Sie ſich geändert hätten. Bei dieſer Vorausſetzung, erwiderte Winkel fanft, würde ich Ihnen, gnaͤdigſter Herr, nicht zu wider— ſprechen wagen. Nein, ſagte Aurel, wir kennen uns zu genau. Aber Sie haben mich wiſſen laſſen, daß Sie geneigt wären, mir Dienſte zu leiſten. Sie haben Franz be⸗ auftragt, mir zu ſagen, daß Sie im Stande ſeien, mir Manches mitzutheilen, was mir nicht allein angenehm, ſondern auch von großem Nutzen ſein könnte. Haben Sie das gethan? Winkel warf einen ſcheuen Blick nach der Thür, dann ſprach er mit gedämpfter Stimme: Ja, gnädig⸗ ſter Herr, aber ich bitte. Gut, erwiderte der Graf leiſer, Ihr Zugeſtändniß muß die Baſis unſerer Unterhandlungen ſein.— Ich verlange nichts umſonſt von Ihnen, eben ſo wenig, wie Sie dieſes Wort kennen. Herr Winkel, ich bin kein Knicker, kein Egoiſt, kein gemeiner Wucherer. Ich will bezahlen, Sie ſollen damit zufrieden ſein. Ich will einen Pakt mit Ihnen machen, fuhr er mit dem Ausdrucke der tiefſten Verachtung fort, und will Ihnen — 144— meine Ehre verpfänden, daß ich pünktlich halte, was ich verſpreche.— Sie kennen mich, daß mein Wort unverbrüchlich iſt, und werden daher keine Schrift ver⸗ langen, die gefäͤhrlich ſein und Ihnen nichts helfen würde. Ich bin ganz Ihrer Meinung, Herr Graf, ſagte der Secretär. Die Kaltblütigkeit, mit welcher er dieſe Worte ſprach, ſchien den jungen Mann noch tiefer zu belei⸗ digen. Er ſchwieg einige Augenblicke, um zu überle⸗ gen, dann fuhr er haſtig fort: Wir wollen ſo kurz als möglich ſein. Ich will Ihnen ſagen, was ich weiß und was ich wiſſen möchte. Ich weiß, daß ich dem Grafen, meinem Vetter, zur ungelegenen Zeit zu⸗ rückgekehrt bin. Seine Freundſchaft für mich iſt Maske, iſt Heuchelei. Er möchte mich fortſchaffen, je eher, deſto lieber. Iſt es nicht ſo? Es wird ſo ſein, wie Sie ſagen, erwiderte Win⸗ kel, ruhig und geſchäftsmäßig trocken; die Urſache iſt leicht zu erklären. Aurel ſah ihn fragend an, der Secretär fuhr in demſelben Tone fort: Se Excellenz weiß, daß es ge⸗ genwärtig keinen anderen Erben der großen Güter giebt, als Sie, gnädigſter Herr. Sie ſind ganz un— lte, was in Wort zrift ver⸗ s helfen af, ſagte e Worte belei⸗ überle⸗ ſo kurz was ich daß ich Zeit zu⸗ Maske, je eher, te Win⸗ ſache in fuhr in 5 es ge⸗ n Gütet — 1☚— erwartet zurückgekehrt, ehe irgend eine Vorbereitung getroffen werden konnte. Man hatte Sie hier halb vergeſſen, bis Sie plöͤtzlich Sr. Excellenz lebend, jung und blühend vor Augen traten. Der Gedanke iſt ihm unerträglich, Ihnen Alles hinterlaſſen zu müſſen, und da die Frau Gräfin ihm keine Hoffnung auf eigene Familie bis jetzt bietet, ſo iſt Ihre Anweſenheit ihm noch weniger erfreulich. Wenn es daher möglich wäre, Sie ſo mit Widerwillen an den hieſigen Ver⸗ hältniſſen zu erfüllen, daß Sie ſich zu einer neuen Reiſe entſchlöſſen, und wenn es dazu käme, daß Sie, vielleicht durch Zorn oder Aergerniß bewogen, auf lange Zeit nicht wieder erſchienen, ſo könnte es leicht ſein... Bei dieſen Worten ſchwieg der Secretär und verzog ſein faltiges Geſicht zu einem ſonderbaren Lächeln. Reden Sie, ſagte Aurel. Es könnte ſein, daß Sie alsdann, im Falle ſelbſt der Herr Graf nicht mehr unter den Lebendigen weilte, einen anderen legitimen Erben vorfänden. Sie meinen, murmelte Aurel, die Gräfin— könnte... Gnädigſter Herr, ſagte Winkel ſo leiſe, daß ſeine Worte zum Hauche wurden, bedenken Sie, um was 10 es ſich handelt. Es iſt um geriugeren Beſitz ſchon Aergeres geſchehen. Ein Kind läßt ſich finden, und Leute laſſen ſich finden, die für Geld alles thun, al— les wagen und alles beſchwören, was man von ih⸗ nen fordert. Es hat ſich ſchon eher begeben, fuhr er mit ſeinem geſpenſtiſchen Huſten und Lachen fort, daß ein König einen Kronprinzen brauchte, und er wurde geboren und war ein Prinz und wurde ein König. Niemand merkte es ihm an, daß er eigentlich aus dem Stalle ſtammte. Eine tiefe Stille trat ein, dann hob der junge Mann heftig ſeine Hand auf und ließ ſie langſam wieder fallen.— Ich traue ihm Alles zu, mehr noch als das, ſagte er vor ſich hin.— Hat er mit Ih⸗ nen je davon geſprochen? 9 Ich glaube aus eigenen Andeutungen mehr erra⸗ then zu haben, als er ausſprach, erwiderte Winkel— Zuvörderſt ſollen, Sie fort, das Andere wird ſich finden. Ich werde bleiben, ſagte Aurel. Die ſtillen Augen des Secretärs erhielten einen helleren Glanz. Sie müſſen bleiben, gnädigſter Herr, flüſterte er, und wenn Sie meine ſchwache Hülfe nicht zurückweiſen wollen, ſo wird in dieſem Hauſe fuhr er rt, daß wurde König⸗ ich aus junge angſam hr noch nit I⸗ ar erra⸗ u— nichts vorgehen können, was nicht zu Ihrer genauen Kenntniß gelangte. Und was— was fordern Sie dagegen, Winkel? fragte der Graf. Nichts für jetzt, mein gnädigſter Herr, ſagte der Secretär ſanft lächelnd. Beantworten Sie mir zu— vörderſt eine Frage. Iſt es Ihre Abſicht, ſich zu verheirathen? Ob ich mich verheirathen will? fragte Aurel, ihn anſtarrend. Seltſame Frage! Hat er etwas davon geſagt? Es iſt mir ſo, erwiderte Winkel, als wenn Franz Willner mir erzählt hätte, daß Sie, gnädigſter Herr, nicht an neue Reiſen dächten, ſondern weit eher ſei⸗ nem Beiſpiele, wenn ich ſo ſagen darf, nachfolgen würden. Möglich, daß ich es ſagte, möglich, daß ich mit ihm ſcherzte! rief der junge Mann; aber wenn es ſo wäre — was bewegt Sie, danach zu fragen? Winkel lächelte geheimnißvoll, indem er den Kopf ſenkte und nach der Thür zu horchen ſchien, zugleich aber den Grafen betrachtete.— Weil ich, flüſterte er, in dieſem Falle Ihnen eine Mittheilung machen könnte, die einigen Werth haben würde, wenn... 10* — 148— Machen Sie keine Unſchweife, ſagte Aurel. Herr Graf, fuhr der Secretär fort, meine Mit⸗ theilung würde großen Werth haben, wenn die Dame, welche Sie wählen, vielleicht kein bedeutendes Ver⸗ mögen beſaße. Das Herz fragt nach ſolchen Vorzü⸗ gen nicht, und nicht ſelten kommt es vor, daß— daß großmüthige Seelen dieſen wichtigen Punkt gänzlich überſehen. Der Blitz aus den zuſammengekniffenen Augen des Secretärs, welcher auf den jungen Mann flog, traf, traf dieſen ſo gut, daß er erblaßte.— Es iſt eine natürliche Folge, fuhr Winkel ſanft fort, daß Da⸗ men ohne Vermögen um ſo größere Sehnſucht nach den Reizen des Reichthums empfinden, und, wenn ihnen der Verſucher erſcheint, ſie ſeinen Lockungen er⸗ liegen. Sparen Sie alle Reflectionen, ſagte Aurel, finſter die Stirn zuſammenziehend. Mit Einem Worte denn, gnädigſter Herr: Sie wür⸗ den eine Wahl ohne Vermögen nicht treffen können, wenn nicht meine Mittheilung Sie dazu in den Stand ſetzte. Und was, ums Himmels willen! was iſt es? rief der junge Mann. Haben Sie eine Bedingung zu machen, ſo reden Sie. — — l e Mit⸗ Dame, 3 Ver⸗ Vorzü⸗ — daß gänzlich Augen in flog, Es iſ aß Da⸗ t nach „wenn gen el⸗ l, finſter zie wuͤr⸗ en, wenn 1 nd ſette 37 rief es! rie aung d 9 — 19— Ich habe keine Bedingung zu machen, verſetzte Winkel, wenigſtens jetzt nicht. Sie wiſſen, Herr Graf, daß nach dem Familienſtatut dem Majoratserben bei ſeiner Mündigkeit jährlich dreitauſend Thaler gezahlt werden ſollen. Ich weiß es gewiß am beſten, fiel Aurel läͤ⸗ chelnd ein. Aber Sie wiſſen nicht, fuhr Winkel fort, daß nach einer Beſtimmung, die niemals zur Sprache gekommen iſt, weil ſie niemals zur Anwendung gelangte, und weil ſie als beſonderer Nachtrag auch nicht in Ab⸗ ſchrift zur allgemeinen Kenntniß gebracht, vielmehr immer geheim gehalten wurde, der Majoratsinhaber dem Majoratserben ein Viertel des Reinertrags der Cinkünfte jährlich zahlen ſoll, wenn dieſer nach ſeiner Muͤndigkeit eine ſtandesmäßige Che ſchließt, welche alle Bedingungen des Statuts erfüllt. Iſt es möglich! rief Aurel erſtaunt. Wo iſt das Document? Ich habe es geſehen, ſagte Winkel leiſe, habe es ſelbſt geleſen. Jetzt hat es Se. Crcellenz, vielleicht getrieben von einer geheimen Beſorgniß, in einem ver⸗ borgenen Fache des Geldſchrankes untergebracht, den Willner angefertigt hat. — 150— Aber Sie werden es mir zeigen, mir eine Ab⸗ ſchrift davon verſchaffen können? erwiderte Aurel, in⸗ dem er die Hand auf Winkel's Arm legte. Fordern Sie, was Sie wollen, ich muß dieſes Document haben! Es gibt nur ein Mittel dazu, antwortete der Se⸗ cretär mit ſeinem ſchlauen Lächeln. Beſtimmen Sie den gewiſſenhaften Willner, Ihnen zu entdecken, wo das Fach iſt und wie man es öffnet. Das ſieht aus, ſagte der Graf, finſter den Kopf ſchüttelnd, wie etwas, daß ich nicht thun darf. Bedenken Sie das Eine, erwiderte Winkel, die Achſeln zuckend. Bedenken Sie, mit wem Sie zu thun haben, gnädigſter Herr. Freiwillig oder auf dem ſogenannten geraden Wege werden Se. Ercellenz gewiß nicht bewogen werden, das Document vorzu⸗ legen. Ein Proceß aber würde bei dem großen Ein⸗ fluſſe Sr. Excellenz, und wenn Sie Alles wohl über⸗ legen, gewiß nicht weniger zweifelhaft ſein. Sie haben Recht, erwiderte Aurel; aber was be⸗ f wegt Sie, Herr Winkel, Ihren Herrn und Wohl⸗ thäter mir zu verrathen? 3 Der Secretär bog ſich ohne Verlegenheit unter? thänig zuſammen und legte beide Hände auf ſein Her. r auf cellenz vorzu⸗ Ein⸗ über⸗ s be⸗ Wohl⸗ 4 unter⸗ Her — 151— — Ich ſehe und höre ſehr vieles, flüſterte er, was ich ändern möchte und nicht kann; hier aber ſteht ein Unrecht vor mir, das wohl zu ändern wäre, und eine Stimme ruft mir zu: Du mußt es hindern, Winkel! Die Uhr im Hofe ſchlug die zehnte Stunde, und haſtig griff Aurel in ſein Gilet und verglich die Zeit an ſeiner Taſchenuhr; zugleich ſtand er auf und ſagte, den Mantel zuſammenſchlagend: Es iſt ſpät, ich will es bedenken. Zwiſchen heute und morgen liegt eine Nacht, ant⸗ wortete Winkel, und wieder nahmen ſeine Blicke den lauernden, bedeutungsvollen Ausdruck an; Sie werden morgen älter ſein, als heute, gnädigſter Herr— ich wünſche Ihnen die angenehmſte Ruhe. Aurel that einige Schritte, er ſchien noch etwas ſagen zu wollen, aber er unterdrückte es und ging bis an die Thür.— Nun, Herr Winkel, rief er dort im leichteren Tone, wie es auch kommen mag, es ſteht geſchrieben in alten Büchern, daß Böſes oft zu Gu⸗ tem werde, und der Teufel ſeine Capelle fordere, wenn man dem Himmel eine Kirche baue.— Daß ich dankbar ſein kann, wiſſen Sie, und daß ich es ſein will, dafür birgt Ihnen mein Wort.— Ich möchte nicht jetzt über den Hof gehen. Es gibt einen Gang, — 152— wie mir Franz erzählt hat, der von Ihrem Zimmer zu den meinigen führt und den Sie wohl ſelbſt zu⸗ weilen benutzen. Sie haben immer Recht, mein Herr Grafl rief Winkel, unterthänig lächelnd, ich pflege zuweilen auf Entdeckungen auszugehen und bin eine Art Columbus. Hehe!— Nehmen Sie dieſe kleine Laterne, ſie wird Ihnen das nöͤthige Licht verſchaffen; ich ſelbſt begleite Sie lieber nicht, weil ich, wie es mir ſcheint, Ihnen im Dunkeln beſſer dienen kann.— Er gab dem Gra⸗ fen einige Anweiſungen über den Weg, händigte ihm einen Hauptſchlüſſel ein, der alle Thüren ſchließen ſollte, und empfahl ſich dann nochmals, ehrfurchtsvoll gebückt bis zum rechten Winkel. Und was meinen armen Freund Gersfeld betrifft, lieber Winkel, murmelte Aurel, ſo verlaſſe ich mich ganz auf Sie. Ganz auf mich, gnädiger Herr, ganz auf mich, flüſterte der Vertraute. So hoffe ich dieſen Weg öfter zu machen, ſagte der Graf. Rechnen Sie auf meine höchſte Erkennt⸗ lichkeit.— Gute Nacht! Hinter der Thür aber ſtand Winkel mit aufgeho⸗ benem Arme und ſo viel Hohn und Luſt, Spott m Zimmer ſelbſt zu⸗ rafl rief eilen auf polumbus. ſie wird ſ begleite t, Ihnen dem Gra⸗ digte ihm ſchließen urchtsvoll d betriff ich nich auf mih en, ſagi Erkennt⸗ aufgeho⸗ — 153— und Entzücken in ſeinem Geſichte, daß ein Dutzend gewöhnliche Menſchen in allen Lebensfällen genug daran gehabt hätten.— Ich habe ihn! flüſterte er, ſich auf den Zehen aufhebend und dünner und länger werdend, als wolle er bis an die Decke wachſen. Ich habe ihn, den Tugendhelden, den ſtolzen Ritter! Ich habe ihn, und er ſoll mir nicht entkommen! 9. Aurel ging inzwiſchen durch die öden Gänge und Kammern, welche das unbewohnte obere Stockwerk bildeten, und gelangte unangefochten in ſeine Woh⸗ nung. Als er eintrat, ſah er Sir Eduard in dem gemeinſchaftlichen Salon auf und nieder gehen, ganz dazu angethan, um in wenigen Minuten ins Bett zu ſteigen. Er hatte einen kurzen graugelben Hausrock angezogen, der, ganz außerordentlich eng und dicht, ſeinen von Natur langen und ſchmalen Leib noch län⸗ ger und dünner machte; ein Paar desgleichen grau⸗ gelbe Unterbeinkleider und rothe türkiſche Pantoffeln mit außerordentlich krumm in die Höhe gebogenen Spitzen, endlich eine ſchwarzſeidene Nachtmütze, welche — 154— weit über beide Ohren gezogen war, vollendeten ſeinen Anzug. Sir Cduard hielt ſeine Hände in beiden Taſchen und ging mit weiten, aber langſamen Schrit⸗ ten von einem Ende des Zimmers bis an das andere; worin er ſich auch nicht ſtören ließ, als Aurel ein⸗ trat, dem er zunickte, ohne ein Wort zu ſagen. Sie haben mich wahrſcheinlich erwartet? fragte Aurel. Damn!l ſeit einer Stunde beinahe laufe ich hier umher, erwiderte Rodney, da Sie mich verlaſſen ha⸗ ben, ehe ich Ihnen ein Wort ſagen konnte. Und dieſes Wort! rief der junge Mann. Ver⸗ gebung, mein theurer Freund, ich mußte dem ſchlimm⸗ ſten aller Schufte, dem Secretär, nothwendig noch einen Beſuch machen. Der iſt der ſchlimmſte noch lange nicht, ſagte Sir Eduard zwiſchen den Zähnen. Wem geben Sie den Vorzug? fragte Aurel? Rodney ſtand einen Augenblick ſtill und ſchien ſich zu beſinnen. Auf mein Wort! murmelte er dann, ich weiß nicht, wer den Kranz verdient; doch ſo viel iſt gewiß, ſie machen ſich alle ihn ſtreitig.— Was ſagte die Gräfin Ihnen ſo leiſe ins Ohr, als wir unſeren n ſeinen beiden Schrit⸗ andere; rel ein⸗ fragte ich hier ſen ha⸗ Ver⸗ 155— Abſchied nehmen wollten und der Graf mich mit ſei— nen Poſſen beſchäftigte? Sie ſollen es morgen erfahren, Rodney, morgen! flüſterte Aurel, indem er ihm die Hand drückte. Sir Eduard ſchien weder neugieriger zu werden, noch wurde ſein Schritt lebhafter. Er trat bloß dicht heran und ſagte, ſich in den Zähnen ſtochernd: Sie ſollten nicht unbewaffnet gehen, dear Count. Neh⸗ mnen Sie eines von meinen kleinen americaniſchen Repetir⸗Piſtolen. Sie ſind ſehr gut. Danke, erwiderte Aurel; mein Leben iſt nicht be⸗ droht. Ich bitte Sie, Rodney, ſagen Sie mir end⸗ lich, ob Sie das Zeichen erhalten haben. Sir Eduard nahm das Licht vom Tiſche und er⸗ widerte gähnend: Wären Sie früher gekommen, ſo könnte ich ſeit einer Stunde ſchlafen.— Ich glaube, ſie war den ganzen Abend über ungewiß, welche Ant⸗ wort ſie mir geben ſollte; endlich ganz zuletzt nickte ſie mir zu und wandte ſich dann ſchnell fort; denn Ihr liebenswürdiger Vetter hörte nicht auf, uns geiſt— reich zu unterhalten und ihr allerlei lächerliche Dinge Über mich zu ſagen.— Das iſt der beſte Spaß da⸗ bei, Graf Aurel, daß Sie mich zu einem ſtummen und tauben Beobachter gemacht haben. Smollet hat — 156— einen vortrefflichen Roman geſchrieben, in welchem ein Tauber vorkommt, der zwanzig Jahre lang in Paris ſeine Rolle ſpielt und die größten Staatsgeheimniſſe, die luſtigſten und gefährlichſten Geſchichten erfährt, weil man ſicher iſt, daß er gar nichts hört. Eine ſolche Rolle haben Sie mir zugetheilt, und obenein bin ich jetzt Postillon d'amour geworden!— Er ſah nach der Uhr und fuhr dann fort: Sie kommen eben zur rechten Zeit.— Gute Nacht, theurer Freund, es iſt kalt, nehmen Sie ſich in Acht!— Und mit einem Kopfnicken verfügte er ſich in ſein Schlafzimmer. Aurel ſtieg einige Minuten ſpäͤter leiſe die Treppe hinunter und befand ſich bald unangefochten in dem großen Gartenſalon, der während der Winterzeit die Bäume und Gebüſche des Südens aufnahm, die den Garten des Reichsrathes im Sommer ſchmückten. In doppelten Reihen ſtanden hier Orangen⸗ und Myrten⸗ bäume, mit Granaten und Lorbeern in friedlicher Ge⸗ meinſchaft. Der Mond warf ſein Licht durch die großen Fenſter in breiten Silberſtreifen auf goldige Früchte und duftende Blüthen, und trennte die ſchwar⸗ zen dichten Schatten, welche den tiefen Raum füllten. — Strohgeflechte bedeckten den Boden und machten den Schritt Aurel's faſt unhoͤrbar. Einige Augenblicke elchem ein in Paris eheimniſſe, erfährt, zrt. Eine dobenein — Er ſch umen eben Freund, es mit einem mer. die Treppe en in dem terzeit di u, die di ickten. N d Myrten⸗ lichel ge durch di uf gali die ſchwar⸗ um füllin d machun ugrit blieb er ſtehen, als er an der kunſtvollen, aus Bäu⸗ men und Blumen zuſammengeſetzten Laube in der Mitte des Saales eine dämmernde Geſtalt erblickte; dann aber eilte er ihr entgegen, und Beide verſchwanden in der Tiefe der Laube, aus welcher lange Zeit nur das Flüſtern ihrer Stimmen hörbar war.— Zuweilen wurden dieſe wohl ein wenig lauter, zuweilen aber verſtummten ſie ganz, und endlich ſchlug die Uhr im Hofe Mitternacht, als dieſe geheime Zuſammenkunft beendet war.— Aurel hatte den Arm mit dem Man— tel um die zarte Geſtalt an ſeiner Seite gelegt und hüllte ſie ein; er ſenkte den Kopf tief zu ihr hinab, das leiſe Gemurmel ſeiner Stimme hallte in dem öden Saale wieder. So gingen ſie dem Ausgange zu. Was iſt das? Was war das? flüſterte die Ver⸗ huͤllte. 5 Es iſt nichts, ſagte Aurel, ſeine Stimme erhebend. Es fiel etwas, ein Stein, oder ein Zweig. Erſchrecken Sie nicht und fürchten Sie nichts, wenn ich bei Ihnen bin. Wenn man uns überraſchte! erwiderte ſie. Und wenn man uns überraſchte! antwortete er. Zittern Sie nicht davor, ich habe Alles wohl über⸗ N — 15s— legt. Laſſen Sie uns gehen, und vertrauen Sie mir ganz. Ich denke, es zum Beſten zu wenden. Ich vertraue und hoffel ſagte ſie leiſe. Und niemals ſoll dieſes Vertrauen getäuſcht wer⸗ den, erwiderte er laut, indem er ſie umarmte. Das Geräuſch im Saale wiederholte ſich; Aurel öͤffnete die Thür und nichts ſtörte auf einige Zeit die tiefe Stille in dieſem mit Nacht und weichem Licht gefüllten Raume. Die Bäume ſtanden träumeriſch hinter geheimnißvollen Schkeiern, dann und wann fiel ein Blatt, und plötzlich rauſchte es in den duftigen Kronen, ohne daß eine ſterbliche Hand daran gerührt hätte.— Das Geräuſch, welches ſich zweimal hören ließ, wiederholte ſich endlich zum dritten Male weit lauter; der Schall trug es durch den ganzen Raum; dann war es, als würde eine Thür ſtark zugeſchlagen, deren donnernder Ton von verſchiedenen Seiten ab⸗ prallte und murmelnd verſcholl, und nun kehrte das Schweigen zurück, das Spiel des Mondlichtes, das leiſe Flüſtern in den Zweigen, der Strom von Duft, auf welchem Blumengeiſter und Elfen von einer glän⸗ zenden Krone zur anderen ſchifften, Blätter brechend, lachend, tändelnd und ſich erzählend, was ſie ſahen und hoͤrten. Sie mir ſcht wer⸗ 9; Aurel geit die zem Licht aumeriſch vann fiel nal hören ale weit Naum; eſchlagen, eiten cb⸗ ehrte das tes, dad Duft, ner glän brechend, ſie ſahen ſa — 159— Aurel war inzwiſchen durch mehrere Gänge eine mit Decken belegte Treppe leiſe hinaufgegangen, und vor ihm ſchwebte, wie ein Schatten, ſeine Führerin, der er nachfolgte.— In einem Corridor, wo eine Lampe matt brannte, ſtand ſie ſtill und deutete auf eine Thür, durch welche ein Lichtſtreifen fiel; in dem— ſelben Augenblicke aber, wo dieſe angelehnte Thür ge⸗ öffnet wurde, verbarg ſie ſich in einer Wandniſche. Es war die Gräfin, die einen ſilbernen Nacht⸗ leuchter mit flatternder Kerze trug und ihm lächelnd winkte.— Sie deutete auf ein Seitencabinet hinter einer ſpaniſchen Wand und legte den Finger auf den Mund. Dort ſchläͤft meine Jungfer, ſagte ſie, als ſie durch das Vorzimmer in ein zweites getreten waren. — Sie iſt mir ganz ergeben zwar, allein um keinen Dritten in das Vertrauen zu ziehen, habe ich ſelbſt gewartet, bis ich Ihre Schritte hörte. Aurel hatte Mantel und Hut auf einen der gro⸗ ßen Armſtühle gelegt. Er zog die Hand der Gräfin an ſeine Lippen und erwiderte mit Innigkeit: Ihr edles Vertrauen findet ein empfängliches Herz. Wie wun⸗ derbar, wie ſeltſam, daß ich in Nacht und Verſchwie— genheit zu Ihnen kommen muß, um offen und wahr mit Ihnen zu ſprechen! Aber ich komme mit Sehn⸗ — ¼ — 160— ſucht und Glauben, komme, weil nur in ſolcher ſtillen Stunde es möglich iſt, Ihnen alles das zu ſagen, was ich empfinde, und weil ich gern die Gefühle rechtfertigen möchte, welche mich zu Ihnen treiben, wie zu einem heiligen Werke. Die Gräfin ging über den blumigen, dicken Tep⸗ pich, welcher den Fußboden bedeckte, und ſetzte ſich an dem Kamine nieder, auf deſſen glänzendes Metallgitter ſie die Hand legte, als wollte ſie dieſe kühlen. Ver⸗ glimmende Kohlen ſprühten auf dem Roſte in Funken auf und ließen den Feuerſchein über ihr Geſicht zit⸗ tern, auf welches ihre langen Locken niederfielen. Eine koſtbare Moderateurlampe brannte auf dem Tiſche; aber ein Schirm verdunkelte ihre Leuchtkraft, und die dunkelrothen Sammt⸗Tapeten verſchluckten den größten Theil des übrig bleibenden Lichtes. Schwere graue Damaſt⸗Vorhänge verhüllten die Fenſter, und diefes dämmervolle Zimmer, goldblitzend und mit zahlreichen Gegenſtänden ausgeſuchter Pracht verſehen, ſchien mit erdrückend ſchwüler Luft angefüllt, die beängſtigend auf die beiden darin athmenden Menſchen wirkte. Aurel hatte ſich der Gräfin gegenüber geſetzt und betrachtete ſie, die das Geſicht halb von ihm abwandte. Sie war im faltigen, weiten Nachtkleide— ihr Ge— er ſtillen u ſagen, Gefühle ben, wie ten Tep⸗ e ſich an etallgitter n. Ver⸗ Funken fſcht zie en. Cine n Tiſche; und die grüßten ere gralt und dieſe ghlreice ſchien m — 161 ſicht voll Unruhe, ihre Augen erregt und heiß, ihre Stimme, die ihn zum Sitzen einlud, bebend.— Ich habe, ſagte er, ihre Hand ergreifend, ſeit mehreren Tagen überlegt, was ich Ihnen ſagen will, und jetzt mangeln mir die Worte. Kein bitteres, aber ein ſchmerzhaftes Gefühl zieht meine Bruſt zuſammen. In Einſamkeit und Stille haben die Gedanken eine wun⸗ derbare Gewalt, ſie verkörpern ſich und führen uns unwiderſtehlich in einen Zauberkreis, der hohlem Träͤu⸗ men und eitlem Trachten die Farben der Wahrheit gibt, die Vergangenheit mit ihrem Glück und ihren Qualen aus dem Grabe auferſtehen läßt. Die Todten ſtehen nicht wieder auf, erwiderte die Gräfin leiſe. Keine Macht im Himmel und auf Erden kann von dem, was geſchehen iſt, etwas ausſtreichen. Wahr, erwiderte Aurel, aber wir können es durch unſeren Willen.— Ich will ſchweigen von dem, was hinter uns liegt, und lieber von der Zukunft ſprechen. Reden Sie, antwortete die Gräfin, und er fühlte den Druck ihrer Finger. Ich bin eine Büßende, die Schmerzen nicht ſcheuen darf. Jahre ſind hingegangen, fuhr Aurel fort, wir ha⸗ ben uns beide mit dem Leben verſtändigt. 11 ¹ — 4162 Sie haben mich gehaßt, und ich verdiente es, flü⸗ ſterte ſie. e Aber dieſe Zeiten ſind vorbei, ſagte er lebhafter. Mit gütiger Hand hat uns das Schickſal wieder zu⸗ ſammengeführt, und ich danke ihm dafür, denn ich finde Sie zufrieden, heiter im Genuſſe eines glänzenden Loo⸗— ſes.— Ich wünſche Ihr Glück, Leonore, und das iſt es, woran ich anknüpfen möchte. Ich möchte Ihnen ſagen: Sei glücklich! laß uns beide glücklich ſein! Ich möchte dieſe Hand küſſen, die ich ſo oft zärtlich ge— küßt habe, möchte wieder wie ſonſt mit gläubigem Ver⸗ trauen in Ihre Augen ſehen, alles, was ich fühle und empfinde, wie ehemals, in Ihr Herz ſchütten. Was ſagen Sie da. O, was ſagen Sie da, Aurel! rief die Gräfin, verwirrt und mit dunkelgerö⸗ theten Wangen ihre Augen zu ihm aufhebend. Ich ſage, theure Leonore, fuhr er fort, daß es ein erhabener Gedanke iſt, den ich mit Schwärmerei verfolge. Sie nickte ihm mit einem ſchwachen Lächeln zu, und eiliger ſprechend fuhr er fort: So denke ich mir einen Frieden, der uns beide beglückt. Ich bin zu jung, um ohne Wünſche zu ſein, zu lebensmuthig, um nicht zu hoffen, zu ſehnſüchtig nach Glück, um nicht danach zu greifen, wo es mir ſeine Hand entgegenſtreckt. 4 es, flů⸗ ebhafter. eder zu⸗ ich finde den Loo⸗ das iſt te Ihneen ein! Ich tlich ge⸗ gem Ver⸗ ühle und Sie d nkelgel⸗ d. a es ein verfelge cheln T 2 ich ni zu jung, um nicht t danach rrect⸗ — 163— Sie werden glücklich ſein, Aurel! rief die Gräfin. Alles Glück auf Sie! aber ich... ich... Sie ſind es nicht? fragte er bekümmert. Kann ich es ſein? erwiderte ſie dumpf und leiſe, ihre Hände über ihr Knie faltend, indem ſie den Kopf niederſenkte. Fragen Sie ſich, kann ich es ſein? wie— derholte ſie mit erlöſchender Stimme. Kann ein fre— velhaftes Spiel denn glücklich enden? Ihr Gatte— er liebt Sie? Ich beklage mich nicht, flüſterte ſie. Er iſt gütig gegen mich, er gewährt mir Alles, jeder Wunſch wird von ihm erfüllt.— Aber iſt das genug? Iſt dieſer Tand genug? Kann er die Oede eines verarmten Herzens ausfüllen? Glauben Sie, daß es zufriedener, beſſer dadurch wird?— Ihre Züge füllten ſich mit Bitterkeit, ihre Bruſt hob und ſenkte ſich ungeſtüm, und ihre Augen verdunkelten ſich durch Thränen.— Was macht das Leben des Bettlers erträglich? ſagte ſie. Die Ruhe, mit der er es hinnimmt, die Gleichgültigkeit gegen ſein Loos. Ich kann nicht gleichgültig ſein, Aurel! Wir können tragen und hoffen, ſagte Aurel tröſtend. Was, o was?! rief ſie, während eine leidenſchaft⸗ liche Gluth ihr ſchönes, bleiches Geſicht belebte. Ich habe dieſe Leere betäubt, habe mich in das zerſtreuende 41* — 164— Nichts der Freuden und Vergnügungen geſtürzt, habe aus allen Bechern der Eitelkeit, der Gefallſucht, des Hochmuths getrunken, und habe nichts daraus zurüͤck⸗ gebracht als den quälenden Durſt nach neuer Betäu⸗ bung, den Durſt des Opium⸗Rauchers, der ſich na⸗ menlos elend fühlt, bis er von Neuem ſich berauſcht. — So lange Sie nicht hier waren, Aurel, blieb die⸗ ſes Elend dumpf und unbeſtimmt; jetzt, da ich Sie wiederſehe, hat es ſein beſtimmtes Ziel, ſeine eiſerne Spitze, die in Gift getaucht iſt.— Mein Gottl ich weiß nicht, was ich thue, aber wie ein Verbrecher, der nicht anders kann, muß ich meine Bekenntniſſe ablegen. Vergebung, ach, Vergebung! das iſt alles, was ich fordere. Ich bereue, ja, ich bereue!— Alles, was ich gethan, was ich verbrochen habe, iſt gegen mich auf⸗ geſtanden, und— Sie ſind gerächt, mein armer Freund, Sie ſind zu gut gerächt! Theure Leonore, Faſſung, Ergebung! ſagte Aurel erſchüttert. Was ſoll aus uns werden, wenn wir die Kraft verlieren, unſer beſſeres Selbſt aus dem Strome zu retten! Wo iſt Rettung? Wo, wo?! rief die Gräfin, ihr Geſicht in die Häͤnde bergend. Rettung vor mir ſelbſt! Wohin ſoll ich fliehen? an weſſen Bruſt mein — — 165— „habe Elend ausweinen?— O, Sie wiſſen nicht, was es t, des heißt, kein Weſen auf Erden haben, dem man ver⸗ zurück⸗ trauen, das man ehren, achten und lieben kann und Betäu⸗ dennoch— ja, dennoch lieben ſoll! h na⸗ Gütiger Himmel! erwiderte Aurel, aufs äußerſte 1 auſcht. bewegt, brechen Sie nicht die letzte Brücke hinter ſich eb die⸗ ab, die vor Verzweiflung ſchützt.— Er kniete an ih⸗ H Sie rer Seite nieder und nahm ihre Hände, die er in die eiſerne ſeinen ſchloß.— Ich bin bei Dir, Leonore, ſagte er. In dieſer feierlichen Stunde will ich einen Bund mit weiß 4 enicht Dir errichten, einen Bund zäͤrtlicher, inniger Freund⸗. 1 blegen. ſchaft, der uns beide erheben ſoll.— Freundſchaft ſoll nss ich Dich ſchützen und tröſten, treue Herzen voll Liebe ſol⸗ 4 zas ich len die Dunkelheit aufhellen. Was aber ihn betrifft, t auf Deinen Gatten. 1 arner Still! flüſterte ſie, ängſtlich auffahrend, nenne ihn . u nicht, ſein Name jagt mir Schauer ein. Wie ein jAnul ſ Geſpenſt ſehe ich ihn überall, und überall gleich ſchreck⸗ lich, im Wachen wie im Traume. Hüte Dich, Au⸗] m wi⸗ rel, hüte Dich! All ſein Sinnen iſt auf Dich gerich⸗ 3 den ¹ tet, auf Dein Verderben!— O, wie grauenvoll, . verächtlich, ſchrecklich! Wie ſtehſt Du neben ihm, gleich fin in einem lichten Engel Gottes, und ich— ich bin ſein ur ni Eigenthum für immer! — 166— Nicht fur immer! erwiderte Aurel. Vertraue auf mich, ich fürchte ihn nicht, ich kenne ihn! Wirklich! rief die Stimme des Geheimerathes hin⸗ ter ihm. Du kennſt mich? kennſt mich beſſer, als ich Dich kannte!— Was thuſt Du hier zu dieſer Stunde? zu Leonorens Füßen? Was ſoll ich von dieſer Scene halten, und was bleibt mir zu denken übrig, nach die⸗ ſer ſonderbaren Entdeckung?! 1 Der Geheimerath war im Schlafrocke, er trug ein Licht in der linken Hand und ſtand auf der Schwelle des Schlafzimmers ſeiner Gemahlin. In der ande⸗ ren Hand hielt er einen Stockdegen mit kurzer drei⸗ ſchneidiger Klinge, die er vor ſich ausſtreckte.— In der erſten Beſtürzung ſprang Aurel auf, ohne ein Wort zu erwidern; die Gräfin verbarg ihr Geſicht mit einem ſchwachen Schrei in ihrem Tuche.* Ich ſehe Licht hinter den Vorhängen ſchimmern, fuhr der Reichsrath fort, als ich von meiner Arbeit aufſtehe und ans Fenſter trete. Der Gedanke faßt mich, ein Dieb ſei eingebrochen, und ich finde ſtatt deſſen meinen lieben Vetter in einer ganz eigenthüm⸗ lichen Lage. Du kannſt mit Recht Aufklärung von mir fordern, ſagte Aurel. — 166— te auf Still! rief Graf Bodo, ihn finſter anblickend, ich z hin⸗ verlange die Aufklärung nicht. Ich bedaure mich ge⸗ ls ich irrt zu haben, in Dir geirrt zu haben. Ich häͤtte unde? Dich für weiſer, wenn nicht für beſſer gehalten. Ver⸗ Scene laß dieſen Ort, geh! Ich denke wenigſtens, Du wirſt 2 t die⸗ wiſſen, was hier allein zu thun übrig bleibt. Ich will verzeihen, vergeſſen, aber fort von hier, fort für g ein immer! welle Nicht um mkinetwillen, aber Leonorens wegen höre ande⸗ mich, erwiderte Aurel. Die reinſten Abſichten haben bri⸗ mich hergeführt. 4 3 Die reinſten Abſichten! wiederholte Graf Bodo mit e ein Hohn. Gut, es mag ſo ſein. Ich kenne Leonoren, geich ich weiß ſie zu würdigen. Ich denke nichts, was 1 1 meiner und ihrer Chre zum Schaden gereichte; aber 1 3 Du wirſt einſehen, zunger Menſch, daß ich nichts hö⸗ mer V ren kann und will. Gieb Dein Wort, daß ich Dich lrbei morgen zum letzten Mal ſehe. Reiſe und kehre nicht faßt 1 zurück, bis ich Dich rufe. 7 ti Ich werde bleiben, ſagte Aurel.— Wenn es thüm⸗ Deine Abſicht iſt, mir irgend ein Verſprechen abzu⸗ zwingen, ſo irrſt Du. Du ſelbſt haſt mich in eine zrdern, V Lage gebracht, die mich zwang, mich mit Leonoren zu verſtändigen. Ich kam hieher mit dem Vorſatze eine * — 168— aufrichtige Verſöhnung zu ſuchen, einen Bund wahrer und reiner Freundſchaft mit ihr zu ſchließen. Einen Bund reiner Freundſchaft! um Mitternacht geſchloſſen im Zimmer meiner Fraul erwiderte der Graf verächtlich. Dieſe Lächerlichkeit, dieſen Unſinn willſt Du mir aufbinden?— Er biß die Zähne zu⸗ ſammen, ſein Kopf fäͤrbte ſich dunkelroth, und ſeine nervige Fauſt faßte den Degen wie zum Stoße, in— dem er einen raſchen Schritt auf Auͤxel zu that.— Lüge nicht in Deinen letzten Augenblicken! ſagte er mit dumpfer Stimme. Was der Graf beabſichtigte, ob eine Gewaltthat, ob eine Drohung, blieb unentſchieden; denn mit ſeinen Worten zugleich wurde die Eingangsthür zurückge⸗ ſtoßen, und eine jugendliche Frauengeſtalt, deren ſchwar⸗ zer Mantel ihr von den Schultern fiel, ſtand zwiſchen den beiden Streitenden mit ausgeſtreckten Armen. 1 Halten Sie ein! Entſetzlich! Hören Sie mich! rief ſie, und zu Aurel gewendet, legte ſie die zitternde Hand auf ſeine Bruſt, als wollte ſie ihn ſchützen und verbergen.— Die Ueberraſchung des Reichsrathes. war ſo groß, daß er ſeine Rache fallen ließ und wie feſtgebannt auf der Stelle ſtand, indem er die Erſchei⸗ 21 *½ 1 wahrer tternacht erte der Unſinn aͤhne zu⸗ nd ſeine oße, in⸗ waltthat, nit ſeinen zurückge⸗ ſchwar⸗ gviſcen men. te mich! itternde aten und Hsrathes 3 und wie eErſche⸗ — 169— nung anſtarrte. Beate! ſagte er halb laut, was wol⸗ len Sie? Wer heißt Sie, ſich einzumiſchen? Beate kommt zur rechten Zeit, erwiderte Aurel. Sie kann zunächſt bezeugen, in welcher Abſicht ich hier gktroffen wurde, Sie erwartete mich. Der Geheimerath hatte ſich erholt. Sie erwartete Dich! ſchrie er hohnvoll auf, nachdem ſie im Garten⸗ ſaale mit ihrem engliſchen Freunde ein ſchmachtendes Stündchen in Nacht und Mondenſchein zugebracht hatte! Schande über ſolch Zeugniß! Aus meinem Hauſe mit dieſer tugendvollen Unſchuld! Du haſt das Unglück, trotz aller Wachſamkeit, Dich heute überall zu tauſchen, ſagte Aurel. In mei⸗ ner Geſellſchaft war Fräulein Beate in dem Garten⸗ ſaale; meinen Bitten hatte ſie nachgegeben, und ſie begleitete mich hieher, an der Thür wartend, bis ich der Gräfin, meiner Couſine, alles mitgetheilt haben würde, was ich für unſer allſeitiges Glück für noth⸗ wendig hielt. Als der Graf ſchwieg, fuhr Aurel fort: Die Lö⸗ ſung der drückenden Verhältniſſe, in welche wir uns verſetzt ſahen, ſollte auch Deinen Frieden vermehren. Ich habe zwar wenige Wochen erſt Fräulein Beate von Lebel kennen gelernt, aber da ich ihr Hausgenoſſe — 170— bin, ſo hatte ich Gelegenheit, täglich in ihrer Nähe zu ſein. Die Vorzüge ihres Herzens, wie die Reinheit einer edlen Seele riefen Gefühle und Wünſche wach. Ich ſprach mit meiner Tante, ſie beſtärkte mich darin; heute war ſie ſelbſt gekommen, um Beaten zu ſehen. Ich habe dem Fräulein von Lebel meine Hand ange⸗ boten, ſie hat dieſe angenommen.— Das war es, was ich Deiner Gattin mitzutheilen, wofür ich ſie zu gewinnen dachte. Ich glaubte eine Verſtändigung und Verſöhnung zwiſchen uns für alle Zukunft dadurch zu erringen, ein Band des Vertrauens und inniger Freund⸗ ſchaft, an welchem die Vergangenheit mit ihren ſchmerz⸗ lichen Erinnerungen ſich auflöſ'te. Ah ſo!— Ja dann, ſagte der Geheimerath mit einer boshaften Verbeugung, indem er zu der Gräfin trat, die von dem Stuhle ſich erhoben hatte und vor dem Fräulein ſchweigend zurückwich, als dieſes ſich ihr nähern wollte— dann kann man ſeine Glückwünſche dem jungen Paare darbringen.— Vortrefflich gewählt und romantiſch ausgeführt! u Ich ſehe, erwiderte Aurel mit ſtolzer Kälte, daß jetzt nichts übrig bleibt, als alle Romantik abzulegen und den einfachen, nüchternen Weg zu gehen. Ich werde meine Braut morgen zu meiner Tante führen, —— Nähe zu Reinheit e wach. darin; ſehen. dange⸗ war es, wſie zu ng und urch zu Freund⸗ ſchmerz⸗ ath mit Gräfin ind vor ſch ihr vunſche ewählt e, daß zulegen .34 führen, dieſes Haus verlaſſen und meine Verlobung ver⸗ öffentlichen. Er bot Beaten den Arm und führte ſie aus dem Zimmer. Die Gräfin ſtand lautlos vor dem Kamine und ſchien es nicht zu fühlen, daß ihr Gemahl ihren Arm ergriff, den er feſt zuſammendrückte. Aus ſeinen Augen brach ein Strom von Haß und Hohn.— Vortrefflich geſpielt, Leonor! rief er ihr zu. Wunder⸗ bar natürlich! faſt zu natürlich! und— ſchade um die Kunſt!— was hat es geholfen? Sagte er nicht, ſie ſei ſeine Braut? fragte die Gräfin. Der Affe! ja welche Großmuth! und Alles um Deinetwillen! rief er, ſich die Stirn trocknend.— Aber wir werden ſehen, was daraus wird. Ich hoffe, Du biſt geheilt?... Er lachte, indem er ſie mit Ge— mugthuung anſah— geheilt von allen Zweifeln und allem Elend, auch von der Furcht vor dem Geſpenſt! — Leonor, das war meiſterhaft!— Und der lichte Engel Gottes neben dem düſteren Schatten.— Der Engel, ha ha! und das gräßliche Weſen, das im Wa⸗ chen und im Traume Dich umſchwebt. Vortrefflich! maleriſch, dichteriſch, entzückend! Die Gräfin ſchwankte und hielt ſich am Kamine 172— feſt. Er fing ſie in ſeinen Armen auf und legte ſie in den Polſterſtuhl. Sie war ohnmächtig.— Über ſie hingebeugt, betrachtete er ſie ſtier, wie ein Wahn— ſinniger; aber ſeine Kniee zitterten. Er faßte ſich an den Kopf und ſagte mit tonloſer Stimme: Keine Seele alſo, auch dieſe nicht, der ich Alles gab.— Ganz allein, ich ganz allein! Aber dich habe ich, du mußt, du kannſt nicht fort! 10. Am nächſten Morgen ſaß der Reichsrath wieder, wie gewöhnlich, auf ſeiner Arbeitsſtube, und neben ihm ſtand Winkel, mit dem unvermeidlichen Pack Briefe und Papiere zur Unterzeichnung und dem unterthäni⸗ gen ſchiefen Rücken.— Der Reichsrath war jovial, er witzelte und beluſtigte ſich in der üblichen Weiſe; man merkte ihm nichts von den furchtbaren Aufregun⸗ gen an, die er in der Nacht gehabt hatte.— Winkel, ſagte er endlich aufblickend, Du ſiehſt ſeit einigen Tagen verändert aus, wie es mir vorkommt. In wie fern, mein gnädigſter Herr? erwiderte der Secretär. d legte ſie — Uba ein Wahn⸗ ste ſich au deine Seele — Ganz „du mußt, ath wieden neben ihl Padk Britf unterthäne war jorit chen Weiſi 1 Aufregu uu ſtehſt ſ Du haſt in Deinem Geſicht einen Zug von Sehn⸗ ſucht und Lüſternheit, von Hoffnungen und Kühnheit,. wie ein Bräutigam. Ich glaube, Du biſt verliebt.. He, hel huſtete und lachte Winkel, indem er mit ſeinem unermeßlichen Zeigefinger durch das dünne Haar über ſeinen Scheitel fuhr.— Excellenz Scharfblick iſt erſtaunlich. Verliebt, he, he! Warum ſollte ich nicht verliebt ſein? Es iſt ſehr ſchön, verliebt zu ſein, Er— cellenz. Die Kaiſerin Katharina hat einmal geſagt, ſie wäre immer unglücklich, wenn ſie nicht verliebt wäre. Der Graf nahm die rauhe Seite der Feder und ſchlug damit an Herrn Winkel's Naſe.— Höre, Du alter Taugenichts, ſagte er, ich kenne Deine Schliche. Du liegſt mir nicht umſonſt in den Ohren, den Will⸗ ner zum Hüttenmeiſter zu machen. Excellenz! rief der Secretär betheuernd, es iſt der redlichſte und brauchbarſte Mann, nach meinem beſchei⸗ denen Urtheil. Zugleich geſchickt und, ſo ſimpel er ausſieht, ein erfindungsreicher Kopf. Und was er nicht erfindet, wird von Dir erfun⸗ den werden, fiel der Graf ein, oder von dem liebrei⸗ zenden Hannchen, die gerade ſo verſchmitzt iſt, wie ein Kammermädchen ſein muß; oder von euch beiden zu⸗ ſammen, und ihr werdet etwas für das weiſe Haupt 174— des Burſchen fabriciren, was ihm zum beſonderen Schmuck gereicht. Heda, alter Sünder, nimm Dich in Acht, daß Du nicht doch zuletzt zu den Angeführ⸗ ten gehörſt. Mein gnädigſter Herr, ſagte Winkel, indem er ſehr fromm ausſah und dabei unterdrückt lachte, wie ſehr verkennen Sie mich! Nichts als väterliche Zuneigung, ein inniges menſchliches Gefühl, das Glück des jungen Paares zu begründen. Der Graf lachte, daß das Zimmer dröhnte.— Heiliger Winkel! erwiderte er dann, großer Menſchen⸗ freund, ich habe nichts dagegen. Folge Deiner Men⸗ ſchenliebe, ich will das Meinige dabei thun. Willner ſoll Hüttenmeiſter werden, zahle ihm auch das Geld für den Schrank, mit welchem ich ſehr zufrieden bin; kurz, thu, was Du willſſ, ich überliefere Dir dieſe Angelegenheit als Deine Privatſache. Aber höre, führ er dann fort, thu mir dafür den Gefallen und miſche Dich nicht in meine beſonderen Privat⸗Angelegenheiten. Excellenz! rief Winkel, den bekannten rechten Win⸗ kel bildend. Still! ſagte der Graf, Du biſt ein kluger Mann, aber die Klügſten verrechnen ſich zuweilen.— Du ſpeculirſt auf die Zukunft, ſpeculire, wie Du willſ, beſonderen imm Dich Angefüht⸗ em er ſehr wie ſehr Zuneigung, des jungen öhnte.— Menſchen⸗ iner Mel⸗ „Villner das Geld jeden bin⸗ Dir dieſ böre, fuh und miſch egenheibe üten Win⸗ Manne 175 nur nicht gegen mich. Halte es mit mir, Winkel, Du kommſt beſſer dabei fort. Graf Aurel kann Dich nicht brauchen. Er ſagte mir geſtern noch, Du ſeiſt der abgefeimteſte Spitzbube, den er je geſehen habe. Merke Dir das, lieber Winkel, zur beliebigen Nutzanwendung. Der Graf ſprach mit großter Freundlichkeit und ſo gleichgültig, wie von einer unbedeutenden Geſchäfts⸗ ſache, während er ein Billet faltete und ſiegelte.— Wenn ein brauchbarer Menſch dumm wird, begann er dann von Neuem, indem er Winkel vertraulich zu⸗ nickte, ſo iſt er wie Salz, das nicht mehr ſalzen will; man wirft es fort! Hier dieſes Briefchen gib meinem Vetter. Geh gleich und ſage ihm dabei, daß Du Dich geirrt haſt, daß Gersfeld die Pachtung nicht bekom— men kann, daß ſie vergeben iſt. Setze Dich dabei mit ihm auseinander, kündige ihm den Kauf.— Ich werde nach dem Frühſtück wieder kommen, um Deinen Be⸗ richt zu hören, und hoffe, Du wirſt Dich überzeugt haben, daß mein Rath der beſte iſt, damit wir länger beiſammen bleiben können. So, ſagte er, ſein Siegel auf das Blatt drückend, da haſt Du das Ding, alter Pfifficus.— Wie ſiehſt Du denn aus! Etwas verdutzt! Erhole Dich in der friſchen Luft, mache eine Garten⸗Promenade, Winkel⸗ — 176— chen; Morgenluft ſtärkt das Gedächtniß. Vergiß die Logen-Billette nicht zu heute Abend, und die Beſchlaͤge an dem Staatswagen, und laß den Schneider rufen und ſchreibe an Mentheim wegen der Actien.— Mit einer langen Reihe ähnlicher Aufträge ging er durch das Zimmer und zur Thür hinaus. Winkel richtete ſich auf und ſtarrte das Billet an. Es iſt ſonderbar! flüſterte er. Wenn ein Menſch auch rechtlich und tugendhaft ſein will, es geht nicht. Ich kenne ſeine Augen. Er ſtellt ſeinen letzten Verſuch mit mir an. Alſo entweder ich laſſe mich fortjagen, oder ich laſſe mich nicht fortjagen. Dieſe Frage muß entſchieden werden. Nach fünf Minuten trat er in den kleinen Saal, wo Aurel und Rodney beim Frühſtück ſaßen.— Thee und Kaffee ſtanden auf dem Tiſche, auf einer Spiri⸗ tusflamme röͤſtete ſich Sir Eduard Toaſte. Es war ein ganz engliſches Frühſtuck. Cier, Schinken und Fleiſch lagen auf ſeinem Teller, und wie es ſchien, war er vollſtändig verſunken in die Kunſt, die lecker⸗ ſten Brodſchnittchen eigenhändig zurecht zu machen. Der Secretär hatte drei Mal leiſe geklopft, ohne daß ihm geantwortet wurde, und ſelbſt als er es wagte, die Thür zu öffnen, wurde er im erſten Augenblicke *⁴ rgi die Beſchlage er rufen — Nit er durch Billet an. nſch auch cht Ich Verſuch fortjagen, rage muß Gs wal inken und 16 ſchien, nicht bemerkt. Graf Aurel ſprach mit dem engliſchen Herrn ſehr angelegentlich, und Winkel zweifelte nicht, daß es eine Sache von Wichtigkeit ſein müßte, denn das Geſicht des jungen Mannes ſah leidenſchaftlich aufgeregt aus. Seine Stirn war roth, und ſeine Au⸗ gen funkelten vor Zorn oder Ärger. Leider verſtand Winkel wiederum nichts von den haſtig und halb laut geſyrochenen Worten, weil er nicht Engliſch verſtand, und weitere Bemerkungen konnte er nicht machen, denn Graf Aurel erblickte ihn und ſtand raſch auf, indem ſeine Züge ſich zugleich wie in Freude aufhellten. Herr Winkel! rief er, was führt Sie zu mir? Zuvörderſt, gnädigſter Herr, dieſes Billet, ſagte der Secretär, tief niedergebeugt, die Rechte aber, mit dem Schreiben des Grafen, hoch empor haltend. Aurel nahm das Papier ſchweigend an, brach das Siegel und las. Winkel richtete ſich auf und ver⸗ ſuchte ſeitwarts einige Blicke auf die Schrift zu thun, indem er zugleich ſeine feinen Gehörwerkzeuge möglichſt anſtrengte, um die raſch gemurmelten Worte des Gra⸗ fen zu verſtehen.—„Du wirſt einſehen“, las dieſer, „daß Deine plötzliche Verlobung, zu welcher ich Dir nochmals Glück wünſche, und die Überraſchungen, welche Du mir damit bereitet haſt, es nicht gut zulaſſen, daß 12 — 178— Du heute ſchon den an ſich richtigen Entſchluß aus⸗ führſt, von welchem in dieſer Nacht zwiſchen uns die Rede war.— Die Welt will betrogen ſein, oder ſie macht uns zur Zielſcheibe ihres Hohnes und ihrer Verleumdungen. Ohne alle Weitläufigkeit bitte ich Dich daher, keine Anderung eintreten zu laſſen, bis wir auf die ſchmerzlichen Verluſte uns vorbereitet ha⸗ ben.— Meine arme Leonor iſt unwohl, doch hoffe ich, ſie wird zu Mittag erſcheinen können. Nachher ſpielen wir unſere Partie, Du biſt mir Revanche ſchuldig; dabei können wir plaudern, was uns be⸗ liebt. Vergiß nicht, daß heute Abend die neue Oper gegeben wird, Du haſt Leonor geſtern verſprochen, ſie zu begleiten.— Ein herrlicher Morgen, ich hoffe, Du machſt deinen Spazirritt wie gewoͤhnlich. Leider habe ich zu viele Geſchaͤfte, um mich Deiner Geſell⸗ ſchaft zu erfreuen.“„ 1 Der Namenszug des Geheimeraths ſchloß dieſes Schreiben, auf welches Aurel einige Augenblicke wie ein Träumender ſtarrte.— Endlich ſah er Winkel an, der ihn lauernd beobachtete. Wiſſen Sie etwas vom Inhalte dieſes Schreibens? fragte er. 3 G Nichts, gnädigſter Herr, erwiderte der Secretär, keine Sylbe. “ 179— uß S⸗—. luß aus Gut; aber Sie wollen mir etwas mittheilen. uns ü Winkel blickte auf Rodney, der mit dem Rücken oder ſie gegen ihn ſaß und, als ſei er allein, ſeine Toaſte und nd ihrer Cier vertilgte. 1 bitte ich Er verſteht kein Wort, ſagte Aurel. Reden Sie. ſſen, bid Sie haben mich geſtern gnädigſt gewürdigt, be⸗ reitet ha⸗ gann der Secretär tief geneigt, daß ich für meine— doch hoffe geringen Dienſte, welche der Himmel mir viilleicht Nachher geſtattet, Ihnen leiſten zu können, mir eine Gnade Revanche ausbitten darf. uns be⸗ Einen feſten, beſtimmten Preis, Herr Winkel! jeue Oper ſagte der Graf. Geſtern wußten Sie ihn nicht, heute rochen, ſi iſt er Ihnen eingefallen. Das iſt mir lieb, nennen ic hoffe Sie ihn. 9 h. Leidet Gnädigſter Herr, antwortete Winkel demüthig,* er Geſel⸗ alt, wie ich bin, hat Geld keinen Reiz für mich. Ich verlange nichts, als daß Sie mir zuſichern, mich nie⸗ A oß düüſs mals zu verſtoßen, ſondern ſo lange ich lebe, mich in 4 dlihe wie meinem jetzigen geringen Amte zu laſſen, wo ich ginke an, Ihnen die unterthänigſten und beſten Dienſte zu lei⸗ 4 Ud ſten vermag. nne Der Ausdruck des entſchiedenſten Widerwillens er⸗ 6 Zerretnn füllte das Geſicht Aurel's.— Mit einem ſolchen G Verſprechen mag ich mich nicht binden, ſagte er. For⸗ 12* — 180— dern Sie Geld, eine Summe, ein Jahrgehalt, alles, was Sie wollen. Sollte jedoch je das Majorat auf mich fallen, ſo koͤnnte ich leicht durchgreifende Ver⸗ anderungen ausführen wollen. Bei denen ich überflüſſig würde, flüſterte Winkel ſanft lächelnd. So beſcheide ich mich denn, gnädig⸗ ſter Herr. Ich hoffe, Sie werden deßwegen immer wiſſen, woran Sie ſind! rief Aurel. Ich werde Sie zufrie⸗ den ſtellen. Mein Wort darauf! Was Geld betrifft, ſo ſollen Sie niemals klagen. Der Secretär verbeugte ſich mit Blicken voll Dank⸗ barkeit. Er griff nach des Grafen Hand, welche dieſer zurück zog.— Sagen Sie mir jetzt, fragte Aurel, wie Sie meinen Vetter heute fanden. Ungemein freundlich, geſprächig und liebreich, ſagte Winkel. Er beliebte aufs huldvollſte mit mir zu ſcherzen und trug mir endlich die Beſorgung dieſes Billets auf, um mich ſelbſt zu entſchuldigen, daß ich in Betreff der Gersfeld'ſchen Pachtung... Herr Winkel zuckte mitleidsvoll und kläglich die Schultern. Ich kann es mir denken, ſagte der junge Graf. Es ſoll zu ſpaͤt ſein, Gersfeld ſoll büßen. alles, at auf Ver⸗ Winkel nädig⸗ wiſſen, aftie⸗ betrifft Dank⸗ welche fragie h, ſagte mir zü dieſes daß ich Hert cultenn . Grij — 189— dingen. Ich nahe Ihnen mit der freundlichen Bitte, mich als eine Berechtigte aufzunehmen, die Ihnen treu und wahrhaft entgegen tritt. Der Graf war durch dieſe Anrede außer Faſſung gebracht, er konnte die rechten Worte nicht finden. Nach einer höͤflichen Verbeugung wandte er ſich zu ſeiner Gattin um.— Unſere theure Couſine, ſagte er, iſt höchſt liebenswerth, höchſt achtungsvoll! Bei mei⸗ ner Ehre, ich bin entzückt, Leonor, wir werden ver⸗ ſöhnt in die Zukunft blicken. Doch für jetzt nichts Unſer Diner wartet; ich denke, wir laſſen uns wie möglich, den Appetit nicht ver⸗ weiter. ſo unbefangen, derben. Er bot mit dieſen Worten dem Fraäulein ſeinen Arm. Aurel folgte mit der Gräfin, die ihr Schwei⸗ gen nicht brach. Rodney ſchloß ſich ihnen an. Das Mahl war aber dennoch eines, das die Eß⸗ luſt nicht beſonders fördern konnte, obwohl Alles ge⸗ than wurde, um die Unbefangenheit aufrecht zu erhal⸗ ten.— Die Gegenwart der Diener hinderte jede Anſpielung auf die Verhältniſſe. Der Reichsrath er⸗ zahlte luſtige Geſchichten und was ihm gerade einfiel, aus allen möglichen Ecken und Winkeln ſeines Ge⸗ dächtniſſes. Er hielt das Geſpräach lebendig, zog alle ——. —Q—————j — 190— Perſonen hinein, ſogar die Bedienten, brachte die ver⸗ ſchiedenſten Dinge zum Austauſch und beluſtigte ſich mit Rodney, der mit wunderbarer Conſequenz ſchwei⸗ gend aß und eſſend ſchwieg, ein bedeutendes Quan⸗ tum der verſchiedenſten Speiſen verſchwinden ließ und mit unerſchütterlicher Kaltblütigkeit Glas auf Glas leerte, weil Graf Bodo ihn unaufhörlich nöthigte. Die beiden Herren ſchienen eine Wette gemacht zu haben, wer das Meiſte zu leiſten vermöchte, und der Graf ſelbſt rief endlich lachend, daß es ihm vorkäme, als führe er die Scene aus der Edda auf, wo Thor und Locke im Reiche der Rieſen ſich in der edlen Kunſt des Eſſens und Trinkens meſſen und jämmerlich ge⸗ ſchlagen werden. Dies war auch ohne Zweifel hier der Fall; denn während Sir Eduard mit demſelben ernſten und farb⸗ loſen Geſichte fortfuhr, ſeine eindringlichen Erercitien an den Weinen und Schüſſeln des Nachtiſches zu ma⸗ chen, war der Kopf des Grafen dunkelroth, ſeine Adern hoch aufgelaufen, ſeine Augen glaͤſern und ſeine Zunge etwas ſchwer und ungewiß.— Er war daran ge⸗ wohnt, ſtark zu eſſen und zu trinken; aber heute hat⸗ ten vielleicht ſeine Gedanken und deren Aufregung ſtö⸗ ver⸗ e ſich hwei⸗ auan⸗ und Graf als und dunſt — 191— rend auf ihn eingewirkt, und obwohl er genau wußte, was er that, und nirgend aus ſeiner Rolle fiel, ſo waren ſeine Scherze, ſein Gelächter und ſeine lebhaf⸗ ten Bewegungen doch ſo geſteigert, übermüthig und auffällig, daß die Gräfin aufathmete, als ſie das Zei— chen zum Aufſtehen geben konnte. Auch ſie ſchien jedoch etwas von dem Zauber größerer Milde zu empfinden, der geſättigten Menſchen nicht allein, ſondern auch den grimmigſten Geſchöpfen eigen iſt. Sie nahm ſanft und gütig Beatens Arm und führte ſie in eines der zierlichen Seiten⸗Cabinette, wo unter einer Laube von Epheu und zwiſchen Blu⸗ menniſchen eines jener kleinen zweiſitzigen ſchwellen— den Sophas ſtand, welche die Franzoſen mit ſinnrei⸗ cher Bezeichnung Cauſeuſes genannt haben.— Hier blieben die beiden Damen allein, während der Ge⸗ heimerath nach den Schachfiguren rief und Rodney in Büchern und Zeitungen blätterte, die auf dem großen Tiſche lagen. Nicht weit von ihm ſtellte ein Diener das gewür⸗ felte Marmortiſchchen auf, an welches ſich die beiden Grafen niederließen, und nachdem der Kaffee umher⸗ gereicht war, begann das Spiel, das eine Zeit lang — 192— die einzige Unterhaltung bildete. Nach einer Viertel⸗ ſtunde war jedoch der Geheimerath in die Enge ge— trieben und nach einigen fehlerhaften Zügen ſo um⸗ ſtrickt, daß der König matt geſetzt war. Deine Königin hat geſiegt, Aurel, ſagte er lachend. Möge ſie immer ſiegen, ich wünſche es ihr von gan⸗ zem Herzen. Ich nehme Deinen Glückwunſch an, erwiderte der junge Mann, und wünſche, daß jedes Matt ihr ſo leicht gemacht werde. Der Geheimerath lächelte boshaft. Königinnen, rief er aus, ſind hohe Damen, die ein zahlreiches Ge⸗ folge Ritter, Läufer, Marſchälle und Diener aller Art nöthig machen, und dieſe hier— er tippte auf Au— rel's Königin— tritt ſo ſtolz auf, daß ihr Hofſtaat und ihre Wünſche keine geringen Anſtrengungen er⸗ fordern dürften. Du irrſt, antwortete Aurel lächelnd. Ihr Sinn iſt beſcheiden und demüthig, ihr Stolz nur wider den Gegner mit allem Recht gerichtet, und ihre Wünſche ſind leicht zu erfüllen. Bei Deinen Mitteln, ſagte der Reichsrath und Deinen Ausſichten iſt Stolz gut angewandt. Deine Königin wird doch ein Haus machen? A 0. — 193— So weit es ſich für ſie ſchickt und es ihr Rang verlangt, wird ſie es thun. Herrlich! rief der Reichsrath; ich ſehe, Du biſt vorſichtiger und berechnender verfahren, als ich dachte. Deine Königin beſitzt ohne Zweifel verborgene Schätze, oder eine reiche alte Tante öffnet dem jungen Gemahl ihre feſtzugeſchnürten Geldtaſchen. Ich glaube, das alles wird nicht nöthig ſein, um meine Königin würdig in die Welt zu führen, da ich ſelbſt die nöthigen Geldtaſchen beſitze. Du? fragte Graf Bodo. Oder Du für mich, erwiderte Aurel. Ah, ich! Mich meinſt Du Das iſt ſpaßhaft! Aber von Herzen gern, mein edler, großmüthiger Vet⸗ ter, wenn es mir irgend möglich wäre; doch leider— bin ich weit aͤrmer, als Du glaubſt. Du irrſt durchaus, wenn Du meinſt, daß ich ir⸗ gend ein Opfer von Dir verlange, ſagte der junge Mann. Kein Opfer! Daran erkenne ich Dich. Nur die Erfüllung des Familien-Statuts fuhr Au⸗ rel fort, nach welchem mir bei meiner ſtandesmäßigen Verheirathung— und ich denke, dagegen läßt ſich nichts ſagen— ein Viertheil der Einkünfte des Ma⸗ 13 — 194— jorats zukommt.— Aurel heftete ſeine Augen feſt auf einen Verwandten, weil er bei dieſer Enthüllung ei⸗ nen heftigen Ausbruch des Zornes oder ein Zeichen großer Beſtuͤrzung erwartete; aber er täuſchte ſich gänzlich.— Das Einzige, was der Geheimerath that, war, daß er mit dem Ausdruck völligen Nichtverſtänd⸗ niſſes ſeinen Vetter bat, ihm die Worte noch einmal zu wiederholen, und daß er dann laut auf lachte und Aurel mitleidig und theilnehmend anſah. Ich weiß nicht, ſagte er, wer Dir das aufgebun⸗ den hat; aber das weiß ich, daß es ein großer Narr oder ein großer Taugenichts geweſen ſein muß. Du läugneſt es alſo? fragte Aurel ſo ruhig, als er konnte. Ich läugne es, weil es eine Lüge iſt, erwiderte der Graf. Du kennſt das Familien⸗Statut ſo gut, wie ich ſelbſt. Aber es exiſtirt ein Nachtrag, der in Deinem Be⸗ ſitze iſt. Mein lieber Aurel, ſagte der Geheimerath mit überlegenem Hohne, wenn Du Deine Königin darauf angewieſen haſt, ſo, fürchte ich, wird ſie ihren Hof⸗ ſtaat bedeutend einſchränken müſſen. Du ſollteſt gerecht ſein, es nicht zum Aeußerſten 4 — 195— treiben, erwiderte Aurel nach einem augenblicklichen Schweigen. Aber darf ich von Dir Gerechtigkeit ver⸗ langen? Nicht doch, ſagte der Geheimerath lächelnd, wer wird leidenſchaftlich werden? Du ſtörſt unſer Ueber⸗ einkommen, aber ich verzeihe Dir. Du mir verzeihen! rief Aurel. Du haſſeſt mich. Gott weiß es, worauf Du jetzt ſinnſt; aber warum haſſeſt Du mich? Iſt es das irdiſche Gut, das Du einſt mir überantworten ſollſt? Wollte Gott, ich könnte es Dir hinwerfen! Unrecht hat es denen ent— zogen, welchen es rechtmäßig zukommen ſollte. Aber es iſt ſo, Du kannſt es nicht ändern, und ich kann es nicht. Mit ſeiner Hülfe haſt Du mir einſt genom⸗ men, was mein war. Was willſt Du jetzt noch? Nichts, theurer Freund, nichts! ſagte Graf Der⸗ ſchau. Wir wollen der Eine nichts vom Andern, Je⸗ der behalte, was er hat. Aber Du wirſt die Damen aufmerkſam machen. Ich hoffe, Du gönnſt uns das Vergnügen Deiner Gegenwart in der Oper? Aurel blickte finſter vor ſich nieder, er zitterte vor Zorn. Seine Hand ballte krampfhaft die Schachfiguren zuſammen, und wie er die Augen aufhob, ſah er das Ge⸗ ſicht ſeines Verwandten mit boshaftem Triumphe erfüllt. 13* — 196— Es iſt unmöglich, erwiderte er, daß dieſes Ver⸗ hältniß länger dauern kann. Sei gerecht, ich bitte, ich beſchwöre Dich darum. Was that ich Dir je zu Leide, um Deinen Haß zu verdienen? Ich ſuche eine aufrichtige Verſöhnung. Liebe und Vertrauen zwiſchen uns würde Heuchelei ſein, aber wir können ruhig neben einander gehen. Du läugneſt das Vorhanden⸗ ſein jener geheim gehaltenen Beſtimmung, läugneſt es bei Deinem Chrenworte? Lieber Aurel, rief der Graf lachend, laß uns da⸗ von aufhören. Auf Ammen⸗Märchen gebe ich mein Ehrenwort nicht. Laß uns noch ein paar Tage leben, ohne den Schein zu verletzen; zeige Dich mit Deiner Braut öffentlich, begünſtige ſie öffentlich, be⸗ reite die Welt auf das Unerwartete vor— ich rathe das alles zu Deinem Beſten.— Dann erkläre Dich, bringe Fräulein von Lebel zu Deiner Tante, ziehe Dich zurück von mir, meide fortan jede nähere Be⸗ rührung, aber laß die außere Schranke fortbeſtehen. Wir kennen uns beide, fuhr er fort, und ändern läßt ſich nichts mehr. Ich mache Dir keine Vorwurfe, vielleicht irre ich mich auch. Du biſt jung, phanta⸗ ſievoll, leidenſchaftlich, Du ſiehſt mich in Deinem Lichte. Genug davon! Die Straße iſt breit, wir — eine ſchen uhig nen⸗ ſt es da⸗ mein Tage mit be⸗ 4 — 197— haben nicht nöthig, uns anzuſtoßen. Ich habe es 8 gut gemeint, habe Dein Beſtes gewollt, Du haſt den* eigenen Weg vorgezogen. Wenn ich in der Folge 3 irgend etwas für Dich thun kann, ſoll es gern ge⸗ ſchehen, aber niemals ſo, wie Du es meinſt. Eine— Heirath auf meine Koſten, nach dem, was zwiſchen uns vorgefallen iſt, kann nicht nach meinem Ge⸗ ſchmacke ſein. Oder meinſt Du, ich ſolle den Hof⸗ ſtaat bezahlen? Nichts ſollſt Du bezahlen, ſagte Aurel. Ich will weder ein Almoſen von Dir, noch etwas, wofür ich zu danken hätte. Ich will nichts, als was ich mit Recht fordern kann.— Ich werde Beweiſe dafür ſuchen. Gut, theurer Vetter, gut! rief der Reichsrath, ſeine Hände reibend. Es wird ein angenehmer, luſtiger Proceß werden, der viel Geld koſten kann. Ein Proceß, bei dem Ehre, Name und Ruf ver⸗ loren gehen wird, ſo luſtig das zu ſein ſcheint, er⸗ widerte der junge Mann ſtolz. Noch iſt es nicht ſo ſchlimm in dieſem Lande, um nicht ſelbſt die Erſten und Höchſten zur Rechenſchaft zu ziehen; und jetzt, indem ich Dich verlaſſe, ſage ich Dir, daß ich nicht ruhen will, bis ich vor aller Welt aufgedeckt habe, wie es mit der Moral eines Mannes ſteht, der die Geſetze machen hilft. Die Damen waren aus dem Cabinet getreten. Beatens Wangen glühten; die Gräfin ſchien erregt und verletzt.— Es wurde kein Wort geſprochen, Aurel verbeugte ſich kalt und führte das Fräulein hinaus; jetzt aber eilte Leonor zu ihrem Gemahl, und beide Hände ängſtlich auf ſeine Bruſt legend, ſagte ſie entſetzt: Mein Gott, was iſt geſchehen? Du ſiehſt wie der Tod aus!— Furchtbar! Du biſt ganz kalt! Soll ich Hülfe rufen? Es iſt nichts, ich bitte Dich, ſei ruhig, erwiderte er.— Dieſer Elende! Ich hätte nicht geglaubt, daß es mich angreifen könnte— ich brachte ihn zur Ra⸗ ſerei, ich wußte, daß es ſo kommen mußte.— Er beſchimpfte mich, aber, bei Gott! er ſoll es büßen— büßen, bis ich ihn zertreten habe, verachtet, verzwei⸗ felnd! Sei ganz ruhig, Leonor, ſei ganz ruhig! Wie viel Unglück bringt dieſer Mann über uns! murmelte die Gräfin ſeufzend.— Du ſollſt Genugthuung haben, volle Genugthuung, fuhr der Reichsrath fort. Aber was hatteſt Du mit Deiner ehemaligen Kammerjungfer? Sie ſah wie eine Furie aus. Was hat ſie Dir gethan? uns! uung, mit eine — 199— Sie hat mich behandelt, wie ich es verdiene, ſagte die Gräfin. Sie forderte mein Vertrauen, ich zeigte ihr die Zukunft und nannte es leichſinnig gewagt, mit einem Manne von ſo beſchränkten Mitteln, der die ganze Welt gegen ſich haben würde, ein übereiltes Bündniß zu ſchließen. Sie unterſtand ſich, mir zu antworten, daß ich einmal in demſelben Falle geweſen ſei, aber... Daß Du einſichtsvoller, vernünftiger geweſen biſt, fiel er ein, als die Gräfin dunkel erröthend ſchwieg. Kein Wort mehr, Leonor, kein Wort! Ich denke, ſie ſoll bald ein ander Lied anſtimmen, morgen ſchon, Leonor, denn heute noch... Hier wandte ſich die Gräfin um; Beide ſtanden ſprechend am Fenſter, wohin Graf Derſchau ſie ge⸗ führt hatte, und leiſe tippte ſie auf den Arm ihres Mannes und deutete auf Rodney, der, ein Buch in der Hand haltend, in welchem er Kupferſtiche betrach⸗ tete, ſo eben eine Bewegung gemacht hatte. Iſt der liebenswürdige Schwätzer auch noch hier? fragte der Graf, Rodney verächtlich anlächelnd; doch was thut es? laß ihn ſitzen. Ich ſage, heute noch ſoll er genug haben, für den ganzen Reſt ſeines Le— bens, um für immer gebrandmarkt, mit Schimpf und 200 Schande bedeckt zu ſein.— Sorge nicht, Leonor, er fängt ſich in ſeinen eigenen Schlingen. Was ihn trifft, bereitet er ſich ſelbſt. Er hat einen prächtigen Plan gemacht, mir den vierten Theil meiner Ein⸗ künfte abzunehmen.— Der Schuft, Winkel, iſt ihm dazu behülflich geweſen; jetzt hat er ſich beſonnen; aber erſt den Einen, dann den Anderen, ich treffe ſie nach der Reihe.— Er ſoll haben, was er wünſcht, er ſoll es haben; aber ſagte ich Dir nicht, er dürfe nicht heirathen, er müſſe fort— fort, daß ich nie mehr dieſes ſüße, geiſtvolle Geſicht ſehe?— Und er ſoll fort, fort mit dem Burſchen da, der, dickhäutig und langweilig, wie ein Klebpflaſter abgeriſſen und hinausgeworfen werden muß, wenn wir ihn los wer⸗ den wollen. Nun, mein theurer Sir Eduard, fuhr er, höflich ſich neigend und ſehr freundlich, fort, indem er ſein Engliſch zuſammenraffte; wann gedenken Sie uns zu verlaſſen? Rodney legte das Buch nieder und ſagte gleich— müthig: Ich habe noch keine Zeit beſtimmt. Ich bin überhaupt Herr meiner Zeit; es kommt mir auf Mo⸗ nate und Jahre nicht an. Ich bleibe, wo es mir gefällt, und hier gefällt es mir ſo gut. Sie machen — 201— er mir ſo viele Luſt zum Bleiben, daß ich die Unruhe ihn zum Gehen verloren habe. ge Sie entzücken mich, Sir Eduard! rief der Reichs⸗ Lin⸗ rath. Es wäre auch zu betrübt, wenn Sie Ihren üm Freund verlaſſen wollten, ohne ſeine Vermählung ab⸗ ar; zuwarten. 7 O, richtig, Count Aurel will heirathen, ſagte ſh⸗ Rodney. Sehr gute Wahl. Sie werden angenehm örfe überraſcht ſein. nie Außerordentlich angenehm! Aber doch auch höchſt 1 ſchmerzlich, wenn ich bedenke, daß mir mein lieber Aurel entriſſen wird, der mir wiederum Sie entreißt. utig. und Es iſt eine Kette von Verluſten. Rodney blickte den Grafen theilnehmend an, in⸗ ter, dem er ihm zunickte. „ Aurel wird ſeine Braut zu ſeiner Tante führen, ſich es vorziehen, in ihrer Nähe zu wohnen. Auch Sie ſen werden ganz natürlich uns verlaſſen. 5 n 1 Ich werde bleiben, ſagte Rodney mit tröſtender Feſtigkeit. ſiih Bleiben! rief der Reichsrath. Unmöglich, theurer * Sir Eduard! Ich kann dieſes Opfer nicht annehmen. o⸗ Ich darf nicht, ſo ſchwer es mir wird. Wir müſſen Abſchied nehmen, müſſen uns trennen. — 202— Nein, ſagte Rodney den Kopf ſchüttelnd, es ſoll nicht geſchehen. Ich werde Aurel aufſuchen und ihn mit meinem Entſchluſſe bekannt machen. Ich bin ſo erfreut, in Ihrer Nähe zu ſein; Sie beweiſen mir ſo große Theilnahme, ich fühle mich ſo angezogen und erheitert, daß ich bleiben will, ſo lange ich kann.— Er ſteckte ſeine Hand in die Weſtentaſche, nahm ſeinen Hut und ſah nach der Uhr.— Alſo eine neue Oper heute, fuhr er fort. Sehr gut!— Wir ſehen uns dort. Meine Loge iſt ganz beſetzt, theurer Sir Eduard. Wahrhaftig? Dann muß ich einen anderen Platz nehmen.— So reiten wir morgen früh. Ich glaube kaum, daß meine Pferde disponibel ſind, ſagte der Reichsrath mit ſeinen ſchärfſten und hohnvollſten Blicken; überhaupt aber... So reiten wir übermorgen, fiel Rodney ohne die geringſte Regung ein, indem er ſein Halstuch zurecht rückte und einen Blick in den Spiegel warf. Mylady, den ſchönſten Tag. Erxcellenz, nochmals meinen Dank. Auf mein Wort, ich bleibe! Die Peſt! rief Derſchau hinter ihm her, kann nicht feſter in einem Pelze ſitzen, als dieſer treue Freund uns anklebt. Er hat in Agypten Nilpferde gejagt und ihre undurchdringliche Haut ſich übergeſtreift. Der — 203— gehörnte Siegfried hatte doch Eine Stelle, wo er an⸗ greifbar war, dieſer hat gar keine. Es bleibt nichts übrig, als ihm einfach dürr zu ſagen, daß ſeine Zeit um ſei, und das ſoll morgen geſchehen.— Ich muß zu dem Ober⸗Kammerherrn, Leonor!— Sei vergnügt, mein ſüßes Herz, und denke nicht mehr an den ſchwar⸗ zen Schatten— Hahal wie Du roth wirſt. Adieu, mein Engel! Ich liebe Dich mehr, als je, und will Dich rächen, um Dich mit Reichthum und Glück zu überhäufen. Gräfin Leonore ſetzte ſich auf den Stuhl, wo Aurel geſeſſen hatte. Ihre Hand ſpielte mit den Schach⸗ figuren, Thränen fielen heiß und unaufhaltſam darauf nieder. 12. Der Abend dämmerte bereits, als Aurel in die Werkſtatt ſeines Freundes trat, deſſen Feile und Ham⸗ mer noch in voller Thätigkeit waren. Franz Willner hörte bei dem Lärm ſeiner Arbeit die erſten Schritte des Grafen nicht, bis dieſer ihm auf die Schulter klopfte und ihn anredete. — 204— Aurel! ſagte Willner, indem er das Werkzeug fort⸗ legte, ſich aufrichtete und ihm die Hand bot, während er mit der andern den Schweiß von der Stirn wiſchte. Da biſt Du ja, ſei willkommen! Es lag etwas Starres und Kaltes in ſeinen Wor⸗ ten, nicht der herzliche Ton von früher war darin, und in ſeinem Geſicht fehlte der zufriedene, glückliche Zug. Er ſah ernſthaft und verſchloſſen aus. Was gibt es denn, Franz? fragte der Graf. Es iſt etwas mit Dir vorgegangen, was Dich drückt. 6 ¹ Biſt Du in Verlegenheit gerathen, wo ich helfen könnte? Danke Dir, Aurel, danke Dir! rief der junge Mei⸗ 6 ä . ſter lebhafter, indem er unwillkürlich wieder zu ſeiner Feile griff und über das mattglänzende Metall fuhr. Du wirſt Dir die Augen verderben, ſagte Aurel. Komm her und ſage mir Beſcheid. Ja, die Augen, die muß ich mir erhalten, erwi⸗ derte Franz; arbeiten iſt ein Troſt, ein großer Troſt, 3 lieber Aurel. Wenn es ganz ſchwarz im Herzen iſt, 1 wenn es da drinnen ſchmerzt und ärger brennt, als 1 mein weiß glühend Eiſen, dann iſt die einzige Hülfe 1 Arbeit! Dabei rafft ein Menſch ſich auf, da kommen 1 1 ihm Gedanken und Vorſätze, da wirft er all ſeine b Noth hinein, ſeinen Schmerz, ſeinen Zorn und ſeine r. el. vi⸗ yſt, iſt als iffe nen ine Es iſt aus mit mir und Hannchen, fuhr er ha⸗ G 3 — Rache, und es kommt ein beſſerer Geiſt über ihn. Ja, Arbeit iſt eine wahre Gotteshülfe. Arbeiten muß man, um nicht zu verzweifeln; was ich heute geſchafft habe, iſt ſonſt wohl in drei Tagen nicht fertig ge⸗ worden. Aurel hörte theilnehmend erſtaunt zu. Und was, fragte er dann, hat Dich dazu bewegt, dieſen Troſt der Arbeit vor Verzweiflung zu ſuchen? Ich kann es Dir in wenigen Worten mittheilen, aantwortete Willner nach einigem Bedenken; Du mußt ir aber verſprechen, nichts dazu zu ſagen, keine Ein⸗ ürfe zu machen oder mich umwandeln zu wollen. Denn was ich thun muß, iſt wohl überlegt. Da helfen keine Worte mehr, es muß gehandelt werden, und kein anderer Troſt iſt da, als eben die Arbeit und, was von innen kommt, das rechte Gewiſſen. ſtiger fort. Ich habe eingeſehen, wir paſſen nicht, es würde uns beide ſchlecht gehen und könnte mich wohl in Elend und Verbrechen bringen. Darum müſſen wir's laſſen, und ich habe alles, was ich gehofft, aus meinem Herzen geriſſen und mit Hammer und Feile die Wünſche heraus geklopft. So bald will's freilich nicht gehen, muß aber gehen.— So, nun weißt Du 296— es, und ſage nichts dazu, weder Ja noch Nein; denn mit ſolchem Streich muß Jeder ſich ſelbſt abfinden. Es iſt damit wie mit einer Wunde: man muß den Schmerz tragen, wie man kann, Bedauern hilft nichts. Ich will thun, was Du richtig verlangſt, erwiderte Aurel; aber meine Hand kannſt Du nehmen, wackerer Franz, und glauben kannſt Du, daß ich Dein wundes Herz erkenne und mit Dir fühle. Es entſtand eine lange Pauſe, während die beiden jungen Männer Hand in Hand bei einander ſtanden. Der arme Arbeiter ſenkte den Kopf nieder und an 1 auf ſeiner blaſſen Stirn ſammelte ſich der letzte Schi mer des Tageslichts und zeigte ſeine milden, kummer— vollen Geſichtszüge. Wenn es ein Mann wäre, vor dem man ſich bücken müßte vor Achtung, ein Mann, beſſer als ich, murmelte Franz, ſo wollte ich denken, es könnte nicht anders ſein; aber ein Schelm, ein verkrüppeltes Weſen nach innen und außen— ich kann es nicht begreifen. Verachte ſie, ſagte Aurel. Nein, erwiderte Franz, es iſt mehr Mitleid als „Haß in mir; aber vorbei muß es ſein, das weiß ich gewiß. Armer Franz! rief der Graf; ich beklage Dich, 2 8 8 T n. — 207— weil ich Dein Leid zu gut kenne. Doch ſei getroſt, Du mußt vergeſſen lernen. Willner ſchüttelte finſter den Kopf. Ich werde arbeiten, ſagte er mit Entſchloſſenheit; arbeiten, da wird es gehen! Und ich, antwortete Aurel, ich will Dein Freund bleiben mit Rath und That. Ich komme zu Dir, Franz, um Dich um etwas zu bitten. Gern, gern, erwiderte dieſer; was es auch ſein möge, ich will's thun. Du haſt für den Reichsrath, meinen Vetter, einen Geldſchrank gemacht. Ja, erwiderte Willner, und habe das Geld noch nicht bekommen. In dem Schranke ſind geheime Fächer, fuhr Au⸗ rel fort. Franz nickte. Sage mir, wie man ſie öffnet, flüſterte der Graf. Der junge Meiſter blickte ihn durchdringend an, Aurel erröthete.— Man will mich täuſchen, mich be⸗ trügen, mir mein Recht vorenthalten, ſagte er. Es handelt ſich um ein Document, Franz, auf deſſen Be⸗ ſitz oder nur Einſicht das Glück meiner Zukunft be⸗ ruht.— Ich will nichts, als mich überzeugen, daß — 208— es vorhanden iſt.— Was ſagſt Du? Du willſt nicht? Meine Ehre zum Pfande, daß ich nichts wei⸗ ter beabſichtige.— Ich ſcheue mich, Dir Lohn anzu⸗ bieten, Geld zu verſprechen, aber mein Geld... Nicht um alles, was Du mir geben und verſpre⸗ chen könnteſt, rief Franz, würde ich Dir dabei helfen. — Ich darf nicht, und auch Du— der Schrank iſt ſein Eigenthum, das Papier iſt ſein— oder wenn es nicht ſo iſt, zwinge ihn, aber nicht ſo.— Wer hat es Dir geſagt? Der Secretär?— O, jetzt begreife ich ſeine Vertraulichkeit, eure Unterredungen— aber er iſt falſch, er iſt ein Heuchler, ein Schurke— ſogar gegen ſeinen Herrn, und er wird Dich verderben, denn er haßt Dich, ich weiß es gewiß. Aurel verſuchte vergebens alle Überredungskünſte, Franz war nicht zu erſchüttern.— Du wirſt mir ge⸗ wiß zürnen, ſagte er demüthig, als er den Grafen mit finſterem Geſicht nach ſeinem Hute greifen ſah, aber Du biſt zu rechtlich und gut, um mir nicht zu vergeben. Du darfſt das geheime Fach nicht öffnen; hüte Dich davor! ſie haben Böſes mit Dir im Sinnez; und Du wirſt es nimmermehr thun, denn es wäre ein Verbrechen!— Ja, ich ſage es noch einmal, ein Ver⸗ brechen wäͤre es, das Dich herabwürdigte. Du kannſt r hat greif aber ſogar denn küͤnſte, r ge⸗ Grafen u ſah, icht z öffneni Sinnei are ein — 209— es nicht thun, Aurel, mag es kommen, wie es will. 3 Lieber Alles ertragen, lieber Unrecht leiden, als Un— recht thun. Gottes Hand iſt allmächtig. Er kann Dir morgen geben, wonach Du verlangſt; ſtreckſt Du heute Deine Hand danach aus, ſo kann er Dich ver— derben, und Du mußt ſagen: Mir iſt recht geſchehen. Seine Worte hatten etwas Erſchütterndes und Rührendes, Aurel wurde davon ergriffen. Vielleicht ſprichſt Du als Prophet, ſagte er, vielleicht iſt es Dein Starrſinn, der mich verdirbt. Ich will nicht mit Dir rechten, jedenfalls iſt Deine Weigerung entſcheidend. Sie ſoll nichts zwiſchen uns ändern— lebe wohl! Er ging hinaus, Franz that ein paar Schritte, als wollte er ihn zurück rufen, dann blieb er ſtehen 35 und ſchlug die Augen nieder.— Ohne ein Wort zu ſagen, machte er Licht und begann ſeine Arbeit mit doppeltem Eifer. Nach einiger Zeit aber wurde die Thür abermals geöffnet, und dieſes Mal war es eine junge Dame in Hut und Seidenmantel, welche leiſe hereinſchlüpfte und den Meiſter mit ihren freundlichen Grüßen er⸗ ſchreckte.. Hannchen! rief er halblaut, und ſeine Augen blie⸗ ben ſtarr offen. 14 — 210— Ich bringe Dir Geld, ſagte ſie. Herr Winkel hat es mir gegeben Das Geld für den Schrank, Franz, er hat es endlich von dem Grafen bekommen; und was er gut iſt! er bat mich, es Dir doch heute noch zu bringen, obwohl Du es gar nicht verdienſt, Du Böſewicht. Sieh her, da iſt es eingewickelt. Zaͤhle es und unterſchreibe die Quittung, die dabei liegt.— Aber ich bin ſo froh, Franz, fuhr ſie fort, während ſie das Päckchen aufband, ſo froh, daß ich Alles ver— geſſe und vergebe; denn denke Dir, was Winkel uns ausgewirkt hat. Du ſollſt Hüttenmeiſter werden, der Graf hat es ihm feſt verſprochen. Morgen wird er Dich rufen laſſen, damit Du Dich bedankſt. Sechs⸗ hundert Thaler, ein eigenes Haus, Garten, Wieſe, Feuerung und allerlei und eine Tantiéme dazu, wie ſie es nennen.— Die Grafin iſt in der Oper, ich konnte es nicht aushalten, ich mußte her zu Dir.— Gott, Franz, freue Dich doch! Du brauchſt nicht mehr in der ſchmutzigen Werkſtatt zu ſtehen, feilen und ſchwitzen, brauchſt nicht mehr auf dem Hofe in der Ecke zu wohnen. Es ſoll ein ſehr hübſches Häuschen ſein, ganz neu gebaut, ſieht das Gebirge aus jedem Fenſter. Die Gr gibt uns die Ausſteuer, wir kaufen hübſche Möbel hier aus den Magazinen.— l hat Franz, und — 211— Und wann ſoll denn die Hochzeit ſein, Franz? fragte ſie lächelnd und verſchämt thuend, indem ſie den Arm auf ſeine Schulter legte. Haſt Du meinen Brief erhalten, Hannchen? er⸗ widerte er, die Augen niederſchlagend. Ach, es iſt ja dummes Zeug! ſagte ſie lachend. Du biſt eiferſüchtig; es iſt närriſch genug von Dir. Der alte Winkel iſt ja krumm und lahm, der kann doch nicht ſchrecklich ſein. Man läßt ſich ſeine Späße gefallen, weil er uns wohl will; dazu iſt er reich, hat keinen Menſchen, der ihm angehört. Ich bitte Dich, Franz, denke doch nach und ſei vernünftig. Wenn Du Hüttenmeiſter biſt und ich die Frau Hüttenmei⸗ ſterin... So ſind wir erſt recht in ſeinen Händen! mur⸗ melte Franz. So iſt er den größten Theil des Jahres weit von uns, kommt nur ab und zu zum Beſuch, das läßt ſich aushalten. Und wie lange kann er denn noch leben? Er huſtet ja ſchrecklich— wer weiß, was ge⸗ ſchieht, und wir ſind die Erben! Der junge Mann wurde erregt, ſeine Augen glänzten.— Siehſt Du vohl, ſagte Hannchen, man muß an ſich und an die Zukunft denken, nicht mit 14* — 212— dem Kopf an alle Ecken rennen. Jetzt iſt Winkel un— ſer Freund, mit Freunden muß man Nachſicht haben, muß ihnen auch zu Gefallen leben. Wenn der Ge⸗ heimerath morgen ſchickt, haſt Du nichts zu ſagen als Ja. Winkel hat Alles abgemacht. Aber einen Ge⸗ fallen ſollſt Du ihm thun, das hat er mir aufgetra⸗ gen.— Es iſt von wegen des Schrankes: Du ſollſt ihm ſagen, wo das geheime Fach iſt, und wie es ge⸗ öffnet wird. Nichts dal rief der Meiſter heftig; ich will nicht! Er will es bloß wiſſen, um dem Grafen zu zei— gen, daß er es auch kennt. Lieber Franz, ſage es mir, bat ſie ſchmeichelnd, indem ſie ſich dicht vor ihn hin ſtellte und ihm in die Augen blickte. Wenn Du mir gut biſt, mußt Du es ſagen. Höre an, Hannchen, erwiderte Willner, und alle Röthe verſchwand aus ſeinem Geſichte; ich weiß nicht, was mit dem Schrank und dem Fache los iſt, aber was Gutes kann es nicht ſein. Graf Aurel iſt hier geweſen, Winkel hatte ihn abgeſchickt, und ich habe es nicht geſagt. Nun kommſt Du, aber ich ſage es Dir eben ſo wenig. 4 Eben ſo wenig?! ieft Hannchen, zwiſchen Bitte el un⸗ haben, Ge⸗ en als n Ge⸗ fgetra⸗ ſollſt — 213— und Heſtigkeit ſchwankend. Lieber, guter Franz, Du mußt es mir ſagen Ich weine mich todt. Sagen will ich Dir, was ich muß, fuhr Willner fort. Hier iſt meine Werkſtatt, und ich bin der Mei⸗ ſter darin und will es bleiben. Will weder mit dem Grafen mehr etwas zu ſchaffen haben, noch mit ſei— nem Secretär. Mag er zum Hüttenmeiſter machen, wer Luſt dazu hat. Ich will nicht! Du willſt nicht? ſchrie Hannchen auf. Du haſt den Verſtand verloren! Ich habe ihn wieder bekommen, ſagte Franz. Ich will nicht, und weil Du nicht willſt, wie ich will, Hannchen— weil Du die Werkſatt verachteſt und in der Hofecke nicht wohnen willſt— weil der Putz Dir lieber iſt als ein ehrlicher Mann— weil meine Arbeiterhand Dir zu hart iſt und mein Hemd zu ſchwarz— weil Du Plane machſt mit dem Winkel und ſeiner Freundſchaft und ſeiner Erbſchaft und weil — ja, weil wir in keinem Stück zuſammen paſſen und niemals nicht zuſammen paſſen werden, darum, Hannchen, muß es ſo ſein— ja, muß es ſo ſein und bleiben, wie es in meinem Briefe ſteht, und— hier iſt die Quittung Hannchen ſtand wie verſteinert; ſie hatte alle ihre — 214— queckſilbrige Beweglichkeit und die flüſſige Zunge ver⸗ loren. Ihre Lippen zitterten, ihre Stirn war gelb geworden.— Iſt es Dein Ernſt, Franz? fragte ſie. Willner ſeufzte leiſe, aber er richtete raſch den Kopf auf und ſprach mit feſter Stimme: Es muß ſo ſein, Hannchen, um Dich ſowohl wie um mich. Ich bin zu einfach für Dich, Du willſt zu hoch hinaus und kannſt nicht anders. Nimm einen Mann, der beſſer paßt, und Gott mache Dich glücklich. Wenn aber Unglück über Dich kommt, dann wird Franz Willner Dir beiſtehen, ſo viel er vermag; denn Dein Freund wird er bleiben, ſo lange er die Augen of⸗ fen hat. Die Augen offen hat! rief Hannchen bitter lachend — die Augen offen hat! ja, daran liegt es eben— Du haſt ſie nicht offen!— Ach, was bin ich für eine Thörin geweſen! rief ſie, die Hände über ihr Geſicht deckend; aber es geſchieht mir recht.— Wir paſſen nicht zuſammen, das iſt wahr; nein, wir paſſen nicht zuſammen.— Auf Nimmerwiederſehen alſo. Leben Sie wohl, Herr Willner Bemühen Sie ſich nicht, ich ſinde meinen Weg allein. O ja, ich finde ihn. Franz ſtand mit dem Lichte in der Hand, ſeine Füße zitterten. Er ging langſam zur Thür, Hann⸗ — 215— chen war ſchon die Treppe hinauf. Schweigend kehrte er um, ſteckte das Licht auf das Eiſengeſtell, und wie— der begann er zu arbeiten— lange, lange Zeit ein— tönig und eifrig, bis er die Uhr ſchlagen hörte— Plötzlich warf er die Feile fort, und die Hände ge⸗ ballt an ſeine Bruſt drückend, rief er haſtig und dumpf vor ſich hin: Ich kann nicht mehr, es geht nicht mehr! Ich muß fort, hinaus, ich weiß nicht wohin— aber ich kann es nicht länger bei mir aushalten! 13. Als Hannchen nicht weit von dem Hotel des Gra⸗ fen um die Ecke bog, ſah ſie einen Herrn in weitem blauem Mantel langſam an der Gasflamme hingehen, und ſie erkannte ſogleich den Geheimerath, deſſen ſchar⸗ fem Blicke ſie ebenfalls nicht entgangen war. Er rief ſie an, indem er ihr näher trat, und kein geringes Erſtaunen bemächtigte ſich ihrer, als er dürr und be⸗ ſtimmt fragte, ob ſie von Willner komme und was er geſagt habe.— Du haſt ja rothe Augen, Mädchen, fuhr er fort, als ſie ſtockte, haſt geweint! Ich will — 216— wetten, der hartnäckige Burſche iſt grob geworden und hat Dir jede Auskunft verweigert. Ach, ſo iſt es, gnädigſter Herr, es iſt nur zu wahr! erwiderte Hannchen. Ach, Excellenz, was ich unglücklich bin! Er hat mich abſcheulich behandelt. Der Reichsrath ließ ſich Alles erzählen, dann trö⸗ ſtete er ſie.— Er wird Dich ſchon wieder lieben, ſagte er endlich, ich übernehme die Vermittlung. Hüt⸗ tenmeiſter ſoll er werden, und daß er weder dem Win⸗ kel, noch dem Grafen Aurel, noch endlich Dir etwas vertraut hat, macht, daß ich ihn noch höher ſchätze. Hannchen war beruhigter. O, gnaäͤdigſter Herr, ſagte ſie, Sie ſind ſo gütig und gerecht, aber es bleibt doch jedenfalls ſchlecht von ihm, daß er mir es nicht ſagte und in ſeiner Eiferſucht mir die Thür wies. Das ſoll er Dir abbitten, fiel der Graf ein;z was aber den Winkel betrifft, ſo hat er nicht ganz Un⸗ recht, ihm nicht zu trauen. Ich traue ihm auch nicht, und wenn ich Dir rathen ſoll, mache es, wie wir Beiden.— Du biſt ein pfiffiges Mädchen, Hann— chen, ich will Dir einen Auftrag geben. Was ich Dir ſage, bleibt jedoch ganz unter uns, kein Menſch darf ein Wort davon erfahren. Wenn Du verſchwie⸗ en und nur zu as ich telt. in tro⸗ lieben, Hüt⸗ Win etwas haͤtze. Herr, bleibt nicht jes. „was 3 Un⸗ nicht ſe wit Hann⸗ 46 ic Venſch chwie⸗ 217 gen und treu biſt, will ich Dich beſſer belohnen, als Winkel es jemals thun könnte. Ach, Excellenz, lispelte Hannchen lächelnd, Kam⸗ merjungfern ſind zum Schweigen geboren. Sie müſſen taub und ſtumm ſein, wenn ſie ihr Fortkommen haben wollen. Was Sie mir befehlen, will ich mit Freu⸗ den ausführen und eben ſo ſchnell vergeſſen. Der Graf war inzwiſchen mit ihr von der hellen Straße abwärts in ein ſchmales Gäßchen getreten, das zu Stallgebäuden und Gärten führte, und nach einer Anzahl Minuten ſchlüpfte Hannchen allein daraus hervor, zog die Klingel am Hotel ihres Herrn und eilte an dem Thürſteher vorüber, der verdrießlich aus ſeinem Fenſter ſah. Das große Haus war ungewohnlich ſtill, nirgends Licht in den Zimmern, die Vorhänge niedergelaſſen, kein Menſch zu ſehen. Nur oben, wo der Secretär hauſ'te, war es hell, und im anderen Flügel glänzte ein matter Schein aus dem Vorgemache der Gräfin. Hannchen ging über den Hof fort und leiſe die Treppe hinauf, die zu dem Corridor führte, in welchem der Secretar wohnte. Als ſie die Thür öffnete, ſaß Winkel an ſeinem Schreibpulte vor einem Rechenbuch, das ſeine volle — 218 Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm; aber ſein feines Ohr hatte laͤngſt ihre Nähe wahrgenommen. Er hielt den Mittelfinger ſeiner linken Hand auf eine Zahl im Buche, mit der Rechten nahm er den grünen Schirm ab, den er ſich aufgeſetzt hatte; den Kopf wandte er der Thür zu und nickte Hannchen wohlgefällig ent⸗ gegen— Da biſt Du ja endlich, Kind, ſagte er, und ganz außer Athem, ganz erhitzt. Mein allerliebſtes Engelchen, ich habe Dich mit Sehnſucht erwartet. Setze Dich hier her, Hannchen.— Was machſt Du denn für ein Geſichtchen? Ich will nicht hoffen, daß der Franz Dich geärgert hat? daß er es mit Dir ge⸗ macht hat, wie mit ſeinem erhabenen Freunde, dem Grafen Aurel? Iſt der Graf hier geweſen? fragte Hannchen. Eben iſt er fortgegangen, ſagte Winkel, die Hände reibend und mit großem Ergöͤtzen, keine zehn Minu⸗ ten iſt er fort. Ganz blaß, ganz niedergeſchlagen, ſehr moraliſch geſinnt, aber ſehr ſchwermüthig. Es iſt eine einzige Geſchichte, Hannchen, eine gottvolle Ge⸗ ſchiche. Haha! Es kommt Alles darauf an, wie man ſie betrachtet, ſo iſt ſie zum Lachen oder zum Weinen eingerichtet; aber große Herren ſind wie ganz gewöhnliche Menſchen, wo es ſich um Mein und *½ feines r hielt ahl im Schirm nie er g ent⸗ t, und liebſtes wartet. ſt Du 7, daß ir ge⸗ , dem en. Haͤnde. Minu⸗ glagen, Es iſ e Ge⸗ wie / t zum 210— Dein handelt, und es macht Vergnügen, zu ſehen, wie gut ſie es mit einander meinen, wie ſie ſich lie— ben, wie ſie ſich helfen, was ſie für einander thun wollen, haha! Ein unermeßlicher Hohn füllte Winkel's ſpitzes Geſicht, dann fuhr er, die Schultern hin und her ziehend, fort: Aber die Sache iſt ernſthaft, und alle unſere prächtigen Entwürfe gehen zu Grunde, wenn Willner nicht gebeichtet hat. Es wird nichts zu Grunde gehen, ſagte Hann— chen ſtolz. Aha, ahal lachte der Secretär, aufſpringend, hat der Vogel gepfiffen? haſt ihm die Zunge gelöſt, kleine Hexe! Erzähle, erzähle! Herr Winkel, rief Hannchen, ſich aus ſeinen Hän— den losmachend, Sie erlauben ſich wirklich eigen⸗ thümliche Freiheiten! Wo? Wie? ſagte Winkel, ſeine Naſe hoch in die Luft haltend.— Wir ſind ja unter uns, Hannchen, und wenn Du wüßteſt, was ich alles für Dich thun will, wie ich mein Teſtament eingerichtet habe, wie ich hier, eben noch ehe Du kamſt, in mein Buch ſah, mein Geld zuſammen zählte und dachte: das alles gehört meinem lieben, einzigen Hannchen... — 220— — Rede alſo, mein Kind, wie wird das Fach auf⸗ gemacht? Das, ſagte Hannchen mit Wuͤrde, kann ich Ihnen nicht ſagen. Oho! rief der Secretär. Wie ſo? Was kannſt Du mir denn ſagen? Er ſtreckte ſeinen langen Arm nach ihr aus und lächelte ſie zärtlich an. Was ich Ihnen meinerſeits zu ſagen habe, Herr Winkel, erwiderte ſie, iſt, daß ich kein Kind und kein Engel bin, ſondern Johanne Roſenbaum heiße. Ein höchſt niedlicher, ſchlanker Roſenbaum, Fräu— lein Hannchen, grinſ'te Winkel, ein höchſt appetitlicher Roſenbaum, haha! aber keine Roſe ohne Dornen. Was ich Ihnen von Sr. Excellenz zu ſagen habe, fuhr Hannchen fort, iſt, daß Sie genau thun ſollen, was er Ihnen befohlen hat. 1 Se. Excellenz, ſagte Winkel, ſeine ſcharfen Augen 1 aufhebend, aha! das iſt es alſo. Se. Excellenz hat Sie hergeſchickt?— Und was hat Se. Eccellenz Ihnen weiter aufgetragen, liebes Hannchen?— Iſt das Ihre ewige Dankbarkeit gegen einen treuen Freund, der es ſo gut meint, der Alles thut, um ch auf⸗ Ihnen kannſt ¹s und „Hert id kein Fraͤu⸗ itlicher en. habe, ſollen, Augen nz hal rcellenz — Jf treuen t, um Ihnen gefällig zu ſein, der den Franz zum Hütten⸗ meiſter macht und väterlich ſorgt? Bitte recht ſehr, Herr Winkel, bemühen Sie ſich nicht mit der Väterlichkeit! rief Hannchen mit einem höhniſchen Knixr;z und was den Hüttenmeiſter anbe⸗ langt, ſo erlauben Sie, daß ich ſelbſt dafür ſorge. Wenn ich Ihnen einen guten Rath geben darf, ſo iſt es der: ſeien Sie ja pünktlich in dem, was Se. Ex⸗ cellenz befohlen hat; denn wie ich glaube, haben Sie den gnädigen Herrn ſehr aufgebracht. Im übrigen thun Sie, was Sie wollen, ich wiederhole Ihnen nur, daß Se. Excellenz die größte Pünktlichkeit fordert. Ohne ein Wort weiter zu ſagen, verließ ſie das Zimmer, während Winkel ſein unterthäniges Lächeln fortſetzte, das er mit wehmüthigen Zuckungen ſeiner Schultern und bittenden Blicken begleitete.— Nach und nach aber, als Hannchen längſt hinaus war, veränderte ſich ſein Geſicht, bis es mumienhaft feſt und kalt ausſah.— Das dumme Mädchenl ſagte er, ſeine dünnen Lippen ein wenig öffnend; ſie bildet ſich ein, mich nicht mehr zu brauchen, ihr Glück mit dem Tölpel auf eigene Hand zu machen!— Es iſt keine Ehrlichkeit in dergleichen Leuten. Das Ei will klüger ſein als die Henne, fuhr er kopfſchüttelnd fort, aber 222— ich will ihr bald zeigen, daß Se. Excellenz mich nöthig hat und nicht ſo leicht von ſich abthun kann, wie er vielleicht ſelbſt glaubt. Eben dieſer Tag ſoll ihn ganz in meine Hand bringen. Er hörte nach dem Hofe hinaus, die Uhr ſchlug eben Neun. Bei jedem Schlage nickte er ſanft, dann zündete er einen kleinen Wachsſtock an, nahm ein Schluͤſſelbund von dem Haken an ſeinem Pult und ging vorſichtig hinaus. Hannchen war inzwiſchen längſt in weiterer Ver⸗ folgung ihrer Aufträge begriffen. Lauſchend und über⸗ legend ſtand ſie vor der großen Thür des Salons ſtill, den Graf Aurel bewohnte; denn ſie hörte ge⸗ dämpfte Stimmen darin ſprechen. Dann beugte ſie ſich zu dem Schlüſſelloche nieder, und an der anderen Seite des Saales erblickte ſie den Kamin, und vor demſelben ſaß eine Dame, die ſie nicht erkennen konnte, und vor dieſer Dame kniete ein Mann, den ſie an der Stimme als den jungen Grafen erkannte. Neben ihm kniete eine zweite Geſtalt, und beide hielten ſich umſchlungen, während die Hände der Sitzenden auf ihren Häuptern ruhten. Der Anblick war ſo anziehend für Fräulein Hann⸗ chen, daß ſie mehrere Minuten lang bewegungslos nöthig wie er n ganz ſchlug , dann im ein lt und r Ver⸗ über⸗ Zalons rte ge⸗ gte ſle nderen nd vor fonnte, ſie an Neben en ch en auf Hann⸗ nqolos — 223— darauf hinſah; aber ihr Erſtaunen und ihre Neugier ſteigerte ſich noch mehr, als das knieende Paar auf⸗ ſtand, Graf Aurel die Dame küßte und ſeine volle, tiefe Stimme vernehmbar ſagte: Große Schmerzen läutern die Seele und machen ſie fähig, zu tragen, was das Schickſal ihr auferlegt; große Freude macht mit ihrer Seligkeit uns mild und zur Vergebung ge— neigt— Dein gütiges, edles Herz weiß nichts von Haß und Rache, aber nicht umſonſt haſt Du mich er— mahnt, dem Manne zu verzeihen, der mich ſo bitter gekränkt, ſo ſchwer gereizt, ſo grauſam verfolgt hat. — Ich vergebe ihm von ganzem Herzen um dieſe hier, die mir alles erſetzen will, was er mir gethan, die ich liebe, die mich liebt; aber was mein Recht ſoll mein Recht bleiben! Der Sünde ſoll man nicht den Sieg laſſen, ſondern mit ihr darum ſtreiten; vor dem Laſter ſoll man nicht feige fliehen, ſondern es bekämpfen. Nein, theuerſte Tante, ich habe gelobt, nicht nachzulaſſen, bis die Wahrheit an den Tag kommt, und was ich zu ihrer Giſorſchung thun kann, will ich verſuchen. Ach, mein Kind, erwiderte die Dame, und Fräu⸗ lein Hannchen war nicht mehr in Zweifel, daß es die Präſidentin ſei, laß ihm ſeinen ungerechten Mammon, — 224— laß ihm ſeine Sünden, über die ein höherer Richter einſt das Urtheil fällen wird. Welches Argerniß vor aller Welt wäre ein ſolcher Proceß!— Zeugniß ſollen wir ablegen zu Gottes Ehre ohne Menſchen⸗ furcht, aber wir ſollen nicht herauf beſchwören, was uns Noth und Trübſal macht.— Es gilt nicht die Ehre dieſes verblendeten Mannes allein, es gilt die Ehre unſerer ganzen Familie, und ſo demüthig ich vor Gott bin, ſo bitte ich doch von ganzem Herzen, er möge mich davor bewahren, ſolche Schande in der Menſchen Mund zu bringen. † Du biſt nicht luͤſtern nach Gold und Schätzen, Du willſt friedlich wohnen und genügſam glücklich ſein. Das alles iſt Dir ver— bürgt, mein Kind. Alles, was ich habe, ſoll Dein ſein, mein Teſtament will ich aufheben.— Schüttle den Kopf nicht dazu, Aurel, fuhr ſie fort, als ſie keine Antwort erhielt; ſage Du es ihm, geliebte Tochter, ſage es ihm, daß er ſeinen Zorn dem Herrn über⸗ laſſen muß, der da wachet Tag und Nacht über die, die ſeine Kinder ſind, und wenn die Stunde der Ver⸗ geltung kommt, das Schwert in ſeine Hand nimmt. Höre dieſe mütterliche Bitte, geliebter Aurel, ſagte die zweite Dame. Laß den Ungerechten ihren Triumph; Richter niß vor Zeugniß enſchen⸗ n, was icht die gilt die ich vor tzen, er in der luͤſtem wohnen dir ver⸗ Dein Schuͤttle ſie keine Tochter, , unſer friedenvolles Glück, ungetrübt von ihren Ränken. Um des Himmels willen! flüſterte Hannchen, es iſt Fräulein Beate. Es iſt das Geſellſche ft„Fräulein! Well— yes— well!] ſagte eine harte Stimitte hinter ihr, und eine Hand legte ſich feſt auf ihre Schulter— and who are you? Die Jungfer ſtieß einen jaͤhen Schrei aus, denn Sir duard, der aus der angelehnten Thür ſeines Zimmers getreten war und große Filzſchuhe über ſeine Stiefel gezogen hatte, hielt ſie ſo feſt, daß ſie nicht fſtehen konnte. Die Überraſchung wirkte dabei ſo tark, daß ſie im erſten Augenblicke, obwohl eine Lampe oben an der Treppe brannte, deren ſchwacher Schein bis zur Thür reichte, weder an den engliſchen Herrn dachte, noch ihn erkannte. Sie ſah nur eine uner⸗ meßlich hohe Geſtalt in einen weißgrauen arabiſchen Burnus gewickelt und hörte ſeine rauhen, unbekannten Töne, die ihr wie die Sprache des Fürſten der Fin⸗ ſterniß ins Ohr drangen. Noch ehe ſie aber den Schreck zu überwinden ver⸗ mochte, wurde die Thür raſch geöffnet, und Graf Aurel, ein Licht in der Hand, ſtand vor ihr. 2* 15 = 226 gſter Herr Graf, ſchrie Hannchen, ſcham⸗ 2 roth und zitternd, ich bin unſchuldig, ganz unſchuldig! G Wie! vbiderte Aurel erſtaunt. Was wollen Sie hirs Ich wagte es nicht, anzuklopfen, da ich mehrere Stimmen hörte, ſagte die Jungfer gefaßter, und 3 wünſchte Sie doch ſo gern zu ſprechen. Mich ſprechen? fragte der junge Ma Wer ſchickt Sie zu mir?— Franz? Der eigentlich nicht, antwortete Hannchen mit niedergeſchlagenen Augen, aber— ach ja— ſeinet⸗ wegen eben komme ich.— Er hat mich ſo übel be⸗ handelt, hat mir die bitterſten Vorwürfe gemacht, di ich gar nicht verdiene.— Seit Jahr und Tag ken⸗ nen wir uns... Sie hielt ſich die Hände vor die Augen. Und ich ſoll Friedensſtiſter zwiſchen euch ſein? fagte der Graf lächelnd. Ich glaube, daß Franz doch einige Urſache zu ſeinen Vorwürfen hat Er iſt zu mißtrauiſch, fuhr H klagend fort. Ach, gnädigſter Herr, ich weiß nicht, r Macht über ihn hat, aber er hat mir ſelbſt erzäͤhlt, da 3 Sie ihn voller Aerger verlaſſen haben, weil er es Ihnen abgeſchlagen hat, zu ſagen, wie das geheimne —, ſcham⸗ nſchuldig! zwollen )mehrere ter, und n. Wer chen mi — ſeinet⸗ übel 5 nacht, d Tag ken⸗ d0 vor die uch ſin⸗ ß Frann t h llagen rer Nc daß aud rel Kd 5 gehemn — 227— Fach in dem Geldſchrank geöffnet wird, als ob es ein Staatsgeheimniß wäre. Verlegen und haſtig hob Graf Aurel ſeine Hand auf und legte ſie auf Hannchens Arm.— Still! ſagte er, ich werde morgen zu Franz gehen. Wie das Fach geöffnet werden kann, weiß ich ganz genau, fuhr Hannchen fort. Ich habe es oft geſehen, als Franz am Schrank arbeitete, und es ſelbſt geöffnet. Das haben Sie? Das können Sie? rief der junge Mann. Es iſt ganz leicht, fiel Hannchen ein. In der Ecke rechts iſt eine Fuge, gerade zwiſchen zwei Knö⸗ pfen, die man zuſammenſchieben muß, ſo öffnet ſich die Feder, und das Fach ſpringt auf. Ohne etwas zu erwidern, ergriff Aurel die Hand ſeiner Verbündeten und führte ſie in das Zimmer. Es iſt Gottes Werk, er ſchickt uns einen Boten, ſagte er erregt und feierlich.— Nein, ich ſoll keinen Kampf um mein Recht beginnen, deſſen Ausgang langwierig und zweifelhaft ſein würde, und deſſen Verlauf den Menſchen ein Schauſpiel wäre.— Was ich vergebens zu erreichen ſtrebte, bietet mir jetzt eine höhere Macht, deren Einmiſchung man nicht Zufall 15* · — 4228— nennen kann.— Dieſes einfache Mädchen entdeckt mir das Behältniß, wo die Urkunde liegt. Theuerſte Tante, Rodney, Beate, in Gottes Namen! laßt uns alle gehen. Da ſchlägt es Neun! Um neun Uhr wollte Winkel mich erwarten, wenn ich bis dahin im Beſitz des Geheimniſſes ware. Ich bin in deſſen Be⸗ ſitz. Zögert nicht, laßt uns eilen. Wir wollen nichts als uns überzeugen. Ich zweifle nicht daran, daß Alles wahr iſt, daß wir die Urkunde finden. Die Aufregung des Grafer ſo groß, daß er Beatens und Rodney's Hände ergriff und ſie zur Thür drängte; aber Sir Eduard war nicht ſo leicht zu bewältigen.— Seien Sie ruhig, Freund, ſagte er, und laſſen Sie uns überlegen. Vor allen Dingen verſichern wir uns des Mädchens da, die ſo ſchlau und ſcheu wie eine Katze ausſieht und der ich auf keinen Fall trauen würde. Sie iſt im Dienſte des Grafen, die vertraute Dienerin der Gräfin. Ich möchte wetten, daß ſie ſich gern fortmachen möchte, was nicht geſchehen darf. Rodney ſprach ſehr gelaſſen und ging dabei nach der Thür, in der er den Schlüſſel umdrehte; obwohl aber Hannchen nichts von dem verſtand, was er ſagte, ſo zitterte ihr ganzer Körper vor Entſetzen; denn entdeckt Theuerſte laßt uns eun Uhr dahin im iſſen Be⸗ en nichts an, daß daß er ſie zur o leict ſagte ei⸗ Dingen po ſchlau ich auf enſte des n. It möchte, bei nach obwohl was d — 229— nicht allein, daß ſie annehmen mußte, es ſei von ihr die Rede, der Engländer zog aus der Taſche ſeines Burnus ein blitzendes Meſſer, mit dem er zwar vor⸗ läͤufig nur ſeine Nägel zu ſchneiden begann, das aber eine andere, weit gräßlichere Beſtimmung haben konnte. Ihre Kniee wankten unter ihr, als die Präſidentin am Kamin ihr gebot, näher zu treten, und Rodney einen Blick auf ſie warf, der eiskalt ihr ins Herz drang. Mein liebes Kind, ſagte die alte Dame, ſagen Sie aufrichtig, was Sie von dieſer Angelegenheit wiſſen. Ich weiß gar nichts, als was ich geſagt habe, erwiderte Hannchen. Und rein aus Ihres Herzens Antrieb ſind Sie hierher gekommen? fuhr die Präſidentin fort. Bei dieſer verfänglichen Frage ſenkte die Sünderin den Kopf, und einige Augenblicke lang rang ſie mit dem Vorſatz, ein Geſtändniß abzulegen; aber Schaam und Hoffnung ſtemmten ſich ihm entgegen. Der Ge— heimerath hatte ihr ſeine Huld und eine reiche Be⸗ lohnung verſprochen, er war mächtiger als alle dieſe hier.— Hannchen hob daher den Kopf wieder auf und ſagte mit leiſe ſchwankender Stimme: Warum ich — 230— kam, habe ich dem gnädigen Herrn Grafen mitgetheilt, was ich dabei äußerte, gab mir meine Dankhbarkeit ein. Weiter weiß ich nichts.— Es muß beinahe zehn Uhr ſein. Die Frau Gräfin wird aus der Oper zurückkehren— erlauben Sie, daß ich mich entferne. In wenigen Minuten ſollen Sie gehen, ſagte Aurel, zu dem Sir Cduard heimlich gepflüſtert hatte, und meine Dankbarkeit wird nie aufhören; aber erſt begleiten Sie uns. Sie haben mir erklärt, wie das geheime Fach zu öffnen ſei, Sie müſſen es ſelbſt öff⸗ nen. Es handelt ſich um eine gute Sache; ich ver⸗ ſpreche Ihnen dafür jeden Schutz, nehme Alles auf mich und will mich für Ihre Zukunft verbürgen.— Liebe Tante, der Augenblick iſt da. Ihre ehrwürdige Gegenwart bürgt vor jeder falſchen Deutung meines Schrittes. Der Graf ſprach in einem ſo entſchiedenen Tone, daß jede Einwendung davor erſtarb; zugleich nahm Rodney den Doppelleuchter und ſtellte ſich neben die erſchrockene Jungfer, der er ſchweigend einen ſo ein⸗ dringlichen Wink gab, daß ſie mechaniſch folgſam ſich in Bewegung ſetzte.— Aurel führte die beiden Da⸗ men, und alle ſtiegen die Treppe hinauf in das obere Stockwerk, von wo aus ſie durch die Reihe leerſtehen⸗ tgetheilt inkbarkeit beinahe der Oper ntferne. , ſagte rt hatte, aber erſt wie das lbſt uff ich ver⸗ lles auf rgen. S rwürdige meines 1 Tone, h nahm eben die ſo ein⸗ ſan ſih nn Dr as obele erſehel⸗ — — 231— der Gemächer und durch den anſtoßenden Corridor in die Wohnung des Secretärs und zu dem gegenüber liegenden Geſchäfts- und Caſſenzimmer ſeines Herrn gelangen konnten. In dieſem großen, von Repoſitorien umgebenen Raume befand ſich ſeit einiger Zeit Herr Winkel mit dem Wachsſtocke in der Hand, leiſe hin und her wan⸗ delnd und den großen grün behangenen Tiſch, deſſen Umgebungen und die darauf liegenden Papiere unter⸗ ſuchend. Die ſchwache Flamme des Wachslichtes flackerte dürftig über das düſtere Gewölbe, deſſen Fenſter dicht mit Wettervorhängen bedeckt waren. In allen Ecken war es dunkel, nur über den Tiſch reichte der Lichtſchein, und alle Augenblicke hob der Secretär ſeinen Kopf auf, horchte gegen die Wände und Thü⸗ ren hin und betrachtete dann den maſſiven, eiſernen Schrank, der dem Tiſche gerade gegenüber an der inneren Wandſeite ſtand. Es iſt doch curios, murmelte er endlich vor ſich hin. Er hat mir geſagt, die Schlüſſel werde ich be⸗ reit finden, wenn ich um neun Uhr hier ſein würde, aber ſie ſind nicht zu ſehen.— Er traut mir nicht, flüſterte er leiſe lachend, er hat ſich lieber der Gans anvertraut, als dem alten Fuchs— hahal der alte — 232— Fuchs wird aber ſein Loch ſchon finden.— Wenn der ritterliche Herr Graf kommt und die Schlüſſel fehlen, ſo iſt Alles aus, und ich weiß nicht, fügte er nachdenklich hinzu, indem er den Finger an ſeine Naſe legte, ob es mir nicht lieb ſein ſollte.— Was will er eigentlich? Den Majoratserben fangen, ihn als Einbrecher und Dieb behandeln?— Ein ſchöner Plan, und ich— ich habe ihn ausgeheckt, habe die Zeichnung dazu gemacht, die Fingerzeige gegeben. Was habe ich jetzt davon? himmelſchreienden Undank!— Er hat mich bei Seite geſchoben, behandelt mich als Werkzeug und— Winkel, nimm Dich in Acht!— Er hat allerlei Geheimniſſe, die nichts Gutes be⸗ deuten, möchte wohl zwei Fliegen mit Einer Klappe ſchlagen? hehe!— o ja!— hehe! Das ſpitze Geſicht füͤllte ſich mit Hohn, plötzlich aber blies Herr Winkel den Wachsſtock aus und ver⸗ ſchwand mit größerer Behendigkeit unter der nieder⸗ hangenden Decke des grünen Tiſches, als ſeinem ſtei⸗ fen Körper und ſeinem Alter zuzutrauen war. Faſt zugleich mit dieſem eiligen Rückzuge öͤffnete ſich die Thür, welche zu den herrſchaftlichen Gemä⸗ chern führte, und ließ den Reichsrath eintreten. Er trug ein Licht in der Hand, ſein blauer Mantel hing Wenn chlüſl ügte er te Naſe 1s will hn als ſchöner abe die VWas i!— ſch als ht!— ates be⸗ Klappe loößlich nd ver⸗ nieder⸗ m ſtei⸗ öffnete Gemã⸗ n. Et el hing — 233— noch auf ſeinen Schultern, als habe er keine Zeit ge— habt, ihn abzuwerfen. Er leuchtete über das Zimmer hin, indem er das Licht hoch hielt, und ſagte dann: Er iſt noch nicht hier der Schuft; das iſt gut, ich muß eilen.— Mit einigen raſchen Schritten trat er an den Schrank und öffnete mit einem winzig kleinen Schluſſel das ungeheure Schloß. Die beiden Eiſen⸗ ſtangen ſchoben ſich zurück, ein zweiter Schlüſſel be— wegte die innere Thür, und die ganze Spinde ſtand offen. Der Secretaͤr unter dem Tiſche hob leiſe den Vorhang auf und heftete ſeine ſcharfen Augen begie⸗ rig auf ſeinen Herrn. Dieſer ſtand mit dem Rücken gegen ihn gekehrt, und während er in der linken Hand das Licht hielt, ſuchte ſeine rechte an der Wand des Schrankes umher, bis plötzlich mit einem hörbaren Federſchlag eine der polirten Stahlleiſten zurückgeſtoßen wurde und das geheime Fach aufſprang. Gierig verfolgte Winkel jede Bewegung, aber der Körper des Grafen verdeckte vieles, was er that. Der Secretär hörte mehr, als er ſah. Er höoͤrte Papiere rauſchen, dann gemurmelte Worte, die endlich halb verſtändlich wurden und ſich in Geflüſter verloren. Der Reichsrath hatte einen großen Bogen entfaltet — 234— und las die Anfangsworte des darin Geſchriebenen. Das iſt es, ſagte er, ich will es oben auf legen, um es auf der Stelle zu finden.— Nach einigen Minu⸗ ten ſchlug er das Fach zu, aber er ließ beide Schlüſſel im Schranke ſtecken und ſtand vor dieſem ſtill, ſo zur Seite gewandt, daß Winkel durch eine kleine Offnung des Vorhanges ſein Geſicht ſehen konnte. Es iſt Alles bereit, ſagte Graf Derſchau, ich denke, das Mädchen wird ihre Sache gemacht haben.— Still! was war das?— Er horchte und ſchickte ſich zum Gehen an.— Es iſt nichts, fuhr er fort. Der Ju⸗ das wird in ſeinem Lederſtuhl ſitzen und lauern, bis er gerufen wird. Wart! dein Lohn ſoll nicht aus⸗ bleiben, aber er— er!— Bahl er gräbt ſich ſelbſt ſeine Grube, was geht es mich an! Er wird kom⸗ men, das Zeichen wird gegeben werden, wir werden ihn finden.— Unerträglicher Gedanke, fuhr er lang— ſam fort, mit dieſem Bettler zu theilen; zu dulden, daß er von meinem Gelde ſchwelgt, und endlich ihm Alles zu laſſen.— Ich will nicht!— Nein!— Ich will ihn vernichten und dann... es wird ein Erbe zu ſchaffen ſein, der mir beſſer gefällt. Winkel hörte die Thür ſchließen, langſam kroch er aus ſeinem Verſtecke hervor und ſtand einige Augen⸗ lebenen. en, um Minu⸗ chlüſſel ſo zur öffnung denke, JStill! ich zum der Ju⸗ m, bis ht aus⸗ c ſalbſt kom⸗ werden er lang⸗ dulden, ich ihm — 30 in Elbe kroch et Augen⸗ — 235 blicke im Finſtern, bis er vorſichtig auf dem Tiſche nach dem Schreibzeuge ſuchte, in welchem gewöhnlich Zündhölzer lagen.— Er will ihn vernichten, flüſterte er— erſt ihn, dann den Judas im Lederſtuhle.— Steht es ſo mit uns, Excellenz?— Der alte Winkel ſoll an die Luft geſetzt werden? Haha!— Aber wir wollen doch ſehen, Excellenz, wir wollen doch ſehen. — Wenn dieſes verdammte Zündholz nur erſt bren⸗ nen wollte, daß ich Licht bekäme! Ich habe geſehen, daß ſeine rechte Hand nach rechts faßte, dort muß die Stelle ſein, wo gedrückt werden muß, um den Kaſten zu öffnen.— Wenn ich das Document finde, es nehme, es dem gnädigen Herrn Grafen Aurel bringe, wenn dieſer ſich gar nicht hieher zu bemühen braucht, was werden Sie dann ſagen, Excellenz, was werden Sie dann ſagen?— Ein Zeichen geben? Welch Zei⸗ chen denn? Ich werde kein Zeichen geben, Excellenz; Sie werden umſonſt Dero Ohren anſtrengen.— Jetzt, Winkel, heißt es ehrlich handeln, ehrlich und klug zu gleicher Zeit.— Der undankbare, ſelbſtſüchtige, alte Geizhals! Der junge großmüthige Erbe wird mich ganz anders belohnen. Es iſt gar keine Frage mehr, was du zu thun haſt, Winkel. Heraus mit Deinem Schatze, Du eiſerner Narr! Semſi, thu Dich auf! — * — 236— ich weiß, wo Du aus den Angeln gehſt.— Er hatte inzwiſchen den Wachsſtock angezündet und öffnete mit triumphirender Haſt die ſchweren Eiſenthüren, die ſich ſo leicht bewegten, als ſeien ſie von Pappe oder Kork. — Sein gieriger Blick blieb eine kurze Zeit auf ver⸗ ſchiedenen Haufen und Packen Caſſenſcheine und Staats⸗ piere, auf aufgeſtapelten Geldrollen und einem geöff⸗ neten Kaſten ruhen, der ganz mit Goldſtücken gefüllt war. Seine lange knochige Hand ſtreckte ſich aus und wühlte mit wonniger Luſt in dem Golde, das zwiſchen ſeinen Fingern klingend ſich bewegte; dann zog er dieſe Hand zögernd zurück, als würde es ihm ſchwer, ſich davon zu trennen, und zwiſchen den Zähnen murmelte er: Das Document will ich ihm ſchaffen, aber Gold ſoll er mir geben. Gold ſoll er mir mit ſeinem Eide zuſchwören, ſo viel, daß ich darin untertauchen kann. Er leuchtete in die Ecke des Schrankes und ſuchte aufmerkſam nach einem Kennzeichen der Feder, die das Fach öffnete. Eine Reihe kleiner gelber Metallknöpfe lief dort hinauf, diente als Zierrath und hielt zugleich die Platten zuſammen. Winkel betaſtete jeden, drückte und ſchob daran und fand zu ſeiner Freude, daß erſt einer, dann zwei ein wenig nachgaben.— Seine Au⸗ gen funkelten; er entdeckte den feinen Schnitt, in wel⸗ er hatte ete mit die ſich er Kork. uf ver⸗ Staats⸗ geif⸗ gefüll us und ltäpfe zugleic drücke daß ert ine Au⸗ in we⸗ — 237— chen die beiden Stifte nach oben und unten gegen einander gezogen werden konnten. Er verſuchte es einzeln ohne Erfolg, plötzlich aber rief er lebhaft: Ich hab's! ich hab's! ſie müſſen zuſammengedrückt werden. — Sol jetzt!— Da raſſelt die Feder, ha!— Die Leiſte drehte ſich, und das Fach ſprang auf, aber in demſelben Augenblicke gab es einen Blitz— einen heftigen Knall, und mit einem furchtbaren Schrei tau⸗ melte der Secretär zurück und ſtürzte zu Boden.— Im Fallen ergriff er den Kaſten mit dem Golde, riß ihn heraus und warf ihn über ſich. Die Goldſtücke klirrten und rollten auf dem Boden umher, der Reſt fiel mit dem Kaſten auf ſeinen Leib und bedeckte ſeine Bruſt, als er beſinnungslos nieder ſank. Was geht hier vor! rief der Reichsrath, welcher raſch die Thür aufſtieß und von dem Ober⸗Kammer⸗ herrn und zwei anderen ſeiner Freunde begleitet herein trat. Die Graͤfin folgte, geführt von ihrem Couſin, dem Geſandten, der auf der Schwelle ſtehen blieb und ſein Glas ans Auge hielt. Die Gräͤfin war mit Blumen und Diamanten geſchmückt, ſie kam ſo eben aus der Oper. Eine Wolke Pulverdampf wälzte ſich ihr entgegen; ſie hielt ſich krampfhaft an ihren Be⸗ gleiter feſt, indem ſie entfetzt aufſchrie. Der Unſelige! ſagte der Reichsrath, auf die blutige, regungsloſe Geſtalt leuchtend, er iſt todt. Welche ver⸗ brecheriſche, verworfene Abſicht trieb ihn her? Er hat das Fach geöffnet, das mit einem Selbſtſchuß ver⸗ ſehen war. Wer hat es geöffnet? wer iſt's? fragte der Ober⸗ Kammerherr. Aurel! erwiderte der Reichsrath, gegen ſeine Be⸗ gleiter gewandt. Alle meine Liebe hat nichts gefruch⸗ tet, mein Vertrauen belohnt er durch Verbrechen. Schafft Hülfe herbei! He, da! Schafft Huͤlfe! Die große Eingangsthür that ſich auf, und mit Sir Eduard zugleich zeigte ſich Aurel, hinter ihnen die Präſidentin und in ihrer Begleitung endlich Franz Willner, der athemlos neben Hannchen ſtand. Wer? ſchrie der Reichsrath, geſpenſterbleich mit geſträubtem Haar, ſich an den Tiſch haltend, wer iſt es? Franz kniete nieder und ſprang ſchaudernd zurück. Der Secretär! rief er, Herr 6 Allmächtiger Gott! Es ſind ſeine Kleider, ich erkenne ſeine Züge. Er athmet noch, er bewegt die Hände!— Er faßte den Körper mit aller Kraft, ſetzte ihn in den großen blutige, he ver⸗ Er hat uß ver⸗ Ober⸗ ine Be⸗ gefruch⸗ brechen. fel und mit jnen die Frand iich mit d, wer zud. nächtiget ſe Züge 3 faßte großen 239 Lehnſtuhl des Grafen und ſchrie Hannchen zu, Hülfe zu holen. Sieh hin, ſagte Aurel, aufs heftigſte erſchüttert, indem er ſeine Hand um ſeines Verwandten Arm legte, das iſt Dein Werk. Wo er liegt, ſollte ich liegen. Mir war dieſes Ende zugedacht. Was wagſt Du in Deinem Wahnſinne, mich zu beſchuldigen? murmelte Derſchau. Du haſt ihn ver⸗ lockt, haſt ihn dahin gebracht, mich zu betrügen, ſich dieſes Ende zu bereiten. Still, erwiderte Aurel, Du lügſt vergebens. Hier ſind zu viele Zeugen Deiner Sünden. Frage dieſes Mädchen, die vor einer Minute erſt die Wahrheit be⸗ kannte, von Willner dazu getrieben. Ich hoffe, daß dies Niemand glauben wird, ſagte der Reichsrath, nach ſeinem Kopfe faſſend. Iſt das ein Zeuge? ein Zeuge gegen mich?! Wenn es nicht genug iſt an dieſem Zeugniß, ſprach Sir Eduard plötzlich in gutem Deutſch, ſo will ich das meinige dazn legen. Ich bin zugegen geweſen, heute am Tage, als Sie Ihrer Gemahlin Rache ver⸗ ſprachen und Winke fallen ließen, die jeder Richter als Beweiſe erkennen muß, daß dieſer Mord Ihre Abſicht war. — 240— Er redet! Die Todten ſtehen auf! Wo iſt der Morder? wo? ſchrie Derſchau mit funkelnden Augen, und wie von Geiſtesverwirrung ergriffen, ballte er unter wüthenden Geberden ſeine Hände. In dieſem Augenblicke richtete ſich die blutige Geſtalt im Lehnſtuhle empor, und mit dem ausgeſtreck⸗ ten Finger auf den Reichsrath deutend, ſprach er das einzige Wort: Mörder! mit ſchrecklicher Deutlichkeit aus und ſank dann mit einem tiefen Seufzer zurück! Er auch— er auch?! ſagte der Reichsrath zu⸗ rückweichend. Wer noch? wer noch?— Laß uns gehen, Leonor! Und dies iſt die Urkunde! rief Aurel, und er ſchlug ein Papier auf, das Sir Eduard vom Boden aufgenommen hatte. Hier iſt das Document!— In Deine Hände lege ich es nieder, theure Tante, als Beweis meines Rechtes, das ich behaupten und ver⸗ theidigen will. Hülfe! Hülfe! ſchrie die Gräͤfin; er ſtirbt in mei⸗ nen Armen!— Derſchau lag ſchwer und ſteif auf ihrer Schulter, beide Arme um ihren Nacken geſchlun⸗ gen.— Ein Arzt und mehrere Diener drangen her⸗ ein; zitternd und beſtürzt, wußte Niemand, was zuerſt geſchehen ſollte. — 241— Das Zimmer lag voll Gold und Blut, der Graf und ſein Secretär im Todeskampfe. 2 Die Diener trugen ihren Herrn auf ein Ruhebett, der Arzt ließ ihm zur Ader, die Damen wurden ent⸗ fernt. Um den verwundeten Winkel bemühten ſich Aurel und Sir Eduard; aber bei der erſten genauen Beſichtigung zeigte es ſich, daß er bereits verſchieden. ſei. Mehrere große Schrotkörner waren tief in ſeine Bruſt gedrungen, ſein Geſicht war verbrannt und zer⸗ riſſen, die Nähe des Schuſſeß hatte die Wirkung töd⸗ lich gemacht. So hätte es mir gehen können! ſagte Hannchen weinend.— Welche Schlechtigkeit gegen ein armes Mädchen! Kein Wort hat Se. Excellenz mir davon geſagt, daß, wer das Fach aufmacht, ſich todt ſchießen muß.— Ach, Franz! willſt Du mir denn vergeben? Schuld haſt Du auch daran, denn hätteſt Du ein Wort geſagt, ſo konnte das Unglück nicht geſchehen. Che Willner antwortete, kehrte der Ober⸗Kammer⸗ herr zurück, von den übrigen Herren begleitet.— Die Diener nahmen den Leichnam des Secretärs und trugen ihn in ſeine Wohnung, der Ober⸗Kammerherr gebot Allen, ſich zu entfernen, nur Aurel und Rodney blieben zurück. 4 16 ————— 242— Wie geht es ihm? fragte der junge Mann. Gut, ſagte der Ober⸗Kammerherr, ſo gut, wie es gehen kann. Es iſt keine Ohnmacht, Graf Aurel, es iſt ein Gehirnſchlag. Er wird nicht wieder aufwa⸗ V chen; Sie ſind Herr hier im Hauſe. Der Himmel weiß es, rief Aurel ſchmerzlich, daß „ich keine Schuld daran trage! Mit dem Himmel muß ſich Jeder abfinden, wie er kann, erwiderte der Ober⸗Kammerherr; unſere ge⸗ 1 meinſchaftliche Sorge muß es aber ſein, daß die Vor⸗ gänge dieſer Nacht vor den Menſchen verborgen blei⸗ ben. Derſchau hat mich und dieſe Freunde unter ſon⸗ derbaren Umſtänden heute Abend zu ſich eingeladen. Er hielt uns in ſeinem Zimmer feſt, und ich glaube, wir werden darüber einig ſein, daß er das, was ſich hier ereignete, nicht erwartet hat— was er aber ge⸗ dacht oder gewollt haben mag, welches auch. ſeine Schuld ſein könnte, er nimmt ſie mit hinüber. Unſere Pflicht iſt es, die Ehre der Familie zu bewahren.— Der Secretär war ein Spitzbube, er hat ſich erſchoſ⸗— ſen. Graf Bodo neigte zum Schlagfluſſe. Schreck und Zorn endeten plötzlich ſein edles, ſo vielen Men⸗ ſchen wohlthätiges und nützliches Leben. Ich hoffe, wie es rel, es aufwa⸗ h, daß n, wie ſere ge⸗ ie Vor⸗ en blei ter ſon⸗ geladen. glaube, as ſich aber ge⸗ 5. ſeine Unſere ren.— eſthoe Schuk Mr⸗ G loff — 243— wir finden darin den nöthigen Grund zu dieſem ſchmerzlichen Ausgange. Wo iſt meine Tante? fragte Aurel. Bei der Gräfin, ſagte der Ober⸗Kammerherr. Sie hat Troſt nöthig.— Sie werden ihr Freund und Stütze ſein, theurer Graf, fügte er mit einem eigen— thümlichen Blicke hinzu, indem er dem Majoratsherrn die Hand drückte. Ein Woche darauf wurde der Reichsrath von Derſchau mit großer Pracht und Feierlichkeit begra⸗ ben.— Die vielen Gerüchte uͤber ſeinen unerwarteten Tod blieben verwirrt und unaufgeklärt. Keine Hand lüftete die Schleier, im Gegentheil, es wurde Alles gethan, um ſie dichter zuſammen zu ziehen. Winkel ward in aller Stille Abends ſpät auf den Kirchhof gebracht, und die beiden einzigen Perſonen, welche dem Leichenwagen folgten, trafen erſt an der Gruft zuſam⸗ men.— Auf der einen Seite ſtand Franz Willner mit geſenktem Kopfe, auf der anderen Hannchen, die leiſe weinte. Hinter einem kahlen Baum in der Nähe lehnte, tief in ſeinen Mantel gewickelt, ein Dritter, der dem ſchwermüthigen, letzten Act des ewigen Ver⸗ ſchwindens eines Menſchen von der Erde aus der Ferne zuſchaute. 16* — 244— Als Alles vorüber war und die Laternen der Todtengräber ſich entfernten, ſtreckte Hannchen ſchluch⸗ zend ihre Hand nach dem ehemaligen Geliebten aus. — Ach, Franz, ſagte ſie, ich bitte Dir Alles tauſend Mal ab, und hier an dieſer Stelle mußt Du mir vergeben.— Vielleicht biſt Du böſe, daß ich hierher gekommen bin, fuhr ſie fort, aber ich konnte es nicht laſſen. Es iſt doch gar zu traurig, wenn Einer ſtirbt, und alle Anderen lachen und höhnen; Keiner weint um ihn. Nein, ſagte Franz, das iſt es nicht, das thut mir wohl ſogar.— Ich bin auch gekommen, um eine Hand voll Erde auf ſeinen Sarg zu werfen und zu ſagen: Schlaf in Frieden, ich habe Dir vergeben! Aber, Hannchen,— ich weiß nicht, ob es ſich mit uns jetzt beſſer paßt, ob die Ecke auf dem Hofe, die ſchmutzige Werkſtatt und die ſchwarze Hand Dir nun beſſer gefallen. Alles, ſagte Hannchen bittend, Alles, Franz. Wohin Du gehſt, will ich gehen, was Du willſ, ſoll mein Wille ſein. Der Mann hinter dem Baume trat hervor, es war Graf Aurel.— Gib ihr Deine Hand, Franz, ſagte er, ſie wird Deine Liebe jetzt erkennen und ver⸗ n der hluch⸗ maus. auſend U mir hiether nicht ſtirbt, weint ut mir n eine und zu geben! ch mit fe, die ir nun Franz ſt, ſoll or, es Franz, id ver⸗ — — 245— gelten. Was der Schläfer in dieſer Gruft auch ge⸗ ſündigt hat, Herr und Diener ſind überwältigt wor⸗ den, und was ſie Böſes wollten, hat ſich in Gutes verwandelt.— Winkel hat ein Teſtament hinterlaſſen und darin ſein Vermögen Hannchen vermacht; zudem habe ich unter den Geſchäftspapieren meines Vetters Deine von ihm unterzeichnete Anſtellung als Hütten⸗ meiſter gefunden.— Komm morgen zu mir, Franz, ich will Dir Beides zuſtellen. Er ging raſch fort, und eine Viertelſtunde ſpäter führte Franz ſeine Geliebte nach Hauſe, die zu weinen aufgehört hatte. ** Das Begräbniß des Grafen war vorüber, der junge Majoratsherr hatte das reiche Erbe angetreten, in dem großen Saale waren die nächſten Freunde und Verwandten der Familie beiſammen.— Gräfin Leo⸗ nore, in ihrer ſchwarzen Wittwentracht, ſah wunderbar ſchön aus. Die Spitzenſchleier, welche ihr blaſſes Geſicht umgaben, die Perlenſchnüre in ihrem reichen Haar, und der tiefe ſchwärmeriſche Blick ihrer dunklen Augen bildeten ein anziehendes, bezauberndes Bild.— Die Präſidentin ſchien mütterlich beſorgt um ſie; Graf — 246— Aurel ſprach lange mit ihr und küßte wiederholt ihre Hände. Der Ober⸗Kammerherr ſagte lächelnd zu den Umſtehenden: Freude will Leid, Leid will Freude ha⸗ ben. Es iſt eine Madonna an Lieblichkeit und An⸗ muth, und dabei kaum dreiundzwanzig Jahre alt. Es gibt wirklich eine Vergelterin, erwiderte ſein Nachbar, der Geſandte, mit einem Ausdruck, als ſpräche er einen ewigen Staatsgrundſatz aus; wenn ihr Walten ſich je ſichtlich offenbart, ſo denke ich, iſt es hier der Fall. Ein Wittwenjahr in Paris, oder in der Schweiz, oder in Italien, fluͤſterte der Staatsrath.— Ich höre, Sir Rodney will heute noch fort. Wahrſcheinlich be— ſtellt er Quartier. Graf Aurel hatte ſeiner Tante und der Gräfin den Arm geboten und trat mit den beiden Damen in die Mitte des Salons. Hinter der Graͤfin ſtand Fräu⸗ lein Beate, einfach gekleidet, die ſanften Augen nieder⸗ geſchlagen, die Wangen höher gefärbt. Ein Wort des Dankes und Abſchiedes an Sie, meine Freunde, ſagte Aurel. Ich bin genöthigt, meh⸗ rere Monate auf meinen Gütern zu verweilen, und dieſes Haus wird verlaſſen ſtehen. Alle meine Bitten haben nichts gefruchtet. Meine theure, ſchweſterliche Freundin, Gräfin Leonore— der Ober⸗Kammerherr — ſein üche lten Fall. veiz, pöre, be⸗ — 247— druͤckte dem Geſandten leiſe den Finger— will nicht mehr hier wohnen. Sie zieht es vor, bei meiner ver⸗ ehrten Tante zu verweilen, um dort die zäͤrtlichſte Theilnahme zu empfangen, welche liebevolle Herzen geben können. Ja, zu Ihnen, zu Ihnen, meine Mutter! ſagte Leonore, leiſe zitternd ihre Lippen öffnend. Wie danke ich Aurel für dieſen Zufluchtsort! Mein armes Kind, erwiderte die alte Frau zaͤrt⸗ lich, Gott, der die Blumen wieder blühen läßt, wenn Winterfroſt ſie getödtet hat, wird auch Deinen Früh⸗ ling wieder aufwecken. Der Ober⸗Kammerherr drückte den Finger ſeines Freundes nochmals. Graf Aurel fuhr fort: Sie wiſſen vielleicht es ſchon, daß meine verehrte Tante ihr gan⸗ zes Vermögen zu einer Stiftung für verlaſſene, un⸗ glückliche Mädchen beſtimmt hat. Dieſe Stiftung ſoll jetzt ins Leben gerufen werden; Gräfin Leonore wird meine Tante dabei unterſtützen und im Lindern frem⸗ der Leiden ihr eigenes Leid zu heilen ſuchen. Bis zum nächſten Jahre wird es geheilt ſein, flü— ſterte der Geſandte. Sonderbare Laune der Verliebten! murmelte der Ober⸗Kammerherr. — 248— Was mich ſelbſt betrifft, ſagte Aurel lächelnd, ſo will ich nicht Abſchied nehmen, ohne an ein frohes Wiederſehen zu denken und Ihnen meine— Verlobung mittheilen.— Er wandte ſich um, ergriff Beatens Hand und ſagte: Hier ſtelle ich Ihnen meine Braut vor! Die Ueberraſchung war vollkommen. Niemand hatte das erwartet, aber man konnte nicht daran zwei⸗ feln.— Gräfin Leonore küßte das arme häßliche Mäd⸗ chen und nannte ſie mit Liebesnamen, die Präſidentin hinkte mit ihrem Stocke ſtampfend umher und ſprach mit Begeiſterung und in Bibelſprüchen von den Tu⸗ genden und der Seelenreinheit dieſes kleinen Geſell⸗ ſchafts⸗Fräuleins, das ihrerſeits beſcheiden zwar alle Glückwünſche in Empfang nahm, aber durchaus nicht verlegen war und ſich lächerlich machte. Endlich klopfte ein Finger auf Aurel's Schulter. Er ſah ſich um, es war Sir Eduard im Reiſeanzuge. — Auf Wiederſehen, dear count, ſagte er. Wann wird die Hochzeit ſein? Ich denke, im Mai, wenn alle Lerchen ſingen, er⸗ widerte Aurel.. Well, ſagte Rodney mit ſeinem gravitätiſchen Ernſt. Am erſten Mai, Mittags, komme ich zum Diner. — 249— Und wohin wollen Sie? ſragte der Graf. nd, ſ Ich habe beinahe noch vier Monate, antwortete fiſe Rodney, ſeine Uhr ziehend. Ich werde nach America löbung gehen, Braſilien kennen lernen und unter Weges Deutſch Hand lernen, um Ihre Reden im Parlamentshauſe verſtehen vor! zu können.— Er ſchüttelte ſeinem Freunde mit leiſem eemand Lächeln die Hand, machte eine ſteife Verbeugung vor Izwe⸗ den Damen und ging hinaus. Räd⸗ Ein unverwüſſtlicher Reiſender! rief der Ober⸗Kam⸗ dentin merherr. Höchſt merkwürdig, einzig! Aber darin hat ſprach er Recht, Sie müſſen ſo bald als möglich Ihren Sitz n ⸗ als Reichsrath einnehmen. Geſel⸗ Um die Aufhebung der Majorate zu beantragen, ar alle ſagte Aurel. Ich, der größte Majoratsherr, habe das znicht meiſte Recht dazu. Meine Kinder, wenn ich deren beſitze, ſollen mich nicht haſſen und über ungerechte hulter. Enterbung ſchreien, ein Bevorzugter, der mir wider⸗ anzuge. wärtig iſt, nicht lauernd auf mein Ende warten. Wanmn Es wird ſich Alles finden, rief der Ober⸗Kammer⸗ herr lächelnd, indem er ſich empfahl. Ein liberaler 2n, e- Reichsrath iſt eine ſchöne Sache, Aufhebung der Ma— jorate eine der voranſtehenden Forderungen, um Po⸗ Ernſt 1 polarität zu erwerben. Ich gratulire zum Volks⸗Tribun, r. — 250— lieber Graf Aurel— aber vor der Hand ziehen Sie es jedenfalls vor, in weichen Liebesarmen allen Streit um die Majoratsfrage zu vergeſſen. In Deinen Armen, geliebte Beate! rief Aurel. Du ſollſt das einzige Gut ſein, das ich niemals aufgebe! Druck von Trowitzſch und Sohn in Berlin. Srey Control Chart ☛☛‿‿ Green Vellow Hed Magenta W